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-The Project Gutenberg EBook of Der 9. November, by Bernhard Kellermann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Der 9. November
-
-Author: Bernhard Kellermann
-
-Release Date: July 28, 2013 [EBook #43333]
-[Last updated: March 2, 2016]
-
-Language: German
-
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER 9. NOVEMBER ***
-
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-
-Produced by Jens Sadowski
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-
- Der 9. November
-
-
- Roman
- von
- Bernhard Kellermann
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- 1922
- S. Fischer / Verlag / Berlin
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- 42. bis 51. Auflage
- Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung
- Copyright 1920 by S. Fischer, Verlag, Berlin
-
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-Erster Teil
-
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-
-
-Erstes Buch
-
-
-1
-
-Einige Ordonnanzen, die die Treppe emporeilten, blieben plötzlich wie
-angewurzelt stehen, ein junger ordenglitzernder Hauptmann mit rosigen
-Wangen, eben im Begriff sich zu schneuzen, verbarg in äußerster Hast das
-Taschentuch, und nur einem Drillichkittel gelang es noch im letzten
-Augenblick, in die Portierloge zu entkommen: oben auf der Treppe
-leuchtete der hellrote Mantelaufschlag eines Generals.
-
-Mit breitem Steingesicht, den Blick verborgen in den grauen Augenhöhlen,
-die massige Gestalt von schweren Gedanken eingehüllt, stieg der General
-v. Hecht-Babenberg langsam und ohne jede Eile die breite Granittreppe
-zum Foyer hinab. Die Augen der angewurzelten Ordonnanzen folgten
-ruckweise jedem seiner Schritte, der junge ordenglitzernde Hauptmann mit
-den rosigen Wangen erstarrte in seiner Verbeugung.
-
-Der General nahm nicht die geringste Notiz von ihnen. Ganz Kälte, ganz
-Würde, ganz Sammlung schritt er zwischen ihnen hindurch. Seine
-Lackstiefel blitzten, und ein feiner Parfümgeruch blieb hinter ihm
-zurück.
-
-In diesem Augenblick stürzte der Portier aus seiner Loge und überreichte
-dem General einen Brief.
-
-»Soeben abgegeben, Euer Exzellenz!«
-
-Zögernd trat der General unter die Bogenlampe, die aus der Decke des
-Foyers herabhing. Der Umschlag des Briefes, dünn, ein ungewöhnliches,
-giftiges Hellgrün, mißfiel, die Schrift. Er drehte den Brief mißtrauisch
-zwischen den Fingerspitzen. Ganz offenbar empfand er es als eine
-Verletzung der Achtung, die man seinem Range schuldete, ihm einen Brief
-von derart geschmackloser, ja unangenehmer Färbung zu senden. Die Stirn
-zuckte. Ohne Absender, eilt, persönlich --
-
-Dann aber fuhr er entschlossen in den Pelz, unter den hellroten
-Aufschlag, und holte den goldenen Kneifer hervor. Eine feine Ziegelröte
-überzog langsam das breite Steingesicht, den Hals, der aus dem
-gestickten Kragen hervorquoll, das knorpelige, große Ohr -- er faltete
-den Brief zusammen und schob ihn unwillig in die Manteltasche.
-
-»Wer hat den Brief --?«
-
-»Ein Herr, ein älterer Mann -- soeben --«, stammelte der Portier und
-schwankte bestürzt auf den dünnen Beinen.
-
-Der Portier, ein alter Mann, Veteran von 1870, allerlei Münzen und
-Medaillen auf der Brust, kannte seine Leute. Schon an der Art, wie
-Exzellenz den Brief zwischen den Fingerspitzen drehte, hatte er erkannt,
-daß Exzellenz ungehalten waren. Aber dieser ältere Herr hatte solange
-auf ihn eingeredet -- sein einziger Sohn -- eine Audienz, hm -- sogar
-eine Zigarre -- und schließlich war es ja nur ein Brief, richtig
-adressiert, wie täglich Dutzende in seiner Loge abgegeben wurden.
-
-»Ein älterer, etwas kleiner Herr, Euer Exzellenz. Vor zehn Minuten. Er
-ist schon öfter hier gewesen und fragte nach Euer Exzellenz.«
-
-»Öfter hier gewesen?«
-
-»Ja, schon einigemal -- und -- ah, ah: da ist er ja -- an der Türe!«
-rief der Portier plötzlich erleichtert aus.
-
-Ein kleines Gesicht von glänzender, stahlblauer Blässe, wie blauer
-Schnee, hatte sich in diesem Augenblick der Scheibe der Türe genähert,
-vorsichtig, spähend. Eine Larve eigentlich, kein Gesicht, eine
-faustgroße Larve mit Gramfurchen und blinkenden Augen.
-
-Der General drehte den Kopf -- aber sofort prallte das kleine blaue
-Gesicht wieder von der Scheibe zurück. Ein steifer Hut, ein Havelock
-verschwanden in der tiefblauen Dämmerung.
-
-»Da -- nun läuft er.« Der Portier murmelte ärgerlich vor sich hin und
-warf das Gewicht seines hageren Körpers gegen die schwere Türe. »Und mir
-macht er Scherereien. So sind sie!«
-
-Ganz Kälte, ganz Würde und Sammlung schritt der General die Granitstufen
-hinab, ohne einen Blick auf die Straße zu werfen. Ungeduldig surrte der
-Motor der grauen Limousine.
-
-Der Wagenschlag klappte, der Portier machte seinen gewohnten tiefen
-Bückling, und die Limousine flog dahin.
-
- * * * * *
-
-Der General vergrub das Kinn in den Pelz.
-
-»Dieser Schurke!« dachte er und das Steingesicht zitterte. »Aber es
-sieht ihm ähnlich!«
-
-Die Augen in den tiefen Höhlen sprangen auf -- hier im dunkeln Wagen, wo
-aufdringliche Blicke ihn nicht belauerten, konnte er getrost die Augen
-öffnen -- es waren helle, große Augen, geschliffene Linsen.
-
-An der Ecke des großen roten Amtsgebäudes stand der kleine ältere Herr
-im Havelock und zog den steifen Hut, als der Wagen des Generals
-vorüberjagte. Sein Gesicht, blau wie Schnee, leuchtete, und auch seine
-Glatze leuchtete blau.
-
-Tiefblau und glänzend wie Stahl sank die Dämmerung des nassen Wintertags
-über Berlin. Die Scheiben des Autos glänzten, irgend etwas glitzerte
-hoheitsvoll im Innern --. Da verschlang eine stickige Rauchwolke den
-Wagen. Augenblicklich aber betrat der Mann im Havelock den Fahrdamm und
-folgte dem Auto des Generals mit kleinen eiligen Schritten, als ob er es
-einholen wolle.
-
-Die Limousine flog durch die dämmerigen Straßen und überspülte die
-Fußgänger mit einer Welle von Schneewasser und Schmutz. In dem
-Luftwirbel zwischen den hinterm Pneus tanzten schmutzige welke Blätter,
-die aus dem Tiergarten herübergeweht worden waren, und ein
-Zeitungsblatt, das ein Passant, in der Eile sein Leben in Sicherheit zu
-bringen, verlor, rollte rasend hinterher. Bei den Kurven pflügten die
-Hinterreifen breite Schlittenspuren in den klebrigen Schmutz. Die Hupe
-dröhnte, die Marspfeife trillerte. Achtung!
-
-Die flüchtenden Fußgänger erblickten nichts als einen Pelz, eine Mütze
-und, wenn sie Glück hatten, das leuchtende Rot des Mantelaufschlags. Ein
-General! Einer von jenen Auserwählten, die die Schlachten schlagen, von
-denen die Heeresberichte melden. Die Verwünschungen erstarben auf den
-Lippen. Eine Ehre, sozusagen eine Ehre, beinahe vom Auto eines Generals
-überfahren worden zu sein!
-
-Ecke Wilhelmstraße kroch ein Krüppel in Feldgrau durch den
-Straßenschmutz, und die Limousine hätte ihn beinahe in Stücke gerissen.
-Dieser Krüppel schleppte sich an zwei niedrigen Krücken dahin. Sein
-Rückgrat war bis zur Erde gekrümmt und das zwischen den Krücken hängende
-Gesicht streifte nahezu den Schmutz der Straße. Er bewegte sich nur
-langsam vorwärts, indem er Krückstock vor Krückstock setzte, er ging auf
-den Knien und schleifte die verstümmelten Fußstumpen hinter sich her.
-Wie ein Hund, dem man die Sehnen der Hinterbeine durchschnitten, schob
-er sich dahin. Während er aber vorwärts kroch, wurde sein ganzer Körper
-von einem ununterbrochen entsetzenerregenden Zittern geschüttelt.
-
-»Sieh dich vor!« schrie der Chauffeur und bog in der letzten Sekunde
-aus.
-
-Der Kopf des Krüppels schnellte zwischen die Schultern zurück, und die
-mit schweren Nägeln beschlagenen Pneus der Limousine überspülten ihn mit
-einer Woge von Schmutz. Er blieb auf schwankenden Krückstöcken mitten in
-der Wilhelmstraße zurück, und als es ihm gelungen war, das von ewigen
-Zuckungen geschüttelte Gesicht zu heben, bog die graue Limousine bereits
-in die Linden ein.
-
-Eine Flut von hüpfenden Regenschirmen, blendende Pfützen, zwei
-stahlblaue Omnibusschimmel, ein Schutzmann und wieder eine Flut von
-hüpfenden Regenschirmen. Eine Stockung. Der Wagen zitterte von den
-wütenden Schlägen des gedrosselten Motors.
-
-Die Augen des Generals glitten über die hüpfenden Regenschirme dahin,
-über die eilenden Schattenwesen mit blauen Gesichtern und blauen Händen
--- gelangweilt, gleichgültig, ohne Anteilnahme. Obwohl nur getrennt von
-diesen Wesen durch eine Glasscheibe, waren sie für den General
-weltenweit entfernt, weltenweit -- diese Menschen mit Regenschirmen,
-Gummischuhen, Mänteln, Bärten, Brillen . . . Sie erschienen
-gewissermaßen unwirklich! Sie waren Chaos, Masse -- gärend von
-sonderbaren, eigenwilligen Gedanken und unnützen, gefährlichen Trieben.
-Sinnlos ihr Tun, unverständlich. Ohne Ideale, hohe Ziele, Hunger,
-Sinnendurst, Geld -- ohne Zweck und Sinn. Unverständlich. Nichts als
-rohe Masse, die die Berufenen willkürlich formten, das große Reservoir,
-aus dem die Erkorenen schöpften nach ihrem Gutdünken.
-
-Die Welt des Generals war bevölkert von Wesen, die in Uniformen
-gekleidet waren und mit einer Salve ins Grab gelegt wurden. Diese Wesen
-bewegten sich nach bestimmten unverrückbaren Gesetzen. Sie kamen in
-breiten langen Kolonnen einher wie die Brandung des Meeres, oder sie
-standen still in Reih und Glied, zu Tausenden gestaffelt, wie aus Stein.
-Ein Gebirge. Sie waren ohne eigenes Leben, ohne eigene Gedanken, ohne
-Namen, ohne Gesichter, ohne Seele, von wenigen Auserwählten in Bewegung
-gesetzt und mit Leben und Geist erfüllt. Sie waren mit einem Wort
-Soldaten, Werkzeug in der Hand der Starken dieser Erde, die das Rad der
-Weltgeschichte bewegten. Zuweilen fluteten unübersehbare Heerscharen,
-alle im gleichen Schritt, durch seinen Kopf. Armeekorps, die wie ein
-Bataillon in fehlerloser Geschlossenheit schwenkten, nach rechts, nach
-links, um zu erstarren, wenn die Gedanken des Generals es wollten.
-Zuweilen sah der General die ganze Erde davon erfüllt. Ungeheure
-Menschenwellen wälzten sich quer durch Europa und ergossen sich in der
-Breite des Urals in die endlosen Steppen Sibiriens. Eine Blutwelle in
-den Gehirnwindungen des Generals ließ sie auferstehen und versinken
-. . .
-
-Weiter! Die Gänge krachten, und wieder flog die Limousine dahin.
-Hagelkörner prasselten gegen die Scheiben.
-
- * * * * *
-
-Dieser Schurke! dachte der General und rückte sich in der Ecke des
-wiegenden Wagens zurecht.
-
-Durch einen Zufall -- übrigens einen merkwürdigen, fast lächerlichen
-Zufall -- hatte er heute erfahren, daß eine Vermutung, die er schon seit
-langer Zeit hegte, begründet war. Jener -- nun eben jener »Schurke«, wie
-er ihn in Gedanken nannte -- der in der Umgebung der höchsten
-Persönlichkeiten weilte, das Ohr der allerhöchsten Persönlichkeiten
-besaß, jener Schurke hatte ihn auf das »tote Geleise« geschoben. Höchst
-einfach! Und so erklärte sich alles, ja.
-
-Vor einem halben Jahr etwa hatte man dem Generalleutnant v.
-Hecht-Babenberg, achtundfünfzig Jahre alt, plötzlich, ohne jede
-Begründung, ohne jede Warnung, sein Frontkommando genommen und ihn zur
-Bureauarbeit nach Berlin abkommandiert -- während draußen, wie er zu
-sagen pflegte, die Kanonen Europa in Fetzen schossen und eine neue Welt
-aus dem Blutmeer emporstieg.
-
-Unerklärlich, unfaßbar.
-
-Jüngere als er machten nun -- auch das ist ein Ausdruck des Generals --
-Weltgeschichte. Unbekannte, aus unbekannten Geschlechtern stiegen in die
-Höhe. Es war die Zeit, um nicht zu sagen, Konjunktur, in die Höhe zu
-steigen. Und wie viele unfähige Narren kannte er (der General liebte
-starke Ausdrücke), Narren, die nicht imstande waren, ein Regiment durch
-das Brandenburger Tor zu dirigieren, und die heute, gestützt auf
-ausgesuchte Stäbe, Armeekorps führten. Er konnte, wenn man es wünschte,
-ihre Namen nennen! Erst vor kurzem hatte einer seiner Bekannten, seiner
-früheren Bekannten, besser gesagt, dreihundert Kanonen verloren -- um
-daraufhin Gouverneur eines besetzten Landes zu werden. Es kam nur darauf
-an, gute Freunde zu haben. Das war das ganze Geheimnis, nichts sonst. Er
-hatte gegen die Russen eine Division geführt vor -- wie lange war es
-doch her? -- vor drei Jahren und sich das persönliche Lob seines
-Allerhöchsten Kriegsherrn erworben. Im Westen dagegen hatten seine
-Ansichten mit denen der Obersten Führung nicht immer übereingestimmt.
-Bei einem plötzlichen Angriff der Franzosen hatte er die Ansicht
-vertreten, zu halten, koste es, was es wolle, während man »hinten«, wo
-man alles besser wußte, der Meinung war, auszubiegen. Er hatte
-allerdings etwas liegenlassen -- aber schließlich, was kam es auf diese
-relativ geringfügigen Verluste und ein paar Minenwerfer an?
-
-Es war nichts -- man bedenke: im Vergleich zu dreihundert Geschützen!
-Nichts --
-
-Er würde heute, denn er konnte nicht gegen seine Überzeugung handeln, er
-würde heute genau so verfahren, auf Ehre und Gewissen! In seinem
-Abschnitt befand sich eine Höhe, die Höhe von Quatre vents, und es war
-nur natürlich, daß er diese für den ganzen Abschnitt, ja für einen
-großen Frontsektor wichtige Höhe nicht ohne weiteres preisgab. Dreimal
-gab er Befehl, Quatre vents zu halten, koste es, was es wolle. Erst als
-die Höhe vom Gegner flankiert war, gab er den Befehl zum Rückzug. Die
-Loslösung glückte dann allerdings nicht ganz, zugestanden.
-
-Ein alltäglicher Vorfall -- ohne jede Bedeutung.
-
-Niemand würde --
-
-Es war augenscheinlich: irgend jemand mußte die Hand im Spiel haben --
-irgend jemand, der ihm übel wollte.
-
-Er -- der das Ohr der höchsten Persönlichkeiten hatte --, jener
-»Schurke«, mit einem Wort.
-
-Das Steingesicht geriet in Erschütterung: vor mehr als dreißig Jahren --
-
-Aber plötzlich hielt das Auto. Es stand vor einem hellerleuchteten
-Blumengeschäft. Der General erwachte. Ein Verkäufer schleppte soeben ein
-Blumenarrangement, einen schweren Korb mit Maiglöckchen, an den Wagen.
-
-»Hierher!« rief der General und pochte an die Scheibe. Nässe und Kälte
-kamen mit herein. Augenblicklich begannen die Blumen Duft und Frische
-auszuatmen.
-
-»Lessingallee!«
-
-Die Limousine flog dem Westen Berlins zu. Die Federn knirschten. Bald
-hielt der Chauffeur warnend die Rechte, bald die Linke hinaus -- die
-Pfeife trillerte -- Schnelligkeit ist die Losung des Generals --
-
--- vor mehr als dreißig Jahren, hatte er, der General, ihm, eben jenem
-einflußreichen Würdenträger, einen Streich gespielt, und damit hatte die
-Animosität, um nicht Feindschaft zu sagen, ihren Anfang genommen.
-
-Es war auf einem Ball bei Baron Kreß. Eine junge Dame spielte eine Rolle
-dabei, und damals war er, der General, der beste Tänzer in Berlin.
-Damals wartete, gegen Morgen, ein Wagen vor der Treppe des Kreßschen
-Palais. Eine Dame springt die Treppe herunter. Sie hat den Pelz eilig um
-die Schultern geworfen. »Um Gottes willen,« ruft sie, »er hat mich
-beobachtet, schnell.« Schon rollt der Wagen davon. Der Pelz ist von den
-Schultern der schönen Dame gefallen, und er, der General, sagt: »Sie
-werden frieren, meine Gnädigste!« Und er hüllt sie wie ein Kind in den
-Mantel. Sie trägt eine ganz dünne Robe, und es kommt ihm vor, als ob sie
-völlig nackt im Pelz stäke. Deutlich erinnert er sich dessen. Und er
-erinnert sich, daß dieselbe Dame seinen Rivalen rachsüchtig genannt
-habe, hüten Sie sich, er ist rachsüchtig! Welcher Instinkt, diese
-Frauen! Und sie war fast noch ein Kind.
-
-Vor dreißig Jahren --
-
-Hätte er damals ahnen können, daß sein Nebenbuhler sich einst bis zur
-höchsten Stellung emporschwingen sollte! Vielleicht wäre er immerhin
-etwas vorsichtiger gewesen, wer weiß es? Nicht ohne Grund hatte er
-seinen Söhnen immer eingeschärft: Freunde zu werben. Freunde, schon in
-der Kadettenanstalt. Denn Freunde waren im späteren Leben -- alles.
-Nicht die Begabung -- welche Albernheit -- die Beziehungen waren alles.
-
-Plötzlich sieht der General die junge Dame vor sich im Wagen, als sei es
-gestern gewesen. Jahrelang waren ihre Züge in ihm erloschen. Sie ist
-gepudert und trägt ein Schönheitspflästerchen am Kinn. Ihre Augen sind
-warm und leuchten eigentümlich aus der Tiefe.
-
-Diese junge Dame mit dem Schönheitspflästerchen, die er seinerzeit aus
-dem Ballsaal entführte, wurde seine Frau.
-
-Lange, lange Zeit --
-
-Der General öffnet den Mund und ringt nach Luft.
-
- * * * * *
-
-Aus dem hellerleuchteten Entree der roten Backsteinvilla, ganz mit Efeu
-bewachsen, stürzt ein Diener in zebragestreiftem Kittel und öffnet den
-Wagenschlag.
-
-»Herr General!«
-
-»Herr General?«
-
-Der General erhebt sich. Mit steifen Gliedern, den Rücken etwas gebeugt,
-steigt er aus dem Wagen.
-
-»Frau v. Dönhoff empfängt?«
-
-»Gnädige Frau empfangen, obwohl gnädige Frau die Grippe hat.«
-
-»Wird es lange dauern, Petersen?« fragt der Chauffeur den Zebrakittel.
-»Was ist denn los bei euch?«
-
-»Geburtstag. Die Gnädige hat Geburtstag.« Und der Zebrakittel eilt, den
-Korb mit den Maiglöckchen auf den Armen, rasch in das hellerleuchtete
-Entree, um Exzellenz beim Ausziehen des Mantels behilflich zu sein.
-
-
-2
-
-Frau v. Dönhoff -- die Dame der roten, mit Efeu bewachsenen
-Backsteinvilla in der Lessingallee, dicht am Tiergarten, war eine
-Blondine, nicht mehr in der ersten Jugend, von ihren intimen Bekannten
-die schöne Dora genannt.
-
-Sie war mittelgroß, die schöne Dora, etwas üppig, kleine, zierliche
-Füße, kleine, zierliche Händchen mit spitzen Fingern, große strahlende
-Augen von herrlich leuchtendem, seltenem Blau -- der berühmte
-Schriftsteller, der in ihrem Hause verkehrte, hatte die Farbe mit dem
-Blau des Gebirgsenzians verglichen -- ein Paar reizender Grübchen, runde
-rote Lippen -- ah, und Zähne -- schneeweiß! Sie lachte immer und bei
-jeder Gelegenheit, das Lachen setzte ganz unvermittelt ein, sie lachte
-in Skalen und Trillern, ein Geklingel war ihr Lachen. Es riß mit fort.
-Und immer, schon im Bett am Morgen, hielt sie eine dicke Zigarette
-zwischen den spitzen Fingern und qualmte. Sie rauchte auch auf der
-Straße, während sie Butzi, einen belgischen Griffon, an die frische Luft
-brachte. Das war die schöne Dora.
-
-Etwas umschwebte sie. Ein Glanz, ein Abglanz. Der Abglanz einer
-Freundschaft, die sie vor ihrer Heirat mit einer Königlichen Hoheit
-verbunden hatte. Dieser Abglanz war immer gegenwärtig. Hatte die
-Königliche Hoheit wirklich diese schlanken ringgeschmückten Finger an
-die Lippen gedrückt? Diese Grübchen bewundert, sich an diesem Lachen
-erfrischt, diesen weichen, verschwenderisch reichen blonden Haarschopf
-liebkost? Ruhten die Augen der Königlichen Hoheit auf diesen Schultern?
-Immer, immer war Dora von diesem Abglanz umschwebt. Die Sonne war
-untergegangen -- aber der Glanz lag noch in der Luft.
-
-Nunmehr war die Königliche Hoheit längst verheiratet, hatte drei Kinder.
-
-Dora aber hatte -- danach -- einen Freund der Königlichen Hoheit
-geheiratet, den Hauptmann v. Dönhoff, einer der ersten Herrenreiter
-Deutschlands, professioneller Schürzenjäger und Spieler, der in
-kürzester Zeit zwei Vermögen durchbrachte, auch Doras Vermögen. Eines
-Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-à-vis de rien!
-
-Mit einem Wort: dieser Hauptmann Dönhoff entpuppte sich als ein Lump
-ersten Ranges, er betrog Dora schon am Hochzeitstage, so unglaublich es
-klingt, und sie gab ihm nach kurzer Zeit den Laufpaß. Schon vor dem
-Kriege trennte sie sich von ihm. Gegenwärtig lebte sie in Scheidung --
-oder war sie schon geschieden? Niemand wußte es, der Krieg hatte das
-Interesse an den armseligen privaten Schicksalen in den Hintergrund
-gedrängt.
-
-Der Herrenreiter und Spieler war Artillerist und lebte gegenwärtig bei
-seiner Batterie im Westen -- irgendwo. Er ergraute bei seinen Kanonen,
-in den Waldschluchten des Argonner Waldes oder in den Kalkhügeln der
-Lausechampagne, sein Gesicht wurde gelb, pergamenten. Die Welt hatte ihn
-vergessen, seine Damen -- nur die Gegenwart hat Macht. Ein einziges Mal
-war er während des Krieges in Berlin aufgetaucht, ohne Dora zu besuchen,
-es gab sofort wieder Skandal, eine Dame, ein Offizier -- immer die
-gleiche Geschichte. Und er ergraute weiter bei seinen Kanonen. Seine
-Schläfen waren schon ganz weiß. Zuweilen schrieb Dora an ihn, zuweilen
-kam auch ein Brief aus dem Felde, und Petersen, der Diener, zeigte ihn
-Frida, der Zofe, und flüsterte: »Von ihm!«
-
-Also, das war Dora und ihre Lebensgeschichte, in flüchtigen Linien
-natürlich nur, und heute hatte sie die Grippe.
-
-Doras Haus war eine alte Villa, verbaut und immer wieder umgebaut, mit
-Sälen und Zimmern, Nischen, Erkern, Korridoren, großen und kleinen
-Treppen und Treppchen. Niemand, der nicht hier lange verkehrte, fand
-sich zurecht. Dora hatte das ganze Haus in ein Teppichmagazin
-verwandelt. Es gab keinen Quadratmeter, der nicht mit einem Teppich
-belegt war. Es gab im Dönhoffschen Hause sogar etwas, was es nur selten
-in Berlin gab, nämlich einen Raum, der ein vollkommenes Zelt war. Eine
-Art arabisches Zelt, ganz aus Teppichen ausgebaut. Infolge der vielen
-Teppiche roch es im Dönhoffschen Hause eigentümlich nach Staub. Dazu
-hatte Dora das ganze Haus mit antiken Möbeln vollgestopft, Möbeln aller
-Stilarten, mit Säulen aus Kirchen und grellbemalten oder vergoldeten
-Heiligenfiguren. Alle Tische, Kommoden und Gesimse waren mit kleinen
-Kostbarkeiten aller Art, mit Leuchtern, Schnitzereien, Waffen,
-Miniaturen, Dosen derartig übersät, daß es unmöglich war, auch nur ein
-Paar Handschuhe abzulegen, ohne irgendeine Kostbarkeit in Gefahr zu
-bringen. Es war unmöglich, alle diese Dosen, Schnitzereien, Waffen und
-Heiligen abzustauben. Und so sammelte sich immer mehr Staub an. An das
-arabische Zelt stieß das Speisezimmer, ein riesiger Raum mit einer
-Empore, zu der eine steile Rokokotreppe, gelb und rot bemalt,
-emporführte. Dieser Raum war zurzeit schwer heizbar und beständig
-strömte ein kalter Luftzug in das arabische Zelt hinein. Doras Haus
-hatte aber noch eine Eigentümlichkeit: das waren die Lampen. Es gab kein
-Haus in ganz Berlin, das so viele Beleuchtungskörper aufwies. Blaue,
-grüne, gelbe, rote Ampeln, alle von ganz besonders erlesener Färbung,
-Kronleuchter mit Dutzenden von Flammen, schwere Messingkronen mit halb
-heruntergebrannten dicken Wachskerzen. Das arabische Zelt selbst wurde
-durch eine polnische Synagogenampel beleuchtet. Es war ein
-opalisierendes, bläuliches Licht, der Farbe von Zigarettenrauch ähnlich.
-In der Ecke des arabischen Zeltes aber stand noch eine riesige
-purpurrote Lampe, die auf eine vergoldete Barocksäule aus irgendeiner
-Kirche montiert war. Neben dieser roten Lampe saß gewöhnlich Dora, sie
-strahlte dann wie glühender Alabaster, während die andern wie Leichen
-aussahen. Sie verstand ihre Sache.
-
-Zwischen diesen Teppichen und Lampen, sonderbaren Heiligen und
-tausenderlei Krimskrams bewegte sich Dora, mit ihrem blonden Haarschopf,
-ihren Grübchen und dem Glanz, der sie umschwebte. Niemand hatte Dora
-jemals in schlechter Laune gesehen. Ihr Benehmen war immer gleich.
-Jedermann fühlte sich wohl bei ihr.
-
-Nicht zu vergessen auch Doras Badezimmer, eine Sehenswürdigkeit -- ein
-richtiges Treibhaus.
-
- * * * * *
-
-Sobald der General die rote Backsteinvilla betrat, kam das Steingesicht
-in Erschütterung.
-
-Der General gehörte zu den Intimen des Hauses. Zweimal in der Woche,
-Dienstag und Freitag, pflegte er bei Dora zu Abend zu speisen. Ohne
-andere Gäste.
-
-Der Stein verwitterte im Lichte der Garderobenampel, er verwandelte sich
-in Haut, in die Haut eines Menschen, der ewig von Zimmerluft umgeben
-ist, und der -- vielleicht, nur eine Vermutung -- an beginnender
-Sklerose der Arterien leidet. Die starre Leblosigkeit des Gesichts löste
-sich. Es zeigte sich sogar, seht an, eine Spur von Farbe auf den breiten
-Wangen, ein rötliches Violett, von feinem Geäder herrührend. Die ernsten
-Gedanken, die den General einhüllten, zerflatterten, der etwas massige,
-schwerbewegliche Körper schien elastisch und verjüngt.
-
-Es scheint ja nicht so schlimm zu sein, mit der Grippe, dachte er, als
-Doras Lachen in die Garderobe drang.
-
-Die geschliffenen Linsen der Feldherrnaugen ruhten sogar einen
-Augenblick leutselig auf dem Diener. Etwas Außergewöhnliches, denn der
-General pflegte seine Mitmenschen nie anzusehen. -- Dann widmeten sie
-sich mit rein menschlichem Interesse dem Studium einiger Gummischuhe,
-die in der Garderobe standen.
-
-»Sind auch -- Damen hier, Petersen --?«
-
-»Frau Major Sterne-Dönhoff mit Töchtern.«
-
-Nichts haßte der General mehr als Ansammlungen von Menschen, mochten sie
-groß oder klein sein; nichts fürchtete er mehr als Überraschungen -- es
-war ja möglich, daß man ihm, ohne jede Vorbereitung, ixbeliebige
-Menschen präsentierte, wie es ihm schon passiert war. So neulich bei
-einem Militärattaché, wo unerwartet der Redakteur einer sehr
-linksstehenden liberalen Tageszeitung auftauchte, ganz zu schweigen von
-jenem Herrenabend bei Exzellenz v. Krämer, wo ein sehr orientalisch
-aussehender Chirurg anwesend war, eine Berühmtheit, getauft -- aber
-trotzdem. Er wünschte zu wissen, wer anwesend sein würde -- bei Dora
-allerdings, wo er zweimal in der Woche zu Abend speiste -- machte er
-eine Ausnahme. Er kannte Doras Kreis, nahezu wenigstens, und nur
-zuweilen traf er hier irgendeinen Maler oder Schriftsteller, auf deren
-Bekanntschaft er allerdings wenig Wert legte, um offen zu sein. Das war
-indessen nicht zu ändern: Dora selbst war eine Art Künstlernatur.
-
-Der General strich den grauen Scheitel mit der Bürste zurecht, glättete
-den dünnen grauen Schnurrbart, prüfte die Hände . . .
-
-Der General war das Bild der Akkuratesse selbst. Alles leuchtete und
-glänzte an ihm, die Stiefel, die roten Streifen der Hosen, die
-Ordensauszeichnungen, die langen polierten Fingernägel -- nur die Haut
-des Gesichts war, wie gesagt, stumpf, von der Zimmerluft beschlagen. So,
-genau so hatte er ausgesehen, als er sich in Polen mit den Russen schlug
--- in Frankreich, wo er in einem Chateau wohnte, war es ja schließlich
-kein Kunststück. Er hatte sofort ein Bad einbauen lassen, das war das
-erste gewesen, die Wanne wurde mit dem Auto aus Frankfurt geholt.
-
-Ohne jede Übertreibung, der General war noch heute eine stattliche
-Erscheinung.
-
-Auch einige Offiziersmützen, drei im ganzen, hingen da. Er erkannte die
-Seidenmütze seines Sohnes Otto, die eine ganz besondere Form hatte.
-Offenbar machte er seinen Abschiedsbesuch; er mußte morgen wieder ins
-Feld. Falten erschienen auf der breiten Stirn des Generals, verschwanden
-aber sofort wieder. Er liebte es nicht, Otto oder Ruth, seine Tochter,
-in Gesellschaft zu treffen. Er kam sich beobachtet vor, sie störten, mit
-einem Wort.
-
-»Die Herrschaften sind im Zelt, Herr General.«
-
-»Schön« -- aber der General hielt den Schritt an und zog die Brauen in
-die Höhe -- »eine Bürste, Petersen.« Der General hatte tatsächlich ein
-Härchen auf seinem Ärmel entdeckt.
-
-»Es ist von Butzi, Herr General -- das ganze Haus ist voll von seinen
-Haaren --«
-
-»Wie soll es denn von Butzi sein? Dann müßte es ja seit Dienstag --
-nein, das ist unmöglich, Petersen.«
-
-»Vielleicht war es im Mantel? Überall sind diese Haare --!«
-
-Petersen öffnete die Türe zu einem Vorzimmer. Hier brannte eine einsame,
-hohe Wachskerze, zu Füßen eines verlassenen steingrauen Heiligen mit
-zinnoberrotem Rock, der in Verzückung ein Buch schwang. Hierauf schlug
-Petersen den Teppich zurück.
-
-Der Rücken des Generals, etwas zusammengesunken während der Unterhaltung
-mit Petersen -- ob das Haar von Butzi stammte oder nicht -- straffte
-sich.
-
-»-- sollten sich aber wirklich schonen. Zum Beispiel, das Rauchen --«
-
-»-- es ist ja gar nicht die Grippe.«
-
-»-- täglich sterben Hunderte --«
-
-Dora lachte: »Sie wollen mir Mut machen, Otto!«
-
-Und Petersen schlug den zweiten, gelbseidenen Vorhang zurück.
-
-Augenblicklich stürzte der belgische Griffon kläffend heraus. (Er war
-mit Exzellenz verfeindet!)
-
-Die Offiziere schnellten von ihren Sesseln empor.
-
- * * * * *
-
-Dora trug die kleinen mattgelben Perlen in den Ohren, nicht die Boutons,
-die von früher stammten! Der General sah es auf den ersten Blick.
-
-Mit aufgehellter Miene, soweit sie sich aufhellen konnte, trat er ein.
-Selbst seine Augen verloren ihre Strenge, aber sie blieben trotzdem --
-kalt.
-
-Dora glühte im Schein der großen Purpurlampe, ihre Arme und Hände
-leuchteten wie Korallen, und in ihrem durchsichtigen feinen Ohr
-schimmerten in der Tat kleine gelbe Perlen. Aus dem Halbdämmer des
-Zeltes hoben sich die drei schwarzgekleideten Damen Sterne-Dönhoff,
-schmal, steif, todernst. (Major Sterne-Dönhoff war vor einem halben Jahr
-gefallen.) Aus einem Spiegel funkelten bleiche Gesichter, fahl im
-Scheine der blauen Ampel. Diese Gesichter verwirrten den General, so daß
-er seine Gratulation etwas steifer und förmlicher vorbrachte, als er es
-wünschte.
-
-Erst jetzt bemerkte er, daß Hauptmann Wunderlich, einer der drei
-anwesenden Offiziere, ein Freund des Dönhoffschen Hauses, noch immer
-stand. Er hielt sich an den Lehnen des Sessels aufrecht, denn er war
-lahm geschossen und ging an Krücken.
-
-Erst jetzt bemerkte er die zarte, ätherische Dame mit dem langen
-Gesicht, die Kinn und Näschen in den Muff drückte, neben Dora saß sie
-auf dem Diwan -- ah, welche Überraschung, welch freudige und ungeahnte
-Überraschung!
-
-»Es ist in der Tat kein Scherz, gnädige Frau, mit dieser Grippe --«
-
-»Ich hörte es von einem Krankenhausarzt -- einhundertvierzig Tote
-gestern -- und wie gesagt, gar keine Grippe, sondern die Lungenpest --«
-
-»Man sagt es ja nur, man schwätzt --«
-
-»Derselbe Arzt versicherte es mir. Die Lungen sind völlig mit weißen
-Bläschen bedeckt und vereitert.«
-
-»Es sind einfache Streptokokken.«
-
-»Ja, nun, Sie sagen einfache --«
-
-»Und Pest? Auch Pest ist nur ein Wort.«
-
-Vorlaut, immer ist dieser Junge vorlaut, dachte der General.
-
-Otto, der Sohn des Generals, sprach mit lauter, heller Stimme, die stets
-etwas keck klang, selbst wenn er die harmlosesten Dinge sagte. Er sah
-seinem Vater auffallend ähnlich. Groß, das gebräunte Gesicht breit und
-brutal, die Augen hell und verwegen, aber voller Unruhe. An der Stirne,
-dicht neben den blonden, glänzenden Schläfenhaaren, hatte er eine Narbe,
-die von einem Kopfschuß herrührte, den er im Mai 1915 bei Ypern erhielt.
-Damals lag er ein halbes Jahr im Lazarett -- aber so gering war die Eile
-der internationalen Generalität, daß er sein Regiment im Herbst noch an
-genau derselben Stelle vorfand, wo man ihn im Frühjahr weggetragen
-hatte. Er saß mit einer gewissen Ungeniertheit (die dem General mißfiel)
-im Sessel, frei und selbstgefällig, die Brust voller Auszeichnungen --
-im Gegensatz zum jungen Heinz Sterne-Dönhoff, der, ganz wie seine
-Schwestern in Schwarz, bescheiden und steif dasaß. Dieser Heinz war noch
-ein Knabe, schlank und zart, noch nicht neunzehn Jahre. Er trug Feldgrau
-und -- seit heute -- das Abzeichen des Flugzeugführers. Er war indessen
-noch nicht im Felde gewesen und lebte in der beständigen Angst, der
-Krieg könnte zu Ende gehen, bevor die Reihe an ihn käme. Er hatte den
-roten Mund eines Knaben, noch umschwebt vom Lächeln der Kindheit.
-Unausgesetzt waren seine blauen, strahlenden Knabenaugen voller
-Ehrfurcht auf den General gerichtet, auf seine Ordensschnalle, den
-gestickten Kragen und das weiße große Emaillekreuz, das er am Kragen
-trug. Was für ein Orden mochte es wohl sein? Seit dem Eintritt des
-Generals öffnete er den Mund nicht mehr, die Nähe eines so hohen
-Vorgesetzten bedrückte ihn. Er saß, bereit, jeden Augenblick
-aufzuspringen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dem General
-einen Dienst zu erweisen.
-
-Mit großen grauen, etwas düsteren Katzenaugen saß neben Dora Hauptmann
-Wunderlich. Blaß und mager, sah er aus wie ein achtzehnjähriger
-Gymnasiast, der über Nacht ergraut war. Er lächelte nie, und wenn er --
-selten, ganz selten -- einmal lächelte, so war es das Gespenst von einem
-Lächeln, das niemand ertrug. Seine gleichmäßige Miene forderte indessen
-auf, sich nicht im geringsten durch ihn stören zu lassen. Der Blick
-seiner Augen glitt in die Ferne. Auch während er sprach, schien er zu
-Leuten irgendwo in der Ferne zu reden und nicht zu den Anwesenden. An
-seiner linken, mit einem goldenen Armband geschmückten Hand fehlten
-einige Finger.
-
-Hinter seinem Sessel lehnten die Krücken, womit er sich, nur mit einem
-Fuß den Boden berührend, wie eine Glocke dahinschwang. Hauptmann
-Wunderlich war schon in den ersten Wochen des Krieges durch einen
-schweren Brustschuß außer Gefecht gesetzt worden. Ein Jahr später wurden
-ihm in Rußland beide Beine zerschmettert. Hierauf ging er zur
-Fliegerwaffe über. Er war heute einer der bekanntesten Menschenjäger in
-der Luft. Er wurde in die Maschine gehoben.
-
-Frau v. Sterne-Dönhoff mit ihren Töchtern, aus dem Halbdämmer sich
-abhebend -- mit flachen Hüten, enganliegenden Kostümen, langen
-Gesichtern, steif, still, langweilig. Nur selten warfen sie ein Wort in
-die Unterhaltung. Sie trugen schwarze, sehr enge Glacéhandschuhe.
-
-Und jene andere Dame, die Ätherische, die Kinn und Nase in den Muff
-drückte und neben Dora auf dem breiten Diwan saß, die spitzen Knie
-hochgezogen? Jene Dame, über deren Besuch der General so erfreut und
-überrascht war?
-
-Es war eine Gräfin Heller, soeben aus der Schweiz zurückgekommen. Gräfin
-Heller war Spiritistin, Theosophin -- alles Dinge, die den General nicht
-im geringsten interessierten. Sie war darüber hinaus die Schwester jenes
--- eben jenes »Schurken«, wie ihn der General in Gedanken nannte. Jener
-einflußreichen Persönlichkeit, deren Name in der Gesellschaft nur
-flüsternd ausgesprochen wurde. Seine Majestät hat ihm höchst eigenhändig
--- wissen Sie . . . Der General hatte nicht ahnen können, sie hier zu
-treffen. Solche Zufälle gibt es! Aber vielleicht hatte Dora ihre Hand
-dabei im Spiel? Dora, die mit ihrem künstlerischen Naturell auf
-rätselhafte Weise die Gedanken ihrer Mitmenschen erriet und alles so
-wunderbar zu arrangieren verstand? Wie?
-
-»Ich hatte in der Tat nicht vermutet, Gräfin, Sie heute zu sehen!«
-wandte sich der General mit allen Zeichen der freudigen Überraschung,
-die bei jeder Anrede neu auflebte, an sie. »Sie waren lange weg. Wie
-gefällt es Ihnen wieder in Deutschland?«
-
-Gräfin Heller lächelte und schob Butzi ein Stückchen Torte zwischen die
-scharfen, schneeweißen Zähnchen. »Ich finde es ent--setz--lich!«
-
-»Ah, ah!«
-
-»Ein Friedhof!«
-
-Der General lächelte nachsichtig. Bei einer Dame des hohen Adels, des
-höchsten Adels, der Schwester einer solch hochgestellten Persönlichkeit,
-mußte man wohl einige Wunderlichkeiten in Kauf nehmen -- noch dazu bei
-einer Dame, die mit dem Geist Friedrichs des Großen in okkulter
-Verbindung stand.
-
-In diesem Augenblick überbrachte Petersen ein Telegramm. Dora errötete,
-als sie es öffnete. Es enthielt nur wenige Worte, wie man sehen konnte.
-
-Der General ahnte: es kommt aus dem Felde!
-
-Die Unterhaltung geriet ins Stocken.
-
-
-3
-
-In der Tat, das Telegramm -- das Dora lässig zusammenfaltete und in eine
-kleine japanische Lackschale legte -- kam aus dem Felde. Hauptmann
-Dönhoff hatte es heute morgen abgeschickt, und eben jetzt dachte er, ob
-das Telegramm wohl schon angekommen sei. Beinahe nämlich hätte er Doras
-Geburtstag vergessen. Erst in der Nacht, als er durch einen
-dumpfkrachenden Einschlag geweckt wurde, war es ihm eingefallen und er
-hatte sich sofort eine Notiz gemacht. Sein Gedächtnis war im Laufe der
-Kriegsjahre völlig geschwunden.
-
-Er saß mit seinem Adjutanten Kammerer in seinem Unterstand, zwei Meter
-unter der Erde, mitten in den Finsternissen des Argonner Waldes. Eine
-kleine Petroleumlampe, ein eiserner Ofen, der immer glühte, ein
-Telephon, zwei Pritschen und allerlei Gerümpel, das war die Ausstattung.
-Die Wände schwitzten von Nässe. Kammerer war eifrig damit beschäftigt,
-seine kurze Stummelpfeife zu reinigen. Er bediente sich einer
-Krähenfeder, die er -- da draußen -- gefunden hatte. Dönhoff, der
-Batteriechef, tat gar nichts, er gähnte zuweilen, gähnte. Er war nicht
-schläfrig, sondern nur müde, immerzu müde.
-
-In der Ferne brummte ein schweres Geschütz. Ganz deutlich war sein
-tiefes mächtiges Raubtierknurren aus dem Lärm, dem Knacken und Donnern
-der fernen und nahen Geschütze herauszuhören.
-
-Hauptmann Dönhoff hob horchend das gelbe Gesicht.
-
-»Hören Sie? Da ist er wieder!«
-
-Der junge Offizier blickte nicht auf, er war voller Andacht bei der
-Arbeit.
-
-»Er schießt jetzt wieder öfter mit dem schweren Geschütz«, erwiderte er
-leichthin. »Sie haben mehr Munition.«
-
-Die Erde zitterte, und ein lautes Krachen ertönte, Hauptmann Dönhoff
-lachte belustigt. »Da, da,« sagte er, »er streut jetzt unsere Kuppe ab.«
-
-Kammerer antwortete hierauf nichts mehr. Er blies voller Anstrengung in
-das verstopfte Pfeifenrohr. Der braune Tabaksaft quoll heraus, aber, der
-Teufel, immer noch mußte etwas im Rohr stecken.
-
-»Sie sollten einen Draht nehmen, Kammerer.«
-
-»Es muß auch so gehen --«
-
-Wieder gähnte Hauptmann Dönhoff. Seine Zähne waren gelb und schlecht
-gepflegt.
-
-Hier in diesem verfluchten Wald wurde man, mit Respekt zu sagen, langsam
-zu einem Schwein. Über ein Jahr lag er mit seiner Batterie an der
-gleichen Stelle. Neulich sah es so aus, als ob sie nach der Champagne
-kommen sollten -- aber es war wieder nichts daraus geworden. Auch die
-Champagne war kein Paradies, aber es gab wenigstens Licht dort -- hier
-war es immer düster.
-
-Tag und Nacht hallte dieser finstere Wald wider von einem unheimlichen
-Dröhnen und Rasseln, Lachen, Niesen und Husten. Tag und Nacht strichen
-winselnde und klagende Stahlvögel über ihn dahin, und das Rasseln der
-Maschinengewehre hämmerte hundertfach verstärkt in den Waldschluchten --
-bis plötzlich alle Lärme von einem einzigen großen Lärm sekundenlang
-übertönt wurden. Gestern ist die Eiche vor dem Unterstand zersplittert,
-heute stürzte eine hohe Tanne zu Boden. Die Splitter leuchten in der
-Finsternis. Der Regen rauscht, Ströme von Lehm fließen die schmalen
-Knüppelwege hinab, die die Soldaten durch das Dickicht geschlagen haben.
-Zuweilen trifft man auch ein menschenähnliches Wesen, bis an die Augen
-mit Lehm beschmiert. Zuweilen schleppen sich auch Trüppchen von
-Gespenstern, mit blutigen Binden an Köpfen und Armen, die Knüppelwege
-hinunter -- nein, pfui, der Wald ist kein Platz für einen Gentleman!
-
-Hauptmann Dönhoff denkt an Sonne -- an eine Wüste, in der Sonne,
-flimmernd von Licht, zitternd, vibrierend vor Hitze. Es würde ihm direkt
-Vergnügen machen, einmal tüchtig in der Sonne zu schwitzen. Und
-plötzlich kommt ihm Dora in den Sinn. Das Telegramm mußte nun wohl da
-sein. Langsam kriechen die Gedanken.
-
-»Kannten Sie nicht General v. Hecht-Babenberg, Kammerer?«
-
-»Welchen Babenberg?«
-
-»Nun, den, wissen Sie -- man hat ihn nach Hause geschickt --«
-
-»Nie gesehen. Weshalb fragen Sie?«
-
-»Ich dachte gerade an ihn -- nur so --«
-
-Was will er? dachte Dönhoff und erinnerte sich an das, was man ihm
-berichtet hatte. Was beabsichtigt er? Dora? Erwachsene Kinder -- man
-kann nie wissen. Dora drang darauf, daß er bald nach Berlin käme -- es
-fehlte noch eine Unterschrift in der Urkunde -- gut, an ihm sollte es
-nicht liegen.
-
-Kammerer strahlte. Plötzlich pfiff die Luft durch das Pfeifenrohr. »So,
-das Kind hat Luft --«
-
-Das Telephon tutete. Die Beobachtung meldete, daß der Feind in der neuen
-Sappe unverschämt arbeite.
-
-Schon trillert Kammerers Pfeife draußen im Wald. Die Geschütze der
-Batterie Dönhoff sind über eine weite Strecke verteilt und erst zu
-erkennen, als die dunkeln Rohre sich plötzlich bewegen. Hier im Wald ist
-es schon ganz düster, aber draußen bei der Beobachtung sind im
-Scherenfernrohr noch deutlich die Nebelgestalten zu unterscheiden, die
-dicht am Waldrande bei Boureuille Erde aufwerfen.
-
-Da donnern auch schon die Geschütze. Wütend, mit kurzen harten Schlägen,
-und das Echo rollt breit und drohend dahin. Die Petroleumlampe schwankt,
-während Hauptmann Dönhoff müde die Augen schließt und gähnt.
-
-Nun rieselt es draußen im Wald wie Regen. Die welken Blätter, die noch
-an den Bäumen hängen, fallen, von den Luftwirbeln losgerissen, zu Boden.
-
- * * * * *
-
-»Und Ruth? Wo ist Ruth?« fragte Gräfin Heller. »Weshalb ist sie nicht
-gekommen?«
-
-»Sie hat immer mit ihrer Küche zu tun.« Ruth, die Tochter des Generals,
-arbeitete in einer Mittelstandsküche, ehrenamtlich natürlich, nicht
-gegen Bezahlung.
-
-»Ruth war heute vormittag bei mir«, warf Dora ein.
-
-Verführerisch war Doras Teetisch gedeckt, Blumen, Kuchen, Konfitüren.
-
-»Wann wird die Hochzeit sein?« Ruth war mit einem Baron Dietz, einem der
-reichsten pommerschen Grundbesitzer, verlobt. Er war zurzeit in Bukarest
-bei der Verwaltung.
-
-»Ich weiß es nicht«, erwiderte der General und schüttelte den Kopf. »Im
-Sommer wahrscheinlich. Ruth hat Lust, bis zum Frieden zu warten, wie mir
-scheint. Ich kümmere mich grundsätzlich nicht um die Angelegenheiten
-meiner Kinder --«
-
-Butzi, einem alternden übellaunigen Löwen lächerlichen Formats ähnlich,
-saß auf dem Schoß seiner Herrin und betrachtete aufmerksam, mit
-nachdenklich gekräuselter Stirn den General, seinen Feind, dessen
-blanken Stiefeln nahezukommen gefährlich war.
-
-Krieg, Nahrung, Politik -- in jeder Gesellschaft, sobald nur zwei
-Menschen zusammentrafen, versank man rettungslos augenblicklich in das
-gleiche Thema. Verzweifelte Anstrengungen, die Blicke glitten in die
-Ferne, ein Lächeln versuchte die Mienen zu verklären -- gewiß, es gab
-Himmel und Hölle im menschlichen Herzen, Engel und Teufel wandelten auf
-der Erde, bestechend durch ihre Liebe und ihre Kraft, ewig
-unergründliche Probleme bewegten unsichtbar die Jahrhunderte -- immer
-noch flog die Sonne, ein Ball überhitzter Gase, samt ihren winzigen
-Planeten mit der Geschwindigkeit von zwanzigtausend Sekundenmetern,
-unfaßbar, dem Sternbild der Leier zu -- immer noch war das Einfachste
-nicht ergründet, die Vergangenheit rätselhaft, die Zukunft
-undurchdringlich, die Gegenwart unbegreiflich, immer noch schaukelte der
-Mensch, ein Atom, nicht einmal ein Atom, über den Abgründen der
-Mysterien, voller Entsetzen, voller Hoffen -- immer noch war alles
-geheimnisvoll, unfaßbar. Noch immer versank der Mensch jede Nacht in
-einen erschreckenden Zustand der Bewußtlosigkeit. Noch immer war die
-Liebe, die mütterliche, unbegreifliche, offenbart im winzigen Insekt, in
-Doras Lachen und selbst in den ernsten Gesichtern der Damen
-Sterne-Dönhoff -- noch immer war sie allgegenwärtig -- gewiß! Aber doch
--- gänzlich hoffnungslos. Es war wie die Verdammnis selbst! Das
-verklärende Lächeln erlosch, der Blick flüchtete erschrocken zurück --
-nichts blieb: Politik, Krieg, Nahrung.
-
-Das politische Schicksal -- die Summe der menschlichen Schwächen und
-Irrtümer -- hatte die Gedanken versteinert. Die Staubschicht der
-Schlachtfelder, die bis an die Grenze der Atmosphäre hochstieg, lastete
-wie ein Gebirge auf den Gehirnen, vom Atlantik bis zum Pazifik -- die
-Gehirne bewegten sich nicht mehr. Butzi allein führte sein eigenes
-geistiges Leben weiter. Weshalb, zum Beispiel, durfte man den Hosen mit
-den roten Streifen nicht zu nahe kommen? Weshalb zuckte die
-Stiefelspitze, wenn man mit der Zunge den Glanz der Stiefel berühren
-wollte? Antworte, gerechter Himmel! Wonach roch er? Nach, um es kurz zu
-sagen, Gleichgültigkeit und Verachtung. Er liebte Hunde nicht. Und
-plötzlich, ohne es selbst zu wollen, knurrte Butzi, ohne zu wissen, was
-er tat und weshalb plötzlich der Zorn in seinem kleinen Stahlherzen
-klopfte.
-
-Butzi bekam sofort eine Ohrfeige. Aber das nahm er nicht übel. Denn es
-war ja seine Herrin, deren Lachen er liebte, deren Geruch er liebte --
-sie, die Freundschaft fühlte für die Hunde, Liebe. Die Wohltäterin und
-Heilige -- obschon diese kläffenden Ungeheuer sie vielleicht für
-verworfen hielten -- für schamlos -- für . . .
-
-Nein, Butzi verstand die unartikulierten Laute dieser kläffenden
-Ungeheuer nicht. Er begriff ihren Eifer nicht, ihre Erregung. Offensive,
-die bevorstehende große Offensive -- der Entscheidungsschlag.
-Unbegreiflich! Der Herr mit den roten Streifen glaubte nicht an die
-Amerikaner, und die Damen lächelten. Wie beliebt? Bluff, mit einem Wort.
-Er gestand, daß er besorgt war -- besorgt, nicht mehr! Hätten sie sich
-auf Spezialwaffen beschränkt -- Fliegertruppen, Automobilkorps,
-Artillerie -- er hätte vor Angst gefiebert. Aber eine Armee? Unmöglich!
-Woher das Offizierkorps nehmen? Nun, die Rüstungen galten ja gar nicht
-uns! Nein! Der größte und geschickteste Bluff der Geschichte.
-
-Hier wollte Otto etwas einwerfen, aber der General wandte ihm den Blick
-zu, und er schwieg.
-
-Und die Transportfrage, ich bitte? Willkommene Beute für unsere U-Boote,
-so sagte der Minister.
-
-Die Damen hingen an den Lippen des Generals. Ihr Atem ging plötzlich
-leichter. Gräfin Heller beliebte die Zwischenfrage: ob das Volk -- so
-ganz im allgemeinen --?
-
-Der Herr mit den roten Streifen runzelte vorwurfsvoll die Stirn. Dann
-lösten sich seine Züge zu beschämender Zuversicht.
-
-»Ein kleines Beispiel nur, wenn die Damen gestatten wollen -- wie
-herrlich dieses Volk ist. Einer meiner Burschen, er begleitete mich
-durch den ganzen Feldzug, Jakob mit dem Familiennamen, ein Bauernsohn.
-Ich frage ihn, ob er nicht gerne wieder dabei wäre, da draußen, wenn es
-nun wieder losgeht? Natürlich möchte er das! Er strahlt über das ganze
-Gesicht! Sie sollten dieses Strahlen gesehen haben, Gräfin! Aber, sage
-ich, höre, wenn ich dich nun hier brauche? -- Langes, tiefes Sinnen. Das
-echt deutsche tiefe Sinnen! -- Dann bleibe ich bei Herrn General! --
-Gräfin, zwei der augenfälligsten deutschen Charakterzüge mögen Sie in
-dieser kleinen Szene erkennen: die dem Deutschen angeborene
-Kampfesfreude und seine Mannestreue --«
-
-Die Gräfin blinzelte lächelnd mit den gepuderten Wimpern. Immer noch
-spricht der General. Jedes seiner Worte atmet Zuversicht. Heute abend
-wird Gräfin Heller jede Einzelheit des Gesprächs jener einflußreichen
-Persönlichkeit berichten. Jedermann weiß das. Der hohe Würdenträger ist
-vorzüglich informiert über die Meinungen aller Persönlichkeiten, die
-eine Rolle im öffentlichen Leben spielen. Sein Lächeln ist -- tödlich.
-Ein anerkennendes Wort seiner schmalen Lippen mehr wert als eine
-gewonnene Schlacht. Sehr wohl weiß der General, daß man _dort_ nur einen
-gesunden Optimismus liebt.
-
-Butzi ringelte sich resigniert auf dem warmen Schoß der Herrin zusammen.
-
-Reserven, ungeheure Reserven. Gestaffelt bis Frankfurt, Mainz, selbst
-Münster ist Etappe. Alles was in Rußland war -- die neuen Mannschaften
--- eine Millionenarmee, furchtbar und stark wie am Anfang des Krieges.
-Wie eine unheimliche Flutwelle wird die Armee vorrollen, alles
-niederwerfend --
-
-Eine andere, etwas hellere und weniger trockene Stimme sprach nunmehr.
-Es war der Mann mit den Krücken. Die Augen der Majorin Sterne-Dönhoff
-leuchteten. Die Gräfin schlürfte blinzelnd den Tee.
-
-Ja, das Gas! Das Gas wird der Armee den Weg bereiten! Das fürchterliche
-Gelbkreuz und Blaukreuz. Es zerfrißt die Gasmasken, selbst Leder, jede
-Berührung, auch die kleinste, ist tödlich.
-
-Die Gesichter strahlten, schon röteten sich die Wangen der Schwestern
-Sterne-Dönhoff und des jungen Heinz wie im Fieber. Der General blickte
-mißtrauisch zum gelbseidenen Vorhang. Ob nicht ein Lauscher in der Nähe
-sei, ein Dienstbote vielleicht. Er fand es im höchsten Grade
-unvorsichtig von Hauptmann Wunderlich, über diese geheimen Dinge so
-unumwunden zu sprechen -- obschon man ja, gewissermaßen, unter sich war.
-
-Butzi war endlich eingeschlafen.
-
-»Gebe Gott, daß es zu Ende geht«, sagte Gräfin Heller mit einem tiefen
-Seufzer. »Ich möchte reisen!«
-
-»Aber Sie können doch, Liebste? Sie reisen ja ununterbrochen!«
-
-»Ich möchte nach Paris reisen!«
-
-»Nach Paris!«
-
-Aber augenblicklich hatte der General seine Fassung wieder gefunden. Er
-beugte sich vor. »Sie werden nach Paris reisen, Gräfin!« versichert er
-mit Feierlichkeit in der Stimme. »Ich gebe Ihnen mein Wort!«
-
-»Ich werde -- Herr General?«
-
-»Ja«, fuhr der General mit derselben Feierlichkeit fort. »Paris und
-Calais werden fallen, Gräfin, die Trümmer der englischen Armee werden
-ins Meer geworfen -- im Sommer werden wir in Paris den Frieden
-diktieren. Dies ist meine heilige Überzeugung!«
-
-»Gott segne Sie, General!« Gräfin Heller zog die kleine Hand aus dem
-Muff und streckte sie lachend dem General entgegen.
-
-Diese kleine Unterbrechung -- während sich der graue Scheitel über die
-kleine Hand beugte -- benutzte Otto. Er erhob sich rasch, und auch Heinz
-schnellte in die Höhe. Die beiden jungen Offiziere verabschiedeten sich.
-
-Butzi erwachte, überzeugte sich, gegen den General schielend, daß er
-noch blieb, und ringelte sich, ergeben in sein Schicksal, wieder
-zusammen.
-
- * * * * *
-
-Otto beugte sich über Doras Hand, die wie eine Koralle blühte, und seine
-hellen verwegenen Augen -- doch Dora wehrte lächelnd seinen Blick ab.
-
-»Leben Sie wohl, Otto -- auf gesunde Wiederkehr!« sagte sie, und ihre
-Grübchen schimmerten. --
-
-»Ich hatte noch gar nicht Gelegenheit, Gräfin -- mich nach dem Befinden
-Seiner Exzellenz zu erkundigen -- ich darf doch hoffen, daß Seine
-Exzellenz --« Die Stimme des Generals sank zu einem ehrfurchtsvollen
-Raunen herab.
-
-»Seine Exzellenz waren vor kurzem in ernster Lebensgefahr. Der Hofzug,
-wissen Sie -- und ein feindlicher Flieger -- eine Bombe -- aber Gott sei
-Dank passierte nichts. Die Bombe traf, leider, einen Lazarettzug -- die
-Armen --.« Die Gräfin aber hatte alles gefühlt. Zur selben Stunde
-erwachte sie, im Traum erschreckt durch einen Feuerschein. So
-geheimnisvoll innig war die Verbindung zwischen ihr und ihrem Bruder.
-
-Das Gesicht des Generals zeigte äußerste Bestürzung.
-
-»Ist es möglich -- eine Bombe -- und man erfährt es jetzt erst --?
-Wann?«
-
-»Vor etwa zehn Tagen.«
-
-»Vor zehn Tagen! Und man -- haben Sie gehört, Dora?«
-
-Der General konnte es gar nicht fassen.
-
-
-4
-
-Die beiden jungen Offiziere eilten mit raschen Schritten die nasse
-dunkele Straße entlang. Beide waren verabredet, mit den Schwestern Klara
-und Hedi Westphal, die zu Doras Kreis gehörten. Übrigens wußte keiner
-von des andern Rendezvous. Das ganz nebenbei.
-
-Otto schlug den Kragen des Mantels hoch und fluchte.
-
-»Furchtbar, entsetzlich!«
-
-»Wie beliebt?«
-
-»Einfach entsetzlich!«
-
-»Sie meinen, Otto?«
-
-»Dieses Geschwätz! Diese Teegesellschaft! -- Ich gehe übrigens links,
-Heinz. Ich muß zum Kaiserhof.« Otto machte erneut den Versuch, Heinz
-abzuschütteln, weil er allein sein wollte. Was ahnte dieser Knabe --?
-
-Aber Heinz verstand ihn nicht. »Es ist einerlei, wo ich einsteige. Das
-heißt natürlich, wenn ich lästig bin?«
-
-Heinz hatte Mühe mitzukommen, denn Otto machte rasende Fahrt. Mit Genuß
-atmete er die feuchte Luft ein, die aus dem Tiergarten in alle Straßen
-dieses Viertels strömte. Welcher Qualm bei Frau v. Dönhoff! Dora rauchte
-englische, etwas parfümierte Zigaretten, sie bekam sie jetzt noch --
-woher, das war rätselhaft, aber sie bekam sie jedenfalls. Auch Heinz war
-glücklich, Doras Salon entronnen zu sein. Die Nähe des Generals hatte
-ihn bedrückt. Er hatte auch nicht den Mund aufgetan und war sich albern,
-kindisch und ungeheuer dumm vorgekommen. Die Ordenssterne des Generals
-und besonders der gestickte Kragen (war ein Komet darauf gestickt oder
-was sonst für eine sonderbare Sache?) hatten seine Phantasie verwirrt.
-Glücklicherweise, ja, es war in der Tat ein Glück, hatte ihn der General
-gar nicht beachtet. Nur bei der Begrüßung hatte er ihm flüchtig die Hand
-gereicht und ihn mit jenem raschen Blick gestreift, mit dem hohe
-Offiziere Untergebene in Gesellschaft begrüßen: kameradschaftlich,
-verstehst du, aber welche Distanz! Übrigens, diese Hand des Generals,
-sie war stählern und -- eisig kalt. Nie würde er diesen Händedruck
-vergessen. Schon aber kehrte seine alte Sorge zurück.
-
-»Glaubt Ihr Herr Vater wirklich, daß wir im Sommer in Paris sein
-werden?« wandte er sich hastig an Otto.
-
-Otto fuhr aus seinen Gedanken auf. Er war so zerstreut, daß er einen
-Augenblick stehenblieb. Dampfsäulen fuhren aus seinem Mund, so schnell
-atmete er, es war kalt geworden. Er blickte Heinz in die Augen, verstand
-erst jetzt und lachte plötzlich.
-
-»Natürlich glaubt er es. Er glaubt es schon seit über drei Jahren. Schon
-im August 1914 hat er mir Lehren mitgegeben, wie ich mich in Paris zu
-benehmen hätte. Er war übrigens nie in seinem Leben in Paris!«
-
-»Also, er glaubt es?« sagte Heinz nachdenklich.
-
-»Ja, ja, und er wird es glauben und wenn die Franzosen in Hannover
-stünden. Er würde es auch dann noch glauben. Er ist so.«
-
-»Aber glauben auch Sie es?«
-
-Wieder lachte Otto kurz auf. »Ich?« sagte er, knurrte er. »Ich bin doch
-kein Narr!« Nein, er, Otto glaubte nicht mehr an den Sieg der deutschen
-Waffen, wie viele Frontoffiziere.
-
-Kein Narr?
-
-»Aber Ihr Herr Vater, Otto, der General --?«
-
-Otto lachte nun laut und belustigt. »Die Generale haben ihre eigene
-Meinung, lieber Heinz! Sie können das ja noch nicht verstehen, es ist
-ein Kapitel für sich. Ich habe einmal bei Langemarck dreißig Prozent
-meiner Leute liegenlassen, und mein General sagte: Na, das ging ja noch
-gelinde ab. Wörtlich! Mein alter Herr, übrigens -- er will das Reich
-Karls des Großen wieder errichten.«
-
-»Sie glauben also nicht daran?« Heinz atmete erleichtert auf. »Es wäre
-ja auch zu fatal,« fügte er hinzu, »jetzt, da ich eben Feldpilot
-geworden bin.«,
-
-Fast vier Jahre Krieg und immer noch dieselbe Geschichte, dachte Otto.
-Da er aber schwieg, versuchte Heinz, ihm seinen Seelenzustand deutlicher
-zu machen.
-
-»Sie können mich nicht begreifen«, rief er aus. »Sie Glücklicher! Sie
-fahren ja morgen zurück zur Front!«
-
-Otto knöpfte den Mantel fester zu. Plötzlich fror er. Der Gedanke an die
-Front benahm ihm für einen Augenblick den Atem. Die ganze Grausigkeit
-der Zone des Todes, in der es nur zerschossene Gräben, eingeäscherte
-Dörfer, zersplitterte Wälder gab, legte sich wie ein Alp auf seine
-Brust. Weshalb auch, zum Teufel, mußte er jede Minute daran erinnert
-werden, daß er morgen wieder zur Front zurück sollte? Jeder Mensch, der
-die Front _nicht_ kannte, tat so, als fahre er zu einer Hochzeit. Ja,
-tatsächlich man beglückwünschte ihn! Die Leute allerdings, die sie
-kannten -- nun, die sagten gar nichts -- höchstens ein verstehendes,
-etwas schadenfrohes Lächeln.
-
-Die Kälte in der halbdunkeln Straße kroch an ihm empor, in seine Uniform
-hinein. Er erinnerte sich voller Grauen an die Erdlöcher, in denen er,
-völlig unverständlich, Jahre seines Lebens verbracht hatte, an den
-eisigen Hauch, der von den Gräben ausging. Und plötzlich, ganz
-unvermutet, schnürte ihm eine sonderbare Empfindung die Brust zusammen
--- Angst. Ja, Angst! Gleichzeitig sah er einen Feuerschein vor seinen
-Augen, der ihn erschreckte: den kurzen hellen Blitz des explodierenden
-Geschosses. Er erbleichte. Das Geräusch einer um die Ecke fahrenden
-elektrischen Bahn hatte ihm das schleifende Fauchen einer Granate
-vorgetäuscht.
-
-Immer noch war er schneeweiß im Gesicht und sein Herz zuckte -- genau
-wie draußen, wenn sie heranzischten.
-
-»Hören Sie, Heinz,« sagte er, »wie diese Elektrische um die Kurve fährt?
-Genau so kreischen und fauchen die Granaten. Sie werden noch bald genug
-hinauskommen.«
-
-Heinz beschleunigte unwillkürlich den Schritt. »Ich freue mich
-unbändig«, rief er aus, indem er die strahlenden Knabenaugen zu Otto
-hob. »Denken Sie, ich war fünfzehn, als der Krieg ausbrach, und ich
-konnte ja nicht hoffen, noch mitkämpfen zu dürfen.«
-
-»Auch wir, wir haben uns unbändig gefreut, als die ersten Granaten
-einschlugen«, entgegnete Otto und gab seiner Stimme einen leichteren und
-heiteren Klang. Immer noch pochte und zuckte sein Herz. Er wollte Heinz
-auch nicht ahnen lassen, was in ihm vorging. Dieser Junge! Sollte er ihm
-sagen, daß er in Angstschweiß gebadet -- betete? So unglaublich es
-klingt. Betete! Er! Übrigens -- das ging ihm durch den Kopf -- bei
-Souchez -- die Toten lagen mit ihren genagelten Stiefeln in Scharen
-draußen -- sie hatten schwere Verluste, ein abgeschlagener Angriff -- da
-kam ein bayrischer Priester. Der stieg auf den Graben -- im Feuer! --
-das Kreuz erhoben und segnete die Gefallenen ein. Die Franzosen schossen
--- aber er, _er stand_ -- mit dem Kreuz in der Hand. Friede sei mit
-Euch! Schrecklicher, herrlicher Augenblick! Er glaubte, glaubte! Die
-Kugeln waren Wind für ihn. Aber er, Otto, er betete -- ohne zu glauben,
-das ist etwas ganz anderes. Sollte er Heinz erzählen, wie sie liefen --
-wie Ratten, auf die geschossen wird -- hin und her -- wie Ratten -- von
-Unterstand zu Unterstand -- und zwar jeden Abend? Hohoho! Es wurde
-Scheibe geschossen.
-
-»Ja, auch wir haben gelacht, als die ersten Granaten einschlugen. Ich
-erinnere mich deutlich. Es war beim Vormarsch. Plötzlich aber hing ein
-Bein auf einem Obstbaum --«
-
-»Wie? Ein Bein?«
-
-»Ja, ein Bein. Mit dem Stiefel. Es hing im Kniegelenk auf einem Ast.«
-
-»Brr!«
-
-»Ja, und in diesem Augenblick hörten wir auf zu lachen und Hurra zu
-schreien, denn wir hatten ja jeden Einschlag mit Hurra begrüßt. --
-Übrigens ist es natürlich für Sie sehr interessant, da Sie die Scherze
-noch nicht kennen -- für Sie als Flieger ganz besonders.«
-
-»Sind Sie jemals im Felde geflogen? Nein? Ich stelle es mir wunderbar
-vor. Ich habe Tausende von Fliegeraufnahmen gesehen, und ich glaube, daß
-ich gleich vertraut sein werde mit allem. Nur das Warten ist
-schrecklich.«
-
-»Vergessen Sie nur nicht, wie gesagt, daß da draußen scharf geschossen
-wird.«
-
-Der junge Sterne-Dönhoff brach in ein heiteres Lachen aus. »Aber
-natürlich, das ist ja gerade das Interessante bei der ganzen Sache,«
-rief er aus, »im Feuer fliegen!«
-
-Plötzlich, ganz unvermittelt, blieb Otto stehen und streckte Heinz die
-Hand hin. »Ich muß jetzt -- Sie verzeihen, Heinz -- ich muß gehen!«
-Immer noch war er etwas bleich.
-
-»Auf Wiedersehen, Otto. Und hoffentlich im Felde!«
-
-»Hoffentlich!«
-
-Er hat auch seinen Knacks weg! dachte Heinz. Nein, wie nervös er ist!
-Und doch soll er zum Pour le mérite vorgeschlagen sein!
-
- * * * * *
-
-Wie ein Rasender stürzte Otto die halbdunkle Straße hinab. Heinz sah ihm
-verwundert nach.
-
-Gerechter Gott, sollte man es für möglich halten? Auf gesunde
-Wiederkehr! Er war gekommen, um ein paar Worte mit ihr zu sprechen. Ein
-Lächeln, eine gepuderte Hand. Alles? Und eine ganze Gesellschaft saß da,
-zu allem Unheil kam noch der Alte dazu --!
-
-Da droben gab es keinen Stern, kein Licht, keine Wolken, nichts. Nur
-eine dicke fettige Schicht von Ruß, aus der zuweilen flimmernde Tropfen
-fielen, lag auf den häßlichen dunkeln Häusern, die vor Feuchtigkeit
-schwitzten. Und schon war Otto in einem Blumengeschäft verschwunden.
-
-Tulpen, Flammen und Glut, hellrote Rosen.
-
-»Das Stück kostet --«
-
-»Ich möchte alle.«
-
-»Alle?« Sie kosteten ein Vermögen.
-
-»Einen letzten Gruß!« schrieb Otto. Der neugierige Blick der kleinen
-rothaarigen Verkäuferin, die ihn durch die Blumensträuße beobachtete,
-verwirrte ihn. Er wurde abwechselnd bleich und rot, während er die paar
-banalen Worte und die Adresse schrieb. Es mußte ja ganz unverfänglich
-sein, jeder Mensch, dieser Petersen und diese Frida, die
-herumspionierten, mußten die Karte lesen können. Ohne diese
-Rücksichtnahme hätte er wohl gewußt, was er schreiben sollte.
-
-Er hätte schreiben können: Ich werde Dich vor mir sehen -- und wieder
-erbleichte er.
-
-Die Liebe ist Gift, dachte der rothaarige Irrwisch und lächelte
-spöttisch hinter dem Offizier her.
-
-Ruhiger schritt Otto dahin. Plötzlich, sonderbar, hatte er Zeit! Morgen
-früh um sieben Uhr ging der Zug. Nun wohl, das waren immerhin noch gute
-zwölf Stunden. Der Abend lag vor ihm -- und die ganze Nacht.
-
-Unangenehm nur war die Verabredung mit jener Dame im Kaiserhof. Sehen
-wir zu, daß wir die Sache hinter uns bringen! Indessen -- keine Eile --
-mochte sie getrost noch etwas warten. Er hatte es gewiß nicht an
-Deutlichkeit fehlen lassen, oder? Schluß, zu Ende, sei ein tapferes
-Mädchen usw. usw. Wie man in solchen Fällen zu schreiben pflegt. Nein,
-nach diesem Brief gab es ein Zurück nicht mehr. Und doch hatte sie ihn
-wieder beschwätzt. Sie begriff, sie war völlig einverstanden, zu Ende,
-natürlich, aber sie wollte ihn vor seiner Abreise noch einmal kurz
-sehen, wenn auch nur für einen Augenblick. Sie schrieb, daß sie von 5
-bis 9 Uhr im Kaiserhof auf ihn warten werde. Er würde gewiß eine Minute
-finden. Von 5 bis 9 Uhr! Es war natürlich ganz unmöglich, eine junge
-Dame vier Stunden lang vergebens warten zu lassen, das sah er wohl ein.
-
-Aber sie soll wenigstens etwas zappeln, dachte er und zündete sich
-gemächlich eine Zigarette an. Er machte sogar noch einen unnötigen
-Umweg.
-
-»Diese Hedi!« Verächtlich stieß er die Luft durch die Nase.
-
-Wie der General verachtete auch Otto im Grunde seines Herzens die
-Frauen.
-
-Er kaufte eine Abendzeitung und durchflog sie unter einer Laterne.
-
-
-5
-
-Heinz war, so schnell ihn die Füße trugen, zur Station der
-Untergrundbahn geeilt. Er hatte ja Klara benachrichtigt, daß es etwas
-später werden könnte, trotzdem . . .
-
-Es war die Stunde des Geschäftsschlusses.
-
-Berlin war wie ein schmutziger Schwamm, der ausgedrückt wird. Ströme von
-Schmutz flossen aus dem finsteren Himmel, von den Dächern und den
-tausendfenstrigen Hauswänden. Der Schmutz wälzte sich über die Straßen
-und stieg in den durchlöcherten Stiefelsohlen bis an die Knöchel. Die
-Menschen in ihren abgeschabten, dünnen Kleidern, blau vor Kälte und
-Hunger, quollen aus den frostigen Häusern und stürzten hinab in die
-windigen Kamine, die zur Untergrundbahn führen. Sie stauten sich auf den
-Bahnhöfen, geballt zu einer Wolke von Bitterkeit und Wut. Die
-überfüllten Züge fegten, triefend von Dunst und Schmutz, mitten hinein
-in die Menschenknäuel, die sich rasend gegen Türen und Scheiben warfen,
-um nicht auf den finstern, feuchten Perrons zurückbleiben zu müssen.
-
-Die Schaffnerinnen -- ihre Männer waren im Feld, faulten längst in den
-Massengräbern, verbluteten in dieser Minute, die Kinder hungerten zu
-Hause in einer kalten Stube -- die Schaffnerinnen, gepeinigt bis aufs
-Blut von den jagenden Zügen, klirrenden Scheiben und kämpfenden
-Menschenmassen, schrien mit schrillen, gellenden Stimmen, als ob sie
-erdolcht würden. (Und ach, sie wurden erdolcht, jede Minute stieß ihnen
-unbarmherzig das Messer ins Herz.)
-
-Zu Blöcken zusammengepreßt, flogen die Menschen durch die dunkeln
-Tunnels voll stummer gegenseitiger Raserei. Sie schwiegen. Sie
-fürchteten Spione und Agenten. Sie fürchteten den Terror der Albernheit.
-Sie lächelten und lachten nicht mehr. Sie fühlten das Verhängnis dicht
-vor sich, um sich, über sich, wo am Dach des Wagens sich all die Dünste
-der zusammengedrängten Menschenmassen stauten. Dieses Verhängnis, dessen
-Widerschein in allen Augen glänzte, begleitete sie durch die finsteren
-Tunnels, über die klirrenden Brücken und flutete mit ihnen über die
-menschenwimmelnden Perrons. Flogen die Züge in die Stollen hinab, so war
-es für viele, als ginge es in die Hölle mit ihnen, und der kalte Schweiß
-trat auf ihre Stirn.
-
-Dunkelheit, Kälte und Hunger drohten aus den Straßenschluchten. Diese
-drei Gespenster ergriffen Besitz von Berlin, das sich drei Kriegswinter
-hindurch tapfer verteidigt hatte, um im vierten zu kapitulieren. Täglich
-breiteten sie sich mehr über die Stadt aus. Sie eroberten Häuserblock um
-Häuserblock, Straßenzüge um Straßenzüge, Stadtviertel um Stadtviertel,
-und drangen langsam zum Herzen der Stadt vor. Als ein viertes Gespenst
-war noch die Grippe dazugekommen. Dieses Gespenst war überall, wo sich
-Menschen ansammelten. Es machte alle Fahrten auf den überfüllten
-Untergrundzügen mit. Die Passagiere husteten sich gegenseitig den Tod
-ins Gesicht. Viele von ihnen machten heute ihre letzte Fahrt. Mit
-Vorliebe suchte dieses vierte Gespenst sich junge Exemplare aus, es
-liebte zartes Fleisch. Sie starben von der Berührung. Die Alten brachte
-es nur um eine gute Strecke der Grube näher, in die sie eines Tages,
-entkräftet vor Hunger und zermürbt von der Verzweiflung, ganz von selbst
-stürzen würden.
-
-Heinz mußte einen überfüllten Zug vorbei lassen. Ein Paar grober Fäuste
-schleuderte ihn zurück. Selbst beim nächsten Zug verdankte er es nur
-seinem freundlichen Knabengesicht und dem Lächeln auf den roten Lippen,
-daß man ihn mitnahm.
-
-Augenblicklich dachte er an die grüne Mütze. In wenigen Minuten würde er
-sie sehen!
-
-Eine grüne Wollmütze, flott nach hinten gerückt, grasgrün, mit einer
-ebensolchen grasgrünen Seidenquaste in der Mitte, gewiß ist sie nichts,
-aber sie kann im Herzen eines Menschen soviel sein wie der Christus in
-der Kirche. Zuweilen, wenn die Züge seiner Dame in seinem Gedächtnis
-verblaßten, sehr selten geschah es -- die grüne Wollmütze blieb zurück,
-keine Macht konnte sie ihm entreißen. Und allmählich, wie durch einen
-Zauber, fügten sich dann wieder Haar, Wangen, Ohr -- alles daran.
-
-Diese grüne Wollmütze leuchtete über den Wittenbergplatz, als er den
-Bahnhof verließ -- weithin, wie ein Scheinwerfer. Und doch war es nur
-ein handgroßer Fleck von Grün, nicht einmal sehr deutlich im Schein
-einer Laterne. Durch das Gewimmel von Menschen hindurch drang Heinzens
-Blick, als ob die Menschen transparent wären, er sah seine Dame von den
-Schuhen bis zur Wollmütze, in ihrer ganzen Figur, obschon sie mitten in
-einem Knäuel von Wartenden bei der Haltestelle der Elektrischen stand.
-Das war jedenfalls ganz wunderbar. Er erkannte die Linie ihres
-anliegenden Jacketts, er sah sogar, daß sie ein Päckchen am Finger trug.
-
-Plötzlich traf eine Stimme Klaras Ohr! Aber Heinz hatte gar nicht
-gerufen. Sie blickte im gleichen Augenblick auf ihn, ihre Blicke
-begegneten sich durch das Gewimmel. Sie lächelte, ihr Lächeln kam näher,
-es wurde leuchtender und strahlender, überblendete Menschenschatten,
-Finsternis und schmutzige Straße, und endlich glänzte es dicht vor ihm.
-Es hatte sich nun wiederum auf seine Quelle zurückgezogen. Es leuchtete
-aus ihren Augen, aus ihren Lippen, weißen Zähnen, aus ihren Wangen und
-selbst aus ihren blonden Haaren, auf denen einige Regentropfen wie Tau
-glitzerten.
-
-Beide erröteten und fingen gleichzeitig an zu reden. Es war völlig
-einerlei, was sie sagten. Sie freuten sich an dem Klang ihrer Stimmen,
-die durcheinander klangen.
-
-»Sie haben -- du hast --«
-
-»-- tausendmal Verzeihung jedenfalls -- meine Cousine wollte mich
-Hauptmann Wunderlich vorstellen, der eine Kampfstaffel führt --«
-
-Die grüne Wollmütze glitt die Straße hinab, die seidene grüne Quaste
-baumelte hin und her.
-
-Wie wunderbar frisch ihre Halskrause ist, dachte Heinz und wie fest ihr
-Jackett um die Hüfte schließt. Sie aber bewunderte den Schnitt seines
-Mantels, der nahezu bis zur Erde reichte und viel zu weit war, und seine
-seidene Mütze, die eine kecke Beule aufwies.
-
-»Du trägst ja nun das Abzeichen!« rief die junge Dame plötzlich
-überrascht aus. Mit einem raschen Blick hatte sie, als er nur einen
-Augenblick den Mantel aufknöpfte, sofort das Fliegerabzeichen entdeckt.
-
-»Ich habe es gestern bekommen.«
-
-»Ich gratuliere.« Das war wohl eine Gelegenheit, ihr die Hand zu geben.
-Heinz berührte die Spitzen ihrer zarten, ach so zarten und unbegreiflich
-dünnen Finger.
-
-»Gestern flog ich über Berlin«, erzählte er lebhaft. »Ich flog über den
-Wittenbergplatz und den Kurfürstendamm entlang. Bei der Gedächtniskirche
-drosselte ich den Motor und ging auf fünfhundert Meter herunter. Ich sah
-das Treiben der Menschen und dachte, vielleicht geht auch Klara Westphal
-da unten.«
-
-Nein, Klara Westphal war zu Hause.
-
-Klara streifte ihren jungen Helden mit einem bewundernden Blick. Sie
-konnte wohl beobachten, daß die Damen den schlanken Offizier anblickten,
-und manche drehten sich sogar um, so schön und frisch war er. Er ging
-sorglos und strahlend, die Mütze etwas keck aufs Ohr geschoben, und er
-hatte eine besonders flotte Art zu grüßen, als gebe es Vorgesetzte für
-ihn nicht. Sein Gruß hatte zuweilen sogar etwas Herablassendes und
-Gönnerhaftes. Jetzt, da er neben Klara ging, war er völlig frei von
-seiner kindischen Ehrfurcht vor allem, was Achselstücke mit Sternen
-trug.
-
-»Und dein Kommando?«
-
-»Leider ist es noch nichts damit. Nun aber hat Hauptmann Wunderlich mir
-versprochen, mich für seine Kampfstaffel anzufordern, sobald es möglich
-ist.«
-
-Nichts fürchtete Klara mehr als diesen schrecklichen Augenblick, wo das
-Kommando kam. Schon jetzt klopfte ihr das Herz.
-
-»Wohin wollen wir gehen?«
-
-»Es ist ganz gleichgültig.«
-
-Es war in der Tat völlig gleichgültig. Wenn sie nur nebeneinander
-hergehen durften, verstrickt durch das Unergründliche, unbegreiflich
-Süße, Geheimnisvolle -- Blicke, Gesten, Lachen, Worte, das war ja das
-allerwenigste.
-
-Die Menschen, die aus Elektrischen sprangen und in Restaurants eilten,
-die Unverschämten, die sie anblickten und Bemerkungen austauschten --
-sie sahen sie gar nicht.
-
-Sie bogen in eine dunkele Straße ein, und sofort strahlten Klaras Augen
-wie Feuer, ihr blondes Haar flammte unter der grünen Mütze und ihre
-etwas vollen Wangen begannen geheimnisvoll zu schimmern. Ihr kleiner
-Mund aber glänzte naß und tiefrot.
-
-Wunderbar! Hier in der Dunkelheit sah Heinz, daß sie atmete, was er
-früher nie beobachtet hatte. Ihre Brust bewegte sich, ergreifend, unter
-dem enganliegenden Jackett gleichmäßig auf und ab. Zum ersten Male hörte
-er auch ihren Atem, den er nie gehört hatte.
-
-Klaras Lippen wurden durch ein Lächeln geöffnet, und im gleichen
-Augenblick rief sie jauchzend aus: »Es schneit, Heinz! Es schneit!« Und
-schon flog die grüne Mütze mit der baumelnden Quaste davon.
-
-»Komm, komm!« Sie streckte ihm die Hand hin.
-
-Nun liefen sie beide in den wirbelnden Schnee hinein.
-
-Unterdessen wartete Hedi Westphal in der Halle des »Kaiserhofs«. Und
-Otto las unter einer Laterne gemächlich die Abendzeitung.
-
-
-6
-
-Hedi hatte längst den Tee ausgetrunken. Sie hätte gern eine zweite
-Portion bestellt, aber sie mußte sparen. Ewig diese Geldmisere!
-
-Ihr Vater war Geheimer Rat im Auswärtigen Amt. Da schlich er täglich in
-Gamaschen und Seidenhut an den beiden Sphinxfiguren des Vestibüls
-vorüber, die immer so eigentümlich lächelten. Dann knackte er in seinem
-Bureau mit den Fingern, zupfte an seinem dünnen Chinesenbart und
-vertiefte sich in die Zeitungen. Diese Tätigkeit war nicht besonders
-aufreibend, aber sie war schlecht bezahlt und die Westphals ohne
-Vermögen.
-
-Trotz des lächerlich geringen Taschengeldes war Hedi ganz Lady -- von
-den tadellosen Stiefelchen an bis hinauf zu dem kleinen Reiher auf dem
-silbergrauen Seidenhütchen. Sie trug einen weißen Schleier mit
-silbergrauer Stickerei. Sie war noch blonder als Klara, nahezu
-weißblond.
-
-Den weißen Schleier mit den silbergrauen Ornamenten schob sie zuweilen
-über das Näschen und nippte, die Hand graziös geformt, an der leeren
-Teetasse.
-
-Würdevoll war ihre Haltung, etwas lässig. Die Umwelt existierte nicht
-für sie. In vollkommenem Gleichgewicht schwebend saß sie da.
-
-Die Musik wehte. Butterfly.
-
-Ein älterer Offizier mit einer mächtig funkelnden Glatze beobachtete sie
-in auffallender Weise. Hedi wandte das Gesicht mit einem gelangweilten
-Blinzeln in eine andere Richtung. Nun aber hatte sich ein junger Herr in
-einem Klubsessel am Mittelgang niedergelassen. Er trug einen weiten
-Mantel von auffallend heller Farbe, tadellose braune Stiefel, nagelneu,
-eine Sehenswürdigkeit in diesen Tagen. Eine Zigarette im Mundwinkel saß
-er da und stieß mit einem dünnen Stöckchen im Takte der Musik auf den
-Teppich. Zuweilen ließ er seinen Blick über Hedi gleiten, aber in
-gänzlich unauffälliger Weise, so daß sie ihn niemals dabei ertappen
-konnte. Im letzten Moment huschte der Blick stets über sie in die Höhe
-zur Decke. Vielleicht hatte sie ihn schon gesehen? Er kam ihr irgendwie
-bekannt vor. Nun brachte ihm ein Kellner ein kleines Glas und goß eine
-rote Flüssigkeit ein. Der junge Mann nahm aus seiner Manteltasche einen
-Pack Papiergeld und reichte dem Kellner eine Note, um gleich darauf
-wegzublicken. Der Kellner verneigte sich tief. Hedi blickte auf die
-Armbanduhr, und ihre Miene sah enttäuscht aus. Es war einhalb sieben
-Uhr. Die Musik spielte einen Tango. Der Herr in dem weiten Mantel hatte
-die rote Flüssigkeit ausgetrunken, stand auf und ging. Aber nach wenigen
-Minuten kam er wieder zurück. Er trug einen Strauß weißer Rosen in der
-Hand, den er vor sich auf den Tisch legte. Er wartet, auch er! Wieder
-schwebte Hedi in vollkommenem Gleichgewicht.
-
-Dann saßen da noch einige Damen, mit Brillanten, Perlen, Pelzen, Puppen
-mit einem Wort -- Hedi sah sie überhaupt nicht.
-
-Schon begann der Saal sich zu leeren. Die Kellner räumten die Teetische
-ab. Im Speisesaal flammten Lichter auf, und die Kellner gingen hinter
-den Spiegelscheiben zwischen den weißgedeckten, mit Blumen geschmückten
-Tischen hin und her und legten die Kuverts auf. Der Herr im hellen
-weiten Mantel saß immer noch in seinem Klubsessel. Glattrasiert, blau
-ums Kinn, die gescheitelten Haare pechschwarz, sah er -- wie es Hedi
-schien -- wie ein Spanier aus. Er hatte sich bequem zurückgelehnt und
-starrte sinnend zur Decke empor, während seine Fußspitze im Takte der
-Musik wippte. Nur zuweilen, wenn er die Asche von seiner Zigarette
-streifte, glitt sein Blick über Hedi hin. Unbeachtet lagen die weißen
-Rosen vor ihm auf dem Tisch.
-
-Hedi schob trotzig die Oberlippe in die Höhe gegen den Schleier -- sie
-wurde ungeduldig. Aber in diesem Augenblick sah sie Otto hereinkommen.
-Er trat schnell durch den Mittelgang. Das Blut stieg ihr in den Kopf,
-und plötzlich schlug ihr Herz im Halse. Sein braunes Gesicht glänzte von
-der frischen Luft, und aus diesem braunen, glänzenden Erzgesicht, das
-sie geliebt hatte, sprühten wild und verwegen die hellgrauen Augen der
-Hecht-Babenberg.
-
-Welche Träume starben dahin, welche Träume versanken! Während der Tango
-kollerte, gurrte, kleine wollüstige Schreie ausstieß.
-
-Sie krachten zusammen mit Donnergepolter wie Riesenschlösser, deren
-Fundament nachgibt, sie zersprangen wie Paläste aus Glas -- in nichts!
-
-Babenberg und Rothwasser, die Familiengüter der Hecht-Babenberg -- mit
-den hundertjährigen Bäumen, dem Sommergeruch auf den endlosen
-Kornfeldern, dem Ziegelwerk, den brüllenden Viehherden bei den Weihern
--- die Erde verschlang sie! Der Besuch ihres kleinen Papas, den die
-Bureauluft zur Mumie ausgetrocknet hatte -- dahin! Die Berühmtheiten,
-Feldherrn und Minister, die ihren Hausball besuchten -- in Staub
-zerfielen sie. Ihre Audienz beim Kaiser, ihr Kniefall vor Seiner
-Majestät, wegen irgendeiner Sache -- ein Nebelfetzen! Und all die
-Phantasien, gesehen in den Augenblicken, da der Blick bricht in
-Verzückung -- nichts!
-
-Während der Tango unter ihren Schuhsohlen im Parkett klopfte.
-
-Er war entschlossen, an seinem Blick konnte sie es sehen --
-
-Nichts blieb als die bescheidene Behausung in der Schaperstraße, wo Papa
-mit seiner dicken Mappe aus dem Amt kam und nicht gestört werden durfte.
-Wo man in Pfennigen dachte, wo Klara wie eine Närrin schwätzte --
-
-Chaos umgab Hedi. Sie saß in der Staubwolke ihrer zusammengestürzten
-Paläste, auf dem Schutt ihrer Reichtümer, eine Bettlerin. Sie saß wie
-eine Lady, in idealem Gleichgewicht, und ihr Blick flog lächelnd Otto
-entgegen.
-
- * * * * *
-
-Der Herr im hellen Mantel, der Spanier, rief Otto an.
-
-»Ich darf Sie doch heute abend erwarten, Otto?«
-
-»Es kann allerdings etwas später werden.«
-
-»Sie wissen, mein Lokal ist die ganze Nacht offen!«
-
-Otto streifte die Handschuhe ab.
-
-»Es schneit wohl wieder?«
-
-»Ja, es schneit, ich bin etwas spät, verzeihe --«
-
-Hedi lachte. »Ich bin vor kaum zehn Minuten gekommen.«
-
-Schon kam der Kellner und brachte Tee.
-
-»Ich habe dem Kellner gesagt, sofort Tee zu bringen, wenn du kommst«,
-sagte Hedi. »Du hast es gewiß sehr eilig.« Schon errötete Otto und
-runzelte die Stirn. Etwas gefiel ihm nicht.
-
-Die Musiker packten ihre Instrumente ein und klappten den Flügel zu.
-
-»Es ist lieb von dir, daß du gekommen bist,« fuhr Hedi fort, »wir sehen
-uns nun vielleicht lange nicht, vielleicht nie mehr. Und ich wollte
-gerne . . .« Sie sprach leichthin -- ganz Dame.
-
-Ottos blanke, graue Augen waren fragend auf sie gerichtet.
-
-»Ich reise wahrscheinlich.«
-
-»Du reisest?«
-
-»Ja. Nach Schweden. Es ist noch nicht ganz sicher. Man ist an Papa
-herangetreten.« (Welche Lüge, welch infame Lüge, aber sie war ihr
-plötzlich durch den Kopf geschossen!)
-
-»So?« Ottos Neugierde war wach, aber er wagte nicht zu fragen.
-
-»Ich werde der Mission attachiert. Wahrscheinlich muß ich nach Rußland.
-In besonderem Auftrag.«
-
-»Ah!«
-
-Der Herr im weiten hellen Mantel stand auf und grüßte. Er verneigte sich
-auch gegen Hedi, und während sie ihn kurz anblickte, lächelte sie
-unmerklich. Aber, sie konnte schwören, sie hätte nie, nimmermehr
-gelächelt, wäre ihr Herz in diesem Augenblick nicht so voller Bitterkeit
-gewesen. Der Spanier -- er war übrigens nicht hübsch, eher häßlich --
-war ein Herr Ströbel oder ein Herr v. Ströbel, ein während des Krieges
-reich gewordener junger Mann. Sie erinnerte sich seines Namens. In
-seinem Hause, das wußte sie von Otto, fanden jene berüchtigten
-Spielabende statt, die die ganze Nacht hindurch dauerten.
-
-Verlassen lag der Strauß weißer Rosen auf dem Tisch.
-
-»Ich freue mich übrigens, Hedi --« begann Otto.
-
-»Ich meine -- du begreifst ja wohl meine Motive? Es ist mir ja --«
-
-»Bitte, Otto!« unterbrach ihn Hedi. »Ich bin doch keine kleine
-Verkäuferin« -- scherzte sie -- »wir wollen gute Kameraden bleiben. Kein
-Wort weiter. Hast du Zigaretten?«
-
-Der Kellner stürzte mit einem Streichholz herbei. Er störte. Nur um
-etwas zu sagen, warf Hedi hin, daß das letztemal, als er zur Front
-reiste, diese furchtbare Hitze in Berlin war. Es lag keinerlei Absicht
-darin, auf Ehre, allein der dumme Kellner war Schuld daran. Schon stieg
-ihr die Röte ins Gesicht, und auch Otto errötete plötzlich.
-
-Das letztemal -- da war Hedis berühmtes Abschiedssouper gewesen.
-
-Otto war ihr Gast!
-
-Das Auto fuhr und fuhr -- damals war Berlin ja noch nicht tot -- es fuhr
-bis zu einem gänzlich entlegenen Hotel am Schlesischen Bahnhof -- und
-Otto mußte sich fügen.
-
-Hedi aber hatte schon alles vorbereitet. Sie hatte dem Besitzer des
-Hotels mit einem Schwall von Worten erklärt, daß ihr Mann auf Urlaub,
-durchkäme, und daß sie aus der Provinz seien, kriegsgetraut, und daß er
-nur diese eine Nacht hier wäre, daß sie ihn am Bahnhof abholen und
-hierher bringen werde. Mit einem Schwall von Worten hatte sie, bebend
-vor Angst und Aufregung, die Zimmer ausgewählt und das Menü
-zusammengesetzt. Nichts war gut genug, und der Kellner bekam zwanzig
-Mark Trinkgeld im voraus, damit er wußte, mit wem er es zu tun hatte.
-
-Die gesamten Ersparnisse eines vollen Jahres gingen darauf. Es gab
-Kerzen anstatt des elektrischen Lichts, obwohl Kerzen schwer
-aufzutreiben waren, es gab Rotwein, obwohl Rotwein für die Lazarette
-beschlagnahmt war, es gab Sekt, obwohl er Unsummen kostete. Die kleine
-Tafel, die sie selbst deckte, war mit Blumen geschmückt. Er sollte
-sehen, daß es unsinnig war, den letzten Abend in irgendeinem
-langweiligen Weinrestaurant zu verbringen. Man mußte nur wissen, wie man
-es anpackte. Es ging alles in Berlin, aber man mußte etwas
-Unternehmungsgeist haben.
-
-Und Otto -- staunte! Über die Kerzen, den Wein, die ganze Aufmachung,
-wie er es nannte.
-
-Es war heiß, und die elektrischen Bahnen brausten drunten vorüber. Es
-war Juli. Ein Bataillon zog zum Bahnhof, singend. Die Musik schmetterte
-und die Leute schrien begeistert. Berlin, das Berlin des Hochsommers
-brauste -- drunten, tief drunten.
-
-Die Kerzen, der Wein. Er war ihr Gast!
-
-Sie entzog sich ihm nicht, weshalb denn? Sie legte das Kleid ab, sie
-öffnete ihr Haar. Sie schlüpfte in das dünne Seidenkimono, das sie für
-diesen Abend geschneidert hatte. Er sollte sehen, daß sie ihn liebte,
-und daß sie nicht ein albernes Gänschen war. Sie trug ihre kleinen
-himbeerfarbenen Pantöffelchen.
-
-Berlin, das Berlin des Hochsommers und des Lebens brauste drunten, tief
-da unten -- irgendwo.
-
-Dann kam die Nacht.
-
-Er sollte wissen, daß sie ihn liebte und Mut hatte. Ja, es gehörte Mut
-dazu, denn Papa würde sie auf die Straße werfen, wenn etwas passierte.
-
-Sie war völlig außer sich vor Raserei. Ja, und sie konnte schwören, daß
-sie nichts bereute, daß sie es niemals bereute -- trotz der
-fürchterlichen Angst, die sie ausgestanden hatte.
-
-Hunderte von Pferdehufen trappelten auf der Straße -- sie hörte sie
-immer noch -- jetzt in dieser Sekunde . . .
-
-Die Zigarette brannte. »Danke«, sagte sie, und der Kellner ging.
-
-»Wo liegt dein Regiment jetzt, Otto?« fragte sie, während die Röte ihrer
-Wangen langsam verflog.
-
-»Ich weiß es nicht genau. Wohl an derselben Stelle.«
-
-Einige Belanglosigkeiten -- und plötzlich sieht Hedi auf die Armbanduhr
-und springt auf. Mein Himmel! Sie reicht dem Kellner eine Note, zehn
-Mark, das macht drei Mark Trinkgeld, aber sie kann nicht warten bis er
-herausgibt.
-
-»Nun will ich dir gute Reise wünschen, Otto. Nein, bleibe sitzen. Ich
-will allein gehen. Ich habe es sehr eilig. Auf Wiedersehen!«
-
-Ihr Aufbruch kam so rasch, daß Otto völlig verblüfft war. Hedi ging, und
-sie sah die weißen Rosen, die verlassen auf dem Nachbartisch lagen,
-nicht an. Ganz Lady, schritt sie über die Teppiche.
-
-Ein Nicken, ein Lächeln an der Türe, der Groom verbeugte sich.
-
-Es ging gelinde ab, dachte Otto, der den Kellner ungeduldig herbeiwinkte
-und es plötzlich ebenfalls sehr eilig hatte. Da fiel ihm ein, daß sein
-General seinerzeit den gleichen Ausdruck ihm gegenüber gebraucht hatte
--- damals, als er dreißig Prozent seiner Leute liegenließ. Er hatte die
-Geschichte erst vorhin Heinz erzählt. Nun, jedenfalls hatte sie sich wie
-eine Dame benommen. Er fürchtete nichts mehr als Szenen.
-
-Aber ein unangenehmes Empfinden blieb in ihm zurück. Was war es doch?
-
-Er haßte sie in diesem Augenblicke bitter.
-
-
-7
-
-»Schuft, Schuft!« Hedi lachte. Was für ein bodenloser Schuft war er
-doch!
-
-Mit schnellen Schritten eilte sie an den Häusern entlang in das
-Schneetreiben hinein, den Hut mit dem kleinen Reiher dicht in den Schirm
-gedrückt.
-
-Seine Motive -- seine Motive kannte sie ganz genau! Seine Familie, seine
-Karriere -- was für Ausflüchte! Hätte er doch den Mut gehabt ihr zu
-sagen, daß er sie nicht mehr liebte! Aber diese Männer sind Feiglinge,
-und wenn sie auch mitten in den Kugelregen hineingehen. Geld und
-Ordensauszeichnungen, das war alles, wonach diese Offiziere trachteten.
-
-Die Lampen eines Automobils blendeten durch die finstere Straße, und die
-Schneeflocken jagten gleißend durch den Lichtkegel. Plötzlich aber
-stockte Hedis Schritt, in dem gleißenden Lichtkegel flatterte ein
-weiter, heller Mantel. Er mußte ihr gefolgt sein, sie umgangen haben, um
-plötzlich vor ihr erscheinen zu können, oder war es ein Zufall? Ihre
-Füße waren wie gelähmt, denn der Mantel kam näher, und sie bemerkte, daß
-er die Richtung seiner Bewegung änderte. Sie bog rasch ab und stürmte
-die Treppe zur Untergrundbahn hinunter. Mein Gott, sie war falsch
-gegangen, sie wollte nach dem Leipziger Platz, und nun war sie an der
-Friedrichstraße angelangt.
-
-Der gelbe Mantel erschien auf der Treppe der Station. Er war nur einen
-Augenblick sichtbar, dann verschwand er, er kam nicht herunter.
-
-Hedi atmete erleichtert auf.
-
-Nein, sie brauchte Otto nicht, sie brauchte ja nur die Hand
-auszustrecken und soviel Finger sie hatte, soviel . . .
-
-Der Zug fuhr in die Station. --
-
-Otto hatte gleich hinter Hedi das Hotel verlassen. Als er sie mit den
-Blicken suchte, war sie schon verschwunden. Übrigens fesselte gerade
-eine Dame seine Aufmerksamkeit, die aus einer Droschke stieg und duftend
-und glitzernd die lichte Hotelhalle betrat. Otto eilte rasch nach Hause.
-Er warf sich in Zivilkleidung, in ganz unglaublich kurzer Zeit hatte er
-sich umgezogen. Er knöpfte noch den Mantel zu, als er wieder die Treppe
-herabsprang. Er hatte nicht die geringste Lust, den Abend zu Hause zu
-verbringen und alle möglichen Dinge über Siedelungsgebiete, Kolonien und
-strategische Sicherungen zu hören.
-
-An der Türe des schmalen Vorgärtchens prallte er mit einem kleinen Herrn
-im Havelock zusammen. Aber der kleine Herr im Havelock war nicht im
-geringsten ungehalten. Im Gegenteil, er zog den Hut, stammelte
-Entschuldigungen.
-
-»Herr Oberleutnant --« Offenbar kannte er ihn. Irgendein Hausmeister der
-Nachbarvillen.
-
-Fort! Schon rauschte die Limousine des Generals heran.
-
-In einem Tempo, als habe er auch nicht eine Sekunde Zeit zu versäumen,
-eilte Otto der Friedrichstadt zu.
-
-
-8
-
-Kälte schlug dem General entgegen, als er seine Wohnung betrat. Er
-bewohnte das Parterre eines einstöckigen grauen Hauses an der
-Tiergartenstraße, dicht am Kemperplatz, nicht weit von Doras
-Backsteinvilla entfernt. Kälte und Stille -- die Wohnung war erfüllt von
-Winter, von Tod.
-
-Die Generalin war einige Jahre vor dem Krieg in Davos gestorben, nachdem
-. . . Die Ehe des Generals war in den späteren Jahren nicht glücklich
-gewesen, übrigens hatte die Generalin nie diese Wohnung in der
-Tiergartenstraße betreten, damals -- wieviel Jahre sind es her! --
-wohnten sie in der Margaretenstraße.
-
-Auch sein Sohn Kurt, der älteste -- er war nicht mehr. Gefallen an der
-Somme.
-
-Ein eigentümlicher Hauch strich durch die Wohnung -- und augenblicklich
-versteinte das Gesicht des Generals wieder. Den Rest des Familienlebens
-hatte der Krieg vernichtet. Ruth und Otto gingen ihre eigenen Wege. Ruth
-arbeitete zurzeit in ihrer Küche, früher in einem Lazarett, und Otto,
-wenn er einmal auf Urlaub in Berlin war, war selten zu sehen -- ein
-Leichtfuß . . . Es gibt in dieser Hinsicht keine Kompromisse: entweder
-lebt eine Familie glücklich, oder sie zerfällt.
-
-Die Burschen rasselten in der Diele in die Höhe. Auch die Ordonnanz
-rasselte. Sie brachte die Mappe mit den Akten, die am Abend bearbeitet
-werden mußten. Nur Soldaten lebten im Hause des Generals -- und eine
-Wirtschafterin, Therese, die irgendwo hinten in den Zimmern hauste, und
-die man nie sah. Soldaten gingen ein und aus, solange der General lebte.
-Sein Vater war als Oberst gestorben. Es rasselte von Waffen, und sie
-brachten den Geruch aus den Kasernen mit.
-
-Der General ließ den Pelzmantel einfach fallen, irgend jemand stand
-schon da und fing ihn auf.
-
-Ja, Kälte -- trotzdem die Wohnung gut geheizt war. Durch einen dunkeln
-Spiegel sah er sein steinernes Gesicht gleiten. Alle Lampen schienen
-falsch oder ungeschickt angebracht. Anstatt Licht und Freundlichkeit zu
-verbreiten -- wie warm war es doch bei Dora! -- verbreiteten sie
-feindselige Grelle und haßerfüllte, pechschwarze Schatten. Dunkle
-Täfelungen, schwere Barockmöbel, Gold -- die Parkettböden schrien, wenn
-man sie betrat, es war ein altes Haus.
-
-In seinem Arbeitszimmer fiel der Frost von ihm. Hier allein war er zu
-Hause. Er atmete auf, seine Haltung wurde um etwas lässiger.
-
-Mit raschen Schritten näherte er sich einem Vogelbauer, in dem ein
-kleiner gelber Kanarienvogel hauste.
-
-»Nun, Niki -- Niki!« Er steckte den Finger durch die Stäbe -- er sprach
-mit dem Vogel genau so, wie er früher mit seinen Kindern gesprochen
-hatte, mit veränderter, komischer Stimme -- als sie noch ganz klein
-waren, klein, lieblich und voller Vertrauen.
-
-»Aber das Apfelschnitzchen -- es ist ja heruntergefallen, nun wollen wir
-aber das Apfelschnitzchen -- und das Wasserchen, wieder alles verspritzt
--- du Schlingelchen --«
-
-Der Vogel piepte und sprang erregt von Stäbchen zu Stäbchen.
-
-»Ja, siehst du -- das Herrchen --«
-
-Es klopfte. Eine laute Stimme rief: »Es ist serviert, Herr General!« Das
-war Jakob, der Ulan, Bursche und Kammerzofe des Generals. Es gab auch
-noch einen Wangel, der aber war mehr für den Dienst außerhalb des
-Hauses. Die Uhren schlugen. Es war acht.
-
-Punkt acht -- Punkt, immer Punkt! Der General war für peinlichste
-Pünktlichkeit. Zuweilen, erschöpft vom Dienst, legte er sich zur Ruhe --
-zehn Minuten, zwanzig Minuten -- mit der Sekunde mußte er geweckt
-werden. Die Burschen konnten den ganzen Tag faulenzen oder mit Köchinnen
-klatschen, aber ihre Uhren mußten genau gerichtet sein. Punkt ein halb
-acht Uhr morgens erhob sich der General, Punkt ein viertel nach acht
-nahm er sein Frühstück, Punkt ein Uhr fuhr er zum Mittagessen (er aß in
-der Stadt), Punkt acht Uhr erschien er zum Abendessen. Auch im Felde
-hatte er die gleiche Einteilung des Tages eingehalten und wenn die Welt
-unterging. Zuweilen ging sie auch unter, aber den Tagesplan des Generals
-vermochte sie nicht zu verrücken.
-
-Zeit, Zeit -- jede Minute war kostbar -- der Dienst --
-
-Nun gut . . . Punkt acht Uhr begab sich der General ins Speisezimmer.
-
- * * * * *
-
-Ruth sagte »Guten Abend« und grüßte den Vater mit ihren hellbraunen
-Augen, die in der Tiefe warm und golden schimmerten. Sie war keine
-Hecht-Babenberg, sie war, heißt das, physisch nicht den Traditionen des
-Hecht-Babenbergschen Blutes gefolgt, das große, solide Knochen, breite
-Schädel mit etwas slawischen Backenknochen baute, sie war eine
-Sommerstorf, nach der Mutter geraten, die einer süddeutschen,
-fränkischen Familie entstammte. Sie war nicht groß, schmalschultrig,
-eher zierlich, ihr Haar dunkelblond, fast braun, und so weich, daß es
-sich schlecht frisierte und die Frisur häufig etwas nachlässig aussah.
-Zuweilen rügte der General diese Nachlässigkeit, mit einem raschen
-Blick. Ruth glättete dann verlegen mit den Händen die Haarwellen.
-
-Der General goß sich Fachinger ein. Neben seinem Gedeck lagen die
-Abendzeitungen, die er durchflog, während er die Suppe schlürfte. Wann
-sollte er Zeit haben, die Zeitungen zu lesen? Er wußte kaum, was in der
-Welt vorging. Aber das war auch Nebensache, die Hauptsache war, daß
-diese Burschen geschlagen wurden, und es war nicht nötig, daraufhin die
-Zeitungen zu studieren. Auf Tag und Stunde würde er es wissen, wenn es
-so weit war. Noch war es allerdings nicht ganz so weit, auch das wußte
-er ganz genau.
-
-»Na, da haben sie wieder mal --« murmelte der General.
-
-»Wie Papa?«
-
-Schweigen. Der General schlürft hastig und ungeniert die Suppe, die vom
-Löffel in den Teller tropft, und schielt in die Zeitung.
-
-»Jakob? -- Es zieht.«
-
-Jakob tritt aus dem Schatten neben dem Danziger Barockbüfett, wo er sich
-gewöhnlich verbirgt, und geht zu sämtlichen Fenstern und Türen, auf den
-Fußspitzen, obwohl er weiß, daß alle ordentlich geschlossen sind. Jakob
-bedient auch bei Tisch. Der General liebt es, von einem Mann in Uniform
-auch zu Hause bedient zu werden -- es ist wie im Felde. Er haßt
-weibliche Dienstboten.
-
-Die silbernen Bestecke blinken kalt, die Tischdecke ist wie Schnee --
-und obgleich der Tisch nicht um vieles größer ist als ein gewöhnlicher
-Eßtisch, scheint dem General diese Tischdecke zuweilen ein endloses
-Schneefeld zu sein. Ganz am Rande dieses Schneefeldes weiß er seine
-Tochter, fern, klein -- zuweilen scheint es dem General, als ob die
-Menschen mehr und mehr in die Ferne glitten, mehr und mehr, täglich
-mehr. Oft klingen ihre Stimmen fern und dünn, wie aus großer Entfernung.
-Oft hört er sie gar nicht mehr, so dünn klingen sie. Es kommt daher, daß
-er überarbeitet ist.
-
-»Na, da haben sie wieder mal einige Tausend Tonnen heruntergeschossen.«
-
-Jakob wechselte die Teller, geräuschlos.
-
-Der General sah plötzlich auf. Jetzt erst bemerkte er, daß Otto bei
-Tisch fehlte.
-
-»Otto ist eingeladen, Papa.«
-
-»Am letzten Abend --?« Röte stieg in das Gesicht des Generals. Seine
-Wimpern hoben sich vorsichtig, und sein Blick tastete über Ruths
-Gesicht. Dieses Gesicht war zart, blaß und von einer ungewöhnlichen
-Reinheit des Teints. Es war voller Anmut, ohne irgendwie schön zu sein.
-Eine träumerische Zerstreutheit war über die weichen Züge gebreitet, und
-ein Lächeln lag auf den etwas zu vollen, tiefroten Lippen. Ruth fühlte
-den Blick, ihre Lider zitterten -- aber schon war der Blick des Generals
-wieder zu seinem Teller zurückgekehrt. Der General liebte es nicht, dem
-Blick seiner Tochter zu begegnen -- es hatte seinen Grund, seine Gründe,
-über die er niemand Aufklärung schuldig war.
-
-»Viel Arbeit in der Küche?«
-
-»Genug, Papa. Wir geben täglich achthundert Mahlzeiten aus.«
-
-»Sapperlot!« Der General wischte sich den grauen, dünnen Schnurrbart ab
-und rückte den Stuhl zurück. Er bot Ruth die Wange zum Kusse. Sie
-berührte sie mit den weichen Lippen (wobei die stachlichen Bartstoppeln
-sie stets kitzelten) und legte einen Augenblick die Hand sanft an den
-grauen Kopf des Vaters. Diese Art des Gutenachtkusses hatte sich aus
-ihrer Mädchenzeit erhalten. Der General fühlte den sanften Druck ihrer
-Hand im Herzen. Jeden Abend. Jeden Abend erwachte bei dieser Berührung
-die Liebe zu seiner Tochter, die während des Tages verblaßte, schlief,
-ohne jede Spur erlosch. Am Tage dachte er fast nie an Ruth, und wenn sie
-ihm in den Sinn kam, zufällig und selten, so geschah es ohne jedes
-Gefühl, fast mit Kälte. Aber abends fing die Liebe unter dieser
-Berührung zu glimmen an. Oft dauerte diese Empfindung an, und einmal kam
-es sogar vor, daß der General spät abends an Ruths Türe lauschte, um zu
-hören, wie sie atmete. Da stand er im dunkeln Korridor, wie ein Dieb,
-das Ohr gegen ihre Türe gedrückt. Sein Herz brannte vor Liebe.
-
-Am Tage aber -- Gleichgültigkeit, Kälte. Sonderbar!
-
-»Gute Nacht, Papa!« Weich und fein klang Ruths Stimme.
-
-»Gute Nacht.«
-
-Der General erhob sich geräuschvoll. Jakob klappte mit den Stiefeln.
-Plötzlich sagte der General im Befehlston: »Wenn mein Sohn nach Hause
-kommt, ich möchte ihn sprechen! Aber nach ein halb zwölf will ich nicht
-mehr gestört werden. Dann soll er früh in mein Zimmer kommen!«
-
-»Jawohl, Herr General!« Und Jakob stürzte zur Türe. Er wußte, daß der
-Herr Oberleutnant erst gegen Morgen zurückkehren würde wie jede Nacht.
-Er hatte ihm schon befohlen, rücksichtslos kaltes Wasser anzuwenden,
-wenn er nicht wach werden sollte.
-
-Ruth wünschte dem Burschen mit heiterer Stimme »Guten Abend« und
-schlüpfte in ihr Zimmer.
-
- * * * * *
-
-Ruths kleiner Salon war, ganz wie das anstoßende Schlafzimmer, immer
-etwas in Unordnung und -- sowohl am Tage wie am Abend -- in Dämmerung
-gehüllt. Kleidungsstücke, Bücher und Schreibpapier lagen verstreut
-umher. Der kleine Salon, der auf den Tiergarten hinausging, war in
-blauen und weißen Farben gehalten. Die niedrigen, mit einem Seidenbrokat
-von senkrechten blauen und weißen Streifen überzogenen Fauteuils,
-zeigten schon allenthalben feine Risse und waren gelblich geworden. In
-die Rücklehnen dieser Fauteuils war ein Medaillon mit dem Wappen der
-Sommerstorf eingestickt: eine Hand, die eine rote Rose hielt. (Diese
-rote Rose spielte bei den Sommerstorf überhaupt eine große Rolle.)
-
-Über dem kleinen Sofa, auf dem gewöhnlich Ruths Mantel und Hut lagen,
-hing in einem ovalen weißen Rahmen das Porträt einer jungen Dame:
-Margarete v. Sommerstorf, spätere Hecht-Babenberg. Das Aquarell, in der
-Manier Kaulbachs gehalten, stellte Ruths Mutter im Alter von etwa
-zwanzig Jahren dar, zur Zeit, da sie sich verheiratete: ein junges
-Mädchen, die schmalen Schultern in ein weißes Spitzentuch eingehüllt,
-einen Fächer in der Hand und eine brennendrote Rose im Haar. Das Haar
-hatte in den Reflexen den gleichen Schimmer wie Ruths Haar, das manchmal
-braun und manchmal blond erschien, je nachdem das Licht darauf fiel. Das
-Bild hatte eine besondere Eigentümlichkeit. Die großen hellbraunen
-Augen, die der Künstler besonders hervorgehoben hatte, verfolgten den
-Beschauer überallhin, wo immer im Zimmer er stehen mochte. Sie ließen
-ihn nicht aus den Augen und lächelten.
-
-Ruth hatte nur eine blasse Erinnerung an die Mutter bewahrt. Etwas
-Scheues, unendlich Warmes, Flüchtiges und Huschendes. Weiche Lippen,
-unendlich zart und unendlich warm -- die sie geküßt hatten, als sie ein
-kleines Mädchen war, und Therese hatte gerufen: »Grüße die Dame, es ist
-Mama.« Ruth erinnerte sich genau an diese Worte Thereses, aber zu ihrem
-Schmerz erinnerte sie sich nicht mehr an das, was diese blasse, scheue,
-unbekannte Dame sprach.
-
-Sie besaß übrigens das weiße Spitzentuch, in dem die Mutter porträtiert
-worden war. Zuweilen, sehr selten, legte sie es um die Schultern, sie
-steckte sich eine rote Rose von demselben prangenden Rot in das Haar:
-dann lächelten diese beiden Frauen, die ganz gleich aussahen, einander
-zu.
-
-Eilig schlüpfte Ruth in den Mantel und sang leise vor sich hin, während
-sie die Handschuhe suchte, die sie, wie gewöhnlich, verlegt hatte:
-
- Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne,
- die liebt ich einst alle in Liebeswonne.
- Ich lieb' sie nicht mehr, ich liebe alleine
- die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine. --
-
-Ruth vergötterte Schumann.
-
-Aber da hatte sie auch schon die Handschuhe gefunden. Sie waren in eine
-leere Blumenvase geraten.
-
-
-9
-
-»He, Kutscher, sind Sie frei?«
-
-Otto sprang in den Wagen. »Paradies-Bar!« Es war eine alte, in allen
-Fugen klaffende Droschke. Das Pferd lahmte und schnellte in merkwürdigen
-Sprüngen vorwärts. Mein Himmel, was haben sie aus dieser Stadt gemacht,
-dachte Otto, mit einem Gefühl von Schadenfreude im Herzen. Er war
-zuletzt im vorigen Sommer einige Wochen hier gewesen, um sich von einer
-Gasvergiftung zu erholen -- damals erschien ihm der Verfall noch nicht
-so furchtbar.
-
-Einsam klapperten die Hufe des Pferdes in der finstern Straßenschlucht.
-Es hatte aufgehört zu schneien, Schmutz floß in den Rinnsteinen. Ohne
-Aufhören ging ein schwarzer Aschenregen nieder auf die tote, verkohlte
-Stadt.
-
-Und früher, ein wogendes Meer von Licht! Schimmernde Perlenketten,
-blitzende Diademe auf den Dächern, rasende Feuerräder am geröteten
-Himmel, geschmolzenes Blei quillt aus den Fugen der Häuser. Die
-Scheinwerfer der brüllenden Autoherden, die gleißenden Lichtblöcke der
-Schaufenster -- und fröhliche Menschen treiben im Licht, Damen, die
-Augen leuchten, und die Zähne blitzen. Lachen . . .
-
-Da hielt die Droschke plötzlich. Das Pferdeskelett stand in seinem
-abgeschabten Fell und zitterte.
-
-Erschauernd entfloh Otto diesen drohenden Finsternissen, wie alle Welt,
-die sich nach den Lichtinseln der verkohlten Stadt flüchtete, den
-Theatern und Konzertsälen, um vor den Schatten und Gespenstern der
-Dunkelheit zu fliehen. Wie Tiere bei einer Sintflut, die entsetzt
-dahinjagen . . .
-
-Schon in der magisch beleuchteten Tropfsteinhöhle, die als Garderobe
-diente, fühlte Otto sich geborgen. Die Luft, die er liebte, schlug ihm
-entgegen -- Parfüms, Lachen, Licht, Musik . . . Es war nicht das
-allerfeinste Parfüm, es war dick, legte sich mehlig auf den Gaumen, aber
-darauf kam es schließlich nicht an.
-
-Trotz der frühen Abendstunde war die Rotunde der Paradies-Bar schon
-überfüllt. Aber Otto hatte Glück, ein kleines Tischchen an der
-Balustrade zu erobern -- dicht neben dem giftgrünen und himbeerroten
-Jüngling, der die Gipsarme emporstreckte und von den farbigen Strahlen
-eines Springbrunnens umsprudelt wurde. Lackrot und Gold waren die Farben
-der Paradies-Bar. Bunte Blütenkelche hingen von der goldenen Decke herab
-und strahlten Begierde und Wollust aus. Giftgrüne Insekten schabten die
-Instrumente, hämmerten mit Klöppeln. Einer der Giftgrünen glitt zwischen
-den Tischen hindurch und spielte den Gästen ins Ohr.
-
-Otto klemmte die Scherbe vors Auge, damit alle Welt sehen konnte, daß er
-Offizier war -- und nicht etwa einer von den vielen hier, den vielen,
-die sich von den Kadavern auf den Schlachtfeldern nährten. Stimmen
-schwirrten ringsum.
-
-»Vor zwei Jahren lieh ich ihm fünfzig Mark, er kam zu mir -- seine
-Stiefel -- überhaupt -- Kellner!«
-
-»Heute hat er Millionen. Ich schätze ihn auf vier Millionen.«
-
-»Kaufen Sie Ware, Ware -- einerlei -- eine Pleite, nicht auszudenken.
---«
-
-»Rudi ist immer gleich bekneipt.«
-
-Zwischen einer Glatze und einem Blumenstrauß hatte Otto ein schwarzes
-schlankes Dämchen mit entblößten, entzückend runden Schultern entdeckt,
-das seine Blicke erwiderte. Unter ihm, etwas tiefer, neben dem
-Springbrunnen, saßen zwei befrackte Herren, mit zwei wie Fürstinnen
-gekleideten Damen in kostbaren Roben, mit Brillanten und Blumen
-geschmückt. Er roch den Puder, der von ihren entblößten Büsten aufstieg
-und die Essenzen ihrer duftigen kunstvollen Frisuren. Wie rosig, dieses
-kleine Ohr -- Kokotten natürlich -- aber immerhin Fleisch, Atem, Leben.
-
-Am Nachbartisch hatten zwei Herren im Smoking Platz genommen. Ihre
-dicken, glattgeschorenen Schädel und schwammigen Trinkergesichter kamen
-Otto bekannt vor. Es waren zwei Rittmeister, die er immer in Stifters
-Diele Unter den Linden gesehen hatte, wenn er mit Papa dort zu Mittag
-speiste. Sie hatten sich zwei reizende kleine Damen mitgebracht,
-allerdings nicht erster Klasse, vielleicht Verkäuferinnen, die schon
-jetzt zu kreischen begannen.
-
-Bunte Papierschlangen zischten durch die Luft.
-
-Ja, hier war in der Tat das Paradies, und da draußen in der finsteren
-Straße nichts als die nackte Wirklichkeit. Ein paar blaugefrorene Kinder
-mit Streichhölzern, ein altes Weib mit nassen Zeitungen -- und der
-Portier der Bar steht wie ein Erzengel in seinem grünen Mantel! Berlin
-war im Aschenregen begraben, aber hier hatte sich, in einer Höhle, durch
-ein Wunder, ein letzter Tropfen seines geilen Blutes erhalten. Mit allen
-Sinnen sog Otto Gerüche, Stimmen, Fleisch in sich, er sammelte auf
-Vorrat, für die langen Monate, wo er nichts sehen würde als verrosteten
-Stacheldraht und Schrapnellwolken.
-
-»Reformen -- Sie glauben also nicht daran?«
-
-»Schwindel, alles Schwindel. Eher wird der Himmel einstürzen --«
-
-»Aber das wäre ja Betrug!«
-
-»Betrug? Was sonst? Wissen Sie, wie man den neuen Mann nennt, der uns
-regiert? Den Fünfminutenbrenner! Er kann nur fünf Minuten wachbleiben,
-dann schläft er wieder ein.«
-
-»Gott sei uns gnädig und barmherzig!«
-
-Die Damen mit den Brillanten lachten laut auf. Er sagte es auch zu
-drollig, ergeben in sein Schicksal, und dabei stieß er mit der Zunge an.
-
-Die schmachtende Geige des giftgrünen Primgeigers sang in Ottos Ohr.
-
-Was sah er? Was hörte er?
-
-Doras strahlende Augen? Hedis helles Haar hinter dem Schleier mit
-Silberstickerei? Hörte er Doras Lachen? Nicht im geringsten.
-
-Er sah: Nacht, Grausen, eine Kraterlandschaft, die Zone des Todes.
-Geschützfeuer geistert und die Granaten heulen. Durch die Dunkelheit
-schleppen keuchende Männer einen Verwundeten auf einer Zeltbahn. Beim
-Schein des Geschützfeuers erkennt er plötzlich -- ja, er, er, er selbst
-ist es, den die keuchenden Männer schleppen. Sein Gesicht ist überströmt
-von Blut, und deutlich hört er den keuchenden Atem der Männer, die ihn
-tragen . . .
-
-Sofort schlug Otto erbleichend die Augen auf. Seine Pupillen erweiterten
-sich, seine Augen wurden zu gähnenden Kratern voller Grauen -- das also
-war es, was er sah und hörte, während der giftgrüne Primgeiger ihm ins
-Ohr spielte. Die grausige Vision verblaßte, und augenblicklich kehrte er
-wieder in die Paradies-Bar zurück. Nur ein leiser Schrecken zitterte in
-ihm weiter.
-
-Mit bebender Hand füllte er das Glas und trank dem schwarzen, schlanken
-Dämchen mit den entblößten, entzückend runden Schultern zu. Seine Dame
-lächelte huldvoll -- und augenblicklich drehte sich die Glatze um.
-
-Die Schultern dieses schlanken Dämchens erinnerten ihn an Hedi. Und
-während er sein Glas auf das Wohl der Schlanken leerte, gedachte er
-Hedi, mit der nun, Gott sei Dank, alles zu Ende war. Er dachte an sie
-ohne Haß, aber mit leiser Verachtung. Eine Dame -- tut eine Dame so
-etwas -- damals im Sommer, das Abschiedssouper --? Und doch war er
-gerade in diesem Augenblick, wo sich eine rote Papierschlange, von der
-schwarzen Schlanken geworfen, um seinen Kopf ringelte, geneigt,
-großmütig zu vergeben. Jeder Mensch hatte schwache Stunden.
-
-»Nun also -- diese Hedi, sie würde wohl schlecht schlafen diese Nacht?«
-
-»Vielleicht weint sie auch?«
-
-»So ein bißchen? -- He, Kellner, Herr Ober --!«
-
- * * * * *
-
-Wie eitel diese Männer, wie töricht!
-
-Es fiel Hedi gar nicht ein zu weinen. Sie dachte nicht einmal an ihn.
-
-Sie dachte an den gelben Mantel! Ein Herr will einer Dame eine Huldigung
-darbringen. Nun wohl. Er kauft weiße Rosen, obschon sie ein Vermögen
-kosten, und läßt sie auf dem Tisch liegen. Kein Wort, kein Blick: ein
-Gentleman!
-
-Ihre Paläste waren in Schutt zerfallen, die Paläste mit dem Wappenschild
-der Hecht-Babenberg: das rote Pferd im blauen Feld. Dahin! Schon aber
-baute Hedi neue Paläste! Weitaus herrlichere, kühnere!
-
-Ach, sie hatte ihre Jugend vergeudet! Drei Jahre lang hatte sie auf
-Ottos Brief gewartet und selbst einige hundert Briefe ins Feld
-geschrieben. Und dieser Krieg endete ja nie, sie hätte alt werden können
-dabei. Wie töricht! Und diese Familie der Hecht-Babenberg, dieser
-hochmütige General, in dessen Augen ein Geheimer Rat ein Kanzlist war,
-nichts sonst. Er hätte sie stets als ein Geschöpf zweiter Klasse
-betrachtet, ohne Ahnenreihe wie die der Babenbergs, die bis auf die
-Kreuzzüge zurückging.
-
-Ja, morgen würde sie vielleicht wieder in den Kaiserhof gehen zum Tee.
-Erstens gefiel es ihr dort, die Musik, die Eleganz, die Sorglosigkeit --
-und zweitens konnte es ja sein, daß dieser Herr Ströbel oder Herr v.
-Ströbel . . .
-
-Da richtete sich Klara leise in ihrem Bett auf. Die beiden Schwestern
-schliefen zusammen in einem kleinen Hofzimmer. »Schläfst du, Hedi?«
-flüsterte Klara. »Guck' doch mal den Mond an, wie er fliegt.« Hedi
-antwortete nicht, und Klara beugte sich über ihr Bett. »Ah, du schläfst
-ja doch nicht«, sagte sie lachend. Ganz unerwartet erhielt sie eine
-klatschende Ohrfeige, denn Hedi war gar nicht in Laune, auf Klaras
-Geschwätz einzugehen. Die Kleine ahnte ja nicht, daß sie, Hedi, soeben
-in einem fünfzigpferdigen Tourenwagen dahinraste, eine Staubbrille vor
-den Augen, Ströbel steuerte -- wenn ein Pneu platzte, konnte es eine
-Katastrophe geben.
-
-Klara saß still und sah dem Mond zu. Ihr Gesicht war in Licht getaucht
-und ihre Augen gleißten. Schneeweiß und leuchtend war sie wie ein
-Gespenst. Sie atmete das Licht ein, sie war angefüllt vom Licht, und
-gleißendes Licht floß durch ihre Adern.
-
-Das Paradies lag vor ihren Blicken ausgebreitet.
-
-
-10
-
-Otto wickelte sich fröstelnd in den Mantel.
-
-Es war schon das beste, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht wahr?
-Sein Zug würde fahren, das stand fest! Er würde fahren, einerlei, was
-passierte. Kühle Gesichter, steife Verbeugungen, laute Unterhaltungen
-mit erkünstelt ruhigen Stimmen. Dann aber kommt der Augenblick, wo man
-plötzlich ein fernes Brummen hört. Die Front! Irgendwo in der Einöde
-hält der Zug, nur noch Männer, nur noch Soldaten. Autos, Wagen,
-Kommandostimmen, Dunkelheit, Schmutz, Regen, der Geruch einer öden
-Gegend. Geschütze poltern, Granaten winseln, es ist ganz wie früher. Die
-Kameraden kriechen aus den Unterständen, Hände strecken sich einem
-entgegen, man ist laut, man ist fröhlich, aber alles ist -- Lüge.
-
-Er wußte nicht einmal, ob er sie noch in der alten Stellung finden
-würde. Diese Stellung lag Tag und Nacht unter schwerem Feuer, aber doch
-war sie angenehm im Vergleich zu den flachen Gräben seinerzeit in
-Flandern, wo sie bis an die Brust im eisigen Wasser hockten und völlig
-gelähmt, an zwei Stöcken einherhumpelten.
-
-Aber all das ist es nicht, nicht das Feuer, die Nässe, die Kälte, die
-Entbehrungen. Es ist das riesengroße Antlitz des Todes, das da draußen
-über den Trichterfeldern steht. Es ist nichts als die grauenhafte Furcht
-vor dem Tode, wenn man das Leben liebt, nichts sonst.
-
-Das allein ist die Wahrheit! --
-
-Ein freudiger Schreck lähmte seinen Schritt.
-
-Stand nicht etwas Weißes am Fenster -- das weiße Buch? Nein, nichts, der
-Reflex einer Gaslaterne. Finster das Haus. Das eiserne Gartentürchen war
-verschlossen. Otto berührte den Drücker, er war eisig kalt. Die kahlen
-Zweige der Büsche peitschten auf und ab, und Otto sah durch die
-brodelnde Efeuwand hindurch in Gängen und Zimmern die Heiligenfiguren in
-ihren grotesken Verrenkungen.
-
-Sie schlief, fest und tief, aber ihr Blick glänzte über dem schwarzen
-Hause.
-
-Quer durch den brausenden, finstern Tiergarten führte Ottos Weg. Ströbel
-wohnte bei den Zelten. Die Fröhlichkeit mußte jetzt in dieser Stunde
-ihren Höhepunkt erreicht haben -- ja, schnell, schnell! Gierig erraffen
-von der Nacht, was noch zu erraffen ist. Fort!
-
-Immer rascher ging er dahin, gepeitscht von Begierde und Qual. Die Zeit
-wanderte unter den Sohlen seiner Stiefel. Mit jedem Schritt wanderte ein
-Stückchen Zeit rückwärts, ein zertretenes Staubkorn Zeit floh mit
-rasender Schnelligkeit zurück in Nichts. Ja, Sand war die Zeit,
-rinnender Sand, rasend rinnender Sand, nichts sonst. Ein Meer, ein
-Sandmeer rinnt -- und schon ist ein Jahrhundert vergangen -- schon ein
-Jahrtausend. Ein Riesenkrater rinnt, und Städte, Völker, Kontinente
-kommen ins Gleiten und rinnen hinunter -- ins Nichts. Zeit, welch
-entsetzlicher Begriff! Glücklich Tiere und Götter, die ihn nicht kennen.
-
-In diesem Moment trat der Mond aus dem dunkeln Gewölk. Auch er raste
-dahin -- wie alles auf dieser Welt, das vor dem sicheren Untergang floh
--- raste, obgleich einige Jahrtausende bei ihm keine Rolle spielten.
-Aber eines Tages würde seine langweilige Visage bersten und er, zusammen
-mit dem Staub dieser Erde, den Schwanzzipfel eines Kometen bilden, der
-zum großen Staunen der Astronomen plötzlich vor der Linse der Teleskope
-erscheint -- irgendwo in undenkbarer Ferne.
-
-Noch sieben Stunden! Rasend stürzte Otto vorwärts. Die Zweige des
-brausenden Parkes griffen nach ihm. Und plötzlich schrie Otto -- wild,
-wie ein Tier. Er war jung und er liebte das Leben.
-
-
-11
-
-»Einen Augenblick nur!« Schon hatte der General die Mappe mit den Akten,
-die heute noch alle bearbeitet werden mußten, aufgeschlossen. Den einen
-Schlüssel besaß er, den andern hatte sein Bureauoffizier in Händen. Kein
-unbefugter Blick konnte in diese geheimen Aktenstücke dringen, es war
-alles bis ins Kleinste wohlorganisiert.
-
-Er lehnte sich im Sessel zurück. Die Teegesellschaft bei Dora hatte ihn
-ermüdet. Nichts strengte ihn in letzter Zeit so an wie die Gespräche
-durcheinanderschwirrender Stimmen. Anders die Sitzungen, die er mit
-einem Zucken der Brauen lenkte! Aber in einer Gesellschaft, wo jeder
-glaubte sprechen zu können, wann und wie lange und wie laut es ihm
-beliebte, ja: wie laut, das war es -- Einen Augenblick nur --
-
-Reserven -- ungeheure Heere -- wie eine Sturmflut werden sie sich
-dahinwälzen . . . schon schlief der General.
-
-Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, kaum kam das erste tiefe
-Röcheln aus seiner Brust, da wurde er auch schon wieder geweckt. Etwas
-pickte am Fenster, wie ein Finger, ein Fingernagel. Er wandte den Kopf:
-durch die Scheibe starrte ein kleines, glänzendes, stahlblaues Gesicht.
-Eine faustgroße Larve von leuchtendem Blau -- in der Tat, ein intensives
-Blau, wie eine Spiritusflamme in einem dunkeln Raum -- und erloschene
-Fischaugen mit einem toten Glanz. Von diesem stahlblauen, aus sich
-selbst leuchtenden Gesicht ging Drohung und Hohn aus, obschon das
-Gesicht ohne jede Regung durch die Scheiben starrte.
-
-Der Schrecken, den das Gesicht durch die Scheiben strahlte, war so
-stark, daß der General nun wirklich erwachte. Er hatte, wie er sofort
-konstatierte, eine volle Stunde verschlafen. Unwillkürlich wandte er den
-Blick zum Fenster -- aber es war natürlich nichts zu sehen, die grünen
-Vorhänge waren dicht geschlossen. Er räusperte sich, laut und ungeniert,
-wie es seine Gewohnheit war, und warf einen Blick durch die Vorhänge
-hinaus auf die Straße. Nichts, natürlich. Regen, Dunkelheit, keine Seele
-weit und breit.
-
-Plötzlich aber stand dieses Gesicht, das ihn aufgeschreckt hatte, wieder
-vor ihm -- und zwar dicht vor ihm in der Luft des Zimmers -- auch die
-Augen mit dem toten Glanz. Es ist, ja ja, es ist jener -- von heute
-nachmittag, natürlich, dachte der General. Er hatte das Gesicht
-nachmittags kaum beachtet. Es ist jener kleine Alte, der den Brief
-überbracht hat.
-
-Ein übrigens völlig wirrer Brief, den er nur überflogen hatte -- wirres
-und törichtes Zeug, was dieser kleine Alte mit dem blauen Gesicht
-. . . Ja, wo steckte der Brief eigentlich. Hier, nun siehst du, schon
-dieser Umschlag --
-
-Der General konnte aber nun nicht mehr widerstehen, obschon die
-Aktenmappe dickbäuchig dalag, eigentümlich. Er war neugierig geworden,
-mehr als das. Er entfaltete den Brief und las ihn -- langsam, immer
-langsamer, immer aufmerksamer.
-
-Wie heute abend unter der Lampe des Foyers, stieg Röte in sein Gesicht,
-aber nicht eine leichte Ziegelröte, sondern -- Feuer. Die Stirn legte
-sich in tiefe Falten --
-
-Wie --? Nein, in der Tat, er hatte den Brief nicht gelesen.
-
-Aber --? Was wollte er -- gefallen, auf der Höhe der Vier Winde, auf
-Quatre vents -- nun, und -- wie? -- sogar von Ruth stand etwas hier,
-denn Ruth war wohl gemeint -- wie? Nein -- er hatte den Brief wirklich
-nur ganz flüchtig überflogen -- er erinnerte sich nur, daß von der Bitte
-um eine Audienz die Rede war.
-
-Wirr -- mehr noch, viel mehr als wirr:
-
--- untertänigst bitte ich um eine Audienz. Mein einziger Sohn, Robert,
-hat unter dem Befehl des Herrn Generals gekämpft. Er ist am 5. August
-beim Sturm auf Quatre vents gefallen. Er war begeisterter Soldat, Jäger,
-die einzige Hoffnung und der Stolz seiner Eltern. Ich bitte, mir
-gnädigst mitzuteilen, wo sein Grab sich befindet, und besonders, _ob das
-Grab nicht den Granaten ausgesetzt ist!_ Dies beunruhigt mich sehr, so
-daß ich gänzlich schlaflos geworden bin --
-
-Wie? Was meint er? Ob das Grab --?
-
-Der General ist in ungeheure Erregung geraten. Seine Augen starren.
-
-Die Höhe! Ja, der Brief hat die Erinnerung an die Höhe in seinem Blut
-geweckt.
-
-Das dunkle, mit Borsten bestandene Ungeheuer qualmt plötzlich wieder vor
-den Augen des Generals: Quatre vents! Der 4., 5. und 6. August -- am
-Abend des 6. war sie verloren!
-
-Am 4., 5. und 6. ratterten die Lastautos vorüber, der Schmutz spritzte
--- behangen mit Schwärmen von Menschen. Rote Gesichter, schweißhelle
-Augen -- sie schwangen die Helme: hurra -- und der General, auf der
-Treppe seines Schlosses -- salutierte. Welches Feuer! Die Erde bebte --
-jetzt hörte er es wieder! Die Hölle! Brennend stürzte ein französisches
-Flugzeug in den Schloßpark, mitten in den Rosengarten.
-
-»Herr General, die Jägerbataillone!«
-
-»Ich komme.«
-
-Und die Autos schaukelten, rollten, rasten: hurra!
-
-Die Höhe von Quatre vents war ein Friedhof von zwölf Stockwerken.
-Deutsche, Franzosen, Deutsche, Franzosen. Aber sie lagen nicht nach
-Nationen geschichtet, die Minen rissen ganze Stockwerke hoch und
-schleuderten die Toten durch die Luft. Der Spaten stieß auf den Schädel
-eines Franzosen, daneben traf er auf einen deutschen Infanteriestiefel.
-Auch auf Knochen stieß er, nicht auf frische, sondern auf alte gelbe
-Knochen und Skeletteile, denn auf der Höhe von Quatre vents hatte sich
-ein alter Friedhof befunden. Ein Dorf lag früher da oben -- wo war es
-hin? In Atome zermalmt. Die Minen hatten die Kuppe der Höhe abgetragen.
-Zentnerweise wurde Dynamit in die Stollen gestopft -- ganze Kompagnien
-und Bataillone flogen hoch -- hoch Deutschland! -- vive la France! Sie
-kehrten nicht wieder.
-
-Der General hatte die Höhe nur zweimal betreten. Einmal in einer
-sternenklaren Nacht (wie unvergeßlich funkelten die Gestirne!), als es
-ganz ruhig war. Die Laufgräben hauchten eine eisige Kälte und fauligen
-Geruch aus, man trat auf Körper und wußte nicht, ob sie lebten oder tot
-waren -- sonst hatte die Höhe, über die vereinzelte Kugeln zischten,
-nichts Furchtbares, und der General sagte sich im stillen, daß all die
-Geschichten von den Schrecken der Höhe von Quatre vents übertrieben
-wären. Das zweitemal zeigte die Höhe schon etwas mehr ihr wahres
-Gesicht. Der General kam am grauenden Morgen, und die Franzosen warfen
-schwere Flügelminen, die wie einstürzende Häuser krachten. Ganze
-Schwärme der langhälsigen, gierigen Raubvögel stießen auf die Kuppe
-herab. Zuweilen schob man ihn hastig in einen Unterstand oder einen
-Quergang, wenn der Schatten der Mine in der Nähe niederrauschte. Denn
-er, der General, hätte sich nicht von der Stelle gerührt. Angesichts
-seiner Offiziere und Leute, die aus den Stollen lugten, hätte er sich
-ohne Wimpernzucken in Stücke reißen lassen. Damals passierte ihm auch
-die -- offen zugestanden -- Albernheit mit jener ungeschickten Frage.
-Nun wohl, sein Gehirn hatte unter dem Eindruck der herabstoßenden
-Stahlvögel und des Lawinenkrachens einfach versagt. In einem
-eingeebneten Grabenstück lag ein blutgetränktes Tuch, etwas wie eine
-zerfetzte Unterhose, in einer Lache von Blut. Es war so viel Blut, daß
-der General keineswegs vermuten konnte -- kurz und gut, er fragte: »Na,
-ihr habt wohl geschlachtet?« Welche unbegreifliche Albernheit. -- Die
-Grabenoffiziere antworteten mit einem verlegenen Lächeln. Und plötzlich
-sah der General ein Stück von einem Menschen an der Grabenwand kleben,
-daneben ein Stück des Hinterkopfes mit kurzen Haaren. Wie peinlich war
-ihm die Frage! Noch heute erinnert er sich voller Scham deutlich des
-verlegenen Lächelns der übernächtigten, vom Grabendienst beschmutzten
-Offiziere.
-
-Um acht Uhr saß er schon wieder in seinem Quartier beim Frühstück.
-
-Ein drittes Mal betrat der General die Höhe nicht.
-
-Er sah sie das letztemal, als sie verlorenging, das heißt er sah nicht
-die Höhe, sondern Nacht und ein Büschel roter Notsignale, die ohne
-Unterbrechung in der Nacht aufglühten -- Hilfe! -- und hoffnungslos
-sanken.
-
-Das also war Quatre vents.
-
-Schwer atmend ging der General hin und her.
-
-Deutlich hörte er wieder die Stimme des Adjutanten. Die Jägerbataillone,
-Herr General! Also auf einem dieser Autos saß er -- unter hundert andern
--- mit den roten Gesichtern und den schweißgleißenden Augen -- er, jener
--- wie hieß er doch -- Robert! Am 5.! Ja, am 5., da hatte er noch
-Hoffnung -- am Mittag des 6. wurde er schwankend und befahl einen
-letzten Gegenangriff -- am Abend, da waren nur noch die roten
-Leuchtkugeln . . .
-
-Erst allmählich verflog die Erregung. Plötzlich lag die dickbäuchige
-Aktentasche wieder auf dem Schreibtisch.
-
-Sonderbare Menschen gab es! Sein Grab? Daß man es wagen durfte, ihm
-solch einen Brief zu senden!
-
-Und da -- was schrieb er am Schluß:
-
--- sollten Exzellenz geneigt sein, mir diese Audienz zu bewilligen, so
-könnte ich Mitteilungen über das gnädige Fräulein machen, die Exzellenz
-gewiß interessieren würden. Ein Unglücklicher. --
-
-Ja, sonderbare Menschen . . .
-
-Der General zerriß den Brief und warf die Fetzen in den Papierkorb.
-Schon war er in die Akten vertieft.
-
-Aber noch nach einer Stunde zitterte seine Hand: Hätte man ihm damals
-die verlangte Unterstützung geschickt -- noch heute wäre Quatre vents in
-seiner Hand!
-
-
-12
-
-»Sind Sie es, Otto?«
-
-»Ich dachte schon, die Polizei kommt. Sie machen wieder einen solch
-furchtbaren Lärm.«
-
-Ströbel öffnete seinen Gästen selbst. Er hatte nach zehn Uhr keine
-Dienstboten mehr im Hause, um gänzlich ungeniert sein zu können.
-
-Wüster Lärm drang aus der Wohnung. Das ganze Haus bebte. Dieser Herr
-Ströbel -- oder Herr v. Ströbel, niemand wußte es genau -- besaß vor dem
-Kriege nichts als ein paar gutsitzende Anzüge, darunter einen
-schwarzweiß karierten Sommeranzug, der so auffallend war, daß man sich
-heute noch an ihn erinnerte, einen Zylinder und einige Paar sehr
-elegante, etwas dandyhafte Schuhe. Das war alles, was er besaß -- dazu
-Beziehungen.
-
-Heute war er reich, er hatte eine Motorenfabrik, und seine Beziehungen
-waren noch besser geworden.
-
-Er war auch kurze Zeit im Felde -- aber das war eine Geschichte für sich
-. . .
-
-»Welch abscheuliches Wetter«, rief Otto aus und schüttelte sich. Seine
-Augen flackerten vor Unruhe.
-
-»Das Wetter ist nicht das Schlimmste«, erwiderte Ströbel, der sich in
-einen Sessel der Diele geworfen hatte und die Lackschuhe gegeneinander
-klappte. »Es ist die Finsternis! Eine nordische Stadt ohne Licht -- wie
-stellen Sie sich das vor? Es ist ein schlechter Scherz! Eine nordische
-Stadt ist der Finsternis abgerungen und das Produkt des Lichts. Das
-Licht gab ihr Inspiration, Energie, Laune. Im Süden -- Sie waren nie im
-Süden? -- da braucht man kein Licht -- Himmel, Sterne. -- Aber
-hier oben? Ohne Licht sinkt eine nordische Stadt wieder in
-Bedeutungslosigkeit zurück. Verdunkeln Sie London und es wird ein
-armseliger, kleiner Fischereihafen --.«
-
-»Nennen Sie Berlin eine nordische Stadt?«
-
-»Natürlich. Es fiel früher nur nicht auf. Jedenfalls aber -- schlimm,
-Otto, schlimm! -- geht diese Stadt vor die Hunde. Ja vielleicht ist es
-schon so weit -- wir wissen es nicht mehr --«
-
-Otto schrak zusammen: Drinnen fiel ein Schuß. Geschrei. Händeklatschen.
-
-»Wird bei Ihnen geschossen?«
-
-»Ja, die Feuerwalze ist hier, produziert sich als Kunstschütze. -- Sie
-kennen ihn doch? Hauptmann Falk.«
-
-Der Qualm, die Gesichter, der wilde Lärm -- von Otto wich augenblicklich
-alle Unruhe. Jene unvergeßliche Szene glitt ihm durch den Sinn: in der
-Nacht, bevor das Regiment ins Feld rückte, hatte einer der Kameraden,
-ein Hauptmann Below -- lange tot, und zwar als erster gefallen -- der
-sich vom Liebesmahl früher zurückziehen wollte, eine Droschke ans Kasino
-bestellt. Man kaufte dem Kutscher höchst einfach die Droschke ab! Diese
-Droschke wurde bei der Steintreppe aufgestellt, die fünfundzwanzig
-Stufen tief vom Kasino in den Park hinunterführte. Freiwillige vor!
-Augenblicklich war die Droschke überfüllt. Wie ein Schwarm hingen die
-Kameraden auf dem Gefährt. Ein kleiner Schwung, und die Fahrt in die
-Tiefe begann. Die Droschke zersprang in tausend Stücke, aber nichts
-passierte.
-
-Sie alle indessen -- von allen Offizieren des Regiments lebten nur noch
-sechs, zwei davon waren Krüppel.
-
-Mit strahlender Miene trat Otto ein, bereit, sich kopfüber in den
-Strudel der Fröhlichkeit zu stürzen und jede Ausgelassenheit
-mitzumachen. Wohltuend schlug ihm die Atmosphäre der
-Kameradschaftlichkeit entgegen. Hier kannte man ihn. Hier wußte man zum
-Beispiel, daß er 1915 einen französischen Offizier, der verwundet
-zwischen den Stellungen liegengeblieben war, trotz aller Knallerei in
-den Graben geschleppt hatte -- nicht aus Barmherzigkeit, nein, nur um zu
-zeigen, was für ein Bursche dieser Hecht-Babenberg war!
-
-Welche Gesellschaft! Fast alle ergraut, fahl und erschöpft. Hauptmann
-Wunderlichs helle Katzenaugen blinkten, die Krücken lehnten wie immer
-hinter seinem Sessel. Ein schwarzer Glacéhandschuh über der Holzhand.
-Ein junger, totenbleicher Leutnant mit schräggeneigtem, verbundenem
-Kopf, aus dem Lazarett entsprungen. Ein Herr im Smoking, blond und
-schön, den leeren Ärmel in die Tasche geschoben. Auch einige geschorene
-Billardkugelköpfe mit Knollen am Schädel waren da, Majore, Hauptleute.
-Aber sie waren in der Minorität. Ein grünes Gesicht, mit Monokel, selbst
-ein Blinder saß da, vergnügt ins Licht blinzelnd. Otto erblickte auch
-einige Offiziere seines Vaters: den Adjutanten Weißbach, den hünenhaften
-Major Wolff. Viele von ihnen waren dreimal, fünfmal verwundet gewesen,
-morgen konnte die Reihe wieder an sie kommen. Der Krieg zog sich hin.
-
-Alle aber waren in angeregter Stimmung, und auf ihren fahlen,
-zerfurchten, verwüsteten Gesichtern lag ein leichtsinniger, kindlicher
-Ausdruck.
-
-»Also hier ist er -- hier kommt er!« schrie Hauptmann Falk Otto
-entgegen. Dieser Hauptmann Falk, mit dem sonderbaren Spitznamen
-»Feuerwalze«, war ein kleiner, klapperdürrer Mensch, rothaarig, mit
-staubgrauem Gesicht -- nur um die Augen zogen kranke gelbe und olivgrüne
-Ringe. Er sprach hastig und mit einer hohen Kehlkopfstimme, die
-unangenehm und herausfordernd klang. Wie Hauptmann Wunderlich, der
-Menschenjäger, trug er den höchsten Kriegsorden. Er war ein verwegener
-Bursche, hatte die schlimmsten Tage an allen Fronten mitgemacht, und für
-die, die ihn kannten, war es unbegreiflich, daß er überhaupt noch lebte.
-Er selbst behauptete kugelsicher zu sein. Immer wieder tauchte er von
-Zeit zu Zeit in Berlin auf, um die wenigen Tage Urlaub zu
-durchschwärmen. Dann kam er drei, vier Tage nicht ins Bett, und erst auf
-der Rückreise zur Front schlief er sich aus.
-
-»Rasch, Hecht!« schrie er und fuchtelte mit einer Pistole. »Sie können
-die Saharet gewinnen!«
-
-Eben diese Saharet stürzte sich Otto mit einem kleinen Katzenschrei
-entgegen.
-
-»Sie werden sehen,« rief sie, »ich kenne Otto --!«
-
-Sie war ein kleiner schwarzhaariger Irrwisch mit runden Katzenaugen.
-Ihrer -- sehr entfernten -- Ähnlichkeit mit der Tänzerin Saharet
-verdankte sie ihren Namen. Früher hieß sie -- ja, wer sollte es wissen?
-Ströbel hielt sie als eine Art Hauskatze. Sie räkelte sich auf den
-Sesseln, telephonierte, das war ihre ganze Beschäftigung. Sie sprach
-geziert wie eine Ausländerin, eine Russin, eine russische Fürstin, und
-spielte die große Dame. Mit einem Wort, sie war ungeheuer lächerlich.
-Welchen Grund hätte auch Ströbel sonst gehabt, die Saharet zu halten?
-
-Ja, also die Sache war die: die Saharet sollte ausgeschossen werden, als
-Preis sozusagen. Sie wollte dem ein Schäferstündchen gewähren, mit oder
-ohne Publikum, der sich ein Glas vom Kopf schießen lassen würde. In
-irgendeinem Vorstadttheater hätte sie einmal Wilhelm Tell gesehen.
-
-»Abgemacht, gut, abgemacht!« Hauptmann Feuerwalze hatte soeben zwei
-Likörgläschen auf fünf Meter Entfernung freihändig vom Büfett
-geschossen, er war zu allem bereit -- ein Glas vom Kopf, schön -- bitte
-nur zu befehlen.
-
-Hier aber begannen die Schwierigkeiten. Niemand hatte Lust, seinen Kopf
-zu riskieren -- schon war die Saharet gekränkt, daß man ihre
-Schäferstündchen so niedrig einschätzte, sie ließ die Katzenaugen im
-Kreise gehen, schmollte, bettelte -- da kam Otto, und sie stürzte sich
-auf ihn.
-
-Otto, der Retter, der Lohengrin der Saharet!
-
-Die Augen der Kameraden, alle Blicke waren auf ihn gerichtet, das
-Gelächter, das flehende Schmeicheln der kleinen Saharet, Otto konnte
-nicht widerstehen. Ohne zu überlegen, beseelt vom Wunsche gleich in den
-Mittelpunkt der Gesellschaft zu treten -- nein, was für ein toller Junge
-war doch dieser Otto! -- erklärte er sich augenblicklich bereit. Ein
-Glas Sekt, und die Vorstellung kann beginnen.
-
-»Wie? Sofort?« -- Bravo! Ungeheurer Beifall!
-
-Die Saharet tanzte vor Entzücken auf einem Bein und klatschte in die
-Händchen. »Ach, wie reizend, dieser Otto!« Höchst persönlich kredenzte
-sie das Glas Sekt.
-
-»Also los, fertigmachen«, schrie Hauptmann Falk mit wilden Augen.
-
-Unter Gelächter und Scherzen wurde Otto gegen eine Wand gestellt. Es
-zeigte sich indessen zur allgemeinen Verwunderung, daß ein Glas auf
-seinem Schädel nicht so ohne weiteres stand. Ein kleines Buch, bitte!
-Darauf also stellte der kleine aus dem Lazarett entsprungene Leutnant
-mit dem verbundenen Kopf ein Sektglas. Sofort aber protestierte die
-Saharet. Das Glas war zu groß. Was sollte das für ein Kunststück sein?
-Sie selbst suchte ein kleines Weinglas heraus, rückte einen Stuhl heran
-und stellte es eigenhändig auf Ottos Kopf. »Nein, wie reizend von Ihnen,
-Otto!«
-
-»Nun, fertig, los,« schrie die Feuerwalze, »macht Platz.«
-
-»Also -- ein Schäferstündchen?«
-
-»Wieso ein Schäferstündchen? Nein, nein --«
-
-»Was also --?«
-
-»Einen Kuß -- Otto! Einen Kuß!«
-
-»Schön -- auch für ein Küßchen mache ich es.«
-
-»Zurück! Sprechen Sie nicht, Hecht, sonst fällt das Glas herunter.«
-
-»Es ist ein völliger Wahnsinn!« protestierte Major Wolff, der Hüne, der
-noch einigermaßen nüchtern war. »Sie sollten es verbieten, Ströbel!«
-
-»Verbieten, wieso?« entgegnete Ströbel erstaunt. »Niemand hat weniger
-Rechte als der Wirt.«
-
-Hauptmann Falk stärkte sich mit einem Kognak.
-
-»Wenn Sie glauben, daß ich ewig hier stehenbleiben werde«, sagte Otto
-ungeduldig, und das Glas wackelte auf seinem Kopfe.
-
-»Sofort, bitte -- ich eröffne das Feuer«, schrie Hauptmann Falk.
-
-»Achtung, meine Herren!« Hauptmann Falk schwang die Pistole. Aber in
-diesem Augenblick warf ihn der Rausch einige Schritte zur Seite. Er
-wandte sich empört um. »Ich bitte gehorsamst, mich nicht an den
-Rockschößen zu zerren --«
-
-»Sie sollten lieber die Sache sein lassen«, sagte Major Wolff.
-
-»Weshalb denn?« schrie Hauptmann Falk mit wütender Miene. »Sobald ich
-abdrücke, stehe ich wie eine Statue. Sie können sich auf mich verlassen.
-Also los, ich eröffne das Feuer.«
-
-»Ruhe!« rief die Saharet und preßte die Hände auf das Herz. Wie spannend
-es doch war!
-
-Der Lauf der Pistole war auf Otto gerichtet. Langsam bewegte sich das
-runde Loch an ihm in die Höhe. »Daß mir jetzt niemand ein Wort redet,«
-schrie Hauptmann Falk, »sonst schieße ich Hecht die Kugel in den Kopf.«
-Alles war mäuschenstill. Die Saharet stand mit gefalteten Händen.
-Ströbel betrachtete voll Interesse Otto, der unmerklich mit den Augen
-zwinkerte, als die Mündung der Pistole zwischen seine Augen gerichtet
-war.
-
-Otto hatte eine ganz gleichmütige, etwas belustigte Miene aufgesetzt.
-Ich wünsche jetzt nur das eine, dachte er, daß mir die Kugel mitten in
-die Stirn fährt. Mitten in die Stirn und Schluß! So drücke doch ab! Er
-war ganz ruhig . . .
-
-Da wanderte das Loch der Mündung um einen Millimeter höher. Hauptmann
-Falk hatte die Zähne zusammengebissen, so daß die Backenknochen aus
-seinem grauen, mageren Gesicht vorstanden. Dann hielt er den Atem an,
-und im gleichen Augenblick zersplitterte das Glas.
-
-Welcher Beifall! Welche Ovationen!
-
-Augenblicklich aber ergriff die Saharet, aus Koketterie, die Flucht.
-Gläser zerschellten, Stühle krachten. Sie riß eine Tischdecke mit allem,
-was darauf war, herunter. Aus Höflichkeit, aus gar keinem andern Grund,
-hatte Otto die Verfolgung aufgenommen. Dieser schmale, armselige Mund
-reizte ihn nicht. Endlich hatte sich die Saharet in der Ecke der
-Bibliothek verrannt. Sie konnte weder vorwärts noch rückwärts und
-versuchte, an den Bücherregalen in die Höhe zu klettern. Aber als auch
-das nicht gelang, ergab sie sich, um Hilfe schreiend, in ihr Schicksal.
-
-Schon hatte Otto die Hände ausgestreckt -- plötzlich aber schwankte er
-und wurde weiß wie eine Wand. Erregt von der Jagd, berauscht, hatte ihn
-plötzlich Schwindel ergriffen. Das Gesicht der Saharet verschwamm, ihre
-Augen -- ein entsetzliches, halbverwestes Gesicht erschien, mit
-blinkenden Zähnen, ein Totenantlitz.
-
-»Ich werde fallen!« fuhr es ihm durch den Sinn, mit der Gewißheit einer
-Erleuchtung, die keinen Zweifel zuläßt. Und dies war der Augenblick, wo
-er bleich wie eine Wand wurde.
-
-Wieder erweiterten sich seine Pupillen, wieder wurden seine Augen zu
-Kratern voller Grauen. Ja, jetzt hatte er verstanden.
-
- * * * * *
-
-Schokolade knabbernd hockte die Saharet hoch oben auf dem Klubsessel, in
-dem der hünenhafte Major Wolff saß, der die Bank hielt. Die fahlen,
-verwüsteten Gesichter mit den grauen Schläfen drängten sich um den
-Tisch. Karten, Banknoten flatterten. Auch der Blinde spielte, er machte
-mit dem Einarmigen im Smoking ein Kompaniegeschäft. Nur Ströbel spielte
-nicht. Er füllte die Gläser.
-
-Otto gewann -- ganz im Gegensatz zu seinem sprichwörtlichen Pech beim
-Spiel. Im Augenblick hatte er, obschon er ohne jede Überlegung, völlig
-sinnlos spielte, dreitausend Mark gewonnen. Auch das war auffallend!
-
-Und wenn ich falle, dachte er, was ist dabei? Viele Hunderttausend sind
-gefallen, weshalb sollte ich, gerade ich, verschont bleiben? Es ist
-schließlich völlig egal!
-
-Noch einmal, einmal noch wollen wir das Schicksal befragen --
-
-Die Bank war in eine Verlustserie geraten. Sie hatte sechsmal bezahlt,
-und es war völlig unwahrscheinlich, daß das Glück ein siebentes Mal
-gegen sie war.
-
-»Dreitausend Mark Einsatz, Herr Major?« fragte Otto. Gewann er, gegen
-alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit, nun, so würde er es glauben, so war
-es sicher . . .
-
-Die Bank verlor ein siebentes Mal.
-
-»Ich werde fallen, gut!« -- Otto zählte die Scheine, die man ihm
-zuschob, und steckte sie in die Tasche.
-
-»_Und ich werde sie nie wiedersehen!_«
-
-Er stand auf.
-
-»Viertausenddreihundert -- erstes Geschütz --!« kommandierte Hauptmann
-Weißbach, der in einem Sessel eingeschlafen war und mit offenem Munde
-dalag, die bleiche Stirn in Falten zerknittert.
-
-
-13
-
-Nacht, der Regen rieselte, schwarzer Regen.
-
-Die Riesenstadt schlief, sie keuchte im Schlaf. Die Menschen schwitzten,
-in ihren Betten, trotz der eisigen Kälte der Wohnungen. Der kalte
-Schweiß stand auf ihren Stirnen, mit offenen Augen starrten sie in die
-Dunkelheit. Es war nicht mehr wie früher, da die Riesenstadt nachts
-aufschrie -- weißt du noch, am Anfang des Krieges? In jeder Nacht
-gellten entsetzliche Schreie aus Häusern und Höfen, furchtbares Jammern
-und verzweifeltes Schluchzen -- die Depeschen regneten herab auf die
-Riesenstadt: gefallen, gefallen, dein Sohn, dein Gatte, dein Geliebter,
-der Ernährer deiner Kinder, gefallen, gefallen -- und die Riesenstadt
-schrie! Das Geläute der Glocken, die die Siege feierten, summte noch in
-der Luft, mit Blumen geschmückte Jünglinge und bärtige Männer stürzten
-sich hinaus --
-
-Nun schrien sie nicht mehr, sie lagen still, die verkrallten Finger in
-die Brust geschlagen, sie setzten sich in den Betten auf und flüsterten
--- einen Namen.
-
-Still lag die große Stadt und dunkel.
-
-Erloschen die Feuersbrünste, die nächtlich aus den Bahnhöfen
-emporloderten und den Himmel röteten, früher, nur noch scheue Lichtnebel
-über der unendlichen Finsternis der verkohlten Stadt. Heulend und
-winselnd rollten die Züge zwischen den finstern Häusern. Es waren die
-Transporte, die des Nachts in die Stadt schlichen, in die halbdunkeln
-Bahnhöfe, und die blutenden Menschen von den Schlachtfeldern brachten.
-Dieselben, die mit Blumen geschmückt die Stadt verlassen hatten. Der Tag
-durfte sie nicht erblicken. Riesenschatten schwankten über die hohen,
-verstaubten Bahnhofsmauern, Tragbahren glitten hin und her, Automobile
-schlichen auf ihren Gummirädern verstohlen durch die Straßen, hin und
-zurück, hin und zurück. Dann erloschen die Bahnhöfe und versanken in die
-Dunkelheit, bis wieder ein Zug winselte und schrie: ich bringe sie
-. . . Und wieder schwankten die Riesenschatten über die verstaubten
-Backsteinwände, wieder glitten die Tragbahren hin und her, wieder
-schlichen die Automobile auf ihren Gummirädern verstohlen durch die
-Straßen, hin und zurück. Die ganze Nacht hindurch, jede Nacht.
-
-Schon winselt ein neuer Zug -- und viele sind noch unterwegs, weit
-draußen zwischen den Kartoffeläckern und Rübenfeldern, über die der
-Regen fegt. Viele, Abertausende --
-
-In jeder Nacht schlägt die Flut des blutigen Ozeans bis ins Herz der
-Stadt.
-
-Im Grauen des Tages aber fahren die stillen Wagen von den Lazaretten
-durch die Vorstädte, immer weiter, bis zu den Friedhöfen. Mit Kisten
-beladen. Darin liegen sie, die mit Blumen geschmückt hinauszogen, ohne
-Kleider, ohne Stiefel, ohne Wäsche, nackt, aber sie frieren nicht mehr.
-Es ist Anfang Februar des Jahres 1918 --
-
-Stumm fließen die Straßen dahin, ohne Ende. Höhnische Gespenster die
-Laternen an den Ecken. An den ausgebrannten Häusern hängen windschief
-die Firmenschilder. Riesenbuchstaben, kalt, bleich, Leichen. Die Namen
-sind nicht mehr, die Firmen sind erloschen, die Magazine sind leer. In
-der finstern Nacht kommen die Schatten zurück, sitzen an den
-Schreibtischen der Bureaus, schleichen durch die leeren Magazine.
-Schatten wimmeln die Treppen herab, Boten, Briefträger, gefallen.
-Straßenkehrer fegen die finstern Straßen, gefallen. Schatten von
-Omnibussen huschen zwischen den Fluten treibender Schatten dahin, die
-die Straßen überschwemmen, ein Meer. Die Kutscher der Omnibusse
-gefallen, die flinken Pferde gefallen. In jeder Nacht kehren die Toten
-in die tote Riesenstadt zurück.
-
-Ängstlich lugt der Wächter um die Ecke. Seine Zähne klappern vor Furcht,
-die leichenhaften Riesenbuchstaben an den Häuserwänden starren auf ihn,
-sie winken, sie lächeln so eigentümlich -- ach!
-
-Da erzittert die tote Straße! Ein Schritt dröhnt, rasch, eilig. Ein
-Sturmschritt, der Schritt eines Läufers, der dahinjagt. Eine Stimme
-ruft. Die schlaflosen Menschen in den kalten Betten richten sich auf:
-schauerlich hallt die Stimme durch die dunkle Stadt. Die schweißigen
-Haare sträuben sich -- was ruft er? Wieder? Wie in jeder Nacht . . .
-
-Ein weiter, feldgrauer Soldatenmantel flattert um die dunkle Ecke. Er
-jagt durch die Straßen! Hände, zum Fluch gestreckt, züngeln empor.
-Dröhnend rollt die Stimme über die schwarzen Häuser.
-
-»Wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen!«
-
-Sind es diese Worte?
-
-Die Menschen, die in den Betten horchen, verstehen die Worte nicht. Es
-sind uralte Worte, tausendjährige, sie fühlen es, es sind Worte des
-Fluchs und des Untergangs.
-
-Der Wächter entflieht. Ein Soldat! Flink sind sie heute mit dem Messer
-. . .
-
-In der Ferne schon schallt die Stimme. Sie rollt die endlosen Straßen
-entlang, hinaus in die Vorstädte, hinaus auf das flache Feld. Lange noch
-hängt ihr Hall zwischen den schlafenden Häusern.
-
-Die Hausecken sind finster. Aber sobald der weite Soldatenmantel an
-ihnen vorüberflattert, strahlt plötzlich Licht aus den dunkeln Wänden:
-die schwarzen Steine haben ein Auge aufgeschlagen. Ein Wort leuchtet aus
-der Dunkelheit:
-
- »_Alle Völker sind Brüder!_«
-
-Kalkweiß flattert der weite Soldatenmantel im Schein einer fernen
-Laterne -- schon ist er verschwunden. --
-
-Wieder ist es still, wieder liegt die Riesenstadt tot wie eine Stadt aus
-Asche.
-
-Draußen aber, die Vorstädte gleißten. Um die Stadt aus Asche schwang ein
-Gürtel blendenden Lichts -- die gleißenden Feenpaläste der Fabriken
-schwammen in der Nacht. Der rote Dampf zischte, aus den Schloten quollen
-Schatten, dick und schwarz wie bei Kriegsschiffen in voller Fahrt. Die
-Räder schwangen, der Boden zitterte. Abertausende standen an den
-Drehbänken, das Öl spritzte -- Abertausende schleppten Granaten,
-schraubten, polierten. Abertausende von übernächtigen bleichen
-Arbeiterinnen saßen im grellen Licht der Bogenlampen an den
-Arbeitstischen, füllten, wogen, verschnürten.
-
-Und die schweren Züge keuchten dahin, hinaus.
-
-Das ganze Land arbeitete in dieser Nacht, in jeder Nacht, Millionen
-Hände -- der Tod war ihr Besteller.
-
-
-14
-
-Der Tiergarten brauste, in seiner Tiefe grollte es wie die Brandung des
-Meeres. Die Wipfel mahlten in der Finsternis, und zuweilen peitschte ein
-Zweig ohne jeden Grund rasend den Himmel. Ohne Aufhören floß der Regen
-herab.
-
-Finsternis, kein Licht weit und breit. Doch halt, im Hause des Generals
-wurde nun ein Fenster hell. Es war das Fenster gleich rechts vom
-Hauseingang, Ottos Zimmer.
-
-Der Morgen war nahe.
-
-Am Rande des Tiergartens stand ein Schutzmann in seinem Regenmantel. Er
-horchte. Ein Schuß --? Er schabte mit den schweren Stiefeln auf dem
-Pflaster und ging ein paar Schritte über die Straße. Er blickte hinüber
-zu den Gärten, hinter denen die Regierungsgebäude liegen. Vielleicht hat
-sich jemand in den Regierungsgebäuden erschossen? Ein Minister? Wie?
-Wie? Und doch ein Schuß, sagte der Schutzmann und zog sich tiefer in das
-Dunkel des Tiergartens zurück. Jede Nacht erschoß sich hier jemand --
-ein Soldat, ein Bankrotteur, ein Verschmähter. Der Schutzmann bohrte
-seine Augen in den finstern Park und versuchte mit seinem
-Polizistenblick das Dunkel zu schrecken.
-
-Immer noch war Ottos Zimmer, gleich rechts vom Hauseingang, hell
-erleuchtet. Immer noch sang melancholisch der Regen.
-
-Nun aber dämmerte Licht auch in den Gemächern links vom Hauseingang. Die
-Türe zum Schlafzimmer des Generals wurde geöffnet, und ein Schleier von
-Licht drang durch die Gardinen.
-
-Da erschien die breite Gestalt des Generals in der lichten Türe. Der
-General war im Schlafrock und taumelte schlaftrunken. Er verlor immerzu
-die zinnoberroten Pantoffeln, während er sich in das Vorderzimmer
-tastete. Ein Schatten kroch vor ihm her.
-
-»Wie sagst du --?« Er räusperte sich, seine Mundhöhle war ausgetrocknet,
-denn der General schlief mit offenem Munde und schnarchte. »Verletzt,
-sagst du --?« Er bemühte sich, die Schnur des Schlafrocks zuzuziehen, um
-sich nicht zu erkälten. Schon wieder hatte er einen Pantoffel verloren
-und tastete mit dem nackten Fuße danach.
-
-»An der Hand -- der Herr Oberleutnant --«
-
-»Man sollte doch meinen, daß er mit Schußwaffen umzugehen versteht!«
-schrie der General den Burschen an. Eigentlich hätte er dies Otto sagen
-sollen, aber in derartigen Augenblicken wandte er sich mit Vorliebe an
-Untergebene.
-
-»Mache Licht!«
-
-Zornrot ragte der Kopf aus dem fleischfarbenen Schlafrock. Auch dieser
-Schlafrock zeigte karmesinrote Aufschläge, nicht so groß wie der Mantel,
-aber von der gleichen Farbe.
-
-»Beim Packen also --? Was soll das Gestotter!«
-
-»Der Herr Oberleutnant wollte den Revolver in die Kiste schieben, da
-ging er los -- ganz von selbst. Er ist schon einmal losgegangen.«
-
-Mit wütenden Schritten ging der General durch die Zimmer. Der
-fleischfarbene Schlafrock wehte. Plötzlich aber hielt er den Schritt an
-und tastete mit der Hand gegen einen Türrahmen. »Ein Glas Wasser,
-Jakob«, sagte er. »Und dann -- hörst du -- wecke meine Tochter, sofort
--- aber nicht du sollst sie wecken -- sondern wecke Therese, und Therese
-soll meine Tochter wecken. Wangel soll sofort das Auto holen.«
-
-Das Blut war aus seinem Kopf gewichen, er war totenbleich geworden. Er
-taumelte ein paar kleine Schrittchen rückwärts, bis seine Hand eine
-Stütze an einem Sessel fand. Der Atem pfiff in kurzen Stößen aus seiner
-Brust.
-
-»Und nun also ein Glas Wasser!«
-
-Der General hatte nur einen flüchtigen Blick durch Ottos halboffene Tür
-geworfen. Otto stand gestiefelt und gespornt, rasiert und frisiert, fix
-und fertig zur Abreise. Auf dem Boden lag die gepackte kleine graue
-Offizierskiste. Er sah völlig nüchtern aus, gesammelt, ohne jede Spur
-von Betrunkenheit.
-
-Und dann ein Handtuch -- zusammengerollt, wie ein blutiger Klumpen
-. . . Es war eine Schwäche des Generals, daß er kein Blut sehen konnte.
-Es war ihm immer peinlich gewesen -- im Felde, wo es sich doch nicht
-vermeiden ließ -- aber es war eine Schwäche, die er schon in der
-Kadettenzeit gehabt hatte. Es war ganz hoffnungslos, dagegen
-anzukämpfen.
-
-Man hörte Therese an Ruths Türe pochen. Man hörte sie halblaut rufen.
-Dann ging die Türe. Therese verschwand in Ruths Zimmer und kam nicht
-wieder.
-
-Nun?
-
-Endlich -- nach langer Zeit kam Therese wieder zum Vorschein. Ihre Miene
-war verstört. Hilflos blieb sie an der offenen Türe stehen. Therese --
-sie hieß gar nicht Therese, aber sie wurde, seit sie im Hause des
-Generals lebte, so genannt, sie hieß Ernestine -- Therese war, wie
-häufig, von ihrer Angst vor dem General gelähmt. Sie fürchtete ihn für
-gewöhnlich, sie ließ sich nicht gerne in ein Gespräch mit ihm ein, lebte
-für sich in den hinteren Räumen und kam nur selten nach vorn. Aber bei
-besonderen Ereignissen steigerte sich ihre Furcht zum Entsetzen. Und in
-diesem Augenblick erschien ihr der General wahrhaft erschreckend -- in
-seinem fleischfarbenen Schlafrock und den roten Pantoffeln. Ihre Augen
-zerrannen vor Ratlosigkeit, ganz wie seinerzeit, als sie vor dem Gericht
-aussagen sollte. Damals, als der General den Prozeß führte und man sie
-kreuz und quer über alles Mögliche ausforschte. Damals, als es keine
-Ruhe mehr im Hause des Generals gab, nur Tränen. Therese fühlte, daß
-wiederum etwas nicht in Ordnung war.
-
-Der General aber starrte sie an, er begriff nicht. Sein Schnurrbart
-zitterte, und Therese, die dieses Anzeichen sehr gut kannte, machte eine
-verzweifelte Anstrengung zu sprechen. Ihr altes Gesicht legte sich in
-tausend Runzeln und kleine Falten, als ob sie weinen wollte. Die Finger
-zupften an den rasch übergeworfenen Kleidern.
-
-»Ruth ist nicht hier.«
-
-Der General hatte nicht recht gehört.
-
-»Sie ist nicht in ihrem Zimmer.«
-
-»Nicht hier --?«
-
-Aber gerade in diesem Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit auf ein
-Geräusch an der Türe gelenkt. In der Türe der Diele drehte sich ein
-Schlüssel, und er wartete voller Spannung, was nun geschehen würde.
-Zuerst erschien also eine kleine Hand, in grauen Handschuhen. Dann der
-braune Pelzbesatz eines Ärmels, und schließlich stand Ruth in voller
-Person mitten in der Türe. Auf ihrer kleinen, braunen Pelzmütze lagen
-Regentropfen. Ruth erschrak nicht. Ihre braunen Augen, die weichen,
-leuchtenden Augen der Sommerstorf, waren voller Erstaunen auf den
-General gerichtet.
-
-Dann aber begannen ihre Blicke sich langsam mit Unruhe zu füllen. Das
-Leuchten erlosch, sie wurden dunkel.
-
-
-
-
-Zweites Buch
-
-
-1
-
-Der Tag graute, und noch immer schwang der gleißende Lichtgürtel um
-Berlin.
-
-Vor wenigen Wochen, im Januar, lagen die blendenden Fabrikpaläste der
-Vorstädte plötzlich einige Nächte lang dunkel da. Die eisernen Tore
-blieben geschlossen, die Räder standen still, die Kesselfeuer waren
-erloschen. Hunderttausende von regsamen Händen, wo waren sie? Was war
-geschehen?
-
-Streik, mit einem Wort. Streik, jetzt, gerade in diesem Augenblick, wo
-man die Vorbereitungen traf für die letzte große Anstrengung, die den
-Sieg bringen sollte. Das englische Gold rollte -- der General behauptete
-es -- das englische Gold rollte durch die Straßen Berlins, Millionen und
-abermals Millionen. Scharen von Agenten waren von Albion ausgesandt
-worden, um die Front der Heimat zu unterminieren. Es wimmelte von
-Spitzeln und Spionen. Man klebte Zettel an die Häuser, Laufzettel gingen
-durch die Fabriken -- das englische Gold war allmächtig.
-
-Es kam zu Zusammenrottungen -- da draußen. Patrouillen streiften durch
-die Stadt, Schwärme von Berittenen mit Karabinern, Maschinengewehre
-waren auf den Dachböden aufgestellt, da und dort -- sollten sie nur
-kommen -- von da draußen! Halbwüchsige Burschen zogen über die Linden
-und pfiffen. Aber die Schutzleute stürzten aus den Häusern und
-ohrfeigten sie.
-
-Straßenbahnwagen wurden umgestürzt. Durch die Stadt fuhren reihenweise
-Wagen mit eingeworfenen Fensterscheiben. Das englische Gold hatte es
-weit gebracht.
-
-Die Streikenden sandten einen Ausschuß, um zu unterhandeln. Aber der
-Minister -- plötzlich machte er sein Rückgrat steif -- lehnte ab,
-weigerte sich -- bitte recht sehr. Er forderte gesetzlich zulässige
-Vertreter. Er witterte eine Ungebührlichkeit, etwas, was überhaupt noch
-nicht dagewesen war, das sich erkeckte, zu rütteln, an den Grundpfosten
-zu rütteln . . .
-
-Die Streikenden forderten Brot, und die Regierung versprach.
-
-Die Streikenden forderten -- sie deuteten es nur an, aber es ging aus
-ihrer ungesetzlichen, hochverräterischen Haltung deutlich hervor . . .
-Es schien ihnen an der Zeit, nachzudenken. Herzogshüte und Königskronen
-sollten vergeben werden, da und dort, an alle möglichen Vettern, nun
-gut, wenn es Vergnügen machte, aber es schien ihnen doch an der Zeit,
-mit dem Überlegen zu beginnen. Der letzte Kupferkessel war dahin,
-beschlagnahmt aus der Küche des armen Weibes, die Lokomotiven brachen
-auf der Strecke zusammen, in den Kasernen exerzierten Knaben und
-Krüppel. Schließlich war Amerika immerhin eine Macht, mit der man
-rechnen mußte, auch wenn es nicht imstande war, Flugzeuge zu bauen und,
-wie man schwarz auf weiß nachgewiesen hatte, unmöglich ein Heer über den
-Ozean schaffen konnte. Trotzdem. Die deutschen Truppen standen in
-Finnland, im Kaukasus, in --
-
-Nein, sie sprachen es nicht in klaren Worten aus, aber sie wollten doch
-ganz bescheiden darauf hinweisen, daß es eigentlich an der Zeit sei --
-
-Aber gerade das, hm, verletzte den Minister. Er witterte --
-
-Endlich nahmen die Generale die Sache in die Hand, und im Handumdrehen
-war der Streik zu Ende. Man brauchte nur etwas zuzugreifen und sofort
-ging es. Die Generale waren für individuelle Behandlung. Wer ein Gewehr
-tragen konnte, wurde in die Schützengräben verbannt, andere wanderten
-ins Gefängnis und einige ins Irrenhaus. Die eingeschlagenen
-Fensterscheiben der Straßenbahnwagen wurden durch neue ersetzt -- nichts
-war geschehen. Nichts blieb zurück als ein leises, unterirdisches
-Grollen, unhörbar für Ohren, die aus Greisenschädeln wuchsen.
-
-Obwohl der Streik nur wenige Tage gedauert hatte, sprach der General die
-Möglichkeit aus, daß dadurch der Sieg gefährdet sein konnte -- konnte,
-nur eine Möglichkeit . . .
-
-Das war also im Januar gewesen. Nun aber regten sich wieder Tag und
-Nacht die ungezählten Hände, zerfressen von dem schlechten Öl, das von
-den Drehbänken spritzte und die Ölkrätze hervorrief. Die Feenpaläste
-schwammen wieder strahlend in den Nächten, der Lichtgürtel flammte
-wieder um die Riesenstadt. Und im grauen Morgen, zur Zeit des
-Schichtwechsels, rollten wie früher die Züge überfüllt mit Menschen, als
-sei nichts geschehen. Hunderte von gelben Gesichtern in jedem Abteil,
-Hunderte von gelben Gesichtern auf den Trittbrettern, auf den Dächern,
-überall. Und die bleichen, übernächtigen Mädchen, die die Patronen
-packten, kreischten und schrien.
-
-Auch an diesem grauen Morgen rollten ganz wie sonst zur Zeit des
-Schichtwechsels die Züge mit den gelben und todbleichen Gesichtern.
-Hustend und frierend hasteten Kleiderbündel durch die Straßen der
-Vorstädte, voller Angst, rechtzeitig die Kontrolle der eisernen Tore zu
-passieren. Der Westen der Stadt lag noch in tiefem Schlaf, die Wächter,
-die den Schlummer der Reichen bewachten, gähnten.
-
-Auch an diesem Morgen rollte mit der Minute der bekannte Zug nach der
-Westfront. Eine Leiche sah auf den Bahnsteig, suchte, pfiff sogar etwas
--- die Leiche -- es war Hauptmann Falk.
-
-Wo bleibt denn dieser Knabe? Aber Otto kam nicht, und Hauptmann Falk zog
-das Fenster hinauf, hüllte sich in den Mantel und schlief augenblicklich
-ein, bevor der Zug die Station recht verlassen hatte.
-
-Die Feuerwalze war auf der Heimreise. --
-
-Der Tag dampfte über den Kartoffeläckern und Rübenfeldern im Osten von
-Berlin, und graue Wolken schleppten sich über die Laubenkolonien
-zwischen den roten und gelben Backsteinmauern der Vorstädte, über die
-Halden mit Bauschutt, Papierfetzen und verbeulten Eimern. Hinter den
-grauen Wolken aber kam ein Funke! Der Funke leckte feurig einen
-Wolkenrand und ein Blitz blendete hervor. Da begannen die gelben und
-roten Backsteinmauern der Vorstädte zu blühen, die Fensterscheiben
-funkelten, das Millionenauge der Riesenstadt blitzte. Die Trompeten in
-den Kasernenhöfen schmetterten, und Tausende von Männern erhoben sich
-von den elenden Lagern.
-
-Ein Lichtbüschel züngelte mitten durch das Fenster einer Mietskaserne im
-Nordosten Berlins -- einer grauen, mürrischen Mietskaserne, über deren
-Fassade sich die Riesenaufschrift »Leihhaus« erstreckte -- und blendete
-in ein aufgeschlagenes Buch. Dieses Buch lag auf einem kleinen Tisch
-dicht am Fenster des armseligen Zimmers. Das Buch flammte, Feuer schlug
-heraus: es war die Bibel!
-
-Eine Hand hatte Verse angestrichen, und diese Verse brannten unter dem
-Lichtstrahl:
-
-»Und die Könige auf Erden, und die Obersten, und die Reichen, und die
-Hauptleute, und die Gewaltigen, und alle Knechte, und alle Freien
-verbargen sich in den Klüften und Felsen an den Bergen.«
-
-»Und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallet auf uns, und verberget
-uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn
-des Lammes.«
-
-»Denn es ist kommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?«
-
-Da glühte das ganze Buch, flammte auf und brannte.
-
-Neben dem Buch stand eine kleine Schreibmaschine veralteten Systems. An
-der Türe des kleinen Zimmers hing ein großer, weiter, grauer
-Soldatenmantel.
-
-Nun trat ein junger Mann ins Zimmer, und während er in den Mantel
-schlüpfte, fielen seine Blicke auf die aufgeschlagene Bibel, die im
-Lichtstrahl flammte.
-
-»Auch die Apokalypse gibt keine Deutung!« sagte der junge Mann
-kopfschüttelnd, mit rasenden Augen, und schloß das Buch. Sofort erlosch
-es, schwieg es, wurde es stumm.
-
-»Diese apokalyptischen Reiter -- sie sind Schemen. Das Blut stieg bis an
-die Zäume der Pferde -- er sollte es mit eigenen Augen sehen -- die
-Pferde versinken im Blut!«
-
-Da aber traf der Lichtstrahl ihn mitten ins Herz. Er fuhr zusammen,
-seine rasenden, dunkeln Augen richteten sich ins Licht und flammten in
-seinem bleichen Gesicht.
-
-Er sah nicht die Schutthaufen mit den Papierfetzen und rostigen Eimern,
-nicht die Lauben mit den schwarzen Lumpen auf den Dächern: er sah das
-Licht, das sich zwischen düsteren Wolkensäumen durchfraß und die
-Herrschaft über die Dunkelheit an sich riß.
-
-Seine Finger berührten das heilige Buch, zuckten.
-
-»_Ich glaube! Ich glaube!_« schrie er dem Licht entgegen.
-
-
-2
-
-Auch der alte Portier, der Veteran von 70, war schon wieder auf seinem
-Posten. Zuweilen trat er aus der Loge und spuckte aus. Und da -- ist es
-zu glauben? -- da war auch schon wieder jener Aufdringliche, jener
-kleine, ältere Herr. Er zog den steifen Hut.
-
-»Seht an -- Sie? Schon wieder?« begrüßte ihn der Portier unfreundlich.
-Und vorwurfsvoll fuhr er fort: »Sie haben mich in eine hübsche Lage
-gebracht, das muß ich sagen!«
-
-»Hübsche Lage --? Um Gottes willen --?«
-
-»Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr?«
-
-»Jawohl, Herbst.«
-
-»Etwas war offenbar nicht in Ordnung mit Ihrem Brief, Herr Herbst!«
-
-»Nicht in Ordnung --?«
-
-»Nein. Seine Exzellenz -- Sie haben doch gutes Papier genommen?
-Jedenfalls haben Seine Exzellenz --« Der Portier in seinem im Laufe der
-Kriegsjahre etwas schäbig gewordenen Mantel brach ab, öffnete die
-Glastüre der Loge und verbeugte sich. »Guten Morgen, Herr Oberst!« Säbel
-rasselten, ordenglitzernde Brüste schwebten am Glasfenster vorüber,
-Lackstiefel, rote Streifen, Pelzkragen. Die Soldaten und Schreiber
-huschten die Granittreppen hinauf. Der Dienst begann wieder, dieselbe
-Sache, wie seit Jahren.
-
-»Jedenfalls war etwas mit Ihrem Brief nicht in Ordnung. Seine Exzellenz
-waren -- hm -- ungehalten.«
-
-»Sie selbst haben mich doch ermutigt.«
-
-»Höflich und richtig abgefaßt. Ich habe gesagt, versuchen Sie es.
-Reichen Sie ein Gesuch um eine Audienz ein. Haben Sie gehorsamst
-geschrieben?«
-
-»Ja, gehorsamst habe ich geschrieben.«
-
-»Der Umschlag, ich sagte Ihnen ja gleich, ein weißer wäre besser
-gewesen. Diese hohen Herren haben ihre Eigenheiten. Sie sehen auf
-Kleinigkeiten, wenn zum Beispiel auch nur ein ganz kleiner Schmutzfleck
-da ist -- Guten Morgen, Herr Major, Herr Rittmeister! -- Es ging ja noch
-gut ab, aber es hätte leicht ein Donnerwetter setzen können, schon
-fürchtete ich einen Blick zu bekommen, ja, wissen Sie, einen Blick --!
-Und nun ist heute nacht diese Sache passiert -- wissen Sie -- diese
-Sache --«
-
-»Welche Sache?«
-
-»Nun, der Sohn Seiner Exzellenz -- der Herr Oberleutnant,« die Stimme
-des Portiers sank zu einem Flüstern herab, »er hat Malheur gehabt mit
-dem Revolver, beim Packen. Der Revolver hat sich geklemmt, und schon
-ging also der Schuß los -- in die Hand.«
-
-»Ist es möglich?«
-
-»Nun können Sie sich vorstellen, was für eine Aufregung das hier im
-Hause ist! Der Adjutant war schon hier und gab mir einen Wink. Denn
-sehen Sie, wenn Exzellenz schlecht gelaunt sind, dann ist nicht zu
-spaßen mit Exzellenz. Für gewöhnlich sind Exzellenz ja ganz umgänglich
--- freundlich sogar . . . Aber« -- plötzlich musterte der Portier seinen
-Besuch -- »hören Sie -- Sie sind ja ganz naß, völlig durchnäßt?«
-
-»Ich bin in den Regen gekommen.«
-
-»In den Regen? Und wie Sie aussehen, Herr! Als ob Sie auch nicht ein
-Auge zugetan hätten?«
-
-»Wie ich Ihnen schon sagte, ich bin zuweilen vollkommen schlaflos --«
-
-Der alte Portier, mit den weißen Haarsträhnen, den kleinen Medaillen aus
-Kupfer und Blech auf der Brust des zu weiten Mantels, schüttelte den
-Kopf -- kritisch, mißbilligend. Hier in seiner Loge --
-
-Der Havelock, das heißt der Herr mit dem Havelock, Herr Herbst, machte
-allerdings einen jämmerlichen Eindruck. Sein rostbrauner Havelock, der
-viel zu lang war und bis an die schmutzigen Stiefel reichte, war
-zerknittert und dunkel vor Nässe. Der schwarze steife Hut, der bis an
-die abstehenden Ohren fiel, war glänzend schwarz vom Regen, das Band,
-das die Krempe säumte, einfach vollgesogen mit Wasser. Sein Gesicht war
-keineswegs stahlblau, sondern gelblich bleich, von ungesunder Färbung,
-mit merkwürdigen gelben Flecken, klein, hohlwangig und von tiefen
-Furchen zergraben. Öffnete er den kleinen, faltigen Mund mit dem
-weißgrauen Stoppelbärtchen, so wurden gelbe Zahnstumpen sichtbar -- und
-seine Glatze zog bis ins Genick, nur einige Härchen, grauweiß
-gekräuselt, deuteten noch den Haarkranz an -- und diese großen,
-abstehenden Ohren! Seine wasserhellen Augen waren entzündet und tränten,
-sie schwammen fortwährend in Wasser. Es war ein Mensch, der nichts auf
-sein Äußeres gab -- sich vernachlässigte, schlaflos, krank offenbar --
-sein Sohn -- der alte Portier fühlte plötzlich Mitleid, obschon es ihm
-peinlich war, daß dieses durchnäßte Herrchen sich in seiner Loge befand.
-Wenn jemand hereinkäme, nicht ein Schreiber, vor ihnen hatte er keine
-Angst, aber, nehmen wir an, ein Offizier?
-
-»Und, sagen Sie -- lieber Herr -- was wollen Sie nur wieder, schon so
-früh --?« fragte er, plötzlich aufs äußerste erstaunt.
-
-»Ich wollte --« hier errötete Herr Herbst und wurde sehr unruhig --
-»nun, ich wollte doch nachsehen, ob keine Antwort --?«
-
-»Antwort --?«
-
-»Der General sollte Ihnen Bescheid geben, wann die Audienz --?«
-
-Der Portier schlug erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. »Also
-auch mich ziehen Sie mit hinein -- mich?«
-
-»Es schien mir das Einfachste --«
-
-»Das Einfachste -- und Exzellenz werden nun denken --!« Und wieder
-schlug der Portier außer sich die Hände über dem Kopf zusammen.
-
-Herr Herbst fühlte nur zu deutlich, daß seine Position hoffnungslos
-verloren war. Hastig fuhr er mit der kleinen, schmutzigen Hand in den
-zerknitterten Havelock und zog ein Zigarrenetui aus der Rocktasche, ein
-großes Etui aus Aluminium.
-
-»Ich bitte«, stotterte er.
-
-»Nun kommen Sie mir wieder mit Ihren Zigarren.«
-
-»Nehmen Sie ruhig, mein verehrter Herr!«
-
-»Ich will Sie nicht berauben. Heutigentags ist eine Zigarre eine
-Kostbarkeit. Danke. Also -- keine Adresse, Sie Unglückseliger --?«
-
-»Nein. Ich wußte auch nicht recht welche -- ja, wie sollte ich es machen
--- ich habe -- zwei Wohnungen.«
-
-»Zwei Wohnungen haben Sie?«
-
-»Ja, zwei. Ich weiß nicht, wo ich eigentlich wohne.«
-
-»Zwei Wohnungen, und er weiß nicht -- ja, eigentümlich -- ein
-eigentümlicher Herr sind Sie --«
-
-»Es kommt alles _daher_ -- alles _daher_ --« stotterte Herr Herbst zu
-seiner Entschuldigung.
-
-In diesem Augenblick klappte draußen ein Wagenschlag. Es war fünf
-Minuten nach neun Uhr. Der Portier schrak zusammen und warf einen
-raschen Blick durch das Guckfenster.
-
-»Seine Exzellenz! Seine Exzellenz!« rief er in höchster Aufregung aus.
-»Exzellenz darf Sie hier nicht sehen. Um Gottes willen -- daß Sie mir
-nicht durch die Türe blicken!«
-
-Und schon stürzte der Portier zitternd hinaus, um dem General seinen
-Bückling zu machen.
-
-Der Mann im Havelock floh erschrocken in die Ecke der Loge. Sein Herz
-schlug vor unbeschreiblicher Angst. Er preßte das Zigarrenetui aus
-Aluminium vor die Brust. Er stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand
--- dann aber zwang ihn eine Macht, gegen die es keinen Widerstand gab,
-langsam, ganz langsam den Kopf zu drehen und durch die Glastüre zu
-lugen.
-
-Soeben ging der General an der Loge vorüber. In Gedanken versunken, wie
-gewöhnlich, stieg er die Granittreppe hinauf.
-
- * * * * *
-
-»Gott sei Dank, Exzellenz hat Sie nicht bemerkt!«
-
-Aufatmend trat der Portier in die Loge zurück. »Und gar nicht schlecht
-gelaunt, ja, sonderbar. Wer soll sich bei diesen hohen Herren auskennen?
-Er sagte, sogar: >Guten Morgen, Heinecke<.«
-
-Der Havelock wagte sich wieder aus seiner Ecke hervor. Seine tränenden
-Augen forschten in dem alten Frauengesicht des Portiers. »Und --?«
-
-»Was meinen Sie -- und?«
-
-»Kein Bescheid?«
-
-Der Portier schlug verzweifelt die Hände zusammen.
-
-»Sie glauben also, mein lieber Herr, Exzellenz hat an nichts anderes zu
-denken als an Ihr Gesuch«, rief er ärgerlich. »Um fünf Uhr haben Sie das
-Gesuch abgegeben! Um acht Uhr waren Sie schon wieder da! Kaum beginnt
-der Tag, so kommen Sie -- ich bitte Sie, mein verehrter Herr --!«
-
-»Verzeihen Sie --«
-
-»Exzellenz hat natürlich den Kopf vollgestopft mit allen möglichen
-Dingen. Exzellenz hat dreihundert Leute unter sich, verstehen Sie, was
-das heißt? Offiziere und Beamte und Mannschaften -- dreihundert. Da gibt
-es Befehle und Schreibereien -- täglich kommen über hundert Telegramme
--- jeden Augenblick ruft die Oberste Heeresleitung an -- na und so zu --
-und da glauben Sie --! Ich muß offen mit Ihnen reden. Sie sind nie
-Soldat gewesen?«
-
-»Nein.«
-
-»Nun, da haben wir's. Dann können Sie freilich nicht wissen, wie es
-zugeht. Keine ruhige Minute. Seit vierzig Jahren mache ich das mit.«
-
-»Sie selbst haben doch --«
-
-»Ja, leider Gottes habe ich -- aber bedenken Sie doch, was Sie
-verlangen! Eine Audienz! Hunderte warten darauf -- wochenlang! Ich muß
-nun offen mit Ihnen reden. Gestern schreiben Sie und heute glauben Sie
-schon -- Ein General! Bedenken Sie -- und wer sind Sie? -- Ich will
-Ihnen nicht zu nahe treten -- aber wer sind Sie -- oder ich --?
-Vielleicht wird Exzellenz überhaupt nicht antworten.«
-
-»Überhaupt nicht --?!« rief der Mann im Havelock voller Schrecken aus
-und hob die Hände.
-
-»Möglich, weshalb nicht? Ich spreche nun ganz offen mit Ihnen.«
-
-»Aber mein Sohn -- es handelt sich ja --«
-
-»Möglich -- alles möglich -- Sie sind weltfremd, mein Herr, kennen das
-Leben nicht. Aus der Provinz --«
-
-Herr Herbst nahm den Hut. Niedergeschlagen wandte er sich zur Türe:
-»Nun, dann werde ich ein neues Gesuch schreiben!« sagte er entschlossen.
-
-»Um Gottes willen!«
-
-»Wenn er aber auch darauf nicht antwortet -- wissen Sie, was ich dann
-tue --?« Herr Herbst versank in Nachdenken.
-
-»Nun, nun -- wer sollte es für möglich halten --?«
-
-Offenbar fand der Havelock aber keine Lösung.
-
-»Nun jedenfalls ein neues Gesuch -- ja ja -- morgen schon! Ich kann doch
-wohl verlangen -- Als Vater habe ich doch ein Recht -- ein Recht --«
-
-Der Portier brach in ein heiseres Altmännerlachen aus und hustete. »Ein
-Recht! Ein Recht!« schrie er.
-
-»Weshalb nicht, als Vater?« fragte Herr Herbst, schon wieder ganz
-zaghaft und entmutigt.
-
-»Hahahaha -- ehek, ehek!«
-
-Der Mann mit dem Havelock war verschwunden. Als der Portier sich
-ausgespuckt hatte, war weit und breit von ihm keine Spur mehr zu sehen.
-
-
-3
-
-Langsam wandelte der General den endlosen Korridor entlang. Diesen
-Korridor liebte er, und so oft er ihn entlang ging, empfand er ein
-sonderbares Behagen, obschon dieser Korridor genau so häßlich, kahl und
-übelriechend war wie alle Korridore des riesigen Amtsgebäudes. Aber in
-etwas unterschied er sich von den andern Korridoren: er vibrierte
-unaufhörlich von den Maschinen, die im Erdgeschoß arbeiteten. Sie
-erfüllten den kahlen Gang mit ihrer Energie.
-
-Wie täglich, wie stündlich, blieben die Ordonnanzen und Schreiber gegen
-die Wand gedrückt stehen, sobald der General in ihre Nähe kam. Sie
-wandten den Blick nicht von seiner verschlossenen Miene, bis er vorüber
-war. Und selbst dann blickten sie ihm noch eine geraume Weile nach.
-Jetzt erst setzten sie sich, den Kopf ruckweise zurechtdrehend, wieder
-in Bewegung. Die Offiziere, die das Unglück hatten, zufällig über den
-Korridor zu gehen, blieben stehen und machten ihre respektvolle
-Verbeugung. Und der General hob den Finger an den Mützenrand, wie
-täglich, wie stündlich, ohne die Menschen, die vor ihm zurückwichen,
-anzusehen. Sein Blick war zu Boden gerichtet, auf die Steinfliesen, die
-abgeschliffen waren von den genagelten Soldatenstiefeln. Es sah aus, als
-ob die ganze Last der Kriegführung auf seinen Schultern ruhte.
-
-Unter den Steinfliesen arbeiteten die Druckereien. Tag und Nacht
-schleuderten die Rotationsmaschinen Stöße von Kartenblättern heraus,
-die, zu großen, nach Leim und frischer Farbe riechenden Stapeln gehäuft,
-nach und nach sämtliche Korridore des weiten Gebäudes überschwemmten. Es
-waren Karten von allen denkbaren und undenkbaren Ländern, vom Eismeer
-bis zum Äquator -- soweit die scharfen Augen der Generale blickten.
-
-Aus diesen Kartenstapeln strömten Inspirationen. So sah der General in
-diesem Augenblick, ohne jede bewußte Ideenverbindung, deutlich den
-Peipussee vor sich und die strategische Grenzlinie Deutschlands im
-Osten, die schon sein großer Lehrmeister Moltke gezogen hatte. --
-Übrigens, kurios, der Portier, dieser alte Veteran, er sah dem alternden
-Moltke etwas ähnlich, natürlich nur ganz entfernt, soweit ein aus dem
-Unteroffizierstande hervorgegangener Beamter überhaupt einem Heerführer
-ähnlich sehen kann. -- Diese Linie, ja, und im Norden mußte ein
-erstarktes Finnland, fest an Deutschland geknüpft, der Verbündete
-werden: mit der Pistole an der Schläfe mußte Rußland in den Frieden
-hineingehen.
-
-Ein Glück nur, daß dieses elende Diplomatenmachwerk von Brest-Litowsk
-nur ein Provisorium war . . .
-
-Plötzlich wurde die strategische Ostlinie, die scharf wie der Schnitt
-eines Rasiermessers vom Peipussee südlich führte, durch irgendetwas
-gestört. Was war es doch? Ein weiter, grauer Soldatenmantel flatterte
-durch sie hindurch!
-
-Da war er also wieder, seht an . . .
-
-Seit Wochen schon war ihm dieser Mantel aufgefallen, und zwar nur, weil
-er so merkwürdig flatterte, wie kein Mantel sonst. Obschon er immer nur
--- ein sonderbarer Zufall -- einen Zipfel dieses Mantels verschwinden
-sah, konnte er doch feststellen, daß es der Mantel eines gemeinen
-Soldaten war, der nachlässig, unsoldatisch, mit einem Wort
-vorschriftswidrig getragen wurde. In besonderen Stimmungen hatte er in
-dem Flattern dieses Mantels sogar etwas Herausforderndes erblickt --
-eines jener Symptome des Abbröckelns der Disziplin, gegen das er in
-ungezählten Tagesbefehlen ankämpfte -- schon an der Front, was ihm von
-gewissen Seiten wieder übel vermerkt wurde.
-
-Diesmal aber lief ihm der Mantel direkt in die Hände, er konnte ihm
-nicht entgehen.
-
-Der Soldat kam näher, und nun, da er den Schritt verlangsamte, sah der
-General, daß er das eine Bein etwas nachschleppte. Der weite Mantel
-stand an der Wand still, wie alles, was sich hier bewegte, wenn der
-General in Sicht kam.
-
-Der General sah einen einfachen Soldaten von etwa fünfundzwanzig Jahren
-vor sich stehen, mittelgroß, breitschulterig, mit schlichten, für sein
-Alter auffallend ernsten Zügen. Was dem General aber besonders an dem
-Gesicht auffiel, das waren die Augen. Sie waren braun und
-außerordentlich sanft. Es waren die sanftesten Männeraugen, die der
-General jemals gesehen hatte. Und der ganze Bursche, bleich und schlecht
-genährt, wie die meisten Ordonnanzen und Schreiber, die sich im
-Amtsgebäude herumtrieben, der ganze Bursche machte einen ebenso sanften
-und versöhnlichen Eindruck. Nur seine schwarzen Haare waren etwas zu
-lang und standen unter der Mütze vor. Die Haltung dieses Mannes war ohne
-jeden Tadel. Indessen, es lag etwas in dem Ausdruck seines Gesichts --
-ja, wie soll man sagen? In den warmen, braunen Augen schimmerte -- oder
-täuschte er sich -- ein unmerkliches Lächeln, und dieses unmerkliche
-Lächeln lag trotz dem Ernst auch auf dem etwas bleichen Gesicht.
-
-Der General betrachtete das Gesicht in aller Ruhe -- so wie man eine
-Schnitzerei betrachtet. Aber dieser Mann kam nicht in Verlegenheit,
-wurde nicht unsicher, der Ausdruck seiner Augen änderte sich nicht,
-seine Lider bewegten sich nicht rascher. Er blieb gleichmäßig ruhig und
-gleichgültig.
-
-Dieser Mann hatte offenbar keine Angst, von einem hohen Vorgesetzten
-gemustert zu werden, ruhig erwiderte sein Blick den des Generals --
-keine Angst, nicht die geringste.
-
-Hm!
-
-Übrigens hatte der General dieses Gesicht schon irgendwo und irgendwann
-gesehen, obgleich er sicher war, ihm nie im Leben begegnet zu sein. Es
-war ein Gesicht, wie man es auf alten Bildern sah -- ein Gesicht aus
-vergangenen Epochen sozusagen. Auf alten Gemälden und Stichen, von
-Mönchen, Poeten und sonstigen Schwärmern.
-
-Nun stieg eine leichte Röte unter der blassen Haut des Gesichts empor.
-
-Rasch wie Hammerschläge fielen Fragen und Antworten:
-
-»Wie heißen Sie?« -- »Ackermann.«
-
-»Was sind Sie?« -- »Hilfsschreiber!«
-
-»Zivilberuf?« -- »Student!«
-
-»Wo verwundet?« -- »An der Somme!«
-
-Unvermittelt nahm die Stimme des Generals einen strengen Ton an.
-
-»Wenn Sie auch Student sind, so können Sie doch Ihren Mantel
-vorschriftsmäßig zuknöpfen!«
-
-Die Hände des Soldaten fuhren nach den Mantelknöpfen.
-
-»Nachher, mein Sohn«, sagte der General wieder milder und ging.
-
-Schon verschwand er in der grüngepolsterten Doppeltüre.
-
- * * * * *
-
-Etwas unsicher machte Hauptmann Weißbach, der Adjutant, seine Meldung.
-Ottos verletzte Hand war soeben geröntgt worden. In wenigen Wochen
-dürfte Otto wieder völlig hergestellt sein.
-
-»Also, der Arzt befürchtet nicht, daß seine Karriere dadurch beeinflußt
-werden könnte?«
-
-Weißbach erblickte seinen Gebieter durch eine Art Nebel in
-Überlebensgröße. Er hatte die Empfindung, Wolken von Alkohol
-auszuströmen. Wenn man ihm mit einem Streichholz zu nahe kam -- um
-Gottes willen, seien Sie vorsichtig! -- so würde er lichterloh in
-Flammen stehen, augenblicklich -- diese etwas peinliche Empfindung hatte
-der Adjutant. Ganz abgesehen davon konnte jeden Augenblick der
-Parkettboden unter seinen Füßen einbrechen und er im Keller landen, bei
-den Rotationsmaschinen, die Tag und Nacht Karten aller Herren Länder
-ausspien.
-
-Vor knapp einer halben Stunde war er von Ströbel gekommen. Ströbels
-Herrenabende -- die Saharet zählte gar nicht -- pflegten sich stets bis
-zum Morgen auszudehnen. Punkt acht Uhr wurde die letzte Bank abgezogen.
-Dann badete man, rasierte sich und frühstückte. Herrlichen Mokka gab es
-bei Ströbel, Brötchen mit Butter -- einfach alles. Zuletzt noch einen
-Kognak -- und dann los! Ottos Unfall war telephonisch gemeldet worden.
-Augenblicklich hatte Weißbach, so wie es sich für einen Adjutanten
-gehörte, seine »Maßnahmen ergriffen«. Alles telephonisch. Er wollte ins
-Lazarett fahren, sobald eine Minute Zeit war. Er wußte, was man von ihm
-forderte --
-
-Der General befahl mit Ottos Regimentskommandeur im Felde verbunden zu
-werden -- und dann: wenn Anmeldungen vorliegen?
-
-»Der Herr von der Presse.«
-
-»Ich bitte!« Die Verblüffung warf Weißbach nahezu zu Boden.
-
-Seit einer Woche bereits antichambrierte dieser Herr von der Presse, und
-Weißbach wagte kaum noch, ihn zu melden. Der General verachtete alles,
-was mit diesem Gewerbe zu tun hatte -- all diese entgleisten Studenten,
-Gelehrten und Schriftsteller, die die Anmaßung besaßen, die öffentliche
-Meinung machen zu wollen.
-
-Die hohen Bogenfenster spiegelten sich im gewichsten Parkett, der breite
-Goldrahmen des großen Kaiserbildes an der Wand glänzte. Sonst war der
-Arbeitssaal Leere und Kahlheit, bewohnt einzig und allein von Seiner
-Majestät, mit dem Marschallstab und der von Orden, Kreuzen, Sternen,
-Tressen und Schnüren funkelnden Brust.
-
-Von tiefem, feierlichem Blau waren die langen, schmalen Vorhänge an den
-hohen Bogenfenstern, silbergrau die Wände -- zuweilen wichen sie zurück,
-wenn der General arbeitete -- in weite Fernen, und es schien ihm dann,
-als säße er in einem endlosen Nebel.
-
-Der General heftete den Blick auf das Kaiserbild -- täglich tauschte er
-Blicke mit seinem obersten Herrn. Aber die Augen des Soldaten im weiten
-Mantel erschienen vor seinen Blicken: sonderbare Augen, in der Tat --
-genau wie auf den alten Ölgemälden --
-
-Schon trat der Herr von der Presse ein -- mit einem feierlichen
-Bückling, bis zum Parkett. Ein warmer Unterton in der Stimme des
-Generals ermutigte ihn näher zu treten.
-
-Weißbach unterbrach die Unterhaltung.
-
-»Das Regiment«, meldete er. »Befehlen Herr General das Gespräch hier
-hereinzulegen?«
-
-»Ich bitte -- es wird wohl nicht stören?« Der Herr von der Presse wußte
-das außergewöhnliche Vertrauen zu schätzen.
-
-Und der General begann in das Telephon zu schreien: »-- schon
-unterrichtet -- jawohl -- eine Abschiedsfeier, Herr Oberst, die bis
-morgens um sechs Uhr dauerte --« Und nun lauschte der General und
-verbeugte sich am Telephon. Der Regimentskommandeur drückte die Hoffnung
-aus, seinen tapfersten Offizier bald wiederzusehen. Er sagte
-ausdrücklich: tapfersten -- hier verbeugte sich der General -- und
-wieder heulte der General in das Telephon. »Stimmung ausgezeichnet,
-sagen Sie -- prächtige Laune -- Zuversicht -- es wird ja wohl bald
-wieder vorwärtsgehen --« und wieder lachte der General in das Telephon.
-
-»Sie verzeihen die Unterbrechung. Meinem Sohn ist ein kleines Malheur
-zugestoßen. Beim Einpacken, er sollte heute zum Regiment zurück, klemmt
-sich der Revolver, und plötzlich geht er los --«
-
-Auf den Zügen des Pressevertreters malten sich äußerster Schrecken und
-tiefste Anteilnahme.
-
-Untadelig glänzte das Wappenschild der Hecht-Babenberg durch die
-Jahrhunderte. Gerade dieses Wappenschildes wegen deckte der General
-seinen Sohn mit dem eigenen Leibe. Wenn man auch voraussetzen sollte,
-daß vor dem Namen Hecht-Babenberg die Zungen unverantwortlicher
-Schwätzer verstummten, so wimmelte dieses Berlin doch von Neidern und
-Verleumdern -- er selbst konnte ja ein Lied davon singen -- denen selbst
-das fleckenlose Wappenschild der Hecht-Babenberg nicht heilig sein würde
-. . .
-
-Der Dienst verschlang die Zeit, und im Augenblick war es Mittag
-geworden. Punkt ein Uhr raste die graue Limousine davon, um erst vor
-Stifters Diele, Unter den Linden, anzuhalten.
-
-
-4
-
-Der General frühstückte jeden Tag in Stifters Diele. Ruth war zur
-Mittagszeit in ihrer Küche beschäftigt, und allein in dem kahlen
-Speisezimmer zu Hause sitzen --? Nein. Es war am Tage noch ungemütlicher
-als am Abend -- und totenstill.
-
-In Stifters Diele waren wenigstens Menschen und etwas Lärm, gerade so
-viel, wie Leute mit guter Kinderstube ihn beim Dinieren erzeugen, ein
-beruhigender, wohltuender Lärm. Silber klirrte.
-
-Hier, in seiner Nische hinter den Stechpalmen, fühlte der General sich
-geborgen vor den Zudringlichkeiten der Welt. Zuweilen nur drang
-irgendein neugieriger Blick durch die Stechpalmen, um sich sofort wieder
-ehrfurchtsvoll zurückzuziehen.
-
-Stifters Diele war nicht ein gewöhnliches Restaurant, sondern eine
-Speisekapelle: farbige Kirchenfenster, Dämmerung, gedämpfte Lichter und
-dicke Teppiche. Das Speisen hatte hier die Form eines religiösen Kults
-angenommen. Die Kellner murmelten feierlich wie Priester, die die
-Beichte abhören.
-
-Zwischen dem Etablissement und den Gästen bestand eine stillschweigende
-Verabredung: das Etablissement versprach, seine Gäste gesund und
-wohlgenährt durch den Krieg zu bringen, wogegen die Gäste sich
-verpflichteten, zu schweigen und zu zahlen. Es verkehrten fast
-ausschließlich Stammgäste in Stifters Diele. Zumeist hohe Würdenträger,
-die neue Energien für den anstrengenden Dienst zu gewinnen suchten, und
-Junker, die von ihren großen Gütern nach Berlin kamen und die Küche der
-Diele kannten. Manchmal verirrten sich auch zweifelhafte Elemente hier
-herein -- aber sofort kam der Oberkellner, leider alles bestellt, die
-Herrschaften --
-
-Wie eine Orgel summte die tiefe Stimme des Oberkellners. Näher als
-irgendein anderer Sterblicher es hätte wagen dürfen, rückte er dem roten
-Ohr des Generals.
-
-»Bouillon mit Mark oder Klößchen, Exzellenz? -- Mit Klößchen, sehr
-wohl.«
-
-»Hühnerpastetchen, Exzellenz? Heute ist fleischloser Tag, aber -- nur
-für unsere Stammgäste natürlich -- Chateaubriand -- Es ist auch etwas
-Kaviar eingetroffen. Ich darf eine Portion servieren, ohne den Preis zu
-nennen?«
-
-Der General setzte den goldenen Kneifer auf und blickte den Befrackten
-an. »Sie sagten --?«
-
-»Ja, über Finnland. Der russische Friede macht sich schon geltend. Haben
-Exzellenz übrigens die Flagge auf der russischen Botschaft gesehen?
-Nein? Zum erstenmal heute aufgezogen. Etwas Pudding oder Camembert?«
-
-»Camembert!«
-
-»Sehr wohl, Exzellenz. -- Den Wein habe ich schon bereitgestellt. Sehr
-wohl.«
-
-Jeden Mittag pflegte der General eine halbe Flasche Sekt zum Frühstück
-zu trinken. Zuweilen aber nippte er nur am Glase, es hing ganz von
-seinem Befinden ab.
-
-Die Leberklößchen, die auf der Zunge zerschmolzen, die Geflügelpastete
-mit eingehackten Champignons und würzigen Kräutern, das Chateaubriand
-auf englische Art, der Kaviar -- ein Erlebnis sozusagen nach langen
-Jahren -- neue Kraft erfüllte die Nerven, die Unglücksgeschichte Ottos,
-die Plackereien des Dienstes versanken. Nichts blieb, gar nichts, es war
-ein herrlicher Zustand des Schwebens im Nichts. Nur das Gegenüber störte
-die vollkommene Harmonie. Vielleicht würde er doch noch den Platz
-wechseln?
-
-Gegenüber saßen zwei Rittmeister. Mit ihren glattgeschorenen, runden
-Schädeln, voller Höcker und Knollen, ihren gedunsenen Gesichtern, ihren
-rosigen Fettnacken, waren sie die typischen »Etappenschweine«, die nie
-eine Kugel pfeifen hörten. Nichts aber haßte der General mehr als alles,
-was Etappe hieß. Dabei trugen sie ellenlange Ordensschnallen auf der
-Brust. Sie schämten sich nicht einmal, den Halbmond zu tragen, obwohl
-sie nie die Türkei gesehen hatten, einen Orden, den selbst der General
-nicht besaß. Immer tuschelten sie, immer kicherten sie, immer gossen sie
-die Gläser voll -- und goldene Armreife wurden an ihren haarigen
-Handgelenken sichtbar. Sie pflegten dem General ihre Achtung
-auszudrücken, ohne irgendwelche Übertriebenheit: es waren Leute der
-gleichen Gesellschafts klasse. Der General verachtete sie aus tiefster
-Seele.
-
-Schon aber stand der Oberkellner mit einer strahlenden Kerze vor ihm:
-»Eine Zigarre, Exzellenz?«
-
-Gott sei Dank, die beiden Burschen gingen.
-
-Der General legte sich behaglich in den Sessel zurück.
-
-»Aber das Pferdematerial?« fragte eine skeptische Stimme in seinem Ohr.
-Tag und Nacht war er mit den Problemen des Krieges beschäftigt. »Ob die
-Pferde noch den Anstrengungen einer Offensive gewachsen sein werden --?«
-
-»Die Pferde sind ausgeruht -- gut gefüttert und gepflegt«, antwortete
-eine zweite, zuversichtliche Stimme.
-
-Wieder war Ruhe, wieder herrliches Schweben im Nichts. Der General
-verschwand im Rauch der Havanna.
-
-Heute abend würde er bei Dora speisen. Es war Freitag. Dienstags und
-Freitags pflegte der General, wie schon erwähnt, bei Frau v. Dönhoff zu
-Abend zu essen.
-
-Plötzlich aber erhellte ein Gedanke die Augen des Generals. Sie
-erweiterten sich, blinkten hell aus der Dämmerung der Speisekapelle.
-Kalt, wach, nachdenklich. Der Gedanke hatte sie ganz erfüllt.
-
-»_Wo war Ruth?_« fragte er, und die Augen wuchsen.
-
-Dann schlossen sie sich zur Hälfte, nur noch ein Spalt war sichtbar, ein
-Spalt funkelnden Eises.
-
-Und diese unverständliche Bemerkung in dem Brief des kleinen Mannes mit
-dem blaugefrorenen Gesicht --?
-
-Bekam sie nicht plötzlich eine merkwürdige Bedeutung?
-
- * * * * *
-
-»Wie? Wie? Was!« rief der General aus, als er den Fuß vor Stifters Diele
-setzte. Er wankte.
-
-»Wie? Wie!«
-
-»Ist es möglich?«
-
-»Sind die Leute denn wirklich verrückt geworden?«
-
-In der Tat, deutlich spürte er das Schwanken des Bodens unter den Füßen.
-
-»War so etwas möglich? In Berlin?«
-
-»Unter den Linden?«
-
-Die Röte flog in sein Gesicht.
-
-Gegenüber, auf dem Dache gegenüber, wehte im frischen Wind, lustig, wie
-die selbstverständlichste Sache der Welt, hoch oben -- eine blutrote,
-blutrot leuchtende Flagge!
-
-Alle Blicke zog sie auf sich. Man stelle sich vor: eine rote Flagge in
-einer Stadt, wo selbst eine rote Krawatte eine lebensgefährliche
-Herausforderung ist, wo die rote Farbe, wenn sie allein auftritt,
-einfach verpönt ist, wo die Säbel der Polizisten jeden automatisch
-zerfleischten, der es wagen würde, ein rotes Taschentuch zu schwingen,
-um sich damit die Nase zu putzen. Und hier -- ohne weiteres -- wie die
-natürlichste Sache der Welt -- eine rote Flagge, eine rotleuchtende
-Standarte, gehißt an einem richtigen Flaggenmast, auf einem Dache! Die
-Spaziergänger bogen die Hälse, versteinerten, trauten ihren Augen nicht,
-zwinkerten --
-
-Weithin leuchtete die rote Flagge und verkündete den Sieg des russischen
-Volkes über den Herrn der Galgen, siebenschwänzigen Katzen und
-Bleibergwerke -- über das endlose Häusermeer von Berlin strahlte sie,
-funkelte sie.
-
-»Sind sie denn da drüben gänzlich verrückt geworden?« Er meinte die
-Wilhelmstraße.
-
-Und der General versank in düsteres Nachdenken, während der Wagen die
-Linden hinabschoß.
-
-Diese Flagge -- getränkt mit dem Blute gekrönter Häupter und hoher
-Würdenträger . . .
-
-Schamlos.
-
-Zuweilen war es ihm, als höre er über sich ein Knistern, ein Splittern
---
-
-
-5
-
-»Ich glaube!«
-
-»Ich glaube an den Menschen!«
-
-»Ich glaube an die Güte des Menschen und seine Reinheit! Ich glaube an
-seine heilige Bestimmung und seine göttliche Seele! Ich glaube an die
-Brüderlichkeit, die Kameradschaft, an die allerlösende Menschenliebe!
-Dies ist mein Bekenntnis, großer Gott über der Finsternis!«
-
-Mit der ganzen Inbrunst seiner fünfundzwanzig Jahre schrie Ackermann,
-der Soldat, dies Bekenntnis vor sich hin. Soeben flog die bekannte graue
-Limousine an ihm vorüber.
-
-»Ich glaube --!« Die Glocke eines elektrischen Wagens gellte, und er
-sprang mit einem Satz zur Seite. Um ein Haar wäre er überfahren worden.
-Sein weiter, grauer Mantel flatterte dem Brandenburger Tor zu. Mit
-großen, raschen Schritten, wie gewöhnlich, ging er dahin. Er
-gestikulierte heftig, und seine rasenden, dunkeln Augen glühten in dem
-fahlen, mageren Gesicht.
-
-»Ich glaube an die Brüderlichkeit zwischen den Völkern, die sich heute
-zerfleischen! Ich glaube an den Tag, da man die Kanonen und
-Schlachtschiffe zertrümmern, die Grenzpfähle umstürzen und die Flaggen
-zerreißen wird! Ich glaube an den Tag, da die Menschen nur eine Sprache
-sprechen werden, einerlei welche, denn nicht um die Sprache handelt es
-sich, allein um die Gedanken, die sie damit ausdrücken!«
-
-»Ich glaube an den Tag, da kein Mensch mehr den Menschen ausbeuten wird,
-an den Tag, da es weder weiße noch schwarze, noch gelbe, weder männliche
-noch weibliche Sklaven geben wird, an den Tag der gleichen Rechte bei
-gleichen Pflichten! Ja, ich, Ackermann, glaube daran! Ich glaube an den
-Sieg des Rechts über das Unrecht, der Wahrheit über die Lüge! Ich
-glaube, daß göttliche Ideen die Welt bewegen und nicht die Kanonen.«
-
-»Ja, ich, Armseligster unter den Armseligsten, ich glaube an das
-kommende Menschenreich auf Erden -- das Reich der Vernunft,
-Gerechtigkeit, Würde und Schönheit!«
-
-»Auch an dich glaube ich, mein Volk!« rief Ackermann mit rasenden,
-glühenden Augen aus, und durchschritt das Brandenburger Tor. Es ist gut,
-dachte er aufatmend, sich zuweilen sein Bekenntnis zu wiederholen -- in
-dieser entsetzlichen Verfinsterung -- so gut tut es.
-
-In diesem Augenblick wurde sein rascher Schritt urplötzlich gehemmt.
-Etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes, ein Wunder! Feuer lohte durch seinen
-Körper, Glut flog über sein Gesicht, die Hände brannten. Der Himmel
-blendete, der Himmel jubelte. Rot flammte der Himmel über Berlin.
-
-Schon --? Schon --? Verheißung . . .
-
-Er blieb stehen, schob die Mütze zurück über die schwarzen Haare, und --
-so erregt war er -- deutete auf die rote Flagge auf dem Dache. Seine
-Lippen bebten. Ohne jede Regung stand er, gläubiges Feuer die Augen.
-
-Dann nahm er die Mütze ab.
-
-»-- Licht aus dem Osten, Morgenröte --«
-
-
-6
-
-Während der General bei Stifter dinierte, löffelte der Havelock, der
-kleine Herr Herbst, in der Volksküche in der Dorotheenstraße seine
-Kartoffelsuppe. Er kam häufig hierher, aus bestimmten Gründen.
-
-»Also nicht?« flüsterte er aufgeregt vor sich hin. »Und ich wartete
-extra vor dem Restaurant und grüßte, aber er sah mich nicht. Er hätte
-sich gewiß daran erinnert. Nun, vielleicht -- wenn auch dieser Portier
-glaubt -- ein alter Mann, was weiß er?«
-
-Herr Herbst saß in seinem feuchten, dampfenden Mantel, den steifen Hut
-auf dem Kopf, neben einem Fenster, das auf den düsteren Hof hinausging.
-Auf dem Fensterbrett lag noch dieselbe tote Fliege -- wie lange lag sie
-schon da? Wieder stand im Hof das Auto mit den Papierballen. Dieser Hof
-gehörte zu jenem bekannten roten Gebäude in der Dorotheenstraße, wo die
-Verlustlisten auslagen. Jeden Tag kam das Lastauto mit den riesigen
-Ballen der neugedruckten Listen, täglich, seit dreieinhalb Jahren -- sie
-fielen da draußen wie das Laub der Bäume im Herbst.
-
-Wie das Laub -- nicht anders -- so dachte Herr Herbst, voller Gram.
-
-Auch er, sein Sohn -- Robert -- war gefallen -- nun -- wie ein Blatt --
-das einfach fällt . . . ohne daß jemand es sieht . . .
-
-Er nickte vor sich hin.
-
-»Wie ein Blatt --«
-
-Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, während er stöhnte.
-
-»Und niemand sah es!«
-
-Ach, ach, ach!
-
-Plötzlich schrie der Alte laut auf, ein kleiner, verzweifelter,
-quiekender Schrei. Die Gäste an den Nebentischen wandten sich um.
-
-Schon war er wieder still, nur keine Beunruhigung, und schlürfte seine
-Suppe. Der Schmerz hatte ihn überfallen, wie ein reißendes Tier,
-urplötzlich.
-
-Die Küche war zur Stunde in Hochbetrieb. Sie dampfte und klapperte.
-
-Sie roch nach Kohl, wie alle diese Küchen. Ohne Kohl und Rüben hätten
-sie sofort schließen müssen.
-
-Der Havelock aber fand sie elegant im Vergleich zu den Küchen am
-Halleschen Tor und Alexanderplatz. Hier gab es zum Beispiel Bestecke,
-wenn auch aus Blech, aber ohne Pfand, während man in jenen Küchen eine
-Mark als Pfand hinterlegen mußte. Diebe waren die Menschen geworden,
-nichts als Diebe, sie stahlen einfach alles, was sie mitnehmen konnten.
-Hier dagegen verkehrte nur gutes Publikum.
-
-Junge Kaufleute und Bureauangestellte, kleine wächserne
-Stenotypistinnen, düstere, vergrämte Beamte, bleiche, bebrillte
-Studenten, Mappen und Bücher unter dem Arm, einzelne Uniformen. Sie
-standen um die kahlen Holztische und warteten geduldig auf Platz.
-Unaufhörlich ging die Türe, und Nässe und Kälte strömten in das düstere
-Lokal.
-
-Bleich, gelb, mit wächsernen Ohren, die Schultern nach vorn gebogen,
-hustend, trüb die Augen, fiebernd -- sie alle waren schon gezeichnet.
-Die Grippe würde sie holen, heute, morgen, in einem Jahr -- spielt keine
-Rolle, sie entgingen ihr nicht mehr. Die Bretter lagen schon geschnitten
-für sie auf dem Stapel irgendeines Holzplatzes. Aber noch lachten sie,
-die kleinen wächsernen Stenotypistinnen, kicherten. Sollte man es für
-möglich halten -- während schon die Bretter zusammengenagelt wurden? Sie
-erregten sich, debattierten, das Blut stieg in die bleichen Gesichter.
-
-»Haben Sie gelesen -- haben Sie gehört -- nun behaupten sie, daß wir
-Fett aus Leichen herstellen.«
-
-»Fett aus -- wie sagen Sie? Wer --? Fett?«
-
-»Die Entente, natürlich!«
-
-»Diese Schurken, diese --!«
-
-»Ah, ah -- aber das ist doch --!«
-
-»Ist es nicht schlimmer als Mord? Sind wir Verbrecher, Auswurf der Erde?
-Darf man -- ich ertrage es nicht mehr, ich zittere an allen Gliedern --
-die Grippe. -- Wie können Menschen so tief sinken? Ah, pfui, pfui --!«
-
-»Auch mich hat die Grippe gepackt. Sie sollten sich nicht so erregen,
-beim Essen besonders. Und die Regierung --?«
-
-»Die Regierung? Sie schläft. Sie liest keine Zeitungen, weiß es noch gar
-nicht. Sie läßt das Volk beschmutzen, schläft. Versteht nichts, hat
-Bedenken, unfähig, über alle Maßen.«
-
-Kohl und Rüben, Rüben und Kohl, jeden Tag. Erfrorene und angefaulte
-Kartoffeln, vielleicht etwas Erbsen und zuweilen, ganz selten, ein
-Stückchen Fleisch, sehr wenig, und meistens ein Knochen. Die Knochen
-wurden ja gesammelt und den Küchen zur Verfügung gestellt. Aber doch war
-es weitaus besser hier als am Alexanderplatz, dort roch es sauer und
-unangenehm, zum Erbrechen.
-
-Scheu und vorsichtig drehte der Havelock den Kopf -- und dort, dort
-stand _sie_ -- der Liebling!
-
-Selbst zart, selbst blaß, geduldig, immer lächelnd, immer etwas
-zerstreut, manchmal steckte sie sogar den Finger in den Mund, mitten in
-diesem Wirbel von Köpfen und den Wolken von Kohldampf stand sie, _seine_
-Tochter -- die Tochter des Generals. Sie stand am Küchenfenster, aus dem
-die endlosen Reihen von dampfenden Tellern von roten Händen geschoben
-wurden, und kontrollierte. Zuweilen trat sie auch an einen Tisch,
-plauderte, besänftigte.
-
-So zart, so fein, ihre Augen schimmerten -- diese Händchen -- sollte man
-es für möglich halten -- mitten in diesem dicken Kohlgeruch, diesem Lärm
--- ein gnädiges Fräulein, die Tochter eines hohen Offiziers? Sie war
-auch im Felde gewesen -- alles wußte der Havelock -- dort hatte sie
-gepflegt. Sie, die Zarte, hatte den furchtbaren Kanonendonner gehört,
-von dem Robert immer schrieb. Nur in ihrer Haltung, wenn sie rasch den
-Kopf wandte, hatte sie etwas Ähnlichkeit mit dem General -- sonst keine,
-nicht die geringste.
-
-Verstohlen blinzelte der Havelock zu ihr hin, und plötzlich errötete er
-wie ein Verliebter.
-
-Sein Herz war verwaist, einsam, er war aus der Provinz zugezogen, kannte
-niemand in Berlin, er trank auch, der Alkohol -- es war die Wahrheit: er
-liebte die Tochter des Generals! Ganz gegen seinen Willen, denn
-eigentlich wollte er sie hassen! Er kam nur hierher, um seinen Liebling
-zu sehen, wie er Ruth nannte. Ihr Anblick erwärmte sein Herz. Sie selbst
-hatte ihn ja hierher gebracht, in diese Küche. Auf diese Weise hatte er
-überhaupt erst diese Küche entdeckt.
-
-Nun aber kam Ruth näher, und er wandte rasch den Kopf ab und blickte auf
-den Hof hinaus, wo Soldaten die Papierballen von dem Lastauto abluden.
-
-Wieder dieser Alte mit der runden Hornbrille, wieder war er unzufrieden!
-Jeden Tag fast hatte er irgend etwas auszusetzen.
-
-»Wir tun, was in unseren Kräften steht«, suchte Ruth ihn zu beruhigen.
-
-Aber der Alte mit der Hornbrille schrie aufgeregt: »Ich bezahle ja, mein
-Geld ist so gut wie das Geld der andern. Und wo ist die Einlage,
-Fräulein --?« Verzweifelt rührte er mit der Gabel zwischen den
-Kohlblättern. »Ich habe für fünfundzwanzig Gramm Fleischmarke gegeben,
-Fräulein -- und wo ist das Fleisch, ich bitte Sie? Wo? Wo ist mein
-Fleisch -- ich habe Anspruch. -- Wo ist mein Fleisch -- mein Fleisch --
-mein Fleisch --!?«
-
-»Ich werde sehen«, erwiderte Ruth und trug den Teller des Alten zur
-Küche.
-
-Der Havelock atmete auf.
-
-Da aber erschien der weite, graue, offene Soldatenmantel in der Türe --
-und sofort rückte der Havelock den steifen Hut zurecht und ging.
-
-
-7
-
-Ja, die Tochter des Generals selbst hatte ihn in diese Küche geführt --
-sehr einfach -- obwohl er nie ein Wort mit ihr gesprochen hatte . . .
-
-Hinab die Friedrichstraße segelte der Havelock mit dem steifen Hut. Es
-sah aus, als schwimme er, aufrecht stehend, so unmöglich das ist. Er
-trippelte und schlürfte, die Knie etwas eingebogen, die linke Schulter
-eine Kleinigkeit geneigt. Seit gestern morgen war er unterwegs, hatte
-nur auf einer Bank im Tiergarten ein kleines Nickerchen getan, im Regen
--- nun fühlte er seine Beine und Füße nicht mehr.
-
-Ohne jede Anstrengung glitt er vorwärts, es ging von selbst. Er rollte
-auf einer kleinen Wolke dahin, nicht größer als ein gefüllter
-Kartoffelsack. Zuweilen spürte er sie wie Teig unter den Sohlen. Er
-konnte auf dieser kleinen Wolke auch ausbiegen, nach links, nach rechts,
-ohne jede Mühe --
-
-Ja, sie selbst -- seine Tochter, das gnädige Fräulein.
-
-Er stand da bei einem Zigarrenladen, mitten in dem Zug von gierigen
-Rauchern, die warten, bis geöffnet wird, und die Zigarren steigen im
-Preise, während sie warten. Das ist Tatsache! Da stand er also und
-sprach mit einem Soldaten, Kraftfahrer. Dieser Kraftfahrer kannte nicht
-die Höhe von Quatre vents, er kannte nicht Roberts Bataillon, das am 5.
-August stürmte, aber er kannte den Chauffeur des Generals, Schwerdtfeger
-mit Namen, und der General war seit vier Wochen nach Berlin kommandiert!
-Wie? Hier? Welch ein Zufall! Wieviel hundert Soldaten hatte er
-angesprochen, und nun führte ihm Gott diesen Kraftfahrer in den Weg!
-
-Er war hier? Hier! Schlaflos die Nächte, ruhelos die Tage.
-
-Ja! Dieses Gesicht --!
-
-Dieses schweigende Gesicht, das nie sprach, diese Augen, die man nie
-sah! Dieser Gang -- und der tiefe Bückling des Portiers! -- ohne jeden
-Zweifel: er war es! Robert hatte ja ausführlich aus dem Felde
-geschrieben: Wir marschierten vorüber, und unser General stand auf der
-Treppe seines Schlosses und grüßte. Er und kein anderer! Wie aus einem
-Felsen gehauen . . . schrieb Robert. Das also war er, den die Soldaten
--- nun, besser, das Wort nicht auszusprechen -- nannten! So sahen die
-aus, die befahlen: Nur über unsere Leichen führt der Weg zur Höhe! --
-Die Briefe Roberts knisterten in seiner Tasche.
-
-Tagelang verfolgte ihn das Steingesicht durch das Labyrinth der Straßen.
-
-Sonderbares Gesicht aus Stein. Es zog an!
-
-Jeden Mittag schoß das graue Auto in die gleiche Richtung -- schon zwei
-Tage später stand der Havelock vor Stifters Diele. Und plötzlich grüßte
-er, und der General hob die Hand zur Mütze. Weshalb? Weshalb grüßte er,
-er hatte eine Sekunde vorher gar nicht daran gedacht, daß er den General
-grüßen könnte -- grüßen durfte. Es war gewiß anmaßend, unhöflich. Nach
-drei Tagen -- er hatte nichts zu tun, gar nichts, Rentier Herbst -- nach
-drei Tagen schon wußte er, wo der General wohnte.
-
-Dieses Haus -- Sie erlauben wohl -- kannte er ganz genau, jedes Fenster
-und die kleinsten Risse in der grauen Mauer. Das Haus erschien ihm im
-Traum -- als ein Gesicht aus grauem Stein. Er kannte auch das
-efeubewachsene Backsteinhaus mit dem Messingschild: Dönhoff. Er kannte
-den Zebrakittel, Petersen -- alles liebe Menschen, gesprächig --
-
- * * * * *
-
-Der Havelock rollte auf seiner kleinen Wolke über den
-Belle-Alliance-Platz, unter der Hochbahn hindurch, die Blücherstraße
-hinab.
-
-Hier glitt er an einem schmalen, gelben Hause einigemal hin und her,
-blickte nach oben zur dritten Etage, wo die Rolläden herabgelassen
-waren. Dieses Haus, diese Etage schien ihn ungemein zu interessieren --
-anzuziehen, abzustoßen . . .
-
-Seine Schultern krümmten sich zusammen, er ächzte, plötzlich fühlte er
-die Last wieder, die ihn zu Boden drückte, die er ewig mit sich
-schleppte durch die endlosen steinigen Straßen Berlins.
-
-Dann aber wandte er entschlossen um und rollte wieder die Blücherstraße
-hinauf.
-
-Da aber blieb die Wolke stehen und war nicht mehr vorwärts zu bewegen.
-Im nächsten Augenblick -- schon war er drinnen. Ein Gläschen, noch eines
-und ein drittes! Schon war er wieder auf der Straße.
-
-Aus dem grauen Hause des Generals, mit den Messingbeschlägen an der
-Türe, die unausgesetzt geputzt und poliert wurden von den beiden
-Burschen, war täglich eine junge Dame gekommen. Heute, morgen, jeden
-Tag. Seht an!
-
-Eine Zigarre gefällig, Herr Soldat. Ein Zigarrchen -- immer fleißig, ein
-schöner Wintertag . . .
-
-Nun kannte er Jakob und Wangel. Mit Jakob kam er öfter ins Gespräch.
-Außer Ruth war auch noch ein Sohn da, Otto, Oberleutnant, im Felde, und
-die Frau des Herrn Generals -- tot, ja, tot, seit Jahren.
-
-Jeden Tag aber ging das gnädige Fräulein in die Dorotheenstraße und
-verschwand in einem Torbogen. Schließlich wagte er es, ihr zu folgen.
-Auf diese Weise hatte er die Küche in der Dorotheenstraße entdeckt.
-
-Täglich konnte er nun seine Tochter, die Tochter des Generals, sehen! Da
-stand sie, dicht neben ihm -- Fleisch von seinem Fleisch, Blut von
-seinem Blute. Der Haß kochte, die Gelüste nach Vergeltung fraßen . . .
-
-Er beschloß, sie zu beleidigen! Vor allen Gästen! Vielleicht würde er
-ihr einen Teller vor die Füße werfen, aber so, verstehen Sie, daß er in
-tausend Stücke zersprang. Weshalb eigentlich? Ja, unerklärlich -- hatte
-sie ihm etwas getan?
-
-Tagelang brütete er, schmiedete er Pläne. Vielleicht würde er einen
-Teller mit Kohlgemüse über ihre Schürze schütten? Eine herrliche Idee!
-Aber da ergab sich die Sache ganz von selbst.
-
-Der Havelock blieb stehen und verschnaufte. Ob er in jene Kneipe
-gegenüber gehen sollte?
-
-Ganz von selbst Eines Tages, ganz unerwartet, fügte es sich, daß sie
-dicht neben ihm an einem Tische plauderte. Nun aber kam das Schmachvolle
---
-
-Heute noch trat ihm der Schweiß auf die Stirn, wenn er an das
-Schmachvolle dachte, obgleich schon zwei Monate seitdem vergangen waren.
-
-Nicht einen Teller voll Kohlsuppe, nein, sondern nur einen Löffel voll
--- er nahm ihn und ließ ihn über die Schürze Ruths fließen. Schon aber,
-Allmächtiger, packte ihn eine harte Hand am Arm, und eine Stimme schrie
-durchs ganze Lokal: »Wie können Sie es wagen --?«
-
-»Ich -- ich -- ich zittere mit der Hand --«
-
-»Nein, deutlich habe ich es gesehen, Sie!«
-
-Der Soldat mit dem weiten Mantel stand neben ihm, voller Zorn. Die Gäste
-sahen auf, es erregte Aufsehen, ringsum, alle Tische blickten her.
-
-Und der Soldat in dem weiten Mantel schrie ganz laut: »Sie sind mir ein
-netter Herr. Gießt der Dame einfach einen Löffel mit Suppe über die
-Schürze --«
-
-»Meine Hand zittert --«
-
-Da aber wandte sich Ruth um. Sie besah die Schürze, nahm ihr
-Taschentuch, und lachte -- lachte ihm freundlich ins Gesicht.
-
-»Vielleicht hat man den Herrn angestoßen. Es ist ja nicht schlimm.«
-
-»Ich zittere, meine Hand zittert --«
-
-»Es ist ja kein Unglück geschehen.«
-
-Schmachvoll, schmachvoll! Er hatte Tränen in den Augen. Wie kam er doch
-dazu, ganz einfach den Löffel voll Suppe über ihre Schürze zu gießen? An
-diesem Tage trank er so sehr, daß er schließlich die Treppe hinabstürzte
-und sich blutig schlug. Aber so geschah ihm gerade recht.
-
-Seit diesem Vorfall blickte er auf die Tochter des Generals mit andern
-Augen. Sein Herz pochte, sobald er sie erblickte.
-
-Er liebte sie, eigentümlich.
-
-Diese Gedanken erfüllten den kleinen alten Mann, während er durch das
-Labyrinth der Straßen eilte. Er überquerte wimmelnde Plätze, geriet in
-Strudel von Menschen, die aus der Erde quollen -- und plötzlich machte
-er Miene umzukehren, den ganzen Weg, den er gekommen war, zurückzugehen.
-Wie? Sollte er in die Lessingallee gehen, heute abend? Nein, nach Hause,
-ohne Widerspruch, verstanden?
-
-
-8
-
-»Oberleutnant v. Hecht-Babenberg?«
-
-»Dritte Station, meine Dame, den Gang entlang und dann links. Zimmer
-233.«
-
-Man mußte nur höflich fragen, dann bekam man selbst hier in Berlin
-höfliche Auskunft. Hedi war stolz auf ihre Fähigkeit mit den Menschen
-umzugehen. Selbst jetzt, wo sie rasend wurden, wenn man sie nur
-anblickte, kam sie noch vorzüglich mit ihnen aus. Allerdings sah dieser
-Pförtner wohl auf den ersten Blick, daß er eine Dame vor sich hatte. Sie
-wollte natürlich einen guten Eindruck machen, wenn sie Otto besuchte,
-und hatte ihr himbeerfarbenes elegantes Hütchen aufgesetzt. Dazu trug
-sie den Biberkragen von Mama und helle Seidenstrümpfe.
-
-Aus der Papierhülle lugten drei weiße Rosen.
-
-Es roch nach Karbol, aber Hedi liebte Karbolgeruch. Alles war blitzblank
-und eigentlich weniger schrecklich, als sie es sich gedacht hatte. Sie
-liebte es nicht, derartige Orte zu besuchen, Friedhöfe, Krematorien,
-Krankenhäuser flößten ihr Schauder ein. Sie mied sie. Nur Mamas Grab
-besuchte sie zuweilen -- aber das war ja schon lange her.
-
-Nun aber wurde der breite Korridor belebter, und sie schritt schon etwas
-zaghafter vorwärts.
-
-Ein Soldat, dem der rechte Fuß abgetrennt war, humpelte an ihr mit
-bloßem Fußstumpen vorbei. In hellen Krankenkleidern saßen auf einer
-langen Bank Soldaten mit verbundenen Armen, Beinen und Köpfen. Sie
-erwarteten sie mit neugierigen Blicken, musterten sie von oben bis
-unten, und sie fühlte voller Unbehagen all die Blicke der verwundeten
-Männer auf ihrer Haut. Plötzlich wurde die Türe eines Saales geöffnet,
-und Hedi war so unvorsichtig, einen Blick in den Saal zu werfen. In
-diesem Saale wurde auf einem Holztisch gerade ein Soldat verbunden, dem
-ein Bein bis zum Knie amputiert war. Der nackte Schenkel endete nicht --
-zu Hedis Entsetzen -- mit einem Fuße, sondern mit einer Art Pferdehuf,
-einem roten Lappen unterhalb des Knies. Ein Arzt betupfte den roten
-Pferdehuf mit Watte. In diesem Augenblick drehte der Verwundete seine
-Augen zur Türe, Augen voll größter Qual und äußersten Schmerzes. Schon
-wurde die Türe wieder geschlossen. Hedi war nahe daran zu taumeln.
-Hinter der Türe eines Operationssaales stöhnte ein Verwundeter, und die
-barsche Stimme eines Arztes gebot ihm Ruhe. An einer Kreuzung von
-Korridoren stieß sie auf eine Tragbahre, die von zwei Soldaten
-vorübergetragen wurde. Mit einem Laken zugedeckt lag darauf ein Soldat,
-dessen Gesicht bis zur Nase verhüllt war. Er hatte die glänzenden Augen
-zur Decke gerichtet und sah sie nicht an.
-
-Hedi war purpurrot geworden. Welcher Irrsinn, hierher mit einem
-himbeerfarbenen Hut und hellen Seidenstrümpfen zu kommen? Sollte sie
-umwenden -- entfliehen?
-
-Da aber schrak sie zusammen!
-
-Wildes Geschrei, als ob jemand lebendig in Stücke geschnitten würde.
-
-Mein Gott, was müssen diese Menschen Unsägliches erdulden! Wer ahnt es
-denn? Das Geschrei trieb sie rascher vorwärts. Da aber knallte eine
-Türe, und das Geschrei erscholl plötzlich in nächster Nähe. Ein
-schreiender Soldat, der den verbundenen rechten Arm hochhielt, stürzte
-über den Korridor, gefolgt von einer Schar von Ärzten und
-Krankenschwestern. Der Schreiende lief wie gehetzt den langen Korridor
-hinunter. In der weißlackierten Türe erschien das bebrillte, fahle
-Gesicht eines Arztes im weißen Kittel, der laut auflachte.
-
-Das Geschrei entfernte sich.
-
-Hedis Blick flatterte. Ihre Haut war von Hitze bedeckt wie von heißem
-Sand. Entsetzen hauchte aus diesen getünchten Mauern. Dieses Krankenhaus
-war ein endloses Labyrinth, durch graues und blaues Eis gehauen. In der
-Ferne tauchte die Dämmerung an den kahlen Korridorfenstern, Schatten
-humpelten, hinkten durch ferne Quergänge. Ein Labyrinth mit Tausenden
-von Kammern voller Qualen und Grauen. Tag und Nacht schnitten hier die
-Messer in Menschenfleisch, unaufhörlich füllten sich die Eimer mit Blut
-und Eiter. Die Wände schwangen von Schmerzen. Das ganze Haus war wie
-eine Riesenwunde, eine Schlucht von eiterndem Fleisch, in der die Ärzte
-mit ihren Messern kletterten.
-
-Da kam aus einem Quergang würdevoll ein hoher Offizier geschritten.
-Langsam trieb seine massige Gestalt mit den steilen Schultern -- wie
-eine Erscheinung aus einer anderen Welt -- durch den Korridor. An den
-Umrissen schon erkannte Hedi den General. Zwei Krückenmänner stellten
-sich in Positur, einer mit Socken an den Füßen, dem andern fehlte ein
-Bein. Sie standen auf den Krücken gegen die Wand gelehnt und warfen das
-Kinn in die Höhe. Auf einem Stuhl kauerte ein Krüppel mit
-dickumwickeltem Bein. Er blieb sitzen, den Oberkörper steif
-aufgerichtet, und stellte die beiden Krücken vor sich hin, als
-präsentiere er wie mit dem Gewehr.
-
-Der General schritt vorüber, ohne Hedi anzusehen. Sie hatte ihn übrigens
-nur einmal bei Dora getroffen, er hätte sie schwerlich wiedererkannt.
-
-Eine Pflegerin, eine taktlose Person, gab Hedi mit malitiösem Lächeln
-den Bescheid, daß Otto heute keine Besuche mehr empfangen könne. Sie
-hatte ihre Karte ins Zimmer geschickt, er wußte also recht gut, daß sie
-es war. Deutlich hatte sie seine helle Stimme im Zimmer gehört.
-Natürlich war sie nur gekommen, um ihm ihre Teilnahme an seinem Unfall
-zu zeigen -- aus keinem andern Grunde. Er sollte sehen, daß sie erhaben
-war über gewisse Dinge. Diese taktlose Person aber musterte Hedis
-himbeerfarbenes Hütchen, ja sie erdreistete sich, den Blick an ihr hinab
-bis zu den hellen Seidenstrümpfen streifen zu lassen. Hedi warf einen
-kritischen Blick auf die etwas unordentliche Frisur der kleinen
-rothaarigen Pflegerin. Augenblicklich war zwischen den beiden Damen eine
-tödliche Feindschaft ausgebrochen.
-
-»Das allgemeine Befinden ist gut?« erkundigte sich Hedi mit
-liebenswürdigem Lächeln.
-
-»Man kann indessen nie wissen, ob nicht Komplikationen eintreten«,
-entgegnete die Schwester ausgesucht höflich.
-
-»Wie wahr!« Hedi lächelte spöttisch und grüßte mit vollendeter
-Liebenswürdigkeit.
-
-Die Rosen aber nahm sie wieder mit.
-
-»Hotel Kaiserhof!« rief sie dem Kutscher zu, als sie wieder in die
-Droschke stieg. Denn Hedi hatte sich einen Wagen geleistet. Es gab
-gewisse Stadtviertel Berlins, vor denen sie Furcht hatte.
-
-Plötzlich warf sie die Rosen mit einer zornigen Bewegung durch das
-Wagenfenster auf die schmutzige Straße. Zwanzig Mark für drei Blumen,
-welcher Wahnsinn!
-
-Otto hatte ihren Besuch sicher völlig falsch ausgelegt. Gewiß war es ihm
-unmöglich, an lautere und selbstlose Motive bei seinen Mitmenschen zu
-glauben. Nun aber lebe wohl, Otto! Sollte er ruhig mit dieser
-rothaarigen Person -- ja, ihretwegen . . .
-
- * * * * *
-
-Der Geiger schob ein violettes Seidenkissen zwischen Frack und Kinn,
-grüßte noch mit einem koketten Lächeln ins Publikum, dann schleuderte er
-den Bogen in die Luft, daß seine blendende Manschette aus dem Ärmel
-fuhr: Carmen.
-
-»Auch Kuchen?«
-
-»Auch etwas Kuchen, bitte.«
-
-Da saß sie nun wieder, Hedi. Erstens, dachte sie, erstens und zweitens
-und drittens -- man muß nun genau überlegen. Es wird höchste Zeit, so
-geht es nicht weiter.
-
-Erstens also stand fest, daß sie sich in ewiger Geldkalamität befand.
-Zweitens langweilte sie sich zu Hause zu Tode, und drittens: es mußte
-etwas geschehen. Sie hatte keine Lust, ihre ganze Jugend zu vertrauern,
-nur weil dieser Krieg kein Ende nahm.
-
-Aber nicht so rasch, bleiben wir bei erstens. Dieses bißchen
-Taschengeld, das ihr Papa an jedem Monatsersten mit strahlender Miene
-einhändigte -- lächerlich. Wie konnte Papa glauben -- nun, Papa verstand
-es eben nicht anders. Es blieb nichts anderes übrig, als Geld zu
-schaffen! Es lag ja zurzeit auf der Straße, die Leute sagten es
-wenigstens, die Millionen flogen durch die Luft. Sollte sie filmen?
-Schnurrige Idee, aber leider unausführbar. Man mußte -- wie herrlich war
-doch diese Musik, voller Mut! -- man mußte Verbindungen haben, und die
-Gesellschaft --? Nein. Übrigens, diese Gesellschaft, darauf gab sie
-nicht so -- viel!
-
-Immerhin -- der Kellner brachte den Tee, und Hedi war für eine Weile in
-Anspruch genommen. Wieder saß die Weizenblonde mit den Brillantohrringen
-da, und auch jene Dunkele, Tragische, mit den hellgelben Stiefelchen.
-Und jener alte Herr mit dem Schnauzbart und der Glatze nahm ebenfalls
-wieder hier seinen Tee. Hedi schloß plötzlich, um sich zu amüsieren, das
-eine Auge und blinzelte ihn über das Teeglas hinweg unvermutet an. Der
-Herr mit der Glatze prallte im Sessel zurück -- aber schon hatte Hedi
-ihr Batisttüchelchen aus der Tasche genommen und rieb sich das Auge, als
-sei etwas hineingeflogen. Nein, wie komisch diese Männer waren!
-
-Ja, Geld mußte jedenfalls geschafft werden. Sie besaß, zum Beispiel,
-drei Paar Seidenstrümpfe. Schon rannen die Maschen, obgleich die
-Strümpfe nur bei besonders feierlichen Anlässen getragen wurden. Aber
-wenn diese Strümpfe nun unbrauchbar wurden? Die Handschuhe, die Stiefel,
-wenn es sich darum handelte, ein neues Kleid zu beschaffen --? Und schon
-würde sie aus der Klasse der Tadellosen, der Ladies ausschalten. Schon,
-es ging rasch, die Gesellschaft duldete keine abgeschabten Knopflöcher,
-keine geflickten Stiefelchen. Und sie würde second class sein --
-unerträglich! So unglaublich es klang, ihre Zukunft, ihr ganzes Leben
-hing an einem Paar Seidenstrümpfen.
-
-Fürchterlich war der Gedanke an den Sturz in die Tiefe. Sie erschrak,
-Schwindel ergriff sie. Es war aber hohe Zeit, den Tatsachen ins Gesicht
-zu sehen.
-
-Bald würde sie sich, zum Beispiel, um nur ein Beispiel zu nennen, wieder
-ein Stück Seife im Schleichhandel kaufen müssen -- so ging es jeden Tag!
-
-Zu Hause war das Leben unerträglich geworden. Papa, lieb und gütig, aber
-immer müde, überarbeitet, immer beschäftigt. Und dabei wußte er gar
-nichts, trotzdem er im Auswärtigen Amt arbeitete! Häufig geschah es, daß
-sie bei Tisch etwas sagte, etwas Politisches, und Papa schüttelte
-tadelnd den Kopf. Man sagt so etwas nicht, mein Kind. -- Aber Papa, es
-stand ja schon vor drei Tagen in der Zeitung! -- Ah, schon vor drei
-Tagen --? -- So war Papa. Klara war ein Kind. In einer Minute tanzte sie
-wie eine Närrin, in der nächsten weinte sie. Sie kannte das Leben noch
-nicht. Sie war noch nicht in das Alter gekommen, wo jeder Tag ein
-Problem ist, ein fürchterlicher Kampf, wo man bei lebendigem Leibe
-täglich vor Sehnsucht verbrannte -- wo man wartete, wartete -- wo das
-Warten das schrecklichste Leiden ist. Oh, schrecklich! Schrecklich!
-
-Grau gingen die Tage. Sie lebten äußerst bescheiden, sie besaßen kein
-Vermögen. Dazu, hatte Papa ihnen verboten, die Gesetze für die Ernährung
-im geringsten zu verletzen. Wie lebten sie, was aßen sie -- trotzdem sie
-alles Mögliche auf den Tisch schmuggelten -- es war eine Schande und
-niemand durfte es wissen, wenn sie nicht für immer unmöglich sein
-sollten. Zum Beispiel Rüben, wie die Kühe sie bekommen, erfrorene
-Kartoffeln . . .
-
-Grau, kalt, finster gingen die Tage.
-
-Licht, Glanz, Wärme, Frohsinn, Tanz, Feste, die früher den Eintritt der
-jungen Mädchen in das Leben begleiteten -- wo waren sie? Sie hatte vor
-dem Kriege nur zwei Bälle mitgemacht, davon träumte sie noch heute.
-
-Was war diese Musik im Vergleich zu jener Musik auf den Bällen? Ein
-zaghaftes Echo. Diese Beleuchtung -- ein Abglanz. Das Lachen der
-Menschen von heute, ihre Mienen -- Schatten in einer Schattenwelt, nicht
-mehr, nicht mehr . . .
-
-Plötzlich aber beugte sich Hedi errötend über das Teeglas: dort stand
-er! Der Spanier war gekommen! Er wußte, daß sie wieder hierherkommen
-würde, daß er also, wenn er sie zu sehen wünsche -- sie hatten sich
-verstanden.
-
-In seinem gelben Mantel stand er im Mittelgang und polierte das Einglas.
-Er hatte sie sofort gesehen und überlegte nun. Ob er den Mut haben würde
-sie anzusprechen? In der Droschke hatte sie schon Träume gesponnen --
-ein Wiedersehen beim Tee, zum Beispiel im Adlon oder Bristol --
-vielleicht ein Theaterabend, in einer Loge -- ein Diner, wo man
-plauderte . . .
-
-Er kam. Hedi hatte ihre Verlegenheit vollständig überwunden und blickte
-ihm ruhig entgegen. Sie war wieder ganz Lady. Ströbel kam geradeswegs
-auf sie zu, die Brauen wie vor freudigem Erstaunen hochgezogen. Aber je
-näher er kam, desto häßlicher wurde er. Sein gelber Mantel war etwas zu
-weit, zu auffallend. Die ganze Kleidung zeigte eine etwas übertriebene
-Eleganz. Ah, und nicht die Spur von einem Spanier, er war eine --
-Bulldogge. Seine blaurasierten Wangen waren etwas faltig, fahl und
-verlebt, nichts blieb von dem Spanier als das glänzende schwarze Haar,
-das um eine Kleinigkeit zu eng an den Kopf gebürstet war, das um eine
-Idee zu stark pomadisiert war -- nicht first class mit einem Wort.
-
-Aber er hatte die Nonchalance, die Manieren der großen Welt.
-
-Mit unübertrefflicher Zwanglosigkeit verbeugte er sich. »Unser
-gemeinsamer Freund hat einen Unfall erlitten --«, begann er, gänzlich
-unbefangen. Und er verlor seine Unbefangenheit auch nicht, als Hedi ihn
-anblickte -- gänzlich verständnislos. Obschon sie doch mit ihm das
-Theater besuchen, dinieren, plaudern wollte, bei einem Glas Sekt zum
-Beispiel -- gänzlich verständnislos.
-
-»Sie täuschen sich, mein Herr«, erwiderte Hedi mit einem
-liebenswürdigen, verstehenden, verzeihenden Lächeln, einem Lächeln, wie
-nur eine Dame von Welt es auf die Lippen zu zaubern vermag.
-
-War es nicht eine Unverfrorenheit ersten Ranges, sie hier im »Kaiserhof«
-einfach zu überfallen?
-
-»Sie saßen doch gestern --?«
-
-»Ich erinnere mich nicht.« Hedis Stimme wich in weite Fernen zurück.
-Fern und unwirklich wurde ihr Lächeln.
-
-»Wir wollen nur hoffen, daß Herr v. Hecht --«
-
-Hedis Augen wurden plötzlich kühl, das Leben erkaltete in ihnen.
-
-Mit einer tadellosen Verbeugung, völlig ungezwungen, völlig Herr der
-Situation, zog Ströbel sich zurück.
-
-Der Geiger in seinem schwarzen Frack schwang sich in den Hüften und
-blickte kokett lächelnd zum Tisch der Dunkeln, Tragischen, der das
-Mißgeschick passiert war, ein Glas Wasser umzustoßen.
-
-Hedi gab ihren Mienen einen träumerischen und harmlosen Ausdruck.
-Niemand sollte auf den Gedanken kommen können, daß ein Wildfremder es
-gewagt habe, sie anzusprechen. Die Weizenblonde mit den Brillanten in
-den Ohren hatte die Szene beobachtet. Hedi streifte sie mit einem Blick,
-und in dem kaum merklichen Aufatmen ihrer Brauen, mit dem sie über die
-Weizenblonde hinwegsah, lag ihre ganze Verachtung.
-
-Nein, nein, noch war sie lange nicht _so weit!_ Was bildete er sich doch
-ein --?
-
-
-9
-
-Zögernd bog der kleine Herr Herbst um die zugige Ecke und lenkte in
-seine Straße, die Fabriciusstraße, ein -- ganz weit da draußen.
-
-Eine plumpe Eisenbrücke spannte sich zwischen den Häusern, und soeben
-rollte donnernd ein Lastzug darüber. Der Qualm sank auf den Schmutz des
-Pflasters herab.
-
-Es half alles nichts, er mußte unter der Brücke hindurch, auch wenn sie
-zusammenbrechen sollte. Die Angst des Trinkers schnürte ihm die Brust
-zusammen.
-
-Die große Stadt machte hier einen düstern und verwahrlosten Eindruck.
-Die Straßen waren schnurgerade, überall die gleichen grauen
-Mietskasernen, die gleichen Aufschriften, die gleichen Scharen von
-bleichen, zerlumpten Kindern. Die gleichen hohlwangigen Weiber, die, mit
-einem kleinen Topf oder einer Tasche in der Hand, in Tücher gehüllt, an
-den Häusern entlangkrochen und husteten. Die gleichen mageren schwarzen
-Alleebäumchen, die in der sauren Luft erstickten. Der Mörtel fiel von
-den Hauswänden, schmutzige Papierfetzen trieben in den Rinnsteinen. Vor
-den Nahrungsmittelgeschäften, die die Wochenration an Fett, zwanzig
-Gramm, ausgaben, standen lange Reihen von blaugefrorenen Frauen und
-vertraten sich die kalten Füße, während sie schwätzten und keiften.
-
-Sonst waren Geschäfte und Läden leer, gähnende Särge. Bäckerläden ohne
-Brot, Fleischerläden ohne Fleisch, Schuhgeschäfte mit Holzschuhen und
-Blechdosen voller Stiefelwichse. Auch in dieser Gegend gab es jene
-Läden, in denen altes Metall gesammelt wurde, für die Kriegführung,
-Lampenfüße, Photographierahmen, Aschbecher, der Schutt aus den Wohnungen
-der Ärmsten.
-
-Dann gab es hier noch das Delikatessengeschäft von Alfred Schustermann,
-mit der Aufschrift: Mensch, was für 'ne Ware! Seemuscheln,
-Pfahlmuscheln, waggonweise eingeführt, zu Gelee, Aspik, Pasteten,
-Würsten verarbeitet. Die Professoren, die entdeckt hatten, daß Baumrinde
-nahrhaft war und man Pilzkulturen in den Dachrinnen anlegen konnte,
-erklärten, daß diese Muscheln selbst Ochsenfleisch an Nährkraft
-überträfen.
-
-Immer näher aber kam die graue Mietskaserne mit der riesigen Aufschrift:
-Leihhaus.
-
-Der Schritt des Havelocks verlangsamte sich mehr und mehr, seine
-tränenden, entzündeten Augen blinzelten unter dem steifen Hut. Er hatte
-fast jeden Mut verloren.
-
-Eine Weile holte er Atem vor der »Zoologischen Handlung«. Noch lebte er,
-der kleine muntere Zeisig, sein Freund, der das Problem gelöst hatte,
-das Körnerfutter bis zu fünfundneunzig Prozent auszumahlen. Die andern,
-die kleinen grünen Papageien, die beiden Kanarienvögel, die Drossel, sie
-waren an dem Problem nacheinander gescheitert und gestorben. Ja,
-gestorben. Auch die kleinen weißen Mäuse, die ewig im Kreise liefen,
-waren plötzlich bei ihrem spaßigen Rundlauf in Atemnot geraten. Der
-vierte Kriegswinter hatte auch sie vernichtet. Nur der Zeisig sprang
-noch munter in seinem kleinen Käfig hin und her.
-
-Zwischen der »Zoologischen Handlung« und dem Leihhaus führten drei
-ausgetretene Stufen zum »Löwen von Antwerpen« empor, und schon war der
-Havelock in der Gaststube.
-
-Keine Vorwürfe -- er mußte Mut sammeln für die Nacht. Denn die Nacht
-würde kommen, so gewiß wie etwas! Und mit ihr die furchtbaren
-Nachtgespenster, seine Peiniger, vor denen nur der tiefe Schlaf Schutz
-bot. Der Rausch, um offen zu sein, die bewußtlose Trunkenheit.
-
-Ja, hier war er zu Hause, man sah es sofort an der Grimasse, mit der ihn
-der Wirt, ein Buckliger, empfing. Dieser Wirt wurde von den Soldaten,
-die in der Kneipe verkehrten, der »Millionär« genannt. Ja, hoho, so ein
-Buckel hatte seinen Wert heutzutage, ohne Zweifel! An den Sonntagen
-kamen auch Munitionsarbeiterinnen hierher, und es ging lustig zu. Sie
-tranken -- sollte man es glauben, die Kleinen? -- sie tranken Schnaps
-wie die Männer -- ah, und sie trugen seidene Röckchen. Wenn sie ihn auch
-etwas hänselten, es schadete nichts. Sie lachten und hatten keine
-Sorgen. Vielleicht flogen sie morgen in die Luft, alles war möglich,
-deshalb lachten sie auch so ausgelassen.
-
-Endlich -- es war schon finster draußen -- kroch der Havelock die Treppe
-des Leihhauses empor. Längst war die kleine Wolke, auf der er
-stundenlang bequem dahingerollt war, verschwunden. Seine Beine zitterten
-vor Müdigkeit.
-
-Leise, leise schloß er die Flurtüre auf. Er liebte es nicht, daß man ihn
-kommen oder gehen hörte. Drei Parteien wohnten hier, jede hatte ein
-Zimmer, und die Küche gehörte ihnen gemeinsam. Aber er hatte diese Küche
-nie betreten. Schon war er in seiner kleinen finsteren Stube, schon
-hatte er die Schuhe abgelegt. Plötzlich zitterte er. Ah, wenn er nur
-nicht wieder von dieser Schaukel träumte! Alles, nur das nicht! Träumte
-er doch neulich, er säße auf einer Schaukel, die durch endlose schwarze
-Nacht dahinschoß. Angeklammert wie ein Affe saß er auf dem schmalen,
-schlüpfrigen Brett, er schrie vor Angst -- aber die Schaukel schoß dahin
-in endlosen Pendelschwingungen, jede eine Ewigkeit, ohne Gnade pfiff sie
-in rasender Schnelligkeit dahin.
-
-Rasch, rasch, ehe sie ihn packten . . .
-
-Schon schlief er. Ein leises Wimmern drang aus seinem kreisrund
-geöffneten Mund. Den Havelock hatte er anbehalten.
-
- * * * * *
-
-Da! Augenblicklich saß er wieder aufrecht im Bett. Seine dünnen Haare
-sträubten sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn. Er dampfte vor Hitze
-und Kälte. Immer noch war sein Mantel feucht vom Regen der gestrigen
-Nacht.
-
-Hatte nicht jemand gerufen, ihm fürchterliche Worte ins Ohr
-geschleudert, wie Felsen? Und ein Krachen, als berste das ganze Haus in
-zwei Teile, hatte er es nicht deutlich gehört? Die Balken splitterten.
-So deutlich!
-
-Noch gellte das furchtbare Krachen in seinen Ohren, und erst nach
-geraumer Zeit fand er sich in die Wirklichkeit zurück. Zwischen einer
-unbekannten, ungeahnten Welt und der Wirklichkeit lebte er -- seit jenen
-Ereignissen . . . Oft hielt ihn das Unbekannte, Unverständliche tagelang
-in seinem Bann, oft überfiel es ihn urplötzlich am lichten Tage -- aber
-wiederum hatte er auch seine klaren Tage, wie er sie nannte. Da war
-alles so wie früher, und das andere erschien noch unverständlicher und
-schrecklicher.
-
-Dunkelheit, und nun erwachten Geräusche, Geräusche dieser Welt, Gott sei
-Lob und Dank.
-
-Hinter der Türe, dem schmalen Bett gegenüber, klapperte eine
-Schreibmaschine. Er arbeitete dort, der Student Ackermann, zurzeit
-Soldat. Er schrieb für Zeitungen, um Geld zu verdienen -- er schrieb
-auch noch ganz andere Dinge -- Herr Herbst wußte Bescheid, oh, oh! Er
-wußte mehr, als jener ahnen konnte.
-
-Hinter der Wand, an der das Bett stand, auf dem er lag, strich ein
-Schritt vorüber, immer auf und ab, wie ein Tier, das rastlos in seinem
-Käfig hin und her geht. Das war Hähnlein, der Tapezierer, zurzeit
-Soldat. Er wohnte in dem Zimmer nebenan mit seiner kranken Frau und
-seinen beiden Kindern. Vor kurzem hatte sie wieder geboren, aber das
-Kind war bald nach der Geburt gestorben. Es wog nur viereinhalb Pfund.
-Und welches Geschrei hatte es gegeben, trotzdem sie nichts zu nagen und
-zu beißen hatten! Hähnlein und Ackermann waren früher beim gleichen
-Regiment, und Hähnlein hatte Ackermann hierher in dieses Haus gebracht.
-Das alles hatte Herr Herbst Gesprächen entnommen.
-
-»Schlafe doch!« zischelte Frau Hähnlein. Die Bettstatt krachte, und sie
-hüstelte.
-
-»Schlafen? Schlafen? Ich kann nicht schlafen«, entgegnete die heisere
-Stimme Hähnleins, und wieder schabte sein Schritt hinter der Wand.
-
-Die Wand war dünn wie Papier, nun, eine Mietskaserne, er vernahm jeden
-Laut.
-
-Die Frau wimmerte.
-
-»Weine nicht, vielleicht kommt es bald, wie Ackermann sagt«, tröstete
-sie Hähnlein. Und deklamierend fügte er hinzu: »Die Völker der Erde
-werden sich erheben gegen ihre Peiniger!«
-
-Oft ging Hähnleins Schritt die ganze Nacht hin und her, bis der Tag
-graute. Herr Herbst hatte sich längst daran gewöhnt. In unruhigen
-Nächten beruhigte ihn dieser ruhelose Schritt sogar. Ein Mensch, ein
-Leidender, wie er, dicht nebenan.
-
-Es wurde still hinter der Wand, und nur die Schreibmaschine Ackermanns
-klapperte eifrig. Es konnte noch nicht spät sein, denn im Haus summten
-Stimmen. Türen wurden zugeschlagen, und zuweilen krachte die Haustüre
-ins Schloß, daß das ganze Haus zitterte.
-
-Die lange furchtbare Nacht lag vor ihm.
-
-Seine Beine waren vor Müdigkeit geschwollen. Sie waren Wolken, ins
-Endlose verströmend. So würde er nun sitzen müssen die ganze Nacht und
-lauschen auf jedes Geräusch -- auch auf jene Geräusche, die aus dem
-Unbekannten kamen.
-
-Seltsame Fügung, die ihn in dieses Zimmer geführt hatte! Der bucklige
-Wirt vom »Löwen von Antwerpen« hatte es ihm empfohlen, damals, als er
-den Entschluß gefaßt hatte, nicht mehr in die Blücherstraße
-zurückzukehren. Längst hatte er es aufgegeben, nach Erklärungen zu
-forschen, alles war Fügung. Jeder Schritt im menschlichen Leben wurde
-gelenkt von unbekannten Gewalten, guten und bösen. Sinnlos, sich dagegen
-zu sträuben. Nun, er sträubte sich nicht mehr, er forschte auch nicht
-mehr -- er war in der Hand des Allmächtigen, der die Haare auf seinem
-Haupte gezählt hatte. Sollte es so sein!
-
-Frau Hähnlein hinter der Wand begann zu wimmern, zu klagen, zu
-beschwören. Nun begann es wieder. Es half ihr nichts. Der Mensch ist ein
-Tier . . . obschon seine Frau leidend war -- ein Tier war dieser
-Hähnlein.
-
-Dann wurde es wieder still, die Geräusche im Hause erstarben mehr und
-mehr, und nur noch die Schreibmaschine hinter der Türe klapperte.
-
-Schreibe du nur! sagte Herr Herbst zu sich -- um sich zu beschäftigen,
-die Nacht war lang -- »Deine Zettel, deine Reden, deine . . .« Lange
-Wochen war ihm dieser Soldat im weiten Mantel ein Rätsel gewesen. Was
-trieb er, was tat er in den Nächten? Oft hielt er Reden, förmliche
-Reden. Erst vor kurzer Zeit, beim Januarstreik, hatte er ihn plötzlich
-erkannt! Mit eigenen Augen und Ohren sah und hörte er, wie er zu einem
-Haufen streikender Arbeiter sprach, nebenan, bei den Laubengärten -- und
-was er sagte, Grundgütiger! Es gab keinen Zweifel mehr, er war -- ein
-Spion, ein Agent . . . gehörte zu jenen, von denen die Zeitungen
-schrieben, daß sie Geld bekommen von den Feinden. Er stand auf einem
-Steinhaufen, redete, schrie und schwang die Soldatenmütze. Keine Granate
-mehr! Da aber kam die Polizei, und sie liefen -- und auch er lief. So
-schnell wie die andern -- hahaha! So schnell liefen sie, solche Angst
-hatten sie . . .
-
-Manchmal kamen auch Freunde zu ihm, meistens junge Leute, Kameraden, die
-laut schrien und alle wild durcheinander redeten. Unvernünftige,
-Unerfahrene. Was für Leute waren das? Nun . . . dieselbe Sorte, um kein
-Haar besser. Für sie gab es nichts Heiliges, nichts vor dem sie
-haltmachten. Die Minister, was waren sie? Nun -- höchst einfach --
-Dummköpfe und Verbrecher! Und die Generale -- höchst einfach -- geputzte
-Narren! Und die Diplomaten -- selbstgefällige Gecken! Ja, sie, sie,
-diese jungen Leute, sie waren viel klüger als diese Minister und
-Diplomaten! Aber die höchsten Fürstlichkeiten, was waren sie -- nun, er
-würde sich schämen, die Worte zu wiederholen. Aber auch die feindlichen
-Staatsmänner, Präsidenten und Minister, was waren sie -- ganz das
-gleiche verbrecherische Gesindel. Nein, nichts gab es, was ihnen Respekt
-einflößte. Hat man es je gehört: Die deutsche Regierung bestand aus
-Anarchisten, die Tag und Nacht darüber nachdachten, wie sie das Deutsche
-Reich am schnellsten zugrunde richten könnten? Wie? War es denkbar?
-
-Aber, was waren diese Leute in Rußland, diese Räuber und Diebe? --
-Heilige waren sie, nicht mehr und nicht weniger.
-
-Ja, völlig neu mußte die Welt aufgebaut werden, von Grund auf -- und
-sie, diese jungen Leute, die so laut schrien, sie allein wußten, wie
-alles gemacht werden mußte. Sie ganz allein.
-
-Manchmal flüsterten sie auch, tuschelten, raunten, geheimnisvoll --
-
-In diesem Augenblick lachte Ackermann in seinem Zimmer laut auf und
-sagte: Man sollte es nicht für möglich halten --
-
-Und wütend prasselte die Schreibmaschine.
-
-Nicht für möglich halten?
-
-Warte nur, du, du . . . he?
-
-Hast vergessen, daß Gott jeden deiner Schritte bewacht, daß die Haare
-auf deinem Haupte gezählt sind -- die Fügung hast du ganz vergessen.
-
-An den Sonntagen, da saßen sie oft bis in die späte Nacht und
-debattierten, schrien, sprachen durcheinander, daß man kein Wort
-verstand. Neu, völlig neu sollte die Welt erstehen!
-
-Und sein Mädchen saß dabei, an den Sonntagen! Es war ja
-selbstverständlich, daß dieser, dieser -- ein Mädchen hatte, aber, daß
-sie dabeisaß, während es nichts Heiliges für sie gab? Nein, nein, es
-störte sie gar nicht, nicht im geringsten. Im Gegenteil? Sie kochte Tee
-und sagte: Bitte, meine Herren -- bitte. Und so ging es den ganzen
-Sonntag bis nachts um zwei, drei Uhr. Bitte, meine Herren -- und sie
-qualmten, daß der Rauch durch die Türe quoll und er husten mußte,
-obschon er doch selbst ein starker Raucher war. Worte flogen, Worte,
-wilde, verwegene Worte.
-
-Und sein Mädchen saß mitten unter ihnen!
-
-Da schwieg die Schreibmaschine plötzlich. Ackermann verließ das Haus.
-Sein Schritt eilte die Treppe hinab, die Haustüre wurde ins Schloß
-geworfen. Bis zum grauenden Tag würde er nun fortbleiben.
-
-Wann schläft er eigentlich? dachte Herr Herbst in seinem Bett.
-
-Nun war es ganz still geworden. Es knackte in den Balken, rieselte in
-den Mauern, die Wände seufzten.
-
-Ja, ganz still und dunkel.
-
-Mitten in der unendlichen Dunkelheit und Stille saß der kleine alte
-Mann, und plötzlich begann er zu flüstern. Leise, oh, so leise -- nur er
-hörte es.
-
-»Robert -- mein Sohn -- Geliebter, Teurer -- mein Liebling --!«
-
-Zärtlich streckte er die kleinen Hände der Dunkelheit entgegen.
-
-
-10
-
-Mit der Minute kehrte der General abends aus dem Amt zurück. Er
-plauderte wie gewöhnlich etwas mit Niki, dem Kanarienvogel; plötzlich
-aber brach er die Unterhaltung ab und zeigte ein ganz unbegreifliches
-Interesse für den Papierkorb. Zuerst blickte er in den Papierkorb
-hinein, dann wühlte er darin mit der Hand, endlich stülpte er den Korb
-über den Arbeitstisch. Nichts. Es war sonderbar, jeder unbedeutende
-Zettel fand sich wieder -- zum Beispiel, sollte man es glauben,
-Schnitzel jenes Briefes, den er vor einer vollen Woche an den
-Chefredakteur einer großen, besonders im Ausland vielgelesenen Zeitung
-in einer Aufwallung geschrieben hatte, worin er diesem Chefredakteur --
--- auch dieser Prospekt -- alles, jede Kleinigkeit.
-
-»Sonderbar, höchst sonderbar!«
-
-Nicht ein Fetzen, nicht einmal ein Eckchen jenes grünen Briefumschlages,
-er würde die Farbe ja sofort wieder erkennen. Doch hier -- nein, ein
-Notizzettel zu seiner Denkschrift: Die Armee der Frauen -- worin er
-empfahl, diese brachliegende ungeheure Armee zum Wohle des Vaterlandes
-systematisch zu mobilisieren -- lächerlich, alles, jede Kleinigkeit,
-aber von diesem Briefe: nichts.
-
-Schon schlugen die Uhren.
-
-Der General hatte heute aus dienstlichen Rücksichten bei Frau v. Dönhoff
-abgesagt und sich erst nach Tisch angemeldet.
-
-Der Lüster im Speisezimmer brannte.
-
-Dieser Lüster war aus schneeigem Glas, Tulpen, Prismen, Perlen. Eine
-Grotte aus schimmerndem Schnee, die leuchtete ohne zu schmelzen.
-
-Das Zimmer war leer. Ruth war noch nicht da.
-
-Daß er auch gerade diesen Brief -- da trat Ruth ins Zimmer. Heiter und
-gut gelaunt, mit einer jungenhaften Verbeugung, wünschte sie »Guten
-Abend«.
-
-»Frau v. Dönhoff läßt grüßen, Papa«, sagte sie, indem sie Platz nahm.
-
-»Hast du Besuch gemacht?«
-
-»Nein, ich traf sie auf der Straße.«
-
-Jakob stürzte hinter seinem Schrank hervor, um die Serviette aufzuheben,
-die dem General entglitten war.
-
-»Otto geht es gut?«
-
-»Ja, nur zwei, drei Wochen«, erwiderte der General.
-
-Es hatte beinahe den Anschein, als wolle eine Unterhaltung in Gang
-kommen. So leicht gingen die Worte hin und her. Da aber runzelte der
-General die Stirn, irgendein Gedanke war ihm durch den Kopf gegangen.
-
-Schweigen. Jakob wechselte die Teller. Die Miene des Generals drückte
-deutlich den Wunsch aus, nicht mehr gestört zu werden.
-
-Plötzlich hob er das Gesicht vom Teller und richtete den Blick voll auf
-Ruth. Ohne Zweifel, sie sah verändert aus! Daß es ihm erst heute
-auffiel? Sie trug auch eine andere Frisur, einen einfachen Knoten, der
-ziemlich tief im Nacken lag. Es sah aus, als habe sie soeben die Haare
-gewaschen und die Frisur rasch aufgesteckt. Diese Frisur mißfiel dem
-General, sie verriet geringe Sorgfalt. Wie gewöhnlich war ein Lächeln
-über Ruths Gesicht gebreitet, und besonders die langen Brauen, die über
-den Wangen schwebten, lächelten. Oh, wie genau kannte der General dieses
-Gesicht und dieses Lächeln!
-
-Es war das Gesicht ihrer Mutter und das Lächeln ihrer Mutter. Dies war
-einer der Gründe, weshalb der General es vermied, in das Gesicht seiner
-Tochter zu blicken.
-
-Ruth hob den Blick, und für eine Sekunde waren ihre Augen auf ihn
-gerichtet. Auch diese Augen kannte er genau, zu genau: sanft,
-schimmernd, schwärmerisch -- aber, ein Nichts, und die Schwärmerei
-wandelte sich in Hysterie.
-
-»Jakob!« Der General deutete mit dem Messer auf die leere Fachinger
-Flasche. Der Bursche stürzte zur Türe hinaus. Röte ergoß sich in das
-Gesicht des Generals.
-
-_Wo war sie?_
-
-Nun wäre der geeignetste Augenblick --
-
-Es wäre ja das Natürlichste gewesen, Ruth ohne Umschweife zu fragen, wo
-sie in der vergangenen Nacht gewesen war. Vielleicht war sie bei
-Freunden und hatte dort übernachtet, weil sich kein Wagen auftreiben
-ließ? Möglich. Wahrscheinlich würde die Sache sich aufs Harmloseste
-aufklären. Aber diese Frage ließ die Tradition der Familie
-Hecht-Babenberg nicht zu, wo jeder eine kleine abgeschlossene Welt für
-sich bildete, die es vermied, die andere zu berühren. Eine Art
-luftleerer Raum trennte diese Welten, der die Worte verschlang und ihren
-Klang und Sinn entstellte.
-
-Die Augen der Sommerstorf würden sich voller Staunen auf ihn richten,
-als ob er etwas völlig Unmögliches und Undenkbares ausgesprochen habe.
-Etwas, das der Welt der Sommerstorf völlig fern lag, das die Welt der
-Sommerstorf nie begriff und nie begreifen konnte. Ruth würde lächeln und
-die Brauen in die Höhe ziehen. Ja, auch dieses Flattern der Brauen
-liebte der General nicht und die leise Überheblichkeit, die im Lächeln
-der Sommerstorf lag.
-
-Seine Gedanken verdichteten sich, ballten sich zusammen, die Stirn wurde
-düster.
-
-Behutsam schob Jakob mit seinen großen, in weißen Wollhandschuhen
-steckenden Händen die neue Flasche Fachinger auf den Tisch.
-
-»Der Wagen ist da?«
-
-»Jawohl, Herr General!«
-
-Und die Limousine zwitscherte die Tiergartenstraße hinunter zur
-Lessingallee. --
-
-»Hoffentlich geben sie ihm bald ein Frontkommando!« dachte Ruth, die
-sofort hinter dem General das Haus verließ. Sie hatte sich am
-Kemperplatz, ganz in der Nähe, mit jemand verabredet.
-
-Beim Rolandbrunnen am Kemperplatz stand schon dieser Jemand und wartete.
-Er hob sich fast ebenso deutlich ab wie der Roland auf dem Brunnen
-selbst. Ruth lief wie ein junges Mädchen -- lief dem Jemand in die Arme.
-
-»Papa kam heute unvermutet zu Tisch«, sprudelte sie hervor. »Seine Laune
-wird immer schlechter. Wollte Gott, daß er bald wieder an die Front käme
---«
-
-»Wollte Gott, daß es bald keine Front mehr gäbe --«
-
-»Ein herrlicher Abend, aber etwas kühl!«
-
-»Es ist immer herrlich, wenn Ruth da ist.« Und der Jemand hüllte Ruth in
-seinen Mantel.
-
-
-11
-
-Noch immer saß der kleine Herr Herbst inmitten der unendlichen
-Dunkelheit und flüsterte zärtlich den Namen seines Sohnes. Sein kleines,
-hohlwangiges Gesicht war in Tränen gebadet.
-
-Da -- nun wurde es lichter an der Türe -- nun kam er! Der Teuerste,
-Heißgeliebte kehrte aus dem Reiche der Schatten, wie die Menschen es
-nennen, zu seinem Vater zurück, wie in jeder stillen, dunkeln Nacht.
-
-Ein fahler Schein ging von der Türe aus -- und er erschauerte. Ja, ja,
-er war es, der Geliebte, Beste. Deutlich sah er ihn im fahlen Schein
-stehen: genau so sah er aus wie zu Hause auf dem Bilde. Ein Soldat im
-Helm, ein Jäger, jung, ein blutjunges Bürschchen, in der Rechten den
-Gewehrlauf, der mit Blumen geschmückt war, ganz wie an jenem furchtbaren
-Tage, da er ihn zum Bahnhof begleitete.
-
-Eisige Kälte brachte er mit aus dem Reiche der Schatten. Der alte Mann
-zittert. Die Kälte kroch über ihn, und er fühlte, wie sein kahler
-Schädel einschrumpfte. Die Angst schnürte ihm die Brust zusammen, und
-doch war es süß -- erlösend.
-
-»Bist du es?« flüsterte er voller Verzückung.
-
-»Mein Sohn, mein Liebling!« Und er streckte seine eisigen, kleinen
-blauen Hände gegen die Türe aus.
-
-»Bist du wieder hier?« Niemals sprach die Erscheinung, und er wartete
-auch nicht auf Antwort. Sie stand, regungslos, und blickte unverwandt
-auf ihn. Manchmal sah er deutlich die Augen, nicht immer. Seines Sohnes
-Augen, deren Glanz und Färbung er nie vergaß -- glänzend und kristallen
-wie die Augen eines unschuldigen Tieres -- während die Züge des Gesichts
-zuweilen schon seinem Gedächtnis entglitten.
-
-»Bist du zurückgekehrt zu Papa --?«
-
-Aber, Entsetzen! Wieder begann der Teure zu bluten --
-
-Von der Stirn floß plötzlich dunkles Gerinnsel, gewiß, dort hatte ihn
-das tödliche Geschoß getroffen. Das Blut floß, es strömte, es färbte die
-Uniform dunkel, lautlos strömte es auf den Boden, ohne Ende. Und der
-Teure stand, regungslos blutete er, ohne jeden Laut . . .
-
-»Wie schrecklich du heute wieder blutest, mein Einziger!« flüsterte der
-kleine alte Mann -- oh, so leise! -- und rang die Hände. Die Tränen
-stürzten über seine Wangen. »Immer noch findest du nicht Ruhe, du
-Teuerster? Warte, gedulde dich -- ich habe schon an ihn geschrieben, er
-wird antworten -- gewiß . . . Alles werde ich versuchen, nichts werde
-ich unversucht lassen -- ich gelobe es -- mein Liebling --«
-
-Und er flüsterte, versprach, rang die Hände, verhüllte das tränennasse
-Gesicht --
-
-Da wurde es licht, der Schein einer Kerze, und augenblicklich zerfloß
-die Erscheinung. Nichts blieb als die hellgestrichene Füllung einer Türe
-mit einem schwarzen Schloß.
-
-Nicht eine Kerze, der Mond war über die Dächer gekommen. Ein Lichtkeil
-spaltete plötzlich die Dunkelheit des Zimmers. Erschrocken zog Herr
-Herbst die Hände aus dem Lichtstrahl zurück, als würden sie verbrannt.
-
- * * * * *
-
-Die Dunkelheit war zertrümmert, und nun kamen auch die Geräusche zurück.
-Stimmen murmelten, es hustete, alle Arten von Husten, vom pfeifenden
-Frauenhüsteln bis zum brüllenden Husten erkälteter Männer. Schlaflos war
-das ganze Haus, es brauchte nur der Mond über die Dächer zu kommen, aus
-Glas schien es zu sein. Die Lider standen im Schlummer geöffnet, wie bei
-den Toten, und die Strahlen des Mondes stachen wie Nadeln in die
-bloßgelegten Hirne.
-
-Nebenan wimmerte ein Kind, eine Bettstelle knarrte.
-
-»Bist du denn wieder aufgestanden?« zischelte es hinter der Wand.
-
-»Ja, ja«, entgegnete Hähnleins heisere Stimme. »Ich sehe mir den Mond
-an.«
-
-»Wie soll ein Mensch das ertragen?«
-
-»Beruhige dich, Mutter -- bald, ja bald --!«
-
-Ermattet saß Herr Herbst, bebend vor Erschöpfung. Das Gespräch mit dem
-Sohn hatte ihn völlig entkräftet. Der Teure sog alle Kraft aus ihm. Das
-Herz zuckte in seiner Brust. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne.
-
-Ach, wie entsetzlich er doch wieder geblutet hatte -- er litt -- rasch
-mußte er handeln, rasch!
-
-Er versank in tiefes Nachdenken. Langsam, wie betäubt bewegten sich die
-Gedanken in seinem kahlen Kopf, schlafschwer krochen sie dahin wie
-Schatten auf den Dächern. Das Geflüster und Gezischel hinter der Wand
-störte ihn nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elends und
-des Hungers. Nein, das Elend fremder Menschen machte keinen Eindruck
-mehr auf ihn. Worte, Nichtigkeiten! Weshalb sollten nicht andere
-ebenfalls unglücklich sein, alle. Neulich hatte er mit angesehen, wie
-ein vornehmer Herr von einem Militärlastauto überfahren wurde -- gerade
-über das rechte Bein war das schwere Doppelrad gegangen. Er war in
-verzweifelter Stimmung, sofort aber besserte sich seine Laune! Die
-Unglücklichen weiden sich am Unglück, die Kranken an der Krankheit, die
-Armen an der Armut -- nur die Glücklichen, das ist etwas ganz anderes,
-sie weiden sich nicht am Glück. Sie sehen andere Menschen nicht mehr.
-
-Langsam -- aber schließlich fand er sich doch zurecht in all den
-Dunkelheiten.
-
-Nein, keine Antwort. Hunderte warten!
-
-»Der General antwortet nicht!«
-
-»Nein, nein!«
-
-Erregt setzte er sich auf.
-
-»Was aber dann? Was dann?«
-
-Im Nu hatte er die Füße auf den Boden gestellt. Er saß mitten im
-Mondlicht und blickte zum Fenster hinaus. Sein Schädel glänzte wie eine
-Quecksilberkugel, seine Augen schimmerten wie die Augen toter Fische,
-die schon lange liegen. Er lauschte in sich hinein, er grub in seinem
-Gehirn. Plötzlich begann sein gleißender Schädel zu dampfen, Rauch
-kräuselte aus seinen Augen. Eine Wolke glitt über den Mond. Wieder
-glänzte die Quecksilberkugel. Aber plötzlich saß er gänzlich ohne Kopf
-da. Der Mond glitt hinter einen Schornstein. Als er wieder ins Zimmer
-blendete, hatte Herr Herbst die Hälfte seines Volumens verloren. Er
-hatte den Havelock abgelegt.
-
-Rasch, rasch riß er den Kragen und die kleine schwarze Binde ab und
-steckte den Kopf in eiskaltes Wasser. Der Mond funkelte.
-
-Einen ungeheuren Gedanken hatte der Mond im Gehirn des kleinen Herrn
-Herbst wachgeblendet.
-
-Er konnte gar nicht genug eiskaltes Wasser über seinen Kopf gießen.
-Fieberhaft rieb er sich ab, zog Kragen und Binde an.
-
-»Ja, ja, weshalb nicht --?« Rasch schlüpfte er in den Havelock.
-
-»Ich werde --«
-
-»Ich werde --«
-
-»_Ich werde ihn besuchen!_«
-
-Schon rannte er zur Türe hinaus. Halt! wohin? es ist mitten in der
-Nacht! Aber nichts hielt ihn zurück. Mit raschen Schritten eilte er die
-leere und verödete Fabriciusstraße hinab.
-
-Ah, und wie eisig kalt es war!
-
-
-12
-
-Dora lachte belustigt auf.
-
-»Achttausend Mark, Ruth, ich bitte Sie! Für eine ganz einfache
-Gesellschaftstoilette! Und ein Hemd, ganz und gar nicht luxuriös, etwas
-billige Spitzen, ein paar Seidenschleifen -- fünfhundert Mark. Es ist
-wirklich eine Komödie. Ich wage es schon gar nicht mehr, ein Geschäft zu
-betreten.«
-
-»Wie wird es aber werden?« fragte Ruth und zog die Brauen hoch. »Die
-Hälfte der Bevölkerung hat schon keine Wäsche mehr. Die Kinder schlafen
-auf Papier.«
-
-Dora fand das sehr spaßig.
-
-»Wie es werden wird? Höchst einfach, im nächsten Jahr werden wir uns
-alle in Papier kleiden, Ruth, und das wird ungeheuer lustig werden! Sie
-erinnern sich an die Dame, die im vorigen Sommer ohne Strümpfe Unter den
-Linden ging? Wenn man hübsche Beine hat, ist das reizend. Aber denken
-Sie sich eine Gesellschaft, ganz in Papier gekleidet! Die Industrie wird
-die reizendsten Farbtöne erfinden --« Dora mußte vor Lachen abbrechen --
-»Der General meint allerdings --«
-
-»Was meint Papa?«
-
-»Er sagt, die Industrie habe Ersatzstoffe erfunden, die viel besser sind
-als Wolle und Seide. Zum Beispiel, nun wie heißt sie, diese Patentfaser?
-Die ganze Lüneburger Heide soll mit Brennesseln bepflanzt werden, doch
-das wird wohl noch ein Weilchen dauern. Aber hören Sie, Ruth, welch
-blendende Idee! Ich werde bei meinem Hausball Papierkostüme
-vorschreiben!« Dora klatschte vor Vergnügen in die Hände, und wieder
-füllte ihr Lachen Ruths kleinen halbdunkeln Salon mit Heiterkeit und
-tausend Schelmereien. »Süß sehen Sie aus, mein Kind. Woher stammt diese
-Bluse? Lassen Sie fühlen, herrlich! Das ist noch Seide! Was man heute
-für schweres Geld bekommt, ist ja Schund, den früher unsere Neger
-getragen haben. Aber denken Sie doch Ruth, wenn wir erst in einer
-Papierserviette schlafen gehen werden --!« Es war Dora gänzlich
-unmöglich, diese drolligen Phantasien abzuschütteln.
-
-Ruth bereitete den Tee, während die schöne Dora schwatzte und lachte.
-Sie folgte mit zärtlichen Blicken jeder Bewegung Ruths, die sie liebte.
-Ja, aufrichtig liebte, obschon sie ganz anders war, vielleicht, weil sie
-ganz anders war. Und sie fand sie in vieler Beziehung so amüsant! Zum
-Beispiel, der Hut hing auf einer Blumenvase und -- bei Gott -- ein
-kleiner schwarzgelber Abendschuh lag verlassen auf dem Sofa. War das
-nicht süß? Und die Teemaschine stand auf dem Schreibtisch, natürlich
-floß das kochende Wasser auf die Platte. Nein, wie reizend! Früher war
-Ruth häufig bei ihr gewesen, sie hatten zusammen musiziert --
-
-»Singen Sie noch, Ruth?«
-
-»Wenig nur, leider.«
-
-Aber nun sah man sie selten. Dora nahm es ihr nicht übel. Sie liebte sie
-trotzdem, wie sie alle Menschen, die ihr nichts zuleide taten, liebte,
-wenn sie guter Laune war. Hatte sie aber ihre bösen Stunden -- nun, da
-hätte sie ruhig sehen können, wie man die Menschen vor ihren Augen
-abschlachtete -- aber das war natürlich eine Übertreibung. Dora konnte
-grausam sein, sehr grausam, wenigstens dachte sie es.
-
-Butzi, der Griffon, ließ den schwarzgelben Abendschuh, der neben dem
-kleinen Sofa auf dem Boden lag, es war der zweite, plötzlich aus den
-Zähnen und schlich zur Türe.
-
-Er steckte die Nase in die Ritze zwischen Schwelle und Türe und blies.
-
-Dann aber schnellte er erschrocken auf allen vieren zurück . . .
-
-Die Türe öffnete sich -- behutsam -- leise -- und das breite
-steinfarbene Gesicht des Generals, nachdenklich gesammelt, wurde
-sichtbar. Aber schon in der nächsten Sekunde verschwand die
-nachdenkliche Sammlung und die Steinfarbe -- betreten und überrascht
-prallte das Gesicht zurück und färbte sich rot.
-
-Der General erschrak genau wie Butzi und wich genau wie Butzi zurück.
-Butzi erholte sich sogar zuerst und begann zu kläffen.
-
-»Herr General?« rief Dora überrascht aus.
-
-»Papa?« fragte Ruth leise und ungläubig.
-
-»Ich bitte zu verzeihen, wollen die Damen, bitte . . .«
-
-Dora lachte. »Kommen Sie doch, Herr General, wir sind eben bei den
-interessantesten Gesprächen.«
-
-»-- will nicht stören -- ich wollte nur -- ich hörte Stimmen -- guten
-Tag, meine Damen.« Und der General verschwand sofort wieder und schloß
-leise die Türe hinter sich.
-
-Butzi hatte gesiegt. Er kläffte wütend hinter dem abziehenden Gegner
-her.
-
-»Was wollte er denn?«
-
-Ruth schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie. »Er kommt
-sonst nie in mein Zimmer.«
-
-»Er ist argwöhnisch, Ruth«, sagte Dora.
-
-Ruth blickte auf und errötete.
-
-»Ja, ja, er glaubt, Sie haben einen Geliebten«, fuhr Dora fort und
-blinzelte mit dem rechten Auge.
-
-Die Röte wich aus Ruths Wangen. Sie wurde bleich.
-
-»Er glaubt --?«
-
-»Ja, er hat Sie doch neulich erwischt.«
-
-»Sie kamen erst am Morgen nach Hause. Er erzählte es mir. Gott, wie sie
-erschrocken ist, die Kleine. Ich habe es ihm natürlich ausgeredet. Sie
-können sich das wohl denken.«
-
-»Ich bin bei Platens im Grunewald gewesen, und es wurde sehr spät.«
-
-»Und Sie haben es ihm nicht gesagt?«
-
-»Ich? Wieso? Er fragte nicht. Schließlich ist es auch nicht seine Sache.
-Nehmen Sie Süßstoff, Dora? Ich habe keinen Zucker.«
-
-Ja, nun wurde also Tee getrunken, lange genug hatte es gedauert -- und
-draußen goß es in Strömen, welches Wetter, in diesem Berlin! Dora
-zündete eine ihrer dicken englischen Zigaretten an.
-
-»Aber vielleicht hat er doch recht, der General --?« sagte sie, und
-wieder blinzelte sie mit dem rechten Auge.
-
-»Wie meinen Sie das?«
-
-»Nun, ich meine nur -- so -- so . . .«
-
-Dora lachte. Es machte ihr Vergnügen, scheue Menschen in Verlegenheit zu
-bringen. Dann aber änderte sie den Ton.
-
-»Und Dietz geht es gut in Bukarest?«
-
-»Sehr gut, danke. Er bewohnt eine reizende Villa, reitet täglich
-spazieren, es fehlt ihm wirklich an nichts.«
-
-»Hören Sie Ruth -- aber Butzi, sehen Sie, er zerreißt Ihnen den ganzen
-Schuh --«
-
-Ruth nahm den Schuh und warf ihn zu dem andern auf dem Sofa.
-
-»Ich wollte sagen, Ruth, wenn Sie erst einmal auf Ferchow wohnen -- es
-ist der schönste Sitz in Pommern, und Sie haben da einen chinesischen
-Pavillon auf einer Insel im See, märchenhaft, die Armins haben ja ihr
-Gut nebenan -- wenn Sie erst auf Ferchow wohnen, versprechen Sie mir --«
-
-Ruth unterbrach sie.
-
-»Ich werde nie auf Ferchow wohnen, Dora!« sagte sie, jede Silbe
-betonend.
-
-»Wie? Aber --?«
-
-Ruth blickte Dora in die Augen.
-
-»Nein, niemals!«
-
-»So erklären Sie mir doch, meine Liebste --?«
-
-»Sprechen wir nicht mehr davon.«
-
-»Aber, ich bitte Sie, Ruth, wollen Sie mir nicht --?«
-
-Doppelt so groß wie gewöhnlich waren Doras blaue Augen vor Erstaunen.
-
- * * * * *
-
-Das nächstemal war der General vorsichtiger. Er erkundigte sich erst, ob
-seine Tochter ausgegangen sei, und klopfte zur doppelten Vorsicht vorher
-an. Zu peinlich war es ihm neulich gewesen -- Dora saß da, Ruth, nicht
-einmal angeklopft hatte er -- was mochten sie denken von ihm?
-
-Er hatte jahrelang Ruths Zimmer nicht betreten. Jahrelang hatte er sich
-überhaupt nicht im geringsten um Ruth gekümmert, ihr jegliche Freiheit
-gelassen, seinen Grundsätzen gemäß -- nun aber schien es ihm an der Zeit
-zu sein . . .
-
-Nicht ohne eine gewisse Scheu trat er ein.
-
-Sofort aber waren diese beiden Augen auf ihn gerichtet, obwohl er den
-Blick abgewendet hatte, denn er wußte genau, wo das Bild hing. Diese
-Augen leuchteten ihm entgegen, und der General fühlte ihren schimmernden
-Blick durch die Lider hindurch, ja selbst durch den Kopf, wenn er das
-Gesicht abwandte. Er räusperte sich und murmelte etwas vor sich hin, um
-sein Gleichgewicht wieder zu finden.
-
-Rügend schüttelte er den Kopf: Welche Unordnung!
-
-Auch diesen Mangel an Ordnungssinn hatte sie von der Sommerstorf geerbt,
-keineswegs von ihm. Augenblicklich schossen ihm in einer Sekunde tausend
-Erinnerungen durch den Kopf. Da war, zum Beispiel, die Naht am Handschuh
-geplatzt, und sie machten Besuch beim Regimentskommandeur. Es war
-äußerst peinlich. Der Regimentskommandeur sah sofort die geplatzte Naht
-des Handschuhs, es sah aus, als sähe er überhaupt nichts anderes. Und da
-kamen, zum Beispiel, Gäste, sie waren auf acht Uhr geladen. Sie kamen,
-und der Salon war völlig in Unordnung. Notenblätter waren überall
-umhergestreut, und die Tischdecke lag voll von Rosenblättern, die von
-einem welken Strauß abgefallen waren. Wie in aller Welt sollte er sich
-denn vor den Gästen entschuldigen? Aber die Sommerstorf lachte nur
-darüber. Gerade über solche Dinge konnte sie ausgelassen lachen. Es
-fehlte ihr jedes Organ dafür. So waren sie, die Sommerstorfs. Sie kamen
-nicht umsonst aus dem Süden.
-
-Ein Hut lag auf dem Tisch im Salon, daneben eine Schere und eine Rolle
-Zwirn. Die Nadel stak in der Tischdecke. Zeitungen waren über das Sofa
-verstreut, und in der Ecke lag sogar ein Abendschuh. Überall
-Schreibpapier, Bücher.
-
-Zerstreut nahm der General ein aufgeschlagenes Buch vom Schreibtisch.
-Marx.
-
-Karl Marx.
-
-Ein Sozialist!
-
-In dem Buche waren Stellen angestrichen. Sie arbeitete darin.
-
-Einen Augenblick war der General geneigt, diese Lektüre für eine junge
-adelige Dame unpassend zu finden. Schon wollte er den Kopf schütteln.
-Aber er überwand sich. Mochte sie -- weshalb nicht -- wenn sie Interesse
-dafür hatte? Auch ein Sozialist hatte ja wohl manches zu sagen, was
-interessieren konnte -- im übrigen, sie hatten ja in der Stunde der
-Gefahr das Vaterland über den Internationalismus gestellt, bewilligten
-die Kredite, was man wollte, gingen mit durch dick und dünn -- in der
-Tat, sie hatten sich als wahre und echte Patrioten erwiesen!
-
-Viele Bücher. Stöße von Büchern. Autoren und Titel waren ihm unbekannt.
-Er hatte keine Zeit, Bücher zu lesen -- der Dienst -- seit zwanzig
-Jahren hatte er eigentlich kein Buch mehr in die Hand genommen -- seit
-dreißig, von fachwissenschaftlichen Werken natürlich abgesehen.
-
-Im übrigen, diese modernen Autoren, soviel er von ihnen wußte, sie
-beliebten Konstruktionen, lebten in einer fiktiven Welt -- während seine
-Welt, die Welt des Generals, eine Welt der harten Tatsachen war, ohne
-Beschönigung, ohne Lüge und Poesie, einfach der harten Tatsachen.
-
-Aus einem Buch fiel ein Brief: »Geliebte Ruth« -- sofort schob ihn der
-General wieder in das Buch zurück. Wieder schüttelte er rügend den Kopf.
-Daß sie, zum Beispiel, nicht daran dachte, daß Unberufene, etwa Therese,
-den Brief lesen könnten! Erschreckend diese Ähnlichkeit in den kleinsten
-Charakterzügen. Auch ihre Mutter hatte die wichtigsten Briefe und
-Schriftstücke herumliegen lassen. So hatte es ja seinen Anfang genommen
-. . .
-
-Wiederum fühlte er den Blick der leuchtenden Augen so stark, daß die
-Hand matt wurde, die das Buch hielt. Deutlich, ganz deutlich hörte er
-eine Stimme in seinem Kopf, die irgendwo geschlafen hatte. Er verstand
-nicht die Worte, die diese Stimme aussprach, aber er hörte ihren Klang,
-ganz deutlich, und es war doch schon viele Jahre her, daß er diese
-Stimme zum letzten Male gehört hatte.
-
-Diese Stimme wurde lauter und lauter und nahm einen immer heitereren
-Klang an. Deutlich hörte er, wie diese Stimme in seinem Kopfe oder
-irgendwo -- sie schien irgendwo verborgen zu sein! -- zu lachen anfing,
-ein Lachen, heiter, spöttisch. Der General legte das Buch zurück.
-
-Traurigkeit stieg plötzlich in seinem Herzen auf.
-
-»Was will ich eigentlich hier?« sagte er. Nachdenklich verließ er das
-Zimmer, während die Augen des Bildes ihm bis zur Schwelle folgten --
-
-Und Marx? Weshalb nicht Marx? Aber es war eigentümlich, dieser Name
-klang in ihm weiter.
-
-Als er wieder über den Korridor schritt, hatte er die Empfindung, aus
-einer fremden Welt und andern Zeit gekommen zu sein. Niki zwitscherte
-fröhlich sein Lied, und alle Dinge betonten plötzlich ihre Wirklichkeit
-und Vertrautheit.
-
-Übrigens war es auch frostig in Ruths Zimmer gewesen.
-
-
-13
-
-In der kahlen, verwahrlosten Fabriciusstraße erscheint -- ist es
-möglich, an einem Wochentage, in diesen Zeiten -- ein Zylinder! Der
-Zylinder kommt näher, immer näher, er verschwindet im »Löwen von
-Antwerpen«.
-
-Der bucklige Wirt blinzelt mit den düsteren Eulenaugen und bringt die
-Flasche Roten und das Schachbrett.
-
-»Meine Hochachtung«, flüstert er, wie es seine Art ist, leise -- er
-sprach jahrelang kein Wort, in einer gewissen Periode seines Lebens.
-»Sie treiben es nobel in diesen Tagen! Immer noch diese amtliche Sache?«
-
-»Gestern war es leider nichts. Ich hatte versäumt -- hatte ja keine
-Visitenkarten. Alles hat seine Formen. Plötzlich denke ich gestern: nun,
-und die Visitenkarten?«
-
-Herr Herbst hatte sich verändert. Das Rasiermesser hatte Kinn und Wangen
-geglättet, und der Haarkranz war etwas geschnitten. Im ganzen hatte das
-Volumen des Kopfes nur minimal abgenommen, aber es schien, als sei der
-Kopf um die Hälfte eingeschrumpft. Und hinten im Nacken, wo der
-Hinterkopf ansetzte, waren faustgroße Höhlen sichtbar geworden. Wie in
-den letzten Tagen, trug er auch heute einen etwas verknüllten, zu langen
-schwarzen Gehrock, und wieder empfand der bucklige Wirt Hochachtung vor
-ihm, als er den Gehrock erblickte. Dieser kleine alte Mann, der mit dem
-Gläschen in der Hand vor den Munitionsarbeiterinnen tanzte und sich zum
-Gespött der frechen Geschöpfe machte -- wer war er? Ein
-Heruntergekommener, ein Sonderling -- er behauptete, Lehrer an einem
-Gymnasium gewesen zu sein, aber was behaupteten die Leute heutzutage
-nicht alles?
-
-»Heute aber sollen die Karten fertig werden. Er hat mir sein Ehrenwort
-gegeben«, fügte Herr Herbst hinzu, und seine kleinen, etwas schmutzigen
-Hände rasselten gierig mit den Schachfiguren. Dieses Rasseln der
-Schachfiguren, immer erinnerte es ihn an einen kleinen Marmortisch mit
-blankgeputzter Messingeinfassung -- sein Stammcafé in der Provinz,
-einst, lange war es her.
-
-»Sie haben den Anzug, Herr Herbst!« flüsterte der Bucklige und schob das
-spitze Kinn über das Schachbrett.
-
-Herr Herbst griff nach dem Glas. Seine Hand zitterte. Ja, schlimme Tage
-hatte er hinter sich. Er zerdrückte den Wein auf der Zunge zwischen den
-gelben Zahnstumpen. Plötzlich sah er deutlich -- sollte man es für
-möglich halten? -- das Gesicht des Generals im Glase! Er schloß rasch
-die Augen und ließ das ganze Glas durch die Kehle hinunterlaufen. Noch
-ein Glas -- und nun war er bereit.
-
-Kraft und Mut strömten aus dem Wein.
-
-Furcht? Nein, nein, er hatte keine Furcht.
-
-Er nahm das Aluminiumetui aus der Tasche, zündete sich eine Zigarre an
-und setzte sich zurecht.
-
-»Und nun wollen wir einmal etwas ganz Neues versuchen.« Er zog den
-Turmbauern.
-
-Noch weiter schob der Bucklige das spitze Kinn über das Brett.
-
-Eine Falle? Wie, was? Was wollte er mit dem Turmbauern?
-
-»Sie haben ja ein Feld zu weit gezogen.«
-
-»Zu weit? Nun, dann nehmen wir ihn eben um ein Feld zurück.« So
-hochgemut fühlte sich Herr Herbst in diesem Augenblick, daß er den
-Bauern gleich über drei Felder vorstoßen ließ.
-
-Die Partie begann. Beide waren leidenschaftliche Spieler.
-
-Herr Herbst lehnte sich im Stuhl zurück und blies den Rauch in die Luft.
-
-Furcht? Wieso? Vor wem? Vor ihm?
-
-Die Karten würden um vier Uhr fertig werden, nun und dann . . .
-
-Wieder trank er ein Gläschen.
-
-Alles war ja in seinem Kopfe zurechtgelegt. Jedes Wort, die Rede floß in
-Gedanken. Und, hm, auch die Verbeugungen und Anreden hatte er schon
-eingeübt, ganz genau. Weshalb sollte er Furcht haben? Schließlich war er
-doch nicht der Kaiser, wie?
-
-Kein Zweifel, er würde ihn zwingen, ihm Rede und Antwort zu stehen, jede
-Auskunft, die er wünschte, zu geben.
-
-Er hatte ja die Briefe in der Tasche, zum Beispiel, am 4. August griff
-ein Jägerbataillon an, kein Mann kehrte zurück. Weshalb also mußte am 5.
-August -- er würde natürlich in aller Höflichkeit, in aller
-Bescheidenheit . . .
-
-»Schach der Königin!« rief er laut und warnend.
-
-»Wahrhaftig! Nun, Sie erlauben, ich nehme den letzten Zug nochmals
-zurück -- es heißt überlegen. Sie gehen ja scharf vor, heute.« Die
-düsteren Eulenaugen des Buckligen begannen zu glühen.
-
-Herr Herbst griff in Wahrheit stürmisch an. Er fühlte sich seinem Gegner
-heute weit überlegen, und er hätte jede Summe gewettet, daß er gewann,
-obgleich der Bucklige für gewöhnlich stärker spielte -- unter den
-jetzigen Umständen, früher, da hätte er ihn ja nie schlagen können.
-
-Natürlich, der Kaiser war er ja am Ende nicht. Und schließlich -- er
-würde ihm ja ebenfalls gefällig sein! Nein, nein, es war ganz und gar
-kein kleiner Dienst -- bei rechtem Lichte betrachtet. Vielleicht würde
-er sagen: aber mein lieber Herr Herbst, weshalb sind Sie nicht früher
-gekommen? Wer weiß? Wer weiß?
-
-Ja, so würde er beginnen. Von diesen jungen Leuten nebenan würde er
-berichten -- von ihren Ideen, ihren Absichten, gefährlichen Absichten --
-nun ja, rascher als irgendein anderer würde der General verstehen.
-
-Und dann würde er auf das Mädchen zu sprechen kommen --
-
-»Vorsicht, Herr Herbst!«
-
-»Ich sehe schon -- eine richtige Falle. Ei, ei!«
-
-»Aber was tun Sie?«
-
-»Ich bin gezwungen, den letzten Zug zurückzunehmen.«
-
-»Aber, aber --«
-
-»Auch Sie haben ja einen Zug zurückgenommen.«
-
-Dieses Mädchen also, so würde er sagen, hatte er zuerst gar nicht
-beachtet. Wie sollte er auch? Alle diese Soldaten hatten ja ihre
-Mädchen, nicht wahr, es war einmal nicht anders. Nicht beachtet. An den
-Sonntagen kochte sie den Tee, bot Zigaretten an. Sie selbst sprach
-eigentlich wenig, nur hier und da warf sie ein Wort ein. Man hörte ihre
-Stimme kaum, so fein klang sie.
-
-An den Wochentagen kam sie zuweilen abends, und dann war sie mit ihm
-allein. Nun sie waren junge Leute, was sollte da besonderes dabei sein?
-Er hörte nicht zu, hatte seine eigenen Gedanken. Eines Abends aber,
-plötzlich sprechen sie über gewisse Dinge -- wie interessant! Was ist
-das? Offenbar kennt das Mädchen genau die Familienverhältnisse einer
-gewissen hochgestellten Persönlichkeit. Nun, es war jedenfalls
-sonderbar, daß sie so genau Bescheid wußte --
-
-Tief in seine Gedanken versunken, legte sich Herr Herbst im Sessel
-zurück und blies den Rauch in die Luft.
-
-Sie plaudern also über gewisse Dinge, ganz harmlos. Sie denken wohl
-nicht, daß ich nebenan alles höre, denken wohl, ich sei ausgegangen.
-
-Oben an der Türe sehe ich Licht.
-
-Ich weiß wohl, was sich schickt und was unpassend ist -- aber, aber, ich
-kann nicht widerstehen. Das Licht reizt mich. Ich trage den Stuhl zur
-Türe, vorsichtig natürlich -- steige hinauf -- so, so -- strecke mich
-und blicke durch den Spalt. Ich drehe das Auge hin und her. Ah, da sitzt
-er also, der Soldat, und daneben -- auf dem Sofa . . .
-
-Plötzlich sehe ich ihr mitten ins Gesicht!
-
-Der Schreck -- glauben Sie mir -- die Überraschung -- ich wäre um ein
-Haar vom Stuhl gefallen! Denn wenn ich auch das und jenes dachte -- ich
-glaubte es ja nicht -- es schien mir unmöglich -- die Stimme, hm, das
-Gespräch, aber es war ja unmöglich -- und doch -- doch!
-
-Dieses Mädchen, Herr General, diese Dame --
-
-»Schach und matt!« rief der Bucklige triumphierend, und Herr Herbst
-prallte zurück.
-
-Also geschlagen, abermals geschlagen!
-
-Herr Herbst zog die Uhr -- er besaß eine goldene Uhr, sonderbar! -- und
-wurde plötzlich von Unruhe ergriffen.
-
-»Ja, nun wird es aber Zeit für mich -- höchste Zeit!« sagte er und
-stülpte hastig den Zylinder über den Schädel. Ganz wie der steife
-schwarze Hut war auch der Zylinder um eine Nummer zu groß und sank auf
-die abstehenden grünlichen Ohren herab.
-
-In höchster Eile verließ er die Kneipe.
-
- * * * * *
-
-Schon dunkelte es. Lautlos und unaufhörlich sank der schwarze
-Aschenregen auf die sterbende Stadt.
-
-Eine Stunde später, und Berlin war völlig finster. Undurchdringliche
-Finsternis lag über den deutschen Landen, undurchdringliche schwarze
-Nacht lag über Europa, zuckend vor Schmerzen, gebadet in Blut und
-Tränen.
-
-Wann endlich?
-
-Horch! Hunderttausend Geschütze wiehern wollüstig durch Europas
-undurchdringliche schwarze Nacht.
-
-Ja, wann endlich? Eile, binde deine Schuhe, Erlöser, und eile, wenn du
-kommen willst!
-
-Schon sind Europas Augen blind vom Weinen, schon stockt der Schlag
-seines Herzens.
-
-
-
-
-Drittes Buch
-
-
-1
-
-Dampfwolken quollen aus der Halle, Rauchfetzen flatterten zwischen den
-Eisenträgern. Alles wehte. Die Vorortzüge liefen kreischend ein,
-keuchten kreischend hinaus. Mäntel, Hüte, Röcke wirbelten im Rauch und
-weißen Wasserdampf. Auch Klaras Kleider wirbelten. Sie fror an den
-dünnen Beinchen, aber sie liebte es, ganz leicht gekleidet zu gehen.
-
-Der nach der Westfront abgehende Frühzug hatte Verspätung. Mochte er!
-Wie gerne wartete sie! Schon seit einer Stunde ging sie hier am
-Charlottenburger Bahnhof auf und ab. Drüben am Bahnhof Zoologischer
-Garten standen sie nun, die Damen Sterne-Dönhoff, Mutter und Schwestern,
-und plauderten noch mit ihm. Der Wind pfiff von allen Seiten in die
-Halle, und blendende Helligkeiten fegten draußen über die Dächer.
-
-Plötzlich blieb Klaras Herz stehen:
-
-Um die Ecke schnob ein pechschwarzes Ungeheuer, qualmend aus Schlot und
-Zylindern. Blitzschnell kam es auf Rauch herangewirbelt. Der Fernzug
-. . .
-
-Der Kurfürstendamm, wimmelnde Menschen -- sie und Heinz. Der Tiergarten,
-brausende Bäume -- sie und Heinz. Die Stufen der Untergrundbahn, ein
-Menschenstrom, das kleine Café in der Kantstraße -- sie und Heinz. Wie
-durch ein scharfes Glas sah sie sich neben ihm, immer neben seinem
-weiten grauen Feldmantel -- nur die Szenerien änderten sich,
-blitzschnell, alle Straßen, Plätze, die sie zusammen besucht hatten. Der
-Tiergarten -- gestern nachmittag, als sie Abschied nahmen, es dämmerte
-schon -- sie gab ihm das Medaillon mit der Locke, das sie so oft und
-tausendfach küßte, bis sie einen Weinkrampf bekam -- als Talisman sollte
-er es tragen -- und plötzlich verschwindet alles in einem Wirbel, nichts
-ist mehr vorhanden als ein leerer Raum, durch den die schwarze
-Lokomotive dahinstürmt.
-
-Ihre Kleider flatterten, sie griff an die grasgrüne Mütze mit der grünen
-Seidenquaste, in der Rechten wehte das Taschentuch. Sie dachte an
-nichts, ihre Augen glitten erregt an dem fliegenden Zug entlang, und sie
-verging vor Angst, daß sie Heinz nicht mehr sehen würde.
-
-Da, da, da, da war er! Seine Hand, sie erkannte sie sofort, winkte ihr
-zu. Ein Lachen in seinem geröteten Gesicht, ein Blitzen der Zähne, und
-die blonden Haare leuchten. Auf seiner Brust aber glänzte -- wie ein
-heller Stern -- durch den Mantel hindurch -- das Medaillon aus Kristall:
-deutlich sah sie es. Groß und mächtig wie ein Stern, obgleich es ganz
-klein war.
-
-Hunderttausende und abermals Hunderttausende waren schon auf diesen zwei
-Schienen fortgefahren, und alle trugen einen Talisman auf der Brust.
-
-Fort war Heinz.
-
-Der Zug war rasend schnell gefahren, aber die letzten Wagen rollten ganz
-langsam an Klara vorüber.
-
-Der Wind riß ihre Kleider bis zu den schmalen Knien empor, aber sie
-bemerkte es nicht. Soldaten, die aus den letzten Wagen blickten,
-schnitten ihr Gesichter.
-
-Da aber fing sie an zu laufen, und weinend stürzte sie die Treppe hinab.
-Wie ein Messer zerschneidet das Lebewohl ein junges Herz.
-
-Alles war ja noch Geheimnis, niemand wußte etwas, niemand wußte von
-ihren Schwüren, ihren Versprechungen, ihren Plänen, ihren Träumen,
-niemand.
-
- * * * * *
-
-Schon war Klara zu Hause, und schon war die grüne Mütze mit der grünen
-Seidenquaste in ein Paketchen eingeschnürt, fertig zum Absenden. Er
-sollte sie haben. Ach, und sie weinte und bedeckte die alte grüne Mütze
-mit Küssen und Tränen.
-
-Schon aber hatte der Zug die nächste Station passiert, und Klara steckte
-die kleine Flagge auf der Karte um. Man muß wissen, daß Klara sich ein
-Kursbuch gekauft hatte, um den Zug verfolgen zu können.
-
-Und schon war Klara wieder auf der Straße und lachte in Sonne und Wind,
-während auf ihrem Herzen noch die Tränen brannten. Auf zierlichen,
-raschen Beinchen schritt sie, die schmale Hüfte wippend, die
-Joachimsthaler Straße hinab. Sie war glücklich.
-
-Klara ging einkaufen. Sie mußte ja nun an die Feldpaketchen denken, ganz
-wie Millionen andere Frauen. Kam sie zurück, so konnte sie die Flagge
-schon bis Hannover vorstecken.
-
-Schon dachte sie an die Zeit, da sie die Flagge zurückstecken würde --
-wenn er zum ersten Male auf Urlaub kam.
-
-Zwischen der Kindheit und der Welt der Erwachsenen liegt die Zone des
-Paradieses. Blendend von Träumen, Plänen, Visionen, Ahnungen und
-Wünschen. Wunderbar und erhaben liegt das Leben vor den Blicken, und
-mutig geht ihm der Schritt entgegen.
-
-Durch dieses Paradies schritt Klara dahin, obschon sie nur die
-Joachimsthaler Straße hinabwanderte.
-
-
-2
-
-Schon wanderte die kleine Flagge auf der Karte wieder rückwärts. Es war
-der Zug, der den ersten Brief bringen konnte. Konnte! Aber er kam nicht.
-Nun kam der Zug an die Reihe, der den ersten Brief bringen sollte. Aber
-er kam nicht. Nun kam der Zug, der den ersten Brief bringen mußte. Aber
-er kam nicht. Die Stunden blieben stehen. Die Uhren tickten, das Herz
-schlug im Halse, und in der Nacht saß Klara mit offenen Augen im Bett.
-
-Endlich, am sechsten Tage, kam er.
-
-»Hier ist ein Brief, kleine Braut«, sagte Hedi, und Klara errötete. Hedi
-hatte ein überlegenes, aber gutmütiges Lächeln für die Schwester.
-Dieselbe Geschichte! dachte sie. Sie wird Briefe schreiben, jahrelang
-auf den Briefträger warten . . . Es ist immer das gleiche.
-
-»Gib, bitte!« sagte Klara, und ihr Atem stockte.
-
-»Du versprichst mir, auf Frau v. Dönhoffs Hausball mitzukommen?« (Allein
-würde der Geheime Rat Hedi nicht gehen lassen!)
-
-»Ich verspreche! Feierlich!« --
-
-Welches Glück, beim Himmel! Und welche Enttäuschung, dieser Brief
-. . .
-
-»-- wir haben ein reizendes Quartier. Ein kleines Schlößchen. Daneben
-liegt unser Flugplatz. Mich haben sie in einer Dachkammer untergebracht.
-Wir haben eine Enten- und eine Hühnerzucht. Die Mannschaften besitzen
-sogar ein kleines Wildschwein.« Ja, was ging sie das an?
-
-Herrlich ist es hier, herrlich, liebe Klara!
-
-Tag und Nacht krachen die Kanonen, und fast in jeder Stunde knallen die
-Abwehrgeschütze ganz in unserer Nähe, Schwärme von feindlichen Fliegern
-kommen herüber. In der Nähe nämlich steht im Walde ein weittragendes
-Geschütz. Wenn es schießt, ist es wie ein Erdbeben. Ein balkendicker
-Feuerschein fährt dann aus dem Walde.
-
-Das Wetter ist stürmisch und trüb, und gestern habe ich mich mit dem
-kleinen frechen Meerheim -- Du kennst ihn ja -- etwas in der
-Nachbarschaft herumgetrieben. Er ist eine Art Zyniker, aber wir kommen
-trotzdem ganz gut miteinander aus. Wir waren mit dem Auto in Q. Schutt
-und Asche! Furchtbar anzusehen! Die Kathedrale wurde von französischen
-und englischen Geschützen in Trümmer geschossen und geriet zuletzt in
-Brand. Ein Symbol des Schreckens und des Krieges. Am Abend speisten wir
-in der Etappe, wo mich der kleine Meerheim bei Bekannten einführte. Sie
-führen ein herrliches Leben, essen und trinken und feiern ein Fest nach
-dem andern. Gerade als wir kamen, feierte ein Rittmeister sein Eisernes
-Erster. Es wurde furchtbar gekneipt, und zuletzt ging es böse her. Wie
-ekelhaft! Ich habe nicht einen Tropfen angerührt, denn ich halte das
-Versprechen, das ich Mama gab. Neben dem Kasino liegt das Lazarett, wo
-die armen Kerle von vorn hereingebracht werden. Auf dem Heimwege
-begegneten wir einem Wagen voller Kisten, nur notdürftig zugenagelt. Sie
-wurden zum Friedhof gebracht. All das ist schrecklich. Das sind die
-Schattenseiten des Krieges, der sonst herrlich ist, Klara, und alle
-wunderbaren Eigenschaften des Menschen weckt, Heldentum, Aufopferung,
-Kameradschaft!
-
-Die Kameraden sind alle reizende Leute, prachtvoll ist unser Chef,
-Hauptmann Wunderlich, geliebt und bewundert von Offizieren und
-Mannschaften. Es ist rührend zu sehen, wie sie Hauptmann Wunderlich alle
-behilflich sind, wenn er in die Maschine steigt. Er wird ja
-hineingehoben. Aber alle tun so, als ob sie ihm immer nur ein bißchen
-behilflich wären und er aus eigener Kraft hineinklettere.
-
-Das Wetter war sehr schlecht die ganze Zeit her, die Sicht gleich Null.
-Nur einmal machten wir einen Geschwaderflug, und das war wunderbar für
-mich, das erstemal gegen den Feind zu fliegen. Ich sang oben in der
-Luft.
-
-Schon hatte Klara Tränen in den Augen. Und ich? dachte sie, und ich? Er
-schreibt ja kein Wort -- keine Silbe . . .
-
-Die Schilderung des Geschwaderfluges, die zwei volle Seiten einnahm,
-überflog sie. Mit Tränen in den Augen las sie, daß Heinz den Spitznamen
-»Kücken« bekommen hatte. Den ganzen Tag heißt es nun: »Wo ist das
-Kücken? Kücken, kommen Sie mal her!«
-
-Und von ihr, von ihrer Liebe . . .?
-
-»Neulich war auch P. P. da, Du weißt schon, wen ich meine. Er besuchte
-uns. Er kam im Automobil angefahren, das er selbst lenkte. Er war sehr
-elegant gekleidet, und seine Offiziere trugen phantastische Mäntel aus
-wunderbarem weichen Leder, herrliche Stulphandschuhe, überhaupt waren
-sie tipptopp. P. P. hatte die Tasche voller Zigaretten, die er mit
-vollen Händen an die Mannschaften verteilte. Ich mußte vorfliegen, und
-ich machte fünfmal Looping in tausend Meter Höhe --«
-
-Das alles interessierte Klara nicht.
-
-Es interessierte sie auch nicht, was Heinz über den berühmten bayrischen
-Kampfflieger Seitz schrieb, der den ganzen Tag Geige spielte und seinen
-kleinen Dackel mit in die Maschine nahm. Dann war viel von
-Ordensauszeichnungen die Rede. Heinz wollte nicht eher auf Urlaub
-fahren, bevor er nicht die beiden Kreuze besaß. Und dann kam der Pour le
-mérite an die Reihe! Ach, du lieber Himmel, gewiß würde sie stolz auf
-ihn sein, aber . . .
-
-»Ich fiebere danach, mich auszuzeichnen und für mein Vaterland, das
-große und herrliche Deutschland, zu kämpfen, das ich über alles liebe,
-und dem ich meine ganze Kraft weihen will. Der schönste Moment meines
-Lebens wird es sein, wenn ich das erstemal mich mit meinem Gegner da
-oben messe! Ich werde nicht locker lassen, bis er hinunterrasselt. Über
-alles werde ich Dir dann schreiben, liebe Klara!«
-
-Dann, kamen noch ein paar Redensarten. »Wie geht es Dir? Hoffentlich
-gut. Hast Du meine Cousine, Frau v. Dönhoff, schon besucht? Was macht
-Berlin? Eben fängt dieser Bayer Seitz wieder an, Geige zu spielen. Er
-spielt sehr schön, aber oft übt er stundenlang, bis sie Gegenstände nach
-seiner Decke werfen.
-
-Nächstens werde ich Dir auch einiges über meine Maschine schreiben. Sie
-ist ein ganz neuer Typ, klettert wie ein Affe senkrecht in die Höhe.
-Hauptmann Wunderlich ist sehr zufrieden, und die Kameraden haben für
-meine Fliegerei sogar etwas wie Bewunderung übrig. Gute Nacht!«
-
-Klara weinte.
-
-Hedi ging durchs Zimmer, aber sie störte die Kleine nicht. Sie wußte
-genau, was in dem Brief stand, ohne ihn zu lesen. Hunderte solcher
-Feldbriefe hatte sie bekommen. Sie hätte Klara warnen sollen, sich mit
-einem Offizier einzulassen. Sie waren ja alle eitle Schwätzer, eitel und
-oberflächlich, nichts als Prahlereien über Kämpfe und Geschwätz über
-Ordensauszeichnungen. Sobald sie zur Front kamen, waren sie gänzlich
-wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht.
-
- * * * * *
-
-Klara suchte Wolle, um damit ein Paar kleine Pulswärmer zu stricken.
-Sollte man es für möglich halten, in ganz Berlin gab es nicht einen
-Strang Wolle? Und früher quoll die Wolle aus allen Schaufenstern, alle
-Welt strickte Tag und Nacht, Deutschland war vollgestopft mit Wolle. Wie
-sollte man auf den Gedanken kommen, daß es einmal damit zu Ende gehen
-könne?
-
-Früher -- Klara erinnerte sich deutlich, damals trug sie noch Zöpfe --
-als der Krieg begann, gab es herrliche Dinge zu kaufen. Jetzt gab es
-nichts mehr, gar nichts. Höchstens Bücher und schlechte Zigaretten. Rein
-ausgeplündert schien diese Stadt!
-
-Geschmackvoll und gut sollte alles sein, was sie für Heinz einkaufte --
-und billig. Denn Klara erhielt nur dreißig Mark Taschengeld im Monat.
-Sie hatte allerdings schon seit langem gespart . . . Aber allein das
-Medaillon hatte eine große Summe verschlungen.
-
-»Es ist für meinen Mann, er ist im Felde«, sagte sie, wenn sie einkaufte
-und errötete bei der süßen Lüge.
-
-»So jung und schon verheiratet, gnädige Frau?«
-
-»Ja, wir sind kriegsgetraut.«
-
-Klaras Augen strahlten. Sie wandelte im Paradies.
-
-Häufig hielt sie sich in der Straße auf, wo Frau Sterne-Dönhoff wohnte.
-Nur um Heinzens Mutter und Schwestern gelegentlich zu sehen. Selten nur
-hatte sie Glück. Die Schwestern sahen Heinz ähnlich. Der Mund besonders!
-Die Damen Sterne-Dönhoff gingen immer in Schwarz. Sie trugen dicht
-anliegende Wollkleider, flache, schmucklose Hüte, spitze Schuhe. Die
-Mutter ging immer in der Mitte. Sie sprachen wenig, und sie lachten nie.
-
- * * * * *
-
-»Ich liebe Dich, Heinz, ich küsse Dich, ich drücke Dich an mein Herz.
-Dir gehöre ich, mit Leib und Seele! Mache nicht Looping und sei
-überhaupt vorsichtig. Ich werde stolz sein, wenn Du Auszeichnungen
-erhältst, aber ich liebe Dich auch so. Es ist ganz nebensächlich. Ich
-war in der Kirche und habe gebetet. Ich habe so schrecklich geweint, daß
-ich mich schämte. Ich bin ein dummes Mädchen. Ich schicke Dir hier eine
-neue Locke. Bitte, tue sie in das Medaillon. Ich habe sie in Weihwasser
-getaucht, bei der ersten hatte ich das vergessen. Verbrenne die erste,
-versprich es mir! Das mußt Du tun, und so wird der Talisman wirken! Ich
-habe so inbrünstig gebetet, und vor kurzem konnte ich überhaupt nicht
-mehr beten. In der Kirche waren sechs Frauen, sie beteten wie ich.
-
-Ich lege Dir hier eine ganze Menge Briefe bei, die ich geschrieben habe
-in diesen letzten Tagen, jeden Tag einen, um mein Herz auszuschütten.
-Ich lege sie bei, obwohl sie veraltet sind. Du sollst daraus sehen, daß
-ich immer an Dich gedacht habe.
-
-Von allen Deinen Kameraden ist mir der Bayer Seitz am sympathischsten.
-Er nimmt seinen kleinen Hund mit in die Maschine, wie rührend ist das!
-
-Berlin ist wie immer. Die Menschen sind mißmutig und niedergeschlagen.
-Man könnte glauben, sie hätten alle Hoffnung verloren, und doch steht es
-ja besser als je, wenn man die Zeitungen liest.
-
-Du hast mir nicht geschrieben, ob Du unseren Stern betrachtest. Zwischen
-zehn und elf Uhr, vergiß nicht. Gestern funkelte er herrlich, und ich
-mußte so schrecklich weinen. Ich bin so ein dummes Ding, denn ich bin so
-rasend glücklich.
-
-Hedi ist sehr launisch. Ich glaube, sie ist nicht glücklich. Es scheint,
-als ob es zwischen ihr und Otto zu Ende sei. Sie spricht geringschätzig
-von ihm, und das finde ich nicht schön. Wahrscheinlich liebt sie ihn
-nicht mehr. Aber das ist ja kein Grund Schlechtes über ihn zu sagen und
-zu sagen, er sei eitel und eingebildet. Wir zanken uns sehr viel. Hedi
-glaubt nicht, daß die Liebe zwischen zwei Menschen ewig dauert. Aber ich
-glaube es. Und so geht der Streit hin und her. Was glaubst Du, mein
-Geliebter? Du brauchst auf diese Frage nicht zu antworten. Ich weiß
-selbst, was Du glaubst.
-
-Ja, bei Frau v. Dönhoff habe ich Besuch gemacht. Deine Cousine ist eine
-originelle Frau. Ich traf sie in einem schwefelgelben seidenen Kimono,
-und sie kann so herrlich lachen. Es wird einem wohl ums Herz dabei!
-Sonst lebe ich ganz zurückgezogen, gehe auch nicht mehr ins Theater.
-Denn es scheint mir Sünde, daß die Menschen sich amüsieren, während
-andere draußen leiden. Wenn ich etwas zu sagen hätte, so würde ich alle
-Theater schließen. Übrigens hat sich eine schreckliche Unsitte bei uns
-eingebürgert. Die Leute bringen ihre Brötchen, ihr Abendessen, mit ins
-Theater, und sobald es dunkel wird, fangen sie an, mit dem Papier zu
-rascheln und zu kauen. Es ist unerträglich. Du weißt, Heinz, daß wir
-davon gesprochen haben, auf dem Lande zu wohnen und zu reisen. Davon
-träume ich. Fräulein v. Hecht, die ich bei Deiner Cousine traf, sagte,
-die Behörden erlauben mit Absicht Theater, Kinos und Konzerte. Das Volk
-solle gar nicht zum Bewußtsein kommen, es solle betäubt werden.
-Überhaupt -- sie hat Ansichten, daß man nicht glauben sollte, sie sei
-die Tochter eines Generals! Wenn sie diese Ansichten öffentlich äußert,
-so wird man sie einsperren und das mit Recht. Und doch ist sie
-anziehend. Sie plauderte sehr lieb mit mir, und wir gingen ein weites
-Stück zusammen. Ich glaube wohl, daß ich sie lieben könnte, wenn sie nur
-nicht diese schrecklichen Ansichten hätte.
-
-Otto ist noch immer im Lazarett, wird aber bald entlassen. Man sagt, daß
-er schrecklich niedergeschlagen sei, weil er nicht mehr zur Front zurück
-kann. Vielleicht sehe ich ihn aber nächstens, denn Fräulein v. Hecht hat
-mich gebeten, sie zu besuchen, und da treffe ich ihn vielleicht. Hedi
-lernt nun Schreibmaschine schreiben. Sie sagt, sie will sich nun
-unabhängig machen, und sobald sie Geld verdient, wird sie ihre Koffer
-packen. Ich traue es ihr zu, aber Papa wird ihr schon die Meinung sagen.
-
-Heute abend werde ich wieder beten, Heinz! Ich fühle, Gott hat Dich in
-seinen Schutz genommen. In den letzten Jahren war ich ja leider zu einem
-völligen Atheisten geworden, und zwar durch Hedi, die nicht an Gott
-glaubt und behauptet, wenn es einen Gott gäbe, so würde er solch einen
-Krieg nicht zulassen, wo Millionen Menschen zerfleischt werden.
-
-Lebe wohl, Heinz, und vergiß nicht unsern Stern. Möchtest Du bald
-wiederkehren, möchte der schreckliche Krieg bald zu Ende sein! Ich bete
-zu Gott! Mein Herz ist gequält.
-
-Ach, Heinz, ich liebe Dich! Hier, diesen kleinen Zettel schicke ich mit.
-Er sieht ganz unscheinbar aus, nicht wahr? Aber ich habe ihn mit tausend
-Küssen bedeckt, und die soll er Dir überbringen.
-
-Deine kleine Frau Klara.
-
-Nebenan ist jetzt ein kleiner weißer Terrier aufgetaucht. Ich habe mich
-mit ihm angefreundet. Er spielt im Vorgarten mit Papierstücken, die der
-Wind bewegt -- rührend! Auch Paketchen sind schon unterwegs.«
-
-
-3
-
-Ein Fingernagel pickte an das Fenster der Portierloge.
-
-Keine Antwort. Kein Laut. Totenstille.
-
-»Herr Portier! -- Herr Portier?«
-
-Der Portier, der dem alternden Moltke ähnlich sah -- natürlich nur eine
-flüchtige Ähnlichkeit und nur unter besonderer Beleuchtung, es war dem
-General ja nur so nebenher durch den Kopf gegangen -- der Portier
-schlief.
-
-Aber hartnäckig pochte der Fingernagel. Und nun wurde eine schneeweiße
-Visitenkarte durch das offene Fenster geschoben -- da erwachte der
-Portier.
-
-Er erwachte und hob sofort beschwörend die Hände, und auch, sonderbar
-genug, der kleine Herr mit dem zu tief sitzenden Zylinder hob sofort
-beschwörend die Hände.
-
-»Um, Gottes willen -- Sie -- wieder?«
-
-»Ich bitte um Verzeihung.«
-
-»Und heute dazu!«
-
-»Weshalb -- heute --?«
-
-»Exzellenz ist heute -- horchen Sie nur: das ganze Haus -- totenstill!
-Exzellenz sind heute schlecht gelaunt, mit einem Wort. Und Sie -- ich
-sagte Ihnen doch -- ach, ach!«
-
-»Gestatten Sie --«
-
-»Ach! Ach!«
-
-Das Aluminiumetui blinkte.
-
-»Nein, nein, danke. Sie bringen mich noch in Ungelegenheiten.«
-
-Plötzlich knallte es, als sei eine Bombe im Foyer explodiert. Aber es
-war nur der Zylinder des Herrn Herbst, der auf die Steinfliesen gefallen
-war, als er sich bemühte, den Kopf durch das Fenster zu stecken.
-
-»Ich bitte Sie -- ich fordere Sie hiermit ebenso höflich wie dringend
-auf --!« Geifer stand zwischen den Zähnen des alternden Moltke.
-
-»Sie mißverstehen mich --« Herr Herbst hatte den Zylinder wieder
-aufgesetzt.
-
-»Ich verstehe Sie recht wohl. Ungelegenheiten --« Das Fenster klappte
-zu.
-
-Wieder pickte der Fingernagel, hartnäckig.
-
-Der Portier setzte eine eisige Amtsmiene auf, öffnete das Fenster wieder
-und sagte in dienstlichem Tone: »Sie wünschen?«
-
-»Ich wollte nur fragen --«, stotterte Herr Herbst, den die Amtsmiene
-augenblicklich in Verwirrung brachte, -- »nur fragen -- es ist wichtig
-für mich, weil ich entschlossen bin --«
-
-»Entschlossen?« Ach, wie kalt die Stimme klang, ohne Teilnahme.
-
-»Ja, entschlossen.«
-
-»Bitte?«
-
-»Es liegt wohl keine Antwort für mich hier?«
-
-»Nein!« Das Fenster flog wütend zu.
-
-Herr Herbst lüftete den Zylinder, obwohl ihm der Portier die weißen
-Haarsträhnen zudrehte, und ging. Nach einer Weile kehrte er zurück und
-legte, ohne ein Wort zu sagen, eine Zigarre auf das Gesims des kleinen
-Fensters. --
-
-In der Tat, das häßliche rote Amtsgebäude mit seinen öden Korridoren lag
-heute noch stiller als sonst, totenstill.
-
-Schweigen, Flüstern, halblaut geführte Telephongespräche. Die Türen
-waren Samt. Die Ordonnanzen und Drillichkittel schlichen auf den
-Zehenspitzen über die Korridore, jemand nieste, und sofort fuhr ein Kopf
-drohend aus der Türe. Die Offiziere, die zusammengedrängt an ihren
-Schreibtischen arbeiteten, wagten nicht aufzublicken. Jeden Augenblick
-konnte das graue Steingesicht im Türrahmen erscheinen. Major Wolff
-paffte eine dicke Zigarre und vergrub den Kopf in die Akten. Es war
-Windstärke 12, ohne jede Übertreibung.
-
-»Hat er den Abschied bekommen, Weißbach?«
-
-»Meine Herren --!«
-
-»Oder die schöne Dora --?«
-
-»Ich bitte doch dringend!«
-
-Der Adjutant war vom Chef zurückgekommen und hatte nur beschwörend die
-Hand gehoben. »Windstärke 12.« Damit pflegte er einen bestimmten Zustand
-zu bezeichnen. Weiß Gott, wie er als Artillerist zu diesem Ausdruck kam.
-
-»Aber erklären Sie doch!«
-
-»Pst!« Zuweilen legte Weißbach lauschend das Ohr an die gepolsterte
-Doppeltüre.
-
-Ein lautes, herausforderndes Räuspern, das Räuspern eines Menschen, der
-keine Rücksichten zu nehmen braucht und auch keine Rücksichten nimmt,
-drang aus dem Saal, der von dem Ölgemälde Seiner Majestät bewohnt war.
-
-Plötzlich aber begann es in diesem Saal zu donnern, einmal, ein
-schwächeres Donnerrollen, zweimal -- wiederum Stille. Der Adjutant
-wechselte die Farbe. War jemand in das Zimmer des Generals gekommen?
-Unmöglich! An der gepolsterten Doppeltüre im Korridor hing das Schild
-»Vortrag«. Und daneben das Schild: »Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!«
-Ganz unmöglich. Aber trotzdem: es klang, als spräche er mit jemand --?
-
- * * * * *
-
-Halt, Unglückseliger! Es war zu spät . . .
-
-An der gepolsterten Doppeltüre, die zum Korridor führte, knackte es
-plötzlich höchst eigentümlich, und der goldene Kneifer glitt von der
-Nase des Generals.
-
-Es geschah etwas geradezu Unfaßbares . . .
-
-Der General hatte, so alt er war, das heißt solange er einen höheren
-Rang bekleidete, so etwas nicht erlebt. Er hätte es, offen gesagt, für
-unmöglich gehalten.
-
-In der Doppeltüre erschien -- unter Umgehung des Schreibzimmers, der
-Anmeldung, unter Umgehung des Adjutanten, trotz der Aufschriften
-»Vortrag« und »Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!« -- erschien, ganz als
-ob es eine selbstverständliche Sache sei, hier einzutreten, ein
-gewöhnlicher Soldat! Wie von einer höllischen Versenkung emporgehoben,
-tauchte er plötzlich auf.
-
-Ein Drillichkittel, eine Ordonnanz mit einem großen gelben Brief in der
-Hand. Dieser Mann -- ein Schneider von Beruf, klein, etwas krummbeinig,
-namens Hanuschke, den man hierher kommandiert hatte, so wie man ihn im
-Laufe der Kriegsjahre an Dutzend Stellen kommandierte -- hatte sich
-einfach in der Türe getäuscht. Er wollte gar nicht nach Nummer 7, er
-wollte nach Nummer 6.
-
-Dieser Schneider Hanuschke hatte, um nur etwas zu nennen, bei der
-Lorettohöhe gekämpft, er war einer der wenigen, die noch in der
-berühmten Zuckerfabrik bei Souchez waren, von der seinerzeit soviel die
-Rede war. Bei Souchez hatte eine schwere französische Mörsergranate
-dicht neben ihm den Kompanieführer und drei Kameraden mit in die Höhe
-genommen, gewiß kein geringer Schreck -- er hatte sich am Roten-Turm-Paß
-und in Polen geschlagen, also manches erlebt -- nun aber stand er wie
-vom Schrecken gelähmt: Vor seinen Augen schwebte urplötzlich in einer
-lichtgesättigten, hellblauen Rauchwolke ein General. Im ersten Moment
-glaubte er sich einer überirdischen, verwirrend funkelnden Erscheinung
-gegenüber, die zwei weiße Stichflammen auf ihn richtete.
-
-Als alter Feldsoldat handelte Hanuschke augenblicklich. Er hatte ja auch
-gehandelt, als die schwere Mörsergranate bei Souchez dicht neben ihm
-einschlug. Wie der Blitz hatte er sich zu Boden geworfen und
-fortgerollt, mit solcher Eile, daß die herabkommenden Gliedmaßen ihn
-nicht mehr erreichten. Nur der Feldstecher seines Kompanieführers
-klatschte neben ihm in den Boden.
-
-Also handelte er auch hier.
-
-Automatisch und blitzschnell führte er alle die Akte der hohen Dressur
-aus, die man ihm beigebracht hatte. Soweit sein schwindendes Bewußtsein
-es zuließ, schätzte er die Schritte ab, und in der vorgeschriebenen
-Entfernung begann er sich vor der in einer Wolke schwebenden Erscheinung
-aufzubauen. Er schlug die Absätze seiner schweren Kommißstiefel
-zusammen, schwang die Ellbogen nach außen, führte die Hände an die
-Hosennaht und fing an, so klein und krummbeinig er auch war, zu wachsen.
-Seine Gelenke streckten sich, die krummen Beine bogen sich gerade, der
-Oberkörper hob sich aus den Hüften, der Brustkorb wölbte sich, der Kopf
-stieg zwischen den schmächtigen Schultern empor, und endlich erstarrte
-er, den Blick in die weißen Stichflammen gerichtet.
-
-Zweiundzwanzig Sturmangriffe hatte er mitgemacht, zweiundzwanzigmal war
-er mit dem Trillern der Pfeife dem Tod in den Rachen gesprungen -- aber
-er fühlte deutlich, daß er sich diesmal in eine geradezu schreckliche
-Gefahr begeben hatte.
-
-Die weißen Stichflammen sengten an ihm entlang.
-
-Der Schneider Hanuschke wuchs abermals.
-
-Seine viel zu weiten Hosen waren geflickt und hundertmal von Schmutz und
-Blut gereinigt, seine Halsbinde war unordentlich gebunden und fettig.
-Und dieser Drillichkittel! Aber in der armseligen, der Kleidung eines
-Zuchthäuslers ähnlichen Uniform, die man des Königs Rock nannte, stand
-der kleine Schneider wie eine Statue.
-
-Donner schlug an sein Ohr. Donner trieb ihn zurück zur Türe und wieder
-zurück zur Erscheinung. (Das war das Donnern, das der Adjutant Weißbach
-nebenan hörte.)
-
-Zweiundzwanzig Sturmangriffe -- lieber die französische Mörsergranate --
-meinetwegen . . .
-
-Wieder wuchs er. Seine Rippen drückten sich durch den dünnen
-Drillichkittel hindurch ab. Seine vorgestreckte aufgepumpte Brust bot
-sich irgendeinem unsichtbaren Messer dar. Alles, was die Schlachtfelder
-und Lazarette von ihm übriggelassen hatten, stellte er möglichst
-vorteilhaft zur Schau. Sein winzig kleines und unendliches Ich war
-konzentriert im Blick der ängstlichen Mausaugen, deren Pupillen der
-Schreck weitete. Kreidig grün war sein Gesicht, und zwischen den Augen
-glänzte violett eine fingerlange Narbe, die von einem Querschläger
-herrührte, der ihm in Rumänien die Stirn zerschmettert hatte.
-
-Abermals donnerte es, diesmal weniger drohend. Er war entlassen. Sein
-geflickter Hosenboden schaukelte durch die Doppeltüre. Auf dem Gang
-wischte er sich aufatmend mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, der
-plötzlich aus allen Poren hervorbrach. Genau so wie damals, als der
-Feldstecher des Kompanieführers neben ihm herunterkam.
-
-
-4
-
-Ohne Laut, fast ohne jede Bewegung, arbeitete der General, vergraben in
-den Berg von Akten, den man auf dem Schreibtisch aufgehäuft hatte.
-
-Die eisige Stille, die von ihm ausging, drang durch die Poren der Steine
-und Fasern der Türen, verbreitete sich durch Zimmer und Korridore und
-erfüllte zuletzt das ganze Gebäude.
-
-Mit rascher Hand warf der General Bemerkungen an den Rand der Akten, um
-sie hierauf in einen Korb zur rechten Hand zu legen. Der Berg der
-Schriftstücke zur Linken schmolz zusammen, auf der andern Seite wuchs er
-in die Höhe. Umfangreiche Schriftsätze maß der General mit einem
-rügenden Blick und warf sie -- je nach ihrem Umfang mit größerem oder
-kleinerem Schwung -- in einen besonderen Korb, der die Aufschrift trug:
-Wolff, Vortrag! Wolff, der Major, der Hüne, hatte Zeit für alles. Er war
-eines jener beklagenswerten bürgerlichen Arbeitstiere, wie sie in allen
-Ressorts saßen, die sich im Schweiße ihres Angesichts, ohne jede andere
-Empfehlung als die Qualifikation ihrer Vorgesetzten, in der Karriere
-vorwärtskämpften. Wolff arbeitete oft die ganze Nacht hindurch.
-
-Es schien dem General, als ob seine Hände, deren erdiges Aussehen ihn
-seit geraumer Zeit ängstigte, nunmehr lebhafter gefärbt seien. Offenbar,
-die Erregung vorhin hatte ihm gutgetan! Das Blut, das sich in seinem
-Kopfe gestaut hatte -- wie immer nach großen seelischen Erregungen --
-war durch die Adern gepreßt worden und hatte die Gefäße wohltuend
-erweitert. Eine gleichmäßige Hitze überzog seinen Körper, und die Hände
-schwitzten plötzlich etwas. Ein Symptom, daß die Krisis überwunden war.
-
-Bewegung fehlte ihm!
-
-Wenn er wenigstens hätte ausreiten können!
-
-Aber der Dienst -- und dann, welch jämmerliche Pferde hatten sie doch
-gegenwärtig in Berlin! Er würde sich schämen, sich auf solch einer
-Schindmähre sehen zu lassen. Wie wunderbar war es dagegen an der Front
-gewesen! Wenn er in der Morgenfrische, täglich zwei Stunden, spazieren
-ritt, begleitet von seinem Adjutanten. Und die Geschütze brummten nah
-und fern. Herrliche Morgen, unvergeßlich!
-
-Der Blick des Generals verlor sich in die Weite.
-
-Aber er sah nicht die Lindenallee, durch die er zu reiten pflegte, die
-Rauchsäulen, die aus den Erdwohnungen der Soldaten stiegen, die
-Kolonnen, die über den Hügel krochen, nein, er erblickte: Ruth! Ruth und
-den Frühstückstisch von heute morgen.
-
-»-- also gelöst?«
-
-»Ja, Papa«
-
-»Und er, Dietz -- also mit seinem Einverständnis? Hm -- so, so . . .« Er
-schlürfte den heißen Kaffee.
-
-»Hier ist sein Brief, Papa, lies ihn.«
-
-»Danke, wozu? Du bist ja kein Kind mehr und kannst schließlich tun und
-lassen, was du willst. Na -- schön!«
-
-Ruth küßte ihm die Hand. Weshalb eigentlich?
-
-Jakob kam in diesem Augenblick ins Zimmer -- wie peinlich! Er brachte
-geröstetes Brot, denn das Kriegsbrot war nachgerade nicht mehr zu
-genießen.
-
-»Soso, hm.« Aber weshalb küßte sie ihm die Hand? Es war völlig unnötig.
-Nichts haßte er ja mehr als irgendwelche Sentimentalitäten.
-
-So warm und bebend, Nachsicht erflehend, hatte er ihre Lippen auf seiner
-kalten Hand gefühlt -- er konnte ihr nicht zürnen in diesem Augenblick.
-Ruth hatte also das Verlöbnis mit Dietz gelöst. Eine glänzendere Zukunft
-hätte ihr niemand bieten können. Natürlich war es eine Überraschung für
-ihn, keine angenehme Überraschung, unnötig es zu sagen.
-
-Der Blick des Generals kehrte wieder zum Schreibtisch zurück. Eine
-Stunde verging, zwei Stunden. Ohne jede Unterbrechung arbeitete er. Nur
-ein einziges Mal legte er sich in den Sessel zurück: dieser Schriftsatz
-war mit Randbemerkungen von Allerhöchster Hand versehen -- frisch,
-lapidar, ganz im Geiste des Großen Friedrich. Behutsam, mit dem Ausdruck
-der Ehrerbietung legte er den Schriftsatz zur Seite.
-
-Lautlos ging die gepolsterte Doppeltüre, und lautlos, bis auf ein leises
-Singen der Sporen, trat Weißbach ein. Es war Zeit für die
-Unterschriften, genau ein Viertel vor ein Uhr.
-
-Noch immer diese leise, nicht mißzuverstehende Ziegelröte --
-
-Weißbach näherte sich dem großen, ehrfurchtgebietenden Schreibtisch im
-Bogen und zögernden Schritts, um nicht zu plötzlich die Netzhaut des
-hohen Chefs zu treffen. Er verbeugte sich leicht bei jeder Unterschrift
-des Generals, während er die Tinte mit dem Löscher trocknete.
-
-Dann erhob sich der General und ging zu seinem Mantel.
-
-Jeden Tag, seit Monaten, spielte sich bei dieser Gelegenheit, zweimal am
-Tage, vormittags und nachmittags, die gleiche Szene ab.
-
-Der Adjutant näherte sich dem General.
-
-»Herr General gestatten?«
-
-»Danke, es geht noch allein, Gott sei Dank.«
-
-Lächeln des Hauptmanns, Verbeugung, stärkeres Klirren der Sporen.
-
-Der General ist in den rechten Ärmel geschlüpft und gerade dabei, den
-linken Ärmel zu suchen. Rascher Sprung des Adjutanten.
-
-»Herr General gestatten doch?«
-
-Und nun gestattet der General. Der Adjutant streicht den Mantel zurecht.
-Und der General dankt mit einem Blick, gerade so lange, als seine hohe
-Stellung es zuläßt.
-
-Wenn der General in die Handschuhe schlüpft, so erteilt er gewöhnlich
-noch kleine Aufträge, wie sie ihm gerade in den Kopf kommen.
-
-»Es treibt sich hier eine Ordonnanz herum, ein kleiner Bursche mit einer
-Narbe zwischen den Augen. Ich lege keinen Wert auf ihn.« Schon schwoll
-die Stimme des Generals wieder drohend an.
-
-Weißbach erbleichte. Eine unzuverlässige Ordonnanz, das ging ihn an!
-Augenblicklich wollte er nachforschen --
-
-Behutsam schloß der Hauptmann die gepolsterte Flügeltüre hinter dem
-hohen Chef -- bis auf einen schmalen Spalt. Dann stand er noch eine
-Weile, leicht gebeugt, bereit zum Sprung, und lauschte, denn es war
-möglich, daß dem General draußen auf dem Korridor plötzlich noch ein
-Auftrag in den Sinn kam. Der Schritt seines Herrn hallte über den Gang,
-ferner und ferner. Nun erst schloß der Hauptmann mit einer leichten
-Verbeugung die Türe vollständig.
-
-»Donnerwetter!« flüsterte er aufatmend. Und was diese Ordonnanz mit der
-Narbe zwischen den Augen betraf, so wollte er sofort die Angelegenheit
-in Ordnung bringen. Hinaus mit diesem Burschen!
-
-Vierundzwanzig Stunden später war der Schneider Hanuschke schon wieder
-beim Regiment und achtundvierzig Stunden später schon wieder auf der
-Fahrt zur Front. Er hatte Pech, es ging gerade ein Transport hinaus. Von
-einem Kommando zurück zum Regiment geschickt zu werden -- etwas
-Schlimmeres konnte wahrhaftig nicht passieren.
-
- * * * * *
-
-Selbst in der leise murmelnden Dämmerung von Stifters Diele fand der
-General sein seelisches Gleichgewicht nicht völlig zurück.
-
-Mockturtlesuppe, westfälischer Schinken in Weintunke, gebackene Flundern
-und Aprikosenpudding, eine der Spezialitäten des Hauses, das Menü schien
-ihm heute mäßig. Jede Erregung legte sich bei ihm auf den Magen,
-sonderbar. Eine rätselhafte Einrichtung ist der menschliche Organismus.
-
-Und diese Ignoranten von Ärzten sagten immer das gleiche . . .
-
-Ja, Bewegung, wenn der Dienst jede Minute bei Tag und bei Nacht in
-Anspruch nahm -- diese Ärzte sind Narren! Sie trinken sich, zum
-Beispiel, zu Tod, buchstäblich, und predigen: keinen Alkohol, Gift,
-hundertprozentiges Gift für den Organismus, für Sie besonders -- und
-trinken sich unter die Erde, ohne zu erröten.
-
-Und diese beiden Rittmeister gegenüber, heute in voller Gala, sie
-konnten ihm, ganz gelinde gesagt, es gab ja treffendere Ausdrücke,
-vollends den Appetit verderben.
-
-Zahlen, Lawinen von Zahlen, wälzten sich auf den General herab, dessen
-Erscheinung vor kurzem den Schneider Hanuschke so erschreckt hatte. Nur
-selten, ein- bis zweimal im Jahre, beschäftigte er sich eingehender mit
-Zahlen.
-
-Es war nur gut, daß er gestern an die pommersche Hypotheken- und
-Wechselbank um hundert Mille geschrieben hatte. Sie würden den Kredit
-gewiß anstandslos gewähren, und für einige Zeit würde es wohl wieder
-genügen.
-
-Alles kostete heutzutage Unsummen!
-
-Er hatte nur ein ganz verschwommenes Bild seiner Vermögenslage im Kopfe.
-Das Konto war ein Kaleidoskop, unaufhörlich wechselnd, verwirrend,
-unübersichtlich. Aber er fühlte, daß es bergab ging. Ja, bergab --
-
-Eines Tages, als sein hochverehrter Herr Vater, der als Oberst
-abgegangen war, auf Babenberg die Augen schloß, hatte er sich im Besitze
-von einigen Millionen und zwölftausend Morgen Land befunden. Aber einige
-Millionen, was war das, wenn das Kapital sich nicht automatisch
-vermehrt? Jeder Augenblick des Lebens verschlang Summen, Unsummen! Seine
-verstorbene Frau, er nahm es ihr nicht übel, im Gegenteil, diesen Zug
-liebte er an ihr, auch sie war kein, wie sagt man doch, wirtschaftliches
-Genie. Das Organ dafür fehlte ihr.
-
-Bergab -- nur gefühlsmäßig erfaßte er es. Babenberg war Fideikommiß,
-unantastbar -- Rothwasser, fünftausend Morgen, immerhin außerordentlich
-stark belastet.
-
-Und jeder Atemzug verschlang auf dieser Welt Summen, Unsummen! Es war
-letzten Endes ganz unerklärlich, wie die Menschen lebten. Der Haushalt
-hier -- Unsummen, Diners, Gesellschaften -- Unsummen, seine
-Privatangelegenheiten, die niemand etwas angingen -- Unsummen. Ein Paar
-bescheidene Ohrringe, zum Beispiel, ein paar Perlen in Platinfassung,
-die früher keine dreitausend Mark gekostet hatten, kosteten heute, sage
-und schreibe, fünfundzwanzigtausend Mark. Seine Bezüge während des
-Krieges, obgleich nicht unbeträchtlich, was waren sie schließlich? Ein
-Tropfen auf einem heißen Stein.
-
-Sein Kredit aber würde keineswegs gekräftigt werden, nun, weshalb sollte
-man nicht den Tatsachen ins Auge sehen, wenn man erst in Pommern erfuhr,
-daß diese Verlobung zurückgegangen war.
-
-Zahlen, Lawinen von Zahlen.
-
-Die Ziegelröte des breiten Gesichts steigerte sich allmählich zur tiefen
-Glut.
-
-»Eine kleine Schwarze oder eine lange Braune, Exzellenz?« raunte der
-Oberkellner und präsentierte die Zigarrenkisten.
-
-»Die Zigarren werden immer schlechter, mein Freund.«
-
-»Leider, Exzellenz. Es wird immer schwerer . . .«
-
-Er hatte die Heirat mit Dietz freudig begrüßt, natürlich, er hatte die
-Annäherung begünstigt, offen zugestanden -- schließlich war er ja der
-Vater -- und es kam ja auch einmal der Moment, da er die Augen schloß,
-und seine Kinder sehen mußten, wie sie allein vorwärtskamen. Wehmut
-erfüllte den General, als er sich in diesen Gedanken vertiefte. Einmal
-würde ja der Augenblick kommen, da er, den Helm in der Hand, vor seinen
-Herrgott treten mußte.
-
-Furchtbarer Augenblick, furchtbar der Gedanke, diese Welt der Tatsachen
-verlassen zu müssen -- ins Ungewisse hinein . . .
-
-Aber der Oberkellner rief ihn zur heitern Erde zurück. Er brachte die
-Liköre.
-
-Wieder umwölkte sich das tiefrote Gesicht Seiner Exzellenz. Es war eine
-Tatsache: während der Adel auf den Schlachtfeldern verblutete, Blut und
-Gut opferte, füllten sich zweifelhafte Elemente die Taschen. Und diese
-zweifelhaften Elemente kauften Land! Eine ganze Reihe bekannter Familien
-war schon gezwungen gewesen, uralten Familienbesitz abzustoßen. Was aber
-würde aus dem Adel werden, der seit Jahrhunderten Kraft aus der Scholle
-sog, wenn er erst einmal entwurzelt war?
-
-Trotz alledem -- es würde ja jedenfalls Babenberg bleiben, wenn es so
-weit kommen sollte, daß er Rothwasser verkaufen mußte.
-
-Aber, ganz abgesehen von materiellen Gesichtspunkten: Dietz war ja ein
-prachtvoller Mensch, eine stattliche Erscheinung, gebildet, von seltener
-Noblesse und Großzügigkeit -- unverständlich . . .
-
-Immer mehr wurde ihm Ruth zum Rätsel.
-
-
-5
-
-Den ganzen Nachmittag schon wanderte der kleine Herr Herbst in seinem
-Zylinder in der Tiergartenstraße auf und ab. Immer wieder zog er die
-Uhr, immer wieder klopfte er die Schmutzflecke mit dem Taschentuch von
-den Stiefeln.
-
-Es war eigentlich nicht mehr kalt. Die Luft des Tiergartens war von
-roten Sonnenkeilen getigert, es roch schon nach Frühling, und zuweilen
-hauchte es feucht und warm, aber Herr Herbst hüllte sich fest in den
-rostfarbenen Havelock.
-
-Er fror.
-
-In der verflossenen Nacht hatte er nicht geschlafen. Er hatte getrunken,
-in einer kleinen Spelunke, mit richtigen Spitzbuben, die
-Einbrecherwerkzeuge bei sich hatten -- richtigen Spitzbuben, seht an.
-Deshalb also fror er. Auch war dieser Zylinder kalt. Er schmiegte sich
-nicht wie sein anderer Hut dicht an den Schädel, es gab Spalten, durch
-die die Kälte wie durch Schornsteine an seinem geschorenen Schädel in
-die Höhe stieg.
-
-»Ja, so ist es, so ist es!« flüsterte Herr Herbst und träumte vor sich
-hin. »Er würde, zum Beispiel, meinen Gang haben. Er war mir ja so
-ähnlich! Er würde sogar die gleiche Art zu sprechen haben. Bei manchen
-Worten fällt es mit ja etwas schwer, wenn viele L und R zusammenkommen,
-zum Beispiel: Sell -- nun: Sellerie. Auch er hatte ja denselben kleinen
-Sprachfehler, schon in der Schule. Er würde mit einem Wort ganz wie ich
-sein. Wenn ich nun einmal unter der Erde liege, so würde er leben und
-gehen und sprechen -- und eigentlich wäre ich es! Eigentlich, bei
-rechtem Licht besehen, ja. Ich würde weiterleben, obschon ich tot bin.
-Auch er würde Kinder gehabt haben -- und so würde ich immer weiter
-leben.«
-
-»Aber so?«
-
-»Wie ist es so?«
-
-»Nichts, nichts. Gar nichts. Ich sterbe, man begräbt mich, und alles ist
-zu Ende. Wir sind tot, die ganze Familie ist von der Erde verschwunden.«
-
-Wie klar er heute zu denken vermochte! Seit langer Zeit fügten sich die
-Gedanken nicht so spielend aneinander. Ausgezeichnet war das! Herrlich!
-Es gab ja so viele Tage, da er nur stottern konnte, seine Gedanken sich
-fortwährend verwirrten, und das hätte einen schlechten Eindruck gemacht.
-
-Wieder befand er sich dem grauen Hause gegenüber. Jakob, der immer noch
-den Messingknopf der Haustüre polierte, machte ihm ein Zeichen. Also
-noch nicht! Jakob war ja eingeweiht, hatte zehn Zigarren erhalten -- und
-zehn weitere Zigarren sollte er bekommen -- danach!
-
-Ja, das also ist die Wahrheit: von der Erde verschwunden!
-
-Der Zylinder verlor sich in der Tiefe des Parkes. Schon war Herr Herbst
-wieder in seine alten Gedanken versunken.
-
-»Eigentlich, ja, wäre alles ganz genau, als ob ich noch lebte. Ich liege
-unter der Erde, und doch lebe ich weiter. Denn er ist eigentlich ich --
-oder ich eigentlich er -- --! So aber -- bin ich wie eine Pflanze, die
-man ausgerissen hat und auf den Weg warf. Und dann ist es zu Ende -- zu
-Ende für immer . . .«
-
-Herr Herbst blieb mitten auf dem Wege stehen. Er zitterte.
-
-»Ja -- trotz allem -- unfaßbar!«
-
-»Ich lebe, obschon ich alt bin, und er, jung, kaum neunzehn -- ist tot.
-Ich gehe hier -- und er, liegt unter der Erde. In unbekanntem Land,
-vielleicht nicht einmal eingesegnet, vielleicht nicht einmal ordentlich
-begraben. Ohne Ruhe --!«
-
-»Ohne Ruhe --«
-
-Plötzlich aber schrak Herr Herbst zusammen. Sein Herz blieb stehen.
-Voller Schrecken, voller Verwirrung schlug er die Hände vors Gesicht.
-
-Die Marspfeife der Limousine trillerte. Er kannte sie ganz genau.
-
-
-6
-
-Das Antlitz noch immer umwölkt, stieg der General aus dem Wagen. Noch
-immer war die Ziegelröte nicht völlig verflogen. --
-
-Auch dieser Brief -- er lag noch in demselben grüngebundenen Buch --
-auch dieser Brief gab keinen Aufschluß. Er bestärkte wohl gewisse
-Vermutungen, lüftete aber nicht den Schleier. Dieser Brief lautete:
-
-»Geliebte Ruth! Frevelhaft erscheint es, in dieser entsetzlichen
-Verfinsterung an das persönliche Glück zu denken. Immerhin, ich
-unterliege der Versuchung.
-
-Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit, Werk und Vermächtnis der
-Edelsten, Kühnsten, Reinsten aller Völker, der Seher und Weisen, es
-scheint in seinen Grundmauern erschüttert.
-
-Verzweiflung erfaßt uns, Dich, mich, alle, die wir an die Sendung der
-Menschen glauben.
-
-Unzahlen leichtfertiger Gedanken, anscheinend völlig belanglos, Unzahlen
-leichtfertiger Worte, unscheinbar, leichtfertiger Wünsche,
-leichtfertiger Handlungen, nebensächlich im einzelnen betrachtet -- sie
-haben diese entsetzliche Verfinsterung herbeigeführt.
-
-Ich glaube -- glaube unbedingt an einen Schatz des Guten auf Erden, die
-Summe aller guten Handlungen, guten Gedanken und guten Worte. Ich
-glaube, daß dieser Schatz, einzig wahrhafter Besitz der Menschheit, sich
-unaufhörlich mehren muß -- sollen nicht Verfinsterungen wie diese
-eintreten. Die letzten Generationen und vor allem jene Völker, die sich
-zivilisiert nennen, haben aber diesen Schatz nicht vermehrt. Sie haben
-ihn verschleudert, vermindert. Die Schale sank und -- wie immer, wenn
-sie sank -- kam die Katastrophe.
-
-Welch ein Irrtum: die Menschheit für den einzelnen!
-
-_Wahr ist: der einzelne für die Menschheit!_
-
-Jeder einzelne sei Mehrer jenes Schatzes des Guten, Gerechten und
-Schönen, oder er ist ein -- Dieb! Hüten wir uns, die Mörder der
-kommenden Generation zu werden, wie die vergangene unser Mörder wurde
-. . .«
-
-Hier brach der flüchtig mit Bleistift hingeworfene Brief ab. Seine
-Fortsetzung fand sich nicht im Buche. Keine Aufklärung also --
-
-In diesem Augenblick schrillte die Klingel der Haustüre.
-
-Der General erschrak. So heftig, daß er einen Stich in der Brust fühlte.
-Wenn er es auch als seine väterliche Pflicht erachtete -- es wäre ihm
-peinlich . . .
-
-Wieder schrillte die Klingel. Sie klang eigentümlich, hier in Ruths
-Zimmer -- wie ein Signal. Hastig legte er den Brief in das grüngebundene
-Buch zurück -- ein Werk Lassalles -- und rasch, scheu, als habe man ihn
-auf verbotenen Wegen ertappt, eilte er über den Gang.
-
-Es war indessen, Gott sei Dank, nur ein blinder Alarm.
-
-Jakob übergab eine Karte.
-
-»In dringender Angelegenheit. Herr General sind unterrichtet --«
-
-Ein völlig unbekannter Name -- Rentier. Unterrichtet? Wahrscheinlich der
-Hausverwalter; das Badezimmer sollte neu gerichtet werden.
-
-Immer noch etwas verwirrt, ließ der General bitten -- zu Jakobs maßlosem
-Erstaunen.
-
- * * * * *
-
-Der General wartete, aber nichts regte sich. Schon in dieser Verzögerung
-witterte er etwas Ungewöhnliches. Jeder Mann von Erziehung mußte längst
-eingetreten sein. (Diese Verzögerung entstand dadurch, daß Herr Herbst
-sich im letzten Augenblick umständlich die Nase putzte.) Übrigens --
-hieß dieser Hausverwalter nicht anders?
-
-Plötzlich aber verdunkelte ein Schatten die Türe -- und im gleichen
-Moment erbleichte der General . . .
-
-Augenblicklich hatte er dieses Gesicht wiedererkannt!
-
-Jenes Gesicht, das an Doras Geburtstag durch die Scheibe des Foyers
-spähte -- nein, nicht jenes, sondern das andere, das er erblickt hatte,
-als er am Schreibtisch eingenickt war, als es so eigentümlich an die
-Scheiben pickte -- das Drohung und Kälte ausstrahlte . . .
-Augenblicklich erinnerte er sich an alles. Es war ja erst vor wenigen
-Tagen.
-
-Scheu und blaß stand das Gesicht in der Türe, und ganz langsam und
-zögernd kam es näher. Nicht Drohung, nicht Kälte -- Angst,
-Hilflosigkeit, Verwirrung.
-
-Das Blut kehrte in das Gesicht des Generals zurück. Die leichte Lähmung
-wich aus seinen Händen.
-
-Unsicher trat Herr Herbst in seinem verknüllten schwarzen Gehrock ins
-Zimmer, den Zylinder in der Hand. Er verbeugte sich tief, voller
-Ehrerbietung.
-
-In dieser Verbeugung verharrte er ungewöhnlich lange. Er erwartete
-irgendein Wort. Dann richtete er sich verlegen auf und blickte dem
-General mit seinen entzündeten tränenden Augen ins Gesicht, ohne irgend
-etwas zu sehen.
-
-Der General räusperte sich, und Herr Herbst beantwortete dieses Räuspern
-mit einer neuen, wenn auch weniger tiefen Verbeugung.
-
-»Bitte«, sagte der General, etwas unsicher und mürrisch und deutete auf
-einen Sessel. Rot funkelte die Sonne ins Zimmer.
-
-Herr Herbst nahm auf der Kante des Sessels Platz, hielt den Zylinder in
-der Hand und begann zu zittern . . .
-
-Ja, er zitterte. Seine Zähne schlugen aufeinander. Der Sessel schwankte,
-er fürchtete auf den Boden zu stürzen. Feuer blies aus der Wand.
-
-Rot wie ein Gebirge bei Sonnenuntergang leuchtete das breite Gesicht des
-Generals im Schein der sinkenden Sonne. Riesenhaft wie ein Gebirge
-erschien der General Herrn Herbst in diesen Sekunden schrecklichster
-Angst.
-
-Der -- »Blut-Hecht!« Wie? Ja, er -- so nannten ihn seine Soldaten
-. . .
-
-Erst jetzt, da es zu spät war, begriff er, was er gewagt hatte, _wem_ er
-sich gegenüber befand.
-
-Der . . .
-
-Was hätte er gegeben, alles, alles, wenn er nur wieder auf der Straße
-wäre.
-
-Der General schnitt behutsam die Spitze einer Zigarre mit dem
-Federmesser ab.
-
-»Ich bitte --?« sagte er leichthin, während er die Zigarre zwischen den
-Fingern rollte. »Was wünschen Sie?« Er hatte das Gleichgewicht völlig
-wiedergefunden.
-
-Sein Blick glitt flüchtig über das zitternde Häufchen Hilflosigkeit in
-dem abgetragenen schwarzen Rock. Ohne sich dessen bewußt zu werden,
-genoß er die Angst, die er seinem Besuche einflößte, denn kein Mensch,
-er sei denn von seltener Güte, kann einen andern zittern sehen, ohne
-sich augenblicklich erhoben zu fühlen. Oben und Unten, Herren und
-Knechte, nie hatte der General eine andere Gesellschaftsordnung auch nur
-in Gedanken erwogen. Es waren Gesetze, von Gott gegeben, die man
-hinnahm, ohne darüber weiter nachzudenken. Bis zum jüngsten Tage wird es
-Oben und Unten, Herren und Knechte geben. Andere als dieser hatten vor
-ihm gezittert -- Soldaten und Offiziere -- und sie hatten gezittert
-wenige Minuten, bevor sie in den Tod gingen.
-
-Herr Herbst bewegte die Lippen -- aber in diesem Augenblick zwitscherte
-ein Vogel irgendwo, und erschrocken wartete er.
-
-Wieder bewegte er die Lippen. Er mußte sprechen, Worte, irgendein Wort,
-es war höchste Zeit. Wie lange noch sollte dieser andere -- dieser hier
--- schon sank die Sonne, dämmerte es im Zimmer -- nur dieses breite
-starre Gesicht leuchtete noch.
-
-Und plötzlich flüsterte er. Aber er erschrak bis ins Mark über die
-Worte, die von seinen Lippen kamen -- keineswegs die Worte, die er sich
-zurecht legte und einübte, in den Nächten, auf der Straße, wenn er so
-dahinging.
-
-Seine Lippen flüsterten, kaum vernehmbar:
-
-»_Geben Sie mir meinen Sohn wieder!_«
-
-Und schon hob er erschrocken die Hand, um die Worte zurückzuhalten.
-
-Aber der General konnte sie gar nicht gehört haben, kaum, daß sie bis in
-seine eigenen Ohren drangen.
-
-Das Gesicht des Generals wurde fahl und erdig. Die Sonne war fort. Starr
-stand er vor ihm, unerbittlich, schweigend, und die Augen forschten --
-kalt, ohne Erbarmen.
-
-Hastig bewegte er von neuem die Lippen. Aber obschon er diesmal eine
-bestimmte Redewendung, die mit »Bitte gehorsamst« begann, auf den Lippen
-formte, flüsterten seine Lippen, ganz gegen seinen Willen, die gleichen
-furchtbaren Worte wie vorher:
-
-»Geben Sie mir meinen Sohn wieder!«
-
-Diesmal schon etwas vernehmbarer.
-
-Er fuhr zusammen, erschauerte, suchte nach dem Taschentuch.
-
-Da erklang die Stimme des Generals. Ruhig und beherrscht -- mit jener
-doppelten Ruhe und Überlegenheit, die sich ganz von selbst bei allen
-Menschen von nicht seltener Güte einem zitternden Menschen gegenüber
-einstellt.
-
-»Sie haben mir neulich geschrieben?« sagte die ruhige und überlegene
-Stimme.
-
-»Bitte gehorsamst, Exzellenz!«
-
-»Sie haben mir geschrieben -- Ihr Sohn, wenn ich mich recht erinnere
---?«
-
-»Mein Sohn Robert, Euer Exzellenz!« Prächtig ging es nun. Röte huschte
-über das bleiche, kleine Gesicht. Der Sessel hörte auf zu schwanken, die
-Gestalt des Generals nahm natürliche Maße an.
-
-»Er ist --?«
-
-»Gefallen. Am 5. August.«
-
-»Fünften, sagten Sie?«
-
-»Fünften, Euer Exzellenz. Beim Sturmangriff auf Quatre vents. Am vierten
-hatte bereits ein Jägerbataillon gestürmt, vergeblich, am fünften
-. . . da fiel er.«
-
-Der General ließ den Blick rügend auf Herrn Herbst ruhen. Dieses leicht
-kritische »vergeblich«, wahrscheinlich ohne besondere Absicht geäußert,
-mißfiel ihm.
-
-»Er fiel für Kaiser und Reich!« sagte er mit etwas salbungsvoller,
-tieftönender Stimme.
-
-Die kleinen entzündeten Augen blinkten. Herr Herbst leckte sich die
-schmalen Lippen, und ein paar gelbe Zahnstumpen wurden sichtbar. Einen
-Augenblick schien es, als ob sein Gesicht sich zu einer Grimasse von
-satanischem Hohn verzerren wolle.
-
-»Wie Tausende und Hunderttausende, wie Millionen --!« fuhr der General
-fort, und seine Stimme hob sich.
-
-Wieder verzerrte sich das kleine fahle Gesicht, dann aber zog er das
-Taschentuch heraus und preßte es an die Augen. Der Schmerz überfiel ihn.
-Er wimmerte leise.
-
-Plötzlich aber knallte es -- ganz wie heute vormittag im Foyer, als er
-mit dem Portier sprach -- der Zylinder war auf den Boden gefallen.
-
-»Bitte gehorsamst --« stammelte Herr Herbst erschrocken und hob den
-Zylinder auf. Schwindel ergriff ihn, als er sich wieder setzte und die
-Tränen abwischte. Das Zimmer drehte sich im Kreise, eine Faust preßte
-seinen Magen zusammen. Ah, wenn es ihm nun übel würde! Das wäre eine
-Sache! Er hatte ja die ganze Nacht hindurch getrunken, und plötzlich
-fühlte er die Betrunkenheit. Beschütze mich Gott! Mit Spitzbuben hatte
-er getrunken, richtigen Spitzbuben, die Werkzeuge in einem Brotbeutel
-bei sich führten -- in einer Kneipe, im Hof, die die ganze Nacht offen
-war. Wenn der General nun bemerkte --
-
-Aber der General war zum Schreibtisch gegangen und hatte ein Schubfach
-aufgezogen. Er drehte das Licht an.
-
-»Verstehen Sie Karten zu lesen -- Herr --?«
-
-»Herbst.«
-
-»Herr Herbst? Nun, ich hätte Ihnen sonst erklären können, was ich
-beabsichtigte. Wir haben am 4., 5. und 6. August gekämpft und die Höhe
-leider räumen müssen, weil man uns die Reserven versagte . . .«
-Versöhnlich klang plötzlich die Stimme des Generals. Auch er hatte ja
-einen Sohn im Kriege verloren. Auch er war ein Vater, der trauerte. Der
-Krieg hatte alle gesellschaftlichen Bande gelockert. Über manches mußte
-man in dieser Zeit hinwegsehen. »Hier ist die Höhe,« fügte er hinzu, »wo
-Ihr Sohn für die Größe und Ehre des Vaterlandes . . .«
-
-Taumelnd erhob sich Herr Herbst. Ja, der Rausch kam, ohne Zweifel.
-
-»Sie sind nicht von hier?«
-
-»Aus der Provinz, Euer Exzellenz!«
-
-»Beruf?«
-
-»Früher Lehrer an einem Gymnasium.«
-
-»Bitte, treten Sie ruhig näher.«
-
-Auf der großen und ausgezeichnet scharfen Photographie sah Herr Herbst
-zunächst nichts. Ein Meer, wie, was war das? Wellen, Wogen. Ein Ozean in
-Aufruhr! Dann aber unterschied er Baumstrunke, die kreuz und quer aus
-diesen furchterweckenden Wogenbergen hervorstanden, und einen schmalen
-Erdgang der mitten in die Wogenberge aus erstarrtem Schmutz hineinführte
--- es war die Kuppe der Höhe selbst, von den Minen zerrissen.
-
-Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit pflegte der General diese erschreckend
-realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen.
-
-»Das also ist Quatre vents!« sagte er.
-
-Herr Herbst atmete schwer.
-
-
-7
-
-Die Geschichte wird entscheiden, dachte der General, wie immer, wenn er
-die Kämpfe um Quatre vents in seinem Geiste vorüberziehen ließ. Aber er
-täuschte sich. Die Geschichte wird nicht entscheiden, sie hat etwas
-Besseres zu tun. Die Geschichte wird diese Höhe ganz einfach vergessen.
-Die Höhe von Quatre vents war strategisch gänzlich belanglos. Drei
-Kilometer rückwärts lag eine zweite, viel stärkere Höhe, durch einen
-Flußlauf vor der Unterminierung geschützt. Die Lage von Quatre vents war
-sogar ungünstig. Sie konnte jederzeit abgeschnürt werden, wie es später
-auch geschah, sie lag offen vor den feindlichen Geschützen, und ihre
-Zugänge wurden vom feindlichen Feuer bestrichen. Der General aber hielt
-Quatre vents für einen Angelpunkt der Westfront.
-
-Sonderbarerweise aber, auch der französische General gegenüber, ein
-französischer Hecht-Babenberg, auch er hielt die Höhe für einen
-Angelpunkt der Westfront! Unaufhörlich schickte er seine Schwarzen vor.
-Tausende und Abertausende von dunkelhäutigen Kadavern verpesteten
-monatelang die Luft, bis die gütige Erde, die keinen Unterschied macht
-zwischen Schwarz und Weiß, sie in sich schluckte. Trotz ungeheurer
-Verluste sappte sich der Franzose eigensinnig heran, und endlich lag man
-sich an einzelnen Stellen kaum fünf Meter entfernt gegenüber. Ein
-Räuspern bedeutete den Tod. Nun erst begann der eigentliche Kampf um die
-Kuppe.
-
-Man unterminierte gegenseitig die Stellungen und sprengte die Gräben
-einfach in die Luft. Als der General eines Tages gerade badete, meldete
-man ihm, daß eine ganze Kompanie in die Luft geflogen sei. Furchtbarer
-Morgen! Zuweilen kämpfte man sogar mit Messern und Handgranaten in den
-finsteren Stollen unter der Erde.
-
-Wie die Rasenden bekämpften einander die beiden Generale, die fünfzehn
-bis zwanzig Kilometer hinter dem Teufelsberg, umgeben von
-Stabsoffizieren, Telephonapparaten, Ordonnanzen, Köchen und
-bombensicheren Unterständen in ihren Schlössern hausten.
-
-Frankreich erwartet, daß ihr die Trikolore auf der Höhe aufpflanzt!
-
-Die Höhe ist und bleibt in deutscher Hand! Nur über unsere Leichen,
-Kameraden . . . Ja, Kameraden pflegte der General seine Soldaten in
-derartigen Befehlen zu nennen. Von Zeit zu Zeit verteilte er mit
-feierlichen Ansprachen Eiserne Kreuze.
-
-Schließlich glaubten die Soldaten auf beiden Seiten tatsächlich, daß sie
-um den Angelpunkt der Westfront rangen.
-
-Auf diese Weise entstand der zwölfstöckige Friedhof von Quatre vents. --
-
-Herr Herbst keuchte. Seine entzündeten Augen füllten sich mit Tränen.
-Zuerst verschwand der kleine Erdgang, dann die Baumstrunke, dann die
-wilden erstarrten Schmutzwogen -- aber das schreckliche Bild hatte sich
-für immer in seine Seele eingegraben. Um ein Haar wäre eine Träne auf
-die kostbare Aufnahme, die der General sich einrahmen lassen wollte --
-er kam bis jetzt nur noch nicht dazu -- eine Träne getropft, aber der
-General hatte das Bild noch rechtzeitig fortgenommen.
-
-Hier also -- vielleicht war er durch diesen schmalen Erdgang geschritten
---? War es möglich, daß er zwischen diesen fürchterlichen Erdwogen um
-sein Leben kämpfte? War es möglich, daß zwischen diesen Erdwogen, diesen
-schrecklichen, sein Todesschrei verhallte? Wie? Wie? Wie?
-
-War es möglich, daß ein Mensch geboren wurde, um hier zu enden?
-
-Herr Herbst zitterte vor Entsetzen. Allein das Bild dieser Höhe erfüllte
-ihn mit schrecklichem Grauen.
-
-Er taumelte und rang nach Luft.
-
-»Hier also --?« stammelte er.
-
-»Es waren sehr schwere Kämpfe!« sagte der General beruhigend.
-
-»Und -- sein Grab, hier --?« Die Augen Herbsts waren plötzlich starr und
-entgeistert auf den General gerichtet.
-
-»Wie beliebt?«
-
-»Aber -- vielleicht -- ist er gar nicht begraben worden?« schrie er mit
-schriller Stimme und rang verzweifelt die Hände. Ja, nun verstand er
-alles . . .
-
-Alles!
-
-Wie sollte ein Toter Ruhe finden zwischen diesen entsetzlichen
-Wogenbergen? Wie sollte --!
-
-Der General runzelte die Stirn. Aus purem Mitleid hatte er sich mit
-diesem alten Mann abgegeben. Nur um überhaupt ein Gesprächsthema zu
-schaffen, hatte er ihm die Photographie gezeigt. Die Stätte, wo sein
-Sohn gekämpft hatte, konnte wohl sein Interesse finden. So unerhört es
-war, daß ein ixbeliebiger Beamter aus der Provinz, ohne viele Umstände
-seine Karte bei ihm abgab, zu ungewöhnlicher Stunde, in einem geradezu
-skandalösen Anzug, hatte er doch den Umständen eine Konzession gemacht
-und Nachsicht geübt. Nun aber sah er sich veranlaßt, sich wegen seines
-allzu großen Entgegenkommens Vorwürfe zu machen.
-
-Der Gesichtsausdruck des kleinen alten Mannes erschreckte ihn. Es war ja
-nicht unmöglich, daß dieser merkwürdige, völlig unberechenbare alte Mann
---
-
-Erschreckend ähnlich war sein Gesicht dem Traumgesicht geworden, das
-durch die Scheiben starrte, als es pickte . . .
-
-»Es waren außerordentlich schwere Kämpfe -- es ist natürlich gänzlich
-unmöglich für einen Laien, sich ein Bild zu machen. Zumal, da Sie ja die
-Verhältnisse an der Front nicht kennen.« Einen letzten Versuch machte
-der General, den kleinen alten Mann zu beruhigen.
-
-Verstört, entgeistert schwankte Herr Herbst auf seinen dünnen Beinen.
-
-»Sie haben also den Befehl gegeben? Und dann mußte er -- da hinauf --?«
-fragte er mit pfeifender Stimme.
-
-Betreten richtete sich der General auf. Drohung ging plötzlich von
-diesem verzerrten, kalkweißen Gesicht aus.
-
-»Was soll diese Frage?« rief er, und schon funkelten seine Augen. Seine
-Geduld war zu Ende. Genug mit diesem Burschen!
-
-Aber plötzlich funkelten auch die Augen des kleinen Herrn Herbst,
-schneeweiß glitzerten sie. Haß glitzerte aus ihnen, Haß, unergründlich.
-
-Er warf die Hände in die Luft, mit einer wilden, erschreckenden
-Bewegung, und schleuderte dem General ein fürchterliches Wort entgegen.
-
-»Mörder!«
-
-Der General wich zurück und erbleichte.
-
-Aber der kleine alte Mann schwang wieder die Hände, und abermals schrie
-er: »Mörder! Mörder!«
-
-Schon aber trat ihm der General mit breiter Brust entgegen. »Hinaus!«
-rief er. »Hinaus -- augenblicklich -- oder --!«
-
-Plötzlich, ganz unvermutet, war der kleine alte Mann in die Knie
-gesunken und hatte die Hand des Generals ergriffen, alles in einer
-Sekunde.
-
-»Verzeihung, Exzellenz!« stammelte er. »Verzeihung -- ich -- ich bin --«
-
-»Ich bin -- betrunken . . .«
-
-Ja, in dieser Sekunde fühlte er, daß er betrunken war. Sonst empfand er
-nichts mehr. Es war ihm klar, der Rausch war zum Durchbruch gekommen,
-plötzlich, der Alkohol, sein Teufel, hatte ihm ein Bein gestellt. Er
-wollte all das gar nicht sagen, wollte -- ja, was wollte er eigentlich
--- aber er hatte nie und nimmer beabsichtigt, so etwas zu sagen. Wie
-konnte er, er machte Besuch --
-
-Der General aber begriff in diesem Augenblick etwas ganz anderes. Dieser
-alte Mann war vielleicht betrunken, möglich, aber er war etwas ganz
-anderes -- er war geistesgestört. Einen Geistesgestörten hatte er vor
-sich! Alles erklärte sich nun, der Brief, der ungewöhnliche Besuch, sein
-Gebaren. Ein bedauerlicher Geistesgestörter, das war dieser alte Mann.
-Es würde sich nunmehr darum handeln, ihn möglichst rasch und, ohne
-Aufsehen zu erregen, loszuwerden.
-
-»Sie sind erregt -- begreiflicherweise -- stehen Sie auf --« sagte er,
-um seinen unheimlichen Gast zu besänftigen.
-
-»Erst wenn Sie verzeihen«, rief Herr Herbst, während die Tränen aus
-seinen Augen sprangen.
-
-»Ich verzeihe Ihnen, natürlich --«
-
-Sofort erhob sich der alte Mann.
-
-»Es ist ja begreiflich, daß Sie erregt sind«, fuhr der General fort.
-»Wir haben alle in diesen Jahren Schreckliches erlebt. Aber ich muß
-jetzt bitten, ich habe dringend zu arbeiten . . .«
-
-»Bitte zu entschuldigen . . .«
-
-Anscheinend völlig beruhigt nahm Herr Herbst den Zylinder in die Hand.
-»Ich bitte zu entschuldigen, Euer Exzellenz -- die Störung.«
-
-Aber er blieb an der Türe stehen, hob das noch von Tränen glänzende
-Gesicht, und wieder nahmen seine entzündeten Augen einen eigentümlichen
-Ausdruck an. Wieder begannen sie zu glitzern.
-
-Jedenfalls -- -- er blieb stehen -- obschon ihn der General mit einer
-kleinen stummen Verbeugung entlassen hatte. Der Ausdruck seiner Augen
-war unerklärlich. Spott lag darin -- oder -- war es nicht Spott?
-
-Er wartete auf irgend etwas.
-
- * * * * *
-
-Der General, der schon die Absicht ausdrückte, sich am Schreibtisch
-niederzulassen, wandte den Kopf. Offenbar, dieser Mann hatte noch etwas
-auf dem Herzen, und er würde nicht gehen, bevor er von dieser Last
-befreit war.
-
-Plötzlich erriet der General. Diese geheimnisvollen Andeutungen in
-seinem Brief! Diese anfangs völlig unverständliche Anspielung, die
-plötzlich einen gewissen Sinn zu bekommen schien. Es war ja sogar
-möglich, daß dieser Geisteskranke tatsächlich im Besitz eines
-Geheimnisses war.
-
-»Sie wollten mir --« begann der General erneut, etwas betreten, indem er
-sich voll gegen Herrn Herbst wandte -- »Sie schrieben seinerzeit etwas
-von meiner Tochter -- irgend etwas, ich erinnere mich nicht mehr --?«
-Der General stockte.
-
-»Das gnädige Fräulein --?« Es war der gleiche Ausdruck, den er in seinem
-Brief anwandte.
-
-Der General hatte richtig geraten. Herr Herbst hatte tatsächlich auf
-diese Frage gewartet -- aber nicht um sie zu beantworten!
-
-Der Ausdruck in seinen Augen, dieser Schimmer von Spott steigerte sich
-zum Hohn. Er legte den Kopf auf die Schulter, lächelte . . . höhnisch,
-triumphierend, wieder wurden die gelben Zahnstumpen sichtbar. Er fing
-sogar an, leise zu lachen.
-
-»Ich wüßte nicht, Exzellenz . . .«
-
-»Guten Abend!« sagte der General kurz. Und mit einer spöttischen
-Verbeugung verabschiedete sich Herr Herbst.
-
-Kaum hatte er das Haus verlassen, so fegte ein Donnerwetter durch die
-Diele.
-
-
-8
-
-Wie ein blutiges Nordlicht flammte die sinkende Sonne zwischen finsteren
-Wolken. Durch die Torbogen des Brandenburger Tors schleuderte sie rote
-Glutkegel, die die Linden überfunkelten. Häuser und Menschen brannten
-düster, und düster brannte das Schloß am Ende der Linden. In den
-Schaufenstern der Luxusgeschäfte flammten die Brillanten, Perlen,
-Diademe, Orchideen, goldenen Schalen und Prunkgefäße.
-
-In seinem weiten abgenutzten Soldatenmantel strich Ackermann, der
-Student, die Linden entlang, dicht an den Läden vorüber mit den
-Orchideen, Perlen und Prunkgefäßen. Er sah sie nicht.
-
-Sein Mund zuckte.
-
-Dies ist die Stunde, dachte er -- ja, dies ist die Stunde, da die
-Sterbenden noch einmal die Augen aufschlagen, um den hohen Himmel zu
-grüßen. Erinnerst du dich -- dieser Blick aus schlafschweren Augen? Dies
-ist die Stunde, da die Verwundeten gierig das scheidende Licht mit ihren
-fiebernden Augen trinken, denn einen Augenblick später kommt schon die
-Nacht mit ihren Ungewißheiten, dem Gewimmer, Stöhnen und Miauen im
-Krankensaal.
-
-Dies ist die Stunde, da die Gefangenen in all den hundert Lagern, von
-_Menschen_ errichtet, um _Menschen_ gefangenzuhalten, noch einmal an den
-Stacheldrähten entlangstreichen wie Tiere, bevor man sie in ihre Höhlen
-zurückjagt, da die Hände von Hunderttausenden von gefangenen
-Menschentieren sich verkrampfen um den kalten Draht. Ja, dies ist die
-Stunde des schrecklichen Sterbens -- in Flandern und Frankreich, in
-Italien, Mazedonien und der Türkei, überall in dieser ganzen verfluchten
-Welt.
-
-Dies ist die Stunde, da das Elend der ganzen Welt sich vertausendfacht
--- da das Gespenst des menschlichen Elends sich riesengroß über der Erde
-erhebt . . .
-
-Ackermann watete durch die gespenstisch rote Lichtflut des sinkenden
-Gestirns. Blut, nicht Schein der Sonne, Blut, das von den
-Schlachtfeldern hereinströmt in diese Stadt und täglich steigt wie ein
-Meer. Er roch das Blut, er fühlte seine dampfende Wärme, genau wie
-damals in Flandern, als ihn dieser dicke Blutstrahl traf, der aus der
-Halsschlagader eines getroffenen Kameraden spritzte -- und dann, ja, als
-sein eigenes Blut über ihn strömte. Es rann über die Scheiben der
-Schaufenster, es quoll aus den Haustüren, überschwemmte die Straßen, das
-Schloß -- dort unten -- schon feuchteten sich die dicken Steinmauern --
-
-Blutige Gespenster stürzten an ihm vorbei. Schon wateten die Menschen in
-der roten Flut bis an die Brust, sie fühlten es nicht. Bald wird sie bis
-an ihre Lippen steigen. An ihren Wimpern hing das Blut, ihre Hände
-färbte es rot.
-
-Erst Lügner, dann Räuber, dann Mörder -- das sind die Völker Europas
-geworden! Dunkel rauscht die Menschheit dahin, ein Strom in der
-Finsternis, der nicht sein Ziel kennt . . .
-
-»Und du, Herr, über den Finsternissen?«
-
-»Weshalb zögerst du?«
-
-Verzweiflung zerbrach ihn, Qual und Schmerz zerrissen sein Herz. Sein
-Hirn blutete, sein Hirn zersprang.
-
-»Ja, weshalb?«
-
-Plötzlich tastete er nach der Hauswand. Deutlich hatte er gespürt, wie
-er zu sinken begann, wie der wirbelnde Blutstrom ihn mit sich forttrug
-. . .
-
-»Bringe Erlösung dieser Erde! Führe sie zurück auf deinen Weg!«
-
-»Wann wirst du das Signal geben?«
-
-»Sprich!«
-
-»Wer wird es rufen -- das erste Wort?«
-
-»Mut! Mut!«
-
-Plötzlich hob ihn der weite Mantel in die Höhe, und er schwebte dahin.
-Durch unendliche gleißende Helle brauste er, über blendende Ebenen,
-hingegeben einer unbekannten Wollust . . .
-
-Da faßte jemand seinen Arm und schüttelte ihn.
-
-»Sie werden doch nicht fallen?« sagte die Stimme eines Mannes.
-
-Nun saß er, noch etwas betäubt, auf einer Treppe, ganz in der Nähe des
-Schloßplatzes.
-
-Rasch kam er wieder zu sich. Seit seiner letzten Verwundung litt er an
-Schwindelanfällen. Zuweilen war er auch schon bewußtlos zu Boden
-gestürzt.
-
-Die Sonne verglühte und zog ihre Glutkegel zurück. Bleich und fahl trieb
-die Viktoria auf dem Brandenburger Tor ihr Triumphgespann vorwärts.
-Schon schob sich die schwarze drohende Finsternis herauf über die
-Riesenstadt, um sie zu vernichten. Die Nacht war nahe.
-
-Düster lag das Schloß, kalt, leblos. Tod und Nacht strömten von ihm aus,
-Kälte und Haß. Ringsum die Denkmäler, die finstern Reiter aus Erz mit
-ihren Marschallstäben standen wie Schatten.
-
-Wo immer sie ihre Hufe hinsetzen auf Erden, diese Rosse aus Erz mit
-ihren finstern Reitern, entweichen die freundlichen Geister!
-
-Aber auch sie werden dahinschmelzen im Blicke seines Zorns. --
-
-Ackermann erhob sich. Es wurde kalt. Die Schatten wurden dichter und
-krochen näher.
-
-Er überquerte den Schloßplatz, überschritt die Brücke und wanderte der
-finstern Vorstadt zu.
-
-1914 hatten sie gestürmt, bei Langemark, mit dem Liede: »Deutschland,
-Deutschland über alles.« Man hatte sie in die englischen
-Maschinengewehre gejagt. Wie viele waren zurückgekommen? Einer der
-wenigen war er. Wieviel war seitdem geschehen!
-
-Wie Hunderttausende war er zu den Fahnen geeilt -- wie Hunderttausende
-in dem Wahn, sein überfallenes Vaterland zu schützen.
-
-Wie Hunderttausende hatte er sich dem Tode entgegengestürzt, wie
-Hunderttausende hatte er gemordet. Wie Hunderttausende war er der
-Verzweiflung nahe gewesen und hatte er den Tod herbeigesehnt. Wie
-Hunderttausende der armen Teufel aller Nationen hatte er in dem Wahne
-gelebt, einer heiligen Sache zu dienen.
-
-Im Laufe der Zeit aber war er zur Erkenntnis gekommen, daß Deutschland
-nicht überfallen worden war, sondern eine Handvoll eitler Scharlatane
-den Krieg provozierte. Aber auch das war ja nicht richtig. Ein Jahr
-später hatte er sich zur Erkenntnis durchgerungen, daß alle Völker, die
-sich heute zerfleischten, gleichermaßen schuldig waren.
-
-Plötzlich, in einer Nacht im Bahnhofslazarett von Sedan -- er erinnerte
-sich noch deutlich dieser entsetzlichen Nacht voller Stöhnen und
-Gejammer -- sah er Europas wahres Gesicht! Es war das Haupt der Medusa!
-
-Bis ins Mark entsetzt, starrte er in diese furchtbare Maske -- Lüge,
-Lüge, Lüge! Jede Linie Lüge!
-
-Verbrechen, Habgierde, Heuchelei, Schamlosigkeit, das war Europa, nichts
-sonst. Die europäischen Großstaaten hatten das Raubritterwesen ins
-Gigantische gesteigert. Gestützt auf ihre Heere und Flotten plünderten
-sie die Erde, versklavten sie alle Völker des Erdballs, gelbe, braune,
-schwarze -- um sich endlich, argwöhnisch und gierig, gegenseitig selbst
-zu zerfleischen. Diese weiße Rasse war die verruchteste aller Rassen,
-die den Planeten bewohnte. Ganze Rassen hatten sie ausgerottet -- aber
-in ihren zoologischen Gärten pflegten sie seltene Gazellenarten. Mehr
-als das: sie versklavten die eigenen Völker! In Schulen, Kasernen,
-Kirchen, Fabriken erzogen sie den willigen Söldling! In Schulen,
-Kasernen, Kirchen, Fabriken vernichteten sie den europäischen Menschen,
-täglich, stündlich, seit Hunderten von Jahren.
-
-Ihre Priester standen auf den Kanzeln und predigten: Was nützte es dir,
-wenn du die ganze Welt gewännest und nähmest Schaden an deiner Seele?
-War es möglich? Ihr ganzes Tun ging ja darauf hinaus, die Welt zu
-gewinnen, und die Seele mochte zur Hölle fahren.
-
-Entsetzliche Verwirrung der Geister! Wer förderte sie? Wer zog Nutzen
-aus ihr? Die herrschenden und die besitzenden Klassen.
-
-Die Völker selbst, sie waren nur Verführte, verführt durch kunstvolle
-teuflische Systeme.
-
-1914, im Spätherbst -- deutlich erinnerte er sich dessen -- begannen die
-Fronten zu fraternisieren. Man kam zusammen -- plauderte, tauschte
-Kleinigkeiten, diese armseligen Kleinigkeiten des europäischen Sklaven
--- ganz von selbst keimte in den Herzen der einfachen Soldaten die
-Kameradschaft und Liebe empor. Eine Versammlung einfacher Feldsoldaten
-hätte in drei Tagen Frieden geschlossen. Die Gewaltigen duldeten es --
-aber sobald Nachschub und Munition wieder gesichert waren, befahlen sie
-den europäischen Sklaven, sich wieder gegenseitig zu zerfleischen.
-
-Schwarzweißrot, blauweißrot, der Union Jack -- frech wehten die
-Standarten der Raubritter, und die weißen Sklaven beteten sie an.
-
-Dunkelheit -- Verfinsterung, kein Ausweg . . .
-
-Menschen zitterten vor Menschen. War es möglich? Ackermann hatte
-Gefangene gesehen, die auf den Knien um ihr Leben flehten -- wohin war
-es gekommen?
-
-Er verhüllte vor Scham sein Gesicht.
-
-Schreckliche Jahre, schreckliche Tage -- ein Tag fürchterlicher als der
-andere!
-
-Und kein Ausweg! Nein!
-
-Weiter rollt die Lawine, in Bewegung gesetzt von Gehirnen, die längst in
-der Erde modern. Weiter rollt sie, zerschmettert Länder, Städte,
-Generationen.
-
-Europa war ein eiterndes Geschwür, das die Erde vergiftete. Oft schien
-es Ackermann, als habe Gott sein Antlitz abgewandt: das einzige, was
-euch gebührt, vollzieht es: schlachtet euch gegenseitig. Haubitzen,
-Mörser, Gase, Fliegerbomben -- geht unter -- rasch, rasch, verschwindet
-. . .
-
-Da begann -- unerwartet -- aus dem Osten ein Licht zu strahlen . . .
-
-Seit den Somme-Schlachten war Ackermann nicht mehr für den Felddienst
-geeignet. Er hinkte und litt an Ohnmachtsanfällen. Er wurde in ein
-Gefangenenlager zur Bewachung von Menschen kommandiert. Hier schloß er
-Freundschaften mit Gefangenen, er versuchte seine Kameraden aufzuklären.
-Er wurde wegen »pazifistischer Umtriebe« angeklagt und entging mit
-knapper Not dem Gefängnis. Und zwar nur aus dem Grunde, weil die
-Gefängnisse zu dieser Zeit schon überfüllt waren. Man schob ihn
-kurzerhand zum Regiment ab, und das Regiment kommandierte ihn nach
-Berlin, wo man Schreiber und Ordonnanzen zu Tausenden in den unzähligen
-Kriegsämtern brauchte.
-
-Hier traf er in einer Speiseanstalt -- -- Ruth!
-
-Wie? Wer war es? Wo hatte er sie schon gesehen? Wann?
-
-Da erinnerte er sich: es war in einem Lazarett in Cambrai. Man hatte ihn
-abends dahin gebracht, und in der Nacht erwachte er -- zu seinem großen
-Erstaunen -- in einem Krankensaal. Er hatte an diesem Tage den Tod
-gesucht -- besser getötet zu werden als zu töten. Da hatte ihn eine
-Handgranate zu Boden geworfen.
-
-Da lag er nun in einem halbdunkeln Saal. Franzosen, Engländer, Kanadier,
-Farbige, hier waren sie nun alle vereint. Neben ihm saß ein Schwarzer im
-Bett, dem der Unterkiefer weggerissen war, und keuchte aus einem
-blutigen Watteklumpen. Stöhnen, Winseln, Fauchen, halblautes Lallen. Wie
-über alle Lazarette, war auch über diesen Saal jene unbegreifliche
-Ergebenheit gebreitet. Sie alle, die hier lagen, fühlten, daß es ihr
-Schicksal war, gegen das es keine Auflehnung gab. Die Schlacht war
-gekommen, weil es so sein mußte, sie waren verwundet worden, weil es so
-sein mußte, und sie würden sterben, wenn es beschlossen -- war.
-
-Auch über ihn war diese gleiche rätselhafte Ergebenheit gekommen, die
-jeder Verwundete kennt, der im Lazarett aufwachte.
-
-Da -- plötzlich -- sah er eine Gestalt, eine kleine Gestalt, eine
-Schwester. Sie stand mit dem Gesicht gegen die Wand, der Lichtschein
-streifte sie -- sie preßte das Taschentuch gegen das Gesicht, ihre
-Schultern bebten -- sie weinte. Lange beobachtete er sie. Sie weinte
-. . .
-
-Auch Ruth erkannte ihn wieder.
-
-Ruth sagte: »Sie schrien im Fieber immerzu -- füsiliert mich! Die
-einzige Ehrung, die Europa bieten kann, ist füsiliert zu werden!«
-
-»Sagte ich das?«
-
-»Ja, Sie sagten noch ganz andere Dinge. Sie sagten viele Dinge, die
-schon lange in mir schlummerten.«
-
-»Sie --?? Aber Sie sind doch die Tochter eines Generals?«
-
-»Ja! -- Was hat das zu sagen?«
-
-So wurden sie Freunde.
-
-
-9
-
-Seht, ein Mensch! Er steht gegen ein Haus gelehnt und weint!
-
-Plötzlich aber weicht das Haus zurück -- sollte man es für möglich
-halten -- ein vierstöckiges Haus weicht dem Druck eines schmalen
-Rückens? Es weicht zurück, und der Mensch stürzt der Länge nach zu
-Boden. Sein Zylinder rollt, rollt in unendliche Fernen.
-
-Schon kommen die Kinder. Ein Zylinder! Sie spielen Fußball damit.
-Welches Gelächter! Aber die Kinder, selbst sie, haben Mitleid, nicht mit
-dem kleinen alten Mann, sondern mit dem Zylinder.
-
-Ein Junge bringt ihn zurück. Der kleine alte Mann kramt in der Tasche,
-sucht einen Groschen -- aber plötzlich läuft er in einer
-unverständlichen Kurve über den Fahrdamm und rennt gegen das Pferd einer
-Droschke, das selbst Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Die
-Peitsche flitzt durch die Luft. Und die Kinder kreischen vor Vergnügen.
-
-Herr Herbst lag in seinem Bett und röchelte im Halbschlaf. Nacht,
-Finsternis, er hatte keine Lust zu erwachen. Wie lange war er unterwegs
-gewesen, wo hatte er getrunken, wie lange hatte er geschlafen? Er wußte
-es nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Nur schlafen. Schmach,
-Schmach, nichts als Schmach, sobald er erwachte.
-
-Stimmen raunten hinter der Wand, zischelten, flüsterten. Wie in jeder
-Nacht wanderte Hähnleins Schritt ruhelos hin und her. Wie lange werden
-sie es noch ertragen? dachte Herr Herbst in seinem Bett. Nicht mehr
-lange! Er lauschte auf die raunenden und zischelnden Stimmen, labte sich
-an dem fremden Elend, um nicht an seine eigene Verzweiflung denken zu
-müssen.
-
-Hähnlein rief Gott zum Zeugen an, daß dieses Leben selbst ein Hund nicht
-länger ertragen würde. Er hatte Dienst, Dienst, immer Dienst, seit drei
-Jahren, zweimal verwundet, und seine Frau nähte sich die Augen blind.
-Und seine Frau hustete nachts die ganze Wand voll Blut. Und während er
-Dienst machte, verhungerte seine Familie zu Hause. Seine Frau hatte auf
-Zeitungen entbunden, verlassen, hilflos, wie ein Tier in einem Winkel.
-Nicht einen Tropfen Milch, nicht einen Teller Suppe, nichts. War das
-Gerechtigkeit? War das möglich überhaupt? Ja, eine Milchkarte hatte sie
-gehabt, aber keine Milch, so war es! Und die Kinder, drei und vier Jahre
-alt, sie konnten noch nicht einmal gehen, die Knochen waren krumm
-gebogen, die Schädel ganz weich. Was für eine Welt war das? Aber die
-kleine Zinnkanne, die hatten sie abliefern müssen, sonst hätte man sie
-eingesperrt. Und die Kinder schliefen auf Papier und Lumpen. Wo war man?
-War man noch auf der Erde oder schon in der Hölle?
-
-Nein, nicht mehr lange!
-
-Hähnleins heisere Stimme glitt in die Ferne, tiefer röchelte Herr
-Herbst, gleichmäßiger, der Schlaf wollte wieder zurückkehren.
-
-Da sah er -- in verschwommenen Umrissen -- die entsetzlichen Wogenberge
-aus erstarrtem Schmutz wieder, mit den zersplitterten Baumstrunken und
-dem schmalen Laufgraben, der sich zwischen den Wogenbergen verlor.
-
-Er ächzte und drehte sich auf die andere Seite.
-
-Aber auch hier waren sie, diese entsetzlichen Wogenberge. Nur -- siehe
-da! -- sie waren nicht mehr starr, sie regten sich, bewegten sich.
-Erdschollen schoben sich in die Höhe -- Rücken, Arme, Hände, Beine
-wurden sichtbar -- in verschwommenen Umrissen -- was war das? Sieh nur
-schärfer hin, und du wirst es erkennen. Ja, es waren Menschen! Deutlich
-zu sehen, lehmbeschmierte Menschen, Soldaten, die von den Lehmbergen
-verschüttet waren und sich stumm und verzweifelt abmühten, sich aus der
-Erde zu wühlen.
-
-Er ächzte und setzte sich im Bett aufrecht. Da sah er Robert vor sich,
-und Robert trug einen solchen zerfetzten Lehmberg auf dem Rücken, und
-der Lehmberg preßte ihn zu Boden.
-
-»Ich ertrage es nicht mehr!« schrie in diesem Augenblick Hähnlein. »Um
-Christi willen!« wimmerte die Frau und hustete.
-
-Robert war verschwunden. Dunkelheit, Nacht, dort das Fenster, das Zimmer
-war leer.
-
-Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirne.
-
-»Schmach, nichts als Schmach . . .«
-
-Er kroch unter die Decke, und nun kam der tiefe Schlaf über ihn. -- --
-
-Spät an diesem Abend, es war nahe an Mitternacht, kehrte der General von
-Dora zurück. Er brummte gutgelaunt vor sich hin. Wie gewöhnlich hatte
-Doras Frohsinn ihn aufgeheitert. Auch der Spaziergang durch die Nacht
-hatte ihm gutgetan.
-
-Wie ein Bad wirkte die Heiterkeit dieser Frau auf ihn. Wie ein
-erfrischendes Bad! Wunderbar -- ihr Lachen -- nichts nimmt sie tragisch,
-eine Künstlernatur, eine Philosophin! Wir Männer dagegen . . .
-
-Ja, Dora, sie allein verstand es, das Leben zu nehmen, man konnte lernen
-von ihr -- obschon sie nur eine Frau war, ja --
-
-Kaum aber flammte das Licht in seinem Arbeitszimmer auf, so erinnerte er
-sich wieder an die peinliche Szene von heute nachmittag, und
-augenblicklich war seine gute Laune wieder verschwunden.
-
-Das höhnische Lächeln, der höhnische Blick des kleinen geistesgestörten
-Mannes schwebten noch irgendwo in der Luft des Zimmers. Ich weiß, sagte
-das höhnische Lächeln auf den dünnen Lippen, weiß, aber ich spreche
-nicht. Wie heute nachmittag legte sich das fahle kleine Gesicht zur
-Seite, das eine Auge wurde größer als das andere, das Lid zog sich in
-die Höhe, und dieses größere Auge blinkte von Spott und Hohn.
-
-Unruhe erfüllte den General.
-
-Nein, kein Zweifel, dieser kleine Geistesgestörte war im Besitze eines
-Geheimnisses, das Ruth betraf. Der Ausdruck seiner Augen war nicht
-mißzuverstehen. Vielleicht eines Geheimnisses, das Ruth, das die Familie
-kompromittierte? Unverständlich war ihm in diesem Augenblick seine
-Tochter, rätselhaft, fremder als der fremdeste Mensch, den er nie in
-seinem Leben gesehen.
-
-Morgen würde er mit Ruth ein ernstes Wort sprechen! Ihre Eigenwilligkeit
-verriet einen bedauerlichen Mangel an Pflichtgefühl ihrer Familie, dem
-Geschlechte der Hecht-Babenberg, gegenüber. Es gab schwerlich eine
-Verbindung, die das Ansehen der Familie mehr gehoben hätte,
-gesellschaftlich und materiell, als die Heirat mit Baron Dietz, der eine
-blendende Laufbahn vor sich hatte. War es nicht auffallend, der Krieg
-schien die Grundpfeiler des Gesellschaftsgebäudes zu erschüttern? --
-Allenthalben ähnliche Symptome -- Mißheiraten, Eheirrungen, Scheidungen
--- der Oberst Schulendorf, zum Beispiel, kommt nach Hause und findet --
-Skandal! Bredows Sohn hat sich im geheimen trauen lassen, er fällt,
-plötzlich meldet sich die Witwe -- eine völlig unbekannte Person,
-frühere Schauspielerin, stellt Forderungen. Allein im Rheinsbergschen
-Familienverband zwei Scheidungen in kurzer Zeit.
-
-Ja, auffallend, Hunderte von Beispielen fielen ihm plötzlich ein --
-allein aus dem Kreise seiner Bekannten. Erschreckende Symptome der
-Zersetzung. War die Generation der Größe der Zeit nicht gewachsen?
-
-Keine Nachsicht mehr, nein, nein, morgen, sobald sich die Gelegenheit
-bietet, werde ich mit ihr sprechen.
-
-Und dieser alte Mann? Lassen wir ihm seine Freude. Nichts wird ja
-leichter sein, als Aufklärung zu erhalten, jede gewünschte Aufklärung.
-
-Schon einmal hatte er -- früher . . .
-
-Der General machte Toilette für die Nacht. Nachdenklich musterte er
-Hände und Gesicht, jede Falte.
-
-Mehr Bewegung -- und alles war in Ordnung!
-
-Schon schlief er.
-
- * * * * *
-
-»Schwere Kämpfe! Außerordentlich schwere Kämpfe!« Mitten in der Nacht
-setzte sich Herr Herbst plötzlich im Bett auf und knarrte mit breiter,
-selbstgefälliger Stimme: Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe!
-
-Warte nur, du Hoffärtiger! Warte nur. Hüte dich -- ein alter Mann --
-aber hüte dich --!
-
-Dann sank er wieder in Nacht und Bewußtlosigkeit, zusammengerollt zu
-einem kleinen Kleiderbündel.
-
-Am Nachmittag schien die Sonne ins Zimmer, aber immer noch lag das
-kleine Kleiderbündel regungslos auf dem Bett. Erst gegen Abend fing es
-an, sich unruhig zu bewegen. Die Hände zerrten an der Decke, zogen sie
-dicht um den Körper. Der Schläfer fror. Kälte, schreckliche Kälte
-hauchte von dem Gebirge aus, das er erblickte. Ein Strom von Eis. Nacht,
-Winter, wie? Und er kniete vor dem Gebirge und erstarrte, während er die
-Hände ausstreckte. Nun schien es heller zu werden, es tagte, die Sonne
-schien aufzugehen. Das Gebirge begann allmählich zu erglühen, es glühte
-rot, nur Stein, zerrissen, verwittert.
-
-Plötzlich aber verschoben sich Felsen, Riesenblöcke zitterten -- das
-Steingebirge wandelte sich zu einem Gesicht.
-
-Der Schläfer erbebte. Deutlich fühlte er, daß er bald aus der
-Bewußtlosigkeit auftauchen würde. Nur noch eine Idee brauchte er höher
-zu tauchen, und schon würde er an die schwarze, schwere Schicht von
-Schmach stoßen, die auf ihm lastete. Zu spät! Sie sank herab zu ihm, die
-schwere Schicht von Schmach, berührte ihn, drückte ihn zu Boden.
-
-Da! Er war wach. Der barmherzige Rausch war verflogen. Und da war sie
-wieder . . .
-
-Betäubt saß er da. Es dunkelte schon.
-
-Schmach, nichts als Schmach!
-
-Er war gedemütigt worden, zertreten, zu Boden geworfen und mit den Füßen
-getreten. Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe -- Tausende,
-Hunderttausende -- -- ja, man hatte ihm einen Sessel angeboten, ihm ein
-Bild gezeigt -- trotzdem! Worin aber bestand die Schmach eigentlich,
-wie?
-
-Nein, nicht das war es, daß er gerufen hatte: Hinaus mit Ihnen, oder ich
-lasse Sie abführen.
-
-Das nicht, nein. Schlecht hatte er sich ja benommen.
-
-Trotzdem: zu Boden geworfen und mit Füßen getreten.
-
-Horch! Stimmen. Sie sind da, die jungen Leute -- bei ihm! Und da, da --
-hörst du? Laut und erregt schwirrten die kecken, jungen Stimmen nebenan.
-
-Aufrecht saß er im Bett und hielt den Atem an.
-
-Ja, auch sie war da!
-
-Hoffärtiger -- nichts als ein alter Mann -- vielleicht bereust du noch,
-wer weiß es? -- Und du -- Sanfte, Bleiche -- deine sanften Augen werden
-weinen müssen -- es muß sein --
-
-Plötzlich erstarrte er vor Entsetzen. Eine laute verzweifelte Stimme
-gellte durch das Haus. Hilfe! Hilfe! Es war Frau Hähnlein.
-
-Sofort schwiegen die schwirrenden Stimmen nebenan. Eine Türe schlug,
-Schritte eilten. Eine Faust pochte gegen Hähnleins Türe, und Ackermanns
-Stimme fragte: »Was gibt es?«
-
-»Nichts, nichts, Ackermann!« antwortete Hähnlein mit einem keuchenden,
-verlegenen Auflachen. »Meine Frau ist erschrocken. Sie dachte -- nichts,
-nichts --«
-
-
-
-
-Viertes Buch
-
-
-1
-
-Ali Baba und die vierzig Räuber!
-
-Endlich war Doras berühmter Abend gekommen. Dumpf lockte die Trommel --
-
-Mit einem kleinen Aufschrei wich Hedi zurück. Ein fetter Neger, mit dem
-Gesichtsausdruck eines Orang-Utans, schlug den Vorhang auseinander und
-fletschte ihr die Zähne entgegen: »Ali Baba heißt dich willkommen!«
-
-»Er tut dir doch nichts«, lachte Klara und schob Hedi vorwärts.
-
-Die mächtigen, nackten Arme und Beine des Negers funkelten. Hellrot
-waren seine wulstigen Lippen gemalt. Dora selbst hatte ihn hergerichtet.
-Ein zweiter Neger half aus den Mänteln. Er war jung und schlank, heller
-von Farbe, sein Gesicht drollig und hübsch. Auch er ging barfuß und trug
-nur ein kurzes, rot und gelb gestreiftes Röckchen.
-
-Hinter Vorhängen, irgendwo, schrillten Pfeifen.
-
-Wieder ertönte der Schrei einer Dame im Entree. Ein zottiger Bär schob
-sich an Hedi vorüber, und daraus schälte sich eine zierliche,
-halbnackte, nilgrüne Türkin. Gräfin Heller. Abendmäntel aus kostbaren
-alten Brokaten, antiken Samten, japanischen Stickereien, ehemaligen
-Kirchengewändern -- und Fabelwesen entstiegen ihnen: Prinzessinnen,
-Haremsdamen, Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, mit goldenen, roten,
-grünen Schuhen, Schuhen mit langen Silberschnäbeln und blitzenden
-Steinen. Wohlgerüche und der Duft gepflegter Frauenkörper gingen von
-ihnen aus.
-
-Hedi zitterte vor Erregung. In fieberhafter Hast verhüllte sie das
-Gesicht mit dem Schleier, wie Doras Vorschrift es verlangte. Doppelt
-begierig blitzten nun ihre Augen.
-
-Hedi war ganz in durchsichtige Silberschleier gehüllt. Ihre jungen
-Brüste lagen nahezu völlig frei. Zwischen dem silbernen Jäckchen und den
-faltigen Pluderhosen aber war sozusagen gar nichts. Ein Hauch von Tüll.
-Das war Hedis höchsteigene Erfindung.
-
-Wegen dieses etwas kühnen Kostüms war es heute nachmittag -- schon am
-Nachmittag begannen die Damen mit der Toilette -- zwischen den beiden
-Schwestern nahezu zu Tätlichkeiten gekommen.
-
-Plötzlich erklärte Klara rund heraus, daß sie _so_ nicht mit Hedi gehe!
-Wie?
-
-»Ja, so! Du bist ja völlig nackt! Es ist skandalös einfach!«
-
-Wie? Ein Kostüm, das das Taschengeld eines halben Jahres verschlang!
-Hedi war tödlich verletzt.
-
-»Das ist ja gerade das Orientalische«, schrie sie aufgebracht. »Was
-versteht ein Kind von solchen Dingen? Und du -- was soll das werden, du
-meine Güte?«
-
-Ein sehr einfaches Kostüm aus hellgrauer Seide hatte Klara sich
-zurechtgemacht. Dazu sollte noch ein schwarzes Spitzentuch kommen, das
-ihr Gesicht bis zu den Augen verbarg.
-
-»Ich bin eine türkische Witwe!«
-
-»Eine Witwe?«
-
-»Ja!«
-
-»Du bist lächerlich, Klara, und wirst auch mich noch lächerlich machen!
-Zum ersten Male höre ich, daß man als Witwe auf einen Ball geht.«
-
-»Aber ich gehe so!«
-
-»Blamiere dich ruhig!« Empörend war Hedis Lachen.
-
-»Dann gehe ich überhaupt nicht, ich habe sowieso nicht die geringste
-Lust!« schrie Klara und begann sich wieder auszukleiden. Sie warf die
-Schuhe wütend unter das Bett.
-
-Hedi erbleichte. »Nun gut, mein Liebling. Papa wird außer sich sein,
-wenn er dich nicht dort findet. Ich werde ihm aber dann die Geschichte
-erzählen, die du mit dem kleinen Fliegerleutnant hast, warte nur!«
-
-Sie hatte Klara ins Herz getroffen. »Und du?« schrie Klara und funkelte
-die Schwester mit drohenden Augen an.
-
-»Und ich? Was soll mit mir sein?«
-
-»Sage nur ein Wort, und ich werde es Papa erzählen. Ich weiß mehr, als
-du glaubst.«
-
-»Was weißt du, nichts weißt du.«
-
-»Nun, ich werde Papa erzählen, daß du einen Brillantring bekommen hast.
-Woher hast du diesen Brillantring? Und weshalb gehst du immer in den
-Kaiserhof?«
-
-Jetzt war die Reihe an Hedi, außer sich zu sein.
-
-»Das ist doch unerhört!« schrie sie rasend. »Du weißt so gut wie ich,
-daß man mir den Ring anonym mit der Post geschickt hat. Ich schwöre --«
-
-Hier also wäre es nahezu zwischen den Schwestern zu Tätlichkeiten
-gekommen.
-
-Nun aber waren sie doch hier. Dumpf lockte die Trommel, und Hedis Herz
-pochte.
-
-Unaufhörlich stürzte Petersen mit dem Schirm die Treppe hinab. Es
-regnete etwas.
-
-Droschke um Droschke klapperte die stockfinstere Lessingallee herauf zur
-roten Backsteinvilla. Dazwischen kam auch ein Gespenst von einem Auto,
-das auf eisernen Rädern wie ein Tank rasselte und die ganze Straße mit
-Qualm und Gestank erfüllte.
-
-Schließlich, etwas spät am Abend, rauschte auch eine elegante feldgraue
-Limousine heran, mit wunderbaren Lampen, die alle Villen der
-Lessingallee magisch beleuchteten. Und -- viel später noch -- fuhr eine
-zweite Limousine vor, ein schwarzlackiertes Auto mit einem Chauffeur in
-Livree, das gänzlich lautlos dahinglitt und selbst die Limousine des
-Generals weit in den Schatten stellte.
-
-»Ali Baba heißt dich willkommen!«
-
-Der General prallte zurück. Seit seiner Kindheit hatte ihn niemand mehr
-geduzt. Und nie in seinem Leben hatte ein Schwarzer es gewagt, ihn
-anzusprechen.
-
-Drollige Einfälle hatte diese Dora!
-
-
-2
-
-Hedis Herz pochte vor wilder Erregung.
-
-»Die Liebe, meine süßeste Prinzessin --.«
-
-Dumpfe Trommeln und schrille Pfeifen. Rote, grüne, gelbe Riesenlampen,
-Zelte, Diwane. Die Musiker trugen scharlachrote Turbane und
-grünspanfarbene Gesichtslarven mit langen Fransen. Sie hockten auf einem
-Diwan in der Ecke.
-
-Schon jetzt herrschte in Ali Babas Räuberhöhle Gedränge.
-
-Ein sonderbares Holzinstrument dudelte, und aus einem bronzenen Dreifuß
-stieg eine betäubende Wolke von Wohlgerüchen empor. Die beiden
-halbnackten Schwarzen kredenzten Erfrischungen.
-
-»Die Liebe, meine Prinzessin -- so banal es klingt, ist eine
-Bauernfängerei der Natur, eine Illusion zweier Narren --«
-
-»Ah!«
-
-»Genau wie die Ehe eine Bauernfängerei der Gesellschaft ist, eine
-Illusion einer Masse von Narren.«
-
-»Also du glaubst nicht an die Liebe?«
-
-»Nein, nein, ich glaube nur . . .«
-
-»Nun?«
-
-»Darf ich es dir ins Ohr sagen?«
-
-Diese geistvolle Unterhaltung führten Hedi, die Prinzessin in Silber,
-und ein wild aussehender Räuber mit vermummtem Gesicht, in
-billardgrünem, durchlöchertem Burnus. Sie kauerten dicht nebeneinander
-mit angezogenen Beinen auf einem Diwan. Die Prinzessin näherte nun dem
-Räuber ihr Ohr, sprang aber sofort auf, als der Räuber ihr sein
-Glaubensbekenntnis ins Ohr flüsterte.
-
-»Pfui, wie häßlich!«
-
-»Auch du nicht stark genug für die Wahrheit?« Enttäuscht schüttelte sich
-das vermummte Gesicht.
-
-Da verbeugte sich ein zerlumpter Bettelmönch vor Hedi und hielt ihr eine
-Schale hin, eine ausgehöhlte Kokosnußschale, die er an einer dünnen
-Kette am Handgelenk trug. Der Bettelmönch war völlig in Tuchlappen von
-einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb eingehüllt, wie
-eine Mumie. Sogar die Arme. Er trug einen orangeroten Turban, mit dicken
-grünen Schnüren umwickelt. Seine Augen blendeten.
-
-»Wer bist du?« fragte Hedi und warf eine Zigarette in die Schale. Ihr
-Herz stockte.
-
-Der Bettelmönch hob die Schale zur Stirn und verneigte sich. Wieder
-blendeten seine Augen.
-
-»Wer ist es?«
-
-»Ich kenne ihn nicht. Gottlob sind alle Gesichter vermummt. Welch eine
-herrliche Idee! Um wieviel gewänne dadurch das Leben!«
-
-Hedi blickte in die kleinen, raschen Augen des Räubers, blitzende
-Pechtropfen. Wer war es, der sich an ihre Fersen heftete und sie nicht
-mehr losließ? Seine Keckheit gefiel ihr, auch der Unsinn, den er sagte.
-Ein großer Diamant gelblichen Feuers sprühte an seiner kurzfingrigen,
-gepflegten Hand.
-
-Schon jetzt glühte Hedi am ganzen Körper. Ja, heute, heute, in dieser
-Nacht, mußte es geschehen, in dieser Nacht mußte es sein! Was mußte
-geschehen, was mußte sein? Das wußte sie selbst nicht.
-
-Betörend dudelte das sonderbare Holzinstrument in Hedis kleines Ohr.
-
- * * * * *
-
-»Halt, einen Augenblick, Verehrtester!«
-
-Professor Salomon zwängte sich blitzschnell zwischen zwei nackten Rücken
-hindurch, einem heißen, rosafarbenen, mit großen Poren, und einem
-kühlen, glatten, kantiggeschnittenen, elfenbeingelben, mit verwirrenden,
-rabenschwarzen Kräuselhärchen im Nacken, blitzschnell und vorsichtig, um
-seinen Frack nicht mit Puder einzufetten. Der Professor war trotz Doras
-Verbot im Frack. Er fand es entwürdigend, sich mit bunten Lappen zu
-behängen. Aber er trug die Rosette des Eisernen Kreuzes im Knopfloch.
-
-Soeben hatte er einen Bekannten erspäht, der sich gerade das Auge mit
-dem Taschentuchzipfel auswischte. Die Feder eines Kopfputzes war ihm ins
-Auge gefahren. Es war ein ganz besonderer Glücksfall, denn der Bekannte
-war ein gewaltiger Schürzenjäger, so aber war er gezwungen
-stillzuhalten.
-
-Das fette Kürbisgesicht des Professors strahlte. Es muß leider gesagt
-werden, daß der Schädel des Professors einem halbausgewachsenen, etwas
-gelblichen Kürbis mit großen, abstehenden Ohren glich. Professor
-Salomon, Gründungsmitglied des Vereins zur raschen Zerschmetterung der
-englischen Welttyrannei, Vorstand des Bundes Barbarossa, vorher fast
-unbekannt, hatte es während des Krieges zu einer Art von Berühmtheit
-gebracht. In diesem Kürbisschädel waren die wirtschaftlichen Gutachten
-entstanden, die die Marine als Unterlage für den unbeschränkten
-U-Boot-Krieg benötigte. Professor Salomon hatte seine Aufgabe zur
-vollsten Zufriedenheit der Admiralität gelöst. Nunmehr bekleidete er
-einen einflußreichen Posten im Auswärtigen Amt.
-
-»Wichtige Neuigkeiten«, rief der glänzende Kürbis. »Die Wissenschaft
-triumphiert -- trotz aller Zweifel unserer Anglomanen.«
-
-Der mit Diamanten übersäte Perser, in Ali Babas Gefangenschaft geraten,
-schielte ihn hilflos mit seinem tränenden Auge an. Er war ihm vollkommen
-ausgeliefert.
-
-»Wir haben Meldungen, daß in ganz Schottland schon kein Pfund Mehl mehr
-aufzutreiben ist, und in Südwales gab es eine Hungerrevolte«, zischelte
-der Kürbis.
-
-»So?« Der impertinente Ton wandelte den gelblichen Teint des Kürbis
-augenblicklich in tiefes Scharlachrot.
-
-»Und Sie haben immer gezweifelt, gerade Sie waren immer derjenige! Auf
-Grund genauester wissenschaftlicher Unterlagen, völlig einwandfreier
-Statistiken --«
-
-Der Perser wischte sich die Tränen von den Wangen. »Ich pfeife auf
-Statistiken, mein Lieber. Das Konversationslexikon genügt mir. Völlig
-abgesehen davon --«
-
-»Völlig abgesehen?«
-
-Der Professor verfolgte den fliehenden Perser.
-
-»Völlig abgesehen davon --«
-
-»Hören Sie --« Der Professor versuchte den fliehenden Bekannten
-festzuhalten. »Die Engländer haben kein Grubenholz mehr. Die englischen
-Bergwerke versacken -- Sie entfliehen --?«
-
-Der Perser stürzte sich verzweifelt mitten in den Malstrom der Tänzer.
-
-»Ah, ah, so sind sie, so sind sie alle«, murmelte verzweifelt der
-Kürbis.
-
-Schon hatte er einen neuen Bekannten erspäht. Aber gerade, als er sich
-ihm nähern wollte, geriet er in einen Wirbel von Foxtrottänzern.
-
-In demütiger Haltung, sich ohne Aufhören verbeugend, ging der zerlumpte
-Bettelmönch von Raum zu Raum und rasselte mit der Schale. Seine Brust
-keuchte erregt, und seine Augen blinkten in jedes Frauengesicht.
-
-Wer bist du?
-
-Er ging weiter. Seine Augen drangen hinter die Schleier, glitten über
-Hände, Ohren, Hüften, Füße.
-
-Wer bist du?
-
-Plötzlich zuckte er zusammen. Eine Hüfte -- nichts als das Wiegen einer
-Hüfte beim Tanze . . . Ohne jede Rücksicht stürzte er sich zwischen die
-Tänzer. Laut rasselte er mit der Schale vor einer etwas üppigen
-Haremsdame, die wie ein Kolibri in allen Farben schillerte.
-
-Die Haremsdame blieb -- unwillkürlich -- stehen und sah ihm in die
-Augen.
-
-»Wer bist du?«
-
-Aber stumm verbeugte sich der Bettelmönch. Bis zur Erde. Seine breite
-Brust wogte unter den Lumpen.
-
-Die Haremsdame lachte -- nur Dora konnte eine derartige Fontäne von
-Gelächter hervorsprudeln.
-
-»Du bist wohl stumm?«
-
-Der Bettelmönch nickte. Aber so oft Dora vorüberkam, verbeugte er sich
-und rasselte mit der Schale, seine blinkenden Augen folgten ihr überall
-hin.
-
-Schon war es ihm gelungen, Doras Neugierde zu wecken.
-
-
-3
-
-Über dem Dunst des Räucherwerks, den wirbelnden Turbanen, Federn und
-Schleiern, auf der kleinen Empore, gerade über den Musikanten mit ihren
-grünspanfarbenen Gesichtsmasken, bewegte sich plötzlich ein massiger,
-breiter Schatten, der sich düster über die Decke reckte. Dann schrumpfte
-der Schatten zusammen, und über der Brüstung erschien ein breites,
-erdfarbenes, glanzloses Gesicht und blickte herab. Alle Blicke wandten
-sich nach oben. Der General war gekommen.
-
-Der Räuber im durchlöcherten, billardgrünen Burnus deutete mit dem
-vermummten Gesicht zur Empore und raunte Hedi eine Bemerkung ins Ohr,
-die bei seiner Dame unbändige Heiterkeit auslöste. Sie fand ihren
-Kavalier schnurrig über alle Maßen. Und so etwas Keckes und
-Unverschämtes hatte sie überhaupt noch nicht erlebt!
-
-»Fort, fort, er sieht her! Wie herrlich du doch lachen kannst!«
-
-In der Tat, das erdfarbene Gesicht auf der Empore hatte die Brauen
-hochgezogen.
-
-Der Räuber hielt die linke Hand mit dem gelblichen Brillanten wie zum
-Schwure in die Höhe, seine Rechte berührte Hedis Schulterblatt, schon
-tanzten sie. Obschon er sie kaum berührte, hielt er sie fest wie ein
-Schraubstock, unentrinnbar. Und bei gewissen Figuren zog er sie
-unvermittelt dicht an sich -- wie nur Räuber es vermögen.
-
-Unterdessen irrte Klara mutterseelenallein und tief unglücklich in der
-labyrinthischen, farbenlohenden Höhle Ali Babas umher. Jeder Schlag der
-dumpfen Trommel traf ihr Herz, die Pfeifen schrillten Verzweiflung.
-Sobald aber das sonderbare Holzinstrument zu dudeln anfing, hielt sie
-sich die Ohren zu und entfloh in die fernsten Winkel. Aber überall waren
-diese verrückten Vermummten, in den entlegensten Winkeln. Aus allen
-Ecken und Dunkelheiten winkten weiße Arme und Hände, blendeten heiße
-Augen. In einem rotglühenden niedern Raum -- Ali Babas Opiumhöhle --
-kauerten sie in Scharen auf dem Teppich. Das Herz der kleinen türkischen
-Witwe pochte gegen den Brief, den sie im Mieder trug -- heute morgen war
-er gekommen.
-
-Plötzlich sah sie aus einer Nische ein Paar Augen auf sich gerichtet,
-unendlich sanfte Augen voller Trauer, und sie versank angezogen in ihre
-Betrachtung. Sie hob die Hände, auch die Erscheinung in der Nische hob
-die Hände. Sie berührte Glas.
-
-»Du bist es -- Klara?« fragte sie, und die Erscheinung stellte die
-gleiche Frage.
-
-Da aber griff plötzlich eine gespenstische, grüne Hand nach dem
-Spiegelbild, und sie schrak zusammen. Doch niemand war da. Eine
-Heiligenfigur, die ein Buch schwang, stand dem Spiegel gegenüber, und
-durch den wehenden Vorhang war ein Lichtstrahl auf die grüne Hand des
-Heiligen gefallen.
-
-Wunderbar . . . Heinz hatte oben in der Luft ihr Gesicht im Äther
-dahinfliegen sehen. Es flog neben ihm her, genau so schnell wie die
-»Schwalbe«. So hieß seine Maschine.
-
-Der Brief brannte auf ihrem Herzen.
-
-»Wir sind ja jung! Vor uns liegt das Leben, vor uns liegt die Zukunft.
-Ich liebe dich, du Teuerster!«
-
-Und der Brief glühte.
-
-Schon taumelte sie wieder erschrocken zurück. Durch die Luft kam
-kopfüber ein Mensch geflogen, ein Mensch, merkwürdigerweise in Uniform,
-mit staubgrauem Gesicht und fiebrisch glänzenden Augen. »Feuerwalze,
-Feuerwalze!« schrie erschrocken ein Chor von Stimmen. »Er hat sich das
-Genick gebrochen!«
-
-Die fiebrischen Augen wandten sich der kleinen, grauen Witwe zu. »Du
-weinst ja --« sagte der Uniformierte verwundert, und schon zuckte eine
-Hand nach ihr.
-
-Aber schon floh Klara. Zwischen Vermummten hindurch, eine kleine Treppe
-hinauf. Plötzlich hielt sie inne: in einem Sessel saß der General. Auch
-für ihn gab es weder Tanz noch Musik. Zusammengesunken saß er, den Blick
-in sich zurückgezogen.
-
-Düster brannten seine Augen.
-
-Er hatte sich früher auf Festen gelangweilt, heute bedrückten sie ihn.
-Musik weckte Melancholien, fröhliches Gelächter Trauer. Er war ja nur
-hierhergekommen, um Dora nicht zu kränken -- und um womöglich einige
-Worte mit einer hochstehenden Persönlichkeit zu wechseln, die ihr
-Erscheinen zugesagt hatte. Voller Verachtung blickte er auf diese Narren
-herab, die sich in bunte Lappen hüllten. Die Frauen begriff er noch zur
-Not -- es war ihre Natur -- aber die Männer --? Während das Brüllen der
-Kanonen eine neue Epoche der Geschichte verkündete?
-
-Durch eine schmale Tapetentür schlüpfte Klara ins Treppenhaus. Hier,
-zwischen alten Truhen und Schränken, atmete sie auf. Fern klangen
-Trommeln und Pfeifen. Plötzlich lächelte sie wieder.
-
-Glücklicher war sie ja, als alle! Als alle!
-
-Und plötzlich tanzte die kleine graue Witwe mit stillen, kleinen
-Schritten, für sich allein, zwischen den alten Truhen und Schränken. Sie
-hatte noch nicht das Meer gesehen und noch nicht das Hochgebirge.
-Zierlich hob sie die Füßchen: all das würde sie sehen -- mit ihm!
-Venedig und Paris, London und eine Stadt in Indien -- zierlich wiegte
-sie die Hüfte -- alles mit dir, mein Geliebter . . .
-
- * * * * *
-
-»Weißbach? Sind Sie es, Weißbach? Retten Sie mich!« rief Hauptmann Falk
-und wischte sich den Schweiß vom grauen Gesicht. »Helfen Sie mir -- Sie
-sehen mich in einem schrecklichen Zustand!«
-
-Weißbach lachte.
-
-»Ich bin behext, ein Weib hat mich total behext. Da -- da -- da -- das
-ist sie! Sehen Sie diese Schwefelgelbe. Diese Hüfte -- grundgütiger
-Himmel!«
-
-»Aber, das ist ja Dora!« rief Weißbach aus.
-
-»Dora? Wer ist Dora?«
-
-»Das wissen Sie nicht? Die Baronin Dönhoff selbst!«
-
-»Ah, ah -- gut, einerlei, wer es ist. Jedenfalls, sie sehen mich in der
-fürchterlichsten Aufregung. Dieses --Weib hat mich vollkommen verrückt
-gemacht. Sie kam zu mir und blinzelte mich an und berührte nur ein wenig
-meinen Arm, aber ich sage Ihnen -- ein Strom! Jedenfalls -- es muß etwas
-geschehen, und es wird etwas geschehen.«
-
-»Halt, halt -- Feuerwalze! Einen Augenblick! Nehmen Sie sich etwas in
-acht.«
-
-»In acht, vor wem, vor ihr?«
-
-»Nein, vor ihm.«
-
-»Vor ihm? Er ist doch im Felde? In der Champagne!«
-
-»Nein, er ist keineswegs im Felde. Er ist hier.«
-
-»Hier? Hier --?«
-
-Weißbach flüsterte Falk etwas ins Ohr -- und Falk taumelte vor
-Verblüffung zurück.
-
-»Wie sagen Sie --?«
-
-»Pst!«
-
-»Unmöglich!«
-
-»Nun, Sie werden schweigen!«
-
-»Ah, ah -- aber hören Sie?«
-
-»Sie sprechen nicht darüber? Ihr Wort!«
-
-»Ich spreche nicht darüber. Nein, was Sie sagen? -- Ich dachte, ich
-hörte -- eine Königliche Hoheit?«
-
-»Das war ja früher. Vor der Heirat.«
-
-»Ah, ah! Ich verstehe! -- Aber hier kommt sie wieder! Sehen Sie doch,
-diese Hüfte, diese Bewegung! Leben Sie wohl, Weißbach --«
-
-»Vorsicht!«
-
-Schon tauchte Falk zwischen den Vermummten unter. --
-
-Der junge, schlanke Neger, der nur ein kurzes, rotgelbes Röckchen
-anhatte, glitt mit Erfrischungen in das Zelt. Wohlgefällig folgten die
-Augen der Prinzessinnen, Haremsdamen und Odalisken dem hübschen Sklaven.
-
-Hedi kühlte das fiebernde Gesicht, der süßliche Duft des Räucherwerks
-betäubte sie. Ihre Wangen glühten durch den Schleier, ihre Augen
-blinkten wie geschmolzenes Blei. Sie fühlte, wie eine Schweißperle über
-ihre Hüfte rann, gerade wo der dünne Schleier sie bedeckte. Dieser
-rinnende Schweißtropfen war wie eine wollüstige Berührung.
-
-Da hörte sie zu ihrem Erstaunen Klaras Stimme.
-
-Ihr Kavalier, ein steifer Beduine, in einer Kadettenschule erzogen,
-sagte mit gelangweilter, selbstgefälliger Stimme: »In sechs, acht Reihen
-griffen die Russen an, und wir warteten, bis sie ganz nahe heran waren,
-dann erst eröffneten wir das Feuer.«
-
-»Wie schrecklich!« rief Klara aus.
-
-»Fünfmal griffen die Russen auf diese Weise an, immer in dichten Haufen,
-und wir schossen sie zusammen. Sie schrien und stöhnten vor unseren
-Verhauen. In der Nacht aber sank die Temperatur plötzlich auf minus 10
-Grad, da wurden sie still.«
-
-»Oh, wie entsetzlich!« Und Klaras Stimme verklang.
-
-»Also kein Freund von Generalen?« fragte Hedi. Hier in dem kleinen,
-leeren Zeltzimmer war es Gott sei Dank etwas kühler.
-
-»Nein.« Der billardgrüne Räuber lachte, ein freches Räuberlachen. »Das
-kann ich wirklich nicht sagen! Mit ihren Federbüschen, Ordenssternen und
-Ritterschwertern wirken sie lächerlich auf mich, wie Gespenster aus dem
-Mittelalter. Leider aber sind sie alles andere denn komisch. Ich
-behaupte sogar, solange es Generale gibt, wird es Kriege geben.«
-
-»Solange es Kriege gibt, meinst du --?«
-
-»Keineswegs. Ich meine, was ich sagte. Solange man Leute zu dem einzigen
-Berufe anstellt, Kriege vorzubereiten und zu führen, solange werden
-Kriege unausbleiblich sein.« Der Räuber ringelte sich behaglich auf dem
-Diwan zusammen und sog mit einem Strohhalm Eiswasser aus dem Glase. Er
-schwatzte gern, tat gerne geistreich, Hedi hatte das längst
-herausgefunden. Aber er gefiel ihr, und selbst sein Geschwätz über alle
-möglichen Dinge hörte sie nicht ungern. Es wäre gänzlich falsch,
-anzunehmen, daß Hedi nur für Flirt, Tanz und fünfzigpferdige,
-dahinrasende Automobile Sinn hatte. Sie hatte auch Sinn für Gespräche --
-nur für Langeweile hatte sie nicht die geringste Verwendung.
-
-»Ja, unbedingt!« fuhr der Räuber eifrig fort. »Während die Welt nichts
-Arges denkt, sitzen überall diese Generale und denken darüber nach, wie
-sie ihre Kanonen verbessern könnten. Oh nein, sie verbessern sie nicht
-selbst! Man kann in der ganzen Geschichte nachforschen, nie haben diese
-Generale etwas erfunden, dafür haben sie ihre Spezialisten. Aber sobald
-sie nun glauben, die besseren Geschütze zu haben, wird ihre Sprache
-schon etwas kühner. Sie sammeln die große internationale Gemeinde der
-Kanonenanbeter um sich, bestechen die Presse, stürzen Minister, die
-nicht an ihre Kanonen glauben -- und schon ist das Unglück fertig. Nun
-aber treten die Generale, die sich bisher im Hintergrund hielten, zum
-großen Erstaunen der Mitwelt plötzlich in den Vordergrund. Keine Macht
-der Welt ist von diesem Augenblick an mehr imstande --«
-
-»Ich höre, du bist nicht Soldat?«
-
-Wieder strich die kleine graue Witwe mit ihrem Kavalier an dem Diwan
-vorüber. Der steife Beduine sagte: »-- stehe also auf der Sturmleiter,
-die Uhr in der Hand. Mit der Sekunde springe ich aus dem Graben.«
-
-»Was für ein entsetzlicher Augenblick muß das sein«, sagte Klara.
-
-»Alles ist Gewohnheit. Der Mensch gewöhnt sich an alles, mein gnädiges
-Fräulein.«
-
-Die glänzenden Pechaugen des Räubers lachten aus dem vermummten Gesicht.
-»Soldat? Auch ich war Soldat«, erwiderte er.
-
-»War?«
-
-»Ja. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich bin tot.«
-
-Hedi brach in lautes Gelächter aus.
-
-»Ja, ich bin tot, meine schöne Maske,« fuhr der Räuber fort, »ich bin
-gestorben im Lazarett zu Warschau. Meine Bestattung kostete mich tausend
-Mark. Der Feldwebel hat mich aus der Stammrolle des Regiments
-gestrichen, ich existiere nicht mehr. Neben meinem Namen steht:
-Gestorben am Typhus --«
-
-Nein, wie Hedi doch lachen konnte!
-
-»Wie herrlich -- wie wunderbar!« Sie konnte sich gar nicht beruhigen.
-
-»Welch wunderbarer Einfall. Er ist tot! Wer bist du eigentlich? Kenne
-ich dich?«
-
-»Wir sahen uns zuweilen im Kaiserhof.«
-
-Ah! Daß er sie solange täuschen konnte? Es war Ströbel.
-
-
-4
-
-Plötzlich erhob sich der General. Seine Hände griffen nach dem Geländer
-der niedrigen Balustrade. Hatte nicht eben die Empore geschwankt wie bei
-einem Erdbeben? Die Musik versank, der Ballsaal war leer, brodelndes
-Nichts. --
-
-Ein unerklärliches Gefühl der Verlassenheit schnürte ihm die Brust
-zusammen. Eine fremde Welt, unverständlich! Aber plötzlich trieb ihn ein
-Verlangen, sich unter diese fremden, unverständlichen Menschen zu
-mischen, die sich in bunte Lappen hüllten und lachten. Ein paar Worte,
-Dora, ein paar Worte mit ihr sprechen!
-
-Vorsichtig und tastend stieg er die wurmstichige Rokokotreppe hinab, die
-unter dem Gewicht seines schweren Körpers krachte. Nunmehr war es ja
-auch sehr unwahrscheinlich geworden, daß jene hochgestellte
-Persönlichkeit, mit der er gerne ein paar Worte gewechselt hätte, das
-Fest noch mit ihrem Besuche beehren würde. Der General bedauerte es
-aufrichtig. Jene hochgestellte Persönlichkeit war niemand anderes, als
-der Bruder der Gräfin Heller, dessen Name man nur ehrfürchtig zu
-flüstern wagte. Der General hatte die Gelegenheit begrüßt, in den
-Gesichtskreis einer Persönlichkeit treten zu können, die das Ohr des
-Allerhöchsten Herrn hatte und über Schicksale entschied. Denn, nunmehr
-war es offenbar: man hatte ihn vergessen, vollkommen vergessen.
-
-Am Fuße der Treppe stand der General still. Der Blick seiner hellen,
-grauen Augen glitt über den Saal. Das breite, erdfarbene Gesicht zuckte
-bei der Bemühung, die Starrheit der Miene zu lösen. Es mißlang. Diese
-sorglosen, heiteren Menschen vermochten keine Teilnahme in seiner Brust
-zu wecken, kaum daß Doras Lächeln, das ihn traf, so oft sie
-vorbeitanzte, eine flüchtige Wärme in seinem Herzen anfachte.
-
-Nein, fremd, unverständlich!
-
-Er begab sich in das Speisezimmer, trank ein Glas Sekt und zerkaute
-gelangweilt ein belegtes Brötchen.
-
-Der Erfrischungsraum war fast völlig leer. Ein Vermummter lehrte mit
-feierlichem Ernst einer Verschleierten einige schwierige Tangoschritte.
-Andächtig schob sich am Büfett ein befrackter Rücken entlang, von
-Schüssel zu Schüssel.
-
-Dieser andächtige, befrackte Rücken war der Geheime Rat Westphal, den
-der Anblick der aufgestapelten Herrlichkeiten völlig hypnotisiert hatte.
-All die Kriegsjahre hindurch hatte er sämtliche Vorschriften und
-Gesetze, die die Ernährung betrafen, peinlich genau befolgt. Schon wurde
-es ihm beschwerlich, eine Treppe zu steigen, sein Gedächtnis schwand, er
-schlief vor Schwäche die Hälfte der Zeit in seinem Bureau im Auswärtigen
-Amt, schlief, schlief, aber befolgte die Vorschriften, denn schließlich
-gehörte er ja zur Regierung, die sie erließ. Und hier, war es möglich,
-hier gab es ganze Schinken, man denke sich! Es gab hier ganze Puten,
-ganze Gänse, man denke! Es gab hier ellenlange Braten, man denke! Das
-Fett troff von den Schüsseln, es gab hier Sardinen, woher denn, beim
-allmächtigen Gott, sogar Früchte, obgleich sie beschlagnahmt waren. Es
-gab hier Torten und Kuchen wie in einer Konditorei vor dem Kriege. Es
-gab hier Butter, und es gab sechs verschiedene Sorten von Käse. Der
-Geheime Rat hatte sich der Wollust des Kauens hingegeben. Er kaute, er
-nahm hier ein Stückchen Lachs, dort einen Putenschenkel, dann ein
-Stückchen gesülztes Fleisch, dann wiederum ein Schnittchen rohen
-Schinken. Auch ein Scheibchen Gänsebraten, von der Brust, eine
-Pfaffenschnitte dazu, so! Seit zwei Jahren hatte er nicht mehr
-ordentlich gegessen. Er knabberte ein Radieschen, und, wie gesagt, die
-ganze Reihe der Käse und der Kuchen lag noch vor ihm. Andächtig schob er
-sich an den langen Tischen entlang, den Blick durch die Brille
-gleichzeitig auf alle Herrlichkeiten gerichtet.
-
-Plötzlich aber blitzten in seinen Gläsern Ordensauszeichnungen,
-Stickereien, das Rot des Generalstabes funkelte. Er prallte zurück.
-
-»Herr General«, sagte er, sich verbeugend, und balancierte den Teller
-geschickt auf der Hand.
-
-Der General machte eine kühle Bewegung mit dem Kopfe und knarrte irgend
-etwas in der Kehle. Nichts haßte er mehr als Aufdringlichkeit.
-
-»Geheimer Rat Westphal. Ich hatte bereits die Ehre, Herr General.«
-
-Eine kleine Pause der Verlegenheit entstand, die immer eintrat, wenn
-Vertreter der hohen Generalität und Angehörige des Auswärtigen Amtes
-sich begegneten.
-
-Der General hatte einen unüberwindlichen Argwohn allen Beamten des
-Auswärtigen Amts gegenüber, und der Geheime Rat seinerseits gebrauchte
-allen Militärs gegenüber -- äußerste Vorsicht! Er hatte Angst vor ihnen,
-er fürchtete sie, offengestanden.
-
-»Ich bin allerdings etwas mager geworden«, sagte der Geheime Rat mit
-nachsichtigem Lächeln und schob den Finger zwischen Kragen und Hals.
-»Ich trug vor dem Kriege Kragen 42, aber nun könnte ich 38 tragen.«
-
-»Es geht uns allen nicht besser«, antwortete der General. »Wie
-beurteilen Sie diese Sache?« Und der General langte nach einem
-Lachsbrötchen.
-
-Der Geheime Rat griff nervös nach dem dünnen Chinesenbart.
-
-»Ich bin,« begann er, »ich bin hoffnungsvoll. Es ist natürlich schwer zu
-sagen, aber ich halte die Lage, jetzt in Anbetracht der militärischen
-Situation für, ich möchte sagen, ganz vorzüglich, obgleich zu bedenken
-ist -- England --«
-
-»Wie, bitte?« Der General beugte sein knorpeliges, rotes Ohr mit den
-kleinen Haarpinseln zu dem Chinesenbart herab.
-
-Der Geheime Rat knackte verwirrt mit den Fingern und wich etwas zurück.
-»Ich spreche natürlich nur meine Private Ansicht aus. Ich kenne
-keineswegs -- ich weiß keineswegs, wie der Minister die Situation
-beurteilt. Ich habe den Minister seit einem Jahre nicht gesprochen.«
-
-»Sie sprechen von der politischen Lage?«
-
-»Ich meinte, Herrn General so verstanden zu haben.«
-
-»Ich meinte nur, wie Sie diese Sache heute abend finden.«
-
-»Oh -- Verzeihung! Ich finde, es ist wie ein Delikatessenladen vor dem
-Kriege, genau so, eine Art, möchte man sagen, Schlaraffenland, ha ha
-ha!«
-
-»Après nous le déluge!« sagte in diesem Augenblick ein heftig
-schwitzender Beduine zu einer zierlichen Schleierfee.
-
-Rügend wandte sich das Auge des Generals auf den Beduinen. Gerade dieser
-Geist war es, der am Mark des Volkes zehrte. Mit einer Art von
-Bewunderung mußte er in diesem Moment an den französischen
-Ministerpräsidenten denken, der all diese Schwätzer und Kleinmütigen
-ohne viel Umstände -- an die Wand stellte!
-
-Wo aber war hier, hier in Deutschland das hypnotische Auge, das diese
-Hypnose des Schreckens, die unter allen Umständen nötig war, auf das
-Volk ausübte? Wo hier --?
-
-In diesem Moment verbeugte sich ein Befrackter vor dem General, als
-wolle er ihn zum Tanz engagieren. Es war indessen nur Petersen, der
-meldete, daß Seine Exzellenz gekommen waren.
-
-Eine flüchtige Röte huschte über das erdfarbene Gesicht.
-
-Schon hatte der hohe Würdenträger den Saal betreten. Am Arme Doras
-trippelte er dahin, ein greisenhaftes, zerstreutes Gewohnheitslächeln
-auf dem langgezogenen, völlig glatten Wachsgesicht, das wächserne
-schmale Ohr aufmerksam gegen Doras gemalte Lippen geneigt. Ein
-Ordensstern blitzte auf seinem Frackhemd.
-
-Augenblicklich dämpfte sich der Lärm des Festes.
-
-»Wer ist es?«
-
-Leises Wispern.
-
-»Ah --?«
-
-Ganz deutlich war plötzlich für alle der Abglanz der Allerhöchsten
-Gnadensonne, in deren Schein der hohe Würdenträger nach Fügung des
-Himmels seine Tage verlebte, auf dem wächsernen, glatten Gesicht zu
-sehen.
-
-»Und was für einen Orden trägt er?«
-
-»Wie alt er geworden ist! Nur seine Augen sind noch die gleichen!«
-dachte Dora, während sie sich an ihn schmiegte, als sei sie seine
-Tochter. Sie durfte diese Vertrautheit wagen, denn er hatte in ihrem
-Hause verkehrt -- damals! Er wußte alles. Aber damals war er noch nicht
-Exzellenz, damals wurde er von seinen Freunden noch Franz der Erste
-genannt, und die intim befreundeten Damen nannten ihn einfach Franzl.
-Auch sie nannte ihn so. »Was ist nun aus ihm geworden? Eine Ruine!«
-
-Aber Dora strahlte.
-
-Der hohe Besuch rief Erinnerungen wach in ihr an jene Zeit -- an damals
--- da sie bewundert und auf den Händen getragen wurde, von aller Welt,
-da alle Welt wetteiferte, ihr gefällig zu sein, da täglich Geisterhände
-sämtliche Vasen und Schalen ihres Hauses mit den wunderbarsten Blumen
-füllten. Und das heutige Fest erschien ihr plötzlich als eine
-Fortsetzung jener blendenden Feste dieser Zeit. Wieder trug sie in einer
-Nacht ein Dutzend verschiedener Kostüme, wieder wurde sie stets neu
-entdeckt und stets neu bewundert. Wieder war sie von einem Schwarm von
-Anbetern umgeben. Da war dieser Hauptmann, mit dem drolligen Namen
-Feuerwalze -- hoffnungslos verliebt in sie! Da war dieser Sonderbare,
-Unbekannte mit der rasselnden Schale, der sie auf Schritt und Tritt
-verfolgte -- und da waren noch andere, die ihr Worte ins Ohr flüsterten,
-die beim Tanzen plötzlich -- und ein eifersüchtiges Auge wachte über ihr
--- ganz wie damals.
-
-»Hier ist er!« rief Dora mit heller Stimme und übergab den hohen
-Würdenträger auf der Empore dem General.
-
-
-5
-
-Mit allen Anzeichen mühsam zurückgehaltener, freudigster Überraschung
-erhob sich der General.
-
-Wie alt er geworden ist, dachte auch er. Und die eine Augbraue ist schon
-ganz verzerrt. Eine Wachsfigur! Er verbeugte sich. Der Orden, der auf
-dem Frackhemd der Exzellenz funkelte, wog allein mehrfach alle
-Auszeichnungen auf, die der General auf der Brust trug.
-
-»Ich bitte«, flüsterte der Träger des hohen Ordens und streckte dem
-General beide Hände entgegen, »aber ich bitte Sie herzlich, mein lieber,
-alter Freund, freue mich, Sie wiederzusehen, freue mich ganz
-außerordentlich, wieder einmal Gelegenheit zu haben.«
-
-Schon stand ein Sessel bereit, und der General beachtete genau, bis der
-hohe Würdenträger sich gesetzt hatte, bis er richtig saß. Erst dann
-wagte er, neben ihm Platz zu nehmen.
-
-»Erfreut, außerordentlich erfreut. Ich bin etwas verspätet, ein Diner.«
-
-Petersen trat hinter den Sessel der Exzellenz.
-
-»Ich danke -- doch, einen Augenblick, mein Freund. Ein Glas Wasser, wenn
-ich bitten darf.«
-
-»Ich sehe mit aufrichtiger Freude, daß Euer Exzellenz sich sehr
-wohlbefinden«, rief der General.
-
-»Bis auf mein altes Darmleiden, mein Freund --«
-
-Die Unterhaltung wurde in lautem Tone geführt, denn der hohe
-Würdenträger war schwerhörig, und es war bekannt, daß er es niemals
-zugestand und niemals fragte. Man behauptete sogar, daß er die
-wichtigsten Verhandlungen führe, ohne ein einziges Wort zu verstehen,
-und völlig freie Erfindungen weitergäbe. Die Stimme des Generals klang
-kräftig, er wünschte, daß der hohe Würdenträger kein Wort verliere. Wie
-geschickt Dora diese Begegnung arrangiert hatte! Vielleicht würde diese
-Gelegenheit, sich in Erinnerung zu bringen, nie wiederkehren.
-
-»Zwischen den Schlachten«, sagte die Exzellenz lächelnd, und deutete auf
-Turbane, Federbüsche und die Woge von nacktem Fleisch da unten.
-
-»Exzellenz bemerken sehr treffend. Es sind zumeist Offiziere, die auf
-Urlaub hier sind, Atem schöpfen, um morgen zur Front zurückzukehren.«
-
-»Ja, ja, ja.«
-
-»Exzellenz --.«
-
-Der Einflußreiche legte seine weichen, kleinen Hände auf den Schenkel
-des Generals. »Lieber Freund,« sagte er, »ich darf wohl bitten, alles
-Zeremoniell zu lassen. Wir sind doch alte Freunde. Ja, wie lange kennen
-wir uns schon?«
-
-»Es sind,« der General dachte nach, »es dürften wohl dreißig Jahre
-sein.«
-
-»Dreißig Jahre!« Der hohe Herr rückte auf dem Sessel hin und her, wiegte
-den wächsernen Kopf und lachte beunruhigt. »Ein Menschenalter! Ich
-erinnere mich noch sehr deutlich, daß wir ebenfalls in Berlin einmal auf
-einem Ball waren. Es war, wo war es denn nur gleich?«
-
-Der General errötete. Nun wird er sich gewiß an diese Affäre erinnern,
-an diese Entführung, und alles wird vergeblich sein.
-
-»Ich erinnere mich nicht«, sagte er.
-
-Aber mit dem Eigensinn eines Greises forschte der hohe Würdenträger in
-seinem Gedächtnis nach.
-
-»Es war bei Baron Kreß«, rief er aus. »Ja, nun habe ich es, und es war
-eine entzückende Dame da, eine reizende kleine Person! Ah, ah, ah, wie
-hieß sie doch?«
-
-Der General schwieg beharrlich, außerordentlich peinlich war die
-Situation. Scham erfüllte ihn, daß er nicht den Mut hatte, zu bekennen,
-daß diese reizende kleine Person, wie Exzellenz sie zu nennen geruhten,
-später --
-
-»War es nicht eine kleine Baronesse Bassewitz? Nein, nein, es war --
-nun, es ist lange her. Ich bin nicht für die Ehe geboren gewesen, mein
-lieber Freund. Und wie fühlen Sie sich in Berlin?«
-
-Der General rückte auf seinem Sessel. »Wo mich mein König hinstellt,«
-heulte er in das Ohr Seiner Exzellenz, »da --«, er stockte.
-
-Aber der Greis verstand vollkommen.
-
-»Ja, ja, ja,« nickte er. Ach, er hatte diese Phrase tausendmal in seinem
-Leben gehört. Er klopfte sich auf den Mund, um ein Gähnen zu verbergen.
-
-»Ich höre aber, daß Sie sich bei der Truppe wohler fühlten, lieber
-Freund? Meine Schwester --«
-
-»Ich erfülle meine Pflicht und beklage mich nicht!« beteuerte der
-General. »Indessen ist es ja selbstverständlich für einen Frontsoldaten
---«
-
-»Ja, ja, ja -- natürlich, selbstverständlich.«
-
-Der Würdenträger versank in Nachdenken, schloß die großen Greisenaugen
-zur Hälfte, und es sah eine Weile aus, als ob er einschlafen wolle. Er
-erinnerte sich plötzlich, daß man, vor gar nicht langer Zeit, bei der
-Frühstückstafel von diesem Hecht-Babenberg gesprochen hatte. Irgend
-etwas war ihm mißlungen oder besser gesagt, nicht gelungen -- irgend
-etwas an der Front, und man sprach von einer Untersuchung, die schwebte.
-Natürlich nur schwebte, alle diese Untersuchungen schwebten, und das war
-ganz in Ordnung. Das Ansehen der Armee würde anders leiden. Daran dachte
-er, und er quälte seinen alten, spitzen Kopf, um sich zu erinnern,
-welches Mißgeschick dem General eigentlich passiert war. Es hatte sich
-um eine Höhe gehandelt -- um irgendeine von diesen vielen Höhen, von
-denen immer die Rede war. Er war kein Militär, und er kannte die Front
-nur als eine ungefähre blaue Linie, die er überall in den Beratungssälen
-auf den Karten sah.
-
-Er las die Heeresberichte nicht mehr, seit langem, seit einigen Jahren
--- es waren ja immer die gleichen Orte. Ganz offen gestanden,
-interessierte ihn die Front auch nicht, in militärischen Fragen war er
-Laie, sie gehörten nicht in sein Ressort. Aber es hatte sich damals um
-eine Höhe gehandelt, eine Höhe, na, es war ja schließlich vollkommen
-einerlei. Hm, es würde wohl -- im Hinblick auf dieses Mißgeschick --
-nicht ganz leicht sein . . .
-
-Plötzlich verklärte ein Lächeln sein Gesicht. Da unten -- wie scharmant
--- hatte sich soeben ein Pärchen ganz sans géne während des Tanzens
-geküßt! Diese Jugend -- wieder rückte er unruhig auf dem Sessel.
-
-Der General aber erlaubte sich zu erwähnen, daß auch hier in Berlin
-wichtige Arbeit zu leisten wäre. Es waren gewisse Einflüsse am Werk,
-pazifistische, jüdisch-liberale, radikalsozialistische Einflüsse, die zu
-bekämpfen waren. Der Wille des gesamten Volkes mußte zusammengeballt und
-in eine Richtung gelenkt werden, zu einer letzten gewaltigen
-Anstrengung. »Gewaltigen, gewaltigen!« schrie er in das wächserne Ohr
-der mit schrägem Kopf lauschenden Exzellenz.
-
-»Ja, ja -- sehr richtig -- sehr schön --«
-
-Der General aber benutzte die Gelegenheit, dieser hohen Stelle seine
-militärisch-politischen Ansichten im allgemeinen darzulegen. Der
-Peipussee, der Weg nach Indien über den Kaukasus, die Zerschmetterung
-Englands vom Orient aus, der Korridor über die Türkei und Ägypten nach
-einem mächtigen deutschen Zentralafrika, Rohstoffreservoire,
-Siedlungsgebiete, maritime Stützpunkte . . .
-
-»Sehr interessant -- sehr wohl --«
-
-Fließend trug der General seine Gedanken vor, sie bildeten das Thema
-eines fertig ausgearbeiteten Vortrags, den er in den nächsten Tagen im
-Bund Barbarossa halten wollte.
-
-Der hohe Würdenträger nickte und blinzelte durch das geschnitzte
-Geländer der Empore hinunter in den kleinen Saal. Viel angenehmer wäre
-es ihm gewesen, wenn der General über diese Beinchen, Hüften und
-Gesichtchen gesprochen hätte -- diese modernen Tänze waren sehr
-reizvoll, wenn auch etwas gewagt. All das, was der General sagte, hörte
-er täglich von Militärs. Nur diese Sache mit dem Korridor über Ägypten
-war eine neue Variante.
-
-»Sehr wohl -- sehr richtig --«, sagte er und nickte.
-
-Und dieser Hauptmann, der eben mit Dora tanzte, sah es nicht ganz so
-aus, als sei er -- etwas bekneipt? Bewundernswürdig diese überschäumende
-Lebenskraft . . .
-
-Dora gab es auf, mit Hauptmann Falk zu tanzen.
-
-»Ich bin durstig, Feuerwalze!«
-
-Gab es eine Bitte in der weiten Welt, die der Hauptmann mit größerem
-Entzücken erfüllt hätte? Nein, keine. Er wollte Dora die gesamte
-Weinernte von drei Jahrgängen zu Füßen legen, er schwor, die Weinkeller
-der Millionäre in der Nachbarschaft zu plündern, wenn es sein müsse.
-
-»Gib Wein, schwarzer Halunke!« schrie er dem fetten Neger zu.
-
-Er leerte sein Glas auf das Wohl seiner Dame und warf es -- nun höchst
-einfach -- mitten in das Orchester. Das gehörte zu seinem Stil.
-
-»Spielt, ihr Schweine!« schrie er, und als die Musiker sich entsetzt
-umblickten, fügte er mit einer tiefen Verbeugung, auf Dora weisend,
-hinzu: »Für meine Dame!«
-
-Dann nahm er einen blauen Lappen aus der Tasche, rollte ihn zu einer
-Kugel zusammen, spuckte darauf und warf ihn den Musikern zu. Auch das
-gehörte zu seinem Stil. Nun verbeugten sich die Musiker.
-
-Vor knapp fünf Stunden war der Hauptmann in Berlin angekommen und bei
-Ströbel, wie gewöhnlich, abgestiegen. Gestern früh, um sieben Uhr, hatte
-er noch an der flandrischen Küste einen Graben gestürmt, mit dem Messer
-hatte er gearbeitet, heute tanzte er hier -- es war ein Krieg mit
-Komfort, wie er sagte -- morgen abend, um zehn Uhr, ging sein Zug --
-vielleicht mußte er übermorgen wieder mit dem Messer arbeiten --
-einerlei.
-
-»Und noch ein Glas auf das Gedeihen dieser kleinen Härchen im Nacken da
---!« Ja, durch ein Sektglas gesehen hat die Welt ein ganz anderes
-Gesicht.
-
-Dora fand ihn ungeheuer drollig. »Weshalb aber trinken Sie so
-schrecklich, Feuerwalze?«
-
-Der Hauptmann versicherte, daß er ein Vulkan sei, sozusagen, ein Vulkan,
-der sich bemühe, seine Temperatur zu halten. Dazu hätten ihn heute diese
-kleinen Nackenhärchen rasend gemacht -- und dieses Ohrläppchen und noch
-andere Sachen. Und er sei nichts als ein armes Frontschwein,
-bedauernswert, kaum vierundzwanzig Stunden Zeit --
-
-Plötzlich umschlang er Dora. Sie entfloh.
-
-Schon aber rasselte die Schale, und ein bleicher Arm streckte sich dem
-Hauptmann entgegen.
-
-»Huh, hier ist er wieder. Ein unheimlicher Geselle.«
-
-»Befehlen Sie, Gnädigste, und wir werden ihn töten. Hinweg mit dir,
-Sklave!« schrie der Hauptmann mit gutmütigem Lachen.
-
-Aber da begann der Bettelmönch plötzlich zu wachsen -- er wuchs, und
-seine Augen blitzten . . .
-
-»Bist du es?«
-
-Hedi zupfte den Bettelmönch am Arm. Ihr Herz schlug.
-
-Die blinkenden Augen zwischen den Tuchlappen zogen sich zusammen zu
-Schlitzen, wie bei einer Eule. Der Bettelmönch wich zurück und verbeugte
-sich, während er mit der Schale rasselte.
-
-»Bist du es, sprich?«
-
-Schweigen.
-
-»Kennst du meine Stimme?«
-
-Der Bettelmönch schüttelte stumm den Kopf.
-
-»Zeige deine linke Hand!«
-
-Der Bettelmönch zog beide Hände unter die Vermummung zurück und
-verneigte sich noch demütiger, bis zur Erde. Es war ihm nicht
-beizukommen.
-
-Eine Dame flüsterte Hedi ins Ohr: »Es ist eine Königliche Hoheit.«
-
-»Wer???«
-
-»Man sagt es.« Scheu wich Hedi zurück.
-
- * * * * *
-
-»Ich bin der Ansicht,« schrie der General in das schmale wächserne Ohr,
-»nur noch eine einzige, gewaltige Kraftentfaltung des deutschen Volkes,
-und wir werden den Frieden diktieren.«
-
-Der hohe Würdenträger wiegte den spitzen Kopf.
-
-»Es ist möglich,« unterbrach er den General, »daß diese Anstrengung
-nicht mehr nötig sein wird. Dies, bitte, ganz unter uns! Ja es ist
-möglich, daß sie genug haben!« Plötzlich tat der hohe Würdenträger
-geheimnisvoll. Aber immerhin -- er verbrachte seine Tage in
-allernächster Nähe der allerhöchsten Persönlichkeiten.
-
-»Wie belieben?«
-
-»Möglich, immerhin möglich! Es sind Anzeichen dafür vorhanden. England
-. . . Aber bitte, ganz unter uns!« Völlig unvermittelt erhob er sich.
-»Außerordentlich gefreut, mein lieber Freund -- ganz außerordentlich.
-Sehr interessant -- Ihre Ausführungen, sehr interessant. Bitte herzlich,
-sich ja nicht zu bemühen --.«
-
-Er war ja nur auf einige Minuten hierhergekommen, erstens, um dieser
-prächtigen Dora die Freude zu machen, zweitens, um seiner Schwester
-gefällig zu sein, und drittens -- nun drittens gab es nicht.
-
-Vorsichtig stieg die steile, kantige Glatze die schmale Treppe hinunter,
-die noch heute nach Weihrauch roch.
-
-Der hohe Würdenträger kroch in seine schwarzlackierte Limousine und zog
-eine Pelzmütze über den kahlen Schädel.
-
-»Große Fähigkeiten, ohne Zweifel«, sagte er vor sich hin, indem er sich
-im Polster zurechtrückte. »Aber weshalb schreien diese Militärs alle so?
-Er hat mich fast taub geschrien.«
-
-Und er schlief augenblicklich ein, während die Limousine lautlos durch
-die Finsternis schlich.
-
-
-6
-
-Kaum hatte der hohe Würdenträger die rote Backsteinvilla verlassen, so
-brauste der Lärm erneut auf. Die hochstehende Persönlichkeit da oben,
-mit dem General zur Seite, hatte die Ausgelassenheit etwas beeinflußt.
-Es war peinlich für viele, zu denken, daß ein so hoher Würdenträger sie
-bei ihren Albernheiten belausche. Schon der General störte, er störte,
-ohne es zu wissen, und man wünschte, daß er möglichst bald verschwinde.
-
-Es kam auch die neue Kapelle. Zigeuner, die bis dahin in einer Bar
-gespielt hatten. Es war die beste Kapelle von Berlin, und augenblicklich
-fühlten es alle Tänzer.
-
-Plötzlich aber ertönte laut und dröhnend ein Gong, und gleich darauf
-wurde es, bis auf wenige Kerzen, dunkel. Eine kleine, helle Bühne mit
-einem phosphorgrünen, dunstigen Vorhang im Hintergrund leuchtete. Der
-Vorhang teilte sich. Eine Hand erschien, ein nackter Arm, eine
-elfenbeinerne, glänzende Schulter. Eine schlanke Tänzerin trat aus dem
-Vorhang.
-
-Alle Turbane, Perlenschnüre und Federbüsche sanken plötzlich zur Erde
-nieder.
-
-Die Tänzerin war ein wunderbares Geschöpf mit einem herrlichen Körper
-und jungen, kleinen Brüsten. Sie war vollkommen nackt, nur um die Hüften
-trug sie eine Kette aus blauen Steinen und einen kleinen Schleier, eine
-Hand breit.
-
-Mit jedem Schritt löste sie sich mehr vom Dunkel los, ganz allmählich
-tauchte ihr Körper in das Licht. Zuerst nur eine Ahnung von Fleisch und
-Herrlichkeit, wurde er langsam verwirrende Wirklichkeit.
-
-Wie eine Somnambule schritt die Tänzerin vorwärts, die Augen visionär in
-die Ferne gerichtet. Sie hatte die Hände, zierliche, transparente
-Finger, an ihre beiden jungen Brüste gelegt. Nun stand sie still, ohne
-jede Regung. Dann -- bei einer bestimmten musikalischen Phrase -- hob
-sie langsam den linken Fuß und begann sich in der Hüfte zu drehen.
-
-In diesem Augenblick aber hub eine Uhr an zu schlagen. Es war ganz
-still, so daß das dumpfe, rasselnde Schlagen der Uhr deutlich zu hören
-war.
-
-»Diese dumme Uhr!« sagte Dora halblaut und ärgerlich.
-
-Die Musik brach ab, die Tänzerin stand, die zierlichen Finger an den
-Brüsten, regungslos, mit leicht geneigtem Haupte, um das Schlagen der
-Uhr abzuwarten.
-
- * * * * *
-
-Genau zur gleichen Stunde, an diesem Abend, meldete man Hauptmann v.
-Dönhoff in dem halbzertrümmerten Keller des Champagne-Dorfes, wo er
-zurzeit hauste, daß der befohlene Wagen zur Stelle sei. Dieser Wagen
-sollte den Leichnam seines Adjutanten Kammerer, gefallen auf der
-Beobachtung, nach rückwärts bringen. Dönhoff hatte den Wagen auf
-Mitternacht bestellt, weil zu dieser Zeit das feindliche Feuer weniger
-heftig auf seinem Dorfe lag, das heißt auf dem Schutthaufen, der von dem
-Dorfe übriggeblieben war. Die Nacht hatte indessen keine Ruhe gebracht.
-Die Geschütze tobten, und auch die Batterie Dönhoff feuerte, was die
-Rohre hergaben. Die schweren Schläge der Haubitzen erschütterten
-unaufhörlich den Keller, in dem die Batterieoffiziere um den Sarg des
-gefallenen Kameraden versammelt waren. Einschläge knatterten. Eine
-zusammengestürzte Scheune nebenan hatte einen Treffer bekommen, und der
-Schutt qualmte, ätzender Rauch drang in das Kellerloch.
-
-Punkt zwölf Uhr wurde der Sarg von einigen Batterieleuten hinausgetragen
-und auf den Krümperwagen gelegt. Darauf verließen die Offiziere den
-Keller, um dem gefallenen Kameraden das letzte Geleit zu geben.
-
-Die Luft war lau, erfüllt vom ätzenden Rauch der qualmenden Scheune. Der
-Himmel wetterleuchtete ohne Pause von dem Gespinst von Blitzen, das von
-Horizont zu Horizont geisterte. Deutlich waren die umstehenden Kameraden
-zu erkennen -- sogar die Tränen in ihren Augen. Furchtbar tobten die
-Geschütze, und die Abschüsse der Batterie, die feindliche Zufahrtstraßen
-unter Sperrfeuer hielt, knallten wie Explosionen. Die Granaten sägten
-und gurgelten über die Köpfe hinweg in die Nacht hinein.
-
-Gegen Süden zu, hinter der feindlichen Linie, stand ein feuerspeiender
-Berg. Ein blutroter Glutkegel stieg in den schwarzen Himmel, unheimlich
-und düster: irgendein Lager war da drüben bei ihnen in Brand geraten.
-Nur wenn die Haubitzen in der Nähe ihre Feuergarben in die Nacht
-schleuderten, so glomm der Vulkan für Augenblicke fahler. Ohne Pause
-zuckten aus der Frontlinie gespenstige Lichtsignale in allen Farben
-empor. Sie krochen bald niedrig über dem Boden, bald erhoben sie sich
-wie Raketen und sprühten in der Höhe. Wie die höllischen Leuchtfeuer der
-Unterwelt sahen sie aus, der die Totenschiffe zusteuern.
-
-Eine Laterne wanderte um den Krümperwagen, die Hinterteile der schweren
-Batteriepferde glänzten, der Sarg dehnte sich fahl im Wetterleuchten der
-Abschüsse. Auf dem Bock kauerte ein Schatten, dessem Maul Funken
-entstoben.
-
-Die wütenden, raschen Schläge seiner Batterie erfüllten Hauptmann
-Dönhoff mit Genugtuung. Gebt es ihnen tüchtig! Rache für Kammerer! Auch
-der rotglühende Vulkan im Süden befriedigte ihn.
-
-Erregt suchte der Gegner die Dönhoffsche Batterie zu packen. Ringsum
-flammten die Einschläge.
-
-»Sie haben Kammerer eine ordentliche Totenfackel angezündet«, sagte er,
-und seine Stimme war von einem grausamen Triumph erfüllt.
-
-Die Schatten der Offiziere drehten sich gegen Süden. »Ein Depot brennt«,
-sagte eine Stimme. Unruhig wieherte ein Pferd.
-
-»Kameraden«, schrie plötzlich Dönhoff mit übermäßig lauter und scharfer
-Stimme. Er wollte möglichst rasch über die Szene hinwegkommen, er wollte
-seinen Schmerz über den Verlust Kammerers verbergen, mit dem er drei
-Jahre zusammengelebt hatte.
-
-»Kameraden, Kammerer verläßt uns. Er war ein tüchtiger und prachtvoller
-Junge. Fahre los! Lebe wohl, Kammerer!«
-
-Dönhoff legte die Hand an die Mütze, und die Offiziere taten das
-gleiche. Die kleine Laterne kroch über die Räder empor neben den
-Kutschersitz und beleuchtete den langen, gelben Sarg.
-
-In dieser Sekunde aber --
-
-In diesem Augenblick begann es in der Luft zu sausen, ein hohles,
-saugendes Rauschen war plötzlich nahe, und im nächsten Augenblick schlug
-eine blendende Lohe bis zum schwarzen Himmel empor. Dönhoff stürzte, den
-Arm vor die Augen geschlagen, rückwärts in den Keller hinab. Er hörte
-den Knall der Explosion nicht mehr.
-
-Verschwunden war der Wagen, der Kutscher, die Pferde und der Sarg.
-Verschwunden waren die Offiziere, nichts blieb als der kräuselnde,
-stinkende Qualm über dem Schutthaufen, den die schwere Granate
-hinterließ. Aber die Haubitzen feuerten noch.
-
- * * * * *
-
-Die Uhr hatte ausgeschlagen.
-
-Die Tänzerin erwachte aus der hypnotischen Starre, in die das Rasseln
-der Uhr sie versenkt zu haben schien, die Lider hoben sich, und gelbe
-Funken fuhren aus den Augen. Sie atmete wieder. Ihre zierlichen Finger
-lösten sich von den jungen Brüsten, sie drehte sich in der Hüfte, hob
-das linke Bein, knickte plötzlich zusammen, so daß sie mit dem Kinn das
-Knie des linken Beines berührte -- lächelte verzückt -- und ihr
-Elfenbeinkörper blitzte.
-
-Dichtgedrängt glänzten die Augen der Vermummten im Halbdunkel. Eine
-Schattenkugel mit zwei großen Ohren hob sich für einen Augenblick auf
-dem hellen Hintergrund gespenstisch ab. Aber rasch duckte Professor
-Salomon sich wieder auf den Boden.
-
-Der General auf seiner Empore hatte den goldenen Kneifer aufgesetzt.
-
-»Du bist noch schöner!« flüsterte Ströbel in Hedis Ohr, und seine Lippen
-berührten ihren Nacken. Sie saßen dicht nebeneinander auf dem Boden. »Es
-ist nicht Liebe -- ich belüge dich nicht, wie die andern Männer, aber es
-ist -- Sympathie.«
-
-
-7
-
-Die kleine türkische Witwe in Grau hatte ihre ganze Kundschaft
-eingebüßt. Alle fanden, daß sie reizend sei -- aber tödlich langweilig.
-Zuletzt hatte sie das Glück gehabt, einen Offizier zu treffen, der die
-Kampfstaffel Wunderlich kannte -- er lag ganz in der Nähe -- und ihr
-versprochen hatte, Heinz Grüße zu bestellen. Das war der einzige
-Lichtpunkt des Festes. Sonst fand sie es entsetzlich. Entsetzlich diese
-Frauen, die halbnackt von Arm zu Arm wanderten, entsetzlich diese
-Männer. Auch Hedi -- nun, du bist durchschaut, Hedi, gib dir keine Mühe
-mehr.
-
-Nun saß die kleine türkische Witwe mutterseelenallein auf dem Diwan im
-Zeltzimmer, das Gesicht nachdenklich und gelangweilt in die Hände
-gestützt. Alles würde sie Heinz schreiben, ja, schon begann sie in
-Gedanken den Brief.
-
-Sie hatte darauf verzichtet -- rundweg verzichtet -- diese schamlose
-Person tanzen zu sehen. Sollte man so etwas für möglich halten? Und man
-sagte, daß sie dreihundert Mark für den Abend bekäme und überall tanze,
-wo man sie engagiere. Nicht für eine Million würde die kleine graue
-Witwe, nicht für eine Million würde sie -- pfui.
-
-Verlassen stand im Vorzimmer der Heilige, der mit wilder Gebärde das
-Buch schwang, allein, wie sie. Sie fühlte Mitleid mit ihm und küßte ihm
-die kalte, grüne Hand.
-
-Das Haus war völlig leer. Selbst die Dienerschaft drängte sich unter den
-Türen zusammen. Auch Papa -- ja, selbst ihr Papa -- seht an! Da stand
-er, mit einem Sektglas in der Hand.
-
-Klara stieg die Treppe empor -- aber sofort kehrte sie wieder um. Da
-oben, bei den Truhen und Schränken stand der Bettelmönch mit seiner
-Schale, und sie fürchtete sich, ihm allein zu begegnen. Obwohl man
-sagte, daß es eine Königliche Hoheit sei. Auch er fand gewiß diese
-Nackttänzerin schamlos.
-
-Drinnen raste der Beifall. Die Musik setzte von neuem ein.
-
-Dora eilte an ihr vorbei die Treppe hinauf.
-
-Es war Zeit, wieder das Kostüm zu wechseln, nicht wahr? Es war auch die
-beste Gelegenheit, gerade jetzt, wo der Tanz wieder begann.
-
-Rasch rauschte Dora an den Truhen und Schränken vorüber. Da reckte sich
-ihr aus einer dunkeln Nische die rasselnde Schale entgegen -- wieder
-stand er da und verneigte sich.
-
-Sie schrak zurück. Aber gewiß wollte der demütige Bettelmönch nichts
-Böses.
-
-Sie waren ganz allein, unten lärmte das Fest.
-
-»Wer bist du?« fragte Dora.
-
-Der Bettelmönch schüttelte den roten Turban.
-
-Dora trat dicht an ihn heran und blickte in seine Augen, die zwischen
-Vermummung und Turban blendeten. Einen Augenblick lang hatte sie,
-erschreckend, gedacht, vorhin, er könnte es sein -- er, das Gerücht, das
-kursierte! War es nicht möglich, daß er hierhergekommen war, auf eine
-Stunde, unerkannt von allen Gästen, unerkannt selbst von ihr, um
-wiederum unerkannt zu verschwinden. Es war unmöglich -- und doch,
-wunderbar war dieser Gedanke.
-
-Aber die Farbe der Augen stimmte nicht. Dieser Bettelmönch hatte helle
-Augen.
-
-Plötzlich sagte der Bettelmönch: »Dora.«
-
-Und augenblicklich erkannte ihn Dora an der Stimme.
-
-»Du --?!«
-
-Der Bettelmönch, der den ganzen Abend stumm geblieben war, brach in
-lautes, heiteres Lachen aus.
-
-»Ja, ich bin es.«
-
-»Und ich habe dich nicht erkannt! Du hast geschrieben -- noch heute --«
-
-»Ich wollte dich überraschen!«
-
-Dora zog ihn einige Schritte mit sich, bis zur Türe. »Geliebter --«
-flüsterte sie.
-
-Die Lappen fielen vom Gesicht des Bettelmönchs, und seine Zähne
-blitzten.
-
-Plötzlich umschlang er sie mit ungestümer Gewalt.
-
-»Nein, nein --« sagte sie, bat sie. »Sei vorsichtig -- der General -- er
-blickt heraus --!«
-
-In der Tat war plötzlich für eine Sekunde das Gesicht des Generals an
-der kleinen Tapetentür aufgetaucht, die auf die Diele führte. Allerdings
-nur für eine Sekunde. Er hatte sie wahrscheinlich gar nicht gesehen.
-
-»Laß ihn ruhig!«
-
-Eine Perlenkette zerriß, und die Perlen prasselten auf den Boden. Mit
-dünnem Knallen sprangen sie die Treppe hinab, eine hinter der anderen.
-
- * * * * *
-
-»Beunruhigung?« Der General zog die Brauen in die Höhe.
-
-»Ja, ich meine, das Volk --«
-
-»Das Volk?« Der General wiegte geringschätzig den Kopf.
-
-»Verzeihung,« antwortete der kleine, elegante Rittmeister mit dem
-schweißüberströmten Gesicht, »ich meine die Öffentlichkeit. -- Ist es
-gestattet, Euer Exzellenz?«
-
-Der kleine Rittmeister öffnete etwas die Tapetentür, die von der Empore
-auf die Diele hinausführte. Es war heiß hier oben auf der Empore.
-Unbegreiflich, daß der General es auszuhalten vermochte. Er mußte
-Gletscherwasser in den Adern haben. Der kleine Rittmeister -- ja, wie
-hieß er doch gleich? -- er gehörte einer der ersten Adelsfamilien des
-Landes an, hatte die ganze Erde bereist, zurzeit in hervorragender
-Stellung, mit den höchsten Auszeichnungen und einer blendenden Karriere
-vor sich -- an all das erinnerte sich der General ganz genau, aber der
-Name, dieser bekannte Name fiel ihm nicht ein -- der kleine Rittmeister
-wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht. Er war als
-Beduine gekleidet, hatte jedoch die Kopfbedeckung in den Nacken
-zurückgeschlagen. Schon wieder brach ihm der Schweiß aus allen Poren.
-
-»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben« -- fuhr er fort -- »es ist
-nicht zu leugnen, daß in der breiten Öffentlichkeit eine gewisse
-Beunruhigung Platz gegriffen hat. In der feierlichen Osterbotschaft
-wurde von Allerhöchster Stelle --«
-
-»Bitte mich nicht mißverstehen zu wollen. Ich wage selbstverständlich
-nicht, diesen hochherzigen Gnadenakt Seiner Majestät -- Sie belieben?«
-
-»Ich bin ganz Ohr, Euer Exzellenz!«
-
-»Ich selbst trete ja für eine Reform des Wahlrechts ein. Und zwar
-schlage ich ein gestaffeltes Wahlrecht vor. Bis zu dreißig Stimmen --«
-
-»Dreißig Stimmen?« fragte der schweißglänzende Beduine, bemüht, sein
-Erstaunen zu verbergen.
-
-»Je nach Besitz, Fähigkeit, Verdienst, Rang, Titel, Bildung.«
-
-»Jawohl.«
-
-»Kinderzahl, Alter, Stand, Religion.«
-
-»Jawohl, ich verstehe vollkommen. Zu begrüßen wäre es nur, wenn bald
-etwas geschähe. In unserer Zentrale laufen ja alle Berichte zusammen. Es
-bilden sich Gruppen von Unzufriedenen.«
-
-»Unzufriedenen?«
-
-»Mehr als das, es bilden sich Gruppen, die umstürzlerische Tendenzen
-verfolgen. Erst vor kurzer Zeit ist unser Augenmerk wiederum auf
-konspiratorische Elemente gelenkt worden.«
-
-Plötzlich unterbrach der General das Gespräch. Sein Blick glitt unruhig
-durch die Türspalte. Sein Auge wanderte. Soeben hatte er Dora erblickt.
-Sie glitt an der Türspalte vorüber -- kam aber im Augenblick wieder
-zurück. Und plötzlich trat in der verlassenen Diele jemand zu ihr. Seht
-an! Eben er, dieser -- nun was stellte er vor? -- diese Mumie, dieser
-Unbekannte, den er schon den ganzen Abend beobachtet hatte.
-
-»Natürlich sind es nur einige wirre Köpfe?«
-
-»Natürlich. Aber immerhin, die Erscheinung ist symptomatisch --«
-
-Ohne jedes Wort der Entschuldigung erhob sich hier der General und
-streckte den Kopf in die Diele hinaus. Dies war der Moment, da Dora den
-Bettelmönch warnte.
-
-Der Kopf des Generals zog sich augenblicklich zurück, als Dora ihn
-bemerkte. Er schloß die Tapetentüre.
-
-»Symptomatisch«, wiederholte der schweißglänzende Beduine. »Auffallend
-ist, daß selbst Angehörige der besten Gesellschaft --«
-
-Zerstreut hörte der General zu. Sein Blick wanderte unruhig durch den
-Saal.
-
-»Bei dem neuen Fall, auf den ich anspielte,« fuhr der kleine Rittmeister
-fort, »ist sogar die Tochter eines hohen Offiziers beteiligt. Ihr Vater
-bekleidet Generalsrang. Es ist mir natürlich nicht möglich, mehr . . .«
-
-Aber der General schien jegliches Interesse an dem Gespräch mit dem
-Rittmeister verloren zu haben. Er tupfte sich mit dem Taschentuch
-Schweißperlen von der Stirn. Dann stand er rasch auf.
-
-»In der Tat,« sagte er stockend, »es ist unerträglich heiß geworden hier
-oben. Vielleicht belieben Sie mitzukommen?«
-
-Und beide verließen die Empore.
-
-Auf der Treppe aber blieben sie plötzlich erschrocken stehen. Der
-General taumelte sogar etwas zurück. Feuerschein blendete sie! Der ganze
-Tanzsaal schien plötzlich in hellen Flammen zu stehen.
-
-Ein dünner Vorhang war in Brand geraten und brannte lichterloh. Auch
-einige Schleier fingen Feuer, und die Funken flogen. Die Damen schrien
-auf und stoben auseinander. Der Feuerschein währte indessen nur einige
-Sekunden. Inmitten der Flammen erschienen plötzlich ein Hauptmann in
-Uniform und ein dicker, pechschwarzer Neger, die die flammenden Fetzen
-auf den Boden rissen und zertraten.
-
-Kaum daß die Musik eine Minute gestockt hatte. Das Fest ging weiter. Nur
-ein dünner Brandgeruch blieb zurück.
-
-Der schweißtriefende Beduine hatte diesen Vorfall benutzt, sich
-unsichtbar zu machen. Als der General sich suchend nach ihm umblickte,
-war er verschwunden. Es war dem General nur angenehm.
-
-Mit schlechtverhehlter Unruhe schritt er durch die Räume. Seine Augen
-forschten. Man nahm in dieser späten Stunde des Festes keinerlei
-Rücksicht mehr auf ihn. Die Tänzer drängten ihn gegen die Wand. Einmal
-wurde er dicht neben der Negertrommel festgehalten, die Hauptmann Falk
-mit aller Kraft bearbeitete.
-
-Professor Salomon stürzte ihm entgegen und berichtete wichtigtuerisch
-von den Hungerkrawallen in England und dem katastrophalen Mangel an
-Grubenholz über dem Kanal. Schon weigern sich die Bergleute einzufahren!
-Nur mit Mühe und Not vermochte er den Kürbis abzuschütteln. Im
-Erfrischungsraum traf er die Gräfin Heller, und es war nicht zu umgehen,
-daß er sich mit ihr in ein längeres Gespräch einließ. Wieder und wieder
-äußerte er seine Freude über das prächtige Aussehen Seiner Exzellenz!
-Auch im Erfrischungsraume war von Dora nichts zu sehen.
-
-Auch im Zelt nicht. Hier traf er nur eine Anzahl still kosender Paare,
-die, dicht aneinander geschmiegt, den großen Diwan belagerten, und sich
-durch ihn nicht im geringsten stören ließen. Angewidert und halb betäubt
-von der schwülen Luft, die im Zelt herrschte, zog er sich sofort wieder
-zurück.
-
-Endlich betrat er das bengalisch rotglühende Musikzimmer, Ali Babas
-Opiumhöhle.
-
-Hier saßen die Vermummten im Kreise auf dem Teppich und klatschten im
-Takt in die Hände, während sie geheimnisvoll summten und die Köpfe
-wiegten. In der Mitte des roten Nebels tanzte ein weizenblondes,
-schlankes Geschöpf, in flimmernde Silberschleier gehüllt, die Brüste
-völlig frei und die Hüfte zwischen Jäckchen und Pluderhosen gänzlich
-nackt. Sie tanzte eine Art Bauchtanz, rasend und hingerissen.
-
-Und ah -- da war auch Dora! Wieder trug sie ein anderes Kostüm:
-schwefelgelbe Seide, über die zinnoberrote, schreckliche chinesische
-Drachen wie Flammen züngelten.
-
-Wo aber war dieser andere hingekommen -- diese Mumie mit dem orangeroten
-Turban?
-
-Weit und breit war von ihm nichts mehr zu sehen.
-
-Unter tosendem Beifallsklatschen sank die weizenblonde Tänzerin,
-taumelnd vor Erschöpfung, mit einem wilden Schrei zu Boden.
-
-
-8
-
-Rastlos wanderte Dora durch die verlassenen Räume, rastlos hin und her.
-Zuweilen warf sie sich in einen Sessel -- aber schon wieder wanderte
-sie. Ihr schwefelgelbes Kostüm mit den grellrotzüngelnden Drachen
-flatterte. Es war über die linke Schulter herabgeglitten. Die blonde
-Haarfülle, die schmerzte, hatte sie halb gelöst.
-
-Die Fata Morgana war zerflossen -- Sand, Sand, Wüste. Durch die Vorhänge
-graute trüb der Tag.
-
-Zertretene Blumen, abgerissene Schleier, halbgeleerte Gläser, Scherben.
-Scherben von Worten, Gelächter, Scherben von Musik. Ein paar vereinzelte
-Lampen brannten noch. Petersen hatte seinen Frack abgelegt und kletterte
-in seinem Zebrakittel auf eine Leiter, um ein Fenster zu öffnen. Es zog.
-Zuletzt erschienen die beiden Neger unter der Türe, in Ulstern,
-Stehkragen, und verneigten sich.
-
-»Hoffentlich war es nicht zu beschwerlich für Sie«, sagte Dora und
-begleitete die beiden schwarzen Gentlemen in ihrer Zerstreutheit zur
-Diele. »Vielen Dank!« Und sie drückte ihnen die Hand.
-
-Sie empfand tiefe Sympathie für die beiden schwarzen Gentlemen,
-aufrichtige -- auch sie waren fremd hier, auch sie gehörten in ein Land
-mit Papageien, Wärme, blauem Himmel und Orchideen -- ganz wie sie. Alle
-drei waren sie Fremde hier.
-
-Ach, wie unglücklich sie war, Dora!
-
-Sie sank auf einen Stuhl, wanderte wieder -- das Kleid glitt immer mehr
-über die Schulter. Damals -- Reisen, Feste, Paris, Nizza, Italien -- und
-immer Fröhlichkeit, jeder Tag ein Paradies für sich. Aber es mußte sein,
-man riß sie los von ihm. Nein, sie liebte auch ihn nicht, um die
-Wahrheit zu sagen, sie liebte einen andern, früher noch, der das
-schönste Lächeln der Welt hatte. So -- mit diesem Lächeln stand er in
-ihrer Erinnerung. Aber es war unmöglich. Er war arm, er hatte gar
-nichts. Unmöglich. Dann hatte sie diesen Lumpen geheiratet -- weshalb
-eigentlich? Weil die Frauen sich um ihn rissen -- er betrog sie am
-ersten Tage schon. Ja, weshalb? Nur um diese Leere zu vergessen, die
-zurückgeblieben war, als man sie losgerissen hatte.
-
-Dann, eines Tages -- welch entsetzlicher Tag -- wo sie vis-à-vis de rien
-stand -- buchstäblich -- das heißt noch Schulden. Aber es gab Freunde,
-Gott sei Dank gab es -- einen hochherzigen -- ja, in Wahrheit
-hochherzigen Freund, der nicht zögerte, ein Vermögen hinzugeben.
-
-Und -- nun -- und nun? Oh -- entsetzlich!
-
-Dora wanderte. Sie rauchte eine dicke Zigarette und wanderte. Die Jahre
-flogen, die Sommer wirbelten rückwärts, Sommer um Sommer, Frühling um
-Frühling. Und diese Welt, diese entsetzliche Welt, die schrecklicher,
-oder, düsterer und kälter wurde mit jedem Jahr!
-
-Nicht die Welt hatte sich geändert, Dora vergaß es. Sie war seit jener
-Zeit, da jeder Tag ein Paradies war, um zehn Jahre älter geworden.
-
-Aber sie begriff es nicht.
-
-Und trüb graute der Tag.
-
- * * * * *
-
-Auch da draußen graute der Tag, und immer noch kläfften rasend die
-Haubitzen der Batterie Dönhoff. Die Kanoniere schossen Vergeltung und
-sollten sie dabei alle in Fetzen gehen! Grausam und rachsüchtig wühlten
-sich die Granaten hinein in den Dunst des Morgens. Schon hatte eine
-Haubitze eine schwere Granate vor das Rohr bekommen, und die Stücke
-flogen.
-
-Nun erwachte das Feuer an der ganzen Front und rollte mächtig von
-Horizont zu Horizont.
-
-
-
-
-Zweiter Teil
-
-
-
-
-Erstes Buch
-
-
-1
-
-Es soll sich entscheiden, die Stunde ist gekommen. Das Schicksal hat
-seine fürchterliche Frage gestellt und fordert Antwort. Das Rad der
-Weltgeschichte kracht.
-
-Wagen fahren vor, und Automobile fliegen heran.
-
-Die Sonne funkelt. Ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit.
-
-Umstellt von einer Meute von Staatsmännern und Generalen in Erz liegt
-das Reichstagsgebäude und leuchtet in der funkelnden Sonne. Am
-Westgiebel schimmern die goldenen Lettern: Dem deutschen Volke! Erst vor
-kurzem wurde diese Inschrift angebracht, als Ausdruck der Allerhöchsten
-Anerkennung und Huld, nachdem eineinhalb Millionen auf den
-Schlachtfeldern gefallen waren.
-
-Uniformen und Roben, ordenglitzernde Brüste und gestickte Kragen quellen
-aus den Wagen und Automobilen, Lackstiefel, kleine, reizende
-Damenschuhe, Gamaschen, Monokel und Aktentaschen. Wehende Bärte eilen
-die Steintreppe zum Eingang der Volksvertreter empor, Fettnacken,
-Brillen und Professorenmähnen, geschäftig, wichtigtuerisch, und jene
-Raschen, die über die Treppen huschen, die Mappe unter dem Arm, das sind
-die Rechtsanwälte.
-
-Donnernd dröhnt die fürchterliche Frage des Schicksals, ohne Pause,
-immerfort.
-
-Von Zeit zu Zeit hebt der Portier die breite Brust und wirft einen
-gebieterischen Blick über die Straße.
-
-Aufgeregt fliegt der Polizeileutnant auf seinem Rad heran. Eine Mauer
-von Blauen baut sich auf, die Berittenen sitzen wie Statuen, die
-Unterführer stürzen zur Berichterstattung herbei. Der Polizeileutnant
-betupft die schweißige Stirn mit dem Taschentuch und läßt den raschen
-Blick über die Menschenmenge gleiten, gegen deren Zudringlichkeiten --
-oder noch Schlimmeres? -- er unter Umständen die ordenglitzernden Brüste
-und glänzenden Seidenhüte verteidigen wird.
-
-Vorläufig allerdings ist die Menschenmenge noch nicht zu sehen.
-Vorläufig steht sie noch in der Ferne, stumm, den Blick zu Boden
-geschlagen. Doch der Augenblick wird kommen, da sie sich in Marsch
-setzen wird -- bald vielleicht . . .
-
-Ein paar Neugierige nur, an Zahl dem Aufgebot von Polizisten weit
-unterlegen, stehen bescheiden gegen die Gebüsche des Tiergartens
-gedrängt und bewundern Uniformen und Roben, Feldgraue, Verwundete an
-Stöcken und Krücken unter ihnen. Irgendwo in ihrem Kopfe flackert
-unbewußt der Gedanke, daß das Schicksal seine fürchterliche Frage
-gestellt hat und Antwort fordert, heute, jetzt, in dieser Stunde. Aber
-schon hat der Blick des Leutnants sie erfaßt, er runzelt die Stirn, und
-die Neugierigen beginnen zu wandern. An ihren Krücken und Stöcken
-humpeln sie in den Tiergarten hinein.
-
-Was aber ist das? Aus den Gebüschen des Parkes kriecht, wie ein Tier,
-das aus dem Dickicht kommt, an seinen kurzen Krückstöcken der Zitterer,
-jener Soldat, dessen Gesicht dicht über den Schmutz des Bodens schleift,
-und dessen gekrümmter, verstümmelter Körper von einem unaufhörlichen
-Zittern geschüttelt wird. Unbekümmert um die Kette von Schutzleuten
-kriecht er über den Fahrdamm -- sieht es nicht so aus, als ob er sich
-geradeswegs in den Reichstag begeben wolle?
-
-Gesetzt den Fall, der Wagen Seiner Exzellenz fahre in diesem Augenblick
-vor? Würde der hohe Herr durch den Anblick des Krüppels nicht unangenehm
-berührt werden, gestört in seinen Gedanken -- schon setzt sich ein
-Berittener in Bewegung.
-
-Plötzlich aber rücken sich die Berittenen im Sattel zurecht: lautlos
-rauscht eine vornehme Limousine heran.
-
-Ein kleiner, zierlicher Greis entsteigt der vornehmen Limousine,
-feierlich und säuberlich gekleidet, wie für den Katafalk. Er blinzelt in
-das grelle Sonnenlicht, als sei er eben seiner Gruft entstiegen, und
-trippelt hastig und geschäftig die Treppen empor, ein gütiges Lächeln
-auf seinem wächsernen Greisenantlitz. Weit öffnen sich die Türen.
-
-Kaum war der schmale, gebeugte Rücken des Greises in der Tür
-verschwunden, so fuhr die Limousine des Generals im Renntempo vor. Im
-Augenblick kletterte Schwerdtfeger auch schon von seinem Sitz, während
-der Motor noch donnerte.
-
-Voller Würde entstieg der General dem Wagen. Er sah frisch und verjüngt
-aus, das breite Gesicht leicht getötet, obwohl er in dieser Nacht nur
-einige Stunden geschlafen hatte, und nicht einmal ruhig geschlafen. Erst
-gegen drei Uhr war er von Doras Fest zurückgekehrt. Nachdenklich stieg
-er die Treppe empor. Die roten Aufschläge des offenen Mantels
-leuchteten, die Brust glitzerte von Ordenssternen. Er hatte keine Eile.
-Er wußte, daß diese ganze Reichstagssitzung nichts als eine Zeremonie
-war, die vor der Öffentlichkeit die nicht zu leugnende Tatsache der
-konstitutionellen Regierungsform betonen sollte. Er wußte auch, daß die
-Armeen da draußen schon bereitstanden, bereit zum Sprung, und nur auf
-das Signal des Telegraphen warteten.
-
-Morgen -- morgen . . .
-
-Vergebens suchte der Polizeileutnant einen Blick des hohen Offiziers zu
-erhaschen.
-
-»Vielleicht ist es die beste Lösung!« dachte der General, als er die
-dicken Läufer der Wandelhalle entlangschritt -- aber er dachte in diesem
-Augenblick nicht an die Armeen, die sich wie die Sturmflut vorwärts
-wälzen würden, sondern an die Nachricht, die man ihm kurz vor der
-Abfahrt telephonisch übermittelt hatte. Eine betrübliche Nachricht
-allerdings -- aber -- letzten Endes -- es ist Krieg, das darf man nicht
-vergessen. Tausende, Hunderttausende . . . Er hielt es für seine
-Pflicht, augenblicklich -- wenn auch in aller Kürze -- Dora schonend
-davon Mitteilung zu machen. Noch bestand ja Hoffnung, wenn auch geringe
--- aber man bedenke: ein ganzer Stab von Offizieren, durch einen
-einzigen Volltreffer! Welch ungeheurer Verlust für das Regiment. Die
-Unterschrift, die noch ausstand, würde nun wohl überflüssig werden
-. . .
-
-Die Tribünen waren schon überfüllt, Kopf an Kopf. Ordenssterne,
-Uniformen aller Art. Das Rot des Generalstabes, die goldenen Tressen der
-Marine. Lächeln und Zuversicht auf den frischrasierten Gesichtern.
-Bekannte ringsum. Ein fettes Gesicht mit Elefantenohren grüßte. Es war,
-ja, richtig, dieser Professor Salomon -- der die Berechnungen für die
-Marine machte -- ja, also am Mangel an Grubenholz konnte das stolze
-England scheitern! Unbedeutende, kaum beachtete Dinge entschieden in der
-Geschichte über das Schicksal von Völkern und Jahrhunderten. Eine
-einstürzende Brücke, zum Beispiel, plötzlich aufkommender Sturm.
-Napoleon ging zugrunde, weil der russische Winter um vierzehn Tage zu
-früh einsetzte.
-
-Die bedeutungslose Zeremonie hatte bereits ihren Anfang genommen. Die
-Sozialisten hatten ein paar kurze, höchst unnötige Anfragen eingebracht,
-sie waren mit zwei Worten erledigt.
-
-»Und Dora?« dachte der General, bemüht, den Professor Salomon nicht zu
-sehen. »Wie wird sie die betrübliche Nachricht aufnehmen?«
-
-Langsam erinnerte er sich an die Begebenheiten dieser Nacht. Sie
-erschienen unwirklich, wie Fragmente von Träumen, die sich erst
-allmählich und widerstrebend zusammenfügen. Exzellenz schien seinen
-Ausführungen mit Interesse zu folgen. Es war bedauerlich, daß er in der
-Eile vergaß, über Belgien zu sprechen. Dann brannte es plötzlich -- wie?
--- ein Vorhang. Wie leicht hätte ein Unglück geschehen können! In Doras
-Haus, wo es nichts als Vorhänge und Teppiche gab. Und dann -- dieser
-Unbekannte und Dora -- auf der Diele? Wer mochte dieser Unbekannte --
-diese Mumie gewesen sein? Und dieser kleine Rittmeister, dieser Beduine,
-der so heftig schwitzte -- wie hieß er doch? -- was für merkwürdige
-Dinge hatte er ihm doch erzählt? Und weshalb? Der General forschte in
-seinem Gedächtnis . . .
-
-Plötzlich rieselte eine kalte Welle über seinen Körper. Irgendein Blick
-ruhte auf ihm. Er änderte die Haltung, strich mit den Fingern über den
-Schnurrbart, und ließ den Blick kalt und abwehrend über Tribünen und
-Köpfe streichen.
-
-Sonderbar, deutlich fühlte er, daß ihn jemand anstarrte . . .
-
-Die Minister saßen auf ihren Plätzen, gleichmütig, als seien sie an
-dieser Zeremonie die am wenigsten Beteiligten. Sie kritzelten mit den
-Bleistiften, tauschten scherzhafte Bemerkungen, betrachteten ihre
-Fingernägel. Der gütige Greis -- peinlich säuberlich gekleidet, wie für
-die Aufbahrung -- schien zu schlummern, ein friedevolles Lächeln auf dem
-Antlitz. Plötzlich aber hüstelte er in die durchsichtigen Kinderhände
-und erhob sich.
-
-Augenblicklich wurde es totenstill im Hause.
-
-Laut donnerte die furchtbare Frage des Schicksals . . .
-
-
-2
-
-Dora schlief zu dieser Stunde noch immer, Freude auf den heißen Wangen.
-
-Ein ganz wunderbarer Traum entzückte sie; sie befand sich mitten in
-einer Blumenschlacht in Monte Carlo oder Nizza, jedenfalls war es
-bezaubernd. Blumengeschmückte Wagen zogen aneinander vorüber, Blumen der
-herrlichsten Farben wirbelten gegen den tiefblauen Himmel und regneten
-in ihr Coupé herab. Sie saß neben einem alten, würdevollen Herrn, mit
-einem langen, weißen Spitzbart, den sie nie in ihrem Leben gesehen
-hatte. Merkwürdigerweise trug er eine orangefarbene Schärpe quer über
-der Brust, und alle Welt schien ihn mit Neugierde und Respekt zu
-betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweißen Ponys gezogenen
-Wagen saß ein Bekannter, der sie heftig mit Blumen bombardierte.
-Plötzlich erkannte sie ihn, es war Otto, sie sprang auf, rief: heute
-abend -- aber schon waren die Wagen aneinander vorüber. Otto verschwand
-in einem Regen von Blüten. »Aber Helene«, sagte der Herr mit dem weißen
-Spitzbart. So erfuhr sie, daß sie Helene hieß, es war höchst merkwürdig,
-und sie begann laut zu lachen.
-
-Das eigene Lachen weckte sie, und als sie die Augen aufschlug, regneten
-gerade noch die letzten Blumen und Blüten über sie herab. Sie war in
-köstlicher Laune, vergessen die Melancholie des grauenden Morgens.
-
-Sie klingelte. »Ich werde im Bad frühstücken.«
-
-Dora schlüpfte in die kleinen, seidenen Pantöffelchen, ließ sich den
-himmelblauen Bademantel um die Schultern legen, und begab sich pfeifend
-und trällernd, Butzi auf dem Arm, in das Badezimmer. Dieses Badezimmer
-war, wie schon erwähnt, ein kleines Treibhaus -- Blüten, Wärme, Düfte --
-weich und schneeig fiel das Licht durch die Glasdecke. Neben dem Bassin
-stand ein kleiner Tisch mit dem Frühstück, den Zeitungen und der Post.
-Und Blumen, Billetts, eine Menge Aufmerksamkeiten -- das Tischchen war
-völlig bedeckt davon.
-
-Dora lachte vor Vergnügen. Wieder kam ihr die Blütenschlacht in den
-Sinn. Was für ein drolliger, alter Herr das war! Seine orangefarbene
-Schärpe, wie unendlich komisch!
-
-Gelungen war das Fest! Ganz Berlin würde darüber sprechen -- über die
-Tänzerin, etwas kühn, nicht wahr, und die beiden Neger -- ja, es kam nur
-darauf an, Einfälle zu haben! Eine Oase in dem grauen, schrecklichen
-Winter. Dank für das Fest! Alle dankten, alle waren glücklich gewesen --
-ein paar Stunden. Eine drollige Liebeserklärung von Hauptmann
-Feuerwalze. Endlich hatte sie nach langer Zeit wieder fröhliche Menschen
-um sich gesehen, und so war es nun einmal: Dora konnte nicht leben ohne
-Freude. Aber -- sie schrak zusammen, indessen voll spitzbübischen
-Vergnügens -- wie leichtsinnig war sie doch gewesen! Der Sekt -- sollte
-es der Sekt gewesen sein --? Wie leicht hätte jemand sie beobachten
-können!
-
-Nichts aber liebte sie mehr als Abenteuer, aus einer Laune geboren --
-eine Minute vorher wußte man noch nichts von ihnen, und oft eine Minute
-nachher nichts mehr davon. Und Doras Gedanken huschten blitzschnell über
-eine Reihe ähnlicher Abenteuer dahin, die sie nicht missen möchte in
-ihrer Erinnerung.
-
-Wunderbar -- und niemand, niemand . . .
-
-Nur einer, oder ein paar Vertraute --
-
-Plötzlich aber griff Dora wieder zur Post. Es ging nicht an, allzu lange
-bei diesen Abenteuern zu verweilen.
-
-Ein Brief des Generals! Seht an! Doras Lippen kräuselten sich. Sie legte
-den Brief langsam zur Seite. Diese Schriftzüge jetzt, nein -- sie
-langweilten sie momentan, steif und anmaßend kamen sie ihr vor, später.
-
-Sie griff nach einem rosafarbenen Briefchen, das an einem Fliederstrauß
-befestigt war. Zu ihrer großen Überraschung war es ein drolliges
-Gedicht, die Huldigung einer lustigen Gesellschaft, die das Fest bei
-Ströbel beschlossen hatte. Dora lachte, daß das Treibhaus zu klingen
-begann. Ach, wie bezecht müssen sie gewesen sein --!
-
-Zu dieser Gesellschaft, die das komische Gedicht bei Ströbel verfaßt
-hatte, gehörte auch Hedi. Sie kam etwas nach zehn Uhr nach Hause, und
-gerade, als sie das silbergraue Schleierkostüm, das ganz in Stücke
-gegangen war, leider, abstreifte, erwachte Klara. Grelle Lichtzacken
-stachen durch die zusammengezogenen Vorhänge.
-
-»Ah, da bist du ja!« sagte Klara. Aber welche Betonung! Sie hatte die
-Schwester zuletzt in einem Kreis von händeklatschenden Vermummten
-gesehen, wo sie einen schamlosen Tanz aufführte, und es gab keine Worte,
-die ihre Verachtung ausdrücken konnten.
-
-»Ja, hier bin ich!« erwiderte Hedi mit einem sonderbaren, leisen
-Auflachen. Sie war sehr blaß, und ihre Augen flackerten unstet.
-
-»Wo warst du eigentlich?« fragte Klara, während sie neugierig und
-überrascht die Schwester beobachtete.
-
-»Ich?« Wieder lachte Hedi leise und heiter. »Du hast ja nicht gewartet.
-Bei Ströbel. Alle haben wir bei Ströbel Kaffee getrunken. Herrlichen
-Kaffee, Weißbrot, sogar Sahne!«
-
-»Ströbel? Wer ist Ströbel?«
-
-»Er besitzt eine Motorenfabrik und hat im Kriege Millionen verdient.«
-
-»So, und da also --?«
-
-»Und weißt du, wer den Kaffee gekocht hat?« fragte Hedi lachend. »Ich,
-zusammen mit Ströbel. Denn Ströbel hat keine Dienstboten im Hause,
-obschon er so reich ist -- um ungestört zu sein. Ja, also wir zwei haben
-den Kaffee gebraut -- und das Wasser wollte gar nicht kochen, hahaha! --
-aber niemand fiel es auf.«
-
-»Was fiel niemand auf?«
-
-Hier brach Hedi in lautes Gelächter aus. »Was sagte ich? Nun -- niemand
-fiel es auf, daß es so lange dauerte, bis der Kaffee fertig wurde. Es
-war einfach schnurrig! Die ganze Gesellschaft trank Kognak aus
-Kaffeetassen. Wir haben alle Bruderschaft getrunken!«
-
-Hedi lachte, erzählte, summte, tänzelte, während sie abwechselnd durch
-Dämmerung und grelles Licht glitt. Bald flammte ihr Auge auf, bald ihr
-weizengelbes Haar, bald ihre bleiche Haut. Plötzlich stieß sie ein Glas
-vom Tisch, aber auch darüber mußte sie nur lachen.
-
-Voller Verachtung drehte Klara sich gegen die Wand.
-
-»Nun,« sagte Hedi triumphierend, »dieser Herr Ströbel ist nicht nur
-reich, sondern auch ein Gentleman. Und er ist verliebt in mich! Dich
-aber würde er wahrscheinlich gar nicht ansehen, kleine Braut.« Dies
-fügte Hedi ein, um Klara zu reizen.
-
-Aber Klara schwieg.
-
-»Ah, seht an, sie spielt die Hochmütige!« fuhr Hedi fort. »Nun, mein
-Liebling, es ist mir höchst einerlei, was du denkst. Du bist ja noch ein
-Kind, und was solltest du vom Leben wissen? Auch was Papa denkt, ja,
-siehst du, auch das ist mir höchst einerlei. Ich habe dir ja schon oft
-gesagt, daß ich dieses Leben hier satt habe, diese ewige Langeweile, und
-eure Rüben und Kartoffeln. Und dazu die ewige Kontrolle! Nein, mein
-Herz, nun mache ich Schluß. Hörst du mich, kleine Braut? Ja, natürlich
-hörst du mich, du tust ja nur so . . . ich werde euch verlassen . . .«
-
-»Ja, verlassen, man hat mir eine Sekretärsstelle angeboten, tausend Mark
-im Monat, bei völliger Bewegungsfreiheit -- ein kleines Bureau werde ich
-haben, und einen kleinen Empfangssalon -- du staunst, wie? -- und bei
-Ströbel selbst. Ich werde mir nun mein Leben so einrichten, wie es mir
-gefällt. Ich bin jung, ja Gott sei Dank, noch bin ich jung. Und du
-darfst mich besuchen, kleine Braut, und vielleicht schenke ich dir ein
-Paar seidene Strümpfe --«
-
-Ganz plötzlich schlief Hedi ein.
-
-Aber ihr Schlaf war unruhig, und immerfort lief ein Zittern über ihren
-Körper. Klara beobachtete sie.
-
-Was war geschehen?
-
-Labyrinthisch und voller Dunkelheiten erschien Klara plötzlich das
-Leben. -- --
-
-Dora aber freute sich immer noch über das Gedicht, während sie das warme
-Bad genoß. Ihre Augen, ihre Zähne, Grübchen, ihre Schultern und Brüste,
-die ganze Dora strahlte vor Entzücken. Es war so leicht, ihr eine Freude
-zu machen. Sie wartete nur darauf.
-
-Behutsam legte sie das Gedicht zur Seite, um es aufzubewahren, in dem
-Schubfach, das angefüllt war mit ähnlichen Huldigungen.
-
-Ein Billett von Otto. Sie strich das volle Haar in den Nacken, las --
-nur zwei Zeilen -- und zerriß es, in winzige Stückchen, die sie in die
-Aschenschale warf. Eine feine Röte flog über ihre Wangen.
-
-Dann trank sie ein Täßchen Kakao.
-
-Und dann griff sie nach dem Briefe des Generals. Seine Schrift begann zu
-zittern. Es war nicht mehr die frühere, starke Hand. Er begann langsam,
-ganz langsam zu altern, ja . . . Was sollte er ihr zu sagen haben?
-Nichts, gar nichts.
-
-Plötzlich aber saß Dora ganz still.
-
-Ihre glänzenden, roten Lippen standen offen, die Hand zitterte -- ihr
-schwindelte.
-
-Heute nacht . . .
-
-Heute nacht also . . .
-
-Heute nacht, während sie tanzte, während sie scherzte, während sie
-lachte. Vielleicht gerade in jenem Augenblick . . .
-
-Heute nacht -- die Tänzerin, die Neger, die Vermummten -- alles wirbelte
-vor ihren Augen.
-
-Und vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . Sie schauerte zusammen.
-
-Wie betäubt hüllte sie sich in das Laken, den leeren Blick zu Boden
-gerichtet. Vielleicht war er schon tot --
-
-Ihre glänzenden Augen, von dem seltenen intensiven Blau, füllten sich
-langsam mit Tränen.
-
-Aber trotz allem haßte sie ihn, auch jetzt! Sie konnte es ihm nie
-verzeihen, daß er sie schon am ersten Tage betrogen hatte, alles andere.
-Immerhin, ein Mann, der ihr einmal nahestand. Der einzige Mann, der nie
-sentimental war und nie eifersüchtig wurde. Der einzige, der nicht
-flehte und nach ihr bettelte. Nein, bei Gott, das tat er nicht. Der
-spöttische Blick seiner kalten, scharfen Augen stand vor ihr.
-
-Hoffentlich litt er nicht, nein, nein, was auch geschehen war, diesen
-Gedanken konnte sie nicht ertragen. Trotzdem sie ihn gerade in diesem
-Augenblick bitter haßte -- leiden sollte er nicht! Und doch, ein
-abscheuliches, verruchtes Gefühl triumphierte in ihr, ganz wider ihren
-Willen: also auch dich hat es gepackt! Auch dich hat die Granate
-zerrissen!
-
-Ja, diesen furchtbaren Gedanken dachte Dora.
-
-Sie stieß das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit
-strahlte.
-
-Dann klingelte sie eilig der Zofe.
-
-
-3
-
-»Und nun los, Heinz!«
-
-Hauptmann Wunderlich schwang sich an den Krücken über den Flugplatz.
-Gerötete Gesichter und rote Hände im Sonnenschein.
-
-Augenblicklich verschlang das Dröhnen des Motors den Lärm der Geschütze,
-und schon eilte die Maschine über den Rasen, dem herrlichen Morgen
-entgegen. Der Flugplatz mit den Hangars schwang in weitem Pendelschlag
-unter der linken Flügelspitze, eine Idee schräg lag die kleine Maschine,
-kaum zu merken, ganz wie gestern. Meerheims Maschine, der einige Minuten
-früher abflog, blitzt zuweilen wie ein Funke im Süden.
-
-Schon hat der Motor die volle Tourenzahl erreicht, unmerklich drückt der
-Boden des Flugzeugs gegen die Fußsohlen. Die kleine, kugelrunde Wolke
-des rasenden Autos da unten auf der schneeweißen Landstraße wird
-langsamer und langsamer, nun steht sie still, und nun scheint sie sich
-plötzlich rückwärts zu bewegen.
-
-Heinz zog die Mütze tiefer über die Stirn. Er berührte mit den Fingern
-den Talisman auf seiner Brust. Nun war er unterwegs.
-
-Die Farben der Erde fließen ineinander. Geschliffene Achate, Felder und
-Wälder, der Weiher eine winzige Muschel aus Perlmutter, die zuweilen ein
-Gefunkel aussendet. Samtweich schlingen sich helle Bänder zwischen den
-Achatflächen, Wege und Straßen. Die Landschaft aber, dieser zarte
-Teppich da unten, ist vulkanisch. Allerorts steigen ununterbrochen
-kleine, verwehende Dampfwolken empor, wie aus Geisern, oft vereinzelt,
-oft in Gruppen, milchigweiß, graugelb und schwarz. An einer Kurve
-drängen sie sich dicht zusammen, wie schnellwachsende Dampfpilze paffen
-sie ohne Pause auf -- das sind die Gräben.
-
-Merkt er etwas?
-
-Morgen, morgen, geht das Gerücht!
-
-Heinz jauchzt vor Freude. Es wird zu tun geben!
-
-Da und dort stehen in der Bläue des Himmels Gruppen dichtgedrängter
-Lämmerwölkchen, aus denen Messer blitzen, Schwärme von Schrapnells, die
-den Flugzeugen gelten. Von unendlicher Schwärze, blitzend von Myriaden
-feinster Silberfunken, wölbt sich hoch oben der Äther.
-
-In dreitausend Meter Höhe flog Heinz seinen Abschnitt auf und ab.
-Meerheim patrouillierte im Nachbarabschnitt. Zuweilen sah Heinz seine
-Maschine, wenn sie sich der gegenseitigen Grenze näherten. Hier oben war
-die Front kaum noch zu sehen, leichter Dunst lag auf der Erde, nur
-zuweilen warf der Gürtel der Geiser eine Gruppe schwarzer Rauchwolken
-aus. Am Horizont ringsum blitzten die Messer der feindlichen und
-deutschen Batterien. In der großen Weite war kein Flugzeug zu sehen, nur
-nach Westen zu entdeckte Heinz eine Gruppe von Maschinen, die aber bald
-verschwand. Dort schienen feindliche Flieger zu sein, und er wünschte
-nichts sehnlicher, als daß sie hierher in seinen Abschnitt kämen. Er
-glühte vor Kampfbegierde! Aber nichts ließ sich sehen, so sehr er auch
-ausspähte, keine Seele. Mächtige weiße Wolkenmassen zogen unter ihm
-dahin. Zuweilen ließ er die Maschine sinken, und dann wuchs ein
-schimmerndes Schneegebirge rasch zu ihm empor. Türme von Schnee
-brodelten ihm entgegen, Kuppen von Schnee wölbten sich, und der Schatten
-seiner Maschine jagte über glitzernde Gletscher.
-
-Heinz begann zu singen.
-
-Wie eine Lerche trillerte er im Äther. Er mußte sein Glück hinausrufen.
-Laut und inbrünstig hingegeben sang er: »Deutschland, Deutschland über
-alles.« Er sang sämtliche Strophen des Liedes, das ihn schon in der
-Schule berauscht hatte. Deutlich hörte er zuweilen aus dem Röhren und
-Brausen des Motors seinen hellen Tenor.
-
-Dann sang er die »Vöglein im Walde«.
-
-Nie hatte er eine seligere Stunde erlebt.
-
-Wie häufig, erschien plötzlich deutlich und scharf Klaras Bild vor
-seinen Augen. Seligkeit wäre es, könnte er nur einmal mit ihr durch den
-Äther dahinjagen! Nie würde er imstande sein, ihr dieses Glück zu
-schildern.
-
-Ja, heute, heute -- vielleicht würde es ihm endlich heute gelingen,
-einen Gegner zu stellen! Oh nein, er zweifelte nicht eine Sekunde daran,
-als Sieger aus diesem Zweikampf hervorzugehen. Er war entschlossen, er
-war kühn, er fürchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heißester
-Liebe für sein Vaterland. Wie sollte er da nicht der Überlegene sein?
-
-Dort? Dort? Schon jagte er hin --
-
-Oft rückten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschütze ganz nahe, aber zu
-seinem Schmerz entfernten sie sich stets wieder. Es war sein
-persönliches Pech, daß niemand seinen Abschnitt aufsuchte.
-
-Allzu schnell war seine Zeit abgelaufen. Wieder vergebens! Mit der
-Sekunde wandte Heinz die Maschine nach Hause. Er stürzte sich mitten in
-eine der schimmernden Wolken hinein, glitt für Sekunden durch Düsternis
-und kalten Nebel, um gleich darauf wiederum von Helligkeit geblendet zu
-werden. Wieder lag da unten der schimmernde, bunte, freundliche Teppich,
-und Heinz nahm den Kurs auf eine weiße Kirchturmspitze am Horizont.
-
-Was aber gibt es? Was ist geschehen?
-
-Plötzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. Mächtig
-pendeln die Flügel. Heinz hat sich in namenlosem Erstaunen aufgerichtet.
-Die Maschine stürzt . . .
-
-Aber hinter der stürzenden Maschine her jagt wie ein riesiger Raubvogel
-ein Flugzeug mit Farbringen auf den Tragdecken. Senkrecht stürzt es sich
-in die Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, in seiner Vermummung anzusehen
-wie ein furchtbarer Dämon, beugt sich über Bord, um die stürzende
-Maschine des Gegners auf die Platte seines photographischen Apparates zu
-bringen.
-
-Wie eine Motte flattert der deutsche Eindecker da unten, und plötzlich
-löst sich etwas wie ein Gegenstand, ein Körper -- verschwindet rasch,
-wie ein Punkt in der Tiefe.
-
-Schon blitzen Messer auf am Waldrand, und der Raubvogel rauscht in die
-Wolke zurück. --
-
-Als Hauptmann Wunderlich die Nachricht hörte, zerriß er sich mit den
-Nägeln das Gesicht und schrie: »Ich ertrage es nicht mehr, ich kann
-nicht mehr!«
-
-
-4
-
-Immer noch sprach der freundliche Greis -- mit leiser, feierlicher
-Stimme. Und immer noch verharrte das Haus in Totenstille.
-
-Der kleine gütige Greis sagte Ja, und er sagte Nein. Er sagte Sofort und
-sagte Niemals. Vorsichtig und sorgfältig fügte er Wort an Wort zu
-kunstvollen Sätzen. Zuweilen huschte sogar etwas wie rethorischer Glanz
-über seine Rede, ein Glanz wie er über Reliquien in den Kathedralen
-liegt.
-
-Die Erregung hat seine Greisenbäckchen gerötet wie die Bäckchen eines
-Kindes.
-
-Er war nicht abgeneigt, Zugeständnisse zu machen, das heißt nicht
-eigentliche Zugeständnisse, es wäre ihm natürlich unmöglich, irgendwie
-und in irgendeiner Form auch nur das geringste . . .
-
-Er versicherte heilig seine Friedensgeneigtheit, ja, jeden Tag würde er
-Frieden schließen, aber natürlich, er bittet, nicht mißverstanden zu
-werden -- er war entschlossen, fürchterlich entschlossen . . .
-
-Und er schwingt die kleine hilflose Greisenfaust durch die Luft. So
-entschlossen war er.
-
-Ja, entschlossen . . .
-
-Der General setzte den Kneifer auf und warf den Kopf in die Höhe. Vor
-ihm glänzte die bedeutsame Glatze eines Admirals, neben ihm schimmerte
-nichtssagend das dünne gebürstete Haar eines Diplomaten.
-
-Die Tribünen gegenüber lagen im Halbschatten. Kopf an Kopf, eine
-gesichtähnliche Nichtigkeit neben der anderen. Und doch . . . Er fühlte
-sich unbehaglich -- früher war er ähnlichen Einflüssen überhaupt nicht
-zugänglich gewesen, indessen der Krieg -- die Überarbeitung . . .
-
-Da!
-
-Ein glänzendes, bleiches Gesicht unter all den matten Nichtigkeiten, und
-ein paar Augen voller Schrecken und Entsetzen auf ihn gerichtet.
-Vielleicht nicht auf ihn, eigentlich mehr auf den kleinen Greis, dessen
-Kinnlade sich ruckartig bewegte. Der General hatte das Gesicht schon
-irgendwo gesehen, vermochte sich indessen im Moment nicht zu entsinnen.
-Es war nicht Schrecken, es war Grauen, das von dem glänzenden, bleichen
-Gesicht mit den schwarzen rasenden Augen ausging. Dieses Grauen lähmte
-die Zunge des sprechenden Greises, lähmte seine Bewegungen. Sein
-erhobener Arm sank plötzlich herab, er schöpfte Atem, hastig, seine
-schmalen Schultern schoben sich in die Höhe -- er beugte sich tiefer
-über das Manuskript und stotterte.
-
-Das bleiche phosphoreszierende Gesicht aber wuchs in die Höhe -- schon
-fiel es allenthalben auf. Der Diplomat mit den dünnen, säuberlich
-gebürsteten Haaren blinzelte beunruhigt und runzelte die Stirn.
-
-Die dünne feierliche Stimme des Greises erschallte wieder.
-
-Die kleine eigensinnige Greisenfaust schlägt auf den Tisch, und
-eigensinnig wiederholt die tonlose und feine Stimme Ja und Nein, Niemals
-und Sofort. Nun sind es keine Worte mehr, nun sind es nur noch Laute,
-nur noch Luftwellen . . .
-
-Nein, nein, nicht ein Greis sprach --
-
-Deutlich sah Ackermann, daß dieser Greis eine Leiche war, die redete!
-Die Tribünen standen voller Leichen in den Uniformen von Generalen und
-Admiralen, mit Orden und Tand behängt, die Abgeordneten waren Leichen,
-die still dasaßen, die Stenographen, der greise Präsident, der den Kopf
-in die Hand stützte.
-
-Leichen, ein Parlament von Leichen.
-
-Und die Sonne umspielte sie. Die lebendige Stimme Gottes rief und
-donnerte, aber sie hörten sie nicht.
-
-Da aber begannen die Leichen zu erbeben wie Schilf im Wind. Ein
-Sturmwind brauste durch das Haus. Die Leichen sanken zusammen, vermodert
-sanken Uniformen und glitzernde Ordenssterne dahin.
-
-Gesang . . .
-
-In der Ferne ertönte ein Schritt, der dröhnende Schritt von
-Hunderttausenden, Millionen -- Gesang fliegt vor ihnen her. Und dieser
-Gesang ist der Sturmwind --
-
-Da berührte jemand seinen Arm, eine knöcherne harte Hand, und eine
-trockene Stimme sagte: »Sie dürfen sich nicht so über die Brüstung
-legen.« Ackermann befand sich wieder auf der kleinen Tribüne, wo
-zusammengedrängt das Volk sitzt, das keine reservierten Plätze
-vorfindet. Er war nahe daran gewesen, eine seiner Ohnmachten zu
-bekommen. Im selben Augenblick wurde applaudiert. Die Ordenssterne und
-Uniformen rauschten durcheinander. Der freundliche Greis setzte sich und
-träumte wieder von seinem Sarg, aus dem man ihn aufgescheucht hatte.
-
-Die Abgeordneten betraten nacheinander die Rednertribüne. Worte und
-Gesten. Schon ist die Zeremonie zu Ende. Die Tribünen beginnen sich zu
-leeren.
-
-Aber halt! Hier ist noch einer, der etwas zu sagen hat. Er hat die
-furchtbare Frage des Schicksals vernommen, das Antwort fordert. Er will
-zur Tribüne stürmen. Aber die Fettnacken und wehenden Bärte halten ihn
-zurück, die Rechtsanwälte und selbst die vom Hunger Ausgemergelten.
-Selbst sie! Die Journalisten auf ihrer Tribüne schütten sich vor Lachen.
-
-Flammend steht er, der einzige, zornrot, mit weißen Haaren. Seine
-rasende Stimme erstirbt im Lärm.
-
-Schon sind die Tribünen leer. -- --
-
-Die Pulse fliegen. Die Lider peitschen die Augen, das Blut donnert in
-den Ohren, und die Glieder schwingen. Die Erde hebt sich, bald wird sie
-zerreißen -- Rauch, Feuer! Genug, genug!
-
-»Genug und vorbei!«
-
-Das blaue Himmelsgewölbe splittert, Finsternis. Das Rad der Geschichte
-vollendet krachend seine Umdrehung, es wälzt sich heran, zermalmend --
-Staub, Rauch . . .
-
- * * * * *
-
-Uniformen und Roben fluten die Treppe hinab in den herrlichen Tag. Ganz
-wie nach einem Pferderennen von den Tribünen. Die Rechtsanwälte schießen
-hindurch, mit ihren Mappen, sie haben es immer eilig. Eingläser funkeln,
-das Lächeln blitzt auf den Lippen einer schönen Dame. Sporen klirren und
-Säbel rasseln.
-
-Wagen fahren heran, die Automobile qualmen.
-
-Lautlos huscht die Limousine des kleinen freundlichen Greises am Wall
-der Schutzleute vorbei.
-
-Schwerdtfeger hat seinen hohen Chef oben auf der Treppe erspäht und den
-Wagen herangebracht, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen. Er kennt
-nichts als seinen Dienst.
-
-Der General braucht nur irgendwo aus einem Hause zu treten und über den
-Bürgersteig zu gehen, immer steht Schwerdtfeger bereit. Der General muß
-nur den Fuß heben, das ist alles. Aber er hat sich nie Gedanken darüber
-gemacht.
-
-Oben auf der Treppe sprach der General einen Bekannten mit hohen Orden.
-Er drückte seine Befriedigung über den Verlauf der Zeremonie aus -- die
-Rede, prachtvoll -- und der Bekannte seinerseits versicherte, daß die
-Rede in der Tat eine staatsmännische Leistung ersten Ranges war.
-
-Nun stieg der General die Treppe hinab.
-
-Die Lackstiefel eines Husaren blitzten vor ihm. Ein schmaler, eleganter
-Rücken, ein vornehmes Profil, ein rascher, kühner Blick aus schönen,
-klaren Augen -- der Husar weicht zur Seite und grüßt.
-
-»Ah -- gut bekommen?« Ja, wie hieß er doch nur?
-
-Leutselig schüttelt der General dem Husaren die Hand.
-
-»Danke, Euer Exzellenz!«
-
-»Ein netter Abend -- hm, etwas spät . . . wir haben ja -- Sie haben mir
-ja von interessanten Dingen erzählt --?«
-
-Der Husar blieb indessen völlig kühl und korrekt. Erstens war er kein
-Beduine mehr, sondern Husar, zweitens war er, mit Respekt zu melden,
-heute nacht völlig bekneipt, und als er aufwachte, fiel ihm (als erstes)
-voller Schrecken ein, daß er Dummheiten geschwätzt und sich beinahe auf
-Gott weiß welche Geschichten eingelassen hätte -- drittens war man nicht
-mehr auf einem Ball, sondern im Dienst, und es wimmelte ringsum von
-Würdenträgern und Exzellenzen.
-
-Er blieb also kühl, korrekt, entschlossen, sich auch durch nichts
-bewegen zu lassen. Seine schönen klaren Augen strahlten Offenheit.
-
-»Leider vermochte ich nicht mit ganzer Aufmerksamkeit zu folgen -- es
-war plötzlich so heiß geworden -- und dann brannte noch dieser Vorhang.«
-
-Aber der Husar blieb zurückhaltend, entgegnete ein paar nichtssagende
-Redensarten. Er errötete sogar.
-
-Schwerdtfeger warf den Wagenschlag ins Schloß, und der General erwachte
-erst aus seinen tiefen Gedanken, als die grelle Sonne in seinem
-Arbeitssaal ihn blendete.
-
-Er zog die blauen Vorhänge zu, das Licht schmerzte seine Augen, jetzt
-erst machte sich der kurze Schlaf bemerkbar.
-
-»Trotzdem -- trotzdem --« murmelte der General vor sich hin. Mehr und
-mehr verfiel er der Gewohnheit, seine Gedanken laut zu äußern.
-
-»Trotzdem -- ja, er wich aus -- nun, gewiß er ist ein Mann von größter
-Selbstkontrolle, ohne Zweifel. Aber er errötete etwas. Weshalb?«
-
-»Oder errötete er nicht?«
-
-»Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber es sah tatsächlich aus, als ob
-er errötete.«
-
-»Aber was, was hat er mir erzählt? Ja, wie ärgerlich, daß gerade diese
-Sache mit Dora -- --«
-
-»Aber weshalb erzählte er es mir?«
-
-»Wie? Wie? Sogar Angehörige der besten Gesellschaft -- und . . .«
-
-»Deutlich erinnere ich mich -- trotzdem . . .«
-
-Der General starrte vor sich hin -- das Blut wich langsam aus seinem
-breiten Gesicht. Plötzlich schüttelte er den Kopf. Welch absurder
-Gedanke!
-
-Er berührte die Klingel.
-
-Weißbach erschien, und der General berichtete kurz über die
-Reichstagssitzung -- ein Zeichen des größten Vertrauens und Wohlwollens,
-das Weißbach, trotzdem er noch in Alkohol kochte, er war bis neun Uhr
-bei Ströbel gewesen, zu würdigen wußte.
-
-»Sollten Sie Näheres über Hauptmann v. Dönhoff erfahren --?«
-
-»Jawohl, Herr General!«
-
-Weißbach zog sich zurück. Der General war ihm grün erschienen,
-leichengrün -- die Beleuchtung natürlich, oder auch sein Zustand. Er
-trank wenig, aber er konnte nichts mehr vertragen, seit er in Rußland
-seinen Nervenchok erlitt. Damals waren sie alle verbrannt, durch einen
-Volltreffer, der den Unterstand in Flammen setzte -- nur durch einen
-Zufall war er gerettet worden. Er wußte selbst nicht wie, er hatte es
-auch nie begriffen.
-
-Sobald Weißbach den Saal verlassen hatte, ging der General zum Telephon
-und verlangte eine bestimmte Verbindung.
-
-Erst nach geraumer Zeit ließ sich jemand hören.
-
-»Ich hatte doch gebeten« -- begann der General ungnädig -- »mich
-umgehend informieren zu wollen -- bereits acht Tage -- wie, bitte --?«
-
-
-5
-
-Ackermanns Blick fieberte durch die wimmelnden Uniformen und abrollenden
-Wagen. Verzweiflung schüttelte ihn.
-
-»Dieses Parlament, welche Schmach! Der Fluch des Volkes wird die
-Schmachbedeckten treffen -- einst, einst --!«
-
-Er sah die hohen Offiziere nicht, nicht die Generale mit ihren roten
-Aufschlägen, nicht die Admirale mit den goldenen Tressen. Und niemand
-beachtete ihn in seinem abgeschabten weiten Mantel, von Entbehrungen und
-Qualen erschöpft -- ein einfacher Soldat, einer von den Millionen, die
-niemand sieht.
-
-Auf dem Straßendamm stand mitten im Qualm der Autos ein Berittener,
-regungslos wie eine Statue. Mit furchtbarem Ernst saß er im Sattel,
-quittengelb, mit spitzer Nase, eingefallenen Wangen und violetten
-Augenhöhlen. Eine berittene Leiche hielt vor dem Parlamentsgebäude
-Wache, im Sattel verhungert, aber sie tat ihre Pflicht.
-
-Plötzlich drehten sich die starren Metallkugeln in den violetten Höhlen,
-die Haut des quittengelben Gesichts straffte sich, der rostrote
-Schnurrbart zuckte.
-
-Er hatte Ackermann entdeckt, und eine argwöhnische, drohende Falte
-spaltete die armselige Stirn.
-
-Das Gesicht dieses gemeinen Soldaten war das Gesicht eines Mannes, der
-geheime Gedanken hegte, Gedanken ganz besonderer Art, unzufriedene
-Gedanken. Er kannte diese Gesichter vom Kasernenhof her und hatte sie
-vernichtet, wo er sie fand, bis sie aussahen wie andere.
-
-Schon drängte er sein Pferd näher, und sein Blick wurde messerscharf und
-unbarmherzig. Er war aus der kaiserlichen Schule, auf den Mann
-dressiert.
-
-In diesem Augenblick aber ging Ackermann wie ein Schlafwandler mitten
-durch die Uniformen und Wagen hindurch, schnurgerade über den Fahrdamm
--- ohne angestoßen, berührt, überfahren zu werden, sonderbar.
-
-»Es ist Zeit!« flüsterte er. »Es ist Zeit!«
-
-»Es ist höchste Zeit!« Er eilte.
-
-Ihr Jungen, Wollenden, Wagemutigen, die Stunde schlägt! Ihr
-Sehnsüchtigen, Verzweifelten, Zielerfüllten, ihr Hassenden, Liebenden,
-Gesegneten, Boten und Verkünder des Menschenreiches -- auf, auf, die
-Stunde ist da! Zögert nicht länger, ihr Gesandten mit den menschlichen
-Antlitzen!
-
-Böse folgte der Blick des Berittenen dem grauen Soldatenmantel, der
-rasch zwischen den Bäumen verschwand.
-
- * * * * *
-
-Und schon -- ja schon rüsten sie sich zum Aufbruch, die Läufer, die
-ihrer Zeit vorauseilen! Schon baden sie das Antlitz im Lichte einer
-neuen Sonne, die heraufsteigt.
-
-Schon erheben sie sich von den elenden Pritschen der Gefängnisse -- sie
-werden durch hundertfach geschlossene Tore gehen wie durch Luft, keine
-Angst. Schon hebt sich ihre leuchtende Wimper in den Kasernenhöfen
-Europas -- und sie werden das triumphierende Wort aussprechen, und die
-Kugeln werden von ihnen abprallen, keine Angst. Schon beten sie ihr
-Morgengebet bei den Kanonen, in den Erdlöchern der europäischen
-Schlachtfelder -- sie werden die Kanonen zerbrechen, als ob sie Schilf
-wären, keine Angst. Schon wird ihr Schlaf in den Massengräbern Europas
-unruhig, schon hebt sich ihr Auge, sie werden auferstehen, stärker als
-der Tod, keine Angst.
-
-Schon kommen sie, schon sammeln sie sich, in ganz Europa, sie, die
-Brüder sind und sich erkennen am Glanz des Antlitzes. Schon ertönen ihre
-Stimmen, da und dort, in ganz Europa, in der ganzen Welt!
-
-Sie kommen!
-
-Kommen sie? Kommen sie wirklich?
-
-Ja, sie kommen! Horch! Schon wandert ihr Schritt im Tagesgrauen.
-
-Und die Finsternis wird ein Ende haben?
-
-Die Finsternis, die schreckliche, wird ein Ende haben.
-
-Schon rötet sich der Himmel im Osten. Sie bringen das Licht. Sie kommen,
-und sie werden dahinschreiten, und das Paradies wird unter ihren
-Schritten erblühen.
-
-Ihr Feldzeichen aber ist nicht rot, nicht blau, ihr Feldzeichen ist die
-Liebe.
-
-
-6
-
-»Unbegreiflich!'« rief Herr Herbst aus und warf die kleinen Hände voller
-Erstaunen in die Luft. »Was ein Mensch doch träumen kann! Also, Berlin
-nichts als -- Schutt, nur Schutt, sagen Sie?«
-
-Eingehüllt in den langen rostfarbenen Havelock, den steifen Hut auf den
-Ohren, saß Herr Herbst im halbdunkeln Gastzimmer des »Löwen von
-Antwerpen«. Eine große, sofort in die Augen springende Veränderung war
-mit ihm vorgegangen: er trug keinen Kragen mehr! Denn früher hatte er ja
-einen niedrigen, wenn auch nie ganz reinen Kragen und eine kleine
-schwarze Binde getragen. Wer sie kennt, die Trinker, weiß, was es zu
-bedeuten hat -- keinen Kragen mehr!
-
-Ihm gegenüber saß der scheue, stille, bucklige Wirt, Herr Glienicke,
-zwischen ihnen stand die Flasche.
-
-Herr Glienicke räusperte sich krächzend, dann erwiderte er scheu
-flüsternd: »Ja, nichts als Schutt, ein Haufen Schutt, das ganze Berlin.
-Wie soll ich sagen -- eine Ruine. Und Raben --«
-
-»Raben?« Schauer jagten über den Rücken des kleinen Herrn Herbst.
-
-»Der Himmel war schwarz von ihnen. Sie flogen auf, wohin man kam -- wie
-Wolken. Hm, und auch Leichen lagen da und dort, streckten die Hände aus
-dem Schutt, blaue Hände.«
-
-»Was für ein entsetzlicher Traum! Und keine Menschen mehr, sagen Sie?«
-
-»Keine Menschen, nein. Nur Raben, alles war schwarz von ihnen. In ganz
-Berlin keine lebende Seele mehr. Nur Schutt und verkohlte Balken. Da und
-dort stand zwischen den Schutthaufen noch ein verlassenes Geschütz. Aber
-keine Menschen.«
-
-»Ah, ah -- entsetzlich!«
-
-»Und dann begann es zu schneien --«
-
-»Guten Tag!« sagte in diesem Augenblick eine helle, nüchterne, aber
-bescheidene Stimme, und die beiden fuhren auf.
-
-Ein schmächtiger, junger Mann war ins Zimmer getreten.
-
-Der schmächtige, junge Mann näherte sich, den Hut in der Hand, dem Tisch
-und verbeugte sich leicht und steif.
-
-»Ich bitte um Verzeihung! Herr Herbst?«
-
-Zitternd erhob sich der Havelock. Ja, weshalb in aller Welt zitterte er?
-Es war nicht nur diese helle, nüchterne Stimme, nein -- jemand kannte
-ihn, ihn, seinen Namen . . .
-
-»Ich habe mit Ihnen zu sprechen«, sagte die gleiche Stimme, aber um eine
-Schattierung weniger bescheiden.
-
-»Sprechen? Gewiß --«
-
-»Nicht hier, bitte -- in besonderer Angelegenheit --«
-
-Und die beiden verließen das Gastzimmer. Die Eulenaugen des Buckligen
-sahen ihnen nach. Herr Glienicke hatte sich nicht von der Stelle
-gerührt. Diese Stimme, unverkennbar: die Polizei!
-
-»Bitte!« sagte der schmächtige junge Mann und lenkte den Schritt die
-Fabriciusstraße hinab.
-
-Mit etwas eingeknickten Knien schlürfte Herr Herbst neben ihm her. Er
-verging vor Angst, erfüllt von den schlimmsten Ahnungen.
-
-Wie immer spielten die Kinder auf der staubigen, zugigen Straße, aber
-heute wagten sie sich nicht an ihn heran, da er in Begleitung war.
-
-Mit hohem Singsang schritten sie im Reigen um ein Mädchen, das auf dem
-Pflaster kauerte und einen Lumpen über den Kopf gezogen hatte. Ein
-schwarzer Hund mit kurzem Schwanzstumpen trippelte mit den Kindern
-ebenfalls im Kreise. Nur seiner erschreckenden Magerkeit verdankte er
-es, daß er noch lebte. Denn hier außen gab es weit und breit weder Hunde
-noch Katzen mehr, alles verzehrt, längst eine Beute der Professionells.
-Hohläugig und wächsern erschienen die Kinder wie tanzende, in Lumpen
-gehüllte Leichen, die aus den Gräbern eines Kinderfriedhofs gestiegen
-waren, um hier zu spielen. Ihre Mütter arbeiteten irgendwo in den
-Munitionsfabriken, die Väter faulten längst in den Massengräbern.
-
-Und da war auch schon wieder jener Wagen mit dem schmutzigen Schimmel,
-den ein bleiches abgezehrtes zwölfjähriges Mädchen kutschierte. Jeden
-Tag kam er hierher in diese Straße, und kam er nicht gerade in die
-Fabriciusstraße, so sah man ihn sicher dort an der Ecke warten. Heute
-lagen nur zwei Kindersärge darauf, aber soeben brachte ein Mann einen
-neuen Kindersarg aus dem Hause und warf ihn wie eine Kiste mit Flaschen
-auf den Wagen. Jeden Tag, und doch gab es noch immer Kinder hier!
-
-Die tanzenden kleinen Toten aber beachteten den vorüberfahrenden Wagen
-mit den Särgen nicht. Sie schoben den Reigen nur etwas zur Seite und
-sangen weiter.
-
-Endlich brach der schmächtige junge Mann das Schweigen. Mit einem nicht
-unfreundlichen Lächeln wandte er sich an Herrn Herbst.
-
-»Sie wissen wohl, daß die große Offensive heute begonnen hat?« sagte er
-im Tone eines Menschen, der ein Gespräch beginnen will. »Tausende von
-Gefangenen --«
-
-»Tausende -- so, so --« stammelte Herr Herbst verwirrt.
-
-»Ja, am ersten Tage!« Aber das Gespräch kam nicht in Gang. So also ging
-es nicht. Der schmächtige junge Mann polierte den Kneifer, lächelte
-Herrn Herbst mit kurzsichtigen Augen an, und begann von neuem in etwas
-kühlerem, geschäftlichem Tone: »Sie kennen mich nicht, Herr Herbst?«
-
-»Wirklich nicht? Und Sie haben mich auch nie gesehen? Trotzdem gingen
-Sie sofort mit mir, seht an. Ein neuer Beweis, daß es unleugbare Kräfte
-gibt, die Macht über die Menschen verleihen, magnetische und hypnotische
-Kräfte. Seit acht Tagen, seit vollen acht Tagen folge ich Ihnen wie ein
-Schatten, mein verehrter Herr Herbst. Sie staunen? Sie sehen, man muß es
-nur geschickt anstellen. Vor einigen Tagen aß ich sogar mit Ihnen am
-gleichen Tisch in der Dorotheenstraße. Und am Schluß der
-Reichstagssitzung stand ich dicht neben Ihnen, als Sie den hohen
-Offizier grüßten --«
-
-Herr Herbst zuckte zusammen. Ah, ah -- er hatte es ja augenblicklich
-gefühlt! Seine Ahnungen! Die Polizei war ihm auf den Fersen, die
-Geheimpolizei. Der General hatte sie auf seine Spur gesetzt, und nun war
-er -- verloren! Ja, dieser General, natürlich, er wollte seine Macht
-zeigen, er hatte ihm jenes furchtbare Wort entgegengeschleudert,
-belästigte ihn . . .
-
-»Ich hatte, mit einem Wort, den Auftrag, mich mit Ihrer Persönlichkeit
-zu beschäftigen.«
-
-»Ich weiß es.«
-
-»Sie wissen es?«
-
-»Ich dachte es mir! Einen Augenblick.« Herr Herbst wischte sich den
-Schweiß von der Stirn.
-
-»Ja, also den Auftrag«, fuhr der junge Mann geschwätzig fort. »Ich kenne
-nunmehr all Ihre Gewohnheiten, Ihre etwas sonderbaren und keineswegs
-alltäglichen Gewohnheiten. Es bedurfte eines psychologisch geschulten
-Blickes, um nicht verwirrt zu werden, ich gestehe es offen zu. Nunmehr
-sind meine -- Sie verzeihen -- Beobachtungen abgeschlossen, bis auf
-einen großen dunkeln Punkt. Aber auch das wird sich finden. Ich hielt
-die Zeit für gekommen, in persönliche Verbindung zu Ihnen zu treten. Sie
-gestatten, mein Name ist Kunze.«
-
-Der junge schmächtige Mann nahm den grasgrünen Plüschhut ab und machte
-eine gemessene, steife Verbeugung.
-
-»Angenehm!« schlürfte Herr Herbst und erwiderte mit einem Kratzfuß.
-Ängstlich und mißtrauisch hefteten sich seine entzündeten Augen auf den
-blinkenden Kneifer. Nichts Gutes, jedenfalls nichts Gutes!
-
-Der schmächtige junge Mann, der sich Kunze nannte, war ärmlich, aber
-peinlich sauber gekleidet. Sein dünner Überzieher, bis oben zugeknöpft,
-war abgewetzt, aber man sah noch die Striche der Bürste. Seine
-geflickten Stiefel waren glänzend gewichst. Er trug dünne
-Zwirnhandschuhe, nur seine Manschetten, sie waren etwas grau geworden.
-Er war semmelblond, das semmelblonde Schnurrbärtchen haarscharf
-zugespitzt. Die Augen hinter den Gläsern erschienen matt, ausdruckslos
-und sogar dumm. Unter dem Arm trug er eine dünne lederne Aktenmappe. Wie
-alle Menschen sah er schlecht genährt aus, und sein Teint hatte eine
-unreine, grünlich fahle Färbung.
-
-»Hoffen wir es, daß meine Bekanntschaft für Sie angenehm sein wird«,
-nahm Kunze nach dem beendeten Zeremoniell der Vorstellung wieder das
-Wort, und er lachte leise dabei. »Für manch einen, für viele war meine
-Bekanntschaft -- meine Bekanntschaft wenig angenehm, ähä, ähä! Ja, wenig
-angenehm! Nun, nun, Sie haben nicht die geringste Ursache, sich zu
-beunruhigen, ich betonte schon, daß ich mich durch Ihre sonderbaren
-Gewohnheiten nicht verwirren ließ. -- Einen Augenblick, lassen wir diese
-Elektrische vorbei -- so. Sie haben sich also vor geraumer Zeit an
-unsere Organisation gewandt --«
-
-»Ich nenne unsere Dienststelle so. Ihr Eingang wurde, wie alle
-derartigen Eingänge, unserer Organisation automatisch zugeleitet. Sie
-haben, unter anderem, schwere Verdächtigungen erhoben gegen
-hochgestellte Persönlichkeiten, oder besser gesagt, gegen Angehörige
-hochgestellter Persönlichkeiten, so daß eine ganz besonders sorgfältige
-Bearbeitung der Angelegenheit notwendig wurde. Aus diesem Grunde hat
-mein Chef mich beauftragt.«
-
-Herr Herbst atmete auf. Also nicht der General -- es war diese andere
-Sache --! Aber schon überzog wieder kalter Schweiß seine Stirn. Welch
-gefährlicher Lage hatte er sich doch ausgesetzt! Und weshalb?
-Unerklärlich alles. Im Rausch, in völliger Bezechtheit, hatte er diese
-zwei Briefbogen vollgeschrieben. Zu spät. Seine Beine zitterten. Er
-hatte Mühe mitzukommen.
-
-»Wohin --?« stammelte er.
-
-Kunze hielt den Schritt an und lächelte. Er hatte kleine, schlecht
-gepflegte Zähne. »Sie können es sich nicht denken?« fragte er mit schräg
-geneigtem Kopf.
-
-»Wie sollte ich --?«
-
-»In Ihre zweite Wohnung!«
-
-»Wie --??«
-
-»In Ihre zweite Wohnung!«
-
-»Wie --?!«
-
-Herr Herbst griff mit beiden Händen nach dem steifen Hut -- taumelte
-zurück und entfloh . . .
-
-»Aber so warten Sie doch! Wie sieht das aus, wenn wir hier einander
-nachlaufen. Warten Sie doch! Aber ich muß doch bitten . . .«
-
-Mit ein paar langen Sätzen lief Kunze hinter dem davoneilenden Havelock
-her. Im Nu hatte er ihn wieder eingeholt. Er klemmte den Kneifer auf die
-Nase, keuchte -- seine Lunge war nicht ganz in Ordnung -- und lachte
-belustigt und nachsichtig.
-
-»Nun, sehen Sie, es hat keinen Sinn. Aber weshalb erschraken Sie nur
-so?«
-
-»Ich -- ich . . .«
-
-»Sie sind ja jetzt noch kreidebleich! Nun, nun, Ihre Nerven sind in
-einem heillosen Zustand, Herr Herbst, einem bösen, bösen Zustand, ei,
-ei! Und doch wollen wir nur in Ihre Wohnung in der Blücherstraße gehen.
-Ich sagte Ihnen ja -- nur noch ein einziger großer dunkler Punkt -- he,
-Kutscher!«
-
-Kunze winkte geschäftig eine Droschke heran. »Blücherstraße!«
-
-Herr Herbst hob abwehrend die Hände.
-
-»Nein, nein -- unmöglich, ganz unmöglich!« stotterte er hilflos.
-
-Aber der schmächtige junge Mann stampfte plötzlich ärgerlich auf den
-Boden und sagte mit scharfer Stimme: »Sie werden gehen! -- Bitte, bitte
-recht sehr, Herr Herbst«, fügte er wieder ruhig und höflich hinzu, und
-schob den vor Erregung zappelnden Havelock in die wackelnde Droschke.
-
-»Wir können den weiten Weg unmöglich zu Fuß gehen. Wir haben keine Zeit
-mehr zu verlieren. Mein Chef ist schon ungeduldig, er erhielt eine Rüge
-von einer höheren Stelle. Machen Sie es sich ruhig bequem. Es wird ja
-alles bezahlt. Das sind die Spesen. Sehen Sie hier, in diesem Notizbuch,
-hier unter H., das sind die Spesen. Ich hätte ebensogut ein Auto nehmen
-können.«
-
-Voller Verzweiflung starrte Herr Herbst vor sich hin.
-
-Kunze zog vorsichtig die Beinkleider über das Knie herauf. »Mein Chef,
-er ist Major, ermahnte mich ausdrücklich, keine Kosten zu scheuen«, fuhr
-er zu schwatzen fort. »Mein Chef strahlt! Sie haben uns ja, mein lieber
-Herr Herbst, auf eine eminent wichtige Spur gebracht -- ein selten
-glücklicher Zufall! Ach, wie langsam doch dieser elende Wagen fährt! Das
-Material wächst, der Ring schließt sich -- wir arbeiten Tag und Nacht --
-mein Chef wird einen hohen Orden bekommen -- und auch ich vielleicht,
-vielleicht sogar das Eiserne Kreuz, er machte Andeutungen, mein Chef
-. . .«
-
-Plötzlich brach Kunze ab und zog rasch den Kopf zurück.
-
-»Pst, pst« -- machte er, und deutete mit dem langen, dünnen Finger auf
-die Straße. »Aber sehen Sie doch, wer da eben aus der Elektrischen
-steigt! Sehen Sie doch! Wie? Wie? Unglaublich -- Fräulein v. Hecht!«
-
-Es war in der Tat Ruth. Sie sprang rasch aus dem Wagen und suchte ihren
-Weg durch die Menge. Schon war sie verschwunden.
-
-»Haben Sie sie gesehen? Berlin ist eine so große Stadt, aber man sieht
-immer wieder die gleichen Leute. Machen Sie einmal den Versuch, fassen
-Sie eine bestimmte Person ins Auge -- wo Sie auch hinkommen, da ist sie,
-ich wette mit Ihnen, was Sie wollen. Was hat nun, frage ich Sie, eine
-solch feine Dame hier in diesem Stadtviertel zu tun? Wie, wie? Wenn man
-es nicht wüßte! Bald wird sie wohl nicht mehr hierherkommen, oder? Mein
-Chef ist in bezug auf diese Dame etwas unruhig -- nun, verstehen Sie,
-die Tochter eines hohen Vorgesetzten -- aber auch das wird sich ja alles
-finden. He, Kutscher, fahren Sie doch etwas rascher!«
-
-
-7
-
-Mit einem kleinen Paket unter dem Arm kam Ackermann durch den
-Tiergarten. Es war noch hell, Sonne, Tag. Wie gewöhnlich suchte er
-verlassene Wege auf. Er kam vom Dienst und war auf dem Wege nach Hause,
-wo man ihn erwartete.
-
-Ja, schon sammelten sie sich, ohne Zweifel! In England, Amerika,
-Italien, Frankreich, Deutschland, Osterreich, Ungarn -- überall in der
-Welt -- die Brüder! Nur ein Blinder sah die Zeichen nicht, nur ein
-Tauber hörte nicht die Stimmen! Nur ein Tauber . . .
-
-In den Zeitungen, zwischen den Zeilen -- in Broschüren, Aufsätzen,
-Büchern, überall Zeichen, die darauf hinwiesen. Überall diese Stimmen!
-Trotz der Scharen von Zensoren und Agenten, die ausgesandt waren, die
-Wahrheit zu erwürgen, so wie Herodes die Kinder von Bethlehem erwürgen
-ließ, nur aus Furcht, weil er vernommen hatte . . . ah, ah -- sein
-Morden war vergebens.
-
-Die Gefängnisse sind überfüllt, hier und überall. Arme, betörte Sklaven
-bewachen ihre eigenen Befreier! Zu Hunderten werden sie füsiliert, hier
-und überall. Arme Verführte ermorden ihre Brüder. Aber -- _der Gedanke
-lebt!_ Die Mauern werden fallen -- in der ganzen Welt -- der Gedanke
-wird sie stürzen, der Gedanke, der war, bevor die Menschen waren. Der
-Gedanke, den man ans Kreuz schlug, folterte, mit Steinen beschwert ins
-Meer versenkte, mit geschmolzenem Blei übergoß, den die Gesandten des
-Satans zu töten versuchten auf hunderttausend Arten -- und der immer
-wieder auferstand. Weltreiche stürzten, aber er lebt.
-
-Und die Brüder werden einherschreiten -- sie, die Heißen, die
-Sehnsüchtigen, die Wollenden.
-
-Und auch ich, auch ich, Ackermann, werde bemüht sein, mich ihrer würdig
-zu zeigen.
-
-Zu Ende der Dienst, zu Ende! Er hatte Schluß gemacht.
-
-Sie würden ihn nicht mehr sehen.
-
-Monatelang hatte er gerungen, in den letzten Wochen mit Schweiß auf der
-Stirn -- der Gedanke siegte. Er war entschlossen . . .
-
-Unter dem Arm trug er, in eine alte Zeitung eingewickelt, seinen
-Drillichkittel, wie ihn die Schreiber in den militärischen Amtsstuben
-anhaben. Er nahm ihn heute mit nach Hause. Zum Zeichen, daß er nicht
-zurückkehrte. Die Kameraden hatten die Frage an ihn gerichtet, weshalb
-er den Kittel einpacke. »Ich mache Schluß!« antwortete er. Aber sie
-lachten, wie sollten sie es verstehen?
-
-Nun, wohl: sollte man mit ihm machen, was man wollte. --
-
-Ja, dahinschreiten werden die Brüder, und auf dem blutigen Schutt dieser
-armen Erde werden sie eine neue Welt errichten! Schleift die Kasernen,
-werden sie rufen, zerbrecht sie, schleift sie! Ihr Gestank verpestet
-Europa und die Erde. Schleift sie und steckt sie in Brand! Sie, die
-Brutstätten der Sklaven und Sklavenvögte. Täglich schänden sie
-millionenfach die menschliche Würde, Millionen von Sklaven,
-Hunderttausende von Sklavenvögten, die die Peitsche schwingen, brüten
-die Verruchten jährlich in Europa aus. In die fernsten Dörfer, Steppen
-und Wälder senden sie versklavte und geschändete Gehirne, in denen der
-unschuldige und reine Gedanke des Göttlichen vernichtet wurde. Ämter,
-Schulen, Kirchen, Fabriken, Werkstätten und das weite Land überschwemmen
-sie mit Sklavenvögten, verdorben und blind vom Dünkel, so daß sie den
-Bruder in ihrem Nächsten nicht mehr zu erkennen vermögen!
-
-Schleift sie, verbrennt sie!
-
-Zerbrecht die Kriegsschiffe der Piraten, deren Kanonen den Erdball in
-Schrecken halten, zerbrecht sie!
-
-Schleift sie -- werden sie rufen! -- die Zeitungspaläste, errichtet von
-den Mächtigen und Reichen der Erde zur Verbreitung von Lüge und Betrug,
-zur Vergiftung und Verführung der Nationen.
-
-Schleift sie und verbrennt sie!
-
-Reinigt Schulen und Kirchen, wo unschuldige Kinder und reine Seelen
-betrogen werden. Reinigt die Tempel, hinaus mit den falschen Priestern,
-die den Namen des Erlösers auf den Lippen führen und den Mord der
-Nationen predigen. Hinaus, hinaus!
-
-Hinaus, hinaus mit den eitlen Advokaten, den hartherzigen Greifen, den
-selbstgefälligen Narren, die mit den Schicksalen der Völker spielen,
-hinaus mit ihnen!
-
-Es wird Zeit, ihr Brüder, daß die Welt genese!
-
-Zerbrecht und schleift die Zwingburgen des Goldes, Tempel der Habgier,
-Kerker der Freiheit und des Glückes aller Völker des Erdballs. Zerbrecht
-die Mauern aus Stahl und Eisenbeton, wo die Plünderer ihre Schätze gegen
-die Diebe verwahren! Zerbrecht sie!
-
-Ihre Stimme wird erschallen wie der Donner -- und nicht mehr untergehen!
-
-Ach, in dieser Stunde, schwärzeste Mitternacht der Völker, wird sie noch
-verschlungen vom Lärm der Kanonen . . .
-
-Plötzlich aber stockte Ackermanns Schritt. Mit offenem Munde stand er
-still.
-
-Aus der Stille des Parkes war er, versunken in seinen Gedanken,
-unvermutet in das blendende Sonnenlicht und das Gewimmel der Menge
-getreten.
-
-Die Menschen schrien, schwangen die Hüte, eilten -- Flaggen wehten über
-den Linden, Flaggen in allen Farben, allen Größen, flatterten lustig und
-heiter im herrlichen, seidigen Blau des Himmels.
-
- * * * * *
-
-Die Stadt hatte geflaggt. Siege, Siege!
-
-Wie die Sturmflut war das Heer vorgebrochen, wenn die Dämme gerissen
-sind -- ganz wie der General es prophezeit hatte. Hunderte von
-Geschützen, Tausende, Zehntausende von Gefangenen -- eine Batterie
-trabte über die Linden. Der Kaiser hatte befohlen, »Viktoria zu
-schießen«.
-
-Die Stimmen schwirrten, Jubel fuhr dahin über die Millionenstadt.
-Unaufhörlich mahlten die Drehtüren der großen Hotels fröhliche Gesichter
-hinein und heraus. Die Foyers der Hotels waren überfüllt, schon sah man
-Frühlingskleider der Damen, während andere noch Pelze trugen. Die
-Kellner schleppten die silbernen Tabletten, die Kapellen musizierten.
-Freude erhellte die Mienen.
-
-Ja, wunderbar war diese herrliche Armee, prachtvoll diese Burschen, die
-kämpften und starben, wie in den ersten Tagen des Krieges, als sei der
-Tod ein Scherz.
-
-Und diese Führung: unübertrefflich!
-
-Zehntausende von Gefangenen -- immer mehr, mit jeder Stunde -- die Beute
-unübersehbar -- unübersehbar . . .
-
-Oben auf dem Brandenburger Tor trieb die Viktoria ihr Viergespann mit
-siegesgewissem Lächeln vorwärts.
-
-Fontänen von Extrablättern stiegen über den Linden in die Höhe. Die
-Menschen ballten sich zu Knäueln, sie setzten ihr Leben ein, nur um ein
-Zeitungsblatt zu erhaschen, ganz wie die prachtvollen Burschen an der
-Front, die durch zischende Eisenstücke sprangen. Schirme wurden
-zerbrochen, die Damen verloren die Absätze von ihren Schuhen, und die
-Taschendiebe griffen ohne jede Rücksicht einfach in die Taschen.
-
-Und die Batterie, vier alte Kanonen aus dem Siebziger Kriege, trabte
-vorbei -- Viktoria . . .
-
-Das Hauptquartier schwimmt in Wonne -- die englische Armee vernichtet
-. . .
-
-Furchtbar war dieser Winter gewesen, über alle Maßen furchtbar!
-Unerträglich das Sterben ringsum, draußen und in der Heimat. Das
-Sterben, das sich sonst in gesitteten Formen vollzog, es war in Panik
-ausgeartet. Die Freunde starben, die Dienstboten, die Kutscher fielen
-von den Kutschböcken, auf der Straße starben die Unglücklichen, man
-sagte einem Gesunden »Gute Nacht«, und am Morgen hustete er ein paarmal,
-und schon war er tot. Unerträglich, unerträglich, Tag für Tag zwischen
-diesen wandelnden gelben und grünen Leichen einherzugehen, diesen
-Gezeichneten, mit dem Kuß der Verwesung auf der Stirn, selbst solch eine
-wandelnde grüne und gelbe Leiche, selbst ein Gezeichneter! Unerträglich!
-
-Und die Kinder! Nein, sprechen wir nicht von ihnen, diesen kleinen
-Gekreuzigten. Haben wir Mitleid! Geboren als Krüppel, mit weichen
-Knochen, gummiweichen Schädeln, ohne Nägel -- und sie starben, siechten
-dahin an den welken Brüsten verzweifelt weinender Mütter, auch aus den
-Häusern der wohlhabenden Bürger wurden die kleinen, rührenden Särge
-getragen. Zu Tausenden und Hunderttausenden gingen sie dahin, ein Strom,
-Tag und Nacht. Ja, so weit war es gekommen, ohne Übertreibung, wenn auch
-die Zeitungen nichts darüber schreiben durften, es war England gelungen,
-zugestanden. Die Sache mit dem Burenkrieg seinerzeit war nur ein
-harmloses Vorspiel gewesen. Gelungen, zugestanden. Hütet euch, ihr
-Völker der Erde, seid gewarnt! Fordert nicht Englands Zorn heraus, sein
-Blick tötet die Frucht eurer Weiber im Mutterleibe.
-
-Unerträglich, völlig unerträglich war das ganze Dasein geworden -- und
-jetzt, war es nicht wie ein Schimmer von Hoffnung?
-
-Vielleicht, vielleicht doch!
-
-Vielleicht würde es zu Ende gehen? Vielleicht . . .
-
-Alles war zum Einsatz hingegeben: Väter und Söhne, Ernährer, Stützen des
-Alters, Hoffnung, Glück und Sinn des Lebens, Ehre, die Zukunft des
-ganzen Volkes, Gesundheit, Vermögen, Vieh, Pferde, die Glocken aus den
-Kirchen, die Kochtöpfe aus den Küchen -- und ein Geschlecht von
-Neugeborenen -- alles, auch das Gehirn unter der Schädeldecke --
-vielleicht, vielleicht . . . Die Generale hatten den Wurf getan, die
-Kugel hüpfte über die glücklichen Nummern -- vielleicht . . .
-
-Wie gefangene Tiere hinter den Gitterstäben tigerten die Millionen an
-den Eisenstäben ihres Käfigs entlang und witterten hinaus. Es roch nach
-Befreiung -- nicht wahr? Einst hatten ihre Nerven die Erde umspannt, sie
-waren durchgeschnitten worden und wimmerten. Einst waren sie Menschen,
-hoffärtig und voller Fehler, aber doch Menschen, jetzt waren sie
-gefangene Tiere geworden, Verworfene, Verbrecher, Parias, bespien und
-beschmutzt, Tag und Nacht, vier Jahre lang. Die Luft selbst, die sie in
-ihrem Käfig atmeten, war vergiftet. Hatte man nicht behauptet, daß sie
-Fett aus Leichen kochten -- hatte man nicht . . . Aufs Rad geflochten
-und über langsamem Feuer geröstet. Unbeschützt von einer Rotte von
-Unfähigen, die in ihren Ämtern schlummerten, die Fingernägel polierten
-und erhaben waren, erhaben -- einfach erhaben.
-
-Die Gewaltigen, die Angebeteten und Vergötterten, sie würden gewiß alles
-bis ins Kleinste berechnet und beachtet haben, bevor sie sich
-entschlossen, alles hinzuwerfen -- auch das Gehirn unter der
-Schädeldecke -- und die letzte halbe Million zur Schlachtbank führten.
-
-Vielleicht, vielleicht --
-
-Komme, gebenedeiter Tag!
-
-Die Zeitungsfrauen entflohen, die alten Männer, die Zeitungen
-feilhielten -- sie entflohen -- sie jagten die Linden hinunter --
-verfolgt von der Meute. An der Ecke Linden-Friedrichstraße weinte eine
-Zeitungsfrau, man hatte sie gänzlich ausgeplündert, ohne ans Bezahlen zu
-denken.
-
-Siebzig Millionen strichen wie Irrsinnige an den Gitterstäben entlang --
-und die Armee hatte einen Ausfall gewagt, einen glückverheißenden
-Ausfall.
-
-Verheißungsvoll flatterten die Flaggen im seidigen Blau des Himmels.
-Hell funkelte die goldene Göttin auf der Siegessäule.
-
-Die Riesenstadt erbebte bis in die entlegensten Vororte. Überall
-flatterten die Zeitungsblätter. Die Kolonnen der gelben Gesichter selbst
-belebte die Hoffnung. Die Bewegungen der Erschöpften und Ermüdeten in
-den Werkstätten wurden rascher. Verheißungsvoll zischte der Dampf,
-blitzten die Räder.
-
-Selbst in den Augen jener, über die bereits die Agonie ihre Schatten
-breitete, in den Augen der Verzweifelten, Hungernden, Verhungernden,
-Sterbenden ersprühte eine leise Hoffnung, der letzte Funke.
-
-Ja, komme, du gebenedeiter Tag!
-
-Aber horch! Was ist das?
-
-Ein Geschrei wie von tausend gemarterten Kindern, ein Geheul wie von
-tausend gemarterten Hunden -- nichts, nein, nichts, es ist nur eine
-Regimentskapelle, die in die Linden einbiegt. Sie spielt nicht
-erstklassig, Bucklige, Lahme, Greise -- was willst du? -- und eben
-feuert auch die Batterie aus dem Siebziger Krieg Viktoria.
-
-Über den Linden brummt ein Riesenflugzeug, zehn Menschen sind an Bord.
-Wer sollte es ahnen? Es ist immerhin noch einiges im Lande, nicht viel,
-aber noch einiges: zum Beispiel die Haare der Frauen für Seile und
-Webwaren, das Gold in den Gebissen. Die Generale und Gamaschenträger
-werden nicht zögern.
-
-
-8
-
-Plötzlich leuchtet ein helles Rot durch die Menge, das weithin blendende
-Rot eines Mantelaufschlages.
-
-Ein Gesicht, rosig angehaucht wie ein Steingebirge beim Ausgang der
-Sonne, wandelt die Linden einher.
-
-Die Spaziergänger bleiben neugierig stehen. Einer von jenen, die Gut und
-Blut der Nation in den Händen halten! Ehrfürchtig lüften sich die Hüte,
-die Augen glänzen.
-
-Es hätte nicht viel gefehlt, und man hätte dem General, der mit Otto die
-Linden entlangging, eine Ovation dargebracht, obgleich er an den
-Zehntausenden von Gefangenen gänzlich unschuldig war. Der General hob
-die Hand zum Gruße. Er nahm diese Äußerung der Begeisterung mit Würde
-und Bescheidenheit entgegen. Sie galt selbstverständlich nicht ihm, sie
-galt der unvergleichlichen Armee, sie galt den Begnadeten, Angebeteten
-und Vergötterten, die jetzt, in diesem Augenblick, das hohe Spiel
-spielten -- da draußen . . .
-
-Die Miene des Generals war verschlossen und gesammelt wie immer.
-Trotzdem ein großer, ja ein auffallender Unterschied! Während sich sonst
-der Blick in die grauen Augenhöhlen verkroch -- selten nur, höchst
-selten bot der General seine Augen den neugierigen, zudringlichen
-Blicken der Mitmenschen dar -- standen heute die Augen offen und
-blendeten. Ihr Blick war erwärmt, wie wenn die Sonne das Eis leckt.
-Zufriedenheit leuchtete in der Tiefe und Triumph, ein stiller,
-zurückgedämmter Triumph. Und zudem ging der General zu Fuß, was nur in
-äußerst seltenen Fällen vorkam. Zuweilen ließ er sich von Schwerdtfeger
-in eine entlegene Allee des Tiergartens fahren, um einige Minuten
-spazierenzugehen, immer hin und her, die Hände auf dem Rücken, höchstens
-eine Viertelstunde. Manchmal legte er auch den Weg von Dora nach Hause
-zu Fuß zurück, wenn es spät wurde. Aber das waren, wie gesagt,
-Ausnahmen.
-
-Er hatte Schwerdtfeger vor dem Brandenburger Tore halten lassen und
-beschlossen, den Weg bis zu Stifters Diele zu Fuß zurückzulegen. Zur
-großen Genugtuung Ottos, der, seit acht Tagen aus dem Lazarett entlassen
-und den ganzen Tag in einem Kriegsamt tätig, das Gewimmel der Menschen
-liebte.
-
-»Diese Menschen!« sagte der General.
-
-Und erst an jenem Tage, wie da die Linden von Menschen wimmeln würden --
-an jenem Tage! Kopf an Kopf, an den Fenstern und auf den Balkonen,
-schwarz die Dächer, die Luft erfüllt von Fliegern und Luftkreuzern.
-Triumphpforten, die ganzen Linden entlang, Musik -- und der Schritt der
-siegreichen Armee, die in die Heimat zurückkehrte, dröhnend vom
-Morgengrauen bis zum Sinken der Sonne -- jenes Dröhnen, unter dem die
-Welt erbebt war. Die Fahnen geschmückt mit Lorbeer . . .
-
-Niemals konnte der General das Brandenburger Tor passieren, ohne daß die
-Vision des heimkehrenden Heeres vor ihm aufstieg. Heute aber hörte er in
-der Tat das Dröhnen der Schritte, heute sah er die bekränzten Kanonen
-zwischen den schwarzen Menschenmauern rollen. Diese wunderbaren,
-schweigenden Rohre, die so herrlich ihre Pflicht getan hatten! Das
-Geschrei der jubelnden Menge, Tücherwinken auf den Tribünen -- gab es
-etwas Ergreifendes für ihn, etwas wirklich Ergreifendes, so war es
-dieser Gedanke. Ohne Zweifel, es würde der glücklichste Tag seines
-Lebens werden!
-
-Unverkennbar, die Ähnlichkeit der beiden! Dieselben breiten Gesichter,
-beim Alten grau im Unterton, mit einem dünnen Anflug von Rot darüber,
-beim Jungen bleich, mit dem satteren Rot der Jugend auf den Lippen.
-Dieselben Augen, kühn und nachdenklich beim Alten, verwegen und
-leichtsinnig beim Jungen.
-
-Der Alte mit einem sonderbaren Kreuz zwischen den roten Aufschlägen, der
-Junge die Brust mit Auszeichnungen übersät, eine Narbe an der Stirn, und
-die linke Hand steif in einem schwarzen Handschuh, verwundet, offenbar.
-Beide groß, massig.
-
-Otto versuchte, mit dem Vater Schritt zu halten. Das war nicht so
-einfach. Denn die Schritte des Generals waren unregelmäßig, und zuweilen
-schwankte er auch, unmerklich. Er war das Gehen nicht gewöhnt, von
-Gedanken erfüllt, die seinen Gang beeinflußten.
-
-Der Blick des Generals war voller Ruhe in die Weite gerichtet -- Ottos
-Blick dagegen flog blitzschnell hin und her. Die langen Wochen im
-Lazarett, vergessen und vorbei. Das letztemal, Gott sei Dank! Er hatte
-es ausgerechnet, ein volles Jahr, zwölf volle Monate lag er während des
-Krieges im Lazarett. Vier volle Monate mit diesem verdammten Kopfschuß,
-einen Monat mit der Ruhr, zwei Monate mit einer niedlichen Gasvergiftung
-und so weiter -- und schließlich diese Kleinigkeit mit der Hand. Die
-nette Schwester hatte ihm ja den Aufenthalt im Lazarett so angenehm wie
-möglich gemacht, trotzdem, sein Bedarf war reichlich gedeckt.
-
-Nein, Otto sah keine bekränzten Kanonen, fiel ihm gar nicht ein, er sah
-nur -- Frauen! Drei Jahre Front, nur Männer, pfui! -- ein Jahr Lazarett
--- ja also nichts anderes. Über jede gutgekleidete, junge Frau, mit
-anderen beschäftigte er sich überhaupt nicht, zuckte sein verwegenes
-Auge. Kein Knöchel, kein Schuh, keine Hüfte, keine Locke entging ihm.
-Jene Kleine, zum Beispiel, Dutzendware! Jene Kleine aber, unscheinbar,
-voller Geheimnisse. Jene dunkle, die das Auge sofort unter dem Blick
-erweiterte -- lüstern! Aber jene Schüchterne, Blasse, die dem Blick
-augenblicklich auswich -- gepeinigt von entsetzlichen Wünschen. Sie
-verstand augenblicklich.
-
-Die Augen der Frauen sprühten auf, zuckten zusammen, verbargen sich.
-Manche umschmeichelte Otto weich und schwärmerisch, anderen fuhr sein
-Blick wie ein Dolch in die Augen, brutal und unzweideutig. Er behandelte
-sie individuell, ganz wie er sie einschätzte. Viele erröteten unter dem
-frechen Blick des unverschämten Offiziers. Aber Ottos Eitelkeit deutete
-die Schamröte völlig falsch.
-
-Dieser Nacken, dieses Schenkelpaar und jenes herrliche, volle Wiegen der
-Hüfte -- drei Jahre Front und ein Jahr Lazarett hatten den Sohn des
-Generals völlig zerstört.
-
-Ja, das war das Leben, und er gedachte seine Zähne in dieses Leben zu
-schlagen, wie ein Tiger sein Gebiß in die Gazelle schlägt, er gedachte
-mit beiden Händen darin zu wühlen, wie in blutigem Fleisch. Sein Gehirn
-war angefüllt mit weiblichen Körpern, weiblichen Linien, Schwellungen,
-Frauenlippen, Frauenhaaren, gestammelten Worten, Schreien. Ja, Tag und
-Nacht wollte er dieses Leben an sich reißen, jede Minute, die der Dienst
-frei ließ. Er wollte sie nachholen, diese vier elend vergeudeten Jahre.
-Tag um Tag --
-
-Keine zehn Pferde würden mehr imstande sein, ihn wieder zur Front, ins
-Feuer zurückzubringen. Alles, die Hölle, wenn du willst, nur nicht ein
-Ort, wo scharf geschossen wurde! Schon der Gedanke -- und doch, früher
-hatte er sich oft danach gesehnt, die Sprengstücke pfeifen zu hören. Oft
-hatte er sich dem Feuer absichtlich ausgesetzt, unverständliche,
-perverse Laune -- und die Geschosse peitschten dicht an seinem Ohr
-vorbei! -- unbegreiflich!
-
-Und seine Eitelkeiten -- wie lächerlich waren sie doch! Wie
-unverständlich. Um in der Heimat von ein paar Gänsen bewundert zu
-werden! Was galten ihm jetzt die Ordensauszeichnungen?
-
-Nein, um offen zu sein, auf den Heldentod legte er keinen Wert mehr!
-Welch erbärmlicher Schwindel war es doch: süß ist es und ehrenvoll für
-das Vaterland zu sterben! Nur noch Gymnasiasten glaubten es, oder Leute,
-die nie den schrecklichen Tod da draußen erblickt hatten. Heute wußte
-er, daß es nichts als verlogene Phrasen waren, mit denen
-nationalistische Redner und Redakteure, die sich selbst in Sicherheit
-befanden, andere ins Gemetzel hetzten. Überlassen wir das Heldentum den
-Stierkämpfern, die dafür bezahlt werden, hatte Ströbel einmal zu ihm
-gesagt -- und er hatte ihn deswegen verachtet. Jetzt aber begriff er
-ihn.
-
-Ja, er hatte sich sehr geändert, Otto!
-
-Er begriff kaum mehr sein Denken und Tun, das nur ein Jahr zurücklag.
-War er es wirklich gewesen?
-
-Zum Beispiel, als er seinerzeit bei Langemarck den schwerverwundeten
-französischen Offizier in den Graben holte! Holte, ganz einfach holte,
-und auf alle Metallstücke pfiff, die sich mit fünfhundert oder tausend
-Metern in der Sekunde vorwärts bewegten. Nein, heute würde er, Otto, bei
-Gott niemand mehr hereinholen -- nicht einmal seinen Vater -- höchstens
-ein schönes, junges Mädchen, und sie nur unter bestimmten Bedingungen.
-
-Der Sohn des Generals war heute nichts anderes mehr als ein Schamloser,
-offen gesagt. Keck und herausfordernd schritt er neben dem General
-einher, jeden einzelnen der bewundernden Blicke genießend, die sich auf
-seine glitzernden Sterne und Auszeichnungen hefteten. Der Mensch
-spiegelt sich im Menschen. Wie alle Armeen, spekulierte auch die
-deutsche auf den armseligsten Instinkt des Menschen, die Eitelkeit. Otto
-hatte absichtlich den Mantel zu Hause gelassen, obschon es noch
-keineswegs warm war.
-
-»Ha!« lachte der General vor sich hin.
-
-»Wie, bitte, Papa?«
-
-»Diese Menschen, sie sind närrisch!«
-
-Plötzlich errötete Otto. Sein Blick zuckte unruhig, die Narbe an seiner
-Schläfe, die von dem Kopfschuß geblieben war, färbte sich rasch und
-flüchtig tiefrot. Ein schnelles, vornehmes, offenes Auto rauschte vorbei
-und darin saß -- Hedi!
-
-Hedi -- in einem pompösen Pelz, wehende Federn auf dem Hute -- einen
-wollhaarigen, fetten, kleinen Hund auf dem Schoß.
-
-Sie sah ihn nicht, sie sah überhaupt nicht auf die Straße. Sie saß wie
-eine Dame, die es gewöhnt ist, in ihrem Wagen durch die Menge zu gleiten
-und nichts mehr dabei findet.
-
-Es war keine Überraschung mehr für Otto. Vor ein paar Tagen traf er in
-einer Teestube Unter den Linden, wo viel Halbwelt verkehrte, die kleine
-Saharet, und sie hatte ihm erzählt, daß Hedi Ströbels »Privatsekretärin«
-geworden war. Ströbel hatte die Saharet vor die Türe gesetzt, höchst
-einfach, ein paar braune Lappen -- und dann war die andere, wie die
-Saharet sagte, gekommen. Also Hedi Westphal die Nachfolgerin der
-Saharet! War es nicht zum Schießen komisch? Immerhin, Hedi erhob sich
-weit über den Durchschnitt all dieser schnatternden Gänse -- aber sie
-war kalt, kalt und berechnend, nichts als eine Egoistin. Und nichts war
-Otto mehr zuwider als Egoisten. Aber als Privatsekretärin hätte er Hedi
-schließlich auch engagiert. Ja, dieser Ströbel!
-
-Einen einzigen großen Nachteil hatte diese Angelegenheit: er würde
-leider gezwungen sein, den Verkehr in Ströbels »Hotel« einzustellen --
-schade, sehr schade.
-
-
-9
-
-Sogar bis in Stifters Diele war die Welle der Begeisterung gedrungen.
-Man vernahm heute sogar Lachen, das helle Lachen einer Dame, ein sonst
-ganz unerhörter Vorgang in Stifters Etablissement. Knall! Schon knallte
-es, ganz wie an der Front, wenn die Flieger kamen. Drei, vier Tische
-tranken Sekt.
-
-Man feierte den Sieg, wollte nicht kleinlich sein heute, ein Glas auf
-das Wohl der herrlichen Burschen da draußen leeren. Die beiden
-Rittmeister, die den General zuweilen irritierten, hatten einen ganzen
-Kreis von Freunden geladen, und der raunende Oberkellner schleppte
-Flaschen unter beiden Armen. Ein Toast -- und dreimal, gedämpft, aber
-begeistert, hurra! Die Kelche klirrten.
-
-Mit Neid beobachtete Otto die Ausgelassenheit nebenan. Wie gerne wäre er
-bei ihnen unten gewesen. Ja, man mußte es ihnen lassen, sie legten ein
-ordentliches Tempo vor! Papas Gesellschaft dagegen -- nun Gott sei Dank
-war es nur dieser eine Abend. Er hatte es Papa heute nicht abschlagen
-können. Schließlich war er ja um zehn Uhr, elf Uhr spätestens frei. Von
-elf Uhr an wurde er erwartet.
-
-Schweigend nahm der General die ersten Gänge ein. Seine Augen waren
-geweitet, und der Blick ging in die Ferne. Er dachte an den 4., 5. und
-6. August -- damals, Quatre vents!
-
-Er hörte deutlich das Feuer, das furchtbare Feuer, das damals rings um
-ihn tobte -- so, genau so, würde es heute da draußen toben, rollen wie
-die Brandung eines höllischen Meeres -- von Horizont zu Horizont.
-Krachen, Stampfen, der Himmel stürzt ein, und die Erde klafft in
-Spalten. Ja, sie sollen es jetzt nur schmecken, das Gelbkreuz und
-Blaukreuz -- diese Unbelehrbaren! Ein Lächeln ohne Erbarmen, voll
-grausamen Triumphs, umspielte die blauen Lippen des Generals.
-
-Deutlich sah der General das rauchende Schlachtfeld vor sich. Aber, was
-er nicht sah, das war der kleine, krummbeinige Schneider Hanuschke --
-der seinerzeit, als Ordonnanz, versehentlich in sein Arbeitszimmer
-rannte, und den Unwillen Seiner Exzellenz erregte -- dieser Schneider
-Hanuschke, mit dem Querschläger zwischen den Mausaugen, der in dieser
-Minute, da der General einen Spargel durch die Zähne zog, um sein Leben
-lief. Nein, ihn sah er nicht.
-
-Wie ein Blitz fegte der kleine, krummbeinige Hanuschke über einen
-zerwühlten Acker und verschwand in derselben Sekunde in einer Erdspalte,
-da der General die ausgesogene Spargelstange auf den Teller legte.
-
-Man hatte ihn zu den Strippenflickern kommandiert, das heißt sie mußten
-die zerstörten Telephonleitungen ausbessern. Eine böse Sache.
-
-Im gleichen Augenblick knallte es auch schon, und Hanuschke zog den Kopf
-ein. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht -- ganz
-wie damals, als er das Arbeitszimmer des Generals hinter sich hatte, mit
-der gleichen Bewegung -- und schon flitzte er wieder wie das Wetter
-selbst über den Acker, und schon stürzte er sich wieder in ein Loch
-hinein, diesmal in einen Granattrichter. Dieser Teufel, dieser
-verfluchte Teufel, keuchte er und horchte -- (der General goß eben
-Fachinger in sein Glas) -- niemals in seinem Leben hatte der Schneider
-etwas Derartiges erlebt. Er, er ganz persönlich, wurde von einem
-englischen Flieger verfolgt, der ihn für einen Meldeläufer oder Gott
-weiß was hielt. Dieser Teufel ging bis auf zehn Meter herunter, erspähte
-ihn immer wieder und warf kleine Bomben herab. Er sah deutlich sein
-Gesicht, die kleine Bombe in der Hand, selbst den gestutzten kleinen
-Schnurrbart über den Zähnen -- dieses Granatloch bot keine genügende
-Deckung, und wieder schoß der kleine Schneider dahin -- jenem Wäldchen
-zu: erreichte er es, so war er gerettet. Der Schweiß rann ihm in Strömen
-übers Gesicht. Solch ein Teufel, ein verfluchter! --
-
-Der General zog eine neue Spargelstange durch die Zähne.
-
-»Und du?« fragte er, ohne Otto anzusehen, nach seiner Gewohnheit.
-
-»Wie beliebt, Papa?«
-
-»Und du?«
-
-»Was soll ich?«
-
-Der General, in Gedanken, schwieg eine Weile, dann begann er wieder:
-»Ich meine -- für dich muß es doch unerträglich sein, nicht an der Front
-zu sein -- gerade jetzt?«
-
-Otto errötete.
-
-»Jetzt, wo für ein Jahrhundert oder länger der Lauf der Geschichte
-bestimmt wird. In vier Wochen vielleicht, sagt der Arzt?«
-
-»Vier Wochen ist der früheste Termin.«
-
-»Der früheste --?« der General wiegte bedauernd den Kopf. »Weiß Gott,
-wie die Lage in vier Wochen sein wird, wenn es so weitergeht.«
-
-Nun, Gott mochte es wissen und seine Freude daran haben, ihm, Otto, war
-es höchst einerlei. Er glaubte nicht recht daran, diese ganze Sache kam
-ihm abenteuerlich im höchsten Maße vor. Er ergriff die Gelegenheit und
-brachte dem Vater schonend bei, daß er sich im Westen, in der Nähe
-seines neuen Amtes, ein Zimmer gemietet hatte, weil der Dienst schon
-morgens um sieben Uhr begann. Die Wahrheit war, daß er sich der
-väterlichen Kontrolle entziehen wollte.
-
-»Der Dienst in erster Linie«, erwiderte der General. Er hielt inne.
-
-Am Nebentisch wurde ein neuer Toast ausgebracht. Drei kurze Hurras,
-schon etwas lauter: der Kaiser!
-
-Der Takt gebot, während des Toastes zu schweigen. --
-
-Aber Hanuschke, der Schneider Hanuschke? Was ist mit ihm?
-
-Der kleine, krummbeinige Schneider fegte immer noch über das Feld, dem
-rettenden Wäldchen entgegen. Sein Hemd, soweit man von einem Hemd reden
-konnte, klebte naß an seinem Körper. Hatte man je während dieses ganzen
-Weltkrieges davon gehört, daß man einzelne Leute mit Flugzeugen jagte?
-Über diesem Wäldchen zerplatzten Schrapnelle, gelbe und graue Spinnen,
-aber das war schließlich das Paradies gegen diesen englischen
-Doppeldecker. Seine zerfetzten Hosen klebten an den Schenkeln. Er setzte
-über einen gefallenen deutschen Artilleristen, der mit aufgeschlitztem
-Hals dalag, hinweg -- schon brauste das Brummen wieder hinter ihm her.
-Da aber schrie Hanuschke vor Entsetzen auf. Der Engländer mit seinem
-gestutzten, kleinen Schnurrbart schien jetzt aufs Ganze zu gehen. Er
-flog dicht über dem Boden, und schien es darauf anzulegen, ihn zu
-überfahren. Er hatte neulich gesehen, wie ein deutscher Beobachter mit
-dem Fallschirm aus einem Fesselballon absprang, den ein feindlicher
-Flieger in Brand schoß. Sollte man es für möglich halten: der feindliche
-Flieger kam zurück und schoß auf den mit dem Fallschirm abstürzenden
-Beobachter, der verzweifelt mit den Beinen ruderte. Das sah komisch aus,
-wie er in der Luft ruderte, und er, mit anderen Kameraden, hatte laut
-aufgelacht -- aber diese Sache war nicht zum Lachen. Im Gegenteil, dem
-Schneider passierte etwas, was ihm seit dem ersten Gefecht nicht
-passiert war. Im letzten Augenblick warf er sich zu Boden, und die
-Maschine rauschte über ihn hinweg. In voller Geschwindigkeit stießen die
-Räder auf den Boden, daß der Staub aufwirbelte, und die Maschine wie ein
-Ball geworfen wurde. Sollte er verrecken, der Teufel! Aber der Teufel
-kletterte in die Höhe und drehte wieder um. In seiner Verzweiflung lief
-der kleine Schneider ihm entgegen, durch, krach, aber durch, Glück mußte
-man haben. Wirbelnd wie eine Windmühle, mit Beinen und Armen fegte er
-dem Wäldchen zu. Plötzlich aber versank buchstäblich der Boden vor
-seinen Füßen. Er stürzte und wurde von einer Welle von Erde zugedeckt.
-Er rang nach Luft, übergab sich und machte sich bleich und völlig
-kraftlos von der Erde frei. Etwas ganz Unerwartetes war geschehen,
-etwas, womit er gar nicht gerechnet hatte: eine Granate hatte
-eingeschlagen.
-
-Zitternd taumelte er vorwärts, keine Kraft mehr. Sein Gesicht blutete.
-
-Zwanzig Schritte noch, zehn Schritte -- da war er.
-
-Dampfend warf er sich unter die Bäume und weinte. Es war kein geringer
-Schreck gewesen. Und er dachte an den Volltreffer seinerzeit -- bei
-Souchez -- wie der Feldstecher neben ihm herunterkam -- und er dachte,
-daß er einmal anstatt ins Zimmer Nummer 6, ins Zimmer Nummer 7 lief und
-plötzlich einem General gegenüberstand. Hätte er diese Dummheit nicht
-begangen, damals, wer weiß, ob er nicht heute noch gemütlich in Berlin
-säße?
-
-Ja, er weinte, aus nervöser Erschöpfung, aus keinem anderen Grunde, denn
-die platzenden Schrapnelle, die Batterien suchten, störten ihn nicht im
-geringsten. --
-
-Gerade als der General bei dem gefüllten Pfannkuchen angekommen war, war
-Hanuschke in seinem Wäldchen verschwunden.
-
-Der General handhabte einen Zahnstocher.
-
-Sein Blick ging, etwas düster, über die Tischgesellschaft der beiden
-Rittmeister hinweg.
-
-»Ruth macht mir Sorge!« sagte er.
-
-»Ruth?«
-
-»Ja. Sie macht mir Sorge!«
-
-»Aber dieser Dietz war ja auch nichts für sie, Papa. Ein oberflächlicher
-Mensch.«
-
-»Oberflächlicher Mensch?« Voller Erstaunen blickte der General Otto an.
-
-»Ja, gewiß. Herzlich oberflächlich, Papa.«
-
-Der General schüttelte den Kopf.
-
-»Das ist es nicht . . .« Und er versank in Nachdenken. Nun, Otto konnte
-sich wohl denken, was es war! Ruth war wahrscheinlich unvorsichtig genug
-gewesen, es sah ihr ähnlich, vor Papa ihre Anschauungen auszupacken.
-Otto hatte sich nie viel um Ruth bekümmert, wie es in ihrer Familie von
-jeher üblich war, jeder lebte für sich. Aber in letzter Zeit sprach er
-häufig mit ihr. Er trank sogar einmal Tee in ihrem kleinen Salon,
-immerhin eine Leistung für einen Bruder. Seit er aber mit Ruth über Tod
-und Teufel, wie er es nannte, gesprochen hatte, hielt er Ruth für einen
-der vernünftigsten Menschen seines ganzen Bekanntenkreises, von der
-Verwandtschaft gar nicht zu sprechen. Sie hatte sich ihr Urteil über die
-verschiedensten Dinge gebildet -- er wollte nur so viel sagen -- noch
-vor einem halben Jahr hätte er sie für völlig verrückt gehalten. In
-mancher Beziehung allerdings schien es sogar ihm, daß ihre Ansichten --
-besonders für eine Dame, eine Dame -- kein Wunder -- der arme Papa!
-
-Er forschte nicht weiter, und der General schwieg.
-
-Eine blaue Flamme hypnotisierte Otto, sie tanzte mitten auf dem Tisch
-der Gesellschaft nebenan. Es war eine »Feuerzange«, eine hochprozentige
-Bowle. Ja, wie gerne wäre Otto hinabgestiegen.
-
-Ganz ohne jeden Übergang begann der General plötzlich über die Regierung
-zu sprechen, deren Unfähigkeit klar zutage trat, wohin sollte es führen?
-Und der Kaiser? Nur sie allein, jene Männer, die die Armee von Sieg zu
-Sieg führten, waren imstande, den Frieden zu machen.
-
-Es entging dem General völlig, daß die Gäste des stillen Restaurants in
-diesem Augenblick von einer eigentümlichen Erregung ergriffen wurden.
-Erst als alle Köpfe sich nach einer bestimmten Richtung drehten, wurde
-auch Otto aufmerksam. Irgend etwas wie ein großer Hund schien über die
-Teppiche des Restaurants zu schleichen, und die Gäste mit Unbehagen, ja
-Grauen zu erfüllen. Einige runzelten die Stirne, die Brauen der Damen
-waren entsetzt hochgezogen. Am Tisch der Rittmeister stockte plötzlich
-die Unterhaltung.
-
-Es war indessen kein Hund, der über die dicken Perserteppiche von
-Stifters Diele kroch, sondern ein Mensch, ein Soldat in Feldgrau, der
-sich auf zwei kurzen Krückstöcken dahinschleppte und seine gelähmten
-Beine hinter sich herschleifte, während schreckliche Zuckungen seinen
-Körper schüttelten. Auf seinem Kopf saß eine kleine graue Feldmütze, und
-erst an der Mütze erkannte Otto, daß der Krüppel ein Soldat war.
-Unerhört, dachte er, einen solchen Menschen auf die Öffentlichkeit
-loszulassen!
-
-Die Gewandtheit des Oberkellners half den Gästen über die peinliche
-Szene rasch hinweg. Es gelang ihm, das menschliche Gespenst, das direkt
-aus den Schützengräben in Stifters Diele gekrochen kam, mit seinem
-raunenden Gebrummel zum Umkehren zu bewegen.
-
-Die Gäste atmeten auf. Sofort setzte am Tisch der Rittmeister wieder die
-fröhliche Unterhaltung ein.
-
-Der General hatte in seiner Nische von dem ganzen Vorfall nicht das
-geringste bemerkt. Während aber der Oberkellner die Türe öffnete, um den
-Unglücklichen hinauszulassen, drang das feierliche Läuten der Glocken
-herein, die den Sieg einläuteten.
-
-Da ergriff der General das Glas und erhob sich.
-
-»Unser Vaterland, Otto!« sagte er.
-
-Und Otto sah, zu seiner größten Überraschung, daß die Augen des Generals
-feucht schimmerten. Nie in seinem Leben hätte er das für möglich
-gehalten.
-
-Auch sie wird nicht wenig staunen, wenn ich es ihr erzähle, dachte er.
-
-
-10
-
-Schrecklich fiel das Geläute der Glocken in Ackermanns Herz.
-
-Die Luft, schimmernd über der Riesenstadt, heulte und stöhnte. Die
-Todesschreie von Tausenden, Jammern und Röcheln, Klagen der Witwen und
-Gewinsel der kleinen Waisen, die nicht wissen, weshalb sie schrein
-. . . Wie riesige Mäuler voll Blut schwangen die ehernen Glocken über
-der Stadt und erbrachen Entsetzen über die Dächer.
-
-Wenn du noch an Gott glaubst, so knie nieder . . .
-
-Er hatte sie gesehen -- nicht sie -- die die Hüte schwangen! -- hatte
-sie gesehen -- die Felder, über die der Sturm ging. Allmächtiger! Gnade,
-Gnade in deinem Zorn! Da liegt er -- Ebenbild Gottes, Sohn einer Mutter,
-in Schmerzen geboren, in Sorgen großgezogen -- er ist tot -- er wird
-sterben -- er stirbt -- Da liegt er wieder -- -- und hier, hier, Stücke,
-Fetzen -- er ist dahin . . .
-
-Grau war Ackermanns Gesicht.
-
-Grüppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich gegenseitig stützen,
-immer wieder fallen, und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie
-hinweg -- Unglückliche, die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht
-gnädig ist. Und die Verbandplätze, wo die Ärzte mit schweißigen, stieren
-Augen arbeiten -- und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie weg
-. . .
-
-Sonderbarerweise fiel ihm in diesem Augenblick ein längst vergessenes
-Erlebnis ein. Das Regiment hatte gestürmt. Über einem zerschossenen
-englischen Graben lag, das Haupt zurückgebogen, ein toter Inder. Schön
-und edel, den Adel seiner tausendfach geschändeten und vergewaltigten
-Rasse in den Zügen. Und -- was denkst du? -- die schweißnassen,
-blutnassen, rauhen Hände der Kameraden, die rauhen Hände von Arbeitern
-und Bauern streichelten das Gesicht des toten Inders, während sie
-vorübergingen. Streichelten es, einer um den andern. Schön bist du! --
-Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. -- Nun, mein Junge, dich hat es
-gepackt! -- Liebkosten ihn -- den _Bruder!_
-
-Den Bruder, den Bruder!
-
-Wie Keulenschläge trieben die Glocken Ackermann vorwärts. Sein
-flatternder Mantel flog dahin.
-
-Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott weiß es!
-
-Einer mußte den Anfang machen! Einer mußte sich den im Wahnsinn
-dahinjagenden Völkermassen entgegenwerfen -- einer mußte das Signal
-geben, selbst Signal sein -- einer, einerlei, ob man ihn niederschlug,
-in Stücke zerriß. Einer, andere würden folgen, mehr, immer mehr!
-
-Einer, ja, einer --
-
-Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzückung lag auf Ackermanns
-Antlitz.
-
-»Nun wohl, ich bin bereit!« rief er.
-
-Bereit, bereit? Wozu bereit?
-
-»Nun bereit, einfach bereit!«
-
-Es war beschlossen. Seit heute, seit gestern, seit Monaten, seit Jahren.
-Es war beschlossen, seit er 1914 bei Langemarck stürmte, und die Reihen
-der Kameraden auf rätselhafte Weise dahinsanken. Nun wußte er es. Gott
-hatte ihn geprüft und auserwählt.
-
-Alles war vorbereitet. Die Broschüre war fertig. Richard, sein jüngerer
-Bruder, würde sie wie anderes früher in der Provinz drucken lassen --
-die Freunde würden sie vertreiben. Die Mutter? Sie mußte begreifen. Und
-Ruth? Ruth war tapfer. Es war alles in allem nicht die Zeit, an diese
-Dinge zu denken.
-
-»Vorwärts! Vorwärts!« Die Glocken heulten es, die Todesschreie in der
-Luft, das Röcheln der Sterbenden, das Jammern der Witwen und Winseln der
-armen Waisen -- die Kameraden riefen es ihm zu, über die jetzt, in
-dieser Minute, die furchtbare Bahn der Granate hinwegheulte, die
-Kameraden, die jetzt mit starren Augen lagen, Freund wie Feind, die
-jetzt verbluteten, Freund wie Feind -- alle, alle: vorwärts!
-
-»Ackermann! Ackermann!« riefen warnende Stimmen in der Luft.
-
-Er blieb stehen und warf die Blicke empor zu den unbekannten Stimmen in
-der Luft.
-
-»Ackermann! Ackermann!«
-
-»Bereit -- bereit!« rief Ackermann und eilte weiter.
-
-
-11
-
-Im Augenblick hatte der schmächtige junge Mann die Fenster geöffnet und
-die Rolladen hochgezogen. Es sah aus, als sei Kunze soeben von der Reise
-zurückgekehrt und nehme seine Wohnung in der Blücherstraße wieder in
-Besitz. Eine Schicht von Staub und Sonne lag über den Dächern draußen,
-und feierlich brodelte darin das Läuten der Glocken.
-
-»So, so -- immer hereinspaziert!«
-
-Zögernd schob sich der kleine Herr Herbst über die Schwelle. Es mußte ja
-sein, es gab kein Entrinnen mehr vor dem jungen Mann mit dem Kneifer. --
-Ein Block von Licht brach in die dunkle Wohnung, und er schloß, wie
-versengt, die Augen -- aber was half es denn? Nichts. Er hatte ihn ja
-doch gesehen, trotzdem, ja ohne hinzublicken: den Haken über der Türe
-zum Schlafzimmer. Nur ihn sah er -- nichts sonst -- diesen Haken.
-
-Ah, ah, ah!
-
-Ächzend sank er in einen Sessel und krümmte sich zusammen.
-
-»Nun, sofort, mein verehrter Herr!« rief Kunze etwas keuchend aus. Eine
-Schweißperle lief über seine Stirn. Jede körperliche Tätigkeit, auch die
-geringste, erschöpfte ihn augenblicklich. »Die Lunge, wissen Sie.
-Sofort, sofort zu Ihrer Verfügung.« Fieberhaft kletterten seine raschen
-Augen über Möbel und Wände. Er verbarg sein Erstaunen nicht, nein, wozu
-denn, vor wem denn? Er staunte -- staunte, mit offenem Munde!
-
-Die rote Plüschgarnitur des Wohnzimmers, heute allein ein Vermögen wert!
-Die Gaskrone mit Glasprismen, der rote Teppich, überall Vasen, Nippes,
-goldene Bilderrahmen -- eine kleine Palme in der Ecke, daneben ein
-Grammophon. Die Vorhänge und Gardinen kunstvoll drapiert über den
-Stangen. Das Schlafzimmer schneeweiß! Und peinliche Ordnung und
-Sauberkeit, bis auf den Staub, der sich da und dort angesammelt hatte.
-
-Alles in allem: ein behagliches Bürgerheim, die Wohnung eines Bürgers in
-guten Verhältnissen -- aber _verlassen!_
-
-»Und da hausen Sie nun in diesem Loch, in dieser Mietkaserne -- und hier
-haben Sie eine prächtige Wohnung!« rief Kunze in äußerstem Erstaunen
-aus.
-
-Herbst entgegnete nichts. Er hatte den steifen Hut aufbehalten und saß
-zusammengekrümmt, so daß sein Gesicht nicht zu sehen war. Die schmalen
-Schultern in dem abgeschabten, rostfarbenen Havelock zitterten.
-
-»Ist es zu glauben? Ja eine prächtige Wohnung! Und Sie haben keine Angst
-vor Einbrechern? Mein Himmel! Tag und Nacht wird ja jetzt gestohlen in
-Berlin. Die Stadt wimmelt von Dieben und Einbrechern. Bataillone, Armeen
-von Dieben und Spitzbuben sind an der Arbeit!«
-
-»Niemand« -- krächzte hier der Havelock -- »kein Einbrecher würde es
-wagen. Auf der Schwelle würde er umkehren! Niemand!«
-
-Kunze lachte laut und belustigt. Er warf den dünnen Überzieher und das
-grüne Hütchen auf einen Sessel und schnüffelte von neuem durch die
-Wohnung. Er war ganz in seinem Element. Seine kleinen Augen, die stumpf
-und dumm hinter den Gläsern aussahen, glänzten vor Begierde. In
-Schränke, Schubfächer, Nachttische, sogar hinter Vorhänge steckte er die
-spitze Nase. Jedenfalls, das stand fest, jedenfalls würde er sich in den
-Besitz dieser Wohnung setzen -- er würde sie einfach für Dienstzwecke
-anfordern, ein Federstrich, und hier war er. Man konnte hier die
-verwöhntesten Damen empfangen -- und in welch elendem Loch hauste er
-doch zurzeit!
-
-In der Küche streckte er vor Überraschung die Zunge aus dem Munde.
-Ahnungslos, ja, ohne überhaupt etwas zu denken, hatte er dieses Spind
-geöffnet, und siehe da: Wein, Wein, Flasche an Flasche! Bordeaux,
-Burgunder, Mosel, drei, vier Dutzend, und alles Friedensware! Nicht zu
-bezahlen heute. Wein, seine Wonne, seine --! Im Nu, völlig automatisch,
-hatte er eine Flasche entkorkt.
-
-Und das Geheimnis dieses kleinen Alten, der dunkle Punkt? Es war ihm
-nicht bange.
-
-»Welche Reichtümer, Herr Herbst!« lachte Kunze, als er mit der Flasche
-aus der Küche zurückkam. »Ein sonderbarer Heiliger sind Sie! Nun wollen
-wir aber Ihre Heimkehr in Ihre Wohnung feiern. Ich darf eingießen? Nun,
-ein Gläschen werden Sie nicht ausschlagen, wie? Ja, herrlich ist es
-hier, direkt anheimelnd, als ob ich zu Hause wäre.«
-
-Ohne Umstände machte er es sich auf dem Plüschsofa bequem.
-
-»Auf Ihre Gesundheit, Herr Herbst!«
-
-Herr Herbst hatte den Hut abgenommen -- aufgeschreckt durch das laute
-Freudengeschrei in der Küche und das Knallen des Korkes -- und sein
-kleiner, gelber, verrunzelter Kopf erschien Kunze wie eine Rübe, eine
-wirkliche Rübe, die da und dort schon etwas Schimmel angesetzt hat.
-
-»Ja, direkt anheimelnd. Ganz wie bei uns zu Hause. Mein Vater -- sagte
-ich Ihnen das schon? -- ist Prediger in einem Kirchspiel. Liebt sein
-Weinchen, seine Zigarren und lobt den Herrn! Ja, so ist er nun einmal,
-sehen Sie. Sobald er aber in seinen Talar schlüpft, versteht er keinen
-Scherz mehr, nein, ich bitte Sie -- um Gottes willen, ernst, würdevoll,
-der Hirte seiner Schäfchen. Als nun der Krieg ausbrach, da sagte er zu
-mir: >Melde dich sofort, eile zu den Fahnen, es ist deine sittliche
-Pflicht, ziehe hinaus. Kämpfe<, so redete er -- der kategorische
-Imperativ -- Kant -- er ist Philosoph, mein Vater -- ah, ah, was für ein
-Weinchen!«
-
-Auf der Kommode, dem roten Plüschsofa gegenüber, stand in einem breiten
-Rahmen die vergrößerte Photographie eines jungen Soldaten mit frischem,
-keckem Jungengesicht. Ein Jäger, feldmarschmäßig ausgerüstet, den
-Gewehrlauf mit Blumen geschmückt. Der Rahmen des Bildes war mit
-Trauerflor umhüllt, ein Paar Leuchter mit herabgebrannten Kerzen,
-standen davor. Das war er wohl, sein Sohn, der gefallen war. Wie hieß er
-doch -- Robert.
-
-An der Wand, über dem Jäger mit dem frischen Jungengesicht, aber hingen
-zwei Bildnisse in ovalen Rahmen: eine etwas korpulente Dame mit voller
-Büste, vollen Wangen, einem kleinen Fettkinn und auffallend großen
-runden Augen. Die Dame lächelte freundlich, gutmütig, ein bißchen
-verlegen. Eine Kette mit einem großen Kreuz trug sie um den Hals.
-Daneben: ein Herr, etwas hochmütig, voller Würde, das volle dunkle Haar
-peinlich gescheitelt, die Augen zuversichtlich in die Ferne gerichtet.
-Im Gehrock, schmaler schwarzer Binde -- ein Beamter, der bei seinem
-Vorgesetzten Besuch macht. Sah man die korpulente, freundlich lächelnde
-Dame an, so schien sie augenblicklich den kleinen Mund zu öffnen und zu
-plappern, zu sprudeln -- der Herr aber, würdevoll, blieb stumm,
-schweigsam. Die Hand hatte er etwas steif und gravitätisch zur Hälfte in
-den schwarzen Gehrock geschoben -- eine kleine Hand . . .
-
-». . . schlage sie aufs Haupt --« sagte also mein Vater, er ist
-glühender Patriot -- »diese vom Teufel Besessenen, die aus Neid und
-Rachsucht über unser geliebtes Vaterland herfallen -- schlage ihnen die
-Schädel ein, zerreiße sie in Stücke -- der Herr will es! Sofort packst
-du deine Sachen! Nun, mit dem Felde war es ja leider, leider nichts. Ich
-sagte Ihnen ja schon, meine Lunge. Aber jeder nach seinen Kräften, nicht
-wahr? Das war nun nicht ganz nach dem Geschmack --«
-
-Plötzlich stockte Kunze. Er war in das Studium dieser kleinen Hand des
-Beamten im schwarzen Gehrock versunken. Er stutzte, rückte den Kneifer
-zurecht -- schlürfte am Glas. Hm!
-
-War es denkbar?
-
-Wie, wie, wie, sollte er, dieser Würdevolle, Gemessene, Schweigsame, mit
-dem zuversichtlich in die Ferne gerichteten Blick --?
-
-Und diese fahlgelbe -- Rübe, etwas angeschimmelt, mit Erlaubnis zu sagen
--- sollte sie --?
-
-Ja, unmöglich, ganz unmöglich! Und doch, diese Hand, das kleine Näschen
-und selbst das kurze Schnurrbärtchen, jetzt zwar grauer und schäbig --
-so unglaublich es erschien, dieser Ernste, Würdevolle in seinem Gehrock,
-und der Kleine, Glatzköpfige, Vertrocknete, Verkommene, mit den
-entzündeten, vergilbten Augen, sie waren in der Tat ein und dieselbe
-Person!
-
-Kunze verlor vor Erstaunen völlig den Faden seines Geschwätzes. Er erhob
-sich und tupfte das Gesicht mit dem Taschentuch.
-
-Hm. Er polierte den Kneifer, ging auf und ab und verschwand schließlich
-in der Küche, um eine neue Flasche zu holen. Seine Miene hatte sich
-verändert, als er zurückkehrte. Sachlich und kühl betrachtete er den
-kleinen Herrn Herbst. Er goß die Gläser voll, räusperte sich und begann:
-
-»Aber genug mit dem Schwatzen jetzt« -- ruhig und geschäftsmäßig klang
-seine Stimme -- »Wir haben, wie ich mir schon zu bemerken erlaubte,
-keine Zeit zu verlieren, der Major drängt, nun, er wird wieder von dem
-Oberst gedrängt, Sie wissen ja, wie es beim Militär zugeht. Seitdem sich
-nun diese hohe Persönlichkeit in die Sache gemischt hat --«
-
-»Eine hohe Persönlichkeit?« Herr Herbst horchte plötzlich auf.
-
-»Ja, ja. Ich kann Ihnen nicht _mehr_ sagen. Es ist einer der
-sonderbarsten Fälle, die die Abteilung seit langer Zeit zu bearbeiten
-hatte.«
-
-»Eine hohe Persönlichkeit?«
-
-»Ein sonderbarer Fall. Nicht Sie allein erstatteten in dankenswerter
-Weise Bericht -- nein, auch von anderer Seite werden gleichzeitig, hören
-Sie, _gleichzeitig_, Informationen verlangt -- aber, erlauben Sie, daß
-ich abbreche . . . Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, zur Abrundung
-meiner Nachforschungen über Ihre werte Persönlichkeit, eine Frage an Sie
-zu richten, dienstlich. Ein einziger Punkt noch, wie gesagt. Bevor ich
-aber diese Frage an Sie richte, bitte ich ergebenst, dieses Schriftstück
-lesen zu wollen.«
-
-Mit einer gemessenen Feierlichkeit überreichte der Schmächtige einen auf
-Leinwand aufgezogenen Ausweis.
-
-Der kleine Herr Herbst las ihn mit seinen entzündeten Augen, las,
-verstand und zitterte. Schwarz auf Weiß war hier zu lesen, daß Herr
-Gottlieb Kunze berechtigt war, Verhaftungen vorzunehmen . . .
-
-»Sie haben Kenntnis genommen --?«
-
-»Ja, ja -- Kenntnis --«
-
-»Nun, und so richte ich also die Frage an Sie --«
-
-Der Havelock erhob sich erbleichend.
-
-Zwei scharfe, messerscharfe Augen richteten sich auf ihn. Der Kneifer
-funkelte.
-
-»Herr Herbst -- ich scherze jetzt nicht mehr!«
-
-»Nein, nein!« stotterte der alte Mann.
-
-Die messerscharfen Augen kamen näher. Kunze hatte jetzt den Kneifer
-abgenommen.
-
-»Weshalb haben Sie --?«
-
-»Nein, nein -- ah, Gott im Himmel!«
-
-»Weshalb haben Sie Ihre Wohnung verlassen?«
-
-Augenblicklich brach der kleine alte Mann zusammen. Er bedeckte das
-Gesicht mit den kleinen Händen und sank in den Sessel.
-
-»Herr Herbst!«
-
-Sofort fuhr der kleine alte Mann wieder auf und wich zurück. »Ich kann
-nicht -- ich kann nicht -- so wahr Gott lebt --« rief er und richtete
-die Augen flehend auf Kunze.
-
-»Herr Herbst!« Eine Hand erhob sich.
-
-Der kleine alte Mann wich zum Fenster zurück und faßte nach dem
-Fensterkreuz.
-
-Die Hand griff nach den Rockschößen.
-
-»Aber, Sie werden doch nicht --? Kommen Sie!«
-
-Ohne jeden Widerstand ließ sich der kleine alte Mann von Kunze zum
-Sessel zurückführen.
-
-»Beruhigen Sie sich«, sagte die kalte, dienstliche Stimme. »Haben Sie
-Vertrauen. Berichten Sie. Ich selbst werde Ihr Anwalt sein, die Sache so
-darstellen . . . einerlei, was es auch sei -- bitte, trinken Sie, so,
-so! Auch ich bin ja ein Mensch. Aber die Pflicht, Sie verstehen --«
-
-Der kleine alte Mann nickte.
-
-Kunze selbst war totenbleich geworden vor Erregung. Sein Spitzelgehirn
-arbeitete -- sensationelle Enthüllungen, ein Staatsverbrechen,
-Vorgesetzte, Beförderung, das Eiserne Kreuz . . .
-
-»Sie waren ja selbst Beamter und wissen, was es bedeutet, dienstlich --«
-
-Der kleine alte Mann rang die Hände und schluchzte. Dann setzte er sich
-aufrecht, gab sich Haltung -- ganz wie auf dem Bilde an der Wand, ein
-Schatten der früheren Erscheinung.
-
-»Ich weiß, weiß, auch ich war Beamter. Nun gut, da Sie dienstlich
-Auskunft verlangen -- ich werde versuchen, Ihnen eine Erklärung zu
-geben. Es fällt mir schwer, meine Gedanken, meine Worte -- alles ist
-nicht mehr wie früher -- Gott im Himmel, es ist ja unmöglich, es zu
-sagen --«
-
-»Beruhigen Sie sich. Wir haben ja Zeit, können den Abend in aller Ruhe
-zusammen verbringen.«
-
-»Wir hatten also einen Kanarienvogel --« begann der kleine alte Mann
-stammelnd.
-
-»Kanarienvogel? Fahren Sie getrost fort.«
-
-»Einen Kanarienvogel -- namens Hansi. Dieses Tierchen flog immer in der
-Stube umher, in allen Stuben, machte etwas Schmutz, aber wir liebten das
-Tierchen -- und meine Frau liebte Hansi ganz besonders . . .«
-
-»Ich verstehe, die Damen --«
-
-»Ja, aber was wollte ich eigentlich? Hansi? Was hat Hansi damit zu tun?
-Sie können noch den Käfig in der Küche finden. Ja, aber was sollte er
---?«
-
-»Überstürzen Sie nichts -- eines um das andere.«
-
-»Hm. Sie wurde immer merkwürdiger, ja, das war es. Sie sprach eigentlich
-nur noch mit dem Vögelchen.«
-
-»Ihre Frau?«
-
-»Ja, sie. Immer stiller und merkwürdiger. Ich selbst, ich ging ja aus,
-ging in eine Kneipe, trank -- Sie verstehen, es ist nicht nötig zu
-sagen, weshalb ich trank.«
-
-»Unser Junge war ja unser ganzer Lebensinhalt geworden. Ich war in
-Pension gegangen, und wir waren seiner Studien halber nach Berlin
-gezogen. Da kam der Krieg, er wurde Soldat, Jäger, und schließlich kam
-er ins Feld. Eines Tages aber, da kam die furchtbare Nachricht -- eines
-Tages . . .«
-
-»Er war gefallen.«
-
-»Gefallen?«
-
-»Ja, natürlich, Sie sagten --«
-
-Der kleine alte Mann schüttelte den Kopf.
-
-»Nicht gefallen, Herr,« flüsterte er, »in den Tod gehetzt -- ich habe
-Unterlagen, Briefe -- geschlachtet, nutzlos --«
-
-»Sie sollten nicht derartig schwere Anschuldigungen erheben gegen
-gewisse Persönlichkeiten«, warf Kunze nicht ohne Strenge ein.
-
-»Nun gut, gefallen, ganz wie Sie wollen. Es wurde immer stiller hier,
-immer stiller -- meine Frau verließ nicht mehr die Wohnung, keinen
-Schritt tat sie über die Schwelle. Sie saß immer hier. Aber plötzlich
-saß sie nicht mehr, sondern sie stand -- hören Sie -- zuerst mitten im
-Zimmer, dann nur noch in den Ecken.«
-
-»Sie war wohl schwermütig geworden?«
-
-»Ja, schwermütig. Sie ertrug es nicht, nein, es war zuviel für sie!
-Zuviel, zuviel! Und nun, eines Abends komme ich spät nach Hause. Es war
-Mondschein. Ich sah also ziemlich gut. Und da steht sie also hier --
-unter der Türe. Hier, sehen Sie.«
-
-»Ja!«
-
-»Aber sehen Sie -- sie stand so _hoch!_ Nun, denke ich -- da ist wieder
-mal Hansi auf den Schrank geflogen, wie häufig, und sie will ihn
-einfangen -- aber plötzlich, da sehe ich . . . Da kommt es mir
-eigentümlich vor, ei . . ., ei . . . sie antwortet nicht. Aber sie
-antwortete häufig nicht mehr in dieser Zeit. Nun aber, da denke ich --
-da sehe ich -- worauf stand sie eigentlich? Sie stand auf nichts! Ihre
-Füße waren abwärts gerichtet -- und darunter war nichts -- nur Mondlicht
--- nichts sonst -- ich sah es ganz klar und deutlich . . . sie schwebte
-in der Luft . . . und da begriff ich es . . . dieser Augenblick -- --«
-
-Enttäuschung in den Zügen des schmächtigen jungen Mannes! Er hatte etwas
-ganz Besonderes erwartet -- und nun eine alltägliche Geschichte, wie sie
-sich während des Krieges hundertmal in Berlin ereignete.
-
-Der kleine alte Mann röchelte. Er sprang auf und schleuderte die kurzen
-dünnen Arme wild durch die Luft. Er ballte die kleinen gelben Fäuste und
-schüttelte sie in Raserei. Sein Gesicht verzerrte sich, die gelben
-Zahnstumpen blinkten, Schaum trat vor seine Lippen.
-
-»Und alles daher --« schrie er außer sich, und sein Gesicht wurde
-plötzlich blau, so daß Kunze erschrocken zurückwich -- »alles daher,
-daher! Deshalb hasse ich ihn -- hasse ihn, den Hoffärtigen, hasse ihn
-. . . mit diesen Händen werde ich -- so wahr mir Gott helfe . . . hasse
-ihn --«
-
-»Hasse -- hasse . . .« Seine Hände zuckten.
-
-Und plötzlich stürzte der kleine alte Mann zu Boden. Er war ohnmächtig
-geworden.
-
- * * * * *
-
-Das Grammophon neben der kleinen Palme in der Ecke grölte:
-
- Die Vöglein im Walde,
- Die singen ja so wunderwunderschön,
- In der Heimat, in der Heimat,
- Da gibt's ein -- ha! ha! ha!
-
-Ja, die Platte war verdorben, und immer am Schluß -- beim Wiedersehn --
-lachte der Apparat. Und immer mußte Kunze aufspringen und die Kurbel neu
-andrehen.
-
-Kunze lag auf dem Sofa und schlug mit den geflickten, glänzend
-gewichsten Stiefeln den Takt auf dem Armpolster. Zuweilen unterbrach er
-sein Geschwätz und sang eine Strophe des Soldatenliedes mit, zuweilen
-auch rülpste er, mit Respekt zu vermelden. Eine Reihe leerer Flaschen
-stand auf dem Tisch mit der gestickten, lachsroten Decke -- dem Stolz
-der Freundlichen, Korpulenten an der Wand.
-
-Herr Herbst saß mit roten Bäckchen, die Äuglein glänzend vom Wein, und
-paffte eine kleine schwarze Zigarre. Er trank nicht aus dem Glas, o
-nein, Kunze hatte so etwas noch nie gesehen, er setzte einfach die
-Flasche an den Mund und ließ den Wein in die Kehle hineinlaufen. Mit
-gespannter Aufmerksamkeit hörte er Kunze zu.
-
-»-- und auf diese Weise, sehen Sie, Verehrtester, kam ich also zu G
-III.«
-
-»G III?«
-
-»Ja, G III. So heißen wir. Nur eine Chiffre. So geheim sind wir, ganz
-geheim -- pst, pst! Ja, nicht einmal einen Namen haben wir.«
-
-»Viele Beamte?«
-
-»Viele?«
-
-Kunze lachte und richtete sich zur Hälfte auf. Das Gesicht des kleinen
-Herrn Herbst erschien ihm nun langgezogen, mit turmhoher Stirn, wie in
-einem Lachkabinett. »Viele, sagen Sie?« wiederholte er geheimnisvoll und
-wichtigtuerisch. »Viele? -- Wir sind _Legion!_«
-
-»Legion?«
-
-Die turmhohe Stirn sank in sich zusammen, und eine runde Rauchwolke
-erschien an ihrer Stelle. Herr Herbst war vor diesem Wort zurückgeprallt
-und hatte erschrocken den Rauch ausgestoßen.
-
-»Ja, Legion, überall und allgegenwärtig. Selbst da, wo uns niemand
-vermutet. Ja ja, mein Verehrtester -- überall. In allen Städten
-Deutschlands -- bei allen Generalkommandos -- bei allen Behörden -- bei
-der Post, Eisenbahn -- in den Ministerien -- G III ist einfach überall.«
-
- In der Heimat, in der Heimat,
- Da gibt's ein -- ha! ha! ha!
-
-Kunze schnellte in die Höhe, und augenblicklich begann der Trichter von
-neuem zu heulen:
-
- Ich hatt' einen Kameraden . . .
-
-»Ja, überall. Niemand weiß, ob das Auge von G III nicht auf ihn
-gerichtet ist. Selbst ich weiß es nicht, ob ich nicht selbst wieder
-beobachtet werde! Ja, so ist es, bei Gott! Alle Kulturstaaten haben
-diese Einrichtung, geben Millionen dafür aus -- unsere Organisation ist
-sogar noch klein im Vergleich zu der anderer Großmächte. Klein, im
-Verhältnis, aber sie arbeitet zuverlässig. Sie können mir ruhig
-glauben.«
-
-»Wir öffnen Koffer unterwegs, so daß der Eigentümer es nicht merkt,
-besonders das Öffnen von Briefen ist unsere Spezialität. Wir überwachen
-die Korrespondenz von Tausenden!«
-
-»Wir nehmen ganz einfach Abschriften, und wenn es besonders interessante
-Fälle sind, photographische Kopien. Wir wissen alles, wir kennen die
-Geheimnisse der höchsten Persönlichkeiten. Wir erscheinen als Kellner in
-den Restaurants, wo irgendeine besondere Sitzung veranstaltet wird, da
-sind wir dabei. Selbst bei den hohen Würdenträgern unserer Verbündeten
-haben wir unsere Agenten. Wir bohren Löcher durch Türen und öffnen
-Schreibtische. Fürsten, Minister, Abgeordnete -- wir kennen ihre
-geheimsten Gedanken.«
-
-»Ja, wir machen alles! Ihr junger Schützling, Verehrtester -- er ist in
-guten Händen. Und auch jene hochgestellte Persönlichkeit, die sich für
-den Lebenswandel ihres Töchterchens interessiert -- auch sie wird
-zufriedengestellt werden. Ja, wir machen alles. Und Sie und ich -- was
-glauben Sie? -- wir werden einen Orden erhalten -- auch Sie, hören Sie!
-Ich werde dafür sorgen, ich! --«
-
-Aber da der Havelock selbst bei dieser blendenden Eröffnung still blieb,
-hob der Semmelblonde wiederum den Kopf über die Tischplatte. Das Gesicht
-des kleinen Herrn Herbst hatte sich abermals völlig verändert, es war
-ohne Augen, ohne Nase und ohne Mund, dagegen umgeben von einem dünnen,
-grauen Backenbart. Es war die Glatze des kleinen Herrn Herbst, der
-eingeschlafen war. In diesem Augenblick geriet der Havelock ins Gleiten,
-und ohne Laut sank er auf den Boden.
-
-»Und noch eine Mosel -- und noch eine Mosel -- dreimal hoch!« sang Kunze
-mit hellem Tenor und begab sich im Foxtrott hinaus in die Küche.
-Fürchterlich schlingerte das Haus.
-
-»Gloria -- Viktoria --« heulte das Grammophon ganz allein für sich.
-
-
-12
-
-Vor dem grauen Hause in der Tiergartenstraße hielt Ackermann den Schritt
-an.
-
-Unendlich zart umschlang ihn ein Arm.
-
-»Ich werde mir Mühe geben«, flüsterte eine weiche, unendlich geliebte
-Stimme.
-
-»Ich weiß es!«
-
-»Ich werde versuchen, stark zu sein, obschon ich wenig Mut habe.«
-
-»Du bist tapfer.«
-
-»Wann?«
-
-»Bald!«
-
-»Du wirst mir Nachricht geben?«
-
-»Du wirst es fühlen.«
-
-»Ja, ich werde es fühlen!«
-
-»Lebe wohl!«
-
-Eine Weile wartete Ackermann noch, bis die Haustüre ins Schloß fiel.
-
-
-
-
-Zweites Buch
-
-
-1
-
-Der Leichnam des jungen Heinz war nach Berlin gebracht worden. An einem
-hellen Frühlingstag wurde er in die Erde gebettet. Die Kampfstaffel
-hatte den jungen Meerheim mit einem Kranz geschickt. Der Trauerzug war
-nur klein. Ohne eine Träne im Auge folgte die Majorin Sterne-Dönhoff dem
-Sarge ihres Sohnes, die Schwestern weinten leise und schüchtern. Etwas
-hinter dem kurzen Trauerzug, dicht verschleiert und schwarzgekleidet wie
-eine Witwe, ging Klara, deren schmale Schultern von einem
-ununterbrochenen Schluchzen geschüttelt wurden. Heinzens Freunde,
-Schüler, Knaben, sangen des Gefallenen Lieblingslied: Deutschland,
-Deutschland über alles. Die Majorin hatte es gewünscht. Sie selbst
-stimmte in das Lied ein, während sie mit verklärtem Lächeln in die Weite
-des Frühlingshimmels blickte.
-
-Der junge Meerheim sprach einen kurzen Nachruf, mit unbewegter,
-soldatisch scharfer Stimme; acht Tage später wurde er selbst im
-Luftkampf getötet.
-
-Noch nicht neunzehn Jahre alt, war Heinz gefallen.
-
-Klara preßte das zusammengerollte Taschentuch zwischen die Zähne.
-
-Sonderbar, und nicht die leiseste Ahnung! Am Abend vorher hatte noch ihr
-Stern so herrlich und verheißungsvoll gefunkelt.
-
-Es war an dem Morgen nach Doras Fest geschehen -- gerade in der Stunde,
-da sie einschlief. Meerheim sah die Maschine stürzen.
-
-Einige Tage vorher -- sie erinnerte sich dessen -- hatte sie von Heinz
-geträumt. Er stand auf dem Flugplatz, die grüne Wollmütze auf dem Kopf,
-und auf seiner Brust glitzerte in der Sonne das Medaillon. Er spielte
-mit einem kleinen Dachshund, und Schwärme von furchtbar anzusehenden
-Flugzeugen, mit barbarischen Farben bemalt, rasten über ihn hin. Aber er
-sah sie gar nicht, spielte mit dem Hunde -- man konnte diesen Traum wohl
-nicht eine Ahnung nennen?
-
-Ohne jede Sorge, ja, mehr, mit dem Gefühl der Sicherheit, war sie nach
-Doras Fest schlafen gegangen, glücklich und voller Hoffnungen.
-
-Vor wenigen Tagen aber fuhr sie in die Stadt. Nach ihrer Gewohnheit
-kaufte sie in einem Kiosk der Untergrundbahn wahllos einen Stoß
-Zeitungen. Wie viele Menschen, war sie zu einer fanatischen
-Zeitungsleserin geworden, es war eine förmliche Krankheit bei ihr.
-Plötzlich war es ihr, als ob sie seinen Namen gelesen habe! Unglaublich
-zwar -- aber hatte er ihr nicht oft gesagt: gib acht, eines Tages wirst
-du plötzlich meinen Namen in den Zeitungen lesen, und wie überrascht
-wirst du sein! Sie blätterte, und richtig -- da stand sein Name: Heinz
-Sterne-Dönhoff. Sie las, und sie begriff zuerst nicht. Nachdem vor knapp
-einem Jahre sein Vater, der Major Sterne-Dönhoff, den Heldentod . . .
-Sie las die Unterschriften, und plötzlich begriff sie.
-
-Sie warf ihre Zeitungen auf den Sitz, daß sie umherflatterten, und
-rannte durch den Wagen.
-
-»Er ist tot,« schrie sie, »ich will hinaus!«
-
-»Aber Sie sehen doch, daß der Zug fährt, Sie können doch nicht
-aussteigen«, sagten die Herren, die die Türe verbarrikadierten. »Sie
-zerschmettern sich den Kopf, liebes Fräulein.«
-
-Da fuhr der Zug in einen Bahnhof ein, und Klara stürzte hinaus.
-
-»Es ist schrecklich, jeden Tag erlebt man jetzt derartige Szenen.
-Gestern sprang eine Frau auf dem Bahnhof Spittelmarkt vor den Zug und
-ließ sich überfahren. Ich sage Ihnen, es war entsetzlich -- dieser
-Schrei!«
-
-»Hören Sie auf, ich kann von solchen Dingen schon gar nichts mehr hören
---«
-
-Arme, kleine Klara, sie begriff es noch heute nicht. --
-
-Ja, nun wollte sie es wagen. In Gottes Namen!
-
-Sie drückte auf die Klingel und gab ihre Karte ab. Diese Karte war
-schwarz umrändert. Klara war so tief und dicht verschleiert, daß man
-kaum noch einen Schimmer des Gesichts sah.
-
-Das Mädchen kam nach auffallend langer Zeit zurück und forderte sie auf,
-einzutreten. Die Majorin Sterne-Dönhoff und die beiden Schwestern waren
-im Zimmer. Ach, ihre Gesichter, überall Heinz, in allen Linien. --
-
-»Was verschafft uns die Ehre?« fragte die Majorin Dönhoff mit einem
-prüfenden Blick aus ihrem gelblichen, langen Gesicht.
-
-»Ich bin --« stammelte Klara, »ich wollte gern --«
-
-»Ich verstehe Sie nicht!« sagte Frau v. Sterne-Dönhoff leise. »Wollen
-Sie bitte Platz nehmen!«
-
-Die Schwestern starrten verlegen.
-
-»Ich wollte nur,« begann Klara wieder, »Sie besuchen«, und plötzlich
-fing sie an zu schluchzen.
-
-»Was haben Sie nur, mein liebes Fräulein?«
-
-Stille.
-
-»Ich bin seine Verlobte!« stammelte Klara.
-
-Wiederum Stille.
-
-Da niemand etwas sagte, fuhr Klara fort: »Ich war seine Geliebte.«
-
-Die Majorin fiel ihr ins Wort. Kühl und förmlich sagte sie: »Mein Sohn
-hatte keinerlei Geheimnisse vor mir. -- Geht hinaus!« herrschte sie die
-beiden Schwestern an, und sie verließen sofort gehorsam das Zimmer.
-
-»Wie sagten Sie? Seine Geliebte?« Die Majorin dämpfte die Stimme.
-
-»Ja. Ich bin seine Geliebte.«
-
-»Aber wissen Sie auch, was Sie sagen?«
-
-»Vollkommen.«
-
-»Sie wollen also sagen« -- die Majorin stockte -- »Sie wollen doch nicht
-sagen, daß Sie mit Heinz in Gemeinschaft gelebt haben?«
-
-Klara zuckte zusammen und hob den hilflosen, wunden Blick zu den
-graublauen Augen empor. Sie errötete. »Nein, nicht das --« stotterte
-sie. »Das wollte ich nicht sagen.«
-
-Auch über das gelbe, lange Gesicht der Majorin huschte ein dünnes Rot.
-Erleichtert und etwas freundlicher sagte sie: »Nun, dann danke ich Ihnen
-herzlich für Ihren Besuch, mein liebes Fräulein!« Sie versuchte, ihrer
-Stimme sogar einen warmen und aufrichtigen Klang zu geben. Aber als
-Klara sie mit fassungslosen Augen ansah, fügte sie flüsternd hinzu:
-»Sollten Sie vielleicht irgendwelche Ansprüche zu stellen haben?«
-
-Fassungslos waren die wunden Mädchenaugen auf sie gerichtet.
-
-Da lächelte die Majorin und streckte Klara die Hand hin. »Herzlichen
-Dank, mein Kind. Wie heißen Sie?«
-
-Aber Klara antwortete nicht, ihr Blick glühte. Sie berührte diese lange,
-gelbe, entsetzliche Hand nicht. Sie wich zurück, verbeugte sich tief,
-sehr tief, und ging hinaus. Die beiden Schwestern lugten durch die
-Türspalte. »Von ihr ist die Locke, die er in dem Medaillon trug«,
-flüsterte die eine, und die Stimme der Majorin rief: »Emma, Bertha.«
-Klara befand sich wieder auf der Treppe.
-
-Ach, und die kleine, törichte Klara hatte sich zu Hause ausgedacht, daß
-sie vor der Majorin und den Schwestern in die Knie fallen werde, um
-ihnen zu sagen, daß sie gekommen sei, den Schmerz mit ihnen zu teilen.
-Sie wollte ihnen die Hände küssen und mit ihnen weinen.
-
-Sie war ein Kind und wußte nichts um die Eifersucht einer Mutter.
-
-Betäubt und völlig fassungslos stieg sie die Treppe hinab. Es war die
-Treppe, über die sein Schritt eilte. Sie berührte sie liebkosend mit den
-Fingerspitzen. Sie wollte diese Treppe auch küssen -- aber in diesem
-Moment wurde ein Kinderwagen aus einer Türe geschoben, und sie entfloh.
-
-Aber sie kam wieder, als die Damen Sterne-Dönhoff ausgegangen waren, und
-sie küßte die Treppenstufen und kniete auf ihnen. Dreimal kam sie im
-Laufe der nächsten Wochen und schlich wie ein Dieb durch das
-Treppenhaus. Einmal war es schon ganz finster. Dann kam sie nicht mehr.
-
- * * * * *
-
-Das Paradies war versunken, nichts blieb als Finsternis, unendlich --
-und inmitten dieser finsteren Unendlichkeit stand sie, Klara, die Hände
-auf ihr zuckendes Herz gepreßt.
-
-Solange Papa zu Hause war, mußte sie die Trauerkleider ablegen. Sie
-wollte Papas Fragen vermeiden. Zuweilen schon streifte sie bei Tische
-sein Blick -- ihre Augen waren gerötet, ohne Glanz, ihre Wangen ohne
-Farbe. Papa, ihr armer Papa, der ohnehin in den letzten Tagen so
-auffallend erregt, ja verstört war. Mehr, als er es sich merken ließ,
-schien ihm Hedis Rücksichtslosigkeit nahe zu gehen.
-
-Ja, diese Hedi hatte es tatsächlich übers Herz gebracht, das Haus zu
-verlassen. Anfangs war sie nur selten und sehr unregelmäßig gekommen,
-sandte immer Boten mit Briefen -- Arbeit, unerwartete Vorkommnisse.
-Schließlich kam sie gar nicht mehr. Ganz unmöglich, dieser Weg -- und
-Arbeit, Tag und Nacht mußte man zur Stelle sein.
-
-Der Geheime Rat -- nie hätte es Klara für denkbar gehalten, fügte sich,
-ohne den Versuch eines Widerstandes.
-
-Er ging wohl etwas erregt hin und her und knackte mit den Fingern,
-zupfte an seinen dünnen Barthaaren. Er hatte Bedenken ohne Zweifel,
-schwere Bedenken! Ein Herr Ströbel oder Herr v. Ströbel -- ein während
-des Krieges reich gewordener Mann -- hm! Aber schließlich: er besaß kein
-Vermögen, und da er kein Vermögen besaß, so war auch seine Karriere so
-gut wie abgeschlossen -- derselbe Schreibtisch, derselbe Aktenständer,
-derselbe Spucknapf -- bis zur Pensionierung.
-
-Ja, was war da zu tun? Wieder knackte er mit den Fingern.
-
-Bei dem heutigen Geldwert konnte er seinen Töchtern nichts mehr bieten,
-gar nichts mehr. Sie mußten selbst sehen --
-
-Es war gar nichts zu tun, mit einem Wort.
-
-Und übrigens hatte er gerade jetzt, gerade in diesen Tagen, ganz andere
-Sorgen! Schlaflos verbrachte er die Nächte. Ein ungeheures Mißgeschick,
-wenn man so sagen darf, war ihm widerfahren: es gehörte zu seiner
-Tätigkeit im Auswärtigen Amt, die deutschen Interessen in drei fernen
-exotischen Ländern zu vertreten. Zu diesem Behufe veröffentlichte er mit
-Unterstützung eines Universitätslehrers jeden Monat ein
-Korrespondenzblatt, dessen sich die Presse allerdings nur wenig, ja, man
-kann getrost sagen, gar nicht bediente, leider. Nun aber hatte eines der
-exotischen Länder an Deutschland den Krieg erklärt -- und ihm, ihm war
-es völlig entgangen! Das letzte Korrespondenzblatt hatte sogar noch
-einen lobenden, beruhigenden Aufsatz aus der Feder seines geschätzten
-Mitarbeiters enthalten, und doch lebte man mit jenem Lande schon seit
-drei Wochen im Krieg! Welches Mißgeschick! Wenn der Minister es,
-bemerken sollte --? Allerdings waren ja schon drei Wochen vergangen, und
-niemand hatte bis jetzt etwas bemerkt, vielleicht ging der Kelch noch
-einmal an ihm vorüber!
-
-Das waren die Sorgen des Geheimen Rats, und es war ihm natürlich zurzeit
-gänzlich unmöglich, sich viel um seine Töchter zu bekümmern. Es war ja
-schließlich keine Schande, wenn Hedi Schreibmaschine schrieb und Briefe
-abfaßte -- und sie bekam mehr Gehalt sogar als er. -- Es schien ihr gut
-zu gehen, hatte sie doch kürzlich sogar eine Gänsekeule in Gelee
-geschickt. Im übrigen war ihm der Charakter Hedis Bürgschaft genug
-. . .
-
-Der wilde Schmerz trieb Klara in diesen Tagen sogar zu Hedi, obschon sie
-sich vorgenommen hatte, die Schwester in Zukunft zu ignorieren.
-
-Aber Hedi hatte wenig Verständnis für ihr Leid. Sie war gerade mit dem
-Einrichten ihrer Wohnung beschäftigt. Im Salon sollte eine Decke
-eingezogen werden -- mit goldenen Kassetten zwischen ultramarinblauen
-Balken -- nein, Hedi hatte gar kein Verständnis. Sie wollte ihr einen
-Frühlingshut schenken. Sie heuchelte ja Teilnahme, aber Klara fühlte nur
-zu deutlich --
-
-Sie kam auf den Gedanken, Ruth zu besuchen. Ruth? Weshalb Ruth? Sie
-hatte sie nur einigemal gesprochen -- kannte sie kaum, aber instinktiv
-suchte sie bei ihr Zuflucht.
-
-Indessen Ruth war nicht da! Der General trat zufällig in die Diele.
-»Meine Tochter ist nie zu Hause!« sagte er -- wie es Klara schien -- mit
-Bitterkeit in der Stimme. Feierlich und prunkend -- diese Diele. Dunkle
-Gemälde in breiten Rahmen, ein riesiger Spiegel und davor zwei Neger aus
-Bronze oder Eisenguß, die hohe Kerzen trugen. Voller Mißtrauen schien
-der General sie zu betrachten, sein Blick war prüfend und unbehaglich,
-ganz wie der Blick von Frau v. Sterne-Dönhoff. Die sie haßte und
-verachtete.
-
-Ja, wohin?
-
-Schließlich kam sie auf den Gedanken, Dora aufzusuchen. Sie beichtete
-Dora alles! Aber Dora hatte ebenfalls kein Verständnis für ihren
-Schmerz. Sie küßte sie, nahm sie in die Arme und drückte sie an ihr
-Herz. Sie versuchte sie zu trösten -- sagte, es sei ein Verbrechen,
-Kinder, wie Heinz, in diese Metzelei zu schicken -- aber sie hatte
-gerade die Schneiderin im Hause, und ihr Kopf war erfüllt von Frühjahrs-
-und Sommertoiletten, man mußte ja jetzt schon an den Sommer denken.
-Schließlich kam Otto dazu, und Otto betrachtete sie mit neugierigen
-Blicken, die Klara unangenehm waren.
-
-Sie ging.
-
-Allein, ganz allein mußte die kleine Witwe ihren Schmerz tragen. Sie
-wußte noch nicht, daß der Mensch in seinem Schmerz immer allein steht.
-
-Wie eine Verzweifelte irrte sie Tag für Tag, bis in die späte Nacht
-hinein, durch die Straßen. Für ihn die Flaggen -- mein Geliebter, mein
-Held! -- für ihn das feierliche Geläute der Glocken! Niemals würde sie
-auch nur die Hand eines andern Mannes berühren! Sie war seine Witwe.
-
-Sie war freundlich zu den Menschen gewesen und selbst freundlich zu den
-Hunden auf der Straße. Nun ging sie dahin, ohne den Blick zu erheben.
-
-Zeitungen, Extrablätter, die Menschen rannten, stürmten, rissen gierig
-die Blätter in Stücke -- was kümmerte es sie? Selbst die Wagen der
-Untergrundbahn waren überschwemmt mit Zeitungen. Man hatte den
-Faustkampf um den Platz in diesen Tagen etwas gemildert -- es war ja
-nicht unmöglich, daß bald alles wieder anders würde. Siege, Siege! Jeden
-Tag! In der Ecke des Wagens starb eine kleine Stenotypistin -- still,
-ohne einen Laut von sich zu geben. Von der Station Kaiserhof an wurde
-sie bleicher und bleicher, als der Zug am Spittelmarkt einlief, war sie
-schon tot. Man trug sie hinaus.
-
-Tot? Ja, vielleicht war es das beste?
-
-Klara wurde nicht müde in diesen schrecklichen Tagen, obschon sie nachts
-kein Auge zutat. Denn nachts flossen die Tränen ganz von selbst und
-brachten Linderung. Kreuz und quer irrte sie durch die dunkeln Straßen.
-Schatten taumelten gegen sie, Schatten krochen vor ihr, Schatten
-stürzten hinter ihr her. Plötzlich erschrak Klara: ein alter, haariger
-Schimmel stand mitten auf dem Trottoir.
-
-Sie stand an einem stillen Kanal, in einer ihr völlig fremden Gegend.
-Aus dem schwarzen Wasser blinzelte winkend ein Licht, tief unten. Die
-dunkeln Häuser hinter ihr begannen allmählich zu rücken und zu wandern.
-Leichen von Firmenschildern, Leichen von Riesenbuchstaben wanderten
-langsam, unendlich langsam vorüber. Kein Mensch weit und breit.
-Verlassene Wagen, verlassene Bretterhaufen, verlassene Kähne, die Pest
-hatte die Menschen mitten aus der Arbeit weggeholt.
-
-Da erscholl über dem schweigenden, schwarzen Wasser ein fürchterliches
-Gelächter -- ein unheimliches Lachen, das Lachen des Wahnwitzes -- Klara
-erschauerte. Sie befand sich hinter dem alten Schloß, und es schien ihr,
-als käme das Gelächter aus der finstern Burg. Ein Eishauch ging von dem
-stillen, toten Schloß aus. Es schien verlassen, bewohnt einzig von einem
-Gespenst, das diese fürchterliche Kälte aushauchte. Starrte es nicht
-durch die schwarzen Fenster auf sie? Und da -- seine eisige Hand griff
-durch die Mauern und berührte ihr Herz.
-
-Klara entfloh. Das wahnwitzige Gelächter scholl hinter ihr her.
-
-Endlich Licht. Ein Kino. Eine dicke Zeitungsfrau rannte an den grellen
-Plakaten vorüber und krächzte heiser und ununterbrochen: »Zwanzigtausend
-Gefangene -- die Schlacht geht weiter --«
-
-
-2
-
-Nebel.
-
-Sonderbar, den ganzen Tag über Regen, gegen Abend etwas Sonne und ein
-feuchter Wind und nun, in der Nacht, Nebel.
-
-Herr Herbst bog um die Ecke und nieste. Er war erkältet. In dieser
-Straße stand der Nebel noch dichter. Ein unheimlicher Riese kam ihm
-entgegengestampft, in einige Lagen von Pelzen eingehüllt, eine hohe
-Pelzmütze auf dem dicken Schädel, aber er schrumpfte mehr und mehr
-zusammen, und schließlich ging nur ein kleiner harmloser Mann an ihm
-vorüber. Ein qualmendes Feuer mitten in der Straße und tanzende
-Kannibalen um das Feuer: keine Angst, es sind Straßenbahnarbeiter, die
-das Geleise ausbessern.
-
-Wie ein lehmiges Meer wälzte sich der Nebel dahin und schob Geröll vor
-sich her -- Häuser, Straßen, Häuserviertel, Stadtviertel, Vorstädte,
-immer weiter, bis hinaus zum flachen Land, wo es nichts gibt als
-Kartoffeläcker und Telegraphenstangen.
-
-Auch ihn schob das lehmige Meer willenlos vor sich her, ganz wie die
-Häuser und Stadtviertel mit all ihren Bewohnern. Seine Nase tropfte, er
-ging rasch, die Knie etwas eingeknickt, die Arme herabhängend. Müde war
-er, todmüde. Den ganzen Tag war er unterwegs.
-
-Er hatte einen neuen Plan ausgedacht -- teuflisch!
-
-Ja, teuflisch!
-
-Wo er ging und fuhr, sollte er ihn sehen -- immer, zu jeder Stunde des
-Tages sollte er erinnert werden -- _daran_!
-
-Als er aber wieder niesen mußte, zerflatterte die dichte schmutzige
-Nebelwolke, und -- wer hätte das gedacht? -- er erblickte einen kleinen
-üppigen Garten in praller Sonne! Er selbst ging in diesem Garten
-spazieren, in einem weißen Kittel, die goldene Uhrkette auf der Weste,
-einen breiten sonnenverbrannten Panama auf dem Kopfe. So deutlich! Es
-roch nach Kaffee, es war Sonntag, er roch sogar die Frische des
-Stärkhemdes, das er trug. Bald würde Muttchen -- dasselbe Muttchen, das
-später, viel später, wer hätte es ahnen können --? -- bald würde
-Muttchen kommen mit dem Kaffeekuchen, die Fingerspitzen etwas fett, die
-Lippen etwas glänzend von Fett . . .
-
-In diesem Augenblick stieß Herr Herbst mit jemand zusammen, der unwillig
-»Achtung!« rief. Der Garten verschwand, und der Nebel brodelte wieder.
-Der Zusammenstoß war so heftig, daß ihm der steife Hut über die Ohren
-getrieben wurde und er ins Taumeln geriet. Aber dieses ärgerliche
-schroffe »Achtung!« -- diese trockene Stimme, wie?
-
-Scheu wandte er sich um: sofort fiel ihm das grüne Plüschhütchen auf und
-der enge, zugeknöpfte Überzieher! Im gelben Dunst einer Laterne stand
-der schmächtige junge Mann im Gespräch mit zwei Männern mit
-Knotenstöcken. Das Plüschhütchen wackelte hin und her, die dünnen Arme
-gestikulierten aufgeregt -- aber da verschwanden sie schon aus dem
-Lichtschein der Laterne, der Nebel verschlang sie.
-
-Herbsts Herz pochte.
-
-Also schon waren sie bis hierher gekommen, bis hierher?
-
-Er zitterte und duckte sich zusammen.
-
-Düster lag das graue Haus, umbrodelt vom Nebel, und wie in jeder Nacht
-war nur das eine gleiche Fenster erleuchtet.
-
-Leise wie immer stahl sich Herr Herbst in sein Zimmer.
-
-Gottlob, daß er hier war! So müde --!
-
-Frau Hähnlein in ihrer Kammer betete. Mit schluchzender, verzweifelter
-Stimme -- aber leise, um die Kinder nicht zu wecken, flehte sie um
-Gottes Beistand, rief sie den Himmel um Hilfe an, ja, um Hilfe --
-
-Grundlos wie das tiefe Meer war das Elend dieser Stadt, in allen
-Straßen, allen Häusern. Überall Unglückliche, Verzweifelte, Weinende,
-Schlaflose. Aus allen Häusern glühten die Augen von Wahnsinnigen in den
-Nebel.
-
-Der bucklige Wirt hatte recht: die Zeit der großen Heimsuchung war über
-die Welt gekommen. Die Menschen waren Sünder. Sünde! Sünde! Bodenlos wie
-das tiefe Meer! Und auch er, ja, auch er hatte Sünde auf Sünde gehäuft
-in seinem Leben! Er büßte -- schon büßte er, hatte er den steinigen Pfad
-der Sühne betreten.
-
-Daran dachte der kleine Herr Herbst, als er geschüttelt vom Frost in
-sein Bett kroch. Sein Gesicht brannte wie Feuer, und funkensprühend
-kreiste die Dunkelheit um ihn. Wieder quälte ihn der Husten, und er
-steckte den Kopf unter die Decke, um keinen Lärm zu machen. Als er
-wieder Atem schöpfte, hörte er Stimmen in Ackermanns Zimmer.
-
- * * * * *
-
-Diese Stimmen brodelten, ganz wie der Nebel an seinem Fenster, auf und
-ab, eine heisere, keuchende und eine tiefe klare, die zu beruhigen
-suchte. Dazwischen ein belustigtes, ein etwas angeheitertes Lachen.
-
-Die klare beruhigende Stimme, das war Ackermann, aber die heisere,
-keuchende, die zuweilen so sonderbar belustigt lachte? Es war Hähnlein!
-Ja, niemand sonst -- lachte also, während seine Frau Gott um Hilfe
-anflehte, um Erbarmen für ihre armen Kinderchen wenigstens.
-
-»Morgen schon?« fragte Ackermann.
-
-»Ja, morgen um zehn Uhr!« Und wieder das angeheiterte Lachen.
-
-Ohne Unterbrechung brodelten die Stimmen.
-
-Der kleine Herr Herbst dampfte vor Hitze. Sein Kopf rauchte, seine
-Hände, ja, wie gesagt, er war erkältet. Mit geneigtem Kopf saß er im
-Bett, wie betäubt, ohne jeden Gedanken. Er mußte dem Brodeln der Stimmen
-lauschen, das ihn wie ein Zauber bannte, obwohl ihn nicht im geringsten
-interessierte, was die beiden zu besprechen hatten.
-
-»Wie ist es nur denkbar?« rief Ackermann aus.
-
-Und mit einem heiseren Auflachen erwiderte Hähnlein: »Ja, wie ist es nur
-denkbar, hahaha!«
-
-Trotzdem das Blut in seinem Kopfe wie Dampf zischte, begriff er bald,
-was Hähnlein so erregt hatte. Man hatte ihn wieder gemustert, und morgen
-ging der Transport zur Front. Die »Mordkommission« war in der Kaserne
-gewesen. Zurück, zur Front, abermals -- ja, der Granatsplitter, der ihm
-die Schädeldecke zertrümmert hatte, so daß er keine Treppe steigen
-konnte, ohne sich am Geländer festzuhalten -- er zählte gar nicht. Und
-der Brustschuß, den er in Serbien erhielt -- auch er zählte nicht. Und
-dreimal in Frankreich, zweimal in Rußland, in Serbien -- all das zählte
-überhaupt nicht. Seine Frau -- seine Kinder --?! Nichts zählte!
-
-Man würde ihn wieder in einen Viehwagen packen, er mußte wieder hinaus.
-
-Ackermann versuchte zu beruhigen.
-
-»Hahaha!« lachte Hähnlein. Seine Ratschläge machten wenig Eindruck auf
-ihn.
-
-»Ja, vor die Füße, vor die Füße, wirf es ihnen vor die Füße!« schrie
-Ackermann laut und wütend.
-
-»Aber, was dann, Ackermann, hörst du?« fragt Hähnlein. »Gefängnis --
-frage Kamerad Schmitt, der dem Gefreiten eine Ohrfeige gab. Lieber den
-Heldentod als das Gefängnis! Hunger und Prügel.«
-
-»Die Verruchten!« schrie Ackermann.
-
-Hähnlein lachte wieder laut und heiter. Und obwohl Herbst vom Fieber
-glühte, erschauerte er bei diesem sonderbaren Lachen.
-
-Aber, ob er, Ackermann, die Strafkompanie vergessen habe? Teufel von
-Vorgesetzten -- Verbrecher -- Zuchthäuslerkleidung -- die ehrlichen
-Kameraden spucken dich an -- Sträflingsarbeit im Feuer, Hunger, Prügel,
-Läuse, Krankheiten --
-
-Also fort mußt du? dachte Herr Herbst. Gut, gut, daß du fort kommst!
-
-Er fürchtete sich vor Hähnlein in der letzten Zeit. Gestern traf er ihn
-auf der Treppe: ohne Regung stand er, erstarrt, den Kopf gesenkt, einen
-Fuß in der Luft, die stechenden, glitzernden Augen auf den Boden
-gerichtet. Er hatte es nicht gewagt, an ihm vorbeizugehen und war
-umgekehrt.
-
-So, ja, genau so hatte auch sie gestanden -- seinerzeit -- immer in den
-Ecken, zuerst mitten in den Zimmern, endlich nur noch in den Ecken und
-unter den Türrahmen -- bevor sie, hm, bevor sie . . .
-
-Gut, daß du aus dem Hause kommst --
-
-Nun aber hätte er beinahe laut herausgelacht! Hähnlein sprach von der
-Musterung, den Skeletten, Krüppeln, Krummen und Lahmen, und er, in
-seinem Bett, sah alles deutlich und wunderbar klar vor sich. Wie sie
-humpelten, wie sie krochen, wie die Knochen spitz durch ihre Haut
-stachen! Nur einer aber war frei gekommen, er fiel in Krämpfe und wurde
-hinausgetragen.
-
-Nun kam also jener, ein Riese von Gestalt, der Blut in die offene Hand
-spuckte und es dem Arzt zeigte. Aber der Arzt, o nein, er war nicht um
-eine Antwort verlegen. Er sagte, der Arzt: Die Luft im Felde ist besser
-als in Berlin, solange einer nicht den Kopf unter dem Arm trägt, muß er
-hinaus. Fertig! Und da kam dieser andere, der eine offene Wunde am
-Rücken hatte, man konnte den ganzen Finger hineinstecken -- aber auch
-das half nichts. Immer vorwärts, sagt der Arzt, bei so jungen Leuten
-heilt das rasch. Nein, er war nie um eine Antwort verlegen, man muß es
-ihm lassen. -- Nun aber, nun also kam Hähnlein, unser Hähnlein an die
-Reihe. Es half ihm alles nichts, was er vorbrachte. Sein Lungenschuß,
-seine Atemnot -- prächtig geheilt, sagte der Arzt, die Bureauluft ist
-nicht gut für Sie. Aber auch die Schwindelanfälle, die von dem
-Granatsplitter im Kopf herrührten, das Zittern -- auch das half Hähnlein
-nichts. Sollen denn nur gesunde Leute totgeschossen werden? fragte der
-Arzt. Hahaha! Richtig, weshalb nur gesunde?
-
-Ja, also Hähnlein saß in der Patsche und konnte es noch immer nicht
-begreifen.
-
-Und wieder brodelten die Stimmen. Lange Zeit. Kein Wort zu verstehen.
-Dann aber lachte Hähnlein wieder laut heraus, und die Stimmen verloren
-sich auf dem Korridor.
-
-»Mut, Kamerad!« rief Ackermanns Stimme.
-
-Hähnlein lachte und sagte irgend etwas. Er schlich draußen an der Türe
-vorüber und pfiff leise vor sich hin.
-
-Augenblicklich hörte Frau Hähnlein auf zu beten. Sie stellte sich
-schlafend, schnarchte sogar ein wenig. Nach einer Weile fragte sie: »Was
-tust du?«
-
-»Ich rauche eine Zigarre«, antwortete Hähnlein mit ruhiger Stimme.
-
-Und nun wurde es still, ganz still. Nun war die Zeit gekommen für ihn,
-Herrn Herbst, seinen Triumph auszukosten!
-
-Sanft glitt sein Bett dahin, eine angenehme Hitze kochte in seinem
-Körper, heiß fuhr der Atem aus seinem Munde. Prachtvoll, berauschend,
-rot funkelte die Finsternis. Am Fenster wallte der Nebel, auf und ab,
-drückte sich gegen die Scheiben. Und drunten: horch! Ja, deutlich hörte
-er ihren Schritt, dumpf wie der Schlag seines Herzens in der Brust. Da
-gingen sie auf und ab, die Männer mit den Knotenstöcken, das grüne
-Hütchen eilte durch den Nebel die Straße herauf, nachzusehen, zu
-kontrollieren.
-
-Und er, nebenan, ahnte nichts! Raschelte mit Papieren, zerriß sie,
-klapperte auf seiner Schreibmaschine, ahnungslos. Sah er nicht das grüne
-Hütchen eilen? Nein, nein, blind war er, taub war er.
-
-Nun rasselte er mit dem Ofen, es roch nach verbranntem Papier. Und schon
-gingen die Schritte auf und ab, lauter, immer lauter . . . .
-
-Sollte er an die Türe pochen und ihm zurufen: Horch, horch! Öffne das
-Fenster und sieh es eilen --!
-
-Aber nein, nun war ja die Stunde gekommen, die wonnige, seinen Triumph
-auszukosten!
-
-Heute -- hoho -- heute hatte er es gewagt! Den Hut gezogen, ganz dicht
-vor ihm, ganz dicht! Vor dem Hause in der Lessingallee hatte er
-gewartet, bis die graue Limousine kam. Und dann -- den Hut gezogen, wie
-gesagt. Mitten in den Lichtschein der Automobillampen war er getreten,
-in den blendenden Lichtkegel der Lampen!
-
-Und der General? Er war erschrocken -- erschrocken, sollte man es
-glauben, vor ihm, einem alten ohnmächtigen Mann, ohne Rang und Würde,
-einem Trinker, mit dem es bergab ging, täglich mehr und mehr bergab,
-erschrak er -- der Gewaltige! Fuhr zurück, und seine Augen waren voller
-Schrecken . . .
-
-Ja, keine Nachsicht mehr, nicht die geringste! Tag und Nacht wollte er
-vor ihm auftauchen, keinen Schritt sollte er künftig tun -- er war da!
-
-Und wie er erschrak! Wie er zurückfuhr! Deutlich sah er es vor sich. Das
-breite starre Gesicht wankte, nicht Schrecken, nein Entsetzen spiegelte
-sich in den Zügen. Der General taumelte einen Schritt zurück -- zwei --
-er lief! Und er, den Hut in der Hand, lief hinter ihm her. Wie schnell
-er doch lief! In seinem Mantel mit den roten Aufschlägen. In seinen
-Hosen mit den roten Streifen! Wie das Entsetzen ihn vorwärts peitschte
--- und doch war es spielend leicht, ihm zu folgen. Rascher, immer
-rascher rannten sie beide in die rotfunkelnde Finsternis hinein. Und der
-Nebel donnerte! Ballen von Qualm warf die schwarze Stadt aus, wie ein
-Vulkan, Ballen um Ballen, himmelhoch donnerten die Wolken von Qualm.
-
-
-3
-
-Der Nebel brodelte über Berlin. Über dem Nebel funkelten die ewigen
-Sterne, aber die Stadt, versunken im gelben Meer von Lehm, sah sie
-nicht.
-
-Schrill heulten die Züge, in düstere Glutwolken gehüllt, tasteten sie
-sich langsam vorwärts. Die Bogenlampen fieberten in den dunstigen
-Bahnhöfen, Schattenriesen stießen mit den Köpfen gegen die Glasdächer
-der Hallen. Die Krankenwagen krochen in das gelbe Nebelmeer hinaus, und
-zuweilen stutzten die Chauffeure: klaffende Abgründe schienen plötzlich
-die Straßen zu spalten. Schlaff und schmutzig hingen Flaggen aus den
-Nebelwolken herab.
-
-In nebligen Höfen wurden die Wagen entladen, und voller Erlösung
-starrten die Fieberaugen der Verwundeten in das Licht der Korridore,
-durch deren Karboldunst die Bahren schwankten.
-
-Und die Züge heulten und winselten, wie seit mehr als tausend Nächten.
-Aber in dieser Zeit der großen Offensive kamen sie ohne jede
-Unterbrechung. Die Ärzte wechselten Blicke. -- --
-
-Zur gleichen Stunde saß der General, den der kleine Herr Herbst im
-Fieberwahn verfolgte, mit zufriedener Miene in dem bequemen
-Arbeitssessel vor seinem Schreibtisch und beugte sich über eine große
-Generalstabskarte.
-
-Er hatte neben sich ein Näpfchen mit blauer Farbe und ein Glas Wasser
-stehen und malte auf die Generalstabskarte blaue Linien. Hin und wieder
-suchte er mit der Lupe eine Ortschaft, die der letzte telephonische
-Bericht genannt hatte.
-
-Unfaßbar! Flogen sie? War es nicht ganz wie seinerzeit beim Vormarsch
-1914?
-
-Schon wurde das strategische Bild klarer -- kristallklar. Der General
-beugte sich! Seine Ansichten hatten nicht immer mit jenen dieser hohen
-Stelle harmoniert, zugegeben, es war ihm unmöglich gewesen, den
-bedingungslosen Glauben der Allgemeinheit zu teilen, er vermißte kühne,
-strategische Gedanken, vermißte den genialen Blick, nun aber beugte er
-sich. Ja! Ohne Vorbehalt.
-
-Und der General starrte in die weiße Karte, während draußen der Nebel
-zog. Bald beugte er sich dicht darüber, den Kneifer auf der Nase, bald
-lehnte er sich nachdenklich in den Sessel zurück, und wieder starrte er
-regungslos in die weiße Karte. Was sah er? Er sah Brigaden, Divisionen,
-Armeekorps, den Gürtel der Artillerie. Er sah wie Brigaden, Divisionen,
-Armeekorps sich vorwärts fraßen, die Kolonnen auf den Straßen, die
-schwere Artillerie wird nachgezogen, die Fliegerschwärme in der Luft,
-die Stäbe, all das sah er auf der weißen Karte.
-
-Seine Hand schob die blaue Linie vorwärts -- ja, schon erblickte er in
-der rechten Flanke das Meer -- den Kanal, in der linken Flanke aber
-wurde die fadendünne Silhouette des Eiffelturms am Horizont sichtbar.
-
-Heute schon fielen die Granaten auf die französische Hauptstadt,
-furchtbare Mahner, furchtbar pochte die Geschichte an die Tore von Paris
--- und London, bald würde die Geschichte auch an die Tore Londons
-pochen! Das Reich des großen Alexander, wo war es hin? Die Stunde
-schlug, und es sank in Trümmer. Das Weltreich der Römer und Spanier?
-Schutt! Unaufhörlich brauste der Strom der Geschichte, und neue Reiche
-stiegen aus der Flut empor.
-
-Der General versank in Träumereien. Seine strengen Züge hatten sich
-gelöst. Schon heute stand fest, daß die feindlichen Reservearmeen
-aufgerieben waren. Sie hatten nichts mehr, fürchterliche Perspektive
-. . .
-
-Nur durch einen Korridor vom General getrennt, durch ein paar dünne
-Mauern, saß Ruth über ihren geliebten Büchern, die das Evangelium für
-sie bedeuteten, und las mit fiebernden Wangen, während an den Fenstern
-sich der Nebel ballte. Es war schon tief in der Nacht, sie schrieb,
-machte Notizen, ihre Augen glänzten. Ja, diese Bücher, diese Broschüren,
-sie sprachen die Wahrheit! Sie allein zeigten den rechten Weg.
-Untergehen mußte diese heute herrschende Gesellschaft, die sich nur
-durch Sklaverei, Plünderung und Tyrannei aufrechterhielt. Dieser Krieg
-war der fürchterlich logische Abschluß ihres Werkes -- welch ein
-Abschluß! Heraufsteigen würde eine neue Gesellschaft, besser, reiner,
-edler. Schon waren ihre Boten unterwegs. Hier aber erschauerte Ruth.
-
-Ja, schon! Ihr Blick glitt zum Fenster, das der Nebel verhüllte, ihr
-Blick füllte sich mit Unruhe und Qual. Ungewiß lag die Zukunft. Lange
-würde sie ihn nicht sehen, vielleicht Jahre! Aber es mußte sein, es
-mußte Mutige geben, die alles einsetzten für Idee und Glauben! Sie
-liebte ihn, sie bewunderte ihn! Auch sie würde ihm nachfolgen. Auf alles
-würde sie verzichten, auf Geld, Bequemlichkeit, gesellschaftliche
-Stellung. Nichts wollte sie. Wie Millionen von Frauen, die ihr Brot
-verdienten, wollte sie sein, nicht anders. Langsam hatte sie sich zu
-diesem Entschluß durchgerungen. Tausend beglückende Gespräche gaben
-Helligkeit, Klarheit und Ziel!
-
-Wenn sie Papa kränkte, sie konnte nicht anders, Otto, ihre
-Verwandtschaft -- nein, es stand unabänderlich fest! Welche Albernheit,
-Oberflächlichkeit, welcher Dünkel, welcher Wahn -- nein, fort fort.
-
-Und doch, das Herz schmerzte. Sie erhob sich und begann auf und ab zu
-wandern, die Hände an den Hüften, immer hin und her, den Blick voller
-Qual -- immer hin und her, die ganze Nacht. --
-
-Und Dora, was tat Dora in dieser undurchdringlichen Nebelnacht? Sie
-schlief und lächelte im Schlaf. Auch Klara, die kleine unglückliche
-Klara, schlief, aber sie weinte im Schlaf, ihre Wangen waren ganz naß.
-
-Hedi aber war noch wach in dieser Nebelnacht, sie war heiter und guter
-Dinge. Sie tanzte Tango mit Weißbach, in der Bibliothek, nebenan saß
-eine kleine Gesellschaft beim Spiel. Der Phonograph war kaum zu hören,
-da sie ihn geschlossen hatte, aber so fand Hedi es am stimmungsvollsten.
-Ströbel hatte ihr eben gesagt, er sei einer der wenigen Männer in
-Europa, die alles vertragen könnten -- und so tanzte sie Tango mit
-Weißbach, ganz allein, und Weißbach, der heute wenig trank, hatte ihr
-erklärt, daß er sie liebe und sie auf der Stelle heiraten würde. Das
-belustigte Hedi, und zuweilen erlaubte sie seinem Blicke, in ihre Augen
-einzudringen, ganz tief. Sie hatte sich vorgenommen, den kleinen
-schwarzen Artilleriehauptmann völlig rasend zu machen. Und dann? Nun,
-wer weiß --?
-
-Und Otto? In seinem Zimmer im Westen saß er, eine kleine anmutige
-Verkäuferin, die er auf der Straße kennengelernt hatte, auf den Knien,
-eine Flasche Wein neben sich. Er küßte den vollen, bläulichweißen Nacken
-der Kleinen, und sie fragte ihn, wie das knallt, wenn eine Granate
-einschlägt. Ihr Bräutigam war ebenfalls im Felde. Otto lachte --
-herrlich diese Naivität. Er unterhielt sich ausgezeichnet. Was kümmerte
-es ihn, daß der Nebel um das Haus wallte?
-
-
-4
-
-Immer noch rannte der kleine Herr Herbst hinter dem Mantel mit den roten
-Aufschlägen einher, immer noch durch purpurne Finsternis.
-
-Allmählich aber ging die Dunkelheit in Zwielicht über, er rannte nicht
-mehr, er ging langsam -- und der General? Es war gar nicht der General,
-es war sein Zimmernachbar Hähnlein. An seinem abgenutzten
-Soldatenmantel, seinen abstehenden weißen Ohren, dem dünnen Hals
-erkannte er ihn. Er ging langsam, immer einige Schritte voraus, kreuz
-und quer durch die Straßen. Offenbar suchte er etwas. Endlich aber --
-ah, nun hatte er es gefunden.
-
-Vor einem Laden mit Messern machte er halt. Messer, nichts als Messer,
-funkelnd und blitzend, ein Gebiß. Dieses Geschäft umkreiste Hähnlein, er
-las die Aufschrift, runzelte die Stirn. Dann trat er zurück an den
-Rinnstein, einen Fuß auf dem Fahrdamm, einen auf dem Bürgersteig, zog
-den Geldbeutel heraus und blickte aufmerksam hinein. Entschlossen betrat
-er den Laden. Aber bevor er die Türe schloß, warf er noch einen Blick
-auf die Straße, einen suchenden, kranken und traurigen Blick. Wonach sah
-er sich um? Nach Hilfe?
-
-Wie, hier, zwischen den eilenden Menschen, die alle vor dem eigenen
-Elend dahinjagten, hier, wie? Nun, er sah es ja auch ein, daß es sinnlos
-war, gerade hier nach Hilfe auszuspähen und schloß die Türe hinter sich.
-(Herbst spähte durch die Scheibe!) Er wählte ein langes solides
-Bratenmesser, lang, spitzig und scharf und verließ den Laden, ein
-schmales, langes Paketchen unter dem Arm. Rasch strebte er nun seinem
-Hause zu, zuweilen lief er sogar eine Strecke, rasch eilte er die Treppe
-hinauf.
-
-Aber was nun? Es war wieder dunkel im Zimmer nebenan, wieder war es
-plötzlich Nacht geworden, und nur Hähnleins Schatten war zu sehen, seine
-weißen abstehenden Ohren und seine böse glitzernden Augen. Er, Herbst,
-lag nun wieder in seinem Bett, schlief, hatte die Augen geschlossen,
-trotzdem sah er durch die Mauer hindurch alles, was Hähnlein nebenan
-tat. Nun beugte sich Hähnleins Schatten über die schlafenden Kinder,
-lange Zeit, dann über die schlafende Frau. Da blitzte plötzlich das
-lange Messer. Furchtbar blitzte es in der Dunkelheit. Die Frau regte
-sich, und Hähnlein versteckte hastig die Klinge unter seinem Rock. Lange
-stand er ohne jede Bewegung.
-
-Dann aber, dann beugte er sich wieder über die schlafenden Kinder, das
-Messer funkelte -- nun zeigte die Klinge dunkle Flecken. Lautlos stand
-er und atmete. Dann beugte er sich über die Frau, und abermals funkelte
-das Messer. Endlich richtete er sich auf. Kein Laut.
-
-Plötzlich aber beschäftigte ihn etwas. Er heftete seine glitzernden
-tückischen Augen auf ihn, Herbst, der nebenan in seinem Bett lag und
-schlief. Sah er ihn? Es war ja unmöglich, die Wand war dazwischen. Aber
-doch schien er ihn zu sehen. Er tastete mit der Hand gegen die Wand --
-runzelte enttäuscht und zornig die Stirn. Da begann Herbst (weshalb
-eigentlich?) spöttisch zu kichern. Hähnlein lächelte verächtlich,
-wollüstig -- und tastete sich an der Wand entlang zur Türe.
-
-Herbst setzte sich plötzlich aufrecht, und sein Herz stand still vor
-Entsetzen. Wild schrie er auf.
-
-Er kam! Er sah ihn kommen, das Messer zwischen den Lippen.
-
-Schon öffnete sich langsam die Türe, seine Hand wurde sichtbar -- wieder
-schrie Herbst auf -- und er trat ein.
-
-Aber er trug kein Messer, sondern eine Kerze. Und es war gar nicht
-Hähnlein, sondern -- Ackermann.
-
-»Sind Sie krank? Weshalb schreien Sie?« fragte Ackermann und kam näher,
-den Leuchter mit einer kleinen Kerze in der Hand.
-
-Herbst versuchte zu sprechen, doch die Zunge klebte am Gaumen.
-
-Ackermann ging und kam mit einem Glas Wasser zurück.
-
-»Trinken Sie. Sie fiebern ja. Sie glühen!«
-
-»Ich friere«, entgegnete Herbst, und seine Zähne klapperten. »Ich fühle
-mich eiskalt. Gewiß bin ich schneeweiß.«
-
-»Sie glühen. Trinken Sie! Weshalb schrien Sie so?«
-
-»Ich habe von Toten geträumt.«
-
-Ackermann lächelte. »Vor Toten brauchen Sie keine Angst zu haben.«
-
-Herbst zitterte und heftete die fiebernden Augen auf Ackermann.
-
-»Und die Schritte,« flüsterte er, »die ganze Nacht. Vor dem Hause. Haben
-Sie das grüne Hütchen nicht gesehen?«
-
-»Trinken Sie noch etwas!«
-
-»Fliehen Sie! Sie sind da!«
-
-Frisch und jung erschien ihm Ackermann, eine Erscheinung aus einer
-andern Welt. Die finsteren Mächte, die diese Erde bevölkern, konnten ihm
-nichts anhaben. Seine Augen glänzten, sein Mund blühte tiefrot, er
-schien weder müde noch schläfrig, obschon es tief in der Nacht war. Er
-lächelte heiter, als er von den Schritten vor dem Hause hörte, nein,
-auch sie konnten ihm nichts anhaben. Er schwebte auf Wolken wie ein
-Engel. Er war ein Gesandter Gottes, der zu ihm gekommen war, um ihm zu
-trinken zu geben.
-
-Die Kerze verschwand. Schon war es wieder dunkel.
-
-Ja, ein Traum hatte ihn gefoltert, ein Traum voller Unheil und
-Schrecken. Hatte er von den verschütteten Soldaten geträumt, die sich
-aus den Lehmbergen auswühlen, oder von Robert, aus dessen Wunden das
-Blut in Strömen floß? Noch jetzt schüttelte ihn das Entsetzen.
-
-Ohne Zweifel, dieses Haus war ein Haus des Unglücks, ein verfluchtes
-Haus. Seine Mauern waren zermorscht von Jammer und Tränen. Selbst die
-Toten fanden hier keine Ruhe. Jede Nacht glitt der tote Briefträger
-durch das Treppenhaus und verbreitete seinen häßlichen Geruch. Er war
-gestorben, dieser alte Briefträger, ein Veteran mit den Denkmünzen des
-glorreichen Siebziger Krieges, ohne daß jemand es wußte. Erst als ein
-scharfer, süßlicher Geruch das Haus erfüllte, hatte man ihn aufgefunden,
-ausgestreckt auf dem Boden. Jede Nacht kroch er nun durch das
-Stiegenhaus, und zuweilen zog er die Klingeln, dann schrien die Frauen.
-
-Ja, ein verfluchtes Haus.
-
-Aber, gottlob, die entsetzliche Kälte hatte aufgehört. Schon begann er
-sich zu erwärmen, schon begann er wieder wohlig zu glühen. Ruhig atmete
-das Haus, deutlich hörte er hinter der Wand die Familie Hähnlein im
-Schlafe atmen. Feuer stieg in seine Augen. Sie wurden größer und größer,
-und mit feurigen Augen, so groß wie Wagenräder, saß er in der
-rauschenden Finsternis.
-
-Plötzlich hörte er deutlich eine Orgel brausen, feierlich und tief. Und
-durch das volle Orgelbrausen rief eine Stimme:
-
-»Heilig ist der Mensch! Sinn der Erde, unantastbar!«
-
-»Heilig ist das Menschenleben, unantastbar!«
-
-Und wieder brauste die Orgel.
-
-Dann schrie die gleiche Stimme, laut und hell:
-
-»Die Menschenwürde ist das oberste Gesetz!«
-
-»Unantastbar ist die Würde des Menschen!«
-
-»Heilig sein Gedanke, heilig sein Leib!«
-
-»Liebet einander!«
-
-Die Orgeltöne verbrausten in der Ferne.
-
-
-5
-
-Und der Nebel brodelte über den Dächern der Stadt.
-
-Immer noch ertönte gedämpft der Phonograph in Ströbels Bibliothek. Aber
-Hedi tanzte nicht mehr. Sie saß am Spieltisch und setzte eifrig. Rote
-Flecken fieberten auf ihren Wangen, ihre Augen sprühten. Sie gewann.
-Zuweilen liebkoste Ströbel sie mit einem Blick, sie liebte ihn in diesem
-Augenblick. Weißbach, der nach ihren Blicken tastete, hatte sie ganz
-vergessen.
-
-Ottos Mädchen war eingeschlafen. Zwei Tränen glänzten wie Tau unter
-ihren langen hellen Wimpern. Otto saß beim letzten Glas Wein und rauchte
-voller Behagen eine Zigarre. Er brauchte keinen Schlaf, obgleich er von
-früh bis abends im Bureau arbeitete.
-
-Immer noch ging Ruth ruhelos auf und ab, den Blick voller Qual. Sie
-schwankte, so müde war sie, aber sie konnte sich nicht entschließen, zu
-Bett zu gehen.
-
-Der General aber schlief. Er schnarchte und murmelte zuweilen
-unverständliche Worte im Traum. Wangel und Jakob packten in aller Eile
-die Koffer, und er gab ihnen Befehle. Soeben hatte ihn das Telegramm
-erreicht, in vierzig Minuten ging der Zug zur Front . . .
-
-Und der Nebel wallte draußen. Über ganz Deutschland dampfte der Nebel,
-undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Deutschland sah
-sie nicht. Die Züge winselten durch die Nebelnacht, durch ganz
-Deutschland liefen die Transporte mit den zerschossenen Menschen, durch
-Wälder, Felder, über Brücken und Flüsse, ohne Zahl, ohne Pause.
-
-Über Europa dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die
-ewigen Sterne, aber Europa sah sie nicht. Blutrot wallte das Nebelmeer,
-Europas Ströme wälzten Blut.
-
-Die Greise, die die Geschicke der Völker lenkten, schlummerten in ihren
-Betten.
-
-Schon aber wurde der Nebel lichter. Der Tag war nahe. --
-
-Ackermann hatte seine Papiere in dieser Nacht in Ordnung gebracht und
-verbrannt, was verschwinden mußte. Der Ofen qualmte, und Rauch erfüllte
-das kleine Zimmer.
-
-Er öffnete das Fenster. Da wälzte sich der Nebel herein, deutlich sah
-man ihn um die kleine Kerze kreisen. Schon aber begannen die Dunstballen
-sich aufzuhellen, es tagte. Stille, kein Schritt, kein Laut. Die Stadt
-war völlig tot.
-
-Ackermann blies die Kerze aus und legte sich zur Ruhe.
-
-Aber der Nebel folgte ihm in seine Träume: Da sah er einen Feldgrauen,
-so wie er ihn hunderttausendfach gesehen hatte. Der Feldgraue, in einen
-weiten Soldatenmantel gehüllt, eine kleine verknüllte Grabenmütze auf
-dem Kopf, arbeitete still für sich, inmitten eines weiten, rauchenden
-Ackers.
-
-Es war so düster, daß zuweilen kaum die Umrisse des Feldgrauen zu
-erkennen waren. Er war groß, sein knochiges Gesicht von einem kurzen
-Stoppelbart eingerahmt. Ohne Unterbrechung, ohne aufzublicken hob er mit
-einem Spaten die Erde aus. Ein riesiger, in der Erde vergrabener Stein
-kam zum Vorschein, und allmählich bekam man eine Vorstellung von der
-Größe des Steins. Er war etwa so groß wie die Drehscheiben, auf denen
-man Lokomotiven bewegt. Manchmal schien er auch etwas kleiner, manchmal
-größer zu sein. Jedenfalls war er ungeheuer groß, und man wußte ja auch
-nicht, wie tief er in der Erde stak.
-
-Der Feldgraue nahm nunmehr ein Stemmeisen zur Hand, eine schwere
-Deichsel mit einem Eisenschuh, rammte sie unter den Stein und warf sich
-mit aller Wucht dagegen. Der Stein rührte sich nicht. Unverdrossen nahm
-der Feldgraue wiederum Pike und Spaten in die Hand und grub das Loch um
-den Stein herum tiefer. Ein ganzes Gebirge von Erde warf er aus, und es
-war wunderbar zu sehen, wie gleichmäßig, ruhig und hingegeben er
-arbeitete. Wiederum setzte er das schwere Stemmeisen an, und siehst du,
-nun bewegte sich der Stein eine Idee! Am Rande des Steins zeigte sich
-ein feiner Riß im Boden. Es war also kein Zweifel, der riesige Stein
-hatte sich bewegt! Abermals warf sich der Feldgraue mit voller Wucht
-gegen das Stemmeisen. Zum ersten Male wandte er Ackermann voll das
-Gesicht zu. Deutlich war zu sehen, daß es in Schweiß gebadet war, in den
-Augen hatte sich der Schweiß angesammelt, so daß sie schneeweiß
-erschienen. Mit einer ungeheuren Anstrengung drückte der Feldgraue das
-Stemmeisen nieder, die Adern an seinen Schläfen schwollen an -- ah,
-schon bewegte sich der Stein deutlicher. Unmerklich war er auf der einen
-Seite eingesunken und auf der andern Seite in die Höhe gestiegen.
-
-Der Feldgraue wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, und
-mutig nahm er die scheinbar aussichtslose Arbeit wieder auf.
-
-Doch was ist das? Er hält im Schaufeln inne und berührt seine Backe.
-Eine blutige Schramme ist entstanden, und das Blut rieselt in einem
-dünnen Faden herab über seinen Hals. Verwundert schüttelt der Feldgraue
-den Kopf. Es ist ganz merkwürdig, was geht vor? Plötzlich wird ein Stück
-von dem grauen Mantel abgerissen: ah, er ist im Feuer, er arbeitet im
-Feuer, dachte Ackermann, er wird beschossen. Deutlich sieht er, wie
-einen Augenblick später auf seiner Stirn eine klaffende Wunde entsteht.
-Das Blut stürzt heraus, und rasch ist die eine Hälfte des ganzen
-Gesichts vom Blut überzogen. Der Feldgraue aber arbeitet ruhig weiter.
-Er legt sich mit ganzer Gewalt gegen das Stemmeisen, und nur zuweilen
-fährt er mit dem Ärmel übers Gesicht, wenn das Blut ihn stört.
-
-Es geschieht das Unglaubliche: es ist ihm gelungen, den riesigen Stein
-in eine schräge Lage zu bringen. Voller Raserei wirft er sich nun mit
-dem Rücken dagegen und versucht, den Steinriesen vollends in die Höhe zu
-heben. Es geht -- ein wenig -- aber da fällt der Stein wieder in die
-frühere Lage zurück.
-
-Erneut beginnt der Feldgraue sein Werk, unverdrossen. Seine Hände und
-sein Gesicht sind von Blut und Schweiß überzogen, aber er kümmert sich
-nicht darum. Plötzlich zerreißt sein Waffenrock an der Brust, er hält
-einen Augenblick inne, legt die große Hand auf die Brust, und schon
-stürzt ihm das Blut aus dem Mund. Aber gleich darauf nimmt er wieder die
-Arbeit auf. Wiederum stemmt er sich mit dem Rücken gegen den Stein, und
-siehe da, er hebt ihn hoch, so unmöglich es auch erschien. Nun steht er
-schräg wie ein Dach, aber alle weiteren Anstrengungen sind umsonst. Der
-Feldgraue streicht um den Stein herum, schüttelt den Kopf, wischt sich
-das Blut aus dem Gesicht und vom blutigen Mantel, schaufelt und macht
-von neuem verzweifelte Versuche, aber der Stein bewegt sich nicht mehr.
-
-Aber nun, was geschieht? Jemand kommt, jemand ist hinzugetreten. Es ist
-ein kleiner Mann, ebenfalls ein Soldat, mit raschen, herrischen
-Bewegungen. Offenbar ein Vorgesetzter. Er gestikuliert heftig, treibt
-den Feldgrauen zur Arbeit an. Und plötzlich erinnert sich Ackermann, daß
-dieser kleine Mann mit den herrischen Bewegungen schon vorher einmal im
-Nebel sichtbar geworden war. Nur für einen Augenblick.
-
-Wiederum stemmt sich der Feldgraue mit aller Gewalt gegen den riesigen
-Stein, aber es geht nicht. Wieder wendet er Ackermann das Gesicht zu. Es
-ist von Blut übergossen, ebenso wie seine Brust, die Augen sind
-blutunterlaufen, und bei der ungeheuren Anstrengung quillt das Blut
-zwischen seinen Lippen hervor. Plötzlich -- plötzlich springt der kleine
-Mann mit den herrischen Bewegungen zornig hinzu, schwingt eine kurze
-Riemenpeitsche und -- ah -- schlägt damit den Feldgrauen übers Gesicht.
-Er schlägt wieder und wieder und gerät in förmliche Raserei. Der
-Feldgraue aber verdoppelt, verdreifacht seine Anstrengungen. Er
-schwankt, taumelt ein paar Schritte und fällt zu Boden. Ohne Bewegung,
-ohne Zeichen von Leben liegt er da.
-
-Ist er ohnmächtig geworden? Ist er tot?
-
-Der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen geht näher an den
-Feldgrauen heran. Er stößt mit dem Stiefel gegen die Schulter des
-Regungslosen. Er ist nun plötzlich um vieles kleiner geworden, und der
-Feldgraue um vieles größer. Wie ein Zwerg zu einem Riesen verhält der
-kleine Herrische sich zu dem Feldgrauen. Er klettert auf den
-Regungslosen hinauf, um ihm ins Gesicht blicken zu können. Er steht auf
-seiner Brust, schwingt die Peitsche und schreit . . .
-
-Aber der Regungslose, Blutüberströmte, antwortet nicht. Seine Zähne
-blinken im Nebel. Da ist sein Spaten, sein Hebebaum, dort der Stein, der
-halb aufgerichtet in den Nebel ragt. Aber er regt sich nicht mehr, er
-antwortet auch nicht.
-
-Sein Stillschweigen versetzt den Kleinen mit den raschen, herrischen
-Bewegungen abermals in rasenden Zorn. Er klettert höher auf der Brust
-des Riesen, hält sich an seinem Mantelkragen fest und hebt den Stiefel,
-um damit nach dem regungslosen, blutüberströmten Gesicht mit den
-blinkenden Zähnen zu stoßen . . .
-
-Da erwachte Ackermann.
-
- * * * * *
-
-Es wurde nun in der Tat deutlich lichter. Gelb wie Lehmwasser floß das
-Morgenlicht am Fenster.
-
-Schon ratterte ein Wagen auf der Straße.
-
-Der kleine Herr Herbst hatte, seit ihn Ackermann verließ, die Nacht
-zwischen Schlaf und Wachen verbracht. Vielleicht hatte er auch
-geschlafen, er wußte es nicht. Sein Körper war mit Schweiß bedeckt, aber
-das Fieber schien gebrochen zu sein.
-
-Still lag das Haus.
-
-Diese kurze Stille vor dem Morgen liebte er. Wie oft hatte er in dieser
-Stille in seinem Bette gesessen, und die Hände gerungen und das
-befreiende Weinen geweint, das ihn beruhigte.
-
-Deutlich hörte er, wie Ackermann sich in seiner Bettstelle hin und her
-wälzte, aber nun war es still bei ihm. Auch bei Hähnlein war es still,
-ganz still.
-
-Der tote Briefträger, der Veteran von Siebzig, mußte in sein Reich
-zurückweichen vor dem Licht, alle Nachtgespenster mußten weichen.
-Lieblich war der sanfte Morgen.
-
-Schon aber begann das mit Menschen vollgestopfte Haus zu erwachen. Die
-Haustüre ächzte und krachte, und der Hausmeister streckte seinen
-graugelben Pudelkopf in den Morgennebel. Türen schlugen, und Tritte
-eilten die Treppe hinab. Es wurde geklopft, gerufen, Wasser plätscherte.
-
-Bei Hähnlein -- Stille!
-
-Noch vor kurzem hatte er das Atmen hinter der Wand gehört, aber nun war
-es ganz still geworden.
-
-Kein Laut!
-
-Herbst erhob sich und machte in aller Eile Toilette, es dauerte nicht
-lange bei ihm. Aber während er sich wusch, nieste er mehrmals und hob
-die kleine Nase in die Luft. Gas, wie? Ja, es roch nach Gas.
-
-Deutlich, deutlich spürte er den Gasgeruch.
-
-Auf dem Korridor war der Geruch noch stärker. Ängstlich schlich er sich
-zur Türe.
-
-In diesem Augenblick öffnete Ackermann die Türe und streckte den Kopf
-heraus. Auch er zog die Luft ein.
-
-»Es riecht so stark nach Gas hier?« sagte er.
-
-»Ja, stark nach Gas!«
-
-Hm. Ackermann trat halb angekleidet auf den Korridor heraus.
-
-»Haben Sie den Gashahn offen gelassen?«
-
-»Ich? Nein, nein«, erwiderte Herbst, die Hand schon am Drücker der Türe.
-
-»Vielleicht Hähnlein --?« fragte Ackermann leise, stockend, und sein
-erschrockener Blick wandte sich auf Herbst.
-
-»Ja, vielleicht --?«
-
-»Wir wollen nachsehen --«
-
-Aber Herr Herbst hatte keine Lust nachzusehen, nein, nicht die mindeste
--- diese Stille -- er rannte die Treppe hinab. Schon polterten
-Ackermanns Fäuste gegen Hähnleins Türe.
-
-Furchtsam eilte er die neblige Fabriciusstraße entlang. Deutlich entsann
-er sich nun, daß er von Hähnlein geträumt hatte. Deutlich! Ganz
-deutlich! Hähnlein war mit einem Messer in der Hand die Treppe
-hinabgestürzt, ja deutlich erinnerte er sich jetzt daran -- er hatte
-sich gegen die Wand geworfen, um ihm aus dem Wege zu gehen.
-
-Schon verlor sich der Havelock im Labyrinth der Straßen wie jeden Tag.
-
-
-6
-
-Siehe, deine Welt, Langmütiger!
-
-Hunderte und Tausende flüchten täglich voller Verzweiflung aus diesem
-Leben.
-
-Öffne die Augen und sieh: Jammer!
-
-Öffne die Augen und sieh: Schande!
-
-Lausche! Das Geschrei der Folterknechte, das Geschrei der Gemarterten,
-das Jammern der Witwen und Waisen. Ströme von Tränen rauschen dahin,
-Flüche verfinstern das Licht.
-
-Siehe deine Völker: Mörder!
-
-Die Heere der betörten Sklaven, vorwärtsgepeitscht von ihren Verführern,
-zerfleischen sich noch immer. Noch immer gibt es Granaten, Torpedos,
-Gas, Flammenwerfer, noch immer werden Männer und Frauen füsiliert, noch
-immer werden täglich Gefangene -- welches Wort! -- zu Tausenden wie
-Sklaven verschleppt. Schiffe sinken in die Tiefe, Kathedralen gehen in
-Flammen auf, Tausende von unschuldigen Kindern verhungern an jedem Tag.
-Aber auf den Kirchen Europas funkeln golden die Kreuze! Und wie lange
-willst du noch zögern?
-
-Die Nebelfetzen zerflatterten, schon glänzte ein rotes Dach. Riesige
-Firmenschilder blinkten oben an den Nebelburgen, Fensterreihen blitzten.
-Die Häuser wurden farbig, rote Gesichter erschienen in den Türen.
-Plötzlich strahlte die Sonne. Und die bunten Flaggen flatterten wieder
-heiter im Morgenwind.
-
-Dampfend und glitzernd stieg die Stadt aus dem Nebel empor. Tau lag auf
-den Straßen, tropfte von den Bäumen, die Dächer glänzten naß. Die
-Brillen der Straßenbahnführer waren beschlagen, Tau hing an ihren
-Schnurrbärten. Die Tritte hinterließen Spuren auf den feuchten
-Bürgersteigen.
-
-Langsam wanderte Ackermann durch die Straßen, bald dahin, bald dorthin
-ließ er sich treiben -- nicht mehr sein ungeduldiger, stürmischer
-Schritt. Wozu Eile? Er war am Ziel.
-
-Heute abend würde er nicht mehr in sein Zimmer zurückkehren -- Gott
-allein wußte es, was mit ihm geschah . . .
-
-Beglückt sog er die frische Morgenluft ein, wie Dampf kam der Atem aus
-seinem Munde. Tau hing an seinen Wimpern. In der letzten Zeit hatte er
-sein Äußeres vernachlässigt, aber heute morgen hatte er sich rasieren
-und die etwas langgewordenen Haare stutzen lassen.
-
-Schwach ging der Pulsschlag der sterbenden Stadt. Nicht mehr das Brausen
-und Donnern des Friedens, wenn sie erwachte. Frauen, Kinder und Greise
-besorgten die Geschäfte, kutschierten die Gespanne, zogen Karren und
-Wagen. Vor den Geschäften standen, wie jeden Morgen, die langen Reihen
-der Weiber mit Töpfen und Markttaschen. Hin und wieder rollten
-Heeresautomobile, schwer beladen, polternd vorüber.
-
-Bald war Ackermann wieder in seine Gedanken versunken. Ja, so wird es
-sein! Sie, die Reinen, Gläubigen, Hoffenden, werden eine Gemeinschaft
-bilden, wie die Apostel, die das Christentum in allen Ländern
-verbreiteten. Es wird genau sein wie seinerzeit.
-
-In die Schulen werden sie gehen, die Apostel, und predigen: Die Würde
-des Menschen ist das oberste Gesetz! Heilig das Menschenleben und
-unantastbar! Alle Völker sind Brüder, und die Vernunft ist das Vaterland
-aller Menschen. Sie werden die Lüge aus den Schulbüchern verbannen, sie
-werden auf die Tugenden der Nachbarvölker hinweisen und nicht auf ihre
-Schwächen.
-
-Dies und hundert anderes werden sie lehren, werden es in die Seelen der
-Jungen, der Keuschen und Unverdorbenen pflanzen. Bei ihnen werden sie
-beginnen. Fluchbeladen sinkt die alternde Generation dahin, erwürgt von
-Gram und Schande.
-
-In die Kirchen werden sie gehen, die Apostel, und den Gläubigen die neue
-alte Lehre predigen -- in die Fabriken, Kasernen, Gefängnisse, Dörfer --
-überall werden sie sein. Keine Landesgrenzen wird es für sie geben, sie
-gehen hin und her, wie sie wollen. Sie sprechen alle Sprachen, in allen
-Ländern, allen Kontinenten werden sie morgen die Arbeit beginnen. Arm
-werden sie sein, verachtet, die Liebeglühenden, arm wie Bettelmönche,
-geächtet und verfolgt.
-
-Sie bereiten das Reich vor, das kommen wird! Glückliche, gütige
-Menschen, ohne Mißtrauen, ohne Neid, ohne Hochmut werden es bewohnen.
-Kein Mensch wird fortan der Unterdrücker eines andern sein, kein Volk
-der Unterdrücker eines andern Volkes, für immer ist die Zeit der
-Sklaverei dahin.
-
-Freiheit, Freundschaft, Freude wird der Gruß des neuen Menschen lauten.
-
-Und die Erde wird ein Garten sein! Alle Kräfte, dienstbar heute der
-Bewaffnung und dem Kriege, werden dem Frieden und der Wohlfahrt dienen.
-Die Wüsten werden blühen, der Sand selbst wird Früchte tragen. Ja, ein
-Garten die Erde.
-
-Haubitzen, Bombenflugzeuge, Panzerkreuzer, Unterseeboote, wo sind sie
-hin? Wie ein Spuk werden sie sein, ein Spuk aus einer finstern,
-unbegreiflichen Zeit.
-
-Deinen Glanz sehe ich, den Glanz deines Friedens und deines Glückes, ich
-sehe ihn schimmern -- Reich der Zukunft, Reich der Freude, Reich des
-Menschen, ich betrete dich . . .
-
-Da hielt Ackermann den Schritt an. Eine Stimme rief in seinem Innern und
-mahnte. Erschrocken fuhr er aus seinen Träumereien auf, bereit, der
-Stimme zu gehorchen, die aus seinem Innern drang.
-
-Schritte kamen, trappelten. Er wandte den Kopf. Um die Straßenecke bog
-ein Trupp von Männern in abgetragenen, zum Teil zerlumpten
-Zivilkleidern, die von einem Unteroffizier geführt wurden. Nicht viel
-waren es, kaum hundert. Sie trugen Pappschachteln, es war Ersatz für die
-Kasernen. Nein, nicht das Reich des kommenden Menschen, nicht sein
-Schimmer, sein Glanz, armselige, trostlose Gegenwart.
-
-Stumpf trotteten die Männer dahin, teilnahmslos, geduckt unter ihr
-Schicksal, bereit zu sterben, wenn man es forderte, bereit zu töten,
-wenn man es verlangte, bereit zu allem. Alte Männer, eisgrau, einige
-plattfüßige aufgeschwemmte Dickbäuche, ein paar spindeldürre Bebrillte,
-schwindsüchtige Kaufleute und Studenten, freche Burschen mit
-Diebesgesichtern, ein Zwerg in großen Stiefeln, ein Kranker mit
-zerfressener Nase, ein Buckliger, ein Hagerer mit nur einem Auge. Und
-ein Bleicher, ganz Bleicher, der den Blick voller Scham zu Boden
-richtete, bildete den Schluß. Die Stiefel schlürften, schallten, die
-Knie bewegten sich automatisch, die Pappschachteln schaukelten hin und
-her.
-
-Die in Lumpen gehüllten Weiber, die die Straße reinigten, lachten und
-schrien.
-
-»Ihr werdet es schaffen! Immer rasch!«
-
-Eines der Weiber sprang auf den Kehrichthaufen und tanzte mit dem Besen,
-daß die schmutzigen Röcke flogen.
-
-»Hahaha! Die Garde kommt!«
-
-»Hohoho!«
-
-Teilnahmslose Blicke, Gelächter, Grimassen. Eine Reihe von Elektrischen
-hielt den Zug der Ausgemusterten auf. Menschen sammelten sich an,
-Fuhrwerke stauten sich.
-
-Blitzschnell trat Ackermann einige Schritte vor. Sein glühender Blick
-flog über die Menschen, die Wagen, den Zug der Armseligen mit den
-Pappschachteln.
-
-Jetzt? Jetzt?
-
-Gesetzt den Fall -- jetzt!
-
-Die Hände in die Luft werfen, schreien, diesen Menschen, die sich hier
-angesammelt hatten, es zuschreien, diesen armen Krüppeln und Kranken mit
-ihren Pappschachteln, laut, über den ganzen Platz, so laut, daß Hunderte
-es hören, Tausende und Zehntausende es am Abend wußten --?
-
-Er erbleichte. Angst schnürte seine Kehle zusammen, nicht eine Silbe
-hätte er hervorbringen können. Er schwankte -- schon bei dem Gedanken.
-Jetzt würden sie über ihn herfallen, der Unteroffizier, wahrscheinlich
-sogar die Männer mit den Pappschachteln und der Schutzmann dort, er
-würde herbeieilen und ihn zu Boden schlagen.
-
-Aus einem Straßenbahnwagen starrten ihn erschrocken ein Paar große Augen
-an, eine alte, zitronengelbe Frau.
-
-Er hatte in der Erregung eine unwillkürliche Bewegung mit den Armen
-gemacht, und diese Bewegung hatte den Blick der Frau auf ihn gelenkt.
-
-Die Straßenbahnwagen klingelten und rollten weiter. Wieder bewegten sich
-die Knie der Männer mit den Pappschachteln, ihre Rücken drängten sich
-zusammen. Die Menschenknäuel lösten sich, zerrannen. Die Wagen fuhren.
-Der Schutzmann betrachtete interessiert eine geschminkte Dame, die ihm
-zulächelte.
-
-Ackermann stand allein auf dem Trottoir, müde plötzlich, ein leises
-Beben in den Gliedern. Allmählich erst kehrte die Farbe in sein Gesicht
-zurück. Langsam, die Pupillen geweitet, ging er weiter.
-
-Hier? Wie unsinnig wäre es gewesen! Sinnlos, ohne jeden Widerhall.
-Menschenmassen mußten es sein, wimmelnde Menschen, aufhorchend, in deren
-Ohren sein Schrei weitergellte, so daß ihr Herz erbebte. Die seinen
-Schrei durch Berlin trugen in alle Häuser: über die ganze Stadt mußte
-sein Schrei hingellen.
-
-Nein, nicht einen Augenblick hatte er ernsthaft daran gedacht. Aber wie
-war es möglich, daß ihn der Gedanke allein schon so tief erschreckte,
-daß sein Herz stehenblieb?
-
-Neben einem Pumpbrunnen, wo ein Droschkenkutscher sein Pferd tränkte,
-stand eine Bank. Darauf setzte sich Ackermann. Er streckte die Beine
-aus, die noch ein leises Zittern schwächte. Die Sonne blendete in sein
-Gesicht. Es war weiß, durchsichtig, und Spuren von Sommersprossen waren
-im grellen Licht zu erkennen.
-
-Schrecken erfüllte ihn.
-
-Entsetzen!
-
-War er das? Nach allem --?
-
-Mit geweiteten Augen sah er zu, wie die grauhaarige Pferdeschnauze
-gierig ins Wasser tauchte.
-
-Was für einen Sinn sollte es haben, daß einer sich vor die dahinrasende
-Maschine warf und sich von ihr zerfleischen ließ? Und weshalb gerade er?
-Vielleicht hatte ihn die innere Stimme nur genarrt, ihn bis zu diesem
-Punkte geführt, damit er seine Schwäche und Ohnmacht erkenne.
-
-Wie?
-
-Vielleicht, vielleicht.
-
-Er saß wie gelähmt. Das alte Pferd bleckte die gelben Zähne nach ihm.
-
-
-7
-
-Leise schloß Ruth die Türe ihres Zimmers hinter sich.
-
-Sie war voller Unruhe.
-
-Abermals hatte sie den großen, beobachtenden Blick Papas auf sich
-gefühlt. Wie schon seit Tagen. Gestern abend sah sie ihn im Spiegel:
-groß, hell, lauernd und drohend.
-
-War er argwöhnisch geworden, Papa?
-
-Vielleicht hatte die Zigarrenspitze, die sie neulich in ihrem Zimmer
-fand, doch etwas zu bedeuten?
-
-Plötzlich errötete sie. Und der Brief? In einem Buch lag ja ein Brief
-von Karl! Schnell, wo ist er? Am Ende war er fort? Am Ende hatte Papa
-diesen Brief gefunden, gelesen. War er nicht einmal ganz plötzlich in
-ihr Zimmer gekommen, als Dora bei ihr Tee trank? Sie hatte diesem
-Vorfall ja nicht die geringste Bedeutung beigelegt, gar nicht weiter
-darüber nachgedacht. Ach, sie haßte Papa! Ja, wahrlich, sie haßte ihn!
-Man kannte nie seine Gedanken. Sein Blick prüfte, tadelte, sein Blick
-entmutigte, sein Blick erstickte jede harmlose Freude.
-
-Nein, sie haßte Papa natürlich nicht, er hatte gewiß seine guten
-Eigenschaften, er war charaktervoll, wie wenige Menschen, pflichtgetreu,
-stolz, verschlossen, ehrenhaft vom Scheitel bis zur Sohle, nein, nein,
-sie wollte gar nichts sagen. Er war verbittert, unglücklich vielleicht,
-trug sein Leben ohne zu klagen. Nie hatte sie eine Klage von ihm gehört.
-Er schwieg. Aber wie gerne hätte sie doch Zutrauen zu ihm gehabt, volles
-Vertrauen, wie zu einem erfahrenen, erprobten Freund. Ja, so sollte es
-sein! Aber es war gerade umgekehrt: anstatt sich ihm anvertrauen zu
-können, mußte sie sich vor ihm verbergen. Es war natürlich auch sein
-Verhalten Mama gegenüber, das sie gegen ihn einnahm. Nie konnte sie ihm
-verzeihen, daß er jahrelang mit solcher Erbitterung gegen die Arme
-prozessierte. Aber sie war ja jetzt reifer, sie verstand das Leben jetzt
-besser und wußte, daß es viele unglückliche Ehen gab, und doch beide
-Teile ehrenhafte und gütige Menschen sein konnten. Nicht das war es, es
-war -- undefinierbar. Seine Nähe bedrückte, sie verwandelte, das Leben
-erschien plötzlich so schwer und ernst.
-
-Sie fand es überaus häßlich, daß er in ihr Zimmer gekommen war,
-seinerzeit. Und die Zigarrenspitze? Papa rauchte die Zigarren in
-Papierspitzen mit Gänsekielen. Eines Tages hatte sie eine solche
-Papierspitze auf ihrem Schreibtisch gefunden. Sie hatte sie achtlos zum
-Fenster hinausgeworfen. Vielleicht war sie auch von einem der Burschen
-hereingebracht worden?
-
-Aber hier war ja Karls Brief. Gottlob, sie atmete auf.
-
-Er lag noch an derselben Stelle, zwischen denselben Seiten des Buches,
-unberührt. Sie las den Brief, sie drückte ihn an die Lippen.
-
-Ja, Karl war einer von den Kommenden, nicht einer der Vergehenden. Er
-hatte Wille und Ziel. Und was er wollte, war gut. Alle Welt liebte ihn,
-seine Freunde beteten ihn an, er hatte keinen einzigen Feind. Sie, die
-sie selbst schwankte, klammerte sich an ihn, er gab ihr Halt. Glücklich
-würde sie mit ihm sein.
-
-Aber weshalb war Papa in letzter Zeit so aufmerksam -- fast zärtlich?
-Weshalb sagte er ihr so oft, daß sie bleich und nervös sei und nach
-Babenberg gehen solle? Einmal legte er sogar die Hand um ihre Taille --
-seit Jahren war es nicht mehr der Fall, oh, sie erinnerte sich deutlich
-dieser ihr (damals!) so schrecklich unangenehmen Liebkosung, sie lebte
-ganz dem Andenken Mamas. Er fragte, ob sie keine Wünsche habe, ob sie
-nicht etwa Lust zu einer Reise habe, vielleicht nach der Schweiz? Er
-habe eine gewisse Summe für sie bereitgelegt. Nein, sie brauchte nichts,
-gar nichts, hatte gar keine Wünsche.
-
-Ach, wie häßlich sie doch war! Kümmerte Papa sich nicht um sie, so
-nannte sie ihn kalt und herzlos -- kümmerte er sich um sie, so war sie
-sogleich argwöhnisch.
-
-Ja, ganz unmöglich, den großen prüfenden Blick des Generals zu
-ergründen!
-
-Er atmete Haß in diesen Wochen, er atmete Liebe.
-
-Ja, er haßte Ruth zuweilen mit einem furchtbaren und grundlosen Haß, der
-ihm unerklärlich war, und den er bereute. Ihre Mutter, ganz ihre Mutter!
-Die gleichen hysterischen Augen, wie sie voller Geheimnisse, in die
-niemand eindringen durfte, wie sie eingesponnen in eine sonderbare,
-unerforschliche Welt. Wie sie rasch und ohne Überlegung Impulsen
-folgend. Wie sollte sie anders sein? Man bedenke, eine Dame, die sich
-von einem Offizier, den sie erst wenige Tage kannte, von einem Ball
-entführen ließ, die sich soweit vergessen konnte -- nun, gewiß, ein
-häßlicher und unwürdiger Gedanke, aber trotzdem . . .
-
-Es war das Blut der Sommerstorf, und unergründlich waren die Rätsel
-eines Tropfen Blutes.
-
-Beziehungen zu einem schwärmerisch veranlagten jungen Manne -- gebildet,
-zugegeben, aber jedenfalls ohne Rang, ohne Familie, arm -- mochten diese
-Beziehungen noch so unschuldig sein, wie man ihm versicherte -- noch so
-unschuldig --
-
-In Dunkelheiten, voller Schrecken, unklare, verworrene, drohende
-Dunkelheiten verloren sich seine Gefühle -- und dann haßte er Ruth.
-
-Reue, Reue! Er war kein Unhold. Ja, schon bereute er seine Heftigkeit.
-
-Sie war jung, sie dachte selbständig, und das war immerhin
-anerkennenswert, sie lebte ihr eigenes Leben, war nicht eines jener
-törichten oberflächlichen Geschöpfe, die nur an Putz und Vergnügen
-denken. Es war natürlich übertrieben, töricht und im höchsten Maße
-ungerecht, sie hysterisch zu nennen. Eine Bekanntschaft aus dem
-Lazarett, etwas Romantik, weshalb urteilte er so streng?
-
-Nun liebte er sie plötzlich wieder, und er grübelte darüber nach, wie er
-ihr Vertrauen gewinnen könnte. Leider, leider hatte ihm der Dienst zu
-wenig Muße gelassen, sich mit seinen Kindern beschäftigen zu können. Das
-rächte sich jetzt. Etwas Vertrauen, und alles wäre in Ordnung! Heute
-abend wollte er mit ihr nochmals über die Reise nach der Schweiz
-sprechen. Es war ja eine Leichtigkeit, den Paß zu besorgen . . .
-
-Nein, unmöglich den prüfenden großen Blick Papas zu ergründen! Ruth
-versank in die Betrachtung des Bildes der Mutter an der Wand: auch sie
-hatte diesen Blick gewiß nie ergründen können, nein.
-
-Da klopfte es, und man meldete ihr ein Fräulein Westphal.
-
-Ruth warf das Kinn in die Höhe. »Ich bedaure.«
-
-Seht an! Trotzdem sie ganz die Mutter war, wie der General dachte, wenn
-er Ruth haßte, trotzdem die Linie der Hecht-Babenberg bei Ruth nicht im
-mindesten zum Ausdruck kam -- die gleiche Stimme in diesem Augenblick,
-die gleiche, etwas hochmütige Bewegung des Kinns. Trotz allem, trotz
-allem. Ach, sie bebte vor Unruhe und Erregung heute.
-
-Aber da ging schon die Türe, und eine ihr unbekannte dichtverschleierte
-Dame, ein schmächtiges, zartes Persönchen trat ein.
-
-»Ich bitte tausendmal --« flüsterte diese tiefverschleierte Dame.
-
-War so etwas überhaupt möglich? Sie hatte, Ruth, deutlich genug
-bestellen lassen, daß sie heute nicht zu sprechen sei. »Sie wünschen?«
-fragte sie, kühl, ohne jede Anteilnahme, abweisend, herzlos.
-
-Aber die dichtverschleierte Dame streckte ihre dünnen Arme aus. »Nicht
-Sie! Nicht auch Sie!« Und schon fiel sie in die Knie.
-
-Sofort aber fand Ruth sich selbst zurück.
-
-»Um Gottes willen!« rief sie aus und hob diese kleine weinende zuckende
-Person auf, die sie gar nicht kannte. »Was tun Sie? Um Gottes willen!
-Ich bin sehr beunruhigt heute -- ja, wer sind Sie eigentlich?« Und Ruth
-hob den Schleier der Dame hoch, sah ein blasses verweintes Kindergesicht
-mit hilflosen Augen -- sie kannte es nicht -- aber sie küßte es sofort.
-»Mein Liebling -- mein Kleines -- aber ich bitte Sie herzlich.«
-
-Ja, nun begriff sie, wer der Besuch war, sie erinnerte sich.
-
-Und Heinz? Sie hatte gehört davon. Ein lieber, frischer Junge.
-
-»Herr v. Meerheim -- sie flogen Sperre -- er sah die Maschine taumeln --
-und dachte sich noch, was ist das? Und da stürzte die Maschine schon --«
-
-Ruth preßte Klara an sich.
-
-»Bleiben Sie hier bei mir! Erzählen Sie mir alles, alles. Wir sind
-Freundinnen. Geben Sie mir Ihre Hand.« Und Ruth führte diese kleine
-dünne Hand an die Lippen. »Ja, Freundinnen! Auch ich habe Sorgen, hören
-Sie! Gerade heute bin ich in schrecklicher Unruhe. Ich ertrage diese
-Stadt nicht mehr und gehe bald aufs Land. Haben Sie Lust mitzukommen,
-Sie sind eingeladen? Ja, in schrecklicher Unruhe bin ich, ich kann es
-Ihnen nicht sagen. Deshalb war ich auch so unhöflich! Verzeihen Sie --
-und nun plaudern Sie, plaudern Sie!«
-
-
-8
-
-Berlin -- wer kennt es nicht? -- ist die häßlichste Großstadt der Welt,
-ganz offen gestanden. Paris, London, Rom, Neuyork, Kioto, Moskau -- sind
-sie von ihren Bewohnern ganz allmählich erbaut worden, Berlin wurde von
-Unternehmern errichtet, in aller Eile. Von ganz wenigen Gebäuden,
-einzelnen Straßen und Plätzen abgesehen, ist es als Stadt
-architektonisch ohne jeden Reiz, ohne Zauber -- ein Steinhaufen ohne
-Grenzen, nichts sonst. Trotzdem besitzt es mehr Badewannen als zum
-Beispiel Paris, nicht zu unterschätzen, vor dem Kriege genoß es auch den
-Ruf, die reinlichste Großstadt zu sein. Also die häßlichste der großen
-Kokotten der Erde, aber am sorgfältigsten gewaschen, immerhin etwas. Die
-Theater haben ohne Zweifel die besten Spielpläne der Welt, die besten
-Konzerte -- aber sonst, häßlich, nüchtern, ein steinernes Meer. Früher
-verschwand die Häßlichkeit im Gewimmel der Menschen, im Donner des
-Verkehrs, im Gegleiße und Geglitzer von hunderttausend Volt, aber heute?
-Nackt und schmutzig lag die häßlichste aller großen Kokotten vor allen
-Augen da.
-
-Als die schönste Straße Berlins gelten die Linden. Sie beginnen mit dem
-Brandenburger Tor und enden mit dem Schloß. Eine Enttäuschung für jeden.
-Aber vom strategischen Standpunkt aus sind sie ganz ausgezeichnet. Das
-Schloß liegt auf einer Halbinsel, die Verteidigung gegen das Wasser zu
-ist ein Kinderspiel, die Linden selbst aber sind wie ein Lineal, breit
-und gerade -- eine Salve Kartätschen, und schon sind alle
-Schwierigkeiten beseitigt.
-
-Im Jahre 1848 wurde hier gekämpft. Barrikaden -- aber, wie gesagt,
-einige Kartätschen genügten.
-
-Nein, die Linden sind auch nicht die Hauptsache von Berlin, sie sind
-nichts als ein geschickt kaschierter Festungswall, mit Linden bepflanzt,
-mit Reitwegen versehen, mit Cafés und Hotels besiedelt -- wenig
-anheimelnd. Eine einzige Kanone, die vor dem Schloß auffährt, und
-sämtliche Café- und Hotelgäste müssen sofort das Trottoir räumen.
-
-Überall, wo Könige hausen oder hausten, finden sich derartig angelegte
-Straßen, man braucht nur darauf zu achten. Die Könige lieben einen
-freien Blick.
-
-In den kalten Schluchten dieser endlosen versteinerten Häßlichkeit
-treiben die Menschen dahin, Geschäftige und Spaziergänger, und
-dazwischen lauern die Augen der Verbrecher und Diebe, dazwischen lächeln
-die Augen der geschminkten Damen, dazwischen funkelt zuweilen ein Auge,
-das Auge eines Wahnsinnigen oder eines Dichters. Wie in allen
-Großstädten stehen die Schutzleute und blasen auf ihrer Flöte und
-bestimmen Ebbe und Flut des Verkehrs. Heute allerdings, die
-Straßengewaltigen -- sie gähnten vor Langeweile und hatten nur noch das
-eine Bestreben, nicht vor Erschöpfung auf das Pflaster zu stürzen.
-
-In den Steinschluchten dieses endlosen Meeres wanderte Ackermann seit
-dem frühen Morgen dahin. Er überquerte den windigen Alexanderplatz, den
-staubigen Spittelmarkt, und schlenderte langsam durch die Schlucht der
-endlosen Leipziger Straße, die ihre Größe dem Fleiße der Bürger
-verdankt. Er suchte nur noch belebte Stadtteile auf. Selbst diese
-Straße, in der der schwache Verkehr der sterbenden Stadt zusammenfloß,
-früher glattgeschliffen von den Nägeln der Pneus und Tag und Nacht blank
-gehalten wie ein Matschbillard, selbst sie war heute voller Schmutz.
-Voller Schmutz waren die verwahrlosten Häuser, die schief hängenden
-Firmenschilder, die elektrischen Wagen, die verbeult und abgekämpft
-aussahen wie Tanks, die aus der Schlacht kamen. Obwohl es erst anfing,
-warm zu werden, strömte die Stadt schon einen übeln Geruch aus. Was für
-ein Geruch war es doch? Wenn du ihn nicht kennst, besser für dich -- es
-war der Geruch der Verwesung. Genau wie die verlassenen Schlachtfelder
-roch Berlin.
-
-Hierauf überquerte Ackermann den Potsdamer Platz und bog in die
-Königgrätzer Straße ein, wo die Bahnhöfe liegen.
-
-Er suchte Menschen, Menschen, Massen von Menschen, und in dieser
-aussterbenden Stadt würden sie wohl noch am ehesten auf den Plätzen der
-Bahnhöfe zu finden sein.
-
-Langsam schlenderte er dahin. Die Sonne blendete ihm ins Gesicht. Auf
-dem Spittelmarkt hatte er einen Teller Suppe zu sich genommen, in aller
-Ruhe, denn Gewißheit erfüllte ihn, daß alles vollendet sein würde, bevor
-die Sonne sank. Er hatte sogar geschwankt, ob er nicht in die
-Dorotheenstraße gehen solle, um Ruth noch einmal zu sehen. Aber er war
-doch nicht gegangen. Nein, nun war er unterwegs . . .
-
-Da! Horch!
-
-Schon?
-
-Trommeln, beim Anhalter Bahnhof -- Augenblicklich beflügelte sich sein
-Schritt. Von plötzlicher Erregung erfaßt, ging er dahin. Deutlich, dumpf
-noch, aber ganz deutlich.
-
-Trommeln, ohne Zweifel.
-
-Sonderbar wirkt der dumpfe Laut der Trommel auf den Menschen. Er wirft
-ihn ohne jede Übertreibung um einige Jahrtausende zurück, in Zeiten, wo
-die Menschen noch mit den Tieren der Wildnis kämpften, zu den Negern am
-Kongo. Augenblicklich stürmten die Menschen wie in Hypnose über den
-Anhalter Platz, dem Laut der Trommeln entgegen.
-
-Plötzlich schwiegen die Trommeln, und die Blechinstrumente setzten mit
-barbarischem Lärm ein.
-
-Ein Menschenhaufe quoll aus der Straße auf den Platz. Waffen blitzten,
-gleichmäßig schwankende Reihen wurden im Strom der Köpfe sichtbar.
-Offenbar wurde ein Bataillon zur Bahn gebracht.
-
-Ohne zu überlegen, bebend vor Erregung, nahm Ackermann augenblicklich
-Aufstellung. Ein alter mürrischer Mann lud an der Straße Pflastersteine
-ab, und auf eine Reihe solcher Steine stellte er sich.
-
-Der Strom von Köpfen wälzte sich heran, umbrandet vom Tosen der
-Blechinstrumente, die in der Sonne funkelten. Scharen von Neugierigen
-drängten hinzu. Dicht neben Ackermann nahmen sie auf der Schicht von
-Pflastersteinen Platz und reckten sich auf den Zehen. Sogar der alte
-Mann, der die Steine ablud, hob das mürrische Gesicht.
-
-Im Takt der Musikkapelle zog der Menschenhaufe dem Bataillon voran.
-Zerlumpte Weiber und verwahrloste Kinder, alte Männer, frühreife
-Mädchen, bleich, verhungert, das Mal des letzten Elends auf der Stirn --
--- und doch: Freude glänzte auf allen Gesichtern!
-
-Ackermanns Blick wurde dunkel.
-
-Wirst du bereit sein?
-
-Wird dich die Stunde bereit finden?
-
-Volk, mein Volk, meine Liebe, meine Sehnsucht?
-
-Wie wird dich die große Stunde finden? Ausgehöhlt vom Hunger,
-ausgeblutet von den Schlachten, ausgefront -- wirst du die Kraft haben?
-Betäubt von Lüge, krank von dumpfer Sehnsucht -- wirst du? Die Völker
-der Erde blicken auf dich! Du bist geächtet, bespien, die Dornenkrone
-ist auf dein Haupt gedrückt, dein Weg führt durch Tränen, führt durch
-Hunger und Wahnsinn -- zitterst du?
-
-Wirst du straucheln? Wanken? Dahinsinken zu den Unwürdigen? Wirst du
-auserwählt und berufen sein unter den Völkern, das Reich zu bereiten,
-das Reich des neuen Menschen?
-
-Grell blitzten die Trompeten, grell schmetterten sie, die roten Backen
-barsten.
-
-Vorwärts, fort, fort, beeile dich! Meine Liebe und Sehnsucht fliegen vor
-dir her! Der Ruf erschallt! Lüge, Hoffart, Wahn -- wirf ab, wirf ab!
-Tauche nieder in deine reinen Quellen. Sieh, wie sie funkeln, am
-Firmament des Gedankens, deine großen Geister! Sie blicken auf dich.
-
-Fort, fort, beeile dich! Die Stunde ist nahe! Laß dein Herz wieder
-leuchten, das immer aufglühte, wenn die Dunkelheit am tiefsten war.
-Mehre den Schatz der Völker!
-
-Ich sehe dich auferstehen, ich sehe dich erblühen, sehe dich umringt von
-brüderlichen Nationen . . .
-
-Schon wälzte sich der Haufe dicht heran.
-
-Die Musikanten setzten mit einem Ruck die Instrumente ab. Im Zickzack
-fuhr der Stock des Musikmeisters durch die Luft, und die Trommeln
-wirbelten wieder.
-
-Reihen von Gewehren, Reihen von Helmen schwankten heran, vorwärts
-getrieben von einer unverständlichen Kraft, von einem unverständlichen
-Willen zusammengeballt. Das Bataillon Hähnleins, des Unglücklichen --
-
-Junge Männer, rosige, arglose Kindergesichter, die noch nicht ahnten,
-daß morgen schon der Tod ringsum war. Wie oft hatte er, Ackermann, den
-Marsch zum Bahnhof erlebt! Alte Feldsoldaten, mit Auszeichnungen auf der
-Brust -- nein, sie gaben sich keinerlei Illusionen mehr hin -- stumpf
-marschierten sie, genau wie er früher marschierte: stumpf,
-schweißtriefend, bepackt, zitternd unter dem Blick der Vorgesetzten.
-Hundertmal mochten sie ihr Leben in die Schanze geschlagen haben, sie
-blieben trotzdem Tiere, hier wie bei allen kriegführenden Völkern war
-der gemeine Mann ein Tier, nicht mehr. Einige Frauen marschierten in den
-Reihen der Soldaten, Bräute, Mütter, Gattinnen, bleich, schwankend,
-weinend. So zogen sie dahin.
-
-Plötzlich aber --
-
-Plötzlich erscholl eine Stimme!
-
-Woher kam sie?
-
-Niemand wußte es.
-
-Eine Stimme -- hell, metallen, durchdringend -- sie dröhnte über das
-marschierende Bataillon, übertönte die Trommeln, den Schritt der
-Arglosen und Erfahrenen -- scholl über den weiten Platz und wurde als
-Echo von den hohen Häusern zurückgeworfen -- die Stimme eines Riesen,
-eines -- ja, bei Gott, was für eine Stimme war es doch?
-
-Und diese Stimme rief, gellend, dröhnend, sie scholl über das summende,
-brausende Berlin -- in alle Ohren gellte diese Stimme.
-
-Diese Stimme rief:
-
-»Es lebe die Kameradschaft zwischen den Völkern!« -- Pause, der Platz
-gellte, Widerhall, Trommeln -- »Nieder mit dem Krieg!« -- Stille,
-Gellen, Trommeln -- »Alle Menschen sind Brüder . . .«
-
-Auf einem Haufen von Pflastersteinen stand ein Mensch, ein Soldat in
-einem weiten grauen Mantel, der flatterte, die Arme wild emporgeworfen,
-totenbleich, mit rasenden, fanatisch glühenden Augen -- seine Hände
-zuckten -- seine Stimme gellte, gellte. Plötzlich aber brach diese
-rasende gellende Stimme ab.
-
-Der Soldat war verschwunden.
-
- * * * * *
-
-Er lag auf dem Pflaster, ein Knäuel Menschen um ihn herum. Ein grüner
-Plüschhut rollte über den Bürgersteig.
-
-Eine Sekunde später wurde dieser Mensch im weiten grauen Mantel über das
-Pflaster geschleift.
-
-Das Bataillon zog weiter. Wieder setzte die Kapelle ein. Die meisten
-hatten gar nichts gesehen -- aber gehört -- ja, eine Stimme aus der
-Luft!
-
-Diese Stimme krallte sich in ihr Herz, zerriß es, daß es zu bluten
-begann vor Qual und Sehnsucht.
-
-Eine Stimme . . . Was für eine Stimme --?
-
-Die Stimme des Menschen hatten sie vernommen . . . Die letzten des
-Bataillons sahen noch einen Menschenhaufen, der sich den Bürgersteig
-hinabwälzte.
-
-Der grüne Plüschhut hörte auf zu rollen. Ein schmächtiger junger Mann
-ergriff ihn, überzeugte sich mit einem raschen Blick, daß der Mensch im
-grauen Mantel in sicheren Händen war, bürstete den Hut eilig ab -- ja,
-und nun -- der Kneifer -- er war verlorengegangen. Und der schmächtige
-junge Mann suchte eilig den Kneifer.
-
-Da hob der alte Mann, man erinnert sich, er lud Pflastersteine ab,
-dieser Mürrische, den Kopf und sagte:
-
-»Wartet nur noch eine Weile -- ihr Halunken!« Und er spie aus.
-
-Der junge Mann geriet sofort in äußerste Erregung, sein Blick glitt
-suchend über das Pflaster, sein Blick bohrte sich messerscharf in die
-Augen des Mürrischen.
-
-Aber der alte Mann hob einen Pflasterstein in die Höhe, er lächelte --
-aber wie! -- und der junge Mann wich zurück, und nun lief er rasch,
-rasch, ohne den Kneifer, zu dem Militärauto, um das der Menschenknäuel
-sich ballte.
-
-In dieses Militärauto hatte man den Menschen im grauen Mantel gezerrt.
-Er blutete im Gesicht, aber er wehrte sich nicht. Jede seiner
-Bewegungen, das Lächeln auf seinen fahlen Lippen, sagte deutlich, daß er
-nicht gesonnen sei, irgendwelchen Widerstand zu leisten.
-
-Aber unerklärlich -- plötzlich, ohne jeden Grund, schlug einer der
-beiden schnauzbärtigen Männer, die ihn ins Auto schleiften, sinnlos,
-völlig sinnlos, vielleicht um sich für die Anstrengung zu rächen, mit
-dem Knotenstock auf den Menschen im grauen Mantel ein.
-
-»Halt, halt!« schrie der schmächtige junge Mann mit dem grünen
-Plüschhut, der herangeeilt kam.
-
-Aber es war zu spät.
-
-Der Mensch im grauen Mantel -- jede Bewegung, ihr seht, ich leiste
-keinen Widerstand -- schlug mit einem furchtbaren Hieb nach dem roten
-Gesicht des Schnauzbärtigen, stieß noch einigemal in die Luft und sprang
-aus dem Auto.
-
-Der Schnauzbärtige blutete aus der Nase und war für einige Sekunden
-benommen, aber der andere Schnauzbärtige zog rasch entschlossen einen
-Revolver und schoß -- sofort schrie eine Mädchenstimme auf, er hatte ein
-kleines Mädchen getroffen.
-
-Der Mensch mit dem grauen Mantel aber war im Torbogen eines Hotels
-verschwunden.
-
-Zuerst stürzte der grüne Plüschhut nach, dann der Schnauzbärtige, der
-geschossen hatte, dann der andere Schnauzbärtige, dessen Nase blutete.
-
-Ein kleiner feister Herr telephonierte in bester Laune im Foyer des
-Hotels, behaglich das dicke Schenkelchen über das Knie geschlagen.
-»Höre, mein Kind -- ja also nicht später als acht Uhr. Und vergiß nicht,
-süßes Puppchen --«
-
-In diesem Augenblick erhielt er einen Stoß vor die Brust, und ein junger
-Mann entriß ihm ohne viele Umstände den Hörer. Militärpolizei.
-
-Vor dem Hotel sammelten sich Scharen von Menschen an. Eine Verhaftung!
-Und man hatte ein junges Mädchen in das Bein geschossen, das ganz
-harmlos spazierenging. Heitere Zustände, das mußte man schon sagen. Nun,
-die Verwundung war ja nicht schlimm, ein Streifschuß, aber bedenken Sie
-doch -- man geht über den Anhalter Platz und riskiert totgeschossen zu
-werden. Ganz als ob man an der Front sei.
-
-Aber da gab es schon wieder eine neue Sensation. Die Menschen traten
-plötzlich vom Bürgersteig auf den Platz zurück. Sie starrten in die
-Höhe.
-
-Unglaublich -- dort, dort -- aber, bitte, wo?
-
-Ja, dort, dort! Sehen Sie denn nicht?
-
-Ein Mensch!
-
-Ein Mensch auf den Dächern!
-
-Unglaublich!
-
-Ja, in der Tat, zwischen den Schornsteinen und Ventilationsröhren
-erschien da oben ein Mensch. Ein Mensch in einem weiten Soldatenmantel,
-ein Soldat.
-
-Die Häuser in der Gegend des Anhalter Bahnhofs sind unansehnlich und
-häßlich wie in andern Vierteln der Stadt, die Dächer mit Schiefer
-gedeckt, abgeflacht, dazwischen ein steileres Ziegeldach. Über die
-abgeflachten Ziegeldächer glitt der Mann da oben rasch dahin, über die
-steilen Satteldächer dagegen balancierte er vorsichtig von Kamin zu
-Kamin. Stellenweise schritt er, die Arme wagrecht haltend, wie ein
-Seiltänzer über den Dachfirst. Blitzschnell kletterte er von einem
-niedrigen Dach auf ein höheres am Giebel der Brandmauer empor.
-
-Wieder balancierte er wie ein Seiltänzer -- hoch oben, im stechenden
-Sonnenlicht, kreidig Gesicht und Hände, der flatternde Mantel bestaubt.
-Diesmal schwankte er, die Leute auf dem Platz schrien auf, aber schon
-hatte er Halt an einer Tonröhre gefunden. Er holte Atem, gegen die
-Tonröhre gelehnt, blickte mit seinem kreidigen Gesicht, das blutete, auf
-den Platz herunter, schrie etwas mit gellender Stimme, aber
-unverständlich hier unten, dann eilte er zum nächsten Kamin. Deutlich
-sah man, daß er hinkte.
-
-Unten auf der Straße hatte er sich ruhig festnehmen lassen, aber nun,
-seitdem man mit einem Knotenstock völlig sinnlos auf ihn eingeschlagen
-hatte, schien er entschlossen zu sein, zu flüchten.
-
-Nun glitt er zur Hälfte über ein Ziegeldach und kroch in eine Dachluke.
-
-Die Zuschauer atmeten auf. »Er ist verschwunden!«
-
-Aber schon nach einigen Sekunden erschien er wieder in der Dachluke. Er
-glitt bis zur Dachrinne herab und lief, wie eine Katze, buchstäblich,
-auf der Dachrinne dahin. Die Ausrufe erstarben auf den Lippen, die
-kleinen Verkäuferinnen preßten die Hand aufs Herz.
-
-Gleich darauf tauchte in der Dachluke die Mütze eines Schutzmannes auf,
-begrüßt vom Gelächter der Zuschauer. Der Mann im grauen Mantel kletterte
-abermals den Giebel der Brandmauer empor und lief über das Dach des
-Eckhauses.
-
-Tausende von Neugierigen hatten sich angesammelt. Es waren Züge
-angekommen, und die Reisenden standen gaffend und blinzelnd auf dem
-Platze. Das war Berlin, siehst du! Kaum kam man an, so gab es schon
-etwas zu sehen. Man hatte ja gelesen, daß zurzeit in Berlin häufig
-Deserteure auf dem Transport entflohen, sogar Passanten waren bei diesen
-Vorfällen schon erschossen worden. Brich das Genick, du Spitzbube! Ja,
-das war Berlin, man konnte wenigstens etwas erzählen. Ein Haar, und er
-wäre abgestürzt.
-
-Rote Gesichter reckten sich aus den Wagen der Straßenbahn, aus allen
-Fenstern der umliegenden Häuser. Die Kutscher verdrehten den Hals,
-Kellner, Friseure, Verkäuferinnen stürzten aus Läden und Türen.
-Messinggelb blendeten die Häuser in der Sonne.
-
-Schutzleute, Soldaten.
-
-Schon stockte der Verkehr. Nur langsam konnten sich die elektrischen
-Wagen durch die Menschenmenge schieben.
-
-Scharen von Kindern rannten dahin, deuteten zu den Dächern empor und
-schrien wie besessen: »Dort läuft er! Dort!« Das ganze Stadtviertel war
-auf den Beinen.
-
-Von der Bahnhofshalle her drang der schmetternde Marsch der
-Regimentskapelle. Nun gellte auch noch die Glocke der Feuerwehr -- ein
-Löschzug!
-
-Hedis Auto war mitten in die Menschenmenge geraten und konnte sich nur
-schrittweise, ohne Pause tutend, mit seinen Pneus den Weg bahnen.
-
-Der Chauffeur wagte die Vertraulichkeit, sie durch eine Kopfbewegung auf
-die Ursache der Menschenansammlung aufmerksam zu machen. Da sah sie zu
-ihrem Schrecken hoch oben -- in einer Dunstwolke von rostbraunem Staub
--- einen Menschen, staubig und kalkweiß, über den Dachfirst laufen.
-
-Hedi kam vom Einkauf: Gardinen, Stoffe, Antiquitäten, es war schwer,
-etwas Ordentliches zu finden. In allen Geschäften und Magazinen jagte
-sie umher. Ihr Wagen lag voller Pakete, und neben dem Chauffeur blitzte
-aus dem Papier ein silberner Spiegel -- spanischer Barock, etwas
-beschädigt, aber, nach ihrer Ansicht, zauberhaft, ein Traum!
-
-Hedis Herz pochte. Bei Gott, es war die gleiche Querstraße, wo sie
-einst, im Sommer, Otto das Abschiedssouper gegeben hatte.
-
-»Fahren Sie!«
-
-Eine schweißtriefende Zeitungsfrau drängte sich in diesem Moment, einen
-Pack noch nasser Zeitungen unter dem Arm, am Auto vorüber und schrie mit
-gellender Stimme dicht an Hedis Ohr:
-
-»Die Marne abermals überschritten!«
-
-»Die Marne abermals überschritten!«
-
-Hundert gierige Hände streckten sich ihr gleichzeitig entgegen. Sie
-drehte sich im Kreise, wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel von der
-Stirn.
-
-»Hier, bitte, geben Sie!«
-
-»Die Marne -- sofort, junge Frau -- abermals überschritten.« Ihre
-gellende Stimme übertönte den Marsch der Kapelle auf dem Bahnhof.
-
-Das Auto rückte an. Hedi konnte gerade noch das Blatt ergreifen.
-
-Sie warf noch einen flüchtigen Blick in die Höhe -- da sah sie gerade,
-wie der Mann auf dem Dachfirst plötzlich schwankte -- hatte man
-geschossen? -- schwankte -- mit den Händen in die Luft griff und über
-das steile Dach herabstürzte. Eine Sekunde wurde der Körper von der
-Dachrinne aufgehalten, dann fiel er . . . Hedi bedeckte die Augen mit
-der Hand.
-
-Die schweißtriefende Zeitungsfrau raste dem Bahnhof zu und schrie
-gellend:
-
-»Die Marne abermals überschritten! Die Marne abermals -- --«
-
-
-9
-
-Vorgestern nicht, gestern nicht -- aber jetzt, jetzt kam sie die
-Fabriciusstraße herauf.
-
-Sie hielt zuweilen inne, als zögere sie, blickte sich um, aber sie kam
-doch immer näher.
-
-Herr Herbst kletterte die Treppe empor, bis zur Türe. Er wohnte nicht
-mehr hier, hatte das Quartier in diesem Unglückshause geräumt. Er wohnte
-jetzt in einer kleinen Kammer im »Löwen von Antwerpen«. In einem ganz
-winzigen Raum, aber doch zog er ihn diesem Zimmer vor.
-
-Schon hörte er ihren Schritt, das leichte Keuchen ihres Atems. Sie ging
-ganz anders als alle Frauen, die diese Treppe auf und ab stiegen. Die
-Sohlen ihrer Schuhe waren dünner, sie vermied jeden Lärm und hielt sich
-nie am Geländer fest.
-
-Herr Herbst trat vor, beugte sich über das Geländer. Sie sah ihn an,
-hielt inne, leise keuchte ihr Atem.
-
-Herr Herbst lüftete den steifen Hut: »Sie suchen gewiß Herrn Ackermann?«
-fragte er.
-
-»Ja«, hauchte sie.
-
-»Er wurde verhaftet --«
-
-»Vorgestern verhaftet --«
-
-Nun berührte sie plötzlich mit den Fingerspitzen das schmutzige
-Stiegengeländer, und das Blut wich aus ihren Wangen. Ganz langsam.
-Zuerst wurde sie fahl, dann weiß wie Mehl. Dann verloren ihre Augen die
-Farbe, auch sie wurden weiß.
-
-Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe!
-
-Fleisch von seinem Fleisch. Blut von seinem Blut . . .
-
-Herr Herbst beugte sich über das Geländer und sah ihr tief in die Augen.
-Immer noch wurde sie weißer -- ihre Hand griff zu.
-
-Und bald, bald würde man auch sie -- der Magere, Schmächtige hatte es
-ihm zugesagt. Und diese Schande für die Familie . . .
-
-Heute abend, es war Sonnabend, würde er den Munitionsarbeiterinnen im
-»Löwen von Antwerpen« etwas zum besten geben. Und auch er würde ein
-Fläschchen trinken. Er besaß ja immer noch Geld, Gott sei Dank, zwei
-Brieftaschen, eine kleine für die laufenden Ausgaben und eine große, in
-der sich die blauen Scheine befanden, noch immer eine ganze Anzahl.
-Heute abend sollte ihm nichts zuviel sein.
-
-Dabei hielt er den Hut gelüftet, und sein Blick versank in diese Augen,
-die die Farbe verloren, den Blick.
-
-»Hier?« hauchte eine zitternde Stimme.
-
-»In der Stadt. Beim Anhalter Bahnhof.«
-
-»Haben Sie es gesehen?«
-
-»Ein Bekannter hat es mir erzählt.«
-
-»So? -- -- Danke.«
-
-Sie wandte sich ab, ging, Schritt für Schritt, und immer noch ganz leise
-und lautlos.
-
-Er beugte sich weit über das Geländer und sah ihren kleinen braunen Hut
-um die Ecke biegen.
-
-Plötzlich lief er mit den Bewegungen eines Hampelmannes hinter ihr her.
-
-»Hören Sie, noch etwas.«
-
-Sie wandte ihm ihr mehlig weißes Gesicht zu.
-
-Herr Herbst beugte sich über das Geländer. Und nun stieß er ihr das
-Messer ins Herz!
-
-»Er ist tot!« flüsterte er, ganz leise, aber so deutlich.
-
-Das mehlige, weiße Gesicht verschwand -- und plötzlich eilte ein lauter,
-harter Schritt, blitzschnell die Treppe hinab. Immer rings um das
-Treppengeländer.
-
-Aber dies war zuviel für Herrn Herbst. Dieses rasende Klappern der
-Schuhe vertrug er nicht. Im Nu stürzte ihm das Wasser aus den Augen.
-
-Was ging hier vor? Er wollte ja gar nicht --
-
-Rasch, so rasch seine zitternden Beine es zuließen -- immer war es ihm
-beim Hinabsteigen der Treppe, als stürze er in einen Abgrund -- folgte
-er den harten, raschen Schritten, die im Stiegenhaus herumgingen.
-
-»Halt, halt -- hören Sie --«
-
-»Hören Sie -- es war ein unglückseliger Zufall --«
-
-»Hören Sie, pst -- einen Augenblick -- fliehen Sie aus Berlin -- auch
-Sie will man --«
-
-Aber er vermochte sie nicht mehr einzuholen.
-
-Wie ein Hampelmann eilte er.
-
-»Ich warne Sie -- wünsche Ihnen nichts Böses --«
-
-Vergebens.
-
-Die Haustüre fiel ins Schloß, und als er sie wieder geöffnet hatte, da
-war sie schon, unglaublich, unfaßbar, mindestens sechs Häuser weit
-entfernt.
-
-Keine Möglichkeit, nicht die geringste Möglichkeit.
-
-
-
-
-Drittes Buch
-
-
-1
-
-Von Horizont zu Horizont rollt das Feuer.
-
-Staub und Qualm -- brennende Menschen stürzen aus dem Himmel, ein
-Hagelsturm von zerfetzten Menschenleibern fegt über die Erde.
-
-Die Luft wettert von rasenden Donnerschlägen, die glühenden Geschütze
-taumeln voll Wut, ferne grollt das böse Raubtierknurren der schwersten
-Kaliber. Die Erde schwankt, das Gebäude der Atmosphäre gerät ins Wanken.
-Lawinen, Bergstürze, der Vulkan speit. Seit Wochen, seit Monaten.
-
-Horch! Horch -- horch! Schreie, damit ich dich verstehe --! Was sagst
-du? Es ist die Stimme Europas -- sehr wohl! Es ist die Stimme der
-Habgier, des Geldes -- noch besser . . .
-
-Schiefergrau und rostbraun, in jeder Sekunde neu genährt von Qualm, wogt
-von Horizont zu Horizont, unendlich, die fürchterliche Wolke über der
-Walstatt. Die Landschaft selbst runzelt die Stirn, gealtert, zermürbt,
-zerknittert und vergrämt.
-
-»Ungemütlich, lieber Otto« -- schrieb Hauptmann Falk, genannt die
-Feuerwalze -- »es beginnt ungemütlich zu werden hier außen! Heute morgen
-einige tausend Granaten auf unsern Abschnitt, die nicht von schlechten
-Eltern waren. Ringsum Leichen, auch die Lebenden, der Divisionär,
-vierzig Stufen unter der Erde, ebenfalls eine Leiche! Er stammelt nur
-noch, schwere Sprachstörung. Ich schreibe dir, um die Nerven zu
-behalten. Was ist los? Wir liegen hier in Granatlöchern, keine Gräben
-mehr und Drahtverhaue, die gemütlichen Zeiten sind vorüber -- alle
-fünfzig Schritt ein Mann, schwere Maschinengewehre, leichte
-Maschinengewehre. Im Hintergelände weit und breit keine Menschenseele --
-nur Feldküchen und Verbandplätze -- kein Mensch, was soll das bedeuten?
-. . .«
-
-Die schiefergraue und rostbraune Wolke flimmert, endlos, bis in den
-schwarzen Äther empor. Schwingen von aufgescheuchten Vogelschwärmen
-blitzen darin -- das sind die Flieger. Qualm faucht auf, da oben in der
-flimmernden Wolke, Qualm schießt finster durch die Luft, stürzt zur
-Erde: ein Mensch, lichterloh brennend eilt über das Feld, taumelt,
-brennt, qualmt, kohlt --.
-
-Horch, horch! Ja, schreie, sonst höre ich dich nicht! Stimme des Geldes,
-sehr wohl -- die Mark, die Francs, die Pfunde, Dollars, sie brüllen --
-es sind auch die Millionenvölker Europas, die nach Nahrung brüllen,
-vergiß es nicht -- und das trockene Schießpulver, der Aberwitz, er lacht
-aus den Feldgeschützen.
-
-»Die gute alte Zeit, lieber Otto« -- schrieb Hauptmann Falk in seinem
-Erdloch -- »sie ist endgültig vorbei. Schade! Ringsum schreien Menschen,
-aber ich kann ihnen nicht helfen, bevor es Nacht wird. Ich sitze mitten
-im Rauch. Mein Leutnant übergibt sich, er hat Gas geschluckt, Gott helfe
-ihm, ich kann gar nichts für ihn tun. Ich schwitze entsetzlich in meiner
-Gasmaske. Gestern sollten wir fünfhundert Flaschen Sodawasser bekommen,
-aber ein Volltreffer hat sie auf der Chaussee vernichtet. Die Zungen
-hängen uns heraus. Was für ein Staub! Dank, alter Junge, für den Kognak!
-Es war eine Freude. Wir hatten zwei gefangene Engländer in unserem
-Granatloch, auch sie bekamen einen Schluck aus der Flasche, mußte
-schwören, sie nach dem Kriege in England zu besuchen. Hoffe in einigen
-Tagen in Berlin zu sein. Seit einer Woche sollen wir abgelöst werden,
-aber niemand zeigt sich, obwohl es uns feierlich versprochen wurde. Die
-Sache gefällt mir nicht, alter Junge. Stelle die Flaschen kalt, du
-erhältst Telegramm. Grüße Bussi! Hoffentlich kommt der Brief durch. Man
-braucht hier zwei Stunden für einen Kilometer.«
-
-Bussi? Bussi? Wer ist Bussi? Niemand weiß es, offenbar eine Dame, aber
-es tut schließlich nichts zur Sache.
-
-Wie ein blutüberströmtes Antlitz sank die Sonne hinter der endlosen
-flimmernden Staubwolke. Rasch kam die Nacht. Aber die Geschütze wüteten
-weiter. Schweiß badete die Gesichter der Kanoniere. Die Brandung aus
-Eisen und Blut rollte fürchterlich in der Dunkelheit.
-
-Schon stiegen die Leuchtkugeln, da, dort, überall, glühend in allen
-Farben. Ein Netz von Blitzen geisterte. -- --
-
- * * * * *
-
-Die Raketen zischten in die Höhe und zerplatzten mit einem leichten
-Knall am Himmel. Trauben von silbernen, violetten, lichtblauen und
-bengalisch roten Christbaumkugeln sanken mild durch das tiefe Blau der
-Nacht.
-
-»Ein Feuerwerk!«
-
-Die Kapelle spielte. Vor dem Kurhaus zerschmolzen die hellen Kleider und
-grellen Mäntel und Jacken im gleißenden Licht der Bogenlampen. Hier
-außen am Strand aber war es ganz still, dämmerig, nur der Mond und das
-glitzernde Meer. Der Geruch von Tang und Salz in der lauen Luft. Ohne
-Pause glitten lautlos die silberschäumenden Wellen über den Sand und
-breiteten ihr gleißendes Schleiergespinst aus. Klein und hoch der Mond,
-und schaukelnde Scherben von Silber sein Spiegelbild.
-
-Plötzlich zischte es, eine Rakete fuhr zu den Sternen empor. Eine Gruppe
-von sprühenden Funken erschien am blauen Nachthimmel, trieb, heller als
-die Gestirne, im leichten Wind sanft dahin und erlosch allmählich.
-
-Aus einem Strandkorb fuhr eine silberne Larve, eine Hand, blitzend von
-Steinen, erschien. »Brillant!«
-
-Es war Herr Olsen aus Kopenhagen, zurzeit in einem deutschen Ostseebad,
-der den Zauber des fliegenden Sternhaufens bewunderte. Er streckte den
-blonden Kopf heraus, strampelte mit den weißen Hosen und erschien
-persönlich im Mondlicht. Er war nahezu zwei Meter hoch, und sein
-Schatten ging vollkommen über die Sandburg »Lüttich« hinweg. Er war ein
-hübscher, junger Mann, frisch, kindlich und gutmütig. Mit strahlender
-Miene und blinkenden Zähnen verfolgte er die bunten Kugeln am Himmel.
-
-Herr Olsen lebte noch in der Welt des Friedens. Er sprach nie vom Krieg,
-erzählte nichts von Schützengräben, las keine Berichte und quälte sich
-nicht mit Kombinationen -- er studierte höchstens die Börsenberichte und
-kaufte deutsches Geld, wenn es Vorteil versprach. Wer den Krieg gewann,
-das war ihm höchst einerlei, zu welchem Zwecke er geführt wurde,
-berührte seine Seele nicht im mindesten. Herr Olsen war -- nun, dies ist
-der etwas triviale Ausdruck seiner Begleiterin -- durch und durch
-Friedensware. Seine soliden Schuhe, seine sechs verschiedenen Mäntel,
-der Ausdruck seines Gesichts, Augen, Sprache, Lächeln, Gedanken -- alles
-Friedensware, selbst Farbe und Glanz seiner Haut und seiner Haare,
-unwiederbringlich dahin bei den deutschen Männern. Er war mit einem Wort
-eine Sehenswürdigkeit.
-
-Seine Begleiterin, im Schatten des Strandkorbes gegenüber, lachte. Ihre
-Augen sprühten im Mondlicht.
-
-Dieses Lachen?
-
-Dieses Lachen! Dora --?
-
-Ja, Dora! Und nun streckte sie ihr Silberlärvchen in das Mondlicht, und
-ihre etwas runde Hand tauchte in die gleißende Helligkeit. Ihr heller
-Haarschopf flimmerte.
-
-Sie lachte über Olsens kindliche Freude an den bunten Christbaumkugeln
-da oben. In seiner Nähe atmete sie leichter, er hatte eine ganz andere
-Atmosphäre um sich wie andere Männer. So zum Beispiel Otto, der einige
-Tage hier gewesen war.
-
-Herr Olsen streifte seine Dame mit einem fragenden Blick. Weshalb mochte
-sie nur lachen? Selbst die Strahlen des Mondes, die nach Doras Augen
-zielten, vermochten nicht ihr tiefes, seltenes Blau zu dämpfen.
-
-Herr Olsen kroch wieder in den Schatten des Strandkorbes zurück und
-begann sogleich voller Eifer die unterbrochene Unterhaltung
-fortzusetzen. Es handelte sich darum, ob Dora ihm, Herrn Olsen riet,
-sich ein Gut in Deutschland zu kaufen. Das deutsche Geld war ja jetzt so
-lächerlich billig. Herr Olsen sprach nur von seinen eigenen
-Angelegenheiten, fremde Schicksale, das Schicksal des deutschen Volkes,
-das Schicksal Europas, das Schicksal des Planeten, das war ihm alles
-höchst einerlei. Herr Olsen war der Mittelpunkt der Erde.
-
-»Aber Sie müssen mir versprechen, mich dann zu besuchen? Ach, es wird ja
-so schrecklich langweilig sein.«
-
-»Wenn Sie artig sind?«
-
-»Artig? Ich will wie ein kleines Hündchen sein, so artig!« beteuerte
-Herr Olsen, und wieder fuhr sein Silberkopf aus dem Strandkorb.
-
-Ja, nun war es also Herr Olsen, der sich, Dank der Gnade des Himmels,
-seine Friedensseele bewahrt hatte.
-
- * * * * *
-
-Feuerbalken schossen über den Horizont, und das fürchterliche
-Wetterleuchten setzte nicht eine Sekunde aus. Hauptmann Falk konnte ganz
-gut dabei schreiben. Die Leuchtkugeln sprühten wie Leuchtfeuer, die
-plötzlich über dem Meer erglühen. Aus der Höhe beim Nachbarregiment
-fuhren Bündel von roten Signalen, und die Artillerie wirbelte. Ein
-Feuerloch glühte auf, das waren die Einschläge.
-
-Ein Gespenst kroch über das Feld, versank, kroch, huschte. Es war
-Hauptmann Falk. Obschon gefeit -- er glaubte es -- nahm er sich doch in
-acht, denn es konnte ja durch einen Zufall ein Unglück geschehen. Er
-glitt die Schützenlinie entlang. Hier schüttelte er Schlafende -- aber
-sie erwachten nicht mehr. Aber er traf auch Gruppen, deren Augen hell
-wie Sterne im Schein des Geschützfeuers sprühten. Es waren wunderbare
-Menschen! Ohne einen Tropfen Wasser seit drei Tagen!
-
-Da duckte er sich zusammen. Pechschwarz, von roter Lohe durchglüht,
-stieg der Einschlag in die Höhe. Ja, ungemütlich, höchst ungemütlich.
-
-Die Blitze geisterten.
-
-Auf allen Straßen knarrten jetzt die Wagen. Hier und drüben bei ihm.
-Munition, Verpflegung, Verwundete, die ganze Nacht hindurch.
-Hunderttausende von Wagen knarrten durch die Dunkelheit. Der Himmel
-erdröhnte, die Bombengeschwader waren unterwegs. Die Mützen über die
-geschorenen Schädel gezogen, die Nase im Wind, jagen die
-Befehlsempfänger die Straße hinab. Klein und hoch geht der Mond, Blitze
-wehen, Feuer sprüht im Walde.
-
-
-2
-
-Der Tiergarten fröstelte. Unerträglich heiß war es am Tage gewesen, und
-nun war es plötzlich kühl geworden. Irgendwo in der Nähe von Berlin
-mußten schwere Gewitter niedergegangen sein, aber man hatte nur zuweilen
-das tiefe Donnerknurren gehört.
-
-Vor der roten Backsteinvilla in der Lessingallee, mit Efeu überwuchert,
-hielt eine Droschke.
-
-Händeklatschen. »Petersen! Petersen!« Eine helle Stimme.
-
-Schon öffnete sich die Türe, und Petersen in seinem Zebrakittel eilte
-auf die Straße.
-
-Ein Offizier stand bei der Droschke, mit einer schwarzen Brille, eine
-kleine Reisetasche in der Hand.
-
-»Nun, Petersen, alter Knabe, Sie kennen mich wohl nicht mehr?« Eine
-hohe, fremde Stimme.
-
-»Herr Hauptmann?« rief Petersen erstaunt und erschrocken aus. Was tat er
-hier, was wollte er hier? Schon vor dem Kriege hatte er ja nicht mehr
-hier gewohnt.
-
-»Welche Überraschung, Herr Hauptmann!«
-
-»Ja ja, Petersen -- so geht es -- wenn man sich lange nicht sieht. Meine
-Frau --?«
-
-»Im Bade, Herr Hauptmann. Kommt morgen!«
-
-»So? Nun, ich werde nicht stören. Nur ein paar Tage, bis ich eine
-Wohnung gefunden habe. Na, und es geht immer gut, alter Petersen?«
-
-»Danke, Herr Hauptmann, sehr gut, danke!«
-
-Petersen nahm die Reisetasche, und Hauptmann v. Dönhoff stolperte die
-Treppe hinauf.
-
-»Ah, wie dunkel! Ihr habt wohl eine Kleinigkeit zu essen für mich? Den
-ganzen Tag im Zuge --«
-
-Wie leer diese Stadt, wie ausgestorben! Hauptmann Dönhoff _roch_ die
-Stille und Ausgestorbenheit. Berlin war tot, ohne Zweifel. Hier und da
-ein Schritt, ein zögernder, nachdenklicher, mutloser Schritt. Ja, mutlos
-gingen alle diese Schritte in den dunkeln Straßen dahin, mutlos und
-bestrebt, keinen Lärm zu machen.
-
-Und früher, früher!
-
-Auch dieses Haus, sein früheres Haus -- totenstill. Welche Feste hatten
-sie hier gefeiert. Er hörte sein früheres Lachen! Zweihundert schöne
-Frauen hatte er besessen, siebzig Rennen gewonnen, zwei Elefanten und
-ein Nashorn geschossen, als einer der ersten war er in Deutschland
-geflogen, einer der Entdecker des deutschen Himmels -- ja, es hatte sich
-manches geändert.
-
-Aber den Geruch des Hauses erkannte er sofort wieder. Doras Parfüm und
-eine gewisse Schwüle.
-
-»Hoppla, Petersen --« Er stieß gegen ein Tischchen in der Garderobe.
-»Ich sehe etwas schlecht, bis man sich wieder eingewöhnt.« Immer sprach
-er mit einer hohen, fremden Stimme, hastig, unsicher, wie ein Mensch,
-der sich _schämt_.
-
-Petersen eilte in die Küche und machte Zeichen mit den Fingern vor der
-Stirn.
-
-»Er ist -- so wahr mir Gott helfe, nein, was wird die Gnädige sagen? Was
-will er hier? Sie sind doch getrennt. Aber sehen Sie doch selbst. Er
-ist, mein Himmel, wie merkwürdig --«
-
-Mina also, neugierig wie sie war, mußte sich ihn selbst ansehen.
-
-Sie fand Hauptmann v. Dönhoff auf einem Sofa, eine Zigarette rauchend.
-Er richtete, als sie eintrat, die dunkle Brille auf sie, lächelte, und
-sie konnte vor Schreck keinen Ton hervorbringen. Der Gruß blieb ihr im
-Halse stecken. Sie hätte ihn -- bei Gott -- nicht wieder erkannt: grau,
-völlig grau, fast weiß, gelb, alt, um zwanzig Jahre älter mindestens!
-Und dieses Lächeln des welken Gesichts, diese Falten um den Mund -- nur
-solche Leute konnten so lächeln, nur solche -- Petersen hatte recht.
-
-Mein Gott, welche Angst sie hatte! Weshalb mußte sie auch gleich
-hereinlaufen.
-
-Hauptmann v. Dönhoff gähnte. Er blickte sie durch die dunkle Brille an,
-verfolgte jede ihrer Bewegungen. Dann sagte er lächelnd: »Na, also,
-Petersen, alter Knabe, erzählen Sie doch, was es Neues gibt in Berlin?«
-
-Petersen! Er hielt sie für Petersen!
-
-Vor Schrecken hätte Mina beinahe einen Teller fallen lassen.
-
- * * * * *
-
-Und das Feuer rollte.
-
-Wie ein blutüberströmtes Antlitz stieg die Sonne aus der endlosen
-Staubwolke empor. Die in der Nacht fielen, waren jetzt schon kalt. Auf
-den Chausseen lagen in Stücke zerrissene Pferde und Männer, zertrümmerte
-Wagen und zerschmetterte Bäume; ihr grünes Laub rauschte im Morgenwind.
-Die Mütze über die geschorenen Schädel gezogen, kamen die
-Befehlsüberbringer im Auto angefegt und setzten über die rauschenden
-grünen Aste, die quer über der Straße lagen, hinweg.
-
-Der Himmel stand voller Schrapnellwolken, Schwärme von Fliegern brausten
-im Frühlicht. Die Geschütze stampften, pochten, knackten -- die rasende
-Erde beschoß aus ihren Kratern das aufgehende Gestirn der Sonne.
-
-Wie gestern, wie vorgestern, wie alle Tage stürzten brennende Menschen
-aus dem Himmel. Ein Hagelsturm von zerfetzten Leibern fegte über die
-Erde. Millionen Herzen verkrampften sich in Todesangst.
-
-Und die Wolke, die rostbraune, schiefergraue Wolke stand unendlich über
-der Walstatt.
-
-
-3
-
-Ganz in der Nähe der Hofjägerallee im Tiergarten läuft ein gekrümmter,
-schmaler Reitweg durch tiefes Dickicht.
-
-Auf diesem schmalen, gekrümmten Reitweg ging der General hin und her,
-die Hände auf dem Rücken, die Augen auf die eigenen Fußspuren geheftet,
-die noch von gestern, von vorgestern, hier zu sehen waren, trotz dem
-Regen, der in der Nacht fiel. Hier ging nie ein Mensch, und Reiter --
-das Geschlecht der Reiter war völlig ausgestorben in Berlin.
-
-Dora --?
-
-Es war drückend schwül, schon um neun Uhr morgens, der General hatte
-seinen Kragen etwas gelockert, hier sah ihn ja niemand. Bewegungslos
-standen Büsche und Bäume, und zuweilen sang ein Vogel, irgendwo in
-weiter Ferne. Es klang wenigstens so in seinen Ohren, möglich, daß er
-sich täuschte. War es nicht eigentümlich, in letzter Zeit schienen alle
-Geräusche und Laute in weite Fernen zu rücken, auch die Stimmen der
-Menschen, die dicht vor ihm standen und sprachen?
-
-Nichts von Bedeutung eigentlich --
-
-Der General blieb stehen und heftete den Blick auf die staubige,
-schwarze Erde des Reitwegs. Es war ihm schwer, einen Gedanken bis zu
-Ende zu verfolgen.
-
-Nein, gewiß, das war es nicht. Es wäre unvernünftig, Kombinationen daran
-zu knüpfen.
-
-Vorgestern hatte er zufällig einen Blick in Ottos Zimmer geworfen, im
-Vorbeigehen. Das Zimmer wurde gereinigt, und das Unterste war zu oberst
-gekehrt: da sah er -- nein, zuerst nahm er kaum davon Notiz, aber er
-kehrte zurück, irgend etwas war ihm aufgefallen. Da sah er also auf
-einem Sessel ein sonderbares Kostüm: eine Art Kaftan oder Kimono von
-einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb, einen Turban,
-orangerot, mit dicken grünen Schnüren umwickelt. Dieses Kostüm -- sofort
-fiel es ihm ein: jener Vermummte, jener Unbekannte auf Doras Hausball,
-jener Stumme, der immer mit einer merkwürdigen Schale rasselte! Es ging
-das Gerücht, eine hohe Persönlichkeit verberge sich in dieser etwas
-phantasielosen Maske.
-
-Also er -- Otto --?
-
-Ein Maskenscherz, natürlich, nichts anderes. Otto war ja damals noch im
-Lazarett, offenbar ausgerückt für diese Nacht, er konnte sich nicht gut
-zu erkennen geben. Aus diesem Grunde die Geheimtuerei, und sicherlich
-hatte er absichtlich das Gerücht von der Hoheit verbreiten lassen.
-
-Gewiß, ohne jede Bedeutung. Wie kam er doch wieder darauf?
-
-Herrlich ruhig war es hier, und nur zuweilen war das ferne Klingeln der
-Straßenbahn zu hören. Wohltuend und beruhigend das Grün der hohen
-Wipfel, und da droben, da draußen flammte heiß die Sonne, wie ein
-grelles Feuer. Hier aber, Schatten, Kühle sogar, und der Schritt
-unhörbar. Es ging sich angenehm auf der losen Erde, die Füße ruhten aus.
-
-Der General hielt sich etwas gebückter. Er war im Gesicht magerer
-geworden, die Backen hingen schlaff herab, seine Gesichtsfarbe war
-fahler, trocken, mit kalkigen Flecken. Zuweilen zuckte sein rechtes
-Augenlid, und ein Nerv klopfte oft unangenehm an der Nase, dicht beim
-rechten Auge.
-
-Den ganzen Sommer, hatte er in dem stickigen, heißen Berlin verbracht.
-Er hatte die Absicht, im August in Urlaub zu gehen, nach Babenberg, nun
-aber waren Ereignisse eingetreten, die ihn hier festhielten. Gewisse
-Schwierigkeiten an der Front, die bald behoben sein würden. Jedenfalls
-aber war es ganz undenkbar für ihn, jetzt, gerade jetzt seinen Posten zu
-verlassen, selbst nicht auf einige Tage, so nötig er auch Erholung
-brauchte. Sitzungen, Konferenzen, nun gut, die da draußen hatten
-ebenfalls keinen Urlaub. Man mußte sehen, wie man durchkam.
-
-Diese halbe Stunde jeden Morgen -- eine volle halbe Stunde, ja, es ging
-nicht anders, wollte er nicht zusammenbrechen -- diese halbe Stunde
-morgens von einhalb neun bis neun Uhr war sein Urlaub. Um neun Uhr
-erfaßte ihn dann die Maschine, und er kam bis Mitternacht nicht mehr zu
-sich. Er schlief nur noch mit Hilfe von starken Schlafmitteln.
-
-In diesen dreißig Minuten am Vormittag allein konnte er in aller Ruhe
-seinen Gedanken nachhängen und sich mit seinen persönlichen
-Angelegenheiten beschäftigen.
-
-Gott sei Dank war er vernünftig genug gewesen, sich diese störenden
-Geldgeschichten vom Halse zu schaffen, wirklich ein Entschluß, zu dem er
-sich jetzt beglückwünschte! Er hatte das Gut Rothwasser verkauft. An
-einen Dänen, namens Olsen, aus Kopenhagen -- ja, schon kamen sie jetzt,
-die Neutralen, die am Kriege verdient hatten, und kauften deutsches
-Land. Er bereute den Schritt nicht. Was geschehen ist, ist geschehen --
-das Notwendige tue rasch, ohne dich umzusehen. Otto würde ja Babenberg
-behalten, genug und übergenug für ihn, und Ruth -- nun es würde auch für
-Ruth gesorgt sein.
-
-Er machte kehrt, nie ging er weiter bis zu jenem grellen Sonnenflecken
-mitten auf dem Reitweg. Zerstreut blickte er, stehenbleibend, in das
-Dickicht -- auch hier Staub auf den Blättern, selbst hier.
-
-Rothwasser? Wie kam er darauf? Nun ja, er hatte sich durch den Verkauf
-diese störenden, quälenden Kalamitäten vom Halse geschafft -- wie schwer
-es ihm doch wurde, sich auf einen Gedanken zu konzentrieren! Fünf
-anstrengende Konferenzen waren allein für diesen Vormittag angesetzt.
-Schon disponierte er wieder.
-
-Dora --?
-
-In diesem Augenblick dröhnten von der Hofjägerallee drei langgezogene
-Hupensignale.
-
-Dieser Schwerdtfeger, dieser Esel! Mußte er ihn gerade in diesem Moment
-unterbrechen.
-
-Ärgerlich setzte der General seine Promenade fort. Er ging etwas
-rascher, sollte er warten! Ja, diese Wochen, da sie im Bade war, waren
-eine Art Probe gewesen. Er hatte diese Probe nicht bestanden, um ehrlich
-zu sein! Ja, das war es, nicht bestanden. Er hatte sie vermißt, kam sich
-verwaist und verlassen vor, niemand in Berlin, das Haus leer, auch Ruth
-auf dem Lande -- die Stimmen rückten mehr und mehr in die Ferne, wurden
-unwirklich, nur Doras Stimme klang noch nah. Es schien auch, als ob die
-Menschen selbst mehr und mehr verblaßten -- sie riefen unverständliche
-Worte, machten unverständliche Gesten. Er beachtete sie kaum, sie
-interessierten ihn nicht mehr, seine Mitmenschen, nein, sollten sie
-ruhig tun, was sie wollten. Und fünf Konferenzen -- nun saßen sie schon
-und warteten, Weißbach schielte auf die Uhr.
-
-Ja, es war die Wahrheit, leugnen wir sie nicht, er fühlte sich einsam
-ohne sie.
-
-Einsam?
-
-Welch ein furchtbares Wort, bei rechtem Lichte betrachtet! Nie in seinem
-Leben hatte er die Bedeutung dieses Wortes begriffen. Es war die
-Abspannung, die Nerven, natürlich. In ihrer Nähe fühlte er sich
-augenblicklich beruhigt, ausgeglichen. Etwas von ihrer Sorglosigkeit und
-Lebenskunst schien auf ihn überzuströmen.
-
-Wie sie sich gefreut hatte über die kleine Uhr, die er ihr am ersten
-Abend brachte! Ein Kind, wahrhaftig, nichts als ein großes,
-lebenslustiges, immer heiteres Kind war diese ganze Dora, ein Quell der
-Verjüngung, sozusagen. Vielleicht beruhte die belebende Wirkung, die sie
-auf ihre Umgebung ausübte, gerade auf ihrer großen und seltenen Naivität
-und oft komischen Lebensunkenntnis. Wer weiß es?
-
-Es galt zu überlegen, jedenfalls -- ein bedeutungsvoller Schritt!
-
-Ein Schritt, der wohl erwogen sein wollte, obgleich er sich ja schon
-Jahre mit diesem Gedanken beschäftigte. Wohl erwogen. Otto? Nun, Ottos
-Meinung war ihm schließlich gleichgültig, Otto fragte ja auch ihn nicht
-um seine Ansicht, wochenlang bekam man ihn nicht zu Gesicht. Sein Sohn
-war ihm fast ein Fremder geworden. Und Ruth? Nun Ruth würde sich damit
-abfinden. Sie zuallererst. Erst jetzt war ihm zum Bewußtsein gekommen,
-wie vernünftig diese Ruth in Wahrheit war. Ja, möglich, möglich, daß er
-ihr ganzes Naturell falsch eingeschätzt hatte. Sie war in ruhigem und
-ausgeglichenem Gemütszustand von Babenberg zurückgekommen. Ihre
-sentimentale Laune schien weniger tief gegangen zu sein, als er
-befürchtet hatte. Obgleich dieser jugendliche Schwarmgeist, wie man ihm
-berichtete, noch hinter Schloß und Riegel saß und seiner Bestrafung kaum
-entgehen dürfte. Offenbar hatte Ruth die Beschaulichkeit auf dem Lande
-dazu benutzt, nachzudenken. Der rasche Schnitt mit dem Messer hatte sich
-wieder als die beste Heilmethode erwiesen.
-
-Gewiß, auch Ruth würde sich damit abfinden -- vielleicht war gerade sie
-es, die ihn am ehesten verstand.
-
-Aber sie selbst -- Dora?
-
-Das heißt nicht, daß er zweifelte!
-
-Natürlich nicht, er konnte auch aus früheren Äußerungen Doras schließen
--- es würde für sie immerhin einiges bedeuten, gesellschaftliche
-Stellung, nun, und manches andere. Sie war ja aus guter Familie, ein
-Bruder sogar Major, aber immerhin, kleiner, unbedeutender Landadel. Und
-nicht zuletzt würde sie gewiß aufatmen, aus diesem Zustand finanzieller
-Unsicherheit herauszukommen.
-
-Nein, nicht das.
-
-Aber es gab da das und jenes, was ihn in der letzten Zeit stutzig -- ist
-stutzig das richtige Wort? -- nun sagen wir ruhig: stutzig gemacht hatte
-. . .
-
-Einiges, unbedeutende Dinge, Kleinigkeiten sozusagen, Imponderabilien --
-aber vielleicht tat er ihr bitter unrecht? Wie? Nicht unmöglich . . .
-
-Wieder dröhnte das Hupensignal.
-
-Der General hakte ärgerlich den Kragen zu.
-
-»Es ist ganz unmöglich, auch nur fünf Minuten lang seine Gedanken zu
-sammeln«, sagte er laut und begab sich zum Auto zurück.
-
-Die graue Limousine fegte in das heiße Berlin hinein: Sitzungen,
-Konferenzen, Vorträge. Schon warteten sie dichtgedrängt im Vorzimmer,
-und Weißbach schielte tatsächlich ununterbrochen nach der Uhr.
-
-
-4
-
-Nein, gewiß, der General kannte seine Tochter nicht.
-
-Wäre er ein Beobachter, so würde er auf den ersten Blick gesehen haben,
-daß Ruth sich im Laufe des Sommers auffallend geändert hatte. Aber er
-war kein Beobachter: Sitzungen, Konferenzen, strategische Erwägungen --
-wie sollte er da ein Beobachter sein?
-
-Ja, auffallend geändert!
-
-Nicht mehr die schüchterne, scheue Ruth. Ihre Augen waren flammend und
-kühn, ihr Blick wich nicht mehr zurück. Fragend und forschend ruhte ihr
-Auge bei Tisch auf dem Vater, und häufiger als früher begegneten sich
-auf Sekunden ihre Blicke.
-
-Etwas war hier nicht in Ordnung! Nein! Als Papa sie bei ihrer Rückkehr
-begrüßte, war etwas Auffallendes geschehen -- noch heute zitterte die
-Betroffenheit in ihr nach. Papa war errötet! Noch mehr, Papa hatte die
-Augen niedergeschlagen. Aber man bedenke doch: _Papa schlägt die Augen
-nieder!_
-
-Weshalb? Weshalb nur? Sie kannte Papa ja so genau. Irgendein Geheimnis
-war zwischen ihm und ihr.
-
-Weshalb Papa, so sprich doch!
-
-Aber der General war tief in seine Gedanken versunken und blickte nicht
-mehr auf.
-
-Ruth hatte völlig ihr träumerisches, zerstreutes Wesen verloren. Sie
-sprach sogar etwas rascher als früher und nicht mehr so unsicher. Sie
-sang nicht mehr, trällerte nicht mehr vor sich hin, wie sie es früher zu
-tun pflegte -- um erschrocken abzubrechen, sobald sie sich belauscht
-wußte. Ihre Lippen waren bestimmter geformt und klarer geschwungen. Das
-unsichtbare Lächeln, das früher über ihnen schwebte -- fort war es.
-
-Wie eine Fremde bewegte sie sich im Hause, die gesonnen ist, nicht lange
-zu bleiben. Sie lächelte über diese ewig dienstbereiten Ordonnanzen,
-über dieses Exzellenz hin und Exzellenz her, bald würde sie es nicht
-mehr hören. Ach, dieser Papa, der sich so ungeheuer wichtig nahm, dieser
-Otto, diese Dora, diese ganze Gesellschaft, die in den Tag hineinlebte
-und glaubte, es müsse so sein -- nun, bald würde sie sie nicht mehr
-sehen. Schon wagte es niemand mehr, sich mit ihr in ein Gespräch
-einzulassen, weil sie unumwunden ihre Meinung äußerte.
-
-Vorläufig, bis _dahin_, verrichtete sie wie früher ihre Arbeit in der
-Küche. Die Gäste hatte sie nach diesen heißen, stickigen Sommerwochen
-noch bleicher und elender angetroffen. Sie waren alle müde, sanken
-erschöpft auf den Stuhl, stützten den Kopf, während sie aßen. Alle
-Augenblicke gab es Differenzen, ihre Nerven flatterten. Die kleinen
-Schreibdamen flüsterten nur noch. Zuweilen kicherten sie leise, um sich
-rasch erschrocken umzusehen. Die Küche war auffallend still geworden.
-
-Ruth war eifrig bei der Arbeit -- aber so oft ein neuer Gast eintrat,
-blickte sie rasch nach der Türe. Offenbar, sie erwartete jemand, sie
-suchte jemand!
-
-Sie suchte, um die Wahrheit zu sagen, jenen kleinen, alten Herrn im
-Havelock, ihn, der ihr auf der Treppe die schreckliche Nachricht
-mitgeteilt hatte. Tag für Tag erwartete sie ihn, sie hatte Geduld.
-
-Aber er kam nicht. Augenscheinlich besuchte er diese Küche nicht mehr.
-Vielleicht war er auch tot? Schnell starben die Menschen in diesen
-Tagen. Die Erde verschluckte sie nur so.
-
-Endlich ging sie in die Fabriciusstraße. Sie besaß sogar den Mut, das
-Leihhaus zu betreten. Mit welchen Gefühlen! Wie sie die Türe anstarrte!
-Aber sie weinte nicht.
-
-Allein, hier wußte man nichts von dem Havelock. Er war ausgezogen,
-verschwunden.
-
-Und doch, er war vielleicht der einzige, der ihr über jene Dinge
-Ausschluß geben konnte, die sie unbedingt wissen mußte. Klara, die mit
-ihr in Babenberg war, hatte ihr Hedis Erlebnis am Anhalter Platz erzählt
--- das war alles, was sie erfahren konnte. Seine Freunde, sein jüngerer
-Bruder, wie vom Erdboden verschwunden, niemand zu sehen; keine Nachricht
-mehr, man hatte offenbar alle verhaftet -- nur sie ließ man in Ruhe.
-
-Nach vielen Tagen, die sie durch das verwahrloste, übelriechende
-Stadtviertel streifte -- ja, plötzlich sah sie ihn.
-
-Das, das mußte er sein! Sie fühlte es augenblicklich.
-
-Ein Rudel lachender und kreischender Kinder -- und mitten darin ein
-Mensch. In diesem Augenblick geschah es, daß sie wie eine Seherin
-fühlte, er! Ja, er war es.
-
-Er tanzte wie ein Hampelmann, und sobald die Kinder ihm zu nahe kamen,
-schlug er nach ihnen mit seinem steifen Hut.
-
-Plötzlich fühlte er Ruths Blick. Es war dicht bei der Eisenbahnbrücke,
-die sich über die staubige Fabriciusstraße spannt.
-
-Er hielt inne -- gerade wollte er wieder mit dem Hut nach den Kindern
-schlagen -- und suchte seinen Blick zu sammeln.
-
-»Geht weg!« rief Ruth. Die Kinder drängten sich abseits zusammen. Eine
-Dame und der Betrunkene! Ungeheuer interessierte es sie. In der
-abenteuerlichen Vorstadt aufgewachsen, waren sie an die sonderbarsten
-Vorfälle gewöhnt.
-
-»Ich möchte Sie einiges fragen!« begann Ruth.
-
-»Gerne -- stets bereit!« Herr Herbst schwang den Hut und schwankte
-erschrocken rückwärts. Er hatte Ruth sofort erkannt, und obschon er
-betrunken war, war ihm doch ihr verändertes Wesen aufgefallen. Ihre
-Stimme klang nicht mehr sanft und freundlich wie früher -- hart,
-unbarmherzig. Ja, nun war sie also gekommen . . .
-
-»Nein, nicht gesehen -- nur gehört«, stammelte er erbleichend, während
-sein Blick flatterte. »Geschossen? Ja, geschossen! Ich hörte es.
-Weshalb, weiß ich nicht.«
-
-Ja, weshalb hatte man wohl geschossen? Der Soldat schoß, weil man auf
-ihn schoß, wenn er nicht schoß. Vom Höchsten bis zum Niedrigsten drohte
-hinter jedermann in dieser Zeit ein Gewehrlauf.
-
-»Und Sie können mir nicht sagen --?«
-
-Die Gruppe der Kinder stand immer noch neugierig abseits. Die Dame und
-der Betrunkene, der hin und her schwankte und wahrscheinlich bald einige
-Backpfeifen erhalten würde -- es war ungeheuer interessant.
-
-»Sie meinen?«
-
-Der Havelock hob die kleinen, schmutzigen Hände gegen die Hutkrempe,
-einer Ohnmacht nahe.
-
-»Es muß doch jemand die Polizei aufmerksam gemacht haben, nicht wahr?«
-Ruth schrie ganz laut.
-
-Welch eine deutliche, furchtbare Frage!
-
-Der Havelock taumelte. Er kratzte die grauen Bartstoppeln, sein kleines,
-bleiches Gesicht zuckt. Dann hob er den steifen Hut in die Höhe und
-machte eine Bewegung, als wolle er zu tanzen beginnen, und plötzlich --
-plötzlich fiel er in die Knie.
-
-»Ich, ich!« rief er, krächzte er, den Hut in der Hand und nickte. »Ich!«
-
-»Sie --?«
-
-»Ja, ich! Ich!« Er rutschte auf den Knien näher und senkte voller
-Zerknirschung den kleinen, bleichen Kahlkopf. Die Kinder lachten.
-
-»Ja, ich, Gott sei mir gnädig!«
-
-»Sie --!? Weshalb nur --?«
-
-»Weshalb? Ja, ja --«
-
-»Was hatte er Ihnen getan? Er?«
-
-»Weshalb? Unerklärlich -- wie alles in dieser Welt. Wie alles -- völlig
-unerklärlich -- ich liebe Sie ja, meine Dame, wie meine Tochter --«
-
-»Hüten Sie sich!« Nun wird sie ihn an den Ohren packen, dachten die
-Kinder erwartungsvoll.
-
-»Wie meine Tochter -- unerklärlich!« schluchzte Herr Herbst, und der Hut
-entfiel ihm. »Ich bin ein Verkommener.«
-
-Die Kinder kreischten und klatschten in die Hände.
-
-»Stehen Sie doch auf!« schrie Ruth. »Stehen Sie doch auf!« Und sie
-schrie so laut, daß Herr Herbst sich tatsächlich taumelnd aufrichtete.
-»Was Sie sind, das sehe ich ja. Ein Verkommener, sehr wahr, völlig
-verkommen --«
-
-»Ja, ja, ja!« Herr Herbst hob beschwörend die Hände. »Aber ich war nicht
-immer wie heute, meine Dame. Mein Sohn ist gefallen, seine Mutter
-. . .«
-
-»Aber wissen Sie denn, was Sie getan haben?« unterbrach ihn Ruth außer
-sich. »Wissen Sie es denn? Wissen Sie denn, wen Sie verraten haben? Sie
-Judas Ischarioth?«
-
-Bei dieser Schmähung prallte Herbst zurück.
-
-»Wissen Sie es denn? Er war Jesus Christus, der wiedergekommen war, um
-die Menschheit zu erlösen! Ja, das war er! Sie wußten es nicht!«
-
-»Jesus Christus!«
-
-»Und Sie -- ein Säufer --!«
-
-Namenloser Schreck spiegelte sich in den kleinen, halbblinden
-Trinkeraugen. Er glaubte, was Ruth, bleich und rasend, schrie -- und
-auch Ruth glaubte es im Paroxysmus des Schmerzes.
-
-Rasch wandte sie sich ab und eilte fort. Eingeschüchtert sah das
-Häuflein der zerlumpten Kinder ihr nach. Sie waren verstummt, weil sie
-sahen, daß die Dame, die mit diesem komischen Betrunkenen zankte,
-plötzlich weinte.
-
-»Sie haben ihn getötet -- aber er ist unsterblich! Ein Prophet, ein
-Seher, ein Heiliger war er!«
-
-»Sie haben ihn getötet -- aber er ist unsterblich!« rief Ruth vor sich
-hin, und die Tränen stürzten über ihr bleiches, verklärtes Gesicht.
-
-Selbst als sie in belebtere Straßen kam, rief sie ganz laut und
-unaufhörlich die gleichen Worte.
-
-Aber niemand beachtete sie sonderlich: man war es nachgerade gewöhnt,
-daß Menschen vor sich hin sprachen und weinten.
-
-
-5
-
-Horch!
-
-Das Feuer rollte.
-
-Sie zerrissen die Eingeweide der Erde. Tag und Nacht wühlten
-schweißüberströmte Leiber in den finstern Stollen der Tiefe, ohne Pause
-klirrten die Förderkörbe in allen Erdteilen auf und ab. Die Hochöfen
-spien Feuer über den Kontinenten, Ströme von flüssigem Metall flossen in
-die Formen: Geschütze, Granaten.
-
-Sie zerrissen ihre Gehirne. Die Ingenieure und Chemiker schliefen nicht
-mehr, neue Maschinen, neue Sprengstoffe und Gase, immer fürchterlicher.
-Hunderte von Millionen sannen nur Vernichtung, brüteten nur Tod: die
-Völker der Erde waren Mördervölker geworden.
-
-Tag und Nacht peitschten die Schrauben der Schiffe das Meer -- vorwärts!
-Tag und Nacht flogen die Züge durch Europa, vorwärts. Das Meer zittert
-und die Erde erbebt. Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde,
-die Schätze der Welt. Sie hatten alle das gleiche Ziel.
-
-Die Wolke!
-
-Dort, dort, wo Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, die
-Schätze der Welt, zu Staub zermalmt werden -- dort . . .
-
-Schon färben sich die Flüsse rot, und auf den Meeren treiben Inseln von
-Leichen. Frankreich verwandelt sich in eine Wüste, Deutschland in einen
-Friedhof, die Welt in ein Lazarett.
-
-Vorwärts, Soldaten! es soll sich entscheiden -- die Kanonen sollen die
-Probleme lösen.
-
-Die graue Limousine raste durch die glühenden Straßen Berlins.
-Konferenzen, Besprechungen. Schwerdtfeger wischte sich den Schweiß vom
-schmutzigen Gesicht. Auch er war um seinen Urlaub gekommen, aber
-schließlich war er nichts als ein Chauffeur und konnte Gott auf den
-Knien danken, daß er nicht da draußen fahren mußte, wo die Landstraßen
-sich öffnen und Feuer speien.
-
-Die graue Limousine raste über die Linden. Müde und abgespannt blickte
-der General mit halbgeschlossenen Augen auf die Straße und gähnte.
-
-Plötzlich galoppierte ein Berittener über den Reitweg, die Fußgänger
-blieben wie auf Kommando stehen und gafften.
-
-Der General setzte sich mit einem Ruck aufrecht.
-
-Unerhört!
-
-Am hellichten Tage! Unter den Linden!
-
-Niemals hätte man so etwas für möglich gehalten.
-
-Ein paar Dutzend junger Burschen und Mädchen, hundert vielleicht, nicht
-mehr, eilten die Linden entlang und schrien. Eine Spritzwelle von
-Menschen, die über die Linden fegte, nichts sonst. War es nicht
-unerhört, daß jemand Unter den Linden schrie und die öffentliche
-Aufmerksamkeit auf sich lenkte?
-
-Der General rückte unruhig auf dem Sitz und blickte voller Empörung zum
-Fenster hinaus. Aber in diesem Augenblick hoben sich die Fäuste der
-jungen Burschen und Mädchen gegen ihn und schüttelten sich. Fassungslos
-zog er den Kopf zurück. Ja, was geschah, was ging hier vor? Sie schrien
-ein Wort, immer das gleiche Wort -- er verstand es nicht. Er wagte nicht
-zu glauben, daß sie jenes Wort riefen -- es ist unmöglich!
-
-Oben beim Schloß aber wurde er plötzlich ernst. Ah, seht an! Eine Kette
-von Schutzleuten sperrte den Weg. Ein junger Bursche machte den Versuch
--- schon blitzte ein Säbel durch die Luft. Da lag er.
-
-»Schlagt sie nieder!« schrie der General, purpurrot das Gesicht.
-
-Und die Regierung?
-
-Wütend lachte der General, wütend gegen Schwerdtfegers gekrümmten
-Rücken.
-
-Die Regierung?
-
-Sie schläft.
-
-Die Gaffer auf den Bürgersteigen bewegen sich wieder. Die Spritzwelle
-hat sich verlaufen. Nichts ist geschehen.
-
-Die graue Limousine raste weiter: Konferenzen, Besprechungen. Reserven!
-Nachschub! Verpflegung! Munition! Pferde! Sitzung über Sitzung -- --
-
-Vorwärts, Soldaten!
-
-Die Schlacht brüllt, die Geschütze stampfen, kämpft, sterbt!
-
-Schon runzelt der Divisionär am Telephon die Stirn, der Kommandeur
-erbleicht am Scherenfernrohr: der Angriff am rechten Flügel stockt!
-Vorwärts, Artillerie, wenn es sein muß, die eigene Artillerie soll euch
-vorwärts treiben, wartet!
-
-Kämpft, sterbt! Die Augen der ganzen Welt sind auf euch gerichtet.
-
-Schon zittert die Börse, die Papiere fallen. Ihr werdet doch nicht, ihr
-geliebten Helden? Ja, Helden! Drei Mark, drei Franken, drei Schillinge
-und drei Dollar am Tage, Auszeichnungen, Triumphbögen, künstliche
-Gliedmaßen -- ihr kennt doch unsere Tarife? Ihr werdet doch nicht --?
-Kali, Kohlen, Kolonien . . .
-
-Der Börsentelegraph tickt, Tag und Nacht, schon ist er erregt worden, es
-bröckelt irgendwo ab, es knistert, er tickt, ah, dieses entsetzlich
-erregte Ticken, ihr könnt es leider nicht hören im Kanonendonner, die
-Börsen von Berlin, London, Paris, Rom, Neuyork -- schon hat sich ein
-Bankrotteur eine Kugel in den Kopf geschossen -- und ihr zögert?
-
-Die Kaiser und Könige träumen vom Einzug in die jubelnde Hauptstadt, die
-Präsidenten träumen von dem Moment, da sie den glänzenden Seidenhut
-hochheben, umbraust vom Beifallsklatschen.
-
-Die Landesfürstin, höchsteigenhändig, die Gemahlin des Herrn
-Präsidenten, höchsteigenhändig, wird euch die kleine Blechmünze auf die
-zerschossene Brust heften --
-
-Vorwärts, ihr Geliebten, ihr Herrlichen, Unvergleichlichen!
-
-Die Greise, die die Geschicke dieser Welt lenken, hüsteln hinter den
-gepolsterten Türen in ihre kalten wächsernen Hände. Sie sitzen an langen
-polierten Tischen, mit rosaroten Kinderbäckchen, trommeln mit den
-Fingernägeln, ungeduldig -- die Sekretäre, ohne Tadel, schleichen auf
-den Zehenspitzen über das glänzende Parkett. Die Greise kritzeln mit der
-Feder, werfen gebieterische Blicke.
-
-Jedes Wort, das sie sprechen, bedeutet Tod, jeder Federstrich, jedes
-Lächeln -- Tod, Tod -- sie aber leben.
-
-Seit Monaten, seit Jahren, flimmert himmelhoch die Staubwolke über der
-Walstatt, es regnet schwarzes Blut -- die apokalyptischen Reiter ziehen
-über den Wolken dahin und gießen ihre Schalen aus über Europa. Gewogen,
-gewogen und zu leicht befunden! Die Feuerschrift der Geschütze flammt am
-verfinsterten Firmament.
-
-Soeben ist das Kabinett der Greise zu einer neuen feierlichen Konferenz
-zusammengetreten.
-
- * * * * *
-
-Reserven!
-
-Die Hände des Generals zittern. Erregt wirft er die Telegramme auf den
-Schreibtisch zurück. Fieberröte flammt über sein Gesicht.
-
-Schon vor zwei Jahren hatte er eine Denkschrift eingereicht, und erst
-kürzlich war er wieder darauf zurückgekommen. Er hatte den Vorschlag
-einer Patriotin aufgegriffen, zwei Millionen Frauen in die Armee
-einzustellen, für Wachtdienst, Etappe, Bureau. Zwei Millionen, zehn
-Millionen, wenn man wollte! Aus den kräftigsten Frauen hätten sich auch
-Kampfbataillone aufstellen lassen, ohne Frage. Die Frauen hätten
-vorzügliches Material abgegeben. (Der General war gewohnt »Material« zu
-sagen, wie alle Militärs.) Auch die Frauen, ohne jeden Zweifel, hätten
-ihre Leiber voller Begeisterung den Kanonen entgegengeworfen!
-
-Seine Denkschrift -- sie verstaubte irgendwo, mit abfälligen
-Randbemerkungen versehen. Man hatte seinen Rat nicht beachtet -- wie man
-Ratschläge überhaupt nicht zu beachten beliebte. Man wußte alles selbst,
-wußte alles besser.
-
-»Ich klingle bereits das zweitemal und Sie kommen nicht!« sagte der
-General mit gerunzelter Stirn zu Weißbach.
-
-»Es hat nur das einemal geklingelt, Herr General«, versicherte der
-Adjutant.
-
-Der General erhob sich -- sein Auge wuchs.
-
-»Ach, nun fangen auch Sie an zu widersprechen.«
-
-Der Adjutant schwieg und stand still. Seine Miene war bleich. Der
-General streifte ihn mit einem Blick. »Nun sind auch Sie beleidigt,
-Weißbach«, sagte er einlenkend. »Es fehlte noch, daß auch Sie beleidigt
-sind.« Der Blick des Adjutanten strahlte Vergebung.
-
-Mit zitternden Händen ging der General hin und her. Dann blieb er vor
-Weißbach stehen und sagte ruhig: »Rufen Sie sofort alle Herren
-telegraphisch aus dem Urlaub zurück! -- Wir müssen unsere Anstrengungen
-_verdoppeln_!« fügte er schreiend hinzu.
-
-Reserven? Als ob nicht alles Grenzen hätte. Und welchen Ton sie
-neuerdings beliebten? Man hatte alles, was nicht umfiel, eingezogen,
-hatte die Lazarette ausgefegt, Fiebernde aus den Betten gerissen, vom
-Operationstisch hatte man die Leute fortgenommen, ohne jede Rücksicht.
-
-Und Reserven?
-
-Ja, es gab einfach keine Reserven mehr, das allein war die Wahrheit!
-
-Das Telephon schrillte . . .
-
-Im gleichen Augenblick wurde es draußen stockfinster, und ein
-knatternder Donner sprang mit teuflischem Gelächter über das Dächermeer
-von Berlin dahin. Gott sei Dank; die Hitze war unerträglich geworden.
-
-
-6
-
-Über den Potsdamer Platz schwang sich an Krücken ein Krüppel. Er
-berührte nur mit der rechten Fußspitze den Boden. Ein kleiner fahler
-Schatten schwang unter ihm.
-
-Alle Passanten, wenige, sehr wenige, zertraten unter ihren Füßen einen
-ebenso fahlen, zusammengeballten Schatten. Es war Mittagszeit, der
-Himmel war mit einem Dunstschleier bedeckt, durch den die Sonne
-blendete. Welche Hitze?
-
-Der Krüppel schwang sich die Leipziger Straße hinauf.
-
-Auch diese Straße war leer! Wenige Menschen, leere Straßenbahnen. Berlin
-war wie ein Friedhof, den nur dann und wann ein Grüppchen von
-Hinterbliebenen besucht.
-
-»Ja, ein richtiger Friedhof!« sagte der Krüppel.
-
-Die wenigen Menschen schlichen, den Blick zu Boden gesenkt, dahin,
-scheu, ängstlich. Mit zitternden Händen griffen sie nach den
-Mittagszeitungen, warfen einen Blick hinein, falteten sie mutlos
-zusammen.
-
-Krieg, Hunger, Tod -- Tod, Hunger, Krieg . . .
-
-Vor wenigen Wochen noch hatte die Hoffnung die Stadt neu belebt. Die
-feindlichen Reserven waren aufgerieben, England stand vor dem Abgrund.
-Ja, was blieb also noch viel zu tun übrig? Die Zeitungen schrieben es,
-ein Minister sogar verkündete es -- nun schien aber doch nicht alles in
-Ordnung zu sein.
-
-Wie Berlin vor Wochen gejubelt hatte, Tausende von Gefangenen, Hunderte
-von Geschützen, so jubelten jetzt Paris, London, Neuyork. Berlin aber
-war still geworden.
-
-Ein Friedhof bei Tag, ein Friedhof bei Nacht. In den Nächten war häufig
-ein Donnern in der Stadt zu hören, ein Grollen, und die Schläfer fuhren
-erschrocken in die Höhe -- horch!
-
-Der Krüppel schwang sich an seinen Krücken die Wilhelmstraße hinauf.
-Hier, bei den Regierungsgebäuden, war es noch stiller. Kein Mensch. Nur
-ein Hund ging, mit Verlaub zu sagen, von Eckstein zu Eckstein.
-
-Der Krüppel bog in die Linden ein und näherte sich der grauen Limousine,
-die vor Stifters Diele stand. Er strich neugierig um den Wagen herum.
-Schwerdtfeger saß im Schatten des Autos auf dem Bürgersteig und nahm wie
-gewöhnlich sein Mittagessen ein, ein Stück Brot mit etwas Käse, weiter
-reichte es nicht. Wie alle Soldaten erhielt er zwei Mark dreiunddreißig
-Pfennige am Tage und zwei Mark Verpflegungsgelder dazu.
-
-Augenblicklich sprang Schwerdtfeger auf und nahm Haltung an. Der Krüppel
-war Offizier, Schwerdtfeger hatte ihn früher schon einmal gesehen. Ja,
-wie ein Gymnasiast, mit schneeweißen Haaren, großen, fiebernden Augen
-und kreidigem Gesicht, das unaufhörlich zuckte.
-
-Der Krüppel schwang sich in Stifters Diele.
-
-Hier, in einer halbdüstern Nische des vornehmen Restaurants, sah er ein
-erdiges Gesicht mit schwarzen Augenhöhlen und einem Blick, der brannte,
-ohne etwas zu sehen.
-
-Auch Stifters Diele war fast leer.
-
-»Ist es erlaubt?« fragte der Krüppel.
-
-Das erdige Gesicht mit den schwarzen Augenhöhlen kam in Erschütterung,
-aufs tiefste erschrocken, die brennenden Augen, die nichts sahen,
-glitten prüfend über das Gesicht, das ohne Pause zuckte, über das
-schneeweiße Haar dieses Gymnasiastenkopfes.
-
-»Ich hatte die Ehre --« Das zuckende Gesicht versuchte zu lächeln.
-
-Da sah der General, daß es Hauptmann Wunderlich war.
-
-»Ist es möglich? Es ist so dunkel hier. Bitte Platz zu nehmen -- bitte
-mir die Freude zu machen, mein Gast zu sein, Hauptmann Wunderlich.«
-
-Hauptmann Wunderlich lehnte die Krückstöcke an die Wand und zog sich an
-den Armlehnen des Sessels in die Höhe. Nie hatte der General die Krücken
-Wunderlichs erblicken können, ohne ihn ganz im geheimen um sie zu
-beneiden.
-
-»Also in Berlin?«
-
-»Ja. -- Ich bin fertig!«
-
-»Fertig?«
-
-Wunderlichs Gesicht zuckte. Der Blick seiner großen Knabenaugen
-fieberte.
-
-»Die Nerven«, sagte er. »Fertig! Leider, aber nicht zu ändern.
-Zusammengebrochen!« --
-
-Aber, seht an, auch die Hände des Generals zitterten, und es schien, als
-ob es dem General Schwierigkeit bereitete, zu sprechen, er stammelte,
-stotterte, suchte nach Worten. Wo war die wunderbare Ruhe und Sicherheit
-des Generals hingekommen?
-
-»Also nicht zufrieden mit den Nerven? Auf Urlaub?« Der General füllte
-mit zitternder Hand Wunderlichs Glas. »Auch hier in Berlin sind wir --
-überarbeitet, dazu die Hitze. Und an der Front?«
-
-Flüstern.
-
-»Scharen von Fliegern! Kämpfe in drei Etagen -- in zwei-, drei- und
-viertausend Meter Höhe -- für eine abgeschossene Maschine zehn neue --
-Kämpfe auch in der Nacht --«
-
-»Auch in der Nacht?«
-
-»Und Bombengeschwader -- in jeder Stunde der Nacht -- keine Ruhe mehr in
-den Quartieren und Lagern -- kein Schlaf . . .«
-
-»Hm.«
-
-Der Kellner servierte.
-
-Mit verzerrtem Gesicht berichtete Wunderlich. Er murmelte, damit niemand
-in der Diele ihn hören konnte.
-
-»-- allein fünfzigtausend Mann durch Gefangennahme verloren in drei
-Tagen, fünfhundert schwere Geschütze --«
-
-»Ich weiß, weiß.«
-
-Flüstern.
-
-»-- die Lazarette ohne Leinen, die armen Kerle in ihren schmutzigen
-Uniformen -- Papierverbände, nackt begraben . . . Pferdefleisch --«
-
-»Pferdefleisch?«
-
-»-- erst die Zunge, jeder ein Stück, mit dem Messer -- in einer Minute
-liegt nur noch das Skelett des Pferdes da --«
-
-»Hm.«
-
-»-- und die Pferde fallen zu Hunderten, Tausenden. Ohne jede Kraft --«
-
-»-- und Gelbkreuz, Blaukreuz?«
-
-»Keine besonderen feindlichen Verluste. Man findet die Batterien
-verlassen. Aber dahinter stehen neue.«
-
-»Und der -- Geist der Truppe?«
-
-»Herrlich -- wunderbar, wie immer. Kämpfen bis zur Erschöpfung. Ohne
-ordentliche Verpflegung, seit Wochen ohne Ablösung . . .«
-
-»Einzelne Divisionen nur noch Stäbe -- Feldküchen, Kraftfahrer . . .«
-
-Flüstern. Raunen. Der General setzt den Kneifer auf und blickt
-argwöhnisch aus der Nische. Überall Lauscher. Wenn der Feind _das_
-erführe --!
-
-»Eineinhalb Millionen amerikanischer Truppen --«
-
-Plötzlich zieht der General die Uhr und erhebt sich rasch. Seine Hände
-sind eisig kalt. Er schwankt beim Hinausgehen.
-
-Und die graue Limousine rast durch die glühenden Straßen: Sitzungen,
-Konferenzen . . .
-
- * * * * *
-
-Geschrei . . .
-
-Geschrei in den Wolken. Verflucht die Welt, verflucht die Erde!
-Verflucht Könige, Präsidenten und Minister. Verflucht!
-
-Betrogen um unser Leben, geopfert dem Wahnsinn!
-
-Die Millionen der Gefallenen, Geschlachteten, Millionen und abermals
-Millionen, fahren über Europa dahin, in ihren armseligen Lumpen,
-zerfetzt ihre Leiber und schreien. Sie verdunkeln den Himmel.
-
-Betrogen, betrogen!
-
-Fluch auf euch!
-
-Aber die Front donnert, und unendlich steht die Staubwolke über der
-Walstatt.
-
-Nun fällt der Tau, die Nacht sinkt herab. Der Horizont funkelt, Feuer
-loht über das Gewölk, die Geschütze brüllen. Riesengroß steht Ackermanns
-Geist über dem Schlachtfeld, und lauter als die Geschütze schallt seine
-Stimme.
-
-»Völker der Erde -- Söhne von Müttern -- Brüder . . .«
-
-Furchtbar fauchen die Granaten um ihn. In seinem weiten grauen Mantel
-steht er, die Hände erhoben, seine Augen sind sprühende Sterne. Stahl,
-Feuer, Gase? Was wollen sie noch von ihm? Lauter als die krachenden
-Granaten tönt sein Ruf.
-
-»Brüder!«
-
-Und die schweißbedeckten Soldaten in den Laufgräben, Erdlöchern,
-Batteriestellungen lauschen. Welche Stimme?
-
-Ackermanns Geist trägt die Verwundeten über das Schlachtfeld, fällt den
-Rasenden in den Arm, die den hilflosen Gegner niederschlagen wollen,
-führt die Hand des Arztes, der den blutenden Feind verbindet. Ackermanns
-Geist berührt die Toten, die mit offenen Augen liegen, Deutsche,
-Franzosen, Inder, Amerikaner, Engländer, Neger, Kanadier, Australier,
-und spricht: ihr alle werdet auferstehen am Tag der Versöhnung, ihr
-Heiligen und Märtyrer!
-
-Ackermanns Geist erfüllt die finstere Wolke, die über der Walstatt bis
-zu den Sternen lodert, und schon -- schon dämpft sich der Lärm der
-Geschütze. Schon schweigen sie . . .
-
-Aber die Greise, die einen leisen Schlaf haben, fahren erschrocken auf
-in ihren Betten, lauschen und drücken auf die Klingel.
-
-Wiederum beginnen die Geschütze fürchterlich zu toben.
-
-Die Menschen lieben Macht und Glanz, wie Kinder. Leicht sind die Völker
-zu verführen -- aber wehe denen, die sie verführen!
-
-
-7
-
-Nein, es ging nicht mehr! An einem Sonntagnachmittag schickte der
-General den Wagen wieder fort. Es geschah zum ersten Male seit Monaten.
-Vor Erschöpfung sank er um. Augenblicklich fiel er in Schlaf, und er
-schlief, röchelnd und stöhnend, den ganzen Nachmittag bis in den Abend
-hinein.
-
-Als er wieder erwachte, war das Zimmer voll schwerer Dunkelheit.
-Verstört fuhr er auf. Sein Kopf war dumpf, glühendheiß. Der Schweiß rann
-über sein Gesicht.
-
-Zehn Uhr! Sollte man es für möglich halten? Sieben volle Stunden hatte
-er geschlafen! Ein Unbehagen war aus dem Schlaf in ihm zurückgeblieben
--- etwas Schweres, Bleischweres -- was war es doch? Hatte er geträumt?
-Das Haus war heiß wie ein Backofen, unerträglich. Er machte sich rasch
-zum Ausgehen fertig.
-
-Auf der Treppe stockte plötzlich sein Schritt. Die Stiefelspitze zuckte
-zurück, als habe er auf der Stufe irgendein ekelhaftes Insekt bemerkt.
-Ja, ein häßlicher Traum, in der Tat, widerwärtig! Das Siegesgespann auf
-dem Brandenburger Tor -- es war herabgestürzt, und sein Auto war von dem
-Trümmerhaufen, den Gaffer umstanden, aufgehalten worden. Welch ein Chaos
-und diese aus den Trümmern vorstehenden Pferdebeine! Und der
-Trümmerhaufe hatte sonderbarerweise fast den ganzen Pariser Platz
-bedeckt, ein förmlicher Berg --
-
-Auf der Straße war die Luft herrlich und erfrischend -- schon etwas
-herbstlich. Es mußte kurz vorher geregnet haben, das Pflaster war noch
-feucht. Über den Tiergarten flog rasch der Mond dahin, umwirbelt von
-kleinen Wolken, wie in einem Schneegestöber. Eine Droschke, ein paar
-Spaziergänger, tiefe Ruhe.
-
-Der General ging langsam dahin und atmete die Frische des Abends ein.
-Bald hatte er auch das Unbehagen überwunden, das aus dem widerwärtigen
-Traume zurückgeblieben war. Er fühlte sich durch den langen Schlaf
-erfrischt, die abgehetzten Nerven waren ruhiger geworden. Die Gedanken
-gehorchten.
-
-Er nickte vor sich hin. Klar stand es vor seinen Blicken, unheimlich
-klar, erschreckend klar. Es war gar nicht erst nötig, daß dieser
-Wunderlich kam und ihm noch diese fürchterlichen Fingerzeige gab. Nein.
-Er blieb stehen.
-
-»Napoleon hatte wenigstens den Winter als Entschuldigung für sich«,
-raunte er vor sich hin, voller Verachtung.
-
-Nun ging er wieder einige Schritte und nickte: »Sie lassen sich schlagen
--- regelrecht schlagen!« Ja, das war es.
-
-Hatte er nicht immer gewarnt?
-
-Diese ganze Offensive -- glatter Wahnwitz! Unvermeidlich große Verluste,
-eine unsinnige Verlängerung der Front -- keines der strategischen Ziele
-erreicht, der Angriff immer mehr nach Süden abgeglitten. Der Durchstoß
-zum Meer, die Abdrosselung der englischen Armee -- alles mißglückt. Und
-was hatten sie, die Frage war wohl erlaubt, abermals an der Marne zu
-suchen gehabt? Eine Riesenausbuchtung der Front, gespeist von einer
-einzigen schwachen Bahnlinie. Wie? Weshalb? Unverständlich!
-
-Aber selbst wenn diese verfehlte Offensive gelungen wäre, angenommen --
-was dann? Sie hatten ja nichts mehr in der Hand -- nichts mehr, um den
-Erfolg auszuwerten. Die andern dagegen: Amerikas unerschöpfliches
-Reservoir an lebendem und totem Material, kaum angebrochen --
-
-»Ja, schlagen, diese Gottähnlichen --!«
-
-Würde man ihm heute ein Frontkommando anbieten -- danke, danke ergebenst
-. . .
-
-War er nicht immer dafür eingetreten, zurückzugehen auf befestigte
-Stellungen, zur Maas, zum Rhein, wenn es sein mußte, und den Feind
-anlaufen zu lassen? Millionen hätten sie noch opfern müssen! Jahrelang
-konnte man sich halten, und eine ungeheure Manövrierarmee war frei für
-politisch-militärische Aktionen in Italien, Mazedonien, der Türkei.
-
-Plötzlich aber blieb der General verwundert stehen:
-
-Licht? Bei Dora Licht?
-
-In seine Gedanken versunken, war er bis zur roten Backsteinvilla
-gegangen, ohne jede Absicht.
-
-Er sollte den heutigen Abend eigentlich bei Dora verbringen, aber sie
-hatte ihm gestern abgeschrieben, da sie aufs Land reisen wollte.
-
-Erfreut, Dora zu Hause zu wissen, trat er ein. Seine Sorgen, die
-Gedanken, die ihn folterten, das Gefühl der Einsamkeit, das ihn marterte
-in letzter Zeit --
-
-Die Haustüre stand offen. Niemand war in der Diele, das Licht brannte.
-
-»Petersen!«
-
-Aber niemand kam. Stille.
-
-Aus der oberen Etage, die dunkel lag, klang ein sonderbarer Ton. Wie das
-Klagen eines Vogels, der immer den gleichen hilflosen, wehmütigen Schrei
-ausstößt, ein gefangener Vogel, der den Tod fühlt und nur noch einen
-Klagelaut hervorbringen kann. Eine Geige. Es war Hauptmann v. Dönhoff,
-der zurzeit hier Wohnung genommen hatte -- bis er etwas Geeignetes fand.
-Zweihundert schöne Frauen, zwei Elefanten und ein Nashorn -- und jetzt
-trug er also eine schwarze Brille und fing an, die Geige zu lernen. Er
-übte von früh bis nachts.
-
-Der General legte ab und öffnete die Türe, die zum Zeltzimmer führte.
-
-Auch in dem kleinen Vorraum brannte Licht. Der verzückte Heilige in
-seinem zinnoberroten Rock schwang mit rasender Gebärde sein Buch -- ein
-blinder Spiegel -- der General schlug den Vorhang zur Seite -- auch im
-Zeltzimmer war Licht, die blaue Deckenampel brannte. Aber niemand war zu
-sehen.
-
-Da hörte er Doras Lachen und eine Männerstimme.
-
-Er schrak zusammen. Hatte sie Gäste? Wer war hier? Es war wohl besser,
-wieder hinauszugehen und Petersen zu suchen. Vielleicht war er im
-Garten? Ja, wo war er eigentlich, dieser Petersen, das Haus offen, jeder
-Einbrecher konnte hereinkommen.
-
-Fern, ganz fern klang das monotone Klagen des unglücklichen, gemarterten
-Vogels, der seinen Schmerz in dem ewig gleichen Ton ausdrückte.
-
-Der General war verwirrt. Es fiel ihm schwer, einen Entschluß zu fassen.
-Schließlich -- hatte Dora Geheimnisse vor ihm? Plötzlich erinnerte er
-sich all der kleinen Widersprüche, der unbedeutenden, gänzlich
-unbedeutenden Begebenheiten, die ihn zuweilen, besonders in letzter Zeit
-beunruhigt hatten. Sie war also nicht auf dem Lande, und doch schrieb
-sie --
-
-Ja, schwer einen Entschluß zu fassen. Wie viele Gäste mochten es sein?
-
-Er roch den Duft von brennendem Reisig. Dora liebte es, mit Feuer zu
-tändeln und Reisig und Tannenwedel im Kamin zu verbrennen.
-
-Schweigen da drinnen. Das Feuer knisterte -- der Feuerschein flackerte
-über den Boden, und der Vogel klagte in der Ferne.
-
-Der General wandte sich zum Gehen -- aber da, gerade in dem Augenblicke,
-da er den Fuß rückte, um hinauszugehen und Petersen zu suchen -- gerade
-in diesem Augenblick fesselte etwas seine Aufmerksamkeit im höchsten
-Maße: in der lichten Spalte des Vorhangs, neben dem bauschigen schwarzen
-Kissen, das auf dem Teppich drinnen lag -- erschien ein himbeerfarbener
-kleiner Seidenpantoffel.
-
-Er hypnotisierte den General. Dieser kleine Seidenpantoffel bewegte
-sich, als sei er lebendig -- ein Fuß wurde sichtbar, ein Knöchel . . .
-trug sie fleischfarbene Seidenstrümpfe, oder was war es?
-
-Nun erschien eine Hand, eine volle, gepflegte Hand, Doras Hand, und
-diese Hand warf mit einem kleinen Schwung eine angerauchte Zigarette in
-die Richtung des Kamins. Wieder bewegte sich der kleine himbeerfarbene
-Seidenpantoffel. Der Saum eines hellroten durchsichtigen Gewandes wurde
-sichtbar --
-
-»Das ist ganz unmöglich!« sagte Dora laut und offenbar etwas ärgerlich.
-»Ich bitte dich, gewisse Rücksichten --«
-
-»Rücksichten?« lachte eine Männerstimme. »Es ist töricht, ewig
-Rücksichten zu nehmen, Dora!«
-
-Diese Stimme! Der General erbleichte.
-
-Da knurrte ein Hündchen. Butzi, der Griffon, war erwacht und knurrte.
-
-»Schweig!« sagte Dora.
-
-Aber Butzi schwieg nicht. Im Gegenteil, er begann plötzlich mit heller
-Stimme wütend zu kläffen.
-
-Der himbeerrote Seidenschuh verschwand.
-
-»Ist jemand da? Komm, Butzi, Liebling.«
-
-»Wer soll da sein?«
-
-Der General wich zurück. Er war wie gelähmt. Aber trotzdem wich er
-zurück. Doch schon war es zu spät. Jemand stand auf, ein Schritt näherte
-sich, lautlos --
-
- * * * * *
-
-Ja, es war zu spät! Der lautlose Schritt war nun ganz nahe. Und eine
-Hand raffte den Vorhang auf.
-
-Der General wich noch einen Schritt rückwärts, soweit ihn seine
-gelähmten Glieder trugen. Er rang nach Luft, die Uniform schnürte seine
-Brust ein -- plötzlich hörte die Geige in der Ferne auf zu klagen.
-
-Im Vorhang erschien --
-
-Ja, was erschien da?
-
-Es erschien eine, hochaufgerichtet, eine im ersten Moment übersinnliche
-Erscheinung, gleißend wie Luzifer. Ein orientalischer Priester, wenn man
-will, in einem gleißenden, feuergelben Gewand, über das grellrote
-Drachen züngelten. Mit bleichen Armen und einem bleichen bläulichen
-Gesicht mit schneeweißen Augen. Hochaufgerichtet. Otto.
-
-Luft -- der General faßte sich. Er hatte die Stimme ja sofort erkannt.
-Auch er richtete sich auf, wuchs in die Höhe und blickte in diese
-schneeweißen Augen.
-
-Es waren die Augen seines Sohnes, mehr noch, es waren die hellen Augen
-der Hecht-Babenberg.
-
-Diese Augen waren im ersten Augenblick erschrocken, sofort aber sammelte
-sich der Blick in ihnen. Sie wuchsen, und ein kalter Glanz stieg aus
-ihrer Tiefe.
-
-Diese Augen sprachen, und er verstand ganz deutlich, was sie sagten! Sie
-glänzten verächtlich.
-
-Du?
-
-Du hier? Seht an! Du lauschst? Du spionierst? Ei, seht an!
-
-Sehr interessant. Soll ich dich bei Dora anmelden?
-
-Nun aber wurde der Glanz härter, kälter, eisig.
-
-Gut! Nun weißt du es! Was willst du noch? Gehe!
-
-Ja, gehe! sagten sie, diese Augen.
-
-Und nun blendeten sie plötzlich.
-
-Du kennst meine Gefühle für dich, oder? -- Du weißt es -- lange, lange!
-Ich ziehe die Konsequenzen, wenn du willst -- ich stehe zur Verfügung --
-jederzeit . . .
-
-Ja, das sagten also Ottos Augen -- oder täuschte er sich?
-
-Der Vorhang floß über einem nackten Arm zusammen: die Erscheinung war
-verschwunden.
-
-»Niemand ist hier!« sagte Otto in gleichmütigem Ton, hinter dem Vorhang,
-und Dora rief das Hündchen, das immer noch kläffte, abermals zur Ruhe.
-
-Eine -- zwei -- drei Sekunden lang hatten die beiden Hecht-Babenberg die
-Blicke gekreuzt. Nicht länger.
-
-Mit rasender Gebärde schwingt der Heilige im roten Rock sein Buch. Durch
-den blinden Spiegel gleitet ein Gesicht, wie aus Kreide geschnitten.
-Jemand tastet sich durch die Diele, eine schwarze Hornbrille auf der
-Nase -- richtet einige Sekunden die schwarzen Gläser auf ihn -- oder war
-es ein Gespenst?
-
-
-8
-
-Zur gleichen Stunde ging Ruth die Tiergartenstraße entlang, ihrem Hause
-zu. Im Augenblick, da sie in das kleine verstaubte und verwahrloste
-Vorgärtchen eintreten wollte -- sie hatte schon die Gittertüre in der
-Hand -- rief eine leise Stimme ihren Namen.
-
-Sie hielt inne. Im Schatten der Bäume gegenüber gestikulierte ein
-Schatten. Da sie zögerte, trat der Schatten einen Augenblick in den
-Lichtschein und winkte.
-
-Ruth erkannte ihn. Zögernd überschritt sie den Fahrdamm. Der Mond flog
-dahin, hoch oben, von feinen Schleierwolken umtanzt.
-
-»Sie? Was wünschen Sie von mir?«
-
-»Schon seit Tagen versuche ich, Sie zu treffen. Bitte zu verzeihen. Ich
-habe neulich etwas zu sagen vergessen. Bitte, in den Schatten zu treten.
-Ich darf mich nicht sehen lassen --«
-
-»Ich verstehe Sie nicht!«
-
-»Vieles ist unverständlich -- aber man hat mich gewarnt -- ein hoher
-Herr ist ungehalten über mich. Man hat mir gedroht, mich in ein
-Irrenhaus zu sperren, wenn ich mich noch einmal sehen lasse.«
-
-»Ich kann Sie wirklich nicht verstehen!«
-
-»Tut auch nichts zur Sache. Nicht das wollte ich Ihnen sagen. Können wir
-ein bißchen weiter -- so, danke -- fürchten Sie nichts. Ich bin ein
-alter Mann, habe auch nichts getrunken heute. Mit Absicht. All diese
-Tage nicht. Ja, neulich -- ich habe mich geschämt -- aber gerade weil
-ich in diesem Zustand war, habe ich etwas zu sagen vergessen -- etwas
-sehr Wichtiges.«
-
-»Bitte --!«
-
-»Nicht ich allein also, das wollte ich sagen --«
-
-»Nicht Sie allein --?«
-
-»Nein, nicht ich allein bin der Schuldige.«
-
-»Ich verstehe Sie nicht.«
-
-»Warten Sie. Es kommt jemand. Gehen wir ein paar Schritte. So.«
-
-Flüstern im Dunkeln.
-
-»Nicht ich allein also, sondern gleichzeitig -- vielleicht sogar früher,
-ich weiß es nicht -- aber es galt gar nicht ihm, sondern Ihnen.«
-
-Flüstern. Plötzlich ein Schrei. Es ist Ruth, die schreit.
-
-»Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich!«
-
-»Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein -- gehen wir -- gerade kommt -- so,
-ein paar Schritte --«
-
-»Ganz unmöglich!«
-
-»Ich schwöre! Der Agent sagte es mir.«
-
-Flüstern. Raunen. Wieder bewegen sich die Schatten im Dunkel der Bäume
-vorwärts.
-
-Plötzlich bleibt Ruth stehen.
-
-»Schwören Sie mir --!«
-
-»Ich schwöre!«
-
-»Schwören Sie mir -- bei Ihrem Sohn, der gefallen ist --«
-
-»Ich schwöre!«
-
-»Beim Andenken Ihrer Frau -- schwören Sie --«
-
-»Ich schwöre!«
-
-»Hören Sie: Sie sollen ewig verflucht sein, wenn Sie lügen --«
-
-»Ewig verflucht soll ich sein --«
-
-Ruth schlägt die Hände vors Gesicht und läuft in die Finsternis des
-Parkes hinein. --
-
- * * * * *
-
-Der Mond flog über den finstern Himmel, durch brodelnde Wolken hindurch.
-Aber schließlich kam er nicht mehr von der Stelle. Er blieb in einer
-pechschwarzen Wolke stecken, und endlich verschwand er vollkommen. Die
-Bäume des Tiergartens neigten die Wipfel -- ein Windstoß pfiff über sie
-dahin.
-
-In völliger Dunkelheit lag plötzlich die Stadt, schwarz und leblos, wie
-der Kadaver eines stachligen Riesentieres, das auf dem Marsch durch die
-Rübenfelder und Kartoffeläcker verendet war und faulte. So lag sie zwei,
-drei, fünf Minuten, dann aber verschwand sie in einer ungeheuren
-Staubwolke, die aus den Straßenschluchten emporschlug. Ein Gewirr von
-Blitzen griff nach ihr, umklammerte sie, um sie zu vernichten. Der
-Donner knatterte.
-
-Plötzlich begannen die verspäteten Passanten erschrocken dahinzueilen!
-Nein, nicht das Wetter war es! Etwas ganz anderes --
-
-Durch die dunkeln Straßenschluchten flatterte -- in unheimlicher Eile --
-ein weiter, heller Soldatenmantel. Glänzende Hände, glänzend im Schein
-der Blitze, pochten donnernd an die Türen der Häuser: Auf, auf, ihr
-Schläfer, die Stunde ist gekommen! Die glänzenden Hände berührten die
-Schultern der Dahineilenden, daß sie erbleichten: Zögert nicht länger!
-An den schwarzen Scheiben der finstern Häuser fuhr ein glänzendes
-Antlitz vorbei: Schon sind sie unterwegs die Boten des neuen Reichs.
-Seid bereit!
-
-Da trug der Wirbelwind den flatternden Soldatenmantel in die Höhe, und
-die glänzenden Hände, das glänzende Antlitz flogen mit rasender
-Schnelligkeit über die Dächer der Stadt dahin.
-
-Was war es? Was für Dinge geschahen in dieser Stadt --?
-
-Nun rauschte der Regen.
-
-Die Schutzleute flüchteten, die Diebe und Einbrecher huschten in
-Torbogen -- sonst war niemand mehr auf der Straße.
-
-Ein herrlicher, wunderbarer Regen, kalt, klar, rücksichtslos stürzte aus
-dem schwarzen Himmel.
-
- * * * * *
-
-Hauptmann v. Dönhoff stand unter einer Haustüre am Ende der
-Lessingallee. Weiter war er nicht gekommen, das Wetter hatte ihn
-überrascht.
-
-Hier stand er nun und lauschte glückselig auf das Rauschen des Regens
-und das Krachen der Donnerschläge. Ja, ganz wunderbar!
-
-Da -- eine Droschke klapperte dahin.
-
-»He, Kutscher -- hundert Mark für die Fahrt!«
-
-»Heda, Droschke! Droschke, halt!«
-
-Es war wieder nichts. Die Pferdehufe klappten weiter.
-
-»Heda, Droschke! Hundert Mark!«
-
-Ah, endlich hatte er Glück. Die Droschke hielt.
-
-Hauptmann v. Dönhoff, mit der schwarzen Brille auf der Nase, tastete
-sich durch den Regen. »Wo sind Sie denn? Ich sehe etwas schlecht.«
-
-»Hier stehe ich!«
-
-Langsam schaukelte die Droschke durch die Sintflut. Dönhoff streckte die
-Nase durch das Fenster und schnupperte. Herrlich diese Luft, herrlich
-dieser Regen und geradezu berauschend das Knattern des Donners. Endlich
-etwas Lärm! Die Straßen waren wie reingefegt. Nur dann und wann das
-Klatschen von Pferdehufen und das Rasseln eines eisernen Ungeheuers, das
-Dönhoff als ein Auto feststellte.
-
-Endlos war diese Reise in das Bayrische Viertel, aber ein Hochgenuß. Zum
-ersten Male verließ er sein Zimmer in der roten Backsteinvilla, wo keine
-Seele sich um ihn kümmerte. Frei! Frei! Er zündete sich eine Zigarette
-an, verbrannte sich etwas die Nasenspitze, aber das schadete nichts. Wie
-eine Reise erschien ihm diese Droschkenfahrt durch das dunkle,
-regenrauschende Berlin.
-
-Da hielt die Droschke, und Dönhoff kroch heraus.
-
-»Und nun, mein Freund, eine große Gefälligkeit, da ich schlecht sehe --
-klingeln Sie den Portier heraus. Ich möchte zu Fräulein Alexa
-Alexandra.«
-
-Alexa Alexandra? Eine Tänzerin, das heißt weniger eine Tänzerin als eine
-Dame. Früher war er befreundet mit ihr, er hatte sie gewissermaßen
-entdeckt, kreiert. Petersen hatte ihm im Telephonbuch ihre jetzige
-Adresse aufgesucht.
-
-Der Kutscher steckte sein Benzinfeuerzeug in Brand, überzeugte sich, daß
-die Banknote echt war, und begann den Portier herauszuklingeln.
-
-»Er bekommt ein schweres Trinkgeld -- sagen Sie --«
-
-Und dieser Portier brachte ihn im Lift zu Alexa Alexandra hinauf.
-
-»Bitte, klingeln Sie -- ich sehe schlecht!«
-
-Offenbar hatte Alexa Gesellschaft -- Lachen, Händeklatschen, ein sehr
-lauter Phonograph, Stampfen -- das traf sich ausgezeichnet.
-
-Die Türe öffnete sich, und Dönhoff bat der Dame des Hauses zu sagen, daß
-»Rinaldo« vor der Tür stände und sie erwarte. »Rinaldo! Sonst nichts!
-Sie kennen doch den berühmten Räuberhauptmann? Ich bin es!«
-
-Ah! Dönhoffs Herz pochte -- es hatte nicht so laut gepocht, als die
-Granaten einschlugen -- ein Ausruf, ein Schrei! »Rinaldo! Wirklich?« Und
-zwei Arme umschlangen Dönhoffs Hals, zwei weiche, gepuderte, duftende
-Arme.
-
-»Rinaldo, Lieber, Liebster! Welche Überraschung!«
-
-Aber sofort hatte Alexa herausgefunden, daß diese Sache mit den
-schlechten Augen auffallend war, diese entsetzliche schwarze Brille!
-
-Sie schob diese Brille mißtrauisch in die Höhe -- und da waren also, wo
-sonst die Augen sind, wo sonst diese Augen waren, sie kannte diese
-frechen Augen -- zwei rote Nähte, keine Augen mehr.
-
-Alexa stieß entsetzte Schreie aus. »Mein Gott, was haben sie mit dir
-gemacht?«
-
-Sie weinte und stampfte mit den Füßen.
-
-»Ah, diese Schurken!« schrie sie -- und der laute Phonograph spielte
-einen Two-step -- »Sie haben ihn blind geschossen!« Und sie drückte ein
-paar rasche Küsse auf diese roten Nähte, wo die Augen früher saßen.
-
-»Meine Herrschaften!« -- der Phonograph schwieg -- »Ich stelle Ihnen
-hier meinen Freund vor, meinen lieben alten Freund, Baron Dönhoff -- ein
-lieber Junge! Er ist blind -- diese Schurken von Franzosen haben ihn
-blind geschossen! Er ist der berühmte Herrenreiter Dönhoff. Sie erinnern
-sich, meine Herren -- er gewann so viele Rennen -- Kitty, gehe weg --
-nun ist er also wieder in Berlin -- ja, hier bist du zu Hause, du lieber
-Junge!«
-
-Dönhoff lächelte verlegen. Er schämte sich.
-
-Die Alexa küßte ihn, und er fühlte, wie ihre Tränen seine Wangen näßten.
-»Noch etwas -- ladies and gentlemen -- er wünscht nicht, daß man auf ihn
-die geringste Rücksicht nimmt. Also weiter!«
-
-Der Phonograph ertönte wieder -- die Füße, die Schuhe schlürften.
-
-Die Alexa führte ihn in eine Ecke zu einer Ottomane. Parfüm, allerlei
-Essenzen, der Geruch eines scharfen Punsches, Musik und dicht an ihm
-vorbei flatterten die Röcke.
-
-»Ganz ungestört sollst du hier sein, du lieber Junge. Du bist zu Hause
-und kannst es dir ruhig bequem machen. Siehst du denn gar nichts mehr?
-Nein! Oh, diese elenden Schurken! Hören Sie, Doktor, geben Sie ein Glas
-Sekt für Baron Dönhoff -- vielleicht haben Sie Geld gewonnen, als Sie
-seinerzeit auf ihn setzten? Er gewann fast immer, ach, das waren Zeiten!
-Im ganzen sind fünfzehn Menschen hier, Rinaldo, sechs, sieben Damen. Ich
-werde sie dir vorführen. Lola!«
-
-»Hier also, das ist die kleine Lola. Sie ist eine Ungarin eigentlich.
-Sie ist ganz schwarz, und ihre Brauen wachsen zusammen. Aber sie ist
-eine ganz kühle Person, ganz und gar nicht sinnlich -- oder, Lola? Ja,
-so komm doch dicht an ihn heran. Verstehst du mich, er sieht ja nichts,
-er ist blind. Sei lieb zu ihm, sei nett -- er ist nett zu mir gewesen,
-vor zehn Jahren, als ich noch Verkäuferin war und am Sonnabend in
-Halensee tanzte -- ja, fühle nur, die Brauen wachsen tatsächlich
-zusammen -- fühle nur -- küsse ihn, Lola, du mußt nett zu ihm sein.«
-
-Und Lola küßte Dönhoff und streichelte ihn.
-
-»Das hier ist Fiffi -- wie nett, sie kniet vor dir. Küsse sie, so! Sie
-ist die Freundin dieses kleinen Schwarzen dort, der mit dem Monokel, die
-beste Tangotänzerin in Berlin. Sie ist blond, aber ihre Haare sind
-gefärbt -- Fiffi -- er sieht doch nicht, er ist blind, ich muß ihm also
-alles beschreiben. Sie tanzt wunderbar und hat zwei erste Preise
-gewonnen.«
-
-»Und hier, das ist Thea -- sie ist etwas üppig -- aber Thea, er sieht
-doch nicht! -- sie hat ganz große blaue Augen und filmt. Du würdest dich
-in sie verliebt haben, weil sie so drollig ist. Küsse ihn, Thea, er ist
-ein so lieber Junge!«
-
-»Und das hier -- Rolli -- come along! -- Rolli -- ein kleiner Teufel!
-Siehst du, sie bringt dir gleich Punsch mit! Sie ist erst achtzehn Jahre
-alt, aber schon völlig verdorben. Pfui, Rolli -- beherrsche dich doch!
-Aber sie ist sehr süß. Sie hat, nun dir darf ich es ja sagen, eine
-kleine Schwäche für Frauen und kennt die Damen der höchsten
-Gesellschaft. Ihr Freund ist ein Dichter. Siehst du, sie trinkt an
-derselben Stelle des Glases, wo du getrunken hast. Sie will dir zeigen,
-wie lieb sie dich hat. Ja, das also ist der berühmte Rinaldo -- nun
-entstellt ihn ja diese häßliche Brille etwas, aber man gewöhnt sich ja
-rasch!«
-
-»Und das hier -- Reh -- sie heißt Rebekka -- Reh, komm hierher. Siehst
-du, sie ist ein Kind. Sie hat Tränen in den Augen. Aber sie ist auch ein
-bißchen angetrunken. Reh! Was tust du? Ach, siehst du, sie weint. Küsse
-ihn, so, so, küsse ihn. Er sieht ja nicht, man muß nett zu ihm sein.«
-
-»Du siehst, wie sie dich hier verwöhnen. Das ist Blanche, und sie bringt
-dir ein Pralinee. Stecke es ihm doch in den Mund! Blanche heiratet
-übermorgen, und dann werden wir Tag und Nacht bei ihr tanzen. Sie
-heiratet einen Sattler, der im Kriege sieben Millionen verdient hat. Ja,
-reizend wird es bei ihr werden. Fühle nur ihre Ringe. Fühle doch. Alles
-echte Steine, aber er ist so verschossen in sie. Fühle doch ihre Wangen.
-Hast du je so etwas Sanftes gefühlt? Ihr Teint ist herrlich. Fühle ihre
-Hüften -- was sagst du? -- Ah, siehst du, Rinaldo --«
-
-
-9
-
-Allmählich wurden die Donnerschläge schwächer, das Gewitter zog langsam
-ab.
-
-Erst nachdem der General ungeduldig wurde und seinen Titel nannte,
-erhielt er telephonischen Anschluß. Augenblicklich meldete sich Major
-Wolff, der Nachtdienst hatte.
-
-Der General ließ sich Vortrag halten. Wolff las die wichtigsten
-Telegramme vor, die wichtigsten Eingänge -- eine volle Stunde sprach der
-General am Telephon. Das Gewitter sog an den Drähten, zuweilen klang die
-Stimme Wolffs ganz fern und klein. Um jede Kleinigkeit kümmerte sich der
-General. Er gab mit kühler, klarer Stimme Anordnungen -- schließlich
-aber war alles erledigt. Bitte morgen um einhalb acht um telephonischen
-Anruf. Schluß und gute Nacht!
-
-Augenblicklich vertiefte sich der General wieder in die Aktenstücke,
-ohne aufzublicken. Ja, nun waren sie alle erledigt. Nochmals
-breitete er die große Karte über den Schreibtisch. Staubecken,
-Überschwemmungsgelände, natürliche Hindernisse -- es mußte schließlich
-noch in letzter Stunde gelingen, den Riesenkörper der Armee rückwärts zu
-leiten. Vielleicht verführte ihn der gegenwärtige Zustand seiner Nerven
-zu einer allzu pessimistischen Beurteilung der Lage.
-
-Der General war noch in voller Uniform, er hatte sich nicht umgekleidet.
-Und immer noch rauschte draußen der Regen.
-
-Auch die strategische Betrachtung war nun abgeschlossen. Er warf noch
-eine Anzahl Notizen auf den Block, für morgen. Ja, nun war alles
-Dienstliche erledigt.
-
-Ohne jede Unterbrechung, voller Hast, begann der General plötzlich einen
-Brief aufs Papier zu werfen.
-
-Während des einstündigen Telephongespräches, während er die strategische
-Lage analysierte -- immer hatte er nur an diesen Brief gedacht, um die
-Wahrheit zu sagen. Er hatte ihn völlig im Kopfe entworfen, und nun
-rasch, rasch, um die Sache zu Ende zu bringen.
-
-Ein Vermögen . . .
-
-Nun -- das war ja schließlich das wenigste!
-
-Aber schon fühlte er Unruhe. Gemurmel in den Ohren, Stimmen, die von
-innen heraus kamen, nicht von außen her, und absurde Worte raunten. Sein
-Herz schlug, es pochte in der Brust, im Kopf, in den Armen, im Schenkel.
-Die Wände klafften, das starre Auge blickte durch die Spalten in die
-schwarze Finsternis, leer, tot, kalt und unendlich wie der Raum zwischen
-den Sternen. Erschauernd schob er den Schreibtisch weit von sich und
-sprang auf.
-
-Licht!
-
-Lauten Schrittes, absichtlich ging er ganz laut, wanderte er durch die
-Zimmer. Er sprach abgerissene Worte vor sich hin, lachte mit
-geschlossenen Zähnen.
-
-»Wie? Wie? Freundschaft -- Treue -- Glauben -- wie?«
-
-Grau sein Gesicht. Er vermied es, in die Spiegel zu blicken -- aber
-doch, ohne es zu wollen, sah er immer wieder ein graues Gesicht durch
-die Spiegel wandern. Er schlich dahin, gebeugt, scheu, verfolgt.
-Geflüster kroch über die Wände, die toten Dinge begannen sich zu winden,
-das Licht blinzelte.
-
-Im Salon hing sein Porträt, gemalt kurz vor dem Kriege. Von einem
-Schützling von -- ihr! Aus Gefälligkeit hatte er sich malen lassen, er
-gab sonst nichts auf moderne Malerei. Früher war er jahrelang Mitglied
-eines Kunstvereins gewesen, dem hoher Adel und Grundbesitz angehörte,
-man zahlte zwanzig Mark Jahresbeitrag und erhielt dafür jedes Jahr
-irgendein Kunstblatt. Längst war er ausgetreten, aber da sie es
-gewünscht hatte --
-
-Die Hände auf das Schwert gestützt, hatte ihn der Künstler dargestellt.
-Das Gesicht war kantig, hart, entschlossen. Trotz der angegrauten
-Schläfen blühend von Gesundheit und Kraft. Der Blick voller Festigkeit
-und Ziel. Vielleicht ein bißchen geschmeichelt das ganze Bild.
-
-Trotzdem, diese letzten vier Jahre waren wie ein Jahrzehnt.
-
-Grau und erdig sah er sein Gesicht durch die Spiegel gleiten, obgleich
-er es vermied, hinzusehen. Auch sein Rücken, die Linie seines Rückens --
-sie schien ihm gebogen zu sein, obgleich er nicht hinsah, sondern den
-Blick abwandte.
-
-Dieselben Hände, die in kraftbewußter Lässigkeit auf dem Schwertknauf
-ruhten, sie waren heute die Hände eines alten Mannes. Die Haut hatte
-eine fahle Färbung, die Adern auf den Handrücken waren geschwollen.
-
-Ja, kaum war er den Hauptmannsjahren entwachsen -- und schon war er alt!
-Und doch sah er sich noch als Leutnant vor sich! Seine für damalige
-Verhältnisse etwas stutzerhafte Uniform. Und doch sah er sich noch als
-Kadett vor sich, ganz deutlich, mit dem kleinen Seitengewehr und der
-altmodischen hohen Mütze.
-
-Seit seinem zehnten Lebensjahre trug der General das farbige Tuch.
-Zivilkleidung hatte er nur höchst selten getragen, vielleicht einmal
-einen Jagdanzug auf dem Lande.
-
-Mit zehn Jahren war er Kadett, mit achtzehn Leutnant, dann Hauptmann,
-dann Major, Oberstleutnant, Oberst, Regimentskommandeur. Im Sturmschritt
-hatte er alle Ränge durchlaufen -- aber es schien ihm, als sei er
-eigentlich immer der gleiche gewesen, nur mit verschiedenen
-Rangabzeichen versehen. Seine Welt, seine Weltanschauung, seine
-Auffassung von Dienst, Vorgesetzten, Pflicht, Religion, Vaterland -- sie
-hatten sich nicht geändert. Der Leutnant der gleiche wie der General.
-
-Er war eigentlich nie jung gewesen, auch als Kadett nicht, nein. Nie
-jung, und schon wurde er alt!
-
-Er drehte im Salon das Licht aus, um nicht mehr das zuversichtliche
-kraftstrotzende Gesicht des Offiziers mit den Ordenssternen sehen zu
-müssen -- jugendlich trotz der angegrauten Schläfen.
-
-Ja, ja, ja -- keine Beschönigung, Mut! Otto, sein Sohn -- ein Ehrloser!
-Er hatte ja seinerzeit im Frühjahr, als diese Geschichte mit der Hand
-passierte, sofort gewußt, ja, gewußt, augenblicklich und instinktiv,
-worum es sich in Wahrheit handelte! Aber er hatte nicht gewagt, es zu
-glauben. Offizier -- ein Hecht-Babenberg -- und doch! Ja, nun wußte er
-alles . . .
-
-Der General kehrte wieder zum Schreibtisch zurück.
-
-Ja, ein Vermögen, diese Frau -- in der Tat, Rothwasser . . . Ihre Augen
-strahlten Reinheit, Treue, Unschuld. Es gab niemand, dessen Lachen und
-Stimme allein ein solches Maß von Vertrauen erweckte! Ihre Offenheit,
-ihre kindliche Naivität, ihre Unbefangenheit und Harmlosigkeit,
-unmöglich, gänzlich unmöglich -- er hätte die Hand für sie ins Feuer
-gelegt.
-
-Daß ihn seine Menschenkenntnis so trügen konnte!
-
-Nein! Er legte die Feder weg. Schweigen, Schweigen -- nichts sonst
-. . .
-
-Plötzlich horchte er betroffen auf. Eine Stimme!
-
-Diese Stimme?
-
-Langsam und heiß stieg ihm das Blut in den Kopf. Die Adern an den
-Schläfen zuckten.
-
-Ottos Stimme! Er rief nach dem Burschen.
-
-Wollte er ihn herausfordern, der -- Infame? Der General sprang auf. Mit
-zuckenden Schläfen stürzte er zur Türe . . .
-
-In der Tat, Otto war gekommen, wie er zuweilen kam, seitdem er im Westen
-wohnte, um irgend etwas abzuholen, Bücher, Wäsche. Er kam zu jeder
-Tages- und Nachtzeit, wann es ihm gerade beliebte, und knallte ohne
-Rücksicht mit den Türen. Jetzt war er gekommen, um einen Gummimantel zu
-holen. Er brauchte ihn, da es noch immer in Strömen regnete.
-
-Dies war der eigentliche Grund seines Besuches. Der zweite Grund aber
-war, ganz offen gestanden, daß er dem General seine Furchtlosigkeit
-beweisen wollte. Nein, er hatte keine Furcht vor einer Begegnung, nicht
-die geringste. Aus diesem zweiten Grunde schrie er auch etwas lauter,
-als es eigentlich nötig war. Sein Zimmer hatte er absichtlich offen
-gelassen. Jeden Augenblick konnte die Türe gegenüber aufspringen -- nun,
-er war gewappnet. Seine hellen verwegenen Augen waren auf eben diese
-Türe geheftet, die sich jeden Augenblick öffnen konnte. Er war bereit,
-die Konsequenzen zu ziehen -- zu allem war er bereit. Papa sollte nie
-und nimmer auf den Gedanken kommen, daß er sich feige in eine Ecke
-verkrieche.
-
-Aber nichts regte sich hinter dieser Türe, die zu den Zimmern Papas
-führte. Wahrscheinlich hatte er sein Kommen gar nicht wahrgenommen.
-
-Der General -- er war nicht weiter als bis zu eben dieser Türe gekommen.
-Sein Herz pochte so stark, daß er sich festhalten mußte. Keuchend und
-bebend stand er im dunkeln Zimmer, seine Beine zitterten.
-
-Ein Schritt noch -- und etwas ganz Furchtbares, etwas unsäglich
-Grauenhaftes würde geschehen . . .
-
-Sein eigenes Blut hatte sich gegen ihn erhoben!
-
-Die Türe öffnen -- und schon, schon würde es geschehen, das Gräßliche --
-Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater -- bis zur Vernichtung -- das Grauen
-noch der Ururenkel, ewige Schändung des Namens, Schändung des
-Geschlechtes, Schändung der Schöpfung. Schon begann die Finsternis des
-Zimmers zu flammen.
-
-»Wo sind meine Handschuhe, Jakob?« rief Otto.
-
-Dann pochte er an Ruths Türe, und der General hörte die beiden plaudern,
-ohne zu verstehen, was sie sagten.
-
-Fünf Schritte waren zwischen ihnen, zwischen ihm und seinen Kindern, der
-Korridor. Aber dieser Korridor war ein Abgrund, unergründlich wie die
-Mysterien des Blutes.
-
-»Dann gute Reise, Ruth!« rief Otto und schloß Ruths Türe.
-
-Ja, in der Tat, ein Abgrund, schauerlich und bodenlos wie das
-tausendfach unergründliche Schicksal selbst.
-
-Die Haustüre krachte ins Schloß. Otto war gegangen.
-
-Dank dem Himmel! dachte der General, während er heftig zitterte.
-
-Immer noch stand er, die Dunkelheit lohte, immer noch keuchte er, und
-das Zittern seiner Beine wurde stärker mit jeder Minute.
-
-Ja, nur ein Schritt, ein kleiner Schritt und es wäre geschehen. Das
-unsagbar Gräßliche. Das keine Macht der Welt hätte wieder auslöschen
-können, selbst die Allmacht Gottes nicht.
-
-Es _war_ geschehen, das unsagbar Grauenhafte!
-
-Der General sah seinen Sohn erwürgt auf der Diele liegen.
-
-Zitternd am ganzen Körper sank er in einen Sessel; der Schweiß brach aus
-seiner Stirn.
-
- * * * * *
-
-Otto aber eilte im strömenden Regen quer durch den stockfinstern
-Tiergarten. Zu Ströbel!
-
-Lustige Kumpane, ein Fest heute, Wein, Spiel. Wie albern, diese
-kleinlichen Bedenken, die ihn bisher von Ströbels Haus ferngehalten
-hatten!
-
-In förmlichen Wasserhosen verschwand die Straße, wo Ströbels Haus lag,
-aber ein wohlbekannter Lichtschein, wie der Schein eines Leuchtfeuers,
-zeigte den Weg.
-
-Otto pfiff, den vereinbarten Pfiff, er klatschte in die Hände. Das
-erleuchtete Fenster öffnete sich, und ein Schatten neigte sich heraus.
-
-»Wer ist da?« Es war Hedis Stimme.
-
-»Ich bin es«, antwortete Otto mit heller und lauter Stimme. »Ihr habt
-doch Gesellschaft heute?«
-
-Der Schatten trat zurück. Erst nach einer Weile wurde Hedis Stimme
-wieder hörbar.
-
-»Sie sind es?« sagte sie stockend. »Nein, die Gesellschaft wurde
-abgesagt, Ströbel ist verreist!«
-
-»Sie? Seit wann sagen wir Sie zueinander?« sagte Otto lachend. Er konnte
-Hedi nur undeutlich erkennen, durch Büsche hindurch, an denen das Wasser
-herabrann. Das erleuchtete Fenster ging auf einen kleinen,
-dichtbewachsenen Garten hinaus.
-
-Wieder zögerte Hedis Stimme. »Es ist völlig nebensächlich,« sagte sie,
-»aber lassen wir es dabei. Er mußte unerwartet in Geschäften fort, und
-der Abend wurde verschoben.«
-
-»Schade! Sehr fatal!«
-
-Der Regen prasselte auf Ottos Mantel, Ströme von Wasser wirbelten um
-seine Füße. Selbst aus dem Boden sprangen Bäche.
-
-»Ja, leider«, sagte Hedi und schickte sich an, das Fenster zu schließen.
-»Gute Nacht.« Der Regen verschluckte ihre Stimme.
-
-»Einen Augenblick --« beeilte sich Otto, und die Fensterflügel blieben
-halb offen stehen. »Ich bin durch diese Sintflut gewatet, in der
-Erwartung, fröhliche Menschen zu finden --«
-
-»Das ist sehr bedauerlich«, sagte Hedi spöttisch.
-
-Otto lachte belustigt auf. »Sehr bedauerlich? Hören Sie, Hedi -- oder
-höre, Hedi -- ich finde es töricht, Sie zu dir zu sagen -- halte du es
-ganz wie du willst -- ich hatte gerade heute das Bedürfnis, Freunde zu
-sehen -- sei nett und lieb, öffne und koche etwas Kaffee. Ich bin völlig
-durchnäßt.«
-
-»Ich bin ganz allein.«
-
-»Ist das ein Grund --?« Eigentümlich war der Tonfall dieser Frage.
-
-Hedi antwortete nicht sogleich. Er fühlte ihren Blick.
-
-»Gehe doch zu ihr!« sagte sie dann. Aber sie schloß das Fenster nicht.
-
-Otto stockte.
-
-»Ich komme soeben von ihr!« sagte er hierauf. Diese Antwort war sehr
-kühn, und er wußte genau, daß er alles aufs Spiel setzte. Aber er hatte
-seiner Stimme einen gleichgültigen und gelangweilten Klang gegeben.
-
-Schweigen. Der Regen rauschte.
-
-»Lebst du glücklich mit Ströbel?« begann Otto von neuem, in völlig
-geändertem, vertraulichem Tone.
-
-»Was für eine Frage? Was kümmert es dich?«
-
-»So öffne doch, Hedi, und wir werden etwas plaudern.«
-
-Hedi schwieg. Nach einer Weile sagte sie, leise und bebend: »-- Ich
-öffne!«
-
-Kaum aber hatte Hedi die Türe aufgeschlossen, so riß Otto sie an sich
-und vergrub seine Lippen in ihren Hals.
-
-Sie stammelte.
-
-
-10
-
-Mehre den Schatz!
-
-Mehre den Schatz des Guten und Schönen! Lege nicht Hand an die
-Geschlechter, die nach dir kommen -- --
-
-Friedlich säuselt der Morgenwind.
-
- * * * * *
-
-»Lieber Junge,« -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- »mit dem Urlaub war
-es diesmal nichts. Und ein Flieger hatte mir schon versprochen, mich in
-seinem Kahn mit nach Berlin zu nehmen. Drei Tage hinten, immer in
-Alarmbereitschaft, kein Schlaf, Schwärme von feindlichen Fliegern, in
-jeder Nacht Verluste. Die Sache hat sich anmutig ausgewachsen! Heute
-abend wieder in Stellung. Wollte Dir gerne mehr schreiben -- aber ich
-kann nicht. Es gibt gewisse Dinge. Nun, wir kämpfen, tun unsere Pflicht.
-Herrliche Leute! Das Feuer wächst von Tag zu Tag --«
-
-Ja, von Tag zu Tag wuchs das Feuer!
-
-Bis nach London, nach der Schweiz war der Lärm der Kanonen zu hören. Es
-stand sogar in den Zeitungen.
-
-Tausende sanken täglich dahin, Zehntausende --
-
-»Trinke, Kamerad!«
-
-»Erlöser!«
-
-»Trinke! Stütze dich auf mich!«
-
-»Erlöser!«
-
-»Komm, komm, ich trage dich!«
-
-»Erlöser! Erlöser!«
-
-Auf Hunderte von Kilometern standen die Geschütze in einer Breite von
-zehn bis fünfzig Kilometern, Rohr an Rohr, gestaffelt, auf Kähnen,
-Flößen, Eisenbahnwagen und spien Feuer und Tod. Die Geschosse wurden von
-keuchenden Zügen herbeigeschleppt, von Dampferflotten, Schleppkähnen,
-endlosen Reihen von Lastautomobilen. Die ganze Welt arbeitete im
-Schweiße ihres Angesichts, um die Mäuler aus Stahl zu speisen. Die
-Geschosse, mannshoch, wurden auf besonders konstruierten Karren zu den
-Geschützen gefahren, durch Krane in die Rohre gehoben. Sie wurden zur
-Reklame in Zeitschriften abgebildet, einzeln und zu Tausenden
-aufgestapelt. Die Astronomen, die sonst der Bahn der ewigen Gestirne
-folgten, berechneten die Flugbahnen der Ungeheuer, die sich in den
-blauen Äther hineinstürzten. Tausende, Zehntausende von Geschützen spien
-Tod Tag und Nacht.
-
-Und die Wolke wälzte sich, unendlich, über der Walstatt. Staub -- die
-zermalmte Fruchterde, der zermalmte Fels, der zermalmte Baum, der
-zermalmte Mensch flimmerten in der Luft. Der Staub zog über ganz Europa,
-die Staubteilchen zermalmter Menschenleiber regneten auf ganz Europa,
-auf die ganze Erde nieder.
-
-Endlich war es dem Menschen gelungen, den höchsten Gipfel des Wahnsinns
-zu erklimmen. Die Erde selbst war nichts als eine gasgefüllte Bombe, die
-durch den Weltraum raste.
-
-Hunderttausende von Kilometern waren durch die Erde gewühlt, Menschen
-und Tiere keuchten -- mit dem gleichen Aufwand an Energie hätten die
-Wüsten sich in Gärten verwandeln lassen -- noch aber wurde um das
-Weltmonopol des Plünderns gekämpft.
-
-Erlöser! --
-
-»Lieber Junge,« -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- »ich weiß nicht, ob
-diese Zeile Dich noch erreichen wird. Der Kommandeur ist schwer
-verwundet worden und einige Leute wollen es unternehmen, ihn in der
-Nacht durch das Feuer zu tragen. Sie wollen diese Zeilen mitnehmen. Sage
-allen, daß wir unsere Pflicht tun! Zweiundsiebzig Stunden haben wir
-nicht geschlafen und kaum gegessen. Wir können nicht mehr. Bald werde
-ich wohl hinter Stacheldrähten spazierengehen. Aber sage allen, daß wir
-kämpfen und sie uns nicht umsonst haben sollen! Ich werde Nachricht
-geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war Kinderspiel --«
-
-Dies aber war der letzte Brief, den Otto erhielt. Wie durch ein Wunder
-kam er durch, obgleich der Kommandeur und seine Träger auf dem Rückwege
-getötet wurden. Man fand den Brief bei einem Mann ohne Beine, der
-verblutet war. Ein Offizier, dessen Name unleserlich war, hatte es auf
-die Rückseite des Briefes geschrieben.
-
-Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze und wenn es hoch herging, die
-glorreiche Feuerwalze, konnte keine Briefe mehr schreiben . . .
-
-Ein Erdloch. Und aus diesem Erdloch sieht eine Leiche mit entblößten
-Zähnen. Die Leiche wendet langsam den Kopf und späht aus. Staub treibt,
-Staub flimmert. Wenig zu sehen. Die Wimpern der Leiche sind voller Staub
-und auch ihre rotweißen Haare sind gepudert, die weißen Lippen haben den
-Staub zu einem weißen Brei zerrieben. Ruckweise atmet diese Leiche und
-stößt dabei mit dem Kopf in die Luft. Die Uniform ist beschmutzt, eben
-hat die Leiche gebrochen.
-
-Fünfzig Schritte feldein, im Staub, kohlt ein Flugzeug. Er war der
-letzte, der kam, er warf Nahrungsmittel ab, aber er kehrte nicht zurück.
-Fünf Schritte zur Linken aber liegt ein gekreuzigter Mensch auf der
-Erde, mit gebrochenen Gelenken, Arme und Beine von sich gestreckt, vom
-Luftzug fast völlig entkleidet, die Fetzen angesengt, flachgedrückt, das
-Gesicht ins Genick verdreht. Und noch schwelt das versengte Gras von den
-giftigen Dämpfen der Granate, die ihn kreuzigte. Es riecht nach
-verbranntem Fleisch und verbrannten Haaren.
-
-Zehn Schritte zur Rechten aber kauert eine Gruppe von Leichen um ein
-Maschinengewehr, und sobald die Leiche im Erdloch die Hand hebt und die
-Zähne bleckt, so feuert sie. Schatten taumeln im Sandsturm. Schatten
-kommen, nähern sich, versinken. Aber weshalb geht die Leiche im Erdloch
-nicht zu dem Maschinengewehr? Das ist es eben. Sie kann nicht. Durch
-einen Balken sind ihre Beine festgeklemmt.
-
-Und so kann sie nur die Arme heben, die Zähne blecken und schreien --
-aber man hört nichts.
-
-Tanks kriechen im Sandsturm. Dort die Höhe, schwarzer Qualm. Durch den
-Sandregen ist zu sehen, wie Menschenleiber in die Luft fliegen -- und
-Hauptmann Falk sieht deutlich die Sturmhauben, deutsche Sturmhauben,
-wirbeln. Dort im Nebel -- Nebelwesen mit erhobenen Händen, fern, klein.
-Und die deutschen Batterien, sie, die stets bereiten, wo sind sie?
-Nichts, nichts, kaum zuweilen ein Einschlag drüben -- völlig außer
-Gefecht, vergast.
-
-Schatten im Sandsturm, im Qualm. Und wieder schreit er und bleckt die
-Zähne. Obschon er seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hat, muß
-er sich wieder erbrechen. Die flachen Chinesenhüte verschwinden,
-versinken.
-
-Zwanzig Kilometer hinter der Feuerlinie fährt ein schweres
-Eisenbahngeschütz aus dem Wald, von gutgelaunten, schwitzenden Kanadiern
-in Hemdärmeln bedient. Das Langrohr steigt in die Höhe, wird abgerissen.
-Die Mannschaft stürzt zurück, die Hände gegen die Ohren gepreßt.
-
-Die Granate war unterwegs. Es war jene Granate -- --
-
-Ein Tank faucht durch den Sandsturm, hinweg über das Erdloch. Flache
-Eisenhüte. Amerikaner. Sie haben die Gewehre umgehängt und trotten durch
-den Sandsturm dahin. Nichts stört sie, sie haben keine Eile.
-
-Vor den flachen Eisenhüten einher schreitet ein junger amerikanischer
-Offizier. Ein Deutscher, namens Martin. Man hat ihm gesagt, daß die
-deutschen Soldaten den Kindern die Hände abschneiden. Er hat es in den
-Zeitungen gelesen, er hat sogar Abbildungen gesehen mit eigenen Augen.
-Und nun ist er gekommen, diese Kinderschänder vom Erdboden zu vertilgen.
-
-
-11
-
-Pünktlich auf die Minute erhob sich der General am nächsten Morgen. Er
-hatte fast nicht geschlafen in dieser Nacht. Funken sprühten vor seinen
-Augen, er sah schlecht. Wieder zuckte sein rechtes Augenlid. Seine Haut
-war trocken und heiß, er hatte Fieber.
-
-Nicht einmal Niki, der in seinem Bauer zwitscherte, gönnte er heute
-einen Blick. Teilnahmslos, schwerfällig, automatisch bewegte er sich,
-wie im Halbschlaf.
-
-Punkt einhalb acht klingelte das Telephon, das Amt, wie befohlen.
-
-Der General taumelte am Apparat. Der Hörer zitterte in seiner Hand. Er
-war genötigt einen Stuhl heranzuziehen und lallte, als er sprechen
-wollte.
-
-Schlechte Nachrichten, offenbar. Ja, schlechte, sehr schlechte!
-
-Und niemand, dachte der General, niemand -- das Reich wankt -- und
-niemand, nichts als Unfähigkeit, Dünkel und Verblendung!
-
-Schlimmer noch -- schlimmer! Ein Verbrechen . . .
-
-Das Haus war leer, tot, das Speisezimmer düster und verlassen.
-
-Ein Brief?
-
-Seht an!
-
-Man schrieb Briefe!
-
-Schon von weitem, obschon schwere und düstere Gedanken ihn
-niederdrückten, sprang der weiße Umschlag in seine Augen. Auf dem
-Frühstückstisch lag dieser Brief. »An Papa!«
-
-An Papa! Man schreibt Briefe!
-
-Er hatte nicht den Mut, diesen Brief zu öffnen. Was sollte Ruth zu
-schreiben haben? Er ließ den Brief in die Tasche gleiten. Seine Wangen
-zuckten. Nun, es mochte recht gut sein, daß sie etwas mißverstanden
-hatte, seine Fürsorge falsch deutete -- sie war jung und konnte nicht
-begreifen, daß ein Vater sich sorgte, daß er nur aus Liebe für sein
-Kind, nur aus Liebe, wohlgemerkt --
-
-Plötzlich erhob sich der General.
-
-Er war erbleicht.
-
-»Therese?«
-
-Etwas Unglaubliches war geschehen! Der General war in die hinteren
-Räumlichkeiten gekommen, die er nie zuvor betreten hatte.
-
-»Meine Tochter ist verreist?«
-
-»Ja. Ruth ist abgereist.«
-
-»Wohin? Sie wissen es nicht?«
-
-»Nein -- aber ein Brief --«
-
-»Ich weiß --«
-
-Der General schwankte durch den Korridor. Mühsam kletterte er in den
-Wagen.
-
-»Ah! Ah!« stöhnte er, als die Limousine dahinschoß, und bedeckte die
-Augen.
-
-Ungeöffnet stak der Brief noch in seiner Tasche.
-
- * * * * *
-
-Ein deutsches Feldgeschütz fuhr plötzlich mitten im Sandsturm auf. Was
-wollten sie? Waren sie wahnsinnig? Verschwunden ist das Feldgeschütz --
-
-Furchtbar rollt die Brandung aus Eisen und Blut. Die Kanonen knackten,
-als würden Knochen in der Luft zerbrochen.
-
-Die Front wankte, kein Zweifel, keine Beschönigung mehr. Schon klafften
-breite Risse.
-
-Die Mauer aus Menschenleibern, hundertfach aufgefüllt, hundertfach in
-Stücke geschossen, in jede Bresche stürzten sich neue Menschenleiber,
-ja, nun wankte sie. Diese Mauer aus Blut, aus menschlichen Gehirnen, aus
-menschlichen Herzen, die vor Liebe glühten und sich verzehrten -- sie
-_stürzte_.
-
-Die Karte war ausgespielt, die letzte Karte, ausgespielt gegen alle
-Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Sie hatte verloren.
-
-Hunderte, Tausende von Granaten in der Sekunde, Einschlag neben
-Einschlag. Die Hochöfen der Welt sind gegen dich im Kampf. Die
-erschöpften, verbluteten Truppen sahen sich nach Unterstützung um. Die
-Kameraden, wo sind sie? In Finnland, Livland, Polen, Rumänien,
-Mazedonien, Syrien, in der Ukraine, im Kaukasus -- weit, weit, sie
-können nicht helfen.
-
-Und jeden Tag entsteigen zehntausend frische, mutige, wohlgenährte
-Männer dem Ozean.
-
-Der Hagelsturm von Eisen rast. Explosionen, Explosionen . . .
-
-Pulvermagazine fliegen in die Luft, Gaskessel explodieren, Städte
-verschlingt die krachende Erde -- das Trommelfell birst, Blut sickert
-aus den Ohren . . .
-
-Über die ganze Erde ist das furchtbare Krachen der zusammenbrechenden
-Mauer zu hören.
-
-
-
-
-Viertes Buch
-
-
-1
-
-Von heute auf morgen . . .
-
-Innerhalb von vierundzwanzig Stunden . . .
-
-Die Depeschen fliegen, es ticken die Fernschreiber. Fahle Gesichter,
-flatternde Hände, erbleichende Augen.
-
-Wie?!
-
-Ist es möglich?!
-
-Ein Keulenschlag! Der General ringt nach Luft und preßt beide Hände
-gegen den Brustkorb. Er befürchtet, sich übergeben zu müssen.
-
-Ein Jeu -- hm -- Poker? Aber wir sind schließlich ja nicht in Monte
-Carlo? Letzten Endes ist ein Weltkrieg doch kein Manöver, wo der
-steigende Fesselballon das Signal zum Halten gibt?
-
-Der General ist krank, die Grippe hat ihn gepackt, ja, auch ihn, ganz
-zuletzt -- es gelingt ihm gerade noch im letzten Moment ein Glas Wasser
-zu ergreifen, sonst wäre ein Unglück geschehen. Der Schweiß bricht ihm
-nun aus der Stirn.
-
-Schon aber knattern die Lichtbogen und aus den Antennen schwingen die
-Wellen durch den Äther. Es wanken die Empfangsstationen, die Beamten,
-die Hörmuschel am Ohr, erbleichen. Wer spricht? Eine Verhöhnung, eine
-Finte, ein schlechter Scherz? Die Station Nauen hat gesprochen.
-
-Schon fliegen die Türen in den Ministerien, und in den Augen entzündet
-sich ein Leuchten --
-
-Der General kriecht durch die Zimmer, in den Schlafrock mit den roten
-Aufschlägen eingewickelt, hustet, keucht. Nun, also -- nicht! Nicht
-diesmal! Rollen wir die Fahnen zusammen -- das nächstemal! Blutiger noch
-und furchtbarer als dieser Krieg . . . Schon wieder nimmt er Aspirin und
-hustet. Er sinkt in einen Sessel und starrt, starrt -- er sieht nichts,
-die Gedanken sind stehengeblieben, vor dem Abgrund haben sie
-haltgemacht.
-
-Krachend stürzt die Front, die Erde hört es -- und noch immer kämpft die
-Armee, heute, morgen, übermorgen, Wochen! Längst ist es entschieden, daß
-alles verloren ist. Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen
-und Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit des
-Ackers, die Viehherden, Schätze der Erde und Wälder, Schweiß und Fleiß
-von drei Generationen, Schweiß und Fleiß von drei kommenden
-Geschlechtern -- alles verloren! Die Fruchtbarkeit des weiblichen
-Schoßes -- dahin, Millionen von Säuglingen -- eine Beute des Hungers.
-Alles -- dahin! Das Gehirn unter der Schädeldecke, der Schlaf der Nächte
--- dahin! Ausgespielt die hohe Karte, gegen alle Gesetze der
-Wahrscheinlichkeit -- und noch immer kämpft die Armee.
-
-Die Angebeteten und Vergötterten -- bis zum letzten Einsatz! -- und
-dann, ja, dann beugten sie das Knie und boten den Degen an.
-
-Auf Gnade und Ungnade.
-
-Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine Pause machen,
-Atem schöpfen, und noch einmal alle Dokumente prüfen. Ob ihm nicht doch
-etwas entgangen ist, nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde.
-Er wird in den Archiven und Bibliotheken wühlen -- nein, es ist Ihnen
-nichts entgangen, fahren Sie ruhig fort. --
-
-
-2
-
-In diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit ein,
-die seinerzeit die Zierde von Doras Hausball bildete. Ali Baba und die
-vierzig Räuber -- ja, wer hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen
-könnte! Ohne jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, dessen hoher
-Orden das ganze Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der
-Nacht, gegen drei Uhr, der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung
-gehabt. Die Lokomotiven blieben nunmehr reihenweise auf der Strecke
-liegen, man hatte die kupfernen Feuerbüchsen aus den Maschinen gerissen
-und sie durch eiserne ersetzt.
-
-Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe Herr, der dem
-längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, ließ seine Schwester
-herausbitten.
-
-»In großer Eile, Adele!« sagte der hohe Herr -- auf englisch, die
-Geschwister sprachen nur englisch zusammen -- »Ich komme, um zu gehen.
-Ich habe die ganze Nacht hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um
-zehn Uhr, bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin
-erkältet, und einen kleinen Imbiß. Und dann, keine Störung, bitte, nicht
-die geringste -- sehr wichtige Geschäfte -- fahre mit dem Mittagszug
-wieder zurück . . .« Trocken und hastig klang seine Stimme.
-
-Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von
-Vertrauten versammelt, eine spiritistische Sitzung. Zuerst war ein
-ungebärdiger Geist erschienen, ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512
-geboren, gestorben 1553, begraben in Bologna -- ungebärdig, er hatte das
-Tischchen in Stücke gerissen. Zurzeit aber -- größtes Ereignis aller
-Sitzungen des Jahres! -- hatten sie Verbindung mit dem Geiste eines
-erhabenen Verblichenen, dem Geiste Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen,
-Prophezeiungen der größten Tragweite . . . vielleicht interessiert dich
-das Protokoll?
-
-Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die
-Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen -- ganz im Gegenteil. So schnell
-ihn die müden, dünnen Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu
-seinen Gemächern empor.
-
-Gräfin Heller öffnete leise die Türe, und man hörte auf einen Augenblick
-deutlich eine weiche, schmelzende Damenstimme: »Ich bitte Durchlaucht,
-unsere Frage wiederholen zu dürfen . . .«
-
-Als der Diener Tee und Imbiß brachte, fand er den hohen Herrn
-eingeschlafen in einem Sessel vor dem Kamin. Augenblicklich aber
-erwachte er. »Die Koffer?«
-
-»In der Bibliothek, Exzellenz, wie befohlen.«
-
-»Nun, danke, gute Nacht, keine Störung, zehn Uhr Frühstück« -- und er
-verschloß alle Türen und prüfte, ob die Vorhänge dicht geschlossen
-waren.
-
-Die Flucht der Gemächer war tageshell erleuchtet: Gemälde, Bronzen,
-Skulpturen, herrliche alte Möbel -- die Wohnung war ein Museum! Selbst
-in dem geheimnisvollen Alkoven des Ankleidezimmers brannte Licht. Der
-hohe Herr lächelte, unmerklich, soweit es die mit einer dicken
-Wachsschicht überzogene, gelbe Gesichtsmaske zuließ. Die Lider bewegten
-sich rasch über den großen starren Augen Franz des Ersten. Er rieb die
-kleinen wächsernen Hände vor dem Kaminfeuer und trippelte mit hastigen,
-steifen Schrittchen ratlos über das gleißende Parkett des Museums, immer
-hin und her. Er schlürfte eine Tasse Tee, dann flüsterte er: »Und nun
-wollen wir anfangen!« Und seine steile Glatze verschwand zwischen den
-Portieren des Arbeitszimmers.
-
-Hier also fing er an. Zuerst öffnete er mit einem winzigen Schlüssel,
-den er bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, italienische
-Renaissance-Truhe. Ihr entnahm er einen Schlüsselbund. Dann schloß er
-einen Mahagonisekretär auf, ein herrliches Stück, Empire, französisch,
-schwarze Ebenholzsäulen, von goldenen Schwänen gekrönt. Fächer sprangen
-auf, Schubladen öffneten sich.
-
-Nun standen alle Schränke, Truhen, Kommoden, Vitrinen des Museums offen.
-
-»Anfangen, ja anfangen --!« Aber wie, wo? »Richelieu sagt einmal --«
-
-Aber der hohe Herr verschwieg, was Richelieu sagte. Es war ihm im
-letzten Moment entfallen, es interessierte ihn nicht mehr.
-
-Die Sammlung von Tabatieren, eine der kostbarsten in Europa -- in den
-Koffer. Ein paar kleine alte Bändchen, in Schweinsleder gebunden,
-gänzlich unscheinbar -- in den Koffer. Die Miniaturen auf Elfenbein, in
-den Koffer. Eine Schatulle, fränkischer Herkunft, eingelegt die
-Zerstörung Jerusalems, mit Schmuckstücken, Ringen, Uhren, Steinen, einem
-Kruzifix, Gold und Email -- in den Koffer. Ein rotes Lederkästchen, bis
-zum Rand gefüllt mit Ordenssternen -- in den Koffer. Die Mappe mit
-Handzeichnungen, drei kleine Niederländer -- herrlich eigneten sich die
-alten Brokate zum Einhüllen -- wieder ein Schluck Tee. Eine Börse voller
-Goldmünzen, vergessen, von Reisen zurückgeblieben -- weshalb nicht? Sie
-nahmen ja fast keinen Platz ein. Nun aber kam das Prunkstück an die
-Reihe, das Kostbarste: ein vergoldeter, kleiner Hausaltar, spanisch --
-außerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen, eingehüllt, in
-den Koffer. Aber die kleinen römischen Bronzen -- wie?
-
-Immer erregter glitt die Wachsmaske durch die Spiegel, sie tanzte
-zwischen Brokaten, Bronzen, Stichen, Bildern. Nunmehr glänzte sie
-fettig, aber das war der Schweiß infolge der Anstrengung. Jetzt
-verschwand sie in das Ankleidezimmer -- kam zurück, entstellt, fast
-doppelt so lang, die Wangen eingefallen, die Lippen faltig -- das Gebiß
-hatte geschmerzt.
-
-Wieder ein Schluck Tee. Schon tagte es. Beim Anblick eines Päckchens von
-vergilbten Briefen wurde der hohe Herr erregt. Er lief zuerst zum Kamin,
-als ob er die Briefe verbrennen wolle, dann lief er zu dem
-Empiresekretär. Aber, nachdem er das Päckchen schon in ein Geheimfach
-eingeschlossen hatte, nahm er es wieder heraus -- in den kleinen Koffer.
-
-Briefe, Schriftstücke -- das Feuer im Kamin lohte stundenlang. Und, wie
-gesagt, der Donatello: aus dem Rahmen zu nehmen, in Leinwand
-einzuschlagen, zu umschnüren -- prächtig! Die kleine Wachsfigur glänzte
-im Feuerschein, als schmelze sie, selbst die langen, dünnen Hände
-. . .
-
-Als der Diener das Frühstück brachte, war die kleine Exzellenz schon fix
-und fertig angekleidet, bereit zur Abreise. Schränke, Truhen, Vitrinen
-geschlossen -- nichts zu sehen, auch nicht eine Spur!
-
-Bitte eine lange starke Schnur und einige große Packbogen! So. Nur der
-eine Koffer, oben mit Anzügen gefüllt, wollte nicht schließen. Die
-kleine Exzellenz schwang sich auf den Koffer, stieß ein paarmal mit dem
-Gesäß gegen den Deckel -- so, siehst du, alles geht.
-
-Der Mittagszug nach Köln verließ die Halle, eine Wachsmaske, einer
-Leiche in grünem Wasser ähnlich, blickte aus dem reservierten Abteil --
-mit einem unmerklichen, etwas hämischen Lächeln. Aber das mochte auch
-von der Beleuchtung in der düstern Halle herrühren. Sofort aber schloß
-die Wachsmaske in dem Abteil voller Koffer -- das solid verschnürte,
-große, flache Paket in gelbem Packpapier nicht zu vergessen -- die Augen
-und schlief ein . . .
-
-Nach langer Zeit, nach langem, gesundem Schlafe, erwachte der vornehme
-Reisende plötzlich: eine gewisse Aufregung auf dem Korridor des Waggons!
-Der Zug stand, in irgendeiner ärmlichen Vorstadt. Dämmerung und
-rauchender Nebel.
-
-Da! Ei, ei -- was ist das?
-
-Schüsse?
-
-Ja, ein lustiges Gewehrfeuer knatterte -- oder?
-
-Der vornehme Reisende kroch zwischen seinen Koffern hervor und öffnete
-die Türe des reservierten Abteils.
-
-»Ich bitte -- Schaffner?«
-
-Aber es gab keinen Schaffner, nur eine aufgeregte Schaffnerin in
-Pumphosen.
-
-»Ich bitte sehr -- wir halten?«
-
-»Ja, der Bahnhof ist besetzt.«
-
-»Besetzt --?«
-
-»Ja, besetzt.«
-
-»Aber -- von wem besetzt?«
-
-»Von den Aufständigen.«
-
-»-- von den Aufständigen?«
-
-»Soeben ist wieder ein Regiment übergegangen.«
-
-»-- übergegangen, so, so.«
-
-»Ein Soldatenrat ist im Zuge und nimmt die Waffen ab.«
-
-»-- Waffen ab.«
-
-»In Köln arbeiten sie mit schweren Geschützen.«
-
-»Danke, liebe Frau -- ich bitte!« Und der vornehme Reisende drückt der
-Schaffnerin ein Goldstück in die Hand -- ohne Übertreibung, ein
-Goldstück! -- und zieht sich wieder in das reservierte Abteil zurück.
-
-»So, so!« Nun beginnt die Wachsmaske tatsächlich zu schmelzen. Ein paar
-große Wachsperlen rinnen über die Stirn, ein flatterndes
-Batisttaschentuch tastet nach ihnen.
-
- * * * * *
-
-Der General und Hauptmann Wunderlich speisten zusammen unter dem
-schneeigen Glaslüster an dem runden, großen Speisetisch. Speisten? Sie
-berührten die Gerichte kaum. Jakob brachte weiße Teller, trug weiße
-Teller fort.
-
-»Aber diese vierzehn Punkte --?« fragte der General mit einem
-mißtrauischen Knarren in der müden, heiseren Stimme. Sein Hals war von
-einem dicken Umschlag umwickelt.
-
-Wunderlichs Gesicht zuckte.
-
-»Der Präsident ist ein Mann von Ehre!«
-
-»Hm. -- Aber ich darf doch bitten, Hauptmann Wunderlich, sich bedienen
-zu wollen.«,
-
-»Wir haben das Wort von hundert Millionen amerikanischen Bürgern!«
-
-»Hm. -- Bitte, sich doch eingießen zu wollen, mir selbst ist es ja
-verboten.«
-
-»Und Sie sagen, Hauptmann Wunderlich: die Waffenstillstandsbedingungen
-sollen unter allen Umständen angenommen werden -- unter allen
-Umständen?«
-
-»Man will versuchen, einige Zugeständnisse zu erhalten. Sollte dieses
-Ansuchen aber zurückgewiesen werden: unter allen Umständen!«
-
-»Also bedingungslose Kapitulation?«
-
-»Bedingungslose!«
-
-»Hm.« Der General kämpfte gegen einen Hustenanfall. »Hm, aber --.«
-Unmöglich, dachte er, mit eingesunkenen, düsteren Augen, das Volk muß
-sich erheben! Erhebung der Massen! Kampf bis zum letzten Hauch --
-
-Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Eben legte Jakob wiederum neue
-weiße Teller auf. Quittengelb ist der General geworden. Seine Backen
-sind eingefallen und schlaff. Die Grippe hat sich auf die Nieren
-geschlagen.
-
-
-3
-
-Nacht.
-
-Riesengroß steht Ackermanns Geist über der dunkeln, schweigenden Stadt.
-Sein Leib sind die Sterne, sein Haupt sind die Sterne, seine Augen sind
-die Sterne. Seine Hände sind die Sterne. Schon kommt ein kaltes Gefunkel
-aus dem Osten.
-
-Die Riesenstadt schläft, bedeckt mit dünnen Nebelschleiern ihre Dächer
-und Türme.
-
-»Auf, auf, der Tag ist gekommen!« Die Stimme schallt und die schlafende
-Stadt erbebt. »Auf, auf, mein Volk! Die Sterne funkeln! Erhebe dich
-unter den Völkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der Läuterung!«
-
-Die Sterne erblassen. Aus dem Osten bläst kaltes Licht, die Nebel senken
-sich dicht auf Dächer und Türme. Lieblich säuselt der Morgenwind.
-
-Und schon erheben sich die Schläfer! In Trupps, in Scharen. Der
-gleißende Lichtgürtel, der die Riesenstadt umspannt, erlischt. Schatten,
-geballt, beginnen zu wandern. In den dunkeln Vorstädten erhellen sich
-die Fenster. Schritte schlürfen, sammeln sich, Schatten, geballt,
-beginnen zu wandern. Vom Süden, vom Norden, von überall her beginnen die
-Schatten, geballt zu wandern. Hunderttausende von Schritten sind
-unterwegs.
-
-Die Morgenröte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt zu glühen.
-
- * * * * *
-
-Endlich -- ja, Gott sei Dank! -- trillerte die Marspfeife wieder und die
-graue Limousine fegt durch die kühle, sonnige Herbstluft dahin. Die
-Fußgänger entfliehen, rechtzeitig bringen sich die Straßenkehrer in
-Sicherheit. In einer wunderbaren Kurve, unübertrefflich, wirft
-Schwerdtfeger die Limousine um eine auf der Straße stehengebliebene
-Karre voll Straßenschmutz herum.
-
-Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und konzentriert auf den
-gekrümmten Rücken Schwerdtfegers geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas
-müde, die Backen etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas
-geschwollen, aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich
-nehmen. Es bereiten sich Dinge vor, jeder an seinem Posten!
-
-Die Marspfeife schrillt -- vor Schreck fällt ein altes Droschkenpferd in
-Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, Handbremse, die Limousine schleift --
-halt!
-
-Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden
-zu -- rot die jungen Gesichter in der Morgensonne, Stahlhelme, die
-Haltung wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. Nicht _ein_
-Tadel! Er fühlt sich beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt -- aber
-welche Narren! Ein Blick auf die Karte Berlins genügt ja: einige
-Brücken, Kanäle, Straßen besetzt -- und mit zwei Dutzend
-Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu halten. Nur
-Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften -- junge Burschen, kaum
-den Knabenjahren entwachsen -- ja, obschon er die Gerüchte nicht eben
-tragisch genommen hatte, fühlte er sich durch den Anblick dieses
-Jägerbataillons beruhigt.
-
-An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den Gürtel mit
-Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr dahin, langsam und gemächlich,
-als käme sie von einer Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch
-Befehl zusammengerufen. Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber in den
-Marken ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die öffentliche Sicherheit
-gefährdeten, auf Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation
-strengstens verboten.
-
-Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand
-gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an
-den Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun,
-es war selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine
-Vorsichtsmaßregel außer acht zu lassen.
-
-Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den Blechmünzen auf dem
-Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich
-tiefer als sonst. Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine
-tiefe Verbeugung drückte -- soweit die Stellung des Untergebenen es
-zuließ -- die Genugtuung aus, Seine Exzellenz wiederhergestellt zu
-sehen, sie beglückwünschte zur Genesung.
-
-»Exzellenz!« schlürfte er, und der Speichel rann über sein Kinn.
-
-Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelt ernst, doppelt
-gesammelt durchschritt er das Foyer. Er bemerkte auch nicht die immerhin
-auffallenden Verteidigungsmaßregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die
-Offiziere, die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr -- wie
-früher, in den alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas
-langsamer.
-
-Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden -- aber der
-General sah sie nicht. Nachdenklich verschwand er hinter der
-gepolsterten Doppeltüre mit den Aufschriften: »Vortrag. Kein Zutritt.
-Anmeldung Zimmer 6.«
-
-Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er gezwungen,
-stehenzubleiben, seine Knie zitterten -- solche Anstrengung hatten ihm
-die paar Treppen und Korridore bereitet.
-
-Das alte Herz erwärmt, vollkommen beruhigt, kehrte der Portier in seine
-Loge zurück.
-
-»Ganz wie Anno Siebzig!« dachte er. »Als wir alle Angst hatten,
-gefangengenommen zu werden -- und unser General sagte nur: Junge Hunde!
-Ja, nichts sonst. So ist es auch heute. Man braucht nur in _sein_
-Gesicht zu sehen. Keine Besorgnis, nicht die geringste -- ehek, ehek!«
-
- * * * * *
-
-Horch! Schritte.
-
-Horch! Rufe.
-
-Fäuste pochen an die Tore der düstern Kasernen.
-
-Öffnet Kameraden!
-
-Öffnet -- wir sind es . . .
-
-Jubel!
-
-Und die Tore der Kasernen öffnen sich: der böse Geist der düstern
-Gebäude entweicht. Ein Toter liegt still auf dem Bürgersteig, mit einem
-Mantel zugedeckt.
-
-Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd steigt die Sonne des
-9. November über Berlin empor.
-
-Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hunderttausenden. Über den
-tausend Köpfen schwankt ein Plakat: Nicht schießen, Kameraden!
-
- * * * * *
-
-Immer noch etwas zitternd von der Anstrengung des Treppensteigens saß
-der General an seinem riesigen Schreibtisch, in die Arbeit vertieft.
-Akten, Schriftstücke, er sah nicht auf. Die Fenster waren geschlossen,
-die blauen Vorhänge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfaßbar,
-welche Unmenge von Arbeit sich angehäuft hatte! Ganz wie früher, vor
-seiner Erkrankung, als sei alles noch wie ehedem, arbeitete der General.
-Er versuchte es sogar mit einer Zigarre, ließ sie aber bald wieder
-ausgehen. Die Schriftstücke flatterten in seinen Händen.
-
-Weißbach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt bis jetzt alles
-ruhig. Nach ihm erschien der hünenhafte Major Wolff in der Türe, mit
-einer dicken Mappe: Entscheidungen, die der Vertreter des Generals nicht
-zu treffen gewagt hatte.
-
-Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausführlich ein, er verlor
-sich in Einzelheiten. Hier mußte nochmals erinnert werden, hier empfahl
-es sich, dringlich zu werden, hier war telegraphisch die Entscheidung
-der höchsten Stelle zu erbitten. Major Wolff notierte. Diese
-Angelegenheit aber wollte der General persönlich erledigen. Das
-Befinden? Ja, danke -- um vieles besser, man kann wieder anfangen!
-
-Wieder war der General allein, in seine Arbeit vertieft. Die
-Schriftstücke wehten in seinen Händen. Kein Laut, nicht ein einziger
-Laut!
-
-Auf den Korridoren die Truppen, an allen Fenstern Stahlhelme, an den
-Eingängen schwere Maschinengewehre mit Munitionskästen. Das Amt eine
-Festung, die nur mit Geschützen genommen werden konnte.
-
-Fröhlichkeit und Gelächter bei den Drillichkitteln in den Schreibstuben.
-Laßt sie klingeln, mögen sie ruhig klingeln!
-
-Das Telephon.
-
-»Ruhe, Kameraden!«
-
-»Die Maikäfer haben soeben Rot gehißt!«
-
-»Hurra!«
-
-Laßt sie klingeln, ruhig klingeln. Gelächter, Lärm.
-
-Aber in dem großen Arbeitssaal des Generals, hinter den Doppeltüren, den
-Doppelfenstern, den zugezogenen Vorhängen -- kein Laut. Die Feder, das
-leichte Keuchen und Rasseln beim Atemholen, nichts sonst.
-
-Wieder tritt Weißbach ein. Seine Sporen klingen, der General sieht auf.
-Er erschrickt: ein Gesicht aus Kreide, mit blauen Lippen. Der Fernspruch
-flattert in Weißbachs Hand.
-
-Und der General erhebt sich.
-
-Sein gelbes Gesicht wird fleckig, seine schlaffen Backen zittern. Das
-breite Gesicht wird langsam grau, grau wie der Staub der Landstraße.
-
-Er neigt den Kopf. »Danke.«
-
-Die Sporen singen, lautlos schließt sich die Türe.
-
-Immer noch steht der General, den Blick auf das Parkett geheftet. Auch
-seine Hände sind grau geworden.
-
-»Entflohen --«
-
-Ja, er sieht -- plötzlich, merkwürdig genug! -- Tribünen, schwarz von
-Menschen, elegante Wagen fahren heran, Damen, Orden glitzern,
-Federbüsche wehen. Fremdländische Uniformen, Glanz, Pracht -- und die
-Truppen ziehen vorbei -- endlos. Die Musikkapellen schwenken ein und,
-gleichmäßig wie die Wellen der Brandung, rauschen die Regimenter in
-tadelloser Haltung vorbei. Und hinten, weit hinten stehen sie auf dem
-Feld, unübersehbar, anzusehen wie farbige Beete eines unendlichen
-Blumengartens -- und alle Augen sind auf den Mann zu Pferd gerichtet --
-_alle_. Eine Frühjahrsparade.
-
-»Entflohen --«
-
-»Desertiert --!«
-
-Da beginnt das Parkett zu kreisen, die Wände schwingen. Die Vorhänge
-flattern und verschwinden. Nebel kreist, in endlosem, kreisendem Nebel
-steht das graue Steingesicht und zittert. Die grauen Finger klammern
-sich an den Schreibtisch.
-
-Stille. Er steht allein, inmitten der Unendlichkeit, ein Punkt im
-Nichts, ein Pünktchen, das immer kleiner wird, schrumpft.
-
-Aber da -- hörst du: Lärm, Brausen, Schritte wie von Hunderttausenden,
-Rufe, Gesang --
-
-Allmählich, ganz allmählich kehrt das Bewußtsein des Generals aus dem
-schauerlichen Sturz in das unendliche Nichts zurück. Er lauscht. Ein
-Schritt mahlt, drunten, tausendfältig. Brausen umtost das stille, rote
-Gebäude, hunderttausendfältig. Er vermeidet es ans Fenster zu treten, es
-wäre seiner unwürdig. Aber sein Herz pocht in höchster Erregung. Jeden
-Augenblick können die Maschinengewehre hämmern -- jede Sekunde -- da!
-Rufe, Tosen, ein unerklärliches Splittern, als ob dünne Balken, Bretter
-zerbrächen. Was ist das? Nichts. Die Rufe entfernen sich, der Tritt der
-Hunderttausend, unter dem das rote Backsteingebäude erzitterte, entfernt
-sich. Wieder Stille. Gott sei Dank, ohne Blutvergießen. Die Masse war
-vernünftig.
-
-Aber diese Luft erstickt. Sie ist Blei, Eisen, sie lastet auf den Händen
-wie Gewichte.
-
-Da erschien wiederum Weißbach in der Türe. Noch weißer sein Gesicht.
-
-Der General richtete sich auf. Breitbeinig stand er mitten im Zimmer,
-die Füße auf das Parkett gepreßt, um nicht zu fallen.
-
-Mit einem Blick übersah er _alles_!
-
-Die Türen standen offen -- alles leer. Leer die Flucht der Arbeitszimmer
-der Offiziere -- keine Seele mehr. Uniformröcke auf Stühlen und
-Schreibtischen. Weißbachs kreidiges Gesicht -- und Weißbach trug Zivil
-. . .
-
-Die Wände biegen sich, wölben sich, schon stürzen sie über ihn --
-
-»Es ist Zeit, Herr General!«
-
-
-4
-
-Unübersehbar die Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude, Kopf an Kopf.
-Kopf an Kopf zwischen den hohen Säulen. Da tritt eine Gestalt vor,
-schwingt den Hut -- Brausen! Brausen, die Riesenstadt jubelt.
-
-Das rote Gebäude aber liegt tot! Verödet die Korridore. Die Türen stehen
-alle offen, leer die Zimmer. Verschwunden die Stahlhelme,
-Gewehrpyramiden und Maschinengewehre. Alles leer, ausgestorben. Nur die
-großen Ballen sind geblieben, die alle Gänge des weiten Gebäudes
-überschwemmten. Die Ballen mit den Karten ferner Länder, ferner
-Provinzen -- der Peipussee, der Kongo . . .
-
-Langsam steigt der General die Treppe ins Foyer hinab. Er berührt mit
-der Hand das Steingeländer, zum erstenmal.
-
-Soeben fährt Schwerdtfeger die graue Limousine aus dem Hof auf die
-Straße.
-
-»Schnell!« ruft er, mit einer ungeduldigen, respektlosen Kopfbewegung.
-Die Augen des Generals erweitern sich. Wie? Er hat noch immer nicht
-begriffen.
-
-Da! Da!
-
-Aber was ist das?
-
-Der General taumelt zurück.
-
-Ein Auto, ein grauer, offener Wagen, rast, fliegt -- kein Wort -- er
-schnellt in langen Sätzen über den Asphalt, wie eine startende
-Flugmaschine hebt er sich in die Höhe, die Funken stieben aus den Pneus.
-Matrosen! Und es flattert, weht -- eine rote Flagge! Verschwunden.
-
-Noch immer taumelt der massige Körper des Generals.
-
-Ja, jetzt hat er begriffen. Die zerbrochenen Gewehre auf dem Pflaster --
-die Truppen haben sie aus den Fenstern auf die Straße geworfen -- das
-war das unerklärliche Splittern, das er gehört hatte, als zerbrächen
-dünne Balken. Und der tobende Lärm in der Stadt -- jetzt begriff er.
-
-Der greise Portier schloß den Wagenschlag.
-
-Seine weißen Haarsträhnen flatterten im Wind, als die Limousine abfuhr.
-Er hatte die Mütze abgenommen. Nein, nicht wie der alternde Moltke sah
-er heute aus, mit seinem Frauengesicht. In seinem abgeschabten Mantel,
-mit seinem dünnen Hals, seinen weißen, flatternden Haarsträhnen, seinem
-hohlen Blick erschien er in diesem Augenblick wie ein alter Lämmergeier,
-wie man sie in den zoologischen Gärten sieht.
-
-Aber weiter, weiter! Schwerdtfeger biegt ab. Eine Mauer von Menschen.
-Der Motor dröhnt. Die Limousine jagt durch den Tiergarten, weiter, immer
-weiter. Schwerdtfeger versucht die Tiergartenstraße zu erreichen --
-unmöglich. Wiederum Züge von Menschen. Rote Flaggen.
-
- * * * * *
-
-Schon knattert es in den Straßen!
-
-Hauptmann Wunderlich lehnt sich mit dem Rücken gegen die Hauswand, auf
-seine beiden Krückstöcke gestützt. Der Rest von Farbe weicht aus seinem
-zuckenden Gesicht, er stammelt. Verwegen aussehende Matrosen umstehen
-ihn.
-
-Schüsse knallen in nächster Nähe. Mit schwerem Klatschen stürzt ein
-Körper zu Boden.
-
-»Schon gut, wir sehen ja! Aber Sie könnten doch Unannehmlichkeiten
-haben, Herr Hauptmann!«
-
-Und ein Matrose schneidet Hauptmann Wunderlich mit einem langen Messer
-die Achselstücke ab.
-
-Dies geschah Ecke Linden und Wilhelmstraße.
-
-Die Wilhelmstraße lag, wie immer, ruhig. Ruhig und unbeteiligt vor dem
-Kriege, ruhig und unbeteiligt während des Krieges und auch jetzt -- ganz
-still!
-
-Nur zuweilen öffnete sich eine Türe, vorsichtig, vorsichtig, ein Kopf
-spähte -- und dann eilte jemand mit einer Mappe unter dem Arm rasch die
-Wilhelmstraße hinab. Gamaschen, Lackschuhe, die Monokel waren in den
-Westentaschen verschwunden. Manche gingen so rasch, daß sie über die
-eigenen Füße stolperten. Auch einige Seidenhüte glitten rasch aus den
-Toren, pomadisierte Scheitel, bis in den Nacken durchgezogen. Ein
-hagerer Elegant stelzte eilig über die Straße, Perücke, mikroskopisches
-Schnurrbärtchen unter der Hakennase, ganz kurzes Überzieherchen, er
-schlenkerte höchst eigentümlich mit dem rechten Knie: vor dem Kriege
-Botschafter . . .
-
-Auch der Geheime Rat Westphal eilte mit seiner Mappe aus einer
-Türspalte. Er wagte es nicht einmal, einen Blick in die Richtung der
-Linden zu werfen. Sein dünner Chinesenbart wehte. Schon war er um die
-Ecke verschwunden.
-
-Hinter ihm her eilte Professor Salomon -- mit dem Kürbiskopf und den
-abstehenden Ohren. Er hatte den steifen Hut tief über die Glatze gezogen
-und den Mantelkragen hinaufgestülpt. Er pfiff vor sich hin, tat
-unbekümmert. Aber fortgesetzt drehte er sich um, dann wagte er sogar ein
-paar Sprünge . . .
-
-»Kommen Sie, Herr Geheimrat --«
-
-»Ah, Sie sind es! Sie haben mich tödlich erschreckt!«
-
-»Ja, keine Kleinigkeit -- wie?«
-
-»Gewiß, keine Kleinigkeit, großer Gott im Himmel!«
-
-»Und ganz überraschend!«
-
-»Ein Blitz aus heiterem Himmel, fürwahr!«
-
-»Trotz mancher Symptome -- -- da, da! -- haben Sie gehört?«
-
-»Ja, ganz in der Nähe! Rasch, rasch! Nichtsahnend komme ich heute morgen
-ins Amt -- wir besprachen gerade in aller Ruhe die politische Lage --
-England soll geneigt sein, eine wohlwollende Haltung gegen uns -- -- da
--- schon wieder!«
-
-»Wir werden versuchen, die Leipziger Straße zu überqueren -- kommen Sie.
-Ob wohl noch Züge fahren?«
-
-»Sie reisen?«
-
-»Ja, aufs Land, auf mein Landgut . . .«
-
-»Ah, wie schnell Sie gehen!«
-
-»Man muß eilen. Jede Minute ist unter Umständen entscheidend für Tod und
-Leben. Lesen Sie die Geschichte der Revolutionen . . .«
-
-Kreuz und quer jagt Schwerdtfeger. Endlich hält er und reißt die Türe
-auf: »Rasch, rasch!« Willenlos gehorcht der General -- und schon fährt
-Schwerdtfeger davon.
-
-Ein Zebrakittel! »Bitte Exzellenz!«
-
-Petersen! Schwerdtfeger hatte ihn vor der roten Backsteinvilla in der
-Lessingallee abgesetzt, weil er nicht weiter konnte.
-
-Der General zögerte. Aber auch in der Lessingallee Trupps von Menschen,
-die im Sturmschritt dahineilten.
-
-Er trat ein -- beschämt. Taumelnd tastete er sich vorwärts. Petersen
-mußte an den Hauptmann denken, der immerfort sagte: Ach, wie dunkel es
-ist -- ich sehe etwas schlecht . . .
-
-»Ich werde nicht lange stören, Petersen«, stammelte der General. »Nur
-einen Augenblick -- wir kamen nicht weiter.«
-
-»Gnädige Frau werden sehr bedauern --«
-
-Immerhin, ein Glücksfall an diesem Tage! Dora war nicht hier. Der
-General atmete auf.
-
-»Gnädige Frau reiste gestern ab -- nach Pommern, aufs Land, zu einer
-Familie Olsen. Bitte Exzellenz Platz zu nehmen, ich werde sofort ein
-Glas Wasser bringen.«
-
-»Olsen, sagten Sie?«
-
-»Ja, Olsen. Darf ich nun bitten -- eine Sekunde -- Exzellenz sind ganz
-blaß geworden . . .«
-
-»Und Hauptmann v. Dönhoff?«
-
-Petersen tat erstaunt.
-
-»Er wohnt schon seit einiger Zeit nicht mehr hier. Er verließ uns,
-mitten in der Nacht. Aber gnädige Frau werden sehr bedauern --«
-
-Am Nachmittag verließ ein Gutsbesitzer die rote Backsteinvilla in der
-Lessingallee. Oder auch ein Jäger, wie man will, dem Äußern nach
-jedenfalls eine Persönlichkeit aus der Provinz, die in Berlin von der
-Revolution überrascht worden war. Dieser Gutsbesitzer trug einen nach
-Kampfer riechenden, kurzen, altmodischen Jagdrock aus braunem Tuch, mit
-großen Taschen, schweren Lederknöpfen, und einem schmalen, schon etwas
-abgeschabten Pelzkragen. Ferner einen weichen, olivgrünen Hut, mit einer
-krummen Hahnenfeder hinten, wie Jäger ihn tragen.
-
-Kaum hatte der Gutsbesitzer die Villa verlassen, so verschloß Petersen
-die Haustüre und ließ sämtliche Rolläden herab.
-
-Immer noch blendete und funkelte die Sonne am wolkenlosen Himmel. Der
-Himmel selbst strahlte Verheißung.
-
-
-5
-
-»Platz gemacht!«
-
-»Platz!«
-
-Die Autos rasen.
-
-Weite graue Mäntel, Soldatenmäntel, flattern eilig durch die Straßen.
-Hier, dort, überall. Es sind Hunderte, Tausende. Voller Lehm, voller
-Staub, der Kalk der Champagne, der Schlamm von Flandern, mit Blut
-befleckt, versengt von den Granaten, von den Gasen gebleicht,
-durchlöchert -- die weiten flatternden Mäntel haben die Stadt
-überflutet.
-
-Und die Autos rasen dahin, mit Trauben von schweißtriefenden Menschen
-behangen. Auf den Trittbrettern kauern sie, auf den Motorhauben, den
-Schmutzflügeln, mit Gewehren und Handgranaten. Die roten Fahnen knattern
--- so rasen sie dahin.
-
-»Platz gemacht!«
-
-Es sind die Jungen, die gekommen sind, die neuen Gesichter, die Kühnen
-und Wollenden.
-
-»Gegrüßt Ihr Kühnen, Wollenden, gegrüßt!«
-
-»Vorboten des kommenden Menschen, gegrüßt! Ihr Läufer, die dem neuen
-Reiche vorauseilen, ihr Hoffenden, Starken, Liebeglühenden, gegrüßt
-. . .«
-
-Ackermanns weiter Mantel flattert zwischen den roten Flaggen, die die
-Linden hinabrasen. Schüsse knattern. Staub fährt aus der Stadt.
-
-Feuer speit der Vulkan und die Erde bebt -- --
-
-Verloren -- alles, in einer einzigen Stunde . . .
-
-Und die Armee auf dem Rückmarsch! Regimenter, Divisionen, Korps --
-Hunderttausende, ja Hunderttausende. Hunderttausende -- Millionen!
-Hunderttausende von Pferden und Wagen, Zehntausende von Geschützen --
-die Straßen überschwemmt, Schulter an Schulter, keuchend, Rad an Rad,
-krachend, Pferdeflanke an Pferdeflanke, mit Schaum bedeckt -- Tag und
-Nacht, Nacht und Tag -- jetzt in dieser Minute --
-
-Der General findet keinen Schlaf mehr.
-
-Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer Wanderung, Schauspiel, unerhört in
-der Geschichte, er _hört_ sie! Er sieht die Flugzeuge, die über den
-Landstraßen kreuzen und die Marschbefehle abwerfen.
-
-Eine Stockung, und Hunderttausende sind dem Hungertode verfallen!
-
-Eine Stockung, und Hunderttausende fallen in die Hände des
-nachdrängenden Feindes -- seine Vortrupps heben sich am Horizont ab!
-
-Eine Stockung, und Panik erfaßt Hunderttausende, die Riesenarmee
-zersplittert in tausend Stücke und Banden von Verzweifelten wälzen sich
-durch die deutschen Lande!
-
-Ein Wunder . . . ein Wunder an Manneszucht und Ausdauer allein --
-Europas Schicksal hing an einem Faden!
-
-Nein, kein Schlaf kommt mehr in die Augen des Generals!
-
-Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer beispiellosen Wanderung --
-beispiellos und unerhört -- aber er sieht auch, daß sie rückwärts
-wandert.
-
-_Rückwärts!_
-
-In Eilmärschen, vom Gegner diktiert!
-
-Niemals, niemals -- unfaßbar!
-
-Irgendwo brennt eine elektrische Lampe, und zuweilen kriecht das graue
-Antlitz durch einen dunkeln Spiegel.
-
-Unfaßbar, ganz unfaßbar!
-
-Der General stottert, er findet die Worte nicht mehr -- seine fahlen
-Lippen bewegen sich, ohne einen Laut hervorzubringen . . .
-
-Und hinter den dunkeln Vorhängen, hinter den herabgelassenen Rolläden,
-horch! Ja, wieder!
-
-Da ist er wieder! Er mahlt.
-
-Der Schritt! Hunderttausendfältig, ohne großen Lärm, wie ein Volk, das
-aufgebrochen ist und seinem Ziele zuwandert -- ohne sonderliche Eile,
-denn es weiß, daß es sein Ziel erreichen wird. Dieser Schritt verfolgt
-ihn. Tag und Nacht wandert der Schritt der Hunderttausend an seinem
-Fenster vorbei. Eine Armee ist aufgestanden und wandert. Eine Armee, die
-irgendwo verborgen lebte. Wo waren sie bis heute? Er hatte sie nie
-gesehen. Lebten sie in der gleichen Zeit, in der gleichen Stadt? Ja,
-weshalb sah er sie nie? Die Vielen, die Unbekannten -- mit diesen Augen,
-die nicht Augen von Menschen waren, von Wölfen, Füchsen, Adlern und
-Geiern. Mit diesen Gesichtern, die er früher nur in Träumen sah. Wo
-hatten sie gelebt bisher, wo hatten sie sich verborgen gehalten?
-
-Horch! Woher? Wohin?
-
-Endlos, ohne Aufhören wandert der Schritt der Hunderttausend. Selbst im
-kurzen Schlaf der Erschöpfung hörte er ihn.
-
-Der General nimmt den weichen Hut, und das graue Steingesicht -- grau
-wie der Staub der Landstraße -- erscheint in dem kleinen, kahlen
-Vorgärtchen.
-
-Die Augen der Wölfe und Füchse, die stechenden Augen der Geier gleiten
-prüfend über das breite graue Gesicht, und ihr Blick dringt in die
-Dunkelheit der schwarzen Augenhöhlen. Da aber beginnt es in den
-Dunkelheiten dieser finsteren Augenhöhlen zu glühen und zu sprühen --
-noch ist es nicht _so weit_!
-
-Ein neues Geschlecht, ein verborgenes, unbekanntes, ungeahntes, nie
-gesehenes, war aus der Erde gestiegen.
-
-Rufe, Schreie branden über den mahlenden Strom der Neuen, Niegesehenen
-dahin. Der General versteht sie nicht. Fahnen, Plakate, Inschriften,
-unverständlich. Lieder, Gesang -- unverständlich.
-
-Still steht er -- ja, wie ein Baum, die Blätter sind gefallen, ein
-kahler Baum, und ringsum ist nichts, nichts, Nebel, soweit das Auge
-blicken kann. Und der Baum fröstelt, krümmt sich im Wind.
-
-Endlos, in Wahrheit! Die Erde hat sich geöffnet und die Lava strömt --
-langsam und ohne jedes Ende.
-
-Schon wandert er neben dem endlosen Strom dahin und verliert sich in den
-Straßen. Die Hände in den weiten Manteltaschen des altmodischen
-Jagdrocks, den weichen Hut in die Stirn gezogen -- und den Schnurrbart
-hat er etwas gestutzt, nicht viel, einen, zwei Daumen breit.
-
-Straßen ohne Ende wandert er hinab. Er überquert Plätze, blickt in
-Seitengassen. Sein düsterer Blick zuckt über die Züge der Demonstranten.
-Nicht einmal die Autos mit den roten Fahnen läßt er vorüberfahren, ohne
-die Gesichter zu prüfen. Aber er läßt sich nicht entmutigen, weiter,
-hinab die Straße, hinauf -- er _sucht_.
-
-Ja, er sucht!
-
-Die Straßen sind überschwemmt von Menschen. Die Dämme sind gerissen, die
-Flut spült durch die Stadt. Aus den Vorstädten, aus den Fabriken, die in
-den Nächten -- in wie vielen endlosen Nächten! -- gleißten, waren sie
-gekommen, die gelben Gesichter, die Arme vom schlechten Öl zerfressen,
-die Augen entzündet von der stechenden Flamme der Bogenlampen. Auch die
-Bleichen und Fahlen, die den Tag seit Jahren nicht sahen, waren
-gekommen. Auch sie waren gekommen, die sich von Rüben und faulen
-Kartoffeln nährten, während der Kellner in Stifters Diele Geheimnisse in
-das Ohr der Gäste raunte. Auch sie waren gekommen, die noch die Lügen
-glaubten, während die Eingeweihten schon lange die Wahrheit kannten.
-Auch sie waren gekommen, die ihren dünnen, abgescheuerten Ehering
-opferten, während in den Schlössern die Leuchter aus schwerem Gold und
-Silber auf den Tafeln standen. Auch sie waren gekommen, die Elenden, die
-nicht einmal mehr ein Hemd auf dem Leibe trugen.
-
-Von da draußen -- da draußen -- --!
-
-Die Hohläugigen, die Vergessenen, die Ausgespieenen, die lebendig
-Begrabenen, die Verfehmten, die Gemarterten, die Gekreuzigten -- ja, von
-ihren Kreuzen waren sie gekommen.
-
-Auch die Frauen waren gekommen, die die Frucht ihres Schoßes, ohne zu
-feilschen dem General hingegeben hatten.
-
-Auch sie waren gekommen, die Frauen, deren Männer längst in den
-Massengräbern moderten, auch die Mütter waren gekommen, die ihre
-Säuglinge an der versiegten Brust sterben sahen.
-
-Auch sie waren gekommen, die Wahnsinnigen, die Krieg und Not um den
-Verstand gebracht hatte, auch sie, die Sterbenden, erschöpft zu Tode von
-Gram und Mühsal, auch sie schlichen auf zitternden Beinen dahin. Auch
-die Verzweifelten, die das Leben nur noch nach Stunden maßen, auch sie
-waren gekommen.
-
-Auch die Tapferen waren gekommen, die Mutigen, die selbst in den
-furchtbaren Jahren nicht den Glauben an den Sieg ihrer Sache verloren
-hatten. Gepriesen sei ihr Name!
-
-Geboren von Müttern? Gezeugt in Betten? fragte der General.
-
-Ja, natürlich, was für eine Frage, geboren von Müttern. Gezeugt in
-Betten und überall, hinter Zäunen, auf den Bänken der öffentlichen
-Gärten -- was für eine Frage, als ob es darauf ankäme?
-
-Die Erde war geborsten, und sie kamen heraus. Die Formlosen,
-Ungeformten, selbst noch Erde. Die Verschütteten waren ans Licht
-gekommen, die Explosion hatte sie befreit. Die Kasernen und Zuchthäuser
-waren geborsten. Auch die Schutzhäftlinge -- Tausende und aber Tausende,
-die im Wege waren -- sie waren frei. Auch jener Inder, den ein Geheimer
-Rat drei Jahre in Schutzhaft hielt, er war frei, und sein Peiniger
-bestellte ihm ein Hotelzimmer, um selbst rasch ins Ausland zu
-entfliehen.
-
-Verschwunden die auf den Mann dressierten Berittenen und die Blauen, die
-gleich mit dem scharfen Säbel einschlugen. Verschwunden auch jenes
-Polizeigehirn, das eine Bibel von Verordnungen verfaßt hatte, die jeden
-Schritt von der Geburt bis zum Grab regelte. Fort mit ihm!
-
-Fahrdämme und Bürgersteige sind überschwemmt. Redner überall. Auf Autos,
-Wagen, Karren, Bänken. Der _Stumme_, Jahrzehnte, Jahrhunderte stumm
-gehalten, nun spricht er!
-
-Soldaten überall, einzeln, in Trupps, in Scharen, in ihren armseligen,
-geflickten Uniformen. Durch das Blutmeer sind sie geschritten, dem
-Blutmeer sind sie entstiegen, noch sind sie betäubt vom Geruch des
-Menschenbluts, schon aber glänzt neue Hoffnung in ihren Augen.
-
-Düster gleitet der Blick des Generals über sie hin, seine Lippen zucken:
-die deutsche Armee --
-
-Er fröstelt.
-
-Kriegsgefangene, auch sie sind frei. In Rudeln schieben sie sich durch
-das Gedränge: Franzosen und Russen, Italiener und Engländer, Schotten
-und Irländer, Kanadier, Neger, Australier, Inder, in allen denkbaren
-Uniformen. Sie rauchen, kratzen sich die stachligen Backen, spucken aus,
-schnattern. Einer humpelt auf seinem Holzstumpen dahin, aber er lacht.
-Ja, weshalb nicht? Der Krieg ist gewonnen, der Präsident wird ihn auf
-die Wange küssen und ihm eine Blechmünze auf die Brust heften. Sein
-Vaterland wird ihm eine Rente aussetzen, zwanzig, dreißig, vielleicht
-hundert Franken den Monat, eine Drehorgel wird er gratis erhalten, er
-hat keine Sorge mehr.
-
-Schon aber wandeln sie stolz und unnahbar durch die kochenden Straßen,
-die Brust voller Ordenssterne, mit roten Streifen an den Hosen, Litzen
-und Tressen glitzernd und funkelnd: die Sieger! Ein Geruch von Lorbeer
-bleibt hinter ihnen zurück.
-
-Von weitem schon erspäht sie das Auge des Generals. Rasch begibt er sich
-auf die andere Seite der Straße und sieht sie dahinwandeln. _Sie_ also!
-Die Würfel fielen.
-
-Auch in seinen düstersten Träumen -- Ja, oft hatten ihn düstere Träume
-gequält, oft schien es ihm, in müden Stunden, als ob es zuviel sei, ja,
-trotz der wunderbaren Armee und der herrlichen Organisation, zuviel --
-aber selbst in seinen düstersten Träumen hatte er es nicht für möglich
-gehalten, daß einst die Uniformen der feindlichen Generalstäbe unter den
-Linden zu sehen sein würden.
-
- * * * * *
-
-Hell gegen den funkelnd blauen Himmel, hell und leuchtend flattert die
-rote Fahne über dem Schloß.
-
-Versprechungen -- Lügen, freie Meinung -- Gefängnis, Freiheit --
-Kartätschen; ja, nun also flattert die rote Fahne auf dem Schloß.
-
-Im Gebäude des Reichstags tagt das Parlament der Novembermänner, im
-Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus, wo die Greise noch gestern um
-Nichtigkeiten feilschten, beraten sie. Wo man nur flüsterte, tobt der
-Lärm, wo Diener die Stiefel des Unbekannten musterten, kauern die Posten
-bei ihren Maschinengewehren. Fort die Gehröcke und Gamaschen, die
-Flüsterer, die wehenden Greisenbärte und funkelnden Glatzen, die krummen
-Rücken!
-
-Hüte dich! Wie eine Stichflamme brennt die neue Sonne am Himmel. Sie
-stieg empor aus dem weiten Rußland, benetzt von Blut und Tränen. Sie hat
-die Weichsel überschritten. Sie wird den Rhein überschreiten. Sie wird
-den Kanal überschreiten -- benetzt von Blut und Tränen. Jenseits des
-Atlantiks wird sie aus dem Meer steigen, und die Stahlkammern der
-Wolkenkratzer werden in der Stichflamme dahinschmelzen -- auch die
-Pyramiden der ägyptischen Könige sind heute nicht mehr als Steinhaufen
-ohne jeden Sinn.
-
-Auch aus den Fluten des Stillen Ozeans wird sie eines Tages auferstehen,
-wo die gelben Völker wohnen.
-
-Die Greise, die Grausamen, die Vermessenen, die die Geschicke der Völker
-lenken, wird sie verzehren, die neue Sonne; ehe sie es gewahr werden --
-ehe sie lallen können, werden sie nicht mehr sein.
-
-Die Geschichte wird ihre Namen verzeichnen, wie sie den Namen Neros
-verzeichnete, der Menschen als Fackeln brannte. Aber vor ihren Namen
-wird Neros Name verblassen.
-
-
-6
-
-Zuweilen glitt ein kecker Soldatenblick über das graue Gesicht, und ein
-keckes Auge versuchte in das Düster unter den grauen Brauen
-einzudringen. Ein paar Unverfrorene gingen sogar eine Weile neben ihm
-her und musterten ihn von oben bis unten. Das Düster unter den grauen
-Brauen erhellte sich, und die Unverschämten entfernten sich schwatzend
-und lachend.
-
-Das Gesicht des Generals flammte. Diese Verworfenen! Und doch --
-sonderbar: Furcht hatte ihn beschlichen, als sie ihn musterten.
-
-Wieder war ein Blick auf ihn geheftet. Dieser Blick flog einem
-dahinfegenden Auto voraus. Er kam aus einem lachenden, heiteren Gesicht,
-ein neugierig forschender, gutherziger Blick, und trotzdem fühlte er
-ihn.
-
-Dieser neugierig forschende Blick ging aus von einem kleinen Feldgrauen
-mit einer winzigen Mütze auf dem Ohr. Er saß, den Gürtel gespickt mit
-Handgranaten, auf dem Kühler des dahinjagenden Autos, das bis zum Rande
-gefüllt war mit Soldaten und Matrosen.
-
-Es war Hanuschke, in der Tat -- man erinnert sich, der um sein Leben
-lief, während der General in Stifters Diele Spargel aß -- auch er jagte,
-der krummbeinige, kleine Hanuschke, mit der roten Narbe zwischen den
-Augen, auf diesen Donnerwagen durch die Straßen. Er war guter Dinge. Er
-lebte und konnte es noch nicht fassen. Und weil er lebte, lachte er.
-Niemand wünschte er etwas Böses -- und dieses graue Gesicht, es war ihm
-nur so aufgefallen.
-
-Aber er erkannte es nicht wieder, es schien ihm nur, als habe er es
-irgendwo gesehen. Und der General, er hatte diesen kleinen Feldgrauen
-mit der Narbe zwischen den Augen überhaupt nie erblickt.
-
-Doch, was ist das?
-
-Fahnen, Plakate, und die Fußgänger treten zurück. Durch die Linden
-gleitet und schwankt eine Prozession, die alle Blicke auf sich lenkt.
-
-Seht!
-
-Auf Krücken, auf Stelzfüßen schwingen sie sich daher, Dutzende ohne das
-rechte Bein, Dutzende ohne das linke Bein, Dutzende ohne Beine. Eine
-Anzahl wird von Kameraden auf Karren geschoben, sie sind gelähmt.
-Scharen werden von Hunden geführt, sie sind blind. Sie haben keine
-Hände, keine Arme, leere Ärmel in die Taschen geschoben. Ihre armseligen
-Uniformen verbergen gräßliche Verstümmelungen.
-
-Seht, seht, ihr Menschen!
-
-Sie kriechen wie Insekten dahin, sie kriechen wie Krabben, seitlich, sie
-humpeln. Ihre Gesichter sind zerschmettert. Sie haben keine Nase, kein
-Kinn, ein roter Spalt ist der Mund. Ihre Gesichter sind schwarz- und
-blaugebrannt, sie haben keine Ohren, die Hälse sind verdreht, die Köpfe
-stehen zur Seite.
-
-Seht, seht, ihr Menschen! Fallt in die Knie!
-
-Ihre Augenhöhlen sind Löcher, die Lider darüber genäht, weiße Kugeln im
-roten Fleisch. Treu und achtsam trippeln die Hunde, die sie führen. Seht
-ihr Menschen, es sind nur Tiere.
-
-Auch sie sind auf die Straße gekommen. Was hat man ihnen nicht alles
-versprochen, in feierlichen Ansprachen, Proklamationen, Erlassen?
-
-Hier also sind sie!
-
-Die Fußgänger weichen gegen die Häuser zurück und erbleichen. Nur die
-Feisten, die im Kriege dick wurden, sie empfinden nichts.
-
-Der General steht mit dem Hute in der Hand.
-
-Wieder kochten die Straßen von Menschen und roten Fahnen. Wieder
-gerannen sie zuweilen, und es bildeten sich eine Menge Inseln von
-debattierenden Menschen.
-
-Die Novembermänner jagten auf ihren Wagen dahin. Lastautos schoben sich
-durch das brodelnde Meer der Köpfe, mit Maschinengewehren, roten Flaggen
-und Rednern, die zur Menge sprachen.
-
-Drehorgeln, Feldgraue, die Geige spielten auf einer Zigarrenkiste,
-blinde Soldaten, die sangen, Soldaten, die tanzten, auf den Händen
-liefen, wie Akrobaten Stühle in den Zähnen trugen -- und Scharen von
-Verkäufern in grauen Soldatenmänteln, mit Waren aller Art.
-
-Plötzlich aber stoben die Menschen auseinander. Beine eilten, Arme
-ruderten durch die Luft, Hüte rollten über den Asphalt. Gewehrfeuer
-knatterte. Ein Maschinengewehr feuerte -- und schon waren die Straßen
-reingefegt. Nur ein paar verwegene Feldgraue sprangen noch an den
-Häusern entlang, von Torweg zu Torweg.
-
-Lautlos glitt ein graues Panzerauto über den Asphalt.
-
-Es huschte die Straßen entlang und verschwand.
-
-Und schon wimmelten die Straßen wieder von Menschen, die Drehorgeln
-leierten wieder, die Verkäufer waren wieder mit ihren Kästen und
-Schachteln zur Stelle, und die Akrobaten begannen von neuem mit den
-Stühlen zu arbeiten.
-
-Schon bog ein neuer, unübersehbarer Zug von Menschen, Kopf an Kopf,
-brodelnd von Flaggen und Inschriften, in die Straße ein.
-
- * * * * *
-
-Aus diesem unübersehbaren Zug löste sich plötzlich ein rostfarbener
-Havelock, ein steifer Hut. Jemand rief, winkte.
-
-»Herr Herbst!«
-
-»Ah, Sie sind es?«
-
-»Ja, ich! Um Gottes willen --!«
-
-»Um Gottes willen? Und Sie rufen, schreien meinen Namen -- als ob wir
-alte Freunde wären --? Und wie Sie aussehen, du meine Güte!«
-
-»Ja, wie ich aussehe!«
-
-Herr Herbst schob den steifen Hut aus der Stirn, denn er schwitzte vor
-Erregung. Sein Gesicht war gerötet, die Bäckchen gedunsen. Eine rote
-Schleife leuchtete an seinem Havelock.
-
-Augenblicklich zerrte ihn Herr Kunze, der schmächtige, semmelblonde
-junge Mann eifrig abseits.
-
-»Helfen Sie mir, um Christi willen!«
-
-»Ihnen?« Herr Herbst trat zurück.
-
-Kunze nahm den Kneifer ab, putzte ihn aufgeregt und sah sich furchtsam
-um. Sein Überzieher, sonst säuberlich gebürstet, war bestaubt und
-verknittert, der grüne Plüschhut voller Schmutz.
-
-»Ja, mir! Seien Sie barmherzig! Nichts zu essen seit Tagen, kein Geld,
-kein Obdach, immer auf der Flucht. Wir sind ja gleich am ersten Tage
-geplatzt.«
-
-»Geplatzt?«
-
-»Ja, unsere Dienststelle. Die Fenster zertrümmert, die Schränke
-zerschlagen, alles verwüstet, die Akten auf die Straße geworfen. Wohin
-sollen wir uns wenden. Niemand wagt es, sich mit uns einzulassen. Sehen
-Sie, hier!«
-
-»Eine Schramme!«
-
-»Ein Schlag über den Kopf! Sie haben mich erkannt, die Gefängnisse sind
-ja geöffnet worden -- und da haben sie mich erkannt. Sie haben mich
-mißhandelt und in den Kanal geworfen.«
-
-»In den Kanal, hahaha!«
-
-»Sie lachen? Ja, über die Brücke, aber ich konnte mich an einem Kahn
-festhalten -- so saß ich im Wasser, bis sie fort waren. Und gestern, da
-haben sie mich wieder erkannt, andere, die Stadt wimmelt von ihnen, und
-verfolgt -- durch ganz Berlin. Ich bin gelaufen, schrecklich, um mein
-Leben bin ich gelaufen. Ich flehe Sie an, auf den Knien. Helfen Sie
-mir.«
-
-»Ihnen? Hahaha! Die Zeiten haben sich geändert. Die Gerechtigkeit ist
-wieder in die Welt gekommen. Ein jeder nach seinen Verdiensten.«
-
-»Ach, auch Sie hartherzig! Und ich hoffte, Hoffnung erfüllte mich, als
-ich Sie sah. Ich habe keine Wohnung, kann nirgends bleiben. Ach, Sie
-ahnen es ja nicht! Wissen Sie, wo ich schon in diesen Nächten geschlafen
-habe?«
-
-Kunze zerrte Herrn Herbst in ein Haustor und flüsterte.
-
-»Ist es zu glauben, daß ein Mensch da schläft? Eine barmherzige, alte
-Frau. Erst morgens konnte ich wieder heraus. Gewöhnlich schlafe ich
-zwischen Bretterhaufen, klettere über Zäune. Dann kommen plötzlich Hunde
--- entsetzlich!« Wieder glitt Kunzes Blick furchtsam über die beiden
-Soldaten, die hinter dem kleinen Herrn Herbst aufgetaucht waren und ihm
-überallhin folgten.
-
-»Schlimm, sehr schlimm!« sagte Herr Herbst mit einem spöttischen
-Zwinkern der kleinen entzündeten Augen. »Und _ihn_? Haben Sie _ihn_
-schon gesehen?«
-
-»Ihn? Wen?«
-
-»Nun ihn, den ihr vom Dache -- da, am Anhalter Bahnhof --?«
-
-»Wie? Wie? Was --?«
-
-»Ja, ich habe ihn gesehen!«
-
-»Wie? -- Sie machen mich irrsinnig!«
-
-»Ja, gesehen. Nicht er ist es, natürlich nicht. Ihr habt ihn ja getötet.
-Aber sein Bruder. Ein Jäger! Sieht genau so aus wie er -- ich dachte es
-im ersten Augenblick. Nur etwas jünger. Und die Dame -- Sie erinnern
-sich -- _jene_ Dame?«
-
-»Natürlich. Wir hatten wenig solch interessante Fälle.«
-
-»Ja, auch sie habe ich gesehen. Hier, sehen Sie, dieser Zettel. Hier.«
-Kunzes Spitzelaugen funkelten. »Sie fuhren zusammen auf einem Auto --
-auf einem Auto mit roten Flaggen -- und warfen diese Zettel auf die
-Straße.«
-
-»Gott stehe mir bei --«
-
-»_Ihm_ dürfen Sie nicht in die Hände fallen! Auch _ihr_ nicht!«
-
-»Helfen Sie mir um Christi willen. Retten Sie mich!«
-
-»Hahaha!«
-
-»Geben Sie mir Geld, damit ich entfliehen kann.«
-
-»Und einmal wollten Sie mich verhaften!«
-
-»Ich weiß es!«
-
-»Meine Wohnung haben Sie an sich gerissen und entweiht. In eine
-Irrenanstalt wollten Sie mich bringen lassen -- drohten mir, verfolgten
-mich auf Schritt und Tritt. Sagten, ich sei geistesgestört.«
-
-Kunze wischte sich den Schweiß von der Stirn.
-
-»Alles Befehl«, stammelte er, und hielt Herrn Herbst am Mantel fest. »Es
-wurde befohlen, und ich mußte gehorchen. Man hätte Sie ja sofort in ein
-Irrenhaus gebracht, weil Sie diesem hohen Offizier lästig wurden -- ich
-aber bürgte für Sie, setzte mich für Sie ein, aus Mitleid . . .«
-
-»Und in die Zwangsjacke wollten Sie mich stecken lassen! Ja, jedem wird
-gemessen werden nach seinen Verdiensten, Gerechtigkeit herrscht wieder
-in diesem Lande. Ich darf wohl bitten!«
-
-»Auf den Knien, Herr Herbst, verehrtester --!« Kunze klammerte sich an
-den Havelock.
-
-Da aber wandte Herbst den Blick auf die beiden Soldaten, die nicht von
-seiner Seite gewichen waren. Ein Blick nur, aber er genügt!
-
-Augenblicklich trat einer der beiden Trabanten vor.
-
-»Was will er denn?« fragte eine tiefe, rauhe Stimme.
-
-Kunze preßte den Kneifer auf die Nase, lüpfte den grünen Plüschhut, und
-schnell, schnell verschwand sein dünner Überzieher in der Menge.
-
-Schon schwang Herr Herbst wieder den steifen, verschwitzten Hut und
-schrie, rot vor Erregung: »Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!«
-
-Schon waren er und seine zwei Trabanten wieder mit dem endlosen Zuge
-verschmolzen, der sich breit durch die Straße wälzte.
-
-»Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!« schrien seine Trabanten. Tag für Tag
-trotteten sie schwitzend und aufgeregt durch die Straßen. Jedem Zug,
-einerlei welcher politischen Partei, schlossen sie sich an.
-
-Seine beiden Trabanten waren: ein kleiner, stämmiger, etwas
-ausgewachsener Infanterist, eine Grabentype mit weitem Mantel,
-Transportarbeiter von Beruf, der einen Konzertflügel auf den breiten
-Schultern trug, und ein hagerer Artillerist mit schwarzem Schnurrbart,
-schwarzen Brauen, schwarzen, wirren Haaren und schwarzen Augen, einer
-kleinen, runden Mütze und einem braunen, gestrickten Wollkittel mit
-Perlmutterknöpfen. Herbst hatte die beiden auf der Straße gefunden und
-sie adoptiert, mit einem Wort. Sie waren seine Gäste im »Löwen von
-Antwerpen«, er ernährte sie, sie tranken, und er bezahlte.
-
-Dafür waren sie ihm aber auch blind ergeben. Sie lasen die vergilbten
-Briefe, die er in seiner Tasche trug -- lasen -- verstanden -- sofort!
-Sie kannten ja das alles, kamen selbst von da draußen und wußten wie es
-zuging. Aufmerksam hörten sie zu, wenn er von Robert erzählte -- von dem
-Sturmangriff am 5. August, und schon am 4. war kein einziger
-zurückgekommen. Stundenlang hörten sie zu und immer wieder. Die Augen
-quollen aus ihren Schädeln.
-
-Der schwarze Artillerist erhob sich, ergriff die Flasche und schlug
-damit auf den Tisch.
-
-»Sage ein Wort -- ein Wort genügt! Du brauchst nur zu sprechen!« Und er
-warf lässig ein feststehendes Messer mit Hirschhorngriff auf den Tisch.
-
-Auch der stämmige Infanterist erhob sich und schob den breiten Nacken
-vor.
-
-»Du kannst dich verlassen auf uns. Soll es morgen sein?«
-
-»Ich werde schon -- wartet nur, Geduld.«
-
-Und der hagere, schwarze Artillerist tanzte auf seinen langen Beinen,
-schwang das Glas und sang mit rauher, tiefer Stimme seinen Trinkspruch:
-»Licht aus, Messer raus! Haut ihn!«
-
-Und nun tranken sie alle drei die Gläser leer.
-
-Ja, blind ergeben.
-
-Vorläufig aber trotteten sie geduldig in diesem endlosen Zug unbekannter
-Menschen.
-
-»Hoch! Hoch!« schrie Herbst und hob den steifen Hut.
-
-»Hoch! Hoch!« schrien die Trabanten und schwangen die Mützen.
-
-
-7
-
-Schon wird es Nacht.
-
-Der Wind pfeift durch die Linden, die Fenster klirren. Qualm schlägt aus
-den Häusern, die Stadt raucht. Der Wind braust um das düstere Schloß,
-die Säulen wanken. Die Rosselenker am Portal knicken zusammen unter den
-Hufen der Rosse. Aber plötzlich wird es still, ganz still, der Wind
-schweigt, und ein eisiger Luftstrom schiebt sich über die Linden dahin,
-ein wandernder Block von Eis.
-
-Dunkle Wolken fliegen über die Stadt, schwarz, eine hinter der andern --
-wie sie jagen! Gespenstisch!
-
-Ja, gespenstisch, es sind die Toten, die Gefallenen, die über die Stadt
-dahinjagen und auf den Wolken stehen. Die Kälte des Grabes fällt aus
-ihren grauen, vereisten Soldatenmänteln. Denn sie lagen lange in der
-kalten Erde.
-
-Der General erschauert, er zieht frierend den Mantel mit dem blutroten
-Aufschlag über der Brust zusammen. Er sieht die Toten nicht da oben auf
-den schwarzen Wolken, aber er fühlt die entsetzliche Kälte, die sie
-mitbringen.
-
-Feuer spritzt vor seinen Füßen, ein Insekt schwirrt zischend an seinem
-Ohr vorbei. Schüsse knallen.
-
-Nein, nicht der Mantel mit den blutroten Aufschlägen, er ist in Zivil,
-aber er hatte es für Augenblicke -- wie lange? -- vergessen.
-
-Aus den finstern Straßenschluchten blasen Feuerfunken, aber der General
-fürchtet die Kugeln nicht. Er wendet ihnen die Stirn zu, er öffnet die
-Augen und blickt ihnen entgegen, er bietet ihnen die Brust dar und
-bleibt sogar stehen. Unbeirrt verfolgt er seinen Weg. Nur die
-entsetzliche Kälte, die aus den jagenden schwarzen Wolken fällt, erfüllt
-ihn mit Schaudern.
-
-Licht in einer dunkeln Straßenschlucht. Ein totes Pferd liegt auf dem
-Pflaster. Schatten umdrängen den Kadaver, Soldaten und Weiber mit
-Messern. Sie zerlegen das Pferd und wickeln blutige Fleischstücke in
-Zeitungsfetzen und Schürzen. Dort an der Ecke ein Auto mit dem Zeichen
-des Roten Kreuzes. Eine helle Bahre gleitet durch den Lichtschein.
-
-Und wiederum Finsternis, ohne Ende. Die Straßen sind dunkle Katakomben,
-Riesenschatten tanzen über die verlassenen Plätze, Schrecken lauert in
-den finstern Haustoren. Manche Straßen sind wie mit Schnee bedeckt. Das
-sind die Massen von Zetteln und Aufrufen, die täglich auf die Stadt
-niedergehen. Der Fuß des Generals raschelt in ihnen. Da! Der Schrei
-eines getroffenen Menschen. War es eine Frau? Ja, eine helle Stimme. Und
-das Feuer prasselt. Der Widerhall klopft an den Häuserwänden. Der
-Widerhall klopft im Herzen des Generals. Jede einzelne Kugel trifft ihn
-ins Herz. Zu Ende! Alles zu Ende! Schon töten sie sich gegenseitig.
-
-An den Straßenecken ist ein Plakat angeschlagen: Berlin, halt ein, Dein
-Tänzer ist der Tod!
-
-Ja, zu Ende --
-
-Der Schritt des Generals stockt. Mitten auf dem Trottoir liegt, Arme und
-Beine von sich gestreckt, in einer Lache von Blut, ein toter Matrose.
-Rasch geht der General auf die andere Seite. Aber schon wieder
-erschauert er. Etwas weht feuerrot in der Dunkelheit, etwas fließt
-schimmernd weiß dahin, blitzschnell. Sein Herz bleibt vor Schrecken
-stehen. Gespenster? Gespenster in Berlin? Nein, es sind Masken,
-Vermummte, die eilig die Straße entlang huschen.
-
-Tanzmusik und der Lärm eines Balles hinter herabgelassenen Rolläden.
-
-Und wiederum Finsternis, Leere, Stille, die Stadt ist tot. Nur dann und
-wann klatscht ein Schuß. Das Gewehrfeuer prasselt in der Ferne.
-
-Plötzlich empfindet der General deutlich, daß irgend etwas nicht in
-Ordnung ist. Er fühlt die Nähe eines Menschen.
-
-Ein Schritt wandert hinter ihm! Immer hinter ihm her.
-
-Und auch drüben, auf der andern Seite der Straße -- ist es nicht
-auffallend? -- schlürfen plötzlich Schritte. Zuweilen, wenn die
-Dunkelheit durch einen Lichtschein erhellt wird, sieht er drüben zwei
-kleine Gestalten dahinkriechen, die mit den Händen winken.
-
-Und der Schritt knirscht hinter seinen Fersen her. Er überquert die
-Straße, der Schritt folgt ihm, er biegt um die Ecke, auch der Schritt
-biegt um die Ecke.
-
-Da -- nun spürt er den Atem seines Begleiters im Nacken. Eine tiefe,
-rauhe Stimme raunt dicht an seinem Ohre:
-
-»Ich kenne dich!«
-
-Der General zuckt zusammen. Er eilt weiter, er wagt nicht zur Seite zu
-blicken.
-
-Und abermals raunt die Stimme:
-
-»General Hecht-Babenberg!«
-
-Drüben, auf der andern Seite, winken die Arme, winken zwei kleine,
-bleiche Hände.
-
-Der General eilt, aber sein Begleiter eilt mit großen Schritten neben
-ihm her. Es macht ihm nicht die geringste Mühe mitzukommen. Schon
-beginnen die zwei Kleinen auf der andern Seite zu laufen.
-
-Lauter beginnt die Stimme des Unbekannten zu raunen, und plötzlich zuckt
-der General zusammen. Die Stimme hat ein furchtbares Wort ausgesprochen,
-ein schreckliches Wort -- unsägliche Beschimpfung.
-
-Nun rufen die auf der andern Seite. Sie winken und schreien: »Komm doch,
-komm doch!«
-
-Da bleibt der Schritt plötzlich hinter ihm zurück. Ein Lachen klingt
-durch die finstere, menschenleere Straße. Eine rauhe, häßliche Stimme
-schreit: »Licht aus, Messer raus!«
-
- * * * * *
-
-Der General hatte keine Angst vor der Kugel, nein. Aber während der
-Unbekannte ihm folgte, hatte er in der furchtbaren Angst gelebt, daß
-plötzlich eine Faust nach ihm schlagen könnte. Unausdenkbare Schmach!
-Nur aus diesem Grunde war er entflohen, aus keinem andern.
-
-Wer war es, was wollten sie? Und weshalb dieser furchtbare Schimpfname?
-Nie, auf Ehre und Gewissen, niemals hatte er von seiner Truppe mehr
-verlangt, als das Interesse des Vaterlandes unbedingt erforderte!
-
-In Schweiß gebadet, völlig außer Atem, kam er wieder in belebtere
-Gegenden.
-
-Ein Eishauch entströmte dem dunkeln Tiergarten. Kein Licht, keine
-Laterne, nichts. Die Fensterläden der Häuser geschlossen, die
-Fensterscheiben schwarz. Und schwarze Wolken jagten über die kahlen
-Wipfeln des Parkes dahin. Ein Auto, besetzt von Schatten, flog die
-finstere Straße entlang. Unaufhörlich erscholl der warnende Ruf: »Straße
-frei! Straße frei!«
-
-Die dumpfen Detonationen von Handgranaten ertönten drinnen in der Stadt,
-irgendwo.
-
-Nacht ohne Ende, Nacht der Schrecken!
-
-Auf der Treppe seines Hauses fuhr der General erschrocken zurück:
-Beinahe wäre er auf einen Menschen getreten!
-
-Wer war hier? Zitternd stand der General.
-
-Etwas wie ein großer, massiger Tierkörper schob sich schleifend die
-Treppe empor. Ein unerklärliches Geräusch, eine Vibration ging von der
-dunkeln Masse aus, wie wenn jemand vor Kälte zittert.
-
-Der General lauschte, dann rieb er zögernd ein Streichholz an.
-
-Auf der dunkeln Treppe kauerte ein Soldat mit zwei kurzen Krückstöcken
-unter den hochgezogenen Schultern. Der Körper des Krüppels wurde
-unaufhörlich von einem schrecklichen Zittern geschüttelt. Schmutz klebte
-an seinen Kleidern, seine Beinstumpen waren vollkommen vom Straßenkot
-durchweicht. Ausdruckslos verschwamm der Blick seiner halbgeschlossenen
-Augen im erlöschenden Licht des Streichholzes.
-
-Der General beugte sich zu dem Krüppel herab.
-
-»Was haben Sie -- sind Sie krank?« fragte er. Er fragte nur, um dem
-zitternden Haufen Fleisch einen Laut, eine Äußerung seines menschlichen
-Wesens, zu entlocken. Hastig kramte er in seinem Überrock nach Geld, der
-Gedanke fuhr ihm sogar durch den Kopf, den Soldaten mit sich ins Haus zu
-nehmen.
-
-Der Krüppel stieß Laute aus wie ein Taubstummer, ein Röcheln entstieg
-seinem krampfhaft geöffneten Mund.
-
-»Wo sind Sie verwundet worden, mein Sohn?« fragte der General und beugte
-sich noch tiefer herab. Auch er, der Krüppel, strömte Kälte aus.
-
-»Wo? Sprechen Sie doch. Wo?«
-
-Mühsam schüttelte der Krüppel Silben aus dem Mund.
-
-»Wo? Ich verstehe nicht.«
-
-Aber plötzlich taumelte der General in die Höhe.
-
-Er hatte verstanden!
-
-Nun zitterte er genau wie der Soldat.
-
-Hastig, ohne zu denken, ließ er ein paar Geldscheine fallen und stieß in
-aller Eile die Türe auf. Aber als er ins Haus treten wollte, fühlte er
-plötzlich, wie sein rechter Fuß von einer Hand umklammert wurde, die ihn
-festzuhalten suchte. War der Krüppel gefallen, suchte er Halt, suchte er
-seinen Dank auszudrücken? Der General stieß die Hand von sich und trat
-keuchend in die dunkle Diele.
-
-»Therese!« Oder, was er sonst rief. Jedenfalls rief er etwas, und seine
-Stimme klang schrill, wie ein Hilferuf.
-
-»Drehen Sie das Licht an, Therese, ich kann den Schalter nicht finden.«
-
-Aber augenblicklich wankte der General aus dem Lichtschein.
-
-Quatre vents! Quatre vents!
-
-Von der Höhe kam er, der da draußen --
-
-Lange Zeit saß der General regungslos in irgendeinem dunkeln Zimmer.
-
-Dann klingelte er dreimal. Das bedeutete: so schnell wie möglich
-servieren. Er hatte seit dem Morgen nichts genossen. Therese beeilte
-sich. Jakob? Wangel? Wohin? In der ersten Stunde waren sie von ihm
-gegangen, ebenso wie Schwerdtfeger. Ja, selbst Jakob, dieser biedere
-Bauernbursche, dessen Augen aufleuchteten, so oft er ihn ansprach.
-Trotzdem -- in der ersten Stunde, mit einem völlig ungültigen
-Urlaubsschein, ausgestellt von irgendeinem Soldatenrat.
-
-Als Therese eintrat, saß der General an dem großen, runden Speisetisch,
-in seinem weiten grauen Feldmantel, der bis zur Erde reichte, den Kragen
-hinaufgestülpt. Er war in sich zusammengesunken. Aber wie sah er aus?
-Nicht mehr grau -- schneeweiß.
-
-Seine Augen starrten.
-
-Einer von der Höhe!
-
-Quatre vents!
-
-Seine starrenden Augen sahen Bündel von roten Leuchtkugeln in die Nacht
-steigen -- wie damals, in jener Nacht, als er die Höhe verlor.
-
-Einer von jenen! Wie war er hierher gekommen? Seine Zähne schlugen
-aufeinander.
-
-»Sehen Sie nach, Therese,« flüsterte der General, und seine Stimme nahm
-bei jedem Wort eine andere Lage an, »vor der Türe ist ein Soldat.
-Bringen Sie ihn herein.«
-
-Und wieder klapperten die Zähne des Generals. Aber Therese kam zurück.
-Niemand war auf der Treppe.
-
-»Niemand?«
-
-Ja, vielleicht hatte er sich getäuscht. Wie? Vielleicht war tatsächlich
-niemand da draußen gewesen?
-
-Also wirklich niemand? -- »Haben Sie geheizt, Therese?«
-
-»Ich werde den Arzt rufen, Exzellenz sind krank«, sagte Therese.
-
-Der General schwieg und brütete vor sich hin.
-
-Erst nach geraumer Weile verstand er, was Therese gesagt hatte. Er
-drückte auf die Klingel. »Keinen Arzt, Therese. Ich bin vollkommen wohl.
-Nur müde.«
-
-Aber die Gabel entfiel seiner Hand: er schlief am Tische ein. Seine
-kreidige Wange lag auf dem Kragen des weiten Feldmantels.
-
-
-8
-
-Die schwarzen Wolken jagten über die finstere Stadt dahin. Ohne Ende,
-ohne Zahl. Die Toten in ihren vereisten grauen Soldatenmänteln standen
-darauf. Die Toten und Gefallenen aus den Massengräbern von Verdun und
-Ypern, von Polen und von Rußland, Serbien, Rumänien, von Mesopotamien,
-aus den einsamen Friedhöfen der Vogesen und der Champagne, die Toten aus
-den Argonnen, die Toten von der Somme und die Toten, die aus dem Meere
-gestiegen waren.
-
-Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrängt auf den schwarzen
-Wolken, die in dieser Nacht ganz Deutschland überzogen. Denn in dieser
-Nacht kehrten die Toten zurück.
-
-Horch, sie singen! Hörst du? Ihr Gesang braust! Was singen sie?
-Unverständlich für die Lebenden ist ihr Gesang.
-
-Die Vorhut der heimkehrenden Armee der Toten hat Berlin erreicht, ohne
-Ende ist ihr Zug, noch haben nicht alle den Rhein überflogen. Es sind
-Millionen.
-
- * * * * *
-
-Dahinfegte die Limousine. Sie schnellte über eine Brücke und jagte in
-eine endlose schnurgerade Straße hinein. Sie bog um eine Ecke -- und ja,
-dies war nun die Lessingallee.
-
-Plötzlich pochte der General wild mit den Knöcheln an die Scheiben und
-augenblicklich zog Schwerdtfeger die Bremse. Bevor das Auto noch stand,
-war der General schon aus dem Wagen gesprungen und lief rasch in die
-Straße hinein. Aber auch der kleine Mann in seinem Havelock eilte, so
-schnell er konnte, dahin.
-
-Zwei, drei Sätze und die wütende Faust des Generals hatte den Havelock
-erfaßt.
-
-»Was wollen Sie von mir? Sprechen Sie!«
-
-Der kleine alte Mann krümmte sich zusammen.
-
-»Was wissen Sie von meiner Tochter. Sprechen sie jetzt -- oder, oder
---!«
-
-Da zerfloß der kleine alte Mann, wie Nebel. Eine Sekunde noch das
-bläulich-weiße Gesicht, grüne Funken, wo die Augen waren -- fort.
-
-So heftig war die Erregung, daß der General auffuhr. Er saß bei Tisch.
-Allein.
-
-Ohne zu denken, griff er wieder nach Messer und Gabel und bemühte sich,
-kleine Stückchen von dem kalten Fleisch auf seinem Teller abzuschneiden.
-Er griff nach dem Glas -- aber schon erlahmte wieder die Hand.
-
-Kalt, kalt, die Kälte! Es war eisig kalt in diesem Zimmer.
-
-Und doch, der Ofen glühte. Er näherte die Hände -- deutlich sah er das
-Eisen glühen -- aber, wie merkwürdig, keine Wärme. Nun erst, da er mit
-den langen Nägeln das rote Eisen berührte, spürte er einen Hauch von
-Erwärmung. Ein eisiger Luftstrom blies ihn an.
-
-Sonderbar -- seit jenem Tage hatte es begonnen! Deutlich erinnerte er
-sich noch, wie das schneeblaue Gesicht durch die Scheiben ins Foyer
-starrte, an den Briefumschlag sogar, der von häßlicher, unangenehmer
-grüner Färbung war. Seit jenem Tage war die Unruhe über ihn gekommen.
-Überall hatte er diesen kleinen geistesgestörten alten Mann gesehen --
-vor dem Hause, vor dem Restaurant, ja selbst wenn er einen Blick aus
-seinem Arbeitszimmer warf, da stand er auf dem Platze. Sogar in der
-Nacht begegnete er ihm häufig.
-
-Ja, er, dieser Unbekannte, hatte den Argwohn in ihm geweckt -- alles war
-daher gekommen, allein daher!
-
-Noch heute, noch heute würde sie, Ruth --
-
-Der Schmerz fraß. In seinem weiten Feldmantel, der nahezu den Boden
-berührte, schritt er durch die Zimmer. Auf seinem Schreibtisch lag Ruths
-letzter Brief: -- die dich geliebt hat, Papa, und noch immer liebt
-. . .
-
-Sie hatte ihm unrecht getan. Alles entsprang doch nur der Sorge um sie,
-der Fürsorge eines Vaters, dessen Pflicht es erheischte -- Kannst du es
-denn nicht verstehen, mein Mädchen? Verhängnis über Verhängnis. Er, ihn
-getötet? Wie? Wie? Ihn, den sie liebte? Er? Aber, wie kannst du nur so
-etwas sagen?
-
-Die Stille lauerte. Lauernd und feindselig umstrich ihn die eisige Luft.
-Der Brief flatterte plötzlich in seiner Hand.
-
-Ohne jeden Zweifel, er war nicht allein.
-
-Nein, nicht allein!
-
-Wieder glitt der lange graue Mantel durch die Zimmer. Er drehte das
-Licht an. Niemand, natürlich. Aber er fühlte einen Blick auf sich
-gerichtet und dieser Blick folgte ihm überall hin.
-
-Vorsichtig, mit zitternden Fingern, schob er den Vorhang zur Seite, er
-öffnete das Fenster, leise, und spähte durch einen Spalt der Jalousien
-hinaus auf die finstere Straße.
-
-Da, da -- sein Herz stockte!
-
-Nein, er hatte sich nicht getäuscht.
-
-Da stand er -- der kleine Geistesgestörte, in der Tat! Deutlich sah er
-sein faustgroßes bleiches Gesicht. Die Augen waren auf dieses Fenster,
-genau auf dieses Fenster, auf ihn gerichtet. Er stand mit zwei
-Gestalten, zwei Männern, einem großen und einem untersetzten. Nun
-näherte sich der Große der Haustüre, aber der alte Mann rief ihn zurück.
-Sie sprachen: berieten, deuteten auf das Fenster, auf ihn! Dann gingen
-sie, zögernd, und die Dunkelheit verschlang sie augenblicklich.
-
-Leise, vorsichtig schloß der General wieder Fenster und Vorhänge. Noch
-eisiger war die Luft geworden. Kalter Nebel war durch das Fenster ins
-Zimmer gekrochen. Ja, ohne Zweifel, die ganze Wohnung war nunmehr von
-Nebel erfüllt. Die Wände rauchten. Sie waren grüne geschliffene
-Eisblöcke, die dampften.
-
-Der Brief Ruths war auf den Boden gefallen und keuchend hob der General
-ihn auf. Er war geneigt, über die politischen Verirrungen eines jungen
-und urteilslosen Mädchens hinwegzusehen. Er war geneigt, gewisse
-Vorfälle zu vergessen -- Irrungen eines jungen und leidenschaftlichen
-Herzens. Er war geneigt, Zugeständnisse zu machen, völlige Freiheit
-zuzusichern. Forderte sie es, so war er zu jeder Genugtuung bereit. Zu
-jeder!
-
-Aber sie sollte zurückkommen!
-
-Ja, zurückkommen. Weshalb kam sie nicht?
-
-Er war alt, sein Leben vernichtet, zermürbt, untergraben, zerstört, ohne
-Sinn, ohne Hoffnung, ohne jede Hoffnung! Er besaß nur noch sie, sie
-allein -- sonst nichts mehr.
-
-Und er liebte sie! Ja, Ruth, es ist die Wahrheit, ich liebe dich!
-
-Das alles wollte er ihr sagen, sobald er sie traf. Und er würde sie
-finden, ohne jeden Zweifel! Morgen, in aller Frühe schon, würde er sich
-wieder auf den Weg machen. Sie war ja hier, hier in der Stadt,
-Wunderlich hatte sie schon zweimal gesehen.
-
-Ja, all das, all das. Und er würde sie _bitten_ -- nie in seinem Leben
-hatte er einen Menschen um etwas gebeten . . . Forderte sie es, von
-ihrem alten Vater -- bestand sie darauf -- nun wohl, so war er bereit,
-sich zu -- _demütigen_ . . .
-
-Plötzlich taumelte der General, so stark, daß er in einen Sessel fiel.
-Er griff nach der Brust. Sein Herz --? Was war es --?
-
-In diesem Augenblick aber schrillte die Klingel, zweimal, dreimal, lang,
-herausfordernd -- die Haustürklingel.
-
-Schritte kamen durch den Korridor.
-
-Aber schon stand der General unter der Türe. »Öffnen Sie nicht!« rief
-er, zitternd in seinem weiten Mantel.
-
-Dumpf grollte es in der Ferne -- ein Geschütz hatte in der Stadt
-gefeuert.
-
-»Ich werde selbst -- gehen Sie ruhig schlafen«, stammelte der General
-und Therese schlich wieder in ihre Küche zurück. Immer noch schmerzte
-das Herz in der Brust. Allmählich erst hörte es auf zu zucken. Nun erst
-ging der General zur Haustüre und bot seine breite Brust der Finsternis
-dar. Niemand. Aber dort drüben, im Park, schlichen da nicht Gestalten?
-
-Schüsse klatschten, und wieder feuerte ein Geschütz in der Stadt.
-
-»Sie zerfleischen sich -- wie Wölfe«, dachte der General. Und laut rief
-er in die Dunkelheit hinein: »Ist jemand da?«
-
-»Hahaha!« lachte es aus der Finsternis.
-
-»_Hier bin ich! Was wollt ihr von mir?_«
-
-»Hahaha!« Ganz fern.
-
-Niemand. Er verschloß die Türe.
-
- * * * * *
-
-Ein Schritt raste die dunkle Straße entlang. Nein, nicht ein Schritt,
-ein Rudel von Schritten. Hinter dem einen rasenden Schritt her jagte
-eine Meute klappender Schritte. Geschrei.
-
-Da setzte der Schatten eines schmächtigen Menschen über die Straße und
-verschwand im Gebüsch des Parkes. Ein Rudel von Schatten setzte hinter
-ihm her. »Haltet ihn, haltet ihn, den Spitzel!«
-
-Die Stimmen verloren sich.
-
-Kunze keuchte. Eine Sekunde noch und er wäre zusammengestürzt.
-Meilenweit hatten sie ihn gejagt und alle Wachtposten hatten auf ihn
-geschossen.
-
-In Schweiß gebadet warf er sich auf den Boden. Da begann der ganze Park
-wie ein Hammerwerk zu pochen. Lob und Dank dem Herrn, sie hatten seine
-Spur verloren -- ihre Stimmen klangen ferner und ferner. Ein Schrei --
-vielleicht hatten sie einen andern niedergeschlagen?
-
-Noch keuchte die Brust, und schon begann Kunze wieder zu laufen. Durch
-den ganzen finstern Tiergarten eilte er. Furchtsam mied er Wege, ob sie
-breit oder schmal waren. Endlich kam er in eine Gegend des Parkes, die
-Sicherheit verbürgte. Es war dicht hinter dem Zoologischen Garten.
-
-Eifrig spähte er in die dunkeln Baumwipfel empor -- ja, hier, dieser war
-der richtige. Ein einladender Ast, nicht allzu hoch über der Erde, aber
-doch hoch genug, gerade was er suchte. Hinauf, schon war der Strick
-festgemacht, die Schlinge gebunden. So. Und nun rasch! Keine Stunde
-länger war dieses Leben zu ertragen -- ja, schade, er hatte nicht einige
-Autos zur Verfügung, um über die Grenze fahren zu können --
-
-Nur noch eine Sekunde, bitte, bis er Atem geschöpft hatte -- und dann:
-hinab!
-
-In der letzten Nacht hatte er in einer Kanalisationsröhre geschlafen; in
-der Lindenstraße, vorgestern in einer Sandkiste beim Halleschen Tor.
-Einmal hatten sie ihn schon gefangengenommen -- nein, nein. Schluß! Eine
-Sekunde nur -- und dann: hinab!
-
-Die Schlinge um den Hals saß er da, dampfte und keuchte -- zu seinem
-Schrecken gewahrte er jetzt, daß er sich ganz in der Nahe eines Weges
-befand.
-
-Dunkel und schweigend lag der Tiergarten. Eigentlich, bei rechtem Licht
-besehen, ein Park für Selbstmörder, nicht wahr? Eine rührende Vorsorge
-der Stadtverwaltung! Jede Nacht erschoß sich hier jemand, erhängte sich
-irgendeiner -- fast gab es keinen unbesetzten Baum mehr. In der Ferne,
-aus der dunkeln Stadt prasselte Gewehrfeuer, und dann und wann dröhnte
-ein Kanonenschuß. Sie kämpften. Es war nicht gut, ihnen gerade jetzt in
-die Hände zu fallen . . .
-
-Schwarze, gespenstische Wolken jagten über den kahlen Baumwipfeln dahin.
-Das welke Laub raschelte. Zuweilen hörte er auf seinem Ast auch Stimmen
-und Gelächter bald näher, bald ferner -- und Gesang. Gesang. Dann
-wiederum Schüsse. Und sonderbare Laute, Miauen und Bellen, drangen aus
-dem Zoologischen Garten.
-
-So also sollte er enden! Was würde sein Vater, der Pastor sagen? Ein
-_Selbstmörder_ in der Familie! Schande, Schmach -- Heimsuchung des
-allmächtigen Vaters im Himmel! -- Luxus, schöne Frauen -- und der Ruhm?
-Es war nichts damit geworden, nein. Gerade als der Krieg ausbrach wollte
-er zur Bühne gehen. Hamlet! Den ganzen Hamlet kannte er auswendig.
-
-»Sein oder Nichtsein --« flüsterte er und hob die Arme.
-
-Beinahe wäre er von seinem Ast gefallen.
-
-Dahinwandeln im Licht der Rampe, bewundert, umrauscht vom Beifall --
-Briefe schöner Mädchen und Frauen -- alles nichts.
-
-Und nun -- das Seitenstechen hatte aufgehört -- und nun . . .
-
-Da aber hörte er Schritte knirschen. Er erstarrte vor Entsetzen. Kamen
-sie wieder? Weshalb hatte er auch solange gezögert?
-
-Zwei Schatten wanderten über den Weg nebenan. Plötzlich bogen sie in die
-Büsche ein. Sie schlichen näher, immer näher. Ja, sie kamen zu ihm, beim
-Himmel. Seine Haare sträubten sich. Er wagte nicht mehr zu atmen.
-
-Ein Mann und eine Frau, sie lagerten sich unter seinem Baum. Etwas
-Weißes schimmerte, Flüstern, Küsse, Lachen, Geplauder -- leise Schreie
--- eine volle Stunde mußte er ohne jede Bewegung sitzen. Endlich gingen
-sie wieder.
-
-Nun aber wollte er keine Minute mehr versäumen!
-
-Die Dunkelheit begann zu sprühen. Augen öffneten sich in der Finsternis,
-erschrockene, entsetzte Augen -- ja zumeist entsetzte -- wenn die Hand
-des Gesetzes ausholte! Auch die Augen jenes jungen Mannes, der auf dem
-Straßenpflaster lag, noch etwas atmete und rief: Alle Völker sind
-Brüder!
-
-Ja, auch diese Augen . . .
-
-Kunze weinte. Und plötzlich sprang er, ohne Überlegung, -- ein scharfer
-Schmerz schnitt in seinen Hals: zu Ende, vorbei --
-
-Aber einen Augenblick später saß Kunze im feuchten Gras. Er konnte es
-nicht fassen, anfangs -- der Strick war gerissen.
-
-Weinend lief er durch den dunkeln Park, den Strick um den Hals.
-
-
-9
-
-Der General steht über die Karte gebeugt, entschlossen und eisig seine
-Miene. Lautlos tritt der Chef des Stabes ins Zimmer. Schon beginnen die
-Autos und Motorräder der Befehlsüberbringer zu dröhnen und zu rasseln.
-Der Boden zittert vom Feuer, dicht nebenan schlagen die Geschütze, als
-würden Türen aus Erz ins Schloß geschleudert.
-
-Alles ging gut!
-
-Der Gegner, sein Gegner da drüben, dieser Halunke mit dem Käppi und dem
-weißen Spitzbart, hatte ihm die Höhe durch Überraschung genommen, mitten
-in der Nacht. Aber er hatte sich verrechnet! Schon taumelten die
-Soldaten von ihren feuchten Strohlagern, schon rollten die Autobusse,
-die Hölle wollte er ihm bereiten. Bevor die Sonne aufging, war die Höhe
-wieder in seiner Hand.
-
-Es ging vorzüglich, schon hatten die Jäger das Labyrinth -- das
-Hauptfort der Höhe -- wieder seinen Zähnen entrissen. Aber irgend etwas
-war doch auffallend -- plötzlich schienen es weniger Offiziere zu sein.
-Im Vorzimmer war überhaupt niemand. In der Schreibstube arbeiteten im
-ganzen zwei Leute.
-
-Doch auffallend! Wo ist der Chef des Stabes? Der General klingelte.
-Niemand kam. Er stieß ungehalten die Tür auf: niemand! Wieder ging er in
-das Schreibzimmer, der Telegraph tickte -- aber niemand! Die Kanonen
-schlugen weniger laut.
-
-Wo waren sie hin, das Gewimmel von Offizieren, Adjutanten, Schreibern,
-Ordonnanzen? Das ganze Schloß mit seinen hundert Sälen war leer und
-finster. Im Schein des. Geschützfeuers suchte er seinen Weg. Bilder,
-Möbel, Spiegel, die rot aufglühten.
-
-Kein Mensch!
-
-Er war allein.
-
-Bestürzt eilte er vor das Portal. Kälte, Nacht. Der Boden gefroren, ein
-eisiger Wind, die Bäume kahl und spitz. Ringsum, der ganze Horizont ein
-Feuermeer.
-
-Aber kein Lärm!
-
-Über die Parkmauer fuhr von Zeit zu Zeit ein Feuerbalken. Die Haubitzen
-standen dahinter, richtig. Der General eilte. Eben schwankte in der
-Dunkelheit ein Rohr, Glut blies in die Nacht -- aber kein Mensch und
-kein Laut! Der General strich entsetzt um das Geschütz -- keine Seele --
-was war das --?
-
-Wieder taumelte das Rohr, und im Schein des Abschusses sah der General
-das große dunkle Schloß zusammenstürzen, das Dach stürzte, die Säulen,
-das Portal -- aber kein Laut.
-
-Entsetzen schüttelte ihn. Er schrie auf.
-
-Da erwachte er. Seine Augen wanderten über die Wände.
-
-Erst nach geraumer Zeit fand er sich zurecht. Er saß in seinem
-Arbeitszimmer, in seinem Sessel, genau wie vor wenigen Minuten.
-Sonderbar, die Uhren gingen, die Pendel schwangen, aber er hörte sie
-nicht mehr ticken.
-
-Seine Lider waren schwer wie Blei, die Glieder wie gelähmt. Was geschah
-mit ihm? Müde, müde.
-
-»Ich bin müde«, sagte er mit schwerer Zunge.
-
-»Ich bin sehr, sehr müde!«
-
-Er wollte aufstehen, aber er blieb dennoch sitzen. Vor seinen Füßen lag
-ein Schreibheft, ein dünnes beschmutztes Notizheft. Ach, ja, es waren
-die letzten Aufzeichnungen Kurts, seines ältesten Sohnes -- gefallen bei
-Comble in der Sommeschlacht, ruhmvoller Verteidiger der Riegelstellung.
-Nun erinnert er sich: er hatte es aus dem Geheimfach genommen und wieder
-gelesen -- wie in vielen, vielen einsamen Nächten. Feuer, Entbehrungen,
-Schrecken, Tod . . .
-
-»Und alles umsonst?« flüsterte der General und schüttelte fassungslos
-den Kopf.
-
-»Alles umsonst!«
-
-»Wie, wie, wie?«
-
-»Ein Volk von Bettlern!?«
-
-»Ein Volk von Sklaven!?«
-
-»Ausgelöscht von der Erde, in den Schmutz getreten!«
-
-»Alles, alles umsonst!«
-
-»Ach!«
-
-Der General stöhnte. Er schlug die weißen Hände vor das weiße Gesicht.
-
-Er erhob sich. Aber die Beine trugen den schweren Körper nicht mehr. Er
-sank wieder in den Sessel zurück. Die bleischweren Lider fielen herab --
-Bilder zogen vor seinen Augen. Und doch war er wach, träumte er nicht.
-Deutlich erinnerte er sich, daß er soeben die Aufzeichnungen Kurts
-gelesen hatte. Das Schreibheft lag vor ihm auf dem Boden.
-
-Nun also stieg er mit dem kleinen alten Mann, dem zudringlichen, der
-sich nicht abweisen ließ, die Höhe hinan. Er hatte seine Hand ergriffen,
-und sie gingen beide bergan -- und doch wußte er, daß er in seinem
-Arbeitszimmer saß!
-
-»Sie wollen also durchaus hinauf, haben keine Furcht?«
-
-»Nein, keine Furcht.«
-
-Aber die Höhe war nicht dunkel, obschon es mitten in der Nacht war, sie
-war matt erhellt. Nicht leblos und starr war sie -- sie wimmelte von
-Menschen. Scharen standen hier, Mann an Mann, in ihren grauen Mänteln,
-die ganze Kuppe war besetzt von ihnen. Ein Wall von grauen Mänteln links
-und rechts. Tausende und aber Tausende, alle bleich, fahl,
-leichenfarben.
-
-»Herbst, nicht wahr?«
-
-»Ja, Herbst.«
-
-»Und wie war doch der Vorname?«
-
-Und laut schrie er: »Der Jäger Robert Herbst vortreten!«
-
-»Hier!«
-
-»Hier! -- Hier! -- Hier --!«
-
-Ringsum, überall schrien die rauhen Soldatenstimmen: Hier, hier! Alle
---!
-
-Ja, sonderbar -- so deutlich hörte er die Feldgrauen rufen, und doch
-wußte er genau, daß er in seinem Sessel saß.
-
-Das weiße Gesicht des Generals ist auf die eisige Hand herabgesunken.
-Seine Augen sind ohne Blick. Ja, eigentümliche Bilder ziehen vor seinen
-blicklosen Augen, fließen, unaufhörlich, ohne Ende -- eigentümliche
-Bilder . . .
-
-Plötzlich greifen die weißen Hände des Generals wild in die Luft, und
-schon steht er aufrecht mitten im Zimmer.
-
-Ein Gesicht ist erschienen: _das Gesicht einer weinenden Frau_ . . .
-
-Seine hellen, großen Augen blenden. Deutlich unterscheidet er wieder die
-Gegenstände im Zimmer. Deutlich sieht er wieder die dunkeln Gemälde an
-der Wand -- jedes einzelne. Offiziere alle, Militärs, in Uniformen, mit
-Ordenssternen geschmückt, den Degen an der Seite, alle die gleichen
-breiten Gesichter, soliden Brustkörbe: alle Hecht-Babenbergs. Und jener
-Einarmige, über der Türe, das ist Jochen Friedrich Wilhelm Ernst
-Hecht-Babenberg, der nach dem Dreißigjährigen Kriege das Stammgut erwarb
-und den Wahlspruch des Geschlechts prägte: Lorbeer und Land!
-
-Verschwunden ist plötzlich alle Müdigkeit!
-
-Der General wankt in seinem weiten Feldmantel durch die Räume, wankt,
-schwankt, taumelt, aber er fühlt es nicht. Sein Mantel weht. Oft muß er
-sich mit den Händen an der Wand stützen. Aber er fühlt es nicht. Für ihn
-gibt es keine Wände mehr.
-
-Die Wände sind verschwunden, er blickt, weit, weit, unendlich weit!
-
-Er sieht -- oh, ungeheures Schauspiel: die Welt in Flammen!
-
-Ja, die Welt in Flammen! Europa, Asien, die Reiche der Mongolen, Afrika,
-die Reiche der schwarzen Völker, Amerika, alles in Flammen! Und durch
-Rauch und Flammen kriechen sie: sieh! Ja, sie sind es! Nun sind sie
-Wirklichkeit geworden! Riesenhaft, Städte aus Stahl, Riesenkreuzer
-kriechen durch den Rauch der brennenden Welt. Sie starren vor
-Geschützen, sie werfen Flammen, bis hinter den Horizont schleudern die
-Pumpen das brennende Öl. Ihre Schuppenräder zermalmen Städte und
-zertreten Ströme. Ringsum funkelt der Horizont wie schwarze Kohle. Ein
-brennender Kontinent schmilzt ins Meer.
-
-So! So! So! Ja, das waren sie!
-
-Aber nun kam sie selbst, die Armee, unendlich wie die Wellen des Meeres.
-Regiment an Regiment, die Waffen klirren, so ziehen sie an ihm vorüber.
-
-Fester hüllt er sich in den Mantel. Eisig pfeift der Wind! Die Luft ist
-gefroren, Eis, schon klafften Spalten in der Luft, wie in Gletschern,
-aber die Armee marschiert. Ihr Schritt donnert.
-
-Da, da -- dort!
-
-Die Stadt! Dunkel, finster, qualmend. Und deutlich sind die roten
-Flaggen zu sehen, die über der finsteren, qualmenden Stadt wehen. Ganz
-deutlich! Frech flattern die Fahnen der Rebellen.
-
-Der General hebt die Hand -- Angriff! -- und die Armee, unendlich,
-unübersehbar, wälzt sich der qualmenden Stadt entgegen.
-
-Eisig aber, entsetzlich eisig, scharf wie Gift bläst der Wind, und
-dichter, immer dichter, hüllt der General sich in den Mantel. Schon
-zerfrißt die Kälte den Stoff, Stücke lösen sich. Schon zerfrißt die
-Kälte die Haut, die sich aufrollt, schon zerfrißt die Kälte die Lungen
-. . .
-
-
-10
-
-Niki sang sein Morgenlied, aber der General erhob sich nicht.
-
-Eingehüllt in seinen grauen Feldmantel lag er da. Seine Augen standen
-offen -- was sahen sie?
-
- * * * * *
-
-Endlos bewegt sich der schwarze Strom des Volkes dahin, langsam, die
-roten Fahnen wogen. Die Musikkapellen spielen Trauerweisen, Bataillone
-von Soldaten, Bataillone von Matrosen. Berge von Blumen. Unter diesen
-Bergen von Blumen liegen die Opfer der Freiheitskämpfe.
-
-Zur gleichen Stunde setzte sich der mit schwarzen Tüchern behangene
-Trauerwagen mit dem Sarge des Generals in Bewegung. Hauptmann
-Wunderlich, in einem einfachen Soldatenmantel, an seinen Krücken
-humpelnd, gab ihm das Geleite zum Bahnhof. Niemand sonst. Nein, niemand.
-
-Mitten in der Stadt gab es einen Aufenthalt. Der Wagen mit dem Sarge des
-Generals war dem großen Trauerzug des Volkes begegnet, der die Stadt
-überschwemmte.
-
-Unaufhörlich wälzt sich der dunkle Trauerzug dahin. Kaum ist eine der
-ungezählten Kapellen außer Hörweite, so wird schon die folgende
-vernehmbar. Stunden vergehen.
-
-Wunderlich setzt sich mit seinen Krücken auf die Straße.
-
-Ja, endlos, endlos, in Wahrheit! Ein Meer von Menschen wälzt sich
-vorüber. Wogen von Blumen über dem wallenden Menschenmeer. Gleichmäßig,
-ohne jede Eile, wandert der Schritt der Hunderttausend dahin, die Stadt
-beginnt zu dröhnen, zu donnern --
-
-Hoch über dem Strom der Köpfe aber zieht Ackermanns Geist dahin!
-
-»Mein Volk, meine Liebe und meine Sehnsucht fliegen vor dir her! Wirst
-du auserwählt und berufen sein unter den Völkern der Erde? Sieh, wie sie
-funkeln am Firmament des Gedankens, deine großen Geister, sie blicken
-auf dich! Auf, auf! Auf den Weg . . .«
-
-Endlich wurde die Straße frei. Der mit schwarzen Tüchern behangene Wagen
-mit dem Sarge des Generals setzte sich wieder in Bewegung, und
-Wunderlich nahm seine Krücken und humpelte hinter ihm her.
-
-Schon dunkelte es, schon sanken die finstern Nebel über die Straßen.
-Schon begann das Gewehrfeuer wieder zu knattern in der von Finsternis
-erfüllten Stadt.
-
- Werke von Bernhard Kellermann
-
- Yester und Li
- Roman / 142. Auflage
-
- Ingeborg
- Roman / 100. Auflage
-
- Der Tor
- Roman / 46. Auflage
-
- Das Meer
- Roman / 76. Auflage
-
- Der Tunnel
- Roman / 217. Auflage
-
- Der Krieg im Westen
- Kriegsberichte / 20. Auflage
-
-Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 19]:
- ... Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-a-vis de rien! ...
- ... Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-à-vis de rien! ...
-
- [S. 38]:
- ... das Reich Karls des Großen wieder errichten. ...
- ... das Reich Karls des Großen wieder errichten.« ...
-
- [S. 50]:
- ... Während der Tango kollerte, gurrte, kleine wolllüstige ...
- ... Während der Tango kollerte, gurrte, kleine wollüstige ...
-
- [S. 65]:
- ... auszudenken. -- ...
- ... auszudenken. --« ...
-
- [S. 95]:
- ... »Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr? ...
- ... »Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr?« ...
-
- [S. 143]:
- ... nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elend ...
- ... nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elends ...
-
- [S. 179]:
- ... der Hand, vor seinem Herrgott treten mußte. ...
- ... der Hand, vor seinen Herrgott treten mußte. ...
-
- [S. 188]:
- ... diese erschreckend realistische Aufnahme Besuchen zu zeigen. ...
- ... diese erschreckend realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen. ...
-
- [S. 208]:
- ... Haremsdamen, Odolisken in Seide, Tüll, Schleiern, ...
- ... Haremsdamen, Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, ...
-
- [S. 328]:
- ... es war ihm unmöglich gewesen, den bedingslosen Glauben ...
- ... es war ihm unmöglich gewesen, den bedingungslosen Glauben ...
-
- [S. 366]:
- ... für den Kognak! Es war ein Freude. Wir hatten zwei ...
- ... für den Kognak! Es war eine Freude. Wir hatten zwei ...
-
- [S. 427]:
- ... schmilzen. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die ...
- ... schmelzen. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die ...
-
- [S. 434]:
- ... sich, der Tritt der Hunterttausend, unter dem das ...
- ... sich, der Tritt der Hunderttausend, unter dem das ...
-
- [S. 448]:
- ... Ihre armselige Uniformen verbergen gräßliche ...
- ... Ihre armseligen Uniformen verbergen gräßliche ...
-
- [S. 460]:
- ... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengegedrängt ...
- ... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrängt ...
-
- [S. 472]:
- ... spielen Trauerweisen, Bataillone von Soldaten, Battaillone ...
- ... spielen Trauerweisen, Bataillone von Soldaten, Bataillone ...
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der 9. November, by Bernhard Kellermann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER 9. NOVEMBER ***
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-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
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-Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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