diff options
Diffstat (limited to '43333-8.txt')
| -rw-r--r-- | 43333-8.txt | 18261 |
1 files changed, 0 insertions, 18261 deletions
diff --git a/43333-8.txt b/43333-8.txt deleted file mode 100644 index 0aedf56..0000000 --- a/43333-8.txt +++ /dev/null @@ -1,18261 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Der 9. November, by Bernhard Kellermann - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Der 9. November - -Author: Bernhard Kellermann - -Release Date: July 28, 2013 [EBook #43333] -[Last updated: March 2, 2016] - -Language: German - - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER 9. NOVEMBER *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - - - - Der 9. November - - - Roman - von - Bernhard Kellermann - - - - - - - - 1922 - S. Fischer / Verlag / Berlin - - - - - 42. bis 51. Auflage - Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung - Copyright 1920 by S. Fischer, Verlag, Berlin - - - - - - -Erster Teil - - - - -Erstes Buch - - -1 - -Einige Ordonnanzen, die die Treppe emporeilten, blieben plötzlich wie -angewurzelt stehen, ein junger ordenglitzernder Hauptmann mit rosigen -Wangen, eben im Begriff sich zu schneuzen, verbarg in äußerster Hast das -Taschentuch, und nur einem Drillichkittel gelang es noch im letzten -Augenblick, in die Portierloge zu entkommen: oben auf der Treppe -leuchtete der hellrote Mantelaufschlag eines Generals. - -Mit breitem Steingesicht, den Blick verborgen in den grauen Augenhöhlen, -die massige Gestalt von schweren Gedanken eingehüllt, stieg der General -v. Hecht-Babenberg langsam und ohne jede Eile die breite Granittreppe -zum Foyer hinab. Die Augen der angewurzelten Ordonnanzen folgten -ruckweise jedem seiner Schritte, der junge ordenglitzernde Hauptmann mit -den rosigen Wangen erstarrte in seiner Verbeugung. - -Der General nahm nicht die geringste Notiz von ihnen. Ganz Kälte, ganz -Würde, ganz Sammlung schritt er zwischen ihnen hindurch. Seine -Lackstiefel blitzten, und ein feiner Parfümgeruch blieb hinter ihm -zurück. - -In diesem Augenblick stürzte der Portier aus seiner Loge und überreichte -dem General einen Brief. - -»Soeben abgegeben, Euer Exzellenz!« - -Zögernd trat der General unter die Bogenlampe, die aus der Decke des -Foyers herabhing. Der Umschlag des Briefes, dünn, ein ungewöhnliches, -giftiges Hellgrün, mißfiel, die Schrift. Er drehte den Brief mißtrauisch -zwischen den Fingerspitzen. Ganz offenbar empfand er es als eine -Verletzung der Achtung, die man seinem Range schuldete, ihm einen Brief -von derart geschmackloser, ja unangenehmer Färbung zu senden. Die Stirn -zuckte. Ohne Absender, eilt, persönlich -- - -Dann aber fuhr er entschlossen in den Pelz, unter den hellroten -Aufschlag, und holte den goldenen Kneifer hervor. Eine feine Ziegelröte -überzog langsam das breite Steingesicht, den Hals, der aus dem -gestickten Kragen hervorquoll, das knorpelige, große Ohr -- er faltete -den Brief zusammen und schob ihn unwillig in die Manteltasche. - -»Wer hat den Brief --?« - -»Ein Herr, ein älterer Mann -- soeben --«, stammelte der Portier und -schwankte bestürzt auf den dünnen Beinen. - -Der Portier, ein alter Mann, Veteran von 1870, allerlei Münzen und -Medaillen auf der Brust, kannte seine Leute. Schon an der Art, wie -Exzellenz den Brief zwischen den Fingerspitzen drehte, hatte er erkannt, -daß Exzellenz ungehalten waren. Aber dieser ältere Herr hatte solange -auf ihn eingeredet -- sein einziger Sohn -- eine Audienz, hm -- sogar -eine Zigarre -- und schließlich war es ja nur ein Brief, richtig -adressiert, wie täglich Dutzende in seiner Loge abgegeben wurden. - -»Ein älterer, etwas kleiner Herr, Euer Exzellenz. Vor zehn Minuten. Er -ist schon öfter hier gewesen und fragte nach Euer Exzellenz.« - -»Öfter hier gewesen?« - -»Ja, schon einigemal -- und -- ah, ah: da ist er ja -- an der Türe!« -rief der Portier plötzlich erleichtert aus. - -Ein kleines Gesicht von glänzender, stahlblauer Blässe, wie blauer -Schnee, hatte sich in diesem Augenblick der Scheibe der Türe genähert, -vorsichtig, spähend. Eine Larve eigentlich, kein Gesicht, eine -faustgroße Larve mit Gramfurchen und blinkenden Augen. - -Der General drehte den Kopf -- aber sofort prallte das kleine blaue -Gesicht wieder von der Scheibe zurück. Ein steifer Hut, ein Havelock -verschwanden in der tiefblauen Dämmerung. - -»Da -- nun läuft er.« Der Portier murmelte ärgerlich vor sich hin und -warf das Gewicht seines hageren Körpers gegen die schwere Türe. »Und mir -macht er Scherereien. So sind sie!« - -Ganz Kälte, ganz Würde und Sammlung schritt der General die Granitstufen -hinab, ohne einen Blick auf die Straße zu werfen. Ungeduldig surrte der -Motor der grauen Limousine. - -Der Wagenschlag klappte, der Portier machte seinen gewohnten tiefen -Bückling, und die Limousine flog dahin. - - * * * * * - -Der General vergrub das Kinn in den Pelz. - -»Dieser Schurke!« dachte er und das Steingesicht zitterte. »Aber es -sieht ihm ähnlich!« - -Die Augen in den tiefen Höhlen sprangen auf -- hier im dunkeln Wagen, wo -aufdringliche Blicke ihn nicht belauerten, konnte er getrost die Augen -öffnen -- es waren helle, große Augen, geschliffene Linsen. - -An der Ecke des großen roten Amtsgebäudes stand der kleine ältere Herr -im Havelock und zog den steifen Hut, als der Wagen des Generals -vorüberjagte. Sein Gesicht, blau wie Schnee, leuchtete, und auch seine -Glatze leuchtete blau. - -Tiefblau und glänzend wie Stahl sank die Dämmerung des nassen Wintertags -über Berlin. Die Scheiben des Autos glänzten, irgend etwas glitzerte -hoheitsvoll im Innern --. Da verschlang eine stickige Rauchwolke den -Wagen. Augenblicklich aber betrat der Mann im Havelock den Fahrdamm und -folgte dem Auto des Generals mit kleinen eiligen Schritten, als ob er es -einholen wolle. - -Die Limousine flog durch die dämmerigen Straßen und überspülte die -Fußgänger mit einer Welle von Schneewasser und Schmutz. In dem -Luftwirbel zwischen den hinterm Pneus tanzten schmutzige welke Blätter, -die aus dem Tiergarten herübergeweht worden waren, und ein -Zeitungsblatt, das ein Passant, in der Eile sein Leben in Sicherheit zu -bringen, verlor, rollte rasend hinterher. Bei den Kurven pflügten die -Hinterreifen breite Schlittenspuren in den klebrigen Schmutz. Die Hupe -dröhnte, die Marspfeife trillerte. Achtung! - -Die flüchtenden Fußgänger erblickten nichts als einen Pelz, eine Mütze -und, wenn sie Glück hatten, das leuchtende Rot des Mantelaufschlags. Ein -General! Einer von jenen Auserwählten, die die Schlachten schlagen, von -denen die Heeresberichte melden. Die Verwünschungen erstarben auf den -Lippen. Eine Ehre, sozusagen eine Ehre, beinahe vom Auto eines Generals -überfahren worden zu sein! - -Ecke Wilhelmstraße kroch ein Krüppel in Feldgrau durch den -Straßenschmutz, und die Limousine hätte ihn beinahe in Stücke gerissen. -Dieser Krüppel schleppte sich an zwei niedrigen Krücken dahin. Sein -Rückgrat war bis zur Erde gekrümmt und das zwischen den Krücken hängende -Gesicht streifte nahezu den Schmutz der Straße. Er bewegte sich nur -langsam vorwärts, indem er Krückstock vor Krückstock setzte, er ging auf -den Knien und schleifte die verstümmelten Fußstumpen hinter sich her. -Wie ein Hund, dem man die Sehnen der Hinterbeine durchschnitten, schob -er sich dahin. Während er aber vorwärts kroch, wurde sein ganzer Körper -von einem ununterbrochen entsetzenerregenden Zittern geschüttelt. - -»Sieh dich vor!« schrie der Chauffeur und bog in der letzten Sekunde -aus. - -Der Kopf des Krüppels schnellte zwischen die Schultern zurück, und die -mit schweren Nägeln beschlagenen Pneus der Limousine überspülten ihn mit -einer Woge von Schmutz. Er blieb auf schwankenden Krückstöcken mitten in -der Wilhelmstraße zurück, und als es ihm gelungen war, das von ewigen -Zuckungen geschüttelte Gesicht zu heben, bog die graue Limousine bereits -in die Linden ein. - -Eine Flut von hüpfenden Regenschirmen, blendende Pfützen, zwei -stahlblaue Omnibusschimmel, ein Schutzmann und wieder eine Flut von -hüpfenden Regenschirmen. Eine Stockung. Der Wagen zitterte von den -wütenden Schlägen des gedrosselten Motors. - -Die Augen des Generals glitten über die hüpfenden Regenschirme dahin, -über die eilenden Schattenwesen mit blauen Gesichtern und blauen Händen --- gelangweilt, gleichgültig, ohne Anteilnahme. Obwohl nur getrennt von -diesen Wesen durch eine Glasscheibe, waren sie für den General -weltenweit entfernt, weltenweit -- diese Menschen mit Regenschirmen, -Gummischuhen, Mänteln, Bärten, Brillen . . . Sie erschienen -gewissermaßen unwirklich! Sie waren Chaos, Masse -- gärend von -sonderbaren, eigenwilligen Gedanken und unnützen, gefährlichen Trieben. -Sinnlos ihr Tun, unverständlich. Ohne Ideale, hohe Ziele, Hunger, -Sinnendurst, Geld -- ohne Zweck und Sinn. Unverständlich. Nichts als -rohe Masse, die die Berufenen willkürlich formten, das große Reservoir, -aus dem die Erkorenen schöpften nach ihrem Gutdünken. - -Die Welt des Generals war bevölkert von Wesen, die in Uniformen -gekleidet waren und mit einer Salve ins Grab gelegt wurden. Diese Wesen -bewegten sich nach bestimmten unverrückbaren Gesetzen. Sie kamen in -breiten langen Kolonnen einher wie die Brandung des Meeres, oder sie -standen still in Reih und Glied, zu Tausenden gestaffelt, wie aus Stein. -Ein Gebirge. Sie waren ohne eigenes Leben, ohne eigene Gedanken, ohne -Namen, ohne Gesichter, ohne Seele, von wenigen Auserwählten in Bewegung -gesetzt und mit Leben und Geist erfüllt. Sie waren mit einem Wort -Soldaten, Werkzeug in der Hand der Starken dieser Erde, die das Rad der -Weltgeschichte bewegten. Zuweilen fluteten unübersehbare Heerscharen, -alle im gleichen Schritt, durch seinen Kopf. Armeekorps, die wie ein -Bataillon in fehlerloser Geschlossenheit schwenkten, nach rechts, nach -links, um zu erstarren, wenn die Gedanken des Generals es wollten. -Zuweilen sah der General die ganze Erde davon erfüllt. Ungeheure -Menschenwellen wälzten sich quer durch Europa und ergossen sich in der -Breite des Urals in die endlosen Steppen Sibiriens. Eine Blutwelle in -den Gehirnwindungen des Generals ließ sie auferstehen und versinken -. . . - -Weiter! Die Gänge krachten, und wieder flog die Limousine dahin. -Hagelkörner prasselten gegen die Scheiben. - - * * * * * - -Dieser Schurke! dachte der General und rückte sich in der Ecke des -wiegenden Wagens zurecht. - -Durch einen Zufall -- übrigens einen merkwürdigen, fast lächerlichen -Zufall -- hatte er heute erfahren, daß eine Vermutung, die er schon seit -langer Zeit hegte, begründet war. Jener -- nun eben jener »Schurke«, wie -er ihn in Gedanken nannte -- der in der Umgebung der höchsten -Persönlichkeiten weilte, das Ohr der allerhöchsten Persönlichkeiten -besaß, jener Schurke hatte ihn auf das »tote Geleise« geschoben. Höchst -einfach! Und so erklärte sich alles, ja. - -Vor einem halben Jahr etwa hatte man dem Generalleutnant v. -Hecht-Babenberg, achtundfünfzig Jahre alt, plötzlich, ohne jede -Begründung, ohne jede Warnung, sein Frontkommando genommen und ihn zur -Bureauarbeit nach Berlin abkommandiert -- während draußen, wie er zu -sagen pflegte, die Kanonen Europa in Fetzen schossen und eine neue Welt -aus dem Blutmeer emporstieg. - -Unerklärlich, unfaßbar. - -Jüngere als er machten nun -- auch das ist ein Ausdruck des Generals -- -Weltgeschichte. Unbekannte, aus unbekannten Geschlechtern stiegen in die -Höhe. Es war die Zeit, um nicht zu sagen, Konjunktur, in die Höhe zu -steigen. Und wie viele unfähige Narren kannte er (der General liebte -starke Ausdrücke), Narren, die nicht imstande waren, ein Regiment durch -das Brandenburger Tor zu dirigieren, und die heute, gestützt auf -ausgesuchte Stäbe, Armeekorps führten. Er konnte, wenn man es wünschte, -ihre Namen nennen! Erst vor kurzem hatte einer seiner Bekannten, seiner -früheren Bekannten, besser gesagt, dreihundert Kanonen verloren -- um -daraufhin Gouverneur eines besetzten Landes zu werden. Es kam nur darauf -an, gute Freunde zu haben. Das war das ganze Geheimnis, nichts sonst. Er -hatte gegen die Russen eine Division geführt vor -- wie lange war es -doch her? -- vor drei Jahren und sich das persönliche Lob seines -Allerhöchsten Kriegsherrn erworben. Im Westen dagegen hatten seine -Ansichten mit denen der Obersten Führung nicht immer übereingestimmt. -Bei einem plötzlichen Angriff der Franzosen hatte er die Ansicht -vertreten, zu halten, koste es, was es wolle, während man »hinten«, wo -man alles besser wußte, der Meinung war, auszubiegen. Er hatte -allerdings etwas liegenlassen -- aber schließlich, was kam es auf diese -relativ geringfügigen Verluste und ein paar Minenwerfer an? - -Es war nichts -- man bedenke: im Vergleich zu dreihundert Geschützen! -Nichts -- - -Er würde heute, denn er konnte nicht gegen seine Überzeugung handeln, er -würde heute genau so verfahren, auf Ehre und Gewissen! In seinem -Abschnitt befand sich eine Höhe, die Höhe von Quatre vents, und es war -nur natürlich, daß er diese für den ganzen Abschnitt, ja für einen -großen Frontsektor wichtige Höhe nicht ohne weiteres preisgab. Dreimal -gab er Befehl, Quatre vents zu halten, koste es, was es wolle. Erst als -die Höhe vom Gegner flankiert war, gab er den Befehl zum Rückzug. Die -Loslösung glückte dann allerdings nicht ganz, zugestanden. - -Ein alltäglicher Vorfall -- ohne jede Bedeutung. - -Niemand würde -- - -Es war augenscheinlich: irgend jemand mußte die Hand im Spiel haben -- -irgend jemand, der ihm übel wollte. - -Er -- der das Ohr der höchsten Persönlichkeiten hatte --, jener -»Schurke«, mit einem Wort. - -Das Steingesicht geriet in Erschütterung: vor mehr als dreißig Jahren -- - -Aber plötzlich hielt das Auto. Es stand vor einem hellerleuchteten -Blumengeschäft. Der General erwachte. Ein Verkäufer schleppte soeben ein -Blumenarrangement, einen schweren Korb mit Maiglöckchen, an den Wagen. - -»Hierher!« rief der General und pochte an die Scheibe. Nässe und Kälte -kamen mit herein. Augenblicklich begannen die Blumen Duft und Frische -auszuatmen. - -»Lessingallee!« - -Die Limousine flog dem Westen Berlins zu. Die Federn knirschten. Bald -hielt der Chauffeur warnend die Rechte, bald die Linke hinaus -- die -Pfeife trillerte -- Schnelligkeit ist die Losung des Generals -- - --- vor mehr als dreißig Jahren, hatte er, der General, ihm, eben jenem -einflußreichen Würdenträger, einen Streich gespielt, und damit hatte die -Animosität, um nicht Feindschaft zu sagen, ihren Anfang genommen. - -Es war auf einem Ball bei Baron Kreß. Eine junge Dame spielte eine Rolle -dabei, und damals war er, der General, der beste Tänzer in Berlin. -Damals wartete, gegen Morgen, ein Wagen vor der Treppe des Kreßschen -Palais. Eine Dame springt die Treppe herunter. Sie hat den Pelz eilig um -die Schultern geworfen. »Um Gottes willen,« ruft sie, »er hat mich -beobachtet, schnell.« Schon rollt der Wagen davon. Der Pelz ist von den -Schultern der schönen Dame gefallen, und er, der General, sagt: »Sie -werden frieren, meine Gnädigste!« Und er hüllt sie wie ein Kind in den -Mantel. Sie trägt eine ganz dünne Robe, und es kommt ihm vor, als ob sie -völlig nackt im Pelz stäke. Deutlich erinnert er sich dessen. Und er -erinnert sich, daß dieselbe Dame seinen Rivalen rachsüchtig genannt -habe, hüten Sie sich, er ist rachsüchtig! Welcher Instinkt, diese -Frauen! Und sie war fast noch ein Kind. - -Vor dreißig Jahren -- - -Hätte er damals ahnen können, daß sein Nebenbuhler sich einst bis zur -höchsten Stellung emporschwingen sollte! Vielleicht wäre er immerhin -etwas vorsichtiger gewesen, wer weiß es? Nicht ohne Grund hatte er -seinen Söhnen immer eingeschärft: Freunde zu werben. Freunde, schon in -der Kadettenanstalt. Denn Freunde waren im späteren Leben -- alles. -Nicht die Begabung -- welche Albernheit -- die Beziehungen waren alles. - -Plötzlich sieht der General die junge Dame vor sich im Wagen, als sei es -gestern gewesen. Jahrelang waren ihre Züge in ihm erloschen. Sie ist -gepudert und trägt ein Schönheitspflästerchen am Kinn. Ihre Augen sind -warm und leuchten eigentümlich aus der Tiefe. - -Diese junge Dame mit dem Schönheitspflästerchen, die er seinerzeit aus -dem Ballsaal entführte, wurde seine Frau. - -Lange, lange Zeit -- - -Der General öffnet den Mund und ringt nach Luft. - - * * * * * - -Aus dem hellerleuchteten Entree der roten Backsteinvilla, ganz mit Efeu -bewachsen, stürzt ein Diener in zebragestreiftem Kittel und öffnet den -Wagenschlag. - -»Herr General!« - -»Herr General?« - -Der General erhebt sich. Mit steifen Gliedern, den Rücken etwas gebeugt, -steigt er aus dem Wagen. - -»Frau v. Dönhoff empfängt?« - -»Gnädige Frau empfangen, obwohl gnädige Frau die Grippe hat.« - -»Wird es lange dauern, Petersen?« fragt der Chauffeur den Zebrakittel. -»Was ist denn los bei euch?« - -»Geburtstag. Die Gnädige hat Geburtstag.« Und der Zebrakittel eilt, den -Korb mit den Maiglöckchen auf den Armen, rasch in das hellerleuchtete -Entree, um Exzellenz beim Ausziehen des Mantels behilflich zu sein. - - -2 - -Frau v. Dönhoff -- die Dame der roten, mit Efeu bewachsenen -Backsteinvilla in der Lessingallee, dicht am Tiergarten, war eine -Blondine, nicht mehr in der ersten Jugend, von ihren intimen Bekannten -die schöne Dora genannt. - -Sie war mittelgroß, die schöne Dora, etwas üppig, kleine, zierliche -Füße, kleine, zierliche Händchen mit spitzen Fingern, große strahlende -Augen von herrlich leuchtendem, seltenem Blau -- der berühmte -Schriftsteller, der in ihrem Hause verkehrte, hatte die Farbe mit dem -Blau des Gebirgsenzians verglichen -- ein Paar reizender Grübchen, runde -rote Lippen -- ah, und Zähne -- schneeweiß! Sie lachte immer und bei -jeder Gelegenheit, das Lachen setzte ganz unvermittelt ein, sie lachte -in Skalen und Trillern, ein Geklingel war ihr Lachen. Es riß mit fort. -Und immer, schon im Bett am Morgen, hielt sie eine dicke Zigarette -zwischen den spitzen Fingern und qualmte. Sie rauchte auch auf der -Straße, während sie Butzi, einen belgischen Griffon, an die frische Luft -brachte. Das war die schöne Dora. - -Etwas umschwebte sie. Ein Glanz, ein Abglanz. Der Abglanz einer -Freundschaft, die sie vor ihrer Heirat mit einer Königlichen Hoheit -verbunden hatte. Dieser Abglanz war immer gegenwärtig. Hatte die -Königliche Hoheit wirklich diese schlanken ringgeschmückten Finger an -die Lippen gedrückt? Diese Grübchen bewundert, sich an diesem Lachen -erfrischt, diesen weichen, verschwenderisch reichen blonden Haarschopf -liebkost? Ruhten die Augen der Königlichen Hoheit auf diesen Schultern? -Immer, immer war Dora von diesem Abglanz umschwebt. Die Sonne war -untergegangen -- aber der Glanz lag noch in der Luft. - -Nunmehr war die Königliche Hoheit längst verheiratet, hatte drei Kinder. - -Dora aber hatte -- danach -- einen Freund der Königlichen Hoheit -geheiratet, den Hauptmann v. Dönhoff, einer der ersten Herrenreiter -Deutschlands, professioneller Schürzenjäger und Spieler, der in -kürzester Zeit zwei Vermögen durchbrachte, auch Doras Vermögen. Eines -Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-à-vis de rien! - -Mit einem Wort: dieser Hauptmann Dönhoff entpuppte sich als ein Lump -ersten Ranges, er betrog Dora schon am Hochzeitstage, so unglaublich es -klingt, und sie gab ihm nach kurzer Zeit den Laufpaß. Schon vor dem -Kriege trennte sie sich von ihm. Gegenwärtig lebte sie in Scheidung -- -oder war sie schon geschieden? Niemand wußte es, der Krieg hatte das -Interesse an den armseligen privaten Schicksalen in den Hintergrund -gedrängt. - -Der Herrenreiter und Spieler war Artillerist und lebte gegenwärtig bei -seiner Batterie im Westen -- irgendwo. Er ergraute bei seinen Kanonen, -in den Waldschluchten des Argonner Waldes oder in den Kalkhügeln der -Lausechampagne, sein Gesicht wurde gelb, pergamenten. Die Welt hatte ihn -vergessen, seine Damen -- nur die Gegenwart hat Macht. Ein einziges Mal -war er während des Krieges in Berlin aufgetaucht, ohne Dora zu besuchen, -es gab sofort wieder Skandal, eine Dame, ein Offizier -- immer die -gleiche Geschichte. Und er ergraute weiter bei seinen Kanonen. Seine -Schläfen waren schon ganz weiß. Zuweilen schrieb Dora an ihn, zuweilen -kam auch ein Brief aus dem Felde, und Petersen, der Diener, zeigte ihn -Frida, der Zofe, und flüsterte: »Von ihm!« - -Also, das war Dora und ihre Lebensgeschichte, in flüchtigen Linien -natürlich nur, und heute hatte sie die Grippe. - -Doras Haus war eine alte Villa, verbaut und immer wieder umgebaut, mit -Sälen und Zimmern, Nischen, Erkern, Korridoren, großen und kleinen -Treppen und Treppchen. Niemand, der nicht hier lange verkehrte, fand -sich zurecht. Dora hatte das ganze Haus in ein Teppichmagazin -verwandelt. Es gab keinen Quadratmeter, der nicht mit einem Teppich -belegt war. Es gab im Dönhoffschen Hause sogar etwas, was es nur selten -in Berlin gab, nämlich einen Raum, der ein vollkommenes Zelt war. Eine -Art arabisches Zelt, ganz aus Teppichen ausgebaut. Infolge der vielen -Teppiche roch es im Dönhoffschen Hause eigentümlich nach Staub. Dazu -hatte Dora das ganze Haus mit antiken Möbeln vollgestopft, Möbeln aller -Stilarten, mit Säulen aus Kirchen und grellbemalten oder vergoldeten -Heiligenfiguren. Alle Tische, Kommoden und Gesimse waren mit kleinen -Kostbarkeiten aller Art, mit Leuchtern, Schnitzereien, Waffen, -Miniaturen, Dosen derartig übersät, daß es unmöglich war, auch nur ein -Paar Handschuhe abzulegen, ohne irgendeine Kostbarkeit in Gefahr zu -bringen. Es war unmöglich, alle diese Dosen, Schnitzereien, Waffen und -Heiligen abzustauben. Und so sammelte sich immer mehr Staub an. An das -arabische Zelt stieß das Speisezimmer, ein riesiger Raum mit einer -Empore, zu der eine steile Rokokotreppe, gelb und rot bemalt, -emporführte. Dieser Raum war zurzeit schwer heizbar und beständig -strömte ein kalter Luftzug in das arabische Zelt hinein. Doras Haus -hatte aber noch eine Eigentümlichkeit: das waren die Lampen. Es gab kein -Haus in ganz Berlin, das so viele Beleuchtungskörper aufwies. Blaue, -grüne, gelbe, rote Ampeln, alle von ganz besonders erlesener Färbung, -Kronleuchter mit Dutzenden von Flammen, schwere Messingkronen mit halb -heruntergebrannten dicken Wachskerzen. Das arabische Zelt selbst wurde -durch eine polnische Synagogenampel beleuchtet. Es war ein -opalisierendes, bläuliches Licht, der Farbe von Zigarettenrauch ähnlich. -In der Ecke des arabischen Zeltes aber stand noch eine riesige -purpurrote Lampe, die auf eine vergoldete Barocksäule aus irgendeiner -Kirche montiert war. Neben dieser roten Lampe saß gewöhnlich Dora, sie -strahlte dann wie glühender Alabaster, während die andern wie Leichen -aussahen. Sie verstand ihre Sache. - -Zwischen diesen Teppichen und Lampen, sonderbaren Heiligen und -tausenderlei Krimskrams bewegte sich Dora, mit ihrem blonden Haarschopf, -ihren Grübchen und dem Glanz, der sie umschwebte. Niemand hatte Dora -jemals in schlechter Laune gesehen. Ihr Benehmen war immer gleich. -Jedermann fühlte sich wohl bei ihr. - -Nicht zu vergessen auch Doras Badezimmer, eine Sehenswürdigkeit -- ein -richtiges Treibhaus. - - * * * * * - -Sobald der General die rote Backsteinvilla betrat, kam das Steingesicht -in Erschütterung. - -Der General gehörte zu den Intimen des Hauses. Zweimal in der Woche, -Dienstag und Freitag, pflegte er bei Dora zu Abend zu speisen. Ohne -andere Gäste. - -Der Stein verwitterte im Lichte der Garderobenampel, er verwandelte sich -in Haut, in die Haut eines Menschen, der ewig von Zimmerluft umgeben -ist, und der -- vielleicht, nur eine Vermutung -- an beginnender -Sklerose der Arterien leidet. Die starre Leblosigkeit des Gesichts löste -sich. Es zeigte sich sogar, seht an, eine Spur von Farbe auf den breiten -Wangen, ein rötliches Violett, von feinem Geäder herrührend. Die ernsten -Gedanken, die den General einhüllten, zerflatterten, der etwas massige, -schwerbewegliche Körper schien elastisch und verjüngt. - -Es scheint ja nicht so schlimm zu sein, mit der Grippe, dachte er, als -Doras Lachen in die Garderobe drang. - -Die geschliffenen Linsen der Feldherrnaugen ruhten sogar einen -Augenblick leutselig auf dem Diener. Etwas Außergewöhnliches, denn der -General pflegte seine Mitmenschen nie anzusehen. -- Dann widmeten sie -sich mit rein menschlichem Interesse dem Studium einiger Gummischuhe, -die in der Garderobe standen. - -»Sind auch -- Damen hier, Petersen --?« - -»Frau Major Sterne-Dönhoff mit Töchtern.« - -Nichts haßte der General mehr als Ansammlungen von Menschen, mochten sie -groß oder klein sein; nichts fürchtete er mehr als Überraschungen -- es -war ja möglich, daß man ihm, ohne jede Vorbereitung, ixbeliebige -Menschen präsentierte, wie es ihm schon passiert war. So neulich bei -einem Militärattaché, wo unerwartet der Redakteur einer sehr -linksstehenden liberalen Tageszeitung auftauchte, ganz zu schweigen von -jenem Herrenabend bei Exzellenz v. Krämer, wo ein sehr orientalisch -aussehender Chirurg anwesend war, eine Berühmtheit, getauft -- aber -trotzdem. Er wünschte zu wissen, wer anwesend sein würde -- bei Dora -allerdings, wo er zweimal in der Woche zu Abend speiste -- machte er -eine Ausnahme. Er kannte Doras Kreis, nahezu wenigstens, und nur -zuweilen traf er hier irgendeinen Maler oder Schriftsteller, auf deren -Bekanntschaft er allerdings wenig Wert legte, um offen zu sein. Das war -indessen nicht zu ändern: Dora selbst war eine Art Künstlernatur. - -Der General strich den grauen Scheitel mit der Bürste zurecht, glättete -den dünnen grauen Schnurrbart, prüfte die Hände . . . - -Der General war das Bild der Akkuratesse selbst. Alles leuchtete und -glänzte an ihm, die Stiefel, die roten Streifen der Hosen, die -Ordensauszeichnungen, die langen polierten Fingernägel -- nur die Haut -des Gesichts war, wie gesagt, stumpf, von der Zimmerluft beschlagen. So, -genau so hatte er ausgesehen, als er sich in Polen mit den Russen schlug --- in Frankreich, wo er in einem Chateau wohnte, war es ja schließlich -kein Kunststück. Er hatte sofort ein Bad einbauen lassen, das war das -erste gewesen, die Wanne wurde mit dem Auto aus Frankfurt geholt. - -Ohne jede Übertreibung, der General war noch heute eine stattliche -Erscheinung. - -Auch einige Offiziersmützen, drei im ganzen, hingen da. Er erkannte die -Seidenmütze seines Sohnes Otto, die eine ganz besondere Form hatte. -Offenbar machte er seinen Abschiedsbesuch; er mußte morgen wieder ins -Feld. Falten erschienen auf der breiten Stirn des Generals, verschwanden -aber sofort wieder. Er liebte es nicht, Otto oder Ruth, seine Tochter, -in Gesellschaft zu treffen. Er kam sich beobachtet vor, sie störten, mit -einem Wort. - -»Die Herrschaften sind im Zelt, Herr General.« - -»Schön« -- aber der General hielt den Schritt an und zog die Brauen in -die Höhe -- »eine Bürste, Petersen.« Der General hatte tatsächlich ein -Härchen auf seinem Ärmel entdeckt. - -»Es ist von Butzi, Herr General -- das ganze Haus ist voll von seinen -Haaren --« - -»Wie soll es denn von Butzi sein? Dann müßte es ja seit Dienstag -- -nein, das ist unmöglich, Petersen.« - -»Vielleicht war es im Mantel? Überall sind diese Haare --!« - -Petersen öffnete die Türe zu einem Vorzimmer. Hier brannte eine einsame, -hohe Wachskerze, zu Füßen eines verlassenen steingrauen Heiligen mit -zinnoberrotem Rock, der in Verzückung ein Buch schwang. Hierauf schlug -Petersen den Teppich zurück. - -Der Rücken des Generals, etwas zusammengesunken während der Unterhaltung -mit Petersen -- ob das Haar von Butzi stammte oder nicht -- straffte -sich. - -»-- sollten sich aber wirklich schonen. Zum Beispiel, das Rauchen --« - -»-- es ist ja gar nicht die Grippe.« - -»-- täglich sterben Hunderte --« - -Dora lachte: »Sie wollen mir Mut machen, Otto!« - -Und Petersen schlug den zweiten, gelbseidenen Vorhang zurück. - -Augenblicklich stürzte der belgische Griffon kläffend heraus. (Er war -mit Exzellenz verfeindet!) - -Die Offiziere schnellten von ihren Sesseln empor. - - * * * * * - -Dora trug die kleinen mattgelben Perlen in den Ohren, nicht die Boutons, -die von früher stammten! Der General sah es auf den ersten Blick. - -Mit aufgehellter Miene, soweit sie sich aufhellen konnte, trat er ein. -Selbst seine Augen verloren ihre Strenge, aber sie blieben trotzdem -- -kalt. - -Dora glühte im Schein der großen Purpurlampe, ihre Arme und Hände -leuchteten wie Korallen, und in ihrem durchsichtigen feinen Ohr -schimmerten in der Tat kleine gelbe Perlen. Aus dem Halbdämmer des -Zeltes hoben sich die drei schwarzgekleideten Damen Sterne-Dönhoff, -schmal, steif, todernst. (Major Sterne-Dönhoff war vor einem halben Jahr -gefallen.) Aus einem Spiegel funkelten bleiche Gesichter, fahl im -Scheine der blauen Ampel. Diese Gesichter verwirrten den General, so daß -er seine Gratulation etwas steifer und förmlicher vorbrachte, als er es -wünschte. - -Erst jetzt bemerkte er, daß Hauptmann Wunderlich, einer der drei -anwesenden Offiziere, ein Freund des Dönhoffschen Hauses, noch immer -stand. Er hielt sich an den Lehnen des Sessels aufrecht, denn er war -lahm geschossen und ging an Krücken. - -Erst jetzt bemerkte er die zarte, ätherische Dame mit dem langen -Gesicht, die Kinn und Näschen in den Muff drückte, neben Dora saß sie -auf dem Diwan -- ah, welche Überraschung, welch freudige und ungeahnte -Überraschung! - -»Es ist in der Tat kein Scherz, gnädige Frau, mit dieser Grippe --« - -»Ich hörte es von einem Krankenhausarzt -- einhundertvierzig Tote -gestern -- und wie gesagt, gar keine Grippe, sondern die Lungenpest --« - -»Man sagt es ja nur, man schwätzt --« - -»Derselbe Arzt versicherte es mir. Die Lungen sind völlig mit weißen -Bläschen bedeckt und vereitert.« - -»Es sind einfache Streptokokken.« - -»Ja, nun, Sie sagen einfache --« - -»Und Pest? Auch Pest ist nur ein Wort.« - -Vorlaut, immer ist dieser Junge vorlaut, dachte der General. - -Otto, der Sohn des Generals, sprach mit lauter, heller Stimme, die stets -etwas keck klang, selbst wenn er die harmlosesten Dinge sagte. Er sah -seinem Vater auffallend ähnlich. Groß, das gebräunte Gesicht breit und -brutal, die Augen hell und verwegen, aber voller Unruhe. An der Stirne, -dicht neben den blonden, glänzenden Schläfenhaaren, hatte er eine Narbe, -die von einem Kopfschuß herrührte, den er im Mai 1915 bei Ypern erhielt. -Damals lag er ein halbes Jahr im Lazarett -- aber so gering war die Eile -der internationalen Generalität, daß er sein Regiment im Herbst noch an -genau derselben Stelle vorfand, wo man ihn im Frühjahr weggetragen -hatte. Er saß mit einer gewissen Ungeniertheit (die dem General mißfiel) -im Sessel, frei und selbstgefällig, die Brust voller Auszeichnungen -- -im Gegensatz zum jungen Heinz Sterne-Dönhoff, der, ganz wie seine -Schwestern in Schwarz, bescheiden und steif dasaß. Dieser Heinz war noch -ein Knabe, schlank und zart, noch nicht neunzehn Jahre. Er trug Feldgrau -und -- seit heute -- das Abzeichen des Flugzeugführers. Er war indessen -noch nicht im Felde gewesen und lebte in der beständigen Angst, der -Krieg könnte zu Ende gehen, bevor die Reihe an ihn käme. Er hatte den -roten Mund eines Knaben, noch umschwebt vom Lächeln der Kindheit. -Unausgesetzt waren seine blauen, strahlenden Knabenaugen voller -Ehrfurcht auf den General gerichtet, auf seine Ordensschnalle, den -gestickten Kragen und das weiße große Emaillekreuz, das er am Kragen -trug. Was für ein Orden mochte es wohl sein? Seit dem Eintritt des -Generals öffnete er den Mund nicht mehr, die Nähe eines so hohen -Vorgesetzten bedrückte ihn. Er saß, bereit, jeden Augenblick -aufzuspringen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dem General -einen Dienst zu erweisen. - -Mit großen grauen, etwas düsteren Katzenaugen saß neben Dora Hauptmann -Wunderlich. Blaß und mager, sah er aus wie ein achtzehnjähriger -Gymnasiast, der über Nacht ergraut war. Er lächelte nie, und wenn er -- -selten, ganz selten -- einmal lächelte, so war es das Gespenst von einem -Lächeln, das niemand ertrug. Seine gleichmäßige Miene forderte indessen -auf, sich nicht im geringsten durch ihn stören zu lassen. Der Blick -seiner Augen glitt in die Ferne. Auch während er sprach, schien er zu -Leuten irgendwo in der Ferne zu reden und nicht zu den Anwesenden. An -seiner linken, mit einem goldenen Armband geschmückten Hand fehlten -einige Finger. - -Hinter seinem Sessel lehnten die Krücken, womit er sich, nur mit einem -Fuß den Boden berührend, wie eine Glocke dahinschwang. Hauptmann -Wunderlich war schon in den ersten Wochen des Krieges durch einen -schweren Brustschuß außer Gefecht gesetzt worden. Ein Jahr später wurden -ihm in Rußland beide Beine zerschmettert. Hierauf ging er zur -Fliegerwaffe über. Er war heute einer der bekanntesten Menschenjäger in -der Luft. Er wurde in die Maschine gehoben. - -Frau v. Sterne-Dönhoff mit ihren Töchtern, aus dem Halbdämmer sich -abhebend -- mit flachen Hüten, enganliegenden Kostümen, langen -Gesichtern, steif, still, langweilig. Nur selten warfen sie ein Wort in -die Unterhaltung. Sie trugen schwarze, sehr enge Glacéhandschuhe. - -Und jene andere Dame, die Ätherische, die Kinn und Nase in den Muff -drückte und neben Dora auf dem breiten Diwan saß, die spitzen Knie -hochgezogen? Jene Dame, über deren Besuch der General so erfreut und -überrascht war? - -Es war eine Gräfin Heller, soeben aus der Schweiz zurückgekommen. Gräfin -Heller war Spiritistin, Theosophin -- alles Dinge, die den General nicht -im geringsten interessierten. Sie war darüber hinaus die Schwester jenes --- eben jenes »Schurken«, wie ihn der General in Gedanken nannte. Jener -einflußreichen Persönlichkeit, deren Name in der Gesellschaft nur -flüsternd ausgesprochen wurde. Seine Majestät hat ihm höchst eigenhändig --- wissen Sie . . . Der General hatte nicht ahnen können, sie hier zu -treffen. Solche Zufälle gibt es! Aber vielleicht hatte Dora ihre Hand -dabei im Spiel? Dora, die mit ihrem künstlerischen Naturell auf -rätselhafte Weise die Gedanken ihrer Mitmenschen erriet und alles so -wunderbar zu arrangieren verstand? Wie? - -»Ich hatte in der Tat nicht vermutet, Gräfin, Sie heute zu sehen!« -wandte sich der General mit allen Zeichen der freudigen Überraschung, -die bei jeder Anrede neu auflebte, an sie. »Sie waren lange weg. Wie -gefällt es Ihnen wieder in Deutschland?« - -Gräfin Heller lächelte und schob Butzi ein Stückchen Torte zwischen die -scharfen, schneeweißen Zähnchen. »Ich finde es ent--setz--lich!« - -»Ah, ah!« - -»Ein Friedhof!« - -Der General lächelte nachsichtig. Bei einer Dame des hohen Adels, des -höchsten Adels, der Schwester einer solch hochgestellten Persönlichkeit, -mußte man wohl einige Wunderlichkeiten in Kauf nehmen -- noch dazu bei -einer Dame, die mit dem Geist Friedrichs des Großen in okkulter -Verbindung stand. - -In diesem Augenblick überbrachte Petersen ein Telegramm. Dora errötete, -als sie es öffnete. Es enthielt nur wenige Worte, wie man sehen konnte. - -Der General ahnte: es kommt aus dem Felde! - -Die Unterhaltung geriet ins Stocken. - - -3 - -In der Tat, das Telegramm -- das Dora lässig zusammenfaltete und in eine -kleine japanische Lackschale legte -- kam aus dem Felde. Hauptmann -Dönhoff hatte es heute morgen abgeschickt, und eben jetzt dachte er, ob -das Telegramm wohl schon angekommen sei. Beinahe nämlich hätte er Doras -Geburtstag vergessen. Erst in der Nacht, als er durch einen -dumpfkrachenden Einschlag geweckt wurde, war es ihm eingefallen und er -hatte sich sofort eine Notiz gemacht. Sein Gedächtnis war im Laufe der -Kriegsjahre völlig geschwunden. - -Er saß mit seinem Adjutanten Kammerer in seinem Unterstand, zwei Meter -unter der Erde, mitten in den Finsternissen des Argonner Waldes. Eine -kleine Petroleumlampe, ein eiserner Ofen, der immer glühte, ein -Telephon, zwei Pritschen und allerlei Gerümpel, das war die Ausstattung. -Die Wände schwitzten von Nässe. Kammerer war eifrig damit beschäftigt, -seine kurze Stummelpfeife zu reinigen. Er bediente sich einer -Krähenfeder, die er -- da draußen -- gefunden hatte. Dönhoff, der -Batteriechef, tat gar nichts, er gähnte zuweilen, gähnte. Er war nicht -schläfrig, sondern nur müde, immerzu müde. - -In der Ferne brummte ein schweres Geschütz. Ganz deutlich war sein -tiefes mächtiges Raubtierknurren aus dem Lärm, dem Knacken und Donnern -der fernen und nahen Geschütze herauszuhören. - -Hauptmann Dönhoff hob horchend das gelbe Gesicht. - -»Hören Sie? Da ist er wieder!« - -Der junge Offizier blickte nicht auf, er war voller Andacht bei der -Arbeit. - -»Er schießt jetzt wieder öfter mit dem schweren Geschütz«, erwiderte er -leichthin. »Sie haben mehr Munition.« - -Die Erde zitterte, und ein lautes Krachen ertönte, Hauptmann Dönhoff -lachte belustigt. »Da, da,« sagte er, »er streut jetzt unsere Kuppe ab.« - -Kammerer antwortete hierauf nichts mehr. Er blies voller Anstrengung in -das verstopfte Pfeifenrohr. Der braune Tabaksaft quoll heraus, aber, der -Teufel, immer noch mußte etwas im Rohr stecken. - -»Sie sollten einen Draht nehmen, Kammerer.« - -»Es muß auch so gehen --« - -Wieder gähnte Hauptmann Dönhoff. Seine Zähne waren gelb und schlecht -gepflegt. - -Hier in diesem verfluchten Wald wurde man, mit Respekt zu sagen, langsam -zu einem Schwein. Über ein Jahr lag er mit seiner Batterie an der -gleichen Stelle. Neulich sah es so aus, als ob sie nach der Champagne -kommen sollten -- aber es war wieder nichts daraus geworden. Auch die -Champagne war kein Paradies, aber es gab wenigstens Licht dort -- hier -war es immer düster. - -Tag und Nacht hallte dieser finstere Wald wider von einem unheimlichen -Dröhnen und Rasseln, Lachen, Niesen und Husten. Tag und Nacht strichen -winselnde und klagende Stahlvögel über ihn dahin, und das Rasseln der -Maschinengewehre hämmerte hundertfach verstärkt in den Waldschluchten -- -bis plötzlich alle Lärme von einem einzigen großen Lärm sekundenlang -übertönt wurden. Gestern ist die Eiche vor dem Unterstand zersplittert, -heute stürzte eine hohe Tanne zu Boden. Die Splitter leuchten in der -Finsternis. Der Regen rauscht, Ströme von Lehm fließen die schmalen -Knüppelwege hinab, die die Soldaten durch das Dickicht geschlagen haben. -Zuweilen trifft man auch ein menschenähnliches Wesen, bis an die Augen -mit Lehm beschmiert. Zuweilen schleppen sich auch Trüppchen von -Gespenstern, mit blutigen Binden an Köpfen und Armen, die Knüppelwege -hinunter -- nein, pfui, der Wald ist kein Platz für einen Gentleman! - -Hauptmann Dönhoff denkt an Sonne -- an eine Wüste, in der Sonne, -flimmernd von Licht, zitternd, vibrierend vor Hitze. Es würde ihm direkt -Vergnügen machen, einmal tüchtig in der Sonne zu schwitzen. Und -plötzlich kommt ihm Dora in den Sinn. Das Telegramm mußte nun wohl da -sein. Langsam kriechen die Gedanken. - -»Kannten Sie nicht General v. Hecht-Babenberg, Kammerer?« - -»Welchen Babenberg?« - -»Nun, den, wissen Sie -- man hat ihn nach Hause geschickt --« - -»Nie gesehen. Weshalb fragen Sie?« - -»Ich dachte gerade an ihn -- nur so --« - -Was will er? dachte Dönhoff und erinnerte sich an das, was man ihm -berichtet hatte. Was beabsichtigt er? Dora? Erwachsene Kinder -- man -kann nie wissen. Dora drang darauf, daß er bald nach Berlin käme -- es -fehlte noch eine Unterschrift in der Urkunde -- gut, an ihm sollte es -nicht liegen. - -Kammerer strahlte. Plötzlich pfiff die Luft durch das Pfeifenrohr. »So, -das Kind hat Luft --« - -Das Telephon tutete. Die Beobachtung meldete, daß der Feind in der neuen -Sappe unverschämt arbeite. - -Schon trillert Kammerers Pfeife draußen im Wald. Die Geschütze der -Batterie Dönhoff sind über eine weite Strecke verteilt und erst zu -erkennen, als die dunkeln Rohre sich plötzlich bewegen. Hier im Wald ist -es schon ganz düster, aber draußen bei der Beobachtung sind im -Scherenfernrohr noch deutlich die Nebelgestalten zu unterscheiden, die -dicht am Waldrande bei Boureuille Erde aufwerfen. - -Da donnern auch schon die Geschütze. Wütend, mit kurzen harten Schlägen, -und das Echo rollt breit und drohend dahin. Die Petroleumlampe schwankt, -während Hauptmann Dönhoff müde die Augen schließt und gähnt. - -Nun rieselt es draußen im Wald wie Regen. Die welken Blätter, die noch -an den Bäumen hängen, fallen, von den Luftwirbeln losgerissen, zu Boden. - - * * * * * - -»Und Ruth? Wo ist Ruth?« fragte Gräfin Heller. »Weshalb ist sie nicht -gekommen?« - -»Sie hat immer mit ihrer Küche zu tun.« Ruth, die Tochter des Generals, -arbeitete in einer Mittelstandsküche, ehrenamtlich natürlich, nicht -gegen Bezahlung. - -»Ruth war heute vormittag bei mir«, warf Dora ein. - -Verführerisch war Doras Teetisch gedeckt, Blumen, Kuchen, Konfitüren. - -»Wann wird die Hochzeit sein?« Ruth war mit einem Baron Dietz, einem der -reichsten pommerschen Grundbesitzer, verlobt. Er war zurzeit in Bukarest -bei der Verwaltung. - -»Ich weiß es nicht«, erwiderte der General und schüttelte den Kopf. »Im -Sommer wahrscheinlich. Ruth hat Lust, bis zum Frieden zu warten, wie mir -scheint. Ich kümmere mich grundsätzlich nicht um die Angelegenheiten -meiner Kinder --« - -Butzi, einem alternden übellaunigen Löwen lächerlichen Formats ähnlich, -saß auf dem Schoß seiner Herrin und betrachtete aufmerksam, mit -nachdenklich gekräuselter Stirn den General, seinen Feind, dessen -blanken Stiefeln nahezukommen gefährlich war. - -Krieg, Nahrung, Politik -- in jeder Gesellschaft, sobald nur zwei -Menschen zusammentrafen, versank man rettungslos augenblicklich in das -gleiche Thema. Verzweifelte Anstrengungen, die Blicke glitten in die -Ferne, ein Lächeln versuchte die Mienen zu verklären -- gewiß, es gab -Himmel und Hölle im menschlichen Herzen, Engel und Teufel wandelten auf -der Erde, bestechend durch ihre Liebe und ihre Kraft, ewig -unergründliche Probleme bewegten unsichtbar die Jahrhunderte -- immer -noch flog die Sonne, ein Ball überhitzter Gase, samt ihren winzigen -Planeten mit der Geschwindigkeit von zwanzigtausend Sekundenmetern, -unfaßbar, dem Sternbild der Leier zu -- immer noch war das Einfachste -nicht ergründet, die Vergangenheit rätselhaft, die Zukunft -undurchdringlich, die Gegenwart unbegreiflich, immer noch schaukelte der -Mensch, ein Atom, nicht einmal ein Atom, über den Abgründen der -Mysterien, voller Entsetzen, voller Hoffen -- immer noch war alles -geheimnisvoll, unfaßbar. Noch immer versank der Mensch jede Nacht in -einen erschreckenden Zustand der Bewußtlosigkeit. Noch immer war die -Liebe, die mütterliche, unbegreifliche, offenbart im winzigen Insekt, in -Doras Lachen und selbst in den ernsten Gesichtern der Damen -Sterne-Dönhoff -- noch immer war sie allgegenwärtig -- gewiß! Aber doch --- gänzlich hoffnungslos. Es war wie die Verdammnis selbst! Das -verklärende Lächeln erlosch, der Blick flüchtete erschrocken zurück -- -nichts blieb: Politik, Krieg, Nahrung. - -Das politische Schicksal -- die Summe der menschlichen Schwächen und -Irrtümer -- hatte die Gedanken versteinert. Die Staubschicht der -Schlachtfelder, die bis an die Grenze der Atmosphäre hochstieg, lastete -wie ein Gebirge auf den Gehirnen, vom Atlantik bis zum Pazifik -- die -Gehirne bewegten sich nicht mehr. Butzi allein führte sein eigenes -geistiges Leben weiter. Weshalb, zum Beispiel, durfte man den Hosen mit -den roten Streifen nicht zu nahe kommen? Weshalb zuckte die -Stiefelspitze, wenn man mit der Zunge den Glanz der Stiefel berühren -wollte? Antworte, gerechter Himmel! Wonach roch er? Nach, um es kurz zu -sagen, Gleichgültigkeit und Verachtung. Er liebte Hunde nicht. Und -plötzlich, ohne es selbst zu wollen, knurrte Butzi, ohne zu wissen, was -er tat und weshalb plötzlich der Zorn in seinem kleinen Stahlherzen -klopfte. - -Butzi bekam sofort eine Ohrfeige. Aber das nahm er nicht übel. Denn es -war ja seine Herrin, deren Lachen er liebte, deren Geruch er liebte -- -sie, die Freundschaft fühlte für die Hunde, Liebe. Die Wohltäterin und -Heilige -- obschon diese kläffenden Ungeheuer sie vielleicht für -verworfen hielten -- für schamlos -- für . . . - -Nein, Butzi verstand die unartikulierten Laute dieser kläffenden -Ungeheuer nicht. Er begriff ihren Eifer nicht, ihre Erregung. Offensive, -die bevorstehende große Offensive -- der Entscheidungsschlag. -Unbegreiflich! Der Herr mit den roten Streifen glaubte nicht an die -Amerikaner, und die Damen lächelten. Wie beliebt? Bluff, mit einem Wort. -Er gestand, daß er besorgt war -- besorgt, nicht mehr! Hätten sie sich -auf Spezialwaffen beschränkt -- Fliegertruppen, Automobilkorps, -Artillerie -- er hätte vor Angst gefiebert. Aber eine Armee? Unmöglich! -Woher das Offizierkorps nehmen? Nun, die Rüstungen galten ja gar nicht -uns! Nein! Der größte und geschickteste Bluff der Geschichte. - -Hier wollte Otto etwas einwerfen, aber der General wandte ihm den Blick -zu, und er schwieg. - -Und die Transportfrage, ich bitte? Willkommene Beute für unsere U-Boote, -so sagte der Minister. - -Die Damen hingen an den Lippen des Generals. Ihr Atem ging plötzlich -leichter. Gräfin Heller beliebte die Zwischenfrage: ob das Volk -- so -ganz im allgemeinen --? - -Der Herr mit den roten Streifen runzelte vorwurfsvoll die Stirn. Dann -lösten sich seine Züge zu beschämender Zuversicht. - -»Ein kleines Beispiel nur, wenn die Damen gestatten wollen -- wie -herrlich dieses Volk ist. Einer meiner Burschen, er begleitete mich -durch den ganzen Feldzug, Jakob mit dem Familiennamen, ein Bauernsohn. -Ich frage ihn, ob er nicht gerne wieder dabei wäre, da draußen, wenn es -nun wieder losgeht? Natürlich möchte er das! Er strahlt über das ganze -Gesicht! Sie sollten dieses Strahlen gesehen haben, Gräfin! Aber, sage -ich, höre, wenn ich dich nun hier brauche? -- Langes, tiefes Sinnen. Das -echt deutsche tiefe Sinnen! -- Dann bleibe ich bei Herrn General! -- -Gräfin, zwei der augenfälligsten deutschen Charakterzüge mögen Sie in -dieser kleinen Szene erkennen: die dem Deutschen angeborene -Kampfesfreude und seine Mannestreue --« - -Die Gräfin blinzelte lächelnd mit den gepuderten Wimpern. Immer noch -spricht der General. Jedes seiner Worte atmet Zuversicht. Heute abend -wird Gräfin Heller jede Einzelheit des Gesprächs jener einflußreichen -Persönlichkeit berichten. Jedermann weiß das. Der hohe Würdenträger ist -vorzüglich informiert über die Meinungen aller Persönlichkeiten, die -eine Rolle im öffentlichen Leben spielen. Sein Lächeln ist -- tödlich. -Ein anerkennendes Wort seiner schmalen Lippen mehr wert als eine -gewonnene Schlacht. Sehr wohl weiß der General, daß man _dort_ nur einen -gesunden Optimismus liebt. - -Butzi ringelte sich resigniert auf dem warmen Schoß der Herrin zusammen. - -Reserven, ungeheure Reserven. Gestaffelt bis Frankfurt, Mainz, selbst -Münster ist Etappe. Alles was in Rußland war -- die neuen Mannschaften --- eine Millionenarmee, furchtbar und stark wie am Anfang des Krieges. -Wie eine unheimliche Flutwelle wird die Armee vorrollen, alles -niederwerfend -- - -Eine andere, etwas hellere und weniger trockene Stimme sprach nunmehr. -Es war der Mann mit den Krücken. Die Augen der Majorin Sterne-Dönhoff -leuchteten. Die Gräfin schlürfte blinzelnd den Tee. - -Ja, das Gas! Das Gas wird der Armee den Weg bereiten! Das fürchterliche -Gelbkreuz und Blaukreuz. Es zerfrißt die Gasmasken, selbst Leder, jede -Berührung, auch die kleinste, ist tödlich. - -Die Gesichter strahlten, schon röteten sich die Wangen der Schwestern -Sterne-Dönhoff und des jungen Heinz wie im Fieber. Der General blickte -mißtrauisch zum gelbseidenen Vorhang. Ob nicht ein Lauscher in der Nähe -sei, ein Dienstbote vielleicht. Er fand es im höchsten Grade -unvorsichtig von Hauptmann Wunderlich, über diese geheimen Dinge so -unumwunden zu sprechen -- obschon man ja, gewissermaßen, unter sich war. - -Butzi war endlich eingeschlafen. - -»Gebe Gott, daß es zu Ende geht«, sagte Gräfin Heller mit einem tiefen -Seufzer. »Ich möchte reisen!« - -»Aber Sie können doch, Liebste? Sie reisen ja ununterbrochen!« - -»Ich möchte nach Paris reisen!« - -»Nach Paris!« - -Aber augenblicklich hatte der General seine Fassung wieder gefunden. Er -beugte sich vor. »Sie werden nach Paris reisen, Gräfin!« versichert er -mit Feierlichkeit in der Stimme. »Ich gebe Ihnen mein Wort!« - -»Ich werde -- Herr General?« - -»Ja«, fuhr der General mit derselben Feierlichkeit fort. »Paris und -Calais werden fallen, Gräfin, die Trümmer der englischen Armee werden -ins Meer geworfen -- im Sommer werden wir in Paris den Frieden -diktieren. Dies ist meine heilige Überzeugung!« - -»Gott segne Sie, General!« Gräfin Heller zog die kleine Hand aus dem -Muff und streckte sie lachend dem General entgegen. - -Diese kleine Unterbrechung -- während sich der graue Scheitel über die -kleine Hand beugte -- benutzte Otto. Er erhob sich rasch, und auch Heinz -schnellte in die Höhe. Die beiden jungen Offiziere verabschiedeten sich. - -Butzi erwachte, überzeugte sich, gegen den General schielend, daß er -noch blieb, und ringelte sich, ergeben in sein Schicksal, wieder -zusammen. - - * * * * * - -Otto beugte sich über Doras Hand, die wie eine Koralle blühte, und seine -hellen verwegenen Augen -- doch Dora wehrte lächelnd seinen Blick ab. - -»Leben Sie wohl, Otto -- auf gesunde Wiederkehr!« sagte sie, und ihre -Grübchen schimmerten. -- - -»Ich hatte noch gar nicht Gelegenheit, Gräfin -- mich nach dem Befinden -Seiner Exzellenz zu erkundigen -- ich darf doch hoffen, daß Seine -Exzellenz --« Die Stimme des Generals sank zu einem ehrfurchtsvollen -Raunen herab. - -»Seine Exzellenz waren vor kurzem in ernster Lebensgefahr. Der Hofzug, -wissen Sie -- und ein feindlicher Flieger -- eine Bombe -- aber Gott sei -Dank passierte nichts. Die Bombe traf, leider, einen Lazarettzug -- die -Armen --.« Die Gräfin aber hatte alles gefühlt. Zur selben Stunde -erwachte sie, im Traum erschreckt durch einen Feuerschein. So -geheimnisvoll innig war die Verbindung zwischen ihr und ihrem Bruder. - -Das Gesicht des Generals zeigte äußerste Bestürzung. - -»Ist es möglich -- eine Bombe -- und man erfährt es jetzt erst --? -Wann?« - -»Vor etwa zehn Tagen.« - -»Vor zehn Tagen! Und man -- haben Sie gehört, Dora?« - -Der General konnte es gar nicht fassen. - - -4 - -Die beiden jungen Offiziere eilten mit raschen Schritten die nasse -dunkele Straße entlang. Beide waren verabredet, mit den Schwestern Klara -und Hedi Westphal, die zu Doras Kreis gehörten. Übrigens wußte keiner -von des andern Rendezvous. Das ganz nebenbei. - -Otto schlug den Kragen des Mantels hoch und fluchte. - -»Furchtbar, entsetzlich!« - -»Wie beliebt?« - -»Einfach entsetzlich!« - -»Sie meinen, Otto?« - -»Dieses Geschwätz! Diese Teegesellschaft! -- Ich gehe übrigens links, -Heinz. Ich muß zum Kaiserhof.« Otto machte erneut den Versuch, Heinz -abzuschütteln, weil er allein sein wollte. Was ahnte dieser Knabe --? - -Aber Heinz verstand ihn nicht. »Es ist einerlei, wo ich einsteige. Das -heißt natürlich, wenn ich lästig bin?« - -Heinz hatte Mühe mitzukommen, denn Otto machte rasende Fahrt. Mit Genuß -atmete er die feuchte Luft ein, die aus dem Tiergarten in alle Straßen -dieses Viertels strömte. Welcher Qualm bei Frau v. Dönhoff! Dora rauchte -englische, etwas parfümierte Zigaretten, sie bekam sie jetzt noch -- -woher, das war rätselhaft, aber sie bekam sie jedenfalls. Auch Heinz war -glücklich, Doras Salon entronnen zu sein. Die Nähe des Generals hatte -ihn bedrückt. Er hatte auch nicht den Mund aufgetan und war sich albern, -kindisch und ungeheuer dumm vorgekommen. Die Ordenssterne des Generals -und besonders der gestickte Kragen (war ein Komet darauf gestickt oder -was sonst für eine sonderbare Sache?) hatten seine Phantasie verwirrt. -Glücklicherweise, ja, es war in der Tat ein Glück, hatte ihn der General -gar nicht beachtet. Nur bei der Begrüßung hatte er ihm flüchtig die Hand -gereicht und ihn mit jenem raschen Blick gestreift, mit dem hohe -Offiziere Untergebene in Gesellschaft begrüßen: kameradschaftlich, -verstehst du, aber welche Distanz! Übrigens, diese Hand des Generals, -sie war stählern und -- eisig kalt. Nie würde er diesen Händedruck -vergessen. Schon aber kehrte seine alte Sorge zurück. - -»Glaubt Ihr Herr Vater wirklich, daß wir im Sommer in Paris sein -werden?« wandte er sich hastig an Otto. - -Otto fuhr aus seinen Gedanken auf. Er war so zerstreut, daß er einen -Augenblick stehenblieb. Dampfsäulen fuhren aus seinem Mund, so schnell -atmete er, es war kalt geworden. Er blickte Heinz in die Augen, verstand -erst jetzt und lachte plötzlich. - -»Natürlich glaubt er es. Er glaubt es schon seit über drei Jahren. Schon -im August 1914 hat er mir Lehren mitgegeben, wie ich mich in Paris zu -benehmen hätte. Er war übrigens nie in seinem Leben in Paris!« - -»Also, er glaubt es?« sagte Heinz nachdenklich. - -»Ja, ja, und er wird es glauben und wenn die Franzosen in Hannover -stünden. Er würde es auch dann noch glauben. Er ist so.« - -»Aber glauben auch Sie es?« - -Wieder lachte Otto kurz auf. »Ich?« sagte er, knurrte er. »Ich bin doch -kein Narr!« Nein, er, Otto glaubte nicht mehr an den Sieg der deutschen -Waffen, wie viele Frontoffiziere. - -Kein Narr? - -»Aber Ihr Herr Vater, Otto, der General --?« - -Otto lachte nun laut und belustigt. »Die Generale haben ihre eigene -Meinung, lieber Heinz! Sie können das ja noch nicht verstehen, es ist -ein Kapitel für sich. Ich habe einmal bei Langemarck dreißig Prozent -meiner Leute liegenlassen, und mein General sagte: Na, das ging ja noch -gelinde ab. Wörtlich! Mein alter Herr, übrigens -- er will das Reich -Karls des Großen wieder errichten.« - -»Sie glauben also nicht daran?« Heinz atmete erleichtert auf. »Es wäre -ja auch zu fatal,« fügte er hinzu, »jetzt, da ich eben Feldpilot -geworden bin.«, - -Fast vier Jahre Krieg und immer noch dieselbe Geschichte, dachte Otto. -Da er aber schwieg, versuchte Heinz, ihm seinen Seelenzustand deutlicher -zu machen. - -»Sie können mich nicht begreifen«, rief er aus. »Sie Glücklicher! Sie -fahren ja morgen zurück zur Front!« - -Otto knöpfte den Mantel fester zu. Plötzlich fror er. Der Gedanke an die -Front benahm ihm für einen Augenblick den Atem. Die ganze Grausigkeit -der Zone des Todes, in der es nur zerschossene Gräben, eingeäscherte -Dörfer, zersplitterte Wälder gab, legte sich wie ein Alp auf seine -Brust. Weshalb auch, zum Teufel, mußte er jede Minute daran erinnert -werden, daß er morgen wieder zur Front zurück sollte? Jeder Mensch, der -die Front _nicht_ kannte, tat so, als fahre er zu einer Hochzeit. Ja, -tatsächlich man beglückwünschte ihn! Die Leute allerdings, die sie -kannten -- nun, die sagten gar nichts -- höchstens ein verstehendes, -etwas schadenfrohes Lächeln. - -Die Kälte in der halbdunkeln Straße kroch an ihm empor, in seine Uniform -hinein. Er erinnerte sich voller Grauen an die Erdlöcher, in denen er, -völlig unverständlich, Jahre seines Lebens verbracht hatte, an den -eisigen Hauch, der von den Gräben ausging. Und plötzlich, ganz -unvermutet, schnürte ihm eine sonderbare Empfindung die Brust zusammen --- Angst. Ja, Angst! Gleichzeitig sah er einen Feuerschein vor seinen -Augen, der ihn erschreckte: den kurzen hellen Blitz des explodierenden -Geschosses. Er erbleichte. Das Geräusch einer um die Ecke fahrenden -elektrischen Bahn hatte ihm das schleifende Fauchen einer Granate -vorgetäuscht. - -Immer noch war er schneeweiß im Gesicht und sein Herz zuckte -- genau -wie draußen, wenn sie heranzischten. - -»Hören Sie, Heinz,« sagte er, »wie diese Elektrische um die Kurve fährt? -Genau so kreischen und fauchen die Granaten. Sie werden noch bald genug -hinauskommen.« - -Heinz beschleunigte unwillkürlich den Schritt. »Ich freue mich -unbändig«, rief er aus, indem er die strahlenden Knabenaugen zu Otto -hob. »Denken Sie, ich war fünfzehn, als der Krieg ausbrach, und ich -konnte ja nicht hoffen, noch mitkämpfen zu dürfen.« - -»Auch wir, wir haben uns unbändig gefreut, als die ersten Granaten -einschlugen«, entgegnete Otto und gab seiner Stimme einen leichteren und -heiteren Klang. Immer noch pochte und zuckte sein Herz. Er wollte Heinz -auch nicht ahnen lassen, was in ihm vorging. Dieser Junge! Sollte er ihm -sagen, daß er in Angstschweiß gebadet -- betete? So unglaublich es -klingt. Betete! Er! Übrigens -- das ging ihm durch den Kopf -- bei -Souchez -- die Toten lagen mit ihren genagelten Stiefeln in Scharen -draußen -- sie hatten schwere Verluste, ein abgeschlagener Angriff -- da -kam ein bayrischer Priester. Der stieg auf den Graben -- im Feuer! -- -das Kreuz erhoben und segnete die Gefallenen ein. Die Franzosen schossen --- aber er, _er stand_ -- mit dem Kreuz in der Hand. Friede sei mit -Euch! Schrecklicher, herrlicher Augenblick! Er glaubte, glaubte! Die -Kugeln waren Wind für ihn. Aber er, Otto, er betete -- ohne zu glauben, -das ist etwas ganz anderes. Sollte er Heinz erzählen, wie sie liefen -- -wie Ratten, auf die geschossen wird -- hin und her -- wie Ratten -- von -Unterstand zu Unterstand -- und zwar jeden Abend? Hohoho! Es wurde -Scheibe geschossen. - -»Ja, auch wir haben gelacht, als die ersten Granaten einschlugen. Ich -erinnere mich deutlich. Es war beim Vormarsch. Plötzlich aber hing ein -Bein auf einem Obstbaum --« - -»Wie? Ein Bein?« - -»Ja, ein Bein. Mit dem Stiefel. Es hing im Kniegelenk auf einem Ast.« - -»Brr!« - -»Ja, und in diesem Augenblick hörten wir auf zu lachen und Hurra zu -schreien, denn wir hatten ja jeden Einschlag mit Hurra begrüßt. -- -Übrigens ist es natürlich für Sie sehr interessant, da Sie die Scherze -noch nicht kennen -- für Sie als Flieger ganz besonders.« - -»Sind Sie jemals im Felde geflogen? Nein? Ich stelle es mir wunderbar -vor. Ich habe Tausende von Fliegeraufnahmen gesehen, und ich glaube, daß -ich gleich vertraut sein werde mit allem. Nur das Warten ist -schrecklich.« - -»Vergessen Sie nur nicht, wie gesagt, daß da draußen scharf geschossen -wird.« - -Der junge Sterne-Dönhoff brach in ein heiteres Lachen aus. »Aber -natürlich, das ist ja gerade das Interessante bei der ganzen Sache,« -rief er aus, »im Feuer fliegen!« - -Plötzlich, ganz unvermittelt, blieb Otto stehen und streckte Heinz die -Hand hin. »Ich muß jetzt -- Sie verzeihen, Heinz -- ich muß gehen!« -Immer noch war er etwas bleich. - -»Auf Wiedersehen, Otto. Und hoffentlich im Felde!« - -»Hoffentlich!« - -Er hat auch seinen Knacks weg! dachte Heinz. Nein, wie nervös er ist! -Und doch soll er zum Pour le mérite vorgeschlagen sein! - - * * * * * - -Wie ein Rasender stürzte Otto die halbdunkle Straße hinab. Heinz sah ihm -verwundert nach. - -Gerechter Gott, sollte man es für möglich halten? Auf gesunde -Wiederkehr! Er war gekommen, um ein paar Worte mit ihr zu sprechen. Ein -Lächeln, eine gepuderte Hand. Alles? Und eine ganze Gesellschaft saß da, -zu allem Unheil kam noch der Alte dazu --! - -Da droben gab es keinen Stern, kein Licht, keine Wolken, nichts. Nur -eine dicke fettige Schicht von Ruß, aus der zuweilen flimmernde Tropfen -fielen, lag auf den häßlichen dunkeln Häusern, die vor Feuchtigkeit -schwitzten. Und schon war Otto in einem Blumengeschäft verschwunden. - -Tulpen, Flammen und Glut, hellrote Rosen. - -»Das Stück kostet --« - -»Ich möchte alle.« - -»Alle?« Sie kosteten ein Vermögen. - -»Einen letzten Gruß!« schrieb Otto. Der neugierige Blick der kleinen -rothaarigen Verkäuferin, die ihn durch die Blumensträuße beobachtete, -verwirrte ihn. Er wurde abwechselnd bleich und rot, während er die paar -banalen Worte und die Adresse schrieb. Es mußte ja ganz unverfänglich -sein, jeder Mensch, dieser Petersen und diese Frida, die -herumspionierten, mußten die Karte lesen können. Ohne diese -Rücksichtnahme hätte er wohl gewußt, was er schreiben sollte. - -Er hätte schreiben können: Ich werde Dich vor mir sehen -- und wieder -erbleichte er. - -Die Liebe ist Gift, dachte der rothaarige Irrwisch und lächelte -spöttisch hinter dem Offizier her. - -Ruhiger schritt Otto dahin. Plötzlich, sonderbar, hatte er Zeit! Morgen -früh um sieben Uhr ging der Zug. Nun wohl, das waren immerhin noch gute -zwölf Stunden. Der Abend lag vor ihm -- und die ganze Nacht. - -Unangenehm nur war die Verabredung mit jener Dame im Kaiserhof. Sehen -wir zu, daß wir die Sache hinter uns bringen! Indessen -- keine Eile -- -mochte sie getrost noch etwas warten. Er hatte es gewiß nicht an -Deutlichkeit fehlen lassen, oder? Schluß, zu Ende, sei ein tapferes -Mädchen usw. usw. Wie man in solchen Fällen zu schreiben pflegt. Nein, -nach diesem Brief gab es ein Zurück nicht mehr. Und doch hatte sie ihn -wieder beschwätzt. Sie begriff, sie war völlig einverstanden, zu Ende, -natürlich, aber sie wollte ihn vor seiner Abreise noch einmal kurz -sehen, wenn auch nur für einen Augenblick. Sie schrieb, daß sie von 5 -bis 9 Uhr im Kaiserhof auf ihn warten werde. Er würde gewiß eine Minute -finden. Von 5 bis 9 Uhr! Es war natürlich ganz unmöglich, eine junge -Dame vier Stunden lang vergebens warten zu lassen, das sah er wohl ein. - -Aber sie soll wenigstens etwas zappeln, dachte er und zündete sich -gemächlich eine Zigarette an. Er machte sogar noch einen unnötigen -Umweg. - -»Diese Hedi!« Verächtlich stieß er die Luft durch die Nase. - -Wie der General verachtete auch Otto im Grunde seines Herzens die -Frauen. - -Er kaufte eine Abendzeitung und durchflog sie unter einer Laterne. - - -5 - -Heinz war, so schnell ihn die Füße trugen, zur Station der -Untergrundbahn geeilt. Er hatte ja Klara benachrichtigt, daß es etwas -später werden könnte, trotzdem . . . - -Es war die Stunde des Geschäftsschlusses. - -Berlin war wie ein schmutziger Schwamm, der ausgedrückt wird. Ströme von -Schmutz flossen aus dem finsteren Himmel, von den Dächern und den -tausendfenstrigen Hauswänden. Der Schmutz wälzte sich über die Straßen -und stieg in den durchlöcherten Stiefelsohlen bis an die Knöchel. Die -Menschen in ihren abgeschabten, dünnen Kleidern, blau vor Kälte und -Hunger, quollen aus den frostigen Häusern und stürzten hinab in die -windigen Kamine, die zur Untergrundbahn führen. Sie stauten sich auf den -Bahnhöfen, geballt zu einer Wolke von Bitterkeit und Wut. Die -überfüllten Züge fegten, triefend von Dunst und Schmutz, mitten hinein -in die Menschenknäuel, die sich rasend gegen Türen und Scheiben warfen, -um nicht auf den finstern, feuchten Perrons zurückbleiben zu müssen. - -Die Schaffnerinnen -- ihre Männer waren im Feld, faulten längst in den -Massengräbern, verbluteten in dieser Minute, die Kinder hungerten zu -Hause in einer kalten Stube -- die Schaffnerinnen, gepeinigt bis aufs -Blut von den jagenden Zügen, klirrenden Scheiben und kämpfenden -Menschenmassen, schrien mit schrillen, gellenden Stimmen, als ob sie -erdolcht würden. (Und ach, sie wurden erdolcht, jede Minute stieß ihnen -unbarmherzig das Messer ins Herz.) - -Zu Blöcken zusammengepreßt, flogen die Menschen durch die dunkeln -Tunnels voll stummer gegenseitiger Raserei. Sie schwiegen. Sie -fürchteten Spione und Agenten. Sie fürchteten den Terror der Albernheit. -Sie lächelten und lachten nicht mehr. Sie fühlten das Verhängnis dicht -vor sich, um sich, über sich, wo am Dach des Wagens sich all die Dünste -der zusammengedrängten Menschenmassen stauten. Dieses Verhängnis, dessen -Widerschein in allen Augen glänzte, begleitete sie durch die finsteren -Tunnels, über die klirrenden Brücken und flutete mit ihnen über die -menschenwimmelnden Perrons. Flogen die Züge in die Stollen hinab, so war -es für viele, als ginge es in die Hölle mit ihnen, und der kalte Schweiß -trat auf ihre Stirn. - -Dunkelheit, Kälte und Hunger drohten aus den Straßenschluchten. Diese -drei Gespenster ergriffen Besitz von Berlin, das sich drei Kriegswinter -hindurch tapfer verteidigt hatte, um im vierten zu kapitulieren. Täglich -breiteten sie sich mehr über die Stadt aus. Sie eroberten Häuserblock um -Häuserblock, Straßenzüge um Straßenzüge, Stadtviertel um Stadtviertel, -und drangen langsam zum Herzen der Stadt vor. Als ein viertes Gespenst -war noch die Grippe dazugekommen. Dieses Gespenst war überall, wo sich -Menschen ansammelten. Es machte alle Fahrten auf den überfüllten -Untergrundzügen mit. Die Passagiere husteten sich gegenseitig den Tod -ins Gesicht. Viele von ihnen machten heute ihre letzte Fahrt. Mit -Vorliebe suchte dieses vierte Gespenst sich junge Exemplare aus, es -liebte zartes Fleisch. Sie starben von der Berührung. Die Alten brachte -es nur um eine gute Strecke der Grube näher, in die sie eines Tages, -entkräftet vor Hunger und zermürbt von der Verzweiflung, ganz von selbst -stürzen würden. - -Heinz mußte einen überfüllten Zug vorbei lassen. Ein Paar grober Fäuste -schleuderte ihn zurück. Selbst beim nächsten Zug verdankte er es nur -seinem freundlichen Knabengesicht und dem Lächeln auf den roten Lippen, -daß man ihn mitnahm. - -Augenblicklich dachte er an die grüne Mütze. In wenigen Minuten würde er -sie sehen! - -Eine grüne Wollmütze, flott nach hinten gerückt, grasgrün, mit einer -ebensolchen grasgrünen Seidenquaste in der Mitte, gewiß ist sie nichts, -aber sie kann im Herzen eines Menschen soviel sein wie der Christus in -der Kirche. Zuweilen, wenn die Züge seiner Dame in seinem Gedächtnis -verblaßten, sehr selten geschah es -- die grüne Wollmütze blieb zurück, -keine Macht konnte sie ihm entreißen. Und allmählich, wie durch einen -Zauber, fügten sich dann wieder Haar, Wangen, Ohr -- alles daran. - -Diese grüne Wollmütze leuchtete über den Wittenbergplatz, als er den -Bahnhof verließ -- weithin, wie ein Scheinwerfer. Und doch war es nur -ein handgroßer Fleck von Grün, nicht einmal sehr deutlich im Schein -einer Laterne. Durch das Gewimmel von Menschen hindurch drang Heinzens -Blick, als ob die Menschen transparent wären, er sah seine Dame von den -Schuhen bis zur Wollmütze, in ihrer ganzen Figur, obschon sie mitten in -einem Knäuel von Wartenden bei der Haltestelle der Elektrischen stand. -Das war jedenfalls ganz wunderbar. Er erkannte die Linie ihres -anliegenden Jacketts, er sah sogar, daß sie ein Päckchen am Finger trug. - -Plötzlich traf eine Stimme Klaras Ohr! Aber Heinz hatte gar nicht -gerufen. Sie blickte im gleichen Augenblick auf ihn, ihre Blicke -begegneten sich durch das Gewimmel. Sie lächelte, ihr Lächeln kam näher, -es wurde leuchtender und strahlender, überblendete Menschenschatten, -Finsternis und schmutzige Straße, und endlich glänzte es dicht vor ihm. -Es hatte sich nun wiederum auf seine Quelle zurückgezogen. Es leuchtete -aus ihren Augen, aus ihren Lippen, weißen Zähnen, aus ihren Wangen und -selbst aus ihren blonden Haaren, auf denen einige Regentropfen wie Tau -glitzerten. - -Beide erröteten und fingen gleichzeitig an zu reden. Es war völlig -einerlei, was sie sagten. Sie freuten sich an dem Klang ihrer Stimmen, -die durcheinander klangen. - -»Sie haben -- du hast --« - -»-- tausendmal Verzeihung jedenfalls -- meine Cousine wollte mich -Hauptmann Wunderlich vorstellen, der eine Kampfstaffel führt --« - -Die grüne Wollmütze glitt die Straße hinab, die seidene grüne Quaste -baumelte hin und her. - -Wie wunderbar frisch ihre Halskrause ist, dachte Heinz und wie fest ihr -Jackett um die Hüfte schließt. Sie aber bewunderte den Schnitt seines -Mantels, der nahezu bis zur Erde reichte und viel zu weit war, und seine -seidene Mütze, die eine kecke Beule aufwies. - -»Du trägst ja nun das Abzeichen!« rief die junge Dame plötzlich -überrascht aus. Mit einem raschen Blick hatte sie, als er nur einen -Augenblick den Mantel aufknöpfte, sofort das Fliegerabzeichen entdeckt. - -»Ich habe es gestern bekommen.« - -»Ich gratuliere.« Das war wohl eine Gelegenheit, ihr die Hand zu geben. -Heinz berührte die Spitzen ihrer zarten, ach so zarten und unbegreiflich -dünnen Finger. - -»Gestern flog ich über Berlin«, erzählte er lebhaft. »Ich flog über den -Wittenbergplatz und den Kurfürstendamm entlang. Bei der Gedächtniskirche -drosselte ich den Motor und ging auf fünfhundert Meter herunter. Ich sah -das Treiben der Menschen und dachte, vielleicht geht auch Klara Westphal -da unten.« - -Nein, Klara Westphal war zu Hause. - -Klara streifte ihren jungen Helden mit einem bewundernden Blick. Sie -konnte wohl beobachten, daß die Damen den schlanken Offizier anblickten, -und manche drehten sich sogar um, so schön und frisch war er. Er ging -sorglos und strahlend, die Mütze etwas keck aufs Ohr geschoben, und er -hatte eine besonders flotte Art zu grüßen, als gebe es Vorgesetzte für -ihn nicht. Sein Gruß hatte zuweilen sogar etwas Herablassendes und -Gönnerhaftes. Jetzt, da er neben Klara ging, war er völlig frei von -seiner kindischen Ehrfurcht vor allem, was Achselstücke mit Sternen -trug. - -»Und dein Kommando?« - -»Leider ist es noch nichts damit. Nun aber hat Hauptmann Wunderlich mir -versprochen, mich für seine Kampfstaffel anzufordern, sobald es möglich -ist.« - -Nichts fürchtete Klara mehr als diesen schrecklichen Augenblick, wo das -Kommando kam. Schon jetzt klopfte ihr das Herz. - -»Wohin wollen wir gehen?« - -»Es ist ganz gleichgültig.« - -Es war in der Tat völlig gleichgültig. Wenn sie nur nebeneinander -hergehen durften, verstrickt durch das Unergründliche, unbegreiflich -Süße, Geheimnisvolle -- Blicke, Gesten, Lachen, Worte, das war ja das -allerwenigste. - -Die Menschen, die aus Elektrischen sprangen und in Restaurants eilten, -die Unverschämten, die sie anblickten und Bemerkungen austauschten -- -sie sahen sie gar nicht. - -Sie bogen in eine dunkele Straße ein, und sofort strahlten Klaras Augen -wie Feuer, ihr blondes Haar flammte unter der grünen Mütze und ihre -etwas vollen Wangen begannen geheimnisvoll zu schimmern. Ihr kleiner -Mund aber glänzte naß und tiefrot. - -Wunderbar! Hier in der Dunkelheit sah Heinz, daß sie atmete, was er -früher nie beobachtet hatte. Ihre Brust bewegte sich, ergreifend, unter -dem enganliegenden Jackett gleichmäßig auf und ab. Zum ersten Male hörte -er auch ihren Atem, den er nie gehört hatte. - -Klaras Lippen wurden durch ein Lächeln geöffnet, und im gleichen -Augenblick rief sie jauchzend aus: »Es schneit, Heinz! Es schneit!« Und -schon flog die grüne Mütze mit der baumelnden Quaste davon. - -»Komm, komm!« Sie streckte ihm die Hand hin. - -Nun liefen sie beide in den wirbelnden Schnee hinein. - -Unterdessen wartete Hedi Westphal in der Halle des »Kaiserhofs«. Und -Otto las unter einer Laterne gemächlich die Abendzeitung. - - -6 - -Hedi hatte längst den Tee ausgetrunken. Sie hätte gern eine zweite -Portion bestellt, aber sie mußte sparen. Ewig diese Geldmisere! - -Ihr Vater war Geheimer Rat im Auswärtigen Amt. Da schlich er täglich in -Gamaschen und Seidenhut an den beiden Sphinxfiguren des Vestibüls -vorüber, die immer so eigentümlich lächelten. Dann knackte er in seinem -Bureau mit den Fingern, zupfte an seinem dünnen Chinesenbart und -vertiefte sich in die Zeitungen. Diese Tätigkeit war nicht besonders -aufreibend, aber sie war schlecht bezahlt und die Westphals ohne -Vermögen. - -Trotz des lächerlich geringen Taschengeldes war Hedi ganz Lady -- von -den tadellosen Stiefelchen an bis hinauf zu dem kleinen Reiher auf dem -silbergrauen Seidenhütchen. Sie trug einen weißen Schleier mit -silbergrauer Stickerei. Sie war noch blonder als Klara, nahezu -weißblond. - -Den weißen Schleier mit den silbergrauen Ornamenten schob sie zuweilen -über das Näschen und nippte, die Hand graziös geformt, an der leeren -Teetasse. - -Würdevoll war ihre Haltung, etwas lässig. Die Umwelt existierte nicht -für sie. In vollkommenem Gleichgewicht schwebend saß sie da. - -Die Musik wehte. Butterfly. - -Ein älterer Offizier mit einer mächtig funkelnden Glatze beobachtete sie -in auffallender Weise. Hedi wandte das Gesicht mit einem gelangweilten -Blinzeln in eine andere Richtung. Nun aber hatte sich ein junger Herr in -einem Klubsessel am Mittelgang niedergelassen. Er trug einen weiten -Mantel von auffallend heller Farbe, tadellose braune Stiefel, nagelneu, -eine Sehenswürdigkeit in diesen Tagen. Eine Zigarette im Mundwinkel saß -er da und stieß mit einem dünnen Stöckchen im Takte der Musik auf den -Teppich. Zuweilen ließ er seinen Blick über Hedi gleiten, aber in -gänzlich unauffälliger Weise, so daß sie ihn niemals dabei ertappen -konnte. Im letzten Moment huschte der Blick stets über sie in die Höhe -zur Decke. Vielleicht hatte sie ihn schon gesehen? Er kam ihr irgendwie -bekannt vor. Nun brachte ihm ein Kellner ein kleines Glas und goß eine -rote Flüssigkeit ein. Der junge Mann nahm aus seiner Manteltasche einen -Pack Papiergeld und reichte dem Kellner eine Note, um gleich darauf -wegzublicken. Der Kellner verneigte sich tief. Hedi blickte auf die -Armbanduhr, und ihre Miene sah enttäuscht aus. Es war einhalb sieben -Uhr. Die Musik spielte einen Tango. Der Herr in dem weiten Mantel hatte -die rote Flüssigkeit ausgetrunken, stand auf und ging. Aber nach wenigen -Minuten kam er wieder zurück. Er trug einen Strauß weißer Rosen in der -Hand, den er vor sich auf den Tisch legte. Er wartet, auch er! Wieder -schwebte Hedi in vollkommenem Gleichgewicht. - -Dann saßen da noch einige Damen, mit Brillanten, Perlen, Pelzen, Puppen -mit einem Wort -- Hedi sah sie überhaupt nicht. - -Schon begann der Saal sich zu leeren. Die Kellner räumten die Teetische -ab. Im Speisesaal flammten Lichter auf, und die Kellner gingen hinter -den Spiegelscheiben zwischen den weißgedeckten, mit Blumen geschmückten -Tischen hin und her und legten die Kuverts auf. Der Herr im hellen -weiten Mantel saß immer noch in seinem Klubsessel. Glattrasiert, blau -ums Kinn, die gescheitelten Haare pechschwarz, sah er -- wie es Hedi -schien -- wie ein Spanier aus. Er hatte sich bequem zurückgelehnt und -starrte sinnend zur Decke empor, während seine Fußspitze im Takte der -Musik wippte. Nur zuweilen, wenn er die Asche von seiner Zigarette -streifte, glitt sein Blick über Hedi hin. Unbeachtet lagen die weißen -Rosen vor ihm auf dem Tisch. - -Hedi schob trotzig die Oberlippe in die Höhe gegen den Schleier -- sie -wurde ungeduldig. Aber in diesem Augenblick sah sie Otto hereinkommen. -Er trat schnell durch den Mittelgang. Das Blut stieg ihr in den Kopf, -und plötzlich schlug ihr Herz im Halse. Sein braunes Gesicht glänzte von -der frischen Luft, und aus diesem braunen, glänzenden Erzgesicht, das -sie geliebt hatte, sprühten wild und verwegen die hellgrauen Augen der -Hecht-Babenberg. - -Welche Träume starben dahin, welche Träume versanken! Während der Tango -kollerte, gurrte, kleine wollüstige Schreie ausstieß. - -Sie krachten zusammen mit Donnergepolter wie Riesenschlösser, deren -Fundament nachgibt, sie zersprangen wie Paläste aus Glas -- in nichts! - -Babenberg und Rothwasser, die Familiengüter der Hecht-Babenberg -- mit -den hundertjährigen Bäumen, dem Sommergeruch auf den endlosen -Kornfeldern, dem Ziegelwerk, den brüllenden Viehherden bei den Weihern --- die Erde verschlang sie! Der Besuch ihres kleinen Papas, den die -Bureauluft zur Mumie ausgetrocknet hatte -- dahin! Die Berühmtheiten, -Feldherrn und Minister, die ihren Hausball besuchten -- in Staub -zerfielen sie. Ihre Audienz beim Kaiser, ihr Kniefall vor Seiner -Majestät, wegen irgendeiner Sache -- ein Nebelfetzen! Und all die -Phantasien, gesehen in den Augenblicken, da der Blick bricht in -Verzückung -- nichts! - -Während der Tango unter ihren Schuhsohlen im Parkett klopfte. - -Er war entschlossen, an seinem Blick konnte sie es sehen -- - -Nichts blieb als die bescheidene Behausung in der Schaperstraße, wo Papa -mit seiner dicken Mappe aus dem Amt kam und nicht gestört werden durfte. -Wo man in Pfennigen dachte, wo Klara wie eine Närrin schwätzte -- - -Chaos umgab Hedi. Sie saß in der Staubwolke ihrer zusammengestürzten -Paläste, auf dem Schutt ihrer Reichtümer, eine Bettlerin. Sie saß wie -eine Lady, in idealem Gleichgewicht, und ihr Blick flog lächelnd Otto -entgegen. - - * * * * * - -Der Herr im hellen Mantel, der Spanier, rief Otto an. - -»Ich darf Sie doch heute abend erwarten, Otto?« - -»Es kann allerdings etwas später werden.« - -»Sie wissen, mein Lokal ist die ganze Nacht offen!« - -Otto streifte die Handschuhe ab. - -»Es schneit wohl wieder?« - -»Ja, es schneit, ich bin etwas spät, verzeihe --« - -Hedi lachte. »Ich bin vor kaum zehn Minuten gekommen.« - -Schon kam der Kellner und brachte Tee. - -»Ich habe dem Kellner gesagt, sofort Tee zu bringen, wenn du kommst«, -sagte Hedi. »Du hast es gewiß sehr eilig.« Schon errötete Otto und -runzelte die Stirn. Etwas gefiel ihm nicht. - -Die Musiker packten ihre Instrumente ein und klappten den Flügel zu. - -»Es ist lieb von dir, daß du gekommen bist,« fuhr Hedi fort, »wir sehen -uns nun vielleicht lange nicht, vielleicht nie mehr. Und ich wollte -gerne . . .« Sie sprach leichthin -- ganz Dame. - -Ottos blanke, graue Augen waren fragend auf sie gerichtet. - -»Ich reise wahrscheinlich.« - -»Du reisest?« - -»Ja. Nach Schweden. Es ist noch nicht ganz sicher. Man ist an Papa -herangetreten.« (Welche Lüge, welch infame Lüge, aber sie war ihr -plötzlich durch den Kopf geschossen!) - -»So?« Ottos Neugierde war wach, aber er wagte nicht zu fragen. - -»Ich werde der Mission attachiert. Wahrscheinlich muß ich nach Rußland. -In besonderem Auftrag.« - -»Ah!« - -Der Herr im weiten hellen Mantel stand auf und grüßte. Er verneigte sich -auch gegen Hedi, und während sie ihn kurz anblickte, lächelte sie -unmerklich. Aber, sie konnte schwören, sie hätte nie, nimmermehr -gelächelt, wäre ihr Herz in diesem Augenblick nicht so voller Bitterkeit -gewesen. Der Spanier -- er war übrigens nicht hübsch, eher häßlich -- -war ein Herr Ströbel oder ein Herr v. Ströbel, ein während des Krieges -reich gewordener junger Mann. Sie erinnerte sich seines Namens. In -seinem Hause, das wußte sie von Otto, fanden jene berüchtigten -Spielabende statt, die die ganze Nacht hindurch dauerten. - -Verlassen lag der Strauß weißer Rosen auf dem Tisch. - -»Ich freue mich übrigens, Hedi --« begann Otto. - -»Ich meine -- du begreifst ja wohl meine Motive? Es ist mir ja --« - -»Bitte, Otto!« unterbrach ihn Hedi. »Ich bin doch keine kleine -Verkäuferin« -- scherzte sie -- »wir wollen gute Kameraden bleiben. Kein -Wort weiter. Hast du Zigaretten?« - -Der Kellner stürzte mit einem Streichholz herbei. Er störte. Nur um -etwas zu sagen, warf Hedi hin, daß das letztemal, als er zur Front -reiste, diese furchtbare Hitze in Berlin war. Es lag keinerlei Absicht -darin, auf Ehre, allein der dumme Kellner war Schuld daran. Schon stieg -ihr die Röte ins Gesicht, und auch Otto errötete plötzlich. - -Das letztemal -- da war Hedis berühmtes Abschiedssouper gewesen. - -Otto war ihr Gast! - -Das Auto fuhr und fuhr -- damals war Berlin ja noch nicht tot -- es fuhr -bis zu einem gänzlich entlegenen Hotel am Schlesischen Bahnhof -- und -Otto mußte sich fügen. - -Hedi aber hatte schon alles vorbereitet. Sie hatte dem Besitzer des -Hotels mit einem Schwall von Worten erklärt, daß ihr Mann auf Urlaub, -durchkäme, und daß sie aus der Provinz seien, kriegsgetraut, und daß er -nur diese eine Nacht hier wäre, daß sie ihn am Bahnhof abholen und -hierher bringen werde. Mit einem Schwall von Worten hatte sie, bebend -vor Angst und Aufregung, die Zimmer ausgewählt und das Menü -zusammengesetzt. Nichts war gut genug, und der Kellner bekam zwanzig -Mark Trinkgeld im voraus, damit er wußte, mit wem er es zu tun hatte. - -Die gesamten Ersparnisse eines vollen Jahres gingen darauf. Es gab -Kerzen anstatt des elektrischen Lichts, obwohl Kerzen schwer -aufzutreiben waren, es gab Rotwein, obwohl Rotwein für die Lazarette -beschlagnahmt war, es gab Sekt, obwohl er Unsummen kostete. Die kleine -Tafel, die sie selbst deckte, war mit Blumen geschmückt. Er sollte -sehen, daß es unsinnig war, den letzten Abend in irgendeinem -langweiligen Weinrestaurant zu verbringen. Man mußte nur wissen, wie man -es anpackte. Es ging alles in Berlin, aber man mußte etwas -Unternehmungsgeist haben. - -Und Otto -- staunte! Über die Kerzen, den Wein, die ganze Aufmachung, -wie er es nannte. - -Es war heiß, und die elektrischen Bahnen brausten drunten vorüber. Es -war Juli. Ein Bataillon zog zum Bahnhof, singend. Die Musik schmetterte -und die Leute schrien begeistert. Berlin, das Berlin des Hochsommers -brauste -- drunten, tief drunten. - -Die Kerzen, der Wein. Er war ihr Gast! - -Sie entzog sich ihm nicht, weshalb denn? Sie legte das Kleid ab, sie -öffnete ihr Haar. Sie schlüpfte in das dünne Seidenkimono, das sie für -diesen Abend geschneidert hatte. Er sollte sehen, daß sie ihn liebte, -und daß sie nicht ein albernes Gänschen war. Sie trug ihre kleinen -himbeerfarbenen Pantöffelchen. - -Berlin, das Berlin des Hochsommers und des Lebens brauste drunten, tief -da unten -- irgendwo. - -Dann kam die Nacht. - -Er sollte wissen, daß sie ihn liebte und Mut hatte. Ja, es gehörte Mut -dazu, denn Papa würde sie auf die Straße werfen, wenn etwas passierte. - -Sie war völlig außer sich vor Raserei. Ja, und sie konnte schwören, daß -sie nichts bereute, daß sie es niemals bereute -- trotz der -fürchterlichen Angst, die sie ausgestanden hatte. - -Hunderte von Pferdehufen trappelten auf der Straße -- sie hörte sie -immer noch -- jetzt in dieser Sekunde . . . - -Die Zigarette brannte. »Danke«, sagte sie, und der Kellner ging. - -»Wo liegt dein Regiment jetzt, Otto?« fragte sie, während die Röte ihrer -Wangen langsam verflog. - -»Ich weiß es nicht genau. Wohl an derselben Stelle.« - -Einige Belanglosigkeiten -- und plötzlich sieht Hedi auf die Armbanduhr -und springt auf. Mein Himmel! Sie reicht dem Kellner eine Note, zehn -Mark, das macht drei Mark Trinkgeld, aber sie kann nicht warten bis er -herausgibt. - -»Nun will ich dir gute Reise wünschen, Otto. Nein, bleibe sitzen. Ich -will allein gehen. Ich habe es sehr eilig. Auf Wiedersehen!« - -Ihr Aufbruch kam so rasch, daß Otto völlig verblüfft war. Hedi ging, und -sie sah die weißen Rosen, die verlassen auf dem Nachbartisch lagen, -nicht an. Ganz Lady, schritt sie über die Teppiche. - -Ein Nicken, ein Lächeln an der Türe, der Groom verbeugte sich. - -Es ging gelinde ab, dachte Otto, der den Kellner ungeduldig herbeiwinkte -und es plötzlich ebenfalls sehr eilig hatte. Da fiel ihm ein, daß sein -General seinerzeit den gleichen Ausdruck ihm gegenüber gebraucht hatte --- damals, als er dreißig Prozent seiner Leute liegenließ. Er hatte die -Geschichte erst vorhin Heinz erzählt. Nun, jedenfalls hatte sie sich wie -eine Dame benommen. Er fürchtete nichts mehr als Szenen. - -Aber ein unangenehmes Empfinden blieb in ihm zurück. Was war es doch? - -Er haßte sie in diesem Augenblicke bitter. - - -7 - -»Schuft, Schuft!« Hedi lachte. Was für ein bodenloser Schuft war er -doch! - -Mit schnellen Schritten eilte sie an den Häusern entlang in das -Schneetreiben hinein, den Hut mit dem kleinen Reiher dicht in den Schirm -gedrückt. - -Seine Motive -- seine Motive kannte sie ganz genau! Seine Familie, seine -Karriere -- was für Ausflüchte! Hätte er doch den Mut gehabt ihr zu -sagen, daß er sie nicht mehr liebte! Aber diese Männer sind Feiglinge, -und wenn sie auch mitten in den Kugelregen hineingehen. Geld und -Ordensauszeichnungen, das war alles, wonach diese Offiziere trachteten. - -Die Lampen eines Automobils blendeten durch die finstere Straße, und die -Schneeflocken jagten gleißend durch den Lichtkegel. Plötzlich aber -stockte Hedis Schritt, in dem gleißenden Lichtkegel flatterte ein -weiter, heller Mantel. Er mußte ihr gefolgt sein, sie umgangen haben, um -plötzlich vor ihr erscheinen zu können, oder war es ein Zufall? Ihre -Füße waren wie gelähmt, denn der Mantel kam näher, und sie bemerkte, daß -er die Richtung seiner Bewegung änderte. Sie bog rasch ab und stürmte -die Treppe zur Untergrundbahn hinunter. Mein Gott, sie war falsch -gegangen, sie wollte nach dem Leipziger Platz, und nun war sie an der -Friedrichstraße angelangt. - -Der gelbe Mantel erschien auf der Treppe der Station. Er war nur einen -Augenblick sichtbar, dann verschwand er, er kam nicht herunter. - -Hedi atmete erleichtert auf. - -Nein, sie brauchte Otto nicht, sie brauchte ja nur die Hand -auszustrecken und soviel Finger sie hatte, soviel . . . - -Der Zug fuhr in die Station. -- - -Otto hatte gleich hinter Hedi das Hotel verlassen. Als er sie mit den -Blicken suchte, war sie schon verschwunden. Übrigens fesselte gerade -eine Dame seine Aufmerksamkeit, die aus einer Droschke stieg und duftend -und glitzernd die lichte Hotelhalle betrat. Otto eilte rasch nach Hause. -Er warf sich in Zivilkleidung, in ganz unglaublich kurzer Zeit hatte er -sich umgezogen. Er knöpfte noch den Mantel zu, als er wieder die Treppe -herabsprang. Er hatte nicht die geringste Lust, den Abend zu Hause zu -verbringen und alle möglichen Dinge über Siedelungsgebiete, Kolonien und -strategische Sicherungen zu hören. - -An der Türe des schmalen Vorgärtchens prallte er mit einem kleinen Herrn -im Havelock zusammen. Aber der kleine Herr im Havelock war nicht im -geringsten ungehalten. Im Gegenteil, er zog den Hut, stammelte -Entschuldigungen. - -»Herr Oberleutnant --« Offenbar kannte er ihn. Irgendein Hausmeister der -Nachbarvillen. - -Fort! Schon rauschte die Limousine des Generals heran. - -In einem Tempo, als habe er auch nicht eine Sekunde Zeit zu versäumen, -eilte Otto der Friedrichstadt zu. - - -8 - -Kälte schlug dem General entgegen, als er seine Wohnung betrat. Er -bewohnte das Parterre eines einstöckigen grauen Hauses an der -Tiergartenstraße, dicht am Kemperplatz, nicht weit von Doras -Backsteinvilla entfernt. Kälte und Stille -- die Wohnung war erfüllt von -Winter, von Tod. - -Die Generalin war einige Jahre vor dem Krieg in Davos gestorben, nachdem -. . . Die Ehe des Generals war in den späteren Jahren nicht glücklich -gewesen, übrigens hatte die Generalin nie diese Wohnung in der -Tiergartenstraße betreten, damals -- wieviel Jahre sind es her! -- -wohnten sie in der Margaretenstraße. - -Auch sein Sohn Kurt, der älteste -- er war nicht mehr. Gefallen an der -Somme. - -Ein eigentümlicher Hauch strich durch die Wohnung -- und augenblicklich -versteinte das Gesicht des Generals wieder. Den Rest des Familienlebens -hatte der Krieg vernichtet. Ruth und Otto gingen ihre eigenen Wege. Ruth -arbeitete zurzeit in ihrer Küche, früher in einem Lazarett, und Otto, -wenn er einmal auf Urlaub in Berlin war, war selten zu sehen -- ein -Leichtfuß . . . Es gibt in dieser Hinsicht keine Kompromisse: entweder -lebt eine Familie glücklich, oder sie zerfällt. - -Die Burschen rasselten in der Diele in die Höhe. Auch die Ordonnanz -rasselte. Sie brachte die Mappe mit den Akten, die am Abend bearbeitet -werden mußten. Nur Soldaten lebten im Hause des Generals -- und eine -Wirtschafterin, Therese, die irgendwo hinten in den Zimmern hauste, und -die man nie sah. Soldaten gingen ein und aus, solange der General lebte. -Sein Vater war als Oberst gestorben. Es rasselte von Waffen, und sie -brachten den Geruch aus den Kasernen mit. - -Der General ließ den Pelzmantel einfach fallen, irgend jemand stand -schon da und fing ihn auf. - -Ja, Kälte -- trotzdem die Wohnung gut geheizt war. Durch einen dunkeln -Spiegel sah er sein steinernes Gesicht gleiten. Alle Lampen schienen -falsch oder ungeschickt angebracht. Anstatt Licht und Freundlichkeit zu -verbreiten -- wie warm war es doch bei Dora! -- verbreiteten sie -feindselige Grelle und haßerfüllte, pechschwarze Schatten. Dunkle -Täfelungen, schwere Barockmöbel, Gold -- die Parkettböden schrien, wenn -man sie betrat, es war ein altes Haus. - -In seinem Arbeitszimmer fiel der Frost von ihm. Hier allein war er zu -Hause. Er atmete auf, seine Haltung wurde um etwas lässiger. - -Mit raschen Schritten näherte er sich einem Vogelbauer, in dem ein -kleiner gelber Kanarienvogel hauste. - -»Nun, Niki -- Niki!« Er steckte den Finger durch die Stäbe -- er sprach -mit dem Vogel genau so, wie er früher mit seinen Kindern gesprochen -hatte, mit veränderter, komischer Stimme -- als sie noch ganz klein -waren, klein, lieblich und voller Vertrauen. - -»Aber das Apfelschnitzchen -- es ist ja heruntergefallen, nun wollen wir -aber das Apfelschnitzchen -- und das Wasserchen, wieder alles verspritzt --- du Schlingelchen --« - -Der Vogel piepte und sprang erregt von Stäbchen zu Stäbchen. - -»Ja, siehst du -- das Herrchen --« - -Es klopfte. Eine laute Stimme rief: »Es ist serviert, Herr General!« Das -war Jakob, der Ulan, Bursche und Kammerzofe des Generals. Es gab auch -noch einen Wangel, der aber war mehr für den Dienst außerhalb des -Hauses. Die Uhren schlugen. Es war acht. - -Punkt acht -- Punkt, immer Punkt! Der General war für peinlichste -Pünktlichkeit. Zuweilen, erschöpft vom Dienst, legte er sich zur Ruhe -- -zehn Minuten, zwanzig Minuten -- mit der Sekunde mußte er geweckt -werden. Die Burschen konnten den ganzen Tag faulenzen oder mit Köchinnen -klatschen, aber ihre Uhren mußten genau gerichtet sein. Punkt ein halb -acht Uhr morgens erhob sich der General, Punkt ein viertel nach acht -nahm er sein Frühstück, Punkt ein Uhr fuhr er zum Mittagessen (er aß in -der Stadt), Punkt acht Uhr erschien er zum Abendessen. Auch im Felde -hatte er die gleiche Einteilung des Tages eingehalten und wenn die Welt -unterging. Zuweilen ging sie auch unter, aber den Tagesplan des Generals -vermochte sie nicht zu verrücken. - -Zeit, Zeit -- jede Minute war kostbar -- der Dienst -- - -Nun gut . . . Punkt acht Uhr begab sich der General ins Speisezimmer. - - * * * * * - -Ruth sagte »Guten Abend« und grüßte den Vater mit ihren hellbraunen -Augen, die in der Tiefe warm und golden schimmerten. Sie war keine -Hecht-Babenberg, sie war, heißt das, physisch nicht den Traditionen des -Hecht-Babenbergschen Blutes gefolgt, das große, solide Knochen, breite -Schädel mit etwas slawischen Backenknochen baute, sie war eine -Sommerstorf, nach der Mutter geraten, die einer süddeutschen, -fränkischen Familie entstammte. Sie war nicht groß, schmalschultrig, -eher zierlich, ihr Haar dunkelblond, fast braun, und so weich, daß es -sich schlecht frisierte und die Frisur häufig etwas nachlässig aussah. -Zuweilen rügte der General diese Nachlässigkeit, mit einem raschen -Blick. Ruth glättete dann verlegen mit den Händen die Haarwellen. - -Der General goß sich Fachinger ein. Neben seinem Gedeck lagen die -Abendzeitungen, die er durchflog, während er die Suppe schlürfte. Wann -sollte er Zeit haben, die Zeitungen zu lesen? Er wußte kaum, was in der -Welt vorging. Aber das war auch Nebensache, die Hauptsache war, daß -diese Burschen geschlagen wurden, und es war nicht nötig, daraufhin die -Zeitungen zu studieren. Auf Tag und Stunde würde er es wissen, wenn es -so weit war. Noch war es allerdings nicht ganz so weit, auch das wußte -er ganz genau. - -»Na, da haben sie wieder mal --« murmelte der General. - -»Wie Papa?« - -Schweigen. Der General schlürft hastig und ungeniert die Suppe, die vom -Löffel in den Teller tropft, und schielt in die Zeitung. - -»Jakob? -- Es zieht.« - -Jakob tritt aus dem Schatten neben dem Danziger Barockbüfett, wo er sich -gewöhnlich verbirgt, und geht zu sämtlichen Fenstern und Türen, auf den -Fußspitzen, obwohl er weiß, daß alle ordentlich geschlossen sind. Jakob -bedient auch bei Tisch. Der General liebt es, von einem Mann in Uniform -auch zu Hause bedient zu werden -- es ist wie im Felde. Er haßt -weibliche Dienstboten. - -Die silbernen Bestecke blinken kalt, die Tischdecke ist wie Schnee -- -und obgleich der Tisch nicht um vieles größer ist als ein gewöhnlicher -Eßtisch, scheint dem General diese Tischdecke zuweilen ein endloses -Schneefeld zu sein. Ganz am Rande dieses Schneefeldes weiß er seine -Tochter, fern, klein -- zuweilen scheint es dem General, als ob die -Menschen mehr und mehr in die Ferne glitten, mehr und mehr, täglich -mehr. Oft klingen ihre Stimmen fern und dünn, wie aus großer Entfernung. -Oft hört er sie gar nicht mehr, so dünn klingen sie. Es kommt daher, daß -er überarbeitet ist. - -»Na, da haben sie wieder mal einige Tausend Tonnen heruntergeschossen.« - -Jakob wechselte die Teller, geräuschlos. - -Der General sah plötzlich auf. Jetzt erst bemerkte er, daß Otto bei -Tisch fehlte. - -»Otto ist eingeladen, Papa.« - -»Am letzten Abend --?« Röte stieg in das Gesicht des Generals. Seine -Wimpern hoben sich vorsichtig, und sein Blick tastete über Ruths -Gesicht. Dieses Gesicht war zart, blaß und von einer ungewöhnlichen -Reinheit des Teints. Es war voller Anmut, ohne irgendwie schön zu sein. -Eine träumerische Zerstreutheit war über die weichen Züge gebreitet, und -ein Lächeln lag auf den etwas zu vollen, tiefroten Lippen. Ruth fühlte -den Blick, ihre Lider zitterten -- aber schon war der Blick des Generals -wieder zu seinem Teller zurückgekehrt. Der General liebte es nicht, dem -Blick seiner Tochter zu begegnen -- es hatte seinen Grund, seine Gründe, -über die er niemand Aufklärung schuldig war. - -»Viel Arbeit in der Küche?« - -»Genug, Papa. Wir geben täglich achthundert Mahlzeiten aus.« - -»Sapperlot!« Der General wischte sich den grauen, dünnen Schnurrbart ab -und rückte den Stuhl zurück. Er bot Ruth die Wange zum Kusse. Sie -berührte sie mit den weichen Lippen (wobei die stachlichen Bartstoppeln -sie stets kitzelten) und legte einen Augenblick die Hand sanft an den -grauen Kopf des Vaters. Diese Art des Gutenachtkusses hatte sich aus -ihrer Mädchenzeit erhalten. Der General fühlte den sanften Druck ihrer -Hand im Herzen. Jeden Abend. Jeden Abend erwachte bei dieser Berührung -die Liebe zu seiner Tochter, die während des Tages verblaßte, schlief, -ohne jede Spur erlosch. Am Tage dachte er fast nie an Ruth, und wenn sie -ihm in den Sinn kam, zufällig und selten, so geschah es ohne jedes -Gefühl, fast mit Kälte. Aber abends fing die Liebe unter dieser -Berührung zu glimmen an. Oft dauerte diese Empfindung an, und einmal kam -es sogar vor, daß der General spät abends an Ruths Türe lauschte, um zu -hören, wie sie atmete. Da stand er im dunkeln Korridor, wie ein Dieb, -das Ohr gegen ihre Türe gedrückt. Sein Herz brannte vor Liebe. - -Am Tage aber -- Gleichgültigkeit, Kälte. Sonderbar! - -»Gute Nacht, Papa!« Weich und fein klang Ruths Stimme. - -»Gute Nacht.« - -Der General erhob sich geräuschvoll. Jakob klappte mit den Stiefeln. -Plötzlich sagte der General im Befehlston: »Wenn mein Sohn nach Hause -kommt, ich möchte ihn sprechen! Aber nach ein halb zwölf will ich nicht -mehr gestört werden. Dann soll er früh in mein Zimmer kommen!« - -»Jawohl, Herr General!« Und Jakob stürzte zur Türe. Er wußte, daß der -Herr Oberleutnant erst gegen Morgen zurückkehren würde wie jede Nacht. -Er hatte ihm schon befohlen, rücksichtslos kaltes Wasser anzuwenden, -wenn er nicht wach werden sollte. - -Ruth wünschte dem Burschen mit heiterer Stimme »Guten Abend« und -schlüpfte in ihr Zimmer. - - * * * * * - -Ruths kleiner Salon war, ganz wie das anstoßende Schlafzimmer, immer -etwas in Unordnung und -- sowohl am Tage wie am Abend -- in Dämmerung -gehüllt. Kleidungsstücke, Bücher und Schreibpapier lagen verstreut -umher. Der kleine Salon, der auf den Tiergarten hinausging, war in -blauen und weißen Farben gehalten. Die niedrigen, mit einem Seidenbrokat -von senkrechten blauen und weißen Streifen überzogenen Fauteuils, -zeigten schon allenthalben feine Risse und waren gelblich geworden. In -die Rücklehnen dieser Fauteuils war ein Medaillon mit dem Wappen der -Sommerstorf eingestickt: eine Hand, die eine rote Rose hielt. (Diese -rote Rose spielte bei den Sommerstorf überhaupt eine große Rolle.) - -Über dem kleinen Sofa, auf dem gewöhnlich Ruths Mantel und Hut lagen, -hing in einem ovalen weißen Rahmen das Porträt einer jungen Dame: -Margarete v. Sommerstorf, spätere Hecht-Babenberg. Das Aquarell, in der -Manier Kaulbachs gehalten, stellte Ruths Mutter im Alter von etwa -zwanzig Jahren dar, zur Zeit, da sie sich verheiratete: ein junges -Mädchen, die schmalen Schultern in ein weißes Spitzentuch eingehüllt, -einen Fächer in der Hand und eine brennendrote Rose im Haar. Das Haar -hatte in den Reflexen den gleichen Schimmer wie Ruths Haar, das manchmal -braun und manchmal blond erschien, je nachdem das Licht darauf fiel. Das -Bild hatte eine besondere Eigentümlichkeit. Die großen hellbraunen -Augen, die der Künstler besonders hervorgehoben hatte, verfolgten den -Beschauer überallhin, wo immer im Zimmer er stehen mochte. Sie ließen -ihn nicht aus den Augen und lächelten. - -Ruth hatte nur eine blasse Erinnerung an die Mutter bewahrt. Etwas -Scheues, unendlich Warmes, Flüchtiges und Huschendes. Weiche Lippen, -unendlich zart und unendlich warm -- die sie geküßt hatten, als sie ein -kleines Mädchen war, und Therese hatte gerufen: »Grüße die Dame, es ist -Mama.« Ruth erinnerte sich genau an diese Worte Thereses, aber zu ihrem -Schmerz erinnerte sie sich nicht mehr an das, was diese blasse, scheue, -unbekannte Dame sprach. - -Sie besaß übrigens das weiße Spitzentuch, in dem die Mutter porträtiert -worden war. Zuweilen, sehr selten, legte sie es um die Schultern, sie -steckte sich eine rote Rose von demselben prangenden Rot in das Haar: -dann lächelten diese beiden Frauen, die ganz gleich aussahen, einander -zu. - -Eilig schlüpfte Ruth in den Mantel und sang leise vor sich hin, während -sie die Handschuhe suchte, die sie, wie gewöhnlich, verlegt hatte: - - Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne, - die liebt ich einst alle in Liebeswonne. - Ich lieb' sie nicht mehr, ich liebe alleine - die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine. -- - -Ruth vergötterte Schumann. - -Aber da hatte sie auch schon die Handschuhe gefunden. Sie waren in eine -leere Blumenvase geraten. - - -9 - -»He, Kutscher, sind Sie frei?« - -Otto sprang in den Wagen. »Paradies-Bar!« Es war eine alte, in allen -Fugen klaffende Droschke. Das Pferd lahmte und schnellte in merkwürdigen -Sprüngen vorwärts. Mein Himmel, was haben sie aus dieser Stadt gemacht, -dachte Otto, mit einem Gefühl von Schadenfreude im Herzen. Er war -zuletzt im vorigen Sommer einige Wochen hier gewesen, um sich von einer -Gasvergiftung zu erholen -- damals erschien ihm der Verfall noch nicht -so furchtbar. - -Einsam klapperten die Hufe des Pferdes in der finstern Straßenschlucht. -Es hatte aufgehört zu schneien, Schmutz floß in den Rinnsteinen. Ohne -Aufhören ging ein schwarzer Aschenregen nieder auf die tote, verkohlte -Stadt. - -Und früher, ein wogendes Meer von Licht! Schimmernde Perlenketten, -blitzende Diademe auf den Dächern, rasende Feuerräder am geröteten -Himmel, geschmolzenes Blei quillt aus den Fugen der Häuser. Die -Scheinwerfer der brüllenden Autoherden, die gleißenden Lichtblöcke der -Schaufenster -- und fröhliche Menschen treiben im Licht, Damen, die -Augen leuchten, und die Zähne blitzen. Lachen . . . - -Da hielt die Droschke plötzlich. Das Pferdeskelett stand in seinem -abgeschabten Fell und zitterte. - -Erschauernd entfloh Otto diesen drohenden Finsternissen, wie alle Welt, -die sich nach den Lichtinseln der verkohlten Stadt flüchtete, den -Theatern und Konzertsälen, um vor den Schatten und Gespenstern der -Dunkelheit zu fliehen. Wie Tiere bei einer Sintflut, die entsetzt -dahinjagen . . . - -Schon in der magisch beleuchteten Tropfsteinhöhle, die als Garderobe -diente, fühlte Otto sich geborgen. Die Luft, die er liebte, schlug ihm -entgegen -- Parfüms, Lachen, Licht, Musik . . . Es war nicht das -allerfeinste Parfüm, es war dick, legte sich mehlig auf den Gaumen, aber -darauf kam es schließlich nicht an. - -Trotz der frühen Abendstunde war die Rotunde der Paradies-Bar schon -überfüllt. Aber Otto hatte Glück, ein kleines Tischchen an der -Balustrade zu erobern -- dicht neben dem giftgrünen und himbeerroten -Jüngling, der die Gipsarme emporstreckte und von den farbigen Strahlen -eines Springbrunnens umsprudelt wurde. Lackrot und Gold waren die Farben -der Paradies-Bar. Bunte Blütenkelche hingen von der goldenen Decke herab -und strahlten Begierde und Wollust aus. Giftgrüne Insekten schabten die -Instrumente, hämmerten mit Klöppeln. Einer der Giftgrünen glitt zwischen -den Tischen hindurch und spielte den Gästen ins Ohr. - -Otto klemmte die Scherbe vors Auge, damit alle Welt sehen konnte, daß er -Offizier war -- und nicht etwa einer von den vielen hier, den vielen, -die sich von den Kadavern auf den Schlachtfeldern nährten. Stimmen -schwirrten ringsum. - -»Vor zwei Jahren lieh ich ihm fünfzig Mark, er kam zu mir -- seine -Stiefel -- überhaupt -- Kellner!« - -»Heute hat er Millionen. Ich schätze ihn auf vier Millionen.« - -»Kaufen Sie Ware, Ware -- einerlei -- eine Pleite, nicht auszudenken. ---« - -»Rudi ist immer gleich bekneipt.« - -Zwischen einer Glatze und einem Blumenstrauß hatte Otto ein schwarzes -schlankes Dämchen mit entblößten, entzückend runden Schultern entdeckt, -das seine Blicke erwiderte. Unter ihm, etwas tiefer, neben dem -Springbrunnen, saßen zwei befrackte Herren, mit zwei wie Fürstinnen -gekleideten Damen in kostbaren Roben, mit Brillanten und Blumen -geschmückt. Er roch den Puder, der von ihren entblößten Büsten aufstieg -und die Essenzen ihrer duftigen kunstvollen Frisuren. Wie rosig, dieses -kleine Ohr -- Kokotten natürlich -- aber immerhin Fleisch, Atem, Leben. - -Am Nachbartisch hatten zwei Herren im Smoking Platz genommen. Ihre -dicken, glattgeschorenen Schädel und schwammigen Trinkergesichter kamen -Otto bekannt vor. Es waren zwei Rittmeister, die er immer in Stifters -Diele Unter den Linden gesehen hatte, wenn er mit Papa dort zu Mittag -speiste. Sie hatten sich zwei reizende kleine Damen mitgebracht, -allerdings nicht erster Klasse, vielleicht Verkäuferinnen, die schon -jetzt zu kreischen begannen. - -Bunte Papierschlangen zischten durch die Luft. - -Ja, hier war in der Tat das Paradies, und da draußen in der finsteren -Straße nichts als die nackte Wirklichkeit. Ein paar blaugefrorene Kinder -mit Streichhölzern, ein altes Weib mit nassen Zeitungen -- und der -Portier der Bar steht wie ein Erzengel in seinem grünen Mantel! Berlin -war im Aschenregen begraben, aber hier hatte sich, in einer Höhle, durch -ein Wunder, ein letzter Tropfen seines geilen Blutes erhalten. Mit allen -Sinnen sog Otto Gerüche, Stimmen, Fleisch in sich, er sammelte auf -Vorrat, für die langen Monate, wo er nichts sehen würde als verrosteten -Stacheldraht und Schrapnellwolken. - -»Reformen -- Sie glauben also nicht daran?« - -»Schwindel, alles Schwindel. Eher wird der Himmel einstürzen --« - -»Aber das wäre ja Betrug!« - -»Betrug? Was sonst? Wissen Sie, wie man den neuen Mann nennt, der uns -regiert? Den Fünfminutenbrenner! Er kann nur fünf Minuten wachbleiben, -dann schläft er wieder ein.« - -»Gott sei uns gnädig und barmherzig!« - -Die Damen mit den Brillanten lachten laut auf. Er sagte es auch zu -drollig, ergeben in sein Schicksal, und dabei stieß er mit der Zunge an. - -Die schmachtende Geige des giftgrünen Primgeigers sang in Ottos Ohr. - -Was sah er? Was hörte er? - -Doras strahlende Augen? Hedis helles Haar hinter dem Schleier mit -Silberstickerei? Hörte er Doras Lachen? Nicht im geringsten. - -Er sah: Nacht, Grausen, eine Kraterlandschaft, die Zone des Todes. -Geschützfeuer geistert und die Granaten heulen. Durch die Dunkelheit -schleppen keuchende Männer einen Verwundeten auf einer Zeltbahn. Beim -Schein des Geschützfeuers erkennt er plötzlich -- ja, er, er, er selbst -ist es, den die keuchenden Männer schleppen. Sein Gesicht ist überströmt -von Blut, und deutlich hört er den keuchenden Atem der Männer, die ihn -tragen . . . - -Sofort schlug Otto erbleichend die Augen auf. Seine Pupillen erweiterten -sich, seine Augen wurden zu gähnenden Kratern voller Grauen -- das also -war es, was er sah und hörte, während der giftgrüne Primgeiger ihm ins -Ohr spielte. Die grausige Vision verblaßte, und augenblicklich kehrte er -wieder in die Paradies-Bar zurück. Nur ein leiser Schrecken zitterte in -ihm weiter. - -Mit bebender Hand füllte er das Glas und trank dem schwarzen, schlanken -Dämchen mit den entblößten, entzückend runden Schultern zu. Seine Dame -lächelte huldvoll -- und augenblicklich drehte sich die Glatze um. - -Die Schultern dieses schlanken Dämchens erinnerten ihn an Hedi. Und -während er sein Glas auf das Wohl der Schlanken leerte, gedachte er -Hedi, mit der nun, Gott sei Dank, alles zu Ende war. Er dachte an sie -ohne Haß, aber mit leiser Verachtung. Eine Dame -- tut eine Dame so -etwas -- damals im Sommer, das Abschiedssouper --? Und doch war er -gerade in diesem Augenblick, wo sich eine rote Papierschlange, von der -schwarzen Schlanken geworfen, um seinen Kopf ringelte, geneigt, -großmütig zu vergeben. Jeder Mensch hatte schwache Stunden. - -»Nun also -- diese Hedi, sie würde wohl schlecht schlafen diese Nacht?« - -»Vielleicht weint sie auch?« - -»So ein bißchen? -- He, Kellner, Herr Ober --!« - - * * * * * - -Wie eitel diese Männer, wie töricht! - -Es fiel Hedi gar nicht ein zu weinen. Sie dachte nicht einmal an ihn. - -Sie dachte an den gelben Mantel! Ein Herr will einer Dame eine Huldigung -darbringen. Nun wohl. Er kauft weiße Rosen, obschon sie ein Vermögen -kosten, und läßt sie auf dem Tisch liegen. Kein Wort, kein Blick: ein -Gentleman! - -Ihre Paläste waren in Schutt zerfallen, die Paläste mit dem Wappenschild -der Hecht-Babenberg: das rote Pferd im blauen Feld. Dahin! Schon aber -baute Hedi neue Paläste! Weitaus herrlichere, kühnere! - -Ach, sie hatte ihre Jugend vergeudet! Drei Jahre lang hatte sie auf -Ottos Brief gewartet und selbst einige hundert Briefe ins Feld -geschrieben. Und dieser Krieg endete ja nie, sie hätte alt werden können -dabei. Wie töricht! Und diese Familie der Hecht-Babenberg, dieser -hochmütige General, in dessen Augen ein Geheimer Rat ein Kanzlist war, -nichts sonst. Er hätte sie stets als ein Geschöpf zweiter Klasse -betrachtet, ohne Ahnenreihe wie die der Babenbergs, die bis auf die -Kreuzzüge zurückging. - -Ja, morgen würde sie vielleicht wieder in den Kaiserhof gehen zum Tee. -Erstens gefiel es ihr dort, die Musik, die Eleganz, die Sorglosigkeit -- -und zweitens konnte es ja sein, daß dieser Herr Ströbel oder Herr v. -Ströbel . . . - -Da richtete sich Klara leise in ihrem Bett auf. Die beiden Schwestern -schliefen zusammen in einem kleinen Hofzimmer. »Schläfst du, Hedi?« -flüsterte Klara. »Guck' doch mal den Mond an, wie er fliegt.« Hedi -antwortete nicht, und Klara beugte sich über ihr Bett. »Ah, du schläfst -ja doch nicht«, sagte sie lachend. Ganz unerwartet erhielt sie eine -klatschende Ohrfeige, denn Hedi war gar nicht in Laune, auf Klaras -Geschwätz einzugehen. Die Kleine ahnte ja nicht, daß sie, Hedi, soeben -in einem fünfzigpferdigen Tourenwagen dahinraste, eine Staubbrille vor -den Augen, Ströbel steuerte -- wenn ein Pneu platzte, konnte es eine -Katastrophe geben. - -Klara saß still und sah dem Mond zu. Ihr Gesicht war in Licht getaucht -und ihre Augen gleißten. Schneeweiß und leuchtend war sie wie ein -Gespenst. Sie atmete das Licht ein, sie war angefüllt vom Licht, und -gleißendes Licht floß durch ihre Adern. - -Das Paradies lag vor ihren Blicken ausgebreitet. - - -10 - -Otto wickelte sich fröstelnd in den Mantel. - -Es war schon das beste, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht wahr? -Sein Zug würde fahren, das stand fest! Er würde fahren, einerlei, was -passierte. Kühle Gesichter, steife Verbeugungen, laute Unterhaltungen -mit erkünstelt ruhigen Stimmen. Dann aber kommt der Augenblick, wo man -plötzlich ein fernes Brummen hört. Die Front! Irgendwo in der Einöde -hält der Zug, nur noch Männer, nur noch Soldaten. Autos, Wagen, -Kommandostimmen, Dunkelheit, Schmutz, Regen, der Geruch einer öden -Gegend. Geschütze poltern, Granaten winseln, es ist ganz wie früher. Die -Kameraden kriechen aus den Unterständen, Hände strecken sich einem -entgegen, man ist laut, man ist fröhlich, aber alles ist -- Lüge. - -Er wußte nicht einmal, ob er sie noch in der alten Stellung finden -würde. Diese Stellung lag Tag und Nacht unter schwerem Feuer, aber doch -war sie angenehm im Vergleich zu den flachen Gräben seinerzeit in -Flandern, wo sie bis an die Brust im eisigen Wasser hockten und völlig -gelähmt, an zwei Stöcken einherhumpelten. - -Aber all das ist es nicht, nicht das Feuer, die Nässe, die Kälte, die -Entbehrungen. Es ist das riesengroße Antlitz des Todes, das da draußen -über den Trichterfeldern steht. Es ist nichts als die grauenhafte Furcht -vor dem Tode, wenn man das Leben liebt, nichts sonst. - -Das allein ist die Wahrheit! -- - -Ein freudiger Schreck lähmte seinen Schritt. - -Stand nicht etwas Weißes am Fenster -- das weiße Buch? Nein, nichts, der -Reflex einer Gaslaterne. Finster das Haus. Das eiserne Gartentürchen war -verschlossen. Otto berührte den Drücker, er war eisig kalt. Die kahlen -Zweige der Büsche peitschten auf und ab, und Otto sah durch die -brodelnde Efeuwand hindurch in Gängen und Zimmern die Heiligenfiguren in -ihren grotesken Verrenkungen. - -Sie schlief, fest und tief, aber ihr Blick glänzte über dem schwarzen -Hause. - -Quer durch den brausenden, finstern Tiergarten führte Ottos Weg. Ströbel -wohnte bei den Zelten. Die Fröhlichkeit mußte jetzt in dieser Stunde -ihren Höhepunkt erreicht haben -- ja, schnell, schnell! Gierig erraffen -von der Nacht, was noch zu erraffen ist. Fort! - -Immer rascher ging er dahin, gepeitscht von Begierde und Qual. Die Zeit -wanderte unter den Sohlen seiner Stiefel. Mit jedem Schritt wanderte ein -Stückchen Zeit rückwärts, ein zertretenes Staubkorn Zeit floh mit -rasender Schnelligkeit zurück in Nichts. Ja, Sand war die Zeit, -rinnender Sand, rasend rinnender Sand, nichts sonst. Ein Meer, ein -Sandmeer rinnt -- und schon ist ein Jahrhundert vergangen -- schon ein -Jahrtausend. Ein Riesenkrater rinnt, und Städte, Völker, Kontinente -kommen ins Gleiten und rinnen hinunter -- ins Nichts. Zeit, welch -entsetzlicher Begriff! Glücklich Tiere und Götter, die ihn nicht kennen. - -In diesem Moment trat der Mond aus dem dunkeln Gewölk. Auch er raste -dahin -- wie alles auf dieser Welt, das vor dem sicheren Untergang floh --- raste, obgleich einige Jahrtausende bei ihm keine Rolle spielten. -Aber eines Tages würde seine langweilige Visage bersten und er, zusammen -mit dem Staub dieser Erde, den Schwanzzipfel eines Kometen bilden, der -zum großen Staunen der Astronomen plötzlich vor der Linse der Teleskope -erscheint -- irgendwo in undenkbarer Ferne. - -Noch sieben Stunden! Rasend stürzte Otto vorwärts. Die Zweige des -brausenden Parkes griffen nach ihm. Und plötzlich schrie Otto -- wild, -wie ein Tier. Er war jung und er liebte das Leben. - - -11 - -»Einen Augenblick nur!« Schon hatte der General die Mappe mit den Akten, -die heute noch alle bearbeitet werden mußten, aufgeschlossen. Den einen -Schlüssel besaß er, den andern hatte sein Bureauoffizier in Händen. Kein -unbefugter Blick konnte in diese geheimen Aktenstücke dringen, es war -alles bis ins Kleinste wohlorganisiert. - -Er lehnte sich im Sessel zurück. Die Teegesellschaft bei Dora hatte ihn -ermüdet. Nichts strengte ihn in letzter Zeit so an wie die Gespräche -durcheinanderschwirrender Stimmen. Anders die Sitzungen, die er mit -einem Zucken der Brauen lenkte! Aber in einer Gesellschaft, wo jeder -glaubte sprechen zu können, wann und wie lange und wie laut es ihm -beliebte, ja: wie laut, das war es -- Einen Augenblick nur -- - -Reserven -- ungeheure Heere -- wie eine Sturmflut werden sie sich -dahinwälzen . . . schon schlief der General. - -Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, kaum kam das erste tiefe -Röcheln aus seiner Brust, da wurde er auch schon wieder geweckt. Etwas -pickte am Fenster, wie ein Finger, ein Fingernagel. Er wandte den Kopf: -durch die Scheibe starrte ein kleines, glänzendes, stahlblaues Gesicht. -Eine faustgroße Larve von leuchtendem Blau -- in der Tat, ein intensives -Blau, wie eine Spiritusflamme in einem dunkeln Raum -- und erloschene -Fischaugen mit einem toten Glanz. Von diesem stahlblauen, aus sich -selbst leuchtenden Gesicht ging Drohung und Hohn aus, obschon das -Gesicht ohne jede Regung durch die Scheiben starrte. - -Der Schrecken, den das Gesicht durch die Scheiben strahlte, war so -stark, daß der General nun wirklich erwachte. Er hatte, wie er sofort -konstatierte, eine volle Stunde verschlafen. Unwillkürlich wandte er den -Blick zum Fenster -- aber es war natürlich nichts zu sehen, die grünen -Vorhänge waren dicht geschlossen. Er räusperte sich, laut und ungeniert, -wie es seine Gewohnheit war, und warf einen Blick durch die Vorhänge -hinaus auf die Straße. Nichts, natürlich. Regen, Dunkelheit, keine Seele -weit und breit. - -Plötzlich aber stand dieses Gesicht, das ihn aufgeschreckt hatte, wieder -vor ihm -- und zwar dicht vor ihm in der Luft des Zimmers -- auch die -Augen mit dem toten Glanz. Es ist, ja ja, es ist jener -- von heute -nachmittag, natürlich, dachte der General. Er hatte das Gesicht -nachmittags kaum beachtet. Es ist jener kleine Alte, der den Brief -überbracht hat. - -Ein übrigens völlig wirrer Brief, den er nur überflogen hatte -- wirres -und törichtes Zeug, was dieser kleine Alte mit dem blauen Gesicht -. . . Ja, wo steckte der Brief eigentlich. Hier, nun siehst du, schon -dieser Umschlag -- - -Der General konnte aber nun nicht mehr widerstehen, obschon die -Aktenmappe dickbäuchig dalag, eigentümlich. Er war neugierig geworden, -mehr als das. Er entfaltete den Brief und las ihn -- langsam, immer -langsamer, immer aufmerksamer. - -Wie heute abend unter der Lampe des Foyers, stieg Röte in sein Gesicht, -aber nicht eine leichte Ziegelröte, sondern -- Feuer. Die Stirn legte -sich in tiefe Falten -- - -Wie --? Nein, in der Tat, er hatte den Brief nicht gelesen. - -Aber --? Was wollte er -- gefallen, auf der Höhe der Vier Winde, auf -Quatre vents -- nun, und -- wie? -- sogar von Ruth stand etwas hier, -denn Ruth war wohl gemeint -- wie? Nein -- er hatte den Brief wirklich -nur ganz flüchtig überflogen -- er erinnerte sich nur, daß von der Bitte -um eine Audienz die Rede war. - -Wirr -- mehr noch, viel mehr als wirr: - --- untertänigst bitte ich um eine Audienz. Mein einziger Sohn, Robert, -hat unter dem Befehl des Herrn Generals gekämpft. Er ist am 5. August -beim Sturm auf Quatre vents gefallen. Er war begeisterter Soldat, Jäger, -die einzige Hoffnung und der Stolz seiner Eltern. Ich bitte, mir -gnädigst mitzuteilen, wo sein Grab sich befindet, und besonders, _ob das -Grab nicht den Granaten ausgesetzt ist!_ Dies beunruhigt mich sehr, so -daß ich gänzlich schlaflos geworden bin -- - -Wie? Was meint er? Ob das Grab --? - -Der General ist in ungeheure Erregung geraten. Seine Augen starren. - -Die Höhe! Ja, der Brief hat die Erinnerung an die Höhe in seinem Blut -geweckt. - -Das dunkle, mit Borsten bestandene Ungeheuer qualmt plötzlich wieder vor -den Augen des Generals: Quatre vents! Der 4., 5. und 6. August -- am -Abend des 6. war sie verloren! - -Am 4., 5. und 6. ratterten die Lastautos vorüber, der Schmutz spritzte --- behangen mit Schwärmen von Menschen. Rote Gesichter, schweißhelle -Augen -- sie schwangen die Helme: hurra -- und der General, auf der -Treppe seines Schlosses -- salutierte. Welches Feuer! Die Erde bebte -- -jetzt hörte er es wieder! Die Hölle! Brennend stürzte ein französisches -Flugzeug in den Schloßpark, mitten in den Rosengarten. - -»Herr General, die Jägerbataillone!« - -»Ich komme.« - -Und die Autos schaukelten, rollten, rasten: hurra! - -Die Höhe von Quatre vents war ein Friedhof von zwölf Stockwerken. -Deutsche, Franzosen, Deutsche, Franzosen. Aber sie lagen nicht nach -Nationen geschichtet, die Minen rissen ganze Stockwerke hoch und -schleuderten die Toten durch die Luft. Der Spaten stieß auf den Schädel -eines Franzosen, daneben traf er auf einen deutschen Infanteriestiefel. -Auch auf Knochen stieß er, nicht auf frische, sondern auf alte gelbe -Knochen und Skeletteile, denn auf der Höhe von Quatre vents hatte sich -ein alter Friedhof befunden. Ein Dorf lag früher da oben -- wo war es -hin? In Atome zermalmt. Die Minen hatten die Kuppe der Höhe abgetragen. -Zentnerweise wurde Dynamit in die Stollen gestopft -- ganze Kompagnien -und Bataillone flogen hoch -- hoch Deutschland! -- vive la France! Sie -kehrten nicht wieder. - -Der General hatte die Höhe nur zweimal betreten. Einmal in einer -sternenklaren Nacht (wie unvergeßlich funkelten die Gestirne!), als es -ganz ruhig war. Die Laufgräben hauchten eine eisige Kälte und fauligen -Geruch aus, man trat auf Körper und wußte nicht, ob sie lebten oder tot -waren -- sonst hatte die Höhe, über die vereinzelte Kugeln zischten, -nichts Furchtbares, und der General sagte sich im stillen, daß all die -Geschichten von den Schrecken der Höhe von Quatre vents übertrieben -wären. Das zweitemal zeigte die Höhe schon etwas mehr ihr wahres -Gesicht. Der General kam am grauenden Morgen, und die Franzosen warfen -schwere Flügelminen, die wie einstürzende Häuser krachten. Ganze -Schwärme der langhälsigen, gierigen Raubvögel stießen auf die Kuppe -herab. Zuweilen schob man ihn hastig in einen Unterstand oder einen -Quergang, wenn der Schatten der Mine in der Nähe niederrauschte. Denn -er, der General, hätte sich nicht von der Stelle gerührt. Angesichts -seiner Offiziere und Leute, die aus den Stollen lugten, hätte er sich -ohne Wimpernzucken in Stücke reißen lassen. Damals passierte ihm auch -die -- offen zugestanden -- Albernheit mit jener ungeschickten Frage. -Nun wohl, sein Gehirn hatte unter dem Eindruck der herabstoßenden -Stahlvögel und des Lawinenkrachens einfach versagt. In einem -eingeebneten Grabenstück lag ein blutgetränktes Tuch, etwas wie eine -zerfetzte Unterhose, in einer Lache von Blut. Es war so viel Blut, daß -der General keineswegs vermuten konnte -- kurz und gut, er fragte: »Na, -ihr habt wohl geschlachtet?« Welche unbegreifliche Albernheit. -- Die -Grabenoffiziere antworteten mit einem verlegenen Lächeln. Und plötzlich -sah der General ein Stück von einem Menschen an der Grabenwand kleben, -daneben ein Stück des Hinterkopfes mit kurzen Haaren. Wie peinlich war -ihm die Frage! Noch heute erinnert er sich voller Scham deutlich des -verlegenen Lächelns der übernächtigten, vom Grabendienst beschmutzten -Offiziere. - -Um acht Uhr saß er schon wieder in seinem Quartier beim Frühstück. - -Ein drittes Mal betrat der General die Höhe nicht. - -Er sah sie das letztemal, als sie verlorenging, das heißt er sah nicht -die Höhe, sondern Nacht und ein Büschel roter Notsignale, die ohne -Unterbrechung in der Nacht aufglühten -- Hilfe! -- und hoffnungslos -sanken. - -Das also war Quatre vents. - -Schwer atmend ging der General hin und her. - -Deutlich hörte er wieder die Stimme des Adjutanten. Die Jägerbataillone, -Herr General! Also auf einem dieser Autos saß er -- unter hundert andern --- mit den roten Gesichtern und den schweißgleißenden Augen -- er, jener --- wie hieß er doch -- Robert! Am 5.! Ja, am 5., da hatte er noch -Hoffnung -- am Mittag des 6. wurde er schwankend und befahl einen -letzten Gegenangriff -- am Abend, da waren nur noch die roten -Leuchtkugeln . . . - -Erst allmählich verflog die Erregung. Plötzlich lag die dickbäuchige -Aktentasche wieder auf dem Schreibtisch. - -Sonderbare Menschen gab es! Sein Grab? Daß man es wagen durfte, ihm -solch einen Brief zu senden! - -Und da -- was schrieb er am Schluß: - --- sollten Exzellenz geneigt sein, mir diese Audienz zu bewilligen, so -könnte ich Mitteilungen über das gnädige Fräulein machen, die Exzellenz -gewiß interessieren würden. Ein Unglücklicher. -- - -Ja, sonderbare Menschen . . . - -Der General zerriß den Brief und warf die Fetzen in den Papierkorb. -Schon war er in die Akten vertieft. - -Aber noch nach einer Stunde zitterte seine Hand: Hätte man ihm damals -die verlangte Unterstützung geschickt -- noch heute wäre Quatre vents in -seiner Hand! - - -12 - -»Sind Sie es, Otto?« - -»Ich dachte schon, die Polizei kommt. Sie machen wieder einen solch -furchtbaren Lärm.« - -Ströbel öffnete seinen Gästen selbst. Er hatte nach zehn Uhr keine -Dienstboten mehr im Hause, um gänzlich ungeniert sein zu können. - -Wüster Lärm drang aus der Wohnung. Das ganze Haus bebte. Dieser Herr -Ströbel -- oder Herr v. Ströbel, niemand wußte es genau -- besaß vor dem -Kriege nichts als ein paar gutsitzende Anzüge, darunter einen -schwarzweiß karierten Sommeranzug, der so auffallend war, daß man sich -heute noch an ihn erinnerte, einen Zylinder und einige Paar sehr -elegante, etwas dandyhafte Schuhe. Das war alles, was er besaß -- dazu -Beziehungen. - -Heute war er reich, er hatte eine Motorenfabrik, und seine Beziehungen -waren noch besser geworden. - -Er war auch kurze Zeit im Felde -- aber das war eine Geschichte für sich -. . . - -»Welch abscheuliches Wetter«, rief Otto aus und schüttelte sich. Seine -Augen flackerten vor Unruhe. - -»Das Wetter ist nicht das Schlimmste«, erwiderte Ströbel, der sich in -einen Sessel der Diele geworfen hatte und die Lackschuhe gegeneinander -klappte. »Es ist die Finsternis! Eine nordische Stadt ohne Licht -- wie -stellen Sie sich das vor? Es ist ein schlechter Scherz! Eine nordische -Stadt ist der Finsternis abgerungen und das Produkt des Lichts. Das -Licht gab ihr Inspiration, Energie, Laune. Im Süden -- Sie waren nie im -Süden? -- da braucht man kein Licht -- Himmel, Sterne. -- Aber -hier oben? Ohne Licht sinkt eine nordische Stadt wieder in -Bedeutungslosigkeit zurück. Verdunkeln Sie London und es wird ein -armseliger, kleiner Fischereihafen --.« - -»Nennen Sie Berlin eine nordische Stadt?« - -»Natürlich. Es fiel früher nur nicht auf. Jedenfalls aber -- schlimm, -Otto, schlimm! -- geht diese Stadt vor die Hunde. Ja vielleicht ist es -schon so weit -- wir wissen es nicht mehr --« - -Otto schrak zusammen: Drinnen fiel ein Schuß. Geschrei. Händeklatschen. - -»Wird bei Ihnen geschossen?« - -»Ja, die Feuerwalze ist hier, produziert sich als Kunstschütze. -- Sie -kennen ihn doch? Hauptmann Falk.« - -Der Qualm, die Gesichter, der wilde Lärm -- von Otto wich augenblicklich -alle Unruhe. Jene unvergeßliche Szene glitt ihm durch den Sinn: in der -Nacht, bevor das Regiment ins Feld rückte, hatte einer der Kameraden, -ein Hauptmann Below -- lange tot, und zwar als erster gefallen -- der -sich vom Liebesmahl früher zurückziehen wollte, eine Droschke ans Kasino -bestellt. Man kaufte dem Kutscher höchst einfach die Droschke ab! Diese -Droschke wurde bei der Steintreppe aufgestellt, die fünfundzwanzig -Stufen tief vom Kasino in den Park hinunterführte. Freiwillige vor! -Augenblicklich war die Droschke überfüllt. Wie ein Schwarm hingen die -Kameraden auf dem Gefährt. Ein kleiner Schwung, und die Fahrt in die -Tiefe begann. Die Droschke zersprang in tausend Stücke, aber nichts -passierte. - -Sie alle indessen -- von allen Offizieren des Regiments lebten nur noch -sechs, zwei davon waren Krüppel. - -Mit strahlender Miene trat Otto ein, bereit, sich kopfüber in den -Strudel der Fröhlichkeit zu stürzen und jede Ausgelassenheit -mitzumachen. Wohltuend schlug ihm die Atmosphäre der -Kameradschaftlichkeit entgegen. Hier kannte man ihn. Hier wußte man zum -Beispiel, daß er 1915 einen französischen Offizier, der verwundet -zwischen den Stellungen liegengeblieben war, trotz aller Knallerei in -den Graben geschleppt hatte -- nicht aus Barmherzigkeit, nein, nur um zu -zeigen, was für ein Bursche dieser Hecht-Babenberg war! - -Welche Gesellschaft! Fast alle ergraut, fahl und erschöpft. Hauptmann -Wunderlichs helle Katzenaugen blinkten, die Krücken lehnten wie immer -hinter seinem Sessel. Ein schwarzer Glacéhandschuh über der Holzhand. -Ein junger, totenbleicher Leutnant mit schräggeneigtem, verbundenem -Kopf, aus dem Lazarett entsprungen. Ein Herr im Smoking, blond und -schön, den leeren Ärmel in die Tasche geschoben. Auch einige geschorene -Billardkugelköpfe mit Knollen am Schädel waren da, Majore, Hauptleute. -Aber sie waren in der Minorität. Ein grünes Gesicht, mit Monokel, selbst -ein Blinder saß da, vergnügt ins Licht blinzelnd. Otto erblickte auch -einige Offiziere seines Vaters: den Adjutanten Weißbach, den hünenhaften -Major Wolff. Viele von ihnen waren dreimal, fünfmal verwundet gewesen, -morgen konnte die Reihe wieder an sie kommen. Der Krieg zog sich hin. - -Alle aber waren in angeregter Stimmung, und auf ihren fahlen, -zerfurchten, verwüsteten Gesichtern lag ein leichtsinniger, kindlicher -Ausdruck. - -»Also hier ist er -- hier kommt er!« schrie Hauptmann Falk Otto -entgegen. Dieser Hauptmann Falk, mit dem sonderbaren Spitznamen -»Feuerwalze«, war ein kleiner, klapperdürrer Mensch, rothaarig, mit -staubgrauem Gesicht -- nur um die Augen zogen kranke gelbe und olivgrüne -Ringe. Er sprach hastig und mit einer hohen Kehlkopfstimme, die -unangenehm und herausfordernd klang. Wie Hauptmann Wunderlich, der -Menschenjäger, trug er den höchsten Kriegsorden. Er war ein verwegener -Bursche, hatte die schlimmsten Tage an allen Fronten mitgemacht, und für -die, die ihn kannten, war es unbegreiflich, daß er überhaupt noch lebte. -Er selbst behauptete kugelsicher zu sein. Immer wieder tauchte er von -Zeit zu Zeit in Berlin auf, um die wenigen Tage Urlaub zu -durchschwärmen. Dann kam er drei, vier Tage nicht ins Bett, und erst auf -der Rückreise zur Front schlief er sich aus. - -»Rasch, Hecht!« schrie er und fuchtelte mit einer Pistole. »Sie können -die Saharet gewinnen!« - -Eben diese Saharet stürzte sich Otto mit einem kleinen Katzenschrei -entgegen. - -»Sie werden sehen,« rief sie, »ich kenne Otto --!« - -Sie war ein kleiner schwarzhaariger Irrwisch mit runden Katzenaugen. -Ihrer -- sehr entfernten -- Ähnlichkeit mit der Tänzerin Saharet -verdankte sie ihren Namen. Früher hieß sie -- ja, wer sollte es wissen? -Ströbel hielt sie als eine Art Hauskatze. Sie räkelte sich auf den -Sesseln, telephonierte, das war ihre ganze Beschäftigung. Sie sprach -geziert wie eine Ausländerin, eine Russin, eine russische Fürstin, und -spielte die große Dame. Mit einem Wort, sie war ungeheuer lächerlich. -Welchen Grund hätte auch Ströbel sonst gehabt, die Saharet zu halten? - -Ja, also die Sache war die: die Saharet sollte ausgeschossen werden, als -Preis sozusagen. Sie wollte dem ein Schäferstündchen gewähren, mit oder -ohne Publikum, der sich ein Glas vom Kopf schießen lassen würde. In -irgendeinem Vorstadttheater hätte sie einmal Wilhelm Tell gesehen. - -»Abgemacht, gut, abgemacht!« Hauptmann Feuerwalze hatte soeben zwei -Likörgläschen auf fünf Meter Entfernung freihändig vom Büfett -geschossen, er war zu allem bereit -- ein Glas vom Kopf, schön -- bitte -nur zu befehlen. - -Hier aber begannen die Schwierigkeiten. Niemand hatte Lust, seinen Kopf -zu riskieren -- schon war die Saharet gekränkt, daß man ihre -Schäferstündchen so niedrig einschätzte, sie ließ die Katzenaugen im -Kreise gehen, schmollte, bettelte -- da kam Otto, und sie stürzte sich -auf ihn. - -Otto, der Retter, der Lohengrin der Saharet! - -Die Augen der Kameraden, alle Blicke waren auf ihn gerichtet, das -Gelächter, das flehende Schmeicheln der kleinen Saharet, Otto konnte -nicht widerstehen. Ohne zu überlegen, beseelt vom Wunsche gleich in den -Mittelpunkt der Gesellschaft zu treten -- nein, was für ein toller Junge -war doch dieser Otto! -- erklärte er sich augenblicklich bereit. Ein -Glas Sekt, und die Vorstellung kann beginnen. - -»Wie? Sofort?« -- Bravo! Ungeheurer Beifall! - -Die Saharet tanzte vor Entzücken auf einem Bein und klatschte in die -Händchen. »Ach, wie reizend, dieser Otto!« Höchst persönlich kredenzte -sie das Glas Sekt. - -»Also los, fertigmachen«, schrie Hauptmann Falk mit wilden Augen. - -Unter Gelächter und Scherzen wurde Otto gegen eine Wand gestellt. Es -zeigte sich indessen zur allgemeinen Verwunderung, daß ein Glas auf -seinem Schädel nicht so ohne weiteres stand. Ein kleines Buch, bitte! -Darauf also stellte der kleine aus dem Lazarett entsprungene Leutnant -mit dem verbundenen Kopf ein Sektglas. Sofort aber protestierte die -Saharet. Das Glas war zu groß. Was sollte das für ein Kunststück sein? -Sie selbst suchte ein kleines Weinglas heraus, rückte einen Stuhl heran -und stellte es eigenhändig auf Ottos Kopf. »Nein, wie reizend von Ihnen, -Otto!« - -»Nun, fertig, los,« schrie die Feuerwalze, »macht Platz.« - -»Also -- ein Schäferstündchen?« - -»Wieso ein Schäferstündchen? Nein, nein --« - -»Was also --?« - -»Einen Kuß -- Otto! Einen Kuß!« - -»Schön -- auch für ein Küßchen mache ich es.« - -»Zurück! Sprechen Sie nicht, Hecht, sonst fällt das Glas herunter.« - -»Es ist ein völliger Wahnsinn!« protestierte Major Wolff, der Hüne, der -noch einigermaßen nüchtern war. »Sie sollten es verbieten, Ströbel!« - -»Verbieten, wieso?« entgegnete Ströbel erstaunt. »Niemand hat weniger -Rechte als der Wirt.« - -Hauptmann Falk stärkte sich mit einem Kognak. - -»Wenn Sie glauben, daß ich ewig hier stehenbleiben werde«, sagte Otto -ungeduldig, und das Glas wackelte auf seinem Kopfe. - -»Sofort, bitte -- ich eröffne das Feuer«, schrie Hauptmann Falk. - -»Achtung, meine Herren!« Hauptmann Falk schwang die Pistole. Aber in -diesem Augenblick warf ihn der Rausch einige Schritte zur Seite. Er -wandte sich empört um. »Ich bitte gehorsamst, mich nicht an den -Rockschößen zu zerren --« - -»Sie sollten lieber die Sache sein lassen«, sagte Major Wolff. - -»Weshalb denn?« schrie Hauptmann Falk mit wütender Miene. »Sobald ich -abdrücke, stehe ich wie eine Statue. Sie können sich auf mich verlassen. -Also los, ich eröffne das Feuer.« - -»Ruhe!« rief die Saharet und preßte die Hände auf das Herz. Wie spannend -es doch war! - -Der Lauf der Pistole war auf Otto gerichtet. Langsam bewegte sich das -runde Loch an ihm in die Höhe. »Daß mir jetzt niemand ein Wort redet,« -schrie Hauptmann Falk, »sonst schieße ich Hecht die Kugel in den Kopf.« -Alles war mäuschenstill. Die Saharet stand mit gefalteten Händen. -Ströbel betrachtete voll Interesse Otto, der unmerklich mit den Augen -zwinkerte, als die Mündung der Pistole zwischen seine Augen gerichtet -war. - -Otto hatte eine ganz gleichmütige, etwas belustigte Miene aufgesetzt. -Ich wünsche jetzt nur das eine, dachte er, daß mir die Kugel mitten in -die Stirn fährt. Mitten in die Stirn und Schluß! So drücke doch ab! Er -war ganz ruhig . . . - -Da wanderte das Loch der Mündung um einen Millimeter höher. Hauptmann -Falk hatte die Zähne zusammengebissen, so daß die Backenknochen aus -seinem grauen, mageren Gesicht vorstanden. Dann hielt er den Atem an, -und im gleichen Augenblick zersplitterte das Glas. - -Welcher Beifall! Welche Ovationen! - -Augenblicklich aber ergriff die Saharet, aus Koketterie, die Flucht. -Gläser zerschellten, Stühle krachten. Sie riß eine Tischdecke mit allem, -was darauf war, herunter. Aus Höflichkeit, aus gar keinem andern Grund, -hatte Otto die Verfolgung aufgenommen. Dieser schmale, armselige Mund -reizte ihn nicht. Endlich hatte sich die Saharet in der Ecke der -Bibliothek verrannt. Sie konnte weder vorwärts noch rückwärts und -versuchte, an den Bücherregalen in die Höhe zu klettern. Aber als auch -das nicht gelang, ergab sie sich, um Hilfe schreiend, in ihr Schicksal. - -Schon hatte Otto die Hände ausgestreckt -- plötzlich aber schwankte er -und wurde weiß wie eine Wand. Erregt von der Jagd, berauscht, hatte ihn -plötzlich Schwindel ergriffen. Das Gesicht der Saharet verschwamm, ihre -Augen -- ein entsetzliches, halbverwestes Gesicht erschien, mit -blinkenden Zähnen, ein Totenantlitz. - -»Ich werde fallen!« fuhr es ihm durch den Sinn, mit der Gewißheit einer -Erleuchtung, die keinen Zweifel zuläßt. Und dies war der Augenblick, wo -er bleich wie eine Wand wurde. - -Wieder erweiterten sich seine Pupillen, wieder wurden seine Augen zu -Kratern voller Grauen. Ja, jetzt hatte er verstanden. - - * * * * * - -Schokolade knabbernd hockte die Saharet hoch oben auf dem Klubsessel, in -dem der hünenhafte Major Wolff saß, der die Bank hielt. Die fahlen, -verwüsteten Gesichter mit den grauen Schläfen drängten sich um den -Tisch. Karten, Banknoten flatterten. Auch der Blinde spielte, er machte -mit dem Einarmigen im Smoking ein Kompaniegeschäft. Nur Ströbel spielte -nicht. Er füllte die Gläser. - -Otto gewann -- ganz im Gegensatz zu seinem sprichwörtlichen Pech beim -Spiel. Im Augenblick hatte er, obschon er ohne jede Überlegung, völlig -sinnlos spielte, dreitausend Mark gewonnen. Auch das war auffallend! - -Und wenn ich falle, dachte er, was ist dabei? Viele Hunderttausend sind -gefallen, weshalb sollte ich, gerade ich, verschont bleiben? Es ist -schließlich völlig egal! - -Noch einmal, einmal noch wollen wir das Schicksal befragen -- - -Die Bank war in eine Verlustserie geraten. Sie hatte sechsmal bezahlt, -und es war völlig unwahrscheinlich, daß das Glück ein siebentes Mal -gegen sie war. - -»Dreitausend Mark Einsatz, Herr Major?« fragte Otto. Gewann er, gegen -alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit, nun, so würde er es glauben, so war -es sicher . . . - -Die Bank verlor ein siebentes Mal. - -»Ich werde fallen, gut!« -- Otto zählte die Scheine, die man ihm -zuschob, und steckte sie in die Tasche. - -»_Und ich werde sie nie wiedersehen!_« - -Er stand auf. - -»Viertausenddreihundert -- erstes Geschütz --!« kommandierte Hauptmann -Weißbach, der in einem Sessel eingeschlafen war und mit offenem Munde -dalag, die bleiche Stirn in Falten zerknittert. - - -13 - -Nacht, der Regen rieselte, schwarzer Regen. - -Die Riesenstadt schlief, sie keuchte im Schlaf. Die Menschen schwitzten, -in ihren Betten, trotz der eisigen Kälte der Wohnungen. Der kalte -Schweiß stand auf ihren Stirnen, mit offenen Augen starrten sie in die -Dunkelheit. Es war nicht mehr wie früher, da die Riesenstadt nachts -aufschrie -- weißt du noch, am Anfang des Krieges? In jeder Nacht -gellten entsetzliche Schreie aus Häusern und Höfen, furchtbares Jammern -und verzweifeltes Schluchzen -- die Depeschen regneten herab auf die -Riesenstadt: gefallen, gefallen, dein Sohn, dein Gatte, dein Geliebter, -der Ernährer deiner Kinder, gefallen, gefallen -- und die Riesenstadt -schrie! Das Geläute der Glocken, die die Siege feierten, summte noch in -der Luft, mit Blumen geschmückte Jünglinge und bärtige Männer stürzten -sich hinaus -- - -Nun schrien sie nicht mehr, sie lagen still, die verkrallten Finger in -die Brust geschlagen, sie setzten sich in den Betten auf und flüsterten --- einen Namen. - -Still lag die große Stadt und dunkel. - -Erloschen die Feuersbrünste, die nächtlich aus den Bahnhöfen -emporloderten und den Himmel röteten, früher, nur noch scheue Lichtnebel -über der unendlichen Finsternis der verkohlten Stadt. Heulend und -winselnd rollten die Züge zwischen den finstern Häusern. Es waren die -Transporte, die des Nachts in die Stadt schlichen, in die halbdunkeln -Bahnhöfe, und die blutenden Menschen von den Schlachtfeldern brachten. -Dieselben, die mit Blumen geschmückt die Stadt verlassen hatten. Der Tag -durfte sie nicht erblicken. Riesenschatten schwankten über die hohen, -verstaubten Bahnhofsmauern, Tragbahren glitten hin und her, Automobile -schlichen auf ihren Gummirädern verstohlen durch die Straßen, hin und -zurück, hin und zurück. Dann erloschen die Bahnhöfe und versanken in die -Dunkelheit, bis wieder ein Zug winselte und schrie: ich bringe sie -. . . Und wieder schwankten die Riesenschatten über die verstaubten -Backsteinwände, wieder glitten die Tragbahren hin und her, wieder -schlichen die Automobile auf ihren Gummirädern verstohlen durch die -Straßen, hin und zurück. Die ganze Nacht hindurch, jede Nacht. - -Schon winselt ein neuer Zug -- und viele sind noch unterwegs, weit -draußen zwischen den Kartoffeläckern und Rübenfeldern, über die der -Regen fegt. Viele, Abertausende -- - -In jeder Nacht schlägt die Flut des blutigen Ozeans bis ins Herz der -Stadt. - -Im Grauen des Tages aber fahren die stillen Wagen von den Lazaretten -durch die Vorstädte, immer weiter, bis zu den Friedhöfen. Mit Kisten -beladen. Darin liegen sie, die mit Blumen geschmückt hinauszogen, ohne -Kleider, ohne Stiefel, ohne Wäsche, nackt, aber sie frieren nicht mehr. -Es ist Anfang Februar des Jahres 1918 -- - -Stumm fließen die Straßen dahin, ohne Ende. Höhnische Gespenster die -Laternen an den Ecken. An den ausgebrannten Häusern hängen windschief -die Firmenschilder. Riesenbuchstaben, kalt, bleich, Leichen. Die Namen -sind nicht mehr, die Firmen sind erloschen, die Magazine sind leer. In -der finstern Nacht kommen die Schatten zurück, sitzen an den -Schreibtischen der Bureaus, schleichen durch die leeren Magazine. -Schatten wimmeln die Treppen herab, Boten, Briefträger, gefallen. -Straßenkehrer fegen die finstern Straßen, gefallen. Schatten von -Omnibussen huschen zwischen den Fluten treibender Schatten dahin, die -die Straßen überschwemmen, ein Meer. Die Kutscher der Omnibusse -gefallen, die flinken Pferde gefallen. In jeder Nacht kehren die Toten -in die tote Riesenstadt zurück. - -Ängstlich lugt der Wächter um die Ecke. Seine Zähne klappern vor Furcht, -die leichenhaften Riesenbuchstaben an den Häuserwänden starren auf ihn, -sie winken, sie lächeln so eigentümlich -- ach! - -Da erzittert die tote Straße! Ein Schritt dröhnt, rasch, eilig. Ein -Sturmschritt, der Schritt eines Läufers, der dahinjagt. Eine Stimme -ruft. Die schlaflosen Menschen in den kalten Betten richten sich auf: -schauerlich hallt die Stimme durch die dunkle Stadt. Die schweißigen -Haare sträuben sich -- was ruft er? Wieder? Wie in jeder Nacht . . . - -Ein weiter, feldgrauer Soldatenmantel flattert um die dunkle Ecke. Er -jagt durch die Straßen! Hände, zum Fluch gestreckt, züngeln empor. -Dröhnend rollt die Stimme über die schwarzen Häuser. - -»Wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen!« - -Sind es diese Worte? - -Die Menschen, die in den Betten horchen, verstehen die Worte nicht. Es -sind uralte Worte, tausendjährige, sie fühlen es, es sind Worte des -Fluchs und des Untergangs. - -Der Wächter entflieht. Ein Soldat! Flink sind sie heute mit dem Messer -. . . - -In der Ferne schon schallt die Stimme. Sie rollt die endlosen Straßen -entlang, hinaus in die Vorstädte, hinaus auf das flache Feld. Lange noch -hängt ihr Hall zwischen den schlafenden Häusern. - -Die Hausecken sind finster. Aber sobald der weite Soldatenmantel an -ihnen vorüberflattert, strahlt plötzlich Licht aus den dunkeln Wänden: -die schwarzen Steine haben ein Auge aufgeschlagen. Ein Wort leuchtet aus -der Dunkelheit: - - »_Alle Völker sind Brüder!_« - -Kalkweiß flattert der weite Soldatenmantel im Schein einer fernen -Laterne -- schon ist er verschwunden. -- - -Wieder ist es still, wieder liegt die Riesenstadt tot wie eine Stadt aus -Asche. - -Draußen aber, die Vorstädte gleißten. Um die Stadt aus Asche schwang ein -Gürtel blendenden Lichts -- die gleißenden Feenpaläste der Fabriken -schwammen in der Nacht. Der rote Dampf zischte, aus den Schloten quollen -Schatten, dick und schwarz wie bei Kriegsschiffen in voller Fahrt. Die -Räder schwangen, der Boden zitterte. Abertausende standen an den -Drehbänken, das Öl spritzte -- Abertausende schleppten Granaten, -schraubten, polierten. Abertausende von übernächtigen bleichen -Arbeiterinnen saßen im grellen Licht der Bogenlampen an den -Arbeitstischen, füllten, wogen, verschnürten. - -Und die schweren Züge keuchten dahin, hinaus. - -Das ganze Land arbeitete in dieser Nacht, in jeder Nacht, Millionen -Hände -- der Tod war ihr Besteller. - - -14 - -Der Tiergarten brauste, in seiner Tiefe grollte es wie die Brandung des -Meeres. Die Wipfel mahlten in der Finsternis, und zuweilen peitschte ein -Zweig ohne jeden Grund rasend den Himmel. Ohne Aufhören floß der Regen -herab. - -Finsternis, kein Licht weit und breit. Doch halt, im Hause des Generals -wurde nun ein Fenster hell. Es war das Fenster gleich rechts vom -Hauseingang, Ottos Zimmer. - -Der Morgen war nahe. - -Am Rande des Tiergartens stand ein Schutzmann in seinem Regenmantel. Er -horchte. Ein Schuß --? Er schabte mit den schweren Stiefeln auf dem -Pflaster und ging ein paar Schritte über die Straße. Er blickte hinüber -zu den Gärten, hinter denen die Regierungsgebäude liegen. Vielleicht hat -sich jemand in den Regierungsgebäuden erschossen? Ein Minister? Wie? -Wie? Und doch ein Schuß, sagte der Schutzmann und zog sich tiefer in das -Dunkel des Tiergartens zurück. Jede Nacht erschoß sich hier jemand -- -ein Soldat, ein Bankrotteur, ein Verschmähter. Der Schutzmann bohrte -seine Augen in den finstern Park und versuchte mit seinem -Polizistenblick das Dunkel zu schrecken. - -Immer noch war Ottos Zimmer, gleich rechts vom Hauseingang, hell -erleuchtet. Immer noch sang melancholisch der Regen. - -Nun aber dämmerte Licht auch in den Gemächern links vom Hauseingang. Die -Türe zum Schlafzimmer des Generals wurde geöffnet, und ein Schleier von -Licht drang durch die Gardinen. - -Da erschien die breite Gestalt des Generals in der lichten Türe. Der -General war im Schlafrock und taumelte schlaftrunken. Er verlor immerzu -die zinnoberroten Pantoffeln, während er sich in das Vorderzimmer -tastete. Ein Schatten kroch vor ihm her. - -»Wie sagst du --?« Er räusperte sich, seine Mundhöhle war ausgetrocknet, -denn der General schlief mit offenem Munde und schnarchte. »Verletzt, -sagst du --?« Er bemühte sich, die Schnur des Schlafrocks zuzuziehen, um -sich nicht zu erkälten. Schon wieder hatte er einen Pantoffel verloren -und tastete mit dem nackten Fuße danach. - -»An der Hand -- der Herr Oberleutnant --« - -»Man sollte doch meinen, daß er mit Schußwaffen umzugehen versteht!« -schrie der General den Burschen an. Eigentlich hätte er dies Otto sagen -sollen, aber in derartigen Augenblicken wandte er sich mit Vorliebe an -Untergebene. - -»Mache Licht!« - -Zornrot ragte der Kopf aus dem fleischfarbenen Schlafrock. Auch dieser -Schlafrock zeigte karmesinrote Aufschläge, nicht so groß wie der Mantel, -aber von der gleichen Farbe. - -»Beim Packen also --? Was soll das Gestotter!« - -»Der Herr Oberleutnant wollte den Revolver in die Kiste schieben, da -ging er los -- ganz von selbst. Er ist schon einmal losgegangen.« - -Mit wütenden Schritten ging der General durch die Zimmer. Der -fleischfarbene Schlafrock wehte. Plötzlich aber hielt er den Schritt an -und tastete mit der Hand gegen einen Türrahmen. »Ein Glas Wasser, -Jakob«, sagte er. »Und dann -- hörst du -- wecke meine Tochter, sofort --- aber nicht du sollst sie wecken -- sondern wecke Therese, und Therese -soll meine Tochter wecken. Wangel soll sofort das Auto holen.« - -Das Blut war aus seinem Kopf gewichen, er war totenbleich geworden. Er -taumelte ein paar kleine Schrittchen rückwärts, bis seine Hand eine -Stütze an einem Sessel fand. Der Atem pfiff in kurzen Stößen aus seiner -Brust. - -»Und nun also ein Glas Wasser!« - -Der General hatte nur einen flüchtigen Blick durch Ottos halboffene Tür -geworfen. Otto stand gestiefelt und gespornt, rasiert und frisiert, fix -und fertig zur Abreise. Auf dem Boden lag die gepackte kleine graue -Offizierskiste. Er sah völlig nüchtern aus, gesammelt, ohne jede Spur -von Betrunkenheit. - -Und dann ein Handtuch -- zusammengerollt, wie ein blutiger Klumpen -. . . Es war eine Schwäche des Generals, daß er kein Blut sehen konnte. -Es war ihm immer peinlich gewesen -- im Felde, wo es sich doch nicht -vermeiden ließ -- aber es war eine Schwäche, die er schon in der -Kadettenzeit gehabt hatte. Es war ganz hoffnungslos, dagegen -anzukämpfen. - -Man hörte Therese an Ruths Türe pochen. Man hörte sie halblaut rufen. -Dann ging die Türe. Therese verschwand in Ruths Zimmer und kam nicht -wieder. - -Nun? - -Endlich -- nach langer Zeit kam Therese wieder zum Vorschein. Ihre Miene -war verstört. Hilflos blieb sie an der offenen Türe stehen. Therese -- -sie hieß gar nicht Therese, aber sie wurde, seit sie im Hause des -Generals lebte, so genannt, sie hieß Ernestine -- Therese war, wie -häufig, von ihrer Angst vor dem General gelähmt. Sie fürchtete ihn für -gewöhnlich, sie ließ sich nicht gerne in ein Gespräch mit ihm ein, lebte -für sich in den hinteren Räumen und kam nur selten nach vorn. Aber bei -besonderen Ereignissen steigerte sich ihre Furcht zum Entsetzen. Und in -diesem Augenblick erschien ihr der General wahrhaft erschreckend -- in -seinem fleischfarbenen Schlafrock und den roten Pantoffeln. Ihre Augen -zerrannen vor Ratlosigkeit, ganz wie seinerzeit, als sie vor dem Gericht -aussagen sollte. Damals, als der General den Prozeß führte und man sie -kreuz und quer über alles Mögliche ausforschte. Damals, als es keine -Ruhe mehr im Hause des Generals gab, nur Tränen. Therese fühlte, daß -wiederum etwas nicht in Ordnung war. - -Der General aber starrte sie an, er begriff nicht. Sein Schnurrbart -zitterte, und Therese, die dieses Anzeichen sehr gut kannte, machte eine -verzweifelte Anstrengung zu sprechen. Ihr altes Gesicht legte sich in -tausend Runzeln und kleine Falten, als ob sie weinen wollte. Die Finger -zupften an den rasch übergeworfenen Kleidern. - -»Ruth ist nicht hier.« - -Der General hatte nicht recht gehört. - -»Sie ist nicht in ihrem Zimmer.« - -»Nicht hier --?« - -Aber gerade in diesem Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit auf ein -Geräusch an der Türe gelenkt. In der Türe der Diele drehte sich ein -Schlüssel, und er wartete voller Spannung, was nun geschehen würde. -Zuerst erschien also eine kleine Hand, in grauen Handschuhen. Dann der -braune Pelzbesatz eines Ärmels, und schließlich stand Ruth in voller -Person mitten in der Türe. Auf ihrer kleinen, braunen Pelzmütze lagen -Regentropfen. Ruth erschrak nicht. Ihre braunen Augen, die weichen, -leuchtenden Augen der Sommerstorf, waren voller Erstaunen auf den -General gerichtet. - -Dann aber begannen ihre Blicke sich langsam mit Unruhe zu füllen. Das -Leuchten erlosch, sie wurden dunkel. - - - - -Zweites Buch - - -1 - -Der Tag graute, und noch immer schwang der gleißende Lichtgürtel um -Berlin. - -Vor wenigen Wochen, im Januar, lagen die blendenden Fabrikpaläste der -Vorstädte plötzlich einige Nächte lang dunkel da. Die eisernen Tore -blieben geschlossen, die Räder standen still, die Kesselfeuer waren -erloschen. Hunderttausende von regsamen Händen, wo waren sie? Was war -geschehen? - -Streik, mit einem Wort. Streik, jetzt, gerade in diesem Augenblick, wo -man die Vorbereitungen traf für die letzte große Anstrengung, die den -Sieg bringen sollte. Das englische Gold rollte -- der General behauptete -es -- das englische Gold rollte durch die Straßen Berlins, Millionen und -abermals Millionen. Scharen von Agenten waren von Albion ausgesandt -worden, um die Front der Heimat zu unterminieren. Es wimmelte von -Spitzeln und Spionen. Man klebte Zettel an die Häuser, Laufzettel gingen -durch die Fabriken -- das englische Gold war allmächtig. - -Es kam zu Zusammenrottungen -- da draußen. Patrouillen streiften durch -die Stadt, Schwärme von Berittenen mit Karabinern, Maschinengewehre -waren auf den Dachböden aufgestellt, da und dort -- sollten sie nur -kommen -- von da draußen! Halbwüchsige Burschen zogen über die Linden -und pfiffen. Aber die Schutzleute stürzten aus den Häusern und -ohrfeigten sie. - -Straßenbahnwagen wurden umgestürzt. Durch die Stadt fuhren reihenweise -Wagen mit eingeworfenen Fensterscheiben. Das englische Gold hatte es -weit gebracht. - -Die Streikenden sandten einen Ausschuß, um zu unterhandeln. Aber der -Minister -- plötzlich machte er sein Rückgrat steif -- lehnte ab, -weigerte sich -- bitte recht sehr. Er forderte gesetzlich zulässige -Vertreter. Er witterte eine Ungebührlichkeit, etwas, was überhaupt noch -nicht dagewesen war, das sich erkeckte, zu rütteln, an den Grundpfosten -zu rütteln . . . - -Die Streikenden forderten Brot, und die Regierung versprach. - -Die Streikenden forderten -- sie deuteten es nur an, aber es ging aus -ihrer ungesetzlichen, hochverräterischen Haltung deutlich hervor . . . -Es schien ihnen an der Zeit, nachzudenken. Herzogshüte und Königskronen -sollten vergeben werden, da und dort, an alle möglichen Vettern, nun -gut, wenn es Vergnügen machte, aber es schien ihnen doch an der Zeit, -mit dem Überlegen zu beginnen. Der letzte Kupferkessel war dahin, -beschlagnahmt aus der Küche des armen Weibes, die Lokomotiven brachen -auf der Strecke zusammen, in den Kasernen exerzierten Knaben und -Krüppel. Schließlich war Amerika immerhin eine Macht, mit der man -rechnen mußte, auch wenn es nicht imstande war, Flugzeuge zu bauen und, -wie man schwarz auf weiß nachgewiesen hatte, unmöglich ein Heer über den -Ozean schaffen konnte. Trotzdem. Die deutschen Truppen standen in -Finnland, im Kaukasus, in -- - -Nein, sie sprachen es nicht in klaren Worten aus, aber sie wollten doch -ganz bescheiden darauf hinweisen, daß es eigentlich an der Zeit sei -- - -Aber gerade das, hm, verletzte den Minister. Er witterte -- - -Endlich nahmen die Generale die Sache in die Hand, und im Handumdrehen -war der Streik zu Ende. Man brauchte nur etwas zuzugreifen und sofort -ging es. Die Generale waren für individuelle Behandlung. Wer ein Gewehr -tragen konnte, wurde in die Schützengräben verbannt, andere wanderten -ins Gefängnis und einige ins Irrenhaus. Die eingeschlagenen -Fensterscheiben der Straßenbahnwagen wurden durch neue ersetzt -- nichts -war geschehen. Nichts blieb zurück als ein leises, unterirdisches -Grollen, unhörbar für Ohren, die aus Greisenschädeln wuchsen. - -Obwohl der Streik nur wenige Tage gedauert hatte, sprach der General die -Möglichkeit aus, daß dadurch der Sieg gefährdet sein konnte -- konnte, -nur eine Möglichkeit . . . - -Das war also im Januar gewesen. Nun aber regten sich wieder Tag und -Nacht die ungezählten Hände, zerfressen von dem schlechten Öl, das von -den Drehbänken spritzte und die Ölkrätze hervorrief. Die Feenpaläste -schwammen wieder strahlend in den Nächten, der Lichtgürtel flammte -wieder um die Riesenstadt. Und im grauen Morgen, zur Zeit des -Schichtwechsels, rollten wie früher die Züge überfüllt mit Menschen, als -sei nichts geschehen. Hunderte von gelben Gesichtern in jedem Abteil, -Hunderte von gelben Gesichtern auf den Trittbrettern, auf den Dächern, -überall. Und die bleichen, übernächtigen Mädchen, die die Patronen -packten, kreischten und schrien. - -Auch an diesem grauen Morgen rollten ganz wie sonst zur Zeit des -Schichtwechsels die Züge mit den gelben und todbleichen Gesichtern. -Hustend und frierend hasteten Kleiderbündel durch die Straßen der -Vorstädte, voller Angst, rechtzeitig die Kontrolle der eisernen Tore zu -passieren. Der Westen der Stadt lag noch in tiefem Schlaf, die Wächter, -die den Schlummer der Reichen bewachten, gähnten. - -Auch an diesem Morgen rollte mit der Minute der bekannte Zug nach der -Westfront. Eine Leiche sah auf den Bahnsteig, suchte, pfiff sogar etwas --- die Leiche -- es war Hauptmann Falk. - -Wo bleibt denn dieser Knabe? Aber Otto kam nicht, und Hauptmann Falk zog -das Fenster hinauf, hüllte sich in den Mantel und schlief augenblicklich -ein, bevor der Zug die Station recht verlassen hatte. - -Die Feuerwalze war auf der Heimreise. -- - -Der Tag dampfte über den Kartoffeläckern und Rübenfeldern im Osten von -Berlin, und graue Wolken schleppten sich über die Laubenkolonien -zwischen den roten und gelben Backsteinmauern der Vorstädte, über die -Halden mit Bauschutt, Papierfetzen und verbeulten Eimern. Hinter den -grauen Wolken aber kam ein Funke! Der Funke leckte feurig einen -Wolkenrand und ein Blitz blendete hervor. Da begannen die gelben und -roten Backsteinmauern der Vorstädte zu blühen, die Fensterscheiben -funkelten, das Millionenauge der Riesenstadt blitzte. Die Trompeten in -den Kasernenhöfen schmetterten, und Tausende von Männern erhoben sich -von den elenden Lagern. - -Ein Lichtbüschel züngelte mitten durch das Fenster einer Mietskaserne im -Nordosten Berlins -- einer grauen, mürrischen Mietskaserne, über deren -Fassade sich die Riesenaufschrift »Leihhaus« erstreckte -- und blendete -in ein aufgeschlagenes Buch. Dieses Buch lag auf einem kleinen Tisch -dicht am Fenster des armseligen Zimmers. Das Buch flammte, Feuer schlug -heraus: es war die Bibel! - -Eine Hand hatte Verse angestrichen, und diese Verse brannten unter dem -Lichtstrahl: - -»Und die Könige auf Erden, und die Obersten, und die Reichen, und die -Hauptleute, und die Gewaltigen, und alle Knechte, und alle Freien -verbargen sich in den Klüften und Felsen an den Bergen.« - -»Und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallet auf uns, und verberget -uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn -des Lammes.« - -»Denn es ist kommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?« - -Da glühte das ganze Buch, flammte auf und brannte. - -Neben dem Buch stand eine kleine Schreibmaschine veralteten Systems. An -der Türe des kleinen Zimmers hing ein großer, weiter, grauer -Soldatenmantel. - -Nun trat ein junger Mann ins Zimmer, und während er in den Mantel -schlüpfte, fielen seine Blicke auf die aufgeschlagene Bibel, die im -Lichtstrahl flammte. - -»Auch die Apokalypse gibt keine Deutung!« sagte der junge Mann -kopfschüttelnd, mit rasenden Augen, und schloß das Buch. Sofort erlosch -es, schwieg es, wurde es stumm. - -»Diese apokalyptischen Reiter -- sie sind Schemen. Das Blut stieg bis an -die Zäume der Pferde -- er sollte es mit eigenen Augen sehen -- die -Pferde versinken im Blut!« - -Da aber traf der Lichtstrahl ihn mitten ins Herz. Er fuhr zusammen, -seine rasenden, dunkeln Augen richteten sich ins Licht und flammten in -seinem bleichen Gesicht. - -Er sah nicht die Schutthaufen mit den Papierfetzen und rostigen Eimern, -nicht die Lauben mit den schwarzen Lumpen auf den Dächern: er sah das -Licht, das sich zwischen düsteren Wolkensäumen durchfraß und die -Herrschaft über die Dunkelheit an sich riß. - -Seine Finger berührten das heilige Buch, zuckten. - -»_Ich glaube! Ich glaube!_« schrie er dem Licht entgegen. - - -2 - -Auch der alte Portier, der Veteran von 70, war schon wieder auf seinem -Posten. Zuweilen trat er aus der Loge und spuckte aus. Und da -- ist es -zu glauben? -- da war auch schon wieder jener Aufdringliche, jener -kleine, ältere Herr. Er zog den steifen Hut. - -»Seht an -- Sie? Schon wieder?« begrüßte ihn der Portier unfreundlich. -Und vorwurfsvoll fuhr er fort: »Sie haben mich in eine hübsche Lage -gebracht, das muß ich sagen!« - -»Hübsche Lage --? Um Gottes willen --?« - -»Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr?« - -»Jawohl, Herbst.« - -»Etwas war offenbar nicht in Ordnung mit Ihrem Brief, Herr Herbst!« - -»Nicht in Ordnung --?« - -»Nein. Seine Exzellenz -- Sie haben doch gutes Papier genommen? -Jedenfalls haben Seine Exzellenz --« Der Portier in seinem im Laufe der -Kriegsjahre etwas schäbig gewordenen Mantel brach ab, öffnete die -Glastüre der Loge und verbeugte sich. »Guten Morgen, Herr Oberst!« Säbel -rasselten, ordenglitzernde Brüste schwebten am Glasfenster vorüber, -Lackstiefel, rote Streifen, Pelzkragen. Die Soldaten und Schreiber -huschten die Granittreppen hinauf. Der Dienst begann wieder, dieselbe -Sache, wie seit Jahren. - -»Jedenfalls war etwas mit Ihrem Brief nicht in Ordnung. Seine Exzellenz -waren -- hm -- ungehalten.« - -»Sie selbst haben mich doch ermutigt.« - -»Höflich und richtig abgefaßt. Ich habe gesagt, versuchen Sie es. -Reichen Sie ein Gesuch um eine Audienz ein. Haben Sie gehorsamst -geschrieben?« - -»Ja, gehorsamst habe ich geschrieben.« - -»Der Umschlag, ich sagte Ihnen ja gleich, ein weißer wäre besser -gewesen. Diese hohen Herren haben ihre Eigenheiten. Sie sehen auf -Kleinigkeiten, wenn zum Beispiel auch nur ein ganz kleiner Schmutzfleck -da ist -- Guten Morgen, Herr Major, Herr Rittmeister! -- Es ging ja noch -gut ab, aber es hätte leicht ein Donnerwetter setzen können, schon -fürchtete ich einen Blick zu bekommen, ja, wissen Sie, einen Blick --! -Und nun ist heute nacht diese Sache passiert -- wissen Sie -- diese -Sache --« - -»Welche Sache?« - -»Nun, der Sohn Seiner Exzellenz -- der Herr Oberleutnant,« die Stimme -des Portiers sank zu einem Flüstern herab, »er hat Malheur gehabt mit -dem Revolver, beim Packen. Der Revolver hat sich geklemmt, und schon -ging also der Schuß los -- in die Hand.« - -»Ist es möglich?« - -»Nun können Sie sich vorstellen, was für eine Aufregung das hier im -Hause ist! Der Adjutant war schon hier und gab mir einen Wink. Denn -sehen Sie, wenn Exzellenz schlecht gelaunt sind, dann ist nicht zu -spaßen mit Exzellenz. Für gewöhnlich sind Exzellenz ja ganz umgänglich --- freundlich sogar . . . Aber« -- plötzlich musterte der Portier seinen -Besuch -- »hören Sie -- Sie sind ja ganz naß, völlig durchnäßt?« - -»Ich bin in den Regen gekommen.« - -»In den Regen? Und wie Sie aussehen, Herr! Als ob Sie auch nicht ein -Auge zugetan hätten?« - -»Wie ich Ihnen schon sagte, ich bin zuweilen vollkommen schlaflos --« - -Der alte Portier, mit den weißen Haarsträhnen, den kleinen Medaillen aus -Kupfer und Blech auf der Brust des zu weiten Mantels, schüttelte den -Kopf -- kritisch, mißbilligend. Hier in seiner Loge -- - -Der Havelock, das heißt der Herr mit dem Havelock, Herr Herbst, machte -allerdings einen jämmerlichen Eindruck. Sein rostbrauner Havelock, der -viel zu lang war und bis an die schmutzigen Stiefel reichte, war -zerknittert und dunkel vor Nässe. Der schwarze steife Hut, der bis an -die abstehenden Ohren fiel, war glänzend schwarz vom Regen, das Band, -das die Krempe säumte, einfach vollgesogen mit Wasser. Sein Gesicht war -keineswegs stahlblau, sondern gelblich bleich, von ungesunder Färbung, -mit merkwürdigen gelben Flecken, klein, hohlwangig und von tiefen -Furchen zergraben. Öffnete er den kleinen, faltigen Mund mit dem -weißgrauen Stoppelbärtchen, so wurden gelbe Zahnstumpen sichtbar -- und -seine Glatze zog bis ins Genick, nur einige Härchen, grauweiß -gekräuselt, deuteten noch den Haarkranz an -- und diese großen, -abstehenden Ohren! Seine wasserhellen Augen waren entzündet und tränten, -sie schwammen fortwährend in Wasser. Es war ein Mensch, der nichts auf -sein Äußeres gab -- sich vernachlässigte, schlaflos, krank offenbar -- -sein Sohn -- der alte Portier fühlte plötzlich Mitleid, obschon es ihm -peinlich war, daß dieses durchnäßte Herrchen sich in seiner Loge befand. -Wenn jemand hereinkäme, nicht ein Schreiber, vor ihnen hatte er keine -Angst, aber, nehmen wir an, ein Offizier? - -»Und, sagen Sie -- lieber Herr -- was wollen Sie nur wieder, schon so -früh --?« fragte er, plötzlich aufs äußerste erstaunt. - -»Ich wollte --« hier errötete Herr Herbst und wurde sehr unruhig -- -»nun, ich wollte doch nachsehen, ob keine Antwort --?« - -»Antwort --?« - -»Der General sollte Ihnen Bescheid geben, wann die Audienz --?« - -Der Portier schlug erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. »Also -auch mich ziehen Sie mit hinein -- mich?« - -»Es schien mir das Einfachste --« - -»Das Einfachste -- und Exzellenz werden nun denken --!« Und wieder -schlug der Portier außer sich die Hände über dem Kopf zusammen. - -Herr Herbst fühlte nur zu deutlich, daß seine Position hoffnungslos -verloren war. Hastig fuhr er mit der kleinen, schmutzigen Hand in den -zerknitterten Havelock und zog ein Zigarrenetui aus der Rocktasche, ein -großes Etui aus Aluminium. - -»Ich bitte«, stotterte er. - -»Nun kommen Sie mir wieder mit Ihren Zigarren.« - -»Nehmen Sie ruhig, mein verehrter Herr!« - -»Ich will Sie nicht berauben. Heutigentags ist eine Zigarre eine -Kostbarkeit. Danke. Also -- keine Adresse, Sie Unglückseliger --?« - -»Nein. Ich wußte auch nicht recht welche -- ja, wie sollte ich es machen --- ich habe -- zwei Wohnungen.« - -»Zwei Wohnungen haben Sie?« - -»Ja, zwei. Ich weiß nicht, wo ich eigentlich wohne.« - -»Zwei Wohnungen, und er weiß nicht -- ja, eigentümlich -- ein -eigentümlicher Herr sind Sie --« - -»Es kommt alles _daher_ -- alles _daher_ --« stotterte Herr Herbst zu -seiner Entschuldigung. - -In diesem Augenblick klappte draußen ein Wagenschlag. Es war fünf -Minuten nach neun Uhr. Der Portier schrak zusammen und warf einen -raschen Blick durch das Guckfenster. - -»Seine Exzellenz! Seine Exzellenz!« rief er in höchster Aufregung aus. -»Exzellenz darf Sie hier nicht sehen. Um Gottes willen -- daß Sie mir -nicht durch die Türe blicken!« - -Und schon stürzte der Portier zitternd hinaus, um dem General seinen -Bückling zu machen. - -Der Mann im Havelock floh erschrocken in die Ecke der Loge. Sein Herz -schlug vor unbeschreiblicher Angst. Er preßte das Zigarrenetui aus -Aluminium vor die Brust. Er stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand --- dann aber zwang ihn eine Macht, gegen die es keinen Widerstand gab, -langsam, ganz langsam den Kopf zu drehen und durch die Glastüre zu -lugen. - -Soeben ging der General an der Loge vorüber. In Gedanken versunken, wie -gewöhnlich, stieg er die Granittreppe hinauf. - - * * * * * - -»Gott sei Dank, Exzellenz hat Sie nicht bemerkt!« - -Aufatmend trat der Portier in die Loge zurück. »Und gar nicht schlecht -gelaunt, ja, sonderbar. Wer soll sich bei diesen hohen Herren auskennen? -Er sagte, sogar: >Guten Morgen, Heinecke<.« - -Der Havelock wagte sich wieder aus seiner Ecke hervor. Seine tränenden -Augen forschten in dem alten Frauengesicht des Portiers. »Und --?« - -»Was meinen Sie -- und?« - -»Kein Bescheid?« - -Der Portier schlug verzweifelt die Hände zusammen. - -»Sie glauben also, mein lieber Herr, Exzellenz hat an nichts anderes zu -denken als an Ihr Gesuch«, rief er ärgerlich. »Um fünf Uhr haben Sie das -Gesuch abgegeben! Um acht Uhr waren Sie schon wieder da! Kaum beginnt -der Tag, so kommen Sie -- ich bitte Sie, mein verehrter Herr --!« - -»Verzeihen Sie --« - -»Exzellenz hat natürlich den Kopf vollgestopft mit allen möglichen -Dingen. Exzellenz hat dreihundert Leute unter sich, verstehen Sie, was -das heißt? Offiziere und Beamte und Mannschaften -- dreihundert. Da gibt -es Befehle und Schreibereien -- täglich kommen über hundert Telegramme --- jeden Augenblick ruft die Oberste Heeresleitung an -- na und so zu -- -und da glauben Sie --! Ich muß offen mit Ihnen reden. Sie sind nie -Soldat gewesen?« - -»Nein.« - -»Nun, da haben wir's. Dann können Sie freilich nicht wissen, wie es -zugeht. Keine ruhige Minute. Seit vierzig Jahren mache ich das mit.« - -»Sie selbst haben doch --« - -»Ja, leider Gottes habe ich -- aber bedenken Sie doch, was Sie -verlangen! Eine Audienz! Hunderte warten darauf -- wochenlang! Ich muß -nun offen mit Ihnen reden. Gestern schreiben Sie und heute glauben Sie -schon -- Ein General! Bedenken Sie -- und wer sind Sie? -- Ich will -Ihnen nicht zu nahe treten -- aber wer sind Sie -- oder ich --? -Vielleicht wird Exzellenz überhaupt nicht antworten.« - -»Überhaupt nicht --?!« rief der Mann im Havelock voller Schrecken aus -und hob die Hände. - -»Möglich, weshalb nicht? Ich spreche nun ganz offen mit Ihnen.« - -»Aber mein Sohn -- es handelt sich ja --« - -»Möglich -- alles möglich -- Sie sind weltfremd, mein Herr, kennen das -Leben nicht. Aus der Provinz --« - -Herr Herbst nahm den Hut. Niedergeschlagen wandte er sich zur Türe: -»Nun, dann werde ich ein neues Gesuch schreiben!« sagte er entschlossen. - -»Um Gottes willen!« - -»Wenn er aber auch darauf nicht antwortet -- wissen Sie, was ich dann -tue --?« Herr Herbst versank in Nachdenken. - -»Nun, nun -- wer sollte es für möglich halten --?« - -Offenbar fand der Havelock aber keine Lösung. - -»Nun jedenfalls ein neues Gesuch -- ja ja -- morgen schon! Ich kann doch -wohl verlangen -- Als Vater habe ich doch ein Recht -- ein Recht --« - -Der Portier brach in ein heiseres Altmännerlachen aus und hustete. »Ein -Recht! Ein Recht!« schrie er. - -»Weshalb nicht, als Vater?« fragte Herr Herbst, schon wieder ganz -zaghaft und entmutigt. - -»Hahahaha -- ehek, ehek!« - -Der Mann mit dem Havelock war verschwunden. Als der Portier sich -ausgespuckt hatte, war weit und breit von ihm keine Spur mehr zu sehen. - - -3 - -Langsam wandelte der General den endlosen Korridor entlang. Diesen -Korridor liebte er, und so oft er ihn entlang ging, empfand er ein -sonderbares Behagen, obschon dieser Korridor genau so häßlich, kahl und -übelriechend war wie alle Korridore des riesigen Amtsgebäudes. Aber in -etwas unterschied er sich von den andern Korridoren: er vibrierte -unaufhörlich von den Maschinen, die im Erdgeschoß arbeiteten. Sie -erfüllten den kahlen Gang mit ihrer Energie. - -Wie täglich, wie stündlich, blieben die Ordonnanzen und Schreiber gegen -die Wand gedrückt stehen, sobald der General in ihre Nähe kam. Sie -wandten den Blick nicht von seiner verschlossenen Miene, bis er vorüber -war. Und selbst dann blickten sie ihm noch eine geraume Weile nach. -Jetzt erst setzten sie sich, den Kopf ruckweise zurechtdrehend, wieder -in Bewegung. Die Offiziere, die das Unglück hatten, zufällig über den -Korridor zu gehen, blieben stehen und machten ihre respektvolle -Verbeugung. Und der General hob den Finger an den Mützenrand, wie -täglich, wie stündlich, ohne die Menschen, die vor ihm zurückwichen, -anzusehen. Sein Blick war zu Boden gerichtet, auf die Steinfliesen, die -abgeschliffen waren von den genagelten Soldatenstiefeln. Es sah aus, als -ob die ganze Last der Kriegführung auf seinen Schultern ruhte. - -Unter den Steinfliesen arbeiteten die Druckereien. Tag und Nacht -schleuderten die Rotationsmaschinen Stöße von Kartenblättern heraus, -die, zu großen, nach Leim und frischer Farbe riechenden Stapeln gehäuft, -nach und nach sämtliche Korridore des weiten Gebäudes überschwemmten. Es -waren Karten von allen denkbaren und undenkbaren Ländern, vom Eismeer -bis zum Äquator -- soweit die scharfen Augen der Generale blickten. - -Aus diesen Kartenstapeln strömten Inspirationen. So sah der General in -diesem Augenblick, ohne jede bewußte Ideenverbindung, deutlich den -Peipussee vor sich und die strategische Grenzlinie Deutschlands im -Osten, die schon sein großer Lehrmeister Moltke gezogen hatte. -- -Übrigens, kurios, der Portier, dieser alte Veteran, er sah dem alternden -Moltke etwas ähnlich, natürlich nur ganz entfernt, soweit ein aus dem -Unteroffizierstande hervorgegangener Beamter überhaupt einem Heerführer -ähnlich sehen kann. -- Diese Linie, ja, und im Norden mußte ein -erstarktes Finnland, fest an Deutschland geknüpft, der Verbündete -werden: mit der Pistole an der Schläfe mußte Rußland in den Frieden -hineingehen. - -Ein Glück nur, daß dieses elende Diplomatenmachwerk von Brest-Litowsk -nur ein Provisorium war . . . - -Plötzlich wurde die strategische Ostlinie, die scharf wie der Schnitt -eines Rasiermessers vom Peipussee südlich führte, durch irgendetwas -gestört. Was war es doch? Ein weiter, grauer Soldatenmantel flatterte -durch sie hindurch! - -Da war er also wieder, seht an . . . - -Seit Wochen schon war ihm dieser Mantel aufgefallen, und zwar nur, weil -er so merkwürdig flatterte, wie kein Mantel sonst. Obschon er immer nur --- ein sonderbarer Zufall -- einen Zipfel dieses Mantels verschwinden -sah, konnte er doch feststellen, daß es der Mantel eines gemeinen -Soldaten war, der nachlässig, unsoldatisch, mit einem Wort -vorschriftswidrig getragen wurde. In besonderen Stimmungen hatte er in -dem Flattern dieses Mantels sogar etwas Herausforderndes erblickt -- -eines jener Symptome des Abbröckelns der Disziplin, gegen das er in -ungezählten Tagesbefehlen ankämpfte -- schon an der Front, was ihm von -gewissen Seiten wieder übel vermerkt wurde. - -Diesmal aber lief ihm der Mantel direkt in die Hände, er konnte ihm -nicht entgehen. - -Der Soldat kam näher, und nun, da er den Schritt verlangsamte, sah der -General, daß er das eine Bein etwas nachschleppte. Der weite Mantel -stand an der Wand still, wie alles, was sich hier bewegte, wenn der -General in Sicht kam. - -Der General sah einen einfachen Soldaten von etwa fünfundzwanzig Jahren -vor sich stehen, mittelgroß, breitschulterig, mit schlichten, für sein -Alter auffallend ernsten Zügen. Was dem General aber besonders an dem -Gesicht auffiel, das waren die Augen. Sie waren braun und -außerordentlich sanft. Es waren die sanftesten Männeraugen, die der -General jemals gesehen hatte. Und der ganze Bursche, bleich und schlecht -genährt, wie die meisten Ordonnanzen und Schreiber, die sich im -Amtsgebäude herumtrieben, der ganze Bursche machte einen ebenso sanften -und versöhnlichen Eindruck. Nur seine schwarzen Haare waren etwas zu -lang und standen unter der Mütze vor. Die Haltung dieses Mannes war ohne -jeden Tadel. Indessen, es lag etwas in dem Ausdruck seines Gesichts -- -ja, wie soll man sagen? In den warmen, braunen Augen schimmerte -- oder -täuschte er sich -- ein unmerkliches Lächeln, und dieses unmerkliche -Lächeln lag trotz dem Ernst auch auf dem etwas bleichen Gesicht. - -Der General betrachtete das Gesicht in aller Ruhe -- so wie man eine -Schnitzerei betrachtet. Aber dieser Mann kam nicht in Verlegenheit, -wurde nicht unsicher, der Ausdruck seiner Augen änderte sich nicht, -seine Lider bewegten sich nicht rascher. Er blieb gleichmäßig ruhig und -gleichgültig. - -Dieser Mann hatte offenbar keine Angst, von einem hohen Vorgesetzten -gemustert zu werden, ruhig erwiderte sein Blick den des Generals -- -keine Angst, nicht die geringste. - -Hm! - -Übrigens hatte der General dieses Gesicht schon irgendwo und irgendwann -gesehen, obgleich er sicher war, ihm nie im Leben begegnet zu sein. Es -war ein Gesicht, wie man es auf alten Bildern sah -- ein Gesicht aus -vergangenen Epochen sozusagen. Auf alten Gemälden und Stichen, von -Mönchen, Poeten und sonstigen Schwärmern. - -Nun stieg eine leichte Röte unter der blassen Haut des Gesichts empor. - -Rasch wie Hammerschläge fielen Fragen und Antworten: - -»Wie heißen Sie?« -- »Ackermann.« - -»Was sind Sie?« -- »Hilfsschreiber!« - -»Zivilberuf?« -- »Student!« - -»Wo verwundet?« -- »An der Somme!« - -Unvermittelt nahm die Stimme des Generals einen strengen Ton an. - -»Wenn Sie auch Student sind, so können Sie doch Ihren Mantel -vorschriftsmäßig zuknöpfen!« - -Die Hände des Soldaten fuhren nach den Mantelknöpfen. - -»Nachher, mein Sohn«, sagte der General wieder milder und ging. - -Schon verschwand er in der grüngepolsterten Doppeltüre. - - * * * * * - -Etwas unsicher machte Hauptmann Weißbach, der Adjutant, seine Meldung. -Ottos verletzte Hand war soeben geröntgt worden. In wenigen Wochen -dürfte Otto wieder völlig hergestellt sein. - -»Also, der Arzt befürchtet nicht, daß seine Karriere dadurch beeinflußt -werden könnte?« - -Weißbach erblickte seinen Gebieter durch eine Art Nebel in -Überlebensgröße. Er hatte die Empfindung, Wolken von Alkohol -auszuströmen. Wenn man ihm mit einem Streichholz zu nahe kam -- um -Gottes willen, seien Sie vorsichtig! -- so würde er lichterloh in -Flammen stehen, augenblicklich -- diese etwas peinliche Empfindung hatte -der Adjutant. Ganz abgesehen davon konnte jeden Augenblick der -Parkettboden unter seinen Füßen einbrechen und er im Keller landen, bei -den Rotationsmaschinen, die Tag und Nacht Karten aller Herren Länder -ausspien. - -Vor knapp einer halben Stunde war er von Ströbel gekommen. Ströbels -Herrenabende -- die Saharet zählte gar nicht -- pflegten sich stets bis -zum Morgen auszudehnen. Punkt acht Uhr wurde die letzte Bank abgezogen. -Dann badete man, rasierte sich und frühstückte. Herrlichen Mokka gab es -bei Ströbel, Brötchen mit Butter -- einfach alles. Zuletzt noch einen -Kognak -- und dann los! Ottos Unfall war telephonisch gemeldet worden. -Augenblicklich hatte Weißbach, so wie es sich für einen Adjutanten -gehörte, seine »Maßnahmen ergriffen«. Alles telephonisch. Er wollte ins -Lazarett fahren, sobald eine Minute Zeit war. Er wußte, was man von ihm -forderte -- - -Der General befahl mit Ottos Regimentskommandeur im Felde verbunden zu -werden -- und dann: wenn Anmeldungen vorliegen? - -»Der Herr von der Presse.« - -»Ich bitte!« Die Verblüffung warf Weißbach nahezu zu Boden. - -Seit einer Woche bereits antichambrierte dieser Herr von der Presse, und -Weißbach wagte kaum noch, ihn zu melden. Der General verachtete alles, -was mit diesem Gewerbe zu tun hatte -- all diese entgleisten Studenten, -Gelehrten und Schriftsteller, die die Anmaßung besaßen, die öffentliche -Meinung machen zu wollen. - -Die hohen Bogenfenster spiegelten sich im gewichsten Parkett, der breite -Goldrahmen des großen Kaiserbildes an der Wand glänzte. Sonst war der -Arbeitssaal Leere und Kahlheit, bewohnt einzig und allein von Seiner -Majestät, mit dem Marschallstab und der von Orden, Kreuzen, Sternen, -Tressen und Schnüren funkelnden Brust. - -Von tiefem, feierlichem Blau waren die langen, schmalen Vorhänge an den -hohen Bogenfenstern, silbergrau die Wände -- zuweilen wichen sie zurück, -wenn der General arbeitete -- in weite Fernen, und es schien ihm dann, -als säße er in einem endlosen Nebel. - -Der General heftete den Blick auf das Kaiserbild -- täglich tauschte er -Blicke mit seinem obersten Herrn. Aber die Augen des Soldaten im weiten -Mantel erschienen vor seinen Blicken: sonderbare Augen, in der Tat -- -genau wie auf den alten Ölgemälden -- - -Schon trat der Herr von der Presse ein -- mit einem feierlichen -Bückling, bis zum Parkett. Ein warmer Unterton in der Stimme des -Generals ermutigte ihn näher zu treten. - -Weißbach unterbrach die Unterhaltung. - -»Das Regiment«, meldete er. »Befehlen Herr General das Gespräch hier -hereinzulegen?« - -»Ich bitte -- es wird wohl nicht stören?« Der Herr von der Presse wußte -das außergewöhnliche Vertrauen zu schätzen. - -Und der General begann in das Telephon zu schreien: »-- schon -unterrichtet -- jawohl -- eine Abschiedsfeier, Herr Oberst, die bis -morgens um sechs Uhr dauerte --« Und nun lauschte der General und -verbeugte sich am Telephon. Der Regimentskommandeur drückte die Hoffnung -aus, seinen tapfersten Offizier bald wiederzusehen. Er sagte -ausdrücklich: tapfersten -- hier verbeugte sich der General -- und -wieder heulte der General in das Telephon. »Stimmung ausgezeichnet, -sagen Sie -- prächtige Laune -- Zuversicht -- es wird ja wohl bald -wieder vorwärtsgehen --« und wieder lachte der General in das Telephon. - -»Sie verzeihen die Unterbrechung. Meinem Sohn ist ein kleines Malheur -zugestoßen. Beim Einpacken, er sollte heute zum Regiment zurück, klemmt -sich der Revolver, und plötzlich geht er los --« - -Auf den Zügen des Pressevertreters malten sich äußerster Schrecken und -tiefste Anteilnahme. - -Untadelig glänzte das Wappenschild der Hecht-Babenberg durch die -Jahrhunderte. Gerade dieses Wappenschildes wegen deckte der General -seinen Sohn mit dem eigenen Leibe. Wenn man auch voraussetzen sollte, -daß vor dem Namen Hecht-Babenberg die Zungen unverantwortlicher -Schwätzer verstummten, so wimmelte dieses Berlin doch von Neidern und -Verleumdern -- er selbst konnte ja ein Lied davon singen -- denen selbst -das fleckenlose Wappenschild der Hecht-Babenberg nicht heilig sein würde -. . . - -Der Dienst verschlang die Zeit, und im Augenblick war es Mittag -geworden. Punkt ein Uhr raste die graue Limousine davon, um erst vor -Stifters Diele, Unter den Linden, anzuhalten. - - -4 - -Der General frühstückte jeden Tag in Stifters Diele. Ruth war zur -Mittagszeit in ihrer Küche beschäftigt, und allein in dem kahlen -Speisezimmer zu Hause sitzen --? Nein. Es war am Tage noch ungemütlicher -als am Abend -- und totenstill. - -In Stifters Diele waren wenigstens Menschen und etwas Lärm, gerade so -viel, wie Leute mit guter Kinderstube ihn beim Dinieren erzeugen, ein -beruhigender, wohltuender Lärm. Silber klirrte. - -Hier, in seiner Nische hinter den Stechpalmen, fühlte der General sich -geborgen vor den Zudringlichkeiten der Welt. Zuweilen nur drang -irgendein neugieriger Blick durch die Stechpalmen, um sich sofort wieder -ehrfurchtsvoll zurückzuziehen. - -Stifters Diele war nicht ein gewöhnliches Restaurant, sondern eine -Speisekapelle: farbige Kirchenfenster, Dämmerung, gedämpfte Lichter und -dicke Teppiche. Das Speisen hatte hier die Form eines religiösen Kults -angenommen. Die Kellner murmelten feierlich wie Priester, die die -Beichte abhören. - -Zwischen dem Etablissement und den Gästen bestand eine stillschweigende -Verabredung: das Etablissement versprach, seine Gäste gesund und -wohlgenährt durch den Krieg zu bringen, wogegen die Gäste sich -verpflichteten, zu schweigen und zu zahlen. Es verkehrten fast -ausschließlich Stammgäste in Stifters Diele. Zumeist hohe Würdenträger, -die neue Energien für den anstrengenden Dienst zu gewinnen suchten, und -Junker, die von ihren großen Gütern nach Berlin kamen und die Küche der -Diele kannten. Manchmal verirrten sich auch zweifelhafte Elemente hier -herein -- aber sofort kam der Oberkellner, leider alles bestellt, die -Herrschaften -- - -Wie eine Orgel summte die tiefe Stimme des Oberkellners. Näher als -irgendein anderer Sterblicher es hätte wagen dürfen, rückte er dem roten -Ohr des Generals. - -»Bouillon mit Mark oder Klößchen, Exzellenz? -- Mit Klößchen, sehr -wohl.« - -»Hühnerpastetchen, Exzellenz? Heute ist fleischloser Tag, aber -- nur -für unsere Stammgäste natürlich -- Chateaubriand -- Es ist auch etwas -Kaviar eingetroffen. Ich darf eine Portion servieren, ohne den Preis zu -nennen?« - -Der General setzte den goldenen Kneifer auf und blickte den Befrackten -an. »Sie sagten --?« - -»Ja, über Finnland. Der russische Friede macht sich schon geltend. Haben -Exzellenz übrigens die Flagge auf der russischen Botschaft gesehen? -Nein? Zum erstenmal heute aufgezogen. Etwas Pudding oder Camembert?« - -»Camembert!« - -»Sehr wohl, Exzellenz. -- Den Wein habe ich schon bereitgestellt. Sehr -wohl.« - -Jeden Mittag pflegte der General eine halbe Flasche Sekt zum Frühstück -zu trinken. Zuweilen aber nippte er nur am Glase, es hing ganz von -seinem Befinden ab. - -Die Leberklößchen, die auf der Zunge zerschmolzen, die Geflügelpastete -mit eingehackten Champignons und würzigen Kräutern, das Chateaubriand -auf englische Art, der Kaviar -- ein Erlebnis sozusagen nach langen -Jahren -- neue Kraft erfüllte die Nerven, die Unglücksgeschichte Ottos, -die Plackereien des Dienstes versanken. Nichts blieb, gar nichts, es war -ein herrlicher Zustand des Schwebens im Nichts. Nur das Gegenüber störte -die vollkommene Harmonie. Vielleicht würde er doch noch den Platz -wechseln? - -Gegenüber saßen zwei Rittmeister. Mit ihren glattgeschorenen, runden -Schädeln, voller Höcker und Knollen, ihren gedunsenen Gesichtern, ihren -rosigen Fettnacken, waren sie die typischen »Etappenschweine«, die nie -eine Kugel pfeifen hörten. Nichts aber haßte der General mehr als alles, -was Etappe hieß. Dabei trugen sie ellenlange Ordensschnallen auf der -Brust. Sie schämten sich nicht einmal, den Halbmond zu tragen, obwohl -sie nie die Türkei gesehen hatten, einen Orden, den selbst der General -nicht besaß. Immer tuschelten sie, immer kicherten sie, immer gossen sie -die Gläser voll -- und goldene Armreife wurden an ihren haarigen -Handgelenken sichtbar. Sie pflegten dem General ihre Achtung -auszudrücken, ohne irgendwelche Übertriebenheit: es waren Leute der -gleichen Gesellschafts klasse. Der General verachtete sie aus tiefster -Seele. - -Schon aber stand der Oberkellner mit einer strahlenden Kerze vor ihm: -»Eine Zigarre, Exzellenz?« - -Gott sei Dank, die beiden Burschen gingen. - -Der General legte sich behaglich in den Sessel zurück. - -»Aber das Pferdematerial?« fragte eine skeptische Stimme in seinem Ohr. -Tag und Nacht war er mit den Problemen des Krieges beschäftigt. »Ob die -Pferde noch den Anstrengungen einer Offensive gewachsen sein werden --?« - -»Die Pferde sind ausgeruht -- gut gefüttert und gepflegt«, antwortete -eine zweite, zuversichtliche Stimme. - -Wieder war Ruhe, wieder herrliches Schweben im Nichts. Der General -verschwand im Rauch der Havanna. - -Heute abend würde er bei Dora speisen. Es war Freitag. Dienstags und -Freitags pflegte der General, wie schon erwähnt, bei Frau v. Dönhoff zu -Abend zu essen. - -Plötzlich aber erhellte ein Gedanke die Augen des Generals. Sie -erweiterten sich, blinkten hell aus der Dämmerung der Speisekapelle. -Kalt, wach, nachdenklich. Der Gedanke hatte sie ganz erfüllt. - -»_Wo war Ruth?_« fragte er, und die Augen wuchsen. - -Dann schlossen sie sich zur Hälfte, nur noch ein Spalt war sichtbar, ein -Spalt funkelnden Eises. - -Und diese unverständliche Bemerkung in dem Brief des kleinen Mannes mit -dem blaugefrorenen Gesicht --? - -Bekam sie nicht plötzlich eine merkwürdige Bedeutung? - - * * * * * - -»Wie? Wie? Was!« rief der General aus, als er den Fuß vor Stifters Diele -setzte. Er wankte. - -»Wie? Wie!« - -»Ist es möglich?« - -»Sind die Leute denn wirklich verrückt geworden?« - -In der Tat, deutlich spürte er das Schwanken des Bodens unter den Füßen. - -»War so etwas möglich? In Berlin?« - -»Unter den Linden?« - -Die Röte flog in sein Gesicht. - -Gegenüber, auf dem Dache gegenüber, wehte im frischen Wind, lustig, wie -die selbstverständlichste Sache der Welt, hoch oben -- eine blutrote, -blutrot leuchtende Flagge! - -Alle Blicke zog sie auf sich. Man stelle sich vor: eine rote Flagge in -einer Stadt, wo selbst eine rote Krawatte eine lebensgefährliche -Herausforderung ist, wo die rote Farbe, wenn sie allein auftritt, -einfach verpönt ist, wo die Säbel der Polizisten jeden automatisch -zerfleischten, der es wagen würde, ein rotes Taschentuch zu schwingen, -um sich damit die Nase zu putzen. Und hier -- ohne weiteres -- wie die -natürlichste Sache der Welt -- eine rote Flagge, eine rotleuchtende -Standarte, gehißt an einem richtigen Flaggenmast, auf einem Dache! Die -Spaziergänger bogen die Hälse, versteinerten, trauten ihren Augen nicht, -zwinkerten -- - -Weithin leuchtete die rote Flagge und verkündete den Sieg des russischen -Volkes über den Herrn der Galgen, siebenschwänzigen Katzen und -Bleibergwerke -- über das endlose Häusermeer von Berlin strahlte sie, -funkelte sie. - -»Sind sie denn da drüben gänzlich verrückt geworden?« Er meinte die -Wilhelmstraße. - -Und der General versank in düsteres Nachdenken, während der Wagen die -Linden hinabschoß. - -Diese Flagge -- getränkt mit dem Blute gekrönter Häupter und hoher -Würdenträger . . . - -Schamlos. - -Zuweilen war es ihm, als höre er über sich ein Knistern, ein Splittern --- - - -5 - -»Ich glaube!« - -»Ich glaube an den Menschen!« - -»Ich glaube an die Güte des Menschen und seine Reinheit! Ich glaube an -seine heilige Bestimmung und seine göttliche Seele! Ich glaube an die -Brüderlichkeit, die Kameradschaft, an die allerlösende Menschenliebe! -Dies ist mein Bekenntnis, großer Gott über der Finsternis!« - -Mit der ganzen Inbrunst seiner fünfundzwanzig Jahre schrie Ackermann, -der Soldat, dies Bekenntnis vor sich hin. Soeben flog die bekannte graue -Limousine an ihm vorüber. - -»Ich glaube --!« Die Glocke eines elektrischen Wagens gellte, und er -sprang mit einem Satz zur Seite. Um ein Haar wäre er überfahren worden. -Sein weiter, grauer Mantel flatterte dem Brandenburger Tor zu. Mit -großen, raschen Schritten, wie gewöhnlich, ging er dahin. Er -gestikulierte heftig, und seine rasenden, dunkeln Augen glühten in dem -fahlen, mageren Gesicht. - -»Ich glaube an die Brüderlichkeit zwischen den Völkern, die sich heute -zerfleischen! Ich glaube an den Tag, da man die Kanonen und -Schlachtschiffe zertrümmern, die Grenzpfähle umstürzen und die Flaggen -zerreißen wird! Ich glaube an den Tag, da die Menschen nur eine Sprache -sprechen werden, einerlei welche, denn nicht um die Sprache handelt es -sich, allein um die Gedanken, die sie damit ausdrücken!« - -»Ich glaube an den Tag, da kein Mensch mehr den Menschen ausbeuten wird, -an den Tag, da es weder weiße noch schwarze, noch gelbe, weder männliche -noch weibliche Sklaven geben wird, an den Tag der gleichen Rechte bei -gleichen Pflichten! Ja, ich, Ackermann, glaube daran! Ich glaube an den -Sieg des Rechts über das Unrecht, der Wahrheit über die Lüge! Ich -glaube, daß göttliche Ideen die Welt bewegen und nicht die Kanonen.« - -»Ja, ich, Armseligster unter den Armseligsten, ich glaube an das -kommende Menschenreich auf Erden -- das Reich der Vernunft, -Gerechtigkeit, Würde und Schönheit!« - -»Auch an dich glaube ich, mein Volk!« rief Ackermann mit rasenden, -glühenden Augen aus, und durchschritt das Brandenburger Tor. Es ist gut, -dachte er aufatmend, sich zuweilen sein Bekenntnis zu wiederholen -- in -dieser entsetzlichen Verfinsterung -- so gut tut es. - -In diesem Augenblick wurde sein rascher Schritt urplötzlich gehemmt. -Etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes, ein Wunder! Feuer lohte durch seinen -Körper, Glut flog über sein Gesicht, die Hände brannten. Der Himmel -blendete, der Himmel jubelte. Rot flammte der Himmel über Berlin. - -Schon --? Schon --? Verheißung . . . - -Er blieb stehen, schob die Mütze zurück über die schwarzen Haare, und -- -so erregt war er -- deutete auf die rote Flagge auf dem Dache. Seine -Lippen bebten. Ohne jede Regung stand er, gläubiges Feuer die Augen. - -Dann nahm er die Mütze ab. - -»-- Licht aus dem Osten, Morgenröte --« - - -6 - -Während der General bei Stifter dinierte, löffelte der Havelock, der -kleine Herr Herbst, in der Volksküche in der Dorotheenstraße seine -Kartoffelsuppe. Er kam häufig hierher, aus bestimmten Gründen. - -»Also nicht?« flüsterte er aufgeregt vor sich hin. »Und ich wartete -extra vor dem Restaurant und grüßte, aber er sah mich nicht. Er hätte -sich gewiß daran erinnert. Nun, vielleicht -- wenn auch dieser Portier -glaubt -- ein alter Mann, was weiß er?« - -Herr Herbst saß in seinem feuchten, dampfenden Mantel, den steifen Hut -auf dem Kopf, neben einem Fenster, das auf den düsteren Hof hinausging. -Auf dem Fensterbrett lag noch dieselbe tote Fliege -- wie lange lag sie -schon da? Wieder stand im Hof das Auto mit den Papierballen. Dieser Hof -gehörte zu jenem bekannten roten Gebäude in der Dorotheenstraße, wo die -Verlustlisten auslagen. Jeden Tag kam das Lastauto mit den riesigen -Ballen der neugedruckten Listen, täglich, seit dreieinhalb Jahren -- sie -fielen da draußen wie das Laub der Bäume im Herbst. - -Wie das Laub -- nicht anders -- so dachte Herr Herbst, voller Gram. - -Auch er, sein Sohn -- Robert -- war gefallen -- nun -- wie ein Blatt -- -das einfach fällt . . . ohne daß jemand es sieht . . . - -Er nickte vor sich hin. - -»Wie ein Blatt --« - -Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, während er stöhnte. - -»Und niemand sah es!« - -Ach, ach, ach! - -Plötzlich schrie der Alte laut auf, ein kleiner, verzweifelter, -quiekender Schrei. Die Gäste an den Nebentischen wandten sich um. - -Schon war er wieder still, nur keine Beunruhigung, und schlürfte seine -Suppe. Der Schmerz hatte ihn überfallen, wie ein reißendes Tier, -urplötzlich. - -Die Küche war zur Stunde in Hochbetrieb. Sie dampfte und klapperte. - -Sie roch nach Kohl, wie alle diese Küchen. Ohne Kohl und Rüben hätten -sie sofort schließen müssen. - -Der Havelock aber fand sie elegant im Vergleich zu den Küchen am -Halleschen Tor und Alexanderplatz. Hier gab es zum Beispiel Bestecke, -wenn auch aus Blech, aber ohne Pfand, während man in jenen Küchen eine -Mark als Pfand hinterlegen mußte. Diebe waren die Menschen geworden, -nichts als Diebe, sie stahlen einfach alles, was sie mitnehmen konnten. -Hier dagegen verkehrte nur gutes Publikum. - -Junge Kaufleute und Bureauangestellte, kleine wächserne -Stenotypistinnen, düstere, vergrämte Beamte, bleiche, bebrillte -Studenten, Mappen und Bücher unter dem Arm, einzelne Uniformen. Sie -standen um die kahlen Holztische und warteten geduldig auf Platz. -Unaufhörlich ging die Türe, und Nässe und Kälte strömten in das düstere -Lokal. - -Bleich, gelb, mit wächsernen Ohren, die Schultern nach vorn gebogen, -hustend, trüb die Augen, fiebernd -- sie alle waren schon gezeichnet. -Die Grippe würde sie holen, heute, morgen, in einem Jahr -- spielt keine -Rolle, sie entgingen ihr nicht mehr. Die Bretter lagen schon geschnitten -für sie auf dem Stapel irgendeines Holzplatzes. Aber noch lachten sie, -die kleinen wächsernen Stenotypistinnen, kicherten. Sollte man es für -möglich halten -- während schon die Bretter zusammengenagelt wurden? Sie -erregten sich, debattierten, das Blut stieg in die bleichen Gesichter. - -»Haben Sie gelesen -- haben Sie gehört -- nun behaupten sie, daß wir -Fett aus Leichen herstellen.« - -»Fett aus -- wie sagen Sie? Wer --? Fett?« - -»Die Entente, natürlich!« - -»Diese Schurken, diese --!« - -»Ah, ah -- aber das ist doch --!« - -»Ist es nicht schlimmer als Mord? Sind wir Verbrecher, Auswurf der Erde? -Darf man -- ich ertrage es nicht mehr, ich zittere an allen Gliedern -- -die Grippe. -- Wie können Menschen so tief sinken? Ah, pfui, pfui --!« - -»Auch mich hat die Grippe gepackt. Sie sollten sich nicht so erregen, -beim Essen besonders. Und die Regierung --?« - -»Die Regierung? Sie schläft. Sie liest keine Zeitungen, weiß es noch gar -nicht. Sie läßt das Volk beschmutzen, schläft. Versteht nichts, hat -Bedenken, unfähig, über alle Maßen.« - -Kohl und Rüben, Rüben und Kohl, jeden Tag. Erfrorene und angefaulte -Kartoffeln, vielleicht etwas Erbsen und zuweilen, ganz selten, ein -Stückchen Fleisch, sehr wenig, und meistens ein Knochen. Die Knochen -wurden ja gesammelt und den Küchen zur Verfügung gestellt. Aber doch war -es weitaus besser hier als am Alexanderplatz, dort roch es sauer und -unangenehm, zum Erbrechen. - -Scheu und vorsichtig drehte der Havelock den Kopf -- und dort, dort -stand _sie_ -- der Liebling! - -Selbst zart, selbst blaß, geduldig, immer lächelnd, immer etwas -zerstreut, manchmal steckte sie sogar den Finger in den Mund, mitten in -diesem Wirbel von Köpfen und den Wolken von Kohldampf stand sie, _seine_ -Tochter -- die Tochter des Generals. Sie stand am Küchenfenster, aus dem -die endlosen Reihen von dampfenden Tellern von roten Händen geschoben -wurden, und kontrollierte. Zuweilen trat sie auch an einen Tisch, -plauderte, besänftigte. - -So zart, so fein, ihre Augen schimmerten -- diese Händchen -- sollte man -es für möglich halten -- mitten in diesem dicken Kohlgeruch, diesem Lärm --- ein gnädiges Fräulein, die Tochter eines hohen Offiziers? Sie war -auch im Felde gewesen -- alles wußte der Havelock -- dort hatte sie -gepflegt. Sie, die Zarte, hatte den furchtbaren Kanonendonner gehört, -von dem Robert immer schrieb. Nur in ihrer Haltung, wenn sie rasch den -Kopf wandte, hatte sie etwas Ähnlichkeit mit dem General -- sonst keine, -nicht die geringste. - -Verstohlen blinzelte der Havelock zu ihr hin, und plötzlich errötete er -wie ein Verliebter. - -Sein Herz war verwaist, einsam, er war aus der Provinz zugezogen, kannte -niemand in Berlin, er trank auch, der Alkohol -- es war die Wahrheit: er -liebte die Tochter des Generals! Ganz gegen seinen Willen, denn -eigentlich wollte er sie hassen! Er kam nur hierher, um seinen Liebling -zu sehen, wie er Ruth nannte. Ihr Anblick erwärmte sein Herz. Sie selbst -hatte ihn ja hierher gebracht, in diese Küche. Auf diese Weise hatte er -überhaupt erst diese Küche entdeckt. - -Nun aber kam Ruth näher, und er wandte rasch den Kopf ab und blickte auf -den Hof hinaus, wo Soldaten die Papierballen von dem Lastauto abluden. - -Wieder dieser Alte mit der runden Hornbrille, wieder war er unzufrieden! -Jeden Tag fast hatte er irgend etwas auszusetzen. - -»Wir tun, was in unseren Kräften steht«, suchte Ruth ihn zu beruhigen. - -Aber der Alte mit der Hornbrille schrie aufgeregt: »Ich bezahle ja, mein -Geld ist so gut wie das Geld der andern. Und wo ist die Einlage, -Fräulein --?« Verzweifelt rührte er mit der Gabel zwischen den -Kohlblättern. »Ich habe für fünfundzwanzig Gramm Fleischmarke gegeben, -Fräulein -- und wo ist das Fleisch, ich bitte Sie? Wo? Wo ist mein -Fleisch -- ich habe Anspruch. -- Wo ist mein Fleisch -- mein Fleisch -- -mein Fleisch --!?« - -»Ich werde sehen«, erwiderte Ruth und trug den Teller des Alten zur -Küche. - -Der Havelock atmete auf. - -Da aber erschien der weite, graue, offene Soldatenmantel in der Türe -- -und sofort rückte der Havelock den steifen Hut zurecht und ging. - - -7 - -Ja, die Tochter des Generals selbst hatte ihn in diese Küche geführt -- -sehr einfach -- obwohl er nie ein Wort mit ihr gesprochen hatte . . . - -Hinab die Friedrichstraße segelte der Havelock mit dem steifen Hut. Es -sah aus, als schwimme er, aufrecht stehend, so unmöglich das ist. Er -trippelte und schlürfte, die Knie etwas eingebogen, die linke Schulter -eine Kleinigkeit geneigt. Seit gestern morgen war er unterwegs, hatte -nur auf einer Bank im Tiergarten ein kleines Nickerchen getan, im Regen --- nun fühlte er seine Beine und Füße nicht mehr. - -Ohne jede Anstrengung glitt er vorwärts, es ging von selbst. Er rollte -auf einer kleinen Wolke dahin, nicht größer als ein gefüllter -Kartoffelsack. Zuweilen spürte er sie wie Teig unter den Sohlen. Er -konnte auf dieser kleinen Wolke auch ausbiegen, nach links, nach rechts, -ohne jede Mühe -- - -Ja, sie selbst -- seine Tochter, das gnädige Fräulein. - -Er stand da bei einem Zigarrenladen, mitten in dem Zug von gierigen -Rauchern, die warten, bis geöffnet wird, und die Zigarren steigen im -Preise, während sie warten. Das ist Tatsache! Da stand er also und -sprach mit einem Soldaten, Kraftfahrer. Dieser Kraftfahrer kannte nicht -die Höhe von Quatre vents, er kannte nicht Roberts Bataillon, das am 5. -August stürmte, aber er kannte den Chauffeur des Generals, Schwerdtfeger -mit Namen, und der General war seit vier Wochen nach Berlin kommandiert! -Wie? Hier? Welch ein Zufall! Wieviel hundert Soldaten hatte er -angesprochen, und nun führte ihm Gott diesen Kraftfahrer in den Weg! - -Er war hier? Hier! Schlaflos die Nächte, ruhelos die Tage. - -Ja! Dieses Gesicht --! - -Dieses schweigende Gesicht, das nie sprach, diese Augen, die man nie -sah! Dieser Gang -- und der tiefe Bückling des Portiers! -- ohne jeden -Zweifel: er war es! Robert hatte ja ausführlich aus dem Felde -geschrieben: Wir marschierten vorüber, und unser General stand auf der -Treppe seines Schlosses und grüßte. Er und kein anderer! Wie aus einem -Felsen gehauen . . . schrieb Robert. Das also war er, den die Soldaten --- nun, besser, das Wort nicht auszusprechen -- nannten! So sahen die -aus, die befahlen: Nur über unsere Leichen führt der Weg zur Höhe! -- -Die Briefe Roberts knisterten in seiner Tasche. - -Tagelang verfolgte ihn das Steingesicht durch das Labyrinth der Straßen. - -Sonderbares Gesicht aus Stein. Es zog an! - -Jeden Mittag schoß das graue Auto in die gleiche Richtung -- schon zwei -Tage später stand der Havelock vor Stifters Diele. Und plötzlich grüßte -er, und der General hob die Hand zur Mütze. Weshalb? Weshalb grüßte er, -er hatte eine Sekunde vorher gar nicht daran gedacht, daß er den General -grüßen könnte -- grüßen durfte. Es war gewiß anmaßend, unhöflich. Nach -drei Tagen -- er hatte nichts zu tun, gar nichts, Rentier Herbst -- nach -drei Tagen schon wußte er, wo der General wohnte. - -Dieses Haus -- Sie erlauben wohl -- kannte er ganz genau, jedes Fenster -und die kleinsten Risse in der grauen Mauer. Das Haus erschien ihm im -Traum -- als ein Gesicht aus grauem Stein. Er kannte auch das -efeubewachsene Backsteinhaus mit dem Messingschild: Dönhoff. Er kannte -den Zebrakittel, Petersen -- alles liebe Menschen, gesprächig -- - - * * * * * - -Der Havelock rollte auf seiner kleinen Wolke über den -Belle-Alliance-Platz, unter der Hochbahn hindurch, die Blücherstraße -hinab. - -Hier glitt er an einem schmalen, gelben Hause einigemal hin und her, -blickte nach oben zur dritten Etage, wo die Rolläden herabgelassen -waren. Dieses Haus, diese Etage schien ihn ungemein zu interessieren -- -anzuziehen, abzustoßen . . . - -Seine Schultern krümmten sich zusammen, er ächzte, plötzlich fühlte er -die Last wieder, die ihn zu Boden drückte, die er ewig mit sich -schleppte durch die endlosen steinigen Straßen Berlins. - -Dann aber wandte er entschlossen um und rollte wieder die Blücherstraße -hinauf. - -Da aber blieb die Wolke stehen und war nicht mehr vorwärts zu bewegen. -Im nächsten Augenblick -- schon war er drinnen. Ein Gläschen, noch eines -und ein drittes! Schon war er wieder auf der Straße. - -Aus dem grauen Hause des Generals, mit den Messingbeschlägen an der -Türe, die unausgesetzt geputzt und poliert wurden von den beiden -Burschen, war täglich eine junge Dame gekommen. Heute, morgen, jeden -Tag. Seht an! - -Eine Zigarre gefällig, Herr Soldat. Ein Zigarrchen -- immer fleißig, ein -schöner Wintertag . . . - -Nun kannte er Jakob und Wangel. Mit Jakob kam er öfter ins Gespräch. -Außer Ruth war auch noch ein Sohn da, Otto, Oberleutnant, im Felde, und -die Frau des Herrn Generals -- tot, ja, tot, seit Jahren. - -Jeden Tag aber ging das gnädige Fräulein in die Dorotheenstraße und -verschwand in einem Torbogen. Schließlich wagte er es, ihr zu folgen. -Auf diese Weise hatte er die Küche in der Dorotheenstraße entdeckt. - -Täglich konnte er nun seine Tochter, die Tochter des Generals, sehen! Da -stand sie, dicht neben ihm -- Fleisch von seinem Fleisch, Blut von -seinem Blute. Der Haß kochte, die Gelüste nach Vergeltung fraßen . . . - -Er beschloß, sie zu beleidigen! Vor allen Gästen! Vielleicht würde er -ihr einen Teller vor die Füße werfen, aber so, verstehen Sie, daß er in -tausend Stücke zersprang. Weshalb eigentlich? Ja, unerklärlich -- hatte -sie ihm etwas getan? - -Tagelang brütete er, schmiedete er Pläne. Vielleicht würde er einen -Teller mit Kohlgemüse über ihre Schürze schütten? Eine herrliche Idee! -Aber da ergab sich die Sache ganz von selbst. - -Der Havelock blieb stehen und verschnaufte. Ob er in jene Kneipe -gegenüber gehen sollte? - -Ganz von selbst Eines Tages, ganz unerwartet, fügte es sich, daß sie -dicht neben ihm an einem Tische plauderte. Nun aber kam das Schmachvolle --- - -Heute noch trat ihm der Schweiß auf die Stirn, wenn er an das -Schmachvolle dachte, obgleich schon zwei Monate seitdem vergangen waren. - -Nicht einen Teller voll Kohlsuppe, nein, sondern nur einen Löffel voll --- er nahm ihn und ließ ihn über die Schürze Ruths fließen. Schon aber, -Allmächtiger, packte ihn eine harte Hand am Arm, und eine Stimme schrie -durchs ganze Lokal: »Wie können Sie es wagen --?« - -»Ich -- ich -- ich zittere mit der Hand --« - -»Nein, deutlich habe ich es gesehen, Sie!« - -Der Soldat mit dem weiten Mantel stand neben ihm, voller Zorn. Die Gäste -sahen auf, es erregte Aufsehen, ringsum, alle Tische blickten her. - -Und der Soldat in dem weiten Mantel schrie ganz laut: »Sie sind mir ein -netter Herr. Gießt der Dame einfach einen Löffel mit Suppe über die -Schürze --« - -»Meine Hand zittert --« - -Da aber wandte sich Ruth um. Sie besah die Schürze, nahm ihr -Taschentuch, und lachte -- lachte ihm freundlich ins Gesicht. - -»Vielleicht hat man den Herrn angestoßen. Es ist ja nicht schlimm.« - -»Ich zittere, meine Hand zittert --« - -»Es ist ja kein Unglück geschehen.« - -Schmachvoll, schmachvoll! Er hatte Tränen in den Augen. Wie kam er doch -dazu, ganz einfach den Löffel voll Suppe über ihre Schürze zu gießen? An -diesem Tage trank er so sehr, daß er schließlich die Treppe hinabstürzte -und sich blutig schlug. Aber so geschah ihm gerade recht. - -Seit diesem Vorfall blickte er auf die Tochter des Generals mit andern -Augen. Sein Herz pochte, sobald er sie erblickte. - -Er liebte sie, eigentümlich. - -Diese Gedanken erfüllten den kleinen alten Mann, während er durch das -Labyrinth der Straßen eilte. Er überquerte wimmelnde Plätze, geriet in -Strudel von Menschen, die aus der Erde quollen -- und plötzlich machte -er Miene umzukehren, den ganzen Weg, den er gekommen war, zurückzugehen. -Wie? Sollte er in die Lessingallee gehen, heute abend? Nein, nach Hause, -ohne Widerspruch, verstanden? - - -8 - -»Oberleutnant v. Hecht-Babenberg?« - -»Dritte Station, meine Dame, den Gang entlang und dann links. Zimmer -233.« - -Man mußte nur höflich fragen, dann bekam man selbst hier in Berlin -höfliche Auskunft. Hedi war stolz auf ihre Fähigkeit mit den Menschen -umzugehen. Selbst jetzt, wo sie rasend wurden, wenn man sie nur -anblickte, kam sie noch vorzüglich mit ihnen aus. Allerdings sah dieser -Pförtner wohl auf den ersten Blick, daß er eine Dame vor sich hatte. Sie -wollte natürlich einen guten Eindruck machen, wenn sie Otto besuchte, -und hatte ihr himbeerfarbenes elegantes Hütchen aufgesetzt. Dazu trug -sie den Biberkragen von Mama und helle Seidenstrümpfe. - -Aus der Papierhülle lugten drei weiße Rosen. - -Es roch nach Karbol, aber Hedi liebte Karbolgeruch. Alles war blitzblank -und eigentlich weniger schrecklich, als sie es sich gedacht hatte. Sie -liebte es nicht, derartige Orte zu besuchen, Friedhöfe, Krematorien, -Krankenhäuser flößten ihr Schauder ein. Sie mied sie. Nur Mamas Grab -besuchte sie zuweilen -- aber das war ja schon lange her. - -Nun aber wurde der breite Korridor belebter, und sie schritt schon etwas -zaghafter vorwärts. - -Ein Soldat, dem der rechte Fuß abgetrennt war, humpelte an ihr mit -bloßem Fußstumpen vorbei. In hellen Krankenkleidern saßen auf einer -langen Bank Soldaten mit verbundenen Armen, Beinen und Köpfen. Sie -erwarteten sie mit neugierigen Blicken, musterten sie von oben bis -unten, und sie fühlte voller Unbehagen all die Blicke der verwundeten -Männer auf ihrer Haut. Plötzlich wurde die Türe eines Saales geöffnet, -und Hedi war so unvorsichtig, einen Blick in den Saal zu werfen. In -diesem Saale wurde auf einem Holztisch gerade ein Soldat verbunden, dem -ein Bein bis zum Knie amputiert war. Der nackte Schenkel endete nicht -- -zu Hedis Entsetzen -- mit einem Fuße, sondern mit einer Art Pferdehuf, -einem roten Lappen unterhalb des Knies. Ein Arzt betupfte den roten -Pferdehuf mit Watte. In diesem Augenblick drehte der Verwundete seine -Augen zur Türe, Augen voll größter Qual und äußersten Schmerzes. Schon -wurde die Türe wieder geschlossen. Hedi war nahe daran zu taumeln. -Hinter der Türe eines Operationssaales stöhnte ein Verwundeter, und die -barsche Stimme eines Arztes gebot ihm Ruhe. An einer Kreuzung von -Korridoren stieß sie auf eine Tragbahre, die von zwei Soldaten -vorübergetragen wurde. Mit einem Laken zugedeckt lag darauf ein Soldat, -dessen Gesicht bis zur Nase verhüllt war. Er hatte die glänzenden Augen -zur Decke gerichtet und sah sie nicht an. - -Hedi war purpurrot geworden. Welcher Irrsinn, hierher mit einem -himbeerfarbenen Hut und hellen Seidenstrümpfen zu kommen? Sollte sie -umwenden -- entfliehen? - -Da aber schrak sie zusammen! - -Wildes Geschrei, als ob jemand lebendig in Stücke geschnitten würde. - -Mein Gott, was müssen diese Menschen Unsägliches erdulden! Wer ahnt es -denn? Das Geschrei trieb sie rascher vorwärts. Da aber knallte eine -Türe, und das Geschrei erscholl plötzlich in nächster Nähe. Ein -schreiender Soldat, der den verbundenen rechten Arm hochhielt, stürzte -über den Korridor, gefolgt von einer Schar von Ärzten und -Krankenschwestern. Der Schreiende lief wie gehetzt den langen Korridor -hinunter. In der weißlackierten Türe erschien das bebrillte, fahle -Gesicht eines Arztes im weißen Kittel, der laut auflachte. - -Das Geschrei entfernte sich. - -Hedis Blick flatterte. Ihre Haut war von Hitze bedeckt wie von heißem -Sand. Entsetzen hauchte aus diesen getünchten Mauern. Dieses Krankenhaus -war ein endloses Labyrinth, durch graues und blaues Eis gehauen. In der -Ferne tauchte die Dämmerung an den kahlen Korridorfenstern, Schatten -humpelten, hinkten durch ferne Quergänge. Ein Labyrinth mit Tausenden -von Kammern voller Qualen und Grauen. Tag und Nacht schnitten hier die -Messer in Menschenfleisch, unaufhörlich füllten sich die Eimer mit Blut -und Eiter. Die Wände schwangen von Schmerzen. Das ganze Haus war wie -eine Riesenwunde, eine Schlucht von eiterndem Fleisch, in der die Ärzte -mit ihren Messern kletterten. - -Da kam aus einem Quergang würdevoll ein hoher Offizier geschritten. -Langsam trieb seine massige Gestalt mit den steilen Schultern -- wie -eine Erscheinung aus einer anderen Welt -- durch den Korridor. An den -Umrissen schon erkannte Hedi den General. Zwei Krückenmänner stellten -sich in Positur, einer mit Socken an den Füßen, dem andern fehlte ein -Bein. Sie standen auf den Krücken gegen die Wand gelehnt und warfen das -Kinn in die Höhe. Auf einem Stuhl kauerte ein Krüppel mit -dickumwickeltem Bein. Er blieb sitzen, den Oberkörper steif -aufgerichtet, und stellte die beiden Krücken vor sich hin, als -präsentiere er wie mit dem Gewehr. - -Der General schritt vorüber, ohne Hedi anzusehen. Sie hatte ihn übrigens -nur einmal bei Dora getroffen, er hätte sie schwerlich wiedererkannt. - -Eine Pflegerin, eine taktlose Person, gab Hedi mit malitiösem Lächeln -den Bescheid, daß Otto heute keine Besuche mehr empfangen könne. Sie -hatte ihre Karte ins Zimmer geschickt, er wußte also recht gut, daß sie -es war. Deutlich hatte sie seine helle Stimme im Zimmer gehört. -Natürlich war sie nur gekommen, um ihm ihre Teilnahme an seinem Unfall -zu zeigen -- aus keinem andern Grunde. Er sollte sehen, daß sie erhaben -war über gewisse Dinge. Diese taktlose Person aber musterte Hedis -himbeerfarbenes Hütchen, ja sie erdreistete sich, den Blick an ihr hinab -bis zu den hellen Seidenstrümpfen streifen zu lassen. Hedi warf einen -kritischen Blick auf die etwas unordentliche Frisur der kleinen -rothaarigen Pflegerin. Augenblicklich war zwischen den beiden Damen eine -tödliche Feindschaft ausgebrochen. - -»Das allgemeine Befinden ist gut?« erkundigte sich Hedi mit -liebenswürdigem Lächeln. - -»Man kann indessen nie wissen, ob nicht Komplikationen eintreten«, -entgegnete die Schwester ausgesucht höflich. - -»Wie wahr!« Hedi lächelte spöttisch und grüßte mit vollendeter -Liebenswürdigkeit. - -Die Rosen aber nahm sie wieder mit. - -»Hotel Kaiserhof!« rief sie dem Kutscher zu, als sie wieder in die -Droschke stieg. Denn Hedi hatte sich einen Wagen geleistet. Es gab -gewisse Stadtviertel Berlins, vor denen sie Furcht hatte. - -Plötzlich warf sie die Rosen mit einer zornigen Bewegung durch das -Wagenfenster auf die schmutzige Straße. Zwanzig Mark für drei Blumen, -welcher Wahnsinn! - -Otto hatte ihren Besuch sicher völlig falsch ausgelegt. Gewiß war es ihm -unmöglich, an lautere und selbstlose Motive bei seinen Mitmenschen zu -glauben. Nun aber lebe wohl, Otto! Sollte er ruhig mit dieser -rothaarigen Person -- ja, ihretwegen . . . - - * * * * * - -Der Geiger schob ein violettes Seidenkissen zwischen Frack und Kinn, -grüßte noch mit einem koketten Lächeln ins Publikum, dann schleuderte er -den Bogen in die Luft, daß seine blendende Manschette aus dem Ärmel -fuhr: Carmen. - -»Auch Kuchen?« - -»Auch etwas Kuchen, bitte.« - -Da saß sie nun wieder, Hedi. Erstens, dachte sie, erstens und zweitens -und drittens -- man muß nun genau überlegen. Es wird höchste Zeit, so -geht es nicht weiter. - -Erstens also stand fest, daß sie sich in ewiger Geldkalamität befand. -Zweitens langweilte sie sich zu Hause zu Tode, und drittens: es mußte -etwas geschehen. Sie hatte keine Lust, ihre ganze Jugend zu vertrauern, -nur weil dieser Krieg kein Ende nahm. - -Aber nicht so rasch, bleiben wir bei erstens. Dieses bißchen -Taschengeld, das ihr Papa an jedem Monatsersten mit strahlender Miene -einhändigte -- lächerlich. Wie konnte Papa glauben -- nun, Papa verstand -es eben nicht anders. Es blieb nichts anderes übrig, als Geld zu -schaffen! Es lag ja zurzeit auf der Straße, die Leute sagten es -wenigstens, die Millionen flogen durch die Luft. Sollte sie filmen? -Schnurrige Idee, aber leider unausführbar. Man mußte -- wie herrlich war -doch diese Musik, voller Mut! -- man mußte Verbindungen haben, und die -Gesellschaft --? Nein. Übrigens, diese Gesellschaft, darauf gab sie -nicht so -- viel! - -Immerhin -- der Kellner brachte den Tee, und Hedi war für eine Weile in -Anspruch genommen. Wieder saß die Weizenblonde mit den Brillantohrringen -da, und auch jene Dunkele, Tragische, mit den hellgelben Stiefelchen. -Und jener alte Herr mit dem Schnauzbart und der Glatze nahm ebenfalls -wieder hier seinen Tee. Hedi schloß plötzlich, um sich zu amüsieren, das -eine Auge und blinzelte ihn über das Teeglas hinweg unvermutet an. Der -Herr mit der Glatze prallte im Sessel zurück -- aber schon hatte Hedi -ihr Batisttüchelchen aus der Tasche genommen und rieb sich das Auge, als -sei etwas hineingeflogen. Nein, wie komisch diese Männer waren! - -Ja, Geld mußte jedenfalls geschafft werden. Sie besaß, zum Beispiel, -drei Paar Seidenstrümpfe. Schon rannen die Maschen, obgleich die -Strümpfe nur bei besonders feierlichen Anlässen getragen wurden. Aber -wenn diese Strümpfe nun unbrauchbar wurden? Die Handschuhe, die Stiefel, -wenn es sich darum handelte, ein neues Kleid zu beschaffen --? Und schon -würde sie aus der Klasse der Tadellosen, der Ladies ausschalten. Schon, -es ging rasch, die Gesellschaft duldete keine abgeschabten Knopflöcher, -keine geflickten Stiefelchen. Und sie würde second class sein -- -unerträglich! So unglaublich es klang, ihre Zukunft, ihr ganzes Leben -hing an einem Paar Seidenstrümpfen. - -Fürchterlich war der Gedanke an den Sturz in die Tiefe. Sie erschrak, -Schwindel ergriff sie. Es war aber hohe Zeit, den Tatsachen ins Gesicht -zu sehen. - -Bald würde sie sich, zum Beispiel, um nur ein Beispiel zu nennen, wieder -ein Stück Seife im Schleichhandel kaufen müssen -- so ging es jeden Tag! - -Zu Hause war das Leben unerträglich geworden. Papa, lieb und gütig, aber -immer müde, überarbeitet, immer beschäftigt. Und dabei wußte er gar -nichts, trotzdem er im Auswärtigen Amt arbeitete! Häufig geschah es, daß -sie bei Tisch etwas sagte, etwas Politisches, und Papa schüttelte -tadelnd den Kopf. Man sagt so etwas nicht, mein Kind. -- Aber Papa, es -stand ja schon vor drei Tagen in der Zeitung! -- Ah, schon vor drei -Tagen --? -- So war Papa. Klara war ein Kind. In einer Minute tanzte sie -wie eine Närrin, in der nächsten weinte sie. Sie kannte das Leben noch -nicht. Sie war noch nicht in das Alter gekommen, wo jeder Tag ein -Problem ist, ein fürchterlicher Kampf, wo man bei lebendigem Leibe -täglich vor Sehnsucht verbrannte -- wo man wartete, wartete -- wo das -Warten das schrecklichste Leiden ist. Oh, schrecklich! Schrecklich! - -Grau gingen die Tage. Sie lebten äußerst bescheiden, sie besaßen kein -Vermögen. Dazu, hatte Papa ihnen verboten, die Gesetze für die Ernährung -im geringsten zu verletzen. Wie lebten sie, was aßen sie -- trotzdem sie -alles Mögliche auf den Tisch schmuggelten -- es war eine Schande und -niemand durfte es wissen, wenn sie nicht für immer unmöglich sein -sollten. Zum Beispiel Rüben, wie die Kühe sie bekommen, erfrorene -Kartoffeln . . . - -Grau, kalt, finster gingen die Tage. - -Licht, Glanz, Wärme, Frohsinn, Tanz, Feste, die früher den Eintritt der -jungen Mädchen in das Leben begleiteten -- wo waren sie? Sie hatte vor -dem Kriege nur zwei Bälle mitgemacht, davon träumte sie noch heute. - -Was war diese Musik im Vergleich zu jener Musik auf den Bällen? Ein -zaghaftes Echo. Diese Beleuchtung -- ein Abglanz. Das Lachen der -Menschen von heute, ihre Mienen -- Schatten in einer Schattenwelt, nicht -mehr, nicht mehr . . . - -Plötzlich aber beugte sich Hedi errötend über das Teeglas: dort stand -er! Der Spanier war gekommen! Er wußte, daß sie wieder hierherkommen -würde, daß er also, wenn er sie zu sehen wünsche -- sie hatten sich -verstanden. - -In seinem gelben Mantel stand er im Mittelgang und polierte das Einglas. -Er hatte sie sofort gesehen und überlegte nun. Ob er den Mut haben würde -sie anzusprechen? In der Droschke hatte sie schon Träume gesponnen -- -ein Wiedersehen beim Tee, zum Beispiel im Adlon oder Bristol -- -vielleicht ein Theaterabend, in einer Loge -- ein Diner, wo man -plauderte . . . - -Er kam. Hedi hatte ihre Verlegenheit vollständig überwunden und blickte -ihm ruhig entgegen. Sie war wieder ganz Lady. Ströbel kam geradeswegs -auf sie zu, die Brauen wie vor freudigem Erstaunen hochgezogen. Aber je -näher er kam, desto häßlicher wurde er. Sein gelber Mantel war etwas zu -weit, zu auffallend. Die ganze Kleidung zeigte eine etwas übertriebene -Eleganz. Ah, und nicht die Spur von einem Spanier, er war eine -- -Bulldogge. Seine blaurasierten Wangen waren etwas faltig, fahl und -verlebt, nichts blieb von dem Spanier als das glänzende schwarze Haar, -das um eine Kleinigkeit zu eng an den Kopf gebürstet war, das um eine -Idee zu stark pomadisiert war -- nicht first class mit einem Wort. - -Aber er hatte die Nonchalance, die Manieren der großen Welt. - -Mit unübertrefflicher Zwanglosigkeit verbeugte er sich. »Unser -gemeinsamer Freund hat einen Unfall erlitten --«, begann er, gänzlich -unbefangen. Und er verlor seine Unbefangenheit auch nicht, als Hedi ihn -anblickte -- gänzlich verständnislos. Obschon sie doch mit ihm das -Theater besuchen, dinieren, plaudern wollte, bei einem Glas Sekt zum -Beispiel -- gänzlich verständnislos. - -»Sie täuschen sich, mein Herr«, erwiderte Hedi mit einem -liebenswürdigen, verstehenden, verzeihenden Lächeln, einem Lächeln, wie -nur eine Dame von Welt es auf die Lippen zu zaubern vermag. - -War es nicht eine Unverfrorenheit ersten Ranges, sie hier im »Kaiserhof« -einfach zu überfallen? - -»Sie saßen doch gestern --?« - -»Ich erinnere mich nicht.« Hedis Stimme wich in weite Fernen zurück. -Fern und unwirklich wurde ihr Lächeln. - -»Wir wollen nur hoffen, daß Herr v. Hecht --« - -Hedis Augen wurden plötzlich kühl, das Leben erkaltete in ihnen. - -Mit einer tadellosen Verbeugung, völlig ungezwungen, völlig Herr der -Situation, zog Ströbel sich zurück. - -Der Geiger in seinem schwarzen Frack schwang sich in den Hüften und -blickte kokett lächelnd zum Tisch der Dunkeln, Tragischen, der das -Mißgeschick passiert war, ein Glas Wasser umzustoßen. - -Hedi gab ihren Mienen einen träumerischen und harmlosen Ausdruck. -Niemand sollte auf den Gedanken kommen können, daß ein Wildfremder es -gewagt habe, sie anzusprechen. Die Weizenblonde mit den Brillanten in -den Ohren hatte die Szene beobachtet. Hedi streifte sie mit einem Blick, -und in dem kaum merklichen Aufatmen ihrer Brauen, mit dem sie über die -Weizenblonde hinwegsah, lag ihre ganze Verachtung. - -Nein, nein, noch war sie lange nicht _so weit!_ Was bildete er sich doch -ein --? - - -9 - -Zögernd bog der kleine Herr Herbst um die zugige Ecke und lenkte in -seine Straße, die Fabriciusstraße, ein -- ganz weit da draußen. - -Eine plumpe Eisenbrücke spannte sich zwischen den Häusern, und soeben -rollte donnernd ein Lastzug darüber. Der Qualm sank auf den Schmutz des -Pflasters herab. - -Es half alles nichts, er mußte unter der Brücke hindurch, auch wenn sie -zusammenbrechen sollte. Die Angst des Trinkers schnürte ihm die Brust -zusammen. - -Die große Stadt machte hier einen düstern und verwahrlosten Eindruck. -Die Straßen waren schnurgerade, überall die gleichen grauen -Mietskasernen, die gleichen Aufschriften, die gleichen Scharen von -bleichen, zerlumpten Kindern. Die gleichen hohlwangigen Weiber, die, mit -einem kleinen Topf oder einer Tasche in der Hand, in Tücher gehüllt, an -den Häusern entlangkrochen und husteten. Die gleichen mageren schwarzen -Alleebäumchen, die in der sauren Luft erstickten. Der Mörtel fiel von -den Hauswänden, schmutzige Papierfetzen trieben in den Rinnsteinen. Vor -den Nahrungsmittelgeschäften, die die Wochenration an Fett, zwanzig -Gramm, ausgaben, standen lange Reihen von blaugefrorenen Frauen und -vertraten sich die kalten Füße, während sie schwätzten und keiften. - -Sonst waren Geschäfte und Läden leer, gähnende Särge. Bäckerläden ohne -Brot, Fleischerläden ohne Fleisch, Schuhgeschäfte mit Holzschuhen und -Blechdosen voller Stiefelwichse. Auch in dieser Gegend gab es jene -Läden, in denen altes Metall gesammelt wurde, für die Kriegführung, -Lampenfüße, Photographierahmen, Aschbecher, der Schutt aus den Wohnungen -der Ärmsten. - -Dann gab es hier noch das Delikatessengeschäft von Alfred Schustermann, -mit der Aufschrift: Mensch, was für 'ne Ware! Seemuscheln, -Pfahlmuscheln, waggonweise eingeführt, zu Gelee, Aspik, Pasteten, -Würsten verarbeitet. Die Professoren, die entdeckt hatten, daß Baumrinde -nahrhaft war und man Pilzkulturen in den Dachrinnen anlegen konnte, -erklärten, daß diese Muscheln selbst Ochsenfleisch an Nährkraft -überträfen. - -Immer näher aber kam die graue Mietskaserne mit der riesigen Aufschrift: -Leihhaus. - -Der Schritt des Havelocks verlangsamte sich mehr und mehr, seine -tränenden, entzündeten Augen blinzelten unter dem steifen Hut. Er hatte -fast jeden Mut verloren. - -Eine Weile holte er Atem vor der »Zoologischen Handlung«. Noch lebte er, -der kleine muntere Zeisig, sein Freund, der das Problem gelöst hatte, -das Körnerfutter bis zu fünfundneunzig Prozent auszumahlen. Die andern, -die kleinen grünen Papageien, die beiden Kanarienvögel, die Drossel, sie -waren an dem Problem nacheinander gescheitert und gestorben. Ja, -gestorben. Auch die kleinen weißen Mäuse, die ewig im Kreise liefen, -waren plötzlich bei ihrem spaßigen Rundlauf in Atemnot geraten. Der -vierte Kriegswinter hatte auch sie vernichtet. Nur der Zeisig sprang -noch munter in seinem kleinen Käfig hin und her. - -Zwischen der »Zoologischen Handlung« und dem Leihhaus führten drei -ausgetretene Stufen zum »Löwen von Antwerpen« empor, und schon war der -Havelock in der Gaststube. - -Keine Vorwürfe -- er mußte Mut sammeln für die Nacht. Denn die Nacht -würde kommen, so gewiß wie etwas! Und mit ihr die furchtbaren -Nachtgespenster, seine Peiniger, vor denen nur der tiefe Schlaf Schutz -bot. Der Rausch, um offen zu sein, die bewußtlose Trunkenheit. - -Ja, hier war er zu Hause, man sah es sofort an der Grimasse, mit der ihn -der Wirt, ein Buckliger, empfing. Dieser Wirt wurde von den Soldaten, -die in der Kneipe verkehrten, der »Millionär« genannt. Ja, hoho, so ein -Buckel hatte seinen Wert heutzutage, ohne Zweifel! An den Sonntagen -kamen auch Munitionsarbeiterinnen hierher, und es ging lustig zu. Sie -tranken -- sollte man es glauben, die Kleinen? -- sie tranken Schnaps -wie die Männer -- ah, und sie trugen seidene Röckchen. Wenn sie ihn auch -etwas hänselten, es schadete nichts. Sie lachten und hatten keine -Sorgen. Vielleicht flogen sie morgen in die Luft, alles war möglich, -deshalb lachten sie auch so ausgelassen. - -Endlich -- es war schon finster draußen -- kroch der Havelock die Treppe -des Leihhauses empor. Längst war die kleine Wolke, auf der er -stundenlang bequem dahingerollt war, verschwunden. Seine Beine zitterten -vor Müdigkeit. - -Leise, leise schloß er die Flurtüre auf. Er liebte es nicht, daß man ihn -kommen oder gehen hörte. Drei Parteien wohnten hier, jede hatte ein -Zimmer, und die Küche gehörte ihnen gemeinsam. Aber er hatte diese Küche -nie betreten. Schon war er in seiner kleinen finsteren Stube, schon -hatte er die Schuhe abgelegt. Plötzlich zitterte er. Ah, wenn er nur -nicht wieder von dieser Schaukel träumte! Alles, nur das nicht! Träumte -er doch neulich, er säße auf einer Schaukel, die durch endlose schwarze -Nacht dahinschoß. Angeklammert wie ein Affe saß er auf dem schmalen, -schlüpfrigen Brett, er schrie vor Angst -- aber die Schaukel schoß dahin -in endlosen Pendelschwingungen, jede eine Ewigkeit, ohne Gnade pfiff sie -in rasender Schnelligkeit dahin. - -Rasch, rasch, ehe sie ihn packten . . . - -Schon schlief er. Ein leises Wimmern drang aus seinem kreisrund -geöffneten Mund. Den Havelock hatte er anbehalten. - - * * * * * - -Da! Augenblicklich saß er wieder aufrecht im Bett. Seine dünnen Haare -sträubten sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn. Er dampfte vor Hitze -und Kälte. Immer noch war sein Mantel feucht vom Regen der gestrigen -Nacht. - -Hatte nicht jemand gerufen, ihm fürchterliche Worte ins Ohr -geschleudert, wie Felsen? Und ein Krachen, als berste das ganze Haus in -zwei Teile, hatte er es nicht deutlich gehört? Die Balken splitterten. -So deutlich! - -Noch gellte das furchtbare Krachen in seinen Ohren, und erst nach -geraumer Zeit fand er sich in die Wirklichkeit zurück. Zwischen einer -unbekannten, ungeahnten Welt und der Wirklichkeit lebte er -- seit jenen -Ereignissen . . . Oft hielt ihn das Unbekannte, Unverständliche tagelang -in seinem Bann, oft überfiel es ihn urplötzlich am lichten Tage -- aber -wiederum hatte er auch seine klaren Tage, wie er sie nannte. Da war -alles so wie früher, und das andere erschien noch unverständlicher und -schrecklicher. - -Dunkelheit, und nun erwachten Geräusche, Geräusche dieser Welt, Gott sei -Lob und Dank. - -Hinter der Türe, dem schmalen Bett gegenüber, klapperte eine -Schreibmaschine. Er arbeitete dort, der Student Ackermann, zurzeit -Soldat. Er schrieb für Zeitungen, um Geld zu verdienen -- er schrieb -auch noch ganz andere Dinge -- Herr Herbst wußte Bescheid, oh, oh! Er -wußte mehr, als jener ahnen konnte. - -Hinter der Wand, an der das Bett stand, auf dem er lag, strich ein -Schritt vorüber, immer auf und ab, wie ein Tier, das rastlos in seinem -Käfig hin und her geht. Das war Hähnlein, der Tapezierer, zurzeit -Soldat. Er wohnte in dem Zimmer nebenan mit seiner kranken Frau und -seinen beiden Kindern. Vor kurzem hatte sie wieder geboren, aber das -Kind war bald nach der Geburt gestorben. Es wog nur viereinhalb Pfund. -Und welches Geschrei hatte es gegeben, trotzdem sie nichts zu nagen und -zu beißen hatten! Hähnlein und Ackermann waren früher beim gleichen -Regiment, und Hähnlein hatte Ackermann hierher in dieses Haus gebracht. -Das alles hatte Herr Herbst Gesprächen entnommen. - -»Schlafe doch!« zischelte Frau Hähnlein. Die Bettstatt krachte, und sie -hüstelte. - -»Schlafen? Schlafen? Ich kann nicht schlafen«, entgegnete die heisere -Stimme Hähnleins, und wieder schabte sein Schritt hinter der Wand. - -Die Wand war dünn wie Papier, nun, eine Mietskaserne, er vernahm jeden -Laut. - -Die Frau wimmerte. - -»Weine nicht, vielleicht kommt es bald, wie Ackermann sagt«, tröstete -sie Hähnlein. Und deklamierend fügte er hinzu: »Die Völker der Erde -werden sich erheben gegen ihre Peiniger!« - -Oft ging Hähnleins Schritt die ganze Nacht hin und her, bis der Tag -graute. Herr Herbst hatte sich längst daran gewöhnt. In unruhigen -Nächten beruhigte ihn dieser ruhelose Schritt sogar. Ein Mensch, ein -Leidender, wie er, dicht nebenan. - -Es wurde still hinter der Wand, und nur die Schreibmaschine Ackermanns -klapperte eifrig. Es konnte noch nicht spät sein, denn im Haus summten -Stimmen. Türen wurden zugeschlagen, und zuweilen krachte die Haustüre -ins Schloß, daß das ganze Haus zitterte. - -Die lange furchtbare Nacht lag vor ihm. - -Seine Beine waren vor Müdigkeit geschwollen. Sie waren Wolken, ins -Endlose verströmend. So würde er nun sitzen müssen die ganze Nacht und -lauschen auf jedes Geräusch -- auch auf jene Geräusche, die aus dem -Unbekannten kamen. - -Seltsame Fügung, die ihn in dieses Zimmer geführt hatte! Der bucklige -Wirt vom »Löwen von Antwerpen« hatte es ihm empfohlen, damals, als er -den Entschluß gefaßt hatte, nicht mehr in die Blücherstraße -zurückzukehren. Längst hatte er es aufgegeben, nach Erklärungen zu -forschen, alles war Fügung. Jeder Schritt im menschlichen Leben wurde -gelenkt von unbekannten Gewalten, guten und bösen. Sinnlos, sich dagegen -zu sträuben. Nun, er sträubte sich nicht mehr, er forschte auch nicht -mehr -- er war in der Hand des Allmächtigen, der die Haare auf seinem -Haupte gezählt hatte. Sollte es so sein! - -Frau Hähnlein hinter der Wand begann zu wimmern, zu klagen, zu -beschwören. Nun begann es wieder. Es half ihr nichts. Der Mensch ist ein -Tier . . . obschon seine Frau leidend war -- ein Tier war dieser -Hähnlein. - -Dann wurde es wieder still, die Geräusche im Hause erstarben mehr und -mehr, und nur noch die Schreibmaschine hinter der Türe klapperte. - -Schreibe du nur! sagte Herr Herbst zu sich -- um sich zu beschäftigen, -die Nacht war lang -- »Deine Zettel, deine Reden, deine . . .« Lange -Wochen war ihm dieser Soldat im weiten Mantel ein Rätsel gewesen. Was -trieb er, was tat er in den Nächten? Oft hielt er Reden, förmliche -Reden. Erst vor kurzer Zeit, beim Januarstreik, hatte er ihn plötzlich -erkannt! Mit eigenen Augen und Ohren sah und hörte er, wie er zu einem -Haufen streikender Arbeiter sprach, nebenan, bei den Laubengärten -- und -was er sagte, Grundgütiger! Es gab keinen Zweifel mehr, er war -- ein -Spion, ein Agent . . . gehörte zu jenen, von denen die Zeitungen -schrieben, daß sie Geld bekommen von den Feinden. Er stand auf einem -Steinhaufen, redete, schrie und schwang die Soldatenmütze. Keine Granate -mehr! Da aber kam die Polizei, und sie liefen -- und auch er lief. So -schnell wie die andern -- hahaha! So schnell liefen sie, solche Angst -hatten sie . . . - -Manchmal kamen auch Freunde zu ihm, meistens junge Leute, Kameraden, die -laut schrien und alle wild durcheinander redeten. Unvernünftige, -Unerfahrene. Was für Leute waren das? Nun . . . dieselbe Sorte, um kein -Haar besser. Für sie gab es nichts Heiliges, nichts vor dem sie -haltmachten. Die Minister, was waren sie? Nun -- höchst einfach -- -Dummköpfe und Verbrecher! Und die Generale -- höchst einfach -- geputzte -Narren! Und die Diplomaten -- selbstgefällige Gecken! Ja, sie, sie, -diese jungen Leute, sie waren viel klüger als diese Minister und -Diplomaten! Aber die höchsten Fürstlichkeiten, was waren sie -- nun, er -würde sich schämen, die Worte zu wiederholen. Aber auch die feindlichen -Staatsmänner, Präsidenten und Minister, was waren sie -- ganz das -gleiche verbrecherische Gesindel. Nein, nichts gab es, was ihnen Respekt -einflößte. Hat man es je gehört: Die deutsche Regierung bestand aus -Anarchisten, die Tag und Nacht darüber nachdachten, wie sie das Deutsche -Reich am schnellsten zugrunde richten könnten? Wie? War es denkbar? - -Aber, was waren diese Leute in Rußland, diese Räuber und Diebe? -- -Heilige waren sie, nicht mehr und nicht weniger. - -Ja, völlig neu mußte die Welt aufgebaut werden, von Grund auf -- und -sie, diese jungen Leute, die so laut schrien, sie allein wußten, wie -alles gemacht werden mußte. Sie ganz allein. - -Manchmal flüsterten sie auch, tuschelten, raunten, geheimnisvoll -- - -In diesem Augenblick lachte Ackermann in seinem Zimmer laut auf und -sagte: Man sollte es nicht für möglich halten -- - -Und wütend prasselte die Schreibmaschine. - -Nicht für möglich halten? - -Warte nur, du, du . . . he? - -Hast vergessen, daß Gott jeden deiner Schritte bewacht, daß die Haare -auf deinem Haupte gezählt sind -- die Fügung hast du ganz vergessen. - -An den Sonntagen, da saßen sie oft bis in die späte Nacht und -debattierten, schrien, sprachen durcheinander, daß man kein Wort -verstand. Neu, völlig neu sollte die Welt erstehen! - -Und sein Mädchen saß dabei, an den Sonntagen! Es war ja -selbstverständlich, daß dieser, dieser -- ein Mädchen hatte, aber, daß -sie dabeisaß, während es nichts Heiliges für sie gab? Nein, nein, es -störte sie gar nicht, nicht im geringsten. Im Gegenteil? Sie kochte Tee -und sagte: Bitte, meine Herren -- bitte. Und so ging es den ganzen -Sonntag bis nachts um zwei, drei Uhr. Bitte, meine Herren -- und sie -qualmten, daß der Rauch durch die Türe quoll und er husten mußte, -obschon er doch selbst ein starker Raucher war. Worte flogen, Worte, -wilde, verwegene Worte. - -Und sein Mädchen saß mitten unter ihnen! - -Da schwieg die Schreibmaschine plötzlich. Ackermann verließ das Haus. -Sein Schritt eilte die Treppe hinab, die Haustüre wurde ins Schloß -geworfen. Bis zum grauenden Tag würde er nun fortbleiben. - -Wann schläft er eigentlich? dachte Herr Herbst in seinem Bett. - -Nun war es ganz still geworden. Es knackte in den Balken, rieselte in -den Mauern, die Wände seufzten. - -Ja, ganz still und dunkel. - -Mitten in der unendlichen Dunkelheit und Stille saß der kleine alte -Mann, und plötzlich begann er zu flüstern. Leise, oh, so leise -- nur er -hörte es. - -»Robert -- mein Sohn -- Geliebter, Teurer -- mein Liebling --!« - -Zärtlich streckte er die kleinen Hände der Dunkelheit entgegen. - - -10 - -Mit der Minute kehrte der General abends aus dem Amt zurück. Er -plauderte wie gewöhnlich etwas mit Niki, dem Kanarienvogel; plötzlich -aber brach er die Unterhaltung ab und zeigte ein ganz unbegreifliches -Interesse für den Papierkorb. Zuerst blickte er in den Papierkorb -hinein, dann wühlte er darin mit der Hand, endlich stülpte er den Korb -über den Arbeitstisch. Nichts. Es war sonderbar, jeder unbedeutende -Zettel fand sich wieder -- zum Beispiel, sollte man es glauben, -Schnitzel jenes Briefes, den er vor einer vollen Woche an den -Chefredakteur einer großen, besonders im Ausland vielgelesenen Zeitung -in einer Aufwallung geschrieben hatte, worin er diesem Chefredakteur -- --- auch dieser Prospekt -- alles, jede Kleinigkeit. - -»Sonderbar, höchst sonderbar!« - -Nicht ein Fetzen, nicht einmal ein Eckchen jenes grünen Briefumschlages, -er würde die Farbe ja sofort wieder erkennen. Doch hier -- nein, ein -Notizzettel zu seiner Denkschrift: Die Armee der Frauen -- worin er -empfahl, diese brachliegende ungeheure Armee zum Wohle des Vaterlandes -systematisch zu mobilisieren -- lächerlich, alles, jede Kleinigkeit, -aber von diesem Briefe: nichts. - -Schon schlugen die Uhren. - -Der General hatte heute aus dienstlichen Rücksichten bei Frau v. Dönhoff -abgesagt und sich erst nach Tisch angemeldet. - -Der Lüster im Speisezimmer brannte. - -Dieser Lüster war aus schneeigem Glas, Tulpen, Prismen, Perlen. Eine -Grotte aus schimmerndem Schnee, die leuchtete ohne zu schmelzen. - -Das Zimmer war leer. Ruth war noch nicht da. - -Daß er auch gerade diesen Brief -- da trat Ruth ins Zimmer. Heiter und -gut gelaunt, mit einer jungenhaften Verbeugung, wünschte sie »Guten -Abend«. - -»Frau v. Dönhoff läßt grüßen, Papa«, sagte sie, indem sie Platz nahm. - -»Hast du Besuch gemacht?« - -»Nein, ich traf sie auf der Straße.« - -Jakob stürzte hinter seinem Schrank hervor, um die Serviette aufzuheben, -die dem General entglitten war. - -»Otto geht es gut?« - -»Ja, nur zwei, drei Wochen«, erwiderte der General. - -Es hatte beinahe den Anschein, als wolle eine Unterhaltung in Gang -kommen. So leicht gingen die Worte hin und her. Da aber runzelte der -General die Stirn, irgendein Gedanke war ihm durch den Kopf gegangen. - -Schweigen. Jakob wechselte die Teller. Die Miene des Generals drückte -deutlich den Wunsch aus, nicht mehr gestört zu werden. - -Plötzlich hob er das Gesicht vom Teller und richtete den Blick voll auf -Ruth. Ohne Zweifel, sie sah verändert aus! Daß es ihm erst heute -auffiel? Sie trug auch eine andere Frisur, einen einfachen Knoten, der -ziemlich tief im Nacken lag. Es sah aus, als habe sie soeben die Haare -gewaschen und die Frisur rasch aufgesteckt. Diese Frisur mißfiel dem -General, sie verriet geringe Sorgfalt. Wie gewöhnlich war ein Lächeln -über Ruths Gesicht gebreitet, und besonders die langen Brauen, die über -den Wangen schwebten, lächelten. Oh, wie genau kannte der General dieses -Gesicht und dieses Lächeln! - -Es war das Gesicht ihrer Mutter und das Lächeln ihrer Mutter. Dies war -einer der Gründe, weshalb der General es vermied, in das Gesicht seiner -Tochter zu blicken. - -Ruth hob den Blick, und für eine Sekunde waren ihre Augen auf ihn -gerichtet. Auch diese Augen kannte er genau, zu genau: sanft, -schimmernd, schwärmerisch -- aber, ein Nichts, und die Schwärmerei -wandelte sich in Hysterie. - -»Jakob!« Der General deutete mit dem Messer auf die leere Fachinger -Flasche. Der Bursche stürzte zur Türe hinaus. Röte ergoß sich in das -Gesicht des Generals. - -_Wo war sie?_ - -Nun wäre der geeignetste Augenblick -- - -Es wäre ja das Natürlichste gewesen, Ruth ohne Umschweife zu fragen, wo -sie in der vergangenen Nacht gewesen war. Vielleicht war sie bei -Freunden und hatte dort übernachtet, weil sich kein Wagen auftreiben -ließ? Möglich. Wahrscheinlich würde die Sache sich aufs Harmloseste -aufklären. Aber diese Frage ließ die Tradition der Familie -Hecht-Babenberg nicht zu, wo jeder eine kleine abgeschlossene Welt für -sich bildete, die es vermied, die andere zu berühren. Eine Art -luftleerer Raum trennte diese Welten, der die Worte verschlang und ihren -Klang und Sinn entstellte. - -Die Augen der Sommerstorf würden sich voller Staunen auf ihn richten, -als ob er etwas völlig Unmögliches und Undenkbares ausgesprochen habe. -Etwas, das der Welt der Sommerstorf völlig fern lag, das die Welt der -Sommerstorf nie begriff und nie begreifen konnte. Ruth würde lächeln und -die Brauen in die Höhe ziehen. Ja, auch dieses Flattern der Brauen -liebte der General nicht und die leise Überheblichkeit, die im Lächeln -der Sommerstorf lag. - -Seine Gedanken verdichteten sich, ballten sich zusammen, die Stirn wurde -düster. - -Behutsam schob Jakob mit seinen großen, in weißen Wollhandschuhen -steckenden Händen die neue Flasche Fachinger auf den Tisch. - -»Der Wagen ist da?« - -»Jawohl, Herr General!« - -Und die Limousine zwitscherte die Tiergartenstraße hinunter zur -Lessingallee. -- - -»Hoffentlich geben sie ihm bald ein Frontkommando!« dachte Ruth, die -sofort hinter dem General das Haus verließ. Sie hatte sich am -Kemperplatz, ganz in der Nähe, mit jemand verabredet. - -Beim Rolandbrunnen am Kemperplatz stand schon dieser Jemand und wartete. -Er hob sich fast ebenso deutlich ab wie der Roland auf dem Brunnen -selbst. Ruth lief wie ein junges Mädchen -- lief dem Jemand in die Arme. - -»Papa kam heute unvermutet zu Tisch«, sprudelte sie hervor. »Seine Laune -wird immer schlechter. Wollte Gott, daß er bald wieder an die Front käme ---« - -»Wollte Gott, daß es bald keine Front mehr gäbe --« - -»Ein herrlicher Abend, aber etwas kühl!« - -»Es ist immer herrlich, wenn Ruth da ist.« Und der Jemand hüllte Ruth in -seinen Mantel. - - -11 - -Noch immer saß der kleine Herr Herbst inmitten der unendlichen -Dunkelheit und flüsterte zärtlich den Namen seines Sohnes. Sein kleines, -hohlwangiges Gesicht war in Tränen gebadet. - -Da -- nun wurde es lichter an der Türe -- nun kam er! Der Teuerste, -Heißgeliebte kehrte aus dem Reiche der Schatten, wie die Menschen es -nennen, zu seinem Vater zurück, wie in jeder stillen, dunkeln Nacht. - -Ein fahler Schein ging von der Türe aus -- und er erschauerte. Ja, ja, -er war es, der Geliebte, Beste. Deutlich sah er ihn im fahlen Schein -stehen: genau so sah er aus wie zu Hause auf dem Bilde. Ein Soldat im -Helm, ein Jäger, jung, ein blutjunges Bürschchen, in der Rechten den -Gewehrlauf, der mit Blumen geschmückt war, ganz wie an jenem furchtbaren -Tage, da er ihn zum Bahnhof begleitete. - -Eisige Kälte brachte er mit aus dem Reiche der Schatten. Der alte Mann -zittert. Die Kälte kroch über ihn, und er fühlte, wie sein kahler -Schädel einschrumpfte. Die Angst schnürte ihm die Brust zusammen, und -doch war es süß -- erlösend. - -»Bist du es?« flüsterte er voller Verzückung. - -»Mein Sohn, mein Liebling!« Und er streckte seine eisigen, kleinen -blauen Hände gegen die Türe aus. - -»Bist du wieder hier?« Niemals sprach die Erscheinung, und er wartete -auch nicht auf Antwort. Sie stand, regungslos, und blickte unverwandt -auf ihn. Manchmal sah er deutlich die Augen, nicht immer. Seines Sohnes -Augen, deren Glanz und Färbung er nie vergaß -- glänzend und kristallen -wie die Augen eines unschuldigen Tieres -- während die Züge des Gesichts -zuweilen schon seinem Gedächtnis entglitten. - -»Bist du zurückgekehrt zu Papa --?« - -Aber, Entsetzen! Wieder begann der Teure zu bluten -- - -Von der Stirn floß plötzlich dunkles Gerinnsel, gewiß, dort hatte ihn -das tödliche Geschoß getroffen. Das Blut floß, es strömte, es färbte die -Uniform dunkel, lautlos strömte es auf den Boden, ohne Ende. Und der -Teure stand, regungslos blutete er, ohne jeden Laut . . . - -»Wie schrecklich du heute wieder blutest, mein Einziger!« flüsterte der -kleine alte Mann -- oh, so leise! -- und rang die Hände. Die Tränen -stürzten über seine Wangen. »Immer noch findest du nicht Ruhe, du -Teuerster? Warte, gedulde dich -- ich habe schon an ihn geschrieben, er -wird antworten -- gewiß . . . Alles werde ich versuchen, nichts werde -ich unversucht lassen -- ich gelobe es -- mein Liebling --« - -Und er flüsterte, versprach, rang die Hände, verhüllte das tränennasse -Gesicht -- - -Da wurde es licht, der Schein einer Kerze, und augenblicklich zerfloß -die Erscheinung. Nichts blieb als die hellgestrichene Füllung einer Türe -mit einem schwarzen Schloß. - -Nicht eine Kerze, der Mond war über die Dächer gekommen. Ein Lichtkeil -spaltete plötzlich die Dunkelheit des Zimmers. Erschrocken zog Herr -Herbst die Hände aus dem Lichtstrahl zurück, als würden sie verbrannt. - - * * * * * - -Die Dunkelheit war zertrümmert, und nun kamen auch die Geräusche zurück. -Stimmen murmelten, es hustete, alle Arten von Husten, vom pfeifenden -Frauenhüsteln bis zum brüllenden Husten erkälteter Männer. Schlaflos war -das ganze Haus, es brauchte nur der Mond über die Dächer zu kommen, aus -Glas schien es zu sein. Die Lider standen im Schlummer geöffnet, wie bei -den Toten, und die Strahlen des Mondes stachen wie Nadeln in die -bloßgelegten Hirne. - -Nebenan wimmerte ein Kind, eine Bettstelle knarrte. - -»Bist du denn wieder aufgestanden?« zischelte es hinter der Wand. - -»Ja, ja«, entgegnete Hähnleins heisere Stimme. »Ich sehe mir den Mond -an.« - -»Wie soll ein Mensch das ertragen?« - -»Beruhige dich, Mutter -- bald, ja bald --!« - -Ermattet saß Herr Herbst, bebend vor Erschöpfung. Das Gespräch mit dem -Sohn hatte ihn völlig entkräftet. Der Teure sog alle Kraft aus ihm. Das -Herz zuckte in seiner Brust. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne. - -Ach, wie entsetzlich er doch wieder geblutet hatte -- er litt -- rasch -mußte er handeln, rasch! - -Er versank in tiefes Nachdenken. Langsam, wie betäubt bewegten sich die -Gedanken in seinem kahlen Kopf, schlafschwer krochen sie dahin wie -Schatten auf den Dächern. Das Geflüster und Gezischel hinter der Wand -störte ihn nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elends und -des Hungers. Nein, das Elend fremder Menschen machte keinen Eindruck -mehr auf ihn. Worte, Nichtigkeiten! Weshalb sollten nicht andere -ebenfalls unglücklich sein, alle. Neulich hatte er mit angesehen, wie -ein vornehmer Herr von einem Militärlastauto überfahren wurde -- gerade -über das rechte Bein war das schwere Doppelrad gegangen. Er war in -verzweifelter Stimmung, sofort aber besserte sich seine Laune! Die -Unglücklichen weiden sich am Unglück, die Kranken an der Krankheit, die -Armen an der Armut -- nur die Glücklichen, das ist etwas ganz anderes, -sie weiden sich nicht am Glück. Sie sehen andere Menschen nicht mehr. - -Langsam -- aber schließlich fand er sich doch zurecht in all den -Dunkelheiten. - -Nein, keine Antwort. Hunderte warten! - -»Der General antwortet nicht!« - -»Nein, nein!« - -Erregt setzte er sich auf. - -»Was aber dann? Was dann?« - -Im Nu hatte er die Füße auf den Boden gestellt. Er saß mitten im -Mondlicht und blickte zum Fenster hinaus. Sein Schädel glänzte wie eine -Quecksilberkugel, seine Augen schimmerten wie die Augen toter Fische, -die schon lange liegen. Er lauschte in sich hinein, er grub in seinem -Gehirn. Plötzlich begann sein gleißender Schädel zu dampfen, Rauch -kräuselte aus seinen Augen. Eine Wolke glitt über den Mond. Wieder -glänzte die Quecksilberkugel. Aber plötzlich saß er gänzlich ohne Kopf -da. Der Mond glitt hinter einen Schornstein. Als er wieder ins Zimmer -blendete, hatte Herr Herbst die Hälfte seines Volumens verloren. Er -hatte den Havelock abgelegt. - -Rasch, rasch riß er den Kragen und die kleine schwarze Binde ab und -steckte den Kopf in eiskaltes Wasser. Der Mond funkelte. - -Einen ungeheuren Gedanken hatte der Mond im Gehirn des kleinen Herrn -Herbst wachgeblendet. - -Er konnte gar nicht genug eiskaltes Wasser über seinen Kopf gießen. -Fieberhaft rieb er sich ab, zog Kragen und Binde an. - -»Ja, ja, weshalb nicht --?« Rasch schlüpfte er in den Havelock. - -»Ich werde --« - -»Ich werde --« - -»_Ich werde ihn besuchen!_« - -Schon rannte er zur Türe hinaus. Halt! wohin? es ist mitten in der -Nacht! Aber nichts hielt ihn zurück. Mit raschen Schritten eilte er die -leere und verödete Fabriciusstraße hinab. - -Ah, und wie eisig kalt es war! - - -12 - -Dora lachte belustigt auf. - -»Achttausend Mark, Ruth, ich bitte Sie! Für eine ganz einfache -Gesellschaftstoilette! Und ein Hemd, ganz und gar nicht luxuriös, etwas -billige Spitzen, ein paar Seidenschleifen -- fünfhundert Mark. Es ist -wirklich eine Komödie. Ich wage es schon gar nicht mehr, ein Geschäft zu -betreten.« - -»Wie wird es aber werden?« fragte Ruth und zog die Brauen hoch. »Die -Hälfte der Bevölkerung hat schon keine Wäsche mehr. Die Kinder schlafen -auf Papier.« - -Dora fand das sehr spaßig. - -»Wie es werden wird? Höchst einfach, im nächsten Jahr werden wir uns -alle in Papier kleiden, Ruth, und das wird ungeheuer lustig werden! Sie -erinnern sich an die Dame, die im vorigen Sommer ohne Strümpfe Unter den -Linden ging? Wenn man hübsche Beine hat, ist das reizend. Aber denken -Sie sich eine Gesellschaft, ganz in Papier gekleidet! Die Industrie wird -die reizendsten Farbtöne erfinden --« Dora mußte vor Lachen abbrechen -- -»Der General meint allerdings --« - -»Was meint Papa?« - -»Er sagt, die Industrie habe Ersatzstoffe erfunden, die viel besser sind -als Wolle und Seide. Zum Beispiel, nun wie heißt sie, diese Patentfaser? -Die ganze Lüneburger Heide soll mit Brennesseln bepflanzt werden, doch -das wird wohl noch ein Weilchen dauern. Aber hören Sie, Ruth, welch -blendende Idee! Ich werde bei meinem Hausball Papierkostüme -vorschreiben!« Dora klatschte vor Vergnügen in die Hände, und wieder -füllte ihr Lachen Ruths kleinen halbdunkeln Salon mit Heiterkeit und -tausend Schelmereien. »Süß sehen Sie aus, mein Kind. Woher stammt diese -Bluse? Lassen Sie fühlen, herrlich! Das ist noch Seide! Was man heute -für schweres Geld bekommt, ist ja Schund, den früher unsere Neger -getragen haben. Aber denken Sie doch Ruth, wenn wir erst in einer -Papierserviette schlafen gehen werden --!« Es war Dora gänzlich -unmöglich, diese drolligen Phantasien abzuschütteln. - -Ruth bereitete den Tee, während die schöne Dora schwatzte und lachte. -Sie folgte mit zärtlichen Blicken jeder Bewegung Ruths, die sie liebte. -Ja, aufrichtig liebte, obschon sie ganz anders war, vielleicht, weil sie -ganz anders war. Und sie fand sie in vieler Beziehung so amüsant! Zum -Beispiel, der Hut hing auf einer Blumenvase und -- bei Gott -- ein -kleiner schwarzgelber Abendschuh lag verlassen auf dem Sofa. War das -nicht süß? Und die Teemaschine stand auf dem Schreibtisch, natürlich -floß das kochende Wasser auf die Platte. Nein, wie reizend! Früher war -Ruth häufig bei ihr gewesen, sie hatten zusammen musiziert -- - -»Singen Sie noch, Ruth?« - -»Wenig nur, leider.« - -Aber nun sah man sie selten. Dora nahm es ihr nicht übel. Sie liebte sie -trotzdem, wie sie alle Menschen, die ihr nichts zuleide taten, liebte, -wenn sie guter Laune war. Hatte sie aber ihre bösen Stunden -- nun, da -hätte sie ruhig sehen können, wie man die Menschen vor ihren Augen -abschlachtete -- aber das war natürlich eine Übertreibung. Dora konnte -grausam sein, sehr grausam, wenigstens dachte sie es. - -Butzi, der Griffon, ließ den schwarzgelben Abendschuh, der neben dem -kleinen Sofa auf dem Boden lag, es war der zweite, plötzlich aus den -Zähnen und schlich zur Türe. - -Er steckte die Nase in die Ritze zwischen Schwelle und Türe und blies. - -Dann aber schnellte er erschrocken auf allen vieren zurück . . . - -Die Türe öffnete sich -- behutsam -- leise -- und das breite -steinfarbene Gesicht des Generals, nachdenklich gesammelt, wurde -sichtbar. Aber schon in der nächsten Sekunde verschwand die -nachdenkliche Sammlung und die Steinfarbe -- betreten und überrascht -prallte das Gesicht zurück und färbte sich rot. - -Der General erschrak genau wie Butzi und wich genau wie Butzi zurück. -Butzi erholte sich sogar zuerst und begann zu kläffen. - -»Herr General?« rief Dora überrascht aus. - -»Papa?« fragte Ruth leise und ungläubig. - -»Ich bitte zu verzeihen, wollen die Damen, bitte . . .« - -Dora lachte. »Kommen Sie doch, Herr General, wir sind eben bei den -interessantesten Gesprächen.« - -»-- will nicht stören -- ich wollte nur -- ich hörte Stimmen -- guten -Tag, meine Damen.« Und der General verschwand sofort wieder und schloß -leise die Türe hinter sich. - -Butzi hatte gesiegt. Er kläffte wütend hinter dem abziehenden Gegner -her. - -»Was wollte er denn?« - -Ruth schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie. »Er kommt -sonst nie in mein Zimmer.« - -»Er ist argwöhnisch, Ruth«, sagte Dora. - -Ruth blickte auf und errötete. - -»Ja, ja, er glaubt, Sie haben einen Geliebten«, fuhr Dora fort und -blinzelte mit dem rechten Auge. - -Die Röte wich aus Ruths Wangen. Sie wurde bleich. - -»Er glaubt --?« - -»Ja, er hat Sie doch neulich erwischt.« - -»Sie kamen erst am Morgen nach Hause. Er erzählte es mir. Gott, wie sie -erschrocken ist, die Kleine. Ich habe es ihm natürlich ausgeredet. Sie -können sich das wohl denken.« - -»Ich bin bei Platens im Grunewald gewesen, und es wurde sehr spät.« - -»Und Sie haben es ihm nicht gesagt?« - -»Ich? Wieso? Er fragte nicht. Schließlich ist es auch nicht seine Sache. -Nehmen Sie Süßstoff, Dora? Ich habe keinen Zucker.« - -Ja, nun wurde also Tee getrunken, lange genug hatte es gedauert -- und -draußen goß es in Strömen, welches Wetter, in diesem Berlin! Dora -zündete eine ihrer dicken englischen Zigaretten an. - -»Aber vielleicht hat er doch recht, der General --?« sagte sie, und -wieder blinzelte sie mit dem rechten Auge. - -»Wie meinen Sie das?« - -»Nun, ich meine nur -- so -- so . . .« - -Dora lachte. Es machte ihr Vergnügen, scheue Menschen in Verlegenheit zu -bringen. Dann aber änderte sie den Ton. - -»Und Dietz geht es gut in Bukarest?« - -»Sehr gut, danke. Er bewohnt eine reizende Villa, reitet täglich -spazieren, es fehlt ihm wirklich an nichts.« - -»Hören Sie Ruth -- aber Butzi, sehen Sie, er zerreißt Ihnen den ganzen -Schuh --« - -Ruth nahm den Schuh und warf ihn zu dem andern auf dem Sofa. - -»Ich wollte sagen, Ruth, wenn Sie erst einmal auf Ferchow wohnen -- es -ist der schönste Sitz in Pommern, und Sie haben da einen chinesischen -Pavillon auf einer Insel im See, märchenhaft, die Armins haben ja ihr -Gut nebenan -- wenn Sie erst auf Ferchow wohnen, versprechen Sie mir --« - -Ruth unterbrach sie. - -»Ich werde nie auf Ferchow wohnen, Dora!« sagte sie, jede Silbe -betonend. - -»Wie? Aber --?« - -Ruth blickte Dora in die Augen. - -»Nein, niemals!« - -»So erklären Sie mir doch, meine Liebste --?« - -»Sprechen wir nicht mehr davon.« - -»Aber, ich bitte Sie, Ruth, wollen Sie mir nicht --?« - -Doppelt so groß wie gewöhnlich waren Doras blaue Augen vor Erstaunen. - - * * * * * - -Das nächstemal war der General vorsichtiger. Er erkundigte sich erst, ob -seine Tochter ausgegangen sei, und klopfte zur doppelten Vorsicht vorher -an. Zu peinlich war es ihm neulich gewesen -- Dora saß da, Ruth, nicht -einmal angeklopft hatte er -- was mochten sie denken von ihm? - -Er hatte jahrelang Ruths Zimmer nicht betreten. Jahrelang hatte er sich -überhaupt nicht im geringsten um Ruth gekümmert, ihr jegliche Freiheit -gelassen, seinen Grundsätzen gemäß -- nun aber schien es ihm an der Zeit -zu sein . . . - -Nicht ohne eine gewisse Scheu trat er ein. - -Sofort aber waren diese beiden Augen auf ihn gerichtet, obwohl er den -Blick abgewendet hatte, denn er wußte genau, wo das Bild hing. Diese -Augen leuchteten ihm entgegen, und der General fühlte ihren schimmernden -Blick durch die Lider hindurch, ja selbst durch den Kopf, wenn er das -Gesicht abwandte. Er räusperte sich und murmelte etwas vor sich hin, um -sein Gleichgewicht wieder zu finden. - -Rügend schüttelte er den Kopf: Welche Unordnung! - -Auch diesen Mangel an Ordnungssinn hatte sie von der Sommerstorf geerbt, -keineswegs von ihm. Augenblicklich schossen ihm in einer Sekunde tausend -Erinnerungen durch den Kopf. Da war, zum Beispiel, die Naht am Handschuh -geplatzt, und sie machten Besuch beim Regimentskommandeur. Es war -äußerst peinlich. Der Regimentskommandeur sah sofort die geplatzte Naht -des Handschuhs, es sah aus, als sähe er überhaupt nichts anderes. Und da -kamen, zum Beispiel, Gäste, sie waren auf acht Uhr geladen. Sie kamen, -und der Salon war völlig in Unordnung. Notenblätter waren überall -umhergestreut, und die Tischdecke lag voll von Rosenblättern, die von -einem welken Strauß abgefallen waren. Wie in aller Welt sollte er sich -denn vor den Gästen entschuldigen? Aber die Sommerstorf lachte nur -darüber. Gerade über solche Dinge konnte sie ausgelassen lachen. Es -fehlte ihr jedes Organ dafür. So waren sie, die Sommerstorfs. Sie kamen -nicht umsonst aus dem Süden. - -Ein Hut lag auf dem Tisch im Salon, daneben eine Schere und eine Rolle -Zwirn. Die Nadel stak in der Tischdecke. Zeitungen waren über das Sofa -verstreut, und in der Ecke lag sogar ein Abendschuh. Überall -Schreibpapier, Bücher. - -Zerstreut nahm der General ein aufgeschlagenes Buch vom Schreibtisch. -Marx. - -Karl Marx. - -Ein Sozialist! - -In dem Buche waren Stellen angestrichen. Sie arbeitete darin. - -Einen Augenblick war der General geneigt, diese Lektüre für eine junge -adelige Dame unpassend zu finden. Schon wollte er den Kopf schütteln. -Aber er überwand sich. Mochte sie -- weshalb nicht -- wenn sie Interesse -dafür hatte? Auch ein Sozialist hatte ja wohl manches zu sagen, was -interessieren konnte -- im übrigen, sie hatten ja in der Stunde der -Gefahr das Vaterland über den Internationalismus gestellt, bewilligten -die Kredite, was man wollte, gingen mit durch dick und dünn -- in der -Tat, sie hatten sich als wahre und echte Patrioten erwiesen! - -Viele Bücher. Stöße von Büchern. Autoren und Titel waren ihm unbekannt. -Er hatte keine Zeit, Bücher zu lesen -- der Dienst -- seit zwanzig -Jahren hatte er eigentlich kein Buch mehr in die Hand genommen -- seit -dreißig, von fachwissenschaftlichen Werken natürlich abgesehen. - -Im übrigen, diese modernen Autoren, soviel er von ihnen wußte, sie -beliebten Konstruktionen, lebten in einer fiktiven Welt -- während seine -Welt, die Welt des Generals, eine Welt der harten Tatsachen war, ohne -Beschönigung, ohne Lüge und Poesie, einfach der harten Tatsachen. - -Aus einem Buch fiel ein Brief: »Geliebte Ruth« -- sofort schob ihn der -General wieder in das Buch zurück. Wieder schüttelte er rügend den Kopf. -Daß sie, zum Beispiel, nicht daran dachte, daß Unberufene, etwa Therese, -den Brief lesen könnten! Erschreckend diese Ähnlichkeit in den kleinsten -Charakterzügen. Auch ihre Mutter hatte die wichtigsten Briefe und -Schriftstücke herumliegen lassen. So hatte es ja seinen Anfang genommen -. . . - -Wiederum fühlte er den Blick der leuchtenden Augen so stark, daß die -Hand matt wurde, die das Buch hielt. Deutlich, ganz deutlich hörte er -eine Stimme in seinem Kopf, die irgendwo geschlafen hatte. Er verstand -nicht die Worte, die diese Stimme aussprach, aber er hörte ihren Klang, -ganz deutlich, und es war doch schon viele Jahre her, daß er diese -Stimme zum letzten Male gehört hatte. - -Diese Stimme wurde lauter und lauter und nahm einen immer heitereren -Klang an. Deutlich hörte er, wie diese Stimme in seinem Kopfe oder -irgendwo -- sie schien irgendwo verborgen zu sein! -- zu lachen anfing, -ein Lachen, heiter, spöttisch. Der General legte das Buch zurück. - -Traurigkeit stieg plötzlich in seinem Herzen auf. - -»Was will ich eigentlich hier?« sagte er. Nachdenklich verließ er das -Zimmer, während die Augen des Bildes ihm bis zur Schwelle folgten -- - -Und Marx? Weshalb nicht Marx? Aber es war eigentümlich, dieser Name -klang in ihm weiter. - -Als er wieder über den Korridor schritt, hatte er die Empfindung, aus -einer fremden Welt und andern Zeit gekommen zu sein. Niki zwitscherte -fröhlich sein Lied, und alle Dinge betonten plötzlich ihre Wirklichkeit -und Vertrautheit. - -Übrigens war es auch frostig in Ruths Zimmer gewesen. - - -13 - -In der kahlen, verwahrlosten Fabriciusstraße erscheint -- ist es -möglich, an einem Wochentage, in diesen Zeiten -- ein Zylinder! Der -Zylinder kommt näher, immer näher, er verschwindet im »Löwen von -Antwerpen«. - -Der bucklige Wirt blinzelt mit den düsteren Eulenaugen und bringt die -Flasche Roten und das Schachbrett. - -»Meine Hochachtung«, flüstert er, wie es seine Art ist, leise -- er -sprach jahrelang kein Wort, in einer gewissen Periode seines Lebens. -»Sie treiben es nobel in diesen Tagen! Immer noch diese amtliche Sache?« - -»Gestern war es leider nichts. Ich hatte versäumt -- hatte ja keine -Visitenkarten. Alles hat seine Formen. Plötzlich denke ich gestern: nun, -und die Visitenkarten?« - -Herr Herbst hatte sich verändert. Das Rasiermesser hatte Kinn und Wangen -geglättet, und der Haarkranz war etwas geschnitten. Im ganzen hatte das -Volumen des Kopfes nur minimal abgenommen, aber es schien, als sei der -Kopf um die Hälfte eingeschrumpft. Und hinten im Nacken, wo der -Hinterkopf ansetzte, waren faustgroße Höhlen sichtbar geworden. Wie in -den letzten Tagen, trug er auch heute einen etwas verknüllten, zu langen -schwarzen Gehrock, und wieder empfand der bucklige Wirt Hochachtung vor -ihm, als er den Gehrock erblickte. Dieser kleine alte Mann, der mit dem -Gläschen in der Hand vor den Munitionsarbeiterinnen tanzte und sich zum -Gespött der frechen Geschöpfe machte -- wer war er? Ein -Heruntergekommener, ein Sonderling -- er behauptete, Lehrer an einem -Gymnasium gewesen zu sein, aber was behaupteten die Leute heutzutage -nicht alles? - -»Heute aber sollen die Karten fertig werden. Er hat mir sein Ehrenwort -gegeben«, fügte Herr Herbst hinzu, und seine kleinen, etwas schmutzigen -Hände rasselten gierig mit den Schachfiguren. Dieses Rasseln der -Schachfiguren, immer erinnerte es ihn an einen kleinen Marmortisch mit -blankgeputzter Messingeinfassung -- sein Stammcafé in der Provinz, -einst, lange war es her. - -»Sie haben den Anzug, Herr Herbst!« flüsterte der Bucklige und schob das -spitze Kinn über das Schachbrett. - -Herr Herbst griff nach dem Glas. Seine Hand zitterte. Ja, schlimme Tage -hatte er hinter sich. Er zerdrückte den Wein auf der Zunge zwischen den -gelben Zahnstumpen. Plötzlich sah er deutlich -- sollte man es für -möglich halten? -- das Gesicht des Generals im Glase! Er schloß rasch -die Augen und ließ das ganze Glas durch die Kehle hinunterlaufen. Noch -ein Glas -- und nun war er bereit. - -Kraft und Mut strömten aus dem Wein. - -Furcht? Nein, nein, er hatte keine Furcht. - -Er nahm das Aluminiumetui aus der Tasche, zündete sich eine Zigarre an -und setzte sich zurecht. - -»Und nun wollen wir einmal etwas ganz Neues versuchen.« Er zog den -Turmbauern. - -Noch weiter schob der Bucklige das spitze Kinn über das Brett. - -Eine Falle? Wie, was? Was wollte er mit dem Turmbauern? - -»Sie haben ja ein Feld zu weit gezogen.« - -»Zu weit? Nun, dann nehmen wir ihn eben um ein Feld zurück.« So -hochgemut fühlte sich Herr Herbst in diesem Augenblick, daß er den -Bauern gleich über drei Felder vorstoßen ließ. - -Die Partie begann. Beide waren leidenschaftliche Spieler. - -Herr Herbst lehnte sich im Stuhl zurück und blies den Rauch in die Luft. - -Furcht? Wieso? Vor wem? Vor ihm? - -Die Karten würden um vier Uhr fertig werden, nun und dann . . . - -Wieder trank er ein Gläschen. - -Alles war ja in seinem Kopfe zurechtgelegt. Jedes Wort, die Rede floß in -Gedanken. Und, hm, auch die Verbeugungen und Anreden hatte er schon -eingeübt, ganz genau. Weshalb sollte er Furcht haben? Schließlich war er -doch nicht der Kaiser, wie? - -Kein Zweifel, er würde ihn zwingen, ihm Rede und Antwort zu stehen, jede -Auskunft, die er wünschte, zu geben. - -Er hatte ja die Briefe in der Tasche, zum Beispiel, am 4. August griff -ein Jägerbataillon an, kein Mann kehrte zurück. Weshalb also mußte am 5. -August -- er würde natürlich in aller Höflichkeit, in aller -Bescheidenheit . . . - -»Schach der Königin!« rief er laut und warnend. - -»Wahrhaftig! Nun, Sie erlauben, ich nehme den letzten Zug nochmals -zurück -- es heißt überlegen. Sie gehen ja scharf vor, heute.« Die -düsteren Eulenaugen des Buckligen begannen zu glühen. - -Herr Herbst griff in Wahrheit stürmisch an. Er fühlte sich seinem Gegner -heute weit überlegen, und er hätte jede Summe gewettet, daß er gewann, -obgleich der Bucklige für gewöhnlich stärker spielte -- unter den -jetzigen Umständen, früher, da hätte er ihn ja nie schlagen können. - -Natürlich, der Kaiser war er ja am Ende nicht. Und schließlich -- er -würde ihm ja ebenfalls gefällig sein! Nein, nein, es war ganz und gar -kein kleiner Dienst -- bei rechtem Lichte betrachtet. Vielleicht würde -er sagen: aber mein lieber Herr Herbst, weshalb sind Sie nicht früher -gekommen? Wer weiß? Wer weiß? - -Ja, so würde er beginnen. Von diesen jungen Leuten nebenan würde er -berichten -- von ihren Ideen, ihren Absichten, gefährlichen Absichten -- -nun ja, rascher als irgendein anderer würde der General verstehen. - -Und dann würde er auf das Mädchen zu sprechen kommen -- - -»Vorsicht, Herr Herbst!« - -»Ich sehe schon -- eine richtige Falle. Ei, ei!« - -»Aber was tun Sie?« - -»Ich bin gezwungen, den letzten Zug zurückzunehmen.« - -»Aber, aber --« - -»Auch Sie haben ja einen Zug zurückgenommen.« - -Dieses Mädchen also, so würde er sagen, hatte er zuerst gar nicht -beachtet. Wie sollte er auch? Alle diese Soldaten hatten ja ihre -Mädchen, nicht wahr, es war einmal nicht anders. Nicht beachtet. An den -Sonntagen kochte sie den Tee, bot Zigaretten an. Sie selbst sprach -eigentlich wenig, nur hier und da warf sie ein Wort ein. Man hörte ihre -Stimme kaum, so fein klang sie. - -An den Wochentagen kam sie zuweilen abends, und dann war sie mit ihm -allein. Nun sie waren junge Leute, was sollte da besonderes dabei sein? -Er hörte nicht zu, hatte seine eigenen Gedanken. Eines Abends aber, -plötzlich sprechen sie über gewisse Dinge -- wie interessant! Was ist -das? Offenbar kennt das Mädchen genau die Familienverhältnisse einer -gewissen hochgestellten Persönlichkeit. Nun, es war jedenfalls -sonderbar, daß sie so genau Bescheid wußte -- - -Tief in seine Gedanken versunken, legte sich Herr Herbst im Sessel -zurück und blies den Rauch in die Luft. - -Sie plaudern also über gewisse Dinge, ganz harmlos. Sie denken wohl -nicht, daß ich nebenan alles höre, denken wohl, ich sei ausgegangen. - -Oben an der Türe sehe ich Licht. - -Ich weiß wohl, was sich schickt und was unpassend ist -- aber, aber, ich -kann nicht widerstehen. Das Licht reizt mich. Ich trage den Stuhl zur -Türe, vorsichtig natürlich -- steige hinauf -- so, so -- strecke mich -und blicke durch den Spalt. Ich drehe das Auge hin und her. Ah, da sitzt -er also, der Soldat, und daneben -- auf dem Sofa . . . - -Plötzlich sehe ich ihr mitten ins Gesicht! - -Der Schreck -- glauben Sie mir -- die Überraschung -- ich wäre um ein -Haar vom Stuhl gefallen! Denn wenn ich auch das und jenes dachte -- ich -glaubte es ja nicht -- es schien mir unmöglich -- die Stimme, hm, das -Gespräch, aber es war ja unmöglich -- und doch -- doch! - -Dieses Mädchen, Herr General, diese Dame -- - -»Schach und matt!« rief der Bucklige triumphierend, und Herr Herbst -prallte zurück. - -Also geschlagen, abermals geschlagen! - -Herr Herbst zog die Uhr -- er besaß eine goldene Uhr, sonderbar! -- und -wurde plötzlich von Unruhe ergriffen. - -»Ja, nun wird es aber Zeit für mich -- höchste Zeit!« sagte er und -stülpte hastig den Zylinder über den Schädel. Ganz wie der steife -schwarze Hut war auch der Zylinder um eine Nummer zu groß und sank auf -die abstehenden grünlichen Ohren herab. - -In höchster Eile verließ er die Kneipe. - - * * * * * - -Schon dunkelte es. Lautlos und unaufhörlich sank der schwarze -Aschenregen auf die sterbende Stadt. - -Eine Stunde später, und Berlin war völlig finster. Undurchdringliche -Finsternis lag über den deutschen Landen, undurchdringliche schwarze -Nacht lag über Europa, zuckend vor Schmerzen, gebadet in Blut und -Tränen. - -Wann endlich? - -Horch! Hunderttausend Geschütze wiehern wollüstig durch Europas -undurchdringliche schwarze Nacht. - -Ja, wann endlich? Eile, binde deine Schuhe, Erlöser, und eile, wenn du -kommen willst! - -Schon sind Europas Augen blind vom Weinen, schon stockt der Schlag -seines Herzens. - - - - -Drittes Buch - - -1 - -Dampfwolken quollen aus der Halle, Rauchfetzen flatterten zwischen den -Eisenträgern. Alles wehte. Die Vorortzüge liefen kreischend ein, -keuchten kreischend hinaus. Mäntel, Hüte, Röcke wirbelten im Rauch und -weißen Wasserdampf. Auch Klaras Kleider wirbelten. Sie fror an den -dünnen Beinchen, aber sie liebte es, ganz leicht gekleidet zu gehen. - -Der nach der Westfront abgehende Frühzug hatte Verspätung. Mochte er! -Wie gerne wartete sie! Schon seit einer Stunde ging sie hier am -Charlottenburger Bahnhof auf und ab. Drüben am Bahnhof Zoologischer -Garten standen sie nun, die Damen Sterne-Dönhoff, Mutter und Schwestern, -und plauderten noch mit ihm. Der Wind pfiff von allen Seiten in die -Halle, und blendende Helligkeiten fegten draußen über die Dächer. - -Plötzlich blieb Klaras Herz stehen: - -Um die Ecke schnob ein pechschwarzes Ungeheuer, qualmend aus Schlot und -Zylindern. Blitzschnell kam es auf Rauch herangewirbelt. Der Fernzug -. . . - -Der Kurfürstendamm, wimmelnde Menschen -- sie und Heinz. Der Tiergarten, -brausende Bäume -- sie und Heinz. Die Stufen der Untergrundbahn, ein -Menschenstrom, das kleine Café in der Kantstraße -- sie und Heinz. Wie -durch ein scharfes Glas sah sie sich neben ihm, immer neben seinem -weiten grauen Feldmantel -- nur die Szenerien änderten sich, -blitzschnell, alle Straßen, Plätze, die sie zusammen besucht hatten. Der -Tiergarten -- gestern nachmittag, als sie Abschied nahmen, es dämmerte -schon -- sie gab ihm das Medaillon mit der Locke, das sie so oft und -tausendfach küßte, bis sie einen Weinkrampf bekam -- als Talisman sollte -er es tragen -- und plötzlich verschwindet alles in einem Wirbel, nichts -ist mehr vorhanden als ein leerer Raum, durch den die schwarze -Lokomotive dahinstürmt. - -Ihre Kleider flatterten, sie griff an die grasgrüne Mütze mit der grünen -Seidenquaste, in der Rechten wehte das Taschentuch. Sie dachte an -nichts, ihre Augen glitten erregt an dem fliegenden Zug entlang, und sie -verging vor Angst, daß sie Heinz nicht mehr sehen würde. - -Da, da, da, da war er! Seine Hand, sie erkannte sie sofort, winkte ihr -zu. Ein Lachen in seinem geröteten Gesicht, ein Blitzen der Zähne, und -die blonden Haare leuchten. Auf seiner Brust aber glänzte -- wie ein -heller Stern -- durch den Mantel hindurch -- das Medaillon aus Kristall: -deutlich sah sie es. Groß und mächtig wie ein Stern, obgleich es ganz -klein war. - -Hunderttausende und abermals Hunderttausende waren schon auf diesen zwei -Schienen fortgefahren, und alle trugen einen Talisman auf der Brust. - -Fort war Heinz. - -Der Zug war rasend schnell gefahren, aber die letzten Wagen rollten ganz -langsam an Klara vorüber. - -Der Wind riß ihre Kleider bis zu den schmalen Knien empor, aber sie -bemerkte es nicht. Soldaten, die aus den letzten Wagen blickten, -schnitten ihr Gesichter. - -Da aber fing sie an zu laufen, und weinend stürzte sie die Treppe hinab. -Wie ein Messer zerschneidet das Lebewohl ein junges Herz. - -Alles war ja noch Geheimnis, niemand wußte etwas, niemand wußte von -ihren Schwüren, ihren Versprechungen, ihren Plänen, ihren Träumen, -niemand. - - * * * * * - -Schon war Klara zu Hause, und schon war die grüne Mütze mit der grünen -Seidenquaste in ein Paketchen eingeschnürt, fertig zum Absenden. Er -sollte sie haben. Ach, und sie weinte und bedeckte die alte grüne Mütze -mit Küssen und Tränen. - -Schon aber hatte der Zug die nächste Station passiert, und Klara steckte -die kleine Flagge auf der Karte um. Man muß wissen, daß Klara sich ein -Kursbuch gekauft hatte, um den Zug verfolgen zu können. - -Und schon war Klara wieder auf der Straße und lachte in Sonne und Wind, -während auf ihrem Herzen noch die Tränen brannten. Auf zierlichen, -raschen Beinchen schritt sie, die schmale Hüfte wippend, die -Joachimsthaler Straße hinab. Sie war glücklich. - -Klara ging einkaufen. Sie mußte ja nun an die Feldpaketchen denken, ganz -wie Millionen andere Frauen. Kam sie zurück, so konnte sie die Flagge -schon bis Hannover vorstecken. - -Schon dachte sie an die Zeit, da sie die Flagge zurückstecken würde -- -wenn er zum ersten Male auf Urlaub kam. - -Zwischen der Kindheit und der Welt der Erwachsenen liegt die Zone des -Paradieses. Blendend von Träumen, Plänen, Visionen, Ahnungen und -Wünschen. Wunderbar und erhaben liegt das Leben vor den Blicken, und -mutig geht ihm der Schritt entgegen. - -Durch dieses Paradies schritt Klara dahin, obschon sie nur die -Joachimsthaler Straße hinabwanderte. - - -2 - -Schon wanderte die kleine Flagge auf der Karte wieder rückwärts. Es war -der Zug, der den ersten Brief bringen konnte. Konnte! Aber er kam nicht. -Nun kam der Zug an die Reihe, der den ersten Brief bringen sollte. Aber -er kam nicht. Nun kam der Zug, der den ersten Brief bringen mußte. Aber -er kam nicht. Die Stunden blieben stehen. Die Uhren tickten, das Herz -schlug im Halse, und in der Nacht saß Klara mit offenen Augen im Bett. - -Endlich, am sechsten Tage, kam er. - -»Hier ist ein Brief, kleine Braut«, sagte Hedi, und Klara errötete. Hedi -hatte ein überlegenes, aber gutmütiges Lächeln für die Schwester. -Dieselbe Geschichte! dachte sie. Sie wird Briefe schreiben, jahrelang -auf den Briefträger warten . . . Es ist immer das gleiche. - -»Gib, bitte!« sagte Klara, und ihr Atem stockte. - -»Du versprichst mir, auf Frau v. Dönhoffs Hausball mitzukommen?« (Allein -würde der Geheime Rat Hedi nicht gehen lassen!) - -»Ich verspreche! Feierlich!« -- - -Welches Glück, beim Himmel! Und welche Enttäuschung, dieser Brief -. . . - -»-- wir haben ein reizendes Quartier. Ein kleines Schlößchen. Daneben -liegt unser Flugplatz. Mich haben sie in einer Dachkammer untergebracht. -Wir haben eine Enten- und eine Hühnerzucht. Die Mannschaften besitzen -sogar ein kleines Wildschwein.« Ja, was ging sie das an? - -Herrlich ist es hier, herrlich, liebe Klara! - -Tag und Nacht krachen die Kanonen, und fast in jeder Stunde knallen die -Abwehrgeschütze ganz in unserer Nähe, Schwärme von feindlichen Fliegern -kommen herüber. In der Nähe nämlich steht im Walde ein weittragendes -Geschütz. Wenn es schießt, ist es wie ein Erdbeben. Ein balkendicker -Feuerschein fährt dann aus dem Walde. - -Das Wetter ist stürmisch und trüb, und gestern habe ich mich mit dem -kleinen frechen Meerheim -- Du kennst ihn ja -- etwas in der -Nachbarschaft herumgetrieben. Er ist eine Art Zyniker, aber wir kommen -trotzdem ganz gut miteinander aus. Wir waren mit dem Auto in Q. Schutt -und Asche! Furchtbar anzusehen! Die Kathedrale wurde von französischen -und englischen Geschützen in Trümmer geschossen und geriet zuletzt in -Brand. Ein Symbol des Schreckens und des Krieges. Am Abend speisten wir -in der Etappe, wo mich der kleine Meerheim bei Bekannten einführte. Sie -führen ein herrliches Leben, essen und trinken und feiern ein Fest nach -dem andern. Gerade als wir kamen, feierte ein Rittmeister sein Eisernes -Erster. Es wurde furchtbar gekneipt, und zuletzt ging es böse her. Wie -ekelhaft! Ich habe nicht einen Tropfen angerührt, denn ich halte das -Versprechen, das ich Mama gab. Neben dem Kasino liegt das Lazarett, wo -die armen Kerle von vorn hereingebracht werden. Auf dem Heimwege -begegneten wir einem Wagen voller Kisten, nur notdürftig zugenagelt. Sie -wurden zum Friedhof gebracht. All das ist schrecklich. Das sind die -Schattenseiten des Krieges, der sonst herrlich ist, Klara, und alle -wunderbaren Eigenschaften des Menschen weckt, Heldentum, Aufopferung, -Kameradschaft! - -Die Kameraden sind alle reizende Leute, prachtvoll ist unser Chef, -Hauptmann Wunderlich, geliebt und bewundert von Offizieren und -Mannschaften. Es ist rührend zu sehen, wie sie Hauptmann Wunderlich alle -behilflich sind, wenn er in die Maschine steigt. Er wird ja -hineingehoben. Aber alle tun so, als ob sie ihm immer nur ein bißchen -behilflich wären und er aus eigener Kraft hineinklettere. - -Das Wetter war sehr schlecht die ganze Zeit her, die Sicht gleich Null. -Nur einmal machten wir einen Geschwaderflug, und das war wunderbar für -mich, das erstemal gegen den Feind zu fliegen. Ich sang oben in der -Luft. - -Schon hatte Klara Tränen in den Augen. Und ich? dachte sie, und ich? Er -schreibt ja kein Wort -- keine Silbe . . . - -Die Schilderung des Geschwaderfluges, die zwei volle Seiten einnahm, -überflog sie. Mit Tränen in den Augen las sie, daß Heinz den Spitznamen -»Kücken« bekommen hatte. Den ganzen Tag heißt es nun: »Wo ist das -Kücken? Kücken, kommen Sie mal her!« - -Und von ihr, von ihrer Liebe . . .? - -»Neulich war auch P. P. da, Du weißt schon, wen ich meine. Er besuchte -uns. Er kam im Automobil angefahren, das er selbst lenkte. Er war sehr -elegant gekleidet, und seine Offiziere trugen phantastische Mäntel aus -wunderbarem weichen Leder, herrliche Stulphandschuhe, überhaupt waren -sie tipptopp. P. P. hatte die Tasche voller Zigaretten, die er mit -vollen Händen an die Mannschaften verteilte. Ich mußte vorfliegen, und -ich machte fünfmal Looping in tausend Meter Höhe --« - -Das alles interessierte Klara nicht. - -Es interessierte sie auch nicht, was Heinz über den berühmten bayrischen -Kampfflieger Seitz schrieb, der den ganzen Tag Geige spielte und seinen -kleinen Dackel mit in die Maschine nahm. Dann war viel von -Ordensauszeichnungen die Rede. Heinz wollte nicht eher auf Urlaub -fahren, bevor er nicht die beiden Kreuze besaß. Und dann kam der Pour le -mérite an die Reihe! Ach, du lieber Himmel, gewiß würde sie stolz auf -ihn sein, aber . . . - -»Ich fiebere danach, mich auszuzeichnen und für mein Vaterland, das -große und herrliche Deutschland, zu kämpfen, das ich über alles liebe, -und dem ich meine ganze Kraft weihen will. Der schönste Moment meines -Lebens wird es sein, wenn ich das erstemal mich mit meinem Gegner da -oben messe! Ich werde nicht locker lassen, bis er hinunterrasselt. Über -alles werde ich Dir dann schreiben, liebe Klara!« - -Dann, kamen noch ein paar Redensarten. »Wie geht es Dir? Hoffentlich -gut. Hast Du meine Cousine, Frau v. Dönhoff, schon besucht? Was macht -Berlin? Eben fängt dieser Bayer Seitz wieder an, Geige zu spielen. Er -spielt sehr schön, aber oft übt er stundenlang, bis sie Gegenstände nach -seiner Decke werfen. - -Nächstens werde ich Dir auch einiges über meine Maschine schreiben. Sie -ist ein ganz neuer Typ, klettert wie ein Affe senkrecht in die Höhe. -Hauptmann Wunderlich ist sehr zufrieden, und die Kameraden haben für -meine Fliegerei sogar etwas wie Bewunderung übrig. Gute Nacht!« - -Klara weinte. - -Hedi ging durchs Zimmer, aber sie störte die Kleine nicht. Sie wußte -genau, was in dem Brief stand, ohne ihn zu lesen. Hunderte solcher -Feldbriefe hatte sie bekommen. Sie hätte Klara warnen sollen, sich mit -einem Offizier einzulassen. Sie waren ja alle eitle Schwätzer, eitel und -oberflächlich, nichts als Prahlereien über Kämpfe und Geschwätz über -Ordensauszeichnungen. Sobald sie zur Front kamen, waren sie gänzlich -wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht. - - * * * * * - -Klara suchte Wolle, um damit ein Paar kleine Pulswärmer zu stricken. -Sollte man es für möglich halten, in ganz Berlin gab es nicht einen -Strang Wolle? Und früher quoll die Wolle aus allen Schaufenstern, alle -Welt strickte Tag und Nacht, Deutschland war vollgestopft mit Wolle. Wie -sollte man auf den Gedanken kommen, daß es einmal damit zu Ende gehen -könne? - -Früher -- Klara erinnerte sich deutlich, damals trug sie noch Zöpfe -- -als der Krieg begann, gab es herrliche Dinge zu kaufen. Jetzt gab es -nichts mehr, gar nichts. Höchstens Bücher und schlechte Zigaretten. Rein -ausgeplündert schien diese Stadt! - -Geschmackvoll und gut sollte alles sein, was sie für Heinz einkaufte -- -und billig. Denn Klara erhielt nur dreißig Mark Taschengeld im Monat. -Sie hatte allerdings schon seit langem gespart . . . Aber allein das -Medaillon hatte eine große Summe verschlungen. - -»Es ist für meinen Mann, er ist im Felde«, sagte sie, wenn sie einkaufte -und errötete bei der süßen Lüge. - -»So jung und schon verheiratet, gnädige Frau?« - -»Ja, wir sind kriegsgetraut.« - -Klaras Augen strahlten. Sie wandelte im Paradies. - -Häufig hielt sie sich in der Straße auf, wo Frau Sterne-Dönhoff wohnte. -Nur um Heinzens Mutter und Schwestern gelegentlich zu sehen. Selten nur -hatte sie Glück. Die Schwestern sahen Heinz ähnlich. Der Mund besonders! -Die Damen Sterne-Dönhoff gingen immer in Schwarz. Sie trugen dicht -anliegende Wollkleider, flache, schmucklose Hüte, spitze Schuhe. Die -Mutter ging immer in der Mitte. Sie sprachen wenig, und sie lachten nie. - - * * * * * - -»Ich liebe Dich, Heinz, ich küsse Dich, ich drücke Dich an mein Herz. -Dir gehöre ich, mit Leib und Seele! Mache nicht Looping und sei -überhaupt vorsichtig. Ich werde stolz sein, wenn Du Auszeichnungen -erhältst, aber ich liebe Dich auch so. Es ist ganz nebensächlich. Ich -war in der Kirche und habe gebetet. Ich habe so schrecklich geweint, daß -ich mich schämte. Ich bin ein dummes Mädchen. Ich schicke Dir hier eine -neue Locke. Bitte, tue sie in das Medaillon. Ich habe sie in Weihwasser -getaucht, bei der ersten hatte ich das vergessen. Verbrenne die erste, -versprich es mir! Das mußt Du tun, und so wird der Talisman wirken! Ich -habe so inbrünstig gebetet, und vor kurzem konnte ich überhaupt nicht -mehr beten. In der Kirche waren sechs Frauen, sie beteten wie ich. - -Ich lege Dir hier eine ganze Menge Briefe bei, die ich geschrieben habe -in diesen letzten Tagen, jeden Tag einen, um mein Herz auszuschütten. -Ich lege sie bei, obwohl sie veraltet sind. Du sollst daraus sehen, daß -ich immer an Dich gedacht habe. - -Von allen Deinen Kameraden ist mir der Bayer Seitz am sympathischsten. -Er nimmt seinen kleinen Hund mit in die Maschine, wie rührend ist das! - -Berlin ist wie immer. Die Menschen sind mißmutig und niedergeschlagen. -Man könnte glauben, sie hätten alle Hoffnung verloren, und doch steht es -ja besser als je, wenn man die Zeitungen liest. - -Du hast mir nicht geschrieben, ob Du unseren Stern betrachtest. Zwischen -zehn und elf Uhr, vergiß nicht. Gestern funkelte er herrlich, und ich -mußte so schrecklich weinen. Ich bin so ein dummes Ding, denn ich bin so -rasend glücklich. - -Hedi ist sehr launisch. Ich glaube, sie ist nicht glücklich. Es scheint, -als ob es zwischen ihr und Otto zu Ende sei. Sie spricht geringschätzig -von ihm, und das finde ich nicht schön. Wahrscheinlich liebt sie ihn -nicht mehr. Aber das ist ja kein Grund Schlechtes über ihn zu sagen und -zu sagen, er sei eitel und eingebildet. Wir zanken uns sehr viel. Hedi -glaubt nicht, daß die Liebe zwischen zwei Menschen ewig dauert. Aber ich -glaube es. Und so geht der Streit hin und her. Was glaubst Du, mein -Geliebter? Du brauchst auf diese Frage nicht zu antworten. Ich weiß -selbst, was Du glaubst. - -Ja, bei Frau v. Dönhoff habe ich Besuch gemacht. Deine Cousine ist eine -originelle Frau. Ich traf sie in einem schwefelgelben seidenen Kimono, -und sie kann so herrlich lachen. Es wird einem wohl ums Herz dabei! -Sonst lebe ich ganz zurückgezogen, gehe auch nicht mehr ins Theater. -Denn es scheint mir Sünde, daß die Menschen sich amüsieren, während -andere draußen leiden. Wenn ich etwas zu sagen hätte, so würde ich alle -Theater schließen. Übrigens hat sich eine schreckliche Unsitte bei uns -eingebürgert. Die Leute bringen ihre Brötchen, ihr Abendessen, mit ins -Theater, und sobald es dunkel wird, fangen sie an, mit dem Papier zu -rascheln und zu kauen. Es ist unerträglich. Du weißt, Heinz, daß wir -davon gesprochen haben, auf dem Lande zu wohnen und zu reisen. Davon -träume ich. Fräulein v. Hecht, die ich bei Deiner Cousine traf, sagte, -die Behörden erlauben mit Absicht Theater, Kinos und Konzerte. Das Volk -solle gar nicht zum Bewußtsein kommen, es solle betäubt werden. -Überhaupt -- sie hat Ansichten, daß man nicht glauben sollte, sie sei -die Tochter eines Generals! Wenn sie diese Ansichten öffentlich äußert, -so wird man sie einsperren und das mit Recht. Und doch ist sie -anziehend. Sie plauderte sehr lieb mit mir, und wir gingen ein weites -Stück zusammen. Ich glaube wohl, daß ich sie lieben könnte, wenn sie nur -nicht diese schrecklichen Ansichten hätte. - -Otto ist noch immer im Lazarett, wird aber bald entlassen. Man sagt, daß -er schrecklich niedergeschlagen sei, weil er nicht mehr zur Front zurück -kann. Vielleicht sehe ich ihn aber nächstens, denn Fräulein v. Hecht hat -mich gebeten, sie zu besuchen, und da treffe ich ihn vielleicht. Hedi -lernt nun Schreibmaschine schreiben. Sie sagt, sie will sich nun -unabhängig machen, und sobald sie Geld verdient, wird sie ihre Koffer -packen. Ich traue es ihr zu, aber Papa wird ihr schon die Meinung sagen. - -Heute abend werde ich wieder beten, Heinz! Ich fühle, Gott hat Dich in -seinen Schutz genommen. In den letzten Jahren war ich ja leider zu einem -völligen Atheisten geworden, und zwar durch Hedi, die nicht an Gott -glaubt und behauptet, wenn es einen Gott gäbe, so würde er solch einen -Krieg nicht zulassen, wo Millionen Menschen zerfleischt werden. - -Lebe wohl, Heinz, und vergiß nicht unsern Stern. Möchtest Du bald -wiederkehren, möchte der schreckliche Krieg bald zu Ende sein! Ich bete -zu Gott! Mein Herz ist gequält. - -Ach, Heinz, ich liebe Dich! Hier, diesen kleinen Zettel schicke ich mit. -Er sieht ganz unscheinbar aus, nicht wahr? Aber ich habe ihn mit tausend -Küssen bedeckt, und die soll er Dir überbringen. - -Deine kleine Frau Klara. - -Nebenan ist jetzt ein kleiner weißer Terrier aufgetaucht. Ich habe mich -mit ihm angefreundet. Er spielt im Vorgarten mit Papierstücken, die der -Wind bewegt -- rührend! Auch Paketchen sind schon unterwegs.« - - -3 - -Ein Fingernagel pickte an das Fenster der Portierloge. - -Keine Antwort. Kein Laut. Totenstille. - -»Herr Portier! -- Herr Portier?« - -Der Portier, der dem alternden Moltke ähnlich sah -- natürlich nur eine -flüchtige Ähnlichkeit und nur unter besonderer Beleuchtung, es war dem -General ja nur so nebenher durch den Kopf gegangen -- der Portier -schlief. - -Aber hartnäckig pochte der Fingernagel. Und nun wurde eine schneeweiße -Visitenkarte durch das offene Fenster geschoben -- da erwachte der -Portier. - -Er erwachte und hob sofort beschwörend die Hände, und auch, sonderbar -genug, der kleine Herr mit dem zu tief sitzenden Zylinder hob sofort -beschwörend die Hände. - -»Um, Gottes willen -- Sie -- wieder?« - -»Ich bitte um Verzeihung.« - -»Und heute dazu!« - -»Weshalb -- heute --?« - -»Exzellenz ist heute -- horchen Sie nur: das ganze Haus -- totenstill! -Exzellenz sind heute schlecht gelaunt, mit einem Wort. Und Sie -- ich -sagte Ihnen doch -- ach, ach!« - -»Gestatten Sie --« - -»Ach! Ach!« - -Das Aluminiumetui blinkte. - -»Nein, nein, danke. Sie bringen mich noch in Ungelegenheiten.« - -Plötzlich knallte es, als sei eine Bombe im Foyer explodiert. Aber es -war nur der Zylinder des Herrn Herbst, der auf die Steinfliesen gefallen -war, als er sich bemühte, den Kopf durch das Fenster zu stecken. - -»Ich bitte Sie -- ich fordere Sie hiermit ebenso höflich wie dringend -auf --!« Geifer stand zwischen den Zähnen des alternden Moltke. - -»Sie mißverstehen mich --« Herr Herbst hatte den Zylinder wieder -aufgesetzt. - -»Ich verstehe Sie recht wohl. Ungelegenheiten --« Das Fenster klappte -zu. - -Wieder pickte der Fingernagel, hartnäckig. - -Der Portier setzte eine eisige Amtsmiene auf, öffnete das Fenster wieder -und sagte in dienstlichem Tone: »Sie wünschen?« - -»Ich wollte nur fragen --«, stotterte Herr Herbst, den die Amtsmiene -augenblicklich in Verwirrung brachte, -- »nur fragen -- es ist wichtig -für mich, weil ich entschlossen bin --« - -»Entschlossen?« Ach, wie kalt die Stimme klang, ohne Teilnahme. - -»Ja, entschlossen.« - -»Bitte?« - -»Es liegt wohl keine Antwort für mich hier?« - -»Nein!« Das Fenster flog wütend zu. - -Herr Herbst lüftete den Zylinder, obwohl ihm der Portier die weißen -Haarsträhnen zudrehte, und ging. Nach einer Weile kehrte er zurück und -legte, ohne ein Wort zu sagen, eine Zigarre auf das Gesims des kleinen -Fensters. -- - -In der Tat, das häßliche rote Amtsgebäude mit seinen öden Korridoren lag -heute noch stiller als sonst, totenstill. - -Schweigen, Flüstern, halblaut geführte Telephongespräche. Die Türen -waren Samt. Die Ordonnanzen und Drillichkittel schlichen auf den -Zehenspitzen über die Korridore, jemand nieste, und sofort fuhr ein Kopf -drohend aus der Türe. Die Offiziere, die zusammengedrängt an ihren -Schreibtischen arbeiteten, wagten nicht aufzublicken. Jeden Augenblick -konnte das graue Steingesicht im Türrahmen erscheinen. Major Wolff -paffte eine dicke Zigarre und vergrub den Kopf in die Akten. Es war -Windstärke 12, ohne jede Übertreibung. - -»Hat er den Abschied bekommen, Weißbach?« - -»Meine Herren --!« - -»Oder die schöne Dora --?« - -»Ich bitte doch dringend!« - -Der Adjutant war vom Chef zurückgekommen und hatte nur beschwörend die -Hand gehoben. »Windstärke 12.« Damit pflegte er einen bestimmten Zustand -zu bezeichnen. Weiß Gott, wie er als Artillerist zu diesem Ausdruck kam. - -»Aber erklären Sie doch!« - -»Pst!« Zuweilen legte Weißbach lauschend das Ohr an die gepolsterte -Doppeltüre. - -Ein lautes, herausforderndes Räuspern, das Räuspern eines Menschen, der -keine Rücksichten zu nehmen braucht und auch keine Rücksichten nimmt, -drang aus dem Saal, der von dem Ölgemälde Seiner Majestät bewohnt war. - -Plötzlich aber begann es in diesem Saal zu donnern, einmal, ein -schwächeres Donnerrollen, zweimal -- wiederum Stille. Der Adjutant -wechselte die Farbe. War jemand in das Zimmer des Generals gekommen? -Unmöglich! An der gepolsterten Doppeltüre im Korridor hing das Schild -»Vortrag«. Und daneben das Schild: »Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!« -Ganz unmöglich. Aber trotzdem: es klang, als spräche er mit jemand --? - - * * * * * - -Halt, Unglückseliger! Es war zu spät . . . - -An der gepolsterten Doppeltüre, die zum Korridor führte, knackte es -plötzlich höchst eigentümlich, und der goldene Kneifer glitt von der -Nase des Generals. - -Es geschah etwas geradezu Unfaßbares . . . - -Der General hatte, so alt er war, das heißt solange er einen höheren -Rang bekleidete, so etwas nicht erlebt. Er hätte es, offen gesagt, für -unmöglich gehalten. - -In der Doppeltüre erschien -- unter Umgehung des Schreibzimmers, der -Anmeldung, unter Umgehung des Adjutanten, trotz der Aufschriften -»Vortrag« und »Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!« -- erschien, ganz als -ob es eine selbstverständliche Sache sei, hier einzutreten, ein -gewöhnlicher Soldat! Wie von einer höllischen Versenkung emporgehoben, -tauchte er plötzlich auf. - -Ein Drillichkittel, eine Ordonnanz mit einem großen gelben Brief in der -Hand. Dieser Mann -- ein Schneider von Beruf, klein, etwas krummbeinig, -namens Hanuschke, den man hierher kommandiert hatte, so wie man ihn im -Laufe der Kriegsjahre an Dutzend Stellen kommandierte -- hatte sich -einfach in der Türe getäuscht. Er wollte gar nicht nach Nummer 7, er -wollte nach Nummer 6. - -Dieser Schneider Hanuschke hatte, um nur etwas zu nennen, bei der -Lorettohöhe gekämpft, er war einer der wenigen, die noch in der -berühmten Zuckerfabrik bei Souchez waren, von der seinerzeit soviel die -Rede war. Bei Souchez hatte eine schwere französische Mörsergranate -dicht neben ihm den Kompanieführer und drei Kameraden mit in die Höhe -genommen, gewiß kein geringer Schreck -- er hatte sich am Roten-Turm-Paß -und in Polen geschlagen, also manches erlebt -- nun aber stand er wie -vom Schrecken gelähmt: Vor seinen Augen schwebte urplötzlich in einer -lichtgesättigten, hellblauen Rauchwolke ein General. Im ersten Moment -glaubte er sich einer überirdischen, verwirrend funkelnden Erscheinung -gegenüber, die zwei weiße Stichflammen auf ihn richtete. - -Als alter Feldsoldat handelte Hanuschke augenblicklich. Er hatte ja auch -gehandelt, als die schwere Mörsergranate bei Souchez dicht neben ihm -einschlug. Wie der Blitz hatte er sich zu Boden geworfen und -fortgerollt, mit solcher Eile, daß die herabkommenden Gliedmaßen ihn -nicht mehr erreichten. Nur der Feldstecher seines Kompanieführers -klatschte neben ihm in den Boden. - -Also handelte er auch hier. - -Automatisch und blitzschnell führte er alle die Akte der hohen Dressur -aus, die man ihm beigebracht hatte. Soweit sein schwindendes Bewußtsein -es zuließ, schätzte er die Schritte ab, und in der vorgeschriebenen -Entfernung begann er sich vor der in einer Wolke schwebenden Erscheinung -aufzubauen. Er schlug die Absätze seiner schweren Kommißstiefel -zusammen, schwang die Ellbogen nach außen, führte die Hände an die -Hosennaht und fing an, so klein und krummbeinig er auch war, zu wachsen. -Seine Gelenke streckten sich, die krummen Beine bogen sich gerade, der -Oberkörper hob sich aus den Hüften, der Brustkorb wölbte sich, der Kopf -stieg zwischen den schmächtigen Schultern empor, und endlich erstarrte -er, den Blick in die weißen Stichflammen gerichtet. - -Zweiundzwanzig Sturmangriffe hatte er mitgemacht, zweiundzwanzigmal war -er mit dem Trillern der Pfeife dem Tod in den Rachen gesprungen -- aber -er fühlte deutlich, daß er sich diesmal in eine geradezu schreckliche -Gefahr begeben hatte. - -Die weißen Stichflammen sengten an ihm entlang. - -Der Schneider Hanuschke wuchs abermals. - -Seine viel zu weiten Hosen waren geflickt und hundertmal von Schmutz und -Blut gereinigt, seine Halsbinde war unordentlich gebunden und fettig. -Und dieser Drillichkittel! Aber in der armseligen, der Kleidung eines -Zuchthäuslers ähnlichen Uniform, die man des Königs Rock nannte, stand -der kleine Schneider wie eine Statue. - -Donner schlug an sein Ohr. Donner trieb ihn zurück zur Türe und wieder -zurück zur Erscheinung. (Das war das Donnern, das der Adjutant Weißbach -nebenan hörte.) - -Zweiundzwanzig Sturmangriffe -- lieber die französische Mörsergranate -- -meinetwegen . . . - -Wieder wuchs er. Seine Rippen drückten sich durch den dünnen -Drillichkittel hindurch ab. Seine vorgestreckte aufgepumpte Brust bot -sich irgendeinem unsichtbaren Messer dar. Alles, was die Schlachtfelder -und Lazarette von ihm übriggelassen hatten, stellte er möglichst -vorteilhaft zur Schau. Sein winzig kleines und unendliches Ich war -konzentriert im Blick der ängstlichen Mausaugen, deren Pupillen der -Schreck weitete. Kreidig grün war sein Gesicht, und zwischen den Augen -glänzte violett eine fingerlange Narbe, die von einem Querschläger -herrührte, der ihm in Rumänien die Stirn zerschmettert hatte. - -Abermals donnerte es, diesmal weniger drohend. Er war entlassen. Sein -geflickter Hosenboden schaukelte durch die Doppeltüre. Auf dem Gang -wischte er sich aufatmend mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, der -plötzlich aus allen Poren hervorbrach. Genau so wie damals, als der -Feldstecher des Kompanieführers neben ihm herunterkam. - - -4 - -Ohne Laut, fast ohne jede Bewegung, arbeitete der General, vergraben in -den Berg von Akten, den man auf dem Schreibtisch aufgehäuft hatte. - -Die eisige Stille, die von ihm ausging, drang durch die Poren der Steine -und Fasern der Türen, verbreitete sich durch Zimmer und Korridore und -erfüllte zuletzt das ganze Gebäude. - -Mit rascher Hand warf der General Bemerkungen an den Rand der Akten, um -sie hierauf in einen Korb zur rechten Hand zu legen. Der Berg der -Schriftstücke zur Linken schmolz zusammen, auf der andern Seite wuchs er -in die Höhe. Umfangreiche Schriftsätze maß der General mit einem -rügenden Blick und warf sie -- je nach ihrem Umfang mit größerem oder -kleinerem Schwung -- in einen besonderen Korb, der die Aufschrift trug: -Wolff, Vortrag! Wolff, der Major, der Hüne, hatte Zeit für alles. Er war -eines jener beklagenswerten bürgerlichen Arbeitstiere, wie sie in allen -Ressorts saßen, die sich im Schweiße ihres Angesichts, ohne jede andere -Empfehlung als die Qualifikation ihrer Vorgesetzten, in der Karriere -vorwärtskämpften. Wolff arbeitete oft die ganze Nacht hindurch. - -Es schien dem General, als ob seine Hände, deren erdiges Aussehen ihn -seit geraumer Zeit ängstigte, nunmehr lebhafter gefärbt seien. Offenbar, -die Erregung vorhin hatte ihm gutgetan! Das Blut, das sich in seinem -Kopfe gestaut hatte -- wie immer nach großen seelischen Erregungen -- -war durch die Adern gepreßt worden und hatte die Gefäße wohltuend -erweitert. Eine gleichmäßige Hitze überzog seinen Körper, und die Hände -schwitzten plötzlich etwas. Ein Symptom, daß die Krisis überwunden war. - -Bewegung fehlte ihm! - -Wenn er wenigstens hätte ausreiten können! - -Aber der Dienst -- und dann, welch jämmerliche Pferde hatten sie doch -gegenwärtig in Berlin! Er würde sich schämen, sich auf solch einer -Schindmähre sehen zu lassen. Wie wunderbar war es dagegen an der Front -gewesen! Wenn er in der Morgenfrische, täglich zwei Stunden, spazieren -ritt, begleitet von seinem Adjutanten. Und die Geschütze brummten nah -und fern. Herrliche Morgen, unvergeßlich! - -Der Blick des Generals verlor sich in die Weite. - -Aber er sah nicht die Lindenallee, durch die er zu reiten pflegte, die -Rauchsäulen, die aus den Erdwohnungen der Soldaten stiegen, die -Kolonnen, die über den Hügel krochen, nein, er erblickte: Ruth! Ruth und -den Frühstückstisch von heute morgen. - -»-- also gelöst?« - -»Ja, Papa« - -»Und er, Dietz -- also mit seinem Einverständnis? Hm -- so, so . . .« Er -schlürfte den heißen Kaffee. - -»Hier ist sein Brief, Papa, lies ihn.« - -»Danke, wozu? Du bist ja kein Kind mehr und kannst schließlich tun und -lassen, was du willst. Na -- schön!« - -Ruth küßte ihm die Hand. Weshalb eigentlich? - -Jakob kam in diesem Augenblick ins Zimmer -- wie peinlich! Er brachte -geröstetes Brot, denn das Kriegsbrot war nachgerade nicht mehr zu -genießen. - -»Soso, hm.« Aber weshalb küßte sie ihm die Hand? Es war völlig unnötig. -Nichts haßte er ja mehr als irgendwelche Sentimentalitäten. - -So warm und bebend, Nachsicht erflehend, hatte er ihre Lippen auf seiner -kalten Hand gefühlt -- er konnte ihr nicht zürnen in diesem Augenblick. -Ruth hatte also das Verlöbnis mit Dietz gelöst. Eine glänzendere Zukunft -hätte ihr niemand bieten können. Natürlich war es eine Überraschung für -ihn, keine angenehme Überraschung, unnötig es zu sagen. - -Der Blick des Generals kehrte wieder zum Schreibtisch zurück. Eine -Stunde verging, zwei Stunden. Ohne jede Unterbrechung arbeitete er. Nur -ein einziges Mal legte er sich in den Sessel zurück: dieser Schriftsatz -war mit Randbemerkungen von Allerhöchster Hand versehen -- frisch, -lapidar, ganz im Geiste des Großen Friedrich. Behutsam, mit dem Ausdruck -der Ehrerbietung legte er den Schriftsatz zur Seite. - -Lautlos ging die gepolsterte Doppeltüre, und lautlos, bis auf ein leises -Singen der Sporen, trat Weißbach ein. Es war Zeit für die -Unterschriften, genau ein Viertel vor ein Uhr. - -Noch immer diese leise, nicht mißzuverstehende Ziegelröte -- - -Weißbach näherte sich dem großen, ehrfurchtgebietenden Schreibtisch im -Bogen und zögernden Schritts, um nicht zu plötzlich die Netzhaut des -hohen Chefs zu treffen. Er verbeugte sich leicht bei jeder Unterschrift -des Generals, während er die Tinte mit dem Löscher trocknete. - -Dann erhob sich der General und ging zu seinem Mantel. - -Jeden Tag, seit Monaten, spielte sich bei dieser Gelegenheit, zweimal am -Tage, vormittags und nachmittags, die gleiche Szene ab. - -Der Adjutant näherte sich dem General. - -»Herr General gestatten?« - -»Danke, es geht noch allein, Gott sei Dank.« - -Lächeln des Hauptmanns, Verbeugung, stärkeres Klirren der Sporen. - -Der General ist in den rechten Ärmel geschlüpft und gerade dabei, den -linken Ärmel zu suchen. Rascher Sprung des Adjutanten. - -»Herr General gestatten doch?« - -Und nun gestattet der General. Der Adjutant streicht den Mantel zurecht. -Und der General dankt mit einem Blick, gerade so lange, als seine hohe -Stellung es zuläßt. - -Wenn der General in die Handschuhe schlüpft, so erteilt er gewöhnlich -noch kleine Aufträge, wie sie ihm gerade in den Kopf kommen. - -»Es treibt sich hier eine Ordonnanz herum, ein kleiner Bursche mit einer -Narbe zwischen den Augen. Ich lege keinen Wert auf ihn.« Schon schwoll -die Stimme des Generals wieder drohend an. - -Weißbach erbleichte. Eine unzuverlässige Ordonnanz, das ging ihn an! -Augenblicklich wollte er nachforschen -- - -Behutsam schloß der Hauptmann die gepolsterte Flügeltüre hinter dem -hohen Chef -- bis auf einen schmalen Spalt. Dann stand er noch eine -Weile, leicht gebeugt, bereit zum Sprung, und lauschte, denn es war -möglich, daß dem General draußen auf dem Korridor plötzlich noch ein -Auftrag in den Sinn kam. Der Schritt seines Herrn hallte über den Gang, -ferner und ferner. Nun erst schloß der Hauptmann mit einer leichten -Verbeugung die Türe vollständig. - -»Donnerwetter!« flüsterte er aufatmend. Und was diese Ordonnanz mit der -Narbe zwischen den Augen betraf, so wollte er sofort die Angelegenheit -in Ordnung bringen. Hinaus mit diesem Burschen! - -Vierundzwanzig Stunden später war der Schneider Hanuschke schon wieder -beim Regiment und achtundvierzig Stunden später schon wieder auf der -Fahrt zur Front. Er hatte Pech, es ging gerade ein Transport hinaus. Von -einem Kommando zurück zum Regiment geschickt zu werden -- etwas -Schlimmeres konnte wahrhaftig nicht passieren. - - * * * * * - -Selbst in der leise murmelnden Dämmerung von Stifters Diele fand der -General sein seelisches Gleichgewicht nicht völlig zurück. - -Mockturtlesuppe, westfälischer Schinken in Weintunke, gebackene Flundern -und Aprikosenpudding, eine der Spezialitäten des Hauses, das Menü schien -ihm heute mäßig. Jede Erregung legte sich bei ihm auf den Magen, -sonderbar. Eine rätselhafte Einrichtung ist der menschliche Organismus. - -Und diese Ignoranten von Ärzten sagten immer das gleiche . . . - -Ja, Bewegung, wenn der Dienst jede Minute bei Tag und bei Nacht in -Anspruch nahm -- diese Ärzte sind Narren! Sie trinken sich, zum -Beispiel, zu Tod, buchstäblich, und predigen: keinen Alkohol, Gift, -hundertprozentiges Gift für den Organismus, für Sie besonders -- und -trinken sich unter die Erde, ohne zu erröten. - -Und diese beiden Rittmeister gegenüber, heute in voller Gala, sie -konnten ihm, ganz gelinde gesagt, es gab ja treffendere Ausdrücke, -vollends den Appetit verderben. - -Zahlen, Lawinen von Zahlen, wälzten sich auf den General herab, dessen -Erscheinung vor kurzem den Schneider Hanuschke so erschreckt hatte. Nur -selten, ein- bis zweimal im Jahre, beschäftigte er sich eingehender mit -Zahlen. - -Es war nur gut, daß er gestern an die pommersche Hypotheken- und -Wechselbank um hundert Mille geschrieben hatte. Sie würden den Kredit -gewiß anstandslos gewähren, und für einige Zeit würde es wohl wieder -genügen. - -Alles kostete heutzutage Unsummen! - -Er hatte nur ein ganz verschwommenes Bild seiner Vermögenslage im Kopfe. -Das Konto war ein Kaleidoskop, unaufhörlich wechselnd, verwirrend, -unübersichtlich. Aber er fühlte, daß es bergab ging. Ja, bergab -- - -Eines Tages, als sein hochverehrter Herr Vater, der als Oberst -abgegangen war, auf Babenberg die Augen schloß, hatte er sich im Besitze -von einigen Millionen und zwölftausend Morgen Land befunden. Aber einige -Millionen, was war das, wenn das Kapital sich nicht automatisch -vermehrt? Jeder Augenblick des Lebens verschlang Summen, Unsummen! Seine -verstorbene Frau, er nahm es ihr nicht übel, im Gegenteil, diesen Zug -liebte er an ihr, auch sie war kein, wie sagt man doch, wirtschaftliches -Genie. Das Organ dafür fehlte ihr. - -Bergab -- nur gefühlsmäßig erfaßte er es. Babenberg war Fideikommiß, -unantastbar -- Rothwasser, fünftausend Morgen, immerhin außerordentlich -stark belastet. - -Und jeder Atemzug verschlang auf dieser Welt Summen, Unsummen! Es war -letzten Endes ganz unerklärlich, wie die Menschen lebten. Der Haushalt -hier -- Unsummen, Diners, Gesellschaften -- Unsummen, seine -Privatangelegenheiten, die niemand etwas angingen -- Unsummen. Ein Paar -bescheidene Ohrringe, zum Beispiel, ein paar Perlen in Platinfassung, -die früher keine dreitausend Mark gekostet hatten, kosteten heute, sage -und schreibe, fünfundzwanzigtausend Mark. Seine Bezüge während des -Krieges, obgleich nicht unbeträchtlich, was waren sie schließlich? Ein -Tropfen auf einem heißen Stein. - -Sein Kredit aber würde keineswegs gekräftigt werden, nun, weshalb sollte -man nicht den Tatsachen ins Auge sehen, wenn man erst in Pommern erfuhr, -daß diese Verlobung zurückgegangen war. - -Zahlen, Lawinen von Zahlen. - -Die Ziegelröte des breiten Gesichts steigerte sich allmählich zur tiefen -Glut. - -»Eine kleine Schwarze oder eine lange Braune, Exzellenz?« raunte der -Oberkellner und präsentierte die Zigarrenkisten. - -»Die Zigarren werden immer schlechter, mein Freund.« - -»Leider, Exzellenz. Es wird immer schwerer . . .« - -Er hatte die Heirat mit Dietz freudig begrüßt, natürlich, er hatte die -Annäherung begünstigt, offen zugestanden -- schließlich war er ja der -Vater -- und es kam ja auch einmal der Moment, da er die Augen schloß, -und seine Kinder sehen mußten, wie sie allein vorwärtskamen. Wehmut -erfüllte den General, als er sich in diesen Gedanken vertiefte. Einmal -würde ja der Augenblick kommen, da er, den Helm in der Hand, vor seinen -Herrgott treten mußte. - -Furchtbarer Augenblick, furchtbar der Gedanke, diese Welt der Tatsachen -verlassen zu müssen -- ins Ungewisse hinein . . . - -Aber der Oberkellner rief ihn zur heitern Erde zurück. Er brachte die -Liköre. - -Wieder umwölkte sich das tiefrote Gesicht Seiner Exzellenz. Es war eine -Tatsache: während der Adel auf den Schlachtfeldern verblutete, Blut und -Gut opferte, füllten sich zweifelhafte Elemente die Taschen. Und diese -zweifelhaften Elemente kauften Land! Eine ganze Reihe bekannter Familien -war schon gezwungen gewesen, uralten Familienbesitz abzustoßen. Was aber -würde aus dem Adel werden, der seit Jahrhunderten Kraft aus der Scholle -sog, wenn er erst einmal entwurzelt war? - -Trotz alledem -- es würde ja jedenfalls Babenberg bleiben, wenn es so -weit kommen sollte, daß er Rothwasser verkaufen mußte. - -Aber, ganz abgesehen von materiellen Gesichtspunkten: Dietz war ja ein -prachtvoller Mensch, eine stattliche Erscheinung, gebildet, von seltener -Noblesse und Großzügigkeit -- unverständlich . . . - -Immer mehr wurde ihm Ruth zum Rätsel. - - -5 - -Den ganzen Nachmittag schon wanderte der kleine Herr Herbst in seinem -Zylinder in der Tiergartenstraße auf und ab. Immer wieder zog er die -Uhr, immer wieder klopfte er die Schmutzflecke mit dem Taschentuch von -den Stiefeln. - -Es war eigentlich nicht mehr kalt. Die Luft des Tiergartens war von -roten Sonnenkeilen getigert, es roch schon nach Frühling, und zuweilen -hauchte es feucht und warm, aber Herr Herbst hüllte sich fest in den -rostfarbenen Havelock. - -Er fror. - -In der verflossenen Nacht hatte er nicht geschlafen. Er hatte getrunken, -in einer kleinen Spelunke, mit richtigen Spitzbuben, die -Einbrecherwerkzeuge bei sich hatten -- richtigen Spitzbuben, seht an. -Deshalb also fror er. Auch war dieser Zylinder kalt. Er schmiegte sich -nicht wie sein anderer Hut dicht an den Schädel, es gab Spalten, durch -die die Kälte wie durch Schornsteine an seinem geschorenen Schädel in -die Höhe stieg. - -»Ja, so ist es, so ist es!« flüsterte Herr Herbst und träumte vor sich -hin. »Er würde, zum Beispiel, meinen Gang haben. Er war mir ja so -ähnlich! Er würde sogar die gleiche Art zu sprechen haben. Bei manchen -Worten fällt es mit ja etwas schwer, wenn viele L und R zusammenkommen, -zum Beispiel: Sell -- nun: Sellerie. Auch er hatte ja denselben kleinen -Sprachfehler, schon in der Schule. Er würde mit einem Wort ganz wie ich -sein. Wenn ich nun einmal unter der Erde liege, so würde er leben und -gehen und sprechen -- und eigentlich wäre ich es! Eigentlich, bei -rechtem Licht besehen, ja. Ich würde weiterleben, obschon ich tot bin. -Auch er würde Kinder gehabt haben -- und so würde ich immer weiter -leben.« - -»Aber so?« - -»Wie ist es so?« - -»Nichts, nichts. Gar nichts. Ich sterbe, man begräbt mich, und alles ist -zu Ende. Wir sind tot, die ganze Familie ist von der Erde verschwunden.« - -Wie klar er heute zu denken vermochte! Seit langer Zeit fügten sich die -Gedanken nicht so spielend aneinander. Ausgezeichnet war das! Herrlich! -Es gab ja so viele Tage, da er nur stottern konnte, seine Gedanken sich -fortwährend verwirrten, und das hätte einen schlechten Eindruck gemacht. - -Wieder befand er sich dem grauen Hause gegenüber. Jakob, der immer noch -den Messingknopf der Haustüre polierte, machte ihm ein Zeichen. Also -noch nicht! Jakob war ja eingeweiht, hatte zehn Zigarren erhalten -- und -zehn weitere Zigarren sollte er bekommen -- danach! - -Ja, das also ist die Wahrheit: von der Erde verschwunden! - -Der Zylinder verlor sich in der Tiefe des Parkes. Schon war Herr Herbst -wieder in seine alten Gedanken versunken. - -»Eigentlich, ja, wäre alles ganz genau, als ob ich noch lebte. Ich liege -unter der Erde, und doch lebe ich weiter. Denn er ist eigentlich ich -- -oder ich eigentlich er -- --! So aber -- bin ich wie eine Pflanze, die -man ausgerissen hat und auf den Weg warf. Und dann ist es zu Ende -- zu -Ende für immer . . .« - -Herr Herbst blieb mitten auf dem Wege stehen. Er zitterte. - -»Ja -- trotz allem -- unfaßbar!« - -»Ich lebe, obschon ich alt bin, und er, jung, kaum neunzehn -- ist tot. -Ich gehe hier -- und er, liegt unter der Erde. In unbekanntem Land, -vielleicht nicht einmal eingesegnet, vielleicht nicht einmal ordentlich -begraben. Ohne Ruhe --!« - -»Ohne Ruhe --« - -Plötzlich aber schrak Herr Herbst zusammen. Sein Herz blieb stehen. -Voller Schrecken, voller Verwirrung schlug er die Hände vors Gesicht. - -Die Marspfeife der Limousine trillerte. Er kannte sie ganz genau. - - -6 - -Das Antlitz noch immer umwölkt, stieg der General aus dem Wagen. Noch -immer war die Ziegelröte nicht völlig verflogen. -- - -Auch dieser Brief -- er lag noch in demselben grüngebundenen Buch -- -auch dieser Brief gab keinen Aufschluß. Er bestärkte wohl gewisse -Vermutungen, lüftete aber nicht den Schleier. Dieser Brief lautete: - -»Geliebte Ruth! Frevelhaft erscheint es, in dieser entsetzlichen -Verfinsterung an das persönliche Glück zu denken. Immerhin, ich -unterliege der Versuchung. - -Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit, Werk und Vermächtnis der -Edelsten, Kühnsten, Reinsten aller Völker, der Seher und Weisen, es -scheint in seinen Grundmauern erschüttert. - -Verzweiflung erfaßt uns, Dich, mich, alle, die wir an die Sendung der -Menschen glauben. - -Unzahlen leichtfertiger Gedanken, anscheinend völlig belanglos, Unzahlen -leichtfertiger Worte, unscheinbar, leichtfertiger Wünsche, -leichtfertiger Handlungen, nebensächlich im einzelnen betrachtet -- sie -haben diese entsetzliche Verfinsterung herbeigeführt. - -Ich glaube -- glaube unbedingt an einen Schatz des Guten auf Erden, die -Summe aller guten Handlungen, guten Gedanken und guten Worte. Ich -glaube, daß dieser Schatz, einzig wahrhafter Besitz der Menschheit, sich -unaufhörlich mehren muß -- sollen nicht Verfinsterungen wie diese -eintreten. Die letzten Generationen und vor allem jene Völker, die sich -zivilisiert nennen, haben aber diesen Schatz nicht vermehrt. Sie haben -ihn verschleudert, vermindert. Die Schale sank und -- wie immer, wenn -sie sank -- kam die Katastrophe. - -Welch ein Irrtum: die Menschheit für den einzelnen! - -_Wahr ist: der einzelne für die Menschheit!_ - -Jeder einzelne sei Mehrer jenes Schatzes des Guten, Gerechten und -Schönen, oder er ist ein -- Dieb! Hüten wir uns, die Mörder der -kommenden Generation zu werden, wie die vergangene unser Mörder wurde -. . .« - -Hier brach der flüchtig mit Bleistift hingeworfene Brief ab. Seine -Fortsetzung fand sich nicht im Buche. Keine Aufklärung also -- - -In diesem Augenblick schrillte die Klingel der Haustüre. - -Der General erschrak. So heftig, daß er einen Stich in der Brust fühlte. -Wenn er es auch als seine väterliche Pflicht erachtete -- es wäre ihm -peinlich . . . - -Wieder schrillte die Klingel. Sie klang eigentümlich, hier in Ruths -Zimmer -- wie ein Signal. Hastig legte er den Brief in das grüngebundene -Buch zurück -- ein Werk Lassalles -- und rasch, scheu, als habe man ihn -auf verbotenen Wegen ertappt, eilte er über den Gang. - -Es war indessen, Gott sei Dank, nur ein blinder Alarm. - -Jakob übergab eine Karte. - -»In dringender Angelegenheit. Herr General sind unterrichtet --« - -Ein völlig unbekannter Name -- Rentier. Unterrichtet? Wahrscheinlich der -Hausverwalter; das Badezimmer sollte neu gerichtet werden. - -Immer noch etwas verwirrt, ließ der General bitten -- zu Jakobs maßlosem -Erstaunen. - - * * * * * - -Der General wartete, aber nichts regte sich. Schon in dieser Verzögerung -witterte er etwas Ungewöhnliches. Jeder Mann von Erziehung mußte längst -eingetreten sein. (Diese Verzögerung entstand dadurch, daß Herr Herbst -sich im letzten Augenblick umständlich die Nase putzte.) Übrigens -- -hieß dieser Hausverwalter nicht anders? - -Plötzlich aber verdunkelte ein Schatten die Türe -- und im gleichen -Moment erbleichte der General . . . - -Augenblicklich hatte er dieses Gesicht wiedererkannt! - -Jenes Gesicht, das an Doras Geburtstag durch die Scheibe des Foyers -spähte -- nein, nicht jenes, sondern das andere, das er erblickt hatte, -als er am Schreibtisch eingenickt war, als es so eigentümlich an die -Scheiben pickte -- das Drohung und Kälte ausstrahlte . . . -Augenblicklich erinnerte er sich an alles. Es war ja erst vor wenigen -Tagen. - -Scheu und blaß stand das Gesicht in der Türe, und ganz langsam und -zögernd kam es näher. Nicht Drohung, nicht Kälte -- Angst, -Hilflosigkeit, Verwirrung. - -Das Blut kehrte in das Gesicht des Generals zurück. Die leichte Lähmung -wich aus seinen Händen. - -Unsicher trat Herr Herbst in seinem verknüllten schwarzen Gehrock ins -Zimmer, den Zylinder in der Hand. Er verbeugte sich tief, voller -Ehrerbietung. - -In dieser Verbeugung verharrte er ungewöhnlich lange. Er erwartete -irgendein Wort. Dann richtete er sich verlegen auf und blickte dem -General mit seinen entzündeten tränenden Augen ins Gesicht, ohne irgend -etwas zu sehen. - -Der General räusperte sich, und Herr Herbst beantwortete dieses Räuspern -mit einer neuen, wenn auch weniger tiefen Verbeugung. - -»Bitte«, sagte der General, etwas unsicher und mürrisch und deutete auf -einen Sessel. Rot funkelte die Sonne ins Zimmer. - -Herr Herbst nahm auf der Kante des Sessels Platz, hielt den Zylinder in -der Hand und begann zu zittern . . . - -Ja, er zitterte. Seine Zähne schlugen aufeinander. Der Sessel schwankte, -er fürchtete auf den Boden zu stürzen. Feuer blies aus der Wand. - -Rot wie ein Gebirge bei Sonnenuntergang leuchtete das breite Gesicht des -Generals im Schein der sinkenden Sonne. Riesenhaft wie ein Gebirge -erschien der General Herrn Herbst in diesen Sekunden schrecklichster -Angst. - -Der -- »Blut-Hecht!« Wie? Ja, er -- so nannten ihn seine Soldaten -. . . - -Erst jetzt, da es zu spät war, begriff er, was er gewagt hatte, _wem_ er -sich gegenüber befand. - -Der . . . - -Was hätte er gegeben, alles, alles, wenn er nur wieder auf der Straße -wäre. - -Der General schnitt behutsam die Spitze einer Zigarre mit dem -Federmesser ab. - -»Ich bitte --?« sagte er leichthin, während er die Zigarre zwischen den -Fingern rollte. »Was wünschen Sie?« Er hatte das Gleichgewicht völlig -wiedergefunden. - -Sein Blick glitt flüchtig über das zitternde Häufchen Hilflosigkeit in -dem abgetragenen schwarzen Rock. Ohne sich dessen bewußt zu werden, -genoß er die Angst, die er seinem Besuche einflößte, denn kein Mensch, -er sei denn von seltener Güte, kann einen andern zittern sehen, ohne -sich augenblicklich erhoben zu fühlen. Oben und Unten, Herren und -Knechte, nie hatte der General eine andere Gesellschaftsordnung auch nur -in Gedanken erwogen. Es waren Gesetze, von Gott gegeben, die man -hinnahm, ohne darüber weiter nachzudenken. Bis zum jüngsten Tage wird es -Oben und Unten, Herren und Knechte geben. Andere als dieser hatten vor -ihm gezittert -- Soldaten und Offiziere -- und sie hatten gezittert -wenige Minuten, bevor sie in den Tod gingen. - -Herr Herbst bewegte die Lippen -- aber in diesem Augenblick zwitscherte -ein Vogel irgendwo, und erschrocken wartete er. - -Wieder bewegte er die Lippen. Er mußte sprechen, Worte, irgendein Wort, -es war höchste Zeit. Wie lange noch sollte dieser andere -- dieser hier --- schon sank die Sonne, dämmerte es im Zimmer -- nur dieses breite -starre Gesicht leuchtete noch. - -Und plötzlich flüsterte er. Aber er erschrak bis ins Mark über die -Worte, die von seinen Lippen kamen -- keineswegs die Worte, die er sich -zurecht legte und einübte, in den Nächten, auf der Straße, wenn er so -dahinging. - -Seine Lippen flüsterten, kaum vernehmbar: - -»_Geben Sie mir meinen Sohn wieder!_« - -Und schon hob er erschrocken die Hand, um die Worte zurückzuhalten. - -Aber der General konnte sie gar nicht gehört haben, kaum, daß sie bis in -seine eigenen Ohren drangen. - -Das Gesicht des Generals wurde fahl und erdig. Die Sonne war fort. Starr -stand er vor ihm, unerbittlich, schweigend, und die Augen forschten -- -kalt, ohne Erbarmen. - -Hastig bewegte er von neuem die Lippen. Aber obschon er diesmal eine -bestimmte Redewendung, die mit »Bitte gehorsamst« begann, auf den Lippen -formte, flüsterten seine Lippen, ganz gegen seinen Willen, die gleichen -furchtbaren Worte wie vorher: - -»Geben Sie mir meinen Sohn wieder!« - -Diesmal schon etwas vernehmbarer. - -Er fuhr zusammen, erschauerte, suchte nach dem Taschentuch. - -Da erklang die Stimme des Generals. Ruhig und beherrscht -- mit jener -doppelten Ruhe und Überlegenheit, die sich ganz von selbst bei allen -Menschen von nicht seltener Güte einem zitternden Menschen gegenüber -einstellt. - -»Sie haben mir neulich geschrieben?« sagte die ruhige und überlegene -Stimme. - -»Bitte gehorsamst, Exzellenz!« - -»Sie haben mir geschrieben -- Ihr Sohn, wenn ich mich recht erinnere ---?« - -»Mein Sohn Robert, Euer Exzellenz!« Prächtig ging es nun. Röte huschte -über das bleiche, kleine Gesicht. Der Sessel hörte auf zu schwanken, die -Gestalt des Generals nahm natürliche Maße an. - -»Er ist --?« - -»Gefallen. Am 5. August.« - -»Fünften, sagten Sie?« - -»Fünften, Euer Exzellenz. Beim Sturmangriff auf Quatre vents. Am vierten -hatte bereits ein Jägerbataillon gestürmt, vergeblich, am fünften -. . . da fiel er.« - -Der General ließ den Blick rügend auf Herrn Herbst ruhen. Dieses leicht -kritische »vergeblich«, wahrscheinlich ohne besondere Absicht geäußert, -mißfiel ihm. - -»Er fiel für Kaiser und Reich!« sagte er mit etwas salbungsvoller, -tieftönender Stimme. - -Die kleinen entzündeten Augen blinkten. Herr Herbst leckte sich die -schmalen Lippen, und ein paar gelbe Zahnstumpen wurden sichtbar. Einen -Augenblick schien es, als ob sein Gesicht sich zu einer Grimasse von -satanischem Hohn verzerren wolle. - -»Wie Tausende und Hunderttausende, wie Millionen --!« fuhr der General -fort, und seine Stimme hob sich. - -Wieder verzerrte sich das kleine fahle Gesicht, dann aber zog er das -Taschentuch heraus und preßte es an die Augen. Der Schmerz überfiel ihn. -Er wimmerte leise. - -Plötzlich aber knallte es -- ganz wie heute vormittag im Foyer, als er -mit dem Portier sprach -- der Zylinder war auf den Boden gefallen. - -»Bitte gehorsamst --« stammelte Herr Herbst erschrocken und hob den -Zylinder auf. Schwindel ergriff ihn, als er sich wieder setzte und die -Tränen abwischte. Das Zimmer drehte sich im Kreise, eine Faust preßte -seinen Magen zusammen. Ah, wenn es ihm nun übel würde! Das wäre eine -Sache! Er hatte ja die ganze Nacht hindurch getrunken, und plötzlich -fühlte er die Betrunkenheit. Beschütze mich Gott! Mit Spitzbuben hatte -er getrunken, richtigen Spitzbuben, die Werkzeuge in einem Brotbeutel -bei sich führten -- in einer Kneipe, im Hof, die die ganze Nacht offen -war. Wenn der General nun bemerkte -- - -Aber der General war zum Schreibtisch gegangen und hatte ein Schubfach -aufgezogen. Er drehte das Licht an. - -»Verstehen Sie Karten zu lesen -- Herr --?« - -»Herbst.« - -»Herr Herbst? Nun, ich hätte Ihnen sonst erklären können, was ich -beabsichtigte. Wir haben am 4., 5. und 6. August gekämpft und die Höhe -leider räumen müssen, weil man uns die Reserven versagte . . .« -Versöhnlich klang plötzlich die Stimme des Generals. Auch er hatte ja -einen Sohn im Kriege verloren. Auch er war ein Vater, der trauerte. Der -Krieg hatte alle gesellschaftlichen Bande gelockert. Über manches mußte -man in dieser Zeit hinwegsehen. »Hier ist die Höhe,« fügte er hinzu, »wo -Ihr Sohn für die Größe und Ehre des Vaterlandes . . .« - -Taumelnd erhob sich Herr Herbst. Ja, der Rausch kam, ohne Zweifel. - -»Sie sind nicht von hier?« - -»Aus der Provinz, Euer Exzellenz!« - -»Beruf?« - -»Früher Lehrer an einem Gymnasium.« - -»Bitte, treten Sie ruhig näher.« - -Auf der großen und ausgezeichnet scharfen Photographie sah Herr Herbst -zunächst nichts. Ein Meer, wie, was war das? Wellen, Wogen. Ein Ozean in -Aufruhr! Dann aber unterschied er Baumstrunke, die kreuz und quer aus -diesen furchterweckenden Wogenbergen hervorstanden, und einen schmalen -Erdgang der mitten in die Wogenberge aus erstarrtem Schmutz hineinführte --- es war die Kuppe der Höhe selbst, von den Minen zerrissen. - -Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit pflegte der General diese erschreckend -realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen. - -»Das also ist Quatre vents!« sagte er. - -Herr Herbst atmete schwer. - - -7 - -Die Geschichte wird entscheiden, dachte der General, wie immer, wenn er -die Kämpfe um Quatre vents in seinem Geiste vorüberziehen ließ. Aber er -täuschte sich. Die Geschichte wird nicht entscheiden, sie hat etwas -Besseres zu tun. Die Geschichte wird diese Höhe ganz einfach vergessen. -Die Höhe von Quatre vents war strategisch gänzlich belanglos. Drei -Kilometer rückwärts lag eine zweite, viel stärkere Höhe, durch einen -Flußlauf vor der Unterminierung geschützt. Die Lage von Quatre vents war -sogar ungünstig. Sie konnte jederzeit abgeschnürt werden, wie es später -auch geschah, sie lag offen vor den feindlichen Geschützen, und ihre -Zugänge wurden vom feindlichen Feuer bestrichen. Der General aber hielt -Quatre vents für einen Angelpunkt der Westfront. - -Sonderbarerweise aber, auch der französische General gegenüber, ein -französischer Hecht-Babenberg, auch er hielt die Höhe für einen -Angelpunkt der Westfront! Unaufhörlich schickte er seine Schwarzen vor. -Tausende und Abertausende von dunkelhäutigen Kadavern verpesteten -monatelang die Luft, bis die gütige Erde, die keinen Unterschied macht -zwischen Schwarz und Weiß, sie in sich schluckte. Trotz ungeheurer -Verluste sappte sich der Franzose eigensinnig heran, und endlich lag man -sich an einzelnen Stellen kaum fünf Meter entfernt gegenüber. Ein -Räuspern bedeutete den Tod. Nun erst begann der eigentliche Kampf um die -Kuppe. - -Man unterminierte gegenseitig die Stellungen und sprengte die Gräben -einfach in die Luft. Als der General eines Tages gerade badete, meldete -man ihm, daß eine ganze Kompanie in die Luft geflogen sei. Furchtbarer -Morgen! Zuweilen kämpfte man sogar mit Messern und Handgranaten in den -finsteren Stollen unter der Erde. - -Wie die Rasenden bekämpften einander die beiden Generale, die fünfzehn -bis zwanzig Kilometer hinter dem Teufelsberg, umgeben von -Stabsoffizieren, Telephonapparaten, Ordonnanzen, Köchen und -bombensicheren Unterständen in ihren Schlössern hausten. - -Frankreich erwartet, daß ihr die Trikolore auf der Höhe aufpflanzt! - -Die Höhe ist und bleibt in deutscher Hand! Nur über unsere Leichen, -Kameraden . . . Ja, Kameraden pflegte der General seine Soldaten in -derartigen Befehlen zu nennen. Von Zeit zu Zeit verteilte er mit -feierlichen Ansprachen Eiserne Kreuze. - -Schließlich glaubten die Soldaten auf beiden Seiten tatsächlich, daß sie -um den Angelpunkt der Westfront rangen. - -Auf diese Weise entstand der zwölfstöckige Friedhof von Quatre vents. -- - -Herr Herbst keuchte. Seine entzündeten Augen füllten sich mit Tränen. -Zuerst verschwand der kleine Erdgang, dann die Baumstrunke, dann die -wilden erstarrten Schmutzwogen -- aber das schreckliche Bild hatte sich -für immer in seine Seele eingegraben. Um ein Haar wäre eine Träne auf -die kostbare Aufnahme, die der General sich einrahmen lassen wollte -- -er kam bis jetzt nur noch nicht dazu -- eine Träne getropft, aber der -General hatte das Bild noch rechtzeitig fortgenommen. - -Hier also -- vielleicht war er durch diesen schmalen Erdgang geschritten ---? War es möglich, daß er zwischen diesen fürchterlichen Erdwogen um -sein Leben kämpfte? War es möglich, daß zwischen diesen Erdwogen, diesen -schrecklichen, sein Todesschrei verhallte? Wie? Wie? Wie? - -War es möglich, daß ein Mensch geboren wurde, um hier zu enden? - -Herr Herbst zitterte vor Entsetzen. Allein das Bild dieser Höhe erfüllte -ihn mit schrecklichem Grauen. - -Er taumelte und rang nach Luft. - -»Hier also --?« stammelte er. - -»Es waren sehr schwere Kämpfe!« sagte der General beruhigend. - -»Und -- sein Grab, hier --?« Die Augen Herbsts waren plötzlich starr und -entgeistert auf den General gerichtet. - -»Wie beliebt?« - -»Aber -- vielleicht -- ist er gar nicht begraben worden?« schrie er mit -schriller Stimme und rang verzweifelt die Hände. Ja, nun verstand er -alles . . . - -Alles! - -Wie sollte ein Toter Ruhe finden zwischen diesen entsetzlichen -Wogenbergen? Wie sollte --! - -Der General runzelte die Stirn. Aus purem Mitleid hatte er sich mit -diesem alten Mann abgegeben. Nur um überhaupt ein Gesprächsthema zu -schaffen, hatte er ihm die Photographie gezeigt. Die Stätte, wo sein -Sohn gekämpft hatte, konnte wohl sein Interesse finden. So unerhört es -war, daß ein ixbeliebiger Beamter aus der Provinz, ohne viele Umstände -seine Karte bei ihm abgab, zu ungewöhnlicher Stunde, in einem geradezu -skandalösen Anzug, hatte er doch den Umständen eine Konzession gemacht -und Nachsicht geübt. Nun aber sah er sich veranlaßt, sich wegen seines -allzu großen Entgegenkommens Vorwürfe zu machen. - -Der Gesichtsausdruck des kleinen alten Mannes erschreckte ihn. Es war ja -nicht unmöglich, daß dieser merkwürdige, völlig unberechenbare alte Mann --- - -Erschreckend ähnlich war sein Gesicht dem Traumgesicht geworden, das -durch die Scheiben starrte, als es pickte . . . - -»Es waren außerordentlich schwere Kämpfe -- es ist natürlich gänzlich -unmöglich für einen Laien, sich ein Bild zu machen. Zumal, da Sie ja die -Verhältnisse an der Front nicht kennen.« Einen letzten Versuch machte -der General, den kleinen alten Mann zu beruhigen. - -Verstört, entgeistert schwankte Herr Herbst auf seinen dünnen Beinen. - -»Sie haben also den Befehl gegeben? Und dann mußte er -- da hinauf --?« -fragte er mit pfeifender Stimme. - -Betreten richtete sich der General auf. Drohung ging plötzlich von -diesem verzerrten, kalkweißen Gesicht aus. - -»Was soll diese Frage?« rief er, und schon funkelten seine Augen. Seine -Geduld war zu Ende. Genug mit diesem Burschen! - -Aber plötzlich funkelten auch die Augen des kleinen Herrn Herbst, -schneeweiß glitzerten sie. Haß glitzerte aus ihnen, Haß, unergründlich. - -Er warf die Hände in die Luft, mit einer wilden, erschreckenden -Bewegung, und schleuderte dem General ein fürchterliches Wort entgegen. - -»Mörder!« - -Der General wich zurück und erbleichte. - -Aber der kleine alte Mann schwang wieder die Hände, und abermals schrie -er: »Mörder! Mörder!« - -Schon aber trat ihm der General mit breiter Brust entgegen. »Hinaus!« -rief er. »Hinaus -- augenblicklich -- oder --!« - -Plötzlich, ganz unvermutet, war der kleine alte Mann in die Knie -gesunken und hatte die Hand des Generals ergriffen, alles in einer -Sekunde. - -»Verzeihung, Exzellenz!« stammelte er. »Verzeihung -- ich -- ich bin --« - -»Ich bin -- betrunken . . .« - -Ja, in dieser Sekunde fühlte er, daß er betrunken war. Sonst empfand er -nichts mehr. Es war ihm klar, der Rausch war zum Durchbruch gekommen, -plötzlich, der Alkohol, sein Teufel, hatte ihm ein Bein gestellt. Er -wollte all das gar nicht sagen, wollte -- ja, was wollte er eigentlich --- aber er hatte nie und nimmer beabsichtigt, so etwas zu sagen. Wie -konnte er, er machte Besuch -- - -Der General aber begriff in diesem Augenblick etwas ganz anderes. Dieser -alte Mann war vielleicht betrunken, möglich, aber er war etwas ganz -anderes -- er war geistesgestört. Einen Geistesgestörten hatte er vor -sich! Alles erklärte sich nun, der Brief, der ungewöhnliche Besuch, sein -Gebaren. Ein bedauerlicher Geistesgestörter, das war dieser alte Mann. -Es würde sich nunmehr darum handeln, ihn möglichst rasch und, ohne -Aufsehen zu erregen, loszuwerden. - -»Sie sind erregt -- begreiflicherweise -- stehen Sie auf --« sagte er, -um seinen unheimlichen Gast zu besänftigen. - -»Erst wenn Sie verzeihen«, rief Herr Herbst, während die Tränen aus -seinen Augen sprangen. - -»Ich verzeihe Ihnen, natürlich --« - -Sofort erhob sich der alte Mann. - -»Es ist ja begreiflich, daß Sie erregt sind«, fuhr der General fort. -»Wir haben alle in diesen Jahren Schreckliches erlebt. Aber ich muß -jetzt bitten, ich habe dringend zu arbeiten . . .« - -»Bitte zu entschuldigen . . .« - -Anscheinend völlig beruhigt nahm Herr Herbst den Zylinder in die Hand. -»Ich bitte zu entschuldigen, Euer Exzellenz -- die Störung.« - -Aber er blieb an der Türe stehen, hob das noch von Tränen glänzende -Gesicht, und wieder nahmen seine entzündeten Augen einen eigentümlichen -Ausdruck an. Wieder begannen sie zu glitzern. - -Jedenfalls -- -- er blieb stehen -- obschon ihn der General mit einer -kleinen stummen Verbeugung entlassen hatte. Der Ausdruck seiner Augen -war unerklärlich. Spott lag darin -- oder -- war es nicht Spott? - -Er wartete auf irgend etwas. - - * * * * * - -Der General, der schon die Absicht ausdrückte, sich am Schreibtisch -niederzulassen, wandte den Kopf. Offenbar, dieser Mann hatte noch etwas -auf dem Herzen, und er würde nicht gehen, bevor er von dieser Last -befreit war. - -Plötzlich erriet der General. Diese geheimnisvollen Andeutungen in -seinem Brief! Diese anfangs völlig unverständliche Anspielung, die -plötzlich einen gewissen Sinn zu bekommen schien. Es war ja sogar -möglich, daß dieser Geisteskranke tatsächlich im Besitz eines -Geheimnisses war. - -»Sie wollten mir --« begann der General erneut, etwas betreten, indem er -sich voll gegen Herrn Herbst wandte -- »Sie schrieben seinerzeit etwas -von meiner Tochter -- irgend etwas, ich erinnere mich nicht mehr --?« -Der General stockte. - -»Das gnädige Fräulein --?« Es war der gleiche Ausdruck, den er in seinem -Brief anwandte. - -Der General hatte richtig geraten. Herr Herbst hatte tatsächlich auf -diese Frage gewartet -- aber nicht um sie zu beantworten! - -Der Ausdruck in seinen Augen, dieser Schimmer von Spott steigerte sich -zum Hohn. Er legte den Kopf auf die Schulter, lächelte . . . höhnisch, -triumphierend, wieder wurden die gelben Zahnstumpen sichtbar. Er fing -sogar an, leise zu lachen. - -»Ich wüßte nicht, Exzellenz . . .« - -»Guten Abend!« sagte der General kurz. Und mit einer spöttischen -Verbeugung verabschiedete sich Herr Herbst. - -Kaum hatte er das Haus verlassen, so fegte ein Donnerwetter durch die -Diele. - - -8 - -Wie ein blutiges Nordlicht flammte die sinkende Sonne zwischen finsteren -Wolken. Durch die Torbogen des Brandenburger Tors schleuderte sie rote -Glutkegel, die die Linden überfunkelten. Häuser und Menschen brannten -düster, und düster brannte das Schloß am Ende der Linden. In den -Schaufenstern der Luxusgeschäfte flammten die Brillanten, Perlen, -Diademe, Orchideen, goldenen Schalen und Prunkgefäße. - -In seinem weiten abgenutzten Soldatenmantel strich Ackermann, der -Student, die Linden entlang, dicht an den Läden vorüber mit den -Orchideen, Perlen und Prunkgefäßen. Er sah sie nicht. - -Sein Mund zuckte. - -Dies ist die Stunde, dachte er -- ja, dies ist die Stunde, da die -Sterbenden noch einmal die Augen aufschlagen, um den hohen Himmel zu -grüßen. Erinnerst du dich -- dieser Blick aus schlafschweren Augen? Dies -ist die Stunde, da die Verwundeten gierig das scheidende Licht mit ihren -fiebernden Augen trinken, denn einen Augenblick später kommt schon die -Nacht mit ihren Ungewißheiten, dem Gewimmer, Stöhnen und Miauen im -Krankensaal. - -Dies ist die Stunde, da die Gefangenen in all den hundert Lagern, von -_Menschen_ errichtet, um _Menschen_ gefangenzuhalten, noch einmal an den -Stacheldrähten entlangstreichen wie Tiere, bevor man sie in ihre Höhlen -zurückjagt, da die Hände von Hunderttausenden von gefangenen -Menschentieren sich verkrampfen um den kalten Draht. Ja, dies ist die -Stunde des schrecklichen Sterbens -- in Flandern und Frankreich, in -Italien, Mazedonien und der Türkei, überall in dieser ganzen verfluchten -Welt. - -Dies ist die Stunde, da das Elend der ganzen Welt sich vertausendfacht --- da das Gespenst des menschlichen Elends sich riesengroß über der Erde -erhebt . . . - -Ackermann watete durch die gespenstisch rote Lichtflut des sinkenden -Gestirns. Blut, nicht Schein der Sonne, Blut, das von den -Schlachtfeldern hereinströmt in diese Stadt und täglich steigt wie ein -Meer. Er roch das Blut, er fühlte seine dampfende Wärme, genau wie -damals in Flandern, als ihn dieser dicke Blutstrahl traf, der aus der -Halsschlagader eines getroffenen Kameraden spritzte -- und dann, ja, als -sein eigenes Blut über ihn strömte. Es rann über die Scheiben der -Schaufenster, es quoll aus den Haustüren, überschwemmte die Straßen, das -Schloß -- dort unten -- schon feuchteten sich die dicken Steinmauern -- - -Blutige Gespenster stürzten an ihm vorbei. Schon wateten die Menschen in -der roten Flut bis an die Brust, sie fühlten es nicht. Bald wird sie bis -an ihre Lippen steigen. An ihren Wimpern hing das Blut, ihre Hände -färbte es rot. - -Erst Lügner, dann Räuber, dann Mörder -- das sind die Völker Europas -geworden! Dunkel rauscht die Menschheit dahin, ein Strom in der -Finsternis, der nicht sein Ziel kennt . . . - -»Und du, Herr, über den Finsternissen?« - -»Weshalb zögerst du?« - -Verzweiflung zerbrach ihn, Qual und Schmerz zerrissen sein Herz. Sein -Hirn blutete, sein Hirn zersprang. - -»Ja, weshalb?« - -Plötzlich tastete er nach der Hauswand. Deutlich hatte er gespürt, wie -er zu sinken begann, wie der wirbelnde Blutstrom ihn mit sich forttrug -. . . - -»Bringe Erlösung dieser Erde! Führe sie zurück auf deinen Weg!« - -»Wann wirst du das Signal geben?« - -»Sprich!« - -»Wer wird es rufen -- das erste Wort?« - -»Mut! Mut!« - -Plötzlich hob ihn der weite Mantel in die Höhe, und er schwebte dahin. -Durch unendliche gleißende Helle brauste er, über blendende Ebenen, -hingegeben einer unbekannten Wollust . . . - -Da faßte jemand seinen Arm und schüttelte ihn. - -»Sie werden doch nicht fallen?« sagte die Stimme eines Mannes. - -Nun saß er, noch etwas betäubt, auf einer Treppe, ganz in der Nähe des -Schloßplatzes. - -Rasch kam er wieder zu sich. Seit seiner letzten Verwundung litt er an -Schwindelanfällen. Zuweilen war er auch schon bewußtlos zu Boden -gestürzt. - -Die Sonne verglühte und zog ihre Glutkegel zurück. Bleich und fahl trieb -die Viktoria auf dem Brandenburger Tor ihr Triumphgespann vorwärts. -Schon schob sich die schwarze drohende Finsternis herauf über die -Riesenstadt, um sie zu vernichten. Die Nacht war nahe. - -Düster lag das Schloß, kalt, leblos. Tod und Nacht strömten von ihm aus, -Kälte und Haß. Ringsum die Denkmäler, die finstern Reiter aus Erz mit -ihren Marschallstäben standen wie Schatten. - -Wo immer sie ihre Hufe hinsetzen auf Erden, diese Rosse aus Erz mit -ihren finstern Reitern, entweichen die freundlichen Geister! - -Aber auch sie werden dahinschmelzen im Blicke seines Zorns. -- - -Ackermann erhob sich. Es wurde kalt. Die Schatten wurden dichter und -krochen näher. - -Er überquerte den Schloßplatz, überschritt die Brücke und wanderte der -finstern Vorstadt zu. - -1914 hatten sie gestürmt, bei Langemark, mit dem Liede: »Deutschland, -Deutschland über alles.« Man hatte sie in die englischen -Maschinengewehre gejagt. Wie viele waren zurückgekommen? Einer der -wenigen war er. Wieviel war seitdem geschehen! - -Wie Hunderttausende war er zu den Fahnen geeilt -- wie Hunderttausende -in dem Wahn, sein überfallenes Vaterland zu schützen. - -Wie Hunderttausende hatte er sich dem Tode entgegengestürzt, wie -Hunderttausende hatte er gemordet. Wie Hunderttausende war er der -Verzweiflung nahe gewesen und hatte er den Tod herbeigesehnt. Wie -Hunderttausende der armen Teufel aller Nationen hatte er in dem Wahne -gelebt, einer heiligen Sache zu dienen. - -Im Laufe der Zeit aber war er zur Erkenntnis gekommen, daß Deutschland -nicht überfallen worden war, sondern eine Handvoll eitler Scharlatane -den Krieg provozierte. Aber auch das war ja nicht richtig. Ein Jahr -später hatte er sich zur Erkenntnis durchgerungen, daß alle Völker, die -sich heute zerfleischten, gleichermaßen schuldig waren. - -Plötzlich, in einer Nacht im Bahnhofslazarett von Sedan -- er erinnerte -sich noch deutlich dieser entsetzlichen Nacht voller Stöhnen und -Gejammer -- sah er Europas wahres Gesicht! Es war das Haupt der Medusa! - -Bis ins Mark entsetzt, starrte er in diese furchtbare Maske -- Lüge, -Lüge, Lüge! Jede Linie Lüge! - -Verbrechen, Habgierde, Heuchelei, Schamlosigkeit, das war Europa, nichts -sonst. Die europäischen Großstaaten hatten das Raubritterwesen ins -Gigantische gesteigert. Gestützt auf ihre Heere und Flotten plünderten -sie die Erde, versklavten sie alle Völker des Erdballs, gelbe, braune, -schwarze -- um sich endlich, argwöhnisch und gierig, gegenseitig selbst -zu zerfleischen. Diese weiße Rasse war die verruchteste aller Rassen, -die den Planeten bewohnte. Ganze Rassen hatten sie ausgerottet -- aber -in ihren zoologischen Gärten pflegten sie seltene Gazellenarten. Mehr -als das: sie versklavten die eigenen Völker! In Schulen, Kasernen, -Kirchen, Fabriken erzogen sie den willigen Söldling! In Schulen, -Kasernen, Kirchen, Fabriken vernichteten sie den europäischen Menschen, -täglich, stündlich, seit Hunderten von Jahren. - -Ihre Priester standen auf den Kanzeln und predigten: Was nützte es dir, -wenn du die ganze Welt gewännest und nähmest Schaden an deiner Seele? -War es möglich? Ihr ganzes Tun ging ja darauf hinaus, die Welt zu -gewinnen, und die Seele mochte zur Hölle fahren. - -Entsetzliche Verwirrung der Geister! Wer förderte sie? Wer zog Nutzen -aus ihr? Die herrschenden und die besitzenden Klassen. - -Die Völker selbst, sie waren nur Verführte, verführt durch kunstvolle -teuflische Systeme. - -1914, im Spätherbst -- deutlich erinnerte er sich dessen -- begannen die -Fronten zu fraternisieren. Man kam zusammen -- plauderte, tauschte -Kleinigkeiten, diese armseligen Kleinigkeiten des europäischen Sklaven --- ganz von selbst keimte in den Herzen der einfachen Soldaten die -Kameradschaft und Liebe empor. Eine Versammlung einfacher Feldsoldaten -hätte in drei Tagen Frieden geschlossen. Die Gewaltigen duldeten es -- -aber sobald Nachschub und Munition wieder gesichert waren, befahlen sie -den europäischen Sklaven, sich wieder gegenseitig zu zerfleischen. - -Schwarzweißrot, blauweißrot, der Union Jack -- frech wehten die -Standarten der Raubritter, und die weißen Sklaven beteten sie an. - -Dunkelheit -- Verfinsterung, kein Ausweg . . . - -Menschen zitterten vor Menschen. War es möglich? Ackermann hatte -Gefangene gesehen, die auf den Knien um ihr Leben flehten -- wohin war -es gekommen? - -Er verhüllte vor Scham sein Gesicht. - -Schreckliche Jahre, schreckliche Tage -- ein Tag fürchterlicher als der -andere! - -Und kein Ausweg! Nein! - -Weiter rollt die Lawine, in Bewegung gesetzt von Gehirnen, die längst in -der Erde modern. Weiter rollt sie, zerschmettert Länder, Städte, -Generationen. - -Europa war ein eiterndes Geschwür, das die Erde vergiftete. Oft schien -es Ackermann, als habe Gott sein Antlitz abgewandt: das einzige, was -euch gebührt, vollzieht es: schlachtet euch gegenseitig. Haubitzen, -Mörser, Gase, Fliegerbomben -- geht unter -- rasch, rasch, verschwindet -. . . - -Da begann -- unerwartet -- aus dem Osten ein Licht zu strahlen . . . - -Seit den Somme-Schlachten war Ackermann nicht mehr für den Felddienst -geeignet. Er hinkte und litt an Ohnmachtsanfällen. Er wurde in ein -Gefangenenlager zur Bewachung von Menschen kommandiert. Hier schloß er -Freundschaften mit Gefangenen, er versuchte seine Kameraden aufzuklären. -Er wurde wegen »pazifistischer Umtriebe« angeklagt und entging mit -knapper Not dem Gefängnis. Und zwar nur aus dem Grunde, weil die -Gefängnisse zu dieser Zeit schon überfüllt waren. Man schob ihn -kurzerhand zum Regiment ab, und das Regiment kommandierte ihn nach -Berlin, wo man Schreiber und Ordonnanzen zu Tausenden in den unzähligen -Kriegsämtern brauchte. - -Hier traf er in einer Speiseanstalt -- -- Ruth! - -Wie? Wer war es? Wo hatte er sie schon gesehen? Wann? - -Da erinnerte er sich: es war in einem Lazarett in Cambrai. Man hatte ihn -abends dahin gebracht, und in der Nacht erwachte er -- zu seinem großen -Erstaunen -- in einem Krankensaal. Er hatte an diesem Tage den Tod -gesucht -- besser getötet zu werden als zu töten. Da hatte ihn eine -Handgranate zu Boden geworfen. - -Da lag er nun in einem halbdunkeln Saal. Franzosen, Engländer, Kanadier, -Farbige, hier waren sie nun alle vereint. Neben ihm saß ein Schwarzer im -Bett, dem der Unterkiefer weggerissen war, und keuchte aus einem -blutigen Watteklumpen. Stöhnen, Winseln, Fauchen, halblautes Lallen. Wie -über alle Lazarette, war auch über diesen Saal jene unbegreifliche -Ergebenheit gebreitet. Sie alle, die hier lagen, fühlten, daß es ihr -Schicksal war, gegen das es keine Auflehnung gab. Die Schlacht war -gekommen, weil es so sein mußte, sie waren verwundet worden, weil es so -sein mußte, und sie würden sterben, wenn es beschlossen -- war. - -Auch über ihn war diese gleiche rätselhafte Ergebenheit gekommen, die -jeder Verwundete kennt, der im Lazarett aufwachte. - -Da -- plötzlich -- sah er eine Gestalt, eine kleine Gestalt, eine -Schwester. Sie stand mit dem Gesicht gegen die Wand, der Lichtschein -streifte sie -- sie preßte das Taschentuch gegen das Gesicht, ihre -Schultern bebten -- sie weinte. Lange beobachtete er sie. Sie weinte -. . . - -Auch Ruth erkannte ihn wieder. - -Ruth sagte: »Sie schrien im Fieber immerzu -- füsiliert mich! Die -einzige Ehrung, die Europa bieten kann, ist füsiliert zu werden!« - -»Sagte ich das?« - -»Ja, Sie sagten noch ganz andere Dinge. Sie sagten viele Dinge, die -schon lange in mir schlummerten.« - -»Sie --?? Aber Sie sind doch die Tochter eines Generals?« - -»Ja! -- Was hat das zu sagen?« - -So wurden sie Freunde. - - -9 - -Seht, ein Mensch! Er steht gegen ein Haus gelehnt und weint! - -Plötzlich aber weicht das Haus zurück -- sollte man es für möglich -halten -- ein vierstöckiges Haus weicht dem Druck eines schmalen -Rückens? Es weicht zurück, und der Mensch stürzt der Länge nach zu -Boden. Sein Zylinder rollt, rollt in unendliche Fernen. - -Schon kommen die Kinder. Ein Zylinder! Sie spielen Fußball damit. -Welches Gelächter! Aber die Kinder, selbst sie, haben Mitleid, nicht mit -dem kleinen alten Mann, sondern mit dem Zylinder. - -Ein Junge bringt ihn zurück. Der kleine alte Mann kramt in der Tasche, -sucht einen Groschen -- aber plötzlich läuft er in einer -unverständlichen Kurve über den Fahrdamm und rennt gegen das Pferd einer -Droschke, das selbst Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Die -Peitsche flitzt durch die Luft. Und die Kinder kreischen vor Vergnügen. - -Herr Herbst lag in seinem Bett und röchelte im Halbschlaf. Nacht, -Finsternis, er hatte keine Lust zu erwachen. Wie lange war er unterwegs -gewesen, wo hatte er getrunken, wie lange hatte er geschlafen? Er wußte -es nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Nur schlafen. Schmach, -Schmach, nichts als Schmach, sobald er erwachte. - -Stimmen raunten hinter der Wand, zischelten, flüsterten. Wie in jeder -Nacht wanderte Hähnleins Schritt ruhelos hin und her. Wie lange werden -sie es noch ertragen? dachte Herr Herbst in seinem Bett. Nicht mehr -lange! Er lauschte auf die raunenden und zischelnden Stimmen, labte sich -an dem fremden Elend, um nicht an seine eigene Verzweiflung denken zu -müssen. - -Hähnlein rief Gott zum Zeugen an, daß dieses Leben selbst ein Hund nicht -länger ertragen würde. Er hatte Dienst, Dienst, immer Dienst, seit drei -Jahren, zweimal verwundet, und seine Frau nähte sich die Augen blind. -Und seine Frau hustete nachts die ganze Wand voll Blut. Und während er -Dienst machte, verhungerte seine Familie zu Hause. Seine Frau hatte auf -Zeitungen entbunden, verlassen, hilflos, wie ein Tier in einem Winkel. -Nicht einen Tropfen Milch, nicht einen Teller Suppe, nichts. War das -Gerechtigkeit? War das möglich überhaupt? Ja, eine Milchkarte hatte sie -gehabt, aber keine Milch, so war es! Und die Kinder, drei und vier Jahre -alt, sie konnten noch nicht einmal gehen, die Knochen waren krumm -gebogen, die Schädel ganz weich. Was für eine Welt war das? Aber die -kleine Zinnkanne, die hatten sie abliefern müssen, sonst hätte man sie -eingesperrt. Und die Kinder schliefen auf Papier und Lumpen. Wo war man? -War man noch auf der Erde oder schon in der Hölle? - -Nein, nicht mehr lange! - -Hähnleins heisere Stimme glitt in die Ferne, tiefer röchelte Herr -Herbst, gleichmäßiger, der Schlaf wollte wieder zurückkehren. - -Da sah er -- in verschwommenen Umrissen -- die entsetzlichen Wogenberge -aus erstarrtem Schmutz wieder, mit den zersplitterten Baumstrunken und -dem schmalen Laufgraben, der sich zwischen den Wogenbergen verlor. - -Er ächzte und drehte sich auf die andere Seite. - -Aber auch hier waren sie, diese entsetzlichen Wogenberge. Nur -- siehe -da! -- sie waren nicht mehr starr, sie regten sich, bewegten sich. -Erdschollen schoben sich in die Höhe -- Rücken, Arme, Hände, Beine -wurden sichtbar -- in verschwommenen Umrissen -- was war das? Sieh nur -schärfer hin, und du wirst es erkennen. Ja, es waren Menschen! Deutlich -zu sehen, lehmbeschmierte Menschen, Soldaten, die von den Lehmbergen -verschüttet waren und sich stumm und verzweifelt abmühten, sich aus der -Erde zu wühlen. - -Er ächzte und setzte sich im Bett aufrecht. Da sah er Robert vor sich, -und Robert trug einen solchen zerfetzten Lehmberg auf dem Rücken, und -der Lehmberg preßte ihn zu Boden. - -»Ich ertrage es nicht mehr!« schrie in diesem Augenblick Hähnlein. »Um -Christi willen!« wimmerte die Frau und hustete. - -Robert war verschwunden. Dunkelheit, Nacht, dort das Fenster, das Zimmer -war leer. - -Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirne. - -»Schmach, nichts als Schmach . . .« - -Er kroch unter die Decke, und nun kam der tiefe Schlaf über ihn. -- -- - -Spät an diesem Abend, es war nahe an Mitternacht, kehrte der General von -Dora zurück. Er brummte gutgelaunt vor sich hin. Wie gewöhnlich hatte -Doras Frohsinn ihn aufgeheitert. Auch der Spaziergang durch die Nacht -hatte ihm gutgetan. - -Wie ein Bad wirkte die Heiterkeit dieser Frau auf ihn. Wie ein -erfrischendes Bad! Wunderbar -- ihr Lachen -- nichts nimmt sie tragisch, -eine Künstlernatur, eine Philosophin! Wir Männer dagegen . . . - -Ja, Dora, sie allein verstand es, das Leben zu nehmen, man konnte lernen -von ihr -- obschon sie nur eine Frau war, ja -- - -Kaum aber flammte das Licht in seinem Arbeitszimmer auf, so erinnerte er -sich wieder an die peinliche Szene von heute nachmittag, und -augenblicklich war seine gute Laune wieder verschwunden. - -Das höhnische Lächeln, der höhnische Blick des kleinen geistesgestörten -Mannes schwebten noch irgendwo in der Luft des Zimmers. Ich weiß, sagte -das höhnische Lächeln auf den dünnen Lippen, weiß, aber ich spreche -nicht. Wie heute nachmittag legte sich das fahle kleine Gesicht zur -Seite, das eine Auge wurde größer als das andere, das Lid zog sich in -die Höhe, und dieses größere Auge blinkte von Spott und Hohn. - -Unruhe erfüllte den General. - -Nein, kein Zweifel, dieser kleine Geistesgestörte war im Besitze eines -Geheimnisses, das Ruth betraf. Der Ausdruck seiner Augen war nicht -mißzuverstehen. Vielleicht eines Geheimnisses, das Ruth, das die Familie -kompromittierte? Unverständlich war ihm in diesem Augenblick seine -Tochter, rätselhaft, fremder als der fremdeste Mensch, den er nie in -seinem Leben gesehen. - -Morgen würde er mit Ruth ein ernstes Wort sprechen! Ihre Eigenwilligkeit -verriet einen bedauerlichen Mangel an Pflichtgefühl ihrer Familie, dem -Geschlechte der Hecht-Babenberg, gegenüber. Es gab schwerlich eine -Verbindung, die das Ansehen der Familie mehr gehoben hätte, -gesellschaftlich und materiell, als die Heirat mit Baron Dietz, der eine -blendende Laufbahn vor sich hatte. War es nicht auffallend, der Krieg -schien die Grundpfeiler des Gesellschaftsgebäudes zu erschüttern? -- -Allenthalben ähnliche Symptome -- Mißheiraten, Eheirrungen, Scheidungen --- der Oberst Schulendorf, zum Beispiel, kommt nach Hause und findet -- -Skandal! Bredows Sohn hat sich im geheimen trauen lassen, er fällt, -plötzlich meldet sich die Witwe -- eine völlig unbekannte Person, -frühere Schauspielerin, stellt Forderungen. Allein im Rheinsbergschen -Familienverband zwei Scheidungen in kurzer Zeit. - -Ja, auffallend, Hunderte von Beispielen fielen ihm plötzlich ein -- -allein aus dem Kreise seiner Bekannten. Erschreckende Symptome der -Zersetzung. War die Generation der Größe der Zeit nicht gewachsen? - -Keine Nachsicht mehr, nein, nein, morgen, sobald sich die Gelegenheit -bietet, werde ich mit ihr sprechen. - -Und dieser alte Mann? Lassen wir ihm seine Freude. Nichts wird ja -leichter sein, als Aufklärung zu erhalten, jede gewünschte Aufklärung. - -Schon einmal hatte er -- früher . . . - -Der General machte Toilette für die Nacht. Nachdenklich musterte er -Hände und Gesicht, jede Falte. - -Mehr Bewegung -- und alles war in Ordnung! - -Schon schlief er. - - * * * * * - -»Schwere Kämpfe! Außerordentlich schwere Kämpfe!« Mitten in der Nacht -setzte sich Herr Herbst plötzlich im Bett auf und knarrte mit breiter, -selbstgefälliger Stimme: Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe! - -Warte nur, du Hoffärtiger! Warte nur. Hüte dich -- ein alter Mann -- -aber hüte dich --! - -Dann sank er wieder in Nacht und Bewußtlosigkeit, zusammengerollt zu -einem kleinen Kleiderbündel. - -Am Nachmittag schien die Sonne ins Zimmer, aber immer noch lag das -kleine Kleiderbündel regungslos auf dem Bett. Erst gegen Abend fing es -an, sich unruhig zu bewegen. Die Hände zerrten an der Decke, zogen sie -dicht um den Körper. Der Schläfer fror. Kälte, schreckliche Kälte -hauchte von dem Gebirge aus, das er erblickte. Ein Strom von Eis. Nacht, -Winter, wie? Und er kniete vor dem Gebirge und erstarrte, während er die -Hände ausstreckte. Nun schien es heller zu werden, es tagte, die Sonne -schien aufzugehen. Das Gebirge begann allmählich zu erglühen, es glühte -rot, nur Stein, zerrissen, verwittert. - -Plötzlich aber verschoben sich Felsen, Riesenblöcke zitterten -- das -Steingebirge wandelte sich zu einem Gesicht. - -Der Schläfer erbebte. Deutlich fühlte er, daß er bald aus der -Bewußtlosigkeit auftauchen würde. Nur noch eine Idee brauchte er höher -zu tauchen, und schon würde er an die schwarze, schwere Schicht von -Schmach stoßen, die auf ihm lastete. Zu spät! Sie sank herab zu ihm, die -schwere Schicht von Schmach, berührte ihn, drückte ihn zu Boden. - -Da! Er war wach. Der barmherzige Rausch war verflogen. Und da war sie -wieder . . . - -Betäubt saß er da. Es dunkelte schon. - -Schmach, nichts als Schmach! - -Er war gedemütigt worden, zertreten, zu Boden geworfen und mit den Füßen -getreten. Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe -- Tausende, -Hunderttausende -- -- ja, man hatte ihm einen Sessel angeboten, ihm ein -Bild gezeigt -- trotzdem! Worin aber bestand die Schmach eigentlich, -wie? - -Nein, nicht das war es, daß er gerufen hatte: Hinaus mit Ihnen, oder ich -lasse Sie abführen. - -Das nicht, nein. Schlecht hatte er sich ja benommen. - -Trotzdem: zu Boden geworfen und mit Füßen getreten. - -Horch! Stimmen. Sie sind da, die jungen Leute -- bei ihm! Und da, da -- -hörst du? Laut und erregt schwirrten die kecken, jungen Stimmen nebenan. - -Aufrecht saß er im Bett und hielt den Atem an. - -Ja, auch sie war da! - -Hoffärtiger -- nichts als ein alter Mann -- vielleicht bereust du noch, -wer weiß es? -- Und du -- Sanfte, Bleiche -- deine sanften Augen werden -weinen müssen -- es muß sein -- - -Plötzlich erstarrte er vor Entsetzen. Eine laute verzweifelte Stimme -gellte durch das Haus. Hilfe! Hilfe! Es war Frau Hähnlein. - -Sofort schwiegen die schwirrenden Stimmen nebenan. Eine Türe schlug, -Schritte eilten. Eine Faust pochte gegen Hähnleins Türe, und Ackermanns -Stimme fragte: »Was gibt es?« - -»Nichts, nichts, Ackermann!« antwortete Hähnlein mit einem keuchenden, -verlegenen Auflachen. »Meine Frau ist erschrocken. Sie dachte -- nichts, -nichts --« - - - - -Viertes Buch - - -1 - -Ali Baba und die vierzig Räuber! - -Endlich war Doras berühmter Abend gekommen. Dumpf lockte die Trommel -- - -Mit einem kleinen Aufschrei wich Hedi zurück. Ein fetter Neger, mit dem -Gesichtsausdruck eines Orang-Utans, schlug den Vorhang auseinander und -fletschte ihr die Zähne entgegen: »Ali Baba heißt dich willkommen!« - -»Er tut dir doch nichts«, lachte Klara und schob Hedi vorwärts. - -Die mächtigen, nackten Arme und Beine des Negers funkelten. Hellrot -waren seine wulstigen Lippen gemalt. Dora selbst hatte ihn hergerichtet. -Ein zweiter Neger half aus den Mänteln. Er war jung und schlank, heller -von Farbe, sein Gesicht drollig und hübsch. Auch er ging barfuß und trug -nur ein kurzes, rot und gelb gestreiftes Röckchen. - -Hinter Vorhängen, irgendwo, schrillten Pfeifen. - -Wieder ertönte der Schrei einer Dame im Entree. Ein zottiger Bär schob -sich an Hedi vorüber, und daraus schälte sich eine zierliche, -halbnackte, nilgrüne Türkin. Gräfin Heller. Abendmäntel aus kostbaren -alten Brokaten, antiken Samten, japanischen Stickereien, ehemaligen -Kirchengewändern -- und Fabelwesen entstiegen ihnen: Prinzessinnen, -Haremsdamen, Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, mit goldenen, roten, -grünen Schuhen, Schuhen mit langen Silberschnäbeln und blitzenden -Steinen. Wohlgerüche und der Duft gepflegter Frauenkörper gingen von -ihnen aus. - -Hedi zitterte vor Erregung. In fieberhafter Hast verhüllte sie das -Gesicht mit dem Schleier, wie Doras Vorschrift es verlangte. Doppelt -begierig blitzten nun ihre Augen. - -Hedi war ganz in durchsichtige Silberschleier gehüllt. Ihre jungen -Brüste lagen nahezu völlig frei. Zwischen dem silbernen Jäckchen und den -faltigen Pluderhosen aber war sozusagen gar nichts. Ein Hauch von Tüll. -Das war Hedis höchsteigene Erfindung. - -Wegen dieses etwas kühnen Kostüms war es heute nachmittag -- schon am -Nachmittag begannen die Damen mit der Toilette -- zwischen den beiden -Schwestern nahezu zu Tätlichkeiten gekommen. - -Plötzlich erklärte Klara rund heraus, daß sie _so_ nicht mit Hedi gehe! -Wie? - -»Ja, so! Du bist ja völlig nackt! Es ist skandalös einfach!« - -Wie? Ein Kostüm, das das Taschengeld eines halben Jahres verschlang! -Hedi war tödlich verletzt. - -»Das ist ja gerade das Orientalische«, schrie sie aufgebracht. »Was -versteht ein Kind von solchen Dingen? Und du -- was soll das werden, du -meine Güte?« - -Ein sehr einfaches Kostüm aus hellgrauer Seide hatte Klara sich -zurechtgemacht. Dazu sollte noch ein schwarzes Spitzentuch kommen, das -ihr Gesicht bis zu den Augen verbarg. - -»Ich bin eine türkische Witwe!« - -»Eine Witwe?« - -»Ja!« - -»Du bist lächerlich, Klara, und wirst auch mich noch lächerlich machen! -Zum ersten Male höre ich, daß man als Witwe auf einen Ball geht.« - -»Aber ich gehe so!« - -»Blamiere dich ruhig!« Empörend war Hedis Lachen. - -»Dann gehe ich überhaupt nicht, ich habe sowieso nicht die geringste -Lust!« schrie Klara und begann sich wieder auszukleiden. Sie warf die -Schuhe wütend unter das Bett. - -Hedi erbleichte. »Nun gut, mein Liebling. Papa wird außer sich sein, -wenn er dich nicht dort findet. Ich werde ihm aber dann die Geschichte -erzählen, die du mit dem kleinen Fliegerleutnant hast, warte nur!« - -Sie hatte Klara ins Herz getroffen. »Und du?« schrie Klara und funkelte -die Schwester mit drohenden Augen an. - -»Und ich? Was soll mit mir sein?« - -»Sage nur ein Wort, und ich werde es Papa erzählen. Ich weiß mehr, als -du glaubst.« - -»Was weißt du, nichts weißt du.« - -»Nun, ich werde Papa erzählen, daß du einen Brillantring bekommen hast. -Woher hast du diesen Brillantring? Und weshalb gehst du immer in den -Kaiserhof?« - -Jetzt war die Reihe an Hedi, außer sich zu sein. - -»Das ist doch unerhört!« schrie sie rasend. »Du weißt so gut wie ich, -daß man mir den Ring anonym mit der Post geschickt hat. Ich schwöre --« - -Hier also wäre es nahezu zwischen den Schwestern zu Tätlichkeiten -gekommen. - -Nun aber waren sie doch hier. Dumpf lockte die Trommel, und Hedis Herz -pochte. - -Unaufhörlich stürzte Petersen mit dem Schirm die Treppe hinab. Es -regnete etwas. - -Droschke um Droschke klapperte die stockfinstere Lessingallee herauf zur -roten Backsteinvilla. Dazwischen kam auch ein Gespenst von einem Auto, -das auf eisernen Rädern wie ein Tank rasselte und die ganze Straße mit -Qualm und Gestank erfüllte. - -Schließlich, etwas spät am Abend, rauschte auch eine elegante feldgraue -Limousine heran, mit wunderbaren Lampen, die alle Villen der -Lessingallee magisch beleuchteten. Und -- viel später noch -- fuhr eine -zweite Limousine vor, ein schwarzlackiertes Auto mit einem Chauffeur in -Livree, das gänzlich lautlos dahinglitt und selbst die Limousine des -Generals weit in den Schatten stellte. - -»Ali Baba heißt dich willkommen!« - -Der General prallte zurück. Seit seiner Kindheit hatte ihn niemand mehr -geduzt. Und nie in seinem Leben hatte ein Schwarzer es gewagt, ihn -anzusprechen. - -Drollige Einfälle hatte diese Dora! - - -2 - -Hedis Herz pochte vor wilder Erregung. - -»Die Liebe, meine süßeste Prinzessin --.« - -Dumpfe Trommeln und schrille Pfeifen. Rote, grüne, gelbe Riesenlampen, -Zelte, Diwane. Die Musiker trugen scharlachrote Turbane und -grünspanfarbene Gesichtslarven mit langen Fransen. Sie hockten auf einem -Diwan in der Ecke. - -Schon jetzt herrschte in Ali Babas Räuberhöhle Gedränge. - -Ein sonderbares Holzinstrument dudelte, und aus einem bronzenen Dreifuß -stieg eine betäubende Wolke von Wohlgerüchen empor. Die beiden -halbnackten Schwarzen kredenzten Erfrischungen. - -»Die Liebe, meine Prinzessin -- so banal es klingt, ist eine -Bauernfängerei der Natur, eine Illusion zweier Narren --« - -»Ah!« - -»Genau wie die Ehe eine Bauernfängerei der Gesellschaft ist, eine -Illusion einer Masse von Narren.« - -»Also du glaubst nicht an die Liebe?« - -»Nein, nein, ich glaube nur . . .« - -»Nun?« - -»Darf ich es dir ins Ohr sagen?« - -Diese geistvolle Unterhaltung führten Hedi, die Prinzessin in Silber, -und ein wild aussehender Räuber mit vermummtem Gesicht, in -billardgrünem, durchlöchertem Burnus. Sie kauerten dicht nebeneinander -mit angezogenen Beinen auf einem Diwan. Die Prinzessin näherte nun dem -Räuber ihr Ohr, sprang aber sofort auf, als der Räuber ihr sein -Glaubensbekenntnis ins Ohr flüsterte. - -»Pfui, wie häßlich!« - -»Auch du nicht stark genug für die Wahrheit?« Enttäuscht schüttelte sich -das vermummte Gesicht. - -Da verbeugte sich ein zerlumpter Bettelmönch vor Hedi und hielt ihr eine -Schale hin, eine ausgehöhlte Kokosnußschale, die er an einer dünnen -Kette am Handgelenk trug. Der Bettelmönch war völlig in Tuchlappen von -einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb eingehüllt, wie -eine Mumie. Sogar die Arme. Er trug einen orangeroten Turban, mit dicken -grünen Schnüren umwickelt. Seine Augen blendeten. - -»Wer bist du?« fragte Hedi und warf eine Zigarette in die Schale. Ihr -Herz stockte. - -Der Bettelmönch hob die Schale zur Stirn und verneigte sich. Wieder -blendeten seine Augen. - -»Wer ist es?« - -»Ich kenne ihn nicht. Gottlob sind alle Gesichter vermummt. Welch eine -herrliche Idee! Um wieviel gewänne dadurch das Leben!« - -Hedi blickte in die kleinen, raschen Augen des Räubers, blitzende -Pechtropfen. Wer war es, der sich an ihre Fersen heftete und sie nicht -mehr losließ? Seine Keckheit gefiel ihr, auch der Unsinn, den er sagte. -Ein großer Diamant gelblichen Feuers sprühte an seiner kurzfingrigen, -gepflegten Hand. - -Schon jetzt glühte Hedi am ganzen Körper. Ja, heute, heute, in dieser -Nacht, mußte es geschehen, in dieser Nacht mußte es sein! Was mußte -geschehen, was mußte sein? Das wußte sie selbst nicht. - -Betörend dudelte das sonderbare Holzinstrument in Hedis kleines Ohr. - - * * * * * - -»Halt, einen Augenblick, Verehrtester!« - -Professor Salomon zwängte sich blitzschnell zwischen zwei nackten Rücken -hindurch, einem heißen, rosafarbenen, mit großen Poren, und einem -kühlen, glatten, kantiggeschnittenen, elfenbeingelben, mit verwirrenden, -rabenschwarzen Kräuselhärchen im Nacken, blitzschnell und vorsichtig, um -seinen Frack nicht mit Puder einzufetten. Der Professor war trotz Doras -Verbot im Frack. Er fand es entwürdigend, sich mit bunten Lappen zu -behängen. Aber er trug die Rosette des Eisernen Kreuzes im Knopfloch. - -Soeben hatte er einen Bekannten erspäht, der sich gerade das Auge mit -dem Taschentuchzipfel auswischte. Die Feder eines Kopfputzes war ihm ins -Auge gefahren. Es war ein ganz besonderer Glücksfall, denn der Bekannte -war ein gewaltiger Schürzenjäger, so aber war er gezwungen -stillzuhalten. - -Das fette Kürbisgesicht des Professors strahlte. Es muß leider gesagt -werden, daß der Schädel des Professors einem halbausgewachsenen, etwas -gelblichen Kürbis mit großen, abstehenden Ohren glich. Professor -Salomon, Gründungsmitglied des Vereins zur raschen Zerschmetterung der -englischen Welttyrannei, Vorstand des Bundes Barbarossa, vorher fast -unbekannt, hatte es während des Krieges zu einer Art von Berühmtheit -gebracht. In diesem Kürbisschädel waren die wirtschaftlichen Gutachten -entstanden, die die Marine als Unterlage für den unbeschränkten -U-Boot-Krieg benötigte. Professor Salomon hatte seine Aufgabe zur -vollsten Zufriedenheit der Admiralität gelöst. Nunmehr bekleidete er -einen einflußreichen Posten im Auswärtigen Amt. - -»Wichtige Neuigkeiten«, rief der glänzende Kürbis. »Die Wissenschaft -triumphiert -- trotz aller Zweifel unserer Anglomanen.« - -Der mit Diamanten übersäte Perser, in Ali Babas Gefangenschaft geraten, -schielte ihn hilflos mit seinem tränenden Auge an. Er war ihm vollkommen -ausgeliefert. - -»Wir haben Meldungen, daß in ganz Schottland schon kein Pfund Mehl mehr -aufzutreiben ist, und in Südwales gab es eine Hungerrevolte«, zischelte -der Kürbis. - -»So?« Der impertinente Ton wandelte den gelblichen Teint des Kürbis -augenblicklich in tiefes Scharlachrot. - -»Und Sie haben immer gezweifelt, gerade Sie waren immer derjenige! Auf -Grund genauester wissenschaftlicher Unterlagen, völlig einwandfreier -Statistiken --« - -Der Perser wischte sich die Tränen von den Wangen. »Ich pfeife auf -Statistiken, mein Lieber. Das Konversationslexikon genügt mir. Völlig -abgesehen davon --« - -»Völlig abgesehen?« - -Der Professor verfolgte den fliehenden Perser. - -»Völlig abgesehen davon --« - -»Hören Sie --« Der Professor versuchte den fliehenden Bekannten -festzuhalten. »Die Engländer haben kein Grubenholz mehr. Die englischen -Bergwerke versacken -- Sie entfliehen --?« - -Der Perser stürzte sich verzweifelt mitten in den Malstrom der Tänzer. - -»Ah, ah, so sind sie, so sind sie alle«, murmelte verzweifelt der -Kürbis. - -Schon hatte er einen neuen Bekannten erspäht. Aber gerade, als er sich -ihm nähern wollte, geriet er in einen Wirbel von Foxtrottänzern. - -In demütiger Haltung, sich ohne Aufhören verbeugend, ging der zerlumpte -Bettelmönch von Raum zu Raum und rasselte mit der Schale. Seine Brust -keuchte erregt, und seine Augen blinkten in jedes Frauengesicht. - -Wer bist du? - -Er ging weiter. Seine Augen drangen hinter die Schleier, glitten über -Hände, Ohren, Hüften, Füße. - -Wer bist du? - -Plötzlich zuckte er zusammen. Eine Hüfte -- nichts als das Wiegen einer -Hüfte beim Tanze . . . Ohne jede Rücksicht stürzte er sich zwischen die -Tänzer. Laut rasselte er mit der Schale vor einer etwas üppigen -Haremsdame, die wie ein Kolibri in allen Farben schillerte. - -Die Haremsdame blieb -- unwillkürlich -- stehen und sah ihm in die -Augen. - -»Wer bist du?« - -Aber stumm verbeugte sich der Bettelmönch. Bis zur Erde. Seine breite -Brust wogte unter den Lumpen. - -Die Haremsdame lachte -- nur Dora konnte eine derartige Fontäne von -Gelächter hervorsprudeln. - -»Du bist wohl stumm?« - -Der Bettelmönch nickte. Aber so oft Dora vorüberkam, verbeugte er sich -und rasselte mit der Schale, seine blinkenden Augen folgten ihr überall -hin. - -Schon war es ihm gelungen, Doras Neugierde zu wecken. - - -3 - -Über dem Dunst des Räucherwerks, den wirbelnden Turbanen, Federn und -Schleiern, auf der kleinen Empore, gerade über den Musikanten mit ihren -grünspanfarbenen Gesichtsmasken, bewegte sich plötzlich ein massiger, -breiter Schatten, der sich düster über die Decke reckte. Dann schrumpfte -der Schatten zusammen, und über der Brüstung erschien ein breites, -erdfarbenes, glanzloses Gesicht und blickte herab. Alle Blicke wandten -sich nach oben. Der General war gekommen. - -Der Räuber im durchlöcherten, billardgrünen Burnus deutete mit dem -vermummten Gesicht zur Empore und raunte Hedi eine Bemerkung ins Ohr, -die bei seiner Dame unbändige Heiterkeit auslöste. Sie fand ihren -Kavalier schnurrig über alle Maßen. Und so etwas Keckes und -Unverschämtes hatte sie überhaupt noch nicht erlebt! - -»Fort, fort, er sieht her! Wie herrlich du doch lachen kannst!« - -In der Tat, das erdfarbene Gesicht auf der Empore hatte die Brauen -hochgezogen. - -Der Räuber hielt die linke Hand mit dem gelblichen Brillanten wie zum -Schwure in die Höhe, seine Rechte berührte Hedis Schulterblatt, schon -tanzten sie. Obschon er sie kaum berührte, hielt er sie fest wie ein -Schraubstock, unentrinnbar. Und bei gewissen Figuren zog er sie -unvermittelt dicht an sich -- wie nur Räuber es vermögen. - -Unterdessen irrte Klara mutterseelenallein und tief unglücklich in der -labyrinthischen, farbenlohenden Höhle Ali Babas umher. Jeder Schlag der -dumpfen Trommel traf ihr Herz, die Pfeifen schrillten Verzweiflung. -Sobald aber das sonderbare Holzinstrument zu dudeln anfing, hielt sie -sich die Ohren zu und entfloh in die fernsten Winkel. Aber überall waren -diese verrückten Vermummten, in den entlegensten Winkeln. Aus allen -Ecken und Dunkelheiten winkten weiße Arme und Hände, blendeten heiße -Augen. In einem rotglühenden niedern Raum -- Ali Babas Opiumhöhle -- -kauerten sie in Scharen auf dem Teppich. Das Herz der kleinen türkischen -Witwe pochte gegen den Brief, den sie im Mieder trug -- heute morgen war -er gekommen. - -Plötzlich sah sie aus einer Nische ein Paar Augen auf sich gerichtet, -unendlich sanfte Augen voller Trauer, und sie versank angezogen in ihre -Betrachtung. Sie hob die Hände, auch die Erscheinung in der Nische hob -die Hände. Sie berührte Glas. - -»Du bist es -- Klara?« fragte sie, und die Erscheinung stellte die -gleiche Frage. - -Da aber griff plötzlich eine gespenstische, grüne Hand nach dem -Spiegelbild, und sie schrak zusammen. Doch niemand war da. Eine -Heiligenfigur, die ein Buch schwang, stand dem Spiegel gegenüber, und -durch den wehenden Vorhang war ein Lichtstrahl auf die grüne Hand des -Heiligen gefallen. - -Wunderbar . . . Heinz hatte oben in der Luft ihr Gesicht im Äther -dahinfliegen sehen. Es flog neben ihm her, genau so schnell wie die -»Schwalbe«. So hieß seine Maschine. - -Der Brief brannte auf ihrem Herzen. - -»Wir sind ja jung! Vor uns liegt das Leben, vor uns liegt die Zukunft. -Ich liebe dich, du Teuerster!« - -Und der Brief glühte. - -Schon taumelte sie wieder erschrocken zurück. Durch die Luft kam -kopfüber ein Mensch geflogen, ein Mensch, merkwürdigerweise in Uniform, -mit staubgrauem Gesicht und fiebrisch glänzenden Augen. »Feuerwalze, -Feuerwalze!« schrie erschrocken ein Chor von Stimmen. »Er hat sich das -Genick gebrochen!« - -Die fiebrischen Augen wandten sich der kleinen, grauen Witwe zu. »Du -weinst ja --« sagte der Uniformierte verwundert, und schon zuckte eine -Hand nach ihr. - -Aber schon floh Klara. Zwischen Vermummten hindurch, eine kleine Treppe -hinauf. Plötzlich hielt sie inne: in einem Sessel saß der General. Auch -für ihn gab es weder Tanz noch Musik. Zusammengesunken saß er, den Blick -in sich zurückgezogen. - -Düster brannten seine Augen. - -Er hatte sich früher auf Festen gelangweilt, heute bedrückten sie ihn. -Musik weckte Melancholien, fröhliches Gelächter Trauer. Er war ja nur -hierhergekommen, um Dora nicht zu kränken -- und um womöglich einige -Worte mit einer hochstehenden Persönlichkeit zu wechseln, die ihr -Erscheinen zugesagt hatte. Voller Verachtung blickte er auf diese Narren -herab, die sich in bunte Lappen hüllten. Die Frauen begriff er noch zur -Not -- es war ihre Natur -- aber die Männer --? Während das Brüllen der -Kanonen eine neue Epoche der Geschichte verkündete? - -Durch eine schmale Tapetentür schlüpfte Klara ins Treppenhaus. Hier, -zwischen alten Truhen und Schränken, atmete sie auf. Fern klangen -Trommeln und Pfeifen. Plötzlich lächelte sie wieder. - -Glücklicher war sie ja, als alle! Als alle! - -Und plötzlich tanzte die kleine graue Witwe mit stillen, kleinen -Schritten, für sich allein, zwischen den alten Truhen und Schränken. Sie -hatte noch nicht das Meer gesehen und noch nicht das Hochgebirge. -Zierlich hob sie die Füßchen: all das würde sie sehen -- mit ihm! -Venedig und Paris, London und eine Stadt in Indien -- zierlich wiegte -sie die Hüfte -- alles mit dir, mein Geliebter . . . - - * * * * * - -»Weißbach? Sind Sie es, Weißbach? Retten Sie mich!« rief Hauptmann Falk -und wischte sich den Schweiß vom grauen Gesicht. »Helfen Sie mir -- Sie -sehen mich in einem schrecklichen Zustand!« - -Weißbach lachte. - -»Ich bin behext, ein Weib hat mich total behext. Da -- da -- da -- das -ist sie! Sehen Sie diese Schwefelgelbe. Diese Hüfte -- grundgütiger -Himmel!« - -»Aber, das ist ja Dora!« rief Weißbach aus. - -»Dora? Wer ist Dora?« - -»Das wissen Sie nicht? Die Baronin Dönhoff selbst!« - -»Ah, ah -- gut, einerlei, wer es ist. Jedenfalls, sie sehen mich in der -fürchterlichsten Aufregung. Dieses --Weib hat mich vollkommen verrückt -gemacht. Sie kam zu mir und blinzelte mich an und berührte nur ein wenig -meinen Arm, aber ich sage Ihnen -- ein Strom! Jedenfalls -- es muß etwas -geschehen, und es wird etwas geschehen.« - -»Halt, halt -- Feuerwalze! Einen Augenblick! Nehmen Sie sich etwas in -acht.« - -»In acht, vor wem, vor ihr?« - -»Nein, vor ihm.« - -»Vor ihm? Er ist doch im Felde? In der Champagne!« - -»Nein, er ist keineswegs im Felde. Er ist hier.« - -»Hier? Hier --?« - -Weißbach flüsterte Falk etwas ins Ohr -- und Falk taumelte vor -Verblüffung zurück. - -»Wie sagen Sie --?« - -»Pst!« - -»Unmöglich!« - -»Nun, Sie werden schweigen!« - -»Ah, ah -- aber hören Sie?« - -»Sie sprechen nicht darüber? Ihr Wort!« - -»Ich spreche nicht darüber. Nein, was Sie sagen? -- Ich dachte, ich -hörte -- eine Königliche Hoheit?« - -»Das war ja früher. Vor der Heirat.« - -»Ah, ah! Ich verstehe! -- Aber hier kommt sie wieder! Sehen Sie doch, -diese Hüfte, diese Bewegung! Leben Sie wohl, Weißbach --« - -»Vorsicht!« - -Schon tauchte Falk zwischen den Vermummten unter. -- - -Der junge, schlanke Neger, der nur ein kurzes, rotgelbes Röckchen -anhatte, glitt mit Erfrischungen in das Zelt. Wohlgefällig folgten die -Augen der Prinzessinnen, Haremsdamen und Odalisken dem hübschen Sklaven. - -Hedi kühlte das fiebernde Gesicht, der süßliche Duft des Räucherwerks -betäubte sie. Ihre Wangen glühten durch den Schleier, ihre Augen -blinkten wie geschmolzenes Blei. Sie fühlte, wie eine Schweißperle über -ihre Hüfte rann, gerade wo der dünne Schleier sie bedeckte. Dieser -rinnende Schweißtropfen war wie eine wollüstige Berührung. - -Da hörte sie zu ihrem Erstaunen Klaras Stimme. - -Ihr Kavalier, ein steifer Beduine, in einer Kadettenschule erzogen, -sagte mit gelangweilter, selbstgefälliger Stimme: »In sechs, acht Reihen -griffen die Russen an, und wir warteten, bis sie ganz nahe heran waren, -dann erst eröffneten wir das Feuer.« - -»Wie schrecklich!« rief Klara aus. - -»Fünfmal griffen die Russen auf diese Weise an, immer in dichten Haufen, -und wir schossen sie zusammen. Sie schrien und stöhnten vor unseren -Verhauen. In der Nacht aber sank die Temperatur plötzlich auf minus 10 -Grad, da wurden sie still.« - -»Oh, wie entsetzlich!« Und Klaras Stimme verklang. - -»Also kein Freund von Generalen?« fragte Hedi. Hier in dem kleinen, -leeren Zeltzimmer war es Gott sei Dank etwas kühler. - -»Nein.« Der billardgrüne Räuber lachte, ein freches Räuberlachen. »Das -kann ich wirklich nicht sagen! Mit ihren Federbüschen, Ordenssternen und -Ritterschwertern wirken sie lächerlich auf mich, wie Gespenster aus dem -Mittelalter. Leider aber sind sie alles andere denn komisch. Ich -behaupte sogar, solange es Generale gibt, wird es Kriege geben.« - -»Solange es Kriege gibt, meinst du --?« - -»Keineswegs. Ich meine, was ich sagte. Solange man Leute zu dem einzigen -Berufe anstellt, Kriege vorzubereiten und zu führen, solange werden -Kriege unausbleiblich sein.« Der Räuber ringelte sich behaglich auf dem -Diwan zusammen und sog mit einem Strohhalm Eiswasser aus dem Glase. Er -schwatzte gern, tat gerne geistreich, Hedi hatte das längst -herausgefunden. Aber er gefiel ihr, und selbst sein Geschwätz über alle -möglichen Dinge hörte sie nicht ungern. Es wäre gänzlich falsch, -anzunehmen, daß Hedi nur für Flirt, Tanz und fünfzigpferdige, -dahinrasende Automobile Sinn hatte. Sie hatte auch Sinn für Gespräche -- -nur für Langeweile hatte sie nicht die geringste Verwendung. - -»Ja, unbedingt!« fuhr der Räuber eifrig fort. »Während die Welt nichts -Arges denkt, sitzen überall diese Generale und denken darüber nach, wie -sie ihre Kanonen verbessern könnten. Oh nein, sie verbessern sie nicht -selbst! Man kann in der ganzen Geschichte nachforschen, nie haben diese -Generale etwas erfunden, dafür haben sie ihre Spezialisten. Aber sobald -sie nun glauben, die besseren Geschütze zu haben, wird ihre Sprache -schon etwas kühner. Sie sammeln die große internationale Gemeinde der -Kanonenanbeter um sich, bestechen die Presse, stürzen Minister, die -nicht an ihre Kanonen glauben -- und schon ist das Unglück fertig. Nun -aber treten die Generale, die sich bisher im Hintergrund hielten, zum -großen Erstaunen der Mitwelt plötzlich in den Vordergrund. Keine Macht -der Welt ist von diesem Augenblick an mehr imstande --« - -»Ich höre, du bist nicht Soldat?« - -Wieder strich die kleine graue Witwe mit ihrem Kavalier an dem Diwan -vorüber. Der steife Beduine sagte: »-- stehe also auf der Sturmleiter, -die Uhr in der Hand. Mit der Sekunde springe ich aus dem Graben.« - -»Was für ein entsetzlicher Augenblick muß das sein«, sagte Klara. - -»Alles ist Gewohnheit. Der Mensch gewöhnt sich an alles, mein gnädiges -Fräulein.« - -Die glänzenden Pechaugen des Räubers lachten aus dem vermummten Gesicht. -»Soldat? Auch ich war Soldat«, erwiderte er. - -»War?« - -»Ja. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich bin tot.« - -Hedi brach in lautes Gelächter aus. - -»Ja, ich bin tot, meine schöne Maske,« fuhr der Räuber fort, »ich bin -gestorben im Lazarett zu Warschau. Meine Bestattung kostete mich tausend -Mark. Der Feldwebel hat mich aus der Stammrolle des Regiments -gestrichen, ich existiere nicht mehr. Neben meinem Namen steht: -Gestorben am Typhus --« - -Nein, wie Hedi doch lachen konnte! - -»Wie herrlich -- wie wunderbar!« Sie konnte sich gar nicht beruhigen. - -»Welch wunderbarer Einfall. Er ist tot! Wer bist du eigentlich? Kenne -ich dich?« - -»Wir sahen uns zuweilen im Kaiserhof.« - -Ah! Daß er sie solange täuschen konnte? Es war Ströbel. - - -4 - -Plötzlich erhob sich der General. Seine Hände griffen nach dem Geländer -der niedrigen Balustrade. Hatte nicht eben die Empore geschwankt wie bei -einem Erdbeben? Die Musik versank, der Ballsaal war leer, brodelndes -Nichts. -- - -Ein unerklärliches Gefühl der Verlassenheit schnürte ihm die Brust -zusammen. Eine fremde Welt, unverständlich! Aber plötzlich trieb ihn ein -Verlangen, sich unter diese fremden, unverständlichen Menschen zu -mischen, die sich in bunte Lappen hüllten und lachten. Ein paar Worte, -Dora, ein paar Worte mit ihr sprechen! - -Vorsichtig und tastend stieg er die wurmstichige Rokokotreppe hinab, die -unter dem Gewicht seines schweren Körpers krachte. Nunmehr war es ja -auch sehr unwahrscheinlich geworden, daß jene hochgestellte -Persönlichkeit, mit der er gerne ein paar Worte gewechselt hätte, das -Fest noch mit ihrem Besuche beehren würde. Der General bedauerte es -aufrichtig. Jene hochgestellte Persönlichkeit war niemand anderes, als -der Bruder der Gräfin Heller, dessen Name man nur ehrfürchtig zu -flüstern wagte. Der General hatte die Gelegenheit begrüßt, in den -Gesichtskreis einer Persönlichkeit treten zu können, die das Ohr des -Allerhöchsten Herrn hatte und über Schicksale entschied. Denn, nunmehr -war es offenbar: man hatte ihn vergessen, vollkommen vergessen. - -Am Fuße der Treppe stand der General still. Der Blick seiner hellen, -grauen Augen glitt über den Saal. Das breite, erdfarbene Gesicht zuckte -bei der Bemühung, die Starrheit der Miene zu lösen. Es mißlang. Diese -sorglosen, heiteren Menschen vermochten keine Teilnahme in seiner Brust -zu wecken, kaum daß Doras Lächeln, das ihn traf, so oft sie -vorbeitanzte, eine flüchtige Wärme in seinem Herzen anfachte. - -Nein, fremd, unverständlich! - -Er begab sich in das Speisezimmer, trank ein Glas Sekt und zerkaute -gelangweilt ein belegtes Brötchen. - -Der Erfrischungsraum war fast völlig leer. Ein Vermummter lehrte mit -feierlichem Ernst einer Verschleierten einige schwierige Tangoschritte. -Andächtig schob sich am Büfett ein befrackter Rücken entlang, von -Schüssel zu Schüssel. - -Dieser andächtige, befrackte Rücken war der Geheime Rat Westphal, den -der Anblick der aufgestapelten Herrlichkeiten völlig hypnotisiert hatte. -All die Kriegsjahre hindurch hatte er sämtliche Vorschriften und -Gesetze, die die Ernährung betrafen, peinlich genau befolgt. Schon wurde -es ihm beschwerlich, eine Treppe zu steigen, sein Gedächtnis schwand, er -schlief vor Schwäche die Hälfte der Zeit in seinem Bureau im Auswärtigen -Amt, schlief, schlief, aber befolgte die Vorschriften, denn schließlich -gehörte er ja zur Regierung, die sie erließ. Und hier, war es möglich, -hier gab es ganze Schinken, man denke sich! Es gab hier ganze Puten, -ganze Gänse, man denke! Es gab hier ellenlange Braten, man denke! Das -Fett troff von den Schüsseln, es gab hier Sardinen, woher denn, beim -allmächtigen Gott, sogar Früchte, obgleich sie beschlagnahmt waren. Es -gab hier Torten und Kuchen wie in einer Konditorei vor dem Kriege. Es -gab hier Butter, und es gab sechs verschiedene Sorten von Käse. Der -Geheime Rat hatte sich der Wollust des Kauens hingegeben. Er kaute, er -nahm hier ein Stückchen Lachs, dort einen Putenschenkel, dann ein -Stückchen gesülztes Fleisch, dann wiederum ein Schnittchen rohen -Schinken. Auch ein Scheibchen Gänsebraten, von der Brust, eine -Pfaffenschnitte dazu, so! Seit zwei Jahren hatte er nicht mehr -ordentlich gegessen. Er knabberte ein Radieschen, und, wie gesagt, die -ganze Reihe der Käse und der Kuchen lag noch vor ihm. Andächtig schob er -sich an den langen Tischen entlang, den Blick durch die Brille -gleichzeitig auf alle Herrlichkeiten gerichtet. - -Plötzlich aber blitzten in seinen Gläsern Ordensauszeichnungen, -Stickereien, das Rot des Generalstabes funkelte. Er prallte zurück. - -»Herr General«, sagte er, sich verbeugend, und balancierte den Teller -geschickt auf der Hand. - -Der General machte eine kühle Bewegung mit dem Kopfe und knarrte irgend -etwas in der Kehle. Nichts haßte er mehr als Aufdringlichkeit. - -»Geheimer Rat Westphal. Ich hatte bereits die Ehre, Herr General.« - -Eine kleine Pause der Verlegenheit entstand, die immer eintrat, wenn -Vertreter der hohen Generalität und Angehörige des Auswärtigen Amtes -sich begegneten. - -Der General hatte einen unüberwindlichen Argwohn allen Beamten des -Auswärtigen Amts gegenüber, und der Geheime Rat seinerseits gebrauchte -allen Militärs gegenüber -- äußerste Vorsicht! Er hatte Angst vor ihnen, -er fürchtete sie, offengestanden. - -»Ich bin allerdings etwas mager geworden«, sagte der Geheime Rat mit -nachsichtigem Lächeln und schob den Finger zwischen Kragen und Hals. -»Ich trug vor dem Kriege Kragen 42, aber nun könnte ich 38 tragen.« - -»Es geht uns allen nicht besser«, antwortete der General. »Wie -beurteilen Sie diese Sache?« Und der General langte nach einem -Lachsbrötchen. - -Der Geheime Rat griff nervös nach dem dünnen Chinesenbart. - -»Ich bin,« begann er, »ich bin hoffnungsvoll. Es ist natürlich schwer zu -sagen, aber ich halte die Lage, jetzt in Anbetracht der militärischen -Situation für, ich möchte sagen, ganz vorzüglich, obgleich zu bedenken -ist -- England --« - -»Wie, bitte?« Der General beugte sein knorpeliges, rotes Ohr mit den -kleinen Haarpinseln zu dem Chinesenbart herab. - -Der Geheime Rat knackte verwirrt mit den Fingern und wich etwas zurück. -»Ich spreche natürlich nur meine Private Ansicht aus. Ich kenne -keineswegs -- ich weiß keineswegs, wie der Minister die Situation -beurteilt. Ich habe den Minister seit einem Jahre nicht gesprochen.« - -»Sie sprechen von der politischen Lage?« - -»Ich meinte, Herrn General so verstanden zu haben.« - -»Ich meinte nur, wie Sie diese Sache heute abend finden.« - -»Oh -- Verzeihung! Ich finde, es ist wie ein Delikatessenladen vor dem -Kriege, genau so, eine Art, möchte man sagen, Schlaraffenland, ha ha -ha!« - -»Après nous le déluge!« sagte in diesem Augenblick ein heftig -schwitzender Beduine zu einer zierlichen Schleierfee. - -Rügend wandte sich das Auge des Generals auf den Beduinen. Gerade dieser -Geist war es, der am Mark des Volkes zehrte. Mit einer Art von -Bewunderung mußte er in diesem Moment an den französischen -Ministerpräsidenten denken, der all diese Schwätzer und Kleinmütigen -ohne viel Umstände -- an die Wand stellte! - -Wo aber war hier, hier in Deutschland das hypnotische Auge, das diese -Hypnose des Schreckens, die unter allen Umständen nötig war, auf das -Volk ausübte? Wo hier --? - -In diesem Moment verbeugte sich ein Befrackter vor dem General, als -wolle er ihn zum Tanz engagieren. Es war indessen nur Petersen, der -meldete, daß Seine Exzellenz gekommen waren. - -Eine flüchtige Röte huschte über das erdfarbene Gesicht. - -Schon hatte der hohe Würdenträger den Saal betreten. Am Arme Doras -trippelte er dahin, ein greisenhaftes, zerstreutes Gewohnheitslächeln -auf dem langgezogenen, völlig glatten Wachsgesicht, das wächserne -schmale Ohr aufmerksam gegen Doras gemalte Lippen geneigt. Ein -Ordensstern blitzte auf seinem Frackhemd. - -Augenblicklich dämpfte sich der Lärm des Festes. - -»Wer ist es?« - -Leises Wispern. - -»Ah --?« - -Ganz deutlich war plötzlich für alle der Abglanz der Allerhöchsten -Gnadensonne, in deren Schein der hohe Würdenträger nach Fügung des -Himmels seine Tage verlebte, auf dem wächsernen, glatten Gesicht zu -sehen. - -»Und was für einen Orden trägt er?« - -»Wie alt er geworden ist! Nur seine Augen sind noch die gleichen!« -dachte Dora, während sie sich an ihn schmiegte, als sei sie seine -Tochter. Sie durfte diese Vertrautheit wagen, denn er hatte in ihrem -Hause verkehrt -- damals! Er wußte alles. Aber damals war er noch nicht -Exzellenz, damals wurde er von seinen Freunden noch Franz der Erste -genannt, und die intim befreundeten Damen nannten ihn einfach Franzl. -Auch sie nannte ihn so. »Was ist nun aus ihm geworden? Eine Ruine!« - -Aber Dora strahlte. - -Der hohe Besuch rief Erinnerungen wach in ihr an jene Zeit -- an damals --- da sie bewundert und auf den Händen getragen wurde, von aller Welt, -da alle Welt wetteiferte, ihr gefällig zu sein, da täglich Geisterhände -sämtliche Vasen und Schalen ihres Hauses mit den wunderbarsten Blumen -füllten. Und das heutige Fest erschien ihr plötzlich als eine -Fortsetzung jener blendenden Feste dieser Zeit. Wieder trug sie in einer -Nacht ein Dutzend verschiedener Kostüme, wieder wurde sie stets neu -entdeckt und stets neu bewundert. Wieder war sie von einem Schwarm von -Anbetern umgeben. Da war dieser Hauptmann, mit dem drolligen Namen -Feuerwalze -- hoffnungslos verliebt in sie! Da war dieser Sonderbare, -Unbekannte mit der rasselnden Schale, der sie auf Schritt und Tritt -verfolgte -- und da waren noch andere, die ihr Worte ins Ohr flüsterten, -die beim Tanzen plötzlich -- und ein eifersüchtiges Auge wachte über ihr --- ganz wie damals. - -»Hier ist er!« rief Dora mit heller Stimme und übergab den hohen -Würdenträger auf der Empore dem General. - - -5 - -Mit allen Anzeichen mühsam zurückgehaltener, freudigster Überraschung -erhob sich der General. - -Wie alt er geworden ist, dachte auch er. Und die eine Augbraue ist schon -ganz verzerrt. Eine Wachsfigur! Er verbeugte sich. Der Orden, der auf -dem Frackhemd der Exzellenz funkelte, wog allein mehrfach alle -Auszeichnungen auf, die der General auf der Brust trug. - -»Ich bitte«, flüsterte der Träger des hohen Ordens und streckte dem -General beide Hände entgegen, »aber ich bitte Sie herzlich, mein lieber, -alter Freund, freue mich, Sie wiederzusehen, freue mich ganz -außerordentlich, wieder einmal Gelegenheit zu haben.« - -Schon stand ein Sessel bereit, und der General beachtete genau, bis der -hohe Würdenträger sich gesetzt hatte, bis er richtig saß. Erst dann -wagte er, neben ihm Platz zu nehmen. - -»Erfreut, außerordentlich erfreut. Ich bin etwas verspätet, ein Diner.« - -Petersen trat hinter den Sessel der Exzellenz. - -»Ich danke -- doch, einen Augenblick, mein Freund. Ein Glas Wasser, wenn -ich bitten darf.« - -»Ich sehe mit aufrichtiger Freude, daß Euer Exzellenz sich sehr -wohlbefinden«, rief der General. - -»Bis auf mein altes Darmleiden, mein Freund --« - -Die Unterhaltung wurde in lautem Tone geführt, denn der hohe -Würdenträger war schwerhörig, und es war bekannt, daß er es niemals -zugestand und niemals fragte. Man behauptete sogar, daß er die -wichtigsten Verhandlungen führe, ohne ein einziges Wort zu verstehen, -und völlig freie Erfindungen weitergäbe. Die Stimme des Generals klang -kräftig, er wünschte, daß der hohe Würdenträger kein Wort verliere. Wie -geschickt Dora diese Begegnung arrangiert hatte! Vielleicht würde diese -Gelegenheit, sich in Erinnerung zu bringen, nie wiederkehren. - -»Zwischen den Schlachten«, sagte die Exzellenz lächelnd, und deutete auf -Turbane, Federbüsche und die Woge von nacktem Fleisch da unten. - -»Exzellenz bemerken sehr treffend. Es sind zumeist Offiziere, die auf -Urlaub hier sind, Atem schöpfen, um morgen zur Front zurückzukehren.« - -»Ja, ja, ja.« - -»Exzellenz --.« - -Der Einflußreiche legte seine weichen, kleinen Hände auf den Schenkel -des Generals. »Lieber Freund,« sagte er, »ich darf wohl bitten, alles -Zeremoniell zu lassen. Wir sind doch alte Freunde. Ja, wie lange kennen -wir uns schon?« - -»Es sind,« der General dachte nach, »es dürften wohl dreißig Jahre -sein.« - -»Dreißig Jahre!« Der hohe Herr rückte auf dem Sessel hin und her, wiegte -den wächsernen Kopf und lachte beunruhigt. »Ein Menschenalter! Ich -erinnere mich noch sehr deutlich, daß wir ebenfalls in Berlin einmal auf -einem Ball waren. Es war, wo war es denn nur gleich?« - -Der General errötete. Nun wird er sich gewiß an diese Affäre erinnern, -an diese Entführung, und alles wird vergeblich sein. - -»Ich erinnere mich nicht«, sagte er. - -Aber mit dem Eigensinn eines Greises forschte der hohe Würdenträger in -seinem Gedächtnis nach. - -»Es war bei Baron Kreß«, rief er aus. »Ja, nun habe ich es, und es war -eine entzückende Dame da, eine reizende kleine Person! Ah, ah, ah, wie -hieß sie doch?« - -Der General schwieg beharrlich, außerordentlich peinlich war die -Situation. Scham erfüllte ihn, daß er nicht den Mut hatte, zu bekennen, -daß diese reizende kleine Person, wie Exzellenz sie zu nennen geruhten, -später -- - -»War es nicht eine kleine Baronesse Bassewitz? Nein, nein, es war -- -nun, es ist lange her. Ich bin nicht für die Ehe geboren gewesen, mein -lieber Freund. Und wie fühlen Sie sich in Berlin?« - -Der General rückte auf seinem Sessel. »Wo mich mein König hinstellt,« -heulte er in das Ohr Seiner Exzellenz, »da --«, er stockte. - -Aber der Greis verstand vollkommen. - -»Ja, ja, ja,« nickte er. Ach, er hatte diese Phrase tausendmal in seinem -Leben gehört. Er klopfte sich auf den Mund, um ein Gähnen zu verbergen. - -»Ich höre aber, daß Sie sich bei der Truppe wohler fühlten, lieber -Freund? Meine Schwester --« - -»Ich erfülle meine Pflicht und beklage mich nicht!« beteuerte der -General. »Indessen ist es ja selbstverständlich für einen Frontsoldaten ---« - -»Ja, ja, ja -- natürlich, selbstverständlich.« - -Der Würdenträger versank in Nachdenken, schloß die großen Greisenaugen -zur Hälfte, und es sah eine Weile aus, als ob er einschlafen wolle. Er -erinnerte sich plötzlich, daß man, vor gar nicht langer Zeit, bei der -Frühstückstafel von diesem Hecht-Babenberg gesprochen hatte. Irgend -etwas war ihm mißlungen oder besser gesagt, nicht gelungen -- irgend -etwas an der Front, und man sprach von einer Untersuchung, die schwebte. -Natürlich nur schwebte, alle diese Untersuchungen schwebten, und das war -ganz in Ordnung. Das Ansehen der Armee würde anders leiden. Daran dachte -er, und er quälte seinen alten, spitzen Kopf, um sich zu erinnern, -welches Mißgeschick dem General eigentlich passiert war. Es hatte sich -um eine Höhe gehandelt -- um irgendeine von diesen vielen Höhen, von -denen immer die Rede war. Er war kein Militär, und er kannte die Front -nur als eine ungefähre blaue Linie, die er überall in den Beratungssälen -auf den Karten sah. - -Er las die Heeresberichte nicht mehr, seit langem, seit einigen Jahren --- es waren ja immer die gleichen Orte. Ganz offen gestanden, -interessierte ihn die Front auch nicht, in militärischen Fragen war er -Laie, sie gehörten nicht in sein Ressort. Aber es hatte sich damals um -eine Höhe gehandelt, eine Höhe, na, es war ja schließlich vollkommen -einerlei. Hm, es würde wohl -- im Hinblick auf dieses Mißgeschick -- -nicht ganz leicht sein . . . - -Plötzlich verklärte ein Lächeln sein Gesicht. Da unten -- wie scharmant --- hatte sich soeben ein Pärchen ganz sans géne während des Tanzens -geküßt! Diese Jugend -- wieder rückte er unruhig auf dem Sessel. - -Der General aber erlaubte sich zu erwähnen, daß auch hier in Berlin -wichtige Arbeit zu leisten wäre. Es waren gewisse Einflüsse am Werk, -pazifistische, jüdisch-liberale, radikalsozialistische Einflüsse, die zu -bekämpfen waren. Der Wille des gesamten Volkes mußte zusammengeballt und -in eine Richtung gelenkt werden, zu einer letzten gewaltigen -Anstrengung. »Gewaltigen, gewaltigen!« schrie er in das wächserne Ohr -der mit schrägem Kopf lauschenden Exzellenz. - -»Ja, ja -- sehr richtig -- sehr schön --« - -Der General aber benutzte die Gelegenheit, dieser hohen Stelle seine -militärisch-politischen Ansichten im allgemeinen darzulegen. Der -Peipussee, der Weg nach Indien über den Kaukasus, die Zerschmetterung -Englands vom Orient aus, der Korridor über die Türkei und Ägypten nach -einem mächtigen deutschen Zentralafrika, Rohstoffreservoire, -Siedlungsgebiete, maritime Stützpunkte . . . - -»Sehr interessant -- sehr wohl --« - -Fließend trug der General seine Gedanken vor, sie bildeten das Thema -eines fertig ausgearbeiteten Vortrags, den er in den nächsten Tagen im -Bund Barbarossa halten wollte. - -Der hohe Würdenträger nickte und blinzelte durch das geschnitzte -Geländer der Empore hinunter in den kleinen Saal. Viel angenehmer wäre -es ihm gewesen, wenn der General über diese Beinchen, Hüften und -Gesichtchen gesprochen hätte -- diese modernen Tänze waren sehr -reizvoll, wenn auch etwas gewagt. All das, was der General sagte, hörte -er täglich von Militärs. Nur diese Sache mit dem Korridor über Ägypten -war eine neue Variante. - -»Sehr wohl -- sehr richtig --«, sagte er und nickte. - -Und dieser Hauptmann, der eben mit Dora tanzte, sah es nicht ganz so -aus, als sei er -- etwas bekneipt? Bewundernswürdig diese überschäumende -Lebenskraft . . . - -Dora gab es auf, mit Hauptmann Falk zu tanzen. - -»Ich bin durstig, Feuerwalze!« - -Gab es eine Bitte in der weiten Welt, die der Hauptmann mit größerem -Entzücken erfüllt hätte? Nein, keine. Er wollte Dora die gesamte -Weinernte von drei Jahrgängen zu Füßen legen, er schwor, die Weinkeller -der Millionäre in der Nachbarschaft zu plündern, wenn es sein müsse. - -»Gib Wein, schwarzer Halunke!« schrie er dem fetten Neger zu. - -Er leerte sein Glas auf das Wohl seiner Dame und warf es -- nun höchst -einfach -- mitten in das Orchester. Das gehörte zu seinem Stil. - -»Spielt, ihr Schweine!« schrie er, und als die Musiker sich entsetzt -umblickten, fügte er mit einer tiefen Verbeugung, auf Dora weisend, -hinzu: »Für meine Dame!« - -Dann nahm er einen blauen Lappen aus der Tasche, rollte ihn zu einer -Kugel zusammen, spuckte darauf und warf ihn den Musikern zu. Auch das -gehörte zu seinem Stil. Nun verbeugten sich die Musiker. - -Vor knapp fünf Stunden war der Hauptmann in Berlin angekommen und bei -Ströbel, wie gewöhnlich, abgestiegen. Gestern früh, um sieben Uhr, hatte -er noch an der flandrischen Küste einen Graben gestürmt, mit dem Messer -hatte er gearbeitet, heute tanzte er hier -- es war ein Krieg mit -Komfort, wie er sagte -- morgen abend, um zehn Uhr, ging sein Zug -- -vielleicht mußte er übermorgen wieder mit dem Messer arbeiten -- -einerlei. - -»Und noch ein Glas auf das Gedeihen dieser kleinen Härchen im Nacken da ---!« Ja, durch ein Sektglas gesehen hat die Welt ein ganz anderes -Gesicht. - -Dora fand ihn ungeheuer drollig. »Weshalb aber trinken Sie so -schrecklich, Feuerwalze?« - -Der Hauptmann versicherte, daß er ein Vulkan sei, sozusagen, ein Vulkan, -der sich bemühe, seine Temperatur zu halten. Dazu hätten ihn heute diese -kleinen Nackenhärchen rasend gemacht -- und dieses Ohrläppchen und noch -andere Sachen. Und er sei nichts als ein armes Frontschwein, -bedauernswert, kaum vierundzwanzig Stunden Zeit -- - -Plötzlich umschlang er Dora. Sie entfloh. - -Schon aber rasselte die Schale, und ein bleicher Arm streckte sich dem -Hauptmann entgegen. - -»Huh, hier ist er wieder. Ein unheimlicher Geselle.« - -»Befehlen Sie, Gnädigste, und wir werden ihn töten. Hinweg mit dir, -Sklave!« schrie der Hauptmann mit gutmütigem Lachen. - -Aber da begann der Bettelmönch plötzlich zu wachsen -- er wuchs, und -seine Augen blitzten . . . - -»Bist du es?« - -Hedi zupfte den Bettelmönch am Arm. Ihr Herz schlug. - -Die blinkenden Augen zwischen den Tuchlappen zogen sich zusammen zu -Schlitzen, wie bei einer Eule. Der Bettelmönch wich zurück und verbeugte -sich, während er mit der Schale rasselte. - -»Bist du es, sprich?« - -Schweigen. - -»Kennst du meine Stimme?« - -Der Bettelmönch schüttelte stumm den Kopf. - -»Zeige deine linke Hand!« - -Der Bettelmönch zog beide Hände unter die Vermummung zurück und -verneigte sich noch demütiger, bis zur Erde. Es war ihm nicht -beizukommen. - -Eine Dame flüsterte Hedi ins Ohr: »Es ist eine Königliche Hoheit.« - -»Wer???« - -»Man sagt es.« Scheu wich Hedi zurück. - - * * * * * - -»Ich bin der Ansicht,« schrie der General in das schmale wächserne Ohr, -»nur noch eine einzige, gewaltige Kraftentfaltung des deutschen Volkes, -und wir werden den Frieden diktieren.« - -Der hohe Würdenträger wiegte den spitzen Kopf. - -»Es ist möglich,« unterbrach er den General, »daß diese Anstrengung -nicht mehr nötig sein wird. Dies, bitte, ganz unter uns! Ja es ist -möglich, daß sie genug haben!« Plötzlich tat der hohe Würdenträger -geheimnisvoll. Aber immerhin -- er verbrachte seine Tage in -allernächster Nähe der allerhöchsten Persönlichkeiten. - -»Wie belieben?« - -»Möglich, immerhin möglich! Es sind Anzeichen dafür vorhanden. England -. . . Aber bitte, ganz unter uns!« Völlig unvermittelt erhob er sich. -»Außerordentlich gefreut, mein lieber Freund -- ganz außerordentlich. -Sehr interessant -- Ihre Ausführungen, sehr interessant. Bitte herzlich, -sich ja nicht zu bemühen --.« - -Er war ja nur auf einige Minuten hierhergekommen, erstens, um dieser -prächtigen Dora die Freude zu machen, zweitens, um seiner Schwester -gefällig zu sein, und drittens -- nun drittens gab es nicht. - -Vorsichtig stieg die steile, kantige Glatze die schmale Treppe hinunter, -die noch heute nach Weihrauch roch. - -Der hohe Würdenträger kroch in seine schwarzlackierte Limousine und zog -eine Pelzmütze über den kahlen Schädel. - -»Große Fähigkeiten, ohne Zweifel«, sagte er vor sich hin, indem er sich -im Polster zurechtrückte. »Aber weshalb schreien diese Militärs alle so? -Er hat mich fast taub geschrien.« - -Und er schlief augenblicklich ein, während die Limousine lautlos durch -die Finsternis schlich. - - -6 - -Kaum hatte der hohe Würdenträger die rote Backsteinvilla verlassen, so -brauste der Lärm erneut auf. Die hochstehende Persönlichkeit da oben, -mit dem General zur Seite, hatte die Ausgelassenheit etwas beeinflußt. -Es war peinlich für viele, zu denken, daß ein so hoher Würdenträger sie -bei ihren Albernheiten belausche. Schon der General störte, er störte, -ohne es zu wissen, und man wünschte, daß er möglichst bald verschwinde. - -Es kam auch die neue Kapelle. Zigeuner, die bis dahin in einer Bar -gespielt hatten. Es war die beste Kapelle von Berlin, und augenblicklich -fühlten es alle Tänzer. - -Plötzlich aber ertönte laut und dröhnend ein Gong, und gleich darauf -wurde es, bis auf wenige Kerzen, dunkel. Eine kleine, helle Bühne mit -einem phosphorgrünen, dunstigen Vorhang im Hintergrund leuchtete. Der -Vorhang teilte sich. Eine Hand erschien, ein nackter Arm, eine -elfenbeinerne, glänzende Schulter. Eine schlanke Tänzerin trat aus dem -Vorhang. - -Alle Turbane, Perlenschnüre und Federbüsche sanken plötzlich zur Erde -nieder. - -Die Tänzerin war ein wunderbares Geschöpf mit einem herrlichen Körper -und jungen, kleinen Brüsten. Sie war vollkommen nackt, nur um die Hüften -trug sie eine Kette aus blauen Steinen und einen kleinen Schleier, eine -Hand breit. - -Mit jedem Schritt löste sie sich mehr vom Dunkel los, ganz allmählich -tauchte ihr Körper in das Licht. Zuerst nur eine Ahnung von Fleisch und -Herrlichkeit, wurde er langsam verwirrende Wirklichkeit. - -Wie eine Somnambule schritt die Tänzerin vorwärts, die Augen visionär in -die Ferne gerichtet. Sie hatte die Hände, zierliche, transparente -Finger, an ihre beiden jungen Brüste gelegt. Nun stand sie still, ohne -jede Regung. Dann -- bei einer bestimmten musikalischen Phrase -- hob -sie langsam den linken Fuß und begann sich in der Hüfte zu drehen. - -In diesem Augenblick aber hub eine Uhr an zu schlagen. Es war ganz -still, so daß das dumpfe, rasselnde Schlagen der Uhr deutlich zu hören -war. - -»Diese dumme Uhr!« sagte Dora halblaut und ärgerlich. - -Die Musik brach ab, die Tänzerin stand, die zierlichen Finger an den -Brüsten, regungslos, mit leicht geneigtem Haupte, um das Schlagen der -Uhr abzuwarten. - - * * * * * - -Genau zur gleichen Stunde, an diesem Abend, meldete man Hauptmann v. -Dönhoff in dem halbzertrümmerten Keller des Champagne-Dorfes, wo er -zurzeit hauste, daß der befohlene Wagen zur Stelle sei. Dieser Wagen -sollte den Leichnam seines Adjutanten Kammerer, gefallen auf der -Beobachtung, nach rückwärts bringen. Dönhoff hatte den Wagen auf -Mitternacht bestellt, weil zu dieser Zeit das feindliche Feuer weniger -heftig auf seinem Dorfe lag, das heißt auf dem Schutthaufen, der von dem -Dorfe übriggeblieben war. Die Nacht hatte indessen keine Ruhe gebracht. -Die Geschütze tobten, und auch die Batterie Dönhoff feuerte, was die -Rohre hergaben. Die schweren Schläge der Haubitzen erschütterten -unaufhörlich den Keller, in dem die Batterieoffiziere um den Sarg des -gefallenen Kameraden versammelt waren. Einschläge knatterten. Eine -zusammengestürzte Scheune nebenan hatte einen Treffer bekommen, und der -Schutt qualmte, ätzender Rauch drang in das Kellerloch. - -Punkt zwölf Uhr wurde der Sarg von einigen Batterieleuten hinausgetragen -und auf den Krümperwagen gelegt. Darauf verließen die Offiziere den -Keller, um dem gefallenen Kameraden das letzte Geleit zu geben. - -Die Luft war lau, erfüllt vom ätzenden Rauch der qualmenden Scheune. Der -Himmel wetterleuchtete ohne Pause von dem Gespinst von Blitzen, das von -Horizont zu Horizont geisterte. Deutlich waren die umstehenden Kameraden -zu erkennen -- sogar die Tränen in ihren Augen. Furchtbar tobten die -Geschütze, und die Abschüsse der Batterie, die feindliche Zufahrtstraßen -unter Sperrfeuer hielt, knallten wie Explosionen. Die Granaten sägten -und gurgelten über die Köpfe hinweg in die Nacht hinein. - -Gegen Süden zu, hinter der feindlichen Linie, stand ein feuerspeiender -Berg. Ein blutroter Glutkegel stieg in den schwarzen Himmel, unheimlich -und düster: irgendein Lager war da drüben bei ihnen in Brand geraten. -Nur wenn die Haubitzen in der Nähe ihre Feuergarben in die Nacht -schleuderten, so glomm der Vulkan für Augenblicke fahler. Ohne Pause -zuckten aus der Frontlinie gespenstige Lichtsignale in allen Farben -empor. Sie krochen bald niedrig über dem Boden, bald erhoben sie sich -wie Raketen und sprühten in der Höhe. Wie die höllischen Leuchtfeuer der -Unterwelt sahen sie aus, der die Totenschiffe zusteuern. - -Eine Laterne wanderte um den Krümperwagen, die Hinterteile der schweren -Batteriepferde glänzten, der Sarg dehnte sich fahl im Wetterleuchten der -Abschüsse. Auf dem Bock kauerte ein Schatten, dessem Maul Funken -entstoben. - -Die wütenden, raschen Schläge seiner Batterie erfüllten Hauptmann -Dönhoff mit Genugtuung. Gebt es ihnen tüchtig! Rache für Kammerer! Auch -der rotglühende Vulkan im Süden befriedigte ihn. - -Erregt suchte der Gegner die Dönhoffsche Batterie zu packen. Ringsum -flammten die Einschläge. - -»Sie haben Kammerer eine ordentliche Totenfackel angezündet«, sagte er, -und seine Stimme war von einem grausamen Triumph erfüllt. - -Die Schatten der Offiziere drehten sich gegen Süden. »Ein Depot brennt«, -sagte eine Stimme. Unruhig wieherte ein Pferd. - -»Kameraden«, schrie plötzlich Dönhoff mit übermäßig lauter und scharfer -Stimme. Er wollte möglichst rasch über die Szene hinwegkommen, er wollte -seinen Schmerz über den Verlust Kammerers verbergen, mit dem er drei -Jahre zusammengelebt hatte. - -»Kameraden, Kammerer verläßt uns. Er war ein tüchtiger und prachtvoller -Junge. Fahre los! Lebe wohl, Kammerer!« - -Dönhoff legte die Hand an die Mütze, und die Offiziere taten das -gleiche. Die kleine Laterne kroch über die Räder empor neben den -Kutschersitz und beleuchtete den langen, gelben Sarg. - -In dieser Sekunde aber -- - -In diesem Augenblick begann es in der Luft zu sausen, ein hohles, -saugendes Rauschen war plötzlich nahe, und im nächsten Augenblick schlug -eine blendende Lohe bis zum schwarzen Himmel empor. Dönhoff stürzte, den -Arm vor die Augen geschlagen, rückwärts in den Keller hinab. Er hörte -den Knall der Explosion nicht mehr. - -Verschwunden war der Wagen, der Kutscher, die Pferde und der Sarg. -Verschwunden waren die Offiziere, nichts blieb als der kräuselnde, -stinkende Qualm über dem Schutthaufen, den die schwere Granate -hinterließ. Aber die Haubitzen feuerten noch. - - * * * * * - -Die Uhr hatte ausgeschlagen. - -Die Tänzerin erwachte aus der hypnotischen Starre, in die das Rasseln -der Uhr sie versenkt zu haben schien, die Lider hoben sich, und gelbe -Funken fuhren aus den Augen. Sie atmete wieder. Ihre zierlichen Finger -lösten sich von den jungen Brüsten, sie drehte sich in der Hüfte, hob -das linke Bein, knickte plötzlich zusammen, so daß sie mit dem Kinn das -Knie des linken Beines berührte -- lächelte verzückt -- und ihr -Elfenbeinkörper blitzte. - -Dichtgedrängt glänzten die Augen der Vermummten im Halbdunkel. Eine -Schattenkugel mit zwei großen Ohren hob sich für einen Augenblick auf -dem hellen Hintergrund gespenstisch ab. Aber rasch duckte Professor -Salomon sich wieder auf den Boden. - -Der General auf seiner Empore hatte den goldenen Kneifer aufgesetzt. - -»Du bist noch schöner!« flüsterte Ströbel in Hedis Ohr, und seine Lippen -berührten ihren Nacken. Sie saßen dicht nebeneinander auf dem Boden. »Es -ist nicht Liebe -- ich belüge dich nicht, wie die andern Männer, aber es -ist -- Sympathie.« - - -7 - -Die kleine türkische Witwe in Grau hatte ihre ganze Kundschaft -eingebüßt. Alle fanden, daß sie reizend sei -- aber tödlich langweilig. -Zuletzt hatte sie das Glück gehabt, einen Offizier zu treffen, der die -Kampfstaffel Wunderlich kannte -- er lag ganz in der Nähe -- und ihr -versprochen hatte, Heinz Grüße zu bestellen. Das war der einzige -Lichtpunkt des Festes. Sonst fand sie es entsetzlich. Entsetzlich diese -Frauen, die halbnackt von Arm zu Arm wanderten, entsetzlich diese -Männer. Auch Hedi -- nun, du bist durchschaut, Hedi, gib dir keine Mühe -mehr. - -Nun saß die kleine türkische Witwe mutterseelenallein auf dem Diwan im -Zeltzimmer, das Gesicht nachdenklich und gelangweilt in die Hände -gestützt. Alles würde sie Heinz schreiben, ja, schon begann sie in -Gedanken den Brief. - -Sie hatte darauf verzichtet -- rundweg verzichtet -- diese schamlose -Person tanzen zu sehen. Sollte man so etwas für möglich halten? Und man -sagte, daß sie dreihundert Mark für den Abend bekäme und überall tanze, -wo man sie engagiere. Nicht für eine Million würde die kleine graue -Witwe, nicht für eine Million würde sie -- pfui. - -Verlassen stand im Vorzimmer der Heilige, der mit wilder Gebärde das -Buch schwang, allein, wie sie. Sie fühlte Mitleid mit ihm und küßte ihm -die kalte, grüne Hand. - -Das Haus war völlig leer. Selbst die Dienerschaft drängte sich unter den -Türen zusammen. Auch Papa -- ja, selbst ihr Papa -- seht an! Da stand -er, mit einem Sektglas in der Hand. - -Klara stieg die Treppe empor -- aber sofort kehrte sie wieder um. Da -oben, bei den Truhen und Schränken stand der Bettelmönch mit seiner -Schale, und sie fürchtete sich, ihm allein zu begegnen. Obwohl man -sagte, daß es eine Königliche Hoheit sei. Auch er fand gewiß diese -Nackttänzerin schamlos. - -Drinnen raste der Beifall. Die Musik setzte von neuem ein. - -Dora eilte an ihr vorbei die Treppe hinauf. - -Es war Zeit, wieder das Kostüm zu wechseln, nicht wahr? Es war auch die -beste Gelegenheit, gerade jetzt, wo der Tanz wieder begann. - -Rasch rauschte Dora an den Truhen und Schränken vorüber. Da reckte sich -ihr aus einer dunkeln Nische die rasselnde Schale entgegen -- wieder -stand er da und verneigte sich. - -Sie schrak zurück. Aber gewiß wollte der demütige Bettelmönch nichts -Böses. - -Sie waren ganz allein, unten lärmte das Fest. - -»Wer bist du?« fragte Dora. - -Der Bettelmönch schüttelte den roten Turban. - -Dora trat dicht an ihn heran und blickte in seine Augen, die zwischen -Vermummung und Turban blendeten. Einen Augenblick lang hatte sie, -erschreckend, gedacht, vorhin, er könnte es sein -- er, das Gerücht, das -kursierte! War es nicht möglich, daß er hierhergekommen war, auf eine -Stunde, unerkannt von allen Gästen, unerkannt selbst von ihr, um -wiederum unerkannt zu verschwinden. Es war unmöglich -- und doch, -wunderbar war dieser Gedanke. - -Aber die Farbe der Augen stimmte nicht. Dieser Bettelmönch hatte helle -Augen. - -Plötzlich sagte der Bettelmönch: »Dora.« - -Und augenblicklich erkannte ihn Dora an der Stimme. - -»Du --?!« - -Der Bettelmönch, der den ganzen Abend stumm geblieben war, brach in -lautes, heiteres Lachen aus. - -»Ja, ich bin es.« - -»Und ich habe dich nicht erkannt! Du hast geschrieben -- noch heute --« - -»Ich wollte dich überraschen!« - -Dora zog ihn einige Schritte mit sich, bis zur Türe. »Geliebter --« -flüsterte sie. - -Die Lappen fielen vom Gesicht des Bettelmönchs, und seine Zähne -blitzten. - -Plötzlich umschlang er sie mit ungestümer Gewalt. - -»Nein, nein --« sagte sie, bat sie. »Sei vorsichtig -- der General -- er -blickt heraus --!« - -In der Tat war plötzlich für eine Sekunde das Gesicht des Generals an -der kleinen Tapetentür aufgetaucht, die auf die Diele führte. Allerdings -nur für eine Sekunde. Er hatte sie wahrscheinlich gar nicht gesehen. - -»Laß ihn ruhig!« - -Eine Perlenkette zerriß, und die Perlen prasselten auf den Boden. Mit -dünnem Knallen sprangen sie die Treppe hinab, eine hinter der anderen. - - * * * * * - -»Beunruhigung?« Der General zog die Brauen in die Höhe. - -»Ja, ich meine, das Volk --« - -»Das Volk?« Der General wiegte geringschätzig den Kopf. - -»Verzeihung,« antwortete der kleine, elegante Rittmeister mit dem -schweißüberströmten Gesicht, »ich meine die Öffentlichkeit. -- Ist es -gestattet, Euer Exzellenz?« - -Der kleine Rittmeister öffnete etwas die Tapetentür, die von der Empore -auf die Diele hinausführte. Es war heiß hier oben auf der Empore. -Unbegreiflich, daß der General es auszuhalten vermochte. Er mußte -Gletscherwasser in den Adern haben. Der kleine Rittmeister -- ja, wie -hieß er doch gleich? -- er gehörte einer der ersten Adelsfamilien des -Landes an, hatte die ganze Erde bereist, zurzeit in hervorragender -Stellung, mit den höchsten Auszeichnungen und einer blendenden Karriere -vor sich -- an all das erinnerte sich der General ganz genau, aber der -Name, dieser bekannte Name fiel ihm nicht ein -- der kleine Rittmeister -wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht. Er war als -Beduine gekleidet, hatte jedoch die Kopfbedeckung in den Nacken -zurückgeschlagen. Schon wieder brach ihm der Schweiß aus allen Poren. - -»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben« -- fuhr er fort -- »es ist -nicht zu leugnen, daß in der breiten Öffentlichkeit eine gewisse -Beunruhigung Platz gegriffen hat. In der feierlichen Osterbotschaft -wurde von Allerhöchster Stelle --« - -»Bitte mich nicht mißverstehen zu wollen. Ich wage selbstverständlich -nicht, diesen hochherzigen Gnadenakt Seiner Majestät -- Sie belieben?« - -»Ich bin ganz Ohr, Euer Exzellenz!« - -»Ich selbst trete ja für eine Reform des Wahlrechts ein. Und zwar -schlage ich ein gestaffeltes Wahlrecht vor. Bis zu dreißig Stimmen --« - -»Dreißig Stimmen?« fragte der schweißglänzende Beduine, bemüht, sein -Erstaunen zu verbergen. - -»Je nach Besitz, Fähigkeit, Verdienst, Rang, Titel, Bildung.« - -»Jawohl.« - -»Kinderzahl, Alter, Stand, Religion.« - -»Jawohl, ich verstehe vollkommen. Zu begrüßen wäre es nur, wenn bald -etwas geschähe. In unserer Zentrale laufen ja alle Berichte zusammen. Es -bilden sich Gruppen von Unzufriedenen.« - -»Unzufriedenen?« - -»Mehr als das, es bilden sich Gruppen, die umstürzlerische Tendenzen -verfolgen. Erst vor kurzer Zeit ist unser Augenmerk wiederum auf -konspiratorische Elemente gelenkt worden.« - -Plötzlich unterbrach der General das Gespräch. Sein Blick glitt unruhig -durch die Türspalte. Sein Auge wanderte. Soeben hatte er Dora erblickt. -Sie glitt an der Türspalte vorüber -- kam aber im Augenblick wieder -zurück. Und plötzlich trat in der verlassenen Diele jemand zu ihr. Seht -an! Eben er, dieser -- nun was stellte er vor? -- diese Mumie, dieser -Unbekannte, den er schon den ganzen Abend beobachtet hatte. - -»Natürlich sind es nur einige wirre Köpfe?« - -»Natürlich. Aber immerhin, die Erscheinung ist symptomatisch --« - -Ohne jedes Wort der Entschuldigung erhob sich hier der General und -streckte den Kopf in die Diele hinaus. Dies war der Moment, da Dora den -Bettelmönch warnte. - -Der Kopf des Generals zog sich augenblicklich zurück, als Dora ihn -bemerkte. Er schloß die Tapetentüre. - -»Symptomatisch«, wiederholte der schweißglänzende Beduine. »Auffallend -ist, daß selbst Angehörige der besten Gesellschaft --« - -Zerstreut hörte der General zu. Sein Blick wanderte unruhig durch den -Saal. - -»Bei dem neuen Fall, auf den ich anspielte,« fuhr der kleine Rittmeister -fort, »ist sogar die Tochter eines hohen Offiziers beteiligt. Ihr Vater -bekleidet Generalsrang. Es ist mir natürlich nicht möglich, mehr . . .« - -Aber der General schien jegliches Interesse an dem Gespräch mit dem -Rittmeister verloren zu haben. Er tupfte sich mit dem Taschentuch -Schweißperlen von der Stirn. Dann stand er rasch auf. - -»In der Tat,« sagte er stockend, »es ist unerträglich heiß geworden hier -oben. Vielleicht belieben Sie mitzukommen?« - -Und beide verließen die Empore. - -Auf der Treppe aber blieben sie plötzlich erschrocken stehen. Der -General taumelte sogar etwas zurück. Feuerschein blendete sie! Der ganze -Tanzsaal schien plötzlich in hellen Flammen zu stehen. - -Ein dünner Vorhang war in Brand geraten und brannte lichterloh. Auch -einige Schleier fingen Feuer, und die Funken flogen. Die Damen schrien -auf und stoben auseinander. Der Feuerschein währte indessen nur einige -Sekunden. Inmitten der Flammen erschienen plötzlich ein Hauptmann in -Uniform und ein dicker, pechschwarzer Neger, die die flammenden Fetzen -auf den Boden rissen und zertraten. - -Kaum daß die Musik eine Minute gestockt hatte. Das Fest ging weiter. Nur -ein dünner Brandgeruch blieb zurück. - -Der schweißtriefende Beduine hatte diesen Vorfall benutzt, sich -unsichtbar zu machen. Als der General sich suchend nach ihm umblickte, -war er verschwunden. Es war dem General nur angenehm. - -Mit schlechtverhehlter Unruhe schritt er durch die Räume. Seine Augen -forschten. Man nahm in dieser späten Stunde des Festes keinerlei -Rücksicht mehr auf ihn. Die Tänzer drängten ihn gegen die Wand. Einmal -wurde er dicht neben der Negertrommel festgehalten, die Hauptmann Falk -mit aller Kraft bearbeitete. - -Professor Salomon stürzte ihm entgegen und berichtete wichtigtuerisch -von den Hungerkrawallen in England und dem katastrophalen Mangel an -Grubenholz über dem Kanal. Schon weigern sich die Bergleute einzufahren! -Nur mit Mühe und Not vermochte er den Kürbis abzuschütteln. Im -Erfrischungsraum traf er die Gräfin Heller, und es war nicht zu umgehen, -daß er sich mit ihr in ein längeres Gespräch einließ. Wieder und wieder -äußerte er seine Freude über das prächtige Aussehen Seiner Exzellenz! -Auch im Erfrischungsraume war von Dora nichts zu sehen. - -Auch im Zelt nicht. Hier traf er nur eine Anzahl still kosender Paare, -die, dicht aneinander geschmiegt, den großen Diwan belagerten, und sich -durch ihn nicht im geringsten stören ließen. Angewidert und halb betäubt -von der schwülen Luft, die im Zelt herrschte, zog er sich sofort wieder -zurück. - -Endlich betrat er das bengalisch rotglühende Musikzimmer, Ali Babas -Opiumhöhle. - -Hier saßen die Vermummten im Kreise auf dem Teppich und klatschten im -Takt in die Hände, während sie geheimnisvoll summten und die Köpfe -wiegten. In der Mitte des roten Nebels tanzte ein weizenblondes, -schlankes Geschöpf, in flimmernde Silberschleier gehüllt, die Brüste -völlig frei und die Hüfte zwischen Jäckchen und Pluderhosen gänzlich -nackt. Sie tanzte eine Art Bauchtanz, rasend und hingerissen. - -Und ah -- da war auch Dora! Wieder trug sie ein anderes Kostüm: -schwefelgelbe Seide, über die zinnoberrote, schreckliche chinesische -Drachen wie Flammen züngelten. - -Wo aber war dieser andere hingekommen -- diese Mumie mit dem orangeroten -Turban? - -Weit und breit war von ihm nichts mehr zu sehen. - -Unter tosendem Beifallsklatschen sank die weizenblonde Tänzerin, -taumelnd vor Erschöpfung, mit einem wilden Schrei zu Boden. - - -8 - -Rastlos wanderte Dora durch die verlassenen Räume, rastlos hin und her. -Zuweilen warf sie sich in einen Sessel -- aber schon wieder wanderte -sie. Ihr schwefelgelbes Kostüm mit den grellrotzüngelnden Drachen -flatterte. Es war über die linke Schulter herabgeglitten. Die blonde -Haarfülle, die schmerzte, hatte sie halb gelöst. - -Die Fata Morgana war zerflossen -- Sand, Sand, Wüste. Durch die Vorhänge -graute trüb der Tag. - -Zertretene Blumen, abgerissene Schleier, halbgeleerte Gläser, Scherben. -Scherben von Worten, Gelächter, Scherben von Musik. Ein paar vereinzelte -Lampen brannten noch. Petersen hatte seinen Frack abgelegt und kletterte -in seinem Zebrakittel auf eine Leiter, um ein Fenster zu öffnen. Es zog. -Zuletzt erschienen die beiden Neger unter der Türe, in Ulstern, -Stehkragen, und verneigten sich. - -»Hoffentlich war es nicht zu beschwerlich für Sie«, sagte Dora und -begleitete die beiden schwarzen Gentlemen in ihrer Zerstreutheit zur -Diele. »Vielen Dank!« Und sie drückte ihnen die Hand. - -Sie empfand tiefe Sympathie für die beiden schwarzen Gentlemen, -aufrichtige -- auch sie waren fremd hier, auch sie gehörten in ein Land -mit Papageien, Wärme, blauem Himmel und Orchideen -- ganz wie sie. Alle -drei waren sie Fremde hier. - -Ach, wie unglücklich sie war, Dora! - -Sie sank auf einen Stuhl, wanderte wieder -- das Kleid glitt immer mehr -über die Schulter. Damals -- Reisen, Feste, Paris, Nizza, Italien -- und -immer Fröhlichkeit, jeder Tag ein Paradies für sich. Aber es mußte sein, -man riß sie los von ihm. Nein, sie liebte auch ihn nicht, um die -Wahrheit zu sagen, sie liebte einen andern, früher noch, der das -schönste Lächeln der Welt hatte. So -- mit diesem Lächeln stand er in -ihrer Erinnerung. Aber es war unmöglich. Er war arm, er hatte gar -nichts. Unmöglich. Dann hatte sie diesen Lumpen geheiratet -- weshalb -eigentlich? Weil die Frauen sich um ihn rissen -- er betrog sie am -ersten Tage schon. Ja, weshalb? Nur um diese Leere zu vergessen, die -zurückgeblieben war, als man sie losgerissen hatte. - -Dann, eines Tages -- welch entsetzlicher Tag -- wo sie vis-à-vis de rien -stand -- buchstäblich -- das heißt noch Schulden. Aber es gab Freunde, -Gott sei Dank gab es -- einen hochherzigen -- ja, in Wahrheit -hochherzigen Freund, der nicht zögerte, ein Vermögen hinzugeben. - -Und -- nun -- und nun? Oh -- entsetzlich! - -Dora wanderte. Sie rauchte eine dicke Zigarette und wanderte. Die Jahre -flogen, die Sommer wirbelten rückwärts, Sommer um Sommer, Frühling um -Frühling. Und diese Welt, diese entsetzliche Welt, die schrecklicher, -oder, düsterer und kälter wurde mit jedem Jahr! - -Nicht die Welt hatte sich geändert, Dora vergaß es. Sie war seit jener -Zeit, da jeder Tag ein Paradies war, um zehn Jahre älter geworden. - -Aber sie begriff es nicht. - -Und trüb graute der Tag. - - * * * * * - -Auch da draußen graute der Tag, und immer noch kläfften rasend die -Haubitzen der Batterie Dönhoff. Die Kanoniere schossen Vergeltung und -sollten sie dabei alle in Fetzen gehen! Grausam und rachsüchtig wühlten -sich die Granaten hinein in den Dunst des Morgens. Schon hatte eine -Haubitze eine schwere Granate vor das Rohr bekommen, und die Stücke -flogen. - -Nun erwachte das Feuer an der ganzen Front und rollte mächtig von -Horizont zu Horizont. - - - - -Zweiter Teil - - - - -Erstes Buch - - -1 - -Es soll sich entscheiden, die Stunde ist gekommen. Das Schicksal hat -seine fürchterliche Frage gestellt und fordert Antwort. Das Rad der -Weltgeschichte kracht. - -Wagen fahren vor, und Automobile fliegen heran. - -Die Sonne funkelt. Ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit. - -Umstellt von einer Meute von Staatsmännern und Generalen in Erz liegt -das Reichstagsgebäude und leuchtet in der funkelnden Sonne. Am -Westgiebel schimmern die goldenen Lettern: Dem deutschen Volke! Erst vor -kurzem wurde diese Inschrift angebracht, als Ausdruck der Allerhöchsten -Anerkennung und Huld, nachdem eineinhalb Millionen auf den -Schlachtfeldern gefallen waren. - -Uniformen und Roben, ordenglitzernde Brüste und gestickte Kragen quellen -aus den Wagen und Automobilen, Lackstiefel, kleine, reizende -Damenschuhe, Gamaschen, Monokel und Aktentaschen. Wehende Bärte eilen -die Steintreppe zum Eingang der Volksvertreter empor, Fettnacken, -Brillen und Professorenmähnen, geschäftig, wichtigtuerisch, und jene -Raschen, die über die Treppen huschen, die Mappe unter dem Arm, das sind -die Rechtsanwälte. - -Donnernd dröhnt die fürchterliche Frage des Schicksals, ohne Pause, -immerfort. - -Von Zeit zu Zeit hebt der Portier die breite Brust und wirft einen -gebieterischen Blick über die Straße. - -Aufgeregt fliegt der Polizeileutnant auf seinem Rad heran. Eine Mauer -von Blauen baut sich auf, die Berittenen sitzen wie Statuen, die -Unterführer stürzen zur Berichterstattung herbei. Der Polizeileutnant -betupft die schweißige Stirn mit dem Taschentuch und läßt den raschen -Blick über die Menschenmenge gleiten, gegen deren Zudringlichkeiten -- -oder noch Schlimmeres? -- er unter Umständen die ordenglitzernden Brüste -und glänzenden Seidenhüte verteidigen wird. - -Vorläufig allerdings ist die Menschenmenge noch nicht zu sehen. -Vorläufig steht sie noch in der Ferne, stumm, den Blick zu Boden -geschlagen. Doch der Augenblick wird kommen, da sie sich in Marsch -setzen wird -- bald vielleicht . . . - -Ein paar Neugierige nur, an Zahl dem Aufgebot von Polizisten weit -unterlegen, stehen bescheiden gegen die Gebüsche des Tiergartens -gedrängt und bewundern Uniformen und Roben, Feldgraue, Verwundete an -Stöcken und Krücken unter ihnen. Irgendwo in ihrem Kopfe flackert -unbewußt der Gedanke, daß das Schicksal seine fürchterliche Frage -gestellt hat und Antwort fordert, heute, jetzt, in dieser Stunde. Aber -schon hat der Blick des Leutnants sie erfaßt, er runzelt die Stirn, und -die Neugierigen beginnen zu wandern. An ihren Krücken und Stöcken -humpeln sie in den Tiergarten hinein. - -Was aber ist das? Aus den Gebüschen des Parkes kriecht, wie ein Tier, -das aus dem Dickicht kommt, an seinen kurzen Krückstöcken der Zitterer, -jener Soldat, dessen Gesicht dicht über den Schmutz des Bodens schleift, -und dessen gekrümmter, verstümmelter Körper von einem unaufhörlichen -Zittern geschüttelt wird. Unbekümmert um die Kette von Schutzleuten -kriecht er über den Fahrdamm -- sieht es nicht so aus, als ob er sich -geradeswegs in den Reichstag begeben wolle? - -Gesetzt den Fall, der Wagen Seiner Exzellenz fahre in diesem Augenblick -vor? Würde der hohe Herr durch den Anblick des Krüppels nicht unangenehm -berührt werden, gestört in seinen Gedanken -- schon setzt sich ein -Berittener in Bewegung. - -Plötzlich aber rücken sich die Berittenen im Sattel zurecht: lautlos -rauscht eine vornehme Limousine heran. - -Ein kleiner, zierlicher Greis entsteigt der vornehmen Limousine, -feierlich und säuberlich gekleidet, wie für den Katafalk. Er blinzelt in -das grelle Sonnenlicht, als sei er eben seiner Gruft entstiegen, und -trippelt hastig und geschäftig die Treppen empor, ein gütiges Lächeln -auf seinem wächsernen Greisenantlitz. Weit öffnen sich die Türen. - -Kaum war der schmale, gebeugte Rücken des Greises in der Tür -verschwunden, so fuhr die Limousine des Generals im Renntempo vor. Im -Augenblick kletterte Schwerdtfeger auch schon von seinem Sitz, während -der Motor noch donnerte. - -Voller Würde entstieg der General dem Wagen. Er sah frisch und verjüngt -aus, das breite Gesicht leicht getötet, obwohl er in dieser Nacht nur -einige Stunden geschlafen hatte, und nicht einmal ruhig geschlafen. Erst -gegen drei Uhr war er von Doras Fest zurückgekehrt. Nachdenklich stieg -er die Treppe empor. Die roten Aufschläge des offenen Mantels -leuchteten, die Brust glitzerte von Ordenssternen. Er hatte keine Eile. -Er wußte, daß diese ganze Reichstagssitzung nichts als eine Zeremonie -war, die vor der Öffentlichkeit die nicht zu leugnende Tatsache der -konstitutionellen Regierungsform betonen sollte. Er wußte auch, daß die -Armeen da draußen schon bereitstanden, bereit zum Sprung, und nur auf -das Signal des Telegraphen warteten. - -Morgen -- morgen . . . - -Vergebens suchte der Polizeileutnant einen Blick des hohen Offiziers zu -erhaschen. - -»Vielleicht ist es die beste Lösung!« dachte der General, als er die -dicken Läufer der Wandelhalle entlangschritt -- aber er dachte in diesem -Augenblick nicht an die Armeen, die sich wie die Sturmflut vorwärts -wälzen würden, sondern an die Nachricht, die man ihm kurz vor der -Abfahrt telephonisch übermittelt hatte. Eine betrübliche Nachricht -allerdings -- aber -- letzten Endes -- es ist Krieg, das darf man nicht -vergessen. Tausende, Hunderttausende . . . Er hielt es für seine -Pflicht, augenblicklich -- wenn auch in aller Kürze -- Dora schonend -davon Mitteilung zu machen. Noch bestand ja Hoffnung, wenn auch geringe --- aber man bedenke: ein ganzer Stab von Offizieren, durch einen -einzigen Volltreffer! Welch ungeheurer Verlust für das Regiment. Die -Unterschrift, die noch ausstand, würde nun wohl überflüssig werden -. . . - -Die Tribünen waren schon überfüllt, Kopf an Kopf. Ordenssterne, -Uniformen aller Art. Das Rot des Generalstabes, die goldenen Tressen der -Marine. Lächeln und Zuversicht auf den frischrasierten Gesichtern. -Bekannte ringsum. Ein fettes Gesicht mit Elefantenohren grüßte. Es war, -ja, richtig, dieser Professor Salomon -- der die Berechnungen für die -Marine machte -- ja, also am Mangel an Grubenholz konnte das stolze -England scheitern! Unbedeutende, kaum beachtete Dinge entschieden in der -Geschichte über das Schicksal von Völkern und Jahrhunderten. Eine -einstürzende Brücke, zum Beispiel, plötzlich aufkommender Sturm. -Napoleon ging zugrunde, weil der russische Winter um vierzehn Tage zu -früh einsetzte. - -Die bedeutungslose Zeremonie hatte bereits ihren Anfang genommen. Die -Sozialisten hatten ein paar kurze, höchst unnötige Anfragen eingebracht, -sie waren mit zwei Worten erledigt. - -»Und Dora?« dachte der General, bemüht, den Professor Salomon nicht zu -sehen. »Wie wird sie die betrübliche Nachricht aufnehmen?« - -Langsam erinnerte er sich an die Begebenheiten dieser Nacht. Sie -erschienen unwirklich, wie Fragmente von Träumen, die sich erst -allmählich und widerstrebend zusammenfügen. Exzellenz schien seinen -Ausführungen mit Interesse zu folgen. Es war bedauerlich, daß er in der -Eile vergaß, über Belgien zu sprechen. Dann brannte es plötzlich -- wie? --- ein Vorhang. Wie leicht hätte ein Unglück geschehen können! In Doras -Haus, wo es nichts als Vorhänge und Teppiche gab. Und dann -- dieser -Unbekannte und Dora -- auf der Diele? Wer mochte dieser Unbekannte -- -diese Mumie gewesen sein? Und dieser kleine Rittmeister, dieser Beduine, -der so heftig schwitzte -- wie hieß er doch? -- was für merkwürdige -Dinge hatte er ihm doch erzählt? Und weshalb? Der General forschte in -seinem Gedächtnis . . . - -Plötzlich rieselte eine kalte Welle über seinen Körper. Irgendein Blick -ruhte auf ihm. Er änderte die Haltung, strich mit den Fingern über den -Schnurrbart, und ließ den Blick kalt und abwehrend über Tribünen und -Köpfe streichen. - -Sonderbar, deutlich fühlte er, daß ihn jemand anstarrte . . . - -Die Minister saßen auf ihren Plätzen, gleichmütig, als seien sie an -dieser Zeremonie die am wenigsten Beteiligten. Sie kritzelten mit den -Bleistiften, tauschten scherzhafte Bemerkungen, betrachteten ihre -Fingernägel. Der gütige Greis -- peinlich säuberlich gekleidet, wie für -die Aufbahrung -- schien zu schlummern, ein friedevolles Lächeln auf dem -Antlitz. Plötzlich aber hüstelte er in die durchsichtigen Kinderhände -und erhob sich. - -Augenblicklich wurde es totenstill im Hause. - -Laut donnerte die furchtbare Frage des Schicksals . . . - - -2 - -Dora schlief zu dieser Stunde noch immer, Freude auf den heißen Wangen. - -Ein ganz wunderbarer Traum entzückte sie; sie befand sich mitten in -einer Blumenschlacht in Monte Carlo oder Nizza, jedenfalls war es -bezaubernd. Blumengeschmückte Wagen zogen aneinander vorüber, Blumen der -herrlichsten Farben wirbelten gegen den tiefblauen Himmel und regneten -in ihr Coupé herab. Sie saß neben einem alten, würdevollen Herrn, mit -einem langen, weißen Spitzbart, den sie nie in ihrem Leben gesehen -hatte. Merkwürdigerweise trug er eine orangefarbene Schärpe quer über -der Brust, und alle Welt schien ihn mit Neugierde und Respekt zu -betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweißen Ponys gezogenen -Wagen saß ein Bekannter, der sie heftig mit Blumen bombardierte. -Plötzlich erkannte sie ihn, es war Otto, sie sprang auf, rief: heute -abend -- aber schon waren die Wagen aneinander vorüber. Otto verschwand -in einem Regen von Blüten. »Aber Helene«, sagte der Herr mit dem weißen -Spitzbart. So erfuhr sie, daß sie Helene hieß, es war höchst merkwürdig, -und sie begann laut zu lachen. - -Das eigene Lachen weckte sie, und als sie die Augen aufschlug, regneten -gerade noch die letzten Blumen und Blüten über sie herab. Sie war in -köstlicher Laune, vergessen die Melancholie des grauenden Morgens. - -Sie klingelte. »Ich werde im Bad frühstücken.« - -Dora schlüpfte in die kleinen, seidenen Pantöffelchen, ließ sich den -himmelblauen Bademantel um die Schultern legen, und begab sich pfeifend -und trällernd, Butzi auf dem Arm, in das Badezimmer. Dieses Badezimmer -war, wie schon erwähnt, ein kleines Treibhaus -- Blüten, Wärme, Düfte -- -weich und schneeig fiel das Licht durch die Glasdecke. Neben dem Bassin -stand ein kleiner Tisch mit dem Frühstück, den Zeitungen und der Post. -Und Blumen, Billetts, eine Menge Aufmerksamkeiten -- das Tischchen war -völlig bedeckt davon. - -Dora lachte vor Vergnügen. Wieder kam ihr die Blütenschlacht in den -Sinn. Was für ein drolliger, alter Herr das war! Seine orangefarbene -Schärpe, wie unendlich komisch! - -Gelungen war das Fest! Ganz Berlin würde darüber sprechen -- über die -Tänzerin, etwas kühn, nicht wahr, und die beiden Neger -- ja, es kam nur -darauf an, Einfälle zu haben! Eine Oase in dem grauen, schrecklichen -Winter. Dank für das Fest! Alle dankten, alle waren glücklich gewesen -- -ein paar Stunden. Eine drollige Liebeserklärung von Hauptmann -Feuerwalze. Endlich hatte sie nach langer Zeit wieder fröhliche Menschen -um sich gesehen, und so war es nun einmal: Dora konnte nicht leben ohne -Freude. Aber -- sie schrak zusammen, indessen voll spitzbübischen -Vergnügens -- wie leichtsinnig war sie doch gewesen! Der Sekt -- sollte -es der Sekt gewesen sein --? Wie leicht hätte jemand sie beobachten -können! - -Nichts aber liebte sie mehr als Abenteuer, aus einer Laune geboren -- -eine Minute vorher wußte man noch nichts von ihnen, und oft eine Minute -nachher nichts mehr davon. Und Doras Gedanken huschten blitzschnell über -eine Reihe ähnlicher Abenteuer dahin, die sie nicht missen möchte in -ihrer Erinnerung. - -Wunderbar -- und niemand, niemand . . . - -Nur einer, oder ein paar Vertraute -- - -Plötzlich aber griff Dora wieder zur Post. Es ging nicht an, allzu lange -bei diesen Abenteuern zu verweilen. - -Ein Brief des Generals! Seht an! Doras Lippen kräuselten sich. Sie legte -den Brief langsam zur Seite. Diese Schriftzüge jetzt, nein -- sie -langweilten sie momentan, steif und anmaßend kamen sie ihr vor, später. - -Sie griff nach einem rosafarbenen Briefchen, das an einem Fliederstrauß -befestigt war. Zu ihrer großen Überraschung war es ein drolliges -Gedicht, die Huldigung einer lustigen Gesellschaft, die das Fest bei -Ströbel beschlossen hatte. Dora lachte, daß das Treibhaus zu klingen -begann. Ach, wie bezecht müssen sie gewesen sein --! - -Zu dieser Gesellschaft, die das komische Gedicht bei Ströbel verfaßt -hatte, gehörte auch Hedi. Sie kam etwas nach zehn Uhr nach Hause, und -gerade, als sie das silbergraue Schleierkostüm, das ganz in Stücke -gegangen war, leider, abstreifte, erwachte Klara. Grelle Lichtzacken -stachen durch die zusammengezogenen Vorhänge. - -»Ah, da bist du ja!« sagte Klara. Aber welche Betonung! Sie hatte die -Schwester zuletzt in einem Kreis von händeklatschenden Vermummten -gesehen, wo sie einen schamlosen Tanz aufführte, und es gab keine Worte, -die ihre Verachtung ausdrücken konnten. - -»Ja, hier bin ich!« erwiderte Hedi mit einem sonderbaren, leisen -Auflachen. Sie war sehr blaß, und ihre Augen flackerten unstet. - -»Wo warst du eigentlich?« fragte Klara, während sie neugierig und -überrascht die Schwester beobachtete. - -»Ich?« Wieder lachte Hedi leise und heiter. »Du hast ja nicht gewartet. -Bei Ströbel. Alle haben wir bei Ströbel Kaffee getrunken. Herrlichen -Kaffee, Weißbrot, sogar Sahne!« - -»Ströbel? Wer ist Ströbel?« - -»Er besitzt eine Motorenfabrik und hat im Kriege Millionen verdient.« - -»So, und da also --?« - -»Und weißt du, wer den Kaffee gekocht hat?« fragte Hedi lachend. »Ich, -zusammen mit Ströbel. Denn Ströbel hat keine Dienstboten im Hause, -obschon er so reich ist -- um ungestört zu sein. Ja, also wir zwei haben -den Kaffee gebraut -- und das Wasser wollte gar nicht kochen, hahaha! -- -aber niemand fiel es auf.« - -»Was fiel niemand auf?« - -Hier brach Hedi in lautes Gelächter aus. »Was sagte ich? Nun -- niemand -fiel es auf, daß es so lange dauerte, bis der Kaffee fertig wurde. Es -war einfach schnurrig! Die ganze Gesellschaft trank Kognak aus -Kaffeetassen. Wir haben alle Bruderschaft getrunken!« - -Hedi lachte, erzählte, summte, tänzelte, während sie abwechselnd durch -Dämmerung und grelles Licht glitt. Bald flammte ihr Auge auf, bald ihr -weizengelbes Haar, bald ihre bleiche Haut. Plötzlich stieß sie ein Glas -vom Tisch, aber auch darüber mußte sie nur lachen. - -Voller Verachtung drehte Klara sich gegen die Wand. - -»Nun,« sagte Hedi triumphierend, »dieser Herr Ströbel ist nicht nur -reich, sondern auch ein Gentleman. Und er ist verliebt in mich! Dich -aber würde er wahrscheinlich gar nicht ansehen, kleine Braut.« Dies -fügte Hedi ein, um Klara zu reizen. - -Aber Klara schwieg. - -»Ah, seht an, sie spielt die Hochmütige!« fuhr Hedi fort. »Nun, mein -Liebling, es ist mir höchst einerlei, was du denkst. Du bist ja noch ein -Kind, und was solltest du vom Leben wissen? Auch was Papa denkt, ja, -siehst du, auch das ist mir höchst einerlei. Ich habe dir ja schon oft -gesagt, daß ich dieses Leben hier satt habe, diese ewige Langeweile, und -eure Rüben und Kartoffeln. Und dazu die ewige Kontrolle! Nein, mein -Herz, nun mache ich Schluß. Hörst du mich, kleine Braut? Ja, natürlich -hörst du mich, du tust ja nur so . . . ich werde euch verlassen . . .« - -»Ja, verlassen, man hat mir eine Sekretärsstelle angeboten, tausend Mark -im Monat, bei völliger Bewegungsfreiheit -- ein kleines Bureau werde ich -haben, und einen kleinen Empfangssalon -- du staunst, wie? -- und bei -Ströbel selbst. Ich werde mir nun mein Leben so einrichten, wie es mir -gefällt. Ich bin jung, ja Gott sei Dank, noch bin ich jung. Und du -darfst mich besuchen, kleine Braut, und vielleicht schenke ich dir ein -Paar seidene Strümpfe --« - -Ganz plötzlich schlief Hedi ein. - -Aber ihr Schlaf war unruhig, und immerfort lief ein Zittern über ihren -Körper. Klara beobachtete sie. - -Was war geschehen? - -Labyrinthisch und voller Dunkelheiten erschien Klara plötzlich das -Leben. -- -- - -Dora aber freute sich immer noch über das Gedicht, während sie das warme -Bad genoß. Ihre Augen, ihre Zähne, Grübchen, ihre Schultern und Brüste, -die ganze Dora strahlte vor Entzücken. Es war so leicht, ihr eine Freude -zu machen. Sie wartete nur darauf. - -Behutsam legte sie das Gedicht zur Seite, um es aufzubewahren, in dem -Schubfach, das angefüllt war mit ähnlichen Huldigungen. - -Ein Billett von Otto. Sie strich das volle Haar in den Nacken, las -- -nur zwei Zeilen -- und zerriß es, in winzige Stückchen, die sie in die -Aschenschale warf. Eine feine Röte flog über ihre Wangen. - -Dann trank sie ein Täßchen Kakao. - -Und dann griff sie nach dem Briefe des Generals. Seine Schrift begann zu -zittern. Es war nicht mehr die frühere, starke Hand. Er begann langsam, -ganz langsam zu altern, ja . . . Was sollte er ihr zu sagen haben? -Nichts, gar nichts. - -Plötzlich aber saß Dora ganz still. - -Ihre glänzenden, roten Lippen standen offen, die Hand zitterte -- ihr -schwindelte. - -Heute nacht . . . - -Heute nacht also . . . - -Heute nacht, während sie tanzte, während sie scherzte, während sie -lachte. Vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . - -Heute nacht -- die Tänzerin, die Neger, die Vermummten -- alles wirbelte -vor ihren Augen. - -Und vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . Sie schauerte zusammen. - -Wie betäubt hüllte sie sich in das Laken, den leeren Blick zu Boden -gerichtet. Vielleicht war er schon tot -- - -Ihre glänzenden Augen, von dem seltenen intensiven Blau, füllten sich -langsam mit Tränen. - -Aber trotz allem haßte sie ihn, auch jetzt! Sie konnte es ihm nie -verzeihen, daß er sie schon am ersten Tage betrogen hatte, alles andere. -Immerhin, ein Mann, der ihr einmal nahestand. Der einzige Mann, der nie -sentimental war und nie eifersüchtig wurde. Der einzige, der nicht -flehte und nach ihr bettelte. Nein, bei Gott, das tat er nicht. Der -spöttische Blick seiner kalten, scharfen Augen stand vor ihr. - -Hoffentlich litt er nicht, nein, nein, was auch geschehen war, diesen -Gedanken konnte sie nicht ertragen. Trotzdem sie ihn gerade in diesem -Augenblick bitter haßte -- leiden sollte er nicht! Und doch, ein -abscheuliches, verruchtes Gefühl triumphierte in ihr, ganz wider ihren -Willen: also auch dich hat es gepackt! Auch dich hat die Granate -zerrissen! - -Ja, diesen furchtbaren Gedanken dachte Dora. - -Sie stieß das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit -strahlte. - -Dann klingelte sie eilig der Zofe. - - -3 - -»Und nun los, Heinz!« - -Hauptmann Wunderlich schwang sich an den Krücken über den Flugplatz. -Gerötete Gesichter und rote Hände im Sonnenschein. - -Augenblicklich verschlang das Dröhnen des Motors den Lärm der Geschütze, -und schon eilte die Maschine über den Rasen, dem herrlichen Morgen -entgegen. Der Flugplatz mit den Hangars schwang in weitem Pendelschlag -unter der linken Flügelspitze, eine Idee schräg lag die kleine Maschine, -kaum zu merken, ganz wie gestern. Meerheims Maschine, der einige Minuten -früher abflog, blitzt zuweilen wie ein Funke im Süden. - -Schon hat der Motor die volle Tourenzahl erreicht, unmerklich drückt der -Boden des Flugzeugs gegen die Fußsohlen. Die kleine, kugelrunde Wolke -des rasenden Autos da unten auf der schneeweißen Landstraße wird -langsamer und langsamer, nun steht sie still, und nun scheint sie sich -plötzlich rückwärts zu bewegen. - -Heinz zog die Mütze tiefer über die Stirn. Er berührte mit den Fingern -den Talisman auf seiner Brust. Nun war er unterwegs. - -Die Farben der Erde fließen ineinander. Geschliffene Achate, Felder und -Wälder, der Weiher eine winzige Muschel aus Perlmutter, die zuweilen ein -Gefunkel aussendet. Samtweich schlingen sich helle Bänder zwischen den -Achatflächen, Wege und Straßen. Die Landschaft aber, dieser zarte -Teppich da unten, ist vulkanisch. Allerorts steigen ununterbrochen -kleine, verwehende Dampfwolken empor, wie aus Geisern, oft vereinzelt, -oft in Gruppen, milchigweiß, graugelb und schwarz. An einer Kurve -drängen sie sich dicht zusammen, wie schnellwachsende Dampfpilze paffen -sie ohne Pause auf -- das sind die Gräben. - -Merkt er etwas? - -Morgen, morgen, geht das Gerücht! - -Heinz jauchzt vor Freude. Es wird zu tun geben! - -Da und dort stehen in der Bläue des Himmels Gruppen dichtgedrängter -Lämmerwölkchen, aus denen Messer blitzen, Schwärme von Schrapnells, die -den Flugzeugen gelten. Von unendlicher Schwärze, blitzend von Myriaden -feinster Silberfunken, wölbt sich hoch oben der Äther. - -In dreitausend Meter Höhe flog Heinz seinen Abschnitt auf und ab. -Meerheim patrouillierte im Nachbarabschnitt. Zuweilen sah Heinz seine -Maschine, wenn sie sich der gegenseitigen Grenze näherten. Hier oben war -die Front kaum noch zu sehen, leichter Dunst lag auf der Erde, nur -zuweilen warf der Gürtel der Geiser eine Gruppe schwarzer Rauchwolken -aus. Am Horizont ringsum blitzten die Messer der feindlichen und -deutschen Batterien. In der großen Weite war kein Flugzeug zu sehen, nur -nach Westen zu entdeckte Heinz eine Gruppe von Maschinen, die aber bald -verschwand. Dort schienen feindliche Flieger zu sein, und er wünschte -nichts sehnlicher, als daß sie hierher in seinen Abschnitt kämen. Er -glühte vor Kampfbegierde! Aber nichts ließ sich sehen, so sehr er auch -ausspähte, keine Seele. Mächtige weiße Wolkenmassen zogen unter ihm -dahin. Zuweilen ließ er die Maschine sinken, und dann wuchs ein -schimmerndes Schneegebirge rasch zu ihm empor. Türme von Schnee -brodelten ihm entgegen, Kuppen von Schnee wölbten sich, und der Schatten -seiner Maschine jagte über glitzernde Gletscher. - -Heinz begann zu singen. - -Wie eine Lerche trillerte er im Äther. Er mußte sein Glück hinausrufen. -Laut und inbrünstig hingegeben sang er: »Deutschland, Deutschland über -alles.« Er sang sämtliche Strophen des Liedes, das ihn schon in der -Schule berauscht hatte. Deutlich hörte er zuweilen aus dem Röhren und -Brausen des Motors seinen hellen Tenor. - -Dann sang er die »Vöglein im Walde«. - -Nie hatte er eine seligere Stunde erlebt. - -Wie häufig, erschien plötzlich deutlich und scharf Klaras Bild vor -seinen Augen. Seligkeit wäre es, könnte er nur einmal mit ihr durch den -Äther dahinjagen! Nie würde er imstande sein, ihr dieses Glück zu -schildern. - -Ja, heute, heute -- vielleicht würde es ihm endlich heute gelingen, -einen Gegner zu stellen! Oh nein, er zweifelte nicht eine Sekunde daran, -als Sieger aus diesem Zweikampf hervorzugehen. Er war entschlossen, er -war kühn, er fürchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heißester -Liebe für sein Vaterland. Wie sollte er da nicht der Überlegene sein? - -Dort? Dort? Schon jagte er hin -- - -Oft rückten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschütze ganz nahe, aber zu -seinem Schmerz entfernten sie sich stets wieder. Es war sein -persönliches Pech, daß niemand seinen Abschnitt aufsuchte. - -Allzu schnell war seine Zeit abgelaufen. Wieder vergebens! Mit der -Sekunde wandte Heinz die Maschine nach Hause. Er stürzte sich mitten in -eine der schimmernden Wolken hinein, glitt für Sekunden durch Düsternis -und kalten Nebel, um gleich darauf wiederum von Helligkeit geblendet zu -werden. Wieder lag da unten der schimmernde, bunte, freundliche Teppich, -und Heinz nahm den Kurs auf eine weiße Kirchturmspitze am Horizont. - -Was aber gibt es? Was ist geschehen? - -Plötzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. Mächtig -pendeln die Flügel. Heinz hat sich in namenlosem Erstaunen aufgerichtet. -Die Maschine stürzt . . . - -Aber hinter der stürzenden Maschine her jagt wie ein riesiger Raubvogel -ein Flugzeug mit Farbringen auf den Tragdecken. Senkrecht stürzt es sich -in die Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, in seiner Vermummung anzusehen -wie ein furchtbarer Dämon, beugt sich über Bord, um die stürzende -Maschine des Gegners auf die Platte seines photographischen Apparates zu -bringen. - -Wie eine Motte flattert der deutsche Eindecker da unten, und plötzlich -löst sich etwas wie ein Gegenstand, ein Körper -- verschwindet rasch, -wie ein Punkt in der Tiefe. - -Schon blitzen Messer auf am Waldrand, und der Raubvogel rauscht in die -Wolke zurück. -- - -Als Hauptmann Wunderlich die Nachricht hörte, zerriß er sich mit den -Nägeln das Gesicht und schrie: »Ich ertrage es nicht mehr, ich kann -nicht mehr!« - - -4 - -Immer noch sprach der freundliche Greis -- mit leiser, feierlicher -Stimme. Und immer noch verharrte das Haus in Totenstille. - -Der kleine gütige Greis sagte Ja, und er sagte Nein. Er sagte Sofort und -sagte Niemals. Vorsichtig und sorgfältig fügte er Wort an Wort zu -kunstvollen Sätzen. Zuweilen huschte sogar etwas wie rethorischer Glanz -über seine Rede, ein Glanz wie er über Reliquien in den Kathedralen -liegt. - -Die Erregung hat seine Greisenbäckchen gerötet wie die Bäckchen eines -Kindes. - -Er war nicht abgeneigt, Zugeständnisse zu machen, das heißt nicht -eigentliche Zugeständnisse, es wäre ihm natürlich unmöglich, irgendwie -und in irgendeiner Form auch nur das geringste . . . - -Er versicherte heilig seine Friedensgeneigtheit, ja, jeden Tag würde er -Frieden schließen, aber natürlich, er bittet, nicht mißverstanden zu -werden -- er war entschlossen, fürchterlich entschlossen . . . - -Und er schwingt die kleine hilflose Greisenfaust durch die Luft. So -entschlossen war er. - -Ja, entschlossen . . . - -Der General setzte den Kneifer auf und warf den Kopf in die Höhe. Vor -ihm glänzte die bedeutsame Glatze eines Admirals, neben ihm schimmerte -nichtssagend das dünne gebürstete Haar eines Diplomaten. - -Die Tribünen gegenüber lagen im Halbschatten. Kopf an Kopf, eine -gesichtähnliche Nichtigkeit neben der anderen. Und doch . . . Er fühlte -sich unbehaglich -- früher war er ähnlichen Einflüssen überhaupt nicht -zugänglich gewesen, indessen der Krieg -- die Überarbeitung . . . - -Da! - -Ein glänzendes, bleiches Gesicht unter all den matten Nichtigkeiten, und -ein paar Augen voller Schrecken und Entsetzen auf ihn gerichtet. -Vielleicht nicht auf ihn, eigentlich mehr auf den kleinen Greis, dessen -Kinnlade sich ruckartig bewegte. Der General hatte das Gesicht schon -irgendwo gesehen, vermochte sich indessen im Moment nicht zu entsinnen. -Es war nicht Schrecken, es war Grauen, das von dem glänzenden, bleichen -Gesicht mit den schwarzen rasenden Augen ausging. Dieses Grauen lähmte -die Zunge des sprechenden Greises, lähmte seine Bewegungen. Sein -erhobener Arm sank plötzlich herab, er schöpfte Atem, hastig, seine -schmalen Schultern schoben sich in die Höhe -- er beugte sich tiefer -über das Manuskript und stotterte. - -Das bleiche phosphoreszierende Gesicht aber wuchs in die Höhe -- schon -fiel es allenthalben auf. Der Diplomat mit den dünnen, säuberlich -gebürsteten Haaren blinzelte beunruhigt und runzelte die Stirn. - -Die dünne feierliche Stimme des Greises erschallte wieder. - -Die kleine eigensinnige Greisenfaust schlägt auf den Tisch, und -eigensinnig wiederholt die tonlose und feine Stimme Ja und Nein, Niemals -und Sofort. Nun sind es keine Worte mehr, nun sind es nur noch Laute, -nur noch Luftwellen . . . - -Nein, nein, nicht ein Greis sprach -- - -Deutlich sah Ackermann, daß dieser Greis eine Leiche war, die redete! -Die Tribünen standen voller Leichen in den Uniformen von Generalen und -Admiralen, mit Orden und Tand behängt, die Abgeordneten waren Leichen, -die still dasaßen, die Stenographen, der greise Präsident, der den Kopf -in die Hand stützte. - -Leichen, ein Parlament von Leichen. - -Und die Sonne umspielte sie. Die lebendige Stimme Gottes rief und -donnerte, aber sie hörten sie nicht. - -Da aber begannen die Leichen zu erbeben wie Schilf im Wind. Ein -Sturmwind brauste durch das Haus. Die Leichen sanken zusammen, vermodert -sanken Uniformen und glitzernde Ordenssterne dahin. - -Gesang . . . - -In der Ferne ertönte ein Schritt, der dröhnende Schritt von -Hunderttausenden, Millionen -- Gesang fliegt vor ihnen her. Und dieser -Gesang ist der Sturmwind -- - -Da berührte jemand seinen Arm, eine knöcherne harte Hand, und eine -trockene Stimme sagte: »Sie dürfen sich nicht so über die Brüstung -legen.« Ackermann befand sich wieder auf der kleinen Tribüne, wo -zusammengedrängt das Volk sitzt, das keine reservierten Plätze -vorfindet. Er war nahe daran gewesen, eine seiner Ohnmachten zu -bekommen. Im selben Augenblick wurde applaudiert. Die Ordenssterne und -Uniformen rauschten durcheinander. Der freundliche Greis setzte sich und -träumte wieder von seinem Sarg, aus dem man ihn aufgescheucht hatte. - -Die Abgeordneten betraten nacheinander die Rednertribüne. Worte und -Gesten. Schon ist die Zeremonie zu Ende. Die Tribünen beginnen sich zu -leeren. - -Aber halt! Hier ist noch einer, der etwas zu sagen hat. Er hat die -furchtbare Frage des Schicksals vernommen, das Antwort fordert. Er will -zur Tribüne stürmen. Aber die Fettnacken und wehenden Bärte halten ihn -zurück, die Rechtsanwälte und selbst die vom Hunger Ausgemergelten. -Selbst sie! Die Journalisten auf ihrer Tribüne schütten sich vor Lachen. - -Flammend steht er, der einzige, zornrot, mit weißen Haaren. Seine -rasende Stimme erstirbt im Lärm. - -Schon sind die Tribünen leer. -- -- - -Die Pulse fliegen. Die Lider peitschen die Augen, das Blut donnert in -den Ohren, und die Glieder schwingen. Die Erde hebt sich, bald wird sie -zerreißen -- Rauch, Feuer! Genug, genug! - -»Genug und vorbei!« - -Das blaue Himmelsgewölbe splittert, Finsternis. Das Rad der Geschichte -vollendet krachend seine Umdrehung, es wälzt sich heran, zermalmend -- -Staub, Rauch . . . - - * * * * * - -Uniformen und Roben fluten die Treppe hinab in den herrlichen Tag. Ganz -wie nach einem Pferderennen von den Tribünen. Die Rechtsanwälte schießen -hindurch, mit ihren Mappen, sie haben es immer eilig. Eingläser funkeln, -das Lächeln blitzt auf den Lippen einer schönen Dame. Sporen klirren und -Säbel rasseln. - -Wagen fahren heran, die Automobile qualmen. - -Lautlos huscht die Limousine des kleinen freundlichen Greises am Wall -der Schutzleute vorbei. - -Schwerdtfeger hat seinen hohen Chef oben auf der Treppe erspäht und den -Wagen herangebracht, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen. Er kennt -nichts als seinen Dienst. - -Der General braucht nur irgendwo aus einem Hause zu treten und über den -Bürgersteig zu gehen, immer steht Schwerdtfeger bereit. Der General muß -nur den Fuß heben, das ist alles. Aber er hat sich nie Gedanken darüber -gemacht. - -Oben auf der Treppe sprach der General einen Bekannten mit hohen Orden. -Er drückte seine Befriedigung über den Verlauf der Zeremonie aus -- die -Rede, prachtvoll -- und der Bekannte seinerseits versicherte, daß die -Rede in der Tat eine staatsmännische Leistung ersten Ranges war. - -Nun stieg der General die Treppe hinab. - -Die Lackstiefel eines Husaren blitzten vor ihm. Ein schmaler, eleganter -Rücken, ein vornehmes Profil, ein rascher, kühner Blick aus schönen, -klaren Augen -- der Husar weicht zur Seite und grüßt. - -»Ah -- gut bekommen?« Ja, wie hieß er doch nur? - -Leutselig schüttelt der General dem Husaren die Hand. - -»Danke, Euer Exzellenz!« - -»Ein netter Abend -- hm, etwas spät . . . wir haben ja -- Sie haben mir -ja von interessanten Dingen erzählt --?« - -Der Husar blieb indessen völlig kühl und korrekt. Erstens war er kein -Beduine mehr, sondern Husar, zweitens war er, mit Respekt zu melden, -heute nacht völlig bekneipt, und als er aufwachte, fiel ihm (als erstes) -voller Schrecken ein, daß er Dummheiten geschwätzt und sich beinahe auf -Gott weiß welche Geschichten eingelassen hätte -- drittens war man nicht -mehr auf einem Ball, sondern im Dienst, und es wimmelte ringsum von -Würdenträgern und Exzellenzen. - -Er blieb also kühl, korrekt, entschlossen, sich auch durch nichts -bewegen zu lassen. Seine schönen klaren Augen strahlten Offenheit. - -»Leider vermochte ich nicht mit ganzer Aufmerksamkeit zu folgen -- es -war plötzlich so heiß geworden -- und dann brannte noch dieser Vorhang.« - -Aber der Husar blieb zurückhaltend, entgegnete ein paar nichtssagende -Redensarten. Er errötete sogar. - -Schwerdtfeger warf den Wagenschlag ins Schloß, und der General erwachte -erst aus seinen tiefen Gedanken, als die grelle Sonne in seinem -Arbeitssaal ihn blendete. - -Er zog die blauen Vorhänge zu, das Licht schmerzte seine Augen, jetzt -erst machte sich der kurze Schlaf bemerkbar. - -»Trotzdem -- trotzdem --« murmelte der General vor sich hin. Mehr und -mehr verfiel er der Gewohnheit, seine Gedanken laut zu äußern. - -»Trotzdem -- ja, er wich aus -- nun, gewiß er ist ein Mann von größter -Selbstkontrolle, ohne Zweifel. Aber er errötete etwas. Weshalb?« - -»Oder errötete er nicht?« - -»Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber es sah tatsächlich aus, als ob -er errötete.« - -»Aber was, was hat er mir erzählt? Ja, wie ärgerlich, daß gerade diese -Sache mit Dora -- --« - -»Aber weshalb erzählte er es mir?« - -»Wie? Wie? Sogar Angehörige der besten Gesellschaft -- und . . .« - -»Deutlich erinnere ich mich -- trotzdem . . .« - -Der General starrte vor sich hin -- das Blut wich langsam aus seinem -breiten Gesicht. Plötzlich schüttelte er den Kopf. Welch absurder -Gedanke! - -Er berührte die Klingel. - -Weißbach erschien, und der General berichtete kurz über die -Reichstagssitzung -- ein Zeichen des größten Vertrauens und Wohlwollens, -das Weißbach, trotzdem er noch in Alkohol kochte, er war bis neun Uhr -bei Ströbel gewesen, zu würdigen wußte. - -»Sollten Sie Näheres über Hauptmann v. Dönhoff erfahren --?« - -»Jawohl, Herr General!« - -Weißbach zog sich zurück. Der General war ihm grün erschienen, -leichengrün -- die Beleuchtung natürlich, oder auch sein Zustand. Er -trank wenig, aber er konnte nichts mehr vertragen, seit er in Rußland -seinen Nervenchok erlitt. Damals waren sie alle verbrannt, durch einen -Volltreffer, der den Unterstand in Flammen setzte -- nur durch einen -Zufall war er gerettet worden. Er wußte selbst nicht wie, er hatte es -auch nie begriffen. - -Sobald Weißbach den Saal verlassen hatte, ging der General zum Telephon -und verlangte eine bestimmte Verbindung. - -Erst nach geraumer Zeit ließ sich jemand hören. - -»Ich hatte doch gebeten« -- begann der General ungnädig -- »mich -umgehend informieren zu wollen -- bereits acht Tage -- wie, bitte --?« - - -5 - -Ackermanns Blick fieberte durch die wimmelnden Uniformen und abrollenden -Wagen. Verzweiflung schüttelte ihn. - -»Dieses Parlament, welche Schmach! Der Fluch des Volkes wird die -Schmachbedeckten treffen -- einst, einst --!« - -Er sah die hohen Offiziere nicht, nicht die Generale mit ihren roten -Aufschlägen, nicht die Admirale mit den goldenen Tressen. Und niemand -beachtete ihn in seinem abgeschabten weiten Mantel, von Entbehrungen und -Qualen erschöpft -- ein einfacher Soldat, einer von den Millionen, die -niemand sieht. - -Auf dem Straßendamm stand mitten im Qualm der Autos ein Berittener, -regungslos wie eine Statue. Mit furchtbarem Ernst saß er im Sattel, -quittengelb, mit spitzer Nase, eingefallenen Wangen und violetten -Augenhöhlen. Eine berittene Leiche hielt vor dem Parlamentsgebäude -Wache, im Sattel verhungert, aber sie tat ihre Pflicht. - -Plötzlich drehten sich die starren Metallkugeln in den violetten Höhlen, -die Haut des quittengelben Gesichts straffte sich, der rostrote -Schnurrbart zuckte. - -Er hatte Ackermann entdeckt, und eine argwöhnische, drohende Falte -spaltete die armselige Stirn. - -Das Gesicht dieses gemeinen Soldaten war das Gesicht eines Mannes, der -geheime Gedanken hegte, Gedanken ganz besonderer Art, unzufriedene -Gedanken. Er kannte diese Gesichter vom Kasernenhof her und hatte sie -vernichtet, wo er sie fand, bis sie aussahen wie andere. - -Schon drängte er sein Pferd näher, und sein Blick wurde messerscharf und -unbarmherzig. Er war aus der kaiserlichen Schule, auf den Mann -dressiert. - -In diesem Augenblick aber ging Ackermann wie ein Schlafwandler mitten -durch die Uniformen und Wagen hindurch, schnurgerade über den Fahrdamm --- ohne angestoßen, berührt, überfahren zu werden, sonderbar. - -»Es ist Zeit!« flüsterte er. »Es ist Zeit!« - -»Es ist höchste Zeit!« Er eilte. - -Ihr Jungen, Wollenden, Wagemutigen, die Stunde schlägt! Ihr -Sehnsüchtigen, Verzweifelten, Zielerfüllten, ihr Hassenden, Liebenden, -Gesegneten, Boten und Verkünder des Menschenreiches -- auf, auf, die -Stunde ist da! Zögert nicht länger, ihr Gesandten mit den menschlichen -Antlitzen! - -Böse folgte der Blick des Berittenen dem grauen Soldatenmantel, der -rasch zwischen den Bäumen verschwand. - - * * * * * - -Und schon -- ja schon rüsten sie sich zum Aufbruch, die Läufer, die -ihrer Zeit vorauseilen! Schon baden sie das Antlitz im Lichte einer -neuen Sonne, die heraufsteigt. - -Schon erheben sie sich von den elenden Pritschen der Gefängnisse -- sie -werden durch hundertfach geschlossene Tore gehen wie durch Luft, keine -Angst. Schon hebt sich ihre leuchtende Wimper in den Kasernenhöfen -Europas -- und sie werden das triumphierende Wort aussprechen, und die -Kugeln werden von ihnen abprallen, keine Angst. Schon beten sie ihr -Morgengebet bei den Kanonen, in den Erdlöchern der europäischen -Schlachtfelder -- sie werden die Kanonen zerbrechen, als ob sie Schilf -wären, keine Angst. Schon wird ihr Schlaf in den Massengräbern Europas -unruhig, schon hebt sich ihr Auge, sie werden auferstehen, stärker als -der Tod, keine Angst. - -Schon kommen sie, schon sammeln sie sich, in ganz Europa, sie, die -Brüder sind und sich erkennen am Glanz des Antlitzes. Schon ertönen ihre -Stimmen, da und dort, in ganz Europa, in der ganzen Welt! - -Sie kommen! - -Kommen sie? Kommen sie wirklich? - -Ja, sie kommen! Horch! Schon wandert ihr Schritt im Tagesgrauen. - -Und die Finsternis wird ein Ende haben? - -Die Finsternis, die schreckliche, wird ein Ende haben. - -Schon rötet sich der Himmel im Osten. Sie bringen das Licht. Sie kommen, -und sie werden dahinschreiten, und das Paradies wird unter ihren -Schritten erblühen. - -Ihr Feldzeichen aber ist nicht rot, nicht blau, ihr Feldzeichen ist die -Liebe. - - -6 - -»Unbegreiflich!'« rief Herr Herbst aus und warf die kleinen Hände voller -Erstaunen in die Luft. »Was ein Mensch doch träumen kann! Also, Berlin -nichts als -- Schutt, nur Schutt, sagen Sie?« - -Eingehüllt in den langen rostfarbenen Havelock, den steifen Hut auf den -Ohren, saß Herr Herbst im halbdunkeln Gastzimmer des »Löwen von -Antwerpen«. Eine große, sofort in die Augen springende Veränderung war -mit ihm vorgegangen: er trug keinen Kragen mehr! Denn früher hatte er ja -einen niedrigen, wenn auch nie ganz reinen Kragen und eine kleine -schwarze Binde getragen. Wer sie kennt, die Trinker, weiß, was es zu -bedeuten hat -- keinen Kragen mehr! - -Ihm gegenüber saß der scheue, stille, bucklige Wirt, Herr Glienicke, -zwischen ihnen stand die Flasche. - -Herr Glienicke räusperte sich krächzend, dann erwiderte er scheu -flüsternd: »Ja, nichts als Schutt, ein Haufen Schutt, das ganze Berlin. -Wie soll ich sagen -- eine Ruine. Und Raben --« - -»Raben?« Schauer jagten über den Rücken des kleinen Herrn Herbst. - -»Der Himmel war schwarz von ihnen. Sie flogen auf, wohin man kam -- wie -Wolken. Hm, und auch Leichen lagen da und dort, streckten die Hände aus -dem Schutt, blaue Hände.« - -»Was für ein entsetzlicher Traum! Und keine Menschen mehr, sagen Sie?« - -»Keine Menschen, nein. Nur Raben, alles war schwarz von ihnen. In ganz -Berlin keine lebende Seele mehr. Nur Schutt und verkohlte Balken. Da und -dort stand zwischen den Schutthaufen noch ein verlassenes Geschütz. Aber -keine Menschen.« - -»Ah, ah -- entsetzlich!« - -»Und dann begann es zu schneien --« - -»Guten Tag!« sagte in diesem Augenblick eine helle, nüchterne, aber -bescheidene Stimme, und die beiden fuhren auf. - -Ein schmächtiger, junger Mann war ins Zimmer getreten. - -Der schmächtige, junge Mann näherte sich, den Hut in der Hand, dem Tisch -und verbeugte sich leicht und steif. - -»Ich bitte um Verzeihung! Herr Herbst?« - -Zitternd erhob sich der Havelock. Ja, weshalb in aller Welt zitterte er? -Es war nicht nur diese helle, nüchterne Stimme, nein -- jemand kannte -ihn, ihn, seinen Namen . . . - -»Ich habe mit Ihnen zu sprechen«, sagte die gleiche Stimme, aber um eine -Schattierung weniger bescheiden. - -»Sprechen? Gewiß --« - -»Nicht hier, bitte -- in besonderer Angelegenheit --« - -Und die beiden verließen das Gastzimmer. Die Eulenaugen des Buckligen -sahen ihnen nach. Herr Glienicke hatte sich nicht von der Stelle -gerührt. Diese Stimme, unverkennbar: die Polizei! - -»Bitte!« sagte der schmächtige junge Mann und lenkte den Schritt die -Fabriciusstraße hinab. - -Mit etwas eingeknickten Knien schlürfte Herr Herbst neben ihm her. Er -verging vor Angst, erfüllt von den schlimmsten Ahnungen. - -Wie immer spielten die Kinder auf der staubigen, zugigen Straße, aber -heute wagten sie sich nicht an ihn heran, da er in Begleitung war. - -Mit hohem Singsang schritten sie im Reigen um ein Mädchen, das auf dem -Pflaster kauerte und einen Lumpen über den Kopf gezogen hatte. Ein -schwarzer Hund mit kurzem Schwanzstumpen trippelte mit den Kindern -ebenfalls im Kreise. Nur seiner erschreckenden Magerkeit verdankte er -es, daß er noch lebte. Denn hier außen gab es weit und breit weder Hunde -noch Katzen mehr, alles verzehrt, längst eine Beute der Professionells. -Hohläugig und wächsern erschienen die Kinder wie tanzende, in Lumpen -gehüllte Leichen, die aus den Gräbern eines Kinderfriedhofs gestiegen -waren, um hier zu spielen. Ihre Mütter arbeiteten irgendwo in den -Munitionsfabriken, die Väter faulten längst in den Massengräbern. - -Und da war auch schon wieder jener Wagen mit dem schmutzigen Schimmel, -den ein bleiches abgezehrtes zwölfjähriges Mädchen kutschierte. Jeden -Tag kam er hierher in diese Straße, und kam er nicht gerade in die -Fabriciusstraße, so sah man ihn sicher dort an der Ecke warten. Heute -lagen nur zwei Kindersärge darauf, aber soeben brachte ein Mann einen -neuen Kindersarg aus dem Hause und warf ihn wie eine Kiste mit Flaschen -auf den Wagen. Jeden Tag, und doch gab es noch immer Kinder hier! - -Die tanzenden kleinen Toten aber beachteten den vorüberfahrenden Wagen -mit den Särgen nicht. Sie schoben den Reigen nur etwas zur Seite und -sangen weiter. - -Endlich brach der schmächtige junge Mann das Schweigen. Mit einem nicht -unfreundlichen Lächeln wandte er sich an Herrn Herbst. - -»Sie wissen wohl, daß die große Offensive heute begonnen hat?« sagte er -im Tone eines Menschen, der ein Gespräch beginnen will. »Tausende von -Gefangenen --« - -»Tausende -- so, so --« stammelte Herr Herbst verwirrt. - -»Ja, am ersten Tage!« Aber das Gespräch kam nicht in Gang. So also ging -es nicht. Der schmächtige junge Mann polierte den Kneifer, lächelte -Herrn Herbst mit kurzsichtigen Augen an, und begann von neuem in etwas -kühlerem, geschäftlichem Tone: »Sie kennen mich nicht, Herr Herbst?« - -»Wirklich nicht? Und Sie haben mich auch nie gesehen? Trotzdem gingen -Sie sofort mit mir, seht an. Ein neuer Beweis, daß es unleugbare Kräfte -gibt, die Macht über die Menschen verleihen, magnetische und hypnotische -Kräfte. Seit acht Tagen, seit vollen acht Tagen folge ich Ihnen wie ein -Schatten, mein verehrter Herr Herbst. Sie staunen? Sie sehen, man muß es -nur geschickt anstellen. Vor einigen Tagen aß ich sogar mit Ihnen am -gleichen Tisch in der Dorotheenstraße. Und am Schluß der -Reichstagssitzung stand ich dicht neben Ihnen, als Sie den hohen -Offizier grüßten --« - -Herr Herbst zuckte zusammen. Ah, ah -- er hatte es ja augenblicklich -gefühlt! Seine Ahnungen! Die Polizei war ihm auf den Fersen, die -Geheimpolizei. Der General hatte sie auf seine Spur gesetzt, und nun war -er -- verloren! Ja, dieser General, natürlich, er wollte seine Macht -zeigen, er hatte ihm jenes furchtbare Wort entgegengeschleudert, -belästigte ihn . . . - -»Ich hatte, mit einem Wort, den Auftrag, mich mit Ihrer Persönlichkeit -zu beschäftigen.« - -»Ich weiß es.« - -»Sie wissen es?« - -»Ich dachte es mir! Einen Augenblick.« Herr Herbst wischte sich den -Schweiß von der Stirn. - -»Ja, also den Auftrag«, fuhr der junge Mann geschwätzig fort. »Ich kenne -nunmehr all Ihre Gewohnheiten, Ihre etwas sonderbaren und keineswegs -alltäglichen Gewohnheiten. Es bedurfte eines psychologisch geschulten -Blickes, um nicht verwirrt zu werden, ich gestehe es offen zu. Nunmehr -sind meine -- Sie verzeihen -- Beobachtungen abgeschlossen, bis auf -einen großen dunkeln Punkt. Aber auch das wird sich finden. Ich hielt -die Zeit für gekommen, in persönliche Verbindung zu Ihnen zu treten. Sie -gestatten, mein Name ist Kunze.« - -Der junge schmächtige Mann nahm den grasgrünen Plüschhut ab und machte -eine gemessene, steife Verbeugung. - -»Angenehm!« schlürfte Herr Herbst und erwiderte mit einem Kratzfuß. -Ängstlich und mißtrauisch hefteten sich seine entzündeten Augen auf den -blinkenden Kneifer. Nichts Gutes, jedenfalls nichts Gutes! - -Der schmächtige junge Mann, der sich Kunze nannte, war ärmlich, aber -peinlich sauber gekleidet. Sein dünner Überzieher, bis oben zugeknöpft, -war abgewetzt, aber man sah noch die Striche der Bürste. Seine -geflickten Stiefel waren glänzend gewichst. Er trug dünne -Zwirnhandschuhe, nur seine Manschetten, sie waren etwas grau geworden. -Er war semmelblond, das semmelblonde Schnurrbärtchen haarscharf -zugespitzt. Die Augen hinter den Gläsern erschienen matt, ausdruckslos -und sogar dumm. Unter dem Arm trug er eine dünne lederne Aktenmappe. Wie -alle Menschen sah er schlecht genährt aus, und sein Teint hatte eine -unreine, grünlich fahle Färbung. - -»Hoffen wir es, daß meine Bekanntschaft für Sie angenehm sein wird«, -nahm Kunze nach dem beendeten Zeremoniell der Vorstellung wieder das -Wort, und er lachte leise dabei. »Für manch einen, für viele war meine -Bekanntschaft -- meine Bekanntschaft wenig angenehm, ähä, ähä! Ja, wenig -angenehm! Nun, nun, Sie haben nicht die geringste Ursache, sich zu -beunruhigen, ich betonte schon, daß ich mich durch Ihre sonderbaren -Gewohnheiten nicht verwirren ließ. -- Einen Augenblick, lassen wir diese -Elektrische vorbei -- so. Sie haben sich also vor geraumer Zeit an -unsere Organisation gewandt --« - -»Ich nenne unsere Dienststelle so. Ihr Eingang wurde, wie alle -derartigen Eingänge, unserer Organisation automatisch zugeleitet. Sie -haben, unter anderem, schwere Verdächtigungen erhoben gegen -hochgestellte Persönlichkeiten, oder besser gesagt, gegen Angehörige -hochgestellter Persönlichkeiten, so daß eine ganz besonders sorgfältige -Bearbeitung der Angelegenheit notwendig wurde. Aus diesem Grunde hat -mein Chef mich beauftragt.« - -Herr Herbst atmete auf. Also nicht der General -- es war diese andere -Sache --! Aber schon überzog wieder kalter Schweiß seine Stirn. Welch -gefährlicher Lage hatte er sich doch ausgesetzt! Und weshalb? -Unerklärlich alles. Im Rausch, in völliger Bezechtheit, hatte er diese -zwei Briefbogen vollgeschrieben. Zu spät. Seine Beine zitterten. Er -hatte Mühe mitzukommen. - -»Wohin --?« stammelte er. - -Kunze hielt den Schritt an und lächelte. Er hatte kleine, schlecht -gepflegte Zähne. »Sie können es sich nicht denken?« fragte er mit schräg -geneigtem Kopf. - -»Wie sollte ich --?« - -»In Ihre zweite Wohnung!« - -»Wie --??« - -»In Ihre zweite Wohnung!« - -»Wie --?!« - -Herr Herbst griff mit beiden Händen nach dem steifen Hut -- taumelte -zurück und entfloh . . . - -»Aber so warten Sie doch! Wie sieht das aus, wenn wir hier einander -nachlaufen. Warten Sie doch! Aber ich muß doch bitten . . .« - -Mit ein paar langen Sätzen lief Kunze hinter dem davoneilenden Havelock -her. Im Nu hatte er ihn wieder eingeholt. Er klemmte den Kneifer auf die -Nase, keuchte -- seine Lunge war nicht ganz in Ordnung -- und lachte -belustigt und nachsichtig. - -»Nun, sehen Sie, es hat keinen Sinn. Aber weshalb erschraken Sie nur -so?« - -»Ich -- ich . . .« - -»Sie sind ja jetzt noch kreidebleich! Nun, nun, Ihre Nerven sind in -einem heillosen Zustand, Herr Herbst, einem bösen, bösen Zustand, ei, -ei! Und doch wollen wir nur in Ihre Wohnung in der Blücherstraße gehen. -Ich sagte Ihnen ja -- nur noch ein einziger großer dunkler Punkt -- he, -Kutscher!« - -Kunze winkte geschäftig eine Droschke heran. »Blücherstraße!« - -Herr Herbst hob abwehrend die Hände. - -»Nein, nein -- unmöglich, ganz unmöglich!« stotterte er hilflos. - -Aber der schmächtige junge Mann stampfte plötzlich ärgerlich auf den -Boden und sagte mit scharfer Stimme: »Sie werden gehen! -- Bitte, bitte -recht sehr, Herr Herbst«, fügte er wieder ruhig und höflich hinzu, und -schob den vor Erregung zappelnden Havelock in die wackelnde Droschke. - -»Wir können den weiten Weg unmöglich zu Fuß gehen. Wir haben keine Zeit -mehr zu verlieren. Mein Chef ist schon ungeduldig, er erhielt eine Rüge -von einer höheren Stelle. Machen Sie es sich ruhig bequem. Es wird ja -alles bezahlt. Das sind die Spesen. Sehen Sie hier, in diesem Notizbuch, -hier unter H., das sind die Spesen. Ich hätte ebensogut ein Auto nehmen -können.« - -Voller Verzweiflung starrte Herr Herbst vor sich hin. - -Kunze zog vorsichtig die Beinkleider über das Knie herauf. »Mein Chef, -er ist Major, ermahnte mich ausdrücklich, keine Kosten zu scheuen«, fuhr -er zu schwatzen fort. »Mein Chef strahlt! Sie haben uns ja, mein lieber -Herr Herbst, auf eine eminent wichtige Spur gebracht -- ein selten -glücklicher Zufall! Ach, wie langsam doch dieser elende Wagen fährt! Das -Material wächst, der Ring schließt sich -- wir arbeiten Tag und Nacht -- -mein Chef wird einen hohen Orden bekommen -- und auch ich vielleicht, -vielleicht sogar das Eiserne Kreuz, er machte Andeutungen, mein Chef -. . .« - -Plötzlich brach Kunze ab und zog rasch den Kopf zurück. - -»Pst, pst« -- machte er, und deutete mit dem langen, dünnen Finger auf -die Straße. »Aber sehen Sie doch, wer da eben aus der Elektrischen -steigt! Sehen Sie doch! Wie? Wie? Unglaublich -- Fräulein v. Hecht!« - -Es war in der Tat Ruth. Sie sprang rasch aus dem Wagen und suchte ihren -Weg durch die Menge. Schon war sie verschwunden. - -»Haben Sie sie gesehen? Berlin ist eine so große Stadt, aber man sieht -immer wieder die gleichen Leute. Machen Sie einmal den Versuch, fassen -Sie eine bestimmte Person ins Auge -- wo Sie auch hinkommen, da ist sie, -ich wette mit Ihnen, was Sie wollen. Was hat nun, frage ich Sie, eine -solch feine Dame hier in diesem Stadtviertel zu tun? Wie, wie? Wenn man -es nicht wüßte! Bald wird sie wohl nicht mehr hierherkommen, oder? Mein -Chef ist in bezug auf diese Dame etwas unruhig -- nun, verstehen Sie, -die Tochter eines hohen Vorgesetzten -- aber auch das wird sich ja alles -finden. He, Kutscher, fahren Sie doch etwas rascher!« - - -7 - -Mit einem kleinen Paket unter dem Arm kam Ackermann durch den -Tiergarten. Es war noch hell, Sonne, Tag. Wie gewöhnlich suchte er -verlassene Wege auf. Er kam vom Dienst und war auf dem Wege nach Hause, -wo man ihn erwartete. - -Ja, schon sammelten sie sich, ohne Zweifel! In England, Amerika, -Italien, Frankreich, Deutschland, Osterreich, Ungarn -- überall in der -Welt -- die Brüder! Nur ein Blinder sah die Zeichen nicht, nur ein -Tauber hörte nicht die Stimmen! Nur ein Tauber . . . - -In den Zeitungen, zwischen den Zeilen -- in Broschüren, Aufsätzen, -Büchern, überall Zeichen, die darauf hinwiesen. Überall diese Stimmen! -Trotz der Scharen von Zensoren und Agenten, die ausgesandt waren, die -Wahrheit zu erwürgen, so wie Herodes die Kinder von Bethlehem erwürgen -ließ, nur aus Furcht, weil er vernommen hatte . . . ah, ah -- sein -Morden war vergebens. - -Die Gefängnisse sind überfüllt, hier und überall. Arme, betörte Sklaven -bewachen ihre eigenen Befreier! Zu Hunderten werden sie füsiliert, hier -und überall. Arme Verführte ermorden ihre Brüder. Aber -- _der Gedanke -lebt!_ Die Mauern werden fallen -- in der ganzen Welt -- der Gedanke -wird sie stürzen, der Gedanke, der war, bevor die Menschen waren. Der -Gedanke, den man ans Kreuz schlug, folterte, mit Steinen beschwert ins -Meer versenkte, mit geschmolzenem Blei übergoß, den die Gesandten des -Satans zu töten versuchten auf hunderttausend Arten -- und der immer -wieder auferstand. Weltreiche stürzten, aber er lebt. - -Und die Brüder werden einherschreiten -- sie, die Heißen, die -Sehnsüchtigen, die Wollenden. - -Und auch ich, auch ich, Ackermann, werde bemüht sein, mich ihrer würdig -zu zeigen. - -Zu Ende der Dienst, zu Ende! Er hatte Schluß gemacht. - -Sie würden ihn nicht mehr sehen. - -Monatelang hatte er gerungen, in den letzten Wochen mit Schweiß auf der -Stirn -- der Gedanke siegte. Er war entschlossen . . . - -Unter dem Arm trug er, in eine alte Zeitung eingewickelt, seinen -Drillichkittel, wie ihn die Schreiber in den militärischen Amtsstuben -anhaben. Er nahm ihn heute mit nach Hause. Zum Zeichen, daß er nicht -zurückkehrte. Die Kameraden hatten die Frage an ihn gerichtet, weshalb -er den Kittel einpacke. »Ich mache Schluß!« antwortete er. Aber sie -lachten, wie sollten sie es verstehen? - -Nun, wohl: sollte man mit ihm machen, was man wollte. -- - -Ja, dahinschreiten werden die Brüder, und auf dem blutigen Schutt dieser -armen Erde werden sie eine neue Welt errichten! Schleift die Kasernen, -werden sie rufen, zerbrecht sie, schleift sie! Ihr Gestank verpestet -Europa und die Erde. Schleift sie und steckt sie in Brand! Sie, die -Brutstätten der Sklaven und Sklavenvögte. Täglich schänden sie -millionenfach die menschliche Würde, Millionen von Sklaven, -Hunderttausende von Sklavenvögten, die die Peitsche schwingen, brüten -die Verruchten jährlich in Europa aus. In die fernsten Dörfer, Steppen -und Wälder senden sie versklavte und geschändete Gehirne, in denen der -unschuldige und reine Gedanke des Göttlichen vernichtet wurde. Ämter, -Schulen, Kirchen, Fabriken, Werkstätten und das weite Land überschwemmen -sie mit Sklavenvögten, verdorben und blind vom Dünkel, so daß sie den -Bruder in ihrem Nächsten nicht mehr zu erkennen vermögen! - -Schleift sie, verbrennt sie! - -Zerbrecht die Kriegsschiffe der Piraten, deren Kanonen den Erdball in -Schrecken halten, zerbrecht sie! - -Schleift sie -- werden sie rufen! -- die Zeitungspaläste, errichtet von -den Mächtigen und Reichen der Erde zur Verbreitung von Lüge und Betrug, -zur Vergiftung und Verführung der Nationen. - -Schleift sie und verbrennt sie! - -Reinigt Schulen und Kirchen, wo unschuldige Kinder und reine Seelen -betrogen werden. Reinigt die Tempel, hinaus mit den falschen Priestern, -die den Namen des Erlösers auf den Lippen führen und den Mord der -Nationen predigen. Hinaus, hinaus! - -Hinaus, hinaus mit den eitlen Advokaten, den hartherzigen Greifen, den -selbstgefälligen Narren, die mit den Schicksalen der Völker spielen, -hinaus mit ihnen! - -Es wird Zeit, ihr Brüder, daß die Welt genese! - -Zerbrecht und schleift die Zwingburgen des Goldes, Tempel der Habgier, -Kerker der Freiheit und des Glückes aller Völker des Erdballs. Zerbrecht -die Mauern aus Stahl und Eisenbeton, wo die Plünderer ihre Schätze gegen -die Diebe verwahren! Zerbrecht sie! - -Ihre Stimme wird erschallen wie der Donner -- und nicht mehr untergehen! - -Ach, in dieser Stunde, schwärzeste Mitternacht der Völker, wird sie noch -verschlungen vom Lärm der Kanonen . . . - -Plötzlich aber stockte Ackermanns Schritt. Mit offenem Munde stand er -still. - -Aus der Stille des Parkes war er, versunken in seinen Gedanken, -unvermutet in das blendende Sonnenlicht und das Gewimmel der Menge -getreten. - -Die Menschen schrien, schwangen die Hüte, eilten -- Flaggen wehten über -den Linden, Flaggen in allen Farben, allen Größen, flatterten lustig und -heiter im herrlichen, seidigen Blau des Himmels. - - * * * * * - -Die Stadt hatte geflaggt. Siege, Siege! - -Wie die Sturmflut war das Heer vorgebrochen, wenn die Dämme gerissen -sind -- ganz wie der General es prophezeit hatte. Hunderte von -Geschützen, Tausende, Zehntausende von Gefangenen -- eine Batterie -trabte über die Linden. Der Kaiser hatte befohlen, »Viktoria zu -schießen«. - -Die Stimmen schwirrten, Jubel fuhr dahin über die Millionenstadt. -Unaufhörlich mahlten die Drehtüren der großen Hotels fröhliche Gesichter -hinein und heraus. Die Foyers der Hotels waren überfüllt, schon sah man -Frühlingskleider der Damen, während andere noch Pelze trugen. Die -Kellner schleppten die silbernen Tabletten, die Kapellen musizierten. -Freude erhellte die Mienen. - -Ja, wunderbar war diese herrliche Armee, prachtvoll diese Burschen, die -kämpften und starben, wie in den ersten Tagen des Krieges, als sei der -Tod ein Scherz. - -Und diese Führung: unübertrefflich! - -Zehntausende von Gefangenen -- immer mehr, mit jeder Stunde -- die Beute -unübersehbar -- unübersehbar . . . - -Oben auf dem Brandenburger Tor trieb die Viktoria ihr Viergespann mit -siegesgewissem Lächeln vorwärts. - -Fontänen von Extrablättern stiegen über den Linden in die Höhe. Die -Menschen ballten sich zu Knäueln, sie setzten ihr Leben ein, nur um ein -Zeitungsblatt zu erhaschen, ganz wie die prachtvollen Burschen an der -Front, die durch zischende Eisenstücke sprangen. Schirme wurden -zerbrochen, die Damen verloren die Absätze von ihren Schuhen, und die -Taschendiebe griffen ohne jede Rücksicht einfach in die Taschen. - -Und die Batterie, vier alte Kanonen aus dem Siebziger Kriege, trabte -vorbei -- Viktoria . . . - -Das Hauptquartier schwimmt in Wonne -- die englische Armee vernichtet -. . . - -Furchtbar war dieser Winter gewesen, über alle Maßen furchtbar! -Unerträglich das Sterben ringsum, draußen und in der Heimat. Das -Sterben, das sich sonst in gesitteten Formen vollzog, es war in Panik -ausgeartet. Die Freunde starben, die Dienstboten, die Kutscher fielen -von den Kutschböcken, auf der Straße starben die Unglücklichen, man -sagte einem Gesunden »Gute Nacht«, und am Morgen hustete er ein paarmal, -und schon war er tot. Unerträglich, unerträglich, Tag für Tag zwischen -diesen wandelnden gelben und grünen Leichen einherzugehen, diesen -Gezeichneten, mit dem Kuß der Verwesung auf der Stirn, selbst solch eine -wandelnde grüne und gelbe Leiche, selbst ein Gezeichneter! Unerträglich! - -Und die Kinder! Nein, sprechen wir nicht von ihnen, diesen kleinen -Gekreuzigten. Haben wir Mitleid! Geboren als Krüppel, mit weichen -Knochen, gummiweichen Schädeln, ohne Nägel -- und sie starben, siechten -dahin an den welken Brüsten verzweifelt weinender Mütter, auch aus den -Häusern der wohlhabenden Bürger wurden die kleinen, rührenden Särge -getragen. Zu Tausenden und Hunderttausenden gingen sie dahin, ein Strom, -Tag und Nacht. Ja, so weit war es gekommen, ohne Übertreibung, wenn auch -die Zeitungen nichts darüber schreiben durften, es war England gelungen, -zugestanden. Die Sache mit dem Burenkrieg seinerzeit war nur ein -harmloses Vorspiel gewesen. Gelungen, zugestanden. Hütet euch, ihr -Völker der Erde, seid gewarnt! Fordert nicht Englands Zorn heraus, sein -Blick tötet die Frucht eurer Weiber im Mutterleibe. - -Unerträglich, völlig unerträglich war das ganze Dasein geworden -- und -jetzt, war es nicht wie ein Schimmer von Hoffnung? - -Vielleicht, vielleicht doch! - -Vielleicht würde es zu Ende gehen? Vielleicht . . . - -Alles war zum Einsatz hingegeben: Väter und Söhne, Ernährer, Stützen des -Alters, Hoffnung, Glück und Sinn des Lebens, Ehre, die Zukunft des -ganzen Volkes, Gesundheit, Vermögen, Vieh, Pferde, die Glocken aus den -Kirchen, die Kochtöpfe aus den Küchen -- und ein Geschlecht von -Neugeborenen -- alles, auch das Gehirn unter der Schädeldecke -- -vielleicht, vielleicht . . . Die Generale hatten den Wurf getan, die -Kugel hüpfte über die glücklichen Nummern -- vielleicht . . . - -Wie gefangene Tiere hinter den Gitterstäben tigerten die Millionen an -den Eisenstäben ihres Käfigs entlang und witterten hinaus. Es roch nach -Befreiung -- nicht wahr? Einst hatten ihre Nerven die Erde umspannt, sie -waren durchgeschnitten worden und wimmerten. Einst waren sie Menschen, -hoffärtig und voller Fehler, aber doch Menschen, jetzt waren sie -gefangene Tiere geworden, Verworfene, Verbrecher, Parias, bespien und -beschmutzt, Tag und Nacht, vier Jahre lang. Die Luft selbst, die sie in -ihrem Käfig atmeten, war vergiftet. Hatte man nicht behauptet, daß sie -Fett aus Leichen kochten -- hatte man nicht . . . Aufs Rad geflochten -und über langsamem Feuer geröstet. Unbeschützt von einer Rotte von -Unfähigen, die in ihren Ämtern schlummerten, die Fingernägel polierten -und erhaben waren, erhaben -- einfach erhaben. - -Die Gewaltigen, die Angebeteten und Vergötterten, sie würden gewiß alles -bis ins Kleinste berechnet und beachtet haben, bevor sie sich -entschlossen, alles hinzuwerfen -- auch das Gehirn unter der -Schädeldecke -- und die letzte halbe Million zur Schlachtbank führten. - -Vielleicht, vielleicht -- - -Komme, gebenedeiter Tag! - -Die Zeitungsfrauen entflohen, die alten Männer, die Zeitungen -feilhielten -- sie entflohen -- sie jagten die Linden hinunter -- -verfolgt von der Meute. An der Ecke Linden-Friedrichstraße weinte eine -Zeitungsfrau, man hatte sie gänzlich ausgeplündert, ohne ans Bezahlen zu -denken. - -Siebzig Millionen strichen wie Irrsinnige an den Gitterstäben entlang -- -und die Armee hatte einen Ausfall gewagt, einen glückverheißenden -Ausfall. - -Verheißungsvoll flatterten die Flaggen im seidigen Blau des Himmels. -Hell funkelte die goldene Göttin auf der Siegessäule. - -Die Riesenstadt erbebte bis in die entlegensten Vororte. Überall -flatterten die Zeitungsblätter. Die Kolonnen der gelben Gesichter selbst -belebte die Hoffnung. Die Bewegungen der Erschöpften und Ermüdeten in -den Werkstätten wurden rascher. Verheißungsvoll zischte der Dampf, -blitzten die Räder. - -Selbst in den Augen jener, über die bereits die Agonie ihre Schatten -breitete, in den Augen der Verzweifelten, Hungernden, Verhungernden, -Sterbenden ersprühte eine leise Hoffnung, der letzte Funke. - -Ja, komme, du gebenedeiter Tag! - -Aber horch! Was ist das? - -Ein Geschrei wie von tausend gemarterten Kindern, ein Geheul wie von -tausend gemarterten Hunden -- nichts, nein, nichts, es ist nur eine -Regimentskapelle, die in die Linden einbiegt. Sie spielt nicht -erstklassig, Bucklige, Lahme, Greise -- was willst du? -- und eben -feuert auch die Batterie aus dem Siebziger Krieg Viktoria. - -Über den Linden brummt ein Riesenflugzeug, zehn Menschen sind an Bord. -Wer sollte es ahnen? Es ist immerhin noch einiges im Lande, nicht viel, -aber noch einiges: zum Beispiel die Haare der Frauen für Seile und -Webwaren, das Gold in den Gebissen. Die Generale und Gamaschenträger -werden nicht zögern. - - -8 - -Plötzlich leuchtet ein helles Rot durch die Menge, das weithin blendende -Rot eines Mantelaufschlages. - -Ein Gesicht, rosig angehaucht wie ein Steingebirge beim Ausgang der -Sonne, wandelt die Linden einher. - -Die Spaziergänger bleiben neugierig stehen. Einer von jenen, die Gut und -Blut der Nation in den Händen halten! Ehrfürchtig lüften sich die Hüte, -die Augen glänzen. - -Es hätte nicht viel gefehlt, und man hätte dem General, der mit Otto die -Linden entlangging, eine Ovation dargebracht, obgleich er an den -Zehntausenden von Gefangenen gänzlich unschuldig war. Der General hob -die Hand zum Gruße. Er nahm diese Äußerung der Begeisterung mit Würde -und Bescheidenheit entgegen. Sie galt selbstverständlich nicht ihm, sie -galt der unvergleichlichen Armee, sie galt den Begnadeten, Angebeteten -und Vergötterten, die jetzt, in diesem Augenblick, das hohe Spiel -spielten -- da draußen . . . - -Die Miene des Generals war verschlossen und gesammelt wie immer. -Trotzdem ein großer, ja ein auffallender Unterschied! Während sich sonst -der Blick in die grauen Augenhöhlen verkroch -- selten nur, höchst -selten bot der General seine Augen den neugierigen, zudringlichen -Blicken der Mitmenschen dar -- standen heute die Augen offen und -blendeten. Ihr Blick war erwärmt, wie wenn die Sonne das Eis leckt. -Zufriedenheit leuchtete in der Tiefe und Triumph, ein stiller, -zurückgedämmter Triumph. Und zudem ging der General zu Fuß, was nur in -äußerst seltenen Fällen vorkam. Zuweilen ließ er sich von Schwerdtfeger -in eine entlegene Allee des Tiergartens fahren, um einige Minuten -spazierenzugehen, immer hin und her, die Hände auf dem Rücken, höchstens -eine Viertelstunde. Manchmal legte er auch den Weg von Dora nach Hause -zu Fuß zurück, wenn es spät wurde. Aber das waren, wie gesagt, -Ausnahmen. - -Er hatte Schwerdtfeger vor dem Brandenburger Tore halten lassen und -beschlossen, den Weg bis zu Stifters Diele zu Fuß zurückzulegen. Zur -großen Genugtuung Ottos, der, seit acht Tagen aus dem Lazarett entlassen -und den ganzen Tag in einem Kriegsamt tätig, das Gewimmel der Menschen -liebte. - -»Diese Menschen!« sagte der General. - -Und erst an jenem Tage, wie da die Linden von Menschen wimmeln würden -- -an jenem Tage! Kopf an Kopf, an den Fenstern und auf den Balkonen, -schwarz die Dächer, die Luft erfüllt von Fliegern und Luftkreuzern. -Triumphpforten, die ganzen Linden entlang, Musik -- und der Schritt der -siegreichen Armee, die in die Heimat zurückkehrte, dröhnend vom -Morgengrauen bis zum Sinken der Sonne -- jenes Dröhnen, unter dem die -Welt erbebt war. Die Fahnen geschmückt mit Lorbeer . . . - -Niemals konnte der General das Brandenburger Tor passieren, ohne daß die -Vision des heimkehrenden Heeres vor ihm aufstieg. Heute aber hörte er in -der Tat das Dröhnen der Schritte, heute sah er die bekränzten Kanonen -zwischen den schwarzen Menschenmauern rollen. Diese wunderbaren, -schweigenden Rohre, die so herrlich ihre Pflicht getan hatten! Das -Geschrei der jubelnden Menge, Tücherwinken auf den Tribünen -- gab es -etwas Ergreifendes für ihn, etwas wirklich Ergreifendes, so war es -dieser Gedanke. Ohne Zweifel, es würde der glücklichste Tag seines -Lebens werden! - -Unverkennbar, die Ähnlichkeit der beiden! Dieselben breiten Gesichter, -beim Alten grau im Unterton, mit einem dünnen Anflug von Rot darüber, -beim Jungen bleich, mit dem satteren Rot der Jugend auf den Lippen. -Dieselben Augen, kühn und nachdenklich beim Alten, verwegen und -leichtsinnig beim Jungen. - -Der Alte mit einem sonderbaren Kreuz zwischen den roten Aufschlägen, der -Junge die Brust mit Auszeichnungen übersät, eine Narbe an der Stirn, und -die linke Hand steif in einem schwarzen Handschuh, verwundet, offenbar. -Beide groß, massig. - -Otto versuchte, mit dem Vater Schritt zu halten. Das war nicht so -einfach. Denn die Schritte des Generals waren unregelmäßig, und zuweilen -schwankte er auch, unmerklich. Er war das Gehen nicht gewöhnt, von -Gedanken erfüllt, die seinen Gang beeinflußten. - -Der Blick des Generals war voller Ruhe in die Weite gerichtet -- Ottos -Blick dagegen flog blitzschnell hin und her. Die langen Wochen im -Lazarett, vergessen und vorbei. Das letztemal, Gott sei Dank! Er hatte -es ausgerechnet, ein volles Jahr, zwölf volle Monate lag er während des -Krieges im Lazarett. Vier volle Monate mit diesem verdammten Kopfschuß, -einen Monat mit der Ruhr, zwei Monate mit einer niedlichen Gasvergiftung -und so weiter -- und schließlich diese Kleinigkeit mit der Hand. Die -nette Schwester hatte ihm ja den Aufenthalt im Lazarett so angenehm wie -möglich gemacht, trotzdem, sein Bedarf war reichlich gedeckt. - -Nein, Otto sah keine bekränzten Kanonen, fiel ihm gar nicht ein, er sah -nur -- Frauen! Drei Jahre Front, nur Männer, pfui! -- ein Jahr Lazarett --- ja also nichts anderes. Über jede gutgekleidete, junge Frau, mit -anderen beschäftigte er sich überhaupt nicht, zuckte sein verwegenes -Auge. Kein Knöchel, kein Schuh, keine Hüfte, keine Locke entging ihm. -Jene Kleine, zum Beispiel, Dutzendware! Jene Kleine aber, unscheinbar, -voller Geheimnisse. Jene dunkle, die das Auge sofort unter dem Blick -erweiterte -- lüstern! Aber jene Schüchterne, Blasse, die dem Blick -augenblicklich auswich -- gepeinigt von entsetzlichen Wünschen. Sie -verstand augenblicklich. - -Die Augen der Frauen sprühten auf, zuckten zusammen, verbargen sich. -Manche umschmeichelte Otto weich und schwärmerisch, anderen fuhr sein -Blick wie ein Dolch in die Augen, brutal und unzweideutig. Er behandelte -sie individuell, ganz wie er sie einschätzte. Viele erröteten unter dem -frechen Blick des unverschämten Offiziers. Aber Ottos Eitelkeit deutete -die Schamröte völlig falsch. - -Dieser Nacken, dieses Schenkelpaar und jenes herrliche, volle Wiegen der -Hüfte -- drei Jahre Front und ein Jahr Lazarett hatten den Sohn des -Generals völlig zerstört. - -Ja, das war das Leben, und er gedachte seine Zähne in dieses Leben zu -schlagen, wie ein Tiger sein Gebiß in die Gazelle schlägt, er gedachte -mit beiden Händen darin zu wühlen, wie in blutigem Fleisch. Sein Gehirn -war angefüllt mit weiblichen Körpern, weiblichen Linien, Schwellungen, -Frauenlippen, Frauenhaaren, gestammelten Worten, Schreien. Ja, Tag und -Nacht wollte er dieses Leben an sich reißen, jede Minute, die der Dienst -frei ließ. Er wollte sie nachholen, diese vier elend vergeudeten Jahre. -Tag um Tag -- - -Keine zehn Pferde würden mehr imstande sein, ihn wieder zur Front, ins -Feuer zurückzubringen. Alles, die Hölle, wenn du willst, nur nicht ein -Ort, wo scharf geschossen wurde! Schon der Gedanke -- und doch, früher -hatte er sich oft danach gesehnt, die Sprengstücke pfeifen zu hören. Oft -hatte er sich dem Feuer absichtlich ausgesetzt, unverständliche, -perverse Laune -- und die Geschosse peitschten dicht an seinem Ohr -vorbei! -- unbegreiflich! - -Und seine Eitelkeiten -- wie lächerlich waren sie doch! Wie -unverständlich. Um in der Heimat von ein paar Gänsen bewundert zu -werden! Was galten ihm jetzt die Ordensauszeichnungen? - -Nein, um offen zu sein, auf den Heldentod legte er keinen Wert mehr! -Welch erbärmlicher Schwindel war es doch: süß ist es und ehrenvoll für -das Vaterland zu sterben! Nur noch Gymnasiasten glaubten es, oder Leute, -die nie den schrecklichen Tod da draußen erblickt hatten. Heute wußte -er, daß es nichts als verlogene Phrasen waren, mit denen -nationalistische Redner und Redakteure, die sich selbst in Sicherheit -befanden, andere ins Gemetzel hetzten. Überlassen wir das Heldentum den -Stierkämpfern, die dafür bezahlt werden, hatte Ströbel einmal zu ihm -gesagt -- und er hatte ihn deswegen verachtet. Jetzt aber begriff er -ihn. - -Ja, er hatte sich sehr geändert, Otto! - -Er begriff kaum mehr sein Denken und Tun, das nur ein Jahr zurücklag. -War er es wirklich gewesen? - -Zum Beispiel, als er seinerzeit bei Langemarck den schwerverwundeten -französischen Offizier in den Graben holte! Holte, ganz einfach holte, -und auf alle Metallstücke pfiff, die sich mit fünfhundert oder tausend -Metern in der Sekunde vorwärts bewegten. Nein, heute würde er, Otto, bei -Gott niemand mehr hereinholen -- nicht einmal seinen Vater -- höchstens -ein schönes, junges Mädchen, und sie nur unter bestimmten Bedingungen. - -Der Sohn des Generals war heute nichts anderes mehr als ein Schamloser, -offen gesagt. Keck und herausfordernd schritt er neben dem General -einher, jeden einzelnen der bewundernden Blicke genießend, die sich auf -seine glitzernden Sterne und Auszeichnungen hefteten. Der Mensch -spiegelt sich im Menschen. Wie alle Armeen, spekulierte auch die -deutsche auf den armseligsten Instinkt des Menschen, die Eitelkeit. Otto -hatte absichtlich den Mantel zu Hause gelassen, obschon es noch -keineswegs warm war. - -»Ha!« lachte der General vor sich hin. - -»Wie, bitte, Papa?« - -»Diese Menschen, sie sind närrisch!« - -Plötzlich errötete Otto. Sein Blick zuckte unruhig, die Narbe an seiner -Schläfe, die von dem Kopfschuß geblieben war, färbte sich rasch und -flüchtig tiefrot. Ein schnelles, vornehmes, offenes Auto rauschte vorbei -und darin saß -- Hedi! - -Hedi -- in einem pompösen Pelz, wehende Federn auf dem Hute -- einen -wollhaarigen, fetten, kleinen Hund auf dem Schoß. - -Sie sah ihn nicht, sie sah überhaupt nicht auf die Straße. Sie saß wie -eine Dame, die es gewöhnt ist, in ihrem Wagen durch die Menge zu gleiten -und nichts mehr dabei findet. - -Es war keine Überraschung mehr für Otto. Vor ein paar Tagen traf er in -einer Teestube Unter den Linden, wo viel Halbwelt verkehrte, die kleine -Saharet, und sie hatte ihm erzählt, daß Hedi Ströbels »Privatsekretärin« -geworden war. Ströbel hatte die Saharet vor die Türe gesetzt, höchst -einfach, ein paar braune Lappen -- und dann war die andere, wie die -Saharet sagte, gekommen. Also Hedi Westphal die Nachfolgerin der -Saharet! War es nicht zum Schießen komisch? Immerhin, Hedi erhob sich -weit über den Durchschnitt all dieser schnatternden Gänse -- aber sie -war kalt, kalt und berechnend, nichts als eine Egoistin. Und nichts war -Otto mehr zuwider als Egoisten. Aber als Privatsekretärin hätte er Hedi -schließlich auch engagiert. Ja, dieser Ströbel! - -Einen einzigen großen Nachteil hatte diese Angelegenheit: er würde -leider gezwungen sein, den Verkehr in Ströbels »Hotel« einzustellen -- -schade, sehr schade. - - -9 - -Sogar bis in Stifters Diele war die Welle der Begeisterung gedrungen. -Man vernahm heute sogar Lachen, das helle Lachen einer Dame, ein sonst -ganz unerhörter Vorgang in Stifters Etablissement. Knall! Schon knallte -es, ganz wie an der Front, wenn die Flieger kamen. Drei, vier Tische -tranken Sekt. - -Man feierte den Sieg, wollte nicht kleinlich sein heute, ein Glas auf -das Wohl der herrlichen Burschen da draußen leeren. Die beiden -Rittmeister, die den General zuweilen irritierten, hatten einen ganzen -Kreis von Freunden geladen, und der raunende Oberkellner schleppte -Flaschen unter beiden Armen. Ein Toast -- und dreimal, gedämpft, aber -begeistert, hurra! Die Kelche klirrten. - -Mit Neid beobachtete Otto die Ausgelassenheit nebenan. Wie gerne wäre er -bei ihnen unten gewesen. Ja, man mußte es ihnen lassen, sie legten ein -ordentliches Tempo vor! Papas Gesellschaft dagegen -- nun Gott sei Dank -war es nur dieser eine Abend. Er hatte es Papa heute nicht abschlagen -können. Schließlich war er ja um zehn Uhr, elf Uhr spätestens frei. Von -elf Uhr an wurde er erwartet. - -Schweigend nahm der General die ersten Gänge ein. Seine Augen waren -geweitet, und der Blick ging in die Ferne. Er dachte an den 4., 5. und -6. August -- damals, Quatre vents! - -Er hörte deutlich das Feuer, das furchtbare Feuer, das damals rings um -ihn tobte -- so, genau so, würde es heute da draußen toben, rollen wie -die Brandung eines höllischen Meeres -- von Horizont zu Horizont. -Krachen, Stampfen, der Himmel stürzt ein, und die Erde klafft in -Spalten. Ja, sie sollen es jetzt nur schmecken, das Gelbkreuz und -Blaukreuz -- diese Unbelehrbaren! Ein Lächeln ohne Erbarmen, voll -grausamen Triumphs, umspielte die blauen Lippen des Generals. - -Deutlich sah der General das rauchende Schlachtfeld vor sich. Aber, was -er nicht sah, das war der kleine, krummbeinige Schneider Hanuschke -- -der seinerzeit, als Ordonnanz, versehentlich in sein Arbeitszimmer -rannte, und den Unwillen Seiner Exzellenz erregte -- dieser Schneider -Hanuschke, mit dem Querschläger zwischen den Mausaugen, der in dieser -Minute, da der General einen Spargel durch die Zähne zog, um sein Leben -lief. Nein, ihn sah er nicht. - -Wie ein Blitz fegte der kleine, krummbeinige Hanuschke über einen -zerwühlten Acker und verschwand in derselben Sekunde in einer Erdspalte, -da der General die ausgesogene Spargelstange auf den Teller legte. - -Man hatte ihn zu den Strippenflickern kommandiert, das heißt sie mußten -die zerstörten Telephonleitungen ausbessern. Eine böse Sache. - -Im gleichen Augenblick knallte es auch schon, und Hanuschke zog den Kopf -ein. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht -- ganz -wie damals, als er das Arbeitszimmer des Generals hinter sich hatte, mit -der gleichen Bewegung -- und schon flitzte er wieder wie das Wetter -selbst über den Acker, und schon stürzte er sich wieder in ein Loch -hinein, diesmal in einen Granattrichter. Dieser Teufel, dieser -verfluchte Teufel, keuchte er und horchte -- (der General goß eben -Fachinger in sein Glas) -- niemals in seinem Leben hatte der Schneider -etwas Derartiges erlebt. Er, er ganz persönlich, wurde von einem -englischen Flieger verfolgt, der ihn für einen Meldeläufer oder Gott -weiß was hielt. Dieser Teufel ging bis auf zehn Meter herunter, erspähte -ihn immer wieder und warf kleine Bomben herab. Er sah deutlich sein -Gesicht, die kleine Bombe in der Hand, selbst den gestutzten kleinen -Schnurrbart über den Zähnen -- dieses Granatloch bot keine genügende -Deckung, und wieder schoß der kleine Schneider dahin -- jenem Wäldchen -zu: erreichte er es, so war er gerettet. Der Schweiß rann ihm in Strömen -übers Gesicht. Solch ein Teufel, ein verfluchter! -- - -Der General zog eine neue Spargelstange durch die Zähne. - -»Und du?« fragte er, ohne Otto anzusehen, nach seiner Gewohnheit. - -»Wie beliebt, Papa?« - -»Und du?« - -»Was soll ich?« - -Der General, in Gedanken, schwieg eine Weile, dann begann er wieder: -»Ich meine -- für dich muß es doch unerträglich sein, nicht an der Front -zu sein -- gerade jetzt?« - -Otto errötete. - -»Jetzt, wo für ein Jahrhundert oder länger der Lauf der Geschichte -bestimmt wird. In vier Wochen vielleicht, sagt der Arzt?« - -»Vier Wochen ist der früheste Termin.« - -»Der früheste --?« der General wiegte bedauernd den Kopf. »Weiß Gott, -wie die Lage in vier Wochen sein wird, wenn es so weitergeht.« - -Nun, Gott mochte es wissen und seine Freude daran haben, ihm, Otto, war -es höchst einerlei. Er glaubte nicht recht daran, diese ganze Sache kam -ihm abenteuerlich im höchsten Maße vor. Er ergriff die Gelegenheit und -brachte dem Vater schonend bei, daß er sich im Westen, in der Nähe -seines neuen Amtes, ein Zimmer gemietet hatte, weil der Dienst schon -morgens um sieben Uhr begann. Die Wahrheit war, daß er sich der -väterlichen Kontrolle entziehen wollte. - -»Der Dienst in erster Linie«, erwiderte der General. Er hielt inne. - -Am Nebentisch wurde ein neuer Toast ausgebracht. Drei kurze Hurras, -schon etwas lauter: der Kaiser! - -Der Takt gebot, während des Toastes zu schweigen. -- - -Aber Hanuschke, der Schneider Hanuschke? Was ist mit ihm? - -Der kleine, krummbeinige Schneider fegte immer noch über das Feld, dem -rettenden Wäldchen entgegen. Sein Hemd, soweit man von einem Hemd reden -konnte, klebte naß an seinem Körper. Hatte man je während dieses ganzen -Weltkrieges davon gehört, daß man einzelne Leute mit Flugzeugen jagte? -Über diesem Wäldchen zerplatzten Schrapnelle, gelbe und graue Spinnen, -aber das war schließlich das Paradies gegen diesen englischen -Doppeldecker. Seine zerfetzten Hosen klebten an den Schenkeln. Er setzte -über einen gefallenen deutschen Artilleristen, der mit aufgeschlitztem -Hals dalag, hinweg -- schon brauste das Brummen wieder hinter ihm her. -Da aber schrie Hanuschke vor Entsetzen auf. Der Engländer mit seinem -gestutzten, kleinen Schnurrbart schien jetzt aufs Ganze zu gehen. Er -flog dicht über dem Boden, und schien es darauf anzulegen, ihn zu -überfahren. Er hatte neulich gesehen, wie ein deutscher Beobachter mit -dem Fallschirm aus einem Fesselballon absprang, den ein feindlicher -Flieger in Brand schoß. Sollte man es für möglich halten: der feindliche -Flieger kam zurück und schoß auf den mit dem Fallschirm abstürzenden -Beobachter, der verzweifelt mit den Beinen ruderte. Das sah komisch aus, -wie er in der Luft ruderte, und er, mit anderen Kameraden, hatte laut -aufgelacht -- aber diese Sache war nicht zum Lachen. Im Gegenteil, dem -Schneider passierte etwas, was ihm seit dem ersten Gefecht nicht -passiert war. Im letzten Augenblick warf er sich zu Boden, und die -Maschine rauschte über ihn hinweg. In voller Geschwindigkeit stießen die -Räder auf den Boden, daß der Staub aufwirbelte, und die Maschine wie ein -Ball geworfen wurde. Sollte er verrecken, der Teufel! Aber der Teufel -kletterte in die Höhe und drehte wieder um. In seiner Verzweiflung lief -der kleine Schneider ihm entgegen, durch, krach, aber durch, Glück mußte -man haben. Wirbelnd wie eine Windmühle, mit Beinen und Armen fegte er -dem Wäldchen zu. Plötzlich aber versank buchstäblich der Boden vor -seinen Füßen. Er stürzte und wurde von einer Welle von Erde zugedeckt. -Er rang nach Luft, übergab sich und machte sich bleich und völlig -kraftlos von der Erde frei. Etwas ganz Unerwartetes war geschehen, -etwas, womit er gar nicht gerechnet hatte: eine Granate hatte -eingeschlagen. - -Zitternd taumelte er vorwärts, keine Kraft mehr. Sein Gesicht blutete. - -Zwanzig Schritte noch, zehn Schritte -- da war er. - -Dampfend warf er sich unter die Bäume und weinte. Es war kein geringer -Schreck gewesen. Und er dachte an den Volltreffer seinerzeit -- bei -Souchez -- wie der Feldstecher neben ihm herunterkam -- und er dachte, -daß er einmal anstatt ins Zimmer Nummer 6, ins Zimmer Nummer 7 lief und -plötzlich einem General gegenüberstand. Hätte er diese Dummheit nicht -begangen, damals, wer weiß, ob er nicht heute noch gemütlich in Berlin -säße? - -Ja, er weinte, aus nervöser Erschöpfung, aus keinem anderen Grunde, denn -die platzenden Schrapnelle, die Batterien suchten, störten ihn nicht im -geringsten. -- - -Gerade als der General bei dem gefüllten Pfannkuchen angekommen war, war -Hanuschke in seinem Wäldchen verschwunden. - -Der General handhabte einen Zahnstocher. - -Sein Blick ging, etwas düster, über die Tischgesellschaft der beiden -Rittmeister hinweg. - -»Ruth macht mir Sorge!« sagte er. - -»Ruth?« - -»Ja. Sie macht mir Sorge!« - -»Aber dieser Dietz war ja auch nichts für sie, Papa. Ein oberflächlicher -Mensch.« - -»Oberflächlicher Mensch?« Voller Erstaunen blickte der General Otto an. - -»Ja, gewiß. Herzlich oberflächlich, Papa.« - -Der General schüttelte den Kopf. - -»Das ist es nicht . . .« Und er versank in Nachdenken. Nun, Otto konnte -sich wohl denken, was es war! Ruth war wahrscheinlich unvorsichtig genug -gewesen, es sah ihr ähnlich, vor Papa ihre Anschauungen auszupacken. -Otto hatte sich nie viel um Ruth bekümmert, wie es in ihrer Familie von -jeher üblich war, jeder lebte für sich. Aber in letzter Zeit sprach er -häufig mit ihr. Er trank sogar einmal Tee in ihrem kleinen Salon, -immerhin eine Leistung für einen Bruder. Seit er aber mit Ruth über Tod -und Teufel, wie er es nannte, gesprochen hatte, hielt er Ruth für einen -der vernünftigsten Menschen seines ganzen Bekanntenkreises, von der -Verwandtschaft gar nicht zu sprechen. Sie hatte sich ihr Urteil über die -verschiedensten Dinge gebildet -- er wollte nur so viel sagen -- noch -vor einem halben Jahr hätte er sie für völlig verrückt gehalten. In -mancher Beziehung allerdings schien es sogar ihm, daß ihre Ansichten -- -besonders für eine Dame, eine Dame -- kein Wunder -- der arme Papa! - -Er forschte nicht weiter, und der General schwieg. - -Eine blaue Flamme hypnotisierte Otto, sie tanzte mitten auf dem Tisch -der Gesellschaft nebenan. Es war eine »Feuerzange«, eine hochprozentige -Bowle. Ja, wie gerne wäre Otto hinabgestiegen. - -Ganz ohne jeden Übergang begann der General plötzlich über die Regierung -zu sprechen, deren Unfähigkeit klar zutage trat, wohin sollte es führen? -Und der Kaiser? Nur sie allein, jene Männer, die die Armee von Sieg zu -Sieg führten, waren imstande, den Frieden zu machen. - -Es entging dem General völlig, daß die Gäste des stillen Restaurants in -diesem Augenblick von einer eigentümlichen Erregung ergriffen wurden. -Erst als alle Köpfe sich nach einer bestimmten Richtung drehten, wurde -auch Otto aufmerksam. Irgend etwas wie ein großer Hund schien über die -Teppiche des Restaurants zu schleichen, und die Gäste mit Unbehagen, ja -Grauen zu erfüllen. Einige runzelten die Stirne, die Brauen der Damen -waren entsetzt hochgezogen. Am Tisch der Rittmeister stockte plötzlich -die Unterhaltung. - -Es war indessen kein Hund, der über die dicken Perserteppiche von -Stifters Diele kroch, sondern ein Mensch, ein Soldat in Feldgrau, der -sich auf zwei kurzen Krückstöcken dahinschleppte und seine gelähmten -Beine hinter sich herschleifte, während schreckliche Zuckungen seinen -Körper schüttelten. Auf seinem Kopf saß eine kleine graue Feldmütze, und -erst an der Mütze erkannte Otto, daß der Krüppel ein Soldat war. -Unerhört, dachte er, einen solchen Menschen auf die Öffentlichkeit -loszulassen! - -Die Gewandtheit des Oberkellners half den Gästen über die peinliche -Szene rasch hinweg. Es gelang ihm, das menschliche Gespenst, das direkt -aus den Schützengräben in Stifters Diele gekrochen kam, mit seinem -raunenden Gebrummel zum Umkehren zu bewegen. - -Die Gäste atmeten auf. Sofort setzte am Tisch der Rittmeister wieder die -fröhliche Unterhaltung ein. - -Der General hatte in seiner Nische von dem ganzen Vorfall nicht das -geringste bemerkt. Während aber der Oberkellner die Türe öffnete, um den -Unglücklichen hinauszulassen, drang das feierliche Läuten der Glocken -herein, die den Sieg einläuteten. - -Da ergriff der General das Glas und erhob sich. - -»Unser Vaterland, Otto!« sagte er. - -Und Otto sah, zu seiner größten Überraschung, daß die Augen des Generals -feucht schimmerten. Nie in seinem Leben hätte er das für möglich -gehalten. - -Auch sie wird nicht wenig staunen, wenn ich es ihr erzähle, dachte er. - - -10 - -Schrecklich fiel das Geläute der Glocken in Ackermanns Herz. - -Die Luft, schimmernd über der Riesenstadt, heulte und stöhnte. Die -Todesschreie von Tausenden, Jammern und Röcheln, Klagen der Witwen und -Gewinsel der kleinen Waisen, die nicht wissen, weshalb sie schrein -. . . Wie riesige Mäuler voll Blut schwangen die ehernen Glocken über -der Stadt und erbrachen Entsetzen über die Dächer. - -Wenn du noch an Gott glaubst, so knie nieder . . . - -Er hatte sie gesehen -- nicht sie -- die die Hüte schwangen! -- hatte -sie gesehen -- die Felder, über die der Sturm ging. Allmächtiger! Gnade, -Gnade in deinem Zorn! Da liegt er -- Ebenbild Gottes, Sohn einer Mutter, -in Schmerzen geboren, in Sorgen großgezogen -- er ist tot -- er wird -sterben -- er stirbt -- Da liegt er wieder -- -- und hier, hier, Stücke, -Fetzen -- er ist dahin . . . - -Grau war Ackermanns Gesicht. - -Grüppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich gegenseitig stützen, -immer wieder fallen, und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie -hinweg -- Unglückliche, die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht -gnädig ist. Und die Verbandplätze, wo die Ärzte mit schweißigen, stieren -Augen arbeiten -- und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie weg -. . . - -Sonderbarerweise fiel ihm in diesem Augenblick ein längst vergessenes -Erlebnis ein. Das Regiment hatte gestürmt. Über einem zerschossenen -englischen Graben lag, das Haupt zurückgebogen, ein toter Inder. Schön -und edel, den Adel seiner tausendfach geschändeten und vergewaltigten -Rasse in den Zügen. Und -- was denkst du? -- die schweißnassen, -blutnassen, rauhen Hände der Kameraden, die rauhen Hände von Arbeitern -und Bauern streichelten das Gesicht des toten Inders, während sie -vorübergingen. Streichelten es, einer um den andern. Schön bist du! -- -Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. -- Nun, mein Junge, dich hat es -gepackt! -- Liebkosten ihn -- den _Bruder!_ - -Den Bruder, den Bruder! - -Wie Keulenschläge trieben die Glocken Ackermann vorwärts. Sein -flatternder Mantel flog dahin. - -Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott weiß es! - -Einer mußte den Anfang machen! Einer mußte sich den im Wahnsinn -dahinjagenden Völkermassen entgegenwerfen -- einer mußte das Signal -geben, selbst Signal sein -- einer, einerlei, ob man ihn niederschlug, -in Stücke zerriß. Einer, andere würden folgen, mehr, immer mehr! - -Einer, ja, einer -- - -Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzückung lag auf Ackermanns -Antlitz. - -»Nun wohl, ich bin bereit!« rief er. - -Bereit, bereit? Wozu bereit? - -»Nun bereit, einfach bereit!« - -Es war beschlossen. Seit heute, seit gestern, seit Monaten, seit Jahren. -Es war beschlossen, seit er 1914 bei Langemarck stürmte, und die Reihen -der Kameraden auf rätselhafte Weise dahinsanken. Nun wußte er es. Gott -hatte ihn geprüft und auserwählt. - -Alles war vorbereitet. Die Broschüre war fertig. Richard, sein jüngerer -Bruder, würde sie wie anderes früher in der Provinz drucken lassen -- -die Freunde würden sie vertreiben. Die Mutter? Sie mußte begreifen. Und -Ruth? Ruth war tapfer. Es war alles in allem nicht die Zeit, an diese -Dinge zu denken. - -»Vorwärts! Vorwärts!« Die Glocken heulten es, die Todesschreie in der -Luft, das Röcheln der Sterbenden, das Jammern der Witwen und Winseln der -armen Waisen -- die Kameraden riefen es ihm zu, über die jetzt, in -dieser Minute, die furchtbare Bahn der Granate hinwegheulte, die -Kameraden, die jetzt mit starren Augen lagen, Freund wie Feind, die -jetzt verbluteten, Freund wie Feind -- alle, alle: vorwärts! - -»Ackermann! Ackermann!« riefen warnende Stimmen in der Luft. - -Er blieb stehen und warf die Blicke empor zu den unbekannten Stimmen in -der Luft. - -»Ackermann! Ackermann!« - -»Bereit -- bereit!« rief Ackermann und eilte weiter. - - -11 - -Im Augenblick hatte der schmächtige junge Mann die Fenster geöffnet und -die Rolladen hochgezogen. Es sah aus, als sei Kunze soeben von der Reise -zurückgekehrt und nehme seine Wohnung in der Blücherstraße wieder in -Besitz. Eine Schicht von Staub und Sonne lag über den Dächern draußen, -und feierlich brodelte darin das Läuten der Glocken. - -»So, so -- immer hereinspaziert!« - -Zögernd schob sich der kleine Herr Herbst über die Schwelle. Es mußte ja -sein, es gab kein Entrinnen mehr vor dem jungen Mann mit dem Kneifer. -- -Ein Block von Licht brach in die dunkle Wohnung, und er schloß, wie -versengt, die Augen -- aber was half es denn? Nichts. Er hatte ihn ja -doch gesehen, trotzdem, ja ohne hinzublicken: den Haken über der Türe -zum Schlafzimmer. Nur ihn sah er -- nichts sonst -- diesen Haken. - -Ah, ah, ah! - -Ächzend sank er in einen Sessel und krümmte sich zusammen. - -»Nun, sofort, mein verehrter Herr!« rief Kunze etwas keuchend aus. Eine -Schweißperle lief über seine Stirn. Jede körperliche Tätigkeit, auch die -geringste, erschöpfte ihn augenblicklich. »Die Lunge, wissen Sie. -Sofort, sofort zu Ihrer Verfügung.« Fieberhaft kletterten seine raschen -Augen über Möbel und Wände. Er verbarg sein Erstaunen nicht, nein, wozu -denn, vor wem denn? Er staunte -- staunte, mit offenem Munde! - -Die rote Plüschgarnitur des Wohnzimmers, heute allein ein Vermögen wert! -Die Gaskrone mit Glasprismen, der rote Teppich, überall Vasen, Nippes, -goldene Bilderrahmen -- eine kleine Palme in der Ecke, daneben ein -Grammophon. Die Vorhänge und Gardinen kunstvoll drapiert über den -Stangen. Das Schlafzimmer schneeweiß! Und peinliche Ordnung und -Sauberkeit, bis auf den Staub, der sich da und dort angesammelt hatte. - -Alles in allem: ein behagliches Bürgerheim, die Wohnung eines Bürgers in -guten Verhältnissen -- aber _verlassen!_ - -»Und da hausen Sie nun in diesem Loch, in dieser Mietkaserne -- und hier -haben Sie eine prächtige Wohnung!« rief Kunze in äußerstem Erstaunen -aus. - -Herbst entgegnete nichts. Er hatte den steifen Hut aufbehalten und saß -zusammengekrümmt, so daß sein Gesicht nicht zu sehen war. Die schmalen -Schultern in dem abgeschabten, rostfarbenen Havelock zitterten. - -»Ist es zu glauben? Ja eine prächtige Wohnung! Und Sie haben keine Angst -vor Einbrechern? Mein Himmel! Tag und Nacht wird ja jetzt gestohlen in -Berlin. Die Stadt wimmelt von Dieben und Einbrechern. Bataillone, Armeen -von Dieben und Spitzbuben sind an der Arbeit!« - -»Niemand« -- krächzte hier der Havelock -- »kein Einbrecher würde es -wagen. Auf der Schwelle würde er umkehren! Niemand!« - -Kunze lachte laut und belustigt. Er warf den dünnen Überzieher und das -grüne Hütchen auf einen Sessel und schnüffelte von neuem durch die -Wohnung. Er war ganz in seinem Element. Seine kleinen Augen, die stumpf -und dumm hinter den Gläsern aussahen, glänzten vor Begierde. In -Schränke, Schubfächer, Nachttische, sogar hinter Vorhänge steckte er die -spitze Nase. Jedenfalls, das stand fest, jedenfalls würde er sich in den -Besitz dieser Wohnung setzen -- er würde sie einfach für Dienstzwecke -anfordern, ein Federstrich, und hier war er. Man konnte hier die -verwöhntesten Damen empfangen -- und in welch elendem Loch hauste er -doch zurzeit! - -In der Küche streckte er vor Überraschung die Zunge aus dem Munde. -Ahnungslos, ja, ohne überhaupt etwas zu denken, hatte er dieses Spind -geöffnet, und siehe da: Wein, Wein, Flasche an Flasche! Bordeaux, -Burgunder, Mosel, drei, vier Dutzend, und alles Friedensware! Nicht zu -bezahlen heute. Wein, seine Wonne, seine --! Im Nu, völlig automatisch, -hatte er eine Flasche entkorkt. - -Und das Geheimnis dieses kleinen Alten, der dunkle Punkt? Es war ihm -nicht bange. - -»Welche Reichtümer, Herr Herbst!« lachte Kunze, als er mit der Flasche -aus der Küche zurückkam. »Ein sonderbarer Heiliger sind Sie! Nun wollen -wir aber Ihre Heimkehr in Ihre Wohnung feiern. Ich darf eingießen? Nun, -ein Gläschen werden Sie nicht ausschlagen, wie? Ja, herrlich ist es -hier, direkt anheimelnd, als ob ich zu Hause wäre.« - -Ohne Umstände machte er es sich auf dem Plüschsofa bequem. - -»Auf Ihre Gesundheit, Herr Herbst!« - -Herr Herbst hatte den Hut abgenommen -- aufgeschreckt durch das laute -Freudengeschrei in der Küche und das Knallen des Korkes -- und sein -kleiner, gelber, verrunzelter Kopf erschien Kunze wie eine Rübe, eine -wirkliche Rübe, die da und dort schon etwas Schimmel angesetzt hat. - -»Ja, direkt anheimelnd. Ganz wie bei uns zu Hause. Mein Vater -- sagte -ich Ihnen das schon? -- ist Prediger in einem Kirchspiel. Liebt sein -Weinchen, seine Zigarren und lobt den Herrn! Ja, so ist er nun einmal, -sehen Sie. Sobald er aber in seinen Talar schlüpft, versteht er keinen -Scherz mehr, nein, ich bitte Sie -- um Gottes willen, ernst, würdevoll, -der Hirte seiner Schäfchen. Als nun der Krieg ausbrach, da sagte er zu -mir: >Melde dich sofort, eile zu den Fahnen, es ist deine sittliche -Pflicht, ziehe hinaus. Kämpfe<, so redete er -- der kategorische -Imperativ -- Kant -- er ist Philosoph, mein Vater -- ah, ah, was für ein -Weinchen!« - -Auf der Kommode, dem roten Plüschsofa gegenüber, stand in einem breiten -Rahmen die vergrößerte Photographie eines jungen Soldaten mit frischem, -keckem Jungengesicht. Ein Jäger, feldmarschmäßig ausgerüstet, den -Gewehrlauf mit Blumen geschmückt. Der Rahmen des Bildes war mit -Trauerflor umhüllt, ein Paar Leuchter mit herabgebrannten Kerzen, -standen davor. Das war er wohl, sein Sohn, der gefallen war. Wie hieß er -doch -- Robert. - -An der Wand, über dem Jäger mit dem frischen Jungengesicht, aber hingen -zwei Bildnisse in ovalen Rahmen: eine etwas korpulente Dame mit voller -Büste, vollen Wangen, einem kleinen Fettkinn und auffallend großen -runden Augen. Die Dame lächelte freundlich, gutmütig, ein bißchen -verlegen. Eine Kette mit einem großen Kreuz trug sie um den Hals. -Daneben: ein Herr, etwas hochmütig, voller Würde, das volle dunkle Haar -peinlich gescheitelt, die Augen zuversichtlich in die Ferne gerichtet. -Im Gehrock, schmaler schwarzer Binde -- ein Beamter, der bei seinem -Vorgesetzten Besuch macht. Sah man die korpulente, freundlich lächelnde -Dame an, so schien sie augenblicklich den kleinen Mund zu öffnen und zu -plappern, zu sprudeln -- der Herr aber, würdevoll, blieb stumm, -schweigsam. Die Hand hatte er etwas steif und gravitätisch zur Hälfte in -den schwarzen Gehrock geschoben -- eine kleine Hand . . . - -». . . schlage sie aufs Haupt --« sagte also mein Vater, er ist -glühender Patriot -- »diese vom Teufel Besessenen, die aus Neid und -Rachsucht über unser geliebtes Vaterland herfallen -- schlage ihnen die -Schädel ein, zerreiße sie in Stücke -- der Herr will es! Sofort packst -du deine Sachen! Nun, mit dem Felde war es ja leider, leider nichts. Ich -sagte Ihnen ja schon, meine Lunge. Aber jeder nach seinen Kräften, nicht -wahr? Das war nun nicht ganz nach dem Geschmack --« - -Plötzlich stockte Kunze. Er war in das Studium dieser kleinen Hand des -Beamten im schwarzen Gehrock versunken. Er stutzte, rückte den Kneifer -zurecht -- schlürfte am Glas. Hm! - -War es denkbar? - -Wie, wie, wie, sollte er, dieser Würdevolle, Gemessene, Schweigsame, mit -dem zuversichtlich in die Ferne gerichteten Blick --? - -Und diese fahlgelbe -- Rübe, etwas angeschimmelt, mit Erlaubnis zu sagen --- sollte sie --? - -Ja, unmöglich, ganz unmöglich! Und doch, diese Hand, das kleine Näschen -und selbst das kurze Schnurrbärtchen, jetzt zwar grauer und schäbig -- -so unglaublich es erschien, dieser Ernste, Würdevolle in seinem Gehrock, -und der Kleine, Glatzköpfige, Vertrocknete, Verkommene, mit den -entzündeten, vergilbten Augen, sie waren in der Tat ein und dieselbe -Person! - -Kunze verlor vor Erstaunen völlig den Faden seines Geschwätzes. Er erhob -sich und tupfte das Gesicht mit dem Taschentuch. - -Hm. Er polierte den Kneifer, ging auf und ab und verschwand schließlich -in der Küche, um eine neue Flasche zu holen. Seine Miene hatte sich -verändert, als er zurückkehrte. Sachlich und kühl betrachtete er den -kleinen Herrn Herbst. Er goß die Gläser voll, räusperte sich und begann: - -»Aber genug mit dem Schwatzen jetzt« -- ruhig und geschäftsmäßig klang -seine Stimme -- »Wir haben, wie ich mir schon zu bemerken erlaubte, -keine Zeit zu verlieren, der Major drängt, nun, er wird wieder von dem -Oberst gedrängt, Sie wissen ja, wie es beim Militär zugeht. Seitdem sich -nun diese hohe Persönlichkeit in die Sache gemischt hat --« - -»Eine hohe Persönlichkeit?« Herr Herbst horchte plötzlich auf. - -»Ja, ja. Ich kann Ihnen nicht _mehr_ sagen. Es ist einer der -sonderbarsten Fälle, die die Abteilung seit langer Zeit zu bearbeiten -hatte.« - -»Eine hohe Persönlichkeit?« - -»Ein sonderbarer Fall. Nicht Sie allein erstatteten in dankenswerter -Weise Bericht -- nein, auch von anderer Seite werden gleichzeitig, hören -Sie, _gleichzeitig_, Informationen verlangt -- aber, erlauben Sie, daß -ich abbreche . . . Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, zur Abrundung -meiner Nachforschungen über Ihre werte Persönlichkeit, eine Frage an Sie -zu richten, dienstlich. Ein einziger Punkt noch, wie gesagt. Bevor ich -aber diese Frage an Sie richte, bitte ich ergebenst, dieses Schriftstück -lesen zu wollen.« - -Mit einer gemessenen Feierlichkeit überreichte der Schmächtige einen auf -Leinwand aufgezogenen Ausweis. - -Der kleine Herr Herbst las ihn mit seinen entzündeten Augen, las, -verstand und zitterte. Schwarz auf Weiß war hier zu lesen, daß Herr -Gottlieb Kunze berechtigt war, Verhaftungen vorzunehmen . . . - -»Sie haben Kenntnis genommen --?« - -»Ja, ja -- Kenntnis --« - -»Nun, und so richte ich also die Frage an Sie --« - -Der Havelock erhob sich erbleichend. - -Zwei scharfe, messerscharfe Augen richteten sich auf ihn. Der Kneifer -funkelte. - -»Herr Herbst -- ich scherze jetzt nicht mehr!« - -»Nein, nein!« stotterte der alte Mann. - -Die messerscharfen Augen kamen näher. Kunze hatte jetzt den Kneifer -abgenommen. - -»Weshalb haben Sie --?« - -»Nein, nein -- ah, Gott im Himmel!« - -»Weshalb haben Sie Ihre Wohnung verlassen?« - -Augenblicklich brach der kleine alte Mann zusammen. Er bedeckte das -Gesicht mit den kleinen Händen und sank in den Sessel. - -»Herr Herbst!« - -Sofort fuhr der kleine alte Mann wieder auf und wich zurück. »Ich kann -nicht -- ich kann nicht -- so wahr Gott lebt --« rief er und richtete -die Augen flehend auf Kunze. - -»Herr Herbst!« Eine Hand erhob sich. - -Der kleine alte Mann wich zum Fenster zurück und faßte nach dem -Fensterkreuz. - -Die Hand griff nach den Rockschößen. - -»Aber, Sie werden doch nicht --? Kommen Sie!« - -Ohne jeden Widerstand ließ sich der kleine alte Mann von Kunze zum -Sessel zurückführen. - -»Beruhigen Sie sich«, sagte die kalte, dienstliche Stimme. »Haben Sie -Vertrauen. Berichten Sie. Ich selbst werde Ihr Anwalt sein, die Sache so -darstellen . . . einerlei, was es auch sei -- bitte, trinken Sie, so, -so! Auch ich bin ja ein Mensch. Aber die Pflicht, Sie verstehen --« - -Der kleine alte Mann nickte. - -Kunze selbst war totenbleich geworden vor Erregung. Sein Spitzelgehirn -arbeitete -- sensationelle Enthüllungen, ein Staatsverbrechen, -Vorgesetzte, Beförderung, das Eiserne Kreuz . . . - -»Sie waren ja selbst Beamter und wissen, was es bedeutet, dienstlich --« - -Der kleine alte Mann rang die Hände und schluchzte. Dann setzte er sich -aufrecht, gab sich Haltung -- ganz wie auf dem Bilde an der Wand, ein -Schatten der früheren Erscheinung. - -»Ich weiß, weiß, auch ich war Beamter. Nun gut, da Sie dienstlich -Auskunft verlangen -- ich werde versuchen, Ihnen eine Erklärung zu -geben. Es fällt mir schwer, meine Gedanken, meine Worte -- alles ist -nicht mehr wie früher -- Gott im Himmel, es ist ja unmöglich, es zu -sagen --« - -»Beruhigen Sie sich. Wir haben ja Zeit, können den Abend in aller Ruhe -zusammen verbringen.« - -»Wir hatten also einen Kanarienvogel --« begann der kleine alte Mann -stammelnd. - -»Kanarienvogel? Fahren Sie getrost fort.« - -»Einen Kanarienvogel -- namens Hansi. Dieses Tierchen flog immer in der -Stube umher, in allen Stuben, machte etwas Schmutz, aber wir liebten das -Tierchen -- und meine Frau liebte Hansi ganz besonders . . .« - -»Ich verstehe, die Damen --« - -»Ja, aber was wollte ich eigentlich? Hansi? Was hat Hansi damit zu tun? -Sie können noch den Käfig in der Küche finden. Ja, aber was sollte er ---?« - -»Überstürzen Sie nichts -- eines um das andere.« - -»Hm. Sie wurde immer merkwürdiger, ja, das war es. Sie sprach eigentlich -nur noch mit dem Vögelchen.« - -»Ihre Frau?« - -»Ja, sie. Immer stiller und merkwürdiger. Ich selbst, ich ging ja aus, -ging in eine Kneipe, trank -- Sie verstehen, es ist nicht nötig zu -sagen, weshalb ich trank.« - -»Unser Junge war ja unser ganzer Lebensinhalt geworden. Ich war in -Pension gegangen, und wir waren seiner Studien halber nach Berlin -gezogen. Da kam der Krieg, er wurde Soldat, Jäger, und schließlich kam -er ins Feld. Eines Tages aber, da kam die furchtbare Nachricht -- eines -Tages . . .« - -»Er war gefallen.« - -»Gefallen?« - -»Ja, natürlich, Sie sagten --« - -Der kleine alte Mann schüttelte den Kopf. - -»Nicht gefallen, Herr,« flüsterte er, »in den Tod gehetzt -- ich habe -Unterlagen, Briefe -- geschlachtet, nutzlos --« - -»Sie sollten nicht derartig schwere Anschuldigungen erheben gegen -gewisse Persönlichkeiten«, warf Kunze nicht ohne Strenge ein. - -»Nun gut, gefallen, ganz wie Sie wollen. Es wurde immer stiller hier, -immer stiller -- meine Frau verließ nicht mehr die Wohnung, keinen -Schritt tat sie über die Schwelle. Sie saß immer hier. Aber plötzlich -saß sie nicht mehr, sondern sie stand -- hören Sie -- zuerst mitten im -Zimmer, dann nur noch in den Ecken.« - -»Sie war wohl schwermütig geworden?« - -»Ja, schwermütig. Sie ertrug es nicht, nein, es war zuviel für sie! -Zuviel, zuviel! Und nun, eines Abends komme ich spät nach Hause. Es war -Mondschein. Ich sah also ziemlich gut. Und da steht sie also hier -- -unter der Türe. Hier, sehen Sie.« - -»Ja!« - -»Aber sehen Sie -- sie stand so _hoch!_ Nun, denke ich -- da ist wieder -mal Hansi auf den Schrank geflogen, wie häufig, und sie will ihn -einfangen -- aber plötzlich, da sehe ich . . . Da kommt es mir -eigentümlich vor, ei . . ., ei . . . sie antwortet nicht. Aber sie -antwortete häufig nicht mehr in dieser Zeit. Nun aber, da denke ich -- -da sehe ich -- worauf stand sie eigentlich? Sie stand auf nichts! Ihre -Füße waren abwärts gerichtet -- und darunter war nichts -- nur Mondlicht --- nichts sonst -- ich sah es ganz klar und deutlich . . . sie schwebte -in der Luft . . . und da begriff ich es . . . dieser Augenblick -- --« - -Enttäuschung in den Zügen des schmächtigen jungen Mannes! Er hatte etwas -ganz Besonderes erwartet -- und nun eine alltägliche Geschichte, wie sie -sich während des Krieges hundertmal in Berlin ereignete. - -Der kleine alte Mann röchelte. Er sprang auf und schleuderte die kurzen -dünnen Arme wild durch die Luft. Er ballte die kleinen gelben Fäuste und -schüttelte sie in Raserei. Sein Gesicht verzerrte sich, die gelben -Zahnstumpen blinkten, Schaum trat vor seine Lippen. - -»Und alles daher --« schrie er außer sich, und sein Gesicht wurde -plötzlich blau, so daß Kunze erschrocken zurückwich -- »alles daher, -daher! Deshalb hasse ich ihn -- hasse ihn, den Hoffärtigen, hasse ihn -. . . mit diesen Händen werde ich -- so wahr mir Gott helfe . . . hasse -ihn --« - -»Hasse -- hasse . . .« Seine Hände zuckten. - -Und plötzlich stürzte der kleine alte Mann zu Boden. Er war ohnmächtig -geworden. - - * * * * * - -Das Grammophon neben der kleinen Palme in der Ecke grölte: - - Die Vöglein im Walde, - Die singen ja so wunderwunderschön, - In der Heimat, in der Heimat, - Da gibt's ein -- ha! ha! ha! - -Ja, die Platte war verdorben, und immer am Schluß -- beim Wiedersehn -- -lachte der Apparat. Und immer mußte Kunze aufspringen und die Kurbel neu -andrehen. - -Kunze lag auf dem Sofa und schlug mit den geflickten, glänzend -gewichsten Stiefeln den Takt auf dem Armpolster. Zuweilen unterbrach er -sein Geschwätz und sang eine Strophe des Soldatenliedes mit, zuweilen -auch rülpste er, mit Respekt zu vermelden. Eine Reihe leerer Flaschen -stand auf dem Tisch mit der gestickten, lachsroten Decke -- dem Stolz -der Freundlichen, Korpulenten an der Wand. - -Herr Herbst saß mit roten Bäckchen, die Äuglein glänzend vom Wein, und -paffte eine kleine schwarze Zigarre. Er trank nicht aus dem Glas, o -nein, Kunze hatte so etwas noch nie gesehen, er setzte einfach die -Flasche an den Mund und ließ den Wein in die Kehle hineinlaufen. Mit -gespannter Aufmerksamkeit hörte er Kunze zu. - -»-- und auf diese Weise, sehen Sie, Verehrtester, kam ich also zu G -III.« - -»G III?« - -»Ja, G III. So heißen wir. Nur eine Chiffre. So geheim sind wir, ganz -geheim -- pst, pst! Ja, nicht einmal einen Namen haben wir.« - -»Viele Beamte?« - -»Viele?« - -Kunze lachte und richtete sich zur Hälfte auf. Das Gesicht des kleinen -Herrn Herbst erschien ihm nun langgezogen, mit turmhoher Stirn, wie in -einem Lachkabinett. »Viele, sagen Sie?« wiederholte er geheimnisvoll und -wichtigtuerisch. »Viele? -- Wir sind _Legion!_« - -»Legion?« - -Die turmhohe Stirn sank in sich zusammen, und eine runde Rauchwolke -erschien an ihrer Stelle. Herr Herbst war vor diesem Wort zurückgeprallt -und hatte erschrocken den Rauch ausgestoßen. - -»Ja, Legion, überall und allgegenwärtig. Selbst da, wo uns niemand -vermutet. Ja ja, mein Verehrtester -- überall. In allen Städten -Deutschlands -- bei allen Generalkommandos -- bei allen Behörden -- bei -der Post, Eisenbahn -- in den Ministerien -- G III ist einfach überall.« - - In der Heimat, in der Heimat, - Da gibt's ein -- ha! ha! ha! - -Kunze schnellte in die Höhe, und augenblicklich begann der Trichter von -neuem zu heulen: - - Ich hatt' einen Kameraden . . . - -»Ja, überall. Niemand weiß, ob das Auge von G III nicht auf ihn -gerichtet ist. Selbst ich weiß es nicht, ob ich nicht selbst wieder -beobachtet werde! Ja, so ist es, bei Gott! Alle Kulturstaaten haben -diese Einrichtung, geben Millionen dafür aus -- unsere Organisation ist -sogar noch klein im Vergleich zu der anderer Großmächte. Klein, im -Verhältnis, aber sie arbeitet zuverlässig. Sie können mir ruhig -glauben.« - -»Wir öffnen Koffer unterwegs, so daß der Eigentümer es nicht merkt, -besonders das Öffnen von Briefen ist unsere Spezialität. Wir überwachen -die Korrespondenz von Tausenden!« - -»Wir nehmen ganz einfach Abschriften, und wenn es besonders interessante -Fälle sind, photographische Kopien. Wir wissen alles, wir kennen die -Geheimnisse der höchsten Persönlichkeiten. Wir erscheinen als Kellner in -den Restaurants, wo irgendeine besondere Sitzung veranstaltet wird, da -sind wir dabei. Selbst bei den hohen Würdenträgern unserer Verbündeten -haben wir unsere Agenten. Wir bohren Löcher durch Türen und öffnen -Schreibtische. Fürsten, Minister, Abgeordnete -- wir kennen ihre -geheimsten Gedanken.« - -»Ja, wir machen alles! Ihr junger Schützling, Verehrtester -- er ist in -guten Händen. Und auch jene hochgestellte Persönlichkeit, die sich für -den Lebenswandel ihres Töchterchens interessiert -- auch sie wird -zufriedengestellt werden. Ja, wir machen alles. Und Sie und ich -- was -glauben Sie? -- wir werden einen Orden erhalten -- auch Sie, hören Sie! -Ich werde dafür sorgen, ich! --« - -Aber da der Havelock selbst bei dieser blendenden Eröffnung still blieb, -hob der Semmelblonde wiederum den Kopf über die Tischplatte. Das Gesicht -des kleinen Herrn Herbst hatte sich abermals völlig verändert, es war -ohne Augen, ohne Nase und ohne Mund, dagegen umgeben von einem dünnen, -grauen Backenbart. Es war die Glatze des kleinen Herrn Herbst, der -eingeschlafen war. In diesem Augenblick geriet der Havelock ins Gleiten, -und ohne Laut sank er auf den Boden. - -»Und noch eine Mosel -- und noch eine Mosel -- dreimal hoch!« sang Kunze -mit hellem Tenor und begab sich im Foxtrott hinaus in die Küche. -Fürchterlich schlingerte das Haus. - -»Gloria -- Viktoria --« heulte das Grammophon ganz allein für sich. - - -12 - -Vor dem grauen Hause in der Tiergartenstraße hielt Ackermann den Schritt -an. - -Unendlich zart umschlang ihn ein Arm. - -»Ich werde mir Mühe geben«, flüsterte eine weiche, unendlich geliebte -Stimme. - -»Ich weiß es!« - -»Ich werde versuchen, stark zu sein, obschon ich wenig Mut habe.« - -»Du bist tapfer.« - -»Wann?« - -»Bald!« - -»Du wirst mir Nachricht geben?« - -»Du wirst es fühlen.« - -»Ja, ich werde es fühlen!« - -»Lebe wohl!« - -Eine Weile wartete Ackermann noch, bis die Haustüre ins Schloß fiel. - - - - -Zweites Buch - - -1 - -Der Leichnam des jungen Heinz war nach Berlin gebracht worden. An einem -hellen Frühlingstag wurde er in die Erde gebettet. Die Kampfstaffel -hatte den jungen Meerheim mit einem Kranz geschickt. Der Trauerzug war -nur klein. Ohne eine Träne im Auge folgte die Majorin Sterne-Dönhoff dem -Sarge ihres Sohnes, die Schwestern weinten leise und schüchtern. Etwas -hinter dem kurzen Trauerzug, dicht verschleiert und schwarzgekleidet wie -eine Witwe, ging Klara, deren schmale Schultern von einem -ununterbrochenen Schluchzen geschüttelt wurden. Heinzens Freunde, -Schüler, Knaben, sangen des Gefallenen Lieblingslied: Deutschland, -Deutschland über alles. Die Majorin hatte es gewünscht. Sie selbst -stimmte in das Lied ein, während sie mit verklärtem Lächeln in die Weite -des Frühlingshimmels blickte. - -Der junge Meerheim sprach einen kurzen Nachruf, mit unbewegter, -soldatisch scharfer Stimme; acht Tage später wurde er selbst im -Luftkampf getötet. - -Noch nicht neunzehn Jahre alt, war Heinz gefallen. - -Klara preßte das zusammengerollte Taschentuch zwischen die Zähne. - -Sonderbar, und nicht die leiseste Ahnung! Am Abend vorher hatte noch ihr -Stern so herrlich und verheißungsvoll gefunkelt. - -Es war an dem Morgen nach Doras Fest geschehen -- gerade in der Stunde, -da sie einschlief. Meerheim sah die Maschine stürzen. - -Einige Tage vorher -- sie erinnerte sich dessen -- hatte sie von Heinz -geträumt. Er stand auf dem Flugplatz, die grüne Wollmütze auf dem Kopf, -und auf seiner Brust glitzerte in der Sonne das Medaillon. Er spielte -mit einem kleinen Dachshund, und Schwärme von furchtbar anzusehenden -Flugzeugen, mit barbarischen Farben bemalt, rasten über ihn hin. Aber er -sah sie gar nicht, spielte mit dem Hunde -- man konnte diesen Traum wohl -nicht eine Ahnung nennen? - -Ohne jede Sorge, ja, mehr, mit dem Gefühl der Sicherheit, war sie nach -Doras Fest schlafen gegangen, glücklich und voller Hoffnungen. - -Vor wenigen Tagen aber fuhr sie in die Stadt. Nach ihrer Gewohnheit -kaufte sie in einem Kiosk der Untergrundbahn wahllos einen Stoß -Zeitungen. Wie viele Menschen, war sie zu einer fanatischen -Zeitungsleserin geworden, es war eine förmliche Krankheit bei ihr. -Plötzlich war es ihr, als ob sie seinen Namen gelesen habe! Unglaublich -zwar -- aber hatte er ihr nicht oft gesagt: gib acht, eines Tages wirst -du plötzlich meinen Namen in den Zeitungen lesen, und wie überrascht -wirst du sein! Sie blätterte, und richtig -- da stand sein Name: Heinz -Sterne-Dönhoff. Sie las, und sie begriff zuerst nicht. Nachdem vor knapp -einem Jahre sein Vater, der Major Sterne-Dönhoff, den Heldentod . . . -Sie las die Unterschriften, und plötzlich begriff sie. - -Sie warf ihre Zeitungen auf den Sitz, daß sie umherflatterten, und -rannte durch den Wagen. - -»Er ist tot,« schrie sie, »ich will hinaus!« - -»Aber Sie sehen doch, daß der Zug fährt, Sie können doch nicht -aussteigen«, sagten die Herren, die die Türe verbarrikadierten. »Sie -zerschmettern sich den Kopf, liebes Fräulein.« - -Da fuhr der Zug in einen Bahnhof ein, und Klara stürzte hinaus. - -»Es ist schrecklich, jeden Tag erlebt man jetzt derartige Szenen. -Gestern sprang eine Frau auf dem Bahnhof Spittelmarkt vor den Zug und -ließ sich überfahren. Ich sage Ihnen, es war entsetzlich -- dieser -Schrei!« - -»Hören Sie auf, ich kann von solchen Dingen schon gar nichts mehr hören ---« - -Arme, kleine Klara, sie begriff es noch heute nicht. -- - -Ja, nun wollte sie es wagen. In Gottes Namen! - -Sie drückte auf die Klingel und gab ihre Karte ab. Diese Karte war -schwarz umrändert. Klara war so tief und dicht verschleiert, daß man -kaum noch einen Schimmer des Gesichts sah. - -Das Mädchen kam nach auffallend langer Zeit zurück und forderte sie auf, -einzutreten. Die Majorin Sterne-Dönhoff und die beiden Schwestern waren -im Zimmer. Ach, ihre Gesichter, überall Heinz, in allen Linien. -- - -»Was verschafft uns die Ehre?« fragte die Majorin Dönhoff mit einem -prüfenden Blick aus ihrem gelblichen, langen Gesicht. - -»Ich bin --« stammelte Klara, »ich wollte gern --« - -»Ich verstehe Sie nicht!« sagte Frau v. Sterne-Dönhoff leise. »Wollen -Sie bitte Platz nehmen!« - -Die Schwestern starrten verlegen. - -»Ich wollte nur,« begann Klara wieder, »Sie besuchen«, und plötzlich -fing sie an zu schluchzen. - -»Was haben Sie nur, mein liebes Fräulein?« - -Stille. - -»Ich bin seine Verlobte!« stammelte Klara. - -Wiederum Stille. - -Da niemand etwas sagte, fuhr Klara fort: »Ich war seine Geliebte.« - -Die Majorin fiel ihr ins Wort. Kühl und förmlich sagte sie: »Mein Sohn -hatte keinerlei Geheimnisse vor mir. -- Geht hinaus!« herrschte sie die -beiden Schwestern an, und sie verließen sofort gehorsam das Zimmer. - -»Wie sagten Sie? Seine Geliebte?« Die Majorin dämpfte die Stimme. - -»Ja. Ich bin seine Geliebte.« - -»Aber wissen Sie auch, was Sie sagen?« - -»Vollkommen.« - -»Sie wollen also sagen« -- die Majorin stockte -- »Sie wollen doch nicht -sagen, daß Sie mit Heinz in Gemeinschaft gelebt haben?« - -Klara zuckte zusammen und hob den hilflosen, wunden Blick zu den -graublauen Augen empor. Sie errötete. »Nein, nicht das --« stotterte -sie. »Das wollte ich nicht sagen.« - -Auch über das gelbe, lange Gesicht der Majorin huschte ein dünnes Rot. -Erleichtert und etwas freundlicher sagte sie: »Nun, dann danke ich Ihnen -herzlich für Ihren Besuch, mein liebes Fräulein!« Sie versuchte, ihrer -Stimme sogar einen warmen und aufrichtigen Klang zu geben. Aber als -Klara sie mit fassungslosen Augen ansah, fügte sie flüsternd hinzu: -»Sollten Sie vielleicht irgendwelche Ansprüche zu stellen haben?« - -Fassungslos waren die wunden Mädchenaugen auf sie gerichtet. - -Da lächelte die Majorin und streckte Klara die Hand hin. »Herzlichen -Dank, mein Kind. Wie heißen Sie?« - -Aber Klara antwortete nicht, ihr Blick glühte. Sie berührte diese lange, -gelbe, entsetzliche Hand nicht. Sie wich zurück, verbeugte sich tief, -sehr tief, und ging hinaus. Die beiden Schwestern lugten durch die -Türspalte. »Von ihr ist die Locke, die er in dem Medaillon trug«, -flüsterte die eine, und die Stimme der Majorin rief: »Emma, Bertha.« -Klara befand sich wieder auf der Treppe. - -Ach, und die kleine, törichte Klara hatte sich zu Hause ausgedacht, daß -sie vor der Majorin und den Schwestern in die Knie fallen werde, um -ihnen zu sagen, daß sie gekommen sei, den Schmerz mit ihnen zu teilen. -Sie wollte ihnen die Hände küssen und mit ihnen weinen. - -Sie war ein Kind und wußte nichts um die Eifersucht einer Mutter. - -Betäubt und völlig fassungslos stieg sie die Treppe hinab. Es war die -Treppe, über die sein Schritt eilte. Sie berührte sie liebkosend mit den -Fingerspitzen. Sie wollte diese Treppe auch küssen -- aber in diesem -Moment wurde ein Kinderwagen aus einer Türe geschoben, und sie entfloh. - -Aber sie kam wieder, als die Damen Sterne-Dönhoff ausgegangen waren, und -sie küßte die Treppenstufen und kniete auf ihnen. Dreimal kam sie im -Laufe der nächsten Wochen und schlich wie ein Dieb durch das -Treppenhaus. Einmal war es schon ganz finster. Dann kam sie nicht mehr. - - * * * * * - -Das Paradies war versunken, nichts blieb als Finsternis, unendlich -- -und inmitten dieser finsteren Unendlichkeit stand sie, Klara, die Hände -auf ihr zuckendes Herz gepreßt. - -Solange Papa zu Hause war, mußte sie die Trauerkleider ablegen. Sie -wollte Papas Fragen vermeiden. Zuweilen schon streifte sie bei Tische -sein Blick -- ihre Augen waren gerötet, ohne Glanz, ihre Wangen ohne -Farbe. Papa, ihr armer Papa, der ohnehin in den letzten Tagen so -auffallend erregt, ja verstört war. Mehr, als er es sich merken ließ, -schien ihm Hedis Rücksichtslosigkeit nahe zu gehen. - -Ja, diese Hedi hatte es tatsächlich übers Herz gebracht, das Haus zu -verlassen. Anfangs war sie nur selten und sehr unregelmäßig gekommen, -sandte immer Boten mit Briefen -- Arbeit, unerwartete Vorkommnisse. -Schließlich kam sie gar nicht mehr. Ganz unmöglich, dieser Weg -- und -Arbeit, Tag und Nacht mußte man zur Stelle sein. - -Der Geheime Rat -- nie hätte es Klara für denkbar gehalten, fügte sich, -ohne den Versuch eines Widerstandes. - -Er ging wohl etwas erregt hin und her und knackte mit den Fingern, -zupfte an seinen dünnen Barthaaren. Er hatte Bedenken ohne Zweifel, -schwere Bedenken! Ein Herr Ströbel oder Herr v. Ströbel -- ein während -des Krieges reich gewordener Mann -- hm! Aber schließlich: er besaß kein -Vermögen, und da er kein Vermögen besaß, so war auch seine Karriere so -gut wie abgeschlossen -- derselbe Schreibtisch, derselbe Aktenständer, -derselbe Spucknapf -- bis zur Pensionierung. - -Ja, was war da zu tun? Wieder knackte er mit den Fingern. - -Bei dem heutigen Geldwert konnte er seinen Töchtern nichts mehr bieten, -gar nichts mehr. Sie mußten selbst sehen -- - -Es war gar nichts zu tun, mit einem Wort. - -Und übrigens hatte er gerade jetzt, gerade in diesen Tagen, ganz andere -Sorgen! Schlaflos verbrachte er die Nächte. Ein ungeheures Mißgeschick, -wenn man so sagen darf, war ihm widerfahren: es gehörte zu seiner -Tätigkeit im Auswärtigen Amt, die deutschen Interessen in drei fernen -exotischen Ländern zu vertreten. Zu diesem Behufe veröffentlichte er mit -Unterstützung eines Universitätslehrers jeden Monat ein -Korrespondenzblatt, dessen sich die Presse allerdings nur wenig, ja, man -kann getrost sagen, gar nicht bediente, leider. Nun aber hatte eines der -exotischen Länder an Deutschland den Krieg erklärt -- und ihm, ihm war -es völlig entgangen! Das letzte Korrespondenzblatt hatte sogar noch -einen lobenden, beruhigenden Aufsatz aus der Feder seines geschätzten -Mitarbeiters enthalten, und doch lebte man mit jenem Lande schon seit -drei Wochen im Krieg! Welches Mißgeschick! Wenn der Minister es, -bemerken sollte --? Allerdings waren ja schon drei Wochen vergangen, und -niemand hatte bis jetzt etwas bemerkt, vielleicht ging der Kelch noch -einmal an ihm vorüber! - -Das waren die Sorgen des Geheimen Rats, und es war ihm natürlich zurzeit -gänzlich unmöglich, sich viel um seine Töchter zu bekümmern. Es war ja -schließlich keine Schande, wenn Hedi Schreibmaschine schrieb und Briefe -abfaßte -- und sie bekam mehr Gehalt sogar als er. -- Es schien ihr gut -zu gehen, hatte sie doch kürzlich sogar eine Gänsekeule in Gelee -geschickt. Im übrigen war ihm der Charakter Hedis Bürgschaft genug -. . . - -Der wilde Schmerz trieb Klara in diesen Tagen sogar zu Hedi, obschon sie -sich vorgenommen hatte, die Schwester in Zukunft zu ignorieren. - -Aber Hedi hatte wenig Verständnis für ihr Leid. Sie war gerade mit dem -Einrichten ihrer Wohnung beschäftigt. Im Salon sollte eine Decke -eingezogen werden -- mit goldenen Kassetten zwischen ultramarinblauen -Balken -- nein, Hedi hatte gar kein Verständnis. Sie wollte ihr einen -Frühlingshut schenken. Sie heuchelte ja Teilnahme, aber Klara fühlte nur -zu deutlich -- - -Sie kam auf den Gedanken, Ruth zu besuchen. Ruth? Weshalb Ruth? Sie -hatte sie nur einigemal gesprochen -- kannte sie kaum, aber instinktiv -suchte sie bei ihr Zuflucht. - -Indessen Ruth war nicht da! Der General trat zufällig in die Diele. -»Meine Tochter ist nie zu Hause!« sagte er -- wie es Klara schien -- mit -Bitterkeit in der Stimme. Feierlich und prunkend -- diese Diele. Dunkle -Gemälde in breiten Rahmen, ein riesiger Spiegel und davor zwei Neger aus -Bronze oder Eisenguß, die hohe Kerzen trugen. Voller Mißtrauen schien -der General sie zu betrachten, sein Blick war prüfend und unbehaglich, -ganz wie der Blick von Frau v. Sterne-Dönhoff. Die sie haßte und -verachtete. - -Ja, wohin? - -Schließlich kam sie auf den Gedanken, Dora aufzusuchen. Sie beichtete -Dora alles! Aber Dora hatte ebenfalls kein Verständnis für ihren -Schmerz. Sie küßte sie, nahm sie in die Arme und drückte sie an ihr -Herz. Sie versuchte sie zu trösten -- sagte, es sei ein Verbrechen, -Kinder, wie Heinz, in diese Metzelei zu schicken -- aber sie hatte -gerade die Schneiderin im Hause, und ihr Kopf war erfüllt von Frühjahrs- -und Sommertoiletten, man mußte ja jetzt schon an den Sommer denken. -Schließlich kam Otto dazu, und Otto betrachtete sie mit neugierigen -Blicken, die Klara unangenehm waren. - -Sie ging. - -Allein, ganz allein mußte die kleine Witwe ihren Schmerz tragen. Sie -wußte noch nicht, daß der Mensch in seinem Schmerz immer allein steht. - -Wie eine Verzweifelte irrte sie Tag für Tag, bis in die späte Nacht -hinein, durch die Straßen. Für ihn die Flaggen -- mein Geliebter, mein -Held! -- für ihn das feierliche Geläute der Glocken! Niemals würde sie -auch nur die Hand eines andern Mannes berühren! Sie war seine Witwe. - -Sie war freundlich zu den Menschen gewesen und selbst freundlich zu den -Hunden auf der Straße. Nun ging sie dahin, ohne den Blick zu erheben. - -Zeitungen, Extrablätter, die Menschen rannten, stürmten, rissen gierig -die Blätter in Stücke -- was kümmerte es sie? Selbst die Wagen der -Untergrundbahn waren überschwemmt mit Zeitungen. Man hatte den -Faustkampf um den Platz in diesen Tagen etwas gemildert -- es war ja -nicht unmöglich, daß bald alles wieder anders würde. Siege, Siege! Jeden -Tag! In der Ecke des Wagens starb eine kleine Stenotypistin -- still, -ohne einen Laut von sich zu geben. Von der Station Kaiserhof an wurde -sie bleicher und bleicher, als der Zug am Spittelmarkt einlief, war sie -schon tot. Man trug sie hinaus. - -Tot? Ja, vielleicht war es das beste? - -Klara wurde nicht müde in diesen schrecklichen Tagen, obschon sie nachts -kein Auge zutat. Denn nachts flossen die Tränen ganz von selbst und -brachten Linderung. Kreuz und quer irrte sie durch die dunkeln Straßen. -Schatten taumelten gegen sie, Schatten krochen vor ihr, Schatten -stürzten hinter ihr her. Plötzlich erschrak Klara: ein alter, haariger -Schimmel stand mitten auf dem Trottoir. - -Sie stand an einem stillen Kanal, in einer ihr völlig fremden Gegend. -Aus dem schwarzen Wasser blinzelte winkend ein Licht, tief unten. Die -dunkeln Häuser hinter ihr begannen allmählich zu rücken und zu wandern. -Leichen von Firmenschildern, Leichen von Riesenbuchstaben wanderten -langsam, unendlich langsam vorüber. Kein Mensch weit und breit. -Verlassene Wagen, verlassene Bretterhaufen, verlassene Kähne, die Pest -hatte die Menschen mitten aus der Arbeit weggeholt. - -Da erscholl über dem schweigenden, schwarzen Wasser ein fürchterliches -Gelächter -- ein unheimliches Lachen, das Lachen des Wahnwitzes -- Klara -erschauerte. Sie befand sich hinter dem alten Schloß, und es schien ihr, -als käme das Gelächter aus der finstern Burg. Ein Eishauch ging von dem -stillen, toten Schloß aus. Es schien verlassen, bewohnt einzig von einem -Gespenst, das diese fürchterliche Kälte aushauchte. Starrte es nicht -durch die schwarzen Fenster auf sie? Und da -- seine eisige Hand griff -durch die Mauern und berührte ihr Herz. - -Klara entfloh. Das wahnwitzige Gelächter scholl hinter ihr her. - -Endlich Licht. Ein Kino. Eine dicke Zeitungsfrau rannte an den grellen -Plakaten vorüber und krächzte heiser und ununterbrochen: »Zwanzigtausend -Gefangene -- die Schlacht geht weiter --« - - -2 - -Nebel. - -Sonderbar, den ganzen Tag über Regen, gegen Abend etwas Sonne und ein -feuchter Wind und nun, in der Nacht, Nebel. - -Herr Herbst bog um die Ecke und nieste. Er war erkältet. In dieser -Straße stand der Nebel noch dichter. Ein unheimlicher Riese kam ihm -entgegengestampft, in einige Lagen von Pelzen eingehüllt, eine hohe -Pelzmütze auf dem dicken Schädel, aber er schrumpfte mehr und mehr -zusammen, und schließlich ging nur ein kleiner harmloser Mann an ihm -vorüber. Ein qualmendes Feuer mitten in der Straße und tanzende -Kannibalen um das Feuer: keine Angst, es sind Straßenbahnarbeiter, die -das Geleise ausbessern. - -Wie ein lehmiges Meer wälzte sich der Nebel dahin und schob Geröll vor -sich her -- Häuser, Straßen, Häuserviertel, Stadtviertel, Vorstädte, -immer weiter, bis hinaus zum flachen Land, wo es nichts gibt als -Kartoffeläcker und Telegraphenstangen. - -Auch ihn schob das lehmige Meer willenlos vor sich her, ganz wie die -Häuser und Stadtviertel mit all ihren Bewohnern. Seine Nase tropfte, er -ging rasch, die Knie etwas eingeknickt, die Arme herabhängend. Müde war -er, todmüde. Den ganzen Tag war er unterwegs. - -Er hatte einen neuen Plan ausgedacht -- teuflisch! - -Ja, teuflisch! - -Wo er ging und fuhr, sollte er ihn sehen -- immer, zu jeder Stunde des -Tages sollte er erinnert werden -- _daran_! - -Als er aber wieder niesen mußte, zerflatterte die dichte schmutzige -Nebelwolke, und -- wer hätte das gedacht? -- er erblickte einen kleinen -üppigen Garten in praller Sonne! Er selbst ging in diesem Garten -spazieren, in einem weißen Kittel, die goldene Uhrkette auf der Weste, -einen breiten sonnenverbrannten Panama auf dem Kopfe. So deutlich! Es -roch nach Kaffee, es war Sonntag, er roch sogar die Frische des -Stärkhemdes, das er trug. Bald würde Muttchen -- dasselbe Muttchen, das -später, viel später, wer hätte es ahnen können --? -- bald würde -Muttchen kommen mit dem Kaffeekuchen, die Fingerspitzen etwas fett, die -Lippen etwas glänzend von Fett . . . - -In diesem Augenblick stieß Herr Herbst mit jemand zusammen, der unwillig -»Achtung!« rief. Der Garten verschwand, und der Nebel brodelte wieder. -Der Zusammenstoß war so heftig, daß ihm der steife Hut über die Ohren -getrieben wurde und er ins Taumeln geriet. Aber dieses ärgerliche -schroffe »Achtung!« -- diese trockene Stimme, wie? - -Scheu wandte er sich um: sofort fiel ihm das grüne Plüschhütchen auf und -der enge, zugeknöpfte Überzieher! Im gelben Dunst einer Laterne stand -der schmächtige junge Mann im Gespräch mit zwei Männern mit -Knotenstöcken. Das Plüschhütchen wackelte hin und her, die dünnen Arme -gestikulierten aufgeregt -- aber da verschwanden sie schon aus dem -Lichtschein der Laterne, der Nebel verschlang sie. - -Herbsts Herz pochte. - -Also schon waren sie bis hierher gekommen, bis hierher? - -Er zitterte und duckte sich zusammen. - -Düster lag das graue Haus, umbrodelt vom Nebel, und wie in jeder Nacht -war nur das eine gleiche Fenster erleuchtet. - -Leise wie immer stahl sich Herr Herbst in sein Zimmer. - -Gottlob, daß er hier war! So müde --! - -Frau Hähnlein in ihrer Kammer betete. Mit schluchzender, verzweifelter -Stimme -- aber leise, um die Kinder nicht zu wecken, flehte sie um -Gottes Beistand, rief sie den Himmel um Hilfe an, ja, um Hilfe -- - -Grundlos wie das tiefe Meer war das Elend dieser Stadt, in allen -Straßen, allen Häusern. Überall Unglückliche, Verzweifelte, Weinende, -Schlaflose. Aus allen Häusern glühten die Augen von Wahnsinnigen in den -Nebel. - -Der bucklige Wirt hatte recht: die Zeit der großen Heimsuchung war über -die Welt gekommen. Die Menschen waren Sünder. Sünde! Sünde! Bodenlos wie -das tiefe Meer! Und auch er, ja, auch er hatte Sünde auf Sünde gehäuft -in seinem Leben! Er büßte -- schon büßte er, hatte er den steinigen Pfad -der Sühne betreten. - -Daran dachte der kleine Herr Herbst, als er geschüttelt vom Frost in -sein Bett kroch. Sein Gesicht brannte wie Feuer, und funkensprühend -kreiste die Dunkelheit um ihn. Wieder quälte ihn der Husten, und er -steckte den Kopf unter die Decke, um keinen Lärm zu machen. Als er -wieder Atem schöpfte, hörte er Stimmen in Ackermanns Zimmer. - - * * * * * - -Diese Stimmen brodelten, ganz wie der Nebel an seinem Fenster, auf und -ab, eine heisere, keuchende und eine tiefe klare, die zu beruhigen -suchte. Dazwischen ein belustigtes, ein etwas angeheitertes Lachen. - -Die klare beruhigende Stimme, das war Ackermann, aber die heisere, -keuchende, die zuweilen so sonderbar belustigt lachte? Es war Hähnlein! -Ja, niemand sonst -- lachte also, während seine Frau Gott um Hilfe -anflehte, um Erbarmen für ihre armen Kinderchen wenigstens. - -»Morgen schon?« fragte Ackermann. - -»Ja, morgen um zehn Uhr!« Und wieder das angeheiterte Lachen. - -Ohne Unterbrechung brodelten die Stimmen. - -Der kleine Herr Herbst dampfte vor Hitze. Sein Kopf rauchte, seine -Hände, ja, wie gesagt, er war erkältet. Mit geneigtem Kopf saß er im -Bett, wie betäubt, ohne jeden Gedanken. Er mußte dem Brodeln der Stimmen -lauschen, das ihn wie ein Zauber bannte, obwohl ihn nicht im geringsten -interessierte, was die beiden zu besprechen hatten. - -»Wie ist es nur denkbar?« rief Ackermann aus. - -Und mit einem heiseren Auflachen erwiderte Hähnlein: »Ja, wie ist es nur -denkbar, hahaha!« - -Trotzdem das Blut in seinem Kopfe wie Dampf zischte, begriff er bald, -was Hähnlein so erregt hatte. Man hatte ihn wieder gemustert, und morgen -ging der Transport zur Front. Die »Mordkommission« war in der Kaserne -gewesen. Zurück, zur Front, abermals -- ja, der Granatsplitter, der ihm -die Schädeldecke zertrümmert hatte, so daß er keine Treppe steigen -konnte, ohne sich am Geländer festzuhalten -- er zählte gar nicht. Und -der Brustschuß, den er in Serbien erhielt -- auch er zählte nicht. Und -dreimal in Frankreich, zweimal in Rußland, in Serbien -- all das zählte -überhaupt nicht. Seine Frau -- seine Kinder --?! Nichts zählte! - -Man würde ihn wieder in einen Viehwagen packen, er mußte wieder hinaus. - -Ackermann versuchte zu beruhigen. - -»Hahaha!« lachte Hähnlein. Seine Ratschläge machten wenig Eindruck auf -ihn. - -»Ja, vor die Füße, vor die Füße, wirf es ihnen vor die Füße!« schrie -Ackermann laut und wütend. - -»Aber, was dann, Ackermann, hörst du?« fragt Hähnlein. »Gefängnis -- -frage Kamerad Schmitt, der dem Gefreiten eine Ohrfeige gab. Lieber den -Heldentod als das Gefängnis! Hunger und Prügel.« - -»Die Verruchten!« schrie Ackermann. - -Hähnlein lachte wieder laut und heiter. Und obwohl Herbst vom Fieber -glühte, erschauerte er bei diesem sonderbaren Lachen. - -Aber, ob er, Ackermann, die Strafkompanie vergessen habe? Teufel von -Vorgesetzten -- Verbrecher -- Zuchthäuslerkleidung -- die ehrlichen -Kameraden spucken dich an -- Sträflingsarbeit im Feuer, Hunger, Prügel, -Läuse, Krankheiten -- - -Also fort mußt du? dachte Herr Herbst. Gut, gut, daß du fort kommst! - -Er fürchtete sich vor Hähnlein in der letzten Zeit. Gestern traf er ihn -auf der Treppe: ohne Regung stand er, erstarrt, den Kopf gesenkt, einen -Fuß in der Luft, die stechenden, glitzernden Augen auf den Boden -gerichtet. Er hatte es nicht gewagt, an ihm vorbeizugehen und war -umgekehrt. - -So, ja, genau so hatte auch sie gestanden -- seinerzeit -- immer in den -Ecken, zuerst mitten in den Zimmern, endlich nur noch in den Ecken und -unter den Türrahmen -- bevor sie, hm, bevor sie . . . - -Gut, daß du aus dem Hause kommst -- - -Nun aber hätte er beinahe laut herausgelacht! Hähnlein sprach von der -Musterung, den Skeletten, Krüppeln, Krummen und Lahmen, und er, in -seinem Bett, sah alles deutlich und wunderbar klar vor sich. Wie sie -humpelten, wie sie krochen, wie die Knochen spitz durch ihre Haut -stachen! Nur einer aber war frei gekommen, er fiel in Krämpfe und wurde -hinausgetragen. - -Nun kam also jener, ein Riese von Gestalt, der Blut in die offene Hand -spuckte und es dem Arzt zeigte. Aber der Arzt, o nein, er war nicht um -eine Antwort verlegen. Er sagte, der Arzt: Die Luft im Felde ist besser -als in Berlin, solange einer nicht den Kopf unter dem Arm trägt, muß er -hinaus. Fertig! Und da kam dieser andere, der eine offene Wunde am -Rücken hatte, man konnte den ganzen Finger hineinstecken -- aber auch -das half nichts. Immer vorwärts, sagt der Arzt, bei so jungen Leuten -heilt das rasch. Nein, er war nie um eine Antwort verlegen, man muß es -ihm lassen. -- Nun aber, nun also kam Hähnlein, unser Hähnlein an die -Reihe. Es half ihm alles nichts, was er vorbrachte. Sein Lungenschuß, -seine Atemnot -- prächtig geheilt, sagte der Arzt, die Bureauluft ist -nicht gut für Sie. Aber auch die Schwindelanfälle, die von dem -Granatsplitter im Kopf herrührten, das Zittern -- auch das half Hähnlein -nichts. Sollen denn nur gesunde Leute totgeschossen werden? fragte der -Arzt. Hahaha! Richtig, weshalb nur gesunde? - -Ja, also Hähnlein saß in der Patsche und konnte es noch immer nicht -begreifen. - -Und wieder brodelten die Stimmen. Lange Zeit. Kein Wort zu verstehen. -Dann aber lachte Hähnlein wieder laut heraus, und die Stimmen verloren -sich auf dem Korridor. - -»Mut, Kamerad!« rief Ackermanns Stimme. - -Hähnlein lachte und sagte irgend etwas. Er schlich draußen an der Türe -vorüber und pfiff leise vor sich hin. - -Augenblicklich hörte Frau Hähnlein auf zu beten. Sie stellte sich -schlafend, schnarchte sogar ein wenig. Nach einer Weile fragte sie: »Was -tust du?« - -»Ich rauche eine Zigarre«, antwortete Hähnlein mit ruhiger Stimme. - -Und nun wurde es still, ganz still. Nun war die Zeit gekommen für ihn, -Herrn Herbst, seinen Triumph auszukosten! - -Sanft glitt sein Bett dahin, eine angenehme Hitze kochte in seinem -Körper, heiß fuhr der Atem aus seinem Munde. Prachtvoll, berauschend, -rot funkelte die Finsternis. Am Fenster wallte der Nebel, auf und ab, -drückte sich gegen die Scheiben. Und drunten: horch! Ja, deutlich hörte -er ihren Schritt, dumpf wie der Schlag seines Herzens in der Brust. Da -gingen sie auf und ab, die Männer mit den Knotenstöcken, das grüne -Hütchen eilte durch den Nebel die Straße herauf, nachzusehen, zu -kontrollieren. - -Und er, nebenan, ahnte nichts! Raschelte mit Papieren, zerriß sie, -klapperte auf seiner Schreibmaschine, ahnungslos. Sah er nicht das grüne -Hütchen eilen? Nein, nein, blind war er, taub war er. - -Nun rasselte er mit dem Ofen, es roch nach verbranntem Papier. Und schon -gingen die Schritte auf und ab, lauter, immer lauter . . . . - -Sollte er an die Türe pochen und ihm zurufen: Horch, horch! Öffne das -Fenster und sieh es eilen --! - -Aber nein, nun war ja die Stunde gekommen, die wonnige, seinen Triumph -auszukosten! - -Heute -- hoho -- heute hatte er es gewagt! Den Hut gezogen, ganz dicht -vor ihm, ganz dicht! Vor dem Hause in der Lessingallee hatte er -gewartet, bis die graue Limousine kam. Und dann -- den Hut gezogen, wie -gesagt. Mitten in den Lichtschein der Automobillampen war er getreten, -in den blendenden Lichtkegel der Lampen! - -Und der General? Er war erschrocken -- erschrocken, sollte man es -glauben, vor ihm, einem alten ohnmächtigen Mann, ohne Rang und Würde, -einem Trinker, mit dem es bergab ging, täglich mehr und mehr bergab, -erschrak er -- der Gewaltige! Fuhr zurück, und seine Augen waren voller -Schrecken . . . - -Ja, keine Nachsicht mehr, nicht die geringste! Tag und Nacht wollte er -vor ihm auftauchen, keinen Schritt sollte er künftig tun -- er war da! - -Und wie er erschrak! Wie er zurückfuhr! Deutlich sah er es vor sich. Das -breite starre Gesicht wankte, nicht Schrecken, nein Entsetzen spiegelte -sich in den Zügen. Der General taumelte einen Schritt zurück -- zwei -- -er lief! Und er, den Hut in der Hand, lief hinter ihm her. Wie schnell -er doch lief! In seinem Mantel mit den roten Aufschlägen. In seinen -Hosen mit den roten Streifen! Wie das Entsetzen ihn vorwärts peitschte --- und doch war es spielend leicht, ihm zu folgen. Rascher, immer -rascher rannten sie beide in die rotfunkelnde Finsternis hinein. Und der -Nebel donnerte! Ballen von Qualm warf die schwarze Stadt aus, wie ein -Vulkan, Ballen um Ballen, himmelhoch donnerten die Wolken von Qualm. - - -3 - -Der Nebel brodelte über Berlin. Über dem Nebel funkelten die ewigen -Sterne, aber die Stadt, versunken im gelben Meer von Lehm, sah sie -nicht. - -Schrill heulten die Züge, in düstere Glutwolken gehüllt, tasteten sie -sich langsam vorwärts. Die Bogenlampen fieberten in den dunstigen -Bahnhöfen, Schattenriesen stießen mit den Köpfen gegen die Glasdächer -der Hallen. Die Krankenwagen krochen in das gelbe Nebelmeer hinaus, und -zuweilen stutzten die Chauffeure: klaffende Abgründe schienen plötzlich -die Straßen zu spalten. Schlaff und schmutzig hingen Flaggen aus den -Nebelwolken herab. - -In nebligen Höfen wurden die Wagen entladen, und voller Erlösung -starrten die Fieberaugen der Verwundeten in das Licht der Korridore, -durch deren Karboldunst die Bahren schwankten. - -Und die Züge heulten und winselten, wie seit mehr als tausend Nächten. -Aber in dieser Zeit der großen Offensive kamen sie ohne jede -Unterbrechung. Die Ärzte wechselten Blicke. -- -- - -Zur gleichen Stunde saß der General, den der kleine Herr Herbst im -Fieberwahn verfolgte, mit zufriedener Miene in dem bequemen -Arbeitssessel vor seinem Schreibtisch und beugte sich über eine große -Generalstabskarte. - -Er hatte neben sich ein Näpfchen mit blauer Farbe und ein Glas Wasser -stehen und malte auf die Generalstabskarte blaue Linien. Hin und wieder -suchte er mit der Lupe eine Ortschaft, die der letzte telephonische -Bericht genannt hatte. - -Unfaßbar! Flogen sie? War es nicht ganz wie seinerzeit beim Vormarsch -1914? - -Schon wurde das strategische Bild klarer -- kristallklar. Der General -beugte sich! Seine Ansichten hatten nicht immer mit jenen dieser hohen -Stelle harmoniert, zugegeben, es war ihm unmöglich gewesen, den -bedingungslosen Glauben der Allgemeinheit zu teilen, er vermißte kühne, -strategische Gedanken, vermißte den genialen Blick, nun aber beugte er -sich. Ja! Ohne Vorbehalt. - -Und der General starrte in die weiße Karte, während draußen der Nebel -zog. Bald beugte er sich dicht darüber, den Kneifer auf der Nase, bald -lehnte er sich nachdenklich in den Sessel zurück, und wieder starrte er -regungslos in die weiße Karte. Was sah er? Er sah Brigaden, Divisionen, -Armeekorps, den Gürtel der Artillerie. Er sah wie Brigaden, Divisionen, -Armeekorps sich vorwärts fraßen, die Kolonnen auf den Straßen, die -schwere Artillerie wird nachgezogen, die Fliegerschwärme in der Luft, -die Stäbe, all das sah er auf der weißen Karte. - -Seine Hand schob die blaue Linie vorwärts -- ja, schon erblickte er in -der rechten Flanke das Meer -- den Kanal, in der linken Flanke aber -wurde die fadendünne Silhouette des Eiffelturms am Horizont sichtbar. - -Heute schon fielen die Granaten auf die französische Hauptstadt, -furchtbare Mahner, furchtbar pochte die Geschichte an die Tore von Paris --- und London, bald würde die Geschichte auch an die Tore Londons -pochen! Das Reich des großen Alexander, wo war es hin? Die Stunde -schlug, und es sank in Trümmer. Das Weltreich der Römer und Spanier? -Schutt! Unaufhörlich brauste der Strom der Geschichte, und neue Reiche -stiegen aus der Flut empor. - -Der General versank in Träumereien. Seine strengen Züge hatten sich -gelöst. Schon heute stand fest, daß die feindlichen Reservearmeen -aufgerieben waren. Sie hatten nichts mehr, fürchterliche Perspektive -. . . - -Nur durch einen Korridor vom General getrennt, durch ein paar dünne -Mauern, saß Ruth über ihren geliebten Büchern, die das Evangelium für -sie bedeuteten, und las mit fiebernden Wangen, während an den Fenstern -sich der Nebel ballte. Es war schon tief in der Nacht, sie schrieb, -machte Notizen, ihre Augen glänzten. Ja, diese Bücher, diese Broschüren, -sie sprachen die Wahrheit! Sie allein zeigten den rechten Weg. -Untergehen mußte diese heute herrschende Gesellschaft, die sich nur -durch Sklaverei, Plünderung und Tyrannei aufrechterhielt. Dieser Krieg -war der fürchterlich logische Abschluß ihres Werkes -- welch ein -Abschluß! Heraufsteigen würde eine neue Gesellschaft, besser, reiner, -edler. Schon waren ihre Boten unterwegs. Hier aber erschauerte Ruth. - -Ja, schon! Ihr Blick glitt zum Fenster, das der Nebel verhüllte, ihr -Blick füllte sich mit Unruhe und Qual. Ungewiß lag die Zukunft. Lange -würde sie ihn nicht sehen, vielleicht Jahre! Aber es mußte sein, es -mußte Mutige geben, die alles einsetzten für Idee und Glauben! Sie -liebte ihn, sie bewunderte ihn! Auch sie würde ihm nachfolgen. Auf alles -würde sie verzichten, auf Geld, Bequemlichkeit, gesellschaftliche -Stellung. Nichts wollte sie. Wie Millionen von Frauen, die ihr Brot -verdienten, wollte sie sein, nicht anders. Langsam hatte sie sich zu -diesem Entschluß durchgerungen. Tausend beglückende Gespräche gaben -Helligkeit, Klarheit und Ziel! - -Wenn sie Papa kränkte, sie konnte nicht anders, Otto, ihre -Verwandtschaft -- nein, es stand unabänderlich fest! Welche Albernheit, -Oberflächlichkeit, welcher Dünkel, welcher Wahn -- nein, fort fort. - -Und doch, das Herz schmerzte. Sie erhob sich und begann auf und ab zu -wandern, die Hände an den Hüften, immer hin und her, den Blick voller -Qual -- immer hin und her, die ganze Nacht. -- - -Und Dora, was tat Dora in dieser undurchdringlichen Nebelnacht? Sie -schlief und lächelte im Schlaf. Auch Klara, die kleine unglückliche -Klara, schlief, aber sie weinte im Schlaf, ihre Wangen waren ganz naß. - -Hedi aber war noch wach in dieser Nebelnacht, sie war heiter und guter -Dinge. Sie tanzte Tango mit Weißbach, in der Bibliothek, nebenan saß -eine kleine Gesellschaft beim Spiel. Der Phonograph war kaum zu hören, -da sie ihn geschlossen hatte, aber so fand Hedi es am stimmungsvollsten. -Ströbel hatte ihr eben gesagt, er sei einer der wenigen Männer in -Europa, die alles vertragen könnten -- und so tanzte sie Tango mit -Weißbach, ganz allein, und Weißbach, der heute wenig trank, hatte ihr -erklärt, daß er sie liebe und sie auf der Stelle heiraten würde. Das -belustigte Hedi, und zuweilen erlaubte sie seinem Blicke, in ihre Augen -einzudringen, ganz tief. Sie hatte sich vorgenommen, den kleinen -schwarzen Artilleriehauptmann völlig rasend zu machen. Und dann? Nun, -wer weiß --? - -Und Otto? In seinem Zimmer im Westen saß er, eine kleine anmutige -Verkäuferin, die er auf der Straße kennengelernt hatte, auf den Knien, -eine Flasche Wein neben sich. Er küßte den vollen, bläulichweißen Nacken -der Kleinen, und sie fragte ihn, wie das knallt, wenn eine Granate -einschlägt. Ihr Bräutigam war ebenfalls im Felde. Otto lachte -- -herrlich diese Naivität. Er unterhielt sich ausgezeichnet. Was kümmerte -es ihn, daß der Nebel um das Haus wallte? - - -4 - -Immer noch rannte der kleine Herr Herbst hinter dem Mantel mit den roten -Aufschlägen einher, immer noch durch purpurne Finsternis. - -Allmählich aber ging die Dunkelheit in Zwielicht über, er rannte nicht -mehr, er ging langsam -- und der General? Es war gar nicht der General, -es war sein Zimmernachbar Hähnlein. An seinem abgenutzten -Soldatenmantel, seinen abstehenden weißen Ohren, dem dünnen Hals -erkannte er ihn. Er ging langsam, immer einige Schritte voraus, kreuz -und quer durch die Straßen. Offenbar suchte er etwas. Endlich aber -- -ah, nun hatte er es gefunden. - -Vor einem Laden mit Messern machte er halt. Messer, nichts als Messer, -funkelnd und blitzend, ein Gebiß. Dieses Geschäft umkreiste Hähnlein, er -las die Aufschrift, runzelte die Stirn. Dann trat er zurück an den -Rinnstein, einen Fuß auf dem Fahrdamm, einen auf dem Bürgersteig, zog -den Geldbeutel heraus und blickte aufmerksam hinein. Entschlossen betrat -er den Laden. Aber bevor er die Türe schloß, warf er noch einen Blick -auf die Straße, einen suchenden, kranken und traurigen Blick. Wonach sah -er sich um? Nach Hilfe? - -Wie, hier, zwischen den eilenden Menschen, die alle vor dem eigenen -Elend dahinjagten, hier, wie? Nun, er sah es ja auch ein, daß es sinnlos -war, gerade hier nach Hilfe auszuspähen und schloß die Türe hinter sich. -(Herbst spähte durch die Scheibe!) Er wählte ein langes solides -Bratenmesser, lang, spitzig und scharf und verließ den Laden, ein -schmales, langes Paketchen unter dem Arm. Rasch strebte er nun seinem -Hause zu, zuweilen lief er sogar eine Strecke, rasch eilte er die Treppe -hinauf. - -Aber was nun? Es war wieder dunkel im Zimmer nebenan, wieder war es -plötzlich Nacht geworden, und nur Hähnleins Schatten war zu sehen, seine -weißen abstehenden Ohren und seine böse glitzernden Augen. Er, Herbst, -lag nun wieder in seinem Bett, schlief, hatte die Augen geschlossen, -trotzdem sah er durch die Mauer hindurch alles, was Hähnlein nebenan -tat. Nun beugte sich Hähnleins Schatten über die schlafenden Kinder, -lange Zeit, dann über die schlafende Frau. Da blitzte plötzlich das -lange Messer. Furchtbar blitzte es in der Dunkelheit. Die Frau regte -sich, und Hähnlein versteckte hastig die Klinge unter seinem Rock. Lange -stand er ohne jede Bewegung. - -Dann aber, dann beugte er sich wieder über die schlafenden Kinder, das -Messer funkelte -- nun zeigte die Klinge dunkle Flecken. Lautlos stand -er und atmete. Dann beugte er sich über die Frau, und abermals funkelte -das Messer. Endlich richtete er sich auf. Kein Laut. - -Plötzlich aber beschäftigte ihn etwas. Er heftete seine glitzernden -tückischen Augen auf ihn, Herbst, der nebenan in seinem Bett lag und -schlief. Sah er ihn? Es war ja unmöglich, die Wand war dazwischen. Aber -doch schien er ihn zu sehen. Er tastete mit der Hand gegen die Wand -- -runzelte enttäuscht und zornig die Stirn. Da begann Herbst (weshalb -eigentlich?) spöttisch zu kichern. Hähnlein lächelte verächtlich, -wollüstig -- und tastete sich an der Wand entlang zur Türe. - -Herbst setzte sich plötzlich aufrecht, und sein Herz stand still vor -Entsetzen. Wild schrie er auf. - -Er kam! Er sah ihn kommen, das Messer zwischen den Lippen. - -Schon öffnete sich langsam die Türe, seine Hand wurde sichtbar -- wieder -schrie Herbst auf -- und er trat ein. - -Aber er trug kein Messer, sondern eine Kerze. Und es war gar nicht -Hähnlein, sondern -- Ackermann. - -»Sind Sie krank? Weshalb schreien Sie?« fragte Ackermann und kam näher, -den Leuchter mit einer kleinen Kerze in der Hand. - -Herbst versuchte zu sprechen, doch die Zunge klebte am Gaumen. - -Ackermann ging und kam mit einem Glas Wasser zurück. - -»Trinken Sie. Sie fiebern ja. Sie glühen!« - -»Ich friere«, entgegnete Herbst, und seine Zähne klapperten. »Ich fühle -mich eiskalt. Gewiß bin ich schneeweiß.« - -»Sie glühen. Trinken Sie! Weshalb schrien Sie so?« - -»Ich habe von Toten geträumt.« - -Ackermann lächelte. »Vor Toten brauchen Sie keine Angst zu haben.« - -Herbst zitterte und heftete die fiebernden Augen auf Ackermann. - -»Und die Schritte,« flüsterte er, »die ganze Nacht. Vor dem Hause. Haben -Sie das grüne Hütchen nicht gesehen?« - -»Trinken Sie noch etwas!« - -»Fliehen Sie! Sie sind da!« - -Frisch und jung erschien ihm Ackermann, eine Erscheinung aus einer -andern Welt. Die finsteren Mächte, die diese Erde bevölkern, konnten ihm -nichts anhaben. Seine Augen glänzten, sein Mund blühte tiefrot, er -schien weder müde noch schläfrig, obschon es tief in der Nacht war. Er -lächelte heiter, als er von den Schritten vor dem Hause hörte, nein, -auch sie konnten ihm nichts anhaben. Er schwebte auf Wolken wie ein -Engel. Er war ein Gesandter Gottes, der zu ihm gekommen war, um ihm zu -trinken zu geben. - -Die Kerze verschwand. Schon war es wieder dunkel. - -Ja, ein Traum hatte ihn gefoltert, ein Traum voller Unheil und -Schrecken. Hatte er von den verschütteten Soldaten geträumt, die sich -aus den Lehmbergen auswühlen, oder von Robert, aus dessen Wunden das -Blut in Strömen floß? Noch jetzt schüttelte ihn das Entsetzen. - -Ohne Zweifel, dieses Haus war ein Haus des Unglücks, ein verfluchtes -Haus. Seine Mauern waren zermorscht von Jammer und Tränen. Selbst die -Toten fanden hier keine Ruhe. Jede Nacht glitt der tote Briefträger -durch das Treppenhaus und verbreitete seinen häßlichen Geruch. Er war -gestorben, dieser alte Briefträger, ein Veteran mit den Denkmünzen des -glorreichen Siebziger Krieges, ohne daß jemand es wußte. Erst als ein -scharfer, süßlicher Geruch das Haus erfüllte, hatte man ihn aufgefunden, -ausgestreckt auf dem Boden. Jede Nacht kroch er nun durch das -Stiegenhaus, und zuweilen zog er die Klingeln, dann schrien die Frauen. - -Ja, ein verfluchtes Haus. - -Aber, gottlob, die entsetzliche Kälte hatte aufgehört. Schon begann er -sich zu erwärmen, schon begann er wieder wohlig zu glühen. Ruhig atmete -das Haus, deutlich hörte er hinter der Wand die Familie Hähnlein im -Schlafe atmen. Feuer stieg in seine Augen. Sie wurden größer und größer, -und mit feurigen Augen, so groß wie Wagenräder, saß er in der -rauschenden Finsternis. - -Plötzlich hörte er deutlich eine Orgel brausen, feierlich und tief. Und -durch das volle Orgelbrausen rief eine Stimme: - -»Heilig ist der Mensch! Sinn der Erde, unantastbar!« - -»Heilig ist das Menschenleben, unantastbar!« - -Und wieder brauste die Orgel. - -Dann schrie die gleiche Stimme, laut und hell: - -»Die Menschenwürde ist das oberste Gesetz!« - -»Unantastbar ist die Würde des Menschen!« - -»Heilig sein Gedanke, heilig sein Leib!« - -»Liebet einander!« - -Die Orgeltöne verbrausten in der Ferne. - - -5 - -Und der Nebel brodelte über den Dächern der Stadt. - -Immer noch ertönte gedämpft der Phonograph in Ströbels Bibliothek. Aber -Hedi tanzte nicht mehr. Sie saß am Spieltisch und setzte eifrig. Rote -Flecken fieberten auf ihren Wangen, ihre Augen sprühten. Sie gewann. -Zuweilen liebkoste Ströbel sie mit einem Blick, sie liebte ihn in diesem -Augenblick. Weißbach, der nach ihren Blicken tastete, hatte sie ganz -vergessen. - -Ottos Mädchen war eingeschlafen. Zwei Tränen glänzten wie Tau unter -ihren langen hellen Wimpern. Otto saß beim letzten Glas Wein und rauchte -voller Behagen eine Zigarre. Er brauchte keinen Schlaf, obgleich er von -früh bis abends im Bureau arbeitete. - -Immer noch ging Ruth ruhelos auf und ab, den Blick voller Qual. Sie -schwankte, so müde war sie, aber sie konnte sich nicht entschließen, zu -Bett zu gehen. - -Der General aber schlief. Er schnarchte und murmelte zuweilen -unverständliche Worte im Traum. Wangel und Jakob packten in aller Eile -die Koffer, und er gab ihnen Befehle. Soeben hatte ihn das Telegramm -erreicht, in vierzig Minuten ging der Zug zur Front . . . - -Und der Nebel wallte draußen. Über ganz Deutschland dampfte der Nebel, -undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Deutschland sah -sie nicht. Die Züge winselten durch die Nebelnacht, durch ganz -Deutschland liefen die Transporte mit den zerschossenen Menschen, durch -Wälder, Felder, über Brücken und Flüsse, ohne Zahl, ohne Pause. - -Über Europa dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die -ewigen Sterne, aber Europa sah sie nicht. Blutrot wallte das Nebelmeer, -Europas Ströme wälzten Blut. - -Die Greise, die die Geschicke der Völker lenkten, schlummerten in ihren -Betten. - -Schon aber wurde der Nebel lichter. Der Tag war nahe. -- - -Ackermann hatte seine Papiere in dieser Nacht in Ordnung gebracht und -verbrannt, was verschwinden mußte. Der Ofen qualmte, und Rauch erfüllte -das kleine Zimmer. - -Er öffnete das Fenster. Da wälzte sich der Nebel herein, deutlich sah -man ihn um die kleine Kerze kreisen. Schon aber begannen die Dunstballen -sich aufzuhellen, es tagte. Stille, kein Schritt, kein Laut. Die Stadt -war völlig tot. - -Ackermann blies die Kerze aus und legte sich zur Ruhe. - -Aber der Nebel folgte ihm in seine Träume: Da sah er einen Feldgrauen, -so wie er ihn hunderttausendfach gesehen hatte. Der Feldgraue, in einen -weiten Soldatenmantel gehüllt, eine kleine verknüllte Grabenmütze auf -dem Kopf, arbeitete still für sich, inmitten eines weiten, rauchenden -Ackers. - -Es war so düster, daß zuweilen kaum die Umrisse des Feldgrauen zu -erkennen waren. Er war groß, sein knochiges Gesicht von einem kurzen -Stoppelbart eingerahmt. Ohne Unterbrechung, ohne aufzublicken hob er mit -einem Spaten die Erde aus. Ein riesiger, in der Erde vergrabener Stein -kam zum Vorschein, und allmählich bekam man eine Vorstellung von der -Größe des Steins. Er war etwa so groß wie die Drehscheiben, auf denen -man Lokomotiven bewegt. Manchmal schien er auch etwas kleiner, manchmal -größer zu sein. Jedenfalls war er ungeheuer groß, und man wußte ja auch -nicht, wie tief er in der Erde stak. - -Der Feldgraue nahm nunmehr ein Stemmeisen zur Hand, eine schwere -Deichsel mit einem Eisenschuh, rammte sie unter den Stein und warf sich -mit aller Wucht dagegen. Der Stein rührte sich nicht. Unverdrossen nahm -der Feldgraue wiederum Pike und Spaten in die Hand und grub das Loch um -den Stein herum tiefer. Ein ganzes Gebirge von Erde warf er aus, und es -war wunderbar zu sehen, wie gleichmäßig, ruhig und hingegeben er -arbeitete. Wiederum setzte er das schwere Stemmeisen an, und siehst du, -nun bewegte sich der Stein eine Idee! Am Rande des Steins zeigte sich -ein feiner Riß im Boden. Es war also kein Zweifel, der riesige Stein -hatte sich bewegt! Abermals warf sich der Feldgraue mit voller Wucht -gegen das Stemmeisen. Zum ersten Male wandte er Ackermann voll das -Gesicht zu. Deutlich war zu sehen, daß es in Schweiß gebadet war, in den -Augen hatte sich der Schweiß angesammelt, so daß sie schneeweiß -erschienen. Mit einer ungeheuren Anstrengung drückte der Feldgraue das -Stemmeisen nieder, die Adern an seinen Schläfen schwollen an -- ah, -schon bewegte sich der Stein deutlicher. Unmerklich war er auf der einen -Seite eingesunken und auf der andern Seite in die Höhe gestiegen. - -Der Feldgraue wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, und -mutig nahm er die scheinbar aussichtslose Arbeit wieder auf. - -Doch was ist das? Er hält im Schaufeln inne und berührt seine Backe. -Eine blutige Schramme ist entstanden, und das Blut rieselt in einem -dünnen Faden herab über seinen Hals. Verwundert schüttelt der Feldgraue -den Kopf. Es ist ganz merkwürdig, was geht vor? Plötzlich wird ein Stück -von dem grauen Mantel abgerissen: ah, er ist im Feuer, er arbeitet im -Feuer, dachte Ackermann, er wird beschossen. Deutlich sieht er, wie -einen Augenblick später auf seiner Stirn eine klaffende Wunde entsteht. -Das Blut stürzt heraus, und rasch ist die eine Hälfte des ganzen -Gesichts vom Blut überzogen. Der Feldgraue aber arbeitet ruhig weiter. -Er legt sich mit ganzer Gewalt gegen das Stemmeisen, und nur zuweilen -fährt er mit dem Ärmel übers Gesicht, wenn das Blut ihn stört. - -Es geschieht das Unglaubliche: es ist ihm gelungen, den riesigen Stein -in eine schräge Lage zu bringen. Voller Raserei wirft er sich nun mit -dem Rücken dagegen und versucht, den Steinriesen vollends in die Höhe zu -heben. Es geht -- ein wenig -- aber da fällt der Stein wieder in die -frühere Lage zurück. - -Erneut beginnt der Feldgraue sein Werk, unverdrossen. Seine Hände und -sein Gesicht sind von Blut und Schweiß überzogen, aber er kümmert sich -nicht darum. Plötzlich zerreißt sein Waffenrock an der Brust, er hält -einen Augenblick inne, legt die große Hand auf die Brust, und schon -stürzt ihm das Blut aus dem Mund. Aber gleich darauf nimmt er wieder die -Arbeit auf. Wiederum stemmt er sich mit dem Rücken gegen den Stein, und -siehe da, er hebt ihn hoch, so unmöglich es auch erschien. Nun steht er -schräg wie ein Dach, aber alle weiteren Anstrengungen sind umsonst. Der -Feldgraue streicht um den Stein herum, schüttelt den Kopf, wischt sich -das Blut aus dem Gesicht und vom blutigen Mantel, schaufelt und macht -von neuem verzweifelte Versuche, aber der Stein bewegt sich nicht mehr. - -Aber nun, was geschieht? Jemand kommt, jemand ist hinzugetreten. Es ist -ein kleiner Mann, ebenfalls ein Soldat, mit raschen, herrischen -Bewegungen. Offenbar ein Vorgesetzter. Er gestikuliert heftig, treibt -den Feldgrauen zur Arbeit an. Und plötzlich erinnert sich Ackermann, daß -dieser kleine Mann mit den herrischen Bewegungen schon vorher einmal im -Nebel sichtbar geworden war. Nur für einen Augenblick. - -Wiederum stemmt sich der Feldgraue mit aller Gewalt gegen den riesigen -Stein, aber es geht nicht. Wieder wendet er Ackermann das Gesicht zu. Es -ist von Blut übergossen, ebenso wie seine Brust, die Augen sind -blutunterlaufen, und bei der ungeheuren Anstrengung quillt das Blut -zwischen seinen Lippen hervor. Plötzlich -- plötzlich springt der kleine -Mann mit den herrischen Bewegungen zornig hinzu, schwingt eine kurze -Riemenpeitsche und -- ah -- schlägt damit den Feldgrauen übers Gesicht. -Er schlägt wieder und wieder und gerät in förmliche Raserei. Der -Feldgraue aber verdoppelt, verdreifacht seine Anstrengungen. Er -schwankt, taumelt ein paar Schritte und fällt zu Boden. Ohne Bewegung, -ohne Zeichen von Leben liegt er da. - -Ist er ohnmächtig geworden? Ist er tot? - -Der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen geht näher an den -Feldgrauen heran. Er stößt mit dem Stiefel gegen die Schulter des -Regungslosen. Er ist nun plötzlich um vieles kleiner geworden, und der -Feldgraue um vieles größer. Wie ein Zwerg zu einem Riesen verhält der -kleine Herrische sich zu dem Feldgrauen. Er klettert auf den -Regungslosen hinauf, um ihm ins Gesicht blicken zu können. Er steht auf -seiner Brust, schwingt die Peitsche und schreit . . . - -Aber der Regungslose, Blutüberströmte, antwortet nicht. Seine Zähne -blinken im Nebel. Da ist sein Spaten, sein Hebebaum, dort der Stein, der -halb aufgerichtet in den Nebel ragt. Aber er regt sich nicht mehr, er -antwortet auch nicht. - -Sein Stillschweigen versetzt den Kleinen mit den raschen, herrischen -Bewegungen abermals in rasenden Zorn. Er klettert höher auf der Brust -des Riesen, hält sich an seinem Mantelkragen fest und hebt den Stiefel, -um damit nach dem regungslosen, blutüberströmten Gesicht mit den -blinkenden Zähnen zu stoßen . . . - -Da erwachte Ackermann. - - * * * * * - -Es wurde nun in der Tat deutlich lichter. Gelb wie Lehmwasser floß das -Morgenlicht am Fenster. - -Schon ratterte ein Wagen auf der Straße. - -Der kleine Herr Herbst hatte, seit ihn Ackermann verließ, die Nacht -zwischen Schlaf und Wachen verbracht. Vielleicht hatte er auch -geschlafen, er wußte es nicht. Sein Körper war mit Schweiß bedeckt, aber -das Fieber schien gebrochen zu sein. - -Still lag das Haus. - -Diese kurze Stille vor dem Morgen liebte er. Wie oft hatte er in dieser -Stille in seinem Bette gesessen, und die Hände gerungen und das -befreiende Weinen geweint, das ihn beruhigte. - -Deutlich hörte er, wie Ackermann sich in seiner Bettstelle hin und her -wälzte, aber nun war es still bei ihm. Auch bei Hähnlein war es still, -ganz still. - -Der tote Briefträger, der Veteran von Siebzig, mußte in sein Reich -zurückweichen vor dem Licht, alle Nachtgespenster mußten weichen. -Lieblich war der sanfte Morgen. - -Schon aber begann das mit Menschen vollgestopfte Haus zu erwachen. Die -Haustüre ächzte und krachte, und der Hausmeister streckte seinen -graugelben Pudelkopf in den Morgennebel. Türen schlugen, und Tritte -eilten die Treppe hinab. Es wurde geklopft, gerufen, Wasser plätscherte. - -Bei Hähnlein -- Stille! - -Noch vor kurzem hatte er das Atmen hinter der Wand gehört, aber nun war -es ganz still geworden. - -Kein Laut! - -Herbst erhob sich und machte in aller Eile Toilette, es dauerte nicht -lange bei ihm. Aber während er sich wusch, nieste er mehrmals und hob -die kleine Nase in die Luft. Gas, wie? Ja, es roch nach Gas. - -Deutlich, deutlich spürte er den Gasgeruch. - -Auf dem Korridor war der Geruch noch stärker. Ängstlich schlich er sich -zur Türe. - -In diesem Augenblick öffnete Ackermann die Türe und streckte den Kopf -heraus. Auch er zog die Luft ein. - -»Es riecht so stark nach Gas hier?« sagte er. - -»Ja, stark nach Gas!« - -Hm. Ackermann trat halb angekleidet auf den Korridor heraus. - -»Haben Sie den Gashahn offen gelassen?« - -»Ich? Nein, nein«, erwiderte Herbst, die Hand schon am Drücker der Türe. - -»Vielleicht Hähnlein --?« fragte Ackermann leise, stockend, und sein -erschrockener Blick wandte sich auf Herbst. - -»Ja, vielleicht --?« - -»Wir wollen nachsehen --« - -Aber Herr Herbst hatte keine Lust nachzusehen, nein, nicht die mindeste --- diese Stille -- er rannte die Treppe hinab. Schon polterten -Ackermanns Fäuste gegen Hähnleins Türe. - -Furchtsam eilte er die neblige Fabriciusstraße entlang. Deutlich entsann -er sich nun, daß er von Hähnlein geträumt hatte. Deutlich! Ganz -deutlich! Hähnlein war mit einem Messer in der Hand die Treppe -hinabgestürzt, ja deutlich erinnerte er sich jetzt daran -- er hatte -sich gegen die Wand geworfen, um ihm aus dem Wege zu gehen. - -Schon verlor sich der Havelock im Labyrinth der Straßen wie jeden Tag. - - -6 - -Siehe, deine Welt, Langmütiger! - -Hunderte und Tausende flüchten täglich voller Verzweiflung aus diesem -Leben. - -Öffne die Augen und sieh: Jammer! - -Öffne die Augen und sieh: Schande! - -Lausche! Das Geschrei der Folterknechte, das Geschrei der Gemarterten, -das Jammern der Witwen und Waisen. Ströme von Tränen rauschen dahin, -Flüche verfinstern das Licht. - -Siehe deine Völker: Mörder! - -Die Heere der betörten Sklaven, vorwärtsgepeitscht von ihren Verführern, -zerfleischen sich noch immer. Noch immer gibt es Granaten, Torpedos, -Gas, Flammenwerfer, noch immer werden Männer und Frauen füsiliert, noch -immer werden täglich Gefangene -- welches Wort! -- zu Tausenden wie -Sklaven verschleppt. Schiffe sinken in die Tiefe, Kathedralen gehen in -Flammen auf, Tausende von unschuldigen Kindern verhungern an jedem Tag. -Aber auf den Kirchen Europas funkeln golden die Kreuze! Und wie lange -willst du noch zögern? - -Die Nebelfetzen zerflatterten, schon glänzte ein rotes Dach. Riesige -Firmenschilder blinkten oben an den Nebelburgen, Fensterreihen blitzten. -Die Häuser wurden farbig, rote Gesichter erschienen in den Türen. -Plötzlich strahlte die Sonne. Und die bunten Flaggen flatterten wieder -heiter im Morgenwind. - -Dampfend und glitzernd stieg die Stadt aus dem Nebel empor. Tau lag auf -den Straßen, tropfte von den Bäumen, die Dächer glänzten naß. Die -Brillen der Straßenbahnführer waren beschlagen, Tau hing an ihren -Schnurrbärten. Die Tritte hinterließen Spuren auf den feuchten -Bürgersteigen. - -Langsam wanderte Ackermann durch die Straßen, bald dahin, bald dorthin -ließ er sich treiben -- nicht mehr sein ungeduldiger, stürmischer -Schritt. Wozu Eile? Er war am Ziel. - -Heute abend würde er nicht mehr in sein Zimmer zurückkehren -- Gott -allein wußte es, was mit ihm geschah . . . - -Beglückt sog er die frische Morgenluft ein, wie Dampf kam der Atem aus -seinem Munde. Tau hing an seinen Wimpern. In der letzten Zeit hatte er -sein Äußeres vernachlässigt, aber heute morgen hatte er sich rasieren -und die etwas langgewordenen Haare stutzen lassen. - -Schwach ging der Pulsschlag der sterbenden Stadt. Nicht mehr das Brausen -und Donnern des Friedens, wenn sie erwachte. Frauen, Kinder und Greise -besorgten die Geschäfte, kutschierten die Gespanne, zogen Karren und -Wagen. Vor den Geschäften standen, wie jeden Morgen, die langen Reihen -der Weiber mit Töpfen und Markttaschen. Hin und wieder rollten -Heeresautomobile, schwer beladen, polternd vorüber. - -Bald war Ackermann wieder in seine Gedanken versunken. Ja, so wird es -sein! Sie, die Reinen, Gläubigen, Hoffenden, werden eine Gemeinschaft -bilden, wie die Apostel, die das Christentum in allen Ländern -verbreiteten. Es wird genau sein wie seinerzeit. - -In die Schulen werden sie gehen, die Apostel, und predigen: Die Würde -des Menschen ist das oberste Gesetz! Heilig das Menschenleben und -unantastbar! Alle Völker sind Brüder, und die Vernunft ist das Vaterland -aller Menschen. Sie werden die Lüge aus den Schulbüchern verbannen, sie -werden auf die Tugenden der Nachbarvölker hinweisen und nicht auf ihre -Schwächen. - -Dies und hundert anderes werden sie lehren, werden es in die Seelen der -Jungen, der Keuschen und Unverdorbenen pflanzen. Bei ihnen werden sie -beginnen. Fluchbeladen sinkt die alternde Generation dahin, erwürgt von -Gram und Schande. - -In die Kirchen werden sie gehen, die Apostel, und den Gläubigen die neue -alte Lehre predigen -- in die Fabriken, Kasernen, Gefängnisse, Dörfer -- -überall werden sie sein. Keine Landesgrenzen wird es für sie geben, sie -gehen hin und her, wie sie wollen. Sie sprechen alle Sprachen, in allen -Ländern, allen Kontinenten werden sie morgen die Arbeit beginnen. Arm -werden sie sein, verachtet, die Liebeglühenden, arm wie Bettelmönche, -geächtet und verfolgt. - -Sie bereiten das Reich vor, das kommen wird! Glückliche, gütige -Menschen, ohne Mißtrauen, ohne Neid, ohne Hochmut werden es bewohnen. -Kein Mensch wird fortan der Unterdrücker eines andern sein, kein Volk -der Unterdrücker eines andern Volkes, für immer ist die Zeit der -Sklaverei dahin. - -Freiheit, Freundschaft, Freude wird der Gruß des neuen Menschen lauten. - -Und die Erde wird ein Garten sein! Alle Kräfte, dienstbar heute der -Bewaffnung und dem Kriege, werden dem Frieden und der Wohlfahrt dienen. -Die Wüsten werden blühen, der Sand selbst wird Früchte tragen. Ja, ein -Garten die Erde. - -Haubitzen, Bombenflugzeuge, Panzerkreuzer, Unterseeboote, wo sind sie -hin? Wie ein Spuk werden sie sein, ein Spuk aus einer finstern, -unbegreiflichen Zeit. - -Deinen Glanz sehe ich, den Glanz deines Friedens und deines Glückes, ich -sehe ihn schimmern -- Reich der Zukunft, Reich der Freude, Reich des -Menschen, ich betrete dich . . . - -Da hielt Ackermann den Schritt an. Eine Stimme rief in seinem Innern und -mahnte. Erschrocken fuhr er aus seinen Träumereien auf, bereit, der -Stimme zu gehorchen, die aus seinem Innern drang. - -Schritte kamen, trappelten. Er wandte den Kopf. Um die Straßenecke bog -ein Trupp von Männern in abgetragenen, zum Teil zerlumpten -Zivilkleidern, die von einem Unteroffizier geführt wurden. Nicht viel -waren es, kaum hundert. Sie trugen Pappschachteln, es war Ersatz für die -Kasernen. Nein, nicht das Reich des kommenden Menschen, nicht sein -Schimmer, sein Glanz, armselige, trostlose Gegenwart. - -Stumpf trotteten die Männer dahin, teilnahmslos, geduckt unter ihr -Schicksal, bereit zu sterben, wenn man es forderte, bereit zu töten, -wenn man es verlangte, bereit zu allem. Alte Männer, eisgrau, einige -plattfüßige aufgeschwemmte Dickbäuche, ein paar spindeldürre Bebrillte, -schwindsüchtige Kaufleute und Studenten, freche Burschen mit -Diebesgesichtern, ein Zwerg in großen Stiefeln, ein Kranker mit -zerfressener Nase, ein Buckliger, ein Hagerer mit nur einem Auge. Und -ein Bleicher, ganz Bleicher, der den Blick voller Scham zu Boden -richtete, bildete den Schluß. Die Stiefel schlürften, schallten, die -Knie bewegten sich automatisch, die Pappschachteln schaukelten hin und -her. - -Die in Lumpen gehüllten Weiber, die die Straße reinigten, lachten und -schrien. - -»Ihr werdet es schaffen! Immer rasch!« - -Eines der Weiber sprang auf den Kehrichthaufen und tanzte mit dem Besen, -daß die schmutzigen Röcke flogen. - -»Hahaha! Die Garde kommt!« - -»Hohoho!« - -Teilnahmslose Blicke, Gelächter, Grimassen. Eine Reihe von Elektrischen -hielt den Zug der Ausgemusterten auf. Menschen sammelten sich an, -Fuhrwerke stauten sich. - -Blitzschnell trat Ackermann einige Schritte vor. Sein glühender Blick -flog über die Menschen, die Wagen, den Zug der Armseligen mit den -Pappschachteln. - -Jetzt? Jetzt? - -Gesetzt den Fall -- jetzt! - -Die Hände in die Luft werfen, schreien, diesen Menschen, die sich hier -angesammelt hatten, es zuschreien, diesen armen Krüppeln und Kranken mit -ihren Pappschachteln, laut, über den ganzen Platz, so laut, daß Hunderte -es hören, Tausende und Zehntausende es am Abend wußten --? - -Er erbleichte. Angst schnürte seine Kehle zusammen, nicht eine Silbe -hätte er hervorbringen können. Er schwankte -- schon bei dem Gedanken. -Jetzt würden sie über ihn herfallen, der Unteroffizier, wahrscheinlich -sogar die Männer mit den Pappschachteln und der Schutzmann dort, er -würde herbeieilen und ihn zu Boden schlagen. - -Aus einem Straßenbahnwagen starrten ihn erschrocken ein Paar große Augen -an, eine alte, zitronengelbe Frau. - -Er hatte in der Erregung eine unwillkürliche Bewegung mit den Armen -gemacht, und diese Bewegung hatte den Blick der Frau auf ihn gelenkt. - -Die Straßenbahnwagen klingelten und rollten weiter. Wieder bewegten sich -die Knie der Männer mit den Pappschachteln, ihre Rücken drängten sich -zusammen. Die Menschenknäuel lösten sich, zerrannen. Die Wagen fuhren. -Der Schutzmann betrachtete interessiert eine geschminkte Dame, die ihm -zulächelte. - -Ackermann stand allein auf dem Trottoir, müde plötzlich, ein leises -Beben in den Gliedern. Allmählich erst kehrte die Farbe in sein Gesicht -zurück. Langsam, die Pupillen geweitet, ging er weiter. - -Hier? Wie unsinnig wäre es gewesen! Sinnlos, ohne jeden Widerhall. -Menschenmassen mußten es sein, wimmelnde Menschen, aufhorchend, in deren -Ohren sein Schrei weitergellte, so daß ihr Herz erbebte. Die seinen -Schrei durch Berlin trugen in alle Häuser: über die ganze Stadt mußte -sein Schrei hingellen. - -Nein, nicht einen Augenblick hatte er ernsthaft daran gedacht. Aber wie -war es möglich, daß ihn der Gedanke allein schon so tief erschreckte, -daß sein Herz stehenblieb? - -Neben einem Pumpbrunnen, wo ein Droschkenkutscher sein Pferd tränkte, -stand eine Bank. Darauf setzte sich Ackermann. Er streckte die Beine -aus, die noch ein leises Zittern schwächte. Die Sonne blendete in sein -Gesicht. Es war weiß, durchsichtig, und Spuren von Sommersprossen waren -im grellen Licht zu erkennen. - -Schrecken erfüllte ihn. - -Entsetzen! - -War er das? Nach allem --? - -Mit geweiteten Augen sah er zu, wie die grauhaarige Pferdeschnauze -gierig ins Wasser tauchte. - -Was für einen Sinn sollte es haben, daß einer sich vor die dahinrasende -Maschine warf und sich von ihr zerfleischen ließ? Und weshalb gerade er? -Vielleicht hatte ihn die innere Stimme nur genarrt, ihn bis zu diesem -Punkte geführt, damit er seine Schwäche und Ohnmacht erkenne. - -Wie? - -Vielleicht, vielleicht. - -Er saß wie gelähmt. Das alte Pferd bleckte die gelben Zähne nach ihm. - - -7 - -Leise schloß Ruth die Türe ihres Zimmers hinter sich. - -Sie war voller Unruhe. - -Abermals hatte sie den großen, beobachtenden Blick Papas auf sich -gefühlt. Wie schon seit Tagen. Gestern abend sah sie ihn im Spiegel: -groß, hell, lauernd und drohend. - -War er argwöhnisch geworden, Papa? - -Vielleicht hatte die Zigarrenspitze, die sie neulich in ihrem Zimmer -fand, doch etwas zu bedeuten? - -Plötzlich errötete sie. Und der Brief? In einem Buch lag ja ein Brief -von Karl! Schnell, wo ist er? Am Ende war er fort? Am Ende hatte Papa -diesen Brief gefunden, gelesen. War er nicht einmal ganz plötzlich in -ihr Zimmer gekommen, als Dora bei ihr Tee trank? Sie hatte diesem -Vorfall ja nicht die geringste Bedeutung beigelegt, gar nicht weiter -darüber nachgedacht. Ach, sie haßte Papa! Ja, wahrlich, sie haßte ihn! -Man kannte nie seine Gedanken. Sein Blick prüfte, tadelte, sein Blick -entmutigte, sein Blick erstickte jede harmlose Freude. - -Nein, sie haßte Papa natürlich nicht, er hatte gewiß seine guten -Eigenschaften, er war charaktervoll, wie wenige Menschen, pflichtgetreu, -stolz, verschlossen, ehrenhaft vom Scheitel bis zur Sohle, nein, nein, -sie wollte gar nichts sagen. Er war verbittert, unglücklich vielleicht, -trug sein Leben ohne zu klagen. Nie hatte sie eine Klage von ihm gehört. -Er schwieg. Aber wie gerne hätte sie doch Zutrauen zu ihm gehabt, volles -Vertrauen, wie zu einem erfahrenen, erprobten Freund. Ja, so sollte es -sein! Aber es war gerade umgekehrt: anstatt sich ihm anvertrauen zu -können, mußte sie sich vor ihm verbergen. Es war natürlich auch sein -Verhalten Mama gegenüber, das sie gegen ihn einnahm. Nie konnte sie ihm -verzeihen, daß er jahrelang mit solcher Erbitterung gegen die Arme -prozessierte. Aber sie war ja jetzt reifer, sie verstand das Leben jetzt -besser und wußte, daß es viele unglückliche Ehen gab, und doch beide -Teile ehrenhafte und gütige Menschen sein konnten. Nicht das war es, es -war -- undefinierbar. Seine Nähe bedrückte, sie verwandelte, das Leben -erschien plötzlich so schwer und ernst. - -Sie fand es überaus häßlich, daß er in ihr Zimmer gekommen war, -seinerzeit. Und die Zigarrenspitze? Papa rauchte die Zigarren in -Papierspitzen mit Gänsekielen. Eines Tages hatte sie eine solche -Papierspitze auf ihrem Schreibtisch gefunden. Sie hatte sie achtlos zum -Fenster hinausgeworfen. Vielleicht war sie auch von einem der Burschen -hereingebracht worden? - -Aber hier war ja Karls Brief. Gottlob, sie atmete auf. - -Er lag noch an derselben Stelle, zwischen denselben Seiten des Buches, -unberührt. Sie las den Brief, sie drückte ihn an die Lippen. - -Ja, Karl war einer von den Kommenden, nicht einer der Vergehenden. Er -hatte Wille und Ziel. Und was er wollte, war gut. Alle Welt liebte ihn, -seine Freunde beteten ihn an, er hatte keinen einzigen Feind. Sie, die -sie selbst schwankte, klammerte sich an ihn, er gab ihr Halt. Glücklich -würde sie mit ihm sein. - -Aber weshalb war Papa in letzter Zeit so aufmerksam -- fast zärtlich? -Weshalb sagte er ihr so oft, daß sie bleich und nervös sei und nach -Babenberg gehen solle? Einmal legte er sogar die Hand um ihre Taille -- -seit Jahren war es nicht mehr der Fall, oh, sie erinnerte sich deutlich -dieser ihr (damals!) so schrecklich unangenehmen Liebkosung, sie lebte -ganz dem Andenken Mamas. Er fragte, ob sie keine Wünsche habe, ob sie -nicht etwa Lust zu einer Reise habe, vielleicht nach der Schweiz? Er -habe eine gewisse Summe für sie bereitgelegt. Nein, sie brauchte nichts, -gar nichts, hatte gar keine Wünsche. - -Ach, wie häßlich sie doch war! Kümmerte Papa sich nicht um sie, so -nannte sie ihn kalt und herzlos -- kümmerte er sich um sie, so war sie -sogleich argwöhnisch. - -Ja, ganz unmöglich, den großen prüfenden Blick des Generals zu -ergründen! - -Er atmete Haß in diesen Wochen, er atmete Liebe. - -Ja, er haßte Ruth zuweilen mit einem furchtbaren und grundlosen Haß, der -ihm unerklärlich war, und den er bereute. Ihre Mutter, ganz ihre Mutter! -Die gleichen hysterischen Augen, wie sie voller Geheimnisse, in die -niemand eindringen durfte, wie sie eingesponnen in eine sonderbare, -unerforschliche Welt. Wie sie rasch und ohne Überlegung Impulsen -folgend. Wie sollte sie anders sein? Man bedenke, eine Dame, die sich -von einem Offizier, den sie erst wenige Tage kannte, von einem Ball -entführen ließ, die sich soweit vergessen konnte -- nun, gewiß, ein -häßlicher und unwürdiger Gedanke, aber trotzdem . . . - -Es war das Blut der Sommerstorf, und unergründlich waren die Rätsel -eines Tropfen Blutes. - -Beziehungen zu einem schwärmerisch veranlagten jungen Manne -- gebildet, -zugegeben, aber jedenfalls ohne Rang, ohne Familie, arm -- mochten diese -Beziehungen noch so unschuldig sein, wie man ihm versicherte -- noch so -unschuldig -- - -In Dunkelheiten, voller Schrecken, unklare, verworrene, drohende -Dunkelheiten verloren sich seine Gefühle -- und dann haßte er Ruth. - -Reue, Reue! Er war kein Unhold. Ja, schon bereute er seine Heftigkeit. - -Sie war jung, sie dachte selbständig, und das war immerhin -anerkennenswert, sie lebte ihr eigenes Leben, war nicht eines jener -törichten oberflächlichen Geschöpfe, die nur an Putz und Vergnügen -denken. Es war natürlich übertrieben, töricht und im höchsten Maße -ungerecht, sie hysterisch zu nennen. Eine Bekanntschaft aus dem -Lazarett, etwas Romantik, weshalb urteilte er so streng? - -Nun liebte er sie plötzlich wieder, und er grübelte darüber nach, wie er -ihr Vertrauen gewinnen könnte. Leider, leider hatte ihm der Dienst zu -wenig Muße gelassen, sich mit seinen Kindern beschäftigen zu können. Das -rächte sich jetzt. Etwas Vertrauen, und alles wäre in Ordnung! Heute -abend wollte er mit ihr nochmals über die Reise nach der Schweiz -sprechen. Es war ja eine Leichtigkeit, den Paß zu besorgen . . . - -Nein, unmöglich den prüfenden großen Blick Papas zu ergründen! Ruth -versank in die Betrachtung des Bildes der Mutter an der Wand: auch sie -hatte diesen Blick gewiß nie ergründen können, nein. - -Da klopfte es, und man meldete ihr ein Fräulein Westphal. - -Ruth warf das Kinn in die Höhe. »Ich bedaure.« - -Seht an! Trotzdem sie ganz die Mutter war, wie der General dachte, wenn -er Ruth haßte, trotzdem die Linie der Hecht-Babenberg bei Ruth nicht im -mindesten zum Ausdruck kam -- die gleiche Stimme in diesem Augenblick, -die gleiche, etwas hochmütige Bewegung des Kinns. Trotz allem, trotz -allem. Ach, sie bebte vor Unruhe und Erregung heute. - -Aber da ging schon die Türe, und eine ihr unbekannte dichtverschleierte -Dame, ein schmächtiges, zartes Persönchen trat ein. - -»Ich bitte tausendmal --« flüsterte diese tiefverschleierte Dame. - -War so etwas überhaupt möglich? Sie hatte, Ruth, deutlich genug -bestellen lassen, daß sie heute nicht zu sprechen sei. »Sie wünschen?« -fragte sie, kühl, ohne jede Anteilnahme, abweisend, herzlos. - -Aber die dichtverschleierte Dame streckte ihre dünnen Arme aus. »Nicht -Sie! Nicht auch Sie!« Und schon fiel sie in die Knie. - -Sofort aber fand Ruth sich selbst zurück. - -»Um Gottes willen!« rief sie aus und hob diese kleine weinende zuckende -Person auf, die sie gar nicht kannte. »Was tun Sie? Um Gottes willen! -Ich bin sehr beunruhigt heute -- ja, wer sind Sie eigentlich?« Und Ruth -hob den Schleier der Dame hoch, sah ein blasses verweintes Kindergesicht -mit hilflosen Augen -- sie kannte es nicht -- aber sie küßte es sofort. -»Mein Liebling -- mein Kleines -- aber ich bitte Sie herzlich.« - -Ja, nun begriff sie, wer der Besuch war, sie erinnerte sich. - -Und Heinz? Sie hatte gehört davon. Ein lieber, frischer Junge. - -»Herr v. Meerheim -- sie flogen Sperre -- er sah die Maschine taumeln -- -und dachte sich noch, was ist das? Und da stürzte die Maschine schon --« - -Ruth preßte Klara an sich. - -»Bleiben Sie hier bei mir! Erzählen Sie mir alles, alles. Wir sind -Freundinnen. Geben Sie mir Ihre Hand.« Und Ruth führte diese kleine -dünne Hand an die Lippen. »Ja, Freundinnen! Auch ich habe Sorgen, hören -Sie! Gerade heute bin ich in schrecklicher Unruhe. Ich ertrage diese -Stadt nicht mehr und gehe bald aufs Land. Haben Sie Lust mitzukommen, -Sie sind eingeladen? Ja, in schrecklicher Unruhe bin ich, ich kann es -Ihnen nicht sagen. Deshalb war ich auch so unhöflich! Verzeihen Sie -- -und nun plaudern Sie, plaudern Sie!« - - -8 - -Berlin -- wer kennt es nicht? -- ist die häßlichste Großstadt der Welt, -ganz offen gestanden. Paris, London, Rom, Neuyork, Kioto, Moskau -- sind -sie von ihren Bewohnern ganz allmählich erbaut worden, Berlin wurde von -Unternehmern errichtet, in aller Eile. Von ganz wenigen Gebäuden, -einzelnen Straßen und Plätzen abgesehen, ist es als Stadt -architektonisch ohne jeden Reiz, ohne Zauber -- ein Steinhaufen ohne -Grenzen, nichts sonst. Trotzdem besitzt es mehr Badewannen als zum -Beispiel Paris, nicht zu unterschätzen, vor dem Kriege genoß es auch den -Ruf, die reinlichste Großstadt zu sein. Also die häßlichste der großen -Kokotten der Erde, aber am sorgfältigsten gewaschen, immerhin etwas. Die -Theater haben ohne Zweifel die besten Spielpläne der Welt, die besten -Konzerte -- aber sonst, häßlich, nüchtern, ein steinernes Meer. Früher -verschwand die Häßlichkeit im Gewimmel der Menschen, im Donner des -Verkehrs, im Gegleiße und Geglitzer von hunderttausend Volt, aber heute? -Nackt und schmutzig lag die häßlichste aller großen Kokotten vor allen -Augen da. - -Als die schönste Straße Berlins gelten die Linden. Sie beginnen mit dem -Brandenburger Tor und enden mit dem Schloß. Eine Enttäuschung für jeden. -Aber vom strategischen Standpunkt aus sind sie ganz ausgezeichnet. Das -Schloß liegt auf einer Halbinsel, die Verteidigung gegen das Wasser zu -ist ein Kinderspiel, die Linden selbst aber sind wie ein Lineal, breit -und gerade -- eine Salve Kartätschen, und schon sind alle -Schwierigkeiten beseitigt. - -Im Jahre 1848 wurde hier gekämpft. Barrikaden -- aber, wie gesagt, -einige Kartätschen genügten. - -Nein, die Linden sind auch nicht die Hauptsache von Berlin, sie sind -nichts als ein geschickt kaschierter Festungswall, mit Linden bepflanzt, -mit Reitwegen versehen, mit Cafés und Hotels besiedelt -- wenig -anheimelnd. Eine einzige Kanone, die vor dem Schloß auffährt, und -sämtliche Café- und Hotelgäste müssen sofort das Trottoir räumen. - -Überall, wo Könige hausen oder hausten, finden sich derartig angelegte -Straßen, man braucht nur darauf zu achten. Die Könige lieben einen -freien Blick. - -In den kalten Schluchten dieser endlosen versteinerten Häßlichkeit -treiben die Menschen dahin, Geschäftige und Spaziergänger, und -dazwischen lauern die Augen der Verbrecher und Diebe, dazwischen lächeln -die Augen der geschminkten Damen, dazwischen funkelt zuweilen ein Auge, -das Auge eines Wahnsinnigen oder eines Dichters. Wie in allen -Großstädten stehen die Schutzleute und blasen auf ihrer Flöte und -bestimmen Ebbe und Flut des Verkehrs. Heute allerdings, die -Straßengewaltigen -- sie gähnten vor Langeweile und hatten nur noch das -eine Bestreben, nicht vor Erschöpfung auf das Pflaster zu stürzen. - -In den Steinschluchten dieses endlosen Meeres wanderte Ackermann seit -dem frühen Morgen dahin. Er überquerte den windigen Alexanderplatz, den -staubigen Spittelmarkt, und schlenderte langsam durch die Schlucht der -endlosen Leipziger Straße, die ihre Größe dem Fleiße der Bürger -verdankt. Er suchte nur noch belebte Stadtteile auf. Selbst diese -Straße, in der der schwache Verkehr der sterbenden Stadt zusammenfloß, -früher glattgeschliffen von den Nägeln der Pneus und Tag und Nacht blank -gehalten wie ein Matschbillard, selbst sie war heute voller Schmutz. -Voller Schmutz waren die verwahrlosten Häuser, die schief hängenden -Firmenschilder, die elektrischen Wagen, die verbeult und abgekämpft -aussahen wie Tanks, die aus der Schlacht kamen. Obwohl es erst anfing, -warm zu werden, strömte die Stadt schon einen übeln Geruch aus. Was für -ein Geruch war es doch? Wenn du ihn nicht kennst, besser für dich -- es -war der Geruch der Verwesung. Genau wie die verlassenen Schlachtfelder -roch Berlin. - -Hierauf überquerte Ackermann den Potsdamer Platz und bog in die -Königgrätzer Straße ein, wo die Bahnhöfe liegen. - -Er suchte Menschen, Menschen, Massen von Menschen, und in dieser -aussterbenden Stadt würden sie wohl noch am ehesten auf den Plätzen der -Bahnhöfe zu finden sein. - -Langsam schlenderte er dahin. Die Sonne blendete ihm ins Gesicht. Auf -dem Spittelmarkt hatte er einen Teller Suppe zu sich genommen, in aller -Ruhe, denn Gewißheit erfüllte ihn, daß alles vollendet sein würde, bevor -die Sonne sank. Er hatte sogar geschwankt, ob er nicht in die -Dorotheenstraße gehen solle, um Ruth noch einmal zu sehen. Aber er war -doch nicht gegangen. Nein, nun war er unterwegs . . . - -Da! Horch! - -Schon? - -Trommeln, beim Anhalter Bahnhof -- Augenblicklich beflügelte sich sein -Schritt. Von plötzlicher Erregung erfaßt, ging er dahin. Deutlich, dumpf -noch, aber ganz deutlich. - -Trommeln, ohne Zweifel. - -Sonderbar wirkt der dumpfe Laut der Trommel auf den Menschen. Er wirft -ihn ohne jede Übertreibung um einige Jahrtausende zurück, in Zeiten, wo -die Menschen noch mit den Tieren der Wildnis kämpften, zu den Negern am -Kongo. Augenblicklich stürmten die Menschen wie in Hypnose über den -Anhalter Platz, dem Laut der Trommeln entgegen. - -Plötzlich schwiegen die Trommeln, und die Blechinstrumente setzten mit -barbarischem Lärm ein. - -Ein Menschenhaufe quoll aus der Straße auf den Platz. Waffen blitzten, -gleichmäßig schwankende Reihen wurden im Strom der Köpfe sichtbar. -Offenbar wurde ein Bataillon zur Bahn gebracht. - -Ohne zu überlegen, bebend vor Erregung, nahm Ackermann augenblicklich -Aufstellung. Ein alter mürrischer Mann lud an der Straße Pflastersteine -ab, und auf eine Reihe solcher Steine stellte er sich. - -Der Strom von Köpfen wälzte sich heran, umbrandet vom Tosen der -Blechinstrumente, die in der Sonne funkelten. Scharen von Neugierigen -drängten hinzu. Dicht neben Ackermann nahmen sie auf der Schicht von -Pflastersteinen Platz und reckten sich auf den Zehen. Sogar der alte -Mann, der die Steine ablud, hob das mürrische Gesicht. - -Im Takt der Musikkapelle zog der Menschenhaufe dem Bataillon voran. -Zerlumpte Weiber und verwahrloste Kinder, alte Männer, frühreife -Mädchen, bleich, verhungert, das Mal des letzten Elends auf der Stirn -- --- und doch: Freude glänzte auf allen Gesichtern! - -Ackermanns Blick wurde dunkel. - -Wirst du bereit sein? - -Wird dich die Stunde bereit finden? - -Volk, mein Volk, meine Liebe, meine Sehnsucht? - -Wie wird dich die große Stunde finden? Ausgehöhlt vom Hunger, -ausgeblutet von den Schlachten, ausgefront -- wirst du die Kraft haben? -Betäubt von Lüge, krank von dumpfer Sehnsucht -- wirst du? Die Völker -der Erde blicken auf dich! Du bist geächtet, bespien, die Dornenkrone -ist auf dein Haupt gedrückt, dein Weg führt durch Tränen, führt durch -Hunger und Wahnsinn -- zitterst du? - -Wirst du straucheln? Wanken? Dahinsinken zu den Unwürdigen? Wirst du -auserwählt und berufen sein unter den Völkern, das Reich zu bereiten, -das Reich des neuen Menschen? - -Grell blitzten die Trompeten, grell schmetterten sie, die roten Backen -barsten. - -Vorwärts, fort, fort, beeile dich! Meine Liebe und Sehnsucht fliegen vor -dir her! Der Ruf erschallt! Lüge, Hoffart, Wahn -- wirf ab, wirf ab! -Tauche nieder in deine reinen Quellen. Sieh, wie sie funkeln, am -Firmament des Gedankens, deine großen Geister! Sie blicken auf dich. - -Fort, fort, beeile dich! Die Stunde ist nahe! Laß dein Herz wieder -leuchten, das immer aufglühte, wenn die Dunkelheit am tiefsten war. -Mehre den Schatz der Völker! - -Ich sehe dich auferstehen, ich sehe dich erblühen, sehe dich umringt von -brüderlichen Nationen . . . - -Schon wälzte sich der Haufe dicht heran. - -Die Musikanten setzten mit einem Ruck die Instrumente ab. Im Zickzack -fuhr der Stock des Musikmeisters durch die Luft, und die Trommeln -wirbelten wieder. - -Reihen von Gewehren, Reihen von Helmen schwankten heran, vorwärts -getrieben von einer unverständlichen Kraft, von einem unverständlichen -Willen zusammengeballt. Das Bataillon Hähnleins, des Unglücklichen -- - -Junge Männer, rosige, arglose Kindergesichter, die noch nicht ahnten, -daß morgen schon der Tod ringsum war. Wie oft hatte er, Ackermann, den -Marsch zum Bahnhof erlebt! Alte Feldsoldaten, mit Auszeichnungen auf der -Brust -- nein, sie gaben sich keinerlei Illusionen mehr hin -- stumpf -marschierten sie, genau wie er früher marschierte: stumpf, -schweißtriefend, bepackt, zitternd unter dem Blick der Vorgesetzten. -Hundertmal mochten sie ihr Leben in die Schanze geschlagen haben, sie -blieben trotzdem Tiere, hier wie bei allen kriegführenden Völkern war -der gemeine Mann ein Tier, nicht mehr. Einige Frauen marschierten in den -Reihen der Soldaten, Bräute, Mütter, Gattinnen, bleich, schwankend, -weinend. So zogen sie dahin. - -Plötzlich aber -- - -Plötzlich erscholl eine Stimme! - -Woher kam sie? - -Niemand wußte es. - -Eine Stimme -- hell, metallen, durchdringend -- sie dröhnte über das -marschierende Bataillon, übertönte die Trommeln, den Schritt der -Arglosen und Erfahrenen -- scholl über den weiten Platz und wurde als -Echo von den hohen Häusern zurückgeworfen -- die Stimme eines Riesen, -eines -- ja, bei Gott, was für eine Stimme war es doch? - -Und diese Stimme rief, gellend, dröhnend, sie scholl über das summende, -brausende Berlin -- in alle Ohren gellte diese Stimme. - -Diese Stimme rief: - -»Es lebe die Kameradschaft zwischen den Völkern!« -- Pause, der Platz -gellte, Widerhall, Trommeln -- »Nieder mit dem Krieg!« -- Stille, -Gellen, Trommeln -- »Alle Menschen sind Brüder . . .« - -Auf einem Haufen von Pflastersteinen stand ein Mensch, ein Soldat in -einem weiten grauen Mantel, der flatterte, die Arme wild emporgeworfen, -totenbleich, mit rasenden, fanatisch glühenden Augen -- seine Hände -zuckten -- seine Stimme gellte, gellte. Plötzlich aber brach diese -rasende gellende Stimme ab. - -Der Soldat war verschwunden. - - * * * * * - -Er lag auf dem Pflaster, ein Knäuel Menschen um ihn herum. Ein grüner -Plüschhut rollte über den Bürgersteig. - -Eine Sekunde später wurde dieser Mensch im weiten grauen Mantel über das -Pflaster geschleift. - -Das Bataillon zog weiter. Wieder setzte die Kapelle ein. Die meisten -hatten gar nichts gesehen -- aber gehört -- ja, eine Stimme aus der -Luft! - -Diese Stimme krallte sich in ihr Herz, zerriß es, daß es zu bluten -begann vor Qual und Sehnsucht. - -Eine Stimme . . . Was für eine Stimme --? - -Die Stimme des Menschen hatten sie vernommen . . . Die letzten des -Bataillons sahen noch einen Menschenhaufen, der sich den Bürgersteig -hinabwälzte. - -Der grüne Plüschhut hörte auf zu rollen. Ein schmächtiger junger Mann -ergriff ihn, überzeugte sich mit einem raschen Blick, daß der Mensch im -grauen Mantel in sicheren Händen war, bürstete den Hut eilig ab -- ja, -und nun -- der Kneifer -- er war verlorengegangen. Und der schmächtige -junge Mann suchte eilig den Kneifer. - -Da hob der alte Mann, man erinnert sich, er lud Pflastersteine ab, -dieser Mürrische, den Kopf und sagte: - -»Wartet nur noch eine Weile -- ihr Halunken!« Und er spie aus. - -Der junge Mann geriet sofort in äußerste Erregung, sein Blick glitt -suchend über das Pflaster, sein Blick bohrte sich messerscharf in die -Augen des Mürrischen. - -Aber der alte Mann hob einen Pflasterstein in die Höhe, er lächelte -- -aber wie! -- und der junge Mann wich zurück, und nun lief er rasch, -rasch, ohne den Kneifer, zu dem Militärauto, um das der Menschenknäuel -sich ballte. - -In dieses Militärauto hatte man den Menschen im grauen Mantel gezerrt. -Er blutete im Gesicht, aber er wehrte sich nicht. Jede seiner -Bewegungen, das Lächeln auf seinen fahlen Lippen, sagte deutlich, daß er -nicht gesonnen sei, irgendwelchen Widerstand zu leisten. - -Aber unerklärlich -- plötzlich, ohne jeden Grund, schlug einer der -beiden schnauzbärtigen Männer, die ihn ins Auto schleiften, sinnlos, -völlig sinnlos, vielleicht um sich für die Anstrengung zu rächen, mit -dem Knotenstock auf den Menschen im grauen Mantel ein. - -»Halt, halt!« schrie der schmächtige junge Mann mit dem grünen -Plüschhut, der herangeeilt kam. - -Aber es war zu spät. - -Der Mensch im grauen Mantel -- jede Bewegung, ihr seht, ich leiste -keinen Widerstand -- schlug mit einem furchtbaren Hieb nach dem roten -Gesicht des Schnauzbärtigen, stieß noch einigemal in die Luft und sprang -aus dem Auto. - -Der Schnauzbärtige blutete aus der Nase und war für einige Sekunden -benommen, aber der andere Schnauzbärtige zog rasch entschlossen einen -Revolver und schoß -- sofort schrie eine Mädchenstimme auf, er hatte ein -kleines Mädchen getroffen. - -Der Mensch mit dem grauen Mantel aber war im Torbogen eines Hotels -verschwunden. - -Zuerst stürzte der grüne Plüschhut nach, dann der Schnauzbärtige, der -geschossen hatte, dann der andere Schnauzbärtige, dessen Nase blutete. - -Ein kleiner feister Herr telephonierte in bester Laune im Foyer des -Hotels, behaglich das dicke Schenkelchen über das Knie geschlagen. -»Höre, mein Kind -- ja also nicht später als acht Uhr. Und vergiß nicht, -süßes Puppchen --« - -In diesem Augenblick erhielt er einen Stoß vor die Brust, und ein junger -Mann entriß ihm ohne viele Umstände den Hörer. Militärpolizei. - -Vor dem Hotel sammelten sich Scharen von Menschen an. Eine Verhaftung! -Und man hatte ein junges Mädchen in das Bein geschossen, das ganz -harmlos spazierenging. Heitere Zustände, das mußte man schon sagen. Nun, -die Verwundung war ja nicht schlimm, ein Streifschuß, aber bedenken Sie -doch -- man geht über den Anhalter Platz und riskiert totgeschossen zu -werden. Ganz als ob man an der Front sei. - -Aber da gab es schon wieder eine neue Sensation. Die Menschen traten -plötzlich vom Bürgersteig auf den Platz zurück. Sie starrten in die -Höhe. - -Unglaublich -- dort, dort -- aber, bitte, wo? - -Ja, dort, dort! Sehen Sie denn nicht? - -Ein Mensch! - -Ein Mensch auf den Dächern! - -Unglaublich! - -Ja, in der Tat, zwischen den Schornsteinen und Ventilationsröhren -erschien da oben ein Mensch. Ein Mensch in einem weiten Soldatenmantel, -ein Soldat. - -Die Häuser in der Gegend des Anhalter Bahnhofs sind unansehnlich und -häßlich wie in andern Vierteln der Stadt, die Dächer mit Schiefer -gedeckt, abgeflacht, dazwischen ein steileres Ziegeldach. Über die -abgeflachten Ziegeldächer glitt der Mann da oben rasch dahin, über die -steilen Satteldächer dagegen balancierte er vorsichtig von Kamin zu -Kamin. Stellenweise schritt er, die Arme wagrecht haltend, wie ein -Seiltänzer über den Dachfirst. Blitzschnell kletterte er von einem -niedrigen Dach auf ein höheres am Giebel der Brandmauer empor. - -Wieder balancierte er wie ein Seiltänzer -- hoch oben, im stechenden -Sonnenlicht, kreidig Gesicht und Hände, der flatternde Mantel bestaubt. -Diesmal schwankte er, die Leute auf dem Platz schrien auf, aber schon -hatte er Halt an einer Tonröhre gefunden. Er holte Atem, gegen die -Tonröhre gelehnt, blickte mit seinem kreidigen Gesicht, das blutete, auf -den Platz herunter, schrie etwas mit gellender Stimme, aber -unverständlich hier unten, dann eilte er zum nächsten Kamin. Deutlich -sah man, daß er hinkte. - -Unten auf der Straße hatte er sich ruhig festnehmen lassen, aber nun, -seitdem man mit einem Knotenstock völlig sinnlos auf ihn eingeschlagen -hatte, schien er entschlossen zu sein, zu flüchten. - -Nun glitt er zur Hälfte über ein Ziegeldach und kroch in eine Dachluke. - -Die Zuschauer atmeten auf. »Er ist verschwunden!« - -Aber schon nach einigen Sekunden erschien er wieder in der Dachluke. Er -glitt bis zur Dachrinne herab und lief, wie eine Katze, buchstäblich, -auf der Dachrinne dahin. Die Ausrufe erstarben auf den Lippen, die -kleinen Verkäuferinnen preßten die Hand aufs Herz. - -Gleich darauf tauchte in der Dachluke die Mütze eines Schutzmannes auf, -begrüßt vom Gelächter der Zuschauer. Der Mann im grauen Mantel kletterte -abermals den Giebel der Brandmauer empor und lief über das Dach des -Eckhauses. - -Tausende von Neugierigen hatten sich angesammelt. Es waren Züge -angekommen, und die Reisenden standen gaffend und blinzelnd auf dem -Platze. Das war Berlin, siehst du! Kaum kam man an, so gab es schon -etwas zu sehen. Man hatte ja gelesen, daß zurzeit in Berlin häufig -Deserteure auf dem Transport entflohen, sogar Passanten waren bei diesen -Vorfällen schon erschossen worden. Brich das Genick, du Spitzbube! Ja, -das war Berlin, man konnte wenigstens etwas erzählen. Ein Haar, und er -wäre abgestürzt. - -Rote Gesichter reckten sich aus den Wagen der Straßenbahn, aus allen -Fenstern der umliegenden Häuser. Die Kutscher verdrehten den Hals, -Kellner, Friseure, Verkäuferinnen stürzten aus Läden und Türen. -Messinggelb blendeten die Häuser in der Sonne. - -Schutzleute, Soldaten. - -Schon stockte der Verkehr. Nur langsam konnten sich die elektrischen -Wagen durch die Menschenmenge schieben. - -Scharen von Kindern rannten dahin, deuteten zu den Dächern empor und -schrien wie besessen: »Dort läuft er! Dort!« Das ganze Stadtviertel war -auf den Beinen. - -Von der Bahnhofshalle her drang der schmetternde Marsch der -Regimentskapelle. Nun gellte auch noch die Glocke der Feuerwehr -- ein -Löschzug! - -Hedis Auto war mitten in die Menschenmenge geraten und konnte sich nur -schrittweise, ohne Pause tutend, mit seinen Pneus den Weg bahnen. - -Der Chauffeur wagte die Vertraulichkeit, sie durch eine Kopfbewegung auf -die Ursache der Menschenansammlung aufmerksam zu machen. Da sah sie zu -ihrem Schrecken hoch oben -- in einer Dunstwolke von rostbraunem Staub --- einen Menschen, staubig und kalkweiß, über den Dachfirst laufen. - -Hedi kam vom Einkauf: Gardinen, Stoffe, Antiquitäten, es war schwer, -etwas Ordentliches zu finden. In allen Geschäften und Magazinen jagte -sie umher. Ihr Wagen lag voller Pakete, und neben dem Chauffeur blitzte -aus dem Papier ein silberner Spiegel -- spanischer Barock, etwas -beschädigt, aber, nach ihrer Ansicht, zauberhaft, ein Traum! - -Hedis Herz pochte. Bei Gott, es war die gleiche Querstraße, wo sie -einst, im Sommer, Otto das Abschiedssouper gegeben hatte. - -»Fahren Sie!« - -Eine schweißtriefende Zeitungsfrau drängte sich in diesem Moment, einen -Pack noch nasser Zeitungen unter dem Arm, am Auto vorüber und schrie mit -gellender Stimme dicht an Hedis Ohr: - -»Die Marne abermals überschritten!« - -»Die Marne abermals überschritten!« - -Hundert gierige Hände streckten sich ihr gleichzeitig entgegen. Sie -drehte sich im Kreise, wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel von der -Stirn. - -»Hier, bitte, geben Sie!« - -»Die Marne -- sofort, junge Frau -- abermals überschritten.« Ihre -gellende Stimme übertönte den Marsch der Kapelle auf dem Bahnhof. - -Das Auto rückte an. Hedi konnte gerade noch das Blatt ergreifen. - -Sie warf noch einen flüchtigen Blick in die Höhe -- da sah sie gerade, -wie der Mann auf dem Dachfirst plötzlich schwankte -- hatte man -geschossen? -- schwankte -- mit den Händen in die Luft griff und über -das steile Dach herabstürzte. Eine Sekunde wurde der Körper von der -Dachrinne aufgehalten, dann fiel er . . . Hedi bedeckte die Augen mit -der Hand. - -Die schweißtriefende Zeitungsfrau raste dem Bahnhof zu und schrie -gellend: - -»Die Marne abermals überschritten! Die Marne abermals -- --« - - -9 - -Vorgestern nicht, gestern nicht -- aber jetzt, jetzt kam sie die -Fabriciusstraße herauf. - -Sie hielt zuweilen inne, als zögere sie, blickte sich um, aber sie kam -doch immer näher. - -Herr Herbst kletterte die Treppe empor, bis zur Türe. Er wohnte nicht -mehr hier, hatte das Quartier in diesem Unglückshause geräumt. Er wohnte -jetzt in einer kleinen Kammer im »Löwen von Antwerpen«. In einem ganz -winzigen Raum, aber doch zog er ihn diesem Zimmer vor. - -Schon hörte er ihren Schritt, das leichte Keuchen ihres Atems. Sie ging -ganz anders als alle Frauen, die diese Treppe auf und ab stiegen. Die -Sohlen ihrer Schuhe waren dünner, sie vermied jeden Lärm und hielt sich -nie am Geländer fest. - -Herr Herbst trat vor, beugte sich über das Geländer. Sie sah ihn an, -hielt inne, leise keuchte ihr Atem. - -Herr Herbst lüftete den steifen Hut: »Sie suchen gewiß Herrn Ackermann?« -fragte er. - -»Ja«, hauchte sie. - -»Er wurde verhaftet --« - -»Vorgestern verhaftet --« - -Nun berührte sie plötzlich mit den Fingerspitzen das schmutzige -Stiegengeländer, und das Blut wich aus ihren Wangen. Ganz langsam. -Zuerst wurde sie fahl, dann weiß wie Mehl. Dann verloren ihre Augen die -Farbe, auch sie wurden weiß. - -Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe! - -Fleisch von seinem Fleisch. Blut von seinem Blut . . . - -Herr Herbst beugte sich über das Geländer und sah ihr tief in die Augen. -Immer noch wurde sie weißer -- ihre Hand griff zu. - -Und bald, bald würde man auch sie -- der Magere, Schmächtige hatte es -ihm zugesagt. Und diese Schande für die Familie . . . - -Heute abend, es war Sonnabend, würde er den Munitionsarbeiterinnen im -»Löwen von Antwerpen« etwas zum besten geben. Und auch er würde ein -Fläschchen trinken. Er besaß ja immer noch Geld, Gott sei Dank, zwei -Brieftaschen, eine kleine für die laufenden Ausgaben und eine große, in -der sich die blauen Scheine befanden, noch immer eine ganze Anzahl. -Heute abend sollte ihm nichts zuviel sein. - -Dabei hielt er den Hut gelüftet, und sein Blick versank in diese Augen, -die die Farbe verloren, den Blick. - -»Hier?« hauchte eine zitternde Stimme. - -»In der Stadt. Beim Anhalter Bahnhof.« - -»Haben Sie es gesehen?« - -»Ein Bekannter hat es mir erzählt.« - -»So? -- -- Danke.« - -Sie wandte sich ab, ging, Schritt für Schritt, und immer noch ganz leise -und lautlos. - -Er beugte sich weit über das Geländer und sah ihren kleinen braunen Hut -um die Ecke biegen. - -Plötzlich lief er mit den Bewegungen eines Hampelmannes hinter ihr her. - -»Hören Sie, noch etwas.« - -Sie wandte ihm ihr mehlig weißes Gesicht zu. - -Herr Herbst beugte sich über das Geländer. Und nun stieß er ihr das -Messer ins Herz! - -»Er ist tot!« flüsterte er, ganz leise, aber so deutlich. - -Das mehlige, weiße Gesicht verschwand -- und plötzlich eilte ein lauter, -harter Schritt, blitzschnell die Treppe hinab. Immer rings um das -Treppengeländer. - -Aber dies war zuviel für Herrn Herbst. Dieses rasende Klappern der -Schuhe vertrug er nicht. Im Nu stürzte ihm das Wasser aus den Augen. - -Was ging hier vor? Er wollte ja gar nicht -- - -Rasch, so rasch seine zitternden Beine es zuließen -- immer war es ihm -beim Hinabsteigen der Treppe, als stürze er in einen Abgrund -- folgte -er den harten, raschen Schritten, die im Stiegenhaus herumgingen. - -»Halt, halt -- hören Sie --« - -»Hören Sie -- es war ein unglückseliger Zufall --« - -»Hören Sie, pst -- einen Augenblick -- fliehen Sie aus Berlin -- auch -Sie will man --« - -Aber er vermochte sie nicht mehr einzuholen. - -Wie ein Hampelmann eilte er. - -»Ich warne Sie -- wünsche Ihnen nichts Böses --« - -Vergebens. - -Die Haustüre fiel ins Schloß, und als er sie wieder geöffnet hatte, da -war sie schon, unglaublich, unfaßbar, mindestens sechs Häuser weit -entfernt. - -Keine Möglichkeit, nicht die geringste Möglichkeit. - - - - -Drittes Buch - - -1 - -Von Horizont zu Horizont rollt das Feuer. - -Staub und Qualm -- brennende Menschen stürzen aus dem Himmel, ein -Hagelsturm von zerfetzten Menschenleibern fegt über die Erde. - -Die Luft wettert von rasenden Donnerschlägen, die glühenden Geschütze -taumeln voll Wut, ferne grollt das böse Raubtierknurren der schwersten -Kaliber. Die Erde schwankt, das Gebäude der Atmosphäre gerät ins Wanken. -Lawinen, Bergstürze, der Vulkan speit. Seit Wochen, seit Monaten. - -Horch! Horch -- horch! Schreie, damit ich dich verstehe --! Was sagst -du? Es ist die Stimme Europas -- sehr wohl! Es ist die Stimme der -Habgier, des Geldes -- noch besser . . . - -Schiefergrau und rostbraun, in jeder Sekunde neu genährt von Qualm, wogt -von Horizont zu Horizont, unendlich, die fürchterliche Wolke über der -Walstatt. Die Landschaft selbst runzelt die Stirn, gealtert, zermürbt, -zerknittert und vergrämt. - -»Ungemütlich, lieber Otto« -- schrieb Hauptmann Falk, genannt die -Feuerwalze -- »es beginnt ungemütlich zu werden hier außen! Heute morgen -einige tausend Granaten auf unsern Abschnitt, die nicht von schlechten -Eltern waren. Ringsum Leichen, auch die Lebenden, der Divisionär, -vierzig Stufen unter der Erde, ebenfalls eine Leiche! Er stammelt nur -noch, schwere Sprachstörung. Ich schreibe dir, um die Nerven zu -behalten. Was ist los? Wir liegen hier in Granatlöchern, keine Gräben -mehr und Drahtverhaue, die gemütlichen Zeiten sind vorüber -- alle -fünfzig Schritt ein Mann, schwere Maschinengewehre, leichte -Maschinengewehre. Im Hintergelände weit und breit keine Menschenseele -- -nur Feldküchen und Verbandplätze -- kein Mensch, was soll das bedeuten? -. . .« - -Die schiefergraue und rostbraune Wolke flimmert, endlos, bis in den -schwarzen Äther empor. Schwingen von aufgescheuchten Vogelschwärmen -blitzen darin -- das sind die Flieger. Qualm faucht auf, da oben in der -flimmernden Wolke, Qualm schießt finster durch die Luft, stürzt zur -Erde: ein Mensch, lichterloh brennend eilt über das Feld, taumelt, -brennt, qualmt, kohlt --. - -Horch, horch! Ja, schreie, sonst höre ich dich nicht! Stimme des Geldes, -sehr wohl -- die Mark, die Francs, die Pfunde, Dollars, sie brüllen -- -es sind auch die Millionenvölker Europas, die nach Nahrung brüllen, -vergiß es nicht -- und das trockene Schießpulver, der Aberwitz, er lacht -aus den Feldgeschützen. - -»Die gute alte Zeit, lieber Otto« -- schrieb Hauptmann Falk in seinem -Erdloch -- »sie ist endgültig vorbei. Schade! Ringsum schreien Menschen, -aber ich kann ihnen nicht helfen, bevor es Nacht wird. Ich sitze mitten -im Rauch. Mein Leutnant übergibt sich, er hat Gas geschluckt, Gott helfe -ihm, ich kann gar nichts für ihn tun. Ich schwitze entsetzlich in meiner -Gasmaske. Gestern sollten wir fünfhundert Flaschen Sodawasser bekommen, -aber ein Volltreffer hat sie auf der Chaussee vernichtet. Die Zungen -hängen uns heraus. Was für ein Staub! Dank, alter Junge, für den Kognak! -Es war eine Freude. Wir hatten zwei gefangene Engländer in unserem -Granatloch, auch sie bekamen einen Schluck aus der Flasche, mußte -schwören, sie nach dem Kriege in England zu besuchen. Hoffe in einigen -Tagen in Berlin zu sein. Seit einer Woche sollen wir abgelöst werden, -aber niemand zeigt sich, obwohl es uns feierlich versprochen wurde. Die -Sache gefällt mir nicht, alter Junge. Stelle die Flaschen kalt, du -erhältst Telegramm. Grüße Bussi! Hoffentlich kommt der Brief durch. Man -braucht hier zwei Stunden für einen Kilometer.« - -Bussi? Bussi? Wer ist Bussi? Niemand weiß es, offenbar eine Dame, aber -es tut schließlich nichts zur Sache. - -Wie ein blutüberströmtes Antlitz sank die Sonne hinter der endlosen -flimmernden Staubwolke. Rasch kam die Nacht. Aber die Geschütze wüteten -weiter. Schweiß badete die Gesichter der Kanoniere. Die Brandung aus -Eisen und Blut rollte fürchterlich in der Dunkelheit. - -Schon stiegen die Leuchtkugeln, da, dort, überall, glühend in allen -Farben. Ein Netz von Blitzen geisterte. -- -- - - * * * * * - -Die Raketen zischten in die Höhe und zerplatzten mit einem leichten -Knall am Himmel. Trauben von silbernen, violetten, lichtblauen und -bengalisch roten Christbaumkugeln sanken mild durch das tiefe Blau der -Nacht. - -»Ein Feuerwerk!« - -Die Kapelle spielte. Vor dem Kurhaus zerschmolzen die hellen Kleider und -grellen Mäntel und Jacken im gleißenden Licht der Bogenlampen. Hier -außen am Strand aber war es ganz still, dämmerig, nur der Mond und das -glitzernde Meer. Der Geruch von Tang und Salz in der lauen Luft. Ohne -Pause glitten lautlos die silberschäumenden Wellen über den Sand und -breiteten ihr gleißendes Schleiergespinst aus. Klein und hoch der Mond, -und schaukelnde Scherben von Silber sein Spiegelbild. - -Plötzlich zischte es, eine Rakete fuhr zu den Sternen empor. Eine Gruppe -von sprühenden Funken erschien am blauen Nachthimmel, trieb, heller als -die Gestirne, im leichten Wind sanft dahin und erlosch allmählich. - -Aus einem Strandkorb fuhr eine silberne Larve, eine Hand, blitzend von -Steinen, erschien. »Brillant!« - -Es war Herr Olsen aus Kopenhagen, zurzeit in einem deutschen Ostseebad, -der den Zauber des fliegenden Sternhaufens bewunderte. Er streckte den -blonden Kopf heraus, strampelte mit den weißen Hosen und erschien -persönlich im Mondlicht. Er war nahezu zwei Meter hoch, und sein -Schatten ging vollkommen über die Sandburg »Lüttich« hinweg. Er war ein -hübscher, junger Mann, frisch, kindlich und gutmütig. Mit strahlender -Miene und blinkenden Zähnen verfolgte er die bunten Kugeln am Himmel. - -Herr Olsen lebte noch in der Welt des Friedens. Er sprach nie vom Krieg, -erzählte nichts von Schützengräben, las keine Berichte und quälte sich -nicht mit Kombinationen -- er studierte höchstens die Börsenberichte und -kaufte deutsches Geld, wenn es Vorteil versprach. Wer den Krieg gewann, -das war ihm höchst einerlei, zu welchem Zwecke er geführt wurde, -berührte seine Seele nicht im mindesten. Herr Olsen war -- nun, dies ist -der etwas triviale Ausdruck seiner Begleiterin -- durch und durch -Friedensware. Seine soliden Schuhe, seine sechs verschiedenen Mäntel, -der Ausdruck seines Gesichts, Augen, Sprache, Lächeln, Gedanken -- alles -Friedensware, selbst Farbe und Glanz seiner Haut und seiner Haare, -unwiederbringlich dahin bei den deutschen Männern. Er war mit einem Wort -eine Sehenswürdigkeit. - -Seine Begleiterin, im Schatten des Strandkorbes gegenüber, lachte. Ihre -Augen sprühten im Mondlicht. - -Dieses Lachen? - -Dieses Lachen! Dora --? - -Ja, Dora! Und nun streckte sie ihr Silberlärvchen in das Mondlicht, und -ihre etwas runde Hand tauchte in die gleißende Helligkeit. Ihr heller -Haarschopf flimmerte. - -Sie lachte über Olsens kindliche Freude an den bunten Christbaumkugeln -da oben. In seiner Nähe atmete sie leichter, er hatte eine ganz andere -Atmosphäre um sich wie andere Männer. So zum Beispiel Otto, der einige -Tage hier gewesen war. - -Herr Olsen streifte seine Dame mit einem fragenden Blick. Weshalb mochte -sie nur lachen? Selbst die Strahlen des Mondes, die nach Doras Augen -zielten, vermochten nicht ihr tiefes, seltenes Blau zu dämpfen. - -Herr Olsen kroch wieder in den Schatten des Strandkorbes zurück und -begann sogleich voller Eifer die unterbrochene Unterhaltung -fortzusetzen. Es handelte sich darum, ob Dora ihm, Herrn Olsen riet, -sich ein Gut in Deutschland zu kaufen. Das deutsche Geld war ja jetzt so -lächerlich billig. Herr Olsen sprach nur von seinen eigenen -Angelegenheiten, fremde Schicksale, das Schicksal des deutschen Volkes, -das Schicksal Europas, das Schicksal des Planeten, das war ihm alles -höchst einerlei. Herr Olsen war der Mittelpunkt der Erde. - -»Aber Sie müssen mir versprechen, mich dann zu besuchen? Ach, es wird ja -so schrecklich langweilig sein.« - -»Wenn Sie artig sind?« - -»Artig? Ich will wie ein kleines Hündchen sein, so artig!« beteuerte -Herr Olsen, und wieder fuhr sein Silberkopf aus dem Strandkorb. - -Ja, nun war es also Herr Olsen, der sich, Dank der Gnade des Himmels, -seine Friedensseele bewahrt hatte. - - * * * * * - -Feuerbalken schossen über den Horizont, und das fürchterliche -Wetterleuchten setzte nicht eine Sekunde aus. Hauptmann Falk konnte ganz -gut dabei schreiben. Die Leuchtkugeln sprühten wie Leuchtfeuer, die -plötzlich über dem Meer erglühen. Aus der Höhe beim Nachbarregiment -fuhren Bündel von roten Signalen, und die Artillerie wirbelte. Ein -Feuerloch glühte auf, das waren die Einschläge. - -Ein Gespenst kroch über das Feld, versank, kroch, huschte. Es war -Hauptmann Falk. Obschon gefeit -- er glaubte es -- nahm er sich doch in -acht, denn es konnte ja durch einen Zufall ein Unglück geschehen. Er -glitt die Schützenlinie entlang. Hier schüttelte er Schlafende -- aber -sie erwachten nicht mehr. Aber er traf auch Gruppen, deren Augen hell -wie Sterne im Schein des Geschützfeuers sprühten. Es waren wunderbare -Menschen! Ohne einen Tropfen Wasser seit drei Tagen! - -Da duckte er sich zusammen. Pechschwarz, von roter Lohe durchglüht, -stieg der Einschlag in die Höhe. Ja, ungemütlich, höchst ungemütlich. - -Die Blitze geisterten. - -Auf allen Straßen knarrten jetzt die Wagen. Hier und drüben bei ihm. -Munition, Verpflegung, Verwundete, die ganze Nacht hindurch. -Hunderttausende von Wagen knarrten durch die Dunkelheit. Der Himmel -erdröhnte, die Bombengeschwader waren unterwegs. Die Mützen über die -geschorenen Schädel gezogen, die Nase im Wind, jagen die -Befehlsempfänger die Straße hinab. Klein und hoch geht der Mond, Blitze -wehen, Feuer sprüht im Walde. - - -2 - -Der Tiergarten fröstelte. Unerträglich heiß war es am Tage gewesen, und -nun war es plötzlich kühl geworden. Irgendwo in der Nähe von Berlin -mußten schwere Gewitter niedergegangen sein, aber man hatte nur zuweilen -das tiefe Donnerknurren gehört. - -Vor der roten Backsteinvilla in der Lessingallee, mit Efeu überwuchert, -hielt eine Droschke. - -Händeklatschen. »Petersen! Petersen!« Eine helle Stimme. - -Schon öffnete sich die Türe, und Petersen in seinem Zebrakittel eilte -auf die Straße. - -Ein Offizier stand bei der Droschke, mit einer schwarzen Brille, eine -kleine Reisetasche in der Hand. - -»Nun, Petersen, alter Knabe, Sie kennen mich wohl nicht mehr?« Eine -hohe, fremde Stimme. - -»Herr Hauptmann?« rief Petersen erstaunt und erschrocken aus. Was tat er -hier, was wollte er hier? Schon vor dem Kriege hatte er ja nicht mehr -hier gewohnt. - -»Welche Überraschung, Herr Hauptmann!« - -»Ja ja, Petersen -- so geht es -- wenn man sich lange nicht sieht. Meine -Frau --?« - -»Im Bade, Herr Hauptmann. Kommt morgen!« - -»So? Nun, ich werde nicht stören. Nur ein paar Tage, bis ich eine -Wohnung gefunden habe. Na, und es geht immer gut, alter Petersen?« - -»Danke, Herr Hauptmann, sehr gut, danke!« - -Petersen nahm die Reisetasche, und Hauptmann v. Dönhoff stolperte die -Treppe hinauf. - -»Ah, wie dunkel! Ihr habt wohl eine Kleinigkeit zu essen für mich? Den -ganzen Tag im Zuge --« - -Wie leer diese Stadt, wie ausgestorben! Hauptmann Dönhoff _roch_ die -Stille und Ausgestorbenheit. Berlin war tot, ohne Zweifel. Hier und da -ein Schritt, ein zögernder, nachdenklicher, mutloser Schritt. Ja, mutlos -gingen alle diese Schritte in den dunkeln Straßen dahin, mutlos und -bestrebt, keinen Lärm zu machen. - -Und früher, früher! - -Auch dieses Haus, sein früheres Haus -- totenstill. Welche Feste hatten -sie hier gefeiert. Er hörte sein früheres Lachen! Zweihundert schöne -Frauen hatte er besessen, siebzig Rennen gewonnen, zwei Elefanten und -ein Nashorn geschossen, als einer der ersten war er in Deutschland -geflogen, einer der Entdecker des deutschen Himmels -- ja, es hatte sich -manches geändert. - -Aber den Geruch des Hauses erkannte er sofort wieder. Doras Parfüm und -eine gewisse Schwüle. - -»Hoppla, Petersen --« Er stieß gegen ein Tischchen in der Garderobe. -»Ich sehe etwas schlecht, bis man sich wieder eingewöhnt.« Immer sprach -er mit einer hohen, fremden Stimme, hastig, unsicher, wie ein Mensch, -der sich _schämt_. - -Petersen eilte in die Küche und machte Zeichen mit den Fingern vor der -Stirn. - -»Er ist -- so wahr mir Gott helfe, nein, was wird die Gnädige sagen? Was -will er hier? Sie sind doch getrennt. Aber sehen Sie doch selbst. Er -ist, mein Himmel, wie merkwürdig --« - -Mina also, neugierig wie sie war, mußte sich ihn selbst ansehen. - -Sie fand Hauptmann v. Dönhoff auf einem Sofa, eine Zigarette rauchend. -Er richtete, als sie eintrat, die dunkle Brille auf sie, lächelte, und -sie konnte vor Schreck keinen Ton hervorbringen. Der Gruß blieb ihr im -Halse stecken. Sie hätte ihn -- bei Gott -- nicht wieder erkannt: grau, -völlig grau, fast weiß, gelb, alt, um zwanzig Jahre älter mindestens! -Und dieses Lächeln des welken Gesichts, diese Falten um den Mund -- nur -solche Leute konnten so lächeln, nur solche -- Petersen hatte recht. - -Mein Gott, welche Angst sie hatte! Weshalb mußte sie auch gleich -hereinlaufen. - -Hauptmann v. Dönhoff gähnte. Er blickte sie durch die dunkle Brille an, -verfolgte jede ihrer Bewegungen. Dann sagte er lächelnd: »Na, also, -Petersen, alter Knabe, erzählen Sie doch, was es Neues gibt in Berlin?« - -Petersen! Er hielt sie für Petersen! - -Vor Schrecken hätte Mina beinahe einen Teller fallen lassen. - - * * * * * - -Und das Feuer rollte. - -Wie ein blutüberströmtes Antlitz stieg die Sonne aus der endlosen -Staubwolke empor. Die in der Nacht fielen, waren jetzt schon kalt. Auf -den Chausseen lagen in Stücke zerrissene Pferde und Männer, zertrümmerte -Wagen und zerschmetterte Bäume; ihr grünes Laub rauschte im Morgenwind. -Die Mütze über die geschorenen Schädel gezogen, kamen die -Befehlsüberbringer im Auto angefegt und setzten über die rauschenden -grünen Aste, die quer über der Straße lagen, hinweg. - -Der Himmel stand voller Schrapnellwolken, Schwärme von Fliegern brausten -im Frühlicht. Die Geschütze stampften, pochten, knackten -- die rasende -Erde beschoß aus ihren Kratern das aufgehende Gestirn der Sonne. - -Wie gestern, wie vorgestern, wie alle Tage stürzten brennende Menschen -aus dem Himmel. Ein Hagelsturm von zerfetzten Leibern fegte über die -Erde. Millionen Herzen verkrampften sich in Todesangst. - -Und die Wolke, die rostbraune, schiefergraue Wolke stand unendlich über -der Walstatt. - - -3 - -Ganz in der Nähe der Hofjägerallee im Tiergarten läuft ein gekrümmter, -schmaler Reitweg durch tiefes Dickicht. - -Auf diesem schmalen, gekrümmten Reitweg ging der General hin und her, -die Hände auf dem Rücken, die Augen auf die eigenen Fußspuren geheftet, -die noch von gestern, von vorgestern, hier zu sehen waren, trotz dem -Regen, der in der Nacht fiel. Hier ging nie ein Mensch, und Reiter -- -das Geschlecht der Reiter war völlig ausgestorben in Berlin. - -Dora --? - -Es war drückend schwül, schon um neun Uhr morgens, der General hatte -seinen Kragen etwas gelockert, hier sah ihn ja niemand. Bewegungslos -standen Büsche und Bäume, und zuweilen sang ein Vogel, irgendwo in -weiter Ferne. Es klang wenigstens so in seinen Ohren, möglich, daß er -sich täuschte. War es nicht eigentümlich, in letzter Zeit schienen alle -Geräusche und Laute in weite Fernen zu rücken, auch die Stimmen der -Menschen, die dicht vor ihm standen und sprachen? - -Nichts von Bedeutung eigentlich -- - -Der General blieb stehen und heftete den Blick auf die staubige, -schwarze Erde des Reitwegs. Es war ihm schwer, einen Gedanken bis zu -Ende zu verfolgen. - -Nein, gewiß, das war es nicht. Es wäre unvernünftig, Kombinationen daran -zu knüpfen. - -Vorgestern hatte er zufällig einen Blick in Ottos Zimmer geworfen, im -Vorbeigehen. Das Zimmer wurde gereinigt, und das Unterste war zu oberst -gekehrt: da sah er -- nein, zuerst nahm er kaum davon Notiz, aber er -kehrte zurück, irgend etwas war ihm aufgefallen. Da sah er also auf -einem Sessel ein sonderbares Kostüm: eine Art Kaftan oder Kimono von -einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb, einen Turban, -orangerot, mit dicken grünen Schnüren umwickelt. Dieses Kostüm -- sofort -fiel es ihm ein: jener Vermummte, jener Unbekannte auf Doras Hausball, -jener Stumme, der immer mit einer merkwürdigen Schale rasselte! Es ging -das Gerücht, eine hohe Persönlichkeit verberge sich in dieser etwas -phantasielosen Maske. - -Also er -- Otto --? - -Ein Maskenscherz, natürlich, nichts anderes. Otto war ja damals noch im -Lazarett, offenbar ausgerückt für diese Nacht, er konnte sich nicht gut -zu erkennen geben. Aus diesem Grunde die Geheimtuerei, und sicherlich -hatte er absichtlich das Gerücht von der Hoheit verbreiten lassen. - -Gewiß, ohne jede Bedeutung. Wie kam er doch wieder darauf? - -Herrlich ruhig war es hier, und nur zuweilen war das ferne Klingeln der -Straßenbahn zu hören. Wohltuend und beruhigend das Grün der hohen -Wipfel, und da droben, da draußen flammte heiß die Sonne, wie ein -grelles Feuer. Hier aber, Schatten, Kühle sogar, und der Schritt -unhörbar. Es ging sich angenehm auf der losen Erde, die Füße ruhten aus. - -Der General hielt sich etwas gebückter. Er war im Gesicht magerer -geworden, die Backen hingen schlaff herab, seine Gesichtsfarbe war -fahler, trocken, mit kalkigen Flecken. Zuweilen zuckte sein rechtes -Augenlid, und ein Nerv klopfte oft unangenehm an der Nase, dicht beim -rechten Auge. - -Den ganzen Sommer, hatte er in dem stickigen, heißen Berlin verbracht. -Er hatte die Absicht, im August in Urlaub zu gehen, nach Babenberg, nun -aber waren Ereignisse eingetreten, die ihn hier festhielten. Gewisse -Schwierigkeiten an der Front, die bald behoben sein würden. Jedenfalls -aber war es ganz undenkbar für ihn, jetzt, gerade jetzt seinen Posten zu -verlassen, selbst nicht auf einige Tage, so nötig er auch Erholung -brauchte. Sitzungen, Konferenzen, nun gut, die da draußen hatten -ebenfalls keinen Urlaub. Man mußte sehen, wie man durchkam. - -Diese halbe Stunde jeden Morgen -- eine volle halbe Stunde, ja, es ging -nicht anders, wollte er nicht zusammenbrechen -- diese halbe Stunde -morgens von einhalb neun bis neun Uhr war sein Urlaub. Um neun Uhr -erfaßte ihn dann die Maschine, und er kam bis Mitternacht nicht mehr zu -sich. Er schlief nur noch mit Hilfe von starken Schlafmitteln. - -In diesen dreißig Minuten am Vormittag allein konnte er in aller Ruhe -seinen Gedanken nachhängen und sich mit seinen persönlichen -Angelegenheiten beschäftigen. - -Gott sei Dank war er vernünftig genug gewesen, sich diese störenden -Geldgeschichten vom Halse zu schaffen, wirklich ein Entschluß, zu dem er -sich jetzt beglückwünschte! Er hatte das Gut Rothwasser verkauft. An -einen Dänen, namens Olsen, aus Kopenhagen -- ja, schon kamen sie jetzt, -die Neutralen, die am Kriege verdient hatten, und kauften deutsches -Land. Er bereute den Schritt nicht. Was geschehen ist, ist geschehen -- -das Notwendige tue rasch, ohne dich umzusehen. Otto würde ja Babenberg -behalten, genug und übergenug für ihn, und Ruth -- nun es würde auch für -Ruth gesorgt sein. - -Er machte kehrt, nie ging er weiter bis zu jenem grellen Sonnenflecken -mitten auf dem Reitweg. Zerstreut blickte er, stehenbleibend, in das -Dickicht -- auch hier Staub auf den Blättern, selbst hier. - -Rothwasser? Wie kam er darauf? Nun ja, er hatte sich durch den Verkauf -diese störenden, quälenden Kalamitäten vom Halse geschafft -- wie schwer -es ihm doch wurde, sich auf einen Gedanken zu konzentrieren! Fünf -anstrengende Konferenzen waren allein für diesen Vormittag angesetzt. -Schon disponierte er wieder. - -Dora --? - -In diesem Augenblick dröhnten von der Hofjägerallee drei langgezogene -Hupensignale. - -Dieser Schwerdtfeger, dieser Esel! Mußte er ihn gerade in diesem Moment -unterbrechen. - -Ärgerlich setzte der General seine Promenade fort. Er ging etwas -rascher, sollte er warten! Ja, diese Wochen, da sie im Bade war, waren -eine Art Probe gewesen. Er hatte diese Probe nicht bestanden, um ehrlich -zu sein! Ja, das war es, nicht bestanden. Er hatte sie vermißt, kam sich -verwaist und verlassen vor, niemand in Berlin, das Haus leer, auch Ruth -auf dem Lande -- die Stimmen rückten mehr und mehr in die Ferne, wurden -unwirklich, nur Doras Stimme klang noch nah. Es schien auch, als ob die -Menschen selbst mehr und mehr verblaßten -- sie riefen unverständliche -Worte, machten unverständliche Gesten. Er beachtete sie kaum, sie -interessierten ihn nicht mehr, seine Mitmenschen, nein, sollten sie -ruhig tun, was sie wollten. Und fünf Konferenzen -- nun saßen sie schon -und warteten, Weißbach schielte auf die Uhr. - -Ja, es war die Wahrheit, leugnen wir sie nicht, er fühlte sich einsam -ohne sie. - -Einsam? - -Welch ein furchtbares Wort, bei rechtem Lichte betrachtet! Nie in seinem -Leben hatte er die Bedeutung dieses Wortes begriffen. Es war die -Abspannung, die Nerven, natürlich. In ihrer Nähe fühlte er sich -augenblicklich beruhigt, ausgeglichen. Etwas von ihrer Sorglosigkeit und -Lebenskunst schien auf ihn überzuströmen. - -Wie sie sich gefreut hatte über die kleine Uhr, die er ihr am ersten -Abend brachte! Ein Kind, wahrhaftig, nichts als ein großes, -lebenslustiges, immer heiteres Kind war diese ganze Dora, ein Quell der -Verjüngung, sozusagen. Vielleicht beruhte die belebende Wirkung, die sie -auf ihre Umgebung ausübte, gerade auf ihrer großen und seltenen Naivität -und oft komischen Lebensunkenntnis. Wer weiß es? - -Es galt zu überlegen, jedenfalls -- ein bedeutungsvoller Schritt! - -Ein Schritt, der wohl erwogen sein wollte, obgleich er sich ja schon -Jahre mit diesem Gedanken beschäftigte. Wohl erwogen. Otto? Nun, Ottos -Meinung war ihm schließlich gleichgültig, Otto fragte ja auch ihn nicht -um seine Ansicht, wochenlang bekam man ihn nicht zu Gesicht. Sein Sohn -war ihm fast ein Fremder geworden. Und Ruth? Nun Ruth würde sich damit -abfinden. Sie zuallererst. Erst jetzt war ihm zum Bewußtsein gekommen, -wie vernünftig diese Ruth in Wahrheit war. Ja, möglich, möglich, daß er -ihr ganzes Naturell falsch eingeschätzt hatte. Sie war in ruhigem und -ausgeglichenem Gemütszustand von Babenberg zurückgekommen. Ihre -sentimentale Laune schien weniger tief gegangen zu sein, als er -befürchtet hatte. Obgleich dieser jugendliche Schwarmgeist, wie man ihm -berichtete, noch hinter Schloß und Riegel saß und seiner Bestrafung kaum -entgehen dürfte. Offenbar hatte Ruth die Beschaulichkeit auf dem Lande -dazu benutzt, nachzudenken. Der rasche Schnitt mit dem Messer hatte sich -wieder als die beste Heilmethode erwiesen. - -Gewiß, auch Ruth würde sich damit abfinden -- vielleicht war gerade sie -es, die ihn am ehesten verstand. - -Aber sie selbst -- Dora? - -Das heißt nicht, daß er zweifelte! - -Natürlich nicht, er konnte auch aus früheren Äußerungen Doras schließen --- es würde für sie immerhin einiges bedeuten, gesellschaftliche -Stellung, nun, und manches andere. Sie war ja aus guter Familie, ein -Bruder sogar Major, aber immerhin, kleiner, unbedeutender Landadel. Und -nicht zuletzt würde sie gewiß aufatmen, aus diesem Zustand finanzieller -Unsicherheit herauszukommen. - -Nein, nicht das. - -Aber es gab da das und jenes, was ihn in der letzten Zeit stutzig -- ist -stutzig das richtige Wort? -- nun sagen wir ruhig: stutzig gemacht hatte -. . . - -Einiges, unbedeutende Dinge, Kleinigkeiten sozusagen, Imponderabilien -- -aber vielleicht tat er ihr bitter unrecht? Wie? Nicht unmöglich . . . - -Wieder dröhnte das Hupensignal. - -Der General hakte ärgerlich den Kragen zu. - -»Es ist ganz unmöglich, auch nur fünf Minuten lang seine Gedanken zu -sammeln«, sagte er laut und begab sich zum Auto zurück. - -Die graue Limousine fegte in das heiße Berlin hinein: Sitzungen, -Konferenzen, Vorträge. Schon warteten sie dichtgedrängt im Vorzimmer, -und Weißbach schielte tatsächlich ununterbrochen nach der Uhr. - - -4 - -Nein, gewiß, der General kannte seine Tochter nicht. - -Wäre er ein Beobachter, so würde er auf den ersten Blick gesehen haben, -daß Ruth sich im Laufe des Sommers auffallend geändert hatte. Aber er -war kein Beobachter: Sitzungen, Konferenzen, strategische Erwägungen -- -wie sollte er da ein Beobachter sein? - -Ja, auffallend geändert! - -Nicht mehr die schüchterne, scheue Ruth. Ihre Augen waren flammend und -kühn, ihr Blick wich nicht mehr zurück. Fragend und forschend ruhte ihr -Auge bei Tisch auf dem Vater, und häufiger als früher begegneten sich -auf Sekunden ihre Blicke. - -Etwas war hier nicht in Ordnung! Nein! Als Papa sie bei ihrer Rückkehr -begrüßte, war etwas Auffallendes geschehen -- noch heute zitterte die -Betroffenheit in ihr nach. Papa war errötet! Noch mehr, Papa hatte die -Augen niedergeschlagen. Aber man bedenke doch: _Papa schlägt die Augen -nieder!_ - -Weshalb? Weshalb nur? Sie kannte Papa ja so genau. Irgendein Geheimnis -war zwischen ihm und ihr. - -Weshalb Papa, so sprich doch! - -Aber der General war tief in seine Gedanken versunken und blickte nicht -mehr auf. - -Ruth hatte völlig ihr träumerisches, zerstreutes Wesen verloren. Sie -sprach sogar etwas rascher als früher und nicht mehr so unsicher. Sie -sang nicht mehr, trällerte nicht mehr vor sich hin, wie sie es früher zu -tun pflegte -- um erschrocken abzubrechen, sobald sie sich belauscht -wußte. Ihre Lippen waren bestimmter geformt und klarer geschwungen. Das -unsichtbare Lächeln, das früher über ihnen schwebte -- fort war es. - -Wie eine Fremde bewegte sie sich im Hause, die gesonnen ist, nicht lange -zu bleiben. Sie lächelte über diese ewig dienstbereiten Ordonnanzen, -über dieses Exzellenz hin und Exzellenz her, bald würde sie es nicht -mehr hören. Ach, dieser Papa, der sich so ungeheuer wichtig nahm, dieser -Otto, diese Dora, diese ganze Gesellschaft, die in den Tag hineinlebte -und glaubte, es müsse so sein -- nun, bald würde sie sie nicht mehr -sehen. Schon wagte es niemand mehr, sich mit ihr in ein Gespräch -einzulassen, weil sie unumwunden ihre Meinung äußerte. - -Vorläufig, bis _dahin_, verrichtete sie wie früher ihre Arbeit in der -Küche. Die Gäste hatte sie nach diesen heißen, stickigen Sommerwochen -noch bleicher und elender angetroffen. Sie waren alle müde, sanken -erschöpft auf den Stuhl, stützten den Kopf, während sie aßen. Alle -Augenblicke gab es Differenzen, ihre Nerven flatterten. Die kleinen -Schreibdamen flüsterten nur noch. Zuweilen kicherten sie leise, um sich -rasch erschrocken umzusehen. Die Küche war auffallend still geworden. - -Ruth war eifrig bei der Arbeit -- aber so oft ein neuer Gast eintrat, -blickte sie rasch nach der Türe. Offenbar, sie erwartete jemand, sie -suchte jemand! - -Sie suchte, um die Wahrheit zu sagen, jenen kleinen, alten Herrn im -Havelock, ihn, der ihr auf der Treppe die schreckliche Nachricht -mitgeteilt hatte. Tag für Tag erwartete sie ihn, sie hatte Geduld. - -Aber er kam nicht. Augenscheinlich besuchte er diese Küche nicht mehr. -Vielleicht war er auch tot? Schnell starben die Menschen in diesen -Tagen. Die Erde verschluckte sie nur so. - -Endlich ging sie in die Fabriciusstraße. Sie besaß sogar den Mut, das -Leihhaus zu betreten. Mit welchen Gefühlen! Wie sie die Türe anstarrte! -Aber sie weinte nicht. - -Allein, hier wußte man nichts von dem Havelock. Er war ausgezogen, -verschwunden. - -Und doch, er war vielleicht der einzige, der ihr über jene Dinge -Ausschluß geben konnte, die sie unbedingt wissen mußte. Klara, die mit -ihr in Babenberg war, hatte ihr Hedis Erlebnis am Anhalter Platz erzählt --- das war alles, was sie erfahren konnte. Seine Freunde, sein jüngerer -Bruder, wie vom Erdboden verschwunden, niemand zu sehen; keine Nachricht -mehr, man hatte offenbar alle verhaftet -- nur sie ließ man in Ruhe. - -Nach vielen Tagen, die sie durch das verwahrloste, übelriechende -Stadtviertel streifte -- ja, plötzlich sah sie ihn. - -Das, das mußte er sein! Sie fühlte es augenblicklich. - -Ein Rudel lachender und kreischender Kinder -- und mitten darin ein -Mensch. In diesem Augenblick geschah es, daß sie wie eine Seherin -fühlte, er! Ja, er war es. - -Er tanzte wie ein Hampelmann, und sobald die Kinder ihm zu nahe kamen, -schlug er nach ihnen mit seinem steifen Hut. - -Plötzlich fühlte er Ruths Blick. Es war dicht bei der Eisenbahnbrücke, -die sich über die staubige Fabriciusstraße spannt. - -Er hielt inne -- gerade wollte er wieder mit dem Hut nach den Kindern -schlagen -- und suchte seinen Blick zu sammeln. - -»Geht weg!« rief Ruth. Die Kinder drängten sich abseits zusammen. Eine -Dame und der Betrunkene! Ungeheuer interessierte es sie. In der -abenteuerlichen Vorstadt aufgewachsen, waren sie an die sonderbarsten -Vorfälle gewöhnt. - -»Ich möchte Sie einiges fragen!« begann Ruth. - -»Gerne -- stets bereit!« Herr Herbst schwang den Hut und schwankte -erschrocken rückwärts. Er hatte Ruth sofort erkannt, und obschon er -betrunken war, war ihm doch ihr verändertes Wesen aufgefallen. Ihre -Stimme klang nicht mehr sanft und freundlich wie früher -- hart, -unbarmherzig. Ja, nun war sie also gekommen . . . - -»Nein, nicht gesehen -- nur gehört«, stammelte er erbleichend, während -sein Blick flatterte. »Geschossen? Ja, geschossen! Ich hörte es. -Weshalb, weiß ich nicht.« - -Ja, weshalb hatte man wohl geschossen? Der Soldat schoß, weil man auf -ihn schoß, wenn er nicht schoß. Vom Höchsten bis zum Niedrigsten drohte -hinter jedermann in dieser Zeit ein Gewehrlauf. - -»Und Sie können mir nicht sagen --?« - -Die Gruppe der Kinder stand immer noch neugierig abseits. Die Dame und -der Betrunkene, der hin und her schwankte und wahrscheinlich bald einige -Backpfeifen erhalten würde -- es war ungeheuer interessant. - -»Sie meinen?« - -Der Havelock hob die kleinen, schmutzigen Hände gegen die Hutkrempe, -einer Ohnmacht nahe. - -»Es muß doch jemand die Polizei aufmerksam gemacht haben, nicht wahr?« -Ruth schrie ganz laut. - -Welch eine deutliche, furchtbare Frage! - -Der Havelock taumelte. Er kratzte die grauen Bartstoppeln, sein kleines, -bleiches Gesicht zuckt. Dann hob er den steifen Hut in die Höhe und -machte eine Bewegung, als wolle er zu tanzen beginnen, und plötzlich -- -plötzlich fiel er in die Knie. - -»Ich, ich!« rief er, krächzte er, den Hut in der Hand und nickte. »Ich!« - -»Sie --?« - -»Ja, ich! Ich!« Er rutschte auf den Knien näher und senkte voller -Zerknirschung den kleinen, bleichen Kahlkopf. Die Kinder lachten. - -»Ja, ich, Gott sei mir gnädig!« - -»Sie --!? Weshalb nur --?« - -»Weshalb? Ja, ja --« - -»Was hatte er Ihnen getan? Er?« - -»Weshalb? Unerklärlich -- wie alles in dieser Welt. Wie alles -- völlig -unerklärlich -- ich liebe Sie ja, meine Dame, wie meine Tochter --« - -»Hüten Sie sich!« Nun wird sie ihn an den Ohren packen, dachten die -Kinder erwartungsvoll. - -»Wie meine Tochter -- unerklärlich!« schluchzte Herr Herbst, und der Hut -entfiel ihm. »Ich bin ein Verkommener.« - -Die Kinder kreischten und klatschten in die Hände. - -»Stehen Sie doch auf!« schrie Ruth. »Stehen Sie doch auf!« Und sie -schrie so laut, daß Herr Herbst sich tatsächlich taumelnd aufrichtete. -»Was Sie sind, das sehe ich ja. Ein Verkommener, sehr wahr, völlig -verkommen --« - -»Ja, ja, ja!« Herr Herbst hob beschwörend die Hände. »Aber ich war nicht -immer wie heute, meine Dame. Mein Sohn ist gefallen, seine Mutter -. . .« - -»Aber wissen Sie denn, was Sie getan haben?« unterbrach ihn Ruth außer -sich. »Wissen Sie es denn? Wissen Sie denn, wen Sie verraten haben? Sie -Judas Ischarioth?« - -Bei dieser Schmähung prallte Herbst zurück. - -»Wissen Sie es denn? Er war Jesus Christus, der wiedergekommen war, um -die Menschheit zu erlösen! Ja, das war er! Sie wußten es nicht!« - -»Jesus Christus!« - -»Und Sie -- ein Säufer --!« - -Namenloser Schreck spiegelte sich in den kleinen, halbblinden -Trinkeraugen. Er glaubte, was Ruth, bleich und rasend, schrie -- und -auch Ruth glaubte es im Paroxysmus des Schmerzes. - -Rasch wandte sie sich ab und eilte fort. Eingeschüchtert sah das -Häuflein der zerlumpten Kinder ihr nach. Sie waren verstummt, weil sie -sahen, daß die Dame, die mit diesem komischen Betrunkenen zankte, -plötzlich weinte. - -»Sie haben ihn getötet -- aber er ist unsterblich! Ein Prophet, ein -Seher, ein Heiliger war er!« - -»Sie haben ihn getötet -- aber er ist unsterblich!« rief Ruth vor sich -hin, und die Tränen stürzten über ihr bleiches, verklärtes Gesicht. - -Selbst als sie in belebtere Straßen kam, rief sie ganz laut und -unaufhörlich die gleichen Worte. - -Aber niemand beachtete sie sonderlich: man war es nachgerade gewöhnt, -daß Menschen vor sich hin sprachen und weinten. - - -5 - -Horch! - -Das Feuer rollte. - -Sie zerrissen die Eingeweide der Erde. Tag und Nacht wühlten -schweißüberströmte Leiber in den finstern Stollen der Tiefe, ohne Pause -klirrten die Förderkörbe in allen Erdteilen auf und ab. Die Hochöfen -spien Feuer über den Kontinenten, Ströme von flüssigem Metall flossen in -die Formen: Geschütze, Granaten. - -Sie zerrissen ihre Gehirne. Die Ingenieure und Chemiker schliefen nicht -mehr, neue Maschinen, neue Sprengstoffe und Gase, immer fürchterlicher. -Hunderte von Millionen sannen nur Vernichtung, brüteten nur Tod: die -Völker der Erde waren Mördervölker geworden. - -Tag und Nacht peitschten die Schrauben der Schiffe das Meer -- vorwärts! -Tag und Nacht flogen die Züge durch Europa, vorwärts. Das Meer zittert -und die Erde erbebt. Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, -die Schätze der Welt. Sie hatten alle das gleiche Ziel. - -Die Wolke! - -Dort, dort, wo Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, die -Schätze der Welt, zu Staub zermalmt werden -- dort . . . - -Schon färben sich die Flüsse rot, und auf den Meeren treiben Inseln von -Leichen. Frankreich verwandelt sich in eine Wüste, Deutschland in einen -Friedhof, die Welt in ein Lazarett. - -Vorwärts, Soldaten! es soll sich entscheiden -- die Kanonen sollen die -Probleme lösen. - -Die graue Limousine raste durch die glühenden Straßen Berlins. -Konferenzen, Besprechungen. Schwerdtfeger wischte sich den Schweiß vom -schmutzigen Gesicht. Auch er war um seinen Urlaub gekommen, aber -schließlich war er nichts als ein Chauffeur und konnte Gott auf den -Knien danken, daß er nicht da draußen fahren mußte, wo die Landstraßen -sich öffnen und Feuer speien. - -Die graue Limousine raste über die Linden. Müde und abgespannt blickte -der General mit halbgeschlossenen Augen auf die Straße und gähnte. - -Plötzlich galoppierte ein Berittener über den Reitweg, die Fußgänger -blieben wie auf Kommando stehen und gafften. - -Der General setzte sich mit einem Ruck aufrecht. - -Unerhört! - -Am hellichten Tage! Unter den Linden! - -Niemals hätte man so etwas für möglich gehalten. - -Ein paar Dutzend junger Burschen und Mädchen, hundert vielleicht, nicht -mehr, eilten die Linden entlang und schrien. Eine Spritzwelle von -Menschen, die über die Linden fegte, nichts sonst. War es nicht -unerhört, daß jemand Unter den Linden schrie und die öffentliche -Aufmerksamkeit auf sich lenkte? - -Der General rückte unruhig auf dem Sitz und blickte voller Empörung zum -Fenster hinaus. Aber in diesem Augenblick hoben sich die Fäuste der -jungen Burschen und Mädchen gegen ihn und schüttelten sich. Fassungslos -zog er den Kopf zurück. Ja, was geschah, was ging hier vor? Sie schrien -ein Wort, immer das gleiche Wort -- er verstand es nicht. Er wagte nicht -zu glauben, daß sie jenes Wort riefen -- es ist unmöglich! - -Oben beim Schloß aber wurde er plötzlich ernst. Ah, seht an! Eine Kette -von Schutzleuten sperrte den Weg. Ein junger Bursche machte den Versuch --- schon blitzte ein Säbel durch die Luft. Da lag er. - -»Schlagt sie nieder!« schrie der General, purpurrot das Gesicht. - -Und die Regierung? - -Wütend lachte der General, wütend gegen Schwerdtfegers gekrümmten -Rücken. - -Die Regierung? - -Sie schläft. - -Die Gaffer auf den Bürgersteigen bewegen sich wieder. Die Spritzwelle -hat sich verlaufen. Nichts ist geschehen. - -Die graue Limousine raste weiter: Konferenzen, Besprechungen. Reserven! -Nachschub! Verpflegung! Munition! Pferde! Sitzung über Sitzung -- -- - -Vorwärts, Soldaten! - -Die Schlacht brüllt, die Geschütze stampfen, kämpft, sterbt! - -Schon runzelt der Divisionär am Telephon die Stirn, der Kommandeur -erbleicht am Scherenfernrohr: der Angriff am rechten Flügel stockt! -Vorwärts, Artillerie, wenn es sein muß, die eigene Artillerie soll euch -vorwärts treiben, wartet! - -Kämpft, sterbt! Die Augen der ganzen Welt sind auf euch gerichtet. - -Schon zittert die Börse, die Papiere fallen. Ihr werdet doch nicht, ihr -geliebten Helden? Ja, Helden! Drei Mark, drei Franken, drei Schillinge -und drei Dollar am Tage, Auszeichnungen, Triumphbögen, künstliche -Gliedmaßen -- ihr kennt doch unsere Tarife? Ihr werdet doch nicht --? -Kali, Kohlen, Kolonien . . . - -Der Börsentelegraph tickt, Tag und Nacht, schon ist er erregt worden, es -bröckelt irgendwo ab, es knistert, er tickt, ah, dieses entsetzlich -erregte Ticken, ihr könnt es leider nicht hören im Kanonendonner, die -Börsen von Berlin, London, Paris, Rom, Neuyork -- schon hat sich ein -Bankrotteur eine Kugel in den Kopf geschossen -- und ihr zögert? - -Die Kaiser und Könige träumen vom Einzug in die jubelnde Hauptstadt, die -Präsidenten träumen von dem Moment, da sie den glänzenden Seidenhut -hochheben, umbraust vom Beifallsklatschen. - -Die Landesfürstin, höchsteigenhändig, die Gemahlin des Herrn -Präsidenten, höchsteigenhändig, wird euch die kleine Blechmünze auf die -zerschossene Brust heften -- - -Vorwärts, ihr Geliebten, ihr Herrlichen, Unvergleichlichen! - -Die Greise, die die Geschicke dieser Welt lenken, hüsteln hinter den -gepolsterten Türen in ihre kalten wächsernen Hände. Sie sitzen an langen -polierten Tischen, mit rosaroten Kinderbäckchen, trommeln mit den -Fingernägeln, ungeduldig -- die Sekretäre, ohne Tadel, schleichen auf -den Zehenspitzen über das glänzende Parkett. Die Greise kritzeln mit der -Feder, werfen gebieterische Blicke. - -Jedes Wort, das sie sprechen, bedeutet Tod, jeder Federstrich, jedes -Lächeln -- Tod, Tod -- sie aber leben. - -Seit Monaten, seit Jahren, flimmert himmelhoch die Staubwolke über der -Walstatt, es regnet schwarzes Blut -- die apokalyptischen Reiter ziehen -über den Wolken dahin und gießen ihre Schalen aus über Europa. Gewogen, -gewogen und zu leicht befunden! Die Feuerschrift der Geschütze flammt am -verfinsterten Firmament. - -Soeben ist das Kabinett der Greise zu einer neuen feierlichen Konferenz -zusammengetreten. - - * * * * * - -Reserven! - -Die Hände des Generals zittern. Erregt wirft er die Telegramme auf den -Schreibtisch zurück. Fieberröte flammt über sein Gesicht. - -Schon vor zwei Jahren hatte er eine Denkschrift eingereicht, und erst -kürzlich war er wieder darauf zurückgekommen. Er hatte den Vorschlag -einer Patriotin aufgegriffen, zwei Millionen Frauen in die Armee -einzustellen, für Wachtdienst, Etappe, Bureau. Zwei Millionen, zehn -Millionen, wenn man wollte! Aus den kräftigsten Frauen hätten sich auch -Kampfbataillone aufstellen lassen, ohne Frage. Die Frauen hätten -vorzügliches Material abgegeben. (Der General war gewohnt »Material« zu -sagen, wie alle Militärs.) Auch die Frauen, ohne jeden Zweifel, hätten -ihre Leiber voller Begeisterung den Kanonen entgegengeworfen! - -Seine Denkschrift -- sie verstaubte irgendwo, mit abfälligen -Randbemerkungen versehen. Man hatte seinen Rat nicht beachtet -- wie man -Ratschläge überhaupt nicht zu beachten beliebte. Man wußte alles selbst, -wußte alles besser. - -»Ich klingle bereits das zweitemal und Sie kommen nicht!« sagte der -General mit gerunzelter Stirn zu Weißbach. - -»Es hat nur das einemal geklingelt, Herr General«, versicherte der -Adjutant. - -Der General erhob sich -- sein Auge wuchs. - -»Ach, nun fangen auch Sie an zu widersprechen.« - -Der Adjutant schwieg und stand still. Seine Miene war bleich. Der -General streifte ihn mit einem Blick. »Nun sind auch Sie beleidigt, -Weißbach«, sagte er einlenkend. »Es fehlte noch, daß auch Sie beleidigt -sind.« Der Blick des Adjutanten strahlte Vergebung. - -Mit zitternden Händen ging der General hin und her. Dann blieb er vor -Weißbach stehen und sagte ruhig: »Rufen Sie sofort alle Herren -telegraphisch aus dem Urlaub zurück! -- Wir müssen unsere Anstrengungen -_verdoppeln_!« fügte er schreiend hinzu. - -Reserven? Als ob nicht alles Grenzen hätte. Und welchen Ton sie -neuerdings beliebten? Man hatte alles, was nicht umfiel, eingezogen, -hatte die Lazarette ausgefegt, Fiebernde aus den Betten gerissen, vom -Operationstisch hatte man die Leute fortgenommen, ohne jede Rücksicht. - -Und Reserven? - -Ja, es gab einfach keine Reserven mehr, das allein war die Wahrheit! - -Das Telephon schrillte . . . - -Im gleichen Augenblick wurde es draußen stockfinster, und ein -knatternder Donner sprang mit teuflischem Gelächter über das Dächermeer -von Berlin dahin. Gott sei Dank; die Hitze war unerträglich geworden. - - -6 - -Über den Potsdamer Platz schwang sich an Krücken ein Krüppel. Er -berührte nur mit der rechten Fußspitze den Boden. Ein kleiner fahler -Schatten schwang unter ihm. - -Alle Passanten, wenige, sehr wenige, zertraten unter ihren Füßen einen -ebenso fahlen, zusammengeballten Schatten. Es war Mittagszeit, der -Himmel war mit einem Dunstschleier bedeckt, durch den die Sonne -blendete. Welche Hitze? - -Der Krüppel schwang sich die Leipziger Straße hinauf. - -Auch diese Straße war leer! Wenige Menschen, leere Straßenbahnen. Berlin -war wie ein Friedhof, den nur dann und wann ein Grüppchen von -Hinterbliebenen besucht. - -»Ja, ein richtiger Friedhof!« sagte der Krüppel. - -Die wenigen Menschen schlichen, den Blick zu Boden gesenkt, dahin, -scheu, ängstlich. Mit zitternden Händen griffen sie nach den -Mittagszeitungen, warfen einen Blick hinein, falteten sie mutlos -zusammen. - -Krieg, Hunger, Tod -- Tod, Hunger, Krieg . . . - -Vor wenigen Wochen noch hatte die Hoffnung die Stadt neu belebt. Die -feindlichen Reserven waren aufgerieben, England stand vor dem Abgrund. -Ja, was blieb also noch viel zu tun übrig? Die Zeitungen schrieben es, -ein Minister sogar verkündete es -- nun schien aber doch nicht alles in -Ordnung zu sein. - -Wie Berlin vor Wochen gejubelt hatte, Tausende von Gefangenen, Hunderte -von Geschützen, so jubelten jetzt Paris, London, Neuyork. Berlin aber -war still geworden. - -Ein Friedhof bei Tag, ein Friedhof bei Nacht. In den Nächten war häufig -ein Donnern in der Stadt zu hören, ein Grollen, und die Schläfer fuhren -erschrocken in die Höhe -- horch! - -Der Krüppel schwang sich an seinen Krücken die Wilhelmstraße hinauf. -Hier, bei den Regierungsgebäuden, war es noch stiller. Kein Mensch. Nur -ein Hund ging, mit Verlaub zu sagen, von Eckstein zu Eckstein. - -Der Krüppel bog in die Linden ein und näherte sich der grauen Limousine, -die vor Stifters Diele stand. Er strich neugierig um den Wagen herum. -Schwerdtfeger saß im Schatten des Autos auf dem Bürgersteig und nahm wie -gewöhnlich sein Mittagessen ein, ein Stück Brot mit etwas Käse, weiter -reichte es nicht. Wie alle Soldaten erhielt er zwei Mark dreiunddreißig -Pfennige am Tage und zwei Mark Verpflegungsgelder dazu. - -Augenblicklich sprang Schwerdtfeger auf und nahm Haltung an. Der Krüppel -war Offizier, Schwerdtfeger hatte ihn früher schon einmal gesehen. Ja, -wie ein Gymnasiast, mit schneeweißen Haaren, großen, fiebernden Augen -und kreidigem Gesicht, das unaufhörlich zuckte. - -Der Krüppel schwang sich in Stifters Diele. - -Hier, in einer halbdüstern Nische des vornehmen Restaurants, sah er ein -erdiges Gesicht mit schwarzen Augenhöhlen und einem Blick, der brannte, -ohne etwas zu sehen. - -Auch Stifters Diele war fast leer. - -»Ist es erlaubt?« fragte der Krüppel. - -Das erdige Gesicht mit den schwarzen Augenhöhlen kam in Erschütterung, -aufs tiefste erschrocken, die brennenden Augen, die nichts sahen, -glitten prüfend über das Gesicht, das ohne Pause zuckte, über das -schneeweiße Haar dieses Gymnasiastenkopfes. - -»Ich hatte die Ehre --« Das zuckende Gesicht versuchte zu lächeln. - -Da sah der General, daß es Hauptmann Wunderlich war. - -»Ist es möglich? Es ist so dunkel hier. Bitte Platz zu nehmen -- bitte -mir die Freude zu machen, mein Gast zu sein, Hauptmann Wunderlich.« - -Hauptmann Wunderlich lehnte die Krückstöcke an die Wand und zog sich an -den Armlehnen des Sessels in die Höhe. Nie hatte der General die Krücken -Wunderlichs erblicken können, ohne ihn ganz im geheimen um sie zu -beneiden. - -»Also in Berlin?« - -»Ja. -- Ich bin fertig!« - -»Fertig?« - -Wunderlichs Gesicht zuckte. Der Blick seiner großen Knabenaugen -fieberte. - -»Die Nerven«, sagte er. »Fertig! Leider, aber nicht zu ändern. -Zusammengebrochen!« -- - -Aber, seht an, auch die Hände des Generals zitterten, und es schien, als -ob es dem General Schwierigkeit bereitete, zu sprechen, er stammelte, -stotterte, suchte nach Worten. Wo war die wunderbare Ruhe und Sicherheit -des Generals hingekommen? - -»Also nicht zufrieden mit den Nerven? Auf Urlaub?« Der General füllte -mit zitternder Hand Wunderlichs Glas. »Auch hier in Berlin sind wir -- -überarbeitet, dazu die Hitze. Und an der Front?« - -Flüstern. - -»Scharen von Fliegern! Kämpfe in drei Etagen -- in zwei-, drei- und -viertausend Meter Höhe -- für eine abgeschossene Maschine zehn neue -- -Kämpfe auch in der Nacht --« - -»Auch in der Nacht?« - -»Und Bombengeschwader -- in jeder Stunde der Nacht -- keine Ruhe mehr in -den Quartieren und Lagern -- kein Schlaf . . .« - -»Hm.« - -Der Kellner servierte. - -Mit verzerrtem Gesicht berichtete Wunderlich. Er murmelte, damit niemand -in der Diele ihn hören konnte. - -»-- allein fünfzigtausend Mann durch Gefangennahme verloren in drei -Tagen, fünfhundert schwere Geschütze --« - -»Ich weiß, weiß.« - -Flüstern. - -»-- die Lazarette ohne Leinen, die armen Kerle in ihren schmutzigen -Uniformen -- Papierverbände, nackt begraben . . . Pferdefleisch --« - -»Pferdefleisch?« - -»-- erst die Zunge, jeder ein Stück, mit dem Messer -- in einer Minute -liegt nur noch das Skelett des Pferdes da --« - -»Hm.« - -»-- und die Pferde fallen zu Hunderten, Tausenden. Ohne jede Kraft --« - -»-- und Gelbkreuz, Blaukreuz?« - -»Keine besonderen feindlichen Verluste. Man findet die Batterien -verlassen. Aber dahinter stehen neue.« - -»Und der -- Geist der Truppe?« - -»Herrlich -- wunderbar, wie immer. Kämpfen bis zur Erschöpfung. Ohne -ordentliche Verpflegung, seit Wochen ohne Ablösung . . .« - -»Einzelne Divisionen nur noch Stäbe -- Feldküchen, Kraftfahrer . . .« - -Flüstern. Raunen. Der General setzt den Kneifer auf und blickt -argwöhnisch aus der Nische. Überall Lauscher. Wenn der Feind _das_ -erführe --! - -»Eineinhalb Millionen amerikanischer Truppen --« - -Plötzlich zieht der General die Uhr und erhebt sich rasch. Seine Hände -sind eisig kalt. Er schwankt beim Hinausgehen. - -Und die graue Limousine rast durch die glühenden Straßen: Sitzungen, -Konferenzen . . . - - * * * * * - -Geschrei . . . - -Geschrei in den Wolken. Verflucht die Welt, verflucht die Erde! -Verflucht Könige, Präsidenten und Minister. Verflucht! - -Betrogen um unser Leben, geopfert dem Wahnsinn! - -Die Millionen der Gefallenen, Geschlachteten, Millionen und abermals -Millionen, fahren über Europa dahin, in ihren armseligen Lumpen, -zerfetzt ihre Leiber und schreien. Sie verdunkeln den Himmel. - -Betrogen, betrogen! - -Fluch auf euch! - -Aber die Front donnert, und unendlich steht die Staubwolke über der -Walstatt. - -Nun fällt der Tau, die Nacht sinkt herab. Der Horizont funkelt, Feuer -loht über das Gewölk, die Geschütze brüllen. Riesengroß steht Ackermanns -Geist über dem Schlachtfeld, und lauter als die Geschütze schallt seine -Stimme. - -»Völker der Erde -- Söhne von Müttern -- Brüder . . .« - -Furchtbar fauchen die Granaten um ihn. In seinem weiten grauen Mantel -steht er, die Hände erhoben, seine Augen sind sprühende Sterne. Stahl, -Feuer, Gase? Was wollen sie noch von ihm? Lauter als die krachenden -Granaten tönt sein Ruf. - -»Brüder!« - -Und die schweißbedeckten Soldaten in den Laufgräben, Erdlöchern, -Batteriestellungen lauschen. Welche Stimme? - -Ackermanns Geist trägt die Verwundeten über das Schlachtfeld, fällt den -Rasenden in den Arm, die den hilflosen Gegner niederschlagen wollen, -führt die Hand des Arztes, der den blutenden Feind verbindet. Ackermanns -Geist berührt die Toten, die mit offenen Augen liegen, Deutsche, -Franzosen, Inder, Amerikaner, Engländer, Neger, Kanadier, Australier, -und spricht: ihr alle werdet auferstehen am Tag der Versöhnung, ihr -Heiligen und Märtyrer! - -Ackermanns Geist erfüllt die finstere Wolke, die über der Walstatt bis -zu den Sternen lodert, und schon -- schon dämpft sich der Lärm der -Geschütze. Schon schweigen sie . . . - -Aber die Greise, die einen leisen Schlaf haben, fahren erschrocken auf -in ihren Betten, lauschen und drücken auf die Klingel. - -Wiederum beginnen die Geschütze fürchterlich zu toben. - -Die Menschen lieben Macht und Glanz, wie Kinder. Leicht sind die Völker -zu verführen -- aber wehe denen, die sie verführen! - - -7 - -Nein, es ging nicht mehr! An einem Sonntagnachmittag schickte der -General den Wagen wieder fort. Es geschah zum ersten Male seit Monaten. -Vor Erschöpfung sank er um. Augenblicklich fiel er in Schlaf, und er -schlief, röchelnd und stöhnend, den ganzen Nachmittag bis in den Abend -hinein. - -Als er wieder erwachte, war das Zimmer voll schwerer Dunkelheit. -Verstört fuhr er auf. Sein Kopf war dumpf, glühendheiß. Der Schweiß rann -über sein Gesicht. - -Zehn Uhr! Sollte man es für möglich halten? Sieben volle Stunden hatte -er geschlafen! Ein Unbehagen war aus dem Schlaf in ihm zurückgeblieben --- etwas Schweres, Bleischweres -- was war es doch? Hatte er geträumt? -Das Haus war heiß wie ein Backofen, unerträglich. Er machte sich rasch -zum Ausgehen fertig. - -Auf der Treppe stockte plötzlich sein Schritt. Die Stiefelspitze zuckte -zurück, als habe er auf der Stufe irgendein ekelhaftes Insekt bemerkt. -Ja, ein häßlicher Traum, in der Tat, widerwärtig! Das Siegesgespann auf -dem Brandenburger Tor -- es war herabgestürzt, und sein Auto war von dem -Trümmerhaufen, den Gaffer umstanden, aufgehalten worden. Welch ein Chaos -und diese aus den Trümmern vorstehenden Pferdebeine! Und der -Trümmerhaufe hatte sonderbarerweise fast den ganzen Pariser Platz -bedeckt, ein förmlicher Berg -- - -Auf der Straße war die Luft herrlich und erfrischend -- schon etwas -herbstlich. Es mußte kurz vorher geregnet haben, das Pflaster war noch -feucht. Über den Tiergarten flog rasch der Mond dahin, umwirbelt von -kleinen Wolken, wie in einem Schneegestöber. Eine Droschke, ein paar -Spaziergänger, tiefe Ruhe. - -Der General ging langsam dahin und atmete die Frische des Abends ein. -Bald hatte er auch das Unbehagen überwunden, das aus dem widerwärtigen -Traume zurückgeblieben war. Er fühlte sich durch den langen Schlaf -erfrischt, die abgehetzten Nerven waren ruhiger geworden. Die Gedanken -gehorchten. - -Er nickte vor sich hin. Klar stand es vor seinen Blicken, unheimlich -klar, erschreckend klar. Es war gar nicht erst nötig, daß dieser -Wunderlich kam und ihm noch diese fürchterlichen Fingerzeige gab. Nein. -Er blieb stehen. - -»Napoleon hatte wenigstens den Winter als Entschuldigung für sich«, -raunte er vor sich hin, voller Verachtung. - -Nun ging er wieder einige Schritte und nickte: »Sie lassen sich schlagen --- regelrecht schlagen!« Ja, das war es. - -Hatte er nicht immer gewarnt? - -Diese ganze Offensive -- glatter Wahnwitz! Unvermeidlich große Verluste, -eine unsinnige Verlängerung der Front -- keines der strategischen Ziele -erreicht, der Angriff immer mehr nach Süden abgeglitten. Der Durchstoß -zum Meer, die Abdrosselung der englischen Armee -- alles mißglückt. Und -was hatten sie, die Frage war wohl erlaubt, abermals an der Marne zu -suchen gehabt? Eine Riesenausbuchtung der Front, gespeist von einer -einzigen schwachen Bahnlinie. Wie? Weshalb? Unverständlich! - -Aber selbst wenn diese verfehlte Offensive gelungen wäre, angenommen -- -was dann? Sie hatten ja nichts mehr in der Hand -- nichts mehr, um den -Erfolg auszuwerten. Die andern dagegen: Amerikas unerschöpfliches -Reservoir an lebendem und totem Material, kaum angebrochen -- - -»Ja, schlagen, diese Gottähnlichen --!« - -Würde man ihm heute ein Frontkommando anbieten -- danke, danke ergebenst -. . . - -War er nicht immer dafür eingetreten, zurückzugehen auf befestigte -Stellungen, zur Maas, zum Rhein, wenn es sein mußte, und den Feind -anlaufen zu lassen? Millionen hätten sie noch opfern müssen! Jahrelang -konnte man sich halten, und eine ungeheure Manövrierarmee war frei für -politisch-militärische Aktionen in Italien, Mazedonien, der Türkei. - -Plötzlich aber blieb der General verwundert stehen: - -Licht? Bei Dora Licht? - -In seine Gedanken versunken, war er bis zur roten Backsteinvilla -gegangen, ohne jede Absicht. - -Er sollte den heutigen Abend eigentlich bei Dora verbringen, aber sie -hatte ihm gestern abgeschrieben, da sie aufs Land reisen wollte. - -Erfreut, Dora zu Hause zu wissen, trat er ein. Seine Sorgen, die -Gedanken, die ihn folterten, das Gefühl der Einsamkeit, das ihn marterte -in letzter Zeit -- - -Die Haustüre stand offen. Niemand war in der Diele, das Licht brannte. - -»Petersen!« - -Aber niemand kam. Stille. - -Aus der oberen Etage, die dunkel lag, klang ein sonderbarer Ton. Wie das -Klagen eines Vogels, der immer den gleichen hilflosen, wehmütigen Schrei -ausstößt, ein gefangener Vogel, der den Tod fühlt und nur noch einen -Klagelaut hervorbringen kann. Eine Geige. Es war Hauptmann v. Dönhoff, -der zurzeit hier Wohnung genommen hatte -- bis er etwas Geeignetes fand. -Zweihundert schöne Frauen, zwei Elefanten und ein Nashorn -- und jetzt -trug er also eine schwarze Brille und fing an, die Geige zu lernen. Er -übte von früh bis nachts. - -Der General legte ab und öffnete die Türe, die zum Zeltzimmer führte. - -Auch in dem kleinen Vorraum brannte Licht. Der verzückte Heilige in -seinem zinnoberroten Rock schwang mit rasender Gebärde sein Buch -- ein -blinder Spiegel -- der General schlug den Vorhang zur Seite -- auch im -Zeltzimmer war Licht, die blaue Deckenampel brannte. Aber niemand war zu -sehen. - -Da hörte er Doras Lachen und eine Männerstimme. - -Er schrak zusammen. Hatte sie Gäste? Wer war hier? Es war wohl besser, -wieder hinauszugehen und Petersen zu suchen. Vielleicht war er im -Garten? Ja, wo war er eigentlich, dieser Petersen, das Haus offen, jeder -Einbrecher konnte hereinkommen. - -Fern, ganz fern klang das monotone Klagen des unglücklichen, gemarterten -Vogels, der seinen Schmerz in dem ewig gleichen Ton ausdrückte. - -Der General war verwirrt. Es fiel ihm schwer, einen Entschluß zu fassen. -Schließlich -- hatte Dora Geheimnisse vor ihm? Plötzlich erinnerte er -sich all der kleinen Widersprüche, der unbedeutenden, gänzlich -unbedeutenden Begebenheiten, die ihn zuweilen, besonders in letzter Zeit -beunruhigt hatten. Sie war also nicht auf dem Lande, und doch schrieb -sie -- - -Ja, schwer einen Entschluß zu fassen. Wie viele Gäste mochten es sein? - -Er roch den Duft von brennendem Reisig. Dora liebte es, mit Feuer zu -tändeln und Reisig und Tannenwedel im Kamin zu verbrennen. - -Schweigen da drinnen. Das Feuer knisterte -- der Feuerschein flackerte -über den Boden, und der Vogel klagte in der Ferne. - -Der General wandte sich zum Gehen -- aber da, gerade in dem Augenblicke, -da er den Fuß rückte, um hinauszugehen und Petersen zu suchen -- gerade -in diesem Augenblick fesselte etwas seine Aufmerksamkeit im höchsten -Maße: in der lichten Spalte des Vorhangs, neben dem bauschigen schwarzen -Kissen, das auf dem Teppich drinnen lag -- erschien ein himbeerfarbener -kleiner Seidenpantoffel. - -Er hypnotisierte den General. Dieser kleine Seidenpantoffel bewegte -sich, als sei er lebendig -- ein Fuß wurde sichtbar, ein Knöchel . . . -trug sie fleischfarbene Seidenstrümpfe, oder was war es? - -Nun erschien eine Hand, eine volle, gepflegte Hand, Doras Hand, und -diese Hand warf mit einem kleinen Schwung eine angerauchte Zigarette in -die Richtung des Kamins. Wieder bewegte sich der kleine himbeerfarbene -Seidenpantoffel. Der Saum eines hellroten durchsichtigen Gewandes wurde -sichtbar -- - -»Das ist ganz unmöglich!« sagte Dora laut und offenbar etwas ärgerlich. -»Ich bitte dich, gewisse Rücksichten --« - -»Rücksichten?« lachte eine Männerstimme. »Es ist töricht, ewig -Rücksichten zu nehmen, Dora!« - -Diese Stimme! Der General erbleichte. - -Da knurrte ein Hündchen. Butzi, der Griffon, war erwacht und knurrte. - -»Schweig!« sagte Dora. - -Aber Butzi schwieg nicht. Im Gegenteil, er begann plötzlich mit heller -Stimme wütend zu kläffen. - -Der himbeerrote Seidenschuh verschwand. - -»Ist jemand da? Komm, Butzi, Liebling.« - -»Wer soll da sein?« - -Der General wich zurück. Er war wie gelähmt. Aber trotzdem wich er -zurück. Doch schon war es zu spät. Jemand stand auf, ein Schritt näherte -sich, lautlos -- - - * * * * * - -Ja, es war zu spät! Der lautlose Schritt war nun ganz nahe. Und eine -Hand raffte den Vorhang auf. - -Der General wich noch einen Schritt rückwärts, soweit ihn seine -gelähmten Glieder trugen. Er rang nach Luft, die Uniform schnürte seine -Brust ein -- plötzlich hörte die Geige in der Ferne auf zu klagen. - -Im Vorhang erschien -- - -Ja, was erschien da? - -Es erschien eine, hochaufgerichtet, eine im ersten Moment übersinnliche -Erscheinung, gleißend wie Luzifer. Ein orientalischer Priester, wenn man -will, in einem gleißenden, feuergelben Gewand, über das grellrote -Drachen züngelten. Mit bleichen Armen und einem bleichen bläulichen -Gesicht mit schneeweißen Augen. Hochaufgerichtet. Otto. - -Luft -- der General faßte sich. Er hatte die Stimme ja sofort erkannt. -Auch er richtete sich auf, wuchs in die Höhe und blickte in diese -schneeweißen Augen. - -Es waren die Augen seines Sohnes, mehr noch, es waren die hellen Augen -der Hecht-Babenberg. - -Diese Augen waren im ersten Augenblick erschrocken, sofort aber sammelte -sich der Blick in ihnen. Sie wuchsen, und ein kalter Glanz stieg aus -ihrer Tiefe. - -Diese Augen sprachen, und er verstand ganz deutlich, was sie sagten! Sie -glänzten verächtlich. - -Du? - -Du hier? Seht an! Du lauschst? Du spionierst? Ei, seht an! - -Sehr interessant. Soll ich dich bei Dora anmelden? - -Nun aber wurde der Glanz härter, kälter, eisig. - -Gut! Nun weißt du es! Was willst du noch? Gehe! - -Ja, gehe! sagten sie, diese Augen. - -Und nun blendeten sie plötzlich. - -Du kennst meine Gefühle für dich, oder? -- Du weißt es -- lange, lange! -Ich ziehe die Konsequenzen, wenn du willst -- ich stehe zur Verfügung -- -jederzeit . . . - -Ja, das sagten also Ottos Augen -- oder täuschte er sich? - -Der Vorhang floß über einem nackten Arm zusammen: die Erscheinung war -verschwunden. - -»Niemand ist hier!« sagte Otto in gleichmütigem Ton, hinter dem Vorhang, -und Dora rief das Hündchen, das immer noch kläffte, abermals zur Ruhe. - -Eine -- zwei -- drei Sekunden lang hatten die beiden Hecht-Babenberg die -Blicke gekreuzt. Nicht länger. - -Mit rasender Gebärde schwingt der Heilige im roten Rock sein Buch. Durch -den blinden Spiegel gleitet ein Gesicht, wie aus Kreide geschnitten. -Jemand tastet sich durch die Diele, eine schwarze Hornbrille auf der -Nase -- richtet einige Sekunden die schwarzen Gläser auf ihn -- oder war -es ein Gespenst? - - -8 - -Zur gleichen Stunde ging Ruth die Tiergartenstraße entlang, ihrem Hause -zu. Im Augenblick, da sie in das kleine verstaubte und verwahrloste -Vorgärtchen eintreten wollte -- sie hatte schon die Gittertüre in der -Hand -- rief eine leise Stimme ihren Namen. - -Sie hielt inne. Im Schatten der Bäume gegenüber gestikulierte ein -Schatten. Da sie zögerte, trat der Schatten einen Augenblick in den -Lichtschein und winkte. - -Ruth erkannte ihn. Zögernd überschritt sie den Fahrdamm. Der Mond flog -dahin, hoch oben, von feinen Schleierwolken umtanzt. - -»Sie? Was wünschen Sie von mir?« - -»Schon seit Tagen versuche ich, Sie zu treffen. Bitte zu verzeihen. Ich -habe neulich etwas zu sagen vergessen. Bitte, in den Schatten zu treten. -Ich darf mich nicht sehen lassen --« - -»Ich verstehe Sie nicht!« - -»Vieles ist unverständlich -- aber man hat mich gewarnt -- ein hoher -Herr ist ungehalten über mich. Man hat mir gedroht, mich in ein -Irrenhaus zu sperren, wenn ich mich noch einmal sehen lasse.« - -»Ich kann Sie wirklich nicht verstehen!« - -»Tut auch nichts zur Sache. Nicht das wollte ich Ihnen sagen. Können wir -ein bißchen weiter -- so, danke -- fürchten Sie nichts. Ich bin ein -alter Mann, habe auch nichts getrunken heute. Mit Absicht. All diese -Tage nicht. Ja, neulich -- ich habe mich geschämt -- aber gerade weil -ich in diesem Zustand war, habe ich etwas zu sagen vergessen -- etwas -sehr Wichtiges.« - -»Bitte --!« - -»Nicht ich allein also, das wollte ich sagen --« - -»Nicht Sie allein --?« - -»Nein, nicht ich allein bin der Schuldige.« - -»Ich verstehe Sie nicht.« - -»Warten Sie. Es kommt jemand. Gehen wir ein paar Schritte. So.« - -Flüstern im Dunkeln. - -»Nicht ich allein also, sondern gleichzeitig -- vielleicht sogar früher, -ich weiß es nicht -- aber es galt gar nicht ihm, sondern Ihnen.« - -Flüstern. Plötzlich ein Schrei. Es ist Ruth, die schreit. - -»Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich!« - -»Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein -- gehen wir -- gerade kommt -- so, -ein paar Schritte --« - -»Ganz unmöglich!« - -»Ich schwöre! Der Agent sagte es mir.« - -Flüstern. Raunen. Wieder bewegen sich die Schatten im Dunkel der Bäume -vorwärts. - -Plötzlich bleibt Ruth stehen. - -»Schwören Sie mir --!« - -»Ich schwöre!« - -»Schwören Sie mir -- bei Ihrem Sohn, der gefallen ist --« - -»Ich schwöre!« - -»Beim Andenken Ihrer Frau -- schwören Sie --« - -»Ich schwöre!« - -»Hören Sie: Sie sollen ewig verflucht sein, wenn Sie lügen --« - -»Ewig verflucht soll ich sein --« - -Ruth schlägt die Hände vors Gesicht und läuft in die Finsternis des -Parkes hinein. -- - - * * * * * - -Der Mond flog über den finstern Himmel, durch brodelnde Wolken hindurch. -Aber schließlich kam er nicht mehr von der Stelle. Er blieb in einer -pechschwarzen Wolke stecken, und endlich verschwand er vollkommen. Die -Bäume des Tiergartens neigten die Wipfel -- ein Windstoß pfiff über sie -dahin. - -In völliger Dunkelheit lag plötzlich die Stadt, schwarz und leblos, wie -der Kadaver eines stachligen Riesentieres, das auf dem Marsch durch die -Rübenfelder und Kartoffeläcker verendet war und faulte. So lag sie zwei, -drei, fünf Minuten, dann aber verschwand sie in einer ungeheuren -Staubwolke, die aus den Straßenschluchten emporschlug. Ein Gewirr von -Blitzen griff nach ihr, umklammerte sie, um sie zu vernichten. Der -Donner knatterte. - -Plötzlich begannen die verspäteten Passanten erschrocken dahinzueilen! -Nein, nicht das Wetter war es! Etwas ganz anderes -- - -Durch die dunkeln Straßenschluchten flatterte -- in unheimlicher Eile -- -ein weiter, heller Soldatenmantel. Glänzende Hände, glänzend im Schein -der Blitze, pochten donnernd an die Türen der Häuser: Auf, auf, ihr -Schläfer, die Stunde ist gekommen! Die glänzenden Hände berührten die -Schultern der Dahineilenden, daß sie erbleichten: Zögert nicht länger! -An den schwarzen Scheiben der finstern Häuser fuhr ein glänzendes -Antlitz vorbei: Schon sind sie unterwegs die Boten des neuen Reichs. -Seid bereit! - -Da trug der Wirbelwind den flatternden Soldatenmantel in die Höhe, und -die glänzenden Hände, das glänzende Antlitz flogen mit rasender -Schnelligkeit über die Dächer der Stadt dahin. - -Was war es? Was für Dinge geschahen in dieser Stadt --? - -Nun rauschte der Regen. - -Die Schutzleute flüchteten, die Diebe und Einbrecher huschten in -Torbogen -- sonst war niemand mehr auf der Straße. - -Ein herrlicher, wunderbarer Regen, kalt, klar, rücksichtslos stürzte aus -dem schwarzen Himmel. - - * * * * * - -Hauptmann v. Dönhoff stand unter einer Haustüre am Ende der -Lessingallee. Weiter war er nicht gekommen, das Wetter hatte ihn -überrascht. - -Hier stand er nun und lauschte glückselig auf das Rauschen des Regens -und das Krachen der Donnerschläge. Ja, ganz wunderbar! - -Da -- eine Droschke klapperte dahin. - -»He, Kutscher -- hundert Mark für die Fahrt!« - -»Heda, Droschke! Droschke, halt!« - -Es war wieder nichts. Die Pferdehufe klappten weiter. - -»Heda, Droschke! Hundert Mark!« - -Ah, endlich hatte er Glück. Die Droschke hielt. - -Hauptmann v. Dönhoff, mit der schwarzen Brille auf der Nase, tastete -sich durch den Regen. »Wo sind Sie denn? Ich sehe etwas schlecht.« - -»Hier stehe ich!« - -Langsam schaukelte die Droschke durch die Sintflut. Dönhoff streckte die -Nase durch das Fenster und schnupperte. Herrlich diese Luft, herrlich -dieser Regen und geradezu berauschend das Knattern des Donners. Endlich -etwas Lärm! Die Straßen waren wie reingefegt. Nur dann und wann das -Klatschen von Pferdehufen und das Rasseln eines eisernen Ungeheuers, das -Dönhoff als ein Auto feststellte. - -Endlos war diese Reise in das Bayrische Viertel, aber ein Hochgenuß. Zum -ersten Male verließ er sein Zimmer in der roten Backsteinvilla, wo keine -Seele sich um ihn kümmerte. Frei! Frei! Er zündete sich eine Zigarette -an, verbrannte sich etwas die Nasenspitze, aber das schadete nichts. Wie -eine Reise erschien ihm diese Droschkenfahrt durch das dunkle, -regenrauschende Berlin. - -Da hielt die Droschke, und Dönhoff kroch heraus. - -»Und nun, mein Freund, eine große Gefälligkeit, da ich schlecht sehe -- -klingeln Sie den Portier heraus. Ich möchte zu Fräulein Alexa -Alexandra.« - -Alexa Alexandra? Eine Tänzerin, das heißt weniger eine Tänzerin als eine -Dame. Früher war er befreundet mit ihr, er hatte sie gewissermaßen -entdeckt, kreiert. Petersen hatte ihm im Telephonbuch ihre jetzige -Adresse aufgesucht. - -Der Kutscher steckte sein Benzinfeuerzeug in Brand, überzeugte sich, daß -die Banknote echt war, und begann den Portier herauszuklingeln. - -»Er bekommt ein schweres Trinkgeld -- sagen Sie --« - -Und dieser Portier brachte ihn im Lift zu Alexa Alexandra hinauf. - -»Bitte, klingeln Sie -- ich sehe schlecht!« - -Offenbar hatte Alexa Gesellschaft -- Lachen, Händeklatschen, ein sehr -lauter Phonograph, Stampfen -- das traf sich ausgezeichnet. - -Die Türe öffnete sich, und Dönhoff bat der Dame des Hauses zu sagen, daß -»Rinaldo« vor der Tür stände und sie erwarte. »Rinaldo! Sonst nichts! -Sie kennen doch den berühmten Räuberhauptmann? Ich bin es!« - -Ah! Dönhoffs Herz pochte -- es hatte nicht so laut gepocht, als die -Granaten einschlugen -- ein Ausruf, ein Schrei! »Rinaldo! Wirklich?« Und -zwei Arme umschlangen Dönhoffs Hals, zwei weiche, gepuderte, duftende -Arme. - -»Rinaldo, Lieber, Liebster! Welche Überraschung!« - -Aber sofort hatte Alexa herausgefunden, daß diese Sache mit den -schlechten Augen auffallend war, diese entsetzliche schwarze Brille! - -Sie schob diese Brille mißtrauisch in die Höhe -- und da waren also, wo -sonst die Augen sind, wo sonst diese Augen waren, sie kannte diese -frechen Augen -- zwei rote Nähte, keine Augen mehr. - -Alexa stieß entsetzte Schreie aus. »Mein Gott, was haben sie mit dir -gemacht?« - -Sie weinte und stampfte mit den Füßen. - -»Ah, diese Schurken!« schrie sie -- und der laute Phonograph spielte -einen Two-step -- »Sie haben ihn blind geschossen!« Und sie drückte ein -paar rasche Küsse auf diese roten Nähte, wo die Augen früher saßen. - -»Meine Herrschaften!« -- der Phonograph schwieg -- »Ich stelle Ihnen -hier meinen Freund vor, meinen lieben alten Freund, Baron Dönhoff -- ein -lieber Junge! Er ist blind -- diese Schurken von Franzosen haben ihn -blind geschossen! Er ist der berühmte Herrenreiter Dönhoff. Sie erinnern -sich, meine Herren -- er gewann so viele Rennen -- Kitty, gehe weg -- -nun ist er also wieder in Berlin -- ja, hier bist du zu Hause, du lieber -Junge!« - -Dönhoff lächelte verlegen. Er schämte sich. - -Die Alexa küßte ihn, und er fühlte, wie ihre Tränen seine Wangen näßten. -»Noch etwas -- ladies and gentlemen -- er wünscht nicht, daß man auf ihn -die geringste Rücksicht nimmt. Also weiter!« - -Der Phonograph ertönte wieder -- die Füße, die Schuhe schlürften. - -Die Alexa führte ihn in eine Ecke zu einer Ottomane. Parfüm, allerlei -Essenzen, der Geruch eines scharfen Punsches, Musik und dicht an ihm -vorbei flatterten die Röcke. - -»Ganz ungestört sollst du hier sein, du lieber Junge. Du bist zu Hause -und kannst es dir ruhig bequem machen. Siehst du denn gar nichts mehr? -Nein! Oh, diese elenden Schurken! Hören Sie, Doktor, geben Sie ein Glas -Sekt für Baron Dönhoff -- vielleicht haben Sie Geld gewonnen, als Sie -seinerzeit auf ihn setzten? Er gewann fast immer, ach, das waren Zeiten! -Im ganzen sind fünfzehn Menschen hier, Rinaldo, sechs, sieben Damen. Ich -werde sie dir vorführen. Lola!« - -»Hier also, das ist die kleine Lola. Sie ist eine Ungarin eigentlich. -Sie ist ganz schwarz, und ihre Brauen wachsen zusammen. Aber sie ist -eine ganz kühle Person, ganz und gar nicht sinnlich -- oder, Lola? Ja, -so komm doch dicht an ihn heran. Verstehst du mich, er sieht ja nichts, -er ist blind. Sei lieb zu ihm, sei nett -- er ist nett zu mir gewesen, -vor zehn Jahren, als ich noch Verkäuferin war und am Sonnabend in -Halensee tanzte -- ja, fühle nur, die Brauen wachsen tatsächlich -zusammen -- fühle nur -- küsse ihn, Lola, du mußt nett zu ihm sein.« - -Und Lola küßte Dönhoff und streichelte ihn. - -»Das hier ist Fiffi -- wie nett, sie kniet vor dir. Küsse sie, so! Sie -ist die Freundin dieses kleinen Schwarzen dort, der mit dem Monokel, die -beste Tangotänzerin in Berlin. Sie ist blond, aber ihre Haare sind -gefärbt -- Fiffi -- er sieht doch nicht, er ist blind, ich muß ihm also -alles beschreiben. Sie tanzt wunderbar und hat zwei erste Preise -gewonnen.« - -»Und hier, das ist Thea -- sie ist etwas üppig -- aber Thea, er sieht -doch nicht! -- sie hat ganz große blaue Augen und filmt. Du würdest dich -in sie verliebt haben, weil sie so drollig ist. Küsse ihn, Thea, er ist -ein so lieber Junge!« - -»Und das hier -- Rolli -- come along! -- Rolli -- ein kleiner Teufel! -Siehst du, sie bringt dir gleich Punsch mit! Sie ist erst achtzehn Jahre -alt, aber schon völlig verdorben. Pfui, Rolli -- beherrsche dich doch! -Aber sie ist sehr süß. Sie hat, nun dir darf ich es ja sagen, eine -kleine Schwäche für Frauen und kennt die Damen der höchsten -Gesellschaft. Ihr Freund ist ein Dichter. Siehst du, sie trinkt an -derselben Stelle des Glases, wo du getrunken hast. Sie will dir zeigen, -wie lieb sie dich hat. Ja, das also ist der berühmte Rinaldo -- nun -entstellt ihn ja diese häßliche Brille etwas, aber man gewöhnt sich ja -rasch!« - -»Und das hier -- Reh -- sie heißt Rebekka -- Reh, komm hierher. Siehst -du, sie ist ein Kind. Sie hat Tränen in den Augen. Aber sie ist auch ein -bißchen angetrunken. Reh! Was tust du? Ach, siehst du, sie weint. Küsse -ihn, so, so, küsse ihn. Er sieht ja nicht, man muß nett zu ihm sein.« - -»Du siehst, wie sie dich hier verwöhnen. Das ist Blanche, und sie bringt -dir ein Pralinee. Stecke es ihm doch in den Mund! Blanche heiratet -übermorgen, und dann werden wir Tag und Nacht bei ihr tanzen. Sie -heiratet einen Sattler, der im Kriege sieben Millionen verdient hat. Ja, -reizend wird es bei ihr werden. Fühle nur ihre Ringe. Fühle doch. Alles -echte Steine, aber er ist so verschossen in sie. Fühle doch ihre Wangen. -Hast du je so etwas Sanftes gefühlt? Ihr Teint ist herrlich. Fühle ihre -Hüften -- was sagst du? -- Ah, siehst du, Rinaldo --« - - -9 - -Allmählich wurden die Donnerschläge schwächer, das Gewitter zog langsam -ab. - -Erst nachdem der General ungeduldig wurde und seinen Titel nannte, -erhielt er telephonischen Anschluß. Augenblicklich meldete sich Major -Wolff, der Nachtdienst hatte. - -Der General ließ sich Vortrag halten. Wolff las die wichtigsten -Telegramme vor, die wichtigsten Eingänge -- eine volle Stunde sprach der -General am Telephon. Das Gewitter sog an den Drähten, zuweilen klang die -Stimme Wolffs ganz fern und klein. Um jede Kleinigkeit kümmerte sich der -General. Er gab mit kühler, klarer Stimme Anordnungen -- schließlich -aber war alles erledigt. Bitte morgen um einhalb acht um telephonischen -Anruf. Schluß und gute Nacht! - -Augenblicklich vertiefte sich der General wieder in die Aktenstücke, -ohne aufzublicken. Ja, nun waren sie alle erledigt. Nochmals -breitete er die große Karte über den Schreibtisch. Staubecken, -Überschwemmungsgelände, natürliche Hindernisse -- es mußte schließlich -noch in letzter Stunde gelingen, den Riesenkörper der Armee rückwärts zu -leiten. Vielleicht verführte ihn der gegenwärtige Zustand seiner Nerven -zu einer allzu pessimistischen Beurteilung der Lage. - -Der General war noch in voller Uniform, er hatte sich nicht umgekleidet. -Und immer noch rauschte draußen der Regen. - -Auch die strategische Betrachtung war nun abgeschlossen. Er warf noch -eine Anzahl Notizen auf den Block, für morgen. Ja, nun war alles -Dienstliche erledigt. - -Ohne jede Unterbrechung, voller Hast, begann der General plötzlich einen -Brief aufs Papier zu werfen. - -Während des einstündigen Telephongespräches, während er die strategische -Lage analysierte -- immer hatte er nur an diesen Brief gedacht, um die -Wahrheit zu sagen. Er hatte ihn völlig im Kopfe entworfen, und nun -rasch, rasch, um die Sache zu Ende zu bringen. - -Ein Vermögen . . . - -Nun -- das war ja schließlich das wenigste! - -Aber schon fühlte er Unruhe. Gemurmel in den Ohren, Stimmen, die von -innen heraus kamen, nicht von außen her, und absurde Worte raunten. Sein -Herz schlug, es pochte in der Brust, im Kopf, in den Armen, im Schenkel. -Die Wände klafften, das starre Auge blickte durch die Spalten in die -schwarze Finsternis, leer, tot, kalt und unendlich wie der Raum zwischen -den Sternen. Erschauernd schob er den Schreibtisch weit von sich und -sprang auf. - -Licht! - -Lauten Schrittes, absichtlich ging er ganz laut, wanderte er durch die -Zimmer. Er sprach abgerissene Worte vor sich hin, lachte mit -geschlossenen Zähnen. - -»Wie? Wie? Freundschaft -- Treue -- Glauben -- wie?« - -Grau sein Gesicht. Er vermied es, in die Spiegel zu blicken -- aber -doch, ohne es zu wollen, sah er immer wieder ein graues Gesicht durch -die Spiegel wandern. Er schlich dahin, gebeugt, scheu, verfolgt. -Geflüster kroch über die Wände, die toten Dinge begannen sich zu winden, -das Licht blinzelte. - -Im Salon hing sein Porträt, gemalt kurz vor dem Kriege. Von einem -Schützling von -- ihr! Aus Gefälligkeit hatte er sich malen lassen, er -gab sonst nichts auf moderne Malerei. Früher war er jahrelang Mitglied -eines Kunstvereins gewesen, dem hoher Adel und Grundbesitz angehörte, -man zahlte zwanzig Mark Jahresbeitrag und erhielt dafür jedes Jahr -irgendein Kunstblatt. Längst war er ausgetreten, aber da sie es -gewünscht hatte -- - -Die Hände auf das Schwert gestützt, hatte ihn der Künstler dargestellt. -Das Gesicht war kantig, hart, entschlossen. Trotz der angegrauten -Schläfen blühend von Gesundheit und Kraft. Der Blick voller Festigkeit -und Ziel. Vielleicht ein bißchen geschmeichelt das ganze Bild. - -Trotzdem, diese letzten vier Jahre waren wie ein Jahrzehnt. - -Grau und erdig sah er sein Gesicht durch die Spiegel gleiten, obgleich -er es vermied, hinzusehen. Auch sein Rücken, die Linie seines Rückens -- -sie schien ihm gebogen zu sein, obgleich er nicht hinsah, sondern den -Blick abwandte. - -Dieselben Hände, die in kraftbewußter Lässigkeit auf dem Schwertknauf -ruhten, sie waren heute die Hände eines alten Mannes. Die Haut hatte -eine fahle Färbung, die Adern auf den Handrücken waren geschwollen. - -Ja, kaum war er den Hauptmannsjahren entwachsen -- und schon war er alt! -Und doch sah er sich noch als Leutnant vor sich! Seine für damalige -Verhältnisse etwas stutzerhafte Uniform. Und doch sah er sich noch als -Kadett vor sich, ganz deutlich, mit dem kleinen Seitengewehr und der -altmodischen hohen Mütze. - -Seit seinem zehnten Lebensjahre trug der General das farbige Tuch. -Zivilkleidung hatte er nur höchst selten getragen, vielleicht einmal -einen Jagdanzug auf dem Lande. - -Mit zehn Jahren war er Kadett, mit achtzehn Leutnant, dann Hauptmann, -dann Major, Oberstleutnant, Oberst, Regimentskommandeur. Im Sturmschritt -hatte er alle Ränge durchlaufen -- aber es schien ihm, als sei er -eigentlich immer der gleiche gewesen, nur mit verschiedenen -Rangabzeichen versehen. Seine Welt, seine Weltanschauung, seine -Auffassung von Dienst, Vorgesetzten, Pflicht, Religion, Vaterland -- sie -hatten sich nicht geändert. Der Leutnant der gleiche wie der General. - -Er war eigentlich nie jung gewesen, auch als Kadett nicht, nein. Nie -jung, und schon wurde er alt! - -Er drehte im Salon das Licht aus, um nicht mehr das zuversichtliche -kraftstrotzende Gesicht des Offiziers mit den Ordenssternen sehen zu -müssen -- jugendlich trotz der angegrauten Schläfen. - -Ja, ja, ja -- keine Beschönigung, Mut! Otto, sein Sohn -- ein Ehrloser! -Er hatte ja seinerzeit im Frühjahr, als diese Geschichte mit der Hand -passierte, sofort gewußt, ja, gewußt, augenblicklich und instinktiv, -worum es sich in Wahrheit handelte! Aber er hatte nicht gewagt, es zu -glauben. Offizier -- ein Hecht-Babenberg -- und doch! Ja, nun wußte er -alles . . . - -Der General kehrte wieder zum Schreibtisch zurück. - -Ja, ein Vermögen, diese Frau -- in der Tat, Rothwasser . . . Ihre Augen -strahlten Reinheit, Treue, Unschuld. Es gab niemand, dessen Lachen und -Stimme allein ein solches Maß von Vertrauen erweckte! Ihre Offenheit, -ihre kindliche Naivität, ihre Unbefangenheit und Harmlosigkeit, -unmöglich, gänzlich unmöglich -- er hätte die Hand für sie ins Feuer -gelegt. - -Daß ihn seine Menschenkenntnis so trügen konnte! - -Nein! Er legte die Feder weg. Schweigen, Schweigen -- nichts sonst -. . . - -Plötzlich horchte er betroffen auf. Eine Stimme! - -Diese Stimme? - -Langsam und heiß stieg ihm das Blut in den Kopf. Die Adern an den -Schläfen zuckten. - -Ottos Stimme! Er rief nach dem Burschen. - -Wollte er ihn herausfordern, der -- Infame? Der General sprang auf. Mit -zuckenden Schläfen stürzte er zur Türe . . . - -In der Tat, Otto war gekommen, wie er zuweilen kam, seitdem er im Westen -wohnte, um irgend etwas abzuholen, Bücher, Wäsche. Er kam zu jeder -Tages- und Nachtzeit, wann es ihm gerade beliebte, und knallte ohne -Rücksicht mit den Türen. Jetzt war er gekommen, um einen Gummimantel zu -holen. Er brauchte ihn, da es noch immer in Strömen regnete. - -Dies war der eigentliche Grund seines Besuches. Der zweite Grund aber -war, ganz offen gestanden, daß er dem General seine Furchtlosigkeit -beweisen wollte. Nein, er hatte keine Furcht vor einer Begegnung, nicht -die geringste. Aus diesem zweiten Grunde schrie er auch etwas lauter, -als es eigentlich nötig war. Sein Zimmer hatte er absichtlich offen -gelassen. Jeden Augenblick konnte die Türe gegenüber aufspringen -- nun, -er war gewappnet. Seine hellen verwegenen Augen waren auf eben diese -Türe geheftet, die sich jeden Augenblick öffnen konnte. Er war bereit, -die Konsequenzen zu ziehen -- zu allem war er bereit. Papa sollte nie -und nimmer auf den Gedanken kommen, daß er sich feige in eine Ecke -verkrieche. - -Aber nichts regte sich hinter dieser Türe, die zu den Zimmern Papas -führte. Wahrscheinlich hatte er sein Kommen gar nicht wahrgenommen. - -Der General -- er war nicht weiter als bis zu eben dieser Türe gekommen. -Sein Herz pochte so stark, daß er sich festhalten mußte. Keuchend und -bebend stand er im dunkeln Zimmer, seine Beine zitterten. - -Ein Schritt noch -- und etwas ganz Furchtbares, etwas unsäglich -Grauenhaftes würde geschehen . . . - -Sein eigenes Blut hatte sich gegen ihn erhoben! - -Die Türe öffnen -- und schon, schon würde es geschehen, das Gräßliche -- -Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater -- bis zur Vernichtung -- das Grauen -noch der Ururenkel, ewige Schändung des Namens, Schändung des -Geschlechtes, Schändung der Schöpfung. Schon begann die Finsternis des -Zimmers zu flammen. - -»Wo sind meine Handschuhe, Jakob?« rief Otto. - -Dann pochte er an Ruths Türe, und der General hörte die beiden plaudern, -ohne zu verstehen, was sie sagten. - -Fünf Schritte waren zwischen ihnen, zwischen ihm und seinen Kindern, der -Korridor. Aber dieser Korridor war ein Abgrund, unergründlich wie die -Mysterien des Blutes. - -»Dann gute Reise, Ruth!« rief Otto und schloß Ruths Türe. - -Ja, in der Tat, ein Abgrund, schauerlich und bodenlos wie das -tausendfach unergründliche Schicksal selbst. - -Die Haustüre krachte ins Schloß. Otto war gegangen. - -Dank dem Himmel! dachte der General, während er heftig zitterte. - -Immer noch stand er, die Dunkelheit lohte, immer noch keuchte er, und -das Zittern seiner Beine wurde stärker mit jeder Minute. - -Ja, nur ein Schritt, ein kleiner Schritt und es wäre geschehen. Das -unsagbar Gräßliche. Das keine Macht der Welt hätte wieder auslöschen -können, selbst die Allmacht Gottes nicht. - -Es _war_ geschehen, das unsagbar Grauenhafte! - -Der General sah seinen Sohn erwürgt auf der Diele liegen. - -Zitternd am ganzen Körper sank er in einen Sessel; der Schweiß brach aus -seiner Stirn. - - * * * * * - -Otto aber eilte im strömenden Regen quer durch den stockfinstern -Tiergarten. Zu Ströbel! - -Lustige Kumpane, ein Fest heute, Wein, Spiel. Wie albern, diese -kleinlichen Bedenken, die ihn bisher von Ströbels Haus ferngehalten -hatten! - -In förmlichen Wasserhosen verschwand die Straße, wo Ströbels Haus lag, -aber ein wohlbekannter Lichtschein, wie der Schein eines Leuchtfeuers, -zeigte den Weg. - -Otto pfiff, den vereinbarten Pfiff, er klatschte in die Hände. Das -erleuchtete Fenster öffnete sich, und ein Schatten neigte sich heraus. - -»Wer ist da?« Es war Hedis Stimme. - -»Ich bin es«, antwortete Otto mit heller und lauter Stimme. »Ihr habt -doch Gesellschaft heute?« - -Der Schatten trat zurück. Erst nach einer Weile wurde Hedis Stimme -wieder hörbar. - -»Sie sind es?« sagte sie stockend. »Nein, die Gesellschaft wurde -abgesagt, Ströbel ist verreist!« - -»Sie? Seit wann sagen wir Sie zueinander?« sagte Otto lachend. Er konnte -Hedi nur undeutlich erkennen, durch Büsche hindurch, an denen das Wasser -herabrann. Das erleuchtete Fenster ging auf einen kleinen, -dichtbewachsenen Garten hinaus. - -Wieder zögerte Hedis Stimme. »Es ist völlig nebensächlich,« sagte sie, -»aber lassen wir es dabei. Er mußte unerwartet in Geschäften fort, und -der Abend wurde verschoben.« - -»Schade! Sehr fatal!« - -Der Regen prasselte auf Ottos Mantel, Ströme von Wasser wirbelten um -seine Füße. Selbst aus dem Boden sprangen Bäche. - -»Ja, leider«, sagte Hedi und schickte sich an, das Fenster zu schließen. -»Gute Nacht.« Der Regen verschluckte ihre Stimme. - -»Einen Augenblick --« beeilte sich Otto, und die Fensterflügel blieben -halb offen stehen. »Ich bin durch diese Sintflut gewatet, in der -Erwartung, fröhliche Menschen zu finden --« - -»Das ist sehr bedauerlich«, sagte Hedi spöttisch. - -Otto lachte belustigt auf. »Sehr bedauerlich? Hören Sie, Hedi -- oder -höre, Hedi -- ich finde es töricht, Sie zu dir zu sagen -- halte du es -ganz wie du willst -- ich hatte gerade heute das Bedürfnis, Freunde zu -sehen -- sei nett und lieb, öffne und koche etwas Kaffee. Ich bin völlig -durchnäßt.« - -»Ich bin ganz allein.« - -»Ist das ein Grund --?« Eigentümlich war der Tonfall dieser Frage. - -Hedi antwortete nicht sogleich. Er fühlte ihren Blick. - -»Gehe doch zu ihr!« sagte sie dann. Aber sie schloß das Fenster nicht. - -Otto stockte. - -»Ich komme soeben von ihr!« sagte er hierauf. Diese Antwort war sehr -kühn, und er wußte genau, daß er alles aufs Spiel setzte. Aber er hatte -seiner Stimme einen gleichgültigen und gelangweilten Klang gegeben. - -Schweigen. Der Regen rauschte. - -»Lebst du glücklich mit Ströbel?« begann Otto von neuem, in völlig -geändertem, vertraulichem Tone. - -»Was für eine Frage? Was kümmert es dich?« - -»So öffne doch, Hedi, und wir werden etwas plaudern.« - -Hedi schwieg. Nach einer Weile sagte sie, leise und bebend: »-- Ich -öffne!« - -Kaum aber hatte Hedi die Türe aufgeschlossen, so riß Otto sie an sich -und vergrub seine Lippen in ihren Hals. - -Sie stammelte. - - -10 - -Mehre den Schatz! - -Mehre den Schatz des Guten und Schönen! Lege nicht Hand an die -Geschlechter, die nach dir kommen -- -- - -Friedlich säuselt der Morgenwind. - - * * * * * - -»Lieber Junge,« -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- »mit dem Urlaub war -es diesmal nichts. Und ein Flieger hatte mir schon versprochen, mich in -seinem Kahn mit nach Berlin zu nehmen. Drei Tage hinten, immer in -Alarmbereitschaft, kein Schlaf, Schwärme von feindlichen Fliegern, in -jeder Nacht Verluste. Die Sache hat sich anmutig ausgewachsen! Heute -abend wieder in Stellung. Wollte Dir gerne mehr schreiben -- aber ich -kann nicht. Es gibt gewisse Dinge. Nun, wir kämpfen, tun unsere Pflicht. -Herrliche Leute! Das Feuer wächst von Tag zu Tag --« - -Ja, von Tag zu Tag wuchs das Feuer! - -Bis nach London, nach der Schweiz war der Lärm der Kanonen zu hören. Es -stand sogar in den Zeitungen. - -Tausende sanken täglich dahin, Zehntausende -- - -»Trinke, Kamerad!« - -»Erlöser!« - -»Trinke! Stütze dich auf mich!« - -»Erlöser!« - -»Komm, komm, ich trage dich!« - -»Erlöser! Erlöser!« - -Auf Hunderte von Kilometern standen die Geschütze in einer Breite von -zehn bis fünfzig Kilometern, Rohr an Rohr, gestaffelt, auf Kähnen, -Flößen, Eisenbahnwagen und spien Feuer und Tod. Die Geschosse wurden von -keuchenden Zügen herbeigeschleppt, von Dampferflotten, Schleppkähnen, -endlosen Reihen von Lastautomobilen. Die ganze Welt arbeitete im -Schweiße ihres Angesichts, um die Mäuler aus Stahl zu speisen. Die -Geschosse, mannshoch, wurden auf besonders konstruierten Karren zu den -Geschützen gefahren, durch Krane in die Rohre gehoben. Sie wurden zur -Reklame in Zeitschriften abgebildet, einzeln und zu Tausenden -aufgestapelt. Die Astronomen, die sonst der Bahn der ewigen Gestirne -folgten, berechneten die Flugbahnen der Ungeheuer, die sich in den -blauen Äther hineinstürzten. Tausende, Zehntausende von Geschützen spien -Tod Tag und Nacht. - -Und die Wolke wälzte sich, unendlich, über der Walstatt. Staub -- die -zermalmte Fruchterde, der zermalmte Fels, der zermalmte Baum, der -zermalmte Mensch flimmerten in der Luft. Der Staub zog über ganz Europa, -die Staubteilchen zermalmter Menschenleiber regneten auf ganz Europa, -auf die ganze Erde nieder. - -Endlich war es dem Menschen gelungen, den höchsten Gipfel des Wahnsinns -zu erklimmen. Die Erde selbst war nichts als eine gasgefüllte Bombe, die -durch den Weltraum raste. - -Hunderttausende von Kilometern waren durch die Erde gewühlt, Menschen -und Tiere keuchten -- mit dem gleichen Aufwand an Energie hätten die -Wüsten sich in Gärten verwandeln lassen -- noch aber wurde um das -Weltmonopol des Plünderns gekämpft. - -Erlöser! -- - -»Lieber Junge,« -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- »ich weiß nicht, ob -diese Zeile Dich noch erreichen wird. Der Kommandeur ist schwer -verwundet worden und einige Leute wollen es unternehmen, ihn in der -Nacht durch das Feuer zu tragen. Sie wollen diese Zeilen mitnehmen. Sage -allen, daß wir unsere Pflicht tun! Zweiundsiebzig Stunden haben wir -nicht geschlafen und kaum gegessen. Wir können nicht mehr. Bald werde -ich wohl hinter Stacheldrähten spazierengehen. Aber sage allen, daß wir -kämpfen und sie uns nicht umsonst haben sollen! Ich werde Nachricht -geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war Kinderspiel --« - -Dies aber war der letzte Brief, den Otto erhielt. Wie durch ein Wunder -kam er durch, obgleich der Kommandeur und seine Träger auf dem Rückwege -getötet wurden. Man fand den Brief bei einem Mann ohne Beine, der -verblutet war. Ein Offizier, dessen Name unleserlich war, hatte es auf -die Rückseite des Briefes geschrieben. - -Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze und wenn es hoch herging, die -glorreiche Feuerwalze, konnte keine Briefe mehr schreiben . . . - -Ein Erdloch. Und aus diesem Erdloch sieht eine Leiche mit entblößten -Zähnen. Die Leiche wendet langsam den Kopf und späht aus. Staub treibt, -Staub flimmert. Wenig zu sehen. Die Wimpern der Leiche sind voller Staub -und auch ihre rotweißen Haare sind gepudert, die weißen Lippen haben den -Staub zu einem weißen Brei zerrieben. Ruckweise atmet diese Leiche und -stößt dabei mit dem Kopf in die Luft. Die Uniform ist beschmutzt, eben -hat die Leiche gebrochen. - -Fünfzig Schritte feldein, im Staub, kohlt ein Flugzeug. Er war der -letzte, der kam, er warf Nahrungsmittel ab, aber er kehrte nicht zurück. -Fünf Schritte zur Linken aber liegt ein gekreuzigter Mensch auf der -Erde, mit gebrochenen Gelenken, Arme und Beine von sich gestreckt, vom -Luftzug fast völlig entkleidet, die Fetzen angesengt, flachgedrückt, das -Gesicht ins Genick verdreht. Und noch schwelt das versengte Gras von den -giftigen Dämpfen der Granate, die ihn kreuzigte. Es riecht nach -verbranntem Fleisch und verbrannten Haaren. - -Zehn Schritte zur Rechten aber kauert eine Gruppe von Leichen um ein -Maschinengewehr, und sobald die Leiche im Erdloch die Hand hebt und die -Zähne bleckt, so feuert sie. Schatten taumeln im Sandsturm. Schatten -kommen, nähern sich, versinken. Aber weshalb geht die Leiche im Erdloch -nicht zu dem Maschinengewehr? Das ist es eben. Sie kann nicht. Durch -einen Balken sind ihre Beine festgeklemmt. - -Und so kann sie nur die Arme heben, die Zähne blecken und schreien -- -aber man hört nichts. - -Tanks kriechen im Sandsturm. Dort die Höhe, schwarzer Qualm. Durch den -Sandregen ist zu sehen, wie Menschenleiber in die Luft fliegen -- und -Hauptmann Falk sieht deutlich die Sturmhauben, deutsche Sturmhauben, -wirbeln. Dort im Nebel -- Nebelwesen mit erhobenen Händen, fern, klein. -Und die deutschen Batterien, sie, die stets bereiten, wo sind sie? -Nichts, nichts, kaum zuweilen ein Einschlag drüben -- völlig außer -Gefecht, vergast. - -Schatten im Sandsturm, im Qualm. Und wieder schreit er und bleckt die -Zähne. Obschon er seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hat, muß -er sich wieder erbrechen. Die flachen Chinesenhüte verschwinden, -versinken. - -Zwanzig Kilometer hinter der Feuerlinie fährt ein schweres -Eisenbahngeschütz aus dem Wald, von gutgelaunten, schwitzenden Kanadiern -in Hemdärmeln bedient. Das Langrohr steigt in die Höhe, wird abgerissen. -Die Mannschaft stürzt zurück, die Hände gegen die Ohren gepreßt. - -Die Granate war unterwegs. Es war jene Granate -- -- - -Ein Tank faucht durch den Sandsturm, hinweg über das Erdloch. Flache -Eisenhüte. Amerikaner. Sie haben die Gewehre umgehängt und trotten durch -den Sandsturm dahin. Nichts stört sie, sie haben keine Eile. - -Vor den flachen Eisenhüten einher schreitet ein junger amerikanischer -Offizier. Ein Deutscher, namens Martin. Man hat ihm gesagt, daß die -deutschen Soldaten den Kindern die Hände abschneiden. Er hat es in den -Zeitungen gelesen, er hat sogar Abbildungen gesehen mit eigenen Augen. -Und nun ist er gekommen, diese Kinderschänder vom Erdboden zu vertilgen. - - -11 - -Pünktlich auf die Minute erhob sich der General am nächsten Morgen. Er -hatte fast nicht geschlafen in dieser Nacht. Funken sprühten vor seinen -Augen, er sah schlecht. Wieder zuckte sein rechtes Augenlid. Seine Haut -war trocken und heiß, er hatte Fieber. - -Nicht einmal Niki, der in seinem Bauer zwitscherte, gönnte er heute -einen Blick. Teilnahmslos, schwerfällig, automatisch bewegte er sich, -wie im Halbschlaf. - -Punkt einhalb acht klingelte das Telephon, das Amt, wie befohlen. - -Der General taumelte am Apparat. Der Hörer zitterte in seiner Hand. Er -war genötigt einen Stuhl heranzuziehen und lallte, als er sprechen -wollte. - -Schlechte Nachrichten, offenbar. Ja, schlechte, sehr schlechte! - -Und niemand, dachte der General, niemand -- das Reich wankt -- und -niemand, nichts als Unfähigkeit, Dünkel und Verblendung! - -Schlimmer noch -- schlimmer! Ein Verbrechen . . . - -Das Haus war leer, tot, das Speisezimmer düster und verlassen. - -Ein Brief? - -Seht an! - -Man schrieb Briefe! - -Schon von weitem, obschon schwere und düstere Gedanken ihn -niederdrückten, sprang der weiße Umschlag in seine Augen. Auf dem -Frühstückstisch lag dieser Brief. »An Papa!« - -An Papa! Man schreibt Briefe! - -Er hatte nicht den Mut, diesen Brief zu öffnen. Was sollte Ruth zu -schreiben haben? Er ließ den Brief in die Tasche gleiten. Seine Wangen -zuckten. Nun, es mochte recht gut sein, daß sie etwas mißverstanden -hatte, seine Fürsorge falsch deutete -- sie war jung und konnte nicht -begreifen, daß ein Vater sich sorgte, daß er nur aus Liebe für sein -Kind, nur aus Liebe, wohlgemerkt -- - -Plötzlich erhob sich der General. - -Er war erbleicht. - -»Therese?« - -Etwas Unglaubliches war geschehen! Der General war in die hinteren -Räumlichkeiten gekommen, die er nie zuvor betreten hatte. - -»Meine Tochter ist verreist?« - -»Ja. Ruth ist abgereist.« - -»Wohin? Sie wissen es nicht?« - -»Nein -- aber ein Brief --« - -»Ich weiß --« - -Der General schwankte durch den Korridor. Mühsam kletterte er in den -Wagen. - -»Ah! Ah!« stöhnte er, als die Limousine dahinschoß, und bedeckte die -Augen. - -Ungeöffnet stak der Brief noch in seiner Tasche. - - * * * * * - -Ein deutsches Feldgeschütz fuhr plötzlich mitten im Sandsturm auf. Was -wollten sie? Waren sie wahnsinnig? Verschwunden ist das Feldgeschütz -- - -Furchtbar rollt die Brandung aus Eisen und Blut. Die Kanonen knackten, -als würden Knochen in der Luft zerbrochen. - -Die Front wankte, kein Zweifel, keine Beschönigung mehr. Schon klafften -breite Risse. - -Die Mauer aus Menschenleibern, hundertfach aufgefüllt, hundertfach in -Stücke geschossen, in jede Bresche stürzten sich neue Menschenleiber, -ja, nun wankte sie. Diese Mauer aus Blut, aus menschlichen Gehirnen, aus -menschlichen Herzen, die vor Liebe glühten und sich verzehrten -- sie -_stürzte_. - -Die Karte war ausgespielt, die letzte Karte, ausgespielt gegen alle -Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Sie hatte verloren. - -Hunderte, Tausende von Granaten in der Sekunde, Einschlag neben -Einschlag. Die Hochöfen der Welt sind gegen dich im Kampf. Die -erschöpften, verbluteten Truppen sahen sich nach Unterstützung um. Die -Kameraden, wo sind sie? In Finnland, Livland, Polen, Rumänien, -Mazedonien, Syrien, in der Ukraine, im Kaukasus -- weit, weit, sie -können nicht helfen. - -Und jeden Tag entsteigen zehntausend frische, mutige, wohlgenährte -Männer dem Ozean. - -Der Hagelsturm von Eisen rast. Explosionen, Explosionen . . . - -Pulvermagazine fliegen in die Luft, Gaskessel explodieren, Städte -verschlingt die krachende Erde -- das Trommelfell birst, Blut sickert -aus den Ohren . . . - -Über die ganze Erde ist das furchtbare Krachen der zusammenbrechenden -Mauer zu hören. - - - - -Viertes Buch - - -1 - -Von heute auf morgen . . . - -Innerhalb von vierundzwanzig Stunden . . . - -Die Depeschen fliegen, es ticken die Fernschreiber. Fahle Gesichter, -flatternde Hände, erbleichende Augen. - -Wie?! - -Ist es möglich?! - -Ein Keulenschlag! Der General ringt nach Luft und preßt beide Hände -gegen den Brustkorb. Er befürchtet, sich übergeben zu müssen. - -Ein Jeu -- hm -- Poker? Aber wir sind schließlich ja nicht in Monte -Carlo? Letzten Endes ist ein Weltkrieg doch kein Manöver, wo der -steigende Fesselballon das Signal zum Halten gibt? - -Der General ist krank, die Grippe hat ihn gepackt, ja, auch ihn, ganz -zuletzt -- es gelingt ihm gerade noch im letzten Moment ein Glas Wasser -zu ergreifen, sonst wäre ein Unglück geschehen. Der Schweiß bricht ihm -nun aus der Stirn. - -Schon aber knattern die Lichtbogen und aus den Antennen schwingen die -Wellen durch den Äther. Es wanken die Empfangsstationen, die Beamten, -die Hörmuschel am Ohr, erbleichen. Wer spricht? Eine Verhöhnung, eine -Finte, ein schlechter Scherz? Die Station Nauen hat gesprochen. - -Schon fliegen die Türen in den Ministerien, und in den Augen entzündet -sich ein Leuchten -- - -Der General kriecht durch die Zimmer, in den Schlafrock mit den roten -Aufschlägen eingewickelt, hustet, keucht. Nun, also -- nicht! Nicht -diesmal! Rollen wir die Fahnen zusammen -- das nächstemal! Blutiger noch -und furchtbarer als dieser Krieg . . . Schon wieder nimmt er Aspirin und -hustet. Er sinkt in einen Sessel und starrt, starrt -- er sieht nichts, -die Gedanken sind stehengeblieben, vor dem Abgrund haben sie -haltgemacht. - -Krachend stürzt die Front, die Erde hört es -- und noch immer kämpft die -Armee, heute, morgen, übermorgen, Wochen! Längst ist es entschieden, daß -alles verloren ist. Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen -und Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit des -Ackers, die Viehherden, Schätze der Erde und Wälder, Schweiß und Fleiß -von drei Generationen, Schweiß und Fleiß von drei kommenden -Geschlechtern -- alles verloren! Die Fruchtbarkeit des weiblichen -Schoßes -- dahin, Millionen von Säuglingen -- eine Beute des Hungers. -Alles -- dahin! Das Gehirn unter der Schädeldecke, der Schlaf der Nächte --- dahin! Ausgespielt die hohe Karte, gegen alle Gesetze der -Wahrscheinlichkeit -- und noch immer kämpft die Armee. - -Die Angebeteten und Vergötterten -- bis zum letzten Einsatz! -- und -dann, ja, dann beugten sie das Knie und boten den Degen an. - -Auf Gnade und Ungnade. - -Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine Pause machen, -Atem schöpfen, und noch einmal alle Dokumente prüfen. Ob ihm nicht doch -etwas entgangen ist, nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde. -Er wird in den Archiven und Bibliotheken wühlen -- nein, es ist Ihnen -nichts entgangen, fahren Sie ruhig fort. -- - - -2 - -In diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit ein, -die seinerzeit die Zierde von Doras Hausball bildete. Ali Baba und die -vierzig Räuber -- ja, wer hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen -könnte! Ohne jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, dessen hoher -Orden das ganze Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der -Nacht, gegen drei Uhr, der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung -gehabt. Die Lokomotiven blieben nunmehr reihenweise auf der Strecke -liegen, man hatte die kupfernen Feuerbüchsen aus den Maschinen gerissen -und sie durch eiserne ersetzt. - -Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe Herr, der dem -längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, ließ seine Schwester -herausbitten. - -»In großer Eile, Adele!« sagte der hohe Herr -- auf englisch, die -Geschwister sprachen nur englisch zusammen -- »Ich komme, um zu gehen. -Ich habe die ganze Nacht hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um -zehn Uhr, bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin -erkältet, und einen kleinen Imbiß. Und dann, keine Störung, bitte, nicht -die geringste -- sehr wichtige Geschäfte -- fahre mit dem Mittagszug -wieder zurück . . .« Trocken und hastig klang seine Stimme. - -Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von -Vertrauten versammelt, eine spiritistische Sitzung. Zuerst war ein -ungebärdiger Geist erschienen, ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512 -geboren, gestorben 1553, begraben in Bologna -- ungebärdig, er hatte das -Tischchen in Stücke gerissen. Zurzeit aber -- größtes Ereignis aller -Sitzungen des Jahres! -- hatten sie Verbindung mit dem Geiste eines -erhabenen Verblichenen, dem Geiste Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen, -Prophezeiungen der größten Tragweite . . . vielleicht interessiert dich -das Protokoll? - -Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die -Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen -- ganz im Gegenteil. So schnell -ihn die müden, dünnen Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu -seinen Gemächern empor. - -Gräfin Heller öffnete leise die Türe, und man hörte auf einen Augenblick -deutlich eine weiche, schmelzende Damenstimme: »Ich bitte Durchlaucht, -unsere Frage wiederholen zu dürfen . . .« - -Als der Diener Tee und Imbiß brachte, fand er den hohen Herrn -eingeschlafen in einem Sessel vor dem Kamin. Augenblicklich aber -erwachte er. »Die Koffer?« - -»In der Bibliothek, Exzellenz, wie befohlen.« - -»Nun, danke, gute Nacht, keine Störung, zehn Uhr Frühstück« -- und er -verschloß alle Türen und prüfte, ob die Vorhänge dicht geschlossen -waren. - -Die Flucht der Gemächer war tageshell erleuchtet: Gemälde, Bronzen, -Skulpturen, herrliche alte Möbel -- die Wohnung war ein Museum! Selbst -in dem geheimnisvollen Alkoven des Ankleidezimmers brannte Licht. Der -hohe Herr lächelte, unmerklich, soweit es die mit einer dicken -Wachsschicht überzogene, gelbe Gesichtsmaske zuließ. Die Lider bewegten -sich rasch über den großen starren Augen Franz des Ersten. Er rieb die -kleinen wächsernen Hände vor dem Kaminfeuer und trippelte mit hastigen, -steifen Schrittchen ratlos über das gleißende Parkett des Museums, immer -hin und her. Er schlürfte eine Tasse Tee, dann flüsterte er: »Und nun -wollen wir anfangen!« Und seine steile Glatze verschwand zwischen den -Portieren des Arbeitszimmers. - -Hier also fing er an. Zuerst öffnete er mit einem winzigen Schlüssel, -den er bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, italienische -Renaissance-Truhe. Ihr entnahm er einen Schlüsselbund. Dann schloß er -einen Mahagonisekretär auf, ein herrliches Stück, Empire, französisch, -schwarze Ebenholzsäulen, von goldenen Schwänen gekrönt. Fächer sprangen -auf, Schubladen öffneten sich. - -Nun standen alle Schränke, Truhen, Kommoden, Vitrinen des Museums offen. - -»Anfangen, ja anfangen --!« Aber wie, wo? »Richelieu sagt einmal --« - -Aber der hohe Herr verschwieg, was Richelieu sagte. Es war ihm im -letzten Moment entfallen, es interessierte ihn nicht mehr. - -Die Sammlung von Tabatieren, eine der kostbarsten in Europa -- in den -Koffer. Ein paar kleine alte Bändchen, in Schweinsleder gebunden, -gänzlich unscheinbar -- in den Koffer. Die Miniaturen auf Elfenbein, in -den Koffer. Eine Schatulle, fränkischer Herkunft, eingelegt die -Zerstörung Jerusalems, mit Schmuckstücken, Ringen, Uhren, Steinen, einem -Kruzifix, Gold und Email -- in den Koffer. Ein rotes Lederkästchen, bis -zum Rand gefüllt mit Ordenssternen -- in den Koffer. Die Mappe mit -Handzeichnungen, drei kleine Niederländer -- herrlich eigneten sich die -alten Brokate zum Einhüllen -- wieder ein Schluck Tee. Eine Börse voller -Goldmünzen, vergessen, von Reisen zurückgeblieben -- weshalb nicht? Sie -nahmen ja fast keinen Platz ein. Nun aber kam das Prunkstück an die -Reihe, das Kostbarste: ein vergoldeter, kleiner Hausaltar, spanisch -- -außerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen, eingehüllt, in -den Koffer. Aber die kleinen römischen Bronzen -- wie? - -Immer erregter glitt die Wachsmaske durch die Spiegel, sie tanzte -zwischen Brokaten, Bronzen, Stichen, Bildern. Nunmehr glänzte sie -fettig, aber das war der Schweiß infolge der Anstrengung. Jetzt -verschwand sie in das Ankleidezimmer -- kam zurück, entstellt, fast -doppelt so lang, die Wangen eingefallen, die Lippen faltig -- das Gebiß -hatte geschmerzt. - -Wieder ein Schluck Tee. Schon tagte es. Beim Anblick eines Päckchens von -vergilbten Briefen wurde der hohe Herr erregt. Er lief zuerst zum Kamin, -als ob er die Briefe verbrennen wolle, dann lief er zu dem -Empiresekretär. Aber, nachdem er das Päckchen schon in ein Geheimfach -eingeschlossen hatte, nahm er es wieder heraus -- in den kleinen Koffer. - -Briefe, Schriftstücke -- das Feuer im Kamin lohte stundenlang. Und, wie -gesagt, der Donatello: aus dem Rahmen zu nehmen, in Leinwand -einzuschlagen, zu umschnüren -- prächtig! Die kleine Wachsfigur glänzte -im Feuerschein, als schmelze sie, selbst die langen, dünnen Hände -. . . - -Als der Diener das Frühstück brachte, war die kleine Exzellenz schon fix -und fertig angekleidet, bereit zur Abreise. Schränke, Truhen, Vitrinen -geschlossen -- nichts zu sehen, auch nicht eine Spur! - -Bitte eine lange starke Schnur und einige große Packbogen! So. Nur der -eine Koffer, oben mit Anzügen gefüllt, wollte nicht schließen. Die -kleine Exzellenz schwang sich auf den Koffer, stieß ein paarmal mit dem -Gesäß gegen den Deckel -- so, siehst du, alles geht. - -Der Mittagszug nach Köln verließ die Halle, eine Wachsmaske, einer -Leiche in grünem Wasser ähnlich, blickte aus dem reservierten Abteil -- -mit einem unmerklichen, etwas hämischen Lächeln. Aber das mochte auch -von der Beleuchtung in der düstern Halle herrühren. Sofort aber schloß -die Wachsmaske in dem Abteil voller Koffer -- das solid verschnürte, -große, flache Paket in gelbem Packpapier nicht zu vergessen -- die Augen -und schlief ein . . . - -Nach langer Zeit, nach langem, gesundem Schlafe, erwachte der vornehme -Reisende plötzlich: eine gewisse Aufregung auf dem Korridor des Waggons! -Der Zug stand, in irgendeiner ärmlichen Vorstadt. Dämmerung und -rauchender Nebel. - -Da! Ei, ei -- was ist das? - -Schüsse? - -Ja, ein lustiges Gewehrfeuer knatterte -- oder? - -Der vornehme Reisende kroch zwischen seinen Koffern hervor und öffnete -die Türe des reservierten Abteils. - -»Ich bitte -- Schaffner?« - -Aber es gab keinen Schaffner, nur eine aufgeregte Schaffnerin in -Pumphosen. - -»Ich bitte sehr -- wir halten?« - -»Ja, der Bahnhof ist besetzt.« - -»Besetzt --?« - -»Ja, besetzt.« - -»Aber -- von wem besetzt?« - -»Von den Aufständigen.« - -»-- von den Aufständigen?« - -»Soeben ist wieder ein Regiment übergegangen.« - -»-- übergegangen, so, so.« - -»Ein Soldatenrat ist im Zuge und nimmt die Waffen ab.« - -»-- Waffen ab.« - -»In Köln arbeiten sie mit schweren Geschützen.« - -»Danke, liebe Frau -- ich bitte!« Und der vornehme Reisende drückt der -Schaffnerin ein Goldstück in die Hand -- ohne Übertreibung, ein -Goldstück! -- und zieht sich wieder in das reservierte Abteil zurück. - -»So, so!« Nun beginnt die Wachsmaske tatsächlich zu schmelzen. Ein paar -große Wachsperlen rinnen über die Stirn, ein flatterndes -Batisttaschentuch tastet nach ihnen. - - * * * * * - -Der General und Hauptmann Wunderlich speisten zusammen unter dem -schneeigen Glaslüster an dem runden, großen Speisetisch. Speisten? Sie -berührten die Gerichte kaum. Jakob brachte weiße Teller, trug weiße -Teller fort. - -»Aber diese vierzehn Punkte --?« fragte der General mit einem -mißtrauischen Knarren in der müden, heiseren Stimme. Sein Hals war von -einem dicken Umschlag umwickelt. - -Wunderlichs Gesicht zuckte. - -»Der Präsident ist ein Mann von Ehre!« - -»Hm. -- Aber ich darf doch bitten, Hauptmann Wunderlich, sich bedienen -zu wollen.«, - -»Wir haben das Wort von hundert Millionen amerikanischen Bürgern!« - -»Hm. -- Bitte, sich doch eingießen zu wollen, mir selbst ist es ja -verboten.« - -»Und Sie sagen, Hauptmann Wunderlich: die Waffenstillstandsbedingungen -sollen unter allen Umständen angenommen werden -- unter allen -Umständen?« - -»Man will versuchen, einige Zugeständnisse zu erhalten. Sollte dieses -Ansuchen aber zurückgewiesen werden: unter allen Umständen!« - -»Also bedingungslose Kapitulation?« - -»Bedingungslose!« - -»Hm.« Der General kämpfte gegen einen Hustenanfall. »Hm, aber --.« -Unmöglich, dachte er, mit eingesunkenen, düsteren Augen, das Volk muß -sich erheben! Erhebung der Massen! Kampf bis zum letzten Hauch -- - -Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Eben legte Jakob wiederum neue -weiße Teller auf. Quittengelb ist der General geworden. Seine Backen -sind eingefallen und schlaff. Die Grippe hat sich auf die Nieren -geschlagen. - - -3 - -Nacht. - -Riesengroß steht Ackermanns Geist über der dunkeln, schweigenden Stadt. -Sein Leib sind die Sterne, sein Haupt sind die Sterne, seine Augen sind -die Sterne. Seine Hände sind die Sterne. Schon kommt ein kaltes Gefunkel -aus dem Osten. - -Die Riesenstadt schläft, bedeckt mit dünnen Nebelschleiern ihre Dächer -und Türme. - -»Auf, auf, der Tag ist gekommen!« Die Stimme schallt und die schlafende -Stadt erbebt. »Auf, auf, mein Volk! Die Sterne funkeln! Erhebe dich -unter den Völkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der Läuterung!« - -Die Sterne erblassen. Aus dem Osten bläst kaltes Licht, die Nebel senken -sich dicht auf Dächer und Türme. Lieblich säuselt der Morgenwind. - -Und schon erheben sich die Schläfer! In Trupps, in Scharen. Der -gleißende Lichtgürtel, der die Riesenstadt umspannt, erlischt. Schatten, -geballt, beginnen zu wandern. In den dunkeln Vorstädten erhellen sich -die Fenster. Schritte schlürfen, sammeln sich, Schatten, geballt, -beginnen zu wandern. Vom Süden, vom Norden, von überall her beginnen die -Schatten, geballt zu wandern. Hunderttausende von Schritten sind -unterwegs. - -Die Morgenröte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt zu glühen. - - * * * * * - -Endlich -- ja, Gott sei Dank! -- trillerte die Marspfeife wieder und die -graue Limousine fegt durch die kühle, sonnige Herbstluft dahin. Die -Fußgänger entfliehen, rechtzeitig bringen sich die Straßenkehrer in -Sicherheit. In einer wunderbaren Kurve, unübertrefflich, wirft -Schwerdtfeger die Limousine um eine auf der Straße stehengebliebene -Karre voll Straßenschmutz herum. - -Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und konzentriert auf den -gekrümmten Rücken Schwerdtfegers geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas -müde, die Backen etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas -geschwollen, aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich -nehmen. Es bereiten sich Dinge vor, jeder an seinem Posten! - -Die Marspfeife schrillt -- vor Schreck fällt ein altes Droschkenpferd in -Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, Handbremse, die Limousine schleift -- -halt! - -Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden -zu -- rot die jungen Gesichter in der Morgensonne, Stahlhelme, die -Haltung wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. Nicht _ein_ -Tadel! Er fühlt sich beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt -- aber -welche Narren! Ein Blick auf die Karte Berlins genügt ja: einige -Brücken, Kanäle, Straßen besetzt -- und mit zwei Dutzend -Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu halten. Nur -Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften -- junge Burschen, kaum -den Knabenjahren entwachsen -- ja, obschon er die Gerüchte nicht eben -tragisch genommen hatte, fühlte er sich durch den Anblick dieses -Jägerbataillons beruhigt. - -An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den Gürtel mit -Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr dahin, langsam und gemächlich, -als käme sie von einer Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch -Befehl zusammengerufen. Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber in den -Marken ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die öffentliche Sicherheit -gefährdeten, auf Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation -strengstens verboten. - -Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand -gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an -den Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun, -es war selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine -Vorsichtsmaßregel außer acht zu lassen. - -Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den Blechmünzen auf dem -Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich -tiefer als sonst. Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine -tiefe Verbeugung drückte -- soweit die Stellung des Untergebenen es -zuließ -- die Genugtuung aus, Seine Exzellenz wiederhergestellt zu -sehen, sie beglückwünschte zur Genesung. - -»Exzellenz!« schlürfte er, und der Speichel rann über sein Kinn. - -Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelt ernst, doppelt -gesammelt durchschritt er das Foyer. Er bemerkte auch nicht die immerhin -auffallenden Verteidigungsmaßregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die -Offiziere, die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr -- wie -früher, in den alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas -langsamer. - -Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden -- aber der -General sah sie nicht. Nachdenklich verschwand er hinter der -gepolsterten Doppeltüre mit den Aufschriften: »Vortrag. Kein Zutritt. -Anmeldung Zimmer 6.« - -Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er gezwungen, -stehenzubleiben, seine Knie zitterten -- solche Anstrengung hatten ihm -die paar Treppen und Korridore bereitet. - -Das alte Herz erwärmt, vollkommen beruhigt, kehrte der Portier in seine -Loge zurück. - -»Ganz wie Anno Siebzig!« dachte er. »Als wir alle Angst hatten, -gefangengenommen zu werden -- und unser General sagte nur: Junge Hunde! -Ja, nichts sonst. So ist es auch heute. Man braucht nur in _sein_ -Gesicht zu sehen. Keine Besorgnis, nicht die geringste -- ehek, ehek!« - - * * * * * - -Horch! Schritte. - -Horch! Rufe. - -Fäuste pochen an die Tore der düstern Kasernen. - -Öffnet Kameraden! - -Öffnet -- wir sind es . . . - -Jubel! - -Und die Tore der Kasernen öffnen sich: der böse Geist der düstern -Gebäude entweicht. Ein Toter liegt still auf dem Bürgersteig, mit einem -Mantel zugedeckt. - -Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd steigt die Sonne des -9. November über Berlin empor. - -Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hunderttausenden. Über den -tausend Köpfen schwankt ein Plakat: Nicht schießen, Kameraden! - - * * * * * - -Immer noch etwas zitternd von der Anstrengung des Treppensteigens saß -der General an seinem riesigen Schreibtisch, in die Arbeit vertieft. -Akten, Schriftstücke, er sah nicht auf. Die Fenster waren geschlossen, -die blauen Vorhänge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfaßbar, -welche Unmenge von Arbeit sich angehäuft hatte! Ganz wie früher, vor -seiner Erkrankung, als sei alles noch wie ehedem, arbeitete der General. -Er versuchte es sogar mit einer Zigarre, ließ sie aber bald wieder -ausgehen. Die Schriftstücke flatterten in seinen Händen. - -Weißbach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt bis jetzt alles -ruhig. Nach ihm erschien der hünenhafte Major Wolff in der Türe, mit -einer dicken Mappe: Entscheidungen, die der Vertreter des Generals nicht -zu treffen gewagt hatte. - -Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausführlich ein, er verlor -sich in Einzelheiten. Hier mußte nochmals erinnert werden, hier empfahl -es sich, dringlich zu werden, hier war telegraphisch die Entscheidung -der höchsten Stelle zu erbitten. Major Wolff notierte. Diese -Angelegenheit aber wollte der General persönlich erledigen. Das -Befinden? Ja, danke -- um vieles besser, man kann wieder anfangen! - -Wieder war der General allein, in seine Arbeit vertieft. Die -Schriftstücke wehten in seinen Händen. Kein Laut, nicht ein einziger -Laut! - -Auf den Korridoren die Truppen, an allen Fenstern Stahlhelme, an den -Eingängen schwere Maschinengewehre mit Munitionskästen. Das Amt eine -Festung, die nur mit Geschützen genommen werden konnte. - -Fröhlichkeit und Gelächter bei den Drillichkitteln in den Schreibstuben. -Laßt sie klingeln, mögen sie ruhig klingeln! - -Das Telephon. - -»Ruhe, Kameraden!« - -»Die Maikäfer haben soeben Rot gehißt!« - -»Hurra!« - -Laßt sie klingeln, ruhig klingeln. Gelächter, Lärm. - -Aber in dem großen Arbeitssaal des Generals, hinter den Doppeltüren, den -Doppelfenstern, den zugezogenen Vorhängen -- kein Laut. Die Feder, das -leichte Keuchen und Rasseln beim Atemholen, nichts sonst. - -Wieder tritt Weißbach ein. Seine Sporen klingen, der General sieht auf. -Er erschrickt: ein Gesicht aus Kreide, mit blauen Lippen. Der Fernspruch -flattert in Weißbachs Hand. - -Und der General erhebt sich. - -Sein gelbes Gesicht wird fleckig, seine schlaffen Backen zittern. Das -breite Gesicht wird langsam grau, grau wie der Staub der Landstraße. - -Er neigt den Kopf. »Danke.« - -Die Sporen singen, lautlos schließt sich die Türe. - -Immer noch steht der General, den Blick auf das Parkett geheftet. Auch -seine Hände sind grau geworden. - -»Entflohen --« - -Ja, er sieht -- plötzlich, merkwürdig genug! -- Tribünen, schwarz von -Menschen, elegante Wagen fahren heran, Damen, Orden glitzern, -Federbüsche wehen. Fremdländische Uniformen, Glanz, Pracht -- und die -Truppen ziehen vorbei -- endlos. Die Musikkapellen schwenken ein und, -gleichmäßig wie die Wellen der Brandung, rauschen die Regimenter in -tadelloser Haltung vorbei. Und hinten, weit hinten stehen sie auf dem -Feld, unübersehbar, anzusehen wie farbige Beete eines unendlichen -Blumengartens -- und alle Augen sind auf den Mann zu Pferd gerichtet -- -_alle_. Eine Frühjahrsparade. - -»Entflohen --« - -»Desertiert --!« - -Da beginnt das Parkett zu kreisen, die Wände schwingen. Die Vorhänge -flattern und verschwinden. Nebel kreist, in endlosem, kreisendem Nebel -steht das graue Steingesicht und zittert. Die grauen Finger klammern -sich an den Schreibtisch. - -Stille. Er steht allein, inmitten der Unendlichkeit, ein Punkt im -Nichts, ein Pünktchen, das immer kleiner wird, schrumpft. - -Aber da -- hörst du: Lärm, Brausen, Schritte wie von Hunderttausenden, -Rufe, Gesang -- - -Allmählich, ganz allmählich kehrt das Bewußtsein des Generals aus dem -schauerlichen Sturz in das unendliche Nichts zurück. Er lauscht. Ein -Schritt mahlt, drunten, tausendfältig. Brausen umtost das stille, rote -Gebäude, hunderttausendfältig. Er vermeidet es ans Fenster zu treten, es -wäre seiner unwürdig. Aber sein Herz pocht in höchster Erregung. Jeden -Augenblick können die Maschinengewehre hämmern -- jede Sekunde -- da! -Rufe, Tosen, ein unerklärliches Splittern, als ob dünne Balken, Bretter -zerbrächen. Was ist das? Nichts. Die Rufe entfernen sich, der Tritt der -Hunderttausend, unter dem das rote Backsteingebäude erzitterte, entfernt -sich. Wieder Stille. Gott sei Dank, ohne Blutvergießen. Die Masse war -vernünftig. - -Aber diese Luft erstickt. Sie ist Blei, Eisen, sie lastet auf den Händen -wie Gewichte. - -Da erschien wiederum Weißbach in der Türe. Noch weißer sein Gesicht. - -Der General richtete sich auf. Breitbeinig stand er mitten im Zimmer, -die Füße auf das Parkett gepreßt, um nicht zu fallen. - -Mit einem Blick übersah er _alles_! - -Die Türen standen offen -- alles leer. Leer die Flucht der Arbeitszimmer -der Offiziere -- keine Seele mehr. Uniformröcke auf Stühlen und -Schreibtischen. Weißbachs kreidiges Gesicht -- und Weißbach trug Zivil -. . . - -Die Wände biegen sich, wölben sich, schon stürzen sie über ihn -- - -»Es ist Zeit, Herr General!« - - -4 - -Unübersehbar die Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude, Kopf an Kopf. -Kopf an Kopf zwischen den hohen Säulen. Da tritt eine Gestalt vor, -schwingt den Hut -- Brausen! Brausen, die Riesenstadt jubelt. - -Das rote Gebäude aber liegt tot! Verödet die Korridore. Die Türen stehen -alle offen, leer die Zimmer. Verschwunden die Stahlhelme, -Gewehrpyramiden und Maschinengewehre. Alles leer, ausgestorben. Nur die -großen Ballen sind geblieben, die alle Gänge des weiten Gebäudes -überschwemmten. Die Ballen mit den Karten ferner Länder, ferner -Provinzen -- der Peipussee, der Kongo . . . - -Langsam steigt der General die Treppe ins Foyer hinab. Er berührt mit -der Hand das Steingeländer, zum erstenmal. - -Soeben fährt Schwerdtfeger die graue Limousine aus dem Hof auf die -Straße. - -»Schnell!« ruft er, mit einer ungeduldigen, respektlosen Kopfbewegung. -Die Augen des Generals erweitern sich. Wie? Er hat noch immer nicht -begriffen. - -Da! Da! - -Aber was ist das? - -Der General taumelt zurück. - -Ein Auto, ein grauer, offener Wagen, rast, fliegt -- kein Wort -- er -schnellt in langen Sätzen über den Asphalt, wie eine startende -Flugmaschine hebt er sich in die Höhe, die Funken stieben aus den Pneus. -Matrosen! Und es flattert, weht -- eine rote Flagge! Verschwunden. - -Noch immer taumelt der massige Körper des Generals. - -Ja, jetzt hat er begriffen. Die zerbrochenen Gewehre auf dem Pflaster -- -die Truppen haben sie aus den Fenstern auf die Straße geworfen -- das -war das unerklärliche Splittern, das er gehört hatte, als zerbrächen -dünne Balken. Und der tobende Lärm in der Stadt -- jetzt begriff er. - -Der greise Portier schloß den Wagenschlag. - -Seine weißen Haarsträhnen flatterten im Wind, als die Limousine abfuhr. -Er hatte die Mütze abgenommen. Nein, nicht wie der alternde Moltke sah -er heute aus, mit seinem Frauengesicht. In seinem abgeschabten Mantel, -mit seinem dünnen Hals, seinen weißen, flatternden Haarsträhnen, seinem -hohlen Blick erschien er in diesem Augenblick wie ein alter Lämmergeier, -wie man sie in den zoologischen Gärten sieht. - -Aber weiter, weiter! Schwerdtfeger biegt ab. Eine Mauer von Menschen. -Der Motor dröhnt. Die Limousine jagt durch den Tiergarten, weiter, immer -weiter. Schwerdtfeger versucht die Tiergartenstraße zu erreichen -- -unmöglich. Wiederum Züge von Menschen. Rote Flaggen. - - * * * * * - -Schon knattert es in den Straßen! - -Hauptmann Wunderlich lehnt sich mit dem Rücken gegen die Hauswand, auf -seine beiden Krückstöcke gestützt. Der Rest von Farbe weicht aus seinem -zuckenden Gesicht, er stammelt. Verwegen aussehende Matrosen umstehen -ihn. - -Schüsse knallen in nächster Nähe. Mit schwerem Klatschen stürzt ein -Körper zu Boden. - -»Schon gut, wir sehen ja! Aber Sie könnten doch Unannehmlichkeiten -haben, Herr Hauptmann!« - -Und ein Matrose schneidet Hauptmann Wunderlich mit einem langen Messer -die Achselstücke ab. - -Dies geschah Ecke Linden und Wilhelmstraße. - -Die Wilhelmstraße lag, wie immer, ruhig. Ruhig und unbeteiligt vor dem -Kriege, ruhig und unbeteiligt während des Krieges und auch jetzt -- ganz -still! - -Nur zuweilen öffnete sich eine Türe, vorsichtig, vorsichtig, ein Kopf -spähte -- und dann eilte jemand mit einer Mappe unter dem Arm rasch die -Wilhelmstraße hinab. Gamaschen, Lackschuhe, die Monokel waren in den -Westentaschen verschwunden. Manche gingen so rasch, daß sie über die -eigenen Füße stolperten. Auch einige Seidenhüte glitten rasch aus den -Toren, pomadisierte Scheitel, bis in den Nacken durchgezogen. Ein -hagerer Elegant stelzte eilig über die Straße, Perücke, mikroskopisches -Schnurrbärtchen unter der Hakennase, ganz kurzes Überzieherchen, er -schlenkerte höchst eigentümlich mit dem rechten Knie: vor dem Kriege -Botschafter . . . - -Auch der Geheime Rat Westphal eilte mit seiner Mappe aus einer -Türspalte. Er wagte es nicht einmal, einen Blick in die Richtung der -Linden zu werfen. Sein dünner Chinesenbart wehte. Schon war er um die -Ecke verschwunden. - -Hinter ihm her eilte Professor Salomon -- mit dem Kürbiskopf und den -abstehenden Ohren. Er hatte den steifen Hut tief über die Glatze gezogen -und den Mantelkragen hinaufgestülpt. Er pfiff vor sich hin, tat -unbekümmert. Aber fortgesetzt drehte er sich um, dann wagte er sogar ein -paar Sprünge . . . - -»Kommen Sie, Herr Geheimrat --« - -»Ah, Sie sind es! Sie haben mich tödlich erschreckt!« - -»Ja, keine Kleinigkeit -- wie?« - -»Gewiß, keine Kleinigkeit, großer Gott im Himmel!« - -»Und ganz überraschend!« - -»Ein Blitz aus heiterem Himmel, fürwahr!« - -»Trotz mancher Symptome -- -- da, da! -- haben Sie gehört?« - -»Ja, ganz in der Nähe! Rasch, rasch! Nichtsahnend komme ich heute morgen -ins Amt -- wir besprachen gerade in aller Ruhe die politische Lage -- -England soll geneigt sein, eine wohlwollende Haltung gegen uns -- -- da --- schon wieder!« - -»Wir werden versuchen, die Leipziger Straße zu überqueren -- kommen Sie. -Ob wohl noch Züge fahren?« - -»Sie reisen?« - -»Ja, aufs Land, auf mein Landgut . . .« - -»Ah, wie schnell Sie gehen!« - -»Man muß eilen. Jede Minute ist unter Umständen entscheidend für Tod und -Leben. Lesen Sie die Geschichte der Revolutionen . . .« - -Kreuz und quer jagt Schwerdtfeger. Endlich hält er und reißt die Türe -auf: »Rasch, rasch!« Willenlos gehorcht der General -- und schon fährt -Schwerdtfeger davon. - -Ein Zebrakittel! »Bitte Exzellenz!« - -Petersen! Schwerdtfeger hatte ihn vor der roten Backsteinvilla in der -Lessingallee abgesetzt, weil er nicht weiter konnte. - -Der General zögerte. Aber auch in der Lessingallee Trupps von Menschen, -die im Sturmschritt dahineilten. - -Er trat ein -- beschämt. Taumelnd tastete er sich vorwärts. Petersen -mußte an den Hauptmann denken, der immerfort sagte: Ach, wie dunkel es -ist -- ich sehe etwas schlecht . . . - -»Ich werde nicht lange stören, Petersen«, stammelte der General. »Nur -einen Augenblick -- wir kamen nicht weiter.« - -»Gnädige Frau werden sehr bedauern --« - -Immerhin, ein Glücksfall an diesem Tage! Dora war nicht hier. Der -General atmete auf. - -»Gnädige Frau reiste gestern ab -- nach Pommern, aufs Land, zu einer -Familie Olsen. Bitte Exzellenz Platz zu nehmen, ich werde sofort ein -Glas Wasser bringen.« - -»Olsen, sagten Sie?« - -»Ja, Olsen. Darf ich nun bitten -- eine Sekunde -- Exzellenz sind ganz -blaß geworden . . .« - -»Und Hauptmann v. Dönhoff?« - -Petersen tat erstaunt. - -»Er wohnt schon seit einiger Zeit nicht mehr hier. Er verließ uns, -mitten in der Nacht. Aber gnädige Frau werden sehr bedauern --« - -Am Nachmittag verließ ein Gutsbesitzer die rote Backsteinvilla in der -Lessingallee. Oder auch ein Jäger, wie man will, dem Äußern nach -jedenfalls eine Persönlichkeit aus der Provinz, die in Berlin von der -Revolution überrascht worden war. Dieser Gutsbesitzer trug einen nach -Kampfer riechenden, kurzen, altmodischen Jagdrock aus braunem Tuch, mit -großen Taschen, schweren Lederknöpfen, und einem schmalen, schon etwas -abgeschabten Pelzkragen. Ferner einen weichen, olivgrünen Hut, mit einer -krummen Hahnenfeder hinten, wie Jäger ihn tragen. - -Kaum hatte der Gutsbesitzer die Villa verlassen, so verschloß Petersen -die Haustüre und ließ sämtliche Rolläden herab. - -Immer noch blendete und funkelte die Sonne am wolkenlosen Himmel. Der -Himmel selbst strahlte Verheißung. - - -5 - -»Platz gemacht!« - -»Platz!« - -Die Autos rasen. - -Weite graue Mäntel, Soldatenmäntel, flattern eilig durch die Straßen. -Hier, dort, überall. Es sind Hunderte, Tausende. Voller Lehm, voller -Staub, der Kalk der Champagne, der Schlamm von Flandern, mit Blut -befleckt, versengt von den Granaten, von den Gasen gebleicht, -durchlöchert -- die weiten flatternden Mäntel haben die Stadt -überflutet. - -Und die Autos rasen dahin, mit Trauben von schweißtriefenden Menschen -behangen. Auf den Trittbrettern kauern sie, auf den Motorhauben, den -Schmutzflügeln, mit Gewehren und Handgranaten. Die roten Fahnen knattern --- so rasen sie dahin. - -»Platz gemacht!« - -Es sind die Jungen, die gekommen sind, die neuen Gesichter, die Kühnen -und Wollenden. - -»Gegrüßt Ihr Kühnen, Wollenden, gegrüßt!« - -»Vorboten des kommenden Menschen, gegrüßt! Ihr Läufer, die dem neuen -Reiche vorauseilen, ihr Hoffenden, Starken, Liebeglühenden, gegrüßt -. . .« - -Ackermanns weiter Mantel flattert zwischen den roten Flaggen, die die -Linden hinabrasen. Schüsse knattern. Staub fährt aus der Stadt. - -Feuer speit der Vulkan und die Erde bebt -- -- - -Verloren -- alles, in einer einzigen Stunde . . . - -Und die Armee auf dem Rückmarsch! Regimenter, Divisionen, Korps -- -Hunderttausende, ja Hunderttausende. Hunderttausende -- Millionen! -Hunderttausende von Pferden und Wagen, Zehntausende von Geschützen -- -die Straßen überschwemmt, Schulter an Schulter, keuchend, Rad an Rad, -krachend, Pferdeflanke an Pferdeflanke, mit Schaum bedeckt -- Tag und -Nacht, Nacht und Tag -- jetzt in dieser Minute -- - -Der General findet keinen Schlaf mehr. - -Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer Wanderung, Schauspiel, unerhört in -der Geschichte, er _hört_ sie! Er sieht die Flugzeuge, die über den -Landstraßen kreuzen und die Marschbefehle abwerfen. - -Eine Stockung, und Hunderttausende sind dem Hungertode verfallen! - -Eine Stockung, und Hunderttausende fallen in die Hände des -nachdrängenden Feindes -- seine Vortrupps heben sich am Horizont ab! - -Eine Stockung, und Panik erfaßt Hunderttausende, die Riesenarmee -zersplittert in tausend Stücke und Banden von Verzweifelten wälzen sich -durch die deutschen Lande! - -Ein Wunder . . . ein Wunder an Manneszucht und Ausdauer allein -- -Europas Schicksal hing an einem Faden! - -Nein, kein Schlaf kommt mehr in die Augen des Generals! - -Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer beispiellosen Wanderung -- -beispiellos und unerhört -- aber er sieht auch, daß sie rückwärts -wandert. - -_Rückwärts!_ - -In Eilmärschen, vom Gegner diktiert! - -Niemals, niemals -- unfaßbar! - -Irgendwo brennt eine elektrische Lampe, und zuweilen kriecht das graue -Antlitz durch einen dunkeln Spiegel. - -Unfaßbar, ganz unfaßbar! - -Der General stottert, er findet die Worte nicht mehr -- seine fahlen -Lippen bewegen sich, ohne einen Laut hervorzubringen . . . - -Und hinter den dunkeln Vorhängen, hinter den herabgelassenen Rolläden, -horch! Ja, wieder! - -Da ist er wieder! Er mahlt. - -Der Schritt! Hunderttausendfältig, ohne großen Lärm, wie ein Volk, das -aufgebrochen ist und seinem Ziele zuwandert -- ohne sonderliche Eile, -denn es weiß, daß es sein Ziel erreichen wird. Dieser Schritt verfolgt -ihn. Tag und Nacht wandert der Schritt der Hunderttausend an seinem -Fenster vorbei. Eine Armee ist aufgestanden und wandert. Eine Armee, die -irgendwo verborgen lebte. Wo waren sie bis heute? Er hatte sie nie -gesehen. Lebten sie in der gleichen Zeit, in der gleichen Stadt? Ja, -weshalb sah er sie nie? Die Vielen, die Unbekannten -- mit diesen Augen, -die nicht Augen von Menschen waren, von Wölfen, Füchsen, Adlern und -Geiern. Mit diesen Gesichtern, die er früher nur in Träumen sah. Wo -hatten sie gelebt bisher, wo hatten sie sich verborgen gehalten? - -Horch! Woher? Wohin? - -Endlos, ohne Aufhören wandert der Schritt der Hunderttausend. Selbst im -kurzen Schlaf der Erschöpfung hörte er ihn. - -Der General nimmt den weichen Hut, und das graue Steingesicht -- grau -wie der Staub der Landstraße -- erscheint in dem kleinen, kahlen -Vorgärtchen. - -Die Augen der Wölfe und Füchse, die stechenden Augen der Geier gleiten -prüfend über das breite graue Gesicht, und ihr Blick dringt in die -Dunkelheit der schwarzen Augenhöhlen. Da aber beginnt es in den -Dunkelheiten dieser finsteren Augenhöhlen zu glühen und zu sprühen -- -noch ist es nicht _so weit_! - -Ein neues Geschlecht, ein verborgenes, unbekanntes, ungeahntes, nie -gesehenes, war aus der Erde gestiegen. - -Rufe, Schreie branden über den mahlenden Strom der Neuen, Niegesehenen -dahin. Der General versteht sie nicht. Fahnen, Plakate, Inschriften, -unverständlich. Lieder, Gesang -- unverständlich. - -Still steht er -- ja, wie ein Baum, die Blätter sind gefallen, ein -kahler Baum, und ringsum ist nichts, nichts, Nebel, soweit das Auge -blicken kann. Und der Baum fröstelt, krümmt sich im Wind. - -Endlos, in Wahrheit! Die Erde hat sich geöffnet und die Lava strömt -- -langsam und ohne jedes Ende. - -Schon wandert er neben dem endlosen Strom dahin und verliert sich in den -Straßen. Die Hände in den weiten Manteltaschen des altmodischen -Jagdrocks, den weichen Hut in die Stirn gezogen -- und den Schnurrbart -hat er etwas gestutzt, nicht viel, einen, zwei Daumen breit. - -Straßen ohne Ende wandert er hinab. Er überquert Plätze, blickt in -Seitengassen. Sein düsterer Blick zuckt über die Züge der Demonstranten. -Nicht einmal die Autos mit den roten Fahnen läßt er vorüberfahren, ohne -die Gesichter zu prüfen. Aber er läßt sich nicht entmutigen, weiter, -hinab die Straße, hinauf -- er _sucht_. - -Ja, er sucht! - -Die Straßen sind überschwemmt von Menschen. Die Dämme sind gerissen, die -Flut spült durch die Stadt. Aus den Vorstädten, aus den Fabriken, die in -den Nächten -- in wie vielen endlosen Nächten! -- gleißten, waren sie -gekommen, die gelben Gesichter, die Arme vom schlechten Öl zerfressen, -die Augen entzündet von der stechenden Flamme der Bogenlampen. Auch die -Bleichen und Fahlen, die den Tag seit Jahren nicht sahen, waren -gekommen. Auch sie waren gekommen, die sich von Rüben und faulen -Kartoffeln nährten, während der Kellner in Stifters Diele Geheimnisse in -das Ohr der Gäste raunte. Auch sie waren gekommen, die noch die Lügen -glaubten, während die Eingeweihten schon lange die Wahrheit kannten. -Auch sie waren gekommen, die ihren dünnen, abgescheuerten Ehering -opferten, während in den Schlössern die Leuchter aus schwerem Gold und -Silber auf den Tafeln standen. Auch sie waren gekommen, die Elenden, die -nicht einmal mehr ein Hemd auf dem Leibe trugen. - -Von da draußen -- da draußen -- --! - -Die Hohläugigen, die Vergessenen, die Ausgespieenen, die lebendig -Begrabenen, die Verfehmten, die Gemarterten, die Gekreuzigten -- ja, von -ihren Kreuzen waren sie gekommen. - -Auch die Frauen waren gekommen, die die Frucht ihres Schoßes, ohne zu -feilschen dem General hingegeben hatten. - -Auch sie waren gekommen, die Frauen, deren Männer längst in den -Massengräbern moderten, auch die Mütter waren gekommen, die ihre -Säuglinge an der versiegten Brust sterben sahen. - -Auch sie waren gekommen, die Wahnsinnigen, die Krieg und Not um den -Verstand gebracht hatte, auch sie, die Sterbenden, erschöpft zu Tode von -Gram und Mühsal, auch sie schlichen auf zitternden Beinen dahin. Auch -die Verzweifelten, die das Leben nur noch nach Stunden maßen, auch sie -waren gekommen. - -Auch die Tapferen waren gekommen, die Mutigen, die selbst in den -furchtbaren Jahren nicht den Glauben an den Sieg ihrer Sache verloren -hatten. Gepriesen sei ihr Name! - -Geboren von Müttern? Gezeugt in Betten? fragte der General. - -Ja, natürlich, was für eine Frage, geboren von Müttern. Gezeugt in -Betten und überall, hinter Zäunen, auf den Bänken der öffentlichen -Gärten -- was für eine Frage, als ob es darauf ankäme? - -Die Erde war geborsten, und sie kamen heraus. Die Formlosen, -Ungeformten, selbst noch Erde. Die Verschütteten waren ans Licht -gekommen, die Explosion hatte sie befreit. Die Kasernen und Zuchthäuser -waren geborsten. Auch die Schutzhäftlinge -- Tausende und aber Tausende, -die im Wege waren -- sie waren frei. Auch jener Inder, den ein Geheimer -Rat drei Jahre in Schutzhaft hielt, er war frei, und sein Peiniger -bestellte ihm ein Hotelzimmer, um selbst rasch ins Ausland zu -entfliehen. - -Verschwunden die auf den Mann dressierten Berittenen und die Blauen, die -gleich mit dem scharfen Säbel einschlugen. Verschwunden auch jenes -Polizeigehirn, das eine Bibel von Verordnungen verfaßt hatte, die jeden -Schritt von der Geburt bis zum Grab regelte. Fort mit ihm! - -Fahrdämme und Bürgersteige sind überschwemmt. Redner überall. Auf Autos, -Wagen, Karren, Bänken. Der _Stumme_, Jahrzehnte, Jahrhunderte stumm -gehalten, nun spricht er! - -Soldaten überall, einzeln, in Trupps, in Scharen, in ihren armseligen, -geflickten Uniformen. Durch das Blutmeer sind sie geschritten, dem -Blutmeer sind sie entstiegen, noch sind sie betäubt vom Geruch des -Menschenbluts, schon aber glänzt neue Hoffnung in ihren Augen. - -Düster gleitet der Blick des Generals über sie hin, seine Lippen zucken: -die deutsche Armee -- - -Er fröstelt. - -Kriegsgefangene, auch sie sind frei. In Rudeln schieben sie sich durch -das Gedränge: Franzosen und Russen, Italiener und Engländer, Schotten -und Irländer, Kanadier, Neger, Australier, Inder, in allen denkbaren -Uniformen. Sie rauchen, kratzen sich die stachligen Backen, spucken aus, -schnattern. Einer humpelt auf seinem Holzstumpen dahin, aber er lacht. -Ja, weshalb nicht? Der Krieg ist gewonnen, der Präsident wird ihn auf -die Wange küssen und ihm eine Blechmünze auf die Brust heften. Sein -Vaterland wird ihm eine Rente aussetzen, zwanzig, dreißig, vielleicht -hundert Franken den Monat, eine Drehorgel wird er gratis erhalten, er -hat keine Sorge mehr. - -Schon aber wandeln sie stolz und unnahbar durch die kochenden Straßen, -die Brust voller Ordenssterne, mit roten Streifen an den Hosen, Litzen -und Tressen glitzernd und funkelnd: die Sieger! Ein Geruch von Lorbeer -bleibt hinter ihnen zurück. - -Von weitem schon erspäht sie das Auge des Generals. Rasch begibt er sich -auf die andere Seite der Straße und sieht sie dahinwandeln. _Sie_ also! -Die Würfel fielen. - -Auch in seinen düstersten Träumen -- Ja, oft hatten ihn düstere Träume -gequält, oft schien es ihm, in müden Stunden, als ob es zuviel sei, ja, -trotz der wunderbaren Armee und der herrlichen Organisation, zuviel -- -aber selbst in seinen düstersten Träumen hatte er es nicht für möglich -gehalten, daß einst die Uniformen der feindlichen Generalstäbe unter den -Linden zu sehen sein würden. - - * * * * * - -Hell gegen den funkelnd blauen Himmel, hell und leuchtend flattert die -rote Fahne über dem Schloß. - -Versprechungen -- Lügen, freie Meinung -- Gefängnis, Freiheit -- -Kartätschen; ja, nun also flattert die rote Fahne auf dem Schloß. - -Im Gebäude des Reichstags tagt das Parlament der Novembermänner, im -Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus, wo die Greise noch gestern um -Nichtigkeiten feilschten, beraten sie. Wo man nur flüsterte, tobt der -Lärm, wo Diener die Stiefel des Unbekannten musterten, kauern die Posten -bei ihren Maschinengewehren. Fort die Gehröcke und Gamaschen, die -Flüsterer, die wehenden Greisenbärte und funkelnden Glatzen, die krummen -Rücken! - -Hüte dich! Wie eine Stichflamme brennt die neue Sonne am Himmel. Sie -stieg empor aus dem weiten Rußland, benetzt von Blut und Tränen. Sie hat -die Weichsel überschritten. Sie wird den Rhein überschreiten. Sie wird -den Kanal überschreiten -- benetzt von Blut und Tränen. Jenseits des -Atlantiks wird sie aus dem Meer steigen, und die Stahlkammern der -Wolkenkratzer werden in der Stichflamme dahinschmelzen -- auch die -Pyramiden der ägyptischen Könige sind heute nicht mehr als Steinhaufen -ohne jeden Sinn. - -Auch aus den Fluten des Stillen Ozeans wird sie eines Tages auferstehen, -wo die gelben Völker wohnen. - -Die Greise, die Grausamen, die Vermessenen, die die Geschicke der Völker -lenken, wird sie verzehren, die neue Sonne; ehe sie es gewahr werden -- -ehe sie lallen können, werden sie nicht mehr sein. - -Die Geschichte wird ihre Namen verzeichnen, wie sie den Namen Neros -verzeichnete, der Menschen als Fackeln brannte. Aber vor ihren Namen -wird Neros Name verblassen. - - -6 - -Zuweilen glitt ein kecker Soldatenblick über das graue Gesicht, und ein -keckes Auge versuchte in das Düster unter den grauen Brauen -einzudringen. Ein paar Unverfrorene gingen sogar eine Weile neben ihm -her und musterten ihn von oben bis unten. Das Düster unter den grauen -Brauen erhellte sich, und die Unverschämten entfernten sich schwatzend -und lachend. - -Das Gesicht des Generals flammte. Diese Verworfenen! Und doch -- -sonderbar: Furcht hatte ihn beschlichen, als sie ihn musterten. - -Wieder war ein Blick auf ihn geheftet. Dieser Blick flog einem -dahinfegenden Auto voraus. Er kam aus einem lachenden, heiteren Gesicht, -ein neugierig forschender, gutherziger Blick, und trotzdem fühlte er -ihn. - -Dieser neugierig forschende Blick ging aus von einem kleinen Feldgrauen -mit einer winzigen Mütze auf dem Ohr. Er saß, den Gürtel gespickt mit -Handgranaten, auf dem Kühler des dahinjagenden Autos, das bis zum Rande -gefüllt war mit Soldaten und Matrosen. - -Es war Hanuschke, in der Tat -- man erinnert sich, der um sein Leben -lief, während der General in Stifters Diele Spargel aß -- auch er jagte, -der krummbeinige, kleine Hanuschke, mit der roten Narbe zwischen den -Augen, auf diesen Donnerwagen durch die Straßen. Er war guter Dinge. Er -lebte und konnte es noch nicht fassen. Und weil er lebte, lachte er. -Niemand wünschte er etwas Böses -- und dieses graue Gesicht, es war ihm -nur so aufgefallen. - -Aber er erkannte es nicht wieder, es schien ihm nur, als habe er es -irgendwo gesehen. Und der General, er hatte diesen kleinen Feldgrauen -mit der Narbe zwischen den Augen überhaupt nie erblickt. - -Doch, was ist das? - -Fahnen, Plakate, und die Fußgänger treten zurück. Durch die Linden -gleitet und schwankt eine Prozession, die alle Blicke auf sich lenkt. - -Seht! - -Auf Krücken, auf Stelzfüßen schwingen sie sich daher, Dutzende ohne das -rechte Bein, Dutzende ohne das linke Bein, Dutzende ohne Beine. Eine -Anzahl wird von Kameraden auf Karren geschoben, sie sind gelähmt. -Scharen werden von Hunden geführt, sie sind blind. Sie haben keine -Hände, keine Arme, leere Ärmel in die Taschen geschoben. Ihre armseligen -Uniformen verbergen gräßliche Verstümmelungen. - -Seht, seht, ihr Menschen! - -Sie kriechen wie Insekten dahin, sie kriechen wie Krabben, seitlich, sie -humpeln. Ihre Gesichter sind zerschmettert. Sie haben keine Nase, kein -Kinn, ein roter Spalt ist der Mund. Ihre Gesichter sind schwarz- und -blaugebrannt, sie haben keine Ohren, die Hälse sind verdreht, die Köpfe -stehen zur Seite. - -Seht, seht, ihr Menschen! Fallt in die Knie! - -Ihre Augenhöhlen sind Löcher, die Lider darüber genäht, weiße Kugeln im -roten Fleisch. Treu und achtsam trippeln die Hunde, die sie führen. Seht -ihr Menschen, es sind nur Tiere. - -Auch sie sind auf die Straße gekommen. Was hat man ihnen nicht alles -versprochen, in feierlichen Ansprachen, Proklamationen, Erlassen? - -Hier also sind sie! - -Die Fußgänger weichen gegen die Häuser zurück und erbleichen. Nur die -Feisten, die im Kriege dick wurden, sie empfinden nichts. - -Der General steht mit dem Hute in der Hand. - -Wieder kochten die Straßen von Menschen und roten Fahnen. Wieder -gerannen sie zuweilen, und es bildeten sich eine Menge Inseln von -debattierenden Menschen. - -Die Novembermänner jagten auf ihren Wagen dahin. Lastautos schoben sich -durch das brodelnde Meer der Köpfe, mit Maschinengewehren, roten Flaggen -und Rednern, die zur Menge sprachen. - -Drehorgeln, Feldgraue, die Geige spielten auf einer Zigarrenkiste, -blinde Soldaten, die sangen, Soldaten, die tanzten, auf den Händen -liefen, wie Akrobaten Stühle in den Zähnen trugen -- und Scharen von -Verkäufern in grauen Soldatenmänteln, mit Waren aller Art. - -Plötzlich aber stoben die Menschen auseinander. Beine eilten, Arme -ruderten durch die Luft, Hüte rollten über den Asphalt. Gewehrfeuer -knatterte. Ein Maschinengewehr feuerte -- und schon waren die Straßen -reingefegt. Nur ein paar verwegene Feldgraue sprangen noch an den -Häusern entlang, von Torweg zu Torweg. - -Lautlos glitt ein graues Panzerauto über den Asphalt. - -Es huschte die Straßen entlang und verschwand. - -Und schon wimmelten die Straßen wieder von Menschen, die Drehorgeln -leierten wieder, die Verkäufer waren wieder mit ihren Kästen und -Schachteln zur Stelle, und die Akrobaten begannen von neuem mit den -Stühlen zu arbeiten. - -Schon bog ein neuer, unübersehbarer Zug von Menschen, Kopf an Kopf, -brodelnd von Flaggen und Inschriften, in die Straße ein. - - * * * * * - -Aus diesem unübersehbaren Zug löste sich plötzlich ein rostfarbener -Havelock, ein steifer Hut. Jemand rief, winkte. - -»Herr Herbst!« - -»Ah, Sie sind es?« - -»Ja, ich! Um Gottes willen --!« - -»Um Gottes willen? Und Sie rufen, schreien meinen Namen -- als ob wir -alte Freunde wären --? Und wie Sie aussehen, du meine Güte!« - -»Ja, wie ich aussehe!« - -Herr Herbst schob den steifen Hut aus der Stirn, denn er schwitzte vor -Erregung. Sein Gesicht war gerötet, die Bäckchen gedunsen. Eine rote -Schleife leuchtete an seinem Havelock. - -Augenblicklich zerrte ihn Herr Kunze, der schmächtige, semmelblonde -junge Mann eifrig abseits. - -»Helfen Sie mir, um Christi willen!« - -»Ihnen?« Herr Herbst trat zurück. - -Kunze nahm den Kneifer ab, putzte ihn aufgeregt und sah sich furchtsam -um. Sein Überzieher, sonst säuberlich gebürstet, war bestaubt und -verknittert, der grüne Plüschhut voller Schmutz. - -»Ja, mir! Seien Sie barmherzig! Nichts zu essen seit Tagen, kein Geld, -kein Obdach, immer auf der Flucht. Wir sind ja gleich am ersten Tage -geplatzt.« - -»Geplatzt?« - -»Ja, unsere Dienststelle. Die Fenster zertrümmert, die Schränke -zerschlagen, alles verwüstet, die Akten auf die Straße geworfen. Wohin -sollen wir uns wenden. Niemand wagt es, sich mit uns einzulassen. Sehen -Sie, hier!« - -»Eine Schramme!« - -»Ein Schlag über den Kopf! Sie haben mich erkannt, die Gefängnisse sind -ja geöffnet worden -- und da haben sie mich erkannt. Sie haben mich -mißhandelt und in den Kanal geworfen.« - -»In den Kanal, hahaha!« - -»Sie lachen? Ja, über die Brücke, aber ich konnte mich an einem Kahn -festhalten -- so saß ich im Wasser, bis sie fort waren. Und gestern, da -haben sie mich wieder erkannt, andere, die Stadt wimmelt von ihnen, und -verfolgt -- durch ganz Berlin. Ich bin gelaufen, schrecklich, um mein -Leben bin ich gelaufen. Ich flehe Sie an, auf den Knien. Helfen Sie -mir.« - -»Ihnen? Hahaha! Die Zeiten haben sich geändert. Die Gerechtigkeit ist -wieder in die Welt gekommen. Ein jeder nach seinen Verdiensten.« - -»Ach, auch Sie hartherzig! Und ich hoffte, Hoffnung erfüllte mich, als -ich Sie sah. Ich habe keine Wohnung, kann nirgends bleiben. Ach, Sie -ahnen es ja nicht! Wissen Sie, wo ich schon in diesen Nächten geschlafen -habe?« - -Kunze zerrte Herrn Herbst in ein Haustor und flüsterte. - -»Ist es zu glauben, daß ein Mensch da schläft? Eine barmherzige, alte -Frau. Erst morgens konnte ich wieder heraus. Gewöhnlich schlafe ich -zwischen Bretterhaufen, klettere über Zäune. Dann kommen plötzlich Hunde --- entsetzlich!« Wieder glitt Kunzes Blick furchtsam über die beiden -Soldaten, die hinter dem kleinen Herrn Herbst aufgetaucht waren und ihm -überallhin folgten. - -»Schlimm, sehr schlimm!« sagte Herr Herbst mit einem spöttischen -Zwinkern der kleinen entzündeten Augen. »Und _ihn_? Haben Sie _ihn_ -schon gesehen?« - -»Ihn? Wen?« - -»Nun ihn, den ihr vom Dache -- da, am Anhalter Bahnhof --?« - -»Wie? Wie? Was --?« - -»Ja, ich habe ihn gesehen!« - -»Wie? -- Sie machen mich irrsinnig!« - -»Ja, gesehen. Nicht er ist es, natürlich nicht. Ihr habt ihn ja getötet. -Aber sein Bruder. Ein Jäger! Sieht genau so aus wie er -- ich dachte es -im ersten Augenblick. Nur etwas jünger. Und die Dame -- Sie erinnern -sich -- _jene_ Dame?« - -»Natürlich. Wir hatten wenig solch interessante Fälle.« - -»Ja, auch sie habe ich gesehen. Hier, sehen Sie, dieser Zettel. Hier.« -Kunzes Spitzelaugen funkelten. »Sie fuhren zusammen auf einem Auto -- -auf einem Auto mit roten Flaggen -- und warfen diese Zettel auf die -Straße.« - -»Gott stehe mir bei --« - -»_Ihm_ dürfen Sie nicht in die Hände fallen! Auch _ihr_ nicht!« - -»Helfen Sie mir um Christi willen. Retten Sie mich!« - -»Hahaha!« - -»Geben Sie mir Geld, damit ich entfliehen kann.« - -»Und einmal wollten Sie mich verhaften!« - -»Ich weiß es!« - -»Meine Wohnung haben Sie an sich gerissen und entweiht. In eine -Irrenanstalt wollten Sie mich bringen lassen -- drohten mir, verfolgten -mich auf Schritt und Tritt. Sagten, ich sei geistesgestört.« - -Kunze wischte sich den Schweiß von der Stirn. - -»Alles Befehl«, stammelte er, und hielt Herrn Herbst am Mantel fest. »Es -wurde befohlen, und ich mußte gehorchen. Man hätte Sie ja sofort in ein -Irrenhaus gebracht, weil Sie diesem hohen Offizier lästig wurden -- ich -aber bürgte für Sie, setzte mich für Sie ein, aus Mitleid . . .« - -»Und in die Zwangsjacke wollten Sie mich stecken lassen! Ja, jedem wird -gemessen werden nach seinen Verdiensten, Gerechtigkeit herrscht wieder -in diesem Lande. Ich darf wohl bitten!« - -»Auf den Knien, Herr Herbst, verehrtester --!« Kunze klammerte sich an -den Havelock. - -Da aber wandte Herbst den Blick auf die beiden Soldaten, die nicht von -seiner Seite gewichen waren. Ein Blick nur, aber er genügt! - -Augenblicklich trat einer der beiden Trabanten vor. - -»Was will er denn?« fragte eine tiefe, rauhe Stimme. - -Kunze preßte den Kneifer auf die Nase, lüpfte den grünen Plüschhut, und -schnell, schnell verschwand sein dünner Überzieher in der Menge. - -Schon schwang Herr Herbst wieder den steifen, verschwitzten Hut und -schrie, rot vor Erregung: »Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!« - -Schon waren er und seine zwei Trabanten wieder mit dem endlosen Zuge -verschmolzen, der sich breit durch die Straße wälzte. - -»Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!« schrien seine Trabanten. Tag für Tag -trotteten sie schwitzend und aufgeregt durch die Straßen. Jedem Zug, -einerlei welcher politischen Partei, schlossen sie sich an. - -Seine beiden Trabanten waren: ein kleiner, stämmiger, etwas -ausgewachsener Infanterist, eine Grabentype mit weitem Mantel, -Transportarbeiter von Beruf, der einen Konzertflügel auf den breiten -Schultern trug, und ein hagerer Artillerist mit schwarzem Schnurrbart, -schwarzen Brauen, schwarzen, wirren Haaren und schwarzen Augen, einer -kleinen, runden Mütze und einem braunen, gestrickten Wollkittel mit -Perlmutterknöpfen. Herbst hatte die beiden auf der Straße gefunden und -sie adoptiert, mit einem Wort. Sie waren seine Gäste im »Löwen von -Antwerpen«, er ernährte sie, sie tranken, und er bezahlte. - -Dafür waren sie ihm aber auch blind ergeben. Sie lasen die vergilbten -Briefe, die er in seiner Tasche trug -- lasen -- verstanden -- sofort! -Sie kannten ja das alles, kamen selbst von da draußen und wußten wie es -zuging. Aufmerksam hörten sie zu, wenn er von Robert erzählte -- von dem -Sturmangriff am 5. August, und schon am 4. war kein einziger -zurückgekommen. Stundenlang hörten sie zu und immer wieder. Die Augen -quollen aus ihren Schädeln. - -Der schwarze Artillerist erhob sich, ergriff die Flasche und schlug -damit auf den Tisch. - -»Sage ein Wort -- ein Wort genügt! Du brauchst nur zu sprechen!« Und er -warf lässig ein feststehendes Messer mit Hirschhorngriff auf den Tisch. - -Auch der stämmige Infanterist erhob sich und schob den breiten Nacken -vor. - -»Du kannst dich verlassen auf uns. Soll es morgen sein?« - -»Ich werde schon -- wartet nur, Geduld.« - -Und der hagere, schwarze Artillerist tanzte auf seinen langen Beinen, -schwang das Glas und sang mit rauher, tiefer Stimme seinen Trinkspruch: -»Licht aus, Messer raus! Haut ihn!« - -Und nun tranken sie alle drei die Gläser leer. - -Ja, blind ergeben. - -Vorläufig aber trotteten sie geduldig in diesem endlosen Zug unbekannter -Menschen. - -»Hoch! Hoch!« schrie Herbst und hob den steifen Hut. - -»Hoch! Hoch!« schrien die Trabanten und schwangen die Mützen. - - -7 - -Schon wird es Nacht. - -Der Wind pfeift durch die Linden, die Fenster klirren. Qualm schlägt aus -den Häusern, die Stadt raucht. Der Wind braust um das düstere Schloß, -die Säulen wanken. Die Rosselenker am Portal knicken zusammen unter den -Hufen der Rosse. Aber plötzlich wird es still, ganz still, der Wind -schweigt, und ein eisiger Luftstrom schiebt sich über die Linden dahin, -ein wandernder Block von Eis. - -Dunkle Wolken fliegen über die Stadt, schwarz, eine hinter der andern -- -wie sie jagen! Gespenstisch! - -Ja, gespenstisch, es sind die Toten, die Gefallenen, die über die Stadt -dahinjagen und auf den Wolken stehen. Die Kälte des Grabes fällt aus -ihren grauen, vereisten Soldatenmänteln. Denn sie lagen lange in der -kalten Erde. - -Der General erschauert, er zieht frierend den Mantel mit dem blutroten -Aufschlag über der Brust zusammen. Er sieht die Toten nicht da oben auf -den schwarzen Wolken, aber er fühlt die entsetzliche Kälte, die sie -mitbringen. - -Feuer spritzt vor seinen Füßen, ein Insekt schwirrt zischend an seinem -Ohr vorbei. Schüsse knallen. - -Nein, nicht der Mantel mit den blutroten Aufschlägen, er ist in Zivil, -aber er hatte es für Augenblicke -- wie lange? -- vergessen. - -Aus den finstern Straßenschluchten blasen Feuerfunken, aber der General -fürchtet die Kugeln nicht. Er wendet ihnen die Stirn zu, er öffnet die -Augen und blickt ihnen entgegen, er bietet ihnen die Brust dar und -bleibt sogar stehen. Unbeirrt verfolgt er seinen Weg. Nur die -entsetzliche Kälte, die aus den jagenden schwarzen Wolken fällt, erfüllt -ihn mit Schaudern. - -Licht in einer dunkeln Straßenschlucht. Ein totes Pferd liegt auf dem -Pflaster. Schatten umdrängen den Kadaver, Soldaten und Weiber mit -Messern. Sie zerlegen das Pferd und wickeln blutige Fleischstücke in -Zeitungsfetzen und Schürzen. Dort an der Ecke ein Auto mit dem Zeichen -des Roten Kreuzes. Eine helle Bahre gleitet durch den Lichtschein. - -Und wiederum Finsternis, ohne Ende. Die Straßen sind dunkle Katakomben, -Riesenschatten tanzen über die verlassenen Plätze, Schrecken lauert in -den finstern Haustoren. Manche Straßen sind wie mit Schnee bedeckt. Das -sind die Massen von Zetteln und Aufrufen, die täglich auf die Stadt -niedergehen. Der Fuß des Generals raschelt in ihnen. Da! Der Schrei -eines getroffenen Menschen. War es eine Frau? Ja, eine helle Stimme. Und -das Feuer prasselt. Der Widerhall klopft an den Häuserwänden. Der -Widerhall klopft im Herzen des Generals. Jede einzelne Kugel trifft ihn -ins Herz. Zu Ende! Alles zu Ende! Schon töten sie sich gegenseitig. - -An den Straßenecken ist ein Plakat angeschlagen: Berlin, halt ein, Dein -Tänzer ist der Tod! - -Ja, zu Ende -- - -Der Schritt des Generals stockt. Mitten auf dem Trottoir liegt, Arme und -Beine von sich gestreckt, in einer Lache von Blut, ein toter Matrose. -Rasch geht der General auf die andere Seite. Aber schon wieder -erschauert er. Etwas weht feuerrot in der Dunkelheit, etwas fließt -schimmernd weiß dahin, blitzschnell. Sein Herz bleibt vor Schrecken -stehen. Gespenster? Gespenster in Berlin? Nein, es sind Masken, -Vermummte, die eilig die Straße entlang huschen. - -Tanzmusik und der Lärm eines Balles hinter herabgelassenen Rolläden. - -Und wiederum Finsternis, Leere, Stille, die Stadt ist tot. Nur dann und -wann klatscht ein Schuß. Das Gewehrfeuer prasselt in der Ferne. - -Plötzlich empfindet der General deutlich, daß irgend etwas nicht in -Ordnung ist. Er fühlt die Nähe eines Menschen. - -Ein Schritt wandert hinter ihm! Immer hinter ihm her. - -Und auch drüben, auf der andern Seite der Straße -- ist es nicht -auffallend? -- schlürfen plötzlich Schritte. Zuweilen, wenn die -Dunkelheit durch einen Lichtschein erhellt wird, sieht er drüben zwei -kleine Gestalten dahinkriechen, die mit den Händen winken. - -Und der Schritt knirscht hinter seinen Fersen her. Er überquert die -Straße, der Schritt folgt ihm, er biegt um die Ecke, auch der Schritt -biegt um die Ecke. - -Da -- nun spürt er den Atem seines Begleiters im Nacken. Eine tiefe, -rauhe Stimme raunt dicht an seinem Ohre: - -»Ich kenne dich!« - -Der General zuckt zusammen. Er eilt weiter, er wagt nicht zur Seite zu -blicken. - -Und abermals raunt die Stimme: - -»General Hecht-Babenberg!« - -Drüben, auf der andern Seite, winken die Arme, winken zwei kleine, -bleiche Hände. - -Der General eilt, aber sein Begleiter eilt mit großen Schritten neben -ihm her. Es macht ihm nicht die geringste Mühe mitzukommen. Schon -beginnen die zwei Kleinen auf der andern Seite zu laufen. - -Lauter beginnt die Stimme des Unbekannten zu raunen, und plötzlich zuckt -der General zusammen. Die Stimme hat ein furchtbares Wort ausgesprochen, -ein schreckliches Wort -- unsägliche Beschimpfung. - -Nun rufen die auf der andern Seite. Sie winken und schreien: »Komm doch, -komm doch!« - -Da bleibt der Schritt plötzlich hinter ihm zurück. Ein Lachen klingt -durch die finstere, menschenleere Straße. Eine rauhe, häßliche Stimme -schreit: »Licht aus, Messer raus!« - - * * * * * - -Der General hatte keine Angst vor der Kugel, nein. Aber während der -Unbekannte ihm folgte, hatte er in der furchtbaren Angst gelebt, daß -plötzlich eine Faust nach ihm schlagen könnte. Unausdenkbare Schmach! -Nur aus diesem Grunde war er entflohen, aus keinem andern. - -Wer war es, was wollten sie? Und weshalb dieser furchtbare Schimpfname? -Nie, auf Ehre und Gewissen, niemals hatte er von seiner Truppe mehr -verlangt, als das Interesse des Vaterlandes unbedingt erforderte! - -In Schweiß gebadet, völlig außer Atem, kam er wieder in belebtere -Gegenden. - -Ein Eishauch entströmte dem dunkeln Tiergarten. Kein Licht, keine -Laterne, nichts. Die Fensterläden der Häuser geschlossen, die -Fensterscheiben schwarz. Und schwarze Wolken jagten über die kahlen -Wipfeln des Parkes dahin. Ein Auto, besetzt von Schatten, flog die -finstere Straße entlang. Unaufhörlich erscholl der warnende Ruf: »Straße -frei! Straße frei!« - -Die dumpfen Detonationen von Handgranaten ertönten drinnen in der Stadt, -irgendwo. - -Nacht ohne Ende, Nacht der Schrecken! - -Auf der Treppe seines Hauses fuhr der General erschrocken zurück: -Beinahe wäre er auf einen Menschen getreten! - -Wer war hier? Zitternd stand der General. - -Etwas wie ein großer, massiger Tierkörper schob sich schleifend die -Treppe empor. Ein unerklärliches Geräusch, eine Vibration ging von der -dunkeln Masse aus, wie wenn jemand vor Kälte zittert. - -Der General lauschte, dann rieb er zögernd ein Streichholz an. - -Auf der dunkeln Treppe kauerte ein Soldat mit zwei kurzen Krückstöcken -unter den hochgezogenen Schultern. Der Körper des Krüppels wurde -unaufhörlich von einem schrecklichen Zittern geschüttelt. Schmutz klebte -an seinen Kleidern, seine Beinstumpen waren vollkommen vom Straßenkot -durchweicht. Ausdruckslos verschwamm der Blick seiner halbgeschlossenen -Augen im erlöschenden Licht des Streichholzes. - -Der General beugte sich zu dem Krüppel herab. - -»Was haben Sie -- sind Sie krank?« fragte er. Er fragte nur, um dem -zitternden Haufen Fleisch einen Laut, eine Äußerung seines menschlichen -Wesens, zu entlocken. Hastig kramte er in seinem Überrock nach Geld, der -Gedanke fuhr ihm sogar durch den Kopf, den Soldaten mit sich ins Haus zu -nehmen. - -Der Krüppel stieß Laute aus wie ein Taubstummer, ein Röcheln entstieg -seinem krampfhaft geöffneten Mund. - -»Wo sind Sie verwundet worden, mein Sohn?« fragte der General und beugte -sich noch tiefer herab. Auch er, der Krüppel, strömte Kälte aus. - -»Wo? Sprechen Sie doch. Wo?« - -Mühsam schüttelte der Krüppel Silben aus dem Mund. - -»Wo? Ich verstehe nicht.« - -Aber plötzlich taumelte der General in die Höhe. - -Er hatte verstanden! - -Nun zitterte er genau wie der Soldat. - -Hastig, ohne zu denken, ließ er ein paar Geldscheine fallen und stieß in -aller Eile die Türe auf. Aber als er ins Haus treten wollte, fühlte er -plötzlich, wie sein rechter Fuß von einer Hand umklammert wurde, die ihn -festzuhalten suchte. War der Krüppel gefallen, suchte er Halt, suchte er -seinen Dank auszudrücken? Der General stieß die Hand von sich und trat -keuchend in die dunkle Diele. - -»Therese!« Oder, was er sonst rief. Jedenfalls rief er etwas, und seine -Stimme klang schrill, wie ein Hilferuf. - -»Drehen Sie das Licht an, Therese, ich kann den Schalter nicht finden.« - -Aber augenblicklich wankte der General aus dem Lichtschein. - -Quatre vents! Quatre vents! - -Von der Höhe kam er, der da draußen -- - -Lange Zeit saß der General regungslos in irgendeinem dunkeln Zimmer. - -Dann klingelte er dreimal. Das bedeutete: so schnell wie möglich -servieren. Er hatte seit dem Morgen nichts genossen. Therese beeilte -sich. Jakob? Wangel? Wohin? In der ersten Stunde waren sie von ihm -gegangen, ebenso wie Schwerdtfeger. Ja, selbst Jakob, dieser biedere -Bauernbursche, dessen Augen aufleuchteten, so oft er ihn ansprach. -Trotzdem -- in der ersten Stunde, mit einem völlig ungültigen -Urlaubsschein, ausgestellt von irgendeinem Soldatenrat. - -Als Therese eintrat, saß der General an dem großen, runden Speisetisch, -in seinem weiten grauen Feldmantel, der bis zur Erde reichte, den Kragen -hinaufgestülpt. Er war in sich zusammengesunken. Aber wie sah er aus? -Nicht mehr grau -- schneeweiß. - -Seine Augen starrten. - -Einer von der Höhe! - -Quatre vents! - -Seine starrenden Augen sahen Bündel von roten Leuchtkugeln in die Nacht -steigen -- wie damals, in jener Nacht, als er die Höhe verlor. - -Einer von jenen! Wie war er hierher gekommen? Seine Zähne schlugen -aufeinander. - -»Sehen Sie nach, Therese,« flüsterte der General, und seine Stimme nahm -bei jedem Wort eine andere Lage an, »vor der Türe ist ein Soldat. -Bringen Sie ihn herein.« - -Und wieder klapperten die Zähne des Generals. Aber Therese kam zurück. -Niemand war auf der Treppe. - -»Niemand?« - -Ja, vielleicht hatte er sich getäuscht. Wie? Vielleicht war tatsächlich -niemand da draußen gewesen? - -Also wirklich niemand? -- »Haben Sie geheizt, Therese?« - -»Ich werde den Arzt rufen, Exzellenz sind krank«, sagte Therese. - -Der General schwieg und brütete vor sich hin. - -Erst nach geraumer Weile verstand er, was Therese gesagt hatte. Er -drückte auf die Klingel. »Keinen Arzt, Therese. Ich bin vollkommen wohl. -Nur müde.« - -Aber die Gabel entfiel seiner Hand: er schlief am Tische ein. Seine -kreidige Wange lag auf dem Kragen des weiten Feldmantels. - - -8 - -Die schwarzen Wolken jagten über die finstere Stadt dahin. Ohne Ende, -ohne Zahl. Die Toten in ihren vereisten grauen Soldatenmänteln standen -darauf. Die Toten und Gefallenen aus den Massengräbern von Verdun und -Ypern, von Polen und von Rußland, Serbien, Rumänien, von Mesopotamien, -aus den einsamen Friedhöfen der Vogesen und der Champagne, die Toten aus -den Argonnen, die Toten von der Somme und die Toten, die aus dem Meere -gestiegen waren. - -Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrängt auf den schwarzen -Wolken, die in dieser Nacht ganz Deutschland überzogen. Denn in dieser -Nacht kehrten die Toten zurück. - -Horch, sie singen! Hörst du? Ihr Gesang braust! Was singen sie? -Unverständlich für die Lebenden ist ihr Gesang. - -Die Vorhut der heimkehrenden Armee der Toten hat Berlin erreicht, ohne -Ende ist ihr Zug, noch haben nicht alle den Rhein überflogen. Es sind -Millionen. - - * * * * * - -Dahinfegte die Limousine. Sie schnellte über eine Brücke und jagte in -eine endlose schnurgerade Straße hinein. Sie bog um eine Ecke -- und ja, -dies war nun die Lessingallee. - -Plötzlich pochte der General wild mit den Knöcheln an die Scheiben und -augenblicklich zog Schwerdtfeger die Bremse. Bevor das Auto noch stand, -war der General schon aus dem Wagen gesprungen und lief rasch in die -Straße hinein. Aber auch der kleine Mann in seinem Havelock eilte, so -schnell er konnte, dahin. - -Zwei, drei Sätze und die wütende Faust des Generals hatte den Havelock -erfaßt. - -»Was wollen Sie von mir? Sprechen Sie!« - -Der kleine alte Mann krümmte sich zusammen. - -»Was wissen Sie von meiner Tochter. Sprechen sie jetzt -- oder, oder ---!« - -Da zerfloß der kleine alte Mann, wie Nebel. Eine Sekunde noch das -bläulich-weiße Gesicht, grüne Funken, wo die Augen waren -- fort. - -So heftig war die Erregung, daß der General auffuhr. Er saß bei Tisch. -Allein. - -Ohne zu denken, griff er wieder nach Messer und Gabel und bemühte sich, -kleine Stückchen von dem kalten Fleisch auf seinem Teller abzuschneiden. -Er griff nach dem Glas -- aber schon erlahmte wieder die Hand. - -Kalt, kalt, die Kälte! Es war eisig kalt in diesem Zimmer. - -Und doch, der Ofen glühte. Er näherte die Hände -- deutlich sah er das -Eisen glühen -- aber, wie merkwürdig, keine Wärme. Nun erst, da er mit -den langen Nägeln das rote Eisen berührte, spürte er einen Hauch von -Erwärmung. Ein eisiger Luftstrom blies ihn an. - -Sonderbar -- seit jenem Tage hatte es begonnen! Deutlich erinnerte er -sich noch, wie das schneeblaue Gesicht durch die Scheiben ins Foyer -starrte, an den Briefumschlag sogar, der von häßlicher, unangenehmer -grüner Färbung war. Seit jenem Tage war die Unruhe über ihn gekommen. -Überall hatte er diesen kleinen geistesgestörten alten Mann gesehen -- -vor dem Hause, vor dem Restaurant, ja selbst wenn er einen Blick aus -seinem Arbeitszimmer warf, da stand er auf dem Platze. Sogar in der -Nacht begegnete er ihm häufig. - -Ja, er, dieser Unbekannte, hatte den Argwohn in ihm geweckt -- alles war -daher gekommen, allein daher! - -Noch heute, noch heute würde sie, Ruth -- - -Der Schmerz fraß. In seinem weiten Feldmantel, der nahezu den Boden -berührte, schritt er durch die Zimmer. Auf seinem Schreibtisch lag Ruths -letzter Brief: -- die dich geliebt hat, Papa, und noch immer liebt -. . . - -Sie hatte ihm unrecht getan. Alles entsprang doch nur der Sorge um sie, -der Fürsorge eines Vaters, dessen Pflicht es erheischte -- Kannst du es -denn nicht verstehen, mein Mädchen? Verhängnis über Verhängnis. Er, ihn -getötet? Wie? Wie? Ihn, den sie liebte? Er? Aber, wie kannst du nur so -etwas sagen? - -Die Stille lauerte. Lauernd und feindselig umstrich ihn die eisige Luft. -Der Brief flatterte plötzlich in seiner Hand. - -Ohne jeden Zweifel, er war nicht allein. - -Nein, nicht allein! - -Wieder glitt der lange graue Mantel durch die Zimmer. Er drehte das -Licht an. Niemand, natürlich. Aber er fühlte einen Blick auf sich -gerichtet und dieser Blick folgte ihm überall hin. - -Vorsichtig, mit zitternden Fingern, schob er den Vorhang zur Seite, er -öffnete das Fenster, leise, und spähte durch einen Spalt der Jalousien -hinaus auf die finstere Straße. - -Da, da -- sein Herz stockte! - -Nein, er hatte sich nicht getäuscht. - -Da stand er -- der kleine Geistesgestörte, in der Tat! Deutlich sah er -sein faustgroßes bleiches Gesicht. Die Augen waren auf dieses Fenster, -genau auf dieses Fenster, auf ihn gerichtet. Er stand mit zwei -Gestalten, zwei Männern, einem großen und einem untersetzten. Nun -näherte sich der Große der Haustüre, aber der alte Mann rief ihn zurück. -Sie sprachen: berieten, deuteten auf das Fenster, auf ihn! Dann gingen -sie, zögernd, und die Dunkelheit verschlang sie augenblicklich. - -Leise, vorsichtig schloß der General wieder Fenster und Vorhänge. Noch -eisiger war die Luft geworden. Kalter Nebel war durch das Fenster ins -Zimmer gekrochen. Ja, ohne Zweifel, die ganze Wohnung war nunmehr von -Nebel erfüllt. Die Wände rauchten. Sie waren grüne geschliffene -Eisblöcke, die dampften. - -Der Brief Ruths war auf den Boden gefallen und keuchend hob der General -ihn auf. Er war geneigt, über die politischen Verirrungen eines jungen -und urteilslosen Mädchens hinwegzusehen. Er war geneigt, gewisse -Vorfälle zu vergessen -- Irrungen eines jungen und leidenschaftlichen -Herzens. Er war geneigt, Zugeständnisse zu machen, völlige Freiheit -zuzusichern. Forderte sie es, so war er zu jeder Genugtuung bereit. Zu -jeder! - -Aber sie sollte zurückkommen! - -Ja, zurückkommen. Weshalb kam sie nicht? - -Er war alt, sein Leben vernichtet, zermürbt, untergraben, zerstört, ohne -Sinn, ohne Hoffnung, ohne jede Hoffnung! Er besaß nur noch sie, sie -allein -- sonst nichts mehr. - -Und er liebte sie! Ja, Ruth, es ist die Wahrheit, ich liebe dich! - -Das alles wollte er ihr sagen, sobald er sie traf. Und er würde sie -finden, ohne jeden Zweifel! Morgen, in aller Frühe schon, würde er sich -wieder auf den Weg machen. Sie war ja hier, hier in der Stadt, -Wunderlich hatte sie schon zweimal gesehen. - -Ja, all das, all das. Und er würde sie _bitten_ -- nie in seinem Leben -hatte er einen Menschen um etwas gebeten . . . Forderte sie es, von -ihrem alten Vater -- bestand sie darauf -- nun wohl, so war er bereit, -sich zu -- _demütigen_ . . . - -Plötzlich taumelte der General, so stark, daß er in einen Sessel fiel. -Er griff nach der Brust. Sein Herz --? Was war es --? - -In diesem Augenblick aber schrillte die Klingel, zweimal, dreimal, lang, -herausfordernd -- die Haustürklingel. - -Schritte kamen durch den Korridor. - -Aber schon stand der General unter der Türe. »Öffnen Sie nicht!« rief -er, zitternd in seinem weiten Mantel. - -Dumpf grollte es in der Ferne -- ein Geschütz hatte in der Stadt -gefeuert. - -»Ich werde selbst -- gehen Sie ruhig schlafen«, stammelte der General -und Therese schlich wieder in ihre Küche zurück. Immer noch schmerzte -das Herz in der Brust. Allmählich erst hörte es auf zu zucken. Nun erst -ging der General zur Haustüre und bot seine breite Brust der Finsternis -dar. Niemand. Aber dort drüben, im Park, schlichen da nicht Gestalten? - -Schüsse klatschten, und wieder feuerte ein Geschütz in der Stadt. - -»Sie zerfleischen sich -- wie Wölfe«, dachte der General. Und laut rief -er in die Dunkelheit hinein: »Ist jemand da?« - -»Hahaha!« lachte es aus der Finsternis. - -»_Hier bin ich! Was wollt ihr von mir?_« - -»Hahaha!« Ganz fern. - -Niemand. Er verschloß die Türe. - - * * * * * - -Ein Schritt raste die dunkle Straße entlang. Nein, nicht ein Schritt, -ein Rudel von Schritten. Hinter dem einen rasenden Schritt her jagte -eine Meute klappender Schritte. Geschrei. - -Da setzte der Schatten eines schmächtigen Menschen über die Straße und -verschwand im Gebüsch des Parkes. Ein Rudel von Schatten setzte hinter -ihm her. »Haltet ihn, haltet ihn, den Spitzel!« - -Die Stimmen verloren sich. - -Kunze keuchte. Eine Sekunde noch und er wäre zusammengestürzt. -Meilenweit hatten sie ihn gejagt und alle Wachtposten hatten auf ihn -geschossen. - -In Schweiß gebadet warf er sich auf den Boden. Da begann der ganze Park -wie ein Hammerwerk zu pochen. Lob und Dank dem Herrn, sie hatten seine -Spur verloren -- ihre Stimmen klangen ferner und ferner. Ein Schrei -- -vielleicht hatten sie einen andern niedergeschlagen? - -Noch keuchte die Brust, und schon begann Kunze wieder zu laufen. Durch -den ganzen finstern Tiergarten eilte er. Furchtsam mied er Wege, ob sie -breit oder schmal waren. Endlich kam er in eine Gegend des Parkes, die -Sicherheit verbürgte. Es war dicht hinter dem Zoologischen Garten. - -Eifrig spähte er in die dunkeln Baumwipfel empor -- ja, hier, dieser war -der richtige. Ein einladender Ast, nicht allzu hoch über der Erde, aber -doch hoch genug, gerade was er suchte. Hinauf, schon war der Strick -festgemacht, die Schlinge gebunden. So. Und nun rasch! Keine Stunde -länger war dieses Leben zu ertragen -- ja, schade, er hatte nicht einige -Autos zur Verfügung, um über die Grenze fahren zu können -- - -Nur noch eine Sekunde, bitte, bis er Atem geschöpft hatte -- und dann: -hinab! - -In der letzten Nacht hatte er in einer Kanalisationsröhre geschlafen; in -der Lindenstraße, vorgestern in einer Sandkiste beim Halleschen Tor. -Einmal hatten sie ihn schon gefangengenommen -- nein, nein. Schluß! Eine -Sekunde nur -- und dann: hinab! - -Die Schlinge um den Hals saß er da, dampfte und keuchte -- zu seinem -Schrecken gewahrte er jetzt, daß er sich ganz in der Nahe eines Weges -befand. - -Dunkel und schweigend lag der Tiergarten. Eigentlich, bei rechtem Licht -besehen, ein Park für Selbstmörder, nicht wahr? Eine rührende Vorsorge -der Stadtverwaltung! Jede Nacht erschoß sich hier jemand, erhängte sich -irgendeiner -- fast gab es keinen unbesetzten Baum mehr. In der Ferne, -aus der dunkeln Stadt prasselte Gewehrfeuer, und dann und wann dröhnte -ein Kanonenschuß. Sie kämpften. Es war nicht gut, ihnen gerade jetzt in -die Hände zu fallen . . . - -Schwarze, gespenstische Wolken jagten über den kahlen Baumwipfeln dahin. -Das welke Laub raschelte. Zuweilen hörte er auf seinem Ast auch Stimmen -und Gelächter bald näher, bald ferner -- und Gesang. Gesang. Dann -wiederum Schüsse. Und sonderbare Laute, Miauen und Bellen, drangen aus -dem Zoologischen Garten. - -So also sollte er enden! Was würde sein Vater, der Pastor sagen? Ein -_Selbstmörder_ in der Familie! Schande, Schmach -- Heimsuchung des -allmächtigen Vaters im Himmel! -- Luxus, schöne Frauen -- und der Ruhm? -Es war nichts damit geworden, nein. Gerade als der Krieg ausbrach wollte -er zur Bühne gehen. Hamlet! Den ganzen Hamlet kannte er auswendig. - -»Sein oder Nichtsein --« flüsterte er und hob die Arme. - -Beinahe wäre er von seinem Ast gefallen. - -Dahinwandeln im Licht der Rampe, bewundert, umrauscht vom Beifall -- -Briefe schöner Mädchen und Frauen -- alles nichts. - -Und nun -- das Seitenstechen hatte aufgehört -- und nun . . . - -Da aber hörte er Schritte knirschen. Er erstarrte vor Entsetzen. Kamen -sie wieder? Weshalb hatte er auch solange gezögert? - -Zwei Schatten wanderten über den Weg nebenan. Plötzlich bogen sie in die -Büsche ein. Sie schlichen näher, immer näher. Ja, sie kamen zu ihm, beim -Himmel. Seine Haare sträubten sich. Er wagte nicht mehr zu atmen. - -Ein Mann und eine Frau, sie lagerten sich unter seinem Baum. Etwas -Weißes schimmerte, Flüstern, Küsse, Lachen, Geplauder -- leise Schreie --- eine volle Stunde mußte er ohne jede Bewegung sitzen. Endlich gingen -sie wieder. - -Nun aber wollte er keine Minute mehr versäumen! - -Die Dunkelheit begann zu sprühen. Augen öffneten sich in der Finsternis, -erschrockene, entsetzte Augen -- ja zumeist entsetzte -- wenn die Hand -des Gesetzes ausholte! Auch die Augen jenes jungen Mannes, der auf dem -Straßenpflaster lag, noch etwas atmete und rief: Alle Völker sind -Brüder! - -Ja, auch diese Augen . . . - -Kunze weinte. Und plötzlich sprang er, ohne Überlegung, -- ein scharfer -Schmerz schnitt in seinen Hals: zu Ende, vorbei -- - -Aber einen Augenblick später saß Kunze im feuchten Gras. Er konnte es -nicht fassen, anfangs -- der Strick war gerissen. - -Weinend lief er durch den dunkeln Park, den Strick um den Hals. - - -9 - -Der General steht über die Karte gebeugt, entschlossen und eisig seine -Miene. Lautlos tritt der Chef des Stabes ins Zimmer. Schon beginnen die -Autos und Motorräder der Befehlsüberbringer zu dröhnen und zu rasseln. -Der Boden zittert vom Feuer, dicht nebenan schlagen die Geschütze, als -würden Türen aus Erz ins Schloß geschleudert. - -Alles ging gut! - -Der Gegner, sein Gegner da drüben, dieser Halunke mit dem Käppi und dem -weißen Spitzbart, hatte ihm die Höhe durch Überraschung genommen, mitten -in der Nacht. Aber er hatte sich verrechnet! Schon taumelten die -Soldaten von ihren feuchten Strohlagern, schon rollten die Autobusse, -die Hölle wollte er ihm bereiten. Bevor die Sonne aufging, war die Höhe -wieder in seiner Hand. - -Es ging vorzüglich, schon hatten die Jäger das Labyrinth -- das -Hauptfort der Höhe -- wieder seinen Zähnen entrissen. Aber irgend etwas -war doch auffallend -- plötzlich schienen es weniger Offiziere zu sein. -Im Vorzimmer war überhaupt niemand. In der Schreibstube arbeiteten im -ganzen zwei Leute. - -Doch auffallend! Wo ist der Chef des Stabes? Der General klingelte. -Niemand kam. Er stieß ungehalten die Tür auf: niemand! Wieder ging er in -das Schreibzimmer, der Telegraph tickte -- aber niemand! Die Kanonen -schlugen weniger laut. - -Wo waren sie hin, das Gewimmel von Offizieren, Adjutanten, Schreibern, -Ordonnanzen? Das ganze Schloß mit seinen hundert Sälen war leer und -finster. Im Schein des. Geschützfeuers suchte er seinen Weg. Bilder, -Möbel, Spiegel, die rot aufglühten. - -Kein Mensch! - -Er war allein. - -Bestürzt eilte er vor das Portal. Kälte, Nacht. Der Boden gefroren, ein -eisiger Wind, die Bäume kahl und spitz. Ringsum, der ganze Horizont ein -Feuermeer. - -Aber kein Lärm! - -Über die Parkmauer fuhr von Zeit zu Zeit ein Feuerbalken. Die Haubitzen -standen dahinter, richtig. Der General eilte. Eben schwankte in der -Dunkelheit ein Rohr, Glut blies in die Nacht -- aber kein Mensch und -kein Laut! Der General strich entsetzt um das Geschütz -- keine Seele -- -was war das --? - -Wieder taumelte das Rohr, und im Schein des Abschusses sah der General -das große dunkle Schloß zusammenstürzen, das Dach stürzte, die Säulen, -das Portal -- aber kein Laut. - -Entsetzen schüttelte ihn. Er schrie auf. - -Da erwachte er. Seine Augen wanderten über die Wände. - -Erst nach geraumer Zeit fand er sich zurecht. Er saß in seinem -Arbeitszimmer, in seinem Sessel, genau wie vor wenigen Minuten. -Sonderbar, die Uhren gingen, die Pendel schwangen, aber er hörte sie -nicht mehr ticken. - -Seine Lider waren schwer wie Blei, die Glieder wie gelähmt. Was geschah -mit ihm? Müde, müde. - -»Ich bin müde«, sagte er mit schwerer Zunge. - -»Ich bin sehr, sehr müde!« - -Er wollte aufstehen, aber er blieb dennoch sitzen. Vor seinen Füßen lag -ein Schreibheft, ein dünnes beschmutztes Notizheft. Ach, ja, es waren -die letzten Aufzeichnungen Kurts, seines ältesten Sohnes -- gefallen bei -Comble in der Sommeschlacht, ruhmvoller Verteidiger der Riegelstellung. -Nun erinnert er sich: er hatte es aus dem Geheimfach genommen und wieder -gelesen -- wie in vielen, vielen einsamen Nächten. Feuer, Entbehrungen, -Schrecken, Tod . . . - -»Und alles umsonst?« flüsterte der General und schüttelte fassungslos -den Kopf. - -»Alles umsonst!« - -»Wie, wie, wie?« - -»Ein Volk von Bettlern!?« - -»Ein Volk von Sklaven!?« - -»Ausgelöscht von der Erde, in den Schmutz getreten!« - -»Alles, alles umsonst!« - -»Ach!« - -Der General stöhnte. Er schlug die weißen Hände vor das weiße Gesicht. - -Er erhob sich. Aber die Beine trugen den schweren Körper nicht mehr. Er -sank wieder in den Sessel zurück. Die bleischweren Lider fielen herab -- -Bilder zogen vor seinen Augen. Und doch war er wach, träumte er nicht. -Deutlich erinnerte er sich, daß er soeben die Aufzeichnungen Kurts -gelesen hatte. Das Schreibheft lag vor ihm auf dem Boden. - -Nun also stieg er mit dem kleinen alten Mann, dem zudringlichen, der -sich nicht abweisen ließ, die Höhe hinan. Er hatte seine Hand ergriffen, -und sie gingen beide bergan -- und doch wußte er, daß er in seinem -Arbeitszimmer saß! - -»Sie wollen also durchaus hinauf, haben keine Furcht?« - -»Nein, keine Furcht.« - -Aber die Höhe war nicht dunkel, obschon es mitten in der Nacht war, sie -war matt erhellt. Nicht leblos und starr war sie -- sie wimmelte von -Menschen. Scharen standen hier, Mann an Mann, in ihren grauen Mänteln, -die ganze Kuppe war besetzt von ihnen. Ein Wall von grauen Mänteln links -und rechts. Tausende und aber Tausende, alle bleich, fahl, -leichenfarben. - -»Herbst, nicht wahr?« - -»Ja, Herbst.« - -»Und wie war doch der Vorname?« - -Und laut schrie er: »Der Jäger Robert Herbst vortreten!« - -»Hier!« - -»Hier! -- Hier! -- Hier --!« - -Ringsum, überall schrien die rauhen Soldatenstimmen: Hier, hier! Alle ---! - -Ja, sonderbar -- so deutlich hörte er die Feldgrauen rufen, und doch -wußte er genau, daß er in seinem Sessel saß. - -Das weiße Gesicht des Generals ist auf die eisige Hand herabgesunken. -Seine Augen sind ohne Blick. Ja, eigentümliche Bilder ziehen vor seinen -blicklosen Augen, fließen, unaufhörlich, ohne Ende -- eigentümliche -Bilder . . . - -Plötzlich greifen die weißen Hände des Generals wild in die Luft, und -schon steht er aufrecht mitten im Zimmer. - -Ein Gesicht ist erschienen: _das Gesicht einer weinenden Frau_ . . . - -Seine hellen, großen Augen blenden. Deutlich unterscheidet er wieder die -Gegenstände im Zimmer. Deutlich sieht er wieder die dunkeln Gemälde an -der Wand -- jedes einzelne. Offiziere alle, Militärs, in Uniformen, mit -Ordenssternen geschmückt, den Degen an der Seite, alle die gleichen -breiten Gesichter, soliden Brustkörbe: alle Hecht-Babenbergs. Und jener -Einarmige, über der Türe, das ist Jochen Friedrich Wilhelm Ernst -Hecht-Babenberg, der nach dem Dreißigjährigen Kriege das Stammgut erwarb -und den Wahlspruch des Geschlechts prägte: Lorbeer und Land! - -Verschwunden ist plötzlich alle Müdigkeit! - -Der General wankt in seinem weiten Feldmantel durch die Räume, wankt, -schwankt, taumelt, aber er fühlt es nicht. Sein Mantel weht. Oft muß er -sich mit den Händen an der Wand stützen. Aber er fühlt es nicht. Für ihn -gibt es keine Wände mehr. - -Die Wände sind verschwunden, er blickt, weit, weit, unendlich weit! - -Er sieht -- oh, ungeheures Schauspiel: die Welt in Flammen! - -Ja, die Welt in Flammen! Europa, Asien, die Reiche der Mongolen, Afrika, -die Reiche der schwarzen Völker, Amerika, alles in Flammen! Und durch -Rauch und Flammen kriechen sie: sieh! Ja, sie sind es! Nun sind sie -Wirklichkeit geworden! Riesenhaft, Städte aus Stahl, Riesenkreuzer -kriechen durch den Rauch der brennenden Welt. Sie starren vor -Geschützen, sie werfen Flammen, bis hinter den Horizont schleudern die -Pumpen das brennende Öl. Ihre Schuppenräder zermalmen Städte und -zertreten Ströme. Ringsum funkelt der Horizont wie schwarze Kohle. Ein -brennender Kontinent schmilzt ins Meer. - -So! So! So! Ja, das waren sie! - -Aber nun kam sie selbst, die Armee, unendlich wie die Wellen des Meeres. -Regiment an Regiment, die Waffen klirren, so ziehen sie an ihm vorüber. - -Fester hüllt er sich in den Mantel. Eisig pfeift der Wind! Die Luft ist -gefroren, Eis, schon klafften Spalten in der Luft, wie in Gletschern, -aber die Armee marschiert. Ihr Schritt donnert. - -Da, da -- dort! - -Die Stadt! Dunkel, finster, qualmend. Und deutlich sind die roten -Flaggen zu sehen, die über der finsteren, qualmenden Stadt wehen. Ganz -deutlich! Frech flattern die Fahnen der Rebellen. - -Der General hebt die Hand -- Angriff! -- und die Armee, unendlich, -unübersehbar, wälzt sich der qualmenden Stadt entgegen. - -Eisig aber, entsetzlich eisig, scharf wie Gift bläst der Wind, und -dichter, immer dichter, hüllt der General sich in den Mantel. Schon -zerfrißt die Kälte den Stoff, Stücke lösen sich. Schon zerfrißt die -Kälte die Haut, die sich aufrollt, schon zerfrißt die Kälte die Lungen -. . . - - -10 - -Niki sang sein Morgenlied, aber der General erhob sich nicht. - -Eingehüllt in seinen grauen Feldmantel lag er da. Seine Augen standen -offen -- was sahen sie? - - * * * * * - -Endlos bewegt sich der schwarze Strom des Volkes dahin, langsam, die -roten Fahnen wogen. Die Musikkapellen spielen Trauerweisen, Bataillone -von Soldaten, Bataillone von Matrosen. Berge von Blumen. Unter diesen -Bergen von Blumen liegen die Opfer der Freiheitskämpfe. - -Zur gleichen Stunde setzte sich der mit schwarzen Tüchern behangene -Trauerwagen mit dem Sarge des Generals in Bewegung. Hauptmann -Wunderlich, in einem einfachen Soldatenmantel, an seinen Krücken -humpelnd, gab ihm das Geleite zum Bahnhof. Niemand sonst. Nein, niemand. - -Mitten in der Stadt gab es einen Aufenthalt. Der Wagen mit dem Sarge des -Generals war dem großen Trauerzug des Volkes begegnet, der die Stadt -überschwemmte. - -Unaufhörlich wälzt sich der dunkle Trauerzug dahin. Kaum ist eine der -ungezählten Kapellen außer Hörweite, so wird schon die folgende -vernehmbar. Stunden vergehen. - -Wunderlich setzt sich mit seinen Krücken auf die Straße. - -Ja, endlos, endlos, in Wahrheit! Ein Meer von Menschen wälzt sich -vorüber. Wogen von Blumen über dem wallenden Menschenmeer. Gleichmäßig, -ohne jede Eile, wandert der Schritt der Hunderttausend dahin, die Stadt -beginnt zu dröhnen, zu donnern -- - -Hoch über dem Strom der Köpfe aber zieht Ackermanns Geist dahin! - -»Mein Volk, meine Liebe und meine Sehnsucht fliegen vor dir her! Wirst -du auserwählt und berufen sein unter den Völkern der Erde? Sieh, wie sie -funkeln am Firmament des Gedankens, deine großen Geister, sie blicken -auf dich! Auf, auf! Auf den Weg . . .« - -Endlich wurde die Straße frei. Der mit schwarzen Tüchern behangene Wagen -mit dem Sarge des Generals setzte sich wieder in Bewegung, und -Wunderlich nahm seine Krücken und humpelte hinter ihm her. - -Schon dunkelte es, schon sanken die finstern Nebel über die Straßen. -Schon begann das Gewehrfeuer wieder zu knattern in der von Finsternis -erfüllten Stadt. - - Werke von Bernhard Kellermann - - Yester und Li - Roman / 142. Auflage - - Ingeborg - Roman / 100. Auflage - - Der Tor - Roman / 46. Auflage - - Das Meer - Roman / 76. Auflage - - Der Tunnel - Roman / 217. Auflage - - Der Krieg im Westen - Kriegsberichte / 20. Auflage - -Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 19]: - ... Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-a-vis de rien! ... - ... Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-à-vis de rien! ... - - [S. 38]: - ... das Reich Karls des Großen wieder errichten. ... - ... das Reich Karls des Großen wieder errichten.« ... - - [S. 50]: - ... Während der Tango kollerte, gurrte, kleine wolllüstige ... - ... Während der Tango kollerte, gurrte, kleine wollüstige ... - - [S. 65]: - ... auszudenken. -- ... - ... auszudenken. --« ... - - [S. 95]: - ... »Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr? ... - ... »Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr?« ... - - [S. 143]: - ... nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elend ... - ... nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elends ... - - [S. 179]: - ... der Hand, vor seinem Herrgott treten mußte. ... - ... der Hand, vor seinen Herrgott treten mußte. ... - - [S. 188]: - ... diese erschreckend realistische Aufnahme Besuchen zu zeigen. ... - ... diese erschreckend realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen. ... - - [S. 208]: - ... Haremsdamen, Odolisken in Seide, Tüll, Schleiern, ... - ... Haremsdamen, Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, ... - - [S. 328]: - ... es war ihm unmöglich gewesen, den bedingslosen Glauben ... - ... es war ihm unmöglich gewesen, den bedingungslosen Glauben ... - - [S. 366]: - ... für den Kognak! Es war ein Freude. Wir hatten zwei ... - ... für den Kognak! Es war eine Freude. Wir hatten zwei ... - - [S. 427]: - ... schmilzen. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die ... - ... schmelzen. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die ... - - [S. 434]: - ... sich, der Tritt der Hunterttausend, unter dem das ... - ... sich, der Tritt der Hunderttausend, unter dem das ... - - [S. 448]: - ... Ihre armselige Uniformen verbergen gräßliche ... - ... Ihre armseligen Uniformen verbergen gräßliche ... - - [S. 460]: - ... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengegedrängt ... - ... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrängt ... - - [S. 472]: - ... spielen Trauerweisen, Bataillone von Soldaten, Battaillone ... - ... spielen Trauerweisen, Bataillone von Soldaten, Bataillone ... - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der 9. November, by Bernhard Kellermann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER 9. NOVEMBER *** - -***** This file should be named 43333-8.txt or 43333-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/3/3/3/43333/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License available with this file or online at - www.gutenberg.org/license. - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation information page at www.gutenberg.org - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at 809 -North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email -contact links and up to date contact information can be found at the -Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For forty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
