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diff --git a/43333-0.txt b/43333-0.txt new file mode 100644 index 0000000..5d154fa --- /dev/null +++ b/43333-0.txt @@ -0,0 +1,17878 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43333 *** + + Der 9. November + + + Roman + von + Bernhard Kellermann + + + + + + + + 1922 + S. Fischer / Verlag / Berlin + + + + + 42. bis 51. Auflage + Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung + Copyright 1920 by S. Fischer, Verlag, Berlin + + + + + + +Erster Teil + + + + +Erstes Buch + + +1 + +Einige Ordonnanzen, die die Treppe emporeilten, blieben plötzlich wie +angewurzelt stehen, ein junger ordenglitzernder Hauptmann mit rosigen +Wangen, eben im Begriff sich zu schneuzen, verbarg in äußerster Hast das +Taschentuch, und nur einem Drillichkittel gelang es noch im letzten +Augenblick, in die Portierloge zu entkommen: oben auf der Treppe +leuchtete der hellrote Mantelaufschlag eines Generals. + +Mit breitem Steingesicht, den Blick verborgen in den grauen Augenhöhlen, +die massige Gestalt von schweren Gedanken eingehüllt, stieg der General +v. Hecht-Babenberg langsam und ohne jede Eile die breite Granittreppe +zum Foyer hinab. Die Augen der angewurzelten Ordonnanzen folgten +ruckweise jedem seiner Schritte, der junge ordenglitzernde Hauptmann mit +den rosigen Wangen erstarrte in seiner Verbeugung. + +Der General nahm nicht die geringste Notiz von ihnen. Ganz Kälte, ganz +Würde, ganz Sammlung schritt er zwischen ihnen hindurch. Seine +Lackstiefel blitzten, und ein feiner Parfümgeruch blieb hinter ihm +zurück. + +In diesem Augenblick stürzte der Portier aus seiner Loge und überreichte +dem General einen Brief. + +»Soeben abgegeben, Euer Exzellenz!« + +Zögernd trat der General unter die Bogenlampe, die aus der Decke des +Foyers herabhing. Der Umschlag des Briefes, dünn, ein ungewöhnliches, +giftiges Hellgrün, mißfiel, die Schrift. Er drehte den Brief mißtrauisch +zwischen den Fingerspitzen. Ganz offenbar empfand er es als eine +Verletzung der Achtung, die man seinem Range schuldete, ihm einen Brief +von derart geschmackloser, ja unangenehmer Färbung zu senden. Die Stirn +zuckte. Ohne Absender, eilt, persönlich -- + +Dann aber fuhr er entschlossen in den Pelz, unter den hellroten +Aufschlag, und holte den goldenen Kneifer hervor. Eine feine Ziegelröte +überzog langsam das breite Steingesicht, den Hals, der aus dem +gestickten Kragen hervorquoll, das knorpelige, große Ohr -- er faltete +den Brief zusammen und schob ihn unwillig in die Manteltasche. + +»Wer hat den Brief --?« + +»Ein Herr, ein älterer Mann -- soeben --«, stammelte der Portier und +schwankte bestürzt auf den dünnen Beinen. + +Der Portier, ein alter Mann, Veteran von 1870, allerlei Münzen und +Medaillen auf der Brust, kannte seine Leute. Schon an der Art, wie +Exzellenz den Brief zwischen den Fingerspitzen drehte, hatte er erkannt, +daß Exzellenz ungehalten waren. Aber dieser ältere Herr hatte solange +auf ihn eingeredet -- sein einziger Sohn -- eine Audienz, hm -- sogar +eine Zigarre -- und schließlich war es ja nur ein Brief, richtig +adressiert, wie täglich Dutzende in seiner Loge abgegeben wurden. + +»Ein älterer, etwas kleiner Herr, Euer Exzellenz. Vor zehn Minuten. Er +ist schon öfter hier gewesen und fragte nach Euer Exzellenz.« + +»Öfter hier gewesen?« + +»Ja, schon einigemal -- und -- ah, ah: da ist er ja -- an der Türe!« +rief der Portier plötzlich erleichtert aus. + +Ein kleines Gesicht von glänzender, stahlblauer Blässe, wie blauer +Schnee, hatte sich in diesem Augenblick der Scheibe der Türe genähert, +vorsichtig, spähend. Eine Larve eigentlich, kein Gesicht, eine +faustgroße Larve mit Gramfurchen und blinkenden Augen. + +Der General drehte den Kopf -- aber sofort prallte das kleine blaue +Gesicht wieder von der Scheibe zurück. Ein steifer Hut, ein Havelock +verschwanden in der tiefblauen Dämmerung. + +»Da -- nun läuft er.« Der Portier murmelte ärgerlich vor sich hin und +warf das Gewicht seines hageren Körpers gegen die schwere Türe. »Und mir +macht er Scherereien. So sind sie!« + +Ganz Kälte, ganz Würde und Sammlung schritt der General die Granitstufen +hinab, ohne einen Blick auf die Straße zu werfen. Ungeduldig surrte der +Motor der grauen Limousine. + +Der Wagenschlag klappte, der Portier machte seinen gewohnten tiefen +Bückling, und die Limousine flog dahin. + + * * * * * + +Der General vergrub das Kinn in den Pelz. + +»Dieser Schurke!« dachte er und das Steingesicht zitterte. »Aber es +sieht ihm ähnlich!« + +Die Augen in den tiefen Höhlen sprangen auf -- hier im dunkeln Wagen, wo +aufdringliche Blicke ihn nicht belauerten, konnte er getrost die Augen +öffnen -- es waren helle, große Augen, geschliffene Linsen. + +An der Ecke des großen roten Amtsgebäudes stand der kleine ältere Herr +im Havelock und zog den steifen Hut, als der Wagen des Generals +vorüberjagte. Sein Gesicht, blau wie Schnee, leuchtete, und auch seine +Glatze leuchtete blau. + +Tiefblau und glänzend wie Stahl sank die Dämmerung des nassen Wintertags +über Berlin. Die Scheiben des Autos glänzten, irgend etwas glitzerte +hoheitsvoll im Innern --. Da verschlang eine stickige Rauchwolke den +Wagen. Augenblicklich aber betrat der Mann im Havelock den Fahrdamm und +folgte dem Auto des Generals mit kleinen eiligen Schritten, als ob er es +einholen wolle. + +Die Limousine flog durch die dämmerigen Straßen und überspülte die +Fußgänger mit einer Welle von Schneewasser und Schmutz. In dem +Luftwirbel zwischen den hinterm Pneus tanzten schmutzige welke Blätter, +die aus dem Tiergarten herübergeweht worden waren, und ein +Zeitungsblatt, das ein Passant, in der Eile sein Leben in Sicherheit zu +bringen, verlor, rollte rasend hinterher. Bei den Kurven pflügten die +Hinterreifen breite Schlittenspuren in den klebrigen Schmutz. Die Hupe +dröhnte, die Marspfeife trillerte. Achtung! + +Die flüchtenden Fußgänger erblickten nichts als einen Pelz, eine Mütze +und, wenn sie Glück hatten, das leuchtende Rot des Mantelaufschlags. Ein +General! Einer von jenen Auserwählten, die die Schlachten schlagen, von +denen die Heeresberichte melden. Die Verwünschungen erstarben auf den +Lippen. Eine Ehre, sozusagen eine Ehre, beinahe vom Auto eines Generals +überfahren worden zu sein! + +Ecke Wilhelmstraße kroch ein Krüppel in Feldgrau durch den +Straßenschmutz, und die Limousine hätte ihn beinahe in Stücke gerissen. +Dieser Krüppel schleppte sich an zwei niedrigen Krücken dahin. Sein +Rückgrat war bis zur Erde gekrümmt und das zwischen den Krücken hängende +Gesicht streifte nahezu den Schmutz der Straße. Er bewegte sich nur +langsam vorwärts, indem er Krückstock vor Krückstock setzte, er ging auf +den Knien und schleifte die verstümmelten Fußstumpen hinter sich her. +Wie ein Hund, dem man die Sehnen der Hinterbeine durchschnitten, schob +er sich dahin. Während er aber vorwärts kroch, wurde sein ganzer Körper +von einem ununterbrochen entsetzenerregenden Zittern geschüttelt. + +»Sieh dich vor!« schrie der Chauffeur und bog in der letzten Sekunde +aus. + +Der Kopf des Krüppels schnellte zwischen die Schultern zurück, und die +mit schweren Nägeln beschlagenen Pneus der Limousine überspülten ihn mit +einer Woge von Schmutz. Er blieb auf schwankenden Krückstöcken mitten in +der Wilhelmstraße zurück, und als es ihm gelungen war, das von ewigen +Zuckungen geschüttelte Gesicht zu heben, bog die graue Limousine bereits +in die Linden ein. + +Eine Flut von hüpfenden Regenschirmen, blendende Pfützen, zwei +stahlblaue Omnibusschimmel, ein Schutzmann und wieder eine Flut von +hüpfenden Regenschirmen. Eine Stockung. Der Wagen zitterte von den +wütenden Schlägen des gedrosselten Motors. + +Die Augen des Generals glitten über die hüpfenden Regenschirme dahin, +über die eilenden Schattenwesen mit blauen Gesichtern und blauen Händen +-- gelangweilt, gleichgültig, ohne Anteilnahme. Obwohl nur getrennt von +diesen Wesen durch eine Glasscheibe, waren sie für den General +weltenweit entfernt, weltenweit -- diese Menschen mit Regenschirmen, +Gummischuhen, Mänteln, Bärten, Brillen . . . Sie erschienen +gewissermaßen unwirklich! Sie waren Chaos, Masse -- gärend von +sonderbaren, eigenwilligen Gedanken und unnützen, gefährlichen Trieben. +Sinnlos ihr Tun, unverständlich. Ohne Ideale, hohe Ziele, Hunger, +Sinnendurst, Geld -- ohne Zweck und Sinn. Unverständlich. Nichts als +rohe Masse, die die Berufenen willkürlich formten, das große Reservoir, +aus dem die Erkorenen schöpften nach ihrem Gutdünken. + +Die Welt des Generals war bevölkert von Wesen, die in Uniformen +gekleidet waren und mit einer Salve ins Grab gelegt wurden. Diese Wesen +bewegten sich nach bestimmten unverrückbaren Gesetzen. Sie kamen in +breiten langen Kolonnen einher wie die Brandung des Meeres, oder sie +standen still in Reih und Glied, zu Tausenden gestaffelt, wie aus Stein. +Ein Gebirge. Sie waren ohne eigenes Leben, ohne eigene Gedanken, ohne +Namen, ohne Gesichter, ohne Seele, von wenigen Auserwählten in Bewegung +gesetzt und mit Leben und Geist erfüllt. Sie waren mit einem Wort +Soldaten, Werkzeug in der Hand der Starken dieser Erde, die das Rad der +Weltgeschichte bewegten. Zuweilen fluteten unübersehbare Heerscharen, +alle im gleichen Schritt, durch seinen Kopf. Armeekorps, die wie ein +Bataillon in fehlerloser Geschlossenheit schwenkten, nach rechts, nach +links, um zu erstarren, wenn die Gedanken des Generals es wollten. +Zuweilen sah der General die ganze Erde davon erfüllt. Ungeheure +Menschenwellen wälzten sich quer durch Europa und ergossen sich in der +Breite des Urals in die endlosen Steppen Sibiriens. Eine Blutwelle in +den Gehirnwindungen des Generals ließ sie auferstehen und versinken +. . . + +Weiter! Die Gänge krachten, und wieder flog die Limousine dahin. +Hagelkörner prasselten gegen die Scheiben. + + * * * * * + +Dieser Schurke! dachte der General und rückte sich in der Ecke des +wiegenden Wagens zurecht. + +Durch einen Zufall -- übrigens einen merkwürdigen, fast lächerlichen +Zufall -- hatte er heute erfahren, daß eine Vermutung, die er schon seit +langer Zeit hegte, begründet war. Jener -- nun eben jener »Schurke«, wie +er ihn in Gedanken nannte -- der in der Umgebung der höchsten +Persönlichkeiten weilte, das Ohr der allerhöchsten Persönlichkeiten +besaß, jener Schurke hatte ihn auf das »tote Geleise« geschoben. Höchst +einfach! Und so erklärte sich alles, ja. + +Vor einem halben Jahr etwa hatte man dem Generalleutnant v. +Hecht-Babenberg, achtundfünfzig Jahre alt, plötzlich, ohne jede +Begründung, ohne jede Warnung, sein Frontkommando genommen und ihn zur +Bureauarbeit nach Berlin abkommandiert -- während draußen, wie er zu +sagen pflegte, die Kanonen Europa in Fetzen schossen und eine neue Welt +aus dem Blutmeer emporstieg. + +Unerklärlich, unfaßbar. + +Jüngere als er machten nun -- auch das ist ein Ausdruck des Generals -- +Weltgeschichte. Unbekannte, aus unbekannten Geschlechtern stiegen in die +Höhe. Es war die Zeit, um nicht zu sagen, Konjunktur, in die Höhe zu +steigen. Und wie viele unfähige Narren kannte er (der General liebte +starke Ausdrücke), Narren, die nicht imstande waren, ein Regiment durch +das Brandenburger Tor zu dirigieren, und die heute, gestützt auf +ausgesuchte Stäbe, Armeekorps führten. Er konnte, wenn man es wünschte, +ihre Namen nennen! Erst vor kurzem hatte einer seiner Bekannten, seiner +früheren Bekannten, besser gesagt, dreihundert Kanonen verloren -- um +daraufhin Gouverneur eines besetzten Landes zu werden. Es kam nur darauf +an, gute Freunde zu haben. Das war das ganze Geheimnis, nichts sonst. Er +hatte gegen die Russen eine Division geführt vor -- wie lange war es +doch her? -- vor drei Jahren und sich das persönliche Lob seines +Allerhöchsten Kriegsherrn erworben. Im Westen dagegen hatten seine +Ansichten mit denen der Obersten Führung nicht immer übereingestimmt. +Bei einem plötzlichen Angriff der Franzosen hatte er die Ansicht +vertreten, zu halten, koste es, was es wolle, während man »hinten«, wo +man alles besser wußte, der Meinung war, auszubiegen. Er hatte +allerdings etwas liegenlassen -- aber schließlich, was kam es auf diese +relativ geringfügigen Verluste und ein paar Minenwerfer an? + +Es war nichts -- man bedenke: im Vergleich zu dreihundert Geschützen! +Nichts -- + +Er würde heute, denn er konnte nicht gegen seine Überzeugung handeln, er +würde heute genau so verfahren, auf Ehre und Gewissen! In seinem +Abschnitt befand sich eine Höhe, die Höhe von Quatre vents, und es war +nur natürlich, daß er diese für den ganzen Abschnitt, ja für einen +großen Frontsektor wichtige Höhe nicht ohne weiteres preisgab. Dreimal +gab er Befehl, Quatre vents zu halten, koste es, was es wolle. Erst als +die Höhe vom Gegner flankiert war, gab er den Befehl zum Rückzug. Die +Loslösung glückte dann allerdings nicht ganz, zugestanden. + +Ein alltäglicher Vorfall -- ohne jede Bedeutung. + +Niemand würde -- + +Es war augenscheinlich: irgend jemand mußte die Hand im Spiel haben -- +irgend jemand, der ihm übel wollte. + +Er -- der das Ohr der höchsten Persönlichkeiten hatte --, jener +»Schurke«, mit einem Wort. + +Das Steingesicht geriet in Erschütterung: vor mehr als dreißig Jahren -- + +Aber plötzlich hielt das Auto. Es stand vor einem hellerleuchteten +Blumengeschäft. Der General erwachte. Ein Verkäufer schleppte soeben ein +Blumenarrangement, einen schweren Korb mit Maiglöckchen, an den Wagen. + +»Hierher!« rief der General und pochte an die Scheibe. Nässe und Kälte +kamen mit herein. Augenblicklich begannen die Blumen Duft und Frische +auszuatmen. + +»Lessingallee!« + +Die Limousine flog dem Westen Berlins zu. Die Federn knirschten. Bald +hielt der Chauffeur warnend die Rechte, bald die Linke hinaus -- die +Pfeife trillerte -- Schnelligkeit ist die Losung des Generals -- + +-- vor mehr als dreißig Jahren, hatte er, der General, ihm, eben jenem +einflußreichen Würdenträger, einen Streich gespielt, und damit hatte die +Animosität, um nicht Feindschaft zu sagen, ihren Anfang genommen. + +Es war auf einem Ball bei Baron Kreß. Eine junge Dame spielte eine Rolle +dabei, und damals war er, der General, der beste Tänzer in Berlin. +Damals wartete, gegen Morgen, ein Wagen vor der Treppe des Kreßschen +Palais. Eine Dame springt die Treppe herunter. Sie hat den Pelz eilig um +die Schultern geworfen. »Um Gottes willen,« ruft sie, »er hat mich +beobachtet, schnell.« Schon rollt der Wagen davon. Der Pelz ist von den +Schultern der schönen Dame gefallen, und er, der General, sagt: »Sie +werden frieren, meine Gnädigste!« Und er hüllt sie wie ein Kind in den +Mantel. Sie trägt eine ganz dünne Robe, und es kommt ihm vor, als ob sie +völlig nackt im Pelz stäke. Deutlich erinnert er sich dessen. Und er +erinnert sich, daß dieselbe Dame seinen Rivalen rachsüchtig genannt +habe, hüten Sie sich, er ist rachsüchtig! Welcher Instinkt, diese +Frauen! Und sie war fast noch ein Kind. + +Vor dreißig Jahren -- + +Hätte er damals ahnen können, daß sein Nebenbuhler sich einst bis zur +höchsten Stellung emporschwingen sollte! Vielleicht wäre er immerhin +etwas vorsichtiger gewesen, wer weiß es? Nicht ohne Grund hatte er +seinen Söhnen immer eingeschärft: Freunde zu werben. Freunde, schon in +der Kadettenanstalt. Denn Freunde waren im späteren Leben -- alles. +Nicht die Begabung -- welche Albernheit -- die Beziehungen waren alles. + +Plötzlich sieht der General die junge Dame vor sich im Wagen, als sei es +gestern gewesen. Jahrelang waren ihre Züge in ihm erloschen. Sie ist +gepudert und trägt ein Schönheitspflästerchen am Kinn. Ihre Augen sind +warm und leuchten eigentümlich aus der Tiefe. + +Diese junge Dame mit dem Schönheitspflästerchen, die er seinerzeit aus +dem Ballsaal entführte, wurde seine Frau. + +Lange, lange Zeit -- + +Der General öffnet den Mund und ringt nach Luft. + + * * * * * + +Aus dem hellerleuchteten Entree der roten Backsteinvilla, ganz mit Efeu +bewachsen, stürzt ein Diener in zebragestreiftem Kittel und öffnet den +Wagenschlag. + +»Herr General!« + +»Herr General?« + +Der General erhebt sich. Mit steifen Gliedern, den Rücken etwas gebeugt, +steigt er aus dem Wagen. + +»Frau v. Dönhoff empfängt?« + +»Gnädige Frau empfangen, obwohl gnädige Frau die Grippe hat.« + +»Wird es lange dauern, Petersen?« fragt der Chauffeur den Zebrakittel. +»Was ist denn los bei euch?« + +»Geburtstag. Die Gnädige hat Geburtstag.« Und der Zebrakittel eilt, den +Korb mit den Maiglöckchen auf den Armen, rasch in das hellerleuchtete +Entree, um Exzellenz beim Ausziehen des Mantels behilflich zu sein. + + +2 + +Frau v. Dönhoff -- die Dame der roten, mit Efeu bewachsenen +Backsteinvilla in der Lessingallee, dicht am Tiergarten, war eine +Blondine, nicht mehr in der ersten Jugend, von ihren intimen Bekannten +die schöne Dora genannt. + +Sie war mittelgroß, die schöne Dora, etwas üppig, kleine, zierliche +Füße, kleine, zierliche Händchen mit spitzen Fingern, große strahlende +Augen von herrlich leuchtendem, seltenem Blau -- der berühmte +Schriftsteller, der in ihrem Hause verkehrte, hatte die Farbe mit dem +Blau des Gebirgsenzians verglichen -- ein Paar reizender Grübchen, runde +rote Lippen -- ah, und Zähne -- schneeweiß! Sie lachte immer und bei +jeder Gelegenheit, das Lachen setzte ganz unvermittelt ein, sie lachte +in Skalen und Trillern, ein Geklingel war ihr Lachen. Es riß mit fort. +Und immer, schon im Bett am Morgen, hielt sie eine dicke Zigarette +zwischen den spitzen Fingern und qualmte. Sie rauchte auch auf der +Straße, während sie Butzi, einen belgischen Griffon, an die frische Luft +brachte. Das war die schöne Dora. + +Etwas umschwebte sie. Ein Glanz, ein Abglanz. Der Abglanz einer +Freundschaft, die sie vor ihrer Heirat mit einer Königlichen Hoheit +verbunden hatte. Dieser Abglanz war immer gegenwärtig. Hatte die +Königliche Hoheit wirklich diese schlanken ringgeschmückten Finger an +die Lippen gedrückt? Diese Grübchen bewundert, sich an diesem Lachen +erfrischt, diesen weichen, verschwenderisch reichen blonden Haarschopf +liebkost? Ruhten die Augen der Königlichen Hoheit auf diesen Schultern? +Immer, immer war Dora von diesem Abglanz umschwebt. Die Sonne war +untergegangen -- aber der Glanz lag noch in der Luft. + +Nunmehr war die Königliche Hoheit längst verheiratet, hatte drei Kinder. + +Dora aber hatte -- danach -- einen Freund der Königlichen Hoheit +geheiratet, den Hauptmann v. Dönhoff, einer der ersten Herrenreiter +Deutschlands, professioneller Schürzenjäger und Spieler, der in +kürzester Zeit zwei Vermögen durchbrachte, auch Doras Vermögen. Eines +Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-à-vis de rien! + +Mit einem Wort: dieser Hauptmann Dönhoff entpuppte sich als ein Lump +ersten Ranges, er betrog Dora schon am Hochzeitstage, so unglaublich es +klingt, und sie gab ihm nach kurzer Zeit den Laufpaß. Schon vor dem +Kriege trennte sie sich von ihm. Gegenwärtig lebte sie in Scheidung -- +oder war sie schon geschieden? Niemand wußte es, der Krieg hatte das +Interesse an den armseligen privaten Schicksalen in den Hintergrund +gedrängt. + +Der Herrenreiter und Spieler war Artillerist und lebte gegenwärtig bei +seiner Batterie im Westen -- irgendwo. Er ergraute bei seinen Kanonen, +in den Waldschluchten des Argonner Waldes oder in den Kalkhügeln der +Lausechampagne, sein Gesicht wurde gelb, pergamenten. Die Welt hatte ihn +vergessen, seine Damen -- nur die Gegenwart hat Macht. Ein einziges Mal +war er während des Krieges in Berlin aufgetaucht, ohne Dora zu besuchen, +es gab sofort wieder Skandal, eine Dame, ein Offizier -- immer die +gleiche Geschichte. Und er ergraute weiter bei seinen Kanonen. Seine +Schläfen waren schon ganz weiß. Zuweilen schrieb Dora an ihn, zuweilen +kam auch ein Brief aus dem Felde, und Petersen, der Diener, zeigte ihn +Frida, der Zofe, und flüsterte: »Von ihm!« + +Also, das war Dora und ihre Lebensgeschichte, in flüchtigen Linien +natürlich nur, und heute hatte sie die Grippe. + +Doras Haus war eine alte Villa, verbaut und immer wieder umgebaut, mit +Sälen und Zimmern, Nischen, Erkern, Korridoren, großen und kleinen +Treppen und Treppchen. Niemand, der nicht hier lange verkehrte, fand +sich zurecht. Dora hatte das ganze Haus in ein Teppichmagazin +verwandelt. Es gab keinen Quadratmeter, der nicht mit einem Teppich +belegt war. Es gab im Dönhoffschen Hause sogar etwas, was es nur selten +in Berlin gab, nämlich einen Raum, der ein vollkommenes Zelt war. Eine +Art arabisches Zelt, ganz aus Teppichen ausgebaut. Infolge der vielen +Teppiche roch es im Dönhoffschen Hause eigentümlich nach Staub. Dazu +hatte Dora das ganze Haus mit antiken Möbeln vollgestopft, Möbeln aller +Stilarten, mit Säulen aus Kirchen und grellbemalten oder vergoldeten +Heiligenfiguren. Alle Tische, Kommoden und Gesimse waren mit kleinen +Kostbarkeiten aller Art, mit Leuchtern, Schnitzereien, Waffen, +Miniaturen, Dosen derartig übersät, daß es unmöglich war, auch nur ein +Paar Handschuhe abzulegen, ohne irgendeine Kostbarkeit in Gefahr zu +bringen. Es war unmöglich, alle diese Dosen, Schnitzereien, Waffen und +Heiligen abzustauben. Und so sammelte sich immer mehr Staub an. An das +arabische Zelt stieß das Speisezimmer, ein riesiger Raum mit einer +Empore, zu der eine steile Rokokotreppe, gelb und rot bemalt, +emporführte. Dieser Raum war zurzeit schwer heizbar und beständig +strömte ein kalter Luftzug in das arabische Zelt hinein. Doras Haus +hatte aber noch eine Eigentümlichkeit: das waren die Lampen. Es gab kein +Haus in ganz Berlin, das so viele Beleuchtungskörper aufwies. Blaue, +grüne, gelbe, rote Ampeln, alle von ganz besonders erlesener Färbung, +Kronleuchter mit Dutzenden von Flammen, schwere Messingkronen mit halb +heruntergebrannten dicken Wachskerzen. Das arabische Zelt selbst wurde +durch eine polnische Synagogenampel beleuchtet. Es war ein +opalisierendes, bläuliches Licht, der Farbe von Zigarettenrauch ähnlich. +In der Ecke des arabischen Zeltes aber stand noch eine riesige +purpurrote Lampe, die auf eine vergoldete Barocksäule aus irgendeiner +Kirche montiert war. Neben dieser roten Lampe saß gewöhnlich Dora, sie +strahlte dann wie glühender Alabaster, während die andern wie Leichen +aussahen. Sie verstand ihre Sache. + +Zwischen diesen Teppichen und Lampen, sonderbaren Heiligen und +tausenderlei Krimskrams bewegte sich Dora, mit ihrem blonden Haarschopf, +ihren Grübchen und dem Glanz, der sie umschwebte. Niemand hatte Dora +jemals in schlechter Laune gesehen. Ihr Benehmen war immer gleich. +Jedermann fühlte sich wohl bei ihr. + +Nicht zu vergessen auch Doras Badezimmer, eine Sehenswürdigkeit -- ein +richtiges Treibhaus. + + * * * * * + +Sobald der General die rote Backsteinvilla betrat, kam das Steingesicht +in Erschütterung. + +Der General gehörte zu den Intimen des Hauses. Zweimal in der Woche, +Dienstag und Freitag, pflegte er bei Dora zu Abend zu speisen. Ohne +andere Gäste. + +Der Stein verwitterte im Lichte der Garderobenampel, er verwandelte sich +in Haut, in die Haut eines Menschen, der ewig von Zimmerluft umgeben +ist, und der -- vielleicht, nur eine Vermutung -- an beginnender +Sklerose der Arterien leidet. Die starre Leblosigkeit des Gesichts löste +sich. Es zeigte sich sogar, seht an, eine Spur von Farbe auf den breiten +Wangen, ein rötliches Violett, von feinem Geäder herrührend. Die ernsten +Gedanken, die den General einhüllten, zerflatterten, der etwas massige, +schwerbewegliche Körper schien elastisch und verjüngt. + +Es scheint ja nicht so schlimm zu sein, mit der Grippe, dachte er, als +Doras Lachen in die Garderobe drang. + +Die geschliffenen Linsen der Feldherrnaugen ruhten sogar einen +Augenblick leutselig auf dem Diener. Etwas Außergewöhnliches, denn der +General pflegte seine Mitmenschen nie anzusehen. -- Dann widmeten sie +sich mit rein menschlichem Interesse dem Studium einiger Gummischuhe, +die in der Garderobe standen. + +»Sind auch -- Damen hier, Petersen --?« + +»Frau Major Sterne-Dönhoff mit Töchtern.« + +Nichts haßte der General mehr als Ansammlungen von Menschen, mochten sie +groß oder klein sein; nichts fürchtete er mehr als Überraschungen -- es +war ja möglich, daß man ihm, ohne jede Vorbereitung, ixbeliebige +Menschen präsentierte, wie es ihm schon passiert war. So neulich bei +einem Militärattaché, wo unerwartet der Redakteur einer sehr +linksstehenden liberalen Tageszeitung auftauchte, ganz zu schweigen von +jenem Herrenabend bei Exzellenz v. Krämer, wo ein sehr orientalisch +aussehender Chirurg anwesend war, eine Berühmtheit, getauft -- aber +trotzdem. Er wünschte zu wissen, wer anwesend sein würde -- bei Dora +allerdings, wo er zweimal in der Woche zu Abend speiste -- machte er +eine Ausnahme. Er kannte Doras Kreis, nahezu wenigstens, und nur +zuweilen traf er hier irgendeinen Maler oder Schriftsteller, auf deren +Bekanntschaft er allerdings wenig Wert legte, um offen zu sein. Das war +indessen nicht zu ändern: Dora selbst war eine Art Künstlernatur. + +Der General strich den grauen Scheitel mit der Bürste zurecht, glättete +den dünnen grauen Schnurrbart, prüfte die Hände . . . + +Der General war das Bild der Akkuratesse selbst. Alles leuchtete und +glänzte an ihm, die Stiefel, die roten Streifen der Hosen, die +Ordensauszeichnungen, die langen polierten Fingernägel -- nur die Haut +des Gesichts war, wie gesagt, stumpf, von der Zimmerluft beschlagen. So, +genau so hatte er ausgesehen, als er sich in Polen mit den Russen schlug +-- in Frankreich, wo er in einem Chateau wohnte, war es ja schließlich +kein Kunststück. Er hatte sofort ein Bad einbauen lassen, das war das +erste gewesen, die Wanne wurde mit dem Auto aus Frankfurt geholt. + +Ohne jede Übertreibung, der General war noch heute eine stattliche +Erscheinung. + +Auch einige Offiziersmützen, drei im ganzen, hingen da. Er erkannte die +Seidenmütze seines Sohnes Otto, die eine ganz besondere Form hatte. +Offenbar machte er seinen Abschiedsbesuch; er mußte morgen wieder ins +Feld. Falten erschienen auf der breiten Stirn des Generals, verschwanden +aber sofort wieder. Er liebte es nicht, Otto oder Ruth, seine Tochter, +in Gesellschaft zu treffen. Er kam sich beobachtet vor, sie störten, mit +einem Wort. + +»Die Herrschaften sind im Zelt, Herr General.« + +»Schön« -- aber der General hielt den Schritt an und zog die Brauen in +die Höhe -- »eine Bürste, Petersen.« Der General hatte tatsächlich ein +Härchen auf seinem Ärmel entdeckt. + +»Es ist von Butzi, Herr General -- das ganze Haus ist voll von seinen +Haaren --« + +»Wie soll es denn von Butzi sein? Dann müßte es ja seit Dienstag -- +nein, das ist unmöglich, Petersen.« + +»Vielleicht war es im Mantel? Überall sind diese Haare --!« + +Petersen öffnete die Türe zu einem Vorzimmer. Hier brannte eine einsame, +hohe Wachskerze, zu Füßen eines verlassenen steingrauen Heiligen mit +zinnoberrotem Rock, der in Verzückung ein Buch schwang. Hierauf schlug +Petersen den Teppich zurück. + +Der Rücken des Generals, etwas zusammengesunken während der Unterhaltung +mit Petersen -- ob das Haar von Butzi stammte oder nicht -- straffte +sich. + +»-- sollten sich aber wirklich schonen. Zum Beispiel, das Rauchen --« + +»-- es ist ja gar nicht die Grippe.« + +»-- täglich sterben Hunderte --« + +Dora lachte: »Sie wollen mir Mut machen, Otto!« + +Und Petersen schlug den zweiten, gelbseidenen Vorhang zurück. + +Augenblicklich stürzte der belgische Griffon kläffend heraus. (Er war +mit Exzellenz verfeindet!) + +Die Offiziere schnellten von ihren Sesseln empor. + + * * * * * + +Dora trug die kleinen mattgelben Perlen in den Ohren, nicht die Boutons, +die von früher stammten! Der General sah es auf den ersten Blick. + +Mit aufgehellter Miene, soweit sie sich aufhellen konnte, trat er ein. +Selbst seine Augen verloren ihre Strenge, aber sie blieben trotzdem -- +kalt. + +Dora glühte im Schein der großen Purpurlampe, ihre Arme und Hände +leuchteten wie Korallen, und in ihrem durchsichtigen feinen Ohr +schimmerten in der Tat kleine gelbe Perlen. Aus dem Halbdämmer des +Zeltes hoben sich die drei schwarzgekleideten Damen Sterne-Dönhoff, +schmal, steif, todernst. (Major Sterne-Dönhoff war vor einem halben Jahr +gefallen.) Aus einem Spiegel funkelten bleiche Gesichter, fahl im +Scheine der blauen Ampel. Diese Gesichter verwirrten den General, so daß +er seine Gratulation etwas steifer und förmlicher vorbrachte, als er es +wünschte. + +Erst jetzt bemerkte er, daß Hauptmann Wunderlich, einer der drei +anwesenden Offiziere, ein Freund des Dönhoffschen Hauses, noch immer +stand. Er hielt sich an den Lehnen des Sessels aufrecht, denn er war +lahm geschossen und ging an Krücken. + +Erst jetzt bemerkte er die zarte, ätherische Dame mit dem langen +Gesicht, die Kinn und Näschen in den Muff drückte, neben Dora saß sie +auf dem Diwan -- ah, welche Überraschung, welch freudige und ungeahnte +Überraschung! + +»Es ist in der Tat kein Scherz, gnädige Frau, mit dieser Grippe --« + +»Ich hörte es von einem Krankenhausarzt -- einhundertvierzig Tote +gestern -- und wie gesagt, gar keine Grippe, sondern die Lungenpest --« + +»Man sagt es ja nur, man schwätzt --« + +»Derselbe Arzt versicherte es mir. Die Lungen sind völlig mit weißen +Bläschen bedeckt und vereitert.« + +»Es sind einfache Streptokokken.« + +»Ja, nun, Sie sagen einfache --« + +»Und Pest? Auch Pest ist nur ein Wort.« + +Vorlaut, immer ist dieser Junge vorlaut, dachte der General. + +Otto, der Sohn des Generals, sprach mit lauter, heller Stimme, die stets +etwas keck klang, selbst wenn er die harmlosesten Dinge sagte. Er sah +seinem Vater auffallend ähnlich. Groß, das gebräunte Gesicht breit und +brutal, die Augen hell und verwegen, aber voller Unruhe. An der Stirne, +dicht neben den blonden, glänzenden Schläfenhaaren, hatte er eine Narbe, +die von einem Kopfschuß herrührte, den er im Mai 1915 bei Ypern erhielt. +Damals lag er ein halbes Jahr im Lazarett -- aber so gering war die Eile +der internationalen Generalität, daß er sein Regiment im Herbst noch an +genau derselben Stelle vorfand, wo man ihn im Frühjahr weggetragen +hatte. Er saß mit einer gewissen Ungeniertheit (die dem General mißfiel) +im Sessel, frei und selbstgefällig, die Brust voller Auszeichnungen -- +im Gegensatz zum jungen Heinz Sterne-Dönhoff, der, ganz wie seine +Schwestern in Schwarz, bescheiden und steif dasaß. Dieser Heinz war noch +ein Knabe, schlank und zart, noch nicht neunzehn Jahre. Er trug Feldgrau +und -- seit heute -- das Abzeichen des Flugzeugführers. Er war indessen +noch nicht im Felde gewesen und lebte in der beständigen Angst, der +Krieg könnte zu Ende gehen, bevor die Reihe an ihn käme. Er hatte den +roten Mund eines Knaben, noch umschwebt vom Lächeln der Kindheit. +Unausgesetzt waren seine blauen, strahlenden Knabenaugen voller +Ehrfurcht auf den General gerichtet, auf seine Ordensschnalle, den +gestickten Kragen und das weiße große Emaillekreuz, das er am Kragen +trug. Was für ein Orden mochte es wohl sein? Seit dem Eintritt des +Generals öffnete er den Mund nicht mehr, die Nähe eines so hohen +Vorgesetzten bedrückte ihn. Er saß, bereit, jeden Augenblick +aufzuspringen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dem General +einen Dienst zu erweisen. + +Mit großen grauen, etwas düsteren Katzenaugen saß neben Dora Hauptmann +Wunderlich. Blaß und mager, sah er aus wie ein achtzehnjähriger +Gymnasiast, der über Nacht ergraut war. Er lächelte nie, und wenn er -- +selten, ganz selten -- einmal lächelte, so war es das Gespenst von einem +Lächeln, das niemand ertrug. Seine gleichmäßige Miene forderte indessen +auf, sich nicht im geringsten durch ihn stören zu lassen. Der Blick +seiner Augen glitt in die Ferne. Auch während er sprach, schien er zu +Leuten irgendwo in der Ferne zu reden und nicht zu den Anwesenden. An +seiner linken, mit einem goldenen Armband geschmückten Hand fehlten +einige Finger. + +Hinter seinem Sessel lehnten die Krücken, womit er sich, nur mit einem +Fuß den Boden berührend, wie eine Glocke dahinschwang. Hauptmann +Wunderlich war schon in den ersten Wochen des Krieges durch einen +schweren Brustschuß außer Gefecht gesetzt worden. Ein Jahr später wurden +ihm in Rußland beide Beine zerschmettert. Hierauf ging er zur +Fliegerwaffe über. Er war heute einer der bekanntesten Menschenjäger in +der Luft. Er wurde in die Maschine gehoben. + +Frau v. Sterne-Dönhoff mit ihren Töchtern, aus dem Halbdämmer sich +abhebend -- mit flachen Hüten, enganliegenden Kostümen, langen +Gesichtern, steif, still, langweilig. Nur selten warfen sie ein Wort in +die Unterhaltung. Sie trugen schwarze, sehr enge Glacéhandschuhe. + +Und jene andere Dame, die Ätherische, die Kinn und Nase in den Muff +drückte und neben Dora auf dem breiten Diwan saß, die spitzen Knie +hochgezogen? Jene Dame, über deren Besuch der General so erfreut und +überrascht war? + +Es war eine Gräfin Heller, soeben aus der Schweiz zurückgekommen. Gräfin +Heller war Spiritistin, Theosophin -- alles Dinge, die den General nicht +im geringsten interessierten. Sie war darüber hinaus die Schwester jenes +-- eben jenes »Schurken«, wie ihn der General in Gedanken nannte. Jener +einflußreichen Persönlichkeit, deren Name in der Gesellschaft nur +flüsternd ausgesprochen wurde. Seine Majestät hat ihm höchst eigenhändig +-- wissen Sie . . . Der General hatte nicht ahnen können, sie hier zu +treffen. Solche Zufälle gibt es! Aber vielleicht hatte Dora ihre Hand +dabei im Spiel? Dora, die mit ihrem künstlerischen Naturell auf +rätselhafte Weise die Gedanken ihrer Mitmenschen erriet und alles so +wunderbar zu arrangieren verstand? Wie? + +»Ich hatte in der Tat nicht vermutet, Gräfin, Sie heute zu sehen!« +wandte sich der General mit allen Zeichen der freudigen Überraschung, +die bei jeder Anrede neu auflebte, an sie. »Sie waren lange weg. Wie +gefällt es Ihnen wieder in Deutschland?« + +Gräfin Heller lächelte und schob Butzi ein Stückchen Torte zwischen die +scharfen, schneeweißen Zähnchen. »Ich finde es ent--setz--lich!« + +»Ah, ah!« + +»Ein Friedhof!« + +Der General lächelte nachsichtig. Bei einer Dame des hohen Adels, des +höchsten Adels, der Schwester einer solch hochgestellten Persönlichkeit, +mußte man wohl einige Wunderlichkeiten in Kauf nehmen -- noch dazu bei +einer Dame, die mit dem Geist Friedrichs des Großen in okkulter +Verbindung stand. + +In diesem Augenblick überbrachte Petersen ein Telegramm. Dora errötete, +als sie es öffnete. Es enthielt nur wenige Worte, wie man sehen konnte. + +Der General ahnte: es kommt aus dem Felde! + +Die Unterhaltung geriet ins Stocken. + + +3 + +In der Tat, das Telegramm -- das Dora lässig zusammenfaltete und in eine +kleine japanische Lackschale legte -- kam aus dem Felde. Hauptmann +Dönhoff hatte es heute morgen abgeschickt, und eben jetzt dachte er, ob +das Telegramm wohl schon angekommen sei. Beinahe nämlich hätte er Doras +Geburtstag vergessen. Erst in der Nacht, als er durch einen +dumpfkrachenden Einschlag geweckt wurde, war es ihm eingefallen und er +hatte sich sofort eine Notiz gemacht. Sein Gedächtnis war im Laufe der +Kriegsjahre völlig geschwunden. + +Er saß mit seinem Adjutanten Kammerer in seinem Unterstand, zwei Meter +unter der Erde, mitten in den Finsternissen des Argonner Waldes. Eine +kleine Petroleumlampe, ein eiserner Ofen, der immer glühte, ein +Telephon, zwei Pritschen und allerlei Gerümpel, das war die Ausstattung. +Die Wände schwitzten von Nässe. Kammerer war eifrig damit beschäftigt, +seine kurze Stummelpfeife zu reinigen. Er bediente sich einer +Krähenfeder, die er -- da draußen -- gefunden hatte. Dönhoff, der +Batteriechef, tat gar nichts, er gähnte zuweilen, gähnte. Er war nicht +schläfrig, sondern nur müde, immerzu müde. + +In der Ferne brummte ein schweres Geschütz. Ganz deutlich war sein +tiefes mächtiges Raubtierknurren aus dem Lärm, dem Knacken und Donnern +der fernen und nahen Geschütze herauszuhören. + +Hauptmann Dönhoff hob horchend das gelbe Gesicht. + +»Hören Sie? Da ist er wieder!« + +Der junge Offizier blickte nicht auf, er war voller Andacht bei der +Arbeit. + +»Er schießt jetzt wieder öfter mit dem schweren Geschütz«, erwiderte er +leichthin. »Sie haben mehr Munition.« + +Die Erde zitterte, und ein lautes Krachen ertönte, Hauptmann Dönhoff +lachte belustigt. »Da, da,« sagte er, »er streut jetzt unsere Kuppe ab.« + +Kammerer antwortete hierauf nichts mehr. Er blies voller Anstrengung in +das verstopfte Pfeifenrohr. Der braune Tabaksaft quoll heraus, aber, der +Teufel, immer noch mußte etwas im Rohr stecken. + +»Sie sollten einen Draht nehmen, Kammerer.« + +»Es muß auch so gehen --« + +Wieder gähnte Hauptmann Dönhoff. Seine Zähne waren gelb und schlecht +gepflegt. + +Hier in diesem verfluchten Wald wurde man, mit Respekt zu sagen, langsam +zu einem Schwein. Über ein Jahr lag er mit seiner Batterie an der +gleichen Stelle. Neulich sah es so aus, als ob sie nach der Champagne +kommen sollten -- aber es war wieder nichts daraus geworden. Auch die +Champagne war kein Paradies, aber es gab wenigstens Licht dort -- hier +war es immer düster. + +Tag und Nacht hallte dieser finstere Wald wider von einem unheimlichen +Dröhnen und Rasseln, Lachen, Niesen und Husten. Tag und Nacht strichen +winselnde und klagende Stahlvögel über ihn dahin, und das Rasseln der +Maschinengewehre hämmerte hundertfach verstärkt in den Waldschluchten -- +bis plötzlich alle Lärme von einem einzigen großen Lärm sekundenlang +übertönt wurden. Gestern ist die Eiche vor dem Unterstand zersplittert, +heute stürzte eine hohe Tanne zu Boden. Die Splitter leuchten in der +Finsternis. Der Regen rauscht, Ströme von Lehm fließen die schmalen +Knüppelwege hinab, die die Soldaten durch das Dickicht geschlagen haben. +Zuweilen trifft man auch ein menschenähnliches Wesen, bis an die Augen +mit Lehm beschmiert. Zuweilen schleppen sich auch Trüppchen von +Gespenstern, mit blutigen Binden an Köpfen und Armen, die Knüppelwege +hinunter -- nein, pfui, der Wald ist kein Platz für einen Gentleman! + +Hauptmann Dönhoff denkt an Sonne -- an eine Wüste, in der Sonne, +flimmernd von Licht, zitternd, vibrierend vor Hitze. Es würde ihm direkt +Vergnügen machen, einmal tüchtig in der Sonne zu schwitzen. Und +plötzlich kommt ihm Dora in den Sinn. Das Telegramm mußte nun wohl da +sein. Langsam kriechen die Gedanken. + +»Kannten Sie nicht General v. Hecht-Babenberg, Kammerer?« + +»Welchen Babenberg?« + +»Nun, den, wissen Sie -- man hat ihn nach Hause geschickt --« + +»Nie gesehen. Weshalb fragen Sie?« + +»Ich dachte gerade an ihn -- nur so --« + +Was will er? dachte Dönhoff und erinnerte sich an das, was man ihm +berichtet hatte. Was beabsichtigt er? Dora? Erwachsene Kinder -- man +kann nie wissen. Dora drang darauf, daß er bald nach Berlin käme -- es +fehlte noch eine Unterschrift in der Urkunde -- gut, an ihm sollte es +nicht liegen. + +Kammerer strahlte. Plötzlich pfiff die Luft durch das Pfeifenrohr. »So, +das Kind hat Luft --« + +Das Telephon tutete. Die Beobachtung meldete, daß der Feind in der neuen +Sappe unverschämt arbeite. + +Schon trillert Kammerers Pfeife draußen im Wald. Die Geschütze der +Batterie Dönhoff sind über eine weite Strecke verteilt und erst zu +erkennen, als die dunkeln Rohre sich plötzlich bewegen. Hier im Wald ist +es schon ganz düster, aber draußen bei der Beobachtung sind im +Scherenfernrohr noch deutlich die Nebelgestalten zu unterscheiden, die +dicht am Waldrande bei Boureuille Erde aufwerfen. + +Da donnern auch schon die Geschütze. Wütend, mit kurzen harten Schlägen, +und das Echo rollt breit und drohend dahin. Die Petroleumlampe schwankt, +während Hauptmann Dönhoff müde die Augen schließt und gähnt. + +Nun rieselt es draußen im Wald wie Regen. Die welken Blätter, die noch +an den Bäumen hängen, fallen, von den Luftwirbeln losgerissen, zu Boden. + + * * * * * + +»Und Ruth? Wo ist Ruth?« fragte Gräfin Heller. »Weshalb ist sie nicht +gekommen?« + +»Sie hat immer mit ihrer Küche zu tun.« Ruth, die Tochter des Generals, +arbeitete in einer Mittelstandsküche, ehrenamtlich natürlich, nicht +gegen Bezahlung. + +»Ruth war heute vormittag bei mir«, warf Dora ein. + +Verführerisch war Doras Teetisch gedeckt, Blumen, Kuchen, Konfitüren. + +»Wann wird die Hochzeit sein?« Ruth war mit einem Baron Dietz, einem der +reichsten pommerschen Grundbesitzer, verlobt. Er war zurzeit in Bukarest +bei der Verwaltung. + +»Ich weiß es nicht«, erwiderte der General und schüttelte den Kopf. »Im +Sommer wahrscheinlich. Ruth hat Lust, bis zum Frieden zu warten, wie mir +scheint. Ich kümmere mich grundsätzlich nicht um die Angelegenheiten +meiner Kinder --« + +Butzi, einem alternden übellaunigen Löwen lächerlichen Formats ähnlich, +saß auf dem Schoß seiner Herrin und betrachtete aufmerksam, mit +nachdenklich gekräuselter Stirn den General, seinen Feind, dessen +blanken Stiefeln nahezukommen gefährlich war. + +Krieg, Nahrung, Politik -- in jeder Gesellschaft, sobald nur zwei +Menschen zusammentrafen, versank man rettungslos augenblicklich in das +gleiche Thema. Verzweifelte Anstrengungen, die Blicke glitten in die +Ferne, ein Lächeln versuchte die Mienen zu verklären -- gewiß, es gab +Himmel und Hölle im menschlichen Herzen, Engel und Teufel wandelten auf +der Erde, bestechend durch ihre Liebe und ihre Kraft, ewig +unergründliche Probleme bewegten unsichtbar die Jahrhunderte -- immer +noch flog die Sonne, ein Ball überhitzter Gase, samt ihren winzigen +Planeten mit der Geschwindigkeit von zwanzigtausend Sekundenmetern, +unfaßbar, dem Sternbild der Leier zu -- immer noch war das Einfachste +nicht ergründet, die Vergangenheit rätselhaft, die Zukunft +undurchdringlich, die Gegenwart unbegreiflich, immer noch schaukelte der +Mensch, ein Atom, nicht einmal ein Atom, über den Abgründen der +Mysterien, voller Entsetzen, voller Hoffen -- immer noch war alles +geheimnisvoll, unfaßbar. Noch immer versank der Mensch jede Nacht in +einen erschreckenden Zustand der Bewußtlosigkeit. Noch immer war die +Liebe, die mütterliche, unbegreifliche, offenbart im winzigen Insekt, in +Doras Lachen und selbst in den ernsten Gesichtern der Damen +Sterne-Dönhoff -- noch immer war sie allgegenwärtig -- gewiß! Aber doch +-- gänzlich hoffnungslos. Es war wie die Verdammnis selbst! Das +verklärende Lächeln erlosch, der Blick flüchtete erschrocken zurück -- +nichts blieb: Politik, Krieg, Nahrung. + +Das politische Schicksal -- die Summe der menschlichen Schwächen und +Irrtümer -- hatte die Gedanken versteinert. Die Staubschicht der +Schlachtfelder, die bis an die Grenze der Atmosphäre hochstieg, lastete +wie ein Gebirge auf den Gehirnen, vom Atlantik bis zum Pazifik -- die +Gehirne bewegten sich nicht mehr. Butzi allein führte sein eigenes +geistiges Leben weiter. Weshalb, zum Beispiel, durfte man den Hosen mit +den roten Streifen nicht zu nahe kommen? Weshalb zuckte die +Stiefelspitze, wenn man mit der Zunge den Glanz der Stiefel berühren +wollte? Antworte, gerechter Himmel! Wonach roch er? Nach, um es kurz zu +sagen, Gleichgültigkeit und Verachtung. Er liebte Hunde nicht. Und +plötzlich, ohne es selbst zu wollen, knurrte Butzi, ohne zu wissen, was +er tat und weshalb plötzlich der Zorn in seinem kleinen Stahlherzen +klopfte. + +Butzi bekam sofort eine Ohrfeige. Aber das nahm er nicht übel. Denn es +war ja seine Herrin, deren Lachen er liebte, deren Geruch er liebte -- +sie, die Freundschaft fühlte für die Hunde, Liebe. Die Wohltäterin und +Heilige -- obschon diese kläffenden Ungeheuer sie vielleicht für +verworfen hielten -- für schamlos -- für . . . + +Nein, Butzi verstand die unartikulierten Laute dieser kläffenden +Ungeheuer nicht. Er begriff ihren Eifer nicht, ihre Erregung. Offensive, +die bevorstehende große Offensive -- der Entscheidungsschlag. +Unbegreiflich! Der Herr mit den roten Streifen glaubte nicht an die +Amerikaner, und die Damen lächelten. Wie beliebt? Bluff, mit einem Wort. +Er gestand, daß er besorgt war -- besorgt, nicht mehr! Hätten sie sich +auf Spezialwaffen beschränkt -- Fliegertruppen, Automobilkorps, +Artillerie -- er hätte vor Angst gefiebert. Aber eine Armee? Unmöglich! +Woher das Offizierkorps nehmen? Nun, die Rüstungen galten ja gar nicht +uns! Nein! Der größte und geschickteste Bluff der Geschichte. + +Hier wollte Otto etwas einwerfen, aber der General wandte ihm den Blick +zu, und er schwieg. + +Und die Transportfrage, ich bitte? Willkommene Beute für unsere U-Boote, +so sagte der Minister. + +Die Damen hingen an den Lippen des Generals. Ihr Atem ging plötzlich +leichter. Gräfin Heller beliebte die Zwischenfrage: ob das Volk -- so +ganz im allgemeinen --? + +Der Herr mit den roten Streifen runzelte vorwurfsvoll die Stirn. Dann +lösten sich seine Züge zu beschämender Zuversicht. + +»Ein kleines Beispiel nur, wenn die Damen gestatten wollen -- wie +herrlich dieses Volk ist. Einer meiner Burschen, er begleitete mich +durch den ganzen Feldzug, Jakob mit dem Familiennamen, ein Bauernsohn. +Ich frage ihn, ob er nicht gerne wieder dabei wäre, da draußen, wenn es +nun wieder losgeht? Natürlich möchte er das! Er strahlt über das ganze +Gesicht! Sie sollten dieses Strahlen gesehen haben, Gräfin! Aber, sage +ich, höre, wenn ich dich nun hier brauche? -- Langes, tiefes Sinnen. Das +echt deutsche tiefe Sinnen! -- Dann bleibe ich bei Herrn General! -- +Gräfin, zwei der augenfälligsten deutschen Charakterzüge mögen Sie in +dieser kleinen Szene erkennen: die dem Deutschen angeborene +Kampfesfreude und seine Mannestreue --« + +Die Gräfin blinzelte lächelnd mit den gepuderten Wimpern. Immer noch +spricht der General. Jedes seiner Worte atmet Zuversicht. Heute abend +wird Gräfin Heller jede Einzelheit des Gesprächs jener einflußreichen +Persönlichkeit berichten. Jedermann weiß das. Der hohe Würdenträger ist +vorzüglich informiert über die Meinungen aller Persönlichkeiten, die +eine Rolle im öffentlichen Leben spielen. Sein Lächeln ist -- tödlich. +Ein anerkennendes Wort seiner schmalen Lippen mehr wert als eine +gewonnene Schlacht. Sehr wohl weiß der General, daß man _dort_ nur einen +gesunden Optimismus liebt. + +Butzi ringelte sich resigniert auf dem warmen Schoß der Herrin zusammen. + +Reserven, ungeheure Reserven. Gestaffelt bis Frankfurt, Mainz, selbst +Münster ist Etappe. Alles was in Rußland war -- die neuen Mannschaften +-- eine Millionenarmee, furchtbar und stark wie am Anfang des Krieges. +Wie eine unheimliche Flutwelle wird die Armee vorrollen, alles +niederwerfend -- + +Eine andere, etwas hellere und weniger trockene Stimme sprach nunmehr. +Es war der Mann mit den Krücken. Die Augen der Majorin Sterne-Dönhoff +leuchteten. Die Gräfin schlürfte blinzelnd den Tee. + +Ja, das Gas! Das Gas wird der Armee den Weg bereiten! Das fürchterliche +Gelbkreuz und Blaukreuz. Es zerfrißt die Gasmasken, selbst Leder, jede +Berührung, auch die kleinste, ist tödlich. + +Die Gesichter strahlten, schon röteten sich die Wangen der Schwestern +Sterne-Dönhoff und des jungen Heinz wie im Fieber. Der General blickte +mißtrauisch zum gelbseidenen Vorhang. Ob nicht ein Lauscher in der Nähe +sei, ein Dienstbote vielleicht. Er fand es im höchsten Grade +unvorsichtig von Hauptmann Wunderlich, über diese geheimen Dinge so +unumwunden zu sprechen -- obschon man ja, gewissermaßen, unter sich war. + +Butzi war endlich eingeschlafen. + +»Gebe Gott, daß es zu Ende geht«, sagte Gräfin Heller mit einem tiefen +Seufzer. »Ich möchte reisen!« + +»Aber Sie können doch, Liebste? Sie reisen ja ununterbrochen!« + +»Ich möchte nach Paris reisen!« + +»Nach Paris!« + +Aber augenblicklich hatte der General seine Fassung wieder gefunden. Er +beugte sich vor. »Sie werden nach Paris reisen, Gräfin!« versichert er +mit Feierlichkeit in der Stimme. »Ich gebe Ihnen mein Wort!« + +»Ich werde -- Herr General?« + +»Ja«, fuhr der General mit derselben Feierlichkeit fort. »Paris und +Calais werden fallen, Gräfin, die Trümmer der englischen Armee werden +ins Meer geworfen -- im Sommer werden wir in Paris den Frieden +diktieren. Dies ist meine heilige Überzeugung!« + +»Gott segne Sie, General!« Gräfin Heller zog die kleine Hand aus dem +Muff und streckte sie lachend dem General entgegen. + +Diese kleine Unterbrechung -- während sich der graue Scheitel über die +kleine Hand beugte -- benutzte Otto. Er erhob sich rasch, und auch Heinz +schnellte in die Höhe. Die beiden jungen Offiziere verabschiedeten sich. + +Butzi erwachte, überzeugte sich, gegen den General schielend, daß er +noch blieb, und ringelte sich, ergeben in sein Schicksal, wieder +zusammen. + + * * * * * + +Otto beugte sich über Doras Hand, die wie eine Koralle blühte, und seine +hellen verwegenen Augen -- doch Dora wehrte lächelnd seinen Blick ab. + +»Leben Sie wohl, Otto -- auf gesunde Wiederkehr!« sagte sie, und ihre +Grübchen schimmerten. -- + +»Ich hatte noch gar nicht Gelegenheit, Gräfin -- mich nach dem Befinden +Seiner Exzellenz zu erkundigen -- ich darf doch hoffen, daß Seine +Exzellenz --« Die Stimme des Generals sank zu einem ehrfurchtsvollen +Raunen herab. + +»Seine Exzellenz waren vor kurzem in ernster Lebensgefahr. Der Hofzug, +wissen Sie -- und ein feindlicher Flieger -- eine Bombe -- aber Gott sei +Dank passierte nichts. Die Bombe traf, leider, einen Lazarettzug -- die +Armen --.« Die Gräfin aber hatte alles gefühlt. Zur selben Stunde +erwachte sie, im Traum erschreckt durch einen Feuerschein. So +geheimnisvoll innig war die Verbindung zwischen ihr und ihrem Bruder. + +Das Gesicht des Generals zeigte äußerste Bestürzung. + +»Ist es möglich -- eine Bombe -- und man erfährt es jetzt erst --? +Wann?« + +»Vor etwa zehn Tagen.« + +»Vor zehn Tagen! Und man -- haben Sie gehört, Dora?« + +Der General konnte es gar nicht fassen. + + +4 + +Die beiden jungen Offiziere eilten mit raschen Schritten die nasse +dunkele Straße entlang. Beide waren verabredet, mit den Schwestern Klara +und Hedi Westphal, die zu Doras Kreis gehörten. Übrigens wußte keiner +von des andern Rendezvous. Das ganz nebenbei. + +Otto schlug den Kragen des Mantels hoch und fluchte. + +»Furchtbar, entsetzlich!« + +»Wie beliebt?« + +»Einfach entsetzlich!« + +»Sie meinen, Otto?« + +»Dieses Geschwätz! Diese Teegesellschaft! -- Ich gehe übrigens links, +Heinz. Ich muß zum Kaiserhof.« Otto machte erneut den Versuch, Heinz +abzuschütteln, weil er allein sein wollte. Was ahnte dieser Knabe --? + +Aber Heinz verstand ihn nicht. »Es ist einerlei, wo ich einsteige. Das +heißt natürlich, wenn ich lästig bin?« + +Heinz hatte Mühe mitzukommen, denn Otto machte rasende Fahrt. Mit Genuß +atmete er die feuchte Luft ein, die aus dem Tiergarten in alle Straßen +dieses Viertels strömte. Welcher Qualm bei Frau v. Dönhoff! Dora rauchte +englische, etwas parfümierte Zigaretten, sie bekam sie jetzt noch -- +woher, das war rätselhaft, aber sie bekam sie jedenfalls. Auch Heinz war +glücklich, Doras Salon entronnen zu sein. Die Nähe des Generals hatte +ihn bedrückt. Er hatte auch nicht den Mund aufgetan und war sich albern, +kindisch und ungeheuer dumm vorgekommen. Die Ordenssterne des Generals +und besonders der gestickte Kragen (war ein Komet darauf gestickt oder +was sonst für eine sonderbare Sache?) hatten seine Phantasie verwirrt. +Glücklicherweise, ja, es war in der Tat ein Glück, hatte ihn der General +gar nicht beachtet. Nur bei der Begrüßung hatte er ihm flüchtig die Hand +gereicht und ihn mit jenem raschen Blick gestreift, mit dem hohe +Offiziere Untergebene in Gesellschaft begrüßen: kameradschaftlich, +verstehst du, aber welche Distanz! Übrigens, diese Hand des Generals, +sie war stählern und -- eisig kalt. Nie würde er diesen Händedruck +vergessen. Schon aber kehrte seine alte Sorge zurück. + +»Glaubt Ihr Herr Vater wirklich, daß wir im Sommer in Paris sein +werden?« wandte er sich hastig an Otto. + +Otto fuhr aus seinen Gedanken auf. Er war so zerstreut, daß er einen +Augenblick stehenblieb. Dampfsäulen fuhren aus seinem Mund, so schnell +atmete er, es war kalt geworden. Er blickte Heinz in die Augen, verstand +erst jetzt und lachte plötzlich. + +»Natürlich glaubt er es. Er glaubt es schon seit über drei Jahren. Schon +im August 1914 hat er mir Lehren mitgegeben, wie ich mich in Paris zu +benehmen hätte. Er war übrigens nie in seinem Leben in Paris!« + +»Also, er glaubt es?« sagte Heinz nachdenklich. + +»Ja, ja, und er wird es glauben und wenn die Franzosen in Hannover +stünden. Er würde es auch dann noch glauben. Er ist so.« + +»Aber glauben auch Sie es?« + +Wieder lachte Otto kurz auf. »Ich?« sagte er, knurrte er. »Ich bin doch +kein Narr!« Nein, er, Otto glaubte nicht mehr an den Sieg der deutschen +Waffen, wie viele Frontoffiziere. + +Kein Narr? + +»Aber Ihr Herr Vater, Otto, der General --?« + +Otto lachte nun laut und belustigt. »Die Generale haben ihre eigene +Meinung, lieber Heinz! Sie können das ja noch nicht verstehen, es ist +ein Kapitel für sich. Ich habe einmal bei Langemarck dreißig Prozent +meiner Leute liegenlassen, und mein General sagte: Na, das ging ja noch +gelinde ab. Wörtlich! Mein alter Herr, übrigens -- er will das Reich +Karls des Großen wieder errichten.« + +»Sie glauben also nicht daran?« Heinz atmete erleichtert auf. »Es wäre +ja auch zu fatal,« fügte er hinzu, »jetzt, da ich eben Feldpilot +geworden bin.«, + +Fast vier Jahre Krieg und immer noch dieselbe Geschichte, dachte Otto. +Da er aber schwieg, versuchte Heinz, ihm seinen Seelenzustand deutlicher +zu machen. + +»Sie können mich nicht begreifen«, rief er aus. »Sie Glücklicher! Sie +fahren ja morgen zurück zur Front!« + +Otto knöpfte den Mantel fester zu. Plötzlich fror er. Der Gedanke an die +Front benahm ihm für einen Augenblick den Atem. Die ganze Grausigkeit +der Zone des Todes, in der es nur zerschossene Gräben, eingeäscherte +Dörfer, zersplitterte Wälder gab, legte sich wie ein Alp auf seine +Brust. Weshalb auch, zum Teufel, mußte er jede Minute daran erinnert +werden, daß er morgen wieder zur Front zurück sollte? Jeder Mensch, der +die Front _nicht_ kannte, tat so, als fahre er zu einer Hochzeit. Ja, +tatsächlich man beglückwünschte ihn! Die Leute allerdings, die sie +kannten -- nun, die sagten gar nichts -- höchstens ein verstehendes, +etwas schadenfrohes Lächeln. + +Die Kälte in der halbdunkeln Straße kroch an ihm empor, in seine Uniform +hinein. Er erinnerte sich voller Grauen an die Erdlöcher, in denen er, +völlig unverständlich, Jahre seines Lebens verbracht hatte, an den +eisigen Hauch, der von den Gräben ausging. Und plötzlich, ganz +unvermutet, schnürte ihm eine sonderbare Empfindung die Brust zusammen +-- Angst. Ja, Angst! Gleichzeitig sah er einen Feuerschein vor seinen +Augen, der ihn erschreckte: den kurzen hellen Blitz des explodierenden +Geschosses. Er erbleichte. Das Geräusch einer um die Ecke fahrenden +elektrischen Bahn hatte ihm das schleifende Fauchen einer Granate +vorgetäuscht. + +Immer noch war er schneeweiß im Gesicht und sein Herz zuckte -- genau +wie draußen, wenn sie heranzischten. + +»Hören Sie, Heinz,« sagte er, »wie diese Elektrische um die Kurve fährt? +Genau so kreischen und fauchen die Granaten. Sie werden noch bald genug +hinauskommen.« + +Heinz beschleunigte unwillkürlich den Schritt. »Ich freue mich +unbändig«, rief er aus, indem er die strahlenden Knabenaugen zu Otto +hob. »Denken Sie, ich war fünfzehn, als der Krieg ausbrach, und ich +konnte ja nicht hoffen, noch mitkämpfen zu dürfen.« + +»Auch wir, wir haben uns unbändig gefreut, als die ersten Granaten +einschlugen«, entgegnete Otto und gab seiner Stimme einen leichteren und +heiteren Klang. Immer noch pochte und zuckte sein Herz. Er wollte Heinz +auch nicht ahnen lassen, was in ihm vorging. Dieser Junge! Sollte er ihm +sagen, daß er in Angstschweiß gebadet -- betete? So unglaublich es +klingt. Betete! Er! Übrigens -- das ging ihm durch den Kopf -- bei +Souchez -- die Toten lagen mit ihren genagelten Stiefeln in Scharen +draußen -- sie hatten schwere Verluste, ein abgeschlagener Angriff -- da +kam ein bayrischer Priester. Der stieg auf den Graben -- im Feuer! -- +das Kreuz erhoben und segnete die Gefallenen ein. Die Franzosen schossen +-- aber er, _er stand_ -- mit dem Kreuz in der Hand. Friede sei mit +Euch! Schrecklicher, herrlicher Augenblick! Er glaubte, glaubte! Die +Kugeln waren Wind für ihn. Aber er, Otto, er betete -- ohne zu glauben, +das ist etwas ganz anderes. Sollte er Heinz erzählen, wie sie liefen -- +wie Ratten, auf die geschossen wird -- hin und her -- wie Ratten -- von +Unterstand zu Unterstand -- und zwar jeden Abend? Hohoho! Es wurde +Scheibe geschossen. + +»Ja, auch wir haben gelacht, als die ersten Granaten einschlugen. Ich +erinnere mich deutlich. Es war beim Vormarsch. Plötzlich aber hing ein +Bein auf einem Obstbaum --« + +»Wie? Ein Bein?« + +»Ja, ein Bein. Mit dem Stiefel. Es hing im Kniegelenk auf einem Ast.« + +»Brr!« + +»Ja, und in diesem Augenblick hörten wir auf zu lachen und Hurra zu +schreien, denn wir hatten ja jeden Einschlag mit Hurra begrüßt. -- +Übrigens ist es natürlich für Sie sehr interessant, da Sie die Scherze +noch nicht kennen -- für Sie als Flieger ganz besonders.« + +»Sind Sie jemals im Felde geflogen? Nein? Ich stelle es mir wunderbar +vor. Ich habe Tausende von Fliegeraufnahmen gesehen, und ich glaube, daß +ich gleich vertraut sein werde mit allem. Nur das Warten ist +schrecklich.« + +»Vergessen Sie nur nicht, wie gesagt, daß da draußen scharf geschossen +wird.« + +Der junge Sterne-Dönhoff brach in ein heiteres Lachen aus. »Aber +natürlich, das ist ja gerade das Interessante bei der ganzen Sache,« +rief er aus, »im Feuer fliegen!« + +Plötzlich, ganz unvermittelt, blieb Otto stehen und streckte Heinz die +Hand hin. »Ich muß jetzt -- Sie verzeihen, Heinz -- ich muß gehen!« +Immer noch war er etwas bleich. + +»Auf Wiedersehen, Otto. Und hoffentlich im Felde!« + +»Hoffentlich!« + +Er hat auch seinen Knacks weg! dachte Heinz. Nein, wie nervös er ist! +Und doch soll er zum Pour le mérite vorgeschlagen sein! + + * * * * * + +Wie ein Rasender stürzte Otto die halbdunkle Straße hinab. Heinz sah ihm +verwundert nach. + +Gerechter Gott, sollte man es für möglich halten? Auf gesunde +Wiederkehr! Er war gekommen, um ein paar Worte mit ihr zu sprechen. Ein +Lächeln, eine gepuderte Hand. Alles? Und eine ganze Gesellschaft saß da, +zu allem Unheil kam noch der Alte dazu --! + +Da droben gab es keinen Stern, kein Licht, keine Wolken, nichts. Nur +eine dicke fettige Schicht von Ruß, aus der zuweilen flimmernde Tropfen +fielen, lag auf den häßlichen dunkeln Häusern, die vor Feuchtigkeit +schwitzten. Und schon war Otto in einem Blumengeschäft verschwunden. + +Tulpen, Flammen und Glut, hellrote Rosen. + +»Das Stück kostet --« + +»Ich möchte alle.« + +»Alle?« Sie kosteten ein Vermögen. + +»Einen letzten Gruß!« schrieb Otto. Der neugierige Blick der kleinen +rothaarigen Verkäuferin, die ihn durch die Blumensträuße beobachtete, +verwirrte ihn. Er wurde abwechselnd bleich und rot, während er die paar +banalen Worte und die Adresse schrieb. Es mußte ja ganz unverfänglich +sein, jeder Mensch, dieser Petersen und diese Frida, die +herumspionierten, mußten die Karte lesen können. Ohne diese +Rücksichtnahme hätte er wohl gewußt, was er schreiben sollte. + +Er hätte schreiben können: Ich werde Dich vor mir sehen -- und wieder +erbleichte er. + +Die Liebe ist Gift, dachte der rothaarige Irrwisch und lächelte +spöttisch hinter dem Offizier her. + +Ruhiger schritt Otto dahin. Plötzlich, sonderbar, hatte er Zeit! Morgen +früh um sieben Uhr ging der Zug. Nun wohl, das waren immerhin noch gute +zwölf Stunden. Der Abend lag vor ihm -- und die ganze Nacht. + +Unangenehm nur war die Verabredung mit jener Dame im Kaiserhof. Sehen +wir zu, daß wir die Sache hinter uns bringen! Indessen -- keine Eile -- +mochte sie getrost noch etwas warten. Er hatte es gewiß nicht an +Deutlichkeit fehlen lassen, oder? Schluß, zu Ende, sei ein tapferes +Mädchen usw. usw. Wie man in solchen Fällen zu schreiben pflegt. Nein, +nach diesem Brief gab es ein Zurück nicht mehr. Und doch hatte sie ihn +wieder beschwätzt. Sie begriff, sie war völlig einverstanden, zu Ende, +natürlich, aber sie wollte ihn vor seiner Abreise noch einmal kurz +sehen, wenn auch nur für einen Augenblick. Sie schrieb, daß sie von 5 +bis 9 Uhr im Kaiserhof auf ihn warten werde. Er würde gewiß eine Minute +finden. Von 5 bis 9 Uhr! Es war natürlich ganz unmöglich, eine junge +Dame vier Stunden lang vergebens warten zu lassen, das sah er wohl ein. + +Aber sie soll wenigstens etwas zappeln, dachte er und zündete sich +gemächlich eine Zigarette an. Er machte sogar noch einen unnötigen +Umweg. + +»Diese Hedi!« Verächtlich stieß er die Luft durch die Nase. + +Wie der General verachtete auch Otto im Grunde seines Herzens die +Frauen. + +Er kaufte eine Abendzeitung und durchflog sie unter einer Laterne. + + +5 + +Heinz war, so schnell ihn die Füße trugen, zur Station der +Untergrundbahn geeilt. Er hatte ja Klara benachrichtigt, daß es etwas +später werden könnte, trotzdem . . . + +Es war die Stunde des Geschäftsschlusses. + +Berlin war wie ein schmutziger Schwamm, der ausgedrückt wird. Ströme von +Schmutz flossen aus dem finsteren Himmel, von den Dächern und den +tausendfenstrigen Hauswänden. Der Schmutz wälzte sich über die Straßen +und stieg in den durchlöcherten Stiefelsohlen bis an die Knöchel. Die +Menschen in ihren abgeschabten, dünnen Kleidern, blau vor Kälte und +Hunger, quollen aus den frostigen Häusern und stürzten hinab in die +windigen Kamine, die zur Untergrundbahn führen. Sie stauten sich auf den +Bahnhöfen, geballt zu einer Wolke von Bitterkeit und Wut. Die +überfüllten Züge fegten, triefend von Dunst und Schmutz, mitten hinein +in die Menschenknäuel, die sich rasend gegen Türen und Scheiben warfen, +um nicht auf den finstern, feuchten Perrons zurückbleiben zu müssen. + +Die Schaffnerinnen -- ihre Männer waren im Feld, faulten längst in den +Massengräbern, verbluteten in dieser Minute, die Kinder hungerten zu +Hause in einer kalten Stube -- die Schaffnerinnen, gepeinigt bis aufs +Blut von den jagenden Zügen, klirrenden Scheiben und kämpfenden +Menschenmassen, schrien mit schrillen, gellenden Stimmen, als ob sie +erdolcht würden. (Und ach, sie wurden erdolcht, jede Minute stieß ihnen +unbarmherzig das Messer ins Herz.) + +Zu Blöcken zusammengepreßt, flogen die Menschen durch die dunkeln +Tunnels voll stummer gegenseitiger Raserei. Sie schwiegen. Sie +fürchteten Spione und Agenten. Sie fürchteten den Terror der Albernheit. +Sie lächelten und lachten nicht mehr. Sie fühlten das Verhängnis dicht +vor sich, um sich, über sich, wo am Dach des Wagens sich all die Dünste +der zusammengedrängten Menschenmassen stauten. Dieses Verhängnis, dessen +Widerschein in allen Augen glänzte, begleitete sie durch die finsteren +Tunnels, über die klirrenden Brücken und flutete mit ihnen über die +menschenwimmelnden Perrons. Flogen die Züge in die Stollen hinab, so war +es für viele, als ginge es in die Hölle mit ihnen, und der kalte Schweiß +trat auf ihre Stirn. + +Dunkelheit, Kälte und Hunger drohten aus den Straßenschluchten. Diese +drei Gespenster ergriffen Besitz von Berlin, das sich drei Kriegswinter +hindurch tapfer verteidigt hatte, um im vierten zu kapitulieren. Täglich +breiteten sie sich mehr über die Stadt aus. Sie eroberten Häuserblock um +Häuserblock, Straßenzüge um Straßenzüge, Stadtviertel um Stadtviertel, +und drangen langsam zum Herzen der Stadt vor. Als ein viertes Gespenst +war noch die Grippe dazugekommen. Dieses Gespenst war überall, wo sich +Menschen ansammelten. Es machte alle Fahrten auf den überfüllten +Untergrundzügen mit. Die Passagiere husteten sich gegenseitig den Tod +ins Gesicht. Viele von ihnen machten heute ihre letzte Fahrt. Mit +Vorliebe suchte dieses vierte Gespenst sich junge Exemplare aus, es +liebte zartes Fleisch. Sie starben von der Berührung. Die Alten brachte +es nur um eine gute Strecke der Grube näher, in die sie eines Tages, +entkräftet vor Hunger und zermürbt von der Verzweiflung, ganz von selbst +stürzen würden. + +Heinz mußte einen überfüllten Zug vorbei lassen. Ein Paar grober Fäuste +schleuderte ihn zurück. Selbst beim nächsten Zug verdankte er es nur +seinem freundlichen Knabengesicht und dem Lächeln auf den roten Lippen, +daß man ihn mitnahm. + +Augenblicklich dachte er an die grüne Mütze. In wenigen Minuten würde er +sie sehen! + +Eine grüne Wollmütze, flott nach hinten gerückt, grasgrün, mit einer +ebensolchen grasgrünen Seidenquaste in der Mitte, gewiß ist sie nichts, +aber sie kann im Herzen eines Menschen soviel sein wie der Christus in +der Kirche. Zuweilen, wenn die Züge seiner Dame in seinem Gedächtnis +verblaßten, sehr selten geschah es -- die grüne Wollmütze blieb zurück, +keine Macht konnte sie ihm entreißen. Und allmählich, wie durch einen +Zauber, fügten sich dann wieder Haar, Wangen, Ohr -- alles daran. + +Diese grüne Wollmütze leuchtete über den Wittenbergplatz, als er den +Bahnhof verließ -- weithin, wie ein Scheinwerfer. Und doch war es nur +ein handgroßer Fleck von Grün, nicht einmal sehr deutlich im Schein +einer Laterne. Durch das Gewimmel von Menschen hindurch drang Heinzens +Blick, als ob die Menschen transparent wären, er sah seine Dame von den +Schuhen bis zur Wollmütze, in ihrer ganzen Figur, obschon sie mitten in +einem Knäuel von Wartenden bei der Haltestelle der Elektrischen stand. +Das war jedenfalls ganz wunderbar. Er erkannte die Linie ihres +anliegenden Jacketts, er sah sogar, daß sie ein Päckchen am Finger trug. + +Plötzlich traf eine Stimme Klaras Ohr! Aber Heinz hatte gar nicht +gerufen. Sie blickte im gleichen Augenblick auf ihn, ihre Blicke +begegneten sich durch das Gewimmel. Sie lächelte, ihr Lächeln kam näher, +es wurde leuchtender und strahlender, überblendete Menschenschatten, +Finsternis und schmutzige Straße, und endlich glänzte es dicht vor ihm. +Es hatte sich nun wiederum auf seine Quelle zurückgezogen. Es leuchtete +aus ihren Augen, aus ihren Lippen, weißen Zähnen, aus ihren Wangen und +selbst aus ihren blonden Haaren, auf denen einige Regentropfen wie Tau +glitzerten. + +Beide erröteten und fingen gleichzeitig an zu reden. Es war völlig +einerlei, was sie sagten. Sie freuten sich an dem Klang ihrer Stimmen, +die durcheinander klangen. + +»Sie haben -- du hast --« + +»-- tausendmal Verzeihung jedenfalls -- meine Cousine wollte mich +Hauptmann Wunderlich vorstellen, der eine Kampfstaffel führt --« + +Die grüne Wollmütze glitt die Straße hinab, die seidene grüne Quaste +baumelte hin und her. + +Wie wunderbar frisch ihre Halskrause ist, dachte Heinz und wie fest ihr +Jackett um die Hüfte schließt. Sie aber bewunderte den Schnitt seines +Mantels, der nahezu bis zur Erde reichte und viel zu weit war, und seine +seidene Mütze, die eine kecke Beule aufwies. + +»Du trägst ja nun das Abzeichen!« rief die junge Dame plötzlich +überrascht aus. Mit einem raschen Blick hatte sie, als er nur einen +Augenblick den Mantel aufknöpfte, sofort das Fliegerabzeichen entdeckt. + +»Ich habe es gestern bekommen.« + +»Ich gratuliere.« Das war wohl eine Gelegenheit, ihr die Hand zu geben. +Heinz berührte die Spitzen ihrer zarten, ach so zarten und unbegreiflich +dünnen Finger. + +»Gestern flog ich über Berlin«, erzählte er lebhaft. »Ich flog über den +Wittenbergplatz und den Kurfürstendamm entlang. Bei der Gedächtniskirche +drosselte ich den Motor und ging auf fünfhundert Meter herunter. Ich sah +das Treiben der Menschen und dachte, vielleicht geht auch Klara Westphal +da unten.« + +Nein, Klara Westphal war zu Hause. + +Klara streifte ihren jungen Helden mit einem bewundernden Blick. Sie +konnte wohl beobachten, daß die Damen den schlanken Offizier anblickten, +und manche drehten sich sogar um, so schön und frisch war er. Er ging +sorglos und strahlend, die Mütze etwas keck aufs Ohr geschoben, und er +hatte eine besonders flotte Art zu grüßen, als gebe es Vorgesetzte für +ihn nicht. Sein Gruß hatte zuweilen sogar etwas Herablassendes und +Gönnerhaftes. Jetzt, da er neben Klara ging, war er völlig frei von +seiner kindischen Ehrfurcht vor allem, was Achselstücke mit Sternen +trug. + +»Und dein Kommando?« + +»Leider ist es noch nichts damit. Nun aber hat Hauptmann Wunderlich mir +versprochen, mich für seine Kampfstaffel anzufordern, sobald es möglich +ist.« + +Nichts fürchtete Klara mehr als diesen schrecklichen Augenblick, wo das +Kommando kam. Schon jetzt klopfte ihr das Herz. + +»Wohin wollen wir gehen?« + +»Es ist ganz gleichgültig.« + +Es war in der Tat völlig gleichgültig. Wenn sie nur nebeneinander +hergehen durften, verstrickt durch das Unergründliche, unbegreiflich +Süße, Geheimnisvolle -- Blicke, Gesten, Lachen, Worte, das war ja das +allerwenigste. + +Die Menschen, die aus Elektrischen sprangen und in Restaurants eilten, +die Unverschämten, die sie anblickten und Bemerkungen austauschten -- +sie sahen sie gar nicht. + +Sie bogen in eine dunkele Straße ein, und sofort strahlten Klaras Augen +wie Feuer, ihr blondes Haar flammte unter der grünen Mütze und ihre +etwas vollen Wangen begannen geheimnisvoll zu schimmern. Ihr kleiner +Mund aber glänzte naß und tiefrot. + +Wunderbar! Hier in der Dunkelheit sah Heinz, daß sie atmete, was er +früher nie beobachtet hatte. Ihre Brust bewegte sich, ergreifend, unter +dem enganliegenden Jackett gleichmäßig auf und ab. Zum ersten Male hörte +er auch ihren Atem, den er nie gehört hatte. + +Klaras Lippen wurden durch ein Lächeln geöffnet, und im gleichen +Augenblick rief sie jauchzend aus: »Es schneit, Heinz! Es schneit!« Und +schon flog die grüne Mütze mit der baumelnden Quaste davon. + +»Komm, komm!« Sie streckte ihm die Hand hin. + +Nun liefen sie beide in den wirbelnden Schnee hinein. + +Unterdessen wartete Hedi Westphal in der Halle des »Kaiserhofs«. Und +Otto las unter einer Laterne gemächlich die Abendzeitung. + + +6 + +Hedi hatte längst den Tee ausgetrunken. Sie hätte gern eine zweite +Portion bestellt, aber sie mußte sparen. Ewig diese Geldmisere! + +Ihr Vater war Geheimer Rat im Auswärtigen Amt. Da schlich er täglich in +Gamaschen und Seidenhut an den beiden Sphinxfiguren des Vestibüls +vorüber, die immer so eigentümlich lächelten. Dann knackte er in seinem +Bureau mit den Fingern, zupfte an seinem dünnen Chinesenbart und +vertiefte sich in die Zeitungen. Diese Tätigkeit war nicht besonders +aufreibend, aber sie war schlecht bezahlt und die Westphals ohne +Vermögen. + +Trotz des lächerlich geringen Taschengeldes war Hedi ganz Lady -- von +den tadellosen Stiefelchen an bis hinauf zu dem kleinen Reiher auf dem +silbergrauen Seidenhütchen. Sie trug einen weißen Schleier mit +silbergrauer Stickerei. Sie war noch blonder als Klara, nahezu +weißblond. + +Den weißen Schleier mit den silbergrauen Ornamenten schob sie zuweilen +über das Näschen und nippte, die Hand graziös geformt, an der leeren +Teetasse. + +Würdevoll war ihre Haltung, etwas lässig. Die Umwelt existierte nicht +für sie. In vollkommenem Gleichgewicht schwebend saß sie da. + +Die Musik wehte. Butterfly. + +Ein älterer Offizier mit einer mächtig funkelnden Glatze beobachtete sie +in auffallender Weise. Hedi wandte das Gesicht mit einem gelangweilten +Blinzeln in eine andere Richtung. Nun aber hatte sich ein junger Herr in +einem Klubsessel am Mittelgang niedergelassen. Er trug einen weiten +Mantel von auffallend heller Farbe, tadellose braune Stiefel, nagelneu, +eine Sehenswürdigkeit in diesen Tagen. Eine Zigarette im Mundwinkel saß +er da und stieß mit einem dünnen Stöckchen im Takte der Musik auf den +Teppich. Zuweilen ließ er seinen Blick über Hedi gleiten, aber in +gänzlich unauffälliger Weise, so daß sie ihn niemals dabei ertappen +konnte. Im letzten Moment huschte der Blick stets über sie in die Höhe +zur Decke. Vielleicht hatte sie ihn schon gesehen? Er kam ihr irgendwie +bekannt vor. Nun brachte ihm ein Kellner ein kleines Glas und goß eine +rote Flüssigkeit ein. Der junge Mann nahm aus seiner Manteltasche einen +Pack Papiergeld und reichte dem Kellner eine Note, um gleich darauf +wegzublicken. Der Kellner verneigte sich tief. Hedi blickte auf die +Armbanduhr, und ihre Miene sah enttäuscht aus. Es war einhalb sieben +Uhr. Die Musik spielte einen Tango. Der Herr in dem weiten Mantel hatte +die rote Flüssigkeit ausgetrunken, stand auf und ging. Aber nach wenigen +Minuten kam er wieder zurück. Er trug einen Strauß weißer Rosen in der +Hand, den er vor sich auf den Tisch legte. Er wartet, auch er! Wieder +schwebte Hedi in vollkommenem Gleichgewicht. + +Dann saßen da noch einige Damen, mit Brillanten, Perlen, Pelzen, Puppen +mit einem Wort -- Hedi sah sie überhaupt nicht. + +Schon begann der Saal sich zu leeren. Die Kellner räumten die Teetische +ab. Im Speisesaal flammten Lichter auf, und die Kellner gingen hinter +den Spiegelscheiben zwischen den weißgedeckten, mit Blumen geschmückten +Tischen hin und her und legten die Kuverts auf. Der Herr im hellen +weiten Mantel saß immer noch in seinem Klubsessel. Glattrasiert, blau +ums Kinn, die gescheitelten Haare pechschwarz, sah er -- wie es Hedi +schien -- wie ein Spanier aus. Er hatte sich bequem zurückgelehnt und +starrte sinnend zur Decke empor, während seine Fußspitze im Takte der +Musik wippte. Nur zuweilen, wenn er die Asche von seiner Zigarette +streifte, glitt sein Blick über Hedi hin. Unbeachtet lagen die weißen +Rosen vor ihm auf dem Tisch. + +Hedi schob trotzig die Oberlippe in die Höhe gegen den Schleier -- sie +wurde ungeduldig. Aber in diesem Augenblick sah sie Otto hereinkommen. +Er trat schnell durch den Mittelgang. Das Blut stieg ihr in den Kopf, +und plötzlich schlug ihr Herz im Halse. Sein braunes Gesicht glänzte von +der frischen Luft, und aus diesem braunen, glänzenden Erzgesicht, das +sie geliebt hatte, sprühten wild und verwegen die hellgrauen Augen der +Hecht-Babenberg. + +Welche Träume starben dahin, welche Träume versanken! Während der Tango +kollerte, gurrte, kleine wollüstige Schreie ausstieß. + +Sie krachten zusammen mit Donnergepolter wie Riesenschlösser, deren +Fundament nachgibt, sie zersprangen wie Paläste aus Glas -- in nichts! + +Babenberg und Rothwasser, die Familiengüter der Hecht-Babenberg -- mit +den hundertjährigen Bäumen, dem Sommergeruch auf den endlosen +Kornfeldern, dem Ziegelwerk, den brüllenden Viehherden bei den Weihern +-- die Erde verschlang sie! Der Besuch ihres kleinen Papas, den die +Bureauluft zur Mumie ausgetrocknet hatte -- dahin! Die Berühmtheiten, +Feldherrn und Minister, die ihren Hausball besuchten -- in Staub +zerfielen sie. Ihre Audienz beim Kaiser, ihr Kniefall vor Seiner +Majestät, wegen irgendeiner Sache -- ein Nebelfetzen! Und all die +Phantasien, gesehen in den Augenblicken, da der Blick bricht in +Verzückung -- nichts! + +Während der Tango unter ihren Schuhsohlen im Parkett klopfte. + +Er war entschlossen, an seinem Blick konnte sie es sehen -- + +Nichts blieb als die bescheidene Behausung in der Schaperstraße, wo Papa +mit seiner dicken Mappe aus dem Amt kam und nicht gestört werden durfte. +Wo man in Pfennigen dachte, wo Klara wie eine Närrin schwätzte -- + +Chaos umgab Hedi. Sie saß in der Staubwolke ihrer zusammengestürzten +Paläste, auf dem Schutt ihrer Reichtümer, eine Bettlerin. Sie saß wie +eine Lady, in idealem Gleichgewicht, und ihr Blick flog lächelnd Otto +entgegen. + + * * * * * + +Der Herr im hellen Mantel, der Spanier, rief Otto an. + +»Ich darf Sie doch heute abend erwarten, Otto?« + +»Es kann allerdings etwas später werden.« + +»Sie wissen, mein Lokal ist die ganze Nacht offen!« + +Otto streifte die Handschuhe ab. + +»Es schneit wohl wieder?« + +»Ja, es schneit, ich bin etwas spät, verzeihe --« + +Hedi lachte. »Ich bin vor kaum zehn Minuten gekommen.« + +Schon kam der Kellner und brachte Tee. + +»Ich habe dem Kellner gesagt, sofort Tee zu bringen, wenn du kommst«, +sagte Hedi. »Du hast es gewiß sehr eilig.« Schon errötete Otto und +runzelte die Stirn. Etwas gefiel ihm nicht. + +Die Musiker packten ihre Instrumente ein und klappten den Flügel zu. + +»Es ist lieb von dir, daß du gekommen bist,« fuhr Hedi fort, »wir sehen +uns nun vielleicht lange nicht, vielleicht nie mehr. Und ich wollte +gerne . . .« Sie sprach leichthin -- ganz Dame. + +Ottos blanke, graue Augen waren fragend auf sie gerichtet. + +»Ich reise wahrscheinlich.« + +»Du reisest?« + +»Ja. Nach Schweden. Es ist noch nicht ganz sicher. Man ist an Papa +herangetreten.« (Welche Lüge, welch infame Lüge, aber sie war ihr +plötzlich durch den Kopf geschossen!) + +»So?« Ottos Neugierde war wach, aber er wagte nicht zu fragen. + +»Ich werde der Mission attachiert. Wahrscheinlich muß ich nach Rußland. +In besonderem Auftrag.« + +»Ah!« + +Der Herr im weiten hellen Mantel stand auf und grüßte. Er verneigte sich +auch gegen Hedi, und während sie ihn kurz anblickte, lächelte sie +unmerklich. Aber, sie konnte schwören, sie hätte nie, nimmermehr +gelächelt, wäre ihr Herz in diesem Augenblick nicht so voller Bitterkeit +gewesen. Der Spanier -- er war übrigens nicht hübsch, eher häßlich -- +war ein Herr Ströbel oder ein Herr v. Ströbel, ein während des Krieges +reich gewordener junger Mann. Sie erinnerte sich seines Namens. In +seinem Hause, das wußte sie von Otto, fanden jene berüchtigten +Spielabende statt, die die ganze Nacht hindurch dauerten. + +Verlassen lag der Strauß weißer Rosen auf dem Tisch. + +»Ich freue mich übrigens, Hedi --« begann Otto. + +»Ich meine -- du begreifst ja wohl meine Motive? Es ist mir ja --« + +»Bitte, Otto!« unterbrach ihn Hedi. »Ich bin doch keine kleine +Verkäuferin« -- scherzte sie -- »wir wollen gute Kameraden bleiben. Kein +Wort weiter. Hast du Zigaretten?« + +Der Kellner stürzte mit einem Streichholz herbei. Er störte. Nur um +etwas zu sagen, warf Hedi hin, daß das letztemal, als er zur Front +reiste, diese furchtbare Hitze in Berlin war. Es lag keinerlei Absicht +darin, auf Ehre, allein der dumme Kellner war Schuld daran. Schon stieg +ihr die Röte ins Gesicht, und auch Otto errötete plötzlich. + +Das letztemal -- da war Hedis berühmtes Abschiedssouper gewesen. + +Otto war ihr Gast! + +Das Auto fuhr und fuhr -- damals war Berlin ja noch nicht tot -- es fuhr +bis zu einem gänzlich entlegenen Hotel am Schlesischen Bahnhof -- und +Otto mußte sich fügen. + +Hedi aber hatte schon alles vorbereitet. Sie hatte dem Besitzer des +Hotels mit einem Schwall von Worten erklärt, daß ihr Mann auf Urlaub, +durchkäme, und daß sie aus der Provinz seien, kriegsgetraut, und daß er +nur diese eine Nacht hier wäre, daß sie ihn am Bahnhof abholen und +hierher bringen werde. Mit einem Schwall von Worten hatte sie, bebend +vor Angst und Aufregung, die Zimmer ausgewählt und das Menü +zusammengesetzt. Nichts war gut genug, und der Kellner bekam zwanzig +Mark Trinkgeld im voraus, damit er wußte, mit wem er es zu tun hatte. + +Die gesamten Ersparnisse eines vollen Jahres gingen darauf. Es gab +Kerzen anstatt des elektrischen Lichts, obwohl Kerzen schwer +aufzutreiben waren, es gab Rotwein, obwohl Rotwein für die Lazarette +beschlagnahmt war, es gab Sekt, obwohl er Unsummen kostete. Die kleine +Tafel, die sie selbst deckte, war mit Blumen geschmückt. Er sollte +sehen, daß es unsinnig war, den letzten Abend in irgendeinem +langweiligen Weinrestaurant zu verbringen. Man mußte nur wissen, wie man +es anpackte. Es ging alles in Berlin, aber man mußte etwas +Unternehmungsgeist haben. + +Und Otto -- staunte! Über die Kerzen, den Wein, die ganze Aufmachung, +wie er es nannte. + +Es war heiß, und die elektrischen Bahnen brausten drunten vorüber. Es +war Juli. Ein Bataillon zog zum Bahnhof, singend. Die Musik schmetterte +und die Leute schrien begeistert. Berlin, das Berlin des Hochsommers +brauste -- drunten, tief drunten. + +Die Kerzen, der Wein. Er war ihr Gast! + +Sie entzog sich ihm nicht, weshalb denn? Sie legte das Kleid ab, sie +öffnete ihr Haar. Sie schlüpfte in das dünne Seidenkimono, das sie für +diesen Abend geschneidert hatte. Er sollte sehen, daß sie ihn liebte, +und daß sie nicht ein albernes Gänschen war. Sie trug ihre kleinen +himbeerfarbenen Pantöffelchen. + +Berlin, das Berlin des Hochsommers und des Lebens brauste drunten, tief +da unten -- irgendwo. + +Dann kam die Nacht. + +Er sollte wissen, daß sie ihn liebte und Mut hatte. Ja, es gehörte Mut +dazu, denn Papa würde sie auf die Straße werfen, wenn etwas passierte. + +Sie war völlig außer sich vor Raserei. Ja, und sie konnte schwören, daß +sie nichts bereute, daß sie es niemals bereute -- trotz der +fürchterlichen Angst, die sie ausgestanden hatte. + +Hunderte von Pferdehufen trappelten auf der Straße -- sie hörte sie +immer noch -- jetzt in dieser Sekunde . . . + +Die Zigarette brannte. »Danke«, sagte sie, und der Kellner ging. + +»Wo liegt dein Regiment jetzt, Otto?« fragte sie, während die Röte ihrer +Wangen langsam verflog. + +»Ich weiß es nicht genau. Wohl an derselben Stelle.« + +Einige Belanglosigkeiten -- und plötzlich sieht Hedi auf die Armbanduhr +und springt auf. Mein Himmel! Sie reicht dem Kellner eine Note, zehn +Mark, das macht drei Mark Trinkgeld, aber sie kann nicht warten bis er +herausgibt. + +»Nun will ich dir gute Reise wünschen, Otto. Nein, bleibe sitzen. Ich +will allein gehen. Ich habe es sehr eilig. Auf Wiedersehen!« + +Ihr Aufbruch kam so rasch, daß Otto völlig verblüfft war. Hedi ging, und +sie sah die weißen Rosen, die verlassen auf dem Nachbartisch lagen, +nicht an. Ganz Lady, schritt sie über die Teppiche. + +Ein Nicken, ein Lächeln an der Türe, der Groom verbeugte sich. + +Es ging gelinde ab, dachte Otto, der den Kellner ungeduldig herbeiwinkte +und es plötzlich ebenfalls sehr eilig hatte. Da fiel ihm ein, daß sein +General seinerzeit den gleichen Ausdruck ihm gegenüber gebraucht hatte +-- damals, als er dreißig Prozent seiner Leute liegenließ. Er hatte die +Geschichte erst vorhin Heinz erzählt. Nun, jedenfalls hatte sie sich wie +eine Dame benommen. Er fürchtete nichts mehr als Szenen. + +Aber ein unangenehmes Empfinden blieb in ihm zurück. Was war es doch? + +Er haßte sie in diesem Augenblicke bitter. + + +7 + +»Schuft, Schuft!« Hedi lachte. Was für ein bodenloser Schuft war er +doch! + +Mit schnellen Schritten eilte sie an den Häusern entlang in das +Schneetreiben hinein, den Hut mit dem kleinen Reiher dicht in den Schirm +gedrückt. + +Seine Motive -- seine Motive kannte sie ganz genau! Seine Familie, seine +Karriere -- was für Ausflüchte! Hätte er doch den Mut gehabt ihr zu +sagen, daß er sie nicht mehr liebte! Aber diese Männer sind Feiglinge, +und wenn sie auch mitten in den Kugelregen hineingehen. Geld und +Ordensauszeichnungen, das war alles, wonach diese Offiziere trachteten. + +Die Lampen eines Automobils blendeten durch die finstere Straße, und die +Schneeflocken jagten gleißend durch den Lichtkegel. Plötzlich aber +stockte Hedis Schritt, in dem gleißenden Lichtkegel flatterte ein +weiter, heller Mantel. Er mußte ihr gefolgt sein, sie umgangen haben, um +plötzlich vor ihr erscheinen zu können, oder war es ein Zufall? Ihre +Füße waren wie gelähmt, denn der Mantel kam näher, und sie bemerkte, daß +er die Richtung seiner Bewegung änderte. Sie bog rasch ab und stürmte +die Treppe zur Untergrundbahn hinunter. Mein Gott, sie war falsch +gegangen, sie wollte nach dem Leipziger Platz, und nun war sie an der +Friedrichstraße angelangt. + +Der gelbe Mantel erschien auf der Treppe der Station. Er war nur einen +Augenblick sichtbar, dann verschwand er, er kam nicht herunter. + +Hedi atmete erleichtert auf. + +Nein, sie brauchte Otto nicht, sie brauchte ja nur die Hand +auszustrecken und soviel Finger sie hatte, soviel . . . + +Der Zug fuhr in die Station. -- + +Otto hatte gleich hinter Hedi das Hotel verlassen. Als er sie mit den +Blicken suchte, war sie schon verschwunden. Übrigens fesselte gerade +eine Dame seine Aufmerksamkeit, die aus einer Droschke stieg und duftend +und glitzernd die lichte Hotelhalle betrat. Otto eilte rasch nach Hause. +Er warf sich in Zivilkleidung, in ganz unglaublich kurzer Zeit hatte er +sich umgezogen. Er knöpfte noch den Mantel zu, als er wieder die Treppe +herabsprang. Er hatte nicht die geringste Lust, den Abend zu Hause zu +verbringen und alle möglichen Dinge über Siedelungsgebiete, Kolonien und +strategische Sicherungen zu hören. + +An der Türe des schmalen Vorgärtchens prallte er mit einem kleinen Herrn +im Havelock zusammen. Aber der kleine Herr im Havelock war nicht im +geringsten ungehalten. Im Gegenteil, er zog den Hut, stammelte +Entschuldigungen. + +»Herr Oberleutnant --« Offenbar kannte er ihn. Irgendein Hausmeister der +Nachbarvillen. + +Fort! Schon rauschte die Limousine des Generals heran. + +In einem Tempo, als habe er auch nicht eine Sekunde Zeit zu versäumen, +eilte Otto der Friedrichstadt zu. + + +8 + +Kälte schlug dem General entgegen, als er seine Wohnung betrat. Er +bewohnte das Parterre eines einstöckigen grauen Hauses an der +Tiergartenstraße, dicht am Kemperplatz, nicht weit von Doras +Backsteinvilla entfernt. Kälte und Stille -- die Wohnung war erfüllt von +Winter, von Tod. + +Die Generalin war einige Jahre vor dem Krieg in Davos gestorben, nachdem +. . . Die Ehe des Generals war in den späteren Jahren nicht glücklich +gewesen, übrigens hatte die Generalin nie diese Wohnung in der +Tiergartenstraße betreten, damals -- wieviel Jahre sind es her! -- +wohnten sie in der Margaretenstraße. + +Auch sein Sohn Kurt, der älteste -- er war nicht mehr. Gefallen an der +Somme. + +Ein eigentümlicher Hauch strich durch die Wohnung -- und augenblicklich +versteinte das Gesicht des Generals wieder. Den Rest des Familienlebens +hatte der Krieg vernichtet. Ruth und Otto gingen ihre eigenen Wege. Ruth +arbeitete zurzeit in ihrer Küche, früher in einem Lazarett, und Otto, +wenn er einmal auf Urlaub in Berlin war, war selten zu sehen -- ein +Leichtfuß . . . Es gibt in dieser Hinsicht keine Kompromisse: entweder +lebt eine Familie glücklich, oder sie zerfällt. + +Die Burschen rasselten in der Diele in die Höhe. Auch die Ordonnanz +rasselte. Sie brachte die Mappe mit den Akten, die am Abend bearbeitet +werden mußten. Nur Soldaten lebten im Hause des Generals -- und eine +Wirtschafterin, Therese, die irgendwo hinten in den Zimmern hauste, und +die man nie sah. Soldaten gingen ein und aus, solange der General lebte. +Sein Vater war als Oberst gestorben. Es rasselte von Waffen, und sie +brachten den Geruch aus den Kasernen mit. + +Der General ließ den Pelzmantel einfach fallen, irgend jemand stand +schon da und fing ihn auf. + +Ja, Kälte -- trotzdem die Wohnung gut geheizt war. Durch einen dunkeln +Spiegel sah er sein steinernes Gesicht gleiten. Alle Lampen schienen +falsch oder ungeschickt angebracht. Anstatt Licht und Freundlichkeit zu +verbreiten -- wie warm war es doch bei Dora! -- verbreiteten sie +feindselige Grelle und haßerfüllte, pechschwarze Schatten. Dunkle +Täfelungen, schwere Barockmöbel, Gold -- die Parkettböden schrien, wenn +man sie betrat, es war ein altes Haus. + +In seinem Arbeitszimmer fiel der Frost von ihm. Hier allein war er zu +Hause. Er atmete auf, seine Haltung wurde um etwas lässiger. + +Mit raschen Schritten näherte er sich einem Vogelbauer, in dem ein +kleiner gelber Kanarienvogel hauste. + +»Nun, Niki -- Niki!« Er steckte den Finger durch die Stäbe -- er sprach +mit dem Vogel genau so, wie er früher mit seinen Kindern gesprochen +hatte, mit veränderter, komischer Stimme -- als sie noch ganz klein +waren, klein, lieblich und voller Vertrauen. + +»Aber das Apfelschnitzchen -- es ist ja heruntergefallen, nun wollen wir +aber das Apfelschnitzchen -- und das Wasserchen, wieder alles verspritzt +-- du Schlingelchen --« + +Der Vogel piepte und sprang erregt von Stäbchen zu Stäbchen. + +»Ja, siehst du -- das Herrchen --« + +Es klopfte. Eine laute Stimme rief: »Es ist serviert, Herr General!« Das +war Jakob, der Ulan, Bursche und Kammerzofe des Generals. Es gab auch +noch einen Wangel, der aber war mehr für den Dienst außerhalb des +Hauses. Die Uhren schlugen. Es war acht. + +Punkt acht -- Punkt, immer Punkt! Der General war für peinlichste +Pünktlichkeit. Zuweilen, erschöpft vom Dienst, legte er sich zur Ruhe -- +zehn Minuten, zwanzig Minuten -- mit der Sekunde mußte er geweckt +werden. Die Burschen konnten den ganzen Tag faulenzen oder mit Köchinnen +klatschen, aber ihre Uhren mußten genau gerichtet sein. Punkt ein halb +acht Uhr morgens erhob sich der General, Punkt ein viertel nach acht +nahm er sein Frühstück, Punkt ein Uhr fuhr er zum Mittagessen (er aß in +der Stadt), Punkt acht Uhr erschien er zum Abendessen. Auch im Felde +hatte er die gleiche Einteilung des Tages eingehalten und wenn die Welt +unterging. Zuweilen ging sie auch unter, aber den Tagesplan des Generals +vermochte sie nicht zu verrücken. + +Zeit, Zeit -- jede Minute war kostbar -- der Dienst -- + +Nun gut . . . Punkt acht Uhr begab sich der General ins Speisezimmer. + + * * * * * + +Ruth sagte »Guten Abend« und grüßte den Vater mit ihren hellbraunen +Augen, die in der Tiefe warm und golden schimmerten. Sie war keine +Hecht-Babenberg, sie war, heißt das, physisch nicht den Traditionen des +Hecht-Babenbergschen Blutes gefolgt, das große, solide Knochen, breite +Schädel mit etwas slawischen Backenknochen baute, sie war eine +Sommerstorf, nach der Mutter geraten, die einer süddeutschen, +fränkischen Familie entstammte. Sie war nicht groß, schmalschultrig, +eher zierlich, ihr Haar dunkelblond, fast braun, und so weich, daß es +sich schlecht frisierte und die Frisur häufig etwas nachlässig aussah. +Zuweilen rügte der General diese Nachlässigkeit, mit einem raschen +Blick. Ruth glättete dann verlegen mit den Händen die Haarwellen. + +Der General goß sich Fachinger ein. Neben seinem Gedeck lagen die +Abendzeitungen, die er durchflog, während er die Suppe schlürfte. Wann +sollte er Zeit haben, die Zeitungen zu lesen? Er wußte kaum, was in der +Welt vorging. Aber das war auch Nebensache, die Hauptsache war, daß +diese Burschen geschlagen wurden, und es war nicht nötig, daraufhin die +Zeitungen zu studieren. Auf Tag und Stunde würde er es wissen, wenn es +so weit war. Noch war es allerdings nicht ganz so weit, auch das wußte +er ganz genau. + +»Na, da haben sie wieder mal --« murmelte der General. + +»Wie Papa?« + +Schweigen. Der General schlürft hastig und ungeniert die Suppe, die vom +Löffel in den Teller tropft, und schielt in die Zeitung. + +»Jakob? -- Es zieht.« + +Jakob tritt aus dem Schatten neben dem Danziger Barockbüfett, wo er sich +gewöhnlich verbirgt, und geht zu sämtlichen Fenstern und Türen, auf den +Fußspitzen, obwohl er weiß, daß alle ordentlich geschlossen sind. Jakob +bedient auch bei Tisch. Der General liebt es, von einem Mann in Uniform +auch zu Hause bedient zu werden -- es ist wie im Felde. Er haßt +weibliche Dienstboten. + +Die silbernen Bestecke blinken kalt, die Tischdecke ist wie Schnee -- +und obgleich der Tisch nicht um vieles größer ist als ein gewöhnlicher +Eßtisch, scheint dem General diese Tischdecke zuweilen ein endloses +Schneefeld zu sein. Ganz am Rande dieses Schneefeldes weiß er seine +Tochter, fern, klein -- zuweilen scheint es dem General, als ob die +Menschen mehr und mehr in die Ferne glitten, mehr und mehr, täglich +mehr. Oft klingen ihre Stimmen fern und dünn, wie aus großer Entfernung. +Oft hört er sie gar nicht mehr, so dünn klingen sie. Es kommt daher, daß +er überarbeitet ist. + +»Na, da haben sie wieder mal einige Tausend Tonnen heruntergeschossen.« + +Jakob wechselte die Teller, geräuschlos. + +Der General sah plötzlich auf. Jetzt erst bemerkte er, daß Otto bei +Tisch fehlte. + +»Otto ist eingeladen, Papa.« + +»Am letzten Abend --?« Röte stieg in das Gesicht des Generals. Seine +Wimpern hoben sich vorsichtig, und sein Blick tastete über Ruths +Gesicht. Dieses Gesicht war zart, blaß und von einer ungewöhnlichen +Reinheit des Teints. Es war voller Anmut, ohne irgendwie schön zu sein. +Eine träumerische Zerstreutheit war über die weichen Züge gebreitet, und +ein Lächeln lag auf den etwas zu vollen, tiefroten Lippen. Ruth fühlte +den Blick, ihre Lider zitterten -- aber schon war der Blick des Generals +wieder zu seinem Teller zurückgekehrt. Der General liebte es nicht, dem +Blick seiner Tochter zu begegnen -- es hatte seinen Grund, seine Gründe, +über die er niemand Aufklärung schuldig war. + +»Viel Arbeit in der Küche?« + +»Genug, Papa. Wir geben täglich achthundert Mahlzeiten aus.« + +»Sapperlot!« Der General wischte sich den grauen, dünnen Schnurrbart ab +und rückte den Stuhl zurück. Er bot Ruth die Wange zum Kusse. Sie +berührte sie mit den weichen Lippen (wobei die stachlichen Bartstoppeln +sie stets kitzelten) und legte einen Augenblick die Hand sanft an den +grauen Kopf des Vaters. Diese Art des Gutenachtkusses hatte sich aus +ihrer Mädchenzeit erhalten. Der General fühlte den sanften Druck ihrer +Hand im Herzen. Jeden Abend. Jeden Abend erwachte bei dieser Berührung +die Liebe zu seiner Tochter, die während des Tages verblaßte, schlief, +ohne jede Spur erlosch. Am Tage dachte er fast nie an Ruth, und wenn sie +ihm in den Sinn kam, zufällig und selten, so geschah es ohne jedes +Gefühl, fast mit Kälte. Aber abends fing die Liebe unter dieser +Berührung zu glimmen an. Oft dauerte diese Empfindung an, und einmal kam +es sogar vor, daß der General spät abends an Ruths Türe lauschte, um zu +hören, wie sie atmete. Da stand er im dunkeln Korridor, wie ein Dieb, +das Ohr gegen ihre Türe gedrückt. Sein Herz brannte vor Liebe. + +Am Tage aber -- Gleichgültigkeit, Kälte. Sonderbar! + +»Gute Nacht, Papa!« Weich und fein klang Ruths Stimme. + +»Gute Nacht.« + +Der General erhob sich geräuschvoll. Jakob klappte mit den Stiefeln. +Plötzlich sagte der General im Befehlston: »Wenn mein Sohn nach Hause +kommt, ich möchte ihn sprechen! Aber nach ein halb zwölf will ich nicht +mehr gestört werden. Dann soll er früh in mein Zimmer kommen!« + +»Jawohl, Herr General!« Und Jakob stürzte zur Türe. Er wußte, daß der +Herr Oberleutnant erst gegen Morgen zurückkehren würde wie jede Nacht. +Er hatte ihm schon befohlen, rücksichtslos kaltes Wasser anzuwenden, +wenn er nicht wach werden sollte. + +Ruth wünschte dem Burschen mit heiterer Stimme »Guten Abend« und +schlüpfte in ihr Zimmer. + + * * * * * + +Ruths kleiner Salon war, ganz wie das anstoßende Schlafzimmer, immer +etwas in Unordnung und -- sowohl am Tage wie am Abend -- in Dämmerung +gehüllt. Kleidungsstücke, Bücher und Schreibpapier lagen verstreut +umher. Der kleine Salon, der auf den Tiergarten hinausging, war in +blauen und weißen Farben gehalten. Die niedrigen, mit einem Seidenbrokat +von senkrechten blauen und weißen Streifen überzogenen Fauteuils, +zeigten schon allenthalben feine Risse und waren gelblich geworden. In +die Rücklehnen dieser Fauteuils war ein Medaillon mit dem Wappen der +Sommerstorf eingestickt: eine Hand, die eine rote Rose hielt. (Diese +rote Rose spielte bei den Sommerstorf überhaupt eine große Rolle.) + +Über dem kleinen Sofa, auf dem gewöhnlich Ruths Mantel und Hut lagen, +hing in einem ovalen weißen Rahmen das Porträt einer jungen Dame: +Margarete v. Sommerstorf, spätere Hecht-Babenberg. Das Aquarell, in der +Manier Kaulbachs gehalten, stellte Ruths Mutter im Alter von etwa +zwanzig Jahren dar, zur Zeit, da sie sich verheiratete: ein junges +Mädchen, die schmalen Schultern in ein weißes Spitzentuch eingehüllt, +einen Fächer in der Hand und eine brennendrote Rose im Haar. Das Haar +hatte in den Reflexen den gleichen Schimmer wie Ruths Haar, das manchmal +braun und manchmal blond erschien, je nachdem das Licht darauf fiel. Das +Bild hatte eine besondere Eigentümlichkeit. Die großen hellbraunen +Augen, die der Künstler besonders hervorgehoben hatte, verfolgten den +Beschauer überallhin, wo immer im Zimmer er stehen mochte. Sie ließen +ihn nicht aus den Augen und lächelten. + +Ruth hatte nur eine blasse Erinnerung an die Mutter bewahrt. Etwas +Scheues, unendlich Warmes, Flüchtiges und Huschendes. Weiche Lippen, +unendlich zart und unendlich warm -- die sie geküßt hatten, als sie ein +kleines Mädchen war, und Therese hatte gerufen: »Grüße die Dame, es ist +Mama.« Ruth erinnerte sich genau an diese Worte Thereses, aber zu ihrem +Schmerz erinnerte sie sich nicht mehr an das, was diese blasse, scheue, +unbekannte Dame sprach. + +Sie besaß übrigens das weiße Spitzentuch, in dem die Mutter porträtiert +worden war. Zuweilen, sehr selten, legte sie es um die Schultern, sie +steckte sich eine rote Rose von demselben prangenden Rot in das Haar: +dann lächelten diese beiden Frauen, die ganz gleich aussahen, einander +zu. + +Eilig schlüpfte Ruth in den Mantel und sang leise vor sich hin, während +sie die Handschuhe suchte, die sie, wie gewöhnlich, verlegt hatte: + + Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne, + die liebt ich einst alle in Liebeswonne. + Ich lieb' sie nicht mehr, ich liebe alleine + die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine. -- + +Ruth vergötterte Schumann. + +Aber da hatte sie auch schon die Handschuhe gefunden. Sie waren in eine +leere Blumenvase geraten. + + +9 + +»He, Kutscher, sind Sie frei?« + +Otto sprang in den Wagen. »Paradies-Bar!« Es war eine alte, in allen +Fugen klaffende Droschke. Das Pferd lahmte und schnellte in merkwürdigen +Sprüngen vorwärts. Mein Himmel, was haben sie aus dieser Stadt gemacht, +dachte Otto, mit einem Gefühl von Schadenfreude im Herzen. Er war +zuletzt im vorigen Sommer einige Wochen hier gewesen, um sich von einer +Gasvergiftung zu erholen -- damals erschien ihm der Verfall noch nicht +so furchtbar. + +Einsam klapperten die Hufe des Pferdes in der finstern Straßenschlucht. +Es hatte aufgehört zu schneien, Schmutz floß in den Rinnsteinen. Ohne +Aufhören ging ein schwarzer Aschenregen nieder auf die tote, verkohlte +Stadt. + +Und früher, ein wogendes Meer von Licht! Schimmernde Perlenketten, +blitzende Diademe auf den Dächern, rasende Feuerräder am geröteten +Himmel, geschmolzenes Blei quillt aus den Fugen der Häuser. Die +Scheinwerfer der brüllenden Autoherden, die gleißenden Lichtblöcke der +Schaufenster -- und fröhliche Menschen treiben im Licht, Damen, die +Augen leuchten, und die Zähne blitzen. Lachen . . . + +Da hielt die Droschke plötzlich. Das Pferdeskelett stand in seinem +abgeschabten Fell und zitterte. + +Erschauernd entfloh Otto diesen drohenden Finsternissen, wie alle Welt, +die sich nach den Lichtinseln der verkohlten Stadt flüchtete, den +Theatern und Konzertsälen, um vor den Schatten und Gespenstern der +Dunkelheit zu fliehen. Wie Tiere bei einer Sintflut, die entsetzt +dahinjagen . . . + +Schon in der magisch beleuchteten Tropfsteinhöhle, die als Garderobe +diente, fühlte Otto sich geborgen. Die Luft, die er liebte, schlug ihm +entgegen -- Parfüms, Lachen, Licht, Musik . . . Es war nicht das +allerfeinste Parfüm, es war dick, legte sich mehlig auf den Gaumen, aber +darauf kam es schließlich nicht an. + +Trotz der frühen Abendstunde war die Rotunde der Paradies-Bar schon +überfüllt. Aber Otto hatte Glück, ein kleines Tischchen an der +Balustrade zu erobern -- dicht neben dem giftgrünen und himbeerroten +Jüngling, der die Gipsarme emporstreckte und von den farbigen Strahlen +eines Springbrunnens umsprudelt wurde. Lackrot und Gold waren die Farben +der Paradies-Bar. Bunte Blütenkelche hingen von der goldenen Decke herab +und strahlten Begierde und Wollust aus. Giftgrüne Insekten schabten die +Instrumente, hämmerten mit Klöppeln. Einer der Giftgrünen glitt zwischen +den Tischen hindurch und spielte den Gästen ins Ohr. + +Otto klemmte die Scherbe vors Auge, damit alle Welt sehen konnte, daß er +Offizier war -- und nicht etwa einer von den vielen hier, den vielen, +die sich von den Kadavern auf den Schlachtfeldern nährten. Stimmen +schwirrten ringsum. + +»Vor zwei Jahren lieh ich ihm fünfzig Mark, er kam zu mir -- seine +Stiefel -- überhaupt -- Kellner!« + +»Heute hat er Millionen. Ich schätze ihn auf vier Millionen.« + +»Kaufen Sie Ware, Ware -- einerlei -- eine Pleite, nicht auszudenken. +--« + +»Rudi ist immer gleich bekneipt.« + +Zwischen einer Glatze und einem Blumenstrauß hatte Otto ein schwarzes +schlankes Dämchen mit entblößten, entzückend runden Schultern entdeckt, +das seine Blicke erwiderte. Unter ihm, etwas tiefer, neben dem +Springbrunnen, saßen zwei befrackte Herren, mit zwei wie Fürstinnen +gekleideten Damen in kostbaren Roben, mit Brillanten und Blumen +geschmückt. Er roch den Puder, der von ihren entblößten Büsten aufstieg +und die Essenzen ihrer duftigen kunstvollen Frisuren. Wie rosig, dieses +kleine Ohr -- Kokotten natürlich -- aber immerhin Fleisch, Atem, Leben. + +Am Nachbartisch hatten zwei Herren im Smoking Platz genommen. Ihre +dicken, glattgeschorenen Schädel und schwammigen Trinkergesichter kamen +Otto bekannt vor. Es waren zwei Rittmeister, die er immer in Stifters +Diele Unter den Linden gesehen hatte, wenn er mit Papa dort zu Mittag +speiste. Sie hatten sich zwei reizende kleine Damen mitgebracht, +allerdings nicht erster Klasse, vielleicht Verkäuferinnen, die schon +jetzt zu kreischen begannen. + +Bunte Papierschlangen zischten durch die Luft. + +Ja, hier war in der Tat das Paradies, und da draußen in der finsteren +Straße nichts als die nackte Wirklichkeit. Ein paar blaugefrorene Kinder +mit Streichhölzern, ein altes Weib mit nassen Zeitungen -- und der +Portier der Bar steht wie ein Erzengel in seinem grünen Mantel! Berlin +war im Aschenregen begraben, aber hier hatte sich, in einer Höhle, durch +ein Wunder, ein letzter Tropfen seines geilen Blutes erhalten. Mit allen +Sinnen sog Otto Gerüche, Stimmen, Fleisch in sich, er sammelte auf +Vorrat, für die langen Monate, wo er nichts sehen würde als verrosteten +Stacheldraht und Schrapnellwolken. + +»Reformen -- Sie glauben also nicht daran?« + +»Schwindel, alles Schwindel. Eher wird der Himmel einstürzen --« + +»Aber das wäre ja Betrug!« + +»Betrug? Was sonst? Wissen Sie, wie man den neuen Mann nennt, der uns +regiert? Den Fünfminutenbrenner! Er kann nur fünf Minuten wachbleiben, +dann schläft er wieder ein.« + +»Gott sei uns gnädig und barmherzig!« + +Die Damen mit den Brillanten lachten laut auf. Er sagte es auch zu +drollig, ergeben in sein Schicksal, und dabei stieß er mit der Zunge an. + +Die schmachtende Geige des giftgrünen Primgeigers sang in Ottos Ohr. + +Was sah er? Was hörte er? + +Doras strahlende Augen? Hedis helles Haar hinter dem Schleier mit +Silberstickerei? Hörte er Doras Lachen? Nicht im geringsten. + +Er sah: Nacht, Grausen, eine Kraterlandschaft, die Zone des Todes. +Geschützfeuer geistert und die Granaten heulen. Durch die Dunkelheit +schleppen keuchende Männer einen Verwundeten auf einer Zeltbahn. Beim +Schein des Geschützfeuers erkennt er plötzlich -- ja, er, er, er selbst +ist es, den die keuchenden Männer schleppen. Sein Gesicht ist überströmt +von Blut, und deutlich hört er den keuchenden Atem der Männer, die ihn +tragen . . . + +Sofort schlug Otto erbleichend die Augen auf. Seine Pupillen erweiterten +sich, seine Augen wurden zu gähnenden Kratern voller Grauen -- das also +war es, was er sah und hörte, während der giftgrüne Primgeiger ihm ins +Ohr spielte. Die grausige Vision verblaßte, und augenblicklich kehrte er +wieder in die Paradies-Bar zurück. Nur ein leiser Schrecken zitterte in +ihm weiter. + +Mit bebender Hand füllte er das Glas und trank dem schwarzen, schlanken +Dämchen mit den entblößten, entzückend runden Schultern zu. Seine Dame +lächelte huldvoll -- und augenblicklich drehte sich die Glatze um. + +Die Schultern dieses schlanken Dämchens erinnerten ihn an Hedi. Und +während er sein Glas auf das Wohl der Schlanken leerte, gedachte er +Hedi, mit der nun, Gott sei Dank, alles zu Ende war. Er dachte an sie +ohne Haß, aber mit leiser Verachtung. Eine Dame -- tut eine Dame so +etwas -- damals im Sommer, das Abschiedssouper --? Und doch war er +gerade in diesem Augenblick, wo sich eine rote Papierschlange, von der +schwarzen Schlanken geworfen, um seinen Kopf ringelte, geneigt, +großmütig zu vergeben. Jeder Mensch hatte schwache Stunden. + +»Nun also -- diese Hedi, sie würde wohl schlecht schlafen diese Nacht?« + +»Vielleicht weint sie auch?« + +»So ein bißchen? -- He, Kellner, Herr Ober --!« + + * * * * * + +Wie eitel diese Männer, wie töricht! + +Es fiel Hedi gar nicht ein zu weinen. Sie dachte nicht einmal an ihn. + +Sie dachte an den gelben Mantel! Ein Herr will einer Dame eine Huldigung +darbringen. Nun wohl. Er kauft weiße Rosen, obschon sie ein Vermögen +kosten, und läßt sie auf dem Tisch liegen. Kein Wort, kein Blick: ein +Gentleman! + +Ihre Paläste waren in Schutt zerfallen, die Paläste mit dem Wappenschild +der Hecht-Babenberg: das rote Pferd im blauen Feld. Dahin! Schon aber +baute Hedi neue Paläste! Weitaus herrlichere, kühnere! + +Ach, sie hatte ihre Jugend vergeudet! Drei Jahre lang hatte sie auf +Ottos Brief gewartet und selbst einige hundert Briefe ins Feld +geschrieben. Und dieser Krieg endete ja nie, sie hätte alt werden können +dabei. Wie töricht! Und diese Familie der Hecht-Babenberg, dieser +hochmütige General, in dessen Augen ein Geheimer Rat ein Kanzlist war, +nichts sonst. Er hätte sie stets als ein Geschöpf zweiter Klasse +betrachtet, ohne Ahnenreihe wie die der Babenbergs, die bis auf die +Kreuzzüge zurückging. + +Ja, morgen würde sie vielleicht wieder in den Kaiserhof gehen zum Tee. +Erstens gefiel es ihr dort, die Musik, die Eleganz, die Sorglosigkeit -- +und zweitens konnte es ja sein, daß dieser Herr Ströbel oder Herr v. +Ströbel . . . + +Da richtete sich Klara leise in ihrem Bett auf. Die beiden Schwestern +schliefen zusammen in einem kleinen Hofzimmer. »Schläfst du, Hedi?« +flüsterte Klara. »Guck' doch mal den Mond an, wie er fliegt.« Hedi +antwortete nicht, und Klara beugte sich über ihr Bett. »Ah, du schläfst +ja doch nicht«, sagte sie lachend. Ganz unerwartet erhielt sie eine +klatschende Ohrfeige, denn Hedi war gar nicht in Laune, auf Klaras +Geschwätz einzugehen. Die Kleine ahnte ja nicht, daß sie, Hedi, soeben +in einem fünfzigpferdigen Tourenwagen dahinraste, eine Staubbrille vor +den Augen, Ströbel steuerte -- wenn ein Pneu platzte, konnte es eine +Katastrophe geben. + +Klara saß still und sah dem Mond zu. Ihr Gesicht war in Licht getaucht +und ihre Augen gleißten. Schneeweiß und leuchtend war sie wie ein +Gespenst. Sie atmete das Licht ein, sie war angefüllt vom Licht, und +gleißendes Licht floß durch ihre Adern. + +Das Paradies lag vor ihren Blicken ausgebreitet. + + +10 + +Otto wickelte sich fröstelnd in den Mantel. + +Es war schon das beste, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht wahr? +Sein Zug würde fahren, das stand fest! Er würde fahren, einerlei, was +passierte. Kühle Gesichter, steife Verbeugungen, laute Unterhaltungen +mit erkünstelt ruhigen Stimmen. Dann aber kommt der Augenblick, wo man +plötzlich ein fernes Brummen hört. Die Front! Irgendwo in der Einöde +hält der Zug, nur noch Männer, nur noch Soldaten. Autos, Wagen, +Kommandostimmen, Dunkelheit, Schmutz, Regen, der Geruch einer öden +Gegend. Geschütze poltern, Granaten winseln, es ist ganz wie früher. Die +Kameraden kriechen aus den Unterständen, Hände strecken sich einem +entgegen, man ist laut, man ist fröhlich, aber alles ist -- Lüge. + +Er wußte nicht einmal, ob er sie noch in der alten Stellung finden +würde. Diese Stellung lag Tag und Nacht unter schwerem Feuer, aber doch +war sie angenehm im Vergleich zu den flachen Gräben seinerzeit in +Flandern, wo sie bis an die Brust im eisigen Wasser hockten und völlig +gelähmt, an zwei Stöcken einherhumpelten. + +Aber all das ist es nicht, nicht das Feuer, die Nässe, die Kälte, die +Entbehrungen. Es ist das riesengroße Antlitz des Todes, das da draußen +über den Trichterfeldern steht. Es ist nichts als die grauenhafte Furcht +vor dem Tode, wenn man das Leben liebt, nichts sonst. + +Das allein ist die Wahrheit! -- + +Ein freudiger Schreck lähmte seinen Schritt. + +Stand nicht etwas Weißes am Fenster -- das weiße Buch? Nein, nichts, der +Reflex einer Gaslaterne. Finster das Haus. Das eiserne Gartentürchen war +verschlossen. Otto berührte den Drücker, er war eisig kalt. Die kahlen +Zweige der Büsche peitschten auf und ab, und Otto sah durch die +brodelnde Efeuwand hindurch in Gängen und Zimmern die Heiligenfiguren in +ihren grotesken Verrenkungen. + +Sie schlief, fest und tief, aber ihr Blick glänzte über dem schwarzen +Hause. + +Quer durch den brausenden, finstern Tiergarten führte Ottos Weg. Ströbel +wohnte bei den Zelten. Die Fröhlichkeit mußte jetzt in dieser Stunde +ihren Höhepunkt erreicht haben -- ja, schnell, schnell! Gierig erraffen +von der Nacht, was noch zu erraffen ist. Fort! + +Immer rascher ging er dahin, gepeitscht von Begierde und Qual. Die Zeit +wanderte unter den Sohlen seiner Stiefel. Mit jedem Schritt wanderte ein +Stückchen Zeit rückwärts, ein zertretenes Staubkorn Zeit floh mit +rasender Schnelligkeit zurück in Nichts. Ja, Sand war die Zeit, +rinnender Sand, rasend rinnender Sand, nichts sonst. Ein Meer, ein +Sandmeer rinnt -- und schon ist ein Jahrhundert vergangen -- schon ein +Jahrtausend. Ein Riesenkrater rinnt, und Städte, Völker, Kontinente +kommen ins Gleiten und rinnen hinunter -- ins Nichts. Zeit, welch +entsetzlicher Begriff! Glücklich Tiere und Götter, die ihn nicht kennen. + +In diesem Moment trat der Mond aus dem dunkeln Gewölk. Auch er raste +dahin -- wie alles auf dieser Welt, das vor dem sicheren Untergang floh +-- raste, obgleich einige Jahrtausende bei ihm keine Rolle spielten. +Aber eines Tages würde seine langweilige Visage bersten und er, zusammen +mit dem Staub dieser Erde, den Schwanzzipfel eines Kometen bilden, der +zum großen Staunen der Astronomen plötzlich vor der Linse der Teleskope +erscheint -- irgendwo in undenkbarer Ferne. + +Noch sieben Stunden! Rasend stürzte Otto vorwärts. Die Zweige des +brausenden Parkes griffen nach ihm. Und plötzlich schrie Otto -- wild, +wie ein Tier. Er war jung und er liebte das Leben. + + +11 + +»Einen Augenblick nur!« Schon hatte der General die Mappe mit den Akten, +die heute noch alle bearbeitet werden mußten, aufgeschlossen. Den einen +Schlüssel besaß er, den andern hatte sein Bureauoffizier in Händen. Kein +unbefugter Blick konnte in diese geheimen Aktenstücke dringen, es war +alles bis ins Kleinste wohlorganisiert. + +Er lehnte sich im Sessel zurück. Die Teegesellschaft bei Dora hatte ihn +ermüdet. Nichts strengte ihn in letzter Zeit so an wie die Gespräche +durcheinanderschwirrender Stimmen. Anders die Sitzungen, die er mit +einem Zucken der Brauen lenkte! Aber in einer Gesellschaft, wo jeder +glaubte sprechen zu können, wann und wie lange und wie laut es ihm +beliebte, ja: wie laut, das war es -- Einen Augenblick nur -- + +Reserven -- ungeheure Heere -- wie eine Sturmflut werden sie sich +dahinwälzen . . . schon schlief der General. + +Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, kaum kam das erste tiefe +Röcheln aus seiner Brust, da wurde er auch schon wieder geweckt. Etwas +pickte am Fenster, wie ein Finger, ein Fingernagel. Er wandte den Kopf: +durch die Scheibe starrte ein kleines, glänzendes, stahlblaues Gesicht. +Eine faustgroße Larve von leuchtendem Blau -- in der Tat, ein intensives +Blau, wie eine Spiritusflamme in einem dunkeln Raum -- und erloschene +Fischaugen mit einem toten Glanz. Von diesem stahlblauen, aus sich +selbst leuchtenden Gesicht ging Drohung und Hohn aus, obschon das +Gesicht ohne jede Regung durch die Scheiben starrte. + +Der Schrecken, den das Gesicht durch die Scheiben strahlte, war so +stark, daß der General nun wirklich erwachte. Er hatte, wie er sofort +konstatierte, eine volle Stunde verschlafen. Unwillkürlich wandte er den +Blick zum Fenster -- aber es war natürlich nichts zu sehen, die grünen +Vorhänge waren dicht geschlossen. Er räusperte sich, laut und ungeniert, +wie es seine Gewohnheit war, und warf einen Blick durch die Vorhänge +hinaus auf die Straße. Nichts, natürlich. Regen, Dunkelheit, keine Seele +weit und breit. + +Plötzlich aber stand dieses Gesicht, das ihn aufgeschreckt hatte, wieder +vor ihm -- und zwar dicht vor ihm in der Luft des Zimmers -- auch die +Augen mit dem toten Glanz. Es ist, ja ja, es ist jener -- von heute +nachmittag, natürlich, dachte der General. Er hatte das Gesicht +nachmittags kaum beachtet. Es ist jener kleine Alte, der den Brief +überbracht hat. + +Ein übrigens völlig wirrer Brief, den er nur überflogen hatte -- wirres +und törichtes Zeug, was dieser kleine Alte mit dem blauen Gesicht +. . . Ja, wo steckte der Brief eigentlich. Hier, nun siehst du, schon +dieser Umschlag -- + +Der General konnte aber nun nicht mehr widerstehen, obschon die +Aktenmappe dickbäuchig dalag, eigentümlich. Er war neugierig geworden, +mehr als das. Er entfaltete den Brief und las ihn -- langsam, immer +langsamer, immer aufmerksamer. + +Wie heute abend unter der Lampe des Foyers, stieg Röte in sein Gesicht, +aber nicht eine leichte Ziegelröte, sondern -- Feuer. Die Stirn legte +sich in tiefe Falten -- + +Wie --? Nein, in der Tat, er hatte den Brief nicht gelesen. + +Aber --? Was wollte er -- gefallen, auf der Höhe der Vier Winde, auf +Quatre vents -- nun, und -- wie? -- sogar von Ruth stand etwas hier, +denn Ruth war wohl gemeint -- wie? Nein -- er hatte den Brief wirklich +nur ganz flüchtig überflogen -- er erinnerte sich nur, daß von der Bitte +um eine Audienz die Rede war. + +Wirr -- mehr noch, viel mehr als wirr: + +-- untertänigst bitte ich um eine Audienz. Mein einziger Sohn, Robert, +hat unter dem Befehl des Herrn Generals gekämpft. Er ist am 5. August +beim Sturm auf Quatre vents gefallen. Er war begeisterter Soldat, Jäger, +die einzige Hoffnung und der Stolz seiner Eltern. Ich bitte, mir +gnädigst mitzuteilen, wo sein Grab sich befindet, und besonders, _ob das +Grab nicht den Granaten ausgesetzt ist!_ Dies beunruhigt mich sehr, so +daß ich gänzlich schlaflos geworden bin -- + +Wie? Was meint er? Ob das Grab --? + +Der General ist in ungeheure Erregung geraten. Seine Augen starren. + +Die Höhe! Ja, der Brief hat die Erinnerung an die Höhe in seinem Blut +geweckt. + +Das dunkle, mit Borsten bestandene Ungeheuer qualmt plötzlich wieder vor +den Augen des Generals: Quatre vents! Der 4., 5. und 6. August -- am +Abend des 6. war sie verloren! + +Am 4., 5. und 6. ratterten die Lastautos vorüber, der Schmutz spritzte +-- behangen mit Schwärmen von Menschen. Rote Gesichter, schweißhelle +Augen -- sie schwangen die Helme: hurra -- und der General, auf der +Treppe seines Schlosses -- salutierte. Welches Feuer! Die Erde bebte -- +jetzt hörte er es wieder! Die Hölle! Brennend stürzte ein französisches +Flugzeug in den Schloßpark, mitten in den Rosengarten. + +»Herr General, die Jägerbataillone!« + +»Ich komme.« + +Und die Autos schaukelten, rollten, rasten: hurra! + +Die Höhe von Quatre vents war ein Friedhof von zwölf Stockwerken. +Deutsche, Franzosen, Deutsche, Franzosen. Aber sie lagen nicht nach +Nationen geschichtet, die Minen rissen ganze Stockwerke hoch und +schleuderten die Toten durch die Luft. Der Spaten stieß auf den Schädel +eines Franzosen, daneben traf er auf einen deutschen Infanteriestiefel. +Auch auf Knochen stieß er, nicht auf frische, sondern auf alte gelbe +Knochen und Skeletteile, denn auf der Höhe von Quatre vents hatte sich +ein alter Friedhof befunden. Ein Dorf lag früher da oben -- wo war es +hin? In Atome zermalmt. Die Minen hatten die Kuppe der Höhe abgetragen. +Zentnerweise wurde Dynamit in die Stollen gestopft -- ganze Kompagnien +und Bataillone flogen hoch -- hoch Deutschland! -- vive la France! Sie +kehrten nicht wieder. + +Der General hatte die Höhe nur zweimal betreten. Einmal in einer +sternenklaren Nacht (wie unvergeßlich funkelten die Gestirne!), als es +ganz ruhig war. Die Laufgräben hauchten eine eisige Kälte und fauligen +Geruch aus, man trat auf Körper und wußte nicht, ob sie lebten oder tot +waren -- sonst hatte die Höhe, über die vereinzelte Kugeln zischten, +nichts Furchtbares, und der General sagte sich im stillen, daß all die +Geschichten von den Schrecken der Höhe von Quatre vents übertrieben +wären. Das zweitemal zeigte die Höhe schon etwas mehr ihr wahres +Gesicht. Der General kam am grauenden Morgen, und die Franzosen warfen +schwere Flügelminen, die wie einstürzende Häuser krachten. Ganze +Schwärme der langhälsigen, gierigen Raubvögel stießen auf die Kuppe +herab. Zuweilen schob man ihn hastig in einen Unterstand oder einen +Quergang, wenn der Schatten der Mine in der Nähe niederrauschte. Denn +er, der General, hätte sich nicht von der Stelle gerührt. Angesichts +seiner Offiziere und Leute, die aus den Stollen lugten, hätte er sich +ohne Wimpernzucken in Stücke reißen lassen. Damals passierte ihm auch +die -- offen zugestanden -- Albernheit mit jener ungeschickten Frage. +Nun wohl, sein Gehirn hatte unter dem Eindruck der herabstoßenden +Stahlvögel und des Lawinenkrachens einfach versagt. In einem +eingeebneten Grabenstück lag ein blutgetränktes Tuch, etwas wie eine +zerfetzte Unterhose, in einer Lache von Blut. Es war so viel Blut, daß +der General keineswegs vermuten konnte -- kurz und gut, er fragte: »Na, +ihr habt wohl geschlachtet?« Welche unbegreifliche Albernheit. -- Die +Grabenoffiziere antworteten mit einem verlegenen Lächeln. Und plötzlich +sah der General ein Stück von einem Menschen an der Grabenwand kleben, +daneben ein Stück des Hinterkopfes mit kurzen Haaren. Wie peinlich war +ihm die Frage! Noch heute erinnert er sich voller Scham deutlich des +verlegenen Lächelns der übernächtigten, vom Grabendienst beschmutzten +Offiziere. + +Um acht Uhr saß er schon wieder in seinem Quartier beim Frühstück. + +Ein drittes Mal betrat der General die Höhe nicht. + +Er sah sie das letztemal, als sie verlorenging, das heißt er sah nicht +die Höhe, sondern Nacht und ein Büschel roter Notsignale, die ohne +Unterbrechung in der Nacht aufglühten -- Hilfe! -- und hoffnungslos +sanken. + +Das also war Quatre vents. + +Schwer atmend ging der General hin und her. + +Deutlich hörte er wieder die Stimme des Adjutanten. Die Jägerbataillone, +Herr General! Also auf einem dieser Autos saß er -- unter hundert andern +-- mit den roten Gesichtern und den schweißgleißenden Augen -- er, jener +-- wie hieß er doch -- Robert! Am 5.! Ja, am 5., da hatte er noch +Hoffnung -- am Mittag des 6. wurde er schwankend und befahl einen +letzten Gegenangriff -- am Abend, da waren nur noch die roten +Leuchtkugeln . . . + +Erst allmählich verflog die Erregung. Plötzlich lag die dickbäuchige +Aktentasche wieder auf dem Schreibtisch. + +Sonderbare Menschen gab es! Sein Grab? Daß man es wagen durfte, ihm +solch einen Brief zu senden! + +Und da -- was schrieb er am Schluß: + +-- sollten Exzellenz geneigt sein, mir diese Audienz zu bewilligen, so +könnte ich Mitteilungen über das gnädige Fräulein machen, die Exzellenz +gewiß interessieren würden. Ein Unglücklicher. -- + +Ja, sonderbare Menschen . . . + +Der General zerriß den Brief und warf die Fetzen in den Papierkorb. +Schon war er in die Akten vertieft. + +Aber noch nach einer Stunde zitterte seine Hand: Hätte man ihm damals +die verlangte Unterstützung geschickt -- noch heute wäre Quatre vents in +seiner Hand! + + +12 + +»Sind Sie es, Otto?« + +»Ich dachte schon, die Polizei kommt. Sie machen wieder einen solch +furchtbaren Lärm.« + +Ströbel öffnete seinen Gästen selbst. Er hatte nach zehn Uhr keine +Dienstboten mehr im Hause, um gänzlich ungeniert sein zu können. + +Wüster Lärm drang aus der Wohnung. Das ganze Haus bebte. Dieser Herr +Ströbel -- oder Herr v. Ströbel, niemand wußte es genau -- besaß vor dem +Kriege nichts als ein paar gutsitzende Anzüge, darunter einen +schwarzweiß karierten Sommeranzug, der so auffallend war, daß man sich +heute noch an ihn erinnerte, einen Zylinder und einige Paar sehr +elegante, etwas dandyhafte Schuhe. Das war alles, was er besaß -- dazu +Beziehungen. + +Heute war er reich, er hatte eine Motorenfabrik, und seine Beziehungen +waren noch besser geworden. + +Er war auch kurze Zeit im Felde -- aber das war eine Geschichte für sich +. . . + +»Welch abscheuliches Wetter«, rief Otto aus und schüttelte sich. Seine +Augen flackerten vor Unruhe. + +»Das Wetter ist nicht das Schlimmste«, erwiderte Ströbel, der sich in +einen Sessel der Diele geworfen hatte und die Lackschuhe gegeneinander +klappte. »Es ist die Finsternis! Eine nordische Stadt ohne Licht -- wie +stellen Sie sich das vor? Es ist ein schlechter Scherz! Eine nordische +Stadt ist der Finsternis abgerungen und das Produkt des Lichts. Das +Licht gab ihr Inspiration, Energie, Laune. Im Süden -- Sie waren nie im +Süden? -- da braucht man kein Licht -- Himmel, Sterne. -- Aber +hier oben? Ohne Licht sinkt eine nordische Stadt wieder in +Bedeutungslosigkeit zurück. Verdunkeln Sie London und es wird ein +armseliger, kleiner Fischereihafen --.« + +»Nennen Sie Berlin eine nordische Stadt?« + +»Natürlich. Es fiel früher nur nicht auf. Jedenfalls aber -- schlimm, +Otto, schlimm! -- geht diese Stadt vor die Hunde. Ja vielleicht ist es +schon so weit -- wir wissen es nicht mehr --« + +Otto schrak zusammen: Drinnen fiel ein Schuß. Geschrei. Händeklatschen. + +»Wird bei Ihnen geschossen?« + +»Ja, die Feuerwalze ist hier, produziert sich als Kunstschütze. -- Sie +kennen ihn doch? Hauptmann Falk.« + +Der Qualm, die Gesichter, der wilde Lärm -- von Otto wich augenblicklich +alle Unruhe. Jene unvergeßliche Szene glitt ihm durch den Sinn: in der +Nacht, bevor das Regiment ins Feld rückte, hatte einer der Kameraden, +ein Hauptmann Below -- lange tot, und zwar als erster gefallen -- der +sich vom Liebesmahl früher zurückziehen wollte, eine Droschke ans Kasino +bestellt. Man kaufte dem Kutscher höchst einfach die Droschke ab! Diese +Droschke wurde bei der Steintreppe aufgestellt, die fünfundzwanzig +Stufen tief vom Kasino in den Park hinunterführte. Freiwillige vor! +Augenblicklich war die Droschke überfüllt. Wie ein Schwarm hingen die +Kameraden auf dem Gefährt. Ein kleiner Schwung, und die Fahrt in die +Tiefe begann. Die Droschke zersprang in tausend Stücke, aber nichts +passierte. + +Sie alle indessen -- von allen Offizieren des Regiments lebten nur noch +sechs, zwei davon waren Krüppel. + +Mit strahlender Miene trat Otto ein, bereit, sich kopfüber in den +Strudel der Fröhlichkeit zu stürzen und jede Ausgelassenheit +mitzumachen. Wohltuend schlug ihm die Atmosphäre der +Kameradschaftlichkeit entgegen. Hier kannte man ihn. Hier wußte man zum +Beispiel, daß er 1915 einen französischen Offizier, der verwundet +zwischen den Stellungen liegengeblieben war, trotz aller Knallerei in +den Graben geschleppt hatte -- nicht aus Barmherzigkeit, nein, nur um zu +zeigen, was für ein Bursche dieser Hecht-Babenberg war! + +Welche Gesellschaft! Fast alle ergraut, fahl und erschöpft. Hauptmann +Wunderlichs helle Katzenaugen blinkten, die Krücken lehnten wie immer +hinter seinem Sessel. Ein schwarzer Glacéhandschuh über der Holzhand. +Ein junger, totenbleicher Leutnant mit schräggeneigtem, verbundenem +Kopf, aus dem Lazarett entsprungen. Ein Herr im Smoking, blond und +schön, den leeren Ärmel in die Tasche geschoben. Auch einige geschorene +Billardkugelköpfe mit Knollen am Schädel waren da, Majore, Hauptleute. +Aber sie waren in der Minorität. Ein grünes Gesicht, mit Monokel, selbst +ein Blinder saß da, vergnügt ins Licht blinzelnd. Otto erblickte auch +einige Offiziere seines Vaters: den Adjutanten Weißbach, den hünenhaften +Major Wolff. Viele von ihnen waren dreimal, fünfmal verwundet gewesen, +morgen konnte die Reihe wieder an sie kommen. Der Krieg zog sich hin. + +Alle aber waren in angeregter Stimmung, und auf ihren fahlen, +zerfurchten, verwüsteten Gesichtern lag ein leichtsinniger, kindlicher +Ausdruck. + +»Also hier ist er -- hier kommt er!« schrie Hauptmann Falk Otto +entgegen. Dieser Hauptmann Falk, mit dem sonderbaren Spitznamen +»Feuerwalze«, war ein kleiner, klapperdürrer Mensch, rothaarig, mit +staubgrauem Gesicht -- nur um die Augen zogen kranke gelbe und olivgrüne +Ringe. Er sprach hastig und mit einer hohen Kehlkopfstimme, die +unangenehm und herausfordernd klang. Wie Hauptmann Wunderlich, der +Menschenjäger, trug er den höchsten Kriegsorden. Er war ein verwegener +Bursche, hatte die schlimmsten Tage an allen Fronten mitgemacht, und für +die, die ihn kannten, war es unbegreiflich, daß er überhaupt noch lebte. +Er selbst behauptete kugelsicher zu sein. Immer wieder tauchte er von +Zeit zu Zeit in Berlin auf, um die wenigen Tage Urlaub zu +durchschwärmen. Dann kam er drei, vier Tage nicht ins Bett, und erst auf +der Rückreise zur Front schlief er sich aus. + +»Rasch, Hecht!« schrie er und fuchtelte mit einer Pistole. »Sie können +die Saharet gewinnen!« + +Eben diese Saharet stürzte sich Otto mit einem kleinen Katzenschrei +entgegen. + +»Sie werden sehen,« rief sie, »ich kenne Otto --!« + +Sie war ein kleiner schwarzhaariger Irrwisch mit runden Katzenaugen. +Ihrer -- sehr entfernten -- Ähnlichkeit mit der Tänzerin Saharet +verdankte sie ihren Namen. Früher hieß sie -- ja, wer sollte es wissen? +Ströbel hielt sie als eine Art Hauskatze. Sie räkelte sich auf den +Sesseln, telephonierte, das war ihre ganze Beschäftigung. Sie sprach +geziert wie eine Ausländerin, eine Russin, eine russische Fürstin, und +spielte die große Dame. Mit einem Wort, sie war ungeheuer lächerlich. +Welchen Grund hätte auch Ströbel sonst gehabt, die Saharet zu halten? + +Ja, also die Sache war die: die Saharet sollte ausgeschossen werden, als +Preis sozusagen. Sie wollte dem ein Schäferstündchen gewähren, mit oder +ohne Publikum, der sich ein Glas vom Kopf schießen lassen würde. In +irgendeinem Vorstadttheater hätte sie einmal Wilhelm Tell gesehen. + +»Abgemacht, gut, abgemacht!« Hauptmann Feuerwalze hatte soeben zwei +Likörgläschen auf fünf Meter Entfernung freihändig vom Büfett +geschossen, er war zu allem bereit -- ein Glas vom Kopf, schön -- bitte +nur zu befehlen. + +Hier aber begannen die Schwierigkeiten. Niemand hatte Lust, seinen Kopf +zu riskieren -- schon war die Saharet gekränkt, daß man ihre +Schäferstündchen so niedrig einschätzte, sie ließ die Katzenaugen im +Kreise gehen, schmollte, bettelte -- da kam Otto, und sie stürzte sich +auf ihn. + +Otto, der Retter, der Lohengrin der Saharet! + +Die Augen der Kameraden, alle Blicke waren auf ihn gerichtet, das +Gelächter, das flehende Schmeicheln der kleinen Saharet, Otto konnte +nicht widerstehen. Ohne zu überlegen, beseelt vom Wunsche gleich in den +Mittelpunkt der Gesellschaft zu treten -- nein, was für ein toller Junge +war doch dieser Otto! -- erklärte er sich augenblicklich bereit. Ein +Glas Sekt, und die Vorstellung kann beginnen. + +»Wie? Sofort?« -- Bravo! Ungeheurer Beifall! + +Die Saharet tanzte vor Entzücken auf einem Bein und klatschte in die +Händchen. »Ach, wie reizend, dieser Otto!« Höchst persönlich kredenzte +sie das Glas Sekt. + +»Also los, fertigmachen«, schrie Hauptmann Falk mit wilden Augen. + +Unter Gelächter und Scherzen wurde Otto gegen eine Wand gestellt. Es +zeigte sich indessen zur allgemeinen Verwunderung, daß ein Glas auf +seinem Schädel nicht so ohne weiteres stand. Ein kleines Buch, bitte! +Darauf also stellte der kleine aus dem Lazarett entsprungene Leutnant +mit dem verbundenen Kopf ein Sektglas. Sofort aber protestierte die +Saharet. Das Glas war zu groß. Was sollte das für ein Kunststück sein? +Sie selbst suchte ein kleines Weinglas heraus, rückte einen Stuhl heran +und stellte es eigenhändig auf Ottos Kopf. »Nein, wie reizend von Ihnen, +Otto!« + +»Nun, fertig, los,« schrie die Feuerwalze, »macht Platz.« + +»Also -- ein Schäferstündchen?« + +»Wieso ein Schäferstündchen? Nein, nein --« + +»Was also --?« + +»Einen Kuß -- Otto! Einen Kuß!« + +»Schön -- auch für ein Küßchen mache ich es.« + +»Zurück! Sprechen Sie nicht, Hecht, sonst fällt das Glas herunter.« + +»Es ist ein völliger Wahnsinn!« protestierte Major Wolff, der Hüne, der +noch einigermaßen nüchtern war. »Sie sollten es verbieten, Ströbel!« + +»Verbieten, wieso?« entgegnete Ströbel erstaunt. »Niemand hat weniger +Rechte als der Wirt.« + +Hauptmann Falk stärkte sich mit einem Kognak. + +»Wenn Sie glauben, daß ich ewig hier stehenbleiben werde«, sagte Otto +ungeduldig, und das Glas wackelte auf seinem Kopfe. + +»Sofort, bitte -- ich eröffne das Feuer«, schrie Hauptmann Falk. + +»Achtung, meine Herren!« Hauptmann Falk schwang die Pistole. Aber in +diesem Augenblick warf ihn der Rausch einige Schritte zur Seite. Er +wandte sich empört um. »Ich bitte gehorsamst, mich nicht an den +Rockschößen zu zerren --« + +»Sie sollten lieber die Sache sein lassen«, sagte Major Wolff. + +»Weshalb denn?« schrie Hauptmann Falk mit wütender Miene. »Sobald ich +abdrücke, stehe ich wie eine Statue. Sie können sich auf mich verlassen. +Also los, ich eröffne das Feuer.« + +»Ruhe!« rief die Saharet und preßte die Hände auf das Herz. Wie spannend +es doch war! + +Der Lauf der Pistole war auf Otto gerichtet. Langsam bewegte sich das +runde Loch an ihm in die Höhe. »Daß mir jetzt niemand ein Wort redet,« +schrie Hauptmann Falk, »sonst schieße ich Hecht die Kugel in den Kopf.« +Alles war mäuschenstill. Die Saharet stand mit gefalteten Händen. +Ströbel betrachtete voll Interesse Otto, der unmerklich mit den Augen +zwinkerte, als die Mündung der Pistole zwischen seine Augen gerichtet +war. + +Otto hatte eine ganz gleichmütige, etwas belustigte Miene aufgesetzt. +Ich wünsche jetzt nur das eine, dachte er, daß mir die Kugel mitten in +die Stirn fährt. Mitten in die Stirn und Schluß! So drücke doch ab! Er +war ganz ruhig . . . + +Da wanderte das Loch der Mündung um einen Millimeter höher. Hauptmann +Falk hatte die Zähne zusammengebissen, so daß die Backenknochen aus +seinem grauen, mageren Gesicht vorstanden. Dann hielt er den Atem an, +und im gleichen Augenblick zersplitterte das Glas. + +Welcher Beifall! Welche Ovationen! + +Augenblicklich aber ergriff die Saharet, aus Koketterie, die Flucht. +Gläser zerschellten, Stühle krachten. Sie riß eine Tischdecke mit allem, +was darauf war, herunter. Aus Höflichkeit, aus gar keinem andern Grund, +hatte Otto die Verfolgung aufgenommen. Dieser schmale, armselige Mund +reizte ihn nicht. Endlich hatte sich die Saharet in der Ecke der +Bibliothek verrannt. Sie konnte weder vorwärts noch rückwärts und +versuchte, an den Bücherregalen in die Höhe zu klettern. Aber als auch +das nicht gelang, ergab sie sich, um Hilfe schreiend, in ihr Schicksal. + +Schon hatte Otto die Hände ausgestreckt -- plötzlich aber schwankte er +und wurde weiß wie eine Wand. Erregt von der Jagd, berauscht, hatte ihn +plötzlich Schwindel ergriffen. Das Gesicht der Saharet verschwamm, ihre +Augen -- ein entsetzliches, halbverwestes Gesicht erschien, mit +blinkenden Zähnen, ein Totenantlitz. + +»Ich werde fallen!« fuhr es ihm durch den Sinn, mit der Gewißheit einer +Erleuchtung, die keinen Zweifel zuläßt. Und dies war der Augenblick, wo +er bleich wie eine Wand wurde. + +Wieder erweiterten sich seine Pupillen, wieder wurden seine Augen zu +Kratern voller Grauen. Ja, jetzt hatte er verstanden. + + * * * * * + +Schokolade knabbernd hockte die Saharet hoch oben auf dem Klubsessel, in +dem der hünenhafte Major Wolff saß, der die Bank hielt. Die fahlen, +verwüsteten Gesichter mit den grauen Schläfen drängten sich um den +Tisch. Karten, Banknoten flatterten. Auch der Blinde spielte, er machte +mit dem Einarmigen im Smoking ein Kompaniegeschäft. Nur Ströbel spielte +nicht. Er füllte die Gläser. + +Otto gewann -- ganz im Gegensatz zu seinem sprichwörtlichen Pech beim +Spiel. Im Augenblick hatte er, obschon er ohne jede Überlegung, völlig +sinnlos spielte, dreitausend Mark gewonnen. Auch das war auffallend! + +Und wenn ich falle, dachte er, was ist dabei? Viele Hunderttausend sind +gefallen, weshalb sollte ich, gerade ich, verschont bleiben? Es ist +schließlich völlig egal! + +Noch einmal, einmal noch wollen wir das Schicksal befragen -- + +Die Bank war in eine Verlustserie geraten. Sie hatte sechsmal bezahlt, +und es war völlig unwahrscheinlich, daß das Glück ein siebentes Mal +gegen sie war. + +»Dreitausend Mark Einsatz, Herr Major?« fragte Otto. Gewann er, gegen +alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit, nun, so würde er es glauben, so war +es sicher . . . + +Die Bank verlor ein siebentes Mal. + +»Ich werde fallen, gut!« -- Otto zählte die Scheine, die man ihm +zuschob, und steckte sie in die Tasche. + +»_Und ich werde sie nie wiedersehen!_« + +Er stand auf. + +»Viertausenddreihundert -- erstes Geschütz --!« kommandierte Hauptmann +Weißbach, der in einem Sessel eingeschlafen war und mit offenem Munde +dalag, die bleiche Stirn in Falten zerknittert. + + +13 + +Nacht, der Regen rieselte, schwarzer Regen. + +Die Riesenstadt schlief, sie keuchte im Schlaf. Die Menschen schwitzten, +in ihren Betten, trotz der eisigen Kälte der Wohnungen. Der kalte +Schweiß stand auf ihren Stirnen, mit offenen Augen starrten sie in die +Dunkelheit. Es war nicht mehr wie früher, da die Riesenstadt nachts +aufschrie -- weißt du noch, am Anfang des Krieges? In jeder Nacht +gellten entsetzliche Schreie aus Häusern und Höfen, furchtbares Jammern +und verzweifeltes Schluchzen -- die Depeschen regneten herab auf die +Riesenstadt: gefallen, gefallen, dein Sohn, dein Gatte, dein Geliebter, +der Ernährer deiner Kinder, gefallen, gefallen -- und die Riesenstadt +schrie! Das Geläute der Glocken, die die Siege feierten, summte noch in +der Luft, mit Blumen geschmückte Jünglinge und bärtige Männer stürzten +sich hinaus -- + +Nun schrien sie nicht mehr, sie lagen still, die verkrallten Finger in +die Brust geschlagen, sie setzten sich in den Betten auf und flüsterten +-- einen Namen. + +Still lag die große Stadt und dunkel. + +Erloschen die Feuersbrünste, die nächtlich aus den Bahnhöfen +emporloderten und den Himmel röteten, früher, nur noch scheue Lichtnebel +über der unendlichen Finsternis der verkohlten Stadt. Heulend und +winselnd rollten die Züge zwischen den finstern Häusern. Es waren die +Transporte, die des Nachts in die Stadt schlichen, in die halbdunkeln +Bahnhöfe, und die blutenden Menschen von den Schlachtfeldern brachten. +Dieselben, die mit Blumen geschmückt die Stadt verlassen hatten. Der Tag +durfte sie nicht erblicken. Riesenschatten schwankten über die hohen, +verstaubten Bahnhofsmauern, Tragbahren glitten hin und her, Automobile +schlichen auf ihren Gummirädern verstohlen durch die Straßen, hin und +zurück, hin und zurück. Dann erloschen die Bahnhöfe und versanken in die +Dunkelheit, bis wieder ein Zug winselte und schrie: ich bringe sie +. . . Und wieder schwankten die Riesenschatten über die verstaubten +Backsteinwände, wieder glitten die Tragbahren hin und her, wieder +schlichen die Automobile auf ihren Gummirädern verstohlen durch die +Straßen, hin und zurück. Die ganze Nacht hindurch, jede Nacht. + +Schon winselt ein neuer Zug -- und viele sind noch unterwegs, weit +draußen zwischen den Kartoffeläckern und Rübenfeldern, über die der +Regen fegt. Viele, Abertausende -- + +In jeder Nacht schlägt die Flut des blutigen Ozeans bis ins Herz der +Stadt. + +Im Grauen des Tages aber fahren die stillen Wagen von den Lazaretten +durch die Vorstädte, immer weiter, bis zu den Friedhöfen. Mit Kisten +beladen. Darin liegen sie, die mit Blumen geschmückt hinauszogen, ohne +Kleider, ohne Stiefel, ohne Wäsche, nackt, aber sie frieren nicht mehr. +Es ist Anfang Februar des Jahres 1918 -- + +Stumm fließen die Straßen dahin, ohne Ende. Höhnische Gespenster die +Laternen an den Ecken. An den ausgebrannten Häusern hängen windschief +die Firmenschilder. Riesenbuchstaben, kalt, bleich, Leichen. Die Namen +sind nicht mehr, die Firmen sind erloschen, die Magazine sind leer. In +der finstern Nacht kommen die Schatten zurück, sitzen an den +Schreibtischen der Bureaus, schleichen durch die leeren Magazine. +Schatten wimmeln die Treppen herab, Boten, Briefträger, gefallen. +Straßenkehrer fegen die finstern Straßen, gefallen. Schatten von +Omnibussen huschen zwischen den Fluten treibender Schatten dahin, die +die Straßen überschwemmen, ein Meer. Die Kutscher der Omnibusse +gefallen, die flinken Pferde gefallen. In jeder Nacht kehren die Toten +in die tote Riesenstadt zurück. + +Ängstlich lugt der Wächter um die Ecke. Seine Zähne klappern vor Furcht, +die leichenhaften Riesenbuchstaben an den Häuserwänden starren auf ihn, +sie winken, sie lächeln so eigentümlich -- ach! + +Da erzittert die tote Straße! Ein Schritt dröhnt, rasch, eilig. Ein +Sturmschritt, der Schritt eines Läufers, der dahinjagt. Eine Stimme +ruft. Die schlaflosen Menschen in den kalten Betten richten sich auf: +schauerlich hallt die Stimme durch die dunkle Stadt. Die schweißigen +Haare sträuben sich -- was ruft er? Wieder? Wie in jeder Nacht . . . + +Ein weiter, feldgrauer Soldatenmantel flattert um die dunkle Ecke. Er +jagt durch die Straßen! Hände, zum Fluch gestreckt, züngeln empor. +Dröhnend rollt die Stimme über die schwarzen Häuser. + +»Wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen!« + +Sind es diese Worte? + +Die Menschen, die in den Betten horchen, verstehen die Worte nicht. Es +sind uralte Worte, tausendjährige, sie fühlen es, es sind Worte des +Fluchs und des Untergangs. + +Der Wächter entflieht. Ein Soldat! Flink sind sie heute mit dem Messer +. . . + +In der Ferne schon schallt die Stimme. Sie rollt die endlosen Straßen +entlang, hinaus in die Vorstädte, hinaus auf das flache Feld. Lange noch +hängt ihr Hall zwischen den schlafenden Häusern. + +Die Hausecken sind finster. Aber sobald der weite Soldatenmantel an +ihnen vorüberflattert, strahlt plötzlich Licht aus den dunkeln Wänden: +die schwarzen Steine haben ein Auge aufgeschlagen. Ein Wort leuchtet aus +der Dunkelheit: + + »_Alle Völker sind Brüder!_« + +Kalkweiß flattert der weite Soldatenmantel im Schein einer fernen +Laterne -- schon ist er verschwunden. -- + +Wieder ist es still, wieder liegt die Riesenstadt tot wie eine Stadt aus +Asche. + +Draußen aber, die Vorstädte gleißten. Um die Stadt aus Asche schwang ein +Gürtel blendenden Lichts -- die gleißenden Feenpaläste der Fabriken +schwammen in der Nacht. Der rote Dampf zischte, aus den Schloten quollen +Schatten, dick und schwarz wie bei Kriegsschiffen in voller Fahrt. Die +Räder schwangen, der Boden zitterte. Abertausende standen an den +Drehbänken, das Öl spritzte -- Abertausende schleppten Granaten, +schraubten, polierten. Abertausende von übernächtigen bleichen +Arbeiterinnen saßen im grellen Licht der Bogenlampen an den +Arbeitstischen, füllten, wogen, verschnürten. + +Und die schweren Züge keuchten dahin, hinaus. + +Das ganze Land arbeitete in dieser Nacht, in jeder Nacht, Millionen +Hände -- der Tod war ihr Besteller. + + +14 + +Der Tiergarten brauste, in seiner Tiefe grollte es wie die Brandung des +Meeres. Die Wipfel mahlten in der Finsternis, und zuweilen peitschte ein +Zweig ohne jeden Grund rasend den Himmel. Ohne Aufhören floß der Regen +herab. + +Finsternis, kein Licht weit und breit. Doch halt, im Hause des Generals +wurde nun ein Fenster hell. Es war das Fenster gleich rechts vom +Hauseingang, Ottos Zimmer. + +Der Morgen war nahe. + +Am Rande des Tiergartens stand ein Schutzmann in seinem Regenmantel. Er +horchte. Ein Schuß --? Er schabte mit den schweren Stiefeln auf dem +Pflaster und ging ein paar Schritte über die Straße. Er blickte hinüber +zu den Gärten, hinter denen die Regierungsgebäude liegen. Vielleicht hat +sich jemand in den Regierungsgebäuden erschossen? Ein Minister? Wie? +Wie? Und doch ein Schuß, sagte der Schutzmann und zog sich tiefer in das +Dunkel des Tiergartens zurück. Jede Nacht erschoß sich hier jemand -- +ein Soldat, ein Bankrotteur, ein Verschmähter. Der Schutzmann bohrte +seine Augen in den finstern Park und versuchte mit seinem +Polizistenblick das Dunkel zu schrecken. + +Immer noch war Ottos Zimmer, gleich rechts vom Hauseingang, hell +erleuchtet. Immer noch sang melancholisch der Regen. + +Nun aber dämmerte Licht auch in den Gemächern links vom Hauseingang. Die +Türe zum Schlafzimmer des Generals wurde geöffnet, und ein Schleier von +Licht drang durch die Gardinen. + +Da erschien die breite Gestalt des Generals in der lichten Türe. Der +General war im Schlafrock und taumelte schlaftrunken. Er verlor immerzu +die zinnoberroten Pantoffeln, während er sich in das Vorderzimmer +tastete. Ein Schatten kroch vor ihm her. + +»Wie sagst du --?« Er räusperte sich, seine Mundhöhle war ausgetrocknet, +denn der General schlief mit offenem Munde und schnarchte. »Verletzt, +sagst du --?« Er bemühte sich, die Schnur des Schlafrocks zuzuziehen, um +sich nicht zu erkälten. Schon wieder hatte er einen Pantoffel verloren +und tastete mit dem nackten Fuße danach. + +»An der Hand -- der Herr Oberleutnant --« + +»Man sollte doch meinen, daß er mit Schußwaffen umzugehen versteht!« +schrie der General den Burschen an. Eigentlich hätte er dies Otto sagen +sollen, aber in derartigen Augenblicken wandte er sich mit Vorliebe an +Untergebene. + +»Mache Licht!« + +Zornrot ragte der Kopf aus dem fleischfarbenen Schlafrock. Auch dieser +Schlafrock zeigte karmesinrote Aufschläge, nicht so groß wie der Mantel, +aber von der gleichen Farbe. + +»Beim Packen also --? Was soll das Gestotter!« + +»Der Herr Oberleutnant wollte den Revolver in die Kiste schieben, da +ging er los -- ganz von selbst. Er ist schon einmal losgegangen.« + +Mit wütenden Schritten ging der General durch die Zimmer. Der +fleischfarbene Schlafrock wehte. Plötzlich aber hielt er den Schritt an +und tastete mit der Hand gegen einen Türrahmen. »Ein Glas Wasser, +Jakob«, sagte er. »Und dann -- hörst du -- wecke meine Tochter, sofort +-- aber nicht du sollst sie wecken -- sondern wecke Therese, und Therese +soll meine Tochter wecken. Wangel soll sofort das Auto holen.« + +Das Blut war aus seinem Kopf gewichen, er war totenbleich geworden. Er +taumelte ein paar kleine Schrittchen rückwärts, bis seine Hand eine +Stütze an einem Sessel fand. Der Atem pfiff in kurzen Stößen aus seiner +Brust. + +»Und nun also ein Glas Wasser!« + +Der General hatte nur einen flüchtigen Blick durch Ottos halboffene Tür +geworfen. Otto stand gestiefelt und gespornt, rasiert und frisiert, fix +und fertig zur Abreise. Auf dem Boden lag die gepackte kleine graue +Offizierskiste. Er sah völlig nüchtern aus, gesammelt, ohne jede Spur +von Betrunkenheit. + +Und dann ein Handtuch -- zusammengerollt, wie ein blutiger Klumpen +. . . Es war eine Schwäche des Generals, daß er kein Blut sehen konnte. +Es war ihm immer peinlich gewesen -- im Felde, wo es sich doch nicht +vermeiden ließ -- aber es war eine Schwäche, die er schon in der +Kadettenzeit gehabt hatte. Es war ganz hoffnungslos, dagegen +anzukämpfen. + +Man hörte Therese an Ruths Türe pochen. Man hörte sie halblaut rufen. +Dann ging die Türe. Therese verschwand in Ruths Zimmer und kam nicht +wieder. + +Nun? + +Endlich -- nach langer Zeit kam Therese wieder zum Vorschein. Ihre Miene +war verstört. Hilflos blieb sie an der offenen Türe stehen. Therese -- +sie hieß gar nicht Therese, aber sie wurde, seit sie im Hause des +Generals lebte, so genannt, sie hieß Ernestine -- Therese war, wie +häufig, von ihrer Angst vor dem General gelähmt. Sie fürchtete ihn für +gewöhnlich, sie ließ sich nicht gerne in ein Gespräch mit ihm ein, lebte +für sich in den hinteren Räumen und kam nur selten nach vorn. Aber bei +besonderen Ereignissen steigerte sich ihre Furcht zum Entsetzen. Und in +diesem Augenblick erschien ihr der General wahrhaft erschreckend -- in +seinem fleischfarbenen Schlafrock und den roten Pantoffeln. Ihre Augen +zerrannen vor Ratlosigkeit, ganz wie seinerzeit, als sie vor dem Gericht +aussagen sollte. Damals, als der General den Prozeß führte und man sie +kreuz und quer über alles Mögliche ausforschte. Damals, als es keine +Ruhe mehr im Hause des Generals gab, nur Tränen. Therese fühlte, daß +wiederum etwas nicht in Ordnung war. + +Der General aber starrte sie an, er begriff nicht. Sein Schnurrbart +zitterte, und Therese, die dieses Anzeichen sehr gut kannte, machte eine +verzweifelte Anstrengung zu sprechen. Ihr altes Gesicht legte sich in +tausend Runzeln und kleine Falten, als ob sie weinen wollte. Die Finger +zupften an den rasch übergeworfenen Kleidern. + +»Ruth ist nicht hier.« + +Der General hatte nicht recht gehört. + +»Sie ist nicht in ihrem Zimmer.« + +»Nicht hier --?« + +Aber gerade in diesem Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit auf ein +Geräusch an der Türe gelenkt. In der Türe der Diele drehte sich ein +Schlüssel, und er wartete voller Spannung, was nun geschehen würde. +Zuerst erschien also eine kleine Hand, in grauen Handschuhen. Dann der +braune Pelzbesatz eines Ärmels, und schließlich stand Ruth in voller +Person mitten in der Türe. Auf ihrer kleinen, braunen Pelzmütze lagen +Regentropfen. Ruth erschrak nicht. Ihre braunen Augen, die weichen, +leuchtenden Augen der Sommerstorf, waren voller Erstaunen auf den +General gerichtet. + +Dann aber begannen ihre Blicke sich langsam mit Unruhe zu füllen. Das +Leuchten erlosch, sie wurden dunkel. + + + + +Zweites Buch + + +1 + +Der Tag graute, und noch immer schwang der gleißende Lichtgürtel um +Berlin. + +Vor wenigen Wochen, im Januar, lagen die blendenden Fabrikpaläste der +Vorstädte plötzlich einige Nächte lang dunkel da. Die eisernen Tore +blieben geschlossen, die Räder standen still, die Kesselfeuer waren +erloschen. Hunderttausende von regsamen Händen, wo waren sie? Was war +geschehen? + +Streik, mit einem Wort. Streik, jetzt, gerade in diesem Augenblick, wo +man die Vorbereitungen traf für die letzte große Anstrengung, die den +Sieg bringen sollte. Das englische Gold rollte -- der General behauptete +es -- das englische Gold rollte durch die Straßen Berlins, Millionen und +abermals Millionen. Scharen von Agenten waren von Albion ausgesandt +worden, um die Front der Heimat zu unterminieren. Es wimmelte von +Spitzeln und Spionen. Man klebte Zettel an die Häuser, Laufzettel gingen +durch die Fabriken -- das englische Gold war allmächtig. + +Es kam zu Zusammenrottungen -- da draußen. Patrouillen streiften durch +die Stadt, Schwärme von Berittenen mit Karabinern, Maschinengewehre +waren auf den Dachböden aufgestellt, da und dort -- sollten sie nur +kommen -- von da draußen! Halbwüchsige Burschen zogen über die Linden +und pfiffen. Aber die Schutzleute stürzten aus den Häusern und +ohrfeigten sie. + +Straßenbahnwagen wurden umgestürzt. Durch die Stadt fuhren reihenweise +Wagen mit eingeworfenen Fensterscheiben. Das englische Gold hatte es +weit gebracht. + +Die Streikenden sandten einen Ausschuß, um zu unterhandeln. Aber der +Minister -- plötzlich machte er sein Rückgrat steif -- lehnte ab, +weigerte sich -- bitte recht sehr. Er forderte gesetzlich zulässige +Vertreter. Er witterte eine Ungebührlichkeit, etwas, was überhaupt noch +nicht dagewesen war, das sich erkeckte, zu rütteln, an den Grundpfosten +zu rütteln . . . + +Die Streikenden forderten Brot, und die Regierung versprach. + +Die Streikenden forderten -- sie deuteten es nur an, aber es ging aus +ihrer ungesetzlichen, hochverräterischen Haltung deutlich hervor . . . +Es schien ihnen an der Zeit, nachzudenken. Herzogshüte und Königskronen +sollten vergeben werden, da und dort, an alle möglichen Vettern, nun +gut, wenn es Vergnügen machte, aber es schien ihnen doch an der Zeit, +mit dem Überlegen zu beginnen. Der letzte Kupferkessel war dahin, +beschlagnahmt aus der Küche des armen Weibes, die Lokomotiven brachen +auf der Strecke zusammen, in den Kasernen exerzierten Knaben und +Krüppel. Schließlich war Amerika immerhin eine Macht, mit der man +rechnen mußte, auch wenn es nicht imstande war, Flugzeuge zu bauen und, +wie man schwarz auf weiß nachgewiesen hatte, unmöglich ein Heer über den +Ozean schaffen konnte. Trotzdem. Die deutschen Truppen standen in +Finnland, im Kaukasus, in -- + +Nein, sie sprachen es nicht in klaren Worten aus, aber sie wollten doch +ganz bescheiden darauf hinweisen, daß es eigentlich an der Zeit sei -- + +Aber gerade das, hm, verletzte den Minister. Er witterte -- + +Endlich nahmen die Generale die Sache in die Hand, und im Handumdrehen +war der Streik zu Ende. Man brauchte nur etwas zuzugreifen und sofort +ging es. Die Generale waren für individuelle Behandlung. Wer ein Gewehr +tragen konnte, wurde in die Schützengräben verbannt, andere wanderten +ins Gefängnis und einige ins Irrenhaus. Die eingeschlagenen +Fensterscheiben der Straßenbahnwagen wurden durch neue ersetzt -- nichts +war geschehen. Nichts blieb zurück als ein leises, unterirdisches +Grollen, unhörbar für Ohren, die aus Greisenschädeln wuchsen. + +Obwohl der Streik nur wenige Tage gedauert hatte, sprach der General die +Möglichkeit aus, daß dadurch der Sieg gefährdet sein konnte -- konnte, +nur eine Möglichkeit . . . + +Das war also im Januar gewesen. Nun aber regten sich wieder Tag und +Nacht die ungezählten Hände, zerfressen von dem schlechten Öl, das von +den Drehbänken spritzte und die Ölkrätze hervorrief. Die Feenpaläste +schwammen wieder strahlend in den Nächten, der Lichtgürtel flammte +wieder um die Riesenstadt. Und im grauen Morgen, zur Zeit des +Schichtwechsels, rollten wie früher die Züge überfüllt mit Menschen, als +sei nichts geschehen. Hunderte von gelben Gesichtern in jedem Abteil, +Hunderte von gelben Gesichtern auf den Trittbrettern, auf den Dächern, +überall. Und die bleichen, übernächtigen Mädchen, die die Patronen +packten, kreischten und schrien. + +Auch an diesem grauen Morgen rollten ganz wie sonst zur Zeit des +Schichtwechsels die Züge mit den gelben und todbleichen Gesichtern. +Hustend und frierend hasteten Kleiderbündel durch die Straßen der +Vorstädte, voller Angst, rechtzeitig die Kontrolle der eisernen Tore zu +passieren. Der Westen der Stadt lag noch in tiefem Schlaf, die Wächter, +die den Schlummer der Reichen bewachten, gähnten. + +Auch an diesem Morgen rollte mit der Minute der bekannte Zug nach der +Westfront. Eine Leiche sah auf den Bahnsteig, suchte, pfiff sogar etwas +-- die Leiche -- es war Hauptmann Falk. + +Wo bleibt denn dieser Knabe? Aber Otto kam nicht, und Hauptmann Falk zog +das Fenster hinauf, hüllte sich in den Mantel und schlief augenblicklich +ein, bevor der Zug die Station recht verlassen hatte. + +Die Feuerwalze war auf der Heimreise. -- + +Der Tag dampfte über den Kartoffeläckern und Rübenfeldern im Osten von +Berlin, und graue Wolken schleppten sich über die Laubenkolonien +zwischen den roten und gelben Backsteinmauern der Vorstädte, über die +Halden mit Bauschutt, Papierfetzen und verbeulten Eimern. Hinter den +grauen Wolken aber kam ein Funke! Der Funke leckte feurig einen +Wolkenrand und ein Blitz blendete hervor. Da begannen die gelben und +roten Backsteinmauern der Vorstädte zu blühen, die Fensterscheiben +funkelten, das Millionenauge der Riesenstadt blitzte. Die Trompeten in +den Kasernenhöfen schmetterten, und Tausende von Männern erhoben sich +von den elenden Lagern. + +Ein Lichtbüschel züngelte mitten durch das Fenster einer Mietskaserne im +Nordosten Berlins -- einer grauen, mürrischen Mietskaserne, über deren +Fassade sich die Riesenaufschrift »Leihhaus« erstreckte -- und blendete +in ein aufgeschlagenes Buch. Dieses Buch lag auf einem kleinen Tisch +dicht am Fenster des armseligen Zimmers. Das Buch flammte, Feuer schlug +heraus: es war die Bibel! + +Eine Hand hatte Verse angestrichen, und diese Verse brannten unter dem +Lichtstrahl: + +»Und die Könige auf Erden, und die Obersten, und die Reichen, und die +Hauptleute, und die Gewaltigen, und alle Knechte, und alle Freien +verbargen sich in den Klüften und Felsen an den Bergen.« + +»Und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallet auf uns, und verberget +uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn +des Lammes.« + +»Denn es ist kommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?« + +Da glühte das ganze Buch, flammte auf und brannte. + +Neben dem Buch stand eine kleine Schreibmaschine veralteten Systems. An +der Türe des kleinen Zimmers hing ein großer, weiter, grauer +Soldatenmantel. + +Nun trat ein junger Mann ins Zimmer, und während er in den Mantel +schlüpfte, fielen seine Blicke auf die aufgeschlagene Bibel, die im +Lichtstrahl flammte. + +»Auch die Apokalypse gibt keine Deutung!« sagte der junge Mann +kopfschüttelnd, mit rasenden Augen, und schloß das Buch. Sofort erlosch +es, schwieg es, wurde es stumm. + +»Diese apokalyptischen Reiter -- sie sind Schemen. Das Blut stieg bis an +die Zäume der Pferde -- er sollte es mit eigenen Augen sehen -- die +Pferde versinken im Blut!« + +Da aber traf der Lichtstrahl ihn mitten ins Herz. Er fuhr zusammen, +seine rasenden, dunkeln Augen richteten sich ins Licht und flammten in +seinem bleichen Gesicht. + +Er sah nicht die Schutthaufen mit den Papierfetzen und rostigen Eimern, +nicht die Lauben mit den schwarzen Lumpen auf den Dächern: er sah das +Licht, das sich zwischen düsteren Wolkensäumen durchfraß und die +Herrschaft über die Dunkelheit an sich riß. + +Seine Finger berührten das heilige Buch, zuckten. + +»_Ich glaube! Ich glaube!_« schrie er dem Licht entgegen. + + +2 + +Auch der alte Portier, der Veteran von 70, war schon wieder auf seinem +Posten. Zuweilen trat er aus der Loge und spuckte aus. Und da -- ist es +zu glauben? -- da war auch schon wieder jener Aufdringliche, jener +kleine, ältere Herr. Er zog den steifen Hut. + +»Seht an -- Sie? Schon wieder?« begrüßte ihn der Portier unfreundlich. +Und vorwurfsvoll fuhr er fort: »Sie haben mich in eine hübsche Lage +gebracht, das muß ich sagen!« + +»Hübsche Lage --? Um Gottes willen --?« + +»Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr?« + +»Jawohl, Herbst.« + +»Etwas war offenbar nicht in Ordnung mit Ihrem Brief, Herr Herbst!« + +»Nicht in Ordnung --?« + +»Nein. Seine Exzellenz -- Sie haben doch gutes Papier genommen? +Jedenfalls haben Seine Exzellenz --« Der Portier in seinem im Laufe der +Kriegsjahre etwas schäbig gewordenen Mantel brach ab, öffnete die +Glastüre der Loge und verbeugte sich. »Guten Morgen, Herr Oberst!« Säbel +rasselten, ordenglitzernde Brüste schwebten am Glasfenster vorüber, +Lackstiefel, rote Streifen, Pelzkragen. Die Soldaten und Schreiber +huschten die Granittreppen hinauf. Der Dienst begann wieder, dieselbe +Sache, wie seit Jahren. + +»Jedenfalls war etwas mit Ihrem Brief nicht in Ordnung. Seine Exzellenz +waren -- hm -- ungehalten.« + +»Sie selbst haben mich doch ermutigt.« + +»Höflich und richtig abgefaßt. Ich habe gesagt, versuchen Sie es. +Reichen Sie ein Gesuch um eine Audienz ein. Haben Sie gehorsamst +geschrieben?« + +»Ja, gehorsamst habe ich geschrieben.« + +»Der Umschlag, ich sagte Ihnen ja gleich, ein weißer wäre besser +gewesen. Diese hohen Herren haben ihre Eigenheiten. Sie sehen auf +Kleinigkeiten, wenn zum Beispiel auch nur ein ganz kleiner Schmutzfleck +da ist -- Guten Morgen, Herr Major, Herr Rittmeister! -- Es ging ja noch +gut ab, aber es hätte leicht ein Donnerwetter setzen können, schon +fürchtete ich einen Blick zu bekommen, ja, wissen Sie, einen Blick --! +Und nun ist heute nacht diese Sache passiert -- wissen Sie -- diese +Sache --« + +»Welche Sache?« + +»Nun, der Sohn Seiner Exzellenz -- der Herr Oberleutnant,« die Stimme +des Portiers sank zu einem Flüstern herab, »er hat Malheur gehabt mit +dem Revolver, beim Packen. Der Revolver hat sich geklemmt, und schon +ging also der Schuß los -- in die Hand.« + +»Ist es möglich?« + +»Nun können Sie sich vorstellen, was für eine Aufregung das hier im +Hause ist! Der Adjutant war schon hier und gab mir einen Wink. Denn +sehen Sie, wenn Exzellenz schlecht gelaunt sind, dann ist nicht zu +spaßen mit Exzellenz. Für gewöhnlich sind Exzellenz ja ganz umgänglich +-- freundlich sogar . . . Aber« -- plötzlich musterte der Portier seinen +Besuch -- »hören Sie -- Sie sind ja ganz naß, völlig durchnäßt?« + +»Ich bin in den Regen gekommen.« + +»In den Regen? Und wie Sie aussehen, Herr! Als ob Sie auch nicht ein +Auge zugetan hätten?« + +»Wie ich Ihnen schon sagte, ich bin zuweilen vollkommen schlaflos --« + +Der alte Portier, mit den weißen Haarsträhnen, den kleinen Medaillen aus +Kupfer und Blech auf der Brust des zu weiten Mantels, schüttelte den +Kopf -- kritisch, mißbilligend. Hier in seiner Loge -- + +Der Havelock, das heißt der Herr mit dem Havelock, Herr Herbst, machte +allerdings einen jämmerlichen Eindruck. Sein rostbrauner Havelock, der +viel zu lang war und bis an die schmutzigen Stiefel reichte, war +zerknittert und dunkel vor Nässe. Der schwarze steife Hut, der bis an +die abstehenden Ohren fiel, war glänzend schwarz vom Regen, das Band, +das die Krempe säumte, einfach vollgesogen mit Wasser. Sein Gesicht war +keineswegs stahlblau, sondern gelblich bleich, von ungesunder Färbung, +mit merkwürdigen gelben Flecken, klein, hohlwangig und von tiefen +Furchen zergraben. Öffnete er den kleinen, faltigen Mund mit dem +weißgrauen Stoppelbärtchen, so wurden gelbe Zahnstumpen sichtbar -- und +seine Glatze zog bis ins Genick, nur einige Härchen, grauweiß +gekräuselt, deuteten noch den Haarkranz an -- und diese großen, +abstehenden Ohren! Seine wasserhellen Augen waren entzündet und tränten, +sie schwammen fortwährend in Wasser. Es war ein Mensch, der nichts auf +sein Äußeres gab -- sich vernachlässigte, schlaflos, krank offenbar -- +sein Sohn -- der alte Portier fühlte plötzlich Mitleid, obschon es ihm +peinlich war, daß dieses durchnäßte Herrchen sich in seiner Loge befand. +Wenn jemand hereinkäme, nicht ein Schreiber, vor ihnen hatte er keine +Angst, aber, nehmen wir an, ein Offizier? + +»Und, sagen Sie -- lieber Herr -- was wollen Sie nur wieder, schon so +früh --?« fragte er, plötzlich aufs äußerste erstaunt. + +»Ich wollte --« hier errötete Herr Herbst und wurde sehr unruhig -- +»nun, ich wollte doch nachsehen, ob keine Antwort --?« + +»Antwort --?« + +»Der General sollte Ihnen Bescheid geben, wann die Audienz --?« + +Der Portier schlug erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. »Also +auch mich ziehen Sie mit hinein -- mich?« + +»Es schien mir das Einfachste --« + +»Das Einfachste -- und Exzellenz werden nun denken --!« Und wieder +schlug der Portier außer sich die Hände über dem Kopf zusammen. + +Herr Herbst fühlte nur zu deutlich, daß seine Position hoffnungslos +verloren war. Hastig fuhr er mit der kleinen, schmutzigen Hand in den +zerknitterten Havelock und zog ein Zigarrenetui aus der Rocktasche, ein +großes Etui aus Aluminium. + +»Ich bitte«, stotterte er. + +»Nun kommen Sie mir wieder mit Ihren Zigarren.« + +»Nehmen Sie ruhig, mein verehrter Herr!« + +»Ich will Sie nicht berauben. Heutigentags ist eine Zigarre eine +Kostbarkeit. Danke. Also -- keine Adresse, Sie Unglückseliger --?« + +»Nein. Ich wußte auch nicht recht welche -- ja, wie sollte ich es machen +-- ich habe -- zwei Wohnungen.« + +»Zwei Wohnungen haben Sie?« + +»Ja, zwei. Ich weiß nicht, wo ich eigentlich wohne.« + +»Zwei Wohnungen, und er weiß nicht -- ja, eigentümlich -- ein +eigentümlicher Herr sind Sie --« + +»Es kommt alles _daher_ -- alles _daher_ --« stotterte Herr Herbst zu +seiner Entschuldigung. + +In diesem Augenblick klappte draußen ein Wagenschlag. Es war fünf +Minuten nach neun Uhr. Der Portier schrak zusammen und warf einen +raschen Blick durch das Guckfenster. + +»Seine Exzellenz! Seine Exzellenz!« rief er in höchster Aufregung aus. +»Exzellenz darf Sie hier nicht sehen. Um Gottes willen -- daß Sie mir +nicht durch die Türe blicken!« + +Und schon stürzte der Portier zitternd hinaus, um dem General seinen +Bückling zu machen. + +Der Mann im Havelock floh erschrocken in die Ecke der Loge. Sein Herz +schlug vor unbeschreiblicher Angst. Er preßte das Zigarrenetui aus +Aluminium vor die Brust. Er stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand +-- dann aber zwang ihn eine Macht, gegen die es keinen Widerstand gab, +langsam, ganz langsam den Kopf zu drehen und durch die Glastüre zu +lugen. + +Soeben ging der General an der Loge vorüber. In Gedanken versunken, wie +gewöhnlich, stieg er die Granittreppe hinauf. + + * * * * * + +»Gott sei Dank, Exzellenz hat Sie nicht bemerkt!« + +Aufatmend trat der Portier in die Loge zurück. »Und gar nicht schlecht +gelaunt, ja, sonderbar. Wer soll sich bei diesen hohen Herren auskennen? +Er sagte, sogar: >Guten Morgen, Heinecke<.« + +Der Havelock wagte sich wieder aus seiner Ecke hervor. Seine tränenden +Augen forschten in dem alten Frauengesicht des Portiers. »Und --?« + +»Was meinen Sie -- und?« + +»Kein Bescheid?« + +Der Portier schlug verzweifelt die Hände zusammen. + +»Sie glauben also, mein lieber Herr, Exzellenz hat an nichts anderes zu +denken als an Ihr Gesuch«, rief er ärgerlich. »Um fünf Uhr haben Sie das +Gesuch abgegeben! Um acht Uhr waren Sie schon wieder da! Kaum beginnt +der Tag, so kommen Sie -- ich bitte Sie, mein verehrter Herr --!« + +»Verzeihen Sie --« + +»Exzellenz hat natürlich den Kopf vollgestopft mit allen möglichen +Dingen. Exzellenz hat dreihundert Leute unter sich, verstehen Sie, was +das heißt? Offiziere und Beamte und Mannschaften -- dreihundert. Da gibt +es Befehle und Schreibereien -- täglich kommen über hundert Telegramme +-- jeden Augenblick ruft die Oberste Heeresleitung an -- na und so zu -- +und da glauben Sie --! Ich muß offen mit Ihnen reden. Sie sind nie +Soldat gewesen?« + +»Nein.« + +»Nun, da haben wir's. Dann können Sie freilich nicht wissen, wie es +zugeht. Keine ruhige Minute. Seit vierzig Jahren mache ich das mit.« + +»Sie selbst haben doch --« + +»Ja, leider Gottes habe ich -- aber bedenken Sie doch, was Sie +verlangen! Eine Audienz! Hunderte warten darauf -- wochenlang! Ich muß +nun offen mit Ihnen reden. Gestern schreiben Sie und heute glauben Sie +schon -- Ein General! Bedenken Sie -- und wer sind Sie? -- Ich will +Ihnen nicht zu nahe treten -- aber wer sind Sie -- oder ich --? +Vielleicht wird Exzellenz überhaupt nicht antworten.« + +»Überhaupt nicht --?!« rief der Mann im Havelock voller Schrecken aus +und hob die Hände. + +»Möglich, weshalb nicht? Ich spreche nun ganz offen mit Ihnen.« + +»Aber mein Sohn -- es handelt sich ja --« + +»Möglich -- alles möglich -- Sie sind weltfremd, mein Herr, kennen das +Leben nicht. Aus der Provinz --« + +Herr Herbst nahm den Hut. Niedergeschlagen wandte er sich zur Türe: +»Nun, dann werde ich ein neues Gesuch schreiben!« sagte er entschlossen. + +»Um Gottes willen!« + +»Wenn er aber auch darauf nicht antwortet -- wissen Sie, was ich dann +tue --?« Herr Herbst versank in Nachdenken. + +»Nun, nun -- wer sollte es für möglich halten --?« + +Offenbar fand der Havelock aber keine Lösung. + +»Nun jedenfalls ein neues Gesuch -- ja ja -- morgen schon! Ich kann doch +wohl verlangen -- Als Vater habe ich doch ein Recht -- ein Recht --« + +Der Portier brach in ein heiseres Altmännerlachen aus und hustete. »Ein +Recht! Ein Recht!« schrie er. + +»Weshalb nicht, als Vater?« fragte Herr Herbst, schon wieder ganz +zaghaft und entmutigt. + +»Hahahaha -- ehek, ehek!« + +Der Mann mit dem Havelock war verschwunden. Als der Portier sich +ausgespuckt hatte, war weit und breit von ihm keine Spur mehr zu sehen. + + +3 + +Langsam wandelte der General den endlosen Korridor entlang. Diesen +Korridor liebte er, und so oft er ihn entlang ging, empfand er ein +sonderbares Behagen, obschon dieser Korridor genau so häßlich, kahl und +übelriechend war wie alle Korridore des riesigen Amtsgebäudes. Aber in +etwas unterschied er sich von den andern Korridoren: er vibrierte +unaufhörlich von den Maschinen, die im Erdgeschoß arbeiteten. Sie +erfüllten den kahlen Gang mit ihrer Energie. + +Wie täglich, wie stündlich, blieben die Ordonnanzen und Schreiber gegen +die Wand gedrückt stehen, sobald der General in ihre Nähe kam. Sie +wandten den Blick nicht von seiner verschlossenen Miene, bis er vorüber +war. Und selbst dann blickten sie ihm noch eine geraume Weile nach. +Jetzt erst setzten sie sich, den Kopf ruckweise zurechtdrehend, wieder +in Bewegung. Die Offiziere, die das Unglück hatten, zufällig über den +Korridor zu gehen, blieben stehen und machten ihre respektvolle +Verbeugung. Und der General hob den Finger an den Mützenrand, wie +täglich, wie stündlich, ohne die Menschen, die vor ihm zurückwichen, +anzusehen. Sein Blick war zu Boden gerichtet, auf die Steinfliesen, die +abgeschliffen waren von den genagelten Soldatenstiefeln. Es sah aus, als +ob die ganze Last der Kriegführung auf seinen Schultern ruhte. + +Unter den Steinfliesen arbeiteten die Druckereien. Tag und Nacht +schleuderten die Rotationsmaschinen Stöße von Kartenblättern heraus, +die, zu großen, nach Leim und frischer Farbe riechenden Stapeln gehäuft, +nach und nach sämtliche Korridore des weiten Gebäudes überschwemmten. Es +waren Karten von allen denkbaren und undenkbaren Ländern, vom Eismeer +bis zum Äquator -- soweit die scharfen Augen der Generale blickten. + +Aus diesen Kartenstapeln strömten Inspirationen. So sah der General in +diesem Augenblick, ohne jede bewußte Ideenverbindung, deutlich den +Peipussee vor sich und die strategische Grenzlinie Deutschlands im +Osten, die schon sein großer Lehrmeister Moltke gezogen hatte. -- +Übrigens, kurios, der Portier, dieser alte Veteran, er sah dem alternden +Moltke etwas ähnlich, natürlich nur ganz entfernt, soweit ein aus dem +Unteroffizierstande hervorgegangener Beamter überhaupt einem Heerführer +ähnlich sehen kann. -- Diese Linie, ja, und im Norden mußte ein +erstarktes Finnland, fest an Deutschland geknüpft, der Verbündete +werden: mit der Pistole an der Schläfe mußte Rußland in den Frieden +hineingehen. + +Ein Glück nur, daß dieses elende Diplomatenmachwerk von Brest-Litowsk +nur ein Provisorium war . . . + +Plötzlich wurde die strategische Ostlinie, die scharf wie der Schnitt +eines Rasiermessers vom Peipussee südlich führte, durch irgendetwas +gestört. Was war es doch? Ein weiter, grauer Soldatenmantel flatterte +durch sie hindurch! + +Da war er also wieder, seht an . . . + +Seit Wochen schon war ihm dieser Mantel aufgefallen, und zwar nur, weil +er so merkwürdig flatterte, wie kein Mantel sonst. Obschon er immer nur +-- ein sonderbarer Zufall -- einen Zipfel dieses Mantels verschwinden +sah, konnte er doch feststellen, daß es der Mantel eines gemeinen +Soldaten war, der nachlässig, unsoldatisch, mit einem Wort +vorschriftswidrig getragen wurde. In besonderen Stimmungen hatte er in +dem Flattern dieses Mantels sogar etwas Herausforderndes erblickt -- +eines jener Symptome des Abbröckelns der Disziplin, gegen das er in +ungezählten Tagesbefehlen ankämpfte -- schon an der Front, was ihm von +gewissen Seiten wieder übel vermerkt wurde. + +Diesmal aber lief ihm der Mantel direkt in die Hände, er konnte ihm +nicht entgehen. + +Der Soldat kam näher, und nun, da er den Schritt verlangsamte, sah der +General, daß er das eine Bein etwas nachschleppte. Der weite Mantel +stand an der Wand still, wie alles, was sich hier bewegte, wenn der +General in Sicht kam. + +Der General sah einen einfachen Soldaten von etwa fünfundzwanzig Jahren +vor sich stehen, mittelgroß, breitschulterig, mit schlichten, für sein +Alter auffallend ernsten Zügen. Was dem General aber besonders an dem +Gesicht auffiel, das waren die Augen. Sie waren braun und +außerordentlich sanft. Es waren die sanftesten Männeraugen, die der +General jemals gesehen hatte. Und der ganze Bursche, bleich und schlecht +genährt, wie die meisten Ordonnanzen und Schreiber, die sich im +Amtsgebäude herumtrieben, der ganze Bursche machte einen ebenso sanften +und versöhnlichen Eindruck. Nur seine schwarzen Haare waren etwas zu +lang und standen unter der Mütze vor. Die Haltung dieses Mannes war ohne +jeden Tadel. Indessen, es lag etwas in dem Ausdruck seines Gesichts -- +ja, wie soll man sagen? In den warmen, braunen Augen schimmerte -- oder +täuschte er sich -- ein unmerkliches Lächeln, und dieses unmerkliche +Lächeln lag trotz dem Ernst auch auf dem etwas bleichen Gesicht. + +Der General betrachtete das Gesicht in aller Ruhe -- so wie man eine +Schnitzerei betrachtet. Aber dieser Mann kam nicht in Verlegenheit, +wurde nicht unsicher, der Ausdruck seiner Augen änderte sich nicht, +seine Lider bewegten sich nicht rascher. Er blieb gleichmäßig ruhig und +gleichgültig. + +Dieser Mann hatte offenbar keine Angst, von einem hohen Vorgesetzten +gemustert zu werden, ruhig erwiderte sein Blick den des Generals -- +keine Angst, nicht die geringste. + +Hm! + +Übrigens hatte der General dieses Gesicht schon irgendwo und irgendwann +gesehen, obgleich er sicher war, ihm nie im Leben begegnet zu sein. Es +war ein Gesicht, wie man es auf alten Bildern sah -- ein Gesicht aus +vergangenen Epochen sozusagen. Auf alten Gemälden und Stichen, von +Mönchen, Poeten und sonstigen Schwärmern. + +Nun stieg eine leichte Röte unter der blassen Haut des Gesichts empor. + +Rasch wie Hammerschläge fielen Fragen und Antworten: + +»Wie heißen Sie?« -- »Ackermann.« + +»Was sind Sie?« -- »Hilfsschreiber!« + +»Zivilberuf?« -- »Student!« + +»Wo verwundet?« -- »An der Somme!« + +Unvermittelt nahm die Stimme des Generals einen strengen Ton an. + +»Wenn Sie auch Student sind, so können Sie doch Ihren Mantel +vorschriftsmäßig zuknöpfen!« + +Die Hände des Soldaten fuhren nach den Mantelknöpfen. + +»Nachher, mein Sohn«, sagte der General wieder milder und ging. + +Schon verschwand er in der grüngepolsterten Doppeltüre. + + * * * * * + +Etwas unsicher machte Hauptmann Weißbach, der Adjutant, seine Meldung. +Ottos verletzte Hand war soeben geröntgt worden. In wenigen Wochen +dürfte Otto wieder völlig hergestellt sein. + +»Also, der Arzt befürchtet nicht, daß seine Karriere dadurch beeinflußt +werden könnte?« + +Weißbach erblickte seinen Gebieter durch eine Art Nebel in +Überlebensgröße. Er hatte die Empfindung, Wolken von Alkohol +auszuströmen. Wenn man ihm mit einem Streichholz zu nahe kam -- um +Gottes willen, seien Sie vorsichtig! -- so würde er lichterloh in +Flammen stehen, augenblicklich -- diese etwas peinliche Empfindung hatte +der Adjutant. Ganz abgesehen davon konnte jeden Augenblick der +Parkettboden unter seinen Füßen einbrechen und er im Keller landen, bei +den Rotationsmaschinen, die Tag und Nacht Karten aller Herren Länder +ausspien. + +Vor knapp einer halben Stunde war er von Ströbel gekommen. Ströbels +Herrenabende -- die Saharet zählte gar nicht -- pflegten sich stets bis +zum Morgen auszudehnen. Punkt acht Uhr wurde die letzte Bank abgezogen. +Dann badete man, rasierte sich und frühstückte. Herrlichen Mokka gab es +bei Ströbel, Brötchen mit Butter -- einfach alles. Zuletzt noch einen +Kognak -- und dann los! Ottos Unfall war telephonisch gemeldet worden. +Augenblicklich hatte Weißbach, so wie es sich für einen Adjutanten +gehörte, seine »Maßnahmen ergriffen«. Alles telephonisch. Er wollte ins +Lazarett fahren, sobald eine Minute Zeit war. Er wußte, was man von ihm +forderte -- + +Der General befahl mit Ottos Regimentskommandeur im Felde verbunden zu +werden -- und dann: wenn Anmeldungen vorliegen? + +»Der Herr von der Presse.« + +»Ich bitte!« Die Verblüffung warf Weißbach nahezu zu Boden. + +Seit einer Woche bereits antichambrierte dieser Herr von der Presse, und +Weißbach wagte kaum noch, ihn zu melden. Der General verachtete alles, +was mit diesem Gewerbe zu tun hatte -- all diese entgleisten Studenten, +Gelehrten und Schriftsteller, die die Anmaßung besaßen, die öffentliche +Meinung machen zu wollen. + +Die hohen Bogenfenster spiegelten sich im gewichsten Parkett, der breite +Goldrahmen des großen Kaiserbildes an der Wand glänzte. Sonst war der +Arbeitssaal Leere und Kahlheit, bewohnt einzig und allein von Seiner +Majestät, mit dem Marschallstab und der von Orden, Kreuzen, Sternen, +Tressen und Schnüren funkelnden Brust. + +Von tiefem, feierlichem Blau waren die langen, schmalen Vorhänge an den +hohen Bogenfenstern, silbergrau die Wände -- zuweilen wichen sie zurück, +wenn der General arbeitete -- in weite Fernen, und es schien ihm dann, +als säße er in einem endlosen Nebel. + +Der General heftete den Blick auf das Kaiserbild -- täglich tauschte er +Blicke mit seinem obersten Herrn. Aber die Augen des Soldaten im weiten +Mantel erschienen vor seinen Blicken: sonderbare Augen, in der Tat -- +genau wie auf den alten Ölgemälden -- + +Schon trat der Herr von der Presse ein -- mit einem feierlichen +Bückling, bis zum Parkett. Ein warmer Unterton in der Stimme des +Generals ermutigte ihn näher zu treten. + +Weißbach unterbrach die Unterhaltung. + +»Das Regiment«, meldete er. »Befehlen Herr General das Gespräch hier +hereinzulegen?« + +»Ich bitte -- es wird wohl nicht stören?« Der Herr von der Presse wußte +das außergewöhnliche Vertrauen zu schätzen. + +Und der General begann in das Telephon zu schreien: »-- schon +unterrichtet -- jawohl -- eine Abschiedsfeier, Herr Oberst, die bis +morgens um sechs Uhr dauerte --« Und nun lauschte der General und +verbeugte sich am Telephon. Der Regimentskommandeur drückte die Hoffnung +aus, seinen tapfersten Offizier bald wiederzusehen. Er sagte +ausdrücklich: tapfersten -- hier verbeugte sich der General -- und +wieder heulte der General in das Telephon. »Stimmung ausgezeichnet, +sagen Sie -- prächtige Laune -- Zuversicht -- es wird ja wohl bald +wieder vorwärtsgehen --« und wieder lachte der General in das Telephon. + +»Sie verzeihen die Unterbrechung. Meinem Sohn ist ein kleines Malheur +zugestoßen. Beim Einpacken, er sollte heute zum Regiment zurück, klemmt +sich der Revolver, und plötzlich geht er los --« + +Auf den Zügen des Pressevertreters malten sich äußerster Schrecken und +tiefste Anteilnahme. + +Untadelig glänzte das Wappenschild der Hecht-Babenberg durch die +Jahrhunderte. Gerade dieses Wappenschildes wegen deckte der General +seinen Sohn mit dem eigenen Leibe. Wenn man auch voraussetzen sollte, +daß vor dem Namen Hecht-Babenberg die Zungen unverantwortlicher +Schwätzer verstummten, so wimmelte dieses Berlin doch von Neidern und +Verleumdern -- er selbst konnte ja ein Lied davon singen -- denen selbst +das fleckenlose Wappenschild der Hecht-Babenberg nicht heilig sein würde +. . . + +Der Dienst verschlang die Zeit, und im Augenblick war es Mittag +geworden. Punkt ein Uhr raste die graue Limousine davon, um erst vor +Stifters Diele, Unter den Linden, anzuhalten. + + +4 + +Der General frühstückte jeden Tag in Stifters Diele. Ruth war zur +Mittagszeit in ihrer Küche beschäftigt, und allein in dem kahlen +Speisezimmer zu Hause sitzen --? Nein. Es war am Tage noch ungemütlicher +als am Abend -- und totenstill. + +In Stifters Diele waren wenigstens Menschen und etwas Lärm, gerade so +viel, wie Leute mit guter Kinderstube ihn beim Dinieren erzeugen, ein +beruhigender, wohltuender Lärm. Silber klirrte. + +Hier, in seiner Nische hinter den Stechpalmen, fühlte der General sich +geborgen vor den Zudringlichkeiten der Welt. Zuweilen nur drang +irgendein neugieriger Blick durch die Stechpalmen, um sich sofort wieder +ehrfurchtsvoll zurückzuziehen. + +Stifters Diele war nicht ein gewöhnliches Restaurant, sondern eine +Speisekapelle: farbige Kirchenfenster, Dämmerung, gedämpfte Lichter und +dicke Teppiche. Das Speisen hatte hier die Form eines religiösen Kults +angenommen. Die Kellner murmelten feierlich wie Priester, die die +Beichte abhören. + +Zwischen dem Etablissement und den Gästen bestand eine stillschweigende +Verabredung: das Etablissement versprach, seine Gäste gesund und +wohlgenährt durch den Krieg zu bringen, wogegen die Gäste sich +verpflichteten, zu schweigen und zu zahlen. Es verkehrten fast +ausschließlich Stammgäste in Stifters Diele. Zumeist hohe Würdenträger, +die neue Energien für den anstrengenden Dienst zu gewinnen suchten, und +Junker, die von ihren großen Gütern nach Berlin kamen und die Küche der +Diele kannten. Manchmal verirrten sich auch zweifelhafte Elemente hier +herein -- aber sofort kam der Oberkellner, leider alles bestellt, die +Herrschaften -- + +Wie eine Orgel summte die tiefe Stimme des Oberkellners. Näher als +irgendein anderer Sterblicher es hätte wagen dürfen, rückte er dem roten +Ohr des Generals. + +»Bouillon mit Mark oder Klößchen, Exzellenz? -- Mit Klößchen, sehr +wohl.« + +»Hühnerpastetchen, Exzellenz? Heute ist fleischloser Tag, aber -- nur +für unsere Stammgäste natürlich -- Chateaubriand -- Es ist auch etwas +Kaviar eingetroffen. Ich darf eine Portion servieren, ohne den Preis zu +nennen?« + +Der General setzte den goldenen Kneifer auf und blickte den Befrackten +an. »Sie sagten --?« + +»Ja, über Finnland. Der russische Friede macht sich schon geltend. Haben +Exzellenz übrigens die Flagge auf der russischen Botschaft gesehen? +Nein? Zum erstenmal heute aufgezogen. Etwas Pudding oder Camembert?« + +»Camembert!« + +»Sehr wohl, Exzellenz. -- Den Wein habe ich schon bereitgestellt. Sehr +wohl.« + +Jeden Mittag pflegte der General eine halbe Flasche Sekt zum Frühstück +zu trinken. Zuweilen aber nippte er nur am Glase, es hing ganz von +seinem Befinden ab. + +Die Leberklößchen, die auf der Zunge zerschmolzen, die Geflügelpastete +mit eingehackten Champignons und würzigen Kräutern, das Chateaubriand +auf englische Art, der Kaviar -- ein Erlebnis sozusagen nach langen +Jahren -- neue Kraft erfüllte die Nerven, die Unglücksgeschichte Ottos, +die Plackereien des Dienstes versanken. Nichts blieb, gar nichts, es war +ein herrlicher Zustand des Schwebens im Nichts. Nur das Gegenüber störte +die vollkommene Harmonie. Vielleicht würde er doch noch den Platz +wechseln? + +Gegenüber saßen zwei Rittmeister. Mit ihren glattgeschorenen, runden +Schädeln, voller Höcker und Knollen, ihren gedunsenen Gesichtern, ihren +rosigen Fettnacken, waren sie die typischen »Etappenschweine«, die nie +eine Kugel pfeifen hörten. Nichts aber haßte der General mehr als alles, +was Etappe hieß. Dabei trugen sie ellenlange Ordensschnallen auf der +Brust. Sie schämten sich nicht einmal, den Halbmond zu tragen, obwohl +sie nie die Türkei gesehen hatten, einen Orden, den selbst der General +nicht besaß. Immer tuschelten sie, immer kicherten sie, immer gossen sie +die Gläser voll -- und goldene Armreife wurden an ihren haarigen +Handgelenken sichtbar. Sie pflegten dem General ihre Achtung +auszudrücken, ohne irgendwelche Übertriebenheit: es waren Leute der +gleichen Gesellschafts klasse. Der General verachtete sie aus tiefster +Seele. + +Schon aber stand der Oberkellner mit einer strahlenden Kerze vor ihm: +»Eine Zigarre, Exzellenz?« + +Gott sei Dank, die beiden Burschen gingen. + +Der General legte sich behaglich in den Sessel zurück. + +»Aber das Pferdematerial?« fragte eine skeptische Stimme in seinem Ohr. +Tag und Nacht war er mit den Problemen des Krieges beschäftigt. »Ob die +Pferde noch den Anstrengungen einer Offensive gewachsen sein werden --?« + +»Die Pferde sind ausgeruht -- gut gefüttert und gepflegt«, antwortete +eine zweite, zuversichtliche Stimme. + +Wieder war Ruhe, wieder herrliches Schweben im Nichts. Der General +verschwand im Rauch der Havanna. + +Heute abend würde er bei Dora speisen. Es war Freitag. Dienstags und +Freitags pflegte der General, wie schon erwähnt, bei Frau v. Dönhoff zu +Abend zu essen. + +Plötzlich aber erhellte ein Gedanke die Augen des Generals. Sie +erweiterten sich, blinkten hell aus der Dämmerung der Speisekapelle. +Kalt, wach, nachdenklich. Der Gedanke hatte sie ganz erfüllt. + +»_Wo war Ruth?_« fragte er, und die Augen wuchsen. + +Dann schlossen sie sich zur Hälfte, nur noch ein Spalt war sichtbar, ein +Spalt funkelnden Eises. + +Und diese unverständliche Bemerkung in dem Brief des kleinen Mannes mit +dem blaugefrorenen Gesicht --? + +Bekam sie nicht plötzlich eine merkwürdige Bedeutung? + + * * * * * + +»Wie? Wie? Was!« rief der General aus, als er den Fuß vor Stifters Diele +setzte. Er wankte. + +»Wie? Wie!« + +»Ist es möglich?« + +»Sind die Leute denn wirklich verrückt geworden?« + +In der Tat, deutlich spürte er das Schwanken des Bodens unter den Füßen. + +»War so etwas möglich? In Berlin?« + +»Unter den Linden?« + +Die Röte flog in sein Gesicht. + +Gegenüber, auf dem Dache gegenüber, wehte im frischen Wind, lustig, wie +die selbstverständlichste Sache der Welt, hoch oben -- eine blutrote, +blutrot leuchtende Flagge! + +Alle Blicke zog sie auf sich. Man stelle sich vor: eine rote Flagge in +einer Stadt, wo selbst eine rote Krawatte eine lebensgefährliche +Herausforderung ist, wo die rote Farbe, wenn sie allein auftritt, +einfach verpönt ist, wo die Säbel der Polizisten jeden automatisch +zerfleischten, der es wagen würde, ein rotes Taschentuch zu schwingen, +um sich damit die Nase zu putzen. Und hier -- ohne weiteres -- wie die +natürlichste Sache der Welt -- eine rote Flagge, eine rotleuchtende +Standarte, gehißt an einem richtigen Flaggenmast, auf einem Dache! Die +Spaziergänger bogen die Hälse, versteinerten, trauten ihren Augen nicht, +zwinkerten -- + +Weithin leuchtete die rote Flagge und verkündete den Sieg des russischen +Volkes über den Herrn der Galgen, siebenschwänzigen Katzen und +Bleibergwerke -- über das endlose Häusermeer von Berlin strahlte sie, +funkelte sie. + +»Sind sie denn da drüben gänzlich verrückt geworden?« Er meinte die +Wilhelmstraße. + +Und der General versank in düsteres Nachdenken, während der Wagen die +Linden hinabschoß. + +Diese Flagge -- getränkt mit dem Blute gekrönter Häupter und hoher +Würdenträger . . . + +Schamlos. + +Zuweilen war es ihm, als höre er über sich ein Knistern, ein Splittern +-- + + +5 + +»Ich glaube!« + +»Ich glaube an den Menschen!« + +»Ich glaube an die Güte des Menschen und seine Reinheit! Ich glaube an +seine heilige Bestimmung und seine göttliche Seele! Ich glaube an die +Brüderlichkeit, die Kameradschaft, an die allerlösende Menschenliebe! +Dies ist mein Bekenntnis, großer Gott über der Finsternis!« + +Mit der ganzen Inbrunst seiner fünfundzwanzig Jahre schrie Ackermann, +der Soldat, dies Bekenntnis vor sich hin. Soeben flog die bekannte graue +Limousine an ihm vorüber. + +»Ich glaube --!« Die Glocke eines elektrischen Wagens gellte, und er +sprang mit einem Satz zur Seite. Um ein Haar wäre er überfahren worden. +Sein weiter, grauer Mantel flatterte dem Brandenburger Tor zu. Mit +großen, raschen Schritten, wie gewöhnlich, ging er dahin. Er +gestikulierte heftig, und seine rasenden, dunkeln Augen glühten in dem +fahlen, mageren Gesicht. + +»Ich glaube an die Brüderlichkeit zwischen den Völkern, die sich heute +zerfleischen! Ich glaube an den Tag, da man die Kanonen und +Schlachtschiffe zertrümmern, die Grenzpfähle umstürzen und die Flaggen +zerreißen wird! Ich glaube an den Tag, da die Menschen nur eine Sprache +sprechen werden, einerlei welche, denn nicht um die Sprache handelt es +sich, allein um die Gedanken, die sie damit ausdrücken!« + +»Ich glaube an den Tag, da kein Mensch mehr den Menschen ausbeuten wird, +an den Tag, da es weder weiße noch schwarze, noch gelbe, weder männliche +noch weibliche Sklaven geben wird, an den Tag der gleichen Rechte bei +gleichen Pflichten! Ja, ich, Ackermann, glaube daran! Ich glaube an den +Sieg des Rechts über das Unrecht, der Wahrheit über die Lüge! Ich +glaube, daß göttliche Ideen die Welt bewegen und nicht die Kanonen.« + +»Ja, ich, Armseligster unter den Armseligsten, ich glaube an das +kommende Menschenreich auf Erden -- das Reich der Vernunft, +Gerechtigkeit, Würde und Schönheit!« + +»Auch an dich glaube ich, mein Volk!« rief Ackermann mit rasenden, +glühenden Augen aus, und durchschritt das Brandenburger Tor. Es ist gut, +dachte er aufatmend, sich zuweilen sein Bekenntnis zu wiederholen -- in +dieser entsetzlichen Verfinsterung -- so gut tut es. + +In diesem Augenblick wurde sein rascher Schritt urplötzlich gehemmt. +Etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes, ein Wunder! Feuer lohte durch seinen +Körper, Glut flog über sein Gesicht, die Hände brannten. Der Himmel +blendete, der Himmel jubelte. Rot flammte der Himmel über Berlin. + +Schon --? Schon --? Verheißung . . . + +Er blieb stehen, schob die Mütze zurück über die schwarzen Haare, und -- +so erregt war er -- deutete auf die rote Flagge auf dem Dache. Seine +Lippen bebten. Ohne jede Regung stand er, gläubiges Feuer die Augen. + +Dann nahm er die Mütze ab. + +»-- Licht aus dem Osten, Morgenröte --« + + +6 + +Während der General bei Stifter dinierte, löffelte der Havelock, der +kleine Herr Herbst, in der Volksküche in der Dorotheenstraße seine +Kartoffelsuppe. Er kam häufig hierher, aus bestimmten Gründen. + +»Also nicht?« flüsterte er aufgeregt vor sich hin. »Und ich wartete +extra vor dem Restaurant und grüßte, aber er sah mich nicht. Er hätte +sich gewiß daran erinnert. Nun, vielleicht -- wenn auch dieser Portier +glaubt -- ein alter Mann, was weiß er?« + +Herr Herbst saß in seinem feuchten, dampfenden Mantel, den steifen Hut +auf dem Kopf, neben einem Fenster, das auf den düsteren Hof hinausging. +Auf dem Fensterbrett lag noch dieselbe tote Fliege -- wie lange lag sie +schon da? Wieder stand im Hof das Auto mit den Papierballen. Dieser Hof +gehörte zu jenem bekannten roten Gebäude in der Dorotheenstraße, wo die +Verlustlisten auslagen. Jeden Tag kam das Lastauto mit den riesigen +Ballen der neugedruckten Listen, täglich, seit dreieinhalb Jahren -- sie +fielen da draußen wie das Laub der Bäume im Herbst. + +Wie das Laub -- nicht anders -- so dachte Herr Herbst, voller Gram. + +Auch er, sein Sohn -- Robert -- war gefallen -- nun -- wie ein Blatt -- +das einfach fällt . . . ohne daß jemand es sieht . . . + +Er nickte vor sich hin. + +»Wie ein Blatt --« + +Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, während er stöhnte. + +»Und niemand sah es!« + +Ach, ach, ach! + +Plötzlich schrie der Alte laut auf, ein kleiner, verzweifelter, +quiekender Schrei. Die Gäste an den Nebentischen wandten sich um. + +Schon war er wieder still, nur keine Beunruhigung, und schlürfte seine +Suppe. Der Schmerz hatte ihn überfallen, wie ein reißendes Tier, +urplötzlich. + +Die Küche war zur Stunde in Hochbetrieb. Sie dampfte und klapperte. + +Sie roch nach Kohl, wie alle diese Küchen. Ohne Kohl und Rüben hätten +sie sofort schließen müssen. + +Der Havelock aber fand sie elegant im Vergleich zu den Küchen am +Halleschen Tor und Alexanderplatz. Hier gab es zum Beispiel Bestecke, +wenn auch aus Blech, aber ohne Pfand, während man in jenen Küchen eine +Mark als Pfand hinterlegen mußte. Diebe waren die Menschen geworden, +nichts als Diebe, sie stahlen einfach alles, was sie mitnehmen konnten. +Hier dagegen verkehrte nur gutes Publikum. + +Junge Kaufleute und Bureauangestellte, kleine wächserne +Stenotypistinnen, düstere, vergrämte Beamte, bleiche, bebrillte +Studenten, Mappen und Bücher unter dem Arm, einzelne Uniformen. Sie +standen um die kahlen Holztische und warteten geduldig auf Platz. +Unaufhörlich ging die Türe, und Nässe und Kälte strömten in das düstere +Lokal. + +Bleich, gelb, mit wächsernen Ohren, die Schultern nach vorn gebogen, +hustend, trüb die Augen, fiebernd -- sie alle waren schon gezeichnet. +Die Grippe würde sie holen, heute, morgen, in einem Jahr -- spielt keine +Rolle, sie entgingen ihr nicht mehr. Die Bretter lagen schon geschnitten +für sie auf dem Stapel irgendeines Holzplatzes. Aber noch lachten sie, +die kleinen wächsernen Stenotypistinnen, kicherten. Sollte man es für +möglich halten -- während schon die Bretter zusammengenagelt wurden? Sie +erregten sich, debattierten, das Blut stieg in die bleichen Gesichter. + +»Haben Sie gelesen -- haben Sie gehört -- nun behaupten sie, daß wir +Fett aus Leichen herstellen.« + +»Fett aus -- wie sagen Sie? Wer --? Fett?« + +»Die Entente, natürlich!« + +»Diese Schurken, diese --!« + +»Ah, ah -- aber das ist doch --!« + +»Ist es nicht schlimmer als Mord? Sind wir Verbrecher, Auswurf der Erde? +Darf man -- ich ertrage es nicht mehr, ich zittere an allen Gliedern -- +die Grippe. -- Wie können Menschen so tief sinken? Ah, pfui, pfui --!« + +»Auch mich hat die Grippe gepackt. Sie sollten sich nicht so erregen, +beim Essen besonders. Und die Regierung --?« + +»Die Regierung? Sie schläft. Sie liest keine Zeitungen, weiß es noch gar +nicht. Sie läßt das Volk beschmutzen, schläft. Versteht nichts, hat +Bedenken, unfähig, über alle Maßen.« + +Kohl und Rüben, Rüben und Kohl, jeden Tag. Erfrorene und angefaulte +Kartoffeln, vielleicht etwas Erbsen und zuweilen, ganz selten, ein +Stückchen Fleisch, sehr wenig, und meistens ein Knochen. Die Knochen +wurden ja gesammelt und den Küchen zur Verfügung gestellt. Aber doch war +es weitaus besser hier als am Alexanderplatz, dort roch es sauer und +unangenehm, zum Erbrechen. + +Scheu und vorsichtig drehte der Havelock den Kopf -- und dort, dort +stand _sie_ -- der Liebling! + +Selbst zart, selbst blaß, geduldig, immer lächelnd, immer etwas +zerstreut, manchmal steckte sie sogar den Finger in den Mund, mitten in +diesem Wirbel von Köpfen und den Wolken von Kohldampf stand sie, _seine_ +Tochter -- die Tochter des Generals. Sie stand am Küchenfenster, aus dem +die endlosen Reihen von dampfenden Tellern von roten Händen geschoben +wurden, und kontrollierte. Zuweilen trat sie auch an einen Tisch, +plauderte, besänftigte. + +So zart, so fein, ihre Augen schimmerten -- diese Händchen -- sollte man +es für möglich halten -- mitten in diesem dicken Kohlgeruch, diesem Lärm +-- ein gnädiges Fräulein, die Tochter eines hohen Offiziers? Sie war +auch im Felde gewesen -- alles wußte der Havelock -- dort hatte sie +gepflegt. Sie, die Zarte, hatte den furchtbaren Kanonendonner gehört, +von dem Robert immer schrieb. Nur in ihrer Haltung, wenn sie rasch den +Kopf wandte, hatte sie etwas Ähnlichkeit mit dem General -- sonst keine, +nicht die geringste. + +Verstohlen blinzelte der Havelock zu ihr hin, und plötzlich errötete er +wie ein Verliebter. + +Sein Herz war verwaist, einsam, er war aus der Provinz zugezogen, kannte +niemand in Berlin, er trank auch, der Alkohol -- es war die Wahrheit: er +liebte die Tochter des Generals! Ganz gegen seinen Willen, denn +eigentlich wollte er sie hassen! Er kam nur hierher, um seinen Liebling +zu sehen, wie er Ruth nannte. Ihr Anblick erwärmte sein Herz. Sie selbst +hatte ihn ja hierher gebracht, in diese Küche. Auf diese Weise hatte er +überhaupt erst diese Küche entdeckt. + +Nun aber kam Ruth näher, und er wandte rasch den Kopf ab und blickte auf +den Hof hinaus, wo Soldaten die Papierballen von dem Lastauto abluden. + +Wieder dieser Alte mit der runden Hornbrille, wieder war er unzufrieden! +Jeden Tag fast hatte er irgend etwas auszusetzen. + +»Wir tun, was in unseren Kräften steht«, suchte Ruth ihn zu beruhigen. + +Aber der Alte mit der Hornbrille schrie aufgeregt: »Ich bezahle ja, mein +Geld ist so gut wie das Geld der andern. Und wo ist die Einlage, +Fräulein --?« Verzweifelt rührte er mit der Gabel zwischen den +Kohlblättern. »Ich habe für fünfundzwanzig Gramm Fleischmarke gegeben, +Fräulein -- und wo ist das Fleisch, ich bitte Sie? Wo? Wo ist mein +Fleisch -- ich habe Anspruch. -- Wo ist mein Fleisch -- mein Fleisch -- +mein Fleisch --!?« + +»Ich werde sehen«, erwiderte Ruth und trug den Teller des Alten zur +Küche. + +Der Havelock atmete auf. + +Da aber erschien der weite, graue, offene Soldatenmantel in der Türe -- +und sofort rückte der Havelock den steifen Hut zurecht und ging. + + +7 + +Ja, die Tochter des Generals selbst hatte ihn in diese Küche geführt -- +sehr einfach -- obwohl er nie ein Wort mit ihr gesprochen hatte . . . + +Hinab die Friedrichstraße segelte der Havelock mit dem steifen Hut. Es +sah aus, als schwimme er, aufrecht stehend, so unmöglich das ist. Er +trippelte und schlürfte, die Knie etwas eingebogen, die linke Schulter +eine Kleinigkeit geneigt. Seit gestern morgen war er unterwegs, hatte +nur auf einer Bank im Tiergarten ein kleines Nickerchen getan, im Regen +-- nun fühlte er seine Beine und Füße nicht mehr. + +Ohne jede Anstrengung glitt er vorwärts, es ging von selbst. Er rollte +auf einer kleinen Wolke dahin, nicht größer als ein gefüllter +Kartoffelsack. Zuweilen spürte er sie wie Teig unter den Sohlen. Er +konnte auf dieser kleinen Wolke auch ausbiegen, nach links, nach rechts, +ohne jede Mühe -- + +Ja, sie selbst -- seine Tochter, das gnädige Fräulein. + +Er stand da bei einem Zigarrenladen, mitten in dem Zug von gierigen +Rauchern, die warten, bis geöffnet wird, und die Zigarren steigen im +Preise, während sie warten. Das ist Tatsache! Da stand er also und +sprach mit einem Soldaten, Kraftfahrer. Dieser Kraftfahrer kannte nicht +die Höhe von Quatre vents, er kannte nicht Roberts Bataillon, das am 5. +August stürmte, aber er kannte den Chauffeur des Generals, Schwerdtfeger +mit Namen, und der General war seit vier Wochen nach Berlin kommandiert! +Wie? Hier? Welch ein Zufall! Wieviel hundert Soldaten hatte er +angesprochen, und nun führte ihm Gott diesen Kraftfahrer in den Weg! + +Er war hier? Hier! Schlaflos die Nächte, ruhelos die Tage. + +Ja! Dieses Gesicht --! + +Dieses schweigende Gesicht, das nie sprach, diese Augen, die man nie +sah! Dieser Gang -- und der tiefe Bückling des Portiers! -- ohne jeden +Zweifel: er war es! Robert hatte ja ausführlich aus dem Felde +geschrieben: Wir marschierten vorüber, und unser General stand auf der +Treppe seines Schlosses und grüßte. Er und kein anderer! Wie aus einem +Felsen gehauen . . . schrieb Robert. Das also war er, den die Soldaten +-- nun, besser, das Wort nicht auszusprechen -- nannten! So sahen die +aus, die befahlen: Nur über unsere Leichen führt der Weg zur Höhe! -- +Die Briefe Roberts knisterten in seiner Tasche. + +Tagelang verfolgte ihn das Steingesicht durch das Labyrinth der Straßen. + +Sonderbares Gesicht aus Stein. Es zog an! + +Jeden Mittag schoß das graue Auto in die gleiche Richtung -- schon zwei +Tage später stand der Havelock vor Stifters Diele. Und plötzlich grüßte +er, und der General hob die Hand zur Mütze. Weshalb? Weshalb grüßte er, +er hatte eine Sekunde vorher gar nicht daran gedacht, daß er den General +grüßen könnte -- grüßen durfte. Es war gewiß anmaßend, unhöflich. Nach +drei Tagen -- er hatte nichts zu tun, gar nichts, Rentier Herbst -- nach +drei Tagen schon wußte er, wo der General wohnte. + +Dieses Haus -- Sie erlauben wohl -- kannte er ganz genau, jedes Fenster +und die kleinsten Risse in der grauen Mauer. Das Haus erschien ihm im +Traum -- als ein Gesicht aus grauem Stein. Er kannte auch das +efeubewachsene Backsteinhaus mit dem Messingschild: Dönhoff. Er kannte +den Zebrakittel, Petersen -- alles liebe Menschen, gesprächig -- + + * * * * * + +Der Havelock rollte auf seiner kleinen Wolke über den +Belle-Alliance-Platz, unter der Hochbahn hindurch, die Blücherstraße +hinab. + +Hier glitt er an einem schmalen, gelben Hause einigemal hin und her, +blickte nach oben zur dritten Etage, wo die Rolläden herabgelassen +waren. Dieses Haus, diese Etage schien ihn ungemein zu interessieren -- +anzuziehen, abzustoßen . . . + +Seine Schultern krümmten sich zusammen, er ächzte, plötzlich fühlte er +die Last wieder, die ihn zu Boden drückte, die er ewig mit sich +schleppte durch die endlosen steinigen Straßen Berlins. + +Dann aber wandte er entschlossen um und rollte wieder die Blücherstraße +hinauf. + +Da aber blieb die Wolke stehen und war nicht mehr vorwärts zu bewegen. +Im nächsten Augenblick -- schon war er drinnen. Ein Gläschen, noch eines +und ein drittes! Schon war er wieder auf der Straße. + +Aus dem grauen Hause des Generals, mit den Messingbeschlägen an der +Türe, die unausgesetzt geputzt und poliert wurden von den beiden +Burschen, war täglich eine junge Dame gekommen. Heute, morgen, jeden +Tag. Seht an! + +Eine Zigarre gefällig, Herr Soldat. Ein Zigarrchen -- immer fleißig, ein +schöner Wintertag . . . + +Nun kannte er Jakob und Wangel. Mit Jakob kam er öfter ins Gespräch. +Außer Ruth war auch noch ein Sohn da, Otto, Oberleutnant, im Felde, und +die Frau des Herrn Generals -- tot, ja, tot, seit Jahren. + +Jeden Tag aber ging das gnädige Fräulein in die Dorotheenstraße und +verschwand in einem Torbogen. Schließlich wagte er es, ihr zu folgen. +Auf diese Weise hatte er die Küche in der Dorotheenstraße entdeckt. + +Täglich konnte er nun seine Tochter, die Tochter des Generals, sehen! Da +stand sie, dicht neben ihm -- Fleisch von seinem Fleisch, Blut von +seinem Blute. Der Haß kochte, die Gelüste nach Vergeltung fraßen . . . + +Er beschloß, sie zu beleidigen! Vor allen Gästen! Vielleicht würde er +ihr einen Teller vor die Füße werfen, aber so, verstehen Sie, daß er in +tausend Stücke zersprang. Weshalb eigentlich? Ja, unerklärlich -- hatte +sie ihm etwas getan? + +Tagelang brütete er, schmiedete er Pläne. Vielleicht würde er einen +Teller mit Kohlgemüse über ihre Schürze schütten? Eine herrliche Idee! +Aber da ergab sich die Sache ganz von selbst. + +Der Havelock blieb stehen und verschnaufte. Ob er in jene Kneipe +gegenüber gehen sollte? + +Ganz von selbst Eines Tages, ganz unerwartet, fügte es sich, daß sie +dicht neben ihm an einem Tische plauderte. Nun aber kam das Schmachvolle +-- + +Heute noch trat ihm der Schweiß auf die Stirn, wenn er an das +Schmachvolle dachte, obgleich schon zwei Monate seitdem vergangen waren. + +Nicht einen Teller voll Kohlsuppe, nein, sondern nur einen Löffel voll +-- er nahm ihn und ließ ihn über die Schürze Ruths fließen. Schon aber, +Allmächtiger, packte ihn eine harte Hand am Arm, und eine Stimme schrie +durchs ganze Lokal: »Wie können Sie es wagen --?« + +»Ich -- ich -- ich zittere mit der Hand --« + +»Nein, deutlich habe ich es gesehen, Sie!« + +Der Soldat mit dem weiten Mantel stand neben ihm, voller Zorn. Die Gäste +sahen auf, es erregte Aufsehen, ringsum, alle Tische blickten her. + +Und der Soldat in dem weiten Mantel schrie ganz laut: »Sie sind mir ein +netter Herr. Gießt der Dame einfach einen Löffel mit Suppe über die +Schürze --« + +»Meine Hand zittert --« + +Da aber wandte sich Ruth um. Sie besah die Schürze, nahm ihr +Taschentuch, und lachte -- lachte ihm freundlich ins Gesicht. + +»Vielleicht hat man den Herrn angestoßen. Es ist ja nicht schlimm.« + +»Ich zittere, meine Hand zittert --« + +»Es ist ja kein Unglück geschehen.« + +Schmachvoll, schmachvoll! Er hatte Tränen in den Augen. Wie kam er doch +dazu, ganz einfach den Löffel voll Suppe über ihre Schürze zu gießen? An +diesem Tage trank er so sehr, daß er schließlich die Treppe hinabstürzte +und sich blutig schlug. Aber so geschah ihm gerade recht. + +Seit diesem Vorfall blickte er auf die Tochter des Generals mit andern +Augen. Sein Herz pochte, sobald er sie erblickte. + +Er liebte sie, eigentümlich. + +Diese Gedanken erfüllten den kleinen alten Mann, während er durch das +Labyrinth der Straßen eilte. Er überquerte wimmelnde Plätze, geriet in +Strudel von Menschen, die aus der Erde quollen -- und plötzlich machte +er Miene umzukehren, den ganzen Weg, den er gekommen war, zurückzugehen. +Wie? Sollte er in die Lessingallee gehen, heute abend? Nein, nach Hause, +ohne Widerspruch, verstanden? + + +8 + +»Oberleutnant v. Hecht-Babenberg?« + +»Dritte Station, meine Dame, den Gang entlang und dann links. Zimmer +233.« + +Man mußte nur höflich fragen, dann bekam man selbst hier in Berlin +höfliche Auskunft. Hedi war stolz auf ihre Fähigkeit mit den Menschen +umzugehen. Selbst jetzt, wo sie rasend wurden, wenn man sie nur +anblickte, kam sie noch vorzüglich mit ihnen aus. Allerdings sah dieser +Pförtner wohl auf den ersten Blick, daß er eine Dame vor sich hatte. Sie +wollte natürlich einen guten Eindruck machen, wenn sie Otto besuchte, +und hatte ihr himbeerfarbenes elegantes Hütchen aufgesetzt. Dazu trug +sie den Biberkragen von Mama und helle Seidenstrümpfe. + +Aus der Papierhülle lugten drei weiße Rosen. + +Es roch nach Karbol, aber Hedi liebte Karbolgeruch. Alles war blitzblank +und eigentlich weniger schrecklich, als sie es sich gedacht hatte. Sie +liebte es nicht, derartige Orte zu besuchen, Friedhöfe, Krematorien, +Krankenhäuser flößten ihr Schauder ein. Sie mied sie. Nur Mamas Grab +besuchte sie zuweilen -- aber das war ja schon lange her. + +Nun aber wurde der breite Korridor belebter, und sie schritt schon etwas +zaghafter vorwärts. + +Ein Soldat, dem der rechte Fuß abgetrennt war, humpelte an ihr mit +bloßem Fußstumpen vorbei. In hellen Krankenkleidern saßen auf einer +langen Bank Soldaten mit verbundenen Armen, Beinen und Köpfen. Sie +erwarteten sie mit neugierigen Blicken, musterten sie von oben bis +unten, und sie fühlte voller Unbehagen all die Blicke der verwundeten +Männer auf ihrer Haut. Plötzlich wurde die Türe eines Saales geöffnet, +und Hedi war so unvorsichtig, einen Blick in den Saal zu werfen. In +diesem Saale wurde auf einem Holztisch gerade ein Soldat verbunden, dem +ein Bein bis zum Knie amputiert war. Der nackte Schenkel endete nicht -- +zu Hedis Entsetzen -- mit einem Fuße, sondern mit einer Art Pferdehuf, +einem roten Lappen unterhalb des Knies. Ein Arzt betupfte den roten +Pferdehuf mit Watte. In diesem Augenblick drehte der Verwundete seine +Augen zur Türe, Augen voll größter Qual und äußersten Schmerzes. Schon +wurde die Türe wieder geschlossen. Hedi war nahe daran zu taumeln. +Hinter der Türe eines Operationssaales stöhnte ein Verwundeter, und die +barsche Stimme eines Arztes gebot ihm Ruhe. An einer Kreuzung von +Korridoren stieß sie auf eine Tragbahre, die von zwei Soldaten +vorübergetragen wurde. Mit einem Laken zugedeckt lag darauf ein Soldat, +dessen Gesicht bis zur Nase verhüllt war. Er hatte die glänzenden Augen +zur Decke gerichtet und sah sie nicht an. + +Hedi war purpurrot geworden. Welcher Irrsinn, hierher mit einem +himbeerfarbenen Hut und hellen Seidenstrümpfen zu kommen? Sollte sie +umwenden -- entfliehen? + +Da aber schrak sie zusammen! + +Wildes Geschrei, als ob jemand lebendig in Stücke geschnitten würde. + +Mein Gott, was müssen diese Menschen Unsägliches erdulden! Wer ahnt es +denn? Das Geschrei trieb sie rascher vorwärts. Da aber knallte eine +Türe, und das Geschrei erscholl plötzlich in nächster Nähe. Ein +schreiender Soldat, der den verbundenen rechten Arm hochhielt, stürzte +über den Korridor, gefolgt von einer Schar von Ärzten und +Krankenschwestern. Der Schreiende lief wie gehetzt den langen Korridor +hinunter. In der weißlackierten Türe erschien das bebrillte, fahle +Gesicht eines Arztes im weißen Kittel, der laut auflachte. + +Das Geschrei entfernte sich. + +Hedis Blick flatterte. Ihre Haut war von Hitze bedeckt wie von heißem +Sand. Entsetzen hauchte aus diesen getünchten Mauern. Dieses Krankenhaus +war ein endloses Labyrinth, durch graues und blaues Eis gehauen. In der +Ferne tauchte die Dämmerung an den kahlen Korridorfenstern, Schatten +humpelten, hinkten durch ferne Quergänge. Ein Labyrinth mit Tausenden +von Kammern voller Qualen und Grauen. Tag und Nacht schnitten hier die +Messer in Menschenfleisch, unaufhörlich füllten sich die Eimer mit Blut +und Eiter. Die Wände schwangen von Schmerzen. Das ganze Haus war wie +eine Riesenwunde, eine Schlucht von eiterndem Fleisch, in der die Ärzte +mit ihren Messern kletterten. + +Da kam aus einem Quergang würdevoll ein hoher Offizier geschritten. +Langsam trieb seine massige Gestalt mit den steilen Schultern -- wie +eine Erscheinung aus einer anderen Welt -- durch den Korridor. An den +Umrissen schon erkannte Hedi den General. Zwei Krückenmänner stellten +sich in Positur, einer mit Socken an den Füßen, dem andern fehlte ein +Bein. Sie standen auf den Krücken gegen die Wand gelehnt und warfen das +Kinn in die Höhe. Auf einem Stuhl kauerte ein Krüppel mit +dickumwickeltem Bein. Er blieb sitzen, den Oberkörper steif +aufgerichtet, und stellte die beiden Krücken vor sich hin, als +präsentiere er wie mit dem Gewehr. + +Der General schritt vorüber, ohne Hedi anzusehen. Sie hatte ihn übrigens +nur einmal bei Dora getroffen, er hätte sie schwerlich wiedererkannt. + +Eine Pflegerin, eine taktlose Person, gab Hedi mit malitiösem Lächeln +den Bescheid, daß Otto heute keine Besuche mehr empfangen könne. Sie +hatte ihre Karte ins Zimmer geschickt, er wußte also recht gut, daß sie +es war. Deutlich hatte sie seine helle Stimme im Zimmer gehört. +Natürlich war sie nur gekommen, um ihm ihre Teilnahme an seinem Unfall +zu zeigen -- aus keinem andern Grunde. Er sollte sehen, daß sie erhaben +war über gewisse Dinge. Diese taktlose Person aber musterte Hedis +himbeerfarbenes Hütchen, ja sie erdreistete sich, den Blick an ihr hinab +bis zu den hellen Seidenstrümpfen streifen zu lassen. Hedi warf einen +kritischen Blick auf die etwas unordentliche Frisur der kleinen +rothaarigen Pflegerin. Augenblicklich war zwischen den beiden Damen eine +tödliche Feindschaft ausgebrochen. + +»Das allgemeine Befinden ist gut?« erkundigte sich Hedi mit +liebenswürdigem Lächeln. + +»Man kann indessen nie wissen, ob nicht Komplikationen eintreten«, +entgegnete die Schwester ausgesucht höflich. + +»Wie wahr!« Hedi lächelte spöttisch und grüßte mit vollendeter +Liebenswürdigkeit. + +Die Rosen aber nahm sie wieder mit. + +»Hotel Kaiserhof!« rief sie dem Kutscher zu, als sie wieder in die +Droschke stieg. Denn Hedi hatte sich einen Wagen geleistet. Es gab +gewisse Stadtviertel Berlins, vor denen sie Furcht hatte. + +Plötzlich warf sie die Rosen mit einer zornigen Bewegung durch das +Wagenfenster auf die schmutzige Straße. Zwanzig Mark für drei Blumen, +welcher Wahnsinn! + +Otto hatte ihren Besuch sicher völlig falsch ausgelegt. Gewiß war es ihm +unmöglich, an lautere und selbstlose Motive bei seinen Mitmenschen zu +glauben. Nun aber lebe wohl, Otto! Sollte er ruhig mit dieser +rothaarigen Person -- ja, ihretwegen . . . + + * * * * * + +Der Geiger schob ein violettes Seidenkissen zwischen Frack und Kinn, +grüßte noch mit einem koketten Lächeln ins Publikum, dann schleuderte er +den Bogen in die Luft, daß seine blendende Manschette aus dem Ärmel +fuhr: Carmen. + +»Auch Kuchen?« + +»Auch etwas Kuchen, bitte.« + +Da saß sie nun wieder, Hedi. Erstens, dachte sie, erstens und zweitens +und drittens -- man muß nun genau überlegen. Es wird höchste Zeit, so +geht es nicht weiter. + +Erstens also stand fest, daß sie sich in ewiger Geldkalamität befand. +Zweitens langweilte sie sich zu Hause zu Tode, und drittens: es mußte +etwas geschehen. Sie hatte keine Lust, ihre ganze Jugend zu vertrauern, +nur weil dieser Krieg kein Ende nahm. + +Aber nicht so rasch, bleiben wir bei erstens. Dieses bißchen +Taschengeld, das ihr Papa an jedem Monatsersten mit strahlender Miene +einhändigte -- lächerlich. Wie konnte Papa glauben -- nun, Papa verstand +es eben nicht anders. Es blieb nichts anderes übrig, als Geld zu +schaffen! Es lag ja zurzeit auf der Straße, die Leute sagten es +wenigstens, die Millionen flogen durch die Luft. Sollte sie filmen? +Schnurrige Idee, aber leider unausführbar. Man mußte -- wie herrlich war +doch diese Musik, voller Mut! -- man mußte Verbindungen haben, und die +Gesellschaft --? Nein. Übrigens, diese Gesellschaft, darauf gab sie +nicht so -- viel! + +Immerhin -- der Kellner brachte den Tee, und Hedi war für eine Weile in +Anspruch genommen. Wieder saß die Weizenblonde mit den Brillantohrringen +da, und auch jene Dunkele, Tragische, mit den hellgelben Stiefelchen. +Und jener alte Herr mit dem Schnauzbart und der Glatze nahm ebenfalls +wieder hier seinen Tee. Hedi schloß plötzlich, um sich zu amüsieren, das +eine Auge und blinzelte ihn über das Teeglas hinweg unvermutet an. Der +Herr mit der Glatze prallte im Sessel zurück -- aber schon hatte Hedi +ihr Batisttüchelchen aus der Tasche genommen und rieb sich das Auge, als +sei etwas hineingeflogen. Nein, wie komisch diese Männer waren! + +Ja, Geld mußte jedenfalls geschafft werden. Sie besaß, zum Beispiel, +drei Paar Seidenstrümpfe. Schon rannen die Maschen, obgleich die +Strümpfe nur bei besonders feierlichen Anlässen getragen wurden. Aber +wenn diese Strümpfe nun unbrauchbar wurden? Die Handschuhe, die Stiefel, +wenn es sich darum handelte, ein neues Kleid zu beschaffen --? Und schon +würde sie aus der Klasse der Tadellosen, der Ladies ausschalten. Schon, +es ging rasch, die Gesellschaft duldete keine abgeschabten Knopflöcher, +keine geflickten Stiefelchen. Und sie würde second class sein -- +unerträglich! So unglaublich es klang, ihre Zukunft, ihr ganzes Leben +hing an einem Paar Seidenstrümpfen. + +Fürchterlich war der Gedanke an den Sturz in die Tiefe. Sie erschrak, +Schwindel ergriff sie. Es war aber hohe Zeit, den Tatsachen ins Gesicht +zu sehen. + +Bald würde sie sich, zum Beispiel, um nur ein Beispiel zu nennen, wieder +ein Stück Seife im Schleichhandel kaufen müssen -- so ging es jeden Tag! + +Zu Hause war das Leben unerträglich geworden. Papa, lieb und gütig, aber +immer müde, überarbeitet, immer beschäftigt. Und dabei wußte er gar +nichts, trotzdem er im Auswärtigen Amt arbeitete! Häufig geschah es, daß +sie bei Tisch etwas sagte, etwas Politisches, und Papa schüttelte +tadelnd den Kopf. Man sagt so etwas nicht, mein Kind. -- Aber Papa, es +stand ja schon vor drei Tagen in der Zeitung! -- Ah, schon vor drei +Tagen --? -- So war Papa. Klara war ein Kind. In einer Minute tanzte sie +wie eine Närrin, in der nächsten weinte sie. Sie kannte das Leben noch +nicht. Sie war noch nicht in das Alter gekommen, wo jeder Tag ein +Problem ist, ein fürchterlicher Kampf, wo man bei lebendigem Leibe +täglich vor Sehnsucht verbrannte -- wo man wartete, wartete -- wo das +Warten das schrecklichste Leiden ist. Oh, schrecklich! Schrecklich! + +Grau gingen die Tage. Sie lebten äußerst bescheiden, sie besaßen kein +Vermögen. Dazu, hatte Papa ihnen verboten, die Gesetze für die Ernährung +im geringsten zu verletzen. Wie lebten sie, was aßen sie -- trotzdem sie +alles Mögliche auf den Tisch schmuggelten -- es war eine Schande und +niemand durfte es wissen, wenn sie nicht für immer unmöglich sein +sollten. Zum Beispiel Rüben, wie die Kühe sie bekommen, erfrorene +Kartoffeln . . . + +Grau, kalt, finster gingen die Tage. + +Licht, Glanz, Wärme, Frohsinn, Tanz, Feste, die früher den Eintritt der +jungen Mädchen in das Leben begleiteten -- wo waren sie? Sie hatte vor +dem Kriege nur zwei Bälle mitgemacht, davon träumte sie noch heute. + +Was war diese Musik im Vergleich zu jener Musik auf den Bällen? Ein +zaghaftes Echo. Diese Beleuchtung -- ein Abglanz. Das Lachen der +Menschen von heute, ihre Mienen -- Schatten in einer Schattenwelt, nicht +mehr, nicht mehr . . . + +Plötzlich aber beugte sich Hedi errötend über das Teeglas: dort stand +er! Der Spanier war gekommen! Er wußte, daß sie wieder hierherkommen +würde, daß er also, wenn er sie zu sehen wünsche -- sie hatten sich +verstanden. + +In seinem gelben Mantel stand er im Mittelgang und polierte das Einglas. +Er hatte sie sofort gesehen und überlegte nun. Ob er den Mut haben würde +sie anzusprechen? In der Droschke hatte sie schon Träume gesponnen -- +ein Wiedersehen beim Tee, zum Beispiel im Adlon oder Bristol -- +vielleicht ein Theaterabend, in einer Loge -- ein Diner, wo man +plauderte . . . + +Er kam. Hedi hatte ihre Verlegenheit vollständig überwunden und blickte +ihm ruhig entgegen. Sie war wieder ganz Lady. Ströbel kam geradeswegs +auf sie zu, die Brauen wie vor freudigem Erstaunen hochgezogen. Aber je +näher er kam, desto häßlicher wurde er. Sein gelber Mantel war etwas zu +weit, zu auffallend. Die ganze Kleidung zeigte eine etwas übertriebene +Eleganz. Ah, und nicht die Spur von einem Spanier, er war eine -- +Bulldogge. Seine blaurasierten Wangen waren etwas faltig, fahl und +verlebt, nichts blieb von dem Spanier als das glänzende schwarze Haar, +das um eine Kleinigkeit zu eng an den Kopf gebürstet war, das um eine +Idee zu stark pomadisiert war -- nicht first class mit einem Wort. + +Aber er hatte die Nonchalance, die Manieren der großen Welt. + +Mit unübertrefflicher Zwanglosigkeit verbeugte er sich. »Unser +gemeinsamer Freund hat einen Unfall erlitten --«, begann er, gänzlich +unbefangen. Und er verlor seine Unbefangenheit auch nicht, als Hedi ihn +anblickte -- gänzlich verständnislos. Obschon sie doch mit ihm das +Theater besuchen, dinieren, plaudern wollte, bei einem Glas Sekt zum +Beispiel -- gänzlich verständnislos. + +»Sie täuschen sich, mein Herr«, erwiderte Hedi mit einem +liebenswürdigen, verstehenden, verzeihenden Lächeln, einem Lächeln, wie +nur eine Dame von Welt es auf die Lippen zu zaubern vermag. + +War es nicht eine Unverfrorenheit ersten Ranges, sie hier im »Kaiserhof« +einfach zu überfallen? + +»Sie saßen doch gestern --?« + +»Ich erinnere mich nicht.« Hedis Stimme wich in weite Fernen zurück. +Fern und unwirklich wurde ihr Lächeln. + +»Wir wollen nur hoffen, daß Herr v. Hecht --« + +Hedis Augen wurden plötzlich kühl, das Leben erkaltete in ihnen. + +Mit einer tadellosen Verbeugung, völlig ungezwungen, völlig Herr der +Situation, zog Ströbel sich zurück. + +Der Geiger in seinem schwarzen Frack schwang sich in den Hüften und +blickte kokett lächelnd zum Tisch der Dunkeln, Tragischen, der das +Mißgeschick passiert war, ein Glas Wasser umzustoßen. + +Hedi gab ihren Mienen einen träumerischen und harmlosen Ausdruck. +Niemand sollte auf den Gedanken kommen können, daß ein Wildfremder es +gewagt habe, sie anzusprechen. Die Weizenblonde mit den Brillanten in +den Ohren hatte die Szene beobachtet. Hedi streifte sie mit einem Blick, +und in dem kaum merklichen Aufatmen ihrer Brauen, mit dem sie über die +Weizenblonde hinwegsah, lag ihre ganze Verachtung. + +Nein, nein, noch war sie lange nicht _so weit!_ Was bildete er sich doch +ein --? + + +9 + +Zögernd bog der kleine Herr Herbst um die zugige Ecke und lenkte in +seine Straße, die Fabriciusstraße, ein -- ganz weit da draußen. + +Eine plumpe Eisenbrücke spannte sich zwischen den Häusern, und soeben +rollte donnernd ein Lastzug darüber. Der Qualm sank auf den Schmutz des +Pflasters herab. + +Es half alles nichts, er mußte unter der Brücke hindurch, auch wenn sie +zusammenbrechen sollte. Die Angst des Trinkers schnürte ihm die Brust +zusammen. + +Die große Stadt machte hier einen düstern und verwahrlosten Eindruck. +Die Straßen waren schnurgerade, überall die gleichen grauen +Mietskasernen, die gleichen Aufschriften, die gleichen Scharen von +bleichen, zerlumpten Kindern. Die gleichen hohlwangigen Weiber, die, mit +einem kleinen Topf oder einer Tasche in der Hand, in Tücher gehüllt, an +den Häusern entlangkrochen und husteten. Die gleichen mageren schwarzen +Alleebäumchen, die in der sauren Luft erstickten. Der Mörtel fiel von +den Hauswänden, schmutzige Papierfetzen trieben in den Rinnsteinen. Vor +den Nahrungsmittelgeschäften, die die Wochenration an Fett, zwanzig +Gramm, ausgaben, standen lange Reihen von blaugefrorenen Frauen und +vertraten sich die kalten Füße, während sie schwätzten und keiften. + +Sonst waren Geschäfte und Läden leer, gähnende Särge. Bäckerläden ohne +Brot, Fleischerläden ohne Fleisch, Schuhgeschäfte mit Holzschuhen und +Blechdosen voller Stiefelwichse. Auch in dieser Gegend gab es jene +Läden, in denen altes Metall gesammelt wurde, für die Kriegführung, +Lampenfüße, Photographierahmen, Aschbecher, der Schutt aus den Wohnungen +der Ärmsten. + +Dann gab es hier noch das Delikatessengeschäft von Alfred Schustermann, +mit der Aufschrift: Mensch, was für 'ne Ware! Seemuscheln, +Pfahlmuscheln, waggonweise eingeführt, zu Gelee, Aspik, Pasteten, +Würsten verarbeitet. Die Professoren, die entdeckt hatten, daß Baumrinde +nahrhaft war und man Pilzkulturen in den Dachrinnen anlegen konnte, +erklärten, daß diese Muscheln selbst Ochsenfleisch an Nährkraft +überträfen. + +Immer näher aber kam die graue Mietskaserne mit der riesigen Aufschrift: +Leihhaus. + +Der Schritt des Havelocks verlangsamte sich mehr und mehr, seine +tränenden, entzündeten Augen blinzelten unter dem steifen Hut. Er hatte +fast jeden Mut verloren. + +Eine Weile holte er Atem vor der »Zoologischen Handlung«. Noch lebte er, +der kleine muntere Zeisig, sein Freund, der das Problem gelöst hatte, +das Körnerfutter bis zu fünfundneunzig Prozent auszumahlen. Die andern, +die kleinen grünen Papageien, die beiden Kanarienvögel, die Drossel, sie +waren an dem Problem nacheinander gescheitert und gestorben. Ja, +gestorben. Auch die kleinen weißen Mäuse, die ewig im Kreise liefen, +waren plötzlich bei ihrem spaßigen Rundlauf in Atemnot geraten. Der +vierte Kriegswinter hatte auch sie vernichtet. Nur der Zeisig sprang +noch munter in seinem kleinen Käfig hin und her. + +Zwischen der »Zoologischen Handlung« und dem Leihhaus führten drei +ausgetretene Stufen zum »Löwen von Antwerpen« empor, und schon war der +Havelock in der Gaststube. + +Keine Vorwürfe -- er mußte Mut sammeln für die Nacht. Denn die Nacht +würde kommen, so gewiß wie etwas! Und mit ihr die furchtbaren +Nachtgespenster, seine Peiniger, vor denen nur der tiefe Schlaf Schutz +bot. Der Rausch, um offen zu sein, die bewußtlose Trunkenheit. + +Ja, hier war er zu Hause, man sah es sofort an der Grimasse, mit der ihn +der Wirt, ein Buckliger, empfing. Dieser Wirt wurde von den Soldaten, +die in der Kneipe verkehrten, der »Millionär« genannt. Ja, hoho, so ein +Buckel hatte seinen Wert heutzutage, ohne Zweifel! An den Sonntagen +kamen auch Munitionsarbeiterinnen hierher, und es ging lustig zu. Sie +tranken -- sollte man es glauben, die Kleinen? -- sie tranken Schnaps +wie die Männer -- ah, und sie trugen seidene Röckchen. Wenn sie ihn auch +etwas hänselten, es schadete nichts. Sie lachten und hatten keine +Sorgen. Vielleicht flogen sie morgen in die Luft, alles war möglich, +deshalb lachten sie auch so ausgelassen. + +Endlich -- es war schon finster draußen -- kroch der Havelock die Treppe +des Leihhauses empor. Längst war die kleine Wolke, auf der er +stundenlang bequem dahingerollt war, verschwunden. Seine Beine zitterten +vor Müdigkeit. + +Leise, leise schloß er die Flurtüre auf. Er liebte es nicht, daß man ihn +kommen oder gehen hörte. Drei Parteien wohnten hier, jede hatte ein +Zimmer, und die Küche gehörte ihnen gemeinsam. Aber er hatte diese Küche +nie betreten. Schon war er in seiner kleinen finsteren Stube, schon +hatte er die Schuhe abgelegt. Plötzlich zitterte er. Ah, wenn er nur +nicht wieder von dieser Schaukel träumte! Alles, nur das nicht! Träumte +er doch neulich, er säße auf einer Schaukel, die durch endlose schwarze +Nacht dahinschoß. Angeklammert wie ein Affe saß er auf dem schmalen, +schlüpfrigen Brett, er schrie vor Angst -- aber die Schaukel schoß dahin +in endlosen Pendelschwingungen, jede eine Ewigkeit, ohne Gnade pfiff sie +in rasender Schnelligkeit dahin. + +Rasch, rasch, ehe sie ihn packten . . . + +Schon schlief er. Ein leises Wimmern drang aus seinem kreisrund +geöffneten Mund. Den Havelock hatte er anbehalten. + + * * * * * + +Da! Augenblicklich saß er wieder aufrecht im Bett. Seine dünnen Haare +sträubten sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn. Er dampfte vor Hitze +und Kälte. Immer noch war sein Mantel feucht vom Regen der gestrigen +Nacht. + +Hatte nicht jemand gerufen, ihm fürchterliche Worte ins Ohr +geschleudert, wie Felsen? Und ein Krachen, als berste das ganze Haus in +zwei Teile, hatte er es nicht deutlich gehört? Die Balken splitterten. +So deutlich! + +Noch gellte das furchtbare Krachen in seinen Ohren, und erst nach +geraumer Zeit fand er sich in die Wirklichkeit zurück. Zwischen einer +unbekannten, ungeahnten Welt und der Wirklichkeit lebte er -- seit jenen +Ereignissen . . . Oft hielt ihn das Unbekannte, Unverständliche tagelang +in seinem Bann, oft überfiel es ihn urplötzlich am lichten Tage -- aber +wiederum hatte er auch seine klaren Tage, wie er sie nannte. Da war +alles so wie früher, und das andere erschien noch unverständlicher und +schrecklicher. + +Dunkelheit, und nun erwachten Geräusche, Geräusche dieser Welt, Gott sei +Lob und Dank. + +Hinter der Türe, dem schmalen Bett gegenüber, klapperte eine +Schreibmaschine. Er arbeitete dort, der Student Ackermann, zurzeit +Soldat. Er schrieb für Zeitungen, um Geld zu verdienen -- er schrieb +auch noch ganz andere Dinge -- Herr Herbst wußte Bescheid, oh, oh! Er +wußte mehr, als jener ahnen konnte. + +Hinter der Wand, an der das Bett stand, auf dem er lag, strich ein +Schritt vorüber, immer auf und ab, wie ein Tier, das rastlos in seinem +Käfig hin und her geht. Das war Hähnlein, der Tapezierer, zurzeit +Soldat. Er wohnte in dem Zimmer nebenan mit seiner kranken Frau und +seinen beiden Kindern. Vor kurzem hatte sie wieder geboren, aber das +Kind war bald nach der Geburt gestorben. Es wog nur viereinhalb Pfund. +Und welches Geschrei hatte es gegeben, trotzdem sie nichts zu nagen und +zu beißen hatten! Hähnlein und Ackermann waren früher beim gleichen +Regiment, und Hähnlein hatte Ackermann hierher in dieses Haus gebracht. +Das alles hatte Herr Herbst Gesprächen entnommen. + +»Schlafe doch!« zischelte Frau Hähnlein. Die Bettstatt krachte, und sie +hüstelte. + +»Schlafen? Schlafen? Ich kann nicht schlafen«, entgegnete die heisere +Stimme Hähnleins, und wieder schabte sein Schritt hinter der Wand. + +Die Wand war dünn wie Papier, nun, eine Mietskaserne, er vernahm jeden +Laut. + +Die Frau wimmerte. + +»Weine nicht, vielleicht kommt es bald, wie Ackermann sagt«, tröstete +sie Hähnlein. Und deklamierend fügte er hinzu: »Die Völker der Erde +werden sich erheben gegen ihre Peiniger!« + +Oft ging Hähnleins Schritt die ganze Nacht hin und her, bis der Tag +graute. Herr Herbst hatte sich längst daran gewöhnt. In unruhigen +Nächten beruhigte ihn dieser ruhelose Schritt sogar. Ein Mensch, ein +Leidender, wie er, dicht nebenan. + +Es wurde still hinter der Wand, und nur die Schreibmaschine Ackermanns +klapperte eifrig. Es konnte noch nicht spät sein, denn im Haus summten +Stimmen. Türen wurden zugeschlagen, und zuweilen krachte die Haustüre +ins Schloß, daß das ganze Haus zitterte. + +Die lange furchtbare Nacht lag vor ihm. + +Seine Beine waren vor Müdigkeit geschwollen. Sie waren Wolken, ins +Endlose verströmend. So würde er nun sitzen müssen die ganze Nacht und +lauschen auf jedes Geräusch -- auch auf jene Geräusche, die aus dem +Unbekannten kamen. + +Seltsame Fügung, die ihn in dieses Zimmer geführt hatte! Der bucklige +Wirt vom »Löwen von Antwerpen« hatte es ihm empfohlen, damals, als er +den Entschluß gefaßt hatte, nicht mehr in die Blücherstraße +zurückzukehren. Längst hatte er es aufgegeben, nach Erklärungen zu +forschen, alles war Fügung. Jeder Schritt im menschlichen Leben wurde +gelenkt von unbekannten Gewalten, guten und bösen. Sinnlos, sich dagegen +zu sträuben. Nun, er sträubte sich nicht mehr, er forschte auch nicht +mehr -- er war in der Hand des Allmächtigen, der die Haare auf seinem +Haupte gezählt hatte. Sollte es so sein! + +Frau Hähnlein hinter der Wand begann zu wimmern, zu klagen, zu +beschwören. Nun begann es wieder. Es half ihr nichts. Der Mensch ist ein +Tier . . . obschon seine Frau leidend war -- ein Tier war dieser +Hähnlein. + +Dann wurde es wieder still, die Geräusche im Hause erstarben mehr und +mehr, und nur noch die Schreibmaschine hinter der Türe klapperte. + +Schreibe du nur! sagte Herr Herbst zu sich -- um sich zu beschäftigen, +die Nacht war lang -- »Deine Zettel, deine Reden, deine . . .« Lange +Wochen war ihm dieser Soldat im weiten Mantel ein Rätsel gewesen. Was +trieb er, was tat er in den Nächten? Oft hielt er Reden, förmliche +Reden. Erst vor kurzer Zeit, beim Januarstreik, hatte er ihn plötzlich +erkannt! Mit eigenen Augen und Ohren sah und hörte er, wie er zu einem +Haufen streikender Arbeiter sprach, nebenan, bei den Laubengärten -- und +was er sagte, Grundgütiger! Es gab keinen Zweifel mehr, er war -- ein +Spion, ein Agent . . . gehörte zu jenen, von denen die Zeitungen +schrieben, daß sie Geld bekommen von den Feinden. Er stand auf einem +Steinhaufen, redete, schrie und schwang die Soldatenmütze. Keine Granate +mehr! Da aber kam die Polizei, und sie liefen -- und auch er lief. So +schnell wie die andern -- hahaha! So schnell liefen sie, solche Angst +hatten sie . . . + +Manchmal kamen auch Freunde zu ihm, meistens junge Leute, Kameraden, die +laut schrien und alle wild durcheinander redeten. Unvernünftige, +Unerfahrene. Was für Leute waren das? Nun . . . dieselbe Sorte, um kein +Haar besser. Für sie gab es nichts Heiliges, nichts vor dem sie +haltmachten. Die Minister, was waren sie? Nun -- höchst einfach -- +Dummköpfe und Verbrecher! Und die Generale -- höchst einfach -- geputzte +Narren! Und die Diplomaten -- selbstgefällige Gecken! Ja, sie, sie, +diese jungen Leute, sie waren viel klüger als diese Minister und +Diplomaten! Aber die höchsten Fürstlichkeiten, was waren sie -- nun, er +würde sich schämen, die Worte zu wiederholen. Aber auch die feindlichen +Staatsmänner, Präsidenten und Minister, was waren sie -- ganz das +gleiche verbrecherische Gesindel. Nein, nichts gab es, was ihnen Respekt +einflößte. Hat man es je gehört: Die deutsche Regierung bestand aus +Anarchisten, die Tag und Nacht darüber nachdachten, wie sie das Deutsche +Reich am schnellsten zugrunde richten könnten? Wie? War es denkbar? + +Aber, was waren diese Leute in Rußland, diese Räuber und Diebe? -- +Heilige waren sie, nicht mehr und nicht weniger. + +Ja, völlig neu mußte die Welt aufgebaut werden, von Grund auf -- und +sie, diese jungen Leute, die so laut schrien, sie allein wußten, wie +alles gemacht werden mußte. Sie ganz allein. + +Manchmal flüsterten sie auch, tuschelten, raunten, geheimnisvoll -- + +In diesem Augenblick lachte Ackermann in seinem Zimmer laut auf und +sagte: Man sollte es nicht für möglich halten -- + +Und wütend prasselte die Schreibmaschine. + +Nicht für möglich halten? + +Warte nur, du, du . . . he? + +Hast vergessen, daß Gott jeden deiner Schritte bewacht, daß die Haare +auf deinem Haupte gezählt sind -- die Fügung hast du ganz vergessen. + +An den Sonntagen, da saßen sie oft bis in die späte Nacht und +debattierten, schrien, sprachen durcheinander, daß man kein Wort +verstand. Neu, völlig neu sollte die Welt erstehen! + +Und sein Mädchen saß dabei, an den Sonntagen! Es war ja +selbstverständlich, daß dieser, dieser -- ein Mädchen hatte, aber, daß +sie dabeisaß, während es nichts Heiliges für sie gab? Nein, nein, es +störte sie gar nicht, nicht im geringsten. Im Gegenteil? Sie kochte Tee +und sagte: Bitte, meine Herren -- bitte. Und so ging es den ganzen +Sonntag bis nachts um zwei, drei Uhr. Bitte, meine Herren -- und sie +qualmten, daß der Rauch durch die Türe quoll und er husten mußte, +obschon er doch selbst ein starker Raucher war. Worte flogen, Worte, +wilde, verwegene Worte. + +Und sein Mädchen saß mitten unter ihnen! + +Da schwieg die Schreibmaschine plötzlich. Ackermann verließ das Haus. +Sein Schritt eilte die Treppe hinab, die Haustüre wurde ins Schloß +geworfen. Bis zum grauenden Tag würde er nun fortbleiben. + +Wann schläft er eigentlich? dachte Herr Herbst in seinem Bett. + +Nun war es ganz still geworden. Es knackte in den Balken, rieselte in +den Mauern, die Wände seufzten. + +Ja, ganz still und dunkel. + +Mitten in der unendlichen Dunkelheit und Stille saß der kleine alte +Mann, und plötzlich begann er zu flüstern. Leise, oh, so leise -- nur er +hörte es. + +»Robert -- mein Sohn -- Geliebter, Teurer -- mein Liebling --!« + +Zärtlich streckte er die kleinen Hände der Dunkelheit entgegen. + + +10 + +Mit der Minute kehrte der General abends aus dem Amt zurück. Er +plauderte wie gewöhnlich etwas mit Niki, dem Kanarienvogel; plötzlich +aber brach er die Unterhaltung ab und zeigte ein ganz unbegreifliches +Interesse für den Papierkorb. Zuerst blickte er in den Papierkorb +hinein, dann wühlte er darin mit der Hand, endlich stülpte er den Korb +über den Arbeitstisch. Nichts. Es war sonderbar, jeder unbedeutende +Zettel fand sich wieder -- zum Beispiel, sollte man es glauben, +Schnitzel jenes Briefes, den er vor einer vollen Woche an den +Chefredakteur einer großen, besonders im Ausland vielgelesenen Zeitung +in einer Aufwallung geschrieben hatte, worin er diesem Chefredakteur -- +-- auch dieser Prospekt -- alles, jede Kleinigkeit. + +»Sonderbar, höchst sonderbar!« + +Nicht ein Fetzen, nicht einmal ein Eckchen jenes grünen Briefumschlages, +er würde die Farbe ja sofort wieder erkennen. Doch hier -- nein, ein +Notizzettel zu seiner Denkschrift: Die Armee der Frauen -- worin er +empfahl, diese brachliegende ungeheure Armee zum Wohle des Vaterlandes +systematisch zu mobilisieren -- lächerlich, alles, jede Kleinigkeit, +aber von diesem Briefe: nichts. + +Schon schlugen die Uhren. + +Der General hatte heute aus dienstlichen Rücksichten bei Frau v. Dönhoff +abgesagt und sich erst nach Tisch angemeldet. + +Der Lüster im Speisezimmer brannte. + +Dieser Lüster war aus schneeigem Glas, Tulpen, Prismen, Perlen. Eine +Grotte aus schimmerndem Schnee, die leuchtete ohne zu schmelzen. + +Das Zimmer war leer. Ruth war noch nicht da. + +Daß er auch gerade diesen Brief -- da trat Ruth ins Zimmer. Heiter und +gut gelaunt, mit einer jungenhaften Verbeugung, wünschte sie »Guten +Abend«. + +»Frau v. Dönhoff läßt grüßen, Papa«, sagte sie, indem sie Platz nahm. + +»Hast du Besuch gemacht?« + +»Nein, ich traf sie auf der Straße.« + +Jakob stürzte hinter seinem Schrank hervor, um die Serviette aufzuheben, +die dem General entglitten war. + +»Otto geht es gut?« + +»Ja, nur zwei, drei Wochen«, erwiderte der General. + +Es hatte beinahe den Anschein, als wolle eine Unterhaltung in Gang +kommen. So leicht gingen die Worte hin und her. Da aber runzelte der +General die Stirn, irgendein Gedanke war ihm durch den Kopf gegangen. + +Schweigen. Jakob wechselte die Teller. Die Miene des Generals drückte +deutlich den Wunsch aus, nicht mehr gestört zu werden. + +Plötzlich hob er das Gesicht vom Teller und richtete den Blick voll auf +Ruth. Ohne Zweifel, sie sah verändert aus! Daß es ihm erst heute +auffiel? Sie trug auch eine andere Frisur, einen einfachen Knoten, der +ziemlich tief im Nacken lag. Es sah aus, als habe sie soeben die Haare +gewaschen und die Frisur rasch aufgesteckt. Diese Frisur mißfiel dem +General, sie verriet geringe Sorgfalt. Wie gewöhnlich war ein Lächeln +über Ruths Gesicht gebreitet, und besonders die langen Brauen, die über +den Wangen schwebten, lächelten. Oh, wie genau kannte der General dieses +Gesicht und dieses Lächeln! + +Es war das Gesicht ihrer Mutter und das Lächeln ihrer Mutter. Dies war +einer der Gründe, weshalb der General es vermied, in das Gesicht seiner +Tochter zu blicken. + +Ruth hob den Blick, und für eine Sekunde waren ihre Augen auf ihn +gerichtet. Auch diese Augen kannte er genau, zu genau: sanft, +schimmernd, schwärmerisch -- aber, ein Nichts, und die Schwärmerei +wandelte sich in Hysterie. + +»Jakob!« Der General deutete mit dem Messer auf die leere Fachinger +Flasche. Der Bursche stürzte zur Türe hinaus. Röte ergoß sich in das +Gesicht des Generals. + +_Wo war sie?_ + +Nun wäre der geeignetste Augenblick -- + +Es wäre ja das Natürlichste gewesen, Ruth ohne Umschweife zu fragen, wo +sie in der vergangenen Nacht gewesen war. Vielleicht war sie bei +Freunden und hatte dort übernachtet, weil sich kein Wagen auftreiben +ließ? Möglich. Wahrscheinlich würde die Sache sich aufs Harmloseste +aufklären. Aber diese Frage ließ die Tradition der Familie +Hecht-Babenberg nicht zu, wo jeder eine kleine abgeschlossene Welt für +sich bildete, die es vermied, die andere zu berühren. Eine Art +luftleerer Raum trennte diese Welten, der die Worte verschlang und ihren +Klang und Sinn entstellte. + +Die Augen der Sommerstorf würden sich voller Staunen auf ihn richten, +als ob er etwas völlig Unmögliches und Undenkbares ausgesprochen habe. +Etwas, das der Welt der Sommerstorf völlig fern lag, das die Welt der +Sommerstorf nie begriff und nie begreifen konnte. Ruth würde lächeln und +die Brauen in die Höhe ziehen. Ja, auch dieses Flattern der Brauen +liebte der General nicht und die leise Überheblichkeit, die im Lächeln +der Sommerstorf lag. + +Seine Gedanken verdichteten sich, ballten sich zusammen, die Stirn wurde +düster. + +Behutsam schob Jakob mit seinen großen, in weißen Wollhandschuhen +steckenden Händen die neue Flasche Fachinger auf den Tisch. + +»Der Wagen ist da?« + +»Jawohl, Herr General!« + +Und die Limousine zwitscherte die Tiergartenstraße hinunter zur +Lessingallee. -- + +»Hoffentlich geben sie ihm bald ein Frontkommando!« dachte Ruth, die +sofort hinter dem General das Haus verließ. Sie hatte sich am +Kemperplatz, ganz in der Nähe, mit jemand verabredet. + +Beim Rolandbrunnen am Kemperplatz stand schon dieser Jemand und wartete. +Er hob sich fast ebenso deutlich ab wie der Roland auf dem Brunnen +selbst. Ruth lief wie ein junges Mädchen -- lief dem Jemand in die Arme. + +»Papa kam heute unvermutet zu Tisch«, sprudelte sie hervor. »Seine Laune +wird immer schlechter. Wollte Gott, daß er bald wieder an die Front käme +--« + +»Wollte Gott, daß es bald keine Front mehr gäbe --« + +»Ein herrlicher Abend, aber etwas kühl!« + +»Es ist immer herrlich, wenn Ruth da ist.« Und der Jemand hüllte Ruth in +seinen Mantel. + + +11 + +Noch immer saß der kleine Herr Herbst inmitten der unendlichen +Dunkelheit und flüsterte zärtlich den Namen seines Sohnes. Sein kleines, +hohlwangiges Gesicht war in Tränen gebadet. + +Da -- nun wurde es lichter an der Türe -- nun kam er! Der Teuerste, +Heißgeliebte kehrte aus dem Reiche der Schatten, wie die Menschen es +nennen, zu seinem Vater zurück, wie in jeder stillen, dunkeln Nacht. + +Ein fahler Schein ging von der Türe aus -- und er erschauerte. Ja, ja, +er war es, der Geliebte, Beste. Deutlich sah er ihn im fahlen Schein +stehen: genau so sah er aus wie zu Hause auf dem Bilde. Ein Soldat im +Helm, ein Jäger, jung, ein blutjunges Bürschchen, in der Rechten den +Gewehrlauf, der mit Blumen geschmückt war, ganz wie an jenem furchtbaren +Tage, da er ihn zum Bahnhof begleitete. + +Eisige Kälte brachte er mit aus dem Reiche der Schatten. Der alte Mann +zittert. Die Kälte kroch über ihn, und er fühlte, wie sein kahler +Schädel einschrumpfte. Die Angst schnürte ihm die Brust zusammen, und +doch war es süß -- erlösend. + +»Bist du es?« flüsterte er voller Verzückung. + +»Mein Sohn, mein Liebling!« Und er streckte seine eisigen, kleinen +blauen Hände gegen die Türe aus. + +»Bist du wieder hier?« Niemals sprach die Erscheinung, und er wartete +auch nicht auf Antwort. Sie stand, regungslos, und blickte unverwandt +auf ihn. Manchmal sah er deutlich die Augen, nicht immer. Seines Sohnes +Augen, deren Glanz und Färbung er nie vergaß -- glänzend und kristallen +wie die Augen eines unschuldigen Tieres -- während die Züge des Gesichts +zuweilen schon seinem Gedächtnis entglitten. + +»Bist du zurückgekehrt zu Papa --?« + +Aber, Entsetzen! Wieder begann der Teure zu bluten -- + +Von der Stirn floß plötzlich dunkles Gerinnsel, gewiß, dort hatte ihn +das tödliche Geschoß getroffen. Das Blut floß, es strömte, es färbte die +Uniform dunkel, lautlos strömte es auf den Boden, ohne Ende. Und der +Teure stand, regungslos blutete er, ohne jeden Laut . . . + +»Wie schrecklich du heute wieder blutest, mein Einziger!« flüsterte der +kleine alte Mann -- oh, so leise! -- und rang die Hände. Die Tränen +stürzten über seine Wangen. »Immer noch findest du nicht Ruhe, du +Teuerster? Warte, gedulde dich -- ich habe schon an ihn geschrieben, er +wird antworten -- gewiß . . . Alles werde ich versuchen, nichts werde +ich unversucht lassen -- ich gelobe es -- mein Liebling --« + +Und er flüsterte, versprach, rang die Hände, verhüllte das tränennasse +Gesicht -- + +Da wurde es licht, der Schein einer Kerze, und augenblicklich zerfloß +die Erscheinung. Nichts blieb als die hellgestrichene Füllung einer Türe +mit einem schwarzen Schloß. + +Nicht eine Kerze, der Mond war über die Dächer gekommen. Ein Lichtkeil +spaltete plötzlich die Dunkelheit des Zimmers. Erschrocken zog Herr +Herbst die Hände aus dem Lichtstrahl zurück, als würden sie verbrannt. + + * * * * * + +Die Dunkelheit war zertrümmert, und nun kamen auch die Geräusche zurück. +Stimmen murmelten, es hustete, alle Arten von Husten, vom pfeifenden +Frauenhüsteln bis zum brüllenden Husten erkälteter Männer. Schlaflos war +das ganze Haus, es brauchte nur der Mond über die Dächer zu kommen, aus +Glas schien es zu sein. Die Lider standen im Schlummer geöffnet, wie bei +den Toten, und die Strahlen des Mondes stachen wie Nadeln in die +bloßgelegten Hirne. + +Nebenan wimmerte ein Kind, eine Bettstelle knarrte. + +»Bist du denn wieder aufgestanden?« zischelte es hinter der Wand. + +»Ja, ja«, entgegnete Hähnleins heisere Stimme. »Ich sehe mir den Mond +an.« + +»Wie soll ein Mensch das ertragen?« + +»Beruhige dich, Mutter -- bald, ja bald --!« + +Ermattet saß Herr Herbst, bebend vor Erschöpfung. Das Gespräch mit dem +Sohn hatte ihn völlig entkräftet. Der Teure sog alle Kraft aus ihm. Das +Herz zuckte in seiner Brust. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne. + +Ach, wie entsetzlich er doch wieder geblutet hatte -- er litt -- rasch +mußte er handeln, rasch! + +Er versank in tiefes Nachdenken. Langsam, wie betäubt bewegten sich die +Gedanken in seinem kahlen Kopf, schlafschwer krochen sie dahin wie +Schatten auf den Dächern. Das Geflüster und Gezischel hinter der Wand +störte ihn nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elends und +des Hungers. Nein, das Elend fremder Menschen machte keinen Eindruck +mehr auf ihn. Worte, Nichtigkeiten! Weshalb sollten nicht andere +ebenfalls unglücklich sein, alle. Neulich hatte er mit angesehen, wie +ein vornehmer Herr von einem Militärlastauto überfahren wurde -- gerade +über das rechte Bein war das schwere Doppelrad gegangen. Er war in +verzweifelter Stimmung, sofort aber besserte sich seine Laune! Die +Unglücklichen weiden sich am Unglück, die Kranken an der Krankheit, die +Armen an der Armut -- nur die Glücklichen, das ist etwas ganz anderes, +sie weiden sich nicht am Glück. Sie sehen andere Menschen nicht mehr. + +Langsam -- aber schließlich fand er sich doch zurecht in all den +Dunkelheiten. + +Nein, keine Antwort. Hunderte warten! + +»Der General antwortet nicht!« + +»Nein, nein!« + +Erregt setzte er sich auf. + +»Was aber dann? Was dann?« + +Im Nu hatte er die Füße auf den Boden gestellt. Er saß mitten im +Mondlicht und blickte zum Fenster hinaus. Sein Schädel glänzte wie eine +Quecksilberkugel, seine Augen schimmerten wie die Augen toter Fische, +die schon lange liegen. Er lauschte in sich hinein, er grub in seinem +Gehirn. Plötzlich begann sein gleißender Schädel zu dampfen, Rauch +kräuselte aus seinen Augen. Eine Wolke glitt über den Mond. Wieder +glänzte die Quecksilberkugel. Aber plötzlich saß er gänzlich ohne Kopf +da. Der Mond glitt hinter einen Schornstein. Als er wieder ins Zimmer +blendete, hatte Herr Herbst die Hälfte seines Volumens verloren. Er +hatte den Havelock abgelegt. + +Rasch, rasch riß er den Kragen und die kleine schwarze Binde ab und +steckte den Kopf in eiskaltes Wasser. Der Mond funkelte. + +Einen ungeheuren Gedanken hatte der Mond im Gehirn des kleinen Herrn +Herbst wachgeblendet. + +Er konnte gar nicht genug eiskaltes Wasser über seinen Kopf gießen. +Fieberhaft rieb er sich ab, zog Kragen und Binde an. + +»Ja, ja, weshalb nicht --?« Rasch schlüpfte er in den Havelock. + +»Ich werde --« + +»Ich werde --« + +»_Ich werde ihn besuchen!_« + +Schon rannte er zur Türe hinaus. Halt! wohin? es ist mitten in der +Nacht! Aber nichts hielt ihn zurück. Mit raschen Schritten eilte er die +leere und verödete Fabriciusstraße hinab. + +Ah, und wie eisig kalt es war! + + +12 + +Dora lachte belustigt auf. + +»Achttausend Mark, Ruth, ich bitte Sie! Für eine ganz einfache +Gesellschaftstoilette! Und ein Hemd, ganz und gar nicht luxuriös, etwas +billige Spitzen, ein paar Seidenschleifen -- fünfhundert Mark. Es ist +wirklich eine Komödie. Ich wage es schon gar nicht mehr, ein Geschäft zu +betreten.« + +»Wie wird es aber werden?« fragte Ruth und zog die Brauen hoch. »Die +Hälfte der Bevölkerung hat schon keine Wäsche mehr. Die Kinder schlafen +auf Papier.« + +Dora fand das sehr spaßig. + +»Wie es werden wird? Höchst einfach, im nächsten Jahr werden wir uns +alle in Papier kleiden, Ruth, und das wird ungeheuer lustig werden! Sie +erinnern sich an die Dame, die im vorigen Sommer ohne Strümpfe Unter den +Linden ging? Wenn man hübsche Beine hat, ist das reizend. Aber denken +Sie sich eine Gesellschaft, ganz in Papier gekleidet! Die Industrie wird +die reizendsten Farbtöne erfinden --« Dora mußte vor Lachen abbrechen -- +»Der General meint allerdings --« + +»Was meint Papa?« + +»Er sagt, die Industrie habe Ersatzstoffe erfunden, die viel besser sind +als Wolle und Seide. Zum Beispiel, nun wie heißt sie, diese Patentfaser? +Die ganze Lüneburger Heide soll mit Brennesseln bepflanzt werden, doch +das wird wohl noch ein Weilchen dauern. Aber hören Sie, Ruth, welch +blendende Idee! Ich werde bei meinem Hausball Papierkostüme +vorschreiben!« Dora klatschte vor Vergnügen in die Hände, und wieder +füllte ihr Lachen Ruths kleinen halbdunkeln Salon mit Heiterkeit und +tausend Schelmereien. »Süß sehen Sie aus, mein Kind. Woher stammt diese +Bluse? Lassen Sie fühlen, herrlich! Das ist noch Seide! Was man heute +für schweres Geld bekommt, ist ja Schund, den früher unsere Neger +getragen haben. Aber denken Sie doch Ruth, wenn wir erst in einer +Papierserviette schlafen gehen werden --!« Es war Dora gänzlich +unmöglich, diese drolligen Phantasien abzuschütteln. + +Ruth bereitete den Tee, während die schöne Dora schwatzte und lachte. +Sie folgte mit zärtlichen Blicken jeder Bewegung Ruths, die sie liebte. +Ja, aufrichtig liebte, obschon sie ganz anders war, vielleicht, weil sie +ganz anders war. Und sie fand sie in vieler Beziehung so amüsant! Zum +Beispiel, der Hut hing auf einer Blumenvase und -- bei Gott -- ein +kleiner schwarzgelber Abendschuh lag verlassen auf dem Sofa. War das +nicht süß? Und die Teemaschine stand auf dem Schreibtisch, natürlich +floß das kochende Wasser auf die Platte. Nein, wie reizend! Früher war +Ruth häufig bei ihr gewesen, sie hatten zusammen musiziert -- + +»Singen Sie noch, Ruth?« + +»Wenig nur, leider.« + +Aber nun sah man sie selten. Dora nahm es ihr nicht übel. Sie liebte sie +trotzdem, wie sie alle Menschen, die ihr nichts zuleide taten, liebte, +wenn sie guter Laune war. Hatte sie aber ihre bösen Stunden -- nun, da +hätte sie ruhig sehen können, wie man die Menschen vor ihren Augen +abschlachtete -- aber das war natürlich eine Übertreibung. Dora konnte +grausam sein, sehr grausam, wenigstens dachte sie es. + +Butzi, der Griffon, ließ den schwarzgelben Abendschuh, der neben dem +kleinen Sofa auf dem Boden lag, es war der zweite, plötzlich aus den +Zähnen und schlich zur Türe. + +Er steckte die Nase in die Ritze zwischen Schwelle und Türe und blies. + +Dann aber schnellte er erschrocken auf allen vieren zurück . . . + +Die Türe öffnete sich -- behutsam -- leise -- und das breite +steinfarbene Gesicht des Generals, nachdenklich gesammelt, wurde +sichtbar. Aber schon in der nächsten Sekunde verschwand die +nachdenkliche Sammlung und die Steinfarbe -- betreten und überrascht +prallte das Gesicht zurück und färbte sich rot. + +Der General erschrak genau wie Butzi und wich genau wie Butzi zurück. +Butzi erholte sich sogar zuerst und begann zu kläffen. + +»Herr General?« rief Dora überrascht aus. + +»Papa?« fragte Ruth leise und ungläubig. + +»Ich bitte zu verzeihen, wollen die Damen, bitte . . .« + +Dora lachte. »Kommen Sie doch, Herr General, wir sind eben bei den +interessantesten Gesprächen.« + +»-- will nicht stören -- ich wollte nur -- ich hörte Stimmen -- guten +Tag, meine Damen.« Und der General verschwand sofort wieder und schloß +leise die Türe hinter sich. + +Butzi hatte gesiegt. Er kläffte wütend hinter dem abziehenden Gegner +her. + +»Was wollte er denn?« + +Ruth schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie. »Er kommt +sonst nie in mein Zimmer.« + +»Er ist argwöhnisch, Ruth«, sagte Dora. + +Ruth blickte auf und errötete. + +»Ja, ja, er glaubt, Sie haben einen Geliebten«, fuhr Dora fort und +blinzelte mit dem rechten Auge. + +Die Röte wich aus Ruths Wangen. Sie wurde bleich. + +»Er glaubt --?« + +»Ja, er hat Sie doch neulich erwischt.« + +»Sie kamen erst am Morgen nach Hause. Er erzählte es mir. Gott, wie sie +erschrocken ist, die Kleine. Ich habe es ihm natürlich ausgeredet. Sie +können sich das wohl denken.« + +»Ich bin bei Platens im Grunewald gewesen, und es wurde sehr spät.« + +»Und Sie haben es ihm nicht gesagt?« + +»Ich? Wieso? Er fragte nicht. Schließlich ist es auch nicht seine Sache. +Nehmen Sie Süßstoff, Dora? Ich habe keinen Zucker.« + +Ja, nun wurde also Tee getrunken, lange genug hatte es gedauert -- und +draußen goß es in Strömen, welches Wetter, in diesem Berlin! Dora +zündete eine ihrer dicken englischen Zigaretten an. + +»Aber vielleicht hat er doch recht, der General --?« sagte sie, und +wieder blinzelte sie mit dem rechten Auge. + +»Wie meinen Sie das?« + +»Nun, ich meine nur -- so -- so . . .« + +Dora lachte. Es machte ihr Vergnügen, scheue Menschen in Verlegenheit zu +bringen. Dann aber änderte sie den Ton. + +»Und Dietz geht es gut in Bukarest?« + +»Sehr gut, danke. Er bewohnt eine reizende Villa, reitet täglich +spazieren, es fehlt ihm wirklich an nichts.« + +»Hören Sie Ruth -- aber Butzi, sehen Sie, er zerreißt Ihnen den ganzen +Schuh --« + +Ruth nahm den Schuh und warf ihn zu dem andern auf dem Sofa. + +»Ich wollte sagen, Ruth, wenn Sie erst einmal auf Ferchow wohnen -- es +ist der schönste Sitz in Pommern, und Sie haben da einen chinesischen +Pavillon auf einer Insel im See, märchenhaft, die Armins haben ja ihr +Gut nebenan -- wenn Sie erst auf Ferchow wohnen, versprechen Sie mir --« + +Ruth unterbrach sie. + +»Ich werde nie auf Ferchow wohnen, Dora!« sagte sie, jede Silbe +betonend. + +»Wie? Aber --?« + +Ruth blickte Dora in die Augen. + +»Nein, niemals!« + +»So erklären Sie mir doch, meine Liebste --?« + +»Sprechen wir nicht mehr davon.« + +»Aber, ich bitte Sie, Ruth, wollen Sie mir nicht --?« + +Doppelt so groß wie gewöhnlich waren Doras blaue Augen vor Erstaunen. + + * * * * * + +Das nächstemal war der General vorsichtiger. Er erkundigte sich erst, ob +seine Tochter ausgegangen sei, und klopfte zur doppelten Vorsicht vorher +an. Zu peinlich war es ihm neulich gewesen -- Dora saß da, Ruth, nicht +einmal angeklopft hatte er -- was mochten sie denken von ihm? + +Er hatte jahrelang Ruths Zimmer nicht betreten. Jahrelang hatte er sich +überhaupt nicht im geringsten um Ruth gekümmert, ihr jegliche Freiheit +gelassen, seinen Grundsätzen gemäß -- nun aber schien es ihm an der Zeit +zu sein . . . + +Nicht ohne eine gewisse Scheu trat er ein. + +Sofort aber waren diese beiden Augen auf ihn gerichtet, obwohl er den +Blick abgewendet hatte, denn er wußte genau, wo das Bild hing. Diese +Augen leuchteten ihm entgegen, und der General fühlte ihren schimmernden +Blick durch die Lider hindurch, ja selbst durch den Kopf, wenn er das +Gesicht abwandte. Er räusperte sich und murmelte etwas vor sich hin, um +sein Gleichgewicht wieder zu finden. + +Rügend schüttelte er den Kopf: Welche Unordnung! + +Auch diesen Mangel an Ordnungssinn hatte sie von der Sommerstorf geerbt, +keineswegs von ihm. Augenblicklich schossen ihm in einer Sekunde tausend +Erinnerungen durch den Kopf. Da war, zum Beispiel, die Naht am Handschuh +geplatzt, und sie machten Besuch beim Regimentskommandeur. Es war +äußerst peinlich. Der Regimentskommandeur sah sofort die geplatzte Naht +des Handschuhs, es sah aus, als sähe er überhaupt nichts anderes. Und da +kamen, zum Beispiel, Gäste, sie waren auf acht Uhr geladen. Sie kamen, +und der Salon war völlig in Unordnung. Notenblätter waren überall +umhergestreut, und die Tischdecke lag voll von Rosenblättern, die von +einem welken Strauß abgefallen waren. Wie in aller Welt sollte er sich +denn vor den Gästen entschuldigen? Aber die Sommerstorf lachte nur +darüber. Gerade über solche Dinge konnte sie ausgelassen lachen. Es +fehlte ihr jedes Organ dafür. So waren sie, die Sommerstorfs. Sie kamen +nicht umsonst aus dem Süden. + +Ein Hut lag auf dem Tisch im Salon, daneben eine Schere und eine Rolle +Zwirn. Die Nadel stak in der Tischdecke. Zeitungen waren über das Sofa +verstreut, und in der Ecke lag sogar ein Abendschuh. Überall +Schreibpapier, Bücher. + +Zerstreut nahm der General ein aufgeschlagenes Buch vom Schreibtisch. +Marx. + +Karl Marx. + +Ein Sozialist! + +In dem Buche waren Stellen angestrichen. Sie arbeitete darin. + +Einen Augenblick war der General geneigt, diese Lektüre für eine junge +adelige Dame unpassend zu finden. Schon wollte er den Kopf schütteln. +Aber er überwand sich. Mochte sie -- weshalb nicht -- wenn sie Interesse +dafür hatte? Auch ein Sozialist hatte ja wohl manches zu sagen, was +interessieren konnte -- im übrigen, sie hatten ja in der Stunde der +Gefahr das Vaterland über den Internationalismus gestellt, bewilligten +die Kredite, was man wollte, gingen mit durch dick und dünn -- in der +Tat, sie hatten sich als wahre und echte Patrioten erwiesen! + +Viele Bücher. Stöße von Büchern. Autoren und Titel waren ihm unbekannt. +Er hatte keine Zeit, Bücher zu lesen -- der Dienst -- seit zwanzig +Jahren hatte er eigentlich kein Buch mehr in die Hand genommen -- seit +dreißig, von fachwissenschaftlichen Werken natürlich abgesehen. + +Im übrigen, diese modernen Autoren, soviel er von ihnen wußte, sie +beliebten Konstruktionen, lebten in einer fiktiven Welt -- während seine +Welt, die Welt des Generals, eine Welt der harten Tatsachen war, ohne +Beschönigung, ohne Lüge und Poesie, einfach der harten Tatsachen. + +Aus einem Buch fiel ein Brief: »Geliebte Ruth« -- sofort schob ihn der +General wieder in das Buch zurück. Wieder schüttelte er rügend den Kopf. +Daß sie, zum Beispiel, nicht daran dachte, daß Unberufene, etwa Therese, +den Brief lesen könnten! Erschreckend diese Ähnlichkeit in den kleinsten +Charakterzügen. Auch ihre Mutter hatte die wichtigsten Briefe und +Schriftstücke herumliegen lassen. So hatte es ja seinen Anfang genommen +. . . + +Wiederum fühlte er den Blick der leuchtenden Augen so stark, daß die +Hand matt wurde, die das Buch hielt. Deutlich, ganz deutlich hörte er +eine Stimme in seinem Kopf, die irgendwo geschlafen hatte. Er verstand +nicht die Worte, die diese Stimme aussprach, aber er hörte ihren Klang, +ganz deutlich, und es war doch schon viele Jahre her, daß er diese +Stimme zum letzten Male gehört hatte. + +Diese Stimme wurde lauter und lauter und nahm einen immer heitereren +Klang an. Deutlich hörte er, wie diese Stimme in seinem Kopfe oder +irgendwo -- sie schien irgendwo verborgen zu sein! -- zu lachen anfing, +ein Lachen, heiter, spöttisch. Der General legte das Buch zurück. + +Traurigkeit stieg plötzlich in seinem Herzen auf. + +»Was will ich eigentlich hier?« sagte er. Nachdenklich verließ er das +Zimmer, während die Augen des Bildes ihm bis zur Schwelle folgten -- + +Und Marx? Weshalb nicht Marx? Aber es war eigentümlich, dieser Name +klang in ihm weiter. + +Als er wieder über den Korridor schritt, hatte er die Empfindung, aus +einer fremden Welt und andern Zeit gekommen zu sein. Niki zwitscherte +fröhlich sein Lied, und alle Dinge betonten plötzlich ihre Wirklichkeit +und Vertrautheit. + +Übrigens war es auch frostig in Ruths Zimmer gewesen. + + +13 + +In der kahlen, verwahrlosten Fabriciusstraße erscheint -- ist es +möglich, an einem Wochentage, in diesen Zeiten -- ein Zylinder! Der +Zylinder kommt näher, immer näher, er verschwindet im »Löwen von +Antwerpen«. + +Der bucklige Wirt blinzelt mit den düsteren Eulenaugen und bringt die +Flasche Roten und das Schachbrett. + +»Meine Hochachtung«, flüstert er, wie es seine Art ist, leise -- er +sprach jahrelang kein Wort, in einer gewissen Periode seines Lebens. +»Sie treiben es nobel in diesen Tagen! Immer noch diese amtliche Sache?« + +»Gestern war es leider nichts. Ich hatte versäumt -- hatte ja keine +Visitenkarten. Alles hat seine Formen. Plötzlich denke ich gestern: nun, +und die Visitenkarten?« + +Herr Herbst hatte sich verändert. Das Rasiermesser hatte Kinn und Wangen +geglättet, und der Haarkranz war etwas geschnitten. Im ganzen hatte das +Volumen des Kopfes nur minimal abgenommen, aber es schien, als sei der +Kopf um die Hälfte eingeschrumpft. Und hinten im Nacken, wo der +Hinterkopf ansetzte, waren faustgroße Höhlen sichtbar geworden. Wie in +den letzten Tagen, trug er auch heute einen etwas verknüllten, zu langen +schwarzen Gehrock, und wieder empfand der bucklige Wirt Hochachtung vor +ihm, als er den Gehrock erblickte. Dieser kleine alte Mann, der mit dem +Gläschen in der Hand vor den Munitionsarbeiterinnen tanzte und sich zum +Gespött der frechen Geschöpfe machte -- wer war er? Ein +Heruntergekommener, ein Sonderling -- er behauptete, Lehrer an einem +Gymnasium gewesen zu sein, aber was behaupteten die Leute heutzutage +nicht alles? + +»Heute aber sollen die Karten fertig werden. Er hat mir sein Ehrenwort +gegeben«, fügte Herr Herbst hinzu, und seine kleinen, etwas schmutzigen +Hände rasselten gierig mit den Schachfiguren. Dieses Rasseln der +Schachfiguren, immer erinnerte es ihn an einen kleinen Marmortisch mit +blankgeputzter Messingeinfassung -- sein Stammcafé in der Provinz, +einst, lange war es her. + +»Sie haben den Anzug, Herr Herbst!« flüsterte der Bucklige und schob das +spitze Kinn über das Schachbrett. + +Herr Herbst griff nach dem Glas. Seine Hand zitterte. Ja, schlimme Tage +hatte er hinter sich. Er zerdrückte den Wein auf der Zunge zwischen den +gelben Zahnstumpen. Plötzlich sah er deutlich -- sollte man es für +möglich halten? -- das Gesicht des Generals im Glase! Er schloß rasch +die Augen und ließ das ganze Glas durch die Kehle hinunterlaufen. Noch +ein Glas -- und nun war er bereit. + +Kraft und Mut strömten aus dem Wein. + +Furcht? Nein, nein, er hatte keine Furcht. + +Er nahm das Aluminiumetui aus der Tasche, zündete sich eine Zigarre an +und setzte sich zurecht. + +»Und nun wollen wir einmal etwas ganz Neues versuchen.« Er zog den +Turmbauern. + +Noch weiter schob der Bucklige das spitze Kinn über das Brett. + +Eine Falle? Wie, was? Was wollte er mit dem Turmbauern? + +»Sie haben ja ein Feld zu weit gezogen.« + +»Zu weit? Nun, dann nehmen wir ihn eben um ein Feld zurück.« So +hochgemut fühlte sich Herr Herbst in diesem Augenblick, daß er den +Bauern gleich über drei Felder vorstoßen ließ. + +Die Partie begann. Beide waren leidenschaftliche Spieler. + +Herr Herbst lehnte sich im Stuhl zurück und blies den Rauch in die Luft. + +Furcht? Wieso? Vor wem? Vor ihm? + +Die Karten würden um vier Uhr fertig werden, nun und dann . . . + +Wieder trank er ein Gläschen. + +Alles war ja in seinem Kopfe zurechtgelegt. Jedes Wort, die Rede floß in +Gedanken. Und, hm, auch die Verbeugungen und Anreden hatte er schon +eingeübt, ganz genau. Weshalb sollte er Furcht haben? Schließlich war er +doch nicht der Kaiser, wie? + +Kein Zweifel, er würde ihn zwingen, ihm Rede und Antwort zu stehen, jede +Auskunft, die er wünschte, zu geben. + +Er hatte ja die Briefe in der Tasche, zum Beispiel, am 4. August griff +ein Jägerbataillon an, kein Mann kehrte zurück. Weshalb also mußte am 5. +August -- er würde natürlich in aller Höflichkeit, in aller +Bescheidenheit . . . + +»Schach der Königin!« rief er laut und warnend. + +»Wahrhaftig! Nun, Sie erlauben, ich nehme den letzten Zug nochmals +zurück -- es heißt überlegen. Sie gehen ja scharf vor, heute.« Die +düsteren Eulenaugen des Buckligen begannen zu glühen. + +Herr Herbst griff in Wahrheit stürmisch an. Er fühlte sich seinem Gegner +heute weit überlegen, und er hätte jede Summe gewettet, daß er gewann, +obgleich der Bucklige für gewöhnlich stärker spielte -- unter den +jetzigen Umständen, früher, da hätte er ihn ja nie schlagen können. + +Natürlich, der Kaiser war er ja am Ende nicht. Und schließlich -- er +würde ihm ja ebenfalls gefällig sein! Nein, nein, es war ganz und gar +kein kleiner Dienst -- bei rechtem Lichte betrachtet. Vielleicht würde +er sagen: aber mein lieber Herr Herbst, weshalb sind Sie nicht früher +gekommen? Wer weiß? Wer weiß? + +Ja, so würde er beginnen. Von diesen jungen Leuten nebenan würde er +berichten -- von ihren Ideen, ihren Absichten, gefährlichen Absichten -- +nun ja, rascher als irgendein anderer würde der General verstehen. + +Und dann würde er auf das Mädchen zu sprechen kommen -- + +»Vorsicht, Herr Herbst!« + +»Ich sehe schon -- eine richtige Falle. Ei, ei!« + +»Aber was tun Sie?« + +»Ich bin gezwungen, den letzten Zug zurückzunehmen.« + +»Aber, aber --« + +»Auch Sie haben ja einen Zug zurückgenommen.« + +Dieses Mädchen also, so würde er sagen, hatte er zuerst gar nicht +beachtet. Wie sollte er auch? Alle diese Soldaten hatten ja ihre +Mädchen, nicht wahr, es war einmal nicht anders. Nicht beachtet. An den +Sonntagen kochte sie den Tee, bot Zigaretten an. Sie selbst sprach +eigentlich wenig, nur hier und da warf sie ein Wort ein. Man hörte ihre +Stimme kaum, so fein klang sie. + +An den Wochentagen kam sie zuweilen abends, und dann war sie mit ihm +allein. Nun sie waren junge Leute, was sollte da besonderes dabei sein? +Er hörte nicht zu, hatte seine eigenen Gedanken. Eines Abends aber, +plötzlich sprechen sie über gewisse Dinge -- wie interessant! Was ist +das? Offenbar kennt das Mädchen genau die Familienverhältnisse einer +gewissen hochgestellten Persönlichkeit. Nun, es war jedenfalls +sonderbar, daß sie so genau Bescheid wußte -- + +Tief in seine Gedanken versunken, legte sich Herr Herbst im Sessel +zurück und blies den Rauch in die Luft. + +Sie plaudern also über gewisse Dinge, ganz harmlos. Sie denken wohl +nicht, daß ich nebenan alles höre, denken wohl, ich sei ausgegangen. + +Oben an der Türe sehe ich Licht. + +Ich weiß wohl, was sich schickt und was unpassend ist -- aber, aber, ich +kann nicht widerstehen. Das Licht reizt mich. Ich trage den Stuhl zur +Türe, vorsichtig natürlich -- steige hinauf -- so, so -- strecke mich +und blicke durch den Spalt. Ich drehe das Auge hin und her. Ah, da sitzt +er also, der Soldat, und daneben -- auf dem Sofa . . . + +Plötzlich sehe ich ihr mitten ins Gesicht! + +Der Schreck -- glauben Sie mir -- die Überraschung -- ich wäre um ein +Haar vom Stuhl gefallen! Denn wenn ich auch das und jenes dachte -- ich +glaubte es ja nicht -- es schien mir unmöglich -- die Stimme, hm, das +Gespräch, aber es war ja unmöglich -- und doch -- doch! + +Dieses Mädchen, Herr General, diese Dame -- + +»Schach und matt!« rief der Bucklige triumphierend, und Herr Herbst +prallte zurück. + +Also geschlagen, abermals geschlagen! + +Herr Herbst zog die Uhr -- er besaß eine goldene Uhr, sonderbar! -- und +wurde plötzlich von Unruhe ergriffen. + +»Ja, nun wird es aber Zeit für mich -- höchste Zeit!« sagte er und +stülpte hastig den Zylinder über den Schädel. Ganz wie der steife +schwarze Hut war auch der Zylinder um eine Nummer zu groß und sank auf +die abstehenden grünlichen Ohren herab. + +In höchster Eile verließ er die Kneipe. + + * * * * * + +Schon dunkelte es. Lautlos und unaufhörlich sank der schwarze +Aschenregen auf die sterbende Stadt. + +Eine Stunde später, und Berlin war völlig finster. Undurchdringliche +Finsternis lag über den deutschen Landen, undurchdringliche schwarze +Nacht lag über Europa, zuckend vor Schmerzen, gebadet in Blut und +Tränen. + +Wann endlich? + +Horch! Hunderttausend Geschütze wiehern wollüstig durch Europas +undurchdringliche schwarze Nacht. + +Ja, wann endlich? Eile, binde deine Schuhe, Erlöser, und eile, wenn du +kommen willst! + +Schon sind Europas Augen blind vom Weinen, schon stockt der Schlag +seines Herzens. + + + + +Drittes Buch + + +1 + +Dampfwolken quollen aus der Halle, Rauchfetzen flatterten zwischen den +Eisenträgern. Alles wehte. Die Vorortzüge liefen kreischend ein, +keuchten kreischend hinaus. Mäntel, Hüte, Röcke wirbelten im Rauch und +weißen Wasserdampf. Auch Klaras Kleider wirbelten. Sie fror an den +dünnen Beinchen, aber sie liebte es, ganz leicht gekleidet zu gehen. + +Der nach der Westfront abgehende Frühzug hatte Verspätung. Mochte er! +Wie gerne wartete sie! Schon seit einer Stunde ging sie hier am +Charlottenburger Bahnhof auf und ab. Drüben am Bahnhof Zoologischer +Garten standen sie nun, die Damen Sterne-Dönhoff, Mutter und Schwestern, +und plauderten noch mit ihm. Der Wind pfiff von allen Seiten in die +Halle, und blendende Helligkeiten fegten draußen über die Dächer. + +Plötzlich blieb Klaras Herz stehen: + +Um die Ecke schnob ein pechschwarzes Ungeheuer, qualmend aus Schlot und +Zylindern. Blitzschnell kam es auf Rauch herangewirbelt. Der Fernzug +. . . + +Der Kurfürstendamm, wimmelnde Menschen -- sie und Heinz. Der Tiergarten, +brausende Bäume -- sie und Heinz. Die Stufen der Untergrundbahn, ein +Menschenstrom, das kleine Café in der Kantstraße -- sie und Heinz. Wie +durch ein scharfes Glas sah sie sich neben ihm, immer neben seinem +weiten grauen Feldmantel -- nur die Szenerien änderten sich, +blitzschnell, alle Straßen, Plätze, die sie zusammen besucht hatten. Der +Tiergarten -- gestern nachmittag, als sie Abschied nahmen, es dämmerte +schon -- sie gab ihm das Medaillon mit der Locke, das sie so oft und +tausendfach küßte, bis sie einen Weinkrampf bekam -- als Talisman sollte +er es tragen -- und plötzlich verschwindet alles in einem Wirbel, nichts +ist mehr vorhanden als ein leerer Raum, durch den die schwarze +Lokomotive dahinstürmt. + +Ihre Kleider flatterten, sie griff an die grasgrüne Mütze mit der grünen +Seidenquaste, in der Rechten wehte das Taschentuch. Sie dachte an +nichts, ihre Augen glitten erregt an dem fliegenden Zug entlang, und sie +verging vor Angst, daß sie Heinz nicht mehr sehen würde. + +Da, da, da, da war er! Seine Hand, sie erkannte sie sofort, winkte ihr +zu. Ein Lachen in seinem geröteten Gesicht, ein Blitzen der Zähne, und +die blonden Haare leuchten. Auf seiner Brust aber glänzte -- wie ein +heller Stern -- durch den Mantel hindurch -- das Medaillon aus Kristall: +deutlich sah sie es. Groß und mächtig wie ein Stern, obgleich es ganz +klein war. + +Hunderttausende und abermals Hunderttausende waren schon auf diesen zwei +Schienen fortgefahren, und alle trugen einen Talisman auf der Brust. + +Fort war Heinz. + +Der Zug war rasend schnell gefahren, aber die letzten Wagen rollten ganz +langsam an Klara vorüber. + +Der Wind riß ihre Kleider bis zu den schmalen Knien empor, aber sie +bemerkte es nicht. Soldaten, die aus den letzten Wagen blickten, +schnitten ihr Gesichter. + +Da aber fing sie an zu laufen, und weinend stürzte sie die Treppe hinab. +Wie ein Messer zerschneidet das Lebewohl ein junges Herz. + +Alles war ja noch Geheimnis, niemand wußte etwas, niemand wußte von +ihren Schwüren, ihren Versprechungen, ihren Plänen, ihren Träumen, +niemand. + + * * * * * + +Schon war Klara zu Hause, und schon war die grüne Mütze mit der grünen +Seidenquaste in ein Paketchen eingeschnürt, fertig zum Absenden. Er +sollte sie haben. Ach, und sie weinte und bedeckte die alte grüne Mütze +mit Küssen und Tränen. + +Schon aber hatte der Zug die nächste Station passiert, und Klara steckte +die kleine Flagge auf der Karte um. Man muß wissen, daß Klara sich ein +Kursbuch gekauft hatte, um den Zug verfolgen zu können. + +Und schon war Klara wieder auf der Straße und lachte in Sonne und Wind, +während auf ihrem Herzen noch die Tränen brannten. Auf zierlichen, +raschen Beinchen schritt sie, die schmale Hüfte wippend, die +Joachimsthaler Straße hinab. Sie war glücklich. + +Klara ging einkaufen. Sie mußte ja nun an die Feldpaketchen denken, ganz +wie Millionen andere Frauen. Kam sie zurück, so konnte sie die Flagge +schon bis Hannover vorstecken. + +Schon dachte sie an die Zeit, da sie die Flagge zurückstecken würde -- +wenn er zum ersten Male auf Urlaub kam. + +Zwischen der Kindheit und der Welt der Erwachsenen liegt die Zone des +Paradieses. Blendend von Träumen, Plänen, Visionen, Ahnungen und +Wünschen. Wunderbar und erhaben liegt das Leben vor den Blicken, und +mutig geht ihm der Schritt entgegen. + +Durch dieses Paradies schritt Klara dahin, obschon sie nur die +Joachimsthaler Straße hinabwanderte. + + +2 + +Schon wanderte die kleine Flagge auf der Karte wieder rückwärts. Es war +der Zug, der den ersten Brief bringen konnte. Konnte! Aber er kam nicht. +Nun kam der Zug an die Reihe, der den ersten Brief bringen sollte. Aber +er kam nicht. Nun kam der Zug, der den ersten Brief bringen mußte. Aber +er kam nicht. Die Stunden blieben stehen. Die Uhren tickten, das Herz +schlug im Halse, und in der Nacht saß Klara mit offenen Augen im Bett. + +Endlich, am sechsten Tage, kam er. + +»Hier ist ein Brief, kleine Braut«, sagte Hedi, und Klara errötete. Hedi +hatte ein überlegenes, aber gutmütiges Lächeln für die Schwester. +Dieselbe Geschichte! dachte sie. Sie wird Briefe schreiben, jahrelang +auf den Briefträger warten . . . Es ist immer das gleiche. + +»Gib, bitte!« sagte Klara, und ihr Atem stockte. + +»Du versprichst mir, auf Frau v. Dönhoffs Hausball mitzukommen?« (Allein +würde der Geheime Rat Hedi nicht gehen lassen!) + +»Ich verspreche! Feierlich!« -- + +Welches Glück, beim Himmel! Und welche Enttäuschung, dieser Brief +. . . + +»-- wir haben ein reizendes Quartier. Ein kleines Schlößchen. Daneben +liegt unser Flugplatz. Mich haben sie in einer Dachkammer untergebracht. +Wir haben eine Enten- und eine Hühnerzucht. Die Mannschaften besitzen +sogar ein kleines Wildschwein.« Ja, was ging sie das an? + +Herrlich ist es hier, herrlich, liebe Klara! + +Tag und Nacht krachen die Kanonen, und fast in jeder Stunde knallen die +Abwehrgeschütze ganz in unserer Nähe, Schwärme von feindlichen Fliegern +kommen herüber. In der Nähe nämlich steht im Walde ein weittragendes +Geschütz. Wenn es schießt, ist es wie ein Erdbeben. Ein balkendicker +Feuerschein fährt dann aus dem Walde. + +Das Wetter ist stürmisch und trüb, und gestern habe ich mich mit dem +kleinen frechen Meerheim -- Du kennst ihn ja -- etwas in der +Nachbarschaft herumgetrieben. Er ist eine Art Zyniker, aber wir kommen +trotzdem ganz gut miteinander aus. Wir waren mit dem Auto in Q. Schutt +und Asche! Furchtbar anzusehen! Die Kathedrale wurde von französischen +und englischen Geschützen in Trümmer geschossen und geriet zuletzt in +Brand. Ein Symbol des Schreckens und des Krieges. Am Abend speisten wir +in der Etappe, wo mich der kleine Meerheim bei Bekannten einführte. Sie +führen ein herrliches Leben, essen und trinken und feiern ein Fest nach +dem andern. Gerade als wir kamen, feierte ein Rittmeister sein Eisernes +Erster. Es wurde furchtbar gekneipt, und zuletzt ging es böse her. Wie +ekelhaft! Ich habe nicht einen Tropfen angerührt, denn ich halte das +Versprechen, das ich Mama gab. Neben dem Kasino liegt das Lazarett, wo +die armen Kerle von vorn hereingebracht werden. Auf dem Heimwege +begegneten wir einem Wagen voller Kisten, nur notdürftig zugenagelt. Sie +wurden zum Friedhof gebracht. All das ist schrecklich. Das sind die +Schattenseiten des Krieges, der sonst herrlich ist, Klara, und alle +wunderbaren Eigenschaften des Menschen weckt, Heldentum, Aufopferung, +Kameradschaft! + +Die Kameraden sind alle reizende Leute, prachtvoll ist unser Chef, +Hauptmann Wunderlich, geliebt und bewundert von Offizieren und +Mannschaften. Es ist rührend zu sehen, wie sie Hauptmann Wunderlich alle +behilflich sind, wenn er in die Maschine steigt. Er wird ja +hineingehoben. Aber alle tun so, als ob sie ihm immer nur ein bißchen +behilflich wären und er aus eigener Kraft hineinklettere. + +Das Wetter war sehr schlecht die ganze Zeit her, die Sicht gleich Null. +Nur einmal machten wir einen Geschwaderflug, und das war wunderbar für +mich, das erstemal gegen den Feind zu fliegen. Ich sang oben in der +Luft. + +Schon hatte Klara Tränen in den Augen. Und ich? dachte sie, und ich? Er +schreibt ja kein Wort -- keine Silbe . . . + +Die Schilderung des Geschwaderfluges, die zwei volle Seiten einnahm, +überflog sie. Mit Tränen in den Augen las sie, daß Heinz den Spitznamen +»Kücken« bekommen hatte. Den ganzen Tag heißt es nun: »Wo ist das +Kücken? Kücken, kommen Sie mal her!« + +Und von ihr, von ihrer Liebe . . .? + +»Neulich war auch P. P. da, Du weißt schon, wen ich meine. Er besuchte +uns. Er kam im Automobil angefahren, das er selbst lenkte. Er war sehr +elegant gekleidet, und seine Offiziere trugen phantastische Mäntel aus +wunderbarem weichen Leder, herrliche Stulphandschuhe, überhaupt waren +sie tipptopp. P. P. hatte die Tasche voller Zigaretten, die er mit +vollen Händen an die Mannschaften verteilte. Ich mußte vorfliegen, und +ich machte fünfmal Looping in tausend Meter Höhe --« + +Das alles interessierte Klara nicht. + +Es interessierte sie auch nicht, was Heinz über den berühmten bayrischen +Kampfflieger Seitz schrieb, der den ganzen Tag Geige spielte und seinen +kleinen Dackel mit in die Maschine nahm. Dann war viel von +Ordensauszeichnungen die Rede. Heinz wollte nicht eher auf Urlaub +fahren, bevor er nicht die beiden Kreuze besaß. Und dann kam der Pour le +mérite an die Reihe! Ach, du lieber Himmel, gewiß würde sie stolz auf +ihn sein, aber . . . + +»Ich fiebere danach, mich auszuzeichnen und für mein Vaterland, das +große und herrliche Deutschland, zu kämpfen, das ich über alles liebe, +und dem ich meine ganze Kraft weihen will. Der schönste Moment meines +Lebens wird es sein, wenn ich das erstemal mich mit meinem Gegner da +oben messe! Ich werde nicht locker lassen, bis er hinunterrasselt. Über +alles werde ich Dir dann schreiben, liebe Klara!« + +Dann, kamen noch ein paar Redensarten. »Wie geht es Dir? Hoffentlich +gut. Hast Du meine Cousine, Frau v. Dönhoff, schon besucht? Was macht +Berlin? Eben fängt dieser Bayer Seitz wieder an, Geige zu spielen. Er +spielt sehr schön, aber oft übt er stundenlang, bis sie Gegenstände nach +seiner Decke werfen. + +Nächstens werde ich Dir auch einiges über meine Maschine schreiben. Sie +ist ein ganz neuer Typ, klettert wie ein Affe senkrecht in die Höhe. +Hauptmann Wunderlich ist sehr zufrieden, und die Kameraden haben für +meine Fliegerei sogar etwas wie Bewunderung übrig. Gute Nacht!« + +Klara weinte. + +Hedi ging durchs Zimmer, aber sie störte die Kleine nicht. Sie wußte +genau, was in dem Brief stand, ohne ihn zu lesen. Hunderte solcher +Feldbriefe hatte sie bekommen. Sie hätte Klara warnen sollen, sich mit +einem Offizier einzulassen. Sie waren ja alle eitle Schwätzer, eitel und +oberflächlich, nichts als Prahlereien über Kämpfe und Geschwätz über +Ordensauszeichnungen. Sobald sie zur Front kamen, waren sie gänzlich +wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht. + + * * * * * + +Klara suchte Wolle, um damit ein Paar kleine Pulswärmer zu stricken. +Sollte man es für möglich halten, in ganz Berlin gab es nicht einen +Strang Wolle? Und früher quoll die Wolle aus allen Schaufenstern, alle +Welt strickte Tag und Nacht, Deutschland war vollgestopft mit Wolle. Wie +sollte man auf den Gedanken kommen, daß es einmal damit zu Ende gehen +könne? + +Früher -- Klara erinnerte sich deutlich, damals trug sie noch Zöpfe -- +als der Krieg begann, gab es herrliche Dinge zu kaufen. Jetzt gab es +nichts mehr, gar nichts. Höchstens Bücher und schlechte Zigaretten. Rein +ausgeplündert schien diese Stadt! + +Geschmackvoll und gut sollte alles sein, was sie für Heinz einkaufte -- +und billig. Denn Klara erhielt nur dreißig Mark Taschengeld im Monat. +Sie hatte allerdings schon seit langem gespart . . . Aber allein das +Medaillon hatte eine große Summe verschlungen. + +»Es ist für meinen Mann, er ist im Felde«, sagte sie, wenn sie einkaufte +und errötete bei der süßen Lüge. + +»So jung und schon verheiratet, gnädige Frau?« + +»Ja, wir sind kriegsgetraut.« + +Klaras Augen strahlten. Sie wandelte im Paradies. + +Häufig hielt sie sich in der Straße auf, wo Frau Sterne-Dönhoff wohnte. +Nur um Heinzens Mutter und Schwestern gelegentlich zu sehen. Selten nur +hatte sie Glück. Die Schwestern sahen Heinz ähnlich. Der Mund besonders! +Die Damen Sterne-Dönhoff gingen immer in Schwarz. Sie trugen dicht +anliegende Wollkleider, flache, schmucklose Hüte, spitze Schuhe. Die +Mutter ging immer in der Mitte. Sie sprachen wenig, und sie lachten nie. + + * * * * * + +»Ich liebe Dich, Heinz, ich küsse Dich, ich drücke Dich an mein Herz. +Dir gehöre ich, mit Leib und Seele! Mache nicht Looping und sei +überhaupt vorsichtig. Ich werde stolz sein, wenn Du Auszeichnungen +erhältst, aber ich liebe Dich auch so. Es ist ganz nebensächlich. Ich +war in der Kirche und habe gebetet. Ich habe so schrecklich geweint, daß +ich mich schämte. Ich bin ein dummes Mädchen. Ich schicke Dir hier eine +neue Locke. Bitte, tue sie in das Medaillon. Ich habe sie in Weihwasser +getaucht, bei der ersten hatte ich das vergessen. Verbrenne die erste, +versprich es mir! Das mußt Du tun, und so wird der Talisman wirken! Ich +habe so inbrünstig gebetet, und vor kurzem konnte ich überhaupt nicht +mehr beten. In der Kirche waren sechs Frauen, sie beteten wie ich. + +Ich lege Dir hier eine ganze Menge Briefe bei, die ich geschrieben habe +in diesen letzten Tagen, jeden Tag einen, um mein Herz auszuschütten. +Ich lege sie bei, obwohl sie veraltet sind. Du sollst daraus sehen, daß +ich immer an Dich gedacht habe. + +Von allen Deinen Kameraden ist mir der Bayer Seitz am sympathischsten. +Er nimmt seinen kleinen Hund mit in die Maschine, wie rührend ist das! + +Berlin ist wie immer. Die Menschen sind mißmutig und niedergeschlagen. +Man könnte glauben, sie hätten alle Hoffnung verloren, und doch steht es +ja besser als je, wenn man die Zeitungen liest. + +Du hast mir nicht geschrieben, ob Du unseren Stern betrachtest. Zwischen +zehn und elf Uhr, vergiß nicht. Gestern funkelte er herrlich, und ich +mußte so schrecklich weinen. Ich bin so ein dummes Ding, denn ich bin so +rasend glücklich. + +Hedi ist sehr launisch. Ich glaube, sie ist nicht glücklich. Es scheint, +als ob es zwischen ihr und Otto zu Ende sei. Sie spricht geringschätzig +von ihm, und das finde ich nicht schön. Wahrscheinlich liebt sie ihn +nicht mehr. Aber das ist ja kein Grund Schlechtes über ihn zu sagen und +zu sagen, er sei eitel und eingebildet. Wir zanken uns sehr viel. Hedi +glaubt nicht, daß die Liebe zwischen zwei Menschen ewig dauert. Aber ich +glaube es. Und so geht der Streit hin und her. Was glaubst Du, mein +Geliebter? Du brauchst auf diese Frage nicht zu antworten. Ich weiß +selbst, was Du glaubst. + +Ja, bei Frau v. Dönhoff habe ich Besuch gemacht. Deine Cousine ist eine +originelle Frau. Ich traf sie in einem schwefelgelben seidenen Kimono, +und sie kann so herrlich lachen. Es wird einem wohl ums Herz dabei! +Sonst lebe ich ganz zurückgezogen, gehe auch nicht mehr ins Theater. +Denn es scheint mir Sünde, daß die Menschen sich amüsieren, während +andere draußen leiden. Wenn ich etwas zu sagen hätte, so würde ich alle +Theater schließen. Übrigens hat sich eine schreckliche Unsitte bei uns +eingebürgert. Die Leute bringen ihre Brötchen, ihr Abendessen, mit ins +Theater, und sobald es dunkel wird, fangen sie an, mit dem Papier zu +rascheln und zu kauen. Es ist unerträglich. Du weißt, Heinz, daß wir +davon gesprochen haben, auf dem Lande zu wohnen und zu reisen. Davon +träume ich. Fräulein v. Hecht, die ich bei Deiner Cousine traf, sagte, +die Behörden erlauben mit Absicht Theater, Kinos und Konzerte. Das Volk +solle gar nicht zum Bewußtsein kommen, es solle betäubt werden. +Überhaupt -- sie hat Ansichten, daß man nicht glauben sollte, sie sei +die Tochter eines Generals! Wenn sie diese Ansichten öffentlich äußert, +so wird man sie einsperren und das mit Recht. Und doch ist sie +anziehend. Sie plauderte sehr lieb mit mir, und wir gingen ein weites +Stück zusammen. Ich glaube wohl, daß ich sie lieben könnte, wenn sie nur +nicht diese schrecklichen Ansichten hätte. + +Otto ist noch immer im Lazarett, wird aber bald entlassen. Man sagt, daß +er schrecklich niedergeschlagen sei, weil er nicht mehr zur Front zurück +kann. Vielleicht sehe ich ihn aber nächstens, denn Fräulein v. Hecht hat +mich gebeten, sie zu besuchen, und da treffe ich ihn vielleicht. Hedi +lernt nun Schreibmaschine schreiben. Sie sagt, sie will sich nun +unabhängig machen, und sobald sie Geld verdient, wird sie ihre Koffer +packen. Ich traue es ihr zu, aber Papa wird ihr schon die Meinung sagen. + +Heute abend werde ich wieder beten, Heinz! Ich fühle, Gott hat Dich in +seinen Schutz genommen. In den letzten Jahren war ich ja leider zu einem +völligen Atheisten geworden, und zwar durch Hedi, die nicht an Gott +glaubt und behauptet, wenn es einen Gott gäbe, so würde er solch einen +Krieg nicht zulassen, wo Millionen Menschen zerfleischt werden. + +Lebe wohl, Heinz, und vergiß nicht unsern Stern. Möchtest Du bald +wiederkehren, möchte der schreckliche Krieg bald zu Ende sein! Ich bete +zu Gott! Mein Herz ist gequält. + +Ach, Heinz, ich liebe Dich! Hier, diesen kleinen Zettel schicke ich mit. +Er sieht ganz unscheinbar aus, nicht wahr? Aber ich habe ihn mit tausend +Küssen bedeckt, und die soll er Dir überbringen. + +Deine kleine Frau Klara. + +Nebenan ist jetzt ein kleiner weißer Terrier aufgetaucht. Ich habe mich +mit ihm angefreundet. Er spielt im Vorgarten mit Papierstücken, die der +Wind bewegt -- rührend! Auch Paketchen sind schon unterwegs.« + + +3 + +Ein Fingernagel pickte an das Fenster der Portierloge. + +Keine Antwort. Kein Laut. Totenstille. + +»Herr Portier! -- Herr Portier?« + +Der Portier, der dem alternden Moltke ähnlich sah -- natürlich nur eine +flüchtige Ähnlichkeit und nur unter besonderer Beleuchtung, es war dem +General ja nur so nebenher durch den Kopf gegangen -- der Portier +schlief. + +Aber hartnäckig pochte der Fingernagel. Und nun wurde eine schneeweiße +Visitenkarte durch das offene Fenster geschoben -- da erwachte der +Portier. + +Er erwachte und hob sofort beschwörend die Hände, und auch, sonderbar +genug, der kleine Herr mit dem zu tief sitzenden Zylinder hob sofort +beschwörend die Hände. + +»Um, Gottes willen -- Sie -- wieder?« + +»Ich bitte um Verzeihung.« + +»Und heute dazu!« + +»Weshalb -- heute --?« + +»Exzellenz ist heute -- horchen Sie nur: das ganze Haus -- totenstill! +Exzellenz sind heute schlecht gelaunt, mit einem Wort. Und Sie -- ich +sagte Ihnen doch -- ach, ach!« + +»Gestatten Sie --« + +»Ach! Ach!« + +Das Aluminiumetui blinkte. + +»Nein, nein, danke. Sie bringen mich noch in Ungelegenheiten.« + +Plötzlich knallte es, als sei eine Bombe im Foyer explodiert. Aber es +war nur der Zylinder des Herrn Herbst, der auf die Steinfliesen gefallen +war, als er sich bemühte, den Kopf durch das Fenster zu stecken. + +»Ich bitte Sie -- ich fordere Sie hiermit ebenso höflich wie dringend +auf --!« Geifer stand zwischen den Zähnen des alternden Moltke. + +»Sie mißverstehen mich --« Herr Herbst hatte den Zylinder wieder +aufgesetzt. + +»Ich verstehe Sie recht wohl. Ungelegenheiten --« Das Fenster klappte +zu. + +Wieder pickte der Fingernagel, hartnäckig. + +Der Portier setzte eine eisige Amtsmiene auf, öffnete das Fenster wieder +und sagte in dienstlichem Tone: »Sie wünschen?« + +»Ich wollte nur fragen --«, stotterte Herr Herbst, den die Amtsmiene +augenblicklich in Verwirrung brachte, -- »nur fragen -- es ist wichtig +für mich, weil ich entschlossen bin --« + +»Entschlossen?« Ach, wie kalt die Stimme klang, ohne Teilnahme. + +»Ja, entschlossen.« + +»Bitte?« + +»Es liegt wohl keine Antwort für mich hier?« + +»Nein!« Das Fenster flog wütend zu. + +Herr Herbst lüftete den Zylinder, obwohl ihm der Portier die weißen +Haarsträhnen zudrehte, und ging. Nach einer Weile kehrte er zurück und +legte, ohne ein Wort zu sagen, eine Zigarre auf das Gesims des kleinen +Fensters. -- + +In der Tat, das häßliche rote Amtsgebäude mit seinen öden Korridoren lag +heute noch stiller als sonst, totenstill. + +Schweigen, Flüstern, halblaut geführte Telephongespräche. Die Türen +waren Samt. Die Ordonnanzen und Drillichkittel schlichen auf den +Zehenspitzen über die Korridore, jemand nieste, und sofort fuhr ein Kopf +drohend aus der Türe. Die Offiziere, die zusammengedrängt an ihren +Schreibtischen arbeiteten, wagten nicht aufzublicken. Jeden Augenblick +konnte das graue Steingesicht im Türrahmen erscheinen. Major Wolff +paffte eine dicke Zigarre und vergrub den Kopf in die Akten. Es war +Windstärke 12, ohne jede Übertreibung. + +»Hat er den Abschied bekommen, Weißbach?« + +»Meine Herren --!« + +»Oder die schöne Dora --?« + +»Ich bitte doch dringend!« + +Der Adjutant war vom Chef zurückgekommen und hatte nur beschwörend die +Hand gehoben. »Windstärke 12.« Damit pflegte er einen bestimmten Zustand +zu bezeichnen. Weiß Gott, wie er als Artillerist zu diesem Ausdruck kam. + +»Aber erklären Sie doch!« + +»Pst!« Zuweilen legte Weißbach lauschend das Ohr an die gepolsterte +Doppeltüre. + +Ein lautes, herausforderndes Räuspern, das Räuspern eines Menschen, der +keine Rücksichten zu nehmen braucht und auch keine Rücksichten nimmt, +drang aus dem Saal, der von dem Ölgemälde Seiner Majestät bewohnt war. + +Plötzlich aber begann es in diesem Saal zu donnern, einmal, ein +schwächeres Donnerrollen, zweimal -- wiederum Stille. Der Adjutant +wechselte die Farbe. War jemand in das Zimmer des Generals gekommen? +Unmöglich! An der gepolsterten Doppeltüre im Korridor hing das Schild +»Vortrag«. Und daneben das Schild: »Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!« +Ganz unmöglich. Aber trotzdem: es klang, als spräche er mit jemand --? + + * * * * * + +Halt, Unglückseliger! Es war zu spät . . . + +An der gepolsterten Doppeltüre, die zum Korridor führte, knackte es +plötzlich höchst eigentümlich, und der goldene Kneifer glitt von der +Nase des Generals. + +Es geschah etwas geradezu Unfaßbares . . . + +Der General hatte, so alt er war, das heißt solange er einen höheren +Rang bekleidete, so etwas nicht erlebt. Er hätte es, offen gesagt, für +unmöglich gehalten. + +In der Doppeltüre erschien -- unter Umgehung des Schreibzimmers, der +Anmeldung, unter Umgehung des Adjutanten, trotz der Aufschriften +»Vortrag« und »Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!« -- erschien, ganz als +ob es eine selbstverständliche Sache sei, hier einzutreten, ein +gewöhnlicher Soldat! Wie von einer höllischen Versenkung emporgehoben, +tauchte er plötzlich auf. + +Ein Drillichkittel, eine Ordonnanz mit einem großen gelben Brief in der +Hand. Dieser Mann -- ein Schneider von Beruf, klein, etwas krummbeinig, +namens Hanuschke, den man hierher kommandiert hatte, so wie man ihn im +Laufe der Kriegsjahre an Dutzend Stellen kommandierte -- hatte sich +einfach in der Türe getäuscht. Er wollte gar nicht nach Nummer 7, er +wollte nach Nummer 6. + +Dieser Schneider Hanuschke hatte, um nur etwas zu nennen, bei der +Lorettohöhe gekämpft, er war einer der wenigen, die noch in der +berühmten Zuckerfabrik bei Souchez waren, von der seinerzeit soviel die +Rede war. Bei Souchez hatte eine schwere französische Mörsergranate +dicht neben ihm den Kompanieführer und drei Kameraden mit in die Höhe +genommen, gewiß kein geringer Schreck -- er hatte sich am Roten-Turm-Paß +und in Polen geschlagen, also manches erlebt -- nun aber stand er wie +vom Schrecken gelähmt: Vor seinen Augen schwebte urplötzlich in einer +lichtgesättigten, hellblauen Rauchwolke ein General. Im ersten Moment +glaubte er sich einer überirdischen, verwirrend funkelnden Erscheinung +gegenüber, die zwei weiße Stichflammen auf ihn richtete. + +Als alter Feldsoldat handelte Hanuschke augenblicklich. Er hatte ja auch +gehandelt, als die schwere Mörsergranate bei Souchez dicht neben ihm +einschlug. Wie der Blitz hatte er sich zu Boden geworfen und +fortgerollt, mit solcher Eile, daß die herabkommenden Gliedmaßen ihn +nicht mehr erreichten. Nur der Feldstecher seines Kompanieführers +klatschte neben ihm in den Boden. + +Also handelte er auch hier. + +Automatisch und blitzschnell führte er alle die Akte der hohen Dressur +aus, die man ihm beigebracht hatte. Soweit sein schwindendes Bewußtsein +es zuließ, schätzte er die Schritte ab, und in der vorgeschriebenen +Entfernung begann er sich vor der in einer Wolke schwebenden Erscheinung +aufzubauen. Er schlug die Absätze seiner schweren Kommißstiefel +zusammen, schwang die Ellbogen nach außen, führte die Hände an die +Hosennaht und fing an, so klein und krummbeinig er auch war, zu wachsen. +Seine Gelenke streckten sich, die krummen Beine bogen sich gerade, der +Oberkörper hob sich aus den Hüften, der Brustkorb wölbte sich, der Kopf +stieg zwischen den schmächtigen Schultern empor, und endlich erstarrte +er, den Blick in die weißen Stichflammen gerichtet. + +Zweiundzwanzig Sturmangriffe hatte er mitgemacht, zweiundzwanzigmal war +er mit dem Trillern der Pfeife dem Tod in den Rachen gesprungen -- aber +er fühlte deutlich, daß er sich diesmal in eine geradezu schreckliche +Gefahr begeben hatte. + +Die weißen Stichflammen sengten an ihm entlang. + +Der Schneider Hanuschke wuchs abermals. + +Seine viel zu weiten Hosen waren geflickt und hundertmal von Schmutz und +Blut gereinigt, seine Halsbinde war unordentlich gebunden und fettig. +Und dieser Drillichkittel! Aber in der armseligen, der Kleidung eines +Zuchthäuslers ähnlichen Uniform, die man des Königs Rock nannte, stand +der kleine Schneider wie eine Statue. + +Donner schlug an sein Ohr. Donner trieb ihn zurück zur Türe und wieder +zurück zur Erscheinung. (Das war das Donnern, das der Adjutant Weißbach +nebenan hörte.) + +Zweiundzwanzig Sturmangriffe -- lieber die französische Mörsergranate -- +meinetwegen . . . + +Wieder wuchs er. Seine Rippen drückten sich durch den dünnen +Drillichkittel hindurch ab. Seine vorgestreckte aufgepumpte Brust bot +sich irgendeinem unsichtbaren Messer dar. Alles, was die Schlachtfelder +und Lazarette von ihm übriggelassen hatten, stellte er möglichst +vorteilhaft zur Schau. Sein winzig kleines und unendliches Ich war +konzentriert im Blick der ängstlichen Mausaugen, deren Pupillen der +Schreck weitete. Kreidig grün war sein Gesicht, und zwischen den Augen +glänzte violett eine fingerlange Narbe, die von einem Querschläger +herrührte, der ihm in Rumänien die Stirn zerschmettert hatte. + +Abermals donnerte es, diesmal weniger drohend. Er war entlassen. Sein +geflickter Hosenboden schaukelte durch die Doppeltüre. Auf dem Gang +wischte er sich aufatmend mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, der +plötzlich aus allen Poren hervorbrach. Genau so wie damals, als der +Feldstecher des Kompanieführers neben ihm herunterkam. + + +4 + +Ohne Laut, fast ohne jede Bewegung, arbeitete der General, vergraben in +den Berg von Akten, den man auf dem Schreibtisch aufgehäuft hatte. + +Die eisige Stille, die von ihm ausging, drang durch die Poren der Steine +und Fasern der Türen, verbreitete sich durch Zimmer und Korridore und +erfüllte zuletzt das ganze Gebäude. + +Mit rascher Hand warf der General Bemerkungen an den Rand der Akten, um +sie hierauf in einen Korb zur rechten Hand zu legen. Der Berg der +Schriftstücke zur Linken schmolz zusammen, auf der andern Seite wuchs er +in die Höhe. Umfangreiche Schriftsätze maß der General mit einem +rügenden Blick und warf sie -- je nach ihrem Umfang mit größerem oder +kleinerem Schwung -- in einen besonderen Korb, der die Aufschrift trug: +Wolff, Vortrag! Wolff, der Major, der Hüne, hatte Zeit für alles. Er war +eines jener beklagenswerten bürgerlichen Arbeitstiere, wie sie in allen +Ressorts saßen, die sich im Schweiße ihres Angesichts, ohne jede andere +Empfehlung als die Qualifikation ihrer Vorgesetzten, in der Karriere +vorwärtskämpften. Wolff arbeitete oft die ganze Nacht hindurch. + +Es schien dem General, als ob seine Hände, deren erdiges Aussehen ihn +seit geraumer Zeit ängstigte, nunmehr lebhafter gefärbt seien. Offenbar, +die Erregung vorhin hatte ihm gutgetan! Das Blut, das sich in seinem +Kopfe gestaut hatte -- wie immer nach großen seelischen Erregungen -- +war durch die Adern gepreßt worden und hatte die Gefäße wohltuend +erweitert. Eine gleichmäßige Hitze überzog seinen Körper, und die Hände +schwitzten plötzlich etwas. Ein Symptom, daß die Krisis überwunden war. + +Bewegung fehlte ihm! + +Wenn er wenigstens hätte ausreiten können! + +Aber der Dienst -- und dann, welch jämmerliche Pferde hatten sie doch +gegenwärtig in Berlin! Er würde sich schämen, sich auf solch einer +Schindmähre sehen zu lassen. Wie wunderbar war es dagegen an der Front +gewesen! Wenn er in der Morgenfrische, täglich zwei Stunden, spazieren +ritt, begleitet von seinem Adjutanten. Und die Geschütze brummten nah +und fern. Herrliche Morgen, unvergeßlich! + +Der Blick des Generals verlor sich in die Weite. + +Aber er sah nicht die Lindenallee, durch die er zu reiten pflegte, die +Rauchsäulen, die aus den Erdwohnungen der Soldaten stiegen, die +Kolonnen, die über den Hügel krochen, nein, er erblickte: Ruth! Ruth und +den Frühstückstisch von heute morgen. + +»-- also gelöst?« + +»Ja, Papa« + +»Und er, Dietz -- also mit seinem Einverständnis? Hm -- so, so . . .« Er +schlürfte den heißen Kaffee. + +»Hier ist sein Brief, Papa, lies ihn.« + +»Danke, wozu? Du bist ja kein Kind mehr und kannst schließlich tun und +lassen, was du willst. Na -- schön!« + +Ruth küßte ihm die Hand. Weshalb eigentlich? + +Jakob kam in diesem Augenblick ins Zimmer -- wie peinlich! Er brachte +geröstetes Brot, denn das Kriegsbrot war nachgerade nicht mehr zu +genießen. + +»Soso, hm.« Aber weshalb küßte sie ihm die Hand? Es war völlig unnötig. +Nichts haßte er ja mehr als irgendwelche Sentimentalitäten. + +So warm und bebend, Nachsicht erflehend, hatte er ihre Lippen auf seiner +kalten Hand gefühlt -- er konnte ihr nicht zürnen in diesem Augenblick. +Ruth hatte also das Verlöbnis mit Dietz gelöst. Eine glänzendere Zukunft +hätte ihr niemand bieten können. Natürlich war es eine Überraschung für +ihn, keine angenehme Überraschung, unnötig es zu sagen. + +Der Blick des Generals kehrte wieder zum Schreibtisch zurück. Eine +Stunde verging, zwei Stunden. Ohne jede Unterbrechung arbeitete er. Nur +ein einziges Mal legte er sich in den Sessel zurück: dieser Schriftsatz +war mit Randbemerkungen von Allerhöchster Hand versehen -- frisch, +lapidar, ganz im Geiste des Großen Friedrich. Behutsam, mit dem Ausdruck +der Ehrerbietung legte er den Schriftsatz zur Seite. + +Lautlos ging die gepolsterte Doppeltüre, und lautlos, bis auf ein leises +Singen der Sporen, trat Weißbach ein. Es war Zeit für die +Unterschriften, genau ein Viertel vor ein Uhr. + +Noch immer diese leise, nicht mißzuverstehende Ziegelröte -- + +Weißbach näherte sich dem großen, ehrfurchtgebietenden Schreibtisch im +Bogen und zögernden Schritts, um nicht zu plötzlich die Netzhaut des +hohen Chefs zu treffen. Er verbeugte sich leicht bei jeder Unterschrift +des Generals, während er die Tinte mit dem Löscher trocknete. + +Dann erhob sich der General und ging zu seinem Mantel. + +Jeden Tag, seit Monaten, spielte sich bei dieser Gelegenheit, zweimal am +Tage, vormittags und nachmittags, die gleiche Szene ab. + +Der Adjutant näherte sich dem General. + +»Herr General gestatten?« + +»Danke, es geht noch allein, Gott sei Dank.« + +Lächeln des Hauptmanns, Verbeugung, stärkeres Klirren der Sporen. + +Der General ist in den rechten Ärmel geschlüpft und gerade dabei, den +linken Ärmel zu suchen. Rascher Sprung des Adjutanten. + +»Herr General gestatten doch?« + +Und nun gestattet der General. Der Adjutant streicht den Mantel zurecht. +Und der General dankt mit einem Blick, gerade so lange, als seine hohe +Stellung es zuläßt. + +Wenn der General in die Handschuhe schlüpft, so erteilt er gewöhnlich +noch kleine Aufträge, wie sie ihm gerade in den Kopf kommen. + +»Es treibt sich hier eine Ordonnanz herum, ein kleiner Bursche mit einer +Narbe zwischen den Augen. Ich lege keinen Wert auf ihn.« Schon schwoll +die Stimme des Generals wieder drohend an. + +Weißbach erbleichte. Eine unzuverlässige Ordonnanz, das ging ihn an! +Augenblicklich wollte er nachforschen -- + +Behutsam schloß der Hauptmann die gepolsterte Flügeltüre hinter dem +hohen Chef -- bis auf einen schmalen Spalt. Dann stand er noch eine +Weile, leicht gebeugt, bereit zum Sprung, und lauschte, denn es war +möglich, daß dem General draußen auf dem Korridor plötzlich noch ein +Auftrag in den Sinn kam. Der Schritt seines Herrn hallte über den Gang, +ferner und ferner. Nun erst schloß der Hauptmann mit einer leichten +Verbeugung die Türe vollständig. + +»Donnerwetter!« flüsterte er aufatmend. Und was diese Ordonnanz mit der +Narbe zwischen den Augen betraf, so wollte er sofort die Angelegenheit +in Ordnung bringen. Hinaus mit diesem Burschen! + +Vierundzwanzig Stunden später war der Schneider Hanuschke schon wieder +beim Regiment und achtundvierzig Stunden später schon wieder auf der +Fahrt zur Front. Er hatte Pech, es ging gerade ein Transport hinaus. Von +einem Kommando zurück zum Regiment geschickt zu werden -- etwas +Schlimmeres konnte wahrhaftig nicht passieren. + + * * * * * + +Selbst in der leise murmelnden Dämmerung von Stifters Diele fand der +General sein seelisches Gleichgewicht nicht völlig zurück. + +Mockturtlesuppe, westfälischer Schinken in Weintunke, gebackene Flundern +und Aprikosenpudding, eine der Spezialitäten des Hauses, das Menü schien +ihm heute mäßig. Jede Erregung legte sich bei ihm auf den Magen, +sonderbar. Eine rätselhafte Einrichtung ist der menschliche Organismus. + +Und diese Ignoranten von Ärzten sagten immer das gleiche . . . + +Ja, Bewegung, wenn der Dienst jede Minute bei Tag und bei Nacht in +Anspruch nahm -- diese Ärzte sind Narren! Sie trinken sich, zum +Beispiel, zu Tod, buchstäblich, und predigen: keinen Alkohol, Gift, +hundertprozentiges Gift für den Organismus, für Sie besonders -- und +trinken sich unter die Erde, ohne zu erröten. + +Und diese beiden Rittmeister gegenüber, heute in voller Gala, sie +konnten ihm, ganz gelinde gesagt, es gab ja treffendere Ausdrücke, +vollends den Appetit verderben. + +Zahlen, Lawinen von Zahlen, wälzten sich auf den General herab, dessen +Erscheinung vor kurzem den Schneider Hanuschke so erschreckt hatte. Nur +selten, ein- bis zweimal im Jahre, beschäftigte er sich eingehender mit +Zahlen. + +Es war nur gut, daß er gestern an die pommersche Hypotheken- und +Wechselbank um hundert Mille geschrieben hatte. Sie würden den Kredit +gewiß anstandslos gewähren, und für einige Zeit würde es wohl wieder +genügen. + +Alles kostete heutzutage Unsummen! + +Er hatte nur ein ganz verschwommenes Bild seiner Vermögenslage im Kopfe. +Das Konto war ein Kaleidoskop, unaufhörlich wechselnd, verwirrend, +unübersichtlich. Aber er fühlte, daß es bergab ging. Ja, bergab -- + +Eines Tages, als sein hochverehrter Herr Vater, der als Oberst +abgegangen war, auf Babenberg die Augen schloß, hatte er sich im Besitze +von einigen Millionen und zwölftausend Morgen Land befunden. Aber einige +Millionen, was war das, wenn das Kapital sich nicht automatisch +vermehrt? Jeder Augenblick des Lebens verschlang Summen, Unsummen! Seine +verstorbene Frau, er nahm es ihr nicht übel, im Gegenteil, diesen Zug +liebte er an ihr, auch sie war kein, wie sagt man doch, wirtschaftliches +Genie. Das Organ dafür fehlte ihr. + +Bergab -- nur gefühlsmäßig erfaßte er es. Babenberg war Fideikommiß, +unantastbar -- Rothwasser, fünftausend Morgen, immerhin außerordentlich +stark belastet. + +Und jeder Atemzug verschlang auf dieser Welt Summen, Unsummen! Es war +letzten Endes ganz unerklärlich, wie die Menschen lebten. Der Haushalt +hier -- Unsummen, Diners, Gesellschaften -- Unsummen, seine +Privatangelegenheiten, die niemand etwas angingen -- Unsummen. Ein Paar +bescheidene Ohrringe, zum Beispiel, ein paar Perlen in Platinfassung, +die früher keine dreitausend Mark gekostet hatten, kosteten heute, sage +und schreibe, fünfundzwanzigtausend Mark. Seine Bezüge während des +Krieges, obgleich nicht unbeträchtlich, was waren sie schließlich? Ein +Tropfen auf einem heißen Stein. + +Sein Kredit aber würde keineswegs gekräftigt werden, nun, weshalb sollte +man nicht den Tatsachen ins Auge sehen, wenn man erst in Pommern erfuhr, +daß diese Verlobung zurückgegangen war. + +Zahlen, Lawinen von Zahlen. + +Die Ziegelröte des breiten Gesichts steigerte sich allmählich zur tiefen +Glut. + +»Eine kleine Schwarze oder eine lange Braune, Exzellenz?« raunte der +Oberkellner und präsentierte die Zigarrenkisten. + +»Die Zigarren werden immer schlechter, mein Freund.« + +»Leider, Exzellenz. Es wird immer schwerer . . .« + +Er hatte die Heirat mit Dietz freudig begrüßt, natürlich, er hatte die +Annäherung begünstigt, offen zugestanden -- schließlich war er ja der +Vater -- und es kam ja auch einmal der Moment, da er die Augen schloß, +und seine Kinder sehen mußten, wie sie allein vorwärtskamen. Wehmut +erfüllte den General, als er sich in diesen Gedanken vertiefte. Einmal +würde ja der Augenblick kommen, da er, den Helm in der Hand, vor seinen +Herrgott treten mußte. + +Furchtbarer Augenblick, furchtbar der Gedanke, diese Welt der Tatsachen +verlassen zu müssen -- ins Ungewisse hinein . . . + +Aber der Oberkellner rief ihn zur heitern Erde zurück. Er brachte die +Liköre. + +Wieder umwölkte sich das tiefrote Gesicht Seiner Exzellenz. Es war eine +Tatsache: während der Adel auf den Schlachtfeldern verblutete, Blut und +Gut opferte, füllten sich zweifelhafte Elemente die Taschen. Und diese +zweifelhaften Elemente kauften Land! Eine ganze Reihe bekannter Familien +war schon gezwungen gewesen, uralten Familienbesitz abzustoßen. Was aber +würde aus dem Adel werden, der seit Jahrhunderten Kraft aus der Scholle +sog, wenn er erst einmal entwurzelt war? + +Trotz alledem -- es würde ja jedenfalls Babenberg bleiben, wenn es so +weit kommen sollte, daß er Rothwasser verkaufen mußte. + +Aber, ganz abgesehen von materiellen Gesichtspunkten: Dietz war ja ein +prachtvoller Mensch, eine stattliche Erscheinung, gebildet, von seltener +Noblesse und Großzügigkeit -- unverständlich . . . + +Immer mehr wurde ihm Ruth zum Rätsel. + + +5 + +Den ganzen Nachmittag schon wanderte der kleine Herr Herbst in seinem +Zylinder in der Tiergartenstraße auf und ab. Immer wieder zog er die +Uhr, immer wieder klopfte er die Schmutzflecke mit dem Taschentuch von +den Stiefeln. + +Es war eigentlich nicht mehr kalt. Die Luft des Tiergartens war von +roten Sonnenkeilen getigert, es roch schon nach Frühling, und zuweilen +hauchte es feucht und warm, aber Herr Herbst hüllte sich fest in den +rostfarbenen Havelock. + +Er fror. + +In der verflossenen Nacht hatte er nicht geschlafen. Er hatte getrunken, +in einer kleinen Spelunke, mit richtigen Spitzbuben, die +Einbrecherwerkzeuge bei sich hatten -- richtigen Spitzbuben, seht an. +Deshalb also fror er. Auch war dieser Zylinder kalt. Er schmiegte sich +nicht wie sein anderer Hut dicht an den Schädel, es gab Spalten, durch +die die Kälte wie durch Schornsteine an seinem geschorenen Schädel in +die Höhe stieg. + +»Ja, so ist es, so ist es!« flüsterte Herr Herbst und träumte vor sich +hin. »Er würde, zum Beispiel, meinen Gang haben. Er war mir ja so +ähnlich! Er würde sogar die gleiche Art zu sprechen haben. Bei manchen +Worten fällt es mit ja etwas schwer, wenn viele L und R zusammenkommen, +zum Beispiel: Sell -- nun: Sellerie. Auch er hatte ja denselben kleinen +Sprachfehler, schon in der Schule. Er würde mit einem Wort ganz wie ich +sein. Wenn ich nun einmal unter der Erde liege, so würde er leben und +gehen und sprechen -- und eigentlich wäre ich es! Eigentlich, bei +rechtem Licht besehen, ja. Ich würde weiterleben, obschon ich tot bin. +Auch er würde Kinder gehabt haben -- und so würde ich immer weiter +leben.« + +»Aber so?« + +»Wie ist es so?« + +»Nichts, nichts. Gar nichts. Ich sterbe, man begräbt mich, und alles ist +zu Ende. Wir sind tot, die ganze Familie ist von der Erde verschwunden.« + +Wie klar er heute zu denken vermochte! Seit langer Zeit fügten sich die +Gedanken nicht so spielend aneinander. Ausgezeichnet war das! Herrlich! +Es gab ja so viele Tage, da er nur stottern konnte, seine Gedanken sich +fortwährend verwirrten, und das hätte einen schlechten Eindruck gemacht. + +Wieder befand er sich dem grauen Hause gegenüber. Jakob, der immer noch +den Messingknopf der Haustüre polierte, machte ihm ein Zeichen. Also +noch nicht! Jakob war ja eingeweiht, hatte zehn Zigarren erhalten -- und +zehn weitere Zigarren sollte er bekommen -- danach! + +Ja, das also ist die Wahrheit: von der Erde verschwunden! + +Der Zylinder verlor sich in der Tiefe des Parkes. Schon war Herr Herbst +wieder in seine alten Gedanken versunken. + +»Eigentlich, ja, wäre alles ganz genau, als ob ich noch lebte. Ich liege +unter der Erde, und doch lebe ich weiter. Denn er ist eigentlich ich -- +oder ich eigentlich er -- --! So aber -- bin ich wie eine Pflanze, die +man ausgerissen hat und auf den Weg warf. Und dann ist es zu Ende -- zu +Ende für immer . . .« + +Herr Herbst blieb mitten auf dem Wege stehen. Er zitterte. + +»Ja -- trotz allem -- unfaßbar!« + +»Ich lebe, obschon ich alt bin, und er, jung, kaum neunzehn -- ist tot. +Ich gehe hier -- und er, liegt unter der Erde. In unbekanntem Land, +vielleicht nicht einmal eingesegnet, vielleicht nicht einmal ordentlich +begraben. Ohne Ruhe --!« + +»Ohne Ruhe --« + +Plötzlich aber schrak Herr Herbst zusammen. Sein Herz blieb stehen. +Voller Schrecken, voller Verwirrung schlug er die Hände vors Gesicht. + +Die Marspfeife der Limousine trillerte. Er kannte sie ganz genau. + + +6 + +Das Antlitz noch immer umwölkt, stieg der General aus dem Wagen. Noch +immer war die Ziegelröte nicht völlig verflogen. -- + +Auch dieser Brief -- er lag noch in demselben grüngebundenen Buch -- +auch dieser Brief gab keinen Aufschluß. Er bestärkte wohl gewisse +Vermutungen, lüftete aber nicht den Schleier. Dieser Brief lautete: + +»Geliebte Ruth! Frevelhaft erscheint es, in dieser entsetzlichen +Verfinsterung an das persönliche Glück zu denken. Immerhin, ich +unterliege der Versuchung. + +Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit, Werk und Vermächtnis der +Edelsten, Kühnsten, Reinsten aller Völker, der Seher und Weisen, es +scheint in seinen Grundmauern erschüttert. + +Verzweiflung erfaßt uns, Dich, mich, alle, die wir an die Sendung der +Menschen glauben. + +Unzahlen leichtfertiger Gedanken, anscheinend völlig belanglos, Unzahlen +leichtfertiger Worte, unscheinbar, leichtfertiger Wünsche, +leichtfertiger Handlungen, nebensächlich im einzelnen betrachtet -- sie +haben diese entsetzliche Verfinsterung herbeigeführt. + +Ich glaube -- glaube unbedingt an einen Schatz des Guten auf Erden, die +Summe aller guten Handlungen, guten Gedanken und guten Worte. Ich +glaube, daß dieser Schatz, einzig wahrhafter Besitz der Menschheit, sich +unaufhörlich mehren muß -- sollen nicht Verfinsterungen wie diese +eintreten. Die letzten Generationen und vor allem jene Völker, die sich +zivilisiert nennen, haben aber diesen Schatz nicht vermehrt. Sie haben +ihn verschleudert, vermindert. Die Schale sank und -- wie immer, wenn +sie sank -- kam die Katastrophe. + +Welch ein Irrtum: die Menschheit für den einzelnen! + +_Wahr ist: der einzelne für die Menschheit!_ + +Jeder einzelne sei Mehrer jenes Schatzes des Guten, Gerechten und +Schönen, oder er ist ein -- Dieb! Hüten wir uns, die Mörder der +kommenden Generation zu werden, wie die vergangene unser Mörder wurde +. . .« + +Hier brach der flüchtig mit Bleistift hingeworfene Brief ab. Seine +Fortsetzung fand sich nicht im Buche. Keine Aufklärung also -- + +In diesem Augenblick schrillte die Klingel der Haustüre. + +Der General erschrak. So heftig, daß er einen Stich in der Brust fühlte. +Wenn er es auch als seine väterliche Pflicht erachtete -- es wäre ihm +peinlich . . . + +Wieder schrillte die Klingel. Sie klang eigentümlich, hier in Ruths +Zimmer -- wie ein Signal. Hastig legte er den Brief in das grüngebundene +Buch zurück -- ein Werk Lassalles -- und rasch, scheu, als habe man ihn +auf verbotenen Wegen ertappt, eilte er über den Gang. + +Es war indessen, Gott sei Dank, nur ein blinder Alarm. + +Jakob übergab eine Karte. + +»In dringender Angelegenheit. Herr General sind unterrichtet --« + +Ein völlig unbekannter Name -- Rentier. Unterrichtet? Wahrscheinlich der +Hausverwalter; das Badezimmer sollte neu gerichtet werden. + +Immer noch etwas verwirrt, ließ der General bitten -- zu Jakobs maßlosem +Erstaunen. + + * * * * * + +Der General wartete, aber nichts regte sich. Schon in dieser Verzögerung +witterte er etwas Ungewöhnliches. Jeder Mann von Erziehung mußte längst +eingetreten sein. (Diese Verzögerung entstand dadurch, daß Herr Herbst +sich im letzten Augenblick umständlich die Nase putzte.) Übrigens -- +hieß dieser Hausverwalter nicht anders? + +Plötzlich aber verdunkelte ein Schatten die Türe -- und im gleichen +Moment erbleichte der General . . . + +Augenblicklich hatte er dieses Gesicht wiedererkannt! + +Jenes Gesicht, das an Doras Geburtstag durch die Scheibe des Foyers +spähte -- nein, nicht jenes, sondern das andere, das er erblickt hatte, +als er am Schreibtisch eingenickt war, als es so eigentümlich an die +Scheiben pickte -- das Drohung und Kälte ausstrahlte . . . +Augenblicklich erinnerte er sich an alles. Es war ja erst vor wenigen +Tagen. + +Scheu und blaß stand das Gesicht in der Türe, und ganz langsam und +zögernd kam es näher. Nicht Drohung, nicht Kälte -- Angst, +Hilflosigkeit, Verwirrung. + +Das Blut kehrte in das Gesicht des Generals zurück. Die leichte Lähmung +wich aus seinen Händen. + +Unsicher trat Herr Herbst in seinem verknüllten schwarzen Gehrock ins +Zimmer, den Zylinder in der Hand. Er verbeugte sich tief, voller +Ehrerbietung. + +In dieser Verbeugung verharrte er ungewöhnlich lange. Er erwartete +irgendein Wort. Dann richtete er sich verlegen auf und blickte dem +General mit seinen entzündeten tränenden Augen ins Gesicht, ohne irgend +etwas zu sehen. + +Der General räusperte sich, und Herr Herbst beantwortete dieses Räuspern +mit einer neuen, wenn auch weniger tiefen Verbeugung. + +»Bitte«, sagte der General, etwas unsicher und mürrisch und deutete auf +einen Sessel. Rot funkelte die Sonne ins Zimmer. + +Herr Herbst nahm auf der Kante des Sessels Platz, hielt den Zylinder in +der Hand und begann zu zittern . . . + +Ja, er zitterte. Seine Zähne schlugen aufeinander. Der Sessel schwankte, +er fürchtete auf den Boden zu stürzen. Feuer blies aus der Wand. + +Rot wie ein Gebirge bei Sonnenuntergang leuchtete das breite Gesicht des +Generals im Schein der sinkenden Sonne. Riesenhaft wie ein Gebirge +erschien der General Herrn Herbst in diesen Sekunden schrecklichster +Angst. + +Der -- »Blut-Hecht!« Wie? Ja, er -- so nannten ihn seine Soldaten +. . . + +Erst jetzt, da es zu spät war, begriff er, was er gewagt hatte, _wem_ er +sich gegenüber befand. + +Der . . . + +Was hätte er gegeben, alles, alles, wenn er nur wieder auf der Straße +wäre. + +Der General schnitt behutsam die Spitze einer Zigarre mit dem +Federmesser ab. + +»Ich bitte --?« sagte er leichthin, während er die Zigarre zwischen den +Fingern rollte. »Was wünschen Sie?« Er hatte das Gleichgewicht völlig +wiedergefunden. + +Sein Blick glitt flüchtig über das zitternde Häufchen Hilflosigkeit in +dem abgetragenen schwarzen Rock. Ohne sich dessen bewußt zu werden, +genoß er die Angst, die er seinem Besuche einflößte, denn kein Mensch, +er sei denn von seltener Güte, kann einen andern zittern sehen, ohne +sich augenblicklich erhoben zu fühlen. Oben und Unten, Herren und +Knechte, nie hatte der General eine andere Gesellschaftsordnung auch nur +in Gedanken erwogen. Es waren Gesetze, von Gott gegeben, die man +hinnahm, ohne darüber weiter nachzudenken. Bis zum jüngsten Tage wird es +Oben und Unten, Herren und Knechte geben. Andere als dieser hatten vor +ihm gezittert -- Soldaten und Offiziere -- und sie hatten gezittert +wenige Minuten, bevor sie in den Tod gingen. + +Herr Herbst bewegte die Lippen -- aber in diesem Augenblick zwitscherte +ein Vogel irgendwo, und erschrocken wartete er. + +Wieder bewegte er die Lippen. Er mußte sprechen, Worte, irgendein Wort, +es war höchste Zeit. Wie lange noch sollte dieser andere -- dieser hier +-- schon sank die Sonne, dämmerte es im Zimmer -- nur dieses breite +starre Gesicht leuchtete noch. + +Und plötzlich flüsterte er. Aber er erschrak bis ins Mark über die +Worte, die von seinen Lippen kamen -- keineswegs die Worte, die er sich +zurecht legte und einübte, in den Nächten, auf der Straße, wenn er so +dahinging. + +Seine Lippen flüsterten, kaum vernehmbar: + +»_Geben Sie mir meinen Sohn wieder!_« + +Und schon hob er erschrocken die Hand, um die Worte zurückzuhalten. + +Aber der General konnte sie gar nicht gehört haben, kaum, daß sie bis in +seine eigenen Ohren drangen. + +Das Gesicht des Generals wurde fahl und erdig. Die Sonne war fort. Starr +stand er vor ihm, unerbittlich, schweigend, und die Augen forschten -- +kalt, ohne Erbarmen. + +Hastig bewegte er von neuem die Lippen. Aber obschon er diesmal eine +bestimmte Redewendung, die mit »Bitte gehorsamst« begann, auf den Lippen +formte, flüsterten seine Lippen, ganz gegen seinen Willen, die gleichen +furchtbaren Worte wie vorher: + +»Geben Sie mir meinen Sohn wieder!« + +Diesmal schon etwas vernehmbarer. + +Er fuhr zusammen, erschauerte, suchte nach dem Taschentuch. + +Da erklang die Stimme des Generals. Ruhig und beherrscht -- mit jener +doppelten Ruhe und Überlegenheit, die sich ganz von selbst bei allen +Menschen von nicht seltener Güte einem zitternden Menschen gegenüber +einstellt. + +»Sie haben mir neulich geschrieben?« sagte die ruhige und überlegene +Stimme. + +»Bitte gehorsamst, Exzellenz!« + +»Sie haben mir geschrieben -- Ihr Sohn, wenn ich mich recht erinnere +--?« + +»Mein Sohn Robert, Euer Exzellenz!« Prächtig ging es nun. Röte huschte +über das bleiche, kleine Gesicht. Der Sessel hörte auf zu schwanken, die +Gestalt des Generals nahm natürliche Maße an. + +»Er ist --?« + +»Gefallen. Am 5. August.« + +»Fünften, sagten Sie?« + +»Fünften, Euer Exzellenz. Beim Sturmangriff auf Quatre vents. Am vierten +hatte bereits ein Jägerbataillon gestürmt, vergeblich, am fünften +. . . da fiel er.« + +Der General ließ den Blick rügend auf Herrn Herbst ruhen. Dieses leicht +kritische »vergeblich«, wahrscheinlich ohne besondere Absicht geäußert, +mißfiel ihm. + +»Er fiel für Kaiser und Reich!« sagte er mit etwas salbungsvoller, +tieftönender Stimme. + +Die kleinen entzündeten Augen blinkten. Herr Herbst leckte sich die +schmalen Lippen, und ein paar gelbe Zahnstumpen wurden sichtbar. Einen +Augenblick schien es, als ob sein Gesicht sich zu einer Grimasse von +satanischem Hohn verzerren wolle. + +»Wie Tausende und Hunderttausende, wie Millionen --!« fuhr der General +fort, und seine Stimme hob sich. + +Wieder verzerrte sich das kleine fahle Gesicht, dann aber zog er das +Taschentuch heraus und preßte es an die Augen. Der Schmerz überfiel ihn. +Er wimmerte leise. + +Plötzlich aber knallte es -- ganz wie heute vormittag im Foyer, als er +mit dem Portier sprach -- der Zylinder war auf den Boden gefallen. + +»Bitte gehorsamst --« stammelte Herr Herbst erschrocken und hob den +Zylinder auf. Schwindel ergriff ihn, als er sich wieder setzte und die +Tränen abwischte. Das Zimmer drehte sich im Kreise, eine Faust preßte +seinen Magen zusammen. Ah, wenn es ihm nun übel würde! Das wäre eine +Sache! Er hatte ja die ganze Nacht hindurch getrunken, und plötzlich +fühlte er die Betrunkenheit. Beschütze mich Gott! Mit Spitzbuben hatte +er getrunken, richtigen Spitzbuben, die Werkzeuge in einem Brotbeutel +bei sich führten -- in einer Kneipe, im Hof, die die ganze Nacht offen +war. Wenn der General nun bemerkte -- + +Aber der General war zum Schreibtisch gegangen und hatte ein Schubfach +aufgezogen. Er drehte das Licht an. + +»Verstehen Sie Karten zu lesen -- Herr --?« + +»Herbst.« + +»Herr Herbst? Nun, ich hätte Ihnen sonst erklären können, was ich +beabsichtigte. Wir haben am 4., 5. und 6. August gekämpft und die Höhe +leider räumen müssen, weil man uns die Reserven versagte . . .« +Versöhnlich klang plötzlich die Stimme des Generals. Auch er hatte ja +einen Sohn im Kriege verloren. Auch er war ein Vater, der trauerte. Der +Krieg hatte alle gesellschaftlichen Bande gelockert. Über manches mußte +man in dieser Zeit hinwegsehen. »Hier ist die Höhe,« fügte er hinzu, »wo +Ihr Sohn für die Größe und Ehre des Vaterlandes . . .« + +Taumelnd erhob sich Herr Herbst. Ja, der Rausch kam, ohne Zweifel. + +»Sie sind nicht von hier?« + +»Aus der Provinz, Euer Exzellenz!« + +»Beruf?« + +»Früher Lehrer an einem Gymnasium.« + +»Bitte, treten Sie ruhig näher.« + +Auf der großen und ausgezeichnet scharfen Photographie sah Herr Herbst +zunächst nichts. Ein Meer, wie, was war das? Wellen, Wogen. Ein Ozean in +Aufruhr! Dann aber unterschied er Baumstrunke, die kreuz und quer aus +diesen furchterweckenden Wogenbergen hervorstanden, und einen schmalen +Erdgang der mitten in die Wogenberge aus erstarrtem Schmutz hineinführte +-- es war die Kuppe der Höhe selbst, von den Minen zerrissen. + +Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit pflegte der General diese erschreckend +realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen. + +»Das also ist Quatre vents!« sagte er. + +Herr Herbst atmete schwer. + + +7 + +Die Geschichte wird entscheiden, dachte der General, wie immer, wenn er +die Kämpfe um Quatre vents in seinem Geiste vorüberziehen ließ. Aber er +täuschte sich. Die Geschichte wird nicht entscheiden, sie hat etwas +Besseres zu tun. Die Geschichte wird diese Höhe ganz einfach vergessen. +Die Höhe von Quatre vents war strategisch gänzlich belanglos. Drei +Kilometer rückwärts lag eine zweite, viel stärkere Höhe, durch einen +Flußlauf vor der Unterminierung geschützt. Die Lage von Quatre vents war +sogar ungünstig. Sie konnte jederzeit abgeschnürt werden, wie es später +auch geschah, sie lag offen vor den feindlichen Geschützen, und ihre +Zugänge wurden vom feindlichen Feuer bestrichen. Der General aber hielt +Quatre vents für einen Angelpunkt der Westfront. + +Sonderbarerweise aber, auch der französische General gegenüber, ein +französischer Hecht-Babenberg, auch er hielt die Höhe für einen +Angelpunkt der Westfront! Unaufhörlich schickte er seine Schwarzen vor. +Tausende und Abertausende von dunkelhäutigen Kadavern verpesteten +monatelang die Luft, bis die gütige Erde, die keinen Unterschied macht +zwischen Schwarz und Weiß, sie in sich schluckte. Trotz ungeheurer +Verluste sappte sich der Franzose eigensinnig heran, und endlich lag man +sich an einzelnen Stellen kaum fünf Meter entfernt gegenüber. Ein +Räuspern bedeutete den Tod. Nun erst begann der eigentliche Kampf um die +Kuppe. + +Man unterminierte gegenseitig die Stellungen und sprengte die Gräben +einfach in die Luft. Als der General eines Tages gerade badete, meldete +man ihm, daß eine ganze Kompanie in die Luft geflogen sei. Furchtbarer +Morgen! Zuweilen kämpfte man sogar mit Messern und Handgranaten in den +finsteren Stollen unter der Erde. + +Wie die Rasenden bekämpften einander die beiden Generale, die fünfzehn +bis zwanzig Kilometer hinter dem Teufelsberg, umgeben von +Stabsoffizieren, Telephonapparaten, Ordonnanzen, Köchen und +bombensicheren Unterständen in ihren Schlössern hausten. + +Frankreich erwartet, daß ihr die Trikolore auf der Höhe aufpflanzt! + +Die Höhe ist und bleibt in deutscher Hand! Nur über unsere Leichen, +Kameraden . . . Ja, Kameraden pflegte der General seine Soldaten in +derartigen Befehlen zu nennen. Von Zeit zu Zeit verteilte er mit +feierlichen Ansprachen Eiserne Kreuze. + +Schließlich glaubten die Soldaten auf beiden Seiten tatsächlich, daß sie +um den Angelpunkt der Westfront rangen. + +Auf diese Weise entstand der zwölfstöckige Friedhof von Quatre vents. -- + +Herr Herbst keuchte. Seine entzündeten Augen füllten sich mit Tränen. +Zuerst verschwand der kleine Erdgang, dann die Baumstrunke, dann die +wilden erstarrten Schmutzwogen -- aber das schreckliche Bild hatte sich +für immer in seine Seele eingegraben. Um ein Haar wäre eine Träne auf +die kostbare Aufnahme, die der General sich einrahmen lassen wollte -- +er kam bis jetzt nur noch nicht dazu -- eine Träne getropft, aber der +General hatte das Bild noch rechtzeitig fortgenommen. + +Hier also -- vielleicht war er durch diesen schmalen Erdgang geschritten +--? War es möglich, daß er zwischen diesen fürchterlichen Erdwogen um +sein Leben kämpfte? War es möglich, daß zwischen diesen Erdwogen, diesen +schrecklichen, sein Todesschrei verhallte? Wie? Wie? Wie? + +War es möglich, daß ein Mensch geboren wurde, um hier zu enden? + +Herr Herbst zitterte vor Entsetzen. Allein das Bild dieser Höhe erfüllte +ihn mit schrecklichem Grauen. + +Er taumelte und rang nach Luft. + +»Hier also --?« stammelte er. + +»Es waren sehr schwere Kämpfe!« sagte der General beruhigend. + +»Und -- sein Grab, hier --?« Die Augen Herbsts waren plötzlich starr und +entgeistert auf den General gerichtet. + +»Wie beliebt?« + +»Aber -- vielleicht -- ist er gar nicht begraben worden?« schrie er mit +schriller Stimme und rang verzweifelt die Hände. Ja, nun verstand er +alles . . . + +Alles! + +Wie sollte ein Toter Ruhe finden zwischen diesen entsetzlichen +Wogenbergen? Wie sollte --! + +Der General runzelte die Stirn. Aus purem Mitleid hatte er sich mit +diesem alten Mann abgegeben. Nur um überhaupt ein Gesprächsthema zu +schaffen, hatte er ihm die Photographie gezeigt. Die Stätte, wo sein +Sohn gekämpft hatte, konnte wohl sein Interesse finden. So unerhört es +war, daß ein ixbeliebiger Beamter aus der Provinz, ohne viele Umstände +seine Karte bei ihm abgab, zu ungewöhnlicher Stunde, in einem geradezu +skandalösen Anzug, hatte er doch den Umständen eine Konzession gemacht +und Nachsicht geübt. Nun aber sah er sich veranlaßt, sich wegen seines +allzu großen Entgegenkommens Vorwürfe zu machen. + +Der Gesichtsausdruck des kleinen alten Mannes erschreckte ihn. Es war ja +nicht unmöglich, daß dieser merkwürdige, völlig unberechenbare alte Mann +-- + +Erschreckend ähnlich war sein Gesicht dem Traumgesicht geworden, das +durch die Scheiben starrte, als es pickte . . . + +»Es waren außerordentlich schwere Kämpfe -- es ist natürlich gänzlich +unmöglich für einen Laien, sich ein Bild zu machen. Zumal, da Sie ja die +Verhältnisse an der Front nicht kennen.« Einen letzten Versuch machte +der General, den kleinen alten Mann zu beruhigen. + +Verstört, entgeistert schwankte Herr Herbst auf seinen dünnen Beinen. + +»Sie haben also den Befehl gegeben? Und dann mußte er -- da hinauf --?« +fragte er mit pfeifender Stimme. + +Betreten richtete sich der General auf. Drohung ging plötzlich von +diesem verzerrten, kalkweißen Gesicht aus. + +»Was soll diese Frage?« rief er, und schon funkelten seine Augen. Seine +Geduld war zu Ende. Genug mit diesem Burschen! + +Aber plötzlich funkelten auch die Augen des kleinen Herrn Herbst, +schneeweiß glitzerten sie. Haß glitzerte aus ihnen, Haß, unergründlich. + +Er warf die Hände in die Luft, mit einer wilden, erschreckenden +Bewegung, und schleuderte dem General ein fürchterliches Wort entgegen. + +»Mörder!« + +Der General wich zurück und erbleichte. + +Aber der kleine alte Mann schwang wieder die Hände, und abermals schrie +er: »Mörder! Mörder!« + +Schon aber trat ihm der General mit breiter Brust entgegen. »Hinaus!« +rief er. »Hinaus -- augenblicklich -- oder --!« + +Plötzlich, ganz unvermutet, war der kleine alte Mann in die Knie +gesunken und hatte die Hand des Generals ergriffen, alles in einer +Sekunde. + +»Verzeihung, Exzellenz!« stammelte er. »Verzeihung -- ich -- ich bin --« + +»Ich bin -- betrunken . . .« + +Ja, in dieser Sekunde fühlte er, daß er betrunken war. Sonst empfand er +nichts mehr. Es war ihm klar, der Rausch war zum Durchbruch gekommen, +plötzlich, der Alkohol, sein Teufel, hatte ihm ein Bein gestellt. Er +wollte all das gar nicht sagen, wollte -- ja, was wollte er eigentlich +-- aber er hatte nie und nimmer beabsichtigt, so etwas zu sagen. Wie +konnte er, er machte Besuch -- + +Der General aber begriff in diesem Augenblick etwas ganz anderes. Dieser +alte Mann war vielleicht betrunken, möglich, aber er war etwas ganz +anderes -- er war geistesgestört. Einen Geistesgestörten hatte er vor +sich! Alles erklärte sich nun, der Brief, der ungewöhnliche Besuch, sein +Gebaren. Ein bedauerlicher Geistesgestörter, das war dieser alte Mann. +Es würde sich nunmehr darum handeln, ihn möglichst rasch und, ohne +Aufsehen zu erregen, loszuwerden. + +»Sie sind erregt -- begreiflicherweise -- stehen Sie auf --« sagte er, +um seinen unheimlichen Gast zu besänftigen. + +»Erst wenn Sie verzeihen«, rief Herr Herbst, während die Tränen aus +seinen Augen sprangen. + +»Ich verzeihe Ihnen, natürlich --« + +Sofort erhob sich der alte Mann. + +»Es ist ja begreiflich, daß Sie erregt sind«, fuhr der General fort. +»Wir haben alle in diesen Jahren Schreckliches erlebt. Aber ich muß +jetzt bitten, ich habe dringend zu arbeiten . . .« + +»Bitte zu entschuldigen . . .« + +Anscheinend völlig beruhigt nahm Herr Herbst den Zylinder in die Hand. +»Ich bitte zu entschuldigen, Euer Exzellenz -- die Störung.« + +Aber er blieb an der Türe stehen, hob das noch von Tränen glänzende +Gesicht, und wieder nahmen seine entzündeten Augen einen eigentümlichen +Ausdruck an. Wieder begannen sie zu glitzern. + +Jedenfalls -- -- er blieb stehen -- obschon ihn der General mit einer +kleinen stummen Verbeugung entlassen hatte. Der Ausdruck seiner Augen +war unerklärlich. Spott lag darin -- oder -- war es nicht Spott? + +Er wartete auf irgend etwas. + + * * * * * + +Der General, der schon die Absicht ausdrückte, sich am Schreibtisch +niederzulassen, wandte den Kopf. Offenbar, dieser Mann hatte noch etwas +auf dem Herzen, und er würde nicht gehen, bevor er von dieser Last +befreit war. + +Plötzlich erriet der General. Diese geheimnisvollen Andeutungen in +seinem Brief! Diese anfangs völlig unverständliche Anspielung, die +plötzlich einen gewissen Sinn zu bekommen schien. Es war ja sogar +möglich, daß dieser Geisteskranke tatsächlich im Besitz eines +Geheimnisses war. + +»Sie wollten mir --« begann der General erneut, etwas betreten, indem er +sich voll gegen Herrn Herbst wandte -- »Sie schrieben seinerzeit etwas +von meiner Tochter -- irgend etwas, ich erinnere mich nicht mehr --?« +Der General stockte. + +»Das gnädige Fräulein --?« Es war der gleiche Ausdruck, den er in seinem +Brief anwandte. + +Der General hatte richtig geraten. Herr Herbst hatte tatsächlich auf +diese Frage gewartet -- aber nicht um sie zu beantworten! + +Der Ausdruck in seinen Augen, dieser Schimmer von Spott steigerte sich +zum Hohn. Er legte den Kopf auf die Schulter, lächelte . . . höhnisch, +triumphierend, wieder wurden die gelben Zahnstumpen sichtbar. Er fing +sogar an, leise zu lachen. + +»Ich wüßte nicht, Exzellenz . . .« + +»Guten Abend!« sagte der General kurz. Und mit einer spöttischen +Verbeugung verabschiedete sich Herr Herbst. + +Kaum hatte er das Haus verlassen, so fegte ein Donnerwetter durch die +Diele. + + +8 + +Wie ein blutiges Nordlicht flammte die sinkende Sonne zwischen finsteren +Wolken. Durch die Torbogen des Brandenburger Tors schleuderte sie rote +Glutkegel, die die Linden überfunkelten. Häuser und Menschen brannten +düster, und düster brannte das Schloß am Ende der Linden. In den +Schaufenstern der Luxusgeschäfte flammten die Brillanten, Perlen, +Diademe, Orchideen, goldenen Schalen und Prunkgefäße. + +In seinem weiten abgenutzten Soldatenmantel strich Ackermann, der +Student, die Linden entlang, dicht an den Läden vorüber mit den +Orchideen, Perlen und Prunkgefäßen. Er sah sie nicht. + +Sein Mund zuckte. + +Dies ist die Stunde, dachte er -- ja, dies ist die Stunde, da die +Sterbenden noch einmal die Augen aufschlagen, um den hohen Himmel zu +grüßen. Erinnerst du dich -- dieser Blick aus schlafschweren Augen? Dies +ist die Stunde, da die Verwundeten gierig das scheidende Licht mit ihren +fiebernden Augen trinken, denn einen Augenblick später kommt schon die +Nacht mit ihren Ungewißheiten, dem Gewimmer, Stöhnen und Miauen im +Krankensaal. + +Dies ist die Stunde, da die Gefangenen in all den hundert Lagern, von +_Menschen_ errichtet, um _Menschen_ gefangenzuhalten, noch einmal an den +Stacheldrähten entlangstreichen wie Tiere, bevor man sie in ihre Höhlen +zurückjagt, da die Hände von Hunderttausenden von gefangenen +Menschentieren sich verkrampfen um den kalten Draht. Ja, dies ist die +Stunde des schrecklichen Sterbens -- in Flandern und Frankreich, in +Italien, Mazedonien und der Türkei, überall in dieser ganzen verfluchten +Welt. + +Dies ist die Stunde, da das Elend der ganzen Welt sich vertausendfacht +-- da das Gespenst des menschlichen Elends sich riesengroß über der Erde +erhebt . . . + +Ackermann watete durch die gespenstisch rote Lichtflut des sinkenden +Gestirns. Blut, nicht Schein der Sonne, Blut, das von den +Schlachtfeldern hereinströmt in diese Stadt und täglich steigt wie ein +Meer. Er roch das Blut, er fühlte seine dampfende Wärme, genau wie +damals in Flandern, als ihn dieser dicke Blutstrahl traf, der aus der +Halsschlagader eines getroffenen Kameraden spritzte -- und dann, ja, als +sein eigenes Blut über ihn strömte. Es rann über die Scheiben der +Schaufenster, es quoll aus den Haustüren, überschwemmte die Straßen, das +Schloß -- dort unten -- schon feuchteten sich die dicken Steinmauern -- + +Blutige Gespenster stürzten an ihm vorbei. Schon wateten die Menschen in +der roten Flut bis an die Brust, sie fühlten es nicht. Bald wird sie bis +an ihre Lippen steigen. An ihren Wimpern hing das Blut, ihre Hände +färbte es rot. + +Erst Lügner, dann Räuber, dann Mörder -- das sind die Völker Europas +geworden! Dunkel rauscht die Menschheit dahin, ein Strom in der +Finsternis, der nicht sein Ziel kennt . . . + +»Und du, Herr, über den Finsternissen?« + +»Weshalb zögerst du?« + +Verzweiflung zerbrach ihn, Qual und Schmerz zerrissen sein Herz. Sein +Hirn blutete, sein Hirn zersprang. + +»Ja, weshalb?« + +Plötzlich tastete er nach der Hauswand. Deutlich hatte er gespürt, wie +er zu sinken begann, wie der wirbelnde Blutstrom ihn mit sich forttrug +. . . + +»Bringe Erlösung dieser Erde! Führe sie zurück auf deinen Weg!« + +»Wann wirst du das Signal geben?« + +»Sprich!« + +»Wer wird es rufen -- das erste Wort?« + +»Mut! Mut!« + +Plötzlich hob ihn der weite Mantel in die Höhe, und er schwebte dahin. +Durch unendliche gleißende Helle brauste er, über blendende Ebenen, +hingegeben einer unbekannten Wollust . . . + +Da faßte jemand seinen Arm und schüttelte ihn. + +»Sie werden doch nicht fallen?« sagte die Stimme eines Mannes. + +Nun saß er, noch etwas betäubt, auf einer Treppe, ganz in der Nähe des +Schloßplatzes. + +Rasch kam er wieder zu sich. Seit seiner letzten Verwundung litt er an +Schwindelanfällen. Zuweilen war er auch schon bewußtlos zu Boden +gestürzt. + +Die Sonne verglühte und zog ihre Glutkegel zurück. Bleich und fahl trieb +die Viktoria auf dem Brandenburger Tor ihr Triumphgespann vorwärts. +Schon schob sich die schwarze drohende Finsternis herauf über die +Riesenstadt, um sie zu vernichten. Die Nacht war nahe. + +Düster lag das Schloß, kalt, leblos. Tod und Nacht strömten von ihm aus, +Kälte und Haß. Ringsum die Denkmäler, die finstern Reiter aus Erz mit +ihren Marschallstäben standen wie Schatten. + +Wo immer sie ihre Hufe hinsetzen auf Erden, diese Rosse aus Erz mit +ihren finstern Reitern, entweichen die freundlichen Geister! + +Aber auch sie werden dahinschmelzen im Blicke seines Zorns. -- + +Ackermann erhob sich. Es wurde kalt. Die Schatten wurden dichter und +krochen näher. + +Er überquerte den Schloßplatz, überschritt die Brücke und wanderte der +finstern Vorstadt zu. + +1914 hatten sie gestürmt, bei Langemark, mit dem Liede: »Deutschland, +Deutschland über alles.« Man hatte sie in die englischen +Maschinengewehre gejagt. Wie viele waren zurückgekommen? Einer der +wenigen war er. Wieviel war seitdem geschehen! + +Wie Hunderttausende war er zu den Fahnen geeilt -- wie Hunderttausende +in dem Wahn, sein überfallenes Vaterland zu schützen. + +Wie Hunderttausende hatte er sich dem Tode entgegengestürzt, wie +Hunderttausende hatte er gemordet. Wie Hunderttausende war er der +Verzweiflung nahe gewesen und hatte er den Tod herbeigesehnt. Wie +Hunderttausende der armen Teufel aller Nationen hatte er in dem Wahne +gelebt, einer heiligen Sache zu dienen. + +Im Laufe der Zeit aber war er zur Erkenntnis gekommen, daß Deutschland +nicht überfallen worden war, sondern eine Handvoll eitler Scharlatane +den Krieg provozierte. Aber auch das war ja nicht richtig. Ein Jahr +später hatte er sich zur Erkenntnis durchgerungen, daß alle Völker, die +sich heute zerfleischten, gleichermaßen schuldig waren. + +Plötzlich, in einer Nacht im Bahnhofslazarett von Sedan -- er erinnerte +sich noch deutlich dieser entsetzlichen Nacht voller Stöhnen und +Gejammer -- sah er Europas wahres Gesicht! Es war das Haupt der Medusa! + +Bis ins Mark entsetzt, starrte er in diese furchtbare Maske -- Lüge, +Lüge, Lüge! Jede Linie Lüge! + +Verbrechen, Habgierde, Heuchelei, Schamlosigkeit, das war Europa, nichts +sonst. Die europäischen Großstaaten hatten das Raubritterwesen ins +Gigantische gesteigert. Gestützt auf ihre Heere und Flotten plünderten +sie die Erde, versklavten sie alle Völker des Erdballs, gelbe, braune, +schwarze -- um sich endlich, argwöhnisch und gierig, gegenseitig selbst +zu zerfleischen. Diese weiße Rasse war die verruchteste aller Rassen, +die den Planeten bewohnte. Ganze Rassen hatten sie ausgerottet -- aber +in ihren zoologischen Gärten pflegten sie seltene Gazellenarten. Mehr +als das: sie versklavten die eigenen Völker! In Schulen, Kasernen, +Kirchen, Fabriken erzogen sie den willigen Söldling! In Schulen, +Kasernen, Kirchen, Fabriken vernichteten sie den europäischen Menschen, +täglich, stündlich, seit Hunderten von Jahren. + +Ihre Priester standen auf den Kanzeln und predigten: Was nützte es dir, +wenn du die ganze Welt gewännest und nähmest Schaden an deiner Seele? +War es möglich? Ihr ganzes Tun ging ja darauf hinaus, die Welt zu +gewinnen, und die Seele mochte zur Hölle fahren. + +Entsetzliche Verwirrung der Geister! Wer förderte sie? Wer zog Nutzen +aus ihr? Die herrschenden und die besitzenden Klassen. + +Die Völker selbst, sie waren nur Verführte, verführt durch kunstvolle +teuflische Systeme. + +1914, im Spätherbst -- deutlich erinnerte er sich dessen -- begannen die +Fronten zu fraternisieren. Man kam zusammen -- plauderte, tauschte +Kleinigkeiten, diese armseligen Kleinigkeiten des europäischen Sklaven +-- ganz von selbst keimte in den Herzen der einfachen Soldaten die +Kameradschaft und Liebe empor. Eine Versammlung einfacher Feldsoldaten +hätte in drei Tagen Frieden geschlossen. Die Gewaltigen duldeten es -- +aber sobald Nachschub und Munition wieder gesichert waren, befahlen sie +den europäischen Sklaven, sich wieder gegenseitig zu zerfleischen. + +Schwarzweißrot, blauweißrot, der Union Jack -- frech wehten die +Standarten der Raubritter, und die weißen Sklaven beteten sie an. + +Dunkelheit -- Verfinsterung, kein Ausweg . . . + +Menschen zitterten vor Menschen. War es möglich? Ackermann hatte +Gefangene gesehen, die auf den Knien um ihr Leben flehten -- wohin war +es gekommen? + +Er verhüllte vor Scham sein Gesicht. + +Schreckliche Jahre, schreckliche Tage -- ein Tag fürchterlicher als der +andere! + +Und kein Ausweg! Nein! + +Weiter rollt die Lawine, in Bewegung gesetzt von Gehirnen, die längst in +der Erde modern. Weiter rollt sie, zerschmettert Länder, Städte, +Generationen. + +Europa war ein eiterndes Geschwür, das die Erde vergiftete. Oft schien +es Ackermann, als habe Gott sein Antlitz abgewandt: das einzige, was +euch gebührt, vollzieht es: schlachtet euch gegenseitig. Haubitzen, +Mörser, Gase, Fliegerbomben -- geht unter -- rasch, rasch, verschwindet +. . . + +Da begann -- unerwartet -- aus dem Osten ein Licht zu strahlen . . . + +Seit den Somme-Schlachten war Ackermann nicht mehr für den Felddienst +geeignet. Er hinkte und litt an Ohnmachtsanfällen. Er wurde in ein +Gefangenenlager zur Bewachung von Menschen kommandiert. Hier schloß er +Freundschaften mit Gefangenen, er versuchte seine Kameraden aufzuklären. +Er wurde wegen »pazifistischer Umtriebe« angeklagt und entging mit +knapper Not dem Gefängnis. Und zwar nur aus dem Grunde, weil die +Gefängnisse zu dieser Zeit schon überfüllt waren. Man schob ihn +kurzerhand zum Regiment ab, und das Regiment kommandierte ihn nach +Berlin, wo man Schreiber und Ordonnanzen zu Tausenden in den unzähligen +Kriegsämtern brauchte. + +Hier traf er in einer Speiseanstalt -- -- Ruth! + +Wie? Wer war es? Wo hatte er sie schon gesehen? Wann? + +Da erinnerte er sich: es war in einem Lazarett in Cambrai. Man hatte ihn +abends dahin gebracht, und in der Nacht erwachte er -- zu seinem großen +Erstaunen -- in einem Krankensaal. Er hatte an diesem Tage den Tod +gesucht -- besser getötet zu werden als zu töten. Da hatte ihn eine +Handgranate zu Boden geworfen. + +Da lag er nun in einem halbdunkeln Saal. Franzosen, Engländer, Kanadier, +Farbige, hier waren sie nun alle vereint. Neben ihm saß ein Schwarzer im +Bett, dem der Unterkiefer weggerissen war, und keuchte aus einem +blutigen Watteklumpen. Stöhnen, Winseln, Fauchen, halblautes Lallen. Wie +über alle Lazarette, war auch über diesen Saal jene unbegreifliche +Ergebenheit gebreitet. Sie alle, die hier lagen, fühlten, daß es ihr +Schicksal war, gegen das es keine Auflehnung gab. Die Schlacht war +gekommen, weil es so sein mußte, sie waren verwundet worden, weil es so +sein mußte, und sie würden sterben, wenn es beschlossen -- war. + +Auch über ihn war diese gleiche rätselhafte Ergebenheit gekommen, die +jeder Verwundete kennt, der im Lazarett aufwachte. + +Da -- plötzlich -- sah er eine Gestalt, eine kleine Gestalt, eine +Schwester. Sie stand mit dem Gesicht gegen die Wand, der Lichtschein +streifte sie -- sie preßte das Taschentuch gegen das Gesicht, ihre +Schultern bebten -- sie weinte. Lange beobachtete er sie. Sie weinte +. . . + +Auch Ruth erkannte ihn wieder. + +Ruth sagte: »Sie schrien im Fieber immerzu -- füsiliert mich! Die +einzige Ehrung, die Europa bieten kann, ist füsiliert zu werden!« + +»Sagte ich das?« + +»Ja, Sie sagten noch ganz andere Dinge. Sie sagten viele Dinge, die +schon lange in mir schlummerten.« + +»Sie --?? Aber Sie sind doch die Tochter eines Generals?« + +»Ja! -- Was hat das zu sagen?« + +So wurden sie Freunde. + + +9 + +Seht, ein Mensch! Er steht gegen ein Haus gelehnt und weint! + +Plötzlich aber weicht das Haus zurück -- sollte man es für möglich +halten -- ein vierstöckiges Haus weicht dem Druck eines schmalen +Rückens? Es weicht zurück, und der Mensch stürzt der Länge nach zu +Boden. Sein Zylinder rollt, rollt in unendliche Fernen. + +Schon kommen die Kinder. Ein Zylinder! Sie spielen Fußball damit. +Welches Gelächter! Aber die Kinder, selbst sie, haben Mitleid, nicht mit +dem kleinen alten Mann, sondern mit dem Zylinder. + +Ein Junge bringt ihn zurück. Der kleine alte Mann kramt in der Tasche, +sucht einen Groschen -- aber plötzlich läuft er in einer +unverständlichen Kurve über den Fahrdamm und rennt gegen das Pferd einer +Droschke, das selbst Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Die +Peitsche flitzt durch die Luft. Und die Kinder kreischen vor Vergnügen. + +Herr Herbst lag in seinem Bett und röchelte im Halbschlaf. Nacht, +Finsternis, er hatte keine Lust zu erwachen. Wie lange war er unterwegs +gewesen, wo hatte er getrunken, wie lange hatte er geschlafen? Er wußte +es nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Nur schlafen. Schmach, +Schmach, nichts als Schmach, sobald er erwachte. + +Stimmen raunten hinter der Wand, zischelten, flüsterten. Wie in jeder +Nacht wanderte Hähnleins Schritt ruhelos hin und her. Wie lange werden +sie es noch ertragen? dachte Herr Herbst in seinem Bett. Nicht mehr +lange! Er lauschte auf die raunenden und zischelnden Stimmen, labte sich +an dem fremden Elend, um nicht an seine eigene Verzweiflung denken zu +müssen. + +Hähnlein rief Gott zum Zeugen an, daß dieses Leben selbst ein Hund nicht +länger ertragen würde. Er hatte Dienst, Dienst, immer Dienst, seit drei +Jahren, zweimal verwundet, und seine Frau nähte sich die Augen blind. +Und seine Frau hustete nachts die ganze Wand voll Blut. Und während er +Dienst machte, verhungerte seine Familie zu Hause. Seine Frau hatte auf +Zeitungen entbunden, verlassen, hilflos, wie ein Tier in einem Winkel. +Nicht einen Tropfen Milch, nicht einen Teller Suppe, nichts. War das +Gerechtigkeit? War das möglich überhaupt? Ja, eine Milchkarte hatte sie +gehabt, aber keine Milch, so war es! Und die Kinder, drei und vier Jahre +alt, sie konnten noch nicht einmal gehen, die Knochen waren krumm +gebogen, die Schädel ganz weich. Was für eine Welt war das? Aber die +kleine Zinnkanne, die hatten sie abliefern müssen, sonst hätte man sie +eingesperrt. Und die Kinder schliefen auf Papier und Lumpen. Wo war man? +War man noch auf der Erde oder schon in der Hölle? + +Nein, nicht mehr lange! + +Hähnleins heisere Stimme glitt in die Ferne, tiefer röchelte Herr +Herbst, gleichmäßiger, der Schlaf wollte wieder zurückkehren. + +Da sah er -- in verschwommenen Umrissen -- die entsetzlichen Wogenberge +aus erstarrtem Schmutz wieder, mit den zersplitterten Baumstrunken und +dem schmalen Laufgraben, der sich zwischen den Wogenbergen verlor. + +Er ächzte und drehte sich auf die andere Seite. + +Aber auch hier waren sie, diese entsetzlichen Wogenberge. Nur -- siehe +da! -- sie waren nicht mehr starr, sie regten sich, bewegten sich. +Erdschollen schoben sich in die Höhe -- Rücken, Arme, Hände, Beine +wurden sichtbar -- in verschwommenen Umrissen -- was war das? Sieh nur +schärfer hin, und du wirst es erkennen. Ja, es waren Menschen! Deutlich +zu sehen, lehmbeschmierte Menschen, Soldaten, die von den Lehmbergen +verschüttet waren und sich stumm und verzweifelt abmühten, sich aus der +Erde zu wühlen. + +Er ächzte und setzte sich im Bett aufrecht. Da sah er Robert vor sich, +und Robert trug einen solchen zerfetzten Lehmberg auf dem Rücken, und +der Lehmberg preßte ihn zu Boden. + +»Ich ertrage es nicht mehr!« schrie in diesem Augenblick Hähnlein. »Um +Christi willen!« wimmerte die Frau und hustete. + +Robert war verschwunden. Dunkelheit, Nacht, dort das Fenster, das Zimmer +war leer. + +Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirne. + +»Schmach, nichts als Schmach . . .« + +Er kroch unter die Decke, und nun kam der tiefe Schlaf über ihn. -- -- + +Spät an diesem Abend, es war nahe an Mitternacht, kehrte der General von +Dora zurück. Er brummte gutgelaunt vor sich hin. Wie gewöhnlich hatte +Doras Frohsinn ihn aufgeheitert. Auch der Spaziergang durch die Nacht +hatte ihm gutgetan. + +Wie ein Bad wirkte die Heiterkeit dieser Frau auf ihn. Wie ein +erfrischendes Bad! Wunderbar -- ihr Lachen -- nichts nimmt sie tragisch, +eine Künstlernatur, eine Philosophin! Wir Männer dagegen . . . + +Ja, Dora, sie allein verstand es, das Leben zu nehmen, man konnte lernen +von ihr -- obschon sie nur eine Frau war, ja -- + +Kaum aber flammte das Licht in seinem Arbeitszimmer auf, so erinnerte er +sich wieder an die peinliche Szene von heute nachmittag, und +augenblicklich war seine gute Laune wieder verschwunden. + +Das höhnische Lächeln, der höhnische Blick des kleinen geistesgestörten +Mannes schwebten noch irgendwo in der Luft des Zimmers. Ich weiß, sagte +das höhnische Lächeln auf den dünnen Lippen, weiß, aber ich spreche +nicht. Wie heute nachmittag legte sich das fahle kleine Gesicht zur +Seite, das eine Auge wurde größer als das andere, das Lid zog sich in +die Höhe, und dieses größere Auge blinkte von Spott und Hohn. + +Unruhe erfüllte den General. + +Nein, kein Zweifel, dieser kleine Geistesgestörte war im Besitze eines +Geheimnisses, das Ruth betraf. Der Ausdruck seiner Augen war nicht +mißzuverstehen. Vielleicht eines Geheimnisses, das Ruth, das die Familie +kompromittierte? Unverständlich war ihm in diesem Augenblick seine +Tochter, rätselhaft, fremder als der fremdeste Mensch, den er nie in +seinem Leben gesehen. + +Morgen würde er mit Ruth ein ernstes Wort sprechen! Ihre Eigenwilligkeit +verriet einen bedauerlichen Mangel an Pflichtgefühl ihrer Familie, dem +Geschlechte der Hecht-Babenberg, gegenüber. Es gab schwerlich eine +Verbindung, die das Ansehen der Familie mehr gehoben hätte, +gesellschaftlich und materiell, als die Heirat mit Baron Dietz, der eine +blendende Laufbahn vor sich hatte. War es nicht auffallend, der Krieg +schien die Grundpfeiler des Gesellschaftsgebäudes zu erschüttern? -- +Allenthalben ähnliche Symptome -- Mißheiraten, Eheirrungen, Scheidungen +-- der Oberst Schulendorf, zum Beispiel, kommt nach Hause und findet -- +Skandal! Bredows Sohn hat sich im geheimen trauen lassen, er fällt, +plötzlich meldet sich die Witwe -- eine völlig unbekannte Person, +frühere Schauspielerin, stellt Forderungen. Allein im Rheinsbergschen +Familienverband zwei Scheidungen in kurzer Zeit. + +Ja, auffallend, Hunderte von Beispielen fielen ihm plötzlich ein -- +allein aus dem Kreise seiner Bekannten. Erschreckende Symptome der +Zersetzung. War die Generation der Größe der Zeit nicht gewachsen? + +Keine Nachsicht mehr, nein, nein, morgen, sobald sich die Gelegenheit +bietet, werde ich mit ihr sprechen. + +Und dieser alte Mann? Lassen wir ihm seine Freude. Nichts wird ja +leichter sein, als Aufklärung zu erhalten, jede gewünschte Aufklärung. + +Schon einmal hatte er -- früher . . . + +Der General machte Toilette für die Nacht. Nachdenklich musterte er +Hände und Gesicht, jede Falte. + +Mehr Bewegung -- und alles war in Ordnung! + +Schon schlief er. + + * * * * * + +»Schwere Kämpfe! Außerordentlich schwere Kämpfe!« Mitten in der Nacht +setzte sich Herr Herbst plötzlich im Bett auf und knarrte mit breiter, +selbstgefälliger Stimme: Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe! + +Warte nur, du Hoffärtiger! Warte nur. Hüte dich -- ein alter Mann -- +aber hüte dich --! + +Dann sank er wieder in Nacht und Bewußtlosigkeit, zusammengerollt zu +einem kleinen Kleiderbündel. + +Am Nachmittag schien die Sonne ins Zimmer, aber immer noch lag das +kleine Kleiderbündel regungslos auf dem Bett. Erst gegen Abend fing es +an, sich unruhig zu bewegen. Die Hände zerrten an der Decke, zogen sie +dicht um den Körper. Der Schläfer fror. Kälte, schreckliche Kälte +hauchte von dem Gebirge aus, das er erblickte. Ein Strom von Eis. Nacht, +Winter, wie? Und er kniete vor dem Gebirge und erstarrte, während er die +Hände ausstreckte. Nun schien es heller zu werden, es tagte, die Sonne +schien aufzugehen. Das Gebirge begann allmählich zu erglühen, es glühte +rot, nur Stein, zerrissen, verwittert. + +Plötzlich aber verschoben sich Felsen, Riesenblöcke zitterten -- das +Steingebirge wandelte sich zu einem Gesicht. + +Der Schläfer erbebte. Deutlich fühlte er, daß er bald aus der +Bewußtlosigkeit auftauchen würde. Nur noch eine Idee brauchte er höher +zu tauchen, und schon würde er an die schwarze, schwere Schicht von +Schmach stoßen, die auf ihm lastete. Zu spät! Sie sank herab zu ihm, die +schwere Schicht von Schmach, berührte ihn, drückte ihn zu Boden. + +Da! Er war wach. Der barmherzige Rausch war verflogen. Und da war sie +wieder . . . + +Betäubt saß er da. Es dunkelte schon. + +Schmach, nichts als Schmach! + +Er war gedemütigt worden, zertreten, zu Boden geworfen und mit den Füßen +getreten. Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe -- Tausende, +Hunderttausende -- -- ja, man hatte ihm einen Sessel angeboten, ihm ein +Bild gezeigt -- trotzdem! Worin aber bestand die Schmach eigentlich, +wie? + +Nein, nicht das war es, daß er gerufen hatte: Hinaus mit Ihnen, oder ich +lasse Sie abführen. + +Das nicht, nein. Schlecht hatte er sich ja benommen. + +Trotzdem: zu Boden geworfen und mit Füßen getreten. + +Horch! Stimmen. Sie sind da, die jungen Leute -- bei ihm! Und da, da -- +hörst du? Laut und erregt schwirrten die kecken, jungen Stimmen nebenan. + +Aufrecht saß er im Bett und hielt den Atem an. + +Ja, auch sie war da! + +Hoffärtiger -- nichts als ein alter Mann -- vielleicht bereust du noch, +wer weiß es? -- Und du -- Sanfte, Bleiche -- deine sanften Augen werden +weinen müssen -- es muß sein -- + +Plötzlich erstarrte er vor Entsetzen. Eine laute verzweifelte Stimme +gellte durch das Haus. Hilfe! Hilfe! Es war Frau Hähnlein. + +Sofort schwiegen die schwirrenden Stimmen nebenan. Eine Türe schlug, +Schritte eilten. Eine Faust pochte gegen Hähnleins Türe, und Ackermanns +Stimme fragte: »Was gibt es?« + +»Nichts, nichts, Ackermann!« antwortete Hähnlein mit einem keuchenden, +verlegenen Auflachen. »Meine Frau ist erschrocken. Sie dachte -- nichts, +nichts --« + + + + +Viertes Buch + + +1 + +Ali Baba und die vierzig Räuber! + +Endlich war Doras berühmter Abend gekommen. Dumpf lockte die Trommel -- + +Mit einem kleinen Aufschrei wich Hedi zurück. Ein fetter Neger, mit dem +Gesichtsausdruck eines Orang-Utans, schlug den Vorhang auseinander und +fletschte ihr die Zähne entgegen: »Ali Baba heißt dich willkommen!« + +»Er tut dir doch nichts«, lachte Klara und schob Hedi vorwärts. + +Die mächtigen, nackten Arme und Beine des Negers funkelten. Hellrot +waren seine wulstigen Lippen gemalt. Dora selbst hatte ihn hergerichtet. +Ein zweiter Neger half aus den Mänteln. Er war jung und schlank, heller +von Farbe, sein Gesicht drollig und hübsch. Auch er ging barfuß und trug +nur ein kurzes, rot und gelb gestreiftes Röckchen. + +Hinter Vorhängen, irgendwo, schrillten Pfeifen. + +Wieder ertönte der Schrei einer Dame im Entree. Ein zottiger Bär schob +sich an Hedi vorüber, und daraus schälte sich eine zierliche, +halbnackte, nilgrüne Türkin. Gräfin Heller. Abendmäntel aus kostbaren +alten Brokaten, antiken Samten, japanischen Stickereien, ehemaligen +Kirchengewändern -- und Fabelwesen entstiegen ihnen: Prinzessinnen, +Haremsdamen, Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, mit goldenen, roten, +grünen Schuhen, Schuhen mit langen Silberschnäbeln und blitzenden +Steinen. Wohlgerüche und der Duft gepflegter Frauenkörper gingen von +ihnen aus. + +Hedi zitterte vor Erregung. In fieberhafter Hast verhüllte sie das +Gesicht mit dem Schleier, wie Doras Vorschrift es verlangte. Doppelt +begierig blitzten nun ihre Augen. + +Hedi war ganz in durchsichtige Silberschleier gehüllt. Ihre jungen +Brüste lagen nahezu völlig frei. Zwischen dem silbernen Jäckchen und den +faltigen Pluderhosen aber war sozusagen gar nichts. Ein Hauch von Tüll. +Das war Hedis höchsteigene Erfindung. + +Wegen dieses etwas kühnen Kostüms war es heute nachmittag -- schon am +Nachmittag begannen die Damen mit der Toilette -- zwischen den beiden +Schwestern nahezu zu Tätlichkeiten gekommen. + +Plötzlich erklärte Klara rund heraus, daß sie _so_ nicht mit Hedi gehe! +Wie? + +»Ja, so! Du bist ja völlig nackt! Es ist skandalös einfach!« + +Wie? Ein Kostüm, das das Taschengeld eines halben Jahres verschlang! +Hedi war tödlich verletzt. + +»Das ist ja gerade das Orientalische«, schrie sie aufgebracht. »Was +versteht ein Kind von solchen Dingen? Und du -- was soll das werden, du +meine Güte?« + +Ein sehr einfaches Kostüm aus hellgrauer Seide hatte Klara sich +zurechtgemacht. Dazu sollte noch ein schwarzes Spitzentuch kommen, das +ihr Gesicht bis zu den Augen verbarg. + +»Ich bin eine türkische Witwe!« + +»Eine Witwe?« + +»Ja!« + +»Du bist lächerlich, Klara, und wirst auch mich noch lächerlich machen! +Zum ersten Male höre ich, daß man als Witwe auf einen Ball geht.« + +»Aber ich gehe so!« + +»Blamiere dich ruhig!« Empörend war Hedis Lachen. + +»Dann gehe ich überhaupt nicht, ich habe sowieso nicht die geringste +Lust!« schrie Klara und begann sich wieder auszukleiden. Sie warf die +Schuhe wütend unter das Bett. + +Hedi erbleichte. »Nun gut, mein Liebling. Papa wird außer sich sein, +wenn er dich nicht dort findet. Ich werde ihm aber dann die Geschichte +erzählen, die du mit dem kleinen Fliegerleutnant hast, warte nur!« + +Sie hatte Klara ins Herz getroffen. »Und du?« schrie Klara und funkelte +die Schwester mit drohenden Augen an. + +»Und ich? Was soll mit mir sein?« + +»Sage nur ein Wort, und ich werde es Papa erzählen. Ich weiß mehr, als +du glaubst.« + +»Was weißt du, nichts weißt du.« + +»Nun, ich werde Papa erzählen, daß du einen Brillantring bekommen hast. +Woher hast du diesen Brillantring? Und weshalb gehst du immer in den +Kaiserhof?« + +Jetzt war die Reihe an Hedi, außer sich zu sein. + +»Das ist doch unerhört!« schrie sie rasend. »Du weißt so gut wie ich, +daß man mir den Ring anonym mit der Post geschickt hat. Ich schwöre --« + +Hier also wäre es nahezu zwischen den Schwestern zu Tätlichkeiten +gekommen. + +Nun aber waren sie doch hier. Dumpf lockte die Trommel, und Hedis Herz +pochte. + +Unaufhörlich stürzte Petersen mit dem Schirm die Treppe hinab. Es +regnete etwas. + +Droschke um Droschke klapperte die stockfinstere Lessingallee herauf zur +roten Backsteinvilla. Dazwischen kam auch ein Gespenst von einem Auto, +das auf eisernen Rädern wie ein Tank rasselte und die ganze Straße mit +Qualm und Gestank erfüllte. + +Schließlich, etwas spät am Abend, rauschte auch eine elegante feldgraue +Limousine heran, mit wunderbaren Lampen, die alle Villen der +Lessingallee magisch beleuchteten. Und -- viel später noch -- fuhr eine +zweite Limousine vor, ein schwarzlackiertes Auto mit einem Chauffeur in +Livree, das gänzlich lautlos dahinglitt und selbst die Limousine des +Generals weit in den Schatten stellte. + +»Ali Baba heißt dich willkommen!« + +Der General prallte zurück. Seit seiner Kindheit hatte ihn niemand mehr +geduzt. Und nie in seinem Leben hatte ein Schwarzer es gewagt, ihn +anzusprechen. + +Drollige Einfälle hatte diese Dora! + + +2 + +Hedis Herz pochte vor wilder Erregung. + +»Die Liebe, meine süßeste Prinzessin --.« + +Dumpfe Trommeln und schrille Pfeifen. Rote, grüne, gelbe Riesenlampen, +Zelte, Diwane. Die Musiker trugen scharlachrote Turbane und +grünspanfarbene Gesichtslarven mit langen Fransen. Sie hockten auf einem +Diwan in der Ecke. + +Schon jetzt herrschte in Ali Babas Räuberhöhle Gedränge. + +Ein sonderbares Holzinstrument dudelte, und aus einem bronzenen Dreifuß +stieg eine betäubende Wolke von Wohlgerüchen empor. Die beiden +halbnackten Schwarzen kredenzten Erfrischungen. + +»Die Liebe, meine Prinzessin -- so banal es klingt, ist eine +Bauernfängerei der Natur, eine Illusion zweier Narren --« + +»Ah!« + +»Genau wie die Ehe eine Bauernfängerei der Gesellschaft ist, eine +Illusion einer Masse von Narren.« + +»Also du glaubst nicht an die Liebe?« + +»Nein, nein, ich glaube nur . . .« + +»Nun?« + +»Darf ich es dir ins Ohr sagen?« + +Diese geistvolle Unterhaltung führten Hedi, die Prinzessin in Silber, +und ein wild aussehender Räuber mit vermummtem Gesicht, in +billardgrünem, durchlöchertem Burnus. Sie kauerten dicht nebeneinander +mit angezogenen Beinen auf einem Diwan. Die Prinzessin näherte nun dem +Räuber ihr Ohr, sprang aber sofort auf, als der Räuber ihr sein +Glaubensbekenntnis ins Ohr flüsterte. + +»Pfui, wie häßlich!« + +»Auch du nicht stark genug für die Wahrheit?« Enttäuscht schüttelte sich +das vermummte Gesicht. + +Da verbeugte sich ein zerlumpter Bettelmönch vor Hedi und hielt ihr eine +Schale hin, eine ausgehöhlte Kokosnußschale, die er an einer dünnen +Kette am Handgelenk trug. Der Bettelmönch war völlig in Tuchlappen von +einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb eingehüllt, wie +eine Mumie. Sogar die Arme. Er trug einen orangeroten Turban, mit dicken +grünen Schnüren umwickelt. Seine Augen blendeten. + +»Wer bist du?« fragte Hedi und warf eine Zigarette in die Schale. Ihr +Herz stockte. + +Der Bettelmönch hob die Schale zur Stirn und verneigte sich. Wieder +blendeten seine Augen. + +»Wer ist es?« + +»Ich kenne ihn nicht. Gottlob sind alle Gesichter vermummt. Welch eine +herrliche Idee! Um wieviel gewänne dadurch das Leben!« + +Hedi blickte in die kleinen, raschen Augen des Räubers, blitzende +Pechtropfen. Wer war es, der sich an ihre Fersen heftete und sie nicht +mehr losließ? Seine Keckheit gefiel ihr, auch der Unsinn, den er sagte. +Ein großer Diamant gelblichen Feuers sprühte an seiner kurzfingrigen, +gepflegten Hand. + +Schon jetzt glühte Hedi am ganzen Körper. Ja, heute, heute, in dieser +Nacht, mußte es geschehen, in dieser Nacht mußte es sein! Was mußte +geschehen, was mußte sein? Das wußte sie selbst nicht. + +Betörend dudelte das sonderbare Holzinstrument in Hedis kleines Ohr. + + * * * * * + +»Halt, einen Augenblick, Verehrtester!« + +Professor Salomon zwängte sich blitzschnell zwischen zwei nackten Rücken +hindurch, einem heißen, rosafarbenen, mit großen Poren, und einem +kühlen, glatten, kantiggeschnittenen, elfenbeingelben, mit verwirrenden, +rabenschwarzen Kräuselhärchen im Nacken, blitzschnell und vorsichtig, um +seinen Frack nicht mit Puder einzufetten. Der Professor war trotz Doras +Verbot im Frack. Er fand es entwürdigend, sich mit bunten Lappen zu +behängen. Aber er trug die Rosette des Eisernen Kreuzes im Knopfloch. + +Soeben hatte er einen Bekannten erspäht, der sich gerade das Auge mit +dem Taschentuchzipfel auswischte. Die Feder eines Kopfputzes war ihm ins +Auge gefahren. Es war ein ganz besonderer Glücksfall, denn der Bekannte +war ein gewaltiger Schürzenjäger, so aber war er gezwungen +stillzuhalten. + +Das fette Kürbisgesicht des Professors strahlte. Es muß leider gesagt +werden, daß der Schädel des Professors einem halbausgewachsenen, etwas +gelblichen Kürbis mit großen, abstehenden Ohren glich. Professor +Salomon, Gründungsmitglied des Vereins zur raschen Zerschmetterung der +englischen Welttyrannei, Vorstand des Bundes Barbarossa, vorher fast +unbekannt, hatte es während des Krieges zu einer Art von Berühmtheit +gebracht. In diesem Kürbisschädel waren die wirtschaftlichen Gutachten +entstanden, die die Marine als Unterlage für den unbeschränkten +U-Boot-Krieg benötigte. Professor Salomon hatte seine Aufgabe zur +vollsten Zufriedenheit der Admiralität gelöst. Nunmehr bekleidete er +einen einflußreichen Posten im Auswärtigen Amt. + +»Wichtige Neuigkeiten«, rief der glänzende Kürbis. »Die Wissenschaft +triumphiert -- trotz aller Zweifel unserer Anglomanen.« + +Der mit Diamanten übersäte Perser, in Ali Babas Gefangenschaft geraten, +schielte ihn hilflos mit seinem tränenden Auge an. Er war ihm vollkommen +ausgeliefert. + +»Wir haben Meldungen, daß in ganz Schottland schon kein Pfund Mehl mehr +aufzutreiben ist, und in Südwales gab es eine Hungerrevolte«, zischelte +der Kürbis. + +»So?« Der impertinente Ton wandelte den gelblichen Teint des Kürbis +augenblicklich in tiefes Scharlachrot. + +»Und Sie haben immer gezweifelt, gerade Sie waren immer derjenige! Auf +Grund genauester wissenschaftlicher Unterlagen, völlig einwandfreier +Statistiken --« + +Der Perser wischte sich die Tränen von den Wangen. »Ich pfeife auf +Statistiken, mein Lieber. Das Konversationslexikon genügt mir. Völlig +abgesehen davon --« + +»Völlig abgesehen?« + +Der Professor verfolgte den fliehenden Perser. + +»Völlig abgesehen davon --« + +»Hören Sie --« Der Professor versuchte den fliehenden Bekannten +festzuhalten. »Die Engländer haben kein Grubenholz mehr. Die englischen +Bergwerke versacken -- Sie entfliehen --?« + +Der Perser stürzte sich verzweifelt mitten in den Malstrom der Tänzer. + +»Ah, ah, so sind sie, so sind sie alle«, murmelte verzweifelt der +Kürbis. + +Schon hatte er einen neuen Bekannten erspäht. Aber gerade, als er sich +ihm nähern wollte, geriet er in einen Wirbel von Foxtrottänzern. + +In demütiger Haltung, sich ohne Aufhören verbeugend, ging der zerlumpte +Bettelmönch von Raum zu Raum und rasselte mit der Schale. Seine Brust +keuchte erregt, und seine Augen blinkten in jedes Frauengesicht. + +Wer bist du? + +Er ging weiter. Seine Augen drangen hinter die Schleier, glitten über +Hände, Ohren, Hüften, Füße. + +Wer bist du? + +Plötzlich zuckte er zusammen. Eine Hüfte -- nichts als das Wiegen einer +Hüfte beim Tanze . . . Ohne jede Rücksicht stürzte er sich zwischen die +Tänzer. Laut rasselte er mit der Schale vor einer etwas üppigen +Haremsdame, die wie ein Kolibri in allen Farben schillerte. + +Die Haremsdame blieb -- unwillkürlich -- stehen und sah ihm in die +Augen. + +»Wer bist du?« + +Aber stumm verbeugte sich der Bettelmönch. Bis zur Erde. Seine breite +Brust wogte unter den Lumpen. + +Die Haremsdame lachte -- nur Dora konnte eine derartige Fontäne von +Gelächter hervorsprudeln. + +»Du bist wohl stumm?« + +Der Bettelmönch nickte. Aber so oft Dora vorüberkam, verbeugte er sich +und rasselte mit der Schale, seine blinkenden Augen folgten ihr überall +hin. + +Schon war es ihm gelungen, Doras Neugierde zu wecken. + + +3 + +Über dem Dunst des Räucherwerks, den wirbelnden Turbanen, Federn und +Schleiern, auf der kleinen Empore, gerade über den Musikanten mit ihren +grünspanfarbenen Gesichtsmasken, bewegte sich plötzlich ein massiger, +breiter Schatten, der sich düster über die Decke reckte. Dann schrumpfte +der Schatten zusammen, und über der Brüstung erschien ein breites, +erdfarbenes, glanzloses Gesicht und blickte herab. Alle Blicke wandten +sich nach oben. Der General war gekommen. + +Der Räuber im durchlöcherten, billardgrünen Burnus deutete mit dem +vermummten Gesicht zur Empore und raunte Hedi eine Bemerkung ins Ohr, +die bei seiner Dame unbändige Heiterkeit auslöste. Sie fand ihren +Kavalier schnurrig über alle Maßen. Und so etwas Keckes und +Unverschämtes hatte sie überhaupt noch nicht erlebt! + +»Fort, fort, er sieht her! Wie herrlich du doch lachen kannst!« + +In der Tat, das erdfarbene Gesicht auf der Empore hatte die Brauen +hochgezogen. + +Der Räuber hielt die linke Hand mit dem gelblichen Brillanten wie zum +Schwure in die Höhe, seine Rechte berührte Hedis Schulterblatt, schon +tanzten sie. Obschon er sie kaum berührte, hielt er sie fest wie ein +Schraubstock, unentrinnbar. Und bei gewissen Figuren zog er sie +unvermittelt dicht an sich -- wie nur Räuber es vermögen. + +Unterdessen irrte Klara mutterseelenallein und tief unglücklich in der +labyrinthischen, farbenlohenden Höhle Ali Babas umher. Jeder Schlag der +dumpfen Trommel traf ihr Herz, die Pfeifen schrillten Verzweiflung. +Sobald aber das sonderbare Holzinstrument zu dudeln anfing, hielt sie +sich die Ohren zu und entfloh in die fernsten Winkel. Aber überall waren +diese verrückten Vermummten, in den entlegensten Winkeln. Aus allen +Ecken und Dunkelheiten winkten weiße Arme und Hände, blendeten heiße +Augen. In einem rotglühenden niedern Raum -- Ali Babas Opiumhöhle -- +kauerten sie in Scharen auf dem Teppich. Das Herz der kleinen türkischen +Witwe pochte gegen den Brief, den sie im Mieder trug -- heute morgen war +er gekommen. + +Plötzlich sah sie aus einer Nische ein Paar Augen auf sich gerichtet, +unendlich sanfte Augen voller Trauer, und sie versank angezogen in ihre +Betrachtung. Sie hob die Hände, auch die Erscheinung in der Nische hob +die Hände. Sie berührte Glas. + +»Du bist es -- Klara?« fragte sie, und die Erscheinung stellte die +gleiche Frage. + +Da aber griff plötzlich eine gespenstische, grüne Hand nach dem +Spiegelbild, und sie schrak zusammen. Doch niemand war da. Eine +Heiligenfigur, die ein Buch schwang, stand dem Spiegel gegenüber, und +durch den wehenden Vorhang war ein Lichtstrahl auf die grüne Hand des +Heiligen gefallen. + +Wunderbar . . . Heinz hatte oben in der Luft ihr Gesicht im Äther +dahinfliegen sehen. Es flog neben ihm her, genau so schnell wie die +»Schwalbe«. So hieß seine Maschine. + +Der Brief brannte auf ihrem Herzen. + +»Wir sind ja jung! Vor uns liegt das Leben, vor uns liegt die Zukunft. +Ich liebe dich, du Teuerster!« + +Und der Brief glühte. + +Schon taumelte sie wieder erschrocken zurück. Durch die Luft kam +kopfüber ein Mensch geflogen, ein Mensch, merkwürdigerweise in Uniform, +mit staubgrauem Gesicht und fiebrisch glänzenden Augen. »Feuerwalze, +Feuerwalze!« schrie erschrocken ein Chor von Stimmen. »Er hat sich das +Genick gebrochen!« + +Die fiebrischen Augen wandten sich der kleinen, grauen Witwe zu. »Du +weinst ja --« sagte der Uniformierte verwundert, und schon zuckte eine +Hand nach ihr. + +Aber schon floh Klara. Zwischen Vermummten hindurch, eine kleine Treppe +hinauf. Plötzlich hielt sie inne: in einem Sessel saß der General. Auch +für ihn gab es weder Tanz noch Musik. Zusammengesunken saß er, den Blick +in sich zurückgezogen. + +Düster brannten seine Augen. + +Er hatte sich früher auf Festen gelangweilt, heute bedrückten sie ihn. +Musik weckte Melancholien, fröhliches Gelächter Trauer. Er war ja nur +hierhergekommen, um Dora nicht zu kränken -- und um womöglich einige +Worte mit einer hochstehenden Persönlichkeit zu wechseln, die ihr +Erscheinen zugesagt hatte. Voller Verachtung blickte er auf diese Narren +herab, die sich in bunte Lappen hüllten. Die Frauen begriff er noch zur +Not -- es war ihre Natur -- aber die Männer --? Während das Brüllen der +Kanonen eine neue Epoche der Geschichte verkündete? + +Durch eine schmale Tapetentür schlüpfte Klara ins Treppenhaus. Hier, +zwischen alten Truhen und Schränken, atmete sie auf. Fern klangen +Trommeln und Pfeifen. Plötzlich lächelte sie wieder. + +Glücklicher war sie ja, als alle! Als alle! + +Und plötzlich tanzte die kleine graue Witwe mit stillen, kleinen +Schritten, für sich allein, zwischen den alten Truhen und Schränken. Sie +hatte noch nicht das Meer gesehen und noch nicht das Hochgebirge. +Zierlich hob sie die Füßchen: all das würde sie sehen -- mit ihm! +Venedig und Paris, London und eine Stadt in Indien -- zierlich wiegte +sie die Hüfte -- alles mit dir, mein Geliebter . . . + + * * * * * + +»Weißbach? Sind Sie es, Weißbach? Retten Sie mich!« rief Hauptmann Falk +und wischte sich den Schweiß vom grauen Gesicht. »Helfen Sie mir -- Sie +sehen mich in einem schrecklichen Zustand!« + +Weißbach lachte. + +»Ich bin behext, ein Weib hat mich total behext. Da -- da -- da -- das +ist sie! Sehen Sie diese Schwefelgelbe. Diese Hüfte -- grundgütiger +Himmel!« + +»Aber, das ist ja Dora!« rief Weißbach aus. + +»Dora? Wer ist Dora?« + +»Das wissen Sie nicht? Die Baronin Dönhoff selbst!« + +»Ah, ah -- gut, einerlei, wer es ist. Jedenfalls, sie sehen mich in der +fürchterlichsten Aufregung. Dieses --Weib hat mich vollkommen verrückt +gemacht. Sie kam zu mir und blinzelte mich an und berührte nur ein wenig +meinen Arm, aber ich sage Ihnen -- ein Strom! Jedenfalls -- es muß etwas +geschehen, und es wird etwas geschehen.« + +»Halt, halt -- Feuerwalze! Einen Augenblick! Nehmen Sie sich etwas in +acht.« + +»In acht, vor wem, vor ihr?« + +»Nein, vor ihm.« + +»Vor ihm? Er ist doch im Felde? In der Champagne!« + +»Nein, er ist keineswegs im Felde. Er ist hier.« + +»Hier? Hier --?« + +Weißbach flüsterte Falk etwas ins Ohr -- und Falk taumelte vor +Verblüffung zurück. + +»Wie sagen Sie --?« + +»Pst!« + +»Unmöglich!« + +»Nun, Sie werden schweigen!« + +»Ah, ah -- aber hören Sie?« + +»Sie sprechen nicht darüber? Ihr Wort!« + +»Ich spreche nicht darüber. Nein, was Sie sagen? -- Ich dachte, ich +hörte -- eine Königliche Hoheit?« + +»Das war ja früher. Vor der Heirat.« + +»Ah, ah! Ich verstehe! -- Aber hier kommt sie wieder! Sehen Sie doch, +diese Hüfte, diese Bewegung! Leben Sie wohl, Weißbach --« + +»Vorsicht!« + +Schon tauchte Falk zwischen den Vermummten unter. -- + +Der junge, schlanke Neger, der nur ein kurzes, rotgelbes Röckchen +anhatte, glitt mit Erfrischungen in das Zelt. Wohlgefällig folgten die +Augen der Prinzessinnen, Haremsdamen und Odalisken dem hübschen Sklaven. + +Hedi kühlte das fiebernde Gesicht, der süßliche Duft des Räucherwerks +betäubte sie. Ihre Wangen glühten durch den Schleier, ihre Augen +blinkten wie geschmolzenes Blei. Sie fühlte, wie eine Schweißperle über +ihre Hüfte rann, gerade wo der dünne Schleier sie bedeckte. Dieser +rinnende Schweißtropfen war wie eine wollüstige Berührung. + +Da hörte sie zu ihrem Erstaunen Klaras Stimme. + +Ihr Kavalier, ein steifer Beduine, in einer Kadettenschule erzogen, +sagte mit gelangweilter, selbstgefälliger Stimme: »In sechs, acht Reihen +griffen die Russen an, und wir warteten, bis sie ganz nahe heran waren, +dann erst eröffneten wir das Feuer.« + +»Wie schrecklich!« rief Klara aus. + +»Fünfmal griffen die Russen auf diese Weise an, immer in dichten Haufen, +und wir schossen sie zusammen. Sie schrien und stöhnten vor unseren +Verhauen. In der Nacht aber sank die Temperatur plötzlich auf minus 10 +Grad, da wurden sie still.« + +»Oh, wie entsetzlich!« Und Klaras Stimme verklang. + +»Also kein Freund von Generalen?« fragte Hedi. Hier in dem kleinen, +leeren Zeltzimmer war es Gott sei Dank etwas kühler. + +»Nein.« Der billardgrüne Räuber lachte, ein freches Räuberlachen. »Das +kann ich wirklich nicht sagen! Mit ihren Federbüschen, Ordenssternen und +Ritterschwertern wirken sie lächerlich auf mich, wie Gespenster aus dem +Mittelalter. Leider aber sind sie alles andere denn komisch. Ich +behaupte sogar, solange es Generale gibt, wird es Kriege geben.« + +»Solange es Kriege gibt, meinst du --?« + +»Keineswegs. Ich meine, was ich sagte. Solange man Leute zu dem einzigen +Berufe anstellt, Kriege vorzubereiten und zu führen, solange werden +Kriege unausbleiblich sein.« Der Räuber ringelte sich behaglich auf dem +Diwan zusammen und sog mit einem Strohhalm Eiswasser aus dem Glase. Er +schwatzte gern, tat gerne geistreich, Hedi hatte das längst +herausgefunden. Aber er gefiel ihr, und selbst sein Geschwätz über alle +möglichen Dinge hörte sie nicht ungern. Es wäre gänzlich falsch, +anzunehmen, daß Hedi nur für Flirt, Tanz und fünfzigpferdige, +dahinrasende Automobile Sinn hatte. Sie hatte auch Sinn für Gespräche -- +nur für Langeweile hatte sie nicht die geringste Verwendung. + +»Ja, unbedingt!« fuhr der Räuber eifrig fort. »Während die Welt nichts +Arges denkt, sitzen überall diese Generale und denken darüber nach, wie +sie ihre Kanonen verbessern könnten. Oh nein, sie verbessern sie nicht +selbst! Man kann in der ganzen Geschichte nachforschen, nie haben diese +Generale etwas erfunden, dafür haben sie ihre Spezialisten. Aber sobald +sie nun glauben, die besseren Geschütze zu haben, wird ihre Sprache +schon etwas kühner. Sie sammeln die große internationale Gemeinde der +Kanonenanbeter um sich, bestechen die Presse, stürzen Minister, die +nicht an ihre Kanonen glauben -- und schon ist das Unglück fertig. Nun +aber treten die Generale, die sich bisher im Hintergrund hielten, zum +großen Erstaunen der Mitwelt plötzlich in den Vordergrund. Keine Macht +der Welt ist von diesem Augenblick an mehr imstande --« + +»Ich höre, du bist nicht Soldat?« + +Wieder strich die kleine graue Witwe mit ihrem Kavalier an dem Diwan +vorüber. Der steife Beduine sagte: »-- stehe also auf der Sturmleiter, +die Uhr in der Hand. Mit der Sekunde springe ich aus dem Graben.« + +»Was für ein entsetzlicher Augenblick muß das sein«, sagte Klara. + +»Alles ist Gewohnheit. Der Mensch gewöhnt sich an alles, mein gnädiges +Fräulein.« + +Die glänzenden Pechaugen des Räubers lachten aus dem vermummten Gesicht. +»Soldat? Auch ich war Soldat«, erwiderte er. + +»War?« + +»Ja. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich bin tot.« + +Hedi brach in lautes Gelächter aus. + +»Ja, ich bin tot, meine schöne Maske,« fuhr der Räuber fort, »ich bin +gestorben im Lazarett zu Warschau. Meine Bestattung kostete mich tausend +Mark. Der Feldwebel hat mich aus der Stammrolle des Regiments +gestrichen, ich existiere nicht mehr. Neben meinem Namen steht: +Gestorben am Typhus --« + +Nein, wie Hedi doch lachen konnte! + +»Wie herrlich -- wie wunderbar!« Sie konnte sich gar nicht beruhigen. + +»Welch wunderbarer Einfall. Er ist tot! Wer bist du eigentlich? Kenne +ich dich?« + +»Wir sahen uns zuweilen im Kaiserhof.« + +Ah! Daß er sie solange täuschen konnte? Es war Ströbel. + + +4 + +Plötzlich erhob sich der General. Seine Hände griffen nach dem Geländer +der niedrigen Balustrade. Hatte nicht eben die Empore geschwankt wie bei +einem Erdbeben? Die Musik versank, der Ballsaal war leer, brodelndes +Nichts. -- + +Ein unerklärliches Gefühl der Verlassenheit schnürte ihm die Brust +zusammen. Eine fremde Welt, unverständlich! Aber plötzlich trieb ihn ein +Verlangen, sich unter diese fremden, unverständlichen Menschen zu +mischen, die sich in bunte Lappen hüllten und lachten. Ein paar Worte, +Dora, ein paar Worte mit ihr sprechen! + +Vorsichtig und tastend stieg er die wurmstichige Rokokotreppe hinab, die +unter dem Gewicht seines schweren Körpers krachte. Nunmehr war es ja +auch sehr unwahrscheinlich geworden, daß jene hochgestellte +Persönlichkeit, mit der er gerne ein paar Worte gewechselt hätte, das +Fest noch mit ihrem Besuche beehren würde. Der General bedauerte es +aufrichtig. Jene hochgestellte Persönlichkeit war niemand anderes, als +der Bruder der Gräfin Heller, dessen Name man nur ehrfürchtig zu +flüstern wagte. Der General hatte die Gelegenheit begrüßt, in den +Gesichtskreis einer Persönlichkeit treten zu können, die das Ohr des +Allerhöchsten Herrn hatte und über Schicksale entschied. Denn, nunmehr +war es offenbar: man hatte ihn vergessen, vollkommen vergessen. + +Am Fuße der Treppe stand der General still. Der Blick seiner hellen, +grauen Augen glitt über den Saal. Das breite, erdfarbene Gesicht zuckte +bei der Bemühung, die Starrheit der Miene zu lösen. Es mißlang. Diese +sorglosen, heiteren Menschen vermochten keine Teilnahme in seiner Brust +zu wecken, kaum daß Doras Lächeln, das ihn traf, so oft sie +vorbeitanzte, eine flüchtige Wärme in seinem Herzen anfachte. + +Nein, fremd, unverständlich! + +Er begab sich in das Speisezimmer, trank ein Glas Sekt und zerkaute +gelangweilt ein belegtes Brötchen. + +Der Erfrischungsraum war fast völlig leer. Ein Vermummter lehrte mit +feierlichem Ernst einer Verschleierten einige schwierige Tangoschritte. +Andächtig schob sich am Büfett ein befrackter Rücken entlang, von +Schüssel zu Schüssel. + +Dieser andächtige, befrackte Rücken war der Geheime Rat Westphal, den +der Anblick der aufgestapelten Herrlichkeiten völlig hypnotisiert hatte. +All die Kriegsjahre hindurch hatte er sämtliche Vorschriften und +Gesetze, die die Ernährung betrafen, peinlich genau befolgt. Schon wurde +es ihm beschwerlich, eine Treppe zu steigen, sein Gedächtnis schwand, er +schlief vor Schwäche die Hälfte der Zeit in seinem Bureau im Auswärtigen +Amt, schlief, schlief, aber befolgte die Vorschriften, denn schließlich +gehörte er ja zur Regierung, die sie erließ. Und hier, war es möglich, +hier gab es ganze Schinken, man denke sich! Es gab hier ganze Puten, +ganze Gänse, man denke! Es gab hier ellenlange Braten, man denke! Das +Fett troff von den Schüsseln, es gab hier Sardinen, woher denn, beim +allmächtigen Gott, sogar Früchte, obgleich sie beschlagnahmt waren. Es +gab hier Torten und Kuchen wie in einer Konditorei vor dem Kriege. Es +gab hier Butter, und es gab sechs verschiedene Sorten von Käse. Der +Geheime Rat hatte sich der Wollust des Kauens hingegeben. Er kaute, er +nahm hier ein Stückchen Lachs, dort einen Putenschenkel, dann ein +Stückchen gesülztes Fleisch, dann wiederum ein Schnittchen rohen +Schinken. Auch ein Scheibchen Gänsebraten, von der Brust, eine +Pfaffenschnitte dazu, so! Seit zwei Jahren hatte er nicht mehr +ordentlich gegessen. Er knabberte ein Radieschen, und, wie gesagt, die +ganze Reihe der Käse und der Kuchen lag noch vor ihm. Andächtig schob er +sich an den langen Tischen entlang, den Blick durch die Brille +gleichzeitig auf alle Herrlichkeiten gerichtet. + +Plötzlich aber blitzten in seinen Gläsern Ordensauszeichnungen, +Stickereien, das Rot des Generalstabes funkelte. Er prallte zurück. + +»Herr General«, sagte er, sich verbeugend, und balancierte den Teller +geschickt auf der Hand. + +Der General machte eine kühle Bewegung mit dem Kopfe und knarrte irgend +etwas in der Kehle. Nichts haßte er mehr als Aufdringlichkeit. + +»Geheimer Rat Westphal. Ich hatte bereits die Ehre, Herr General.« + +Eine kleine Pause der Verlegenheit entstand, die immer eintrat, wenn +Vertreter der hohen Generalität und Angehörige des Auswärtigen Amtes +sich begegneten. + +Der General hatte einen unüberwindlichen Argwohn allen Beamten des +Auswärtigen Amts gegenüber, und der Geheime Rat seinerseits gebrauchte +allen Militärs gegenüber -- äußerste Vorsicht! Er hatte Angst vor ihnen, +er fürchtete sie, offengestanden. + +»Ich bin allerdings etwas mager geworden«, sagte der Geheime Rat mit +nachsichtigem Lächeln und schob den Finger zwischen Kragen und Hals. +»Ich trug vor dem Kriege Kragen 42, aber nun könnte ich 38 tragen.« + +»Es geht uns allen nicht besser«, antwortete der General. »Wie +beurteilen Sie diese Sache?« Und der General langte nach einem +Lachsbrötchen. + +Der Geheime Rat griff nervös nach dem dünnen Chinesenbart. + +»Ich bin,« begann er, »ich bin hoffnungsvoll. Es ist natürlich schwer zu +sagen, aber ich halte die Lage, jetzt in Anbetracht der militärischen +Situation für, ich möchte sagen, ganz vorzüglich, obgleich zu bedenken +ist -- England --« + +»Wie, bitte?« Der General beugte sein knorpeliges, rotes Ohr mit den +kleinen Haarpinseln zu dem Chinesenbart herab. + +Der Geheime Rat knackte verwirrt mit den Fingern und wich etwas zurück. +»Ich spreche natürlich nur meine Private Ansicht aus. Ich kenne +keineswegs -- ich weiß keineswegs, wie der Minister die Situation +beurteilt. Ich habe den Minister seit einem Jahre nicht gesprochen.« + +»Sie sprechen von der politischen Lage?« + +»Ich meinte, Herrn General so verstanden zu haben.« + +»Ich meinte nur, wie Sie diese Sache heute abend finden.« + +»Oh -- Verzeihung! Ich finde, es ist wie ein Delikatessenladen vor dem +Kriege, genau so, eine Art, möchte man sagen, Schlaraffenland, ha ha +ha!« + +»Après nous le déluge!« sagte in diesem Augenblick ein heftig +schwitzender Beduine zu einer zierlichen Schleierfee. + +Rügend wandte sich das Auge des Generals auf den Beduinen. Gerade dieser +Geist war es, der am Mark des Volkes zehrte. Mit einer Art von +Bewunderung mußte er in diesem Moment an den französischen +Ministerpräsidenten denken, der all diese Schwätzer und Kleinmütigen +ohne viel Umstände -- an die Wand stellte! + +Wo aber war hier, hier in Deutschland das hypnotische Auge, das diese +Hypnose des Schreckens, die unter allen Umständen nötig war, auf das +Volk ausübte? Wo hier --? + +In diesem Moment verbeugte sich ein Befrackter vor dem General, als +wolle er ihn zum Tanz engagieren. Es war indessen nur Petersen, der +meldete, daß Seine Exzellenz gekommen waren. + +Eine flüchtige Röte huschte über das erdfarbene Gesicht. + +Schon hatte der hohe Würdenträger den Saal betreten. Am Arme Doras +trippelte er dahin, ein greisenhaftes, zerstreutes Gewohnheitslächeln +auf dem langgezogenen, völlig glatten Wachsgesicht, das wächserne +schmale Ohr aufmerksam gegen Doras gemalte Lippen geneigt. Ein +Ordensstern blitzte auf seinem Frackhemd. + +Augenblicklich dämpfte sich der Lärm des Festes. + +»Wer ist es?« + +Leises Wispern. + +»Ah --?« + +Ganz deutlich war plötzlich für alle der Abglanz der Allerhöchsten +Gnadensonne, in deren Schein der hohe Würdenträger nach Fügung des +Himmels seine Tage verlebte, auf dem wächsernen, glatten Gesicht zu +sehen. + +»Und was für einen Orden trägt er?« + +»Wie alt er geworden ist! Nur seine Augen sind noch die gleichen!« +dachte Dora, während sie sich an ihn schmiegte, als sei sie seine +Tochter. Sie durfte diese Vertrautheit wagen, denn er hatte in ihrem +Hause verkehrt -- damals! Er wußte alles. Aber damals war er noch nicht +Exzellenz, damals wurde er von seinen Freunden noch Franz der Erste +genannt, und die intim befreundeten Damen nannten ihn einfach Franzl. +Auch sie nannte ihn so. »Was ist nun aus ihm geworden? Eine Ruine!« + +Aber Dora strahlte. + +Der hohe Besuch rief Erinnerungen wach in ihr an jene Zeit -- an damals +-- da sie bewundert und auf den Händen getragen wurde, von aller Welt, +da alle Welt wetteiferte, ihr gefällig zu sein, da täglich Geisterhände +sämtliche Vasen und Schalen ihres Hauses mit den wunderbarsten Blumen +füllten. Und das heutige Fest erschien ihr plötzlich als eine +Fortsetzung jener blendenden Feste dieser Zeit. Wieder trug sie in einer +Nacht ein Dutzend verschiedener Kostüme, wieder wurde sie stets neu +entdeckt und stets neu bewundert. Wieder war sie von einem Schwarm von +Anbetern umgeben. Da war dieser Hauptmann, mit dem drolligen Namen +Feuerwalze -- hoffnungslos verliebt in sie! Da war dieser Sonderbare, +Unbekannte mit der rasselnden Schale, der sie auf Schritt und Tritt +verfolgte -- und da waren noch andere, die ihr Worte ins Ohr flüsterten, +die beim Tanzen plötzlich -- und ein eifersüchtiges Auge wachte über ihr +-- ganz wie damals. + +»Hier ist er!« rief Dora mit heller Stimme und übergab den hohen +Würdenträger auf der Empore dem General. + + +5 + +Mit allen Anzeichen mühsam zurückgehaltener, freudigster Überraschung +erhob sich der General. + +Wie alt er geworden ist, dachte auch er. Und die eine Augbraue ist schon +ganz verzerrt. Eine Wachsfigur! Er verbeugte sich. Der Orden, der auf +dem Frackhemd der Exzellenz funkelte, wog allein mehrfach alle +Auszeichnungen auf, die der General auf der Brust trug. + +»Ich bitte«, flüsterte der Träger des hohen Ordens und streckte dem +General beide Hände entgegen, »aber ich bitte Sie herzlich, mein lieber, +alter Freund, freue mich, Sie wiederzusehen, freue mich ganz +außerordentlich, wieder einmal Gelegenheit zu haben.« + +Schon stand ein Sessel bereit, und der General beachtete genau, bis der +hohe Würdenträger sich gesetzt hatte, bis er richtig saß. Erst dann +wagte er, neben ihm Platz zu nehmen. + +»Erfreut, außerordentlich erfreut. Ich bin etwas verspätet, ein Diner.« + +Petersen trat hinter den Sessel der Exzellenz. + +»Ich danke -- doch, einen Augenblick, mein Freund. Ein Glas Wasser, wenn +ich bitten darf.« + +»Ich sehe mit aufrichtiger Freude, daß Euer Exzellenz sich sehr +wohlbefinden«, rief der General. + +»Bis auf mein altes Darmleiden, mein Freund --« + +Die Unterhaltung wurde in lautem Tone geführt, denn der hohe +Würdenträger war schwerhörig, und es war bekannt, daß er es niemals +zugestand und niemals fragte. Man behauptete sogar, daß er die +wichtigsten Verhandlungen führe, ohne ein einziges Wort zu verstehen, +und völlig freie Erfindungen weitergäbe. Die Stimme des Generals klang +kräftig, er wünschte, daß der hohe Würdenträger kein Wort verliere. Wie +geschickt Dora diese Begegnung arrangiert hatte! Vielleicht würde diese +Gelegenheit, sich in Erinnerung zu bringen, nie wiederkehren. + +»Zwischen den Schlachten«, sagte die Exzellenz lächelnd, und deutete auf +Turbane, Federbüsche und die Woge von nacktem Fleisch da unten. + +»Exzellenz bemerken sehr treffend. Es sind zumeist Offiziere, die auf +Urlaub hier sind, Atem schöpfen, um morgen zur Front zurückzukehren.« + +»Ja, ja, ja.« + +»Exzellenz --.« + +Der Einflußreiche legte seine weichen, kleinen Hände auf den Schenkel +des Generals. »Lieber Freund,« sagte er, »ich darf wohl bitten, alles +Zeremoniell zu lassen. Wir sind doch alte Freunde. Ja, wie lange kennen +wir uns schon?« + +»Es sind,« der General dachte nach, »es dürften wohl dreißig Jahre +sein.« + +»Dreißig Jahre!« Der hohe Herr rückte auf dem Sessel hin und her, wiegte +den wächsernen Kopf und lachte beunruhigt. »Ein Menschenalter! Ich +erinnere mich noch sehr deutlich, daß wir ebenfalls in Berlin einmal auf +einem Ball waren. Es war, wo war es denn nur gleich?« + +Der General errötete. Nun wird er sich gewiß an diese Affäre erinnern, +an diese Entführung, und alles wird vergeblich sein. + +»Ich erinnere mich nicht«, sagte er. + +Aber mit dem Eigensinn eines Greises forschte der hohe Würdenträger in +seinem Gedächtnis nach. + +»Es war bei Baron Kreß«, rief er aus. »Ja, nun habe ich es, und es war +eine entzückende Dame da, eine reizende kleine Person! Ah, ah, ah, wie +hieß sie doch?« + +Der General schwieg beharrlich, außerordentlich peinlich war die +Situation. Scham erfüllte ihn, daß er nicht den Mut hatte, zu bekennen, +daß diese reizende kleine Person, wie Exzellenz sie zu nennen geruhten, +später -- + +»War es nicht eine kleine Baronesse Bassewitz? Nein, nein, es war -- +nun, es ist lange her. Ich bin nicht für die Ehe geboren gewesen, mein +lieber Freund. Und wie fühlen Sie sich in Berlin?« + +Der General rückte auf seinem Sessel. »Wo mich mein König hinstellt,« +heulte er in das Ohr Seiner Exzellenz, »da --«, er stockte. + +Aber der Greis verstand vollkommen. + +»Ja, ja, ja,« nickte er. Ach, er hatte diese Phrase tausendmal in seinem +Leben gehört. Er klopfte sich auf den Mund, um ein Gähnen zu verbergen. + +»Ich höre aber, daß Sie sich bei der Truppe wohler fühlten, lieber +Freund? Meine Schwester --« + +»Ich erfülle meine Pflicht und beklage mich nicht!« beteuerte der +General. »Indessen ist es ja selbstverständlich für einen Frontsoldaten +--« + +»Ja, ja, ja -- natürlich, selbstverständlich.« + +Der Würdenträger versank in Nachdenken, schloß die großen Greisenaugen +zur Hälfte, und es sah eine Weile aus, als ob er einschlafen wolle. Er +erinnerte sich plötzlich, daß man, vor gar nicht langer Zeit, bei der +Frühstückstafel von diesem Hecht-Babenberg gesprochen hatte. Irgend +etwas war ihm mißlungen oder besser gesagt, nicht gelungen -- irgend +etwas an der Front, und man sprach von einer Untersuchung, die schwebte. +Natürlich nur schwebte, alle diese Untersuchungen schwebten, und das war +ganz in Ordnung. Das Ansehen der Armee würde anders leiden. Daran dachte +er, und er quälte seinen alten, spitzen Kopf, um sich zu erinnern, +welches Mißgeschick dem General eigentlich passiert war. Es hatte sich +um eine Höhe gehandelt -- um irgendeine von diesen vielen Höhen, von +denen immer die Rede war. Er war kein Militär, und er kannte die Front +nur als eine ungefähre blaue Linie, die er überall in den Beratungssälen +auf den Karten sah. + +Er las die Heeresberichte nicht mehr, seit langem, seit einigen Jahren +-- es waren ja immer die gleichen Orte. Ganz offen gestanden, +interessierte ihn die Front auch nicht, in militärischen Fragen war er +Laie, sie gehörten nicht in sein Ressort. Aber es hatte sich damals um +eine Höhe gehandelt, eine Höhe, na, es war ja schließlich vollkommen +einerlei. Hm, es würde wohl -- im Hinblick auf dieses Mißgeschick -- +nicht ganz leicht sein . . . + +Plötzlich verklärte ein Lächeln sein Gesicht. Da unten -- wie scharmant +-- hatte sich soeben ein Pärchen ganz sans géne während des Tanzens +geküßt! Diese Jugend -- wieder rückte er unruhig auf dem Sessel. + +Der General aber erlaubte sich zu erwähnen, daß auch hier in Berlin +wichtige Arbeit zu leisten wäre. Es waren gewisse Einflüsse am Werk, +pazifistische, jüdisch-liberale, radikalsozialistische Einflüsse, die zu +bekämpfen waren. Der Wille des gesamten Volkes mußte zusammengeballt und +in eine Richtung gelenkt werden, zu einer letzten gewaltigen +Anstrengung. »Gewaltigen, gewaltigen!« schrie er in das wächserne Ohr +der mit schrägem Kopf lauschenden Exzellenz. + +»Ja, ja -- sehr richtig -- sehr schön --« + +Der General aber benutzte die Gelegenheit, dieser hohen Stelle seine +militärisch-politischen Ansichten im allgemeinen darzulegen. Der +Peipussee, der Weg nach Indien über den Kaukasus, die Zerschmetterung +Englands vom Orient aus, der Korridor über die Türkei und Ägypten nach +einem mächtigen deutschen Zentralafrika, Rohstoffreservoire, +Siedlungsgebiete, maritime Stützpunkte . . . + +»Sehr interessant -- sehr wohl --« + +Fließend trug der General seine Gedanken vor, sie bildeten das Thema +eines fertig ausgearbeiteten Vortrags, den er in den nächsten Tagen im +Bund Barbarossa halten wollte. + +Der hohe Würdenträger nickte und blinzelte durch das geschnitzte +Geländer der Empore hinunter in den kleinen Saal. Viel angenehmer wäre +es ihm gewesen, wenn der General über diese Beinchen, Hüften und +Gesichtchen gesprochen hätte -- diese modernen Tänze waren sehr +reizvoll, wenn auch etwas gewagt. All das, was der General sagte, hörte +er täglich von Militärs. Nur diese Sache mit dem Korridor über Ägypten +war eine neue Variante. + +»Sehr wohl -- sehr richtig --«, sagte er und nickte. + +Und dieser Hauptmann, der eben mit Dora tanzte, sah es nicht ganz so +aus, als sei er -- etwas bekneipt? Bewundernswürdig diese überschäumende +Lebenskraft . . . + +Dora gab es auf, mit Hauptmann Falk zu tanzen. + +»Ich bin durstig, Feuerwalze!« + +Gab es eine Bitte in der weiten Welt, die der Hauptmann mit größerem +Entzücken erfüllt hätte? Nein, keine. Er wollte Dora die gesamte +Weinernte von drei Jahrgängen zu Füßen legen, er schwor, die Weinkeller +der Millionäre in der Nachbarschaft zu plündern, wenn es sein müsse. + +»Gib Wein, schwarzer Halunke!« schrie er dem fetten Neger zu. + +Er leerte sein Glas auf das Wohl seiner Dame und warf es -- nun höchst +einfach -- mitten in das Orchester. Das gehörte zu seinem Stil. + +»Spielt, ihr Schweine!« schrie er, und als die Musiker sich entsetzt +umblickten, fügte er mit einer tiefen Verbeugung, auf Dora weisend, +hinzu: »Für meine Dame!« + +Dann nahm er einen blauen Lappen aus der Tasche, rollte ihn zu einer +Kugel zusammen, spuckte darauf und warf ihn den Musikern zu. Auch das +gehörte zu seinem Stil. Nun verbeugten sich die Musiker. + +Vor knapp fünf Stunden war der Hauptmann in Berlin angekommen und bei +Ströbel, wie gewöhnlich, abgestiegen. Gestern früh, um sieben Uhr, hatte +er noch an der flandrischen Küste einen Graben gestürmt, mit dem Messer +hatte er gearbeitet, heute tanzte er hier -- es war ein Krieg mit +Komfort, wie er sagte -- morgen abend, um zehn Uhr, ging sein Zug -- +vielleicht mußte er übermorgen wieder mit dem Messer arbeiten -- +einerlei. + +»Und noch ein Glas auf das Gedeihen dieser kleinen Härchen im Nacken da +--!« Ja, durch ein Sektglas gesehen hat die Welt ein ganz anderes +Gesicht. + +Dora fand ihn ungeheuer drollig. »Weshalb aber trinken Sie so +schrecklich, Feuerwalze?« + +Der Hauptmann versicherte, daß er ein Vulkan sei, sozusagen, ein Vulkan, +der sich bemühe, seine Temperatur zu halten. Dazu hätten ihn heute diese +kleinen Nackenhärchen rasend gemacht -- und dieses Ohrläppchen und noch +andere Sachen. Und er sei nichts als ein armes Frontschwein, +bedauernswert, kaum vierundzwanzig Stunden Zeit -- + +Plötzlich umschlang er Dora. Sie entfloh. + +Schon aber rasselte die Schale, und ein bleicher Arm streckte sich dem +Hauptmann entgegen. + +»Huh, hier ist er wieder. Ein unheimlicher Geselle.« + +»Befehlen Sie, Gnädigste, und wir werden ihn töten. Hinweg mit dir, +Sklave!« schrie der Hauptmann mit gutmütigem Lachen. + +Aber da begann der Bettelmönch plötzlich zu wachsen -- er wuchs, und +seine Augen blitzten . . . + +»Bist du es?« + +Hedi zupfte den Bettelmönch am Arm. Ihr Herz schlug. + +Die blinkenden Augen zwischen den Tuchlappen zogen sich zusammen zu +Schlitzen, wie bei einer Eule. Der Bettelmönch wich zurück und verbeugte +sich, während er mit der Schale rasselte. + +»Bist du es, sprich?« + +Schweigen. + +»Kennst du meine Stimme?« + +Der Bettelmönch schüttelte stumm den Kopf. + +»Zeige deine linke Hand!« + +Der Bettelmönch zog beide Hände unter die Vermummung zurück und +verneigte sich noch demütiger, bis zur Erde. Es war ihm nicht +beizukommen. + +Eine Dame flüsterte Hedi ins Ohr: »Es ist eine Königliche Hoheit.« + +»Wer???« + +»Man sagt es.« Scheu wich Hedi zurück. + + * * * * * + +»Ich bin der Ansicht,« schrie der General in das schmale wächserne Ohr, +»nur noch eine einzige, gewaltige Kraftentfaltung des deutschen Volkes, +und wir werden den Frieden diktieren.« + +Der hohe Würdenträger wiegte den spitzen Kopf. + +»Es ist möglich,« unterbrach er den General, »daß diese Anstrengung +nicht mehr nötig sein wird. Dies, bitte, ganz unter uns! Ja es ist +möglich, daß sie genug haben!« Plötzlich tat der hohe Würdenträger +geheimnisvoll. Aber immerhin -- er verbrachte seine Tage in +allernächster Nähe der allerhöchsten Persönlichkeiten. + +»Wie belieben?« + +»Möglich, immerhin möglich! Es sind Anzeichen dafür vorhanden. England +. . . Aber bitte, ganz unter uns!« Völlig unvermittelt erhob er sich. +»Außerordentlich gefreut, mein lieber Freund -- ganz außerordentlich. +Sehr interessant -- Ihre Ausführungen, sehr interessant. Bitte herzlich, +sich ja nicht zu bemühen --.« + +Er war ja nur auf einige Minuten hierhergekommen, erstens, um dieser +prächtigen Dora die Freude zu machen, zweitens, um seiner Schwester +gefällig zu sein, und drittens -- nun drittens gab es nicht. + +Vorsichtig stieg die steile, kantige Glatze die schmale Treppe hinunter, +die noch heute nach Weihrauch roch. + +Der hohe Würdenträger kroch in seine schwarzlackierte Limousine und zog +eine Pelzmütze über den kahlen Schädel. + +»Große Fähigkeiten, ohne Zweifel«, sagte er vor sich hin, indem er sich +im Polster zurechtrückte. »Aber weshalb schreien diese Militärs alle so? +Er hat mich fast taub geschrien.« + +Und er schlief augenblicklich ein, während die Limousine lautlos durch +die Finsternis schlich. + + +6 + +Kaum hatte der hohe Würdenträger die rote Backsteinvilla verlassen, so +brauste der Lärm erneut auf. Die hochstehende Persönlichkeit da oben, +mit dem General zur Seite, hatte die Ausgelassenheit etwas beeinflußt. +Es war peinlich für viele, zu denken, daß ein so hoher Würdenträger sie +bei ihren Albernheiten belausche. Schon der General störte, er störte, +ohne es zu wissen, und man wünschte, daß er möglichst bald verschwinde. + +Es kam auch die neue Kapelle. Zigeuner, die bis dahin in einer Bar +gespielt hatten. Es war die beste Kapelle von Berlin, und augenblicklich +fühlten es alle Tänzer. + +Plötzlich aber ertönte laut und dröhnend ein Gong, und gleich darauf +wurde es, bis auf wenige Kerzen, dunkel. Eine kleine, helle Bühne mit +einem phosphorgrünen, dunstigen Vorhang im Hintergrund leuchtete. Der +Vorhang teilte sich. Eine Hand erschien, ein nackter Arm, eine +elfenbeinerne, glänzende Schulter. Eine schlanke Tänzerin trat aus dem +Vorhang. + +Alle Turbane, Perlenschnüre und Federbüsche sanken plötzlich zur Erde +nieder. + +Die Tänzerin war ein wunderbares Geschöpf mit einem herrlichen Körper +und jungen, kleinen Brüsten. Sie war vollkommen nackt, nur um die Hüften +trug sie eine Kette aus blauen Steinen und einen kleinen Schleier, eine +Hand breit. + +Mit jedem Schritt löste sie sich mehr vom Dunkel los, ganz allmählich +tauchte ihr Körper in das Licht. Zuerst nur eine Ahnung von Fleisch und +Herrlichkeit, wurde er langsam verwirrende Wirklichkeit. + +Wie eine Somnambule schritt die Tänzerin vorwärts, die Augen visionär in +die Ferne gerichtet. Sie hatte die Hände, zierliche, transparente +Finger, an ihre beiden jungen Brüste gelegt. Nun stand sie still, ohne +jede Regung. Dann -- bei einer bestimmten musikalischen Phrase -- hob +sie langsam den linken Fuß und begann sich in der Hüfte zu drehen. + +In diesem Augenblick aber hub eine Uhr an zu schlagen. Es war ganz +still, so daß das dumpfe, rasselnde Schlagen der Uhr deutlich zu hören +war. + +»Diese dumme Uhr!« sagte Dora halblaut und ärgerlich. + +Die Musik brach ab, die Tänzerin stand, die zierlichen Finger an den +Brüsten, regungslos, mit leicht geneigtem Haupte, um das Schlagen der +Uhr abzuwarten. + + * * * * * + +Genau zur gleichen Stunde, an diesem Abend, meldete man Hauptmann v. +Dönhoff in dem halbzertrümmerten Keller des Champagne-Dorfes, wo er +zurzeit hauste, daß der befohlene Wagen zur Stelle sei. Dieser Wagen +sollte den Leichnam seines Adjutanten Kammerer, gefallen auf der +Beobachtung, nach rückwärts bringen. Dönhoff hatte den Wagen auf +Mitternacht bestellt, weil zu dieser Zeit das feindliche Feuer weniger +heftig auf seinem Dorfe lag, das heißt auf dem Schutthaufen, der von dem +Dorfe übriggeblieben war. Die Nacht hatte indessen keine Ruhe gebracht. +Die Geschütze tobten, und auch die Batterie Dönhoff feuerte, was die +Rohre hergaben. Die schweren Schläge der Haubitzen erschütterten +unaufhörlich den Keller, in dem die Batterieoffiziere um den Sarg des +gefallenen Kameraden versammelt waren. Einschläge knatterten. Eine +zusammengestürzte Scheune nebenan hatte einen Treffer bekommen, und der +Schutt qualmte, ätzender Rauch drang in das Kellerloch. + +Punkt zwölf Uhr wurde der Sarg von einigen Batterieleuten hinausgetragen +und auf den Krümperwagen gelegt. Darauf verließen die Offiziere den +Keller, um dem gefallenen Kameraden das letzte Geleit zu geben. + +Die Luft war lau, erfüllt vom ätzenden Rauch der qualmenden Scheune. Der +Himmel wetterleuchtete ohne Pause von dem Gespinst von Blitzen, das von +Horizont zu Horizont geisterte. Deutlich waren die umstehenden Kameraden +zu erkennen -- sogar die Tränen in ihren Augen. Furchtbar tobten die +Geschütze, und die Abschüsse der Batterie, die feindliche Zufahrtstraßen +unter Sperrfeuer hielt, knallten wie Explosionen. Die Granaten sägten +und gurgelten über die Köpfe hinweg in die Nacht hinein. + +Gegen Süden zu, hinter der feindlichen Linie, stand ein feuerspeiender +Berg. Ein blutroter Glutkegel stieg in den schwarzen Himmel, unheimlich +und düster: irgendein Lager war da drüben bei ihnen in Brand geraten. +Nur wenn die Haubitzen in der Nähe ihre Feuergarben in die Nacht +schleuderten, so glomm der Vulkan für Augenblicke fahler. Ohne Pause +zuckten aus der Frontlinie gespenstige Lichtsignale in allen Farben +empor. Sie krochen bald niedrig über dem Boden, bald erhoben sie sich +wie Raketen und sprühten in der Höhe. Wie die höllischen Leuchtfeuer der +Unterwelt sahen sie aus, der die Totenschiffe zusteuern. + +Eine Laterne wanderte um den Krümperwagen, die Hinterteile der schweren +Batteriepferde glänzten, der Sarg dehnte sich fahl im Wetterleuchten der +Abschüsse. Auf dem Bock kauerte ein Schatten, dessem Maul Funken +entstoben. + +Die wütenden, raschen Schläge seiner Batterie erfüllten Hauptmann +Dönhoff mit Genugtuung. Gebt es ihnen tüchtig! Rache für Kammerer! Auch +der rotglühende Vulkan im Süden befriedigte ihn. + +Erregt suchte der Gegner die Dönhoffsche Batterie zu packen. Ringsum +flammten die Einschläge. + +»Sie haben Kammerer eine ordentliche Totenfackel angezündet«, sagte er, +und seine Stimme war von einem grausamen Triumph erfüllt. + +Die Schatten der Offiziere drehten sich gegen Süden. »Ein Depot brennt«, +sagte eine Stimme. Unruhig wieherte ein Pferd. + +»Kameraden«, schrie plötzlich Dönhoff mit übermäßig lauter und scharfer +Stimme. Er wollte möglichst rasch über die Szene hinwegkommen, er wollte +seinen Schmerz über den Verlust Kammerers verbergen, mit dem er drei +Jahre zusammengelebt hatte. + +»Kameraden, Kammerer verläßt uns. Er war ein tüchtiger und prachtvoller +Junge. Fahre los! Lebe wohl, Kammerer!« + +Dönhoff legte die Hand an die Mütze, und die Offiziere taten das +gleiche. Die kleine Laterne kroch über die Räder empor neben den +Kutschersitz und beleuchtete den langen, gelben Sarg. + +In dieser Sekunde aber -- + +In diesem Augenblick begann es in der Luft zu sausen, ein hohles, +saugendes Rauschen war plötzlich nahe, und im nächsten Augenblick schlug +eine blendende Lohe bis zum schwarzen Himmel empor. Dönhoff stürzte, den +Arm vor die Augen geschlagen, rückwärts in den Keller hinab. Er hörte +den Knall der Explosion nicht mehr. + +Verschwunden war der Wagen, der Kutscher, die Pferde und der Sarg. +Verschwunden waren die Offiziere, nichts blieb als der kräuselnde, +stinkende Qualm über dem Schutthaufen, den die schwere Granate +hinterließ. Aber die Haubitzen feuerten noch. + + * * * * * + +Die Uhr hatte ausgeschlagen. + +Die Tänzerin erwachte aus der hypnotischen Starre, in die das Rasseln +der Uhr sie versenkt zu haben schien, die Lider hoben sich, und gelbe +Funken fuhren aus den Augen. Sie atmete wieder. Ihre zierlichen Finger +lösten sich von den jungen Brüsten, sie drehte sich in der Hüfte, hob +das linke Bein, knickte plötzlich zusammen, so daß sie mit dem Kinn das +Knie des linken Beines berührte -- lächelte verzückt -- und ihr +Elfenbeinkörper blitzte. + +Dichtgedrängt glänzten die Augen der Vermummten im Halbdunkel. Eine +Schattenkugel mit zwei großen Ohren hob sich für einen Augenblick auf +dem hellen Hintergrund gespenstisch ab. Aber rasch duckte Professor +Salomon sich wieder auf den Boden. + +Der General auf seiner Empore hatte den goldenen Kneifer aufgesetzt. + +»Du bist noch schöner!« flüsterte Ströbel in Hedis Ohr, und seine Lippen +berührten ihren Nacken. Sie saßen dicht nebeneinander auf dem Boden. »Es +ist nicht Liebe -- ich belüge dich nicht, wie die andern Männer, aber es +ist -- Sympathie.« + + +7 + +Die kleine türkische Witwe in Grau hatte ihre ganze Kundschaft +eingebüßt. Alle fanden, daß sie reizend sei -- aber tödlich langweilig. +Zuletzt hatte sie das Glück gehabt, einen Offizier zu treffen, der die +Kampfstaffel Wunderlich kannte -- er lag ganz in der Nähe -- und ihr +versprochen hatte, Heinz Grüße zu bestellen. Das war der einzige +Lichtpunkt des Festes. Sonst fand sie es entsetzlich. Entsetzlich diese +Frauen, die halbnackt von Arm zu Arm wanderten, entsetzlich diese +Männer. Auch Hedi -- nun, du bist durchschaut, Hedi, gib dir keine Mühe +mehr. + +Nun saß die kleine türkische Witwe mutterseelenallein auf dem Diwan im +Zeltzimmer, das Gesicht nachdenklich und gelangweilt in die Hände +gestützt. Alles würde sie Heinz schreiben, ja, schon begann sie in +Gedanken den Brief. + +Sie hatte darauf verzichtet -- rundweg verzichtet -- diese schamlose +Person tanzen zu sehen. Sollte man so etwas für möglich halten? Und man +sagte, daß sie dreihundert Mark für den Abend bekäme und überall tanze, +wo man sie engagiere. Nicht für eine Million würde die kleine graue +Witwe, nicht für eine Million würde sie -- pfui. + +Verlassen stand im Vorzimmer der Heilige, der mit wilder Gebärde das +Buch schwang, allein, wie sie. Sie fühlte Mitleid mit ihm und küßte ihm +die kalte, grüne Hand. + +Das Haus war völlig leer. Selbst die Dienerschaft drängte sich unter den +Türen zusammen. Auch Papa -- ja, selbst ihr Papa -- seht an! Da stand +er, mit einem Sektglas in der Hand. + +Klara stieg die Treppe empor -- aber sofort kehrte sie wieder um. Da +oben, bei den Truhen und Schränken stand der Bettelmönch mit seiner +Schale, und sie fürchtete sich, ihm allein zu begegnen. Obwohl man +sagte, daß es eine Königliche Hoheit sei. Auch er fand gewiß diese +Nackttänzerin schamlos. + +Drinnen raste der Beifall. Die Musik setzte von neuem ein. + +Dora eilte an ihr vorbei die Treppe hinauf. + +Es war Zeit, wieder das Kostüm zu wechseln, nicht wahr? Es war auch die +beste Gelegenheit, gerade jetzt, wo der Tanz wieder begann. + +Rasch rauschte Dora an den Truhen und Schränken vorüber. Da reckte sich +ihr aus einer dunkeln Nische die rasselnde Schale entgegen -- wieder +stand er da und verneigte sich. + +Sie schrak zurück. Aber gewiß wollte der demütige Bettelmönch nichts +Böses. + +Sie waren ganz allein, unten lärmte das Fest. + +»Wer bist du?« fragte Dora. + +Der Bettelmönch schüttelte den roten Turban. + +Dora trat dicht an ihn heran und blickte in seine Augen, die zwischen +Vermummung und Turban blendeten. Einen Augenblick lang hatte sie, +erschreckend, gedacht, vorhin, er könnte es sein -- er, das Gerücht, das +kursierte! War es nicht möglich, daß er hierhergekommen war, auf eine +Stunde, unerkannt von allen Gästen, unerkannt selbst von ihr, um +wiederum unerkannt zu verschwinden. Es war unmöglich -- und doch, +wunderbar war dieser Gedanke. + +Aber die Farbe der Augen stimmte nicht. Dieser Bettelmönch hatte helle +Augen. + +Plötzlich sagte der Bettelmönch: »Dora.« + +Und augenblicklich erkannte ihn Dora an der Stimme. + +»Du --?!« + +Der Bettelmönch, der den ganzen Abend stumm geblieben war, brach in +lautes, heiteres Lachen aus. + +»Ja, ich bin es.« + +»Und ich habe dich nicht erkannt! Du hast geschrieben -- noch heute --« + +»Ich wollte dich überraschen!« + +Dora zog ihn einige Schritte mit sich, bis zur Türe. »Geliebter --« +flüsterte sie. + +Die Lappen fielen vom Gesicht des Bettelmönchs, und seine Zähne +blitzten. + +Plötzlich umschlang er sie mit ungestümer Gewalt. + +»Nein, nein --« sagte sie, bat sie. »Sei vorsichtig -- der General -- er +blickt heraus --!« + +In der Tat war plötzlich für eine Sekunde das Gesicht des Generals an +der kleinen Tapetentür aufgetaucht, die auf die Diele führte. Allerdings +nur für eine Sekunde. Er hatte sie wahrscheinlich gar nicht gesehen. + +»Laß ihn ruhig!« + +Eine Perlenkette zerriß, und die Perlen prasselten auf den Boden. Mit +dünnem Knallen sprangen sie die Treppe hinab, eine hinter der anderen. + + * * * * * + +»Beunruhigung?« Der General zog die Brauen in die Höhe. + +»Ja, ich meine, das Volk --« + +»Das Volk?« Der General wiegte geringschätzig den Kopf. + +»Verzeihung,« antwortete der kleine, elegante Rittmeister mit dem +schweißüberströmten Gesicht, »ich meine die Öffentlichkeit. -- Ist es +gestattet, Euer Exzellenz?« + +Der kleine Rittmeister öffnete etwas die Tapetentür, die von der Empore +auf die Diele hinausführte. Es war heiß hier oben auf der Empore. +Unbegreiflich, daß der General es auszuhalten vermochte. Er mußte +Gletscherwasser in den Adern haben. Der kleine Rittmeister -- ja, wie +hieß er doch gleich? -- er gehörte einer der ersten Adelsfamilien des +Landes an, hatte die ganze Erde bereist, zurzeit in hervorragender +Stellung, mit den höchsten Auszeichnungen und einer blendenden Karriere +vor sich -- an all das erinnerte sich der General ganz genau, aber der +Name, dieser bekannte Name fiel ihm nicht ein -- der kleine Rittmeister +wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht. Er war als +Beduine gekleidet, hatte jedoch die Kopfbedeckung in den Nacken +zurückgeschlagen. Schon wieder brach ihm der Schweiß aus allen Poren. + +»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben« -- fuhr er fort -- »es ist +nicht zu leugnen, daß in der breiten Öffentlichkeit eine gewisse +Beunruhigung Platz gegriffen hat. In der feierlichen Osterbotschaft +wurde von Allerhöchster Stelle --« + +»Bitte mich nicht mißverstehen zu wollen. Ich wage selbstverständlich +nicht, diesen hochherzigen Gnadenakt Seiner Majestät -- Sie belieben?« + +»Ich bin ganz Ohr, Euer Exzellenz!« + +»Ich selbst trete ja für eine Reform des Wahlrechts ein. Und zwar +schlage ich ein gestaffeltes Wahlrecht vor. Bis zu dreißig Stimmen --« + +»Dreißig Stimmen?« fragte der schweißglänzende Beduine, bemüht, sein +Erstaunen zu verbergen. + +»Je nach Besitz, Fähigkeit, Verdienst, Rang, Titel, Bildung.« + +»Jawohl.« + +»Kinderzahl, Alter, Stand, Religion.« + +»Jawohl, ich verstehe vollkommen. Zu begrüßen wäre es nur, wenn bald +etwas geschähe. In unserer Zentrale laufen ja alle Berichte zusammen. Es +bilden sich Gruppen von Unzufriedenen.« + +»Unzufriedenen?« + +»Mehr als das, es bilden sich Gruppen, die umstürzlerische Tendenzen +verfolgen. Erst vor kurzer Zeit ist unser Augenmerk wiederum auf +konspiratorische Elemente gelenkt worden.« + +Plötzlich unterbrach der General das Gespräch. Sein Blick glitt unruhig +durch die Türspalte. Sein Auge wanderte. Soeben hatte er Dora erblickt. +Sie glitt an der Türspalte vorüber -- kam aber im Augenblick wieder +zurück. Und plötzlich trat in der verlassenen Diele jemand zu ihr. Seht +an! Eben er, dieser -- nun was stellte er vor? -- diese Mumie, dieser +Unbekannte, den er schon den ganzen Abend beobachtet hatte. + +»Natürlich sind es nur einige wirre Köpfe?« + +»Natürlich. Aber immerhin, die Erscheinung ist symptomatisch --« + +Ohne jedes Wort der Entschuldigung erhob sich hier der General und +streckte den Kopf in die Diele hinaus. Dies war der Moment, da Dora den +Bettelmönch warnte. + +Der Kopf des Generals zog sich augenblicklich zurück, als Dora ihn +bemerkte. Er schloß die Tapetentüre. + +»Symptomatisch«, wiederholte der schweißglänzende Beduine. »Auffallend +ist, daß selbst Angehörige der besten Gesellschaft --« + +Zerstreut hörte der General zu. Sein Blick wanderte unruhig durch den +Saal. + +»Bei dem neuen Fall, auf den ich anspielte,« fuhr der kleine Rittmeister +fort, »ist sogar die Tochter eines hohen Offiziers beteiligt. Ihr Vater +bekleidet Generalsrang. Es ist mir natürlich nicht möglich, mehr . . .« + +Aber der General schien jegliches Interesse an dem Gespräch mit dem +Rittmeister verloren zu haben. Er tupfte sich mit dem Taschentuch +Schweißperlen von der Stirn. Dann stand er rasch auf. + +»In der Tat,« sagte er stockend, »es ist unerträglich heiß geworden hier +oben. Vielleicht belieben Sie mitzukommen?« + +Und beide verließen die Empore. + +Auf der Treppe aber blieben sie plötzlich erschrocken stehen. Der +General taumelte sogar etwas zurück. Feuerschein blendete sie! Der ganze +Tanzsaal schien plötzlich in hellen Flammen zu stehen. + +Ein dünner Vorhang war in Brand geraten und brannte lichterloh. Auch +einige Schleier fingen Feuer, und die Funken flogen. Die Damen schrien +auf und stoben auseinander. Der Feuerschein währte indessen nur einige +Sekunden. Inmitten der Flammen erschienen plötzlich ein Hauptmann in +Uniform und ein dicker, pechschwarzer Neger, die die flammenden Fetzen +auf den Boden rissen und zertraten. + +Kaum daß die Musik eine Minute gestockt hatte. Das Fest ging weiter. Nur +ein dünner Brandgeruch blieb zurück. + +Der schweißtriefende Beduine hatte diesen Vorfall benutzt, sich +unsichtbar zu machen. Als der General sich suchend nach ihm umblickte, +war er verschwunden. Es war dem General nur angenehm. + +Mit schlechtverhehlter Unruhe schritt er durch die Räume. Seine Augen +forschten. Man nahm in dieser späten Stunde des Festes keinerlei +Rücksicht mehr auf ihn. Die Tänzer drängten ihn gegen die Wand. Einmal +wurde er dicht neben der Negertrommel festgehalten, die Hauptmann Falk +mit aller Kraft bearbeitete. + +Professor Salomon stürzte ihm entgegen und berichtete wichtigtuerisch +von den Hungerkrawallen in England und dem katastrophalen Mangel an +Grubenholz über dem Kanal. Schon weigern sich die Bergleute einzufahren! +Nur mit Mühe und Not vermochte er den Kürbis abzuschütteln. Im +Erfrischungsraum traf er die Gräfin Heller, und es war nicht zu umgehen, +daß er sich mit ihr in ein längeres Gespräch einließ. Wieder und wieder +äußerte er seine Freude über das prächtige Aussehen Seiner Exzellenz! +Auch im Erfrischungsraume war von Dora nichts zu sehen. + +Auch im Zelt nicht. Hier traf er nur eine Anzahl still kosender Paare, +die, dicht aneinander geschmiegt, den großen Diwan belagerten, und sich +durch ihn nicht im geringsten stören ließen. Angewidert und halb betäubt +von der schwülen Luft, die im Zelt herrschte, zog er sich sofort wieder +zurück. + +Endlich betrat er das bengalisch rotglühende Musikzimmer, Ali Babas +Opiumhöhle. + +Hier saßen die Vermummten im Kreise auf dem Teppich und klatschten im +Takt in die Hände, während sie geheimnisvoll summten und die Köpfe +wiegten. In der Mitte des roten Nebels tanzte ein weizenblondes, +schlankes Geschöpf, in flimmernde Silberschleier gehüllt, die Brüste +völlig frei und die Hüfte zwischen Jäckchen und Pluderhosen gänzlich +nackt. Sie tanzte eine Art Bauchtanz, rasend und hingerissen. + +Und ah -- da war auch Dora! Wieder trug sie ein anderes Kostüm: +schwefelgelbe Seide, über die zinnoberrote, schreckliche chinesische +Drachen wie Flammen züngelten. + +Wo aber war dieser andere hingekommen -- diese Mumie mit dem orangeroten +Turban? + +Weit und breit war von ihm nichts mehr zu sehen. + +Unter tosendem Beifallsklatschen sank die weizenblonde Tänzerin, +taumelnd vor Erschöpfung, mit einem wilden Schrei zu Boden. + + +8 + +Rastlos wanderte Dora durch die verlassenen Räume, rastlos hin und her. +Zuweilen warf sie sich in einen Sessel -- aber schon wieder wanderte +sie. Ihr schwefelgelbes Kostüm mit den grellrotzüngelnden Drachen +flatterte. Es war über die linke Schulter herabgeglitten. Die blonde +Haarfülle, die schmerzte, hatte sie halb gelöst. + +Die Fata Morgana war zerflossen -- Sand, Sand, Wüste. Durch die Vorhänge +graute trüb der Tag. + +Zertretene Blumen, abgerissene Schleier, halbgeleerte Gläser, Scherben. +Scherben von Worten, Gelächter, Scherben von Musik. Ein paar vereinzelte +Lampen brannten noch. Petersen hatte seinen Frack abgelegt und kletterte +in seinem Zebrakittel auf eine Leiter, um ein Fenster zu öffnen. Es zog. +Zuletzt erschienen die beiden Neger unter der Türe, in Ulstern, +Stehkragen, und verneigten sich. + +»Hoffentlich war es nicht zu beschwerlich für Sie«, sagte Dora und +begleitete die beiden schwarzen Gentlemen in ihrer Zerstreutheit zur +Diele. »Vielen Dank!« Und sie drückte ihnen die Hand. + +Sie empfand tiefe Sympathie für die beiden schwarzen Gentlemen, +aufrichtige -- auch sie waren fremd hier, auch sie gehörten in ein Land +mit Papageien, Wärme, blauem Himmel und Orchideen -- ganz wie sie. Alle +drei waren sie Fremde hier. + +Ach, wie unglücklich sie war, Dora! + +Sie sank auf einen Stuhl, wanderte wieder -- das Kleid glitt immer mehr +über die Schulter. Damals -- Reisen, Feste, Paris, Nizza, Italien -- und +immer Fröhlichkeit, jeder Tag ein Paradies für sich. Aber es mußte sein, +man riß sie los von ihm. Nein, sie liebte auch ihn nicht, um die +Wahrheit zu sagen, sie liebte einen andern, früher noch, der das +schönste Lächeln der Welt hatte. So -- mit diesem Lächeln stand er in +ihrer Erinnerung. Aber es war unmöglich. Er war arm, er hatte gar +nichts. Unmöglich. Dann hatte sie diesen Lumpen geheiratet -- weshalb +eigentlich? Weil die Frauen sich um ihn rissen -- er betrog sie am +ersten Tage schon. Ja, weshalb? Nur um diese Leere zu vergessen, die +zurückgeblieben war, als man sie losgerissen hatte. + +Dann, eines Tages -- welch entsetzlicher Tag -- wo sie vis-à-vis de rien +stand -- buchstäblich -- das heißt noch Schulden. Aber es gab Freunde, +Gott sei Dank gab es -- einen hochherzigen -- ja, in Wahrheit +hochherzigen Freund, der nicht zögerte, ein Vermögen hinzugeben. + +Und -- nun -- und nun? Oh -- entsetzlich! + +Dora wanderte. Sie rauchte eine dicke Zigarette und wanderte. Die Jahre +flogen, die Sommer wirbelten rückwärts, Sommer um Sommer, Frühling um +Frühling. Und diese Welt, diese entsetzliche Welt, die schrecklicher, +oder, düsterer und kälter wurde mit jedem Jahr! + +Nicht die Welt hatte sich geändert, Dora vergaß es. Sie war seit jener +Zeit, da jeder Tag ein Paradies war, um zehn Jahre älter geworden. + +Aber sie begriff es nicht. + +Und trüb graute der Tag. + + * * * * * + +Auch da draußen graute der Tag, und immer noch kläfften rasend die +Haubitzen der Batterie Dönhoff. Die Kanoniere schossen Vergeltung und +sollten sie dabei alle in Fetzen gehen! Grausam und rachsüchtig wühlten +sich die Granaten hinein in den Dunst des Morgens. Schon hatte eine +Haubitze eine schwere Granate vor das Rohr bekommen, und die Stücke +flogen. + +Nun erwachte das Feuer an der ganzen Front und rollte mächtig von +Horizont zu Horizont. + + + + +Zweiter Teil + + + + +Erstes Buch + + +1 + +Es soll sich entscheiden, die Stunde ist gekommen. Das Schicksal hat +seine fürchterliche Frage gestellt und fordert Antwort. Das Rad der +Weltgeschichte kracht. + +Wagen fahren vor, und Automobile fliegen heran. + +Die Sonne funkelt. Ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit. + +Umstellt von einer Meute von Staatsmännern und Generalen in Erz liegt +das Reichstagsgebäude und leuchtet in der funkelnden Sonne. Am +Westgiebel schimmern die goldenen Lettern: Dem deutschen Volke! Erst vor +kurzem wurde diese Inschrift angebracht, als Ausdruck der Allerhöchsten +Anerkennung und Huld, nachdem eineinhalb Millionen auf den +Schlachtfeldern gefallen waren. + +Uniformen und Roben, ordenglitzernde Brüste und gestickte Kragen quellen +aus den Wagen und Automobilen, Lackstiefel, kleine, reizende +Damenschuhe, Gamaschen, Monokel und Aktentaschen. Wehende Bärte eilen +die Steintreppe zum Eingang der Volksvertreter empor, Fettnacken, +Brillen und Professorenmähnen, geschäftig, wichtigtuerisch, und jene +Raschen, die über die Treppen huschen, die Mappe unter dem Arm, das sind +die Rechtsanwälte. + +Donnernd dröhnt die fürchterliche Frage des Schicksals, ohne Pause, +immerfort. + +Von Zeit zu Zeit hebt der Portier die breite Brust und wirft einen +gebieterischen Blick über die Straße. + +Aufgeregt fliegt der Polizeileutnant auf seinem Rad heran. Eine Mauer +von Blauen baut sich auf, die Berittenen sitzen wie Statuen, die +Unterführer stürzen zur Berichterstattung herbei. Der Polizeileutnant +betupft die schweißige Stirn mit dem Taschentuch und läßt den raschen +Blick über die Menschenmenge gleiten, gegen deren Zudringlichkeiten -- +oder noch Schlimmeres? -- er unter Umständen die ordenglitzernden Brüste +und glänzenden Seidenhüte verteidigen wird. + +Vorläufig allerdings ist die Menschenmenge noch nicht zu sehen. +Vorläufig steht sie noch in der Ferne, stumm, den Blick zu Boden +geschlagen. Doch der Augenblick wird kommen, da sie sich in Marsch +setzen wird -- bald vielleicht . . . + +Ein paar Neugierige nur, an Zahl dem Aufgebot von Polizisten weit +unterlegen, stehen bescheiden gegen die Gebüsche des Tiergartens +gedrängt und bewundern Uniformen und Roben, Feldgraue, Verwundete an +Stöcken und Krücken unter ihnen. Irgendwo in ihrem Kopfe flackert +unbewußt der Gedanke, daß das Schicksal seine fürchterliche Frage +gestellt hat und Antwort fordert, heute, jetzt, in dieser Stunde. Aber +schon hat der Blick des Leutnants sie erfaßt, er runzelt die Stirn, und +die Neugierigen beginnen zu wandern. An ihren Krücken und Stöcken +humpeln sie in den Tiergarten hinein. + +Was aber ist das? Aus den Gebüschen des Parkes kriecht, wie ein Tier, +das aus dem Dickicht kommt, an seinen kurzen Krückstöcken der Zitterer, +jener Soldat, dessen Gesicht dicht über den Schmutz des Bodens schleift, +und dessen gekrümmter, verstümmelter Körper von einem unaufhörlichen +Zittern geschüttelt wird. Unbekümmert um die Kette von Schutzleuten +kriecht er über den Fahrdamm -- sieht es nicht so aus, als ob er sich +geradeswegs in den Reichstag begeben wolle? + +Gesetzt den Fall, der Wagen Seiner Exzellenz fahre in diesem Augenblick +vor? Würde der hohe Herr durch den Anblick des Krüppels nicht unangenehm +berührt werden, gestört in seinen Gedanken -- schon setzt sich ein +Berittener in Bewegung. + +Plötzlich aber rücken sich die Berittenen im Sattel zurecht: lautlos +rauscht eine vornehme Limousine heran. + +Ein kleiner, zierlicher Greis entsteigt der vornehmen Limousine, +feierlich und säuberlich gekleidet, wie für den Katafalk. Er blinzelt in +das grelle Sonnenlicht, als sei er eben seiner Gruft entstiegen, und +trippelt hastig und geschäftig die Treppen empor, ein gütiges Lächeln +auf seinem wächsernen Greisenantlitz. Weit öffnen sich die Türen. + +Kaum war der schmale, gebeugte Rücken des Greises in der Tür +verschwunden, so fuhr die Limousine des Generals im Renntempo vor. Im +Augenblick kletterte Schwerdtfeger auch schon von seinem Sitz, während +der Motor noch donnerte. + +Voller Würde entstieg der General dem Wagen. Er sah frisch und verjüngt +aus, das breite Gesicht leicht getötet, obwohl er in dieser Nacht nur +einige Stunden geschlafen hatte, und nicht einmal ruhig geschlafen. Erst +gegen drei Uhr war er von Doras Fest zurückgekehrt. Nachdenklich stieg +er die Treppe empor. Die roten Aufschläge des offenen Mantels +leuchteten, die Brust glitzerte von Ordenssternen. Er hatte keine Eile. +Er wußte, daß diese ganze Reichstagssitzung nichts als eine Zeremonie +war, die vor der Öffentlichkeit die nicht zu leugnende Tatsache der +konstitutionellen Regierungsform betonen sollte. Er wußte auch, daß die +Armeen da draußen schon bereitstanden, bereit zum Sprung, und nur auf +das Signal des Telegraphen warteten. + +Morgen -- morgen . . . + +Vergebens suchte der Polizeileutnant einen Blick des hohen Offiziers zu +erhaschen. + +»Vielleicht ist es die beste Lösung!« dachte der General, als er die +dicken Läufer der Wandelhalle entlangschritt -- aber er dachte in diesem +Augenblick nicht an die Armeen, die sich wie die Sturmflut vorwärts +wälzen würden, sondern an die Nachricht, die man ihm kurz vor der +Abfahrt telephonisch übermittelt hatte. Eine betrübliche Nachricht +allerdings -- aber -- letzten Endes -- es ist Krieg, das darf man nicht +vergessen. Tausende, Hunderttausende . . . Er hielt es für seine +Pflicht, augenblicklich -- wenn auch in aller Kürze -- Dora schonend +davon Mitteilung zu machen. Noch bestand ja Hoffnung, wenn auch geringe +-- aber man bedenke: ein ganzer Stab von Offizieren, durch einen +einzigen Volltreffer! Welch ungeheurer Verlust für das Regiment. Die +Unterschrift, die noch ausstand, würde nun wohl überflüssig werden +. . . + +Die Tribünen waren schon überfüllt, Kopf an Kopf. Ordenssterne, +Uniformen aller Art. Das Rot des Generalstabes, die goldenen Tressen der +Marine. Lächeln und Zuversicht auf den frischrasierten Gesichtern. +Bekannte ringsum. Ein fettes Gesicht mit Elefantenohren grüßte. Es war, +ja, richtig, dieser Professor Salomon -- der die Berechnungen für die +Marine machte -- ja, also am Mangel an Grubenholz konnte das stolze +England scheitern! Unbedeutende, kaum beachtete Dinge entschieden in der +Geschichte über das Schicksal von Völkern und Jahrhunderten. Eine +einstürzende Brücke, zum Beispiel, plötzlich aufkommender Sturm. +Napoleon ging zugrunde, weil der russische Winter um vierzehn Tage zu +früh einsetzte. + +Die bedeutungslose Zeremonie hatte bereits ihren Anfang genommen. Die +Sozialisten hatten ein paar kurze, höchst unnötige Anfragen eingebracht, +sie waren mit zwei Worten erledigt. + +»Und Dora?« dachte der General, bemüht, den Professor Salomon nicht zu +sehen. »Wie wird sie die betrübliche Nachricht aufnehmen?« + +Langsam erinnerte er sich an die Begebenheiten dieser Nacht. Sie +erschienen unwirklich, wie Fragmente von Träumen, die sich erst +allmählich und widerstrebend zusammenfügen. Exzellenz schien seinen +Ausführungen mit Interesse zu folgen. Es war bedauerlich, daß er in der +Eile vergaß, über Belgien zu sprechen. Dann brannte es plötzlich -- wie? +-- ein Vorhang. Wie leicht hätte ein Unglück geschehen können! In Doras +Haus, wo es nichts als Vorhänge und Teppiche gab. Und dann -- dieser +Unbekannte und Dora -- auf der Diele? Wer mochte dieser Unbekannte -- +diese Mumie gewesen sein? Und dieser kleine Rittmeister, dieser Beduine, +der so heftig schwitzte -- wie hieß er doch? -- was für merkwürdige +Dinge hatte er ihm doch erzählt? Und weshalb? Der General forschte in +seinem Gedächtnis . . . + +Plötzlich rieselte eine kalte Welle über seinen Körper. Irgendein Blick +ruhte auf ihm. Er änderte die Haltung, strich mit den Fingern über den +Schnurrbart, und ließ den Blick kalt und abwehrend über Tribünen und +Köpfe streichen. + +Sonderbar, deutlich fühlte er, daß ihn jemand anstarrte . . . + +Die Minister saßen auf ihren Plätzen, gleichmütig, als seien sie an +dieser Zeremonie die am wenigsten Beteiligten. Sie kritzelten mit den +Bleistiften, tauschten scherzhafte Bemerkungen, betrachteten ihre +Fingernägel. Der gütige Greis -- peinlich säuberlich gekleidet, wie für +die Aufbahrung -- schien zu schlummern, ein friedevolles Lächeln auf dem +Antlitz. Plötzlich aber hüstelte er in die durchsichtigen Kinderhände +und erhob sich. + +Augenblicklich wurde es totenstill im Hause. + +Laut donnerte die furchtbare Frage des Schicksals . . . + + +2 + +Dora schlief zu dieser Stunde noch immer, Freude auf den heißen Wangen. + +Ein ganz wunderbarer Traum entzückte sie; sie befand sich mitten in +einer Blumenschlacht in Monte Carlo oder Nizza, jedenfalls war es +bezaubernd. Blumengeschmückte Wagen zogen aneinander vorüber, Blumen der +herrlichsten Farben wirbelten gegen den tiefblauen Himmel und regneten +in ihr Coupé herab. Sie saß neben einem alten, würdevollen Herrn, mit +einem langen, weißen Spitzbart, den sie nie in ihrem Leben gesehen +hatte. Merkwürdigerweise trug er eine orangefarbene Schärpe quer über +der Brust, und alle Welt schien ihn mit Neugierde und Respekt zu +betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweißen Ponys gezogenen +Wagen saß ein Bekannter, der sie heftig mit Blumen bombardierte. +Plötzlich erkannte sie ihn, es war Otto, sie sprang auf, rief: heute +abend -- aber schon waren die Wagen aneinander vorüber. Otto verschwand +in einem Regen von Blüten. »Aber Helene«, sagte der Herr mit dem weißen +Spitzbart. So erfuhr sie, daß sie Helene hieß, es war höchst merkwürdig, +und sie begann laut zu lachen. + +Das eigene Lachen weckte sie, und als sie die Augen aufschlug, regneten +gerade noch die letzten Blumen und Blüten über sie herab. Sie war in +köstlicher Laune, vergessen die Melancholie des grauenden Morgens. + +Sie klingelte. »Ich werde im Bad frühstücken.« + +Dora schlüpfte in die kleinen, seidenen Pantöffelchen, ließ sich den +himmelblauen Bademantel um die Schultern legen, und begab sich pfeifend +und trällernd, Butzi auf dem Arm, in das Badezimmer. Dieses Badezimmer +war, wie schon erwähnt, ein kleines Treibhaus -- Blüten, Wärme, Düfte -- +weich und schneeig fiel das Licht durch die Glasdecke. Neben dem Bassin +stand ein kleiner Tisch mit dem Frühstück, den Zeitungen und der Post. +Und Blumen, Billetts, eine Menge Aufmerksamkeiten -- das Tischchen war +völlig bedeckt davon. + +Dora lachte vor Vergnügen. Wieder kam ihr die Blütenschlacht in den +Sinn. Was für ein drolliger, alter Herr das war! Seine orangefarbene +Schärpe, wie unendlich komisch! + +Gelungen war das Fest! Ganz Berlin würde darüber sprechen -- über die +Tänzerin, etwas kühn, nicht wahr, und die beiden Neger -- ja, es kam nur +darauf an, Einfälle zu haben! Eine Oase in dem grauen, schrecklichen +Winter. Dank für das Fest! Alle dankten, alle waren glücklich gewesen -- +ein paar Stunden. Eine drollige Liebeserklärung von Hauptmann +Feuerwalze. Endlich hatte sie nach langer Zeit wieder fröhliche Menschen +um sich gesehen, und so war es nun einmal: Dora konnte nicht leben ohne +Freude. Aber -- sie schrak zusammen, indessen voll spitzbübischen +Vergnügens -- wie leichtsinnig war sie doch gewesen! Der Sekt -- sollte +es der Sekt gewesen sein --? Wie leicht hätte jemand sie beobachten +können! + +Nichts aber liebte sie mehr als Abenteuer, aus einer Laune geboren -- +eine Minute vorher wußte man noch nichts von ihnen, und oft eine Minute +nachher nichts mehr davon. Und Doras Gedanken huschten blitzschnell über +eine Reihe ähnlicher Abenteuer dahin, die sie nicht missen möchte in +ihrer Erinnerung. + +Wunderbar -- und niemand, niemand . . . + +Nur einer, oder ein paar Vertraute -- + +Plötzlich aber griff Dora wieder zur Post. Es ging nicht an, allzu lange +bei diesen Abenteuern zu verweilen. + +Ein Brief des Generals! Seht an! Doras Lippen kräuselten sich. Sie legte +den Brief langsam zur Seite. Diese Schriftzüge jetzt, nein -- sie +langweilten sie momentan, steif und anmaßend kamen sie ihr vor, später. + +Sie griff nach einem rosafarbenen Briefchen, das an einem Fliederstrauß +befestigt war. Zu ihrer großen Überraschung war es ein drolliges +Gedicht, die Huldigung einer lustigen Gesellschaft, die das Fest bei +Ströbel beschlossen hatte. Dora lachte, daß das Treibhaus zu klingen +begann. Ach, wie bezecht müssen sie gewesen sein --! + +Zu dieser Gesellschaft, die das komische Gedicht bei Ströbel verfaßt +hatte, gehörte auch Hedi. Sie kam etwas nach zehn Uhr nach Hause, und +gerade, als sie das silbergraue Schleierkostüm, das ganz in Stücke +gegangen war, leider, abstreifte, erwachte Klara. Grelle Lichtzacken +stachen durch die zusammengezogenen Vorhänge. + +»Ah, da bist du ja!« sagte Klara. Aber welche Betonung! Sie hatte die +Schwester zuletzt in einem Kreis von händeklatschenden Vermummten +gesehen, wo sie einen schamlosen Tanz aufführte, und es gab keine Worte, +die ihre Verachtung ausdrücken konnten. + +»Ja, hier bin ich!« erwiderte Hedi mit einem sonderbaren, leisen +Auflachen. Sie war sehr blaß, und ihre Augen flackerten unstet. + +»Wo warst du eigentlich?« fragte Klara, während sie neugierig und +überrascht die Schwester beobachtete. + +»Ich?« Wieder lachte Hedi leise und heiter. »Du hast ja nicht gewartet. +Bei Ströbel. Alle haben wir bei Ströbel Kaffee getrunken. Herrlichen +Kaffee, Weißbrot, sogar Sahne!« + +»Ströbel? Wer ist Ströbel?« + +»Er besitzt eine Motorenfabrik und hat im Kriege Millionen verdient.« + +»So, und da also --?« + +»Und weißt du, wer den Kaffee gekocht hat?« fragte Hedi lachend. »Ich, +zusammen mit Ströbel. Denn Ströbel hat keine Dienstboten im Hause, +obschon er so reich ist -- um ungestört zu sein. Ja, also wir zwei haben +den Kaffee gebraut -- und das Wasser wollte gar nicht kochen, hahaha! -- +aber niemand fiel es auf.« + +»Was fiel niemand auf?« + +Hier brach Hedi in lautes Gelächter aus. »Was sagte ich? Nun -- niemand +fiel es auf, daß es so lange dauerte, bis der Kaffee fertig wurde. Es +war einfach schnurrig! Die ganze Gesellschaft trank Kognak aus +Kaffeetassen. Wir haben alle Bruderschaft getrunken!« + +Hedi lachte, erzählte, summte, tänzelte, während sie abwechselnd durch +Dämmerung und grelles Licht glitt. Bald flammte ihr Auge auf, bald ihr +weizengelbes Haar, bald ihre bleiche Haut. Plötzlich stieß sie ein Glas +vom Tisch, aber auch darüber mußte sie nur lachen. + +Voller Verachtung drehte Klara sich gegen die Wand. + +»Nun,« sagte Hedi triumphierend, »dieser Herr Ströbel ist nicht nur +reich, sondern auch ein Gentleman. Und er ist verliebt in mich! Dich +aber würde er wahrscheinlich gar nicht ansehen, kleine Braut.« Dies +fügte Hedi ein, um Klara zu reizen. + +Aber Klara schwieg. + +»Ah, seht an, sie spielt die Hochmütige!« fuhr Hedi fort. »Nun, mein +Liebling, es ist mir höchst einerlei, was du denkst. Du bist ja noch ein +Kind, und was solltest du vom Leben wissen? Auch was Papa denkt, ja, +siehst du, auch das ist mir höchst einerlei. Ich habe dir ja schon oft +gesagt, daß ich dieses Leben hier satt habe, diese ewige Langeweile, und +eure Rüben und Kartoffeln. Und dazu die ewige Kontrolle! Nein, mein +Herz, nun mache ich Schluß. Hörst du mich, kleine Braut? Ja, natürlich +hörst du mich, du tust ja nur so . . . ich werde euch verlassen . . .« + +»Ja, verlassen, man hat mir eine Sekretärsstelle angeboten, tausend Mark +im Monat, bei völliger Bewegungsfreiheit -- ein kleines Bureau werde ich +haben, und einen kleinen Empfangssalon -- du staunst, wie? -- und bei +Ströbel selbst. Ich werde mir nun mein Leben so einrichten, wie es mir +gefällt. Ich bin jung, ja Gott sei Dank, noch bin ich jung. Und du +darfst mich besuchen, kleine Braut, und vielleicht schenke ich dir ein +Paar seidene Strümpfe --« + +Ganz plötzlich schlief Hedi ein. + +Aber ihr Schlaf war unruhig, und immerfort lief ein Zittern über ihren +Körper. Klara beobachtete sie. + +Was war geschehen? + +Labyrinthisch und voller Dunkelheiten erschien Klara plötzlich das +Leben. -- -- + +Dora aber freute sich immer noch über das Gedicht, während sie das warme +Bad genoß. Ihre Augen, ihre Zähne, Grübchen, ihre Schultern und Brüste, +die ganze Dora strahlte vor Entzücken. Es war so leicht, ihr eine Freude +zu machen. Sie wartete nur darauf. + +Behutsam legte sie das Gedicht zur Seite, um es aufzubewahren, in dem +Schubfach, das angefüllt war mit ähnlichen Huldigungen. + +Ein Billett von Otto. Sie strich das volle Haar in den Nacken, las -- +nur zwei Zeilen -- und zerriß es, in winzige Stückchen, die sie in die +Aschenschale warf. Eine feine Röte flog über ihre Wangen. + +Dann trank sie ein Täßchen Kakao. + +Und dann griff sie nach dem Briefe des Generals. Seine Schrift begann zu +zittern. Es war nicht mehr die frühere, starke Hand. Er begann langsam, +ganz langsam zu altern, ja . . . Was sollte er ihr zu sagen haben? +Nichts, gar nichts. + +Plötzlich aber saß Dora ganz still. + +Ihre glänzenden, roten Lippen standen offen, die Hand zitterte -- ihr +schwindelte. + +Heute nacht . . . + +Heute nacht also . . . + +Heute nacht, während sie tanzte, während sie scherzte, während sie +lachte. Vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . + +Heute nacht -- die Tänzerin, die Neger, die Vermummten -- alles wirbelte +vor ihren Augen. + +Und vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . Sie schauerte zusammen. + +Wie betäubt hüllte sie sich in das Laken, den leeren Blick zu Boden +gerichtet. Vielleicht war er schon tot -- + +Ihre glänzenden Augen, von dem seltenen intensiven Blau, füllten sich +langsam mit Tränen. + +Aber trotz allem haßte sie ihn, auch jetzt! Sie konnte es ihm nie +verzeihen, daß er sie schon am ersten Tage betrogen hatte, alles andere. +Immerhin, ein Mann, der ihr einmal nahestand. Der einzige Mann, der nie +sentimental war und nie eifersüchtig wurde. Der einzige, der nicht +flehte und nach ihr bettelte. Nein, bei Gott, das tat er nicht. Der +spöttische Blick seiner kalten, scharfen Augen stand vor ihr. + +Hoffentlich litt er nicht, nein, nein, was auch geschehen war, diesen +Gedanken konnte sie nicht ertragen. Trotzdem sie ihn gerade in diesem +Augenblick bitter haßte -- leiden sollte er nicht! Und doch, ein +abscheuliches, verruchtes Gefühl triumphierte in ihr, ganz wider ihren +Willen: also auch dich hat es gepackt! Auch dich hat die Granate +zerrissen! + +Ja, diesen furchtbaren Gedanken dachte Dora. + +Sie stieß das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit +strahlte. + +Dann klingelte sie eilig der Zofe. + + +3 + +»Und nun los, Heinz!« + +Hauptmann Wunderlich schwang sich an den Krücken über den Flugplatz. +Gerötete Gesichter und rote Hände im Sonnenschein. + +Augenblicklich verschlang das Dröhnen des Motors den Lärm der Geschütze, +und schon eilte die Maschine über den Rasen, dem herrlichen Morgen +entgegen. Der Flugplatz mit den Hangars schwang in weitem Pendelschlag +unter der linken Flügelspitze, eine Idee schräg lag die kleine Maschine, +kaum zu merken, ganz wie gestern. Meerheims Maschine, der einige Minuten +früher abflog, blitzt zuweilen wie ein Funke im Süden. + +Schon hat der Motor die volle Tourenzahl erreicht, unmerklich drückt der +Boden des Flugzeugs gegen die Fußsohlen. Die kleine, kugelrunde Wolke +des rasenden Autos da unten auf der schneeweißen Landstraße wird +langsamer und langsamer, nun steht sie still, und nun scheint sie sich +plötzlich rückwärts zu bewegen. + +Heinz zog die Mütze tiefer über die Stirn. Er berührte mit den Fingern +den Talisman auf seiner Brust. Nun war er unterwegs. + +Die Farben der Erde fließen ineinander. Geschliffene Achate, Felder und +Wälder, der Weiher eine winzige Muschel aus Perlmutter, die zuweilen ein +Gefunkel aussendet. Samtweich schlingen sich helle Bänder zwischen den +Achatflächen, Wege und Straßen. Die Landschaft aber, dieser zarte +Teppich da unten, ist vulkanisch. Allerorts steigen ununterbrochen +kleine, verwehende Dampfwolken empor, wie aus Geisern, oft vereinzelt, +oft in Gruppen, milchigweiß, graugelb und schwarz. An einer Kurve +drängen sie sich dicht zusammen, wie schnellwachsende Dampfpilze paffen +sie ohne Pause auf -- das sind die Gräben. + +Merkt er etwas? + +Morgen, morgen, geht das Gerücht! + +Heinz jauchzt vor Freude. Es wird zu tun geben! + +Da und dort stehen in der Bläue des Himmels Gruppen dichtgedrängter +Lämmerwölkchen, aus denen Messer blitzen, Schwärme von Schrapnells, die +den Flugzeugen gelten. Von unendlicher Schwärze, blitzend von Myriaden +feinster Silberfunken, wölbt sich hoch oben der Äther. + +In dreitausend Meter Höhe flog Heinz seinen Abschnitt auf und ab. +Meerheim patrouillierte im Nachbarabschnitt. Zuweilen sah Heinz seine +Maschine, wenn sie sich der gegenseitigen Grenze näherten. Hier oben war +die Front kaum noch zu sehen, leichter Dunst lag auf der Erde, nur +zuweilen warf der Gürtel der Geiser eine Gruppe schwarzer Rauchwolken +aus. Am Horizont ringsum blitzten die Messer der feindlichen und +deutschen Batterien. In der großen Weite war kein Flugzeug zu sehen, nur +nach Westen zu entdeckte Heinz eine Gruppe von Maschinen, die aber bald +verschwand. Dort schienen feindliche Flieger zu sein, und er wünschte +nichts sehnlicher, als daß sie hierher in seinen Abschnitt kämen. Er +glühte vor Kampfbegierde! Aber nichts ließ sich sehen, so sehr er auch +ausspähte, keine Seele. Mächtige weiße Wolkenmassen zogen unter ihm +dahin. Zuweilen ließ er die Maschine sinken, und dann wuchs ein +schimmerndes Schneegebirge rasch zu ihm empor. Türme von Schnee +brodelten ihm entgegen, Kuppen von Schnee wölbten sich, und der Schatten +seiner Maschine jagte über glitzernde Gletscher. + +Heinz begann zu singen. + +Wie eine Lerche trillerte er im Äther. Er mußte sein Glück hinausrufen. +Laut und inbrünstig hingegeben sang er: »Deutschland, Deutschland über +alles.« Er sang sämtliche Strophen des Liedes, das ihn schon in der +Schule berauscht hatte. Deutlich hörte er zuweilen aus dem Röhren und +Brausen des Motors seinen hellen Tenor. + +Dann sang er die »Vöglein im Walde«. + +Nie hatte er eine seligere Stunde erlebt. + +Wie häufig, erschien plötzlich deutlich und scharf Klaras Bild vor +seinen Augen. Seligkeit wäre es, könnte er nur einmal mit ihr durch den +Äther dahinjagen! Nie würde er imstande sein, ihr dieses Glück zu +schildern. + +Ja, heute, heute -- vielleicht würde es ihm endlich heute gelingen, +einen Gegner zu stellen! Oh nein, er zweifelte nicht eine Sekunde daran, +als Sieger aus diesem Zweikampf hervorzugehen. Er war entschlossen, er +war kühn, er fürchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heißester +Liebe für sein Vaterland. Wie sollte er da nicht der Überlegene sein? + +Dort? Dort? Schon jagte er hin -- + +Oft rückten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschütze ganz nahe, aber zu +seinem Schmerz entfernten sie sich stets wieder. Es war sein +persönliches Pech, daß niemand seinen Abschnitt aufsuchte. + +Allzu schnell war seine Zeit abgelaufen. Wieder vergebens! Mit der +Sekunde wandte Heinz die Maschine nach Hause. Er stürzte sich mitten in +eine der schimmernden Wolken hinein, glitt für Sekunden durch Düsternis +und kalten Nebel, um gleich darauf wiederum von Helligkeit geblendet zu +werden. Wieder lag da unten der schimmernde, bunte, freundliche Teppich, +und Heinz nahm den Kurs auf eine weiße Kirchturmspitze am Horizont. + +Was aber gibt es? Was ist geschehen? + +Plötzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. Mächtig +pendeln die Flügel. Heinz hat sich in namenlosem Erstaunen aufgerichtet. +Die Maschine stürzt . . . + +Aber hinter der stürzenden Maschine her jagt wie ein riesiger Raubvogel +ein Flugzeug mit Farbringen auf den Tragdecken. Senkrecht stürzt es sich +in die Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, in seiner Vermummung anzusehen +wie ein furchtbarer Dämon, beugt sich über Bord, um die stürzende +Maschine des Gegners auf die Platte seines photographischen Apparates zu +bringen. + +Wie eine Motte flattert der deutsche Eindecker da unten, und plötzlich +löst sich etwas wie ein Gegenstand, ein Körper -- verschwindet rasch, +wie ein Punkt in der Tiefe. + +Schon blitzen Messer auf am Waldrand, und der Raubvogel rauscht in die +Wolke zurück. -- + +Als Hauptmann Wunderlich die Nachricht hörte, zerriß er sich mit den +Nägeln das Gesicht und schrie: »Ich ertrage es nicht mehr, ich kann +nicht mehr!« + + +4 + +Immer noch sprach der freundliche Greis -- mit leiser, feierlicher +Stimme. Und immer noch verharrte das Haus in Totenstille. + +Der kleine gütige Greis sagte Ja, und er sagte Nein. Er sagte Sofort und +sagte Niemals. Vorsichtig und sorgfältig fügte er Wort an Wort zu +kunstvollen Sätzen. Zuweilen huschte sogar etwas wie rethorischer Glanz +über seine Rede, ein Glanz wie er über Reliquien in den Kathedralen +liegt. + +Die Erregung hat seine Greisenbäckchen gerötet wie die Bäckchen eines +Kindes. + +Er war nicht abgeneigt, Zugeständnisse zu machen, das heißt nicht +eigentliche Zugeständnisse, es wäre ihm natürlich unmöglich, irgendwie +und in irgendeiner Form auch nur das geringste . . . + +Er versicherte heilig seine Friedensgeneigtheit, ja, jeden Tag würde er +Frieden schließen, aber natürlich, er bittet, nicht mißverstanden zu +werden -- er war entschlossen, fürchterlich entschlossen . . . + +Und er schwingt die kleine hilflose Greisenfaust durch die Luft. So +entschlossen war er. + +Ja, entschlossen . . . + +Der General setzte den Kneifer auf und warf den Kopf in die Höhe. Vor +ihm glänzte die bedeutsame Glatze eines Admirals, neben ihm schimmerte +nichtssagend das dünne gebürstete Haar eines Diplomaten. + +Die Tribünen gegenüber lagen im Halbschatten. Kopf an Kopf, eine +gesichtähnliche Nichtigkeit neben der anderen. Und doch . . . Er fühlte +sich unbehaglich -- früher war er ähnlichen Einflüssen überhaupt nicht +zugänglich gewesen, indessen der Krieg -- die Überarbeitung . . . + +Da! + +Ein glänzendes, bleiches Gesicht unter all den matten Nichtigkeiten, und +ein paar Augen voller Schrecken und Entsetzen auf ihn gerichtet. +Vielleicht nicht auf ihn, eigentlich mehr auf den kleinen Greis, dessen +Kinnlade sich ruckartig bewegte. Der General hatte das Gesicht schon +irgendwo gesehen, vermochte sich indessen im Moment nicht zu entsinnen. +Es war nicht Schrecken, es war Grauen, das von dem glänzenden, bleichen +Gesicht mit den schwarzen rasenden Augen ausging. Dieses Grauen lähmte +die Zunge des sprechenden Greises, lähmte seine Bewegungen. Sein +erhobener Arm sank plötzlich herab, er schöpfte Atem, hastig, seine +schmalen Schultern schoben sich in die Höhe -- er beugte sich tiefer +über das Manuskript und stotterte. + +Das bleiche phosphoreszierende Gesicht aber wuchs in die Höhe -- schon +fiel es allenthalben auf. Der Diplomat mit den dünnen, säuberlich +gebürsteten Haaren blinzelte beunruhigt und runzelte die Stirn. + +Die dünne feierliche Stimme des Greises erschallte wieder. + +Die kleine eigensinnige Greisenfaust schlägt auf den Tisch, und +eigensinnig wiederholt die tonlose und feine Stimme Ja und Nein, Niemals +und Sofort. Nun sind es keine Worte mehr, nun sind es nur noch Laute, +nur noch Luftwellen . . . + +Nein, nein, nicht ein Greis sprach -- + +Deutlich sah Ackermann, daß dieser Greis eine Leiche war, die redete! +Die Tribünen standen voller Leichen in den Uniformen von Generalen und +Admiralen, mit Orden und Tand behängt, die Abgeordneten waren Leichen, +die still dasaßen, die Stenographen, der greise Präsident, der den Kopf +in die Hand stützte. + +Leichen, ein Parlament von Leichen. + +Und die Sonne umspielte sie. Die lebendige Stimme Gottes rief und +donnerte, aber sie hörten sie nicht. + +Da aber begannen die Leichen zu erbeben wie Schilf im Wind. Ein +Sturmwind brauste durch das Haus. Die Leichen sanken zusammen, vermodert +sanken Uniformen und glitzernde Ordenssterne dahin. + +Gesang . . . + +In der Ferne ertönte ein Schritt, der dröhnende Schritt von +Hunderttausenden, Millionen -- Gesang fliegt vor ihnen her. Und dieser +Gesang ist der Sturmwind -- + +Da berührte jemand seinen Arm, eine knöcherne harte Hand, und eine +trockene Stimme sagte: »Sie dürfen sich nicht so über die Brüstung +legen.« Ackermann befand sich wieder auf der kleinen Tribüne, wo +zusammengedrängt das Volk sitzt, das keine reservierten Plätze +vorfindet. Er war nahe daran gewesen, eine seiner Ohnmachten zu +bekommen. Im selben Augenblick wurde applaudiert. Die Ordenssterne und +Uniformen rauschten durcheinander. Der freundliche Greis setzte sich und +träumte wieder von seinem Sarg, aus dem man ihn aufgescheucht hatte. + +Die Abgeordneten betraten nacheinander die Rednertribüne. Worte und +Gesten. Schon ist die Zeremonie zu Ende. Die Tribünen beginnen sich zu +leeren. + +Aber halt! Hier ist noch einer, der etwas zu sagen hat. Er hat die +furchtbare Frage des Schicksals vernommen, das Antwort fordert. Er will +zur Tribüne stürmen. Aber die Fettnacken und wehenden Bärte halten ihn +zurück, die Rechtsanwälte und selbst die vom Hunger Ausgemergelten. +Selbst sie! Die Journalisten auf ihrer Tribüne schütten sich vor Lachen. + +Flammend steht er, der einzige, zornrot, mit weißen Haaren. Seine +rasende Stimme erstirbt im Lärm. + +Schon sind die Tribünen leer. -- -- + +Die Pulse fliegen. Die Lider peitschen die Augen, das Blut donnert in +den Ohren, und die Glieder schwingen. Die Erde hebt sich, bald wird sie +zerreißen -- Rauch, Feuer! Genug, genug! + +»Genug und vorbei!« + +Das blaue Himmelsgewölbe splittert, Finsternis. Das Rad der Geschichte +vollendet krachend seine Umdrehung, es wälzt sich heran, zermalmend -- +Staub, Rauch . . . + + * * * * * + +Uniformen und Roben fluten die Treppe hinab in den herrlichen Tag. Ganz +wie nach einem Pferderennen von den Tribünen. Die Rechtsanwälte schießen +hindurch, mit ihren Mappen, sie haben es immer eilig. Eingläser funkeln, +das Lächeln blitzt auf den Lippen einer schönen Dame. Sporen klirren und +Säbel rasseln. + +Wagen fahren heran, die Automobile qualmen. + +Lautlos huscht die Limousine des kleinen freundlichen Greises am Wall +der Schutzleute vorbei. + +Schwerdtfeger hat seinen hohen Chef oben auf der Treppe erspäht und den +Wagen herangebracht, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen. Er kennt +nichts als seinen Dienst. + +Der General braucht nur irgendwo aus einem Hause zu treten und über den +Bürgersteig zu gehen, immer steht Schwerdtfeger bereit. Der General muß +nur den Fuß heben, das ist alles. Aber er hat sich nie Gedanken darüber +gemacht. + +Oben auf der Treppe sprach der General einen Bekannten mit hohen Orden. +Er drückte seine Befriedigung über den Verlauf der Zeremonie aus -- die +Rede, prachtvoll -- und der Bekannte seinerseits versicherte, daß die +Rede in der Tat eine staatsmännische Leistung ersten Ranges war. + +Nun stieg der General die Treppe hinab. + +Die Lackstiefel eines Husaren blitzten vor ihm. Ein schmaler, eleganter +Rücken, ein vornehmes Profil, ein rascher, kühner Blick aus schönen, +klaren Augen -- der Husar weicht zur Seite und grüßt. + +»Ah -- gut bekommen?« Ja, wie hieß er doch nur? + +Leutselig schüttelt der General dem Husaren die Hand. + +»Danke, Euer Exzellenz!« + +»Ein netter Abend -- hm, etwas spät . . . wir haben ja -- Sie haben mir +ja von interessanten Dingen erzählt --?« + +Der Husar blieb indessen völlig kühl und korrekt. Erstens war er kein +Beduine mehr, sondern Husar, zweitens war er, mit Respekt zu melden, +heute nacht völlig bekneipt, und als er aufwachte, fiel ihm (als erstes) +voller Schrecken ein, daß er Dummheiten geschwätzt und sich beinahe auf +Gott weiß welche Geschichten eingelassen hätte -- drittens war man nicht +mehr auf einem Ball, sondern im Dienst, und es wimmelte ringsum von +Würdenträgern und Exzellenzen. + +Er blieb also kühl, korrekt, entschlossen, sich auch durch nichts +bewegen zu lassen. Seine schönen klaren Augen strahlten Offenheit. + +»Leider vermochte ich nicht mit ganzer Aufmerksamkeit zu folgen -- es +war plötzlich so heiß geworden -- und dann brannte noch dieser Vorhang.« + +Aber der Husar blieb zurückhaltend, entgegnete ein paar nichtssagende +Redensarten. Er errötete sogar. + +Schwerdtfeger warf den Wagenschlag ins Schloß, und der General erwachte +erst aus seinen tiefen Gedanken, als die grelle Sonne in seinem +Arbeitssaal ihn blendete. + +Er zog die blauen Vorhänge zu, das Licht schmerzte seine Augen, jetzt +erst machte sich der kurze Schlaf bemerkbar. + +»Trotzdem -- trotzdem --« murmelte der General vor sich hin. Mehr und +mehr verfiel er der Gewohnheit, seine Gedanken laut zu äußern. + +»Trotzdem -- ja, er wich aus -- nun, gewiß er ist ein Mann von größter +Selbstkontrolle, ohne Zweifel. Aber er errötete etwas. Weshalb?« + +»Oder errötete er nicht?« + +»Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber es sah tatsächlich aus, als ob +er errötete.« + +»Aber was, was hat er mir erzählt? Ja, wie ärgerlich, daß gerade diese +Sache mit Dora -- --« + +»Aber weshalb erzählte er es mir?« + +»Wie? Wie? Sogar Angehörige der besten Gesellschaft -- und . . .« + +»Deutlich erinnere ich mich -- trotzdem . . .« + +Der General starrte vor sich hin -- das Blut wich langsam aus seinem +breiten Gesicht. Plötzlich schüttelte er den Kopf. Welch absurder +Gedanke! + +Er berührte die Klingel. + +Weißbach erschien, und der General berichtete kurz über die +Reichstagssitzung -- ein Zeichen des größten Vertrauens und Wohlwollens, +das Weißbach, trotzdem er noch in Alkohol kochte, er war bis neun Uhr +bei Ströbel gewesen, zu würdigen wußte. + +»Sollten Sie Näheres über Hauptmann v. Dönhoff erfahren --?« + +»Jawohl, Herr General!« + +Weißbach zog sich zurück. Der General war ihm grün erschienen, +leichengrün -- die Beleuchtung natürlich, oder auch sein Zustand. Er +trank wenig, aber er konnte nichts mehr vertragen, seit er in Rußland +seinen Nervenchok erlitt. Damals waren sie alle verbrannt, durch einen +Volltreffer, der den Unterstand in Flammen setzte -- nur durch einen +Zufall war er gerettet worden. Er wußte selbst nicht wie, er hatte es +auch nie begriffen. + +Sobald Weißbach den Saal verlassen hatte, ging der General zum Telephon +und verlangte eine bestimmte Verbindung. + +Erst nach geraumer Zeit ließ sich jemand hören. + +»Ich hatte doch gebeten« -- begann der General ungnädig -- »mich +umgehend informieren zu wollen -- bereits acht Tage -- wie, bitte --?« + + +5 + +Ackermanns Blick fieberte durch die wimmelnden Uniformen und abrollenden +Wagen. Verzweiflung schüttelte ihn. + +»Dieses Parlament, welche Schmach! Der Fluch des Volkes wird die +Schmachbedeckten treffen -- einst, einst --!« + +Er sah die hohen Offiziere nicht, nicht die Generale mit ihren roten +Aufschlägen, nicht die Admirale mit den goldenen Tressen. Und niemand +beachtete ihn in seinem abgeschabten weiten Mantel, von Entbehrungen und +Qualen erschöpft -- ein einfacher Soldat, einer von den Millionen, die +niemand sieht. + +Auf dem Straßendamm stand mitten im Qualm der Autos ein Berittener, +regungslos wie eine Statue. Mit furchtbarem Ernst saß er im Sattel, +quittengelb, mit spitzer Nase, eingefallenen Wangen und violetten +Augenhöhlen. Eine berittene Leiche hielt vor dem Parlamentsgebäude +Wache, im Sattel verhungert, aber sie tat ihre Pflicht. + +Plötzlich drehten sich die starren Metallkugeln in den violetten Höhlen, +die Haut des quittengelben Gesichts straffte sich, der rostrote +Schnurrbart zuckte. + +Er hatte Ackermann entdeckt, und eine argwöhnische, drohende Falte +spaltete die armselige Stirn. + +Das Gesicht dieses gemeinen Soldaten war das Gesicht eines Mannes, der +geheime Gedanken hegte, Gedanken ganz besonderer Art, unzufriedene +Gedanken. Er kannte diese Gesichter vom Kasernenhof her und hatte sie +vernichtet, wo er sie fand, bis sie aussahen wie andere. + +Schon drängte er sein Pferd näher, und sein Blick wurde messerscharf und +unbarmherzig. Er war aus der kaiserlichen Schule, auf den Mann +dressiert. + +In diesem Augenblick aber ging Ackermann wie ein Schlafwandler mitten +durch die Uniformen und Wagen hindurch, schnurgerade über den Fahrdamm +-- ohne angestoßen, berührt, überfahren zu werden, sonderbar. + +»Es ist Zeit!« flüsterte er. »Es ist Zeit!« + +»Es ist höchste Zeit!« Er eilte. + +Ihr Jungen, Wollenden, Wagemutigen, die Stunde schlägt! Ihr +Sehnsüchtigen, Verzweifelten, Zielerfüllten, ihr Hassenden, Liebenden, +Gesegneten, Boten und Verkünder des Menschenreiches -- auf, auf, die +Stunde ist da! Zögert nicht länger, ihr Gesandten mit den menschlichen +Antlitzen! + +Böse folgte der Blick des Berittenen dem grauen Soldatenmantel, der +rasch zwischen den Bäumen verschwand. + + * * * * * + +Und schon -- ja schon rüsten sie sich zum Aufbruch, die Läufer, die +ihrer Zeit vorauseilen! Schon baden sie das Antlitz im Lichte einer +neuen Sonne, die heraufsteigt. + +Schon erheben sie sich von den elenden Pritschen der Gefängnisse -- sie +werden durch hundertfach geschlossene Tore gehen wie durch Luft, keine +Angst. Schon hebt sich ihre leuchtende Wimper in den Kasernenhöfen +Europas -- und sie werden das triumphierende Wort aussprechen, und die +Kugeln werden von ihnen abprallen, keine Angst. Schon beten sie ihr +Morgengebet bei den Kanonen, in den Erdlöchern der europäischen +Schlachtfelder -- sie werden die Kanonen zerbrechen, als ob sie Schilf +wären, keine Angst. Schon wird ihr Schlaf in den Massengräbern Europas +unruhig, schon hebt sich ihr Auge, sie werden auferstehen, stärker als +der Tod, keine Angst. + +Schon kommen sie, schon sammeln sie sich, in ganz Europa, sie, die +Brüder sind und sich erkennen am Glanz des Antlitzes. Schon ertönen ihre +Stimmen, da und dort, in ganz Europa, in der ganzen Welt! + +Sie kommen! + +Kommen sie? Kommen sie wirklich? + +Ja, sie kommen! Horch! Schon wandert ihr Schritt im Tagesgrauen. + +Und die Finsternis wird ein Ende haben? + +Die Finsternis, die schreckliche, wird ein Ende haben. + +Schon rötet sich der Himmel im Osten. Sie bringen das Licht. Sie kommen, +und sie werden dahinschreiten, und das Paradies wird unter ihren +Schritten erblühen. + +Ihr Feldzeichen aber ist nicht rot, nicht blau, ihr Feldzeichen ist die +Liebe. + + +6 + +»Unbegreiflich!'« rief Herr Herbst aus und warf die kleinen Hände voller +Erstaunen in die Luft. »Was ein Mensch doch träumen kann! Also, Berlin +nichts als -- Schutt, nur Schutt, sagen Sie?« + +Eingehüllt in den langen rostfarbenen Havelock, den steifen Hut auf den +Ohren, saß Herr Herbst im halbdunkeln Gastzimmer des »Löwen von +Antwerpen«. Eine große, sofort in die Augen springende Veränderung war +mit ihm vorgegangen: er trug keinen Kragen mehr! Denn früher hatte er ja +einen niedrigen, wenn auch nie ganz reinen Kragen und eine kleine +schwarze Binde getragen. Wer sie kennt, die Trinker, weiß, was es zu +bedeuten hat -- keinen Kragen mehr! + +Ihm gegenüber saß der scheue, stille, bucklige Wirt, Herr Glienicke, +zwischen ihnen stand die Flasche. + +Herr Glienicke räusperte sich krächzend, dann erwiderte er scheu +flüsternd: »Ja, nichts als Schutt, ein Haufen Schutt, das ganze Berlin. +Wie soll ich sagen -- eine Ruine. Und Raben --« + +»Raben?« Schauer jagten über den Rücken des kleinen Herrn Herbst. + +»Der Himmel war schwarz von ihnen. Sie flogen auf, wohin man kam -- wie +Wolken. Hm, und auch Leichen lagen da und dort, streckten die Hände aus +dem Schutt, blaue Hände.« + +»Was für ein entsetzlicher Traum! Und keine Menschen mehr, sagen Sie?« + +»Keine Menschen, nein. Nur Raben, alles war schwarz von ihnen. In ganz +Berlin keine lebende Seele mehr. Nur Schutt und verkohlte Balken. Da und +dort stand zwischen den Schutthaufen noch ein verlassenes Geschütz. Aber +keine Menschen.« + +»Ah, ah -- entsetzlich!« + +»Und dann begann es zu schneien --« + +»Guten Tag!« sagte in diesem Augenblick eine helle, nüchterne, aber +bescheidene Stimme, und die beiden fuhren auf. + +Ein schmächtiger, junger Mann war ins Zimmer getreten. + +Der schmächtige, junge Mann näherte sich, den Hut in der Hand, dem Tisch +und verbeugte sich leicht und steif. + +»Ich bitte um Verzeihung! Herr Herbst?« + +Zitternd erhob sich der Havelock. Ja, weshalb in aller Welt zitterte er? +Es war nicht nur diese helle, nüchterne Stimme, nein -- jemand kannte +ihn, ihn, seinen Namen . . . + +»Ich habe mit Ihnen zu sprechen«, sagte die gleiche Stimme, aber um eine +Schattierung weniger bescheiden. + +»Sprechen? Gewiß --« + +»Nicht hier, bitte -- in besonderer Angelegenheit --« + +Und die beiden verließen das Gastzimmer. Die Eulenaugen des Buckligen +sahen ihnen nach. Herr Glienicke hatte sich nicht von der Stelle +gerührt. Diese Stimme, unverkennbar: die Polizei! + +»Bitte!« sagte der schmächtige junge Mann und lenkte den Schritt die +Fabriciusstraße hinab. + +Mit etwas eingeknickten Knien schlürfte Herr Herbst neben ihm her. Er +verging vor Angst, erfüllt von den schlimmsten Ahnungen. + +Wie immer spielten die Kinder auf der staubigen, zugigen Straße, aber +heute wagten sie sich nicht an ihn heran, da er in Begleitung war. + +Mit hohem Singsang schritten sie im Reigen um ein Mädchen, das auf dem +Pflaster kauerte und einen Lumpen über den Kopf gezogen hatte. Ein +schwarzer Hund mit kurzem Schwanzstumpen trippelte mit den Kindern +ebenfalls im Kreise. Nur seiner erschreckenden Magerkeit verdankte er +es, daß er noch lebte. Denn hier außen gab es weit und breit weder Hunde +noch Katzen mehr, alles verzehrt, längst eine Beute der Professionells. +Hohläugig und wächsern erschienen die Kinder wie tanzende, in Lumpen +gehüllte Leichen, die aus den Gräbern eines Kinderfriedhofs gestiegen +waren, um hier zu spielen. Ihre Mütter arbeiteten irgendwo in den +Munitionsfabriken, die Väter faulten längst in den Massengräbern. + +Und da war auch schon wieder jener Wagen mit dem schmutzigen Schimmel, +den ein bleiches abgezehrtes zwölfjähriges Mädchen kutschierte. Jeden +Tag kam er hierher in diese Straße, und kam er nicht gerade in die +Fabriciusstraße, so sah man ihn sicher dort an der Ecke warten. Heute +lagen nur zwei Kindersärge darauf, aber soeben brachte ein Mann einen +neuen Kindersarg aus dem Hause und warf ihn wie eine Kiste mit Flaschen +auf den Wagen. Jeden Tag, und doch gab es noch immer Kinder hier! + +Die tanzenden kleinen Toten aber beachteten den vorüberfahrenden Wagen +mit den Särgen nicht. Sie schoben den Reigen nur etwas zur Seite und +sangen weiter. + +Endlich brach der schmächtige junge Mann das Schweigen. Mit einem nicht +unfreundlichen Lächeln wandte er sich an Herrn Herbst. + +»Sie wissen wohl, daß die große Offensive heute begonnen hat?« sagte er +im Tone eines Menschen, der ein Gespräch beginnen will. »Tausende von +Gefangenen --« + +»Tausende -- so, so --« stammelte Herr Herbst verwirrt. + +»Ja, am ersten Tage!« Aber das Gespräch kam nicht in Gang. So also ging +es nicht. Der schmächtige junge Mann polierte den Kneifer, lächelte +Herrn Herbst mit kurzsichtigen Augen an, und begann von neuem in etwas +kühlerem, geschäftlichem Tone: »Sie kennen mich nicht, Herr Herbst?« + +»Wirklich nicht? Und Sie haben mich auch nie gesehen? Trotzdem gingen +Sie sofort mit mir, seht an. Ein neuer Beweis, daß es unleugbare Kräfte +gibt, die Macht über die Menschen verleihen, magnetische und hypnotische +Kräfte. Seit acht Tagen, seit vollen acht Tagen folge ich Ihnen wie ein +Schatten, mein verehrter Herr Herbst. Sie staunen? Sie sehen, man muß es +nur geschickt anstellen. Vor einigen Tagen aß ich sogar mit Ihnen am +gleichen Tisch in der Dorotheenstraße. Und am Schluß der +Reichstagssitzung stand ich dicht neben Ihnen, als Sie den hohen +Offizier grüßten --« + +Herr Herbst zuckte zusammen. Ah, ah -- er hatte es ja augenblicklich +gefühlt! Seine Ahnungen! Die Polizei war ihm auf den Fersen, die +Geheimpolizei. Der General hatte sie auf seine Spur gesetzt, und nun war +er -- verloren! Ja, dieser General, natürlich, er wollte seine Macht +zeigen, er hatte ihm jenes furchtbare Wort entgegengeschleudert, +belästigte ihn . . . + +»Ich hatte, mit einem Wort, den Auftrag, mich mit Ihrer Persönlichkeit +zu beschäftigen.« + +»Ich weiß es.« + +»Sie wissen es?« + +»Ich dachte es mir! Einen Augenblick.« Herr Herbst wischte sich den +Schweiß von der Stirn. + +»Ja, also den Auftrag«, fuhr der junge Mann geschwätzig fort. »Ich kenne +nunmehr all Ihre Gewohnheiten, Ihre etwas sonderbaren und keineswegs +alltäglichen Gewohnheiten. Es bedurfte eines psychologisch geschulten +Blickes, um nicht verwirrt zu werden, ich gestehe es offen zu. Nunmehr +sind meine -- Sie verzeihen -- Beobachtungen abgeschlossen, bis auf +einen großen dunkeln Punkt. Aber auch das wird sich finden. Ich hielt +die Zeit für gekommen, in persönliche Verbindung zu Ihnen zu treten. Sie +gestatten, mein Name ist Kunze.« + +Der junge schmächtige Mann nahm den grasgrünen Plüschhut ab und machte +eine gemessene, steife Verbeugung. + +»Angenehm!« schlürfte Herr Herbst und erwiderte mit einem Kratzfuß. +Ängstlich und mißtrauisch hefteten sich seine entzündeten Augen auf den +blinkenden Kneifer. Nichts Gutes, jedenfalls nichts Gutes! + +Der schmächtige junge Mann, der sich Kunze nannte, war ärmlich, aber +peinlich sauber gekleidet. Sein dünner Überzieher, bis oben zugeknöpft, +war abgewetzt, aber man sah noch die Striche der Bürste. Seine +geflickten Stiefel waren glänzend gewichst. Er trug dünne +Zwirnhandschuhe, nur seine Manschetten, sie waren etwas grau geworden. +Er war semmelblond, das semmelblonde Schnurrbärtchen haarscharf +zugespitzt. Die Augen hinter den Gläsern erschienen matt, ausdruckslos +und sogar dumm. Unter dem Arm trug er eine dünne lederne Aktenmappe. Wie +alle Menschen sah er schlecht genährt aus, und sein Teint hatte eine +unreine, grünlich fahle Färbung. + +»Hoffen wir es, daß meine Bekanntschaft für Sie angenehm sein wird«, +nahm Kunze nach dem beendeten Zeremoniell der Vorstellung wieder das +Wort, und er lachte leise dabei. »Für manch einen, für viele war meine +Bekanntschaft -- meine Bekanntschaft wenig angenehm, ähä, ähä! Ja, wenig +angenehm! Nun, nun, Sie haben nicht die geringste Ursache, sich zu +beunruhigen, ich betonte schon, daß ich mich durch Ihre sonderbaren +Gewohnheiten nicht verwirren ließ. -- Einen Augenblick, lassen wir diese +Elektrische vorbei -- so. Sie haben sich also vor geraumer Zeit an +unsere Organisation gewandt --« + +»Ich nenne unsere Dienststelle so. Ihr Eingang wurde, wie alle +derartigen Eingänge, unserer Organisation automatisch zugeleitet. Sie +haben, unter anderem, schwere Verdächtigungen erhoben gegen +hochgestellte Persönlichkeiten, oder besser gesagt, gegen Angehörige +hochgestellter Persönlichkeiten, so daß eine ganz besonders sorgfältige +Bearbeitung der Angelegenheit notwendig wurde. Aus diesem Grunde hat +mein Chef mich beauftragt.« + +Herr Herbst atmete auf. Also nicht der General -- es war diese andere +Sache --! Aber schon überzog wieder kalter Schweiß seine Stirn. Welch +gefährlicher Lage hatte er sich doch ausgesetzt! Und weshalb? +Unerklärlich alles. Im Rausch, in völliger Bezechtheit, hatte er diese +zwei Briefbogen vollgeschrieben. Zu spät. Seine Beine zitterten. Er +hatte Mühe mitzukommen. + +»Wohin --?« stammelte er. + +Kunze hielt den Schritt an und lächelte. Er hatte kleine, schlecht +gepflegte Zähne. »Sie können es sich nicht denken?« fragte er mit schräg +geneigtem Kopf. + +»Wie sollte ich --?« + +»In Ihre zweite Wohnung!« + +»Wie --??« + +»In Ihre zweite Wohnung!« + +»Wie --?!« + +Herr Herbst griff mit beiden Händen nach dem steifen Hut -- taumelte +zurück und entfloh . . . + +»Aber so warten Sie doch! Wie sieht das aus, wenn wir hier einander +nachlaufen. Warten Sie doch! Aber ich muß doch bitten . . .« + +Mit ein paar langen Sätzen lief Kunze hinter dem davoneilenden Havelock +her. Im Nu hatte er ihn wieder eingeholt. Er klemmte den Kneifer auf die +Nase, keuchte -- seine Lunge war nicht ganz in Ordnung -- und lachte +belustigt und nachsichtig. + +»Nun, sehen Sie, es hat keinen Sinn. Aber weshalb erschraken Sie nur +so?« + +»Ich -- ich . . .« + +»Sie sind ja jetzt noch kreidebleich! Nun, nun, Ihre Nerven sind in +einem heillosen Zustand, Herr Herbst, einem bösen, bösen Zustand, ei, +ei! Und doch wollen wir nur in Ihre Wohnung in der Blücherstraße gehen. +Ich sagte Ihnen ja -- nur noch ein einziger großer dunkler Punkt -- he, +Kutscher!« + +Kunze winkte geschäftig eine Droschke heran. »Blücherstraße!« + +Herr Herbst hob abwehrend die Hände. + +»Nein, nein -- unmöglich, ganz unmöglich!« stotterte er hilflos. + +Aber der schmächtige junge Mann stampfte plötzlich ärgerlich auf den +Boden und sagte mit scharfer Stimme: »Sie werden gehen! -- Bitte, bitte +recht sehr, Herr Herbst«, fügte er wieder ruhig und höflich hinzu, und +schob den vor Erregung zappelnden Havelock in die wackelnde Droschke. + +»Wir können den weiten Weg unmöglich zu Fuß gehen. Wir haben keine Zeit +mehr zu verlieren. Mein Chef ist schon ungeduldig, er erhielt eine Rüge +von einer höheren Stelle. Machen Sie es sich ruhig bequem. Es wird ja +alles bezahlt. Das sind die Spesen. Sehen Sie hier, in diesem Notizbuch, +hier unter H., das sind die Spesen. Ich hätte ebensogut ein Auto nehmen +können.« + +Voller Verzweiflung starrte Herr Herbst vor sich hin. + +Kunze zog vorsichtig die Beinkleider über das Knie herauf. »Mein Chef, +er ist Major, ermahnte mich ausdrücklich, keine Kosten zu scheuen«, fuhr +er zu schwatzen fort. »Mein Chef strahlt! Sie haben uns ja, mein lieber +Herr Herbst, auf eine eminent wichtige Spur gebracht -- ein selten +glücklicher Zufall! Ach, wie langsam doch dieser elende Wagen fährt! Das +Material wächst, der Ring schließt sich -- wir arbeiten Tag und Nacht -- +mein Chef wird einen hohen Orden bekommen -- und auch ich vielleicht, +vielleicht sogar das Eiserne Kreuz, er machte Andeutungen, mein Chef +. . .« + +Plötzlich brach Kunze ab und zog rasch den Kopf zurück. + +»Pst, pst« -- machte er, und deutete mit dem langen, dünnen Finger auf +die Straße. »Aber sehen Sie doch, wer da eben aus der Elektrischen +steigt! Sehen Sie doch! Wie? Wie? Unglaublich -- Fräulein v. Hecht!« + +Es war in der Tat Ruth. Sie sprang rasch aus dem Wagen und suchte ihren +Weg durch die Menge. Schon war sie verschwunden. + +»Haben Sie sie gesehen? Berlin ist eine so große Stadt, aber man sieht +immer wieder die gleichen Leute. Machen Sie einmal den Versuch, fassen +Sie eine bestimmte Person ins Auge -- wo Sie auch hinkommen, da ist sie, +ich wette mit Ihnen, was Sie wollen. Was hat nun, frage ich Sie, eine +solch feine Dame hier in diesem Stadtviertel zu tun? Wie, wie? Wenn man +es nicht wüßte! Bald wird sie wohl nicht mehr hierherkommen, oder? Mein +Chef ist in bezug auf diese Dame etwas unruhig -- nun, verstehen Sie, +die Tochter eines hohen Vorgesetzten -- aber auch das wird sich ja alles +finden. He, Kutscher, fahren Sie doch etwas rascher!« + + +7 + +Mit einem kleinen Paket unter dem Arm kam Ackermann durch den +Tiergarten. Es war noch hell, Sonne, Tag. Wie gewöhnlich suchte er +verlassene Wege auf. Er kam vom Dienst und war auf dem Wege nach Hause, +wo man ihn erwartete. + +Ja, schon sammelten sie sich, ohne Zweifel! In England, Amerika, +Italien, Frankreich, Deutschland, Osterreich, Ungarn -- überall in der +Welt -- die Brüder! Nur ein Blinder sah die Zeichen nicht, nur ein +Tauber hörte nicht die Stimmen! Nur ein Tauber . . . + +In den Zeitungen, zwischen den Zeilen -- in Broschüren, Aufsätzen, +Büchern, überall Zeichen, die darauf hinwiesen. Überall diese Stimmen! +Trotz der Scharen von Zensoren und Agenten, die ausgesandt waren, die +Wahrheit zu erwürgen, so wie Herodes die Kinder von Bethlehem erwürgen +ließ, nur aus Furcht, weil er vernommen hatte . . . ah, ah -- sein +Morden war vergebens. + +Die Gefängnisse sind überfüllt, hier und überall. Arme, betörte Sklaven +bewachen ihre eigenen Befreier! Zu Hunderten werden sie füsiliert, hier +und überall. Arme Verführte ermorden ihre Brüder. Aber -- _der Gedanke +lebt!_ Die Mauern werden fallen -- in der ganzen Welt -- der Gedanke +wird sie stürzen, der Gedanke, der war, bevor die Menschen waren. Der +Gedanke, den man ans Kreuz schlug, folterte, mit Steinen beschwert ins +Meer versenkte, mit geschmolzenem Blei übergoß, den die Gesandten des +Satans zu töten versuchten auf hunderttausend Arten -- und der immer +wieder auferstand. Weltreiche stürzten, aber er lebt. + +Und die Brüder werden einherschreiten -- sie, die Heißen, die +Sehnsüchtigen, die Wollenden. + +Und auch ich, auch ich, Ackermann, werde bemüht sein, mich ihrer würdig +zu zeigen. + +Zu Ende der Dienst, zu Ende! Er hatte Schluß gemacht. + +Sie würden ihn nicht mehr sehen. + +Monatelang hatte er gerungen, in den letzten Wochen mit Schweiß auf der +Stirn -- der Gedanke siegte. Er war entschlossen . . . + +Unter dem Arm trug er, in eine alte Zeitung eingewickelt, seinen +Drillichkittel, wie ihn die Schreiber in den militärischen Amtsstuben +anhaben. Er nahm ihn heute mit nach Hause. Zum Zeichen, daß er nicht +zurückkehrte. Die Kameraden hatten die Frage an ihn gerichtet, weshalb +er den Kittel einpacke. »Ich mache Schluß!« antwortete er. Aber sie +lachten, wie sollten sie es verstehen? + +Nun, wohl: sollte man mit ihm machen, was man wollte. -- + +Ja, dahinschreiten werden die Brüder, und auf dem blutigen Schutt dieser +armen Erde werden sie eine neue Welt errichten! Schleift die Kasernen, +werden sie rufen, zerbrecht sie, schleift sie! Ihr Gestank verpestet +Europa und die Erde. Schleift sie und steckt sie in Brand! Sie, die +Brutstätten der Sklaven und Sklavenvögte. Täglich schänden sie +millionenfach die menschliche Würde, Millionen von Sklaven, +Hunderttausende von Sklavenvögten, die die Peitsche schwingen, brüten +die Verruchten jährlich in Europa aus. In die fernsten Dörfer, Steppen +und Wälder senden sie versklavte und geschändete Gehirne, in denen der +unschuldige und reine Gedanke des Göttlichen vernichtet wurde. Ämter, +Schulen, Kirchen, Fabriken, Werkstätten und das weite Land überschwemmen +sie mit Sklavenvögten, verdorben und blind vom Dünkel, so daß sie den +Bruder in ihrem Nächsten nicht mehr zu erkennen vermögen! + +Schleift sie, verbrennt sie! + +Zerbrecht die Kriegsschiffe der Piraten, deren Kanonen den Erdball in +Schrecken halten, zerbrecht sie! + +Schleift sie -- werden sie rufen! -- die Zeitungspaläste, errichtet von +den Mächtigen und Reichen der Erde zur Verbreitung von Lüge und Betrug, +zur Vergiftung und Verführung der Nationen. + +Schleift sie und verbrennt sie! + +Reinigt Schulen und Kirchen, wo unschuldige Kinder und reine Seelen +betrogen werden. Reinigt die Tempel, hinaus mit den falschen Priestern, +die den Namen des Erlösers auf den Lippen führen und den Mord der +Nationen predigen. Hinaus, hinaus! + +Hinaus, hinaus mit den eitlen Advokaten, den hartherzigen Greifen, den +selbstgefälligen Narren, die mit den Schicksalen der Völker spielen, +hinaus mit ihnen! + +Es wird Zeit, ihr Brüder, daß die Welt genese! + +Zerbrecht und schleift die Zwingburgen des Goldes, Tempel der Habgier, +Kerker der Freiheit und des Glückes aller Völker des Erdballs. Zerbrecht +die Mauern aus Stahl und Eisenbeton, wo die Plünderer ihre Schätze gegen +die Diebe verwahren! Zerbrecht sie! + +Ihre Stimme wird erschallen wie der Donner -- und nicht mehr untergehen! + +Ach, in dieser Stunde, schwärzeste Mitternacht der Völker, wird sie noch +verschlungen vom Lärm der Kanonen . . . + +Plötzlich aber stockte Ackermanns Schritt. Mit offenem Munde stand er +still. + +Aus der Stille des Parkes war er, versunken in seinen Gedanken, +unvermutet in das blendende Sonnenlicht und das Gewimmel der Menge +getreten. + +Die Menschen schrien, schwangen die Hüte, eilten -- Flaggen wehten über +den Linden, Flaggen in allen Farben, allen Größen, flatterten lustig und +heiter im herrlichen, seidigen Blau des Himmels. + + * * * * * + +Die Stadt hatte geflaggt. Siege, Siege! + +Wie die Sturmflut war das Heer vorgebrochen, wenn die Dämme gerissen +sind -- ganz wie der General es prophezeit hatte. Hunderte von +Geschützen, Tausende, Zehntausende von Gefangenen -- eine Batterie +trabte über die Linden. Der Kaiser hatte befohlen, »Viktoria zu +schießen«. + +Die Stimmen schwirrten, Jubel fuhr dahin über die Millionenstadt. +Unaufhörlich mahlten die Drehtüren der großen Hotels fröhliche Gesichter +hinein und heraus. Die Foyers der Hotels waren überfüllt, schon sah man +Frühlingskleider der Damen, während andere noch Pelze trugen. Die +Kellner schleppten die silbernen Tabletten, die Kapellen musizierten. +Freude erhellte die Mienen. + +Ja, wunderbar war diese herrliche Armee, prachtvoll diese Burschen, die +kämpften und starben, wie in den ersten Tagen des Krieges, als sei der +Tod ein Scherz. + +Und diese Führung: unübertrefflich! + +Zehntausende von Gefangenen -- immer mehr, mit jeder Stunde -- die Beute +unübersehbar -- unübersehbar . . . + +Oben auf dem Brandenburger Tor trieb die Viktoria ihr Viergespann mit +siegesgewissem Lächeln vorwärts. + +Fontänen von Extrablättern stiegen über den Linden in die Höhe. Die +Menschen ballten sich zu Knäueln, sie setzten ihr Leben ein, nur um ein +Zeitungsblatt zu erhaschen, ganz wie die prachtvollen Burschen an der +Front, die durch zischende Eisenstücke sprangen. Schirme wurden +zerbrochen, die Damen verloren die Absätze von ihren Schuhen, und die +Taschendiebe griffen ohne jede Rücksicht einfach in die Taschen. + +Und die Batterie, vier alte Kanonen aus dem Siebziger Kriege, trabte +vorbei -- Viktoria . . . + +Das Hauptquartier schwimmt in Wonne -- die englische Armee vernichtet +. . . + +Furchtbar war dieser Winter gewesen, über alle Maßen furchtbar! +Unerträglich das Sterben ringsum, draußen und in der Heimat. Das +Sterben, das sich sonst in gesitteten Formen vollzog, es war in Panik +ausgeartet. Die Freunde starben, die Dienstboten, die Kutscher fielen +von den Kutschböcken, auf der Straße starben die Unglücklichen, man +sagte einem Gesunden »Gute Nacht«, und am Morgen hustete er ein paarmal, +und schon war er tot. Unerträglich, unerträglich, Tag für Tag zwischen +diesen wandelnden gelben und grünen Leichen einherzugehen, diesen +Gezeichneten, mit dem Kuß der Verwesung auf der Stirn, selbst solch eine +wandelnde grüne und gelbe Leiche, selbst ein Gezeichneter! Unerträglich! + +Und die Kinder! Nein, sprechen wir nicht von ihnen, diesen kleinen +Gekreuzigten. Haben wir Mitleid! Geboren als Krüppel, mit weichen +Knochen, gummiweichen Schädeln, ohne Nägel -- und sie starben, siechten +dahin an den welken Brüsten verzweifelt weinender Mütter, auch aus den +Häusern der wohlhabenden Bürger wurden die kleinen, rührenden Särge +getragen. Zu Tausenden und Hunderttausenden gingen sie dahin, ein Strom, +Tag und Nacht. Ja, so weit war es gekommen, ohne Übertreibung, wenn auch +die Zeitungen nichts darüber schreiben durften, es war England gelungen, +zugestanden. Die Sache mit dem Burenkrieg seinerzeit war nur ein +harmloses Vorspiel gewesen. Gelungen, zugestanden. Hütet euch, ihr +Völker der Erde, seid gewarnt! Fordert nicht Englands Zorn heraus, sein +Blick tötet die Frucht eurer Weiber im Mutterleibe. + +Unerträglich, völlig unerträglich war das ganze Dasein geworden -- und +jetzt, war es nicht wie ein Schimmer von Hoffnung? + +Vielleicht, vielleicht doch! + +Vielleicht würde es zu Ende gehen? Vielleicht . . . + +Alles war zum Einsatz hingegeben: Väter und Söhne, Ernährer, Stützen des +Alters, Hoffnung, Glück und Sinn des Lebens, Ehre, die Zukunft des +ganzen Volkes, Gesundheit, Vermögen, Vieh, Pferde, die Glocken aus den +Kirchen, die Kochtöpfe aus den Küchen -- und ein Geschlecht von +Neugeborenen -- alles, auch das Gehirn unter der Schädeldecke -- +vielleicht, vielleicht . . . Die Generale hatten den Wurf getan, die +Kugel hüpfte über die glücklichen Nummern -- vielleicht . . . + +Wie gefangene Tiere hinter den Gitterstäben tigerten die Millionen an +den Eisenstäben ihres Käfigs entlang und witterten hinaus. Es roch nach +Befreiung -- nicht wahr? Einst hatten ihre Nerven die Erde umspannt, sie +waren durchgeschnitten worden und wimmerten. Einst waren sie Menschen, +hoffärtig und voller Fehler, aber doch Menschen, jetzt waren sie +gefangene Tiere geworden, Verworfene, Verbrecher, Parias, bespien und +beschmutzt, Tag und Nacht, vier Jahre lang. Die Luft selbst, die sie in +ihrem Käfig atmeten, war vergiftet. Hatte man nicht behauptet, daß sie +Fett aus Leichen kochten -- hatte man nicht . . . Aufs Rad geflochten +und über langsamem Feuer geröstet. Unbeschützt von einer Rotte von +Unfähigen, die in ihren Ämtern schlummerten, die Fingernägel polierten +und erhaben waren, erhaben -- einfach erhaben. + +Die Gewaltigen, die Angebeteten und Vergötterten, sie würden gewiß alles +bis ins Kleinste berechnet und beachtet haben, bevor sie sich +entschlossen, alles hinzuwerfen -- auch das Gehirn unter der +Schädeldecke -- und die letzte halbe Million zur Schlachtbank führten. + +Vielleicht, vielleicht -- + +Komme, gebenedeiter Tag! + +Die Zeitungsfrauen entflohen, die alten Männer, die Zeitungen +feilhielten -- sie entflohen -- sie jagten die Linden hinunter -- +verfolgt von der Meute. An der Ecke Linden-Friedrichstraße weinte eine +Zeitungsfrau, man hatte sie gänzlich ausgeplündert, ohne ans Bezahlen zu +denken. + +Siebzig Millionen strichen wie Irrsinnige an den Gitterstäben entlang -- +und die Armee hatte einen Ausfall gewagt, einen glückverheißenden +Ausfall. + +Verheißungsvoll flatterten die Flaggen im seidigen Blau des Himmels. +Hell funkelte die goldene Göttin auf der Siegessäule. + +Die Riesenstadt erbebte bis in die entlegensten Vororte. Überall +flatterten die Zeitungsblätter. Die Kolonnen der gelben Gesichter selbst +belebte die Hoffnung. Die Bewegungen der Erschöpften und Ermüdeten in +den Werkstätten wurden rascher. Verheißungsvoll zischte der Dampf, +blitzten die Räder. + +Selbst in den Augen jener, über die bereits die Agonie ihre Schatten +breitete, in den Augen der Verzweifelten, Hungernden, Verhungernden, +Sterbenden ersprühte eine leise Hoffnung, der letzte Funke. + +Ja, komme, du gebenedeiter Tag! + +Aber horch! Was ist das? + +Ein Geschrei wie von tausend gemarterten Kindern, ein Geheul wie von +tausend gemarterten Hunden -- nichts, nein, nichts, es ist nur eine +Regimentskapelle, die in die Linden einbiegt. Sie spielt nicht +erstklassig, Bucklige, Lahme, Greise -- was willst du? -- und eben +feuert auch die Batterie aus dem Siebziger Krieg Viktoria. + +Über den Linden brummt ein Riesenflugzeug, zehn Menschen sind an Bord. +Wer sollte es ahnen? Es ist immerhin noch einiges im Lande, nicht viel, +aber noch einiges: zum Beispiel die Haare der Frauen für Seile und +Webwaren, das Gold in den Gebissen. Die Generale und Gamaschenträger +werden nicht zögern. + + +8 + +Plötzlich leuchtet ein helles Rot durch die Menge, das weithin blendende +Rot eines Mantelaufschlages. + +Ein Gesicht, rosig angehaucht wie ein Steingebirge beim Ausgang der +Sonne, wandelt die Linden einher. + +Die Spaziergänger bleiben neugierig stehen. Einer von jenen, die Gut und +Blut der Nation in den Händen halten! Ehrfürchtig lüften sich die Hüte, +die Augen glänzen. + +Es hätte nicht viel gefehlt, und man hätte dem General, der mit Otto die +Linden entlangging, eine Ovation dargebracht, obgleich er an den +Zehntausenden von Gefangenen gänzlich unschuldig war. Der General hob +die Hand zum Gruße. Er nahm diese Äußerung der Begeisterung mit Würde +und Bescheidenheit entgegen. Sie galt selbstverständlich nicht ihm, sie +galt der unvergleichlichen Armee, sie galt den Begnadeten, Angebeteten +und Vergötterten, die jetzt, in diesem Augenblick, das hohe Spiel +spielten -- da draußen . . . + +Die Miene des Generals war verschlossen und gesammelt wie immer. +Trotzdem ein großer, ja ein auffallender Unterschied! Während sich sonst +der Blick in die grauen Augenhöhlen verkroch -- selten nur, höchst +selten bot der General seine Augen den neugierigen, zudringlichen +Blicken der Mitmenschen dar -- standen heute die Augen offen und +blendeten. Ihr Blick war erwärmt, wie wenn die Sonne das Eis leckt. +Zufriedenheit leuchtete in der Tiefe und Triumph, ein stiller, +zurückgedämmter Triumph. Und zudem ging der General zu Fuß, was nur in +äußerst seltenen Fällen vorkam. Zuweilen ließ er sich von Schwerdtfeger +in eine entlegene Allee des Tiergartens fahren, um einige Minuten +spazierenzugehen, immer hin und her, die Hände auf dem Rücken, höchstens +eine Viertelstunde. Manchmal legte er auch den Weg von Dora nach Hause +zu Fuß zurück, wenn es spät wurde. Aber das waren, wie gesagt, +Ausnahmen. + +Er hatte Schwerdtfeger vor dem Brandenburger Tore halten lassen und +beschlossen, den Weg bis zu Stifters Diele zu Fuß zurückzulegen. Zur +großen Genugtuung Ottos, der, seit acht Tagen aus dem Lazarett entlassen +und den ganzen Tag in einem Kriegsamt tätig, das Gewimmel der Menschen +liebte. + +»Diese Menschen!« sagte der General. + +Und erst an jenem Tage, wie da die Linden von Menschen wimmeln würden -- +an jenem Tage! Kopf an Kopf, an den Fenstern und auf den Balkonen, +schwarz die Dächer, die Luft erfüllt von Fliegern und Luftkreuzern. +Triumphpforten, die ganzen Linden entlang, Musik -- und der Schritt der +siegreichen Armee, die in die Heimat zurückkehrte, dröhnend vom +Morgengrauen bis zum Sinken der Sonne -- jenes Dröhnen, unter dem die +Welt erbebt war. Die Fahnen geschmückt mit Lorbeer . . . + +Niemals konnte der General das Brandenburger Tor passieren, ohne daß die +Vision des heimkehrenden Heeres vor ihm aufstieg. Heute aber hörte er in +der Tat das Dröhnen der Schritte, heute sah er die bekränzten Kanonen +zwischen den schwarzen Menschenmauern rollen. Diese wunderbaren, +schweigenden Rohre, die so herrlich ihre Pflicht getan hatten! Das +Geschrei der jubelnden Menge, Tücherwinken auf den Tribünen -- gab es +etwas Ergreifendes für ihn, etwas wirklich Ergreifendes, so war es +dieser Gedanke. Ohne Zweifel, es würde der glücklichste Tag seines +Lebens werden! + +Unverkennbar, die Ähnlichkeit der beiden! Dieselben breiten Gesichter, +beim Alten grau im Unterton, mit einem dünnen Anflug von Rot darüber, +beim Jungen bleich, mit dem satteren Rot der Jugend auf den Lippen. +Dieselben Augen, kühn und nachdenklich beim Alten, verwegen und +leichtsinnig beim Jungen. + +Der Alte mit einem sonderbaren Kreuz zwischen den roten Aufschlägen, der +Junge die Brust mit Auszeichnungen übersät, eine Narbe an der Stirn, und +die linke Hand steif in einem schwarzen Handschuh, verwundet, offenbar. +Beide groß, massig. + +Otto versuchte, mit dem Vater Schritt zu halten. Das war nicht so +einfach. Denn die Schritte des Generals waren unregelmäßig, und zuweilen +schwankte er auch, unmerklich. Er war das Gehen nicht gewöhnt, von +Gedanken erfüllt, die seinen Gang beeinflußten. + +Der Blick des Generals war voller Ruhe in die Weite gerichtet -- Ottos +Blick dagegen flog blitzschnell hin und her. Die langen Wochen im +Lazarett, vergessen und vorbei. Das letztemal, Gott sei Dank! Er hatte +es ausgerechnet, ein volles Jahr, zwölf volle Monate lag er während des +Krieges im Lazarett. Vier volle Monate mit diesem verdammten Kopfschuß, +einen Monat mit der Ruhr, zwei Monate mit einer niedlichen Gasvergiftung +und so weiter -- und schließlich diese Kleinigkeit mit der Hand. Die +nette Schwester hatte ihm ja den Aufenthalt im Lazarett so angenehm wie +möglich gemacht, trotzdem, sein Bedarf war reichlich gedeckt. + +Nein, Otto sah keine bekränzten Kanonen, fiel ihm gar nicht ein, er sah +nur -- Frauen! Drei Jahre Front, nur Männer, pfui! -- ein Jahr Lazarett +-- ja also nichts anderes. Über jede gutgekleidete, junge Frau, mit +anderen beschäftigte er sich überhaupt nicht, zuckte sein verwegenes +Auge. Kein Knöchel, kein Schuh, keine Hüfte, keine Locke entging ihm. +Jene Kleine, zum Beispiel, Dutzendware! Jene Kleine aber, unscheinbar, +voller Geheimnisse. Jene dunkle, die das Auge sofort unter dem Blick +erweiterte -- lüstern! Aber jene Schüchterne, Blasse, die dem Blick +augenblicklich auswich -- gepeinigt von entsetzlichen Wünschen. Sie +verstand augenblicklich. + +Die Augen der Frauen sprühten auf, zuckten zusammen, verbargen sich. +Manche umschmeichelte Otto weich und schwärmerisch, anderen fuhr sein +Blick wie ein Dolch in die Augen, brutal und unzweideutig. Er behandelte +sie individuell, ganz wie er sie einschätzte. Viele erröteten unter dem +frechen Blick des unverschämten Offiziers. Aber Ottos Eitelkeit deutete +die Schamröte völlig falsch. + +Dieser Nacken, dieses Schenkelpaar und jenes herrliche, volle Wiegen der +Hüfte -- drei Jahre Front und ein Jahr Lazarett hatten den Sohn des +Generals völlig zerstört. + +Ja, das war das Leben, und er gedachte seine Zähne in dieses Leben zu +schlagen, wie ein Tiger sein Gebiß in die Gazelle schlägt, er gedachte +mit beiden Händen darin zu wühlen, wie in blutigem Fleisch. Sein Gehirn +war angefüllt mit weiblichen Körpern, weiblichen Linien, Schwellungen, +Frauenlippen, Frauenhaaren, gestammelten Worten, Schreien. Ja, Tag und +Nacht wollte er dieses Leben an sich reißen, jede Minute, die der Dienst +frei ließ. Er wollte sie nachholen, diese vier elend vergeudeten Jahre. +Tag um Tag -- + +Keine zehn Pferde würden mehr imstande sein, ihn wieder zur Front, ins +Feuer zurückzubringen. Alles, die Hölle, wenn du willst, nur nicht ein +Ort, wo scharf geschossen wurde! Schon der Gedanke -- und doch, früher +hatte er sich oft danach gesehnt, die Sprengstücke pfeifen zu hören. Oft +hatte er sich dem Feuer absichtlich ausgesetzt, unverständliche, +perverse Laune -- und die Geschosse peitschten dicht an seinem Ohr +vorbei! -- unbegreiflich! + +Und seine Eitelkeiten -- wie lächerlich waren sie doch! Wie +unverständlich. Um in der Heimat von ein paar Gänsen bewundert zu +werden! Was galten ihm jetzt die Ordensauszeichnungen? + +Nein, um offen zu sein, auf den Heldentod legte er keinen Wert mehr! +Welch erbärmlicher Schwindel war es doch: süß ist es und ehrenvoll für +das Vaterland zu sterben! Nur noch Gymnasiasten glaubten es, oder Leute, +die nie den schrecklichen Tod da draußen erblickt hatten. Heute wußte +er, daß es nichts als verlogene Phrasen waren, mit denen +nationalistische Redner und Redakteure, die sich selbst in Sicherheit +befanden, andere ins Gemetzel hetzten. Überlassen wir das Heldentum den +Stierkämpfern, die dafür bezahlt werden, hatte Ströbel einmal zu ihm +gesagt -- und er hatte ihn deswegen verachtet. Jetzt aber begriff er +ihn. + +Ja, er hatte sich sehr geändert, Otto! + +Er begriff kaum mehr sein Denken und Tun, das nur ein Jahr zurücklag. +War er es wirklich gewesen? + +Zum Beispiel, als er seinerzeit bei Langemarck den schwerverwundeten +französischen Offizier in den Graben holte! Holte, ganz einfach holte, +und auf alle Metallstücke pfiff, die sich mit fünfhundert oder tausend +Metern in der Sekunde vorwärts bewegten. Nein, heute würde er, Otto, bei +Gott niemand mehr hereinholen -- nicht einmal seinen Vater -- höchstens +ein schönes, junges Mädchen, und sie nur unter bestimmten Bedingungen. + +Der Sohn des Generals war heute nichts anderes mehr als ein Schamloser, +offen gesagt. Keck und herausfordernd schritt er neben dem General +einher, jeden einzelnen der bewundernden Blicke genießend, die sich auf +seine glitzernden Sterne und Auszeichnungen hefteten. Der Mensch +spiegelt sich im Menschen. Wie alle Armeen, spekulierte auch die +deutsche auf den armseligsten Instinkt des Menschen, die Eitelkeit. Otto +hatte absichtlich den Mantel zu Hause gelassen, obschon es noch +keineswegs warm war. + +»Ha!« lachte der General vor sich hin. + +»Wie, bitte, Papa?« + +»Diese Menschen, sie sind närrisch!« + +Plötzlich errötete Otto. Sein Blick zuckte unruhig, die Narbe an seiner +Schläfe, die von dem Kopfschuß geblieben war, färbte sich rasch und +flüchtig tiefrot. Ein schnelles, vornehmes, offenes Auto rauschte vorbei +und darin saß -- Hedi! + +Hedi -- in einem pompösen Pelz, wehende Federn auf dem Hute -- einen +wollhaarigen, fetten, kleinen Hund auf dem Schoß. + +Sie sah ihn nicht, sie sah überhaupt nicht auf die Straße. Sie saß wie +eine Dame, die es gewöhnt ist, in ihrem Wagen durch die Menge zu gleiten +und nichts mehr dabei findet. + +Es war keine Überraschung mehr für Otto. Vor ein paar Tagen traf er in +einer Teestube Unter den Linden, wo viel Halbwelt verkehrte, die kleine +Saharet, und sie hatte ihm erzählt, daß Hedi Ströbels »Privatsekretärin« +geworden war. Ströbel hatte die Saharet vor die Türe gesetzt, höchst +einfach, ein paar braune Lappen -- und dann war die andere, wie die +Saharet sagte, gekommen. Also Hedi Westphal die Nachfolgerin der +Saharet! War es nicht zum Schießen komisch? Immerhin, Hedi erhob sich +weit über den Durchschnitt all dieser schnatternden Gänse -- aber sie +war kalt, kalt und berechnend, nichts als eine Egoistin. Und nichts war +Otto mehr zuwider als Egoisten. Aber als Privatsekretärin hätte er Hedi +schließlich auch engagiert. Ja, dieser Ströbel! + +Einen einzigen großen Nachteil hatte diese Angelegenheit: er würde +leider gezwungen sein, den Verkehr in Ströbels »Hotel« einzustellen -- +schade, sehr schade. + + +9 + +Sogar bis in Stifters Diele war die Welle der Begeisterung gedrungen. +Man vernahm heute sogar Lachen, das helle Lachen einer Dame, ein sonst +ganz unerhörter Vorgang in Stifters Etablissement. Knall! Schon knallte +es, ganz wie an der Front, wenn die Flieger kamen. Drei, vier Tische +tranken Sekt. + +Man feierte den Sieg, wollte nicht kleinlich sein heute, ein Glas auf +das Wohl der herrlichen Burschen da draußen leeren. Die beiden +Rittmeister, die den General zuweilen irritierten, hatten einen ganzen +Kreis von Freunden geladen, und der raunende Oberkellner schleppte +Flaschen unter beiden Armen. Ein Toast -- und dreimal, gedämpft, aber +begeistert, hurra! Die Kelche klirrten. + +Mit Neid beobachtete Otto die Ausgelassenheit nebenan. Wie gerne wäre er +bei ihnen unten gewesen. Ja, man mußte es ihnen lassen, sie legten ein +ordentliches Tempo vor! Papas Gesellschaft dagegen -- nun Gott sei Dank +war es nur dieser eine Abend. Er hatte es Papa heute nicht abschlagen +können. Schließlich war er ja um zehn Uhr, elf Uhr spätestens frei. Von +elf Uhr an wurde er erwartet. + +Schweigend nahm der General die ersten Gänge ein. Seine Augen waren +geweitet, und der Blick ging in die Ferne. Er dachte an den 4., 5. und +6. August -- damals, Quatre vents! + +Er hörte deutlich das Feuer, das furchtbare Feuer, das damals rings um +ihn tobte -- so, genau so, würde es heute da draußen toben, rollen wie +die Brandung eines höllischen Meeres -- von Horizont zu Horizont. +Krachen, Stampfen, der Himmel stürzt ein, und die Erde klafft in +Spalten. Ja, sie sollen es jetzt nur schmecken, das Gelbkreuz und +Blaukreuz -- diese Unbelehrbaren! Ein Lächeln ohne Erbarmen, voll +grausamen Triumphs, umspielte die blauen Lippen des Generals. + +Deutlich sah der General das rauchende Schlachtfeld vor sich. Aber, was +er nicht sah, das war der kleine, krummbeinige Schneider Hanuschke -- +der seinerzeit, als Ordonnanz, versehentlich in sein Arbeitszimmer +rannte, und den Unwillen Seiner Exzellenz erregte -- dieser Schneider +Hanuschke, mit dem Querschläger zwischen den Mausaugen, der in dieser +Minute, da der General einen Spargel durch die Zähne zog, um sein Leben +lief. Nein, ihn sah er nicht. + +Wie ein Blitz fegte der kleine, krummbeinige Hanuschke über einen +zerwühlten Acker und verschwand in derselben Sekunde in einer Erdspalte, +da der General die ausgesogene Spargelstange auf den Teller legte. + +Man hatte ihn zu den Strippenflickern kommandiert, das heißt sie mußten +die zerstörten Telephonleitungen ausbessern. Eine böse Sache. + +Im gleichen Augenblick knallte es auch schon, und Hanuschke zog den Kopf +ein. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht -- ganz +wie damals, als er das Arbeitszimmer des Generals hinter sich hatte, mit +der gleichen Bewegung -- und schon flitzte er wieder wie das Wetter +selbst über den Acker, und schon stürzte er sich wieder in ein Loch +hinein, diesmal in einen Granattrichter. Dieser Teufel, dieser +verfluchte Teufel, keuchte er und horchte -- (der General goß eben +Fachinger in sein Glas) -- niemals in seinem Leben hatte der Schneider +etwas Derartiges erlebt. Er, er ganz persönlich, wurde von einem +englischen Flieger verfolgt, der ihn für einen Meldeläufer oder Gott +weiß was hielt. Dieser Teufel ging bis auf zehn Meter herunter, erspähte +ihn immer wieder und warf kleine Bomben herab. Er sah deutlich sein +Gesicht, die kleine Bombe in der Hand, selbst den gestutzten kleinen +Schnurrbart über den Zähnen -- dieses Granatloch bot keine genügende +Deckung, und wieder schoß der kleine Schneider dahin -- jenem Wäldchen +zu: erreichte er es, so war er gerettet. Der Schweiß rann ihm in Strömen +übers Gesicht. Solch ein Teufel, ein verfluchter! -- + +Der General zog eine neue Spargelstange durch die Zähne. + +»Und du?« fragte er, ohne Otto anzusehen, nach seiner Gewohnheit. + +»Wie beliebt, Papa?« + +»Und du?« + +»Was soll ich?« + +Der General, in Gedanken, schwieg eine Weile, dann begann er wieder: +»Ich meine -- für dich muß es doch unerträglich sein, nicht an der Front +zu sein -- gerade jetzt?« + +Otto errötete. + +»Jetzt, wo für ein Jahrhundert oder länger der Lauf der Geschichte +bestimmt wird. In vier Wochen vielleicht, sagt der Arzt?« + +»Vier Wochen ist der früheste Termin.« + +»Der früheste --?« der General wiegte bedauernd den Kopf. »Weiß Gott, +wie die Lage in vier Wochen sein wird, wenn es so weitergeht.« + +Nun, Gott mochte es wissen und seine Freude daran haben, ihm, Otto, war +es höchst einerlei. Er glaubte nicht recht daran, diese ganze Sache kam +ihm abenteuerlich im höchsten Maße vor. Er ergriff die Gelegenheit und +brachte dem Vater schonend bei, daß er sich im Westen, in der Nähe +seines neuen Amtes, ein Zimmer gemietet hatte, weil der Dienst schon +morgens um sieben Uhr begann. Die Wahrheit war, daß er sich der +väterlichen Kontrolle entziehen wollte. + +»Der Dienst in erster Linie«, erwiderte der General. Er hielt inne. + +Am Nebentisch wurde ein neuer Toast ausgebracht. Drei kurze Hurras, +schon etwas lauter: der Kaiser! + +Der Takt gebot, während des Toastes zu schweigen. -- + +Aber Hanuschke, der Schneider Hanuschke? Was ist mit ihm? + +Der kleine, krummbeinige Schneider fegte immer noch über das Feld, dem +rettenden Wäldchen entgegen. Sein Hemd, soweit man von einem Hemd reden +konnte, klebte naß an seinem Körper. Hatte man je während dieses ganzen +Weltkrieges davon gehört, daß man einzelne Leute mit Flugzeugen jagte? +Über diesem Wäldchen zerplatzten Schrapnelle, gelbe und graue Spinnen, +aber das war schließlich das Paradies gegen diesen englischen +Doppeldecker. Seine zerfetzten Hosen klebten an den Schenkeln. Er setzte +über einen gefallenen deutschen Artilleristen, der mit aufgeschlitztem +Hals dalag, hinweg -- schon brauste das Brummen wieder hinter ihm her. +Da aber schrie Hanuschke vor Entsetzen auf. Der Engländer mit seinem +gestutzten, kleinen Schnurrbart schien jetzt aufs Ganze zu gehen. Er +flog dicht über dem Boden, und schien es darauf anzulegen, ihn zu +überfahren. Er hatte neulich gesehen, wie ein deutscher Beobachter mit +dem Fallschirm aus einem Fesselballon absprang, den ein feindlicher +Flieger in Brand schoß. Sollte man es für möglich halten: der feindliche +Flieger kam zurück und schoß auf den mit dem Fallschirm abstürzenden +Beobachter, der verzweifelt mit den Beinen ruderte. Das sah komisch aus, +wie er in der Luft ruderte, und er, mit anderen Kameraden, hatte laut +aufgelacht -- aber diese Sache war nicht zum Lachen. Im Gegenteil, dem +Schneider passierte etwas, was ihm seit dem ersten Gefecht nicht +passiert war. Im letzten Augenblick warf er sich zu Boden, und die +Maschine rauschte über ihn hinweg. In voller Geschwindigkeit stießen die +Räder auf den Boden, daß der Staub aufwirbelte, und die Maschine wie ein +Ball geworfen wurde. Sollte er verrecken, der Teufel! Aber der Teufel +kletterte in die Höhe und drehte wieder um. In seiner Verzweiflung lief +der kleine Schneider ihm entgegen, durch, krach, aber durch, Glück mußte +man haben. Wirbelnd wie eine Windmühle, mit Beinen und Armen fegte er +dem Wäldchen zu. Plötzlich aber versank buchstäblich der Boden vor +seinen Füßen. Er stürzte und wurde von einer Welle von Erde zugedeckt. +Er rang nach Luft, übergab sich und machte sich bleich und völlig +kraftlos von der Erde frei. Etwas ganz Unerwartetes war geschehen, +etwas, womit er gar nicht gerechnet hatte: eine Granate hatte +eingeschlagen. + +Zitternd taumelte er vorwärts, keine Kraft mehr. Sein Gesicht blutete. + +Zwanzig Schritte noch, zehn Schritte -- da war er. + +Dampfend warf er sich unter die Bäume und weinte. Es war kein geringer +Schreck gewesen. Und er dachte an den Volltreffer seinerzeit -- bei +Souchez -- wie der Feldstecher neben ihm herunterkam -- und er dachte, +daß er einmal anstatt ins Zimmer Nummer 6, ins Zimmer Nummer 7 lief und +plötzlich einem General gegenüberstand. Hätte er diese Dummheit nicht +begangen, damals, wer weiß, ob er nicht heute noch gemütlich in Berlin +säße? + +Ja, er weinte, aus nervöser Erschöpfung, aus keinem anderen Grunde, denn +die platzenden Schrapnelle, die Batterien suchten, störten ihn nicht im +geringsten. -- + +Gerade als der General bei dem gefüllten Pfannkuchen angekommen war, war +Hanuschke in seinem Wäldchen verschwunden. + +Der General handhabte einen Zahnstocher. + +Sein Blick ging, etwas düster, über die Tischgesellschaft der beiden +Rittmeister hinweg. + +»Ruth macht mir Sorge!« sagte er. + +»Ruth?« + +»Ja. Sie macht mir Sorge!« + +»Aber dieser Dietz war ja auch nichts für sie, Papa. Ein oberflächlicher +Mensch.« + +»Oberflächlicher Mensch?« Voller Erstaunen blickte der General Otto an. + +»Ja, gewiß. Herzlich oberflächlich, Papa.« + +Der General schüttelte den Kopf. + +»Das ist es nicht . . .« Und er versank in Nachdenken. Nun, Otto konnte +sich wohl denken, was es war! Ruth war wahrscheinlich unvorsichtig genug +gewesen, es sah ihr ähnlich, vor Papa ihre Anschauungen auszupacken. +Otto hatte sich nie viel um Ruth bekümmert, wie es in ihrer Familie von +jeher üblich war, jeder lebte für sich. Aber in letzter Zeit sprach er +häufig mit ihr. Er trank sogar einmal Tee in ihrem kleinen Salon, +immerhin eine Leistung für einen Bruder. Seit er aber mit Ruth über Tod +und Teufel, wie er es nannte, gesprochen hatte, hielt er Ruth für einen +der vernünftigsten Menschen seines ganzen Bekanntenkreises, von der +Verwandtschaft gar nicht zu sprechen. Sie hatte sich ihr Urteil über die +verschiedensten Dinge gebildet -- er wollte nur so viel sagen -- noch +vor einem halben Jahr hätte er sie für völlig verrückt gehalten. In +mancher Beziehung allerdings schien es sogar ihm, daß ihre Ansichten -- +besonders für eine Dame, eine Dame -- kein Wunder -- der arme Papa! + +Er forschte nicht weiter, und der General schwieg. + +Eine blaue Flamme hypnotisierte Otto, sie tanzte mitten auf dem Tisch +der Gesellschaft nebenan. Es war eine »Feuerzange«, eine hochprozentige +Bowle. Ja, wie gerne wäre Otto hinabgestiegen. + +Ganz ohne jeden Übergang begann der General plötzlich über die Regierung +zu sprechen, deren Unfähigkeit klar zutage trat, wohin sollte es führen? +Und der Kaiser? Nur sie allein, jene Männer, die die Armee von Sieg zu +Sieg führten, waren imstande, den Frieden zu machen. + +Es entging dem General völlig, daß die Gäste des stillen Restaurants in +diesem Augenblick von einer eigentümlichen Erregung ergriffen wurden. +Erst als alle Köpfe sich nach einer bestimmten Richtung drehten, wurde +auch Otto aufmerksam. Irgend etwas wie ein großer Hund schien über die +Teppiche des Restaurants zu schleichen, und die Gäste mit Unbehagen, ja +Grauen zu erfüllen. Einige runzelten die Stirne, die Brauen der Damen +waren entsetzt hochgezogen. Am Tisch der Rittmeister stockte plötzlich +die Unterhaltung. + +Es war indessen kein Hund, der über die dicken Perserteppiche von +Stifters Diele kroch, sondern ein Mensch, ein Soldat in Feldgrau, der +sich auf zwei kurzen Krückstöcken dahinschleppte und seine gelähmten +Beine hinter sich herschleifte, während schreckliche Zuckungen seinen +Körper schüttelten. Auf seinem Kopf saß eine kleine graue Feldmütze, und +erst an der Mütze erkannte Otto, daß der Krüppel ein Soldat war. +Unerhört, dachte er, einen solchen Menschen auf die Öffentlichkeit +loszulassen! + +Die Gewandtheit des Oberkellners half den Gästen über die peinliche +Szene rasch hinweg. Es gelang ihm, das menschliche Gespenst, das direkt +aus den Schützengräben in Stifters Diele gekrochen kam, mit seinem +raunenden Gebrummel zum Umkehren zu bewegen. + +Die Gäste atmeten auf. Sofort setzte am Tisch der Rittmeister wieder die +fröhliche Unterhaltung ein. + +Der General hatte in seiner Nische von dem ganzen Vorfall nicht das +geringste bemerkt. Während aber der Oberkellner die Türe öffnete, um den +Unglücklichen hinauszulassen, drang das feierliche Läuten der Glocken +herein, die den Sieg einläuteten. + +Da ergriff der General das Glas und erhob sich. + +»Unser Vaterland, Otto!« sagte er. + +Und Otto sah, zu seiner größten Überraschung, daß die Augen des Generals +feucht schimmerten. Nie in seinem Leben hätte er das für möglich +gehalten. + +Auch sie wird nicht wenig staunen, wenn ich es ihr erzähle, dachte er. + + +10 + +Schrecklich fiel das Geläute der Glocken in Ackermanns Herz. + +Die Luft, schimmernd über der Riesenstadt, heulte und stöhnte. Die +Todesschreie von Tausenden, Jammern und Röcheln, Klagen der Witwen und +Gewinsel der kleinen Waisen, die nicht wissen, weshalb sie schrein +. . . Wie riesige Mäuler voll Blut schwangen die ehernen Glocken über +der Stadt und erbrachen Entsetzen über die Dächer. + +Wenn du noch an Gott glaubst, so knie nieder . . . + +Er hatte sie gesehen -- nicht sie -- die die Hüte schwangen! -- hatte +sie gesehen -- die Felder, über die der Sturm ging. Allmächtiger! Gnade, +Gnade in deinem Zorn! Da liegt er -- Ebenbild Gottes, Sohn einer Mutter, +in Schmerzen geboren, in Sorgen großgezogen -- er ist tot -- er wird +sterben -- er stirbt -- Da liegt er wieder -- -- und hier, hier, Stücke, +Fetzen -- er ist dahin . . . + +Grau war Ackermanns Gesicht. + +Grüppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich gegenseitig stützen, +immer wieder fallen, und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie +hinweg -- Unglückliche, die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht +gnädig ist. Und die Verbandplätze, wo die Ärzte mit schweißigen, stieren +Augen arbeiten -- und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie weg +. . . + +Sonderbarerweise fiel ihm in diesem Augenblick ein längst vergessenes +Erlebnis ein. Das Regiment hatte gestürmt. Über einem zerschossenen +englischen Graben lag, das Haupt zurückgebogen, ein toter Inder. Schön +und edel, den Adel seiner tausendfach geschändeten und vergewaltigten +Rasse in den Zügen. Und -- was denkst du? -- die schweißnassen, +blutnassen, rauhen Hände der Kameraden, die rauhen Hände von Arbeitern +und Bauern streichelten das Gesicht des toten Inders, während sie +vorübergingen. Streichelten es, einer um den andern. Schön bist du! -- +Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. -- Nun, mein Junge, dich hat es +gepackt! -- Liebkosten ihn -- den _Bruder!_ + +Den Bruder, den Bruder! + +Wie Keulenschläge trieben die Glocken Ackermann vorwärts. Sein +flatternder Mantel flog dahin. + +Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott weiß es! + +Einer mußte den Anfang machen! Einer mußte sich den im Wahnsinn +dahinjagenden Völkermassen entgegenwerfen -- einer mußte das Signal +geben, selbst Signal sein -- einer, einerlei, ob man ihn niederschlug, +in Stücke zerriß. Einer, andere würden folgen, mehr, immer mehr! + +Einer, ja, einer -- + +Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzückung lag auf Ackermanns +Antlitz. + +»Nun wohl, ich bin bereit!« rief er. + +Bereit, bereit? Wozu bereit? + +»Nun bereit, einfach bereit!« + +Es war beschlossen. Seit heute, seit gestern, seit Monaten, seit Jahren. +Es war beschlossen, seit er 1914 bei Langemarck stürmte, und die Reihen +der Kameraden auf rätselhafte Weise dahinsanken. Nun wußte er es. Gott +hatte ihn geprüft und auserwählt. + +Alles war vorbereitet. Die Broschüre war fertig. Richard, sein jüngerer +Bruder, würde sie wie anderes früher in der Provinz drucken lassen -- +die Freunde würden sie vertreiben. Die Mutter? Sie mußte begreifen. Und +Ruth? Ruth war tapfer. Es war alles in allem nicht die Zeit, an diese +Dinge zu denken. + +»Vorwärts! Vorwärts!« Die Glocken heulten es, die Todesschreie in der +Luft, das Röcheln der Sterbenden, das Jammern der Witwen und Winseln der +armen Waisen -- die Kameraden riefen es ihm zu, über die jetzt, in +dieser Minute, die furchtbare Bahn der Granate hinwegheulte, die +Kameraden, die jetzt mit starren Augen lagen, Freund wie Feind, die +jetzt verbluteten, Freund wie Feind -- alle, alle: vorwärts! + +»Ackermann! Ackermann!« riefen warnende Stimmen in der Luft. + +Er blieb stehen und warf die Blicke empor zu den unbekannten Stimmen in +der Luft. + +»Ackermann! Ackermann!« + +»Bereit -- bereit!« rief Ackermann und eilte weiter. + + +11 + +Im Augenblick hatte der schmächtige junge Mann die Fenster geöffnet und +die Rolladen hochgezogen. Es sah aus, als sei Kunze soeben von der Reise +zurückgekehrt und nehme seine Wohnung in der Blücherstraße wieder in +Besitz. Eine Schicht von Staub und Sonne lag über den Dächern draußen, +und feierlich brodelte darin das Läuten der Glocken. + +»So, so -- immer hereinspaziert!« + +Zögernd schob sich der kleine Herr Herbst über die Schwelle. Es mußte ja +sein, es gab kein Entrinnen mehr vor dem jungen Mann mit dem Kneifer. -- +Ein Block von Licht brach in die dunkle Wohnung, und er schloß, wie +versengt, die Augen -- aber was half es denn? Nichts. Er hatte ihn ja +doch gesehen, trotzdem, ja ohne hinzublicken: den Haken über der Türe +zum Schlafzimmer. Nur ihn sah er -- nichts sonst -- diesen Haken. + +Ah, ah, ah! + +Ächzend sank er in einen Sessel und krümmte sich zusammen. + +»Nun, sofort, mein verehrter Herr!« rief Kunze etwas keuchend aus. Eine +Schweißperle lief über seine Stirn. Jede körperliche Tätigkeit, auch die +geringste, erschöpfte ihn augenblicklich. »Die Lunge, wissen Sie. +Sofort, sofort zu Ihrer Verfügung.« Fieberhaft kletterten seine raschen +Augen über Möbel und Wände. Er verbarg sein Erstaunen nicht, nein, wozu +denn, vor wem denn? Er staunte -- staunte, mit offenem Munde! + +Die rote Plüschgarnitur des Wohnzimmers, heute allein ein Vermögen wert! +Die Gaskrone mit Glasprismen, der rote Teppich, überall Vasen, Nippes, +goldene Bilderrahmen -- eine kleine Palme in der Ecke, daneben ein +Grammophon. Die Vorhänge und Gardinen kunstvoll drapiert über den +Stangen. Das Schlafzimmer schneeweiß! Und peinliche Ordnung und +Sauberkeit, bis auf den Staub, der sich da und dort angesammelt hatte. + +Alles in allem: ein behagliches Bürgerheim, die Wohnung eines Bürgers in +guten Verhältnissen -- aber _verlassen!_ + +»Und da hausen Sie nun in diesem Loch, in dieser Mietkaserne -- und hier +haben Sie eine prächtige Wohnung!« rief Kunze in äußerstem Erstaunen +aus. + +Herbst entgegnete nichts. Er hatte den steifen Hut aufbehalten und saß +zusammengekrümmt, so daß sein Gesicht nicht zu sehen war. Die schmalen +Schultern in dem abgeschabten, rostfarbenen Havelock zitterten. + +»Ist es zu glauben? Ja eine prächtige Wohnung! Und Sie haben keine Angst +vor Einbrechern? Mein Himmel! Tag und Nacht wird ja jetzt gestohlen in +Berlin. Die Stadt wimmelt von Dieben und Einbrechern. Bataillone, Armeen +von Dieben und Spitzbuben sind an der Arbeit!« + +»Niemand« -- krächzte hier der Havelock -- »kein Einbrecher würde es +wagen. Auf der Schwelle würde er umkehren! Niemand!« + +Kunze lachte laut und belustigt. Er warf den dünnen Überzieher und das +grüne Hütchen auf einen Sessel und schnüffelte von neuem durch die +Wohnung. Er war ganz in seinem Element. Seine kleinen Augen, die stumpf +und dumm hinter den Gläsern aussahen, glänzten vor Begierde. In +Schränke, Schubfächer, Nachttische, sogar hinter Vorhänge steckte er die +spitze Nase. Jedenfalls, das stand fest, jedenfalls würde er sich in den +Besitz dieser Wohnung setzen -- er würde sie einfach für Dienstzwecke +anfordern, ein Federstrich, und hier war er. Man konnte hier die +verwöhntesten Damen empfangen -- und in welch elendem Loch hauste er +doch zurzeit! + +In der Küche streckte er vor Überraschung die Zunge aus dem Munde. +Ahnungslos, ja, ohne überhaupt etwas zu denken, hatte er dieses Spind +geöffnet, und siehe da: Wein, Wein, Flasche an Flasche! Bordeaux, +Burgunder, Mosel, drei, vier Dutzend, und alles Friedensware! Nicht zu +bezahlen heute. Wein, seine Wonne, seine --! Im Nu, völlig automatisch, +hatte er eine Flasche entkorkt. + +Und das Geheimnis dieses kleinen Alten, der dunkle Punkt? Es war ihm +nicht bange. + +»Welche Reichtümer, Herr Herbst!« lachte Kunze, als er mit der Flasche +aus der Küche zurückkam. »Ein sonderbarer Heiliger sind Sie! Nun wollen +wir aber Ihre Heimkehr in Ihre Wohnung feiern. Ich darf eingießen? Nun, +ein Gläschen werden Sie nicht ausschlagen, wie? Ja, herrlich ist es +hier, direkt anheimelnd, als ob ich zu Hause wäre.« + +Ohne Umstände machte er es sich auf dem Plüschsofa bequem. + +»Auf Ihre Gesundheit, Herr Herbst!« + +Herr Herbst hatte den Hut abgenommen -- aufgeschreckt durch das laute +Freudengeschrei in der Küche und das Knallen des Korkes -- und sein +kleiner, gelber, verrunzelter Kopf erschien Kunze wie eine Rübe, eine +wirkliche Rübe, die da und dort schon etwas Schimmel angesetzt hat. + +»Ja, direkt anheimelnd. Ganz wie bei uns zu Hause. Mein Vater -- sagte +ich Ihnen das schon? -- ist Prediger in einem Kirchspiel. Liebt sein +Weinchen, seine Zigarren und lobt den Herrn! Ja, so ist er nun einmal, +sehen Sie. Sobald er aber in seinen Talar schlüpft, versteht er keinen +Scherz mehr, nein, ich bitte Sie -- um Gottes willen, ernst, würdevoll, +der Hirte seiner Schäfchen. Als nun der Krieg ausbrach, da sagte er zu +mir: >Melde dich sofort, eile zu den Fahnen, es ist deine sittliche +Pflicht, ziehe hinaus. Kämpfe<, so redete er -- der kategorische +Imperativ -- Kant -- er ist Philosoph, mein Vater -- ah, ah, was für ein +Weinchen!« + +Auf der Kommode, dem roten Plüschsofa gegenüber, stand in einem breiten +Rahmen die vergrößerte Photographie eines jungen Soldaten mit frischem, +keckem Jungengesicht. Ein Jäger, feldmarschmäßig ausgerüstet, den +Gewehrlauf mit Blumen geschmückt. Der Rahmen des Bildes war mit +Trauerflor umhüllt, ein Paar Leuchter mit herabgebrannten Kerzen, +standen davor. Das war er wohl, sein Sohn, der gefallen war. Wie hieß er +doch -- Robert. + +An der Wand, über dem Jäger mit dem frischen Jungengesicht, aber hingen +zwei Bildnisse in ovalen Rahmen: eine etwas korpulente Dame mit voller +Büste, vollen Wangen, einem kleinen Fettkinn und auffallend großen +runden Augen. Die Dame lächelte freundlich, gutmütig, ein bißchen +verlegen. Eine Kette mit einem großen Kreuz trug sie um den Hals. +Daneben: ein Herr, etwas hochmütig, voller Würde, das volle dunkle Haar +peinlich gescheitelt, die Augen zuversichtlich in die Ferne gerichtet. +Im Gehrock, schmaler schwarzer Binde -- ein Beamter, der bei seinem +Vorgesetzten Besuch macht. Sah man die korpulente, freundlich lächelnde +Dame an, so schien sie augenblicklich den kleinen Mund zu öffnen und zu +plappern, zu sprudeln -- der Herr aber, würdevoll, blieb stumm, +schweigsam. Die Hand hatte er etwas steif und gravitätisch zur Hälfte in +den schwarzen Gehrock geschoben -- eine kleine Hand . . . + +». . . schlage sie aufs Haupt --« sagte also mein Vater, er ist +glühender Patriot -- »diese vom Teufel Besessenen, die aus Neid und +Rachsucht über unser geliebtes Vaterland herfallen -- schlage ihnen die +Schädel ein, zerreiße sie in Stücke -- der Herr will es! Sofort packst +du deine Sachen! Nun, mit dem Felde war es ja leider, leider nichts. Ich +sagte Ihnen ja schon, meine Lunge. Aber jeder nach seinen Kräften, nicht +wahr? Das war nun nicht ganz nach dem Geschmack --« + +Plötzlich stockte Kunze. Er war in das Studium dieser kleinen Hand des +Beamten im schwarzen Gehrock versunken. Er stutzte, rückte den Kneifer +zurecht -- schlürfte am Glas. Hm! + +War es denkbar? + +Wie, wie, wie, sollte er, dieser Würdevolle, Gemessene, Schweigsame, mit +dem zuversichtlich in die Ferne gerichteten Blick --? + +Und diese fahlgelbe -- Rübe, etwas angeschimmelt, mit Erlaubnis zu sagen +-- sollte sie --? + +Ja, unmöglich, ganz unmöglich! Und doch, diese Hand, das kleine Näschen +und selbst das kurze Schnurrbärtchen, jetzt zwar grauer und schäbig -- +so unglaublich es erschien, dieser Ernste, Würdevolle in seinem Gehrock, +und der Kleine, Glatzköpfige, Vertrocknete, Verkommene, mit den +entzündeten, vergilbten Augen, sie waren in der Tat ein und dieselbe +Person! + +Kunze verlor vor Erstaunen völlig den Faden seines Geschwätzes. Er erhob +sich und tupfte das Gesicht mit dem Taschentuch. + +Hm. Er polierte den Kneifer, ging auf und ab und verschwand schließlich +in der Küche, um eine neue Flasche zu holen. Seine Miene hatte sich +verändert, als er zurückkehrte. Sachlich und kühl betrachtete er den +kleinen Herrn Herbst. Er goß die Gläser voll, räusperte sich und begann: + +»Aber genug mit dem Schwatzen jetzt« -- ruhig und geschäftsmäßig klang +seine Stimme -- »Wir haben, wie ich mir schon zu bemerken erlaubte, +keine Zeit zu verlieren, der Major drängt, nun, er wird wieder von dem +Oberst gedrängt, Sie wissen ja, wie es beim Militär zugeht. Seitdem sich +nun diese hohe Persönlichkeit in die Sache gemischt hat --« + +»Eine hohe Persönlichkeit?« Herr Herbst horchte plötzlich auf. + +»Ja, ja. Ich kann Ihnen nicht _mehr_ sagen. Es ist einer der +sonderbarsten Fälle, die die Abteilung seit langer Zeit zu bearbeiten +hatte.« + +»Eine hohe Persönlichkeit?« + +»Ein sonderbarer Fall. Nicht Sie allein erstatteten in dankenswerter +Weise Bericht -- nein, auch von anderer Seite werden gleichzeitig, hören +Sie, _gleichzeitig_, Informationen verlangt -- aber, erlauben Sie, daß +ich abbreche . . . Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, zur Abrundung +meiner Nachforschungen über Ihre werte Persönlichkeit, eine Frage an Sie +zu richten, dienstlich. Ein einziger Punkt noch, wie gesagt. Bevor ich +aber diese Frage an Sie richte, bitte ich ergebenst, dieses Schriftstück +lesen zu wollen.« + +Mit einer gemessenen Feierlichkeit überreichte der Schmächtige einen auf +Leinwand aufgezogenen Ausweis. + +Der kleine Herr Herbst las ihn mit seinen entzündeten Augen, las, +verstand und zitterte. Schwarz auf Weiß war hier zu lesen, daß Herr +Gottlieb Kunze berechtigt war, Verhaftungen vorzunehmen . . . + +»Sie haben Kenntnis genommen --?« + +»Ja, ja -- Kenntnis --« + +»Nun, und so richte ich also die Frage an Sie --« + +Der Havelock erhob sich erbleichend. + +Zwei scharfe, messerscharfe Augen richteten sich auf ihn. Der Kneifer +funkelte. + +»Herr Herbst -- ich scherze jetzt nicht mehr!« + +»Nein, nein!« stotterte der alte Mann. + +Die messerscharfen Augen kamen näher. Kunze hatte jetzt den Kneifer +abgenommen. + +»Weshalb haben Sie --?« + +»Nein, nein -- ah, Gott im Himmel!« + +»Weshalb haben Sie Ihre Wohnung verlassen?« + +Augenblicklich brach der kleine alte Mann zusammen. Er bedeckte das +Gesicht mit den kleinen Händen und sank in den Sessel. + +»Herr Herbst!« + +Sofort fuhr der kleine alte Mann wieder auf und wich zurück. »Ich kann +nicht -- ich kann nicht -- so wahr Gott lebt --« rief er und richtete +die Augen flehend auf Kunze. + +»Herr Herbst!« Eine Hand erhob sich. + +Der kleine alte Mann wich zum Fenster zurück und faßte nach dem +Fensterkreuz. + +Die Hand griff nach den Rockschößen. + +»Aber, Sie werden doch nicht --? Kommen Sie!« + +Ohne jeden Widerstand ließ sich der kleine alte Mann von Kunze zum +Sessel zurückführen. + +»Beruhigen Sie sich«, sagte die kalte, dienstliche Stimme. »Haben Sie +Vertrauen. Berichten Sie. Ich selbst werde Ihr Anwalt sein, die Sache so +darstellen . . . einerlei, was es auch sei -- bitte, trinken Sie, so, +so! Auch ich bin ja ein Mensch. Aber die Pflicht, Sie verstehen --« + +Der kleine alte Mann nickte. + +Kunze selbst war totenbleich geworden vor Erregung. Sein Spitzelgehirn +arbeitete -- sensationelle Enthüllungen, ein Staatsverbrechen, +Vorgesetzte, Beförderung, das Eiserne Kreuz . . . + +»Sie waren ja selbst Beamter und wissen, was es bedeutet, dienstlich --« + +Der kleine alte Mann rang die Hände und schluchzte. Dann setzte er sich +aufrecht, gab sich Haltung -- ganz wie auf dem Bilde an der Wand, ein +Schatten der früheren Erscheinung. + +»Ich weiß, weiß, auch ich war Beamter. Nun gut, da Sie dienstlich +Auskunft verlangen -- ich werde versuchen, Ihnen eine Erklärung zu +geben. Es fällt mir schwer, meine Gedanken, meine Worte -- alles ist +nicht mehr wie früher -- Gott im Himmel, es ist ja unmöglich, es zu +sagen --« + +»Beruhigen Sie sich. Wir haben ja Zeit, können den Abend in aller Ruhe +zusammen verbringen.« + +»Wir hatten also einen Kanarienvogel --« begann der kleine alte Mann +stammelnd. + +»Kanarienvogel? Fahren Sie getrost fort.« + +»Einen Kanarienvogel -- namens Hansi. Dieses Tierchen flog immer in der +Stube umher, in allen Stuben, machte etwas Schmutz, aber wir liebten das +Tierchen -- und meine Frau liebte Hansi ganz besonders . . .« + +»Ich verstehe, die Damen --« + +»Ja, aber was wollte ich eigentlich? Hansi? Was hat Hansi damit zu tun? +Sie können noch den Käfig in der Küche finden. Ja, aber was sollte er +--?« + +»Überstürzen Sie nichts -- eines um das andere.« + +»Hm. Sie wurde immer merkwürdiger, ja, das war es. Sie sprach eigentlich +nur noch mit dem Vögelchen.« + +»Ihre Frau?« + +»Ja, sie. Immer stiller und merkwürdiger. Ich selbst, ich ging ja aus, +ging in eine Kneipe, trank -- Sie verstehen, es ist nicht nötig zu +sagen, weshalb ich trank.« + +»Unser Junge war ja unser ganzer Lebensinhalt geworden. Ich war in +Pension gegangen, und wir waren seiner Studien halber nach Berlin +gezogen. Da kam der Krieg, er wurde Soldat, Jäger, und schließlich kam +er ins Feld. Eines Tages aber, da kam die furchtbare Nachricht -- eines +Tages . . .« + +»Er war gefallen.« + +»Gefallen?« + +»Ja, natürlich, Sie sagten --« + +Der kleine alte Mann schüttelte den Kopf. + +»Nicht gefallen, Herr,« flüsterte er, »in den Tod gehetzt -- ich habe +Unterlagen, Briefe -- geschlachtet, nutzlos --« + +»Sie sollten nicht derartig schwere Anschuldigungen erheben gegen +gewisse Persönlichkeiten«, warf Kunze nicht ohne Strenge ein. + +»Nun gut, gefallen, ganz wie Sie wollen. Es wurde immer stiller hier, +immer stiller -- meine Frau verließ nicht mehr die Wohnung, keinen +Schritt tat sie über die Schwelle. Sie saß immer hier. Aber plötzlich +saß sie nicht mehr, sondern sie stand -- hören Sie -- zuerst mitten im +Zimmer, dann nur noch in den Ecken.« + +»Sie war wohl schwermütig geworden?« + +»Ja, schwermütig. Sie ertrug es nicht, nein, es war zuviel für sie! +Zuviel, zuviel! Und nun, eines Abends komme ich spät nach Hause. Es war +Mondschein. Ich sah also ziemlich gut. Und da steht sie also hier -- +unter der Türe. Hier, sehen Sie.« + +»Ja!« + +»Aber sehen Sie -- sie stand so _hoch!_ Nun, denke ich -- da ist wieder +mal Hansi auf den Schrank geflogen, wie häufig, und sie will ihn +einfangen -- aber plötzlich, da sehe ich . . . Da kommt es mir +eigentümlich vor, ei . . ., ei . . . sie antwortet nicht. Aber sie +antwortete häufig nicht mehr in dieser Zeit. Nun aber, da denke ich -- +da sehe ich -- worauf stand sie eigentlich? Sie stand auf nichts! Ihre +Füße waren abwärts gerichtet -- und darunter war nichts -- nur Mondlicht +-- nichts sonst -- ich sah es ganz klar und deutlich . . . sie schwebte +in der Luft . . . und da begriff ich es . . . dieser Augenblick -- --« + +Enttäuschung in den Zügen des schmächtigen jungen Mannes! Er hatte etwas +ganz Besonderes erwartet -- und nun eine alltägliche Geschichte, wie sie +sich während des Krieges hundertmal in Berlin ereignete. + +Der kleine alte Mann röchelte. Er sprang auf und schleuderte die kurzen +dünnen Arme wild durch die Luft. Er ballte die kleinen gelben Fäuste und +schüttelte sie in Raserei. Sein Gesicht verzerrte sich, die gelben +Zahnstumpen blinkten, Schaum trat vor seine Lippen. + +»Und alles daher --« schrie er außer sich, und sein Gesicht wurde +plötzlich blau, so daß Kunze erschrocken zurückwich -- »alles daher, +daher! Deshalb hasse ich ihn -- hasse ihn, den Hoffärtigen, hasse ihn +. . . mit diesen Händen werde ich -- so wahr mir Gott helfe . . . hasse +ihn --« + +»Hasse -- hasse . . .« Seine Hände zuckten. + +Und plötzlich stürzte der kleine alte Mann zu Boden. Er war ohnmächtig +geworden. + + * * * * * + +Das Grammophon neben der kleinen Palme in der Ecke grölte: + + Die Vöglein im Walde, + Die singen ja so wunderwunderschön, + In der Heimat, in der Heimat, + Da gibt's ein -- ha! ha! ha! + +Ja, die Platte war verdorben, und immer am Schluß -- beim Wiedersehn -- +lachte der Apparat. Und immer mußte Kunze aufspringen und die Kurbel neu +andrehen. + +Kunze lag auf dem Sofa und schlug mit den geflickten, glänzend +gewichsten Stiefeln den Takt auf dem Armpolster. Zuweilen unterbrach er +sein Geschwätz und sang eine Strophe des Soldatenliedes mit, zuweilen +auch rülpste er, mit Respekt zu vermelden. Eine Reihe leerer Flaschen +stand auf dem Tisch mit der gestickten, lachsroten Decke -- dem Stolz +der Freundlichen, Korpulenten an der Wand. + +Herr Herbst saß mit roten Bäckchen, die Äuglein glänzend vom Wein, und +paffte eine kleine schwarze Zigarre. Er trank nicht aus dem Glas, o +nein, Kunze hatte so etwas noch nie gesehen, er setzte einfach die +Flasche an den Mund und ließ den Wein in die Kehle hineinlaufen. Mit +gespannter Aufmerksamkeit hörte er Kunze zu. + +»-- und auf diese Weise, sehen Sie, Verehrtester, kam ich also zu G +III.« + +»G III?« + +»Ja, G III. So heißen wir. Nur eine Chiffre. So geheim sind wir, ganz +geheim -- pst, pst! Ja, nicht einmal einen Namen haben wir.« + +»Viele Beamte?« + +»Viele?« + +Kunze lachte und richtete sich zur Hälfte auf. Das Gesicht des kleinen +Herrn Herbst erschien ihm nun langgezogen, mit turmhoher Stirn, wie in +einem Lachkabinett. »Viele, sagen Sie?« wiederholte er geheimnisvoll und +wichtigtuerisch. »Viele? -- Wir sind _Legion!_« + +»Legion?« + +Die turmhohe Stirn sank in sich zusammen, und eine runde Rauchwolke +erschien an ihrer Stelle. Herr Herbst war vor diesem Wort zurückgeprallt +und hatte erschrocken den Rauch ausgestoßen. + +»Ja, Legion, überall und allgegenwärtig. Selbst da, wo uns niemand +vermutet. Ja ja, mein Verehrtester -- überall. In allen Städten +Deutschlands -- bei allen Generalkommandos -- bei allen Behörden -- bei +der Post, Eisenbahn -- in den Ministerien -- G III ist einfach überall.« + + In der Heimat, in der Heimat, + Da gibt's ein -- ha! ha! ha! + +Kunze schnellte in die Höhe, und augenblicklich begann der Trichter von +neuem zu heulen: + + Ich hatt' einen Kameraden . . . + +»Ja, überall. Niemand weiß, ob das Auge von G III nicht auf ihn +gerichtet ist. Selbst ich weiß es nicht, ob ich nicht selbst wieder +beobachtet werde! Ja, so ist es, bei Gott! Alle Kulturstaaten haben +diese Einrichtung, geben Millionen dafür aus -- unsere Organisation ist +sogar noch klein im Vergleich zu der anderer Großmächte. Klein, im +Verhältnis, aber sie arbeitet zuverlässig. Sie können mir ruhig +glauben.« + +»Wir öffnen Koffer unterwegs, so daß der Eigentümer es nicht merkt, +besonders das Öffnen von Briefen ist unsere Spezialität. Wir überwachen +die Korrespondenz von Tausenden!« + +»Wir nehmen ganz einfach Abschriften, und wenn es besonders interessante +Fälle sind, photographische Kopien. Wir wissen alles, wir kennen die +Geheimnisse der höchsten Persönlichkeiten. Wir erscheinen als Kellner in +den Restaurants, wo irgendeine besondere Sitzung veranstaltet wird, da +sind wir dabei. Selbst bei den hohen Würdenträgern unserer Verbündeten +haben wir unsere Agenten. Wir bohren Löcher durch Türen und öffnen +Schreibtische. Fürsten, Minister, Abgeordnete -- wir kennen ihre +geheimsten Gedanken.« + +»Ja, wir machen alles! Ihr junger Schützling, Verehrtester -- er ist in +guten Händen. Und auch jene hochgestellte Persönlichkeit, die sich für +den Lebenswandel ihres Töchterchens interessiert -- auch sie wird +zufriedengestellt werden. Ja, wir machen alles. Und Sie und ich -- was +glauben Sie? -- wir werden einen Orden erhalten -- auch Sie, hören Sie! +Ich werde dafür sorgen, ich! --« + +Aber da der Havelock selbst bei dieser blendenden Eröffnung still blieb, +hob der Semmelblonde wiederum den Kopf über die Tischplatte. Das Gesicht +des kleinen Herrn Herbst hatte sich abermals völlig verändert, es war +ohne Augen, ohne Nase und ohne Mund, dagegen umgeben von einem dünnen, +grauen Backenbart. Es war die Glatze des kleinen Herrn Herbst, der +eingeschlafen war. In diesem Augenblick geriet der Havelock ins Gleiten, +und ohne Laut sank er auf den Boden. + +»Und noch eine Mosel -- und noch eine Mosel -- dreimal hoch!« sang Kunze +mit hellem Tenor und begab sich im Foxtrott hinaus in die Küche. +Fürchterlich schlingerte das Haus. + +»Gloria -- Viktoria --« heulte das Grammophon ganz allein für sich. + + +12 + +Vor dem grauen Hause in der Tiergartenstraße hielt Ackermann den Schritt +an. + +Unendlich zart umschlang ihn ein Arm. + +»Ich werde mir Mühe geben«, flüsterte eine weiche, unendlich geliebte +Stimme. + +»Ich weiß es!« + +»Ich werde versuchen, stark zu sein, obschon ich wenig Mut habe.« + +»Du bist tapfer.« + +»Wann?« + +»Bald!« + +»Du wirst mir Nachricht geben?« + +»Du wirst es fühlen.« + +»Ja, ich werde es fühlen!« + +»Lebe wohl!« + +Eine Weile wartete Ackermann noch, bis die Haustüre ins Schloß fiel. + + + + +Zweites Buch + + +1 + +Der Leichnam des jungen Heinz war nach Berlin gebracht worden. An einem +hellen Frühlingstag wurde er in die Erde gebettet. Die Kampfstaffel +hatte den jungen Meerheim mit einem Kranz geschickt. Der Trauerzug war +nur klein. Ohne eine Träne im Auge folgte die Majorin Sterne-Dönhoff dem +Sarge ihres Sohnes, die Schwestern weinten leise und schüchtern. Etwas +hinter dem kurzen Trauerzug, dicht verschleiert und schwarzgekleidet wie +eine Witwe, ging Klara, deren schmale Schultern von einem +ununterbrochenen Schluchzen geschüttelt wurden. Heinzens Freunde, +Schüler, Knaben, sangen des Gefallenen Lieblingslied: Deutschland, +Deutschland über alles. Die Majorin hatte es gewünscht. Sie selbst +stimmte in das Lied ein, während sie mit verklärtem Lächeln in die Weite +des Frühlingshimmels blickte. + +Der junge Meerheim sprach einen kurzen Nachruf, mit unbewegter, +soldatisch scharfer Stimme; acht Tage später wurde er selbst im +Luftkampf getötet. + +Noch nicht neunzehn Jahre alt, war Heinz gefallen. + +Klara preßte das zusammengerollte Taschentuch zwischen die Zähne. + +Sonderbar, und nicht die leiseste Ahnung! Am Abend vorher hatte noch ihr +Stern so herrlich und verheißungsvoll gefunkelt. + +Es war an dem Morgen nach Doras Fest geschehen -- gerade in der Stunde, +da sie einschlief. Meerheim sah die Maschine stürzen. + +Einige Tage vorher -- sie erinnerte sich dessen -- hatte sie von Heinz +geträumt. Er stand auf dem Flugplatz, die grüne Wollmütze auf dem Kopf, +und auf seiner Brust glitzerte in der Sonne das Medaillon. Er spielte +mit einem kleinen Dachshund, und Schwärme von furchtbar anzusehenden +Flugzeugen, mit barbarischen Farben bemalt, rasten über ihn hin. Aber er +sah sie gar nicht, spielte mit dem Hunde -- man konnte diesen Traum wohl +nicht eine Ahnung nennen? + +Ohne jede Sorge, ja, mehr, mit dem Gefühl der Sicherheit, war sie nach +Doras Fest schlafen gegangen, glücklich und voller Hoffnungen. + +Vor wenigen Tagen aber fuhr sie in die Stadt. Nach ihrer Gewohnheit +kaufte sie in einem Kiosk der Untergrundbahn wahllos einen Stoß +Zeitungen. Wie viele Menschen, war sie zu einer fanatischen +Zeitungsleserin geworden, es war eine förmliche Krankheit bei ihr. +Plötzlich war es ihr, als ob sie seinen Namen gelesen habe! Unglaublich +zwar -- aber hatte er ihr nicht oft gesagt: gib acht, eines Tages wirst +du plötzlich meinen Namen in den Zeitungen lesen, und wie überrascht +wirst du sein! Sie blätterte, und richtig -- da stand sein Name: Heinz +Sterne-Dönhoff. Sie las, und sie begriff zuerst nicht. Nachdem vor knapp +einem Jahre sein Vater, der Major Sterne-Dönhoff, den Heldentod . . . +Sie las die Unterschriften, und plötzlich begriff sie. + +Sie warf ihre Zeitungen auf den Sitz, daß sie umherflatterten, und +rannte durch den Wagen. + +»Er ist tot,« schrie sie, »ich will hinaus!« + +»Aber Sie sehen doch, daß der Zug fährt, Sie können doch nicht +aussteigen«, sagten die Herren, die die Türe verbarrikadierten. »Sie +zerschmettern sich den Kopf, liebes Fräulein.« + +Da fuhr der Zug in einen Bahnhof ein, und Klara stürzte hinaus. + +»Es ist schrecklich, jeden Tag erlebt man jetzt derartige Szenen. +Gestern sprang eine Frau auf dem Bahnhof Spittelmarkt vor den Zug und +ließ sich überfahren. Ich sage Ihnen, es war entsetzlich -- dieser +Schrei!« + +»Hören Sie auf, ich kann von solchen Dingen schon gar nichts mehr hören +--« + +Arme, kleine Klara, sie begriff es noch heute nicht. -- + +Ja, nun wollte sie es wagen. In Gottes Namen! + +Sie drückte auf die Klingel und gab ihre Karte ab. Diese Karte war +schwarz umrändert. Klara war so tief und dicht verschleiert, daß man +kaum noch einen Schimmer des Gesichts sah. + +Das Mädchen kam nach auffallend langer Zeit zurück und forderte sie auf, +einzutreten. Die Majorin Sterne-Dönhoff und die beiden Schwestern waren +im Zimmer. Ach, ihre Gesichter, überall Heinz, in allen Linien. -- + +»Was verschafft uns die Ehre?« fragte die Majorin Dönhoff mit einem +prüfenden Blick aus ihrem gelblichen, langen Gesicht. + +»Ich bin --« stammelte Klara, »ich wollte gern --« + +»Ich verstehe Sie nicht!« sagte Frau v. Sterne-Dönhoff leise. »Wollen +Sie bitte Platz nehmen!« + +Die Schwestern starrten verlegen. + +»Ich wollte nur,« begann Klara wieder, »Sie besuchen«, und plötzlich +fing sie an zu schluchzen. + +»Was haben Sie nur, mein liebes Fräulein?« + +Stille. + +»Ich bin seine Verlobte!« stammelte Klara. + +Wiederum Stille. + +Da niemand etwas sagte, fuhr Klara fort: »Ich war seine Geliebte.« + +Die Majorin fiel ihr ins Wort. Kühl und förmlich sagte sie: »Mein Sohn +hatte keinerlei Geheimnisse vor mir. -- Geht hinaus!« herrschte sie die +beiden Schwestern an, und sie verließen sofort gehorsam das Zimmer. + +»Wie sagten Sie? Seine Geliebte?« Die Majorin dämpfte die Stimme. + +»Ja. Ich bin seine Geliebte.« + +»Aber wissen Sie auch, was Sie sagen?« + +»Vollkommen.« + +»Sie wollen also sagen« -- die Majorin stockte -- »Sie wollen doch nicht +sagen, daß Sie mit Heinz in Gemeinschaft gelebt haben?« + +Klara zuckte zusammen und hob den hilflosen, wunden Blick zu den +graublauen Augen empor. Sie errötete. »Nein, nicht das --« stotterte +sie. »Das wollte ich nicht sagen.« + +Auch über das gelbe, lange Gesicht der Majorin huschte ein dünnes Rot. +Erleichtert und etwas freundlicher sagte sie: »Nun, dann danke ich Ihnen +herzlich für Ihren Besuch, mein liebes Fräulein!« Sie versuchte, ihrer +Stimme sogar einen warmen und aufrichtigen Klang zu geben. Aber als +Klara sie mit fassungslosen Augen ansah, fügte sie flüsternd hinzu: +»Sollten Sie vielleicht irgendwelche Ansprüche zu stellen haben?« + +Fassungslos waren die wunden Mädchenaugen auf sie gerichtet. + +Da lächelte die Majorin und streckte Klara die Hand hin. »Herzlichen +Dank, mein Kind. Wie heißen Sie?« + +Aber Klara antwortete nicht, ihr Blick glühte. Sie berührte diese lange, +gelbe, entsetzliche Hand nicht. Sie wich zurück, verbeugte sich tief, +sehr tief, und ging hinaus. Die beiden Schwestern lugten durch die +Türspalte. »Von ihr ist die Locke, die er in dem Medaillon trug«, +flüsterte die eine, und die Stimme der Majorin rief: »Emma, Bertha.« +Klara befand sich wieder auf der Treppe. + +Ach, und die kleine, törichte Klara hatte sich zu Hause ausgedacht, daß +sie vor der Majorin und den Schwestern in die Knie fallen werde, um +ihnen zu sagen, daß sie gekommen sei, den Schmerz mit ihnen zu teilen. +Sie wollte ihnen die Hände küssen und mit ihnen weinen. + +Sie war ein Kind und wußte nichts um die Eifersucht einer Mutter. + +Betäubt und völlig fassungslos stieg sie die Treppe hinab. Es war die +Treppe, über die sein Schritt eilte. Sie berührte sie liebkosend mit den +Fingerspitzen. Sie wollte diese Treppe auch küssen -- aber in diesem +Moment wurde ein Kinderwagen aus einer Türe geschoben, und sie entfloh. + +Aber sie kam wieder, als die Damen Sterne-Dönhoff ausgegangen waren, und +sie küßte die Treppenstufen und kniete auf ihnen. Dreimal kam sie im +Laufe der nächsten Wochen und schlich wie ein Dieb durch das +Treppenhaus. Einmal war es schon ganz finster. Dann kam sie nicht mehr. + + * * * * * + +Das Paradies war versunken, nichts blieb als Finsternis, unendlich -- +und inmitten dieser finsteren Unendlichkeit stand sie, Klara, die Hände +auf ihr zuckendes Herz gepreßt. + +Solange Papa zu Hause war, mußte sie die Trauerkleider ablegen. Sie +wollte Papas Fragen vermeiden. Zuweilen schon streifte sie bei Tische +sein Blick -- ihre Augen waren gerötet, ohne Glanz, ihre Wangen ohne +Farbe. Papa, ihr armer Papa, der ohnehin in den letzten Tagen so +auffallend erregt, ja verstört war. Mehr, als er es sich merken ließ, +schien ihm Hedis Rücksichtslosigkeit nahe zu gehen. + +Ja, diese Hedi hatte es tatsächlich übers Herz gebracht, das Haus zu +verlassen. Anfangs war sie nur selten und sehr unregelmäßig gekommen, +sandte immer Boten mit Briefen -- Arbeit, unerwartete Vorkommnisse. +Schließlich kam sie gar nicht mehr. Ganz unmöglich, dieser Weg -- und +Arbeit, Tag und Nacht mußte man zur Stelle sein. + +Der Geheime Rat -- nie hätte es Klara für denkbar gehalten, fügte sich, +ohne den Versuch eines Widerstandes. + +Er ging wohl etwas erregt hin und her und knackte mit den Fingern, +zupfte an seinen dünnen Barthaaren. Er hatte Bedenken ohne Zweifel, +schwere Bedenken! Ein Herr Ströbel oder Herr v. Ströbel -- ein während +des Krieges reich gewordener Mann -- hm! Aber schließlich: er besaß kein +Vermögen, und da er kein Vermögen besaß, so war auch seine Karriere so +gut wie abgeschlossen -- derselbe Schreibtisch, derselbe Aktenständer, +derselbe Spucknapf -- bis zur Pensionierung. + +Ja, was war da zu tun? Wieder knackte er mit den Fingern. + +Bei dem heutigen Geldwert konnte er seinen Töchtern nichts mehr bieten, +gar nichts mehr. Sie mußten selbst sehen -- + +Es war gar nichts zu tun, mit einem Wort. + +Und übrigens hatte er gerade jetzt, gerade in diesen Tagen, ganz andere +Sorgen! Schlaflos verbrachte er die Nächte. Ein ungeheures Mißgeschick, +wenn man so sagen darf, war ihm widerfahren: es gehörte zu seiner +Tätigkeit im Auswärtigen Amt, die deutschen Interessen in drei fernen +exotischen Ländern zu vertreten. Zu diesem Behufe veröffentlichte er mit +Unterstützung eines Universitätslehrers jeden Monat ein +Korrespondenzblatt, dessen sich die Presse allerdings nur wenig, ja, man +kann getrost sagen, gar nicht bediente, leider. Nun aber hatte eines der +exotischen Länder an Deutschland den Krieg erklärt -- und ihm, ihm war +es völlig entgangen! Das letzte Korrespondenzblatt hatte sogar noch +einen lobenden, beruhigenden Aufsatz aus der Feder seines geschätzten +Mitarbeiters enthalten, und doch lebte man mit jenem Lande schon seit +drei Wochen im Krieg! Welches Mißgeschick! Wenn der Minister es, +bemerken sollte --? Allerdings waren ja schon drei Wochen vergangen, und +niemand hatte bis jetzt etwas bemerkt, vielleicht ging der Kelch noch +einmal an ihm vorüber! + +Das waren die Sorgen des Geheimen Rats, und es war ihm natürlich zurzeit +gänzlich unmöglich, sich viel um seine Töchter zu bekümmern. Es war ja +schließlich keine Schande, wenn Hedi Schreibmaschine schrieb und Briefe +abfaßte -- und sie bekam mehr Gehalt sogar als er. -- Es schien ihr gut +zu gehen, hatte sie doch kürzlich sogar eine Gänsekeule in Gelee +geschickt. Im übrigen war ihm der Charakter Hedis Bürgschaft genug +. . . + +Der wilde Schmerz trieb Klara in diesen Tagen sogar zu Hedi, obschon sie +sich vorgenommen hatte, die Schwester in Zukunft zu ignorieren. + +Aber Hedi hatte wenig Verständnis für ihr Leid. Sie war gerade mit dem +Einrichten ihrer Wohnung beschäftigt. Im Salon sollte eine Decke +eingezogen werden -- mit goldenen Kassetten zwischen ultramarinblauen +Balken -- nein, Hedi hatte gar kein Verständnis. Sie wollte ihr einen +Frühlingshut schenken. Sie heuchelte ja Teilnahme, aber Klara fühlte nur +zu deutlich -- + +Sie kam auf den Gedanken, Ruth zu besuchen. Ruth? Weshalb Ruth? Sie +hatte sie nur einigemal gesprochen -- kannte sie kaum, aber instinktiv +suchte sie bei ihr Zuflucht. + +Indessen Ruth war nicht da! Der General trat zufällig in die Diele. +»Meine Tochter ist nie zu Hause!« sagte er -- wie es Klara schien -- mit +Bitterkeit in der Stimme. Feierlich und prunkend -- diese Diele. Dunkle +Gemälde in breiten Rahmen, ein riesiger Spiegel und davor zwei Neger aus +Bronze oder Eisenguß, die hohe Kerzen trugen. Voller Mißtrauen schien +der General sie zu betrachten, sein Blick war prüfend und unbehaglich, +ganz wie der Blick von Frau v. Sterne-Dönhoff. Die sie haßte und +verachtete. + +Ja, wohin? + +Schließlich kam sie auf den Gedanken, Dora aufzusuchen. Sie beichtete +Dora alles! Aber Dora hatte ebenfalls kein Verständnis für ihren +Schmerz. Sie küßte sie, nahm sie in die Arme und drückte sie an ihr +Herz. Sie versuchte sie zu trösten -- sagte, es sei ein Verbrechen, +Kinder, wie Heinz, in diese Metzelei zu schicken -- aber sie hatte +gerade die Schneiderin im Hause, und ihr Kopf war erfüllt von Frühjahrs- +und Sommertoiletten, man mußte ja jetzt schon an den Sommer denken. +Schließlich kam Otto dazu, und Otto betrachtete sie mit neugierigen +Blicken, die Klara unangenehm waren. + +Sie ging. + +Allein, ganz allein mußte die kleine Witwe ihren Schmerz tragen. Sie +wußte noch nicht, daß der Mensch in seinem Schmerz immer allein steht. + +Wie eine Verzweifelte irrte sie Tag für Tag, bis in die späte Nacht +hinein, durch die Straßen. Für ihn die Flaggen -- mein Geliebter, mein +Held! -- für ihn das feierliche Geläute der Glocken! Niemals würde sie +auch nur die Hand eines andern Mannes berühren! Sie war seine Witwe. + +Sie war freundlich zu den Menschen gewesen und selbst freundlich zu den +Hunden auf der Straße. Nun ging sie dahin, ohne den Blick zu erheben. + +Zeitungen, Extrablätter, die Menschen rannten, stürmten, rissen gierig +die Blätter in Stücke -- was kümmerte es sie? Selbst die Wagen der +Untergrundbahn waren überschwemmt mit Zeitungen. Man hatte den +Faustkampf um den Platz in diesen Tagen etwas gemildert -- es war ja +nicht unmöglich, daß bald alles wieder anders würde. Siege, Siege! Jeden +Tag! In der Ecke des Wagens starb eine kleine Stenotypistin -- still, +ohne einen Laut von sich zu geben. Von der Station Kaiserhof an wurde +sie bleicher und bleicher, als der Zug am Spittelmarkt einlief, war sie +schon tot. Man trug sie hinaus. + +Tot? Ja, vielleicht war es das beste? + +Klara wurde nicht müde in diesen schrecklichen Tagen, obschon sie nachts +kein Auge zutat. Denn nachts flossen die Tränen ganz von selbst und +brachten Linderung. Kreuz und quer irrte sie durch die dunkeln Straßen. +Schatten taumelten gegen sie, Schatten krochen vor ihr, Schatten +stürzten hinter ihr her. Plötzlich erschrak Klara: ein alter, haariger +Schimmel stand mitten auf dem Trottoir. + +Sie stand an einem stillen Kanal, in einer ihr völlig fremden Gegend. +Aus dem schwarzen Wasser blinzelte winkend ein Licht, tief unten. Die +dunkeln Häuser hinter ihr begannen allmählich zu rücken und zu wandern. +Leichen von Firmenschildern, Leichen von Riesenbuchstaben wanderten +langsam, unendlich langsam vorüber. Kein Mensch weit und breit. +Verlassene Wagen, verlassene Bretterhaufen, verlassene Kähne, die Pest +hatte die Menschen mitten aus der Arbeit weggeholt. + +Da erscholl über dem schweigenden, schwarzen Wasser ein fürchterliches +Gelächter -- ein unheimliches Lachen, das Lachen des Wahnwitzes -- Klara +erschauerte. Sie befand sich hinter dem alten Schloß, und es schien ihr, +als käme das Gelächter aus der finstern Burg. Ein Eishauch ging von dem +stillen, toten Schloß aus. Es schien verlassen, bewohnt einzig von einem +Gespenst, das diese fürchterliche Kälte aushauchte. Starrte es nicht +durch die schwarzen Fenster auf sie? Und da -- seine eisige Hand griff +durch die Mauern und berührte ihr Herz. + +Klara entfloh. Das wahnwitzige Gelächter scholl hinter ihr her. + +Endlich Licht. Ein Kino. Eine dicke Zeitungsfrau rannte an den grellen +Plakaten vorüber und krächzte heiser und ununterbrochen: »Zwanzigtausend +Gefangene -- die Schlacht geht weiter --« + + +2 + +Nebel. + +Sonderbar, den ganzen Tag über Regen, gegen Abend etwas Sonne und ein +feuchter Wind und nun, in der Nacht, Nebel. + +Herr Herbst bog um die Ecke und nieste. Er war erkältet. In dieser +Straße stand der Nebel noch dichter. Ein unheimlicher Riese kam ihm +entgegengestampft, in einige Lagen von Pelzen eingehüllt, eine hohe +Pelzmütze auf dem dicken Schädel, aber er schrumpfte mehr und mehr +zusammen, und schließlich ging nur ein kleiner harmloser Mann an ihm +vorüber. Ein qualmendes Feuer mitten in der Straße und tanzende +Kannibalen um das Feuer: keine Angst, es sind Straßenbahnarbeiter, die +das Geleise ausbessern. + +Wie ein lehmiges Meer wälzte sich der Nebel dahin und schob Geröll vor +sich her -- Häuser, Straßen, Häuserviertel, Stadtviertel, Vorstädte, +immer weiter, bis hinaus zum flachen Land, wo es nichts gibt als +Kartoffeläcker und Telegraphenstangen. + +Auch ihn schob das lehmige Meer willenlos vor sich her, ganz wie die +Häuser und Stadtviertel mit all ihren Bewohnern. Seine Nase tropfte, er +ging rasch, die Knie etwas eingeknickt, die Arme herabhängend. Müde war +er, todmüde. Den ganzen Tag war er unterwegs. + +Er hatte einen neuen Plan ausgedacht -- teuflisch! + +Ja, teuflisch! + +Wo er ging und fuhr, sollte er ihn sehen -- immer, zu jeder Stunde des +Tages sollte er erinnert werden -- _daran_! + +Als er aber wieder niesen mußte, zerflatterte die dichte schmutzige +Nebelwolke, und -- wer hätte das gedacht? -- er erblickte einen kleinen +üppigen Garten in praller Sonne! Er selbst ging in diesem Garten +spazieren, in einem weißen Kittel, die goldene Uhrkette auf der Weste, +einen breiten sonnenverbrannten Panama auf dem Kopfe. So deutlich! Es +roch nach Kaffee, es war Sonntag, er roch sogar die Frische des +Stärkhemdes, das er trug. Bald würde Muttchen -- dasselbe Muttchen, das +später, viel später, wer hätte es ahnen können --? -- bald würde +Muttchen kommen mit dem Kaffeekuchen, die Fingerspitzen etwas fett, die +Lippen etwas glänzend von Fett . . . + +In diesem Augenblick stieß Herr Herbst mit jemand zusammen, der unwillig +»Achtung!« rief. Der Garten verschwand, und der Nebel brodelte wieder. +Der Zusammenstoß war so heftig, daß ihm der steife Hut über die Ohren +getrieben wurde und er ins Taumeln geriet. Aber dieses ärgerliche +schroffe »Achtung!« -- diese trockene Stimme, wie? + +Scheu wandte er sich um: sofort fiel ihm das grüne Plüschhütchen auf und +der enge, zugeknöpfte Überzieher! Im gelben Dunst einer Laterne stand +der schmächtige junge Mann im Gespräch mit zwei Männern mit +Knotenstöcken. Das Plüschhütchen wackelte hin und her, die dünnen Arme +gestikulierten aufgeregt -- aber da verschwanden sie schon aus dem +Lichtschein der Laterne, der Nebel verschlang sie. + +Herbsts Herz pochte. + +Also schon waren sie bis hierher gekommen, bis hierher? + +Er zitterte und duckte sich zusammen. + +Düster lag das graue Haus, umbrodelt vom Nebel, und wie in jeder Nacht +war nur das eine gleiche Fenster erleuchtet. + +Leise wie immer stahl sich Herr Herbst in sein Zimmer. + +Gottlob, daß er hier war! So müde --! + +Frau Hähnlein in ihrer Kammer betete. Mit schluchzender, verzweifelter +Stimme -- aber leise, um die Kinder nicht zu wecken, flehte sie um +Gottes Beistand, rief sie den Himmel um Hilfe an, ja, um Hilfe -- + +Grundlos wie das tiefe Meer war das Elend dieser Stadt, in allen +Straßen, allen Häusern. Überall Unglückliche, Verzweifelte, Weinende, +Schlaflose. Aus allen Häusern glühten die Augen von Wahnsinnigen in den +Nebel. + +Der bucklige Wirt hatte recht: die Zeit der großen Heimsuchung war über +die Welt gekommen. Die Menschen waren Sünder. Sünde! Sünde! Bodenlos wie +das tiefe Meer! Und auch er, ja, auch er hatte Sünde auf Sünde gehäuft +in seinem Leben! Er büßte -- schon büßte er, hatte er den steinigen Pfad +der Sühne betreten. + +Daran dachte der kleine Herr Herbst, als er geschüttelt vom Frost in +sein Bett kroch. Sein Gesicht brannte wie Feuer, und funkensprühend +kreiste die Dunkelheit um ihn. Wieder quälte ihn der Husten, und er +steckte den Kopf unter die Decke, um keinen Lärm zu machen. Als er +wieder Atem schöpfte, hörte er Stimmen in Ackermanns Zimmer. + + * * * * * + +Diese Stimmen brodelten, ganz wie der Nebel an seinem Fenster, auf und +ab, eine heisere, keuchende und eine tiefe klare, die zu beruhigen +suchte. Dazwischen ein belustigtes, ein etwas angeheitertes Lachen. + +Die klare beruhigende Stimme, das war Ackermann, aber die heisere, +keuchende, die zuweilen so sonderbar belustigt lachte? Es war Hähnlein! +Ja, niemand sonst -- lachte also, während seine Frau Gott um Hilfe +anflehte, um Erbarmen für ihre armen Kinderchen wenigstens. + +»Morgen schon?« fragte Ackermann. + +»Ja, morgen um zehn Uhr!« Und wieder das angeheiterte Lachen. + +Ohne Unterbrechung brodelten die Stimmen. + +Der kleine Herr Herbst dampfte vor Hitze. Sein Kopf rauchte, seine +Hände, ja, wie gesagt, er war erkältet. Mit geneigtem Kopf saß er im +Bett, wie betäubt, ohne jeden Gedanken. Er mußte dem Brodeln der Stimmen +lauschen, das ihn wie ein Zauber bannte, obwohl ihn nicht im geringsten +interessierte, was die beiden zu besprechen hatten. + +»Wie ist es nur denkbar?« rief Ackermann aus. + +Und mit einem heiseren Auflachen erwiderte Hähnlein: »Ja, wie ist es nur +denkbar, hahaha!« + +Trotzdem das Blut in seinem Kopfe wie Dampf zischte, begriff er bald, +was Hähnlein so erregt hatte. Man hatte ihn wieder gemustert, und morgen +ging der Transport zur Front. Die »Mordkommission« war in der Kaserne +gewesen. Zurück, zur Front, abermals -- ja, der Granatsplitter, der ihm +die Schädeldecke zertrümmert hatte, so daß er keine Treppe steigen +konnte, ohne sich am Geländer festzuhalten -- er zählte gar nicht. Und +der Brustschuß, den er in Serbien erhielt -- auch er zählte nicht. Und +dreimal in Frankreich, zweimal in Rußland, in Serbien -- all das zählte +überhaupt nicht. Seine Frau -- seine Kinder --?! Nichts zählte! + +Man würde ihn wieder in einen Viehwagen packen, er mußte wieder hinaus. + +Ackermann versuchte zu beruhigen. + +»Hahaha!« lachte Hähnlein. Seine Ratschläge machten wenig Eindruck auf +ihn. + +»Ja, vor die Füße, vor die Füße, wirf es ihnen vor die Füße!« schrie +Ackermann laut und wütend. + +»Aber, was dann, Ackermann, hörst du?« fragt Hähnlein. »Gefängnis -- +frage Kamerad Schmitt, der dem Gefreiten eine Ohrfeige gab. Lieber den +Heldentod als das Gefängnis! Hunger und Prügel.« + +»Die Verruchten!« schrie Ackermann. + +Hähnlein lachte wieder laut und heiter. Und obwohl Herbst vom Fieber +glühte, erschauerte er bei diesem sonderbaren Lachen. + +Aber, ob er, Ackermann, die Strafkompanie vergessen habe? Teufel von +Vorgesetzten -- Verbrecher -- Zuchthäuslerkleidung -- die ehrlichen +Kameraden spucken dich an -- Sträflingsarbeit im Feuer, Hunger, Prügel, +Läuse, Krankheiten -- + +Also fort mußt du? dachte Herr Herbst. Gut, gut, daß du fort kommst! + +Er fürchtete sich vor Hähnlein in der letzten Zeit. Gestern traf er ihn +auf der Treppe: ohne Regung stand er, erstarrt, den Kopf gesenkt, einen +Fuß in der Luft, die stechenden, glitzernden Augen auf den Boden +gerichtet. Er hatte es nicht gewagt, an ihm vorbeizugehen und war +umgekehrt. + +So, ja, genau so hatte auch sie gestanden -- seinerzeit -- immer in den +Ecken, zuerst mitten in den Zimmern, endlich nur noch in den Ecken und +unter den Türrahmen -- bevor sie, hm, bevor sie . . . + +Gut, daß du aus dem Hause kommst -- + +Nun aber hätte er beinahe laut herausgelacht! Hähnlein sprach von der +Musterung, den Skeletten, Krüppeln, Krummen und Lahmen, und er, in +seinem Bett, sah alles deutlich und wunderbar klar vor sich. Wie sie +humpelten, wie sie krochen, wie die Knochen spitz durch ihre Haut +stachen! Nur einer aber war frei gekommen, er fiel in Krämpfe und wurde +hinausgetragen. + +Nun kam also jener, ein Riese von Gestalt, der Blut in die offene Hand +spuckte und es dem Arzt zeigte. Aber der Arzt, o nein, er war nicht um +eine Antwort verlegen. Er sagte, der Arzt: Die Luft im Felde ist besser +als in Berlin, solange einer nicht den Kopf unter dem Arm trägt, muß er +hinaus. Fertig! Und da kam dieser andere, der eine offene Wunde am +Rücken hatte, man konnte den ganzen Finger hineinstecken -- aber auch +das half nichts. Immer vorwärts, sagt der Arzt, bei so jungen Leuten +heilt das rasch. Nein, er war nie um eine Antwort verlegen, man muß es +ihm lassen. -- Nun aber, nun also kam Hähnlein, unser Hähnlein an die +Reihe. Es half ihm alles nichts, was er vorbrachte. Sein Lungenschuß, +seine Atemnot -- prächtig geheilt, sagte der Arzt, die Bureauluft ist +nicht gut für Sie. Aber auch die Schwindelanfälle, die von dem +Granatsplitter im Kopf herrührten, das Zittern -- auch das half Hähnlein +nichts. Sollen denn nur gesunde Leute totgeschossen werden? fragte der +Arzt. Hahaha! Richtig, weshalb nur gesunde? + +Ja, also Hähnlein saß in der Patsche und konnte es noch immer nicht +begreifen. + +Und wieder brodelten die Stimmen. Lange Zeit. Kein Wort zu verstehen. +Dann aber lachte Hähnlein wieder laut heraus, und die Stimmen verloren +sich auf dem Korridor. + +»Mut, Kamerad!« rief Ackermanns Stimme. + +Hähnlein lachte und sagte irgend etwas. Er schlich draußen an der Türe +vorüber und pfiff leise vor sich hin. + +Augenblicklich hörte Frau Hähnlein auf zu beten. Sie stellte sich +schlafend, schnarchte sogar ein wenig. Nach einer Weile fragte sie: »Was +tust du?« + +»Ich rauche eine Zigarre«, antwortete Hähnlein mit ruhiger Stimme. + +Und nun wurde es still, ganz still. Nun war die Zeit gekommen für ihn, +Herrn Herbst, seinen Triumph auszukosten! + +Sanft glitt sein Bett dahin, eine angenehme Hitze kochte in seinem +Körper, heiß fuhr der Atem aus seinem Munde. Prachtvoll, berauschend, +rot funkelte die Finsternis. Am Fenster wallte der Nebel, auf und ab, +drückte sich gegen die Scheiben. Und drunten: horch! Ja, deutlich hörte +er ihren Schritt, dumpf wie der Schlag seines Herzens in der Brust. Da +gingen sie auf und ab, die Männer mit den Knotenstöcken, das grüne +Hütchen eilte durch den Nebel die Straße herauf, nachzusehen, zu +kontrollieren. + +Und er, nebenan, ahnte nichts! Raschelte mit Papieren, zerriß sie, +klapperte auf seiner Schreibmaschine, ahnungslos. Sah er nicht das grüne +Hütchen eilen? Nein, nein, blind war er, taub war er. + +Nun rasselte er mit dem Ofen, es roch nach verbranntem Papier. Und schon +gingen die Schritte auf und ab, lauter, immer lauter . . . . + +Sollte er an die Türe pochen und ihm zurufen: Horch, horch! Öffne das +Fenster und sieh es eilen --! + +Aber nein, nun war ja die Stunde gekommen, die wonnige, seinen Triumph +auszukosten! + +Heute -- hoho -- heute hatte er es gewagt! Den Hut gezogen, ganz dicht +vor ihm, ganz dicht! Vor dem Hause in der Lessingallee hatte er +gewartet, bis die graue Limousine kam. Und dann -- den Hut gezogen, wie +gesagt. Mitten in den Lichtschein der Automobillampen war er getreten, +in den blendenden Lichtkegel der Lampen! + +Und der General? Er war erschrocken -- erschrocken, sollte man es +glauben, vor ihm, einem alten ohnmächtigen Mann, ohne Rang und Würde, +einem Trinker, mit dem es bergab ging, täglich mehr und mehr bergab, +erschrak er -- der Gewaltige! Fuhr zurück, und seine Augen waren voller +Schrecken . . . + +Ja, keine Nachsicht mehr, nicht die geringste! Tag und Nacht wollte er +vor ihm auftauchen, keinen Schritt sollte er künftig tun -- er war da! + +Und wie er erschrak! Wie er zurückfuhr! Deutlich sah er es vor sich. Das +breite starre Gesicht wankte, nicht Schrecken, nein Entsetzen spiegelte +sich in den Zügen. Der General taumelte einen Schritt zurück -- zwei -- +er lief! Und er, den Hut in der Hand, lief hinter ihm her. Wie schnell +er doch lief! In seinem Mantel mit den roten Aufschlägen. In seinen +Hosen mit den roten Streifen! Wie das Entsetzen ihn vorwärts peitschte +-- und doch war es spielend leicht, ihm zu folgen. Rascher, immer +rascher rannten sie beide in die rotfunkelnde Finsternis hinein. Und der +Nebel donnerte! Ballen von Qualm warf die schwarze Stadt aus, wie ein +Vulkan, Ballen um Ballen, himmelhoch donnerten die Wolken von Qualm. + + +3 + +Der Nebel brodelte über Berlin. Über dem Nebel funkelten die ewigen +Sterne, aber die Stadt, versunken im gelben Meer von Lehm, sah sie +nicht. + +Schrill heulten die Züge, in düstere Glutwolken gehüllt, tasteten sie +sich langsam vorwärts. Die Bogenlampen fieberten in den dunstigen +Bahnhöfen, Schattenriesen stießen mit den Köpfen gegen die Glasdächer +der Hallen. Die Krankenwagen krochen in das gelbe Nebelmeer hinaus, und +zuweilen stutzten die Chauffeure: klaffende Abgründe schienen plötzlich +die Straßen zu spalten. Schlaff und schmutzig hingen Flaggen aus den +Nebelwolken herab. + +In nebligen Höfen wurden die Wagen entladen, und voller Erlösung +starrten die Fieberaugen der Verwundeten in das Licht der Korridore, +durch deren Karboldunst die Bahren schwankten. + +Und die Züge heulten und winselten, wie seit mehr als tausend Nächten. +Aber in dieser Zeit der großen Offensive kamen sie ohne jede +Unterbrechung. Die Ärzte wechselten Blicke. -- -- + +Zur gleichen Stunde saß der General, den der kleine Herr Herbst im +Fieberwahn verfolgte, mit zufriedener Miene in dem bequemen +Arbeitssessel vor seinem Schreibtisch und beugte sich über eine große +Generalstabskarte. + +Er hatte neben sich ein Näpfchen mit blauer Farbe und ein Glas Wasser +stehen und malte auf die Generalstabskarte blaue Linien. Hin und wieder +suchte er mit der Lupe eine Ortschaft, die der letzte telephonische +Bericht genannt hatte. + +Unfaßbar! Flogen sie? War es nicht ganz wie seinerzeit beim Vormarsch +1914? + +Schon wurde das strategische Bild klarer -- kristallklar. Der General +beugte sich! Seine Ansichten hatten nicht immer mit jenen dieser hohen +Stelle harmoniert, zugegeben, es war ihm unmöglich gewesen, den +bedingungslosen Glauben der Allgemeinheit zu teilen, er vermißte kühne, +strategische Gedanken, vermißte den genialen Blick, nun aber beugte er +sich. Ja! Ohne Vorbehalt. + +Und der General starrte in die weiße Karte, während draußen der Nebel +zog. Bald beugte er sich dicht darüber, den Kneifer auf der Nase, bald +lehnte er sich nachdenklich in den Sessel zurück, und wieder starrte er +regungslos in die weiße Karte. Was sah er? Er sah Brigaden, Divisionen, +Armeekorps, den Gürtel der Artillerie. Er sah wie Brigaden, Divisionen, +Armeekorps sich vorwärts fraßen, die Kolonnen auf den Straßen, die +schwere Artillerie wird nachgezogen, die Fliegerschwärme in der Luft, +die Stäbe, all das sah er auf der weißen Karte. + +Seine Hand schob die blaue Linie vorwärts -- ja, schon erblickte er in +der rechten Flanke das Meer -- den Kanal, in der linken Flanke aber +wurde die fadendünne Silhouette des Eiffelturms am Horizont sichtbar. + +Heute schon fielen die Granaten auf die französische Hauptstadt, +furchtbare Mahner, furchtbar pochte die Geschichte an die Tore von Paris +-- und London, bald würde die Geschichte auch an die Tore Londons +pochen! Das Reich des großen Alexander, wo war es hin? Die Stunde +schlug, und es sank in Trümmer. Das Weltreich der Römer und Spanier? +Schutt! Unaufhörlich brauste der Strom der Geschichte, und neue Reiche +stiegen aus der Flut empor. + +Der General versank in Träumereien. Seine strengen Züge hatten sich +gelöst. Schon heute stand fest, daß die feindlichen Reservearmeen +aufgerieben waren. Sie hatten nichts mehr, fürchterliche Perspektive +. . . + +Nur durch einen Korridor vom General getrennt, durch ein paar dünne +Mauern, saß Ruth über ihren geliebten Büchern, die das Evangelium für +sie bedeuteten, und las mit fiebernden Wangen, während an den Fenstern +sich der Nebel ballte. Es war schon tief in der Nacht, sie schrieb, +machte Notizen, ihre Augen glänzten. Ja, diese Bücher, diese Broschüren, +sie sprachen die Wahrheit! Sie allein zeigten den rechten Weg. +Untergehen mußte diese heute herrschende Gesellschaft, die sich nur +durch Sklaverei, Plünderung und Tyrannei aufrechterhielt. Dieser Krieg +war der fürchterlich logische Abschluß ihres Werkes -- welch ein +Abschluß! Heraufsteigen würde eine neue Gesellschaft, besser, reiner, +edler. Schon waren ihre Boten unterwegs. Hier aber erschauerte Ruth. + +Ja, schon! Ihr Blick glitt zum Fenster, das der Nebel verhüllte, ihr +Blick füllte sich mit Unruhe und Qual. Ungewiß lag die Zukunft. Lange +würde sie ihn nicht sehen, vielleicht Jahre! Aber es mußte sein, es +mußte Mutige geben, die alles einsetzten für Idee und Glauben! Sie +liebte ihn, sie bewunderte ihn! Auch sie würde ihm nachfolgen. Auf alles +würde sie verzichten, auf Geld, Bequemlichkeit, gesellschaftliche +Stellung. Nichts wollte sie. Wie Millionen von Frauen, die ihr Brot +verdienten, wollte sie sein, nicht anders. Langsam hatte sie sich zu +diesem Entschluß durchgerungen. Tausend beglückende Gespräche gaben +Helligkeit, Klarheit und Ziel! + +Wenn sie Papa kränkte, sie konnte nicht anders, Otto, ihre +Verwandtschaft -- nein, es stand unabänderlich fest! Welche Albernheit, +Oberflächlichkeit, welcher Dünkel, welcher Wahn -- nein, fort fort. + +Und doch, das Herz schmerzte. Sie erhob sich und begann auf und ab zu +wandern, die Hände an den Hüften, immer hin und her, den Blick voller +Qual -- immer hin und her, die ganze Nacht. -- + +Und Dora, was tat Dora in dieser undurchdringlichen Nebelnacht? Sie +schlief und lächelte im Schlaf. Auch Klara, die kleine unglückliche +Klara, schlief, aber sie weinte im Schlaf, ihre Wangen waren ganz naß. + +Hedi aber war noch wach in dieser Nebelnacht, sie war heiter und guter +Dinge. Sie tanzte Tango mit Weißbach, in der Bibliothek, nebenan saß +eine kleine Gesellschaft beim Spiel. Der Phonograph war kaum zu hören, +da sie ihn geschlossen hatte, aber so fand Hedi es am stimmungsvollsten. +Ströbel hatte ihr eben gesagt, er sei einer der wenigen Männer in +Europa, die alles vertragen könnten -- und so tanzte sie Tango mit +Weißbach, ganz allein, und Weißbach, der heute wenig trank, hatte ihr +erklärt, daß er sie liebe und sie auf der Stelle heiraten würde. Das +belustigte Hedi, und zuweilen erlaubte sie seinem Blicke, in ihre Augen +einzudringen, ganz tief. Sie hatte sich vorgenommen, den kleinen +schwarzen Artilleriehauptmann völlig rasend zu machen. Und dann? Nun, +wer weiß --? + +Und Otto? In seinem Zimmer im Westen saß er, eine kleine anmutige +Verkäuferin, die er auf der Straße kennengelernt hatte, auf den Knien, +eine Flasche Wein neben sich. Er küßte den vollen, bläulichweißen Nacken +der Kleinen, und sie fragte ihn, wie das knallt, wenn eine Granate +einschlägt. Ihr Bräutigam war ebenfalls im Felde. Otto lachte -- +herrlich diese Naivität. Er unterhielt sich ausgezeichnet. Was kümmerte +es ihn, daß der Nebel um das Haus wallte? + + +4 + +Immer noch rannte der kleine Herr Herbst hinter dem Mantel mit den roten +Aufschlägen einher, immer noch durch purpurne Finsternis. + +Allmählich aber ging die Dunkelheit in Zwielicht über, er rannte nicht +mehr, er ging langsam -- und der General? Es war gar nicht der General, +es war sein Zimmernachbar Hähnlein. An seinem abgenutzten +Soldatenmantel, seinen abstehenden weißen Ohren, dem dünnen Hals +erkannte er ihn. Er ging langsam, immer einige Schritte voraus, kreuz +und quer durch die Straßen. Offenbar suchte er etwas. Endlich aber -- +ah, nun hatte er es gefunden. + +Vor einem Laden mit Messern machte er halt. Messer, nichts als Messer, +funkelnd und blitzend, ein Gebiß. Dieses Geschäft umkreiste Hähnlein, er +las die Aufschrift, runzelte die Stirn. Dann trat er zurück an den +Rinnstein, einen Fuß auf dem Fahrdamm, einen auf dem Bürgersteig, zog +den Geldbeutel heraus und blickte aufmerksam hinein. Entschlossen betrat +er den Laden. Aber bevor er die Türe schloß, warf er noch einen Blick +auf die Straße, einen suchenden, kranken und traurigen Blick. Wonach sah +er sich um? Nach Hilfe? + +Wie, hier, zwischen den eilenden Menschen, die alle vor dem eigenen +Elend dahinjagten, hier, wie? Nun, er sah es ja auch ein, daß es sinnlos +war, gerade hier nach Hilfe auszuspähen und schloß die Türe hinter sich. +(Herbst spähte durch die Scheibe!) Er wählte ein langes solides +Bratenmesser, lang, spitzig und scharf und verließ den Laden, ein +schmales, langes Paketchen unter dem Arm. Rasch strebte er nun seinem +Hause zu, zuweilen lief er sogar eine Strecke, rasch eilte er die Treppe +hinauf. + +Aber was nun? Es war wieder dunkel im Zimmer nebenan, wieder war es +plötzlich Nacht geworden, und nur Hähnleins Schatten war zu sehen, seine +weißen abstehenden Ohren und seine böse glitzernden Augen. Er, Herbst, +lag nun wieder in seinem Bett, schlief, hatte die Augen geschlossen, +trotzdem sah er durch die Mauer hindurch alles, was Hähnlein nebenan +tat. Nun beugte sich Hähnleins Schatten über die schlafenden Kinder, +lange Zeit, dann über die schlafende Frau. Da blitzte plötzlich das +lange Messer. Furchtbar blitzte es in der Dunkelheit. Die Frau regte +sich, und Hähnlein versteckte hastig die Klinge unter seinem Rock. Lange +stand er ohne jede Bewegung. + +Dann aber, dann beugte er sich wieder über die schlafenden Kinder, das +Messer funkelte -- nun zeigte die Klinge dunkle Flecken. Lautlos stand +er und atmete. Dann beugte er sich über die Frau, und abermals funkelte +das Messer. Endlich richtete er sich auf. Kein Laut. + +Plötzlich aber beschäftigte ihn etwas. Er heftete seine glitzernden +tückischen Augen auf ihn, Herbst, der nebenan in seinem Bett lag und +schlief. Sah er ihn? Es war ja unmöglich, die Wand war dazwischen. Aber +doch schien er ihn zu sehen. Er tastete mit der Hand gegen die Wand -- +runzelte enttäuscht und zornig die Stirn. Da begann Herbst (weshalb +eigentlich?) spöttisch zu kichern. Hähnlein lächelte verächtlich, +wollüstig -- und tastete sich an der Wand entlang zur Türe. + +Herbst setzte sich plötzlich aufrecht, und sein Herz stand still vor +Entsetzen. Wild schrie er auf. + +Er kam! Er sah ihn kommen, das Messer zwischen den Lippen. + +Schon öffnete sich langsam die Türe, seine Hand wurde sichtbar -- wieder +schrie Herbst auf -- und er trat ein. + +Aber er trug kein Messer, sondern eine Kerze. Und es war gar nicht +Hähnlein, sondern -- Ackermann. + +»Sind Sie krank? Weshalb schreien Sie?« fragte Ackermann und kam näher, +den Leuchter mit einer kleinen Kerze in der Hand. + +Herbst versuchte zu sprechen, doch die Zunge klebte am Gaumen. + +Ackermann ging und kam mit einem Glas Wasser zurück. + +»Trinken Sie. Sie fiebern ja. Sie glühen!« + +»Ich friere«, entgegnete Herbst, und seine Zähne klapperten. »Ich fühle +mich eiskalt. Gewiß bin ich schneeweiß.« + +»Sie glühen. Trinken Sie! Weshalb schrien Sie so?« + +»Ich habe von Toten geträumt.« + +Ackermann lächelte. »Vor Toten brauchen Sie keine Angst zu haben.« + +Herbst zitterte und heftete die fiebernden Augen auf Ackermann. + +»Und die Schritte,« flüsterte er, »die ganze Nacht. Vor dem Hause. Haben +Sie das grüne Hütchen nicht gesehen?« + +»Trinken Sie noch etwas!« + +»Fliehen Sie! Sie sind da!« + +Frisch und jung erschien ihm Ackermann, eine Erscheinung aus einer +andern Welt. Die finsteren Mächte, die diese Erde bevölkern, konnten ihm +nichts anhaben. Seine Augen glänzten, sein Mund blühte tiefrot, er +schien weder müde noch schläfrig, obschon es tief in der Nacht war. Er +lächelte heiter, als er von den Schritten vor dem Hause hörte, nein, +auch sie konnten ihm nichts anhaben. Er schwebte auf Wolken wie ein +Engel. Er war ein Gesandter Gottes, der zu ihm gekommen war, um ihm zu +trinken zu geben. + +Die Kerze verschwand. Schon war es wieder dunkel. + +Ja, ein Traum hatte ihn gefoltert, ein Traum voller Unheil und +Schrecken. Hatte er von den verschütteten Soldaten geträumt, die sich +aus den Lehmbergen auswühlen, oder von Robert, aus dessen Wunden das +Blut in Strömen floß? Noch jetzt schüttelte ihn das Entsetzen. + +Ohne Zweifel, dieses Haus war ein Haus des Unglücks, ein verfluchtes +Haus. Seine Mauern waren zermorscht von Jammer und Tränen. Selbst die +Toten fanden hier keine Ruhe. Jede Nacht glitt der tote Briefträger +durch das Treppenhaus und verbreitete seinen häßlichen Geruch. Er war +gestorben, dieser alte Briefträger, ein Veteran mit den Denkmünzen des +glorreichen Siebziger Krieges, ohne daß jemand es wußte. Erst als ein +scharfer, süßlicher Geruch das Haus erfüllte, hatte man ihn aufgefunden, +ausgestreckt auf dem Boden. Jede Nacht kroch er nun durch das +Stiegenhaus, und zuweilen zog er die Klingeln, dann schrien die Frauen. + +Ja, ein verfluchtes Haus. + +Aber, gottlob, die entsetzliche Kälte hatte aufgehört. Schon begann er +sich zu erwärmen, schon begann er wieder wohlig zu glühen. Ruhig atmete +das Haus, deutlich hörte er hinter der Wand die Familie Hähnlein im +Schlafe atmen. Feuer stieg in seine Augen. Sie wurden größer und größer, +und mit feurigen Augen, so groß wie Wagenräder, saß er in der +rauschenden Finsternis. + +Plötzlich hörte er deutlich eine Orgel brausen, feierlich und tief. Und +durch das volle Orgelbrausen rief eine Stimme: + +»Heilig ist der Mensch! Sinn der Erde, unantastbar!« + +»Heilig ist das Menschenleben, unantastbar!« + +Und wieder brauste die Orgel. + +Dann schrie die gleiche Stimme, laut und hell: + +»Die Menschenwürde ist das oberste Gesetz!« + +»Unantastbar ist die Würde des Menschen!« + +»Heilig sein Gedanke, heilig sein Leib!« + +»Liebet einander!« + +Die Orgeltöne verbrausten in der Ferne. + + +5 + +Und der Nebel brodelte über den Dächern der Stadt. + +Immer noch ertönte gedämpft der Phonograph in Ströbels Bibliothek. Aber +Hedi tanzte nicht mehr. Sie saß am Spieltisch und setzte eifrig. Rote +Flecken fieberten auf ihren Wangen, ihre Augen sprühten. Sie gewann. +Zuweilen liebkoste Ströbel sie mit einem Blick, sie liebte ihn in diesem +Augenblick. Weißbach, der nach ihren Blicken tastete, hatte sie ganz +vergessen. + +Ottos Mädchen war eingeschlafen. Zwei Tränen glänzten wie Tau unter +ihren langen hellen Wimpern. Otto saß beim letzten Glas Wein und rauchte +voller Behagen eine Zigarre. Er brauchte keinen Schlaf, obgleich er von +früh bis abends im Bureau arbeitete. + +Immer noch ging Ruth ruhelos auf und ab, den Blick voller Qual. Sie +schwankte, so müde war sie, aber sie konnte sich nicht entschließen, zu +Bett zu gehen. + +Der General aber schlief. Er schnarchte und murmelte zuweilen +unverständliche Worte im Traum. Wangel und Jakob packten in aller Eile +die Koffer, und er gab ihnen Befehle. Soeben hatte ihn das Telegramm +erreicht, in vierzig Minuten ging der Zug zur Front . . . + +Und der Nebel wallte draußen. Über ganz Deutschland dampfte der Nebel, +undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Deutschland sah +sie nicht. Die Züge winselten durch die Nebelnacht, durch ganz +Deutschland liefen die Transporte mit den zerschossenen Menschen, durch +Wälder, Felder, über Brücken und Flüsse, ohne Zahl, ohne Pause. + +Über Europa dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die +ewigen Sterne, aber Europa sah sie nicht. Blutrot wallte das Nebelmeer, +Europas Ströme wälzten Blut. + +Die Greise, die die Geschicke der Völker lenkten, schlummerten in ihren +Betten. + +Schon aber wurde der Nebel lichter. Der Tag war nahe. -- + +Ackermann hatte seine Papiere in dieser Nacht in Ordnung gebracht und +verbrannt, was verschwinden mußte. Der Ofen qualmte, und Rauch erfüllte +das kleine Zimmer. + +Er öffnete das Fenster. Da wälzte sich der Nebel herein, deutlich sah +man ihn um die kleine Kerze kreisen. Schon aber begannen die Dunstballen +sich aufzuhellen, es tagte. Stille, kein Schritt, kein Laut. Die Stadt +war völlig tot. + +Ackermann blies die Kerze aus und legte sich zur Ruhe. + +Aber der Nebel folgte ihm in seine Träume: Da sah er einen Feldgrauen, +so wie er ihn hunderttausendfach gesehen hatte. Der Feldgraue, in einen +weiten Soldatenmantel gehüllt, eine kleine verknüllte Grabenmütze auf +dem Kopf, arbeitete still für sich, inmitten eines weiten, rauchenden +Ackers. + +Es war so düster, daß zuweilen kaum die Umrisse des Feldgrauen zu +erkennen waren. Er war groß, sein knochiges Gesicht von einem kurzen +Stoppelbart eingerahmt. Ohne Unterbrechung, ohne aufzublicken hob er mit +einem Spaten die Erde aus. Ein riesiger, in der Erde vergrabener Stein +kam zum Vorschein, und allmählich bekam man eine Vorstellung von der +Größe des Steins. Er war etwa so groß wie die Drehscheiben, auf denen +man Lokomotiven bewegt. Manchmal schien er auch etwas kleiner, manchmal +größer zu sein. Jedenfalls war er ungeheuer groß, und man wußte ja auch +nicht, wie tief er in der Erde stak. + +Der Feldgraue nahm nunmehr ein Stemmeisen zur Hand, eine schwere +Deichsel mit einem Eisenschuh, rammte sie unter den Stein und warf sich +mit aller Wucht dagegen. Der Stein rührte sich nicht. Unverdrossen nahm +der Feldgraue wiederum Pike und Spaten in die Hand und grub das Loch um +den Stein herum tiefer. Ein ganzes Gebirge von Erde warf er aus, und es +war wunderbar zu sehen, wie gleichmäßig, ruhig und hingegeben er +arbeitete. Wiederum setzte er das schwere Stemmeisen an, und siehst du, +nun bewegte sich der Stein eine Idee! Am Rande des Steins zeigte sich +ein feiner Riß im Boden. Es war also kein Zweifel, der riesige Stein +hatte sich bewegt! Abermals warf sich der Feldgraue mit voller Wucht +gegen das Stemmeisen. Zum ersten Male wandte er Ackermann voll das +Gesicht zu. Deutlich war zu sehen, daß es in Schweiß gebadet war, in den +Augen hatte sich der Schweiß angesammelt, so daß sie schneeweiß +erschienen. Mit einer ungeheuren Anstrengung drückte der Feldgraue das +Stemmeisen nieder, die Adern an seinen Schläfen schwollen an -- ah, +schon bewegte sich der Stein deutlicher. Unmerklich war er auf der einen +Seite eingesunken und auf der andern Seite in die Höhe gestiegen. + +Der Feldgraue wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, und +mutig nahm er die scheinbar aussichtslose Arbeit wieder auf. + +Doch was ist das? Er hält im Schaufeln inne und berührt seine Backe. +Eine blutige Schramme ist entstanden, und das Blut rieselt in einem +dünnen Faden herab über seinen Hals. Verwundert schüttelt der Feldgraue +den Kopf. Es ist ganz merkwürdig, was geht vor? Plötzlich wird ein Stück +von dem grauen Mantel abgerissen: ah, er ist im Feuer, er arbeitet im +Feuer, dachte Ackermann, er wird beschossen. Deutlich sieht er, wie +einen Augenblick später auf seiner Stirn eine klaffende Wunde entsteht. +Das Blut stürzt heraus, und rasch ist die eine Hälfte des ganzen +Gesichts vom Blut überzogen. Der Feldgraue aber arbeitet ruhig weiter. +Er legt sich mit ganzer Gewalt gegen das Stemmeisen, und nur zuweilen +fährt er mit dem Ärmel übers Gesicht, wenn das Blut ihn stört. + +Es geschieht das Unglaubliche: es ist ihm gelungen, den riesigen Stein +in eine schräge Lage zu bringen. Voller Raserei wirft er sich nun mit +dem Rücken dagegen und versucht, den Steinriesen vollends in die Höhe zu +heben. Es geht -- ein wenig -- aber da fällt der Stein wieder in die +frühere Lage zurück. + +Erneut beginnt der Feldgraue sein Werk, unverdrossen. Seine Hände und +sein Gesicht sind von Blut und Schweiß überzogen, aber er kümmert sich +nicht darum. Plötzlich zerreißt sein Waffenrock an der Brust, er hält +einen Augenblick inne, legt die große Hand auf die Brust, und schon +stürzt ihm das Blut aus dem Mund. Aber gleich darauf nimmt er wieder die +Arbeit auf. Wiederum stemmt er sich mit dem Rücken gegen den Stein, und +siehe da, er hebt ihn hoch, so unmöglich es auch erschien. Nun steht er +schräg wie ein Dach, aber alle weiteren Anstrengungen sind umsonst. Der +Feldgraue streicht um den Stein herum, schüttelt den Kopf, wischt sich +das Blut aus dem Gesicht und vom blutigen Mantel, schaufelt und macht +von neuem verzweifelte Versuche, aber der Stein bewegt sich nicht mehr. + +Aber nun, was geschieht? Jemand kommt, jemand ist hinzugetreten. Es ist +ein kleiner Mann, ebenfalls ein Soldat, mit raschen, herrischen +Bewegungen. Offenbar ein Vorgesetzter. Er gestikuliert heftig, treibt +den Feldgrauen zur Arbeit an. Und plötzlich erinnert sich Ackermann, daß +dieser kleine Mann mit den herrischen Bewegungen schon vorher einmal im +Nebel sichtbar geworden war. Nur für einen Augenblick. + +Wiederum stemmt sich der Feldgraue mit aller Gewalt gegen den riesigen +Stein, aber es geht nicht. Wieder wendet er Ackermann das Gesicht zu. Es +ist von Blut übergossen, ebenso wie seine Brust, die Augen sind +blutunterlaufen, und bei der ungeheuren Anstrengung quillt das Blut +zwischen seinen Lippen hervor. Plötzlich -- plötzlich springt der kleine +Mann mit den herrischen Bewegungen zornig hinzu, schwingt eine kurze +Riemenpeitsche und -- ah -- schlägt damit den Feldgrauen übers Gesicht. +Er schlägt wieder und wieder und gerät in förmliche Raserei. Der +Feldgraue aber verdoppelt, verdreifacht seine Anstrengungen. Er +schwankt, taumelt ein paar Schritte und fällt zu Boden. Ohne Bewegung, +ohne Zeichen von Leben liegt er da. + +Ist er ohnmächtig geworden? Ist er tot? + +Der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen geht näher an den +Feldgrauen heran. Er stößt mit dem Stiefel gegen die Schulter des +Regungslosen. Er ist nun plötzlich um vieles kleiner geworden, und der +Feldgraue um vieles größer. Wie ein Zwerg zu einem Riesen verhält der +kleine Herrische sich zu dem Feldgrauen. Er klettert auf den +Regungslosen hinauf, um ihm ins Gesicht blicken zu können. Er steht auf +seiner Brust, schwingt die Peitsche und schreit . . . + +Aber der Regungslose, Blutüberströmte, antwortet nicht. Seine Zähne +blinken im Nebel. Da ist sein Spaten, sein Hebebaum, dort der Stein, der +halb aufgerichtet in den Nebel ragt. Aber er regt sich nicht mehr, er +antwortet auch nicht. + +Sein Stillschweigen versetzt den Kleinen mit den raschen, herrischen +Bewegungen abermals in rasenden Zorn. Er klettert höher auf der Brust +des Riesen, hält sich an seinem Mantelkragen fest und hebt den Stiefel, +um damit nach dem regungslosen, blutüberströmten Gesicht mit den +blinkenden Zähnen zu stoßen . . . + +Da erwachte Ackermann. + + * * * * * + +Es wurde nun in der Tat deutlich lichter. Gelb wie Lehmwasser floß das +Morgenlicht am Fenster. + +Schon ratterte ein Wagen auf der Straße. + +Der kleine Herr Herbst hatte, seit ihn Ackermann verließ, die Nacht +zwischen Schlaf und Wachen verbracht. Vielleicht hatte er auch +geschlafen, er wußte es nicht. Sein Körper war mit Schweiß bedeckt, aber +das Fieber schien gebrochen zu sein. + +Still lag das Haus. + +Diese kurze Stille vor dem Morgen liebte er. Wie oft hatte er in dieser +Stille in seinem Bette gesessen, und die Hände gerungen und das +befreiende Weinen geweint, das ihn beruhigte. + +Deutlich hörte er, wie Ackermann sich in seiner Bettstelle hin und her +wälzte, aber nun war es still bei ihm. Auch bei Hähnlein war es still, +ganz still. + +Der tote Briefträger, der Veteran von Siebzig, mußte in sein Reich +zurückweichen vor dem Licht, alle Nachtgespenster mußten weichen. +Lieblich war der sanfte Morgen. + +Schon aber begann das mit Menschen vollgestopfte Haus zu erwachen. Die +Haustüre ächzte und krachte, und der Hausmeister streckte seinen +graugelben Pudelkopf in den Morgennebel. Türen schlugen, und Tritte +eilten die Treppe hinab. Es wurde geklopft, gerufen, Wasser plätscherte. + +Bei Hähnlein -- Stille! + +Noch vor kurzem hatte er das Atmen hinter der Wand gehört, aber nun war +es ganz still geworden. + +Kein Laut! + +Herbst erhob sich und machte in aller Eile Toilette, es dauerte nicht +lange bei ihm. Aber während er sich wusch, nieste er mehrmals und hob +die kleine Nase in die Luft. Gas, wie? Ja, es roch nach Gas. + +Deutlich, deutlich spürte er den Gasgeruch. + +Auf dem Korridor war der Geruch noch stärker. Ängstlich schlich er sich +zur Türe. + +In diesem Augenblick öffnete Ackermann die Türe und streckte den Kopf +heraus. Auch er zog die Luft ein. + +»Es riecht so stark nach Gas hier?« sagte er. + +»Ja, stark nach Gas!« + +Hm. Ackermann trat halb angekleidet auf den Korridor heraus. + +»Haben Sie den Gashahn offen gelassen?« + +»Ich? Nein, nein«, erwiderte Herbst, die Hand schon am Drücker der Türe. + +»Vielleicht Hähnlein --?« fragte Ackermann leise, stockend, und sein +erschrockener Blick wandte sich auf Herbst. + +»Ja, vielleicht --?« + +»Wir wollen nachsehen --« + +Aber Herr Herbst hatte keine Lust nachzusehen, nein, nicht die mindeste +-- diese Stille -- er rannte die Treppe hinab. Schon polterten +Ackermanns Fäuste gegen Hähnleins Türe. + +Furchtsam eilte er die neblige Fabriciusstraße entlang. Deutlich entsann +er sich nun, daß er von Hähnlein geträumt hatte. Deutlich! Ganz +deutlich! Hähnlein war mit einem Messer in der Hand die Treppe +hinabgestürzt, ja deutlich erinnerte er sich jetzt daran -- er hatte +sich gegen die Wand geworfen, um ihm aus dem Wege zu gehen. + +Schon verlor sich der Havelock im Labyrinth der Straßen wie jeden Tag. + + +6 + +Siehe, deine Welt, Langmütiger! + +Hunderte und Tausende flüchten täglich voller Verzweiflung aus diesem +Leben. + +Öffne die Augen und sieh: Jammer! + +Öffne die Augen und sieh: Schande! + +Lausche! Das Geschrei der Folterknechte, das Geschrei der Gemarterten, +das Jammern der Witwen und Waisen. Ströme von Tränen rauschen dahin, +Flüche verfinstern das Licht. + +Siehe deine Völker: Mörder! + +Die Heere der betörten Sklaven, vorwärtsgepeitscht von ihren Verführern, +zerfleischen sich noch immer. Noch immer gibt es Granaten, Torpedos, +Gas, Flammenwerfer, noch immer werden Männer und Frauen füsiliert, noch +immer werden täglich Gefangene -- welches Wort! -- zu Tausenden wie +Sklaven verschleppt. Schiffe sinken in die Tiefe, Kathedralen gehen in +Flammen auf, Tausende von unschuldigen Kindern verhungern an jedem Tag. +Aber auf den Kirchen Europas funkeln golden die Kreuze! Und wie lange +willst du noch zögern? + +Die Nebelfetzen zerflatterten, schon glänzte ein rotes Dach. Riesige +Firmenschilder blinkten oben an den Nebelburgen, Fensterreihen blitzten. +Die Häuser wurden farbig, rote Gesichter erschienen in den Türen. +Plötzlich strahlte die Sonne. Und die bunten Flaggen flatterten wieder +heiter im Morgenwind. + +Dampfend und glitzernd stieg die Stadt aus dem Nebel empor. Tau lag auf +den Straßen, tropfte von den Bäumen, die Dächer glänzten naß. Die +Brillen der Straßenbahnführer waren beschlagen, Tau hing an ihren +Schnurrbärten. Die Tritte hinterließen Spuren auf den feuchten +Bürgersteigen. + +Langsam wanderte Ackermann durch die Straßen, bald dahin, bald dorthin +ließ er sich treiben -- nicht mehr sein ungeduldiger, stürmischer +Schritt. Wozu Eile? Er war am Ziel. + +Heute abend würde er nicht mehr in sein Zimmer zurückkehren -- Gott +allein wußte es, was mit ihm geschah . . . + +Beglückt sog er die frische Morgenluft ein, wie Dampf kam der Atem aus +seinem Munde. Tau hing an seinen Wimpern. In der letzten Zeit hatte er +sein Äußeres vernachlässigt, aber heute morgen hatte er sich rasieren +und die etwas langgewordenen Haare stutzen lassen. + +Schwach ging der Pulsschlag der sterbenden Stadt. Nicht mehr das Brausen +und Donnern des Friedens, wenn sie erwachte. Frauen, Kinder und Greise +besorgten die Geschäfte, kutschierten die Gespanne, zogen Karren und +Wagen. Vor den Geschäften standen, wie jeden Morgen, die langen Reihen +der Weiber mit Töpfen und Markttaschen. Hin und wieder rollten +Heeresautomobile, schwer beladen, polternd vorüber. + +Bald war Ackermann wieder in seine Gedanken versunken. Ja, so wird es +sein! Sie, die Reinen, Gläubigen, Hoffenden, werden eine Gemeinschaft +bilden, wie die Apostel, die das Christentum in allen Ländern +verbreiteten. Es wird genau sein wie seinerzeit. + +In die Schulen werden sie gehen, die Apostel, und predigen: Die Würde +des Menschen ist das oberste Gesetz! Heilig das Menschenleben und +unantastbar! Alle Völker sind Brüder, und die Vernunft ist das Vaterland +aller Menschen. Sie werden die Lüge aus den Schulbüchern verbannen, sie +werden auf die Tugenden der Nachbarvölker hinweisen und nicht auf ihre +Schwächen. + +Dies und hundert anderes werden sie lehren, werden es in die Seelen der +Jungen, der Keuschen und Unverdorbenen pflanzen. Bei ihnen werden sie +beginnen. Fluchbeladen sinkt die alternde Generation dahin, erwürgt von +Gram und Schande. + +In die Kirchen werden sie gehen, die Apostel, und den Gläubigen die neue +alte Lehre predigen -- in die Fabriken, Kasernen, Gefängnisse, Dörfer -- +überall werden sie sein. Keine Landesgrenzen wird es für sie geben, sie +gehen hin und her, wie sie wollen. Sie sprechen alle Sprachen, in allen +Ländern, allen Kontinenten werden sie morgen die Arbeit beginnen. Arm +werden sie sein, verachtet, die Liebeglühenden, arm wie Bettelmönche, +geächtet und verfolgt. + +Sie bereiten das Reich vor, das kommen wird! Glückliche, gütige +Menschen, ohne Mißtrauen, ohne Neid, ohne Hochmut werden es bewohnen. +Kein Mensch wird fortan der Unterdrücker eines andern sein, kein Volk +der Unterdrücker eines andern Volkes, für immer ist die Zeit der +Sklaverei dahin. + +Freiheit, Freundschaft, Freude wird der Gruß des neuen Menschen lauten. + +Und die Erde wird ein Garten sein! Alle Kräfte, dienstbar heute der +Bewaffnung und dem Kriege, werden dem Frieden und der Wohlfahrt dienen. +Die Wüsten werden blühen, der Sand selbst wird Früchte tragen. Ja, ein +Garten die Erde. + +Haubitzen, Bombenflugzeuge, Panzerkreuzer, Unterseeboote, wo sind sie +hin? Wie ein Spuk werden sie sein, ein Spuk aus einer finstern, +unbegreiflichen Zeit. + +Deinen Glanz sehe ich, den Glanz deines Friedens und deines Glückes, ich +sehe ihn schimmern -- Reich der Zukunft, Reich der Freude, Reich des +Menschen, ich betrete dich . . . + +Da hielt Ackermann den Schritt an. Eine Stimme rief in seinem Innern und +mahnte. Erschrocken fuhr er aus seinen Träumereien auf, bereit, der +Stimme zu gehorchen, die aus seinem Innern drang. + +Schritte kamen, trappelten. Er wandte den Kopf. Um die Straßenecke bog +ein Trupp von Männern in abgetragenen, zum Teil zerlumpten +Zivilkleidern, die von einem Unteroffizier geführt wurden. Nicht viel +waren es, kaum hundert. Sie trugen Pappschachteln, es war Ersatz für die +Kasernen. Nein, nicht das Reich des kommenden Menschen, nicht sein +Schimmer, sein Glanz, armselige, trostlose Gegenwart. + +Stumpf trotteten die Männer dahin, teilnahmslos, geduckt unter ihr +Schicksal, bereit zu sterben, wenn man es forderte, bereit zu töten, +wenn man es verlangte, bereit zu allem. Alte Männer, eisgrau, einige +plattfüßige aufgeschwemmte Dickbäuche, ein paar spindeldürre Bebrillte, +schwindsüchtige Kaufleute und Studenten, freche Burschen mit +Diebesgesichtern, ein Zwerg in großen Stiefeln, ein Kranker mit +zerfressener Nase, ein Buckliger, ein Hagerer mit nur einem Auge. Und +ein Bleicher, ganz Bleicher, der den Blick voller Scham zu Boden +richtete, bildete den Schluß. Die Stiefel schlürften, schallten, die +Knie bewegten sich automatisch, die Pappschachteln schaukelten hin und +her. + +Die in Lumpen gehüllten Weiber, die die Straße reinigten, lachten und +schrien. + +»Ihr werdet es schaffen! Immer rasch!« + +Eines der Weiber sprang auf den Kehrichthaufen und tanzte mit dem Besen, +daß die schmutzigen Röcke flogen. + +»Hahaha! Die Garde kommt!« + +»Hohoho!« + +Teilnahmslose Blicke, Gelächter, Grimassen. Eine Reihe von Elektrischen +hielt den Zug der Ausgemusterten auf. Menschen sammelten sich an, +Fuhrwerke stauten sich. + +Blitzschnell trat Ackermann einige Schritte vor. Sein glühender Blick +flog über die Menschen, die Wagen, den Zug der Armseligen mit den +Pappschachteln. + +Jetzt? Jetzt? + +Gesetzt den Fall -- jetzt! + +Die Hände in die Luft werfen, schreien, diesen Menschen, die sich hier +angesammelt hatten, es zuschreien, diesen armen Krüppeln und Kranken mit +ihren Pappschachteln, laut, über den ganzen Platz, so laut, daß Hunderte +es hören, Tausende und Zehntausende es am Abend wußten --? + +Er erbleichte. Angst schnürte seine Kehle zusammen, nicht eine Silbe +hätte er hervorbringen können. Er schwankte -- schon bei dem Gedanken. +Jetzt würden sie über ihn herfallen, der Unteroffizier, wahrscheinlich +sogar die Männer mit den Pappschachteln und der Schutzmann dort, er +würde herbeieilen und ihn zu Boden schlagen. + +Aus einem Straßenbahnwagen starrten ihn erschrocken ein Paar große Augen +an, eine alte, zitronengelbe Frau. + +Er hatte in der Erregung eine unwillkürliche Bewegung mit den Armen +gemacht, und diese Bewegung hatte den Blick der Frau auf ihn gelenkt. + +Die Straßenbahnwagen klingelten und rollten weiter. Wieder bewegten sich +die Knie der Männer mit den Pappschachteln, ihre Rücken drängten sich +zusammen. Die Menschenknäuel lösten sich, zerrannen. Die Wagen fuhren. +Der Schutzmann betrachtete interessiert eine geschminkte Dame, die ihm +zulächelte. + +Ackermann stand allein auf dem Trottoir, müde plötzlich, ein leises +Beben in den Gliedern. Allmählich erst kehrte die Farbe in sein Gesicht +zurück. Langsam, die Pupillen geweitet, ging er weiter. + +Hier? Wie unsinnig wäre es gewesen! Sinnlos, ohne jeden Widerhall. +Menschenmassen mußten es sein, wimmelnde Menschen, aufhorchend, in deren +Ohren sein Schrei weitergellte, so daß ihr Herz erbebte. Die seinen +Schrei durch Berlin trugen in alle Häuser: über die ganze Stadt mußte +sein Schrei hingellen. + +Nein, nicht einen Augenblick hatte er ernsthaft daran gedacht. Aber wie +war es möglich, daß ihn der Gedanke allein schon so tief erschreckte, +daß sein Herz stehenblieb? + +Neben einem Pumpbrunnen, wo ein Droschkenkutscher sein Pferd tränkte, +stand eine Bank. Darauf setzte sich Ackermann. Er streckte die Beine +aus, die noch ein leises Zittern schwächte. Die Sonne blendete in sein +Gesicht. Es war weiß, durchsichtig, und Spuren von Sommersprossen waren +im grellen Licht zu erkennen. + +Schrecken erfüllte ihn. + +Entsetzen! + +War er das? Nach allem --? + +Mit geweiteten Augen sah er zu, wie die grauhaarige Pferdeschnauze +gierig ins Wasser tauchte. + +Was für einen Sinn sollte es haben, daß einer sich vor die dahinrasende +Maschine warf und sich von ihr zerfleischen ließ? Und weshalb gerade er? +Vielleicht hatte ihn die innere Stimme nur genarrt, ihn bis zu diesem +Punkte geführt, damit er seine Schwäche und Ohnmacht erkenne. + +Wie? + +Vielleicht, vielleicht. + +Er saß wie gelähmt. Das alte Pferd bleckte die gelben Zähne nach ihm. + + +7 + +Leise schloß Ruth die Türe ihres Zimmers hinter sich. + +Sie war voller Unruhe. + +Abermals hatte sie den großen, beobachtenden Blick Papas auf sich +gefühlt. Wie schon seit Tagen. Gestern abend sah sie ihn im Spiegel: +groß, hell, lauernd und drohend. + +War er argwöhnisch geworden, Papa? + +Vielleicht hatte die Zigarrenspitze, die sie neulich in ihrem Zimmer +fand, doch etwas zu bedeuten? + +Plötzlich errötete sie. Und der Brief? In einem Buch lag ja ein Brief +von Karl! Schnell, wo ist er? Am Ende war er fort? Am Ende hatte Papa +diesen Brief gefunden, gelesen. War er nicht einmal ganz plötzlich in +ihr Zimmer gekommen, als Dora bei ihr Tee trank? Sie hatte diesem +Vorfall ja nicht die geringste Bedeutung beigelegt, gar nicht weiter +darüber nachgedacht. Ach, sie haßte Papa! Ja, wahrlich, sie haßte ihn! +Man kannte nie seine Gedanken. Sein Blick prüfte, tadelte, sein Blick +entmutigte, sein Blick erstickte jede harmlose Freude. + +Nein, sie haßte Papa natürlich nicht, er hatte gewiß seine guten +Eigenschaften, er war charaktervoll, wie wenige Menschen, pflichtgetreu, +stolz, verschlossen, ehrenhaft vom Scheitel bis zur Sohle, nein, nein, +sie wollte gar nichts sagen. Er war verbittert, unglücklich vielleicht, +trug sein Leben ohne zu klagen. Nie hatte sie eine Klage von ihm gehört. +Er schwieg. Aber wie gerne hätte sie doch Zutrauen zu ihm gehabt, volles +Vertrauen, wie zu einem erfahrenen, erprobten Freund. Ja, so sollte es +sein! Aber es war gerade umgekehrt: anstatt sich ihm anvertrauen zu +können, mußte sie sich vor ihm verbergen. Es war natürlich auch sein +Verhalten Mama gegenüber, das sie gegen ihn einnahm. Nie konnte sie ihm +verzeihen, daß er jahrelang mit solcher Erbitterung gegen die Arme +prozessierte. Aber sie war ja jetzt reifer, sie verstand das Leben jetzt +besser und wußte, daß es viele unglückliche Ehen gab, und doch beide +Teile ehrenhafte und gütige Menschen sein konnten. Nicht das war es, es +war -- undefinierbar. Seine Nähe bedrückte, sie verwandelte, das Leben +erschien plötzlich so schwer und ernst. + +Sie fand es überaus häßlich, daß er in ihr Zimmer gekommen war, +seinerzeit. Und die Zigarrenspitze? Papa rauchte die Zigarren in +Papierspitzen mit Gänsekielen. Eines Tages hatte sie eine solche +Papierspitze auf ihrem Schreibtisch gefunden. Sie hatte sie achtlos zum +Fenster hinausgeworfen. Vielleicht war sie auch von einem der Burschen +hereingebracht worden? + +Aber hier war ja Karls Brief. Gottlob, sie atmete auf. + +Er lag noch an derselben Stelle, zwischen denselben Seiten des Buches, +unberührt. Sie las den Brief, sie drückte ihn an die Lippen. + +Ja, Karl war einer von den Kommenden, nicht einer der Vergehenden. Er +hatte Wille und Ziel. Und was er wollte, war gut. Alle Welt liebte ihn, +seine Freunde beteten ihn an, er hatte keinen einzigen Feind. Sie, die +sie selbst schwankte, klammerte sich an ihn, er gab ihr Halt. Glücklich +würde sie mit ihm sein. + +Aber weshalb war Papa in letzter Zeit so aufmerksam -- fast zärtlich? +Weshalb sagte er ihr so oft, daß sie bleich und nervös sei und nach +Babenberg gehen solle? Einmal legte er sogar die Hand um ihre Taille -- +seit Jahren war es nicht mehr der Fall, oh, sie erinnerte sich deutlich +dieser ihr (damals!) so schrecklich unangenehmen Liebkosung, sie lebte +ganz dem Andenken Mamas. Er fragte, ob sie keine Wünsche habe, ob sie +nicht etwa Lust zu einer Reise habe, vielleicht nach der Schweiz? Er +habe eine gewisse Summe für sie bereitgelegt. Nein, sie brauchte nichts, +gar nichts, hatte gar keine Wünsche. + +Ach, wie häßlich sie doch war! Kümmerte Papa sich nicht um sie, so +nannte sie ihn kalt und herzlos -- kümmerte er sich um sie, so war sie +sogleich argwöhnisch. + +Ja, ganz unmöglich, den großen prüfenden Blick des Generals zu +ergründen! + +Er atmete Haß in diesen Wochen, er atmete Liebe. + +Ja, er haßte Ruth zuweilen mit einem furchtbaren und grundlosen Haß, der +ihm unerklärlich war, und den er bereute. Ihre Mutter, ganz ihre Mutter! +Die gleichen hysterischen Augen, wie sie voller Geheimnisse, in die +niemand eindringen durfte, wie sie eingesponnen in eine sonderbare, +unerforschliche Welt. Wie sie rasch und ohne Überlegung Impulsen +folgend. Wie sollte sie anders sein? Man bedenke, eine Dame, die sich +von einem Offizier, den sie erst wenige Tage kannte, von einem Ball +entführen ließ, die sich soweit vergessen konnte -- nun, gewiß, ein +häßlicher und unwürdiger Gedanke, aber trotzdem . . . + +Es war das Blut der Sommerstorf, und unergründlich waren die Rätsel +eines Tropfen Blutes. + +Beziehungen zu einem schwärmerisch veranlagten jungen Manne -- gebildet, +zugegeben, aber jedenfalls ohne Rang, ohne Familie, arm -- mochten diese +Beziehungen noch so unschuldig sein, wie man ihm versicherte -- noch so +unschuldig -- + +In Dunkelheiten, voller Schrecken, unklare, verworrene, drohende +Dunkelheiten verloren sich seine Gefühle -- und dann haßte er Ruth. + +Reue, Reue! Er war kein Unhold. Ja, schon bereute er seine Heftigkeit. + +Sie war jung, sie dachte selbständig, und das war immerhin +anerkennenswert, sie lebte ihr eigenes Leben, war nicht eines jener +törichten oberflächlichen Geschöpfe, die nur an Putz und Vergnügen +denken. Es war natürlich übertrieben, töricht und im höchsten Maße +ungerecht, sie hysterisch zu nennen. Eine Bekanntschaft aus dem +Lazarett, etwas Romantik, weshalb urteilte er so streng? + +Nun liebte er sie plötzlich wieder, und er grübelte darüber nach, wie er +ihr Vertrauen gewinnen könnte. Leider, leider hatte ihm der Dienst zu +wenig Muße gelassen, sich mit seinen Kindern beschäftigen zu können. Das +rächte sich jetzt. Etwas Vertrauen, und alles wäre in Ordnung! Heute +abend wollte er mit ihr nochmals über die Reise nach der Schweiz +sprechen. Es war ja eine Leichtigkeit, den Paß zu besorgen . . . + +Nein, unmöglich den prüfenden großen Blick Papas zu ergründen! Ruth +versank in die Betrachtung des Bildes der Mutter an der Wand: auch sie +hatte diesen Blick gewiß nie ergründen können, nein. + +Da klopfte es, und man meldete ihr ein Fräulein Westphal. + +Ruth warf das Kinn in die Höhe. »Ich bedaure.« + +Seht an! Trotzdem sie ganz die Mutter war, wie der General dachte, wenn +er Ruth haßte, trotzdem die Linie der Hecht-Babenberg bei Ruth nicht im +mindesten zum Ausdruck kam -- die gleiche Stimme in diesem Augenblick, +die gleiche, etwas hochmütige Bewegung des Kinns. Trotz allem, trotz +allem. Ach, sie bebte vor Unruhe und Erregung heute. + +Aber da ging schon die Türe, und eine ihr unbekannte dichtverschleierte +Dame, ein schmächtiges, zartes Persönchen trat ein. + +»Ich bitte tausendmal --« flüsterte diese tiefverschleierte Dame. + +War so etwas überhaupt möglich? Sie hatte, Ruth, deutlich genug +bestellen lassen, daß sie heute nicht zu sprechen sei. »Sie wünschen?« +fragte sie, kühl, ohne jede Anteilnahme, abweisend, herzlos. + +Aber die dichtverschleierte Dame streckte ihre dünnen Arme aus. »Nicht +Sie! Nicht auch Sie!« Und schon fiel sie in die Knie. + +Sofort aber fand Ruth sich selbst zurück. + +»Um Gottes willen!« rief sie aus und hob diese kleine weinende zuckende +Person auf, die sie gar nicht kannte. »Was tun Sie? Um Gottes willen! +Ich bin sehr beunruhigt heute -- ja, wer sind Sie eigentlich?« Und Ruth +hob den Schleier der Dame hoch, sah ein blasses verweintes Kindergesicht +mit hilflosen Augen -- sie kannte es nicht -- aber sie küßte es sofort. +»Mein Liebling -- mein Kleines -- aber ich bitte Sie herzlich.« + +Ja, nun begriff sie, wer der Besuch war, sie erinnerte sich. + +Und Heinz? Sie hatte gehört davon. Ein lieber, frischer Junge. + +»Herr v. Meerheim -- sie flogen Sperre -- er sah die Maschine taumeln -- +und dachte sich noch, was ist das? Und da stürzte die Maschine schon --« + +Ruth preßte Klara an sich. + +»Bleiben Sie hier bei mir! Erzählen Sie mir alles, alles. Wir sind +Freundinnen. Geben Sie mir Ihre Hand.« Und Ruth führte diese kleine +dünne Hand an die Lippen. »Ja, Freundinnen! Auch ich habe Sorgen, hören +Sie! Gerade heute bin ich in schrecklicher Unruhe. Ich ertrage diese +Stadt nicht mehr und gehe bald aufs Land. Haben Sie Lust mitzukommen, +Sie sind eingeladen? Ja, in schrecklicher Unruhe bin ich, ich kann es +Ihnen nicht sagen. Deshalb war ich auch so unhöflich! Verzeihen Sie -- +und nun plaudern Sie, plaudern Sie!« + + +8 + +Berlin -- wer kennt es nicht? -- ist die häßlichste Großstadt der Welt, +ganz offen gestanden. Paris, London, Rom, Neuyork, Kioto, Moskau -- sind +sie von ihren Bewohnern ganz allmählich erbaut worden, Berlin wurde von +Unternehmern errichtet, in aller Eile. Von ganz wenigen Gebäuden, +einzelnen Straßen und Plätzen abgesehen, ist es als Stadt +architektonisch ohne jeden Reiz, ohne Zauber -- ein Steinhaufen ohne +Grenzen, nichts sonst. Trotzdem besitzt es mehr Badewannen als zum +Beispiel Paris, nicht zu unterschätzen, vor dem Kriege genoß es auch den +Ruf, die reinlichste Großstadt zu sein. Also die häßlichste der großen +Kokotten der Erde, aber am sorgfältigsten gewaschen, immerhin etwas. Die +Theater haben ohne Zweifel die besten Spielpläne der Welt, die besten +Konzerte -- aber sonst, häßlich, nüchtern, ein steinernes Meer. Früher +verschwand die Häßlichkeit im Gewimmel der Menschen, im Donner des +Verkehrs, im Gegleiße und Geglitzer von hunderttausend Volt, aber heute? +Nackt und schmutzig lag die häßlichste aller großen Kokotten vor allen +Augen da. + +Als die schönste Straße Berlins gelten die Linden. Sie beginnen mit dem +Brandenburger Tor und enden mit dem Schloß. Eine Enttäuschung für jeden. +Aber vom strategischen Standpunkt aus sind sie ganz ausgezeichnet. Das +Schloß liegt auf einer Halbinsel, die Verteidigung gegen das Wasser zu +ist ein Kinderspiel, die Linden selbst aber sind wie ein Lineal, breit +und gerade -- eine Salve Kartätschen, und schon sind alle +Schwierigkeiten beseitigt. + +Im Jahre 1848 wurde hier gekämpft. Barrikaden -- aber, wie gesagt, +einige Kartätschen genügten. + +Nein, die Linden sind auch nicht die Hauptsache von Berlin, sie sind +nichts als ein geschickt kaschierter Festungswall, mit Linden bepflanzt, +mit Reitwegen versehen, mit Cafés und Hotels besiedelt -- wenig +anheimelnd. Eine einzige Kanone, die vor dem Schloß auffährt, und +sämtliche Café- und Hotelgäste müssen sofort das Trottoir räumen. + +Überall, wo Könige hausen oder hausten, finden sich derartig angelegte +Straßen, man braucht nur darauf zu achten. Die Könige lieben einen +freien Blick. + +In den kalten Schluchten dieser endlosen versteinerten Häßlichkeit +treiben die Menschen dahin, Geschäftige und Spaziergänger, und +dazwischen lauern die Augen der Verbrecher und Diebe, dazwischen lächeln +die Augen der geschminkten Damen, dazwischen funkelt zuweilen ein Auge, +das Auge eines Wahnsinnigen oder eines Dichters. Wie in allen +Großstädten stehen die Schutzleute und blasen auf ihrer Flöte und +bestimmen Ebbe und Flut des Verkehrs. Heute allerdings, die +Straßengewaltigen -- sie gähnten vor Langeweile und hatten nur noch das +eine Bestreben, nicht vor Erschöpfung auf das Pflaster zu stürzen. + +In den Steinschluchten dieses endlosen Meeres wanderte Ackermann seit +dem frühen Morgen dahin. Er überquerte den windigen Alexanderplatz, den +staubigen Spittelmarkt, und schlenderte langsam durch die Schlucht der +endlosen Leipziger Straße, die ihre Größe dem Fleiße der Bürger +verdankt. Er suchte nur noch belebte Stadtteile auf. Selbst diese +Straße, in der der schwache Verkehr der sterbenden Stadt zusammenfloß, +früher glattgeschliffen von den Nägeln der Pneus und Tag und Nacht blank +gehalten wie ein Matschbillard, selbst sie war heute voller Schmutz. +Voller Schmutz waren die verwahrlosten Häuser, die schief hängenden +Firmenschilder, die elektrischen Wagen, die verbeult und abgekämpft +aussahen wie Tanks, die aus der Schlacht kamen. Obwohl es erst anfing, +warm zu werden, strömte die Stadt schon einen übeln Geruch aus. Was für +ein Geruch war es doch? Wenn du ihn nicht kennst, besser für dich -- es +war der Geruch der Verwesung. Genau wie die verlassenen Schlachtfelder +roch Berlin. + +Hierauf überquerte Ackermann den Potsdamer Platz und bog in die +Königgrätzer Straße ein, wo die Bahnhöfe liegen. + +Er suchte Menschen, Menschen, Massen von Menschen, und in dieser +aussterbenden Stadt würden sie wohl noch am ehesten auf den Plätzen der +Bahnhöfe zu finden sein. + +Langsam schlenderte er dahin. Die Sonne blendete ihm ins Gesicht. Auf +dem Spittelmarkt hatte er einen Teller Suppe zu sich genommen, in aller +Ruhe, denn Gewißheit erfüllte ihn, daß alles vollendet sein würde, bevor +die Sonne sank. Er hatte sogar geschwankt, ob er nicht in die +Dorotheenstraße gehen solle, um Ruth noch einmal zu sehen. Aber er war +doch nicht gegangen. Nein, nun war er unterwegs . . . + +Da! Horch! + +Schon? + +Trommeln, beim Anhalter Bahnhof -- Augenblicklich beflügelte sich sein +Schritt. Von plötzlicher Erregung erfaßt, ging er dahin. Deutlich, dumpf +noch, aber ganz deutlich. + +Trommeln, ohne Zweifel. + +Sonderbar wirkt der dumpfe Laut der Trommel auf den Menschen. Er wirft +ihn ohne jede Übertreibung um einige Jahrtausende zurück, in Zeiten, wo +die Menschen noch mit den Tieren der Wildnis kämpften, zu den Negern am +Kongo. Augenblicklich stürmten die Menschen wie in Hypnose über den +Anhalter Platz, dem Laut der Trommeln entgegen. + +Plötzlich schwiegen die Trommeln, und die Blechinstrumente setzten mit +barbarischem Lärm ein. + +Ein Menschenhaufe quoll aus der Straße auf den Platz. Waffen blitzten, +gleichmäßig schwankende Reihen wurden im Strom der Köpfe sichtbar. +Offenbar wurde ein Bataillon zur Bahn gebracht. + +Ohne zu überlegen, bebend vor Erregung, nahm Ackermann augenblicklich +Aufstellung. Ein alter mürrischer Mann lud an der Straße Pflastersteine +ab, und auf eine Reihe solcher Steine stellte er sich. + +Der Strom von Köpfen wälzte sich heran, umbrandet vom Tosen der +Blechinstrumente, die in der Sonne funkelten. Scharen von Neugierigen +drängten hinzu. Dicht neben Ackermann nahmen sie auf der Schicht von +Pflastersteinen Platz und reckten sich auf den Zehen. Sogar der alte +Mann, der die Steine ablud, hob das mürrische Gesicht. + +Im Takt der Musikkapelle zog der Menschenhaufe dem Bataillon voran. +Zerlumpte Weiber und verwahrloste Kinder, alte Männer, frühreife +Mädchen, bleich, verhungert, das Mal des letzten Elends auf der Stirn -- +-- und doch: Freude glänzte auf allen Gesichtern! + +Ackermanns Blick wurde dunkel. + +Wirst du bereit sein? + +Wird dich die Stunde bereit finden? + +Volk, mein Volk, meine Liebe, meine Sehnsucht? + +Wie wird dich die große Stunde finden? Ausgehöhlt vom Hunger, +ausgeblutet von den Schlachten, ausgefront -- wirst du die Kraft haben? +Betäubt von Lüge, krank von dumpfer Sehnsucht -- wirst du? Die Völker +der Erde blicken auf dich! Du bist geächtet, bespien, die Dornenkrone +ist auf dein Haupt gedrückt, dein Weg führt durch Tränen, führt durch +Hunger und Wahnsinn -- zitterst du? + +Wirst du straucheln? Wanken? Dahinsinken zu den Unwürdigen? Wirst du +auserwählt und berufen sein unter den Völkern, das Reich zu bereiten, +das Reich des neuen Menschen? + +Grell blitzten die Trompeten, grell schmetterten sie, die roten Backen +barsten. + +Vorwärts, fort, fort, beeile dich! Meine Liebe und Sehnsucht fliegen vor +dir her! Der Ruf erschallt! Lüge, Hoffart, Wahn -- wirf ab, wirf ab! +Tauche nieder in deine reinen Quellen. Sieh, wie sie funkeln, am +Firmament des Gedankens, deine großen Geister! Sie blicken auf dich. + +Fort, fort, beeile dich! Die Stunde ist nahe! Laß dein Herz wieder +leuchten, das immer aufglühte, wenn die Dunkelheit am tiefsten war. +Mehre den Schatz der Völker! + +Ich sehe dich auferstehen, ich sehe dich erblühen, sehe dich umringt von +brüderlichen Nationen . . . + +Schon wälzte sich der Haufe dicht heran. + +Die Musikanten setzten mit einem Ruck die Instrumente ab. Im Zickzack +fuhr der Stock des Musikmeisters durch die Luft, und die Trommeln +wirbelten wieder. + +Reihen von Gewehren, Reihen von Helmen schwankten heran, vorwärts +getrieben von einer unverständlichen Kraft, von einem unverständlichen +Willen zusammengeballt. Das Bataillon Hähnleins, des Unglücklichen -- + +Junge Männer, rosige, arglose Kindergesichter, die noch nicht ahnten, +daß morgen schon der Tod ringsum war. Wie oft hatte er, Ackermann, den +Marsch zum Bahnhof erlebt! Alte Feldsoldaten, mit Auszeichnungen auf der +Brust -- nein, sie gaben sich keinerlei Illusionen mehr hin -- stumpf +marschierten sie, genau wie er früher marschierte: stumpf, +schweißtriefend, bepackt, zitternd unter dem Blick der Vorgesetzten. +Hundertmal mochten sie ihr Leben in die Schanze geschlagen haben, sie +blieben trotzdem Tiere, hier wie bei allen kriegführenden Völkern war +der gemeine Mann ein Tier, nicht mehr. Einige Frauen marschierten in den +Reihen der Soldaten, Bräute, Mütter, Gattinnen, bleich, schwankend, +weinend. So zogen sie dahin. + +Plötzlich aber -- + +Plötzlich erscholl eine Stimme! + +Woher kam sie? + +Niemand wußte es. + +Eine Stimme -- hell, metallen, durchdringend -- sie dröhnte über das +marschierende Bataillon, übertönte die Trommeln, den Schritt der +Arglosen und Erfahrenen -- scholl über den weiten Platz und wurde als +Echo von den hohen Häusern zurückgeworfen -- die Stimme eines Riesen, +eines -- ja, bei Gott, was für eine Stimme war es doch? + +Und diese Stimme rief, gellend, dröhnend, sie scholl über das summende, +brausende Berlin -- in alle Ohren gellte diese Stimme. + +Diese Stimme rief: + +»Es lebe die Kameradschaft zwischen den Völkern!« -- Pause, der Platz +gellte, Widerhall, Trommeln -- »Nieder mit dem Krieg!« -- Stille, +Gellen, Trommeln -- »Alle Menschen sind Brüder . . .« + +Auf einem Haufen von Pflastersteinen stand ein Mensch, ein Soldat in +einem weiten grauen Mantel, der flatterte, die Arme wild emporgeworfen, +totenbleich, mit rasenden, fanatisch glühenden Augen -- seine Hände +zuckten -- seine Stimme gellte, gellte. Plötzlich aber brach diese +rasende gellende Stimme ab. + +Der Soldat war verschwunden. + + * * * * * + +Er lag auf dem Pflaster, ein Knäuel Menschen um ihn herum. Ein grüner +Plüschhut rollte über den Bürgersteig. + +Eine Sekunde später wurde dieser Mensch im weiten grauen Mantel über das +Pflaster geschleift. + +Das Bataillon zog weiter. Wieder setzte die Kapelle ein. Die meisten +hatten gar nichts gesehen -- aber gehört -- ja, eine Stimme aus der +Luft! + +Diese Stimme krallte sich in ihr Herz, zerriß es, daß es zu bluten +begann vor Qual und Sehnsucht. + +Eine Stimme . . . Was für eine Stimme --? + +Die Stimme des Menschen hatten sie vernommen . . . Die letzten des +Bataillons sahen noch einen Menschenhaufen, der sich den Bürgersteig +hinabwälzte. + +Der grüne Plüschhut hörte auf zu rollen. Ein schmächtiger junger Mann +ergriff ihn, überzeugte sich mit einem raschen Blick, daß der Mensch im +grauen Mantel in sicheren Händen war, bürstete den Hut eilig ab -- ja, +und nun -- der Kneifer -- er war verlorengegangen. Und der schmächtige +junge Mann suchte eilig den Kneifer. + +Da hob der alte Mann, man erinnert sich, er lud Pflastersteine ab, +dieser Mürrische, den Kopf und sagte: + +»Wartet nur noch eine Weile -- ihr Halunken!« Und er spie aus. + +Der junge Mann geriet sofort in äußerste Erregung, sein Blick glitt +suchend über das Pflaster, sein Blick bohrte sich messerscharf in die +Augen des Mürrischen. + +Aber der alte Mann hob einen Pflasterstein in die Höhe, er lächelte -- +aber wie! -- und der junge Mann wich zurück, und nun lief er rasch, +rasch, ohne den Kneifer, zu dem Militärauto, um das der Menschenknäuel +sich ballte. + +In dieses Militärauto hatte man den Menschen im grauen Mantel gezerrt. +Er blutete im Gesicht, aber er wehrte sich nicht. Jede seiner +Bewegungen, das Lächeln auf seinen fahlen Lippen, sagte deutlich, daß er +nicht gesonnen sei, irgendwelchen Widerstand zu leisten. + +Aber unerklärlich -- plötzlich, ohne jeden Grund, schlug einer der +beiden schnauzbärtigen Männer, die ihn ins Auto schleiften, sinnlos, +völlig sinnlos, vielleicht um sich für die Anstrengung zu rächen, mit +dem Knotenstock auf den Menschen im grauen Mantel ein. + +»Halt, halt!« schrie der schmächtige junge Mann mit dem grünen +Plüschhut, der herangeeilt kam. + +Aber es war zu spät. + +Der Mensch im grauen Mantel -- jede Bewegung, ihr seht, ich leiste +keinen Widerstand -- schlug mit einem furchtbaren Hieb nach dem roten +Gesicht des Schnauzbärtigen, stieß noch einigemal in die Luft und sprang +aus dem Auto. + +Der Schnauzbärtige blutete aus der Nase und war für einige Sekunden +benommen, aber der andere Schnauzbärtige zog rasch entschlossen einen +Revolver und schoß -- sofort schrie eine Mädchenstimme auf, er hatte ein +kleines Mädchen getroffen. + +Der Mensch mit dem grauen Mantel aber war im Torbogen eines Hotels +verschwunden. + +Zuerst stürzte der grüne Plüschhut nach, dann der Schnauzbärtige, der +geschossen hatte, dann der andere Schnauzbärtige, dessen Nase blutete. + +Ein kleiner feister Herr telephonierte in bester Laune im Foyer des +Hotels, behaglich das dicke Schenkelchen über das Knie geschlagen. +»Höre, mein Kind -- ja also nicht später als acht Uhr. Und vergiß nicht, +süßes Puppchen --« + +In diesem Augenblick erhielt er einen Stoß vor die Brust, und ein junger +Mann entriß ihm ohne viele Umstände den Hörer. Militärpolizei. + +Vor dem Hotel sammelten sich Scharen von Menschen an. Eine Verhaftung! +Und man hatte ein junges Mädchen in das Bein geschossen, das ganz +harmlos spazierenging. Heitere Zustände, das mußte man schon sagen. Nun, +die Verwundung war ja nicht schlimm, ein Streifschuß, aber bedenken Sie +doch -- man geht über den Anhalter Platz und riskiert totgeschossen zu +werden. Ganz als ob man an der Front sei. + +Aber da gab es schon wieder eine neue Sensation. Die Menschen traten +plötzlich vom Bürgersteig auf den Platz zurück. Sie starrten in die +Höhe. + +Unglaublich -- dort, dort -- aber, bitte, wo? + +Ja, dort, dort! Sehen Sie denn nicht? + +Ein Mensch! + +Ein Mensch auf den Dächern! + +Unglaublich! + +Ja, in der Tat, zwischen den Schornsteinen und Ventilationsröhren +erschien da oben ein Mensch. Ein Mensch in einem weiten Soldatenmantel, +ein Soldat. + +Die Häuser in der Gegend des Anhalter Bahnhofs sind unansehnlich und +häßlich wie in andern Vierteln der Stadt, die Dächer mit Schiefer +gedeckt, abgeflacht, dazwischen ein steileres Ziegeldach. Über die +abgeflachten Ziegeldächer glitt der Mann da oben rasch dahin, über die +steilen Satteldächer dagegen balancierte er vorsichtig von Kamin zu +Kamin. Stellenweise schritt er, die Arme wagrecht haltend, wie ein +Seiltänzer über den Dachfirst. Blitzschnell kletterte er von einem +niedrigen Dach auf ein höheres am Giebel der Brandmauer empor. + +Wieder balancierte er wie ein Seiltänzer -- hoch oben, im stechenden +Sonnenlicht, kreidig Gesicht und Hände, der flatternde Mantel bestaubt. +Diesmal schwankte er, die Leute auf dem Platz schrien auf, aber schon +hatte er Halt an einer Tonröhre gefunden. Er holte Atem, gegen die +Tonröhre gelehnt, blickte mit seinem kreidigen Gesicht, das blutete, auf +den Platz herunter, schrie etwas mit gellender Stimme, aber +unverständlich hier unten, dann eilte er zum nächsten Kamin. Deutlich +sah man, daß er hinkte. + +Unten auf der Straße hatte er sich ruhig festnehmen lassen, aber nun, +seitdem man mit einem Knotenstock völlig sinnlos auf ihn eingeschlagen +hatte, schien er entschlossen zu sein, zu flüchten. + +Nun glitt er zur Hälfte über ein Ziegeldach und kroch in eine Dachluke. + +Die Zuschauer atmeten auf. »Er ist verschwunden!« + +Aber schon nach einigen Sekunden erschien er wieder in der Dachluke. Er +glitt bis zur Dachrinne herab und lief, wie eine Katze, buchstäblich, +auf der Dachrinne dahin. Die Ausrufe erstarben auf den Lippen, die +kleinen Verkäuferinnen preßten die Hand aufs Herz. + +Gleich darauf tauchte in der Dachluke die Mütze eines Schutzmannes auf, +begrüßt vom Gelächter der Zuschauer. Der Mann im grauen Mantel kletterte +abermals den Giebel der Brandmauer empor und lief über das Dach des +Eckhauses. + +Tausende von Neugierigen hatten sich angesammelt. Es waren Züge +angekommen, und die Reisenden standen gaffend und blinzelnd auf dem +Platze. Das war Berlin, siehst du! Kaum kam man an, so gab es schon +etwas zu sehen. Man hatte ja gelesen, daß zurzeit in Berlin häufig +Deserteure auf dem Transport entflohen, sogar Passanten waren bei diesen +Vorfällen schon erschossen worden. Brich das Genick, du Spitzbube! Ja, +das war Berlin, man konnte wenigstens etwas erzählen. Ein Haar, und er +wäre abgestürzt. + +Rote Gesichter reckten sich aus den Wagen der Straßenbahn, aus allen +Fenstern der umliegenden Häuser. Die Kutscher verdrehten den Hals, +Kellner, Friseure, Verkäuferinnen stürzten aus Läden und Türen. +Messinggelb blendeten die Häuser in der Sonne. + +Schutzleute, Soldaten. + +Schon stockte der Verkehr. Nur langsam konnten sich die elektrischen +Wagen durch die Menschenmenge schieben. + +Scharen von Kindern rannten dahin, deuteten zu den Dächern empor und +schrien wie besessen: »Dort läuft er! Dort!« Das ganze Stadtviertel war +auf den Beinen. + +Von der Bahnhofshalle her drang der schmetternde Marsch der +Regimentskapelle. Nun gellte auch noch die Glocke der Feuerwehr -- ein +Löschzug! + +Hedis Auto war mitten in die Menschenmenge geraten und konnte sich nur +schrittweise, ohne Pause tutend, mit seinen Pneus den Weg bahnen. + +Der Chauffeur wagte die Vertraulichkeit, sie durch eine Kopfbewegung auf +die Ursache der Menschenansammlung aufmerksam zu machen. Da sah sie zu +ihrem Schrecken hoch oben -- in einer Dunstwolke von rostbraunem Staub +-- einen Menschen, staubig und kalkweiß, über den Dachfirst laufen. + +Hedi kam vom Einkauf: Gardinen, Stoffe, Antiquitäten, es war schwer, +etwas Ordentliches zu finden. In allen Geschäften und Magazinen jagte +sie umher. Ihr Wagen lag voller Pakete, und neben dem Chauffeur blitzte +aus dem Papier ein silberner Spiegel -- spanischer Barock, etwas +beschädigt, aber, nach ihrer Ansicht, zauberhaft, ein Traum! + +Hedis Herz pochte. Bei Gott, es war die gleiche Querstraße, wo sie +einst, im Sommer, Otto das Abschiedssouper gegeben hatte. + +»Fahren Sie!« + +Eine schweißtriefende Zeitungsfrau drängte sich in diesem Moment, einen +Pack noch nasser Zeitungen unter dem Arm, am Auto vorüber und schrie mit +gellender Stimme dicht an Hedis Ohr: + +»Die Marne abermals überschritten!« + +»Die Marne abermals überschritten!« + +Hundert gierige Hände streckten sich ihr gleichzeitig entgegen. Sie +drehte sich im Kreise, wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel von der +Stirn. + +»Hier, bitte, geben Sie!« + +»Die Marne -- sofort, junge Frau -- abermals überschritten.« Ihre +gellende Stimme übertönte den Marsch der Kapelle auf dem Bahnhof. + +Das Auto rückte an. Hedi konnte gerade noch das Blatt ergreifen. + +Sie warf noch einen flüchtigen Blick in die Höhe -- da sah sie gerade, +wie der Mann auf dem Dachfirst plötzlich schwankte -- hatte man +geschossen? -- schwankte -- mit den Händen in die Luft griff und über +das steile Dach herabstürzte. Eine Sekunde wurde der Körper von der +Dachrinne aufgehalten, dann fiel er . . . Hedi bedeckte die Augen mit +der Hand. + +Die schweißtriefende Zeitungsfrau raste dem Bahnhof zu und schrie +gellend: + +»Die Marne abermals überschritten! Die Marne abermals -- --« + + +9 + +Vorgestern nicht, gestern nicht -- aber jetzt, jetzt kam sie die +Fabriciusstraße herauf. + +Sie hielt zuweilen inne, als zögere sie, blickte sich um, aber sie kam +doch immer näher. + +Herr Herbst kletterte die Treppe empor, bis zur Türe. Er wohnte nicht +mehr hier, hatte das Quartier in diesem Unglückshause geräumt. Er wohnte +jetzt in einer kleinen Kammer im »Löwen von Antwerpen«. In einem ganz +winzigen Raum, aber doch zog er ihn diesem Zimmer vor. + +Schon hörte er ihren Schritt, das leichte Keuchen ihres Atems. Sie ging +ganz anders als alle Frauen, die diese Treppe auf und ab stiegen. Die +Sohlen ihrer Schuhe waren dünner, sie vermied jeden Lärm und hielt sich +nie am Geländer fest. + +Herr Herbst trat vor, beugte sich über das Geländer. Sie sah ihn an, +hielt inne, leise keuchte ihr Atem. + +Herr Herbst lüftete den steifen Hut: »Sie suchen gewiß Herrn Ackermann?« +fragte er. + +»Ja«, hauchte sie. + +»Er wurde verhaftet --« + +»Vorgestern verhaftet --« + +Nun berührte sie plötzlich mit den Fingerspitzen das schmutzige +Stiegengeländer, und das Blut wich aus ihren Wangen. Ganz langsam. +Zuerst wurde sie fahl, dann weiß wie Mehl. Dann verloren ihre Augen die +Farbe, auch sie wurden weiß. + +Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe! + +Fleisch von seinem Fleisch. Blut von seinem Blut . . . + +Herr Herbst beugte sich über das Geländer und sah ihr tief in die Augen. +Immer noch wurde sie weißer -- ihre Hand griff zu. + +Und bald, bald würde man auch sie -- der Magere, Schmächtige hatte es +ihm zugesagt. Und diese Schande für die Familie . . . + +Heute abend, es war Sonnabend, würde er den Munitionsarbeiterinnen im +»Löwen von Antwerpen« etwas zum besten geben. Und auch er würde ein +Fläschchen trinken. Er besaß ja immer noch Geld, Gott sei Dank, zwei +Brieftaschen, eine kleine für die laufenden Ausgaben und eine große, in +der sich die blauen Scheine befanden, noch immer eine ganze Anzahl. +Heute abend sollte ihm nichts zuviel sein. + +Dabei hielt er den Hut gelüftet, und sein Blick versank in diese Augen, +die die Farbe verloren, den Blick. + +»Hier?« hauchte eine zitternde Stimme. + +»In der Stadt. Beim Anhalter Bahnhof.« + +»Haben Sie es gesehen?« + +»Ein Bekannter hat es mir erzählt.« + +»So? -- -- Danke.« + +Sie wandte sich ab, ging, Schritt für Schritt, und immer noch ganz leise +und lautlos. + +Er beugte sich weit über das Geländer und sah ihren kleinen braunen Hut +um die Ecke biegen. + +Plötzlich lief er mit den Bewegungen eines Hampelmannes hinter ihr her. + +»Hören Sie, noch etwas.« + +Sie wandte ihm ihr mehlig weißes Gesicht zu. + +Herr Herbst beugte sich über das Geländer. Und nun stieß er ihr das +Messer ins Herz! + +»Er ist tot!« flüsterte er, ganz leise, aber so deutlich. + +Das mehlige, weiße Gesicht verschwand -- und plötzlich eilte ein lauter, +harter Schritt, blitzschnell die Treppe hinab. Immer rings um das +Treppengeländer. + +Aber dies war zuviel für Herrn Herbst. Dieses rasende Klappern der +Schuhe vertrug er nicht. Im Nu stürzte ihm das Wasser aus den Augen. + +Was ging hier vor? Er wollte ja gar nicht -- + +Rasch, so rasch seine zitternden Beine es zuließen -- immer war es ihm +beim Hinabsteigen der Treppe, als stürze er in einen Abgrund -- folgte +er den harten, raschen Schritten, die im Stiegenhaus herumgingen. + +»Halt, halt -- hören Sie --« + +»Hören Sie -- es war ein unglückseliger Zufall --« + +»Hören Sie, pst -- einen Augenblick -- fliehen Sie aus Berlin -- auch +Sie will man --« + +Aber er vermochte sie nicht mehr einzuholen. + +Wie ein Hampelmann eilte er. + +»Ich warne Sie -- wünsche Ihnen nichts Böses --« + +Vergebens. + +Die Haustüre fiel ins Schloß, und als er sie wieder geöffnet hatte, da +war sie schon, unglaublich, unfaßbar, mindestens sechs Häuser weit +entfernt. + +Keine Möglichkeit, nicht die geringste Möglichkeit. + + + + +Drittes Buch + + +1 + +Von Horizont zu Horizont rollt das Feuer. + +Staub und Qualm -- brennende Menschen stürzen aus dem Himmel, ein +Hagelsturm von zerfetzten Menschenleibern fegt über die Erde. + +Die Luft wettert von rasenden Donnerschlägen, die glühenden Geschütze +taumeln voll Wut, ferne grollt das böse Raubtierknurren der schwersten +Kaliber. Die Erde schwankt, das Gebäude der Atmosphäre gerät ins Wanken. +Lawinen, Bergstürze, der Vulkan speit. Seit Wochen, seit Monaten. + +Horch! Horch -- horch! Schreie, damit ich dich verstehe --! Was sagst +du? Es ist die Stimme Europas -- sehr wohl! Es ist die Stimme der +Habgier, des Geldes -- noch besser . . . + +Schiefergrau und rostbraun, in jeder Sekunde neu genährt von Qualm, wogt +von Horizont zu Horizont, unendlich, die fürchterliche Wolke über der +Walstatt. Die Landschaft selbst runzelt die Stirn, gealtert, zermürbt, +zerknittert und vergrämt. + +»Ungemütlich, lieber Otto« -- schrieb Hauptmann Falk, genannt die +Feuerwalze -- »es beginnt ungemütlich zu werden hier außen! Heute morgen +einige tausend Granaten auf unsern Abschnitt, die nicht von schlechten +Eltern waren. Ringsum Leichen, auch die Lebenden, der Divisionär, +vierzig Stufen unter der Erde, ebenfalls eine Leiche! Er stammelt nur +noch, schwere Sprachstörung. Ich schreibe dir, um die Nerven zu +behalten. Was ist los? Wir liegen hier in Granatlöchern, keine Gräben +mehr und Drahtverhaue, die gemütlichen Zeiten sind vorüber -- alle +fünfzig Schritt ein Mann, schwere Maschinengewehre, leichte +Maschinengewehre. Im Hintergelände weit und breit keine Menschenseele -- +nur Feldküchen und Verbandplätze -- kein Mensch, was soll das bedeuten? +. . .« + +Die schiefergraue und rostbraune Wolke flimmert, endlos, bis in den +schwarzen Äther empor. Schwingen von aufgescheuchten Vogelschwärmen +blitzen darin -- das sind die Flieger. Qualm faucht auf, da oben in der +flimmernden Wolke, Qualm schießt finster durch die Luft, stürzt zur +Erde: ein Mensch, lichterloh brennend eilt über das Feld, taumelt, +brennt, qualmt, kohlt --. + +Horch, horch! Ja, schreie, sonst höre ich dich nicht! Stimme des Geldes, +sehr wohl -- die Mark, die Francs, die Pfunde, Dollars, sie brüllen -- +es sind auch die Millionenvölker Europas, die nach Nahrung brüllen, +vergiß es nicht -- und das trockene Schießpulver, der Aberwitz, er lacht +aus den Feldgeschützen. + +»Die gute alte Zeit, lieber Otto« -- schrieb Hauptmann Falk in seinem +Erdloch -- »sie ist endgültig vorbei. Schade! Ringsum schreien Menschen, +aber ich kann ihnen nicht helfen, bevor es Nacht wird. Ich sitze mitten +im Rauch. Mein Leutnant übergibt sich, er hat Gas geschluckt, Gott helfe +ihm, ich kann gar nichts für ihn tun. Ich schwitze entsetzlich in meiner +Gasmaske. Gestern sollten wir fünfhundert Flaschen Sodawasser bekommen, +aber ein Volltreffer hat sie auf der Chaussee vernichtet. Die Zungen +hängen uns heraus. Was für ein Staub! Dank, alter Junge, für den Kognak! +Es war eine Freude. Wir hatten zwei gefangene Engländer in unserem +Granatloch, auch sie bekamen einen Schluck aus der Flasche, mußte +schwören, sie nach dem Kriege in England zu besuchen. Hoffe in einigen +Tagen in Berlin zu sein. Seit einer Woche sollen wir abgelöst werden, +aber niemand zeigt sich, obwohl es uns feierlich versprochen wurde. Die +Sache gefällt mir nicht, alter Junge. Stelle die Flaschen kalt, du +erhältst Telegramm. Grüße Bussi! Hoffentlich kommt der Brief durch. Man +braucht hier zwei Stunden für einen Kilometer.« + +Bussi? Bussi? Wer ist Bussi? Niemand weiß es, offenbar eine Dame, aber +es tut schließlich nichts zur Sache. + +Wie ein blutüberströmtes Antlitz sank die Sonne hinter der endlosen +flimmernden Staubwolke. Rasch kam die Nacht. Aber die Geschütze wüteten +weiter. Schweiß badete die Gesichter der Kanoniere. Die Brandung aus +Eisen und Blut rollte fürchterlich in der Dunkelheit. + +Schon stiegen die Leuchtkugeln, da, dort, überall, glühend in allen +Farben. Ein Netz von Blitzen geisterte. -- -- + + * * * * * + +Die Raketen zischten in die Höhe und zerplatzten mit einem leichten +Knall am Himmel. Trauben von silbernen, violetten, lichtblauen und +bengalisch roten Christbaumkugeln sanken mild durch das tiefe Blau der +Nacht. + +»Ein Feuerwerk!« + +Die Kapelle spielte. Vor dem Kurhaus zerschmolzen die hellen Kleider und +grellen Mäntel und Jacken im gleißenden Licht der Bogenlampen. Hier +außen am Strand aber war es ganz still, dämmerig, nur der Mond und das +glitzernde Meer. Der Geruch von Tang und Salz in der lauen Luft. Ohne +Pause glitten lautlos die silberschäumenden Wellen über den Sand und +breiteten ihr gleißendes Schleiergespinst aus. Klein und hoch der Mond, +und schaukelnde Scherben von Silber sein Spiegelbild. + +Plötzlich zischte es, eine Rakete fuhr zu den Sternen empor. Eine Gruppe +von sprühenden Funken erschien am blauen Nachthimmel, trieb, heller als +die Gestirne, im leichten Wind sanft dahin und erlosch allmählich. + +Aus einem Strandkorb fuhr eine silberne Larve, eine Hand, blitzend von +Steinen, erschien. »Brillant!« + +Es war Herr Olsen aus Kopenhagen, zurzeit in einem deutschen Ostseebad, +der den Zauber des fliegenden Sternhaufens bewunderte. Er streckte den +blonden Kopf heraus, strampelte mit den weißen Hosen und erschien +persönlich im Mondlicht. Er war nahezu zwei Meter hoch, und sein +Schatten ging vollkommen über die Sandburg »Lüttich« hinweg. Er war ein +hübscher, junger Mann, frisch, kindlich und gutmütig. Mit strahlender +Miene und blinkenden Zähnen verfolgte er die bunten Kugeln am Himmel. + +Herr Olsen lebte noch in der Welt des Friedens. Er sprach nie vom Krieg, +erzählte nichts von Schützengräben, las keine Berichte und quälte sich +nicht mit Kombinationen -- er studierte höchstens die Börsenberichte und +kaufte deutsches Geld, wenn es Vorteil versprach. Wer den Krieg gewann, +das war ihm höchst einerlei, zu welchem Zwecke er geführt wurde, +berührte seine Seele nicht im mindesten. Herr Olsen war -- nun, dies ist +der etwas triviale Ausdruck seiner Begleiterin -- durch und durch +Friedensware. Seine soliden Schuhe, seine sechs verschiedenen Mäntel, +der Ausdruck seines Gesichts, Augen, Sprache, Lächeln, Gedanken -- alles +Friedensware, selbst Farbe und Glanz seiner Haut und seiner Haare, +unwiederbringlich dahin bei den deutschen Männern. Er war mit einem Wort +eine Sehenswürdigkeit. + +Seine Begleiterin, im Schatten des Strandkorbes gegenüber, lachte. Ihre +Augen sprühten im Mondlicht. + +Dieses Lachen? + +Dieses Lachen! Dora --? + +Ja, Dora! Und nun streckte sie ihr Silberlärvchen in das Mondlicht, und +ihre etwas runde Hand tauchte in die gleißende Helligkeit. Ihr heller +Haarschopf flimmerte. + +Sie lachte über Olsens kindliche Freude an den bunten Christbaumkugeln +da oben. In seiner Nähe atmete sie leichter, er hatte eine ganz andere +Atmosphäre um sich wie andere Männer. So zum Beispiel Otto, der einige +Tage hier gewesen war. + +Herr Olsen streifte seine Dame mit einem fragenden Blick. Weshalb mochte +sie nur lachen? Selbst die Strahlen des Mondes, die nach Doras Augen +zielten, vermochten nicht ihr tiefes, seltenes Blau zu dämpfen. + +Herr Olsen kroch wieder in den Schatten des Strandkorbes zurück und +begann sogleich voller Eifer die unterbrochene Unterhaltung +fortzusetzen. Es handelte sich darum, ob Dora ihm, Herrn Olsen riet, +sich ein Gut in Deutschland zu kaufen. Das deutsche Geld war ja jetzt so +lächerlich billig. Herr Olsen sprach nur von seinen eigenen +Angelegenheiten, fremde Schicksale, das Schicksal des deutschen Volkes, +das Schicksal Europas, das Schicksal des Planeten, das war ihm alles +höchst einerlei. Herr Olsen war der Mittelpunkt der Erde. + +»Aber Sie müssen mir versprechen, mich dann zu besuchen? Ach, es wird ja +so schrecklich langweilig sein.« + +»Wenn Sie artig sind?« + +»Artig? Ich will wie ein kleines Hündchen sein, so artig!« beteuerte +Herr Olsen, und wieder fuhr sein Silberkopf aus dem Strandkorb. + +Ja, nun war es also Herr Olsen, der sich, Dank der Gnade des Himmels, +seine Friedensseele bewahrt hatte. + + * * * * * + +Feuerbalken schossen über den Horizont, und das fürchterliche +Wetterleuchten setzte nicht eine Sekunde aus. Hauptmann Falk konnte ganz +gut dabei schreiben. Die Leuchtkugeln sprühten wie Leuchtfeuer, die +plötzlich über dem Meer erglühen. Aus der Höhe beim Nachbarregiment +fuhren Bündel von roten Signalen, und die Artillerie wirbelte. Ein +Feuerloch glühte auf, das waren die Einschläge. + +Ein Gespenst kroch über das Feld, versank, kroch, huschte. Es war +Hauptmann Falk. Obschon gefeit -- er glaubte es -- nahm er sich doch in +acht, denn es konnte ja durch einen Zufall ein Unglück geschehen. Er +glitt die Schützenlinie entlang. Hier schüttelte er Schlafende -- aber +sie erwachten nicht mehr. Aber er traf auch Gruppen, deren Augen hell +wie Sterne im Schein des Geschützfeuers sprühten. Es waren wunderbare +Menschen! Ohne einen Tropfen Wasser seit drei Tagen! + +Da duckte er sich zusammen. Pechschwarz, von roter Lohe durchglüht, +stieg der Einschlag in die Höhe. Ja, ungemütlich, höchst ungemütlich. + +Die Blitze geisterten. + +Auf allen Straßen knarrten jetzt die Wagen. Hier und drüben bei ihm. +Munition, Verpflegung, Verwundete, die ganze Nacht hindurch. +Hunderttausende von Wagen knarrten durch die Dunkelheit. Der Himmel +erdröhnte, die Bombengeschwader waren unterwegs. Die Mützen über die +geschorenen Schädel gezogen, die Nase im Wind, jagen die +Befehlsempfänger die Straße hinab. Klein und hoch geht der Mond, Blitze +wehen, Feuer sprüht im Walde. + + +2 + +Der Tiergarten fröstelte. Unerträglich heiß war es am Tage gewesen, und +nun war es plötzlich kühl geworden. Irgendwo in der Nähe von Berlin +mußten schwere Gewitter niedergegangen sein, aber man hatte nur zuweilen +das tiefe Donnerknurren gehört. + +Vor der roten Backsteinvilla in der Lessingallee, mit Efeu überwuchert, +hielt eine Droschke. + +Händeklatschen. »Petersen! Petersen!« Eine helle Stimme. + +Schon öffnete sich die Türe, und Petersen in seinem Zebrakittel eilte +auf die Straße. + +Ein Offizier stand bei der Droschke, mit einer schwarzen Brille, eine +kleine Reisetasche in der Hand. + +»Nun, Petersen, alter Knabe, Sie kennen mich wohl nicht mehr?« Eine +hohe, fremde Stimme. + +»Herr Hauptmann?« rief Petersen erstaunt und erschrocken aus. Was tat er +hier, was wollte er hier? Schon vor dem Kriege hatte er ja nicht mehr +hier gewohnt. + +»Welche Überraschung, Herr Hauptmann!« + +»Ja ja, Petersen -- so geht es -- wenn man sich lange nicht sieht. Meine +Frau --?« + +»Im Bade, Herr Hauptmann. Kommt morgen!« + +»So? Nun, ich werde nicht stören. Nur ein paar Tage, bis ich eine +Wohnung gefunden habe. Na, und es geht immer gut, alter Petersen?« + +»Danke, Herr Hauptmann, sehr gut, danke!« + +Petersen nahm die Reisetasche, und Hauptmann v. Dönhoff stolperte die +Treppe hinauf. + +»Ah, wie dunkel! Ihr habt wohl eine Kleinigkeit zu essen für mich? Den +ganzen Tag im Zuge --« + +Wie leer diese Stadt, wie ausgestorben! Hauptmann Dönhoff _roch_ die +Stille und Ausgestorbenheit. Berlin war tot, ohne Zweifel. Hier und da +ein Schritt, ein zögernder, nachdenklicher, mutloser Schritt. Ja, mutlos +gingen alle diese Schritte in den dunkeln Straßen dahin, mutlos und +bestrebt, keinen Lärm zu machen. + +Und früher, früher! + +Auch dieses Haus, sein früheres Haus -- totenstill. Welche Feste hatten +sie hier gefeiert. Er hörte sein früheres Lachen! Zweihundert schöne +Frauen hatte er besessen, siebzig Rennen gewonnen, zwei Elefanten und +ein Nashorn geschossen, als einer der ersten war er in Deutschland +geflogen, einer der Entdecker des deutschen Himmels -- ja, es hatte sich +manches geändert. + +Aber den Geruch des Hauses erkannte er sofort wieder. Doras Parfüm und +eine gewisse Schwüle. + +»Hoppla, Petersen --« Er stieß gegen ein Tischchen in der Garderobe. +»Ich sehe etwas schlecht, bis man sich wieder eingewöhnt.« Immer sprach +er mit einer hohen, fremden Stimme, hastig, unsicher, wie ein Mensch, +der sich _schämt_. + +Petersen eilte in die Küche und machte Zeichen mit den Fingern vor der +Stirn. + +»Er ist -- so wahr mir Gott helfe, nein, was wird die Gnädige sagen? Was +will er hier? Sie sind doch getrennt. Aber sehen Sie doch selbst. Er +ist, mein Himmel, wie merkwürdig --« + +Mina also, neugierig wie sie war, mußte sich ihn selbst ansehen. + +Sie fand Hauptmann v. Dönhoff auf einem Sofa, eine Zigarette rauchend. +Er richtete, als sie eintrat, die dunkle Brille auf sie, lächelte, und +sie konnte vor Schreck keinen Ton hervorbringen. Der Gruß blieb ihr im +Halse stecken. Sie hätte ihn -- bei Gott -- nicht wieder erkannt: grau, +völlig grau, fast weiß, gelb, alt, um zwanzig Jahre älter mindestens! +Und dieses Lächeln des welken Gesichts, diese Falten um den Mund -- nur +solche Leute konnten so lächeln, nur solche -- Petersen hatte recht. + +Mein Gott, welche Angst sie hatte! Weshalb mußte sie auch gleich +hereinlaufen. + +Hauptmann v. Dönhoff gähnte. Er blickte sie durch die dunkle Brille an, +verfolgte jede ihrer Bewegungen. Dann sagte er lächelnd: »Na, also, +Petersen, alter Knabe, erzählen Sie doch, was es Neues gibt in Berlin?« + +Petersen! Er hielt sie für Petersen! + +Vor Schrecken hätte Mina beinahe einen Teller fallen lassen. + + * * * * * + +Und das Feuer rollte. + +Wie ein blutüberströmtes Antlitz stieg die Sonne aus der endlosen +Staubwolke empor. Die in der Nacht fielen, waren jetzt schon kalt. Auf +den Chausseen lagen in Stücke zerrissene Pferde und Männer, zertrümmerte +Wagen und zerschmetterte Bäume; ihr grünes Laub rauschte im Morgenwind. +Die Mütze über die geschorenen Schädel gezogen, kamen die +Befehlsüberbringer im Auto angefegt und setzten über die rauschenden +grünen Aste, die quer über der Straße lagen, hinweg. + +Der Himmel stand voller Schrapnellwolken, Schwärme von Fliegern brausten +im Frühlicht. Die Geschütze stampften, pochten, knackten -- die rasende +Erde beschoß aus ihren Kratern das aufgehende Gestirn der Sonne. + +Wie gestern, wie vorgestern, wie alle Tage stürzten brennende Menschen +aus dem Himmel. Ein Hagelsturm von zerfetzten Leibern fegte über die +Erde. Millionen Herzen verkrampften sich in Todesangst. + +Und die Wolke, die rostbraune, schiefergraue Wolke stand unendlich über +der Walstatt. + + +3 + +Ganz in der Nähe der Hofjägerallee im Tiergarten läuft ein gekrümmter, +schmaler Reitweg durch tiefes Dickicht. + +Auf diesem schmalen, gekrümmten Reitweg ging der General hin und her, +die Hände auf dem Rücken, die Augen auf die eigenen Fußspuren geheftet, +die noch von gestern, von vorgestern, hier zu sehen waren, trotz dem +Regen, der in der Nacht fiel. Hier ging nie ein Mensch, und Reiter -- +das Geschlecht der Reiter war völlig ausgestorben in Berlin. + +Dora --? + +Es war drückend schwül, schon um neun Uhr morgens, der General hatte +seinen Kragen etwas gelockert, hier sah ihn ja niemand. Bewegungslos +standen Büsche und Bäume, und zuweilen sang ein Vogel, irgendwo in +weiter Ferne. Es klang wenigstens so in seinen Ohren, möglich, daß er +sich täuschte. War es nicht eigentümlich, in letzter Zeit schienen alle +Geräusche und Laute in weite Fernen zu rücken, auch die Stimmen der +Menschen, die dicht vor ihm standen und sprachen? + +Nichts von Bedeutung eigentlich -- + +Der General blieb stehen und heftete den Blick auf die staubige, +schwarze Erde des Reitwegs. Es war ihm schwer, einen Gedanken bis zu +Ende zu verfolgen. + +Nein, gewiß, das war es nicht. Es wäre unvernünftig, Kombinationen daran +zu knüpfen. + +Vorgestern hatte er zufällig einen Blick in Ottos Zimmer geworfen, im +Vorbeigehen. Das Zimmer wurde gereinigt, und das Unterste war zu oberst +gekehrt: da sah er -- nein, zuerst nahm er kaum davon Notiz, aber er +kehrte zurück, irgend etwas war ihm aufgefallen. Da sah er also auf +einem Sessel ein sonderbares Kostüm: eine Art Kaftan oder Kimono von +einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb, einen Turban, +orangerot, mit dicken grünen Schnüren umwickelt. Dieses Kostüm -- sofort +fiel es ihm ein: jener Vermummte, jener Unbekannte auf Doras Hausball, +jener Stumme, der immer mit einer merkwürdigen Schale rasselte! Es ging +das Gerücht, eine hohe Persönlichkeit verberge sich in dieser etwas +phantasielosen Maske. + +Also er -- Otto --? + +Ein Maskenscherz, natürlich, nichts anderes. Otto war ja damals noch im +Lazarett, offenbar ausgerückt für diese Nacht, er konnte sich nicht gut +zu erkennen geben. Aus diesem Grunde die Geheimtuerei, und sicherlich +hatte er absichtlich das Gerücht von der Hoheit verbreiten lassen. + +Gewiß, ohne jede Bedeutung. Wie kam er doch wieder darauf? + +Herrlich ruhig war es hier, und nur zuweilen war das ferne Klingeln der +Straßenbahn zu hören. Wohltuend und beruhigend das Grün der hohen +Wipfel, und da droben, da draußen flammte heiß die Sonne, wie ein +grelles Feuer. Hier aber, Schatten, Kühle sogar, und der Schritt +unhörbar. Es ging sich angenehm auf der losen Erde, die Füße ruhten aus. + +Der General hielt sich etwas gebückter. Er war im Gesicht magerer +geworden, die Backen hingen schlaff herab, seine Gesichtsfarbe war +fahler, trocken, mit kalkigen Flecken. Zuweilen zuckte sein rechtes +Augenlid, und ein Nerv klopfte oft unangenehm an der Nase, dicht beim +rechten Auge. + +Den ganzen Sommer, hatte er in dem stickigen, heißen Berlin verbracht. +Er hatte die Absicht, im August in Urlaub zu gehen, nach Babenberg, nun +aber waren Ereignisse eingetreten, die ihn hier festhielten. Gewisse +Schwierigkeiten an der Front, die bald behoben sein würden. Jedenfalls +aber war es ganz undenkbar für ihn, jetzt, gerade jetzt seinen Posten zu +verlassen, selbst nicht auf einige Tage, so nötig er auch Erholung +brauchte. Sitzungen, Konferenzen, nun gut, die da draußen hatten +ebenfalls keinen Urlaub. Man mußte sehen, wie man durchkam. + +Diese halbe Stunde jeden Morgen -- eine volle halbe Stunde, ja, es ging +nicht anders, wollte er nicht zusammenbrechen -- diese halbe Stunde +morgens von einhalb neun bis neun Uhr war sein Urlaub. Um neun Uhr +erfaßte ihn dann die Maschine, und er kam bis Mitternacht nicht mehr zu +sich. Er schlief nur noch mit Hilfe von starken Schlafmitteln. + +In diesen dreißig Minuten am Vormittag allein konnte er in aller Ruhe +seinen Gedanken nachhängen und sich mit seinen persönlichen +Angelegenheiten beschäftigen. + +Gott sei Dank war er vernünftig genug gewesen, sich diese störenden +Geldgeschichten vom Halse zu schaffen, wirklich ein Entschluß, zu dem er +sich jetzt beglückwünschte! Er hatte das Gut Rothwasser verkauft. An +einen Dänen, namens Olsen, aus Kopenhagen -- ja, schon kamen sie jetzt, +die Neutralen, die am Kriege verdient hatten, und kauften deutsches +Land. Er bereute den Schritt nicht. Was geschehen ist, ist geschehen -- +das Notwendige tue rasch, ohne dich umzusehen. Otto würde ja Babenberg +behalten, genug und übergenug für ihn, und Ruth -- nun es würde auch für +Ruth gesorgt sein. + +Er machte kehrt, nie ging er weiter bis zu jenem grellen Sonnenflecken +mitten auf dem Reitweg. Zerstreut blickte er, stehenbleibend, in das +Dickicht -- auch hier Staub auf den Blättern, selbst hier. + +Rothwasser? Wie kam er darauf? Nun ja, er hatte sich durch den Verkauf +diese störenden, quälenden Kalamitäten vom Halse geschafft -- wie schwer +es ihm doch wurde, sich auf einen Gedanken zu konzentrieren! Fünf +anstrengende Konferenzen waren allein für diesen Vormittag angesetzt. +Schon disponierte er wieder. + +Dora --? + +In diesem Augenblick dröhnten von der Hofjägerallee drei langgezogene +Hupensignale. + +Dieser Schwerdtfeger, dieser Esel! Mußte er ihn gerade in diesem Moment +unterbrechen. + +Ärgerlich setzte der General seine Promenade fort. Er ging etwas +rascher, sollte er warten! Ja, diese Wochen, da sie im Bade war, waren +eine Art Probe gewesen. Er hatte diese Probe nicht bestanden, um ehrlich +zu sein! Ja, das war es, nicht bestanden. Er hatte sie vermißt, kam sich +verwaist und verlassen vor, niemand in Berlin, das Haus leer, auch Ruth +auf dem Lande -- die Stimmen rückten mehr und mehr in die Ferne, wurden +unwirklich, nur Doras Stimme klang noch nah. Es schien auch, als ob die +Menschen selbst mehr und mehr verblaßten -- sie riefen unverständliche +Worte, machten unverständliche Gesten. Er beachtete sie kaum, sie +interessierten ihn nicht mehr, seine Mitmenschen, nein, sollten sie +ruhig tun, was sie wollten. Und fünf Konferenzen -- nun saßen sie schon +und warteten, Weißbach schielte auf die Uhr. + +Ja, es war die Wahrheit, leugnen wir sie nicht, er fühlte sich einsam +ohne sie. + +Einsam? + +Welch ein furchtbares Wort, bei rechtem Lichte betrachtet! Nie in seinem +Leben hatte er die Bedeutung dieses Wortes begriffen. Es war die +Abspannung, die Nerven, natürlich. In ihrer Nähe fühlte er sich +augenblicklich beruhigt, ausgeglichen. Etwas von ihrer Sorglosigkeit und +Lebenskunst schien auf ihn überzuströmen. + +Wie sie sich gefreut hatte über die kleine Uhr, die er ihr am ersten +Abend brachte! Ein Kind, wahrhaftig, nichts als ein großes, +lebenslustiges, immer heiteres Kind war diese ganze Dora, ein Quell der +Verjüngung, sozusagen. Vielleicht beruhte die belebende Wirkung, die sie +auf ihre Umgebung ausübte, gerade auf ihrer großen und seltenen Naivität +und oft komischen Lebensunkenntnis. Wer weiß es? + +Es galt zu überlegen, jedenfalls -- ein bedeutungsvoller Schritt! + +Ein Schritt, der wohl erwogen sein wollte, obgleich er sich ja schon +Jahre mit diesem Gedanken beschäftigte. Wohl erwogen. Otto? Nun, Ottos +Meinung war ihm schließlich gleichgültig, Otto fragte ja auch ihn nicht +um seine Ansicht, wochenlang bekam man ihn nicht zu Gesicht. Sein Sohn +war ihm fast ein Fremder geworden. Und Ruth? Nun Ruth würde sich damit +abfinden. Sie zuallererst. Erst jetzt war ihm zum Bewußtsein gekommen, +wie vernünftig diese Ruth in Wahrheit war. Ja, möglich, möglich, daß er +ihr ganzes Naturell falsch eingeschätzt hatte. Sie war in ruhigem und +ausgeglichenem Gemütszustand von Babenberg zurückgekommen. Ihre +sentimentale Laune schien weniger tief gegangen zu sein, als er +befürchtet hatte. Obgleich dieser jugendliche Schwarmgeist, wie man ihm +berichtete, noch hinter Schloß und Riegel saß und seiner Bestrafung kaum +entgehen dürfte. Offenbar hatte Ruth die Beschaulichkeit auf dem Lande +dazu benutzt, nachzudenken. Der rasche Schnitt mit dem Messer hatte sich +wieder als die beste Heilmethode erwiesen. + +Gewiß, auch Ruth würde sich damit abfinden -- vielleicht war gerade sie +es, die ihn am ehesten verstand. + +Aber sie selbst -- Dora? + +Das heißt nicht, daß er zweifelte! + +Natürlich nicht, er konnte auch aus früheren Äußerungen Doras schließen +-- es würde für sie immerhin einiges bedeuten, gesellschaftliche +Stellung, nun, und manches andere. Sie war ja aus guter Familie, ein +Bruder sogar Major, aber immerhin, kleiner, unbedeutender Landadel. Und +nicht zuletzt würde sie gewiß aufatmen, aus diesem Zustand finanzieller +Unsicherheit herauszukommen. + +Nein, nicht das. + +Aber es gab da das und jenes, was ihn in der letzten Zeit stutzig -- ist +stutzig das richtige Wort? -- nun sagen wir ruhig: stutzig gemacht hatte +. . . + +Einiges, unbedeutende Dinge, Kleinigkeiten sozusagen, Imponderabilien -- +aber vielleicht tat er ihr bitter unrecht? Wie? Nicht unmöglich . . . + +Wieder dröhnte das Hupensignal. + +Der General hakte ärgerlich den Kragen zu. + +»Es ist ganz unmöglich, auch nur fünf Minuten lang seine Gedanken zu +sammeln«, sagte er laut und begab sich zum Auto zurück. + +Die graue Limousine fegte in das heiße Berlin hinein: Sitzungen, +Konferenzen, Vorträge. Schon warteten sie dichtgedrängt im Vorzimmer, +und Weißbach schielte tatsächlich ununterbrochen nach der Uhr. + + +4 + +Nein, gewiß, der General kannte seine Tochter nicht. + +Wäre er ein Beobachter, so würde er auf den ersten Blick gesehen haben, +daß Ruth sich im Laufe des Sommers auffallend geändert hatte. Aber er +war kein Beobachter: Sitzungen, Konferenzen, strategische Erwägungen -- +wie sollte er da ein Beobachter sein? + +Ja, auffallend geändert! + +Nicht mehr die schüchterne, scheue Ruth. Ihre Augen waren flammend und +kühn, ihr Blick wich nicht mehr zurück. Fragend und forschend ruhte ihr +Auge bei Tisch auf dem Vater, und häufiger als früher begegneten sich +auf Sekunden ihre Blicke. + +Etwas war hier nicht in Ordnung! Nein! Als Papa sie bei ihrer Rückkehr +begrüßte, war etwas Auffallendes geschehen -- noch heute zitterte die +Betroffenheit in ihr nach. Papa war errötet! Noch mehr, Papa hatte die +Augen niedergeschlagen. Aber man bedenke doch: _Papa schlägt die Augen +nieder!_ + +Weshalb? Weshalb nur? Sie kannte Papa ja so genau. Irgendein Geheimnis +war zwischen ihm und ihr. + +Weshalb Papa, so sprich doch! + +Aber der General war tief in seine Gedanken versunken und blickte nicht +mehr auf. + +Ruth hatte völlig ihr träumerisches, zerstreutes Wesen verloren. Sie +sprach sogar etwas rascher als früher und nicht mehr so unsicher. Sie +sang nicht mehr, trällerte nicht mehr vor sich hin, wie sie es früher zu +tun pflegte -- um erschrocken abzubrechen, sobald sie sich belauscht +wußte. Ihre Lippen waren bestimmter geformt und klarer geschwungen. Das +unsichtbare Lächeln, das früher über ihnen schwebte -- fort war es. + +Wie eine Fremde bewegte sie sich im Hause, die gesonnen ist, nicht lange +zu bleiben. Sie lächelte über diese ewig dienstbereiten Ordonnanzen, +über dieses Exzellenz hin und Exzellenz her, bald würde sie es nicht +mehr hören. Ach, dieser Papa, der sich so ungeheuer wichtig nahm, dieser +Otto, diese Dora, diese ganze Gesellschaft, die in den Tag hineinlebte +und glaubte, es müsse so sein -- nun, bald würde sie sie nicht mehr +sehen. Schon wagte es niemand mehr, sich mit ihr in ein Gespräch +einzulassen, weil sie unumwunden ihre Meinung äußerte. + +Vorläufig, bis _dahin_, verrichtete sie wie früher ihre Arbeit in der +Küche. Die Gäste hatte sie nach diesen heißen, stickigen Sommerwochen +noch bleicher und elender angetroffen. Sie waren alle müde, sanken +erschöpft auf den Stuhl, stützten den Kopf, während sie aßen. Alle +Augenblicke gab es Differenzen, ihre Nerven flatterten. Die kleinen +Schreibdamen flüsterten nur noch. Zuweilen kicherten sie leise, um sich +rasch erschrocken umzusehen. Die Küche war auffallend still geworden. + +Ruth war eifrig bei der Arbeit -- aber so oft ein neuer Gast eintrat, +blickte sie rasch nach der Türe. Offenbar, sie erwartete jemand, sie +suchte jemand! + +Sie suchte, um die Wahrheit zu sagen, jenen kleinen, alten Herrn im +Havelock, ihn, der ihr auf der Treppe die schreckliche Nachricht +mitgeteilt hatte. Tag für Tag erwartete sie ihn, sie hatte Geduld. + +Aber er kam nicht. Augenscheinlich besuchte er diese Küche nicht mehr. +Vielleicht war er auch tot? Schnell starben die Menschen in diesen +Tagen. Die Erde verschluckte sie nur so. + +Endlich ging sie in die Fabriciusstraße. Sie besaß sogar den Mut, das +Leihhaus zu betreten. Mit welchen Gefühlen! Wie sie die Türe anstarrte! +Aber sie weinte nicht. + +Allein, hier wußte man nichts von dem Havelock. Er war ausgezogen, +verschwunden. + +Und doch, er war vielleicht der einzige, der ihr über jene Dinge +Ausschluß geben konnte, die sie unbedingt wissen mußte. Klara, die mit +ihr in Babenberg war, hatte ihr Hedis Erlebnis am Anhalter Platz erzählt +-- das war alles, was sie erfahren konnte. Seine Freunde, sein jüngerer +Bruder, wie vom Erdboden verschwunden, niemand zu sehen; keine Nachricht +mehr, man hatte offenbar alle verhaftet -- nur sie ließ man in Ruhe. + +Nach vielen Tagen, die sie durch das verwahrloste, übelriechende +Stadtviertel streifte -- ja, plötzlich sah sie ihn. + +Das, das mußte er sein! Sie fühlte es augenblicklich. + +Ein Rudel lachender und kreischender Kinder -- und mitten darin ein +Mensch. In diesem Augenblick geschah es, daß sie wie eine Seherin +fühlte, er! Ja, er war es. + +Er tanzte wie ein Hampelmann, und sobald die Kinder ihm zu nahe kamen, +schlug er nach ihnen mit seinem steifen Hut. + +Plötzlich fühlte er Ruths Blick. Es war dicht bei der Eisenbahnbrücke, +die sich über die staubige Fabriciusstraße spannt. + +Er hielt inne -- gerade wollte er wieder mit dem Hut nach den Kindern +schlagen -- und suchte seinen Blick zu sammeln. + +»Geht weg!« rief Ruth. Die Kinder drängten sich abseits zusammen. Eine +Dame und der Betrunkene! Ungeheuer interessierte es sie. In der +abenteuerlichen Vorstadt aufgewachsen, waren sie an die sonderbarsten +Vorfälle gewöhnt. + +»Ich möchte Sie einiges fragen!« begann Ruth. + +»Gerne -- stets bereit!« Herr Herbst schwang den Hut und schwankte +erschrocken rückwärts. Er hatte Ruth sofort erkannt, und obschon er +betrunken war, war ihm doch ihr verändertes Wesen aufgefallen. Ihre +Stimme klang nicht mehr sanft und freundlich wie früher -- hart, +unbarmherzig. Ja, nun war sie also gekommen . . . + +»Nein, nicht gesehen -- nur gehört«, stammelte er erbleichend, während +sein Blick flatterte. »Geschossen? Ja, geschossen! Ich hörte es. +Weshalb, weiß ich nicht.« + +Ja, weshalb hatte man wohl geschossen? Der Soldat schoß, weil man auf +ihn schoß, wenn er nicht schoß. Vom Höchsten bis zum Niedrigsten drohte +hinter jedermann in dieser Zeit ein Gewehrlauf. + +»Und Sie können mir nicht sagen --?« + +Die Gruppe der Kinder stand immer noch neugierig abseits. Die Dame und +der Betrunkene, der hin und her schwankte und wahrscheinlich bald einige +Backpfeifen erhalten würde -- es war ungeheuer interessant. + +»Sie meinen?« + +Der Havelock hob die kleinen, schmutzigen Hände gegen die Hutkrempe, +einer Ohnmacht nahe. + +»Es muß doch jemand die Polizei aufmerksam gemacht haben, nicht wahr?« +Ruth schrie ganz laut. + +Welch eine deutliche, furchtbare Frage! + +Der Havelock taumelte. Er kratzte die grauen Bartstoppeln, sein kleines, +bleiches Gesicht zuckt. Dann hob er den steifen Hut in die Höhe und +machte eine Bewegung, als wolle er zu tanzen beginnen, und plötzlich -- +plötzlich fiel er in die Knie. + +»Ich, ich!« rief er, krächzte er, den Hut in der Hand und nickte. »Ich!« + +»Sie --?« + +»Ja, ich! Ich!« Er rutschte auf den Knien näher und senkte voller +Zerknirschung den kleinen, bleichen Kahlkopf. Die Kinder lachten. + +»Ja, ich, Gott sei mir gnädig!« + +»Sie --!? Weshalb nur --?« + +»Weshalb? Ja, ja --« + +»Was hatte er Ihnen getan? Er?« + +»Weshalb? Unerklärlich -- wie alles in dieser Welt. Wie alles -- völlig +unerklärlich -- ich liebe Sie ja, meine Dame, wie meine Tochter --« + +»Hüten Sie sich!« Nun wird sie ihn an den Ohren packen, dachten die +Kinder erwartungsvoll. + +»Wie meine Tochter -- unerklärlich!« schluchzte Herr Herbst, und der Hut +entfiel ihm. »Ich bin ein Verkommener.« + +Die Kinder kreischten und klatschten in die Hände. + +»Stehen Sie doch auf!« schrie Ruth. »Stehen Sie doch auf!« Und sie +schrie so laut, daß Herr Herbst sich tatsächlich taumelnd aufrichtete. +»Was Sie sind, das sehe ich ja. Ein Verkommener, sehr wahr, völlig +verkommen --« + +»Ja, ja, ja!« Herr Herbst hob beschwörend die Hände. »Aber ich war nicht +immer wie heute, meine Dame. Mein Sohn ist gefallen, seine Mutter +. . .« + +»Aber wissen Sie denn, was Sie getan haben?« unterbrach ihn Ruth außer +sich. »Wissen Sie es denn? Wissen Sie denn, wen Sie verraten haben? Sie +Judas Ischarioth?« + +Bei dieser Schmähung prallte Herbst zurück. + +»Wissen Sie es denn? Er war Jesus Christus, der wiedergekommen war, um +die Menschheit zu erlösen! Ja, das war er! Sie wußten es nicht!« + +»Jesus Christus!« + +»Und Sie -- ein Säufer --!« + +Namenloser Schreck spiegelte sich in den kleinen, halbblinden +Trinkeraugen. Er glaubte, was Ruth, bleich und rasend, schrie -- und +auch Ruth glaubte es im Paroxysmus des Schmerzes. + +Rasch wandte sie sich ab und eilte fort. Eingeschüchtert sah das +Häuflein der zerlumpten Kinder ihr nach. Sie waren verstummt, weil sie +sahen, daß die Dame, die mit diesem komischen Betrunkenen zankte, +plötzlich weinte. + +»Sie haben ihn getötet -- aber er ist unsterblich! Ein Prophet, ein +Seher, ein Heiliger war er!« + +»Sie haben ihn getötet -- aber er ist unsterblich!« rief Ruth vor sich +hin, und die Tränen stürzten über ihr bleiches, verklärtes Gesicht. + +Selbst als sie in belebtere Straßen kam, rief sie ganz laut und +unaufhörlich die gleichen Worte. + +Aber niemand beachtete sie sonderlich: man war es nachgerade gewöhnt, +daß Menschen vor sich hin sprachen und weinten. + + +5 + +Horch! + +Das Feuer rollte. + +Sie zerrissen die Eingeweide der Erde. Tag und Nacht wühlten +schweißüberströmte Leiber in den finstern Stollen der Tiefe, ohne Pause +klirrten die Förderkörbe in allen Erdteilen auf und ab. Die Hochöfen +spien Feuer über den Kontinenten, Ströme von flüssigem Metall flossen in +die Formen: Geschütze, Granaten. + +Sie zerrissen ihre Gehirne. Die Ingenieure und Chemiker schliefen nicht +mehr, neue Maschinen, neue Sprengstoffe und Gase, immer fürchterlicher. +Hunderte von Millionen sannen nur Vernichtung, brüteten nur Tod: die +Völker der Erde waren Mördervölker geworden. + +Tag und Nacht peitschten die Schrauben der Schiffe das Meer -- vorwärts! +Tag und Nacht flogen die Züge durch Europa, vorwärts. Das Meer zittert +und die Erde erbebt. Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, +die Schätze der Welt. Sie hatten alle das gleiche Ziel. + +Die Wolke! + +Dort, dort, wo Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, die +Schätze der Welt, zu Staub zermalmt werden -- dort . . . + +Schon färben sich die Flüsse rot, und auf den Meeren treiben Inseln von +Leichen. Frankreich verwandelt sich in eine Wüste, Deutschland in einen +Friedhof, die Welt in ein Lazarett. + +Vorwärts, Soldaten! es soll sich entscheiden -- die Kanonen sollen die +Probleme lösen. + +Die graue Limousine raste durch die glühenden Straßen Berlins. +Konferenzen, Besprechungen. Schwerdtfeger wischte sich den Schweiß vom +schmutzigen Gesicht. Auch er war um seinen Urlaub gekommen, aber +schließlich war er nichts als ein Chauffeur und konnte Gott auf den +Knien danken, daß er nicht da draußen fahren mußte, wo die Landstraßen +sich öffnen und Feuer speien. + +Die graue Limousine raste über die Linden. Müde und abgespannt blickte +der General mit halbgeschlossenen Augen auf die Straße und gähnte. + +Plötzlich galoppierte ein Berittener über den Reitweg, die Fußgänger +blieben wie auf Kommando stehen und gafften. + +Der General setzte sich mit einem Ruck aufrecht. + +Unerhört! + +Am hellichten Tage! Unter den Linden! + +Niemals hätte man so etwas für möglich gehalten. + +Ein paar Dutzend junger Burschen und Mädchen, hundert vielleicht, nicht +mehr, eilten die Linden entlang und schrien. Eine Spritzwelle von +Menschen, die über die Linden fegte, nichts sonst. War es nicht +unerhört, daß jemand Unter den Linden schrie und die öffentliche +Aufmerksamkeit auf sich lenkte? + +Der General rückte unruhig auf dem Sitz und blickte voller Empörung zum +Fenster hinaus. Aber in diesem Augenblick hoben sich die Fäuste der +jungen Burschen und Mädchen gegen ihn und schüttelten sich. Fassungslos +zog er den Kopf zurück. Ja, was geschah, was ging hier vor? Sie schrien +ein Wort, immer das gleiche Wort -- er verstand es nicht. Er wagte nicht +zu glauben, daß sie jenes Wort riefen -- es ist unmöglich! + +Oben beim Schloß aber wurde er plötzlich ernst. Ah, seht an! Eine Kette +von Schutzleuten sperrte den Weg. Ein junger Bursche machte den Versuch +-- schon blitzte ein Säbel durch die Luft. Da lag er. + +»Schlagt sie nieder!« schrie der General, purpurrot das Gesicht. + +Und die Regierung? + +Wütend lachte der General, wütend gegen Schwerdtfegers gekrümmten +Rücken. + +Die Regierung? + +Sie schläft. + +Die Gaffer auf den Bürgersteigen bewegen sich wieder. Die Spritzwelle +hat sich verlaufen. Nichts ist geschehen. + +Die graue Limousine raste weiter: Konferenzen, Besprechungen. Reserven! +Nachschub! Verpflegung! Munition! Pferde! Sitzung über Sitzung -- -- + +Vorwärts, Soldaten! + +Die Schlacht brüllt, die Geschütze stampfen, kämpft, sterbt! + +Schon runzelt der Divisionär am Telephon die Stirn, der Kommandeur +erbleicht am Scherenfernrohr: der Angriff am rechten Flügel stockt! +Vorwärts, Artillerie, wenn es sein muß, die eigene Artillerie soll euch +vorwärts treiben, wartet! + +Kämpft, sterbt! Die Augen der ganzen Welt sind auf euch gerichtet. + +Schon zittert die Börse, die Papiere fallen. Ihr werdet doch nicht, ihr +geliebten Helden? Ja, Helden! Drei Mark, drei Franken, drei Schillinge +und drei Dollar am Tage, Auszeichnungen, Triumphbögen, künstliche +Gliedmaßen -- ihr kennt doch unsere Tarife? Ihr werdet doch nicht --? +Kali, Kohlen, Kolonien . . . + +Der Börsentelegraph tickt, Tag und Nacht, schon ist er erregt worden, es +bröckelt irgendwo ab, es knistert, er tickt, ah, dieses entsetzlich +erregte Ticken, ihr könnt es leider nicht hören im Kanonendonner, die +Börsen von Berlin, London, Paris, Rom, Neuyork -- schon hat sich ein +Bankrotteur eine Kugel in den Kopf geschossen -- und ihr zögert? + +Die Kaiser und Könige träumen vom Einzug in die jubelnde Hauptstadt, die +Präsidenten träumen von dem Moment, da sie den glänzenden Seidenhut +hochheben, umbraust vom Beifallsklatschen. + +Die Landesfürstin, höchsteigenhändig, die Gemahlin des Herrn +Präsidenten, höchsteigenhändig, wird euch die kleine Blechmünze auf die +zerschossene Brust heften -- + +Vorwärts, ihr Geliebten, ihr Herrlichen, Unvergleichlichen! + +Die Greise, die die Geschicke dieser Welt lenken, hüsteln hinter den +gepolsterten Türen in ihre kalten wächsernen Hände. Sie sitzen an langen +polierten Tischen, mit rosaroten Kinderbäckchen, trommeln mit den +Fingernägeln, ungeduldig -- die Sekretäre, ohne Tadel, schleichen auf +den Zehenspitzen über das glänzende Parkett. Die Greise kritzeln mit der +Feder, werfen gebieterische Blicke. + +Jedes Wort, das sie sprechen, bedeutet Tod, jeder Federstrich, jedes +Lächeln -- Tod, Tod -- sie aber leben. + +Seit Monaten, seit Jahren, flimmert himmelhoch die Staubwolke über der +Walstatt, es regnet schwarzes Blut -- die apokalyptischen Reiter ziehen +über den Wolken dahin und gießen ihre Schalen aus über Europa. Gewogen, +gewogen und zu leicht befunden! Die Feuerschrift der Geschütze flammt am +verfinsterten Firmament. + +Soeben ist das Kabinett der Greise zu einer neuen feierlichen Konferenz +zusammengetreten. + + * * * * * + +Reserven! + +Die Hände des Generals zittern. Erregt wirft er die Telegramme auf den +Schreibtisch zurück. Fieberröte flammt über sein Gesicht. + +Schon vor zwei Jahren hatte er eine Denkschrift eingereicht, und erst +kürzlich war er wieder darauf zurückgekommen. Er hatte den Vorschlag +einer Patriotin aufgegriffen, zwei Millionen Frauen in die Armee +einzustellen, für Wachtdienst, Etappe, Bureau. Zwei Millionen, zehn +Millionen, wenn man wollte! Aus den kräftigsten Frauen hätten sich auch +Kampfbataillone aufstellen lassen, ohne Frage. Die Frauen hätten +vorzügliches Material abgegeben. (Der General war gewohnt »Material« zu +sagen, wie alle Militärs.) Auch die Frauen, ohne jeden Zweifel, hätten +ihre Leiber voller Begeisterung den Kanonen entgegengeworfen! + +Seine Denkschrift -- sie verstaubte irgendwo, mit abfälligen +Randbemerkungen versehen. Man hatte seinen Rat nicht beachtet -- wie man +Ratschläge überhaupt nicht zu beachten beliebte. Man wußte alles selbst, +wußte alles besser. + +»Ich klingle bereits das zweitemal und Sie kommen nicht!« sagte der +General mit gerunzelter Stirn zu Weißbach. + +»Es hat nur das einemal geklingelt, Herr General«, versicherte der +Adjutant. + +Der General erhob sich -- sein Auge wuchs. + +»Ach, nun fangen auch Sie an zu widersprechen.« + +Der Adjutant schwieg und stand still. Seine Miene war bleich. Der +General streifte ihn mit einem Blick. »Nun sind auch Sie beleidigt, +Weißbach«, sagte er einlenkend. »Es fehlte noch, daß auch Sie beleidigt +sind.« Der Blick des Adjutanten strahlte Vergebung. + +Mit zitternden Händen ging der General hin und her. Dann blieb er vor +Weißbach stehen und sagte ruhig: »Rufen Sie sofort alle Herren +telegraphisch aus dem Urlaub zurück! -- Wir müssen unsere Anstrengungen +_verdoppeln_!« fügte er schreiend hinzu. + +Reserven? Als ob nicht alles Grenzen hätte. Und welchen Ton sie +neuerdings beliebten? Man hatte alles, was nicht umfiel, eingezogen, +hatte die Lazarette ausgefegt, Fiebernde aus den Betten gerissen, vom +Operationstisch hatte man die Leute fortgenommen, ohne jede Rücksicht. + +Und Reserven? + +Ja, es gab einfach keine Reserven mehr, das allein war die Wahrheit! + +Das Telephon schrillte . . . + +Im gleichen Augenblick wurde es draußen stockfinster, und ein +knatternder Donner sprang mit teuflischem Gelächter über das Dächermeer +von Berlin dahin. Gott sei Dank; die Hitze war unerträglich geworden. + + +6 + +Über den Potsdamer Platz schwang sich an Krücken ein Krüppel. Er +berührte nur mit der rechten Fußspitze den Boden. Ein kleiner fahler +Schatten schwang unter ihm. + +Alle Passanten, wenige, sehr wenige, zertraten unter ihren Füßen einen +ebenso fahlen, zusammengeballten Schatten. Es war Mittagszeit, der +Himmel war mit einem Dunstschleier bedeckt, durch den die Sonne +blendete. Welche Hitze? + +Der Krüppel schwang sich die Leipziger Straße hinauf. + +Auch diese Straße war leer! Wenige Menschen, leere Straßenbahnen. Berlin +war wie ein Friedhof, den nur dann und wann ein Grüppchen von +Hinterbliebenen besucht. + +»Ja, ein richtiger Friedhof!« sagte der Krüppel. + +Die wenigen Menschen schlichen, den Blick zu Boden gesenkt, dahin, +scheu, ängstlich. Mit zitternden Händen griffen sie nach den +Mittagszeitungen, warfen einen Blick hinein, falteten sie mutlos +zusammen. + +Krieg, Hunger, Tod -- Tod, Hunger, Krieg . . . + +Vor wenigen Wochen noch hatte die Hoffnung die Stadt neu belebt. Die +feindlichen Reserven waren aufgerieben, England stand vor dem Abgrund. +Ja, was blieb also noch viel zu tun übrig? Die Zeitungen schrieben es, +ein Minister sogar verkündete es -- nun schien aber doch nicht alles in +Ordnung zu sein. + +Wie Berlin vor Wochen gejubelt hatte, Tausende von Gefangenen, Hunderte +von Geschützen, so jubelten jetzt Paris, London, Neuyork. Berlin aber +war still geworden. + +Ein Friedhof bei Tag, ein Friedhof bei Nacht. In den Nächten war häufig +ein Donnern in der Stadt zu hören, ein Grollen, und die Schläfer fuhren +erschrocken in die Höhe -- horch! + +Der Krüppel schwang sich an seinen Krücken die Wilhelmstraße hinauf. +Hier, bei den Regierungsgebäuden, war es noch stiller. Kein Mensch. Nur +ein Hund ging, mit Verlaub zu sagen, von Eckstein zu Eckstein. + +Der Krüppel bog in die Linden ein und näherte sich der grauen Limousine, +die vor Stifters Diele stand. Er strich neugierig um den Wagen herum. +Schwerdtfeger saß im Schatten des Autos auf dem Bürgersteig und nahm wie +gewöhnlich sein Mittagessen ein, ein Stück Brot mit etwas Käse, weiter +reichte es nicht. Wie alle Soldaten erhielt er zwei Mark dreiunddreißig +Pfennige am Tage und zwei Mark Verpflegungsgelder dazu. + +Augenblicklich sprang Schwerdtfeger auf und nahm Haltung an. Der Krüppel +war Offizier, Schwerdtfeger hatte ihn früher schon einmal gesehen. Ja, +wie ein Gymnasiast, mit schneeweißen Haaren, großen, fiebernden Augen +und kreidigem Gesicht, das unaufhörlich zuckte. + +Der Krüppel schwang sich in Stifters Diele. + +Hier, in einer halbdüstern Nische des vornehmen Restaurants, sah er ein +erdiges Gesicht mit schwarzen Augenhöhlen und einem Blick, der brannte, +ohne etwas zu sehen. + +Auch Stifters Diele war fast leer. + +»Ist es erlaubt?« fragte der Krüppel. + +Das erdige Gesicht mit den schwarzen Augenhöhlen kam in Erschütterung, +aufs tiefste erschrocken, die brennenden Augen, die nichts sahen, +glitten prüfend über das Gesicht, das ohne Pause zuckte, über das +schneeweiße Haar dieses Gymnasiastenkopfes. + +»Ich hatte die Ehre --« Das zuckende Gesicht versuchte zu lächeln. + +Da sah der General, daß es Hauptmann Wunderlich war. + +»Ist es möglich? Es ist so dunkel hier. Bitte Platz zu nehmen -- bitte +mir die Freude zu machen, mein Gast zu sein, Hauptmann Wunderlich.« + +Hauptmann Wunderlich lehnte die Krückstöcke an die Wand und zog sich an +den Armlehnen des Sessels in die Höhe. Nie hatte der General die Krücken +Wunderlichs erblicken können, ohne ihn ganz im geheimen um sie zu +beneiden. + +»Also in Berlin?« + +»Ja. -- Ich bin fertig!« + +»Fertig?« + +Wunderlichs Gesicht zuckte. Der Blick seiner großen Knabenaugen +fieberte. + +»Die Nerven«, sagte er. »Fertig! Leider, aber nicht zu ändern. +Zusammengebrochen!« -- + +Aber, seht an, auch die Hände des Generals zitterten, und es schien, als +ob es dem General Schwierigkeit bereitete, zu sprechen, er stammelte, +stotterte, suchte nach Worten. Wo war die wunderbare Ruhe und Sicherheit +des Generals hingekommen? + +»Also nicht zufrieden mit den Nerven? Auf Urlaub?« Der General füllte +mit zitternder Hand Wunderlichs Glas. »Auch hier in Berlin sind wir -- +überarbeitet, dazu die Hitze. Und an der Front?« + +Flüstern. + +»Scharen von Fliegern! Kämpfe in drei Etagen -- in zwei-, drei- und +viertausend Meter Höhe -- für eine abgeschossene Maschine zehn neue -- +Kämpfe auch in der Nacht --« + +»Auch in der Nacht?« + +»Und Bombengeschwader -- in jeder Stunde der Nacht -- keine Ruhe mehr in +den Quartieren und Lagern -- kein Schlaf . . .« + +»Hm.« + +Der Kellner servierte. + +Mit verzerrtem Gesicht berichtete Wunderlich. Er murmelte, damit niemand +in der Diele ihn hören konnte. + +»-- allein fünfzigtausend Mann durch Gefangennahme verloren in drei +Tagen, fünfhundert schwere Geschütze --« + +»Ich weiß, weiß.« + +Flüstern. + +»-- die Lazarette ohne Leinen, die armen Kerle in ihren schmutzigen +Uniformen -- Papierverbände, nackt begraben . . . Pferdefleisch --« + +»Pferdefleisch?« + +»-- erst die Zunge, jeder ein Stück, mit dem Messer -- in einer Minute +liegt nur noch das Skelett des Pferdes da --« + +»Hm.« + +»-- und die Pferde fallen zu Hunderten, Tausenden. Ohne jede Kraft --« + +»-- und Gelbkreuz, Blaukreuz?« + +»Keine besonderen feindlichen Verluste. Man findet die Batterien +verlassen. Aber dahinter stehen neue.« + +»Und der -- Geist der Truppe?« + +»Herrlich -- wunderbar, wie immer. Kämpfen bis zur Erschöpfung. Ohne +ordentliche Verpflegung, seit Wochen ohne Ablösung . . .« + +»Einzelne Divisionen nur noch Stäbe -- Feldküchen, Kraftfahrer . . .« + +Flüstern. Raunen. Der General setzt den Kneifer auf und blickt +argwöhnisch aus der Nische. Überall Lauscher. Wenn der Feind _das_ +erführe --! + +»Eineinhalb Millionen amerikanischer Truppen --« + +Plötzlich zieht der General die Uhr und erhebt sich rasch. Seine Hände +sind eisig kalt. Er schwankt beim Hinausgehen. + +Und die graue Limousine rast durch die glühenden Straßen: Sitzungen, +Konferenzen . . . + + * * * * * + +Geschrei . . . + +Geschrei in den Wolken. Verflucht die Welt, verflucht die Erde! +Verflucht Könige, Präsidenten und Minister. Verflucht! + +Betrogen um unser Leben, geopfert dem Wahnsinn! + +Die Millionen der Gefallenen, Geschlachteten, Millionen und abermals +Millionen, fahren über Europa dahin, in ihren armseligen Lumpen, +zerfetzt ihre Leiber und schreien. Sie verdunkeln den Himmel. + +Betrogen, betrogen! + +Fluch auf euch! + +Aber die Front donnert, und unendlich steht die Staubwolke über der +Walstatt. + +Nun fällt der Tau, die Nacht sinkt herab. Der Horizont funkelt, Feuer +loht über das Gewölk, die Geschütze brüllen. Riesengroß steht Ackermanns +Geist über dem Schlachtfeld, und lauter als die Geschütze schallt seine +Stimme. + +»Völker der Erde -- Söhne von Müttern -- Brüder . . .« + +Furchtbar fauchen die Granaten um ihn. In seinem weiten grauen Mantel +steht er, die Hände erhoben, seine Augen sind sprühende Sterne. Stahl, +Feuer, Gase? Was wollen sie noch von ihm? Lauter als die krachenden +Granaten tönt sein Ruf. + +»Brüder!« + +Und die schweißbedeckten Soldaten in den Laufgräben, Erdlöchern, +Batteriestellungen lauschen. Welche Stimme? + +Ackermanns Geist trägt die Verwundeten über das Schlachtfeld, fällt den +Rasenden in den Arm, die den hilflosen Gegner niederschlagen wollen, +führt die Hand des Arztes, der den blutenden Feind verbindet. Ackermanns +Geist berührt die Toten, die mit offenen Augen liegen, Deutsche, +Franzosen, Inder, Amerikaner, Engländer, Neger, Kanadier, Australier, +und spricht: ihr alle werdet auferstehen am Tag der Versöhnung, ihr +Heiligen und Märtyrer! + +Ackermanns Geist erfüllt die finstere Wolke, die über der Walstatt bis +zu den Sternen lodert, und schon -- schon dämpft sich der Lärm der +Geschütze. Schon schweigen sie . . . + +Aber die Greise, die einen leisen Schlaf haben, fahren erschrocken auf +in ihren Betten, lauschen und drücken auf die Klingel. + +Wiederum beginnen die Geschütze fürchterlich zu toben. + +Die Menschen lieben Macht und Glanz, wie Kinder. Leicht sind die Völker +zu verführen -- aber wehe denen, die sie verführen! + + +7 + +Nein, es ging nicht mehr! An einem Sonntagnachmittag schickte der +General den Wagen wieder fort. Es geschah zum ersten Male seit Monaten. +Vor Erschöpfung sank er um. Augenblicklich fiel er in Schlaf, und er +schlief, röchelnd und stöhnend, den ganzen Nachmittag bis in den Abend +hinein. + +Als er wieder erwachte, war das Zimmer voll schwerer Dunkelheit. +Verstört fuhr er auf. Sein Kopf war dumpf, glühendheiß. Der Schweiß rann +über sein Gesicht. + +Zehn Uhr! Sollte man es für möglich halten? Sieben volle Stunden hatte +er geschlafen! Ein Unbehagen war aus dem Schlaf in ihm zurückgeblieben +-- etwas Schweres, Bleischweres -- was war es doch? Hatte er geträumt? +Das Haus war heiß wie ein Backofen, unerträglich. Er machte sich rasch +zum Ausgehen fertig. + +Auf der Treppe stockte plötzlich sein Schritt. Die Stiefelspitze zuckte +zurück, als habe er auf der Stufe irgendein ekelhaftes Insekt bemerkt. +Ja, ein häßlicher Traum, in der Tat, widerwärtig! Das Siegesgespann auf +dem Brandenburger Tor -- es war herabgestürzt, und sein Auto war von dem +Trümmerhaufen, den Gaffer umstanden, aufgehalten worden. Welch ein Chaos +und diese aus den Trümmern vorstehenden Pferdebeine! Und der +Trümmerhaufe hatte sonderbarerweise fast den ganzen Pariser Platz +bedeckt, ein förmlicher Berg -- + +Auf der Straße war die Luft herrlich und erfrischend -- schon etwas +herbstlich. Es mußte kurz vorher geregnet haben, das Pflaster war noch +feucht. Über den Tiergarten flog rasch der Mond dahin, umwirbelt von +kleinen Wolken, wie in einem Schneegestöber. Eine Droschke, ein paar +Spaziergänger, tiefe Ruhe. + +Der General ging langsam dahin und atmete die Frische des Abends ein. +Bald hatte er auch das Unbehagen überwunden, das aus dem widerwärtigen +Traume zurückgeblieben war. Er fühlte sich durch den langen Schlaf +erfrischt, die abgehetzten Nerven waren ruhiger geworden. Die Gedanken +gehorchten. + +Er nickte vor sich hin. Klar stand es vor seinen Blicken, unheimlich +klar, erschreckend klar. Es war gar nicht erst nötig, daß dieser +Wunderlich kam und ihm noch diese fürchterlichen Fingerzeige gab. Nein. +Er blieb stehen. + +»Napoleon hatte wenigstens den Winter als Entschuldigung für sich«, +raunte er vor sich hin, voller Verachtung. + +Nun ging er wieder einige Schritte und nickte: »Sie lassen sich schlagen +-- regelrecht schlagen!« Ja, das war es. + +Hatte er nicht immer gewarnt? + +Diese ganze Offensive -- glatter Wahnwitz! Unvermeidlich große Verluste, +eine unsinnige Verlängerung der Front -- keines der strategischen Ziele +erreicht, der Angriff immer mehr nach Süden abgeglitten. Der Durchstoß +zum Meer, die Abdrosselung der englischen Armee -- alles mißglückt. Und +was hatten sie, die Frage war wohl erlaubt, abermals an der Marne zu +suchen gehabt? Eine Riesenausbuchtung der Front, gespeist von einer +einzigen schwachen Bahnlinie. Wie? Weshalb? Unverständlich! + +Aber selbst wenn diese verfehlte Offensive gelungen wäre, angenommen -- +was dann? Sie hatten ja nichts mehr in der Hand -- nichts mehr, um den +Erfolg auszuwerten. Die andern dagegen: Amerikas unerschöpfliches +Reservoir an lebendem und totem Material, kaum angebrochen -- + +»Ja, schlagen, diese Gottähnlichen --!« + +Würde man ihm heute ein Frontkommando anbieten -- danke, danke ergebenst +. . . + +War er nicht immer dafür eingetreten, zurückzugehen auf befestigte +Stellungen, zur Maas, zum Rhein, wenn es sein mußte, und den Feind +anlaufen zu lassen? Millionen hätten sie noch opfern müssen! Jahrelang +konnte man sich halten, und eine ungeheure Manövrierarmee war frei für +politisch-militärische Aktionen in Italien, Mazedonien, der Türkei. + +Plötzlich aber blieb der General verwundert stehen: + +Licht? Bei Dora Licht? + +In seine Gedanken versunken, war er bis zur roten Backsteinvilla +gegangen, ohne jede Absicht. + +Er sollte den heutigen Abend eigentlich bei Dora verbringen, aber sie +hatte ihm gestern abgeschrieben, da sie aufs Land reisen wollte. + +Erfreut, Dora zu Hause zu wissen, trat er ein. Seine Sorgen, die +Gedanken, die ihn folterten, das Gefühl der Einsamkeit, das ihn marterte +in letzter Zeit -- + +Die Haustüre stand offen. Niemand war in der Diele, das Licht brannte. + +»Petersen!« + +Aber niemand kam. Stille. + +Aus der oberen Etage, die dunkel lag, klang ein sonderbarer Ton. Wie das +Klagen eines Vogels, der immer den gleichen hilflosen, wehmütigen Schrei +ausstößt, ein gefangener Vogel, der den Tod fühlt und nur noch einen +Klagelaut hervorbringen kann. Eine Geige. Es war Hauptmann v. Dönhoff, +der zurzeit hier Wohnung genommen hatte -- bis er etwas Geeignetes fand. +Zweihundert schöne Frauen, zwei Elefanten und ein Nashorn -- und jetzt +trug er also eine schwarze Brille und fing an, die Geige zu lernen. Er +übte von früh bis nachts. + +Der General legte ab und öffnete die Türe, die zum Zeltzimmer führte. + +Auch in dem kleinen Vorraum brannte Licht. Der verzückte Heilige in +seinem zinnoberroten Rock schwang mit rasender Gebärde sein Buch -- ein +blinder Spiegel -- der General schlug den Vorhang zur Seite -- auch im +Zeltzimmer war Licht, die blaue Deckenampel brannte. Aber niemand war zu +sehen. + +Da hörte er Doras Lachen und eine Männerstimme. + +Er schrak zusammen. Hatte sie Gäste? Wer war hier? Es war wohl besser, +wieder hinauszugehen und Petersen zu suchen. Vielleicht war er im +Garten? Ja, wo war er eigentlich, dieser Petersen, das Haus offen, jeder +Einbrecher konnte hereinkommen. + +Fern, ganz fern klang das monotone Klagen des unglücklichen, gemarterten +Vogels, der seinen Schmerz in dem ewig gleichen Ton ausdrückte. + +Der General war verwirrt. Es fiel ihm schwer, einen Entschluß zu fassen. +Schließlich -- hatte Dora Geheimnisse vor ihm? Plötzlich erinnerte er +sich all der kleinen Widersprüche, der unbedeutenden, gänzlich +unbedeutenden Begebenheiten, die ihn zuweilen, besonders in letzter Zeit +beunruhigt hatten. Sie war also nicht auf dem Lande, und doch schrieb +sie -- + +Ja, schwer einen Entschluß zu fassen. Wie viele Gäste mochten es sein? + +Er roch den Duft von brennendem Reisig. Dora liebte es, mit Feuer zu +tändeln und Reisig und Tannenwedel im Kamin zu verbrennen. + +Schweigen da drinnen. Das Feuer knisterte -- der Feuerschein flackerte +über den Boden, und der Vogel klagte in der Ferne. + +Der General wandte sich zum Gehen -- aber da, gerade in dem Augenblicke, +da er den Fuß rückte, um hinauszugehen und Petersen zu suchen -- gerade +in diesem Augenblick fesselte etwas seine Aufmerksamkeit im höchsten +Maße: in der lichten Spalte des Vorhangs, neben dem bauschigen schwarzen +Kissen, das auf dem Teppich drinnen lag -- erschien ein himbeerfarbener +kleiner Seidenpantoffel. + +Er hypnotisierte den General. Dieser kleine Seidenpantoffel bewegte +sich, als sei er lebendig -- ein Fuß wurde sichtbar, ein Knöchel . . . +trug sie fleischfarbene Seidenstrümpfe, oder was war es? + +Nun erschien eine Hand, eine volle, gepflegte Hand, Doras Hand, und +diese Hand warf mit einem kleinen Schwung eine angerauchte Zigarette in +die Richtung des Kamins. Wieder bewegte sich der kleine himbeerfarbene +Seidenpantoffel. Der Saum eines hellroten durchsichtigen Gewandes wurde +sichtbar -- + +»Das ist ganz unmöglich!« sagte Dora laut und offenbar etwas ärgerlich. +»Ich bitte dich, gewisse Rücksichten --« + +»Rücksichten?« lachte eine Männerstimme. »Es ist töricht, ewig +Rücksichten zu nehmen, Dora!« + +Diese Stimme! Der General erbleichte. + +Da knurrte ein Hündchen. Butzi, der Griffon, war erwacht und knurrte. + +»Schweig!« sagte Dora. + +Aber Butzi schwieg nicht. Im Gegenteil, er begann plötzlich mit heller +Stimme wütend zu kläffen. + +Der himbeerrote Seidenschuh verschwand. + +»Ist jemand da? Komm, Butzi, Liebling.« + +»Wer soll da sein?« + +Der General wich zurück. Er war wie gelähmt. Aber trotzdem wich er +zurück. Doch schon war es zu spät. Jemand stand auf, ein Schritt näherte +sich, lautlos -- + + * * * * * + +Ja, es war zu spät! Der lautlose Schritt war nun ganz nahe. Und eine +Hand raffte den Vorhang auf. + +Der General wich noch einen Schritt rückwärts, soweit ihn seine +gelähmten Glieder trugen. Er rang nach Luft, die Uniform schnürte seine +Brust ein -- plötzlich hörte die Geige in der Ferne auf zu klagen. + +Im Vorhang erschien -- + +Ja, was erschien da? + +Es erschien eine, hochaufgerichtet, eine im ersten Moment übersinnliche +Erscheinung, gleißend wie Luzifer. Ein orientalischer Priester, wenn man +will, in einem gleißenden, feuergelben Gewand, über das grellrote +Drachen züngelten. Mit bleichen Armen und einem bleichen bläulichen +Gesicht mit schneeweißen Augen. Hochaufgerichtet. Otto. + +Luft -- der General faßte sich. Er hatte die Stimme ja sofort erkannt. +Auch er richtete sich auf, wuchs in die Höhe und blickte in diese +schneeweißen Augen. + +Es waren die Augen seines Sohnes, mehr noch, es waren die hellen Augen +der Hecht-Babenberg. + +Diese Augen waren im ersten Augenblick erschrocken, sofort aber sammelte +sich der Blick in ihnen. Sie wuchsen, und ein kalter Glanz stieg aus +ihrer Tiefe. + +Diese Augen sprachen, und er verstand ganz deutlich, was sie sagten! Sie +glänzten verächtlich. + +Du? + +Du hier? Seht an! Du lauschst? Du spionierst? Ei, seht an! + +Sehr interessant. Soll ich dich bei Dora anmelden? + +Nun aber wurde der Glanz härter, kälter, eisig. + +Gut! Nun weißt du es! Was willst du noch? Gehe! + +Ja, gehe! sagten sie, diese Augen. + +Und nun blendeten sie plötzlich. + +Du kennst meine Gefühle für dich, oder? -- Du weißt es -- lange, lange! +Ich ziehe die Konsequenzen, wenn du willst -- ich stehe zur Verfügung -- +jederzeit . . . + +Ja, das sagten also Ottos Augen -- oder täuschte er sich? + +Der Vorhang floß über einem nackten Arm zusammen: die Erscheinung war +verschwunden. + +»Niemand ist hier!« sagte Otto in gleichmütigem Ton, hinter dem Vorhang, +und Dora rief das Hündchen, das immer noch kläffte, abermals zur Ruhe. + +Eine -- zwei -- drei Sekunden lang hatten die beiden Hecht-Babenberg die +Blicke gekreuzt. Nicht länger. + +Mit rasender Gebärde schwingt der Heilige im roten Rock sein Buch. Durch +den blinden Spiegel gleitet ein Gesicht, wie aus Kreide geschnitten. +Jemand tastet sich durch die Diele, eine schwarze Hornbrille auf der +Nase -- richtet einige Sekunden die schwarzen Gläser auf ihn -- oder war +es ein Gespenst? + + +8 + +Zur gleichen Stunde ging Ruth die Tiergartenstraße entlang, ihrem Hause +zu. Im Augenblick, da sie in das kleine verstaubte und verwahrloste +Vorgärtchen eintreten wollte -- sie hatte schon die Gittertüre in der +Hand -- rief eine leise Stimme ihren Namen. + +Sie hielt inne. Im Schatten der Bäume gegenüber gestikulierte ein +Schatten. Da sie zögerte, trat der Schatten einen Augenblick in den +Lichtschein und winkte. + +Ruth erkannte ihn. Zögernd überschritt sie den Fahrdamm. Der Mond flog +dahin, hoch oben, von feinen Schleierwolken umtanzt. + +»Sie? Was wünschen Sie von mir?« + +»Schon seit Tagen versuche ich, Sie zu treffen. Bitte zu verzeihen. Ich +habe neulich etwas zu sagen vergessen. Bitte, in den Schatten zu treten. +Ich darf mich nicht sehen lassen --« + +»Ich verstehe Sie nicht!« + +»Vieles ist unverständlich -- aber man hat mich gewarnt -- ein hoher +Herr ist ungehalten über mich. Man hat mir gedroht, mich in ein +Irrenhaus zu sperren, wenn ich mich noch einmal sehen lasse.« + +»Ich kann Sie wirklich nicht verstehen!« + +»Tut auch nichts zur Sache. Nicht das wollte ich Ihnen sagen. Können wir +ein bißchen weiter -- so, danke -- fürchten Sie nichts. Ich bin ein +alter Mann, habe auch nichts getrunken heute. Mit Absicht. All diese +Tage nicht. Ja, neulich -- ich habe mich geschämt -- aber gerade weil +ich in diesem Zustand war, habe ich etwas zu sagen vergessen -- etwas +sehr Wichtiges.« + +»Bitte --!« + +»Nicht ich allein also, das wollte ich sagen --« + +»Nicht Sie allein --?« + +»Nein, nicht ich allein bin der Schuldige.« + +»Ich verstehe Sie nicht.« + +»Warten Sie. Es kommt jemand. Gehen wir ein paar Schritte. So.« + +Flüstern im Dunkeln. + +»Nicht ich allein also, sondern gleichzeitig -- vielleicht sogar früher, +ich weiß es nicht -- aber es galt gar nicht ihm, sondern Ihnen.« + +Flüstern. Plötzlich ein Schrei. Es ist Ruth, die schreit. + +»Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich!« + +»Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein -- gehen wir -- gerade kommt -- so, +ein paar Schritte --« + +»Ganz unmöglich!« + +»Ich schwöre! Der Agent sagte es mir.« + +Flüstern. Raunen. Wieder bewegen sich die Schatten im Dunkel der Bäume +vorwärts. + +Plötzlich bleibt Ruth stehen. + +»Schwören Sie mir --!« + +»Ich schwöre!« + +»Schwören Sie mir -- bei Ihrem Sohn, der gefallen ist --« + +»Ich schwöre!« + +»Beim Andenken Ihrer Frau -- schwören Sie --« + +»Ich schwöre!« + +»Hören Sie: Sie sollen ewig verflucht sein, wenn Sie lügen --« + +»Ewig verflucht soll ich sein --« + +Ruth schlägt die Hände vors Gesicht und läuft in die Finsternis des +Parkes hinein. -- + + * * * * * + +Der Mond flog über den finstern Himmel, durch brodelnde Wolken hindurch. +Aber schließlich kam er nicht mehr von der Stelle. Er blieb in einer +pechschwarzen Wolke stecken, und endlich verschwand er vollkommen. Die +Bäume des Tiergartens neigten die Wipfel -- ein Windstoß pfiff über sie +dahin. + +In völliger Dunkelheit lag plötzlich die Stadt, schwarz und leblos, wie +der Kadaver eines stachligen Riesentieres, das auf dem Marsch durch die +Rübenfelder und Kartoffeläcker verendet war und faulte. So lag sie zwei, +drei, fünf Minuten, dann aber verschwand sie in einer ungeheuren +Staubwolke, die aus den Straßenschluchten emporschlug. Ein Gewirr von +Blitzen griff nach ihr, umklammerte sie, um sie zu vernichten. Der +Donner knatterte. + +Plötzlich begannen die verspäteten Passanten erschrocken dahinzueilen! +Nein, nicht das Wetter war es! Etwas ganz anderes -- + +Durch die dunkeln Straßenschluchten flatterte -- in unheimlicher Eile -- +ein weiter, heller Soldatenmantel. Glänzende Hände, glänzend im Schein +der Blitze, pochten donnernd an die Türen der Häuser: Auf, auf, ihr +Schläfer, die Stunde ist gekommen! Die glänzenden Hände berührten die +Schultern der Dahineilenden, daß sie erbleichten: Zögert nicht länger! +An den schwarzen Scheiben der finstern Häuser fuhr ein glänzendes +Antlitz vorbei: Schon sind sie unterwegs die Boten des neuen Reichs. +Seid bereit! + +Da trug der Wirbelwind den flatternden Soldatenmantel in die Höhe, und +die glänzenden Hände, das glänzende Antlitz flogen mit rasender +Schnelligkeit über die Dächer der Stadt dahin. + +Was war es? Was für Dinge geschahen in dieser Stadt --? + +Nun rauschte der Regen. + +Die Schutzleute flüchteten, die Diebe und Einbrecher huschten in +Torbogen -- sonst war niemand mehr auf der Straße. + +Ein herrlicher, wunderbarer Regen, kalt, klar, rücksichtslos stürzte aus +dem schwarzen Himmel. + + * * * * * + +Hauptmann v. Dönhoff stand unter einer Haustüre am Ende der +Lessingallee. Weiter war er nicht gekommen, das Wetter hatte ihn +überrascht. + +Hier stand er nun und lauschte glückselig auf das Rauschen des Regens +und das Krachen der Donnerschläge. Ja, ganz wunderbar! + +Da -- eine Droschke klapperte dahin. + +»He, Kutscher -- hundert Mark für die Fahrt!« + +»Heda, Droschke! Droschke, halt!« + +Es war wieder nichts. Die Pferdehufe klappten weiter. + +»Heda, Droschke! Hundert Mark!« + +Ah, endlich hatte er Glück. Die Droschke hielt. + +Hauptmann v. Dönhoff, mit der schwarzen Brille auf der Nase, tastete +sich durch den Regen. »Wo sind Sie denn? Ich sehe etwas schlecht.« + +»Hier stehe ich!« + +Langsam schaukelte die Droschke durch die Sintflut. Dönhoff streckte die +Nase durch das Fenster und schnupperte. Herrlich diese Luft, herrlich +dieser Regen und geradezu berauschend das Knattern des Donners. Endlich +etwas Lärm! Die Straßen waren wie reingefegt. Nur dann und wann das +Klatschen von Pferdehufen und das Rasseln eines eisernen Ungeheuers, das +Dönhoff als ein Auto feststellte. + +Endlos war diese Reise in das Bayrische Viertel, aber ein Hochgenuß. Zum +ersten Male verließ er sein Zimmer in der roten Backsteinvilla, wo keine +Seele sich um ihn kümmerte. Frei! Frei! Er zündete sich eine Zigarette +an, verbrannte sich etwas die Nasenspitze, aber das schadete nichts. Wie +eine Reise erschien ihm diese Droschkenfahrt durch das dunkle, +regenrauschende Berlin. + +Da hielt die Droschke, und Dönhoff kroch heraus. + +»Und nun, mein Freund, eine große Gefälligkeit, da ich schlecht sehe -- +klingeln Sie den Portier heraus. Ich möchte zu Fräulein Alexa +Alexandra.« + +Alexa Alexandra? Eine Tänzerin, das heißt weniger eine Tänzerin als eine +Dame. Früher war er befreundet mit ihr, er hatte sie gewissermaßen +entdeckt, kreiert. Petersen hatte ihm im Telephonbuch ihre jetzige +Adresse aufgesucht. + +Der Kutscher steckte sein Benzinfeuerzeug in Brand, überzeugte sich, daß +die Banknote echt war, und begann den Portier herauszuklingeln. + +»Er bekommt ein schweres Trinkgeld -- sagen Sie --« + +Und dieser Portier brachte ihn im Lift zu Alexa Alexandra hinauf. + +»Bitte, klingeln Sie -- ich sehe schlecht!« + +Offenbar hatte Alexa Gesellschaft -- Lachen, Händeklatschen, ein sehr +lauter Phonograph, Stampfen -- das traf sich ausgezeichnet. + +Die Türe öffnete sich, und Dönhoff bat der Dame des Hauses zu sagen, daß +»Rinaldo« vor der Tür stände und sie erwarte. »Rinaldo! Sonst nichts! +Sie kennen doch den berühmten Räuberhauptmann? Ich bin es!« + +Ah! Dönhoffs Herz pochte -- es hatte nicht so laut gepocht, als die +Granaten einschlugen -- ein Ausruf, ein Schrei! »Rinaldo! Wirklich?« Und +zwei Arme umschlangen Dönhoffs Hals, zwei weiche, gepuderte, duftende +Arme. + +»Rinaldo, Lieber, Liebster! Welche Überraschung!« + +Aber sofort hatte Alexa herausgefunden, daß diese Sache mit den +schlechten Augen auffallend war, diese entsetzliche schwarze Brille! + +Sie schob diese Brille mißtrauisch in die Höhe -- und da waren also, wo +sonst die Augen sind, wo sonst diese Augen waren, sie kannte diese +frechen Augen -- zwei rote Nähte, keine Augen mehr. + +Alexa stieß entsetzte Schreie aus. »Mein Gott, was haben sie mit dir +gemacht?« + +Sie weinte und stampfte mit den Füßen. + +»Ah, diese Schurken!« schrie sie -- und der laute Phonograph spielte +einen Two-step -- »Sie haben ihn blind geschossen!« Und sie drückte ein +paar rasche Küsse auf diese roten Nähte, wo die Augen früher saßen. + +»Meine Herrschaften!« -- der Phonograph schwieg -- »Ich stelle Ihnen +hier meinen Freund vor, meinen lieben alten Freund, Baron Dönhoff -- ein +lieber Junge! Er ist blind -- diese Schurken von Franzosen haben ihn +blind geschossen! Er ist der berühmte Herrenreiter Dönhoff. Sie erinnern +sich, meine Herren -- er gewann so viele Rennen -- Kitty, gehe weg -- +nun ist er also wieder in Berlin -- ja, hier bist du zu Hause, du lieber +Junge!« + +Dönhoff lächelte verlegen. Er schämte sich. + +Die Alexa küßte ihn, und er fühlte, wie ihre Tränen seine Wangen näßten. +»Noch etwas -- ladies and gentlemen -- er wünscht nicht, daß man auf ihn +die geringste Rücksicht nimmt. Also weiter!« + +Der Phonograph ertönte wieder -- die Füße, die Schuhe schlürften. + +Die Alexa führte ihn in eine Ecke zu einer Ottomane. Parfüm, allerlei +Essenzen, der Geruch eines scharfen Punsches, Musik und dicht an ihm +vorbei flatterten die Röcke. + +»Ganz ungestört sollst du hier sein, du lieber Junge. Du bist zu Hause +und kannst es dir ruhig bequem machen. Siehst du denn gar nichts mehr? +Nein! Oh, diese elenden Schurken! Hören Sie, Doktor, geben Sie ein Glas +Sekt für Baron Dönhoff -- vielleicht haben Sie Geld gewonnen, als Sie +seinerzeit auf ihn setzten? Er gewann fast immer, ach, das waren Zeiten! +Im ganzen sind fünfzehn Menschen hier, Rinaldo, sechs, sieben Damen. Ich +werde sie dir vorführen. Lola!« + +»Hier also, das ist die kleine Lola. Sie ist eine Ungarin eigentlich. +Sie ist ganz schwarz, und ihre Brauen wachsen zusammen. Aber sie ist +eine ganz kühle Person, ganz und gar nicht sinnlich -- oder, Lola? Ja, +so komm doch dicht an ihn heran. Verstehst du mich, er sieht ja nichts, +er ist blind. Sei lieb zu ihm, sei nett -- er ist nett zu mir gewesen, +vor zehn Jahren, als ich noch Verkäuferin war und am Sonnabend in +Halensee tanzte -- ja, fühle nur, die Brauen wachsen tatsächlich +zusammen -- fühle nur -- küsse ihn, Lola, du mußt nett zu ihm sein.« + +Und Lola küßte Dönhoff und streichelte ihn. + +»Das hier ist Fiffi -- wie nett, sie kniet vor dir. Küsse sie, so! Sie +ist die Freundin dieses kleinen Schwarzen dort, der mit dem Monokel, die +beste Tangotänzerin in Berlin. Sie ist blond, aber ihre Haare sind +gefärbt -- Fiffi -- er sieht doch nicht, er ist blind, ich muß ihm also +alles beschreiben. Sie tanzt wunderbar und hat zwei erste Preise +gewonnen.« + +»Und hier, das ist Thea -- sie ist etwas üppig -- aber Thea, er sieht +doch nicht! -- sie hat ganz große blaue Augen und filmt. Du würdest dich +in sie verliebt haben, weil sie so drollig ist. Küsse ihn, Thea, er ist +ein so lieber Junge!« + +»Und das hier -- Rolli -- come along! -- Rolli -- ein kleiner Teufel! +Siehst du, sie bringt dir gleich Punsch mit! Sie ist erst achtzehn Jahre +alt, aber schon völlig verdorben. Pfui, Rolli -- beherrsche dich doch! +Aber sie ist sehr süß. Sie hat, nun dir darf ich es ja sagen, eine +kleine Schwäche für Frauen und kennt die Damen der höchsten +Gesellschaft. Ihr Freund ist ein Dichter. Siehst du, sie trinkt an +derselben Stelle des Glases, wo du getrunken hast. Sie will dir zeigen, +wie lieb sie dich hat. Ja, das also ist der berühmte Rinaldo -- nun +entstellt ihn ja diese häßliche Brille etwas, aber man gewöhnt sich ja +rasch!« + +»Und das hier -- Reh -- sie heißt Rebekka -- Reh, komm hierher. Siehst +du, sie ist ein Kind. Sie hat Tränen in den Augen. Aber sie ist auch ein +bißchen angetrunken. Reh! Was tust du? Ach, siehst du, sie weint. Küsse +ihn, so, so, küsse ihn. Er sieht ja nicht, man muß nett zu ihm sein.« + +»Du siehst, wie sie dich hier verwöhnen. Das ist Blanche, und sie bringt +dir ein Pralinee. Stecke es ihm doch in den Mund! Blanche heiratet +übermorgen, und dann werden wir Tag und Nacht bei ihr tanzen. Sie +heiratet einen Sattler, der im Kriege sieben Millionen verdient hat. Ja, +reizend wird es bei ihr werden. Fühle nur ihre Ringe. Fühle doch. Alles +echte Steine, aber er ist so verschossen in sie. Fühle doch ihre Wangen. +Hast du je so etwas Sanftes gefühlt? Ihr Teint ist herrlich. Fühle ihre +Hüften -- was sagst du? -- Ah, siehst du, Rinaldo --« + + +9 + +Allmählich wurden die Donnerschläge schwächer, das Gewitter zog langsam +ab. + +Erst nachdem der General ungeduldig wurde und seinen Titel nannte, +erhielt er telephonischen Anschluß. Augenblicklich meldete sich Major +Wolff, der Nachtdienst hatte. + +Der General ließ sich Vortrag halten. Wolff las die wichtigsten +Telegramme vor, die wichtigsten Eingänge -- eine volle Stunde sprach der +General am Telephon. Das Gewitter sog an den Drähten, zuweilen klang die +Stimme Wolffs ganz fern und klein. Um jede Kleinigkeit kümmerte sich der +General. Er gab mit kühler, klarer Stimme Anordnungen -- schließlich +aber war alles erledigt. Bitte morgen um einhalb acht um telephonischen +Anruf. Schluß und gute Nacht! + +Augenblicklich vertiefte sich der General wieder in die Aktenstücke, +ohne aufzublicken. Ja, nun waren sie alle erledigt. Nochmals +breitete er die große Karte über den Schreibtisch. Staubecken, +Überschwemmungsgelände, natürliche Hindernisse -- es mußte schließlich +noch in letzter Stunde gelingen, den Riesenkörper der Armee rückwärts zu +leiten. Vielleicht verführte ihn der gegenwärtige Zustand seiner Nerven +zu einer allzu pessimistischen Beurteilung der Lage. + +Der General war noch in voller Uniform, er hatte sich nicht umgekleidet. +Und immer noch rauschte draußen der Regen. + +Auch die strategische Betrachtung war nun abgeschlossen. Er warf noch +eine Anzahl Notizen auf den Block, für morgen. Ja, nun war alles +Dienstliche erledigt. + +Ohne jede Unterbrechung, voller Hast, begann der General plötzlich einen +Brief aufs Papier zu werfen. + +Während des einstündigen Telephongespräches, während er die strategische +Lage analysierte -- immer hatte er nur an diesen Brief gedacht, um die +Wahrheit zu sagen. Er hatte ihn völlig im Kopfe entworfen, und nun +rasch, rasch, um die Sache zu Ende zu bringen. + +Ein Vermögen . . . + +Nun -- das war ja schließlich das wenigste! + +Aber schon fühlte er Unruhe. Gemurmel in den Ohren, Stimmen, die von +innen heraus kamen, nicht von außen her, und absurde Worte raunten. Sein +Herz schlug, es pochte in der Brust, im Kopf, in den Armen, im Schenkel. +Die Wände klafften, das starre Auge blickte durch die Spalten in die +schwarze Finsternis, leer, tot, kalt und unendlich wie der Raum zwischen +den Sternen. Erschauernd schob er den Schreibtisch weit von sich und +sprang auf. + +Licht! + +Lauten Schrittes, absichtlich ging er ganz laut, wanderte er durch die +Zimmer. Er sprach abgerissene Worte vor sich hin, lachte mit +geschlossenen Zähnen. + +»Wie? Wie? Freundschaft -- Treue -- Glauben -- wie?« + +Grau sein Gesicht. Er vermied es, in die Spiegel zu blicken -- aber +doch, ohne es zu wollen, sah er immer wieder ein graues Gesicht durch +die Spiegel wandern. Er schlich dahin, gebeugt, scheu, verfolgt. +Geflüster kroch über die Wände, die toten Dinge begannen sich zu winden, +das Licht blinzelte. + +Im Salon hing sein Porträt, gemalt kurz vor dem Kriege. Von einem +Schützling von -- ihr! Aus Gefälligkeit hatte er sich malen lassen, er +gab sonst nichts auf moderne Malerei. Früher war er jahrelang Mitglied +eines Kunstvereins gewesen, dem hoher Adel und Grundbesitz angehörte, +man zahlte zwanzig Mark Jahresbeitrag und erhielt dafür jedes Jahr +irgendein Kunstblatt. Längst war er ausgetreten, aber da sie es +gewünscht hatte -- + +Die Hände auf das Schwert gestützt, hatte ihn der Künstler dargestellt. +Das Gesicht war kantig, hart, entschlossen. Trotz der angegrauten +Schläfen blühend von Gesundheit und Kraft. Der Blick voller Festigkeit +und Ziel. Vielleicht ein bißchen geschmeichelt das ganze Bild. + +Trotzdem, diese letzten vier Jahre waren wie ein Jahrzehnt. + +Grau und erdig sah er sein Gesicht durch die Spiegel gleiten, obgleich +er es vermied, hinzusehen. Auch sein Rücken, die Linie seines Rückens -- +sie schien ihm gebogen zu sein, obgleich er nicht hinsah, sondern den +Blick abwandte. + +Dieselben Hände, die in kraftbewußter Lässigkeit auf dem Schwertknauf +ruhten, sie waren heute die Hände eines alten Mannes. Die Haut hatte +eine fahle Färbung, die Adern auf den Handrücken waren geschwollen. + +Ja, kaum war er den Hauptmannsjahren entwachsen -- und schon war er alt! +Und doch sah er sich noch als Leutnant vor sich! Seine für damalige +Verhältnisse etwas stutzerhafte Uniform. Und doch sah er sich noch als +Kadett vor sich, ganz deutlich, mit dem kleinen Seitengewehr und der +altmodischen hohen Mütze. + +Seit seinem zehnten Lebensjahre trug der General das farbige Tuch. +Zivilkleidung hatte er nur höchst selten getragen, vielleicht einmal +einen Jagdanzug auf dem Lande. + +Mit zehn Jahren war er Kadett, mit achtzehn Leutnant, dann Hauptmann, +dann Major, Oberstleutnant, Oberst, Regimentskommandeur. Im Sturmschritt +hatte er alle Ränge durchlaufen -- aber es schien ihm, als sei er +eigentlich immer der gleiche gewesen, nur mit verschiedenen +Rangabzeichen versehen. Seine Welt, seine Weltanschauung, seine +Auffassung von Dienst, Vorgesetzten, Pflicht, Religion, Vaterland -- sie +hatten sich nicht geändert. Der Leutnant der gleiche wie der General. + +Er war eigentlich nie jung gewesen, auch als Kadett nicht, nein. Nie +jung, und schon wurde er alt! + +Er drehte im Salon das Licht aus, um nicht mehr das zuversichtliche +kraftstrotzende Gesicht des Offiziers mit den Ordenssternen sehen zu +müssen -- jugendlich trotz der angegrauten Schläfen. + +Ja, ja, ja -- keine Beschönigung, Mut! Otto, sein Sohn -- ein Ehrloser! +Er hatte ja seinerzeit im Frühjahr, als diese Geschichte mit der Hand +passierte, sofort gewußt, ja, gewußt, augenblicklich und instinktiv, +worum es sich in Wahrheit handelte! Aber er hatte nicht gewagt, es zu +glauben. Offizier -- ein Hecht-Babenberg -- und doch! Ja, nun wußte er +alles . . . + +Der General kehrte wieder zum Schreibtisch zurück. + +Ja, ein Vermögen, diese Frau -- in der Tat, Rothwasser . . . Ihre Augen +strahlten Reinheit, Treue, Unschuld. Es gab niemand, dessen Lachen und +Stimme allein ein solches Maß von Vertrauen erweckte! Ihre Offenheit, +ihre kindliche Naivität, ihre Unbefangenheit und Harmlosigkeit, +unmöglich, gänzlich unmöglich -- er hätte die Hand für sie ins Feuer +gelegt. + +Daß ihn seine Menschenkenntnis so trügen konnte! + +Nein! Er legte die Feder weg. Schweigen, Schweigen -- nichts sonst +. . . + +Plötzlich horchte er betroffen auf. Eine Stimme! + +Diese Stimme? + +Langsam und heiß stieg ihm das Blut in den Kopf. Die Adern an den +Schläfen zuckten. + +Ottos Stimme! Er rief nach dem Burschen. + +Wollte er ihn herausfordern, der -- Infame? Der General sprang auf. Mit +zuckenden Schläfen stürzte er zur Türe . . . + +In der Tat, Otto war gekommen, wie er zuweilen kam, seitdem er im Westen +wohnte, um irgend etwas abzuholen, Bücher, Wäsche. Er kam zu jeder +Tages- und Nachtzeit, wann es ihm gerade beliebte, und knallte ohne +Rücksicht mit den Türen. Jetzt war er gekommen, um einen Gummimantel zu +holen. Er brauchte ihn, da es noch immer in Strömen regnete. + +Dies war der eigentliche Grund seines Besuches. Der zweite Grund aber +war, ganz offen gestanden, daß er dem General seine Furchtlosigkeit +beweisen wollte. Nein, er hatte keine Furcht vor einer Begegnung, nicht +die geringste. Aus diesem zweiten Grunde schrie er auch etwas lauter, +als es eigentlich nötig war. Sein Zimmer hatte er absichtlich offen +gelassen. Jeden Augenblick konnte die Türe gegenüber aufspringen -- nun, +er war gewappnet. Seine hellen verwegenen Augen waren auf eben diese +Türe geheftet, die sich jeden Augenblick öffnen konnte. Er war bereit, +die Konsequenzen zu ziehen -- zu allem war er bereit. Papa sollte nie +und nimmer auf den Gedanken kommen, daß er sich feige in eine Ecke +verkrieche. + +Aber nichts regte sich hinter dieser Türe, die zu den Zimmern Papas +führte. Wahrscheinlich hatte er sein Kommen gar nicht wahrgenommen. + +Der General -- er war nicht weiter als bis zu eben dieser Türe gekommen. +Sein Herz pochte so stark, daß er sich festhalten mußte. Keuchend und +bebend stand er im dunkeln Zimmer, seine Beine zitterten. + +Ein Schritt noch -- und etwas ganz Furchtbares, etwas unsäglich +Grauenhaftes würde geschehen . . . + +Sein eigenes Blut hatte sich gegen ihn erhoben! + +Die Türe öffnen -- und schon, schon würde es geschehen, das Gräßliche -- +Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater -- bis zur Vernichtung -- das Grauen +noch der Ururenkel, ewige Schändung des Namens, Schändung des +Geschlechtes, Schändung der Schöpfung. Schon begann die Finsternis des +Zimmers zu flammen. + +»Wo sind meine Handschuhe, Jakob?« rief Otto. + +Dann pochte er an Ruths Türe, und der General hörte die beiden plaudern, +ohne zu verstehen, was sie sagten. + +Fünf Schritte waren zwischen ihnen, zwischen ihm und seinen Kindern, der +Korridor. Aber dieser Korridor war ein Abgrund, unergründlich wie die +Mysterien des Blutes. + +»Dann gute Reise, Ruth!« rief Otto und schloß Ruths Türe. + +Ja, in der Tat, ein Abgrund, schauerlich und bodenlos wie das +tausendfach unergründliche Schicksal selbst. + +Die Haustüre krachte ins Schloß. Otto war gegangen. + +Dank dem Himmel! dachte der General, während er heftig zitterte. + +Immer noch stand er, die Dunkelheit lohte, immer noch keuchte er, und +das Zittern seiner Beine wurde stärker mit jeder Minute. + +Ja, nur ein Schritt, ein kleiner Schritt und es wäre geschehen. Das +unsagbar Gräßliche. Das keine Macht der Welt hätte wieder auslöschen +können, selbst die Allmacht Gottes nicht. + +Es _war_ geschehen, das unsagbar Grauenhafte! + +Der General sah seinen Sohn erwürgt auf der Diele liegen. + +Zitternd am ganzen Körper sank er in einen Sessel; der Schweiß brach aus +seiner Stirn. + + * * * * * + +Otto aber eilte im strömenden Regen quer durch den stockfinstern +Tiergarten. Zu Ströbel! + +Lustige Kumpane, ein Fest heute, Wein, Spiel. Wie albern, diese +kleinlichen Bedenken, die ihn bisher von Ströbels Haus ferngehalten +hatten! + +In förmlichen Wasserhosen verschwand die Straße, wo Ströbels Haus lag, +aber ein wohlbekannter Lichtschein, wie der Schein eines Leuchtfeuers, +zeigte den Weg. + +Otto pfiff, den vereinbarten Pfiff, er klatschte in die Hände. Das +erleuchtete Fenster öffnete sich, und ein Schatten neigte sich heraus. + +»Wer ist da?« Es war Hedis Stimme. + +»Ich bin es«, antwortete Otto mit heller und lauter Stimme. »Ihr habt +doch Gesellschaft heute?« + +Der Schatten trat zurück. Erst nach einer Weile wurde Hedis Stimme +wieder hörbar. + +»Sie sind es?« sagte sie stockend. »Nein, die Gesellschaft wurde +abgesagt, Ströbel ist verreist!« + +»Sie? Seit wann sagen wir Sie zueinander?« sagte Otto lachend. Er konnte +Hedi nur undeutlich erkennen, durch Büsche hindurch, an denen das Wasser +herabrann. Das erleuchtete Fenster ging auf einen kleinen, +dichtbewachsenen Garten hinaus. + +Wieder zögerte Hedis Stimme. »Es ist völlig nebensächlich,« sagte sie, +»aber lassen wir es dabei. Er mußte unerwartet in Geschäften fort, und +der Abend wurde verschoben.« + +»Schade! Sehr fatal!« + +Der Regen prasselte auf Ottos Mantel, Ströme von Wasser wirbelten um +seine Füße. Selbst aus dem Boden sprangen Bäche. + +»Ja, leider«, sagte Hedi und schickte sich an, das Fenster zu schließen. +»Gute Nacht.« Der Regen verschluckte ihre Stimme. + +»Einen Augenblick --« beeilte sich Otto, und die Fensterflügel blieben +halb offen stehen. »Ich bin durch diese Sintflut gewatet, in der +Erwartung, fröhliche Menschen zu finden --« + +»Das ist sehr bedauerlich«, sagte Hedi spöttisch. + +Otto lachte belustigt auf. »Sehr bedauerlich? Hören Sie, Hedi -- oder +höre, Hedi -- ich finde es töricht, Sie zu dir zu sagen -- halte du es +ganz wie du willst -- ich hatte gerade heute das Bedürfnis, Freunde zu +sehen -- sei nett und lieb, öffne und koche etwas Kaffee. Ich bin völlig +durchnäßt.« + +»Ich bin ganz allein.« + +»Ist das ein Grund --?« Eigentümlich war der Tonfall dieser Frage. + +Hedi antwortete nicht sogleich. Er fühlte ihren Blick. + +»Gehe doch zu ihr!« sagte sie dann. Aber sie schloß das Fenster nicht. + +Otto stockte. + +»Ich komme soeben von ihr!« sagte er hierauf. Diese Antwort war sehr +kühn, und er wußte genau, daß er alles aufs Spiel setzte. Aber er hatte +seiner Stimme einen gleichgültigen und gelangweilten Klang gegeben. + +Schweigen. Der Regen rauschte. + +»Lebst du glücklich mit Ströbel?« begann Otto von neuem, in völlig +geändertem, vertraulichem Tone. + +»Was für eine Frage? Was kümmert es dich?« + +»So öffne doch, Hedi, und wir werden etwas plaudern.« + +Hedi schwieg. Nach einer Weile sagte sie, leise und bebend: »-- Ich +öffne!« + +Kaum aber hatte Hedi die Türe aufgeschlossen, so riß Otto sie an sich +und vergrub seine Lippen in ihren Hals. + +Sie stammelte. + + +10 + +Mehre den Schatz! + +Mehre den Schatz des Guten und Schönen! Lege nicht Hand an die +Geschlechter, die nach dir kommen -- -- + +Friedlich säuselt der Morgenwind. + + * * * * * + +»Lieber Junge,« -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- »mit dem Urlaub war +es diesmal nichts. Und ein Flieger hatte mir schon versprochen, mich in +seinem Kahn mit nach Berlin zu nehmen. Drei Tage hinten, immer in +Alarmbereitschaft, kein Schlaf, Schwärme von feindlichen Fliegern, in +jeder Nacht Verluste. Die Sache hat sich anmutig ausgewachsen! Heute +abend wieder in Stellung. Wollte Dir gerne mehr schreiben -- aber ich +kann nicht. Es gibt gewisse Dinge. Nun, wir kämpfen, tun unsere Pflicht. +Herrliche Leute! Das Feuer wächst von Tag zu Tag --« + +Ja, von Tag zu Tag wuchs das Feuer! + +Bis nach London, nach der Schweiz war der Lärm der Kanonen zu hören. Es +stand sogar in den Zeitungen. + +Tausende sanken täglich dahin, Zehntausende -- + +»Trinke, Kamerad!« + +»Erlöser!« + +»Trinke! Stütze dich auf mich!« + +»Erlöser!« + +»Komm, komm, ich trage dich!« + +»Erlöser! Erlöser!« + +Auf Hunderte von Kilometern standen die Geschütze in einer Breite von +zehn bis fünfzig Kilometern, Rohr an Rohr, gestaffelt, auf Kähnen, +Flößen, Eisenbahnwagen und spien Feuer und Tod. Die Geschosse wurden von +keuchenden Zügen herbeigeschleppt, von Dampferflotten, Schleppkähnen, +endlosen Reihen von Lastautomobilen. Die ganze Welt arbeitete im +Schweiße ihres Angesichts, um die Mäuler aus Stahl zu speisen. Die +Geschosse, mannshoch, wurden auf besonders konstruierten Karren zu den +Geschützen gefahren, durch Krane in die Rohre gehoben. Sie wurden zur +Reklame in Zeitschriften abgebildet, einzeln und zu Tausenden +aufgestapelt. Die Astronomen, die sonst der Bahn der ewigen Gestirne +folgten, berechneten die Flugbahnen der Ungeheuer, die sich in den +blauen Äther hineinstürzten. Tausende, Zehntausende von Geschützen spien +Tod Tag und Nacht. + +Und die Wolke wälzte sich, unendlich, über der Walstatt. Staub -- die +zermalmte Fruchterde, der zermalmte Fels, der zermalmte Baum, der +zermalmte Mensch flimmerten in der Luft. Der Staub zog über ganz Europa, +die Staubteilchen zermalmter Menschenleiber regneten auf ganz Europa, +auf die ganze Erde nieder. + +Endlich war es dem Menschen gelungen, den höchsten Gipfel des Wahnsinns +zu erklimmen. Die Erde selbst war nichts als eine gasgefüllte Bombe, die +durch den Weltraum raste. + +Hunderttausende von Kilometern waren durch die Erde gewühlt, Menschen +und Tiere keuchten -- mit dem gleichen Aufwand an Energie hätten die +Wüsten sich in Gärten verwandeln lassen -- noch aber wurde um das +Weltmonopol des Plünderns gekämpft. + +Erlöser! -- + +»Lieber Junge,« -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- »ich weiß nicht, ob +diese Zeile Dich noch erreichen wird. Der Kommandeur ist schwer +verwundet worden und einige Leute wollen es unternehmen, ihn in der +Nacht durch das Feuer zu tragen. Sie wollen diese Zeilen mitnehmen. Sage +allen, daß wir unsere Pflicht tun! Zweiundsiebzig Stunden haben wir +nicht geschlafen und kaum gegessen. Wir können nicht mehr. Bald werde +ich wohl hinter Stacheldrähten spazierengehen. Aber sage allen, daß wir +kämpfen und sie uns nicht umsonst haben sollen! Ich werde Nachricht +geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war Kinderspiel --« + +Dies aber war der letzte Brief, den Otto erhielt. Wie durch ein Wunder +kam er durch, obgleich der Kommandeur und seine Träger auf dem Rückwege +getötet wurden. Man fand den Brief bei einem Mann ohne Beine, der +verblutet war. Ein Offizier, dessen Name unleserlich war, hatte es auf +die Rückseite des Briefes geschrieben. + +Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze und wenn es hoch herging, die +glorreiche Feuerwalze, konnte keine Briefe mehr schreiben . . . + +Ein Erdloch. Und aus diesem Erdloch sieht eine Leiche mit entblößten +Zähnen. Die Leiche wendet langsam den Kopf und späht aus. Staub treibt, +Staub flimmert. Wenig zu sehen. Die Wimpern der Leiche sind voller Staub +und auch ihre rotweißen Haare sind gepudert, die weißen Lippen haben den +Staub zu einem weißen Brei zerrieben. Ruckweise atmet diese Leiche und +stößt dabei mit dem Kopf in die Luft. Die Uniform ist beschmutzt, eben +hat die Leiche gebrochen. + +Fünfzig Schritte feldein, im Staub, kohlt ein Flugzeug. Er war der +letzte, der kam, er warf Nahrungsmittel ab, aber er kehrte nicht zurück. +Fünf Schritte zur Linken aber liegt ein gekreuzigter Mensch auf der +Erde, mit gebrochenen Gelenken, Arme und Beine von sich gestreckt, vom +Luftzug fast völlig entkleidet, die Fetzen angesengt, flachgedrückt, das +Gesicht ins Genick verdreht. Und noch schwelt das versengte Gras von den +giftigen Dämpfen der Granate, die ihn kreuzigte. Es riecht nach +verbranntem Fleisch und verbrannten Haaren. + +Zehn Schritte zur Rechten aber kauert eine Gruppe von Leichen um ein +Maschinengewehr, und sobald die Leiche im Erdloch die Hand hebt und die +Zähne bleckt, so feuert sie. Schatten taumeln im Sandsturm. Schatten +kommen, nähern sich, versinken. Aber weshalb geht die Leiche im Erdloch +nicht zu dem Maschinengewehr? Das ist es eben. Sie kann nicht. Durch +einen Balken sind ihre Beine festgeklemmt. + +Und so kann sie nur die Arme heben, die Zähne blecken und schreien -- +aber man hört nichts. + +Tanks kriechen im Sandsturm. Dort die Höhe, schwarzer Qualm. Durch den +Sandregen ist zu sehen, wie Menschenleiber in die Luft fliegen -- und +Hauptmann Falk sieht deutlich die Sturmhauben, deutsche Sturmhauben, +wirbeln. Dort im Nebel -- Nebelwesen mit erhobenen Händen, fern, klein. +Und die deutschen Batterien, sie, die stets bereiten, wo sind sie? +Nichts, nichts, kaum zuweilen ein Einschlag drüben -- völlig außer +Gefecht, vergast. + +Schatten im Sandsturm, im Qualm. Und wieder schreit er und bleckt die +Zähne. Obschon er seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hat, muß +er sich wieder erbrechen. Die flachen Chinesenhüte verschwinden, +versinken. + +Zwanzig Kilometer hinter der Feuerlinie fährt ein schweres +Eisenbahngeschütz aus dem Wald, von gutgelaunten, schwitzenden Kanadiern +in Hemdärmeln bedient. Das Langrohr steigt in die Höhe, wird abgerissen. +Die Mannschaft stürzt zurück, die Hände gegen die Ohren gepreßt. + +Die Granate war unterwegs. Es war jene Granate -- -- + +Ein Tank faucht durch den Sandsturm, hinweg über das Erdloch. Flache +Eisenhüte. Amerikaner. Sie haben die Gewehre umgehängt und trotten durch +den Sandsturm dahin. Nichts stört sie, sie haben keine Eile. + +Vor den flachen Eisenhüten einher schreitet ein junger amerikanischer +Offizier. Ein Deutscher, namens Martin. Man hat ihm gesagt, daß die +deutschen Soldaten den Kindern die Hände abschneiden. Er hat es in den +Zeitungen gelesen, er hat sogar Abbildungen gesehen mit eigenen Augen. +Und nun ist er gekommen, diese Kinderschänder vom Erdboden zu vertilgen. + + +11 + +Pünktlich auf die Minute erhob sich der General am nächsten Morgen. Er +hatte fast nicht geschlafen in dieser Nacht. Funken sprühten vor seinen +Augen, er sah schlecht. Wieder zuckte sein rechtes Augenlid. Seine Haut +war trocken und heiß, er hatte Fieber. + +Nicht einmal Niki, der in seinem Bauer zwitscherte, gönnte er heute +einen Blick. Teilnahmslos, schwerfällig, automatisch bewegte er sich, +wie im Halbschlaf. + +Punkt einhalb acht klingelte das Telephon, das Amt, wie befohlen. + +Der General taumelte am Apparat. Der Hörer zitterte in seiner Hand. Er +war genötigt einen Stuhl heranzuziehen und lallte, als er sprechen +wollte. + +Schlechte Nachrichten, offenbar. Ja, schlechte, sehr schlechte! + +Und niemand, dachte der General, niemand -- das Reich wankt -- und +niemand, nichts als Unfähigkeit, Dünkel und Verblendung! + +Schlimmer noch -- schlimmer! Ein Verbrechen . . . + +Das Haus war leer, tot, das Speisezimmer düster und verlassen. + +Ein Brief? + +Seht an! + +Man schrieb Briefe! + +Schon von weitem, obschon schwere und düstere Gedanken ihn +niederdrückten, sprang der weiße Umschlag in seine Augen. Auf dem +Frühstückstisch lag dieser Brief. »An Papa!« + +An Papa! Man schreibt Briefe! + +Er hatte nicht den Mut, diesen Brief zu öffnen. Was sollte Ruth zu +schreiben haben? Er ließ den Brief in die Tasche gleiten. Seine Wangen +zuckten. Nun, es mochte recht gut sein, daß sie etwas mißverstanden +hatte, seine Fürsorge falsch deutete -- sie war jung und konnte nicht +begreifen, daß ein Vater sich sorgte, daß er nur aus Liebe für sein +Kind, nur aus Liebe, wohlgemerkt -- + +Plötzlich erhob sich der General. + +Er war erbleicht. + +»Therese?« + +Etwas Unglaubliches war geschehen! Der General war in die hinteren +Räumlichkeiten gekommen, die er nie zuvor betreten hatte. + +»Meine Tochter ist verreist?« + +»Ja. Ruth ist abgereist.« + +»Wohin? Sie wissen es nicht?« + +»Nein -- aber ein Brief --« + +»Ich weiß --« + +Der General schwankte durch den Korridor. Mühsam kletterte er in den +Wagen. + +»Ah! Ah!« stöhnte er, als die Limousine dahinschoß, und bedeckte die +Augen. + +Ungeöffnet stak der Brief noch in seiner Tasche. + + * * * * * + +Ein deutsches Feldgeschütz fuhr plötzlich mitten im Sandsturm auf. Was +wollten sie? Waren sie wahnsinnig? Verschwunden ist das Feldgeschütz -- + +Furchtbar rollt die Brandung aus Eisen und Blut. Die Kanonen knackten, +als würden Knochen in der Luft zerbrochen. + +Die Front wankte, kein Zweifel, keine Beschönigung mehr. Schon klafften +breite Risse. + +Die Mauer aus Menschenleibern, hundertfach aufgefüllt, hundertfach in +Stücke geschossen, in jede Bresche stürzten sich neue Menschenleiber, +ja, nun wankte sie. Diese Mauer aus Blut, aus menschlichen Gehirnen, aus +menschlichen Herzen, die vor Liebe glühten und sich verzehrten -- sie +_stürzte_. + +Die Karte war ausgespielt, die letzte Karte, ausgespielt gegen alle +Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Sie hatte verloren. + +Hunderte, Tausende von Granaten in der Sekunde, Einschlag neben +Einschlag. Die Hochöfen der Welt sind gegen dich im Kampf. Die +erschöpften, verbluteten Truppen sahen sich nach Unterstützung um. Die +Kameraden, wo sind sie? In Finnland, Livland, Polen, Rumänien, +Mazedonien, Syrien, in der Ukraine, im Kaukasus -- weit, weit, sie +können nicht helfen. + +Und jeden Tag entsteigen zehntausend frische, mutige, wohlgenährte +Männer dem Ozean. + +Der Hagelsturm von Eisen rast. Explosionen, Explosionen . . . + +Pulvermagazine fliegen in die Luft, Gaskessel explodieren, Städte +verschlingt die krachende Erde -- das Trommelfell birst, Blut sickert +aus den Ohren . . . + +Über die ganze Erde ist das furchtbare Krachen der zusammenbrechenden +Mauer zu hören. + + + + +Viertes Buch + + +1 + +Von heute auf morgen . . . + +Innerhalb von vierundzwanzig Stunden . . . + +Die Depeschen fliegen, es ticken die Fernschreiber. Fahle Gesichter, +flatternde Hände, erbleichende Augen. + +Wie?! + +Ist es möglich?! + +Ein Keulenschlag! Der General ringt nach Luft und preßt beide Hände +gegen den Brustkorb. Er befürchtet, sich übergeben zu müssen. + +Ein Jeu -- hm -- Poker? Aber wir sind schließlich ja nicht in Monte +Carlo? Letzten Endes ist ein Weltkrieg doch kein Manöver, wo der +steigende Fesselballon das Signal zum Halten gibt? + +Der General ist krank, die Grippe hat ihn gepackt, ja, auch ihn, ganz +zuletzt -- es gelingt ihm gerade noch im letzten Moment ein Glas Wasser +zu ergreifen, sonst wäre ein Unglück geschehen. Der Schweiß bricht ihm +nun aus der Stirn. + +Schon aber knattern die Lichtbogen und aus den Antennen schwingen die +Wellen durch den Äther. Es wanken die Empfangsstationen, die Beamten, +die Hörmuschel am Ohr, erbleichen. Wer spricht? Eine Verhöhnung, eine +Finte, ein schlechter Scherz? Die Station Nauen hat gesprochen. + +Schon fliegen die Türen in den Ministerien, und in den Augen entzündet +sich ein Leuchten -- + +Der General kriecht durch die Zimmer, in den Schlafrock mit den roten +Aufschlägen eingewickelt, hustet, keucht. Nun, also -- nicht! Nicht +diesmal! Rollen wir die Fahnen zusammen -- das nächstemal! Blutiger noch +und furchtbarer als dieser Krieg . . . Schon wieder nimmt er Aspirin und +hustet. Er sinkt in einen Sessel und starrt, starrt -- er sieht nichts, +die Gedanken sind stehengeblieben, vor dem Abgrund haben sie +haltgemacht. + +Krachend stürzt die Front, die Erde hört es -- und noch immer kämpft die +Armee, heute, morgen, übermorgen, Wochen! Längst ist es entschieden, daß +alles verloren ist. Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen +und Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit des +Ackers, die Viehherden, Schätze der Erde und Wälder, Schweiß und Fleiß +von drei Generationen, Schweiß und Fleiß von drei kommenden +Geschlechtern -- alles verloren! Die Fruchtbarkeit des weiblichen +Schoßes -- dahin, Millionen von Säuglingen -- eine Beute des Hungers. +Alles -- dahin! Das Gehirn unter der Schädeldecke, der Schlaf der Nächte +-- dahin! Ausgespielt die hohe Karte, gegen alle Gesetze der +Wahrscheinlichkeit -- und noch immer kämpft die Armee. + +Die Angebeteten und Vergötterten -- bis zum letzten Einsatz! -- und +dann, ja, dann beugten sie das Knie und boten den Degen an. + +Auf Gnade und Ungnade. + +Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine Pause machen, +Atem schöpfen, und noch einmal alle Dokumente prüfen. Ob ihm nicht doch +etwas entgangen ist, nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde. +Er wird in den Archiven und Bibliotheken wühlen -- nein, es ist Ihnen +nichts entgangen, fahren Sie ruhig fort. -- + + +2 + +In diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit ein, +die seinerzeit die Zierde von Doras Hausball bildete. Ali Baba und die +vierzig Räuber -- ja, wer hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen +könnte! Ohne jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, dessen hoher +Orden das ganze Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der +Nacht, gegen drei Uhr, der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung +gehabt. Die Lokomotiven blieben nunmehr reihenweise auf der Strecke +liegen, man hatte die kupfernen Feuerbüchsen aus den Maschinen gerissen +und sie durch eiserne ersetzt. + +Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe Herr, der dem +längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, ließ seine Schwester +herausbitten. + +»In großer Eile, Adele!« sagte der hohe Herr -- auf englisch, die +Geschwister sprachen nur englisch zusammen -- »Ich komme, um zu gehen. +Ich habe die ganze Nacht hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um +zehn Uhr, bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin +erkältet, und einen kleinen Imbiß. Und dann, keine Störung, bitte, nicht +die geringste -- sehr wichtige Geschäfte -- fahre mit dem Mittagszug +wieder zurück . . .« Trocken und hastig klang seine Stimme. + +Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von +Vertrauten versammelt, eine spiritistische Sitzung. Zuerst war ein +ungebärdiger Geist erschienen, ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512 +geboren, gestorben 1553, begraben in Bologna -- ungebärdig, er hatte das +Tischchen in Stücke gerissen. Zurzeit aber -- größtes Ereignis aller +Sitzungen des Jahres! -- hatten sie Verbindung mit dem Geiste eines +erhabenen Verblichenen, dem Geiste Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen, +Prophezeiungen der größten Tragweite . . . vielleicht interessiert dich +das Protokoll? + +Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die +Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen -- ganz im Gegenteil. So schnell +ihn die müden, dünnen Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu +seinen Gemächern empor. + +Gräfin Heller öffnete leise die Türe, und man hörte auf einen Augenblick +deutlich eine weiche, schmelzende Damenstimme: »Ich bitte Durchlaucht, +unsere Frage wiederholen zu dürfen . . .« + +Als der Diener Tee und Imbiß brachte, fand er den hohen Herrn +eingeschlafen in einem Sessel vor dem Kamin. Augenblicklich aber +erwachte er. »Die Koffer?« + +»In der Bibliothek, Exzellenz, wie befohlen.« + +»Nun, danke, gute Nacht, keine Störung, zehn Uhr Frühstück« -- und er +verschloß alle Türen und prüfte, ob die Vorhänge dicht geschlossen +waren. + +Die Flucht der Gemächer war tageshell erleuchtet: Gemälde, Bronzen, +Skulpturen, herrliche alte Möbel -- die Wohnung war ein Museum! Selbst +in dem geheimnisvollen Alkoven des Ankleidezimmers brannte Licht. Der +hohe Herr lächelte, unmerklich, soweit es die mit einer dicken +Wachsschicht überzogene, gelbe Gesichtsmaske zuließ. Die Lider bewegten +sich rasch über den großen starren Augen Franz des Ersten. Er rieb die +kleinen wächsernen Hände vor dem Kaminfeuer und trippelte mit hastigen, +steifen Schrittchen ratlos über das gleißende Parkett des Museums, immer +hin und her. Er schlürfte eine Tasse Tee, dann flüsterte er: »Und nun +wollen wir anfangen!« Und seine steile Glatze verschwand zwischen den +Portieren des Arbeitszimmers. + +Hier also fing er an. Zuerst öffnete er mit einem winzigen Schlüssel, +den er bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, italienische +Renaissance-Truhe. Ihr entnahm er einen Schlüsselbund. Dann schloß er +einen Mahagonisekretär auf, ein herrliches Stück, Empire, französisch, +schwarze Ebenholzsäulen, von goldenen Schwänen gekrönt. Fächer sprangen +auf, Schubladen öffneten sich. + +Nun standen alle Schränke, Truhen, Kommoden, Vitrinen des Museums offen. + +»Anfangen, ja anfangen --!« Aber wie, wo? »Richelieu sagt einmal --« + +Aber der hohe Herr verschwieg, was Richelieu sagte. Es war ihm im +letzten Moment entfallen, es interessierte ihn nicht mehr. + +Die Sammlung von Tabatieren, eine der kostbarsten in Europa -- in den +Koffer. Ein paar kleine alte Bändchen, in Schweinsleder gebunden, +gänzlich unscheinbar -- in den Koffer. Die Miniaturen auf Elfenbein, in +den Koffer. Eine Schatulle, fränkischer Herkunft, eingelegt die +Zerstörung Jerusalems, mit Schmuckstücken, Ringen, Uhren, Steinen, einem +Kruzifix, Gold und Email -- in den Koffer. Ein rotes Lederkästchen, bis +zum Rand gefüllt mit Ordenssternen -- in den Koffer. Die Mappe mit +Handzeichnungen, drei kleine Niederländer -- herrlich eigneten sich die +alten Brokate zum Einhüllen -- wieder ein Schluck Tee. Eine Börse voller +Goldmünzen, vergessen, von Reisen zurückgeblieben -- weshalb nicht? Sie +nahmen ja fast keinen Platz ein. Nun aber kam das Prunkstück an die +Reihe, das Kostbarste: ein vergoldeter, kleiner Hausaltar, spanisch -- +außerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen, eingehüllt, in +den Koffer. Aber die kleinen römischen Bronzen -- wie? + +Immer erregter glitt die Wachsmaske durch die Spiegel, sie tanzte +zwischen Brokaten, Bronzen, Stichen, Bildern. Nunmehr glänzte sie +fettig, aber das war der Schweiß infolge der Anstrengung. Jetzt +verschwand sie in das Ankleidezimmer -- kam zurück, entstellt, fast +doppelt so lang, die Wangen eingefallen, die Lippen faltig -- das Gebiß +hatte geschmerzt. + +Wieder ein Schluck Tee. Schon tagte es. Beim Anblick eines Päckchens von +vergilbten Briefen wurde der hohe Herr erregt. Er lief zuerst zum Kamin, +als ob er die Briefe verbrennen wolle, dann lief er zu dem +Empiresekretär. Aber, nachdem er das Päckchen schon in ein Geheimfach +eingeschlossen hatte, nahm er es wieder heraus -- in den kleinen Koffer. + +Briefe, Schriftstücke -- das Feuer im Kamin lohte stundenlang. Und, wie +gesagt, der Donatello: aus dem Rahmen zu nehmen, in Leinwand +einzuschlagen, zu umschnüren -- prächtig! Die kleine Wachsfigur glänzte +im Feuerschein, als schmelze sie, selbst die langen, dünnen Hände +. . . + +Als der Diener das Frühstück brachte, war die kleine Exzellenz schon fix +und fertig angekleidet, bereit zur Abreise. Schränke, Truhen, Vitrinen +geschlossen -- nichts zu sehen, auch nicht eine Spur! + +Bitte eine lange starke Schnur und einige große Packbogen! So. Nur der +eine Koffer, oben mit Anzügen gefüllt, wollte nicht schließen. Die +kleine Exzellenz schwang sich auf den Koffer, stieß ein paarmal mit dem +Gesäß gegen den Deckel -- so, siehst du, alles geht. + +Der Mittagszug nach Köln verließ die Halle, eine Wachsmaske, einer +Leiche in grünem Wasser ähnlich, blickte aus dem reservierten Abteil -- +mit einem unmerklichen, etwas hämischen Lächeln. Aber das mochte auch +von der Beleuchtung in der düstern Halle herrühren. Sofort aber schloß +die Wachsmaske in dem Abteil voller Koffer -- das solid verschnürte, +große, flache Paket in gelbem Packpapier nicht zu vergessen -- die Augen +und schlief ein . . . + +Nach langer Zeit, nach langem, gesundem Schlafe, erwachte der vornehme +Reisende plötzlich: eine gewisse Aufregung auf dem Korridor des Waggons! +Der Zug stand, in irgendeiner ärmlichen Vorstadt. Dämmerung und +rauchender Nebel. + +Da! Ei, ei -- was ist das? + +Schüsse? + +Ja, ein lustiges Gewehrfeuer knatterte -- oder? + +Der vornehme Reisende kroch zwischen seinen Koffern hervor und öffnete +die Türe des reservierten Abteils. + +»Ich bitte -- Schaffner?« + +Aber es gab keinen Schaffner, nur eine aufgeregte Schaffnerin in +Pumphosen. + +»Ich bitte sehr -- wir halten?« + +»Ja, der Bahnhof ist besetzt.« + +»Besetzt --?« + +»Ja, besetzt.« + +»Aber -- von wem besetzt?« + +»Von den Aufständigen.« + +»-- von den Aufständigen?« + +»Soeben ist wieder ein Regiment übergegangen.« + +»-- übergegangen, so, so.« + +»Ein Soldatenrat ist im Zuge und nimmt die Waffen ab.« + +»-- Waffen ab.« + +»In Köln arbeiten sie mit schweren Geschützen.« + +»Danke, liebe Frau -- ich bitte!« Und der vornehme Reisende drückt der +Schaffnerin ein Goldstück in die Hand -- ohne Übertreibung, ein +Goldstück! -- und zieht sich wieder in das reservierte Abteil zurück. + +»So, so!« Nun beginnt die Wachsmaske tatsächlich zu schmelzen. Ein paar +große Wachsperlen rinnen über die Stirn, ein flatterndes +Batisttaschentuch tastet nach ihnen. + + * * * * * + +Der General und Hauptmann Wunderlich speisten zusammen unter dem +schneeigen Glaslüster an dem runden, großen Speisetisch. Speisten? Sie +berührten die Gerichte kaum. Jakob brachte weiße Teller, trug weiße +Teller fort. + +»Aber diese vierzehn Punkte --?« fragte der General mit einem +mißtrauischen Knarren in der müden, heiseren Stimme. Sein Hals war von +einem dicken Umschlag umwickelt. + +Wunderlichs Gesicht zuckte. + +»Der Präsident ist ein Mann von Ehre!« + +»Hm. -- Aber ich darf doch bitten, Hauptmann Wunderlich, sich bedienen +zu wollen.«, + +»Wir haben das Wort von hundert Millionen amerikanischen Bürgern!« + +»Hm. -- Bitte, sich doch eingießen zu wollen, mir selbst ist es ja +verboten.« + +»Und Sie sagen, Hauptmann Wunderlich: die Waffenstillstandsbedingungen +sollen unter allen Umständen angenommen werden -- unter allen +Umständen?« + +»Man will versuchen, einige Zugeständnisse zu erhalten. Sollte dieses +Ansuchen aber zurückgewiesen werden: unter allen Umständen!« + +»Also bedingungslose Kapitulation?« + +»Bedingungslose!« + +»Hm.« Der General kämpfte gegen einen Hustenanfall. »Hm, aber --.« +Unmöglich, dachte er, mit eingesunkenen, düsteren Augen, das Volk muß +sich erheben! Erhebung der Massen! Kampf bis zum letzten Hauch -- + +Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Eben legte Jakob wiederum neue +weiße Teller auf. Quittengelb ist der General geworden. Seine Backen +sind eingefallen und schlaff. Die Grippe hat sich auf die Nieren +geschlagen. + + +3 + +Nacht. + +Riesengroß steht Ackermanns Geist über der dunkeln, schweigenden Stadt. +Sein Leib sind die Sterne, sein Haupt sind die Sterne, seine Augen sind +die Sterne. Seine Hände sind die Sterne. Schon kommt ein kaltes Gefunkel +aus dem Osten. + +Die Riesenstadt schläft, bedeckt mit dünnen Nebelschleiern ihre Dächer +und Türme. + +»Auf, auf, der Tag ist gekommen!« Die Stimme schallt und die schlafende +Stadt erbebt. »Auf, auf, mein Volk! Die Sterne funkeln! Erhebe dich +unter den Völkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der Läuterung!« + +Die Sterne erblassen. Aus dem Osten bläst kaltes Licht, die Nebel senken +sich dicht auf Dächer und Türme. Lieblich säuselt der Morgenwind. + +Und schon erheben sich die Schläfer! In Trupps, in Scharen. Der +gleißende Lichtgürtel, der die Riesenstadt umspannt, erlischt. Schatten, +geballt, beginnen zu wandern. In den dunkeln Vorstädten erhellen sich +die Fenster. Schritte schlürfen, sammeln sich, Schatten, geballt, +beginnen zu wandern. Vom Süden, vom Norden, von überall her beginnen die +Schatten, geballt zu wandern. Hunderttausende von Schritten sind +unterwegs. + +Die Morgenröte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt zu glühen. + + * * * * * + +Endlich -- ja, Gott sei Dank! -- trillerte die Marspfeife wieder und die +graue Limousine fegt durch die kühle, sonnige Herbstluft dahin. Die +Fußgänger entfliehen, rechtzeitig bringen sich die Straßenkehrer in +Sicherheit. In einer wunderbaren Kurve, unübertrefflich, wirft +Schwerdtfeger die Limousine um eine auf der Straße stehengebliebene +Karre voll Straßenschmutz herum. + +Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und konzentriert auf den +gekrümmten Rücken Schwerdtfegers geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas +müde, die Backen etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas +geschwollen, aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich +nehmen. Es bereiten sich Dinge vor, jeder an seinem Posten! + +Die Marspfeife schrillt -- vor Schreck fällt ein altes Droschkenpferd in +Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, Handbremse, die Limousine schleift -- +halt! + +Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden +zu -- rot die jungen Gesichter in der Morgensonne, Stahlhelme, die +Haltung wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. Nicht _ein_ +Tadel! Er fühlt sich beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt -- aber +welche Narren! Ein Blick auf die Karte Berlins genügt ja: einige +Brücken, Kanäle, Straßen besetzt -- und mit zwei Dutzend +Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu halten. Nur +Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften -- junge Burschen, kaum +den Knabenjahren entwachsen -- ja, obschon er die Gerüchte nicht eben +tragisch genommen hatte, fühlte er sich durch den Anblick dieses +Jägerbataillons beruhigt. + +An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den Gürtel mit +Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr dahin, langsam und gemächlich, +als käme sie von einer Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch +Befehl zusammengerufen. Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber in den +Marken ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die öffentliche Sicherheit +gefährdeten, auf Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation +strengstens verboten. + +Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand +gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an +den Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun, +es war selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine +Vorsichtsmaßregel außer acht zu lassen. + +Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den Blechmünzen auf dem +Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich +tiefer als sonst. Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine +tiefe Verbeugung drückte -- soweit die Stellung des Untergebenen es +zuließ -- die Genugtuung aus, Seine Exzellenz wiederhergestellt zu +sehen, sie beglückwünschte zur Genesung. + +»Exzellenz!« schlürfte er, und der Speichel rann über sein Kinn. + +Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelt ernst, doppelt +gesammelt durchschritt er das Foyer. Er bemerkte auch nicht die immerhin +auffallenden Verteidigungsmaßregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die +Offiziere, die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr -- wie +früher, in den alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas +langsamer. + +Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden -- aber der +General sah sie nicht. Nachdenklich verschwand er hinter der +gepolsterten Doppeltüre mit den Aufschriften: »Vortrag. Kein Zutritt. +Anmeldung Zimmer 6.« + +Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er gezwungen, +stehenzubleiben, seine Knie zitterten -- solche Anstrengung hatten ihm +die paar Treppen und Korridore bereitet. + +Das alte Herz erwärmt, vollkommen beruhigt, kehrte der Portier in seine +Loge zurück. + +»Ganz wie Anno Siebzig!« dachte er. »Als wir alle Angst hatten, +gefangengenommen zu werden -- und unser General sagte nur: Junge Hunde! +Ja, nichts sonst. So ist es auch heute. Man braucht nur in _sein_ +Gesicht zu sehen. Keine Besorgnis, nicht die geringste -- ehek, ehek!« + + * * * * * + +Horch! Schritte. + +Horch! Rufe. + +Fäuste pochen an die Tore der düstern Kasernen. + +Öffnet Kameraden! + +Öffnet -- wir sind es . . . + +Jubel! + +Und die Tore der Kasernen öffnen sich: der böse Geist der düstern +Gebäude entweicht. Ein Toter liegt still auf dem Bürgersteig, mit einem +Mantel zugedeckt. + +Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd steigt die Sonne des +9. November über Berlin empor. + +Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hunderttausenden. Über den +tausend Köpfen schwankt ein Plakat: Nicht schießen, Kameraden! + + * * * * * + +Immer noch etwas zitternd von der Anstrengung des Treppensteigens saß +der General an seinem riesigen Schreibtisch, in die Arbeit vertieft. +Akten, Schriftstücke, er sah nicht auf. Die Fenster waren geschlossen, +die blauen Vorhänge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfaßbar, +welche Unmenge von Arbeit sich angehäuft hatte! Ganz wie früher, vor +seiner Erkrankung, als sei alles noch wie ehedem, arbeitete der General. +Er versuchte es sogar mit einer Zigarre, ließ sie aber bald wieder +ausgehen. Die Schriftstücke flatterten in seinen Händen. + +Weißbach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt bis jetzt alles +ruhig. Nach ihm erschien der hünenhafte Major Wolff in der Türe, mit +einer dicken Mappe: Entscheidungen, die der Vertreter des Generals nicht +zu treffen gewagt hatte. + +Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausführlich ein, er verlor +sich in Einzelheiten. Hier mußte nochmals erinnert werden, hier empfahl +es sich, dringlich zu werden, hier war telegraphisch die Entscheidung +der höchsten Stelle zu erbitten. Major Wolff notierte. Diese +Angelegenheit aber wollte der General persönlich erledigen. Das +Befinden? Ja, danke -- um vieles besser, man kann wieder anfangen! + +Wieder war der General allein, in seine Arbeit vertieft. Die +Schriftstücke wehten in seinen Händen. Kein Laut, nicht ein einziger +Laut! + +Auf den Korridoren die Truppen, an allen Fenstern Stahlhelme, an den +Eingängen schwere Maschinengewehre mit Munitionskästen. Das Amt eine +Festung, die nur mit Geschützen genommen werden konnte. + +Fröhlichkeit und Gelächter bei den Drillichkitteln in den Schreibstuben. +Laßt sie klingeln, mögen sie ruhig klingeln! + +Das Telephon. + +»Ruhe, Kameraden!« + +»Die Maikäfer haben soeben Rot gehißt!« + +»Hurra!« + +Laßt sie klingeln, ruhig klingeln. Gelächter, Lärm. + +Aber in dem großen Arbeitssaal des Generals, hinter den Doppeltüren, den +Doppelfenstern, den zugezogenen Vorhängen -- kein Laut. Die Feder, das +leichte Keuchen und Rasseln beim Atemholen, nichts sonst. + +Wieder tritt Weißbach ein. Seine Sporen klingen, der General sieht auf. +Er erschrickt: ein Gesicht aus Kreide, mit blauen Lippen. Der Fernspruch +flattert in Weißbachs Hand. + +Und der General erhebt sich. + +Sein gelbes Gesicht wird fleckig, seine schlaffen Backen zittern. Das +breite Gesicht wird langsam grau, grau wie der Staub der Landstraße. + +Er neigt den Kopf. »Danke.« + +Die Sporen singen, lautlos schließt sich die Türe. + +Immer noch steht der General, den Blick auf das Parkett geheftet. Auch +seine Hände sind grau geworden. + +»Entflohen --« + +Ja, er sieht -- plötzlich, merkwürdig genug! -- Tribünen, schwarz von +Menschen, elegante Wagen fahren heran, Damen, Orden glitzern, +Federbüsche wehen. Fremdländische Uniformen, Glanz, Pracht -- und die +Truppen ziehen vorbei -- endlos. Die Musikkapellen schwenken ein und, +gleichmäßig wie die Wellen der Brandung, rauschen die Regimenter in +tadelloser Haltung vorbei. Und hinten, weit hinten stehen sie auf dem +Feld, unübersehbar, anzusehen wie farbige Beete eines unendlichen +Blumengartens -- und alle Augen sind auf den Mann zu Pferd gerichtet -- +_alle_. Eine Frühjahrsparade. + +»Entflohen --« + +»Desertiert --!« + +Da beginnt das Parkett zu kreisen, die Wände schwingen. Die Vorhänge +flattern und verschwinden. Nebel kreist, in endlosem, kreisendem Nebel +steht das graue Steingesicht und zittert. Die grauen Finger klammern +sich an den Schreibtisch. + +Stille. Er steht allein, inmitten der Unendlichkeit, ein Punkt im +Nichts, ein Pünktchen, das immer kleiner wird, schrumpft. + +Aber da -- hörst du: Lärm, Brausen, Schritte wie von Hunderttausenden, +Rufe, Gesang -- + +Allmählich, ganz allmählich kehrt das Bewußtsein des Generals aus dem +schauerlichen Sturz in das unendliche Nichts zurück. Er lauscht. Ein +Schritt mahlt, drunten, tausendfältig. Brausen umtost das stille, rote +Gebäude, hunderttausendfältig. Er vermeidet es ans Fenster zu treten, es +wäre seiner unwürdig. Aber sein Herz pocht in höchster Erregung. Jeden +Augenblick können die Maschinengewehre hämmern -- jede Sekunde -- da! +Rufe, Tosen, ein unerklärliches Splittern, als ob dünne Balken, Bretter +zerbrächen. Was ist das? Nichts. Die Rufe entfernen sich, der Tritt der +Hunderttausend, unter dem das rote Backsteingebäude erzitterte, entfernt +sich. Wieder Stille. Gott sei Dank, ohne Blutvergießen. Die Masse war +vernünftig. + +Aber diese Luft erstickt. Sie ist Blei, Eisen, sie lastet auf den Händen +wie Gewichte. + +Da erschien wiederum Weißbach in der Türe. Noch weißer sein Gesicht. + +Der General richtete sich auf. Breitbeinig stand er mitten im Zimmer, +die Füße auf das Parkett gepreßt, um nicht zu fallen. + +Mit einem Blick übersah er _alles_! + +Die Türen standen offen -- alles leer. Leer die Flucht der Arbeitszimmer +der Offiziere -- keine Seele mehr. Uniformröcke auf Stühlen und +Schreibtischen. Weißbachs kreidiges Gesicht -- und Weißbach trug Zivil +. . . + +Die Wände biegen sich, wölben sich, schon stürzen sie über ihn -- + +»Es ist Zeit, Herr General!« + + +4 + +Unübersehbar die Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude, Kopf an Kopf. +Kopf an Kopf zwischen den hohen Säulen. Da tritt eine Gestalt vor, +schwingt den Hut -- Brausen! Brausen, die Riesenstadt jubelt. + +Das rote Gebäude aber liegt tot! Verödet die Korridore. Die Türen stehen +alle offen, leer die Zimmer. Verschwunden die Stahlhelme, +Gewehrpyramiden und Maschinengewehre. Alles leer, ausgestorben. Nur die +großen Ballen sind geblieben, die alle Gänge des weiten Gebäudes +überschwemmten. Die Ballen mit den Karten ferner Länder, ferner +Provinzen -- der Peipussee, der Kongo . . . + +Langsam steigt der General die Treppe ins Foyer hinab. Er berührt mit +der Hand das Steingeländer, zum erstenmal. + +Soeben fährt Schwerdtfeger die graue Limousine aus dem Hof auf die +Straße. + +»Schnell!« ruft er, mit einer ungeduldigen, respektlosen Kopfbewegung. +Die Augen des Generals erweitern sich. Wie? Er hat noch immer nicht +begriffen. + +Da! Da! + +Aber was ist das? + +Der General taumelt zurück. + +Ein Auto, ein grauer, offener Wagen, rast, fliegt -- kein Wort -- er +schnellt in langen Sätzen über den Asphalt, wie eine startende +Flugmaschine hebt er sich in die Höhe, die Funken stieben aus den Pneus. +Matrosen! Und es flattert, weht -- eine rote Flagge! Verschwunden. + +Noch immer taumelt der massige Körper des Generals. + +Ja, jetzt hat er begriffen. Die zerbrochenen Gewehre auf dem Pflaster -- +die Truppen haben sie aus den Fenstern auf die Straße geworfen -- das +war das unerklärliche Splittern, das er gehört hatte, als zerbrächen +dünne Balken. Und der tobende Lärm in der Stadt -- jetzt begriff er. + +Der greise Portier schloß den Wagenschlag. + +Seine weißen Haarsträhnen flatterten im Wind, als die Limousine abfuhr. +Er hatte die Mütze abgenommen. Nein, nicht wie der alternde Moltke sah +er heute aus, mit seinem Frauengesicht. In seinem abgeschabten Mantel, +mit seinem dünnen Hals, seinen weißen, flatternden Haarsträhnen, seinem +hohlen Blick erschien er in diesem Augenblick wie ein alter Lämmergeier, +wie man sie in den zoologischen Gärten sieht. + +Aber weiter, weiter! Schwerdtfeger biegt ab. Eine Mauer von Menschen. +Der Motor dröhnt. Die Limousine jagt durch den Tiergarten, weiter, immer +weiter. Schwerdtfeger versucht die Tiergartenstraße zu erreichen -- +unmöglich. Wiederum Züge von Menschen. Rote Flaggen. + + * * * * * + +Schon knattert es in den Straßen! + +Hauptmann Wunderlich lehnt sich mit dem Rücken gegen die Hauswand, auf +seine beiden Krückstöcke gestützt. Der Rest von Farbe weicht aus seinem +zuckenden Gesicht, er stammelt. Verwegen aussehende Matrosen umstehen +ihn. + +Schüsse knallen in nächster Nähe. Mit schwerem Klatschen stürzt ein +Körper zu Boden. + +»Schon gut, wir sehen ja! Aber Sie könnten doch Unannehmlichkeiten +haben, Herr Hauptmann!« + +Und ein Matrose schneidet Hauptmann Wunderlich mit einem langen Messer +die Achselstücke ab. + +Dies geschah Ecke Linden und Wilhelmstraße. + +Die Wilhelmstraße lag, wie immer, ruhig. Ruhig und unbeteiligt vor dem +Kriege, ruhig und unbeteiligt während des Krieges und auch jetzt -- ganz +still! + +Nur zuweilen öffnete sich eine Türe, vorsichtig, vorsichtig, ein Kopf +spähte -- und dann eilte jemand mit einer Mappe unter dem Arm rasch die +Wilhelmstraße hinab. Gamaschen, Lackschuhe, die Monokel waren in den +Westentaschen verschwunden. Manche gingen so rasch, daß sie über die +eigenen Füße stolperten. Auch einige Seidenhüte glitten rasch aus den +Toren, pomadisierte Scheitel, bis in den Nacken durchgezogen. Ein +hagerer Elegant stelzte eilig über die Straße, Perücke, mikroskopisches +Schnurrbärtchen unter der Hakennase, ganz kurzes Überzieherchen, er +schlenkerte höchst eigentümlich mit dem rechten Knie: vor dem Kriege +Botschafter . . . + +Auch der Geheime Rat Westphal eilte mit seiner Mappe aus einer +Türspalte. Er wagte es nicht einmal, einen Blick in die Richtung der +Linden zu werfen. Sein dünner Chinesenbart wehte. Schon war er um die +Ecke verschwunden. + +Hinter ihm her eilte Professor Salomon -- mit dem Kürbiskopf und den +abstehenden Ohren. Er hatte den steifen Hut tief über die Glatze gezogen +und den Mantelkragen hinaufgestülpt. Er pfiff vor sich hin, tat +unbekümmert. Aber fortgesetzt drehte er sich um, dann wagte er sogar ein +paar Sprünge . . . + +»Kommen Sie, Herr Geheimrat --« + +»Ah, Sie sind es! Sie haben mich tödlich erschreckt!« + +»Ja, keine Kleinigkeit -- wie?« + +»Gewiß, keine Kleinigkeit, großer Gott im Himmel!« + +»Und ganz überraschend!« + +»Ein Blitz aus heiterem Himmel, fürwahr!« + +»Trotz mancher Symptome -- -- da, da! -- haben Sie gehört?« + +»Ja, ganz in der Nähe! Rasch, rasch! Nichtsahnend komme ich heute morgen +ins Amt -- wir besprachen gerade in aller Ruhe die politische Lage -- +England soll geneigt sein, eine wohlwollende Haltung gegen uns -- -- da +-- schon wieder!« + +»Wir werden versuchen, die Leipziger Straße zu überqueren -- kommen Sie. +Ob wohl noch Züge fahren?« + +»Sie reisen?« + +»Ja, aufs Land, auf mein Landgut . . .« + +»Ah, wie schnell Sie gehen!« + +»Man muß eilen. Jede Minute ist unter Umständen entscheidend für Tod und +Leben. Lesen Sie die Geschichte der Revolutionen . . .« + +Kreuz und quer jagt Schwerdtfeger. Endlich hält er und reißt die Türe +auf: »Rasch, rasch!« Willenlos gehorcht der General -- und schon fährt +Schwerdtfeger davon. + +Ein Zebrakittel! »Bitte Exzellenz!« + +Petersen! Schwerdtfeger hatte ihn vor der roten Backsteinvilla in der +Lessingallee abgesetzt, weil er nicht weiter konnte. + +Der General zögerte. Aber auch in der Lessingallee Trupps von Menschen, +die im Sturmschritt dahineilten. + +Er trat ein -- beschämt. Taumelnd tastete er sich vorwärts. Petersen +mußte an den Hauptmann denken, der immerfort sagte: Ach, wie dunkel es +ist -- ich sehe etwas schlecht . . . + +»Ich werde nicht lange stören, Petersen«, stammelte der General. »Nur +einen Augenblick -- wir kamen nicht weiter.« + +»Gnädige Frau werden sehr bedauern --« + +Immerhin, ein Glücksfall an diesem Tage! Dora war nicht hier. Der +General atmete auf. + +»Gnädige Frau reiste gestern ab -- nach Pommern, aufs Land, zu einer +Familie Olsen. Bitte Exzellenz Platz zu nehmen, ich werde sofort ein +Glas Wasser bringen.« + +»Olsen, sagten Sie?« + +»Ja, Olsen. Darf ich nun bitten -- eine Sekunde -- Exzellenz sind ganz +blaß geworden . . .« + +»Und Hauptmann v. Dönhoff?« + +Petersen tat erstaunt. + +»Er wohnt schon seit einiger Zeit nicht mehr hier. Er verließ uns, +mitten in der Nacht. Aber gnädige Frau werden sehr bedauern --« + +Am Nachmittag verließ ein Gutsbesitzer die rote Backsteinvilla in der +Lessingallee. Oder auch ein Jäger, wie man will, dem Äußern nach +jedenfalls eine Persönlichkeit aus der Provinz, die in Berlin von der +Revolution überrascht worden war. Dieser Gutsbesitzer trug einen nach +Kampfer riechenden, kurzen, altmodischen Jagdrock aus braunem Tuch, mit +großen Taschen, schweren Lederknöpfen, und einem schmalen, schon etwas +abgeschabten Pelzkragen. Ferner einen weichen, olivgrünen Hut, mit einer +krummen Hahnenfeder hinten, wie Jäger ihn tragen. + +Kaum hatte der Gutsbesitzer die Villa verlassen, so verschloß Petersen +die Haustüre und ließ sämtliche Rolläden herab. + +Immer noch blendete und funkelte die Sonne am wolkenlosen Himmel. Der +Himmel selbst strahlte Verheißung. + + +5 + +»Platz gemacht!« + +»Platz!« + +Die Autos rasen. + +Weite graue Mäntel, Soldatenmäntel, flattern eilig durch die Straßen. +Hier, dort, überall. Es sind Hunderte, Tausende. Voller Lehm, voller +Staub, der Kalk der Champagne, der Schlamm von Flandern, mit Blut +befleckt, versengt von den Granaten, von den Gasen gebleicht, +durchlöchert -- die weiten flatternden Mäntel haben die Stadt +überflutet. + +Und die Autos rasen dahin, mit Trauben von schweißtriefenden Menschen +behangen. Auf den Trittbrettern kauern sie, auf den Motorhauben, den +Schmutzflügeln, mit Gewehren und Handgranaten. Die roten Fahnen knattern +-- so rasen sie dahin. + +»Platz gemacht!« + +Es sind die Jungen, die gekommen sind, die neuen Gesichter, die Kühnen +und Wollenden. + +»Gegrüßt Ihr Kühnen, Wollenden, gegrüßt!« + +»Vorboten des kommenden Menschen, gegrüßt! Ihr Läufer, die dem neuen +Reiche vorauseilen, ihr Hoffenden, Starken, Liebeglühenden, gegrüßt +. . .« + +Ackermanns weiter Mantel flattert zwischen den roten Flaggen, die die +Linden hinabrasen. Schüsse knattern. Staub fährt aus der Stadt. + +Feuer speit der Vulkan und die Erde bebt -- -- + +Verloren -- alles, in einer einzigen Stunde . . . + +Und die Armee auf dem Rückmarsch! Regimenter, Divisionen, Korps -- +Hunderttausende, ja Hunderttausende. Hunderttausende -- Millionen! +Hunderttausende von Pferden und Wagen, Zehntausende von Geschützen -- +die Straßen überschwemmt, Schulter an Schulter, keuchend, Rad an Rad, +krachend, Pferdeflanke an Pferdeflanke, mit Schaum bedeckt -- Tag und +Nacht, Nacht und Tag -- jetzt in dieser Minute -- + +Der General findet keinen Schlaf mehr. + +Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer Wanderung, Schauspiel, unerhört in +der Geschichte, er _hört_ sie! Er sieht die Flugzeuge, die über den +Landstraßen kreuzen und die Marschbefehle abwerfen. + +Eine Stockung, und Hunderttausende sind dem Hungertode verfallen! + +Eine Stockung, und Hunderttausende fallen in die Hände des +nachdrängenden Feindes -- seine Vortrupps heben sich am Horizont ab! + +Eine Stockung, und Panik erfaßt Hunderttausende, die Riesenarmee +zersplittert in tausend Stücke und Banden von Verzweifelten wälzen sich +durch die deutschen Lande! + +Ein Wunder . . . ein Wunder an Manneszucht und Ausdauer allein -- +Europas Schicksal hing an einem Faden! + +Nein, kein Schlaf kommt mehr in die Augen des Generals! + +Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer beispiellosen Wanderung -- +beispiellos und unerhört -- aber er sieht auch, daß sie rückwärts +wandert. + +_Rückwärts!_ + +In Eilmärschen, vom Gegner diktiert! + +Niemals, niemals -- unfaßbar! + +Irgendwo brennt eine elektrische Lampe, und zuweilen kriecht das graue +Antlitz durch einen dunkeln Spiegel. + +Unfaßbar, ganz unfaßbar! + +Der General stottert, er findet die Worte nicht mehr -- seine fahlen +Lippen bewegen sich, ohne einen Laut hervorzubringen . . . + +Und hinter den dunkeln Vorhängen, hinter den herabgelassenen Rolläden, +horch! Ja, wieder! + +Da ist er wieder! Er mahlt. + +Der Schritt! Hunderttausendfältig, ohne großen Lärm, wie ein Volk, das +aufgebrochen ist und seinem Ziele zuwandert -- ohne sonderliche Eile, +denn es weiß, daß es sein Ziel erreichen wird. Dieser Schritt verfolgt +ihn. Tag und Nacht wandert der Schritt der Hunderttausend an seinem +Fenster vorbei. Eine Armee ist aufgestanden und wandert. Eine Armee, die +irgendwo verborgen lebte. Wo waren sie bis heute? Er hatte sie nie +gesehen. Lebten sie in der gleichen Zeit, in der gleichen Stadt? Ja, +weshalb sah er sie nie? Die Vielen, die Unbekannten -- mit diesen Augen, +die nicht Augen von Menschen waren, von Wölfen, Füchsen, Adlern und +Geiern. Mit diesen Gesichtern, die er früher nur in Träumen sah. Wo +hatten sie gelebt bisher, wo hatten sie sich verborgen gehalten? + +Horch! Woher? Wohin? + +Endlos, ohne Aufhören wandert der Schritt der Hunderttausend. Selbst im +kurzen Schlaf der Erschöpfung hörte er ihn. + +Der General nimmt den weichen Hut, und das graue Steingesicht -- grau +wie der Staub der Landstraße -- erscheint in dem kleinen, kahlen +Vorgärtchen. + +Die Augen der Wölfe und Füchse, die stechenden Augen der Geier gleiten +prüfend über das breite graue Gesicht, und ihr Blick dringt in die +Dunkelheit der schwarzen Augenhöhlen. Da aber beginnt es in den +Dunkelheiten dieser finsteren Augenhöhlen zu glühen und zu sprühen -- +noch ist es nicht _so weit_! + +Ein neues Geschlecht, ein verborgenes, unbekanntes, ungeahntes, nie +gesehenes, war aus der Erde gestiegen. + +Rufe, Schreie branden über den mahlenden Strom der Neuen, Niegesehenen +dahin. Der General versteht sie nicht. Fahnen, Plakate, Inschriften, +unverständlich. Lieder, Gesang -- unverständlich. + +Still steht er -- ja, wie ein Baum, die Blätter sind gefallen, ein +kahler Baum, und ringsum ist nichts, nichts, Nebel, soweit das Auge +blicken kann. Und der Baum fröstelt, krümmt sich im Wind. + +Endlos, in Wahrheit! Die Erde hat sich geöffnet und die Lava strömt -- +langsam und ohne jedes Ende. + +Schon wandert er neben dem endlosen Strom dahin und verliert sich in den +Straßen. Die Hände in den weiten Manteltaschen des altmodischen +Jagdrocks, den weichen Hut in die Stirn gezogen -- und den Schnurrbart +hat er etwas gestutzt, nicht viel, einen, zwei Daumen breit. + +Straßen ohne Ende wandert er hinab. Er überquert Plätze, blickt in +Seitengassen. Sein düsterer Blick zuckt über die Züge der Demonstranten. +Nicht einmal die Autos mit den roten Fahnen läßt er vorüberfahren, ohne +die Gesichter zu prüfen. Aber er läßt sich nicht entmutigen, weiter, +hinab die Straße, hinauf -- er _sucht_. + +Ja, er sucht! + +Die Straßen sind überschwemmt von Menschen. Die Dämme sind gerissen, die +Flut spült durch die Stadt. Aus den Vorstädten, aus den Fabriken, die in +den Nächten -- in wie vielen endlosen Nächten! -- gleißten, waren sie +gekommen, die gelben Gesichter, die Arme vom schlechten Öl zerfressen, +die Augen entzündet von der stechenden Flamme der Bogenlampen. Auch die +Bleichen und Fahlen, die den Tag seit Jahren nicht sahen, waren +gekommen. Auch sie waren gekommen, die sich von Rüben und faulen +Kartoffeln nährten, während der Kellner in Stifters Diele Geheimnisse in +das Ohr der Gäste raunte. Auch sie waren gekommen, die noch die Lügen +glaubten, während die Eingeweihten schon lange die Wahrheit kannten. +Auch sie waren gekommen, die ihren dünnen, abgescheuerten Ehering +opferten, während in den Schlössern die Leuchter aus schwerem Gold und +Silber auf den Tafeln standen. Auch sie waren gekommen, die Elenden, die +nicht einmal mehr ein Hemd auf dem Leibe trugen. + +Von da draußen -- da draußen -- --! + +Die Hohläugigen, die Vergessenen, die Ausgespieenen, die lebendig +Begrabenen, die Verfehmten, die Gemarterten, die Gekreuzigten -- ja, von +ihren Kreuzen waren sie gekommen. + +Auch die Frauen waren gekommen, die die Frucht ihres Schoßes, ohne zu +feilschen dem General hingegeben hatten. + +Auch sie waren gekommen, die Frauen, deren Männer längst in den +Massengräbern moderten, auch die Mütter waren gekommen, die ihre +Säuglinge an der versiegten Brust sterben sahen. + +Auch sie waren gekommen, die Wahnsinnigen, die Krieg und Not um den +Verstand gebracht hatte, auch sie, die Sterbenden, erschöpft zu Tode von +Gram und Mühsal, auch sie schlichen auf zitternden Beinen dahin. Auch +die Verzweifelten, die das Leben nur noch nach Stunden maßen, auch sie +waren gekommen. + +Auch die Tapferen waren gekommen, die Mutigen, die selbst in den +furchtbaren Jahren nicht den Glauben an den Sieg ihrer Sache verloren +hatten. Gepriesen sei ihr Name! + +Geboren von Müttern? Gezeugt in Betten? fragte der General. + +Ja, natürlich, was für eine Frage, geboren von Müttern. Gezeugt in +Betten und überall, hinter Zäunen, auf den Bänken der öffentlichen +Gärten -- was für eine Frage, als ob es darauf ankäme? + +Die Erde war geborsten, und sie kamen heraus. Die Formlosen, +Ungeformten, selbst noch Erde. Die Verschütteten waren ans Licht +gekommen, die Explosion hatte sie befreit. Die Kasernen und Zuchthäuser +waren geborsten. Auch die Schutzhäftlinge -- Tausende und aber Tausende, +die im Wege waren -- sie waren frei. Auch jener Inder, den ein Geheimer +Rat drei Jahre in Schutzhaft hielt, er war frei, und sein Peiniger +bestellte ihm ein Hotelzimmer, um selbst rasch ins Ausland zu +entfliehen. + +Verschwunden die auf den Mann dressierten Berittenen und die Blauen, die +gleich mit dem scharfen Säbel einschlugen. Verschwunden auch jenes +Polizeigehirn, das eine Bibel von Verordnungen verfaßt hatte, die jeden +Schritt von der Geburt bis zum Grab regelte. Fort mit ihm! + +Fahrdämme und Bürgersteige sind überschwemmt. Redner überall. Auf Autos, +Wagen, Karren, Bänken. Der _Stumme_, Jahrzehnte, Jahrhunderte stumm +gehalten, nun spricht er! + +Soldaten überall, einzeln, in Trupps, in Scharen, in ihren armseligen, +geflickten Uniformen. Durch das Blutmeer sind sie geschritten, dem +Blutmeer sind sie entstiegen, noch sind sie betäubt vom Geruch des +Menschenbluts, schon aber glänzt neue Hoffnung in ihren Augen. + +Düster gleitet der Blick des Generals über sie hin, seine Lippen zucken: +die deutsche Armee -- + +Er fröstelt. + +Kriegsgefangene, auch sie sind frei. In Rudeln schieben sie sich durch +das Gedränge: Franzosen und Russen, Italiener und Engländer, Schotten +und Irländer, Kanadier, Neger, Australier, Inder, in allen denkbaren +Uniformen. Sie rauchen, kratzen sich die stachligen Backen, spucken aus, +schnattern. Einer humpelt auf seinem Holzstumpen dahin, aber er lacht. +Ja, weshalb nicht? Der Krieg ist gewonnen, der Präsident wird ihn auf +die Wange küssen und ihm eine Blechmünze auf die Brust heften. Sein +Vaterland wird ihm eine Rente aussetzen, zwanzig, dreißig, vielleicht +hundert Franken den Monat, eine Drehorgel wird er gratis erhalten, er +hat keine Sorge mehr. + +Schon aber wandeln sie stolz und unnahbar durch die kochenden Straßen, +die Brust voller Ordenssterne, mit roten Streifen an den Hosen, Litzen +und Tressen glitzernd und funkelnd: die Sieger! Ein Geruch von Lorbeer +bleibt hinter ihnen zurück. + +Von weitem schon erspäht sie das Auge des Generals. Rasch begibt er sich +auf die andere Seite der Straße und sieht sie dahinwandeln. _Sie_ also! +Die Würfel fielen. + +Auch in seinen düstersten Träumen -- Ja, oft hatten ihn düstere Träume +gequält, oft schien es ihm, in müden Stunden, als ob es zuviel sei, ja, +trotz der wunderbaren Armee und der herrlichen Organisation, zuviel -- +aber selbst in seinen düstersten Träumen hatte er es nicht für möglich +gehalten, daß einst die Uniformen der feindlichen Generalstäbe unter den +Linden zu sehen sein würden. + + * * * * * + +Hell gegen den funkelnd blauen Himmel, hell und leuchtend flattert die +rote Fahne über dem Schloß. + +Versprechungen -- Lügen, freie Meinung -- Gefängnis, Freiheit -- +Kartätschen; ja, nun also flattert die rote Fahne auf dem Schloß. + +Im Gebäude des Reichstags tagt das Parlament der Novembermänner, im +Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus, wo die Greise noch gestern um +Nichtigkeiten feilschten, beraten sie. Wo man nur flüsterte, tobt der +Lärm, wo Diener die Stiefel des Unbekannten musterten, kauern die Posten +bei ihren Maschinengewehren. Fort die Gehröcke und Gamaschen, die +Flüsterer, die wehenden Greisenbärte und funkelnden Glatzen, die krummen +Rücken! + +Hüte dich! Wie eine Stichflamme brennt die neue Sonne am Himmel. Sie +stieg empor aus dem weiten Rußland, benetzt von Blut und Tränen. Sie hat +die Weichsel überschritten. Sie wird den Rhein überschreiten. Sie wird +den Kanal überschreiten -- benetzt von Blut und Tränen. Jenseits des +Atlantiks wird sie aus dem Meer steigen, und die Stahlkammern der +Wolkenkratzer werden in der Stichflamme dahinschmelzen -- auch die +Pyramiden der ägyptischen Könige sind heute nicht mehr als Steinhaufen +ohne jeden Sinn. + +Auch aus den Fluten des Stillen Ozeans wird sie eines Tages auferstehen, +wo die gelben Völker wohnen. + +Die Greise, die Grausamen, die Vermessenen, die die Geschicke der Völker +lenken, wird sie verzehren, die neue Sonne; ehe sie es gewahr werden -- +ehe sie lallen können, werden sie nicht mehr sein. + +Die Geschichte wird ihre Namen verzeichnen, wie sie den Namen Neros +verzeichnete, der Menschen als Fackeln brannte. Aber vor ihren Namen +wird Neros Name verblassen. + + +6 + +Zuweilen glitt ein kecker Soldatenblick über das graue Gesicht, und ein +keckes Auge versuchte in das Düster unter den grauen Brauen +einzudringen. Ein paar Unverfrorene gingen sogar eine Weile neben ihm +her und musterten ihn von oben bis unten. Das Düster unter den grauen +Brauen erhellte sich, und die Unverschämten entfernten sich schwatzend +und lachend. + +Das Gesicht des Generals flammte. Diese Verworfenen! Und doch -- +sonderbar: Furcht hatte ihn beschlichen, als sie ihn musterten. + +Wieder war ein Blick auf ihn geheftet. Dieser Blick flog einem +dahinfegenden Auto voraus. Er kam aus einem lachenden, heiteren Gesicht, +ein neugierig forschender, gutherziger Blick, und trotzdem fühlte er +ihn. + +Dieser neugierig forschende Blick ging aus von einem kleinen Feldgrauen +mit einer winzigen Mütze auf dem Ohr. Er saß, den Gürtel gespickt mit +Handgranaten, auf dem Kühler des dahinjagenden Autos, das bis zum Rande +gefüllt war mit Soldaten und Matrosen. + +Es war Hanuschke, in der Tat -- man erinnert sich, der um sein Leben +lief, während der General in Stifters Diele Spargel aß -- auch er jagte, +der krummbeinige, kleine Hanuschke, mit der roten Narbe zwischen den +Augen, auf diesen Donnerwagen durch die Straßen. Er war guter Dinge. Er +lebte und konnte es noch nicht fassen. Und weil er lebte, lachte er. +Niemand wünschte er etwas Böses -- und dieses graue Gesicht, es war ihm +nur so aufgefallen. + +Aber er erkannte es nicht wieder, es schien ihm nur, als habe er es +irgendwo gesehen. Und der General, er hatte diesen kleinen Feldgrauen +mit der Narbe zwischen den Augen überhaupt nie erblickt. + +Doch, was ist das? + +Fahnen, Plakate, und die Fußgänger treten zurück. Durch die Linden +gleitet und schwankt eine Prozession, die alle Blicke auf sich lenkt. + +Seht! + +Auf Krücken, auf Stelzfüßen schwingen sie sich daher, Dutzende ohne das +rechte Bein, Dutzende ohne das linke Bein, Dutzende ohne Beine. Eine +Anzahl wird von Kameraden auf Karren geschoben, sie sind gelähmt. +Scharen werden von Hunden geführt, sie sind blind. Sie haben keine +Hände, keine Arme, leere Ärmel in die Taschen geschoben. Ihre armseligen +Uniformen verbergen gräßliche Verstümmelungen. + +Seht, seht, ihr Menschen! + +Sie kriechen wie Insekten dahin, sie kriechen wie Krabben, seitlich, sie +humpeln. Ihre Gesichter sind zerschmettert. Sie haben keine Nase, kein +Kinn, ein roter Spalt ist der Mund. Ihre Gesichter sind schwarz- und +blaugebrannt, sie haben keine Ohren, die Hälse sind verdreht, die Köpfe +stehen zur Seite. + +Seht, seht, ihr Menschen! Fallt in die Knie! + +Ihre Augenhöhlen sind Löcher, die Lider darüber genäht, weiße Kugeln im +roten Fleisch. Treu und achtsam trippeln die Hunde, die sie führen. Seht +ihr Menschen, es sind nur Tiere. + +Auch sie sind auf die Straße gekommen. Was hat man ihnen nicht alles +versprochen, in feierlichen Ansprachen, Proklamationen, Erlassen? + +Hier also sind sie! + +Die Fußgänger weichen gegen die Häuser zurück und erbleichen. Nur die +Feisten, die im Kriege dick wurden, sie empfinden nichts. + +Der General steht mit dem Hute in der Hand. + +Wieder kochten die Straßen von Menschen und roten Fahnen. Wieder +gerannen sie zuweilen, und es bildeten sich eine Menge Inseln von +debattierenden Menschen. + +Die Novembermänner jagten auf ihren Wagen dahin. Lastautos schoben sich +durch das brodelnde Meer der Köpfe, mit Maschinengewehren, roten Flaggen +und Rednern, die zur Menge sprachen. + +Drehorgeln, Feldgraue, die Geige spielten auf einer Zigarrenkiste, +blinde Soldaten, die sangen, Soldaten, die tanzten, auf den Händen +liefen, wie Akrobaten Stühle in den Zähnen trugen -- und Scharen von +Verkäufern in grauen Soldatenmänteln, mit Waren aller Art. + +Plötzlich aber stoben die Menschen auseinander. Beine eilten, Arme +ruderten durch die Luft, Hüte rollten über den Asphalt. Gewehrfeuer +knatterte. Ein Maschinengewehr feuerte -- und schon waren die Straßen +reingefegt. Nur ein paar verwegene Feldgraue sprangen noch an den +Häusern entlang, von Torweg zu Torweg. + +Lautlos glitt ein graues Panzerauto über den Asphalt. + +Es huschte die Straßen entlang und verschwand. + +Und schon wimmelten die Straßen wieder von Menschen, die Drehorgeln +leierten wieder, die Verkäufer waren wieder mit ihren Kästen und +Schachteln zur Stelle, und die Akrobaten begannen von neuem mit den +Stühlen zu arbeiten. + +Schon bog ein neuer, unübersehbarer Zug von Menschen, Kopf an Kopf, +brodelnd von Flaggen und Inschriften, in die Straße ein. + + * * * * * + +Aus diesem unübersehbaren Zug löste sich plötzlich ein rostfarbener +Havelock, ein steifer Hut. Jemand rief, winkte. + +»Herr Herbst!« + +»Ah, Sie sind es?« + +»Ja, ich! Um Gottes willen --!« + +»Um Gottes willen? Und Sie rufen, schreien meinen Namen -- als ob wir +alte Freunde wären --? Und wie Sie aussehen, du meine Güte!« + +»Ja, wie ich aussehe!« + +Herr Herbst schob den steifen Hut aus der Stirn, denn er schwitzte vor +Erregung. Sein Gesicht war gerötet, die Bäckchen gedunsen. Eine rote +Schleife leuchtete an seinem Havelock. + +Augenblicklich zerrte ihn Herr Kunze, der schmächtige, semmelblonde +junge Mann eifrig abseits. + +»Helfen Sie mir, um Christi willen!« + +»Ihnen?« Herr Herbst trat zurück. + +Kunze nahm den Kneifer ab, putzte ihn aufgeregt und sah sich furchtsam +um. Sein Überzieher, sonst säuberlich gebürstet, war bestaubt und +verknittert, der grüne Plüschhut voller Schmutz. + +»Ja, mir! Seien Sie barmherzig! Nichts zu essen seit Tagen, kein Geld, +kein Obdach, immer auf der Flucht. Wir sind ja gleich am ersten Tage +geplatzt.« + +»Geplatzt?« + +»Ja, unsere Dienststelle. Die Fenster zertrümmert, die Schränke +zerschlagen, alles verwüstet, die Akten auf die Straße geworfen. Wohin +sollen wir uns wenden. Niemand wagt es, sich mit uns einzulassen. Sehen +Sie, hier!« + +»Eine Schramme!« + +»Ein Schlag über den Kopf! Sie haben mich erkannt, die Gefängnisse sind +ja geöffnet worden -- und da haben sie mich erkannt. Sie haben mich +mißhandelt und in den Kanal geworfen.« + +»In den Kanal, hahaha!« + +»Sie lachen? Ja, über die Brücke, aber ich konnte mich an einem Kahn +festhalten -- so saß ich im Wasser, bis sie fort waren. Und gestern, da +haben sie mich wieder erkannt, andere, die Stadt wimmelt von ihnen, und +verfolgt -- durch ganz Berlin. Ich bin gelaufen, schrecklich, um mein +Leben bin ich gelaufen. Ich flehe Sie an, auf den Knien. Helfen Sie +mir.« + +»Ihnen? Hahaha! Die Zeiten haben sich geändert. Die Gerechtigkeit ist +wieder in die Welt gekommen. Ein jeder nach seinen Verdiensten.« + +»Ach, auch Sie hartherzig! Und ich hoffte, Hoffnung erfüllte mich, als +ich Sie sah. Ich habe keine Wohnung, kann nirgends bleiben. Ach, Sie +ahnen es ja nicht! Wissen Sie, wo ich schon in diesen Nächten geschlafen +habe?« + +Kunze zerrte Herrn Herbst in ein Haustor und flüsterte. + +»Ist es zu glauben, daß ein Mensch da schläft? Eine barmherzige, alte +Frau. Erst morgens konnte ich wieder heraus. Gewöhnlich schlafe ich +zwischen Bretterhaufen, klettere über Zäune. Dann kommen plötzlich Hunde +-- entsetzlich!« Wieder glitt Kunzes Blick furchtsam über die beiden +Soldaten, die hinter dem kleinen Herrn Herbst aufgetaucht waren und ihm +überallhin folgten. + +»Schlimm, sehr schlimm!« sagte Herr Herbst mit einem spöttischen +Zwinkern der kleinen entzündeten Augen. »Und _ihn_? Haben Sie _ihn_ +schon gesehen?« + +»Ihn? Wen?« + +»Nun ihn, den ihr vom Dache -- da, am Anhalter Bahnhof --?« + +»Wie? Wie? Was --?« + +»Ja, ich habe ihn gesehen!« + +»Wie? -- Sie machen mich irrsinnig!« + +»Ja, gesehen. Nicht er ist es, natürlich nicht. Ihr habt ihn ja getötet. +Aber sein Bruder. Ein Jäger! Sieht genau so aus wie er -- ich dachte es +im ersten Augenblick. Nur etwas jünger. Und die Dame -- Sie erinnern +sich -- _jene_ Dame?« + +»Natürlich. Wir hatten wenig solch interessante Fälle.« + +»Ja, auch sie habe ich gesehen. Hier, sehen Sie, dieser Zettel. Hier.« +Kunzes Spitzelaugen funkelten. »Sie fuhren zusammen auf einem Auto -- +auf einem Auto mit roten Flaggen -- und warfen diese Zettel auf die +Straße.« + +»Gott stehe mir bei --« + +»_Ihm_ dürfen Sie nicht in die Hände fallen! Auch _ihr_ nicht!« + +»Helfen Sie mir um Christi willen. Retten Sie mich!« + +»Hahaha!« + +»Geben Sie mir Geld, damit ich entfliehen kann.« + +»Und einmal wollten Sie mich verhaften!« + +»Ich weiß es!« + +»Meine Wohnung haben Sie an sich gerissen und entweiht. In eine +Irrenanstalt wollten Sie mich bringen lassen -- drohten mir, verfolgten +mich auf Schritt und Tritt. Sagten, ich sei geistesgestört.« + +Kunze wischte sich den Schweiß von der Stirn. + +»Alles Befehl«, stammelte er, und hielt Herrn Herbst am Mantel fest. »Es +wurde befohlen, und ich mußte gehorchen. Man hätte Sie ja sofort in ein +Irrenhaus gebracht, weil Sie diesem hohen Offizier lästig wurden -- ich +aber bürgte für Sie, setzte mich für Sie ein, aus Mitleid . . .« + +»Und in die Zwangsjacke wollten Sie mich stecken lassen! Ja, jedem wird +gemessen werden nach seinen Verdiensten, Gerechtigkeit herrscht wieder +in diesem Lande. Ich darf wohl bitten!« + +»Auf den Knien, Herr Herbst, verehrtester --!« Kunze klammerte sich an +den Havelock. + +Da aber wandte Herbst den Blick auf die beiden Soldaten, die nicht von +seiner Seite gewichen waren. Ein Blick nur, aber er genügt! + +Augenblicklich trat einer der beiden Trabanten vor. + +»Was will er denn?« fragte eine tiefe, rauhe Stimme. + +Kunze preßte den Kneifer auf die Nase, lüpfte den grünen Plüschhut, und +schnell, schnell verschwand sein dünner Überzieher in der Menge. + +Schon schwang Herr Herbst wieder den steifen, verschwitzten Hut und +schrie, rot vor Erregung: »Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!« + +Schon waren er und seine zwei Trabanten wieder mit dem endlosen Zuge +verschmolzen, der sich breit durch die Straße wälzte. + +»Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!« schrien seine Trabanten. Tag für Tag +trotteten sie schwitzend und aufgeregt durch die Straßen. Jedem Zug, +einerlei welcher politischen Partei, schlossen sie sich an. + +Seine beiden Trabanten waren: ein kleiner, stämmiger, etwas +ausgewachsener Infanterist, eine Grabentype mit weitem Mantel, +Transportarbeiter von Beruf, der einen Konzertflügel auf den breiten +Schultern trug, und ein hagerer Artillerist mit schwarzem Schnurrbart, +schwarzen Brauen, schwarzen, wirren Haaren und schwarzen Augen, einer +kleinen, runden Mütze und einem braunen, gestrickten Wollkittel mit +Perlmutterknöpfen. Herbst hatte die beiden auf der Straße gefunden und +sie adoptiert, mit einem Wort. Sie waren seine Gäste im »Löwen von +Antwerpen«, er ernährte sie, sie tranken, und er bezahlte. + +Dafür waren sie ihm aber auch blind ergeben. Sie lasen die vergilbten +Briefe, die er in seiner Tasche trug -- lasen -- verstanden -- sofort! +Sie kannten ja das alles, kamen selbst von da draußen und wußten wie es +zuging. Aufmerksam hörten sie zu, wenn er von Robert erzählte -- von dem +Sturmangriff am 5. August, und schon am 4. war kein einziger +zurückgekommen. Stundenlang hörten sie zu und immer wieder. Die Augen +quollen aus ihren Schädeln. + +Der schwarze Artillerist erhob sich, ergriff die Flasche und schlug +damit auf den Tisch. + +»Sage ein Wort -- ein Wort genügt! Du brauchst nur zu sprechen!« Und er +warf lässig ein feststehendes Messer mit Hirschhorngriff auf den Tisch. + +Auch der stämmige Infanterist erhob sich und schob den breiten Nacken +vor. + +»Du kannst dich verlassen auf uns. Soll es morgen sein?« + +»Ich werde schon -- wartet nur, Geduld.« + +Und der hagere, schwarze Artillerist tanzte auf seinen langen Beinen, +schwang das Glas und sang mit rauher, tiefer Stimme seinen Trinkspruch: +»Licht aus, Messer raus! Haut ihn!« + +Und nun tranken sie alle drei die Gläser leer. + +Ja, blind ergeben. + +Vorläufig aber trotteten sie geduldig in diesem endlosen Zug unbekannter +Menschen. + +»Hoch! Hoch!« schrie Herbst und hob den steifen Hut. + +»Hoch! Hoch!« schrien die Trabanten und schwangen die Mützen. + + +7 + +Schon wird es Nacht. + +Der Wind pfeift durch die Linden, die Fenster klirren. Qualm schlägt aus +den Häusern, die Stadt raucht. Der Wind braust um das düstere Schloß, +die Säulen wanken. Die Rosselenker am Portal knicken zusammen unter den +Hufen der Rosse. Aber plötzlich wird es still, ganz still, der Wind +schweigt, und ein eisiger Luftstrom schiebt sich über die Linden dahin, +ein wandernder Block von Eis. + +Dunkle Wolken fliegen über die Stadt, schwarz, eine hinter der andern -- +wie sie jagen! Gespenstisch! + +Ja, gespenstisch, es sind die Toten, die Gefallenen, die über die Stadt +dahinjagen und auf den Wolken stehen. Die Kälte des Grabes fällt aus +ihren grauen, vereisten Soldatenmänteln. Denn sie lagen lange in der +kalten Erde. + +Der General erschauert, er zieht frierend den Mantel mit dem blutroten +Aufschlag über der Brust zusammen. Er sieht die Toten nicht da oben auf +den schwarzen Wolken, aber er fühlt die entsetzliche Kälte, die sie +mitbringen. + +Feuer spritzt vor seinen Füßen, ein Insekt schwirrt zischend an seinem +Ohr vorbei. Schüsse knallen. + +Nein, nicht der Mantel mit den blutroten Aufschlägen, er ist in Zivil, +aber er hatte es für Augenblicke -- wie lange? -- vergessen. + +Aus den finstern Straßenschluchten blasen Feuerfunken, aber der General +fürchtet die Kugeln nicht. Er wendet ihnen die Stirn zu, er öffnet die +Augen und blickt ihnen entgegen, er bietet ihnen die Brust dar und +bleibt sogar stehen. Unbeirrt verfolgt er seinen Weg. Nur die +entsetzliche Kälte, die aus den jagenden schwarzen Wolken fällt, erfüllt +ihn mit Schaudern. + +Licht in einer dunkeln Straßenschlucht. Ein totes Pferd liegt auf dem +Pflaster. Schatten umdrängen den Kadaver, Soldaten und Weiber mit +Messern. Sie zerlegen das Pferd und wickeln blutige Fleischstücke in +Zeitungsfetzen und Schürzen. Dort an der Ecke ein Auto mit dem Zeichen +des Roten Kreuzes. Eine helle Bahre gleitet durch den Lichtschein. + +Und wiederum Finsternis, ohne Ende. Die Straßen sind dunkle Katakomben, +Riesenschatten tanzen über die verlassenen Plätze, Schrecken lauert in +den finstern Haustoren. Manche Straßen sind wie mit Schnee bedeckt. Das +sind die Massen von Zetteln und Aufrufen, die täglich auf die Stadt +niedergehen. Der Fuß des Generals raschelt in ihnen. Da! Der Schrei +eines getroffenen Menschen. War es eine Frau? Ja, eine helle Stimme. Und +das Feuer prasselt. Der Widerhall klopft an den Häuserwänden. Der +Widerhall klopft im Herzen des Generals. Jede einzelne Kugel trifft ihn +ins Herz. Zu Ende! Alles zu Ende! Schon töten sie sich gegenseitig. + +An den Straßenecken ist ein Plakat angeschlagen: Berlin, halt ein, Dein +Tänzer ist der Tod! + +Ja, zu Ende -- + +Der Schritt des Generals stockt. Mitten auf dem Trottoir liegt, Arme und +Beine von sich gestreckt, in einer Lache von Blut, ein toter Matrose. +Rasch geht der General auf die andere Seite. Aber schon wieder +erschauert er. Etwas weht feuerrot in der Dunkelheit, etwas fließt +schimmernd weiß dahin, blitzschnell. Sein Herz bleibt vor Schrecken +stehen. Gespenster? Gespenster in Berlin? Nein, es sind Masken, +Vermummte, die eilig die Straße entlang huschen. + +Tanzmusik und der Lärm eines Balles hinter herabgelassenen Rolläden. + +Und wiederum Finsternis, Leere, Stille, die Stadt ist tot. Nur dann und +wann klatscht ein Schuß. Das Gewehrfeuer prasselt in der Ferne. + +Plötzlich empfindet der General deutlich, daß irgend etwas nicht in +Ordnung ist. Er fühlt die Nähe eines Menschen. + +Ein Schritt wandert hinter ihm! Immer hinter ihm her. + +Und auch drüben, auf der andern Seite der Straße -- ist es nicht +auffallend? -- schlürfen plötzlich Schritte. Zuweilen, wenn die +Dunkelheit durch einen Lichtschein erhellt wird, sieht er drüben zwei +kleine Gestalten dahinkriechen, die mit den Händen winken. + +Und der Schritt knirscht hinter seinen Fersen her. Er überquert die +Straße, der Schritt folgt ihm, er biegt um die Ecke, auch der Schritt +biegt um die Ecke. + +Da -- nun spürt er den Atem seines Begleiters im Nacken. Eine tiefe, +rauhe Stimme raunt dicht an seinem Ohre: + +»Ich kenne dich!« + +Der General zuckt zusammen. Er eilt weiter, er wagt nicht zur Seite zu +blicken. + +Und abermals raunt die Stimme: + +»General Hecht-Babenberg!« + +Drüben, auf der andern Seite, winken die Arme, winken zwei kleine, +bleiche Hände. + +Der General eilt, aber sein Begleiter eilt mit großen Schritten neben +ihm her. Es macht ihm nicht die geringste Mühe mitzukommen. Schon +beginnen die zwei Kleinen auf der andern Seite zu laufen. + +Lauter beginnt die Stimme des Unbekannten zu raunen, und plötzlich zuckt +der General zusammen. Die Stimme hat ein furchtbares Wort ausgesprochen, +ein schreckliches Wort -- unsägliche Beschimpfung. + +Nun rufen die auf der andern Seite. Sie winken und schreien: »Komm doch, +komm doch!« + +Da bleibt der Schritt plötzlich hinter ihm zurück. Ein Lachen klingt +durch die finstere, menschenleere Straße. Eine rauhe, häßliche Stimme +schreit: »Licht aus, Messer raus!« + + * * * * * + +Der General hatte keine Angst vor der Kugel, nein. Aber während der +Unbekannte ihm folgte, hatte er in der furchtbaren Angst gelebt, daß +plötzlich eine Faust nach ihm schlagen könnte. Unausdenkbare Schmach! +Nur aus diesem Grunde war er entflohen, aus keinem andern. + +Wer war es, was wollten sie? Und weshalb dieser furchtbare Schimpfname? +Nie, auf Ehre und Gewissen, niemals hatte er von seiner Truppe mehr +verlangt, als das Interesse des Vaterlandes unbedingt erforderte! + +In Schweiß gebadet, völlig außer Atem, kam er wieder in belebtere +Gegenden. + +Ein Eishauch entströmte dem dunkeln Tiergarten. Kein Licht, keine +Laterne, nichts. Die Fensterläden der Häuser geschlossen, die +Fensterscheiben schwarz. Und schwarze Wolken jagten über die kahlen +Wipfeln des Parkes dahin. Ein Auto, besetzt von Schatten, flog die +finstere Straße entlang. Unaufhörlich erscholl der warnende Ruf: »Straße +frei! Straße frei!« + +Die dumpfen Detonationen von Handgranaten ertönten drinnen in der Stadt, +irgendwo. + +Nacht ohne Ende, Nacht der Schrecken! + +Auf der Treppe seines Hauses fuhr der General erschrocken zurück: +Beinahe wäre er auf einen Menschen getreten! + +Wer war hier? Zitternd stand der General. + +Etwas wie ein großer, massiger Tierkörper schob sich schleifend die +Treppe empor. Ein unerklärliches Geräusch, eine Vibration ging von der +dunkeln Masse aus, wie wenn jemand vor Kälte zittert. + +Der General lauschte, dann rieb er zögernd ein Streichholz an. + +Auf der dunkeln Treppe kauerte ein Soldat mit zwei kurzen Krückstöcken +unter den hochgezogenen Schultern. Der Körper des Krüppels wurde +unaufhörlich von einem schrecklichen Zittern geschüttelt. Schmutz klebte +an seinen Kleidern, seine Beinstumpen waren vollkommen vom Straßenkot +durchweicht. Ausdruckslos verschwamm der Blick seiner halbgeschlossenen +Augen im erlöschenden Licht des Streichholzes. + +Der General beugte sich zu dem Krüppel herab. + +»Was haben Sie -- sind Sie krank?« fragte er. Er fragte nur, um dem +zitternden Haufen Fleisch einen Laut, eine Äußerung seines menschlichen +Wesens, zu entlocken. Hastig kramte er in seinem Überrock nach Geld, der +Gedanke fuhr ihm sogar durch den Kopf, den Soldaten mit sich ins Haus zu +nehmen. + +Der Krüppel stieß Laute aus wie ein Taubstummer, ein Röcheln entstieg +seinem krampfhaft geöffneten Mund. + +»Wo sind Sie verwundet worden, mein Sohn?« fragte der General und beugte +sich noch tiefer herab. Auch er, der Krüppel, strömte Kälte aus. + +»Wo? Sprechen Sie doch. Wo?« + +Mühsam schüttelte der Krüppel Silben aus dem Mund. + +»Wo? Ich verstehe nicht.« + +Aber plötzlich taumelte der General in die Höhe. + +Er hatte verstanden! + +Nun zitterte er genau wie der Soldat. + +Hastig, ohne zu denken, ließ er ein paar Geldscheine fallen und stieß in +aller Eile die Türe auf. Aber als er ins Haus treten wollte, fühlte er +plötzlich, wie sein rechter Fuß von einer Hand umklammert wurde, die ihn +festzuhalten suchte. War der Krüppel gefallen, suchte er Halt, suchte er +seinen Dank auszudrücken? Der General stieß die Hand von sich und trat +keuchend in die dunkle Diele. + +»Therese!« Oder, was er sonst rief. Jedenfalls rief er etwas, und seine +Stimme klang schrill, wie ein Hilferuf. + +»Drehen Sie das Licht an, Therese, ich kann den Schalter nicht finden.« + +Aber augenblicklich wankte der General aus dem Lichtschein. + +Quatre vents! Quatre vents! + +Von der Höhe kam er, der da draußen -- + +Lange Zeit saß der General regungslos in irgendeinem dunkeln Zimmer. + +Dann klingelte er dreimal. Das bedeutete: so schnell wie möglich +servieren. Er hatte seit dem Morgen nichts genossen. Therese beeilte +sich. Jakob? Wangel? Wohin? In der ersten Stunde waren sie von ihm +gegangen, ebenso wie Schwerdtfeger. Ja, selbst Jakob, dieser biedere +Bauernbursche, dessen Augen aufleuchteten, so oft er ihn ansprach. +Trotzdem -- in der ersten Stunde, mit einem völlig ungültigen +Urlaubsschein, ausgestellt von irgendeinem Soldatenrat. + +Als Therese eintrat, saß der General an dem großen, runden Speisetisch, +in seinem weiten grauen Feldmantel, der bis zur Erde reichte, den Kragen +hinaufgestülpt. Er war in sich zusammengesunken. Aber wie sah er aus? +Nicht mehr grau -- schneeweiß. + +Seine Augen starrten. + +Einer von der Höhe! + +Quatre vents! + +Seine starrenden Augen sahen Bündel von roten Leuchtkugeln in die Nacht +steigen -- wie damals, in jener Nacht, als er die Höhe verlor. + +Einer von jenen! Wie war er hierher gekommen? Seine Zähne schlugen +aufeinander. + +»Sehen Sie nach, Therese,« flüsterte der General, und seine Stimme nahm +bei jedem Wort eine andere Lage an, »vor der Türe ist ein Soldat. +Bringen Sie ihn herein.« + +Und wieder klapperten die Zähne des Generals. Aber Therese kam zurück. +Niemand war auf der Treppe. + +»Niemand?« + +Ja, vielleicht hatte er sich getäuscht. Wie? Vielleicht war tatsächlich +niemand da draußen gewesen? + +Also wirklich niemand? -- »Haben Sie geheizt, Therese?« + +»Ich werde den Arzt rufen, Exzellenz sind krank«, sagte Therese. + +Der General schwieg und brütete vor sich hin. + +Erst nach geraumer Weile verstand er, was Therese gesagt hatte. Er +drückte auf die Klingel. »Keinen Arzt, Therese. Ich bin vollkommen wohl. +Nur müde.« + +Aber die Gabel entfiel seiner Hand: er schlief am Tische ein. Seine +kreidige Wange lag auf dem Kragen des weiten Feldmantels. + + +8 + +Die schwarzen Wolken jagten über die finstere Stadt dahin. Ohne Ende, +ohne Zahl. Die Toten in ihren vereisten grauen Soldatenmänteln standen +darauf. Die Toten und Gefallenen aus den Massengräbern von Verdun und +Ypern, von Polen und von Rußland, Serbien, Rumänien, von Mesopotamien, +aus den einsamen Friedhöfen der Vogesen und der Champagne, die Toten aus +den Argonnen, die Toten von der Somme und die Toten, die aus dem Meere +gestiegen waren. + +Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrängt auf den schwarzen +Wolken, die in dieser Nacht ganz Deutschland überzogen. Denn in dieser +Nacht kehrten die Toten zurück. + +Horch, sie singen! Hörst du? Ihr Gesang braust! Was singen sie? +Unverständlich für die Lebenden ist ihr Gesang. + +Die Vorhut der heimkehrenden Armee der Toten hat Berlin erreicht, ohne +Ende ist ihr Zug, noch haben nicht alle den Rhein überflogen. Es sind +Millionen. + + * * * * * + +Dahinfegte die Limousine. Sie schnellte über eine Brücke und jagte in +eine endlose schnurgerade Straße hinein. Sie bog um eine Ecke -- und ja, +dies war nun die Lessingallee. + +Plötzlich pochte der General wild mit den Knöcheln an die Scheiben und +augenblicklich zog Schwerdtfeger die Bremse. Bevor das Auto noch stand, +war der General schon aus dem Wagen gesprungen und lief rasch in die +Straße hinein. Aber auch der kleine Mann in seinem Havelock eilte, so +schnell er konnte, dahin. + +Zwei, drei Sätze und die wütende Faust des Generals hatte den Havelock +erfaßt. + +»Was wollen Sie von mir? Sprechen Sie!« + +Der kleine alte Mann krümmte sich zusammen. + +»Was wissen Sie von meiner Tochter. Sprechen sie jetzt -- oder, oder +--!« + +Da zerfloß der kleine alte Mann, wie Nebel. Eine Sekunde noch das +bläulich-weiße Gesicht, grüne Funken, wo die Augen waren -- fort. + +So heftig war die Erregung, daß der General auffuhr. Er saß bei Tisch. +Allein. + +Ohne zu denken, griff er wieder nach Messer und Gabel und bemühte sich, +kleine Stückchen von dem kalten Fleisch auf seinem Teller abzuschneiden. +Er griff nach dem Glas -- aber schon erlahmte wieder die Hand. + +Kalt, kalt, die Kälte! Es war eisig kalt in diesem Zimmer. + +Und doch, der Ofen glühte. Er näherte die Hände -- deutlich sah er das +Eisen glühen -- aber, wie merkwürdig, keine Wärme. Nun erst, da er mit +den langen Nägeln das rote Eisen berührte, spürte er einen Hauch von +Erwärmung. Ein eisiger Luftstrom blies ihn an. + +Sonderbar -- seit jenem Tage hatte es begonnen! Deutlich erinnerte er +sich noch, wie das schneeblaue Gesicht durch die Scheiben ins Foyer +starrte, an den Briefumschlag sogar, der von häßlicher, unangenehmer +grüner Färbung war. Seit jenem Tage war die Unruhe über ihn gekommen. +Überall hatte er diesen kleinen geistesgestörten alten Mann gesehen -- +vor dem Hause, vor dem Restaurant, ja selbst wenn er einen Blick aus +seinem Arbeitszimmer warf, da stand er auf dem Platze. Sogar in der +Nacht begegnete er ihm häufig. + +Ja, er, dieser Unbekannte, hatte den Argwohn in ihm geweckt -- alles war +daher gekommen, allein daher! + +Noch heute, noch heute würde sie, Ruth -- + +Der Schmerz fraß. In seinem weiten Feldmantel, der nahezu den Boden +berührte, schritt er durch die Zimmer. Auf seinem Schreibtisch lag Ruths +letzter Brief: -- die dich geliebt hat, Papa, und noch immer liebt +. . . + +Sie hatte ihm unrecht getan. Alles entsprang doch nur der Sorge um sie, +der Fürsorge eines Vaters, dessen Pflicht es erheischte -- Kannst du es +denn nicht verstehen, mein Mädchen? Verhängnis über Verhängnis. Er, ihn +getötet? Wie? Wie? Ihn, den sie liebte? Er? Aber, wie kannst du nur so +etwas sagen? + +Die Stille lauerte. Lauernd und feindselig umstrich ihn die eisige Luft. +Der Brief flatterte plötzlich in seiner Hand. + +Ohne jeden Zweifel, er war nicht allein. + +Nein, nicht allein! + +Wieder glitt der lange graue Mantel durch die Zimmer. Er drehte das +Licht an. Niemand, natürlich. Aber er fühlte einen Blick auf sich +gerichtet und dieser Blick folgte ihm überall hin. + +Vorsichtig, mit zitternden Fingern, schob er den Vorhang zur Seite, er +öffnete das Fenster, leise, und spähte durch einen Spalt der Jalousien +hinaus auf die finstere Straße. + +Da, da -- sein Herz stockte! + +Nein, er hatte sich nicht getäuscht. + +Da stand er -- der kleine Geistesgestörte, in der Tat! Deutlich sah er +sein faustgroßes bleiches Gesicht. Die Augen waren auf dieses Fenster, +genau auf dieses Fenster, auf ihn gerichtet. Er stand mit zwei +Gestalten, zwei Männern, einem großen und einem untersetzten. Nun +näherte sich der Große der Haustüre, aber der alte Mann rief ihn zurück. +Sie sprachen: berieten, deuteten auf das Fenster, auf ihn! Dann gingen +sie, zögernd, und die Dunkelheit verschlang sie augenblicklich. + +Leise, vorsichtig schloß der General wieder Fenster und Vorhänge. Noch +eisiger war die Luft geworden. Kalter Nebel war durch das Fenster ins +Zimmer gekrochen. Ja, ohne Zweifel, die ganze Wohnung war nunmehr von +Nebel erfüllt. Die Wände rauchten. Sie waren grüne geschliffene +Eisblöcke, die dampften. + +Der Brief Ruths war auf den Boden gefallen und keuchend hob der General +ihn auf. Er war geneigt, über die politischen Verirrungen eines jungen +und urteilslosen Mädchens hinwegzusehen. Er war geneigt, gewisse +Vorfälle zu vergessen -- Irrungen eines jungen und leidenschaftlichen +Herzens. Er war geneigt, Zugeständnisse zu machen, völlige Freiheit +zuzusichern. Forderte sie es, so war er zu jeder Genugtuung bereit. Zu +jeder! + +Aber sie sollte zurückkommen! + +Ja, zurückkommen. Weshalb kam sie nicht? + +Er war alt, sein Leben vernichtet, zermürbt, untergraben, zerstört, ohne +Sinn, ohne Hoffnung, ohne jede Hoffnung! Er besaß nur noch sie, sie +allein -- sonst nichts mehr. + +Und er liebte sie! Ja, Ruth, es ist die Wahrheit, ich liebe dich! + +Das alles wollte er ihr sagen, sobald er sie traf. Und er würde sie +finden, ohne jeden Zweifel! Morgen, in aller Frühe schon, würde er sich +wieder auf den Weg machen. Sie war ja hier, hier in der Stadt, +Wunderlich hatte sie schon zweimal gesehen. + +Ja, all das, all das. Und er würde sie _bitten_ -- nie in seinem Leben +hatte er einen Menschen um etwas gebeten . . . Forderte sie es, von +ihrem alten Vater -- bestand sie darauf -- nun wohl, so war er bereit, +sich zu -- _demütigen_ . . . + +Plötzlich taumelte der General, so stark, daß er in einen Sessel fiel. +Er griff nach der Brust. Sein Herz --? Was war es --? + +In diesem Augenblick aber schrillte die Klingel, zweimal, dreimal, lang, +herausfordernd -- die Haustürklingel. + +Schritte kamen durch den Korridor. + +Aber schon stand der General unter der Türe. »Öffnen Sie nicht!« rief +er, zitternd in seinem weiten Mantel. + +Dumpf grollte es in der Ferne -- ein Geschütz hatte in der Stadt +gefeuert. + +»Ich werde selbst -- gehen Sie ruhig schlafen«, stammelte der General +und Therese schlich wieder in ihre Küche zurück. Immer noch schmerzte +das Herz in der Brust. Allmählich erst hörte es auf zu zucken. Nun erst +ging der General zur Haustüre und bot seine breite Brust der Finsternis +dar. Niemand. Aber dort drüben, im Park, schlichen da nicht Gestalten? + +Schüsse klatschten, und wieder feuerte ein Geschütz in der Stadt. + +»Sie zerfleischen sich -- wie Wölfe«, dachte der General. Und laut rief +er in die Dunkelheit hinein: »Ist jemand da?« + +»Hahaha!« lachte es aus der Finsternis. + +»_Hier bin ich! Was wollt ihr von mir?_« + +»Hahaha!« Ganz fern. + +Niemand. Er verschloß die Türe. + + * * * * * + +Ein Schritt raste die dunkle Straße entlang. Nein, nicht ein Schritt, +ein Rudel von Schritten. Hinter dem einen rasenden Schritt her jagte +eine Meute klappender Schritte. Geschrei. + +Da setzte der Schatten eines schmächtigen Menschen über die Straße und +verschwand im Gebüsch des Parkes. Ein Rudel von Schatten setzte hinter +ihm her. »Haltet ihn, haltet ihn, den Spitzel!« + +Die Stimmen verloren sich. + +Kunze keuchte. Eine Sekunde noch und er wäre zusammengestürzt. +Meilenweit hatten sie ihn gejagt und alle Wachtposten hatten auf ihn +geschossen. + +In Schweiß gebadet warf er sich auf den Boden. Da begann der ganze Park +wie ein Hammerwerk zu pochen. Lob und Dank dem Herrn, sie hatten seine +Spur verloren -- ihre Stimmen klangen ferner und ferner. Ein Schrei -- +vielleicht hatten sie einen andern niedergeschlagen? + +Noch keuchte die Brust, und schon begann Kunze wieder zu laufen. Durch +den ganzen finstern Tiergarten eilte er. Furchtsam mied er Wege, ob sie +breit oder schmal waren. Endlich kam er in eine Gegend des Parkes, die +Sicherheit verbürgte. Es war dicht hinter dem Zoologischen Garten. + +Eifrig spähte er in die dunkeln Baumwipfel empor -- ja, hier, dieser war +der richtige. Ein einladender Ast, nicht allzu hoch über der Erde, aber +doch hoch genug, gerade was er suchte. Hinauf, schon war der Strick +festgemacht, die Schlinge gebunden. So. Und nun rasch! Keine Stunde +länger war dieses Leben zu ertragen -- ja, schade, er hatte nicht einige +Autos zur Verfügung, um über die Grenze fahren zu können -- + +Nur noch eine Sekunde, bitte, bis er Atem geschöpft hatte -- und dann: +hinab! + +In der letzten Nacht hatte er in einer Kanalisationsröhre geschlafen; in +der Lindenstraße, vorgestern in einer Sandkiste beim Halleschen Tor. +Einmal hatten sie ihn schon gefangengenommen -- nein, nein. Schluß! Eine +Sekunde nur -- und dann: hinab! + +Die Schlinge um den Hals saß er da, dampfte und keuchte -- zu seinem +Schrecken gewahrte er jetzt, daß er sich ganz in der Nahe eines Weges +befand. + +Dunkel und schweigend lag der Tiergarten. Eigentlich, bei rechtem Licht +besehen, ein Park für Selbstmörder, nicht wahr? Eine rührende Vorsorge +der Stadtverwaltung! Jede Nacht erschoß sich hier jemand, erhängte sich +irgendeiner -- fast gab es keinen unbesetzten Baum mehr. In der Ferne, +aus der dunkeln Stadt prasselte Gewehrfeuer, und dann und wann dröhnte +ein Kanonenschuß. Sie kämpften. Es war nicht gut, ihnen gerade jetzt in +die Hände zu fallen . . . + +Schwarze, gespenstische Wolken jagten über den kahlen Baumwipfeln dahin. +Das welke Laub raschelte. Zuweilen hörte er auf seinem Ast auch Stimmen +und Gelächter bald näher, bald ferner -- und Gesang. Gesang. Dann +wiederum Schüsse. Und sonderbare Laute, Miauen und Bellen, drangen aus +dem Zoologischen Garten. + +So also sollte er enden! Was würde sein Vater, der Pastor sagen? Ein +_Selbstmörder_ in der Familie! Schande, Schmach -- Heimsuchung des +allmächtigen Vaters im Himmel! -- Luxus, schöne Frauen -- und der Ruhm? +Es war nichts damit geworden, nein. Gerade als der Krieg ausbrach wollte +er zur Bühne gehen. Hamlet! Den ganzen Hamlet kannte er auswendig. + +»Sein oder Nichtsein --« flüsterte er und hob die Arme. + +Beinahe wäre er von seinem Ast gefallen. + +Dahinwandeln im Licht der Rampe, bewundert, umrauscht vom Beifall -- +Briefe schöner Mädchen und Frauen -- alles nichts. + +Und nun -- das Seitenstechen hatte aufgehört -- und nun . . . + +Da aber hörte er Schritte knirschen. Er erstarrte vor Entsetzen. Kamen +sie wieder? Weshalb hatte er auch solange gezögert? + +Zwei Schatten wanderten über den Weg nebenan. Plötzlich bogen sie in die +Büsche ein. Sie schlichen näher, immer näher. Ja, sie kamen zu ihm, beim +Himmel. Seine Haare sträubten sich. Er wagte nicht mehr zu atmen. + +Ein Mann und eine Frau, sie lagerten sich unter seinem Baum. Etwas +Weißes schimmerte, Flüstern, Küsse, Lachen, Geplauder -- leise Schreie +-- eine volle Stunde mußte er ohne jede Bewegung sitzen. Endlich gingen +sie wieder. + +Nun aber wollte er keine Minute mehr versäumen! + +Die Dunkelheit begann zu sprühen. Augen öffneten sich in der Finsternis, +erschrockene, entsetzte Augen -- ja zumeist entsetzte -- wenn die Hand +des Gesetzes ausholte! Auch die Augen jenes jungen Mannes, der auf dem +Straßenpflaster lag, noch etwas atmete und rief: Alle Völker sind +Brüder! + +Ja, auch diese Augen . . . + +Kunze weinte. Und plötzlich sprang er, ohne Überlegung, -- ein scharfer +Schmerz schnitt in seinen Hals: zu Ende, vorbei -- + +Aber einen Augenblick später saß Kunze im feuchten Gras. Er konnte es +nicht fassen, anfangs -- der Strick war gerissen. + +Weinend lief er durch den dunkeln Park, den Strick um den Hals. + + +9 + +Der General steht über die Karte gebeugt, entschlossen und eisig seine +Miene. Lautlos tritt der Chef des Stabes ins Zimmer. Schon beginnen die +Autos und Motorräder der Befehlsüberbringer zu dröhnen und zu rasseln. +Der Boden zittert vom Feuer, dicht nebenan schlagen die Geschütze, als +würden Türen aus Erz ins Schloß geschleudert. + +Alles ging gut! + +Der Gegner, sein Gegner da drüben, dieser Halunke mit dem Käppi und dem +weißen Spitzbart, hatte ihm die Höhe durch Überraschung genommen, mitten +in der Nacht. Aber er hatte sich verrechnet! Schon taumelten die +Soldaten von ihren feuchten Strohlagern, schon rollten die Autobusse, +die Hölle wollte er ihm bereiten. Bevor die Sonne aufging, war die Höhe +wieder in seiner Hand. + +Es ging vorzüglich, schon hatten die Jäger das Labyrinth -- das +Hauptfort der Höhe -- wieder seinen Zähnen entrissen. Aber irgend etwas +war doch auffallend -- plötzlich schienen es weniger Offiziere zu sein. +Im Vorzimmer war überhaupt niemand. In der Schreibstube arbeiteten im +ganzen zwei Leute. + +Doch auffallend! Wo ist der Chef des Stabes? Der General klingelte. +Niemand kam. Er stieß ungehalten die Tür auf: niemand! Wieder ging er in +das Schreibzimmer, der Telegraph tickte -- aber niemand! Die Kanonen +schlugen weniger laut. + +Wo waren sie hin, das Gewimmel von Offizieren, Adjutanten, Schreibern, +Ordonnanzen? Das ganze Schloß mit seinen hundert Sälen war leer und +finster. Im Schein des. Geschützfeuers suchte er seinen Weg. Bilder, +Möbel, Spiegel, die rot aufglühten. + +Kein Mensch! + +Er war allein. + +Bestürzt eilte er vor das Portal. Kälte, Nacht. Der Boden gefroren, ein +eisiger Wind, die Bäume kahl und spitz. Ringsum, der ganze Horizont ein +Feuermeer. + +Aber kein Lärm! + +Über die Parkmauer fuhr von Zeit zu Zeit ein Feuerbalken. Die Haubitzen +standen dahinter, richtig. Der General eilte. Eben schwankte in der +Dunkelheit ein Rohr, Glut blies in die Nacht -- aber kein Mensch und +kein Laut! Der General strich entsetzt um das Geschütz -- keine Seele -- +was war das --? + +Wieder taumelte das Rohr, und im Schein des Abschusses sah der General +das große dunkle Schloß zusammenstürzen, das Dach stürzte, die Säulen, +das Portal -- aber kein Laut. + +Entsetzen schüttelte ihn. Er schrie auf. + +Da erwachte er. Seine Augen wanderten über die Wände. + +Erst nach geraumer Zeit fand er sich zurecht. Er saß in seinem +Arbeitszimmer, in seinem Sessel, genau wie vor wenigen Minuten. +Sonderbar, die Uhren gingen, die Pendel schwangen, aber er hörte sie +nicht mehr ticken. + +Seine Lider waren schwer wie Blei, die Glieder wie gelähmt. Was geschah +mit ihm? Müde, müde. + +»Ich bin müde«, sagte er mit schwerer Zunge. + +»Ich bin sehr, sehr müde!« + +Er wollte aufstehen, aber er blieb dennoch sitzen. Vor seinen Füßen lag +ein Schreibheft, ein dünnes beschmutztes Notizheft. Ach, ja, es waren +die letzten Aufzeichnungen Kurts, seines ältesten Sohnes -- gefallen bei +Comble in der Sommeschlacht, ruhmvoller Verteidiger der Riegelstellung. +Nun erinnert er sich: er hatte es aus dem Geheimfach genommen und wieder +gelesen -- wie in vielen, vielen einsamen Nächten. Feuer, Entbehrungen, +Schrecken, Tod . . . + +»Und alles umsonst?« flüsterte der General und schüttelte fassungslos +den Kopf. + +»Alles umsonst!« + +»Wie, wie, wie?« + +»Ein Volk von Bettlern!?« + +»Ein Volk von Sklaven!?« + +»Ausgelöscht von der Erde, in den Schmutz getreten!« + +»Alles, alles umsonst!« + +»Ach!« + +Der General stöhnte. Er schlug die weißen Hände vor das weiße Gesicht. + +Er erhob sich. Aber die Beine trugen den schweren Körper nicht mehr. Er +sank wieder in den Sessel zurück. Die bleischweren Lider fielen herab -- +Bilder zogen vor seinen Augen. Und doch war er wach, träumte er nicht. +Deutlich erinnerte er sich, daß er soeben die Aufzeichnungen Kurts +gelesen hatte. Das Schreibheft lag vor ihm auf dem Boden. + +Nun also stieg er mit dem kleinen alten Mann, dem zudringlichen, der +sich nicht abweisen ließ, die Höhe hinan. Er hatte seine Hand ergriffen, +und sie gingen beide bergan -- und doch wußte er, daß er in seinem +Arbeitszimmer saß! + +»Sie wollen also durchaus hinauf, haben keine Furcht?« + +»Nein, keine Furcht.« + +Aber die Höhe war nicht dunkel, obschon es mitten in der Nacht war, sie +war matt erhellt. Nicht leblos und starr war sie -- sie wimmelte von +Menschen. Scharen standen hier, Mann an Mann, in ihren grauen Mänteln, +die ganze Kuppe war besetzt von ihnen. Ein Wall von grauen Mänteln links +und rechts. Tausende und aber Tausende, alle bleich, fahl, +leichenfarben. + +»Herbst, nicht wahr?« + +»Ja, Herbst.« + +»Und wie war doch der Vorname?« + +Und laut schrie er: »Der Jäger Robert Herbst vortreten!« + +»Hier!« + +»Hier! -- Hier! -- Hier --!« + +Ringsum, überall schrien die rauhen Soldatenstimmen: Hier, hier! Alle +--! + +Ja, sonderbar -- so deutlich hörte er die Feldgrauen rufen, und doch +wußte er genau, daß er in seinem Sessel saß. + +Das weiße Gesicht des Generals ist auf die eisige Hand herabgesunken. +Seine Augen sind ohne Blick. Ja, eigentümliche Bilder ziehen vor seinen +blicklosen Augen, fließen, unaufhörlich, ohne Ende -- eigentümliche +Bilder . . . + +Plötzlich greifen die weißen Hände des Generals wild in die Luft, und +schon steht er aufrecht mitten im Zimmer. + +Ein Gesicht ist erschienen: _das Gesicht einer weinenden Frau_ . . . + +Seine hellen, großen Augen blenden. Deutlich unterscheidet er wieder die +Gegenstände im Zimmer. Deutlich sieht er wieder die dunkeln Gemälde an +der Wand -- jedes einzelne. Offiziere alle, Militärs, in Uniformen, mit +Ordenssternen geschmückt, den Degen an der Seite, alle die gleichen +breiten Gesichter, soliden Brustkörbe: alle Hecht-Babenbergs. Und jener +Einarmige, über der Türe, das ist Jochen Friedrich Wilhelm Ernst +Hecht-Babenberg, der nach dem Dreißigjährigen Kriege das Stammgut erwarb +und den Wahlspruch des Geschlechts prägte: Lorbeer und Land! + +Verschwunden ist plötzlich alle Müdigkeit! + +Der General wankt in seinem weiten Feldmantel durch die Räume, wankt, +schwankt, taumelt, aber er fühlt es nicht. Sein Mantel weht. Oft muß er +sich mit den Händen an der Wand stützen. Aber er fühlt es nicht. Für ihn +gibt es keine Wände mehr. + +Die Wände sind verschwunden, er blickt, weit, weit, unendlich weit! + +Er sieht -- oh, ungeheures Schauspiel: die Welt in Flammen! + +Ja, die Welt in Flammen! Europa, Asien, die Reiche der Mongolen, Afrika, +die Reiche der schwarzen Völker, Amerika, alles in Flammen! Und durch +Rauch und Flammen kriechen sie: sieh! Ja, sie sind es! Nun sind sie +Wirklichkeit geworden! Riesenhaft, Städte aus Stahl, Riesenkreuzer +kriechen durch den Rauch der brennenden Welt. Sie starren vor +Geschützen, sie werfen Flammen, bis hinter den Horizont schleudern die +Pumpen das brennende Öl. Ihre Schuppenräder zermalmen Städte und +zertreten Ströme. Ringsum funkelt der Horizont wie schwarze Kohle. Ein +brennender Kontinent schmilzt ins Meer. + +So! So! So! Ja, das waren sie! + +Aber nun kam sie selbst, die Armee, unendlich wie die Wellen des Meeres. +Regiment an Regiment, die Waffen klirren, so ziehen sie an ihm vorüber. + +Fester hüllt er sich in den Mantel. Eisig pfeift der Wind! Die Luft ist +gefroren, Eis, schon klafften Spalten in der Luft, wie in Gletschern, +aber die Armee marschiert. Ihr Schritt donnert. + +Da, da -- dort! + +Die Stadt! Dunkel, finster, qualmend. Und deutlich sind die roten +Flaggen zu sehen, die über der finsteren, qualmenden Stadt wehen. Ganz +deutlich! Frech flattern die Fahnen der Rebellen. + +Der General hebt die Hand -- Angriff! -- und die Armee, unendlich, +unübersehbar, wälzt sich der qualmenden Stadt entgegen. + +Eisig aber, entsetzlich eisig, scharf wie Gift bläst der Wind, und +dichter, immer dichter, hüllt der General sich in den Mantel. Schon +zerfrißt die Kälte den Stoff, Stücke lösen sich. Schon zerfrißt die +Kälte die Haut, die sich aufrollt, schon zerfrißt die Kälte die Lungen +. . . + + +10 + +Niki sang sein Morgenlied, aber der General erhob sich nicht. + +Eingehüllt in seinen grauen Feldmantel lag er da. Seine Augen standen +offen -- was sahen sie? + + * * * * * + +Endlos bewegt sich der schwarze Strom des Volkes dahin, langsam, die +roten Fahnen wogen. Die Musikkapellen spielen Trauerweisen, Bataillone +von Soldaten, Bataillone von Matrosen. Berge von Blumen. Unter diesen +Bergen von Blumen liegen die Opfer der Freiheitskämpfe. + +Zur gleichen Stunde setzte sich der mit schwarzen Tüchern behangene +Trauerwagen mit dem Sarge des Generals in Bewegung. Hauptmann +Wunderlich, in einem einfachen Soldatenmantel, an seinen Krücken +humpelnd, gab ihm das Geleite zum Bahnhof. Niemand sonst. Nein, niemand. + +Mitten in der Stadt gab es einen Aufenthalt. Der Wagen mit dem Sarge des +Generals war dem großen Trauerzug des Volkes begegnet, der die Stadt +überschwemmte. + +Unaufhörlich wälzt sich der dunkle Trauerzug dahin. Kaum ist eine der +ungezählten Kapellen außer Hörweite, so wird schon die folgende +vernehmbar. Stunden vergehen. + +Wunderlich setzt sich mit seinen Krücken auf die Straße. + +Ja, endlos, endlos, in Wahrheit! Ein Meer von Menschen wälzt sich +vorüber. Wogen von Blumen über dem wallenden Menschenmeer. Gleichmäßig, +ohne jede Eile, wandert der Schritt der Hunderttausend dahin, die Stadt +beginnt zu dröhnen, zu donnern -- + +Hoch über dem Strom der Köpfe aber zieht Ackermanns Geist dahin! + +»Mein Volk, meine Liebe und meine Sehnsucht fliegen vor dir her! Wirst +du auserwählt und berufen sein unter den Völkern der Erde? Sieh, wie sie +funkeln am Firmament des Gedankens, deine großen Geister, sie blicken +auf dich! Auf, auf! Auf den Weg . . .« + +Endlich wurde die Straße frei. Der mit schwarzen Tüchern behangene Wagen +mit dem Sarge des Generals setzte sich wieder in Bewegung, und +Wunderlich nahm seine Krücken und humpelte hinter ihm her. + +Schon dunkelte es, schon sanken die finstern Nebel über die Straßen. +Schon begann das Gewehrfeuer wieder zu knattern in der von Finsternis +erfüllten Stadt. + + Werke von Bernhard Kellermann + + Yester und Li + Roman / 142. Auflage + + Ingeborg + Roman / 100. Auflage + + Der Tor + Roman / 46. Auflage + + Das Meer + Roman / 76. Auflage + + Der Tunnel + Roman / 217. Auflage + + Der Krieg im Westen + Kriegsberichte / 20. Auflage + +Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 19]: + ... Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-a-vis de rien! ... + ... Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-à-vis de rien! ... + + [S. 38]: + ... das Reich Karls des Großen wieder errichten. ... + ... das Reich Karls des Großen wieder errichten.« ... + + [S. 50]: + ... Während der Tango kollerte, gurrte, kleine wolllüstige ... + ... Während der Tango kollerte, gurrte, kleine wollüstige ... + + [S. 65]: + ... auszudenken. -- ... + ... auszudenken. --« ... + + [S. 95]: + ... »Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr? ... + ... »Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr?« ... + + [S. 143]: + ... nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elend ... + ... nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elends ... + + [S. 179]: + ... der Hand, vor seinem Herrgott treten mußte. ... + ... der Hand, vor seinen Herrgott treten mußte. ... + + [S. 188]: + ... diese erschreckend realistische Aufnahme Besuchen zu zeigen. ... + ... diese erschreckend realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen. ... + + [S. 208]: + ... Haremsdamen, Odolisken in Seide, Tüll, Schleiern, ... + ... Haremsdamen, Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, ... + + [S. 328]: + ... es war ihm unmöglich gewesen, den bedingslosen Glauben ... + ... es war ihm unmöglich gewesen, den bedingungslosen Glauben ... + + [S. 366]: + ... für den Kognak! Es war ein Freude. Wir hatten zwei ... + ... für den Kognak! Es war eine Freude. Wir hatten zwei ... + + [S. 427]: + ... schmilzen. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die ... + ... schmelzen. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die ... + + [S. 434]: + ... sich, der Tritt der Hunterttausend, unter dem das ... + ... sich, der Tritt der Hunderttausend, unter dem das ... + + [S. 448]: + ... Ihre armselige Uniformen verbergen gräßliche ... + ... Ihre armseligen Uniformen verbergen gräßliche ... + + [S. 460]: + ... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengegedrängt ... + ... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrängt ... + + [S. 472]: + ... spielen Trauerweisen, Bataillone von Soldaten, Battaillone ... + ... spielen Trauerweisen, Bataillone von Soldaten, Bataillone ... + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der 9. November, by Bernhard Kellermann + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43333 *** |
