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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43333 ***
+
+ Der 9. November
+
+
+ Roman
+ von
+ Bernhard Kellermann
+
+
+
+
+
+
+
+ 1922
+ S. Fischer / Verlag / Berlin
+
+
+
+
+ 42. bis 51. Auflage
+ Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung
+ Copyright 1920 by S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+
+
+
+
+Erster Teil
+
+
+
+
+Erstes Buch
+
+
+1
+
+Einige Ordonnanzen, die die Treppe emporeilten, blieben plötzlich wie
+angewurzelt stehen, ein junger ordenglitzernder Hauptmann mit rosigen
+Wangen, eben im Begriff sich zu schneuzen, verbarg in äußerster Hast das
+Taschentuch, und nur einem Drillichkittel gelang es noch im letzten
+Augenblick, in die Portierloge zu entkommen: oben auf der Treppe
+leuchtete der hellrote Mantelaufschlag eines Generals.
+
+Mit breitem Steingesicht, den Blick verborgen in den grauen Augenhöhlen,
+die massige Gestalt von schweren Gedanken eingehüllt, stieg der General
+v. Hecht-Babenberg langsam und ohne jede Eile die breite Granittreppe
+zum Foyer hinab. Die Augen der angewurzelten Ordonnanzen folgten
+ruckweise jedem seiner Schritte, der junge ordenglitzernde Hauptmann mit
+den rosigen Wangen erstarrte in seiner Verbeugung.
+
+Der General nahm nicht die geringste Notiz von ihnen. Ganz Kälte, ganz
+Würde, ganz Sammlung schritt er zwischen ihnen hindurch. Seine
+Lackstiefel blitzten, und ein feiner Parfümgeruch blieb hinter ihm
+zurück.
+
+In diesem Augenblick stürzte der Portier aus seiner Loge und überreichte
+dem General einen Brief.
+
+»Soeben abgegeben, Euer Exzellenz!«
+
+Zögernd trat der General unter die Bogenlampe, die aus der Decke des
+Foyers herabhing. Der Umschlag des Briefes, dünn, ein ungewöhnliches,
+giftiges Hellgrün, mißfiel, die Schrift. Er drehte den Brief mißtrauisch
+zwischen den Fingerspitzen. Ganz offenbar empfand er es als eine
+Verletzung der Achtung, die man seinem Range schuldete, ihm einen Brief
+von derart geschmackloser, ja unangenehmer Färbung zu senden. Die Stirn
+zuckte. Ohne Absender, eilt, persönlich --
+
+Dann aber fuhr er entschlossen in den Pelz, unter den hellroten
+Aufschlag, und holte den goldenen Kneifer hervor. Eine feine Ziegelröte
+überzog langsam das breite Steingesicht, den Hals, der aus dem
+gestickten Kragen hervorquoll, das knorpelige, große Ohr -- er faltete
+den Brief zusammen und schob ihn unwillig in die Manteltasche.
+
+»Wer hat den Brief --?«
+
+»Ein Herr, ein älterer Mann -- soeben --«, stammelte der Portier und
+schwankte bestürzt auf den dünnen Beinen.
+
+Der Portier, ein alter Mann, Veteran von 1870, allerlei Münzen und
+Medaillen auf der Brust, kannte seine Leute. Schon an der Art, wie
+Exzellenz den Brief zwischen den Fingerspitzen drehte, hatte er erkannt,
+daß Exzellenz ungehalten waren. Aber dieser ältere Herr hatte solange
+auf ihn eingeredet -- sein einziger Sohn -- eine Audienz, hm -- sogar
+eine Zigarre -- und schließlich war es ja nur ein Brief, richtig
+adressiert, wie täglich Dutzende in seiner Loge abgegeben wurden.
+
+»Ein älterer, etwas kleiner Herr, Euer Exzellenz. Vor zehn Minuten. Er
+ist schon öfter hier gewesen und fragte nach Euer Exzellenz.«
+
+»Öfter hier gewesen?«
+
+»Ja, schon einigemal -- und -- ah, ah: da ist er ja -- an der Türe!«
+rief der Portier plötzlich erleichtert aus.
+
+Ein kleines Gesicht von glänzender, stahlblauer Blässe, wie blauer
+Schnee, hatte sich in diesem Augenblick der Scheibe der Türe genähert,
+vorsichtig, spähend. Eine Larve eigentlich, kein Gesicht, eine
+faustgroße Larve mit Gramfurchen und blinkenden Augen.
+
+Der General drehte den Kopf -- aber sofort prallte das kleine blaue
+Gesicht wieder von der Scheibe zurück. Ein steifer Hut, ein Havelock
+verschwanden in der tiefblauen Dämmerung.
+
+»Da -- nun läuft er.« Der Portier murmelte ärgerlich vor sich hin und
+warf das Gewicht seines hageren Körpers gegen die schwere Türe. »Und mir
+macht er Scherereien. So sind sie!«
+
+Ganz Kälte, ganz Würde und Sammlung schritt der General die Granitstufen
+hinab, ohne einen Blick auf die Straße zu werfen. Ungeduldig surrte der
+Motor der grauen Limousine.
+
+Der Wagenschlag klappte, der Portier machte seinen gewohnten tiefen
+Bückling, und die Limousine flog dahin.
+
+ * * * * *
+
+Der General vergrub das Kinn in den Pelz.
+
+»Dieser Schurke!« dachte er und das Steingesicht zitterte. »Aber es
+sieht ihm ähnlich!«
+
+Die Augen in den tiefen Höhlen sprangen auf -- hier im dunkeln Wagen, wo
+aufdringliche Blicke ihn nicht belauerten, konnte er getrost die Augen
+öffnen -- es waren helle, große Augen, geschliffene Linsen.
+
+An der Ecke des großen roten Amtsgebäudes stand der kleine ältere Herr
+im Havelock und zog den steifen Hut, als der Wagen des Generals
+vorüberjagte. Sein Gesicht, blau wie Schnee, leuchtete, und auch seine
+Glatze leuchtete blau.
+
+Tiefblau und glänzend wie Stahl sank die Dämmerung des nassen Wintertags
+über Berlin. Die Scheiben des Autos glänzten, irgend etwas glitzerte
+hoheitsvoll im Innern --. Da verschlang eine stickige Rauchwolke den
+Wagen. Augenblicklich aber betrat der Mann im Havelock den Fahrdamm und
+folgte dem Auto des Generals mit kleinen eiligen Schritten, als ob er es
+einholen wolle.
+
+Die Limousine flog durch die dämmerigen Straßen und überspülte die
+Fußgänger mit einer Welle von Schneewasser und Schmutz. In dem
+Luftwirbel zwischen den hinterm Pneus tanzten schmutzige welke Blätter,
+die aus dem Tiergarten herübergeweht worden waren, und ein
+Zeitungsblatt, das ein Passant, in der Eile sein Leben in Sicherheit zu
+bringen, verlor, rollte rasend hinterher. Bei den Kurven pflügten die
+Hinterreifen breite Schlittenspuren in den klebrigen Schmutz. Die Hupe
+dröhnte, die Marspfeife trillerte. Achtung!
+
+Die flüchtenden Fußgänger erblickten nichts als einen Pelz, eine Mütze
+und, wenn sie Glück hatten, das leuchtende Rot des Mantelaufschlags. Ein
+General! Einer von jenen Auserwählten, die die Schlachten schlagen, von
+denen die Heeresberichte melden. Die Verwünschungen erstarben auf den
+Lippen. Eine Ehre, sozusagen eine Ehre, beinahe vom Auto eines Generals
+überfahren worden zu sein!
+
+Ecke Wilhelmstraße kroch ein Krüppel in Feldgrau durch den
+Straßenschmutz, und die Limousine hätte ihn beinahe in Stücke gerissen.
+Dieser Krüppel schleppte sich an zwei niedrigen Krücken dahin. Sein
+Rückgrat war bis zur Erde gekrümmt und das zwischen den Krücken hängende
+Gesicht streifte nahezu den Schmutz der Straße. Er bewegte sich nur
+langsam vorwärts, indem er Krückstock vor Krückstock setzte, er ging auf
+den Knien und schleifte die verstümmelten Fußstumpen hinter sich her.
+Wie ein Hund, dem man die Sehnen der Hinterbeine durchschnitten, schob
+er sich dahin. Während er aber vorwärts kroch, wurde sein ganzer Körper
+von einem ununterbrochen entsetzenerregenden Zittern geschüttelt.
+
+»Sieh dich vor!« schrie der Chauffeur und bog in der letzten Sekunde
+aus.
+
+Der Kopf des Krüppels schnellte zwischen die Schultern zurück, und die
+mit schweren Nägeln beschlagenen Pneus der Limousine überspülten ihn mit
+einer Woge von Schmutz. Er blieb auf schwankenden Krückstöcken mitten in
+der Wilhelmstraße zurück, und als es ihm gelungen war, das von ewigen
+Zuckungen geschüttelte Gesicht zu heben, bog die graue Limousine bereits
+in die Linden ein.
+
+Eine Flut von hüpfenden Regenschirmen, blendende Pfützen, zwei
+stahlblaue Omnibusschimmel, ein Schutzmann und wieder eine Flut von
+hüpfenden Regenschirmen. Eine Stockung. Der Wagen zitterte von den
+wütenden Schlägen des gedrosselten Motors.
+
+Die Augen des Generals glitten über die hüpfenden Regenschirme dahin,
+über die eilenden Schattenwesen mit blauen Gesichtern und blauen Händen
+-- gelangweilt, gleichgültig, ohne Anteilnahme. Obwohl nur getrennt von
+diesen Wesen durch eine Glasscheibe, waren sie für den General
+weltenweit entfernt, weltenweit -- diese Menschen mit Regenschirmen,
+Gummischuhen, Mänteln, Bärten, Brillen . . . Sie erschienen
+gewissermaßen unwirklich! Sie waren Chaos, Masse -- gärend von
+sonderbaren, eigenwilligen Gedanken und unnützen, gefährlichen Trieben.
+Sinnlos ihr Tun, unverständlich. Ohne Ideale, hohe Ziele, Hunger,
+Sinnendurst, Geld -- ohne Zweck und Sinn. Unverständlich. Nichts als
+rohe Masse, die die Berufenen willkürlich formten, das große Reservoir,
+aus dem die Erkorenen schöpften nach ihrem Gutdünken.
+
+Die Welt des Generals war bevölkert von Wesen, die in Uniformen
+gekleidet waren und mit einer Salve ins Grab gelegt wurden. Diese Wesen
+bewegten sich nach bestimmten unverrückbaren Gesetzen. Sie kamen in
+breiten langen Kolonnen einher wie die Brandung des Meeres, oder sie
+standen still in Reih und Glied, zu Tausenden gestaffelt, wie aus Stein.
+Ein Gebirge. Sie waren ohne eigenes Leben, ohne eigene Gedanken, ohne
+Namen, ohne Gesichter, ohne Seele, von wenigen Auserwählten in Bewegung
+gesetzt und mit Leben und Geist erfüllt. Sie waren mit einem Wort
+Soldaten, Werkzeug in der Hand der Starken dieser Erde, die das Rad der
+Weltgeschichte bewegten. Zuweilen fluteten unübersehbare Heerscharen,
+alle im gleichen Schritt, durch seinen Kopf. Armeekorps, die wie ein
+Bataillon in fehlerloser Geschlossenheit schwenkten, nach rechts, nach
+links, um zu erstarren, wenn die Gedanken des Generals es wollten.
+Zuweilen sah der General die ganze Erde davon erfüllt. Ungeheure
+Menschenwellen wälzten sich quer durch Europa und ergossen sich in der
+Breite des Urals in die endlosen Steppen Sibiriens. Eine Blutwelle in
+den Gehirnwindungen des Generals ließ sie auferstehen und versinken
+. . .
+
+Weiter! Die Gänge krachten, und wieder flog die Limousine dahin.
+Hagelkörner prasselten gegen die Scheiben.
+
+ * * * * *
+
+Dieser Schurke! dachte der General und rückte sich in der Ecke des
+wiegenden Wagens zurecht.
+
+Durch einen Zufall -- übrigens einen merkwürdigen, fast lächerlichen
+Zufall -- hatte er heute erfahren, daß eine Vermutung, die er schon seit
+langer Zeit hegte, begründet war. Jener -- nun eben jener »Schurke«, wie
+er ihn in Gedanken nannte -- der in der Umgebung der höchsten
+Persönlichkeiten weilte, das Ohr der allerhöchsten Persönlichkeiten
+besaß, jener Schurke hatte ihn auf das »tote Geleise« geschoben. Höchst
+einfach! Und so erklärte sich alles, ja.
+
+Vor einem halben Jahr etwa hatte man dem Generalleutnant v.
+Hecht-Babenberg, achtundfünfzig Jahre alt, plötzlich, ohne jede
+Begründung, ohne jede Warnung, sein Frontkommando genommen und ihn zur
+Bureauarbeit nach Berlin abkommandiert -- während draußen, wie er zu
+sagen pflegte, die Kanonen Europa in Fetzen schossen und eine neue Welt
+aus dem Blutmeer emporstieg.
+
+Unerklärlich, unfaßbar.
+
+Jüngere als er machten nun -- auch das ist ein Ausdruck des Generals --
+Weltgeschichte. Unbekannte, aus unbekannten Geschlechtern stiegen in die
+Höhe. Es war die Zeit, um nicht zu sagen, Konjunktur, in die Höhe zu
+steigen. Und wie viele unfähige Narren kannte er (der General liebte
+starke Ausdrücke), Narren, die nicht imstande waren, ein Regiment durch
+das Brandenburger Tor zu dirigieren, und die heute, gestützt auf
+ausgesuchte Stäbe, Armeekorps führten. Er konnte, wenn man es wünschte,
+ihre Namen nennen! Erst vor kurzem hatte einer seiner Bekannten, seiner
+früheren Bekannten, besser gesagt, dreihundert Kanonen verloren -- um
+daraufhin Gouverneur eines besetzten Landes zu werden. Es kam nur darauf
+an, gute Freunde zu haben. Das war das ganze Geheimnis, nichts sonst. Er
+hatte gegen die Russen eine Division geführt vor -- wie lange war es
+doch her? -- vor drei Jahren und sich das persönliche Lob seines
+Allerhöchsten Kriegsherrn erworben. Im Westen dagegen hatten seine
+Ansichten mit denen der Obersten Führung nicht immer übereingestimmt.
+Bei einem plötzlichen Angriff der Franzosen hatte er die Ansicht
+vertreten, zu halten, koste es, was es wolle, während man »hinten«, wo
+man alles besser wußte, der Meinung war, auszubiegen. Er hatte
+allerdings etwas liegenlassen -- aber schließlich, was kam es auf diese
+relativ geringfügigen Verluste und ein paar Minenwerfer an?
+
+Es war nichts -- man bedenke: im Vergleich zu dreihundert Geschützen!
+Nichts --
+
+Er würde heute, denn er konnte nicht gegen seine Überzeugung handeln, er
+würde heute genau so verfahren, auf Ehre und Gewissen! In seinem
+Abschnitt befand sich eine Höhe, die Höhe von Quatre vents, und es war
+nur natürlich, daß er diese für den ganzen Abschnitt, ja für einen
+großen Frontsektor wichtige Höhe nicht ohne weiteres preisgab. Dreimal
+gab er Befehl, Quatre vents zu halten, koste es, was es wolle. Erst als
+die Höhe vom Gegner flankiert war, gab er den Befehl zum Rückzug. Die
+Loslösung glückte dann allerdings nicht ganz, zugestanden.
+
+Ein alltäglicher Vorfall -- ohne jede Bedeutung.
+
+Niemand würde --
+
+Es war augenscheinlich: irgend jemand mußte die Hand im Spiel haben --
+irgend jemand, der ihm übel wollte.
+
+Er -- der das Ohr der höchsten Persönlichkeiten hatte --, jener
+»Schurke«, mit einem Wort.
+
+Das Steingesicht geriet in Erschütterung: vor mehr als dreißig Jahren --
+
+Aber plötzlich hielt das Auto. Es stand vor einem hellerleuchteten
+Blumengeschäft. Der General erwachte. Ein Verkäufer schleppte soeben ein
+Blumenarrangement, einen schweren Korb mit Maiglöckchen, an den Wagen.
+
+»Hierher!« rief der General und pochte an die Scheibe. Nässe und Kälte
+kamen mit herein. Augenblicklich begannen die Blumen Duft und Frische
+auszuatmen.
+
+»Lessingallee!«
+
+Die Limousine flog dem Westen Berlins zu. Die Federn knirschten. Bald
+hielt der Chauffeur warnend die Rechte, bald die Linke hinaus -- die
+Pfeife trillerte -- Schnelligkeit ist die Losung des Generals --
+
+-- vor mehr als dreißig Jahren, hatte er, der General, ihm, eben jenem
+einflußreichen Würdenträger, einen Streich gespielt, und damit hatte die
+Animosität, um nicht Feindschaft zu sagen, ihren Anfang genommen.
+
+Es war auf einem Ball bei Baron Kreß. Eine junge Dame spielte eine Rolle
+dabei, und damals war er, der General, der beste Tänzer in Berlin.
+Damals wartete, gegen Morgen, ein Wagen vor der Treppe des Kreßschen
+Palais. Eine Dame springt die Treppe herunter. Sie hat den Pelz eilig um
+die Schultern geworfen. »Um Gottes willen,« ruft sie, »er hat mich
+beobachtet, schnell.« Schon rollt der Wagen davon. Der Pelz ist von den
+Schultern der schönen Dame gefallen, und er, der General, sagt: »Sie
+werden frieren, meine Gnädigste!« Und er hüllt sie wie ein Kind in den
+Mantel. Sie trägt eine ganz dünne Robe, und es kommt ihm vor, als ob sie
+völlig nackt im Pelz stäke. Deutlich erinnert er sich dessen. Und er
+erinnert sich, daß dieselbe Dame seinen Rivalen rachsüchtig genannt
+habe, hüten Sie sich, er ist rachsüchtig! Welcher Instinkt, diese
+Frauen! Und sie war fast noch ein Kind.
+
+Vor dreißig Jahren --
+
+Hätte er damals ahnen können, daß sein Nebenbuhler sich einst bis zur
+höchsten Stellung emporschwingen sollte! Vielleicht wäre er immerhin
+etwas vorsichtiger gewesen, wer weiß es? Nicht ohne Grund hatte er
+seinen Söhnen immer eingeschärft: Freunde zu werben. Freunde, schon in
+der Kadettenanstalt. Denn Freunde waren im späteren Leben -- alles.
+Nicht die Begabung -- welche Albernheit -- die Beziehungen waren alles.
+
+Plötzlich sieht der General die junge Dame vor sich im Wagen, als sei es
+gestern gewesen. Jahrelang waren ihre Züge in ihm erloschen. Sie ist
+gepudert und trägt ein Schönheitspflästerchen am Kinn. Ihre Augen sind
+warm und leuchten eigentümlich aus der Tiefe.
+
+Diese junge Dame mit dem Schönheitspflästerchen, die er seinerzeit aus
+dem Ballsaal entführte, wurde seine Frau.
+
+Lange, lange Zeit --
+
+Der General öffnet den Mund und ringt nach Luft.
+
+ * * * * *
+
+Aus dem hellerleuchteten Entree der roten Backsteinvilla, ganz mit Efeu
+bewachsen, stürzt ein Diener in zebragestreiftem Kittel und öffnet den
+Wagenschlag.
+
+»Herr General!«
+
+»Herr General?«
+
+Der General erhebt sich. Mit steifen Gliedern, den Rücken etwas gebeugt,
+steigt er aus dem Wagen.
+
+»Frau v. Dönhoff empfängt?«
+
+»Gnädige Frau empfangen, obwohl gnädige Frau die Grippe hat.«
+
+»Wird es lange dauern, Petersen?« fragt der Chauffeur den Zebrakittel.
+»Was ist denn los bei euch?«
+
+»Geburtstag. Die Gnädige hat Geburtstag.« Und der Zebrakittel eilt, den
+Korb mit den Maiglöckchen auf den Armen, rasch in das hellerleuchtete
+Entree, um Exzellenz beim Ausziehen des Mantels behilflich zu sein.
+
+
+2
+
+Frau v. Dönhoff -- die Dame der roten, mit Efeu bewachsenen
+Backsteinvilla in der Lessingallee, dicht am Tiergarten, war eine
+Blondine, nicht mehr in der ersten Jugend, von ihren intimen Bekannten
+die schöne Dora genannt.
+
+Sie war mittelgroß, die schöne Dora, etwas üppig, kleine, zierliche
+Füße, kleine, zierliche Händchen mit spitzen Fingern, große strahlende
+Augen von herrlich leuchtendem, seltenem Blau -- der berühmte
+Schriftsteller, der in ihrem Hause verkehrte, hatte die Farbe mit dem
+Blau des Gebirgsenzians verglichen -- ein Paar reizender Grübchen, runde
+rote Lippen -- ah, und Zähne -- schneeweiß! Sie lachte immer und bei
+jeder Gelegenheit, das Lachen setzte ganz unvermittelt ein, sie lachte
+in Skalen und Trillern, ein Geklingel war ihr Lachen. Es riß mit fort.
+Und immer, schon im Bett am Morgen, hielt sie eine dicke Zigarette
+zwischen den spitzen Fingern und qualmte. Sie rauchte auch auf der
+Straße, während sie Butzi, einen belgischen Griffon, an die frische Luft
+brachte. Das war die schöne Dora.
+
+Etwas umschwebte sie. Ein Glanz, ein Abglanz. Der Abglanz einer
+Freundschaft, die sie vor ihrer Heirat mit einer Königlichen Hoheit
+verbunden hatte. Dieser Abglanz war immer gegenwärtig. Hatte die
+Königliche Hoheit wirklich diese schlanken ringgeschmückten Finger an
+die Lippen gedrückt? Diese Grübchen bewundert, sich an diesem Lachen
+erfrischt, diesen weichen, verschwenderisch reichen blonden Haarschopf
+liebkost? Ruhten die Augen der Königlichen Hoheit auf diesen Schultern?
+Immer, immer war Dora von diesem Abglanz umschwebt. Die Sonne war
+untergegangen -- aber der Glanz lag noch in der Luft.
+
+Nunmehr war die Königliche Hoheit längst verheiratet, hatte drei Kinder.
+
+Dora aber hatte -- danach -- einen Freund der Königlichen Hoheit
+geheiratet, den Hauptmann v. Dönhoff, einer der ersten Herrenreiter
+Deutschlands, professioneller Schürzenjäger und Spieler, der in
+kürzester Zeit zwei Vermögen durchbrachte, auch Doras Vermögen. Eines
+Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-à-vis de rien!
+
+Mit einem Wort: dieser Hauptmann Dönhoff entpuppte sich als ein Lump
+ersten Ranges, er betrog Dora schon am Hochzeitstage, so unglaublich es
+klingt, und sie gab ihm nach kurzer Zeit den Laufpaß. Schon vor dem
+Kriege trennte sie sich von ihm. Gegenwärtig lebte sie in Scheidung --
+oder war sie schon geschieden? Niemand wußte es, der Krieg hatte das
+Interesse an den armseligen privaten Schicksalen in den Hintergrund
+gedrängt.
+
+Der Herrenreiter und Spieler war Artillerist und lebte gegenwärtig bei
+seiner Batterie im Westen -- irgendwo. Er ergraute bei seinen Kanonen,
+in den Waldschluchten des Argonner Waldes oder in den Kalkhügeln der
+Lausechampagne, sein Gesicht wurde gelb, pergamenten. Die Welt hatte ihn
+vergessen, seine Damen -- nur die Gegenwart hat Macht. Ein einziges Mal
+war er während des Krieges in Berlin aufgetaucht, ohne Dora zu besuchen,
+es gab sofort wieder Skandal, eine Dame, ein Offizier -- immer die
+gleiche Geschichte. Und er ergraute weiter bei seinen Kanonen. Seine
+Schläfen waren schon ganz weiß. Zuweilen schrieb Dora an ihn, zuweilen
+kam auch ein Brief aus dem Felde, und Petersen, der Diener, zeigte ihn
+Frida, der Zofe, und flüsterte: »Von ihm!«
+
+Also, das war Dora und ihre Lebensgeschichte, in flüchtigen Linien
+natürlich nur, und heute hatte sie die Grippe.
+
+Doras Haus war eine alte Villa, verbaut und immer wieder umgebaut, mit
+Sälen und Zimmern, Nischen, Erkern, Korridoren, großen und kleinen
+Treppen und Treppchen. Niemand, der nicht hier lange verkehrte, fand
+sich zurecht. Dora hatte das ganze Haus in ein Teppichmagazin
+verwandelt. Es gab keinen Quadratmeter, der nicht mit einem Teppich
+belegt war. Es gab im Dönhoffschen Hause sogar etwas, was es nur selten
+in Berlin gab, nämlich einen Raum, der ein vollkommenes Zelt war. Eine
+Art arabisches Zelt, ganz aus Teppichen ausgebaut. Infolge der vielen
+Teppiche roch es im Dönhoffschen Hause eigentümlich nach Staub. Dazu
+hatte Dora das ganze Haus mit antiken Möbeln vollgestopft, Möbeln aller
+Stilarten, mit Säulen aus Kirchen und grellbemalten oder vergoldeten
+Heiligenfiguren. Alle Tische, Kommoden und Gesimse waren mit kleinen
+Kostbarkeiten aller Art, mit Leuchtern, Schnitzereien, Waffen,
+Miniaturen, Dosen derartig übersät, daß es unmöglich war, auch nur ein
+Paar Handschuhe abzulegen, ohne irgendeine Kostbarkeit in Gefahr zu
+bringen. Es war unmöglich, alle diese Dosen, Schnitzereien, Waffen und
+Heiligen abzustauben. Und so sammelte sich immer mehr Staub an. An das
+arabische Zelt stieß das Speisezimmer, ein riesiger Raum mit einer
+Empore, zu der eine steile Rokokotreppe, gelb und rot bemalt,
+emporführte. Dieser Raum war zurzeit schwer heizbar und beständig
+strömte ein kalter Luftzug in das arabische Zelt hinein. Doras Haus
+hatte aber noch eine Eigentümlichkeit: das waren die Lampen. Es gab kein
+Haus in ganz Berlin, das so viele Beleuchtungskörper aufwies. Blaue,
+grüne, gelbe, rote Ampeln, alle von ganz besonders erlesener Färbung,
+Kronleuchter mit Dutzenden von Flammen, schwere Messingkronen mit halb
+heruntergebrannten dicken Wachskerzen. Das arabische Zelt selbst wurde
+durch eine polnische Synagogenampel beleuchtet. Es war ein
+opalisierendes, bläuliches Licht, der Farbe von Zigarettenrauch ähnlich.
+In der Ecke des arabischen Zeltes aber stand noch eine riesige
+purpurrote Lampe, die auf eine vergoldete Barocksäule aus irgendeiner
+Kirche montiert war. Neben dieser roten Lampe saß gewöhnlich Dora, sie
+strahlte dann wie glühender Alabaster, während die andern wie Leichen
+aussahen. Sie verstand ihre Sache.
+
+Zwischen diesen Teppichen und Lampen, sonderbaren Heiligen und
+tausenderlei Krimskrams bewegte sich Dora, mit ihrem blonden Haarschopf,
+ihren Grübchen und dem Glanz, der sie umschwebte. Niemand hatte Dora
+jemals in schlechter Laune gesehen. Ihr Benehmen war immer gleich.
+Jedermann fühlte sich wohl bei ihr.
+
+Nicht zu vergessen auch Doras Badezimmer, eine Sehenswürdigkeit -- ein
+richtiges Treibhaus.
+
+ * * * * *
+
+Sobald der General die rote Backsteinvilla betrat, kam das Steingesicht
+in Erschütterung.
+
+Der General gehörte zu den Intimen des Hauses. Zweimal in der Woche,
+Dienstag und Freitag, pflegte er bei Dora zu Abend zu speisen. Ohne
+andere Gäste.
+
+Der Stein verwitterte im Lichte der Garderobenampel, er verwandelte sich
+in Haut, in die Haut eines Menschen, der ewig von Zimmerluft umgeben
+ist, und der -- vielleicht, nur eine Vermutung -- an beginnender
+Sklerose der Arterien leidet. Die starre Leblosigkeit des Gesichts löste
+sich. Es zeigte sich sogar, seht an, eine Spur von Farbe auf den breiten
+Wangen, ein rötliches Violett, von feinem Geäder herrührend. Die ernsten
+Gedanken, die den General einhüllten, zerflatterten, der etwas massige,
+schwerbewegliche Körper schien elastisch und verjüngt.
+
+Es scheint ja nicht so schlimm zu sein, mit der Grippe, dachte er, als
+Doras Lachen in die Garderobe drang.
+
+Die geschliffenen Linsen der Feldherrnaugen ruhten sogar einen
+Augenblick leutselig auf dem Diener. Etwas Außergewöhnliches, denn der
+General pflegte seine Mitmenschen nie anzusehen. -- Dann widmeten sie
+sich mit rein menschlichem Interesse dem Studium einiger Gummischuhe,
+die in der Garderobe standen.
+
+»Sind auch -- Damen hier, Petersen --?«
+
+»Frau Major Sterne-Dönhoff mit Töchtern.«
+
+Nichts haßte der General mehr als Ansammlungen von Menschen, mochten sie
+groß oder klein sein; nichts fürchtete er mehr als Überraschungen -- es
+war ja möglich, daß man ihm, ohne jede Vorbereitung, ixbeliebige
+Menschen präsentierte, wie es ihm schon passiert war. So neulich bei
+einem Militärattaché, wo unerwartet der Redakteur einer sehr
+linksstehenden liberalen Tageszeitung auftauchte, ganz zu schweigen von
+jenem Herrenabend bei Exzellenz v. Krämer, wo ein sehr orientalisch
+aussehender Chirurg anwesend war, eine Berühmtheit, getauft -- aber
+trotzdem. Er wünschte zu wissen, wer anwesend sein würde -- bei Dora
+allerdings, wo er zweimal in der Woche zu Abend speiste -- machte er
+eine Ausnahme. Er kannte Doras Kreis, nahezu wenigstens, und nur
+zuweilen traf er hier irgendeinen Maler oder Schriftsteller, auf deren
+Bekanntschaft er allerdings wenig Wert legte, um offen zu sein. Das war
+indessen nicht zu ändern: Dora selbst war eine Art Künstlernatur.
+
+Der General strich den grauen Scheitel mit der Bürste zurecht, glättete
+den dünnen grauen Schnurrbart, prüfte die Hände . . .
+
+Der General war das Bild der Akkuratesse selbst. Alles leuchtete und
+glänzte an ihm, die Stiefel, die roten Streifen der Hosen, die
+Ordensauszeichnungen, die langen polierten Fingernägel -- nur die Haut
+des Gesichts war, wie gesagt, stumpf, von der Zimmerluft beschlagen. So,
+genau so hatte er ausgesehen, als er sich in Polen mit den Russen schlug
+-- in Frankreich, wo er in einem Chateau wohnte, war es ja schließlich
+kein Kunststück. Er hatte sofort ein Bad einbauen lassen, das war das
+erste gewesen, die Wanne wurde mit dem Auto aus Frankfurt geholt.
+
+Ohne jede Übertreibung, der General war noch heute eine stattliche
+Erscheinung.
+
+Auch einige Offiziersmützen, drei im ganzen, hingen da. Er erkannte die
+Seidenmütze seines Sohnes Otto, die eine ganz besondere Form hatte.
+Offenbar machte er seinen Abschiedsbesuch; er mußte morgen wieder ins
+Feld. Falten erschienen auf der breiten Stirn des Generals, verschwanden
+aber sofort wieder. Er liebte es nicht, Otto oder Ruth, seine Tochter,
+in Gesellschaft zu treffen. Er kam sich beobachtet vor, sie störten, mit
+einem Wort.
+
+»Die Herrschaften sind im Zelt, Herr General.«
+
+»Schön« -- aber der General hielt den Schritt an und zog die Brauen in
+die Höhe -- »eine Bürste, Petersen.« Der General hatte tatsächlich ein
+Härchen auf seinem Ärmel entdeckt.
+
+»Es ist von Butzi, Herr General -- das ganze Haus ist voll von seinen
+Haaren --«
+
+»Wie soll es denn von Butzi sein? Dann müßte es ja seit Dienstag --
+nein, das ist unmöglich, Petersen.«
+
+»Vielleicht war es im Mantel? Überall sind diese Haare --!«
+
+Petersen öffnete die Türe zu einem Vorzimmer. Hier brannte eine einsame,
+hohe Wachskerze, zu Füßen eines verlassenen steingrauen Heiligen mit
+zinnoberrotem Rock, der in Verzückung ein Buch schwang. Hierauf schlug
+Petersen den Teppich zurück.
+
+Der Rücken des Generals, etwas zusammengesunken während der Unterhaltung
+mit Petersen -- ob das Haar von Butzi stammte oder nicht -- straffte
+sich.
+
+»-- sollten sich aber wirklich schonen. Zum Beispiel, das Rauchen --«
+
+»-- es ist ja gar nicht die Grippe.«
+
+»-- täglich sterben Hunderte --«
+
+Dora lachte: »Sie wollen mir Mut machen, Otto!«
+
+Und Petersen schlug den zweiten, gelbseidenen Vorhang zurück.
+
+Augenblicklich stürzte der belgische Griffon kläffend heraus. (Er war
+mit Exzellenz verfeindet!)
+
+Die Offiziere schnellten von ihren Sesseln empor.
+
+ * * * * *
+
+Dora trug die kleinen mattgelben Perlen in den Ohren, nicht die Boutons,
+die von früher stammten! Der General sah es auf den ersten Blick.
+
+Mit aufgehellter Miene, soweit sie sich aufhellen konnte, trat er ein.
+Selbst seine Augen verloren ihre Strenge, aber sie blieben trotzdem --
+kalt.
+
+Dora glühte im Schein der großen Purpurlampe, ihre Arme und Hände
+leuchteten wie Korallen, und in ihrem durchsichtigen feinen Ohr
+schimmerten in der Tat kleine gelbe Perlen. Aus dem Halbdämmer des
+Zeltes hoben sich die drei schwarzgekleideten Damen Sterne-Dönhoff,
+schmal, steif, todernst. (Major Sterne-Dönhoff war vor einem halben Jahr
+gefallen.) Aus einem Spiegel funkelten bleiche Gesichter, fahl im
+Scheine der blauen Ampel. Diese Gesichter verwirrten den General, so daß
+er seine Gratulation etwas steifer und förmlicher vorbrachte, als er es
+wünschte.
+
+Erst jetzt bemerkte er, daß Hauptmann Wunderlich, einer der drei
+anwesenden Offiziere, ein Freund des Dönhoffschen Hauses, noch immer
+stand. Er hielt sich an den Lehnen des Sessels aufrecht, denn er war
+lahm geschossen und ging an Krücken.
+
+Erst jetzt bemerkte er die zarte, ätherische Dame mit dem langen
+Gesicht, die Kinn und Näschen in den Muff drückte, neben Dora saß sie
+auf dem Diwan -- ah, welche Überraschung, welch freudige und ungeahnte
+Überraschung!
+
+»Es ist in der Tat kein Scherz, gnädige Frau, mit dieser Grippe --«
+
+»Ich hörte es von einem Krankenhausarzt -- einhundertvierzig Tote
+gestern -- und wie gesagt, gar keine Grippe, sondern die Lungenpest --«
+
+»Man sagt es ja nur, man schwätzt --«
+
+»Derselbe Arzt versicherte es mir. Die Lungen sind völlig mit weißen
+Bläschen bedeckt und vereitert.«
+
+»Es sind einfache Streptokokken.«
+
+»Ja, nun, Sie sagen einfache --«
+
+»Und Pest? Auch Pest ist nur ein Wort.«
+
+Vorlaut, immer ist dieser Junge vorlaut, dachte der General.
+
+Otto, der Sohn des Generals, sprach mit lauter, heller Stimme, die stets
+etwas keck klang, selbst wenn er die harmlosesten Dinge sagte. Er sah
+seinem Vater auffallend ähnlich. Groß, das gebräunte Gesicht breit und
+brutal, die Augen hell und verwegen, aber voller Unruhe. An der Stirne,
+dicht neben den blonden, glänzenden Schläfenhaaren, hatte er eine Narbe,
+die von einem Kopfschuß herrührte, den er im Mai 1915 bei Ypern erhielt.
+Damals lag er ein halbes Jahr im Lazarett -- aber so gering war die Eile
+der internationalen Generalität, daß er sein Regiment im Herbst noch an
+genau derselben Stelle vorfand, wo man ihn im Frühjahr weggetragen
+hatte. Er saß mit einer gewissen Ungeniertheit (die dem General mißfiel)
+im Sessel, frei und selbstgefällig, die Brust voller Auszeichnungen --
+im Gegensatz zum jungen Heinz Sterne-Dönhoff, der, ganz wie seine
+Schwestern in Schwarz, bescheiden und steif dasaß. Dieser Heinz war noch
+ein Knabe, schlank und zart, noch nicht neunzehn Jahre. Er trug Feldgrau
+und -- seit heute -- das Abzeichen des Flugzeugführers. Er war indessen
+noch nicht im Felde gewesen und lebte in der beständigen Angst, der
+Krieg könnte zu Ende gehen, bevor die Reihe an ihn käme. Er hatte den
+roten Mund eines Knaben, noch umschwebt vom Lächeln der Kindheit.
+Unausgesetzt waren seine blauen, strahlenden Knabenaugen voller
+Ehrfurcht auf den General gerichtet, auf seine Ordensschnalle, den
+gestickten Kragen und das weiße große Emaillekreuz, das er am Kragen
+trug. Was für ein Orden mochte es wohl sein? Seit dem Eintritt des
+Generals öffnete er den Mund nicht mehr, die Nähe eines so hohen
+Vorgesetzten bedrückte ihn. Er saß, bereit, jeden Augenblick
+aufzuspringen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dem General
+einen Dienst zu erweisen.
+
+Mit großen grauen, etwas düsteren Katzenaugen saß neben Dora Hauptmann
+Wunderlich. Blaß und mager, sah er aus wie ein achtzehnjähriger
+Gymnasiast, der über Nacht ergraut war. Er lächelte nie, und wenn er --
+selten, ganz selten -- einmal lächelte, so war es das Gespenst von einem
+Lächeln, das niemand ertrug. Seine gleichmäßige Miene forderte indessen
+auf, sich nicht im geringsten durch ihn stören zu lassen. Der Blick
+seiner Augen glitt in die Ferne. Auch während er sprach, schien er zu
+Leuten irgendwo in der Ferne zu reden und nicht zu den Anwesenden. An
+seiner linken, mit einem goldenen Armband geschmückten Hand fehlten
+einige Finger.
+
+Hinter seinem Sessel lehnten die Krücken, womit er sich, nur mit einem
+Fuß den Boden berührend, wie eine Glocke dahinschwang. Hauptmann
+Wunderlich war schon in den ersten Wochen des Krieges durch einen
+schweren Brustschuß außer Gefecht gesetzt worden. Ein Jahr später wurden
+ihm in Rußland beide Beine zerschmettert. Hierauf ging er zur
+Fliegerwaffe über. Er war heute einer der bekanntesten Menschenjäger in
+der Luft. Er wurde in die Maschine gehoben.
+
+Frau v. Sterne-Dönhoff mit ihren Töchtern, aus dem Halbdämmer sich
+abhebend -- mit flachen Hüten, enganliegenden Kostümen, langen
+Gesichtern, steif, still, langweilig. Nur selten warfen sie ein Wort in
+die Unterhaltung. Sie trugen schwarze, sehr enge Glacéhandschuhe.
+
+Und jene andere Dame, die Ätherische, die Kinn und Nase in den Muff
+drückte und neben Dora auf dem breiten Diwan saß, die spitzen Knie
+hochgezogen? Jene Dame, über deren Besuch der General so erfreut und
+überrascht war?
+
+Es war eine Gräfin Heller, soeben aus der Schweiz zurückgekommen. Gräfin
+Heller war Spiritistin, Theosophin -- alles Dinge, die den General nicht
+im geringsten interessierten. Sie war darüber hinaus die Schwester jenes
+-- eben jenes »Schurken«, wie ihn der General in Gedanken nannte. Jener
+einflußreichen Persönlichkeit, deren Name in der Gesellschaft nur
+flüsternd ausgesprochen wurde. Seine Majestät hat ihm höchst eigenhändig
+-- wissen Sie . . . Der General hatte nicht ahnen können, sie hier zu
+treffen. Solche Zufälle gibt es! Aber vielleicht hatte Dora ihre Hand
+dabei im Spiel? Dora, die mit ihrem künstlerischen Naturell auf
+rätselhafte Weise die Gedanken ihrer Mitmenschen erriet und alles so
+wunderbar zu arrangieren verstand? Wie?
+
+»Ich hatte in der Tat nicht vermutet, Gräfin, Sie heute zu sehen!«
+wandte sich der General mit allen Zeichen der freudigen Überraschung,
+die bei jeder Anrede neu auflebte, an sie. »Sie waren lange weg. Wie
+gefällt es Ihnen wieder in Deutschland?«
+
+Gräfin Heller lächelte und schob Butzi ein Stückchen Torte zwischen die
+scharfen, schneeweißen Zähnchen. »Ich finde es ent--setz--lich!«
+
+»Ah, ah!«
+
+»Ein Friedhof!«
+
+Der General lächelte nachsichtig. Bei einer Dame des hohen Adels, des
+höchsten Adels, der Schwester einer solch hochgestellten Persönlichkeit,
+mußte man wohl einige Wunderlichkeiten in Kauf nehmen -- noch dazu bei
+einer Dame, die mit dem Geist Friedrichs des Großen in okkulter
+Verbindung stand.
+
+In diesem Augenblick überbrachte Petersen ein Telegramm. Dora errötete,
+als sie es öffnete. Es enthielt nur wenige Worte, wie man sehen konnte.
+
+Der General ahnte: es kommt aus dem Felde!
+
+Die Unterhaltung geriet ins Stocken.
+
+
+3
+
+In der Tat, das Telegramm -- das Dora lässig zusammenfaltete und in eine
+kleine japanische Lackschale legte -- kam aus dem Felde. Hauptmann
+Dönhoff hatte es heute morgen abgeschickt, und eben jetzt dachte er, ob
+das Telegramm wohl schon angekommen sei. Beinahe nämlich hätte er Doras
+Geburtstag vergessen. Erst in der Nacht, als er durch einen
+dumpfkrachenden Einschlag geweckt wurde, war es ihm eingefallen und er
+hatte sich sofort eine Notiz gemacht. Sein Gedächtnis war im Laufe der
+Kriegsjahre völlig geschwunden.
+
+Er saß mit seinem Adjutanten Kammerer in seinem Unterstand, zwei Meter
+unter der Erde, mitten in den Finsternissen des Argonner Waldes. Eine
+kleine Petroleumlampe, ein eiserner Ofen, der immer glühte, ein
+Telephon, zwei Pritschen und allerlei Gerümpel, das war die Ausstattung.
+Die Wände schwitzten von Nässe. Kammerer war eifrig damit beschäftigt,
+seine kurze Stummelpfeife zu reinigen. Er bediente sich einer
+Krähenfeder, die er -- da draußen -- gefunden hatte. Dönhoff, der
+Batteriechef, tat gar nichts, er gähnte zuweilen, gähnte. Er war nicht
+schläfrig, sondern nur müde, immerzu müde.
+
+In der Ferne brummte ein schweres Geschütz. Ganz deutlich war sein
+tiefes mächtiges Raubtierknurren aus dem Lärm, dem Knacken und Donnern
+der fernen und nahen Geschütze herauszuhören.
+
+Hauptmann Dönhoff hob horchend das gelbe Gesicht.
+
+»Hören Sie? Da ist er wieder!«
+
+Der junge Offizier blickte nicht auf, er war voller Andacht bei der
+Arbeit.
+
+»Er schießt jetzt wieder öfter mit dem schweren Geschütz«, erwiderte er
+leichthin. »Sie haben mehr Munition.«
+
+Die Erde zitterte, und ein lautes Krachen ertönte, Hauptmann Dönhoff
+lachte belustigt. »Da, da,« sagte er, »er streut jetzt unsere Kuppe ab.«
+
+Kammerer antwortete hierauf nichts mehr. Er blies voller Anstrengung in
+das verstopfte Pfeifenrohr. Der braune Tabaksaft quoll heraus, aber, der
+Teufel, immer noch mußte etwas im Rohr stecken.
+
+»Sie sollten einen Draht nehmen, Kammerer.«
+
+»Es muß auch so gehen --«
+
+Wieder gähnte Hauptmann Dönhoff. Seine Zähne waren gelb und schlecht
+gepflegt.
+
+Hier in diesem verfluchten Wald wurde man, mit Respekt zu sagen, langsam
+zu einem Schwein. Über ein Jahr lag er mit seiner Batterie an der
+gleichen Stelle. Neulich sah es so aus, als ob sie nach der Champagne
+kommen sollten -- aber es war wieder nichts daraus geworden. Auch die
+Champagne war kein Paradies, aber es gab wenigstens Licht dort -- hier
+war es immer düster.
+
+Tag und Nacht hallte dieser finstere Wald wider von einem unheimlichen
+Dröhnen und Rasseln, Lachen, Niesen und Husten. Tag und Nacht strichen
+winselnde und klagende Stahlvögel über ihn dahin, und das Rasseln der
+Maschinengewehre hämmerte hundertfach verstärkt in den Waldschluchten --
+bis plötzlich alle Lärme von einem einzigen großen Lärm sekundenlang
+übertönt wurden. Gestern ist die Eiche vor dem Unterstand zersplittert,
+heute stürzte eine hohe Tanne zu Boden. Die Splitter leuchten in der
+Finsternis. Der Regen rauscht, Ströme von Lehm fließen die schmalen
+Knüppelwege hinab, die die Soldaten durch das Dickicht geschlagen haben.
+Zuweilen trifft man auch ein menschenähnliches Wesen, bis an die Augen
+mit Lehm beschmiert. Zuweilen schleppen sich auch Trüppchen von
+Gespenstern, mit blutigen Binden an Köpfen und Armen, die Knüppelwege
+hinunter -- nein, pfui, der Wald ist kein Platz für einen Gentleman!
+
+Hauptmann Dönhoff denkt an Sonne -- an eine Wüste, in der Sonne,
+flimmernd von Licht, zitternd, vibrierend vor Hitze. Es würde ihm direkt
+Vergnügen machen, einmal tüchtig in der Sonne zu schwitzen. Und
+plötzlich kommt ihm Dora in den Sinn. Das Telegramm mußte nun wohl da
+sein. Langsam kriechen die Gedanken.
+
+»Kannten Sie nicht General v. Hecht-Babenberg, Kammerer?«
+
+»Welchen Babenberg?«
+
+»Nun, den, wissen Sie -- man hat ihn nach Hause geschickt --«
+
+»Nie gesehen. Weshalb fragen Sie?«
+
+»Ich dachte gerade an ihn -- nur so --«
+
+Was will er? dachte Dönhoff und erinnerte sich an das, was man ihm
+berichtet hatte. Was beabsichtigt er? Dora? Erwachsene Kinder -- man
+kann nie wissen. Dora drang darauf, daß er bald nach Berlin käme -- es
+fehlte noch eine Unterschrift in der Urkunde -- gut, an ihm sollte es
+nicht liegen.
+
+Kammerer strahlte. Plötzlich pfiff die Luft durch das Pfeifenrohr. »So,
+das Kind hat Luft --«
+
+Das Telephon tutete. Die Beobachtung meldete, daß der Feind in der neuen
+Sappe unverschämt arbeite.
+
+Schon trillert Kammerers Pfeife draußen im Wald. Die Geschütze der
+Batterie Dönhoff sind über eine weite Strecke verteilt und erst zu
+erkennen, als die dunkeln Rohre sich plötzlich bewegen. Hier im Wald ist
+es schon ganz düster, aber draußen bei der Beobachtung sind im
+Scherenfernrohr noch deutlich die Nebelgestalten zu unterscheiden, die
+dicht am Waldrande bei Boureuille Erde aufwerfen.
+
+Da donnern auch schon die Geschütze. Wütend, mit kurzen harten Schlägen,
+und das Echo rollt breit und drohend dahin. Die Petroleumlampe schwankt,
+während Hauptmann Dönhoff müde die Augen schließt und gähnt.
+
+Nun rieselt es draußen im Wald wie Regen. Die welken Blätter, die noch
+an den Bäumen hängen, fallen, von den Luftwirbeln losgerissen, zu Boden.
+
+ * * * * *
+
+»Und Ruth? Wo ist Ruth?« fragte Gräfin Heller. »Weshalb ist sie nicht
+gekommen?«
+
+»Sie hat immer mit ihrer Küche zu tun.« Ruth, die Tochter des Generals,
+arbeitete in einer Mittelstandsküche, ehrenamtlich natürlich, nicht
+gegen Bezahlung.
+
+»Ruth war heute vormittag bei mir«, warf Dora ein.
+
+Verführerisch war Doras Teetisch gedeckt, Blumen, Kuchen, Konfitüren.
+
+»Wann wird die Hochzeit sein?« Ruth war mit einem Baron Dietz, einem der
+reichsten pommerschen Grundbesitzer, verlobt. Er war zurzeit in Bukarest
+bei der Verwaltung.
+
+»Ich weiß es nicht«, erwiderte der General und schüttelte den Kopf. »Im
+Sommer wahrscheinlich. Ruth hat Lust, bis zum Frieden zu warten, wie mir
+scheint. Ich kümmere mich grundsätzlich nicht um die Angelegenheiten
+meiner Kinder --«
+
+Butzi, einem alternden übellaunigen Löwen lächerlichen Formats ähnlich,
+saß auf dem Schoß seiner Herrin und betrachtete aufmerksam, mit
+nachdenklich gekräuselter Stirn den General, seinen Feind, dessen
+blanken Stiefeln nahezukommen gefährlich war.
+
+Krieg, Nahrung, Politik -- in jeder Gesellschaft, sobald nur zwei
+Menschen zusammentrafen, versank man rettungslos augenblicklich in das
+gleiche Thema. Verzweifelte Anstrengungen, die Blicke glitten in die
+Ferne, ein Lächeln versuchte die Mienen zu verklären -- gewiß, es gab
+Himmel und Hölle im menschlichen Herzen, Engel und Teufel wandelten auf
+der Erde, bestechend durch ihre Liebe und ihre Kraft, ewig
+unergründliche Probleme bewegten unsichtbar die Jahrhunderte -- immer
+noch flog die Sonne, ein Ball überhitzter Gase, samt ihren winzigen
+Planeten mit der Geschwindigkeit von zwanzigtausend Sekundenmetern,
+unfaßbar, dem Sternbild der Leier zu -- immer noch war das Einfachste
+nicht ergründet, die Vergangenheit rätselhaft, die Zukunft
+undurchdringlich, die Gegenwart unbegreiflich, immer noch schaukelte der
+Mensch, ein Atom, nicht einmal ein Atom, über den Abgründen der
+Mysterien, voller Entsetzen, voller Hoffen -- immer noch war alles
+geheimnisvoll, unfaßbar. Noch immer versank der Mensch jede Nacht in
+einen erschreckenden Zustand der Bewußtlosigkeit. Noch immer war die
+Liebe, die mütterliche, unbegreifliche, offenbart im winzigen Insekt, in
+Doras Lachen und selbst in den ernsten Gesichtern der Damen
+Sterne-Dönhoff -- noch immer war sie allgegenwärtig -- gewiß! Aber doch
+-- gänzlich hoffnungslos. Es war wie die Verdammnis selbst! Das
+verklärende Lächeln erlosch, der Blick flüchtete erschrocken zurück --
+nichts blieb: Politik, Krieg, Nahrung.
+
+Das politische Schicksal -- die Summe der menschlichen Schwächen und
+Irrtümer -- hatte die Gedanken versteinert. Die Staubschicht der
+Schlachtfelder, die bis an die Grenze der Atmosphäre hochstieg, lastete
+wie ein Gebirge auf den Gehirnen, vom Atlantik bis zum Pazifik -- die
+Gehirne bewegten sich nicht mehr. Butzi allein führte sein eigenes
+geistiges Leben weiter. Weshalb, zum Beispiel, durfte man den Hosen mit
+den roten Streifen nicht zu nahe kommen? Weshalb zuckte die
+Stiefelspitze, wenn man mit der Zunge den Glanz der Stiefel berühren
+wollte? Antworte, gerechter Himmel! Wonach roch er? Nach, um es kurz zu
+sagen, Gleichgültigkeit und Verachtung. Er liebte Hunde nicht. Und
+plötzlich, ohne es selbst zu wollen, knurrte Butzi, ohne zu wissen, was
+er tat und weshalb plötzlich der Zorn in seinem kleinen Stahlherzen
+klopfte.
+
+Butzi bekam sofort eine Ohrfeige. Aber das nahm er nicht übel. Denn es
+war ja seine Herrin, deren Lachen er liebte, deren Geruch er liebte --
+sie, die Freundschaft fühlte für die Hunde, Liebe. Die Wohltäterin und
+Heilige -- obschon diese kläffenden Ungeheuer sie vielleicht für
+verworfen hielten -- für schamlos -- für . . .
+
+Nein, Butzi verstand die unartikulierten Laute dieser kläffenden
+Ungeheuer nicht. Er begriff ihren Eifer nicht, ihre Erregung. Offensive,
+die bevorstehende große Offensive -- der Entscheidungsschlag.
+Unbegreiflich! Der Herr mit den roten Streifen glaubte nicht an die
+Amerikaner, und die Damen lächelten. Wie beliebt? Bluff, mit einem Wort.
+Er gestand, daß er besorgt war -- besorgt, nicht mehr! Hätten sie sich
+auf Spezialwaffen beschränkt -- Fliegertruppen, Automobilkorps,
+Artillerie -- er hätte vor Angst gefiebert. Aber eine Armee? Unmöglich!
+Woher das Offizierkorps nehmen? Nun, die Rüstungen galten ja gar nicht
+uns! Nein! Der größte und geschickteste Bluff der Geschichte.
+
+Hier wollte Otto etwas einwerfen, aber der General wandte ihm den Blick
+zu, und er schwieg.
+
+Und die Transportfrage, ich bitte? Willkommene Beute für unsere U-Boote,
+so sagte der Minister.
+
+Die Damen hingen an den Lippen des Generals. Ihr Atem ging plötzlich
+leichter. Gräfin Heller beliebte die Zwischenfrage: ob das Volk -- so
+ganz im allgemeinen --?
+
+Der Herr mit den roten Streifen runzelte vorwurfsvoll die Stirn. Dann
+lösten sich seine Züge zu beschämender Zuversicht.
+
+»Ein kleines Beispiel nur, wenn die Damen gestatten wollen -- wie
+herrlich dieses Volk ist. Einer meiner Burschen, er begleitete mich
+durch den ganzen Feldzug, Jakob mit dem Familiennamen, ein Bauernsohn.
+Ich frage ihn, ob er nicht gerne wieder dabei wäre, da draußen, wenn es
+nun wieder losgeht? Natürlich möchte er das! Er strahlt über das ganze
+Gesicht! Sie sollten dieses Strahlen gesehen haben, Gräfin! Aber, sage
+ich, höre, wenn ich dich nun hier brauche? -- Langes, tiefes Sinnen. Das
+echt deutsche tiefe Sinnen! -- Dann bleibe ich bei Herrn General! --
+Gräfin, zwei der augenfälligsten deutschen Charakterzüge mögen Sie in
+dieser kleinen Szene erkennen: die dem Deutschen angeborene
+Kampfesfreude und seine Mannestreue --«
+
+Die Gräfin blinzelte lächelnd mit den gepuderten Wimpern. Immer noch
+spricht der General. Jedes seiner Worte atmet Zuversicht. Heute abend
+wird Gräfin Heller jede Einzelheit des Gesprächs jener einflußreichen
+Persönlichkeit berichten. Jedermann weiß das. Der hohe Würdenträger ist
+vorzüglich informiert über die Meinungen aller Persönlichkeiten, die
+eine Rolle im öffentlichen Leben spielen. Sein Lächeln ist -- tödlich.
+Ein anerkennendes Wort seiner schmalen Lippen mehr wert als eine
+gewonnene Schlacht. Sehr wohl weiß der General, daß man _dort_ nur einen
+gesunden Optimismus liebt.
+
+Butzi ringelte sich resigniert auf dem warmen Schoß der Herrin zusammen.
+
+Reserven, ungeheure Reserven. Gestaffelt bis Frankfurt, Mainz, selbst
+Münster ist Etappe. Alles was in Rußland war -- die neuen Mannschaften
+-- eine Millionenarmee, furchtbar und stark wie am Anfang des Krieges.
+Wie eine unheimliche Flutwelle wird die Armee vorrollen, alles
+niederwerfend --
+
+Eine andere, etwas hellere und weniger trockene Stimme sprach nunmehr.
+Es war der Mann mit den Krücken. Die Augen der Majorin Sterne-Dönhoff
+leuchteten. Die Gräfin schlürfte blinzelnd den Tee.
+
+Ja, das Gas! Das Gas wird der Armee den Weg bereiten! Das fürchterliche
+Gelbkreuz und Blaukreuz. Es zerfrißt die Gasmasken, selbst Leder, jede
+Berührung, auch die kleinste, ist tödlich.
+
+Die Gesichter strahlten, schon röteten sich die Wangen der Schwestern
+Sterne-Dönhoff und des jungen Heinz wie im Fieber. Der General blickte
+mißtrauisch zum gelbseidenen Vorhang. Ob nicht ein Lauscher in der Nähe
+sei, ein Dienstbote vielleicht. Er fand es im höchsten Grade
+unvorsichtig von Hauptmann Wunderlich, über diese geheimen Dinge so
+unumwunden zu sprechen -- obschon man ja, gewissermaßen, unter sich war.
+
+Butzi war endlich eingeschlafen.
+
+»Gebe Gott, daß es zu Ende geht«, sagte Gräfin Heller mit einem tiefen
+Seufzer. »Ich möchte reisen!«
+
+»Aber Sie können doch, Liebste? Sie reisen ja ununterbrochen!«
+
+»Ich möchte nach Paris reisen!«
+
+»Nach Paris!«
+
+Aber augenblicklich hatte der General seine Fassung wieder gefunden. Er
+beugte sich vor. »Sie werden nach Paris reisen, Gräfin!« versichert er
+mit Feierlichkeit in der Stimme. »Ich gebe Ihnen mein Wort!«
+
+»Ich werde -- Herr General?«
+
+»Ja«, fuhr der General mit derselben Feierlichkeit fort. »Paris und
+Calais werden fallen, Gräfin, die Trümmer der englischen Armee werden
+ins Meer geworfen -- im Sommer werden wir in Paris den Frieden
+diktieren. Dies ist meine heilige Überzeugung!«
+
+»Gott segne Sie, General!« Gräfin Heller zog die kleine Hand aus dem
+Muff und streckte sie lachend dem General entgegen.
+
+Diese kleine Unterbrechung -- während sich der graue Scheitel über die
+kleine Hand beugte -- benutzte Otto. Er erhob sich rasch, und auch Heinz
+schnellte in die Höhe. Die beiden jungen Offiziere verabschiedeten sich.
+
+Butzi erwachte, überzeugte sich, gegen den General schielend, daß er
+noch blieb, und ringelte sich, ergeben in sein Schicksal, wieder
+zusammen.
+
+ * * * * *
+
+Otto beugte sich über Doras Hand, die wie eine Koralle blühte, und seine
+hellen verwegenen Augen -- doch Dora wehrte lächelnd seinen Blick ab.
+
+»Leben Sie wohl, Otto -- auf gesunde Wiederkehr!« sagte sie, und ihre
+Grübchen schimmerten. --
+
+»Ich hatte noch gar nicht Gelegenheit, Gräfin -- mich nach dem Befinden
+Seiner Exzellenz zu erkundigen -- ich darf doch hoffen, daß Seine
+Exzellenz --« Die Stimme des Generals sank zu einem ehrfurchtsvollen
+Raunen herab.
+
+»Seine Exzellenz waren vor kurzem in ernster Lebensgefahr. Der Hofzug,
+wissen Sie -- und ein feindlicher Flieger -- eine Bombe -- aber Gott sei
+Dank passierte nichts. Die Bombe traf, leider, einen Lazarettzug -- die
+Armen --.« Die Gräfin aber hatte alles gefühlt. Zur selben Stunde
+erwachte sie, im Traum erschreckt durch einen Feuerschein. So
+geheimnisvoll innig war die Verbindung zwischen ihr und ihrem Bruder.
+
+Das Gesicht des Generals zeigte äußerste Bestürzung.
+
+»Ist es möglich -- eine Bombe -- und man erfährt es jetzt erst --?
+Wann?«
+
+»Vor etwa zehn Tagen.«
+
+»Vor zehn Tagen! Und man -- haben Sie gehört, Dora?«
+
+Der General konnte es gar nicht fassen.
+
+
+4
+
+Die beiden jungen Offiziere eilten mit raschen Schritten die nasse
+dunkele Straße entlang. Beide waren verabredet, mit den Schwestern Klara
+und Hedi Westphal, die zu Doras Kreis gehörten. Übrigens wußte keiner
+von des andern Rendezvous. Das ganz nebenbei.
+
+Otto schlug den Kragen des Mantels hoch und fluchte.
+
+»Furchtbar, entsetzlich!«
+
+»Wie beliebt?«
+
+»Einfach entsetzlich!«
+
+»Sie meinen, Otto?«
+
+»Dieses Geschwätz! Diese Teegesellschaft! -- Ich gehe übrigens links,
+Heinz. Ich muß zum Kaiserhof.« Otto machte erneut den Versuch, Heinz
+abzuschütteln, weil er allein sein wollte. Was ahnte dieser Knabe --?
+
+Aber Heinz verstand ihn nicht. »Es ist einerlei, wo ich einsteige. Das
+heißt natürlich, wenn ich lästig bin?«
+
+Heinz hatte Mühe mitzukommen, denn Otto machte rasende Fahrt. Mit Genuß
+atmete er die feuchte Luft ein, die aus dem Tiergarten in alle Straßen
+dieses Viertels strömte. Welcher Qualm bei Frau v. Dönhoff! Dora rauchte
+englische, etwas parfümierte Zigaretten, sie bekam sie jetzt noch --
+woher, das war rätselhaft, aber sie bekam sie jedenfalls. Auch Heinz war
+glücklich, Doras Salon entronnen zu sein. Die Nähe des Generals hatte
+ihn bedrückt. Er hatte auch nicht den Mund aufgetan und war sich albern,
+kindisch und ungeheuer dumm vorgekommen. Die Ordenssterne des Generals
+und besonders der gestickte Kragen (war ein Komet darauf gestickt oder
+was sonst für eine sonderbare Sache?) hatten seine Phantasie verwirrt.
+Glücklicherweise, ja, es war in der Tat ein Glück, hatte ihn der General
+gar nicht beachtet. Nur bei der Begrüßung hatte er ihm flüchtig die Hand
+gereicht und ihn mit jenem raschen Blick gestreift, mit dem hohe
+Offiziere Untergebene in Gesellschaft begrüßen: kameradschaftlich,
+verstehst du, aber welche Distanz! Übrigens, diese Hand des Generals,
+sie war stählern und -- eisig kalt. Nie würde er diesen Händedruck
+vergessen. Schon aber kehrte seine alte Sorge zurück.
+
+»Glaubt Ihr Herr Vater wirklich, daß wir im Sommer in Paris sein
+werden?« wandte er sich hastig an Otto.
+
+Otto fuhr aus seinen Gedanken auf. Er war so zerstreut, daß er einen
+Augenblick stehenblieb. Dampfsäulen fuhren aus seinem Mund, so schnell
+atmete er, es war kalt geworden. Er blickte Heinz in die Augen, verstand
+erst jetzt und lachte plötzlich.
+
+»Natürlich glaubt er es. Er glaubt es schon seit über drei Jahren. Schon
+im August 1914 hat er mir Lehren mitgegeben, wie ich mich in Paris zu
+benehmen hätte. Er war übrigens nie in seinem Leben in Paris!«
+
+»Also, er glaubt es?« sagte Heinz nachdenklich.
+
+»Ja, ja, und er wird es glauben und wenn die Franzosen in Hannover
+stünden. Er würde es auch dann noch glauben. Er ist so.«
+
+»Aber glauben auch Sie es?«
+
+Wieder lachte Otto kurz auf. »Ich?« sagte er, knurrte er. »Ich bin doch
+kein Narr!« Nein, er, Otto glaubte nicht mehr an den Sieg der deutschen
+Waffen, wie viele Frontoffiziere.
+
+Kein Narr?
+
+»Aber Ihr Herr Vater, Otto, der General --?«
+
+Otto lachte nun laut und belustigt. »Die Generale haben ihre eigene
+Meinung, lieber Heinz! Sie können das ja noch nicht verstehen, es ist
+ein Kapitel für sich. Ich habe einmal bei Langemarck dreißig Prozent
+meiner Leute liegenlassen, und mein General sagte: Na, das ging ja noch
+gelinde ab. Wörtlich! Mein alter Herr, übrigens -- er will das Reich
+Karls des Großen wieder errichten.«
+
+»Sie glauben also nicht daran?« Heinz atmete erleichtert auf. »Es wäre
+ja auch zu fatal,« fügte er hinzu, »jetzt, da ich eben Feldpilot
+geworden bin.«,
+
+Fast vier Jahre Krieg und immer noch dieselbe Geschichte, dachte Otto.
+Da er aber schwieg, versuchte Heinz, ihm seinen Seelenzustand deutlicher
+zu machen.
+
+»Sie können mich nicht begreifen«, rief er aus. »Sie Glücklicher! Sie
+fahren ja morgen zurück zur Front!«
+
+Otto knöpfte den Mantel fester zu. Plötzlich fror er. Der Gedanke an die
+Front benahm ihm für einen Augenblick den Atem. Die ganze Grausigkeit
+der Zone des Todes, in der es nur zerschossene Gräben, eingeäscherte
+Dörfer, zersplitterte Wälder gab, legte sich wie ein Alp auf seine
+Brust. Weshalb auch, zum Teufel, mußte er jede Minute daran erinnert
+werden, daß er morgen wieder zur Front zurück sollte? Jeder Mensch, der
+die Front _nicht_ kannte, tat so, als fahre er zu einer Hochzeit. Ja,
+tatsächlich man beglückwünschte ihn! Die Leute allerdings, die sie
+kannten -- nun, die sagten gar nichts -- höchstens ein verstehendes,
+etwas schadenfrohes Lächeln.
+
+Die Kälte in der halbdunkeln Straße kroch an ihm empor, in seine Uniform
+hinein. Er erinnerte sich voller Grauen an die Erdlöcher, in denen er,
+völlig unverständlich, Jahre seines Lebens verbracht hatte, an den
+eisigen Hauch, der von den Gräben ausging. Und plötzlich, ganz
+unvermutet, schnürte ihm eine sonderbare Empfindung die Brust zusammen
+-- Angst. Ja, Angst! Gleichzeitig sah er einen Feuerschein vor seinen
+Augen, der ihn erschreckte: den kurzen hellen Blitz des explodierenden
+Geschosses. Er erbleichte. Das Geräusch einer um die Ecke fahrenden
+elektrischen Bahn hatte ihm das schleifende Fauchen einer Granate
+vorgetäuscht.
+
+Immer noch war er schneeweiß im Gesicht und sein Herz zuckte -- genau
+wie draußen, wenn sie heranzischten.
+
+»Hören Sie, Heinz,« sagte er, »wie diese Elektrische um die Kurve fährt?
+Genau so kreischen und fauchen die Granaten. Sie werden noch bald genug
+hinauskommen.«
+
+Heinz beschleunigte unwillkürlich den Schritt. »Ich freue mich
+unbändig«, rief er aus, indem er die strahlenden Knabenaugen zu Otto
+hob. »Denken Sie, ich war fünfzehn, als der Krieg ausbrach, und ich
+konnte ja nicht hoffen, noch mitkämpfen zu dürfen.«
+
+»Auch wir, wir haben uns unbändig gefreut, als die ersten Granaten
+einschlugen«, entgegnete Otto und gab seiner Stimme einen leichteren und
+heiteren Klang. Immer noch pochte und zuckte sein Herz. Er wollte Heinz
+auch nicht ahnen lassen, was in ihm vorging. Dieser Junge! Sollte er ihm
+sagen, daß er in Angstschweiß gebadet -- betete? So unglaublich es
+klingt. Betete! Er! Übrigens -- das ging ihm durch den Kopf -- bei
+Souchez -- die Toten lagen mit ihren genagelten Stiefeln in Scharen
+draußen -- sie hatten schwere Verluste, ein abgeschlagener Angriff -- da
+kam ein bayrischer Priester. Der stieg auf den Graben -- im Feuer! --
+das Kreuz erhoben und segnete die Gefallenen ein. Die Franzosen schossen
+-- aber er, _er stand_ -- mit dem Kreuz in der Hand. Friede sei mit
+Euch! Schrecklicher, herrlicher Augenblick! Er glaubte, glaubte! Die
+Kugeln waren Wind für ihn. Aber er, Otto, er betete -- ohne zu glauben,
+das ist etwas ganz anderes. Sollte er Heinz erzählen, wie sie liefen --
+wie Ratten, auf die geschossen wird -- hin und her -- wie Ratten -- von
+Unterstand zu Unterstand -- und zwar jeden Abend? Hohoho! Es wurde
+Scheibe geschossen.
+
+»Ja, auch wir haben gelacht, als die ersten Granaten einschlugen. Ich
+erinnere mich deutlich. Es war beim Vormarsch. Plötzlich aber hing ein
+Bein auf einem Obstbaum --«
+
+»Wie? Ein Bein?«
+
+»Ja, ein Bein. Mit dem Stiefel. Es hing im Kniegelenk auf einem Ast.«
+
+»Brr!«
+
+»Ja, und in diesem Augenblick hörten wir auf zu lachen und Hurra zu
+schreien, denn wir hatten ja jeden Einschlag mit Hurra begrüßt. --
+Übrigens ist es natürlich für Sie sehr interessant, da Sie die Scherze
+noch nicht kennen -- für Sie als Flieger ganz besonders.«
+
+»Sind Sie jemals im Felde geflogen? Nein? Ich stelle es mir wunderbar
+vor. Ich habe Tausende von Fliegeraufnahmen gesehen, und ich glaube, daß
+ich gleich vertraut sein werde mit allem. Nur das Warten ist
+schrecklich.«
+
+»Vergessen Sie nur nicht, wie gesagt, daß da draußen scharf geschossen
+wird.«
+
+Der junge Sterne-Dönhoff brach in ein heiteres Lachen aus. »Aber
+natürlich, das ist ja gerade das Interessante bei der ganzen Sache,«
+rief er aus, »im Feuer fliegen!«
+
+Plötzlich, ganz unvermittelt, blieb Otto stehen und streckte Heinz die
+Hand hin. »Ich muß jetzt -- Sie verzeihen, Heinz -- ich muß gehen!«
+Immer noch war er etwas bleich.
+
+»Auf Wiedersehen, Otto. Und hoffentlich im Felde!«
+
+»Hoffentlich!«
+
+Er hat auch seinen Knacks weg! dachte Heinz. Nein, wie nervös er ist!
+Und doch soll er zum Pour le mérite vorgeschlagen sein!
+
+ * * * * *
+
+Wie ein Rasender stürzte Otto die halbdunkle Straße hinab. Heinz sah ihm
+verwundert nach.
+
+Gerechter Gott, sollte man es für möglich halten? Auf gesunde
+Wiederkehr! Er war gekommen, um ein paar Worte mit ihr zu sprechen. Ein
+Lächeln, eine gepuderte Hand. Alles? Und eine ganze Gesellschaft saß da,
+zu allem Unheil kam noch der Alte dazu --!
+
+Da droben gab es keinen Stern, kein Licht, keine Wolken, nichts. Nur
+eine dicke fettige Schicht von Ruß, aus der zuweilen flimmernde Tropfen
+fielen, lag auf den häßlichen dunkeln Häusern, die vor Feuchtigkeit
+schwitzten. Und schon war Otto in einem Blumengeschäft verschwunden.
+
+Tulpen, Flammen und Glut, hellrote Rosen.
+
+»Das Stück kostet --«
+
+»Ich möchte alle.«
+
+»Alle?« Sie kosteten ein Vermögen.
+
+»Einen letzten Gruß!« schrieb Otto. Der neugierige Blick der kleinen
+rothaarigen Verkäuferin, die ihn durch die Blumensträuße beobachtete,
+verwirrte ihn. Er wurde abwechselnd bleich und rot, während er die paar
+banalen Worte und die Adresse schrieb. Es mußte ja ganz unverfänglich
+sein, jeder Mensch, dieser Petersen und diese Frida, die
+herumspionierten, mußten die Karte lesen können. Ohne diese
+Rücksichtnahme hätte er wohl gewußt, was er schreiben sollte.
+
+Er hätte schreiben können: Ich werde Dich vor mir sehen -- und wieder
+erbleichte er.
+
+Die Liebe ist Gift, dachte der rothaarige Irrwisch und lächelte
+spöttisch hinter dem Offizier her.
+
+Ruhiger schritt Otto dahin. Plötzlich, sonderbar, hatte er Zeit! Morgen
+früh um sieben Uhr ging der Zug. Nun wohl, das waren immerhin noch gute
+zwölf Stunden. Der Abend lag vor ihm -- und die ganze Nacht.
+
+Unangenehm nur war die Verabredung mit jener Dame im Kaiserhof. Sehen
+wir zu, daß wir die Sache hinter uns bringen! Indessen -- keine Eile --
+mochte sie getrost noch etwas warten. Er hatte es gewiß nicht an
+Deutlichkeit fehlen lassen, oder? Schluß, zu Ende, sei ein tapferes
+Mädchen usw. usw. Wie man in solchen Fällen zu schreiben pflegt. Nein,
+nach diesem Brief gab es ein Zurück nicht mehr. Und doch hatte sie ihn
+wieder beschwätzt. Sie begriff, sie war völlig einverstanden, zu Ende,
+natürlich, aber sie wollte ihn vor seiner Abreise noch einmal kurz
+sehen, wenn auch nur für einen Augenblick. Sie schrieb, daß sie von 5
+bis 9 Uhr im Kaiserhof auf ihn warten werde. Er würde gewiß eine Minute
+finden. Von 5 bis 9 Uhr! Es war natürlich ganz unmöglich, eine junge
+Dame vier Stunden lang vergebens warten zu lassen, das sah er wohl ein.
+
+Aber sie soll wenigstens etwas zappeln, dachte er und zündete sich
+gemächlich eine Zigarette an. Er machte sogar noch einen unnötigen
+Umweg.
+
+»Diese Hedi!« Verächtlich stieß er die Luft durch die Nase.
+
+Wie der General verachtete auch Otto im Grunde seines Herzens die
+Frauen.
+
+Er kaufte eine Abendzeitung und durchflog sie unter einer Laterne.
+
+
+5
+
+Heinz war, so schnell ihn die Füße trugen, zur Station der
+Untergrundbahn geeilt. Er hatte ja Klara benachrichtigt, daß es etwas
+später werden könnte, trotzdem . . .
+
+Es war die Stunde des Geschäftsschlusses.
+
+Berlin war wie ein schmutziger Schwamm, der ausgedrückt wird. Ströme von
+Schmutz flossen aus dem finsteren Himmel, von den Dächern und den
+tausendfenstrigen Hauswänden. Der Schmutz wälzte sich über die Straßen
+und stieg in den durchlöcherten Stiefelsohlen bis an die Knöchel. Die
+Menschen in ihren abgeschabten, dünnen Kleidern, blau vor Kälte und
+Hunger, quollen aus den frostigen Häusern und stürzten hinab in die
+windigen Kamine, die zur Untergrundbahn führen. Sie stauten sich auf den
+Bahnhöfen, geballt zu einer Wolke von Bitterkeit und Wut. Die
+überfüllten Züge fegten, triefend von Dunst und Schmutz, mitten hinein
+in die Menschenknäuel, die sich rasend gegen Türen und Scheiben warfen,
+um nicht auf den finstern, feuchten Perrons zurückbleiben zu müssen.
+
+Die Schaffnerinnen -- ihre Männer waren im Feld, faulten längst in den
+Massengräbern, verbluteten in dieser Minute, die Kinder hungerten zu
+Hause in einer kalten Stube -- die Schaffnerinnen, gepeinigt bis aufs
+Blut von den jagenden Zügen, klirrenden Scheiben und kämpfenden
+Menschenmassen, schrien mit schrillen, gellenden Stimmen, als ob sie
+erdolcht würden. (Und ach, sie wurden erdolcht, jede Minute stieß ihnen
+unbarmherzig das Messer ins Herz.)
+
+Zu Blöcken zusammengepreßt, flogen die Menschen durch die dunkeln
+Tunnels voll stummer gegenseitiger Raserei. Sie schwiegen. Sie
+fürchteten Spione und Agenten. Sie fürchteten den Terror der Albernheit.
+Sie lächelten und lachten nicht mehr. Sie fühlten das Verhängnis dicht
+vor sich, um sich, über sich, wo am Dach des Wagens sich all die Dünste
+der zusammengedrängten Menschenmassen stauten. Dieses Verhängnis, dessen
+Widerschein in allen Augen glänzte, begleitete sie durch die finsteren
+Tunnels, über die klirrenden Brücken und flutete mit ihnen über die
+menschenwimmelnden Perrons. Flogen die Züge in die Stollen hinab, so war
+es für viele, als ginge es in die Hölle mit ihnen, und der kalte Schweiß
+trat auf ihre Stirn.
+
+Dunkelheit, Kälte und Hunger drohten aus den Straßenschluchten. Diese
+drei Gespenster ergriffen Besitz von Berlin, das sich drei Kriegswinter
+hindurch tapfer verteidigt hatte, um im vierten zu kapitulieren. Täglich
+breiteten sie sich mehr über die Stadt aus. Sie eroberten Häuserblock um
+Häuserblock, Straßenzüge um Straßenzüge, Stadtviertel um Stadtviertel,
+und drangen langsam zum Herzen der Stadt vor. Als ein viertes Gespenst
+war noch die Grippe dazugekommen. Dieses Gespenst war überall, wo sich
+Menschen ansammelten. Es machte alle Fahrten auf den überfüllten
+Untergrundzügen mit. Die Passagiere husteten sich gegenseitig den Tod
+ins Gesicht. Viele von ihnen machten heute ihre letzte Fahrt. Mit
+Vorliebe suchte dieses vierte Gespenst sich junge Exemplare aus, es
+liebte zartes Fleisch. Sie starben von der Berührung. Die Alten brachte
+es nur um eine gute Strecke der Grube näher, in die sie eines Tages,
+entkräftet vor Hunger und zermürbt von der Verzweiflung, ganz von selbst
+stürzen würden.
+
+Heinz mußte einen überfüllten Zug vorbei lassen. Ein Paar grober Fäuste
+schleuderte ihn zurück. Selbst beim nächsten Zug verdankte er es nur
+seinem freundlichen Knabengesicht und dem Lächeln auf den roten Lippen,
+daß man ihn mitnahm.
+
+Augenblicklich dachte er an die grüne Mütze. In wenigen Minuten würde er
+sie sehen!
+
+Eine grüne Wollmütze, flott nach hinten gerückt, grasgrün, mit einer
+ebensolchen grasgrünen Seidenquaste in der Mitte, gewiß ist sie nichts,
+aber sie kann im Herzen eines Menschen soviel sein wie der Christus in
+der Kirche. Zuweilen, wenn die Züge seiner Dame in seinem Gedächtnis
+verblaßten, sehr selten geschah es -- die grüne Wollmütze blieb zurück,
+keine Macht konnte sie ihm entreißen. Und allmählich, wie durch einen
+Zauber, fügten sich dann wieder Haar, Wangen, Ohr -- alles daran.
+
+Diese grüne Wollmütze leuchtete über den Wittenbergplatz, als er den
+Bahnhof verließ -- weithin, wie ein Scheinwerfer. Und doch war es nur
+ein handgroßer Fleck von Grün, nicht einmal sehr deutlich im Schein
+einer Laterne. Durch das Gewimmel von Menschen hindurch drang Heinzens
+Blick, als ob die Menschen transparent wären, er sah seine Dame von den
+Schuhen bis zur Wollmütze, in ihrer ganzen Figur, obschon sie mitten in
+einem Knäuel von Wartenden bei der Haltestelle der Elektrischen stand.
+Das war jedenfalls ganz wunderbar. Er erkannte die Linie ihres
+anliegenden Jacketts, er sah sogar, daß sie ein Päckchen am Finger trug.
+
+Plötzlich traf eine Stimme Klaras Ohr! Aber Heinz hatte gar nicht
+gerufen. Sie blickte im gleichen Augenblick auf ihn, ihre Blicke
+begegneten sich durch das Gewimmel. Sie lächelte, ihr Lächeln kam näher,
+es wurde leuchtender und strahlender, überblendete Menschenschatten,
+Finsternis und schmutzige Straße, und endlich glänzte es dicht vor ihm.
+Es hatte sich nun wiederum auf seine Quelle zurückgezogen. Es leuchtete
+aus ihren Augen, aus ihren Lippen, weißen Zähnen, aus ihren Wangen und
+selbst aus ihren blonden Haaren, auf denen einige Regentropfen wie Tau
+glitzerten.
+
+Beide erröteten und fingen gleichzeitig an zu reden. Es war völlig
+einerlei, was sie sagten. Sie freuten sich an dem Klang ihrer Stimmen,
+die durcheinander klangen.
+
+»Sie haben -- du hast --«
+
+»-- tausendmal Verzeihung jedenfalls -- meine Cousine wollte mich
+Hauptmann Wunderlich vorstellen, der eine Kampfstaffel führt --«
+
+Die grüne Wollmütze glitt die Straße hinab, die seidene grüne Quaste
+baumelte hin und her.
+
+Wie wunderbar frisch ihre Halskrause ist, dachte Heinz und wie fest ihr
+Jackett um die Hüfte schließt. Sie aber bewunderte den Schnitt seines
+Mantels, der nahezu bis zur Erde reichte und viel zu weit war, und seine
+seidene Mütze, die eine kecke Beule aufwies.
+
+»Du trägst ja nun das Abzeichen!« rief die junge Dame plötzlich
+überrascht aus. Mit einem raschen Blick hatte sie, als er nur einen
+Augenblick den Mantel aufknöpfte, sofort das Fliegerabzeichen entdeckt.
+
+»Ich habe es gestern bekommen.«
+
+»Ich gratuliere.« Das war wohl eine Gelegenheit, ihr die Hand zu geben.
+Heinz berührte die Spitzen ihrer zarten, ach so zarten und unbegreiflich
+dünnen Finger.
+
+»Gestern flog ich über Berlin«, erzählte er lebhaft. »Ich flog über den
+Wittenbergplatz und den Kurfürstendamm entlang. Bei der Gedächtniskirche
+drosselte ich den Motor und ging auf fünfhundert Meter herunter. Ich sah
+das Treiben der Menschen und dachte, vielleicht geht auch Klara Westphal
+da unten.«
+
+Nein, Klara Westphal war zu Hause.
+
+Klara streifte ihren jungen Helden mit einem bewundernden Blick. Sie
+konnte wohl beobachten, daß die Damen den schlanken Offizier anblickten,
+und manche drehten sich sogar um, so schön und frisch war er. Er ging
+sorglos und strahlend, die Mütze etwas keck aufs Ohr geschoben, und er
+hatte eine besonders flotte Art zu grüßen, als gebe es Vorgesetzte für
+ihn nicht. Sein Gruß hatte zuweilen sogar etwas Herablassendes und
+Gönnerhaftes. Jetzt, da er neben Klara ging, war er völlig frei von
+seiner kindischen Ehrfurcht vor allem, was Achselstücke mit Sternen
+trug.
+
+»Und dein Kommando?«
+
+»Leider ist es noch nichts damit. Nun aber hat Hauptmann Wunderlich mir
+versprochen, mich für seine Kampfstaffel anzufordern, sobald es möglich
+ist.«
+
+Nichts fürchtete Klara mehr als diesen schrecklichen Augenblick, wo das
+Kommando kam. Schon jetzt klopfte ihr das Herz.
+
+»Wohin wollen wir gehen?«
+
+»Es ist ganz gleichgültig.«
+
+Es war in der Tat völlig gleichgültig. Wenn sie nur nebeneinander
+hergehen durften, verstrickt durch das Unergründliche, unbegreiflich
+Süße, Geheimnisvolle -- Blicke, Gesten, Lachen, Worte, das war ja das
+allerwenigste.
+
+Die Menschen, die aus Elektrischen sprangen und in Restaurants eilten,
+die Unverschämten, die sie anblickten und Bemerkungen austauschten --
+sie sahen sie gar nicht.
+
+Sie bogen in eine dunkele Straße ein, und sofort strahlten Klaras Augen
+wie Feuer, ihr blondes Haar flammte unter der grünen Mütze und ihre
+etwas vollen Wangen begannen geheimnisvoll zu schimmern. Ihr kleiner
+Mund aber glänzte naß und tiefrot.
+
+Wunderbar! Hier in der Dunkelheit sah Heinz, daß sie atmete, was er
+früher nie beobachtet hatte. Ihre Brust bewegte sich, ergreifend, unter
+dem enganliegenden Jackett gleichmäßig auf und ab. Zum ersten Male hörte
+er auch ihren Atem, den er nie gehört hatte.
+
+Klaras Lippen wurden durch ein Lächeln geöffnet, und im gleichen
+Augenblick rief sie jauchzend aus: »Es schneit, Heinz! Es schneit!« Und
+schon flog die grüne Mütze mit der baumelnden Quaste davon.
+
+»Komm, komm!« Sie streckte ihm die Hand hin.
+
+Nun liefen sie beide in den wirbelnden Schnee hinein.
+
+Unterdessen wartete Hedi Westphal in der Halle des »Kaiserhofs«. Und
+Otto las unter einer Laterne gemächlich die Abendzeitung.
+
+
+6
+
+Hedi hatte längst den Tee ausgetrunken. Sie hätte gern eine zweite
+Portion bestellt, aber sie mußte sparen. Ewig diese Geldmisere!
+
+Ihr Vater war Geheimer Rat im Auswärtigen Amt. Da schlich er täglich in
+Gamaschen und Seidenhut an den beiden Sphinxfiguren des Vestibüls
+vorüber, die immer so eigentümlich lächelten. Dann knackte er in seinem
+Bureau mit den Fingern, zupfte an seinem dünnen Chinesenbart und
+vertiefte sich in die Zeitungen. Diese Tätigkeit war nicht besonders
+aufreibend, aber sie war schlecht bezahlt und die Westphals ohne
+Vermögen.
+
+Trotz des lächerlich geringen Taschengeldes war Hedi ganz Lady -- von
+den tadellosen Stiefelchen an bis hinauf zu dem kleinen Reiher auf dem
+silbergrauen Seidenhütchen. Sie trug einen weißen Schleier mit
+silbergrauer Stickerei. Sie war noch blonder als Klara, nahezu
+weißblond.
+
+Den weißen Schleier mit den silbergrauen Ornamenten schob sie zuweilen
+über das Näschen und nippte, die Hand graziös geformt, an der leeren
+Teetasse.
+
+Würdevoll war ihre Haltung, etwas lässig. Die Umwelt existierte nicht
+für sie. In vollkommenem Gleichgewicht schwebend saß sie da.
+
+Die Musik wehte. Butterfly.
+
+Ein älterer Offizier mit einer mächtig funkelnden Glatze beobachtete sie
+in auffallender Weise. Hedi wandte das Gesicht mit einem gelangweilten
+Blinzeln in eine andere Richtung. Nun aber hatte sich ein junger Herr in
+einem Klubsessel am Mittelgang niedergelassen. Er trug einen weiten
+Mantel von auffallend heller Farbe, tadellose braune Stiefel, nagelneu,
+eine Sehenswürdigkeit in diesen Tagen. Eine Zigarette im Mundwinkel saß
+er da und stieß mit einem dünnen Stöckchen im Takte der Musik auf den
+Teppich. Zuweilen ließ er seinen Blick über Hedi gleiten, aber in
+gänzlich unauffälliger Weise, so daß sie ihn niemals dabei ertappen
+konnte. Im letzten Moment huschte der Blick stets über sie in die Höhe
+zur Decke. Vielleicht hatte sie ihn schon gesehen? Er kam ihr irgendwie
+bekannt vor. Nun brachte ihm ein Kellner ein kleines Glas und goß eine
+rote Flüssigkeit ein. Der junge Mann nahm aus seiner Manteltasche einen
+Pack Papiergeld und reichte dem Kellner eine Note, um gleich darauf
+wegzublicken. Der Kellner verneigte sich tief. Hedi blickte auf die
+Armbanduhr, und ihre Miene sah enttäuscht aus. Es war einhalb sieben
+Uhr. Die Musik spielte einen Tango. Der Herr in dem weiten Mantel hatte
+die rote Flüssigkeit ausgetrunken, stand auf und ging. Aber nach wenigen
+Minuten kam er wieder zurück. Er trug einen Strauß weißer Rosen in der
+Hand, den er vor sich auf den Tisch legte. Er wartet, auch er! Wieder
+schwebte Hedi in vollkommenem Gleichgewicht.
+
+Dann saßen da noch einige Damen, mit Brillanten, Perlen, Pelzen, Puppen
+mit einem Wort -- Hedi sah sie überhaupt nicht.
+
+Schon begann der Saal sich zu leeren. Die Kellner räumten die Teetische
+ab. Im Speisesaal flammten Lichter auf, und die Kellner gingen hinter
+den Spiegelscheiben zwischen den weißgedeckten, mit Blumen geschmückten
+Tischen hin und her und legten die Kuverts auf. Der Herr im hellen
+weiten Mantel saß immer noch in seinem Klubsessel. Glattrasiert, blau
+ums Kinn, die gescheitelten Haare pechschwarz, sah er -- wie es Hedi
+schien -- wie ein Spanier aus. Er hatte sich bequem zurückgelehnt und
+starrte sinnend zur Decke empor, während seine Fußspitze im Takte der
+Musik wippte. Nur zuweilen, wenn er die Asche von seiner Zigarette
+streifte, glitt sein Blick über Hedi hin. Unbeachtet lagen die weißen
+Rosen vor ihm auf dem Tisch.
+
+Hedi schob trotzig die Oberlippe in die Höhe gegen den Schleier -- sie
+wurde ungeduldig. Aber in diesem Augenblick sah sie Otto hereinkommen.
+Er trat schnell durch den Mittelgang. Das Blut stieg ihr in den Kopf,
+und plötzlich schlug ihr Herz im Halse. Sein braunes Gesicht glänzte von
+der frischen Luft, und aus diesem braunen, glänzenden Erzgesicht, das
+sie geliebt hatte, sprühten wild und verwegen die hellgrauen Augen der
+Hecht-Babenberg.
+
+Welche Träume starben dahin, welche Träume versanken! Während der Tango
+kollerte, gurrte, kleine wollüstige Schreie ausstieß.
+
+Sie krachten zusammen mit Donnergepolter wie Riesenschlösser, deren
+Fundament nachgibt, sie zersprangen wie Paläste aus Glas -- in nichts!
+
+Babenberg und Rothwasser, die Familiengüter der Hecht-Babenberg -- mit
+den hundertjährigen Bäumen, dem Sommergeruch auf den endlosen
+Kornfeldern, dem Ziegelwerk, den brüllenden Viehherden bei den Weihern
+-- die Erde verschlang sie! Der Besuch ihres kleinen Papas, den die
+Bureauluft zur Mumie ausgetrocknet hatte -- dahin! Die Berühmtheiten,
+Feldherrn und Minister, die ihren Hausball besuchten -- in Staub
+zerfielen sie. Ihre Audienz beim Kaiser, ihr Kniefall vor Seiner
+Majestät, wegen irgendeiner Sache -- ein Nebelfetzen! Und all die
+Phantasien, gesehen in den Augenblicken, da der Blick bricht in
+Verzückung -- nichts!
+
+Während der Tango unter ihren Schuhsohlen im Parkett klopfte.
+
+Er war entschlossen, an seinem Blick konnte sie es sehen --
+
+Nichts blieb als die bescheidene Behausung in der Schaperstraße, wo Papa
+mit seiner dicken Mappe aus dem Amt kam und nicht gestört werden durfte.
+Wo man in Pfennigen dachte, wo Klara wie eine Närrin schwätzte --
+
+Chaos umgab Hedi. Sie saß in der Staubwolke ihrer zusammengestürzten
+Paläste, auf dem Schutt ihrer Reichtümer, eine Bettlerin. Sie saß wie
+eine Lady, in idealem Gleichgewicht, und ihr Blick flog lächelnd Otto
+entgegen.
+
+ * * * * *
+
+Der Herr im hellen Mantel, der Spanier, rief Otto an.
+
+»Ich darf Sie doch heute abend erwarten, Otto?«
+
+»Es kann allerdings etwas später werden.«
+
+»Sie wissen, mein Lokal ist die ganze Nacht offen!«
+
+Otto streifte die Handschuhe ab.
+
+»Es schneit wohl wieder?«
+
+»Ja, es schneit, ich bin etwas spät, verzeihe --«
+
+Hedi lachte. »Ich bin vor kaum zehn Minuten gekommen.«
+
+Schon kam der Kellner und brachte Tee.
+
+»Ich habe dem Kellner gesagt, sofort Tee zu bringen, wenn du kommst«,
+sagte Hedi. »Du hast es gewiß sehr eilig.« Schon errötete Otto und
+runzelte die Stirn. Etwas gefiel ihm nicht.
+
+Die Musiker packten ihre Instrumente ein und klappten den Flügel zu.
+
+»Es ist lieb von dir, daß du gekommen bist,« fuhr Hedi fort, »wir sehen
+uns nun vielleicht lange nicht, vielleicht nie mehr. Und ich wollte
+gerne . . .« Sie sprach leichthin -- ganz Dame.
+
+Ottos blanke, graue Augen waren fragend auf sie gerichtet.
+
+»Ich reise wahrscheinlich.«
+
+»Du reisest?«
+
+»Ja. Nach Schweden. Es ist noch nicht ganz sicher. Man ist an Papa
+herangetreten.« (Welche Lüge, welch infame Lüge, aber sie war ihr
+plötzlich durch den Kopf geschossen!)
+
+»So?« Ottos Neugierde war wach, aber er wagte nicht zu fragen.
+
+»Ich werde der Mission attachiert. Wahrscheinlich muß ich nach Rußland.
+In besonderem Auftrag.«
+
+»Ah!«
+
+Der Herr im weiten hellen Mantel stand auf und grüßte. Er verneigte sich
+auch gegen Hedi, und während sie ihn kurz anblickte, lächelte sie
+unmerklich. Aber, sie konnte schwören, sie hätte nie, nimmermehr
+gelächelt, wäre ihr Herz in diesem Augenblick nicht so voller Bitterkeit
+gewesen. Der Spanier -- er war übrigens nicht hübsch, eher häßlich --
+war ein Herr Ströbel oder ein Herr v. Ströbel, ein während des Krieges
+reich gewordener junger Mann. Sie erinnerte sich seines Namens. In
+seinem Hause, das wußte sie von Otto, fanden jene berüchtigten
+Spielabende statt, die die ganze Nacht hindurch dauerten.
+
+Verlassen lag der Strauß weißer Rosen auf dem Tisch.
+
+»Ich freue mich übrigens, Hedi --« begann Otto.
+
+»Ich meine -- du begreifst ja wohl meine Motive? Es ist mir ja --«
+
+»Bitte, Otto!« unterbrach ihn Hedi. »Ich bin doch keine kleine
+Verkäuferin« -- scherzte sie -- »wir wollen gute Kameraden bleiben. Kein
+Wort weiter. Hast du Zigaretten?«
+
+Der Kellner stürzte mit einem Streichholz herbei. Er störte. Nur um
+etwas zu sagen, warf Hedi hin, daß das letztemal, als er zur Front
+reiste, diese furchtbare Hitze in Berlin war. Es lag keinerlei Absicht
+darin, auf Ehre, allein der dumme Kellner war Schuld daran. Schon stieg
+ihr die Röte ins Gesicht, und auch Otto errötete plötzlich.
+
+Das letztemal -- da war Hedis berühmtes Abschiedssouper gewesen.
+
+Otto war ihr Gast!
+
+Das Auto fuhr und fuhr -- damals war Berlin ja noch nicht tot -- es fuhr
+bis zu einem gänzlich entlegenen Hotel am Schlesischen Bahnhof -- und
+Otto mußte sich fügen.
+
+Hedi aber hatte schon alles vorbereitet. Sie hatte dem Besitzer des
+Hotels mit einem Schwall von Worten erklärt, daß ihr Mann auf Urlaub,
+durchkäme, und daß sie aus der Provinz seien, kriegsgetraut, und daß er
+nur diese eine Nacht hier wäre, daß sie ihn am Bahnhof abholen und
+hierher bringen werde. Mit einem Schwall von Worten hatte sie, bebend
+vor Angst und Aufregung, die Zimmer ausgewählt und das Menü
+zusammengesetzt. Nichts war gut genug, und der Kellner bekam zwanzig
+Mark Trinkgeld im voraus, damit er wußte, mit wem er es zu tun hatte.
+
+Die gesamten Ersparnisse eines vollen Jahres gingen darauf. Es gab
+Kerzen anstatt des elektrischen Lichts, obwohl Kerzen schwer
+aufzutreiben waren, es gab Rotwein, obwohl Rotwein für die Lazarette
+beschlagnahmt war, es gab Sekt, obwohl er Unsummen kostete. Die kleine
+Tafel, die sie selbst deckte, war mit Blumen geschmückt. Er sollte
+sehen, daß es unsinnig war, den letzten Abend in irgendeinem
+langweiligen Weinrestaurant zu verbringen. Man mußte nur wissen, wie man
+es anpackte. Es ging alles in Berlin, aber man mußte etwas
+Unternehmungsgeist haben.
+
+Und Otto -- staunte! Über die Kerzen, den Wein, die ganze Aufmachung,
+wie er es nannte.
+
+Es war heiß, und die elektrischen Bahnen brausten drunten vorüber. Es
+war Juli. Ein Bataillon zog zum Bahnhof, singend. Die Musik schmetterte
+und die Leute schrien begeistert. Berlin, das Berlin des Hochsommers
+brauste -- drunten, tief drunten.
+
+Die Kerzen, der Wein. Er war ihr Gast!
+
+Sie entzog sich ihm nicht, weshalb denn? Sie legte das Kleid ab, sie
+öffnete ihr Haar. Sie schlüpfte in das dünne Seidenkimono, das sie für
+diesen Abend geschneidert hatte. Er sollte sehen, daß sie ihn liebte,
+und daß sie nicht ein albernes Gänschen war. Sie trug ihre kleinen
+himbeerfarbenen Pantöffelchen.
+
+Berlin, das Berlin des Hochsommers und des Lebens brauste drunten, tief
+da unten -- irgendwo.
+
+Dann kam die Nacht.
+
+Er sollte wissen, daß sie ihn liebte und Mut hatte. Ja, es gehörte Mut
+dazu, denn Papa würde sie auf die Straße werfen, wenn etwas passierte.
+
+Sie war völlig außer sich vor Raserei. Ja, und sie konnte schwören, daß
+sie nichts bereute, daß sie es niemals bereute -- trotz der
+fürchterlichen Angst, die sie ausgestanden hatte.
+
+Hunderte von Pferdehufen trappelten auf der Straße -- sie hörte sie
+immer noch -- jetzt in dieser Sekunde . . .
+
+Die Zigarette brannte. »Danke«, sagte sie, und der Kellner ging.
+
+»Wo liegt dein Regiment jetzt, Otto?« fragte sie, während die Röte ihrer
+Wangen langsam verflog.
+
+»Ich weiß es nicht genau. Wohl an derselben Stelle.«
+
+Einige Belanglosigkeiten -- und plötzlich sieht Hedi auf die Armbanduhr
+und springt auf. Mein Himmel! Sie reicht dem Kellner eine Note, zehn
+Mark, das macht drei Mark Trinkgeld, aber sie kann nicht warten bis er
+herausgibt.
+
+»Nun will ich dir gute Reise wünschen, Otto. Nein, bleibe sitzen. Ich
+will allein gehen. Ich habe es sehr eilig. Auf Wiedersehen!«
+
+Ihr Aufbruch kam so rasch, daß Otto völlig verblüfft war. Hedi ging, und
+sie sah die weißen Rosen, die verlassen auf dem Nachbartisch lagen,
+nicht an. Ganz Lady, schritt sie über die Teppiche.
+
+Ein Nicken, ein Lächeln an der Türe, der Groom verbeugte sich.
+
+Es ging gelinde ab, dachte Otto, der den Kellner ungeduldig herbeiwinkte
+und es plötzlich ebenfalls sehr eilig hatte. Da fiel ihm ein, daß sein
+General seinerzeit den gleichen Ausdruck ihm gegenüber gebraucht hatte
+-- damals, als er dreißig Prozent seiner Leute liegenließ. Er hatte die
+Geschichte erst vorhin Heinz erzählt. Nun, jedenfalls hatte sie sich wie
+eine Dame benommen. Er fürchtete nichts mehr als Szenen.
+
+Aber ein unangenehmes Empfinden blieb in ihm zurück. Was war es doch?
+
+Er haßte sie in diesem Augenblicke bitter.
+
+
+7
+
+»Schuft, Schuft!« Hedi lachte. Was für ein bodenloser Schuft war er
+doch!
+
+Mit schnellen Schritten eilte sie an den Häusern entlang in das
+Schneetreiben hinein, den Hut mit dem kleinen Reiher dicht in den Schirm
+gedrückt.
+
+Seine Motive -- seine Motive kannte sie ganz genau! Seine Familie, seine
+Karriere -- was für Ausflüchte! Hätte er doch den Mut gehabt ihr zu
+sagen, daß er sie nicht mehr liebte! Aber diese Männer sind Feiglinge,
+und wenn sie auch mitten in den Kugelregen hineingehen. Geld und
+Ordensauszeichnungen, das war alles, wonach diese Offiziere trachteten.
+
+Die Lampen eines Automobils blendeten durch die finstere Straße, und die
+Schneeflocken jagten gleißend durch den Lichtkegel. Plötzlich aber
+stockte Hedis Schritt, in dem gleißenden Lichtkegel flatterte ein
+weiter, heller Mantel. Er mußte ihr gefolgt sein, sie umgangen haben, um
+plötzlich vor ihr erscheinen zu können, oder war es ein Zufall? Ihre
+Füße waren wie gelähmt, denn der Mantel kam näher, und sie bemerkte, daß
+er die Richtung seiner Bewegung änderte. Sie bog rasch ab und stürmte
+die Treppe zur Untergrundbahn hinunter. Mein Gott, sie war falsch
+gegangen, sie wollte nach dem Leipziger Platz, und nun war sie an der
+Friedrichstraße angelangt.
+
+Der gelbe Mantel erschien auf der Treppe der Station. Er war nur einen
+Augenblick sichtbar, dann verschwand er, er kam nicht herunter.
+
+Hedi atmete erleichtert auf.
+
+Nein, sie brauchte Otto nicht, sie brauchte ja nur die Hand
+auszustrecken und soviel Finger sie hatte, soviel . . .
+
+Der Zug fuhr in die Station. --
+
+Otto hatte gleich hinter Hedi das Hotel verlassen. Als er sie mit den
+Blicken suchte, war sie schon verschwunden. Übrigens fesselte gerade
+eine Dame seine Aufmerksamkeit, die aus einer Droschke stieg und duftend
+und glitzernd die lichte Hotelhalle betrat. Otto eilte rasch nach Hause.
+Er warf sich in Zivilkleidung, in ganz unglaublich kurzer Zeit hatte er
+sich umgezogen. Er knöpfte noch den Mantel zu, als er wieder die Treppe
+herabsprang. Er hatte nicht die geringste Lust, den Abend zu Hause zu
+verbringen und alle möglichen Dinge über Siedelungsgebiete, Kolonien und
+strategische Sicherungen zu hören.
+
+An der Türe des schmalen Vorgärtchens prallte er mit einem kleinen Herrn
+im Havelock zusammen. Aber der kleine Herr im Havelock war nicht im
+geringsten ungehalten. Im Gegenteil, er zog den Hut, stammelte
+Entschuldigungen.
+
+»Herr Oberleutnant --« Offenbar kannte er ihn. Irgendein Hausmeister der
+Nachbarvillen.
+
+Fort! Schon rauschte die Limousine des Generals heran.
+
+In einem Tempo, als habe er auch nicht eine Sekunde Zeit zu versäumen,
+eilte Otto der Friedrichstadt zu.
+
+
+8
+
+Kälte schlug dem General entgegen, als er seine Wohnung betrat. Er
+bewohnte das Parterre eines einstöckigen grauen Hauses an der
+Tiergartenstraße, dicht am Kemperplatz, nicht weit von Doras
+Backsteinvilla entfernt. Kälte und Stille -- die Wohnung war erfüllt von
+Winter, von Tod.
+
+Die Generalin war einige Jahre vor dem Krieg in Davos gestorben, nachdem
+. . . Die Ehe des Generals war in den späteren Jahren nicht glücklich
+gewesen, übrigens hatte die Generalin nie diese Wohnung in der
+Tiergartenstraße betreten, damals -- wieviel Jahre sind es her! --
+wohnten sie in der Margaretenstraße.
+
+Auch sein Sohn Kurt, der älteste -- er war nicht mehr. Gefallen an der
+Somme.
+
+Ein eigentümlicher Hauch strich durch die Wohnung -- und augenblicklich
+versteinte das Gesicht des Generals wieder. Den Rest des Familienlebens
+hatte der Krieg vernichtet. Ruth und Otto gingen ihre eigenen Wege. Ruth
+arbeitete zurzeit in ihrer Küche, früher in einem Lazarett, und Otto,
+wenn er einmal auf Urlaub in Berlin war, war selten zu sehen -- ein
+Leichtfuß . . . Es gibt in dieser Hinsicht keine Kompromisse: entweder
+lebt eine Familie glücklich, oder sie zerfällt.
+
+Die Burschen rasselten in der Diele in die Höhe. Auch die Ordonnanz
+rasselte. Sie brachte die Mappe mit den Akten, die am Abend bearbeitet
+werden mußten. Nur Soldaten lebten im Hause des Generals -- und eine
+Wirtschafterin, Therese, die irgendwo hinten in den Zimmern hauste, und
+die man nie sah. Soldaten gingen ein und aus, solange der General lebte.
+Sein Vater war als Oberst gestorben. Es rasselte von Waffen, und sie
+brachten den Geruch aus den Kasernen mit.
+
+Der General ließ den Pelzmantel einfach fallen, irgend jemand stand
+schon da und fing ihn auf.
+
+Ja, Kälte -- trotzdem die Wohnung gut geheizt war. Durch einen dunkeln
+Spiegel sah er sein steinernes Gesicht gleiten. Alle Lampen schienen
+falsch oder ungeschickt angebracht. Anstatt Licht und Freundlichkeit zu
+verbreiten -- wie warm war es doch bei Dora! -- verbreiteten sie
+feindselige Grelle und haßerfüllte, pechschwarze Schatten. Dunkle
+Täfelungen, schwere Barockmöbel, Gold -- die Parkettböden schrien, wenn
+man sie betrat, es war ein altes Haus.
+
+In seinem Arbeitszimmer fiel der Frost von ihm. Hier allein war er zu
+Hause. Er atmete auf, seine Haltung wurde um etwas lässiger.
+
+Mit raschen Schritten näherte er sich einem Vogelbauer, in dem ein
+kleiner gelber Kanarienvogel hauste.
+
+»Nun, Niki -- Niki!« Er steckte den Finger durch die Stäbe -- er sprach
+mit dem Vogel genau so, wie er früher mit seinen Kindern gesprochen
+hatte, mit veränderter, komischer Stimme -- als sie noch ganz klein
+waren, klein, lieblich und voller Vertrauen.
+
+»Aber das Apfelschnitzchen -- es ist ja heruntergefallen, nun wollen wir
+aber das Apfelschnitzchen -- und das Wasserchen, wieder alles verspritzt
+-- du Schlingelchen --«
+
+Der Vogel piepte und sprang erregt von Stäbchen zu Stäbchen.
+
+»Ja, siehst du -- das Herrchen --«
+
+Es klopfte. Eine laute Stimme rief: »Es ist serviert, Herr General!« Das
+war Jakob, der Ulan, Bursche und Kammerzofe des Generals. Es gab auch
+noch einen Wangel, der aber war mehr für den Dienst außerhalb des
+Hauses. Die Uhren schlugen. Es war acht.
+
+Punkt acht -- Punkt, immer Punkt! Der General war für peinlichste
+Pünktlichkeit. Zuweilen, erschöpft vom Dienst, legte er sich zur Ruhe --
+zehn Minuten, zwanzig Minuten -- mit der Sekunde mußte er geweckt
+werden. Die Burschen konnten den ganzen Tag faulenzen oder mit Köchinnen
+klatschen, aber ihre Uhren mußten genau gerichtet sein. Punkt ein halb
+acht Uhr morgens erhob sich der General, Punkt ein viertel nach acht
+nahm er sein Frühstück, Punkt ein Uhr fuhr er zum Mittagessen (er aß in
+der Stadt), Punkt acht Uhr erschien er zum Abendessen. Auch im Felde
+hatte er die gleiche Einteilung des Tages eingehalten und wenn die Welt
+unterging. Zuweilen ging sie auch unter, aber den Tagesplan des Generals
+vermochte sie nicht zu verrücken.
+
+Zeit, Zeit -- jede Minute war kostbar -- der Dienst --
+
+Nun gut . . . Punkt acht Uhr begab sich der General ins Speisezimmer.
+
+ * * * * *
+
+Ruth sagte »Guten Abend« und grüßte den Vater mit ihren hellbraunen
+Augen, die in der Tiefe warm und golden schimmerten. Sie war keine
+Hecht-Babenberg, sie war, heißt das, physisch nicht den Traditionen des
+Hecht-Babenbergschen Blutes gefolgt, das große, solide Knochen, breite
+Schädel mit etwas slawischen Backenknochen baute, sie war eine
+Sommerstorf, nach der Mutter geraten, die einer süddeutschen,
+fränkischen Familie entstammte. Sie war nicht groß, schmalschultrig,
+eher zierlich, ihr Haar dunkelblond, fast braun, und so weich, daß es
+sich schlecht frisierte und die Frisur häufig etwas nachlässig aussah.
+Zuweilen rügte der General diese Nachlässigkeit, mit einem raschen
+Blick. Ruth glättete dann verlegen mit den Händen die Haarwellen.
+
+Der General goß sich Fachinger ein. Neben seinem Gedeck lagen die
+Abendzeitungen, die er durchflog, während er die Suppe schlürfte. Wann
+sollte er Zeit haben, die Zeitungen zu lesen? Er wußte kaum, was in der
+Welt vorging. Aber das war auch Nebensache, die Hauptsache war, daß
+diese Burschen geschlagen wurden, und es war nicht nötig, daraufhin die
+Zeitungen zu studieren. Auf Tag und Stunde würde er es wissen, wenn es
+so weit war. Noch war es allerdings nicht ganz so weit, auch das wußte
+er ganz genau.
+
+»Na, da haben sie wieder mal --« murmelte der General.
+
+»Wie Papa?«
+
+Schweigen. Der General schlürft hastig und ungeniert die Suppe, die vom
+Löffel in den Teller tropft, und schielt in die Zeitung.
+
+»Jakob? -- Es zieht.«
+
+Jakob tritt aus dem Schatten neben dem Danziger Barockbüfett, wo er sich
+gewöhnlich verbirgt, und geht zu sämtlichen Fenstern und Türen, auf den
+Fußspitzen, obwohl er weiß, daß alle ordentlich geschlossen sind. Jakob
+bedient auch bei Tisch. Der General liebt es, von einem Mann in Uniform
+auch zu Hause bedient zu werden -- es ist wie im Felde. Er haßt
+weibliche Dienstboten.
+
+Die silbernen Bestecke blinken kalt, die Tischdecke ist wie Schnee --
+und obgleich der Tisch nicht um vieles größer ist als ein gewöhnlicher
+Eßtisch, scheint dem General diese Tischdecke zuweilen ein endloses
+Schneefeld zu sein. Ganz am Rande dieses Schneefeldes weiß er seine
+Tochter, fern, klein -- zuweilen scheint es dem General, als ob die
+Menschen mehr und mehr in die Ferne glitten, mehr und mehr, täglich
+mehr. Oft klingen ihre Stimmen fern und dünn, wie aus großer Entfernung.
+Oft hört er sie gar nicht mehr, so dünn klingen sie. Es kommt daher, daß
+er überarbeitet ist.
+
+»Na, da haben sie wieder mal einige Tausend Tonnen heruntergeschossen.«
+
+Jakob wechselte die Teller, geräuschlos.
+
+Der General sah plötzlich auf. Jetzt erst bemerkte er, daß Otto bei
+Tisch fehlte.
+
+»Otto ist eingeladen, Papa.«
+
+»Am letzten Abend --?« Röte stieg in das Gesicht des Generals. Seine
+Wimpern hoben sich vorsichtig, und sein Blick tastete über Ruths
+Gesicht. Dieses Gesicht war zart, blaß und von einer ungewöhnlichen
+Reinheit des Teints. Es war voller Anmut, ohne irgendwie schön zu sein.
+Eine träumerische Zerstreutheit war über die weichen Züge gebreitet, und
+ein Lächeln lag auf den etwas zu vollen, tiefroten Lippen. Ruth fühlte
+den Blick, ihre Lider zitterten -- aber schon war der Blick des Generals
+wieder zu seinem Teller zurückgekehrt. Der General liebte es nicht, dem
+Blick seiner Tochter zu begegnen -- es hatte seinen Grund, seine Gründe,
+über die er niemand Aufklärung schuldig war.
+
+»Viel Arbeit in der Küche?«
+
+»Genug, Papa. Wir geben täglich achthundert Mahlzeiten aus.«
+
+»Sapperlot!« Der General wischte sich den grauen, dünnen Schnurrbart ab
+und rückte den Stuhl zurück. Er bot Ruth die Wange zum Kusse. Sie
+berührte sie mit den weichen Lippen (wobei die stachlichen Bartstoppeln
+sie stets kitzelten) und legte einen Augenblick die Hand sanft an den
+grauen Kopf des Vaters. Diese Art des Gutenachtkusses hatte sich aus
+ihrer Mädchenzeit erhalten. Der General fühlte den sanften Druck ihrer
+Hand im Herzen. Jeden Abend. Jeden Abend erwachte bei dieser Berührung
+die Liebe zu seiner Tochter, die während des Tages verblaßte, schlief,
+ohne jede Spur erlosch. Am Tage dachte er fast nie an Ruth, und wenn sie
+ihm in den Sinn kam, zufällig und selten, so geschah es ohne jedes
+Gefühl, fast mit Kälte. Aber abends fing die Liebe unter dieser
+Berührung zu glimmen an. Oft dauerte diese Empfindung an, und einmal kam
+es sogar vor, daß der General spät abends an Ruths Türe lauschte, um zu
+hören, wie sie atmete. Da stand er im dunkeln Korridor, wie ein Dieb,
+das Ohr gegen ihre Türe gedrückt. Sein Herz brannte vor Liebe.
+
+Am Tage aber -- Gleichgültigkeit, Kälte. Sonderbar!
+
+»Gute Nacht, Papa!« Weich und fein klang Ruths Stimme.
+
+»Gute Nacht.«
+
+Der General erhob sich geräuschvoll. Jakob klappte mit den Stiefeln.
+Plötzlich sagte der General im Befehlston: »Wenn mein Sohn nach Hause
+kommt, ich möchte ihn sprechen! Aber nach ein halb zwölf will ich nicht
+mehr gestört werden. Dann soll er früh in mein Zimmer kommen!«
+
+»Jawohl, Herr General!« Und Jakob stürzte zur Türe. Er wußte, daß der
+Herr Oberleutnant erst gegen Morgen zurückkehren würde wie jede Nacht.
+Er hatte ihm schon befohlen, rücksichtslos kaltes Wasser anzuwenden,
+wenn er nicht wach werden sollte.
+
+Ruth wünschte dem Burschen mit heiterer Stimme »Guten Abend« und
+schlüpfte in ihr Zimmer.
+
+ * * * * *
+
+Ruths kleiner Salon war, ganz wie das anstoßende Schlafzimmer, immer
+etwas in Unordnung und -- sowohl am Tage wie am Abend -- in Dämmerung
+gehüllt. Kleidungsstücke, Bücher und Schreibpapier lagen verstreut
+umher. Der kleine Salon, der auf den Tiergarten hinausging, war in
+blauen und weißen Farben gehalten. Die niedrigen, mit einem Seidenbrokat
+von senkrechten blauen und weißen Streifen überzogenen Fauteuils,
+zeigten schon allenthalben feine Risse und waren gelblich geworden. In
+die Rücklehnen dieser Fauteuils war ein Medaillon mit dem Wappen der
+Sommerstorf eingestickt: eine Hand, die eine rote Rose hielt. (Diese
+rote Rose spielte bei den Sommerstorf überhaupt eine große Rolle.)
+
+Über dem kleinen Sofa, auf dem gewöhnlich Ruths Mantel und Hut lagen,
+hing in einem ovalen weißen Rahmen das Porträt einer jungen Dame:
+Margarete v. Sommerstorf, spätere Hecht-Babenberg. Das Aquarell, in der
+Manier Kaulbachs gehalten, stellte Ruths Mutter im Alter von etwa
+zwanzig Jahren dar, zur Zeit, da sie sich verheiratete: ein junges
+Mädchen, die schmalen Schultern in ein weißes Spitzentuch eingehüllt,
+einen Fächer in der Hand und eine brennendrote Rose im Haar. Das Haar
+hatte in den Reflexen den gleichen Schimmer wie Ruths Haar, das manchmal
+braun und manchmal blond erschien, je nachdem das Licht darauf fiel. Das
+Bild hatte eine besondere Eigentümlichkeit. Die großen hellbraunen
+Augen, die der Künstler besonders hervorgehoben hatte, verfolgten den
+Beschauer überallhin, wo immer im Zimmer er stehen mochte. Sie ließen
+ihn nicht aus den Augen und lächelten.
+
+Ruth hatte nur eine blasse Erinnerung an die Mutter bewahrt. Etwas
+Scheues, unendlich Warmes, Flüchtiges und Huschendes. Weiche Lippen,
+unendlich zart und unendlich warm -- die sie geküßt hatten, als sie ein
+kleines Mädchen war, und Therese hatte gerufen: »Grüße die Dame, es ist
+Mama.« Ruth erinnerte sich genau an diese Worte Thereses, aber zu ihrem
+Schmerz erinnerte sie sich nicht mehr an das, was diese blasse, scheue,
+unbekannte Dame sprach.
+
+Sie besaß übrigens das weiße Spitzentuch, in dem die Mutter porträtiert
+worden war. Zuweilen, sehr selten, legte sie es um die Schultern, sie
+steckte sich eine rote Rose von demselben prangenden Rot in das Haar:
+dann lächelten diese beiden Frauen, die ganz gleich aussahen, einander
+zu.
+
+Eilig schlüpfte Ruth in den Mantel und sang leise vor sich hin, während
+sie die Handschuhe suchte, die sie, wie gewöhnlich, verlegt hatte:
+
+ Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne,
+ die liebt ich einst alle in Liebeswonne.
+ Ich lieb' sie nicht mehr, ich liebe alleine
+ die Kleine, die Feine, die Reine, die Eine. --
+
+Ruth vergötterte Schumann.
+
+Aber da hatte sie auch schon die Handschuhe gefunden. Sie waren in eine
+leere Blumenvase geraten.
+
+
+9
+
+»He, Kutscher, sind Sie frei?«
+
+Otto sprang in den Wagen. »Paradies-Bar!« Es war eine alte, in allen
+Fugen klaffende Droschke. Das Pferd lahmte und schnellte in merkwürdigen
+Sprüngen vorwärts. Mein Himmel, was haben sie aus dieser Stadt gemacht,
+dachte Otto, mit einem Gefühl von Schadenfreude im Herzen. Er war
+zuletzt im vorigen Sommer einige Wochen hier gewesen, um sich von einer
+Gasvergiftung zu erholen -- damals erschien ihm der Verfall noch nicht
+so furchtbar.
+
+Einsam klapperten die Hufe des Pferdes in der finstern Straßenschlucht.
+Es hatte aufgehört zu schneien, Schmutz floß in den Rinnsteinen. Ohne
+Aufhören ging ein schwarzer Aschenregen nieder auf die tote, verkohlte
+Stadt.
+
+Und früher, ein wogendes Meer von Licht! Schimmernde Perlenketten,
+blitzende Diademe auf den Dächern, rasende Feuerräder am geröteten
+Himmel, geschmolzenes Blei quillt aus den Fugen der Häuser. Die
+Scheinwerfer der brüllenden Autoherden, die gleißenden Lichtblöcke der
+Schaufenster -- und fröhliche Menschen treiben im Licht, Damen, die
+Augen leuchten, und die Zähne blitzen. Lachen . . .
+
+Da hielt die Droschke plötzlich. Das Pferdeskelett stand in seinem
+abgeschabten Fell und zitterte.
+
+Erschauernd entfloh Otto diesen drohenden Finsternissen, wie alle Welt,
+die sich nach den Lichtinseln der verkohlten Stadt flüchtete, den
+Theatern und Konzertsälen, um vor den Schatten und Gespenstern der
+Dunkelheit zu fliehen. Wie Tiere bei einer Sintflut, die entsetzt
+dahinjagen . . .
+
+Schon in der magisch beleuchteten Tropfsteinhöhle, die als Garderobe
+diente, fühlte Otto sich geborgen. Die Luft, die er liebte, schlug ihm
+entgegen -- Parfüms, Lachen, Licht, Musik . . . Es war nicht das
+allerfeinste Parfüm, es war dick, legte sich mehlig auf den Gaumen, aber
+darauf kam es schließlich nicht an.
+
+Trotz der frühen Abendstunde war die Rotunde der Paradies-Bar schon
+überfüllt. Aber Otto hatte Glück, ein kleines Tischchen an der
+Balustrade zu erobern -- dicht neben dem giftgrünen und himbeerroten
+Jüngling, der die Gipsarme emporstreckte und von den farbigen Strahlen
+eines Springbrunnens umsprudelt wurde. Lackrot und Gold waren die Farben
+der Paradies-Bar. Bunte Blütenkelche hingen von der goldenen Decke herab
+und strahlten Begierde und Wollust aus. Giftgrüne Insekten schabten die
+Instrumente, hämmerten mit Klöppeln. Einer der Giftgrünen glitt zwischen
+den Tischen hindurch und spielte den Gästen ins Ohr.
+
+Otto klemmte die Scherbe vors Auge, damit alle Welt sehen konnte, daß er
+Offizier war -- und nicht etwa einer von den vielen hier, den vielen,
+die sich von den Kadavern auf den Schlachtfeldern nährten. Stimmen
+schwirrten ringsum.
+
+»Vor zwei Jahren lieh ich ihm fünfzig Mark, er kam zu mir -- seine
+Stiefel -- überhaupt -- Kellner!«
+
+»Heute hat er Millionen. Ich schätze ihn auf vier Millionen.«
+
+»Kaufen Sie Ware, Ware -- einerlei -- eine Pleite, nicht auszudenken.
+--«
+
+»Rudi ist immer gleich bekneipt.«
+
+Zwischen einer Glatze und einem Blumenstrauß hatte Otto ein schwarzes
+schlankes Dämchen mit entblößten, entzückend runden Schultern entdeckt,
+das seine Blicke erwiderte. Unter ihm, etwas tiefer, neben dem
+Springbrunnen, saßen zwei befrackte Herren, mit zwei wie Fürstinnen
+gekleideten Damen in kostbaren Roben, mit Brillanten und Blumen
+geschmückt. Er roch den Puder, der von ihren entblößten Büsten aufstieg
+und die Essenzen ihrer duftigen kunstvollen Frisuren. Wie rosig, dieses
+kleine Ohr -- Kokotten natürlich -- aber immerhin Fleisch, Atem, Leben.
+
+Am Nachbartisch hatten zwei Herren im Smoking Platz genommen. Ihre
+dicken, glattgeschorenen Schädel und schwammigen Trinkergesichter kamen
+Otto bekannt vor. Es waren zwei Rittmeister, die er immer in Stifters
+Diele Unter den Linden gesehen hatte, wenn er mit Papa dort zu Mittag
+speiste. Sie hatten sich zwei reizende kleine Damen mitgebracht,
+allerdings nicht erster Klasse, vielleicht Verkäuferinnen, die schon
+jetzt zu kreischen begannen.
+
+Bunte Papierschlangen zischten durch die Luft.
+
+Ja, hier war in der Tat das Paradies, und da draußen in der finsteren
+Straße nichts als die nackte Wirklichkeit. Ein paar blaugefrorene Kinder
+mit Streichhölzern, ein altes Weib mit nassen Zeitungen -- und der
+Portier der Bar steht wie ein Erzengel in seinem grünen Mantel! Berlin
+war im Aschenregen begraben, aber hier hatte sich, in einer Höhle, durch
+ein Wunder, ein letzter Tropfen seines geilen Blutes erhalten. Mit allen
+Sinnen sog Otto Gerüche, Stimmen, Fleisch in sich, er sammelte auf
+Vorrat, für die langen Monate, wo er nichts sehen würde als verrosteten
+Stacheldraht und Schrapnellwolken.
+
+»Reformen -- Sie glauben also nicht daran?«
+
+»Schwindel, alles Schwindel. Eher wird der Himmel einstürzen --«
+
+»Aber das wäre ja Betrug!«
+
+»Betrug? Was sonst? Wissen Sie, wie man den neuen Mann nennt, der uns
+regiert? Den Fünfminutenbrenner! Er kann nur fünf Minuten wachbleiben,
+dann schläft er wieder ein.«
+
+»Gott sei uns gnädig und barmherzig!«
+
+Die Damen mit den Brillanten lachten laut auf. Er sagte es auch zu
+drollig, ergeben in sein Schicksal, und dabei stieß er mit der Zunge an.
+
+Die schmachtende Geige des giftgrünen Primgeigers sang in Ottos Ohr.
+
+Was sah er? Was hörte er?
+
+Doras strahlende Augen? Hedis helles Haar hinter dem Schleier mit
+Silberstickerei? Hörte er Doras Lachen? Nicht im geringsten.
+
+Er sah: Nacht, Grausen, eine Kraterlandschaft, die Zone des Todes.
+Geschützfeuer geistert und die Granaten heulen. Durch die Dunkelheit
+schleppen keuchende Männer einen Verwundeten auf einer Zeltbahn. Beim
+Schein des Geschützfeuers erkennt er plötzlich -- ja, er, er, er selbst
+ist es, den die keuchenden Männer schleppen. Sein Gesicht ist überströmt
+von Blut, und deutlich hört er den keuchenden Atem der Männer, die ihn
+tragen . . .
+
+Sofort schlug Otto erbleichend die Augen auf. Seine Pupillen erweiterten
+sich, seine Augen wurden zu gähnenden Kratern voller Grauen -- das also
+war es, was er sah und hörte, während der giftgrüne Primgeiger ihm ins
+Ohr spielte. Die grausige Vision verblaßte, und augenblicklich kehrte er
+wieder in die Paradies-Bar zurück. Nur ein leiser Schrecken zitterte in
+ihm weiter.
+
+Mit bebender Hand füllte er das Glas und trank dem schwarzen, schlanken
+Dämchen mit den entblößten, entzückend runden Schultern zu. Seine Dame
+lächelte huldvoll -- und augenblicklich drehte sich die Glatze um.
+
+Die Schultern dieses schlanken Dämchens erinnerten ihn an Hedi. Und
+während er sein Glas auf das Wohl der Schlanken leerte, gedachte er
+Hedi, mit der nun, Gott sei Dank, alles zu Ende war. Er dachte an sie
+ohne Haß, aber mit leiser Verachtung. Eine Dame -- tut eine Dame so
+etwas -- damals im Sommer, das Abschiedssouper --? Und doch war er
+gerade in diesem Augenblick, wo sich eine rote Papierschlange, von der
+schwarzen Schlanken geworfen, um seinen Kopf ringelte, geneigt,
+großmütig zu vergeben. Jeder Mensch hatte schwache Stunden.
+
+»Nun also -- diese Hedi, sie würde wohl schlecht schlafen diese Nacht?«
+
+»Vielleicht weint sie auch?«
+
+»So ein bißchen? -- He, Kellner, Herr Ober --!«
+
+ * * * * *
+
+Wie eitel diese Männer, wie töricht!
+
+Es fiel Hedi gar nicht ein zu weinen. Sie dachte nicht einmal an ihn.
+
+Sie dachte an den gelben Mantel! Ein Herr will einer Dame eine Huldigung
+darbringen. Nun wohl. Er kauft weiße Rosen, obschon sie ein Vermögen
+kosten, und läßt sie auf dem Tisch liegen. Kein Wort, kein Blick: ein
+Gentleman!
+
+Ihre Paläste waren in Schutt zerfallen, die Paläste mit dem Wappenschild
+der Hecht-Babenberg: das rote Pferd im blauen Feld. Dahin! Schon aber
+baute Hedi neue Paläste! Weitaus herrlichere, kühnere!
+
+Ach, sie hatte ihre Jugend vergeudet! Drei Jahre lang hatte sie auf
+Ottos Brief gewartet und selbst einige hundert Briefe ins Feld
+geschrieben. Und dieser Krieg endete ja nie, sie hätte alt werden können
+dabei. Wie töricht! Und diese Familie der Hecht-Babenberg, dieser
+hochmütige General, in dessen Augen ein Geheimer Rat ein Kanzlist war,
+nichts sonst. Er hätte sie stets als ein Geschöpf zweiter Klasse
+betrachtet, ohne Ahnenreihe wie die der Babenbergs, die bis auf die
+Kreuzzüge zurückging.
+
+Ja, morgen würde sie vielleicht wieder in den Kaiserhof gehen zum Tee.
+Erstens gefiel es ihr dort, die Musik, die Eleganz, die Sorglosigkeit --
+und zweitens konnte es ja sein, daß dieser Herr Ströbel oder Herr v.
+Ströbel . . .
+
+Da richtete sich Klara leise in ihrem Bett auf. Die beiden Schwestern
+schliefen zusammen in einem kleinen Hofzimmer. »Schläfst du, Hedi?«
+flüsterte Klara. »Guck' doch mal den Mond an, wie er fliegt.« Hedi
+antwortete nicht, und Klara beugte sich über ihr Bett. »Ah, du schläfst
+ja doch nicht«, sagte sie lachend. Ganz unerwartet erhielt sie eine
+klatschende Ohrfeige, denn Hedi war gar nicht in Laune, auf Klaras
+Geschwätz einzugehen. Die Kleine ahnte ja nicht, daß sie, Hedi, soeben
+in einem fünfzigpferdigen Tourenwagen dahinraste, eine Staubbrille vor
+den Augen, Ströbel steuerte -- wenn ein Pneu platzte, konnte es eine
+Katastrophe geben.
+
+Klara saß still und sah dem Mond zu. Ihr Gesicht war in Licht getaucht
+und ihre Augen gleißten. Schneeweiß und leuchtend war sie wie ein
+Gespenst. Sie atmete das Licht ein, sie war angefüllt vom Licht, und
+gleißendes Licht floß durch ihre Adern.
+
+Das Paradies lag vor ihren Blicken ausgebreitet.
+
+
+10
+
+Otto wickelte sich fröstelnd in den Mantel.
+
+Es war schon das beste, sich mit den Tatsachen abzufinden, nicht wahr?
+Sein Zug würde fahren, das stand fest! Er würde fahren, einerlei, was
+passierte. Kühle Gesichter, steife Verbeugungen, laute Unterhaltungen
+mit erkünstelt ruhigen Stimmen. Dann aber kommt der Augenblick, wo man
+plötzlich ein fernes Brummen hört. Die Front! Irgendwo in der Einöde
+hält der Zug, nur noch Männer, nur noch Soldaten. Autos, Wagen,
+Kommandostimmen, Dunkelheit, Schmutz, Regen, der Geruch einer öden
+Gegend. Geschütze poltern, Granaten winseln, es ist ganz wie früher. Die
+Kameraden kriechen aus den Unterständen, Hände strecken sich einem
+entgegen, man ist laut, man ist fröhlich, aber alles ist -- Lüge.
+
+Er wußte nicht einmal, ob er sie noch in der alten Stellung finden
+würde. Diese Stellung lag Tag und Nacht unter schwerem Feuer, aber doch
+war sie angenehm im Vergleich zu den flachen Gräben seinerzeit in
+Flandern, wo sie bis an die Brust im eisigen Wasser hockten und völlig
+gelähmt, an zwei Stöcken einherhumpelten.
+
+Aber all das ist es nicht, nicht das Feuer, die Nässe, die Kälte, die
+Entbehrungen. Es ist das riesengroße Antlitz des Todes, das da draußen
+über den Trichterfeldern steht. Es ist nichts als die grauenhafte Furcht
+vor dem Tode, wenn man das Leben liebt, nichts sonst.
+
+Das allein ist die Wahrheit! --
+
+Ein freudiger Schreck lähmte seinen Schritt.
+
+Stand nicht etwas Weißes am Fenster -- das weiße Buch? Nein, nichts, der
+Reflex einer Gaslaterne. Finster das Haus. Das eiserne Gartentürchen war
+verschlossen. Otto berührte den Drücker, er war eisig kalt. Die kahlen
+Zweige der Büsche peitschten auf und ab, und Otto sah durch die
+brodelnde Efeuwand hindurch in Gängen und Zimmern die Heiligenfiguren in
+ihren grotesken Verrenkungen.
+
+Sie schlief, fest und tief, aber ihr Blick glänzte über dem schwarzen
+Hause.
+
+Quer durch den brausenden, finstern Tiergarten führte Ottos Weg. Ströbel
+wohnte bei den Zelten. Die Fröhlichkeit mußte jetzt in dieser Stunde
+ihren Höhepunkt erreicht haben -- ja, schnell, schnell! Gierig erraffen
+von der Nacht, was noch zu erraffen ist. Fort!
+
+Immer rascher ging er dahin, gepeitscht von Begierde und Qual. Die Zeit
+wanderte unter den Sohlen seiner Stiefel. Mit jedem Schritt wanderte ein
+Stückchen Zeit rückwärts, ein zertretenes Staubkorn Zeit floh mit
+rasender Schnelligkeit zurück in Nichts. Ja, Sand war die Zeit,
+rinnender Sand, rasend rinnender Sand, nichts sonst. Ein Meer, ein
+Sandmeer rinnt -- und schon ist ein Jahrhundert vergangen -- schon ein
+Jahrtausend. Ein Riesenkrater rinnt, und Städte, Völker, Kontinente
+kommen ins Gleiten und rinnen hinunter -- ins Nichts. Zeit, welch
+entsetzlicher Begriff! Glücklich Tiere und Götter, die ihn nicht kennen.
+
+In diesem Moment trat der Mond aus dem dunkeln Gewölk. Auch er raste
+dahin -- wie alles auf dieser Welt, das vor dem sicheren Untergang floh
+-- raste, obgleich einige Jahrtausende bei ihm keine Rolle spielten.
+Aber eines Tages würde seine langweilige Visage bersten und er, zusammen
+mit dem Staub dieser Erde, den Schwanzzipfel eines Kometen bilden, der
+zum großen Staunen der Astronomen plötzlich vor der Linse der Teleskope
+erscheint -- irgendwo in undenkbarer Ferne.
+
+Noch sieben Stunden! Rasend stürzte Otto vorwärts. Die Zweige des
+brausenden Parkes griffen nach ihm. Und plötzlich schrie Otto -- wild,
+wie ein Tier. Er war jung und er liebte das Leben.
+
+
+11
+
+»Einen Augenblick nur!« Schon hatte der General die Mappe mit den Akten,
+die heute noch alle bearbeitet werden mußten, aufgeschlossen. Den einen
+Schlüssel besaß er, den andern hatte sein Bureauoffizier in Händen. Kein
+unbefugter Blick konnte in diese geheimen Aktenstücke dringen, es war
+alles bis ins Kleinste wohlorganisiert.
+
+Er lehnte sich im Sessel zurück. Die Teegesellschaft bei Dora hatte ihn
+ermüdet. Nichts strengte ihn in letzter Zeit so an wie die Gespräche
+durcheinanderschwirrender Stimmen. Anders die Sitzungen, die er mit
+einem Zucken der Brauen lenkte! Aber in einer Gesellschaft, wo jeder
+glaubte sprechen zu können, wann und wie lange und wie laut es ihm
+beliebte, ja: wie laut, das war es -- Einen Augenblick nur --
+
+Reserven -- ungeheure Heere -- wie eine Sturmflut werden sie sich
+dahinwälzen . . . schon schlief der General.
+
+Kaum aber hatte er die Augen geschlossen, kaum kam das erste tiefe
+Röcheln aus seiner Brust, da wurde er auch schon wieder geweckt. Etwas
+pickte am Fenster, wie ein Finger, ein Fingernagel. Er wandte den Kopf:
+durch die Scheibe starrte ein kleines, glänzendes, stahlblaues Gesicht.
+Eine faustgroße Larve von leuchtendem Blau -- in der Tat, ein intensives
+Blau, wie eine Spiritusflamme in einem dunkeln Raum -- und erloschene
+Fischaugen mit einem toten Glanz. Von diesem stahlblauen, aus sich
+selbst leuchtenden Gesicht ging Drohung und Hohn aus, obschon das
+Gesicht ohne jede Regung durch die Scheiben starrte.
+
+Der Schrecken, den das Gesicht durch die Scheiben strahlte, war so
+stark, daß der General nun wirklich erwachte. Er hatte, wie er sofort
+konstatierte, eine volle Stunde verschlafen. Unwillkürlich wandte er den
+Blick zum Fenster -- aber es war natürlich nichts zu sehen, die grünen
+Vorhänge waren dicht geschlossen. Er räusperte sich, laut und ungeniert,
+wie es seine Gewohnheit war, und warf einen Blick durch die Vorhänge
+hinaus auf die Straße. Nichts, natürlich. Regen, Dunkelheit, keine Seele
+weit und breit.
+
+Plötzlich aber stand dieses Gesicht, das ihn aufgeschreckt hatte, wieder
+vor ihm -- und zwar dicht vor ihm in der Luft des Zimmers -- auch die
+Augen mit dem toten Glanz. Es ist, ja ja, es ist jener -- von heute
+nachmittag, natürlich, dachte der General. Er hatte das Gesicht
+nachmittags kaum beachtet. Es ist jener kleine Alte, der den Brief
+überbracht hat.
+
+Ein übrigens völlig wirrer Brief, den er nur überflogen hatte -- wirres
+und törichtes Zeug, was dieser kleine Alte mit dem blauen Gesicht
+. . . Ja, wo steckte der Brief eigentlich. Hier, nun siehst du, schon
+dieser Umschlag --
+
+Der General konnte aber nun nicht mehr widerstehen, obschon die
+Aktenmappe dickbäuchig dalag, eigentümlich. Er war neugierig geworden,
+mehr als das. Er entfaltete den Brief und las ihn -- langsam, immer
+langsamer, immer aufmerksamer.
+
+Wie heute abend unter der Lampe des Foyers, stieg Röte in sein Gesicht,
+aber nicht eine leichte Ziegelröte, sondern -- Feuer. Die Stirn legte
+sich in tiefe Falten --
+
+Wie --? Nein, in der Tat, er hatte den Brief nicht gelesen.
+
+Aber --? Was wollte er -- gefallen, auf der Höhe der Vier Winde, auf
+Quatre vents -- nun, und -- wie? -- sogar von Ruth stand etwas hier,
+denn Ruth war wohl gemeint -- wie? Nein -- er hatte den Brief wirklich
+nur ganz flüchtig überflogen -- er erinnerte sich nur, daß von der Bitte
+um eine Audienz die Rede war.
+
+Wirr -- mehr noch, viel mehr als wirr:
+
+-- untertänigst bitte ich um eine Audienz. Mein einziger Sohn, Robert,
+hat unter dem Befehl des Herrn Generals gekämpft. Er ist am 5. August
+beim Sturm auf Quatre vents gefallen. Er war begeisterter Soldat, Jäger,
+die einzige Hoffnung und der Stolz seiner Eltern. Ich bitte, mir
+gnädigst mitzuteilen, wo sein Grab sich befindet, und besonders, _ob das
+Grab nicht den Granaten ausgesetzt ist!_ Dies beunruhigt mich sehr, so
+daß ich gänzlich schlaflos geworden bin --
+
+Wie? Was meint er? Ob das Grab --?
+
+Der General ist in ungeheure Erregung geraten. Seine Augen starren.
+
+Die Höhe! Ja, der Brief hat die Erinnerung an die Höhe in seinem Blut
+geweckt.
+
+Das dunkle, mit Borsten bestandene Ungeheuer qualmt plötzlich wieder vor
+den Augen des Generals: Quatre vents! Der 4., 5. und 6. August -- am
+Abend des 6. war sie verloren!
+
+Am 4., 5. und 6. ratterten die Lastautos vorüber, der Schmutz spritzte
+-- behangen mit Schwärmen von Menschen. Rote Gesichter, schweißhelle
+Augen -- sie schwangen die Helme: hurra -- und der General, auf der
+Treppe seines Schlosses -- salutierte. Welches Feuer! Die Erde bebte --
+jetzt hörte er es wieder! Die Hölle! Brennend stürzte ein französisches
+Flugzeug in den Schloßpark, mitten in den Rosengarten.
+
+»Herr General, die Jägerbataillone!«
+
+»Ich komme.«
+
+Und die Autos schaukelten, rollten, rasten: hurra!
+
+Die Höhe von Quatre vents war ein Friedhof von zwölf Stockwerken.
+Deutsche, Franzosen, Deutsche, Franzosen. Aber sie lagen nicht nach
+Nationen geschichtet, die Minen rissen ganze Stockwerke hoch und
+schleuderten die Toten durch die Luft. Der Spaten stieß auf den Schädel
+eines Franzosen, daneben traf er auf einen deutschen Infanteriestiefel.
+Auch auf Knochen stieß er, nicht auf frische, sondern auf alte gelbe
+Knochen und Skeletteile, denn auf der Höhe von Quatre vents hatte sich
+ein alter Friedhof befunden. Ein Dorf lag früher da oben -- wo war es
+hin? In Atome zermalmt. Die Minen hatten die Kuppe der Höhe abgetragen.
+Zentnerweise wurde Dynamit in die Stollen gestopft -- ganze Kompagnien
+und Bataillone flogen hoch -- hoch Deutschland! -- vive la France! Sie
+kehrten nicht wieder.
+
+Der General hatte die Höhe nur zweimal betreten. Einmal in einer
+sternenklaren Nacht (wie unvergeßlich funkelten die Gestirne!), als es
+ganz ruhig war. Die Laufgräben hauchten eine eisige Kälte und fauligen
+Geruch aus, man trat auf Körper und wußte nicht, ob sie lebten oder tot
+waren -- sonst hatte die Höhe, über die vereinzelte Kugeln zischten,
+nichts Furchtbares, und der General sagte sich im stillen, daß all die
+Geschichten von den Schrecken der Höhe von Quatre vents übertrieben
+wären. Das zweitemal zeigte die Höhe schon etwas mehr ihr wahres
+Gesicht. Der General kam am grauenden Morgen, und die Franzosen warfen
+schwere Flügelminen, die wie einstürzende Häuser krachten. Ganze
+Schwärme der langhälsigen, gierigen Raubvögel stießen auf die Kuppe
+herab. Zuweilen schob man ihn hastig in einen Unterstand oder einen
+Quergang, wenn der Schatten der Mine in der Nähe niederrauschte. Denn
+er, der General, hätte sich nicht von der Stelle gerührt. Angesichts
+seiner Offiziere und Leute, die aus den Stollen lugten, hätte er sich
+ohne Wimpernzucken in Stücke reißen lassen. Damals passierte ihm auch
+die -- offen zugestanden -- Albernheit mit jener ungeschickten Frage.
+Nun wohl, sein Gehirn hatte unter dem Eindruck der herabstoßenden
+Stahlvögel und des Lawinenkrachens einfach versagt. In einem
+eingeebneten Grabenstück lag ein blutgetränktes Tuch, etwas wie eine
+zerfetzte Unterhose, in einer Lache von Blut. Es war so viel Blut, daß
+der General keineswegs vermuten konnte -- kurz und gut, er fragte: »Na,
+ihr habt wohl geschlachtet?« Welche unbegreifliche Albernheit. -- Die
+Grabenoffiziere antworteten mit einem verlegenen Lächeln. Und plötzlich
+sah der General ein Stück von einem Menschen an der Grabenwand kleben,
+daneben ein Stück des Hinterkopfes mit kurzen Haaren. Wie peinlich war
+ihm die Frage! Noch heute erinnert er sich voller Scham deutlich des
+verlegenen Lächelns der übernächtigten, vom Grabendienst beschmutzten
+Offiziere.
+
+Um acht Uhr saß er schon wieder in seinem Quartier beim Frühstück.
+
+Ein drittes Mal betrat der General die Höhe nicht.
+
+Er sah sie das letztemal, als sie verlorenging, das heißt er sah nicht
+die Höhe, sondern Nacht und ein Büschel roter Notsignale, die ohne
+Unterbrechung in der Nacht aufglühten -- Hilfe! -- und hoffnungslos
+sanken.
+
+Das also war Quatre vents.
+
+Schwer atmend ging der General hin und her.
+
+Deutlich hörte er wieder die Stimme des Adjutanten. Die Jägerbataillone,
+Herr General! Also auf einem dieser Autos saß er -- unter hundert andern
+-- mit den roten Gesichtern und den schweißgleißenden Augen -- er, jener
+-- wie hieß er doch -- Robert! Am 5.! Ja, am 5., da hatte er noch
+Hoffnung -- am Mittag des 6. wurde er schwankend und befahl einen
+letzten Gegenangriff -- am Abend, da waren nur noch die roten
+Leuchtkugeln . . .
+
+Erst allmählich verflog die Erregung. Plötzlich lag die dickbäuchige
+Aktentasche wieder auf dem Schreibtisch.
+
+Sonderbare Menschen gab es! Sein Grab? Daß man es wagen durfte, ihm
+solch einen Brief zu senden!
+
+Und da -- was schrieb er am Schluß:
+
+-- sollten Exzellenz geneigt sein, mir diese Audienz zu bewilligen, so
+könnte ich Mitteilungen über das gnädige Fräulein machen, die Exzellenz
+gewiß interessieren würden. Ein Unglücklicher. --
+
+Ja, sonderbare Menschen . . .
+
+Der General zerriß den Brief und warf die Fetzen in den Papierkorb.
+Schon war er in die Akten vertieft.
+
+Aber noch nach einer Stunde zitterte seine Hand: Hätte man ihm damals
+die verlangte Unterstützung geschickt -- noch heute wäre Quatre vents in
+seiner Hand!
+
+
+12
+
+»Sind Sie es, Otto?«
+
+»Ich dachte schon, die Polizei kommt. Sie machen wieder einen solch
+furchtbaren Lärm.«
+
+Ströbel öffnete seinen Gästen selbst. Er hatte nach zehn Uhr keine
+Dienstboten mehr im Hause, um gänzlich ungeniert sein zu können.
+
+Wüster Lärm drang aus der Wohnung. Das ganze Haus bebte. Dieser Herr
+Ströbel -- oder Herr v. Ströbel, niemand wußte es genau -- besaß vor dem
+Kriege nichts als ein paar gutsitzende Anzüge, darunter einen
+schwarzweiß karierten Sommeranzug, der so auffallend war, daß man sich
+heute noch an ihn erinnerte, einen Zylinder und einige Paar sehr
+elegante, etwas dandyhafte Schuhe. Das war alles, was er besaß -- dazu
+Beziehungen.
+
+Heute war er reich, er hatte eine Motorenfabrik, und seine Beziehungen
+waren noch besser geworden.
+
+Er war auch kurze Zeit im Felde -- aber das war eine Geschichte für sich
+. . .
+
+»Welch abscheuliches Wetter«, rief Otto aus und schüttelte sich. Seine
+Augen flackerten vor Unruhe.
+
+»Das Wetter ist nicht das Schlimmste«, erwiderte Ströbel, der sich in
+einen Sessel der Diele geworfen hatte und die Lackschuhe gegeneinander
+klappte. »Es ist die Finsternis! Eine nordische Stadt ohne Licht -- wie
+stellen Sie sich das vor? Es ist ein schlechter Scherz! Eine nordische
+Stadt ist der Finsternis abgerungen und das Produkt des Lichts. Das
+Licht gab ihr Inspiration, Energie, Laune. Im Süden -- Sie waren nie im
+Süden? -- da braucht man kein Licht -- Himmel, Sterne. -- Aber
+hier oben? Ohne Licht sinkt eine nordische Stadt wieder in
+Bedeutungslosigkeit zurück. Verdunkeln Sie London und es wird ein
+armseliger, kleiner Fischereihafen --.«
+
+»Nennen Sie Berlin eine nordische Stadt?«
+
+»Natürlich. Es fiel früher nur nicht auf. Jedenfalls aber -- schlimm,
+Otto, schlimm! -- geht diese Stadt vor die Hunde. Ja vielleicht ist es
+schon so weit -- wir wissen es nicht mehr --«
+
+Otto schrak zusammen: Drinnen fiel ein Schuß. Geschrei. Händeklatschen.
+
+»Wird bei Ihnen geschossen?«
+
+»Ja, die Feuerwalze ist hier, produziert sich als Kunstschütze. -- Sie
+kennen ihn doch? Hauptmann Falk.«
+
+Der Qualm, die Gesichter, der wilde Lärm -- von Otto wich augenblicklich
+alle Unruhe. Jene unvergeßliche Szene glitt ihm durch den Sinn: in der
+Nacht, bevor das Regiment ins Feld rückte, hatte einer der Kameraden,
+ein Hauptmann Below -- lange tot, und zwar als erster gefallen -- der
+sich vom Liebesmahl früher zurückziehen wollte, eine Droschke ans Kasino
+bestellt. Man kaufte dem Kutscher höchst einfach die Droschke ab! Diese
+Droschke wurde bei der Steintreppe aufgestellt, die fünfundzwanzig
+Stufen tief vom Kasino in den Park hinunterführte. Freiwillige vor!
+Augenblicklich war die Droschke überfüllt. Wie ein Schwarm hingen die
+Kameraden auf dem Gefährt. Ein kleiner Schwung, und die Fahrt in die
+Tiefe begann. Die Droschke zersprang in tausend Stücke, aber nichts
+passierte.
+
+Sie alle indessen -- von allen Offizieren des Regiments lebten nur noch
+sechs, zwei davon waren Krüppel.
+
+Mit strahlender Miene trat Otto ein, bereit, sich kopfüber in den
+Strudel der Fröhlichkeit zu stürzen und jede Ausgelassenheit
+mitzumachen. Wohltuend schlug ihm die Atmosphäre der
+Kameradschaftlichkeit entgegen. Hier kannte man ihn. Hier wußte man zum
+Beispiel, daß er 1915 einen französischen Offizier, der verwundet
+zwischen den Stellungen liegengeblieben war, trotz aller Knallerei in
+den Graben geschleppt hatte -- nicht aus Barmherzigkeit, nein, nur um zu
+zeigen, was für ein Bursche dieser Hecht-Babenberg war!
+
+Welche Gesellschaft! Fast alle ergraut, fahl und erschöpft. Hauptmann
+Wunderlichs helle Katzenaugen blinkten, die Krücken lehnten wie immer
+hinter seinem Sessel. Ein schwarzer Glacéhandschuh über der Holzhand.
+Ein junger, totenbleicher Leutnant mit schräggeneigtem, verbundenem
+Kopf, aus dem Lazarett entsprungen. Ein Herr im Smoking, blond und
+schön, den leeren Ärmel in die Tasche geschoben. Auch einige geschorene
+Billardkugelköpfe mit Knollen am Schädel waren da, Majore, Hauptleute.
+Aber sie waren in der Minorität. Ein grünes Gesicht, mit Monokel, selbst
+ein Blinder saß da, vergnügt ins Licht blinzelnd. Otto erblickte auch
+einige Offiziere seines Vaters: den Adjutanten Weißbach, den hünenhaften
+Major Wolff. Viele von ihnen waren dreimal, fünfmal verwundet gewesen,
+morgen konnte die Reihe wieder an sie kommen. Der Krieg zog sich hin.
+
+Alle aber waren in angeregter Stimmung, und auf ihren fahlen,
+zerfurchten, verwüsteten Gesichtern lag ein leichtsinniger, kindlicher
+Ausdruck.
+
+»Also hier ist er -- hier kommt er!« schrie Hauptmann Falk Otto
+entgegen. Dieser Hauptmann Falk, mit dem sonderbaren Spitznamen
+»Feuerwalze«, war ein kleiner, klapperdürrer Mensch, rothaarig, mit
+staubgrauem Gesicht -- nur um die Augen zogen kranke gelbe und olivgrüne
+Ringe. Er sprach hastig und mit einer hohen Kehlkopfstimme, die
+unangenehm und herausfordernd klang. Wie Hauptmann Wunderlich, der
+Menschenjäger, trug er den höchsten Kriegsorden. Er war ein verwegener
+Bursche, hatte die schlimmsten Tage an allen Fronten mitgemacht, und für
+die, die ihn kannten, war es unbegreiflich, daß er überhaupt noch lebte.
+Er selbst behauptete kugelsicher zu sein. Immer wieder tauchte er von
+Zeit zu Zeit in Berlin auf, um die wenigen Tage Urlaub zu
+durchschwärmen. Dann kam er drei, vier Tage nicht ins Bett, und erst auf
+der Rückreise zur Front schlief er sich aus.
+
+»Rasch, Hecht!« schrie er und fuchtelte mit einer Pistole. »Sie können
+die Saharet gewinnen!«
+
+Eben diese Saharet stürzte sich Otto mit einem kleinen Katzenschrei
+entgegen.
+
+»Sie werden sehen,« rief sie, »ich kenne Otto --!«
+
+Sie war ein kleiner schwarzhaariger Irrwisch mit runden Katzenaugen.
+Ihrer -- sehr entfernten -- Ähnlichkeit mit der Tänzerin Saharet
+verdankte sie ihren Namen. Früher hieß sie -- ja, wer sollte es wissen?
+Ströbel hielt sie als eine Art Hauskatze. Sie räkelte sich auf den
+Sesseln, telephonierte, das war ihre ganze Beschäftigung. Sie sprach
+geziert wie eine Ausländerin, eine Russin, eine russische Fürstin, und
+spielte die große Dame. Mit einem Wort, sie war ungeheuer lächerlich.
+Welchen Grund hätte auch Ströbel sonst gehabt, die Saharet zu halten?
+
+Ja, also die Sache war die: die Saharet sollte ausgeschossen werden, als
+Preis sozusagen. Sie wollte dem ein Schäferstündchen gewähren, mit oder
+ohne Publikum, der sich ein Glas vom Kopf schießen lassen würde. In
+irgendeinem Vorstadttheater hätte sie einmal Wilhelm Tell gesehen.
+
+»Abgemacht, gut, abgemacht!« Hauptmann Feuerwalze hatte soeben zwei
+Likörgläschen auf fünf Meter Entfernung freihändig vom Büfett
+geschossen, er war zu allem bereit -- ein Glas vom Kopf, schön -- bitte
+nur zu befehlen.
+
+Hier aber begannen die Schwierigkeiten. Niemand hatte Lust, seinen Kopf
+zu riskieren -- schon war die Saharet gekränkt, daß man ihre
+Schäferstündchen so niedrig einschätzte, sie ließ die Katzenaugen im
+Kreise gehen, schmollte, bettelte -- da kam Otto, und sie stürzte sich
+auf ihn.
+
+Otto, der Retter, der Lohengrin der Saharet!
+
+Die Augen der Kameraden, alle Blicke waren auf ihn gerichtet, das
+Gelächter, das flehende Schmeicheln der kleinen Saharet, Otto konnte
+nicht widerstehen. Ohne zu überlegen, beseelt vom Wunsche gleich in den
+Mittelpunkt der Gesellschaft zu treten -- nein, was für ein toller Junge
+war doch dieser Otto! -- erklärte er sich augenblicklich bereit. Ein
+Glas Sekt, und die Vorstellung kann beginnen.
+
+»Wie? Sofort?« -- Bravo! Ungeheurer Beifall!
+
+Die Saharet tanzte vor Entzücken auf einem Bein und klatschte in die
+Händchen. »Ach, wie reizend, dieser Otto!« Höchst persönlich kredenzte
+sie das Glas Sekt.
+
+»Also los, fertigmachen«, schrie Hauptmann Falk mit wilden Augen.
+
+Unter Gelächter und Scherzen wurde Otto gegen eine Wand gestellt. Es
+zeigte sich indessen zur allgemeinen Verwunderung, daß ein Glas auf
+seinem Schädel nicht so ohne weiteres stand. Ein kleines Buch, bitte!
+Darauf also stellte der kleine aus dem Lazarett entsprungene Leutnant
+mit dem verbundenen Kopf ein Sektglas. Sofort aber protestierte die
+Saharet. Das Glas war zu groß. Was sollte das für ein Kunststück sein?
+Sie selbst suchte ein kleines Weinglas heraus, rückte einen Stuhl heran
+und stellte es eigenhändig auf Ottos Kopf. »Nein, wie reizend von Ihnen,
+Otto!«
+
+»Nun, fertig, los,« schrie die Feuerwalze, »macht Platz.«
+
+»Also -- ein Schäferstündchen?«
+
+»Wieso ein Schäferstündchen? Nein, nein --«
+
+»Was also --?«
+
+»Einen Kuß -- Otto! Einen Kuß!«
+
+»Schön -- auch für ein Küßchen mache ich es.«
+
+»Zurück! Sprechen Sie nicht, Hecht, sonst fällt das Glas herunter.«
+
+»Es ist ein völliger Wahnsinn!« protestierte Major Wolff, der Hüne, der
+noch einigermaßen nüchtern war. »Sie sollten es verbieten, Ströbel!«
+
+»Verbieten, wieso?« entgegnete Ströbel erstaunt. »Niemand hat weniger
+Rechte als der Wirt.«
+
+Hauptmann Falk stärkte sich mit einem Kognak.
+
+»Wenn Sie glauben, daß ich ewig hier stehenbleiben werde«, sagte Otto
+ungeduldig, und das Glas wackelte auf seinem Kopfe.
+
+»Sofort, bitte -- ich eröffne das Feuer«, schrie Hauptmann Falk.
+
+»Achtung, meine Herren!« Hauptmann Falk schwang die Pistole. Aber in
+diesem Augenblick warf ihn der Rausch einige Schritte zur Seite. Er
+wandte sich empört um. »Ich bitte gehorsamst, mich nicht an den
+Rockschößen zu zerren --«
+
+»Sie sollten lieber die Sache sein lassen«, sagte Major Wolff.
+
+»Weshalb denn?« schrie Hauptmann Falk mit wütender Miene. »Sobald ich
+abdrücke, stehe ich wie eine Statue. Sie können sich auf mich verlassen.
+Also los, ich eröffne das Feuer.«
+
+»Ruhe!« rief die Saharet und preßte die Hände auf das Herz. Wie spannend
+es doch war!
+
+Der Lauf der Pistole war auf Otto gerichtet. Langsam bewegte sich das
+runde Loch an ihm in die Höhe. »Daß mir jetzt niemand ein Wort redet,«
+schrie Hauptmann Falk, »sonst schieße ich Hecht die Kugel in den Kopf.«
+Alles war mäuschenstill. Die Saharet stand mit gefalteten Händen.
+Ströbel betrachtete voll Interesse Otto, der unmerklich mit den Augen
+zwinkerte, als die Mündung der Pistole zwischen seine Augen gerichtet
+war.
+
+Otto hatte eine ganz gleichmütige, etwas belustigte Miene aufgesetzt.
+Ich wünsche jetzt nur das eine, dachte er, daß mir die Kugel mitten in
+die Stirn fährt. Mitten in die Stirn und Schluß! So drücke doch ab! Er
+war ganz ruhig . . .
+
+Da wanderte das Loch der Mündung um einen Millimeter höher. Hauptmann
+Falk hatte die Zähne zusammengebissen, so daß die Backenknochen aus
+seinem grauen, mageren Gesicht vorstanden. Dann hielt er den Atem an,
+und im gleichen Augenblick zersplitterte das Glas.
+
+Welcher Beifall! Welche Ovationen!
+
+Augenblicklich aber ergriff die Saharet, aus Koketterie, die Flucht.
+Gläser zerschellten, Stühle krachten. Sie riß eine Tischdecke mit allem,
+was darauf war, herunter. Aus Höflichkeit, aus gar keinem andern Grund,
+hatte Otto die Verfolgung aufgenommen. Dieser schmale, armselige Mund
+reizte ihn nicht. Endlich hatte sich die Saharet in der Ecke der
+Bibliothek verrannt. Sie konnte weder vorwärts noch rückwärts und
+versuchte, an den Bücherregalen in die Höhe zu klettern. Aber als auch
+das nicht gelang, ergab sie sich, um Hilfe schreiend, in ihr Schicksal.
+
+Schon hatte Otto die Hände ausgestreckt -- plötzlich aber schwankte er
+und wurde weiß wie eine Wand. Erregt von der Jagd, berauscht, hatte ihn
+plötzlich Schwindel ergriffen. Das Gesicht der Saharet verschwamm, ihre
+Augen -- ein entsetzliches, halbverwestes Gesicht erschien, mit
+blinkenden Zähnen, ein Totenantlitz.
+
+»Ich werde fallen!« fuhr es ihm durch den Sinn, mit der Gewißheit einer
+Erleuchtung, die keinen Zweifel zuläßt. Und dies war der Augenblick, wo
+er bleich wie eine Wand wurde.
+
+Wieder erweiterten sich seine Pupillen, wieder wurden seine Augen zu
+Kratern voller Grauen. Ja, jetzt hatte er verstanden.
+
+ * * * * *
+
+Schokolade knabbernd hockte die Saharet hoch oben auf dem Klubsessel, in
+dem der hünenhafte Major Wolff saß, der die Bank hielt. Die fahlen,
+verwüsteten Gesichter mit den grauen Schläfen drängten sich um den
+Tisch. Karten, Banknoten flatterten. Auch der Blinde spielte, er machte
+mit dem Einarmigen im Smoking ein Kompaniegeschäft. Nur Ströbel spielte
+nicht. Er füllte die Gläser.
+
+Otto gewann -- ganz im Gegensatz zu seinem sprichwörtlichen Pech beim
+Spiel. Im Augenblick hatte er, obschon er ohne jede Überlegung, völlig
+sinnlos spielte, dreitausend Mark gewonnen. Auch das war auffallend!
+
+Und wenn ich falle, dachte er, was ist dabei? Viele Hunderttausend sind
+gefallen, weshalb sollte ich, gerade ich, verschont bleiben? Es ist
+schließlich völlig egal!
+
+Noch einmal, einmal noch wollen wir das Schicksal befragen --
+
+Die Bank war in eine Verlustserie geraten. Sie hatte sechsmal bezahlt,
+und es war völlig unwahrscheinlich, daß das Glück ein siebentes Mal
+gegen sie war.
+
+»Dreitausend Mark Einsatz, Herr Major?« fragte Otto. Gewann er, gegen
+alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit, nun, so würde er es glauben, so war
+es sicher . . .
+
+Die Bank verlor ein siebentes Mal.
+
+»Ich werde fallen, gut!« -- Otto zählte die Scheine, die man ihm
+zuschob, und steckte sie in die Tasche.
+
+»_Und ich werde sie nie wiedersehen!_«
+
+Er stand auf.
+
+»Viertausenddreihundert -- erstes Geschütz --!« kommandierte Hauptmann
+Weißbach, der in einem Sessel eingeschlafen war und mit offenem Munde
+dalag, die bleiche Stirn in Falten zerknittert.
+
+
+13
+
+Nacht, der Regen rieselte, schwarzer Regen.
+
+Die Riesenstadt schlief, sie keuchte im Schlaf. Die Menschen schwitzten,
+in ihren Betten, trotz der eisigen Kälte der Wohnungen. Der kalte
+Schweiß stand auf ihren Stirnen, mit offenen Augen starrten sie in die
+Dunkelheit. Es war nicht mehr wie früher, da die Riesenstadt nachts
+aufschrie -- weißt du noch, am Anfang des Krieges? In jeder Nacht
+gellten entsetzliche Schreie aus Häusern und Höfen, furchtbares Jammern
+und verzweifeltes Schluchzen -- die Depeschen regneten herab auf die
+Riesenstadt: gefallen, gefallen, dein Sohn, dein Gatte, dein Geliebter,
+der Ernährer deiner Kinder, gefallen, gefallen -- und die Riesenstadt
+schrie! Das Geläute der Glocken, die die Siege feierten, summte noch in
+der Luft, mit Blumen geschmückte Jünglinge und bärtige Männer stürzten
+sich hinaus --
+
+Nun schrien sie nicht mehr, sie lagen still, die verkrallten Finger in
+die Brust geschlagen, sie setzten sich in den Betten auf und flüsterten
+-- einen Namen.
+
+Still lag die große Stadt und dunkel.
+
+Erloschen die Feuersbrünste, die nächtlich aus den Bahnhöfen
+emporloderten und den Himmel röteten, früher, nur noch scheue Lichtnebel
+über der unendlichen Finsternis der verkohlten Stadt. Heulend und
+winselnd rollten die Züge zwischen den finstern Häusern. Es waren die
+Transporte, die des Nachts in die Stadt schlichen, in die halbdunkeln
+Bahnhöfe, und die blutenden Menschen von den Schlachtfeldern brachten.
+Dieselben, die mit Blumen geschmückt die Stadt verlassen hatten. Der Tag
+durfte sie nicht erblicken. Riesenschatten schwankten über die hohen,
+verstaubten Bahnhofsmauern, Tragbahren glitten hin und her, Automobile
+schlichen auf ihren Gummirädern verstohlen durch die Straßen, hin und
+zurück, hin und zurück. Dann erloschen die Bahnhöfe und versanken in die
+Dunkelheit, bis wieder ein Zug winselte und schrie: ich bringe sie
+. . . Und wieder schwankten die Riesenschatten über die verstaubten
+Backsteinwände, wieder glitten die Tragbahren hin und her, wieder
+schlichen die Automobile auf ihren Gummirädern verstohlen durch die
+Straßen, hin und zurück. Die ganze Nacht hindurch, jede Nacht.
+
+Schon winselt ein neuer Zug -- und viele sind noch unterwegs, weit
+draußen zwischen den Kartoffeläckern und Rübenfeldern, über die der
+Regen fegt. Viele, Abertausende --
+
+In jeder Nacht schlägt die Flut des blutigen Ozeans bis ins Herz der
+Stadt.
+
+Im Grauen des Tages aber fahren die stillen Wagen von den Lazaretten
+durch die Vorstädte, immer weiter, bis zu den Friedhöfen. Mit Kisten
+beladen. Darin liegen sie, die mit Blumen geschmückt hinauszogen, ohne
+Kleider, ohne Stiefel, ohne Wäsche, nackt, aber sie frieren nicht mehr.
+Es ist Anfang Februar des Jahres 1918 --
+
+Stumm fließen die Straßen dahin, ohne Ende. Höhnische Gespenster die
+Laternen an den Ecken. An den ausgebrannten Häusern hängen windschief
+die Firmenschilder. Riesenbuchstaben, kalt, bleich, Leichen. Die Namen
+sind nicht mehr, die Firmen sind erloschen, die Magazine sind leer. In
+der finstern Nacht kommen die Schatten zurück, sitzen an den
+Schreibtischen der Bureaus, schleichen durch die leeren Magazine.
+Schatten wimmeln die Treppen herab, Boten, Briefträger, gefallen.
+Straßenkehrer fegen die finstern Straßen, gefallen. Schatten von
+Omnibussen huschen zwischen den Fluten treibender Schatten dahin, die
+die Straßen überschwemmen, ein Meer. Die Kutscher der Omnibusse
+gefallen, die flinken Pferde gefallen. In jeder Nacht kehren die Toten
+in die tote Riesenstadt zurück.
+
+Ängstlich lugt der Wächter um die Ecke. Seine Zähne klappern vor Furcht,
+die leichenhaften Riesenbuchstaben an den Häuserwänden starren auf ihn,
+sie winken, sie lächeln so eigentümlich -- ach!
+
+Da erzittert die tote Straße! Ein Schritt dröhnt, rasch, eilig. Ein
+Sturmschritt, der Schritt eines Läufers, der dahinjagt. Eine Stimme
+ruft. Die schlaflosen Menschen in den kalten Betten richten sich auf:
+schauerlich hallt die Stimme durch die dunkle Stadt. Die schweißigen
+Haare sträuben sich -- was ruft er? Wieder? Wie in jeder Nacht . . .
+
+Ein weiter, feldgrauer Soldatenmantel flattert um die dunkle Ecke. Er
+jagt durch die Straßen! Hände, zum Fluch gestreckt, züngeln empor.
+Dröhnend rollt die Stimme über die schwarzen Häuser.
+
+»Wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen!«
+
+Sind es diese Worte?
+
+Die Menschen, die in den Betten horchen, verstehen die Worte nicht. Es
+sind uralte Worte, tausendjährige, sie fühlen es, es sind Worte des
+Fluchs und des Untergangs.
+
+Der Wächter entflieht. Ein Soldat! Flink sind sie heute mit dem Messer
+. . .
+
+In der Ferne schon schallt die Stimme. Sie rollt die endlosen Straßen
+entlang, hinaus in die Vorstädte, hinaus auf das flache Feld. Lange noch
+hängt ihr Hall zwischen den schlafenden Häusern.
+
+Die Hausecken sind finster. Aber sobald der weite Soldatenmantel an
+ihnen vorüberflattert, strahlt plötzlich Licht aus den dunkeln Wänden:
+die schwarzen Steine haben ein Auge aufgeschlagen. Ein Wort leuchtet aus
+der Dunkelheit:
+
+ »_Alle Völker sind Brüder!_«
+
+Kalkweiß flattert der weite Soldatenmantel im Schein einer fernen
+Laterne -- schon ist er verschwunden. --
+
+Wieder ist es still, wieder liegt die Riesenstadt tot wie eine Stadt aus
+Asche.
+
+Draußen aber, die Vorstädte gleißten. Um die Stadt aus Asche schwang ein
+Gürtel blendenden Lichts -- die gleißenden Feenpaläste der Fabriken
+schwammen in der Nacht. Der rote Dampf zischte, aus den Schloten quollen
+Schatten, dick und schwarz wie bei Kriegsschiffen in voller Fahrt. Die
+Räder schwangen, der Boden zitterte. Abertausende standen an den
+Drehbänken, das Öl spritzte -- Abertausende schleppten Granaten,
+schraubten, polierten. Abertausende von übernächtigen bleichen
+Arbeiterinnen saßen im grellen Licht der Bogenlampen an den
+Arbeitstischen, füllten, wogen, verschnürten.
+
+Und die schweren Züge keuchten dahin, hinaus.
+
+Das ganze Land arbeitete in dieser Nacht, in jeder Nacht, Millionen
+Hände -- der Tod war ihr Besteller.
+
+
+14
+
+Der Tiergarten brauste, in seiner Tiefe grollte es wie die Brandung des
+Meeres. Die Wipfel mahlten in der Finsternis, und zuweilen peitschte ein
+Zweig ohne jeden Grund rasend den Himmel. Ohne Aufhören floß der Regen
+herab.
+
+Finsternis, kein Licht weit und breit. Doch halt, im Hause des Generals
+wurde nun ein Fenster hell. Es war das Fenster gleich rechts vom
+Hauseingang, Ottos Zimmer.
+
+Der Morgen war nahe.
+
+Am Rande des Tiergartens stand ein Schutzmann in seinem Regenmantel. Er
+horchte. Ein Schuß --? Er schabte mit den schweren Stiefeln auf dem
+Pflaster und ging ein paar Schritte über die Straße. Er blickte hinüber
+zu den Gärten, hinter denen die Regierungsgebäude liegen. Vielleicht hat
+sich jemand in den Regierungsgebäuden erschossen? Ein Minister? Wie?
+Wie? Und doch ein Schuß, sagte der Schutzmann und zog sich tiefer in das
+Dunkel des Tiergartens zurück. Jede Nacht erschoß sich hier jemand --
+ein Soldat, ein Bankrotteur, ein Verschmähter. Der Schutzmann bohrte
+seine Augen in den finstern Park und versuchte mit seinem
+Polizistenblick das Dunkel zu schrecken.
+
+Immer noch war Ottos Zimmer, gleich rechts vom Hauseingang, hell
+erleuchtet. Immer noch sang melancholisch der Regen.
+
+Nun aber dämmerte Licht auch in den Gemächern links vom Hauseingang. Die
+Türe zum Schlafzimmer des Generals wurde geöffnet, und ein Schleier von
+Licht drang durch die Gardinen.
+
+Da erschien die breite Gestalt des Generals in der lichten Türe. Der
+General war im Schlafrock und taumelte schlaftrunken. Er verlor immerzu
+die zinnoberroten Pantoffeln, während er sich in das Vorderzimmer
+tastete. Ein Schatten kroch vor ihm her.
+
+»Wie sagst du --?« Er räusperte sich, seine Mundhöhle war ausgetrocknet,
+denn der General schlief mit offenem Munde und schnarchte. »Verletzt,
+sagst du --?« Er bemühte sich, die Schnur des Schlafrocks zuzuziehen, um
+sich nicht zu erkälten. Schon wieder hatte er einen Pantoffel verloren
+und tastete mit dem nackten Fuße danach.
+
+»An der Hand -- der Herr Oberleutnant --«
+
+»Man sollte doch meinen, daß er mit Schußwaffen umzugehen versteht!«
+schrie der General den Burschen an. Eigentlich hätte er dies Otto sagen
+sollen, aber in derartigen Augenblicken wandte er sich mit Vorliebe an
+Untergebene.
+
+»Mache Licht!«
+
+Zornrot ragte der Kopf aus dem fleischfarbenen Schlafrock. Auch dieser
+Schlafrock zeigte karmesinrote Aufschläge, nicht so groß wie der Mantel,
+aber von der gleichen Farbe.
+
+»Beim Packen also --? Was soll das Gestotter!«
+
+»Der Herr Oberleutnant wollte den Revolver in die Kiste schieben, da
+ging er los -- ganz von selbst. Er ist schon einmal losgegangen.«
+
+Mit wütenden Schritten ging der General durch die Zimmer. Der
+fleischfarbene Schlafrock wehte. Plötzlich aber hielt er den Schritt an
+und tastete mit der Hand gegen einen Türrahmen. »Ein Glas Wasser,
+Jakob«, sagte er. »Und dann -- hörst du -- wecke meine Tochter, sofort
+-- aber nicht du sollst sie wecken -- sondern wecke Therese, und Therese
+soll meine Tochter wecken. Wangel soll sofort das Auto holen.«
+
+Das Blut war aus seinem Kopf gewichen, er war totenbleich geworden. Er
+taumelte ein paar kleine Schrittchen rückwärts, bis seine Hand eine
+Stütze an einem Sessel fand. Der Atem pfiff in kurzen Stößen aus seiner
+Brust.
+
+»Und nun also ein Glas Wasser!«
+
+Der General hatte nur einen flüchtigen Blick durch Ottos halboffene Tür
+geworfen. Otto stand gestiefelt und gespornt, rasiert und frisiert, fix
+und fertig zur Abreise. Auf dem Boden lag die gepackte kleine graue
+Offizierskiste. Er sah völlig nüchtern aus, gesammelt, ohne jede Spur
+von Betrunkenheit.
+
+Und dann ein Handtuch -- zusammengerollt, wie ein blutiger Klumpen
+. . . Es war eine Schwäche des Generals, daß er kein Blut sehen konnte.
+Es war ihm immer peinlich gewesen -- im Felde, wo es sich doch nicht
+vermeiden ließ -- aber es war eine Schwäche, die er schon in der
+Kadettenzeit gehabt hatte. Es war ganz hoffnungslos, dagegen
+anzukämpfen.
+
+Man hörte Therese an Ruths Türe pochen. Man hörte sie halblaut rufen.
+Dann ging die Türe. Therese verschwand in Ruths Zimmer und kam nicht
+wieder.
+
+Nun?
+
+Endlich -- nach langer Zeit kam Therese wieder zum Vorschein. Ihre Miene
+war verstört. Hilflos blieb sie an der offenen Türe stehen. Therese --
+sie hieß gar nicht Therese, aber sie wurde, seit sie im Hause des
+Generals lebte, so genannt, sie hieß Ernestine -- Therese war, wie
+häufig, von ihrer Angst vor dem General gelähmt. Sie fürchtete ihn für
+gewöhnlich, sie ließ sich nicht gerne in ein Gespräch mit ihm ein, lebte
+für sich in den hinteren Räumen und kam nur selten nach vorn. Aber bei
+besonderen Ereignissen steigerte sich ihre Furcht zum Entsetzen. Und in
+diesem Augenblick erschien ihr der General wahrhaft erschreckend -- in
+seinem fleischfarbenen Schlafrock und den roten Pantoffeln. Ihre Augen
+zerrannen vor Ratlosigkeit, ganz wie seinerzeit, als sie vor dem Gericht
+aussagen sollte. Damals, als der General den Prozeß führte und man sie
+kreuz und quer über alles Mögliche ausforschte. Damals, als es keine
+Ruhe mehr im Hause des Generals gab, nur Tränen. Therese fühlte, daß
+wiederum etwas nicht in Ordnung war.
+
+Der General aber starrte sie an, er begriff nicht. Sein Schnurrbart
+zitterte, und Therese, die dieses Anzeichen sehr gut kannte, machte eine
+verzweifelte Anstrengung zu sprechen. Ihr altes Gesicht legte sich in
+tausend Runzeln und kleine Falten, als ob sie weinen wollte. Die Finger
+zupften an den rasch übergeworfenen Kleidern.
+
+»Ruth ist nicht hier.«
+
+Der General hatte nicht recht gehört.
+
+»Sie ist nicht in ihrem Zimmer.«
+
+»Nicht hier --?«
+
+Aber gerade in diesem Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit auf ein
+Geräusch an der Türe gelenkt. In der Türe der Diele drehte sich ein
+Schlüssel, und er wartete voller Spannung, was nun geschehen würde.
+Zuerst erschien also eine kleine Hand, in grauen Handschuhen. Dann der
+braune Pelzbesatz eines Ärmels, und schließlich stand Ruth in voller
+Person mitten in der Türe. Auf ihrer kleinen, braunen Pelzmütze lagen
+Regentropfen. Ruth erschrak nicht. Ihre braunen Augen, die weichen,
+leuchtenden Augen der Sommerstorf, waren voller Erstaunen auf den
+General gerichtet.
+
+Dann aber begannen ihre Blicke sich langsam mit Unruhe zu füllen. Das
+Leuchten erlosch, sie wurden dunkel.
+
+
+
+
+Zweites Buch
+
+
+1
+
+Der Tag graute, und noch immer schwang der gleißende Lichtgürtel um
+Berlin.
+
+Vor wenigen Wochen, im Januar, lagen die blendenden Fabrikpaläste der
+Vorstädte plötzlich einige Nächte lang dunkel da. Die eisernen Tore
+blieben geschlossen, die Räder standen still, die Kesselfeuer waren
+erloschen. Hunderttausende von regsamen Händen, wo waren sie? Was war
+geschehen?
+
+Streik, mit einem Wort. Streik, jetzt, gerade in diesem Augenblick, wo
+man die Vorbereitungen traf für die letzte große Anstrengung, die den
+Sieg bringen sollte. Das englische Gold rollte -- der General behauptete
+es -- das englische Gold rollte durch die Straßen Berlins, Millionen und
+abermals Millionen. Scharen von Agenten waren von Albion ausgesandt
+worden, um die Front der Heimat zu unterminieren. Es wimmelte von
+Spitzeln und Spionen. Man klebte Zettel an die Häuser, Laufzettel gingen
+durch die Fabriken -- das englische Gold war allmächtig.
+
+Es kam zu Zusammenrottungen -- da draußen. Patrouillen streiften durch
+die Stadt, Schwärme von Berittenen mit Karabinern, Maschinengewehre
+waren auf den Dachböden aufgestellt, da und dort -- sollten sie nur
+kommen -- von da draußen! Halbwüchsige Burschen zogen über die Linden
+und pfiffen. Aber die Schutzleute stürzten aus den Häusern und
+ohrfeigten sie.
+
+Straßenbahnwagen wurden umgestürzt. Durch die Stadt fuhren reihenweise
+Wagen mit eingeworfenen Fensterscheiben. Das englische Gold hatte es
+weit gebracht.
+
+Die Streikenden sandten einen Ausschuß, um zu unterhandeln. Aber der
+Minister -- plötzlich machte er sein Rückgrat steif -- lehnte ab,
+weigerte sich -- bitte recht sehr. Er forderte gesetzlich zulässige
+Vertreter. Er witterte eine Ungebührlichkeit, etwas, was überhaupt noch
+nicht dagewesen war, das sich erkeckte, zu rütteln, an den Grundpfosten
+zu rütteln . . .
+
+Die Streikenden forderten Brot, und die Regierung versprach.
+
+Die Streikenden forderten -- sie deuteten es nur an, aber es ging aus
+ihrer ungesetzlichen, hochverräterischen Haltung deutlich hervor . . .
+Es schien ihnen an der Zeit, nachzudenken. Herzogshüte und Königskronen
+sollten vergeben werden, da und dort, an alle möglichen Vettern, nun
+gut, wenn es Vergnügen machte, aber es schien ihnen doch an der Zeit,
+mit dem Überlegen zu beginnen. Der letzte Kupferkessel war dahin,
+beschlagnahmt aus der Küche des armen Weibes, die Lokomotiven brachen
+auf der Strecke zusammen, in den Kasernen exerzierten Knaben und
+Krüppel. Schließlich war Amerika immerhin eine Macht, mit der man
+rechnen mußte, auch wenn es nicht imstande war, Flugzeuge zu bauen und,
+wie man schwarz auf weiß nachgewiesen hatte, unmöglich ein Heer über den
+Ozean schaffen konnte. Trotzdem. Die deutschen Truppen standen in
+Finnland, im Kaukasus, in --
+
+Nein, sie sprachen es nicht in klaren Worten aus, aber sie wollten doch
+ganz bescheiden darauf hinweisen, daß es eigentlich an der Zeit sei --
+
+Aber gerade das, hm, verletzte den Minister. Er witterte --
+
+Endlich nahmen die Generale die Sache in die Hand, und im Handumdrehen
+war der Streik zu Ende. Man brauchte nur etwas zuzugreifen und sofort
+ging es. Die Generale waren für individuelle Behandlung. Wer ein Gewehr
+tragen konnte, wurde in die Schützengräben verbannt, andere wanderten
+ins Gefängnis und einige ins Irrenhaus. Die eingeschlagenen
+Fensterscheiben der Straßenbahnwagen wurden durch neue ersetzt -- nichts
+war geschehen. Nichts blieb zurück als ein leises, unterirdisches
+Grollen, unhörbar für Ohren, die aus Greisenschädeln wuchsen.
+
+Obwohl der Streik nur wenige Tage gedauert hatte, sprach der General die
+Möglichkeit aus, daß dadurch der Sieg gefährdet sein konnte -- konnte,
+nur eine Möglichkeit . . .
+
+Das war also im Januar gewesen. Nun aber regten sich wieder Tag und
+Nacht die ungezählten Hände, zerfressen von dem schlechten Öl, das von
+den Drehbänken spritzte und die Ölkrätze hervorrief. Die Feenpaläste
+schwammen wieder strahlend in den Nächten, der Lichtgürtel flammte
+wieder um die Riesenstadt. Und im grauen Morgen, zur Zeit des
+Schichtwechsels, rollten wie früher die Züge überfüllt mit Menschen, als
+sei nichts geschehen. Hunderte von gelben Gesichtern in jedem Abteil,
+Hunderte von gelben Gesichtern auf den Trittbrettern, auf den Dächern,
+überall. Und die bleichen, übernächtigen Mädchen, die die Patronen
+packten, kreischten und schrien.
+
+Auch an diesem grauen Morgen rollten ganz wie sonst zur Zeit des
+Schichtwechsels die Züge mit den gelben und todbleichen Gesichtern.
+Hustend und frierend hasteten Kleiderbündel durch die Straßen der
+Vorstädte, voller Angst, rechtzeitig die Kontrolle der eisernen Tore zu
+passieren. Der Westen der Stadt lag noch in tiefem Schlaf, die Wächter,
+die den Schlummer der Reichen bewachten, gähnten.
+
+Auch an diesem Morgen rollte mit der Minute der bekannte Zug nach der
+Westfront. Eine Leiche sah auf den Bahnsteig, suchte, pfiff sogar etwas
+-- die Leiche -- es war Hauptmann Falk.
+
+Wo bleibt denn dieser Knabe? Aber Otto kam nicht, und Hauptmann Falk zog
+das Fenster hinauf, hüllte sich in den Mantel und schlief augenblicklich
+ein, bevor der Zug die Station recht verlassen hatte.
+
+Die Feuerwalze war auf der Heimreise. --
+
+Der Tag dampfte über den Kartoffeläckern und Rübenfeldern im Osten von
+Berlin, und graue Wolken schleppten sich über die Laubenkolonien
+zwischen den roten und gelben Backsteinmauern der Vorstädte, über die
+Halden mit Bauschutt, Papierfetzen und verbeulten Eimern. Hinter den
+grauen Wolken aber kam ein Funke! Der Funke leckte feurig einen
+Wolkenrand und ein Blitz blendete hervor. Da begannen die gelben und
+roten Backsteinmauern der Vorstädte zu blühen, die Fensterscheiben
+funkelten, das Millionenauge der Riesenstadt blitzte. Die Trompeten in
+den Kasernenhöfen schmetterten, und Tausende von Männern erhoben sich
+von den elenden Lagern.
+
+Ein Lichtbüschel züngelte mitten durch das Fenster einer Mietskaserne im
+Nordosten Berlins -- einer grauen, mürrischen Mietskaserne, über deren
+Fassade sich die Riesenaufschrift »Leihhaus« erstreckte -- und blendete
+in ein aufgeschlagenes Buch. Dieses Buch lag auf einem kleinen Tisch
+dicht am Fenster des armseligen Zimmers. Das Buch flammte, Feuer schlug
+heraus: es war die Bibel!
+
+Eine Hand hatte Verse angestrichen, und diese Verse brannten unter dem
+Lichtstrahl:
+
+»Und die Könige auf Erden, und die Obersten, und die Reichen, und die
+Hauptleute, und die Gewaltigen, und alle Knechte, und alle Freien
+verbargen sich in den Klüften und Felsen an den Bergen.«
+
+»Und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallet auf uns, und verberget
+uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn
+des Lammes.«
+
+»Denn es ist kommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?«
+
+Da glühte das ganze Buch, flammte auf und brannte.
+
+Neben dem Buch stand eine kleine Schreibmaschine veralteten Systems. An
+der Türe des kleinen Zimmers hing ein großer, weiter, grauer
+Soldatenmantel.
+
+Nun trat ein junger Mann ins Zimmer, und während er in den Mantel
+schlüpfte, fielen seine Blicke auf die aufgeschlagene Bibel, die im
+Lichtstrahl flammte.
+
+»Auch die Apokalypse gibt keine Deutung!« sagte der junge Mann
+kopfschüttelnd, mit rasenden Augen, und schloß das Buch. Sofort erlosch
+es, schwieg es, wurde es stumm.
+
+»Diese apokalyptischen Reiter -- sie sind Schemen. Das Blut stieg bis an
+die Zäume der Pferde -- er sollte es mit eigenen Augen sehen -- die
+Pferde versinken im Blut!«
+
+Da aber traf der Lichtstrahl ihn mitten ins Herz. Er fuhr zusammen,
+seine rasenden, dunkeln Augen richteten sich ins Licht und flammten in
+seinem bleichen Gesicht.
+
+Er sah nicht die Schutthaufen mit den Papierfetzen und rostigen Eimern,
+nicht die Lauben mit den schwarzen Lumpen auf den Dächern: er sah das
+Licht, das sich zwischen düsteren Wolkensäumen durchfraß und die
+Herrschaft über die Dunkelheit an sich riß.
+
+Seine Finger berührten das heilige Buch, zuckten.
+
+»_Ich glaube! Ich glaube!_« schrie er dem Licht entgegen.
+
+
+2
+
+Auch der alte Portier, der Veteran von 70, war schon wieder auf seinem
+Posten. Zuweilen trat er aus der Loge und spuckte aus. Und da -- ist es
+zu glauben? -- da war auch schon wieder jener Aufdringliche, jener
+kleine, ältere Herr. Er zog den steifen Hut.
+
+»Seht an -- Sie? Schon wieder?« begrüßte ihn der Portier unfreundlich.
+Und vorwurfsvoll fuhr er fort: »Sie haben mich in eine hübsche Lage
+gebracht, das muß ich sagen!«
+
+»Hübsche Lage --? Um Gottes willen --?«
+
+»Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr?«
+
+»Jawohl, Herbst.«
+
+»Etwas war offenbar nicht in Ordnung mit Ihrem Brief, Herr Herbst!«
+
+»Nicht in Ordnung --?«
+
+»Nein. Seine Exzellenz -- Sie haben doch gutes Papier genommen?
+Jedenfalls haben Seine Exzellenz --« Der Portier in seinem im Laufe der
+Kriegsjahre etwas schäbig gewordenen Mantel brach ab, öffnete die
+Glastüre der Loge und verbeugte sich. »Guten Morgen, Herr Oberst!« Säbel
+rasselten, ordenglitzernde Brüste schwebten am Glasfenster vorüber,
+Lackstiefel, rote Streifen, Pelzkragen. Die Soldaten und Schreiber
+huschten die Granittreppen hinauf. Der Dienst begann wieder, dieselbe
+Sache, wie seit Jahren.
+
+»Jedenfalls war etwas mit Ihrem Brief nicht in Ordnung. Seine Exzellenz
+waren -- hm -- ungehalten.«
+
+»Sie selbst haben mich doch ermutigt.«
+
+»Höflich und richtig abgefaßt. Ich habe gesagt, versuchen Sie es.
+Reichen Sie ein Gesuch um eine Audienz ein. Haben Sie gehorsamst
+geschrieben?«
+
+»Ja, gehorsamst habe ich geschrieben.«
+
+»Der Umschlag, ich sagte Ihnen ja gleich, ein weißer wäre besser
+gewesen. Diese hohen Herren haben ihre Eigenheiten. Sie sehen auf
+Kleinigkeiten, wenn zum Beispiel auch nur ein ganz kleiner Schmutzfleck
+da ist -- Guten Morgen, Herr Major, Herr Rittmeister! -- Es ging ja noch
+gut ab, aber es hätte leicht ein Donnerwetter setzen können, schon
+fürchtete ich einen Blick zu bekommen, ja, wissen Sie, einen Blick --!
+Und nun ist heute nacht diese Sache passiert -- wissen Sie -- diese
+Sache --«
+
+»Welche Sache?«
+
+»Nun, der Sohn Seiner Exzellenz -- der Herr Oberleutnant,« die Stimme
+des Portiers sank zu einem Flüstern herab, »er hat Malheur gehabt mit
+dem Revolver, beim Packen. Der Revolver hat sich geklemmt, und schon
+ging also der Schuß los -- in die Hand.«
+
+»Ist es möglich?«
+
+»Nun können Sie sich vorstellen, was für eine Aufregung das hier im
+Hause ist! Der Adjutant war schon hier und gab mir einen Wink. Denn
+sehen Sie, wenn Exzellenz schlecht gelaunt sind, dann ist nicht zu
+spaßen mit Exzellenz. Für gewöhnlich sind Exzellenz ja ganz umgänglich
+-- freundlich sogar . . . Aber« -- plötzlich musterte der Portier seinen
+Besuch -- »hören Sie -- Sie sind ja ganz naß, völlig durchnäßt?«
+
+»Ich bin in den Regen gekommen.«
+
+»In den Regen? Und wie Sie aussehen, Herr! Als ob Sie auch nicht ein
+Auge zugetan hätten?«
+
+»Wie ich Ihnen schon sagte, ich bin zuweilen vollkommen schlaflos --«
+
+Der alte Portier, mit den weißen Haarsträhnen, den kleinen Medaillen aus
+Kupfer und Blech auf der Brust des zu weiten Mantels, schüttelte den
+Kopf -- kritisch, mißbilligend. Hier in seiner Loge --
+
+Der Havelock, das heißt der Herr mit dem Havelock, Herr Herbst, machte
+allerdings einen jämmerlichen Eindruck. Sein rostbrauner Havelock, der
+viel zu lang war und bis an die schmutzigen Stiefel reichte, war
+zerknittert und dunkel vor Nässe. Der schwarze steife Hut, der bis an
+die abstehenden Ohren fiel, war glänzend schwarz vom Regen, das Band,
+das die Krempe säumte, einfach vollgesogen mit Wasser. Sein Gesicht war
+keineswegs stahlblau, sondern gelblich bleich, von ungesunder Färbung,
+mit merkwürdigen gelben Flecken, klein, hohlwangig und von tiefen
+Furchen zergraben. Öffnete er den kleinen, faltigen Mund mit dem
+weißgrauen Stoppelbärtchen, so wurden gelbe Zahnstumpen sichtbar -- und
+seine Glatze zog bis ins Genick, nur einige Härchen, grauweiß
+gekräuselt, deuteten noch den Haarkranz an -- und diese großen,
+abstehenden Ohren! Seine wasserhellen Augen waren entzündet und tränten,
+sie schwammen fortwährend in Wasser. Es war ein Mensch, der nichts auf
+sein Äußeres gab -- sich vernachlässigte, schlaflos, krank offenbar --
+sein Sohn -- der alte Portier fühlte plötzlich Mitleid, obschon es ihm
+peinlich war, daß dieses durchnäßte Herrchen sich in seiner Loge befand.
+Wenn jemand hereinkäme, nicht ein Schreiber, vor ihnen hatte er keine
+Angst, aber, nehmen wir an, ein Offizier?
+
+»Und, sagen Sie -- lieber Herr -- was wollen Sie nur wieder, schon so
+früh --?« fragte er, plötzlich aufs äußerste erstaunt.
+
+»Ich wollte --« hier errötete Herr Herbst und wurde sehr unruhig --
+»nun, ich wollte doch nachsehen, ob keine Antwort --?«
+
+»Antwort --?«
+
+»Der General sollte Ihnen Bescheid geben, wann die Audienz --?«
+
+Der Portier schlug erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen. »Also
+auch mich ziehen Sie mit hinein -- mich?«
+
+»Es schien mir das Einfachste --«
+
+»Das Einfachste -- und Exzellenz werden nun denken --!« Und wieder
+schlug der Portier außer sich die Hände über dem Kopf zusammen.
+
+Herr Herbst fühlte nur zu deutlich, daß seine Position hoffnungslos
+verloren war. Hastig fuhr er mit der kleinen, schmutzigen Hand in den
+zerknitterten Havelock und zog ein Zigarrenetui aus der Rocktasche, ein
+großes Etui aus Aluminium.
+
+»Ich bitte«, stotterte er.
+
+»Nun kommen Sie mir wieder mit Ihren Zigarren.«
+
+»Nehmen Sie ruhig, mein verehrter Herr!«
+
+»Ich will Sie nicht berauben. Heutigentags ist eine Zigarre eine
+Kostbarkeit. Danke. Also -- keine Adresse, Sie Unglückseliger --?«
+
+»Nein. Ich wußte auch nicht recht welche -- ja, wie sollte ich es machen
+-- ich habe -- zwei Wohnungen.«
+
+»Zwei Wohnungen haben Sie?«
+
+»Ja, zwei. Ich weiß nicht, wo ich eigentlich wohne.«
+
+»Zwei Wohnungen, und er weiß nicht -- ja, eigentümlich -- ein
+eigentümlicher Herr sind Sie --«
+
+»Es kommt alles _daher_ -- alles _daher_ --« stotterte Herr Herbst zu
+seiner Entschuldigung.
+
+In diesem Augenblick klappte draußen ein Wagenschlag. Es war fünf
+Minuten nach neun Uhr. Der Portier schrak zusammen und warf einen
+raschen Blick durch das Guckfenster.
+
+»Seine Exzellenz! Seine Exzellenz!« rief er in höchster Aufregung aus.
+»Exzellenz darf Sie hier nicht sehen. Um Gottes willen -- daß Sie mir
+nicht durch die Türe blicken!«
+
+Und schon stürzte der Portier zitternd hinaus, um dem General seinen
+Bückling zu machen.
+
+Der Mann im Havelock floh erschrocken in die Ecke der Loge. Sein Herz
+schlug vor unbeschreiblicher Angst. Er preßte das Zigarrenetui aus
+Aluminium vor die Brust. Er stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand
+-- dann aber zwang ihn eine Macht, gegen die es keinen Widerstand gab,
+langsam, ganz langsam den Kopf zu drehen und durch die Glastüre zu
+lugen.
+
+Soeben ging der General an der Loge vorüber. In Gedanken versunken, wie
+gewöhnlich, stieg er die Granittreppe hinauf.
+
+ * * * * *
+
+»Gott sei Dank, Exzellenz hat Sie nicht bemerkt!«
+
+Aufatmend trat der Portier in die Loge zurück. »Und gar nicht schlecht
+gelaunt, ja, sonderbar. Wer soll sich bei diesen hohen Herren auskennen?
+Er sagte, sogar: >Guten Morgen, Heinecke<.«
+
+Der Havelock wagte sich wieder aus seiner Ecke hervor. Seine tränenden
+Augen forschten in dem alten Frauengesicht des Portiers. »Und --?«
+
+»Was meinen Sie -- und?«
+
+»Kein Bescheid?«
+
+Der Portier schlug verzweifelt die Hände zusammen.
+
+»Sie glauben also, mein lieber Herr, Exzellenz hat an nichts anderes zu
+denken als an Ihr Gesuch«, rief er ärgerlich. »Um fünf Uhr haben Sie das
+Gesuch abgegeben! Um acht Uhr waren Sie schon wieder da! Kaum beginnt
+der Tag, so kommen Sie -- ich bitte Sie, mein verehrter Herr --!«
+
+»Verzeihen Sie --«
+
+»Exzellenz hat natürlich den Kopf vollgestopft mit allen möglichen
+Dingen. Exzellenz hat dreihundert Leute unter sich, verstehen Sie, was
+das heißt? Offiziere und Beamte und Mannschaften -- dreihundert. Da gibt
+es Befehle und Schreibereien -- täglich kommen über hundert Telegramme
+-- jeden Augenblick ruft die Oberste Heeresleitung an -- na und so zu --
+und da glauben Sie --! Ich muß offen mit Ihnen reden. Sie sind nie
+Soldat gewesen?«
+
+»Nein.«
+
+»Nun, da haben wir's. Dann können Sie freilich nicht wissen, wie es
+zugeht. Keine ruhige Minute. Seit vierzig Jahren mache ich das mit.«
+
+»Sie selbst haben doch --«
+
+»Ja, leider Gottes habe ich -- aber bedenken Sie doch, was Sie
+verlangen! Eine Audienz! Hunderte warten darauf -- wochenlang! Ich muß
+nun offen mit Ihnen reden. Gestern schreiben Sie und heute glauben Sie
+schon -- Ein General! Bedenken Sie -- und wer sind Sie? -- Ich will
+Ihnen nicht zu nahe treten -- aber wer sind Sie -- oder ich --?
+Vielleicht wird Exzellenz überhaupt nicht antworten.«
+
+»Überhaupt nicht --?!« rief der Mann im Havelock voller Schrecken aus
+und hob die Hände.
+
+»Möglich, weshalb nicht? Ich spreche nun ganz offen mit Ihnen.«
+
+»Aber mein Sohn -- es handelt sich ja --«
+
+»Möglich -- alles möglich -- Sie sind weltfremd, mein Herr, kennen das
+Leben nicht. Aus der Provinz --«
+
+Herr Herbst nahm den Hut. Niedergeschlagen wandte er sich zur Türe:
+»Nun, dann werde ich ein neues Gesuch schreiben!« sagte er entschlossen.
+
+»Um Gottes willen!«
+
+»Wenn er aber auch darauf nicht antwortet -- wissen Sie, was ich dann
+tue --?« Herr Herbst versank in Nachdenken.
+
+»Nun, nun -- wer sollte es für möglich halten --?«
+
+Offenbar fand der Havelock aber keine Lösung.
+
+»Nun jedenfalls ein neues Gesuch -- ja ja -- morgen schon! Ich kann doch
+wohl verlangen -- Als Vater habe ich doch ein Recht -- ein Recht --«
+
+Der Portier brach in ein heiseres Altmännerlachen aus und hustete. »Ein
+Recht! Ein Recht!« schrie er.
+
+»Weshalb nicht, als Vater?« fragte Herr Herbst, schon wieder ganz
+zaghaft und entmutigt.
+
+»Hahahaha -- ehek, ehek!«
+
+Der Mann mit dem Havelock war verschwunden. Als der Portier sich
+ausgespuckt hatte, war weit und breit von ihm keine Spur mehr zu sehen.
+
+
+3
+
+Langsam wandelte der General den endlosen Korridor entlang. Diesen
+Korridor liebte er, und so oft er ihn entlang ging, empfand er ein
+sonderbares Behagen, obschon dieser Korridor genau so häßlich, kahl und
+übelriechend war wie alle Korridore des riesigen Amtsgebäudes. Aber in
+etwas unterschied er sich von den andern Korridoren: er vibrierte
+unaufhörlich von den Maschinen, die im Erdgeschoß arbeiteten. Sie
+erfüllten den kahlen Gang mit ihrer Energie.
+
+Wie täglich, wie stündlich, blieben die Ordonnanzen und Schreiber gegen
+die Wand gedrückt stehen, sobald der General in ihre Nähe kam. Sie
+wandten den Blick nicht von seiner verschlossenen Miene, bis er vorüber
+war. Und selbst dann blickten sie ihm noch eine geraume Weile nach.
+Jetzt erst setzten sie sich, den Kopf ruckweise zurechtdrehend, wieder
+in Bewegung. Die Offiziere, die das Unglück hatten, zufällig über den
+Korridor zu gehen, blieben stehen und machten ihre respektvolle
+Verbeugung. Und der General hob den Finger an den Mützenrand, wie
+täglich, wie stündlich, ohne die Menschen, die vor ihm zurückwichen,
+anzusehen. Sein Blick war zu Boden gerichtet, auf die Steinfliesen, die
+abgeschliffen waren von den genagelten Soldatenstiefeln. Es sah aus, als
+ob die ganze Last der Kriegführung auf seinen Schultern ruhte.
+
+Unter den Steinfliesen arbeiteten die Druckereien. Tag und Nacht
+schleuderten die Rotationsmaschinen Stöße von Kartenblättern heraus,
+die, zu großen, nach Leim und frischer Farbe riechenden Stapeln gehäuft,
+nach und nach sämtliche Korridore des weiten Gebäudes überschwemmten. Es
+waren Karten von allen denkbaren und undenkbaren Ländern, vom Eismeer
+bis zum Äquator -- soweit die scharfen Augen der Generale blickten.
+
+Aus diesen Kartenstapeln strömten Inspirationen. So sah der General in
+diesem Augenblick, ohne jede bewußte Ideenverbindung, deutlich den
+Peipussee vor sich und die strategische Grenzlinie Deutschlands im
+Osten, die schon sein großer Lehrmeister Moltke gezogen hatte. --
+Übrigens, kurios, der Portier, dieser alte Veteran, er sah dem alternden
+Moltke etwas ähnlich, natürlich nur ganz entfernt, soweit ein aus dem
+Unteroffizierstande hervorgegangener Beamter überhaupt einem Heerführer
+ähnlich sehen kann. -- Diese Linie, ja, und im Norden mußte ein
+erstarktes Finnland, fest an Deutschland geknüpft, der Verbündete
+werden: mit der Pistole an der Schläfe mußte Rußland in den Frieden
+hineingehen.
+
+Ein Glück nur, daß dieses elende Diplomatenmachwerk von Brest-Litowsk
+nur ein Provisorium war . . .
+
+Plötzlich wurde die strategische Ostlinie, die scharf wie der Schnitt
+eines Rasiermessers vom Peipussee südlich führte, durch irgendetwas
+gestört. Was war es doch? Ein weiter, grauer Soldatenmantel flatterte
+durch sie hindurch!
+
+Da war er also wieder, seht an . . .
+
+Seit Wochen schon war ihm dieser Mantel aufgefallen, und zwar nur, weil
+er so merkwürdig flatterte, wie kein Mantel sonst. Obschon er immer nur
+-- ein sonderbarer Zufall -- einen Zipfel dieses Mantels verschwinden
+sah, konnte er doch feststellen, daß es der Mantel eines gemeinen
+Soldaten war, der nachlässig, unsoldatisch, mit einem Wort
+vorschriftswidrig getragen wurde. In besonderen Stimmungen hatte er in
+dem Flattern dieses Mantels sogar etwas Herausforderndes erblickt --
+eines jener Symptome des Abbröckelns der Disziplin, gegen das er in
+ungezählten Tagesbefehlen ankämpfte -- schon an der Front, was ihm von
+gewissen Seiten wieder übel vermerkt wurde.
+
+Diesmal aber lief ihm der Mantel direkt in die Hände, er konnte ihm
+nicht entgehen.
+
+Der Soldat kam näher, und nun, da er den Schritt verlangsamte, sah der
+General, daß er das eine Bein etwas nachschleppte. Der weite Mantel
+stand an der Wand still, wie alles, was sich hier bewegte, wenn der
+General in Sicht kam.
+
+Der General sah einen einfachen Soldaten von etwa fünfundzwanzig Jahren
+vor sich stehen, mittelgroß, breitschulterig, mit schlichten, für sein
+Alter auffallend ernsten Zügen. Was dem General aber besonders an dem
+Gesicht auffiel, das waren die Augen. Sie waren braun und
+außerordentlich sanft. Es waren die sanftesten Männeraugen, die der
+General jemals gesehen hatte. Und der ganze Bursche, bleich und schlecht
+genährt, wie die meisten Ordonnanzen und Schreiber, die sich im
+Amtsgebäude herumtrieben, der ganze Bursche machte einen ebenso sanften
+und versöhnlichen Eindruck. Nur seine schwarzen Haare waren etwas zu
+lang und standen unter der Mütze vor. Die Haltung dieses Mannes war ohne
+jeden Tadel. Indessen, es lag etwas in dem Ausdruck seines Gesichts --
+ja, wie soll man sagen? In den warmen, braunen Augen schimmerte -- oder
+täuschte er sich -- ein unmerkliches Lächeln, und dieses unmerkliche
+Lächeln lag trotz dem Ernst auch auf dem etwas bleichen Gesicht.
+
+Der General betrachtete das Gesicht in aller Ruhe -- so wie man eine
+Schnitzerei betrachtet. Aber dieser Mann kam nicht in Verlegenheit,
+wurde nicht unsicher, der Ausdruck seiner Augen änderte sich nicht,
+seine Lider bewegten sich nicht rascher. Er blieb gleichmäßig ruhig und
+gleichgültig.
+
+Dieser Mann hatte offenbar keine Angst, von einem hohen Vorgesetzten
+gemustert zu werden, ruhig erwiderte sein Blick den des Generals --
+keine Angst, nicht die geringste.
+
+Hm!
+
+Übrigens hatte der General dieses Gesicht schon irgendwo und irgendwann
+gesehen, obgleich er sicher war, ihm nie im Leben begegnet zu sein. Es
+war ein Gesicht, wie man es auf alten Bildern sah -- ein Gesicht aus
+vergangenen Epochen sozusagen. Auf alten Gemälden und Stichen, von
+Mönchen, Poeten und sonstigen Schwärmern.
+
+Nun stieg eine leichte Röte unter der blassen Haut des Gesichts empor.
+
+Rasch wie Hammerschläge fielen Fragen und Antworten:
+
+»Wie heißen Sie?« -- »Ackermann.«
+
+»Was sind Sie?« -- »Hilfsschreiber!«
+
+»Zivilberuf?« -- »Student!«
+
+»Wo verwundet?« -- »An der Somme!«
+
+Unvermittelt nahm die Stimme des Generals einen strengen Ton an.
+
+»Wenn Sie auch Student sind, so können Sie doch Ihren Mantel
+vorschriftsmäßig zuknöpfen!«
+
+Die Hände des Soldaten fuhren nach den Mantelknöpfen.
+
+»Nachher, mein Sohn«, sagte der General wieder milder und ging.
+
+Schon verschwand er in der grüngepolsterten Doppeltüre.
+
+ * * * * *
+
+Etwas unsicher machte Hauptmann Weißbach, der Adjutant, seine Meldung.
+Ottos verletzte Hand war soeben geröntgt worden. In wenigen Wochen
+dürfte Otto wieder völlig hergestellt sein.
+
+»Also, der Arzt befürchtet nicht, daß seine Karriere dadurch beeinflußt
+werden könnte?«
+
+Weißbach erblickte seinen Gebieter durch eine Art Nebel in
+Überlebensgröße. Er hatte die Empfindung, Wolken von Alkohol
+auszuströmen. Wenn man ihm mit einem Streichholz zu nahe kam -- um
+Gottes willen, seien Sie vorsichtig! -- so würde er lichterloh in
+Flammen stehen, augenblicklich -- diese etwas peinliche Empfindung hatte
+der Adjutant. Ganz abgesehen davon konnte jeden Augenblick der
+Parkettboden unter seinen Füßen einbrechen und er im Keller landen, bei
+den Rotationsmaschinen, die Tag und Nacht Karten aller Herren Länder
+ausspien.
+
+Vor knapp einer halben Stunde war er von Ströbel gekommen. Ströbels
+Herrenabende -- die Saharet zählte gar nicht -- pflegten sich stets bis
+zum Morgen auszudehnen. Punkt acht Uhr wurde die letzte Bank abgezogen.
+Dann badete man, rasierte sich und frühstückte. Herrlichen Mokka gab es
+bei Ströbel, Brötchen mit Butter -- einfach alles. Zuletzt noch einen
+Kognak -- und dann los! Ottos Unfall war telephonisch gemeldet worden.
+Augenblicklich hatte Weißbach, so wie es sich für einen Adjutanten
+gehörte, seine »Maßnahmen ergriffen«. Alles telephonisch. Er wollte ins
+Lazarett fahren, sobald eine Minute Zeit war. Er wußte, was man von ihm
+forderte --
+
+Der General befahl mit Ottos Regimentskommandeur im Felde verbunden zu
+werden -- und dann: wenn Anmeldungen vorliegen?
+
+»Der Herr von der Presse.«
+
+»Ich bitte!« Die Verblüffung warf Weißbach nahezu zu Boden.
+
+Seit einer Woche bereits antichambrierte dieser Herr von der Presse, und
+Weißbach wagte kaum noch, ihn zu melden. Der General verachtete alles,
+was mit diesem Gewerbe zu tun hatte -- all diese entgleisten Studenten,
+Gelehrten und Schriftsteller, die die Anmaßung besaßen, die öffentliche
+Meinung machen zu wollen.
+
+Die hohen Bogenfenster spiegelten sich im gewichsten Parkett, der breite
+Goldrahmen des großen Kaiserbildes an der Wand glänzte. Sonst war der
+Arbeitssaal Leere und Kahlheit, bewohnt einzig und allein von Seiner
+Majestät, mit dem Marschallstab und der von Orden, Kreuzen, Sternen,
+Tressen und Schnüren funkelnden Brust.
+
+Von tiefem, feierlichem Blau waren die langen, schmalen Vorhänge an den
+hohen Bogenfenstern, silbergrau die Wände -- zuweilen wichen sie zurück,
+wenn der General arbeitete -- in weite Fernen, und es schien ihm dann,
+als säße er in einem endlosen Nebel.
+
+Der General heftete den Blick auf das Kaiserbild -- täglich tauschte er
+Blicke mit seinem obersten Herrn. Aber die Augen des Soldaten im weiten
+Mantel erschienen vor seinen Blicken: sonderbare Augen, in der Tat --
+genau wie auf den alten Ölgemälden --
+
+Schon trat der Herr von der Presse ein -- mit einem feierlichen
+Bückling, bis zum Parkett. Ein warmer Unterton in der Stimme des
+Generals ermutigte ihn näher zu treten.
+
+Weißbach unterbrach die Unterhaltung.
+
+»Das Regiment«, meldete er. »Befehlen Herr General das Gespräch hier
+hereinzulegen?«
+
+»Ich bitte -- es wird wohl nicht stören?« Der Herr von der Presse wußte
+das außergewöhnliche Vertrauen zu schätzen.
+
+Und der General begann in das Telephon zu schreien: »-- schon
+unterrichtet -- jawohl -- eine Abschiedsfeier, Herr Oberst, die bis
+morgens um sechs Uhr dauerte --« Und nun lauschte der General und
+verbeugte sich am Telephon. Der Regimentskommandeur drückte die Hoffnung
+aus, seinen tapfersten Offizier bald wiederzusehen. Er sagte
+ausdrücklich: tapfersten -- hier verbeugte sich der General -- und
+wieder heulte der General in das Telephon. »Stimmung ausgezeichnet,
+sagen Sie -- prächtige Laune -- Zuversicht -- es wird ja wohl bald
+wieder vorwärtsgehen --« und wieder lachte der General in das Telephon.
+
+»Sie verzeihen die Unterbrechung. Meinem Sohn ist ein kleines Malheur
+zugestoßen. Beim Einpacken, er sollte heute zum Regiment zurück, klemmt
+sich der Revolver, und plötzlich geht er los --«
+
+Auf den Zügen des Pressevertreters malten sich äußerster Schrecken und
+tiefste Anteilnahme.
+
+Untadelig glänzte das Wappenschild der Hecht-Babenberg durch die
+Jahrhunderte. Gerade dieses Wappenschildes wegen deckte der General
+seinen Sohn mit dem eigenen Leibe. Wenn man auch voraussetzen sollte,
+daß vor dem Namen Hecht-Babenberg die Zungen unverantwortlicher
+Schwätzer verstummten, so wimmelte dieses Berlin doch von Neidern und
+Verleumdern -- er selbst konnte ja ein Lied davon singen -- denen selbst
+das fleckenlose Wappenschild der Hecht-Babenberg nicht heilig sein würde
+. . .
+
+Der Dienst verschlang die Zeit, und im Augenblick war es Mittag
+geworden. Punkt ein Uhr raste die graue Limousine davon, um erst vor
+Stifters Diele, Unter den Linden, anzuhalten.
+
+
+4
+
+Der General frühstückte jeden Tag in Stifters Diele. Ruth war zur
+Mittagszeit in ihrer Küche beschäftigt, und allein in dem kahlen
+Speisezimmer zu Hause sitzen --? Nein. Es war am Tage noch ungemütlicher
+als am Abend -- und totenstill.
+
+In Stifters Diele waren wenigstens Menschen und etwas Lärm, gerade so
+viel, wie Leute mit guter Kinderstube ihn beim Dinieren erzeugen, ein
+beruhigender, wohltuender Lärm. Silber klirrte.
+
+Hier, in seiner Nische hinter den Stechpalmen, fühlte der General sich
+geborgen vor den Zudringlichkeiten der Welt. Zuweilen nur drang
+irgendein neugieriger Blick durch die Stechpalmen, um sich sofort wieder
+ehrfurchtsvoll zurückzuziehen.
+
+Stifters Diele war nicht ein gewöhnliches Restaurant, sondern eine
+Speisekapelle: farbige Kirchenfenster, Dämmerung, gedämpfte Lichter und
+dicke Teppiche. Das Speisen hatte hier die Form eines religiösen Kults
+angenommen. Die Kellner murmelten feierlich wie Priester, die die
+Beichte abhören.
+
+Zwischen dem Etablissement und den Gästen bestand eine stillschweigende
+Verabredung: das Etablissement versprach, seine Gäste gesund und
+wohlgenährt durch den Krieg zu bringen, wogegen die Gäste sich
+verpflichteten, zu schweigen und zu zahlen. Es verkehrten fast
+ausschließlich Stammgäste in Stifters Diele. Zumeist hohe Würdenträger,
+die neue Energien für den anstrengenden Dienst zu gewinnen suchten, und
+Junker, die von ihren großen Gütern nach Berlin kamen und die Küche der
+Diele kannten. Manchmal verirrten sich auch zweifelhafte Elemente hier
+herein -- aber sofort kam der Oberkellner, leider alles bestellt, die
+Herrschaften --
+
+Wie eine Orgel summte die tiefe Stimme des Oberkellners. Näher als
+irgendein anderer Sterblicher es hätte wagen dürfen, rückte er dem roten
+Ohr des Generals.
+
+»Bouillon mit Mark oder Klößchen, Exzellenz? -- Mit Klößchen, sehr
+wohl.«
+
+»Hühnerpastetchen, Exzellenz? Heute ist fleischloser Tag, aber -- nur
+für unsere Stammgäste natürlich -- Chateaubriand -- Es ist auch etwas
+Kaviar eingetroffen. Ich darf eine Portion servieren, ohne den Preis zu
+nennen?«
+
+Der General setzte den goldenen Kneifer auf und blickte den Befrackten
+an. »Sie sagten --?«
+
+»Ja, über Finnland. Der russische Friede macht sich schon geltend. Haben
+Exzellenz übrigens die Flagge auf der russischen Botschaft gesehen?
+Nein? Zum erstenmal heute aufgezogen. Etwas Pudding oder Camembert?«
+
+»Camembert!«
+
+»Sehr wohl, Exzellenz. -- Den Wein habe ich schon bereitgestellt. Sehr
+wohl.«
+
+Jeden Mittag pflegte der General eine halbe Flasche Sekt zum Frühstück
+zu trinken. Zuweilen aber nippte er nur am Glase, es hing ganz von
+seinem Befinden ab.
+
+Die Leberklößchen, die auf der Zunge zerschmolzen, die Geflügelpastete
+mit eingehackten Champignons und würzigen Kräutern, das Chateaubriand
+auf englische Art, der Kaviar -- ein Erlebnis sozusagen nach langen
+Jahren -- neue Kraft erfüllte die Nerven, die Unglücksgeschichte Ottos,
+die Plackereien des Dienstes versanken. Nichts blieb, gar nichts, es war
+ein herrlicher Zustand des Schwebens im Nichts. Nur das Gegenüber störte
+die vollkommene Harmonie. Vielleicht würde er doch noch den Platz
+wechseln?
+
+Gegenüber saßen zwei Rittmeister. Mit ihren glattgeschorenen, runden
+Schädeln, voller Höcker und Knollen, ihren gedunsenen Gesichtern, ihren
+rosigen Fettnacken, waren sie die typischen »Etappenschweine«, die nie
+eine Kugel pfeifen hörten. Nichts aber haßte der General mehr als alles,
+was Etappe hieß. Dabei trugen sie ellenlange Ordensschnallen auf der
+Brust. Sie schämten sich nicht einmal, den Halbmond zu tragen, obwohl
+sie nie die Türkei gesehen hatten, einen Orden, den selbst der General
+nicht besaß. Immer tuschelten sie, immer kicherten sie, immer gossen sie
+die Gläser voll -- und goldene Armreife wurden an ihren haarigen
+Handgelenken sichtbar. Sie pflegten dem General ihre Achtung
+auszudrücken, ohne irgendwelche Übertriebenheit: es waren Leute der
+gleichen Gesellschafts klasse. Der General verachtete sie aus tiefster
+Seele.
+
+Schon aber stand der Oberkellner mit einer strahlenden Kerze vor ihm:
+»Eine Zigarre, Exzellenz?«
+
+Gott sei Dank, die beiden Burschen gingen.
+
+Der General legte sich behaglich in den Sessel zurück.
+
+»Aber das Pferdematerial?« fragte eine skeptische Stimme in seinem Ohr.
+Tag und Nacht war er mit den Problemen des Krieges beschäftigt. »Ob die
+Pferde noch den Anstrengungen einer Offensive gewachsen sein werden --?«
+
+»Die Pferde sind ausgeruht -- gut gefüttert und gepflegt«, antwortete
+eine zweite, zuversichtliche Stimme.
+
+Wieder war Ruhe, wieder herrliches Schweben im Nichts. Der General
+verschwand im Rauch der Havanna.
+
+Heute abend würde er bei Dora speisen. Es war Freitag. Dienstags und
+Freitags pflegte der General, wie schon erwähnt, bei Frau v. Dönhoff zu
+Abend zu essen.
+
+Plötzlich aber erhellte ein Gedanke die Augen des Generals. Sie
+erweiterten sich, blinkten hell aus der Dämmerung der Speisekapelle.
+Kalt, wach, nachdenklich. Der Gedanke hatte sie ganz erfüllt.
+
+»_Wo war Ruth?_« fragte er, und die Augen wuchsen.
+
+Dann schlossen sie sich zur Hälfte, nur noch ein Spalt war sichtbar, ein
+Spalt funkelnden Eises.
+
+Und diese unverständliche Bemerkung in dem Brief des kleinen Mannes mit
+dem blaugefrorenen Gesicht --?
+
+Bekam sie nicht plötzlich eine merkwürdige Bedeutung?
+
+ * * * * *
+
+»Wie? Wie? Was!« rief der General aus, als er den Fuß vor Stifters Diele
+setzte. Er wankte.
+
+»Wie? Wie!«
+
+»Ist es möglich?«
+
+»Sind die Leute denn wirklich verrückt geworden?«
+
+In der Tat, deutlich spürte er das Schwanken des Bodens unter den Füßen.
+
+»War so etwas möglich? In Berlin?«
+
+»Unter den Linden?«
+
+Die Röte flog in sein Gesicht.
+
+Gegenüber, auf dem Dache gegenüber, wehte im frischen Wind, lustig, wie
+die selbstverständlichste Sache der Welt, hoch oben -- eine blutrote,
+blutrot leuchtende Flagge!
+
+Alle Blicke zog sie auf sich. Man stelle sich vor: eine rote Flagge in
+einer Stadt, wo selbst eine rote Krawatte eine lebensgefährliche
+Herausforderung ist, wo die rote Farbe, wenn sie allein auftritt,
+einfach verpönt ist, wo die Säbel der Polizisten jeden automatisch
+zerfleischten, der es wagen würde, ein rotes Taschentuch zu schwingen,
+um sich damit die Nase zu putzen. Und hier -- ohne weiteres -- wie die
+natürlichste Sache der Welt -- eine rote Flagge, eine rotleuchtende
+Standarte, gehißt an einem richtigen Flaggenmast, auf einem Dache! Die
+Spaziergänger bogen die Hälse, versteinerten, trauten ihren Augen nicht,
+zwinkerten --
+
+Weithin leuchtete die rote Flagge und verkündete den Sieg des russischen
+Volkes über den Herrn der Galgen, siebenschwänzigen Katzen und
+Bleibergwerke -- über das endlose Häusermeer von Berlin strahlte sie,
+funkelte sie.
+
+»Sind sie denn da drüben gänzlich verrückt geworden?« Er meinte die
+Wilhelmstraße.
+
+Und der General versank in düsteres Nachdenken, während der Wagen die
+Linden hinabschoß.
+
+Diese Flagge -- getränkt mit dem Blute gekrönter Häupter und hoher
+Würdenträger . . .
+
+Schamlos.
+
+Zuweilen war es ihm, als höre er über sich ein Knistern, ein Splittern
+--
+
+
+5
+
+»Ich glaube!«
+
+»Ich glaube an den Menschen!«
+
+»Ich glaube an die Güte des Menschen und seine Reinheit! Ich glaube an
+seine heilige Bestimmung und seine göttliche Seele! Ich glaube an die
+Brüderlichkeit, die Kameradschaft, an die allerlösende Menschenliebe!
+Dies ist mein Bekenntnis, großer Gott über der Finsternis!«
+
+Mit der ganzen Inbrunst seiner fünfundzwanzig Jahre schrie Ackermann,
+der Soldat, dies Bekenntnis vor sich hin. Soeben flog die bekannte graue
+Limousine an ihm vorüber.
+
+»Ich glaube --!« Die Glocke eines elektrischen Wagens gellte, und er
+sprang mit einem Satz zur Seite. Um ein Haar wäre er überfahren worden.
+Sein weiter, grauer Mantel flatterte dem Brandenburger Tor zu. Mit
+großen, raschen Schritten, wie gewöhnlich, ging er dahin. Er
+gestikulierte heftig, und seine rasenden, dunkeln Augen glühten in dem
+fahlen, mageren Gesicht.
+
+»Ich glaube an die Brüderlichkeit zwischen den Völkern, die sich heute
+zerfleischen! Ich glaube an den Tag, da man die Kanonen und
+Schlachtschiffe zertrümmern, die Grenzpfähle umstürzen und die Flaggen
+zerreißen wird! Ich glaube an den Tag, da die Menschen nur eine Sprache
+sprechen werden, einerlei welche, denn nicht um die Sprache handelt es
+sich, allein um die Gedanken, die sie damit ausdrücken!«
+
+»Ich glaube an den Tag, da kein Mensch mehr den Menschen ausbeuten wird,
+an den Tag, da es weder weiße noch schwarze, noch gelbe, weder männliche
+noch weibliche Sklaven geben wird, an den Tag der gleichen Rechte bei
+gleichen Pflichten! Ja, ich, Ackermann, glaube daran! Ich glaube an den
+Sieg des Rechts über das Unrecht, der Wahrheit über die Lüge! Ich
+glaube, daß göttliche Ideen die Welt bewegen und nicht die Kanonen.«
+
+»Ja, ich, Armseligster unter den Armseligsten, ich glaube an das
+kommende Menschenreich auf Erden -- das Reich der Vernunft,
+Gerechtigkeit, Würde und Schönheit!«
+
+»Auch an dich glaube ich, mein Volk!« rief Ackermann mit rasenden,
+glühenden Augen aus, und durchschritt das Brandenburger Tor. Es ist gut,
+dachte er aufatmend, sich zuweilen sein Bekenntnis zu wiederholen -- in
+dieser entsetzlichen Verfinsterung -- so gut tut es.
+
+In diesem Augenblick wurde sein rascher Schritt urplötzlich gehemmt.
+Etwas Ungewöhnliches, Unerwartetes, ein Wunder! Feuer lohte durch seinen
+Körper, Glut flog über sein Gesicht, die Hände brannten. Der Himmel
+blendete, der Himmel jubelte. Rot flammte der Himmel über Berlin.
+
+Schon --? Schon --? Verheißung . . .
+
+Er blieb stehen, schob die Mütze zurück über die schwarzen Haare, und --
+so erregt war er -- deutete auf die rote Flagge auf dem Dache. Seine
+Lippen bebten. Ohne jede Regung stand er, gläubiges Feuer die Augen.
+
+Dann nahm er die Mütze ab.
+
+»-- Licht aus dem Osten, Morgenröte --«
+
+
+6
+
+Während der General bei Stifter dinierte, löffelte der Havelock, der
+kleine Herr Herbst, in der Volksküche in der Dorotheenstraße seine
+Kartoffelsuppe. Er kam häufig hierher, aus bestimmten Gründen.
+
+»Also nicht?« flüsterte er aufgeregt vor sich hin. »Und ich wartete
+extra vor dem Restaurant und grüßte, aber er sah mich nicht. Er hätte
+sich gewiß daran erinnert. Nun, vielleicht -- wenn auch dieser Portier
+glaubt -- ein alter Mann, was weiß er?«
+
+Herr Herbst saß in seinem feuchten, dampfenden Mantel, den steifen Hut
+auf dem Kopf, neben einem Fenster, das auf den düsteren Hof hinausging.
+Auf dem Fensterbrett lag noch dieselbe tote Fliege -- wie lange lag sie
+schon da? Wieder stand im Hof das Auto mit den Papierballen. Dieser Hof
+gehörte zu jenem bekannten roten Gebäude in der Dorotheenstraße, wo die
+Verlustlisten auslagen. Jeden Tag kam das Lastauto mit den riesigen
+Ballen der neugedruckten Listen, täglich, seit dreieinhalb Jahren -- sie
+fielen da draußen wie das Laub der Bäume im Herbst.
+
+Wie das Laub -- nicht anders -- so dachte Herr Herbst, voller Gram.
+
+Auch er, sein Sohn -- Robert -- war gefallen -- nun -- wie ein Blatt --
+das einfach fällt . . . ohne daß jemand es sieht . . .
+
+Er nickte vor sich hin.
+
+»Wie ein Blatt --«
+
+Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, während er stöhnte.
+
+»Und niemand sah es!«
+
+Ach, ach, ach!
+
+Plötzlich schrie der Alte laut auf, ein kleiner, verzweifelter,
+quiekender Schrei. Die Gäste an den Nebentischen wandten sich um.
+
+Schon war er wieder still, nur keine Beunruhigung, und schlürfte seine
+Suppe. Der Schmerz hatte ihn überfallen, wie ein reißendes Tier,
+urplötzlich.
+
+Die Küche war zur Stunde in Hochbetrieb. Sie dampfte und klapperte.
+
+Sie roch nach Kohl, wie alle diese Küchen. Ohne Kohl und Rüben hätten
+sie sofort schließen müssen.
+
+Der Havelock aber fand sie elegant im Vergleich zu den Küchen am
+Halleschen Tor und Alexanderplatz. Hier gab es zum Beispiel Bestecke,
+wenn auch aus Blech, aber ohne Pfand, während man in jenen Küchen eine
+Mark als Pfand hinterlegen mußte. Diebe waren die Menschen geworden,
+nichts als Diebe, sie stahlen einfach alles, was sie mitnehmen konnten.
+Hier dagegen verkehrte nur gutes Publikum.
+
+Junge Kaufleute und Bureauangestellte, kleine wächserne
+Stenotypistinnen, düstere, vergrämte Beamte, bleiche, bebrillte
+Studenten, Mappen und Bücher unter dem Arm, einzelne Uniformen. Sie
+standen um die kahlen Holztische und warteten geduldig auf Platz.
+Unaufhörlich ging die Türe, und Nässe und Kälte strömten in das düstere
+Lokal.
+
+Bleich, gelb, mit wächsernen Ohren, die Schultern nach vorn gebogen,
+hustend, trüb die Augen, fiebernd -- sie alle waren schon gezeichnet.
+Die Grippe würde sie holen, heute, morgen, in einem Jahr -- spielt keine
+Rolle, sie entgingen ihr nicht mehr. Die Bretter lagen schon geschnitten
+für sie auf dem Stapel irgendeines Holzplatzes. Aber noch lachten sie,
+die kleinen wächsernen Stenotypistinnen, kicherten. Sollte man es für
+möglich halten -- während schon die Bretter zusammengenagelt wurden? Sie
+erregten sich, debattierten, das Blut stieg in die bleichen Gesichter.
+
+»Haben Sie gelesen -- haben Sie gehört -- nun behaupten sie, daß wir
+Fett aus Leichen herstellen.«
+
+»Fett aus -- wie sagen Sie? Wer --? Fett?«
+
+»Die Entente, natürlich!«
+
+»Diese Schurken, diese --!«
+
+»Ah, ah -- aber das ist doch --!«
+
+»Ist es nicht schlimmer als Mord? Sind wir Verbrecher, Auswurf der Erde?
+Darf man -- ich ertrage es nicht mehr, ich zittere an allen Gliedern --
+die Grippe. -- Wie können Menschen so tief sinken? Ah, pfui, pfui --!«
+
+»Auch mich hat die Grippe gepackt. Sie sollten sich nicht so erregen,
+beim Essen besonders. Und die Regierung --?«
+
+»Die Regierung? Sie schläft. Sie liest keine Zeitungen, weiß es noch gar
+nicht. Sie läßt das Volk beschmutzen, schläft. Versteht nichts, hat
+Bedenken, unfähig, über alle Maßen.«
+
+Kohl und Rüben, Rüben und Kohl, jeden Tag. Erfrorene und angefaulte
+Kartoffeln, vielleicht etwas Erbsen und zuweilen, ganz selten, ein
+Stückchen Fleisch, sehr wenig, und meistens ein Knochen. Die Knochen
+wurden ja gesammelt und den Küchen zur Verfügung gestellt. Aber doch war
+es weitaus besser hier als am Alexanderplatz, dort roch es sauer und
+unangenehm, zum Erbrechen.
+
+Scheu und vorsichtig drehte der Havelock den Kopf -- und dort, dort
+stand _sie_ -- der Liebling!
+
+Selbst zart, selbst blaß, geduldig, immer lächelnd, immer etwas
+zerstreut, manchmal steckte sie sogar den Finger in den Mund, mitten in
+diesem Wirbel von Köpfen und den Wolken von Kohldampf stand sie, _seine_
+Tochter -- die Tochter des Generals. Sie stand am Küchenfenster, aus dem
+die endlosen Reihen von dampfenden Tellern von roten Händen geschoben
+wurden, und kontrollierte. Zuweilen trat sie auch an einen Tisch,
+plauderte, besänftigte.
+
+So zart, so fein, ihre Augen schimmerten -- diese Händchen -- sollte man
+es für möglich halten -- mitten in diesem dicken Kohlgeruch, diesem Lärm
+-- ein gnädiges Fräulein, die Tochter eines hohen Offiziers? Sie war
+auch im Felde gewesen -- alles wußte der Havelock -- dort hatte sie
+gepflegt. Sie, die Zarte, hatte den furchtbaren Kanonendonner gehört,
+von dem Robert immer schrieb. Nur in ihrer Haltung, wenn sie rasch den
+Kopf wandte, hatte sie etwas Ähnlichkeit mit dem General -- sonst keine,
+nicht die geringste.
+
+Verstohlen blinzelte der Havelock zu ihr hin, und plötzlich errötete er
+wie ein Verliebter.
+
+Sein Herz war verwaist, einsam, er war aus der Provinz zugezogen, kannte
+niemand in Berlin, er trank auch, der Alkohol -- es war die Wahrheit: er
+liebte die Tochter des Generals! Ganz gegen seinen Willen, denn
+eigentlich wollte er sie hassen! Er kam nur hierher, um seinen Liebling
+zu sehen, wie er Ruth nannte. Ihr Anblick erwärmte sein Herz. Sie selbst
+hatte ihn ja hierher gebracht, in diese Küche. Auf diese Weise hatte er
+überhaupt erst diese Küche entdeckt.
+
+Nun aber kam Ruth näher, und er wandte rasch den Kopf ab und blickte auf
+den Hof hinaus, wo Soldaten die Papierballen von dem Lastauto abluden.
+
+Wieder dieser Alte mit der runden Hornbrille, wieder war er unzufrieden!
+Jeden Tag fast hatte er irgend etwas auszusetzen.
+
+»Wir tun, was in unseren Kräften steht«, suchte Ruth ihn zu beruhigen.
+
+Aber der Alte mit der Hornbrille schrie aufgeregt: »Ich bezahle ja, mein
+Geld ist so gut wie das Geld der andern. Und wo ist die Einlage,
+Fräulein --?« Verzweifelt rührte er mit der Gabel zwischen den
+Kohlblättern. »Ich habe für fünfundzwanzig Gramm Fleischmarke gegeben,
+Fräulein -- und wo ist das Fleisch, ich bitte Sie? Wo? Wo ist mein
+Fleisch -- ich habe Anspruch. -- Wo ist mein Fleisch -- mein Fleisch --
+mein Fleisch --!?«
+
+»Ich werde sehen«, erwiderte Ruth und trug den Teller des Alten zur
+Küche.
+
+Der Havelock atmete auf.
+
+Da aber erschien der weite, graue, offene Soldatenmantel in der Türe --
+und sofort rückte der Havelock den steifen Hut zurecht und ging.
+
+
+7
+
+Ja, die Tochter des Generals selbst hatte ihn in diese Küche geführt --
+sehr einfach -- obwohl er nie ein Wort mit ihr gesprochen hatte . . .
+
+Hinab die Friedrichstraße segelte der Havelock mit dem steifen Hut. Es
+sah aus, als schwimme er, aufrecht stehend, so unmöglich das ist. Er
+trippelte und schlürfte, die Knie etwas eingebogen, die linke Schulter
+eine Kleinigkeit geneigt. Seit gestern morgen war er unterwegs, hatte
+nur auf einer Bank im Tiergarten ein kleines Nickerchen getan, im Regen
+-- nun fühlte er seine Beine und Füße nicht mehr.
+
+Ohne jede Anstrengung glitt er vorwärts, es ging von selbst. Er rollte
+auf einer kleinen Wolke dahin, nicht größer als ein gefüllter
+Kartoffelsack. Zuweilen spürte er sie wie Teig unter den Sohlen. Er
+konnte auf dieser kleinen Wolke auch ausbiegen, nach links, nach rechts,
+ohne jede Mühe --
+
+Ja, sie selbst -- seine Tochter, das gnädige Fräulein.
+
+Er stand da bei einem Zigarrenladen, mitten in dem Zug von gierigen
+Rauchern, die warten, bis geöffnet wird, und die Zigarren steigen im
+Preise, während sie warten. Das ist Tatsache! Da stand er also und
+sprach mit einem Soldaten, Kraftfahrer. Dieser Kraftfahrer kannte nicht
+die Höhe von Quatre vents, er kannte nicht Roberts Bataillon, das am 5.
+August stürmte, aber er kannte den Chauffeur des Generals, Schwerdtfeger
+mit Namen, und der General war seit vier Wochen nach Berlin kommandiert!
+Wie? Hier? Welch ein Zufall! Wieviel hundert Soldaten hatte er
+angesprochen, und nun führte ihm Gott diesen Kraftfahrer in den Weg!
+
+Er war hier? Hier! Schlaflos die Nächte, ruhelos die Tage.
+
+Ja! Dieses Gesicht --!
+
+Dieses schweigende Gesicht, das nie sprach, diese Augen, die man nie
+sah! Dieser Gang -- und der tiefe Bückling des Portiers! -- ohne jeden
+Zweifel: er war es! Robert hatte ja ausführlich aus dem Felde
+geschrieben: Wir marschierten vorüber, und unser General stand auf der
+Treppe seines Schlosses und grüßte. Er und kein anderer! Wie aus einem
+Felsen gehauen . . . schrieb Robert. Das also war er, den die Soldaten
+-- nun, besser, das Wort nicht auszusprechen -- nannten! So sahen die
+aus, die befahlen: Nur über unsere Leichen führt der Weg zur Höhe! --
+Die Briefe Roberts knisterten in seiner Tasche.
+
+Tagelang verfolgte ihn das Steingesicht durch das Labyrinth der Straßen.
+
+Sonderbares Gesicht aus Stein. Es zog an!
+
+Jeden Mittag schoß das graue Auto in die gleiche Richtung -- schon zwei
+Tage später stand der Havelock vor Stifters Diele. Und plötzlich grüßte
+er, und der General hob die Hand zur Mütze. Weshalb? Weshalb grüßte er,
+er hatte eine Sekunde vorher gar nicht daran gedacht, daß er den General
+grüßen könnte -- grüßen durfte. Es war gewiß anmaßend, unhöflich. Nach
+drei Tagen -- er hatte nichts zu tun, gar nichts, Rentier Herbst -- nach
+drei Tagen schon wußte er, wo der General wohnte.
+
+Dieses Haus -- Sie erlauben wohl -- kannte er ganz genau, jedes Fenster
+und die kleinsten Risse in der grauen Mauer. Das Haus erschien ihm im
+Traum -- als ein Gesicht aus grauem Stein. Er kannte auch das
+efeubewachsene Backsteinhaus mit dem Messingschild: Dönhoff. Er kannte
+den Zebrakittel, Petersen -- alles liebe Menschen, gesprächig --
+
+ * * * * *
+
+Der Havelock rollte auf seiner kleinen Wolke über den
+Belle-Alliance-Platz, unter der Hochbahn hindurch, die Blücherstraße
+hinab.
+
+Hier glitt er an einem schmalen, gelben Hause einigemal hin und her,
+blickte nach oben zur dritten Etage, wo die Rolläden herabgelassen
+waren. Dieses Haus, diese Etage schien ihn ungemein zu interessieren --
+anzuziehen, abzustoßen . . .
+
+Seine Schultern krümmten sich zusammen, er ächzte, plötzlich fühlte er
+die Last wieder, die ihn zu Boden drückte, die er ewig mit sich
+schleppte durch die endlosen steinigen Straßen Berlins.
+
+Dann aber wandte er entschlossen um und rollte wieder die Blücherstraße
+hinauf.
+
+Da aber blieb die Wolke stehen und war nicht mehr vorwärts zu bewegen.
+Im nächsten Augenblick -- schon war er drinnen. Ein Gläschen, noch eines
+und ein drittes! Schon war er wieder auf der Straße.
+
+Aus dem grauen Hause des Generals, mit den Messingbeschlägen an der
+Türe, die unausgesetzt geputzt und poliert wurden von den beiden
+Burschen, war täglich eine junge Dame gekommen. Heute, morgen, jeden
+Tag. Seht an!
+
+Eine Zigarre gefällig, Herr Soldat. Ein Zigarrchen -- immer fleißig, ein
+schöner Wintertag . . .
+
+Nun kannte er Jakob und Wangel. Mit Jakob kam er öfter ins Gespräch.
+Außer Ruth war auch noch ein Sohn da, Otto, Oberleutnant, im Felde, und
+die Frau des Herrn Generals -- tot, ja, tot, seit Jahren.
+
+Jeden Tag aber ging das gnädige Fräulein in die Dorotheenstraße und
+verschwand in einem Torbogen. Schließlich wagte er es, ihr zu folgen.
+Auf diese Weise hatte er die Küche in der Dorotheenstraße entdeckt.
+
+Täglich konnte er nun seine Tochter, die Tochter des Generals, sehen! Da
+stand sie, dicht neben ihm -- Fleisch von seinem Fleisch, Blut von
+seinem Blute. Der Haß kochte, die Gelüste nach Vergeltung fraßen . . .
+
+Er beschloß, sie zu beleidigen! Vor allen Gästen! Vielleicht würde er
+ihr einen Teller vor die Füße werfen, aber so, verstehen Sie, daß er in
+tausend Stücke zersprang. Weshalb eigentlich? Ja, unerklärlich -- hatte
+sie ihm etwas getan?
+
+Tagelang brütete er, schmiedete er Pläne. Vielleicht würde er einen
+Teller mit Kohlgemüse über ihre Schürze schütten? Eine herrliche Idee!
+Aber da ergab sich die Sache ganz von selbst.
+
+Der Havelock blieb stehen und verschnaufte. Ob er in jene Kneipe
+gegenüber gehen sollte?
+
+Ganz von selbst Eines Tages, ganz unerwartet, fügte es sich, daß sie
+dicht neben ihm an einem Tische plauderte. Nun aber kam das Schmachvolle
+--
+
+Heute noch trat ihm der Schweiß auf die Stirn, wenn er an das
+Schmachvolle dachte, obgleich schon zwei Monate seitdem vergangen waren.
+
+Nicht einen Teller voll Kohlsuppe, nein, sondern nur einen Löffel voll
+-- er nahm ihn und ließ ihn über die Schürze Ruths fließen. Schon aber,
+Allmächtiger, packte ihn eine harte Hand am Arm, und eine Stimme schrie
+durchs ganze Lokal: »Wie können Sie es wagen --?«
+
+»Ich -- ich -- ich zittere mit der Hand --«
+
+»Nein, deutlich habe ich es gesehen, Sie!«
+
+Der Soldat mit dem weiten Mantel stand neben ihm, voller Zorn. Die Gäste
+sahen auf, es erregte Aufsehen, ringsum, alle Tische blickten her.
+
+Und der Soldat in dem weiten Mantel schrie ganz laut: »Sie sind mir ein
+netter Herr. Gießt der Dame einfach einen Löffel mit Suppe über die
+Schürze --«
+
+»Meine Hand zittert --«
+
+Da aber wandte sich Ruth um. Sie besah die Schürze, nahm ihr
+Taschentuch, und lachte -- lachte ihm freundlich ins Gesicht.
+
+»Vielleicht hat man den Herrn angestoßen. Es ist ja nicht schlimm.«
+
+»Ich zittere, meine Hand zittert --«
+
+»Es ist ja kein Unglück geschehen.«
+
+Schmachvoll, schmachvoll! Er hatte Tränen in den Augen. Wie kam er doch
+dazu, ganz einfach den Löffel voll Suppe über ihre Schürze zu gießen? An
+diesem Tage trank er so sehr, daß er schließlich die Treppe hinabstürzte
+und sich blutig schlug. Aber so geschah ihm gerade recht.
+
+Seit diesem Vorfall blickte er auf die Tochter des Generals mit andern
+Augen. Sein Herz pochte, sobald er sie erblickte.
+
+Er liebte sie, eigentümlich.
+
+Diese Gedanken erfüllten den kleinen alten Mann, während er durch das
+Labyrinth der Straßen eilte. Er überquerte wimmelnde Plätze, geriet in
+Strudel von Menschen, die aus der Erde quollen -- und plötzlich machte
+er Miene umzukehren, den ganzen Weg, den er gekommen war, zurückzugehen.
+Wie? Sollte er in die Lessingallee gehen, heute abend? Nein, nach Hause,
+ohne Widerspruch, verstanden?
+
+
+8
+
+»Oberleutnant v. Hecht-Babenberg?«
+
+»Dritte Station, meine Dame, den Gang entlang und dann links. Zimmer
+233.«
+
+Man mußte nur höflich fragen, dann bekam man selbst hier in Berlin
+höfliche Auskunft. Hedi war stolz auf ihre Fähigkeit mit den Menschen
+umzugehen. Selbst jetzt, wo sie rasend wurden, wenn man sie nur
+anblickte, kam sie noch vorzüglich mit ihnen aus. Allerdings sah dieser
+Pförtner wohl auf den ersten Blick, daß er eine Dame vor sich hatte. Sie
+wollte natürlich einen guten Eindruck machen, wenn sie Otto besuchte,
+und hatte ihr himbeerfarbenes elegantes Hütchen aufgesetzt. Dazu trug
+sie den Biberkragen von Mama und helle Seidenstrümpfe.
+
+Aus der Papierhülle lugten drei weiße Rosen.
+
+Es roch nach Karbol, aber Hedi liebte Karbolgeruch. Alles war blitzblank
+und eigentlich weniger schrecklich, als sie es sich gedacht hatte. Sie
+liebte es nicht, derartige Orte zu besuchen, Friedhöfe, Krematorien,
+Krankenhäuser flößten ihr Schauder ein. Sie mied sie. Nur Mamas Grab
+besuchte sie zuweilen -- aber das war ja schon lange her.
+
+Nun aber wurde der breite Korridor belebter, und sie schritt schon etwas
+zaghafter vorwärts.
+
+Ein Soldat, dem der rechte Fuß abgetrennt war, humpelte an ihr mit
+bloßem Fußstumpen vorbei. In hellen Krankenkleidern saßen auf einer
+langen Bank Soldaten mit verbundenen Armen, Beinen und Köpfen. Sie
+erwarteten sie mit neugierigen Blicken, musterten sie von oben bis
+unten, und sie fühlte voller Unbehagen all die Blicke der verwundeten
+Männer auf ihrer Haut. Plötzlich wurde die Türe eines Saales geöffnet,
+und Hedi war so unvorsichtig, einen Blick in den Saal zu werfen. In
+diesem Saale wurde auf einem Holztisch gerade ein Soldat verbunden, dem
+ein Bein bis zum Knie amputiert war. Der nackte Schenkel endete nicht --
+zu Hedis Entsetzen -- mit einem Fuße, sondern mit einer Art Pferdehuf,
+einem roten Lappen unterhalb des Knies. Ein Arzt betupfte den roten
+Pferdehuf mit Watte. In diesem Augenblick drehte der Verwundete seine
+Augen zur Türe, Augen voll größter Qual und äußersten Schmerzes. Schon
+wurde die Türe wieder geschlossen. Hedi war nahe daran zu taumeln.
+Hinter der Türe eines Operationssaales stöhnte ein Verwundeter, und die
+barsche Stimme eines Arztes gebot ihm Ruhe. An einer Kreuzung von
+Korridoren stieß sie auf eine Tragbahre, die von zwei Soldaten
+vorübergetragen wurde. Mit einem Laken zugedeckt lag darauf ein Soldat,
+dessen Gesicht bis zur Nase verhüllt war. Er hatte die glänzenden Augen
+zur Decke gerichtet und sah sie nicht an.
+
+Hedi war purpurrot geworden. Welcher Irrsinn, hierher mit einem
+himbeerfarbenen Hut und hellen Seidenstrümpfen zu kommen? Sollte sie
+umwenden -- entfliehen?
+
+Da aber schrak sie zusammen!
+
+Wildes Geschrei, als ob jemand lebendig in Stücke geschnitten würde.
+
+Mein Gott, was müssen diese Menschen Unsägliches erdulden! Wer ahnt es
+denn? Das Geschrei trieb sie rascher vorwärts. Da aber knallte eine
+Türe, und das Geschrei erscholl plötzlich in nächster Nähe. Ein
+schreiender Soldat, der den verbundenen rechten Arm hochhielt, stürzte
+über den Korridor, gefolgt von einer Schar von Ärzten und
+Krankenschwestern. Der Schreiende lief wie gehetzt den langen Korridor
+hinunter. In der weißlackierten Türe erschien das bebrillte, fahle
+Gesicht eines Arztes im weißen Kittel, der laut auflachte.
+
+Das Geschrei entfernte sich.
+
+Hedis Blick flatterte. Ihre Haut war von Hitze bedeckt wie von heißem
+Sand. Entsetzen hauchte aus diesen getünchten Mauern. Dieses Krankenhaus
+war ein endloses Labyrinth, durch graues und blaues Eis gehauen. In der
+Ferne tauchte die Dämmerung an den kahlen Korridorfenstern, Schatten
+humpelten, hinkten durch ferne Quergänge. Ein Labyrinth mit Tausenden
+von Kammern voller Qualen und Grauen. Tag und Nacht schnitten hier die
+Messer in Menschenfleisch, unaufhörlich füllten sich die Eimer mit Blut
+und Eiter. Die Wände schwangen von Schmerzen. Das ganze Haus war wie
+eine Riesenwunde, eine Schlucht von eiterndem Fleisch, in der die Ärzte
+mit ihren Messern kletterten.
+
+Da kam aus einem Quergang würdevoll ein hoher Offizier geschritten.
+Langsam trieb seine massige Gestalt mit den steilen Schultern -- wie
+eine Erscheinung aus einer anderen Welt -- durch den Korridor. An den
+Umrissen schon erkannte Hedi den General. Zwei Krückenmänner stellten
+sich in Positur, einer mit Socken an den Füßen, dem andern fehlte ein
+Bein. Sie standen auf den Krücken gegen die Wand gelehnt und warfen das
+Kinn in die Höhe. Auf einem Stuhl kauerte ein Krüppel mit
+dickumwickeltem Bein. Er blieb sitzen, den Oberkörper steif
+aufgerichtet, und stellte die beiden Krücken vor sich hin, als
+präsentiere er wie mit dem Gewehr.
+
+Der General schritt vorüber, ohne Hedi anzusehen. Sie hatte ihn übrigens
+nur einmal bei Dora getroffen, er hätte sie schwerlich wiedererkannt.
+
+Eine Pflegerin, eine taktlose Person, gab Hedi mit malitiösem Lächeln
+den Bescheid, daß Otto heute keine Besuche mehr empfangen könne. Sie
+hatte ihre Karte ins Zimmer geschickt, er wußte also recht gut, daß sie
+es war. Deutlich hatte sie seine helle Stimme im Zimmer gehört.
+Natürlich war sie nur gekommen, um ihm ihre Teilnahme an seinem Unfall
+zu zeigen -- aus keinem andern Grunde. Er sollte sehen, daß sie erhaben
+war über gewisse Dinge. Diese taktlose Person aber musterte Hedis
+himbeerfarbenes Hütchen, ja sie erdreistete sich, den Blick an ihr hinab
+bis zu den hellen Seidenstrümpfen streifen zu lassen. Hedi warf einen
+kritischen Blick auf die etwas unordentliche Frisur der kleinen
+rothaarigen Pflegerin. Augenblicklich war zwischen den beiden Damen eine
+tödliche Feindschaft ausgebrochen.
+
+»Das allgemeine Befinden ist gut?« erkundigte sich Hedi mit
+liebenswürdigem Lächeln.
+
+»Man kann indessen nie wissen, ob nicht Komplikationen eintreten«,
+entgegnete die Schwester ausgesucht höflich.
+
+»Wie wahr!« Hedi lächelte spöttisch und grüßte mit vollendeter
+Liebenswürdigkeit.
+
+Die Rosen aber nahm sie wieder mit.
+
+»Hotel Kaiserhof!« rief sie dem Kutscher zu, als sie wieder in die
+Droschke stieg. Denn Hedi hatte sich einen Wagen geleistet. Es gab
+gewisse Stadtviertel Berlins, vor denen sie Furcht hatte.
+
+Plötzlich warf sie die Rosen mit einer zornigen Bewegung durch das
+Wagenfenster auf die schmutzige Straße. Zwanzig Mark für drei Blumen,
+welcher Wahnsinn!
+
+Otto hatte ihren Besuch sicher völlig falsch ausgelegt. Gewiß war es ihm
+unmöglich, an lautere und selbstlose Motive bei seinen Mitmenschen zu
+glauben. Nun aber lebe wohl, Otto! Sollte er ruhig mit dieser
+rothaarigen Person -- ja, ihretwegen . . .
+
+ * * * * *
+
+Der Geiger schob ein violettes Seidenkissen zwischen Frack und Kinn,
+grüßte noch mit einem koketten Lächeln ins Publikum, dann schleuderte er
+den Bogen in die Luft, daß seine blendende Manschette aus dem Ärmel
+fuhr: Carmen.
+
+»Auch Kuchen?«
+
+»Auch etwas Kuchen, bitte.«
+
+Da saß sie nun wieder, Hedi. Erstens, dachte sie, erstens und zweitens
+und drittens -- man muß nun genau überlegen. Es wird höchste Zeit, so
+geht es nicht weiter.
+
+Erstens also stand fest, daß sie sich in ewiger Geldkalamität befand.
+Zweitens langweilte sie sich zu Hause zu Tode, und drittens: es mußte
+etwas geschehen. Sie hatte keine Lust, ihre ganze Jugend zu vertrauern,
+nur weil dieser Krieg kein Ende nahm.
+
+Aber nicht so rasch, bleiben wir bei erstens. Dieses bißchen
+Taschengeld, das ihr Papa an jedem Monatsersten mit strahlender Miene
+einhändigte -- lächerlich. Wie konnte Papa glauben -- nun, Papa verstand
+es eben nicht anders. Es blieb nichts anderes übrig, als Geld zu
+schaffen! Es lag ja zurzeit auf der Straße, die Leute sagten es
+wenigstens, die Millionen flogen durch die Luft. Sollte sie filmen?
+Schnurrige Idee, aber leider unausführbar. Man mußte -- wie herrlich war
+doch diese Musik, voller Mut! -- man mußte Verbindungen haben, und die
+Gesellschaft --? Nein. Übrigens, diese Gesellschaft, darauf gab sie
+nicht so -- viel!
+
+Immerhin -- der Kellner brachte den Tee, und Hedi war für eine Weile in
+Anspruch genommen. Wieder saß die Weizenblonde mit den Brillantohrringen
+da, und auch jene Dunkele, Tragische, mit den hellgelben Stiefelchen.
+Und jener alte Herr mit dem Schnauzbart und der Glatze nahm ebenfalls
+wieder hier seinen Tee. Hedi schloß plötzlich, um sich zu amüsieren, das
+eine Auge und blinzelte ihn über das Teeglas hinweg unvermutet an. Der
+Herr mit der Glatze prallte im Sessel zurück -- aber schon hatte Hedi
+ihr Batisttüchelchen aus der Tasche genommen und rieb sich das Auge, als
+sei etwas hineingeflogen. Nein, wie komisch diese Männer waren!
+
+Ja, Geld mußte jedenfalls geschafft werden. Sie besaß, zum Beispiel,
+drei Paar Seidenstrümpfe. Schon rannen die Maschen, obgleich die
+Strümpfe nur bei besonders feierlichen Anlässen getragen wurden. Aber
+wenn diese Strümpfe nun unbrauchbar wurden? Die Handschuhe, die Stiefel,
+wenn es sich darum handelte, ein neues Kleid zu beschaffen --? Und schon
+würde sie aus der Klasse der Tadellosen, der Ladies ausschalten. Schon,
+es ging rasch, die Gesellschaft duldete keine abgeschabten Knopflöcher,
+keine geflickten Stiefelchen. Und sie würde second class sein --
+unerträglich! So unglaublich es klang, ihre Zukunft, ihr ganzes Leben
+hing an einem Paar Seidenstrümpfen.
+
+Fürchterlich war der Gedanke an den Sturz in die Tiefe. Sie erschrak,
+Schwindel ergriff sie. Es war aber hohe Zeit, den Tatsachen ins Gesicht
+zu sehen.
+
+Bald würde sie sich, zum Beispiel, um nur ein Beispiel zu nennen, wieder
+ein Stück Seife im Schleichhandel kaufen müssen -- so ging es jeden Tag!
+
+Zu Hause war das Leben unerträglich geworden. Papa, lieb und gütig, aber
+immer müde, überarbeitet, immer beschäftigt. Und dabei wußte er gar
+nichts, trotzdem er im Auswärtigen Amt arbeitete! Häufig geschah es, daß
+sie bei Tisch etwas sagte, etwas Politisches, und Papa schüttelte
+tadelnd den Kopf. Man sagt so etwas nicht, mein Kind. -- Aber Papa, es
+stand ja schon vor drei Tagen in der Zeitung! -- Ah, schon vor drei
+Tagen --? -- So war Papa. Klara war ein Kind. In einer Minute tanzte sie
+wie eine Närrin, in der nächsten weinte sie. Sie kannte das Leben noch
+nicht. Sie war noch nicht in das Alter gekommen, wo jeder Tag ein
+Problem ist, ein fürchterlicher Kampf, wo man bei lebendigem Leibe
+täglich vor Sehnsucht verbrannte -- wo man wartete, wartete -- wo das
+Warten das schrecklichste Leiden ist. Oh, schrecklich! Schrecklich!
+
+Grau gingen die Tage. Sie lebten äußerst bescheiden, sie besaßen kein
+Vermögen. Dazu, hatte Papa ihnen verboten, die Gesetze für die Ernährung
+im geringsten zu verletzen. Wie lebten sie, was aßen sie -- trotzdem sie
+alles Mögliche auf den Tisch schmuggelten -- es war eine Schande und
+niemand durfte es wissen, wenn sie nicht für immer unmöglich sein
+sollten. Zum Beispiel Rüben, wie die Kühe sie bekommen, erfrorene
+Kartoffeln . . .
+
+Grau, kalt, finster gingen die Tage.
+
+Licht, Glanz, Wärme, Frohsinn, Tanz, Feste, die früher den Eintritt der
+jungen Mädchen in das Leben begleiteten -- wo waren sie? Sie hatte vor
+dem Kriege nur zwei Bälle mitgemacht, davon träumte sie noch heute.
+
+Was war diese Musik im Vergleich zu jener Musik auf den Bällen? Ein
+zaghaftes Echo. Diese Beleuchtung -- ein Abglanz. Das Lachen der
+Menschen von heute, ihre Mienen -- Schatten in einer Schattenwelt, nicht
+mehr, nicht mehr . . .
+
+Plötzlich aber beugte sich Hedi errötend über das Teeglas: dort stand
+er! Der Spanier war gekommen! Er wußte, daß sie wieder hierherkommen
+würde, daß er also, wenn er sie zu sehen wünsche -- sie hatten sich
+verstanden.
+
+In seinem gelben Mantel stand er im Mittelgang und polierte das Einglas.
+Er hatte sie sofort gesehen und überlegte nun. Ob er den Mut haben würde
+sie anzusprechen? In der Droschke hatte sie schon Träume gesponnen --
+ein Wiedersehen beim Tee, zum Beispiel im Adlon oder Bristol --
+vielleicht ein Theaterabend, in einer Loge -- ein Diner, wo man
+plauderte . . .
+
+Er kam. Hedi hatte ihre Verlegenheit vollständig überwunden und blickte
+ihm ruhig entgegen. Sie war wieder ganz Lady. Ströbel kam geradeswegs
+auf sie zu, die Brauen wie vor freudigem Erstaunen hochgezogen. Aber je
+näher er kam, desto häßlicher wurde er. Sein gelber Mantel war etwas zu
+weit, zu auffallend. Die ganze Kleidung zeigte eine etwas übertriebene
+Eleganz. Ah, und nicht die Spur von einem Spanier, er war eine --
+Bulldogge. Seine blaurasierten Wangen waren etwas faltig, fahl und
+verlebt, nichts blieb von dem Spanier als das glänzende schwarze Haar,
+das um eine Kleinigkeit zu eng an den Kopf gebürstet war, das um eine
+Idee zu stark pomadisiert war -- nicht first class mit einem Wort.
+
+Aber er hatte die Nonchalance, die Manieren der großen Welt.
+
+Mit unübertrefflicher Zwanglosigkeit verbeugte er sich. »Unser
+gemeinsamer Freund hat einen Unfall erlitten --«, begann er, gänzlich
+unbefangen. Und er verlor seine Unbefangenheit auch nicht, als Hedi ihn
+anblickte -- gänzlich verständnislos. Obschon sie doch mit ihm das
+Theater besuchen, dinieren, plaudern wollte, bei einem Glas Sekt zum
+Beispiel -- gänzlich verständnislos.
+
+»Sie täuschen sich, mein Herr«, erwiderte Hedi mit einem
+liebenswürdigen, verstehenden, verzeihenden Lächeln, einem Lächeln, wie
+nur eine Dame von Welt es auf die Lippen zu zaubern vermag.
+
+War es nicht eine Unverfrorenheit ersten Ranges, sie hier im »Kaiserhof«
+einfach zu überfallen?
+
+»Sie saßen doch gestern --?«
+
+»Ich erinnere mich nicht.« Hedis Stimme wich in weite Fernen zurück.
+Fern und unwirklich wurde ihr Lächeln.
+
+»Wir wollen nur hoffen, daß Herr v. Hecht --«
+
+Hedis Augen wurden plötzlich kühl, das Leben erkaltete in ihnen.
+
+Mit einer tadellosen Verbeugung, völlig ungezwungen, völlig Herr der
+Situation, zog Ströbel sich zurück.
+
+Der Geiger in seinem schwarzen Frack schwang sich in den Hüften und
+blickte kokett lächelnd zum Tisch der Dunkeln, Tragischen, der das
+Mißgeschick passiert war, ein Glas Wasser umzustoßen.
+
+Hedi gab ihren Mienen einen träumerischen und harmlosen Ausdruck.
+Niemand sollte auf den Gedanken kommen können, daß ein Wildfremder es
+gewagt habe, sie anzusprechen. Die Weizenblonde mit den Brillanten in
+den Ohren hatte die Szene beobachtet. Hedi streifte sie mit einem Blick,
+und in dem kaum merklichen Aufatmen ihrer Brauen, mit dem sie über die
+Weizenblonde hinwegsah, lag ihre ganze Verachtung.
+
+Nein, nein, noch war sie lange nicht _so weit!_ Was bildete er sich doch
+ein --?
+
+
+9
+
+Zögernd bog der kleine Herr Herbst um die zugige Ecke und lenkte in
+seine Straße, die Fabriciusstraße, ein -- ganz weit da draußen.
+
+Eine plumpe Eisenbrücke spannte sich zwischen den Häusern, und soeben
+rollte donnernd ein Lastzug darüber. Der Qualm sank auf den Schmutz des
+Pflasters herab.
+
+Es half alles nichts, er mußte unter der Brücke hindurch, auch wenn sie
+zusammenbrechen sollte. Die Angst des Trinkers schnürte ihm die Brust
+zusammen.
+
+Die große Stadt machte hier einen düstern und verwahrlosten Eindruck.
+Die Straßen waren schnurgerade, überall die gleichen grauen
+Mietskasernen, die gleichen Aufschriften, die gleichen Scharen von
+bleichen, zerlumpten Kindern. Die gleichen hohlwangigen Weiber, die, mit
+einem kleinen Topf oder einer Tasche in der Hand, in Tücher gehüllt, an
+den Häusern entlangkrochen und husteten. Die gleichen mageren schwarzen
+Alleebäumchen, die in der sauren Luft erstickten. Der Mörtel fiel von
+den Hauswänden, schmutzige Papierfetzen trieben in den Rinnsteinen. Vor
+den Nahrungsmittelgeschäften, die die Wochenration an Fett, zwanzig
+Gramm, ausgaben, standen lange Reihen von blaugefrorenen Frauen und
+vertraten sich die kalten Füße, während sie schwätzten und keiften.
+
+Sonst waren Geschäfte und Läden leer, gähnende Särge. Bäckerläden ohne
+Brot, Fleischerläden ohne Fleisch, Schuhgeschäfte mit Holzschuhen und
+Blechdosen voller Stiefelwichse. Auch in dieser Gegend gab es jene
+Läden, in denen altes Metall gesammelt wurde, für die Kriegführung,
+Lampenfüße, Photographierahmen, Aschbecher, der Schutt aus den Wohnungen
+der Ärmsten.
+
+Dann gab es hier noch das Delikatessengeschäft von Alfred Schustermann,
+mit der Aufschrift: Mensch, was für 'ne Ware! Seemuscheln,
+Pfahlmuscheln, waggonweise eingeführt, zu Gelee, Aspik, Pasteten,
+Würsten verarbeitet. Die Professoren, die entdeckt hatten, daß Baumrinde
+nahrhaft war und man Pilzkulturen in den Dachrinnen anlegen konnte,
+erklärten, daß diese Muscheln selbst Ochsenfleisch an Nährkraft
+überträfen.
+
+Immer näher aber kam die graue Mietskaserne mit der riesigen Aufschrift:
+Leihhaus.
+
+Der Schritt des Havelocks verlangsamte sich mehr und mehr, seine
+tränenden, entzündeten Augen blinzelten unter dem steifen Hut. Er hatte
+fast jeden Mut verloren.
+
+Eine Weile holte er Atem vor der »Zoologischen Handlung«. Noch lebte er,
+der kleine muntere Zeisig, sein Freund, der das Problem gelöst hatte,
+das Körnerfutter bis zu fünfundneunzig Prozent auszumahlen. Die andern,
+die kleinen grünen Papageien, die beiden Kanarienvögel, die Drossel, sie
+waren an dem Problem nacheinander gescheitert und gestorben. Ja,
+gestorben. Auch die kleinen weißen Mäuse, die ewig im Kreise liefen,
+waren plötzlich bei ihrem spaßigen Rundlauf in Atemnot geraten. Der
+vierte Kriegswinter hatte auch sie vernichtet. Nur der Zeisig sprang
+noch munter in seinem kleinen Käfig hin und her.
+
+Zwischen der »Zoologischen Handlung« und dem Leihhaus führten drei
+ausgetretene Stufen zum »Löwen von Antwerpen« empor, und schon war der
+Havelock in der Gaststube.
+
+Keine Vorwürfe -- er mußte Mut sammeln für die Nacht. Denn die Nacht
+würde kommen, so gewiß wie etwas! Und mit ihr die furchtbaren
+Nachtgespenster, seine Peiniger, vor denen nur der tiefe Schlaf Schutz
+bot. Der Rausch, um offen zu sein, die bewußtlose Trunkenheit.
+
+Ja, hier war er zu Hause, man sah es sofort an der Grimasse, mit der ihn
+der Wirt, ein Buckliger, empfing. Dieser Wirt wurde von den Soldaten,
+die in der Kneipe verkehrten, der »Millionär« genannt. Ja, hoho, so ein
+Buckel hatte seinen Wert heutzutage, ohne Zweifel! An den Sonntagen
+kamen auch Munitionsarbeiterinnen hierher, und es ging lustig zu. Sie
+tranken -- sollte man es glauben, die Kleinen? -- sie tranken Schnaps
+wie die Männer -- ah, und sie trugen seidene Röckchen. Wenn sie ihn auch
+etwas hänselten, es schadete nichts. Sie lachten und hatten keine
+Sorgen. Vielleicht flogen sie morgen in die Luft, alles war möglich,
+deshalb lachten sie auch so ausgelassen.
+
+Endlich -- es war schon finster draußen -- kroch der Havelock die Treppe
+des Leihhauses empor. Längst war die kleine Wolke, auf der er
+stundenlang bequem dahingerollt war, verschwunden. Seine Beine zitterten
+vor Müdigkeit.
+
+Leise, leise schloß er die Flurtüre auf. Er liebte es nicht, daß man ihn
+kommen oder gehen hörte. Drei Parteien wohnten hier, jede hatte ein
+Zimmer, und die Küche gehörte ihnen gemeinsam. Aber er hatte diese Küche
+nie betreten. Schon war er in seiner kleinen finsteren Stube, schon
+hatte er die Schuhe abgelegt. Plötzlich zitterte er. Ah, wenn er nur
+nicht wieder von dieser Schaukel träumte! Alles, nur das nicht! Träumte
+er doch neulich, er säße auf einer Schaukel, die durch endlose schwarze
+Nacht dahinschoß. Angeklammert wie ein Affe saß er auf dem schmalen,
+schlüpfrigen Brett, er schrie vor Angst -- aber die Schaukel schoß dahin
+in endlosen Pendelschwingungen, jede eine Ewigkeit, ohne Gnade pfiff sie
+in rasender Schnelligkeit dahin.
+
+Rasch, rasch, ehe sie ihn packten . . .
+
+Schon schlief er. Ein leises Wimmern drang aus seinem kreisrund
+geöffneten Mund. Den Havelock hatte er anbehalten.
+
+ * * * * *
+
+Da! Augenblicklich saß er wieder aufrecht im Bett. Seine dünnen Haare
+sträubten sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn. Er dampfte vor Hitze
+und Kälte. Immer noch war sein Mantel feucht vom Regen der gestrigen
+Nacht.
+
+Hatte nicht jemand gerufen, ihm fürchterliche Worte ins Ohr
+geschleudert, wie Felsen? Und ein Krachen, als berste das ganze Haus in
+zwei Teile, hatte er es nicht deutlich gehört? Die Balken splitterten.
+So deutlich!
+
+Noch gellte das furchtbare Krachen in seinen Ohren, und erst nach
+geraumer Zeit fand er sich in die Wirklichkeit zurück. Zwischen einer
+unbekannten, ungeahnten Welt und der Wirklichkeit lebte er -- seit jenen
+Ereignissen . . . Oft hielt ihn das Unbekannte, Unverständliche tagelang
+in seinem Bann, oft überfiel es ihn urplötzlich am lichten Tage -- aber
+wiederum hatte er auch seine klaren Tage, wie er sie nannte. Da war
+alles so wie früher, und das andere erschien noch unverständlicher und
+schrecklicher.
+
+Dunkelheit, und nun erwachten Geräusche, Geräusche dieser Welt, Gott sei
+Lob und Dank.
+
+Hinter der Türe, dem schmalen Bett gegenüber, klapperte eine
+Schreibmaschine. Er arbeitete dort, der Student Ackermann, zurzeit
+Soldat. Er schrieb für Zeitungen, um Geld zu verdienen -- er schrieb
+auch noch ganz andere Dinge -- Herr Herbst wußte Bescheid, oh, oh! Er
+wußte mehr, als jener ahnen konnte.
+
+Hinter der Wand, an der das Bett stand, auf dem er lag, strich ein
+Schritt vorüber, immer auf und ab, wie ein Tier, das rastlos in seinem
+Käfig hin und her geht. Das war Hähnlein, der Tapezierer, zurzeit
+Soldat. Er wohnte in dem Zimmer nebenan mit seiner kranken Frau und
+seinen beiden Kindern. Vor kurzem hatte sie wieder geboren, aber das
+Kind war bald nach der Geburt gestorben. Es wog nur viereinhalb Pfund.
+Und welches Geschrei hatte es gegeben, trotzdem sie nichts zu nagen und
+zu beißen hatten! Hähnlein und Ackermann waren früher beim gleichen
+Regiment, und Hähnlein hatte Ackermann hierher in dieses Haus gebracht.
+Das alles hatte Herr Herbst Gesprächen entnommen.
+
+»Schlafe doch!« zischelte Frau Hähnlein. Die Bettstatt krachte, und sie
+hüstelte.
+
+»Schlafen? Schlafen? Ich kann nicht schlafen«, entgegnete die heisere
+Stimme Hähnleins, und wieder schabte sein Schritt hinter der Wand.
+
+Die Wand war dünn wie Papier, nun, eine Mietskaserne, er vernahm jeden
+Laut.
+
+Die Frau wimmerte.
+
+»Weine nicht, vielleicht kommt es bald, wie Ackermann sagt«, tröstete
+sie Hähnlein. Und deklamierend fügte er hinzu: »Die Völker der Erde
+werden sich erheben gegen ihre Peiniger!«
+
+Oft ging Hähnleins Schritt die ganze Nacht hin und her, bis der Tag
+graute. Herr Herbst hatte sich längst daran gewöhnt. In unruhigen
+Nächten beruhigte ihn dieser ruhelose Schritt sogar. Ein Mensch, ein
+Leidender, wie er, dicht nebenan.
+
+Es wurde still hinter der Wand, und nur die Schreibmaschine Ackermanns
+klapperte eifrig. Es konnte noch nicht spät sein, denn im Haus summten
+Stimmen. Türen wurden zugeschlagen, und zuweilen krachte die Haustüre
+ins Schloß, daß das ganze Haus zitterte.
+
+Die lange furchtbare Nacht lag vor ihm.
+
+Seine Beine waren vor Müdigkeit geschwollen. Sie waren Wolken, ins
+Endlose verströmend. So würde er nun sitzen müssen die ganze Nacht und
+lauschen auf jedes Geräusch -- auch auf jene Geräusche, die aus dem
+Unbekannten kamen.
+
+Seltsame Fügung, die ihn in dieses Zimmer geführt hatte! Der bucklige
+Wirt vom »Löwen von Antwerpen« hatte es ihm empfohlen, damals, als er
+den Entschluß gefaßt hatte, nicht mehr in die Blücherstraße
+zurückzukehren. Längst hatte er es aufgegeben, nach Erklärungen zu
+forschen, alles war Fügung. Jeder Schritt im menschlichen Leben wurde
+gelenkt von unbekannten Gewalten, guten und bösen. Sinnlos, sich dagegen
+zu sträuben. Nun, er sträubte sich nicht mehr, er forschte auch nicht
+mehr -- er war in der Hand des Allmächtigen, der die Haare auf seinem
+Haupte gezählt hatte. Sollte es so sein!
+
+Frau Hähnlein hinter der Wand begann zu wimmern, zu klagen, zu
+beschwören. Nun begann es wieder. Es half ihr nichts. Der Mensch ist ein
+Tier . . . obschon seine Frau leidend war -- ein Tier war dieser
+Hähnlein.
+
+Dann wurde es wieder still, die Geräusche im Hause erstarben mehr und
+mehr, und nur noch die Schreibmaschine hinter der Türe klapperte.
+
+Schreibe du nur! sagte Herr Herbst zu sich -- um sich zu beschäftigen,
+die Nacht war lang -- »Deine Zettel, deine Reden, deine . . .« Lange
+Wochen war ihm dieser Soldat im weiten Mantel ein Rätsel gewesen. Was
+trieb er, was tat er in den Nächten? Oft hielt er Reden, förmliche
+Reden. Erst vor kurzer Zeit, beim Januarstreik, hatte er ihn plötzlich
+erkannt! Mit eigenen Augen und Ohren sah und hörte er, wie er zu einem
+Haufen streikender Arbeiter sprach, nebenan, bei den Laubengärten -- und
+was er sagte, Grundgütiger! Es gab keinen Zweifel mehr, er war -- ein
+Spion, ein Agent . . . gehörte zu jenen, von denen die Zeitungen
+schrieben, daß sie Geld bekommen von den Feinden. Er stand auf einem
+Steinhaufen, redete, schrie und schwang die Soldatenmütze. Keine Granate
+mehr! Da aber kam die Polizei, und sie liefen -- und auch er lief. So
+schnell wie die andern -- hahaha! So schnell liefen sie, solche Angst
+hatten sie . . .
+
+Manchmal kamen auch Freunde zu ihm, meistens junge Leute, Kameraden, die
+laut schrien und alle wild durcheinander redeten. Unvernünftige,
+Unerfahrene. Was für Leute waren das? Nun . . . dieselbe Sorte, um kein
+Haar besser. Für sie gab es nichts Heiliges, nichts vor dem sie
+haltmachten. Die Minister, was waren sie? Nun -- höchst einfach --
+Dummköpfe und Verbrecher! Und die Generale -- höchst einfach -- geputzte
+Narren! Und die Diplomaten -- selbstgefällige Gecken! Ja, sie, sie,
+diese jungen Leute, sie waren viel klüger als diese Minister und
+Diplomaten! Aber die höchsten Fürstlichkeiten, was waren sie -- nun, er
+würde sich schämen, die Worte zu wiederholen. Aber auch die feindlichen
+Staatsmänner, Präsidenten und Minister, was waren sie -- ganz das
+gleiche verbrecherische Gesindel. Nein, nichts gab es, was ihnen Respekt
+einflößte. Hat man es je gehört: Die deutsche Regierung bestand aus
+Anarchisten, die Tag und Nacht darüber nachdachten, wie sie das Deutsche
+Reich am schnellsten zugrunde richten könnten? Wie? War es denkbar?
+
+Aber, was waren diese Leute in Rußland, diese Räuber und Diebe? --
+Heilige waren sie, nicht mehr und nicht weniger.
+
+Ja, völlig neu mußte die Welt aufgebaut werden, von Grund auf -- und
+sie, diese jungen Leute, die so laut schrien, sie allein wußten, wie
+alles gemacht werden mußte. Sie ganz allein.
+
+Manchmal flüsterten sie auch, tuschelten, raunten, geheimnisvoll --
+
+In diesem Augenblick lachte Ackermann in seinem Zimmer laut auf und
+sagte: Man sollte es nicht für möglich halten --
+
+Und wütend prasselte die Schreibmaschine.
+
+Nicht für möglich halten?
+
+Warte nur, du, du . . . he?
+
+Hast vergessen, daß Gott jeden deiner Schritte bewacht, daß die Haare
+auf deinem Haupte gezählt sind -- die Fügung hast du ganz vergessen.
+
+An den Sonntagen, da saßen sie oft bis in die späte Nacht und
+debattierten, schrien, sprachen durcheinander, daß man kein Wort
+verstand. Neu, völlig neu sollte die Welt erstehen!
+
+Und sein Mädchen saß dabei, an den Sonntagen! Es war ja
+selbstverständlich, daß dieser, dieser -- ein Mädchen hatte, aber, daß
+sie dabeisaß, während es nichts Heiliges für sie gab? Nein, nein, es
+störte sie gar nicht, nicht im geringsten. Im Gegenteil? Sie kochte Tee
+und sagte: Bitte, meine Herren -- bitte. Und so ging es den ganzen
+Sonntag bis nachts um zwei, drei Uhr. Bitte, meine Herren -- und sie
+qualmten, daß der Rauch durch die Türe quoll und er husten mußte,
+obschon er doch selbst ein starker Raucher war. Worte flogen, Worte,
+wilde, verwegene Worte.
+
+Und sein Mädchen saß mitten unter ihnen!
+
+Da schwieg die Schreibmaschine plötzlich. Ackermann verließ das Haus.
+Sein Schritt eilte die Treppe hinab, die Haustüre wurde ins Schloß
+geworfen. Bis zum grauenden Tag würde er nun fortbleiben.
+
+Wann schläft er eigentlich? dachte Herr Herbst in seinem Bett.
+
+Nun war es ganz still geworden. Es knackte in den Balken, rieselte in
+den Mauern, die Wände seufzten.
+
+Ja, ganz still und dunkel.
+
+Mitten in der unendlichen Dunkelheit und Stille saß der kleine alte
+Mann, und plötzlich begann er zu flüstern. Leise, oh, so leise -- nur er
+hörte es.
+
+»Robert -- mein Sohn -- Geliebter, Teurer -- mein Liebling --!«
+
+Zärtlich streckte er die kleinen Hände der Dunkelheit entgegen.
+
+
+10
+
+Mit der Minute kehrte der General abends aus dem Amt zurück. Er
+plauderte wie gewöhnlich etwas mit Niki, dem Kanarienvogel; plötzlich
+aber brach er die Unterhaltung ab und zeigte ein ganz unbegreifliches
+Interesse für den Papierkorb. Zuerst blickte er in den Papierkorb
+hinein, dann wühlte er darin mit der Hand, endlich stülpte er den Korb
+über den Arbeitstisch. Nichts. Es war sonderbar, jeder unbedeutende
+Zettel fand sich wieder -- zum Beispiel, sollte man es glauben,
+Schnitzel jenes Briefes, den er vor einer vollen Woche an den
+Chefredakteur einer großen, besonders im Ausland vielgelesenen Zeitung
+in einer Aufwallung geschrieben hatte, worin er diesem Chefredakteur --
+-- auch dieser Prospekt -- alles, jede Kleinigkeit.
+
+»Sonderbar, höchst sonderbar!«
+
+Nicht ein Fetzen, nicht einmal ein Eckchen jenes grünen Briefumschlages,
+er würde die Farbe ja sofort wieder erkennen. Doch hier -- nein, ein
+Notizzettel zu seiner Denkschrift: Die Armee der Frauen -- worin er
+empfahl, diese brachliegende ungeheure Armee zum Wohle des Vaterlandes
+systematisch zu mobilisieren -- lächerlich, alles, jede Kleinigkeit,
+aber von diesem Briefe: nichts.
+
+Schon schlugen die Uhren.
+
+Der General hatte heute aus dienstlichen Rücksichten bei Frau v. Dönhoff
+abgesagt und sich erst nach Tisch angemeldet.
+
+Der Lüster im Speisezimmer brannte.
+
+Dieser Lüster war aus schneeigem Glas, Tulpen, Prismen, Perlen. Eine
+Grotte aus schimmerndem Schnee, die leuchtete ohne zu schmelzen.
+
+Das Zimmer war leer. Ruth war noch nicht da.
+
+Daß er auch gerade diesen Brief -- da trat Ruth ins Zimmer. Heiter und
+gut gelaunt, mit einer jungenhaften Verbeugung, wünschte sie »Guten
+Abend«.
+
+»Frau v. Dönhoff läßt grüßen, Papa«, sagte sie, indem sie Platz nahm.
+
+»Hast du Besuch gemacht?«
+
+»Nein, ich traf sie auf der Straße.«
+
+Jakob stürzte hinter seinem Schrank hervor, um die Serviette aufzuheben,
+die dem General entglitten war.
+
+»Otto geht es gut?«
+
+»Ja, nur zwei, drei Wochen«, erwiderte der General.
+
+Es hatte beinahe den Anschein, als wolle eine Unterhaltung in Gang
+kommen. So leicht gingen die Worte hin und her. Da aber runzelte der
+General die Stirn, irgendein Gedanke war ihm durch den Kopf gegangen.
+
+Schweigen. Jakob wechselte die Teller. Die Miene des Generals drückte
+deutlich den Wunsch aus, nicht mehr gestört zu werden.
+
+Plötzlich hob er das Gesicht vom Teller und richtete den Blick voll auf
+Ruth. Ohne Zweifel, sie sah verändert aus! Daß es ihm erst heute
+auffiel? Sie trug auch eine andere Frisur, einen einfachen Knoten, der
+ziemlich tief im Nacken lag. Es sah aus, als habe sie soeben die Haare
+gewaschen und die Frisur rasch aufgesteckt. Diese Frisur mißfiel dem
+General, sie verriet geringe Sorgfalt. Wie gewöhnlich war ein Lächeln
+über Ruths Gesicht gebreitet, und besonders die langen Brauen, die über
+den Wangen schwebten, lächelten. Oh, wie genau kannte der General dieses
+Gesicht und dieses Lächeln!
+
+Es war das Gesicht ihrer Mutter und das Lächeln ihrer Mutter. Dies war
+einer der Gründe, weshalb der General es vermied, in das Gesicht seiner
+Tochter zu blicken.
+
+Ruth hob den Blick, und für eine Sekunde waren ihre Augen auf ihn
+gerichtet. Auch diese Augen kannte er genau, zu genau: sanft,
+schimmernd, schwärmerisch -- aber, ein Nichts, und die Schwärmerei
+wandelte sich in Hysterie.
+
+»Jakob!« Der General deutete mit dem Messer auf die leere Fachinger
+Flasche. Der Bursche stürzte zur Türe hinaus. Röte ergoß sich in das
+Gesicht des Generals.
+
+_Wo war sie?_
+
+Nun wäre der geeignetste Augenblick --
+
+Es wäre ja das Natürlichste gewesen, Ruth ohne Umschweife zu fragen, wo
+sie in der vergangenen Nacht gewesen war. Vielleicht war sie bei
+Freunden und hatte dort übernachtet, weil sich kein Wagen auftreiben
+ließ? Möglich. Wahrscheinlich würde die Sache sich aufs Harmloseste
+aufklären. Aber diese Frage ließ die Tradition der Familie
+Hecht-Babenberg nicht zu, wo jeder eine kleine abgeschlossene Welt für
+sich bildete, die es vermied, die andere zu berühren. Eine Art
+luftleerer Raum trennte diese Welten, der die Worte verschlang und ihren
+Klang und Sinn entstellte.
+
+Die Augen der Sommerstorf würden sich voller Staunen auf ihn richten,
+als ob er etwas völlig Unmögliches und Undenkbares ausgesprochen habe.
+Etwas, das der Welt der Sommerstorf völlig fern lag, das die Welt der
+Sommerstorf nie begriff und nie begreifen konnte. Ruth würde lächeln und
+die Brauen in die Höhe ziehen. Ja, auch dieses Flattern der Brauen
+liebte der General nicht und die leise Überheblichkeit, die im Lächeln
+der Sommerstorf lag.
+
+Seine Gedanken verdichteten sich, ballten sich zusammen, die Stirn wurde
+düster.
+
+Behutsam schob Jakob mit seinen großen, in weißen Wollhandschuhen
+steckenden Händen die neue Flasche Fachinger auf den Tisch.
+
+»Der Wagen ist da?«
+
+»Jawohl, Herr General!«
+
+Und die Limousine zwitscherte die Tiergartenstraße hinunter zur
+Lessingallee. --
+
+»Hoffentlich geben sie ihm bald ein Frontkommando!« dachte Ruth, die
+sofort hinter dem General das Haus verließ. Sie hatte sich am
+Kemperplatz, ganz in der Nähe, mit jemand verabredet.
+
+Beim Rolandbrunnen am Kemperplatz stand schon dieser Jemand und wartete.
+Er hob sich fast ebenso deutlich ab wie der Roland auf dem Brunnen
+selbst. Ruth lief wie ein junges Mädchen -- lief dem Jemand in die Arme.
+
+»Papa kam heute unvermutet zu Tisch«, sprudelte sie hervor. »Seine Laune
+wird immer schlechter. Wollte Gott, daß er bald wieder an die Front käme
+--«
+
+»Wollte Gott, daß es bald keine Front mehr gäbe --«
+
+»Ein herrlicher Abend, aber etwas kühl!«
+
+»Es ist immer herrlich, wenn Ruth da ist.« Und der Jemand hüllte Ruth in
+seinen Mantel.
+
+
+11
+
+Noch immer saß der kleine Herr Herbst inmitten der unendlichen
+Dunkelheit und flüsterte zärtlich den Namen seines Sohnes. Sein kleines,
+hohlwangiges Gesicht war in Tränen gebadet.
+
+Da -- nun wurde es lichter an der Türe -- nun kam er! Der Teuerste,
+Heißgeliebte kehrte aus dem Reiche der Schatten, wie die Menschen es
+nennen, zu seinem Vater zurück, wie in jeder stillen, dunkeln Nacht.
+
+Ein fahler Schein ging von der Türe aus -- und er erschauerte. Ja, ja,
+er war es, der Geliebte, Beste. Deutlich sah er ihn im fahlen Schein
+stehen: genau so sah er aus wie zu Hause auf dem Bilde. Ein Soldat im
+Helm, ein Jäger, jung, ein blutjunges Bürschchen, in der Rechten den
+Gewehrlauf, der mit Blumen geschmückt war, ganz wie an jenem furchtbaren
+Tage, da er ihn zum Bahnhof begleitete.
+
+Eisige Kälte brachte er mit aus dem Reiche der Schatten. Der alte Mann
+zittert. Die Kälte kroch über ihn, und er fühlte, wie sein kahler
+Schädel einschrumpfte. Die Angst schnürte ihm die Brust zusammen, und
+doch war es süß -- erlösend.
+
+»Bist du es?« flüsterte er voller Verzückung.
+
+»Mein Sohn, mein Liebling!« Und er streckte seine eisigen, kleinen
+blauen Hände gegen die Türe aus.
+
+»Bist du wieder hier?« Niemals sprach die Erscheinung, und er wartete
+auch nicht auf Antwort. Sie stand, regungslos, und blickte unverwandt
+auf ihn. Manchmal sah er deutlich die Augen, nicht immer. Seines Sohnes
+Augen, deren Glanz und Färbung er nie vergaß -- glänzend und kristallen
+wie die Augen eines unschuldigen Tieres -- während die Züge des Gesichts
+zuweilen schon seinem Gedächtnis entglitten.
+
+»Bist du zurückgekehrt zu Papa --?«
+
+Aber, Entsetzen! Wieder begann der Teure zu bluten --
+
+Von der Stirn floß plötzlich dunkles Gerinnsel, gewiß, dort hatte ihn
+das tödliche Geschoß getroffen. Das Blut floß, es strömte, es färbte die
+Uniform dunkel, lautlos strömte es auf den Boden, ohne Ende. Und der
+Teure stand, regungslos blutete er, ohne jeden Laut . . .
+
+»Wie schrecklich du heute wieder blutest, mein Einziger!« flüsterte der
+kleine alte Mann -- oh, so leise! -- und rang die Hände. Die Tränen
+stürzten über seine Wangen. »Immer noch findest du nicht Ruhe, du
+Teuerster? Warte, gedulde dich -- ich habe schon an ihn geschrieben, er
+wird antworten -- gewiß . . . Alles werde ich versuchen, nichts werde
+ich unversucht lassen -- ich gelobe es -- mein Liebling --«
+
+Und er flüsterte, versprach, rang die Hände, verhüllte das tränennasse
+Gesicht --
+
+Da wurde es licht, der Schein einer Kerze, und augenblicklich zerfloß
+die Erscheinung. Nichts blieb als die hellgestrichene Füllung einer Türe
+mit einem schwarzen Schloß.
+
+Nicht eine Kerze, der Mond war über die Dächer gekommen. Ein Lichtkeil
+spaltete plötzlich die Dunkelheit des Zimmers. Erschrocken zog Herr
+Herbst die Hände aus dem Lichtstrahl zurück, als würden sie verbrannt.
+
+ * * * * *
+
+Die Dunkelheit war zertrümmert, und nun kamen auch die Geräusche zurück.
+Stimmen murmelten, es hustete, alle Arten von Husten, vom pfeifenden
+Frauenhüsteln bis zum brüllenden Husten erkälteter Männer. Schlaflos war
+das ganze Haus, es brauchte nur der Mond über die Dächer zu kommen, aus
+Glas schien es zu sein. Die Lider standen im Schlummer geöffnet, wie bei
+den Toten, und die Strahlen des Mondes stachen wie Nadeln in die
+bloßgelegten Hirne.
+
+Nebenan wimmerte ein Kind, eine Bettstelle knarrte.
+
+»Bist du denn wieder aufgestanden?« zischelte es hinter der Wand.
+
+»Ja, ja«, entgegnete Hähnleins heisere Stimme. »Ich sehe mir den Mond
+an.«
+
+»Wie soll ein Mensch das ertragen?«
+
+»Beruhige dich, Mutter -- bald, ja bald --!«
+
+Ermattet saß Herr Herbst, bebend vor Erschöpfung. Das Gespräch mit dem
+Sohn hatte ihn völlig entkräftet. Der Teure sog alle Kraft aus ihm. Das
+Herz zuckte in seiner Brust. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne.
+
+Ach, wie entsetzlich er doch wieder geblutet hatte -- er litt -- rasch
+mußte er handeln, rasch!
+
+Er versank in tiefes Nachdenken. Langsam, wie betäubt bewegten sich die
+Gedanken in seinem kahlen Kopf, schlafschwer krochen sie dahin wie
+Schatten auf den Dächern. Das Geflüster und Gezischel hinter der Wand
+störte ihn nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elends und
+des Hungers. Nein, das Elend fremder Menschen machte keinen Eindruck
+mehr auf ihn. Worte, Nichtigkeiten! Weshalb sollten nicht andere
+ebenfalls unglücklich sein, alle. Neulich hatte er mit angesehen, wie
+ein vornehmer Herr von einem Militärlastauto überfahren wurde -- gerade
+über das rechte Bein war das schwere Doppelrad gegangen. Er war in
+verzweifelter Stimmung, sofort aber besserte sich seine Laune! Die
+Unglücklichen weiden sich am Unglück, die Kranken an der Krankheit, die
+Armen an der Armut -- nur die Glücklichen, das ist etwas ganz anderes,
+sie weiden sich nicht am Glück. Sie sehen andere Menschen nicht mehr.
+
+Langsam -- aber schließlich fand er sich doch zurecht in all den
+Dunkelheiten.
+
+Nein, keine Antwort. Hunderte warten!
+
+»Der General antwortet nicht!«
+
+»Nein, nein!«
+
+Erregt setzte er sich auf.
+
+»Was aber dann? Was dann?«
+
+Im Nu hatte er die Füße auf den Boden gestellt. Er saß mitten im
+Mondlicht und blickte zum Fenster hinaus. Sein Schädel glänzte wie eine
+Quecksilberkugel, seine Augen schimmerten wie die Augen toter Fische,
+die schon lange liegen. Er lauschte in sich hinein, er grub in seinem
+Gehirn. Plötzlich begann sein gleißender Schädel zu dampfen, Rauch
+kräuselte aus seinen Augen. Eine Wolke glitt über den Mond. Wieder
+glänzte die Quecksilberkugel. Aber plötzlich saß er gänzlich ohne Kopf
+da. Der Mond glitt hinter einen Schornstein. Als er wieder ins Zimmer
+blendete, hatte Herr Herbst die Hälfte seines Volumens verloren. Er
+hatte den Havelock abgelegt.
+
+Rasch, rasch riß er den Kragen und die kleine schwarze Binde ab und
+steckte den Kopf in eiskaltes Wasser. Der Mond funkelte.
+
+Einen ungeheuren Gedanken hatte der Mond im Gehirn des kleinen Herrn
+Herbst wachgeblendet.
+
+Er konnte gar nicht genug eiskaltes Wasser über seinen Kopf gießen.
+Fieberhaft rieb er sich ab, zog Kragen und Binde an.
+
+»Ja, ja, weshalb nicht --?« Rasch schlüpfte er in den Havelock.
+
+»Ich werde --«
+
+»Ich werde --«
+
+»_Ich werde ihn besuchen!_«
+
+Schon rannte er zur Türe hinaus. Halt! wohin? es ist mitten in der
+Nacht! Aber nichts hielt ihn zurück. Mit raschen Schritten eilte er die
+leere und verödete Fabriciusstraße hinab.
+
+Ah, und wie eisig kalt es war!
+
+
+12
+
+Dora lachte belustigt auf.
+
+»Achttausend Mark, Ruth, ich bitte Sie! Für eine ganz einfache
+Gesellschaftstoilette! Und ein Hemd, ganz und gar nicht luxuriös, etwas
+billige Spitzen, ein paar Seidenschleifen -- fünfhundert Mark. Es ist
+wirklich eine Komödie. Ich wage es schon gar nicht mehr, ein Geschäft zu
+betreten.«
+
+»Wie wird es aber werden?« fragte Ruth und zog die Brauen hoch. »Die
+Hälfte der Bevölkerung hat schon keine Wäsche mehr. Die Kinder schlafen
+auf Papier.«
+
+Dora fand das sehr spaßig.
+
+»Wie es werden wird? Höchst einfach, im nächsten Jahr werden wir uns
+alle in Papier kleiden, Ruth, und das wird ungeheuer lustig werden! Sie
+erinnern sich an die Dame, die im vorigen Sommer ohne Strümpfe Unter den
+Linden ging? Wenn man hübsche Beine hat, ist das reizend. Aber denken
+Sie sich eine Gesellschaft, ganz in Papier gekleidet! Die Industrie wird
+die reizendsten Farbtöne erfinden --« Dora mußte vor Lachen abbrechen --
+»Der General meint allerdings --«
+
+»Was meint Papa?«
+
+»Er sagt, die Industrie habe Ersatzstoffe erfunden, die viel besser sind
+als Wolle und Seide. Zum Beispiel, nun wie heißt sie, diese Patentfaser?
+Die ganze Lüneburger Heide soll mit Brennesseln bepflanzt werden, doch
+das wird wohl noch ein Weilchen dauern. Aber hören Sie, Ruth, welch
+blendende Idee! Ich werde bei meinem Hausball Papierkostüme
+vorschreiben!« Dora klatschte vor Vergnügen in die Hände, und wieder
+füllte ihr Lachen Ruths kleinen halbdunkeln Salon mit Heiterkeit und
+tausend Schelmereien. »Süß sehen Sie aus, mein Kind. Woher stammt diese
+Bluse? Lassen Sie fühlen, herrlich! Das ist noch Seide! Was man heute
+für schweres Geld bekommt, ist ja Schund, den früher unsere Neger
+getragen haben. Aber denken Sie doch Ruth, wenn wir erst in einer
+Papierserviette schlafen gehen werden --!« Es war Dora gänzlich
+unmöglich, diese drolligen Phantasien abzuschütteln.
+
+Ruth bereitete den Tee, während die schöne Dora schwatzte und lachte.
+Sie folgte mit zärtlichen Blicken jeder Bewegung Ruths, die sie liebte.
+Ja, aufrichtig liebte, obschon sie ganz anders war, vielleicht, weil sie
+ganz anders war. Und sie fand sie in vieler Beziehung so amüsant! Zum
+Beispiel, der Hut hing auf einer Blumenvase und -- bei Gott -- ein
+kleiner schwarzgelber Abendschuh lag verlassen auf dem Sofa. War das
+nicht süß? Und die Teemaschine stand auf dem Schreibtisch, natürlich
+floß das kochende Wasser auf die Platte. Nein, wie reizend! Früher war
+Ruth häufig bei ihr gewesen, sie hatten zusammen musiziert --
+
+»Singen Sie noch, Ruth?«
+
+»Wenig nur, leider.«
+
+Aber nun sah man sie selten. Dora nahm es ihr nicht übel. Sie liebte sie
+trotzdem, wie sie alle Menschen, die ihr nichts zuleide taten, liebte,
+wenn sie guter Laune war. Hatte sie aber ihre bösen Stunden -- nun, da
+hätte sie ruhig sehen können, wie man die Menschen vor ihren Augen
+abschlachtete -- aber das war natürlich eine Übertreibung. Dora konnte
+grausam sein, sehr grausam, wenigstens dachte sie es.
+
+Butzi, der Griffon, ließ den schwarzgelben Abendschuh, der neben dem
+kleinen Sofa auf dem Boden lag, es war der zweite, plötzlich aus den
+Zähnen und schlich zur Türe.
+
+Er steckte die Nase in die Ritze zwischen Schwelle und Türe und blies.
+
+Dann aber schnellte er erschrocken auf allen vieren zurück . . .
+
+Die Türe öffnete sich -- behutsam -- leise -- und das breite
+steinfarbene Gesicht des Generals, nachdenklich gesammelt, wurde
+sichtbar. Aber schon in der nächsten Sekunde verschwand die
+nachdenkliche Sammlung und die Steinfarbe -- betreten und überrascht
+prallte das Gesicht zurück und färbte sich rot.
+
+Der General erschrak genau wie Butzi und wich genau wie Butzi zurück.
+Butzi erholte sich sogar zuerst und begann zu kläffen.
+
+»Herr General?« rief Dora überrascht aus.
+
+»Papa?« fragte Ruth leise und ungläubig.
+
+»Ich bitte zu verzeihen, wollen die Damen, bitte . . .«
+
+Dora lachte. »Kommen Sie doch, Herr General, wir sind eben bei den
+interessantesten Gesprächen.«
+
+»-- will nicht stören -- ich wollte nur -- ich hörte Stimmen -- guten
+Tag, meine Damen.« Und der General verschwand sofort wieder und schloß
+leise die Türe hinter sich.
+
+Butzi hatte gesiegt. Er kläffte wütend hinter dem abziehenden Gegner
+her.
+
+»Was wollte er denn?«
+
+Ruth schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie. »Er kommt
+sonst nie in mein Zimmer.«
+
+»Er ist argwöhnisch, Ruth«, sagte Dora.
+
+Ruth blickte auf und errötete.
+
+»Ja, ja, er glaubt, Sie haben einen Geliebten«, fuhr Dora fort und
+blinzelte mit dem rechten Auge.
+
+Die Röte wich aus Ruths Wangen. Sie wurde bleich.
+
+»Er glaubt --?«
+
+»Ja, er hat Sie doch neulich erwischt.«
+
+»Sie kamen erst am Morgen nach Hause. Er erzählte es mir. Gott, wie sie
+erschrocken ist, die Kleine. Ich habe es ihm natürlich ausgeredet. Sie
+können sich das wohl denken.«
+
+»Ich bin bei Platens im Grunewald gewesen, und es wurde sehr spät.«
+
+»Und Sie haben es ihm nicht gesagt?«
+
+»Ich? Wieso? Er fragte nicht. Schließlich ist es auch nicht seine Sache.
+Nehmen Sie Süßstoff, Dora? Ich habe keinen Zucker.«
+
+Ja, nun wurde also Tee getrunken, lange genug hatte es gedauert -- und
+draußen goß es in Strömen, welches Wetter, in diesem Berlin! Dora
+zündete eine ihrer dicken englischen Zigaretten an.
+
+»Aber vielleicht hat er doch recht, der General --?« sagte sie, und
+wieder blinzelte sie mit dem rechten Auge.
+
+»Wie meinen Sie das?«
+
+»Nun, ich meine nur -- so -- so . . .«
+
+Dora lachte. Es machte ihr Vergnügen, scheue Menschen in Verlegenheit zu
+bringen. Dann aber änderte sie den Ton.
+
+»Und Dietz geht es gut in Bukarest?«
+
+»Sehr gut, danke. Er bewohnt eine reizende Villa, reitet täglich
+spazieren, es fehlt ihm wirklich an nichts.«
+
+»Hören Sie Ruth -- aber Butzi, sehen Sie, er zerreißt Ihnen den ganzen
+Schuh --«
+
+Ruth nahm den Schuh und warf ihn zu dem andern auf dem Sofa.
+
+»Ich wollte sagen, Ruth, wenn Sie erst einmal auf Ferchow wohnen -- es
+ist der schönste Sitz in Pommern, und Sie haben da einen chinesischen
+Pavillon auf einer Insel im See, märchenhaft, die Armins haben ja ihr
+Gut nebenan -- wenn Sie erst auf Ferchow wohnen, versprechen Sie mir --«
+
+Ruth unterbrach sie.
+
+»Ich werde nie auf Ferchow wohnen, Dora!« sagte sie, jede Silbe
+betonend.
+
+»Wie? Aber --?«
+
+Ruth blickte Dora in die Augen.
+
+»Nein, niemals!«
+
+»So erklären Sie mir doch, meine Liebste --?«
+
+»Sprechen wir nicht mehr davon.«
+
+»Aber, ich bitte Sie, Ruth, wollen Sie mir nicht --?«
+
+Doppelt so groß wie gewöhnlich waren Doras blaue Augen vor Erstaunen.
+
+ * * * * *
+
+Das nächstemal war der General vorsichtiger. Er erkundigte sich erst, ob
+seine Tochter ausgegangen sei, und klopfte zur doppelten Vorsicht vorher
+an. Zu peinlich war es ihm neulich gewesen -- Dora saß da, Ruth, nicht
+einmal angeklopft hatte er -- was mochten sie denken von ihm?
+
+Er hatte jahrelang Ruths Zimmer nicht betreten. Jahrelang hatte er sich
+überhaupt nicht im geringsten um Ruth gekümmert, ihr jegliche Freiheit
+gelassen, seinen Grundsätzen gemäß -- nun aber schien es ihm an der Zeit
+zu sein . . .
+
+Nicht ohne eine gewisse Scheu trat er ein.
+
+Sofort aber waren diese beiden Augen auf ihn gerichtet, obwohl er den
+Blick abgewendet hatte, denn er wußte genau, wo das Bild hing. Diese
+Augen leuchteten ihm entgegen, und der General fühlte ihren schimmernden
+Blick durch die Lider hindurch, ja selbst durch den Kopf, wenn er das
+Gesicht abwandte. Er räusperte sich und murmelte etwas vor sich hin, um
+sein Gleichgewicht wieder zu finden.
+
+Rügend schüttelte er den Kopf: Welche Unordnung!
+
+Auch diesen Mangel an Ordnungssinn hatte sie von der Sommerstorf geerbt,
+keineswegs von ihm. Augenblicklich schossen ihm in einer Sekunde tausend
+Erinnerungen durch den Kopf. Da war, zum Beispiel, die Naht am Handschuh
+geplatzt, und sie machten Besuch beim Regimentskommandeur. Es war
+äußerst peinlich. Der Regimentskommandeur sah sofort die geplatzte Naht
+des Handschuhs, es sah aus, als sähe er überhaupt nichts anderes. Und da
+kamen, zum Beispiel, Gäste, sie waren auf acht Uhr geladen. Sie kamen,
+und der Salon war völlig in Unordnung. Notenblätter waren überall
+umhergestreut, und die Tischdecke lag voll von Rosenblättern, die von
+einem welken Strauß abgefallen waren. Wie in aller Welt sollte er sich
+denn vor den Gästen entschuldigen? Aber die Sommerstorf lachte nur
+darüber. Gerade über solche Dinge konnte sie ausgelassen lachen. Es
+fehlte ihr jedes Organ dafür. So waren sie, die Sommerstorfs. Sie kamen
+nicht umsonst aus dem Süden.
+
+Ein Hut lag auf dem Tisch im Salon, daneben eine Schere und eine Rolle
+Zwirn. Die Nadel stak in der Tischdecke. Zeitungen waren über das Sofa
+verstreut, und in der Ecke lag sogar ein Abendschuh. Überall
+Schreibpapier, Bücher.
+
+Zerstreut nahm der General ein aufgeschlagenes Buch vom Schreibtisch.
+Marx.
+
+Karl Marx.
+
+Ein Sozialist!
+
+In dem Buche waren Stellen angestrichen. Sie arbeitete darin.
+
+Einen Augenblick war der General geneigt, diese Lektüre für eine junge
+adelige Dame unpassend zu finden. Schon wollte er den Kopf schütteln.
+Aber er überwand sich. Mochte sie -- weshalb nicht -- wenn sie Interesse
+dafür hatte? Auch ein Sozialist hatte ja wohl manches zu sagen, was
+interessieren konnte -- im übrigen, sie hatten ja in der Stunde der
+Gefahr das Vaterland über den Internationalismus gestellt, bewilligten
+die Kredite, was man wollte, gingen mit durch dick und dünn -- in der
+Tat, sie hatten sich als wahre und echte Patrioten erwiesen!
+
+Viele Bücher. Stöße von Büchern. Autoren und Titel waren ihm unbekannt.
+Er hatte keine Zeit, Bücher zu lesen -- der Dienst -- seit zwanzig
+Jahren hatte er eigentlich kein Buch mehr in die Hand genommen -- seit
+dreißig, von fachwissenschaftlichen Werken natürlich abgesehen.
+
+Im übrigen, diese modernen Autoren, soviel er von ihnen wußte, sie
+beliebten Konstruktionen, lebten in einer fiktiven Welt -- während seine
+Welt, die Welt des Generals, eine Welt der harten Tatsachen war, ohne
+Beschönigung, ohne Lüge und Poesie, einfach der harten Tatsachen.
+
+Aus einem Buch fiel ein Brief: »Geliebte Ruth« -- sofort schob ihn der
+General wieder in das Buch zurück. Wieder schüttelte er rügend den Kopf.
+Daß sie, zum Beispiel, nicht daran dachte, daß Unberufene, etwa Therese,
+den Brief lesen könnten! Erschreckend diese Ähnlichkeit in den kleinsten
+Charakterzügen. Auch ihre Mutter hatte die wichtigsten Briefe und
+Schriftstücke herumliegen lassen. So hatte es ja seinen Anfang genommen
+. . .
+
+Wiederum fühlte er den Blick der leuchtenden Augen so stark, daß die
+Hand matt wurde, die das Buch hielt. Deutlich, ganz deutlich hörte er
+eine Stimme in seinem Kopf, die irgendwo geschlafen hatte. Er verstand
+nicht die Worte, die diese Stimme aussprach, aber er hörte ihren Klang,
+ganz deutlich, und es war doch schon viele Jahre her, daß er diese
+Stimme zum letzten Male gehört hatte.
+
+Diese Stimme wurde lauter und lauter und nahm einen immer heitereren
+Klang an. Deutlich hörte er, wie diese Stimme in seinem Kopfe oder
+irgendwo -- sie schien irgendwo verborgen zu sein! -- zu lachen anfing,
+ein Lachen, heiter, spöttisch. Der General legte das Buch zurück.
+
+Traurigkeit stieg plötzlich in seinem Herzen auf.
+
+»Was will ich eigentlich hier?« sagte er. Nachdenklich verließ er das
+Zimmer, während die Augen des Bildes ihm bis zur Schwelle folgten --
+
+Und Marx? Weshalb nicht Marx? Aber es war eigentümlich, dieser Name
+klang in ihm weiter.
+
+Als er wieder über den Korridor schritt, hatte er die Empfindung, aus
+einer fremden Welt und andern Zeit gekommen zu sein. Niki zwitscherte
+fröhlich sein Lied, und alle Dinge betonten plötzlich ihre Wirklichkeit
+und Vertrautheit.
+
+Übrigens war es auch frostig in Ruths Zimmer gewesen.
+
+
+13
+
+In der kahlen, verwahrlosten Fabriciusstraße erscheint -- ist es
+möglich, an einem Wochentage, in diesen Zeiten -- ein Zylinder! Der
+Zylinder kommt näher, immer näher, er verschwindet im »Löwen von
+Antwerpen«.
+
+Der bucklige Wirt blinzelt mit den düsteren Eulenaugen und bringt die
+Flasche Roten und das Schachbrett.
+
+»Meine Hochachtung«, flüstert er, wie es seine Art ist, leise -- er
+sprach jahrelang kein Wort, in einer gewissen Periode seines Lebens.
+»Sie treiben es nobel in diesen Tagen! Immer noch diese amtliche Sache?«
+
+»Gestern war es leider nichts. Ich hatte versäumt -- hatte ja keine
+Visitenkarten. Alles hat seine Formen. Plötzlich denke ich gestern: nun,
+und die Visitenkarten?«
+
+Herr Herbst hatte sich verändert. Das Rasiermesser hatte Kinn und Wangen
+geglättet, und der Haarkranz war etwas geschnitten. Im ganzen hatte das
+Volumen des Kopfes nur minimal abgenommen, aber es schien, als sei der
+Kopf um die Hälfte eingeschrumpft. Und hinten im Nacken, wo der
+Hinterkopf ansetzte, waren faustgroße Höhlen sichtbar geworden. Wie in
+den letzten Tagen, trug er auch heute einen etwas verknüllten, zu langen
+schwarzen Gehrock, und wieder empfand der bucklige Wirt Hochachtung vor
+ihm, als er den Gehrock erblickte. Dieser kleine alte Mann, der mit dem
+Gläschen in der Hand vor den Munitionsarbeiterinnen tanzte und sich zum
+Gespött der frechen Geschöpfe machte -- wer war er? Ein
+Heruntergekommener, ein Sonderling -- er behauptete, Lehrer an einem
+Gymnasium gewesen zu sein, aber was behaupteten die Leute heutzutage
+nicht alles?
+
+»Heute aber sollen die Karten fertig werden. Er hat mir sein Ehrenwort
+gegeben«, fügte Herr Herbst hinzu, und seine kleinen, etwas schmutzigen
+Hände rasselten gierig mit den Schachfiguren. Dieses Rasseln der
+Schachfiguren, immer erinnerte es ihn an einen kleinen Marmortisch mit
+blankgeputzter Messingeinfassung -- sein Stammcafé in der Provinz,
+einst, lange war es her.
+
+»Sie haben den Anzug, Herr Herbst!« flüsterte der Bucklige und schob das
+spitze Kinn über das Schachbrett.
+
+Herr Herbst griff nach dem Glas. Seine Hand zitterte. Ja, schlimme Tage
+hatte er hinter sich. Er zerdrückte den Wein auf der Zunge zwischen den
+gelben Zahnstumpen. Plötzlich sah er deutlich -- sollte man es für
+möglich halten? -- das Gesicht des Generals im Glase! Er schloß rasch
+die Augen und ließ das ganze Glas durch die Kehle hinunterlaufen. Noch
+ein Glas -- und nun war er bereit.
+
+Kraft und Mut strömten aus dem Wein.
+
+Furcht? Nein, nein, er hatte keine Furcht.
+
+Er nahm das Aluminiumetui aus der Tasche, zündete sich eine Zigarre an
+und setzte sich zurecht.
+
+»Und nun wollen wir einmal etwas ganz Neues versuchen.« Er zog den
+Turmbauern.
+
+Noch weiter schob der Bucklige das spitze Kinn über das Brett.
+
+Eine Falle? Wie, was? Was wollte er mit dem Turmbauern?
+
+»Sie haben ja ein Feld zu weit gezogen.«
+
+»Zu weit? Nun, dann nehmen wir ihn eben um ein Feld zurück.« So
+hochgemut fühlte sich Herr Herbst in diesem Augenblick, daß er den
+Bauern gleich über drei Felder vorstoßen ließ.
+
+Die Partie begann. Beide waren leidenschaftliche Spieler.
+
+Herr Herbst lehnte sich im Stuhl zurück und blies den Rauch in die Luft.
+
+Furcht? Wieso? Vor wem? Vor ihm?
+
+Die Karten würden um vier Uhr fertig werden, nun und dann . . .
+
+Wieder trank er ein Gläschen.
+
+Alles war ja in seinem Kopfe zurechtgelegt. Jedes Wort, die Rede floß in
+Gedanken. Und, hm, auch die Verbeugungen und Anreden hatte er schon
+eingeübt, ganz genau. Weshalb sollte er Furcht haben? Schließlich war er
+doch nicht der Kaiser, wie?
+
+Kein Zweifel, er würde ihn zwingen, ihm Rede und Antwort zu stehen, jede
+Auskunft, die er wünschte, zu geben.
+
+Er hatte ja die Briefe in der Tasche, zum Beispiel, am 4. August griff
+ein Jägerbataillon an, kein Mann kehrte zurück. Weshalb also mußte am 5.
+August -- er würde natürlich in aller Höflichkeit, in aller
+Bescheidenheit . . .
+
+»Schach der Königin!« rief er laut und warnend.
+
+»Wahrhaftig! Nun, Sie erlauben, ich nehme den letzten Zug nochmals
+zurück -- es heißt überlegen. Sie gehen ja scharf vor, heute.« Die
+düsteren Eulenaugen des Buckligen begannen zu glühen.
+
+Herr Herbst griff in Wahrheit stürmisch an. Er fühlte sich seinem Gegner
+heute weit überlegen, und er hätte jede Summe gewettet, daß er gewann,
+obgleich der Bucklige für gewöhnlich stärker spielte -- unter den
+jetzigen Umständen, früher, da hätte er ihn ja nie schlagen können.
+
+Natürlich, der Kaiser war er ja am Ende nicht. Und schließlich -- er
+würde ihm ja ebenfalls gefällig sein! Nein, nein, es war ganz und gar
+kein kleiner Dienst -- bei rechtem Lichte betrachtet. Vielleicht würde
+er sagen: aber mein lieber Herr Herbst, weshalb sind Sie nicht früher
+gekommen? Wer weiß? Wer weiß?
+
+Ja, so würde er beginnen. Von diesen jungen Leuten nebenan würde er
+berichten -- von ihren Ideen, ihren Absichten, gefährlichen Absichten --
+nun ja, rascher als irgendein anderer würde der General verstehen.
+
+Und dann würde er auf das Mädchen zu sprechen kommen --
+
+»Vorsicht, Herr Herbst!«
+
+»Ich sehe schon -- eine richtige Falle. Ei, ei!«
+
+»Aber was tun Sie?«
+
+»Ich bin gezwungen, den letzten Zug zurückzunehmen.«
+
+»Aber, aber --«
+
+»Auch Sie haben ja einen Zug zurückgenommen.«
+
+Dieses Mädchen also, so würde er sagen, hatte er zuerst gar nicht
+beachtet. Wie sollte er auch? Alle diese Soldaten hatten ja ihre
+Mädchen, nicht wahr, es war einmal nicht anders. Nicht beachtet. An den
+Sonntagen kochte sie den Tee, bot Zigaretten an. Sie selbst sprach
+eigentlich wenig, nur hier und da warf sie ein Wort ein. Man hörte ihre
+Stimme kaum, so fein klang sie.
+
+An den Wochentagen kam sie zuweilen abends, und dann war sie mit ihm
+allein. Nun sie waren junge Leute, was sollte da besonderes dabei sein?
+Er hörte nicht zu, hatte seine eigenen Gedanken. Eines Abends aber,
+plötzlich sprechen sie über gewisse Dinge -- wie interessant! Was ist
+das? Offenbar kennt das Mädchen genau die Familienverhältnisse einer
+gewissen hochgestellten Persönlichkeit. Nun, es war jedenfalls
+sonderbar, daß sie so genau Bescheid wußte --
+
+Tief in seine Gedanken versunken, legte sich Herr Herbst im Sessel
+zurück und blies den Rauch in die Luft.
+
+Sie plaudern also über gewisse Dinge, ganz harmlos. Sie denken wohl
+nicht, daß ich nebenan alles höre, denken wohl, ich sei ausgegangen.
+
+Oben an der Türe sehe ich Licht.
+
+Ich weiß wohl, was sich schickt und was unpassend ist -- aber, aber, ich
+kann nicht widerstehen. Das Licht reizt mich. Ich trage den Stuhl zur
+Türe, vorsichtig natürlich -- steige hinauf -- so, so -- strecke mich
+und blicke durch den Spalt. Ich drehe das Auge hin und her. Ah, da sitzt
+er also, der Soldat, und daneben -- auf dem Sofa . . .
+
+Plötzlich sehe ich ihr mitten ins Gesicht!
+
+Der Schreck -- glauben Sie mir -- die Überraschung -- ich wäre um ein
+Haar vom Stuhl gefallen! Denn wenn ich auch das und jenes dachte -- ich
+glaubte es ja nicht -- es schien mir unmöglich -- die Stimme, hm, das
+Gespräch, aber es war ja unmöglich -- und doch -- doch!
+
+Dieses Mädchen, Herr General, diese Dame --
+
+»Schach und matt!« rief der Bucklige triumphierend, und Herr Herbst
+prallte zurück.
+
+Also geschlagen, abermals geschlagen!
+
+Herr Herbst zog die Uhr -- er besaß eine goldene Uhr, sonderbar! -- und
+wurde plötzlich von Unruhe ergriffen.
+
+»Ja, nun wird es aber Zeit für mich -- höchste Zeit!« sagte er und
+stülpte hastig den Zylinder über den Schädel. Ganz wie der steife
+schwarze Hut war auch der Zylinder um eine Nummer zu groß und sank auf
+die abstehenden grünlichen Ohren herab.
+
+In höchster Eile verließ er die Kneipe.
+
+ * * * * *
+
+Schon dunkelte es. Lautlos und unaufhörlich sank der schwarze
+Aschenregen auf die sterbende Stadt.
+
+Eine Stunde später, und Berlin war völlig finster. Undurchdringliche
+Finsternis lag über den deutschen Landen, undurchdringliche schwarze
+Nacht lag über Europa, zuckend vor Schmerzen, gebadet in Blut und
+Tränen.
+
+Wann endlich?
+
+Horch! Hunderttausend Geschütze wiehern wollüstig durch Europas
+undurchdringliche schwarze Nacht.
+
+Ja, wann endlich? Eile, binde deine Schuhe, Erlöser, und eile, wenn du
+kommen willst!
+
+Schon sind Europas Augen blind vom Weinen, schon stockt der Schlag
+seines Herzens.
+
+
+
+
+Drittes Buch
+
+
+1
+
+Dampfwolken quollen aus der Halle, Rauchfetzen flatterten zwischen den
+Eisenträgern. Alles wehte. Die Vorortzüge liefen kreischend ein,
+keuchten kreischend hinaus. Mäntel, Hüte, Röcke wirbelten im Rauch und
+weißen Wasserdampf. Auch Klaras Kleider wirbelten. Sie fror an den
+dünnen Beinchen, aber sie liebte es, ganz leicht gekleidet zu gehen.
+
+Der nach der Westfront abgehende Frühzug hatte Verspätung. Mochte er!
+Wie gerne wartete sie! Schon seit einer Stunde ging sie hier am
+Charlottenburger Bahnhof auf und ab. Drüben am Bahnhof Zoologischer
+Garten standen sie nun, die Damen Sterne-Dönhoff, Mutter und Schwestern,
+und plauderten noch mit ihm. Der Wind pfiff von allen Seiten in die
+Halle, und blendende Helligkeiten fegten draußen über die Dächer.
+
+Plötzlich blieb Klaras Herz stehen:
+
+Um die Ecke schnob ein pechschwarzes Ungeheuer, qualmend aus Schlot und
+Zylindern. Blitzschnell kam es auf Rauch herangewirbelt. Der Fernzug
+. . .
+
+Der Kurfürstendamm, wimmelnde Menschen -- sie und Heinz. Der Tiergarten,
+brausende Bäume -- sie und Heinz. Die Stufen der Untergrundbahn, ein
+Menschenstrom, das kleine Café in der Kantstraße -- sie und Heinz. Wie
+durch ein scharfes Glas sah sie sich neben ihm, immer neben seinem
+weiten grauen Feldmantel -- nur die Szenerien änderten sich,
+blitzschnell, alle Straßen, Plätze, die sie zusammen besucht hatten. Der
+Tiergarten -- gestern nachmittag, als sie Abschied nahmen, es dämmerte
+schon -- sie gab ihm das Medaillon mit der Locke, das sie so oft und
+tausendfach küßte, bis sie einen Weinkrampf bekam -- als Talisman sollte
+er es tragen -- und plötzlich verschwindet alles in einem Wirbel, nichts
+ist mehr vorhanden als ein leerer Raum, durch den die schwarze
+Lokomotive dahinstürmt.
+
+Ihre Kleider flatterten, sie griff an die grasgrüne Mütze mit der grünen
+Seidenquaste, in der Rechten wehte das Taschentuch. Sie dachte an
+nichts, ihre Augen glitten erregt an dem fliegenden Zug entlang, und sie
+verging vor Angst, daß sie Heinz nicht mehr sehen würde.
+
+Da, da, da, da war er! Seine Hand, sie erkannte sie sofort, winkte ihr
+zu. Ein Lachen in seinem geröteten Gesicht, ein Blitzen der Zähne, und
+die blonden Haare leuchten. Auf seiner Brust aber glänzte -- wie ein
+heller Stern -- durch den Mantel hindurch -- das Medaillon aus Kristall:
+deutlich sah sie es. Groß und mächtig wie ein Stern, obgleich es ganz
+klein war.
+
+Hunderttausende und abermals Hunderttausende waren schon auf diesen zwei
+Schienen fortgefahren, und alle trugen einen Talisman auf der Brust.
+
+Fort war Heinz.
+
+Der Zug war rasend schnell gefahren, aber die letzten Wagen rollten ganz
+langsam an Klara vorüber.
+
+Der Wind riß ihre Kleider bis zu den schmalen Knien empor, aber sie
+bemerkte es nicht. Soldaten, die aus den letzten Wagen blickten,
+schnitten ihr Gesichter.
+
+Da aber fing sie an zu laufen, und weinend stürzte sie die Treppe hinab.
+Wie ein Messer zerschneidet das Lebewohl ein junges Herz.
+
+Alles war ja noch Geheimnis, niemand wußte etwas, niemand wußte von
+ihren Schwüren, ihren Versprechungen, ihren Plänen, ihren Träumen,
+niemand.
+
+ * * * * *
+
+Schon war Klara zu Hause, und schon war die grüne Mütze mit der grünen
+Seidenquaste in ein Paketchen eingeschnürt, fertig zum Absenden. Er
+sollte sie haben. Ach, und sie weinte und bedeckte die alte grüne Mütze
+mit Küssen und Tränen.
+
+Schon aber hatte der Zug die nächste Station passiert, und Klara steckte
+die kleine Flagge auf der Karte um. Man muß wissen, daß Klara sich ein
+Kursbuch gekauft hatte, um den Zug verfolgen zu können.
+
+Und schon war Klara wieder auf der Straße und lachte in Sonne und Wind,
+während auf ihrem Herzen noch die Tränen brannten. Auf zierlichen,
+raschen Beinchen schritt sie, die schmale Hüfte wippend, die
+Joachimsthaler Straße hinab. Sie war glücklich.
+
+Klara ging einkaufen. Sie mußte ja nun an die Feldpaketchen denken, ganz
+wie Millionen andere Frauen. Kam sie zurück, so konnte sie die Flagge
+schon bis Hannover vorstecken.
+
+Schon dachte sie an die Zeit, da sie die Flagge zurückstecken würde --
+wenn er zum ersten Male auf Urlaub kam.
+
+Zwischen der Kindheit und der Welt der Erwachsenen liegt die Zone des
+Paradieses. Blendend von Träumen, Plänen, Visionen, Ahnungen und
+Wünschen. Wunderbar und erhaben liegt das Leben vor den Blicken, und
+mutig geht ihm der Schritt entgegen.
+
+Durch dieses Paradies schritt Klara dahin, obschon sie nur die
+Joachimsthaler Straße hinabwanderte.
+
+
+2
+
+Schon wanderte die kleine Flagge auf der Karte wieder rückwärts. Es war
+der Zug, der den ersten Brief bringen konnte. Konnte! Aber er kam nicht.
+Nun kam der Zug an die Reihe, der den ersten Brief bringen sollte. Aber
+er kam nicht. Nun kam der Zug, der den ersten Brief bringen mußte. Aber
+er kam nicht. Die Stunden blieben stehen. Die Uhren tickten, das Herz
+schlug im Halse, und in der Nacht saß Klara mit offenen Augen im Bett.
+
+Endlich, am sechsten Tage, kam er.
+
+»Hier ist ein Brief, kleine Braut«, sagte Hedi, und Klara errötete. Hedi
+hatte ein überlegenes, aber gutmütiges Lächeln für die Schwester.
+Dieselbe Geschichte! dachte sie. Sie wird Briefe schreiben, jahrelang
+auf den Briefträger warten . . . Es ist immer das gleiche.
+
+»Gib, bitte!« sagte Klara, und ihr Atem stockte.
+
+»Du versprichst mir, auf Frau v. Dönhoffs Hausball mitzukommen?« (Allein
+würde der Geheime Rat Hedi nicht gehen lassen!)
+
+»Ich verspreche! Feierlich!« --
+
+Welches Glück, beim Himmel! Und welche Enttäuschung, dieser Brief
+. . .
+
+»-- wir haben ein reizendes Quartier. Ein kleines Schlößchen. Daneben
+liegt unser Flugplatz. Mich haben sie in einer Dachkammer untergebracht.
+Wir haben eine Enten- und eine Hühnerzucht. Die Mannschaften besitzen
+sogar ein kleines Wildschwein.« Ja, was ging sie das an?
+
+Herrlich ist es hier, herrlich, liebe Klara!
+
+Tag und Nacht krachen die Kanonen, und fast in jeder Stunde knallen die
+Abwehrgeschütze ganz in unserer Nähe, Schwärme von feindlichen Fliegern
+kommen herüber. In der Nähe nämlich steht im Walde ein weittragendes
+Geschütz. Wenn es schießt, ist es wie ein Erdbeben. Ein balkendicker
+Feuerschein fährt dann aus dem Walde.
+
+Das Wetter ist stürmisch und trüb, und gestern habe ich mich mit dem
+kleinen frechen Meerheim -- Du kennst ihn ja -- etwas in der
+Nachbarschaft herumgetrieben. Er ist eine Art Zyniker, aber wir kommen
+trotzdem ganz gut miteinander aus. Wir waren mit dem Auto in Q. Schutt
+und Asche! Furchtbar anzusehen! Die Kathedrale wurde von französischen
+und englischen Geschützen in Trümmer geschossen und geriet zuletzt in
+Brand. Ein Symbol des Schreckens und des Krieges. Am Abend speisten wir
+in der Etappe, wo mich der kleine Meerheim bei Bekannten einführte. Sie
+führen ein herrliches Leben, essen und trinken und feiern ein Fest nach
+dem andern. Gerade als wir kamen, feierte ein Rittmeister sein Eisernes
+Erster. Es wurde furchtbar gekneipt, und zuletzt ging es böse her. Wie
+ekelhaft! Ich habe nicht einen Tropfen angerührt, denn ich halte das
+Versprechen, das ich Mama gab. Neben dem Kasino liegt das Lazarett, wo
+die armen Kerle von vorn hereingebracht werden. Auf dem Heimwege
+begegneten wir einem Wagen voller Kisten, nur notdürftig zugenagelt. Sie
+wurden zum Friedhof gebracht. All das ist schrecklich. Das sind die
+Schattenseiten des Krieges, der sonst herrlich ist, Klara, und alle
+wunderbaren Eigenschaften des Menschen weckt, Heldentum, Aufopferung,
+Kameradschaft!
+
+Die Kameraden sind alle reizende Leute, prachtvoll ist unser Chef,
+Hauptmann Wunderlich, geliebt und bewundert von Offizieren und
+Mannschaften. Es ist rührend zu sehen, wie sie Hauptmann Wunderlich alle
+behilflich sind, wenn er in die Maschine steigt. Er wird ja
+hineingehoben. Aber alle tun so, als ob sie ihm immer nur ein bißchen
+behilflich wären und er aus eigener Kraft hineinklettere.
+
+Das Wetter war sehr schlecht die ganze Zeit her, die Sicht gleich Null.
+Nur einmal machten wir einen Geschwaderflug, und das war wunderbar für
+mich, das erstemal gegen den Feind zu fliegen. Ich sang oben in der
+Luft.
+
+Schon hatte Klara Tränen in den Augen. Und ich? dachte sie, und ich? Er
+schreibt ja kein Wort -- keine Silbe . . .
+
+Die Schilderung des Geschwaderfluges, die zwei volle Seiten einnahm,
+überflog sie. Mit Tränen in den Augen las sie, daß Heinz den Spitznamen
+»Kücken« bekommen hatte. Den ganzen Tag heißt es nun: »Wo ist das
+Kücken? Kücken, kommen Sie mal her!«
+
+Und von ihr, von ihrer Liebe . . .?
+
+»Neulich war auch P. P. da, Du weißt schon, wen ich meine. Er besuchte
+uns. Er kam im Automobil angefahren, das er selbst lenkte. Er war sehr
+elegant gekleidet, und seine Offiziere trugen phantastische Mäntel aus
+wunderbarem weichen Leder, herrliche Stulphandschuhe, überhaupt waren
+sie tipptopp. P. P. hatte die Tasche voller Zigaretten, die er mit
+vollen Händen an die Mannschaften verteilte. Ich mußte vorfliegen, und
+ich machte fünfmal Looping in tausend Meter Höhe --«
+
+Das alles interessierte Klara nicht.
+
+Es interessierte sie auch nicht, was Heinz über den berühmten bayrischen
+Kampfflieger Seitz schrieb, der den ganzen Tag Geige spielte und seinen
+kleinen Dackel mit in die Maschine nahm. Dann war viel von
+Ordensauszeichnungen die Rede. Heinz wollte nicht eher auf Urlaub
+fahren, bevor er nicht die beiden Kreuze besaß. Und dann kam der Pour le
+mérite an die Reihe! Ach, du lieber Himmel, gewiß würde sie stolz auf
+ihn sein, aber . . .
+
+»Ich fiebere danach, mich auszuzeichnen und für mein Vaterland, das
+große und herrliche Deutschland, zu kämpfen, das ich über alles liebe,
+und dem ich meine ganze Kraft weihen will. Der schönste Moment meines
+Lebens wird es sein, wenn ich das erstemal mich mit meinem Gegner da
+oben messe! Ich werde nicht locker lassen, bis er hinunterrasselt. Über
+alles werde ich Dir dann schreiben, liebe Klara!«
+
+Dann, kamen noch ein paar Redensarten. »Wie geht es Dir? Hoffentlich
+gut. Hast Du meine Cousine, Frau v. Dönhoff, schon besucht? Was macht
+Berlin? Eben fängt dieser Bayer Seitz wieder an, Geige zu spielen. Er
+spielt sehr schön, aber oft übt er stundenlang, bis sie Gegenstände nach
+seiner Decke werfen.
+
+Nächstens werde ich Dir auch einiges über meine Maschine schreiben. Sie
+ist ein ganz neuer Typ, klettert wie ein Affe senkrecht in die Höhe.
+Hauptmann Wunderlich ist sehr zufrieden, und die Kameraden haben für
+meine Fliegerei sogar etwas wie Bewunderung übrig. Gute Nacht!«
+
+Klara weinte.
+
+Hedi ging durchs Zimmer, aber sie störte die Kleine nicht. Sie wußte
+genau, was in dem Brief stand, ohne ihn zu lesen. Hunderte solcher
+Feldbriefe hatte sie bekommen. Sie hätte Klara warnen sollen, sich mit
+einem Offizier einzulassen. Sie waren ja alle eitle Schwätzer, eitel und
+oberflächlich, nichts als Prahlereien über Kämpfe und Geschwätz über
+Ordensauszeichnungen. Sobald sie zur Front kamen, waren sie gänzlich
+wahnsinnig. Das war Hedis Ansicht.
+
+ * * * * *
+
+Klara suchte Wolle, um damit ein Paar kleine Pulswärmer zu stricken.
+Sollte man es für möglich halten, in ganz Berlin gab es nicht einen
+Strang Wolle? Und früher quoll die Wolle aus allen Schaufenstern, alle
+Welt strickte Tag und Nacht, Deutschland war vollgestopft mit Wolle. Wie
+sollte man auf den Gedanken kommen, daß es einmal damit zu Ende gehen
+könne?
+
+Früher -- Klara erinnerte sich deutlich, damals trug sie noch Zöpfe --
+als der Krieg begann, gab es herrliche Dinge zu kaufen. Jetzt gab es
+nichts mehr, gar nichts. Höchstens Bücher und schlechte Zigaretten. Rein
+ausgeplündert schien diese Stadt!
+
+Geschmackvoll und gut sollte alles sein, was sie für Heinz einkaufte --
+und billig. Denn Klara erhielt nur dreißig Mark Taschengeld im Monat.
+Sie hatte allerdings schon seit langem gespart . . . Aber allein das
+Medaillon hatte eine große Summe verschlungen.
+
+»Es ist für meinen Mann, er ist im Felde«, sagte sie, wenn sie einkaufte
+und errötete bei der süßen Lüge.
+
+»So jung und schon verheiratet, gnädige Frau?«
+
+»Ja, wir sind kriegsgetraut.«
+
+Klaras Augen strahlten. Sie wandelte im Paradies.
+
+Häufig hielt sie sich in der Straße auf, wo Frau Sterne-Dönhoff wohnte.
+Nur um Heinzens Mutter und Schwestern gelegentlich zu sehen. Selten nur
+hatte sie Glück. Die Schwestern sahen Heinz ähnlich. Der Mund besonders!
+Die Damen Sterne-Dönhoff gingen immer in Schwarz. Sie trugen dicht
+anliegende Wollkleider, flache, schmucklose Hüte, spitze Schuhe. Die
+Mutter ging immer in der Mitte. Sie sprachen wenig, und sie lachten nie.
+
+ * * * * *
+
+»Ich liebe Dich, Heinz, ich küsse Dich, ich drücke Dich an mein Herz.
+Dir gehöre ich, mit Leib und Seele! Mache nicht Looping und sei
+überhaupt vorsichtig. Ich werde stolz sein, wenn Du Auszeichnungen
+erhältst, aber ich liebe Dich auch so. Es ist ganz nebensächlich. Ich
+war in der Kirche und habe gebetet. Ich habe so schrecklich geweint, daß
+ich mich schämte. Ich bin ein dummes Mädchen. Ich schicke Dir hier eine
+neue Locke. Bitte, tue sie in das Medaillon. Ich habe sie in Weihwasser
+getaucht, bei der ersten hatte ich das vergessen. Verbrenne die erste,
+versprich es mir! Das mußt Du tun, und so wird der Talisman wirken! Ich
+habe so inbrünstig gebetet, und vor kurzem konnte ich überhaupt nicht
+mehr beten. In der Kirche waren sechs Frauen, sie beteten wie ich.
+
+Ich lege Dir hier eine ganze Menge Briefe bei, die ich geschrieben habe
+in diesen letzten Tagen, jeden Tag einen, um mein Herz auszuschütten.
+Ich lege sie bei, obwohl sie veraltet sind. Du sollst daraus sehen, daß
+ich immer an Dich gedacht habe.
+
+Von allen Deinen Kameraden ist mir der Bayer Seitz am sympathischsten.
+Er nimmt seinen kleinen Hund mit in die Maschine, wie rührend ist das!
+
+Berlin ist wie immer. Die Menschen sind mißmutig und niedergeschlagen.
+Man könnte glauben, sie hätten alle Hoffnung verloren, und doch steht es
+ja besser als je, wenn man die Zeitungen liest.
+
+Du hast mir nicht geschrieben, ob Du unseren Stern betrachtest. Zwischen
+zehn und elf Uhr, vergiß nicht. Gestern funkelte er herrlich, und ich
+mußte so schrecklich weinen. Ich bin so ein dummes Ding, denn ich bin so
+rasend glücklich.
+
+Hedi ist sehr launisch. Ich glaube, sie ist nicht glücklich. Es scheint,
+als ob es zwischen ihr und Otto zu Ende sei. Sie spricht geringschätzig
+von ihm, und das finde ich nicht schön. Wahrscheinlich liebt sie ihn
+nicht mehr. Aber das ist ja kein Grund Schlechtes über ihn zu sagen und
+zu sagen, er sei eitel und eingebildet. Wir zanken uns sehr viel. Hedi
+glaubt nicht, daß die Liebe zwischen zwei Menschen ewig dauert. Aber ich
+glaube es. Und so geht der Streit hin und her. Was glaubst Du, mein
+Geliebter? Du brauchst auf diese Frage nicht zu antworten. Ich weiß
+selbst, was Du glaubst.
+
+Ja, bei Frau v. Dönhoff habe ich Besuch gemacht. Deine Cousine ist eine
+originelle Frau. Ich traf sie in einem schwefelgelben seidenen Kimono,
+und sie kann so herrlich lachen. Es wird einem wohl ums Herz dabei!
+Sonst lebe ich ganz zurückgezogen, gehe auch nicht mehr ins Theater.
+Denn es scheint mir Sünde, daß die Menschen sich amüsieren, während
+andere draußen leiden. Wenn ich etwas zu sagen hätte, so würde ich alle
+Theater schließen. Übrigens hat sich eine schreckliche Unsitte bei uns
+eingebürgert. Die Leute bringen ihre Brötchen, ihr Abendessen, mit ins
+Theater, und sobald es dunkel wird, fangen sie an, mit dem Papier zu
+rascheln und zu kauen. Es ist unerträglich. Du weißt, Heinz, daß wir
+davon gesprochen haben, auf dem Lande zu wohnen und zu reisen. Davon
+träume ich. Fräulein v. Hecht, die ich bei Deiner Cousine traf, sagte,
+die Behörden erlauben mit Absicht Theater, Kinos und Konzerte. Das Volk
+solle gar nicht zum Bewußtsein kommen, es solle betäubt werden.
+Überhaupt -- sie hat Ansichten, daß man nicht glauben sollte, sie sei
+die Tochter eines Generals! Wenn sie diese Ansichten öffentlich äußert,
+so wird man sie einsperren und das mit Recht. Und doch ist sie
+anziehend. Sie plauderte sehr lieb mit mir, und wir gingen ein weites
+Stück zusammen. Ich glaube wohl, daß ich sie lieben könnte, wenn sie nur
+nicht diese schrecklichen Ansichten hätte.
+
+Otto ist noch immer im Lazarett, wird aber bald entlassen. Man sagt, daß
+er schrecklich niedergeschlagen sei, weil er nicht mehr zur Front zurück
+kann. Vielleicht sehe ich ihn aber nächstens, denn Fräulein v. Hecht hat
+mich gebeten, sie zu besuchen, und da treffe ich ihn vielleicht. Hedi
+lernt nun Schreibmaschine schreiben. Sie sagt, sie will sich nun
+unabhängig machen, und sobald sie Geld verdient, wird sie ihre Koffer
+packen. Ich traue es ihr zu, aber Papa wird ihr schon die Meinung sagen.
+
+Heute abend werde ich wieder beten, Heinz! Ich fühle, Gott hat Dich in
+seinen Schutz genommen. In den letzten Jahren war ich ja leider zu einem
+völligen Atheisten geworden, und zwar durch Hedi, die nicht an Gott
+glaubt und behauptet, wenn es einen Gott gäbe, so würde er solch einen
+Krieg nicht zulassen, wo Millionen Menschen zerfleischt werden.
+
+Lebe wohl, Heinz, und vergiß nicht unsern Stern. Möchtest Du bald
+wiederkehren, möchte der schreckliche Krieg bald zu Ende sein! Ich bete
+zu Gott! Mein Herz ist gequält.
+
+Ach, Heinz, ich liebe Dich! Hier, diesen kleinen Zettel schicke ich mit.
+Er sieht ganz unscheinbar aus, nicht wahr? Aber ich habe ihn mit tausend
+Küssen bedeckt, und die soll er Dir überbringen.
+
+Deine kleine Frau Klara.
+
+Nebenan ist jetzt ein kleiner weißer Terrier aufgetaucht. Ich habe mich
+mit ihm angefreundet. Er spielt im Vorgarten mit Papierstücken, die der
+Wind bewegt -- rührend! Auch Paketchen sind schon unterwegs.«
+
+
+3
+
+Ein Fingernagel pickte an das Fenster der Portierloge.
+
+Keine Antwort. Kein Laut. Totenstille.
+
+»Herr Portier! -- Herr Portier?«
+
+Der Portier, der dem alternden Moltke ähnlich sah -- natürlich nur eine
+flüchtige Ähnlichkeit und nur unter besonderer Beleuchtung, es war dem
+General ja nur so nebenher durch den Kopf gegangen -- der Portier
+schlief.
+
+Aber hartnäckig pochte der Fingernagel. Und nun wurde eine schneeweiße
+Visitenkarte durch das offene Fenster geschoben -- da erwachte der
+Portier.
+
+Er erwachte und hob sofort beschwörend die Hände, und auch, sonderbar
+genug, der kleine Herr mit dem zu tief sitzenden Zylinder hob sofort
+beschwörend die Hände.
+
+»Um, Gottes willen -- Sie -- wieder?«
+
+»Ich bitte um Verzeihung.«
+
+»Und heute dazu!«
+
+»Weshalb -- heute --?«
+
+»Exzellenz ist heute -- horchen Sie nur: das ganze Haus -- totenstill!
+Exzellenz sind heute schlecht gelaunt, mit einem Wort. Und Sie -- ich
+sagte Ihnen doch -- ach, ach!«
+
+»Gestatten Sie --«
+
+»Ach! Ach!«
+
+Das Aluminiumetui blinkte.
+
+»Nein, nein, danke. Sie bringen mich noch in Ungelegenheiten.«
+
+Plötzlich knallte es, als sei eine Bombe im Foyer explodiert. Aber es
+war nur der Zylinder des Herrn Herbst, der auf die Steinfliesen gefallen
+war, als er sich bemühte, den Kopf durch das Fenster zu stecken.
+
+»Ich bitte Sie -- ich fordere Sie hiermit ebenso höflich wie dringend
+auf --!« Geifer stand zwischen den Zähnen des alternden Moltke.
+
+»Sie mißverstehen mich --« Herr Herbst hatte den Zylinder wieder
+aufgesetzt.
+
+»Ich verstehe Sie recht wohl. Ungelegenheiten --« Das Fenster klappte
+zu.
+
+Wieder pickte der Fingernagel, hartnäckig.
+
+Der Portier setzte eine eisige Amtsmiene auf, öffnete das Fenster wieder
+und sagte in dienstlichem Tone: »Sie wünschen?«
+
+»Ich wollte nur fragen --«, stotterte Herr Herbst, den die Amtsmiene
+augenblicklich in Verwirrung brachte, -- »nur fragen -- es ist wichtig
+für mich, weil ich entschlossen bin --«
+
+»Entschlossen?« Ach, wie kalt die Stimme klang, ohne Teilnahme.
+
+»Ja, entschlossen.«
+
+»Bitte?«
+
+»Es liegt wohl keine Antwort für mich hier?«
+
+»Nein!« Das Fenster flog wütend zu.
+
+Herr Herbst lüftete den Zylinder, obwohl ihm der Portier die weißen
+Haarsträhnen zudrehte, und ging. Nach einer Weile kehrte er zurück und
+legte, ohne ein Wort zu sagen, eine Zigarre auf das Gesims des kleinen
+Fensters. --
+
+In der Tat, das häßliche rote Amtsgebäude mit seinen öden Korridoren lag
+heute noch stiller als sonst, totenstill.
+
+Schweigen, Flüstern, halblaut geführte Telephongespräche. Die Türen
+waren Samt. Die Ordonnanzen und Drillichkittel schlichen auf den
+Zehenspitzen über die Korridore, jemand nieste, und sofort fuhr ein Kopf
+drohend aus der Türe. Die Offiziere, die zusammengedrängt an ihren
+Schreibtischen arbeiteten, wagten nicht aufzublicken. Jeden Augenblick
+konnte das graue Steingesicht im Türrahmen erscheinen. Major Wolff
+paffte eine dicke Zigarre und vergrub den Kopf in die Akten. Es war
+Windstärke 12, ohne jede Übertreibung.
+
+»Hat er den Abschied bekommen, Weißbach?«
+
+»Meine Herren --!«
+
+»Oder die schöne Dora --?«
+
+»Ich bitte doch dringend!«
+
+Der Adjutant war vom Chef zurückgekommen und hatte nur beschwörend die
+Hand gehoben. »Windstärke 12.« Damit pflegte er einen bestimmten Zustand
+zu bezeichnen. Weiß Gott, wie er als Artillerist zu diesem Ausdruck kam.
+
+»Aber erklären Sie doch!«
+
+»Pst!« Zuweilen legte Weißbach lauschend das Ohr an die gepolsterte
+Doppeltüre.
+
+Ein lautes, herausforderndes Räuspern, das Räuspern eines Menschen, der
+keine Rücksichten zu nehmen braucht und auch keine Rücksichten nimmt,
+drang aus dem Saal, der von dem Ölgemälde Seiner Majestät bewohnt war.
+
+Plötzlich aber begann es in diesem Saal zu donnern, einmal, ein
+schwächeres Donnerrollen, zweimal -- wiederum Stille. Der Adjutant
+wechselte die Farbe. War jemand in das Zimmer des Generals gekommen?
+Unmöglich! An der gepolsterten Doppeltüre im Korridor hing das Schild
+»Vortrag«. Und daneben das Schild: »Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!«
+Ganz unmöglich. Aber trotzdem: es klang, als spräche er mit jemand --?
+
+ * * * * *
+
+Halt, Unglückseliger! Es war zu spät . . .
+
+An der gepolsterten Doppeltüre, die zum Korridor führte, knackte es
+plötzlich höchst eigentümlich, und der goldene Kneifer glitt von der
+Nase des Generals.
+
+Es geschah etwas geradezu Unfaßbares . . .
+
+Der General hatte, so alt er war, das heißt solange er einen höheren
+Rang bekleidete, so etwas nicht erlebt. Er hätte es, offen gesagt, für
+unmöglich gehalten.
+
+In der Doppeltüre erschien -- unter Umgehung des Schreibzimmers, der
+Anmeldung, unter Umgehung des Adjutanten, trotz der Aufschriften
+»Vortrag« und »Kein Zutritt! Anmeldung Zimmer 6!« -- erschien, ganz als
+ob es eine selbstverständliche Sache sei, hier einzutreten, ein
+gewöhnlicher Soldat! Wie von einer höllischen Versenkung emporgehoben,
+tauchte er plötzlich auf.
+
+Ein Drillichkittel, eine Ordonnanz mit einem großen gelben Brief in der
+Hand. Dieser Mann -- ein Schneider von Beruf, klein, etwas krummbeinig,
+namens Hanuschke, den man hierher kommandiert hatte, so wie man ihn im
+Laufe der Kriegsjahre an Dutzend Stellen kommandierte -- hatte sich
+einfach in der Türe getäuscht. Er wollte gar nicht nach Nummer 7, er
+wollte nach Nummer 6.
+
+Dieser Schneider Hanuschke hatte, um nur etwas zu nennen, bei der
+Lorettohöhe gekämpft, er war einer der wenigen, die noch in der
+berühmten Zuckerfabrik bei Souchez waren, von der seinerzeit soviel die
+Rede war. Bei Souchez hatte eine schwere französische Mörsergranate
+dicht neben ihm den Kompanieführer und drei Kameraden mit in die Höhe
+genommen, gewiß kein geringer Schreck -- er hatte sich am Roten-Turm-Paß
+und in Polen geschlagen, also manches erlebt -- nun aber stand er wie
+vom Schrecken gelähmt: Vor seinen Augen schwebte urplötzlich in einer
+lichtgesättigten, hellblauen Rauchwolke ein General. Im ersten Moment
+glaubte er sich einer überirdischen, verwirrend funkelnden Erscheinung
+gegenüber, die zwei weiße Stichflammen auf ihn richtete.
+
+Als alter Feldsoldat handelte Hanuschke augenblicklich. Er hatte ja auch
+gehandelt, als die schwere Mörsergranate bei Souchez dicht neben ihm
+einschlug. Wie der Blitz hatte er sich zu Boden geworfen und
+fortgerollt, mit solcher Eile, daß die herabkommenden Gliedmaßen ihn
+nicht mehr erreichten. Nur der Feldstecher seines Kompanieführers
+klatschte neben ihm in den Boden.
+
+Also handelte er auch hier.
+
+Automatisch und blitzschnell führte er alle die Akte der hohen Dressur
+aus, die man ihm beigebracht hatte. Soweit sein schwindendes Bewußtsein
+es zuließ, schätzte er die Schritte ab, und in der vorgeschriebenen
+Entfernung begann er sich vor der in einer Wolke schwebenden Erscheinung
+aufzubauen. Er schlug die Absätze seiner schweren Kommißstiefel
+zusammen, schwang die Ellbogen nach außen, führte die Hände an die
+Hosennaht und fing an, so klein und krummbeinig er auch war, zu wachsen.
+Seine Gelenke streckten sich, die krummen Beine bogen sich gerade, der
+Oberkörper hob sich aus den Hüften, der Brustkorb wölbte sich, der Kopf
+stieg zwischen den schmächtigen Schultern empor, und endlich erstarrte
+er, den Blick in die weißen Stichflammen gerichtet.
+
+Zweiundzwanzig Sturmangriffe hatte er mitgemacht, zweiundzwanzigmal war
+er mit dem Trillern der Pfeife dem Tod in den Rachen gesprungen -- aber
+er fühlte deutlich, daß er sich diesmal in eine geradezu schreckliche
+Gefahr begeben hatte.
+
+Die weißen Stichflammen sengten an ihm entlang.
+
+Der Schneider Hanuschke wuchs abermals.
+
+Seine viel zu weiten Hosen waren geflickt und hundertmal von Schmutz und
+Blut gereinigt, seine Halsbinde war unordentlich gebunden und fettig.
+Und dieser Drillichkittel! Aber in der armseligen, der Kleidung eines
+Zuchthäuslers ähnlichen Uniform, die man des Königs Rock nannte, stand
+der kleine Schneider wie eine Statue.
+
+Donner schlug an sein Ohr. Donner trieb ihn zurück zur Türe und wieder
+zurück zur Erscheinung. (Das war das Donnern, das der Adjutant Weißbach
+nebenan hörte.)
+
+Zweiundzwanzig Sturmangriffe -- lieber die französische Mörsergranate --
+meinetwegen . . .
+
+Wieder wuchs er. Seine Rippen drückten sich durch den dünnen
+Drillichkittel hindurch ab. Seine vorgestreckte aufgepumpte Brust bot
+sich irgendeinem unsichtbaren Messer dar. Alles, was die Schlachtfelder
+und Lazarette von ihm übriggelassen hatten, stellte er möglichst
+vorteilhaft zur Schau. Sein winzig kleines und unendliches Ich war
+konzentriert im Blick der ängstlichen Mausaugen, deren Pupillen der
+Schreck weitete. Kreidig grün war sein Gesicht, und zwischen den Augen
+glänzte violett eine fingerlange Narbe, die von einem Querschläger
+herrührte, der ihm in Rumänien die Stirn zerschmettert hatte.
+
+Abermals donnerte es, diesmal weniger drohend. Er war entlassen. Sein
+geflickter Hosenboden schaukelte durch die Doppeltüre. Auf dem Gang
+wischte er sich aufatmend mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, der
+plötzlich aus allen Poren hervorbrach. Genau so wie damals, als der
+Feldstecher des Kompanieführers neben ihm herunterkam.
+
+
+4
+
+Ohne Laut, fast ohne jede Bewegung, arbeitete der General, vergraben in
+den Berg von Akten, den man auf dem Schreibtisch aufgehäuft hatte.
+
+Die eisige Stille, die von ihm ausging, drang durch die Poren der Steine
+und Fasern der Türen, verbreitete sich durch Zimmer und Korridore und
+erfüllte zuletzt das ganze Gebäude.
+
+Mit rascher Hand warf der General Bemerkungen an den Rand der Akten, um
+sie hierauf in einen Korb zur rechten Hand zu legen. Der Berg der
+Schriftstücke zur Linken schmolz zusammen, auf der andern Seite wuchs er
+in die Höhe. Umfangreiche Schriftsätze maß der General mit einem
+rügenden Blick und warf sie -- je nach ihrem Umfang mit größerem oder
+kleinerem Schwung -- in einen besonderen Korb, der die Aufschrift trug:
+Wolff, Vortrag! Wolff, der Major, der Hüne, hatte Zeit für alles. Er war
+eines jener beklagenswerten bürgerlichen Arbeitstiere, wie sie in allen
+Ressorts saßen, die sich im Schweiße ihres Angesichts, ohne jede andere
+Empfehlung als die Qualifikation ihrer Vorgesetzten, in der Karriere
+vorwärtskämpften. Wolff arbeitete oft die ganze Nacht hindurch.
+
+Es schien dem General, als ob seine Hände, deren erdiges Aussehen ihn
+seit geraumer Zeit ängstigte, nunmehr lebhafter gefärbt seien. Offenbar,
+die Erregung vorhin hatte ihm gutgetan! Das Blut, das sich in seinem
+Kopfe gestaut hatte -- wie immer nach großen seelischen Erregungen --
+war durch die Adern gepreßt worden und hatte die Gefäße wohltuend
+erweitert. Eine gleichmäßige Hitze überzog seinen Körper, und die Hände
+schwitzten plötzlich etwas. Ein Symptom, daß die Krisis überwunden war.
+
+Bewegung fehlte ihm!
+
+Wenn er wenigstens hätte ausreiten können!
+
+Aber der Dienst -- und dann, welch jämmerliche Pferde hatten sie doch
+gegenwärtig in Berlin! Er würde sich schämen, sich auf solch einer
+Schindmähre sehen zu lassen. Wie wunderbar war es dagegen an der Front
+gewesen! Wenn er in der Morgenfrische, täglich zwei Stunden, spazieren
+ritt, begleitet von seinem Adjutanten. Und die Geschütze brummten nah
+und fern. Herrliche Morgen, unvergeßlich!
+
+Der Blick des Generals verlor sich in die Weite.
+
+Aber er sah nicht die Lindenallee, durch die er zu reiten pflegte, die
+Rauchsäulen, die aus den Erdwohnungen der Soldaten stiegen, die
+Kolonnen, die über den Hügel krochen, nein, er erblickte: Ruth! Ruth und
+den Frühstückstisch von heute morgen.
+
+»-- also gelöst?«
+
+»Ja, Papa«
+
+»Und er, Dietz -- also mit seinem Einverständnis? Hm -- so, so . . .« Er
+schlürfte den heißen Kaffee.
+
+»Hier ist sein Brief, Papa, lies ihn.«
+
+»Danke, wozu? Du bist ja kein Kind mehr und kannst schließlich tun und
+lassen, was du willst. Na -- schön!«
+
+Ruth küßte ihm die Hand. Weshalb eigentlich?
+
+Jakob kam in diesem Augenblick ins Zimmer -- wie peinlich! Er brachte
+geröstetes Brot, denn das Kriegsbrot war nachgerade nicht mehr zu
+genießen.
+
+»Soso, hm.« Aber weshalb küßte sie ihm die Hand? Es war völlig unnötig.
+Nichts haßte er ja mehr als irgendwelche Sentimentalitäten.
+
+So warm und bebend, Nachsicht erflehend, hatte er ihre Lippen auf seiner
+kalten Hand gefühlt -- er konnte ihr nicht zürnen in diesem Augenblick.
+Ruth hatte also das Verlöbnis mit Dietz gelöst. Eine glänzendere Zukunft
+hätte ihr niemand bieten können. Natürlich war es eine Überraschung für
+ihn, keine angenehme Überraschung, unnötig es zu sagen.
+
+Der Blick des Generals kehrte wieder zum Schreibtisch zurück. Eine
+Stunde verging, zwei Stunden. Ohne jede Unterbrechung arbeitete er. Nur
+ein einziges Mal legte er sich in den Sessel zurück: dieser Schriftsatz
+war mit Randbemerkungen von Allerhöchster Hand versehen -- frisch,
+lapidar, ganz im Geiste des Großen Friedrich. Behutsam, mit dem Ausdruck
+der Ehrerbietung legte er den Schriftsatz zur Seite.
+
+Lautlos ging die gepolsterte Doppeltüre, und lautlos, bis auf ein leises
+Singen der Sporen, trat Weißbach ein. Es war Zeit für die
+Unterschriften, genau ein Viertel vor ein Uhr.
+
+Noch immer diese leise, nicht mißzuverstehende Ziegelröte --
+
+Weißbach näherte sich dem großen, ehrfurchtgebietenden Schreibtisch im
+Bogen und zögernden Schritts, um nicht zu plötzlich die Netzhaut des
+hohen Chefs zu treffen. Er verbeugte sich leicht bei jeder Unterschrift
+des Generals, während er die Tinte mit dem Löscher trocknete.
+
+Dann erhob sich der General und ging zu seinem Mantel.
+
+Jeden Tag, seit Monaten, spielte sich bei dieser Gelegenheit, zweimal am
+Tage, vormittags und nachmittags, die gleiche Szene ab.
+
+Der Adjutant näherte sich dem General.
+
+»Herr General gestatten?«
+
+»Danke, es geht noch allein, Gott sei Dank.«
+
+Lächeln des Hauptmanns, Verbeugung, stärkeres Klirren der Sporen.
+
+Der General ist in den rechten Ärmel geschlüpft und gerade dabei, den
+linken Ärmel zu suchen. Rascher Sprung des Adjutanten.
+
+»Herr General gestatten doch?«
+
+Und nun gestattet der General. Der Adjutant streicht den Mantel zurecht.
+Und der General dankt mit einem Blick, gerade so lange, als seine hohe
+Stellung es zuläßt.
+
+Wenn der General in die Handschuhe schlüpft, so erteilt er gewöhnlich
+noch kleine Aufträge, wie sie ihm gerade in den Kopf kommen.
+
+»Es treibt sich hier eine Ordonnanz herum, ein kleiner Bursche mit einer
+Narbe zwischen den Augen. Ich lege keinen Wert auf ihn.« Schon schwoll
+die Stimme des Generals wieder drohend an.
+
+Weißbach erbleichte. Eine unzuverlässige Ordonnanz, das ging ihn an!
+Augenblicklich wollte er nachforschen --
+
+Behutsam schloß der Hauptmann die gepolsterte Flügeltüre hinter dem
+hohen Chef -- bis auf einen schmalen Spalt. Dann stand er noch eine
+Weile, leicht gebeugt, bereit zum Sprung, und lauschte, denn es war
+möglich, daß dem General draußen auf dem Korridor plötzlich noch ein
+Auftrag in den Sinn kam. Der Schritt seines Herrn hallte über den Gang,
+ferner und ferner. Nun erst schloß der Hauptmann mit einer leichten
+Verbeugung die Türe vollständig.
+
+»Donnerwetter!« flüsterte er aufatmend. Und was diese Ordonnanz mit der
+Narbe zwischen den Augen betraf, so wollte er sofort die Angelegenheit
+in Ordnung bringen. Hinaus mit diesem Burschen!
+
+Vierundzwanzig Stunden später war der Schneider Hanuschke schon wieder
+beim Regiment und achtundvierzig Stunden später schon wieder auf der
+Fahrt zur Front. Er hatte Pech, es ging gerade ein Transport hinaus. Von
+einem Kommando zurück zum Regiment geschickt zu werden -- etwas
+Schlimmeres konnte wahrhaftig nicht passieren.
+
+ * * * * *
+
+Selbst in der leise murmelnden Dämmerung von Stifters Diele fand der
+General sein seelisches Gleichgewicht nicht völlig zurück.
+
+Mockturtlesuppe, westfälischer Schinken in Weintunke, gebackene Flundern
+und Aprikosenpudding, eine der Spezialitäten des Hauses, das Menü schien
+ihm heute mäßig. Jede Erregung legte sich bei ihm auf den Magen,
+sonderbar. Eine rätselhafte Einrichtung ist der menschliche Organismus.
+
+Und diese Ignoranten von Ärzten sagten immer das gleiche . . .
+
+Ja, Bewegung, wenn der Dienst jede Minute bei Tag und bei Nacht in
+Anspruch nahm -- diese Ärzte sind Narren! Sie trinken sich, zum
+Beispiel, zu Tod, buchstäblich, und predigen: keinen Alkohol, Gift,
+hundertprozentiges Gift für den Organismus, für Sie besonders -- und
+trinken sich unter die Erde, ohne zu erröten.
+
+Und diese beiden Rittmeister gegenüber, heute in voller Gala, sie
+konnten ihm, ganz gelinde gesagt, es gab ja treffendere Ausdrücke,
+vollends den Appetit verderben.
+
+Zahlen, Lawinen von Zahlen, wälzten sich auf den General herab, dessen
+Erscheinung vor kurzem den Schneider Hanuschke so erschreckt hatte. Nur
+selten, ein- bis zweimal im Jahre, beschäftigte er sich eingehender mit
+Zahlen.
+
+Es war nur gut, daß er gestern an die pommersche Hypotheken- und
+Wechselbank um hundert Mille geschrieben hatte. Sie würden den Kredit
+gewiß anstandslos gewähren, und für einige Zeit würde es wohl wieder
+genügen.
+
+Alles kostete heutzutage Unsummen!
+
+Er hatte nur ein ganz verschwommenes Bild seiner Vermögenslage im Kopfe.
+Das Konto war ein Kaleidoskop, unaufhörlich wechselnd, verwirrend,
+unübersichtlich. Aber er fühlte, daß es bergab ging. Ja, bergab --
+
+Eines Tages, als sein hochverehrter Herr Vater, der als Oberst
+abgegangen war, auf Babenberg die Augen schloß, hatte er sich im Besitze
+von einigen Millionen und zwölftausend Morgen Land befunden. Aber einige
+Millionen, was war das, wenn das Kapital sich nicht automatisch
+vermehrt? Jeder Augenblick des Lebens verschlang Summen, Unsummen! Seine
+verstorbene Frau, er nahm es ihr nicht übel, im Gegenteil, diesen Zug
+liebte er an ihr, auch sie war kein, wie sagt man doch, wirtschaftliches
+Genie. Das Organ dafür fehlte ihr.
+
+Bergab -- nur gefühlsmäßig erfaßte er es. Babenberg war Fideikommiß,
+unantastbar -- Rothwasser, fünftausend Morgen, immerhin außerordentlich
+stark belastet.
+
+Und jeder Atemzug verschlang auf dieser Welt Summen, Unsummen! Es war
+letzten Endes ganz unerklärlich, wie die Menschen lebten. Der Haushalt
+hier -- Unsummen, Diners, Gesellschaften -- Unsummen, seine
+Privatangelegenheiten, die niemand etwas angingen -- Unsummen. Ein Paar
+bescheidene Ohrringe, zum Beispiel, ein paar Perlen in Platinfassung,
+die früher keine dreitausend Mark gekostet hatten, kosteten heute, sage
+und schreibe, fünfundzwanzigtausend Mark. Seine Bezüge während des
+Krieges, obgleich nicht unbeträchtlich, was waren sie schließlich? Ein
+Tropfen auf einem heißen Stein.
+
+Sein Kredit aber würde keineswegs gekräftigt werden, nun, weshalb sollte
+man nicht den Tatsachen ins Auge sehen, wenn man erst in Pommern erfuhr,
+daß diese Verlobung zurückgegangen war.
+
+Zahlen, Lawinen von Zahlen.
+
+Die Ziegelröte des breiten Gesichts steigerte sich allmählich zur tiefen
+Glut.
+
+»Eine kleine Schwarze oder eine lange Braune, Exzellenz?« raunte der
+Oberkellner und präsentierte die Zigarrenkisten.
+
+»Die Zigarren werden immer schlechter, mein Freund.«
+
+»Leider, Exzellenz. Es wird immer schwerer . . .«
+
+Er hatte die Heirat mit Dietz freudig begrüßt, natürlich, er hatte die
+Annäherung begünstigt, offen zugestanden -- schließlich war er ja der
+Vater -- und es kam ja auch einmal der Moment, da er die Augen schloß,
+und seine Kinder sehen mußten, wie sie allein vorwärtskamen. Wehmut
+erfüllte den General, als er sich in diesen Gedanken vertiefte. Einmal
+würde ja der Augenblick kommen, da er, den Helm in der Hand, vor seinen
+Herrgott treten mußte.
+
+Furchtbarer Augenblick, furchtbar der Gedanke, diese Welt der Tatsachen
+verlassen zu müssen -- ins Ungewisse hinein . . .
+
+Aber der Oberkellner rief ihn zur heitern Erde zurück. Er brachte die
+Liköre.
+
+Wieder umwölkte sich das tiefrote Gesicht Seiner Exzellenz. Es war eine
+Tatsache: während der Adel auf den Schlachtfeldern verblutete, Blut und
+Gut opferte, füllten sich zweifelhafte Elemente die Taschen. Und diese
+zweifelhaften Elemente kauften Land! Eine ganze Reihe bekannter Familien
+war schon gezwungen gewesen, uralten Familienbesitz abzustoßen. Was aber
+würde aus dem Adel werden, der seit Jahrhunderten Kraft aus der Scholle
+sog, wenn er erst einmal entwurzelt war?
+
+Trotz alledem -- es würde ja jedenfalls Babenberg bleiben, wenn es so
+weit kommen sollte, daß er Rothwasser verkaufen mußte.
+
+Aber, ganz abgesehen von materiellen Gesichtspunkten: Dietz war ja ein
+prachtvoller Mensch, eine stattliche Erscheinung, gebildet, von seltener
+Noblesse und Großzügigkeit -- unverständlich . . .
+
+Immer mehr wurde ihm Ruth zum Rätsel.
+
+
+5
+
+Den ganzen Nachmittag schon wanderte der kleine Herr Herbst in seinem
+Zylinder in der Tiergartenstraße auf und ab. Immer wieder zog er die
+Uhr, immer wieder klopfte er die Schmutzflecke mit dem Taschentuch von
+den Stiefeln.
+
+Es war eigentlich nicht mehr kalt. Die Luft des Tiergartens war von
+roten Sonnenkeilen getigert, es roch schon nach Frühling, und zuweilen
+hauchte es feucht und warm, aber Herr Herbst hüllte sich fest in den
+rostfarbenen Havelock.
+
+Er fror.
+
+In der verflossenen Nacht hatte er nicht geschlafen. Er hatte getrunken,
+in einer kleinen Spelunke, mit richtigen Spitzbuben, die
+Einbrecherwerkzeuge bei sich hatten -- richtigen Spitzbuben, seht an.
+Deshalb also fror er. Auch war dieser Zylinder kalt. Er schmiegte sich
+nicht wie sein anderer Hut dicht an den Schädel, es gab Spalten, durch
+die die Kälte wie durch Schornsteine an seinem geschorenen Schädel in
+die Höhe stieg.
+
+»Ja, so ist es, so ist es!« flüsterte Herr Herbst und träumte vor sich
+hin. »Er würde, zum Beispiel, meinen Gang haben. Er war mir ja so
+ähnlich! Er würde sogar die gleiche Art zu sprechen haben. Bei manchen
+Worten fällt es mit ja etwas schwer, wenn viele L und R zusammenkommen,
+zum Beispiel: Sell -- nun: Sellerie. Auch er hatte ja denselben kleinen
+Sprachfehler, schon in der Schule. Er würde mit einem Wort ganz wie ich
+sein. Wenn ich nun einmal unter der Erde liege, so würde er leben und
+gehen und sprechen -- und eigentlich wäre ich es! Eigentlich, bei
+rechtem Licht besehen, ja. Ich würde weiterleben, obschon ich tot bin.
+Auch er würde Kinder gehabt haben -- und so würde ich immer weiter
+leben.«
+
+»Aber so?«
+
+»Wie ist es so?«
+
+»Nichts, nichts. Gar nichts. Ich sterbe, man begräbt mich, und alles ist
+zu Ende. Wir sind tot, die ganze Familie ist von der Erde verschwunden.«
+
+Wie klar er heute zu denken vermochte! Seit langer Zeit fügten sich die
+Gedanken nicht so spielend aneinander. Ausgezeichnet war das! Herrlich!
+Es gab ja so viele Tage, da er nur stottern konnte, seine Gedanken sich
+fortwährend verwirrten, und das hätte einen schlechten Eindruck gemacht.
+
+Wieder befand er sich dem grauen Hause gegenüber. Jakob, der immer noch
+den Messingknopf der Haustüre polierte, machte ihm ein Zeichen. Also
+noch nicht! Jakob war ja eingeweiht, hatte zehn Zigarren erhalten -- und
+zehn weitere Zigarren sollte er bekommen -- danach!
+
+Ja, das also ist die Wahrheit: von der Erde verschwunden!
+
+Der Zylinder verlor sich in der Tiefe des Parkes. Schon war Herr Herbst
+wieder in seine alten Gedanken versunken.
+
+»Eigentlich, ja, wäre alles ganz genau, als ob ich noch lebte. Ich liege
+unter der Erde, und doch lebe ich weiter. Denn er ist eigentlich ich --
+oder ich eigentlich er -- --! So aber -- bin ich wie eine Pflanze, die
+man ausgerissen hat und auf den Weg warf. Und dann ist es zu Ende -- zu
+Ende für immer . . .«
+
+Herr Herbst blieb mitten auf dem Wege stehen. Er zitterte.
+
+»Ja -- trotz allem -- unfaßbar!«
+
+»Ich lebe, obschon ich alt bin, und er, jung, kaum neunzehn -- ist tot.
+Ich gehe hier -- und er, liegt unter der Erde. In unbekanntem Land,
+vielleicht nicht einmal eingesegnet, vielleicht nicht einmal ordentlich
+begraben. Ohne Ruhe --!«
+
+»Ohne Ruhe --«
+
+Plötzlich aber schrak Herr Herbst zusammen. Sein Herz blieb stehen.
+Voller Schrecken, voller Verwirrung schlug er die Hände vors Gesicht.
+
+Die Marspfeife der Limousine trillerte. Er kannte sie ganz genau.
+
+
+6
+
+Das Antlitz noch immer umwölkt, stieg der General aus dem Wagen. Noch
+immer war die Ziegelröte nicht völlig verflogen. --
+
+Auch dieser Brief -- er lag noch in demselben grüngebundenen Buch --
+auch dieser Brief gab keinen Aufschluß. Er bestärkte wohl gewisse
+Vermutungen, lüftete aber nicht den Schleier. Dieser Brief lautete:
+
+»Geliebte Ruth! Frevelhaft erscheint es, in dieser entsetzlichen
+Verfinsterung an das persönliche Glück zu denken. Immerhin, ich
+unterliege der Versuchung.
+
+Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit, Werk und Vermächtnis der
+Edelsten, Kühnsten, Reinsten aller Völker, der Seher und Weisen, es
+scheint in seinen Grundmauern erschüttert.
+
+Verzweiflung erfaßt uns, Dich, mich, alle, die wir an die Sendung der
+Menschen glauben.
+
+Unzahlen leichtfertiger Gedanken, anscheinend völlig belanglos, Unzahlen
+leichtfertiger Worte, unscheinbar, leichtfertiger Wünsche,
+leichtfertiger Handlungen, nebensächlich im einzelnen betrachtet -- sie
+haben diese entsetzliche Verfinsterung herbeigeführt.
+
+Ich glaube -- glaube unbedingt an einen Schatz des Guten auf Erden, die
+Summe aller guten Handlungen, guten Gedanken und guten Worte. Ich
+glaube, daß dieser Schatz, einzig wahrhafter Besitz der Menschheit, sich
+unaufhörlich mehren muß -- sollen nicht Verfinsterungen wie diese
+eintreten. Die letzten Generationen und vor allem jene Völker, die sich
+zivilisiert nennen, haben aber diesen Schatz nicht vermehrt. Sie haben
+ihn verschleudert, vermindert. Die Schale sank und -- wie immer, wenn
+sie sank -- kam die Katastrophe.
+
+Welch ein Irrtum: die Menschheit für den einzelnen!
+
+_Wahr ist: der einzelne für die Menschheit!_
+
+Jeder einzelne sei Mehrer jenes Schatzes des Guten, Gerechten und
+Schönen, oder er ist ein -- Dieb! Hüten wir uns, die Mörder der
+kommenden Generation zu werden, wie die vergangene unser Mörder wurde
+. . .«
+
+Hier brach der flüchtig mit Bleistift hingeworfene Brief ab. Seine
+Fortsetzung fand sich nicht im Buche. Keine Aufklärung also --
+
+In diesem Augenblick schrillte die Klingel der Haustüre.
+
+Der General erschrak. So heftig, daß er einen Stich in der Brust fühlte.
+Wenn er es auch als seine väterliche Pflicht erachtete -- es wäre ihm
+peinlich . . .
+
+Wieder schrillte die Klingel. Sie klang eigentümlich, hier in Ruths
+Zimmer -- wie ein Signal. Hastig legte er den Brief in das grüngebundene
+Buch zurück -- ein Werk Lassalles -- und rasch, scheu, als habe man ihn
+auf verbotenen Wegen ertappt, eilte er über den Gang.
+
+Es war indessen, Gott sei Dank, nur ein blinder Alarm.
+
+Jakob übergab eine Karte.
+
+»In dringender Angelegenheit. Herr General sind unterrichtet --«
+
+Ein völlig unbekannter Name -- Rentier. Unterrichtet? Wahrscheinlich der
+Hausverwalter; das Badezimmer sollte neu gerichtet werden.
+
+Immer noch etwas verwirrt, ließ der General bitten -- zu Jakobs maßlosem
+Erstaunen.
+
+ * * * * *
+
+Der General wartete, aber nichts regte sich. Schon in dieser Verzögerung
+witterte er etwas Ungewöhnliches. Jeder Mann von Erziehung mußte längst
+eingetreten sein. (Diese Verzögerung entstand dadurch, daß Herr Herbst
+sich im letzten Augenblick umständlich die Nase putzte.) Übrigens --
+hieß dieser Hausverwalter nicht anders?
+
+Plötzlich aber verdunkelte ein Schatten die Türe -- und im gleichen
+Moment erbleichte der General . . .
+
+Augenblicklich hatte er dieses Gesicht wiedererkannt!
+
+Jenes Gesicht, das an Doras Geburtstag durch die Scheibe des Foyers
+spähte -- nein, nicht jenes, sondern das andere, das er erblickt hatte,
+als er am Schreibtisch eingenickt war, als es so eigentümlich an die
+Scheiben pickte -- das Drohung und Kälte ausstrahlte . . .
+Augenblicklich erinnerte er sich an alles. Es war ja erst vor wenigen
+Tagen.
+
+Scheu und blaß stand das Gesicht in der Türe, und ganz langsam und
+zögernd kam es näher. Nicht Drohung, nicht Kälte -- Angst,
+Hilflosigkeit, Verwirrung.
+
+Das Blut kehrte in das Gesicht des Generals zurück. Die leichte Lähmung
+wich aus seinen Händen.
+
+Unsicher trat Herr Herbst in seinem verknüllten schwarzen Gehrock ins
+Zimmer, den Zylinder in der Hand. Er verbeugte sich tief, voller
+Ehrerbietung.
+
+In dieser Verbeugung verharrte er ungewöhnlich lange. Er erwartete
+irgendein Wort. Dann richtete er sich verlegen auf und blickte dem
+General mit seinen entzündeten tränenden Augen ins Gesicht, ohne irgend
+etwas zu sehen.
+
+Der General räusperte sich, und Herr Herbst beantwortete dieses Räuspern
+mit einer neuen, wenn auch weniger tiefen Verbeugung.
+
+»Bitte«, sagte der General, etwas unsicher und mürrisch und deutete auf
+einen Sessel. Rot funkelte die Sonne ins Zimmer.
+
+Herr Herbst nahm auf der Kante des Sessels Platz, hielt den Zylinder in
+der Hand und begann zu zittern . . .
+
+Ja, er zitterte. Seine Zähne schlugen aufeinander. Der Sessel schwankte,
+er fürchtete auf den Boden zu stürzen. Feuer blies aus der Wand.
+
+Rot wie ein Gebirge bei Sonnenuntergang leuchtete das breite Gesicht des
+Generals im Schein der sinkenden Sonne. Riesenhaft wie ein Gebirge
+erschien der General Herrn Herbst in diesen Sekunden schrecklichster
+Angst.
+
+Der -- »Blut-Hecht!« Wie? Ja, er -- so nannten ihn seine Soldaten
+. . .
+
+Erst jetzt, da es zu spät war, begriff er, was er gewagt hatte, _wem_ er
+sich gegenüber befand.
+
+Der . . .
+
+Was hätte er gegeben, alles, alles, wenn er nur wieder auf der Straße
+wäre.
+
+Der General schnitt behutsam die Spitze einer Zigarre mit dem
+Federmesser ab.
+
+»Ich bitte --?« sagte er leichthin, während er die Zigarre zwischen den
+Fingern rollte. »Was wünschen Sie?« Er hatte das Gleichgewicht völlig
+wiedergefunden.
+
+Sein Blick glitt flüchtig über das zitternde Häufchen Hilflosigkeit in
+dem abgetragenen schwarzen Rock. Ohne sich dessen bewußt zu werden,
+genoß er die Angst, die er seinem Besuche einflößte, denn kein Mensch,
+er sei denn von seltener Güte, kann einen andern zittern sehen, ohne
+sich augenblicklich erhoben zu fühlen. Oben und Unten, Herren und
+Knechte, nie hatte der General eine andere Gesellschaftsordnung auch nur
+in Gedanken erwogen. Es waren Gesetze, von Gott gegeben, die man
+hinnahm, ohne darüber weiter nachzudenken. Bis zum jüngsten Tage wird es
+Oben und Unten, Herren und Knechte geben. Andere als dieser hatten vor
+ihm gezittert -- Soldaten und Offiziere -- und sie hatten gezittert
+wenige Minuten, bevor sie in den Tod gingen.
+
+Herr Herbst bewegte die Lippen -- aber in diesem Augenblick zwitscherte
+ein Vogel irgendwo, und erschrocken wartete er.
+
+Wieder bewegte er die Lippen. Er mußte sprechen, Worte, irgendein Wort,
+es war höchste Zeit. Wie lange noch sollte dieser andere -- dieser hier
+-- schon sank die Sonne, dämmerte es im Zimmer -- nur dieses breite
+starre Gesicht leuchtete noch.
+
+Und plötzlich flüsterte er. Aber er erschrak bis ins Mark über die
+Worte, die von seinen Lippen kamen -- keineswegs die Worte, die er sich
+zurecht legte und einübte, in den Nächten, auf der Straße, wenn er so
+dahinging.
+
+Seine Lippen flüsterten, kaum vernehmbar:
+
+»_Geben Sie mir meinen Sohn wieder!_«
+
+Und schon hob er erschrocken die Hand, um die Worte zurückzuhalten.
+
+Aber der General konnte sie gar nicht gehört haben, kaum, daß sie bis in
+seine eigenen Ohren drangen.
+
+Das Gesicht des Generals wurde fahl und erdig. Die Sonne war fort. Starr
+stand er vor ihm, unerbittlich, schweigend, und die Augen forschten --
+kalt, ohne Erbarmen.
+
+Hastig bewegte er von neuem die Lippen. Aber obschon er diesmal eine
+bestimmte Redewendung, die mit »Bitte gehorsamst« begann, auf den Lippen
+formte, flüsterten seine Lippen, ganz gegen seinen Willen, die gleichen
+furchtbaren Worte wie vorher:
+
+»Geben Sie mir meinen Sohn wieder!«
+
+Diesmal schon etwas vernehmbarer.
+
+Er fuhr zusammen, erschauerte, suchte nach dem Taschentuch.
+
+Da erklang die Stimme des Generals. Ruhig und beherrscht -- mit jener
+doppelten Ruhe und Überlegenheit, die sich ganz von selbst bei allen
+Menschen von nicht seltener Güte einem zitternden Menschen gegenüber
+einstellt.
+
+»Sie haben mir neulich geschrieben?« sagte die ruhige und überlegene
+Stimme.
+
+»Bitte gehorsamst, Exzellenz!«
+
+»Sie haben mir geschrieben -- Ihr Sohn, wenn ich mich recht erinnere
+--?«
+
+»Mein Sohn Robert, Euer Exzellenz!« Prächtig ging es nun. Röte huschte
+über das bleiche, kleine Gesicht. Der Sessel hörte auf zu schwanken, die
+Gestalt des Generals nahm natürliche Maße an.
+
+»Er ist --?«
+
+»Gefallen. Am 5. August.«
+
+»Fünften, sagten Sie?«
+
+»Fünften, Euer Exzellenz. Beim Sturmangriff auf Quatre vents. Am vierten
+hatte bereits ein Jägerbataillon gestürmt, vergeblich, am fünften
+. . . da fiel er.«
+
+Der General ließ den Blick rügend auf Herrn Herbst ruhen. Dieses leicht
+kritische »vergeblich«, wahrscheinlich ohne besondere Absicht geäußert,
+mißfiel ihm.
+
+»Er fiel für Kaiser und Reich!« sagte er mit etwas salbungsvoller,
+tieftönender Stimme.
+
+Die kleinen entzündeten Augen blinkten. Herr Herbst leckte sich die
+schmalen Lippen, und ein paar gelbe Zahnstumpen wurden sichtbar. Einen
+Augenblick schien es, als ob sein Gesicht sich zu einer Grimasse von
+satanischem Hohn verzerren wolle.
+
+»Wie Tausende und Hunderttausende, wie Millionen --!« fuhr der General
+fort, und seine Stimme hob sich.
+
+Wieder verzerrte sich das kleine fahle Gesicht, dann aber zog er das
+Taschentuch heraus und preßte es an die Augen. Der Schmerz überfiel ihn.
+Er wimmerte leise.
+
+Plötzlich aber knallte es -- ganz wie heute vormittag im Foyer, als er
+mit dem Portier sprach -- der Zylinder war auf den Boden gefallen.
+
+»Bitte gehorsamst --« stammelte Herr Herbst erschrocken und hob den
+Zylinder auf. Schwindel ergriff ihn, als er sich wieder setzte und die
+Tränen abwischte. Das Zimmer drehte sich im Kreise, eine Faust preßte
+seinen Magen zusammen. Ah, wenn es ihm nun übel würde! Das wäre eine
+Sache! Er hatte ja die ganze Nacht hindurch getrunken, und plötzlich
+fühlte er die Betrunkenheit. Beschütze mich Gott! Mit Spitzbuben hatte
+er getrunken, richtigen Spitzbuben, die Werkzeuge in einem Brotbeutel
+bei sich führten -- in einer Kneipe, im Hof, die die ganze Nacht offen
+war. Wenn der General nun bemerkte --
+
+Aber der General war zum Schreibtisch gegangen und hatte ein Schubfach
+aufgezogen. Er drehte das Licht an.
+
+»Verstehen Sie Karten zu lesen -- Herr --?«
+
+»Herbst.«
+
+»Herr Herbst? Nun, ich hätte Ihnen sonst erklären können, was ich
+beabsichtigte. Wir haben am 4., 5. und 6. August gekämpft und die Höhe
+leider räumen müssen, weil man uns die Reserven versagte . . .«
+Versöhnlich klang plötzlich die Stimme des Generals. Auch er hatte ja
+einen Sohn im Kriege verloren. Auch er war ein Vater, der trauerte. Der
+Krieg hatte alle gesellschaftlichen Bande gelockert. Über manches mußte
+man in dieser Zeit hinwegsehen. »Hier ist die Höhe,« fügte er hinzu, »wo
+Ihr Sohn für die Größe und Ehre des Vaterlandes . . .«
+
+Taumelnd erhob sich Herr Herbst. Ja, der Rausch kam, ohne Zweifel.
+
+»Sie sind nicht von hier?«
+
+»Aus der Provinz, Euer Exzellenz!«
+
+»Beruf?«
+
+»Früher Lehrer an einem Gymnasium.«
+
+»Bitte, treten Sie ruhig näher.«
+
+Auf der großen und ausgezeichnet scharfen Photographie sah Herr Herbst
+zunächst nichts. Ein Meer, wie, was war das? Wellen, Wogen. Ein Ozean in
+Aufruhr! Dann aber unterschied er Baumstrunke, die kreuz und quer aus
+diesen furchterweckenden Wogenbergen hervorstanden, und einen schmalen
+Erdgang der mitten in die Wogenberge aus erstarrtem Schmutz hineinführte
+-- es war die Kuppe der Höhe selbst, von den Minen zerrissen.
+
+Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit pflegte der General diese erschreckend
+realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen.
+
+»Das also ist Quatre vents!« sagte er.
+
+Herr Herbst atmete schwer.
+
+
+7
+
+Die Geschichte wird entscheiden, dachte der General, wie immer, wenn er
+die Kämpfe um Quatre vents in seinem Geiste vorüberziehen ließ. Aber er
+täuschte sich. Die Geschichte wird nicht entscheiden, sie hat etwas
+Besseres zu tun. Die Geschichte wird diese Höhe ganz einfach vergessen.
+Die Höhe von Quatre vents war strategisch gänzlich belanglos. Drei
+Kilometer rückwärts lag eine zweite, viel stärkere Höhe, durch einen
+Flußlauf vor der Unterminierung geschützt. Die Lage von Quatre vents war
+sogar ungünstig. Sie konnte jederzeit abgeschnürt werden, wie es später
+auch geschah, sie lag offen vor den feindlichen Geschützen, und ihre
+Zugänge wurden vom feindlichen Feuer bestrichen. Der General aber hielt
+Quatre vents für einen Angelpunkt der Westfront.
+
+Sonderbarerweise aber, auch der französische General gegenüber, ein
+französischer Hecht-Babenberg, auch er hielt die Höhe für einen
+Angelpunkt der Westfront! Unaufhörlich schickte er seine Schwarzen vor.
+Tausende und Abertausende von dunkelhäutigen Kadavern verpesteten
+monatelang die Luft, bis die gütige Erde, die keinen Unterschied macht
+zwischen Schwarz und Weiß, sie in sich schluckte. Trotz ungeheurer
+Verluste sappte sich der Franzose eigensinnig heran, und endlich lag man
+sich an einzelnen Stellen kaum fünf Meter entfernt gegenüber. Ein
+Räuspern bedeutete den Tod. Nun erst begann der eigentliche Kampf um die
+Kuppe.
+
+Man unterminierte gegenseitig die Stellungen und sprengte die Gräben
+einfach in die Luft. Als der General eines Tages gerade badete, meldete
+man ihm, daß eine ganze Kompanie in die Luft geflogen sei. Furchtbarer
+Morgen! Zuweilen kämpfte man sogar mit Messern und Handgranaten in den
+finsteren Stollen unter der Erde.
+
+Wie die Rasenden bekämpften einander die beiden Generale, die fünfzehn
+bis zwanzig Kilometer hinter dem Teufelsberg, umgeben von
+Stabsoffizieren, Telephonapparaten, Ordonnanzen, Köchen und
+bombensicheren Unterständen in ihren Schlössern hausten.
+
+Frankreich erwartet, daß ihr die Trikolore auf der Höhe aufpflanzt!
+
+Die Höhe ist und bleibt in deutscher Hand! Nur über unsere Leichen,
+Kameraden . . . Ja, Kameraden pflegte der General seine Soldaten in
+derartigen Befehlen zu nennen. Von Zeit zu Zeit verteilte er mit
+feierlichen Ansprachen Eiserne Kreuze.
+
+Schließlich glaubten die Soldaten auf beiden Seiten tatsächlich, daß sie
+um den Angelpunkt der Westfront rangen.
+
+Auf diese Weise entstand der zwölfstöckige Friedhof von Quatre vents. --
+
+Herr Herbst keuchte. Seine entzündeten Augen füllten sich mit Tränen.
+Zuerst verschwand der kleine Erdgang, dann die Baumstrunke, dann die
+wilden erstarrten Schmutzwogen -- aber das schreckliche Bild hatte sich
+für immer in seine Seele eingegraben. Um ein Haar wäre eine Träne auf
+die kostbare Aufnahme, die der General sich einrahmen lassen wollte --
+er kam bis jetzt nur noch nicht dazu -- eine Träne getropft, aber der
+General hatte das Bild noch rechtzeitig fortgenommen.
+
+Hier also -- vielleicht war er durch diesen schmalen Erdgang geschritten
+--? War es möglich, daß er zwischen diesen fürchterlichen Erdwogen um
+sein Leben kämpfte? War es möglich, daß zwischen diesen Erdwogen, diesen
+schrecklichen, sein Todesschrei verhallte? Wie? Wie? Wie?
+
+War es möglich, daß ein Mensch geboren wurde, um hier zu enden?
+
+Herr Herbst zitterte vor Entsetzen. Allein das Bild dieser Höhe erfüllte
+ihn mit schrecklichem Grauen.
+
+Er taumelte und rang nach Luft.
+
+»Hier also --?« stammelte er.
+
+»Es waren sehr schwere Kämpfe!« sagte der General beruhigend.
+
+»Und -- sein Grab, hier --?« Die Augen Herbsts waren plötzlich starr und
+entgeistert auf den General gerichtet.
+
+»Wie beliebt?«
+
+»Aber -- vielleicht -- ist er gar nicht begraben worden?« schrie er mit
+schriller Stimme und rang verzweifelt die Hände. Ja, nun verstand er
+alles . . .
+
+Alles!
+
+Wie sollte ein Toter Ruhe finden zwischen diesen entsetzlichen
+Wogenbergen? Wie sollte --!
+
+Der General runzelte die Stirn. Aus purem Mitleid hatte er sich mit
+diesem alten Mann abgegeben. Nur um überhaupt ein Gesprächsthema zu
+schaffen, hatte er ihm die Photographie gezeigt. Die Stätte, wo sein
+Sohn gekämpft hatte, konnte wohl sein Interesse finden. So unerhört es
+war, daß ein ixbeliebiger Beamter aus der Provinz, ohne viele Umstände
+seine Karte bei ihm abgab, zu ungewöhnlicher Stunde, in einem geradezu
+skandalösen Anzug, hatte er doch den Umständen eine Konzession gemacht
+und Nachsicht geübt. Nun aber sah er sich veranlaßt, sich wegen seines
+allzu großen Entgegenkommens Vorwürfe zu machen.
+
+Der Gesichtsausdruck des kleinen alten Mannes erschreckte ihn. Es war ja
+nicht unmöglich, daß dieser merkwürdige, völlig unberechenbare alte Mann
+--
+
+Erschreckend ähnlich war sein Gesicht dem Traumgesicht geworden, das
+durch die Scheiben starrte, als es pickte . . .
+
+»Es waren außerordentlich schwere Kämpfe -- es ist natürlich gänzlich
+unmöglich für einen Laien, sich ein Bild zu machen. Zumal, da Sie ja die
+Verhältnisse an der Front nicht kennen.« Einen letzten Versuch machte
+der General, den kleinen alten Mann zu beruhigen.
+
+Verstört, entgeistert schwankte Herr Herbst auf seinen dünnen Beinen.
+
+»Sie haben also den Befehl gegeben? Und dann mußte er -- da hinauf --?«
+fragte er mit pfeifender Stimme.
+
+Betreten richtete sich der General auf. Drohung ging plötzlich von
+diesem verzerrten, kalkweißen Gesicht aus.
+
+»Was soll diese Frage?« rief er, und schon funkelten seine Augen. Seine
+Geduld war zu Ende. Genug mit diesem Burschen!
+
+Aber plötzlich funkelten auch die Augen des kleinen Herrn Herbst,
+schneeweiß glitzerten sie. Haß glitzerte aus ihnen, Haß, unergründlich.
+
+Er warf die Hände in die Luft, mit einer wilden, erschreckenden
+Bewegung, und schleuderte dem General ein fürchterliches Wort entgegen.
+
+»Mörder!«
+
+Der General wich zurück und erbleichte.
+
+Aber der kleine alte Mann schwang wieder die Hände, und abermals schrie
+er: »Mörder! Mörder!«
+
+Schon aber trat ihm der General mit breiter Brust entgegen. »Hinaus!«
+rief er. »Hinaus -- augenblicklich -- oder --!«
+
+Plötzlich, ganz unvermutet, war der kleine alte Mann in die Knie
+gesunken und hatte die Hand des Generals ergriffen, alles in einer
+Sekunde.
+
+»Verzeihung, Exzellenz!« stammelte er. »Verzeihung -- ich -- ich bin --«
+
+»Ich bin -- betrunken . . .«
+
+Ja, in dieser Sekunde fühlte er, daß er betrunken war. Sonst empfand er
+nichts mehr. Es war ihm klar, der Rausch war zum Durchbruch gekommen,
+plötzlich, der Alkohol, sein Teufel, hatte ihm ein Bein gestellt. Er
+wollte all das gar nicht sagen, wollte -- ja, was wollte er eigentlich
+-- aber er hatte nie und nimmer beabsichtigt, so etwas zu sagen. Wie
+konnte er, er machte Besuch --
+
+Der General aber begriff in diesem Augenblick etwas ganz anderes. Dieser
+alte Mann war vielleicht betrunken, möglich, aber er war etwas ganz
+anderes -- er war geistesgestört. Einen Geistesgestörten hatte er vor
+sich! Alles erklärte sich nun, der Brief, der ungewöhnliche Besuch, sein
+Gebaren. Ein bedauerlicher Geistesgestörter, das war dieser alte Mann.
+Es würde sich nunmehr darum handeln, ihn möglichst rasch und, ohne
+Aufsehen zu erregen, loszuwerden.
+
+»Sie sind erregt -- begreiflicherweise -- stehen Sie auf --« sagte er,
+um seinen unheimlichen Gast zu besänftigen.
+
+»Erst wenn Sie verzeihen«, rief Herr Herbst, während die Tränen aus
+seinen Augen sprangen.
+
+»Ich verzeihe Ihnen, natürlich --«
+
+Sofort erhob sich der alte Mann.
+
+»Es ist ja begreiflich, daß Sie erregt sind«, fuhr der General fort.
+»Wir haben alle in diesen Jahren Schreckliches erlebt. Aber ich muß
+jetzt bitten, ich habe dringend zu arbeiten . . .«
+
+»Bitte zu entschuldigen . . .«
+
+Anscheinend völlig beruhigt nahm Herr Herbst den Zylinder in die Hand.
+»Ich bitte zu entschuldigen, Euer Exzellenz -- die Störung.«
+
+Aber er blieb an der Türe stehen, hob das noch von Tränen glänzende
+Gesicht, und wieder nahmen seine entzündeten Augen einen eigentümlichen
+Ausdruck an. Wieder begannen sie zu glitzern.
+
+Jedenfalls -- -- er blieb stehen -- obschon ihn der General mit einer
+kleinen stummen Verbeugung entlassen hatte. Der Ausdruck seiner Augen
+war unerklärlich. Spott lag darin -- oder -- war es nicht Spott?
+
+Er wartete auf irgend etwas.
+
+ * * * * *
+
+Der General, der schon die Absicht ausdrückte, sich am Schreibtisch
+niederzulassen, wandte den Kopf. Offenbar, dieser Mann hatte noch etwas
+auf dem Herzen, und er würde nicht gehen, bevor er von dieser Last
+befreit war.
+
+Plötzlich erriet der General. Diese geheimnisvollen Andeutungen in
+seinem Brief! Diese anfangs völlig unverständliche Anspielung, die
+plötzlich einen gewissen Sinn zu bekommen schien. Es war ja sogar
+möglich, daß dieser Geisteskranke tatsächlich im Besitz eines
+Geheimnisses war.
+
+»Sie wollten mir --« begann der General erneut, etwas betreten, indem er
+sich voll gegen Herrn Herbst wandte -- »Sie schrieben seinerzeit etwas
+von meiner Tochter -- irgend etwas, ich erinnere mich nicht mehr --?«
+Der General stockte.
+
+»Das gnädige Fräulein --?« Es war der gleiche Ausdruck, den er in seinem
+Brief anwandte.
+
+Der General hatte richtig geraten. Herr Herbst hatte tatsächlich auf
+diese Frage gewartet -- aber nicht um sie zu beantworten!
+
+Der Ausdruck in seinen Augen, dieser Schimmer von Spott steigerte sich
+zum Hohn. Er legte den Kopf auf die Schulter, lächelte . . . höhnisch,
+triumphierend, wieder wurden die gelben Zahnstumpen sichtbar. Er fing
+sogar an, leise zu lachen.
+
+»Ich wüßte nicht, Exzellenz . . .«
+
+»Guten Abend!« sagte der General kurz. Und mit einer spöttischen
+Verbeugung verabschiedete sich Herr Herbst.
+
+Kaum hatte er das Haus verlassen, so fegte ein Donnerwetter durch die
+Diele.
+
+
+8
+
+Wie ein blutiges Nordlicht flammte die sinkende Sonne zwischen finsteren
+Wolken. Durch die Torbogen des Brandenburger Tors schleuderte sie rote
+Glutkegel, die die Linden überfunkelten. Häuser und Menschen brannten
+düster, und düster brannte das Schloß am Ende der Linden. In den
+Schaufenstern der Luxusgeschäfte flammten die Brillanten, Perlen,
+Diademe, Orchideen, goldenen Schalen und Prunkgefäße.
+
+In seinem weiten abgenutzten Soldatenmantel strich Ackermann, der
+Student, die Linden entlang, dicht an den Läden vorüber mit den
+Orchideen, Perlen und Prunkgefäßen. Er sah sie nicht.
+
+Sein Mund zuckte.
+
+Dies ist die Stunde, dachte er -- ja, dies ist die Stunde, da die
+Sterbenden noch einmal die Augen aufschlagen, um den hohen Himmel zu
+grüßen. Erinnerst du dich -- dieser Blick aus schlafschweren Augen? Dies
+ist die Stunde, da die Verwundeten gierig das scheidende Licht mit ihren
+fiebernden Augen trinken, denn einen Augenblick später kommt schon die
+Nacht mit ihren Ungewißheiten, dem Gewimmer, Stöhnen und Miauen im
+Krankensaal.
+
+Dies ist die Stunde, da die Gefangenen in all den hundert Lagern, von
+_Menschen_ errichtet, um _Menschen_ gefangenzuhalten, noch einmal an den
+Stacheldrähten entlangstreichen wie Tiere, bevor man sie in ihre Höhlen
+zurückjagt, da die Hände von Hunderttausenden von gefangenen
+Menschentieren sich verkrampfen um den kalten Draht. Ja, dies ist die
+Stunde des schrecklichen Sterbens -- in Flandern und Frankreich, in
+Italien, Mazedonien und der Türkei, überall in dieser ganzen verfluchten
+Welt.
+
+Dies ist die Stunde, da das Elend der ganzen Welt sich vertausendfacht
+-- da das Gespenst des menschlichen Elends sich riesengroß über der Erde
+erhebt . . .
+
+Ackermann watete durch die gespenstisch rote Lichtflut des sinkenden
+Gestirns. Blut, nicht Schein der Sonne, Blut, das von den
+Schlachtfeldern hereinströmt in diese Stadt und täglich steigt wie ein
+Meer. Er roch das Blut, er fühlte seine dampfende Wärme, genau wie
+damals in Flandern, als ihn dieser dicke Blutstrahl traf, der aus der
+Halsschlagader eines getroffenen Kameraden spritzte -- und dann, ja, als
+sein eigenes Blut über ihn strömte. Es rann über die Scheiben der
+Schaufenster, es quoll aus den Haustüren, überschwemmte die Straßen, das
+Schloß -- dort unten -- schon feuchteten sich die dicken Steinmauern --
+
+Blutige Gespenster stürzten an ihm vorbei. Schon wateten die Menschen in
+der roten Flut bis an die Brust, sie fühlten es nicht. Bald wird sie bis
+an ihre Lippen steigen. An ihren Wimpern hing das Blut, ihre Hände
+färbte es rot.
+
+Erst Lügner, dann Räuber, dann Mörder -- das sind die Völker Europas
+geworden! Dunkel rauscht die Menschheit dahin, ein Strom in der
+Finsternis, der nicht sein Ziel kennt . . .
+
+»Und du, Herr, über den Finsternissen?«
+
+»Weshalb zögerst du?«
+
+Verzweiflung zerbrach ihn, Qual und Schmerz zerrissen sein Herz. Sein
+Hirn blutete, sein Hirn zersprang.
+
+»Ja, weshalb?«
+
+Plötzlich tastete er nach der Hauswand. Deutlich hatte er gespürt, wie
+er zu sinken begann, wie der wirbelnde Blutstrom ihn mit sich forttrug
+. . .
+
+»Bringe Erlösung dieser Erde! Führe sie zurück auf deinen Weg!«
+
+»Wann wirst du das Signal geben?«
+
+»Sprich!«
+
+»Wer wird es rufen -- das erste Wort?«
+
+»Mut! Mut!«
+
+Plötzlich hob ihn der weite Mantel in die Höhe, und er schwebte dahin.
+Durch unendliche gleißende Helle brauste er, über blendende Ebenen,
+hingegeben einer unbekannten Wollust . . .
+
+Da faßte jemand seinen Arm und schüttelte ihn.
+
+»Sie werden doch nicht fallen?« sagte die Stimme eines Mannes.
+
+Nun saß er, noch etwas betäubt, auf einer Treppe, ganz in der Nähe des
+Schloßplatzes.
+
+Rasch kam er wieder zu sich. Seit seiner letzten Verwundung litt er an
+Schwindelanfällen. Zuweilen war er auch schon bewußtlos zu Boden
+gestürzt.
+
+Die Sonne verglühte und zog ihre Glutkegel zurück. Bleich und fahl trieb
+die Viktoria auf dem Brandenburger Tor ihr Triumphgespann vorwärts.
+Schon schob sich die schwarze drohende Finsternis herauf über die
+Riesenstadt, um sie zu vernichten. Die Nacht war nahe.
+
+Düster lag das Schloß, kalt, leblos. Tod und Nacht strömten von ihm aus,
+Kälte und Haß. Ringsum die Denkmäler, die finstern Reiter aus Erz mit
+ihren Marschallstäben standen wie Schatten.
+
+Wo immer sie ihre Hufe hinsetzen auf Erden, diese Rosse aus Erz mit
+ihren finstern Reitern, entweichen die freundlichen Geister!
+
+Aber auch sie werden dahinschmelzen im Blicke seines Zorns. --
+
+Ackermann erhob sich. Es wurde kalt. Die Schatten wurden dichter und
+krochen näher.
+
+Er überquerte den Schloßplatz, überschritt die Brücke und wanderte der
+finstern Vorstadt zu.
+
+1914 hatten sie gestürmt, bei Langemark, mit dem Liede: »Deutschland,
+Deutschland über alles.« Man hatte sie in die englischen
+Maschinengewehre gejagt. Wie viele waren zurückgekommen? Einer der
+wenigen war er. Wieviel war seitdem geschehen!
+
+Wie Hunderttausende war er zu den Fahnen geeilt -- wie Hunderttausende
+in dem Wahn, sein überfallenes Vaterland zu schützen.
+
+Wie Hunderttausende hatte er sich dem Tode entgegengestürzt, wie
+Hunderttausende hatte er gemordet. Wie Hunderttausende war er der
+Verzweiflung nahe gewesen und hatte er den Tod herbeigesehnt. Wie
+Hunderttausende der armen Teufel aller Nationen hatte er in dem Wahne
+gelebt, einer heiligen Sache zu dienen.
+
+Im Laufe der Zeit aber war er zur Erkenntnis gekommen, daß Deutschland
+nicht überfallen worden war, sondern eine Handvoll eitler Scharlatane
+den Krieg provozierte. Aber auch das war ja nicht richtig. Ein Jahr
+später hatte er sich zur Erkenntnis durchgerungen, daß alle Völker, die
+sich heute zerfleischten, gleichermaßen schuldig waren.
+
+Plötzlich, in einer Nacht im Bahnhofslazarett von Sedan -- er erinnerte
+sich noch deutlich dieser entsetzlichen Nacht voller Stöhnen und
+Gejammer -- sah er Europas wahres Gesicht! Es war das Haupt der Medusa!
+
+Bis ins Mark entsetzt, starrte er in diese furchtbare Maske -- Lüge,
+Lüge, Lüge! Jede Linie Lüge!
+
+Verbrechen, Habgierde, Heuchelei, Schamlosigkeit, das war Europa, nichts
+sonst. Die europäischen Großstaaten hatten das Raubritterwesen ins
+Gigantische gesteigert. Gestützt auf ihre Heere und Flotten plünderten
+sie die Erde, versklavten sie alle Völker des Erdballs, gelbe, braune,
+schwarze -- um sich endlich, argwöhnisch und gierig, gegenseitig selbst
+zu zerfleischen. Diese weiße Rasse war die verruchteste aller Rassen,
+die den Planeten bewohnte. Ganze Rassen hatten sie ausgerottet -- aber
+in ihren zoologischen Gärten pflegten sie seltene Gazellenarten. Mehr
+als das: sie versklavten die eigenen Völker! In Schulen, Kasernen,
+Kirchen, Fabriken erzogen sie den willigen Söldling! In Schulen,
+Kasernen, Kirchen, Fabriken vernichteten sie den europäischen Menschen,
+täglich, stündlich, seit Hunderten von Jahren.
+
+Ihre Priester standen auf den Kanzeln und predigten: Was nützte es dir,
+wenn du die ganze Welt gewännest und nähmest Schaden an deiner Seele?
+War es möglich? Ihr ganzes Tun ging ja darauf hinaus, die Welt zu
+gewinnen, und die Seele mochte zur Hölle fahren.
+
+Entsetzliche Verwirrung der Geister! Wer förderte sie? Wer zog Nutzen
+aus ihr? Die herrschenden und die besitzenden Klassen.
+
+Die Völker selbst, sie waren nur Verführte, verführt durch kunstvolle
+teuflische Systeme.
+
+1914, im Spätherbst -- deutlich erinnerte er sich dessen -- begannen die
+Fronten zu fraternisieren. Man kam zusammen -- plauderte, tauschte
+Kleinigkeiten, diese armseligen Kleinigkeiten des europäischen Sklaven
+-- ganz von selbst keimte in den Herzen der einfachen Soldaten die
+Kameradschaft und Liebe empor. Eine Versammlung einfacher Feldsoldaten
+hätte in drei Tagen Frieden geschlossen. Die Gewaltigen duldeten es --
+aber sobald Nachschub und Munition wieder gesichert waren, befahlen sie
+den europäischen Sklaven, sich wieder gegenseitig zu zerfleischen.
+
+Schwarzweißrot, blauweißrot, der Union Jack -- frech wehten die
+Standarten der Raubritter, und die weißen Sklaven beteten sie an.
+
+Dunkelheit -- Verfinsterung, kein Ausweg . . .
+
+Menschen zitterten vor Menschen. War es möglich? Ackermann hatte
+Gefangene gesehen, die auf den Knien um ihr Leben flehten -- wohin war
+es gekommen?
+
+Er verhüllte vor Scham sein Gesicht.
+
+Schreckliche Jahre, schreckliche Tage -- ein Tag fürchterlicher als der
+andere!
+
+Und kein Ausweg! Nein!
+
+Weiter rollt die Lawine, in Bewegung gesetzt von Gehirnen, die längst in
+der Erde modern. Weiter rollt sie, zerschmettert Länder, Städte,
+Generationen.
+
+Europa war ein eiterndes Geschwür, das die Erde vergiftete. Oft schien
+es Ackermann, als habe Gott sein Antlitz abgewandt: das einzige, was
+euch gebührt, vollzieht es: schlachtet euch gegenseitig. Haubitzen,
+Mörser, Gase, Fliegerbomben -- geht unter -- rasch, rasch, verschwindet
+. . .
+
+Da begann -- unerwartet -- aus dem Osten ein Licht zu strahlen . . .
+
+Seit den Somme-Schlachten war Ackermann nicht mehr für den Felddienst
+geeignet. Er hinkte und litt an Ohnmachtsanfällen. Er wurde in ein
+Gefangenenlager zur Bewachung von Menschen kommandiert. Hier schloß er
+Freundschaften mit Gefangenen, er versuchte seine Kameraden aufzuklären.
+Er wurde wegen »pazifistischer Umtriebe« angeklagt und entging mit
+knapper Not dem Gefängnis. Und zwar nur aus dem Grunde, weil die
+Gefängnisse zu dieser Zeit schon überfüllt waren. Man schob ihn
+kurzerhand zum Regiment ab, und das Regiment kommandierte ihn nach
+Berlin, wo man Schreiber und Ordonnanzen zu Tausenden in den unzähligen
+Kriegsämtern brauchte.
+
+Hier traf er in einer Speiseanstalt -- -- Ruth!
+
+Wie? Wer war es? Wo hatte er sie schon gesehen? Wann?
+
+Da erinnerte er sich: es war in einem Lazarett in Cambrai. Man hatte ihn
+abends dahin gebracht, und in der Nacht erwachte er -- zu seinem großen
+Erstaunen -- in einem Krankensaal. Er hatte an diesem Tage den Tod
+gesucht -- besser getötet zu werden als zu töten. Da hatte ihn eine
+Handgranate zu Boden geworfen.
+
+Da lag er nun in einem halbdunkeln Saal. Franzosen, Engländer, Kanadier,
+Farbige, hier waren sie nun alle vereint. Neben ihm saß ein Schwarzer im
+Bett, dem der Unterkiefer weggerissen war, und keuchte aus einem
+blutigen Watteklumpen. Stöhnen, Winseln, Fauchen, halblautes Lallen. Wie
+über alle Lazarette, war auch über diesen Saal jene unbegreifliche
+Ergebenheit gebreitet. Sie alle, die hier lagen, fühlten, daß es ihr
+Schicksal war, gegen das es keine Auflehnung gab. Die Schlacht war
+gekommen, weil es so sein mußte, sie waren verwundet worden, weil es so
+sein mußte, und sie würden sterben, wenn es beschlossen -- war.
+
+Auch über ihn war diese gleiche rätselhafte Ergebenheit gekommen, die
+jeder Verwundete kennt, der im Lazarett aufwachte.
+
+Da -- plötzlich -- sah er eine Gestalt, eine kleine Gestalt, eine
+Schwester. Sie stand mit dem Gesicht gegen die Wand, der Lichtschein
+streifte sie -- sie preßte das Taschentuch gegen das Gesicht, ihre
+Schultern bebten -- sie weinte. Lange beobachtete er sie. Sie weinte
+. . .
+
+Auch Ruth erkannte ihn wieder.
+
+Ruth sagte: »Sie schrien im Fieber immerzu -- füsiliert mich! Die
+einzige Ehrung, die Europa bieten kann, ist füsiliert zu werden!«
+
+»Sagte ich das?«
+
+»Ja, Sie sagten noch ganz andere Dinge. Sie sagten viele Dinge, die
+schon lange in mir schlummerten.«
+
+»Sie --?? Aber Sie sind doch die Tochter eines Generals?«
+
+»Ja! -- Was hat das zu sagen?«
+
+So wurden sie Freunde.
+
+
+9
+
+Seht, ein Mensch! Er steht gegen ein Haus gelehnt und weint!
+
+Plötzlich aber weicht das Haus zurück -- sollte man es für möglich
+halten -- ein vierstöckiges Haus weicht dem Druck eines schmalen
+Rückens? Es weicht zurück, und der Mensch stürzt der Länge nach zu
+Boden. Sein Zylinder rollt, rollt in unendliche Fernen.
+
+Schon kommen die Kinder. Ein Zylinder! Sie spielen Fußball damit.
+Welches Gelächter! Aber die Kinder, selbst sie, haben Mitleid, nicht mit
+dem kleinen alten Mann, sondern mit dem Zylinder.
+
+Ein Junge bringt ihn zurück. Der kleine alte Mann kramt in der Tasche,
+sucht einen Groschen -- aber plötzlich läuft er in einer
+unverständlichen Kurve über den Fahrdamm und rennt gegen das Pferd einer
+Droschke, das selbst Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Die
+Peitsche flitzt durch die Luft. Und die Kinder kreischen vor Vergnügen.
+
+Herr Herbst lag in seinem Bett und röchelte im Halbschlaf. Nacht,
+Finsternis, er hatte keine Lust zu erwachen. Wie lange war er unterwegs
+gewesen, wo hatte er getrunken, wie lange hatte er geschlafen? Er wußte
+es nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Nur schlafen. Schmach,
+Schmach, nichts als Schmach, sobald er erwachte.
+
+Stimmen raunten hinter der Wand, zischelten, flüsterten. Wie in jeder
+Nacht wanderte Hähnleins Schritt ruhelos hin und her. Wie lange werden
+sie es noch ertragen? dachte Herr Herbst in seinem Bett. Nicht mehr
+lange! Er lauschte auf die raunenden und zischelnden Stimmen, labte sich
+an dem fremden Elend, um nicht an seine eigene Verzweiflung denken zu
+müssen.
+
+Hähnlein rief Gott zum Zeugen an, daß dieses Leben selbst ein Hund nicht
+länger ertragen würde. Er hatte Dienst, Dienst, immer Dienst, seit drei
+Jahren, zweimal verwundet, und seine Frau nähte sich die Augen blind.
+Und seine Frau hustete nachts die ganze Wand voll Blut. Und während er
+Dienst machte, verhungerte seine Familie zu Hause. Seine Frau hatte auf
+Zeitungen entbunden, verlassen, hilflos, wie ein Tier in einem Winkel.
+Nicht einen Tropfen Milch, nicht einen Teller Suppe, nichts. War das
+Gerechtigkeit? War das möglich überhaupt? Ja, eine Milchkarte hatte sie
+gehabt, aber keine Milch, so war es! Und die Kinder, drei und vier Jahre
+alt, sie konnten noch nicht einmal gehen, die Knochen waren krumm
+gebogen, die Schädel ganz weich. Was für eine Welt war das? Aber die
+kleine Zinnkanne, die hatten sie abliefern müssen, sonst hätte man sie
+eingesperrt. Und die Kinder schliefen auf Papier und Lumpen. Wo war man?
+War man noch auf der Erde oder schon in der Hölle?
+
+Nein, nicht mehr lange!
+
+Hähnleins heisere Stimme glitt in die Ferne, tiefer röchelte Herr
+Herbst, gleichmäßiger, der Schlaf wollte wieder zurückkehren.
+
+Da sah er -- in verschwommenen Umrissen -- die entsetzlichen Wogenberge
+aus erstarrtem Schmutz wieder, mit den zersplitterten Baumstrunken und
+dem schmalen Laufgraben, der sich zwischen den Wogenbergen verlor.
+
+Er ächzte und drehte sich auf die andere Seite.
+
+Aber auch hier waren sie, diese entsetzlichen Wogenberge. Nur -- siehe
+da! -- sie waren nicht mehr starr, sie regten sich, bewegten sich.
+Erdschollen schoben sich in die Höhe -- Rücken, Arme, Hände, Beine
+wurden sichtbar -- in verschwommenen Umrissen -- was war das? Sieh nur
+schärfer hin, und du wirst es erkennen. Ja, es waren Menschen! Deutlich
+zu sehen, lehmbeschmierte Menschen, Soldaten, die von den Lehmbergen
+verschüttet waren und sich stumm und verzweifelt abmühten, sich aus der
+Erde zu wühlen.
+
+Er ächzte und setzte sich im Bett aufrecht. Da sah er Robert vor sich,
+und Robert trug einen solchen zerfetzten Lehmberg auf dem Rücken, und
+der Lehmberg preßte ihn zu Boden.
+
+»Ich ertrage es nicht mehr!« schrie in diesem Augenblick Hähnlein. »Um
+Christi willen!« wimmerte die Frau und hustete.
+
+Robert war verschwunden. Dunkelheit, Nacht, dort das Fenster, das Zimmer
+war leer.
+
+Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirne.
+
+»Schmach, nichts als Schmach . . .«
+
+Er kroch unter die Decke, und nun kam der tiefe Schlaf über ihn. -- --
+
+Spät an diesem Abend, es war nahe an Mitternacht, kehrte der General von
+Dora zurück. Er brummte gutgelaunt vor sich hin. Wie gewöhnlich hatte
+Doras Frohsinn ihn aufgeheitert. Auch der Spaziergang durch die Nacht
+hatte ihm gutgetan.
+
+Wie ein Bad wirkte die Heiterkeit dieser Frau auf ihn. Wie ein
+erfrischendes Bad! Wunderbar -- ihr Lachen -- nichts nimmt sie tragisch,
+eine Künstlernatur, eine Philosophin! Wir Männer dagegen . . .
+
+Ja, Dora, sie allein verstand es, das Leben zu nehmen, man konnte lernen
+von ihr -- obschon sie nur eine Frau war, ja --
+
+Kaum aber flammte das Licht in seinem Arbeitszimmer auf, so erinnerte er
+sich wieder an die peinliche Szene von heute nachmittag, und
+augenblicklich war seine gute Laune wieder verschwunden.
+
+Das höhnische Lächeln, der höhnische Blick des kleinen geistesgestörten
+Mannes schwebten noch irgendwo in der Luft des Zimmers. Ich weiß, sagte
+das höhnische Lächeln auf den dünnen Lippen, weiß, aber ich spreche
+nicht. Wie heute nachmittag legte sich das fahle kleine Gesicht zur
+Seite, das eine Auge wurde größer als das andere, das Lid zog sich in
+die Höhe, und dieses größere Auge blinkte von Spott und Hohn.
+
+Unruhe erfüllte den General.
+
+Nein, kein Zweifel, dieser kleine Geistesgestörte war im Besitze eines
+Geheimnisses, das Ruth betraf. Der Ausdruck seiner Augen war nicht
+mißzuverstehen. Vielleicht eines Geheimnisses, das Ruth, das die Familie
+kompromittierte? Unverständlich war ihm in diesem Augenblick seine
+Tochter, rätselhaft, fremder als der fremdeste Mensch, den er nie in
+seinem Leben gesehen.
+
+Morgen würde er mit Ruth ein ernstes Wort sprechen! Ihre Eigenwilligkeit
+verriet einen bedauerlichen Mangel an Pflichtgefühl ihrer Familie, dem
+Geschlechte der Hecht-Babenberg, gegenüber. Es gab schwerlich eine
+Verbindung, die das Ansehen der Familie mehr gehoben hätte,
+gesellschaftlich und materiell, als die Heirat mit Baron Dietz, der eine
+blendende Laufbahn vor sich hatte. War es nicht auffallend, der Krieg
+schien die Grundpfeiler des Gesellschaftsgebäudes zu erschüttern? --
+Allenthalben ähnliche Symptome -- Mißheiraten, Eheirrungen, Scheidungen
+-- der Oberst Schulendorf, zum Beispiel, kommt nach Hause und findet --
+Skandal! Bredows Sohn hat sich im geheimen trauen lassen, er fällt,
+plötzlich meldet sich die Witwe -- eine völlig unbekannte Person,
+frühere Schauspielerin, stellt Forderungen. Allein im Rheinsbergschen
+Familienverband zwei Scheidungen in kurzer Zeit.
+
+Ja, auffallend, Hunderte von Beispielen fielen ihm plötzlich ein --
+allein aus dem Kreise seiner Bekannten. Erschreckende Symptome der
+Zersetzung. War die Generation der Größe der Zeit nicht gewachsen?
+
+Keine Nachsicht mehr, nein, nein, morgen, sobald sich die Gelegenheit
+bietet, werde ich mit ihr sprechen.
+
+Und dieser alte Mann? Lassen wir ihm seine Freude. Nichts wird ja
+leichter sein, als Aufklärung zu erhalten, jede gewünschte Aufklärung.
+
+Schon einmal hatte er -- früher . . .
+
+Der General machte Toilette für die Nacht. Nachdenklich musterte er
+Hände und Gesicht, jede Falte.
+
+Mehr Bewegung -- und alles war in Ordnung!
+
+Schon schlief er.
+
+ * * * * *
+
+»Schwere Kämpfe! Außerordentlich schwere Kämpfe!« Mitten in der Nacht
+setzte sich Herr Herbst plötzlich im Bett auf und knarrte mit breiter,
+selbstgefälliger Stimme: Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe!
+
+Warte nur, du Hoffärtiger! Warte nur. Hüte dich -- ein alter Mann --
+aber hüte dich --!
+
+Dann sank er wieder in Nacht und Bewußtlosigkeit, zusammengerollt zu
+einem kleinen Kleiderbündel.
+
+Am Nachmittag schien die Sonne ins Zimmer, aber immer noch lag das
+kleine Kleiderbündel regungslos auf dem Bett. Erst gegen Abend fing es
+an, sich unruhig zu bewegen. Die Hände zerrten an der Decke, zogen sie
+dicht um den Körper. Der Schläfer fror. Kälte, schreckliche Kälte
+hauchte von dem Gebirge aus, das er erblickte. Ein Strom von Eis. Nacht,
+Winter, wie? Und er kniete vor dem Gebirge und erstarrte, während er die
+Hände ausstreckte. Nun schien es heller zu werden, es tagte, die Sonne
+schien aufzugehen. Das Gebirge begann allmählich zu erglühen, es glühte
+rot, nur Stein, zerrissen, verwittert.
+
+Plötzlich aber verschoben sich Felsen, Riesenblöcke zitterten -- das
+Steingebirge wandelte sich zu einem Gesicht.
+
+Der Schläfer erbebte. Deutlich fühlte er, daß er bald aus der
+Bewußtlosigkeit auftauchen würde. Nur noch eine Idee brauchte er höher
+zu tauchen, und schon würde er an die schwarze, schwere Schicht von
+Schmach stoßen, die auf ihm lastete. Zu spät! Sie sank herab zu ihm, die
+schwere Schicht von Schmach, berührte ihn, drückte ihn zu Boden.
+
+Da! Er war wach. Der barmherzige Rausch war verflogen. Und da war sie
+wieder . . .
+
+Betäubt saß er da. Es dunkelte schon.
+
+Schmach, nichts als Schmach!
+
+Er war gedemütigt worden, zertreten, zu Boden geworfen und mit den Füßen
+getreten. Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe -- Tausende,
+Hunderttausende -- -- ja, man hatte ihm einen Sessel angeboten, ihm ein
+Bild gezeigt -- trotzdem! Worin aber bestand die Schmach eigentlich,
+wie?
+
+Nein, nicht das war es, daß er gerufen hatte: Hinaus mit Ihnen, oder ich
+lasse Sie abführen.
+
+Das nicht, nein. Schlecht hatte er sich ja benommen.
+
+Trotzdem: zu Boden geworfen und mit Füßen getreten.
+
+Horch! Stimmen. Sie sind da, die jungen Leute -- bei ihm! Und da, da --
+hörst du? Laut und erregt schwirrten die kecken, jungen Stimmen nebenan.
+
+Aufrecht saß er im Bett und hielt den Atem an.
+
+Ja, auch sie war da!
+
+Hoffärtiger -- nichts als ein alter Mann -- vielleicht bereust du noch,
+wer weiß es? -- Und du -- Sanfte, Bleiche -- deine sanften Augen werden
+weinen müssen -- es muß sein --
+
+Plötzlich erstarrte er vor Entsetzen. Eine laute verzweifelte Stimme
+gellte durch das Haus. Hilfe! Hilfe! Es war Frau Hähnlein.
+
+Sofort schwiegen die schwirrenden Stimmen nebenan. Eine Türe schlug,
+Schritte eilten. Eine Faust pochte gegen Hähnleins Türe, und Ackermanns
+Stimme fragte: »Was gibt es?«
+
+»Nichts, nichts, Ackermann!« antwortete Hähnlein mit einem keuchenden,
+verlegenen Auflachen. »Meine Frau ist erschrocken. Sie dachte -- nichts,
+nichts --«
+
+
+
+
+Viertes Buch
+
+
+1
+
+Ali Baba und die vierzig Räuber!
+
+Endlich war Doras berühmter Abend gekommen. Dumpf lockte die Trommel --
+
+Mit einem kleinen Aufschrei wich Hedi zurück. Ein fetter Neger, mit dem
+Gesichtsausdruck eines Orang-Utans, schlug den Vorhang auseinander und
+fletschte ihr die Zähne entgegen: »Ali Baba heißt dich willkommen!«
+
+»Er tut dir doch nichts«, lachte Klara und schob Hedi vorwärts.
+
+Die mächtigen, nackten Arme und Beine des Negers funkelten. Hellrot
+waren seine wulstigen Lippen gemalt. Dora selbst hatte ihn hergerichtet.
+Ein zweiter Neger half aus den Mänteln. Er war jung und schlank, heller
+von Farbe, sein Gesicht drollig und hübsch. Auch er ging barfuß und trug
+nur ein kurzes, rot und gelb gestreiftes Röckchen.
+
+Hinter Vorhängen, irgendwo, schrillten Pfeifen.
+
+Wieder ertönte der Schrei einer Dame im Entree. Ein zottiger Bär schob
+sich an Hedi vorüber, und daraus schälte sich eine zierliche,
+halbnackte, nilgrüne Türkin. Gräfin Heller. Abendmäntel aus kostbaren
+alten Brokaten, antiken Samten, japanischen Stickereien, ehemaligen
+Kirchengewändern -- und Fabelwesen entstiegen ihnen: Prinzessinnen,
+Haremsdamen, Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, mit goldenen, roten,
+grünen Schuhen, Schuhen mit langen Silberschnäbeln und blitzenden
+Steinen. Wohlgerüche und der Duft gepflegter Frauenkörper gingen von
+ihnen aus.
+
+Hedi zitterte vor Erregung. In fieberhafter Hast verhüllte sie das
+Gesicht mit dem Schleier, wie Doras Vorschrift es verlangte. Doppelt
+begierig blitzten nun ihre Augen.
+
+Hedi war ganz in durchsichtige Silberschleier gehüllt. Ihre jungen
+Brüste lagen nahezu völlig frei. Zwischen dem silbernen Jäckchen und den
+faltigen Pluderhosen aber war sozusagen gar nichts. Ein Hauch von Tüll.
+Das war Hedis höchsteigene Erfindung.
+
+Wegen dieses etwas kühnen Kostüms war es heute nachmittag -- schon am
+Nachmittag begannen die Damen mit der Toilette -- zwischen den beiden
+Schwestern nahezu zu Tätlichkeiten gekommen.
+
+Plötzlich erklärte Klara rund heraus, daß sie _so_ nicht mit Hedi gehe!
+Wie?
+
+»Ja, so! Du bist ja völlig nackt! Es ist skandalös einfach!«
+
+Wie? Ein Kostüm, das das Taschengeld eines halben Jahres verschlang!
+Hedi war tödlich verletzt.
+
+»Das ist ja gerade das Orientalische«, schrie sie aufgebracht. »Was
+versteht ein Kind von solchen Dingen? Und du -- was soll das werden, du
+meine Güte?«
+
+Ein sehr einfaches Kostüm aus hellgrauer Seide hatte Klara sich
+zurechtgemacht. Dazu sollte noch ein schwarzes Spitzentuch kommen, das
+ihr Gesicht bis zu den Augen verbarg.
+
+»Ich bin eine türkische Witwe!«
+
+»Eine Witwe?«
+
+»Ja!«
+
+»Du bist lächerlich, Klara, und wirst auch mich noch lächerlich machen!
+Zum ersten Male höre ich, daß man als Witwe auf einen Ball geht.«
+
+»Aber ich gehe so!«
+
+»Blamiere dich ruhig!« Empörend war Hedis Lachen.
+
+»Dann gehe ich überhaupt nicht, ich habe sowieso nicht die geringste
+Lust!« schrie Klara und begann sich wieder auszukleiden. Sie warf die
+Schuhe wütend unter das Bett.
+
+Hedi erbleichte. »Nun gut, mein Liebling. Papa wird außer sich sein,
+wenn er dich nicht dort findet. Ich werde ihm aber dann die Geschichte
+erzählen, die du mit dem kleinen Fliegerleutnant hast, warte nur!«
+
+Sie hatte Klara ins Herz getroffen. »Und du?« schrie Klara und funkelte
+die Schwester mit drohenden Augen an.
+
+»Und ich? Was soll mit mir sein?«
+
+»Sage nur ein Wort, und ich werde es Papa erzählen. Ich weiß mehr, als
+du glaubst.«
+
+»Was weißt du, nichts weißt du.«
+
+»Nun, ich werde Papa erzählen, daß du einen Brillantring bekommen hast.
+Woher hast du diesen Brillantring? Und weshalb gehst du immer in den
+Kaiserhof?«
+
+Jetzt war die Reihe an Hedi, außer sich zu sein.
+
+»Das ist doch unerhört!« schrie sie rasend. »Du weißt so gut wie ich,
+daß man mir den Ring anonym mit der Post geschickt hat. Ich schwöre --«
+
+Hier also wäre es nahezu zwischen den Schwestern zu Tätlichkeiten
+gekommen.
+
+Nun aber waren sie doch hier. Dumpf lockte die Trommel, und Hedis Herz
+pochte.
+
+Unaufhörlich stürzte Petersen mit dem Schirm die Treppe hinab. Es
+regnete etwas.
+
+Droschke um Droschke klapperte die stockfinstere Lessingallee herauf zur
+roten Backsteinvilla. Dazwischen kam auch ein Gespenst von einem Auto,
+das auf eisernen Rädern wie ein Tank rasselte und die ganze Straße mit
+Qualm und Gestank erfüllte.
+
+Schließlich, etwas spät am Abend, rauschte auch eine elegante feldgraue
+Limousine heran, mit wunderbaren Lampen, die alle Villen der
+Lessingallee magisch beleuchteten. Und -- viel später noch -- fuhr eine
+zweite Limousine vor, ein schwarzlackiertes Auto mit einem Chauffeur in
+Livree, das gänzlich lautlos dahinglitt und selbst die Limousine des
+Generals weit in den Schatten stellte.
+
+»Ali Baba heißt dich willkommen!«
+
+Der General prallte zurück. Seit seiner Kindheit hatte ihn niemand mehr
+geduzt. Und nie in seinem Leben hatte ein Schwarzer es gewagt, ihn
+anzusprechen.
+
+Drollige Einfälle hatte diese Dora!
+
+
+2
+
+Hedis Herz pochte vor wilder Erregung.
+
+»Die Liebe, meine süßeste Prinzessin --.«
+
+Dumpfe Trommeln und schrille Pfeifen. Rote, grüne, gelbe Riesenlampen,
+Zelte, Diwane. Die Musiker trugen scharlachrote Turbane und
+grünspanfarbene Gesichtslarven mit langen Fransen. Sie hockten auf einem
+Diwan in der Ecke.
+
+Schon jetzt herrschte in Ali Babas Räuberhöhle Gedränge.
+
+Ein sonderbares Holzinstrument dudelte, und aus einem bronzenen Dreifuß
+stieg eine betäubende Wolke von Wohlgerüchen empor. Die beiden
+halbnackten Schwarzen kredenzten Erfrischungen.
+
+»Die Liebe, meine Prinzessin -- so banal es klingt, ist eine
+Bauernfängerei der Natur, eine Illusion zweier Narren --«
+
+»Ah!«
+
+»Genau wie die Ehe eine Bauernfängerei der Gesellschaft ist, eine
+Illusion einer Masse von Narren.«
+
+»Also du glaubst nicht an die Liebe?«
+
+»Nein, nein, ich glaube nur . . .«
+
+»Nun?«
+
+»Darf ich es dir ins Ohr sagen?«
+
+Diese geistvolle Unterhaltung führten Hedi, die Prinzessin in Silber,
+und ein wild aussehender Räuber mit vermummtem Gesicht, in
+billardgrünem, durchlöchertem Burnus. Sie kauerten dicht nebeneinander
+mit angezogenen Beinen auf einem Diwan. Die Prinzessin näherte nun dem
+Räuber ihr Ohr, sprang aber sofort auf, als der Räuber ihr sein
+Glaubensbekenntnis ins Ohr flüsterte.
+
+»Pfui, wie häßlich!«
+
+»Auch du nicht stark genug für die Wahrheit?« Enttäuscht schüttelte sich
+das vermummte Gesicht.
+
+Da verbeugte sich ein zerlumpter Bettelmönch vor Hedi und hielt ihr eine
+Schale hin, eine ausgehöhlte Kokosnußschale, die er an einer dünnen
+Kette am Handgelenk trug. Der Bettelmönch war völlig in Tuchlappen von
+einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb eingehüllt, wie
+eine Mumie. Sogar die Arme. Er trug einen orangeroten Turban, mit dicken
+grünen Schnüren umwickelt. Seine Augen blendeten.
+
+»Wer bist du?« fragte Hedi und warf eine Zigarette in die Schale. Ihr
+Herz stockte.
+
+Der Bettelmönch hob die Schale zur Stirn und verneigte sich. Wieder
+blendeten seine Augen.
+
+»Wer ist es?«
+
+»Ich kenne ihn nicht. Gottlob sind alle Gesichter vermummt. Welch eine
+herrliche Idee! Um wieviel gewänne dadurch das Leben!«
+
+Hedi blickte in die kleinen, raschen Augen des Räubers, blitzende
+Pechtropfen. Wer war es, der sich an ihre Fersen heftete und sie nicht
+mehr losließ? Seine Keckheit gefiel ihr, auch der Unsinn, den er sagte.
+Ein großer Diamant gelblichen Feuers sprühte an seiner kurzfingrigen,
+gepflegten Hand.
+
+Schon jetzt glühte Hedi am ganzen Körper. Ja, heute, heute, in dieser
+Nacht, mußte es geschehen, in dieser Nacht mußte es sein! Was mußte
+geschehen, was mußte sein? Das wußte sie selbst nicht.
+
+Betörend dudelte das sonderbare Holzinstrument in Hedis kleines Ohr.
+
+ * * * * *
+
+»Halt, einen Augenblick, Verehrtester!«
+
+Professor Salomon zwängte sich blitzschnell zwischen zwei nackten Rücken
+hindurch, einem heißen, rosafarbenen, mit großen Poren, und einem
+kühlen, glatten, kantiggeschnittenen, elfenbeingelben, mit verwirrenden,
+rabenschwarzen Kräuselhärchen im Nacken, blitzschnell und vorsichtig, um
+seinen Frack nicht mit Puder einzufetten. Der Professor war trotz Doras
+Verbot im Frack. Er fand es entwürdigend, sich mit bunten Lappen zu
+behängen. Aber er trug die Rosette des Eisernen Kreuzes im Knopfloch.
+
+Soeben hatte er einen Bekannten erspäht, der sich gerade das Auge mit
+dem Taschentuchzipfel auswischte. Die Feder eines Kopfputzes war ihm ins
+Auge gefahren. Es war ein ganz besonderer Glücksfall, denn der Bekannte
+war ein gewaltiger Schürzenjäger, so aber war er gezwungen
+stillzuhalten.
+
+Das fette Kürbisgesicht des Professors strahlte. Es muß leider gesagt
+werden, daß der Schädel des Professors einem halbausgewachsenen, etwas
+gelblichen Kürbis mit großen, abstehenden Ohren glich. Professor
+Salomon, Gründungsmitglied des Vereins zur raschen Zerschmetterung der
+englischen Welttyrannei, Vorstand des Bundes Barbarossa, vorher fast
+unbekannt, hatte es während des Krieges zu einer Art von Berühmtheit
+gebracht. In diesem Kürbisschädel waren die wirtschaftlichen Gutachten
+entstanden, die die Marine als Unterlage für den unbeschränkten
+U-Boot-Krieg benötigte. Professor Salomon hatte seine Aufgabe zur
+vollsten Zufriedenheit der Admiralität gelöst. Nunmehr bekleidete er
+einen einflußreichen Posten im Auswärtigen Amt.
+
+»Wichtige Neuigkeiten«, rief der glänzende Kürbis. »Die Wissenschaft
+triumphiert -- trotz aller Zweifel unserer Anglomanen.«
+
+Der mit Diamanten übersäte Perser, in Ali Babas Gefangenschaft geraten,
+schielte ihn hilflos mit seinem tränenden Auge an. Er war ihm vollkommen
+ausgeliefert.
+
+»Wir haben Meldungen, daß in ganz Schottland schon kein Pfund Mehl mehr
+aufzutreiben ist, und in Südwales gab es eine Hungerrevolte«, zischelte
+der Kürbis.
+
+»So?« Der impertinente Ton wandelte den gelblichen Teint des Kürbis
+augenblicklich in tiefes Scharlachrot.
+
+»Und Sie haben immer gezweifelt, gerade Sie waren immer derjenige! Auf
+Grund genauester wissenschaftlicher Unterlagen, völlig einwandfreier
+Statistiken --«
+
+Der Perser wischte sich die Tränen von den Wangen. »Ich pfeife auf
+Statistiken, mein Lieber. Das Konversationslexikon genügt mir. Völlig
+abgesehen davon --«
+
+»Völlig abgesehen?«
+
+Der Professor verfolgte den fliehenden Perser.
+
+»Völlig abgesehen davon --«
+
+»Hören Sie --« Der Professor versuchte den fliehenden Bekannten
+festzuhalten. »Die Engländer haben kein Grubenholz mehr. Die englischen
+Bergwerke versacken -- Sie entfliehen --?«
+
+Der Perser stürzte sich verzweifelt mitten in den Malstrom der Tänzer.
+
+»Ah, ah, so sind sie, so sind sie alle«, murmelte verzweifelt der
+Kürbis.
+
+Schon hatte er einen neuen Bekannten erspäht. Aber gerade, als er sich
+ihm nähern wollte, geriet er in einen Wirbel von Foxtrottänzern.
+
+In demütiger Haltung, sich ohne Aufhören verbeugend, ging der zerlumpte
+Bettelmönch von Raum zu Raum und rasselte mit der Schale. Seine Brust
+keuchte erregt, und seine Augen blinkten in jedes Frauengesicht.
+
+Wer bist du?
+
+Er ging weiter. Seine Augen drangen hinter die Schleier, glitten über
+Hände, Ohren, Hüften, Füße.
+
+Wer bist du?
+
+Plötzlich zuckte er zusammen. Eine Hüfte -- nichts als das Wiegen einer
+Hüfte beim Tanze . . . Ohne jede Rücksicht stürzte er sich zwischen die
+Tänzer. Laut rasselte er mit der Schale vor einer etwas üppigen
+Haremsdame, die wie ein Kolibri in allen Farben schillerte.
+
+Die Haremsdame blieb -- unwillkürlich -- stehen und sah ihm in die
+Augen.
+
+»Wer bist du?«
+
+Aber stumm verbeugte sich der Bettelmönch. Bis zur Erde. Seine breite
+Brust wogte unter den Lumpen.
+
+Die Haremsdame lachte -- nur Dora konnte eine derartige Fontäne von
+Gelächter hervorsprudeln.
+
+»Du bist wohl stumm?«
+
+Der Bettelmönch nickte. Aber so oft Dora vorüberkam, verbeugte er sich
+und rasselte mit der Schale, seine blinkenden Augen folgten ihr überall
+hin.
+
+Schon war es ihm gelungen, Doras Neugierde zu wecken.
+
+
+3
+
+Über dem Dunst des Räucherwerks, den wirbelnden Turbanen, Federn und
+Schleiern, auf der kleinen Empore, gerade über den Musikanten mit ihren
+grünspanfarbenen Gesichtsmasken, bewegte sich plötzlich ein massiger,
+breiter Schatten, der sich düster über die Decke reckte. Dann schrumpfte
+der Schatten zusammen, und über der Brüstung erschien ein breites,
+erdfarbenes, glanzloses Gesicht und blickte herab. Alle Blicke wandten
+sich nach oben. Der General war gekommen.
+
+Der Räuber im durchlöcherten, billardgrünen Burnus deutete mit dem
+vermummten Gesicht zur Empore und raunte Hedi eine Bemerkung ins Ohr,
+die bei seiner Dame unbändige Heiterkeit auslöste. Sie fand ihren
+Kavalier schnurrig über alle Maßen. Und so etwas Keckes und
+Unverschämtes hatte sie überhaupt noch nicht erlebt!
+
+»Fort, fort, er sieht her! Wie herrlich du doch lachen kannst!«
+
+In der Tat, das erdfarbene Gesicht auf der Empore hatte die Brauen
+hochgezogen.
+
+Der Räuber hielt die linke Hand mit dem gelblichen Brillanten wie zum
+Schwure in die Höhe, seine Rechte berührte Hedis Schulterblatt, schon
+tanzten sie. Obschon er sie kaum berührte, hielt er sie fest wie ein
+Schraubstock, unentrinnbar. Und bei gewissen Figuren zog er sie
+unvermittelt dicht an sich -- wie nur Räuber es vermögen.
+
+Unterdessen irrte Klara mutterseelenallein und tief unglücklich in der
+labyrinthischen, farbenlohenden Höhle Ali Babas umher. Jeder Schlag der
+dumpfen Trommel traf ihr Herz, die Pfeifen schrillten Verzweiflung.
+Sobald aber das sonderbare Holzinstrument zu dudeln anfing, hielt sie
+sich die Ohren zu und entfloh in die fernsten Winkel. Aber überall waren
+diese verrückten Vermummten, in den entlegensten Winkeln. Aus allen
+Ecken und Dunkelheiten winkten weiße Arme und Hände, blendeten heiße
+Augen. In einem rotglühenden niedern Raum -- Ali Babas Opiumhöhle --
+kauerten sie in Scharen auf dem Teppich. Das Herz der kleinen türkischen
+Witwe pochte gegen den Brief, den sie im Mieder trug -- heute morgen war
+er gekommen.
+
+Plötzlich sah sie aus einer Nische ein Paar Augen auf sich gerichtet,
+unendlich sanfte Augen voller Trauer, und sie versank angezogen in ihre
+Betrachtung. Sie hob die Hände, auch die Erscheinung in der Nische hob
+die Hände. Sie berührte Glas.
+
+»Du bist es -- Klara?« fragte sie, und die Erscheinung stellte die
+gleiche Frage.
+
+Da aber griff plötzlich eine gespenstische, grüne Hand nach dem
+Spiegelbild, und sie schrak zusammen. Doch niemand war da. Eine
+Heiligenfigur, die ein Buch schwang, stand dem Spiegel gegenüber, und
+durch den wehenden Vorhang war ein Lichtstrahl auf die grüne Hand des
+Heiligen gefallen.
+
+Wunderbar . . . Heinz hatte oben in der Luft ihr Gesicht im Äther
+dahinfliegen sehen. Es flog neben ihm her, genau so schnell wie die
+»Schwalbe«. So hieß seine Maschine.
+
+Der Brief brannte auf ihrem Herzen.
+
+»Wir sind ja jung! Vor uns liegt das Leben, vor uns liegt die Zukunft.
+Ich liebe dich, du Teuerster!«
+
+Und der Brief glühte.
+
+Schon taumelte sie wieder erschrocken zurück. Durch die Luft kam
+kopfüber ein Mensch geflogen, ein Mensch, merkwürdigerweise in Uniform,
+mit staubgrauem Gesicht und fiebrisch glänzenden Augen. »Feuerwalze,
+Feuerwalze!« schrie erschrocken ein Chor von Stimmen. »Er hat sich das
+Genick gebrochen!«
+
+Die fiebrischen Augen wandten sich der kleinen, grauen Witwe zu. »Du
+weinst ja --« sagte der Uniformierte verwundert, und schon zuckte eine
+Hand nach ihr.
+
+Aber schon floh Klara. Zwischen Vermummten hindurch, eine kleine Treppe
+hinauf. Plötzlich hielt sie inne: in einem Sessel saß der General. Auch
+für ihn gab es weder Tanz noch Musik. Zusammengesunken saß er, den Blick
+in sich zurückgezogen.
+
+Düster brannten seine Augen.
+
+Er hatte sich früher auf Festen gelangweilt, heute bedrückten sie ihn.
+Musik weckte Melancholien, fröhliches Gelächter Trauer. Er war ja nur
+hierhergekommen, um Dora nicht zu kränken -- und um womöglich einige
+Worte mit einer hochstehenden Persönlichkeit zu wechseln, die ihr
+Erscheinen zugesagt hatte. Voller Verachtung blickte er auf diese Narren
+herab, die sich in bunte Lappen hüllten. Die Frauen begriff er noch zur
+Not -- es war ihre Natur -- aber die Männer --? Während das Brüllen der
+Kanonen eine neue Epoche der Geschichte verkündete?
+
+Durch eine schmale Tapetentür schlüpfte Klara ins Treppenhaus. Hier,
+zwischen alten Truhen und Schränken, atmete sie auf. Fern klangen
+Trommeln und Pfeifen. Plötzlich lächelte sie wieder.
+
+Glücklicher war sie ja, als alle! Als alle!
+
+Und plötzlich tanzte die kleine graue Witwe mit stillen, kleinen
+Schritten, für sich allein, zwischen den alten Truhen und Schränken. Sie
+hatte noch nicht das Meer gesehen und noch nicht das Hochgebirge.
+Zierlich hob sie die Füßchen: all das würde sie sehen -- mit ihm!
+Venedig und Paris, London und eine Stadt in Indien -- zierlich wiegte
+sie die Hüfte -- alles mit dir, mein Geliebter . . .
+
+ * * * * *
+
+»Weißbach? Sind Sie es, Weißbach? Retten Sie mich!« rief Hauptmann Falk
+und wischte sich den Schweiß vom grauen Gesicht. »Helfen Sie mir -- Sie
+sehen mich in einem schrecklichen Zustand!«
+
+Weißbach lachte.
+
+»Ich bin behext, ein Weib hat mich total behext. Da -- da -- da -- das
+ist sie! Sehen Sie diese Schwefelgelbe. Diese Hüfte -- grundgütiger
+Himmel!«
+
+»Aber, das ist ja Dora!« rief Weißbach aus.
+
+»Dora? Wer ist Dora?«
+
+»Das wissen Sie nicht? Die Baronin Dönhoff selbst!«
+
+»Ah, ah -- gut, einerlei, wer es ist. Jedenfalls, sie sehen mich in der
+fürchterlichsten Aufregung. Dieses --Weib hat mich vollkommen verrückt
+gemacht. Sie kam zu mir und blinzelte mich an und berührte nur ein wenig
+meinen Arm, aber ich sage Ihnen -- ein Strom! Jedenfalls -- es muß etwas
+geschehen, und es wird etwas geschehen.«
+
+»Halt, halt -- Feuerwalze! Einen Augenblick! Nehmen Sie sich etwas in
+acht.«
+
+»In acht, vor wem, vor ihr?«
+
+»Nein, vor ihm.«
+
+»Vor ihm? Er ist doch im Felde? In der Champagne!«
+
+»Nein, er ist keineswegs im Felde. Er ist hier.«
+
+»Hier? Hier --?«
+
+Weißbach flüsterte Falk etwas ins Ohr -- und Falk taumelte vor
+Verblüffung zurück.
+
+»Wie sagen Sie --?«
+
+»Pst!«
+
+»Unmöglich!«
+
+»Nun, Sie werden schweigen!«
+
+»Ah, ah -- aber hören Sie?«
+
+»Sie sprechen nicht darüber? Ihr Wort!«
+
+»Ich spreche nicht darüber. Nein, was Sie sagen? -- Ich dachte, ich
+hörte -- eine Königliche Hoheit?«
+
+»Das war ja früher. Vor der Heirat.«
+
+»Ah, ah! Ich verstehe! -- Aber hier kommt sie wieder! Sehen Sie doch,
+diese Hüfte, diese Bewegung! Leben Sie wohl, Weißbach --«
+
+»Vorsicht!«
+
+Schon tauchte Falk zwischen den Vermummten unter. --
+
+Der junge, schlanke Neger, der nur ein kurzes, rotgelbes Röckchen
+anhatte, glitt mit Erfrischungen in das Zelt. Wohlgefällig folgten die
+Augen der Prinzessinnen, Haremsdamen und Odalisken dem hübschen Sklaven.
+
+Hedi kühlte das fiebernde Gesicht, der süßliche Duft des Räucherwerks
+betäubte sie. Ihre Wangen glühten durch den Schleier, ihre Augen
+blinkten wie geschmolzenes Blei. Sie fühlte, wie eine Schweißperle über
+ihre Hüfte rann, gerade wo der dünne Schleier sie bedeckte. Dieser
+rinnende Schweißtropfen war wie eine wollüstige Berührung.
+
+Da hörte sie zu ihrem Erstaunen Klaras Stimme.
+
+Ihr Kavalier, ein steifer Beduine, in einer Kadettenschule erzogen,
+sagte mit gelangweilter, selbstgefälliger Stimme: »In sechs, acht Reihen
+griffen die Russen an, und wir warteten, bis sie ganz nahe heran waren,
+dann erst eröffneten wir das Feuer.«
+
+»Wie schrecklich!« rief Klara aus.
+
+»Fünfmal griffen die Russen auf diese Weise an, immer in dichten Haufen,
+und wir schossen sie zusammen. Sie schrien und stöhnten vor unseren
+Verhauen. In der Nacht aber sank die Temperatur plötzlich auf minus 10
+Grad, da wurden sie still.«
+
+»Oh, wie entsetzlich!« Und Klaras Stimme verklang.
+
+»Also kein Freund von Generalen?« fragte Hedi. Hier in dem kleinen,
+leeren Zeltzimmer war es Gott sei Dank etwas kühler.
+
+»Nein.« Der billardgrüne Räuber lachte, ein freches Räuberlachen. »Das
+kann ich wirklich nicht sagen! Mit ihren Federbüschen, Ordenssternen und
+Ritterschwertern wirken sie lächerlich auf mich, wie Gespenster aus dem
+Mittelalter. Leider aber sind sie alles andere denn komisch. Ich
+behaupte sogar, solange es Generale gibt, wird es Kriege geben.«
+
+»Solange es Kriege gibt, meinst du --?«
+
+»Keineswegs. Ich meine, was ich sagte. Solange man Leute zu dem einzigen
+Berufe anstellt, Kriege vorzubereiten und zu führen, solange werden
+Kriege unausbleiblich sein.« Der Räuber ringelte sich behaglich auf dem
+Diwan zusammen und sog mit einem Strohhalm Eiswasser aus dem Glase. Er
+schwatzte gern, tat gerne geistreich, Hedi hatte das längst
+herausgefunden. Aber er gefiel ihr, und selbst sein Geschwätz über alle
+möglichen Dinge hörte sie nicht ungern. Es wäre gänzlich falsch,
+anzunehmen, daß Hedi nur für Flirt, Tanz und fünfzigpferdige,
+dahinrasende Automobile Sinn hatte. Sie hatte auch Sinn für Gespräche --
+nur für Langeweile hatte sie nicht die geringste Verwendung.
+
+»Ja, unbedingt!« fuhr der Räuber eifrig fort. »Während die Welt nichts
+Arges denkt, sitzen überall diese Generale und denken darüber nach, wie
+sie ihre Kanonen verbessern könnten. Oh nein, sie verbessern sie nicht
+selbst! Man kann in der ganzen Geschichte nachforschen, nie haben diese
+Generale etwas erfunden, dafür haben sie ihre Spezialisten. Aber sobald
+sie nun glauben, die besseren Geschütze zu haben, wird ihre Sprache
+schon etwas kühner. Sie sammeln die große internationale Gemeinde der
+Kanonenanbeter um sich, bestechen die Presse, stürzen Minister, die
+nicht an ihre Kanonen glauben -- und schon ist das Unglück fertig. Nun
+aber treten die Generale, die sich bisher im Hintergrund hielten, zum
+großen Erstaunen der Mitwelt plötzlich in den Vordergrund. Keine Macht
+der Welt ist von diesem Augenblick an mehr imstande --«
+
+»Ich höre, du bist nicht Soldat?«
+
+Wieder strich die kleine graue Witwe mit ihrem Kavalier an dem Diwan
+vorüber. Der steife Beduine sagte: »-- stehe also auf der Sturmleiter,
+die Uhr in der Hand. Mit der Sekunde springe ich aus dem Graben.«
+
+»Was für ein entsetzlicher Augenblick muß das sein«, sagte Klara.
+
+»Alles ist Gewohnheit. Der Mensch gewöhnt sich an alles, mein gnädiges
+Fräulein.«
+
+Die glänzenden Pechaugen des Räubers lachten aus dem vermummten Gesicht.
+»Soldat? Auch ich war Soldat«, erwiderte er.
+
+»War?«
+
+»Ja. Jetzt bin ich es nicht mehr. Ich bin tot.«
+
+Hedi brach in lautes Gelächter aus.
+
+»Ja, ich bin tot, meine schöne Maske,« fuhr der Räuber fort, »ich bin
+gestorben im Lazarett zu Warschau. Meine Bestattung kostete mich tausend
+Mark. Der Feldwebel hat mich aus der Stammrolle des Regiments
+gestrichen, ich existiere nicht mehr. Neben meinem Namen steht:
+Gestorben am Typhus --«
+
+Nein, wie Hedi doch lachen konnte!
+
+»Wie herrlich -- wie wunderbar!« Sie konnte sich gar nicht beruhigen.
+
+»Welch wunderbarer Einfall. Er ist tot! Wer bist du eigentlich? Kenne
+ich dich?«
+
+»Wir sahen uns zuweilen im Kaiserhof.«
+
+Ah! Daß er sie solange täuschen konnte? Es war Ströbel.
+
+
+4
+
+Plötzlich erhob sich der General. Seine Hände griffen nach dem Geländer
+der niedrigen Balustrade. Hatte nicht eben die Empore geschwankt wie bei
+einem Erdbeben? Die Musik versank, der Ballsaal war leer, brodelndes
+Nichts. --
+
+Ein unerklärliches Gefühl der Verlassenheit schnürte ihm die Brust
+zusammen. Eine fremde Welt, unverständlich! Aber plötzlich trieb ihn ein
+Verlangen, sich unter diese fremden, unverständlichen Menschen zu
+mischen, die sich in bunte Lappen hüllten und lachten. Ein paar Worte,
+Dora, ein paar Worte mit ihr sprechen!
+
+Vorsichtig und tastend stieg er die wurmstichige Rokokotreppe hinab, die
+unter dem Gewicht seines schweren Körpers krachte. Nunmehr war es ja
+auch sehr unwahrscheinlich geworden, daß jene hochgestellte
+Persönlichkeit, mit der er gerne ein paar Worte gewechselt hätte, das
+Fest noch mit ihrem Besuche beehren würde. Der General bedauerte es
+aufrichtig. Jene hochgestellte Persönlichkeit war niemand anderes, als
+der Bruder der Gräfin Heller, dessen Name man nur ehrfürchtig zu
+flüstern wagte. Der General hatte die Gelegenheit begrüßt, in den
+Gesichtskreis einer Persönlichkeit treten zu können, die das Ohr des
+Allerhöchsten Herrn hatte und über Schicksale entschied. Denn, nunmehr
+war es offenbar: man hatte ihn vergessen, vollkommen vergessen.
+
+Am Fuße der Treppe stand der General still. Der Blick seiner hellen,
+grauen Augen glitt über den Saal. Das breite, erdfarbene Gesicht zuckte
+bei der Bemühung, die Starrheit der Miene zu lösen. Es mißlang. Diese
+sorglosen, heiteren Menschen vermochten keine Teilnahme in seiner Brust
+zu wecken, kaum daß Doras Lächeln, das ihn traf, so oft sie
+vorbeitanzte, eine flüchtige Wärme in seinem Herzen anfachte.
+
+Nein, fremd, unverständlich!
+
+Er begab sich in das Speisezimmer, trank ein Glas Sekt und zerkaute
+gelangweilt ein belegtes Brötchen.
+
+Der Erfrischungsraum war fast völlig leer. Ein Vermummter lehrte mit
+feierlichem Ernst einer Verschleierten einige schwierige Tangoschritte.
+Andächtig schob sich am Büfett ein befrackter Rücken entlang, von
+Schüssel zu Schüssel.
+
+Dieser andächtige, befrackte Rücken war der Geheime Rat Westphal, den
+der Anblick der aufgestapelten Herrlichkeiten völlig hypnotisiert hatte.
+All die Kriegsjahre hindurch hatte er sämtliche Vorschriften und
+Gesetze, die die Ernährung betrafen, peinlich genau befolgt. Schon wurde
+es ihm beschwerlich, eine Treppe zu steigen, sein Gedächtnis schwand, er
+schlief vor Schwäche die Hälfte der Zeit in seinem Bureau im Auswärtigen
+Amt, schlief, schlief, aber befolgte die Vorschriften, denn schließlich
+gehörte er ja zur Regierung, die sie erließ. Und hier, war es möglich,
+hier gab es ganze Schinken, man denke sich! Es gab hier ganze Puten,
+ganze Gänse, man denke! Es gab hier ellenlange Braten, man denke! Das
+Fett troff von den Schüsseln, es gab hier Sardinen, woher denn, beim
+allmächtigen Gott, sogar Früchte, obgleich sie beschlagnahmt waren. Es
+gab hier Torten und Kuchen wie in einer Konditorei vor dem Kriege. Es
+gab hier Butter, und es gab sechs verschiedene Sorten von Käse. Der
+Geheime Rat hatte sich der Wollust des Kauens hingegeben. Er kaute, er
+nahm hier ein Stückchen Lachs, dort einen Putenschenkel, dann ein
+Stückchen gesülztes Fleisch, dann wiederum ein Schnittchen rohen
+Schinken. Auch ein Scheibchen Gänsebraten, von der Brust, eine
+Pfaffenschnitte dazu, so! Seit zwei Jahren hatte er nicht mehr
+ordentlich gegessen. Er knabberte ein Radieschen, und, wie gesagt, die
+ganze Reihe der Käse und der Kuchen lag noch vor ihm. Andächtig schob er
+sich an den langen Tischen entlang, den Blick durch die Brille
+gleichzeitig auf alle Herrlichkeiten gerichtet.
+
+Plötzlich aber blitzten in seinen Gläsern Ordensauszeichnungen,
+Stickereien, das Rot des Generalstabes funkelte. Er prallte zurück.
+
+»Herr General«, sagte er, sich verbeugend, und balancierte den Teller
+geschickt auf der Hand.
+
+Der General machte eine kühle Bewegung mit dem Kopfe und knarrte irgend
+etwas in der Kehle. Nichts haßte er mehr als Aufdringlichkeit.
+
+»Geheimer Rat Westphal. Ich hatte bereits die Ehre, Herr General.«
+
+Eine kleine Pause der Verlegenheit entstand, die immer eintrat, wenn
+Vertreter der hohen Generalität und Angehörige des Auswärtigen Amtes
+sich begegneten.
+
+Der General hatte einen unüberwindlichen Argwohn allen Beamten des
+Auswärtigen Amts gegenüber, und der Geheime Rat seinerseits gebrauchte
+allen Militärs gegenüber -- äußerste Vorsicht! Er hatte Angst vor ihnen,
+er fürchtete sie, offengestanden.
+
+»Ich bin allerdings etwas mager geworden«, sagte der Geheime Rat mit
+nachsichtigem Lächeln und schob den Finger zwischen Kragen und Hals.
+»Ich trug vor dem Kriege Kragen 42, aber nun könnte ich 38 tragen.«
+
+»Es geht uns allen nicht besser«, antwortete der General. »Wie
+beurteilen Sie diese Sache?« Und der General langte nach einem
+Lachsbrötchen.
+
+Der Geheime Rat griff nervös nach dem dünnen Chinesenbart.
+
+»Ich bin,« begann er, »ich bin hoffnungsvoll. Es ist natürlich schwer zu
+sagen, aber ich halte die Lage, jetzt in Anbetracht der militärischen
+Situation für, ich möchte sagen, ganz vorzüglich, obgleich zu bedenken
+ist -- England --«
+
+»Wie, bitte?« Der General beugte sein knorpeliges, rotes Ohr mit den
+kleinen Haarpinseln zu dem Chinesenbart herab.
+
+Der Geheime Rat knackte verwirrt mit den Fingern und wich etwas zurück.
+»Ich spreche natürlich nur meine Private Ansicht aus. Ich kenne
+keineswegs -- ich weiß keineswegs, wie der Minister die Situation
+beurteilt. Ich habe den Minister seit einem Jahre nicht gesprochen.«
+
+»Sie sprechen von der politischen Lage?«
+
+»Ich meinte, Herrn General so verstanden zu haben.«
+
+»Ich meinte nur, wie Sie diese Sache heute abend finden.«
+
+»Oh -- Verzeihung! Ich finde, es ist wie ein Delikatessenladen vor dem
+Kriege, genau so, eine Art, möchte man sagen, Schlaraffenland, ha ha
+ha!«
+
+»Après nous le déluge!« sagte in diesem Augenblick ein heftig
+schwitzender Beduine zu einer zierlichen Schleierfee.
+
+Rügend wandte sich das Auge des Generals auf den Beduinen. Gerade dieser
+Geist war es, der am Mark des Volkes zehrte. Mit einer Art von
+Bewunderung mußte er in diesem Moment an den französischen
+Ministerpräsidenten denken, der all diese Schwätzer und Kleinmütigen
+ohne viel Umstände -- an die Wand stellte!
+
+Wo aber war hier, hier in Deutschland das hypnotische Auge, das diese
+Hypnose des Schreckens, die unter allen Umständen nötig war, auf das
+Volk ausübte? Wo hier --?
+
+In diesem Moment verbeugte sich ein Befrackter vor dem General, als
+wolle er ihn zum Tanz engagieren. Es war indessen nur Petersen, der
+meldete, daß Seine Exzellenz gekommen waren.
+
+Eine flüchtige Röte huschte über das erdfarbene Gesicht.
+
+Schon hatte der hohe Würdenträger den Saal betreten. Am Arme Doras
+trippelte er dahin, ein greisenhaftes, zerstreutes Gewohnheitslächeln
+auf dem langgezogenen, völlig glatten Wachsgesicht, das wächserne
+schmale Ohr aufmerksam gegen Doras gemalte Lippen geneigt. Ein
+Ordensstern blitzte auf seinem Frackhemd.
+
+Augenblicklich dämpfte sich der Lärm des Festes.
+
+»Wer ist es?«
+
+Leises Wispern.
+
+»Ah --?«
+
+Ganz deutlich war plötzlich für alle der Abglanz der Allerhöchsten
+Gnadensonne, in deren Schein der hohe Würdenträger nach Fügung des
+Himmels seine Tage verlebte, auf dem wächsernen, glatten Gesicht zu
+sehen.
+
+»Und was für einen Orden trägt er?«
+
+»Wie alt er geworden ist! Nur seine Augen sind noch die gleichen!«
+dachte Dora, während sie sich an ihn schmiegte, als sei sie seine
+Tochter. Sie durfte diese Vertrautheit wagen, denn er hatte in ihrem
+Hause verkehrt -- damals! Er wußte alles. Aber damals war er noch nicht
+Exzellenz, damals wurde er von seinen Freunden noch Franz der Erste
+genannt, und die intim befreundeten Damen nannten ihn einfach Franzl.
+Auch sie nannte ihn so. »Was ist nun aus ihm geworden? Eine Ruine!«
+
+Aber Dora strahlte.
+
+Der hohe Besuch rief Erinnerungen wach in ihr an jene Zeit -- an damals
+-- da sie bewundert und auf den Händen getragen wurde, von aller Welt,
+da alle Welt wetteiferte, ihr gefällig zu sein, da täglich Geisterhände
+sämtliche Vasen und Schalen ihres Hauses mit den wunderbarsten Blumen
+füllten. Und das heutige Fest erschien ihr plötzlich als eine
+Fortsetzung jener blendenden Feste dieser Zeit. Wieder trug sie in einer
+Nacht ein Dutzend verschiedener Kostüme, wieder wurde sie stets neu
+entdeckt und stets neu bewundert. Wieder war sie von einem Schwarm von
+Anbetern umgeben. Da war dieser Hauptmann, mit dem drolligen Namen
+Feuerwalze -- hoffnungslos verliebt in sie! Da war dieser Sonderbare,
+Unbekannte mit der rasselnden Schale, der sie auf Schritt und Tritt
+verfolgte -- und da waren noch andere, die ihr Worte ins Ohr flüsterten,
+die beim Tanzen plötzlich -- und ein eifersüchtiges Auge wachte über ihr
+-- ganz wie damals.
+
+»Hier ist er!« rief Dora mit heller Stimme und übergab den hohen
+Würdenträger auf der Empore dem General.
+
+
+5
+
+Mit allen Anzeichen mühsam zurückgehaltener, freudigster Überraschung
+erhob sich der General.
+
+Wie alt er geworden ist, dachte auch er. Und die eine Augbraue ist schon
+ganz verzerrt. Eine Wachsfigur! Er verbeugte sich. Der Orden, der auf
+dem Frackhemd der Exzellenz funkelte, wog allein mehrfach alle
+Auszeichnungen auf, die der General auf der Brust trug.
+
+»Ich bitte«, flüsterte der Träger des hohen Ordens und streckte dem
+General beide Hände entgegen, »aber ich bitte Sie herzlich, mein lieber,
+alter Freund, freue mich, Sie wiederzusehen, freue mich ganz
+außerordentlich, wieder einmal Gelegenheit zu haben.«
+
+Schon stand ein Sessel bereit, und der General beachtete genau, bis der
+hohe Würdenträger sich gesetzt hatte, bis er richtig saß. Erst dann
+wagte er, neben ihm Platz zu nehmen.
+
+»Erfreut, außerordentlich erfreut. Ich bin etwas verspätet, ein Diner.«
+
+Petersen trat hinter den Sessel der Exzellenz.
+
+»Ich danke -- doch, einen Augenblick, mein Freund. Ein Glas Wasser, wenn
+ich bitten darf.«
+
+»Ich sehe mit aufrichtiger Freude, daß Euer Exzellenz sich sehr
+wohlbefinden«, rief der General.
+
+»Bis auf mein altes Darmleiden, mein Freund --«
+
+Die Unterhaltung wurde in lautem Tone geführt, denn der hohe
+Würdenträger war schwerhörig, und es war bekannt, daß er es niemals
+zugestand und niemals fragte. Man behauptete sogar, daß er die
+wichtigsten Verhandlungen führe, ohne ein einziges Wort zu verstehen,
+und völlig freie Erfindungen weitergäbe. Die Stimme des Generals klang
+kräftig, er wünschte, daß der hohe Würdenträger kein Wort verliere. Wie
+geschickt Dora diese Begegnung arrangiert hatte! Vielleicht würde diese
+Gelegenheit, sich in Erinnerung zu bringen, nie wiederkehren.
+
+»Zwischen den Schlachten«, sagte die Exzellenz lächelnd, und deutete auf
+Turbane, Federbüsche und die Woge von nacktem Fleisch da unten.
+
+»Exzellenz bemerken sehr treffend. Es sind zumeist Offiziere, die auf
+Urlaub hier sind, Atem schöpfen, um morgen zur Front zurückzukehren.«
+
+»Ja, ja, ja.«
+
+»Exzellenz --.«
+
+Der Einflußreiche legte seine weichen, kleinen Hände auf den Schenkel
+des Generals. »Lieber Freund,« sagte er, »ich darf wohl bitten, alles
+Zeremoniell zu lassen. Wir sind doch alte Freunde. Ja, wie lange kennen
+wir uns schon?«
+
+»Es sind,« der General dachte nach, »es dürften wohl dreißig Jahre
+sein.«
+
+»Dreißig Jahre!« Der hohe Herr rückte auf dem Sessel hin und her, wiegte
+den wächsernen Kopf und lachte beunruhigt. »Ein Menschenalter! Ich
+erinnere mich noch sehr deutlich, daß wir ebenfalls in Berlin einmal auf
+einem Ball waren. Es war, wo war es denn nur gleich?«
+
+Der General errötete. Nun wird er sich gewiß an diese Affäre erinnern,
+an diese Entführung, und alles wird vergeblich sein.
+
+»Ich erinnere mich nicht«, sagte er.
+
+Aber mit dem Eigensinn eines Greises forschte der hohe Würdenträger in
+seinem Gedächtnis nach.
+
+»Es war bei Baron Kreß«, rief er aus. »Ja, nun habe ich es, und es war
+eine entzückende Dame da, eine reizende kleine Person! Ah, ah, ah, wie
+hieß sie doch?«
+
+Der General schwieg beharrlich, außerordentlich peinlich war die
+Situation. Scham erfüllte ihn, daß er nicht den Mut hatte, zu bekennen,
+daß diese reizende kleine Person, wie Exzellenz sie zu nennen geruhten,
+später --
+
+»War es nicht eine kleine Baronesse Bassewitz? Nein, nein, es war --
+nun, es ist lange her. Ich bin nicht für die Ehe geboren gewesen, mein
+lieber Freund. Und wie fühlen Sie sich in Berlin?«
+
+Der General rückte auf seinem Sessel. »Wo mich mein König hinstellt,«
+heulte er in das Ohr Seiner Exzellenz, »da --«, er stockte.
+
+Aber der Greis verstand vollkommen.
+
+»Ja, ja, ja,« nickte er. Ach, er hatte diese Phrase tausendmal in seinem
+Leben gehört. Er klopfte sich auf den Mund, um ein Gähnen zu verbergen.
+
+»Ich höre aber, daß Sie sich bei der Truppe wohler fühlten, lieber
+Freund? Meine Schwester --«
+
+»Ich erfülle meine Pflicht und beklage mich nicht!« beteuerte der
+General. »Indessen ist es ja selbstverständlich für einen Frontsoldaten
+--«
+
+»Ja, ja, ja -- natürlich, selbstverständlich.«
+
+Der Würdenträger versank in Nachdenken, schloß die großen Greisenaugen
+zur Hälfte, und es sah eine Weile aus, als ob er einschlafen wolle. Er
+erinnerte sich plötzlich, daß man, vor gar nicht langer Zeit, bei der
+Frühstückstafel von diesem Hecht-Babenberg gesprochen hatte. Irgend
+etwas war ihm mißlungen oder besser gesagt, nicht gelungen -- irgend
+etwas an der Front, und man sprach von einer Untersuchung, die schwebte.
+Natürlich nur schwebte, alle diese Untersuchungen schwebten, und das war
+ganz in Ordnung. Das Ansehen der Armee würde anders leiden. Daran dachte
+er, und er quälte seinen alten, spitzen Kopf, um sich zu erinnern,
+welches Mißgeschick dem General eigentlich passiert war. Es hatte sich
+um eine Höhe gehandelt -- um irgendeine von diesen vielen Höhen, von
+denen immer die Rede war. Er war kein Militär, und er kannte die Front
+nur als eine ungefähre blaue Linie, die er überall in den Beratungssälen
+auf den Karten sah.
+
+Er las die Heeresberichte nicht mehr, seit langem, seit einigen Jahren
+-- es waren ja immer die gleichen Orte. Ganz offen gestanden,
+interessierte ihn die Front auch nicht, in militärischen Fragen war er
+Laie, sie gehörten nicht in sein Ressort. Aber es hatte sich damals um
+eine Höhe gehandelt, eine Höhe, na, es war ja schließlich vollkommen
+einerlei. Hm, es würde wohl -- im Hinblick auf dieses Mißgeschick --
+nicht ganz leicht sein . . .
+
+Plötzlich verklärte ein Lächeln sein Gesicht. Da unten -- wie scharmant
+-- hatte sich soeben ein Pärchen ganz sans géne während des Tanzens
+geküßt! Diese Jugend -- wieder rückte er unruhig auf dem Sessel.
+
+Der General aber erlaubte sich zu erwähnen, daß auch hier in Berlin
+wichtige Arbeit zu leisten wäre. Es waren gewisse Einflüsse am Werk,
+pazifistische, jüdisch-liberale, radikalsozialistische Einflüsse, die zu
+bekämpfen waren. Der Wille des gesamten Volkes mußte zusammengeballt und
+in eine Richtung gelenkt werden, zu einer letzten gewaltigen
+Anstrengung. »Gewaltigen, gewaltigen!« schrie er in das wächserne Ohr
+der mit schrägem Kopf lauschenden Exzellenz.
+
+»Ja, ja -- sehr richtig -- sehr schön --«
+
+Der General aber benutzte die Gelegenheit, dieser hohen Stelle seine
+militärisch-politischen Ansichten im allgemeinen darzulegen. Der
+Peipussee, der Weg nach Indien über den Kaukasus, die Zerschmetterung
+Englands vom Orient aus, der Korridor über die Türkei und Ägypten nach
+einem mächtigen deutschen Zentralafrika, Rohstoffreservoire,
+Siedlungsgebiete, maritime Stützpunkte . . .
+
+»Sehr interessant -- sehr wohl --«
+
+Fließend trug der General seine Gedanken vor, sie bildeten das Thema
+eines fertig ausgearbeiteten Vortrags, den er in den nächsten Tagen im
+Bund Barbarossa halten wollte.
+
+Der hohe Würdenträger nickte und blinzelte durch das geschnitzte
+Geländer der Empore hinunter in den kleinen Saal. Viel angenehmer wäre
+es ihm gewesen, wenn der General über diese Beinchen, Hüften und
+Gesichtchen gesprochen hätte -- diese modernen Tänze waren sehr
+reizvoll, wenn auch etwas gewagt. All das, was der General sagte, hörte
+er täglich von Militärs. Nur diese Sache mit dem Korridor über Ägypten
+war eine neue Variante.
+
+»Sehr wohl -- sehr richtig --«, sagte er und nickte.
+
+Und dieser Hauptmann, der eben mit Dora tanzte, sah es nicht ganz so
+aus, als sei er -- etwas bekneipt? Bewundernswürdig diese überschäumende
+Lebenskraft . . .
+
+Dora gab es auf, mit Hauptmann Falk zu tanzen.
+
+»Ich bin durstig, Feuerwalze!«
+
+Gab es eine Bitte in der weiten Welt, die der Hauptmann mit größerem
+Entzücken erfüllt hätte? Nein, keine. Er wollte Dora die gesamte
+Weinernte von drei Jahrgängen zu Füßen legen, er schwor, die Weinkeller
+der Millionäre in der Nachbarschaft zu plündern, wenn es sein müsse.
+
+»Gib Wein, schwarzer Halunke!« schrie er dem fetten Neger zu.
+
+Er leerte sein Glas auf das Wohl seiner Dame und warf es -- nun höchst
+einfach -- mitten in das Orchester. Das gehörte zu seinem Stil.
+
+»Spielt, ihr Schweine!« schrie er, und als die Musiker sich entsetzt
+umblickten, fügte er mit einer tiefen Verbeugung, auf Dora weisend,
+hinzu: »Für meine Dame!«
+
+Dann nahm er einen blauen Lappen aus der Tasche, rollte ihn zu einer
+Kugel zusammen, spuckte darauf und warf ihn den Musikern zu. Auch das
+gehörte zu seinem Stil. Nun verbeugten sich die Musiker.
+
+Vor knapp fünf Stunden war der Hauptmann in Berlin angekommen und bei
+Ströbel, wie gewöhnlich, abgestiegen. Gestern früh, um sieben Uhr, hatte
+er noch an der flandrischen Küste einen Graben gestürmt, mit dem Messer
+hatte er gearbeitet, heute tanzte er hier -- es war ein Krieg mit
+Komfort, wie er sagte -- morgen abend, um zehn Uhr, ging sein Zug --
+vielleicht mußte er übermorgen wieder mit dem Messer arbeiten --
+einerlei.
+
+»Und noch ein Glas auf das Gedeihen dieser kleinen Härchen im Nacken da
+--!« Ja, durch ein Sektglas gesehen hat die Welt ein ganz anderes
+Gesicht.
+
+Dora fand ihn ungeheuer drollig. »Weshalb aber trinken Sie so
+schrecklich, Feuerwalze?«
+
+Der Hauptmann versicherte, daß er ein Vulkan sei, sozusagen, ein Vulkan,
+der sich bemühe, seine Temperatur zu halten. Dazu hätten ihn heute diese
+kleinen Nackenhärchen rasend gemacht -- und dieses Ohrläppchen und noch
+andere Sachen. Und er sei nichts als ein armes Frontschwein,
+bedauernswert, kaum vierundzwanzig Stunden Zeit --
+
+Plötzlich umschlang er Dora. Sie entfloh.
+
+Schon aber rasselte die Schale, und ein bleicher Arm streckte sich dem
+Hauptmann entgegen.
+
+»Huh, hier ist er wieder. Ein unheimlicher Geselle.«
+
+»Befehlen Sie, Gnädigste, und wir werden ihn töten. Hinweg mit dir,
+Sklave!« schrie der Hauptmann mit gutmütigem Lachen.
+
+Aber da begann der Bettelmönch plötzlich zu wachsen -- er wuchs, und
+seine Augen blitzten . . .
+
+»Bist du es?«
+
+Hedi zupfte den Bettelmönch am Arm. Ihr Herz schlug.
+
+Die blinkenden Augen zwischen den Tuchlappen zogen sich zusammen zu
+Schlitzen, wie bei einer Eule. Der Bettelmönch wich zurück und verbeugte
+sich, während er mit der Schale rasselte.
+
+»Bist du es, sprich?«
+
+Schweigen.
+
+»Kennst du meine Stimme?«
+
+Der Bettelmönch schüttelte stumm den Kopf.
+
+»Zeige deine linke Hand!«
+
+Der Bettelmönch zog beide Hände unter die Vermummung zurück und
+verneigte sich noch demütiger, bis zur Erde. Es war ihm nicht
+beizukommen.
+
+Eine Dame flüsterte Hedi ins Ohr: »Es ist eine Königliche Hoheit.«
+
+»Wer???«
+
+»Man sagt es.« Scheu wich Hedi zurück.
+
+ * * * * *
+
+»Ich bin der Ansicht,« schrie der General in das schmale wächserne Ohr,
+»nur noch eine einzige, gewaltige Kraftentfaltung des deutschen Volkes,
+und wir werden den Frieden diktieren.«
+
+Der hohe Würdenträger wiegte den spitzen Kopf.
+
+»Es ist möglich,« unterbrach er den General, »daß diese Anstrengung
+nicht mehr nötig sein wird. Dies, bitte, ganz unter uns! Ja es ist
+möglich, daß sie genug haben!« Plötzlich tat der hohe Würdenträger
+geheimnisvoll. Aber immerhin -- er verbrachte seine Tage in
+allernächster Nähe der allerhöchsten Persönlichkeiten.
+
+»Wie belieben?«
+
+»Möglich, immerhin möglich! Es sind Anzeichen dafür vorhanden. England
+. . . Aber bitte, ganz unter uns!« Völlig unvermittelt erhob er sich.
+»Außerordentlich gefreut, mein lieber Freund -- ganz außerordentlich.
+Sehr interessant -- Ihre Ausführungen, sehr interessant. Bitte herzlich,
+sich ja nicht zu bemühen --.«
+
+Er war ja nur auf einige Minuten hierhergekommen, erstens, um dieser
+prächtigen Dora die Freude zu machen, zweitens, um seiner Schwester
+gefällig zu sein, und drittens -- nun drittens gab es nicht.
+
+Vorsichtig stieg die steile, kantige Glatze die schmale Treppe hinunter,
+die noch heute nach Weihrauch roch.
+
+Der hohe Würdenträger kroch in seine schwarzlackierte Limousine und zog
+eine Pelzmütze über den kahlen Schädel.
+
+»Große Fähigkeiten, ohne Zweifel«, sagte er vor sich hin, indem er sich
+im Polster zurechtrückte. »Aber weshalb schreien diese Militärs alle so?
+Er hat mich fast taub geschrien.«
+
+Und er schlief augenblicklich ein, während die Limousine lautlos durch
+die Finsternis schlich.
+
+
+6
+
+Kaum hatte der hohe Würdenträger die rote Backsteinvilla verlassen, so
+brauste der Lärm erneut auf. Die hochstehende Persönlichkeit da oben,
+mit dem General zur Seite, hatte die Ausgelassenheit etwas beeinflußt.
+Es war peinlich für viele, zu denken, daß ein so hoher Würdenträger sie
+bei ihren Albernheiten belausche. Schon der General störte, er störte,
+ohne es zu wissen, und man wünschte, daß er möglichst bald verschwinde.
+
+Es kam auch die neue Kapelle. Zigeuner, die bis dahin in einer Bar
+gespielt hatten. Es war die beste Kapelle von Berlin, und augenblicklich
+fühlten es alle Tänzer.
+
+Plötzlich aber ertönte laut und dröhnend ein Gong, und gleich darauf
+wurde es, bis auf wenige Kerzen, dunkel. Eine kleine, helle Bühne mit
+einem phosphorgrünen, dunstigen Vorhang im Hintergrund leuchtete. Der
+Vorhang teilte sich. Eine Hand erschien, ein nackter Arm, eine
+elfenbeinerne, glänzende Schulter. Eine schlanke Tänzerin trat aus dem
+Vorhang.
+
+Alle Turbane, Perlenschnüre und Federbüsche sanken plötzlich zur Erde
+nieder.
+
+Die Tänzerin war ein wunderbares Geschöpf mit einem herrlichen Körper
+und jungen, kleinen Brüsten. Sie war vollkommen nackt, nur um die Hüften
+trug sie eine Kette aus blauen Steinen und einen kleinen Schleier, eine
+Hand breit.
+
+Mit jedem Schritt löste sie sich mehr vom Dunkel los, ganz allmählich
+tauchte ihr Körper in das Licht. Zuerst nur eine Ahnung von Fleisch und
+Herrlichkeit, wurde er langsam verwirrende Wirklichkeit.
+
+Wie eine Somnambule schritt die Tänzerin vorwärts, die Augen visionär in
+die Ferne gerichtet. Sie hatte die Hände, zierliche, transparente
+Finger, an ihre beiden jungen Brüste gelegt. Nun stand sie still, ohne
+jede Regung. Dann -- bei einer bestimmten musikalischen Phrase -- hob
+sie langsam den linken Fuß und begann sich in der Hüfte zu drehen.
+
+In diesem Augenblick aber hub eine Uhr an zu schlagen. Es war ganz
+still, so daß das dumpfe, rasselnde Schlagen der Uhr deutlich zu hören
+war.
+
+»Diese dumme Uhr!« sagte Dora halblaut und ärgerlich.
+
+Die Musik brach ab, die Tänzerin stand, die zierlichen Finger an den
+Brüsten, regungslos, mit leicht geneigtem Haupte, um das Schlagen der
+Uhr abzuwarten.
+
+ * * * * *
+
+Genau zur gleichen Stunde, an diesem Abend, meldete man Hauptmann v.
+Dönhoff in dem halbzertrümmerten Keller des Champagne-Dorfes, wo er
+zurzeit hauste, daß der befohlene Wagen zur Stelle sei. Dieser Wagen
+sollte den Leichnam seines Adjutanten Kammerer, gefallen auf der
+Beobachtung, nach rückwärts bringen. Dönhoff hatte den Wagen auf
+Mitternacht bestellt, weil zu dieser Zeit das feindliche Feuer weniger
+heftig auf seinem Dorfe lag, das heißt auf dem Schutthaufen, der von dem
+Dorfe übriggeblieben war. Die Nacht hatte indessen keine Ruhe gebracht.
+Die Geschütze tobten, und auch die Batterie Dönhoff feuerte, was die
+Rohre hergaben. Die schweren Schläge der Haubitzen erschütterten
+unaufhörlich den Keller, in dem die Batterieoffiziere um den Sarg des
+gefallenen Kameraden versammelt waren. Einschläge knatterten. Eine
+zusammengestürzte Scheune nebenan hatte einen Treffer bekommen, und der
+Schutt qualmte, ätzender Rauch drang in das Kellerloch.
+
+Punkt zwölf Uhr wurde der Sarg von einigen Batterieleuten hinausgetragen
+und auf den Krümperwagen gelegt. Darauf verließen die Offiziere den
+Keller, um dem gefallenen Kameraden das letzte Geleit zu geben.
+
+Die Luft war lau, erfüllt vom ätzenden Rauch der qualmenden Scheune. Der
+Himmel wetterleuchtete ohne Pause von dem Gespinst von Blitzen, das von
+Horizont zu Horizont geisterte. Deutlich waren die umstehenden Kameraden
+zu erkennen -- sogar die Tränen in ihren Augen. Furchtbar tobten die
+Geschütze, und die Abschüsse der Batterie, die feindliche Zufahrtstraßen
+unter Sperrfeuer hielt, knallten wie Explosionen. Die Granaten sägten
+und gurgelten über die Köpfe hinweg in die Nacht hinein.
+
+Gegen Süden zu, hinter der feindlichen Linie, stand ein feuerspeiender
+Berg. Ein blutroter Glutkegel stieg in den schwarzen Himmel, unheimlich
+und düster: irgendein Lager war da drüben bei ihnen in Brand geraten.
+Nur wenn die Haubitzen in der Nähe ihre Feuergarben in die Nacht
+schleuderten, so glomm der Vulkan für Augenblicke fahler. Ohne Pause
+zuckten aus der Frontlinie gespenstige Lichtsignale in allen Farben
+empor. Sie krochen bald niedrig über dem Boden, bald erhoben sie sich
+wie Raketen und sprühten in der Höhe. Wie die höllischen Leuchtfeuer der
+Unterwelt sahen sie aus, der die Totenschiffe zusteuern.
+
+Eine Laterne wanderte um den Krümperwagen, die Hinterteile der schweren
+Batteriepferde glänzten, der Sarg dehnte sich fahl im Wetterleuchten der
+Abschüsse. Auf dem Bock kauerte ein Schatten, dessem Maul Funken
+entstoben.
+
+Die wütenden, raschen Schläge seiner Batterie erfüllten Hauptmann
+Dönhoff mit Genugtuung. Gebt es ihnen tüchtig! Rache für Kammerer! Auch
+der rotglühende Vulkan im Süden befriedigte ihn.
+
+Erregt suchte der Gegner die Dönhoffsche Batterie zu packen. Ringsum
+flammten die Einschläge.
+
+»Sie haben Kammerer eine ordentliche Totenfackel angezündet«, sagte er,
+und seine Stimme war von einem grausamen Triumph erfüllt.
+
+Die Schatten der Offiziere drehten sich gegen Süden. »Ein Depot brennt«,
+sagte eine Stimme. Unruhig wieherte ein Pferd.
+
+»Kameraden«, schrie plötzlich Dönhoff mit übermäßig lauter und scharfer
+Stimme. Er wollte möglichst rasch über die Szene hinwegkommen, er wollte
+seinen Schmerz über den Verlust Kammerers verbergen, mit dem er drei
+Jahre zusammengelebt hatte.
+
+»Kameraden, Kammerer verläßt uns. Er war ein tüchtiger und prachtvoller
+Junge. Fahre los! Lebe wohl, Kammerer!«
+
+Dönhoff legte die Hand an die Mütze, und die Offiziere taten das
+gleiche. Die kleine Laterne kroch über die Räder empor neben den
+Kutschersitz und beleuchtete den langen, gelben Sarg.
+
+In dieser Sekunde aber --
+
+In diesem Augenblick begann es in der Luft zu sausen, ein hohles,
+saugendes Rauschen war plötzlich nahe, und im nächsten Augenblick schlug
+eine blendende Lohe bis zum schwarzen Himmel empor. Dönhoff stürzte, den
+Arm vor die Augen geschlagen, rückwärts in den Keller hinab. Er hörte
+den Knall der Explosion nicht mehr.
+
+Verschwunden war der Wagen, der Kutscher, die Pferde und der Sarg.
+Verschwunden waren die Offiziere, nichts blieb als der kräuselnde,
+stinkende Qualm über dem Schutthaufen, den die schwere Granate
+hinterließ. Aber die Haubitzen feuerten noch.
+
+ * * * * *
+
+Die Uhr hatte ausgeschlagen.
+
+Die Tänzerin erwachte aus der hypnotischen Starre, in die das Rasseln
+der Uhr sie versenkt zu haben schien, die Lider hoben sich, und gelbe
+Funken fuhren aus den Augen. Sie atmete wieder. Ihre zierlichen Finger
+lösten sich von den jungen Brüsten, sie drehte sich in der Hüfte, hob
+das linke Bein, knickte plötzlich zusammen, so daß sie mit dem Kinn das
+Knie des linken Beines berührte -- lächelte verzückt -- und ihr
+Elfenbeinkörper blitzte.
+
+Dichtgedrängt glänzten die Augen der Vermummten im Halbdunkel. Eine
+Schattenkugel mit zwei großen Ohren hob sich für einen Augenblick auf
+dem hellen Hintergrund gespenstisch ab. Aber rasch duckte Professor
+Salomon sich wieder auf den Boden.
+
+Der General auf seiner Empore hatte den goldenen Kneifer aufgesetzt.
+
+»Du bist noch schöner!« flüsterte Ströbel in Hedis Ohr, und seine Lippen
+berührten ihren Nacken. Sie saßen dicht nebeneinander auf dem Boden. »Es
+ist nicht Liebe -- ich belüge dich nicht, wie die andern Männer, aber es
+ist -- Sympathie.«
+
+
+7
+
+Die kleine türkische Witwe in Grau hatte ihre ganze Kundschaft
+eingebüßt. Alle fanden, daß sie reizend sei -- aber tödlich langweilig.
+Zuletzt hatte sie das Glück gehabt, einen Offizier zu treffen, der die
+Kampfstaffel Wunderlich kannte -- er lag ganz in der Nähe -- und ihr
+versprochen hatte, Heinz Grüße zu bestellen. Das war der einzige
+Lichtpunkt des Festes. Sonst fand sie es entsetzlich. Entsetzlich diese
+Frauen, die halbnackt von Arm zu Arm wanderten, entsetzlich diese
+Männer. Auch Hedi -- nun, du bist durchschaut, Hedi, gib dir keine Mühe
+mehr.
+
+Nun saß die kleine türkische Witwe mutterseelenallein auf dem Diwan im
+Zeltzimmer, das Gesicht nachdenklich und gelangweilt in die Hände
+gestützt. Alles würde sie Heinz schreiben, ja, schon begann sie in
+Gedanken den Brief.
+
+Sie hatte darauf verzichtet -- rundweg verzichtet -- diese schamlose
+Person tanzen zu sehen. Sollte man so etwas für möglich halten? Und man
+sagte, daß sie dreihundert Mark für den Abend bekäme und überall tanze,
+wo man sie engagiere. Nicht für eine Million würde die kleine graue
+Witwe, nicht für eine Million würde sie -- pfui.
+
+Verlassen stand im Vorzimmer der Heilige, der mit wilder Gebärde das
+Buch schwang, allein, wie sie. Sie fühlte Mitleid mit ihm und küßte ihm
+die kalte, grüne Hand.
+
+Das Haus war völlig leer. Selbst die Dienerschaft drängte sich unter den
+Türen zusammen. Auch Papa -- ja, selbst ihr Papa -- seht an! Da stand
+er, mit einem Sektglas in der Hand.
+
+Klara stieg die Treppe empor -- aber sofort kehrte sie wieder um. Da
+oben, bei den Truhen und Schränken stand der Bettelmönch mit seiner
+Schale, und sie fürchtete sich, ihm allein zu begegnen. Obwohl man
+sagte, daß es eine Königliche Hoheit sei. Auch er fand gewiß diese
+Nackttänzerin schamlos.
+
+Drinnen raste der Beifall. Die Musik setzte von neuem ein.
+
+Dora eilte an ihr vorbei die Treppe hinauf.
+
+Es war Zeit, wieder das Kostüm zu wechseln, nicht wahr? Es war auch die
+beste Gelegenheit, gerade jetzt, wo der Tanz wieder begann.
+
+Rasch rauschte Dora an den Truhen und Schränken vorüber. Da reckte sich
+ihr aus einer dunkeln Nische die rasselnde Schale entgegen -- wieder
+stand er da und verneigte sich.
+
+Sie schrak zurück. Aber gewiß wollte der demütige Bettelmönch nichts
+Böses.
+
+Sie waren ganz allein, unten lärmte das Fest.
+
+»Wer bist du?« fragte Dora.
+
+Der Bettelmönch schüttelte den roten Turban.
+
+Dora trat dicht an ihn heran und blickte in seine Augen, die zwischen
+Vermummung und Turban blendeten. Einen Augenblick lang hatte sie,
+erschreckend, gedacht, vorhin, er könnte es sein -- er, das Gerücht, das
+kursierte! War es nicht möglich, daß er hierhergekommen war, auf eine
+Stunde, unerkannt von allen Gästen, unerkannt selbst von ihr, um
+wiederum unerkannt zu verschwinden. Es war unmöglich -- und doch,
+wunderbar war dieser Gedanke.
+
+Aber die Farbe der Augen stimmte nicht. Dieser Bettelmönch hatte helle
+Augen.
+
+Plötzlich sagte der Bettelmönch: »Dora.«
+
+Und augenblicklich erkannte ihn Dora an der Stimme.
+
+»Du --?!«
+
+Der Bettelmönch, der den ganzen Abend stumm geblieben war, brach in
+lautes, heiteres Lachen aus.
+
+»Ja, ich bin es.«
+
+»Und ich habe dich nicht erkannt! Du hast geschrieben -- noch heute --«
+
+»Ich wollte dich überraschen!«
+
+Dora zog ihn einige Schritte mit sich, bis zur Türe. »Geliebter --«
+flüsterte sie.
+
+Die Lappen fielen vom Gesicht des Bettelmönchs, und seine Zähne
+blitzten.
+
+Plötzlich umschlang er sie mit ungestümer Gewalt.
+
+»Nein, nein --« sagte sie, bat sie. »Sei vorsichtig -- der General -- er
+blickt heraus --!«
+
+In der Tat war plötzlich für eine Sekunde das Gesicht des Generals an
+der kleinen Tapetentür aufgetaucht, die auf die Diele führte. Allerdings
+nur für eine Sekunde. Er hatte sie wahrscheinlich gar nicht gesehen.
+
+»Laß ihn ruhig!«
+
+Eine Perlenkette zerriß, und die Perlen prasselten auf den Boden. Mit
+dünnem Knallen sprangen sie die Treppe hinab, eine hinter der anderen.
+
+ * * * * *
+
+»Beunruhigung?« Der General zog die Brauen in die Höhe.
+
+»Ja, ich meine, das Volk --«
+
+»Das Volk?« Der General wiegte geringschätzig den Kopf.
+
+»Verzeihung,« antwortete der kleine, elegante Rittmeister mit dem
+schweißüberströmten Gesicht, »ich meine die Öffentlichkeit. -- Ist es
+gestattet, Euer Exzellenz?«
+
+Der kleine Rittmeister öffnete etwas die Tapetentür, die von der Empore
+auf die Diele hinausführte. Es war heiß hier oben auf der Empore.
+Unbegreiflich, daß der General es auszuhalten vermochte. Er mußte
+Gletscherwasser in den Adern haben. Der kleine Rittmeister -- ja, wie
+hieß er doch gleich? -- er gehörte einer der ersten Adelsfamilien des
+Landes an, hatte die ganze Erde bereist, zurzeit in hervorragender
+Stellung, mit den höchsten Auszeichnungen und einer blendenden Karriere
+vor sich -- an all das erinnerte sich der General ganz genau, aber der
+Name, dieser bekannte Name fiel ihm nicht ein -- der kleine Rittmeister
+wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht. Er war als
+Beduine gekleidet, hatte jedoch die Kopfbedeckung in den Nacken
+zurückgeschlagen. Schon wieder brach ihm der Schweiß aus allen Poren.
+
+»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben« -- fuhr er fort -- »es ist
+nicht zu leugnen, daß in der breiten Öffentlichkeit eine gewisse
+Beunruhigung Platz gegriffen hat. In der feierlichen Osterbotschaft
+wurde von Allerhöchster Stelle --«
+
+»Bitte mich nicht mißverstehen zu wollen. Ich wage selbstverständlich
+nicht, diesen hochherzigen Gnadenakt Seiner Majestät -- Sie belieben?«
+
+»Ich bin ganz Ohr, Euer Exzellenz!«
+
+»Ich selbst trete ja für eine Reform des Wahlrechts ein. Und zwar
+schlage ich ein gestaffeltes Wahlrecht vor. Bis zu dreißig Stimmen --«
+
+»Dreißig Stimmen?« fragte der schweißglänzende Beduine, bemüht, sein
+Erstaunen zu verbergen.
+
+»Je nach Besitz, Fähigkeit, Verdienst, Rang, Titel, Bildung.«
+
+»Jawohl.«
+
+»Kinderzahl, Alter, Stand, Religion.«
+
+»Jawohl, ich verstehe vollkommen. Zu begrüßen wäre es nur, wenn bald
+etwas geschähe. In unserer Zentrale laufen ja alle Berichte zusammen. Es
+bilden sich Gruppen von Unzufriedenen.«
+
+»Unzufriedenen?«
+
+»Mehr als das, es bilden sich Gruppen, die umstürzlerische Tendenzen
+verfolgen. Erst vor kurzer Zeit ist unser Augenmerk wiederum auf
+konspiratorische Elemente gelenkt worden.«
+
+Plötzlich unterbrach der General das Gespräch. Sein Blick glitt unruhig
+durch die Türspalte. Sein Auge wanderte. Soeben hatte er Dora erblickt.
+Sie glitt an der Türspalte vorüber -- kam aber im Augenblick wieder
+zurück. Und plötzlich trat in der verlassenen Diele jemand zu ihr. Seht
+an! Eben er, dieser -- nun was stellte er vor? -- diese Mumie, dieser
+Unbekannte, den er schon den ganzen Abend beobachtet hatte.
+
+»Natürlich sind es nur einige wirre Köpfe?«
+
+»Natürlich. Aber immerhin, die Erscheinung ist symptomatisch --«
+
+Ohne jedes Wort der Entschuldigung erhob sich hier der General und
+streckte den Kopf in die Diele hinaus. Dies war der Moment, da Dora den
+Bettelmönch warnte.
+
+Der Kopf des Generals zog sich augenblicklich zurück, als Dora ihn
+bemerkte. Er schloß die Tapetentüre.
+
+»Symptomatisch«, wiederholte der schweißglänzende Beduine. »Auffallend
+ist, daß selbst Angehörige der besten Gesellschaft --«
+
+Zerstreut hörte der General zu. Sein Blick wanderte unruhig durch den
+Saal.
+
+»Bei dem neuen Fall, auf den ich anspielte,« fuhr der kleine Rittmeister
+fort, »ist sogar die Tochter eines hohen Offiziers beteiligt. Ihr Vater
+bekleidet Generalsrang. Es ist mir natürlich nicht möglich, mehr . . .«
+
+Aber der General schien jegliches Interesse an dem Gespräch mit dem
+Rittmeister verloren zu haben. Er tupfte sich mit dem Taschentuch
+Schweißperlen von der Stirn. Dann stand er rasch auf.
+
+»In der Tat,« sagte er stockend, »es ist unerträglich heiß geworden hier
+oben. Vielleicht belieben Sie mitzukommen?«
+
+Und beide verließen die Empore.
+
+Auf der Treppe aber blieben sie plötzlich erschrocken stehen. Der
+General taumelte sogar etwas zurück. Feuerschein blendete sie! Der ganze
+Tanzsaal schien plötzlich in hellen Flammen zu stehen.
+
+Ein dünner Vorhang war in Brand geraten und brannte lichterloh. Auch
+einige Schleier fingen Feuer, und die Funken flogen. Die Damen schrien
+auf und stoben auseinander. Der Feuerschein währte indessen nur einige
+Sekunden. Inmitten der Flammen erschienen plötzlich ein Hauptmann in
+Uniform und ein dicker, pechschwarzer Neger, die die flammenden Fetzen
+auf den Boden rissen und zertraten.
+
+Kaum daß die Musik eine Minute gestockt hatte. Das Fest ging weiter. Nur
+ein dünner Brandgeruch blieb zurück.
+
+Der schweißtriefende Beduine hatte diesen Vorfall benutzt, sich
+unsichtbar zu machen. Als der General sich suchend nach ihm umblickte,
+war er verschwunden. Es war dem General nur angenehm.
+
+Mit schlechtverhehlter Unruhe schritt er durch die Räume. Seine Augen
+forschten. Man nahm in dieser späten Stunde des Festes keinerlei
+Rücksicht mehr auf ihn. Die Tänzer drängten ihn gegen die Wand. Einmal
+wurde er dicht neben der Negertrommel festgehalten, die Hauptmann Falk
+mit aller Kraft bearbeitete.
+
+Professor Salomon stürzte ihm entgegen und berichtete wichtigtuerisch
+von den Hungerkrawallen in England und dem katastrophalen Mangel an
+Grubenholz über dem Kanal. Schon weigern sich die Bergleute einzufahren!
+Nur mit Mühe und Not vermochte er den Kürbis abzuschütteln. Im
+Erfrischungsraum traf er die Gräfin Heller, und es war nicht zu umgehen,
+daß er sich mit ihr in ein längeres Gespräch einließ. Wieder und wieder
+äußerte er seine Freude über das prächtige Aussehen Seiner Exzellenz!
+Auch im Erfrischungsraume war von Dora nichts zu sehen.
+
+Auch im Zelt nicht. Hier traf er nur eine Anzahl still kosender Paare,
+die, dicht aneinander geschmiegt, den großen Diwan belagerten, und sich
+durch ihn nicht im geringsten stören ließen. Angewidert und halb betäubt
+von der schwülen Luft, die im Zelt herrschte, zog er sich sofort wieder
+zurück.
+
+Endlich betrat er das bengalisch rotglühende Musikzimmer, Ali Babas
+Opiumhöhle.
+
+Hier saßen die Vermummten im Kreise auf dem Teppich und klatschten im
+Takt in die Hände, während sie geheimnisvoll summten und die Köpfe
+wiegten. In der Mitte des roten Nebels tanzte ein weizenblondes,
+schlankes Geschöpf, in flimmernde Silberschleier gehüllt, die Brüste
+völlig frei und die Hüfte zwischen Jäckchen und Pluderhosen gänzlich
+nackt. Sie tanzte eine Art Bauchtanz, rasend und hingerissen.
+
+Und ah -- da war auch Dora! Wieder trug sie ein anderes Kostüm:
+schwefelgelbe Seide, über die zinnoberrote, schreckliche chinesische
+Drachen wie Flammen züngelten.
+
+Wo aber war dieser andere hingekommen -- diese Mumie mit dem orangeroten
+Turban?
+
+Weit und breit war von ihm nichts mehr zu sehen.
+
+Unter tosendem Beifallsklatschen sank die weizenblonde Tänzerin,
+taumelnd vor Erschöpfung, mit einem wilden Schrei zu Boden.
+
+
+8
+
+Rastlos wanderte Dora durch die verlassenen Räume, rastlos hin und her.
+Zuweilen warf sie sich in einen Sessel -- aber schon wieder wanderte
+sie. Ihr schwefelgelbes Kostüm mit den grellrotzüngelnden Drachen
+flatterte. Es war über die linke Schulter herabgeglitten. Die blonde
+Haarfülle, die schmerzte, hatte sie halb gelöst.
+
+Die Fata Morgana war zerflossen -- Sand, Sand, Wüste. Durch die Vorhänge
+graute trüb der Tag.
+
+Zertretene Blumen, abgerissene Schleier, halbgeleerte Gläser, Scherben.
+Scherben von Worten, Gelächter, Scherben von Musik. Ein paar vereinzelte
+Lampen brannten noch. Petersen hatte seinen Frack abgelegt und kletterte
+in seinem Zebrakittel auf eine Leiter, um ein Fenster zu öffnen. Es zog.
+Zuletzt erschienen die beiden Neger unter der Türe, in Ulstern,
+Stehkragen, und verneigten sich.
+
+»Hoffentlich war es nicht zu beschwerlich für Sie«, sagte Dora und
+begleitete die beiden schwarzen Gentlemen in ihrer Zerstreutheit zur
+Diele. »Vielen Dank!« Und sie drückte ihnen die Hand.
+
+Sie empfand tiefe Sympathie für die beiden schwarzen Gentlemen,
+aufrichtige -- auch sie waren fremd hier, auch sie gehörten in ein Land
+mit Papageien, Wärme, blauem Himmel und Orchideen -- ganz wie sie. Alle
+drei waren sie Fremde hier.
+
+Ach, wie unglücklich sie war, Dora!
+
+Sie sank auf einen Stuhl, wanderte wieder -- das Kleid glitt immer mehr
+über die Schulter. Damals -- Reisen, Feste, Paris, Nizza, Italien -- und
+immer Fröhlichkeit, jeder Tag ein Paradies für sich. Aber es mußte sein,
+man riß sie los von ihm. Nein, sie liebte auch ihn nicht, um die
+Wahrheit zu sagen, sie liebte einen andern, früher noch, der das
+schönste Lächeln der Welt hatte. So -- mit diesem Lächeln stand er in
+ihrer Erinnerung. Aber es war unmöglich. Er war arm, er hatte gar
+nichts. Unmöglich. Dann hatte sie diesen Lumpen geheiratet -- weshalb
+eigentlich? Weil die Frauen sich um ihn rissen -- er betrog sie am
+ersten Tage schon. Ja, weshalb? Nur um diese Leere zu vergessen, die
+zurückgeblieben war, als man sie losgerissen hatte.
+
+Dann, eines Tages -- welch entsetzlicher Tag -- wo sie vis-à-vis de rien
+stand -- buchstäblich -- das heißt noch Schulden. Aber es gab Freunde,
+Gott sei Dank gab es -- einen hochherzigen -- ja, in Wahrheit
+hochherzigen Freund, der nicht zögerte, ein Vermögen hinzugeben.
+
+Und -- nun -- und nun? Oh -- entsetzlich!
+
+Dora wanderte. Sie rauchte eine dicke Zigarette und wanderte. Die Jahre
+flogen, die Sommer wirbelten rückwärts, Sommer um Sommer, Frühling um
+Frühling. Und diese Welt, diese entsetzliche Welt, die schrecklicher,
+oder, düsterer und kälter wurde mit jedem Jahr!
+
+Nicht die Welt hatte sich geändert, Dora vergaß es. Sie war seit jener
+Zeit, da jeder Tag ein Paradies war, um zehn Jahre älter geworden.
+
+Aber sie begriff es nicht.
+
+Und trüb graute der Tag.
+
+ * * * * *
+
+Auch da draußen graute der Tag, und immer noch kläfften rasend die
+Haubitzen der Batterie Dönhoff. Die Kanoniere schossen Vergeltung und
+sollten sie dabei alle in Fetzen gehen! Grausam und rachsüchtig wühlten
+sich die Granaten hinein in den Dunst des Morgens. Schon hatte eine
+Haubitze eine schwere Granate vor das Rohr bekommen, und die Stücke
+flogen.
+
+Nun erwachte das Feuer an der ganzen Front und rollte mächtig von
+Horizont zu Horizont.
+
+
+
+
+Zweiter Teil
+
+
+
+
+Erstes Buch
+
+
+1
+
+Es soll sich entscheiden, die Stunde ist gekommen. Das Schicksal hat
+seine fürchterliche Frage gestellt und fordert Antwort. Das Rad der
+Weltgeschichte kracht.
+
+Wagen fahren vor, und Automobile fliegen heran.
+
+Die Sonne funkelt. Ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit.
+
+Umstellt von einer Meute von Staatsmännern und Generalen in Erz liegt
+das Reichstagsgebäude und leuchtet in der funkelnden Sonne. Am
+Westgiebel schimmern die goldenen Lettern: Dem deutschen Volke! Erst vor
+kurzem wurde diese Inschrift angebracht, als Ausdruck der Allerhöchsten
+Anerkennung und Huld, nachdem eineinhalb Millionen auf den
+Schlachtfeldern gefallen waren.
+
+Uniformen und Roben, ordenglitzernde Brüste und gestickte Kragen quellen
+aus den Wagen und Automobilen, Lackstiefel, kleine, reizende
+Damenschuhe, Gamaschen, Monokel und Aktentaschen. Wehende Bärte eilen
+die Steintreppe zum Eingang der Volksvertreter empor, Fettnacken,
+Brillen und Professorenmähnen, geschäftig, wichtigtuerisch, und jene
+Raschen, die über die Treppen huschen, die Mappe unter dem Arm, das sind
+die Rechtsanwälte.
+
+Donnernd dröhnt die fürchterliche Frage des Schicksals, ohne Pause,
+immerfort.
+
+Von Zeit zu Zeit hebt der Portier die breite Brust und wirft einen
+gebieterischen Blick über die Straße.
+
+Aufgeregt fliegt der Polizeileutnant auf seinem Rad heran. Eine Mauer
+von Blauen baut sich auf, die Berittenen sitzen wie Statuen, die
+Unterführer stürzen zur Berichterstattung herbei. Der Polizeileutnant
+betupft die schweißige Stirn mit dem Taschentuch und läßt den raschen
+Blick über die Menschenmenge gleiten, gegen deren Zudringlichkeiten --
+oder noch Schlimmeres? -- er unter Umständen die ordenglitzernden Brüste
+und glänzenden Seidenhüte verteidigen wird.
+
+Vorläufig allerdings ist die Menschenmenge noch nicht zu sehen.
+Vorläufig steht sie noch in der Ferne, stumm, den Blick zu Boden
+geschlagen. Doch der Augenblick wird kommen, da sie sich in Marsch
+setzen wird -- bald vielleicht . . .
+
+Ein paar Neugierige nur, an Zahl dem Aufgebot von Polizisten weit
+unterlegen, stehen bescheiden gegen die Gebüsche des Tiergartens
+gedrängt und bewundern Uniformen und Roben, Feldgraue, Verwundete an
+Stöcken und Krücken unter ihnen. Irgendwo in ihrem Kopfe flackert
+unbewußt der Gedanke, daß das Schicksal seine fürchterliche Frage
+gestellt hat und Antwort fordert, heute, jetzt, in dieser Stunde. Aber
+schon hat der Blick des Leutnants sie erfaßt, er runzelt die Stirn, und
+die Neugierigen beginnen zu wandern. An ihren Krücken und Stöcken
+humpeln sie in den Tiergarten hinein.
+
+Was aber ist das? Aus den Gebüschen des Parkes kriecht, wie ein Tier,
+das aus dem Dickicht kommt, an seinen kurzen Krückstöcken der Zitterer,
+jener Soldat, dessen Gesicht dicht über den Schmutz des Bodens schleift,
+und dessen gekrümmter, verstümmelter Körper von einem unaufhörlichen
+Zittern geschüttelt wird. Unbekümmert um die Kette von Schutzleuten
+kriecht er über den Fahrdamm -- sieht es nicht so aus, als ob er sich
+geradeswegs in den Reichstag begeben wolle?
+
+Gesetzt den Fall, der Wagen Seiner Exzellenz fahre in diesem Augenblick
+vor? Würde der hohe Herr durch den Anblick des Krüppels nicht unangenehm
+berührt werden, gestört in seinen Gedanken -- schon setzt sich ein
+Berittener in Bewegung.
+
+Plötzlich aber rücken sich die Berittenen im Sattel zurecht: lautlos
+rauscht eine vornehme Limousine heran.
+
+Ein kleiner, zierlicher Greis entsteigt der vornehmen Limousine,
+feierlich und säuberlich gekleidet, wie für den Katafalk. Er blinzelt in
+das grelle Sonnenlicht, als sei er eben seiner Gruft entstiegen, und
+trippelt hastig und geschäftig die Treppen empor, ein gütiges Lächeln
+auf seinem wächsernen Greisenantlitz. Weit öffnen sich die Türen.
+
+Kaum war der schmale, gebeugte Rücken des Greises in der Tür
+verschwunden, so fuhr die Limousine des Generals im Renntempo vor. Im
+Augenblick kletterte Schwerdtfeger auch schon von seinem Sitz, während
+der Motor noch donnerte.
+
+Voller Würde entstieg der General dem Wagen. Er sah frisch und verjüngt
+aus, das breite Gesicht leicht getötet, obwohl er in dieser Nacht nur
+einige Stunden geschlafen hatte, und nicht einmal ruhig geschlafen. Erst
+gegen drei Uhr war er von Doras Fest zurückgekehrt. Nachdenklich stieg
+er die Treppe empor. Die roten Aufschläge des offenen Mantels
+leuchteten, die Brust glitzerte von Ordenssternen. Er hatte keine Eile.
+Er wußte, daß diese ganze Reichstagssitzung nichts als eine Zeremonie
+war, die vor der Öffentlichkeit die nicht zu leugnende Tatsache der
+konstitutionellen Regierungsform betonen sollte. Er wußte auch, daß die
+Armeen da draußen schon bereitstanden, bereit zum Sprung, und nur auf
+das Signal des Telegraphen warteten.
+
+Morgen -- morgen . . .
+
+Vergebens suchte der Polizeileutnant einen Blick des hohen Offiziers zu
+erhaschen.
+
+»Vielleicht ist es die beste Lösung!« dachte der General, als er die
+dicken Läufer der Wandelhalle entlangschritt -- aber er dachte in diesem
+Augenblick nicht an die Armeen, die sich wie die Sturmflut vorwärts
+wälzen würden, sondern an die Nachricht, die man ihm kurz vor der
+Abfahrt telephonisch übermittelt hatte. Eine betrübliche Nachricht
+allerdings -- aber -- letzten Endes -- es ist Krieg, das darf man nicht
+vergessen. Tausende, Hunderttausende . . . Er hielt es für seine
+Pflicht, augenblicklich -- wenn auch in aller Kürze -- Dora schonend
+davon Mitteilung zu machen. Noch bestand ja Hoffnung, wenn auch geringe
+-- aber man bedenke: ein ganzer Stab von Offizieren, durch einen
+einzigen Volltreffer! Welch ungeheurer Verlust für das Regiment. Die
+Unterschrift, die noch ausstand, würde nun wohl überflüssig werden
+. . .
+
+Die Tribünen waren schon überfüllt, Kopf an Kopf. Ordenssterne,
+Uniformen aller Art. Das Rot des Generalstabes, die goldenen Tressen der
+Marine. Lächeln und Zuversicht auf den frischrasierten Gesichtern.
+Bekannte ringsum. Ein fettes Gesicht mit Elefantenohren grüßte. Es war,
+ja, richtig, dieser Professor Salomon -- der die Berechnungen für die
+Marine machte -- ja, also am Mangel an Grubenholz konnte das stolze
+England scheitern! Unbedeutende, kaum beachtete Dinge entschieden in der
+Geschichte über das Schicksal von Völkern und Jahrhunderten. Eine
+einstürzende Brücke, zum Beispiel, plötzlich aufkommender Sturm.
+Napoleon ging zugrunde, weil der russische Winter um vierzehn Tage zu
+früh einsetzte.
+
+Die bedeutungslose Zeremonie hatte bereits ihren Anfang genommen. Die
+Sozialisten hatten ein paar kurze, höchst unnötige Anfragen eingebracht,
+sie waren mit zwei Worten erledigt.
+
+»Und Dora?« dachte der General, bemüht, den Professor Salomon nicht zu
+sehen. »Wie wird sie die betrübliche Nachricht aufnehmen?«
+
+Langsam erinnerte er sich an die Begebenheiten dieser Nacht. Sie
+erschienen unwirklich, wie Fragmente von Träumen, die sich erst
+allmählich und widerstrebend zusammenfügen. Exzellenz schien seinen
+Ausführungen mit Interesse zu folgen. Es war bedauerlich, daß er in der
+Eile vergaß, über Belgien zu sprechen. Dann brannte es plötzlich -- wie?
+-- ein Vorhang. Wie leicht hätte ein Unglück geschehen können! In Doras
+Haus, wo es nichts als Vorhänge und Teppiche gab. Und dann -- dieser
+Unbekannte und Dora -- auf der Diele? Wer mochte dieser Unbekannte --
+diese Mumie gewesen sein? Und dieser kleine Rittmeister, dieser Beduine,
+der so heftig schwitzte -- wie hieß er doch? -- was für merkwürdige
+Dinge hatte er ihm doch erzählt? Und weshalb? Der General forschte in
+seinem Gedächtnis . . .
+
+Plötzlich rieselte eine kalte Welle über seinen Körper. Irgendein Blick
+ruhte auf ihm. Er änderte die Haltung, strich mit den Fingern über den
+Schnurrbart, und ließ den Blick kalt und abwehrend über Tribünen und
+Köpfe streichen.
+
+Sonderbar, deutlich fühlte er, daß ihn jemand anstarrte . . .
+
+Die Minister saßen auf ihren Plätzen, gleichmütig, als seien sie an
+dieser Zeremonie die am wenigsten Beteiligten. Sie kritzelten mit den
+Bleistiften, tauschten scherzhafte Bemerkungen, betrachteten ihre
+Fingernägel. Der gütige Greis -- peinlich säuberlich gekleidet, wie für
+die Aufbahrung -- schien zu schlummern, ein friedevolles Lächeln auf dem
+Antlitz. Plötzlich aber hüstelte er in die durchsichtigen Kinderhände
+und erhob sich.
+
+Augenblicklich wurde es totenstill im Hause.
+
+Laut donnerte die furchtbare Frage des Schicksals . . .
+
+
+2
+
+Dora schlief zu dieser Stunde noch immer, Freude auf den heißen Wangen.
+
+Ein ganz wunderbarer Traum entzückte sie; sie befand sich mitten in
+einer Blumenschlacht in Monte Carlo oder Nizza, jedenfalls war es
+bezaubernd. Blumengeschmückte Wagen zogen aneinander vorüber, Blumen der
+herrlichsten Farben wirbelten gegen den tiefblauen Himmel und regneten
+in ihr Coupé herab. Sie saß neben einem alten, würdevollen Herrn, mit
+einem langen, weißen Spitzbart, den sie nie in ihrem Leben gesehen
+hatte. Merkwürdigerweise trug er eine orangefarbene Schärpe quer über
+der Brust, und alle Welt schien ihn mit Neugierde und Respekt zu
+betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweißen Ponys gezogenen
+Wagen saß ein Bekannter, der sie heftig mit Blumen bombardierte.
+Plötzlich erkannte sie ihn, es war Otto, sie sprang auf, rief: heute
+abend -- aber schon waren die Wagen aneinander vorüber. Otto verschwand
+in einem Regen von Blüten. »Aber Helene«, sagte der Herr mit dem weißen
+Spitzbart. So erfuhr sie, daß sie Helene hieß, es war höchst merkwürdig,
+und sie begann laut zu lachen.
+
+Das eigene Lachen weckte sie, und als sie die Augen aufschlug, regneten
+gerade noch die letzten Blumen und Blüten über sie herab. Sie war in
+köstlicher Laune, vergessen die Melancholie des grauenden Morgens.
+
+Sie klingelte. »Ich werde im Bad frühstücken.«
+
+Dora schlüpfte in die kleinen, seidenen Pantöffelchen, ließ sich den
+himmelblauen Bademantel um die Schultern legen, und begab sich pfeifend
+und trällernd, Butzi auf dem Arm, in das Badezimmer. Dieses Badezimmer
+war, wie schon erwähnt, ein kleines Treibhaus -- Blüten, Wärme, Düfte --
+weich und schneeig fiel das Licht durch die Glasdecke. Neben dem Bassin
+stand ein kleiner Tisch mit dem Frühstück, den Zeitungen und der Post.
+Und Blumen, Billetts, eine Menge Aufmerksamkeiten -- das Tischchen war
+völlig bedeckt davon.
+
+Dora lachte vor Vergnügen. Wieder kam ihr die Blütenschlacht in den
+Sinn. Was für ein drolliger, alter Herr das war! Seine orangefarbene
+Schärpe, wie unendlich komisch!
+
+Gelungen war das Fest! Ganz Berlin würde darüber sprechen -- über die
+Tänzerin, etwas kühn, nicht wahr, und die beiden Neger -- ja, es kam nur
+darauf an, Einfälle zu haben! Eine Oase in dem grauen, schrecklichen
+Winter. Dank für das Fest! Alle dankten, alle waren glücklich gewesen --
+ein paar Stunden. Eine drollige Liebeserklärung von Hauptmann
+Feuerwalze. Endlich hatte sie nach langer Zeit wieder fröhliche Menschen
+um sich gesehen, und so war es nun einmal: Dora konnte nicht leben ohne
+Freude. Aber -- sie schrak zusammen, indessen voll spitzbübischen
+Vergnügens -- wie leichtsinnig war sie doch gewesen! Der Sekt -- sollte
+es der Sekt gewesen sein --? Wie leicht hätte jemand sie beobachten
+können!
+
+Nichts aber liebte sie mehr als Abenteuer, aus einer Laune geboren --
+eine Minute vorher wußte man noch nichts von ihnen, und oft eine Minute
+nachher nichts mehr davon. Und Doras Gedanken huschten blitzschnell über
+eine Reihe ähnlicher Abenteuer dahin, die sie nicht missen möchte in
+ihrer Erinnerung.
+
+Wunderbar -- und niemand, niemand . . .
+
+Nur einer, oder ein paar Vertraute --
+
+Plötzlich aber griff Dora wieder zur Post. Es ging nicht an, allzu lange
+bei diesen Abenteuern zu verweilen.
+
+Ein Brief des Generals! Seht an! Doras Lippen kräuselten sich. Sie legte
+den Brief langsam zur Seite. Diese Schriftzüge jetzt, nein -- sie
+langweilten sie momentan, steif und anmaßend kamen sie ihr vor, später.
+
+Sie griff nach einem rosafarbenen Briefchen, das an einem Fliederstrauß
+befestigt war. Zu ihrer großen Überraschung war es ein drolliges
+Gedicht, die Huldigung einer lustigen Gesellschaft, die das Fest bei
+Ströbel beschlossen hatte. Dora lachte, daß das Treibhaus zu klingen
+begann. Ach, wie bezecht müssen sie gewesen sein --!
+
+Zu dieser Gesellschaft, die das komische Gedicht bei Ströbel verfaßt
+hatte, gehörte auch Hedi. Sie kam etwas nach zehn Uhr nach Hause, und
+gerade, als sie das silbergraue Schleierkostüm, das ganz in Stücke
+gegangen war, leider, abstreifte, erwachte Klara. Grelle Lichtzacken
+stachen durch die zusammengezogenen Vorhänge.
+
+»Ah, da bist du ja!« sagte Klara. Aber welche Betonung! Sie hatte die
+Schwester zuletzt in einem Kreis von händeklatschenden Vermummten
+gesehen, wo sie einen schamlosen Tanz aufführte, und es gab keine Worte,
+die ihre Verachtung ausdrücken konnten.
+
+»Ja, hier bin ich!« erwiderte Hedi mit einem sonderbaren, leisen
+Auflachen. Sie war sehr blaß, und ihre Augen flackerten unstet.
+
+»Wo warst du eigentlich?« fragte Klara, während sie neugierig und
+überrascht die Schwester beobachtete.
+
+»Ich?« Wieder lachte Hedi leise und heiter. »Du hast ja nicht gewartet.
+Bei Ströbel. Alle haben wir bei Ströbel Kaffee getrunken. Herrlichen
+Kaffee, Weißbrot, sogar Sahne!«
+
+»Ströbel? Wer ist Ströbel?«
+
+»Er besitzt eine Motorenfabrik und hat im Kriege Millionen verdient.«
+
+»So, und da also --?«
+
+»Und weißt du, wer den Kaffee gekocht hat?« fragte Hedi lachend. »Ich,
+zusammen mit Ströbel. Denn Ströbel hat keine Dienstboten im Hause,
+obschon er so reich ist -- um ungestört zu sein. Ja, also wir zwei haben
+den Kaffee gebraut -- und das Wasser wollte gar nicht kochen, hahaha! --
+aber niemand fiel es auf.«
+
+»Was fiel niemand auf?«
+
+Hier brach Hedi in lautes Gelächter aus. »Was sagte ich? Nun -- niemand
+fiel es auf, daß es so lange dauerte, bis der Kaffee fertig wurde. Es
+war einfach schnurrig! Die ganze Gesellschaft trank Kognak aus
+Kaffeetassen. Wir haben alle Bruderschaft getrunken!«
+
+Hedi lachte, erzählte, summte, tänzelte, während sie abwechselnd durch
+Dämmerung und grelles Licht glitt. Bald flammte ihr Auge auf, bald ihr
+weizengelbes Haar, bald ihre bleiche Haut. Plötzlich stieß sie ein Glas
+vom Tisch, aber auch darüber mußte sie nur lachen.
+
+Voller Verachtung drehte Klara sich gegen die Wand.
+
+»Nun,« sagte Hedi triumphierend, »dieser Herr Ströbel ist nicht nur
+reich, sondern auch ein Gentleman. Und er ist verliebt in mich! Dich
+aber würde er wahrscheinlich gar nicht ansehen, kleine Braut.« Dies
+fügte Hedi ein, um Klara zu reizen.
+
+Aber Klara schwieg.
+
+»Ah, seht an, sie spielt die Hochmütige!« fuhr Hedi fort. »Nun, mein
+Liebling, es ist mir höchst einerlei, was du denkst. Du bist ja noch ein
+Kind, und was solltest du vom Leben wissen? Auch was Papa denkt, ja,
+siehst du, auch das ist mir höchst einerlei. Ich habe dir ja schon oft
+gesagt, daß ich dieses Leben hier satt habe, diese ewige Langeweile, und
+eure Rüben und Kartoffeln. Und dazu die ewige Kontrolle! Nein, mein
+Herz, nun mache ich Schluß. Hörst du mich, kleine Braut? Ja, natürlich
+hörst du mich, du tust ja nur so . . . ich werde euch verlassen . . .«
+
+»Ja, verlassen, man hat mir eine Sekretärsstelle angeboten, tausend Mark
+im Monat, bei völliger Bewegungsfreiheit -- ein kleines Bureau werde ich
+haben, und einen kleinen Empfangssalon -- du staunst, wie? -- und bei
+Ströbel selbst. Ich werde mir nun mein Leben so einrichten, wie es mir
+gefällt. Ich bin jung, ja Gott sei Dank, noch bin ich jung. Und du
+darfst mich besuchen, kleine Braut, und vielleicht schenke ich dir ein
+Paar seidene Strümpfe --«
+
+Ganz plötzlich schlief Hedi ein.
+
+Aber ihr Schlaf war unruhig, und immerfort lief ein Zittern über ihren
+Körper. Klara beobachtete sie.
+
+Was war geschehen?
+
+Labyrinthisch und voller Dunkelheiten erschien Klara plötzlich das
+Leben. -- --
+
+Dora aber freute sich immer noch über das Gedicht, während sie das warme
+Bad genoß. Ihre Augen, ihre Zähne, Grübchen, ihre Schultern und Brüste,
+die ganze Dora strahlte vor Entzücken. Es war so leicht, ihr eine Freude
+zu machen. Sie wartete nur darauf.
+
+Behutsam legte sie das Gedicht zur Seite, um es aufzubewahren, in dem
+Schubfach, das angefüllt war mit ähnlichen Huldigungen.
+
+Ein Billett von Otto. Sie strich das volle Haar in den Nacken, las --
+nur zwei Zeilen -- und zerriß es, in winzige Stückchen, die sie in die
+Aschenschale warf. Eine feine Röte flog über ihre Wangen.
+
+Dann trank sie ein Täßchen Kakao.
+
+Und dann griff sie nach dem Briefe des Generals. Seine Schrift begann zu
+zittern. Es war nicht mehr die frühere, starke Hand. Er begann langsam,
+ganz langsam zu altern, ja . . . Was sollte er ihr zu sagen haben?
+Nichts, gar nichts.
+
+Plötzlich aber saß Dora ganz still.
+
+Ihre glänzenden, roten Lippen standen offen, die Hand zitterte -- ihr
+schwindelte.
+
+Heute nacht . . .
+
+Heute nacht also . . .
+
+Heute nacht, während sie tanzte, während sie scherzte, während sie
+lachte. Vielleicht gerade in jenem Augenblick . . .
+
+Heute nacht -- die Tänzerin, die Neger, die Vermummten -- alles wirbelte
+vor ihren Augen.
+
+Und vielleicht gerade in jenem Augenblick . . . Sie schauerte zusammen.
+
+Wie betäubt hüllte sie sich in das Laken, den leeren Blick zu Boden
+gerichtet. Vielleicht war er schon tot --
+
+Ihre glänzenden Augen, von dem seltenen intensiven Blau, füllten sich
+langsam mit Tränen.
+
+Aber trotz allem haßte sie ihn, auch jetzt! Sie konnte es ihm nie
+verzeihen, daß er sie schon am ersten Tage betrogen hatte, alles andere.
+Immerhin, ein Mann, der ihr einmal nahestand. Der einzige Mann, der nie
+sentimental war und nie eifersüchtig wurde. Der einzige, der nicht
+flehte und nach ihr bettelte. Nein, bei Gott, das tat er nicht. Der
+spöttische Blick seiner kalten, scharfen Augen stand vor ihr.
+
+Hoffentlich litt er nicht, nein, nein, was auch geschehen war, diesen
+Gedanken konnte sie nicht ertragen. Trotzdem sie ihn gerade in diesem
+Augenblick bitter haßte -- leiden sollte er nicht! Und doch, ein
+abscheuliches, verruchtes Gefühl triumphierte in ihr, ganz wider ihren
+Willen: also auch dich hat es gepackt! Auch dich hat die Granate
+zerrissen!
+
+Ja, diesen furchtbaren Gedanken dachte Dora.
+
+Sie stieß das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit
+strahlte.
+
+Dann klingelte sie eilig der Zofe.
+
+
+3
+
+»Und nun los, Heinz!«
+
+Hauptmann Wunderlich schwang sich an den Krücken über den Flugplatz.
+Gerötete Gesichter und rote Hände im Sonnenschein.
+
+Augenblicklich verschlang das Dröhnen des Motors den Lärm der Geschütze,
+und schon eilte die Maschine über den Rasen, dem herrlichen Morgen
+entgegen. Der Flugplatz mit den Hangars schwang in weitem Pendelschlag
+unter der linken Flügelspitze, eine Idee schräg lag die kleine Maschine,
+kaum zu merken, ganz wie gestern. Meerheims Maschine, der einige Minuten
+früher abflog, blitzt zuweilen wie ein Funke im Süden.
+
+Schon hat der Motor die volle Tourenzahl erreicht, unmerklich drückt der
+Boden des Flugzeugs gegen die Fußsohlen. Die kleine, kugelrunde Wolke
+des rasenden Autos da unten auf der schneeweißen Landstraße wird
+langsamer und langsamer, nun steht sie still, und nun scheint sie sich
+plötzlich rückwärts zu bewegen.
+
+Heinz zog die Mütze tiefer über die Stirn. Er berührte mit den Fingern
+den Talisman auf seiner Brust. Nun war er unterwegs.
+
+Die Farben der Erde fließen ineinander. Geschliffene Achate, Felder und
+Wälder, der Weiher eine winzige Muschel aus Perlmutter, die zuweilen ein
+Gefunkel aussendet. Samtweich schlingen sich helle Bänder zwischen den
+Achatflächen, Wege und Straßen. Die Landschaft aber, dieser zarte
+Teppich da unten, ist vulkanisch. Allerorts steigen ununterbrochen
+kleine, verwehende Dampfwolken empor, wie aus Geisern, oft vereinzelt,
+oft in Gruppen, milchigweiß, graugelb und schwarz. An einer Kurve
+drängen sie sich dicht zusammen, wie schnellwachsende Dampfpilze paffen
+sie ohne Pause auf -- das sind die Gräben.
+
+Merkt er etwas?
+
+Morgen, morgen, geht das Gerücht!
+
+Heinz jauchzt vor Freude. Es wird zu tun geben!
+
+Da und dort stehen in der Bläue des Himmels Gruppen dichtgedrängter
+Lämmerwölkchen, aus denen Messer blitzen, Schwärme von Schrapnells, die
+den Flugzeugen gelten. Von unendlicher Schwärze, blitzend von Myriaden
+feinster Silberfunken, wölbt sich hoch oben der Äther.
+
+In dreitausend Meter Höhe flog Heinz seinen Abschnitt auf und ab.
+Meerheim patrouillierte im Nachbarabschnitt. Zuweilen sah Heinz seine
+Maschine, wenn sie sich der gegenseitigen Grenze näherten. Hier oben war
+die Front kaum noch zu sehen, leichter Dunst lag auf der Erde, nur
+zuweilen warf der Gürtel der Geiser eine Gruppe schwarzer Rauchwolken
+aus. Am Horizont ringsum blitzten die Messer der feindlichen und
+deutschen Batterien. In der großen Weite war kein Flugzeug zu sehen, nur
+nach Westen zu entdeckte Heinz eine Gruppe von Maschinen, die aber bald
+verschwand. Dort schienen feindliche Flieger zu sein, und er wünschte
+nichts sehnlicher, als daß sie hierher in seinen Abschnitt kämen. Er
+glühte vor Kampfbegierde! Aber nichts ließ sich sehen, so sehr er auch
+ausspähte, keine Seele. Mächtige weiße Wolkenmassen zogen unter ihm
+dahin. Zuweilen ließ er die Maschine sinken, und dann wuchs ein
+schimmerndes Schneegebirge rasch zu ihm empor. Türme von Schnee
+brodelten ihm entgegen, Kuppen von Schnee wölbten sich, und der Schatten
+seiner Maschine jagte über glitzernde Gletscher.
+
+Heinz begann zu singen.
+
+Wie eine Lerche trillerte er im Äther. Er mußte sein Glück hinausrufen.
+Laut und inbrünstig hingegeben sang er: »Deutschland, Deutschland über
+alles.« Er sang sämtliche Strophen des Liedes, das ihn schon in der
+Schule berauscht hatte. Deutlich hörte er zuweilen aus dem Röhren und
+Brausen des Motors seinen hellen Tenor.
+
+Dann sang er die »Vöglein im Walde«.
+
+Nie hatte er eine seligere Stunde erlebt.
+
+Wie häufig, erschien plötzlich deutlich und scharf Klaras Bild vor
+seinen Augen. Seligkeit wäre es, könnte er nur einmal mit ihr durch den
+Äther dahinjagen! Nie würde er imstande sein, ihr dieses Glück zu
+schildern.
+
+Ja, heute, heute -- vielleicht würde es ihm endlich heute gelingen,
+einen Gegner zu stellen! Oh nein, er zweifelte nicht eine Sekunde daran,
+als Sieger aus diesem Zweikampf hervorzugehen. Er war entschlossen, er
+war kühn, er fürchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heißester
+Liebe für sein Vaterland. Wie sollte er da nicht der Überlegene sein?
+
+Dort? Dort? Schon jagte er hin --
+
+Oft rückten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschütze ganz nahe, aber zu
+seinem Schmerz entfernten sie sich stets wieder. Es war sein
+persönliches Pech, daß niemand seinen Abschnitt aufsuchte.
+
+Allzu schnell war seine Zeit abgelaufen. Wieder vergebens! Mit der
+Sekunde wandte Heinz die Maschine nach Hause. Er stürzte sich mitten in
+eine der schimmernden Wolken hinein, glitt für Sekunden durch Düsternis
+und kalten Nebel, um gleich darauf wiederum von Helligkeit geblendet zu
+werden. Wieder lag da unten der schimmernde, bunte, freundliche Teppich,
+und Heinz nahm den Kurs auf eine weiße Kirchturmspitze am Horizont.
+
+Was aber gibt es? Was ist geschehen?
+
+Plötzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. Mächtig
+pendeln die Flügel. Heinz hat sich in namenlosem Erstaunen aufgerichtet.
+Die Maschine stürzt . . .
+
+Aber hinter der stürzenden Maschine her jagt wie ein riesiger Raubvogel
+ein Flugzeug mit Farbringen auf den Tragdecken. Senkrecht stürzt es sich
+in die Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, in seiner Vermummung anzusehen
+wie ein furchtbarer Dämon, beugt sich über Bord, um die stürzende
+Maschine des Gegners auf die Platte seines photographischen Apparates zu
+bringen.
+
+Wie eine Motte flattert der deutsche Eindecker da unten, und plötzlich
+löst sich etwas wie ein Gegenstand, ein Körper -- verschwindet rasch,
+wie ein Punkt in der Tiefe.
+
+Schon blitzen Messer auf am Waldrand, und der Raubvogel rauscht in die
+Wolke zurück. --
+
+Als Hauptmann Wunderlich die Nachricht hörte, zerriß er sich mit den
+Nägeln das Gesicht und schrie: »Ich ertrage es nicht mehr, ich kann
+nicht mehr!«
+
+
+4
+
+Immer noch sprach der freundliche Greis -- mit leiser, feierlicher
+Stimme. Und immer noch verharrte das Haus in Totenstille.
+
+Der kleine gütige Greis sagte Ja, und er sagte Nein. Er sagte Sofort und
+sagte Niemals. Vorsichtig und sorgfältig fügte er Wort an Wort zu
+kunstvollen Sätzen. Zuweilen huschte sogar etwas wie rethorischer Glanz
+über seine Rede, ein Glanz wie er über Reliquien in den Kathedralen
+liegt.
+
+Die Erregung hat seine Greisenbäckchen gerötet wie die Bäckchen eines
+Kindes.
+
+Er war nicht abgeneigt, Zugeständnisse zu machen, das heißt nicht
+eigentliche Zugeständnisse, es wäre ihm natürlich unmöglich, irgendwie
+und in irgendeiner Form auch nur das geringste . . .
+
+Er versicherte heilig seine Friedensgeneigtheit, ja, jeden Tag würde er
+Frieden schließen, aber natürlich, er bittet, nicht mißverstanden zu
+werden -- er war entschlossen, fürchterlich entschlossen . . .
+
+Und er schwingt die kleine hilflose Greisenfaust durch die Luft. So
+entschlossen war er.
+
+Ja, entschlossen . . .
+
+Der General setzte den Kneifer auf und warf den Kopf in die Höhe. Vor
+ihm glänzte die bedeutsame Glatze eines Admirals, neben ihm schimmerte
+nichtssagend das dünne gebürstete Haar eines Diplomaten.
+
+Die Tribünen gegenüber lagen im Halbschatten. Kopf an Kopf, eine
+gesichtähnliche Nichtigkeit neben der anderen. Und doch . . . Er fühlte
+sich unbehaglich -- früher war er ähnlichen Einflüssen überhaupt nicht
+zugänglich gewesen, indessen der Krieg -- die Überarbeitung . . .
+
+Da!
+
+Ein glänzendes, bleiches Gesicht unter all den matten Nichtigkeiten, und
+ein paar Augen voller Schrecken und Entsetzen auf ihn gerichtet.
+Vielleicht nicht auf ihn, eigentlich mehr auf den kleinen Greis, dessen
+Kinnlade sich ruckartig bewegte. Der General hatte das Gesicht schon
+irgendwo gesehen, vermochte sich indessen im Moment nicht zu entsinnen.
+Es war nicht Schrecken, es war Grauen, das von dem glänzenden, bleichen
+Gesicht mit den schwarzen rasenden Augen ausging. Dieses Grauen lähmte
+die Zunge des sprechenden Greises, lähmte seine Bewegungen. Sein
+erhobener Arm sank plötzlich herab, er schöpfte Atem, hastig, seine
+schmalen Schultern schoben sich in die Höhe -- er beugte sich tiefer
+über das Manuskript und stotterte.
+
+Das bleiche phosphoreszierende Gesicht aber wuchs in die Höhe -- schon
+fiel es allenthalben auf. Der Diplomat mit den dünnen, säuberlich
+gebürsteten Haaren blinzelte beunruhigt und runzelte die Stirn.
+
+Die dünne feierliche Stimme des Greises erschallte wieder.
+
+Die kleine eigensinnige Greisenfaust schlägt auf den Tisch, und
+eigensinnig wiederholt die tonlose und feine Stimme Ja und Nein, Niemals
+und Sofort. Nun sind es keine Worte mehr, nun sind es nur noch Laute,
+nur noch Luftwellen . . .
+
+Nein, nein, nicht ein Greis sprach --
+
+Deutlich sah Ackermann, daß dieser Greis eine Leiche war, die redete!
+Die Tribünen standen voller Leichen in den Uniformen von Generalen und
+Admiralen, mit Orden und Tand behängt, die Abgeordneten waren Leichen,
+die still dasaßen, die Stenographen, der greise Präsident, der den Kopf
+in die Hand stützte.
+
+Leichen, ein Parlament von Leichen.
+
+Und die Sonne umspielte sie. Die lebendige Stimme Gottes rief und
+donnerte, aber sie hörten sie nicht.
+
+Da aber begannen die Leichen zu erbeben wie Schilf im Wind. Ein
+Sturmwind brauste durch das Haus. Die Leichen sanken zusammen, vermodert
+sanken Uniformen und glitzernde Ordenssterne dahin.
+
+Gesang . . .
+
+In der Ferne ertönte ein Schritt, der dröhnende Schritt von
+Hunderttausenden, Millionen -- Gesang fliegt vor ihnen her. Und dieser
+Gesang ist der Sturmwind --
+
+Da berührte jemand seinen Arm, eine knöcherne harte Hand, und eine
+trockene Stimme sagte: »Sie dürfen sich nicht so über die Brüstung
+legen.« Ackermann befand sich wieder auf der kleinen Tribüne, wo
+zusammengedrängt das Volk sitzt, das keine reservierten Plätze
+vorfindet. Er war nahe daran gewesen, eine seiner Ohnmachten zu
+bekommen. Im selben Augenblick wurde applaudiert. Die Ordenssterne und
+Uniformen rauschten durcheinander. Der freundliche Greis setzte sich und
+träumte wieder von seinem Sarg, aus dem man ihn aufgescheucht hatte.
+
+Die Abgeordneten betraten nacheinander die Rednertribüne. Worte und
+Gesten. Schon ist die Zeremonie zu Ende. Die Tribünen beginnen sich zu
+leeren.
+
+Aber halt! Hier ist noch einer, der etwas zu sagen hat. Er hat die
+furchtbare Frage des Schicksals vernommen, das Antwort fordert. Er will
+zur Tribüne stürmen. Aber die Fettnacken und wehenden Bärte halten ihn
+zurück, die Rechtsanwälte und selbst die vom Hunger Ausgemergelten.
+Selbst sie! Die Journalisten auf ihrer Tribüne schütten sich vor Lachen.
+
+Flammend steht er, der einzige, zornrot, mit weißen Haaren. Seine
+rasende Stimme erstirbt im Lärm.
+
+Schon sind die Tribünen leer. -- --
+
+Die Pulse fliegen. Die Lider peitschen die Augen, das Blut donnert in
+den Ohren, und die Glieder schwingen. Die Erde hebt sich, bald wird sie
+zerreißen -- Rauch, Feuer! Genug, genug!
+
+»Genug und vorbei!«
+
+Das blaue Himmelsgewölbe splittert, Finsternis. Das Rad der Geschichte
+vollendet krachend seine Umdrehung, es wälzt sich heran, zermalmend --
+Staub, Rauch . . .
+
+ * * * * *
+
+Uniformen und Roben fluten die Treppe hinab in den herrlichen Tag. Ganz
+wie nach einem Pferderennen von den Tribünen. Die Rechtsanwälte schießen
+hindurch, mit ihren Mappen, sie haben es immer eilig. Eingläser funkeln,
+das Lächeln blitzt auf den Lippen einer schönen Dame. Sporen klirren und
+Säbel rasseln.
+
+Wagen fahren heran, die Automobile qualmen.
+
+Lautlos huscht die Limousine des kleinen freundlichen Greises am Wall
+der Schutzleute vorbei.
+
+Schwerdtfeger hat seinen hohen Chef oben auf der Treppe erspäht und den
+Wagen herangebracht, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen. Er kennt
+nichts als seinen Dienst.
+
+Der General braucht nur irgendwo aus einem Hause zu treten und über den
+Bürgersteig zu gehen, immer steht Schwerdtfeger bereit. Der General muß
+nur den Fuß heben, das ist alles. Aber er hat sich nie Gedanken darüber
+gemacht.
+
+Oben auf der Treppe sprach der General einen Bekannten mit hohen Orden.
+Er drückte seine Befriedigung über den Verlauf der Zeremonie aus -- die
+Rede, prachtvoll -- und der Bekannte seinerseits versicherte, daß die
+Rede in der Tat eine staatsmännische Leistung ersten Ranges war.
+
+Nun stieg der General die Treppe hinab.
+
+Die Lackstiefel eines Husaren blitzten vor ihm. Ein schmaler, eleganter
+Rücken, ein vornehmes Profil, ein rascher, kühner Blick aus schönen,
+klaren Augen -- der Husar weicht zur Seite und grüßt.
+
+»Ah -- gut bekommen?« Ja, wie hieß er doch nur?
+
+Leutselig schüttelt der General dem Husaren die Hand.
+
+»Danke, Euer Exzellenz!«
+
+»Ein netter Abend -- hm, etwas spät . . . wir haben ja -- Sie haben mir
+ja von interessanten Dingen erzählt --?«
+
+Der Husar blieb indessen völlig kühl und korrekt. Erstens war er kein
+Beduine mehr, sondern Husar, zweitens war er, mit Respekt zu melden,
+heute nacht völlig bekneipt, und als er aufwachte, fiel ihm (als erstes)
+voller Schrecken ein, daß er Dummheiten geschwätzt und sich beinahe auf
+Gott weiß welche Geschichten eingelassen hätte -- drittens war man nicht
+mehr auf einem Ball, sondern im Dienst, und es wimmelte ringsum von
+Würdenträgern und Exzellenzen.
+
+Er blieb also kühl, korrekt, entschlossen, sich auch durch nichts
+bewegen zu lassen. Seine schönen klaren Augen strahlten Offenheit.
+
+»Leider vermochte ich nicht mit ganzer Aufmerksamkeit zu folgen -- es
+war plötzlich so heiß geworden -- und dann brannte noch dieser Vorhang.«
+
+Aber der Husar blieb zurückhaltend, entgegnete ein paar nichtssagende
+Redensarten. Er errötete sogar.
+
+Schwerdtfeger warf den Wagenschlag ins Schloß, und der General erwachte
+erst aus seinen tiefen Gedanken, als die grelle Sonne in seinem
+Arbeitssaal ihn blendete.
+
+Er zog die blauen Vorhänge zu, das Licht schmerzte seine Augen, jetzt
+erst machte sich der kurze Schlaf bemerkbar.
+
+»Trotzdem -- trotzdem --« murmelte der General vor sich hin. Mehr und
+mehr verfiel er der Gewohnheit, seine Gedanken laut zu äußern.
+
+»Trotzdem -- ja, er wich aus -- nun, gewiß er ist ein Mann von größter
+Selbstkontrolle, ohne Zweifel. Aber er errötete etwas. Weshalb?«
+
+»Oder errötete er nicht?«
+
+»Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber es sah tatsächlich aus, als ob
+er errötete.«
+
+»Aber was, was hat er mir erzählt? Ja, wie ärgerlich, daß gerade diese
+Sache mit Dora -- --«
+
+»Aber weshalb erzählte er es mir?«
+
+»Wie? Wie? Sogar Angehörige der besten Gesellschaft -- und . . .«
+
+»Deutlich erinnere ich mich -- trotzdem . . .«
+
+Der General starrte vor sich hin -- das Blut wich langsam aus seinem
+breiten Gesicht. Plötzlich schüttelte er den Kopf. Welch absurder
+Gedanke!
+
+Er berührte die Klingel.
+
+Weißbach erschien, und der General berichtete kurz über die
+Reichstagssitzung -- ein Zeichen des größten Vertrauens und Wohlwollens,
+das Weißbach, trotzdem er noch in Alkohol kochte, er war bis neun Uhr
+bei Ströbel gewesen, zu würdigen wußte.
+
+»Sollten Sie Näheres über Hauptmann v. Dönhoff erfahren --?«
+
+»Jawohl, Herr General!«
+
+Weißbach zog sich zurück. Der General war ihm grün erschienen,
+leichengrün -- die Beleuchtung natürlich, oder auch sein Zustand. Er
+trank wenig, aber er konnte nichts mehr vertragen, seit er in Rußland
+seinen Nervenchok erlitt. Damals waren sie alle verbrannt, durch einen
+Volltreffer, der den Unterstand in Flammen setzte -- nur durch einen
+Zufall war er gerettet worden. Er wußte selbst nicht wie, er hatte es
+auch nie begriffen.
+
+Sobald Weißbach den Saal verlassen hatte, ging der General zum Telephon
+und verlangte eine bestimmte Verbindung.
+
+Erst nach geraumer Zeit ließ sich jemand hören.
+
+»Ich hatte doch gebeten« -- begann der General ungnädig -- »mich
+umgehend informieren zu wollen -- bereits acht Tage -- wie, bitte --?«
+
+
+5
+
+Ackermanns Blick fieberte durch die wimmelnden Uniformen und abrollenden
+Wagen. Verzweiflung schüttelte ihn.
+
+»Dieses Parlament, welche Schmach! Der Fluch des Volkes wird die
+Schmachbedeckten treffen -- einst, einst --!«
+
+Er sah die hohen Offiziere nicht, nicht die Generale mit ihren roten
+Aufschlägen, nicht die Admirale mit den goldenen Tressen. Und niemand
+beachtete ihn in seinem abgeschabten weiten Mantel, von Entbehrungen und
+Qualen erschöpft -- ein einfacher Soldat, einer von den Millionen, die
+niemand sieht.
+
+Auf dem Straßendamm stand mitten im Qualm der Autos ein Berittener,
+regungslos wie eine Statue. Mit furchtbarem Ernst saß er im Sattel,
+quittengelb, mit spitzer Nase, eingefallenen Wangen und violetten
+Augenhöhlen. Eine berittene Leiche hielt vor dem Parlamentsgebäude
+Wache, im Sattel verhungert, aber sie tat ihre Pflicht.
+
+Plötzlich drehten sich die starren Metallkugeln in den violetten Höhlen,
+die Haut des quittengelben Gesichts straffte sich, der rostrote
+Schnurrbart zuckte.
+
+Er hatte Ackermann entdeckt, und eine argwöhnische, drohende Falte
+spaltete die armselige Stirn.
+
+Das Gesicht dieses gemeinen Soldaten war das Gesicht eines Mannes, der
+geheime Gedanken hegte, Gedanken ganz besonderer Art, unzufriedene
+Gedanken. Er kannte diese Gesichter vom Kasernenhof her und hatte sie
+vernichtet, wo er sie fand, bis sie aussahen wie andere.
+
+Schon drängte er sein Pferd näher, und sein Blick wurde messerscharf und
+unbarmherzig. Er war aus der kaiserlichen Schule, auf den Mann
+dressiert.
+
+In diesem Augenblick aber ging Ackermann wie ein Schlafwandler mitten
+durch die Uniformen und Wagen hindurch, schnurgerade über den Fahrdamm
+-- ohne angestoßen, berührt, überfahren zu werden, sonderbar.
+
+»Es ist Zeit!« flüsterte er. »Es ist Zeit!«
+
+»Es ist höchste Zeit!« Er eilte.
+
+Ihr Jungen, Wollenden, Wagemutigen, die Stunde schlägt! Ihr
+Sehnsüchtigen, Verzweifelten, Zielerfüllten, ihr Hassenden, Liebenden,
+Gesegneten, Boten und Verkünder des Menschenreiches -- auf, auf, die
+Stunde ist da! Zögert nicht länger, ihr Gesandten mit den menschlichen
+Antlitzen!
+
+Böse folgte der Blick des Berittenen dem grauen Soldatenmantel, der
+rasch zwischen den Bäumen verschwand.
+
+ * * * * *
+
+Und schon -- ja schon rüsten sie sich zum Aufbruch, die Läufer, die
+ihrer Zeit vorauseilen! Schon baden sie das Antlitz im Lichte einer
+neuen Sonne, die heraufsteigt.
+
+Schon erheben sie sich von den elenden Pritschen der Gefängnisse -- sie
+werden durch hundertfach geschlossene Tore gehen wie durch Luft, keine
+Angst. Schon hebt sich ihre leuchtende Wimper in den Kasernenhöfen
+Europas -- und sie werden das triumphierende Wort aussprechen, und die
+Kugeln werden von ihnen abprallen, keine Angst. Schon beten sie ihr
+Morgengebet bei den Kanonen, in den Erdlöchern der europäischen
+Schlachtfelder -- sie werden die Kanonen zerbrechen, als ob sie Schilf
+wären, keine Angst. Schon wird ihr Schlaf in den Massengräbern Europas
+unruhig, schon hebt sich ihr Auge, sie werden auferstehen, stärker als
+der Tod, keine Angst.
+
+Schon kommen sie, schon sammeln sie sich, in ganz Europa, sie, die
+Brüder sind und sich erkennen am Glanz des Antlitzes. Schon ertönen ihre
+Stimmen, da und dort, in ganz Europa, in der ganzen Welt!
+
+Sie kommen!
+
+Kommen sie? Kommen sie wirklich?
+
+Ja, sie kommen! Horch! Schon wandert ihr Schritt im Tagesgrauen.
+
+Und die Finsternis wird ein Ende haben?
+
+Die Finsternis, die schreckliche, wird ein Ende haben.
+
+Schon rötet sich der Himmel im Osten. Sie bringen das Licht. Sie kommen,
+und sie werden dahinschreiten, und das Paradies wird unter ihren
+Schritten erblühen.
+
+Ihr Feldzeichen aber ist nicht rot, nicht blau, ihr Feldzeichen ist die
+Liebe.
+
+
+6
+
+»Unbegreiflich!'« rief Herr Herbst aus und warf die kleinen Hände voller
+Erstaunen in die Luft. »Was ein Mensch doch träumen kann! Also, Berlin
+nichts als -- Schutt, nur Schutt, sagen Sie?«
+
+Eingehüllt in den langen rostfarbenen Havelock, den steifen Hut auf den
+Ohren, saß Herr Herbst im halbdunkeln Gastzimmer des »Löwen von
+Antwerpen«. Eine große, sofort in die Augen springende Veränderung war
+mit ihm vorgegangen: er trug keinen Kragen mehr! Denn früher hatte er ja
+einen niedrigen, wenn auch nie ganz reinen Kragen und eine kleine
+schwarze Binde getragen. Wer sie kennt, die Trinker, weiß, was es zu
+bedeuten hat -- keinen Kragen mehr!
+
+Ihm gegenüber saß der scheue, stille, bucklige Wirt, Herr Glienicke,
+zwischen ihnen stand die Flasche.
+
+Herr Glienicke räusperte sich krächzend, dann erwiderte er scheu
+flüsternd: »Ja, nichts als Schutt, ein Haufen Schutt, das ganze Berlin.
+Wie soll ich sagen -- eine Ruine. Und Raben --«
+
+»Raben?« Schauer jagten über den Rücken des kleinen Herrn Herbst.
+
+»Der Himmel war schwarz von ihnen. Sie flogen auf, wohin man kam -- wie
+Wolken. Hm, und auch Leichen lagen da und dort, streckten die Hände aus
+dem Schutt, blaue Hände.«
+
+»Was für ein entsetzlicher Traum! Und keine Menschen mehr, sagen Sie?«
+
+»Keine Menschen, nein. Nur Raben, alles war schwarz von ihnen. In ganz
+Berlin keine lebende Seele mehr. Nur Schutt und verkohlte Balken. Da und
+dort stand zwischen den Schutthaufen noch ein verlassenes Geschütz. Aber
+keine Menschen.«
+
+»Ah, ah -- entsetzlich!«
+
+»Und dann begann es zu schneien --«
+
+»Guten Tag!« sagte in diesem Augenblick eine helle, nüchterne, aber
+bescheidene Stimme, und die beiden fuhren auf.
+
+Ein schmächtiger, junger Mann war ins Zimmer getreten.
+
+Der schmächtige, junge Mann näherte sich, den Hut in der Hand, dem Tisch
+und verbeugte sich leicht und steif.
+
+»Ich bitte um Verzeihung! Herr Herbst?«
+
+Zitternd erhob sich der Havelock. Ja, weshalb in aller Welt zitterte er?
+Es war nicht nur diese helle, nüchterne Stimme, nein -- jemand kannte
+ihn, ihn, seinen Namen . . .
+
+»Ich habe mit Ihnen zu sprechen«, sagte die gleiche Stimme, aber um eine
+Schattierung weniger bescheiden.
+
+»Sprechen? Gewiß --«
+
+»Nicht hier, bitte -- in besonderer Angelegenheit --«
+
+Und die beiden verließen das Gastzimmer. Die Eulenaugen des Buckligen
+sahen ihnen nach. Herr Glienicke hatte sich nicht von der Stelle
+gerührt. Diese Stimme, unverkennbar: die Polizei!
+
+»Bitte!« sagte der schmächtige junge Mann und lenkte den Schritt die
+Fabriciusstraße hinab.
+
+Mit etwas eingeknickten Knien schlürfte Herr Herbst neben ihm her. Er
+verging vor Angst, erfüllt von den schlimmsten Ahnungen.
+
+Wie immer spielten die Kinder auf der staubigen, zugigen Straße, aber
+heute wagten sie sich nicht an ihn heran, da er in Begleitung war.
+
+Mit hohem Singsang schritten sie im Reigen um ein Mädchen, das auf dem
+Pflaster kauerte und einen Lumpen über den Kopf gezogen hatte. Ein
+schwarzer Hund mit kurzem Schwanzstumpen trippelte mit den Kindern
+ebenfalls im Kreise. Nur seiner erschreckenden Magerkeit verdankte er
+es, daß er noch lebte. Denn hier außen gab es weit und breit weder Hunde
+noch Katzen mehr, alles verzehrt, längst eine Beute der Professionells.
+Hohläugig und wächsern erschienen die Kinder wie tanzende, in Lumpen
+gehüllte Leichen, die aus den Gräbern eines Kinderfriedhofs gestiegen
+waren, um hier zu spielen. Ihre Mütter arbeiteten irgendwo in den
+Munitionsfabriken, die Väter faulten längst in den Massengräbern.
+
+Und da war auch schon wieder jener Wagen mit dem schmutzigen Schimmel,
+den ein bleiches abgezehrtes zwölfjähriges Mädchen kutschierte. Jeden
+Tag kam er hierher in diese Straße, und kam er nicht gerade in die
+Fabriciusstraße, so sah man ihn sicher dort an der Ecke warten. Heute
+lagen nur zwei Kindersärge darauf, aber soeben brachte ein Mann einen
+neuen Kindersarg aus dem Hause und warf ihn wie eine Kiste mit Flaschen
+auf den Wagen. Jeden Tag, und doch gab es noch immer Kinder hier!
+
+Die tanzenden kleinen Toten aber beachteten den vorüberfahrenden Wagen
+mit den Särgen nicht. Sie schoben den Reigen nur etwas zur Seite und
+sangen weiter.
+
+Endlich brach der schmächtige junge Mann das Schweigen. Mit einem nicht
+unfreundlichen Lächeln wandte er sich an Herrn Herbst.
+
+»Sie wissen wohl, daß die große Offensive heute begonnen hat?« sagte er
+im Tone eines Menschen, der ein Gespräch beginnen will. »Tausende von
+Gefangenen --«
+
+»Tausende -- so, so --« stammelte Herr Herbst verwirrt.
+
+»Ja, am ersten Tage!« Aber das Gespräch kam nicht in Gang. So also ging
+es nicht. Der schmächtige junge Mann polierte den Kneifer, lächelte
+Herrn Herbst mit kurzsichtigen Augen an, und begann von neuem in etwas
+kühlerem, geschäftlichem Tone: »Sie kennen mich nicht, Herr Herbst?«
+
+»Wirklich nicht? Und Sie haben mich auch nie gesehen? Trotzdem gingen
+Sie sofort mit mir, seht an. Ein neuer Beweis, daß es unleugbare Kräfte
+gibt, die Macht über die Menschen verleihen, magnetische und hypnotische
+Kräfte. Seit acht Tagen, seit vollen acht Tagen folge ich Ihnen wie ein
+Schatten, mein verehrter Herr Herbst. Sie staunen? Sie sehen, man muß es
+nur geschickt anstellen. Vor einigen Tagen aß ich sogar mit Ihnen am
+gleichen Tisch in der Dorotheenstraße. Und am Schluß der
+Reichstagssitzung stand ich dicht neben Ihnen, als Sie den hohen
+Offizier grüßten --«
+
+Herr Herbst zuckte zusammen. Ah, ah -- er hatte es ja augenblicklich
+gefühlt! Seine Ahnungen! Die Polizei war ihm auf den Fersen, die
+Geheimpolizei. Der General hatte sie auf seine Spur gesetzt, und nun war
+er -- verloren! Ja, dieser General, natürlich, er wollte seine Macht
+zeigen, er hatte ihm jenes furchtbare Wort entgegengeschleudert,
+belästigte ihn . . .
+
+»Ich hatte, mit einem Wort, den Auftrag, mich mit Ihrer Persönlichkeit
+zu beschäftigen.«
+
+»Ich weiß es.«
+
+»Sie wissen es?«
+
+»Ich dachte es mir! Einen Augenblick.« Herr Herbst wischte sich den
+Schweiß von der Stirn.
+
+»Ja, also den Auftrag«, fuhr der junge Mann geschwätzig fort. »Ich kenne
+nunmehr all Ihre Gewohnheiten, Ihre etwas sonderbaren und keineswegs
+alltäglichen Gewohnheiten. Es bedurfte eines psychologisch geschulten
+Blickes, um nicht verwirrt zu werden, ich gestehe es offen zu. Nunmehr
+sind meine -- Sie verzeihen -- Beobachtungen abgeschlossen, bis auf
+einen großen dunkeln Punkt. Aber auch das wird sich finden. Ich hielt
+die Zeit für gekommen, in persönliche Verbindung zu Ihnen zu treten. Sie
+gestatten, mein Name ist Kunze.«
+
+Der junge schmächtige Mann nahm den grasgrünen Plüschhut ab und machte
+eine gemessene, steife Verbeugung.
+
+»Angenehm!« schlürfte Herr Herbst und erwiderte mit einem Kratzfuß.
+Ängstlich und mißtrauisch hefteten sich seine entzündeten Augen auf den
+blinkenden Kneifer. Nichts Gutes, jedenfalls nichts Gutes!
+
+Der schmächtige junge Mann, der sich Kunze nannte, war ärmlich, aber
+peinlich sauber gekleidet. Sein dünner Überzieher, bis oben zugeknöpft,
+war abgewetzt, aber man sah noch die Striche der Bürste. Seine
+geflickten Stiefel waren glänzend gewichst. Er trug dünne
+Zwirnhandschuhe, nur seine Manschetten, sie waren etwas grau geworden.
+Er war semmelblond, das semmelblonde Schnurrbärtchen haarscharf
+zugespitzt. Die Augen hinter den Gläsern erschienen matt, ausdruckslos
+und sogar dumm. Unter dem Arm trug er eine dünne lederne Aktenmappe. Wie
+alle Menschen sah er schlecht genährt aus, und sein Teint hatte eine
+unreine, grünlich fahle Färbung.
+
+»Hoffen wir es, daß meine Bekanntschaft für Sie angenehm sein wird«,
+nahm Kunze nach dem beendeten Zeremoniell der Vorstellung wieder das
+Wort, und er lachte leise dabei. »Für manch einen, für viele war meine
+Bekanntschaft -- meine Bekanntschaft wenig angenehm, ähä, ähä! Ja, wenig
+angenehm! Nun, nun, Sie haben nicht die geringste Ursache, sich zu
+beunruhigen, ich betonte schon, daß ich mich durch Ihre sonderbaren
+Gewohnheiten nicht verwirren ließ. -- Einen Augenblick, lassen wir diese
+Elektrische vorbei -- so. Sie haben sich also vor geraumer Zeit an
+unsere Organisation gewandt --«
+
+»Ich nenne unsere Dienststelle so. Ihr Eingang wurde, wie alle
+derartigen Eingänge, unserer Organisation automatisch zugeleitet. Sie
+haben, unter anderem, schwere Verdächtigungen erhoben gegen
+hochgestellte Persönlichkeiten, oder besser gesagt, gegen Angehörige
+hochgestellter Persönlichkeiten, so daß eine ganz besonders sorgfältige
+Bearbeitung der Angelegenheit notwendig wurde. Aus diesem Grunde hat
+mein Chef mich beauftragt.«
+
+Herr Herbst atmete auf. Also nicht der General -- es war diese andere
+Sache --! Aber schon überzog wieder kalter Schweiß seine Stirn. Welch
+gefährlicher Lage hatte er sich doch ausgesetzt! Und weshalb?
+Unerklärlich alles. Im Rausch, in völliger Bezechtheit, hatte er diese
+zwei Briefbogen vollgeschrieben. Zu spät. Seine Beine zitterten. Er
+hatte Mühe mitzukommen.
+
+»Wohin --?« stammelte er.
+
+Kunze hielt den Schritt an und lächelte. Er hatte kleine, schlecht
+gepflegte Zähne. »Sie können es sich nicht denken?« fragte er mit schräg
+geneigtem Kopf.
+
+»Wie sollte ich --?«
+
+»In Ihre zweite Wohnung!«
+
+»Wie --??«
+
+»In Ihre zweite Wohnung!«
+
+»Wie --?!«
+
+Herr Herbst griff mit beiden Händen nach dem steifen Hut -- taumelte
+zurück und entfloh . . .
+
+»Aber so warten Sie doch! Wie sieht das aus, wenn wir hier einander
+nachlaufen. Warten Sie doch! Aber ich muß doch bitten . . .«
+
+Mit ein paar langen Sätzen lief Kunze hinter dem davoneilenden Havelock
+her. Im Nu hatte er ihn wieder eingeholt. Er klemmte den Kneifer auf die
+Nase, keuchte -- seine Lunge war nicht ganz in Ordnung -- und lachte
+belustigt und nachsichtig.
+
+»Nun, sehen Sie, es hat keinen Sinn. Aber weshalb erschraken Sie nur
+so?«
+
+»Ich -- ich . . .«
+
+»Sie sind ja jetzt noch kreidebleich! Nun, nun, Ihre Nerven sind in
+einem heillosen Zustand, Herr Herbst, einem bösen, bösen Zustand, ei,
+ei! Und doch wollen wir nur in Ihre Wohnung in der Blücherstraße gehen.
+Ich sagte Ihnen ja -- nur noch ein einziger großer dunkler Punkt -- he,
+Kutscher!«
+
+Kunze winkte geschäftig eine Droschke heran. »Blücherstraße!«
+
+Herr Herbst hob abwehrend die Hände.
+
+»Nein, nein -- unmöglich, ganz unmöglich!« stotterte er hilflos.
+
+Aber der schmächtige junge Mann stampfte plötzlich ärgerlich auf den
+Boden und sagte mit scharfer Stimme: »Sie werden gehen! -- Bitte, bitte
+recht sehr, Herr Herbst«, fügte er wieder ruhig und höflich hinzu, und
+schob den vor Erregung zappelnden Havelock in die wackelnde Droschke.
+
+»Wir können den weiten Weg unmöglich zu Fuß gehen. Wir haben keine Zeit
+mehr zu verlieren. Mein Chef ist schon ungeduldig, er erhielt eine Rüge
+von einer höheren Stelle. Machen Sie es sich ruhig bequem. Es wird ja
+alles bezahlt. Das sind die Spesen. Sehen Sie hier, in diesem Notizbuch,
+hier unter H., das sind die Spesen. Ich hätte ebensogut ein Auto nehmen
+können.«
+
+Voller Verzweiflung starrte Herr Herbst vor sich hin.
+
+Kunze zog vorsichtig die Beinkleider über das Knie herauf. »Mein Chef,
+er ist Major, ermahnte mich ausdrücklich, keine Kosten zu scheuen«, fuhr
+er zu schwatzen fort. »Mein Chef strahlt! Sie haben uns ja, mein lieber
+Herr Herbst, auf eine eminent wichtige Spur gebracht -- ein selten
+glücklicher Zufall! Ach, wie langsam doch dieser elende Wagen fährt! Das
+Material wächst, der Ring schließt sich -- wir arbeiten Tag und Nacht --
+mein Chef wird einen hohen Orden bekommen -- und auch ich vielleicht,
+vielleicht sogar das Eiserne Kreuz, er machte Andeutungen, mein Chef
+. . .«
+
+Plötzlich brach Kunze ab und zog rasch den Kopf zurück.
+
+»Pst, pst« -- machte er, und deutete mit dem langen, dünnen Finger auf
+die Straße. »Aber sehen Sie doch, wer da eben aus der Elektrischen
+steigt! Sehen Sie doch! Wie? Wie? Unglaublich -- Fräulein v. Hecht!«
+
+Es war in der Tat Ruth. Sie sprang rasch aus dem Wagen und suchte ihren
+Weg durch die Menge. Schon war sie verschwunden.
+
+»Haben Sie sie gesehen? Berlin ist eine so große Stadt, aber man sieht
+immer wieder die gleichen Leute. Machen Sie einmal den Versuch, fassen
+Sie eine bestimmte Person ins Auge -- wo Sie auch hinkommen, da ist sie,
+ich wette mit Ihnen, was Sie wollen. Was hat nun, frage ich Sie, eine
+solch feine Dame hier in diesem Stadtviertel zu tun? Wie, wie? Wenn man
+es nicht wüßte! Bald wird sie wohl nicht mehr hierherkommen, oder? Mein
+Chef ist in bezug auf diese Dame etwas unruhig -- nun, verstehen Sie,
+die Tochter eines hohen Vorgesetzten -- aber auch das wird sich ja alles
+finden. He, Kutscher, fahren Sie doch etwas rascher!«
+
+
+7
+
+Mit einem kleinen Paket unter dem Arm kam Ackermann durch den
+Tiergarten. Es war noch hell, Sonne, Tag. Wie gewöhnlich suchte er
+verlassene Wege auf. Er kam vom Dienst und war auf dem Wege nach Hause,
+wo man ihn erwartete.
+
+Ja, schon sammelten sie sich, ohne Zweifel! In England, Amerika,
+Italien, Frankreich, Deutschland, Osterreich, Ungarn -- überall in der
+Welt -- die Brüder! Nur ein Blinder sah die Zeichen nicht, nur ein
+Tauber hörte nicht die Stimmen! Nur ein Tauber . . .
+
+In den Zeitungen, zwischen den Zeilen -- in Broschüren, Aufsätzen,
+Büchern, überall Zeichen, die darauf hinwiesen. Überall diese Stimmen!
+Trotz der Scharen von Zensoren und Agenten, die ausgesandt waren, die
+Wahrheit zu erwürgen, so wie Herodes die Kinder von Bethlehem erwürgen
+ließ, nur aus Furcht, weil er vernommen hatte . . . ah, ah -- sein
+Morden war vergebens.
+
+Die Gefängnisse sind überfüllt, hier und überall. Arme, betörte Sklaven
+bewachen ihre eigenen Befreier! Zu Hunderten werden sie füsiliert, hier
+und überall. Arme Verführte ermorden ihre Brüder. Aber -- _der Gedanke
+lebt!_ Die Mauern werden fallen -- in der ganzen Welt -- der Gedanke
+wird sie stürzen, der Gedanke, der war, bevor die Menschen waren. Der
+Gedanke, den man ans Kreuz schlug, folterte, mit Steinen beschwert ins
+Meer versenkte, mit geschmolzenem Blei übergoß, den die Gesandten des
+Satans zu töten versuchten auf hunderttausend Arten -- und der immer
+wieder auferstand. Weltreiche stürzten, aber er lebt.
+
+Und die Brüder werden einherschreiten -- sie, die Heißen, die
+Sehnsüchtigen, die Wollenden.
+
+Und auch ich, auch ich, Ackermann, werde bemüht sein, mich ihrer würdig
+zu zeigen.
+
+Zu Ende der Dienst, zu Ende! Er hatte Schluß gemacht.
+
+Sie würden ihn nicht mehr sehen.
+
+Monatelang hatte er gerungen, in den letzten Wochen mit Schweiß auf der
+Stirn -- der Gedanke siegte. Er war entschlossen . . .
+
+Unter dem Arm trug er, in eine alte Zeitung eingewickelt, seinen
+Drillichkittel, wie ihn die Schreiber in den militärischen Amtsstuben
+anhaben. Er nahm ihn heute mit nach Hause. Zum Zeichen, daß er nicht
+zurückkehrte. Die Kameraden hatten die Frage an ihn gerichtet, weshalb
+er den Kittel einpacke. »Ich mache Schluß!« antwortete er. Aber sie
+lachten, wie sollten sie es verstehen?
+
+Nun, wohl: sollte man mit ihm machen, was man wollte. --
+
+Ja, dahinschreiten werden die Brüder, und auf dem blutigen Schutt dieser
+armen Erde werden sie eine neue Welt errichten! Schleift die Kasernen,
+werden sie rufen, zerbrecht sie, schleift sie! Ihr Gestank verpestet
+Europa und die Erde. Schleift sie und steckt sie in Brand! Sie, die
+Brutstätten der Sklaven und Sklavenvögte. Täglich schänden sie
+millionenfach die menschliche Würde, Millionen von Sklaven,
+Hunderttausende von Sklavenvögten, die die Peitsche schwingen, brüten
+die Verruchten jährlich in Europa aus. In die fernsten Dörfer, Steppen
+und Wälder senden sie versklavte und geschändete Gehirne, in denen der
+unschuldige und reine Gedanke des Göttlichen vernichtet wurde. Ämter,
+Schulen, Kirchen, Fabriken, Werkstätten und das weite Land überschwemmen
+sie mit Sklavenvögten, verdorben und blind vom Dünkel, so daß sie den
+Bruder in ihrem Nächsten nicht mehr zu erkennen vermögen!
+
+Schleift sie, verbrennt sie!
+
+Zerbrecht die Kriegsschiffe der Piraten, deren Kanonen den Erdball in
+Schrecken halten, zerbrecht sie!
+
+Schleift sie -- werden sie rufen! -- die Zeitungspaläste, errichtet von
+den Mächtigen und Reichen der Erde zur Verbreitung von Lüge und Betrug,
+zur Vergiftung und Verführung der Nationen.
+
+Schleift sie und verbrennt sie!
+
+Reinigt Schulen und Kirchen, wo unschuldige Kinder und reine Seelen
+betrogen werden. Reinigt die Tempel, hinaus mit den falschen Priestern,
+die den Namen des Erlösers auf den Lippen führen und den Mord der
+Nationen predigen. Hinaus, hinaus!
+
+Hinaus, hinaus mit den eitlen Advokaten, den hartherzigen Greifen, den
+selbstgefälligen Narren, die mit den Schicksalen der Völker spielen,
+hinaus mit ihnen!
+
+Es wird Zeit, ihr Brüder, daß die Welt genese!
+
+Zerbrecht und schleift die Zwingburgen des Goldes, Tempel der Habgier,
+Kerker der Freiheit und des Glückes aller Völker des Erdballs. Zerbrecht
+die Mauern aus Stahl und Eisenbeton, wo die Plünderer ihre Schätze gegen
+die Diebe verwahren! Zerbrecht sie!
+
+Ihre Stimme wird erschallen wie der Donner -- und nicht mehr untergehen!
+
+Ach, in dieser Stunde, schwärzeste Mitternacht der Völker, wird sie noch
+verschlungen vom Lärm der Kanonen . . .
+
+Plötzlich aber stockte Ackermanns Schritt. Mit offenem Munde stand er
+still.
+
+Aus der Stille des Parkes war er, versunken in seinen Gedanken,
+unvermutet in das blendende Sonnenlicht und das Gewimmel der Menge
+getreten.
+
+Die Menschen schrien, schwangen die Hüte, eilten -- Flaggen wehten über
+den Linden, Flaggen in allen Farben, allen Größen, flatterten lustig und
+heiter im herrlichen, seidigen Blau des Himmels.
+
+ * * * * *
+
+Die Stadt hatte geflaggt. Siege, Siege!
+
+Wie die Sturmflut war das Heer vorgebrochen, wenn die Dämme gerissen
+sind -- ganz wie der General es prophezeit hatte. Hunderte von
+Geschützen, Tausende, Zehntausende von Gefangenen -- eine Batterie
+trabte über die Linden. Der Kaiser hatte befohlen, »Viktoria zu
+schießen«.
+
+Die Stimmen schwirrten, Jubel fuhr dahin über die Millionenstadt.
+Unaufhörlich mahlten die Drehtüren der großen Hotels fröhliche Gesichter
+hinein und heraus. Die Foyers der Hotels waren überfüllt, schon sah man
+Frühlingskleider der Damen, während andere noch Pelze trugen. Die
+Kellner schleppten die silbernen Tabletten, die Kapellen musizierten.
+Freude erhellte die Mienen.
+
+Ja, wunderbar war diese herrliche Armee, prachtvoll diese Burschen, die
+kämpften und starben, wie in den ersten Tagen des Krieges, als sei der
+Tod ein Scherz.
+
+Und diese Führung: unübertrefflich!
+
+Zehntausende von Gefangenen -- immer mehr, mit jeder Stunde -- die Beute
+unübersehbar -- unübersehbar . . .
+
+Oben auf dem Brandenburger Tor trieb die Viktoria ihr Viergespann mit
+siegesgewissem Lächeln vorwärts.
+
+Fontänen von Extrablättern stiegen über den Linden in die Höhe. Die
+Menschen ballten sich zu Knäueln, sie setzten ihr Leben ein, nur um ein
+Zeitungsblatt zu erhaschen, ganz wie die prachtvollen Burschen an der
+Front, die durch zischende Eisenstücke sprangen. Schirme wurden
+zerbrochen, die Damen verloren die Absätze von ihren Schuhen, und die
+Taschendiebe griffen ohne jede Rücksicht einfach in die Taschen.
+
+Und die Batterie, vier alte Kanonen aus dem Siebziger Kriege, trabte
+vorbei -- Viktoria . . .
+
+Das Hauptquartier schwimmt in Wonne -- die englische Armee vernichtet
+. . .
+
+Furchtbar war dieser Winter gewesen, über alle Maßen furchtbar!
+Unerträglich das Sterben ringsum, draußen und in der Heimat. Das
+Sterben, das sich sonst in gesitteten Formen vollzog, es war in Panik
+ausgeartet. Die Freunde starben, die Dienstboten, die Kutscher fielen
+von den Kutschböcken, auf der Straße starben die Unglücklichen, man
+sagte einem Gesunden »Gute Nacht«, und am Morgen hustete er ein paarmal,
+und schon war er tot. Unerträglich, unerträglich, Tag für Tag zwischen
+diesen wandelnden gelben und grünen Leichen einherzugehen, diesen
+Gezeichneten, mit dem Kuß der Verwesung auf der Stirn, selbst solch eine
+wandelnde grüne und gelbe Leiche, selbst ein Gezeichneter! Unerträglich!
+
+Und die Kinder! Nein, sprechen wir nicht von ihnen, diesen kleinen
+Gekreuzigten. Haben wir Mitleid! Geboren als Krüppel, mit weichen
+Knochen, gummiweichen Schädeln, ohne Nägel -- und sie starben, siechten
+dahin an den welken Brüsten verzweifelt weinender Mütter, auch aus den
+Häusern der wohlhabenden Bürger wurden die kleinen, rührenden Särge
+getragen. Zu Tausenden und Hunderttausenden gingen sie dahin, ein Strom,
+Tag und Nacht. Ja, so weit war es gekommen, ohne Übertreibung, wenn auch
+die Zeitungen nichts darüber schreiben durften, es war England gelungen,
+zugestanden. Die Sache mit dem Burenkrieg seinerzeit war nur ein
+harmloses Vorspiel gewesen. Gelungen, zugestanden. Hütet euch, ihr
+Völker der Erde, seid gewarnt! Fordert nicht Englands Zorn heraus, sein
+Blick tötet die Frucht eurer Weiber im Mutterleibe.
+
+Unerträglich, völlig unerträglich war das ganze Dasein geworden -- und
+jetzt, war es nicht wie ein Schimmer von Hoffnung?
+
+Vielleicht, vielleicht doch!
+
+Vielleicht würde es zu Ende gehen? Vielleicht . . .
+
+Alles war zum Einsatz hingegeben: Väter und Söhne, Ernährer, Stützen des
+Alters, Hoffnung, Glück und Sinn des Lebens, Ehre, die Zukunft des
+ganzen Volkes, Gesundheit, Vermögen, Vieh, Pferde, die Glocken aus den
+Kirchen, die Kochtöpfe aus den Küchen -- und ein Geschlecht von
+Neugeborenen -- alles, auch das Gehirn unter der Schädeldecke --
+vielleicht, vielleicht . . . Die Generale hatten den Wurf getan, die
+Kugel hüpfte über die glücklichen Nummern -- vielleicht . . .
+
+Wie gefangene Tiere hinter den Gitterstäben tigerten die Millionen an
+den Eisenstäben ihres Käfigs entlang und witterten hinaus. Es roch nach
+Befreiung -- nicht wahr? Einst hatten ihre Nerven die Erde umspannt, sie
+waren durchgeschnitten worden und wimmerten. Einst waren sie Menschen,
+hoffärtig und voller Fehler, aber doch Menschen, jetzt waren sie
+gefangene Tiere geworden, Verworfene, Verbrecher, Parias, bespien und
+beschmutzt, Tag und Nacht, vier Jahre lang. Die Luft selbst, die sie in
+ihrem Käfig atmeten, war vergiftet. Hatte man nicht behauptet, daß sie
+Fett aus Leichen kochten -- hatte man nicht . . . Aufs Rad geflochten
+und über langsamem Feuer geröstet. Unbeschützt von einer Rotte von
+Unfähigen, die in ihren Ämtern schlummerten, die Fingernägel polierten
+und erhaben waren, erhaben -- einfach erhaben.
+
+Die Gewaltigen, die Angebeteten und Vergötterten, sie würden gewiß alles
+bis ins Kleinste berechnet und beachtet haben, bevor sie sich
+entschlossen, alles hinzuwerfen -- auch das Gehirn unter der
+Schädeldecke -- und die letzte halbe Million zur Schlachtbank führten.
+
+Vielleicht, vielleicht --
+
+Komme, gebenedeiter Tag!
+
+Die Zeitungsfrauen entflohen, die alten Männer, die Zeitungen
+feilhielten -- sie entflohen -- sie jagten die Linden hinunter --
+verfolgt von der Meute. An der Ecke Linden-Friedrichstraße weinte eine
+Zeitungsfrau, man hatte sie gänzlich ausgeplündert, ohne ans Bezahlen zu
+denken.
+
+Siebzig Millionen strichen wie Irrsinnige an den Gitterstäben entlang --
+und die Armee hatte einen Ausfall gewagt, einen glückverheißenden
+Ausfall.
+
+Verheißungsvoll flatterten die Flaggen im seidigen Blau des Himmels.
+Hell funkelte die goldene Göttin auf der Siegessäule.
+
+Die Riesenstadt erbebte bis in die entlegensten Vororte. Überall
+flatterten die Zeitungsblätter. Die Kolonnen der gelben Gesichter selbst
+belebte die Hoffnung. Die Bewegungen der Erschöpften und Ermüdeten in
+den Werkstätten wurden rascher. Verheißungsvoll zischte der Dampf,
+blitzten die Räder.
+
+Selbst in den Augen jener, über die bereits die Agonie ihre Schatten
+breitete, in den Augen der Verzweifelten, Hungernden, Verhungernden,
+Sterbenden ersprühte eine leise Hoffnung, der letzte Funke.
+
+Ja, komme, du gebenedeiter Tag!
+
+Aber horch! Was ist das?
+
+Ein Geschrei wie von tausend gemarterten Kindern, ein Geheul wie von
+tausend gemarterten Hunden -- nichts, nein, nichts, es ist nur eine
+Regimentskapelle, die in die Linden einbiegt. Sie spielt nicht
+erstklassig, Bucklige, Lahme, Greise -- was willst du? -- und eben
+feuert auch die Batterie aus dem Siebziger Krieg Viktoria.
+
+Über den Linden brummt ein Riesenflugzeug, zehn Menschen sind an Bord.
+Wer sollte es ahnen? Es ist immerhin noch einiges im Lande, nicht viel,
+aber noch einiges: zum Beispiel die Haare der Frauen für Seile und
+Webwaren, das Gold in den Gebissen. Die Generale und Gamaschenträger
+werden nicht zögern.
+
+
+8
+
+Plötzlich leuchtet ein helles Rot durch die Menge, das weithin blendende
+Rot eines Mantelaufschlages.
+
+Ein Gesicht, rosig angehaucht wie ein Steingebirge beim Ausgang der
+Sonne, wandelt die Linden einher.
+
+Die Spaziergänger bleiben neugierig stehen. Einer von jenen, die Gut und
+Blut der Nation in den Händen halten! Ehrfürchtig lüften sich die Hüte,
+die Augen glänzen.
+
+Es hätte nicht viel gefehlt, und man hätte dem General, der mit Otto die
+Linden entlangging, eine Ovation dargebracht, obgleich er an den
+Zehntausenden von Gefangenen gänzlich unschuldig war. Der General hob
+die Hand zum Gruße. Er nahm diese Äußerung der Begeisterung mit Würde
+und Bescheidenheit entgegen. Sie galt selbstverständlich nicht ihm, sie
+galt der unvergleichlichen Armee, sie galt den Begnadeten, Angebeteten
+und Vergötterten, die jetzt, in diesem Augenblick, das hohe Spiel
+spielten -- da draußen . . .
+
+Die Miene des Generals war verschlossen und gesammelt wie immer.
+Trotzdem ein großer, ja ein auffallender Unterschied! Während sich sonst
+der Blick in die grauen Augenhöhlen verkroch -- selten nur, höchst
+selten bot der General seine Augen den neugierigen, zudringlichen
+Blicken der Mitmenschen dar -- standen heute die Augen offen und
+blendeten. Ihr Blick war erwärmt, wie wenn die Sonne das Eis leckt.
+Zufriedenheit leuchtete in der Tiefe und Triumph, ein stiller,
+zurückgedämmter Triumph. Und zudem ging der General zu Fuß, was nur in
+äußerst seltenen Fällen vorkam. Zuweilen ließ er sich von Schwerdtfeger
+in eine entlegene Allee des Tiergartens fahren, um einige Minuten
+spazierenzugehen, immer hin und her, die Hände auf dem Rücken, höchstens
+eine Viertelstunde. Manchmal legte er auch den Weg von Dora nach Hause
+zu Fuß zurück, wenn es spät wurde. Aber das waren, wie gesagt,
+Ausnahmen.
+
+Er hatte Schwerdtfeger vor dem Brandenburger Tore halten lassen und
+beschlossen, den Weg bis zu Stifters Diele zu Fuß zurückzulegen. Zur
+großen Genugtuung Ottos, der, seit acht Tagen aus dem Lazarett entlassen
+und den ganzen Tag in einem Kriegsamt tätig, das Gewimmel der Menschen
+liebte.
+
+»Diese Menschen!« sagte der General.
+
+Und erst an jenem Tage, wie da die Linden von Menschen wimmeln würden --
+an jenem Tage! Kopf an Kopf, an den Fenstern und auf den Balkonen,
+schwarz die Dächer, die Luft erfüllt von Fliegern und Luftkreuzern.
+Triumphpforten, die ganzen Linden entlang, Musik -- und der Schritt der
+siegreichen Armee, die in die Heimat zurückkehrte, dröhnend vom
+Morgengrauen bis zum Sinken der Sonne -- jenes Dröhnen, unter dem die
+Welt erbebt war. Die Fahnen geschmückt mit Lorbeer . . .
+
+Niemals konnte der General das Brandenburger Tor passieren, ohne daß die
+Vision des heimkehrenden Heeres vor ihm aufstieg. Heute aber hörte er in
+der Tat das Dröhnen der Schritte, heute sah er die bekränzten Kanonen
+zwischen den schwarzen Menschenmauern rollen. Diese wunderbaren,
+schweigenden Rohre, die so herrlich ihre Pflicht getan hatten! Das
+Geschrei der jubelnden Menge, Tücherwinken auf den Tribünen -- gab es
+etwas Ergreifendes für ihn, etwas wirklich Ergreifendes, so war es
+dieser Gedanke. Ohne Zweifel, es würde der glücklichste Tag seines
+Lebens werden!
+
+Unverkennbar, die Ähnlichkeit der beiden! Dieselben breiten Gesichter,
+beim Alten grau im Unterton, mit einem dünnen Anflug von Rot darüber,
+beim Jungen bleich, mit dem satteren Rot der Jugend auf den Lippen.
+Dieselben Augen, kühn und nachdenklich beim Alten, verwegen und
+leichtsinnig beim Jungen.
+
+Der Alte mit einem sonderbaren Kreuz zwischen den roten Aufschlägen, der
+Junge die Brust mit Auszeichnungen übersät, eine Narbe an der Stirn, und
+die linke Hand steif in einem schwarzen Handschuh, verwundet, offenbar.
+Beide groß, massig.
+
+Otto versuchte, mit dem Vater Schritt zu halten. Das war nicht so
+einfach. Denn die Schritte des Generals waren unregelmäßig, und zuweilen
+schwankte er auch, unmerklich. Er war das Gehen nicht gewöhnt, von
+Gedanken erfüllt, die seinen Gang beeinflußten.
+
+Der Blick des Generals war voller Ruhe in die Weite gerichtet -- Ottos
+Blick dagegen flog blitzschnell hin und her. Die langen Wochen im
+Lazarett, vergessen und vorbei. Das letztemal, Gott sei Dank! Er hatte
+es ausgerechnet, ein volles Jahr, zwölf volle Monate lag er während des
+Krieges im Lazarett. Vier volle Monate mit diesem verdammten Kopfschuß,
+einen Monat mit der Ruhr, zwei Monate mit einer niedlichen Gasvergiftung
+und so weiter -- und schließlich diese Kleinigkeit mit der Hand. Die
+nette Schwester hatte ihm ja den Aufenthalt im Lazarett so angenehm wie
+möglich gemacht, trotzdem, sein Bedarf war reichlich gedeckt.
+
+Nein, Otto sah keine bekränzten Kanonen, fiel ihm gar nicht ein, er sah
+nur -- Frauen! Drei Jahre Front, nur Männer, pfui! -- ein Jahr Lazarett
+-- ja also nichts anderes. Über jede gutgekleidete, junge Frau, mit
+anderen beschäftigte er sich überhaupt nicht, zuckte sein verwegenes
+Auge. Kein Knöchel, kein Schuh, keine Hüfte, keine Locke entging ihm.
+Jene Kleine, zum Beispiel, Dutzendware! Jene Kleine aber, unscheinbar,
+voller Geheimnisse. Jene dunkle, die das Auge sofort unter dem Blick
+erweiterte -- lüstern! Aber jene Schüchterne, Blasse, die dem Blick
+augenblicklich auswich -- gepeinigt von entsetzlichen Wünschen. Sie
+verstand augenblicklich.
+
+Die Augen der Frauen sprühten auf, zuckten zusammen, verbargen sich.
+Manche umschmeichelte Otto weich und schwärmerisch, anderen fuhr sein
+Blick wie ein Dolch in die Augen, brutal und unzweideutig. Er behandelte
+sie individuell, ganz wie er sie einschätzte. Viele erröteten unter dem
+frechen Blick des unverschämten Offiziers. Aber Ottos Eitelkeit deutete
+die Schamröte völlig falsch.
+
+Dieser Nacken, dieses Schenkelpaar und jenes herrliche, volle Wiegen der
+Hüfte -- drei Jahre Front und ein Jahr Lazarett hatten den Sohn des
+Generals völlig zerstört.
+
+Ja, das war das Leben, und er gedachte seine Zähne in dieses Leben zu
+schlagen, wie ein Tiger sein Gebiß in die Gazelle schlägt, er gedachte
+mit beiden Händen darin zu wühlen, wie in blutigem Fleisch. Sein Gehirn
+war angefüllt mit weiblichen Körpern, weiblichen Linien, Schwellungen,
+Frauenlippen, Frauenhaaren, gestammelten Worten, Schreien. Ja, Tag und
+Nacht wollte er dieses Leben an sich reißen, jede Minute, die der Dienst
+frei ließ. Er wollte sie nachholen, diese vier elend vergeudeten Jahre.
+Tag um Tag --
+
+Keine zehn Pferde würden mehr imstande sein, ihn wieder zur Front, ins
+Feuer zurückzubringen. Alles, die Hölle, wenn du willst, nur nicht ein
+Ort, wo scharf geschossen wurde! Schon der Gedanke -- und doch, früher
+hatte er sich oft danach gesehnt, die Sprengstücke pfeifen zu hören. Oft
+hatte er sich dem Feuer absichtlich ausgesetzt, unverständliche,
+perverse Laune -- und die Geschosse peitschten dicht an seinem Ohr
+vorbei! -- unbegreiflich!
+
+Und seine Eitelkeiten -- wie lächerlich waren sie doch! Wie
+unverständlich. Um in der Heimat von ein paar Gänsen bewundert zu
+werden! Was galten ihm jetzt die Ordensauszeichnungen?
+
+Nein, um offen zu sein, auf den Heldentod legte er keinen Wert mehr!
+Welch erbärmlicher Schwindel war es doch: süß ist es und ehrenvoll für
+das Vaterland zu sterben! Nur noch Gymnasiasten glaubten es, oder Leute,
+die nie den schrecklichen Tod da draußen erblickt hatten. Heute wußte
+er, daß es nichts als verlogene Phrasen waren, mit denen
+nationalistische Redner und Redakteure, die sich selbst in Sicherheit
+befanden, andere ins Gemetzel hetzten. Überlassen wir das Heldentum den
+Stierkämpfern, die dafür bezahlt werden, hatte Ströbel einmal zu ihm
+gesagt -- und er hatte ihn deswegen verachtet. Jetzt aber begriff er
+ihn.
+
+Ja, er hatte sich sehr geändert, Otto!
+
+Er begriff kaum mehr sein Denken und Tun, das nur ein Jahr zurücklag.
+War er es wirklich gewesen?
+
+Zum Beispiel, als er seinerzeit bei Langemarck den schwerverwundeten
+französischen Offizier in den Graben holte! Holte, ganz einfach holte,
+und auf alle Metallstücke pfiff, die sich mit fünfhundert oder tausend
+Metern in der Sekunde vorwärts bewegten. Nein, heute würde er, Otto, bei
+Gott niemand mehr hereinholen -- nicht einmal seinen Vater -- höchstens
+ein schönes, junges Mädchen, und sie nur unter bestimmten Bedingungen.
+
+Der Sohn des Generals war heute nichts anderes mehr als ein Schamloser,
+offen gesagt. Keck und herausfordernd schritt er neben dem General
+einher, jeden einzelnen der bewundernden Blicke genießend, die sich auf
+seine glitzernden Sterne und Auszeichnungen hefteten. Der Mensch
+spiegelt sich im Menschen. Wie alle Armeen, spekulierte auch die
+deutsche auf den armseligsten Instinkt des Menschen, die Eitelkeit. Otto
+hatte absichtlich den Mantel zu Hause gelassen, obschon es noch
+keineswegs warm war.
+
+»Ha!« lachte der General vor sich hin.
+
+»Wie, bitte, Papa?«
+
+»Diese Menschen, sie sind närrisch!«
+
+Plötzlich errötete Otto. Sein Blick zuckte unruhig, die Narbe an seiner
+Schläfe, die von dem Kopfschuß geblieben war, färbte sich rasch und
+flüchtig tiefrot. Ein schnelles, vornehmes, offenes Auto rauschte vorbei
+und darin saß -- Hedi!
+
+Hedi -- in einem pompösen Pelz, wehende Federn auf dem Hute -- einen
+wollhaarigen, fetten, kleinen Hund auf dem Schoß.
+
+Sie sah ihn nicht, sie sah überhaupt nicht auf die Straße. Sie saß wie
+eine Dame, die es gewöhnt ist, in ihrem Wagen durch die Menge zu gleiten
+und nichts mehr dabei findet.
+
+Es war keine Überraschung mehr für Otto. Vor ein paar Tagen traf er in
+einer Teestube Unter den Linden, wo viel Halbwelt verkehrte, die kleine
+Saharet, und sie hatte ihm erzählt, daß Hedi Ströbels »Privatsekretärin«
+geworden war. Ströbel hatte die Saharet vor die Türe gesetzt, höchst
+einfach, ein paar braune Lappen -- und dann war die andere, wie die
+Saharet sagte, gekommen. Also Hedi Westphal die Nachfolgerin der
+Saharet! War es nicht zum Schießen komisch? Immerhin, Hedi erhob sich
+weit über den Durchschnitt all dieser schnatternden Gänse -- aber sie
+war kalt, kalt und berechnend, nichts als eine Egoistin. Und nichts war
+Otto mehr zuwider als Egoisten. Aber als Privatsekretärin hätte er Hedi
+schließlich auch engagiert. Ja, dieser Ströbel!
+
+Einen einzigen großen Nachteil hatte diese Angelegenheit: er würde
+leider gezwungen sein, den Verkehr in Ströbels »Hotel« einzustellen --
+schade, sehr schade.
+
+
+9
+
+Sogar bis in Stifters Diele war die Welle der Begeisterung gedrungen.
+Man vernahm heute sogar Lachen, das helle Lachen einer Dame, ein sonst
+ganz unerhörter Vorgang in Stifters Etablissement. Knall! Schon knallte
+es, ganz wie an der Front, wenn die Flieger kamen. Drei, vier Tische
+tranken Sekt.
+
+Man feierte den Sieg, wollte nicht kleinlich sein heute, ein Glas auf
+das Wohl der herrlichen Burschen da draußen leeren. Die beiden
+Rittmeister, die den General zuweilen irritierten, hatten einen ganzen
+Kreis von Freunden geladen, und der raunende Oberkellner schleppte
+Flaschen unter beiden Armen. Ein Toast -- und dreimal, gedämpft, aber
+begeistert, hurra! Die Kelche klirrten.
+
+Mit Neid beobachtete Otto die Ausgelassenheit nebenan. Wie gerne wäre er
+bei ihnen unten gewesen. Ja, man mußte es ihnen lassen, sie legten ein
+ordentliches Tempo vor! Papas Gesellschaft dagegen -- nun Gott sei Dank
+war es nur dieser eine Abend. Er hatte es Papa heute nicht abschlagen
+können. Schließlich war er ja um zehn Uhr, elf Uhr spätestens frei. Von
+elf Uhr an wurde er erwartet.
+
+Schweigend nahm der General die ersten Gänge ein. Seine Augen waren
+geweitet, und der Blick ging in die Ferne. Er dachte an den 4., 5. und
+6. August -- damals, Quatre vents!
+
+Er hörte deutlich das Feuer, das furchtbare Feuer, das damals rings um
+ihn tobte -- so, genau so, würde es heute da draußen toben, rollen wie
+die Brandung eines höllischen Meeres -- von Horizont zu Horizont.
+Krachen, Stampfen, der Himmel stürzt ein, und die Erde klafft in
+Spalten. Ja, sie sollen es jetzt nur schmecken, das Gelbkreuz und
+Blaukreuz -- diese Unbelehrbaren! Ein Lächeln ohne Erbarmen, voll
+grausamen Triumphs, umspielte die blauen Lippen des Generals.
+
+Deutlich sah der General das rauchende Schlachtfeld vor sich. Aber, was
+er nicht sah, das war der kleine, krummbeinige Schneider Hanuschke --
+der seinerzeit, als Ordonnanz, versehentlich in sein Arbeitszimmer
+rannte, und den Unwillen Seiner Exzellenz erregte -- dieser Schneider
+Hanuschke, mit dem Querschläger zwischen den Mausaugen, der in dieser
+Minute, da der General einen Spargel durch die Zähne zog, um sein Leben
+lief. Nein, ihn sah er nicht.
+
+Wie ein Blitz fegte der kleine, krummbeinige Hanuschke über einen
+zerwühlten Acker und verschwand in derselben Sekunde in einer Erdspalte,
+da der General die ausgesogene Spargelstange auf den Teller legte.
+
+Man hatte ihn zu den Strippenflickern kommandiert, das heißt sie mußten
+die zerstörten Telephonleitungen ausbessern. Eine böse Sache.
+
+Im gleichen Augenblick knallte es auch schon, und Hanuschke zog den Kopf
+ein. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht -- ganz
+wie damals, als er das Arbeitszimmer des Generals hinter sich hatte, mit
+der gleichen Bewegung -- und schon flitzte er wieder wie das Wetter
+selbst über den Acker, und schon stürzte er sich wieder in ein Loch
+hinein, diesmal in einen Granattrichter. Dieser Teufel, dieser
+verfluchte Teufel, keuchte er und horchte -- (der General goß eben
+Fachinger in sein Glas) -- niemals in seinem Leben hatte der Schneider
+etwas Derartiges erlebt. Er, er ganz persönlich, wurde von einem
+englischen Flieger verfolgt, der ihn für einen Meldeläufer oder Gott
+weiß was hielt. Dieser Teufel ging bis auf zehn Meter herunter, erspähte
+ihn immer wieder und warf kleine Bomben herab. Er sah deutlich sein
+Gesicht, die kleine Bombe in der Hand, selbst den gestutzten kleinen
+Schnurrbart über den Zähnen -- dieses Granatloch bot keine genügende
+Deckung, und wieder schoß der kleine Schneider dahin -- jenem Wäldchen
+zu: erreichte er es, so war er gerettet. Der Schweiß rann ihm in Strömen
+übers Gesicht. Solch ein Teufel, ein verfluchter! --
+
+Der General zog eine neue Spargelstange durch die Zähne.
+
+»Und du?« fragte er, ohne Otto anzusehen, nach seiner Gewohnheit.
+
+»Wie beliebt, Papa?«
+
+»Und du?«
+
+»Was soll ich?«
+
+Der General, in Gedanken, schwieg eine Weile, dann begann er wieder:
+»Ich meine -- für dich muß es doch unerträglich sein, nicht an der Front
+zu sein -- gerade jetzt?«
+
+Otto errötete.
+
+»Jetzt, wo für ein Jahrhundert oder länger der Lauf der Geschichte
+bestimmt wird. In vier Wochen vielleicht, sagt der Arzt?«
+
+»Vier Wochen ist der früheste Termin.«
+
+»Der früheste --?« der General wiegte bedauernd den Kopf. »Weiß Gott,
+wie die Lage in vier Wochen sein wird, wenn es so weitergeht.«
+
+Nun, Gott mochte es wissen und seine Freude daran haben, ihm, Otto, war
+es höchst einerlei. Er glaubte nicht recht daran, diese ganze Sache kam
+ihm abenteuerlich im höchsten Maße vor. Er ergriff die Gelegenheit und
+brachte dem Vater schonend bei, daß er sich im Westen, in der Nähe
+seines neuen Amtes, ein Zimmer gemietet hatte, weil der Dienst schon
+morgens um sieben Uhr begann. Die Wahrheit war, daß er sich der
+väterlichen Kontrolle entziehen wollte.
+
+»Der Dienst in erster Linie«, erwiderte der General. Er hielt inne.
+
+Am Nebentisch wurde ein neuer Toast ausgebracht. Drei kurze Hurras,
+schon etwas lauter: der Kaiser!
+
+Der Takt gebot, während des Toastes zu schweigen. --
+
+Aber Hanuschke, der Schneider Hanuschke? Was ist mit ihm?
+
+Der kleine, krummbeinige Schneider fegte immer noch über das Feld, dem
+rettenden Wäldchen entgegen. Sein Hemd, soweit man von einem Hemd reden
+konnte, klebte naß an seinem Körper. Hatte man je während dieses ganzen
+Weltkrieges davon gehört, daß man einzelne Leute mit Flugzeugen jagte?
+Über diesem Wäldchen zerplatzten Schrapnelle, gelbe und graue Spinnen,
+aber das war schließlich das Paradies gegen diesen englischen
+Doppeldecker. Seine zerfetzten Hosen klebten an den Schenkeln. Er setzte
+über einen gefallenen deutschen Artilleristen, der mit aufgeschlitztem
+Hals dalag, hinweg -- schon brauste das Brummen wieder hinter ihm her.
+Da aber schrie Hanuschke vor Entsetzen auf. Der Engländer mit seinem
+gestutzten, kleinen Schnurrbart schien jetzt aufs Ganze zu gehen. Er
+flog dicht über dem Boden, und schien es darauf anzulegen, ihn zu
+überfahren. Er hatte neulich gesehen, wie ein deutscher Beobachter mit
+dem Fallschirm aus einem Fesselballon absprang, den ein feindlicher
+Flieger in Brand schoß. Sollte man es für möglich halten: der feindliche
+Flieger kam zurück und schoß auf den mit dem Fallschirm abstürzenden
+Beobachter, der verzweifelt mit den Beinen ruderte. Das sah komisch aus,
+wie er in der Luft ruderte, und er, mit anderen Kameraden, hatte laut
+aufgelacht -- aber diese Sache war nicht zum Lachen. Im Gegenteil, dem
+Schneider passierte etwas, was ihm seit dem ersten Gefecht nicht
+passiert war. Im letzten Augenblick warf er sich zu Boden, und die
+Maschine rauschte über ihn hinweg. In voller Geschwindigkeit stießen die
+Räder auf den Boden, daß der Staub aufwirbelte, und die Maschine wie ein
+Ball geworfen wurde. Sollte er verrecken, der Teufel! Aber der Teufel
+kletterte in die Höhe und drehte wieder um. In seiner Verzweiflung lief
+der kleine Schneider ihm entgegen, durch, krach, aber durch, Glück mußte
+man haben. Wirbelnd wie eine Windmühle, mit Beinen und Armen fegte er
+dem Wäldchen zu. Plötzlich aber versank buchstäblich der Boden vor
+seinen Füßen. Er stürzte und wurde von einer Welle von Erde zugedeckt.
+Er rang nach Luft, übergab sich und machte sich bleich und völlig
+kraftlos von der Erde frei. Etwas ganz Unerwartetes war geschehen,
+etwas, womit er gar nicht gerechnet hatte: eine Granate hatte
+eingeschlagen.
+
+Zitternd taumelte er vorwärts, keine Kraft mehr. Sein Gesicht blutete.
+
+Zwanzig Schritte noch, zehn Schritte -- da war er.
+
+Dampfend warf er sich unter die Bäume und weinte. Es war kein geringer
+Schreck gewesen. Und er dachte an den Volltreffer seinerzeit -- bei
+Souchez -- wie der Feldstecher neben ihm herunterkam -- und er dachte,
+daß er einmal anstatt ins Zimmer Nummer 6, ins Zimmer Nummer 7 lief und
+plötzlich einem General gegenüberstand. Hätte er diese Dummheit nicht
+begangen, damals, wer weiß, ob er nicht heute noch gemütlich in Berlin
+säße?
+
+Ja, er weinte, aus nervöser Erschöpfung, aus keinem anderen Grunde, denn
+die platzenden Schrapnelle, die Batterien suchten, störten ihn nicht im
+geringsten. --
+
+Gerade als der General bei dem gefüllten Pfannkuchen angekommen war, war
+Hanuschke in seinem Wäldchen verschwunden.
+
+Der General handhabte einen Zahnstocher.
+
+Sein Blick ging, etwas düster, über die Tischgesellschaft der beiden
+Rittmeister hinweg.
+
+»Ruth macht mir Sorge!« sagte er.
+
+»Ruth?«
+
+»Ja. Sie macht mir Sorge!«
+
+»Aber dieser Dietz war ja auch nichts für sie, Papa. Ein oberflächlicher
+Mensch.«
+
+»Oberflächlicher Mensch?« Voller Erstaunen blickte der General Otto an.
+
+»Ja, gewiß. Herzlich oberflächlich, Papa.«
+
+Der General schüttelte den Kopf.
+
+»Das ist es nicht . . .« Und er versank in Nachdenken. Nun, Otto konnte
+sich wohl denken, was es war! Ruth war wahrscheinlich unvorsichtig genug
+gewesen, es sah ihr ähnlich, vor Papa ihre Anschauungen auszupacken.
+Otto hatte sich nie viel um Ruth bekümmert, wie es in ihrer Familie von
+jeher üblich war, jeder lebte für sich. Aber in letzter Zeit sprach er
+häufig mit ihr. Er trank sogar einmal Tee in ihrem kleinen Salon,
+immerhin eine Leistung für einen Bruder. Seit er aber mit Ruth über Tod
+und Teufel, wie er es nannte, gesprochen hatte, hielt er Ruth für einen
+der vernünftigsten Menschen seines ganzen Bekanntenkreises, von der
+Verwandtschaft gar nicht zu sprechen. Sie hatte sich ihr Urteil über die
+verschiedensten Dinge gebildet -- er wollte nur so viel sagen -- noch
+vor einem halben Jahr hätte er sie für völlig verrückt gehalten. In
+mancher Beziehung allerdings schien es sogar ihm, daß ihre Ansichten --
+besonders für eine Dame, eine Dame -- kein Wunder -- der arme Papa!
+
+Er forschte nicht weiter, und der General schwieg.
+
+Eine blaue Flamme hypnotisierte Otto, sie tanzte mitten auf dem Tisch
+der Gesellschaft nebenan. Es war eine »Feuerzange«, eine hochprozentige
+Bowle. Ja, wie gerne wäre Otto hinabgestiegen.
+
+Ganz ohne jeden Übergang begann der General plötzlich über die Regierung
+zu sprechen, deren Unfähigkeit klar zutage trat, wohin sollte es führen?
+Und der Kaiser? Nur sie allein, jene Männer, die die Armee von Sieg zu
+Sieg führten, waren imstande, den Frieden zu machen.
+
+Es entging dem General völlig, daß die Gäste des stillen Restaurants in
+diesem Augenblick von einer eigentümlichen Erregung ergriffen wurden.
+Erst als alle Köpfe sich nach einer bestimmten Richtung drehten, wurde
+auch Otto aufmerksam. Irgend etwas wie ein großer Hund schien über die
+Teppiche des Restaurants zu schleichen, und die Gäste mit Unbehagen, ja
+Grauen zu erfüllen. Einige runzelten die Stirne, die Brauen der Damen
+waren entsetzt hochgezogen. Am Tisch der Rittmeister stockte plötzlich
+die Unterhaltung.
+
+Es war indessen kein Hund, der über die dicken Perserteppiche von
+Stifters Diele kroch, sondern ein Mensch, ein Soldat in Feldgrau, der
+sich auf zwei kurzen Krückstöcken dahinschleppte und seine gelähmten
+Beine hinter sich herschleifte, während schreckliche Zuckungen seinen
+Körper schüttelten. Auf seinem Kopf saß eine kleine graue Feldmütze, und
+erst an der Mütze erkannte Otto, daß der Krüppel ein Soldat war.
+Unerhört, dachte er, einen solchen Menschen auf die Öffentlichkeit
+loszulassen!
+
+Die Gewandtheit des Oberkellners half den Gästen über die peinliche
+Szene rasch hinweg. Es gelang ihm, das menschliche Gespenst, das direkt
+aus den Schützengräben in Stifters Diele gekrochen kam, mit seinem
+raunenden Gebrummel zum Umkehren zu bewegen.
+
+Die Gäste atmeten auf. Sofort setzte am Tisch der Rittmeister wieder die
+fröhliche Unterhaltung ein.
+
+Der General hatte in seiner Nische von dem ganzen Vorfall nicht das
+geringste bemerkt. Während aber der Oberkellner die Türe öffnete, um den
+Unglücklichen hinauszulassen, drang das feierliche Läuten der Glocken
+herein, die den Sieg einläuteten.
+
+Da ergriff der General das Glas und erhob sich.
+
+»Unser Vaterland, Otto!« sagte er.
+
+Und Otto sah, zu seiner größten Überraschung, daß die Augen des Generals
+feucht schimmerten. Nie in seinem Leben hätte er das für möglich
+gehalten.
+
+Auch sie wird nicht wenig staunen, wenn ich es ihr erzähle, dachte er.
+
+
+10
+
+Schrecklich fiel das Geläute der Glocken in Ackermanns Herz.
+
+Die Luft, schimmernd über der Riesenstadt, heulte und stöhnte. Die
+Todesschreie von Tausenden, Jammern und Röcheln, Klagen der Witwen und
+Gewinsel der kleinen Waisen, die nicht wissen, weshalb sie schrein
+. . . Wie riesige Mäuler voll Blut schwangen die ehernen Glocken über
+der Stadt und erbrachen Entsetzen über die Dächer.
+
+Wenn du noch an Gott glaubst, so knie nieder . . .
+
+Er hatte sie gesehen -- nicht sie -- die die Hüte schwangen! -- hatte
+sie gesehen -- die Felder, über die der Sturm ging. Allmächtiger! Gnade,
+Gnade in deinem Zorn! Da liegt er -- Ebenbild Gottes, Sohn einer Mutter,
+in Schmerzen geboren, in Sorgen großgezogen -- er ist tot -- er wird
+sterben -- er stirbt -- Da liegt er wieder -- -- und hier, hier, Stücke,
+Fetzen -- er ist dahin . . .
+
+Grau war Ackermanns Gesicht.
+
+Grüppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich gegenseitig stützen,
+immer wieder fallen, und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie
+hinweg -- Unglückliche, die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht
+gnädig ist. Und die Verbandplätze, wo die Ärzte mit schweißigen, stieren
+Augen arbeiten -- und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie weg
+. . .
+
+Sonderbarerweise fiel ihm in diesem Augenblick ein längst vergessenes
+Erlebnis ein. Das Regiment hatte gestürmt. Über einem zerschossenen
+englischen Graben lag, das Haupt zurückgebogen, ein toter Inder. Schön
+und edel, den Adel seiner tausendfach geschändeten und vergewaltigten
+Rasse in den Zügen. Und -- was denkst du? -- die schweißnassen,
+blutnassen, rauhen Hände der Kameraden, die rauhen Hände von Arbeitern
+und Bauern streichelten das Gesicht des toten Inders, während sie
+vorübergingen. Streichelten es, einer um den andern. Schön bist du! --
+Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. -- Nun, mein Junge, dich hat es
+gepackt! -- Liebkosten ihn -- den _Bruder!_
+
+Den Bruder, den Bruder!
+
+Wie Keulenschläge trieben die Glocken Ackermann vorwärts. Sein
+flatternder Mantel flog dahin.
+
+Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott weiß es!
+
+Einer mußte den Anfang machen! Einer mußte sich den im Wahnsinn
+dahinjagenden Völkermassen entgegenwerfen -- einer mußte das Signal
+geben, selbst Signal sein -- einer, einerlei, ob man ihn niederschlug,
+in Stücke zerriß. Einer, andere würden folgen, mehr, immer mehr!
+
+Einer, ja, einer --
+
+Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzückung lag auf Ackermanns
+Antlitz.
+
+»Nun wohl, ich bin bereit!« rief er.
+
+Bereit, bereit? Wozu bereit?
+
+»Nun bereit, einfach bereit!«
+
+Es war beschlossen. Seit heute, seit gestern, seit Monaten, seit Jahren.
+Es war beschlossen, seit er 1914 bei Langemarck stürmte, und die Reihen
+der Kameraden auf rätselhafte Weise dahinsanken. Nun wußte er es. Gott
+hatte ihn geprüft und auserwählt.
+
+Alles war vorbereitet. Die Broschüre war fertig. Richard, sein jüngerer
+Bruder, würde sie wie anderes früher in der Provinz drucken lassen --
+die Freunde würden sie vertreiben. Die Mutter? Sie mußte begreifen. Und
+Ruth? Ruth war tapfer. Es war alles in allem nicht die Zeit, an diese
+Dinge zu denken.
+
+»Vorwärts! Vorwärts!« Die Glocken heulten es, die Todesschreie in der
+Luft, das Röcheln der Sterbenden, das Jammern der Witwen und Winseln der
+armen Waisen -- die Kameraden riefen es ihm zu, über die jetzt, in
+dieser Minute, die furchtbare Bahn der Granate hinwegheulte, die
+Kameraden, die jetzt mit starren Augen lagen, Freund wie Feind, die
+jetzt verbluteten, Freund wie Feind -- alle, alle: vorwärts!
+
+»Ackermann! Ackermann!« riefen warnende Stimmen in der Luft.
+
+Er blieb stehen und warf die Blicke empor zu den unbekannten Stimmen in
+der Luft.
+
+»Ackermann! Ackermann!«
+
+»Bereit -- bereit!« rief Ackermann und eilte weiter.
+
+
+11
+
+Im Augenblick hatte der schmächtige junge Mann die Fenster geöffnet und
+die Rolladen hochgezogen. Es sah aus, als sei Kunze soeben von der Reise
+zurückgekehrt und nehme seine Wohnung in der Blücherstraße wieder in
+Besitz. Eine Schicht von Staub und Sonne lag über den Dächern draußen,
+und feierlich brodelte darin das Läuten der Glocken.
+
+»So, so -- immer hereinspaziert!«
+
+Zögernd schob sich der kleine Herr Herbst über die Schwelle. Es mußte ja
+sein, es gab kein Entrinnen mehr vor dem jungen Mann mit dem Kneifer. --
+Ein Block von Licht brach in die dunkle Wohnung, und er schloß, wie
+versengt, die Augen -- aber was half es denn? Nichts. Er hatte ihn ja
+doch gesehen, trotzdem, ja ohne hinzublicken: den Haken über der Türe
+zum Schlafzimmer. Nur ihn sah er -- nichts sonst -- diesen Haken.
+
+Ah, ah, ah!
+
+Ächzend sank er in einen Sessel und krümmte sich zusammen.
+
+»Nun, sofort, mein verehrter Herr!« rief Kunze etwas keuchend aus. Eine
+Schweißperle lief über seine Stirn. Jede körperliche Tätigkeit, auch die
+geringste, erschöpfte ihn augenblicklich. »Die Lunge, wissen Sie.
+Sofort, sofort zu Ihrer Verfügung.« Fieberhaft kletterten seine raschen
+Augen über Möbel und Wände. Er verbarg sein Erstaunen nicht, nein, wozu
+denn, vor wem denn? Er staunte -- staunte, mit offenem Munde!
+
+Die rote Plüschgarnitur des Wohnzimmers, heute allein ein Vermögen wert!
+Die Gaskrone mit Glasprismen, der rote Teppich, überall Vasen, Nippes,
+goldene Bilderrahmen -- eine kleine Palme in der Ecke, daneben ein
+Grammophon. Die Vorhänge und Gardinen kunstvoll drapiert über den
+Stangen. Das Schlafzimmer schneeweiß! Und peinliche Ordnung und
+Sauberkeit, bis auf den Staub, der sich da und dort angesammelt hatte.
+
+Alles in allem: ein behagliches Bürgerheim, die Wohnung eines Bürgers in
+guten Verhältnissen -- aber _verlassen!_
+
+»Und da hausen Sie nun in diesem Loch, in dieser Mietkaserne -- und hier
+haben Sie eine prächtige Wohnung!« rief Kunze in äußerstem Erstaunen
+aus.
+
+Herbst entgegnete nichts. Er hatte den steifen Hut aufbehalten und saß
+zusammengekrümmt, so daß sein Gesicht nicht zu sehen war. Die schmalen
+Schultern in dem abgeschabten, rostfarbenen Havelock zitterten.
+
+»Ist es zu glauben? Ja eine prächtige Wohnung! Und Sie haben keine Angst
+vor Einbrechern? Mein Himmel! Tag und Nacht wird ja jetzt gestohlen in
+Berlin. Die Stadt wimmelt von Dieben und Einbrechern. Bataillone, Armeen
+von Dieben und Spitzbuben sind an der Arbeit!«
+
+»Niemand« -- krächzte hier der Havelock -- »kein Einbrecher würde es
+wagen. Auf der Schwelle würde er umkehren! Niemand!«
+
+Kunze lachte laut und belustigt. Er warf den dünnen Überzieher und das
+grüne Hütchen auf einen Sessel und schnüffelte von neuem durch die
+Wohnung. Er war ganz in seinem Element. Seine kleinen Augen, die stumpf
+und dumm hinter den Gläsern aussahen, glänzten vor Begierde. In
+Schränke, Schubfächer, Nachttische, sogar hinter Vorhänge steckte er die
+spitze Nase. Jedenfalls, das stand fest, jedenfalls würde er sich in den
+Besitz dieser Wohnung setzen -- er würde sie einfach für Dienstzwecke
+anfordern, ein Federstrich, und hier war er. Man konnte hier die
+verwöhntesten Damen empfangen -- und in welch elendem Loch hauste er
+doch zurzeit!
+
+In der Küche streckte er vor Überraschung die Zunge aus dem Munde.
+Ahnungslos, ja, ohne überhaupt etwas zu denken, hatte er dieses Spind
+geöffnet, und siehe da: Wein, Wein, Flasche an Flasche! Bordeaux,
+Burgunder, Mosel, drei, vier Dutzend, und alles Friedensware! Nicht zu
+bezahlen heute. Wein, seine Wonne, seine --! Im Nu, völlig automatisch,
+hatte er eine Flasche entkorkt.
+
+Und das Geheimnis dieses kleinen Alten, der dunkle Punkt? Es war ihm
+nicht bange.
+
+»Welche Reichtümer, Herr Herbst!« lachte Kunze, als er mit der Flasche
+aus der Küche zurückkam. »Ein sonderbarer Heiliger sind Sie! Nun wollen
+wir aber Ihre Heimkehr in Ihre Wohnung feiern. Ich darf eingießen? Nun,
+ein Gläschen werden Sie nicht ausschlagen, wie? Ja, herrlich ist es
+hier, direkt anheimelnd, als ob ich zu Hause wäre.«
+
+Ohne Umstände machte er es sich auf dem Plüschsofa bequem.
+
+»Auf Ihre Gesundheit, Herr Herbst!«
+
+Herr Herbst hatte den Hut abgenommen -- aufgeschreckt durch das laute
+Freudengeschrei in der Küche und das Knallen des Korkes -- und sein
+kleiner, gelber, verrunzelter Kopf erschien Kunze wie eine Rübe, eine
+wirkliche Rübe, die da und dort schon etwas Schimmel angesetzt hat.
+
+»Ja, direkt anheimelnd. Ganz wie bei uns zu Hause. Mein Vater -- sagte
+ich Ihnen das schon? -- ist Prediger in einem Kirchspiel. Liebt sein
+Weinchen, seine Zigarren und lobt den Herrn! Ja, so ist er nun einmal,
+sehen Sie. Sobald er aber in seinen Talar schlüpft, versteht er keinen
+Scherz mehr, nein, ich bitte Sie -- um Gottes willen, ernst, würdevoll,
+der Hirte seiner Schäfchen. Als nun der Krieg ausbrach, da sagte er zu
+mir: >Melde dich sofort, eile zu den Fahnen, es ist deine sittliche
+Pflicht, ziehe hinaus. Kämpfe<, so redete er -- der kategorische
+Imperativ -- Kant -- er ist Philosoph, mein Vater -- ah, ah, was für ein
+Weinchen!«
+
+Auf der Kommode, dem roten Plüschsofa gegenüber, stand in einem breiten
+Rahmen die vergrößerte Photographie eines jungen Soldaten mit frischem,
+keckem Jungengesicht. Ein Jäger, feldmarschmäßig ausgerüstet, den
+Gewehrlauf mit Blumen geschmückt. Der Rahmen des Bildes war mit
+Trauerflor umhüllt, ein Paar Leuchter mit herabgebrannten Kerzen,
+standen davor. Das war er wohl, sein Sohn, der gefallen war. Wie hieß er
+doch -- Robert.
+
+An der Wand, über dem Jäger mit dem frischen Jungengesicht, aber hingen
+zwei Bildnisse in ovalen Rahmen: eine etwas korpulente Dame mit voller
+Büste, vollen Wangen, einem kleinen Fettkinn und auffallend großen
+runden Augen. Die Dame lächelte freundlich, gutmütig, ein bißchen
+verlegen. Eine Kette mit einem großen Kreuz trug sie um den Hals.
+Daneben: ein Herr, etwas hochmütig, voller Würde, das volle dunkle Haar
+peinlich gescheitelt, die Augen zuversichtlich in die Ferne gerichtet.
+Im Gehrock, schmaler schwarzer Binde -- ein Beamter, der bei seinem
+Vorgesetzten Besuch macht. Sah man die korpulente, freundlich lächelnde
+Dame an, so schien sie augenblicklich den kleinen Mund zu öffnen und zu
+plappern, zu sprudeln -- der Herr aber, würdevoll, blieb stumm,
+schweigsam. Die Hand hatte er etwas steif und gravitätisch zur Hälfte in
+den schwarzen Gehrock geschoben -- eine kleine Hand . . .
+
+». . . schlage sie aufs Haupt --« sagte also mein Vater, er ist
+glühender Patriot -- »diese vom Teufel Besessenen, die aus Neid und
+Rachsucht über unser geliebtes Vaterland herfallen -- schlage ihnen die
+Schädel ein, zerreiße sie in Stücke -- der Herr will es! Sofort packst
+du deine Sachen! Nun, mit dem Felde war es ja leider, leider nichts. Ich
+sagte Ihnen ja schon, meine Lunge. Aber jeder nach seinen Kräften, nicht
+wahr? Das war nun nicht ganz nach dem Geschmack --«
+
+Plötzlich stockte Kunze. Er war in das Studium dieser kleinen Hand des
+Beamten im schwarzen Gehrock versunken. Er stutzte, rückte den Kneifer
+zurecht -- schlürfte am Glas. Hm!
+
+War es denkbar?
+
+Wie, wie, wie, sollte er, dieser Würdevolle, Gemessene, Schweigsame, mit
+dem zuversichtlich in die Ferne gerichteten Blick --?
+
+Und diese fahlgelbe -- Rübe, etwas angeschimmelt, mit Erlaubnis zu sagen
+-- sollte sie --?
+
+Ja, unmöglich, ganz unmöglich! Und doch, diese Hand, das kleine Näschen
+und selbst das kurze Schnurrbärtchen, jetzt zwar grauer und schäbig --
+so unglaublich es erschien, dieser Ernste, Würdevolle in seinem Gehrock,
+und der Kleine, Glatzköpfige, Vertrocknete, Verkommene, mit den
+entzündeten, vergilbten Augen, sie waren in der Tat ein und dieselbe
+Person!
+
+Kunze verlor vor Erstaunen völlig den Faden seines Geschwätzes. Er erhob
+sich und tupfte das Gesicht mit dem Taschentuch.
+
+Hm. Er polierte den Kneifer, ging auf und ab und verschwand schließlich
+in der Küche, um eine neue Flasche zu holen. Seine Miene hatte sich
+verändert, als er zurückkehrte. Sachlich und kühl betrachtete er den
+kleinen Herrn Herbst. Er goß die Gläser voll, räusperte sich und begann:
+
+»Aber genug mit dem Schwatzen jetzt« -- ruhig und geschäftsmäßig klang
+seine Stimme -- »Wir haben, wie ich mir schon zu bemerken erlaubte,
+keine Zeit zu verlieren, der Major drängt, nun, er wird wieder von dem
+Oberst gedrängt, Sie wissen ja, wie es beim Militär zugeht. Seitdem sich
+nun diese hohe Persönlichkeit in die Sache gemischt hat --«
+
+»Eine hohe Persönlichkeit?« Herr Herbst horchte plötzlich auf.
+
+»Ja, ja. Ich kann Ihnen nicht _mehr_ sagen. Es ist einer der
+sonderbarsten Fälle, die die Abteilung seit langer Zeit zu bearbeiten
+hatte.«
+
+»Eine hohe Persönlichkeit?«
+
+»Ein sonderbarer Fall. Nicht Sie allein erstatteten in dankenswerter
+Weise Bericht -- nein, auch von anderer Seite werden gleichzeitig, hören
+Sie, _gleichzeitig_, Informationen verlangt -- aber, erlauben Sie, daß
+ich abbreche . . . Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, zur Abrundung
+meiner Nachforschungen über Ihre werte Persönlichkeit, eine Frage an Sie
+zu richten, dienstlich. Ein einziger Punkt noch, wie gesagt. Bevor ich
+aber diese Frage an Sie richte, bitte ich ergebenst, dieses Schriftstück
+lesen zu wollen.«
+
+Mit einer gemessenen Feierlichkeit überreichte der Schmächtige einen auf
+Leinwand aufgezogenen Ausweis.
+
+Der kleine Herr Herbst las ihn mit seinen entzündeten Augen, las,
+verstand und zitterte. Schwarz auf Weiß war hier zu lesen, daß Herr
+Gottlieb Kunze berechtigt war, Verhaftungen vorzunehmen . . .
+
+»Sie haben Kenntnis genommen --?«
+
+»Ja, ja -- Kenntnis --«
+
+»Nun, und so richte ich also die Frage an Sie --«
+
+Der Havelock erhob sich erbleichend.
+
+Zwei scharfe, messerscharfe Augen richteten sich auf ihn. Der Kneifer
+funkelte.
+
+»Herr Herbst -- ich scherze jetzt nicht mehr!«
+
+»Nein, nein!« stotterte der alte Mann.
+
+Die messerscharfen Augen kamen näher. Kunze hatte jetzt den Kneifer
+abgenommen.
+
+»Weshalb haben Sie --?«
+
+»Nein, nein -- ah, Gott im Himmel!«
+
+»Weshalb haben Sie Ihre Wohnung verlassen?«
+
+Augenblicklich brach der kleine alte Mann zusammen. Er bedeckte das
+Gesicht mit den kleinen Händen und sank in den Sessel.
+
+»Herr Herbst!«
+
+Sofort fuhr der kleine alte Mann wieder auf und wich zurück. »Ich kann
+nicht -- ich kann nicht -- so wahr Gott lebt --« rief er und richtete
+die Augen flehend auf Kunze.
+
+»Herr Herbst!« Eine Hand erhob sich.
+
+Der kleine alte Mann wich zum Fenster zurück und faßte nach dem
+Fensterkreuz.
+
+Die Hand griff nach den Rockschößen.
+
+»Aber, Sie werden doch nicht --? Kommen Sie!«
+
+Ohne jeden Widerstand ließ sich der kleine alte Mann von Kunze zum
+Sessel zurückführen.
+
+»Beruhigen Sie sich«, sagte die kalte, dienstliche Stimme. »Haben Sie
+Vertrauen. Berichten Sie. Ich selbst werde Ihr Anwalt sein, die Sache so
+darstellen . . . einerlei, was es auch sei -- bitte, trinken Sie, so,
+so! Auch ich bin ja ein Mensch. Aber die Pflicht, Sie verstehen --«
+
+Der kleine alte Mann nickte.
+
+Kunze selbst war totenbleich geworden vor Erregung. Sein Spitzelgehirn
+arbeitete -- sensationelle Enthüllungen, ein Staatsverbrechen,
+Vorgesetzte, Beförderung, das Eiserne Kreuz . . .
+
+»Sie waren ja selbst Beamter und wissen, was es bedeutet, dienstlich --«
+
+Der kleine alte Mann rang die Hände und schluchzte. Dann setzte er sich
+aufrecht, gab sich Haltung -- ganz wie auf dem Bilde an der Wand, ein
+Schatten der früheren Erscheinung.
+
+»Ich weiß, weiß, auch ich war Beamter. Nun gut, da Sie dienstlich
+Auskunft verlangen -- ich werde versuchen, Ihnen eine Erklärung zu
+geben. Es fällt mir schwer, meine Gedanken, meine Worte -- alles ist
+nicht mehr wie früher -- Gott im Himmel, es ist ja unmöglich, es zu
+sagen --«
+
+»Beruhigen Sie sich. Wir haben ja Zeit, können den Abend in aller Ruhe
+zusammen verbringen.«
+
+»Wir hatten also einen Kanarienvogel --« begann der kleine alte Mann
+stammelnd.
+
+»Kanarienvogel? Fahren Sie getrost fort.«
+
+»Einen Kanarienvogel -- namens Hansi. Dieses Tierchen flog immer in der
+Stube umher, in allen Stuben, machte etwas Schmutz, aber wir liebten das
+Tierchen -- und meine Frau liebte Hansi ganz besonders . . .«
+
+»Ich verstehe, die Damen --«
+
+»Ja, aber was wollte ich eigentlich? Hansi? Was hat Hansi damit zu tun?
+Sie können noch den Käfig in der Küche finden. Ja, aber was sollte er
+--?«
+
+»Überstürzen Sie nichts -- eines um das andere.«
+
+»Hm. Sie wurde immer merkwürdiger, ja, das war es. Sie sprach eigentlich
+nur noch mit dem Vögelchen.«
+
+»Ihre Frau?«
+
+»Ja, sie. Immer stiller und merkwürdiger. Ich selbst, ich ging ja aus,
+ging in eine Kneipe, trank -- Sie verstehen, es ist nicht nötig zu
+sagen, weshalb ich trank.«
+
+»Unser Junge war ja unser ganzer Lebensinhalt geworden. Ich war in
+Pension gegangen, und wir waren seiner Studien halber nach Berlin
+gezogen. Da kam der Krieg, er wurde Soldat, Jäger, und schließlich kam
+er ins Feld. Eines Tages aber, da kam die furchtbare Nachricht -- eines
+Tages . . .«
+
+»Er war gefallen.«
+
+»Gefallen?«
+
+»Ja, natürlich, Sie sagten --«
+
+Der kleine alte Mann schüttelte den Kopf.
+
+»Nicht gefallen, Herr,« flüsterte er, »in den Tod gehetzt -- ich habe
+Unterlagen, Briefe -- geschlachtet, nutzlos --«
+
+»Sie sollten nicht derartig schwere Anschuldigungen erheben gegen
+gewisse Persönlichkeiten«, warf Kunze nicht ohne Strenge ein.
+
+»Nun gut, gefallen, ganz wie Sie wollen. Es wurde immer stiller hier,
+immer stiller -- meine Frau verließ nicht mehr die Wohnung, keinen
+Schritt tat sie über die Schwelle. Sie saß immer hier. Aber plötzlich
+saß sie nicht mehr, sondern sie stand -- hören Sie -- zuerst mitten im
+Zimmer, dann nur noch in den Ecken.«
+
+»Sie war wohl schwermütig geworden?«
+
+»Ja, schwermütig. Sie ertrug es nicht, nein, es war zuviel für sie!
+Zuviel, zuviel! Und nun, eines Abends komme ich spät nach Hause. Es war
+Mondschein. Ich sah also ziemlich gut. Und da steht sie also hier --
+unter der Türe. Hier, sehen Sie.«
+
+»Ja!«
+
+»Aber sehen Sie -- sie stand so _hoch!_ Nun, denke ich -- da ist wieder
+mal Hansi auf den Schrank geflogen, wie häufig, und sie will ihn
+einfangen -- aber plötzlich, da sehe ich . . . Da kommt es mir
+eigentümlich vor, ei . . ., ei . . . sie antwortet nicht. Aber sie
+antwortete häufig nicht mehr in dieser Zeit. Nun aber, da denke ich --
+da sehe ich -- worauf stand sie eigentlich? Sie stand auf nichts! Ihre
+Füße waren abwärts gerichtet -- und darunter war nichts -- nur Mondlicht
+-- nichts sonst -- ich sah es ganz klar und deutlich . . . sie schwebte
+in der Luft . . . und da begriff ich es . . . dieser Augenblick -- --«
+
+Enttäuschung in den Zügen des schmächtigen jungen Mannes! Er hatte etwas
+ganz Besonderes erwartet -- und nun eine alltägliche Geschichte, wie sie
+sich während des Krieges hundertmal in Berlin ereignete.
+
+Der kleine alte Mann röchelte. Er sprang auf und schleuderte die kurzen
+dünnen Arme wild durch die Luft. Er ballte die kleinen gelben Fäuste und
+schüttelte sie in Raserei. Sein Gesicht verzerrte sich, die gelben
+Zahnstumpen blinkten, Schaum trat vor seine Lippen.
+
+»Und alles daher --« schrie er außer sich, und sein Gesicht wurde
+plötzlich blau, so daß Kunze erschrocken zurückwich -- »alles daher,
+daher! Deshalb hasse ich ihn -- hasse ihn, den Hoffärtigen, hasse ihn
+. . . mit diesen Händen werde ich -- so wahr mir Gott helfe . . . hasse
+ihn --«
+
+»Hasse -- hasse . . .« Seine Hände zuckten.
+
+Und plötzlich stürzte der kleine alte Mann zu Boden. Er war ohnmächtig
+geworden.
+
+ * * * * *
+
+Das Grammophon neben der kleinen Palme in der Ecke grölte:
+
+ Die Vöglein im Walde,
+ Die singen ja so wunderwunderschön,
+ In der Heimat, in der Heimat,
+ Da gibt's ein -- ha! ha! ha!
+
+Ja, die Platte war verdorben, und immer am Schluß -- beim Wiedersehn --
+lachte der Apparat. Und immer mußte Kunze aufspringen und die Kurbel neu
+andrehen.
+
+Kunze lag auf dem Sofa und schlug mit den geflickten, glänzend
+gewichsten Stiefeln den Takt auf dem Armpolster. Zuweilen unterbrach er
+sein Geschwätz und sang eine Strophe des Soldatenliedes mit, zuweilen
+auch rülpste er, mit Respekt zu vermelden. Eine Reihe leerer Flaschen
+stand auf dem Tisch mit der gestickten, lachsroten Decke -- dem Stolz
+der Freundlichen, Korpulenten an der Wand.
+
+Herr Herbst saß mit roten Bäckchen, die Äuglein glänzend vom Wein, und
+paffte eine kleine schwarze Zigarre. Er trank nicht aus dem Glas, o
+nein, Kunze hatte so etwas noch nie gesehen, er setzte einfach die
+Flasche an den Mund und ließ den Wein in die Kehle hineinlaufen. Mit
+gespannter Aufmerksamkeit hörte er Kunze zu.
+
+»-- und auf diese Weise, sehen Sie, Verehrtester, kam ich also zu G
+III.«
+
+»G III?«
+
+»Ja, G III. So heißen wir. Nur eine Chiffre. So geheim sind wir, ganz
+geheim -- pst, pst! Ja, nicht einmal einen Namen haben wir.«
+
+»Viele Beamte?«
+
+»Viele?«
+
+Kunze lachte und richtete sich zur Hälfte auf. Das Gesicht des kleinen
+Herrn Herbst erschien ihm nun langgezogen, mit turmhoher Stirn, wie in
+einem Lachkabinett. »Viele, sagen Sie?« wiederholte er geheimnisvoll und
+wichtigtuerisch. »Viele? -- Wir sind _Legion!_«
+
+»Legion?«
+
+Die turmhohe Stirn sank in sich zusammen, und eine runde Rauchwolke
+erschien an ihrer Stelle. Herr Herbst war vor diesem Wort zurückgeprallt
+und hatte erschrocken den Rauch ausgestoßen.
+
+»Ja, Legion, überall und allgegenwärtig. Selbst da, wo uns niemand
+vermutet. Ja ja, mein Verehrtester -- überall. In allen Städten
+Deutschlands -- bei allen Generalkommandos -- bei allen Behörden -- bei
+der Post, Eisenbahn -- in den Ministerien -- G III ist einfach überall.«
+
+ In der Heimat, in der Heimat,
+ Da gibt's ein -- ha! ha! ha!
+
+Kunze schnellte in die Höhe, und augenblicklich begann der Trichter von
+neuem zu heulen:
+
+ Ich hatt' einen Kameraden . . .
+
+»Ja, überall. Niemand weiß, ob das Auge von G III nicht auf ihn
+gerichtet ist. Selbst ich weiß es nicht, ob ich nicht selbst wieder
+beobachtet werde! Ja, so ist es, bei Gott! Alle Kulturstaaten haben
+diese Einrichtung, geben Millionen dafür aus -- unsere Organisation ist
+sogar noch klein im Vergleich zu der anderer Großmächte. Klein, im
+Verhältnis, aber sie arbeitet zuverlässig. Sie können mir ruhig
+glauben.«
+
+»Wir öffnen Koffer unterwegs, so daß der Eigentümer es nicht merkt,
+besonders das Öffnen von Briefen ist unsere Spezialität. Wir überwachen
+die Korrespondenz von Tausenden!«
+
+»Wir nehmen ganz einfach Abschriften, und wenn es besonders interessante
+Fälle sind, photographische Kopien. Wir wissen alles, wir kennen die
+Geheimnisse der höchsten Persönlichkeiten. Wir erscheinen als Kellner in
+den Restaurants, wo irgendeine besondere Sitzung veranstaltet wird, da
+sind wir dabei. Selbst bei den hohen Würdenträgern unserer Verbündeten
+haben wir unsere Agenten. Wir bohren Löcher durch Türen und öffnen
+Schreibtische. Fürsten, Minister, Abgeordnete -- wir kennen ihre
+geheimsten Gedanken.«
+
+»Ja, wir machen alles! Ihr junger Schützling, Verehrtester -- er ist in
+guten Händen. Und auch jene hochgestellte Persönlichkeit, die sich für
+den Lebenswandel ihres Töchterchens interessiert -- auch sie wird
+zufriedengestellt werden. Ja, wir machen alles. Und Sie und ich -- was
+glauben Sie? -- wir werden einen Orden erhalten -- auch Sie, hören Sie!
+Ich werde dafür sorgen, ich! --«
+
+Aber da der Havelock selbst bei dieser blendenden Eröffnung still blieb,
+hob der Semmelblonde wiederum den Kopf über die Tischplatte. Das Gesicht
+des kleinen Herrn Herbst hatte sich abermals völlig verändert, es war
+ohne Augen, ohne Nase und ohne Mund, dagegen umgeben von einem dünnen,
+grauen Backenbart. Es war die Glatze des kleinen Herrn Herbst, der
+eingeschlafen war. In diesem Augenblick geriet der Havelock ins Gleiten,
+und ohne Laut sank er auf den Boden.
+
+»Und noch eine Mosel -- und noch eine Mosel -- dreimal hoch!« sang Kunze
+mit hellem Tenor und begab sich im Foxtrott hinaus in die Küche.
+Fürchterlich schlingerte das Haus.
+
+»Gloria -- Viktoria --« heulte das Grammophon ganz allein für sich.
+
+
+12
+
+Vor dem grauen Hause in der Tiergartenstraße hielt Ackermann den Schritt
+an.
+
+Unendlich zart umschlang ihn ein Arm.
+
+»Ich werde mir Mühe geben«, flüsterte eine weiche, unendlich geliebte
+Stimme.
+
+»Ich weiß es!«
+
+»Ich werde versuchen, stark zu sein, obschon ich wenig Mut habe.«
+
+»Du bist tapfer.«
+
+»Wann?«
+
+»Bald!«
+
+»Du wirst mir Nachricht geben?«
+
+»Du wirst es fühlen.«
+
+»Ja, ich werde es fühlen!«
+
+»Lebe wohl!«
+
+Eine Weile wartete Ackermann noch, bis die Haustüre ins Schloß fiel.
+
+
+
+
+Zweites Buch
+
+
+1
+
+Der Leichnam des jungen Heinz war nach Berlin gebracht worden. An einem
+hellen Frühlingstag wurde er in die Erde gebettet. Die Kampfstaffel
+hatte den jungen Meerheim mit einem Kranz geschickt. Der Trauerzug war
+nur klein. Ohne eine Träne im Auge folgte die Majorin Sterne-Dönhoff dem
+Sarge ihres Sohnes, die Schwestern weinten leise und schüchtern. Etwas
+hinter dem kurzen Trauerzug, dicht verschleiert und schwarzgekleidet wie
+eine Witwe, ging Klara, deren schmale Schultern von einem
+ununterbrochenen Schluchzen geschüttelt wurden. Heinzens Freunde,
+Schüler, Knaben, sangen des Gefallenen Lieblingslied: Deutschland,
+Deutschland über alles. Die Majorin hatte es gewünscht. Sie selbst
+stimmte in das Lied ein, während sie mit verklärtem Lächeln in die Weite
+des Frühlingshimmels blickte.
+
+Der junge Meerheim sprach einen kurzen Nachruf, mit unbewegter,
+soldatisch scharfer Stimme; acht Tage später wurde er selbst im
+Luftkampf getötet.
+
+Noch nicht neunzehn Jahre alt, war Heinz gefallen.
+
+Klara preßte das zusammengerollte Taschentuch zwischen die Zähne.
+
+Sonderbar, und nicht die leiseste Ahnung! Am Abend vorher hatte noch ihr
+Stern so herrlich und verheißungsvoll gefunkelt.
+
+Es war an dem Morgen nach Doras Fest geschehen -- gerade in der Stunde,
+da sie einschlief. Meerheim sah die Maschine stürzen.
+
+Einige Tage vorher -- sie erinnerte sich dessen -- hatte sie von Heinz
+geträumt. Er stand auf dem Flugplatz, die grüne Wollmütze auf dem Kopf,
+und auf seiner Brust glitzerte in der Sonne das Medaillon. Er spielte
+mit einem kleinen Dachshund, und Schwärme von furchtbar anzusehenden
+Flugzeugen, mit barbarischen Farben bemalt, rasten über ihn hin. Aber er
+sah sie gar nicht, spielte mit dem Hunde -- man konnte diesen Traum wohl
+nicht eine Ahnung nennen?
+
+Ohne jede Sorge, ja, mehr, mit dem Gefühl der Sicherheit, war sie nach
+Doras Fest schlafen gegangen, glücklich und voller Hoffnungen.
+
+Vor wenigen Tagen aber fuhr sie in die Stadt. Nach ihrer Gewohnheit
+kaufte sie in einem Kiosk der Untergrundbahn wahllos einen Stoß
+Zeitungen. Wie viele Menschen, war sie zu einer fanatischen
+Zeitungsleserin geworden, es war eine förmliche Krankheit bei ihr.
+Plötzlich war es ihr, als ob sie seinen Namen gelesen habe! Unglaublich
+zwar -- aber hatte er ihr nicht oft gesagt: gib acht, eines Tages wirst
+du plötzlich meinen Namen in den Zeitungen lesen, und wie überrascht
+wirst du sein! Sie blätterte, und richtig -- da stand sein Name: Heinz
+Sterne-Dönhoff. Sie las, und sie begriff zuerst nicht. Nachdem vor knapp
+einem Jahre sein Vater, der Major Sterne-Dönhoff, den Heldentod . . .
+Sie las die Unterschriften, und plötzlich begriff sie.
+
+Sie warf ihre Zeitungen auf den Sitz, daß sie umherflatterten, und
+rannte durch den Wagen.
+
+»Er ist tot,« schrie sie, »ich will hinaus!«
+
+»Aber Sie sehen doch, daß der Zug fährt, Sie können doch nicht
+aussteigen«, sagten die Herren, die die Türe verbarrikadierten. »Sie
+zerschmettern sich den Kopf, liebes Fräulein.«
+
+Da fuhr der Zug in einen Bahnhof ein, und Klara stürzte hinaus.
+
+»Es ist schrecklich, jeden Tag erlebt man jetzt derartige Szenen.
+Gestern sprang eine Frau auf dem Bahnhof Spittelmarkt vor den Zug und
+ließ sich überfahren. Ich sage Ihnen, es war entsetzlich -- dieser
+Schrei!«
+
+»Hören Sie auf, ich kann von solchen Dingen schon gar nichts mehr hören
+--«
+
+Arme, kleine Klara, sie begriff es noch heute nicht. --
+
+Ja, nun wollte sie es wagen. In Gottes Namen!
+
+Sie drückte auf die Klingel und gab ihre Karte ab. Diese Karte war
+schwarz umrändert. Klara war so tief und dicht verschleiert, daß man
+kaum noch einen Schimmer des Gesichts sah.
+
+Das Mädchen kam nach auffallend langer Zeit zurück und forderte sie auf,
+einzutreten. Die Majorin Sterne-Dönhoff und die beiden Schwestern waren
+im Zimmer. Ach, ihre Gesichter, überall Heinz, in allen Linien. --
+
+»Was verschafft uns die Ehre?« fragte die Majorin Dönhoff mit einem
+prüfenden Blick aus ihrem gelblichen, langen Gesicht.
+
+»Ich bin --« stammelte Klara, »ich wollte gern --«
+
+»Ich verstehe Sie nicht!« sagte Frau v. Sterne-Dönhoff leise. »Wollen
+Sie bitte Platz nehmen!«
+
+Die Schwestern starrten verlegen.
+
+»Ich wollte nur,« begann Klara wieder, »Sie besuchen«, und plötzlich
+fing sie an zu schluchzen.
+
+»Was haben Sie nur, mein liebes Fräulein?«
+
+Stille.
+
+»Ich bin seine Verlobte!« stammelte Klara.
+
+Wiederum Stille.
+
+Da niemand etwas sagte, fuhr Klara fort: »Ich war seine Geliebte.«
+
+Die Majorin fiel ihr ins Wort. Kühl und förmlich sagte sie: »Mein Sohn
+hatte keinerlei Geheimnisse vor mir. -- Geht hinaus!« herrschte sie die
+beiden Schwestern an, und sie verließen sofort gehorsam das Zimmer.
+
+»Wie sagten Sie? Seine Geliebte?« Die Majorin dämpfte die Stimme.
+
+»Ja. Ich bin seine Geliebte.«
+
+»Aber wissen Sie auch, was Sie sagen?«
+
+»Vollkommen.«
+
+»Sie wollen also sagen« -- die Majorin stockte -- »Sie wollen doch nicht
+sagen, daß Sie mit Heinz in Gemeinschaft gelebt haben?«
+
+Klara zuckte zusammen und hob den hilflosen, wunden Blick zu den
+graublauen Augen empor. Sie errötete. »Nein, nicht das --« stotterte
+sie. »Das wollte ich nicht sagen.«
+
+Auch über das gelbe, lange Gesicht der Majorin huschte ein dünnes Rot.
+Erleichtert und etwas freundlicher sagte sie: »Nun, dann danke ich Ihnen
+herzlich für Ihren Besuch, mein liebes Fräulein!« Sie versuchte, ihrer
+Stimme sogar einen warmen und aufrichtigen Klang zu geben. Aber als
+Klara sie mit fassungslosen Augen ansah, fügte sie flüsternd hinzu:
+»Sollten Sie vielleicht irgendwelche Ansprüche zu stellen haben?«
+
+Fassungslos waren die wunden Mädchenaugen auf sie gerichtet.
+
+Da lächelte die Majorin und streckte Klara die Hand hin. »Herzlichen
+Dank, mein Kind. Wie heißen Sie?«
+
+Aber Klara antwortete nicht, ihr Blick glühte. Sie berührte diese lange,
+gelbe, entsetzliche Hand nicht. Sie wich zurück, verbeugte sich tief,
+sehr tief, und ging hinaus. Die beiden Schwestern lugten durch die
+Türspalte. »Von ihr ist die Locke, die er in dem Medaillon trug«,
+flüsterte die eine, und die Stimme der Majorin rief: »Emma, Bertha.«
+Klara befand sich wieder auf der Treppe.
+
+Ach, und die kleine, törichte Klara hatte sich zu Hause ausgedacht, daß
+sie vor der Majorin und den Schwestern in die Knie fallen werde, um
+ihnen zu sagen, daß sie gekommen sei, den Schmerz mit ihnen zu teilen.
+Sie wollte ihnen die Hände küssen und mit ihnen weinen.
+
+Sie war ein Kind und wußte nichts um die Eifersucht einer Mutter.
+
+Betäubt und völlig fassungslos stieg sie die Treppe hinab. Es war die
+Treppe, über die sein Schritt eilte. Sie berührte sie liebkosend mit den
+Fingerspitzen. Sie wollte diese Treppe auch küssen -- aber in diesem
+Moment wurde ein Kinderwagen aus einer Türe geschoben, und sie entfloh.
+
+Aber sie kam wieder, als die Damen Sterne-Dönhoff ausgegangen waren, und
+sie küßte die Treppenstufen und kniete auf ihnen. Dreimal kam sie im
+Laufe der nächsten Wochen und schlich wie ein Dieb durch das
+Treppenhaus. Einmal war es schon ganz finster. Dann kam sie nicht mehr.
+
+ * * * * *
+
+Das Paradies war versunken, nichts blieb als Finsternis, unendlich --
+und inmitten dieser finsteren Unendlichkeit stand sie, Klara, die Hände
+auf ihr zuckendes Herz gepreßt.
+
+Solange Papa zu Hause war, mußte sie die Trauerkleider ablegen. Sie
+wollte Papas Fragen vermeiden. Zuweilen schon streifte sie bei Tische
+sein Blick -- ihre Augen waren gerötet, ohne Glanz, ihre Wangen ohne
+Farbe. Papa, ihr armer Papa, der ohnehin in den letzten Tagen so
+auffallend erregt, ja verstört war. Mehr, als er es sich merken ließ,
+schien ihm Hedis Rücksichtslosigkeit nahe zu gehen.
+
+Ja, diese Hedi hatte es tatsächlich übers Herz gebracht, das Haus zu
+verlassen. Anfangs war sie nur selten und sehr unregelmäßig gekommen,
+sandte immer Boten mit Briefen -- Arbeit, unerwartete Vorkommnisse.
+Schließlich kam sie gar nicht mehr. Ganz unmöglich, dieser Weg -- und
+Arbeit, Tag und Nacht mußte man zur Stelle sein.
+
+Der Geheime Rat -- nie hätte es Klara für denkbar gehalten, fügte sich,
+ohne den Versuch eines Widerstandes.
+
+Er ging wohl etwas erregt hin und her und knackte mit den Fingern,
+zupfte an seinen dünnen Barthaaren. Er hatte Bedenken ohne Zweifel,
+schwere Bedenken! Ein Herr Ströbel oder Herr v. Ströbel -- ein während
+des Krieges reich gewordener Mann -- hm! Aber schließlich: er besaß kein
+Vermögen, und da er kein Vermögen besaß, so war auch seine Karriere so
+gut wie abgeschlossen -- derselbe Schreibtisch, derselbe Aktenständer,
+derselbe Spucknapf -- bis zur Pensionierung.
+
+Ja, was war da zu tun? Wieder knackte er mit den Fingern.
+
+Bei dem heutigen Geldwert konnte er seinen Töchtern nichts mehr bieten,
+gar nichts mehr. Sie mußten selbst sehen --
+
+Es war gar nichts zu tun, mit einem Wort.
+
+Und übrigens hatte er gerade jetzt, gerade in diesen Tagen, ganz andere
+Sorgen! Schlaflos verbrachte er die Nächte. Ein ungeheures Mißgeschick,
+wenn man so sagen darf, war ihm widerfahren: es gehörte zu seiner
+Tätigkeit im Auswärtigen Amt, die deutschen Interessen in drei fernen
+exotischen Ländern zu vertreten. Zu diesem Behufe veröffentlichte er mit
+Unterstützung eines Universitätslehrers jeden Monat ein
+Korrespondenzblatt, dessen sich die Presse allerdings nur wenig, ja, man
+kann getrost sagen, gar nicht bediente, leider. Nun aber hatte eines der
+exotischen Länder an Deutschland den Krieg erklärt -- und ihm, ihm war
+es völlig entgangen! Das letzte Korrespondenzblatt hatte sogar noch
+einen lobenden, beruhigenden Aufsatz aus der Feder seines geschätzten
+Mitarbeiters enthalten, und doch lebte man mit jenem Lande schon seit
+drei Wochen im Krieg! Welches Mißgeschick! Wenn der Minister es,
+bemerken sollte --? Allerdings waren ja schon drei Wochen vergangen, und
+niemand hatte bis jetzt etwas bemerkt, vielleicht ging der Kelch noch
+einmal an ihm vorüber!
+
+Das waren die Sorgen des Geheimen Rats, und es war ihm natürlich zurzeit
+gänzlich unmöglich, sich viel um seine Töchter zu bekümmern. Es war ja
+schließlich keine Schande, wenn Hedi Schreibmaschine schrieb und Briefe
+abfaßte -- und sie bekam mehr Gehalt sogar als er. -- Es schien ihr gut
+zu gehen, hatte sie doch kürzlich sogar eine Gänsekeule in Gelee
+geschickt. Im übrigen war ihm der Charakter Hedis Bürgschaft genug
+. . .
+
+Der wilde Schmerz trieb Klara in diesen Tagen sogar zu Hedi, obschon sie
+sich vorgenommen hatte, die Schwester in Zukunft zu ignorieren.
+
+Aber Hedi hatte wenig Verständnis für ihr Leid. Sie war gerade mit dem
+Einrichten ihrer Wohnung beschäftigt. Im Salon sollte eine Decke
+eingezogen werden -- mit goldenen Kassetten zwischen ultramarinblauen
+Balken -- nein, Hedi hatte gar kein Verständnis. Sie wollte ihr einen
+Frühlingshut schenken. Sie heuchelte ja Teilnahme, aber Klara fühlte nur
+zu deutlich --
+
+Sie kam auf den Gedanken, Ruth zu besuchen. Ruth? Weshalb Ruth? Sie
+hatte sie nur einigemal gesprochen -- kannte sie kaum, aber instinktiv
+suchte sie bei ihr Zuflucht.
+
+Indessen Ruth war nicht da! Der General trat zufällig in die Diele.
+»Meine Tochter ist nie zu Hause!« sagte er -- wie es Klara schien -- mit
+Bitterkeit in der Stimme. Feierlich und prunkend -- diese Diele. Dunkle
+Gemälde in breiten Rahmen, ein riesiger Spiegel und davor zwei Neger aus
+Bronze oder Eisenguß, die hohe Kerzen trugen. Voller Mißtrauen schien
+der General sie zu betrachten, sein Blick war prüfend und unbehaglich,
+ganz wie der Blick von Frau v. Sterne-Dönhoff. Die sie haßte und
+verachtete.
+
+Ja, wohin?
+
+Schließlich kam sie auf den Gedanken, Dora aufzusuchen. Sie beichtete
+Dora alles! Aber Dora hatte ebenfalls kein Verständnis für ihren
+Schmerz. Sie küßte sie, nahm sie in die Arme und drückte sie an ihr
+Herz. Sie versuchte sie zu trösten -- sagte, es sei ein Verbrechen,
+Kinder, wie Heinz, in diese Metzelei zu schicken -- aber sie hatte
+gerade die Schneiderin im Hause, und ihr Kopf war erfüllt von Frühjahrs-
+und Sommertoiletten, man mußte ja jetzt schon an den Sommer denken.
+Schließlich kam Otto dazu, und Otto betrachtete sie mit neugierigen
+Blicken, die Klara unangenehm waren.
+
+Sie ging.
+
+Allein, ganz allein mußte die kleine Witwe ihren Schmerz tragen. Sie
+wußte noch nicht, daß der Mensch in seinem Schmerz immer allein steht.
+
+Wie eine Verzweifelte irrte sie Tag für Tag, bis in die späte Nacht
+hinein, durch die Straßen. Für ihn die Flaggen -- mein Geliebter, mein
+Held! -- für ihn das feierliche Geläute der Glocken! Niemals würde sie
+auch nur die Hand eines andern Mannes berühren! Sie war seine Witwe.
+
+Sie war freundlich zu den Menschen gewesen und selbst freundlich zu den
+Hunden auf der Straße. Nun ging sie dahin, ohne den Blick zu erheben.
+
+Zeitungen, Extrablätter, die Menschen rannten, stürmten, rissen gierig
+die Blätter in Stücke -- was kümmerte es sie? Selbst die Wagen der
+Untergrundbahn waren überschwemmt mit Zeitungen. Man hatte den
+Faustkampf um den Platz in diesen Tagen etwas gemildert -- es war ja
+nicht unmöglich, daß bald alles wieder anders würde. Siege, Siege! Jeden
+Tag! In der Ecke des Wagens starb eine kleine Stenotypistin -- still,
+ohne einen Laut von sich zu geben. Von der Station Kaiserhof an wurde
+sie bleicher und bleicher, als der Zug am Spittelmarkt einlief, war sie
+schon tot. Man trug sie hinaus.
+
+Tot? Ja, vielleicht war es das beste?
+
+Klara wurde nicht müde in diesen schrecklichen Tagen, obschon sie nachts
+kein Auge zutat. Denn nachts flossen die Tränen ganz von selbst und
+brachten Linderung. Kreuz und quer irrte sie durch die dunkeln Straßen.
+Schatten taumelten gegen sie, Schatten krochen vor ihr, Schatten
+stürzten hinter ihr her. Plötzlich erschrak Klara: ein alter, haariger
+Schimmel stand mitten auf dem Trottoir.
+
+Sie stand an einem stillen Kanal, in einer ihr völlig fremden Gegend.
+Aus dem schwarzen Wasser blinzelte winkend ein Licht, tief unten. Die
+dunkeln Häuser hinter ihr begannen allmählich zu rücken und zu wandern.
+Leichen von Firmenschildern, Leichen von Riesenbuchstaben wanderten
+langsam, unendlich langsam vorüber. Kein Mensch weit und breit.
+Verlassene Wagen, verlassene Bretterhaufen, verlassene Kähne, die Pest
+hatte die Menschen mitten aus der Arbeit weggeholt.
+
+Da erscholl über dem schweigenden, schwarzen Wasser ein fürchterliches
+Gelächter -- ein unheimliches Lachen, das Lachen des Wahnwitzes -- Klara
+erschauerte. Sie befand sich hinter dem alten Schloß, und es schien ihr,
+als käme das Gelächter aus der finstern Burg. Ein Eishauch ging von dem
+stillen, toten Schloß aus. Es schien verlassen, bewohnt einzig von einem
+Gespenst, das diese fürchterliche Kälte aushauchte. Starrte es nicht
+durch die schwarzen Fenster auf sie? Und da -- seine eisige Hand griff
+durch die Mauern und berührte ihr Herz.
+
+Klara entfloh. Das wahnwitzige Gelächter scholl hinter ihr her.
+
+Endlich Licht. Ein Kino. Eine dicke Zeitungsfrau rannte an den grellen
+Plakaten vorüber und krächzte heiser und ununterbrochen: »Zwanzigtausend
+Gefangene -- die Schlacht geht weiter --«
+
+
+2
+
+Nebel.
+
+Sonderbar, den ganzen Tag über Regen, gegen Abend etwas Sonne und ein
+feuchter Wind und nun, in der Nacht, Nebel.
+
+Herr Herbst bog um die Ecke und nieste. Er war erkältet. In dieser
+Straße stand der Nebel noch dichter. Ein unheimlicher Riese kam ihm
+entgegengestampft, in einige Lagen von Pelzen eingehüllt, eine hohe
+Pelzmütze auf dem dicken Schädel, aber er schrumpfte mehr und mehr
+zusammen, und schließlich ging nur ein kleiner harmloser Mann an ihm
+vorüber. Ein qualmendes Feuer mitten in der Straße und tanzende
+Kannibalen um das Feuer: keine Angst, es sind Straßenbahnarbeiter, die
+das Geleise ausbessern.
+
+Wie ein lehmiges Meer wälzte sich der Nebel dahin und schob Geröll vor
+sich her -- Häuser, Straßen, Häuserviertel, Stadtviertel, Vorstädte,
+immer weiter, bis hinaus zum flachen Land, wo es nichts gibt als
+Kartoffeläcker und Telegraphenstangen.
+
+Auch ihn schob das lehmige Meer willenlos vor sich her, ganz wie die
+Häuser und Stadtviertel mit all ihren Bewohnern. Seine Nase tropfte, er
+ging rasch, die Knie etwas eingeknickt, die Arme herabhängend. Müde war
+er, todmüde. Den ganzen Tag war er unterwegs.
+
+Er hatte einen neuen Plan ausgedacht -- teuflisch!
+
+Ja, teuflisch!
+
+Wo er ging und fuhr, sollte er ihn sehen -- immer, zu jeder Stunde des
+Tages sollte er erinnert werden -- _daran_!
+
+Als er aber wieder niesen mußte, zerflatterte die dichte schmutzige
+Nebelwolke, und -- wer hätte das gedacht? -- er erblickte einen kleinen
+üppigen Garten in praller Sonne! Er selbst ging in diesem Garten
+spazieren, in einem weißen Kittel, die goldene Uhrkette auf der Weste,
+einen breiten sonnenverbrannten Panama auf dem Kopfe. So deutlich! Es
+roch nach Kaffee, es war Sonntag, er roch sogar die Frische des
+Stärkhemdes, das er trug. Bald würde Muttchen -- dasselbe Muttchen, das
+später, viel später, wer hätte es ahnen können --? -- bald würde
+Muttchen kommen mit dem Kaffeekuchen, die Fingerspitzen etwas fett, die
+Lippen etwas glänzend von Fett . . .
+
+In diesem Augenblick stieß Herr Herbst mit jemand zusammen, der unwillig
+»Achtung!« rief. Der Garten verschwand, und der Nebel brodelte wieder.
+Der Zusammenstoß war so heftig, daß ihm der steife Hut über die Ohren
+getrieben wurde und er ins Taumeln geriet. Aber dieses ärgerliche
+schroffe »Achtung!« -- diese trockene Stimme, wie?
+
+Scheu wandte er sich um: sofort fiel ihm das grüne Plüschhütchen auf und
+der enge, zugeknöpfte Überzieher! Im gelben Dunst einer Laterne stand
+der schmächtige junge Mann im Gespräch mit zwei Männern mit
+Knotenstöcken. Das Plüschhütchen wackelte hin und her, die dünnen Arme
+gestikulierten aufgeregt -- aber da verschwanden sie schon aus dem
+Lichtschein der Laterne, der Nebel verschlang sie.
+
+Herbsts Herz pochte.
+
+Also schon waren sie bis hierher gekommen, bis hierher?
+
+Er zitterte und duckte sich zusammen.
+
+Düster lag das graue Haus, umbrodelt vom Nebel, und wie in jeder Nacht
+war nur das eine gleiche Fenster erleuchtet.
+
+Leise wie immer stahl sich Herr Herbst in sein Zimmer.
+
+Gottlob, daß er hier war! So müde --!
+
+Frau Hähnlein in ihrer Kammer betete. Mit schluchzender, verzweifelter
+Stimme -- aber leise, um die Kinder nicht zu wecken, flehte sie um
+Gottes Beistand, rief sie den Himmel um Hilfe an, ja, um Hilfe --
+
+Grundlos wie das tiefe Meer war das Elend dieser Stadt, in allen
+Straßen, allen Häusern. Überall Unglückliche, Verzweifelte, Weinende,
+Schlaflose. Aus allen Häusern glühten die Augen von Wahnsinnigen in den
+Nebel.
+
+Der bucklige Wirt hatte recht: die Zeit der großen Heimsuchung war über
+die Welt gekommen. Die Menschen waren Sünder. Sünde! Sünde! Bodenlos wie
+das tiefe Meer! Und auch er, ja, auch er hatte Sünde auf Sünde gehäuft
+in seinem Leben! Er büßte -- schon büßte er, hatte er den steinigen Pfad
+der Sühne betreten.
+
+Daran dachte der kleine Herr Herbst, als er geschüttelt vom Frost in
+sein Bett kroch. Sein Gesicht brannte wie Feuer, und funkensprühend
+kreiste die Dunkelheit um ihn. Wieder quälte ihn der Husten, und er
+steckte den Kopf unter die Decke, um keinen Lärm zu machen. Als er
+wieder Atem schöpfte, hörte er Stimmen in Ackermanns Zimmer.
+
+ * * * * *
+
+Diese Stimmen brodelten, ganz wie der Nebel an seinem Fenster, auf und
+ab, eine heisere, keuchende und eine tiefe klare, die zu beruhigen
+suchte. Dazwischen ein belustigtes, ein etwas angeheitertes Lachen.
+
+Die klare beruhigende Stimme, das war Ackermann, aber die heisere,
+keuchende, die zuweilen so sonderbar belustigt lachte? Es war Hähnlein!
+Ja, niemand sonst -- lachte also, während seine Frau Gott um Hilfe
+anflehte, um Erbarmen für ihre armen Kinderchen wenigstens.
+
+»Morgen schon?« fragte Ackermann.
+
+»Ja, morgen um zehn Uhr!« Und wieder das angeheiterte Lachen.
+
+Ohne Unterbrechung brodelten die Stimmen.
+
+Der kleine Herr Herbst dampfte vor Hitze. Sein Kopf rauchte, seine
+Hände, ja, wie gesagt, er war erkältet. Mit geneigtem Kopf saß er im
+Bett, wie betäubt, ohne jeden Gedanken. Er mußte dem Brodeln der Stimmen
+lauschen, das ihn wie ein Zauber bannte, obwohl ihn nicht im geringsten
+interessierte, was die beiden zu besprechen hatten.
+
+»Wie ist es nur denkbar?« rief Ackermann aus.
+
+Und mit einem heiseren Auflachen erwiderte Hähnlein: »Ja, wie ist es nur
+denkbar, hahaha!«
+
+Trotzdem das Blut in seinem Kopfe wie Dampf zischte, begriff er bald,
+was Hähnlein so erregt hatte. Man hatte ihn wieder gemustert, und morgen
+ging der Transport zur Front. Die »Mordkommission« war in der Kaserne
+gewesen. Zurück, zur Front, abermals -- ja, der Granatsplitter, der ihm
+die Schädeldecke zertrümmert hatte, so daß er keine Treppe steigen
+konnte, ohne sich am Geländer festzuhalten -- er zählte gar nicht. Und
+der Brustschuß, den er in Serbien erhielt -- auch er zählte nicht. Und
+dreimal in Frankreich, zweimal in Rußland, in Serbien -- all das zählte
+überhaupt nicht. Seine Frau -- seine Kinder --?! Nichts zählte!
+
+Man würde ihn wieder in einen Viehwagen packen, er mußte wieder hinaus.
+
+Ackermann versuchte zu beruhigen.
+
+»Hahaha!« lachte Hähnlein. Seine Ratschläge machten wenig Eindruck auf
+ihn.
+
+»Ja, vor die Füße, vor die Füße, wirf es ihnen vor die Füße!« schrie
+Ackermann laut und wütend.
+
+»Aber, was dann, Ackermann, hörst du?« fragt Hähnlein. »Gefängnis --
+frage Kamerad Schmitt, der dem Gefreiten eine Ohrfeige gab. Lieber den
+Heldentod als das Gefängnis! Hunger und Prügel.«
+
+»Die Verruchten!« schrie Ackermann.
+
+Hähnlein lachte wieder laut und heiter. Und obwohl Herbst vom Fieber
+glühte, erschauerte er bei diesem sonderbaren Lachen.
+
+Aber, ob er, Ackermann, die Strafkompanie vergessen habe? Teufel von
+Vorgesetzten -- Verbrecher -- Zuchthäuslerkleidung -- die ehrlichen
+Kameraden spucken dich an -- Sträflingsarbeit im Feuer, Hunger, Prügel,
+Läuse, Krankheiten --
+
+Also fort mußt du? dachte Herr Herbst. Gut, gut, daß du fort kommst!
+
+Er fürchtete sich vor Hähnlein in der letzten Zeit. Gestern traf er ihn
+auf der Treppe: ohne Regung stand er, erstarrt, den Kopf gesenkt, einen
+Fuß in der Luft, die stechenden, glitzernden Augen auf den Boden
+gerichtet. Er hatte es nicht gewagt, an ihm vorbeizugehen und war
+umgekehrt.
+
+So, ja, genau so hatte auch sie gestanden -- seinerzeit -- immer in den
+Ecken, zuerst mitten in den Zimmern, endlich nur noch in den Ecken und
+unter den Türrahmen -- bevor sie, hm, bevor sie . . .
+
+Gut, daß du aus dem Hause kommst --
+
+Nun aber hätte er beinahe laut herausgelacht! Hähnlein sprach von der
+Musterung, den Skeletten, Krüppeln, Krummen und Lahmen, und er, in
+seinem Bett, sah alles deutlich und wunderbar klar vor sich. Wie sie
+humpelten, wie sie krochen, wie die Knochen spitz durch ihre Haut
+stachen! Nur einer aber war frei gekommen, er fiel in Krämpfe und wurde
+hinausgetragen.
+
+Nun kam also jener, ein Riese von Gestalt, der Blut in die offene Hand
+spuckte und es dem Arzt zeigte. Aber der Arzt, o nein, er war nicht um
+eine Antwort verlegen. Er sagte, der Arzt: Die Luft im Felde ist besser
+als in Berlin, solange einer nicht den Kopf unter dem Arm trägt, muß er
+hinaus. Fertig! Und da kam dieser andere, der eine offene Wunde am
+Rücken hatte, man konnte den ganzen Finger hineinstecken -- aber auch
+das half nichts. Immer vorwärts, sagt der Arzt, bei so jungen Leuten
+heilt das rasch. Nein, er war nie um eine Antwort verlegen, man muß es
+ihm lassen. -- Nun aber, nun also kam Hähnlein, unser Hähnlein an die
+Reihe. Es half ihm alles nichts, was er vorbrachte. Sein Lungenschuß,
+seine Atemnot -- prächtig geheilt, sagte der Arzt, die Bureauluft ist
+nicht gut für Sie. Aber auch die Schwindelanfälle, die von dem
+Granatsplitter im Kopf herrührten, das Zittern -- auch das half Hähnlein
+nichts. Sollen denn nur gesunde Leute totgeschossen werden? fragte der
+Arzt. Hahaha! Richtig, weshalb nur gesunde?
+
+Ja, also Hähnlein saß in der Patsche und konnte es noch immer nicht
+begreifen.
+
+Und wieder brodelten die Stimmen. Lange Zeit. Kein Wort zu verstehen.
+Dann aber lachte Hähnlein wieder laut heraus, und die Stimmen verloren
+sich auf dem Korridor.
+
+»Mut, Kamerad!« rief Ackermanns Stimme.
+
+Hähnlein lachte und sagte irgend etwas. Er schlich draußen an der Türe
+vorüber und pfiff leise vor sich hin.
+
+Augenblicklich hörte Frau Hähnlein auf zu beten. Sie stellte sich
+schlafend, schnarchte sogar ein wenig. Nach einer Weile fragte sie: »Was
+tust du?«
+
+»Ich rauche eine Zigarre«, antwortete Hähnlein mit ruhiger Stimme.
+
+Und nun wurde es still, ganz still. Nun war die Zeit gekommen für ihn,
+Herrn Herbst, seinen Triumph auszukosten!
+
+Sanft glitt sein Bett dahin, eine angenehme Hitze kochte in seinem
+Körper, heiß fuhr der Atem aus seinem Munde. Prachtvoll, berauschend,
+rot funkelte die Finsternis. Am Fenster wallte der Nebel, auf und ab,
+drückte sich gegen die Scheiben. Und drunten: horch! Ja, deutlich hörte
+er ihren Schritt, dumpf wie der Schlag seines Herzens in der Brust. Da
+gingen sie auf und ab, die Männer mit den Knotenstöcken, das grüne
+Hütchen eilte durch den Nebel die Straße herauf, nachzusehen, zu
+kontrollieren.
+
+Und er, nebenan, ahnte nichts! Raschelte mit Papieren, zerriß sie,
+klapperte auf seiner Schreibmaschine, ahnungslos. Sah er nicht das grüne
+Hütchen eilen? Nein, nein, blind war er, taub war er.
+
+Nun rasselte er mit dem Ofen, es roch nach verbranntem Papier. Und schon
+gingen die Schritte auf und ab, lauter, immer lauter . . . .
+
+Sollte er an die Türe pochen und ihm zurufen: Horch, horch! Öffne das
+Fenster und sieh es eilen --!
+
+Aber nein, nun war ja die Stunde gekommen, die wonnige, seinen Triumph
+auszukosten!
+
+Heute -- hoho -- heute hatte er es gewagt! Den Hut gezogen, ganz dicht
+vor ihm, ganz dicht! Vor dem Hause in der Lessingallee hatte er
+gewartet, bis die graue Limousine kam. Und dann -- den Hut gezogen, wie
+gesagt. Mitten in den Lichtschein der Automobillampen war er getreten,
+in den blendenden Lichtkegel der Lampen!
+
+Und der General? Er war erschrocken -- erschrocken, sollte man es
+glauben, vor ihm, einem alten ohnmächtigen Mann, ohne Rang und Würde,
+einem Trinker, mit dem es bergab ging, täglich mehr und mehr bergab,
+erschrak er -- der Gewaltige! Fuhr zurück, und seine Augen waren voller
+Schrecken . . .
+
+Ja, keine Nachsicht mehr, nicht die geringste! Tag und Nacht wollte er
+vor ihm auftauchen, keinen Schritt sollte er künftig tun -- er war da!
+
+Und wie er erschrak! Wie er zurückfuhr! Deutlich sah er es vor sich. Das
+breite starre Gesicht wankte, nicht Schrecken, nein Entsetzen spiegelte
+sich in den Zügen. Der General taumelte einen Schritt zurück -- zwei --
+er lief! Und er, den Hut in der Hand, lief hinter ihm her. Wie schnell
+er doch lief! In seinem Mantel mit den roten Aufschlägen. In seinen
+Hosen mit den roten Streifen! Wie das Entsetzen ihn vorwärts peitschte
+-- und doch war es spielend leicht, ihm zu folgen. Rascher, immer
+rascher rannten sie beide in die rotfunkelnde Finsternis hinein. Und der
+Nebel donnerte! Ballen von Qualm warf die schwarze Stadt aus, wie ein
+Vulkan, Ballen um Ballen, himmelhoch donnerten die Wolken von Qualm.
+
+
+3
+
+Der Nebel brodelte über Berlin. Über dem Nebel funkelten die ewigen
+Sterne, aber die Stadt, versunken im gelben Meer von Lehm, sah sie
+nicht.
+
+Schrill heulten die Züge, in düstere Glutwolken gehüllt, tasteten sie
+sich langsam vorwärts. Die Bogenlampen fieberten in den dunstigen
+Bahnhöfen, Schattenriesen stießen mit den Köpfen gegen die Glasdächer
+der Hallen. Die Krankenwagen krochen in das gelbe Nebelmeer hinaus, und
+zuweilen stutzten die Chauffeure: klaffende Abgründe schienen plötzlich
+die Straßen zu spalten. Schlaff und schmutzig hingen Flaggen aus den
+Nebelwolken herab.
+
+In nebligen Höfen wurden die Wagen entladen, und voller Erlösung
+starrten die Fieberaugen der Verwundeten in das Licht der Korridore,
+durch deren Karboldunst die Bahren schwankten.
+
+Und die Züge heulten und winselten, wie seit mehr als tausend Nächten.
+Aber in dieser Zeit der großen Offensive kamen sie ohne jede
+Unterbrechung. Die Ärzte wechselten Blicke. -- --
+
+Zur gleichen Stunde saß der General, den der kleine Herr Herbst im
+Fieberwahn verfolgte, mit zufriedener Miene in dem bequemen
+Arbeitssessel vor seinem Schreibtisch und beugte sich über eine große
+Generalstabskarte.
+
+Er hatte neben sich ein Näpfchen mit blauer Farbe und ein Glas Wasser
+stehen und malte auf die Generalstabskarte blaue Linien. Hin und wieder
+suchte er mit der Lupe eine Ortschaft, die der letzte telephonische
+Bericht genannt hatte.
+
+Unfaßbar! Flogen sie? War es nicht ganz wie seinerzeit beim Vormarsch
+1914?
+
+Schon wurde das strategische Bild klarer -- kristallklar. Der General
+beugte sich! Seine Ansichten hatten nicht immer mit jenen dieser hohen
+Stelle harmoniert, zugegeben, es war ihm unmöglich gewesen, den
+bedingungslosen Glauben der Allgemeinheit zu teilen, er vermißte kühne,
+strategische Gedanken, vermißte den genialen Blick, nun aber beugte er
+sich. Ja! Ohne Vorbehalt.
+
+Und der General starrte in die weiße Karte, während draußen der Nebel
+zog. Bald beugte er sich dicht darüber, den Kneifer auf der Nase, bald
+lehnte er sich nachdenklich in den Sessel zurück, und wieder starrte er
+regungslos in die weiße Karte. Was sah er? Er sah Brigaden, Divisionen,
+Armeekorps, den Gürtel der Artillerie. Er sah wie Brigaden, Divisionen,
+Armeekorps sich vorwärts fraßen, die Kolonnen auf den Straßen, die
+schwere Artillerie wird nachgezogen, die Fliegerschwärme in der Luft,
+die Stäbe, all das sah er auf der weißen Karte.
+
+Seine Hand schob die blaue Linie vorwärts -- ja, schon erblickte er in
+der rechten Flanke das Meer -- den Kanal, in der linken Flanke aber
+wurde die fadendünne Silhouette des Eiffelturms am Horizont sichtbar.
+
+Heute schon fielen die Granaten auf die französische Hauptstadt,
+furchtbare Mahner, furchtbar pochte die Geschichte an die Tore von Paris
+-- und London, bald würde die Geschichte auch an die Tore Londons
+pochen! Das Reich des großen Alexander, wo war es hin? Die Stunde
+schlug, und es sank in Trümmer. Das Weltreich der Römer und Spanier?
+Schutt! Unaufhörlich brauste der Strom der Geschichte, und neue Reiche
+stiegen aus der Flut empor.
+
+Der General versank in Träumereien. Seine strengen Züge hatten sich
+gelöst. Schon heute stand fest, daß die feindlichen Reservearmeen
+aufgerieben waren. Sie hatten nichts mehr, fürchterliche Perspektive
+. . .
+
+Nur durch einen Korridor vom General getrennt, durch ein paar dünne
+Mauern, saß Ruth über ihren geliebten Büchern, die das Evangelium für
+sie bedeuteten, und las mit fiebernden Wangen, während an den Fenstern
+sich der Nebel ballte. Es war schon tief in der Nacht, sie schrieb,
+machte Notizen, ihre Augen glänzten. Ja, diese Bücher, diese Broschüren,
+sie sprachen die Wahrheit! Sie allein zeigten den rechten Weg.
+Untergehen mußte diese heute herrschende Gesellschaft, die sich nur
+durch Sklaverei, Plünderung und Tyrannei aufrechterhielt. Dieser Krieg
+war der fürchterlich logische Abschluß ihres Werkes -- welch ein
+Abschluß! Heraufsteigen würde eine neue Gesellschaft, besser, reiner,
+edler. Schon waren ihre Boten unterwegs. Hier aber erschauerte Ruth.
+
+Ja, schon! Ihr Blick glitt zum Fenster, das der Nebel verhüllte, ihr
+Blick füllte sich mit Unruhe und Qual. Ungewiß lag die Zukunft. Lange
+würde sie ihn nicht sehen, vielleicht Jahre! Aber es mußte sein, es
+mußte Mutige geben, die alles einsetzten für Idee und Glauben! Sie
+liebte ihn, sie bewunderte ihn! Auch sie würde ihm nachfolgen. Auf alles
+würde sie verzichten, auf Geld, Bequemlichkeit, gesellschaftliche
+Stellung. Nichts wollte sie. Wie Millionen von Frauen, die ihr Brot
+verdienten, wollte sie sein, nicht anders. Langsam hatte sie sich zu
+diesem Entschluß durchgerungen. Tausend beglückende Gespräche gaben
+Helligkeit, Klarheit und Ziel!
+
+Wenn sie Papa kränkte, sie konnte nicht anders, Otto, ihre
+Verwandtschaft -- nein, es stand unabänderlich fest! Welche Albernheit,
+Oberflächlichkeit, welcher Dünkel, welcher Wahn -- nein, fort fort.
+
+Und doch, das Herz schmerzte. Sie erhob sich und begann auf und ab zu
+wandern, die Hände an den Hüften, immer hin und her, den Blick voller
+Qual -- immer hin und her, die ganze Nacht. --
+
+Und Dora, was tat Dora in dieser undurchdringlichen Nebelnacht? Sie
+schlief und lächelte im Schlaf. Auch Klara, die kleine unglückliche
+Klara, schlief, aber sie weinte im Schlaf, ihre Wangen waren ganz naß.
+
+Hedi aber war noch wach in dieser Nebelnacht, sie war heiter und guter
+Dinge. Sie tanzte Tango mit Weißbach, in der Bibliothek, nebenan saß
+eine kleine Gesellschaft beim Spiel. Der Phonograph war kaum zu hören,
+da sie ihn geschlossen hatte, aber so fand Hedi es am stimmungsvollsten.
+Ströbel hatte ihr eben gesagt, er sei einer der wenigen Männer in
+Europa, die alles vertragen könnten -- und so tanzte sie Tango mit
+Weißbach, ganz allein, und Weißbach, der heute wenig trank, hatte ihr
+erklärt, daß er sie liebe und sie auf der Stelle heiraten würde. Das
+belustigte Hedi, und zuweilen erlaubte sie seinem Blicke, in ihre Augen
+einzudringen, ganz tief. Sie hatte sich vorgenommen, den kleinen
+schwarzen Artilleriehauptmann völlig rasend zu machen. Und dann? Nun,
+wer weiß --?
+
+Und Otto? In seinem Zimmer im Westen saß er, eine kleine anmutige
+Verkäuferin, die er auf der Straße kennengelernt hatte, auf den Knien,
+eine Flasche Wein neben sich. Er küßte den vollen, bläulichweißen Nacken
+der Kleinen, und sie fragte ihn, wie das knallt, wenn eine Granate
+einschlägt. Ihr Bräutigam war ebenfalls im Felde. Otto lachte --
+herrlich diese Naivität. Er unterhielt sich ausgezeichnet. Was kümmerte
+es ihn, daß der Nebel um das Haus wallte?
+
+
+4
+
+Immer noch rannte der kleine Herr Herbst hinter dem Mantel mit den roten
+Aufschlägen einher, immer noch durch purpurne Finsternis.
+
+Allmählich aber ging die Dunkelheit in Zwielicht über, er rannte nicht
+mehr, er ging langsam -- und der General? Es war gar nicht der General,
+es war sein Zimmernachbar Hähnlein. An seinem abgenutzten
+Soldatenmantel, seinen abstehenden weißen Ohren, dem dünnen Hals
+erkannte er ihn. Er ging langsam, immer einige Schritte voraus, kreuz
+und quer durch die Straßen. Offenbar suchte er etwas. Endlich aber --
+ah, nun hatte er es gefunden.
+
+Vor einem Laden mit Messern machte er halt. Messer, nichts als Messer,
+funkelnd und blitzend, ein Gebiß. Dieses Geschäft umkreiste Hähnlein, er
+las die Aufschrift, runzelte die Stirn. Dann trat er zurück an den
+Rinnstein, einen Fuß auf dem Fahrdamm, einen auf dem Bürgersteig, zog
+den Geldbeutel heraus und blickte aufmerksam hinein. Entschlossen betrat
+er den Laden. Aber bevor er die Türe schloß, warf er noch einen Blick
+auf die Straße, einen suchenden, kranken und traurigen Blick. Wonach sah
+er sich um? Nach Hilfe?
+
+Wie, hier, zwischen den eilenden Menschen, die alle vor dem eigenen
+Elend dahinjagten, hier, wie? Nun, er sah es ja auch ein, daß es sinnlos
+war, gerade hier nach Hilfe auszuspähen und schloß die Türe hinter sich.
+(Herbst spähte durch die Scheibe!) Er wählte ein langes solides
+Bratenmesser, lang, spitzig und scharf und verließ den Laden, ein
+schmales, langes Paketchen unter dem Arm. Rasch strebte er nun seinem
+Hause zu, zuweilen lief er sogar eine Strecke, rasch eilte er die Treppe
+hinauf.
+
+Aber was nun? Es war wieder dunkel im Zimmer nebenan, wieder war es
+plötzlich Nacht geworden, und nur Hähnleins Schatten war zu sehen, seine
+weißen abstehenden Ohren und seine böse glitzernden Augen. Er, Herbst,
+lag nun wieder in seinem Bett, schlief, hatte die Augen geschlossen,
+trotzdem sah er durch die Mauer hindurch alles, was Hähnlein nebenan
+tat. Nun beugte sich Hähnleins Schatten über die schlafenden Kinder,
+lange Zeit, dann über die schlafende Frau. Da blitzte plötzlich das
+lange Messer. Furchtbar blitzte es in der Dunkelheit. Die Frau regte
+sich, und Hähnlein versteckte hastig die Klinge unter seinem Rock. Lange
+stand er ohne jede Bewegung.
+
+Dann aber, dann beugte er sich wieder über die schlafenden Kinder, das
+Messer funkelte -- nun zeigte die Klinge dunkle Flecken. Lautlos stand
+er und atmete. Dann beugte er sich über die Frau, und abermals funkelte
+das Messer. Endlich richtete er sich auf. Kein Laut.
+
+Plötzlich aber beschäftigte ihn etwas. Er heftete seine glitzernden
+tückischen Augen auf ihn, Herbst, der nebenan in seinem Bett lag und
+schlief. Sah er ihn? Es war ja unmöglich, die Wand war dazwischen. Aber
+doch schien er ihn zu sehen. Er tastete mit der Hand gegen die Wand --
+runzelte enttäuscht und zornig die Stirn. Da begann Herbst (weshalb
+eigentlich?) spöttisch zu kichern. Hähnlein lächelte verächtlich,
+wollüstig -- und tastete sich an der Wand entlang zur Türe.
+
+Herbst setzte sich plötzlich aufrecht, und sein Herz stand still vor
+Entsetzen. Wild schrie er auf.
+
+Er kam! Er sah ihn kommen, das Messer zwischen den Lippen.
+
+Schon öffnete sich langsam die Türe, seine Hand wurde sichtbar -- wieder
+schrie Herbst auf -- und er trat ein.
+
+Aber er trug kein Messer, sondern eine Kerze. Und es war gar nicht
+Hähnlein, sondern -- Ackermann.
+
+»Sind Sie krank? Weshalb schreien Sie?« fragte Ackermann und kam näher,
+den Leuchter mit einer kleinen Kerze in der Hand.
+
+Herbst versuchte zu sprechen, doch die Zunge klebte am Gaumen.
+
+Ackermann ging und kam mit einem Glas Wasser zurück.
+
+»Trinken Sie. Sie fiebern ja. Sie glühen!«
+
+»Ich friere«, entgegnete Herbst, und seine Zähne klapperten. »Ich fühle
+mich eiskalt. Gewiß bin ich schneeweiß.«
+
+»Sie glühen. Trinken Sie! Weshalb schrien Sie so?«
+
+»Ich habe von Toten geträumt.«
+
+Ackermann lächelte. »Vor Toten brauchen Sie keine Angst zu haben.«
+
+Herbst zitterte und heftete die fiebernden Augen auf Ackermann.
+
+»Und die Schritte,« flüsterte er, »die ganze Nacht. Vor dem Hause. Haben
+Sie das grüne Hütchen nicht gesehen?«
+
+»Trinken Sie noch etwas!«
+
+»Fliehen Sie! Sie sind da!«
+
+Frisch und jung erschien ihm Ackermann, eine Erscheinung aus einer
+andern Welt. Die finsteren Mächte, die diese Erde bevölkern, konnten ihm
+nichts anhaben. Seine Augen glänzten, sein Mund blühte tiefrot, er
+schien weder müde noch schläfrig, obschon es tief in der Nacht war. Er
+lächelte heiter, als er von den Schritten vor dem Hause hörte, nein,
+auch sie konnten ihm nichts anhaben. Er schwebte auf Wolken wie ein
+Engel. Er war ein Gesandter Gottes, der zu ihm gekommen war, um ihm zu
+trinken zu geben.
+
+Die Kerze verschwand. Schon war es wieder dunkel.
+
+Ja, ein Traum hatte ihn gefoltert, ein Traum voller Unheil und
+Schrecken. Hatte er von den verschütteten Soldaten geträumt, die sich
+aus den Lehmbergen auswühlen, oder von Robert, aus dessen Wunden das
+Blut in Strömen floß? Noch jetzt schüttelte ihn das Entsetzen.
+
+Ohne Zweifel, dieses Haus war ein Haus des Unglücks, ein verfluchtes
+Haus. Seine Mauern waren zermorscht von Jammer und Tränen. Selbst die
+Toten fanden hier keine Ruhe. Jede Nacht glitt der tote Briefträger
+durch das Treppenhaus und verbreitete seinen häßlichen Geruch. Er war
+gestorben, dieser alte Briefträger, ein Veteran mit den Denkmünzen des
+glorreichen Siebziger Krieges, ohne daß jemand es wußte. Erst als ein
+scharfer, süßlicher Geruch das Haus erfüllte, hatte man ihn aufgefunden,
+ausgestreckt auf dem Boden. Jede Nacht kroch er nun durch das
+Stiegenhaus, und zuweilen zog er die Klingeln, dann schrien die Frauen.
+
+Ja, ein verfluchtes Haus.
+
+Aber, gottlob, die entsetzliche Kälte hatte aufgehört. Schon begann er
+sich zu erwärmen, schon begann er wieder wohlig zu glühen. Ruhig atmete
+das Haus, deutlich hörte er hinter der Wand die Familie Hähnlein im
+Schlafe atmen. Feuer stieg in seine Augen. Sie wurden größer und größer,
+und mit feurigen Augen, so groß wie Wagenräder, saß er in der
+rauschenden Finsternis.
+
+Plötzlich hörte er deutlich eine Orgel brausen, feierlich und tief. Und
+durch das volle Orgelbrausen rief eine Stimme:
+
+»Heilig ist der Mensch! Sinn der Erde, unantastbar!«
+
+»Heilig ist das Menschenleben, unantastbar!«
+
+Und wieder brauste die Orgel.
+
+Dann schrie die gleiche Stimme, laut und hell:
+
+»Die Menschenwürde ist das oberste Gesetz!«
+
+»Unantastbar ist die Würde des Menschen!«
+
+»Heilig sein Gedanke, heilig sein Leib!«
+
+»Liebet einander!«
+
+Die Orgeltöne verbrausten in der Ferne.
+
+
+5
+
+Und der Nebel brodelte über den Dächern der Stadt.
+
+Immer noch ertönte gedämpft der Phonograph in Ströbels Bibliothek. Aber
+Hedi tanzte nicht mehr. Sie saß am Spieltisch und setzte eifrig. Rote
+Flecken fieberten auf ihren Wangen, ihre Augen sprühten. Sie gewann.
+Zuweilen liebkoste Ströbel sie mit einem Blick, sie liebte ihn in diesem
+Augenblick. Weißbach, der nach ihren Blicken tastete, hatte sie ganz
+vergessen.
+
+Ottos Mädchen war eingeschlafen. Zwei Tränen glänzten wie Tau unter
+ihren langen hellen Wimpern. Otto saß beim letzten Glas Wein und rauchte
+voller Behagen eine Zigarre. Er brauchte keinen Schlaf, obgleich er von
+früh bis abends im Bureau arbeitete.
+
+Immer noch ging Ruth ruhelos auf und ab, den Blick voller Qual. Sie
+schwankte, so müde war sie, aber sie konnte sich nicht entschließen, zu
+Bett zu gehen.
+
+Der General aber schlief. Er schnarchte und murmelte zuweilen
+unverständliche Worte im Traum. Wangel und Jakob packten in aller Eile
+die Koffer, und er gab ihnen Befehle. Soeben hatte ihn das Telegramm
+erreicht, in vierzig Minuten ging der Zug zur Front . . .
+
+Und der Nebel wallte draußen. Über ganz Deutschland dampfte der Nebel,
+undurchdringlich. Oben funkelten die ewigen Sterne, aber Deutschland sah
+sie nicht. Die Züge winselten durch die Nebelnacht, durch ganz
+Deutschland liefen die Transporte mit den zerschossenen Menschen, durch
+Wälder, Felder, über Brücken und Flüsse, ohne Zahl, ohne Pause.
+
+Über Europa dampfte der Nebel, undurchdringlich. Oben funkelten die
+ewigen Sterne, aber Europa sah sie nicht. Blutrot wallte das Nebelmeer,
+Europas Ströme wälzten Blut.
+
+Die Greise, die die Geschicke der Völker lenkten, schlummerten in ihren
+Betten.
+
+Schon aber wurde der Nebel lichter. Der Tag war nahe. --
+
+Ackermann hatte seine Papiere in dieser Nacht in Ordnung gebracht und
+verbrannt, was verschwinden mußte. Der Ofen qualmte, und Rauch erfüllte
+das kleine Zimmer.
+
+Er öffnete das Fenster. Da wälzte sich der Nebel herein, deutlich sah
+man ihn um die kleine Kerze kreisen. Schon aber begannen die Dunstballen
+sich aufzuhellen, es tagte. Stille, kein Schritt, kein Laut. Die Stadt
+war völlig tot.
+
+Ackermann blies die Kerze aus und legte sich zur Ruhe.
+
+Aber der Nebel folgte ihm in seine Träume: Da sah er einen Feldgrauen,
+so wie er ihn hunderttausendfach gesehen hatte. Der Feldgraue, in einen
+weiten Soldatenmantel gehüllt, eine kleine verknüllte Grabenmütze auf
+dem Kopf, arbeitete still für sich, inmitten eines weiten, rauchenden
+Ackers.
+
+Es war so düster, daß zuweilen kaum die Umrisse des Feldgrauen zu
+erkennen waren. Er war groß, sein knochiges Gesicht von einem kurzen
+Stoppelbart eingerahmt. Ohne Unterbrechung, ohne aufzublicken hob er mit
+einem Spaten die Erde aus. Ein riesiger, in der Erde vergrabener Stein
+kam zum Vorschein, und allmählich bekam man eine Vorstellung von der
+Größe des Steins. Er war etwa so groß wie die Drehscheiben, auf denen
+man Lokomotiven bewegt. Manchmal schien er auch etwas kleiner, manchmal
+größer zu sein. Jedenfalls war er ungeheuer groß, und man wußte ja auch
+nicht, wie tief er in der Erde stak.
+
+Der Feldgraue nahm nunmehr ein Stemmeisen zur Hand, eine schwere
+Deichsel mit einem Eisenschuh, rammte sie unter den Stein und warf sich
+mit aller Wucht dagegen. Der Stein rührte sich nicht. Unverdrossen nahm
+der Feldgraue wiederum Pike und Spaten in die Hand und grub das Loch um
+den Stein herum tiefer. Ein ganzes Gebirge von Erde warf er aus, und es
+war wunderbar zu sehen, wie gleichmäßig, ruhig und hingegeben er
+arbeitete. Wiederum setzte er das schwere Stemmeisen an, und siehst du,
+nun bewegte sich der Stein eine Idee! Am Rande des Steins zeigte sich
+ein feiner Riß im Boden. Es war also kein Zweifel, der riesige Stein
+hatte sich bewegt! Abermals warf sich der Feldgraue mit voller Wucht
+gegen das Stemmeisen. Zum ersten Male wandte er Ackermann voll das
+Gesicht zu. Deutlich war zu sehen, daß es in Schweiß gebadet war, in den
+Augen hatte sich der Schweiß angesammelt, so daß sie schneeweiß
+erschienen. Mit einer ungeheuren Anstrengung drückte der Feldgraue das
+Stemmeisen nieder, die Adern an seinen Schläfen schwollen an -- ah,
+schon bewegte sich der Stein deutlicher. Unmerklich war er auf der einen
+Seite eingesunken und auf der andern Seite in die Höhe gestiegen.
+
+Der Feldgraue wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht, und
+mutig nahm er die scheinbar aussichtslose Arbeit wieder auf.
+
+Doch was ist das? Er hält im Schaufeln inne und berührt seine Backe.
+Eine blutige Schramme ist entstanden, und das Blut rieselt in einem
+dünnen Faden herab über seinen Hals. Verwundert schüttelt der Feldgraue
+den Kopf. Es ist ganz merkwürdig, was geht vor? Plötzlich wird ein Stück
+von dem grauen Mantel abgerissen: ah, er ist im Feuer, er arbeitet im
+Feuer, dachte Ackermann, er wird beschossen. Deutlich sieht er, wie
+einen Augenblick später auf seiner Stirn eine klaffende Wunde entsteht.
+Das Blut stürzt heraus, und rasch ist die eine Hälfte des ganzen
+Gesichts vom Blut überzogen. Der Feldgraue aber arbeitet ruhig weiter.
+Er legt sich mit ganzer Gewalt gegen das Stemmeisen, und nur zuweilen
+fährt er mit dem Ärmel übers Gesicht, wenn das Blut ihn stört.
+
+Es geschieht das Unglaubliche: es ist ihm gelungen, den riesigen Stein
+in eine schräge Lage zu bringen. Voller Raserei wirft er sich nun mit
+dem Rücken dagegen und versucht, den Steinriesen vollends in die Höhe zu
+heben. Es geht -- ein wenig -- aber da fällt der Stein wieder in die
+frühere Lage zurück.
+
+Erneut beginnt der Feldgraue sein Werk, unverdrossen. Seine Hände und
+sein Gesicht sind von Blut und Schweiß überzogen, aber er kümmert sich
+nicht darum. Plötzlich zerreißt sein Waffenrock an der Brust, er hält
+einen Augenblick inne, legt die große Hand auf die Brust, und schon
+stürzt ihm das Blut aus dem Mund. Aber gleich darauf nimmt er wieder die
+Arbeit auf. Wiederum stemmt er sich mit dem Rücken gegen den Stein, und
+siehe da, er hebt ihn hoch, so unmöglich es auch erschien. Nun steht er
+schräg wie ein Dach, aber alle weiteren Anstrengungen sind umsonst. Der
+Feldgraue streicht um den Stein herum, schüttelt den Kopf, wischt sich
+das Blut aus dem Gesicht und vom blutigen Mantel, schaufelt und macht
+von neuem verzweifelte Versuche, aber der Stein bewegt sich nicht mehr.
+
+Aber nun, was geschieht? Jemand kommt, jemand ist hinzugetreten. Es ist
+ein kleiner Mann, ebenfalls ein Soldat, mit raschen, herrischen
+Bewegungen. Offenbar ein Vorgesetzter. Er gestikuliert heftig, treibt
+den Feldgrauen zur Arbeit an. Und plötzlich erinnert sich Ackermann, daß
+dieser kleine Mann mit den herrischen Bewegungen schon vorher einmal im
+Nebel sichtbar geworden war. Nur für einen Augenblick.
+
+Wiederum stemmt sich der Feldgraue mit aller Gewalt gegen den riesigen
+Stein, aber es geht nicht. Wieder wendet er Ackermann das Gesicht zu. Es
+ist von Blut übergossen, ebenso wie seine Brust, die Augen sind
+blutunterlaufen, und bei der ungeheuren Anstrengung quillt das Blut
+zwischen seinen Lippen hervor. Plötzlich -- plötzlich springt der kleine
+Mann mit den herrischen Bewegungen zornig hinzu, schwingt eine kurze
+Riemenpeitsche und -- ah -- schlägt damit den Feldgrauen übers Gesicht.
+Er schlägt wieder und wieder und gerät in förmliche Raserei. Der
+Feldgraue aber verdoppelt, verdreifacht seine Anstrengungen. Er
+schwankt, taumelt ein paar Schritte und fällt zu Boden. Ohne Bewegung,
+ohne Zeichen von Leben liegt er da.
+
+Ist er ohnmächtig geworden? Ist er tot?
+
+Der kleine Mann mit den herrischen Bewegungen geht näher an den
+Feldgrauen heran. Er stößt mit dem Stiefel gegen die Schulter des
+Regungslosen. Er ist nun plötzlich um vieles kleiner geworden, und der
+Feldgraue um vieles größer. Wie ein Zwerg zu einem Riesen verhält der
+kleine Herrische sich zu dem Feldgrauen. Er klettert auf den
+Regungslosen hinauf, um ihm ins Gesicht blicken zu können. Er steht auf
+seiner Brust, schwingt die Peitsche und schreit . . .
+
+Aber der Regungslose, Blutüberströmte, antwortet nicht. Seine Zähne
+blinken im Nebel. Da ist sein Spaten, sein Hebebaum, dort der Stein, der
+halb aufgerichtet in den Nebel ragt. Aber er regt sich nicht mehr, er
+antwortet auch nicht.
+
+Sein Stillschweigen versetzt den Kleinen mit den raschen, herrischen
+Bewegungen abermals in rasenden Zorn. Er klettert höher auf der Brust
+des Riesen, hält sich an seinem Mantelkragen fest und hebt den Stiefel,
+um damit nach dem regungslosen, blutüberströmten Gesicht mit den
+blinkenden Zähnen zu stoßen . . .
+
+Da erwachte Ackermann.
+
+ * * * * *
+
+Es wurde nun in der Tat deutlich lichter. Gelb wie Lehmwasser floß das
+Morgenlicht am Fenster.
+
+Schon ratterte ein Wagen auf der Straße.
+
+Der kleine Herr Herbst hatte, seit ihn Ackermann verließ, die Nacht
+zwischen Schlaf und Wachen verbracht. Vielleicht hatte er auch
+geschlafen, er wußte es nicht. Sein Körper war mit Schweiß bedeckt, aber
+das Fieber schien gebrochen zu sein.
+
+Still lag das Haus.
+
+Diese kurze Stille vor dem Morgen liebte er. Wie oft hatte er in dieser
+Stille in seinem Bette gesessen, und die Hände gerungen und das
+befreiende Weinen geweint, das ihn beruhigte.
+
+Deutlich hörte er, wie Ackermann sich in seiner Bettstelle hin und her
+wälzte, aber nun war es still bei ihm. Auch bei Hähnlein war es still,
+ganz still.
+
+Der tote Briefträger, der Veteran von Siebzig, mußte in sein Reich
+zurückweichen vor dem Licht, alle Nachtgespenster mußten weichen.
+Lieblich war der sanfte Morgen.
+
+Schon aber begann das mit Menschen vollgestopfte Haus zu erwachen. Die
+Haustüre ächzte und krachte, und der Hausmeister streckte seinen
+graugelben Pudelkopf in den Morgennebel. Türen schlugen, und Tritte
+eilten die Treppe hinab. Es wurde geklopft, gerufen, Wasser plätscherte.
+
+Bei Hähnlein -- Stille!
+
+Noch vor kurzem hatte er das Atmen hinter der Wand gehört, aber nun war
+es ganz still geworden.
+
+Kein Laut!
+
+Herbst erhob sich und machte in aller Eile Toilette, es dauerte nicht
+lange bei ihm. Aber während er sich wusch, nieste er mehrmals und hob
+die kleine Nase in die Luft. Gas, wie? Ja, es roch nach Gas.
+
+Deutlich, deutlich spürte er den Gasgeruch.
+
+Auf dem Korridor war der Geruch noch stärker. Ängstlich schlich er sich
+zur Türe.
+
+In diesem Augenblick öffnete Ackermann die Türe und streckte den Kopf
+heraus. Auch er zog die Luft ein.
+
+»Es riecht so stark nach Gas hier?« sagte er.
+
+»Ja, stark nach Gas!«
+
+Hm. Ackermann trat halb angekleidet auf den Korridor heraus.
+
+»Haben Sie den Gashahn offen gelassen?«
+
+»Ich? Nein, nein«, erwiderte Herbst, die Hand schon am Drücker der Türe.
+
+»Vielleicht Hähnlein --?« fragte Ackermann leise, stockend, und sein
+erschrockener Blick wandte sich auf Herbst.
+
+»Ja, vielleicht --?«
+
+»Wir wollen nachsehen --«
+
+Aber Herr Herbst hatte keine Lust nachzusehen, nein, nicht die mindeste
+-- diese Stille -- er rannte die Treppe hinab. Schon polterten
+Ackermanns Fäuste gegen Hähnleins Türe.
+
+Furchtsam eilte er die neblige Fabriciusstraße entlang. Deutlich entsann
+er sich nun, daß er von Hähnlein geträumt hatte. Deutlich! Ganz
+deutlich! Hähnlein war mit einem Messer in der Hand die Treppe
+hinabgestürzt, ja deutlich erinnerte er sich jetzt daran -- er hatte
+sich gegen die Wand geworfen, um ihm aus dem Wege zu gehen.
+
+Schon verlor sich der Havelock im Labyrinth der Straßen wie jeden Tag.
+
+
+6
+
+Siehe, deine Welt, Langmütiger!
+
+Hunderte und Tausende flüchten täglich voller Verzweiflung aus diesem
+Leben.
+
+Öffne die Augen und sieh: Jammer!
+
+Öffne die Augen und sieh: Schande!
+
+Lausche! Das Geschrei der Folterknechte, das Geschrei der Gemarterten,
+das Jammern der Witwen und Waisen. Ströme von Tränen rauschen dahin,
+Flüche verfinstern das Licht.
+
+Siehe deine Völker: Mörder!
+
+Die Heere der betörten Sklaven, vorwärtsgepeitscht von ihren Verführern,
+zerfleischen sich noch immer. Noch immer gibt es Granaten, Torpedos,
+Gas, Flammenwerfer, noch immer werden Männer und Frauen füsiliert, noch
+immer werden täglich Gefangene -- welches Wort! -- zu Tausenden wie
+Sklaven verschleppt. Schiffe sinken in die Tiefe, Kathedralen gehen in
+Flammen auf, Tausende von unschuldigen Kindern verhungern an jedem Tag.
+Aber auf den Kirchen Europas funkeln golden die Kreuze! Und wie lange
+willst du noch zögern?
+
+Die Nebelfetzen zerflatterten, schon glänzte ein rotes Dach. Riesige
+Firmenschilder blinkten oben an den Nebelburgen, Fensterreihen blitzten.
+Die Häuser wurden farbig, rote Gesichter erschienen in den Türen.
+Plötzlich strahlte die Sonne. Und die bunten Flaggen flatterten wieder
+heiter im Morgenwind.
+
+Dampfend und glitzernd stieg die Stadt aus dem Nebel empor. Tau lag auf
+den Straßen, tropfte von den Bäumen, die Dächer glänzten naß. Die
+Brillen der Straßenbahnführer waren beschlagen, Tau hing an ihren
+Schnurrbärten. Die Tritte hinterließen Spuren auf den feuchten
+Bürgersteigen.
+
+Langsam wanderte Ackermann durch die Straßen, bald dahin, bald dorthin
+ließ er sich treiben -- nicht mehr sein ungeduldiger, stürmischer
+Schritt. Wozu Eile? Er war am Ziel.
+
+Heute abend würde er nicht mehr in sein Zimmer zurückkehren -- Gott
+allein wußte es, was mit ihm geschah . . .
+
+Beglückt sog er die frische Morgenluft ein, wie Dampf kam der Atem aus
+seinem Munde. Tau hing an seinen Wimpern. In der letzten Zeit hatte er
+sein Äußeres vernachlässigt, aber heute morgen hatte er sich rasieren
+und die etwas langgewordenen Haare stutzen lassen.
+
+Schwach ging der Pulsschlag der sterbenden Stadt. Nicht mehr das Brausen
+und Donnern des Friedens, wenn sie erwachte. Frauen, Kinder und Greise
+besorgten die Geschäfte, kutschierten die Gespanne, zogen Karren und
+Wagen. Vor den Geschäften standen, wie jeden Morgen, die langen Reihen
+der Weiber mit Töpfen und Markttaschen. Hin und wieder rollten
+Heeresautomobile, schwer beladen, polternd vorüber.
+
+Bald war Ackermann wieder in seine Gedanken versunken. Ja, so wird es
+sein! Sie, die Reinen, Gläubigen, Hoffenden, werden eine Gemeinschaft
+bilden, wie die Apostel, die das Christentum in allen Ländern
+verbreiteten. Es wird genau sein wie seinerzeit.
+
+In die Schulen werden sie gehen, die Apostel, und predigen: Die Würde
+des Menschen ist das oberste Gesetz! Heilig das Menschenleben und
+unantastbar! Alle Völker sind Brüder, und die Vernunft ist das Vaterland
+aller Menschen. Sie werden die Lüge aus den Schulbüchern verbannen, sie
+werden auf die Tugenden der Nachbarvölker hinweisen und nicht auf ihre
+Schwächen.
+
+Dies und hundert anderes werden sie lehren, werden es in die Seelen der
+Jungen, der Keuschen und Unverdorbenen pflanzen. Bei ihnen werden sie
+beginnen. Fluchbeladen sinkt die alternde Generation dahin, erwürgt von
+Gram und Schande.
+
+In die Kirchen werden sie gehen, die Apostel, und den Gläubigen die neue
+alte Lehre predigen -- in die Fabriken, Kasernen, Gefängnisse, Dörfer --
+überall werden sie sein. Keine Landesgrenzen wird es für sie geben, sie
+gehen hin und her, wie sie wollen. Sie sprechen alle Sprachen, in allen
+Ländern, allen Kontinenten werden sie morgen die Arbeit beginnen. Arm
+werden sie sein, verachtet, die Liebeglühenden, arm wie Bettelmönche,
+geächtet und verfolgt.
+
+Sie bereiten das Reich vor, das kommen wird! Glückliche, gütige
+Menschen, ohne Mißtrauen, ohne Neid, ohne Hochmut werden es bewohnen.
+Kein Mensch wird fortan der Unterdrücker eines andern sein, kein Volk
+der Unterdrücker eines andern Volkes, für immer ist die Zeit der
+Sklaverei dahin.
+
+Freiheit, Freundschaft, Freude wird der Gruß des neuen Menschen lauten.
+
+Und die Erde wird ein Garten sein! Alle Kräfte, dienstbar heute der
+Bewaffnung und dem Kriege, werden dem Frieden und der Wohlfahrt dienen.
+Die Wüsten werden blühen, der Sand selbst wird Früchte tragen. Ja, ein
+Garten die Erde.
+
+Haubitzen, Bombenflugzeuge, Panzerkreuzer, Unterseeboote, wo sind sie
+hin? Wie ein Spuk werden sie sein, ein Spuk aus einer finstern,
+unbegreiflichen Zeit.
+
+Deinen Glanz sehe ich, den Glanz deines Friedens und deines Glückes, ich
+sehe ihn schimmern -- Reich der Zukunft, Reich der Freude, Reich des
+Menschen, ich betrete dich . . .
+
+Da hielt Ackermann den Schritt an. Eine Stimme rief in seinem Innern und
+mahnte. Erschrocken fuhr er aus seinen Träumereien auf, bereit, der
+Stimme zu gehorchen, die aus seinem Innern drang.
+
+Schritte kamen, trappelten. Er wandte den Kopf. Um die Straßenecke bog
+ein Trupp von Männern in abgetragenen, zum Teil zerlumpten
+Zivilkleidern, die von einem Unteroffizier geführt wurden. Nicht viel
+waren es, kaum hundert. Sie trugen Pappschachteln, es war Ersatz für die
+Kasernen. Nein, nicht das Reich des kommenden Menschen, nicht sein
+Schimmer, sein Glanz, armselige, trostlose Gegenwart.
+
+Stumpf trotteten die Männer dahin, teilnahmslos, geduckt unter ihr
+Schicksal, bereit zu sterben, wenn man es forderte, bereit zu töten,
+wenn man es verlangte, bereit zu allem. Alte Männer, eisgrau, einige
+plattfüßige aufgeschwemmte Dickbäuche, ein paar spindeldürre Bebrillte,
+schwindsüchtige Kaufleute und Studenten, freche Burschen mit
+Diebesgesichtern, ein Zwerg in großen Stiefeln, ein Kranker mit
+zerfressener Nase, ein Buckliger, ein Hagerer mit nur einem Auge. Und
+ein Bleicher, ganz Bleicher, der den Blick voller Scham zu Boden
+richtete, bildete den Schluß. Die Stiefel schlürften, schallten, die
+Knie bewegten sich automatisch, die Pappschachteln schaukelten hin und
+her.
+
+Die in Lumpen gehüllten Weiber, die die Straße reinigten, lachten und
+schrien.
+
+»Ihr werdet es schaffen! Immer rasch!«
+
+Eines der Weiber sprang auf den Kehrichthaufen und tanzte mit dem Besen,
+daß die schmutzigen Röcke flogen.
+
+»Hahaha! Die Garde kommt!«
+
+»Hohoho!«
+
+Teilnahmslose Blicke, Gelächter, Grimassen. Eine Reihe von Elektrischen
+hielt den Zug der Ausgemusterten auf. Menschen sammelten sich an,
+Fuhrwerke stauten sich.
+
+Blitzschnell trat Ackermann einige Schritte vor. Sein glühender Blick
+flog über die Menschen, die Wagen, den Zug der Armseligen mit den
+Pappschachteln.
+
+Jetzt? Jetzt?
+
+Gesetzt den Fall -- jetzt!
+
+Die Hände in die Luft werfen, schreien, diesen Menschen, die sich hier
+angesammelt hatten, es zuschreien, diesen armen Krüppeln und Kranken mit
+ihren Pappschachteln, laut, über den ganzen Platz, so laut, daß Hunderte
+es hören, Tausende und Zehntausende es am Abend wußten --?
+
+Er erbleichte. Angst schnürte seine Kehle zusammen, nicht eine Silbe
+hätte er hervorbringen können. Er schwankte -- schon bei dem Gedanken.
+Jetzt würden sie über ihn herfallen, der Unteroffizier, wahrscheinlich
+sogar die Männer mit den Pappschachteln und der Schutzmann dort, er
+würde herbeieilen und ihn zu Boden schlagen.
+
+Aus einem Straßenbahnwagen starrten ihn erschrocken ein Paar große Augen
+an, eine alte, zitronengelbe Frau.
+
+Er hatte in der Erregung eine unwillkürliche Bewegung mit den Armen
+gemacht, und diese Bewegung hatte den Blick der Frau auf ihn gelenkt.
+
+Die Straßenbahnwagen klingelten und rollten weiter. Wieder bewegten sich
+die Knie der Männer mit den Pappschachteln, ihre Rücken drängten sich
+zusammen. Die Menschenknäuel lösten sich, zerrannen. Die Wagen fuhren.
+Der Schutzmann betrachtete interessiert eine geschminkte Dame, die ihm
+zulächelte.
+
+Ackermann stand allein auf dem Trottoir, müde plötzlich, ein leises
+Beben in den Gliedern. Allmählich erst kehrte die Farbe in sein Gesicht
+zurück. Langsam, die Pupillen geweitet, ging er weiter.
+
+Hier? Wie unsinnig wäre es gewesen! Sinnlos, ohne jeden Widerhall.
+Menschenmassen mußten es sein, wimmelnde Menschen, aufhorchend, in deren
+Ohren sein Schrei weitergellte, so daß ihr Herz erbebte. Die seinen
+Schrei durch Berlin trugen in alle Häuser: über die ganze Stadt mußte
+sein Schrei hingellen.
+
+Nein, nicht einen Augenblick hatte er ernsthaft daran gedacht. Aber wie
+war es möglich, daß ihn der Gedanke allein schon so tief erschreckte,
+daß sein Herz stehenblieb?
+
+Neben einem Pumpbrunnen, wo ein Droschkenkutscher sein Pferd tränkte,
+stand eine Bank. Darauf setzte sich Ackermann. Er streckte die Beine
+aus, die noch ein leises Zittern schwächte. Die Sonne blendete in sein
+Gesicht. Es war weiß, durchsichtig, und Spuren von Sommersprossen waren
+im grellen Licht zu erkennen.
+
+Schrecken erfüllte ihn.
+
+Entsetzen!
+
+War er das? Nach allem --?
+
+Mit geweiteten Augen sah er zu, wie die grauhaarige Pferdeschnauze
+gierig ins Wasser tauchte.
+
+Was für einen Sinn sollte es haben, daß einer sich vor die dahinrasende
+Maschine warf und sich von ihr zerfleischen ließ? Und weshalb gerade er?
+Vielleicht hatte ihn die innere Stimme nur genarrt, ihn bis zu diesem
+Punkte geführt, damit er seine Schwäche und Ohnmacht erkenne.
+
+Wie?
+
+Vielleicht, vielleicht.
+
+Er saß wie gelähmt. Das alte Pferd bleckte die gelben Zähne nach ihm.
+
+
+7
+
+Leise schloß Ruth die Türe ihres Zimmers hinter sich.
+
+Sie war voller Unruhe.
+
+Abermals hatte sie den großen, beobachtenden Blick Papas auf sich
+gefühlt. Wie schon seit Tagen. Gestern abend sah sie ihn im Spiegel:
+groß, hell, lauernd und drohend.
+
+War er argwöhnisch geworden, Papa?
+
+Vielleicht hatte die Zigarrenspitze, die sie neulich in ihrem Zimmer
+fand, doch etwas zu bedeuten?
+
+Plötzlich errötete sie. Und der Brief? In einem Buch lag ja ein Brief
+von Karl! Schnell, wo ist er? Am Ende war er fort? Am Ende hatte Papa
+diesen Brief gefunden, gelesen. War er nicht einmal ganz plötzlich in
+ihr Zimmer gekommen, als Dora bei ihr Tee trank? Sie hatte diesem
+Vorfall ja nicht die geringste Bedeutung beigelegt, gar nicht weiter
+darüber nachgedacht. Ach, sie haßte Papa! Ja, wahrlich, sie haßte ihn!
+Man kannte nie seine Gedanken. Sein Blick prüfte, tadelte, sein Blick
+entmutigte, sein Blick erstickte jede harmlose Freude.
+
+Nein, sie haßte Papa natürlich nicht, er hatte gewiß seine guten
+Eigenschaften, er war charaktervoll, wie wenige Menschen, pflichtgetreu,
+stolz, verschlossen, ehrenhaft vom Scheitel bis zur Sohle, nein, nein,
+sie wollte gar nichts sagen. Er war verbittert, unglücklich vielleicht,
+trug sein Leben ohne zu klagen. Nie hatte sie eine Klage von ihm gehört.
+Er schwieg. Aber wie gerne hätte sie doch Zutrauen zu ihm gehabt, volles
+Vertrauen, wie zu einem erfahrenen, erprobten Freund. Ja, so sollte es
+sein! Aber es war gerade umgekehrt: anstatt sich ihm anvertrauen zu
+können, mußte sie sich vor ihm verbergen. Es war natürlich auch sein
+Verhalten Mama gegenüber, das sie gegen ihn einnahm. Nie konnte sie ihm
+verzeihen, daß er jahrelang mit solcher Erbitterung gegen die Arme
+prozessierte. Aber sie war ja jetzt reifer, sie verstand das Leben jetzt
+besser und wußte, daß es viele unglückliche Ehen gab, und doch beide
+Teile ehrenhafte und gütige Menschen sein konnten. Nicht das war es, es
+war -- undefinierbar. Seine Nähe bedrückte, sie verwandelte, das Leben
+erschien plötzlich so schwer und ernst.
+
+Sie fand es überaus häßlich, daß er in ihr Zimmer gekommen war,
+seinerzeit. Und die Zigarrenspitze? Papa rauchte die Zigarren in
+Papierspitzen mit Gänsekielen. Eines Tages hatte sie eine solche
+Papierspitze auf ihrem Schreibtisch gefunden. Sie hatte sie achtlos zum
+Fenster hinausgeworfen. Vielleicht war sie auch von einem der Burschen
+hereingebracht worden?
+
+Aber hier war ja Karls Brief. Gottlob, sie atmete auf.
+
+Er lag noch an derselben Stelle, zwischen denselben Seiten des Buches,
+unberührt. Sie las den Brief, sie drückte ihn an die Lippen.
+
+Ja, Karl war einer von den Kommenden, nicht einer der Vergehenden. Er
+hatte Wille und Ziel. Und was er wollte, war gut. Alle Welt liebte ihn,
+seine Freunde beteten ihn an, er hatte keinen einzigen Feind. Sie, die
+sie selbst schwankte, klammerte sich an ihn, er gab ihr Halt. Glücklich
+würde sie mit ihm sein.
+
+Aber weshalb war Papa in letzter Zeit so aufmerksam -- fast zärtlich?
+Weshalb sagte er ihr so oft, daß sie bleich und nervös sei und nach
+Babenberg gehen solle? Einmal legte er sogar die Hand um ihre Taille --
+seit Jahren war es nicht mehr der Fall, oh, sie erinnerte sich deutlich
+dieser ihr (damals!) so schrecklich unangenehmen Liebkosung, sie lebte
+ganz dem Andenken Mamas. Er fragte, ob sie keine Wünsche habe, ob sie
+nicht etwa Lust zu einer Reise habe, vielleicht nach der Schweiz? Er
+habe eine gewisse Summe für sie bereitgelegt. Nein, sie brauchte nichts,
+gar nichts, hatte gar keine Wünsche.
+
+Ach, wie häßlich sie doch war! Kümmerte Papa sich nicht um sie, so
+nannte sie ihn kalt und herzlos -- kümmerte er sich um sie, so war sie
+sogleich argwöhnisch.
+
+Ja, ganz unmöglich, den großen prüfenden Blick des Generals zu
+ergründen!
+
+Er atmete Haß in diesen Wochen, er atmete Liebe.
+
+Ja, er haßte Ruth zuweilen mit einem furchtbaren und grundlosen Haß, der
+ihm unerklärlich war, und den er bereute. Ihre Mutter, ganz ihre Mutter!
+Die gleichen hysterischen Augen, wie sie voller Geheimnisse, in die
+niemand eindringen durfte, wie sie eingesponnen in eine sonderbare,
+unerforschliche Welt. Wie sie rasch und ohne Überlegung Impulsen
+folgend. Wie sollte sie anders sein? Man bedenke, eine Dame, die sich
+von einem Offizier, den sie erst wenige Tage kannte, von einem Ball
+entführen ließ, die sich soweit vergessen konnte -- nun, gewiß, ein
+häßlicher und unwürdiger Gedanke, aber trotzdem . . .
+
+Es war das Blut der Sommerstorf, und unergründlich waren die Rätsel
+eines Tropfen Blutes.
+
+Beziehungen zu einem schwärmerisch veranlagten jungen Manne -- gebildet,
+zugegeben, aber jedenfalls ohne Rang, ohne Familie, arm -- mochten diese
+Beziehungen noch so unschuldig sein, wie man ihm versicherte -- noch so
+unschuldig --
+
+In Dunkelheiten, voller Schrecken, unklare, verworrene, drohende
+Dunkelheiten verloren sich seine Gefühle -- und dann haßte er Ruth.
+
+Reue, Reue! Er war kein Unhold. Ja, schon bereute er seine Heftigkeit.
+
+Sie war jung, sie dachte selbständig, und das war immerhin
+anerkennenswert, sie lebte ihr eigenes Leben, war nicht eines jener
+törichten oberflächlichen Geschöpfe, die nur an Putz und Vergnügen
+denken. Es war natürlich übertrieben, töricht und im höchsten Maße
+ungerecht, sie hysterisch zu nennen. Eine Bekanntschaft aus dem
+Lazarett, etwas Romantik, weshalb urteilte er so streng?
+
+Nun liebte er sie plötzlich wieder, und er grübelte darüber nach, wie er
+ihr Vertrauen gewinnen könnte. Leider, leider hatte ihm der Dienst zu
+wenig Muße gelassen, sich mit seinen Kindern beschäftigen zu können. Das
+rächte sich jetzt. Etwas Vertrauen, und alles wäre in Ordnung! Heute
+abend wollte er mit ihr nochmals über die Reise nach der Schweiz
+sprechen. Es war ja eine Leichtigkeit, den Paß zu besorgen . . .
+
+Nein, unmöglich den prüfenden großen Blick Papas zu ergründen! Ruth
+versank in die Betrachtung des Bildes der Mutter an der Wand: auch sie
+hatte diesen Blick gewiß nie ergründen können, nein.
+
+Da klopfte es, und man meldete ihr ein Fräulein Westphal.
+
+Ruth warf das Kinn in die Höhe. »Ich bedaure.«
+
+Seht an! Trotzdem sie ganz die Mutter war, wie der General dachte, wenn
+er Ruth haßte, trotzdem die Linie der Hecht-Babenberg bei Ruth nicht im
+mindesten zum Ausdruck kam -- die gleiche Stimme in diesem Augenblick,
+die gleiche, etwas hochmütige Bewegung des Kinns. Trotz allem, trotz
+allem. Ach, sie bebte vor Unruhe und Erregung heute.
+
+Aber da ging schon die Türe, und eine ihr unbekannte dichtverschleierte
+Dame, ein schmächtiges, zartes Persönchen trat ein.
+
+»Ich bitte tausendmal --« flüsterte diese tiefverschleierte Dame.
+
+War so etwas überhaupt möglich? Sie hatte, Ruth, deutlich genug
+bestellen lassen, daß sie heute nicht zu sprechen sei. »Sie wünschen?«
+fragte sie, kühl, ohne jede Anteilnahme, abweisend, herzlos.
+
+Aber die dichtverschleierte Dame streckte ihre dünnen Arme aus. »Nicht
+Sie! Nicht auch Sie!« Und schon fiel sie in die Knie.
+
+Sofort aber fand Ruth sich selbst zurück.
+
+»Um Gottes willen!« rief sie aus und hob diese kleine weinende zuckende
+Person auf, die sie gar nicht kannte. »Was tun Sie? Um Gottes willen!
+Ich bin sehr beunruhigt heute -- ja, wer sind Sie eigentlich?« Und Ruth
+hob den Schleier der Dame hoch, sah ein blasses verweintes Kindergesicht
+mit hilflosen Augen -- sie kannte es nicht -- aber sie küßte es sofort.
+»Mein Liebling -- mein Kleines -- aber ich bitte Sie herzlich.«
+
+Ja, nun begriff sie, wer der Besuch war, sie erinnerte sich.
+
+Und Heinz? Sie hatte gehört davon. Ein lieber, frischer Junge.
+
+»Herr v. Meerheim -- sie flogen Sperre -- er sah die Maschine taumeln --
+und dachte sich noch, was ist das? Und da stürzte die Maschine schon --«
+
+Ruth preßte Klara an sich.
+
+»Bleiben Sie hier bei mir! Erzählen Sie mir alles, alles. Wir sind
+Freundinnen. Geben Sie mir Ihre Hand.« Und Ruth führte diese kleine
+dünne Hand an die Lippen. »Ja, Freundinnen! Auch ich habe Sorgen, hören
+Sie! Gerade heute bin ich in schrecklicher Unruhe. Ich ertrage diese
+Stadt nicht mehr und gehe bald aufs Land. Haben Sie Lust mitzukommen,
+Sie sind eingeladen? Ja, in schrecklicher Unruhe bin ich, ich kann es
+Ihnen nicht sagen. Deshalb war ich auch so unhöflich! Verzeihen Sie --
+und nun plaudern Sie, plaudern Sie!«
+
+
+8
+
+Berlin -- wer kennt es nicht? -- ist die häßlichste Großstadt der Welt,
+ganz offen gestanden. Paris, London, Rom, Neuyork, Kioto, Moskau -- sind
+sie von ihren Bewohnern ganz allmählich erbaut worden, Berlin wurde von
+Unternehmern errichtet, in aller Eile. Von ganz wenigen Gebäuden,
+einzelnen Straßen und Plätzen abgesehen, ist es als Stadt
+architektonisch ohne jeden Reiz, ohne Zauber -- ein Steinhaufen ohne
+Grenzen, nichts sonst. Trotzdem besitzt es mehr Badewannen als zum
+Beispiel Paris, nicht zu unterschätzen, vor dem Kriege genoß es auch den
+Ruf, die reinlichste Großstadt zu sein. Also die häßlichste der großen
+Kokotten der Erde, aber am sorgfältigsten gewaschen, immerhin etwas. Die
+Theater haben ohne Zweifel die besten Spielpläne der Welt, die besten
+Konzerte -- aber sonst, häßlich, nüchtern, ein steinernes Meer. Früher
+verschwand die Häßlichkeit im Gewimmel der Menschen, im Donner des
+Verkehrs, im Gegleiße und Geglitzer von hunderttausend Volt, aber heute?
+Nackt und schmutzig lag die häßlichste aller großen Kokotten vor allen
+Augen da.
+
+Als die schönste Straße Berlins gelten die Linden. Sie beginnen mit dem
+Brandenburger Tor und enden mit dem Schloß. Eine Enttäuschung für jeden.
+Aber vom strategischen Standpunkt aus sind sie ganz ausgezeichnet. Das
+Schloß liegt auf einer Halbinsel, die Verteidigung gegen das Wasser zu
+ist ein Kinderspiel, die Linden selbst aber sind wie ein Lineal, breit
+und gerade -- eine Salve Kartätschen, und schon sind alle
+Schwierigkeiten beseitigt.
+
+Im Jahre 1848 wurde hier gekämpft. Barrikaden -- aber, wie gesagt,
+einige Kartätschen genügten.
+
+Nein, die Linden sind auch nicht die Hauptsache von Berlin, sie sind
+nichts als ein geschickt kaschierter Festungswall, mit Linden bepflanzt,
+mit Reitwegen versehen, mit Cafés und Hotels besiedelt -- wenig
+anheimelnd. Eine einzige Kanone, die vor dem Schloß auffährt, und
+sämtliche Café- und Hotelgäste müssen sofort das Trottoir räumen.
+
+Überall, wo Könige hausen oder hausten, finden sich derartig angelegte
+Straßen, man braucht nur darauf zu achten. Die Könige lieben einen
+freien Blick.
+
+In den kalten Schluchten dieser endlosen versteinerten Häßlichkeit
+treiben die Menschen dahin, Geschäftige und Spaziergänger, und
+dazwischen lauern die Augen der Verbrecher und Diebe, dazwischen lächeln
+die Augen der geschminkten Damen, dazwischen funkelt zuweilen ein Auge,
+das Auge eines Wahnsinnigen oder eines Dichters. Wie in allen
+Großstädten stehen die Schutzleute und blasen auf ihrer Flöte und
+bestimmen Ebbe und Flut des Verkehrs. Heute allerdings, die
+Straßengewaltigen -- sie gähnten vor Langeweile und hatten nur noch das
+eine Bestreben, nicht vor Erschöpfung auf das Pflaster zu stürzen.
+
+In den Steinschluchten dieses endlosen Meeres wanderte Ackermann seit
+dem frühen Morgen dahin. Er überquerte den windigen Alexanderplatz, den
+staubigen Spittelmarkt, und schlenderte langsam durch die Schlucht der
+endlosen Leipziger Straße, die ihre Größe dem Fleiße der Bürger
+verdankt. Er suchte nur noch belebte Stadtteile auf. Selbst diese
+Straße, in der der schwache Verkehr der sterbenden Stadt zusammenfloß,
+früher glattgeschliffen von den Nägeln der Pneus und Tag und Nacht blank
+gehalten wie ein Matschbillard, selbst sie war heute voller Schmutz.
+Voller Schmutz waren die verwahrlosten Häuser, die schief hängenden
+Firmenschilder, die elektrischen Wagen, die verbeult und abgekämpft
+aussahen wie Tanks, die aus der Schlacht kamen. Obwohl es erst anfing,
+warm zu werden, strömte die Stadt schon einen übeln Geruch aus. Was für
+ein Geruch war es doch? Wenn du ihn nicht kennst, besser für dich -- es
+war der Geruch der Verwesung. Genau wie die verlassenen Schlachtfelder
+roch Berlin.
+
+Hierauf überquerte Ackermann den Potsdamer Platz und bog in die
+Königgrätzer Straße ein, wo die Bahnhöfe liegen.
+
+Er suchte Menschen, Menschen, Massen von Menschen, und in dieser
+aussterbenden Stadt würden sie wohl noch am ehesten auf den Plätzen der
+Bahnhöfe zu finden sein.
+
+Langsam schlenderte er dahin. Die Sonne blendete ihm ins Gesicht. Auf
+dem Spittelmarkt hatte er einen Teller Suppe zu sich genommen, in aller
+Ruhe, denn Gewißheit erfüllte ihn, daß alles vollendet sein würde, bevor
+die Sonne sank. Er hatte sogar geschwankt, ob er nicht in die
+Dorotheenstraße gehen solle, um Ruth noch einmal zu sehen. Aber er war
+doch nicht gegangen. Nein, nun war er unterwegs . . .
+
+Da! Horch!
+
+Schon?
+
+Trommeln, beim Anhalter Bahnhof -- Augenblicklich beflügelte sich sein
+Schritt. Von plötzlicher Erregung erfaßt, ging er dahin. Deutlich, dumpf
+noch, aber ganz deutlich.
+
+Trommeln, ohne Zweifel.
+
+Sonderbar wirkt der dumpfe Laut der Trommel auf den Menschen. Er wirft
+ihn ohne jede Übertreibung um einige Jahrtausende zurück, in Zeiten, wo
+die Menschen noch mit den Tieren der Wildnis kämpften, zu den Negern am
+Kongo. Augenblicklich stürmten die Menschen wie in Hypnose über den
+Anhalter Platz, dem Laut der Trommeln entgegen.
+
+Plötzlich schwiegen die Trommeln, und die Blechinstrumente setzten mit
+barbarischem Lärm ein.
+
+Ein Menschenhaufe quoll aus der Straße auf den Platz. Waffen blitzten,
+gleichmäßig schwankende Reihen wurden im Strom der Köpfe sichtbar.
+Offenbar wurde ein Bataillon zur Bahn gebracht.
+
+Ohne zu überlegen, bebend vor Erregung, nahm Ackermann augenblicklich
+Aufstellung. Ein alter mürrischer Mann lud an der Straße Pflastersteine
+ab, und auf eine Reihe solcher Steine stellte er sich.
+
+Der Strom von Köpfen wälzte sich heran, umbrandet vom Tosen der
+Blechinstrumente, die in der Sonne funkelten. Scharen von Neugierigen
+drängten hinzu. Dicht neben Ackermann nahmen sie auf der Schicht von
+Pflastersteinen Platz und reckten sich auf den Zehen. Sogar der alte
+Mann, der die Steine ablud, hob das mürrische Gesicht.
+
+Im Takt der Musikkapelle zog der Menschenhaufe dem Bataillon voran.
+Zerlumpte Weiber und verwahrloste Kinder, alte Männer, frühreife
+Mädchen, bleich, verhungert, das Mal des letzten Elends auf der Stirn --
+-- und doch: Freude glänzte auf allen Gesichtern!
+
+Ackermanns Blick wurde dunkel.
+
+Wirst du bereit sein?
+
+Wird dich die Stunde bereit finden?
+
+Volk, mein Volk, meine Liebe, meine Sehnsucht?
+
+Wie wird dich die große Stunde finden? Ausgehöhlt vom Hunger,
+ausgeblutet von den Schlachten, ausgefront -- wirst du die Kraft haben?
+Betäubt von Lüge, krank von dumpfer Sehnsucht -- wirst du? Die Völker
+der Erde blicken auf dich! Du bist geächtet, bespien, die Dornenkrone
+ist auf dein Haupt gedrückt, dein Weg führt durch Tränen, führt durch
+Hunger und Wahnsinn -- zitterst du?
+
+Wirst du straucheln? Wanken? Dahinsinken zu den Unwürdigen? Wirst du
+auserwählt und berufen sein unter den Völkern, das Reich zu bereiten,
+das Reich des neuen Menschen?
+
+Grell blitzten die Trompeten, grell schmetterten sie, die roten Backen
+barsten.
+
+Vorwärts, fort, fort, beeile dich! Meine Liebe und Sehnsucht fliegen vor
+dir her! Der Ruf erschallt! Lüge, Hoffart, Wahn -- wirf ab, wirf ab!
+Tauche nieder in deine reinen Quellen. Sieh, wie sie funkeln, am
+Firmament des Gedankens, deine großen Geister! Sie blicken auf dich.
+
+Fort, fort, beeile dich! Die Stunde ist nahe! Laß dein Herz wieder
+leuchten, das immer aufglühte, wenn die Dunkelheit am tiefsten war.
+Mehre den Schatz der Völker!
+
+Ich sehe dich auferstehen, ich sehe dich erblühen, sehe dich umringt von
+brüderlichen Nationen . . .
+
+Schon wälzte sich der Haufe dicht heran.
+
+Die Musikanten setzten mit einem Ruck die Instrumente ab. Im Zickzack
+fuhr der Stock des Musikmeisters durch die Luft, und die Trommeln
+wirbelten wieder.
+
+Reihen von Gewehren, Reihen von Helmen schwankten heran, vorwärts
+getrieben von einer unverständlichen Kraft, von einem unverständlichen
+Willen zusammengeballt. Das Bataillon Hähnleins, des Unglücklichen --
+
+Junge Männer, rosige, arglose Kindergesichter, die noch nicht ahnten,
+daß morgen schon der Tod ringsum war. Wie oft hatte er, Ackermann, den
+Marsch zum Bahnhof erlebt! Alte Feldsoldaten, mit Auszeichnungen auf der
+Brust -- nein, sie gaben sich keinerlei Illusionen mehr hin -- stumpf
+marschierten sie, genau wie er früher marschierte: stumpf,
+schweißtriefend, bepackt, zitternd unter dem Blick der Vorgesetzten.
+Hundertmal mochten sie ihr Leben in die Schanze geschlagen haben, sie
+blieben trotzdem Tiere, hier wie bei allen kriegführenden Völkern war
+der gemeine Mann ein Tier, nicht mehr. Einige Frauen marschierten in den
+Reihen der Soldaten, Bräute, Mütter, Gattinnen, bleich, schwankend,
+weinend. So zogen sie dahin.
+
+Plötzlich aber --
+
+Plötzlich erscholl eine Stimme!
+
+Woher kam sie?
+
+Niemand wußte es.
+
+Eine Stimme -- hell, metallen, durchdringend -- sie dröhnte über das
+marschierende Bataillon, übertönte die Trommeln, den Schritt der
+Arglosen und Erfahrenen -- scholl über den weiten Platz und wurde als
+Echo von den hohen Häusern zurückgeworfen -- die Stimme eines Riesen,
+eines -- ja, bei Gott, was für eine Stimme war es doch?
+
+Und diese Stimme rief, gellend, dröhnend, sie scholl über das summende,
+brausende Berlin -- in alle Ohren gellte diese Stimme.
+
+Diese Stimme rief:
+
+»Es lebe die Kameradschaft zwischen den Völkern!« -- Pause, der Platz
+gellte, Widerhall, Trommeln -- »Nieder mit dem Krieg!« -- Stille,
+Gellen, Trommeln -- »Alle Menschen sind Brüder . . .«
+
+Auf einem Haufen von Pflastersteinen stand ein Mensch, ein Soldat in
+einem weiten grauen Mantel, der flatterte, die Arme wild emporgeworfen,
+totenbleich, mit rasenden, fanatisch glühenden Augen -- seine Hände
+zuckten -- seine Stimme gellte, gellte. Plötzlich aber brach diese
+rasende gellende Stimme ab.
+
+Der Soldat war verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Er lag auf dem Pflaster, ein Knäuel Menschen um ihn herum. Ein grüner
+Plüschhut rollte über den Bürgersteig.
+
+Eine Sekunde später wurde dieser Mensch im weiten grauen Mantel über das
+Pflaster geschleift.
+
+Das Bataillon zog weiter. Wieder setzte die Kapelle ein. Die meisten
+hatten gar nichts gesehen -- aber gehört -- ja, eine Stimme aus der
+Luft!
+
+Diese Stimme krallte sich in ihr Herz, zerriß es, daß es zu bluten
+begann vor Qual und Sehnsucht.
+
+Eine Stimme . . . Was für eine Stimme --?
+
+Die Stimme des Menschen hatten sie vernommen . . . Die letzten des
+Bataillons sahen noch einen Menschenhaufen, der sich den Bürgersteig
+hinabwälzte.
+
+Der grüne Plüschhut hörte auf zu rollen. Ein schmächtiger junger Mann
+ergriff ihn, überzeugte sich mit einem raschen Blick, daß der Mensch im
+grauen Mantel in sicheren Händen war, bürstete den Hut eilig ab -- ja,
+und nun -- der Kneifer -- er war verlorengegangen. Und der schmächtige
+junge Mann suchte eilig den Kneifer.
+
+Da hob der alte Mann, man erinnert sich, er lud Pflastersteine ab,
+dieser Mürrische, den Kopf und sagte:
+
+»Wartet nur noch eine Weile -- ihr Halunken!« Und er spie aus.
+
+Der junge Mann geriet sofort in äußerste Erregung, sein Blick glitt
+suchend über das Pflaster, sein Blick bohrte sich messerscharf in die
+Augen des Mürrischen.
+
+Aber der alte Mann hob einen Pflasterstein in die Höhe, er lächelte --
+aber wie! -- und der junge Mann wich zurück, und nun lief er rasch,
+rasch, ohne den Kneifer, zu dem Militärauto, um das der Menschenknäuel
+sich ballte.
+
+In dieses Militärauto hatte man den Menschen im grauen Mantel gezerrt.
+Er blutete im Gesicht, aber er wehrte sich nicht. Jede seiner
+Bewegungen, das Lächeln auf seinen fahlen Lippen, sagte deutlich, daß er
+nicht gesonnen sei, irgendwelchen Widerstand zu leisten.
+
+Aber unerklärlich -- plötzlich, ohne jeden Grund, schlug einer der
+beiden schnauzbärtigen Männer, die ihn ins Auto schleiften, sinnlos,
+völlig sinnlos, vielleicht um sich für die Anstrengung zu rächen, mit
+dem Knotenstock auf den Menschen im grauen Mantel ein.
+
+»Halt, halt!« schrie der schmächtige junge Mann mit dem grünen
+Plüschhut, der herangeeilt kam.
+
+Aber es war zu spät.
+
+Der Mensch im grauen Mantel -- jede Bewegung, ihr seht, ich leiste
+keinen Widerstand -- schlug mit einem furchtbaren Hieb nach dem roten
+Gesicht des Schnauzbärtigen, stieß noch einigemal in die Luft und sprang
+aus dem Auto.
+
+Der Schnauzbärtige blutete aus der Nase und war für einige Sekunden
+benommen, aber der andere Schnauzbärtige zog rasch entschlossen einen
+Revolver und schoß -- sofort schrie eine Mädchenstimme auf, er hatte ein
+kleines Mädchen getroffen.
+
+Der Mensch mit dem grauen Mantel aber war im Torbogen eines Hotels
+verschwunden.
+
+Zuerst stürzte der grüne Plüschhut nach, dann der Schnauzbärtige, der
+geschossen hatte, dann der andere Schnauzbärtige, dessen Nase blutete.
+
+Ein kleiner feister Herr telephonierte in bester Laune im Foyer des
+Hotels, behaglich das dicke Schenkelchen über das Knie geschlagen.
+»Höre, mein Kind -- ja also nicht später als acht Uhr. Und vergiß nicht,
+süßes Puppchen --«
+
+In diesem Augenblick erhielt er einen Stoß vor die Brust, und ein junger
+Mann entriß ihm ohne viele Umstände den Hörer. Militärpolizei.
+
+Vor dem Hotel sammelten sich Scharen von Menschen an. Eine Verhaftung!
+Und man hatte ein junges Mädchen in das Bein geschossen, das ganz
+harmlos spazierenging. Heitere Zustände, das mußte man schon sagen. Nun,
+die Verwundung war ja nicht schlimm, ein Streifschuß, aber bedenken Sie
+doch -- man geht über den Anhalter Platz und riskiert totgeschossen zu
+werden. Ganz als ob man an der Front sei.
+
+Aber da gab es schon wieder eine neue Sensation. Die Menschen traten
+plötzlich vom Bürgersteig auf den Platz zurück. Sie starrten in die
+Höhe.
+
+Unglaublich -- dort, dort -- aber, bitte, wo?
+
+Ja, dort, dort! Sehen Sie denn nicht?
+
+Ein Mensch!
+
+Ein Mensch auf den Dächern!
+
+Unglaublich!
+
+Ja, in der Tat, zwischen den Schornsteinen und Ventilationsröhren
+erschien da oben ein Mensch. Ein Mensch in einem weiten Soldatenmantel,
+ein Soldat.
+
+Die Häuser in der Gegend des Anhalter Bahnhofs sind unansehnlich und
+häßlich wie in andern Vierteln der Stadt, die Dächer mit Schiefer
+gedeckt, abgeflacht, dazwischen ein steileres Ziegeldach. Über die
+abgeflachten Ziegeldächer glitt der Mann da oben rasch dahin, über die
+steilen Satteldächer dagegen balancierte er vorsichtig von Kamin zu
+Kamin. Stellenweise schritt er, die Arme wagrecht haltend, wie ein
+Seiltänzer über den Dachfirst. Blitzschnell kletterte er von einem
+niedrigen Dach auf ein höheres am Giebel der Brandmauer empor.
+
+Wieder balancierte er wie ein Seiltänzer -- hoch oben, im stechenden
+Sonnenlicht, kreidig Gesicht und Hände, der flatternde Mantel bestaubt.
+Diesmal schwankte er, die Leute auf dem Platz schrien auf, aber schon
+hatte er Halt an einer Tonröhre gefunden. Er holte Atem, gegen die
+Tonröhre gelehnt, blickte mit seinem kreidigen Gesicht, das blutete, auf
+den Platz herunter, schrie etwas mit gellender Stimme, aber
+unverständlich hier unten, dann eilte er zum nächsten Kamin. Deutlich
+sah man, daß er hinkte.
+
+Unten auf der Straße hatte er sich ruhig festnehmen lassen, aber nun,
+seitdem man mit einem Knotenstock völlig sinnlos auf ihn eingeschlagen
+hatte, schien er entschlossen zu sein, zu flüchten.
+
+Nun glitt er zur Hälfte über ein Ziegeldach und kroch in eine Dachluke.
+
+Die Zuschauer atmeten auf. »Er ist verschwunden!«
+
+Aber schon nach einigen Sekunden erschien er wieder in der Dachluke. Er
+glitt bis zur Dachrinne herab und lief, wie eine Katze, buchstäblich,
+auf der Dachrinne dahin. Die Ausrufe erstarben auf den Lippen, die
+kleinen Verkäuferinnen preßten die Hand aufs Herz.
+
+Gleich darauf tauchte in der Dachluke die Mütze eines Schutzmannes auf,
+begrüßt vom Gelächter der Zuschauer. Der Mann im grauen Mantel kletterte
+abermals den Giebel der Brandmauer empor und lief über das Dach des
+Eckhauses.
+
+Tausende von Neugierigen hatten sich angesammelt. Es waren Züge
+angekommen, und die Reisenden standen gaffend und blinzelnd auf dem
+Platze. Das war Berlin, siehst du! Kaum kam man an, so gab es schon
+etwas zu sehen. Man hatte ja gelesen, daß zurzeit in Berlin häufig
+Deserteure auf dem Transport entflohen, sogar Passanten waren bei diesen
+Vorfällen schon erschossen worden. Brich das Genick, du Spitzbube! Ja,
+das war Berlin, man konnte wenigstens etwas erzählen. Ein Haar, und er
+wäre abgestürzt.
+
+Rote Gesichter reckten sich aus den Wagen der Straßenbahn, aus allen
+Fenstern der umliegenden Häuser. Die Kutscher verdrehten den Hals,
+Kellner, Friseure, Verkäuferinnen stürzten aus Läden und Türen.
+Messinggelb blendeten die Häuser in der Sonne.
+
+Schutzleute, Soldaten.
+
+Schon stockte der Verkehr. Nur langsam konnten sich die elektrischen
+Wagen durch die Menschenmenge schieben.
+
+Scharen von Kindern rannten dahin, deuteten zu den Dächern empor und
+schrien wie besessen: »Dort läuft er! Dort!« Das ganze Stadtviertel war
+auf den Beinen.
+
+Von der Bahnhofshalle her drang der schmetternde Marsch der
+Regimentskapelle. Nun gellte auch noch die Glocke der Feuerwehr -- ein
+Löschzug!
+
+Hedis Auto war mitten in die Menschenmenge geraten und konnte sich nur
+schrittweise, ohne Pause tutend, mit seinen Pneus den Weg bahnen.
+
+Der Chauffeur wagte die Vertraulichkeit, sie durch eine Kopfbewegung auf
+die Ursache der Menschenansammlung aufmerksam zu machen. Da sah sie zu
+ihrem Schrecken hoch oben -- in einer Dunstwolke von rostbraunem Staub
+-- einen Menschen, staubig und kalkweiß, über den Dachfirst laufen.
+
+Hedi kam vom Einkauf: Gardinen, Stoffe, Antiquitäten, es war schwer,
+etwas Ordentliches zu finden. In allen Geschäften und Magazinen jagte
+sie umher. Ihr Wagen lag voller Pakete, und neben dem Chauffeur blitzte
+aus dem Papier ein silberner Spiegel -- spanischer Barock, etwas
+beschädigt, aber, nach ihrer Ansicht, zauberhaft, ein Traum!
+
+Hedis Herz pochte. Bei Gott, es war die gleiche Querstraße, wo sie
+einst, im Sommer, Otto das Abschiedssouper gegeben hatte.
+
+»Fahren Sie!«
+
+Eine schweißtriefende Zeitungsfrau drängte sich in diesem Moment, einen
+Pack noch nasser Zeitungen unter dem Arm, am Auto vorüber und schrie mit
+gellender Stimme dicht an Hedis Ohr:
+
+»Die Marne abermals überschritten!«
+
+»Die Marne abermals überschritten!«
+
+Hundert gierige Hände streckten sich ihr gleichzeitig entgegen. Sie
+drehte sich im Kreise, wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel von der
+Stirn.
+
+»Hier, bitte, geben Sie!«
+
+»Die Marne -- sofort, junge Frau -- abermals überschritten.« Ihre
+gellende Stimme übertönte den Marsch der Kapelle auf dem Bahnhof.
+
+Das Auto rückte an. Hedi konnte gerade noch das Blatt ergreifen.
+
+Sie warf noch einen flüchtigen Blick in die Höhe -- da sah sie gerade,
+wie der Mann auf dem Dachfirst plötzlich schwankte -- hatte man
+geschossen? -- schwankte -- mit den Händen in die Luft griff und über
+das steile Dach herabstürzte. Eine Sekunde wurde der Körper von der
+Dachrinne aufgehalten, dann fiel er . . . Hedi bedeckte die Augen mit
+der Hand.
+
+Die schweißtriefende Zeitungsfrau raste dem Bahnhof zu und schrie
+gellend:
+
+»Die Marne abermals überschritten! Die Marne abermals -- --«
+
+
+9
+
+Vorgestern nicht, gestern nicht -- aber jetzt, jetzt kam sie die
+Fabriciusstraße herauf.
+
+Sie hielt zuweilen inne, als zögere sie, blickte sich um, aber sie kam
+doch immer näher.
+
+Herr Herbst kletterte die Treppe empor, bis zur Türe. Er wohnte nicht
+mehr hier, hatte das Quartier in diesem Unglückshause geräumt. Er wohnte
+jetzt in einer kleinen Kammer im »Löwen von Antwerpen«. In einem ganz
+winzigen Raum, aber doch zog er ihn diesem Zimmer vor.
+
+Schon hörte er ihren Schritt, das leichte Keuchen ihres Atems. Sie ging
+ganz anders als alle Frauen, die diese Treppe auf und ab stiegen. Die
+Sohlen ihrer Schuhe waren dünner, sie vermied jeden Lärm und hielt sich
+nie am Geländer fest.
+
+Herr Herbst trat vor, beugte sich über das Geländer. Sie sah ihn an,
+hielt inne, leise keuchte ihr Atem.
+
+Herr Herbst lüftete den steifen Hut: »Sie suchen gewiß Herrn Ackermann?«
+fragte er.
+
+»Ja«, hauchte sie.
+
+»Er wurde verhaftet --«
+
+»Vorgestern verhaftet --«
+
+Nun berührte sie plötzlich mit den Fingerspitzen das schmutzige
+Stiegengeländer, und das Blut wich aus ihren Wangen. Ganz langsam.
+Zuerst wurde sie fahl, dann weiß wie Mehl. Dann verloren ihre Augen die
+Farbe, auch sie wurden weiß.
+
+Schwere Kämpfe, außerordentlich schwere Kämpfe!
+
+Fleisch von seinem Fleisch. Blut von seinem Blut . . .
+
+Herr Herbst beugte sich über das Geländer und sah ihr tief in die Augen.
+Immer noch wurde sie weißer -- ihre Hand griff zu.
+
+Und bald, bald würde man auch sie -- der Magere, Schmächtige hatte es
+ihm zugesagt. Und diese Schande für die Familie . . .
+
+Heute abend, es war Sonnabend, würde er den Munitionsarbeiterinnen im
+»Löwen von Antwerpen« etwas zum besten geben. Und auch er würde ein
+Fläschchen trinken. Er besaß ja immer noch Geld, Gott sei Dank, zwei
+Brieftaschen, eine kleine für die laufenden Ausgaben und eine große, in
+der sich die blauen Scheine befanden, noch immer eine ganze Anzahl.
+Heute abend sollte ihm nichts zuviel sein.
+
+Dabei hielt er den Hut gelüftet, und sein Blick versank in diese Augen,
+die die Farbe verloren, den Blick.
+
+»Hier?« hauchte eine zitternde Stimme.
+
+»In der Stadt. Beim Anhalter Bahnhof.«
+
+»Haben Sie es gesehen?«
+
+»Ein Bekannter hat es mir erzählt.«
+
+»So? -- -- Danke.«
+
+Sie wandte sich ab, ging, Schritt für Schritt, und immer noch ganz leise
+und lautlos.
+
+Er beugte sich weit über das Geländer und sah ihren kleinen braunen Hut
+um die Ecke biegen.
+
+Plötzlich lief er mit den Bewegungen eines Hampelmannes hinter ihr her.
+
+»Hören Sie, noch etwas.«
+
+Sie wandte ihm ihr mehlig weißes Gesicht zu.
+
+Herr Herbst beugte sich über das Geländer. Und nun stieß er ihr das
+Messer ins Herz!
+
+»Er ist tot!« flüsterte er, ganz leise, aber so deutlich.
+
+Das mehlige, weiße Gesicht verschwand -- und plötzlich eilte ein lauter,
+harter Schritt, blitzschnell die Treppe hinab. Immer rings um das
+Treppengeländer.
+
+Aber dies war zuviel für Herrn Herbst. Dieses rasende Klappern der
+Schuhe vertrug er nicht. Im Nu stürzte ihm das Wasser aus den Augen.
+
+Was ging hier vor? Er wollte ja gar nicht --
+
+Rasch, so rasch seine zitternden Beine es zuließen -- immer war es ihm
+beim Hinabsteigen der Treppe, als stürze er in einen Abgrund -- folgte
+er den harten, raschen Schritten, die im Stiegenhaus herumgingen.
+
+»Halt, halt -- hören Sie --«
+
+»Hören Sie -- es war ein unglückseliger Zufall --«
+
+»Hören Sie, pst -- einen Augenblick -- fliehen Sie aus Berlin -- auch
+Sie will man --«
+
+Aber er vermochte sie nicht mehr einzuholen.
+
+Wie ein Hampelmann eilte er.
+
+»Ich warne Sie -- wünsche Ihnen nichts Böses --«
+
+Vergebens.
+
+Die Haustüre fiel ins Schloß, und als er sie wieder geöffnet hatte, da
+war sie schon, unglaublich, unfaßbar, mindestens sechs Häuser weit
+entfernt.
+
+Keine Möglichkeit, nicht die geringste Möglichkeit.
+
+
+
+
+Drittes Buch
+
+
+1
+
+Von Horizont zu Horizont rollt das Feuer.
+
+Staub und Qualm -- brennende Menschen stürzen aus dem Himmel, ein
+Hagelsturm von zerfetzten Menschenleibern fegt über die Erde.
+
+Die Luft wettert von rasenden Donnerschlägen, die glühenden Geschütze
+taumeln voll Wut, ferne grollt das böse Raubtierknurren der schwersten
+Kaliber. Die Erde schwankt, das Gebäude der Atmosphäre gerät ins Wanken.
+Lawinen, Bergstürze, der Vulkan speit. Seit Wochen, seit Monaten.
+
+Horch! Horch -- horch! Schreie, damit ich dich verstehe --! Was sagst
+du? Es ist die Stimme Europas -- sehr wohl! Es ist die Stimme der
+Habgier, des Geldes -- noch besser . . .
+
+Schiefergrau und rostbraun, in jeder Sekunde neu genährt von Qualm, wogt
+von Horizont zu Horizont, unendlich, die fürchterliche Wolke über der
+Walstatt. Die Landschaft selbst runzelt die Stirn, gealtert, zermürbt,
+zerknittert und vergrämt.
+
+»Ungemütlich, lieber Otto« -- schrieb Hauptmann Falk, genannt die
+Feuerwalze -- »es beginnt ungemütlich zu werden hier außen! Heute morgen
+einige tausend Granaten auf unsern Abschnitt, die nicht von schlechten
+Eltern waren. Ringsum Leichen, auch die Lebenden, der Divisionär,
+vierzig Stufen unter der Erde, ebenfalls eine Leiche! Er stammelt nur
+noch, schwere Sprachstörung. Ich schreibe dir, um die Nerven zu
+behalten. Was ist los? Wir liegen hier in Granatlöchern, keine Gräben
+mehr und Drahtverhaue, die gemütlichen Zeiten sind vorüber -- alle
+fünfzig Schritt ein Mann, schwere Maschinengewehre, leichte
+Maschinengewehre. Im Hintergelände weit und breit keine Menschenseele --
+nur Feldküchen und Verbandplätze -- kein Mensch, was soll das bedeuten?
+. . .«
+
+Die schiefergraue und rostbraune Wolke flimmert, endlos, bis in den
+schwarzen Äther empor. Schwingen von aufgescheuchten Vogelschwärmen
+blitzen darin -- das sind die Flieger. Qualm faucht auf, da oben in der
+flimmernden Wolke, Qualm schießt finster durch die Luft, stürzt zur
+Erde: ein Mensch, lichterloh brennend eilt über das Feld, taumelt,
+brennt, qualmt, kohlt --.
+
+Horch, horch! Ja, schreie, sonst höre ich dich nicht! Stimme des Geldes,
+sehr wohl -- die Mark, die Francs, die Pfunde, Dollars, sie brüllen --
+es sind auch die Millionenvölker Europas, die nach Nahrung brüllen,
+vergiß es nicht -- und das trockene Schießpulver, der Aberwitz, er lacht
+aus den Feldgeschützen.
+
+»Die gute alte Zeit, lieber Otto« -- schrieb Hauptmann Falk in seinem
+Erdloch -- »sie ist endgültig vorbei. Schade! Ringsum schreien Menschen,
+aber ich kann ihnen nicht helfen, bevor es Nacht wird. Ich sitze mitten
+im Rauch. Mein Leutnant übergibt sich, er hat Gas geschluckt, Gott helfe
+ihm, ich kann gar nichts für ihn tun. Ich schwitze entsetzlich in meiner
+Gasmaske. Gestern sollten wir fünfhundert Flaschen Sodawasser bekommen,
+aber ein Volltreffer hat sie auf der Chaussee vernichtet. Die Zungen
+hängen uns heraus. Was für ein Staub! Dank, alter Junge, für den Kognak!
+Es war eine Freude. Wir hatten zwei gefangene Engländer in unserem
+Granatloch, auch sie bekamen einen Schluck aus der Flasche, mußte
+schwören, sie nach dem Kriege in England zu besuchen. Hoffe in einigen
+Tagen in Berlin zu sein. Seit einer Woche sollen wir abgelöst werden,
+aber niemand zeigt sich, obwohl es uns feierlich versprochen wurde. Die
+Sache gefällt mir nicht, alter Junge. Stelle die Flaschen kalt, du
+erhältst Telegramm. Grüße Bussi! Hoffentlich kommt der Brief durch. Man
+braucht hier zwei Stunden für einen Kilometer.«
+
+Bussi? Bussi? Wer ist Bussi? Niemand weiß es, offenbar eine Dame, aber
+es tut schließlich nichts zur Sache.
+
+Wie ein blutüberströmtes Antlitz sank die Sonne hinter der endlosen
+flimmernden Staubwolke. Rasch kam die Nacht. Aber die Geschütze wüteten
+weiter. Schweiß badete die Gesichter der Kanoniere. Die Brandung aus
+Eisen und Blut rollte fürchterlich in der Dunkelheit.
+
+Schon stiegen die Leuchtkugeln, da, dort, überall, glühend in allen
+Farben. Ein Netz von Blitzen geisterte. -- --
+
+ * * * * *
+
+Die Raketen zischten in die Höhe und zerplatzten mit einem leichten
+Knall am Himmel. Trauben von silbernen, violetten, lichtblauen und
+bengalisch roten Christbaumkugeln sanken mild durch das tiefe Blau der
+Nacht.
+
+»Ein Feuerwerk!«
+
+Die Kapelle spielte. Vor dem Kurhaus zerschmolzen die hellen Kleider und
+grellen Mäntel und Jacken im gleißenden Licht der Bogenlampen. Hier
+außen am Strand aber war es ganz still, dämmerig, nur der Mond und das
+glitzernde Meer. Der Geruch von Tang und Salz in der lauen Luft. Ohne
+Pause glitten lautlos die silberschäumenden Wellen über den Sand und
+breiteten ihr gleißendes Schleiergespinst aus. Klein und hoch der Mond,
+und schaukelnde Scherben von Silber sein Spiegelbild.
+
+Plötzlich zischte es, eine Rakete fuhr zu den Sternen empor. Eine Gruppe
+von sprühenden Funken erschien am blauen Nachthimmel, trieb, heller als
+die Gestirne, im leichten Wind sanft dahin und erlosch allmählich.
+
+Aus einem Strandkorb fuhr eine silberne Larve, eine Hand, blitzend von
+Steinen, erschien. »Brillant!«
+
+Es war Herr Olsen aus Kopenhagen, zurzeit in einem deutschen Ostseebad,
+der den Zauber des fliegenden Sternhaufens bewunderte. Er streckte den
+blonden Kopf heraus, strampelte mit den weißen Hosen und erschien
+persönlich im Mondlicht. Er war nahezu zwei Meter hoch, und sein
+Schatten ging vollkommen über die Sandburg »Lüttich« hinweg. Er war ein
+hübscher, junger Mann, frisch, kindlich und gutmütig. Mit strahlender
+Miene und blinkenden Zähnen verfolgte er die bunten Kugeln am Himmel.
+
+Herr Olsen lebte noch in der Welt des Friedens. Er sprach nie vom Krieg,
+erzählte nichts von Schützengräben, las keine Berichte und quälte sich
+nicht mit Kombinationen -- er studierte höchstens die Börsenberichte und
+kaufte deutsches Geld, wenn es Vorteil versprach. Wer den Krieg gewann,
+das war ihm höchst einerlei, zu welchem Zwecke er geführt wurde,
+berührte seine Seele nicht im mindesten. Herr Olsen war -- nun, dies ist
+der etwas triviale Ausdruck seiner Begleiterin -- durch und durch
+Friedensware. Seine soliden Schuhe, seine sechs verschiedenen Mäntel,
+der Ausdruck seines Gesichts, Augen, Sprache, Lächeln, Gedanken -- alles
+Friedensware, selbst Farbe und Glanz seiner Haut und seiner Haare,
+unwiederbringlich dahin bei den deutschen Männern. Er war mit einem Wort
+eine Sehenswürdigkeit.
+
+Seine Begleiterin, im Schatten des Strandkorbes gegenüber, lachte. Ihre
+Augen sprühten im Mondlicht.
+
+Dieses Lachen?
+
+Dieses Lachen! Dora --?
+
+Ja, Dora! Und nun streckte sie ihr Silberlärvchen in das Mondlicht, und
+ihre etwas runde Hand tauchte in die gleißende Helligkeit. Ihr heller
+Haarschopf flimmerte.
+
+Sie lachte über Olsens kindliche Freude an den bunten Christbaumkugeln
+da oben. In seiner Nähe atmete sie leichter, er hatte eine ganz andere
+Atmosphäre um sich wie andere Männer. So zum Beispiel Otto, der einige
+Tage hier gewesen war.
+
+Herr Olsen streifte seine Dame mit einem fragenden Blick. Weshalb mochte
+sie nur lachen? Selbst die Strahlen des Mondes, die nach Doras Augen
+zielten, vermochten nicht ihr tiefes, seltenes Blau zu dämpfen.
+
+Herr Olsen kroch wieder in den Schatten des Strandkorbes zurück und
+begann sogleich voller Eifer die unterbrochene Unterhaltung
+fortzusetzen. Es handelte sich darum, ob Dora ihm, Herrn Olsen riet,
+sich ein Gut in Deutschland zu kaufen. Das deutsche Geld war ja jetzt so
+lächerlich billig. Herr Olsen sprach nur von seinen eigenen
+Angelegenheiten, fremde Schicksale, das Schicksal des deutschen Volkes,
+das Schicksal Europas, das Schicksal des Planeten, das war ihm alles
+höchst einerlei. Herr Olsen war der Mittelpunkt der Erde.
+
+»Aber Sie müssen mir versprechen, mich dann zu besuchen? Ach, es wird ja
+so schrecklich langweilig sein.«
+
+»Wenn Sie artig sind?«
+
+»Artig? Ich will wie ein kleines Hündchen sein, so artig!« beteuerte
+Herr Olsen, und wieder fuhr sein Silberkopf aus dem Strandkorb.
+
+Ja, nun war es also Herr Olsen, der sich, Dank der Gnade des Himmels,
+seine Friedensseele bewahrt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Feuerbalken schossen über den Horizont, und das fürchterliche
+Wetterleuchten setzte nicht eine Sekunde aus. Hauptmann Falk konnte ganz
+gut dabei schreiben. Die Leuchtkugeln sprühten wie Leuchtfeuer, die
+plötzlich über dem Meer erglühen. Aus der Höhe beim Nachbarregiment
+fuhren Bündel von roten Signalen, und die Artillerie wirbelte. Ein
+Feuerloch glühte auf, das waren die Einschläge.
+
+Ein Gespenst kroch über das Feld, versank, kroch, huschte. Es war
+Hauptmann Falk. Obschon gefeit -- er glaubte es -- nahm er sich doch in
+acht, denn es konnte ja durch einen Zufall ein Unglück geschehen. Er
+glitt die Schützenlinie entlang. Hier schüttelte er Schlafende -- aber
+sie erwachten nicht mehr. Aber er traf auch Gruppen, deren Augen hell
+wie Sterne im Schein des Geschützfeuers sprühten. Es waren wunderbare
+Menschen! Ohne einen Tropfen Wasser seit drei Tagen!
+
+Da duckte er sich zusammen. Pechschwarz, von roter Lohe durchglüht,
+stieg der Einschlag in die Höhe. Ja, ungemütlich, höchst ungemütlich.
+
+Die Blitze geisterten.
+
+Auf allen Straßen knarrten jetzt die Wagen. Hier und drüben bei ihm.
+Munition, Verpflegung, Verwundete, die ganze Nacht hindurch.
+Hunderttausende von Wagen knarrten durch die Dunkelheit. Der Himmel
+erdröhnte, die Bombengeschwader waren unterwegs. Die Mützen über die
+geschorenen Schädel gezogen, die Nase im Wind, jagen die
+Befehlsempfänger die Straße hinab. Klein und hoch geht der Mond, Blitze
+wehen, Feuer sprüht im Walde.
+
+
+2
+
+Der Tiergarten fröstelte. Unerträglich heiß war es am Tage gewesen, und
+nun war es plötzlich kühl geworden. Irgendwo in der Nähe von Berlin
+mußten schwere Gewitter niedergegangen sein, aber man hatte nur zuweilen
+das tiefe Donnerknurren gehört.
+
+Vor der roten Backsteinvilla in der Lessingallee, mit Efeu überwuchert,
+hielt eine Droschke.
+
+Händeklatschen. »Petersen! Petersen!« Eine helle Stimme.
+
+Schon öffnete sich die Türe, und Petersen in seinem Zebrakittel eilte
+auf die Straße.
+
+Ein Offizier stand bei der Droschke, mit einer schwarzen Brille, eine
+kleine Reisetasche in der Hand.
+
+»Nun, Petersen, alter Knabe, Sie kennen mich wohl nicht mehr?« Eine
+hohe, fremde Stimme.
+
+»Herr Hauptmann?« rief Petersen erstaunt und erschrocken aus. Was tat er
+hier, was wollte er hier? Schon vor dem Kriege hatte er ja nicht mehr
+hier gewohnt.
+
+»Welche Überraschung, Herr Hauptmann!«
+
+»Ja ja, Petersen -- so geht es -- wenn man sich lange nicht sieht. Meine
+Frau --?«
+
+»Im Bade, Herr Hauptmann. Kommt morgen!«
+
+»So? Nun, ich werde nicht stören. Nur ein paar Tage, bis ich eine
+Wohnung gefunden habe. Na, und es geht immer gut, alter Petersen?«
+
+»Danke, Herr Hauptmann, sehr gut, danke!«
+
+Petersen nahm die Reisetasche, und Hauptmann v. Dönhoff stolperte die
+Treppe hinauf.
+
+»Ah, wie dunkel! Ihr habt wohl eine Kleinigkeit zu essen für mich? Den
+ganzen Tag im Zuge --«
+
+Wie leer diese Stadt, wie ausgestorben! Hauptmann Dönhoff _roch_ die
+Stille und Ausgestorbenheit. Berlin war tot, ohne Zweifel. Hier und da
+ein Schritt, ein zögernder, nachdenklicher, mutloser Schritt. Ja, mutlos
+gingen alle diese Schritte in den dunkeln Straßen dahin, mutlos und
+bestrebt, keinen Lärm zu machen.
+
+Und früher, früher!
+
+Auch dieses Haus, sein früheres Haus -- totenstill. Welche Feste hatten
+sie hier gefeiert. Er hörte sein früheres Lachen! Zweihundert schöne
+Frauen hatte er besessen, siebzig Rennen gewonnen, zwei Elefanten und
+ein Nashorn geschossen, als einer der ersten war er in Deutschland
+geflogen, einer der Entdecker des deutschen Himmels -- ja, es hatte sich
+manches geändert.
+
+Aber den Geruch des Hauses erkannte er sofort wieder. Doras Parfüm und
+eine gewisse Schwüle.
+
+»Hoppla, Petersen --« Er stieß gegen ein Tischchen in der Garderobe.
+»Ich sehe etwas schlecht, bis man sich wieder eingewöhnt.« Immer sprach
+er mit einer hohen, fremden Stimme, hastig, unsicher, wie ein Mensch,
+der sich _schämt_.
+
+Petersen eilte in die Küche und machte Zeichen mit den Fingern vor der
+Stirn.
+
+»Er ist -- so wahr mir Gott helfe, nein, was wird die Gnädige sagen? Was
+will er hier? Sie sind doch getrennt. Aber sehen Sie doch selbst. Er
+ist, mein Himmel, wie merkwürdig --«
+
+Mina also, neugierig wie sie war, mußte sich ihn selbst ansehen.
+
+Sie fand Hauptmann v. Dönhoff auf einem Sofa, eine Zigarette rauchend.
+Er richtete, als sie eintrat, die dunkle Brille auf sie, lächelte, und
+sie konnte vor Schreck keinen Ton hervorbringen. Der Gruß blieb ihr im
+Halse stecken. Sie hätte ihn -- bei Gott -- nicht wieder erkannt: grau,
+völlig grau, fast weiß, gelb, alt, um zwanzig Jahre älter mindestens!
+Und dieses Lächeln des welken Gesichts, diese Falten um den Mund -- nur
+solche Leute konnten so lächeln, nur solche -- Petersen hatte recht.
+
+Mein Gott, welche Angst sie hatte! Weshalb mußte sie auch gleich
+hereinlaufen.
+
+Hauptmann v. Dönhoff gähnte. Er blickte sie durch die dunkle Brille an,
+verfolgte jede ihrer Bewegungen. Dann sagte er lächelnd: »Na, also,
+Petersen, alter Knabe, erzählen Sie doch, was es Neues gibt in Berlin?«
+
+Petersen! Er hielt sie für Petersen!
+
+Vor Schrecken hätte Mina beinahe einen Teller fallen lassen.
+
+ * * * * *
+
+Und das Feuer rollte.
+
+Wie ein blutüberströmtes Antlitz stieg die Sonne aus der endlosen
+Staubwolke empor. Die in der Nacht fielen, waren jetzt schon kalt. Auf
+den Chausseen lagen in Stücke zerrissene Pferde und Männer, zertrümmerte
+Wagen und zerschmetterte Bäume; ihr grünes Laub rauschte im Morgenwind.
+Die Mütze über die geschorenen Schädel gezogen, kamen die
+Befehlsüberbringer im Auto angefegt und setzten über die rauschenden
+grünen Aste, die quer über der Straße lagen, hinweg.
+
+Der Himmel stand voller Schrapnellwolken, Schwärme von Fliegern brausten
+im Frühlicht. Die Geschütze stampften, pochten, knackten -- die rasende
+Erde beschoß aus ihren Kratern das aufgehende Gestirn der Sonne.
+
+Wie gestern, wie vorgestern, wie alle Tage stürzten brennende Menschen
+aus dem Himmel. Ein Hagelsturm von zerfetzten Leibern fegte über die
+Erde. Millionen Herzen verkrampften sich in Todesangst.
+
+Und die Wolke, die rostbraune, schiefergraue Wolke stand unendlich über
+der Walstatt.
+
+
+3
+
+Ganz in der Nähe der Hofjägerallee im Tiergarten läuft ein gekrümmter,
+schmaler Reitweg durch tiefes Dickicht.
+
+Auf diesem schmalen, gekrümmten Reitweg ging der General hin und her,
+die Hände auf dem Rücken, die Augen auf die eigenen Fußspuren geheftet,
+die noch von gestern, von vorgestern, hier zu sehen waren, trotz dem
+Regen, der in der Nacht fiel. Hier ging nie ein Mensch, und Reiter --
+das Geschlecht der Reiter war völlig ausgestorben in Berlin.
+
+Dora --?
+
+Es war drückend schwül, schon um neun Uhr morgens, der General hatte
+seinen Kragen etwas gelockert, hier sah ihn ja niemand. Bewegungslos
+standen Büsche und Bäume, und zuweilen sang ein Vogel, irgendwo in
+weiter Ferne. Es klang wenigstens so in seinen Ohren, möglich, daß er
+sich täuschte. War es nicht eigentümlich, in letzter Zeit schienen alle
+Geräusche und Laute in weite Fernen zu rücken, auch die Stimmen der
+Menschen, die dicht vor ihm standen und sprachen?
+
+Nichts von Bedeutung eigentlich --
+
+Der General blieb stehen und heftete den Blick auf die staubige,
+schwarze Erde des Reitwegs. Es war ihm schwer, einen Gedanken bis zu
+Ende zu verfolgen.
+
+Nein, gewiß, das war es nicht. Es wäre unvernünftig, Kombinationen daran
+zu knüpfen.
+
+Vorgestern hatte er zufällig einen Blick in Ottos Zimmer geworfen, im
+Vorbeigehen. Das Zimmer wurde gereinigt, und das Unterste war zu oberst
+gekehrt: da sah er -- nein, zuerst nahm er kaum davon Notiz, aber er
+kehrte zurück, irgend etwas war ihm aufgefallen. Da sah er also auf
+einem Sessel ein sonderbares Kostüm: eine Art Kaftan oder Kimono von
+einem eigentümlichen, unangenehmen, schmutzigen Gelb, einen Turban,
+orangerot, mit dicken grünen Schnüren umwickelt. Dieses Kostüm -- sofort
+fiel es ihm ein: jener Vermummte, jener Unbekannte auf Doras Hausball,
+jener Stumme, der immer mit einer merkwürdigen Schale rasselte! Es ging
+das Gerücht, eine hohe Persönlichkeit verberge sich in dieser etwas
+phantasielosen Maske.
+
+Also er -- Otto --?
+
+Ein Maskenscherz, natürlich, nichts anderes. Otto war ja damals noch im
+Lazarett, offenbar ausgerückt für diese Nacht, er konnte sich nicht gut
+zu erkennen geben. Aus diesem Grunde die Geheimtuerei, und sicherlich
+hatte er absichtlich das Gerücht von der Hoheit verbreiten lassen.
+
+Gewiß, ohne jede Bedeutung. Wie kam er doch wieder darauf?
+
+Herrlich ruhig war es hier, und nur zuweilen war das ferne Klingeln der
+Straßenbahn zu hören. Wohltuend und beruhigend das Grün der hohen
+Wipfel, und da droben, da draußen flammte heiß die Sonne, wie ein
+grelles Feuer. Hier aber, Schatten, Kühle sogar, und der Schritt
+unhörbar. Es ging sich angenehm auf der losen Erde, die Füße ruhten aus.
+
+Der General hielt sich etwas gebückter. Er war im Gesicht magerer
+geworden, die Backen hingen schlaff herab, seine Gesichtsfarbe war
+fahler, trocken, mit kalkigen Flecken. Zuweilen zuckte sein rechtes
+Augenlid, und ein Nerv klopfte oft unangenehm an der Nase, dicht beim
+rechten Auge.
+
+Den ganzen Sommer, hatte er in dem stickigen, heißen Berlin verbracht.
+Er hatte die Absicht, im August in Urlaub zu gehen, nach Babenberg, nun
+aber waren Ereignisse eingetreten, die ihn hier festhielten. Gewisse
+Schwierigkeiten an der Front, die bald behoben sein würden. Jedenfalls
+aber war es ganz undenkbar für ihn, jetzt, gerade jetzt seinen Posten zu
+verlassen, selbst nicht auf einige Tage, so nötig er auch Erholung
+brauchte. Sitzungen, Konferenzen, nun gut, die da draußen hatten
+ebenfalls keinen Urlaub. Man mußte sehen, wie man durchkam.
+
+Diese halbe Stunde jeden Morgen -- eine volle halbe Stunde, ja, es ging
+nicht anders, wollte er nicht zusammenbrechen -- diese halbe Stunde
+morgens von einhalb neun bis neun Uhr war sein Urlaub. Um neun Uhr
+erfaßte ihn dann die Maschine, und er kam bis Mitternacht nicht mehr zu
+sich. Er schlief nur noch mit Hilfe von starken Schlafmitteln.
+
+In diesen dreißig Minuten am Vormittag allein konnte er in aller Ruhe
+seinen Gedanken nachhängen und sich mit seinen persönlichen
+Angelegenheiten beschäftigen.
+
+Gott sei Dank war er vernünftig genug gewesen, sich diese störenden
+Geldgeschichten vom Halse zu schaffen, wirklich ein Entschluß, zu dem er
+sich jetzt beglückwünschte! Er hatte das Gut Rothwasser verkauft. An
+einen Dänen, namens Olsen, aus Kopenhagen -- ja, schon kamen sie jetzt,
+die Neutralen, die am Kriege verdient hatten, und kauften deutsches
+Land. Er bereute den Schritt nicht. Was geschehen ist, ist geschehen --
+das Notwendige tue rasch, ohne dich umzusehen. Otto würde ja Babenberg
+behalten, genug und übergenug für ihn, und Ruth -- nun es würde auch für
+Ruth gesorgt sein.
+
+Er machte kehrt, nie ging er weiter bis zu jenem grellen Sonnenflecken
+mitten auf dem Reitweg. Zerstreut blickte er, stehenbleibend, in das
+Dickicht -- auch hier Staub auf den Blättern, selbst hier.
+
+Rothwasser? Wie kam er darauf? Nun ja, er hatte sich durch den Verkauf
+diese störenden, quälenden Kalamitäten vom Halse geschafft -- wie schwer
+es ihm doch wurde, sich auf einen Gedanken zu konzentrieren! Fünf
+anstrengende Konferenzen waren allein für diesen Vormittag angesetzt.
+Schon disponierte er wieder.
+
+Dora --?
+
+In diesem Augenblick dröhnten von der Hofjägerallee drei langgezogene
+Hupensignale.
+
+Dieser Schwerdtfeger, dieser Esel! Mußte er ihn gerade in diesem Moment
+unterbrechen.
+
+Ärgerlich setzte der General seine Promenade fort. Er ging etwas
+rascher, sollte er warten! Ja, diese Wochen, da sie im Bade war, waren
+eine Art Probe gewesen. Er hatte diese Probe nicht bestanden, um ehrlich
+zu sein! Ja, das war es, nicht bestanden. Er hatte sie vermißt, kam sich
+verwaist und verlassen vor, niemand in Berlin, das Haus leer, auch Ruth
+auf dem Lande -- die Stimmen rückten mehr und mehr in die Ferne, wurden
+unwirklich, nur Doras Stimme klang noch nah. Es schien auch, als ob die
+Menschen selbst mehr und mehr verblaßten -- sie riefen unverständliche
+Worte, machten unverständliche Gesten. Er beachtete sie kaum, sie
+interessierten ihn nicht mehr, seine Mitmenschen, nein, sollten sie
+ruhig tun, was sie wollten. Und fünf Konferenzen -- nun saßen sie schon
+und warteten, Weißbach schielte auf die Uhr.
+
+Ja, es war die Wahrheit, leugnen wir sie nicht, er fühlte sich einsam
+ohne sie.
+
+Einsam?
+
+Welch ein furchtbares Wort, bei rechtem Lichte betrachtet! Nie in seinem
+Leben hatte er die Bedeutung dieses Wortes begriffen. Es war die
+Abspannung, die Nerven, natürlich. In ihrer Nähe fühlte er sich
+augenblicklich beruhigt, ausgeglichen. Etwas von ihrer Sorglosigkeit und
+Lebenskunst schien auf ihn überzuströmen.
+
+Wie sie sich gefreut hatte über die kleine Uhr, die er ihr am ersten
+Abend brachte! Ein Kind, wahrhaftig, nichts als ein großes,
+lebenslustiges, immer heiteres Kind war diese ganze Dora, ein Quell der
+Verjüngung, sozusagen. Vielleicht beruhte die belebende Wirkung, die sie
+auf ihre Umgebung ausübte, gerade auf ihrer großen und seltenen Naivität
+und oft komischen Lebensunkenntnis. Wer weiß es?
+
+Es galt zu überlegen, jedenfalls -- ein bedeutungsvoller Schritt!
+
+Ein Schritt, der wohl erwogen sein wollte, obgleich er sich ja schon
+Jahre mit diesem Gedanken beschäftigte. Wohl erwogen. Otto? Nun, Ottos
+Meinung war ihm schließlich gleichgültig, Otto fragte ja auch ihn nicht
+um seine Ansicht, wochenlang bekam man ihn nicht zu Gesicht. Sein Sohn
+war ihm fast ein Fremder geworden. Und Ruth? Nun Ruth würde sich damit
+abfinden. Sie zuallererst. Erst jetzt war ihm zum Bewußtsein gekommen,
+wie vernünftig diese Ruth in Wahrheit war. Ja, möglich, möglich, daß er
+ihr ganzes Naturell falsch eingeschätzt hatte. Sie war in ruhigem und
+ausgeglichenem Gemütszustand von Babenberg zurückgekommen. Ihre
+sentimentale Laune schien weniger tief gegangen zu sein, als er
+befürchtet hatte. Obgleich dieser jugendliche Schwarmgeist, wie man ihm
+berichtete, noch hinter Schloß und Riegel saß und seiner Bestrafung kaum
+entgehen dürfte. Offenbar hatte Ruth die Beschaulichkeit auf dem Lande
+dazu benutzt, nachzudenken. Der rasche Schnitt mit dem Messer hatte sich
+wieder als die beste Heilmethode erwiesen.
+
+Gewiß, auch Ruth würde sich damit abfinden -- vielleicht war gerade sie
+es, die ihn am ehesten verstand.
+
+Aber sie selbst -- Dora?
+
+Das heißt nicht, daß er zweifelte!
+
+Natürlich nicht, er konnte auch aus früheren Äußerungen Doras schließen
+-- es würde für sie immerhin einiges bedeuten, gesellschaftliche
+Stellung, nun, und manches andere. Sie war ja aus guter Familie, ein
+Bruder sogar Major, aber immerhin, kleiner, unbedeutender Landadel. Und
+nicht zuletzt würde sie gewiß aufatmen, aus diesem Zustand finanzieller
+Unsicherheit herauszukommen.
+
+Nein, nicht das.
+
+Aber es gab da das und jenes, was ihn in der letzten Zeit stutzig -- ist
+stutzig das richtige Wort? -- nun sagen wir ruhig: stutzig gemacht hatte
+. . .
+
+Einiges, unbedeutende Dinge, Kleinigkeiten sozusagen, Imponderabilien --
+aber vielleicht tat er ihr bitter unrecht? Wie? Nicht unmöglich . . .
+
+Wieder dröhnte das Hupensignal.
+
+Der General hakte ärgerlich den Kragen zu.
+
+»Es ist ganz unmöglich, auch nur fünf Minuten lang seine Gedanken zu
+sammeln«, sagte er laut und begab sich zum Auto zurück.
+
+Die graue Limousine fegte in das heiße Berlin hinein: Sitzungen,
+Konferenzen, Vorträge. Schon warteten sie dichtgedrängt im Vorzimmer,
+und Weißbach schielte tatsächlich ununterbrochen nach der Uhr.
+
+
+4
+
+Nein, gewiß, der General kannte seine Tochter nicht.
+
+Wäre er ein Beobachter, so würde er auf den ersten Blick gesehen haben,
+daß Ruth sich im Laufe des Sommers auffallend geändert hatte. Aber er
+war kein Beobachter: Sitzungen, Konferenzen, strategische Erwägungen --
+wie sollte er da ein Beobachter sein?
+
+Ja, auffallend geändert!
+
+Nicht mehr die schüchterne, scheue Ruth. Ihre Augen waren flammend und
+kühn, ihr Blick wich nicht mehr zurück. Fragend und forschend ruhte ihr
+Auge bei Tisch auf dem Vater, und häufiger als früher begegneten sich
+auf Sekunden ihre Blicke.
+
+Etwas war hier nicht in Ordnung! Nein! Als Papa sie bei ihrer Rückkehr
+begrüßte, war etwas Auffallendes geschehen -- noch heute zitterte die
+Betroffenheit in ihr nach. Papa war errötet! Noch mehr, Papa hatte die
+Augen niedergeschlagen. Aber man bedenke doch: _Papa schlägt die Augen
+nieder!_
+
+Weshalb? Weshalb nur? Sie kannte Papa ja so genau. Irgendein Geheimnis
+war zwischen ihm und ihr.
+
+Weshalb Papa, so sprich doch!
+
+Aber der General war tief in seine Gedanken versunken und blickte nicht
+mehr auf.
+
+Ruth hatte völlig ihr träumerisches, zerstreutes Wesen verloren. Sie
+sprach sogar etwas rascher als früher und nicht mehr so unsicher. Sie
+sang nicht mehr, trällerte nicht mehr vor sich hin, wie sie es früher zu
+tun pflegte -- um erschrocken abzubrechen, sobald sie sich belauscht
+wußte. Ihre Lippen waren bestimmter geformt und klarer geschwungen. Das
+unsichtbare Lächeln, das früher über ihnen schwebte -- fort war es.
+
+Wie eine Fremde bewegte sie sich im Hause, die gesonnen ist, nicht lange
+zu bleiben. Sie lächelte über diese ewig dienstbereiten Ordonnanzen,
+über dieses Exzellenz hin und Exzellenz her, bald würde sie es nicht
+mehr hören. Ach, dieser Papa, der sich so ungeheuer wichtig nahm, dieser
+Otto, diese Dora, diese ganze Gesellschaft, die in den Tag hineinlebte
+und glaubte, es müsse so sein -- nun, bald würde sie sie nicht mehr
+sehen. Schon wagte es niemand mehr, sich mit ihr in ein Gespräch
+einzulassen, weil sie unumwunden ihre Meinung äußerte.
+
+Vorläufig, bis _dahin_, verrichtete sie wie früher ihre Arbeit in der
+Küche. Die Gäste hatte sie nach diesen heißen, stickigen Sommerwochen
+noch bleicher und elender angetroffen. Sie waren alle müde, sanken
+erschöpft auf den Stuhl, stützten den Kopf, während sie aßen. Alle
+Augenblicke gab es Differenzen, ihre Nerven flatterten. Die kleinen
+Schreibdamen flüsterten nur noch. Zuweilen kicherten sie leise, um sich
+rasch erschrocken umzusehen. Die Küche war auffallend still geworden.
+
+Ruth war eifrig bei der Arbeit -- aber so oft ein neuer Gast eintrat,
+blickte sie rasch nach der Türe. Offenbar, sie erwartete jemand, sie
+suchte jemand!
+
+Sie suchte, um die Wahrheit zu sagen, jenen kleinen, alten Herrn im
+Havelock, ihn, der ihr auf der Treppe die schreckliche Nachricht
+mitgeteilt hatte. Tag für Tag erwartete sie ihn, sie hatte Geduld.
+
+Aber er kam nicht. Augenscheinlich besuchte er diese Küche nicht mehr.
+Vielleicht war er auch tot? Schnell starben die Menschen in diesen
+Tagen. Die Erde verschluckte sie nur so.
+
+Endlich ging sie in die Fabriciusstraße. Sie besaß sogar den Mut, das
+Leihhaus zu betreten. Mit welchen Gefühlen! Wie sie die Türe anstarrte!
+Aber sie weinte nicht.
+
+Allein, hier wußte man nichts von dem Havelock. Er war ausgezogen,
+verschwunden.
+
+Und doch, er war vielleicht der einzige, der ihr über jene Dinge
+Ausschluß geben konnte, die sie unbedingt wissen mußte. Klara, die mit
+ihr in Babenberg war, hatte ihr Hedis Erlebnis am Anhalter Platz erzählt
+-- das war alles, was sie erfahren konnte. Seine Freunde, sein jüngerer
+Bruder, wie vom Erdboden verschwunden, niemand zu sehen; keine Nachricht
+mehr, man hatte offenbar alle verhaftet -- nur sie ließ man in Ruhe.
+
+Nach vielen Tagen, die sie durch das verwahrloste, übelriechende
+Stadtviertel streifte -- ja, plötzlich sah sie ihn.
+
+Das, das mußte er sein! Sie fühlte es augenblicklich.
+
+Ein Rudel lachender und kreischender Kinder -- und mitten darin ein
+Mensch. In diesem Augenblick geschah es, daß sie wie eine Seherin
+fühlte, er! Ja, er war es.
+
+Er tanzte wie ein Hampelmann, und sobald die Kinder ihm zu nahe kamen,
+schlug er nach ihnen mit seinem steifen Hut.
+
+Plötzlich fühlte er Ruths Blick. Es war dicht bei der Eisenbahnbrücke,
+die sich über die staubige Fabriciusstraße spannt.
+
+Er hielt inne -- gerade wollte er wieder mit dem Hut nach den Kindern
+schlagen -- und suchte seinen Blick zu sammeln.
+
+»Geht weg!« rief Ruth. Die Kinder drängten sich abseits zusammen. Eine
+Dame und der Betrunkene! Ungeheuer interessierte es sie. In der
+abenteuerlichen Vorstadt aufgewachsen, waren sie an die sonderbarsten
+Vorfälle gewöhnt.
+
+»Ich möchte Sie einiges fragen!« begann Ruth.
+
+»Gerne -- stets bereit!« Herr Herbst schwang den Hut und schwankte
+erschrocken rückwärts. Er hatte Ruth sofort erkannt, und obschon er
+betrunken war, war ihm doch ihr verändertes Wesen aufgefallen. Ihre
+Stimme klang nicht mehr sanft und freundlich wie früher -- hart,
+unbarmherzig. Ja, nun war sie also gekommen . . .
+
+»Nein, nicht gesehen -- nur gehört«, stammelte er erbleichend, während
+sein Blick flatterte. »Geschossen? Ja, geschossen! Ich hörte es.
+Weshalb, weiß ich nicht.«
+
+Ja, weshalb hatte man wohl geschossen? Der Soldat schoß, weil man auf
+ihn schoß, wenn er nicht schoß. Vom Höchsten bis zum Niedrigsten drohte
+hinter jedermann in dieser Zeit ein Gewehrlauf.
+
+»Und Sie können mir nicht sagen --?«
+
+Die Gruppe der Kinder stand immer noch neugierig abseits. Die Dame und
+der Betrunkene, der hin und her schwankte und wahrscheinlich bald einige
+Backpfeifen erhalten würde -- es war ungeheuer interessant.
+
+»Sie meinen?«
+
+Der Havelock hob die kleinen, schmutzigen Hände gegen die Hutkrempe,
+einer Ohnmacht nahe.
+
+»Es muß doch jemand die Polizei aufmerksam gemacht haben, nicht wahr?«
+Ruth schrie ganz laut.
+
+Welch eine deutliche, furchtbare Frage!
+
+Der Havelock taumelte. Er kratzte die grauen Bartstoppeln, sein kleines,
+bleiches Gesicht zuckt. Dann hob er den steifen Hut in die Höhe und
+machte eine Bewegung, als wolle er zu tanzen beginnen, und plötzlich --
+plötzlich fiel er in die Knie.
+
+»Ich, ich!« rief er, krächzte er, den Hut in der Hand und nickte. »Ich!«
+
+»Sie --?«
+
+»Ja, ich! Ich!« Er rutschte auf den Knien näher und senkte voller
+Zerknirschung den kleinen, bleichen Kahlkopf. Die Kinder lachten.
+
+»Ja, ich, Gott sei mir gnädig!«
+
+»Sie --!? Weshalb nur --?«
+
+»Weshalb? Ja, ja --«
+
+»Was hatte er Ihnen getan? Er?«
+
+»Weshalb? Unerklärlich -- wie alles in dieser Welt. Wie alles -- völlig
+unerklärlich -- ich liebe Sie ja, meine Dame, wie meine Tochter --«
+
+»Hüten Sie sich!« Nun wird sie ihn an den Ohren packen, dachten die
+Kinder erwartungsvoll.
+
+»Wie meine Tochter -- unerklärlich!« schluchzte Herr Herbst, und der Hut
+entfiel ihm. »Ich bin ein Verkommener.«
+
+Die Kinder kreischten und klatschten in die Hände.
+
+»Stehen Sie doch auf!« schrie Ruth. »Stehen Sie doch auf!« Und sie
+schrie so laut, daß Herr Herbst sich tatsächlich taumelnd aufrichtete.
+»Was Sie sind, das sehe ich ja. Ein Verkommener, sehr wahr, völlig
+verkommen --«
+
+»Ja, ja, ja!« Herr Herbst hob beschwörend die Hände. »Aber ich war nicht
+immer wie heute, meine Dame. Mein Sohn ist gefallen, seine Mutter
+. . .«
+
+»Aber wissen Sie denn, was Sie getan haben?« unterbrach ihn Ruth außer
+sich. »Wissen Sie es denn? Wissen Sie denn, wen Sie verraten haben? Sie
+Judas Ischarioth?«
+
+Bei dieser Schmähung prallte Herbst zurück.
+
+»Wissen Sie es denn? Er war Jesus Christus, der wiedergekommen war, um
+die Menschheit zu erlösen! Ja, das war er! Sie wußten es nicht!«
+
+»Jesus Christus!«
+
+»Und Sie -- ein Säufer --!«
+
+Namenloser Schreck spiegelte sich in den kleinen, halbblinden
+Trinkeraugen. Er glaubte, was Ruth, bleich und rasend, schrie -- und
+auch Ruth glaubte es im Paroxysmus des Schmerzes.
+
+Rasch wandte sie sich ab und eilte fort. Eingeschüchtert sah das
+Häuflein der zerlumpten Kinder ihr nach. Sie waren verstummt, weil sie
+sahen, daß die Dame, die mit diesem komischen Betrunkenen zankte,
+plötzlich weinte.
+
+»Sie haben ihn getötet -- aber er ist unsterblich! Ein Prophet, ein
+Seher, ein Heiliger war er!«
+
+»Sie haben ihn getötet -- aber er ist unsterblich!« rief Ruth vor sich
+hin, und die Tränen stürzten über ihr bleiches, verklärtes Gesicht.
+
+Selbst als sie in belebtere Straßen kam, rief sie ganz laut und
+unaufhörlich die gleichen Worte.
+
+Aber niemand beachtete sie sonderlich: man war es nachgerade gewöhnt,
+daß Menschen vor sich hin sprachen und weinten.
+
+
+5
+
+Horch!
+
+Das Feuer rollte.
+
+Sie zerrissen die Eingeweide der Erde. Tag und Nacht wühlten
+schweißüberströmte Leiber in den finstern Stollen der Tiefe, ohne Pause
+klirrten die Förderkörbe in allen Erdteilen auf und ab. Die Hochöfen
+spien Feuer über den Kontinenten, Ströme von flüssigem Metall flossen in
+die Formen: Geschütze, Granaten.
+
+Sie zerrissen ihre Gehirne. Die Ingenieure und Chemiker schliefen nicht
+mehr, neue Maschinen, neue Sprengstoffe und Gase, immer fürchterlicher.
+Hunderte von Millionen sannen nur Vernichtung, brüteten nur Tod: die
+Völker der Erde waren Mördervölker geworden.
+
+Tag und Nacht peitschten die Schrauben der Schiffe das Meer -- vorwärts!
+Tag und Nacht flogen die Züge durch Europa, vorwärts. Das Meer zittert
+und die Erde erbebt. Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde,
+die Schätze der Welt. Sie hatten alle das gleiche Ziel.
+
+Die Wolke!
+
+Dort, dort, wo Menschen, Pferde, Vieh, Wälder, die Güter der Erde, die
+Schätze der Welt, zu Staub zermalmt werden -- dort . . .
+
+Schon färben sich die Flüsse rot, und auf den Meeren treiben Inseln von
+Leichen. Frankreich verwandelt sich in eine Wüste, Deutschland in einen
+Friedhof, die Welt in ein Lazarett.
+
+Vorwärts, Soldaten! es soll sich entscheiden -- die Kanonen sollen die
+Probleme lösen.
+
+Die graue Limousine raste durch die glühenden Straßen Berlins.
+Konferenzen, Besprechungen. Schwerdtfeger wischte sich den Schweiß vom
+schmutzigen Gesicht. Auch er war um seinen Urlaub gekommen, aber
+schließlich war er nichts als ein Chauffeur und konnte Gott auf den
+Knien danken, daß er nicht da draußen fahren mußte, wo die Landstraßen
+sich öffnen und Feuer speien.
+
+Die graue Limousine raste über die Linden. Müde und abgespannt blickte
+der General mit halbgeschlossenen Augen auf die Straße und gähnte.
+
+Plötzlich galoppierte ein Berittener über den Reitweg, die Fußgänger
+blieben wie auf Kommando stehen und gafften.
+
+Der General setzte sich mit einem Ruck aufrecht.
+
+Unerhört!
+
+Am hellichten Tage! Unter den Linden!
+
+Niemals hätte man so etwas für möglich gehalten.
+
+Ein paar Dutzend junger Burschen und Mädchen, hundert vielleicht, nicht
+mehr, eilten die Linden entlang und schrien. Eine Spritzwelle von
+Menschen, die über die Linden fegte, nichts sonst. War es nicht
+unerhört, daß jemand Unter den Linden schrie und die öffentliche
+Aufmerksamkeit auf sich lenkte?
+
+Der General rückte unruhig auf dem Sitz und blickte voller Empörung zum
+Fenster hinaus. Aber in diesem Augenblick hoben sich die Fäuste der
+jungen Burschen und Mädchen gegen ihn und schüttelten sich. Fassungslos
+zog er den Kopf zurück. Ja, was geschah, was ging hier vor? Sie schrien
+ein Wort, immer das gleiche Wort -- er verstand es nicht. Er wagte nicht
+zu glauben, daß sie jenes Wort riefen -- es ist unmöglich!
+
+Oben beim Schloß aber wurde er plötzlich ernst. Ah, seht an! Eine Kette
+von Schutzleuten sperrte den Weg. Ein junger Bursche machte den Versuch
+-- schon blitzte ein Säbel durch die Luft. Da lag er.
+
+»Schlagt sie nieder!« schrie der General, purpurrot das Gesicht.
+
+Und die Regierung?
+
+Wütend lachte der General, wütend gegen Schwerdtfegers gekrümmten
+Rücken.
+
+Die Regierung?
+
+Sie schläft.
+
+Die Gaffer auf den Bürgersteigen bewegen sich wieder. Die Spritzwelle
+hat sich verlaufen. Nichts ist geschehen.
+
+Die graue Limousine raste weiter: Konferenzen, Besprechungen. Reserven!
+Nachschub! Verpflegung! Munition! Pferde! Sitzung über Sitzung -- --
+
+Vorwärts, Soldaten!
+
+Die Schlacht brüllt, die Geschütze stampfen, kämpft, sterbt!
+
+Schon runzelt der Divisionär am Telephon die Stirn, der Kommandeur
+erbleicht am Scherenfernrohr: der Angriff am rechten Flügel stockt!
+Vorwärts, Artillerie, wenn es sein muß, die eigene Artillerie soll euch
+vorwärts treiben, wartet!
+
+Kämpft, sterbt! Die Augen der ganzen Welt sind auf euch gerichtet.
+
+Schon zittert die Börse, die Papiere fallen. Ihr werdet doch nicht, ihr
+geliebten Helden? Ja, Helden! Drei Mark, drei Franken, drei Schillinge
+und drei Dollar am Tage, Auszeichnungen, Triumphbögen, künstliche
+Gliedmaßen -- ihr kennt doch unsere Tarife? Ihr werdet doch nicht --?
+Kali, Kohlen, Kolonien . . .
+
+Der Börsentelegraph tickt, Tag und Nacht, schon ist er erregt worden, es
+bröckelt irgendwo ab, es knistert, er tickt, ah, dieses entsetzlich
+erregte Ticken, ihr könnt es leider nicht hören im Kanonendonner, die
+Börsen von Berlin, London, Paris, Rom, Neuyork -- schon hat sich ein
+Bankrotteur eine Kugel in den Kopf geschossen -- und ihr zögert?
+
+Die Kaiser und Könige träumen vom Einzug in die jubelnde Hauptstadt, die
+Präsidenten träumen von dem Moment, da sie den glänzenden Seidenhut
+hochheben, umbraust vom Beifallsklatschen.
+
+Die Landesfürstin, höchsteigenhändig, die Gemahlin des Herrn
+Präsidenten, höchsteigenhändig, wird euch die kleine Blechmünze auf die
+zerschossene Brust heften --
+
+Vorwärts, ihr Geliebten, ihr Herrlichen, Unvergleichlichen!
+
+Die Greise, die die Geschicke dieser Welt lenken, hüsteln hinter den
+gepolsterten Türen in ihre kalten wächsernen Hände. Sie sitzen an langen
+polierten Tischen, mit rosaroten Kinderbäckchen, trommeln mit den
+Fingernägeln, ungeduldig -- die Sekretäre, ohne Tadel, schleichen auf
+den Zehenspitzen über das glänzende Parkett. Die Greise kritzeln mit der
+Feder, werfen gebieterische Blicke.
+
+Jedes Wort, das sie sprechen, bedeutet Tod, jeder Federstrich, jedes
+Lächeln -- Tod, Tod -- sie aber leben.
+
+Seit Monaten, seit Jahren, flimmert himmelhoch die Staubwolke über der
+Walstatt, es regnet schwarzes Blut -- die apokalyptischen Reiter ziehen
+über den Wolken dahin und gießen ihre Schalen aus über Europa. Gewogen,
+gewogen und zu leicht befunden! Die Feuerschrift der Geschütze flammt am
+verfinsterten Firmament.
+
+Soeben ist das Kabinett der Greise zu einer neuen feierlichen Konferenz
+zusammengetreten.
+
+ * * * * *
+
+Reserven!
+
+Die Hände des Generals zittern. Erregt wirft er die Telegramme auf den
+Schreibtisch zurück. Fieberröte flammt über sein Gesicht.
+
+Schon vor zwei Jahren hatte er eine Denkschrift eingereicht, und erst
+kürzlich war er wieder darauf zurückgekommen. Er hatte den Vorschlag
+einer Patriotin aufgegriffen, zwei Millionen Frauen in die Armee
+einzustellen, für Wachtdienst, Etappe, Bureau. Zwei Millionen, zehn
+Millionen, wenn man wollte! Aus den kräftigsten Frauen hätten sich auch
+Kampfbataillone aufstellen lassen, ohne Frage. Die Frauen hätten
+vorzügliches Material abgegeben. (Der General war gewohnt »Material« zu
+sagen, wie alle Militärs.) Auch die Frauen, ohne jeden Zweifel, hätten
+ihre Leiber voller Begeisterung den Kanonen entgegengeworfen!
+
+Seine Denkschrift -- sie verstaubte irgendwo, mit abfälligen
+Randbemerkungen versehen. Man hatte seinen Rat nicht beachtet -- wie man
+Ratschläge überhaupt nicht zu beachten beliebte. Man wußte alles selbst,
+wußte alles besser.
+
+»Ich klingle bereits das zweitemal und Sie kommen nicht!« sagte der
+General mit gerunzelter Stirn zu Weißbach.
+
+»Es hat nur das einemal geklingelt, Herr General«, versicherte der
+Adjutant.
+
+Der General erhob sich -- sein Auge wuchs.
+
+»Ach, nun fangen auch Sie an zu widersprechen.«
+
+Der Adjutant schwieg und stand still. Seine Miene war bleich. Der
+General streifte ihn mit einem Blick. »Nun sind auch Sie beleidigt,
+Weißbach«, sagte er einlenkend. »Es fehlte noch, daß auch Sie beleidigt
+sind.« Der Blick des Adjutanten strahlte Vergebung.
+
+Mit zitternden Händen ging der General hin und her. Dann blieb er vor
+Weißbach stehen und sagte ruhig: »Rufen Sie sofort alle Herren
+telegraphisch aus dem Urlaub zurück! -- Wir müssen unsere Anstrengungen
+_verdoppeln_!« fügte er schreiend hinzu.
+
+Reserven? Als ob nicht alles Grenzen hätte. Und welchen Ton sie
+neuerdings beliebten? Man hatte alles, was nicht umfiel, eingezogen,
+hatte die Lazarette ausgefegt, Fiebernde aus den Betten gerissen, vom
+Operationstisch hatte man die Leute fortgenommen, ohne jede Rücksicht.
+
+Und Reserven?
+
+Ja, es gab einfach keine Reserven mehr, das allein war die Wahrheit!
+
+Das Telephon schrillte . . .
+
+Im gleichen Augenblick wurde es draußen stockfinster, und ein
+knatternder Donner sprang mit teuflischem Gelächter über das Dächermeer
+von Berlin dahin. Gott sei Dank; die Hitze war unerträglich geworden.
+
+
+6
+
+Über den Potsdamer Platz schwang sich an Krücken ein Krüppel. Er
+berührte nur mit der rechten Fußspitze den Boden. Ein kleiner fahler
+Schatten schwang unter ihm.
+
+Alle Passanten, wenige, sehr wenige, zertraten unter ihren Füßen einen
+ebenso fahlen, zusammengeballten Schatten. Es war Mittagszeit, der
+Himmel war mit einem Dunstschleier bedeckt, durch den die Sonne
+blendete. Welche Hitze?
+
+Der Krüppel schwang sich die Leipziger Straße hinauf.
+
+Auch diese Straße war leer! Wenige Menschen, leere Straßenbahnen. Berlin
+war wie ein Friedhof, den nur dann und wann ein Grüppchen von
+Hinterbliebenen besucht.
+
+»Ja, ein richtiger Friedhof!« sagte der Krüppel.
+
+Die wenigen Menschen schlichen, den Blick zu Boden gesenkt, dahin,
+scheu, ängstlich. Mit zitternden Händen griffen sie nach den
+Mittagszeitungen, warfen einen Blick hinein, falteten sie mutlos
+zusammen.
+
+Krieg, Hunger, Tod -- Tod, Hunger, Krieg . . .
+
+Vor wenigen Wochen noch hatte die Hoffnung die Stadt neu belebt. Die
+feindlichen Reserven waren aufgerieben, England stand vor dem Abgrund.
+Ja, was blieb also noch viel zu tun übrig? Die Zeitungen schrieben es,
+ein Minister sogar verkündete es -- nun schien aber doch nicht alles in
+Ordnung zu sein.
+
+Wie Berlin vor Wochen gejubelt hatte, Tausende von Gefangenen, Hunderte
+von Geschützen, so jubelten jetzt Paris, London, Neuyork. Berlin aber
+war still geworden.
+
+Ein Friedhof bei Tag, ein Friedhof bei Nacht. In den Nächten war häufig
+ein Donnern in der Stadt zu hören, ein Grollen, und die Schläfer fuhren
+erschrocken in die Höhe -- horch!
+
+Der Krüppel schwang sich an seinen Krücken die Wilhelmstraße hinauf.
+Hier, bei den Regierungsgebäuden, war es noch stiller. Kein Mensch. Nur
+ein Hund ging, mit Verlaub zu sagen, von Eckstein zu Eckstein.
+
+Der Krüppel bog in die Linden ein und näherte sich der grauen Limousine,
+die vor Stifters Diele stand. Er strich neugierig um den Wagen herum.
+Schwerdtfeger saß im Schatten des Autos auf dem Bürgersteig und nahm wie
+gewöhnlich sein Mittagessen ein, ein Stück Brot mit etwas Käse, weiter
+reichte es nicht. Wie alle Soldaten erhielt er zwei Mark dreiunddreißig
+Pfennige am Tage und zwei Mark Verpflegungsgelder dazu.
+
+Augenblicklich sprang Schwerdtfeger auf und nahm Haltung an. Der Krüppel
+war Offizier, Schwerdtfeger hatte ihn früher schon einmal gesehen. Ja,
+wie ein Gymnasiast, mit schneeweißen Haaren, großen, fiebernden Augen
+und kreidigem Gesicht, das unaufhörlich zuckte.
+
+Der Krüppel schwang sich in Stifters Diele.
+
+Hier, in einer halbdüstern Nische des vornehmen Restaurants, sah er ein
+erdiges Gesicht mit schwarzen Augenhöhlen und einem Blick, der brannte,
+ohne etwas zu sehen.
+
+Auch Stifters Diele war fast leer.
+
+»Ist es erlaubt?« fragte der Krüppel.
+
+Das erdige Gesicht mit den schwarzen Augenhöhlen kam in Erschütterung,
+aufs tiefste erschrocken, die brennenden Augen, die nichts sahen,
+glitten prüfend über das Gesicht, das ohne Pause zuckte, über das
+schneeweiße Haar dieses Gymnasiastenkopfes.
+
+»Ich hatte die Ehre --« Das zuckende Gesicht versuchte zu lächeln.
+
+Da sah der General, daß es Hauptmann Wunderlich war.
+
+»Ist es möglich? Es ist so dunkel hier. Bitte Platz zu nehmen -- bitte
+mir die Freude zu machen, mein Gast zu sein, Hauptmann Wunderlich.«
+
+Hauptmann Wunderlich lehnte die Krückstöcke an die Wand und zog sich an
+den Armlehnen des Sessels in die Höhe. Nie hatte der General die Krücken
+Wunderlichs erblicken können, ohne ihn ganz im geheimen um sie zu
+beneiden.
+
+»Also in Berlin?«
+
+»Ja. -- Ich bin fertig!«
+
+»Fertig?«
+
+Wunderlichs Gesicht zuckte. Der Blick seiner großen Knabenaugen
+fieberte.
+
+»Die Nerven«, sagte er. »Fertig! Leider, aber nicht zu ändern.
+Zusammengebrochen!« --
+
+Aber, seht an, auch die Hände des Generals zitterten, und es schien, als
+ob es dem General Schwierigkeit bereitete, zu sprechen, er stammelte,
+stotterte, suchte nach Worten. Wo war die wunderbare Ruhe und Sicherheit
+des Generals hingekommen?
+
+»Also nicht zufrieden mit den Nerven? Auf Urlaub?« Der General füllte
+mit zitternder Hand Wunderlichs Glas. »Auch hier in Berlin sind wir --
+überarbeitet, dazu die Hitze. Und an der Front?«
+
+Flüstern.
+
+»Scharen von Fliegern! Kämpfe in drei Etagen -- in zwei-, drei- und
+viertausend Meter Höhe -- für eine abgeschossene Maschine zehn neue --
+Kämpfe auch in der Nacht --«
+
+»Auch in der Nacht?«
+
+»Und Bombengeschwader -- in jeder Stunde der Nacht -- keine Ruhe mehr in
+den Quartieren und Lagern -- kein Schlaf . . .«
+
+»Hm.«
+
+Der Kellner servierte.
+
+Mit verzerrtem Gesicht berichtete Wunderlich. Er murmelte, damit niemand
+in der Diele ihn hören konnte.
+
+»-- allein fünfzigtausend Mann durch Gefangennahme verloren in drei
+Tagen, fünfhundert schwere Geschütze --«
+
+»Ich weiß, weiß.«
+
+Flüstern.
+
+»-- die Lazarette ohne Leinen, die armen Kerle in ihren schmutzigen
+Uniformen -- Papierverbände, nackt begraben . . . Pferdefleisch --«
+
+»Pferdefleisch?«
+
+»-- erst die Zunge, jeder ein Stück, mit dem Messer -- in einer Minute
+liegt nur noch das Skelett des Pferdes da --«
+
+»Hm.«
+
+»-- und die Pferde fallen zu Hunderten, Tausenden. Ohne jede Kraft --«
+
+»-- und Gelbkreuz, Blaukreuz?«
+
+»Keine besonderen feindlichen Verluste. Man findet die Batterien
+verlassen. Aber dahinter stehen neue.«
+
+»Und der -- Geist der Truppe?«
+
+»Herrlich -- wunderbar, wie immer. Kämpfen bis zur Erschöpfung. Ohne
+ordentliche Verpflegung, seit Wochen ohne Ablösung . . .«
+
+»Einzelne Divisionen nur noch Stäbe -- Feldküchen, Kraftfahrer . . .«
+
+Flüstern. Raunen. Der General setzt den Kneifer auf und blickt
+argwöhnisch aus der Nische. Überall Lauscher. Wenn der Feind _das_
+erführe --!
+
+»Eineinhalb Millionen amerikanischer Truppen --«
+
+Plötzlich zieht der General die Uhr und erhebt sich rasch. Seine Hände
+sind eisig kalt. Er schwankt beim Hinausgehen.
+
+Und die graue Limousine rast durch die glühenden Straßen: Sitzungen,
+Konferenzen . . .
+
+ * * * * *
+
+Geschrei . . .
+
+Geschrei in den Wolken. Verflucht die Welt, verflucht die Erde!
+Verflucht Könige, Präsidenten und Minister. Verflucht!
+
+Betrogen um unser Leben, geopfert dem Wahnsinn!
+
+Die Millionen der Gefallenen, Geschlachteten, Millionen und abermals
+Millionen, fahren über Europa dahin, in ihren armseligen Lumpen,
+zerfetzt ihre Leiber und schreien. Sie verdunkeln den Himmel.
+
+Betrogen, betrogen!
+
+Fluch auf euch!
+
+Aber die Front donnert, und unendlich steht die Staubwolke über der
+Walstatt.
+
+Nun fällt der Tau, die Nacht sinkt herab. Der Horizont funkelt, Feuer
+loht über das Gewölk, die Geschütze brüllen. Riesengroß steht Ackermanns
+Geist über dem Schlachtfeld, und lauter als die Geschütze schallt seine
+Stimme.
+
+»Völker der Erde -- Söhne von Müttern -- Brüder . . .«
+
+Furchtbar fauchen die Granaten um ihn. In seinem weiten grauen Mantel
+steht er, die Hände erhoben, seine Augen sind sprühende Sterne. Stahl,
+Feuer, Gase? Was wollen sie noch von ihm? Lauter als die krachenden
+Granaten tönt sein Ruf.
+
+»Brüder!«
+
+Und die schweißbedeckten Soldaten in den Laufgräben, Erdlöchern,
+Batteriestellungen lauschen. Welche Stimme?
+
+Ackermanns Geist trägt die Verwundeten über das Schlachtfeld, fällt den
+Rasenden in den Arm, die den hilflosen Gegner niederschlagen wollen,
+führt die Hand des Arztes, der den blutenden Feind verbindet. Ackermanns
+Geist berührt die Toten, die mit offenen Augen liegen, Deutsche,
+Franzosen, Inder, Amerikaner, Engländer, Neger, Kanadier, Australier,
+und spricht: ihr alle werdet auferstehen am Tag der Versöhnung, ihr
+Heiligen und Märtyrer!
+
+Ackermanns Geist erfüllt die finstere Wolke, die über der Walstatt bis
+zu den Sternen lodert, und schon -- schon dämpft sich der Lärm der
+Geschütze. Schon schweigen sie . . .
+
+Aber die Greise, die einen leisen Schlaf haben, fahren erschrocken auf
+in ihren Betten, lauschen und drücken auf die Klingel.
+
+Wiederum beginnen die Geschütze fürchterlich zu toben.
+
+Die Menschen lieben Macht und Glanz, wie Kinder. Leicht sind die Völker
+zu verführen -- aber wehe denen, die sie verführen!
+
+
+7
+
+Nein, es ging nicht mehr! An einem Sonntagnachmittag schickte der
+General den Wagen wieder fort. Es geschah zum ersten Male seit Monaten.
+Vor Erschöpfung sank er um. Augenblicklich fiel er in Schlaf, und er
+schlief, röchelnd und stöhnend, den ganzen Nachmittag bis in den Abend
+hinein.
+
+Als er wieder erwachte, war das Zimmer voll schwerer Dunkelheit.
+Verstört fuhr er auf. Sein Kopf war dumpf, glühendheiß. Der Schweiß rann
+über sein Gesicht.
+
+Zehn Uhr! Sollte man es für möglich halten? Sieben volle Stunden hatte
+er geschlafen! Ein Unbehagen war aus dem Schlaf in ihm zurückgeblieben
+-- etwas Schweres, Bleischweres -- was war es doch? Hatte er geträumt?
+Das Haus war heiß wie ein Backofen, unerträglich. Er machte sich rasch
+zum Ausgehen fertig.
+
+Auf der Treppe stockte plötzlich sein Schritt. Die Stiefelspitze zuckte
+zurück, als habe er auf der Stufe irgendein ekelhaftes Insekt bemerkt.
+Ja, ein häßlicher Traum, in der Tat, widerwärtig! Das Siegesgespann auf
+dem Brandenburger Tor -- es war herabgestürzt, und sein Auto war von dem
+Trümmerhaufen, den Gaffer umstanden, aufgehalten worden. Welch ein Chaos
+und diese aus den Trümmern vorstehenden Pferdebeine! Und der
+Trümmerhaufe hatte sonderbarerweise fast den ganzen Pariser Platz
+bedeckt, ein förmlicher Berg --
+
+Auf der Straße war die Luft herrlich und erfrischend -- schon etwas
+herbstlich. Es mußte kurz vorher geregnet haben, das Pflaster war noch
+feucht. Über den Tiergarten flog rasch der Mond dahin, umwirbelt von
+kleinen Wolken, wie in einem Schneegestöber. Eine Droschke, ein paar
+Spaziergänger, tiefe Ruhe.
+
+Der General ging langsam dahin und atmete die Frische des Abends ein.
+Bald hatte er auch das Unbehagen überwunden, das aus dem widerwärtigen
+Traume zurückgeblieben war. Er fühlte sich durch den langen Schlaf
+erfrischt, die abgehetzten Nerven waren ruhiger geworden. Die Gedanken
+gehorchten.
+
+Er nickte vor sich hin. Klar stand es vor seinen Blicken, unheimlich
+klar, erschreckend klar. Es war gar nicht erst nötig, daß dieser
+Wunderlich kam und ihm noch diese fürchterlichen Fingerzeige gab. Nein.
+Er blieb stehen.
+
+»Napoleon hatte wenigstens den Winter als Entschuldigung für sich«,
+raunte er vor sich hin, voller Verachtung.
+
+Nun ging er wieder einige Schritte und nickte: »Sie lassen sich schlagen
+-- regelrecht schlagen!« Ja, das war es.
+
+Hatte er nicht immer gewarnt?
+
+Diese ganze Offensive -- glatter Wahnwitz! Unvermeidlich große Verluste,
+eine unsinnige Verlängerung der Front -- keines der strategischen Ziele
+erreicht, der Angriff immer mehr nach Süden abgeglitten. Der Durchstoß
+zum Meer, die Abdrosselung der englischen Armee -- alles mißglückt. Und
+was hatten sie, die Frage war wohl erlaubt, abermals an der Marne zu
+suchen gehabt? Eine Riesenausbuchtung der Front, gespeist von einer
+einzigen schwachen Bahnlinie. Wie? Weshalb? Unverständlich!
+
+Aber selbst wenn diese verfehlte Offensive gelungen wäre, angenommen --
+was dann? Sie hatten ja nichts mehr in der Hand -- nichts mehr, um den
+Erfolg auszuwerten. Die andern dagegen: Amerikas unerschöpfliches
+Reservoir an lebendem und totem Material, kaum angebrochen --
+
+»Ja, schlagen, diese Gottähnlichen --!«
+
+Würde man ihm heute ein Frontkommando anbieten -- danke, danke ergebenst
+. . .
+
+War er nicht immer dafür eingetreten, zurückzugehen auf befestigte
+Stellungen, zur Maas, zum Rhein, wenn es sein mußte, und den Feind
+anlaufen zu lassen? Millionen hätten sie noch opfern müssen! Jahrelang
+konnte man sich halten, und eine ungeheure Manövrierarmee war frei für
+politisch-militärische Aktionen in Italien, Mazedonien, der Türkei.
+
+Plötzlich aber blieb der General verwundert stehen:
+
+Licht? Bei Dora Licht?
+
+In seine Gedanken versunken, war er bis zur roten Backsteinvilla
+gegangen, ohne jede Absicht.
+
+Er sollte den heutigen Abend eigentlich bei Dora verbringen, aber sie
+hatte ihm gestern abgeschrieben, da sie aufs Land reisen wollte.
+
+Erfreut, Dora zu Hause zu wissen, trat er ein. Seine Sorgen, die
+Gedanken, die ihn folterten, das Gefühl der Einsamkeit, das ihn marterte
+in letzter Zeit --
+
+Die Haustüre stand offen. Niemand war in der Diele, das Licht brannte.
+
+»Petersen!«
+
+Aber niemand kam. Stille.
+
+Aus der oberen Etage, die dunkel lag, klang ein sonderbarer Ton. Wie das
+Klagen eines Vogels, der immer den gleichen hilflosen, wehmütigen Schrei
+ausstößt, ein gefangener Vogel, der den Tod fühlt und nur noch einen
+Klagelaut hervorbringen kann. Eine Geige. Es war Hauptmann v. Dönhoff,
+der zurzeit hier Wohnung genommen hatte -- bis er etwas Geeignetes fand.
+Zweihundert schöne Frauen, zwei Elefanten und ein Nashorn -- und jetzt
+trug er also eine schwarze Brille und fing an, die Geige zu lernen. Er
+übte von früh bis nachts.
+
+Der General legte ab und öffnete die Türe, die zum Zeltzimmer führte.
+
+Auch in dem kleinen Vorraum brannte Licht. Der verzückte Heilige in
+seinem zinnoberroten Rock schwang mit rasender Gebärde sein Buch -- ein
+blinder Spiegel -- der General schlug den Vorhang zur Seite -- auch im
+Zeltzimmer war Licht, die blaue Deckenampel brannte. Aber niemand war zu
+sehen.
+
+Da hörte er Doras Lachen und eine Männerstimme.
+
+Er schrak zusammen. Hatte sie Gäste? Wer war hier? Es war wohl besser,
+wieder hinauszugehen und Petersen zu suchen. Vielleicht war er im
+Garten? Ja, wo war er eigentlich, dieser Petersen, das Haus offen, jeder
+Einbrecher konnte hereinkommen.
+
+Fern, ganz fern klang das monotone Klagen des unglücklichen, gemarterten
+Vogels, der seinen Schmerz in dem ewig gleichen Ton ausdrückte.
+
+Der General war verwirrt. Es fiel ihm schwer, einen Entschluß zu fassen.
+Schließlich -- hatte Dora Geheimnisse vor ihm? Plötzlich erinnerte er
+sich all der kleinen Widersprüche, der unbedeutenden, gänzlich
+unbedeutenden Begebenheiten, die ihn zuweilen, besonders in letzter Zeit
+beunruhigt hatten. Sie war also nicht auf dem Lande, und doch schrieb
+sie --
+
+Ja, schwer einen Entschluß zu fassen. Wie viele Gäste mochten es sein?
+
+Er roch den Duft von brennendem Reisig. Dora liebte es, mit Feuer zu
+tändeln und Reisig und Tannenwedel im Kamin zu verbrennen.
+
+Schweigen da drinnen. Das Feuer knisterte -- der Feuerschein flackerte
+über den Boden, und der Vogel klagte in der Ferne.
+
+Der General wandte sich zum Gehen -- aber da, gerade in dem Augenblicke,
+da er den Fuß rückte, um hinauszugehen und Petersen zu suchen -- gerade
+in diesem Augenblick fesselte etwas seine Aufmerksamkeit im höchsten
+Maße: in der lichten Spalte des Vorhangs, neben dem bauschigen schwarzen
+Kissen, das auf dem Teppich drinnen lag -- erschien ein himbeerfarbener
+kleiner Seidenpantoffel.
+
+Er hypnotisierte den General. Dieser kleine Seidenpantoffel bewegte
+sich, als sei er lebendig -- ein Fuß wurde sichtbar, ein Knöchel . . .
+trug sie fleischfarbene Seidenstrümpfe, oder was war es?
+
+Nun erschien eine Hand, eine volle, gepflegte Hand, Doras Hand, und
+diese Hand warf mit einem kleinen Schwung eine angerauchte Zigarette in
+die Richtung des Kamins. Wieder bewegte sich der kleine himbeerfarbene
+Seidenpantoffel. Der Saum eines hellroten durchsichtigen Gewandes wurde
+sichtbar --
+
+»Das ist ganz unmöglich!« sagte Dora laut und offenbar etwas ärgerlich.
+»Ich bitte dich, gewisse Rücksichten --«
+
+»Rücksichten?« lachte eine Männerstimme. »Es ist töricht, ewig
+Rücksichten zu nehmen, Dora!«
+
+Diese Stimme! Der General erbleichte.
+
+Da knurrte ein Hündchen. Butzi, der Griffon, war erwacht und knurrte.
+
+»Schweig!« sagte Dora.
+
+Aber Butzi schwieg nicht. Im Gegenteil, er begann plötzlich mit heller
+Stimme wütend zu kläffen.
+
+Der himbeerrote Seidenschuh verschwand.
+
+»Ist jemand da? Komm, Butzi, Liebling.«
+
+»Wer soll da sein?«
+
+Der General wich zurück. Er war wie gelähmt. Aber trotzdem wich er
+zurück. Doch schon war es zu spät. Jemand stand auf, ein Schritt näherte
+sich, lautlos --
+
+ * * * * *
+
+Ja, es war zu spät! Der lautlose Schritt war nun ganz nahe. Und eine
+Hand raffte den Vorhang auf.
+
+Der General wich noch einen Schritt rückwärts, soweit ihn seine
+gelähmten Glieder trugen. Er rang nach Luft, die Uniform schnürte seine
+Brust ein -- plötzlich hörte die Geige in der Ferne auf zu klagen.
+
+Im Vorhang erschien --
+
+Ja, was erschien da?
+
+Es erschien eine, hochaufgerichtet, eine im ersten Moment übersinnliche
+Erscheinung, gleißend wie Luzifer. Ein orientalischer Priester, wenn man
+will, in einem gleißenden, feuergelben Gewand, über das grellrote
+Drachen züngelten. Mit bleichen Armen und einem bleichen bläulichen
+Gesicht mit schneeweißen Augen. Hochaufgerichtet. Otto.
+
+Luft -- der General faßte sich. Er hatte die Stimme ja sofort erkannt.
+Auch er richtete sich auf, wuchs in die Höhe und blickte in diese
+schneeweißen Augen.
+
+Es waren die Augen seines Sohnes, mehr noch, es waren die hellen Augen
+der Hecht-Babenberg.
+
+Diese Augen waren im ersten Augenblick erschrocken, sofort aber sammelte
+sich der Blick in ihnen. Sie wuchsen, und ein kalter Glanz stieg aus
+ihrer Tiefe.
+
+Diese Augen sprachen, und er verstand ganz deutlich, was sie sagten! Sie
+glänzten verächtlich.
+
+Du?
+
+Du hier? Seht an! Du lauschst? Du spionierst? Ei, seht an!
+
+Sehr interessant. Soll ich dich bei Dora anmelden?
+
+Nun aber wurde der Glanz härter, kälter, eisig.
+
+Gut! Nun weißt du es! Was willst du noch? Gehe!
+
+Ja, gehe! sagten sie, diese Augen.
+
+Und nun blendeten sie plötzlich.
+
+Du kennst meine Gefühle für dich, oder? -- Du weißt es -- lange, lange!
+Ich ziehe die Konsequenzen, wenn du willst -- ich stehe zur Verfügung --
+jederzeit . . .
+
+Ja, das sagten also Ottos Augen -- oder täuschte er sich?
+
+Der Vorhang floß über einem nackten Arm zusammen: die Erscheinung war
+verschwunden.
+
+»Niemand ist hier!« sagte Otto in gleichmütigem Ton, hinter dem Vorhang,
+und Dora rief das Hündchen, das immer noch kläffte, abermals zur Ruhe.
+
+Eine -- zwei -- drei Sekunden lang hatten die beiden Hecht-Babenberg die
+Blicke gekreuzt. Nicht länger.
+
+Mit rasender Gebärde schwingt der Heilige im roten Rock sein Buch. Durch
+den blinden Spiegel gleitet ein Gesicht, wie aus Kreide geschnitten.
+Jemand tastet sich durch die Diele, eine schwarze Hornbrille auf der
+Nase -- richtet einige Sekunden die schwarzen Gläser auf ihn -- oder war
+es ein Gespenst?
+
+
+8
+
+Zur gleichen Stunde ging Ruth die Tiergartenstraße entlang, ihrem Hause
+zu. Im Augenblick, da sie in das kleine verstaubte und verwahrloste
+Vorgärtchen eintreten wollte -- sie hatte schon die Gittertüre in der
+Hand -- rief eine leise Stimme ihren Namen.
+
+Sie hielt inne. Im Schatten der Bäume gegenüber gestikulierte ein
+Schatten. Da sie zögerte, trat der Schatten einen Augenblick in den
+Lichtschein und winkte.
+
+Ruth erkannte ihn. Zögernd überschritt sie den Fahrdamm. Der Mond flog
+dahin, hoch oben, von feinen Schleierwolken umtanzt.
+
+»Sie? Was wünschen Sie von mir?«
+
+»Schon seit Tagen versuche ich, Sie zu treffen. Bitte zu verzeihen. Ich
+habe neulich etwas zu sagen vergessen. Bitte, in den Schatten zu treten.
+Ich darf mich nicht sehen lassen --«
+
+»Ich verstehe Sie nicht!«
+
+»Vieles ist unverständlich -- aber man hat mich gewarnt -- ein hoher
+Herr ist ungehalten über mich. Man hat mir gedroht, mich in ein
+Irrenhaus zu sperren, wenn ich mich noch einmal sehen lasse.«
+
+»Ich kann Sie wirklich nicht verstehen!«
+
+»Tut auch nichts zur Sache. Nicht das wollte ich Ihnen sagen. Können wir
+ein bißchen weiter -- so, danke -- fürchten Sie nichts. Ich bin ein
+alter Mann, habe auch nichts getrunken heute. Mit Absicht. All diese
+Tage nicht. Ja, neulich -- ich habe mich geschämt -- aber gerade weil
+ich in diesem Zustand war, habe ich etwas zu sagen vergessen -- etwas
+sehr Wichtiges.«
+
+»Bitte --!«
+
+»Nicht ich allein also, das wollte ich sagen --«
+
+»Nicht Sie allein --?«
+
+»Nein, nicht ich allein bin der Schuldige.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht.«
+
+»Warten Sie. Es kommt jemand. Gehen wir ein paar Schritte. So.«
+
+Flüstern im Dunkeln.
+
+»Nicht ich allein also, sondern gleichzeitig -- vielleicht sogar früher,
+ich weiß es nicht -- aber es galt gar nicht ihm, sondern Ihnen.«
+
+Flüstern. Plötzlich ein Schrei. Es ist Ruth, die schreit.
+
+»Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich!«
+
+»Ich bitte Sie, gnädiges Fräulein -- gehen wir -- gerade kommt -- so,
+ein paar Schritte --«
+
+»Ganz unmöglich!«
+
+»Ich schwöre! Der Agent sagte es mir.«
+
+Flüstern. Raunen. Wieder bewegen sich die Schatten im Dunkel der Bäume
+vorwärts.
+
+Plötzlich bleibt Ruth stehen.
+
+»Schwören Sie mir --!«
+
+»Ich schwöre!«
+
+»Schwören Sie mir -- bei Ihrem Sohn, der gefallen ist --«
+
+»Ich schwöre!«
+
+»Beim Andenken Ihrer Frau -- schwören Sie --«
+
+»Ich schwöre!«
+
+»Hören Sie: Sie sollen ewig verflucht sein, wenn Sie lügen --«
+
+»Ewig verflucht soll ich sein --«
+
+Ruth schlägt die Hände vors Gesicht und läuft in die Finsternis des
+Parkes hinein. --
+
+ * * * * *
+
+Der Mond flog über den finstern Himmel, durch brodelnde Wolken hindurch.
+Aber schließlich kam er nicht mehr von der Stelle. Er blieb in einer
+pechschwarzen Wolke stecken, und endlich verschwand er vollkommen. Die
+Bäume des Tiergartens neigten die Wipfel -- ein Windstoß pfiff über sie
+dahin.
+
+In völliger Dunkelheit lag plötzlich die Stadt, schwarz und leblos, wie
+der Kadaver eines stachligen Riesentieres, das auf dem Marsch durch die
+Rübenfelder und Kartoffeläcker verendet war und faulte. So lag sie zwei,
+drei, fünf Minuten, dann aber verschwand sie in einer ungeheuren
+Staubwolke, die aus den Straßenschluchten emporschlug. Ein Gewirr von
+Blitzen griff nach ihr, umklammerte sie, um sie zu vernichten. Der
+Donner knatterte.
+
+Plötzlich begannen die verspäteten Passanten erschrocken dahinzueilen!
+Nein, nicht das Wetter war es! Etwas ganz anderes --
+
+Durch die dunkeln Straßenschluchten flatterte -- in unheimlicher Eile --
+ein weiter, heller Soldatenmantel. Glänzende Hände, glänzend im Schein
+der Blitze, pochten donnernd an die Türen der Häuser: Auf, auf, ihr
+Schläfer, die Stunde ist gekommen! Die glänzenden Hände berührten die
+Schultern der Dahineilenden, daß sie erbleichten: Zögert nicht länger!
+An den schwarzen Scheiben der finstern Häuser fuhr ein glänzendes
+Antlitz vorbei: Schon sind sie unterwegs die Boten des neuen Reichs.
+Seid bereit!
+
+Da trug der Wirbelwind den flatternden Soldatenmantel in die Höhe, und
+die glänzenden Hände, das glänzende Antlitz flogen mit rasender
+Schnelligkeit über die Dächer der Stadt dahin.
+
+Was war es? Was für Dinge geschahen in dieser Stadt --?
+
+Nun rauschte der Regen.
+
+Die Schutzleute flüchteten, die Diebe und Einbrecher huschten in
+Torbogen -- sonst war niemand mehr auf der Straße.
+
+Ein herrlicher, wunderbarer Regen, kalt, klar, rücksichtslos stürzte aus
+dem schwarzen Himmel.
+
+ * * * * *
+
+Hauptmann v. Dönhoff stand unter einer Haustüre am Ende der
+Lessingallee. Weiter war er nicht gekommen, das Wetter hatte ihn
+überrascht.
+
+Hier stand er nun und lauschte glückselig auf das Rauschen des Regens
+und das Krachen der Donnerschläge. Ja, ganz wunderbar!
+
+Da -- eine Droschke klapperte dahin.
+
+»He, Kutscher -- hundert Mark für die Fahrt!«
+
+»Heda, Droschke! Droschke, halt!«
+
+Es war wieder nichts. Die Pferdehufe klappten weiter.
+
+»Heda, Droschke! Hundert Mark!«
+
+Ah, endlich hatte er Glück. Die Droschke hielt.
+
+Hauptmann v. Dönhoff, mit der schwarzen Brille auf der Nase, tastete
+sich durch den Regen. »Wo sind Sie denn? Ich sehe etwas schlecht.«
+
+»Hier stehe ich!«
+
+Langsam schaukelte die Droschke durch die Sintflut. Dönhoff streckte die
+Nase durch das Fenster und schnupperte. Herrlich diese Luft, herrlich
+dieser Regen und geradezu berauschend das Knattern des Donners. Endlich
+etwas Lärm! Die Straßen waren wie reingefegt. Nur dann und wann das
+Klatschen von Pferdehufen und das Rasseln eines eisernen Ungeheuers, das
+Dönhoff als ein Auto feststellte.
+
+Endlos war diese Reise in das Bayrische Viertel, aber ein Hochgenuß. Zum
+ersten Male verließ er sein Zimmer in der roten Backsteinvilla, wo keine
+Seele sich um ihn kümmerte. Frei! Frei! Er zündete sich eine Zigarette
+an, verbrannte sich etwas die Nasenspitze, aber das schadete nichts. Wie
+eine Reise erschien ihm diese Droschkenfahrt durch das dunkle,
+regenrauschende Berlin.
+
+Da hielt die Droschke, und Dönhoff kroch heraus.
+
+»Und nun, mein Freund, eine große Gefälligkeit, da ich schlecht sehe --
+klingeln Sie den Portier heraus. Ich möchte zu Fräulein Alexa
+Alexandra.«
+
+Alexa Alexandra? Eine Tänzerin, das heißt weniger eine Tänzerin als eine
+Dame. Früher war er befreundet mit ihr, er hatte sie gewissermaßen
+entdeckt, kreiert. Petersen hatte ihm im Telephonbuch ihre jetzige
+Adresse aufgesucht.
+
+Der Kutscher steckte sein Benzinfeuerzeug in Brand, überzeugte sich, daß
+die Banknote echt war, und begann den Portier herauszuklingeln.
+
+»Er bekommt ein schweres Trinkgeld -- sagen Sie --«
+
+Und dieser Portier brachte ihn im Lift zu Alexa Alexandra hinauf.
+
+»Bitte, klingeln Sie -- ich sehe schlecht!«
+
+Offenbar hatte Alexa Gesellschaft -- Lachen, Händeklatschen, ein sehr
+lauter Phonograph, Stampfen -- das traf sich ausgezeichnet.
+
+Die Türe öffnete sich, und Dönhoff bat der Dame des Hauses zu sagen, daß
+»Rinaldo« vor der Tür stände und sie erwarte. »Rinaldo! Sonst nichts!
+Sie kennen doch den berühmten Räuberhauptmann? Ich bin es!«
+
+Ah! Dönhoffs Herz pochte -- es hatte nicht so laut gepocht, als die
+Granaten einschlugen -- ein Ausruf, ein Schrei! »Rinaldo! Wirklich?« Und
+zwei Arme umschlangen Dönhoffs Hals, zwei weiche, gepuderte, duftende
+Arme.
+
+»Rinaldo, Lieber, Liebster! Welche Überraschung!«
+
+Aber sofort hatte Alexa herausgefunden, daß diese Sache mit den
+schlechten Augen auffallend war, diese entsetzliche schwarze Brille!
+
+Sie schob diese Brille mißtrauisch in die Höhe -- und da waren also, wo
+sonst die Augen sind, wo sonst diese Augen waren, sie kannte diese
+frechen Augen -- zwei rote Nähte, keine Augen mehr.
+
+Alexa stieß entsetzte Schreie aus. »Mein Gott, was haben sie mit dir
+gemacht?«
+
+Sie weinte und stampfte mit den Füßen.
+
+»Ah, diese Schurken!« schrie sie -- und der laute Phonograph spielte
+einen Two-step -- »Sie haben ihn blind geschossen!« Und sie drückte ein
+paar rasche Küsse auf diese roten Nähte, wo die Augen früher saßen.
+
+»Meine Herrschaften!« -- der Phonograph schwieg -- »Ich stelle Ihnen
+hier meinen Freund vor, meinen lieben alten Freund, Baron Dönhoff -- ein
+lieber Junge! Er ist blind -- diese Schurken von Franzosen haben ihn
+blind geschossen! Er ist der berühmte Herrenreiter Dönhoff. Sie erinnern
+sich, meine Herren -- er gewann so viele Rennen -- Kitty, gehe weg --
+nun ist er also wieder in Berlin -- ja, hier bist du zu Hause, du lieber
+Junge!«
+
+Dönhoff lächelte verlegen. Er schämte sich.
+
+Die Alexa küßte ihn, und er fühlte, wie ihre Tränen seine Wangen näßten.
+»Noch etwas -- ladies and gentlemen -- er wünscht nicht, daß man auf ihn
+die geringste Rücksicht nimmt. Also weiter!«
+
+Der Phonograph ertönte wieder -- die Füße, die Schuhe schlürften.
+
+Die Alexa führte ihn in eine Ecke zu einer Ottomane. Parfüm, allerlei
+Essenzen, der Geruch eines scharfen Punsches, Musik und dicht an ihm
+vorbei flatterten die Röcke.
+
+»Ganz ungestört sollst du hier sein, du lieber Junge. Du bist zu Hause
+und kannst es dir ruhig bequem machen. Siehst du denn gar nichts mehr?
+Nein! Oh, diese elenden Schurken! Hören Sie, Doktor, geben Sie ein Glas
+Sekt für Baron Dönhoff -- vielleicht haben Sie Geld gewonnen, als Sie
+seinerzeit auf ihn setzten? Er gewann fast immer, ach, das waren Zeiten!
+Im ganzen sind fünfzehn Menschen hier, Rinaldo, sechs, sieben Damen. Ich
+werde sie dir vorführen. Lola!«
+
+»Hier also, das ist die kleine Lola. Sie ist eine Ungarin eigentlich.
+Sie ist ganz schwarz, und ihre Brauen wachsen zusammen. Aber sie ist
+eine ganz kühle Person, ganz und gar nicht sinnlich -- oder, Lola? Ja,
+so komm doch dicht an ihn heran. Verstehst du mich, er sieht ja nichts,
+er ist blind. Sei lieb zu ihm, sei nett -- er ist nett zu mir gewesen,
+vor zehn Jahren, als ich noch Verkäuferin war und am Sonnabend in
+Halensee tanzte -- ja, fühle nur, die Brauen wachsen tatsächlich
+zusammen -- fühle nur -- küsse ihn, Lola, du mußt nett zu ihm sein.«
+
+Und Lola küßte Dönhoff und streichelte ihn.
+
+»Das hier ist Fiffi -- wie nett, sie kniet vor dir. Küsse sie, so! Sie
+ist die Freundin dieses kleinen Schwarzen dort, der mit dem Monokel, die
+beste Tangotänzerin in Berlin. Sie ist blond, aber ihre Haare sind
+gefärbt -- Fiffi -- er sieht doch nicht, er ist blind, ich muß ihm also
+alles beschreiben. Sie tanzt wunderbar und hat zwei erste Preise
+gewonnen.«
+
+»Und hier, das ist Thea -- sie ist etwas üppig -- aber Thea, er sieht
+doch nicht! -- sie hat ganz große blaue Augen und filmt. Du würdest dich
+in sie verliebt haben, weil sie so drollig ist. Küsse ihn, Thea, er ist
+ein so lieber Junge!«
+
+»Und das hier -- Rolli -- come along! -- Rolli -- ein kleiner Teufel!
+Siehst du, sie bringt dir gleich Punsch mit! Sie ist erst achtzehn Jahre
+alt, aber schon völlig verdorben. Pfui, Rolli -- beherrsche dich doch!
+Aber sie ist sehr süß. Sie hat, nun dir darf ich es ja sagen, eine
+kleine Schwäche für Frauen und kennt die Damen der höchsten
+Gesellschaft. Ihr Freund ist ein Dichter. Siehst du, sie trinkt an
+derselben Stelle des Glases, wo du getrunken hast. Sie will dir zeigen,
+wie lieb sie dich hat. Ja, das also ist der berühmte Rinaldo -- nun
+entstellt ihn ja diese häßliche Brille etwas, aber man gewöhnt sich ja
+rasch!«
+
+»Und das hier -- Reh -- sie heißt Rebekka -- Reh, komm hierher. Siehst
+du, sie ist ein Kind. Sie hat Tränen in den Augen. Aber sie ist auch ein
+bißchen angetrunken. Reh! Was tust du? Ach, siehst du, sie weint. Küsse
+ihn, so, so, küsse ihn. Er sieht ja nicht, man muß nett zu ihm sein.«
+
+»Du siehst, wie sie dich hier verwöhnen. Das ist Blanche, und sie bringt
+dir ein Pralinee. Stecke es ihm doch in den Mund! Blanche heiratet
+übermorgen, und dann werden wir Tag und Nacht bei ihr tanzen. Sie
+heiratet einen Sattler, der im Kriege sieben Millionen verdient hat. Ja,
+reizend wird es bei ihr werden. Fühle nur ihre Ringe. Fühle doch. Alles
+echte Steine, aber er ist so verschossen in sie. Fühle doch ihre Wangen.
+Hast du je so etwas Sanftes gefühlt? Ihr Teint ist herrlich. Fühle ihre
+Hüften -- was sagst du? -- Ah, siehst du, Rinaldo --«
+
+
+9
+
+Allmählich wurden die Donnerschläge schwächer, das Gewitter zog langsam
+ab.
+
+Erst nachdem der General ungeduldig wurde und seinen Titel nannte,
+erhielt er telephonischen Anschluß. Augenblicklich meldete sich Major
+Wolff, der Nachtdienst hatte.
+
+Der General ließ sich Vortrag halten. Wolff las die wichtigsten
+Telegramme vor, die wichtigsten Eingänge -- eine volle Stunde sprach der
+General am Telephon. Das Gewitter sog an den Drähten, zuweilen klang die
+Stimme Wolffs ganz fern und klein. Um jede Kleinigkeit kümmerte sich der
+General. Er gab mit kühler, klarer Stimme Anordnungen -- schließlich
+aber war alles erledigt. Bitte morgen um einhalb acht um telephonischen
+Anruf. Schluß und gute Nacht!
+
+Augenblicklich vertiefte sich der General wieder in die Aktenstücke,
+ohne aufzublicken. Ja, nun waren sie alle erledigt. Nochmals
+breitete er die große Karte über den Schreibtisch. Staubecken,
+Überschwemmungsgelände, natürliche Hindernisse -- es mußte schließlich
+noch in letzter Stunde gelingen, den Riesenkörper der Armee rückwärts zu
+leiten. Vielleicht verführte ihn der gegenwärtige Zustand seiner Nerven
+zu einer allzu pessimistischen Beurteilung der Lage.
+
+Der General war noch in voller Uniform, er hatte sich nicht umgekleidet.
+Und immer noch rauschte draußen der Regen.
+
+Auch die strategische Betrachtung war nun abgeschlossen. Er warf noch
+eine Anzahl Notizen auf den Block, für morgen. Ja, nun war alles
+Dienstliche erledigt.
+
+Ohne jede Unterbrechung, voller Hast, begann der General plötzlich einen
+Brief aufs Papier zu werfen.
+
+Während des einstündigen Telephongespräches, während er die strategische
+Lage analysierte -- immer hatte er nur an diesen Brief gedacht, um die
+Wahrheit zu sagen. Er hatte ihn völlig im Kopfe entworfen, und nun
+rasch, rasch, um die Sache zu Ende zu bringen.
+
+Ein Vermögen . . .
+
+Nun -- das war ja schließlich das wenigste!
+
+Aber schon fühlte er Unruhe. Gemurmel in den Ohren, Stimmen, die von
+innen heraus kamen, nicht von außen her, und absurde Worte raunten. Sein
+Herz schlug, es pochte in der Brust, im Kopf, in den Armen, im Schenkel.
+Die Wände klafften, das starre Auge blickte durch die Spalten in die
+schwarze Finsternis, leer, tot, kalt und unendlich wie der Raum zwischen
+den Sternen. Erschauernd schob er den Schreibtisch weit von sich und
+sprang auf.
+
+Licht!
+
+Lauten Schrittes, absichtlich ging er ganz laut, wanderte er durch die
+Zimmer. Er sprach abgerissene Worte vor sich hin, lachte mit
+geschlossenen Zähnen.
+
+»Wie? Wie? Freundschaft -- Treue -- Glauben -- wie?«
+
+Grau sein Gesicht. Er vermied es, in die Spiegel zu blicken -- aber
+doch, ohne es zu wollen, sah er immer wieder ein graues Gesicht durch
+die Spiegel wandern. Er schlich dahin, gebeugt, scheu, verfolgt.
+Geflüster kroch über die Wände, die toten Dinge begannen sich zu winden,
+das Licht blinzelte.
+
+Im Salon hing sein Porträt, gemalt kurz vor dem Kriege. Von einem
+Schützling von -- ihr! Aus Gefälligkeit hatte er sich malen lassen, er
+gab sonst nichts auf moderne Malerei. Früher war er jahrelang Mitglied
+eines Kunstvereins gewesen, dem hoher Adel und Grundbesitz angehörte,
+man zahlte zwanzig Mark Jahresbeitrag und erhielt dafür jedes Jahr
+irgendein Kunstblatt. Längst war er ausgetreten, aber da sie es
+gewünscht hatte --
+
+Die Hände auf das Schwert gestützt, hatte ihn der Künstler dargestellt.
+Das Gesicht war kantig, hart, entschlossen. Trotz der angegrauten
+Schläfen blühend von Gesundheit und Kraft. Der Blick voller Festigkeit
+und Ziel. Vielleicht ein bißchen geschmeichelt das ganze Bild.
+
+Trotzdem, diese letzten vier Jahre waren wie ein Jahrzehnt.
+
+Grau und erdig sah er sein Gesicht durch die Spiegel gleiten, obgleich
+er es vermied, hinzusehen. Auch sein Rücken, die Linie seines Rückens --
+sie schien ihm gebogen zu sein, obgleich er nicht hinsah, sondern den
+Blick abwandte.
+
+Dieselben Hände, die in kraftbewußter Lässigkeit auf dem Schwertknauf
+ruhten, sie waren heute die Hände eines alten Mannes. Die Haut hatte
+eine fahle Färbung, die Adern auf den Handrücken waren geschwollen.
+
+Ja, kaum war er den Hauptmannsjahren entwachsen -- und schon war er alt!
+Und doch sah er sich noch als Leutnant vor sich! Seine für damalige
+Verhältnisse etwas stutzerhafte Uniform. Und doch sah er sich noch als
+Kadett vor sich, ganz deutlich, mit dem kleinen Seitengewehr und der
+altmodischen hohen Mütze.
+
+Seit seinem zehnten Lebensjahre trug der General das farbige Tuch.
+Zivilkleidung hatte er nur höchst selten getragen, vielleicht einmal
+einen Jagdanzug auf dem Lande.
+
+Mit zehn Jahren war er Kadett, mit achtzehn Leutnant, dann Hauptmann,
+dann Major, Oberstleutnant, Oberst, Regimentskommandeur. Im Sturmschritt
+hatte er alle Ränge durchlaufen -- aber es schien ihm, als sei er
+eigentlich immer der gleiche gewesen, nur mit verschiedenen
+Rangabzeichen versehen. Seine Welt, seine Weltanschauung, seine
+Auffassung von Dienst, Vorgesetzten, Pflicht, Religion, Vaterland -- sie
+hatten sich nicht geändert. Der Leutnant der gleiche wie der General.
+
+Er war eigentlich nie jung gewesen, auch als Kadett nicht, nein. Nie
+jung, und schon wurde er alt!
+
+Er drehte im Salon das Licht aus, um nicht mehr das zuversichtliche
+kraftstrotzende Gesicht des Offiziers mit den Ordenssternen sehen zu
+müssen -- jugendlich trotz der angegrauten Schläfen.
+
+Ja, ja, ja -- keine Beschönigung, Mut! Otto, sein Sohn -- ein Ehrloser!
+Er hatte ja seinerzeit im Frühjahr, als diese Geschichte mit der Hand
+passierte, sofort gewußt, ja, gewußt, augenblicklich und instinktiv,
+worum es sich in Wahrheit handelte! Aber er hatte nicht gewagt, es zu
+glauben. Offizier -- ein Hecht-Babenberg -- und doch! Ja, nun wußte er
+alles . . .
+
+Der General kehrte wieder zum Schreibtisch zurück.
+
+Ja, ein Vermögen, diese Frau -- in der Tat, Rothwasser . . . Ihre Augen
+strahlten Reinheit, Treue, Unschuld. Es gab niemand, dessen Lachen und
+Stimme allein ein solches Maß von Vertrauen erweckte! Ihre Offenheit,
+ihre kindliche Naivität, ihre Unbefangenheit und Harmlosigkeit,
+unmöglich, gänzlich unmöglich -- er hätte die Hand für sie ins Feuer
+gelegt.
+
+Daß ihn seine Menschenkenntnis so trügen konnte!
+
+Nein! Er legte die Feder weg. Schweigen, Schweigen -- nichts sonst
+. . .
+
+Plötzlich horchte er betroffen auf. Eine Stimme!
+
+Diese Stimme?
+
+Langsam und heiß stieg ihm das Blut in den Kopf. Die Adern an den
+Schläfen zuckten.
+
+Ottos Stimme! Er rief nach dem Burschen.
+
+Wollte er ihn herausfordern, der -- Infame? Der General sprang auf. Mit
+zuckenden Schläfen stürzte er zur Türe . . .
+
+In der Tat, Otto war gekommen, wie er zuweilen kam, seitdem er im Westen
+wohnte, um irgend etwas abzuholen, Bücher, Wäsche. Er kam zu jeder
+Tages- und Nachtzeit, wann es ihm gerade beliebte, und knallte ohne
+Rücksicht mit den Türen. Jetzt war er gekommen, um einen Gummimantel zu
+holen. Er brauchte ihn, da es noch immer in Strömen regnete.
+
+Dies war der eigentliche Grund seines Besuches. Der zweite Grund aber
+war, ganz offen gestanden, daß er dem General seine Furchtlosigkeit
+beweisen wollte. Nein, er hatte keine Furcht vor einer Begegnung, nicht
+die geringste. Aus diesem zweiten Grunde schrie er auch etwas lauter,
+als es eigentlich nötig war. Sein Zimmer hatte er absichtlich offen
+gelassen. Jeden Augenblick konnte die Türe gegenüber aufspringen -- nun,
+er war gewappnet. Seine hellen verwegenen Augen waren auf eben diese
+Türe geheftet, die sich jeden Augenblick öffnen konnte. Er war bereit,
+die Konsequenzen zu ziehen -- zu allem war er bereit. Papa sollte nie
+und nimmer auf den Gedanken kommen, daß er sich feige in eine Ecke
+verkrieche.
+
+Aber nichts regte sich hinter dieser Türe, die zu den Zimmern Papas
+führte. Wahrscheinlich hatte er sein Kommen gar nicht wahrgenommen.
+
+Der General -- er war nicht weiter als bis zu eben dieser Türe gekommen.
+Sein Herz pochte so stark, daß er sich festhalten mußte. Keuchend und
+bebend stand er im dunkeln Zimmer, seine Beine zitterten.
+
+Ein Schritt noch -- und etwas ganz Furchtbares, etwas unsäglich
+Grauenhaftes würde geschehen . . .
+
+Sein eigenes Blut hatte sich gegen ihn erhoben!
+
+Die Türe öffnen -- und schon, schon würde es geschehen, das Gräßliche --
+Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater -- bis zur Vernichtung -- das Grauen
+noch der Ururenkel, ewige Schändung des Namens, Schändung des
+Geschlechtes, Schändung der Schöpfung. Schon begann die Finsternis des
+Zimmers zu flammen.
+
+»Wo sind meine Handschuhe, Jakob?« rief Otto.
+
+Dann pochte er an Ruths Türe, und der General hörte die beiden plaudern,
+ohne zu verstehen, was sie sagten.
+
+Fünf Schritte waren zwischen ihnen, zwischen ihm und seinen Kindern, der
+Korridor. Aber dieser Korridor war ein Abgrund, unergründlich wie die
+Mysterien des Blutes.
+
+»Dann gute Reise, Ruth!« rief Otto und schloß Ruths Türe.
+
+Ja, in der Tat, ein Abgrund, schauerlich und bodenlos wie das
+tausendfach unergründliche Schicksal selbst.
+
+Die Haustüre krachte ins Schloß. Otto war gegangen.
+
+Dank dem Himmel! dachte der General, während er heftig zitterte.
+
+Immer noch stand er, die Dunkelheit lohte, immer noch keuchte er, und
+das Zittern seiner Beine wurde stärker mit jeder Minute.
+
+Ja, nur ein Schritt, ein kleiner Schritt und es wäre geschehen. Das
+unsagbar Gräßliche. Das keine Macht der Welt hätte wieder auslöschen
+können, selbst die Allmacht Gottes nicht.
+
+Es _war_ geschehen, das unsagbar Grauenhafte!
+
+Der General sah seinen Sohn erwürgt auf der Diele liegen.
+
+Zitternd am ganzen Körper sank er in einen Sessel; der Schweiß brach aus
+seiner Stirn.
+
+ * * * * *
+
+Otto aber eilte im strömenden Regen quer durch den stockfinstern
+Tiergarten. Zu Ströbel!
+
+Lustige Kumpane, ein Fest heute, Wein, Spiel. Wie albern, diese
+kleinlichen Bedenken, die ihn bisher von Ströbels Haus ferngehalten
+hatten!
+
+In förmlichen Wasserhosen verschwand die Straße, wo Ströbels Haus lag,
+aber ein wohlbekannter Lichtschein, wie der Schein eines Leuchtfeuers,
+zeigte den Weg.
+
+Otto pfiff, den vereinbarten Pfiff, er klatschte in die Hände. Das
+erleuchtete Fenster öffnete sich, und ein Schatten neigte sich heraus.
+
+»Wer ist da?« Es war Hedis Stimme.
+
+»Ich bin es«, antwortete Otto mit heller und lauter Stimme. »Ihr habt
+doch Gesellschaft heute?«
+
+Der Schatten trat zurück. Erst nach einer Weile wurde Hedis Stimme
+wieder hörbar.
+
+»Sie sind es?« sagte sie stockend. »Nein, die Gesellschaft wurde
+abgesagt, Ströbel ist verreist!«
+
+»Sie? Seit wann sagen wir Sie zueinander?« sagte Otto lachend. Er konnte
+Hedi nur undeutlich erkennen, durch Büsche hindurch, an denen das Wasser
+herabrann. Das erleuchtete Fenster ging auf einen kleinen,
+dichtbewachsenen Garten hinaus.
+
+Wieder zögerte Hedis Stimme. »Es ist völlig nebensächlich,« sagte sie,
+»aber lassen wir es dabei. Er mußte unerwartet in Geschäften fort, und
+der Abend wurde verschoben.«
+
+»Schade! Sehr fatal!«
+
+Der Regen prasselte auf Ottos Mantel, Ströme von Wasser wirbelten um
+seine Füße. Selbst aus dem Boden sprangen Bäche.
+
+»Ja, leider«, sagte Hedi und schickte sich an, das Fenster zu schließen.
+»Gute Nacht.« Der Regen verschluckte ihre Stimme.
+
+»Einen Augenblick --« beeilte sich Otto, und die Fensterflügel blieben
+halb offen stehen. »Ich bin durch diese Sintflut gewatet, in der
+Erwartung, fröhliche Menschen zu finden --«
+
+»Das ist sehr bedauerlich«, sagte Hedi spöttisch.
+
+Otto lachte belustigt auf. »Sehr bedauerlich? Hören Sie, Hedi -- oder
+höre, Hedi -- ich finde es töricht, Sie zu dir zu sagen -- halte du es
+ganz wie du willst -- ich hatte gerade heute das Bedürfnis, Freunde zu
+sehen -- sei nett und lieb, öffne und koche etwas Kaffee. Ich bin völlig
+durchnäßt.«
+
+»Ich bin ganz allein.«
+
+»Ist das ein Grund --?« Eigentümlich war der Tonfall dieser Frage.
+
+Hedi antwortete nicht sogleich. Er fühlte ihren Blick.
+
+»Gehe doch zu ihr!« sagte sie dann. Aber sie schloß das Fenster nicht.
+
+Otto stockte.
+
+»Ich komme soeben von ihr!« sagte er hierauf. Diese Antwort war sehr
+kühn, und er wußte genau, daß er alles aufs Spiel setzte. Aber er hatte
+seiner Stimme einen gleichgültigen und gelangweilten Klang gegeben.
+
+Schweigen. Der Regen rauschte.
+
+»Lebst du glücklich mit Ströbel?« begann Otto von neuem, in völlig
+geändertem, vertraulichem Tone.
+
+»Was für eine Frage? Was kümmert es dich?«
+
+»So öffne doch, Hedi, und wir werden etwas plaudern.«
+
+Hedi schwieg. Nach einer Weile sagte sie, leise und bebend: »-- Ich
+öffne!«
+
+Kaum aber hatte Hedi die Türe aufgeschlossen, so riß Otto sie an sich
+und vergrub seine Lippen in ihren Hals.
+
+Sie stammelte.
+
+
+10
+
+Mehre den Schatz!
+
+Mehre den Schatz des Guten und Schönen! Lege nicht Hand an die
+Geschlechter, die nach dir kommen -- --
+
+Friedlich säuselt der Morgenwind.
+
+ * * * * *
+
+»Lieber Junge,« -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- »mit dem Urlaub war
+es diesmal nichts. Und ein Flieger hatte mir schon versprochen, mich in
+seinem Kahn mit nach Berlin zu nehmen. Drei Tage hinten, immer in
+Alarmbereitschaft, kein Schlaf, Schwärme von feindlichen Fliegern, in
+jeder Nacht Verluste. Die Sache hat sich anmutig ausgewachsen! Heute
+abend wieder in Stellung. Wollte Dir gerne mehr schreiben -- aber ich
+kann nicht. Es gibt gewisse Dinge. Nun, wir kämpfen, tun unsere Pflicht.
+Herrliche Leute! Das Feuer wächst von Tag zu Tag --«
+
+Ja, von Tag zu Tag wuchs das Feuer!
+
+Bis nach London, nach der Schweiz war der Lärm der Kanonen zu hören. Es
+stand sogar in den Zeitungen.
+
+Tausende sanken täglich dahin, Zehntausende --
+
+»Trinke, Kamerad!«
+
+»Erlöser!«
+
+»Trinke! Stütze dich auf mich!«
+
+»Erlöser!«
+
+»Komm, komm, ich trage dich!«
+
+»Erlöser! Erlöser!«
+
+Auf Hunderte von Kilometern standen die Geschütze in einer Breite von
+zehn bis fünfzig Kilometern, Rohr an Rohr, gestaffelt, auf Kähnen,
+Flößen, Eisenbahnwagen und spien Feuer und Tod. Die Geschosse wurden von
+keuchenden Zügen herbeigeschleppt, von Dampferflotten, Schleppkähnen,
+endlosen Reihen von Lastautomobilen. Die ganze Welt arbeitete im
+Schweiße ihres Angesichts, um die Mäuler aus Stahl zu speisen. Die
+Geschosse, mannshoch, wurden auf besonders konstruierten Karren zu den
+Geschützen gefahren, durch Krane in die Rohre gehoben. Sie wurden zur
+Reklame in Zeitschriften abgebildet, einzeln und zu Tausenden
+aufgestapelt. Die Astronomen, die sonst der Bahn der ewigen Gestirne
+folgten, berechneten die Flugbahnen der Ungeheuer, die sich in den
+blauen Äther hineinstürzten. Tausende, Zehntausende von Geschützen spien
+Tod Tag und Nacht.
+
+Und die Wolke wälzte sich, unendlich, über der Walstatt. Staub -- die
+zermalmte Fruchterde, der zermalmte Fels, der zermalmte Baum, der
+zermalmte Mensch flimmerten in der Luft. Der Staub zog über ganz Europa,
+die Staubteilchen zermalmter Menschenleiber regneten auf ganz Europa,
+auf die ganze Erde nieder.
+
+Endlich war es dem Menschen gelungen, den höchsten Gipfel des Wahnsinns
+zu erklimmen. Die Erde selbst war nichts als eine gasgefüllte Bombe, die
+durch den Weltraum raste.
+
+Hunderttausende von Kilometern waren durch die Erde gewühlt, Menschen
+und Tiere keuchten -- mit dem gleichen Aufwand an Energie hätten die
+Wüsten sich in Gärten verwandeln lassen -- noch aber wurde um das
+Weltmonopol des Plünderns gekämpft.
+
+Erlöser! --
+
+»Lieber Junge,« -- schrieb Hauptmann Falk an Otto -- »ich weiß nicht, ob
+diese Zeile Dich noch erreichen wird. Der Kommandeur ist schwer
+verwundet worden und einige Leute wollen es unternehmen, ihn in der
+Nacht durch das Feuer zu tragen. Sie wollen diese Zeilen mitnehmen. Sage
+allen, daß wir unsere Pflicht tun! Zweiundsiebzig Stunden haben wir
+nicht geschlafen und kaum gegessen. Wir können nicht mehr. Bald werde
+ich wohl hinter Stacheldrähten spazierengehen. Aber sage allen, daß wir
+kämpfen und sie uns nicht umsonst haben sollen! Ich werde Nachricht
+geben, wenn ich kann. Alles Bisherige war Kinderspiel --«
+
+Dies aber war der letzte Brief, den Otto erhielt. Wie durch ein Wunder
+kam er durch, obgleich der Kommandeur und seine Träger auf dem Rückwege
+getötet wurden. Man fand den Brief bei einem Mann ohne Beine, der
+verblutet war. Ein Offizier, dessen Name unleserlich war, hatte es auf
+die Rückseite des Briefes geschrieben.
+
+Hauptmann Falk, genannt die Feuerwalze und wenn es hoch herging, die
+glorreiche Feuerwalze, konnte keine Briefe mehr schreiben . . .
+
+Ein Erdloch. Und aus diesem Erdloch sieht eine Leiche mit entblößten
+Zähnen. Die Leiche wendet langsam den Kopf und späht aus. Staub treibt,
+Staub flimmert. Wenig zu sehen. Die Wimpern der Leiche sind voller Staub
+und auch ihre rotweißen Haare sind gepudert, die weißen Lippen haben den
+Staub zu einem weißen Brei zerrieben. Ruckweise atmet diese Leiche und
+stößt dabei mit dem Kopf in die Luft. Die Uniform ist beschmutzt, eben
+hat die Leiche gebrochen.
+
+Fünfzig Schritte feldein, im Staub, kohlt ein Flugzeug. Er war der
+letzte, der kam, er warf Nahrungsmittel ab, aber er kehrte nicht zurück.
+Fünf Schritte zur Linken aber liegt ein gekreuzigter Mensch auf der
+Erde, mit gebrochenen Gelenken, Arme und Beine von sich gestreckt, vom
+Luftzug fast völlig entkleidet, die Fetzen angesengt, flachgedrückt, das
+Gesicht ins Genick verdreht. Und noch schwelt das versengte Gras von den
+giftigen Dämpfen der Granate, die ihn kreuzigte. Es riecht nach
+verbranntem Fleisch und verbrannten Haaren.
+
+Zehn Schritte zur Rechten aber kauert eine Gruppe von Leichen um ein
+Maschinengewehr, und sobald die Leiche im Erdloch die Hand hebt und die
+Zähne bleckt, so feuert sie. Schatten taumeln im Sandsturm. Schatten
+kommen, nähern sich, versinken. Aber weshalb geht die Leiche im Erdloch
+nicht zu dem Maschinengewehr? Das ist es eben. Sie kann nicht. Durch
+einen Balken sind ihre Beine festgeklemmt.
+
+Und so kann sie nur die Arme heben, die Zähne blecken und schreien --
+aber man hört nichts.
+
+Tanks kriechen im Sandsturm. Dort die Höhe, schwarzer Qualm. Durch den
+Sandregen ist zu sehen, wie Menschenleiber in die Luft fliegen -- und
+Hauptmann Falk sieht deutlich die Sturmhauben, deutsche Sturmhauben,
+wirbeln. Dort im Nebel -- Nebelwesen mit erhobenen Händen, fern, klein.
+Und die deutschen Batterien, sie, die stets bereiten, wo sind sie?
+Nichts, nichts, kaum zuweilen ein Einschlag drüben -- völlig außer
+Gefecht, vergast.
+
+Schatten im Sandsturm, im Qualm. Und wieder schreit er und bleckt die
+Zähne. Obschon er seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hat, muß
+er sich wieder erbrechen. Die flachen Chinesenhüte verschwinden,
+versinken.
+
+Zwanzig Kilometer hinter der Feuerlinie fährt ein schweres
+Eisenbahngeschütz aus dem Wald, von gutgelaunten, schwitzenden Kanadiern
+in Hemdärmeln bedient. Das Langrohr steigt in die Höhe, wird abgerissen.
+Die Mannschaft stürzt zurück, die Hände gegen die Ohren gepreßt.
+
+Die Granate war unterwegs. Es war jene Granate -- --
+
+Ein Tank faucht durch den Sandsturm, hinweg über das Erdloch. Flache
+Eisenhüte. Amerikaner. Sie haben die Gewehre umgehängt und trotten durch
+den Sandsturm dahin. Nichts stört sie, sie haben keine Eile.
+
+Vor den flachen Eisenhüten einher schreitet ein junger amerikanischer
+Offizier. Ein Deutscher, namens Martin. Man hat ihm gesagt, daß die
+deutschen Soldaten den Kindern die Hände abschneiden. Er hat es in den
+Zeitungen gelesen, er hat sogar Abbildungen gesehen mit eigenen Augen.
+Und nun ist er gekommen, diese Kinderschänder vom Erdboden zu vertilgen.
+
+
+11
+
+Pünktlich auf die Minute erhob sich der General am nächsten Morgen. Er
+hatte fast nicht geschlafen in dieser Nacht. Funken sprühten vor seinen
+Augen, er sah schlecht. Wieder zuckte sein rechtes Augenlid. Seine Haut
+war trocken und heiß, er hatte Fieber.
+
+Nicht einmal Niki, der in seinem Bauer zwitscherte, gönnte er heute
+einen Blick. Teilnahmslos, schwerfällig, automatisch bewegte er sich,
+wie im Halbschlaf.
+
+Punkt einhalb acht klingelte das Telephon, das Amt, wie befohlen.
+
+Der General taumelte am Apparat. Der Hörer zitterte in seiner Hand. Er
+war genötigt einen Stuhl heranzuziehen und lallte, als er sprechen
+wollte.
+
+Schlechte Nachrichten, offenbar. Ja, schlechte, sehr schlechte!
+
+Und niemand, dachte der General, niemand -- das Reich wankt -- und
+niemand, nichts als Unfähigkeit, Dünkel und Verblendung!
+
+Schlimmer noch -- schlimmer! Ein Verbrechen . . .
+
+Das Haus war leer, tot, das Speisezimmer düster und verlassen.
+
+Ein Brief?
+
+Seht an!
+
+Man schrieb Briefe!
+
+Schon von weitem, obschon schwere und düstere Gedanken ihn
+niederdrückten, sprang der weiße Umschlag in seine Augen. Auf dem
+Frühstückstisch lag dieser Brief. »An Papa!«
+
+An Papa! Man schreibt Briefe!
+
+Er hatte nicht den Mut, diesen Brief zu öffnen. Was sollte Ruth zu
+schreiben haben? Er ließ den Brief in die Tasche gleiten. Seine Wangen
+zuckten. Nun, es mochte recht gut sein, daß sie etwas mißverstanden
+hatte, seine Fürsorge falsch deutete -- sie war jung und konnte nicht
+begreifen, daß ein Vater sich sorgte, daß er nur aus Liebe für sein
+Kind, nur aus Liebe, wohlgemerkt --
+
+Plötzlich erhob sich der General.
+
+Er war erbleicht.
+
+»Therese?«
+
+Etwas Unglaubliches war geschehen! Der General war in die hinteren
+Räumlichkeiten gekommen, die er nie zuvor betreten hatte.
+
+»Meine Tochter ist verreist?«
+
+»Ja. Ruth ist abgereist.«
+
+»Wohin? Sie wissen es nicht?«
+
+»Nein -- aber ein Brief --«
+
+»Ich weiß --«
+
+Der General schwankte durch den Korridor. Mühsam kletterte er in den
+Wagen.
+
+»Ah! Ah!« stöhnte er, als die Limousine dahinschoß, und bedeckte die
+Augen.
+
+Ungeöffnet stak der Brief noch in seiner Tasche.
+
+ * * * * *
+
+Ein deutsches Feldgeschütz fuhr plötzlich mitten im Sandsturm auf. Was
+wollten sie? Waren sie wahnsinnig? Verschwunden ist das Feldgeschütz --
+
+Furchtbar rollt die Brandung aus Eisen und Blut. Die Kanonen knackten,
+als würden Knochen in der Luft zerbrochen.
+
+Die Front wankte, kein Zweifel, keine Beschönigung mehr. Schon klafften
+breite Risse.
+
+Die Mauer aus Menschenleibern, hundertfach aufgefüllt, hundertfach in
+Stücke geschossen, in jede Bresche stürzten sich neue Menschenleiber,
+ja, nun wankte sie. Diese Mauer aus Blut, aus menschlichen Gehirnen, aus
+menschlichen Herzen, die vor Liebe glühten und sich verzehrten -- sie
+_stürzte_.
+
+Die Karte war ausgespielt, die letzte Karte, ausgespielt gegen alle
+Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Sie hatte verloren.
+
+Hunderte, Tausende von Granaten in der Sekunde, Einschlag neben
+Einschlag. Die Hochöfen der Welt sind gegen dich im Kampf. Die
+erschöpften, verbluteten Truppen sahen sich nach Unterstützung um. Die
+Kameraden, wo sind sie? In Finnland, Livland, Polen, Rumänien,
+Mazedonien, Syrien, in der Ukraine, im Kaukasus -- weit, weit, sie
+können nicht helfen.
+
+Und jeden Tag entsteigen zehntausend frische, mutige, wohlgenährte
+Männer dem Ozean.
+
+Der Hagelsturm von Eisen rast. Explosionen, Explosionen . . .
+
+Pulvermagazine fliegen in die Luft, Gaskessel explodieren, Städte
+verschlingt die krachende Erde -- das Trommelfell birst, Blut sickert
+aus den Ohren . . .
+
+Über die ganze Erde ist das furchtbare Krachen der zusammenbrechenden
+Mauer zu hören.
+
+
+
+
+Viertes Buch
+
+
+1
+
+Von heute auf morgen . . .
+
+Innerhalb von vierundzwanzig Stunden . . .
+
+Die Depeschen fliegen, es ticken die Fernschreiber. Fahle Gesichter,
+flatternde Hände, erbleichende Augen.
+
+Wie?!
+
+Ist es möglich?!
+
+Ein Keulenschlag! Der General ringt nach Luft und preßt beide Hände
+gegen den Brustkorb. Er befürchtet, sich übergeben zu müssen.
+
+Ein Jeu -- hm -- Poker? Aber wir sind schließlich ja nicht in Monte
+Carlo? Letzten Endes ist ein Weltkrieg doch kein Manöver, wo der
+steigende Fesselballon das Signal zum Halten gibt?
+
+Der General ist krank, die Grippe hat ihn gepackt, ja, auch ihn, ganz
+zuletzt -- es gelingt ihm gerade noch im letzten Moment ein Glas Wasser
+zu ergreifen, sonst wäre ein Unglück geschehen. Der Schweiß bricht ihm
+nun aus der Stirn.
+
+Schon aber knattern die Lichtbogen und aus den Antennen schwingen die
+Wellen durch den Äther. Es wanken die Empfangsstationen, die Beamten,
+die Hörmuschel am Ohr, erbleichen. Wer spricht? Eine Verhöhnung, eine
+Finte, ein schlechter Scherz? Die Station Nauen hat gesprochen.
+
+Schon fliegen die Türen in den Ministerien, und in den Augen entzündet
+sich ein Leuchten --
+
+Der General kriecht durch die Zimmer, in den Schlafrock mit den roten
+Aufschlägen eingewickelt, hustet, keucht. Nun, also -- nicht! Nicht
+diesmal! Rollen wir die Fahnen zusammen -- das nächstemal! Blutiger noch
+und furchtbarer als dieser Krieg . . . Schon wieder nimmt er Aspirin und
+hustet. Er sinkt in einen Sessel und starrt, starrt -- er sieht nichts,
+die Gedanken sind stehengeblieben, vor dem Abgrund haben sie
+haltgemacht.
+
+Krachend stürzt die Front, die Erde hört es -- und noch immer kämpft die
+Armee, heute, morgen, übermorgen, Wochen! Längst ist es entschieden, daß
+alles verloren ist. Alles verloren: Blut und Gut, Millionen von Söhnen
+und Ernährern, Hoffnung und Sinn des Lebens, die Fruchtbarkeit des
+Ackers, die Viehherden, Schätze der Erde und Wälder, Schweiß und Fleiß
+von drei Generationen, Schweiß und Fleiß von drei kommenden
+Geschlechtern -- alles verloren! Die Fruchtbarkeit des weiblichen
+Schoßes -- dahin, Millionen von Säuglingen -- eine Beute des Hungers.
+Alles -- dahin! Das Gehirn unter der Schädeldecke, der Schlaf der Nächte
+-- dahin! Ausgespielt die hohe Karte, gegen alle Gesetze der
+Wahrscheinlichkeit -- und noch immer kämpft die Armee.
+
+Die Angebeteten und Vergötterten -- bis zum letzten Einsatz! -- und
+dann, ja, dann beugten sie das Knie und boten den Degen an.
+
+Auf Gnade und Ungnade.
+
+Der Historiker, noch in tausend Jahren, wird hier eine Pause machen,
+Atem schöpfen, und noch einmal alle Dokumente prüfen. Ob ihm nicht doch
+etwas entgangen ist, nicht doch eine wichtige, überaus wichtige Urkunde.
+Er wird in den Archiven und Bibliotheken wühlen -- nein, es ist Ihnen
+nichts entgangen, fahren Sie ruhig fort. --
+
+
+2
+
+In diesen Tagen traf plötzlich in Berlin jene hohe Persönlichkeit ein,
+die seinerzeit die Zierde von Doras Hausball bildete. Ali Baba und die
+vierzig Räuber -- ja, wer hätte auch vermutet, daß es einmal so kommen
+könnte! Ohne jede Anmeldung kam der einflußreiche Herr an, dessen hoher
+Orden das ganze Metall auf der Brust des Generals aufwog. Mitten in der
+Nacht, gegen drei Uhr, der Zug von Köln hatte drei Stunden Verspätung
+gehabt. Die Lokomotiven blieben nunmehr reihenweise auf der Strecke
+liegen, man hatte die kupfernen Feuerbüchsen aus den Maschinen gerissen
+und sie durch eiserne ersetzt.
+
+Gräfin Heller hatte noch Licht, Gesellschaft, und der hohe Herr, der dem
+längst vermoderten Franz I. ähnlich sah, ließ seine Schwester
+herausbitten.
+
+»In großer Eile, Adele!« sagte der hohe Herr -- auf englisch, die
+Geschwister sprachen nur englisch zusammen -- »Ich komme, um zu gehen.
+Ich habe die ganze Nacht hindurch dringend zu arbeiten, Frühstück um
+zehn Uhr, bitte. Für jetzt Tee und etwas Feuer im Kamin, ich bin
+erkältet, und einen kleinen Imbiß. Und dann, keine Störung, bitte, nicht
+die geringste -- sehr wichtige Geschäfte -- fahre mit dem Mittagszug
+wieder zurück . . .« Trocken und hastig klang seine Stimme.
+
+Gräfin Heller befand sich in großer Erregung. Sie hatte ihren Kreis von
+Vertrauten versammelt, eine spiritistische Sitzung. Zuerst war ein
+ungebärdiger Geist erschienen, ein italienischer Mönch aus Ravenna, 1512
+geboren, gestorben 1553, begraben in Bologna -- ungebärdig, er hatte das
+Tischchen in Stücke gerissen. Zurzeit aber -- größtes Ereignis aller
+Sitzungen des Jahres! -- hatten sie Verbindung mit dem Geiste eines
+erhabenen Verblichenen, dem Geiste Bismarcks. Ungeheure Offenbarungen,
+Prophezeiungen der größten Tragweite . . . vielleicht interessiert dich
+das Protokoll?
+
+Der hohe Herr aber schien nicht die geringste Neigung zu haben, die
+Prophezeiungen Bismarcks kennenzulernen -- ganz im Gegenteil. So schnell
+ihn die müden, dünnen Beine tragen konnten, stieg er die Treppe zu
+seinen Gemächern empor.
+
+Gräfin Heller öffnete leise die Türe, und man hörte auf einen Augenblick
+deutlich eine weiche, schmelzende Damenstimme: »Ich bitte Durchlaucht,
+unsere Frage wiederholen zu dürfen . . .«
+
+Als der Diener Tee und Imbiß brachte, fand er den hohen Herrn
+eingeschlafen in einem Sessel vor dem Kamin. Augenblicklich aber
+erwachte er. »Die Koffer?«
+
+»In der Bibliothek, Exzellenz, wie befohlen.«
+
+»Nun, danke, gute Nacht, keine Störung, zehn Uhr Frühstück« -- und er
+verschloß alle Türen und prüfte, ob die Vorhänge dicht geschlossen
+waren.
+
+Die Flucht der Gemächer war tageshell erleuchtet: Gemälde, Bronzen,
+Skulpturen, herrliche alte Möbel -- die Wohnung war ein Museum! Selbst
+in dem geheimnisvollen Alkoven des Ankleidezimmers brannte Licht. Der
+hohe Herr lächelte, unmerklich, soweit es die mit einer dicken
+Wachsschicht überzogene, gelbe Gesichtsmaske zuließ. Die Lider bewegten
+sich rasch über den großen starren Augen Franz des Ersten. Er rieb die
+kleinen wächsernen Hände vor dem Kaminfeuer und trippelte mit hastigen,
+steifen Schrittchen ratlos über das gleißende Parkett des Museums, immer
+hin und her. Er schlürfte eine Tasse Tee, dann flüsterte er: »Und nun
+wollen wir anfangen!« Und seine steile Glatze verschwand zwischen den
+Portieren des Arbeitszimmers.
+
+Hier also fing er an. Zuerst öffnete er mit einem winzigen Schlüssel,
+den er bei sich trug, eine schwere, pechschwarze, italienische
+Renaissance-Truhe. Ihr entnahm er einen Schlüsselbund. Dann schloß er
+einen Mahagonisekretär auf, ein herrliches Stück, Empire, französisch,
+schwarze Ebenholzsäulen, von goldenen Schwänen gekrönt. Fächer sprangen
+auf, Schubladen öffneten sich.
+
+Nun standen alle Schränke, Truhen, Kommoden, Vitrinen des Museums offen.
+
+»Anfangen, ja anfangen --!« Aber wie, wo? »Richelieu sagt einmal --«
+
+Aber der hohe Herr verschwieg, was Richelieu sagte. Es war ihm im
+letzten Moment entfallen, es interessierte ihn nicht mehr.
+
+Die Sammlung von Tabatieren, eine der kostbarsten in Europa -- in den
+Koffer. Ein paar kleine alte Bändchen, in Schweinsleder gebunden,
+gänzlich unscheinbar -- in den Koffer. Die Miniaturen auf Elfenbein, in
+den Koffer. Eine Schatulle, fränkischer Herkunft, eingelegt die
+Zerstörung Jerusalems, mit Schmuckstücken, Ringen, Uhren, Steinen, einem
+Kruzifix, Gold und Email -- in den Koffer. Ein rotes Lederkästchen, bis
+zum Rand gefüllt mit Ordenssternen -- in den Koffer. Die Mappe mit
+Handzeichnungen, drei kleine Niederländer -- herrlich eigneten sich die
+alten Brokate zum Einhüllen -- wieder ein Schluck Tee. Eine Börse voller
+Goldmünzen, vergessen, von Reisen zurückgeblieben -- weshalb nicht? Sie
+nahmen ja fast keinen Platz ein. Nun aber kam das Prunkstück an die
+Reihe, das Kostbarste: ein vergoldeter, kleiner Hausaltar, spanisch --
+außerordentlich wertvoll! Vorsichtig auseinandergenommen, eingehüllt, in
+den Koffer. Aber die kleinen römischen Bronzen -- wie?
+
+Immer erregter glitt die Wachsmaske durch die Spiegel, sie tanzte
+zwischen Brokaten, Bronzen, Stichen, Bildern. Nunmehr glänzte sie
+fettig, aber das war der Schweiß infolge der Anstrengung. Jetzt
+verschwand sie in das Ankleidezimmer -- kam zurück, entstellt, fast
+doppelt so lang, die Wangen eingefallen, die Lippen faltig -- das Gebiß
+hatte geschmerzt.
+
+Wieder ein Schluck Tee. Schon tagte es. Beim Anblick eines Päckchens von
+vergilbten Briefen wurde der hohe Herr erregt. Er lief zuerst zum Kamin,
+als ob er die Briefe verbrennen wolle, dann lief er zu dem
+Empiresekretär. Aber, nachdem er das Päckchen schon in ein Geheimfach
+eingeschlossen hatte, nahm er es wieder heraus -- in den kleinen Koffer.
+
+Briefe, Schriftstücke -- das Feuer im Kamin lohte stundenlang. Und, wie
+gesagt, der Donatello: aus dem Rahmen zu nehmen, in Leinwand
+einzuschlagen, zu umschnüren -- prächtig! Die kleine Wachsfigur glänzte
+im Feuerschein, als schmelze sie, selbst die langen, dünnen Hände
+. . .
+
+Als der Diener das Frühstück brachte, war die kleine Exzellenz schon fix
+und fertig angekleidet, bereit zur Abreise. Schränke, Truhen, Vitrinen
+geschlossen -- nichts zu sehen, auch nicht eine Spur!
+
+Bitte eine lange starke Schnur und einige große Packbogen! So. Nur der
+eine Koffer, oben mit Anzügen gefüllt, wollte nicht schließen. Die
+kleine Exzellenz schwang sich auf den Koffer, stieß ein paarmal mit dem
+Gesäß gegen den Deckel -- so, siehst du, alles geht.
+
+Der Mittagszug nach Köln verließ die Halle, eine Wachsmaske, einer
+Leiche in grünem Wasser ähnlich, blickte aus dem reservierten Abteil --
+mit einem unmerklichen, etwas hämischen Lächeln. Aber das mochte auch
+von der Beleuchtung in der düstern Halle herrühren. Sofort aber schloß
+die Wachsmaske in dem Abteil voller Koffer -- das solid verschnürte,
+große, flache Paket in gelbem Packpapier nicht zu vergessen -- die Augen
+und schlief ein . . .
+
+Nach langer Zeit, nach langem, gesundem Schlafe, erwachte der vornehme
+Reisende plötzlich: eine gewisse Aufregung auf dem Korridor des Waggons!
+Der Zug stand, in irgendeiner ärmlichen Vorstadt. Dämmerung und
+rauchender Nebel.
+
+Da! Ei, ei -- was ist das?
+
+Schüsse?
+
+Ja, ein lustiges Gewehrfeuer knatterte -- oder?
+
+Der vornehme Reisende kroch zwischen seinen Koffern hervor und öffnete
+die Türe des reservierten Abteils.
+
+»Ich bitte -- Schaffner?«
+
+Aber es gab keinen Schaffner, nur eine aufgeregte Schaffnerin in
+Pumphosen.
+
+»Ich bitte sehr -- wir halten?«
+
+»Ja, der Bahnhof ist besetzt.«
+
+»Besetzt --?«
+
+»Ja, besetzt.«
+
+»Aber -- von wem besetzt?«
+
+»Von den Aufständigen.«
+
+»-- von den Aufständigen?«
+
+»Soeben ist wieder ein Regiment übergegangen.«
+
+»-- übergegangen, so, so.«
+
+»Ein Soldatenrat ist im Zuge und nimmt die Waffen ab.«
+
+»-- Waffen ab.«
+
+»In Köln arbeiten sie mit schweren Geschützen.«
+
+»Danke, liebe Frau -- ich bitte!« Und der vornehme Reisende drückt der
+Schaffnerin ein Goldstück in die Hand -- ohne Übertreibung, ein
+Goldstück! -- und zieht sich wieder in das reservierte Abteil zurück.
+
+»So, so!« Nun beginnt die Wachsmaske tatsächlich zu schmelzen. Ein paar
+große Wachsperlen rinnen über die Stirn, ein flatterndes
+Batisttaschentuch tastet nach ihnen.
+
+ * * * * *
+
+Der General und Hauptmann Wunderlich speisten zusammen unter dem
+schneeigen Glaslüster an dem runden, großen Speisetisch. Speisten? Sie
+berührten die Gerichte kaum. Jakob brachte weiße Teller, trug weiße
+Teller fort.
+
+»Aber diese vierzehn Punkte --?« fragte der General mit einem
+mißtrauischen Knarren in der müden, heiseren Stimme. Sein Hals war von
+einem dicken Umschlag umwickelt.
+
+Wunderlichs Gesicht zuckte.
+
+»Der Präsident ist ein Mann von Ehre!«
+
+»Hm. -- Aber ich darf doch bitten, Hauptmann Wunderlich, sich bedienen
+zu wollen.«,
+
+»Wir haben das Wort von hundert Millionen amerikanischen Bürgern!«
+
+»Hm. -- Bitte, sich doch eingießen zu wollen, mir selbst ist es ja
+verboten.«
+
+»Und Sie sagen, Hauptmann Wunderlich: die Waffenstillstandsbedingungen
+sollen unter allen Umständen angenommen werden -- unter allen
+Umständen?«
+
+»Man will versuchen, einige Zugeständnisse zu erhalten. Sollte dieses
+Ansuchen aber zurückgewiesen werden: unter allen Umständen!«
+
+»Also bedingungslose Kapitulation?«
+
+»Bedingungslose!«
+
+»Hm.« Der General kämpfte gegen einen Hustenanfall. »Hm, aber --.«
+Unmöglich, dachte er, mit eingesunkenen, düsteren Augen, das Volk muß
+sich erheben! Erhebung der Massen! Kampf bis zum letzten Hauch --
+
+Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Eben legte Jakob wiederum neue
+weiße Teller auf. Quittengelb ist der General geworden. Seine Backen
+sind eingefallen und schlaff. Die Grippe hat sich auf die Nieren
+geschlagen.
+
+
+3
+
+Nacht.
+
+Riesengroß steht Ackermanns Geist über der dunkeln, schweigenden Stadt.
+Sein Leib sind die Sterne, sein Haupt sind die Sterne, seine Augen sind
+die Sterne. Seine Hände sind die Sterne. Schon kommt ein kaltes Gefunkel
+aus dem Osten.
+
+Die Riesenstadt schläft, bedeckt mit dünnen Nebelschleiern ihre Dächer
+und Türme.
+
+»Auf, auf, der Tag ist gekommen!« Die Stimme schallt und die schlafende
+Stadt erbebt. »Auf, auf, mein Volk! Die Sterne funkeln! Erhebe dich
+unter den Völkern der Erde und gehe voran auf dem Weg der Läuterung!«
+
+Die Sterne erblassen. Aus dem Osten bläst kaltes Licht, die Nebel senken
+sich dicht auf Dächer und Türme. Lieblich säuselt der Morgenwind.
+
+Und schon erheben sich die Schläfer! In Trupps, in Scharen. Der
+gleißende Lichtgürtel, der die Riesenstadt umspannt, erlischt. Schatten,
+geballt, beginnen zu wandern. In den dunkeln Vorstädten erhellen sich
+die Fenster. Schritte schlürfen, sammeln sich, Schatten, geballt,
+beginnen zu wandern. Vom Süden, vom Norden, von überall her beginnen die
+Schatten, geballt zu wandern. Hunderttausende von Schritten sind
+unterwegs.
+
+Die Morgenröte funkelt. Da beginnt die Schattenstadt zu glühen.
+
+ * * * * *
+
+Endlich -- ja, Gott sei Dank! -- trillerte die Marspfeife wieder und die
+graue Limousine fegt durch die kühle, sonnige Herbstluft dahin. Die
+Fußgänger entfliehen, rechtzeitig bringen sich die Straßenkehrer in
+Sicherheit. In einer wunderbaren Kurve, unübertrefflich, wirft
+Schwerdtfeger die Limousine um eine auf der Straße stehengebliebene
+Karre voll Straßenschmutz herum.
+
+Die Augen des Generals sind wieder nachdenklich und konzentriert auf den
+gekrümmten Rücken Schwerdtfegers geheftet. Immer noch etwas gelb, etwas
+müde, die Backen etwas zittrig und schlaff, die Tränensäcke etwas
+geschwollen, aber man kann zurzeit nicht allzu große Rücksicht auf sich
+nehmen. Es bereiten sich Dinge vor, jeder an seinem Posten!
+
+Die Marspfeife schrillt -- vor Schreck fällt ein altes Droschkenpferd in
+Galopp. Plötzlich aber: Fußbremse, Handbremse, die Limousine schleift --
+halt!
+
+Musik. Ein Jägerbataillon zieht mit klingendem Spiel vorbei, den Linden
+zu -- rot die jungen Gesichter in der Morgensonne, Stahlhelme, die
+Haltung wundervoll. Der General beachtet jede Kleinigkeit. Nicht _ein_
+Tadel! Er fühlt sich beruhigt. Gerüchte schwirren in der Stadt -- aber
+welche Narren! Ein Blick auf die Karte Berlins genügt ja: einige
+Brücken, Kanäle, Straßen besetzt -- und mit zwei Dutzend
+Maschinengewehren war die Stadt gegen Hunderttausende zu halten. Nur
+Laien . . . Herrlich Offiziere und Mannschaften -- junge Burschen, kaum
+den Knabenjahren entwachsen -- ja, obschon er die Gerüchte nicht eben
+tragisch genommen hatte, fühlte er sich durch den Anblick dieses
+Jägerbataillons beruhigt.
+
+An den Straßenkreuzungen standen Doppelposten, den Gürtel mit
+Handgranaten gespickt. Eine Batterie fuhr dahin, langsam und gemächlich,
+als käme sie von einer Schießübung zurück. Die Offiziere waren durch
+Befehl zusammengerufen. Im übrigen hatte der Oberbefehlshaber in den
+Marken ungesetzliche Zusammenschlüsse, die die öffentliche Sicherheit
+gefährdeten, auf Grund des Paragraphen 9b in feierlicher Proklamation
+strengstens verboten.
+
+Auch das rote Amtsgebäude des Generals war in Verteidigungszustand
+gesetzt. Stahlhelme wimmelten in allen Stockwerken. Offiziere standen an
+den Fenstern. Ein schweres Maschinengewehr war im Foyer postiert. Nun,
+es war selbstverständlich Pflicht des Kommandanten, keine
+Vorsichtsmaßregel außer acht zu lassen.
+
+Der alte Portier mit den weißen Haarsträhnen und den Blechmünzen auf dem
+Mantel trat absichtlich einen Schritt weiter vor, er verbeugte sich
+tiefer als sonst. Sein altes Frauengesicht war von Freude erhellt. Seine
+tiefe Verbeugung drückte -- soweit die Stellung des Untergebenen es
+zuließ -- die Genugtuung aus, Seine Exzellenz wiederhergestellt zu
+sehen, sie beglückwünschte zur Genesung.
+
+»Exzellenz!« schlürfte er, und der Speichel rann über sein Kinn.
+
+Aber der General sah den alten Portier gar nicht. Doppelt ernst, doppelt
+gesammelt durchschritt er das Foyer. Er bemerkte auch nicht die immerhin
+auffallenden Verteidigungsmaßregeln. Er sah nicht die Stahlhelme, die
+Offiziere, die zu Statuen erstarrten, das schwere Maschinengewehr -- wie
+früher, in den alten Tagen, stieg er die Treppe empor. Nur etwas
+langsamer.
+
+Stahlhelme in den Korridoren, Offiziere, Gewehrpyramiden -- aber der
+General sah sie nicht. Nachdenklich verschwand er hinter der
+gepolsterten Doppeltüre mit den Aufschriften: »Vortrag. Kein Zutritt.
+Anmeldung Zimmer 6.«
+
+Aber schon dicht hinter der gepolsterten Türe war er gezwungen,
+stehenzubleiben, seine Knie zitterten -- solche Anstrengung hatten ihm
+die paar Treppen und Korridore bereitet.
+
+Das alte Herz erwärmt, vollkommen beruhigt, kehrte der Portier in seine
+Loge zurück.
+
+»Ganz wie Anno Siebzig!« dachte er. »Als wir alle Angst hatten,
+gefangengenommen zu werden -- und unser General sagte nur: Junge Hunde!
+Ja, nichts sonst. So ist es auch heute. Man braucht nur in _sein_
+Gesicht zu sehen. Keine Besorgnis, nicht die geringste -- ehek, ehek!«
+
+ * * * * *
+
+Horch! Schritte.
+
+Horch! Rufe.
+
+Fäuste pochen an die Tore der düstern Kasernen.
+
+Öffnet Kameraden!
+
+Öffnet -- wir sind es . . .
+
+Jubel!
+
+Und die Tore der Kasernen öffnen sich: der böse Geist der düstern
+Gebäude entweicht. Ein Toter liegt still auf dem Bürgersteig, mit einem
+Mantel zugedeckt.
+
+Die Morgensonne blendet durch die Straßen. Funkelnd steigt die Sonne des
+9. November über Berlin empor.
+
+Horch! Die Stadt erbebt unter dem Tritt von Hunderttausenden. Über den
+tausend Köpfen schwankt ein Plakat: Nicht schießen, Kameraden!
+
+ * * * * *
+
+Immer noch etwas zitternd von der Anstrengung des Treppensteigens saß
+der General an seinem riesigen Schreibtisch, in die Arbeit vertieft.
+Akten, Schriftstücke, er sah nicht auf. Die Fenster waren geschlossen,
+die blauen Vorhänge dicht zugezogen, es war nahezu dunkel. Unfaßbar,
+welche Unmenge von Arbeit sich angehäuft hatte! Ganz wie früher, vor
+seiner Erkrankung, als sei alles noch wie ehedem, arbeitete der General.
+Er versuchte es sogar mit einer Zigarre, ließ sie aber bald wieder
+ausgehen. Die Schriftstücke flatterten in seinen Händen.
+
+Weißbach trat ein und erstattete Vortrag. In der Stadt bis jetzt alles
+ruhig. Nach ihm erschien der hünenhafte Major Wolff in der Türe, mit
+einer dicken Mappe: Entscheidungen, die der Vertreter des Generals nicht
+zu treffen gewagt hatte.
+
+Auf jeden einzelnen Fall ging der General ausführlich ein, er verlor
+sich in Einzelheiten. Hier mußte nochmals erinnert werden, hier empfahl
+es sich, dringlich zu werden, hier war telegraphisch die Entscheidung
+der höchsten Stelle zu erbitten. Major Wolff notierte. Diese
+Angelegenheit aber wollte der General persönlich erledigen. Das
+Befinden? Ja, danke -- um vieles besser, man kann wieder anfangen!
+
+Wieder war der General allein, in seine Arbeit vertieft. Die
+Schriftstücke wehten in seinen Händen. Kein Laut, nicht ein einziger
+Laut!
+
+Auf den Korridoren die Truppen, an allen Fenstern Stahlhelme, an den
+Eingängen schwere Maschinengewehre mit Munitionskästen. Das Amt eine
+Festung, die nur mit Geschützen genommen werden konnte.
+
+Fröhlichkeit und Gelächter bei den Drillichkitteln in den Schreibstuben.
+Laßt sie klingeln, mögen sie ruhig klingeln!
+
+Das Telephon.
+
+»Ruhe, Kameraden!«
+
+»Die Maikäfer haben soeben Rot gehißt!«
+
+»Hurra!«
+
+Laßt sie klingeln, ruhig klingeln. Gelächter, Lärm.
+
+Aber in dem großen Arbeitssaal des Generals, hinter den Doppeltüren, den
+Doppelfenstern, den zugezogenen Vorhängen -- kein Laut. Die Feder, das
+leichte Keuchen und Rasseln beim Atemholen, nichts sonst.
+
+Wieder tritt Weißbach ein. Seine Sporen klingen, der General sieht auf.
+Er erschrickt: ein Gesicht aus Kreide, mit blauen Lippen. Der Fernspruch
+flattert in Weißbachs Hand.
+
+Und der General erhebt sich.
+
+Sein gelbes Gesicht wird fleckig, seine schlaffen Backen zittern. Das
+breite Gesicht wird langsam grau, grau wie der Staub der Landstraße.
+
+Er neigt den Kopf. »Danke.«
+
+Die Sporen singen, lautlos schließt sich die Türe.
+
+Immer noch steht der General, den Blick auf das Parkett geheftet. Auch
+seine Hände sind grau geworden.
+
+»Entflohen --«
+
+Ja, er sieht -- plötzlich, merkwürdig genug! -- Tribünen, schwarz von
+Menschen, elegante Wagen fahren heran, Damen, Orden glitzern,
+Federbüsche wehen. Fremdländische Uniformen, Glanz, Pracht -- und die
+Truppen ziehen vorbei -- endlos. Die Musikkapellen schwenken ein und,
+gleichmäßig wie die Wellen der Brandung, rauschen die Regimenter in
+tadelloser Haltung vorbei. Und hinten, weit hinten stehen sie auf dem
+Feld, unübersehbar, anzusehen wie farbige Beete eines unendlichen
+Blumengartens -- und alle Augen sind auf den Mann zu Pferd gerichtet --
+_alle_. Eine Frühjahrsparade.
+
+»Entflohen --«
+
+»Desertiert --!«
+
+Da beginnt das Parkett zu kreisen, die Wände schwingen. Die Vorhänge
+flattern und verschwinden. Nebel kreist, in endlosem, kreisendem Nebel
+steht das graue Steingesicht und zittert. Die grauen Finger klammern
+sich an den Schreibtisch.
+
+Stille. Er steht allein, inmitten der Unendlichkeit, ein Punkt im
+Nichts, ein Pünktchen, das immer kleiner wird, schrumpft.
+
+Aber da -- hörst du: Lärm, Brausen, Schritte wie von Hunderttausenden,
+Rufe, Gesang --
+
+Allmählich, ganz allmählich kehrt das Bewußtsein des Generals aus dem
+schauerlichen Sturz in das unendliche Nichts zurück. Er lauscht. Ein
+Schritt mahlt, drunten, tausendfältig. Brausen umtost das stille, rote
+Gebäude, hunderttausendfältig. Er vermeidet es ans Fenster zu treten, es
+wäre seiner unwürdig. Aber sein Herz pocht in höchster Erregung. Jeden
+Augenblick können die Maschinengewehre hämmern -- jede Sekunde -- da!
+Rufe, Tosen, ein unerklärliches Splittern, als ob dünne Balken, Bretter
+zerbrächen. Was ist das? Nichts. Die Rufe entfernen sich, der Tritt der
+Hunderttausend, unter dem das rote Backsteingebäude erzitterte, entfernt
+sich. Wieder Stille. Gott sei Dank, ohne Blutvergießen. Die Masse war
+vernünftig.
+
+Aber diese Luft erstickt. Sie ist Blei, Eisen, sie lastet auf den Händen
+wie Gewichte.
+
+Da erschien wiederum Weißbach in der Türe. Noch weißer sein Gesicht.
+
+Der General richtete sich auf. Breitbeinig stand er mitten im Zimmer,
+die Füße auf das Parkett gepreßt, um nicht zu fallen.
+
+Mit einem Blick übersah er _alles_!
+
+Die Türen standen offen -- alles leer. Leer die Flucht der Arbeitszimmer
+der Offiziere -- keine Seele mehr. Uniformröcke auf Stühlen und
+Schreibtischen. Weißbachs kreidiges Gesicht -- und Weißbach trug Zivil
+. . .
+
+Die Wände biegen sich, wölben sich, schon stürzen sie über ihn --
+
+»Es ist Zeit, Herr General!«
+
+
+4
+
+Unübersehbar die Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude, Kopf an Kopf.
+Kopf an Kopf zwischen den hohen Säulen. Da tritt eine Gestalt vor,
+schwingt den Hut -- Brausen! Brausen, die Riesenstadt jubelt.
+
+Das rote Gebäude aber liegt tot! Verödet die Korridore. Die Türen stehen
+alle offen, leer die Zimmer. Verschwunden die Stahlhelme,
+Gewehrpyramiden und Maschinengewehre. Alles leer, ausgestorben. Nur die
+großen Ballen sind geblieben, die alle Gänge des weiten Gebäudes
+überschwemmten. Die Ballen mit den Karten ferner Länder, ferner
+Provinzen -- der Peipussee, der Kongo . . .
+
+Langsam steigt der General die Treppe ins Foyer hinab. Er berührt mit
+der Hand das Steingeländer, zum erstenmal.
+
+Soeben fährt Schwerdtfeger die graue Limousine aus dem Hof auf die
+Straße.
+
+»Schnell!« ruft er, mit einer ungeduldigen, respektlosen Kopfbewegung.
+Die Augen des Generals erweitern sich. Wie? Er hat noch immer nicht
+begriffen.
+
+Da! Da!
+
+Aber was ist das?
+
+Der General taumelt zurück.
+
+Ein Auto, ein grauer, offener Wagen, rast, fliegt -- kein Wort -- er
+schnellt in langen Sätzen über den Asphalt, wie eine startende
+Flugmaschine hebt er sich in die Höhe, die Funken stieben aus den Pneus.
+Matrosen! Und es flattert, weht -- eine rote Flagge! Verschwunden.
+
+Noch immer taumelt der massige Körper des Generals.
+
+Ja, jetzt hat er begriffen. Die zerbrochenen Gewehre auf dem Pflaster --
+die Truppen haben sie aus den Fenstern auf die Straße geworfen -- das
+war das unerklärliche Splittern, das er gehört hatte, als zerbrächen
+dünne Balken. Und der tobende Lärm in der Stadt -- jetzt begriff er.
+
+Der greise Portier schloß den Wagenschlag.
+
+Seine weißen Haarsträhnen flatterten im Wind, als die Limousine abfuhr.
+Er hatte die Mütze abgenommen. Nein, nicht wie der alternde Moltke sah
+er heute aus, mit seinem Frauengesicht. In seinem abgeschabten Mantel,
+mit seinem dünnen Hals, seinen weißen, flatternden Haarsträhnen, seinem
+hohlen Blick erschien er in diesem Augenblick wie ein alter Lämmergeier,
+wie man sie in den zoologischen Gärten sieht.
+
+Aber weiter, weiter! Schwerdtfeger biegt ab. Eine Mauer von Menschen.
+Der Motor dröhnt. Die Limousine jagt durch den Tiergarten, weiter, immer
+weiter. Schwerdtfeger versucht die Tiergartenstraße zu erreichen --
+unmöglich. Wiederum Züge von Menschen. Rote Flaggen.
+
+ * * * * *
+
+Schon knattert es in den Straßen!
+
+Hauptmann Wunderlich lehnt sich mit dem Rücken gegen die Hauswand, auf
+seine beiden Krückstöcke gestützt. Der Rest von Farbe weicht aus seinem
+zuckenden Gesicht, er stammelt. Verwegen aussehende Matrosen umstehen
+ihn.
+
+Schüsse knallen in nächster Nähe. Mit schwerem Klatschen stürzt ein
+Körper zu Boden.
+
+»Schon gut, wir sehen ja! Aber Sie könnten doch Unannehmlichkeiten
+haben, Herr Hauptmann!«
+
+Und ein Matrose schneidet Hauptmann Wunderlich mit einem langen Messer
+die Achselstücke ab.
+
+Dies geschah Ecke Linden und Wilhelmstraße.
+
+Die Wilhelmstraße lag, wie immer, ruhig. Ruhig und unbeteiligt vor dem
+Kriege, ruhig und unbeteiligt während des Krieges und auch jetzt -- ganz
+still!
+
+Nur zuweilen öffnete sich eine Türe, vorsichtig, vorsichtig, ein Kopf
+spähte -- und dann eilte jemand mit einer Mappe unter dem Arm rasch die
+Wilhelmstraße hinab. Gamaschen, Lackschuhe, die Monokel waren in den
+Westentaschen verschwunden. Manche gingen so rasch, daß sie über die
+eigenen Füße stolperten. Auch einige Seidenhüte glitten rasch aus den
+Toren, pomadisierte Scheitel, bis in den Nacken durchgezogen. Ein
+hagerer Elegant stelzte eilig über die Straße, Perücke, mikroskopisches
+Schnurrbärtchen unter der Hakennase, ganz kurzes Überzieherchen, er
+schlenkerte höchst eigentümlich mit dem rechten Knie: vor dem Kriege
+Botschafter . . .
+
+Auch der Geheime Rat Westphal eilte mit seiner Mappe aus einer
+Türspalte. Er wagte es nicht einmal, einen Blick in die Richtung der
+Linden zu werfen. Sein dünner Chinesenbart wehte. Schon war er um die
+Ecke verschwunden.
+
+Hinter ihm her eilte Professor Salomon -- mit dem Kürbiskopf und den
+abstehenden Ohren. Er hatte den steifen Hut tief über die Glatze gezogen
+und den Mantelkragen hinaufgestülpt. Er pfiff vor sich hin, tat
+unbekümmert. Aber fortgesetzt drehte er sich um, dann wagte er sogar ein
+paar Sprünge . . .
+
+»Kommen Sie, Herr Geheimrat --«
+
+»Ah, Sie sind es! Sie haben mich tödlich erschreckt!«
+
+»Ja, keine Kleinigkeit -- wie?«
+
+»Gewiß, keine Kleinigkeit, großer Gott im Himmel!«
+
+»Und ganz überraschend!«
+
+»Ein Blitz aus heiterem Himmel, fürwahr!«
+
+»Trotz mancher Symptome -- -- da, da! -- haben Sie gehört?«
+
+»Ja, ganz in der Nähe! Rasch, rasch! Nichtsahnend komme ich heute morgen
+ins Amt -- wir besprachen gerade in aller Ruhe die politische Lage --
+England soll geneigt sein, eine wohlwollende Haltung gegen uns -- -- da
+-- schon wieder!«
+
+»Wir werden versuchen, die Leipziger Straße zu überqueren -- kommen Sie.
+Ob wohl noch Züge fahren?«
+
+»Sie reisen?«
+
+»Ja, aufs Land, auf mein Landgut . . .«
+
+»Ah, wie schnell Sie gehen!«
+
+»Man muß eilen. Jede Minute ist unter Umständen entscheidend für Tod und
+Leben. Lesen Sie die Geschichte der Revolutionen . . .«
+
+Kreuz und quer jagt Schwerdtfeger. Endlich hält er und reißt die Türe
+auf: »Rasch, rasch!« Willenlos gehorcht der General -- und schon fährt
+Schwerdtfeger davon.
+
+Ein Zebrakittel! »Bitte Exzellenz!«
+
+Petersen! Schwerdtfeger hatte ihn vor der roten Backsteinvilla in der
+Lessingallee abgesetzt, weil er nicht weiter konnte.
+
+Der General zögerte. Aber auch in der Lessingallee Trupps von Menschen,
+die im Sturmschritt dahineilten.
+
+Er trat ein -- beschämt. Taumelnd tastete er sich vorwärts. Petersen
+mußte an den Hauptmann denken, der immerfort sagte: Ach, wie dunkel es
+ist -- ich sehe etwas schlecht . . .
+
+»Ich werde nicht lange stören, Petersen«, stammelte der General. »Nur
+einen Augenblick -- wir kamen nicht weiter.«
+
+»Gnädige Frau werden sehr bedauern --«
+
+Immerhin, ein Glücksfall an diesem Tage! Dora war nicht hier. Der
+General atmete auf.
+
+»Gnädige Frau reiste gestern ab -- nach Pommern, aufs Land, zu einer
+Familie Olsen. Bitte Exzellenz Platz zu nehmen, ich werde sofort ein
+Glas Wasser bringen.«
+
+»Olsen, sagten Sie?«
+
+»Ja, Olsen. Darf ich nun bitten -- eine Sekunde -- Exzellenz sind ganz
+blaß geworden . . .«
+
+»Und Hauptmann v. Dönhoff?«
+
+Petersen tat erstaunt.
+
+»Er wohnt schon seit einiger Zeit nicht mehr hier. Er verließ uns,
+mitten in der Nacht. Aber gnädige Frau werden sehr bedauern --«
+
+Am Nachmittag verließ ein Gutsbesitzer die rote Backsteinvilla in der
+Lessingallee. Oder auch ein Jäger, wie man will, dem Äußern nach
+jedenfalls eine Persönlichkeit aus der Provinz, die in Berlin von der
+Revolution überrascht worden war. Dieser Gutsbesitzer trug einen nach
+Kampfer riechenden, kurzen, altmodischen Jagdrock aus braunem Tuch, mit
+großen Taschen, schweren Lederknöpfen, und einem schmalen, schon etwas
+abgeschabten Pelzkragen. Ferner einen weichen, olivgrünen Hut, mit einer
+krummen Hahnenfeder hinten, wie Jäger ihn tragen.
+
+Kaum hatte der Gutsbesitzer die Villa verlassen, so verschloß Petersen
+die Haustüre und ließ sämtliche Rolläden herab.
+
+Immer noch blendete und funkelte die Sonne am wolkenlosen Himmel. Der
+Himmel selbst strahlte Verheißung.
+
+
+5
+
+»Platz gemacht!«
+
+»Platz!«
+
+Die Autos rasen.
+
+Weite graue Mäntel, Soldatenmäntel, flattern eilig durch die Straßen.
+Hier, dort, überall. Es sind Hunderte, Tausende. Voller Lehm, voller
+Staub, der Kalk der Champagne, der Schlamm von Flandern, mit Blut
+befleckt, versengt von den Granaten, von den Gasen gebleicht,
+durchlöchert -- die weiten flatternden Mäntel haben die Stadt
+überflutet.
+
+Und die Autos rasen dahin, mit Trauben von schweißtriefenden Menschen
+behangen. Auf den Trittbrettern kauern sie, auf den Motorhauben, den
+Schmutzflügeln, mit Gewehren und Handgranaten. Die roten Fahnen knattern
+-- so rasen sie dahin.
+
+»Platz gemacht!«
+
+Es sind die Jungen, die gekommen sind, die neuen Gesichter, die Kühnen
+und Wollenden.
+
+»Gegrüßt Ihr Kühnen, Wollenden, gegrüßt!«
+
+»Vorboten des kommenden Menschen, gegrüßt! Ihr Läufer, die dem neuen
+Reiche vorauseilen, ihr Hoffenden, Starken, Liebeglühenden, gegrüßt
+. . .«
+
+Ackermanns weiter Mantel flattert zwischen den roten Flaggen, die die
+Linden hinabrasen. Schüsse knattern. Staub fährt aus der Stadt.
+
+Feuer speit der Vulkan und die Erde bebt -- --
+
+Verloren -- alles, in einer einzigen Stunde . . .
+
+Und die Armee auf dem Rückmarsch! Regimenter, Divisionen, Korps --
+Hunderttausende, ja Hunderttausende. Hunderttausende -- Millionen!
+Hunderttausende von Pferden und Wagen, Zehntausende von Geschützen --
+die Straßen überschwemmt, Schulter an Schulter, keuchend, Rad an Rad,
+krachend, Pferdeflanke an Pferdeflanke, mit Schaum bedeckt -- Tag und
+Nacht, Nacht und Tag -- jetzt in dieser Minute --
+
+Der General findet keinen Schlaf mehr.
+
+Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer Wanderung, Schauspiel, unerhört in
+der Geschichte, er _hört_ sie! Er sieht die Flugzeuge, die über den
+Landstraßen kreuzen und die Marschbefehle abwerfen.
+
+Eine Stockung, und Hunderttausende sind dem Hungertode verfallen!
+
+Eine Stockung, und Hunderttausende fallen in die Hände des
+nachdrängenden Feindes -- seine Vortrupps heben sich am Horizont ab!
+
+Eine Stockung, und Panik erfaßt Hunderttausende, die Riesenarmee
+zersplittert in tausend Stücke und Banden von Verzweifelten wälzen sich
+durch die deutschen Lande!
+
+Ein Wunder . . . ein Wunder an Manneszucht und Ausdauer allein --
+Europas Schicksal hing an einem Faden!
+
+Nein, kein Schlaf kommt mehr in die Augen des Generals!
+
+Er _sieht_ die Riesenarmee auf ihrer beispiellosen Wanderung --
+beispiellos und unerhört -- aber er sieht auch, daß sie rückwärts
+wandert.
+
+_Rückwärts!_
+
+In Eilmärschen, vom Gegner diktiert!
+
+Niemals, niemals -- unfaßbar!
+
+Irgendwo brennt eine elektrische Lampe, und zuweilen kriecht das graue
+Antlitz durch einen dunkeln Spiegel.
+
+Unfaßbar, ganz unfaßbar!
+
+Der General stottert, er findet die Worte nicht mehr -- seine fahlen
+Lippen bewegen sich, ohne einen Laut hervorzubringen . . .
+
+Und hinter den dunkeln Vorhängen, hinter den herabgelassenen Rolläden,
+horch! Ja, wieder!
+
+Da ist er wieder! Er mahlt.
+
+Der Schritt! Hunderttausendfältig, ohne großen Lärm, wie ein Volk, das
+aufgebrochen ist und seinem Ziele zuwandert -- ohne sonderliche Eile,
+denn es weiß, daß es sein Ziel erreichen wird. Dieser Schritt verfolgt
+ihn. Tag und Nacht wandert der Schritt der Hunderttausend an seinem
+Fenster vorbei. Eine Armee ist aufgestanden und wandert. Eine Armee, die
+irgendwo verborgen lebte. Wo waren sie bis heute? Er hatte sie nie
+gesehen. Lebten sie in der gleichen Zeit, in der gleichen Stadt? Ja,
+weshalb sah er sie nie? Die Vielen, die Unbekannten -- mit diesen Augen,
+die nicht Augen von Menschen waren, von Wölfen, Füchsen, Adlern und
+Geiern. Mit diesen Gesichtern, die er früher nur in Träumen sah. Wo
+hatten sie gelebt bisher, wo hatten sie sich verborgen gehalten?
+
+Horch! Woher? Wohin?
+
+Endlos, ohne Aufhören wandert der Schritt der Hunderttausend. Selbst im
+kurzen Schlaf der Erschöpfung hörte er ihn.
+
+Der General nimmt den weichen Hut, und das graue Steingesicht -- grau
+wie der Staub der Landstraße -- erscheint in dem kleinen, kahlen
+Vorgärtchen.
+
+Die Augen der Wölfe und Füchse, die stechenden Augen der Geier gleiten
+prüfend über das breite graue Gesicht, und ihr Blick dringt in die
+Dunkelheit der schwarzen Augenhöhlen. Da aber beginnt es in den
+Dunkelheiten dieser finsteren Augenhöhlen zu glühen und zu sprühen --
+noch ist es nicht _so weit_!
+
+Ein neues Geschlecht, ein verborgenes, unbekanntes, ungeahntes, nie
+gesehenes, war aus der Erde gestiegen.
+
+Rufe, Schreie branden über den mahlenden Strom der Neuen, Niegesehenen
+dahin. Der General versteht sie nicht. Fahnen, Plakate, Inschriften,
+unverständlich. Lieder, Gesang -- unverständlich.
+
+Still steht er -- ja, wie ein Baum, die Blätter sind gefallen, ein
+kahler Baum, und ringsum ist nichts, nichts, Nebel, soweit das Auge
+blicken kann. Und der Baum fröstelt, krümmt sich im Wind.
+
+Endlos, in Wahrheit! Die Erde hat sich geöffnet und die Lava strömt --
+langsam und ohne jedes Ende.
+
+Schon wandert er neben dem endlosen Strom dahin und verliert sich in den
+Straßen. Die Hände in den weiten Manteltaschen des altmodischen
+Jagdrocks, den weichen Hut in die Stirn gezogen -- und den Schnurrbart
+hat er etwas gestutzt, nicht viel, einen, zwei Daumen breit.
+
+Straßen ohne Ende wandert er hinab. Er überquert Plätze, blickt in
+Seitengassen. Sein düsterer Blick zuckt über die Züge der Demonstranten.
+Nicht einmal die Autos mit den roten Fahnen läßt er vorüberfahren, ohne
+die Gesichter zu prüfen. Aber er läßt sich nicht entmutigen, weiter,
+hinab die Straße, hinauf -- er _sucht_.
+
+Ja, er sucht!
+
+Die Straßen sind überschwemmt von Menschen. Die Dämme sind gerissen, die
+Flut spült durch die Stadt. Aus den Vorstädten, aus den Fabriken, die in
+den Nächten -- in wie vielen endlosen Nächten! -- gleißten, waren sie
+gekommen, die gelben Gesichter, die Arme vom schlechten Öl zerfressen,
+die Augen entzündet von der stechenden Flamme der Bogenlampen. Auch die
+Bleichen und Fahlen, die den Tag seit Jahren nicht sahen, waren
+gekommen. Auch sie waren gekommen, die sich von Rüben und faulen
+Kartoffeln nährten, während der Kellner in Stifters Diele Geheimnisse in
+das Ohr der Gäste raunte. Auch sie waren gekommen, die noch die Lügen
+glaubten, während die Eingeweihten schon lange die Wahrheit kannten.
+Auch sie waren gekommen, die ihren dünnen, abgescheuerten Ehering
+opferten, während in den Schlössern die Leuchter aus schwerem Gold und
+Silber auf den Tafeln standen. Auch sie waren gekommen, die Elenden, die
+nicht einmal mehr ein Hemd auf dem Leibe trugen.
+
+Von da draußen -- da draußen -- --!
+
+Die Hohläugigen, die Vergessenen, die Ausgespieenen, die lebendig
+Begrabenen, die Verfehmten, die Gemarterten, die Gekreuzigten -- ja, von
+ihren Kreuzen waren sie gekommen.
+
+Auch die Frauen waren gekommen, die die Frucht ihres Schoßes, ohne zu
+feilschen dem General hingegeben hatten.
+
+Auch sie waren gekommen, die Frauen, deren Männer längst in den
+Massengräbern moderten, auch die Mütter waren gekommen, die ihre
+Säuglinge an der versiegten Brust sterben sahen.
+
+Auch sie waren gekommen, die Wahnsinnigen, die Krieg und Not um den
+Verstand gebracht hatte, auch sie, die Sterbenden, erschöpft zu Tode von
+Gram und Mühsal, auch sie schlichen auf zitternden Beinen dahin. Auch
+die Verzweifelten, die das Leben nur noch nach Stunden maßen, auch sie
+waren gekommen.
+
+Auch die Tapferen waren gekommen, die Mutigen, die selbst in den
+furchtbaren Jahren nicht den Glauben an den Sieg ihrer Sache verloren
+hatten. Gepriesen sei ihr Name!
+
+Geboren von Müttern? Gezeugt in Betten? fragte der General.
+
+Ja, natürlich, was für eine Frage, geboren von Müttern. Gezeugt in
+Betten und überall, hinter Zäunen, auf den Bänken der öffentlichen
+Gärten -- was für eine Frage, als ob es darauf ankäme?
+
+Die Erde war geborsten, und sie kamen heraus. Die Formlosen,
+Ungeformten, selbst noch Erde. Die Verschütteten waren ans Licht
+gekommen, die Explosion hatte sie befreit. Die Kasernen und Zuchthäuser
+waren geborsten. Auch die Schutzhäftlinge -- Tausende und aber Tausende,
+die im Wege waren -- sie waren frei. Auch jener Inder, den ein Geheimer
+Rat drei Jahre in Schutzhaft hielt, er war frei, und sein Peiniger
+bestellte ihm ein Hotelzimmer, um selbst rasch ins Ausland zu
+entfliehen.
+
+Verschwunden die auf den Mann dressierten Berittenen und die Blauen, die
+gleich mit dem scharfen Säbel einschlugen. Verschwunden auch jenes
+Polizeigehirn, das eine Bibel von Verordnungen verfaßt hatte, die jeden
+Schritt von der Geburt bis zum Grab regelte. Fort mit ihm!
+
+Fahrdämme und Bürgersteige sind überschwemmt. Redner überall. Auf Autos,
+Wagen, Karren, Bänken. Der _Stumme_, Jahrzehnte, Jahrhunderte stumm
+gehalten, nun spricht er!
+
+Soldaten überall, einzeln, in Trupps, in Scharen, in ihren armseligen,
+geflickten Uniformen. Durch das Blutmeer sind sie geschritten, dem
+Blutmeer sind sie entstiegen, noch sind sie betäubt vom Geruch des
+Menschenbluts, schon aber glänzt neue Hoffnung in ihren Augen.
+
+Düster gleitet der Blick des Generals über sie hin, seine Lippen zucken:
+die deutsche Armee --
+
+Er fröstelt.
+
+Kriegsgefangene, auch sie sind frei. In Rudeln schieben sie sich durch
+das Gedränge: Franzosen und Russen, Italiener und Engländer, Schotten
+und Irländer, Kanadier, Neger, Australier, Inder, in allen denkbaren
+Uniformen. Sie rauchen, kratzen sich die stachligen Backen, spucken aus,
+schnattern. Einer humpelt auf seinem Holzstumpen dahin, aber er lacht.
+Ja, weshalb nicht? Der Krieg ist gewonnen, der Präsident wird ihn auf
+die Wange küssen und ihm eine Blechmünze auf die Brust heften. Sein
+Vaterland wird ihm eine Rente aussetzen, zwanzig, dreißig, vielleicht
+hundert Franken den Monat, eine Drehorgel wird er gratis erhalten, er
+hat keine Sorge mehr.
+
+Schon aber wandeln sie stolz und unnahbar durch die kochenden Straßen,
+die Brust voller Ordenssterne, mit roten Streifen an den Hosen, Litzen
+und Tressen glitzernd und funkelnd: die Sieger! Ein Geruch von Lorbeer
+bleibt hinter ihnen zurück.
+
+Von weitem schon erspäht sie das Auge des Generals. Rasch begibt er sich
+auf die andere Seite der Straße und sieht sie dahinwandeln. _Sie_ also!
+Die Würfel fielen.
+
+Auch in seinen düstersten Träumen -- Ja, oft hatten ihn düstere Träume
+gequält, oft schien es ihm, in müden Stunden, als ob es zuviel sei, ja,
+trotz der wunderbaren Armee und der herrlichen Organisation, zuviel --
+aber selbst in seinen düstersten Träumen hatte er es nicht für möglich
+gehalten, daß einst die Uniformen der feindlichen Generalstäbe unter den
+Linden zu sehen sein würden.
+
+ * * * * *
+
+Hell gegen den funkelnd blauen Himmel, hell und leuchtend flattert die
+rote Fahne über dem Schloß.
+
+Versprechungen -- Lügen, freie Meinung -- Gefängnis, Freiheit --
+Kartätschen; ja, nun also flattert die rote Fahne auf dem Schloß.
+
+Im Gebäude des Reichstags tagt das Parlament der Novembermänner, im
+Abgeordnetenhaus und im Herrenhaus, wo die Greise noch gestern um
+Nichtigkeiten feilschten, beraten sie. Wo man nur flüsterte, tobt der
+Lärm, wo Diener die Stiefel des Unbekannten musterten, kauern die Posten
+bei ihren Maschinengewehren. Fort die Gehröcke und Gamaschen, die
+Flüsterer, die wehenden Greisenbärte und funkelnden Glatzen, die krummen
+Rücken!
+
+Hüte dich! Wie eine Stichflamme brennt die neue Sonne am Himmel. Sie
+stieg empor aus dem weiten Rußland, benetzt von Blut und Tränen. Sie hat
+die Weichsel überschritten. Sie wird den Rhein überschreiten. Sie wird
+den Kanal überschreiten -- benetzt von Blut und Tränen. Jenseits des
+Atlantiks wird sie aus dem Meer steigen, und die Stahlkammern der
+Wolkenkratzer werden in der Stichflamme dahinschmelzen -- auch die
+Pyramiden der ägyptischen Könige sind heute nicht mehr als Steinhaufen
+ohne jeden Sinn.
+
+Auch aus den Fluten des Stillen Ozeans wird sie eines Tages auferstehen,
+wo die gelben Völker wohnen.
+
+Die Greise, die Grausamen, die Vermessenen, die die Geschicke der Völker
+lenken, wird sie verzehren, die neue Sonne; ehe sie es gewahr werden --
+ehe sie lallen können, werden sie nicht mehr sein.
+
+Die Geschichte wird ihre Namen verzeichnen, wie sie den Namen Neros
+verzeichnete, der Menschen als Fackeln brannte. Aber vor ihren Namen
+wird Neros Name verblassen.
+
+
+6
+
+Zuweilen glitt ein kecker Soldatenblick über das graue Gesicht, und ein
+keckes Auge versuchte in das Düster unter den grauen Brauen
+einzudringen. Ein paar Unverfrorene gingen sogar eine Weile neben ihm
+her und musterten ihn von oben bis unten. Das Düster unter den grauen
+Brauen erhellte sich, und die Unverschämten entfernten sich schwatzend
+und lachend.
+
+Das Gesicht des Generals flammte. Diese Verworfenen! Und doch --
+sonderbar: Furcht hatte ihn beschlichen, als sie ihn musterten.
+
+Wieder war ein Blick auf ihn geheftet. Dieser Blick flog einem
+dahinfegenden Auto voraus. Er kam aus einem lachenden, heiteren Gesicht,
+ein neugierig forschender, gutherziger Blick, und trotzdem fühlte er
+ihn.
+
+Dieser neugierig forschende Blick ging aus von einem kleinen Feldgrauen
+mit einer winzigen Mütze auf dem Ohr. Er saß, den Gürtel gespickt mit
+Handgranaten, auf dem Kühler des dahinjagenden Autos, das bis zum Rande
+gefüllt war mit Soldaten und Matrosen.
+
+Es war Hanuschke, in der Tat -- man erinnert sich, der um sein Leben
+lief, während der General in Stifters Diele Spargel aß -- auch er jagte,
+der krummbeinige, kleine Hanuschke, mit der roten Narbe zwischen den
+Augen, auf diesen Donnerwagen durch die Straßen. Er war guter Dinge. Er
+lebte und konnte es noch nicht fassen. Und weil er lebte, lachte er.
+Niemand wünschte er etwas Böses -- und dieses graue Gesicht, es war ihm
+nur so aufgefallen.
+
+Aber er erkannte es nicht wieder, es schien ihm nur, als habe er es
+irgendwo gesehen. Und der General, er hatte diesen kleinen Feldgrauen
+mit der Narbe zwischen den Augen überhaupt nie erblickt.
+
+Doch, was ist das?
+
+Fahnen, Plakate, und die Fußgänger treten zurück. Durch die Linden
+gleitet und schwankt eine Prozession, die alle Blicke auf sich lenkt.
+
+Seht!
+
+Auf Krücken, auf Stelzfüßen schwingen sie sich daher, Dutzende ohne das
+rechte Bein, Dutzende ohne das linke Bein, Dutzende ohne Beine. Eine
+Anzahl wird von Kameraden auf Karren geschoben, sie sind gelähmt.
+Scharen werden von Hunden geführt, sie sind blind. Sie haben keine
+Hände, keine Arme, leere Ärmel in die Taschen geschoben. Ihre armseligen
+Uniformen verbergen gräßliche Verstümmelungen.
+
+Seht, seht, ihr Menschen!
+
+Sie kriechen wie Insekten dahin, sie kriechen wie Krabben, seitlich, sie
+humpeln. Ihre Gesichter sind zerschmettert. Sie haben keine Nase, kein
+Kinn, ein roter Spalt ist der Mund. Ihre Gesichter sind schwarz- und
+blaugebrannt, sie haben keine Ohren, die Hälse sind verdreht, die Köpfe
+stehen zur Seite.
+
+Seht, seht, ihr Menschen! Fallt in die Knie!
+
+Ihre Augenhöhlen sind Löcher, die Lider darüber genäht, weiße Kugeln im
+roten Fleisch. Treu und achtsam trippeln die Hunde, die sie führen. Seht
+ihr Menschen, es sind nur Tiere.
+
+Auch sie sind auf die Straße gekommen. Was hat man ihnen nicht alles
+versprochen, in feierlichen Ansprachen, Proklamationen, Erlassen?
+
+Hier also sind sie!
+
+Die Fußgänger weichen gegen die Häuser zurück und erbleichen. Nur die
+Feisten, die im Kriege dick wurden, sie empfinden nichts.
+
+Der General steht mit dem Hute in der Hand.
+
+Wieder kochten die Straßen von Menschen und roten Fahnen. Wieder
+gerannen sie zuweilen, und es bildeten sich eine Menge Inseln von
+debattierenden Menschen.
+
+Die Novembermänner jagten auf ihren Wagen dahin. Lastautos schoben sich
+durch das brodelnde Meer der Köpfe, mit Maschinengewehren, roten Flaggen
+und Rednern, die zur Menge sprachen.
+
+Drehorgeln, Feldgraue, die Geige spielten auf einer Zigarrenkiste,
+blinde Soldaten, die sangen, Soldaten, die tanzten, auf den Händen
+liefen, wie Akrobaten Stühle in den Zähnen trugen -- und Scharen von
+Verkäufern in grauen Soldatenmänteln, mit Waren aller Art.
+
+Plötzlich aber stoben die Menschen auseinander. Beine eilten, Arme
+ruderten durch die Luft, Hüte rollten über den Asphalt. Gewehrfeuer
+knatterte. Ein Maschinengewehr feuerte -- und schon waren die Straßen
+reingefegt. Nur ein paar verwegene Feldgraue sprangen noch an den
+Häusern entlang, von Torweg zu Torweg.
+
+Lautlos glitt ein graues Panzerauto über den Asphalt.
+
+Es huschte die Straßen entlang und verschwand.
+
+Und schon wimmelten die Straßen wieder von Menschen, die Drehorgeln
+leierten wieder, die Verkäufer waren wieder mit ihren Kästen und
+Schachteln zur Stelle, und die Akrobaten begannen von neuem mit den
+Stühlen zu arbeiten.
+
+Schon bog ein neuer, unübersehbarer Zug von Menschen, Kopf an Kopf,
+brodelnd von Flaggen und Inschriften, in die Straße ein.
+
+ * * * * *
+
+Aus diesem unübersehbaren Zug löste sich plötzlich ein rostfarbener
+Havelock, ein steifer Hut. Jemand rief, winkte.
+
+»Herr Herbst!«
+
+»Ah, Sie sind es?«
+
+»Ja, ich! Um Gottes willen --!«
+
+»Um Gottes willen? Und Sie rufen, schreien meinen Namen -- als ob wir
+alte Freunde wären --? Und wie Sie aussehen, du meine Güte!«
+
+»Ja, wie ich aussehe!«
+
+Herr Herbst schob den steifen Hut aus der Stirn, denn er schwitzte vor
+Erregung. Sein Gesicht war gerötet, die Bäckchen gedunsen. Eine rote
+Schleife leuchtete an seinem Havelock.
+
+Augenblicklich zerrte ihn Herr Kunze, der schmächtige, semmelblonde
+junge Mann eifrig abseits.
+
+»Helfen Sie mir, um Christi willen!«
+
+»Ihnen?« Herr Herbst trat zurück.
+
+Kunze nahm den Kneifer ab, putzte ihn aufgeregt und sah sich furchtsam
+um. Sein Überzieher, sonst säuberlich gebürstet, war bestaubt und
+verknittert, der grüne Plüschhut voller Schmutz.
+
+»Ja, mir! Seien Sie barmherzig! Nichts zu essen seit Tagen, kein Geld,
+kein Obdach, immer auf der Flucht. Wir sind ja gleich am ersten Tage
+geplatzt.«
+
+»Geplatzt?«
+
+»Ja, unsere Dienststelle. Die Fenster zertrümmert, die Schränke
+zerschlagen, alles verwüstet, die Akten auf die Straße geworfen. Wohin
+sollen wir uns wenden. Niemand wagt es, sich mit uns einzulassen. Sehen
+Sie, hier!«
+
+»Eine Schramme!«
+
+»Ein Schlag über den Kopf! Sie haben mich erkannt, die Gefängnisse sind
+ja geöffnet worden -- und da haben sie mich erkannt. Sie haben mich
+mißhandelt und in den Kanal geworfen.«
+
+»In den Kanal, hahaha!«
+
+»Sie lachen? Ja, über die Brücke, aber ich konnte mich an einem Kahn
+festhalten -- so saß ich im Wasser, bis sie fort waren. Und gestern, da
+haben sie mich wieder erkannt, andere, die Stadt wimmelt von ihnen, und
+verfolgt -- durch ganz Berlin. Ich bin gelaufen, schrecklich, um mein
+Leben bin ich gelaufen. Ich flehe Sie an, auf den Knien. Helfen Sie
+mir.«
+
+»Ihnen? Hahaha! Die Zeiten haben sich geändert. Die Gerechtigkeit ist
+wieder in die Welt gekommen. Ein jeder nach seinen Verdiensten.«
+
+»Ach, auch Sie hartherzig! Und ich hoffte, Hoffnung erfüllte mich, als
+ich Sie sah. Ich habe keine Wohnung, kann nirgends bleiben. Ach, Sie
+ahnen es ja nicht! Wissen Sie, wo ich schon in diesen Nächten geschlafen
+habe?«
+
+Kunze zerrte Herrn Herbst in ein Haustor und flüsterte.
+
+»Ist es zu glauben, daß ein Mensch da schläft? Eine barmherzige, alte
+Frau. Erst morgens konnte ich wieder heraus. Gewöhnlich schlafe ich
+zwischen Bretterhaufen, klettere über Zäune. Dann kommen plötzlich Hunde
+-- entsetzlich!« Wieder glitt Kunzes Blick furchtsam über die beiden
+Soldaten, die hinter dem kleinen Herrn Herbst aufgetaucht waren und ihm
+überallhin folgten.
+
+»Schlimm, sehr schlimm!« sagte Herr Herbst mit einem spöttischen
+Zwinkern der kleinen entzündeten Augen. »Und _ihn_? Haben Sie _ihn_
+schon gesehen?«
+
+»Ihn? Wen?«
+
+»Nun ihn, den ihr vom Dache -- da, am Anhalter Bahnhof --?«
+
+»Wie? Wie? Was --?«
+
+»Ja, ich habe ihn gesehen!«
+
+»Wie? -- Sie machen mich irrsinnig!«
+
+»Ja, gesehen. Nicht er ist es, natürlich nicht. Ihr habt ihn ja getötet.
+Aber sein Bruder. Ein Jäger! Sieht genau so aus wie er -- ich dachte es
+im ersten Augenblick. Nur etwas jünger. Und die Dame -- Sie erinnern
+sich -- _jene_ Dame?«
+
+»Natürlich. Wir hatten wenig solch interessante Fälle.«
+
+»Ja, auch sie habe ich gesehen. Hier, sehen Sie, dieser Zettel. Hier.«
+Kunzes Spitzelaugen funkelten. »Sie fuhren zusammen auf einem Auto --
+auf einem Auto mit roten Flaggen -- und warfen diese Zettel auf die
+Straße.«
+
+»Gott stehe mir bei --«
+
+»_Ihm_ dürfen Sie nicht in die Hände fallen! Auch _ihr_ nicht!«
+
+»Helfen Sie mir um Christi willen. Retten Sie mich!«
+
+»Hahaha!«
+
+»Geben Sie mir Geld, damit ich entfliehen kann.«
+
+»Und einmal wollten Sie mich verhaften!«
+
+»Ich weiß es!«
+
+»Meine Wohnung haben Sie an sich gerissen und entweiht. In eine
+Irrenanstalt wollten Sie mich bringen lassen -- drohten mir, verfolgten
+mich auf Schritt und Tritt. Sagten, ich sei geistesgestört.«
+
+Kunze wischte sich den Schweiß von der Stirn.
+
+»Alles Befehl«, stammelte er, und hielt Herrn Herbst am Mantel fest. »Es
+wurde befohlen, und ich mußte gehorchen. Man hätte Sie ja sofort in ein
+Irrenhaus gebracht, weil Sie diesem hohen Offizier lästig wurden -- ich
+aber bürgte für Sie, setzte mich für Sie ein, aus Mitleid . . .«
+
+»Und in die Zwangsjacke wollten Sie mich stecken lassen! Ja, jedem wird
+gemessen werden nach seinen Verdiensten, Gerechtigkeit herrscht wieder
+in diesem Lande. Ich darf wohl bitten!«
+
+»Auf den Knien, Herr Herbst, verehrtester --!« Kunze klammerte sich an
+den Havelock.
+
+Da aber wandte Herbst den Blick auf die beiden Soldaten, die nicht von
+seiner Seite gewichen waren. Ein Blick nur, aber er genügt!
+
+Augenblicklich trat einer der beiden Trabanten vor.
+
+»Was will er denn?« fragte eine tiefe, rauhe Stimme.
+
+Kunze preßte den Kneifer auf die Nase, lüpfte den grünen Plüschhut, und
+schnell, schnell verschwand sein dünner Überzieher in der Menge.
+
+Schon schwang Herr Herbst wieder den steifen, verschwitzten Hut und
+schrie, rot vor Erregung: »Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!«
+
+Schon waren er und seine zwei Trabanten wieder mit dem endlosen Zuge
+verschmolzen, der sich breit durch die Straße wälzte.
+
+»Hoch! Hoch! -- Nieder! Nieder!« schrien seine Trabanten. Tag für Tag
+trotteten sie schwitzend und aufgeregt durch die Straßen. Jedem Zug,
+einerlei welcher politischen Partei, schlossen sie sich an.
+
+Seine beiden Trabanten waren: ein kleiner, stämmiger, etwas
+ausgewachsener Infanterist, eine Grabentype mit weitem Mantel,
+Transportarbeiter von Beruf, der einen Konzertflügel auf den breiten
+Schultern trug, und ein hagerer Artillerist mit schwarzem Schnurrbart,
+schwarzen Brauen, schwarzen, wirren Haaren und schwarzen Augen, einer
+kleinen, runden Mütze und einem braunen, gestrickten Wollkittel mit
+Perlmutterknöpfen. Herbst hatte die beiden auf der Straße gefunden und
+sie adoptiert, mit einem Wort. Sie waren seine Gäste im »Löwen von
+Antwerpen«, er ernährte sie, sie tranken, und er bezahlte.
+
+Dafür waren sie ihm aber auch blind ergeben. Sie lasen die vergilbten
+Briefe, die er in seiner Tasche trug -- lasen -- verstanden -- sofort!
+Sie kannten ja das alles, kamen selbst von da draußen und wußten wie es
+zuging. Aufmerksam hörten sie zu, wenn er von Robert erzählte -- von dem
+Sturmangriff am 5. August, und schon am 4. war kein einziger
+zurückgekommen. Stundenlang hörten sie zu und immer wieder. Die Augen
+quollen aus ihren Schädeln.
+
+Der schwarze Artillerist erhob sich, ergriff die Flasche und schlug
+damit auf den Tisch.
+
+»Sage ein Wort -- ein Wort genügt! Du brauchst nur zu sprechen!« Und er
+warf lässig ein feststehendes Messer mit Hirschhorngriff auf den Tisch.
+
+Auch der stämmige Infanterist erhob sich und schob den breiten Nacken
+vor.
+
+»Du kannst dich verlassen auf uns. Soll es morgen sein?«
+
+»Ich werde schon -- wartet nur, Geduld.«
+
+Und der hagere, schwarze Artillerist tanzte auf seinen langen Beinen,
+schwang das Glas und sang mit rauher, tiefer Stimme seinen Trinkspruch:
+»Licht aus, Messer raus! Haut ihn!«
+
+Und nun tranken sie alle drei die Gläser leer.
+
+Ja, blind ergeben.
+
+Vorläufig aber trotteten sie geduldig in diesem endlosen Zug unbekannter
+Menschen.
+
+»Hoch! Hoch!« schrie Herbst und hob den steifen Hut.
+
+»Hoch! Hoch!« schrien die Trabanten und schwangen die Mützen.
+
+
+7
+
+Schon wird es Nacht.
+
+Der Wind pfeift durch die Linden, die Fenster klirren. Qualm schlägt aus
+den Häusern, die Stadt raucht. Der Wind braust um das düstere Schloß,
+die Säulen wanken. Die Rosselenker am Portal knicken zusammen unter den
+Hufen der Rosse. Aber plötzlich wird es still, ganz still, der Wind
+schweigt, und ein eisiger Luftstrom schiebt sich über die Linden dahin,
+ein wandernder Block von Eis.
+
+Dunkle Wolken fliegen über die Stadt, schwarz, eine hinter der andern --
+wie sie jagen! Gespenstisch!
+
+Ja, gespenstisch, es sind die Toten, die Gefallenen, die über die Stadt
+dahinjagen und auf den Wolken stehen. Die Kälte des Grabes fällt aus
+ihren grauen, vereisten Soldatenmänteln. Denn sie lagen lange in der
+kalten Erde.
+
+Der General erschauert, er zieht frierend den Mantel mit dem blutroten
+Aufschlag über der Brust zusammen. Er sieht die Toten nicht da oben auf
+den schwarzen Wolken, aber er fühlt die entsetzliche Kälte, die sie
+mitbringen.
+
+Feuer spritzt vor seinen Füßen, ein Insekt schwirrt zischend an seinem
+Ohr vorbei. Schüsse knallen.
+
+Nein, nicht der Mantel mit den blutroten Aufschlägen, er ist in Zivil,
+aber er hatte es für Augenblicke -- wie lange? -- vergessen.
+
+Aus den finstern Straßenschluchten blasen Feuerfunken, aber der General
+fürchtet die Kugeln nicht. Er wendet ihnen die Stirn zu, er öffnet die
+Augen und blickt ihnen entgegen, er bietet ihnen die Brust dar und
+bleibt sogar stehen. Unbeirrt verfolgt er seinen Weg. Nur die
+entsetzliche Kälte, die aus den jagenden schwarzen Wolken fällt, erfüllt
+ihn mit Schaudern.
+
+Licht in einer dunkeln Straßenschlucht. Ein totes Pferd liegt auf dem
+Pflaster. Schatten umdrängen den Kadaver, Soldaten und Weiber mit
+Messern. Sie zerlegen das Pferd und wickeln blutige Fleischstücke in
+Zeitungsfetzen und Schürzen. Dort an der Ecke ein Auto mit dem Zeichen
+des Roten Kreuzes. Eine helle Bahre gleitet durch den Lichtschein.
+
+Und wiederum Finsternis, ohne Ende. Die Straßen sind dunkle Katakomben,
+Riesenschatten tanzen über die verlassenen Plätze, Schrecken lauert in
+den finstern Haustoren. Manche Straßen sind wie mit Schnee bedeckt. Das
+sind die Massen von Zetteln und Aufrufen, die täglich auf die Stadt
+niedergehen. Der Fuß des Generals raschelt in ihnen. Da! Der Schrei
+eines getroffenen Menschen. War es eine Frau? Ja, eine helle Stimme. Und
+das Feuer prasselt. Der Widerhall klopft an den Häuserwänden. Der
+Widerhall klopft im Herzen des Generals. Jede einzelne Kugel trifft ihn
+ins Herz. Zu Ende! Alles zu Ende! Schon töten sie sich gegenseitig.
+
+An den Straßenecken ist ein Plakat angeschlagen: Berlin, halt ein, Dein
+Tänzer ist der Tod!
+
+Ja, zu Ende --
+
+Der Schritt des Generals stockt. Mitten auf dem Trottoir liegt, Arme und
+Beine von sich gestreckt, in einer Lache von Blut, ein toter Matrose.
+Rasch geht der General auf die andere Seite. Aber schon wieder
+erschauert er. Etwas weht feuerrot in der Dunkelheit, etwas fließt
+schimmernd weiß dahin, blitzschnell. Sein Herz bleibt vor Schrecken
+stehen. Gespenster? Gespenster in Berlin? Nein, es sind Masken,
+Vermummte, die eilig die Straße entlang huschen.
+
+Tanzmusik und der Lärm eines Balles hinter herabgelassenen Rolläden.
+
+Und wiederum Finsternis, Leere, Stille, die Stadt ist tot. Nur dann und
+wann klatscht ein Schuß. Das Gewehrfeuer prasselt in der Ferne.
+
+Plötzlich empfindet der General deutlich, daß irgend etwas nicht in
+Ordnung ist. Er fühlt die Nähe eines Menschen.
+
+Ein Schritt wandert hinter ihm! Immer hinter ihm her.
+
+Und auch drüben, auf der andern Seite der Straße -- ist es nicht
+auffallend? -- schlürfen plötzlich Schritte. Zuweilen, wenn die
+Dunkelheit durch einen Lichtschein erhellt wird, sieht er drüben zwei
+kleine Gestalten dahinkriechen, die mit den Händen winken.
+
+Und der Schritt knirscht hinter seinen Fersen her. Er überquert die
+Straße, der Schritt folgt ihm, er biegt um die Ecke, auch der Schritt
+biegt um die Ecke.
+
+Da -- nun spürt er den Atem seines Begleiters im Nacken. Eine tiefe,
+rauhe Stimme raunt dicht an seinem Ohre:
+
+»Ich kenne dich!«
+
+Der General zuckt zusammen. Er eilt weiter, er wagt nicht zur Seite zu
+blicken.
+
+Und abermals raunt die Stimme:
+
+»General Hecht-Babenberg!«
+
+Drüben, auf der andern Seite, winken die Arme, winken zwei kleine,
+bleiche Hände.
+
+Der General eilt, aber sein Begleiter eilt mit großen Schritten neben
+ihm her. Es macht ihm nicht die geringste Mühe mitzukommen. Schon
+beginnen die zwei Kleinen auf der andern Seite zu laufen.
+
+Lauter beginnt die Stimme des Unbekannten zu raunen, und plötzlich zuckt
+der General zusammen. Die Stimme hat ein furchtbares Wort ausgesprochen,
+ein schreckliches Wort -- unsägliche Beschimpfung.
+
+Nun rufen die auf der andern Seite. Sie winken und schreien: »Komm doch,
+komm doch!«
+
+Da bleibt der Schritt plötzlich hinter ihm zurück. Ein Lachen klingt
+durch die finstere, menschenleere Straße. Eine rauhe, häßliche Stimme
+schreit: »Licht aus, Messer raus!«
+
+ * * * * *
+
+Der General hatte keine Angst vor der Kugel, nein. Aber während der
+Unbekannte ihm folgte, hatte er in der furchtbaren Angst gelebt, daß
+plötzlich eine Faust nach ihm schlagen könnte. Unausdenkbare Schmach!
+Nur aus diesem Grunde war er entflohen, aus keinem andern.
+
+Wer war es, was wollten sie? Und weshalb dieser furchtbare Schimpfname?
+Nie, auf Ehre und Gewissen, niemals hatte er von seiner Truppe mehr
+verlangt, als das Interesse des Vaterlandes unbedingt erforderte!
+
+In Schweiß gebadet, völlig außer Atem, kam er wieder in belebtere
+Gegenden.
+
+Ein Eishauch entströmte dem dunkeln Tiergarten. Kein Licht, keine
+Laterne, nichts. Die Fensterläden der Häuser geschlossen, die
+Fensterscheiben schwarz. Und schwarze Wolken jagten über die kahlen
+Wipfeln des Parkes dahin. Ein Auto, besetzt von Schatten, flog die
+finstere Straße entlang. Unaufhörlich erscholl der warnende Ruf: »Straße
+frei! Straße frei!«
+
+Die dumpfen Detonationen von Handgranaten ertönten drinnen in der Stadt,
+irgendwo.
+
+Nacht ohne Ende, Nacht der Schrecken!
+
+Auf der Treppe seines Hauses fuhr der General erschrocken zurück:
+Beinahe wäre er auf einen Menschen getreten!
+
+Wer war hier? Zitternd stand der General.
+
+Etwas wie ein großer, massiger Tierkörper schob sich schleifend die
+Treppe empor. Ein unerklärliches Geräusch, eine Vibration ging von der
+dunkeln Masse aus, wie wenn jemand vor Kälte zittert.
+
+Der General lauschte, dann rieb er zögernd ein Streichholz an.
+
+Auf der dunkeln Treppe kauerte ein Soldat mit zwei kurzen Krückstöcken
+unter den hochgezogenen Schultern. Der Körper des Krüppels wurde
+unaufhörlich von einem schrecklichen Zittern geschüttelt. Schmutz klebte
+an seinen Kleidern, seine Beinstumpen waren vollkommen vom Straßenkot
+durchweicht. Ausdruckslos verschwamm der Blick seiner halbgeschlossenen
+Augen im erlöschenden Licht des Streichholzes.
+
+Der General beugte sich zu dem Krüppel herab.
+
+»Was haben Sie -- sind Sie krank?« fragte er. Er fragte nur, um dem
+zitternden Haufen Fleisch einen Laut, eine Äußerung seines menschlichen
+Wesens, zu entlocken. Hastig kramte er in seinem Überrock nach Geld, der
+Gedanke fuhr ihm sogar durch den Kopf, den Soldaten mit sich ins Haus zu
+nehmen.
+
+Der Krüppel stieß Laute aus wie ein Taubstummer, ein Röcheln entstieg
+seinem krampfhaft geöffneten Mund.
+
+»Wo sind Sie verwundet worden, mein Sohn?« fragte der General und beugte
+sich noch tiefer herab. Auch er, der Krüppel, strömte Kälte aus.
+
+»Wo? Sprechen Sie doch. Wo?«
+
+Mühsam schüttelte der Krüppel Silben aus dem Mund.
+
+»Wo? Ich verstehe nicht.«
+
+Aber plötzlich taumelte der General in die Höhe.
+
+Er hatte verstanden!
+
+Nun zitterte er genau wie der Soldat.
+
+Hastig, ohne zu denken, ließ er ein paar Geldscheine fallen und stieß in
+aller Eile die Türe auf. Aber als er ins Haus treten wollte, fühlte er
+plötzlich, wie sein rechter Fuß von einer Hand umklammert wurde, die ihn
+festzuhalten suchte. War der Krüppel gefallen, suchte er Halt, suchte er
+seinen Dank auszudrücken? Der General stieß die Hand von sich und trat
+keuchend in die dunkle Diele.
+
+»Therese!« Oder, was er sonst rief. Jedenfalls rief er etwas, und seine
+Stimme klang schrill, wie ein Hilferuf.
+
+»Drehen Sie das Licht an, Therese, ich kann den Schalter nicht finden.«
+
+Aber augenblicklich wankte der General aus dem Lichtschein.
+
+Quatre vents! Quatre vents!
+
+Von der Höhe kam er, der da draußen --
+
+Lange Zeit saß der General regungslos in irgendeinem dunkeln Zimmer.
+
+Dann klingelte er dreimal. Das bedeutete: so schnell wie möglich
+servieren. Er hatte seit dem Morgen nichts genossen. Therese beeilte
+sich. Jakob? Wangel? Wohin? In der ersten Stunde waren sie von ihm
+gegangen, ebenso wie Schwerdtfeger. Ja, selbst Jakob, dieser biedere
+Bauernbursche, dessen Augen aufleuchteten, so oft er ihn ansprach.
+Trotzdem -- in der ersten Stunde, mit einem völlig ungültigen
+Urlaubsschein, ausgestellt von irgendeinem Soldatenrat.
+
+Als Therese eintrat, saß der General an dem großen, runden Speisetisch,
+in seinem weiten grauen Feldmantel, der bis zur Erde reichte, den Kragen
+hinaufgestülpt. Er war in sich zusammengesunken. Aber wie sah er aus?
+Nicht mehr grau -- schneeweiß.
+
+Seine Augen starrten.
+
+Einer von der Höhe!
+
+Quatre vents!
+
+Seine starrenden Augen sahen Bündel von roten Leuchtkugeln in die Nacht
+steigen -- wie damals, in jener Nacht, als er die Höhe verlor.
+
+Einer von jenen! Wie war er hierher gekommen? Seine Zähne schlugen
+aufeinander.
+
+»Sehen Sie nach, Therese,« flüsterte der General, und seine Stimme nahm
+bei jedem Wort eine andere Lage an, »vor der Türe ist ein Soldat.
+Bringen Sie ihn herein.«
+
+Und wieder klapperten die Zähne des Generals. Aber Therese kam zurück.
+Niemand war auf der Treppe.
+
+»Niemand?«
+
+Ja, vielleicht hatte er sich getäuscht. Wie? Vielleicht war tatsächlich
+niemand da draußen gewesen?
+
+Also wirklich niemand? -- »Haben Sie geheizt, Therese?«
+
+»Ich werde den Arzt rufen, Exzellenz sind krank«, sagte Therese.
+
+Der General schwieg und brütete vor sich hin.
+
+Erst nach geraumer Weile verstand er, was Therese gesagt hatte. Er
+drückte auf die Klingel. »Keinen Arzt, Therese. Ich bin vollkommen wohl.
+Nur müde.«
+
+Aber die Gabel entfiel seiner Hand: er schlief am Tische ein. Seine
+kreidige Wange lag auf dem Kragen des weiten Feldmantels.
+
+
+8
+
+Die schwarzen Wolken jagten über die finstere Stadt dahin. Ohne Ende,
+ohne Zahl. Die Toten in ihren vereisten grauen Soldatenmänteln standen
+darauf. Die Toten und Gefallenen aus den Massengräbern von Verdun und
+Ypern, von Polen und von Rußland, Serbien, Rumänien, von Mesopotamien,
+aus den einsamen Friedhöfen der Vogesen und der Champagne, die Toten aus
+den Argonnen, die Toten von der Somme und die Toten, die aus dem Meere
+gestiegen waren.
+
+Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrängt auf den schwarzen
+Wolken, die in dieser Nacht ganz Deutschland überzogen. Denn in dieser
+Nacht kehrten die Toten zurück.
+
+Horch, sie singen! Hörst du? Ihr Gesang braust! Was singen sie?
+Unverständlich für die Lebenden ist ihr Gesang.
+
+Die Vorhut der heimkehrenden Armee der Toten hat Berlin erreicht, ohne
+Ende ist ihr Zug, noch haben nicht alle den Rhein überflogen. Es sind
+Millionen.
+
+ * * * * *
+
+Dahinfegte die Limousine. Sie schnellte über eine Brücke und jagte in
+eine endlose schnurgerade Straße hinein. Sie bog um eine Ecke -- und ja,
+dies war nun die Lessingallee.
+
+Plötzlich pochte der General wild mit den Knöcheln an die Scheiben und
+augenblicklich zog Schwerdtfeger die Bremse. Bevor das Auto noch stand,
+war der General schon aus dem Wagen gesprungen und lief rasch in die
+Straße hinein. Aber auch der kleine Mann in seinem Havelock eilte, so
+schnell er konnte, dahin.
+
+Zwei, drei Sätze und die wütende Faust des Generals hatte den Havelock
+erfaßt.
+
+»Was wollen Sie von mir? Sprechen Sie!«
+
+Der kleine alte Mann krümmte sich zusammen.
+
+»Was wissen Sie von meiner Tochter. Sprechen sie jetzt -- oder, oder
+--!«
+
+Da zerfloß der kleine alte Mann, wie Nebel. Eine Sekunde noch das
+bläulich-weiße Gesicht, grüne Funken, wo die Augen waren -- fort.
+
+So heftig war die Erregung, daß der General auffuhr. Er saß bei Tisch.
+Allein.
+
+Ohne zu denken, griff er wieder nach Messer und Gabel und bemühte sich,
+kleine Stückchen von dem kalten Fleisch auf seinem Teller abzuschneiden.
+Er griff nach dem Glas -- aber schon erlahmte wieder die Hand.
+
+Kalt, kalt, die Kälte! Es war eisig kalt in diesem Zimmer.
+
+Und doch, der Ofen glühte. Er näherte die Hände -- deutlich sah er das
+Eisen glühen -- aber, wie merkwürdig, keine Wärme. Nun erst, da er mit
+den langen Nägeln das rote Eisen berührte, spürte er einen Hauch von
+Erwärmung. Ein eisiger Luftstrom blies ihn an.
+
+Sonderbar -- seit jenem Tage hatte es begonnen! Deutlich erinnerte er
+sich noch, wie das schneeblaue Gesicht durch die Scheiben ins Foyer
+starrte, an den Briefumschlag sogar, der von häßlicher, unangenehmer
+grüner Färbung war. Seit jenem Tage war die Unruhe über ihn gekommen.
+Überall hatte er diesen kleinen geistesgestörten alten Mann gesehen --
+vor dem Hause, vor dem Restaurant, ja selbst wenn er einen Blick aus
+seinem Arbeitszimmer warf, da stand er auf dem Platze. Sogar in der
+Nacht begegnete er ihm häufig.
+
+Ja, er, dieser Unbekannte, hatte den Argwohn in ihm geweckt -- alles war
+daher gekommen, allein daher!
+
+Noch heute, noch heute würde sie, Ruth --
+
+Der Schmerz fraß. In seinem weiten Feldmantel, der nahezu den Boden
+berührte, schritt er durch die Zimmer. Auf seinem Schreibtisch lag Ruths
+letzter Brief: -- die dich geliebt hat, Papa, und noch immer liebt
+. . .
+
+Sie hatte ihm unrecht getan. Alles entsprang doch nur der Sorge um sie,
+der Fürsorge eines Vaters, dessen Pflicht es erheischte -- Kannst du es
+denn nicht verstehen, mein Mädchen? Verhängnis über Verhängnis. Er, ihn
+getötet? Wie? Wie? Ihn, den sie liebte? Er? Aber, wie kannst du nur so
+etwas sagen?
+
+Die Stille lauerte. Lauernd und feindselig umstrich ihn die eisige Luft.
+Der Brief flatterte plötzlich in seiner Hand.
+
+Ohne jeden Zweifel, er war nicht allein.
+
+Nein, nicht allein!
+
+Wieder glitt der lange graue Mantel durch die Zimmer. Er drehte das
+Licht an. Niemand, natürlich. Aber er fühlte einen Blick auf sich
+gerichtet und dieser Blick folgte ihm überall hin.
+
+Vorsichtig, mit zitternden Fingern, schob er den Vorhang zur Seite, er
+öffnete das Fenster, leise, und spähte durch einen Spalt der Jalousien
+hinaus auf die finstere Straße.
+
+Da, da -- sein Herz stockte!
+
+Nein, er hatte sich nicht getäuscht.
+
+Da stand er -- der kleine Geistesgestörte, in der Tat! Deutlich sah er
+sein faustgroßes bleiches Gesicht. Die Augen waren auf dieses Fenster,
+genau auf dieses Fenster, auf ihn gerichtet. Er stand mit zwei
+Gestalten, zwei Männern, einem großen und einem untersetzten. Nun
+näherte sich der Große der Haustüre, aber der alte Mann rief ihn zurück.
+Sie sprachen: berieten, deuteten auf das Fenster, auf ihn! Dann gingen
+sie, zögernd, und die Dunkelheit verschlang sie augenblicklich.
+
+Leise, vorsichtig schloß der General wieder Fenster und Vorhänge. Noch
+eisiger war die Luft geworden. Kalter Nebel war durch das Fenster ins
+Zimmer gekrochen. Ja, ohne Zweifel, die ganze Wohnung war nunmehr von
+Nebel erfüllt. Die Wände rauchten. Sie waren grüne geschliffene
+Eisblöcke, die dampften.
+
+Der Brief Ruths war auf den Boden gefallen und keuchend hob der General
+ihn auf. Er war geneigt, über die politischen Verirrungen eines jungen
+und urteilslosen Mädchens hinwegzusehen. Er war geneigt, gewisse
+Vorfälle zu vergessen -- Irrungen eines jungen und leidenschaftlichen
+Herzens. Er war geneigt, Zugeständnisse zu machen, völlige Freiheit
+zuzusichern. Forderte sie es, so war er zu jeder Genugtuung bereit. Zu
+jeder!
+
+Aber sie sollte zurückkommen!
+
+Ja, zurückkommen. Weshalb kam sie nicht?
+
+Er war alt, sein Leben vernichtet, zermürbt, untergraben, zerstört, ohne
+Sinn, ohne Hoffnung, ohne jede Hoffnung! Er besaß nur noch sie, sie
+allein -- sonst nichts mehr.
+
+Und er liebte sie! Ja, Ruth, es ist die Wahrheit, ich liebe dich!
+
+Das alles wollte er ihr sagen, sobald er sie traf. Und er würde sie
+finden, ohne jeden Zweifel! Morgen, in aller Frühe schon, würde er sich
+wieder auf den Weg machen. Sie war ja hier, hier in der Stadt,
+Wunderlich hatte sie schon zweimal gesehen.
+
+Ja, all das, all das. Und er würde sie _bitten_ -- nie in seinem Leben
+hatte er einen Menschen um etwas gebeten . . . Forderte sie es, von
+ihrem alten Vater -- bestand sie darauf -- nun wohl, so war er bereit,
+sich zu -- _demütigen_ . . .
+
+Plötzlich taumelte der General, so stark, daß er in einen Sessel fiel.
+Er griff nach der Brust. Sein Herz --? Was war es --?
+
+In diesem Augenblick aber schrillte die Klingel, zweimal, dreimal, lang,
+herausfordernd -- die Haustürklingel.
+
+Schritte kamen durch den Korridor.
+
+Aber schon stand der General unter der Türe. »Öffnen Sie nicht!« rief
+er, zitternd in seinem weiten Mantel.
+
+Dumpf grollte es in der Ferne -- ein Geschütz hatte in der Stadt
+gefeuert.
+
+»Ich werde selbst -- gehen Sie ruhig schlafen«, stammelte der General
+und Therese schlich wieder in ihre Küche zurück. Immer noch schmerzte
+das Herz in der Brust. Allmählich erst hörte es auf zu zucken. Nun erst
+ging der General zur Haustüre und bot seine breite Brust der Finsternis
+dar. Niemand. Aber dort drüben, im Park, schlichen da nicht Gestalten?
+
+Schüsse klatschten, und wieder feuerte ein Geschütz in der Stadt.
+
+»Sie zerfleischen sich -- wie Wölfe«, dachte der General. Und laut rief
+er in die Dunkelheit hinein: »Ist jemand da?«
+
+»Hahaha!« lachte es aus der Finsternis.
+
+»_Hier bin ich! Was wollt ihr von mir?_«
+
+»Hahaha!« Ganz fern.
+
+Niemand. Er verschloß die Türe.
+
+ * * * * *
+
+Ein Schritt raste die dunkle Straße entlang. Nein, nicht ein Schritt,
+ein Rudel von Schritten. Hinter dem einen rasenden Schritt her jagte
+eine Meute klappender Schritte. Geschrei.
+
+Da setzte der Schatten eines schmächtigen Menschen über die Straße und
+verschwand im Gebüsch des Parkes. Ein Rudel von Schatten setzte hinter
+ihm her. »Haltet ihn, haltet ihn, den Spitzel!«
+
+Die Stimmen verloren sich.
+
+Kunze keuchte. Eine Sekunde noch und er wäre zusammengestürzt.
+Meilenweit hatten sie ihn gejagt und alle Wachtposten hatten auf ihn
+geschossen.
+
+In Schweiß gebadet warf er sich auf den Boden. Da begann der ganze Park
+wie ein Hammerwerk zu pochen. Lob und Dank dem Herrn, sie hatten seine
+Spur verloren -- ihre Stimmen klangen ferner und ferner. Ein Schrei --
+vielleicht hatten sie einen andern niedergeschlagen?
+
+Noch keuchte die Brust, und schon begann Kunze wieder zu laufen. Durch
+den ganzen finstern Tiergarten eilte er. Furchtsam mied er Wege, ob sie
+breit oder schmal waren. Endlich kam er in eine Gegend des Parkes, die
+Sicherheit verbürgte. Es war dicht hinter dem Zoologischen Garten.
+
+Eifrig spähte er in die dunkeln Baumwipfel empor -- ja, hier, dieser war
+der richtige. Ein einladender Ast, nicht allzu hoch über der Erde, aber
+doch hoch genug, gerade was er suchte. Hinauf, schon war der Strick
+festgemacht, die Schlinge gebunden. So. Und nun rasch! Keine Stunde
+länger war dieses Leben zu ertragen -- ja, schade, er hatte nicht einige
+Autos zur Verfügung, um über die Grenze fahren zu können --
+
+Nur noch eine Sekunde, bitte, bis er Atem geschöpft hatte -- und dann:
+hinab!
+
+In der letzten Nacht hatte er in einer Kanalisationsröhre geschlafen; in
+der Lindenstraße, vorgestern in einer Sandkiste beim Halleschen Tor.
+Einmal hatten sie ihn schon gefangengenommen -- nein, nein. Schluß! Eine
+Sekunde nur -- und dann: hinab!
+
+Die Schlinge um den Hals saß er da, dampfte und keuchte -- zu seinem
+Schrecken gewahrte er jetzt, daß er sich ganz in der Nahe eines Weges
+befand.
+
+Dunkel und schweigend lag der Tiergarten. Eigentlich, bei rechtem Licht
+besehen, ein Park für Selbstmörder, nicht wahr? Eine rührende Vorsorge
+der Stadtverwaltung! Jede Nacht erschoß sich hier jemand, erhängte sich
+irgendeiner -- fast gab es keinen unbesetzten Baum mehr. In der Ferne,
+aus der dunkeln Stadt prasselte Gewehrfeuer, und dann und wann dröhnte
+ein Kanonenschuß. Sie kämpften. Es war nicht gut, ihnen gerade jetzt in
+die Hände zu fallen . . .
+
+Schwarze, gespenstische Wolken jagten über den kahlen Baumwipfeln dahin.
+Das welke Laub raschelte. Zuweilen hörte er auf seinem Ast auch Stimmen
+und Gelächter bald näher, bald ferner -- und Gesang. Gesang. Dann
+wiederum Schüsse. Und sonderbare Laute, Miauen und Bellen, drangen aus
+dem Zoologischen Garten.
+
+So also sollte er enden! Was würde sein Vater, der Pastor sagen? Ein
+_Selbstmörder_ in der Familie! Schande, Schmach -- Heimsuchung des
+allmächtigen Vaters im Himmel! -- Luxus, schöne Frauen -- und der Ruhm?
+Es war nichts damit geworden, nein. Gerade als der Krieg ausbrach wollte
+er zur Bühne gehen. Hamlet! Den ganzen Hamlet kannte er auswendig.
+
+»Sein oder Nichtsein --« flüsterte er und hob die Arme.
+
+Beinahe wäre er von seinem Ast gefallen.
+
+Dahinwandeln im Licht der Rampe, bewundert, umrauscht vom Beifall --
+Briefe schöner Mädchen und Frauen -- alles nichts.
+
+Und nun -- das Seitenstechen hatte aufgehört -- und nun . . .
+
+Da aber hörte er Schritte knirschen. Er erstarrte vor Entsetzen. Kamen
+sie wieder? Weshalb hatte er auch solange gezögert?
+
+Zwei Schatten wanderten über den Weg nebenan. Plötzlich bogen sie in die
+Büsche ein. Sie schlichen näher, immer näher. Ja, sie kamen zu ihm, beim
+Himmel. Seine Haare sträubten sich. Er wagte nicht mehr zu atmen.
+
+Ein Mann und eine Frau, sie lagerten sich unter seinem Baum. Etwas
+Weißes schimmerte, Flüstern, Küsse, Lachen, Geplauder -- leise Schreie
+-- eine volle Stunde mußte er ohne jede Bewegung sitzen. Endlich gingen
+sie wieder.
+
+Nun aber wollte er keine Minute mehr versäumen!
+
+Die Dunkelheit begann zu sprühen. Augen öffneten sich in der Finsternis,
+erschrockene, entsetzte Augen -- ja zumeist entsetzte -- wenn die Hand
+des Gesetzes ausholte! Auch die Augen jenes jungen Mannes, der auf dem
+Straßenpflaster lag, noch etwas atmete und rief: Alle Völker sind
+Brüder!
+
+Ja, auch diese Augen . . .
+
+Kunze weinte. Und plötzlich sprang er, ohne Überlegung, -- ein scharfer
+Schmerz schnitt in seinen Hals: zu Ende, vorbei --
+
+Aber einen Augenblick später saß Kunze im feuchten Gras. Er konnte es
+nicht fassen, anfangs -- der Strick war gerissen.
+
+Weinend lief er durch den dunkeln Park, den Strick um den Hals.
+
+
+9
+
+Der General steht über die Karte gebeugt, entschlossen und eisig seine
+Miene. Lautlos tritt der Chef des Stabes ins Zimmer. Schon beginnen die
+Autos und Motorräder der Befehlsüberbringer zu dröhnen und zu rasseln.
+Der Boden zittert vom Feuer, dicht nebenan schlagen die Geschütze, als
+würden Türen aus Erz ins Schloß geschleudert.
+
+Alles ging gut!
+
+Der Gegner, sein Gegner da drüben, dieser Halunke mit dem Käppi und dem
+weißen Spitzbart, hatte ihm die Höhe durch Überraschung genommen, mitten
+in der Nacht. Aber er hatte sich verrechnet! Schon taumelten die
+Soldaten von ihren feuchten Strohlagern, schon rollten die Autobusse,
+die Hölle wollte er ihm bereiten. Bevor die Sonne aufging, war die Höhe
+wieder in seiner Hand.
+
+Es ging vorzüglich, schon hatten die Jäger das Labyrinth -- das
+Hauptfort der Höhe -- wieder seinen Zähnen entrissen. Aber irgend etwas
+war doch auffallend -- plötzlich schienen es weniger Offiziere zu sein.
+Im Vorzimmer war überhaupt niemand. In der Schreibstube arbeiteten im
+ganzen zwei Leute.
+
+Doch auffallend! Wo ist der Chef des Stabes? Der General klingelte.
+Niemand kam. Er stieß ungehalten die Tür auf: niemand! Wieder ging er in
+das Schreibzimmer, der Telegraph tickte -- aber niemand! Die Kanonen
+schlugen weniger laut.
+
+Wo waren sie hin, das Gewimmel von Offizieren, Adjutanten, Schreibern,
+Ordonnanzen? Das ganze Schloß mit seinen hundert Sälen war leer und
+finster. Im Schein des. Geschützfeuers suchte er seinen Weg. Bilder,
+Möbel, Spiegel, die rot aufglühten.
+
+Kein Mensch!
+
+Er war allein.
+
+Bestürzt eilte er vor das Portal. Kälte, Nacht. Der Boden gefroren, ein
+eisiger Wind, die Bäume kahl und spitz. Ringsum, der ganze Horizont ein
+Feuermeer.
+
+Aber kein Lärm!
+
+Über die Parkmauer fuhr von Zeit zu Zeit ein Feuerbalken. Die Haubitzen
+standen dahinter, richtig. Der General eilte. Eben schwankte in der
+Dunkelheit ein Rohr, Glut blies in die Nacht -- aber kein Mensch und
+kein Laut! Der General strich entsetzt um das Geschütz -- keine Seele --
+was war das --?
+
+Wieder taumelte das Rohr, und im Schein des Abschusses sah der General
+das große dunkle Schloß zusammenstürzen, das Dach stürzte, die Säulen,
+das Portal -- aber kein Laut.
+
+Entsetzen schüttelte ihn. Er schrie auf.
+
+Da erwachte er. Seine Augen wanderten über die Wände.
+
+Erst nach geraumer Zeit fand er sich zurecht. Er saß in seinem
+Arbeitszimmer, in seinem Sessel, genau wie vor wenigen Minuten.
+Sonderbar, die Uhren gingen, die Pendel schwangen, aber er hörte sie
+nicht mehr ticken.
+
+Seine Lider waren schwer wie Blei, die Glieder wie gelähmt. Was geschah
+mit ihm? Müde, müde.
+
+»Ich bin müde«, sagte er mit schwerer Zunge.
+
+»Ich bin sehr, sehr müde!«
+
+Er wollte aufstehen, aber er blieb dennoch sitzen. Vor seinen Füßen lag
+ein Schreibheft, ein dünnes beschmutztes Notizheft. Ach, ja, es waren
+die letzten Aufzeichnungen Kurts, seines ältesten Sohnes -- gefallen bei
+Comble in der Sommeschlacht, ruhmvoller Verteidiger der Riegelstellung.
+Nun erinnert er sich: er hatte es aus dem Geheimfach genommen und wieder
+gelesen -- wie in vielen, vielen einsamen Nächten. Feuer, Entbehrungen,
+Schrecken, Tod . . .
+
+»Und alles umsonst?« flüsterte der General und schüttelte fassungslos
+den Kopf.
+
+»Alles umsonst!«
+
+»Wie, wie, wie?«
+
+»Ein Volk von Bettlern!?«
+
+»Ein Volk von Sklaven!?«
+
+»Ausgelöscht von der Erde, in den Schmutz getreten!«
+
+»Alles, alles umsonst!«
+
+»Ach!«
+
+Der General stöhnte. Er schlug die weißen Hände vor das weiße Gesicht.
+
+Er erhob sich. Aber die Beine trugen den schweren Körper nicht mehr. Er
+sank wieder in den Sessel zurück. Die bleischweren Lider fielen herab --
+Bilder zogen vor seinen Augen. Und doch war er wach, träumte er nicht.
+Deutlich erinnerte er sich, daß er soeben die Aufzeichnungen Kurts
+gelesen hatte. Das Schreibheft lag vor ihm auf dem Boden.
+
+Nun also stieg er mit dem kleinen alten Mann, dem zudringlichen, der
+sich nicht abweisen ließ, die Höhe hinan. Er hatte seine Hand ergriffen,
+und sie gingen beide bergan -- und doch wußte er, daß er in seinem
+Arbeitszimmer saß!
+
+»Sie wollen also durchaus hinauf, haben keine Furcht?«
+
+»Nein, keine Furcht.«
+
+Aber die Höhe war nicht dunkel, obschon es mitten in der Nacht war, sie
+war matt erhellt. Nicht leblos und starr war sie -- sie wimmelte von
+Menschen. Scharen standen hier, Mann an Mann, in ihren grauen Mänteln,
+die ganze Kuppe war besetzt von ihnen. Ein Wall von grauen Mänteln links
+und rechts. Tausende und aber Tausende, alle bleich, fahl,
+leichenfarben.
+
+»Herbst, nicht wahr?«
+
+»Ja, Herbst.«
+
+»Und wie war doch der Vorname?«
+
+Und laut schrie er: »Der Jäger Robert Herbst vortreten!«
+
+»Hier!«
+
+»Hier! -- Hier! -- Hier --!«
+
+Ringsum, überall schrien die rauhen Soldatenstimmen: Hier, hier! Alle
+--!
+
+Ja, sonderbar -- so deutlich hörte er die Feldgrauen rufen, und doch
+wußte er genau, daß er in seinem Sessel saß.
+
+Das weiße Gesicht des Generals ist auf die eisige Hand herabgesunken.
+Seine Augen sind ohne Blick. Ja, eigentümliche Bilder ziehen vor seinen
+blicklosen Augen, fließen, unaufhörlich, ohne Ende -- eigentümliche
+Bilder . . .
+
+Plötzlich greifen die weißen Hände des Generals wild in die Luft, und
+schon steht er aufrecht mitten im Zimmer.
+
+Ein Gesicht ist erschienen: _das Gesicht einer weinenden Frau_ . . .
+
+Seine hellen, großen Augen blenden. Deutlich unterscheidet er wieder die
+Gegenstände im Zimmer. Deutlich sieht er wieder die dunkeln Gemälde an
+der Wand -- jedes einzelne. Offiziere alle, Militärs, in Uniformen, mit
+Ordenssternen geschmückt, den Degen an der Seite, alle die gleichen
+breiten Gesichter, soliden Brustkörbe: alle Hecht-Babenbergs. Und jener
+Einarmige, über der Türe, das ist Jochen Friedrich Wilhelm Ernst
+Hecht-Babenberg, der nach dem Dreißigjährigen Kriege das Stammgut erwarb
+und den Wahlspruch des Geschlechts prägte: Lorbeer und Land!
+
+Verschwunden ist plötzlich alle Müdigkeit!
+
+Der General wankt in seinem weiten Feldmantel durch die Räume, wankt,
+schwankt, taumelt, aber er fühlt es nicht. Sein Mantel weht. Oft muß er
+sich mit den Händen an der Wand stützen. Aber er fühlt es nicht. Für ihn
+gibt es keine Wände mehr.
+
+Die Wände sind verschwunden, er blickt, weit, weit, unendlich weit!
+
+Er sieht -- oh, ungeheures Schauspiel: die Welt in Flammen!
+
+Ja, die Welt in Flammen! Europa, Asien, die Reiche der Mongolen, Afrika,
+die Reiche der schwarzen Völker, Amerika, alles in Flammen! Und durch
+Rauch und Flammen kriechen sie: sieh! Ja, sie sind es! Nun sind sie
+Wirklichkeit geworden! Riesenhaft, Städte aus Stahl, Riesenkreuzer
+kriechen durch den Rauch der brennenden Welt. Sie starren vor
+Geschützen, sie werfen Flammen, bis hinter den Horizont schleudern die
+Pumpen das brennende Öl. Ihre Schuppenräder zermalmen Städte und
+zertreten Ströme. Ringsum funkelt der Horizont wie schwarze Kohle. Ein
+brennender Kontinent schmilzt ins Meer.
+
+So! So! So! Ja, das waren sie!
+
+Aber nun kam sie selbst, die Armee, unendlich wie die Wellen des Meeres.
+Regiment an Regiment, die Waffen klirren, so ziehen sie an ihm vorüber.
+
+Fester hüllt er sich in den Mantel. Eisig pfeift der Wind! Die Luft ist
+gefroren, Eis, schon klafften Spalten in der Luft, wie in Gletschern,
+aber die Armee marschiert. Ihr Schritt donnert.
+
+Da, da -- dort!
+
+Die Stadt! Dunkel, finster, qualmend. Und deutlich sind die roten
+Flaggen zu sehen, die über der finsteren, qualmenden Stadt wehen. Ganz
+deutlich! Frech flattern die Fahnen der Rebellen.
+
+Der General hebt die Hand -- Angriff! -- und die Armee, unendlich,
+unübersehbar, wälzt sich der qualmenden Stadt entgegen.
+
+Eisig aber, entsetzlich eisig, scharf wie Gift bläst der Wind, und
+dichter, immer dichter, hüllt der General sich in den Mantel. Schon
+zerfrißt die Kälte den Stoff, Stücke lösen sich. Schon zerfrißt die
+Kälte die Haut, die sich aufrollt, schon zerfrißt die Kälte die Lungen
+. . .
+
+
+10
+
+Niki sang sein Morgenlied, aber der General erhob sich nicht.
+
+Eingehüllt in seinen grauen Feldmantel lag er da. Seine Augen standen
+offen -- was sahen sie?
+
+ * * * * *
+
+Endlos bewegt sich der schwarze Strom des Volkes dahin, langsam, die
+roten Fahnen wogen. Die Musikkapellen spielen Trauerweisen, Bataillone
+von Soldaten, Bataillone von Matrosen. Berge von Blumen. Unter diesen
+Bergen von Blumen liegen die Opfer der Freiheitskämpfe.
+
+Zur gleichen Stunde setzte sich der mit schwarzen Tüchern behangene
+Trauerwagen mit dem Sarge des Generals in Bewegung. Hauptmann
+Wunderlich, in einem einfachen Soldatenmantel, an seinen Krücken
+humpelnd, gab ihm das Geleite zum Bahnhof. Niemand sonst. Nein, niemand.
+
+Mitten in der Stadt gab es einen Aufenthalt. Der Wagen mit dem Sarge des
+Generals war dem großen Trauerzug des Volkes begegnet, der die Stadt
+überschwemmte.
+
+Unaufhörlich wälzt sich der dunkle Trauerzug dahin. Kaum ist eine der
+ungezählten Kapellen außer Hörweite, so wird schon die folgende
+vernehmbar. Stunden vergehen.
+
+Wunderlich setzt sich mit seinen Krücken auf die Straße.
+
+Ja, endlos, endlos, in Wahrheit! Ein Meer von Menschen wälzt sich
+vorüber. Wogen von Blumen über dem wallenden Menschenmeer. Gleichmäßig,
+ohne jede Eile, wandert der Schritt der Hunderttausend dahin, die Stadt
+beginnt zu dröhnen, zu donnern --
+
+Hoch über dem Strom der Köpfe aber zieht Ackermanns Geist dahin!
+
+»Mein Volk, meine Liebe und meine Sehnsucht fliegen vor dir her! Wirst
+du auserwählt und berufen sein unter den Völkern der Erde? Sieh, wie sie
+funkeln am Firmament des Gedankens, deine großen Geister, sie blicken
+auf dich! Auf, auf! Auf den Weg . . .«
+
+Endlich wurde die Straße frei. Der mit schwarzen Tüchern behangene Wagen
+mit dem Sarge des Generals setzte sich wieder in Bewegung, und
+Wunderlich nahm seine Krücken und humpelte hinter ihm her.
+
+Schon dunkelte es, schon sanken die finstern Nebel über die Straßen.
+Schon begann das Gewehrfeuer wieder zu knattern in der von Finsternis
+erfüllten Stadt.
+
+ Werke von Bernhard Kellermann
+
+ Yester und Li
+ Roman / 142. Auflage
+
+ Ingeborg
+ Roman / 100. Auflage
+
+ Der Tor
+ Roman / 46. Auflage
+
+ Das Meer
+ Roman / 76. Auflage
+
+ Der Tunnel
+ Roman / 217. Auflage
+
+ Der Krieg im Westen
+ Kriegsberichte / 20. Auflage
+
+Buchdruckerei Julius Klinkhardt in Leipzig
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 19]:
+ ... Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-a-vis de rien! ...
+ ... Tages stand sie ohne einen Pfennig da -- vis-à-vis de rien! ...
+
+ [S. 38]:
+ ... das Reich Karls des Großen wieder errichten. ...
+ ... das Reich Karls des Großen wieder errichten.« ...
+
+ [S. 50]:
+ ... Während der Tango kollerte, gurrte, kleine wolllüstige ...
+ ... Während der Tango kollerte, gurrte, kleine wollüstige ...
+
+ [S. 65]:
+ ... auszudenken. -- ...
+ ... auszudenken. --« ...
+
+ [S. 95]:
+ ... »Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr? ...
+ ... »Ja, eine hübsche Lage, Herr -- Herbst, nicht wahr?« ...
+
+ [S. 143]:
+ ... nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elend ...
+ ... nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elends ...
+
+ [S. 179]:
+ ... der Hand, vor seinem Herrgott treten mußte. ...
+ ... der Hand, vor seinen Herrgott treten mußte. ...
+
+ [S. 188]:
+ ... diese erschreckend realistische Aufnahme Besuchen zu zeigen. ...
+ ... diese erschreckend realistische Aufnahme Besuchern zu zeigen. ...
+
+ [S. 208]:
+ ... Haremsdamen, Odolisken in Seide, Tüll, Schleiern, ...
+ ... Haremsdamen, Odalisken in Seide, Tüll, Schleiern, ...
+
+ [S. 328]:
+ ... es war ihm unmöglich gewesen, den bedingslosen Glauben ...
+ ... es war ihm unmöglich gewesen, den bedingungslosen Glauben ...
+
+ [S. 366]:
+ ... für den Kognak! Es war ein Freude. Wir hatten zwei ...
+ ... für den Kognak! Es war eine Freude. Wir hatten zwei ...
+
+ [S. 427]:
+ ... schmilzen. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die ...
+ ... schmelzen. Ein paar große Wachsperlen rinnen über die ...
+
+ [S. 434]:
+ ... sich, der Tritt der Hunterttausend, unter dem das ...
+ ... sich, der Tritt der Hunderttausend, unter dem das ...
+
+ [S. 448]:
+ ... Ihre armselige Uniformen verbergen gräßliche ...
+ ... Ihre armseligen Uniformen verbergen gräßliche ...
+
+ [S. 460]:
+ ... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengegedrängt ...
+ ... Sie jagten dahin, zu Hunderttausenden zusammengedrängt ...
+
+ [S. 472]:
+ ... spielen Trauerweisen, Bataillone von Soldaten, Battaillone ...
+ ... spielen Trauerweisen, Bataillone von Soldaten, Bataillone ...
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der 9. November, by Bernhard Kellermann
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43333 ***