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Er besteht aus lauter +Gerölle, und hinter ihm und in seiner Höhe mit ihm zusammenhängend ist ein +tiefer Sumpf, das Bärnmoos, dessen Feuchtigkeit das vorstehende Gerölle +lockert und zum Abfalle geneigt macht, und auch oft genug schon zum +wirklichen Abfalle gebracht hat.[A] Am Fuße dieses Berges ist eine kleine +Ebene, genannt »die Schön«, die aber mehr einer steinigen Wüste gleicht, +vielleicht vor mehreren hundert Jahren schön und nur durch oftmalige +Abfälle verwüstet ward; wenigstens deutet der Name »Sagbruck« -- eine nahe +dabei befindliche schlechte Brücke -- auf einen früher besseren Zustand +dieses Terrains; denn wahrscheinlich kömmt dieser Name von einer +Sägemühle, die einst an diesem Platze stand. + +Durch diese kleine Ebene fließen zwei Bäche, der Saubach, der am Fuße des +Schrofen heraus quillt, und von dem das Dorf Brannenburg sein Trinkwasser +für Menschen und Vieh in Deichen herableitete, und der Kirchbach, der +etwas mehr südwestlich von der Rampold-Alpe kömmt. Beide Bäche vereinigen +sich nahe oberhalb der Sagbruck, und nehmen dann vereinigt den Namen +»Kirchbach« an. + +Seit unfürdenklichen Zeiten ist man hier gewöhnt, größere oder kleinere +Stücke des Schrofenberges abfallen zu sehen oder nächtlicher Weile zu +hören, und das sonderbare Getöse eines solchen Falles hat schon Manchen +nicht wenig Schrecken gemacht, besonders wenn man nicht an den Schrofen +dachte, oder von dessen Abfällen nichts wußte. Die Tradition hat noch bis +jetzt zwei große Abfälle dieses Berges im Andenken erhalten, den einen i. +J. 1610, eben ein Jahr vor der Pest, welche unsere Gegend von Flinsbach, +Tegerndorf, Brannenburg und Holzhausen fast ganz entvölkerte, den andern +um das Jahr 1770, also gerade vor der bekannten großen Theuerung. Dieses +letzteren Bergsturzes erinnert sich noch gut unsere alte 92-jährige +Meßners-Wittwe, Annastasia Kiau, und wie man da mit dem hochwürdigsten +Gut in großer Prozession hinauf gegangen sei bis zum Hagerer, Gott um +Abwendung der drohenden Gefahr zu bitten. + +Anfangs Oktobers 1816, als die große Theurung (leider eine Wuchertheurung) +eintrat, erlebte der Schreiber dieser Zeilen selbst einen ähnlichen +Bergabfall, zwar nicht unmittelbar vom Schrofen, aber doch im nämlichen +Berggehänge, nur einige hundert Schritte weiter südöstlich gegen den +Bauerhof Hölnstein hinüber. Der wiederholte, oft heftige Regen jenes +Jahres hatte das Erdreich in einer Sinke des Breitenberges ganz erweicht +und eine ungeheure Masse Erde und Steine durch den tiefen und breiten +Hölnsteiner Graben herab geschlämmt. Langsam, kaum dem Auge bemerkbar, +bewegte sich die Schlamm-Masse die steile Höhe herab, und nahm Alles, was +im Wege stand, mit sich fort; die stärksten Fichten, Tannen und Buchen von +2-3 Fuß im Durchmesser bog sie um, stürzte und brach sie dann mit +fürchterlichem Gekrache. Allmälig kam die Masse durch den weiten und +tiefen Graben herab in den Kirchbach und die Menge zerknickter Bäume mit +den Stauden und größern und kleineren Steinen, die sie im Schlamme +verborgen mit sich fortführte, verlegte in gerader Richtung von dem +Lechnerbauer Hofe hinüber das Rinnsal des Kirchbaches, das nach und nach +ganz bis oben angefüllt wurde, und es war sehr ungewiß, ob der Kirchbach +seine Richtung nach dem Thale hinab behalten, oder gegen Brannenburg +herüber nehmen würde. Zehn Tage stand die Masse drohend da; von Stunde zu +Stunde schwoll das Wasser; -- endlich hatte es sich selbst ganz unten am +Boden eine Oeffnung gemacht, die schnell größer wurde; mächtig drang es +durch und riß den Schutt mit sich fort; die Masse sank immer tiefer und +das Wasser reinigte nach und nach sich selbst das Rinnsal, und die so +drohende Gefahr ging damals ohne sehr große Verwüstung vorüber. So war's +im Jahre 1816; schrecklicher aber kam es i. J. 1851. + +Als wir am Ende des Monats Juli in den öffentlichen Blättern lasen, daß +fast alle Flüsse Deutschlands ihre Ufer überströmten und schreckliche +Verwüstungen anrichteten, und selbst der Inn unsere Gegend weithin +überschwemmte und gleichsam einen großen See bildete; da wünschten wir uns +Glück in unserer höheren Lage und dankten Gott, daß wir von diesem Uebel +verschont blieben und ahnten gar nicht, daß wir in wenigen Tagen von einer +ganz andern Seite her ein ähnliches, noch schrecklicheres Ereigniß zu +beklagen haben könnten. + +Es war Samstag, der 9. August 1851, als die Bewohner Brannenburgs und der +nächsten Umgebung das Getöse eines bedeutenden Absturzes vom Schrofenberge +vernahmen; allein schon daran gewöhnt, machte man sich eben nicht viel +daraus; nur unser jetziger Gutsherr Se. Excellenz Herr Fabio Graf +Pallavicini[B] wollte sich die Sache besehen, und ging Nachmittags zum +Schrofen hinauf. Er kam sehr bedenklich zurück und äusserte sich: »Es +könnte schlimmer werden, als man meinen möchte.« Für den folgenden Tag war +die Abreise mit der Frau Gräfin nach Zinneberg festgesetzt. + +Am Sonntag nach der Messe ging der Herr Graf nochmal zum Schrofen hinauf +und kam mit dem Schreckensrufe zurück: »Da ist alle menschliche Hülfe +vergeblich, da kann nur Gott allein noch helfen!« -- Er beorderte alle +seine Holzarbeiter und in seinen Dienste Stehenden an den Ort der Gefahr +hinauf, dem Wasser und dem bereits abgefallenen Schutte die Leitung nach +dem Rinnsale des Kirchbaches so viel wie möglich zu geben und zu erhalten. +Dann reiste er mit der Frau Gräfin ab. + +Indeß waren unsere Leute aus dem sonntäglichen Gottesdienste von +Holzhausen zurückgekommen und erfuhren jetzt mit Schrecken die Größe der +Gefahr des vorhin gering geachteten Absturzes; Alles eilte zum Schrofen +hinauf. In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag war der Absturz +ungeheuer, und die abgefallene Masse, mit dem Wasser der Bäche vermengt, +riß von der Waldung des Krappenbauers 2 Tagwerke sammt dem Grunde, auf dem +sie stand, mit sich fort, und die hohen Bäume kamen theils stehend, theils +umgeworfen, theils zum Falle sich neigend eine Viertelstunde weit herab, +und verlegten in der Nähe der Sagbruck das Rinnsal des Baches, und als +Folge dessen thürmten sich da ganz schnell zwei haushohe Haufen auf, wovon +der größere, höhere gen Brannenburg herab, der andere näher am Rinnsal des +Kirchbaches stand. Der unermüdeten Anstrengung sehr vieler Menschen gelang +es zwar, das aus und neben den beiden Haufen ablaufende Wasser nach dem +gewöhnlichen Rinnsale hinzuleiten; allein es war verhältnißmässig nur sehr +wenig; bei weitem das meiste blieb in der Schuttmasse stecken, unterwühlte +weit herum den Grasboden und erhöhte immer mehr und drohender die beiden +Haufen. + +Furcht, Angst und Schrecken hatten sich nun in der nahen Umgebung von +Brannenburg verbreitet; es ward ein Eilbote an das kgl. Landgericht und an +die Baukommission in Rosenheim abgesendet, und Abends ging in einer großen +Prozession mit dem hochwürdigsten Gut, getragen von dem Ortspfarrer Herrn +Wolfgang Schmid, die ganze Bevölkerung Brannenburgs und der umliegenden +Ortschaften hinauf an den Gefahr drohenden Ort, um den Allmächtigen um +Abwendung der bevorstehenden Verwüstung zu bitten. + +Montags am frühesten Morgen war der kgl. Landrichter Herr Ebenhöch mit den +HH. Baubeamten schon da, und ordneten Alles an, was menschliche +Wissenschaft und Erfahrung vermag; allein die Gefahr wuchs mit jeder +Stunde, und es war gar nicht abzusehen, welchen Gang die ganz ungeheure +Schuttmasse nehmen, ob gen Brannenburg, oder nach dem Kirchbach hinab, +oder welchen Ausgang das schreckliche Ereigniß haben werde. Soviel war +gewiß, daß entweder ein Theil des Dorfes Brannenburg oder das Dörflein +Gmein verschüttet werden müsse. Dieses Dörflein liegt ganz in der Ebene +und sehr nahe bei Brannenburg am Kirchbach, es hat eine Mühle mit Sägmühle +und Oelstampf; die Müllerwohnung mit den Oekonomiegebäuden steht bedeutend +höher als die Mühle; von da etwa 200 Schritte abwärts sind 5 kleine +Häuschen, von denen 3 fast neu und niedlich und schön gebaut waren, auf +dem rechten, und eines auf dem linken Ufer. Es wohnten lauter +Handwerksleute darin. + +Indessen dauerte der Absturz vom Schrofen, und die Anhäufung des Schuttes +und die Aufstauung des Wassers den ganzen Montag und die folgende Nacht +noch fort; die beiden Haufen an der Sagbruck wurden immer höher und +drohender, und von der Sagbruck hinauf gegen den Schrofen und den Sulzberg +hatte sich ein ungeheurer See gebildet, und neben den beiden großen Haufen +hatte das abstürzende Wasser, gemengt mit Steinen und zerbrochenen Bäumen, +ein sehr weites und tiefes Loch ausgewühlt in dem Rinnsale des +Kirchbaches. + +Den Bewohnern des Dörfleins Gmein wurde der Rath ertheilt, ihre +Habseligkeit in Sicherheit zu bringen, was sie mit schweren Herzen, aber +der Nothwendigkeit nachgebend thaten, und von entfernteren Nachbarn +bereitwillige Aufnahme fanden. Am meisten zu bedauern waren die beiden +Wittwen, die Schneiderin mit 5 Kindern und die Müllerin; diese letztere +hatte erst 2 Jahre vorher großen Schaden an ihrer Mühle durch den +Kirchbach erlitten, und durch Ausbesserung desselben sich in große +Schulden versetzt; jetzt mußte sie alle 3 Mühlwerke abbrechen; denn +obgleich oben am Berge die Hauptmasse noch fest stand, so häufte sich doch +bereits der Schutt um die Mühle schon so sehr an, daß an der gänzlichen +Verwüstung nicht mehr zu zweifeln war; für das höher stehende Haus war +doch noch ein Rettungsschimmer da; allein es kam bald schlimmer. Das Dorf +Brannenburg hatte bis dahin noch keinen Schaden gehabt, als daß es sein +Trinkwasser für Menschen und Vieh verloren; denn Schloß und Bräuhaus haben +das Wasser von einer andern Seite her, und dieses ist für das ganze Dorf +weit zu wenig. + +Während ich am Dienstag Morgens oben an der Sagbruck das Schauerliche +dieses Ereignisses betrachtete, war unser Herr Graf wieder angekommen, und +sogleich hinaufgeeilt. Wir hatten uns umgangen, und als er Nachmittags vom +Berge herabkam, beehrte er mich mit einem Besuche. Noch unter der +Zimmerthüre fragte er mich hastig: »Wunderbar, wunderbar! Sie waren heute +oben; haben sie die beiden Haufen ruhig stehen gesehen?« -- Ja! war meine +Antwort; was ist wieder geschehen? -- »Ich fand sie auch ruhig stehen; +aber kaum war ich einige Minuten da, so hob sich der größere Haufe und +bewegte sich bedeutend weit gegen den Weiher -- gegen Brannenburg herab. +Wir standen erschrocken und staunend da, und fürchteten das Schlimmste für +Brannenburg. Da hörte auf einmal die Bewegung auf; der Haufe stand wieder +ruhig da. Plötzlich erhob sich der ungeheure Haufe wieder, und mit einem +Male war er wieder oben auf seinem vorigen Platze.« Dieses hatte der Herr +Graf und mit ihm viele Leute gesehen. + +Durch diese ganz ausserordentliche Bewegung mußte das Innere dieses +Haufens sich gelockert haben, Abends fing er an sich zu entleeren in das +tief und weit aufgewühlte Loch an der Sagbruck und in das Rinnsal des +Kirchbaches. + +Der Absturz vom Schrofen in größern oder kleinen Massen dauerte fort; +besonders stark war er in der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch, und am +Mittwoch Morgens stand auch das dritte Tagwerk von der schönen hohen +Fichtenwaldung des Krappenbauers in der Nähe der vorigen Sagbruck; durch +die Gewalt der fürchterlichen Schlamm-Masse war dieses ganze Tagwerk ganz +stehend herabgekommen sammt seinem Grunde. + +Unermüdet arbeiteten die vielen Leute Tag und Nacht, um den Abzug des +Schlammes nach dem Rinnsale des Baches hin zu erhalten, und die vielen +herab gekommenen Bäume umzuhacken und fortzuschleppen. Sie wurden durch +die Güte des Herrn Grafen -- gleich vom Beginn des Bergsturzes -- mit +Speis und Trank versehen. Das schwer bedrohte Dorf Brannenburg war für +jetzt gerettet; aber um das arme Dörflein Gmein war es geschehen. Am +Mittwoch war die Mühle schon bis an das Dach vom Schutte umgeben, und noch +am selben Tage hatte das nette Holzerhäuschen das nämliche Schicksal; und +in der darauf folgenden Nacht ward auch das Haus des Schuhmachers Veit +fast ganz vom Schutte erdrückt. Bei dem nicht sehr schnellen Gange der +Schuttmasse hatten die armen Leute noch so viel Zeit, aus ihren bereits +geleerten Wohnungen alles Holzwerk bis auf den untersten Stubenboden +fortzubringen. Auf Anordnung des königl. Landgerichtes waren von nah und +fern Fuhrwerke gekommen, um bei diesem traurigen Geschäfte Hilfe zu +leisten. Nur der Besitzer des ärmlichsten Häuschens, der Weber Alois +Schrecker, hat im Vertrauen auf den Schutz des Allmächtigen sein Häuschen +nicht geleert, sondern Alles in seinem Stand gelassen; und sein Häuschen +steht noch unversehrt, freilich nur ein Paar Schritte von dem ungeheuren +Schutthaufen; und dieser Schutt häufte sich noch immer an, denn von dem +Berge herab kam er jetzt in gewaltigen Massen, und riß an den beiden +Seiten des weiten Rinnsales ganze Stücke von Holzungen und Grasflecken mit +sich fort. Ueberdieß hatte das von der Sagbruck an weit hinauf gestaute +Wasser von den nächsten Bergabhängen das Erdreich erweicht und mit sich +fortgeschlemmt. Am Donnerstage war das weite und tiefe Rinnsal des Baches +bedeutend hoch mit Schutt angefüllt, und von der Mühle gar nichts mehr zu +sehen, und der Bach machte sich nun selbst ein Rinnsal. Wie er vorher tief +unter dem Wohnhause des Müllers an der Mühle vorbei brausete, so lief er +nun oberhalb des Hauses, und dieses war jetzt bis fast an das Dach im +Schutte vergraben. Unten im Dörflein war nun auch das Holzer Häuschen ganz +verschwunden, und das Haus vom Schuhmacher Veit vom Schutte ganz erdrückt, +sah eben noch aus dem Haufen heraus; die beiden schönen Häuser der +Schneiderswittwe und des Schuhmachers Jos. Aestner, die etwas höher stehen +und das des Holzmeisters auf der linken Seite des Baches wurden gänzlich +demolirt und auf drei Seiten vom hohen Schutte umgeben. + +Das nun immer stärker vom Berge herabströmende Wasser hatte von der Mühle +abwärts durchaus kein Rinnsal mehr und ergoß sich auf beiden Seiten über +den hohen Schutthaufen hin über die weitum liegenden Getreide- und +Grasfelder. Reifes und unreifes Getreide und Grumet mußte in höchster Eile +gemäht und fortgeführt werden, um nicht alles zu verlieren; selbst am +Maria Himmelfahrtsfeste, dem Patrocinium der hiesigen Kirche mußte den +ganzen Tag hindurch gearbeitet werden. Von nun an aber ließ das +Herabwälzen der Schuttmassen allmählig ab. + +Während dieser traurigen Katastrophe war der Herr Regierungs-Präsident von +Bening mit sachverständigen Männern nach Brannenburg gekommen, um sich die +Sache zu besehen und auf Mittel zur Abwehr künftiger Abfälle zu denken. Es +ward beschlossen, das Bärnmoos abzuzapfen, was auch noch im Spätherbste +des nämlichen Jahres geschehen ist. Der Herr Oberbaurath Beyschlag hat +selbst den Schrofen in seiner Höhe überstiegen, und gesehen, wie der Berg +ganz durchklüftet ist, die Klüfte 4-6 und noch mehr Fuß weit und sehr +tief, und daß also neue Abfälle mit Recht befürchtet werden müssen, +entweder bei schneereichen Wintern, bei plötzlich einfallendem Thauwetter, +oder im Sommer bei Hochgewittern und den sie begleitenden gewaltigen +Regengüssen. Der Schreiber dieser Zeilen ist seit 45 Jahren oft genug +Zeuge gewesen von den großen Verwüstungen, welche dieser Wildbach +angerichtet hat, so daß die Felder auf beiden Seiten überfluthet und mit +Schutt bedeckt, und in dem nur eine Viertelstunde weiter hinab liegenden +Tegerndorf die Wohnungen zu ebener Erde voll Wasser wurden, die Menschen +in die obern Stuben flüchten und die Thiere auf die höher gebauten Tennen +gebracht werden mußten; damals war der in und an dem Bache liegende, den +Wasserlauf hemmende Schutt im Vergleich zur Gegenwart vielleicht wie +1:10,000; was ist also jetzt zu befürchten, da der Schutt in so +erschrecklichen Massen ganz in der Ebene daliegt? und wie leicht kann er +durch neue Abstürze von dem ganz zerklüfteten Berge noch ungeheuer +vermehrt werden! Von der Gewalt des abstürzenden Baches kann man sich +einen Begriff machen, wenn man bedenkt, daß sein Gefälle auf weniger als +einer Viertelstunde gegen 400 Fuß beträgt. Die Fläche des Berges, von +welcher dieser Absturz kam, ist nach der Schätzung Sachverständiger +ungefähr 40 bis 50 Tagwerke, und die Schuttmasse, die im August +herabgekommen in dem ganzen Rinnsale des Kirchbaches, wird auf nicht +weniger als 400,000 Schachtruthen geschätzt. + +Die Anwohner des Kirchbaches, auf der rechten Seiten der Sixtenbauer, auf +der linken Seite der Krebser und die Weiderer Bauerswittwe, und mit ihnen +die in der Gmein verunglückten Bewohner wegen ihrer nahen, wenigen, erst +vor einigen Jahren mit so vieler Mühe hergerichteten Feldungen, haben seit +dem Herbste ihre Besitzungen einigermassen, so viel möglich dadurch vor +der nahen Gefahr sich schützen wollen, daß sie durch umgehackte starke +Bäume eine Arche am Kirchbache hinab machten und an ihren Feldungen hin +Gräben zogen und einige Schuh hohe Dämme aufwarfen; aber sieh da! am 1. +April l. J. kam ein, nicht einmal heftiges Gewitter mit einem etwas +starken Regen, und um 9 Uhr Abends stürzte das Wasser heftig vom Berge +herab, überfluthete auf allen Seiten den ungeheuern Schutthaufen, +überschüttete die Feldungen und in der Stallung der Weiderer Bäuerin stand +das Vieh schon bis an den Bauch im Wasser. Von Brannenburg, Tegerndorf und +von den einzelnen Häusern herum kamen die Leute zusammen und halfen, dem +wilden Wasser den Lauf im Rinnsale des Baches zu erhalten; allein die +Arbeit wäre vergebens gewesen, wenn nicht der Regen nachgelassen hätte. +Die seit dem Herbste gemachte Arche am Bache ward in einem Augenblicke +zerrissen und fortgeschwemmt; die Gräben und Dämme an den Feldern hin +konnten der Gewalt des Wassers nicht widerstehen, und der Bach war schon +daran, sich ein neues Rinnsal durch das schöne Feld des Sixtenbauers zu +machen. Alle menschliche Mühe wäre unvermögend gewesen, solches zu +hindern, wenn nicht der Regen aufgehört hätte. Wie wird es erst bei +stärkeren Gewittern und heftigern Regengüssen gehen?! + + + + +Fußnoten: + + +[A] Diesen Aufsatz ließ ich dem Herrn Grafen Cäsar =Pallavicini=, jüngerm +Sohne unsers Herrn Gutsbesitzers, am 3. Mai lesen. Er mußte am 5. d. Mts. +nach Genua und Turin abreisen. Noch am 4. Abends gab er mir in einer +schriftlichen Erwiederung seine Ansicht über die Ursache dieser +Schrofen-Abstürze. Er mißt die Veranlassung dieser Abstürze nicht der +Auflösung des leichten Gerölles durch die Feuchtigkeit des Bärnmooses, +sondern vielmehr den Quellen des am Fuße des Schrofen hervorkommenden +Saubaches zu, die dessen Basis unterwühlen und so zum Absturze des Berges +wirken. -- Seit dem letzten Absturze hat die Wassermasse dieses Saubaches +bedeutend zugenommen. Die Ansicht des Herrn Grafen hat daher allerdings +große Wahrscheinlichkeitsgründe für sich. Seine obenerwähnte schriftliche +Erwiederung enthält aber auch ausserdem noch so viele interessante +Notizen, daß ich, dem gegen mich geäußerten Wunsche der verehrlichen +Redaction entsprechend und auf die gütige Zustimmung des Herrn Grafen +rechnend, das fragliche an mich gerichtete Schreiben desselben seinem +vollen Wortlaute nach hier mitzutheilen mir erlaube: + + + Brannenburg den 3. Mai 1852. + + Mein lieber Herr Benefiziat! + +Erlauben Sie mir einige kleine Bemerkungen Ihnen vorzulegen als Beiträge +zu Ihrer trefflichen Schilderung des Bergsturzes im Jahre 1851. + +Der Saubach entspringt unmittelbar aus dem Geröll des Schroffen selbst, +hat einen sehr kurzen Lauf, bleibt sich Sommer und Winter ziemlich gleich, +friert nicht zu, und sein helles reines Wasser, das einzige, wie Sie es +ganz richtig bemerkten, das uns in Brannenburg Trinkwasser verschafft, +läßt mich zweifeln, daß es als Abfluß der drei oberhalb des Schroffen sich +befindenden Moose zu betrachten sei, wohl aber als eine Ansammlung +verschiedener unterirdischen Quellen, die sich durch die tuffsteinartige +und zusammengehäufte Masse dieser Berge einen Weg bahnend auf der +lockersten Seite derselben einen Ausbruch finden, die Basis unterspühlen, +und durch ihr langsames, aber beständiges Wirken, nach verschiedenen +Zeitperioden, einen Absturz des überhängenden Gerölles herbeiführen. +Frühere Ueberschwemmungen haben ohne Zweifel auch in dieser Gegend Berge +(durch den Absturz von anderen mächtigeren) in breiten Thälern gebildet, +und solchen glaube ich die Entstehung des Schroffen und aller Hügel +zuschreiben zu können, die zwischen dem Sulzberg und dem Breitenberg sich +bis Brannenburg hindehnen, alle gleich in ihren Bestandtheilen, nemlich +Geröll mit einer Schichte von Humus überwachsen. + +Als Beweise davon werde ich erstens hindeuten auf die großen Schichten von +Lehm, die oberhalb der Schönau (theilweis noch jetzt sichtbar) im vorigen +August 1851, durch den Absturz des Schroffen gedrängt und geschoben, den +Wald des Krappenbauers dicht und aufrecht mit hinabschleppten, woraus +deutlich hervorgeht, daß in früheren Zeiten sich da ein großes +Wasserbecken befand, das diese Lehm-Ablagerungen bildete, und über diesem +Becken, durch einen Bergsturz überfüllt, entstanden die bewaldeten Hügel, +die jetzt mit ihrer Basis von Lehm ins Rutschen kamen. + +Zweitens bei der Ausgrabung des neuen Bräuhauses zu Brannenburg wurden in +einer Tiefe von 20 Fuß, unter mächtige Steinblöcke versenkt, +verschiedenartige Baumstämme gefunden, als Eichen, Buchen und Fichten; +dieser Grund war schon fruchtbar im Anfang dieses Jahrtausends, da er zu +den Besitzungen der Sulzberger gehörte, Ministerialen der Sibotone, und +blieb es seither, da er im fünfzehnten Jahrhundert von den Tarchingern der +Kirche von Brannenburg geschenkt wurde. Die Erhaltung der weichern +Baumsorten, die durchaus nicht vorkommende Versteinerung der härteren +bekräftigen meine Vermuthung, daß, obwohl dieser Bergsturz vor _Anno_ 1000 +geschehen, er doch nicht in viel frühere Zeitperioden zurückzuschieben +sei, und könnte dieses Ereigniß nicht vorgefallen sein ungefähr nach der +ersten Gründung der Kirche von Brannenburg 700-800 und könnte es nicht den +Lauf des Baches vom Lechner Graben in sein heutiges, mehr südlich +gelegenes Bett hingedrängt haben, für welche Behauptung einigermassen +selbst der Name »=Kirchbach=« eine Bestätigung darbietet -- ? -- + +Nur durch ein Wunder ist voriges Jahr eine ähnliche Aenderung im Laufe des +Baches nicht vorgekommen. Am 1. April 1852 hätten die brausenden Fluthen +sich beinahe einen neuen Abfluß gebahnt in die Felder des Sixenbauers, und +nur das Nachlassen des Hochwassers, nicht die Anstrengung der Menschen +haben diesen armen Bauern =vor= einer gänzlichen Verschüttung seiner +Gründe bewahrt. Vor einigen Monaten war ich selber oben auf der Schneid +des Schroffens, und habe mich überzeugen können, daß die durch die tiefen +Spaltungen und durch die gesenkte Stellung herabzustürzen drohenden Massen +ungeheuer sind. Es zu hindern sind die Menschen mit ihren intellectuellen +oder physischen Kräften gänzlich unfähig; nur vom Willen des Allmächtigen +hängt es ab zu bestimmen, in welcher Größe sich diese drohenden Massen +ablösen werden, wodurch sich die Gefahr verhältnißmäßig berechnen läßt. + +Die zwei günstigeren Fälle wären, 1. daß diese Bergstürze in kleineren +Abtheilungen successiv vorkämen, wodurch das reißende Wasser des +Kirchbaches mit Leichtigkeit den Schutt und Schlamm herausspülen könnte, +oder 2. eine plötzliche allgemeine Senkung des obern zerklüfteten Kogels, +der einen solchen Damm im Thale aufthürmen würde, daß ein neuer See sich +bildete, wo jetzt die Bremau und die Schlüpfgruben-Alpe vom Bache +geschieden sind. + +Was aber die Regierung in ihrer Weisheit und Wohlthätigkeit vornehmen +sollte, um diesen armen Gemeinden zu Hülfe zu kommen, um ihre in der Ebene +gelegenen Felder vor einer gänzlichen Verschüttung zu bewahren, wäre, den +Lauf des Baches so viel als möglich von der Schönau aus bis zum +überschütteten Dörflein Gemeinde zu räumen, und wo er in die Ebene mündet, +eine gut vorgenommene Regulirung zu unternehmen, mit festen Dämmen +versehen, um die allmälige Fortspülung der Steine und des Schuttes gegen +den Inn zu erleichtern. + +Empfangen Sie, mein lieber Herr Benefiziat! diese Bemerkungen mit +Nachsicht und als Beweis, mit welchem Interesse ich Alles lese, was Sie +über unsere schöne Gegend zu schreiben gedenken. + + Leben Sie recht wohl Ihr Freund + + Cäsar Pallavicini. + +[B] Nach dem Tode des letzten Grafen von Preysing aus Brannenburg, Max +_VI._, am 14. August 1841, verkauften dessen Erben das Allodialgut +Brannenburg in einer Versteigerung am 29. Juli 1843 an Ihre königl. Hoheit +die verwittibte Frau Kurfürstin von Bayern Maria Leopoldina, geb. +Erzherzogin von Oesterreich, für 293,000 fl. Diese ließ das ohnehin gut +gebaute Bräuhaus mit einem Aufwande von mehr als 10,000 fl. erweitern und +zweckdienlicher einrichten, und erbaute eine Viertelstunde vom Dorfe weg, +auf eigens dazu angekauftem Grunde, vom Bauer zu Thann am Wege gen St. +Margrethen den schönen Sommerbierkeller, der über 30,000 fl. kostete. + +Am 23. Juli 1818 wollte die alte hohe Frau von München auf ihr Landgut +Kaltenhausen bei Salzburg reisen. Vor ihrer Abreise hatte sie schon eine +Ahnung von einem Mißgeschicke auf dieser Reise und hatte als gute Christin +sich darauf vorbereitet. Als sie an besagtem Tage Nachmittags halb zwei +Uhr von Wasserburg den jähen Gasterberg hinauffahren wollte, kam ihr von +oben herab ein Salzfuhrwagen, an dem die Hemmkette gebrochen war, im +schnellsten Laufe entgegen. Im eiligen Ausbeugen ihres Wagens fiel solcher +um; die alte Frau erlitt zwar keine Beschädigung; aber der plötzliche +heftige Schrecken mag ihr einen Schlagfluß zugezogen haben; sie wurde in +ein nahestehendes Häuschen gebracht, wo sie nach wenigen Minuten +verschied. Ihre Leiche ward auf ihrem Gute Stepperg bei Neuburg an der +Donau beigesetzt. Brannenburg kam an ihren jüngeren Sohn, Max Graf von +Arko. Dieser, ein außerordentlicher Jagdfreund, hatte zu seinem +Jagdbezirke um Brannenburg auch die königl. Jagden von Aurdorf, +Fischbachau und Bayerisch-Zell gepachtet, und überdieß auch den Jagdbezirk +von Landl und Thiersee im Tyrol -- die sogenannten Kommandantenjagden von +Kufstein; und hatte diese Jagden in den trefflichsten Stand gesetzt und +große Summen darauf verwendet. Durch die bekannten übermüthigen Frevel des +tollen Jahres 1848, wurden wie überall auch diese Jagdbezirke gänzlich +verwüstet, und dieses schmerzte ihn so sehr, daß er seine 3 Landgüter +Brannenburg, Zinneberg und Hohenburg an den Herrn Grafen Fabio Pallavicini +verkaufte. + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + + +Das Original ist in Fraktur gesetzt. + +Im Original in _Antiqua_ gesetzter Text wurde mit _ markiert. + +Im Original =gesperrt= gesetzter Text wurde mit = markiert. + +Doppelte Anführungsstriche wurden durch » (unten) und « (oben) ersetzt. + +Einfache Anführungsstriche wurden durch > (unten) und < (oben) ersetzt. + +Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; +lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + +Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen: + + Haufe und Haufen + + ausserordentliche und außerordentlicher + + Holzer Häuschen and Holzerhäuschen + + nemlich and nämliche + +Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert: + + geändert wurde "durch die tufsteinartige und zusammengehäufte" + in "durch die tuffsteinartige und zusammengehäufte" + (Fußnote A) + + geändert wurde "Ebene, genannt »die Schön,« die aber" + in "Ebene, genannt »die Schön«, die aber" + (Seite 4) + + geändert wurde "unsere alte 92jährige Meßners-Wittwe," + in "unsere alte 92-jährige Meßners-Wittwe" + (Seite 5) + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Einfache Erzählung von dem +schrecklichen Absturze des Schrofenberges und der dadurch erfolgten Verwüstung bei Brannenburg im August 1851 [1852] {Fraktur}, by Sebastian Dachauer + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 42937 *** |
