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-The Project Gutenberg EBook of Busekow, by Carl Sternheim
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
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-Title: Busekow
- Eine Novelle
-
-Author: Carl Sternheim
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-Release Date: January 23, 2013 [EBook #41904]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BUSEKOW ***
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-Produced by Jens Sadowski
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-BUSEKOW
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-EINE NOVELLE
-VON
-CARL STERNHEIM
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-KURT WOLFF VERLAG
-LEIPZIG
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-Bücherei »Der jüngste Tag« Band 14
-Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig.
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-COPYRIGHT KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG · 1914
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-
-Bei Anbruch des Tags Epiphanias hielt der Schutzmann im sechsten Revier,
-Christof Busekow, Posten am Schnittpunkt der Hauptstraßen seit vier
-Stunden. Anfangs hatte wie sonst das Bewußtsein, Ordnung und Sicherheit
-hingen von seiner einzigen Person ab, ihn zu höchster
-Dienstbereitwilligkeit aufgestählt; allmählich aber, da alles friedlich
-sich schickte, verlor seine Aufmerksamkeit das Gespannte und schwang
-zustimmend mit der Masse der Bewegenden und Bewegten.
-
-Je näher Ablösung rückte, überwogen in ihm zwei Empfindungen. Es schien
-alsbald regnen zu sollen, und er fühlte vor, wie mit eingezogenen
-Schultern, auf dem Heimweg sacht auftretend, er Pfützen auf Steinen
-vermeiden würde; mehr als diese Vorstellung beglückte ihn des Kaffees Duft,
-der beim Eintritt in die Wohnung auf dem Tisch hergerichtet sein mußte. Nur
-noch von Zeit zu Zeit flog gesamte Energie in die Brille zurück und riß in
-flüchtiger Empörung Löcher in Gegenüberstehendes.
-
-Dieser bewaffnete Blick packte nicht allein Passanten in Zivil; wie er
-aufflammend vorwärtsschoß, zwang er auch Busekows Kameraden zur
-Bewunderung, und sie empfanden: dieser schaut durch Tuch und Haube, er ist
-geborener Polizist.
-
-Von einem tüchtigen Menschen war also die Schlappe der Geburt,
-Kurzsichtigkeit, zu einem Vorteil für sich umgebogen worden, wenn er,
-seiner Nichteignung für eine Aufsichtsstellung im Urteil zuständiger
-Instanzen gewiß, alle gesunden Kräfte von anderen Organen her ins Auge
-hochziehend, diesem hinter Gläsern so schneidigen Ausdruck verliehen hatte,
-daß die befugten Personen erklärten, sie erwarteten Besonderes von seinem
-scharfen Hinsehn. Er wiederum, besorgt, er möchte solche Hoffnung
-enttäuschen, wandelte, den Körper immer mehr vergewaltigend, im Lauf der
-Zeiten gesamte Barschaft an praller Muskelkraft und Fett in lauter Späh-
-und Spürvermögen um, bis seine Schenkel, die ehedem unter dem Sergeanten
-des fünfzigsten Infanterieregimentes gewaltige Tagmärsche zurückgelegt
-hatten, saftlos und schlapp ihn auf dem Posten kaum mehr hielten, und die
-einst vom Gewehrstrecken geschwellten Arme Lust leidenschaftlichen
-Zugreifens verloren. Da er aber für gewöhnlich unbewegt auf einer
-Steininsel zwischen zwei Fahrdämmen stand, und an dieser vom Verkehr
-belebten Stelle selten außer dem Auge auch des Gesetzes Arm gefordert
-wurde, blieb ihm dieser leibliche Mißstand verborgen.
-
-Andererseits hatte er in letzter Zeit begonnen, das Kapital der Sehkraft,
-das im Bewußtsein reicher Mittel er ursprünglich an umgebende Welt
-vergeudet hatte, sachgemäß anzulegen. Er lieh Vorübergehenden nur noch
-insoweit Kredit auf seine Aufmerksamkeit, als er den einzelnen nicht
-kannte. Denn da der Platz in nächster Nähe einiger Großkaufhäuser und
-Banken lag, war des Publikums größerer Teil tagaus, tagein der gleiche, und
-nachdem Busekow in jahrelanger, unwillkürlicher Anteilnahme an jedem
-einzelnen dessen Erscheinung in sich aufgenommen, erwogen und beurteilt
-hatte, prägte von ihm jetzt nur mehr einen neuen Hut, Wechsel von Sommer-
-und Wintermode er sich ein.
-
-Er stand dabei aber in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Kundschaft wie der
-Bankier schlechthin, als dem Kunden, je länger er ihn kannte, und je mehr
-Beweise unbedingter Zuverlässigkeit ihm der gegeben hatte, er um so weniger
-vorschoß, während an einen, der zum erstenmal in seinem Gesichtsfeld
-erschien, er des Blickes ganze Barschaft wandte und, je unverläßlicher der
-Neuling sich darstellte, ihn um so bereitwilliger bediente.
-
-Dank dieser Maßnahmen war es ihm letzthin einige Male gelungen, an Leuten,
-die andere Schutzmannsposten als harmlose Schlendriane passiert hatten,
-Merkmale versteckter Aufregung zu erkennen, sie durch Winke
-patrouillierenden Kameraden zu bezeichnen und zu erleben, daß sich die
-Betroffenen bei Prüfung als gesuchte Übeltäter herausstellten. Und so
-geschah es an diesem Morgen vor seiner Ablösung um sechs Uhr nur noch
-zweimal, daß scharf er zusehn mußte, erst als ein Omnibus gegen einen
-Milchwagen stieß -- glücklicherweise konnte Busekows bloßer Wink die Lage
-entwirren -- und dann, da in der Schar jener Frauen, die nächtlicherweise
-auf demselben Straßenstrich ihr Brot suchen, und deren jede ihm bis in den
-Saum des Unterrocks bekannt war, eine neue auftauchte: hochblond,
-aufgedonnert, mit einem Blutmal auf der linken Backe dicht am Mundwinkel.
-
- * * * * *
-
-Wie sie zu unwahrscheinlicher Zeit mit der Morgenröte zum ersten Male
-unangemeldet vor ihn getreten war, beschäftigte sie den Heimkehrenden, der,
-das innere Auge auf sie gerichtet, nicht spürte, wie es zu regnen begonnen
-hatte, und er stapfend Pfütze auf Pfütze trat. War es denn möglich, er
-hätte all jene Zeichen, die das Eindringen einer Konkurrentin in den Ring
-der auf jener Straße Privilegierten sonst ankündigten, übersehen, oder
-waren sie am Ende nicht gegeben worden? Und warum nicht? Galt sie ihren
-Schwestern wenig, schien zum Wettkampf sie nicht gerüstet, und durfte man
-mit Verachtung sie übersehen? Rief er sich ihre Erscheinung zurück,
-verneinte er die Annahme. Dem flüchtigen Blick -- ein anderer würde ihr in
-ihrem Gewerbe kaum gegönnt werden -- dünkte sie gefällig und wohlbereitet.
-Busekow, der sich über den Grund ihres lautlosen Auftretens auf seiner
-Weltbühne keine Rechenschaft geben konnte, ward befangen und kleinlaut vor
-sich selbst und betrat mit dem peinlichen Gefühl seine Wohnung, in dieser
-Nacht habe er dem Staat unzureichend gedient, den Platz, der ihm anvertraut
-war, nicht in völliger Ordnung verlassen. Irgend etwas treibe dort ein
-ungerechtfertigtes, den beschlossenen Gang der Dinge störendes Wesen.
-
-Er schlürfte verdrießlich Kaffee und legte sich zu seiner Frau ins Bett.
-Zaghaft lüpfte er die Decke und, sich hinstreckend, nahm er eine Rückenlage
-ein; denn da, auf den Seiten liegend, er gewöhnlich zu röcheln und zu
-schnarchen begann, war ihm die anbefohlen worden. Wie in allen Dingen, die
-das Weib anordnete, suchte er den Befehl genau zu befolgen, und aus Furcht,
-im Schlaf möchte er Stellung wechseln, hatte er sich gewöhnt, beide Hände
-in die seitlichen Ritzen zwischen Bettlade und Matratze einzukrallen, durch
-welches Manöver tatsächlich erreicht wurde, daß er in gleicher Lage
-aufwachte, wie er eingeschlafen war. Auf welche Weise die Frau bald nach
-Beginn ihrer nun zwölfjährigen Ehe seine Unterwerfung unter ihren Willen
-durchgesetzt hatte, darüber hatte er nie nachgedacht. Er wußte nur,
-Abhängigkeit war bodenlos, ohne leisesten Trieb zum Widerstand. Selbst bei
-den ihm unliebsamsten Geheißen erschien sie ihm noch eine milde Gebieterin,
-da er in sich die Neigung ahnte, auch ihrem zügellosen Verlangen
-nachzugeben.
-
-Es war aber einzig sein bedingungsloser Gehorsam, der die an sich
-Schüchterne allmählich fähig gemacht hatte, Wünsche ihm gegenüber zu
-äußern, später zu fordern. Und so entfernt blieb sie innerlich der
-Überzeugung wirklicher Macht, daß noch stündlich und bei jedem Anlaß sie
-erwartete, er möchte es endlich satt haben und kurzen Prozeß mit ihr
-machen. Denn sie war sich wohl bewußt, das einzig wirkliche Guthaben, das
-sie bei ihm besaß -- jene kleine Summe, die die Sechsundzwanzigjährige dem
-Vermögenslosen einst in die Ehe gebracht --, mußte längst aufgezehrt sein,
-und weder geistig noch körperlich fühlte sie sich vor ihm begnadet.
-
-Was den Leib anging, verbarg sie sogar seit Jahren schwere Schäden. Ohne
-daß sie Mutter geworden war, hatte Zeit ihr mitgespielt. Das einst volle
-Haar war zu winziger Schnecke auf den Hinterkopf zusammengeschrumpft, ihr
-Gesicht, das straffe Haut wohltuend gegliedert, hatte durch deren
-Nachlassen Löcher und Vorsprünge bekommen; heftiger aber bewegten sie ihre
-Brüste, die, zwei flache Teller, mit kaum noch gefärbter Warze von den
-bergenden Händen beim Auskleiden nicht mehr bedeckt werden konnten. Die
-zarte Scham, mit der Busekow über diesen Umstand abends und morgens
-hinwegsah, vergrößerte ihren Kummer und bewirkte, daß sie ihm einen harten
-Anruf zum Bett hinschickte, etwa: setz Wasser auf den Herd! oder: scher
-dich zum Kohlenholen!
-
-Bei solchen Aufforderungen hatte den Mann oft verlangt, sie möchte ihre
-Empörung über die Unbill der Natur durch furchtbare Forderung an ihn etwa
-für sich ausgleichen. Wie sie zur ärmsten Magd Gottes herabgesunken war,
-dichtete er königliche Befehle in ihren Mund, sah sich in hündischer Demut
-in den Ecken stehen, Pfoten aufwartend gekrümmt. Und fürchtete, er habe um
-ein Großes sie betrogen, meinte das Kind, das sie von ihm nicht hatte,
-seufzte und fand sich vor ihr schuldig. Oft lagen sie sprachlos
-nebeneinander, mit nach oben gedrehten Gesichtern, geschlossenen Lids, daß
-keiner dem anderen das Wachen anmerke. Ihre Herzen klopften laut: Warum
-konnte ich sie nicht erfüllen? Was tönten meine Rippen nicht von ihm? Und
-wehmütig griff sie ihre Brüste; er fuhr die mageren Lenden herab, beide
-fühlten sich dürftig.
-
-Den Betten gegenüber hing in Öldruck Martin Luther. Die Hand auf ein Buch
-geballt, machte er eine ausladende Gebärde. Beide Gatten hatten anfangs aus
-dieser Geste Mut zu holen gesucht, wollten sich erklärend anreden und die
-Kluft überspringen. Aber es gab zwischen jenem und ihnen keine
-Zusammenhänge. Schon begann alles in hoffnungslose Gewohnheit beschlossen
-zu werden. Man sparte an Blick und Ton füreinander, rief sich und
-antwortete in Hauptworten, denen verbindende Verben und Partikeln fehlten,
-um schließlich bei Begriffen, die man als bekannt und erwartet voraussetzen
-konnte, auch an Endsilben zu sparen. Die Augen wichen sich aus, man sah
-gegen Wände; Berührung wurde gefürchtet. Streiften bei einer Begegnung sich
-die Kleider, schoß beiden panischer Schreck ins Gebein, als hätten
-Allerheiligstes sie betastet. Die weibliche Seele war so voll Vorwürfen für
-ihn; er so voll Angst vor ihr, daß sie wußten, ein wohlgebildeter Satz
-jetzt, freundlicheren Lebens Gleichnis, hätte bis ins Mark sie erschüttert
-und vernichtet.
-
-Also scheuten sie Güte, erzogen Hartes und Kantiges in sich und schlossen
-am Ende auf Grund rauher Regeln einen letzten Frieden, er, der
-Hingeschmissene, Unwürdige, Besiegte; sie, die Beleidigte, mulier virgo.
-
-Wie er nun lag und ruhen wollte, brach Sonne schräg durchs Fenster und
-verwirrte seine Augen. Da er sich nicht wenden durfte, bedeckte er das
-Gesicht mit der Hand; doch schien Licht rot durchs Blut der Finger. Diese
-Wahrnehmung verwirrte ihn, als hätte des Umstands seines lebendigen Blutes
-er vergessen. In einer Aufwallung streckte er das eine Bein gegen die
-Decke, daß Wölbung über seinem Leib entstand, und lächelte. Es schien ihm
-aber gleich darauf, als neben ihm im Schlaf sie stöhnte, Gebärde und Lachen
-infam, und er begann, in Strahlen blinzelnd, alle Züge einer stetigen und
-zunehmenden Niedrigkeit aus seinem Leben zum Bild eines verworfenen und
-vergeblichen Geschöpfs zu dichten. Wie er in der Schule seines Dorfes
-schlecht gelernt, zum Hofdienst untauglich gewesen war und einst am
-Reformationstage in der Kirche, während die Gemeinde im Liede >Ein' feste
-Burg ist unser Gott< himmlische Andacht einte, des vor ihm singenden
-Mädchens Zopf ergriffen und an seine Lippen geführt hatte. Die Kleine hatte
-aufgeschrien, Nachbarn den Frevel bemerkt, und er war dem Pastor zur
-Bestrafung angezeigt. Der hatte ihn mit Wortschwall überwältigt und Mut der
-Jugend und Selbstbewußtsein für lange Zeit in Grund und Boden geschlagen.
-Eine Spur davon war erst nach langen Jahren wiedererstanden, als ihm, dem
-Unteroffizier, eine Dekade junger Burschen auf Gnade und Ungnade
-überantwortet wurde. Da hatte er den Schnurrbart hochgezwirbelt und sich
-einiger Flüche bemächtigt, die ihn vor sich selbst martialisch machten.
-Doch gelang es über ein geringes Maß nicht, da Wichtigkeit vom Kasernenhof
-in den Stuben bei Instruktion und Unterricht verblich, merkte er, wie im
-Auffassen des Vorgetragenen er hinter Kameraden zurückblieb. Im Verlauf von
-zehn Jahren hatte der Hauptmann einige Male zu ihm gesagt: Sie sind in Herz
-und Nieren königstreu, Busekow. Das ist eine Sache: Aber haben keine
-Verstehste. So wurde Königstreue, die man ihm öffentlich zugestanden,
-fortan seines Lebens Richtschnur. Und als er einsah, eine Feldwebelstelle
-war ihm nicht erreichbar, er aber nur im Staatsdienst für seine positive
-Eigenschaft Verwendung hatte, gab er als Schutzmann sich ein. Bedenken
-gegen seine zunehmende Kurzsichtigkeit zerstreute er auf die geschilderte
-Art.
-
-Da ihm seine Tugend jetzt einfiel, wurde die Seele einen Augenblick freier;
-schnell erleuchtete ihn jedoch Erkenntnis, wie wenig offiziell sie in
-seinem heutigen Dasein sei. Im Gegensatz zu jenem Hauptmann hatte seine
-Frau sie nie erkannt, in ihren Reden war sie nie erwähnt worden.
-
-Ein elendes, nutzloses Schwein bin ich, dachte Busekow. Diese Frau weiht
-mir ihr junges Leben, ihren einst blühenden Leib, schöne Gaben. Alles habe
-ich vernichtet, nicht fähig, mir Anvertrautes zu pflegen. Was aber meine
-Königstreue anlangt (mit einem letzten Versuch, sich zu erheben, flüchtete
-er noch einmal zu diesem Gedanken), meine Hingabe an den Dienst -- vor
-seinem Geist stand ein blondes, aufgedonnertes Frauenzimmer, ein Blutmal im
-befremdenden Gesicht. Da ergriff namenlose Trauer um sich selbst unseren
-Helden, und einschlafend verstand er seines Weibes Größe nicht mehr, die es
-vermochte, bei ihm auszuhalten.
-
-Er träumte, in leerem Raum ständen sie sich gegenüber, nackt. Wie ihre
-Augen sich sengend ihm ins Gesicht bohrten, war er sie anzusehen gezwungen.
-Einen schauerlichen Leib erblickte er, wie Stöcke Beine, von Hautrunzeln
-bedeckt. Erbärmlich das übrige. Nirgends aber war noch der leiseste
-hüllende Flaum zu erspähen, und der Kopf glich einer polierten Kugel. Mit
-ausgestreckter Hand, die wie eine Kastagnette knackte, klopfte sie
-abwechselnd an sein gepolstertes Bäuchchen, den Schädel und krächzte dazu:
-Heuwanst, Heukopf! Und alsbald begann aus seines Mundes Öffnung er Stroh zu
-speien, bündelweis, ohne Aufhören meterweis. Sie lächelte giftig dazu,
-klopfte und knatterte: Heukopf, Heuwanst, Heukopf. In Schweiß gebadet
-erwachte er, war mit Ruck aus den Federn, und im Hemd ins Nebenzimmer
-stürzend, rief dröhnender, übernatürlicher Stimme er ihr zu: Ja, ja Elisa,
-ich bin ein Elender; wirklich ein Unfruchtbarer! Sie war nicht im Raum.
-Neben Butterbroten und einer Flasche Bier lag auf dem Tisch ein Zettel mit
-den Worten: Ich bin zum Kientopp. Wundre dich nicht. Geburtstag.
-
-Und nun stellte er sich, während er zu kauen begann, ihre Freude im
-Lichtspieltheater vor und spürte, die tröstliche Stärkung, die mit dem
-Geständnis seiner Wertlosigkeit er hatte gewähren wollen, mußte ihr draußen
-stärker zuteil werden durch Bilder aus der Menschenkomödie, die sie mit
-Lachen und Weinen ergreifen würden.
-
-Gegen sieben, seine Frau war noch nicht zurück, begab zur Polizeiwache er
-sich in den Dienst. Um Mitternacht bezog er Posten am Schnittpunkt der
-Hauptstraßen. Aber da es in Strömen regnete, gelang es ihm von allem Anfang
-nicht, die heroische Haltung, die er sonst besonders während der ersten
-Minuten seiner Wache vor einem vierarmigen Gaskandelaber einnahm, zu
-markieren. Im Gummiumhang, Schultern eingezogen, das Haupt gesenkt, sah er
-vielmehr, während Wasser an ihm niedertroff, recht kläglich aus. Zudem
-verwirrten hinter nassen Scheiben seiner Brille ihn rote, grüne und weiße
-Lichter der Fahrzeuge. Sich überhaupt bemerkbar zu machen, hob er von Zeit
-zu Zeit einen Arm und ließ ihn, ohne des Eindrucks inne zu werden, wieder
-sinken. Nur mit Mühe unterschied er den Aufmarsch bekannter Gestalten, die
-Frauen der Kaffeekellner, die ihre Männer abholten, Stammgäste der in der
-Nähe befindlichen Wirtschaften, den Mann mit dem fliegenden
-Streichholzhandel und, eine nach der anderen, die Nymphen der Straße. Dicht
-an die Häuser gedrängt, hüpften sie Schutz suchend an ihm vorüber, mit
-eingezogenen Flügeln Vögeln gleich, die, Land gewöhnt, ins Wasser gefallen
-sind und sich retten möchten. Sie schritten auf ihren bis zu den Knien
-freien Ständern über den Fahrdamm und teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen
-Wassertiefen, die sie durchqueren, und dem Wild, das, diesen Abend spärlich
-genug, sie jagen mußten.
-
-Bei ihres namenlosen Elends Anblick hob Busekow am heutigen Tag zum
-erstenmal selbstbewußt den Kopf. Diesen da war er, wie man den Maßstab auch
-anlegte, doch tausendmal überlegen. Er dachte an seinen Traum und meinte,
-produziere als letzte Formel von sich er auch Heu und Stroh, sei das
-schließlich eine saubere Sache. Wie aber würde sich diesen in Träumen das
-Gleichnis ihrer ausgespienen Eingeweide darstellen? Und anderen, weniger
-verächtlichen, aber dennoch tief unter ihm stehenden Klassen, all diesem
-männlichen Gelichter, das an ihm vorüberstrich. Stand er hier nicht --
-Donner und Doria -- doch am Ende für Kaiser und Reich, und sah alle Welt in
-ihm nicht einen tüchtigen Beamten? Als es aber heftiger vom Himmel goß und
-er tiefer in sich hineinkriechen mußte, erschien vor ihm wieder der Leib
-seiner Frau, wie er ihn heut im Schlaf gesehen, und Erde ward abermals wüst
-und leer.
-
-Mit gedunsenem Auge stierte er in die Luft, einmal rechts, links einmal und
-geradeaus, als aus dem Gewissen plötzlich die Frage nach dem Verbleib jenes
-Weibes sich hob, das am Morgen er zum erstenmal erblickt. Gehörte sie von
-nun an für immer zu den Figuren, die vor ihm spielen würden, oder war sie
-nur wie zu einem Gastspiel auf dieser Straße erschienen? Dafür sprach das
-Verhalten der Kolleginnen, die ein einmaliges Kommen und Gehen zur Not
-dulden durften, dauernde Etablierung jedoch, wie er es in anderen Fällen
-erlebt hatte, mit Hohn und Gewalttat zurückgewiesen hätten.
-
-Es schlug zwei Uhr morgens, als hinter einem jungen Menschen in
-aufgeweichten Lackstiefeln sie auftauchte. Zugleich aber sah Busekow eine
-lange Schwarzhaarige sie an die Schultern greifen und hörte, wie sie ihr
-zuzischte: Nicht an meinen Kleinen heran! und der Neuen Antwort: Nur
-sachte!
-
-Schon sammelte sich auch ein Kreis erregter Frauenzimmer um die beiden und
-fiel mit schnatterndem Schwall im Chor ein. Man sah drohend aufgehobene
-Arme und Schirme. Da aber schleuderte Busekow allen Regen von sich, war mit
-zwei Schritten bei den Streitenden, und, Gewitter aus empörten Augen
-blitzend, herrschte mit erzener Stimme er die Auseinanderstiebenden an:
-»Keinen Streit, meine Damen. Weitergehen!«
-
-Nur sie blieb ihm gegenüber. Sekundenlang sah er in ein erschrockenes
-Gesicht und trat dann an seinen Platz zurück. Irgendwo straffte eine Sehne
-sich an ihm. Der Blick, den sie von jetzt ab bei ihrem allnächtlichen
-Erscheinen ihm zuwarf, strahlte vor Dankbarkeit. Er entzog sich ihm nicht,
-empfing ihn als seines öden Lebens Zuckerbrot. Und als er Nacht- mit
-Tagdienst tauschte, war des Bedauerns Gefühl, diesen Blick in Zukunft
-entbehren zu sollen, groß. Doch kam sie schon am zweiten Tag die Straße
-herauf an ihm vorüber, und da geschah es, daß, ihren Gruß erwidernd, er ein
-wenig das Haupt neigte.
-
-Schnell spannen sich zwischen ihnen die Fäden schlichter Vertraulichkeit.
-»Mir geht es immer so, bin immer die gleiche,« sagte etwa ihr Blick. »Stehe
-hier für Kaiser und Reich,« rief er zurück. Monatelang. Bis eines Tags, vom
-Dienst heimkehrend, er sie streifte, die in einem Haustor stand.
-
-»Keinen Auflauf bilden, Fräulein,« meinte er witzig und lächelte. Sie
-senkte den Blick vor ihm. Meinte er, Samtenes schlage Flügel, und verwirrte
-sich bedeutend.
-
-Ein andermal, da er an einem Urlaubstag gegen Abend spazierte, traf er sie
-und ging ihr nach. Sie trat in einen Flur, sah sich nicht um. Er folgte,
-stieg Treppen hinter ihr hinauf, schlüpfte in einen Korridor, den sie
-aufschloß, und dort im Dunkeln standen sie sich gegenüber, ohne daß ein
-Wort fiel. Nur Atem blies, Augen glühten sich an. Berührung wurde nicht
-gewagt. Schließlich lehnte sie sich, Halt suchend, gegen die Wand, er,
-schräg an sie gebeugt, schlang in alle Öffnungen ihres Leibes Hauch. Beide
-wankten. Sie fiel zuerst. In schmerzlich süßer Lähmung blieb ihr ein Knie
-erhoben und reckte den Schoß auf. Wie ein stürzender Felsblock senkte er
-sich ein.
-
-Auch späterhin war kein Wort gefallen, da er losgebunden von ihr schwand,
-blieb sie am Boden hingenagelt. Geschlossenen Auges lächelte sie; ihr Atem
-ging wie feine Musik aus ihr, und in rhythmischen Abständen zitterte der
-Leib.
-
-Acht Tage später wieder frei, begab er sich unter dem Schutz der Dämmerung
-zu ihr. Da er an die Tür klopfte, öffnete sie und zog ihn gegen ein
-erleuchtetes Zimmer, in dessen Mitte, dem Klavier gegenüber, ein gedeckter
-Tisch stand. Busekow hörte des Wasserkessels Summen, roch eines Kuchens
-Duft und sah in weißen und gelben Farben Blumen gebunden.
-
-Sie blieb aufrecht vor ihm, legte einen Arm um seinen Hals und strich mit
-der anderen Hand ihm Haar aus der Stirn. Dabei hing ihr Blick in seinem.
-Ein Wort wollte er sagen und vermochte nichts, lächelte sie und bewegte
-verneinend den Kopf. Plötzlich lief zischend der Kessel über. Sie ließ den
-Mann und war mit zwei Schritten am Tisch, hob das kupferne Gefäß, schwang
-es gegen die Kanne und ließ heißes Wasser in sie stürzen. Verharrend folgte
-er der Bewegung. Wie sie goß, zuteilte, zurechtstrich und schließlich
-winkte. Da setzte er sich zu ihr ins Sofa.
-
-Überstürzte Frage und Antwort schwirrte. Alles Wie und Was ihres heutigen
-Lebens saugten sie in sich hinein, stürmisch verständigten sie sich über
-Gelände und äußere Grenzen ihres Glücks. Und als nirgends jählings der
-Abgrund auftauchte, der augenblickliches Halt rief, war mit ihnen ein
-einziges Glück. Sie hatte beide Arme erhoben und saß mit aufgerissenen
-Augen stumm wie eine Schreiende. Er hieb die geballte Faust in den Tisch.
-
-Da später Dunkelheit und des Bettes Decke schützend über ihnen ruhte, nahm
-sie zuvor plötzlich seine Hände, faltete sie ihm auf die Brust und hauchte
-an sein Ohr: »Vater unser, der Du bist im Himmel« und murmelte weiter. Er
-aber erschrak und schämte sich, weil heute und sonst Gebet ihm fern und
-fremd war. Doch bewegte er die Lippen und stellte sich, als folge er ihr in
-jeder Silbe. Trotz seiner Lüge wurde auch des Gebetes Sinn in ihm erreicht,
-denn Ruhe war an Stelle brennenden Verlangens getreten, als er jetzt seinen
-Arm um sie legte, Glied an Glied zart fügte und reinen Atem aus seinem
-Munde auf sie herabwehte. Sie hielten sich erst schwebend und wie aus Erz
-gegossen. Noch spürte jeder den eigenen festen Umriß und die verhaltene
-fremde Person.
-
-Da rief sie »Christof«, und zugleich sah ihres Auges Blau er sich
-verschleiern und verschwinden; rund quoll Weißes über den ganzen Ball. Und
-zum andernmal erschrak er vor ihr und wußte nicht, wie sich in Einklang mit
-ihr bringen. Bebend stieg er in sein Innerstes nieder und brachte
-Konfirmationstag und seiner Mutter Sterbestunde herauf. Aber auch so
-versehen, holte die Seele der vor ihm Ausgebreiteten er nicht ein, und
-seine Anker griffen nicht ins Mutterland der Hingegebenen.
-
-Doch schmolz viel harte Schale an ihm. Schon wurde mancher Zelle Kern
-erweckt und goß sich in den Kreislauf der Säfte. Und jede Welle Leben, die
-er in sie schickte, kam als brausende Sturmflut in sein Blut zurück, die
-Schutt und Asche fortriß, bis schließlich, an des Lebens Nerve donnernd,
-sie ihm den Mund zu hellem Ruf aufspreizte. Da, während er gegen die andere
-Wand des Bettes zurückwich, verklärte himmlischer Schein des Weibes
-Gesicht.
-
-Er erfuhr von Gesine, Vater und Mutter habe sie früh verloren und
-Ernährerin jüngerer Geschwister sein müssen. Emsig verglichen sie ihr
-Kinderleben, freuten sich, dieselben Spiele gespielt zu haben, und als
-beide ihre Vorliebe für die gleichen Speisen in jener Zeit entdeckten,
-waren sie noch glücklicher. An diesem Tag blieben sie ganz närrisch ihrer
-Jugend hingegeben. Eltern, Brüder und Schwestern lernten sie gegenseitig
-kennen, Haus und Hof und Knecht und Vieh. Vom Getreide sprachen sie, von
-Saat und Frucht; wie der Dung am besten in die Scholle gebracht würde, und
-was es der Freuden und Verlegenheiten bäurischen Volkes mehr gibt. Erst als
-auf ihren Glauben sie zu sprechen kamen, und Gesine ihm ihre katholische
-Religion bekannte, ergriff beide Scheu voreinander, und Fremdes stieg
-zwischen ihnen auf. Der märkische Protestant brachte aus der Kindheit so
-feindseligen Begriff dieser Lehre, die er nicht kannte, mit, sie war ihm
-als etwas so Götzendienerisches, deutschem Wesen Fernes hingestellt worden,
-daß er die junge Frau neben sich plötzlich mit der Neugier, die man an ein
-wildes Tier wendet, besah. In diesen Augenblicken war von dem fanatischen
-Haß seiner Mutter gegen andersgläubige Christen in ihm, seiner Mutter, die
-vor der katholischen Magd des Nachbarn ausgespuckt und behauptet hatte,
-diese verhexe dem Armen Familie und Gesinde.
-
-Als Gesine wieder nach ihm griff, wich er beiseit, trat ins Zimmer zurück
-und schickte sich eilig zum Gehen. Und da ihr Antlitz mit den weißen
-Augäpfeln wieder vor ihm erschien und manches Seltsame, das er sich nicht
-hatte deuten können, brachte er's mit ihrem verdächtigen Bekenntnis in
-Zusammenhang und entfloh mehr, als daß er ging.
-
-Doch war ihres Leibes Eindruck schon zu bedeutend gewesen; von Stund an, wo
-er stand und ging, verließ ihn ihrer Liebkosung Gefühl nicht mehr.
-
-Den nächsten Urlaubtag verlebte er mit seiner Frau. Schuldbewußtsein hielt
-ihn an ihrer Seite. Doch vergrößerte er es tagsüber nur, kam ihm bei keiner
-ihrer Bewegungen die entsprechende seiner Geliebten aus dem Sinn. Da er
-sich aber abends niederlegte, und sie, sich entkleidend, ein Päckchen Wolle
-unter dem Haarknoten hervorzog und auf den Tisch legte, war plötzlich alles
-Mitleid, das ihn bis dahin stets um sie bewegt hatte, dahin, und er
-lächelte spöttisch. Ihr Körper, den beim Schein der Lampe er durch das
-Hemdtuch umrissen sah, erregte tolle Lachlust in ihm. Wie sie mit ihren
-mageren, ein wenig nach innen gekrümmten Beinen von einer Tür zur anderen
-trat, er nicht eine gefällige Linie an ihrem Leib sah, schlug stürmische
-Scham über sie ihm in die Stirn. Zum erstenmal in seiner Ehe stand Trotz in
-ihm auf, und aus ihrer Dürftigkeit gewann er große Rechtfertigung für sich.
-So blieb auch ihr heute oft wiederholter Vorwurf, die Kameraden im Revier
-sprächen von einer Zunahme seiner Kurzsichtigkeit, sie aber glaube nur an
-gesteigerte Teilnahmslosigkeit und Faulheit, so gut wie ungehört. Im
-Gegenteil trat er am anderen Morgen mit wuchtigerem Schritt als sonst beim
-Barbier ein, hatte hier schon unter der Serviette das Gefühl gesteigerter
-Bedeutung und empfand sein Bild, wie es heut im Sonnenglanz im Rock von
-Blau und Silber prangen würde, als körperliche Wohltat. Und wer ihn an dem
-Tag auf Posten gesehen hat, muß das Gefühl mitgenommen haben, in dem Manne
-geht Veränderung vor sich. Unablässig trat er auf seiner Insel hin und her,
-ließ es nicht beim Insaugefassen Vorübergehender, sondern bewegte einige
-Male sich hilfebringend auf eine geängstigte Frau, ein verwirrtes Kind zu.
-Er hob auch Stimme zum Kommandoton, schob die eingesunkene Brust in die
-Luft, rührte fast unablässig weisend und richtend beide Arme. Kurz, er war
-ein froher, zugreifender Schutzmann und gab dem Leben an dieser Stelle der
-Erde munter Bewegtes. Wäre es angegangen, hätte für einen Bettler, der
-vorbeischlich, er in die Tasche gegriffen. So mußte er sich begnügen, für
-den Hinkenden einen Augenblick den gesamten Fahrverkehr zum Stehen zu
-bringen und ihm einen Übergang über den Straßendamm zu schaffen, wie ihn
-sonst nur die höchsten Personen genossen. Der Bettler grinste und winkte
-mit der Hand einen Gruß, Busekow lachte fröhlich auf. Als Gesine erschien,
-erhielt seine Haltung vollends etwas Heldisches. Er flog und wippte auf
-Draht, schlug mit der Linken einen mächtigen Bogen gegen nahendes Vehikel,
-und der Platz hallte von seiner Stimme. Gleich darauf riß er vor einem
-passierenden General die Hände stramm an die Hosennaht, rührte den Kopf so
-jugendlich auf, daß die Exzellenz wohlwollend nickte. Von ihm fort aber
-sandte er Gesine über alle Köpfe einen strahlenden Blick zu, der ihr
-kündete: Du mein geliebtes, mein angebetetes Leben!
-
-Er kam wieder zu ihr, und von Mal zu Mal wurden sie mehr eins. Mit
-gelassenem Behagen gaben sich die Körper dem Gefallen aneinander hin, als
-sei ihnen für alle Zukunft gegenseitiges Begehren gewiß. Mit immer frischem
-Appetit setzten sie sich an den Tisch ihrer Sehnsucht, aßen und standen
-erst leicht gesättigt, das Herz von Dank für den Schöpfer gefüllt, auf.
-Auch in Gesprächen vermieden sie die Grenze des ihnen Faßbaren, sondern
-gaben sich Rechenschaft nur über ihr täglich Leben. Insbesondere drang
-Gesine in seines Dienstes Wesen völlig ein. Bald war ihr Reglement und
-Praxis innig vertraut, und sie erörterten manche Möglichkeit an Hand eines
-älteren Rapportbuches, in das Vorfälle und Schuldige er aufgezeichnet und
-das er ihr zum Geschenk gemacht hatte. Mit scharfem Instinkt griff sie
-menschlich besonders packende Dinge aus ihm heraus und führte sie, Herz und
-Überlegung an sie hingegeben, aus des Zufälligen Bereich zum symbolisch
-überhaupt Gültigen auf, erfüllte ihn allmählich mit der Überzeugung, wie an
-seinem Platz mit tausend Fäden er ins innerste Menschentum verflochten
-stehe, und gab ihm bedeutendes Bewußtsein von seines Amtes Wichtigkeit im
-allgemeinen. Darüber hinaus aber suchte sie ihn auf jede Weise von seiner
-besonderen Eignung für seine Stellung zu überzeugen. Wie ihre Schwestern
-auf der Straße niemandem so unbedingte Achtung zollten wie ihm, die
-Kameraden, das wisse sie aus manchem Mund, seiner Laufbahn gewiß seien. So
-daß, von ihr erhoben und süß geschwellt, er gelobte, Säbel und Revolver
-demnächst mitzubringen und ihr sämtliche Griffe und Manöver an ihnen zu
-zeigen.
-
-Er hielt das Versprechen. Unter dem Mantel brachte er beides, und während
-sie vom Sofa aus ihm zusah, übte er vor ihr mit so machtvollen Tritten und
-Ausfällen, daß des Zimmers Boden dröhnte, Gläser klirrten und die Gardine
-flatterte. Ihr aber war der Blick verklärt, und als er zwei Angreifer mit
-glänzender Säbelparade in die Schrankecke, aus der sie nicht entweichen
-konnten, geschlagen hatte, flog grenzenlos hingegeben sie ihm an den Hals.
-Da hatte Busekow zum erstenmal im Leben seiner Notwendigkeit Gefühl zur
-Evidenz.
-
-Dies Bewußtsein äußerte sich sogleich im Dienst. Mit Sicherheit der
-Ereignisse Gang gewissermaßen voraussehend, griff er auf der Straße in des
-Geschehens Speichen. Im Revierdienst begann er sachkundige Vorschläge zu
-machen. Zu einer wichtigen Frage gab er so einleuchtenden Rat, daß der
-Polizeileutnant ausrief: Dieser Busekow -- einfach fabelhaft!
-
-Und man begann, ihn mit wichtigen Posten zu betrauen. Bei Fürstenbesuchen
-gehörte er zur Bahnhofsmannschaft. So sah er manch außerordentliche Szene,
-durch Anschauung wurde sein Leben reicher, er überlegen. Sie hörte nicht
-auf, das von ihm Mitgeteilte sinngemäß in seines Daseins Gang einzuordnen.
-
-An Kaisers Geburtstag hatte einer für den anderen wichtige Mitteilung. Er
-war zum Wachtmeister ernannt. An sein Ohr hinsinkend, gestand sie
-Mutterschaft.
-
-Von Erspartem lebend, war sie schon seit Wochen ihrem Beruf fremd. Da die
-Überraschungen an dem Tag waren, faßten sie sich bei Händen und ließen des
-Einverständnisses Glück in Blicken sprechen. Dann aber, über alles bisher
-gemeinsam Erlebte hinausgehend, griff selbsttätig er in ihr Persönliches
-und forschte nach ihrer Innerlichkeit. Welche Hoffnungen und Entwürfe für
-das Zukünftige sie bewegten, ob sie es mit ihm nur oder mit Höherem
-verknüpft glaube, wie das Göttliche denn ihr vorschwebe; kurz alle Fragen
-stellte er, die sie, die Frau, einst angerührt und schnell verlassen hatte,
-da sie seiner Seele Zustand erkannt hatte.
-
-Sie jedoch, leicht fröstelnd, auch leicht erhitzt, bebte jetzt in ihren
-Gliedern über seine Fieber und schwieg. Tiefer drückten seine Finger sich
-in ihr Fleisch, dringender wurde Rede, und leichter Schaum erschien auf den
-Lippen. Doch während rote Sonnen in ihrer Stirnhöhle drehten, kam kein Laut
-Antwort von ihr. Sie ließ ihn sich erschöpfen und diesen Abend ohne
-Aufschluß von ihr gehen.
-
- * * * * *
-
-Nun aber klopfte ihm auf dem Heimweg stürmisch das Herz vor dem Wiedersehn
-mit seiner Frau. Da durch Gesines Eröffnung seine Manneskraft bewiesen
-stand, wurde dieses Weibes Hauptbuchseite ihm gegenüber zu einem Blatt der
-Schuld. Gelogen ihres Daseins Überlegenheit, ins Gegenteil verkehrt. Eine
-Handvoll Sand war sie; kein Gott machte sie trächtig; er aber, wohin er
-seinen Finger legte, mußte erschaffend sich beweisen.
-
-Ein prachtvoll großer Haß blies durch den Mann und ließ ihn wie ein
-schreitendes Denkmal sein. Wäre sie ihm da gegenübergewesen, wie Föhn hätte
-ein Hauch von ihm ihre Eingeweide bloßgefegt, zarteste Handlung sie
-zertrümmert.
-
-Doch starb Erbitterung an ihrer eigenen Kraft und Überzeugung. Da nicht der
-geringste Einwand ihr gegenüberstand, von seiten des Weibes kein Aber zu
-erdenken blieb, war Elisa aus Wirklichkeit, in der sie bis heute einzig
-durch die Kraft eines zu Unrecht vorgetäuschten Zornes gelebt hatte,
-plötzlich ausgelöscht, und es begann Erinnerung von ihr nur noch in ihm zu
-leben. Je näher Busekow seinem Hause kam, wurden die Gefühle der also in
-ihm Hingeschiedenen gegenüber, wie für Tote überhaupt, weicher, und als er
-ein Amen über ihres Lebens Grab sprach, erschien sogar ihr Bild, wie sie im
-Hochzeitskleid, eine Rose auf der Brust, einmal jung in seinen Arm gekommen
-war, freundliche Erinnerung heischend vor ihm.
-
-Er hob die Hand und winkte einen Abschiedsgruß. Trat bei sich ein,
-entkleidete sich halbgeschlossenen Augs, legte sich neben sie und nahm
-ihrem in ihm nun vollendeten Abscheiden zu Ehren im Bett die gewohnte
-Rückenlage ein.
-
-Sie aber, empfindend, in diesem Mann habe höhere Einsicht gegen sie
-entschieden, zog unter der Decke das Knie an die Brust und fürchtete sich
-sehr.
-
-Und wie sie das klare Bewußtsein ihrer Schuld verabscheute, mußte sie doch
-in dieser Nacht schon einigemal ihm in die Augen sehen, wie es laut
-kündete, was sie heimlich oft schon aus sich selbst empfunden: In allem
-Wesentlichen, von Gott Gegebenen und Hinzuerrungenen ihm hintangestellt,
-wagtest frecher Stirn du eure Ansprüche aneinander derart zu fälschen, daß
-in betrügerischer Untreue du aus seinen Mitteln zu deinen Gunsten
-schöpftest und es dennoch darzustellen wußtest, als bliebe er dir schuldig.
-Und in der Zukunft ward ihr auch bewußt, wie ihr Verbrechen an ihm größer
-war, als daß es auf dieser Erde noch getilgt werden konnte.
-
-Immerhin kann dies zu ihrer Entlastung berichtet werden. Entschlossen zog
-sie aus der Erkenntnis jede Folge. Demütigte, unterwarf sich und hörte
-fortan auf seinen Atemzug als einzigen Laut in der Welt; lag nächtens
-seinem Antlitz zugewandt in bewundernder und gerührter Unterwürfigkeit.
-Seine gekrallten Hände aus den Bettritzen hochzuziehen, wagte sie
-ehrfürchtig nicht. Seufzer, Geständnisse, Versprechen und scheue Küsse
-hauchte sie viel gegen ihn hin, doch blieb ihm alles, Leid und Geste,
-verborgen.
-
-Für ihn -- und es kam auch die Nacht, in der Elisa es begriff -- war sie
-nur noch Kunde von sich selbst. Andenken, Leichenstein.
-
- * * * * *
-
-Gesine empfand alsbald, nun sei mit Christof ihr das letzte Heil gekommen.
-Da er wieder zu ihr trat, war aus seiner Gebärde alles menschlich Befangene
-geschwunden, Gegenstände und sie griff er mit großer Machtvollkommenheit
-und wußte aus befreiter Natur Allerselbständigstes. Die Stimme fand aus den
-Ecken größeren Widerhall, ihr selbst schlug jedes Wort von ihm durchs
-Trommelfell an die Herzwand. So zögerte sie nicht länger und legte sich
-frei. Entschleierte ihr Gewissen und ließ seinen Blick in innere Kanäle. Er
-las berauschte Frömmigkeit. Vom Schöpfungstag angefangen lag Gott mit allen
-Wundern in dieses Weibes Leib. Zu den Bildern, die aus ihr strahlten,
-begannen die Lippen, ihm herrliche Gleichnisse zu stammeln. Alle Texte der
-Schrift hatte sie aufgefangen, mit Blut genährt und lebendig gehalten. Es
-stiegen aus ihr Adam und Abraham zu ergreifendem Licht. Als von Saul und
-David sie zu sprechen begann, begriff sie, von Gnade beweht, die
-männlichste Tragik, und da ihre Stimme pathetisch heulte, trieb es sie
-beide von der Matratze hoch. Auf Knien gegen das Fenster gewendet, parallel
-beieinander hochgerichtet, tranken sie jedes schallende Wort. Ihr waren die
-Brüste beseligt aufgestanden, auf seinen Schenkeln spreizte sich jedes
-Haar. Die Brille fiel ihm vom Ohr und hing quer über das lefzende Maul.
-
-Nasse Wärme quoll aus den Körpern, ganz eng hämmerten sich Atome
-aneinander, und die Glieder waren geballt. Gesines Scheitel schien feucht
-und hell beleuchtet.
-
-Schon hub mit Rede Christof in ihre hinein. Wie glühende Stahltropfen
-fielen Silben auf ihre Satzenden. Gebell blieb es mehr als daß Verständnis
-zustande kam; doch half es ihr zu voller Ekstase. Rasend alsbald schrie das
-Weib die biblischen Namen, und so befeuerte sie des Geliebten Hingabe, daß
-ihre Glaubensmacht die Wände der Beschränkung brach, und sie den letzten
-Sinn alles Geschriebenen bloßlegte.
-
-Wie in starker Musik, im Spiel vermischter Themen der musikalische
-Leitgedanke nicht verloren geht, so übertönte in ihrer Darstellung Davids
-Name alle Harmonien des alten Testaments. Und es gelang Gesine, das
-Vermächtnis hingegangener Jugendgenerationen in aufstehender Gestalt als
-Jesus in Marias Schoß zu pflanzen, daß Christof, von Davids heldischem Reiz
-befangen, ihr willig in den Kult folgte, den sie um den fleischlichen Leib
-der Mutter als der Erhalterin und Wiedergebärerin erlauchten messianischen
-Samens exekutierte.
-
-Ihre aufgesperrten Finger hatten sich verflochten. Die Schädel, Knochen an
-Knochen sanken als gleiches Gebein in die Kissengrube.
-
-In jenen Augenblicken, da sie Marias Begegnung mit Elisabeth erzählte, bei
-diesem Satze: und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte,
-hüpfte das Kind in ihrem Leib -- als unter ihnen das Lager rollte, und ein
-Sausen in den Lüften war -- brach die schließlich geflüsterte Rede sie ab,
-zog des Mannes Finger auf ihren Bauch, und sie fühlten beide, siehe -- es
-hüpfte das Kind in ihrem Leib!
-
-Und Blicke flogen auf über das rhythmische Spiel der Glieder, und von
-Himmeln fernher mit Stolz sich anstrahlend, beteuerte jedes und stellte
-fest das hocheigne Teil, sich selbst zu diesem Wunder. Dann warf es sie
-Rippe zu Rippe.
-
-Moses und David, Jesus und alle Helden des Buches war Christof in dieser
-Nacht. Es strömte aus ihm heroische Männlichkeit von Jahrtausenden. Sie
-nahm hin und schmeichelte ihm hold, daß keine Kraft aus seinen Lenden wich,
-und er übermütig und hochgemut blieb bis zum Morgen, als sie in leichtem
-Schlummer verzaubert hinsank. Da riß er sich von ihr, reckte die Brust in
-den Tag und fand sich ans Klavier. Hingezogen von Gefühlen, suchend und
-hochreißend aus Erinnerung, drückte mit einem Finger er in die Tasten: Heil
-dir im Siegerkranz. Und alsbald mit Stimme folgend, mächtig und mächtiger
-anschwellend, variierte er über beiden Pedalen vom Baß bis in den höchsten
-Diskant -- da erklang es ihm selig:
-
- Heil dir im Siegerkranz
- Fühl in des Thrones Glanz
- Die hohe Wonne ganz
- Heil Kaiser dir.
-
-Gesine spürte im Schlaf: So ist mir's recht, Christof. Wohl, recht -- wohl.
-
-Am Abend dieses Tages, man schrieb den fünfzehnten Februar, leitete Busekow
-vor dem königlichen Theater der Wagen Auffahrt. Aus seinem Glück war er
-nicht erwacht. Durch das dichte Netz von Klang- und Taktreizen, das aus der
-letzten Nacht noch um ihn hing, drang Gegenwart nicht in sein Bewußtsein.
-Es schüttelte ihn eine liebliche Erinnerung um die andere; auf Fersen hob
-er sich, seines Körpers Ausmaß zu verlängern, und stammelte vor sich hin.
-Dann plötzlich, als ein Rufen in der Menge scholl, hob ihn Begeisterung
-gegen die Wolken. Er weitete, füllte sich und schwebte auf. Er wollte
-rechts und links mit sich nehmen und mußte aus einem Jauchzen heraus, das
-ihn mit Entzücken aufspannte, stürmisch vorwärtsschießen. Man sah, wie Arme
-er mit herrlicher Gebärde gen Osten reckte, hörte aus seinem Mund einen
-siegreichen Schrei -- und hob ihn unter dem Automobil herauf, das sanft
-anfahrend, ihn schnell getötet hatte.
-
-ENDE
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Busekow, by Carl Sternheim
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BUSEKOW ***
-
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-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
-contact links and up to date contact information can be found at the
-Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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- www.gutenberg.org
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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