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Es schien +alsbald regnen zu sollen, und er fühlte vor, wie mit eingezogenen +Schultern, auf dem Heimweg sacht auftretend, er Pfützen auf Steinen +vermeiden würde; mehr als diese Vorstellung beglückte ihn des Kaffees Duft, +der beim Eintritt in die Wohnung auf dem Tisch hergerichtet sein mußte. Nur +noch von Zeit zu Zeit flog gesamte Energie in die Brille zurück und riß in +flüchtiger Empörung Löcher in Gegenüberstehendes. + +Dieser bewaffnete Blick packte nicht allein Passanten in Zivil; wie er +aufflammend vorwärtsschoß, zwang er auch Busekows Kameraden zur +Bewunderung, und sie empfanden: dieser schaut durch Tuch und Haube, er ist +geborener Polizist. + +Von einem tüchtigen Menschen war also die Schlappe der Geburt, +Kurzsichtigkeit, zu einem Vorteil für sich umgebogen worden, wenn er, +seiner Nichteignung für eine Aufsichtsstellung im Urteil zuständiger +Instanzen gewiß, alle gesunden Kräfte von anderen Organen her ins Auge +hochziehend, diesem hinter Gläsern so schneidigen Ausdruck verliehen hatte, +daß die befugten Personen erklärten, sie erwarteten Besonderes von seinem +scharfen Hinsehn. Er wiederum, besorgt, er möchte solche Hoffnung +enttäuschen, wandelte, den Körper immer mehr vergewaltigend, im Lauf der +Zeiten gesamte Barschaft an praller Muskelkraft und Fett in lauter Späh- +und Spürvermögen um, bis seine Schenkel, die ehedem unter dem Sergeanten +des fünfzigsten Infanterieregimentes gewaltige Tagmärsche zurückgelegt +hatten, saftlos und schlapp ihn auf dem Posten kaum mehr hielten, und die +einst vom Gewehrstrecken geschwellten Arme Lust leidenschaftlichen +Zugreifens verloren. Da er aber für gewöhnlich unbewegt auf einer +Steininsel zwischen zwei Fahrdämmen stand, und an dieser vom Verkehr +belebten Stelle selten außer dem Auge auch des Gesetzes Arm gefordert +wurde, blieb ihm dieser leibliche Mißstand verborgen. + +Andererseits hatte er in letzter Zeit begonnen, das Kapital der Sehkraft, +das im Bewußtsein reicher Mittel er ursprünglich an umgebende Welt +vergeudet hatte, sachgemäß anzulegen. Er lieh Vorübergehenden nur noch +insoweit Kredit auf seine Aufmerksamkeit, als er den einzelnen nicht +kannte. Denn da der Platz in nächster Nähe einiger Großkaufhäuser und +Banken lag, war des Publikums größerer Teil tagaus, tagein der gleiche, und +nachdem Busekow in jahrelanger, unwillkürlicher Anteilnahme an jedem +einzelnen dessen Erscheinung in sich aufgenommen, erwogen und beurteilt +hatte, prägte von ihm jetzt nur mehr einen neuen Hut, Wechsel von Sommer- +und Wintermode er sich ein. + +Er stand dabei aber in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Kundschaft wie der +Bankier schlechthin, als dem Kunden, je länger er ihn kannte, und je mehr +Beweise unbedingter Zuverlässigkeit ihm der gegeben hatte, er um so weniger +vorschoß, während an einen, der zum erstenmal in seinem Gesichtsfeld +erschien, er des Blickes ganze Barschaft wandte und, je unverläßlicher der +Neuling sich darstellte, ihn um so bereitwilliger bediente. + +Dank dieser Maßnahmen war es ihm letzthin einige Male gelungen, an Leuten, +die andere Schutzmannsposten als harmlose Schlendriane passiert hatten, +Merkmale versteckter Aufregung zu erkennen, sie durch Winke +patrouillierenden Kameraden zu bezeichnen und zu erleben, daß sich die +Betroffenen bei Prüfung als gesuchte Übeltäter herausstellten. Und so +geschah es an diesem Morgen vor seiner Ablösung um sechs Uhr nur noch +zweimal, daß scharf er zusehn mußte, erst als ein Omnibus gegen einen +Milchwagen stieß -- glücklicherweise konnte Busekows bloßer Wink die Lage +entwirren -- und dann, da in der Schar jener Frauen, die nächtlicherweise +auf demselben Straßenstrich ihr Brot suchen, und deren jede ihm bis in den +Saum des Unterrocks bekannt war, eine neue auftauchte: hochblond, +aufgedonnert, mit einem Blutmal auf der linken Backe dicht am Mundwinkel. + + * * * * * + +Wie sie zu unwahrscheinlicher Zeit mit der Morgenröte zum ersten Male +unangemeldet vor ihn getreten war, beschäftigte sie den Heimkehrenden, der, +das innere Auge auf sie gerichtet, nicht spürte, wie es zu regnen begonnen +hatte, und er stapfend Pfütze auf Pfütze trat. War es denn möglich, er +hätte all jene Zeichen, die das Eindringen einer Konkurrentin in den Ring +der auf jener Straße Privilegierten sonst ankündigten, übersehen, oder +waren sie am Ende nicht gegeben worden? Und warum nicht? Galt sie ihren +Schwestern wenig, schien zum Wettkampf sie nicht gerüstet, und durfte man +mit Verachtung sie übersehen? Rief er sich ihre Erscheinung zurück, +verneinte er die Annahme. Dem flüchtigen Blick -- ein anderer würde ihr in +ihrem Gewerbe kaum gegönnt werden -- dünkte sie gefällig und wohlbereitet. +Busekow, der sich über den Grund ihres lautlosen Auftretens auf seiner +Weltbühne keine Rechenschaft geben konnte, ward befangen und kleinlaut vor +sich selbst und betrat mit dem peinlichen Gefühl seine Wohnung, in dieser +Nacht habe er dem Staat unzureichend gedient, den Platz, der ihm anvertraut +war, nicht in völliger Ordnung verlassen. Irgend etwas treibe dort ein +ungerechtfertigtes, den beschlossenen Gang der Dinge störendes Wesen. + +Er schlürfte verdrießlich Kaffee und legte sich zu seiner Frau ins Bett. +Zaghaft lüpfte er die Decke und, sich hinstreckend, nahm er eine Rückenlage +ein; denn da, auf den Seiten liegend, er gewöhnlich zu röcheln und zu +schnarchen begann, war ihm die anbefohlen worden. Wie in allen Dingen, die +das Weib anordnete, suchte er den Befehl genau zu befolgen, und aus Furcht, +im Schlaf möchte er Stellung wechseln, hatte er sich gewöhnt, beide Hände +in die seitlichen Ritzen zwischen Bettlade und Matratze einzukrallen, durch +welches Manöver tatsächlich erreicht wurde, daß er in gleicher Lage +aufwachte, wie er eingeschlafen war. Auf welche Weise die Frau bald nach +Beginn ihrer nun zwölfjährigen Ehe seine Unterwerfung unter ihren Willen +durchgesetzt hatte, darüber hatte er nie nachgedacht. Er wußte nur, +Abhängigkeit war bodenlos, ohne leisesten Trieb zum Widerstand. Selbst bei +den ihm unliebsamsten Geheißen erschien sie ihm noch eine milde Gebieterin, +da er in sich die Neigung ahnte, auch ihrem zügellosen Verlangen +nachzugeben. + +Es war aber einzig sein bedingungsloser Gehorsam, der die an sich +Schüchterne allmählich fähig gemacht hatte, Wünsche ihm gegenüber zu +äußern, später zu fordern. Und so entfernt blieb sie innerlich der +Überzeugung wirklicher Macht, daß noch stündlich und bei jedem Anlaß sie +erwartete, er möchte es endlich satt haben und kurzen Prozeß mit ihr +machen. Denn sie war sich wohl bewußt, das einzig wirkliche Guthaben, das +sie bei ihm besaß -- jene kleine Summe, die die Sechsundzwanzigjährige dem +Vermögenslosen einst in die Ehe gebracht --, mußte längst aufgezehrt sein, +und weder geistig noch körperlich fühlte sie sich vor ihm begnadet. + +Was den Leib anging, verbarg sie sogar seit Jahren schwere Schäden. Ohne +daß sie Mutter geworden war, hatte Zeit ihr mitgespielt. Das einst volle +Haar war zu winziger Schnecke auf den Hinterkopf zusammengeschrumpft, ihr +Gesicht, das straffe Haut wohltuend gegliedert, hatte durch deren +Nachlassen Löcher und Vorsprünge bekommen; heftiger aber bewegten sie ihre +Brüste, die, zwei flache Teller, mit kaum noch gefärbter Warze von den +bergenden Händen beim Auskleiden nicht mehr bedeckt werden konnten. Die +zarte Scham, mit der Busekow über diesen Umstand abends und morgens +hinwegsah, vergrößerte ihren Kummer und bewirkte, daß sie ihm einen harten +Anruf zum Bett hinschickte, etwa: setz Wasser auf den Herd! oder: scher +dich zum Kohlenholen! + +Bei solchen Aufforderungen hatte den Mann oft verlangt, sie möchte ihre +Empörung über die Unbill der Natur durch furchtbare Forderung an ihn etwa +für sich ausgleichen. Wie sie zur ärmsten Magd Gottes herabgesunken war, +dichtete er königliche Befehle in ihren Mund, sah sich in hündischer Demut +in den Ecken stehen, Pfoten aufwartend gekrümmt. Und fürchtete, er habe um +ein Großes sie betrogen, meinte das Kind, das sie von ihm nicht hatte, +seufzte und fand sich vor ihr schuldig. Oft lagen sie sprachlos +nebeneinander, mit nach oben gedrehten Gesichtern, geschlossenen Lids, daß +keiner dem anderen das Wachen anmerke. Ihre Herzen klopften laut: Warum +konnte ich sie nicht erfüllen? Was tönten meine Rippen nicht von ihm? Und +wehmütig griff sie ihre Brüste; er fuhr die mageren Lenden herab, beide +fühlten sich dürftig. + +Den Betten gegenüber hing in Öldruck Martin Luther. Die Hand auf ein Buch +geballt, machte er eine ausladende Gebärde. Beide Gatten hatten anfangs aus +dieser Geste Mut zu holen gesucht, wollten sich erklärend anreden und die +Kluft überspringen. Aber es gab zwischen jenem und ihnen keine +Zusammenhänge. Schon begann alles in hoffnungslose Gewohnheit beschlossen +zu werden. Man sparte an Blick und Ton füreinander, rief sich und +antwortete in Hauptworten, denen verbindende Verben und Partikeln fehlten, +um schließlich bei Begriffen, die man als bekannt und erwartet voraussetzen +konnte, auch an Endsilben zu sparen. Die Augen wichen sich aus, man sah +gegen Wände; Berührung wurde gefürchtet. Streiften bei einer Begegnung sich +die Kleider, schoß beiden panischer Schreck ins Gebein, als hätten +Allerheiligstes sie betastet. Die weibliche Seele war so voll Vorwürfen für +ihn; er so voll Angst vor ihr, daß sie wußten, ein wohlgebildeter Satz +jetzt, freundlicheren Lebens Gleichnis, hätte bis ins Mark sie erschüttert +und vernichtet. + +Also scheuten sie Güte, erzogen Hartes und Kantiges in sich und schlossen +am Ende auf Grund rauher Regeln einen letzten Frieden, er, der +Hingeschmissene, Unwürdige, Besiegte; sie, die Beleidigte, mulier virgo. + +Wie er nun lag und ruhen wollte, brach Sonne schräg durchs Fenster und +verwirrte seine Augen. Da er sich nicht wenden durfte, bedeckte er das +Gesicht mit der Hand; doch schien Licht rot durchs Blut der Finger. Diese +Wahrnehmung verwirrte ihn, als hätte des Umstands seines lebendigen Blutes +er vergessen. In einer Aufwallung streckte er das eine Bein gegen die +Decke, daß Wölbung über seinem Leib entstand, und lächelte. Es schien ihm +aber gleich darauf, als neben ihm im Schlaf sie stöhnte, Gebärde und Lachen +infam, und er begann, in Strahlen blinzelnd, alle Züge einer stetigen und +zunehmenden Niedrigkeit aus seinem Leben zum Bild eines verworfenen und +vergeblichen Geschöpfs zu dichten. Wie er in der Schule seines Dorfes +schlecht gelernt, zum Hofdienst untauglich gewesen war und einst am +Reformationstage in der Kirche, während die Gemeinde im Liede >Ein' feste +Burg ist unser Gott< himmlische Andacht einte, des vor ihm singenden +Mädchens Zopf ergriffen und an seine Lippen geführt hatte. Die Kleine hatte +aufgeschrien, Nachbarn den Frevel bemerkt, und er war dem Pastor zur +Bestrafung angezeigt. Der hatte ihn mit Wortschwall überwältigt und Mut der +Jugend und Selbstbewußtsein für lange Zeit in Grund und Boden geschlagen. +Eine Spur davon war erst nach langen Jahren wiedererstanden, als ihm, dem +Unteroffizier, eine Dekade junger Burschen auf Gnade und Ungnade +überantwortet wurde. Da hatte er den Schnurrbart hochgezwirbelt und sich +einiger Flüche bemächtigt, die ihn vor sich selbst martialisch machten. +Doch gelang es über ein geringes Maß nicht, da Wichtigkeit vom Kasernenhof +in den Stuben bei Instruktion und Unterricht verblich, merkte er, wie im +Auffassen des Vorgetragenen er hinter Kameraden zurückblieb. Im Verlauf von +zehn Jahren hatte der Hauptmann einige Male zu ihm gesagt: Sie sind in Herz +und Nieren königstreu, Busekow. Das ist eine Sache: Aber haben keine +Verstehste. So wurde Königstreue, die man ihm öffentlich zugestanden, +fortan seines Lebens Richtschnur. Und als er einsah, eine Feldwebelstelle +war ihm nicht erreichbar, er aber nur im Staatsdienst für seine positive +Eigenschaft Verwendung hatte, gab er als Schutzmann sich ein. Bedenken +gegen seine zunehmende Kurzsichtigkeit zerstreute er auf die geschilderte +Art. + +Da ihm seine Tugend jetzt einfiel, wurde die Seele einen Augenblick freier; +schnell erleuchtete ihn jedoch Erkenntnis, wie wenig offiziell sie in +seinem heutigen Dasein sei. Im Gegensatz zu jenem Hauptmann hatte seine +Frau sie nie erkannt, in ihren Reden war sie nie erwähnt worden. + +Ein elendes, nutzloses Schwein bin ich, dachte Busekow. Diese Frau weiht +mir ihr junges Leben, ihren einst blühenden Leib, schöne Gaben. Alles habe +ich vernichtet, nicht fähig, mir Anvertrautes zu pflegen. Was aber meine +Königstreue anlangt (mit einem letzten Versuch, sich zu erheben, flüchtete +er noch einmal zu diesem Gedanken), meine Hingabe an den Dienst -- vor +seinem Geist stand ein blondes, aufgedonnertes Frauenzimmer, ein Blutmal im +befremdenden Gesicht. Da ergriff namenlose Trauer um sich selbst unseren +Helden, und einschlafend verstand er seines Weibes Größe nicht mehr, die es +vermochte, bei ihm auszuhalten. + +Er träumte, in leerem Raum ständen sie sich gegenüber, nackt. Wie ihre +Augen sich sengend ihm ins Gesicht bohrten, war er sie anzusehen gezwungen. +Einen schauerlichen Leib erblickte er, wie Stöcke Beine, von Hautrunzeln +bedeckt. Erbärmlich das übrige. Nirgends aber war noch der leiseste +hüllende Flaum zu erspähen, und der Kopf glich einer polierten Kugel. Mit +ausgestreckter Hand, die wie eine Kastagnette knackte, klopfte sie +abwechselnd an sein gepolstertes Bäuchchen, den Schädel und krächzte dazu: +Heuwanst, Heukopf! Und alsbald begann aus seines Mundes Öffnung er Stroh zu +speien, bündelweis, ohne Aufhören meterweis. Sie lächelte giftig dazu, +klopfte und knatterte: Heukopf, Heuwanst, Heukopf. In Schweiß gebadet +erwachte er, war mit Ruck aus den Federn, und im Hemd ins Nebenzimmer +stürzend, rief dröhnender, übernatürlicher Stimme er ihr zu: Ja, ja Elisa, +ich bin ein Elender; wirklich ein Unfruchtbarer! Sie war nicht im Raum. +Neben Butterbroten und einer Flasche Bier lag auf dem Tisch ein Zettel mit +den Worten: Ich bin zum Kientopp. Wundre dich nicht. Geburtstag. + +Und nun stellte er sich, während er zu kauen begann, ihre Freude im +Lichtspieltheater vor und spürte, die tröstliche Stärkung, die mit dem +Geständnis seiner Wertlosigkeit er hatte gewähren wollen, mußte ihr draußen +stärker zuteil werden durch Bilder aus der Menschenkomödie, die sie mit +Lachen und Weinen ergreifen würden. + +Gegen sieben, seine Frau war noch nicht zurück, begab zur Polizeiwache er +sich in den Dienst. Um Mitternacht bezog er Posten am Schnittpunkt der +Hauptstraßen. Aber da es in Strömen regnete, gelang es ihm von allem Anfang +nicht, die heroische Haltung, die er sonst besonders während der ersten +Minuten seiner Wache vor einem vierarmigen Gaskandelaber einnahm, zu +markieren. Im Gummiumhang, Schultern eingezogen, das Haupt gesenkt, sah er +vielmehr, während Wasser an ihm niedertroff, recht kläglich aus. Zudem +verwirrten hinter nassen Scheiben seiner Brille ihn rote, grüne und weiße +Lichter der Fahrzeuge. Sich überhaupt bemerkbar zu machen, hob er von Zeit +zu Zeit einen Arm und ließ ihn, ohne des Eindrucks inne zu werden, wieder +sinken. Nur mit Mühe unterschied er den Aufmarsch bekannter Gestalten, die +Frauen der Kaffeekellner, die ihre Männer abholten, Stammgäste der in der +Nähe befindlichen Wirtschaften, den Mann mit dem fliegenden +Streichholzhandel und, eine nach der anderen, die Nymphen der Straße. Dicht +an die Häuser gedrängt, hüpften sie Schutz suchend an ihm vorüber, mit +eingezogenen Flügeln Vögeln gleich, die, Land gewöhnt, ins Wasser gefallen +sind und sich retten möchten. Sie schritten auf ihren bis zu den Knien +freien Ständern über den Fahrdamm und teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen +Wassertiefen, die sie durchqueren, und dem Wild, das, diesen Abend spärlich +genug, sie jagen mußten. + +Bei ihres namenlosen Elends Anblick hob Busekow am heutigen Tag zum +erstenmal selbstbewußt den Kopf. Diesen da war er, wie man den Maßstab auch +anlegte, doch tausendmal überlegen. Er dachte an seinen Traum und meinte, +produziere als letzte Formel von sich er auch Heu und Stroh, sei das +schließlich eine saubere Sache. Wie aber würde sich diesen in Träumen das +Gleichnis ihrer ausgespienen Eingeweide darstellen? Und anderen, weniger +verächtlichen, aber dennoch tief unter ihm stehenden Klassen, all diesem +männlichen Gelichter, das an ihm vorüberstrich. Stand er hier nicht -- +Donner und Doria -- doch am Ende für Kaiser und Reich, und sah alle Welt in +ihm nicht einen tüchtigen Beamten? Als es aber heftiger vom Himmel goß und +er tiefer in sich hineinkriechen mußte, erschien vor ihm wieder der Leib +seiner Frau, wie er ihn heut im Schlaf gesehen, und Erde ward abermals wüst +und leer. + +Mit gedunsenem Auge stierte er in die Luft, einmal rechts, links einmal und +geradeaus, als aus dem Gewissen plötzlich die Frage nach dem Verbleib jenes +Weibes sich hob, das am Morgen er zum erstenmal erblickt. Gehörte sie von +nun an für immer zu den Figuren, die vor ihm spielen würden, oder war sie +nur wie zu einem Gastspiel auf dieser Straße erschienen? Dafür sprach das +Verhalten der Kolleginnen, die ein einmaliges Kommen und Gehen zur Not +dulden durften, dauernde Etablierung jedoch, wie er es in anderen Fällen +erlebt hatte, mit Hohn und Gewalttat zurückgewiesen hätten. + +Es schlug zwei Uhr morgens, als hinter einem jungen Menschen in +aufgeweichten Lackstiefeln sie auftauchte. Zugleich aber sah Busekow eine +lange Schwarzhaarige sie an die Schultern greifen und hörte, wie sie ihr +zuzischte: Nicht an meinen Kleinen heran! und der Neuen Antwort: Nur +sachte! + +Schon sammelte sich auch ein Kreis erregter Frauenzimmer um die beiden und +fiel mit schnatterndem Schwall im Chor ein. Man sah drohend aufgehobene +Arme und Schirme. Da aber schleuderte Busekow allen Regen von sich, war mit +zwei Schritten bei den Streitenden, und, Gewitter aus empörten Augen +blitzend, herrschte mit erzener Stimme er die Auseinanderstiebenden an: +»Keinen Streit, meine Damen. Weitergehen!« + +Nur sie blieb ihm gegenüber. Sekundenlang sah er in ein erschrockenes +Gesicht und trat dann an seinen Platz zurück. Irgendwo straffte eine Sehne +sich an ihm. Der Blick, den sie von jetzt ab bei ihrem allnächtlichen +Erscheinen ihm zuwarf, strahlte vor Dankbarkeit. Er entzog sich ihm nicht, +empfing ihn als seines öden Lebens Zuckerbrot. Und als er Nacht- mit +Tagdienst tauschte, war des Bedauerns Gefühl, diesen Blick in Zukunft +entbehren zu sollen, groß. Doch kam sie schon am zweiten Tag die Straße +herauf an ihm vorüber, und da geschah es, daß, ihren Gruß erwidernd, er ein +wenig das Haupt neigte. + +Schnell spannen sich zwischen ihnen die Fäden schlichter Vertraulichkeit. +»Mir geht es immer so, bin immer die gleiche,« sagte etwa ihr Blick. »Stehe +hier für Kaiser und Reich,« rief er zurück. Monatelang. Bis eines Tags, vom +Dienst heimkehrend, er sie streifte, die in einem Haustor stand. + +»Keinen Auflauf bilden, Fräulein,« meinte er witzig und lächelte. Sie +senkte den Blick vor ihm. Meinte er, Samtenes schlage Flügel, und verwirrte +sich bedeutend. + +Ein andermal, da er an einem Urlaubstag gegen Abend spazierte, traf er sie +und ging ihr nach. Sie trat in einen Flur, sah sich nicht um. Er folgte, +stieg Treppen hinter ihr hinauf, schlüpfte in einen Korridor, den sie +aufschloß, und dort im Dunkeln standen sie sich gegenüber, ohne daß ein +Wort fiel. Nur Atem blies, Augen glühten sich an. Berührung wurde nicht +gewagt. Schließlich lehnte sie sich, Halt suchend, gegen die Wand, er, +schräg an sie gebeugt, schlang in alle Öffnungen ihres Leibes Hauch. Beide +wankten. Sie fiel zuerst. In schmerzlich süßer Lähmung blieb ihr ein Knie +erhoben und reckte den Schoß auf. Wie ein stürzender Felsblock senkte er +sich ein. + +Auch späterhin war kein Wort gefallen, da er losgebunden von ihr schwand, +blieb sie am Boden hingenagelt. Geschlossenen Auges lächelte sie; ihr Atem +ging wie feine Musik aus ihr, und in rhythmischen Abständen zitterte der +Leib. + +Acht Tage später wieder frei, begab er sich unter dem Schutz der Dämmerung +zu ihr. Da er an die Tür klopfte, öffnete sie und zog ihn gegen ein +erleuchtetes Zimmer, in dessen Mitte, dem Klavier gegenüber, ein gedeckter +Tisch stand. Busekow hörte des Wasserkessels Summen, roch eines Kuchens +Duft und sah in weißen und gelben Farben Blumen gebunden. + +Sie blieb aufrecht vor ihm, legte einen Arm um seinen Hals und strich mit +der anderen Hand ihm Haar aus der Stirn. Dabei hing ihr Blick in seinem. +Ein Wort wollte er sagen und vermochte nichts, lächelte sie und bewegte +verneinend den Kopf. Plötzlich lief zischend der Kessel über. Sie ließ den +Mann und war mit zwei Schritten am Tisch, hob das kupferne Gefäß, schwang +es gegen die Kanne und ließ heißes Wasser in sie stürzen. Verharrend folgte +er der Bewegung. Wie sie goß, zuteilte, zurechtstrich und schließlich +winkte. Da setzte er sich zu ihr ins Sofa. + +Überstürzte Frage und Antwort schwirrte. Alles Wie und Was ihres heutigen +Lebens saugten sie in sich hinein, stürmisch verständigten sie sich über +Gelände und äußere Grenzen ihres Glücks. Und als nirgends jählings der +Abgrund auftauchte, der augenblickliches Halt rief, war mit ihnen ein +einziges Glück. Sie hatte beide Arme erhoben und saß mit aufgerissenen +Augen stumm wie eine Schreiende. Er hieb die geballte Faust in den Tisch. + +Da später Dunkelheit und des Bettes Decke schützend über ihnen ruhte, nahm +sie zuvor plötzlich seine Hände, faltete sie ihm auf die Brust und hauchte +an sein Ohr: »Vater unser, der Du bist im Himmel« und murmelte weiter. Er +aber erschrak und schämte sich, weil heute und sonst Gebet ihm fern und +fremd war. Doch bewegte er die Lippen und stellte sich, als folge er ihr in +jeder Silbe. Trotz seiner Lüge wurde auch des Gebetes Sinn in ihm erreicht, +denn Ruhe war an Stelle brennenden Verlangens getreten, als er jetzt seinen +Arm um sie legte, Glied an Glied zart fügte und reinen Atem aus seinem +Munde auf sie herabwehte. Sie hielten sich erst schwebend und wie aus Erz +gegossen. Noch spürte jeder den eigenen festen Umriß und die verhaltene +fremde Person. + +Da rief sie »Christof«, und zugleich sah ihres Auges Blau er sich +verschleiern und verschwinden; rund quoll Weißes über den ganzen Ball. Und +zum andernmal erschrak er vor ihr und wußte nicht, wie sich in Einklang mit +ihr bringen. Bebend stieg er in sein Innerstes nieder und brachte +Konfirmationstag und seiner Mutter Sterbestunde herauf. Aber auch so +versehen, holte die Seele der vor ihm Ausgebreiteten er nicht ein, und +seine Anker griffen nicht ins Mutterland der Hingegebenen. + +Doch schmolz viel harte Schale an ihm. Schon wurde mancher Zelle Kern +erweckt und goß sich in den Kreislauf der Säfte. Und jede Welle Leben, die +er in sie schickte, kam als brausende Sturmflut in sein Blut zurück, die +Schutt und Asche fortriß, bis schließlich, an des Lebens Nerve donnernd, +sie ihm den Mund zu hellem Ruf aufspreizte. Da, während er gegen die andere +Wand des Bettes zurückwich, verklärte himmlischer Schein des Weibes +Gesicht. + +Er erfuhr von Gesine, Vater und Mutter habe sie früh verloren und +Ernährerin jüngerer Geschwister sein müssen. Emsig verglichen sie ihr +Kinderleben, freuten sich, dieselben Spiele gespielt zu haben, und als +beide ihre Vorliebe für die gleichen Speisen in jener Zeit entdeckten, +waren sie noch glücklicher. An diesem Tag blieben sie ganz närrisch ihrer +Jugend hingegeben. Eltern, Brüder und Schwestern lernten sie gegenseitig +kennen, Haus und Hof und Knecht und Vieh. Vom Getreide sprachen sie, von +Saat und Frucht; wie der Dung am besten in die Scholle gebracht würde, und +was es der Freuden und Verlegenheiten bäurischen Volkes mehr gibt. Erst als +auf ihren Glauben sie zu sprechen kamen, und Gesine ihm ihre katholische +Religion bekannte, ergriff beide Scheu voreinander, und Fremdes stieg +zwischen ihnen auf. Der märkische Protestant brachte aus der Kindheit so +feindseligen Begriff dieser Lehre, die er nicht kannte, mit, sie war ihm +als etwas so Götzendienerisches, deutschem Wesen Fernes hingestellt worden, +daß er die junge Frau neben sich plötzlich mit der Neugier, die man an ein +wildes Tier wendet, besah. In diesen Augenblicken war von dem fanatischen +Haß seiner Mutter gegen andersgläubige Christen in ihm, seiner Mutter, die +vor der katholischen Magd des Nachbarn ausgespuckt und behauptet hatte, +diese verhexe dem Armen Familie und Gesinde. + +Als Gesine wieder nach ihm griff, wich er beiseit, trat ins Zimmer zurück +und schickte sich eilig zum Gehen. Und da ihr Antlitz mit den weißen +Augäpfeln wieder vor ihm erschien und manches Seltsame, das er sich nicht +hatte deuten können, brachte er's mit ihrem verdächtigen Bekenntnis in +Zusammenhang und entfloh mehr, als daß er ging. + +Doch war ihres Leibes Eindruck schon zu bedeutend gewesen; von Stund an, wo +er stand und ging, verließ ihn ihrer Liebkosung Gefühl nicht mehr. + +Den nächsten Urlaubtag verlebte er mit seiner Frau. Schuldbewußtsein hielt +ihn an ihrer Seite. Doch vergrößerte er es tagsüber nur, kam ihm bei keiner +ihrer Bewegungen die entsprechende seiner Geliebten aus dem Sinn. Da er +sich aber abends niederlegte, und sie, sich entkleidend, ein Päckchen Wolle +unter dem Haarknoten hervorzog und auf den Tisch legte, war plötzlich alles +Mitleid, das ihn bis dahin stets um sie bewegt hatte, dahin, und er +lächelte spöttisch. Ihr Körper, den beim Schein der Lampe er durch das +Hemdtuch umrissen sah, erregte tolle Lachlust in ihm. Wie sie mit ihren +mageren, ein wenig nach innen gekrümmten Beinen von einer Tür zur anderen +trat, er nicht eine gefällige Linie an ihrem Leib sah, schlug stürmische +Scham über sie ihm in die Stirn. Zum erstenmal in seiner Ehe stand Trotz in +ihm auf, und aus ihrer Dürftigkeit gewann er große Rechtfertigung für sich. +So blieb auch ihr heute oft wiederholter Vorwurf, die Kameraden im Revier +sprächen von einer Zunahme seiner Kurzsichtigkeit, sie aber glaube nur an +gesteigerte Teilnahmslosigkeit und Faulheit, so gut wie ungehört. Im +Gegenteil trat er am anderen Morgen mit wuchtigerem Schritt als sonst beim +Barbier ein, hatte hier schon unter der Serviette das Gefühl gesteigerter +Bedeutung und empfand sein Bild, wie es heut im Sonnenglanz im Rock von +Blau und Silber prangen würde, als körperliche Wohltat. Und wer ihn an dem +Tag auf Posten gesehen hat, muß das Gefühl mitgenommen haben, in dem Manne +geht Veränderung vor sich. Unablässig trat er auf seiner Insel hin und her, +ließ es nicht beim Insaugefassen Vorübergehender, sondern bewegte einige +Male sich hilfebringend auf eine geängstigte Frau, ein verwirrtes Kind zu. +Er hob auch Stimme zum Kommandoton, schob die eingesunkene Brust in die +Luft, rührte fast unablässig weisend und richtend beide Arme. Kurz, er war +ein froher, zugreifender Schutzmann und gab dem Leben an dieser Stelle der +Erde munter Bewegtes. Wäre es angegangen, hätte für einen Bettler, der +vorbeischlich, er in die Tasche gegriffen. So mußte er sich begnügen, für +den Hinkenden einen Augenblick den gesamten Fahrverkehr zum Stehen zu +bringen und ihm einen Übergang über den Straßendamm zu schaffen, wie ihn +sonst nur die höchsten Personen genossen. Der Bettler grinste und winkte +mit der Hand einen Gruß, Busekow lachte fröhlich auf. Als Gesine erschien, +erhielt seine Haltung vollends etwas Heldisches. Er flog und wippte auf +Draht, schlug mit der Linken einen mächtigen Bogen gegen nahendes Vehikel, +und der Platz hallte von seiner Stimme. Gleich darauf riß er vor einem +passierenden General die Hände stramm an die Hosennaht, rührte den Kopf so +jugendlich auf, daß die Exzellenz wohlwollend nickte. Von ihm fort aber +sandte er Gesine über alle Köpfe einen strahlenden Blick zu, der ihr +kündete: Du mein geliebtes, mein angebetetes Leben! + +Er kam wieder zu ihr, und von Mal zu Mal wurden sie mehr eins. Mit +gelassenem Behagen gaben sich die Körper dem Gefallen aneinander hin, als +sei ihnen für alle Zukunft gegenseitiges Begehren gewiß. Mit immer frischem +Appetit setzten sie sich an den Tisch ihrer Sehnsucht, aßen und standen +erst leicht gesättigt, das Herz von Dank für den Schöpfer gefüllt, auf. +Auch in Gesprächen vermieden sie die Grenze des ihnen Faßbaren, sondern +gaben sich Rechenschaft nur über ihr täglich Leben. Insbesondere drang +Gesine in seines Dienstes Wesen völlig ein. Bald war ihr Reglement und +Praxis innig vertraut, und sie erörterten manche Möglichkeit an Hand eines +älteren Rapportbuches, in das Vorfälle und Schuldige er aufgezeichnet und +das er ihr zum Geschenk gemacht hatte. Mit scharfem Instinkt griff sie +menschlich besonders packende Dinge aus ihm heraus und führte sie, Herz und +Überlegung an sie hingegeben, aus des Zufälligen Bereich zum symbolisch +überhaupt Gültigen auf, erfüllte ihn allmählich mit der Überzeugung, wie an +seinem Platz mit tausend Fäden er ins innerste Menschentum verflochten +stehe, und gab ihm bedeutendes Bewußtsein von seines Amtes Wichtigkeit im +allgemeinen. Darüber hinaus aber suchte sie ihn auf jede Weise von seiner +besonderen Eignung für seine Stellung zu überzeugen. Wie ihre Schwestern +auf der Straße niemandem so unbedingte Achtung zollten wie ihm, die +Kameraden, das wisse sie aus manchem Mund, seiner Laufbahn gewiß seien. So +daß, von ihr erhoben und süß geschwellt, er gelobte, Säbel und Revolver +demnächst mitzubringen und ihr sämtliche Griffe und Manöver an ihnen zu +zeigen. + +Er hielt das Versprechen. Unter dem Mantel brachte er beides, und während +sie vom Sofa aus ihm zusah, übte er vor ihr mit so machtvollen Tritten und +Ausfällen, daß des Zimmers Boden dröhnte, Gläser klirrten und die Gardine +flatterte. Ihr aber war der Blick verklärt, und als er zwei Angreifer mit +glänzender Säbelparade in die Schrankecke, aus der sie nicht entweichen +konnten, geschlagen hatte, flog grenzenlos hingegeben sie ihm an den Hals. +Da hatte Busekow zum erstenmal im Leben seiner Notwendigkeit Gefühl zur +Evidenz. + +Dies Bewußtsein äußerte sich sogleich im Dienst. Mit Sicherheit der +Ereignisse Gang gewissermaßen voraussehend, griff er auf der Straße in des +Geschehens Speichen. Im Revierdienst begann er sachkundige Vorschläge zu +machen. Zu einer wichtigen Frage gab er so einleuchtenden Rat, daß der +Polizeileutnant ausrief: Dieser Busekow -- einfach fabelhaft! + +Und man begann, ihn mit wichtigen Posten zu betrauen. Bei Fürstenbesuchen +gehörte er zur Bahnhofsmannschaft. So sah er manch außerordentliche Szene, +durch Anschauung wurde sein Leben reicher, er überlegen. Sie hörte nicht +auf, das von ihm Mitgeteilte sinngemäß in seines Daseins Gang einzuordnen. + +An Kaisers Geburtstag hatte einer für den anderen wichtige Mitteilung. Er +war zum Wachtmeister ernannt. An sein Ohr hinsinkend, gestand sie +Mutterschaft. + +Von Erspartem lebend, war sie schon seit Wochen ihrem Beruf fremd. Da die +Überraschungen an dem Tag waren, faßten sie sich bei Händen und ließen des +Einverständnisses Glück in Blicken sprechen. Dann aber, über alles bisher +gemeinsam Erlebte hinausgehend, griff selbsttätig er in ihr Persönliches +und forschte nach ihrer Innerlichkeit. Welche Hoffnungen und Entwürfe für +das Zukünftige sie bewegten, ob sie es mit ihm nur oder mit Höherem +verknüpft glaube, wie das Göttliche denn ihr vorschwebe; kurz alle Fragen +stellte er, die sie, die Frau, einst angerührt und schnell verlassen hatte, +da sie seiner Seele Zustand erkannt hatte. + +Sie jedoch, leicht fröstelnd, auch leicht erhitzt, bebte jetzt in ihren +Gliedern über seine Fieber und schwieg. Tiefer drückten seine Finger sich +in ihr Fleisch, dringender wurde Rede, und leichter Schaum erschien auf den +Lippen. Doch während rote Sonnen in ihrer Stirnhöhle drehten, kam kein Laut +Antwort von ihr. Sie ließ ihn sich erschöpfen und diesen Abend ohne +Aufschluß von ihr gehen. + + * * * * * + +Nun aber klopfte ihm auf dem Heimweg stürmisch das Herz vor dem Wiedersehn +mit seiner Frau. Da durch Gesines Eröffnung seine Manneskraft bewiesen +stand, wurde dieses Weibes Hauptbuchseite ihm gegenüber zu einem Blatt der +Schuld. Gelogen ihres Daseins Überlegenheit, ins Gegenteil verkehrt. Eine +Handvoll Sand war sie; kein Gott machte sie trächtig; er aber, wohin er +seinen Finger legte, mußte erschaffend sich beweisen. + +Ein prachtvoll großer Haß blies durch den Mann und ließ ihn wie ein +schreitendes Denkmal sein. Wäre sie ihm da gegenübergewesen, wie Föhn hätte +ein Hauch von ihm ihre Eingeweide bloßgefegt, zarteste Handlung sie +zertrümmert. + +Doch starb Erbitterung an ihrer eigenen Kraft und Überzeugung. Da nicht der +geringste Einwand ihr gegenüberstand, von seiten des Weibes kein Aber zu +erdenken blieb, war Elisa aus Wirklichkeit, in der sie bis heute einzig +durch die Kraft eines zu Unrecht vorgetäuschten Zornes gelebt hatte, +plötzlich ausgelöscht, und es begann Erinnerung von ihr nur noch in ihm zu +leben. Je näher Busekow seinem Hause kam, wurden die Gefühle der also in +ihm Hingeschiedenen gegenüber, wie für Tote überhaupt, weicher, und als er +ein Amen über ihres Lebens Grab sprach, erschien sogar ihr Bild, wie sie im +Hochzeitskleid, eine Rose auf der Brust, einmal jung in seinen Arm gekommen +war, freundliche Erinnerung heischend vor ihm. + +Er hob die Hand und winkte einen Abschiedsgruß. Trat bei sich ein, +entkleidete sich halbgeschlossenen Augs, legte sich neben sie und nahm +ihrem in ihm nun vollendeten Abscheiden zu Ehren im Bett die gewohnte +Rückenlage ein. + +Sie aber, empfindend, in diesem Mann habe höhere Einsicht gegen sie +entschieden, zog unter der Decke das Knie an die Brust und fürchtete sich +sehr. + +Und wie sie das klare Bewußtsein ihrer Schuld verabscheute, mußte sie doch +in dieser Nacht schon einigemal ihm in die Augen sehen, wie es laut +kündete, was sie heimlich oft schon aus sich selbst empfunden: In allem +Wesentlichen, von Gott Gegebenen und Hinzuerrungenen ihm hintangestellt, +wagtest frecher Stirn du eure Ansprüche aneinander derart zu fälschen, daß +in betrügerischer Untreue du aus seinen Mitteln zu deinen Gunsten +schöpftest und es dennoch darzustellen wußtest, als bliebe er dir schuldig. +Und in der Zukunft ward ihr auch bewußt, wie ihr Verbrechen an ihm größer +war, als daß es auf dieser Erde noch getilgt werden konnte. + +Immerhin kann dies zu ihrer Entlastung berichtet werden. Entschlossen zog +sie aus der Erkenntnis jede Folge. Demütigte, unterwarf sich und hörte +fortan auf seinen Atemzug als einzigen Laut in der Welt; lag nächtens +seinem Antlitz zugewandt in bewundernder und gerührter Unterwürfigkeit. +Seine gekrallten Hände aus den Bettritzen hochzuziehen, wagte sie +ehrfürchtig nicht. Seufzer, Geständnisse, Versprechen und scheue Küsse +hauchte sie viel gegen ihn hin, doch blieb ihm alles, Leid und Geste, +verborgen. + +Für ihn -- und es kam auch die Nacht, in der Elisa es begriff -- war sie +nur noch Kunde von sich selbst. Andenken, Leichenstein. + + * * * * * + +Gesine empfand alsbald, nun sei mit Christof ihr das letzte Heil gekommen. +Da er wieder zu ihr trat, war aus seiner Gebärde alles menschlich Befangene +geschwunden, Gegenstände und sie griff er mit großer Machtvollkommenheit +und wußte aus befreiter Natur Allerselbständigstes. Die Stimme fand aus den +Ecken größeren Widerhall, ihr selbst schlug jedes Wort von ihm durchs +Trommelfell an die Herzwand. So zögerte sie nicht länger und legte sich +frei. Entschleierte ihr Gewissen und ließ seinen Blick in innere Kanäle. Er +las berauschte Frömmigkeit. Vom Schöpfungstag angefangen lag Gott mit allen +Wundern in dieses Weibes Leib. Zu den Bildern, die aus ihr strahlten, +begannen die Lippen, ihm herrliche Gleichnisse zu stammeln. Alle Texte der +Schrift hatte sie aufgefangen, mit Blut genährt und lebendig gehalten. Es +stiegen aus ihr Adam und Abraham zu ergreifendem Licht. Als von Saul und +David sie zu sprechen begann, begriff sie, von Gnade beweht, die +männlichste Tragik, und da ihre Stimme pathetisch heulte, trieb es sie +beide von der Matratze hoch. Auf Knien gegen das Fenster gewendet, parallel +beieinander hochgerichtet, tranken sie jedes schallende Wort. Ihr waren die +Brüste beseligt aufgestanden, auf seinen Schenkeln spreizte sich jedes +Haar. Die Brille fiel ihm vom Ohr und hing quer über das lefzende Maul. + +Nasse Wärme quoll aus den Körpern, ganz eng hämmerten sich Atome +aneinander, und die Glieder waren geballt. Gesines Scheitel schien feucht +und hell beleuchtet. + +Schon hub mit Rede Christof in ihre hinein. Wie glühende Stahltropfen +fielen Silben auf ihre Satzenden. Gebell blieb es mehr als daß Verständnis +zustande kam; doch half es ihr zu voller Ekstase. Rasend alsbald schrie das +Weib die biblischen Namen, und so befeuerte sie des Geliebten Hingabe, daß +ihre Glaubensmacht die Wände der Beschränkung brach, und sie den letzten +Sinn alles Geschriebenen bloßlegte. + +Wie in starker Musik, im Spiel vermischter Themen der musikalische +Leitgedanke nicht verloren geht, so übertönte in ihrer Darstellung Davids +Name alle Harmonien des alten Testaments. Und es gelang Gesine, das +Vermächtnis hingegangener Jugendgenerationen in aufstehender Gestalt als +Jesus in Marias Schoß zu pflanzen, daß Christof, von Davids heldischem Reiz +befangen, ihr willig in den Kult folgte, den sie um den fleischlichen Leib +der Mutter als der Erhalterin und Wiedergebärerin erlauchten messianischen +Samens exekutierte. + +Ihre aufgesperrten Finger hatten sich verflochten. Die Schädel, Knochen an +Knochen sanken als gleiches Gebein in die Kissengrube. + +In jenen Augenblicken, da sie Marias Begegnung mit Elisabeth erzählte, bei +diesem Satze: und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, +hüpfte das Kind in ihrem Leib -- als unter ihnen das Lager rollte, und ein +Sausen in den Lüften war -- brach die schließlich geflüsterte Rede sie ab, +zog des Mannes Finger auf ihren Bauch, und sie fühlten beide, siehe -- es +hüpfte das Kind in ihrem Leib! + +Und Blicke flogen auf über das rhythmische Spiel der Glieder, und von +Himmeln fernher mit Stolz sich anstrahlend, beteuerte jedes und stellte +fest das hocheigne Teil, sich selbst zu diesem Wunder. Dann warf es sie +Rippe zu Rippe. + +Moses und David, Jesus und alle Helden des Buches war Christof in dieser +Nacht. Es strömte aus ihm heroische Männlichkeit von Jahrtausenden. Sie +nahm hin und schmeichelte ihm hold, daß keine Kraft aus seinen Lenden wich, +und er übermütig und hochgemut blieb bis zum Morgen, als sie in leichtem +Schlummer verzaubert hinsank. Da riß er sich von ihr, reckte die Brust in +den Tag und fand sich ans Klavier. Hingezogen von Gefühlen, suchend und +hochreißend aus Erinnerung, drückte mit einem Finger er in die Tasten: Heil +dir im Siegerkranz. Und alsbald mit Stimme folgend, mächtig und mächtiger +anschwellend, variierte er über beiden Pedalen vom Baß bis in den höchsten +Diskant -- da erklang es ihm selig: + + Heil dir im Siegerkranz + Fühl in des Thrones Glanz + Die hohe Wonne ganz + Heil Kaiser dir. + +Gesine spürte im Schlaf: So ist mir's recht, Christof. Wohl, recht -- wohl. + +Am Abend dieses Tages, man schrieb den fünfzehnten Februar, leitete Busekow +vor dem königlichen Theater der Wagen Auffahrt. Aus seinem Glück war er +nicht erwacht. Durch das dichte Netz von Klang- und Taktreizen, das aus der +letzten Nacht noch um ihn hing, drang Gegenwart nicht in sein Bewußtsein. +Es schüttelte ihn eine liebliche Erinnerung um die andere; auf Fersen hob +er sich, seines Körpers Ausmaß zu verlängern, und stammelte vor sich hin. +Dann plötzlich, als ein Rufen in der Menge scholl, hob ihn Begeisterung +gegen die Wolken. Er weitete, füllte sich und schwebte auf. Er wollte +rechts und links mit sich nehmen und mußte aus einem Jauchzen heraus, das +ihn mit Entzücken aufspannte, stürmisch vorwärtsschießen. Man sah, wie Arme +er mit herrlicher Gebärde gen Osten reckte, hörte aus seinem Mund einen +siegreichen Schrei -- und hob ihn unter dem Automobil herauf, das sanft +anfahrend, ihn schnell getötet hatte. + +ENDE + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Busekow, by Carl Sternheim + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41904 *** |
