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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41904 ***
+
+BUSEKOW
+
+
+EINE NOVELLE
+VON
+CARL STERNHEIM
+
+
+KURT WOLFF VERLAG
+LEIPZIG
+
+
+Bücherei »Der jüngste Tag« Band 14
+Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig.
+
+
+COPYRIGHT KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG · 1914
+
+
+Bei Anbruch des Tags Epiphanias hielt der Schutzmann im sechsten Revier,
+Christof Busekow, Posten am Schnittpunkt der Hauptstraßen seit vier
+Stunden. Anfangs hatte wie sonst das Bewußtsein, Ordnung und Sicherheit
+hingen von seiner einzigen Person ab, ihn zu höchster
+Dienstbereitwilligkeit aufgestählt; allmählich aber, da alles friedlich
+sich schickte, verlor seine Aufmerksamkeit das Gespannte und schwang
+zustimmend mit der Masse der Bewegenden und Bewegten.
+
+Je näher Ablösung rückte, überwogen in ihm zwei Empfindungen. Es schien
+alsbald regnen zu sollen, und er fühlte vor, wie mit eingezogenen
+Schultern, auf dem Heimweg sacht auftretend, er Pfützen auf Steinen
+vermeiden würde; mehr als diese Vorstellung beglückte ihn des Kaffees Duft,
+der beim Eintritt in die Wohnung auf dem Tisch hergerichtet sein mußte. Nur
+noch von Zeit zu Zeit flog gesamte Energie in die Brille zurück und riß in
+flüchtiger Empörung Löcher in Gegenüberstehendes.
+
+Dieser bewaffnete Blick packte nicht allein Passanten in Zivil; wie er
+aufflammend vorwärtsschoß, zwang er auch Busekows Kameraden zur
+Bewunderung, und sie empfanden: dieser schaut durch Tuch und Haube, er ist
+geborener Polizist.
+
+Von einem tüchtigen Menschen war also die Schlappe der Geburt,
+Kurzsichtigkeit, zu einem Vorteil für sich umgebogen worden, wenn er,
+seiner Nichteignung für eine Aufsichtsstellung im Urteil zuständiger
+Instanzen gewiß, alle gesunden Kräfte von anderen Organen her ins Auge
+hochziehend, diesem hinter Gläsern so schneidigen Ausdruck verliehen hatte,
+daß die befugten Personen erklärten, sie erwarteten Besonderes von seinem
+scharfen Hinsehn. Er wiederum, besorgt, er möchte solche Hoffnung
+enttäuschen, wandelte, den Körper immer mehr vergewaltigend, im Lauf der
+Zeiten gesamte Barschaft an praller Muskelkraft und Fett in lauter Späh-
+und Spürvermögen um, bis seine Schenkel, die ehedem unter dem Sergeanten
+des fünfzigsten Infanterieregimentes gewaltige Tagmärsche zurückgelegt
+hatten, saftlos und schlapp ihn auf dem Posten kaum mehr hielten, und die
+einst vom Gewehrstrecken geschwellten Arme Lust leidenschaftlichen
+Zugreifens verloren. Da er aber für gewöhnlich unbewegt auf einer
+Steininsel zwischen zwei Fahrdämmen stand, und an dieser vom Verkehr
+belebten Stelle selten außer dem Auge auch des Gesetzes Arm gefordert
+wurde, blieb ihm dieser leibliche Mißstand verborgen.
+
+Andererseits hatte er in letzter Zeit begonnen, das Kapital der Sehkraft,
+das im Bewußtsein reicher Mittel er ursprünglich an umgebende Welt
+vergeudet hatte, sachgemäß anzulegen. Er lieh Vorübergehenden nur noch
+insoweit Kredit auf seine Aufmerksamkeit, als er den einzelnen nicht
+kannte. Denn da der Platz in nächster Nähe einiger Großkaufhäuser und
+Banken lag, war des Publikums größerer Teil tagaus, tagein der gleiche, und
+nachdem Busekow in jahrelanger, unwillkürlicher Anteilnahme an jedem
+einzelnen dessen Erscheinung in sich aufgenommen, erwogen und beurteilt
+hatte, prägte von ihm jetzt nur mehr einen neuen Hut, Wechsel von Sommer-
+und Wintermode er sich ein.
+
+Er stand dabei aber in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Kundschaft wie der
+Bankier schlechthin, als dem Kunden, je länger er ihn kannte, und je mehr
+Beweise unbedingter Zuverlässigkeit ihm der gegeben hatte, er um so weniger
+vorschoß, während an einen, der zum erstenmal in seinem Gesichtsfeld
+erschien, er des Blickes ganze Barschaft wandte und, je unverläßlicher der
+Neuling sich darstellte, ihn um so bereitwilliger bediente.
+
+Dank dieser Maßnahmen war es ihm letzthin einige Male gelungen, an Leuten,
+die andere Schutzmannsposten als harmlose Schlendriane passiert hatten,
+Merkmale versteckter Aufregung zu erkennen, sie durch Winke
+patrouillierenden Kameraden zu bezeichnen und zu erleben, daß sich die
+Betroffenen bei Prüfung als gesuchte Übeltäter herausstellten. Und so
+geschah es an diesem Morgen vor seiner Ablösung um sechs Uhr nur noch
+zweimal, daß scharf er zusehn mußte, erst als ein Omnibus gegen einen
+Milchwagen stieß -- glücklicherweise konnte Busekows bloßer Wink die Lage
+entwirren -- und dann, da in der Schar jener Frauen, die nächtlicherweise
+auf demselben Straßenstrich ihr Brot suchen, und deren jede ihm bis in den
+Saum des Unterrocks bekannt war, eine neue auftauchte: hochblond,
+aufgedonnert, mit einem Blutmal auf der linken Backe dicht am Mundwinkel.
+
+ * * * * *
+
+Wie sie zu unwahrscheinlicher Zeit mit der Morgenröte zum ersten Male
+unangemeldet vor ihn getreten war, beschäftigte sie den Heimkehrenden, der,
+das innere Auge auf sie gerichtet, nicht spürte, wie es zu regnen begonnen
+hatte, und er stapfend Pfütze auf Pfütze trat. War es denn möglich, er
+hätte all jene Zeichen, die das Eindringen einer Konkurrentin in den Ring
+der auf jener Straße Privilegierten sonst ankündigten, übersehen, oder
+waren sie am Ende nicht gegeben worden? Und warum nicht? Galt sie ihren
+Schwestern wenig, schien zum Wettkampf sie nicht gerüstet, und durfte man
+mit Verachtung sie übersehen? Rief er sich ihre Erscheinung zurück,
+verneinte er die Annahme. Dem flüchtigen Blick -- ein anderer würde ihr in
+ihrem Gewerbe kaum gegönnt werden -- dünkte sie gefällig und wohlbereitet.
+Busekow, der sich über den Grund ihres lautlosen Auftretens auf seiner
+Weltbühne keine Rechenschaft geben konnte, ward befangen und kleinlaut vor
+sich selbst und betrat mit dem peinlichen Gefühl seine Wohnung, in dieser
+Nacht habe er dem Staat unzureichend gedient, den Platz, der ihm anvertraut
+war, nicht in völliger Ordnung verlassen. Irgend etwas treibe dort ein
+ungerechtfertigtes, den beschlossenen Gang der Dinge störendes Wesen.
+
+Er schlürfte verdrießlich Kaffee und legte sich zu seiner Frau ins Bett.
+Zaghaft lüpfte er die Decke und, sich hinstreckend, nahm er eine Rückenlage
+ein; denn da, auf den Seiten liegend, er gewöhnlich zu röcheln und zu
+schnarchen begann, war ihm die anbefohlen worden. Wie in allen Dingen, die
+das Weib anordnete, suchte er den Befehl genau zu befolgen, und aus Furcht,
+im Schlaf möchte er Stellung wechseln, hatte er sich gewöhnt, beide Hände
+in die seitlichen Ritzen zwischen Bettlade und Matratze einzukrallen, durch
+welches Manöver tatsächlich erreicht wurde, daß er in gleicher Lage
+aufwachte, wie er eingeschlafen war. Auf welche Weise die Frau bald nach
+Beginn ihrer nun zwölfjährigen Ehe seine Unterwerfung unter ihren Willen
+durchgesetzt hatte, darüber hatte er nie nachgedacht. Er wußte nur,
+Abhängigkeit war bodenlos, ohne leisesten Trieb zum Widerstand. Selbst bei
+den ihm unliebsamsten Geheißen erschien sie ihm noch eine milde Gebieterin,
+da er in sich die Neigung ahnte, auch ihrem zügellosen Verlangen
+nachzugeben.
+
+Es war aber einzig sein bedingungsloser Gehorsam, der die an sich
+Schüchterne allmählich fähig gemacht hatte, Wünsche ihm gegenüber zu
+äußern, später zu fordern. Und so entfernt blieb sie innerlich der
+Überzeugung wirklicher Macht, daß noch stündlich und bei jedem Anlaß sie
+erwartete, er möchte es endlich satt haben und kurzen Prozeß mit ihr
+machen. Denn sie war sich wohl bewußt, das einzig wirkliche Guthaben, das
+sie bei ihm besaß -- jene kleine Summe, die die Sechsundzwanzigjährige dem
+Vermögenslosen einst in die Ehe gebracht --, mußte längst aufgezehrt sein,
+und weder geistig noch körperlich fühlte sie sich vor ihm begnadet.
+
+Was den Leib anging, verbarg sie sogar seit Jahren schwere Schäden. Ohne
+daß sie Mutter geworden war, hatte Zeit ihr mitgespielt. Das einst volle
+Haar war zu winziger Schnecke auf den Hinterkopf zusammengeschrumpft, ihr
+Gesicht, das straffe Haut wohltuend gegliedert, hatte durch deren
+Nachlassen Löcher und Vorsprünge bekommen; heftiger aber bewegten sie ihre
+Brüste, die, zwei flache Teller, mit kaum noch gefärbter Warze von den
+bergenden Händen beim Auskleiden nicht mehr bedeckt werden konnten. Die
+zarte Scham, mit der Busekow über diesen Umstand abends und morgens
+hinwegsah, vergrößerte ihren Kummer und bewirkte, daß sie ihm einen harten
+Anruf zum Bett hinschickte, etwa: setz Wasser auf den Herd! oder: scher
+dich zum Kohlenholen!
+
+Bei solchen Aufforderungen hatte den Mann oft verlangt, sie möchte ihre
+Empörung über die Unbill der Natur durch furchtbare Forderung an ihn etwa
+für sich ausgleichen. Wie sie zur ärmsten Magd Gottes herabgesunken war,
+dichtete er königliche Befehle in ihren Mund, sah sich in hündischer Demut
+in den Ecken stehen, Pfoten aufwartend gekrümmt. Und fürchtete, er habe um
+ein Großes sie betrogen, meinte das Kind, das sie von ihm nicht hatte,
+seufzte und fand sich vor ihr schuldig. Oft lagen sie sprachlos
+nebeneinander, mit nach oben gedrehten Gesichtern, geschlossenen Lids, daß
+keiner dem anderen das Wachen anmerke. Ihre Herzen klopften laut: Warum
+konnte ich sie nicht erfüllen? Was tönten meine Rippen nicht von ihm? Und
+wehmütig griff sie ihre Brüste; er fuhr die mageren Lenden herab, beide
+fühlten sich dürftig.
+
+Den Betten gegenüber hing in Öldruck Martin Luther. Die Hand auf ein Buch
+geballt, machte er eine ausladende Gebärde. Beide Gatten hatten anfangs aus
+dieser Geste Mut zu holen gesucht, wollten sich erklärend anreden und die
+Kluft überspringen. Aber es gab zwischen jenem und ihnen keine
+Zusammenhänge. Schon begann alles in hoffnungslose Gewohnheit beschlossen
+zu werden. Man sparte an Blick und Ton füreinander, rief sich und
+antwortete in Hauptworten, denen verbindende Verben und Partikeln fehlten,
+um schließlich bei Begriffen, die man als bekannt und erwartet voraussetzen
+konnte, auch an Endsilben zu sparen. Die Augen wichen sich aus, man sah
+gegen Wände; Berührung wurde gefürchtet. Streiften bei einer Begegnung sich
+die Kleider, schoß beiden panischer Schreck ins Gebein, als hätten
+Allerheiligstes sie betastet. Die weibliche Seele war so voll Vorwürfen für
+ihn; er so voll Angst vor ihr, daß sie wußten, ein wohlgebildeter Satz
+jetzt, freundlicheren Lebens Gleichnis, hätte bis ins Mark sie erschüttert
+und vernichtet.
+
+Also scheuten sie Güte, erzogen Hartes und Kantiges in sich und schlossen
+am Ende auf Grund rauher Regeln einen letzten Frieden, er, der
+Hingeschmissene, Unwürdige, Besiegte; sie, die Beleidigte, mulier virgo.
+
+Wie er nun lag und ruhen wollte, brach Sonne schräg durchs Fenster und
+verwirrte seine Augen. Da er sich nicht wenden durfte, bedeckte er das
+Gesicht mit der Hand; doch schien Licht rot durchs Blut der Finger. Diese
+Wahrnehmung verwirrte ihn, als hätte des Umstands seines lebendigen Blutes
+er vergessen. In einer Aufwallung streckte er das eine Bein gegen die
+Decke, daß Wölbung über seinem Leib entstand, und lächelte. Es schien ihm
+aber gleich darauf, als neben ihm im Schlaf sie stöhnte, Gebärde und Lachen
+infam, und er begann, in Strahlen blinzelnd, alle Züge einer stetigen und
+zunehmenden Niedrigkeit aus seinem Leben zum Bild eines verworfenen und
+vergeblichen Geschöpfs zu dichten. Wie er in der Schule seines Dorfes
+schlecht gelernt, zum Hofdienst untauglich gewesen war und einst am
+Reformationstage in der Kirche, während die Gemeinde im Liede >Ein' feste
+Burg ist unser Gott< himmlische Andacht einte, des vor ihm singenden
+Mädchens Zopf ergriffen und an seine Lippen geführt hatte. Die Kleine hatte
+aufgeschrien, Nachbarn den Frevel bemerkt, und er war dem Pastor zur
+Bestrafung angezeigt. Der hatte ihn mit Wortschwall überwältigt und Mut der
+Jugend und Selbstbewußtsein für lange Zeit in Grund und Boden geschlagen.
+Eine Spur davon war erst nach langen Jahren wiedererstanden, als ihm, dem
+Unteroffizier, eine Dekade junger Burschen auf Gnade und Ungnade
+überantwortet wurde. Da hatte er den Schnurrbart hochgezwirbelt und sich
+einiger Flüche bemächtigt, die ihn vor sich selbst martialisch machten.
+Doch gelang es über ein geringes Maß nicht, da Wichtigkeit vom Kasernenhof
+in den Stuben bei Instruktion und Unterricht verblich, merkte er, wie im
+Auffassen des Vorgetragenen er hinter Kameraden zurückblieb. Im Verlauf von
+zehn Jahren hatte der Hauptmann einige Male zu ihm gesagt: Sie sind in Herz
+und Nieren königstreu, Busekow. Das ist eine Sache: Aber haben keine
+Verstehste. So wurde Königstreue, die man ihm öffentlich zugestanden,
+fortan seines Lebens Richtschnur. Und als er einsah, eine Feldwebelstelle
+war ihm nicht erreichbar, er aber nur im Staatsdienst für seine positive
+Eigenschaft Verwendung hatte, gab er als Schutzmann sich ein. Bedenken
+gegen seine zunehmende Kurzsichtigkeit zerstreute er auf die geschilderte
+Art.
+
+Da ihm seine Tugend jetzt einfiel, wurde die Seele einen Augenblick freier;
+schnell erleuchtete ihn jedoch Erkenntnis, wie wenig offiziell sie in
+seinem heutigen Dasein sei. Im Gegensatz zu jenem Hauptmann hatte seine
+Frau sie nie erkannt, in ihren Reden war sie nie erwähnt worden.
+
+Ein elendes, nutzloses Schwein bin ich, dachte Busekow. Diese Frau weiht
+mir ihr junges Leben, ihren einst blühenden Leib, schöne Gaben. Alles habe
+ich vernichtet, nicht fähig, mir Anvertrautes zu pflegen. Was aber meine
+Königstreue anlangt (mit einem letzten Versuch, sich zu erheben, flüchtete
+er noch einmal zu diesem Gedanken), meine Hingabe an den Dienst -- vor
+seinem Geist stand ein blondes, aufgedonnertes Frauenzimmer, ein Blutmal im
+befremdenden Gesicht. Da ergriff namenlose Trauer um sich selbst unseren
+Helden, und einschlafend verstand er seines Weibes Größe nicht mehr, die es
+vermochte, bei ihm auszuhalten.
+
+Er träumte, in leerem Raum ständen sie sich gegenüber, nackt. Wie ihre
+Augen sich sengend ihm ins Gesicht bohrten, war er sie anzusehen gezwungen.
+Einen schauerlichen Leib erblickte er, wie Stöcke Beine, von Hautrunzeln
+bedeckt. Erbärmlich das übrige. Nirgends aber war noch der leiseste
+hüllende Flaum zu erspähen, und der Kopf glich einer polierten Kugel. Mit
+ausgestreckter Hand, die wie eine Kastagnette knackte, klopfte sie
+abwechselnd an sein gepolstertes Bäuchchen, den Schädel und krächzte dazu:
+Heuwanst, Heukopf! Und alsbald begann aus seines Mundes Öffnung er Stroh zu
+speien, bündelweis, ohne Aufhören meterweis. Sie lächelte giftig dazu,
+klopfte und knatterte: Heukopf, Heuwanst, Heukopf. In Schweiß gebadet
+erwachte er, war mit Ruck aus den Federn, und im Hemd ins Nebenzimmer
+stürzend, rief dröhnender, übernatürlicher Stimme er ihr zu: Ja, ja Elisa,
+ich bin ein Elender; wirklich ein Unfruchtbarer! Sie war nicht im Raum.
+Neben Butterbroten und einer Flasche Bier lag auf dem Tisch ein Zettel mit
+den Worten: Ich bin zum Kientopp. Wundre dich nicht. Geburtstag.
+
+Und nun stellte er sich, während er zu kauen begann, ihre Freude im
+Lichtspieltheater vor und spürte, die tröstliche Stärkung, die mit dem
+Geständnis seiner Wertlosigkeit er hatte gewähren wollen, mußte ihr draußen
+stärker zuteil werden durch Bilder aus der Menschenkomödie, die sie mit
+Lachen und Weinen ergreifen würden.
+
+Gegen sieben, seine Frau war noch nicht zurück, begab zur Polizeiwache er
+sich in den Dienst. Um Mitternacht bezog er Posten am Schnittpunkt der
+Hauptstraßen. Aber da es in Strömen regnete, gelang es ihm von allem Anfang
+nicht, die heroische Haltung, die er sonst besonders während der ersten
+Minuten seiner Wache vor einem vierarmigen Gaskandelaber einnahm, zu
+markieren. Im Gummiumhang, Schultern eingezogen, das Haupt gesenkt, sah er
+vielmehr, während Wasser an ihm niedertroff, recht kläglich aus. Zudem
+verwirrten hinter nassen Scheiben seiner Brille ihn rote, grüne und weiße
+Lichter der Fahrzeuge. Sich überhaupt bemerkbar zu machen, hob er von Zeit
+zu Zeit einen Arm und ließ ihn, ohne des Eindrucks inne zu werden, wieder
+sinken. Nur mit Mühe unterschied er den Aufmarsch bekannter Gestalten, die
+Frauen der Kaffeekellner, die ihre Männer abholten, Stammgäste der in der
+Nähe befindlichen Wirtschaften, den Mann mit dem fliegenden
+Streichholzhandel und, eine nach der anderen, die Nymphen der Straße. Dicht
+an die Häuser gedrängt, hüpften sie Schutz suchend an ihm vorüber, mit
+eingezogenen Flügeln Vögeln gleich, die, Land gewöhnt, ins Wasser gefallen
+sind und sich retten möchten. Sie schritten auf ihren bis zu den Knien
+freien Ständern über den Fahrdamm und teilten ihre Aufmerksamkeit zwischen
+Wassertiefen, die sie durchqueren, und dem Wild, das, diesen Abend spärlich
+genug, sie jagen mußten.
+
+Bei ihres namenlosen Elends Anblick hob Busekow am heutigen Tag zum
+erstenmal selbstbewußt den Kopf. Diesen da war er, wie man den Maßstab auch
+anlegte, doch tausendmal überlegen. Er dachte an seinen Traum und meinte,
+produziere als letzte Formel von sich er auch Heu und Stroh, sei das
+schließlich eine saubere Sache. Wie aber würde sich diesen in Träumen das
+Gleichnis ihrer ausgespienen Eingeweide darstellen? Und anderen, weniger
+verächtlichen, aber dennoch tief unter ihm stehenden Klassen, all diesem
+männlichen Gelichter, das an ihm vorüberstrich. Stand er hier nicht --
+Donner und Doria -- doch am Ende für Kaiser und Reich, und sah alle Welt in
+ihm nicht einen tüchtigen Beamten? Als es aber heftiger vom Himmel goß und
+er tiefer in sich hineinkriechen mußte, erschien vor ihm wieder der Leib
+seiner Frau, wie er ihn heut im Schlaf gesehen, und Erde ward abermals wüst
+und leer.
+
+Mit gedunsenem Auge stierte er in die Luft, einmal rechts, links einmal und
+geradeaus, als aus dem Gewissen plötzlich die Frage nach dem Verbleib jenes
+Weibes sich hob, das am Morgen er zum erstenmal erblickt. Gehörte sie von
+nun an für immer zu den Figuren, die vor ihm spielen würden, oder war sie
+nur wie zu einem Gastspiel auf dieser Straße erschienen? Dafür sprach das
+Verhalten der Kolleginnen, die ein einmaliges Kommen und Gehen zur Not
+dulden durften, dauernde Etablierung jedoch, wie er es in anderen Fällen
+erlebt hatte, mit Hohn und Gewalttat zurückgewiesen hätten.
+
+Es schlug zwei Uhr morgens, als hinter einem jungen Menschen in
+aufgeweichten Lackstiefeln sie auftauchte. Zugleich aber sah Busekow eine
+lange Schwarzhaarige sie an die Schultern greifen und hörte, wie sie ihr
+zuzischte: Nicht an meinen Kleinen heran! und der Neuen Antwort: Nur
+sachte!
+
+Schon sammelte sich auch ein Kreis erregter Frauenzimmer um die beiden und
+fiel mit schnatterndem Schwall im Chor ein. Man sah drohend aufgehobene
+Arme und Schirme. Da aber schleuderte Busekow allen Regen von sich, war mit
+zwei Schritten bei den Streitenden, und, Gewitter aus empörten Augen
+blitzend, herrschte mit erzener Stimme er die Auseinanderstiebenden an:
+»Keinen Streit, meine Damen. Weitergehen!«
+
+Nur sie blieb ihm gegenüber. Sekundenlang sah er in ein erschrockenes
+Gesicht und trat dann an seinen Platz zurück. Irgendwo straffte eine Sehne
+sich an ihm. Der Blick, den sie von jetzt ab bei ihrem allnächtlichen
+Erscheinen ihm zuwarf, strahlte vor Dankbarkeit. Er entzog sich ihm nicht,
+empfing ihn als seines öden Lebens Zuckerbrot. Und als er Nacht- mit
+Tagdienst tauschte, war des Bedauerns Gefühl, diesen Blick in Zukunft
+entbehren zu sollen, groß. Doch kam sie schon am zweiten Tag die Straße
+herauf an ihm vorüber, und da geschah es, daß, ihren Gruß erwidernd, er ein
+wenig das Haupt neigte.
+
+Schnell spannen sich zwischen ihnen die Fäden schlichter Vertraulichkeit.
+»Mir geht es immer so, bin immer die gleiche,« sagte etwa ihr Blick. »Stehe
+hier für Kaiser und Reich,« rief er zurück. Monatelang. Bis eines Tags, vom
+Dienst heimkehrend, er sie streifte, die in einem Haustor stand.
+
+»Keinen Auflauf bilden, Fräulein,« meinte er witzig und lächelte. Sie
+senkte den Blick vor ihm. Meinte er, Samtenes schlage Flügel, und verwirrte
+sich bedeutend.
+
+Ein andermal, da er an einem Urlaubstag gegen Abend spazierte, traf er sie
+und ging ihr nach. Sie trat in einen Flur, sah sich nicht um. Er folgte,
+stieg Treppen hinter ihr hinauf, schlüpfte in einen Korridor, den sie
+aufschloß, und dort im Dunkeln standen sie sich gegenüber, ohne daß ein
+Wort fiel. Nur Atem blies, Augen glühten sich an. Berührung wurde nicht
+gewagt. Schließlich lehnte sie sich, Halt suchend, gegen die Wand, er,
+schräg an sie gebeugt, schlang in alle Öffnungen ihres Leibes Hauch. Beide
+wankten. Sie fiel zuerst. In schmerzlich süßer Lähmung blieb ihr ein Knie
+erhoben und reckte den Schoß auf. Wie ein stürzender Felsblock senkte er
+sich ein.
+
+Auch späterhin war kein Wort gefallen, da er losgebunden von ihr schwand,
+blieb sie am Boden hingenagelt. Geschlossenen Auges lächelte sie; ihr Atem
+ging wie feine Musik aus ihr, und in rhythmischen Abständen zitterte der
+Leib.
+
+Acht Tage später wieder frei, begab er sich unter dem Schutz der Dämmerung
+zu ihr. Da er an die Tür klopfte, öffnete sie und zog ihn gegen ein
+erleuchtetes Zimmer, in dessen Mitte, dem Klavier gegenüber, ein gedeckter
+Tisch stand. Busekow hörte des Wasserkessels Summen, roch eines Kuchens
+Duft und sah in weißen und gelben Farben Blumen gebunden.
+
+Sie blieb aufrecht vor ihm, legte einen Arm um seinen Hals und strich mit
+der anderen Hand ihm Haar aus der Stirn. Dabei hing ihr Blick in seinem.
+Ein Wort wollte er sagen und vermochte nichts, lächelte sie und bewegte
+verneinend den Kopf. Plötzlich lief zischend der Kessel über. Sie ließ den
+Mann und war mit zwei Schritten am Tisch, hob das kupferne Gefäß, schwang
+es gegen die Kanne und ließ heißes Wasser in sie stürzen. Verharrend folgte
+er der Bewegung. Wie sie goß, zuteilte, zurechtstrich und schließlich
+winkte. Da setzte er sich zu ihr ins Sofa.
+
+Überstürzte Frage und Antwort schwirrte. Alles Wie und Was ihres heutigen
+Lebens saugten sie in sich hinein, stürmisch verständigten sie sich über
+Gelände und äußere Grenzen ihres Glücks. Und als nirgends jählings der
+Abgrund auftauchte, der augenblickliches Halt rief, war mit ihnen ein
+einziges Glück. Sie hatte beide Arme erhoben und saß mit aufgerissenen
+Augen stumm wie eine Schreiende. Er hieb die geballte Faust in den Tisch.
+
+Da später Dunkelheit und des Bettes Decke schützend über ihnen ruhte, nahm
+sie zuvor plötzlich seine Hände, faltete sie ihm auf die Brust und hauchte
+an sein Ohr: »Vater unser, der Du bist im Himmel« und murmelte weiter. Er
+aber erschrak und schämte sich, weil heute und sonst Gebet ihm fern und
+fremd war. Doch bewegte er die Lippen und stellte sich, als folge er ihr in
+jeder Silbe. Trotz seiner Lüge wurde auch des Gebetes Sinn in ihm erreicht,
+denn Ruhe war an Stelle brennenden Verlangens getreten, als er jetzt seinen
+Arm um sie legte, Glied an Glied zart fügte und reinen Atem aus seinem
+Munde auf sie herabwehte. Sie hielten sich erst schwebend und wie aus Erz
+gegossen. Noch spürte jeder den eigenen festen Umriß und die verhaltene
+fremde Person.
+
+Da rief sie »Christof«, und zugleich sah ihres Auges Blau er sich
+verschleiern und verschwinden; rund quoll Weißes über den ganzen Ball. Und
+zum andernmal erschrak er vor ihr und wußte nicht, wie sich in Einklang mit
+ihr bringen. Bebend stieg er in sein Innerstes nieder und brachte
+Konfirmationstag und seiner Mutter Sterbestunde herauf. Aber auch so
+versehen, holte die Seele der vor ihm Ausgebreiteten er nicht ein, und
+seine Anker griffen nicht ins Mutterland der Hingegebenen.
+
+Doch schmolz viel harte Schale an ihm. Schon wurde mancher Zelle Kern
+erweckt und goß sich in den Kreislauf der Säfte. Und jede Welle Leben, die
+er in sie schickte, kam als brausende Sturmflut in sein Blut zurück, die
+Schutt und Asche fortriß, bis schließlich, an des Lebens Nerve donnernd,
+sie ihm den Mund zu hellem Ruf aufspreizte. Da, während er gegen die andere
+Wand des Bettes zurückwich, verklärte himmlischer Schein des Weibes
+Gesicht.
+
+Er erfuhr von Gesine, Vater und Mutter habe sie früh verloren und
+Ernährerin jüngerer Geschwister sein müssen. Emsig verglichen sie ihr
+Kinderleben, freuten sich, dieselben Spiele gespielt zu haben, und als
+beide ihre Vorliebe für die gleichen Speisen in jener Zeit entdeckten,
+waren sie noch glücklicher. An diesem Tag blieben sie ganz närrisch ihrer
+Jugend hingegeben. Eltern, Brüder und Schwestern lernten sie gegenseitig
+kennen, Haus und Hof und Knecht und Vieh. Vom Getreide sprachen sie, von
+Saat und Frucht; wie der Dung am besten in die Scholle gebracht würde, und
+was es der Freuden und Verlegenheiten bäurischen Volkes mehr gibt. Erst als
+auf ihren Glauben sie zu sprechen kamen, und Gesine ihm ihre katholische
+Religion bekannte, ergriff beide Scheu voreinander, und Fremdes stieg
+zwischen ihnen auf. Der märkische Protestant brachte aus der Kindheit so
+feindseligen Begriff dieser Lehre, die er nicht kannte, mit, sie war ihm
+als etwas so Götzendienerisches, deutschem Wesen Fernes hingestellt worden,
+daß er die junge Frau neben sich plötzlich mit der Neugier, die man an ein
+wildes Tier wendet, besah. In diesen Augenblicken war von dem fanatischen
+Haß seiner Mutter gegen andersgläubige Christen in ihm, seiner Mutter, die
+vor der katholischen Magd des Nachbarn ausgespuckt und behauptet hatte,
+diese verhexe dem Armen Familie und Gesinde.
+
+Als Gesine wieder nach ihm griff, wich er beiseit, trat ins Zimmer zurück
+und schickte sich eilig zum Gehen. Und da ihr Antlitz mit den weißen
+Augäpfeln wieder vor ihm erschien und manches Seltsame, das er sich nicht
+hatte deuten können, brachte er's mit ihrem verdächtigen Bekenntnis in
+Zusammenhang und entfloh mehr, als daß er ging.
+
+Doch war ihres Leibes Eindruck schon zu bedeutend gewesen; von Stund an, wo
+er stand und ging, verließ ihn ihrer Liebkosung Gefühl nicht mehr.
+
+Den nächsten Urlaubtag verlebte er mit seiner Frau. Schuldbewußtsein hielt
+ihn an ihrer Seite. Doch vergrößerte er es tagsüber nur, kam ihm bei keiner
+ihrer Bewegungen die entsprechende seiner Geliebten aus dem Sinn. Da er
+sich aber abends niederlegte, und sie, sich entkleidend, ein Päckchen Wolle
+unter dem Haarknoten hervorzog und auf den Tisch legte, war plötzlich alles
+Mitleid, das ihn bis dahin stets um sie bewegt hatte, dahin, und er
+lächelte spöttisch. Ihr Körper, den beim Schein der Lampe er durch das
+Hemdtuch umrissen sah, erregte tolle Lachlust in ihm. Wie sie mit ihren
+mageren, ein wenig nach innen gekrümmten Beinen von einer Tür zur anderen
+trat, er nicht eine gefällige Linie an ihrem Leib sah, schlug stürmische
+Scham über sie ihm in die Stirn. Zum erstenmal in seiner Ehe stand Trotz in
+ihm auf, und aus ihrer Dürftigkeit gewann er große Rechtfertigung für sich.
+So blieb auch ihr heute oft wiederholter Vorwurf, die Kameraden im Revier
+sprächen von einer Zunahme seiner Kurzsichtigkeit, sie aber glaube nur an
+gesteigerte Teilnahmslosigkeit und Faulheit, so gut wie ungehört. Im
+Gegenteil trat er am anderen Morgen mit wuchtigerem Schritt als sonst beim
+Barbier ein, hatte hier schon unter der Serviette das Gefühl gesteigerter
+Bedeutung und empfand sein Bild, wie es heut im Sonnenglanz im Rock von
+Blau und Silber prangen würde, als körperliche Wohltat. Und wer ihn an dem
+Tag auf Posten gesehen hat, muß das Gefühl mitgenommen haben, in dem Manne
+geht Veränderung vor sich. Unablässig trat er auf seiner Insel hin und her,
+ließ es nicht beim Insaugefassen Vorübergehender, sondern bewegte einige
+Male sich hilfebringend auf eine geängstigte Frau, ein verwirrtes Kind zu.
+Er hob auch Stimme zum Kommandoton, schob die eingesunkene Brust in die
+Luft, rührte fast unablässig weisend und richtend beide Arme. Kurz, er war
+ein froher, zugreifender Schutzmann und gab dem Leben an dieser Stelle der
+Erde munter Bewegtes. Wäre es angegangen, hätte für einen Bettler, der
+vorbeischlich, er in die Tasche gegriffen. So mußte er sich begnügen, für
+den Hinkenden einen Augenblick den gesamten Fahrverkehr zum Stehen zu
+bringen und ihm einen Übergang über den Straßendamm zu schaffen, wie ihn
+sonst nur die höchsten Personen genossen. Der Bettler grinste und winkte
+mit der Hand einen Gruß, Busekow lachte fröhlich auf. Als Gesine erschien,
+erhielt seine Haltung vollends etwas Heldisches. Er flog und wippte auf
+Draht, schlug mit der Linken einen mächtigen Bogen gegen nahendes Vehikel,
+und der Platz hallte von seiner Stimme. Gleich darauf riß er vor einem
+passierenden General die Hände stramm an die Hosennaht, rührte den Kopf so
+jugendlich auf, daß die Exzellenz wohlwollend nickte. Von ihm fort aber
+sandte er Gesine über alle Köpfe einen strahlenden Blick zu, der ihr
+kündete: Du mein geliebtes, mein angebetetes Leben!
+
+Er kam wieder zu ihr, und von Mal zu Mal wurden sie mehr eins. Mit
+gelassenem Behagen gaben sich die Körper dem Gefallen aneinander hin, als
+sei ihnen für alle Zukunft gegenseitiges Begehren gewiß. Mit immer frischem
+Appetit setzten sie sich an den Tisch ihrer Sehnsucht, aßen und standen
+erst leicht gesättigt, das Herz von Dank für den Schöpfer gefüllt, auf.
+Auch in Gesprächen vermieden sie die Grenze des ihnen Faßbaren, sondern
+gaben sich Rechenschaft nur über ihr täglich Leben. Insbesondere drang
+Gesine in seines Dienstes Wesen völlig ein. Bald war ihr Reglement und
+Praxis innig vertraut, und sie erörterten manche Möglichkeit an Hand eines
+älteren Rapportbuches, in das Vorfälle und Schuldige er aufgezeichnet und
+das er ihr zum Geschenk gemacht hatte. Mit scharfem Instinkt griff sie
+menschlich besonders packende Dinge aus ihm heraus und führte sie, Herz und
+Überlegung an sie hingegeben, aus des Zufälligen Bereich zum symbolisch
+überhaupt Gültigen auf, erfüllte ihn allmählich mit der Überzeugung, wie an
+seinem Platz mit tausend Fäden er ins innerste Menschentum verflochten
+stehe, und gab ihm bedeutendes Bewußtsein von seines Amtes Wichtigkeit im
+allgemeinen. Darüber hinaus aber suchte sie ihn auf jede Weise von seiner
+besonderen Eignung für seine Stellung zu überzeugen. Wie ihre Schwestern
+auf der Straße niemandem so unbedingte Achtung zollten wie ihm, die
+Kameraden, das wisse sie aus manchem Mund, seiner Laufbahn gewiß seien. So
+daß, von ihr erhoben und süß geschwellt, er gelobte, Säbel und Revolver
+demnächst mitzubringen und ihr sämtliche Griffe und Manöver an ihnen zu
+zeigen.
+
+Er hielt das Versprechen. Unter dem Mantel brachte er beides, und während
+sie vom Sofa aus ihm zusah, übte er vor ihr mit so machtvollen Tritten und
+Ausfällen, daß des Zimmers Boden dröhnte, Gläser klirrten und die Gardine
+flatterte. Ihr aber war der Blick verklärt, und als er zwei Angreifer mit
+glänzender Säbelparade in die Schrankecke, aus der sie nicht entweichen
+konnten, geschlagen hatte, flog grenzenlos hingegeben sie ihm an den Hals.
+Da hatte Busekow zum erstenmal im Leben seiner Notwendigkeit Gefühl zur
+Evidenz.
+
+Dies Bewußtsein äußerte sich sogleich im Dienst. Mit Sicherheit der
+Ereignisse Gang gewissermaßen voraussehend, griff er auf der Straße in des
+Geschehens Speichen. Im Revierdienst begann er sachkundige Vorschläge zu
+machen. Zu einer wichtigen Frage gab er so einleuchtenden Rat, daß der
+Polizeileutnant ausrief: Dieser Busekow -- einfach fabelhaft!
+
+Und man begann, ihn mit wichtigen Posten zu betrauen. Bei Fürstenbesuchen
+gehörte er zur Bahnhofsmannschaft. So sah er manch außerordentliche Szene,
+durch Anschauung wurde sein Leben reicher, er überlegen. Sie hörte nicht
+auf, das von ihm Mitgeteilte sinngemäß in seines Daseins Gang einzuordnen.
+
+An Kaisers Geburtstag hatte einer für den anderen wichtige Mitteilung. Er
+war zum Wachtmeister ernannt. An sein Ohr hinsinkend, gestand sie
+Mutterschaft.
+
+Von Erspartem lebend, war sie schon seit Wochen ihrem Beruf fremd. Da die
+Überraschungen an dem Tag waren, faßten sie sich bei Händen und ließen des
+Einverständnisses Glück in Blicken sprechen. Dann aber, über alles bisher
+gemeinsam Erlebte hinausgehend, griff selbsttätig er in ihr Persönliches
+und forschte nach ihrer Innerlichkeit. Welche Hoffnungen und Entwürfe für
+das Zukünftige sie bewegten, ob sie es mit ihm nur oder mit Höherem
+verknüpft glaube, wie das Göttliche denn ihr vorschwebe; kurz alle Fragen
+stellte er, die sie, die Frau, einst angerührt und schnell verlassen hatte,
+da sie seiner Seele Zustand erkannt hatte.
+
+Sie jedoch, leicht fröstelnd, auch leicht erhitzt, bebte jetzt in ihren
+Gliedern über seine Fieber und schwieg. Tiefer drückten seine Finger sich
+in ihr Fleisch, dringender wurde Rede, und leichter Schaum erschien auf den
+Lippen. Doch während rote Sonnen in ihrer Stirnhöhle drehten, kam kein Laut
+Antwort von ihr. Sie ließ ihn sich erschöpfen und diesen Abend ohne
+Aufschluß von ihr gehen.
+
+ * * * * *
+
+Nun aber klopfte ihm auf dem Heimweg stürmisch das Herz vor dem Wiedersehn
+mit seiner Frau. Da durch Gesines Eröffnung seine Manneskraft bewiesen
+stand, wurde dieses Weibes Hauptbuchseite ihm gegenüber zu einem Blatt der
+Schuld. Gelogen ihres Daseins Überlegenheit, ins Gegenteil verkehrt. Eine
+Handvoll Sand war sie; kein Gott machte sie trächtig; er aber, wohin er
+seinen Finger legte, mußte erschaffend sich beweisen.
+
+Ein prachtvoll großer Haß blies durch den Mann und ließ ihn wie ein
+schreitendes Denkmal sein. Wäre sie ihm da gegenübergewesen, wie Föhn hätte
+ein Hauch von ihm ihre Eingeweide bloßgefegt, zarteste Handlung sie
+zertrümmert.
+
+Doch starb Erbitterung an ihrer eigenen Kraft und Überzeugung. Da nicht der
+geringste Einwand ihr gegenüberstand, von seiten des Weibes kein Aber zu
+erdenken blieb, war Elisa aus Wirklichkeit, in der sie bis heute einzig
+durch die Kraft eines zu Unrecht vorgetäuschten Zornes gelebt hatte,
+plötzlich ausgelöscht, und es begann Erinnerung von ihr nur noch in ihm zu
+leben. Je näher Busekow seinem Hause kam, wurden die Gefühle der also in
+ihm Hingeschiedenen gegenüber, wie für Tote überhaupt, weicher, und als er
+ein Amen über ihres Lebens Grab sprach, erschien sogar ihr Bild, wie sie im
+Hochzeitskleid, eine Rose auf der Brust, einmal jung in seinen Arm gekommen
+war, freundliche Erinnerung heischend vor ihm.
+
+Er hob die Hand und winkte einen Abschiedsgruß. Trat bei sich ein,
+entkleidete sich halbgeschlossenen Augs, legte sich neben sie und nahm
+ihrem in ihm nun vollendeten Abscheiden zu Ehren im Bett die gewohnte
+Rückenlage ein.
+
+Sie aber, empfindend, in diesem Mann habe höhere Einsicht gegen sie
+entschieden, zog unter der Decke das Knie an die Brust und fürchtete sich
+sehr.
+
+Und wie sie das klare Bewußtsein ihrer Schuld verabscheute, mußte sie doch
+in dieser Nacht schon einigemal ihm in die Augen sehen, wie es laut
+kündete, was sie heimlich oft schon aus sich selbst empfunden: In allem
+Wesentlichen, von Gott Gegebenen und Hinzuerrungenen ihm hintangestellt,
+wagtest frecher Stirn du eure Ansprüche aneinander derart zu fälschen, daß
+in betrügerischer Untreue du aus seinen Mitteln zu deinen Gunsten
+schöpftest und es dennoch darzustellen wußtest, als bliebe er dir schuldig.
+Und in der Zukunft ward ihr auch bewußt, wie ihr Verbrechen an ihm größer
+war, als daß es auf dieser Erde noch getilgt werden konnte.
+
+Immerhin kann dies zu ihrer Entlastung berichtet werden. Entschlossen zog
+sie aus der Erkenntnis jede Folge. Demütigte, unterwarf sich und hörte
+fortan auf seinen Atemzug als einzigen Laut in der Welt; lag nächtens
+seinem Antlitz zugewandt in bewundernder und gerührter Unterwürfigkeit.
+Seine gekrallten Hände aus den Bettritzen hochzuziehen, wagte sie
+ehrfürchtig nicht. Seufzer, Geständnisse, Versprechen und scheue Küsse
+hauchte sie viel gegen ihn hin, doch blieb ihm alles, Leid und Geste,
+verborgen.
+
+Für ihn -- und es kam auch die Nacht, in der Elisa es begriff -- war sie
+nur noch Kunde von sich selbst. Andenken, Leichenstein.
+
+ * * * * *
+
+Gesine empfand alsbald, nun sei mit Christof ihr das letzte Heil gekommen.
+Da er wieder zu ihr trat, war aus seiner Gebärde alles menschlich Befangene
+geschwunden, Gegenstände und sie griff er mit großer Machtvollkommenheit
+und wußte aus befreiter Natur Allerselbständigstes. Die Stimme fand aus den
+Ecken größeren Widerhall, ihr selbst schlug jedes Wort von ihm durchs
+Trommelfell an die Herzwand. So zögerte sie nicht länger und legte sich
+frei. Entschleierte ihr Gewissen und ließ seinen Blick in innere Kanäle. Er
+las berauschte Frömmigkeit. Vom Schöpfungstag angefangen lag Gott mit allen
+Wundern in dieses Weibes Leib. Zu den Bildern, die aus ihr strahlten,
+begannen die Lippen, ihm herrliche Gleichnisse zu stammeln. Alle Texte der
+Schrift hatte sie aufgefangen, mit Blut genährt und lebendig gehalten. Es
+stiegen aus ihr Adam und Abraham zu ergreifendem Licht. Als von Saul und
+David sie zu sprechen begann, begriff sie, von Gnade beweht, die
+männlichste Tragik, und da ihre Stimme pathetisch heulte, trieb es sie
+beide von der Matratze hoch. Auf Knien gegen das Fenster gewendet, parallel
+beieinander hochgerichtet, tranken sie jedes schallende Wort. Ihr waren die
+Brüste beseligt aufgestanden, auf seinen Schenkeln spreizte sich jedes
+Haar. Die Brille fiel ihm vom Ohr und hing quer über das lefzende Maul.
+
+Nasse Wärme quoll aus den Körpern, ganz eng hämmerten sich Atome
+aneinander, und die Glieder waren geballt. Gesines Scheitel schien feucht
+und hell beleuchtet.
+
+Schon hub mit Rede Christof in ihre hinein. Wie glühende Stahltropfen
+fielen Silben auf ihre Satzenden. Gebell blieb es mehr als daß Verständnis
+zustande kam; doch half es ihr zu voller Ekstase. Rasend alsbald schrie das
+Weib die biblischen Namen, und so befeuerte sie des Geliebten Hingabe, daß
+ihre Glaubensmacht die Wände der Beschränkung brach, und sie den letzten
+Sinn alles Geschriebenen bloßlegte.
+
+Wie in starker Musik, im Spiel vermischter Themen der musikalische
+Leitgedanke nicht verloren geht, so übertönte in ihrer Darstellung Davids
+Name alle Harmonien des alten Testaments. Und es gelang Gesine, das
+Vermächtnis hingegangener Jugendgenerationen in aufstehender Gestalt als
+Jesus in Marias Schoß zu pflanzen, daß Christof, von Davids heldischem Reiz
+befangen, ihr willig in den Kult folgte, den sie um den fleischlichen Leib
+der Mutter als der Erhalterin und Wiedergebärerin erlauchten messianischen
+Samens exekutierte.
+
+Ihre aufgesperrten Finger hatten sich verflochten. Die Schädel, Knochen an
+Knochen sanken als gleiches Gebein in die Kissengrube.
+
+In jenen Augenblicken, da sie Marias Begegnung mit Elisabeth erzählte, bei
+diesem Satze: und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte,
+hüpfte das Kind in ihrem Leib -- als unter ihnen das Lager rollte, und ein
+Sausen in den Lüften war -- brach die schließlich geflüsterte Rede sie ab,
+zog des Mannes Finger auf ihren Bauch, und sie fühlten beide, siehe -- es
+hüpfte das Kind in ihrem Leib!
+
+Und Blicke flogen auf über das rhythmische Spiel der Glieder, und von
+Himmeln fernher mit Stolz sich anstrahlend, beteuerte jedes und stellte
+fest das hocheigne Teil, sich selbst zu diesem Wunder. Dann warf es sie
+Rippe zu Rippe.
+
+Moses und David, Jesus und alle Helden des Buches war Christof in dieser
+Nacht. Es strömte aus ihm heroische Männlichkeit von Jahrtausenden. Sie
+nahm hin und schmeichelte ihm hold, daß keine Kraft aus seinen Lenden wich,
+und er übermütig und hochgemut blieb bis zum Morgen, als sie in leichtem
+Schlummer verzaubert hinsank. Da riß er sich von ihr, reckte die Brust in
+den Tag und fand sich ans Klavier. Hingezogen von Gefühlen, suchend und
+hochreißend aus Erinnerung, drückte mit einem Finger er in die Tasten: Heil
+dir im Siegerkranz. Und alsbald mit Stimme folgend, mächtig und mächtiger
+anschwellend, variierte er über beiden Pedalen vom Baß bis in den höchsten
+Diskant -- da erklang es ihm selig:
+
+ Heil dir im Siegerkranz
+ Fühl in des Thrones Glanz
+ Die hohe Wonne ganz
+ Heil Kaiser dir.
+
+Gesine spürte im Schlaf: So ist mir's recht, Christof. Wohl, recht -- wohl.
+
+Am Abend dieses Tages, man schrieb den fünfzehnten Februar, leitete Busekow
+vor dem königlichen Theater der Wagen Auffahrt. Aus seinem Glück war er
+nicht erwacht. Durch das dichte Netz von Klang- und Taktreizen, das aus der
+letzten Nacht noch um ihn hing, drang Gegenwart nicht in sein Bewußtsein.
+Es schüttelte ihn eine liebliche Erinnerung um die andere; auf Fersen hob
+er sich, seines Körpers Ausmaß zu verlängern, und stammelte vor sich hin.
+Dann plötzlich, als ein Rufen in der Menge scholl, hob ihn Begeisterung
+gegen die Wolken. Er weitete, füllte sich und schwebte auf. Er wollte
+rechts und links mit sich nehmen und mußte aus einem Jauchzen heraus, das
+ihn mit Entzücken aufspannte, stürmisch vorwärtsschießen. Man sah, wie Arme
+er mit herrlicher Gebärde gen Osten reckte, hörte aus seinem Mund einen
+siegreichen Schrei -- und hob ihn unter dem Automobil herauf, das sanft
+anfahrend, ihn schnell getötet hatte.
+
+ENDE
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Busekow, by Carl Sternheim
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41904 ***