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Band -Zweite Auflage - - -Copyright 1917 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig - - - - -Aus -»Der Weltfreund« -Gedichte -1911 - - - - - -An den Leser - - - Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein! - Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut, - Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im - Abendschein, - Bist Du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut. - - Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge? - Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf. - Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe, - Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf! - - Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß - Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen, - Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis, - Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten - stellen. - - Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt, - Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste. - Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt, - Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste. - - So gehöre ich Dir und Allen! - Wolle mir, bitte, nicht widerstehn! - O, könnte es einmal geschehn, - Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen! - - - - -Kindersonntagsausflug - - - Vom Quai steigt eine Treppe zu Dampfschiff und Booten. - Oh, Kindersonntagsausflug! Wie abenteuerlich kam mir das alles vor. - Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke, - Gerüste und Piloten, - Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor! - - Ein enges Brett -- schaukelnder Boden -- ich dachte an meine - Seegeschichten. - Worte wie Backbord, zwei Glas, Wanten, Lee, Marssegel fielen mir ein. - An einen kleinen Schiffsjungen dachte ich, an Matrosengesang und - Ankerlichten, - An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und - Malayen schrein. - - Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien - eingefangen. - Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich. - Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen - sprangen, - Dann riß ein Mann an der Glocke -- Die - Maschinen unter uns stampften und rührten sich. - - Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone, - Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem - Wahnsinn fort, - Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne - Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. -- - - Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte, - Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor. - Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte, - Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten - sie hervor. - - Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten, - Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick. - Ich ging ans Ufer mit kleinen, ganz unsicheren Schritten, - Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde - Militärmusik. - - - - -Der dicke Mann im Spiegel - - - Ach Gott, ich bin das nicht, der aus dem Spiegel stiert, - Der Mensch mit wildbewachsner Brust und unrasiert. - Tag war heut so blau, - Mit der Kinderfrau - Wurde ja im Stadtpark promeniert. - - Noch kein Matrosenanzug flatterte mir fort - Zu jenes strengverschlossenen Kastens Totenort. - Eben abgelegt, - Hängt er unbewegt, - Klein und müde an der Türe dort. - - Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt, - Kaffee roch winterlich und Uhr hat laut getickt, - Lieblich stand verwundert, - Der vorher getschundert - Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt. - - Auch hat die Frau mir heut wie immer Angst gemacht - Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht. - Oft zu schnöder Zeit, - Hör im Traum ich weit - Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht. - - Die treue Alte, warum kommt sie denn noch nicht? - Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht. - Wenn sie doch schon käme - Und es mit sich nähme, - Das dort oben leise singt, das Licht! - - Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt, - Und Babi dreht das Licht nicht aus und nimmt es mit. - Nur der dicke Mann - Schaut mich hilflos an, - Bis er tieferschrocken aus dem Spiegel tritt. - - - - -Im winterlichen Hospital - - - Himmel wird sich bald entblättern, - Aber Licht ist noch genug. - Ach, und kleine Stimmen, die ans Fenster klettern - Von Winterwind ein Flug. - Und dunkle Sonne im Wasserkrug. - - Draußen gibt es Blumen zu kaufen, - Da sind Kinder vorübergelaufen. - Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten. - Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten. . . - - O Verband, der erlöst! -- Nicht regen, nicht rühren! - Doch kann ich noch spüren, - Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen - Vom Lande stößt. - - Vorbei -- vorbei - An Wildnis und Fläche! - Dort stürzen Bäche, - Schon atmet die Steppe, - Die ewige frei. . . - - Was tönt im Haus, - Gedämpft über die Treppe? - Ist die Besuchsstunde schon aus? - Jetzt liegen die kranken Brüder da, - Einen lieben Gegenstand in der Hand, - Von Eau de Cologne ein frischer Flacon, - Und, ach, ein neuer Engelhornband. - - Ich will nicht klagen, daß niemand - Im fremden Land - Meine Türe aufgetan - Freundlich mir zugewandt. - - Wer trat herein? - So leicht und unbefangen, - Mit einem lila Shawl - Und tanzerregten Wangen, - Wie bei der Damenwahl? - - Nun hat es sich doch erfüllt! - O Erinnerung! O Schlacht auf den katalaunischen Gefilden! - O Geschichtsstunden, wo wir uns einbilden - Erschlagene Krieger zu sein! - - Da kamst Du immer dem treuen, - Dem Knaben Blumen zu streuen. - So ist es wieder geschehn? - Schon stürzten die Speere und Schilde, - Nun darf auch mein armes Gefilde - In Abend und Tränen stehn. - - »Schwester, so spät ist es schon?« - »Ja, ich bringe die Abendbouillon.« - - Treibe -- Treibe - Im Strome von dannen. - Rings breitet die Scheibe - Sich weiter Savannen. - An sandigen Stellen, - Im Dunkeln, im Hellen, - An niedrigen Feuern, - Nach Abenteuern - Gelagerte Männer - Bereiten ein Mahl. - - - - -Sterben im Walde - - - Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen, - Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen - Bin ich im Walde melodisch zu Grunde gegangen. - - Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren. - Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen. - Und kein Wimperzucken will ihnen wehren. - Unten auf der Promenade spaziert ein internationales Publikum. - Entfernter Klang von Sand, Damenkleidern und Kinderstimmen. - Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum. - - Nadeln, Laub, Zweige und Tannenzapfen fallen auf mein Gesicht, - Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine - Lippen nicht. - - Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt, - Beginnt sich das unvergleichliche Rigolettoquartett auszubreiten. - - Und meine Seele fällt ein: - _Du bist auf der Welt!_ - Und verteilt sich jauchzend nach allen Seiten. - - - - -Das Malheur - - - Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs - stumm, - Nur die Hausfrau sagte etwas und drehte sich nicht um. - Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt, - Krampfhaft die Arme zu einer rettenden Geste verrenkt. - - Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt. - Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt. - - Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und - Besen, der Diener und selbst der Herr vom Haus. - Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus. - - In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in - den Schoß - Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut - und grenzenlos. - - Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm, - War sie es, die wie aus Ehrfurcht das reichste Trinkgeld bekam. - - - - -Erzherzogin und Bürgermeister - - - Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt, - Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt. - - Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing, - War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing. - - Die beiden schauten vorbei, und konnten einander nicht ins Auge sehn. - Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn. - - Die hohe Frau sagte etwas auf, wie einen Geburtstagswunsch, so leise - und verzagt. - Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt. - - Und während sie manches sprach, was dachte sie? - Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie. - - Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen - vergaß, - Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß. - - Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses - Los, - Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß. - - Und als der Empfang zu Ende, sagte ich mir: Gott sei Dank, - Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank, - - Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf, - Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf. - - - - -Der Patriarch - - - Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch. - O könnt' ich hier -- ein Patriarch -- die atmende Gemeine lehren! - Die harten Greise, hohen Bursche, all die Dirne und die schweren - Schwieligen Schiffspatrone, kauend Priem und Fluch. - - Woher und wann ich kam, o Bardenlied, doch mein Besuch - Heilt Kranke, meine Stimme schallt, die Seenot abzuwehren. - Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren, - In fernem Angedenken segnend Tat und Spruch. - - Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe, - Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde, - Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden! - - Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe, - Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde, - Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten - - - - -Solo des zarten Lumpen - - - Nun wieder eine Nacht durchjohlt - Ist rings der Stadtpark aufgewacht. - Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe. - In der durchsichtigen Frühe. - Nach falschbekränzter Nacht - Hast Du mich eingeholt. - - Wie ich Dich gestern sah. . . - Bewegte Straße glitt - Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen, - Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen, - Sich mehr verbarg als Atemzug und Schritt, - Du Schlanke fern und nah! - - Gefühl, geheimer Sinn - Und ein Gedanke kam. - Elysisch aufgeregt blick ich zum leichten Himmel hin, zur leichten - Erden. - Heiraten wirst Du, Du wirst Mutter werden! -- - Warum zerschmilzt mich Scham? - Was reißt mich Wonne hin? - - Noch höher bist Du bald - Und weiter mir entrückt. - Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden - Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden, - Von Schmerz und Glück bedrückt, - Nun mildere Gestalt! - - In die Natur und Pflicht - Wächst lieblich Du hinein. - Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen, - In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen; - Du denkst an Dinge rein, - An Windeln, Kindgewicht. - - Drum soll es so geschehn! - Von Wolken lieb umdrängt, - Zieh mir vorbei in Wind und solchem Morgen oben! - Ich will Dich bebend hochbeloben, - Und Blick und Bart gesenkt - Vor Dir in Andacht stehn. - - - - -Der schöne strahlende Mensch - - - Die Freunde, die mit mir sich unterhalten, - Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen, - Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen - Wohl Arm in Arm, veredelte Gestalten. - - Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten, - Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen, - Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen - Sich ewig seinem Himmelsbild entfalten. - - Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen, - Ein Sommerfest mit Frauen und Bazaren, - Mein Auge bricht von allzuviel Erhelltsein. - - Ich will mich auf den Rasen niedersetzen - Und mit der Erde in den Abend fahren. - Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!! - - - - -Wanderlied - - - Glaubst Du, Deine Schritte sind vergangen, - Die einst kies- und straßenüber klangen? - Deine schwergesenkten, Deine leichtgelenkten, - Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten, - Deine Schritte laufen oder schleppen - Ewig weiter über Weg und Treppen. - - Glaubst Du, Deine Worte sind verloren, - Die Dein wallendes Gemüt geboren? - Hangend in den Häusern, unter Toren, - Sinken sie in vorbestimmte Ohren, - Bilden sich zu wunderlicher Stunde, - Und entflattern neu dem Enkelmunde. - - Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen, - Schritt und Worte, die ins Weite reisen? - Oder wähnst Du, daß der graue, alte - Ahnherr diese sprach und jene wallte? - Und ist gar aus diesem Lied zu lesen, - Daß Du selbst der Bärtige gewesen? - - - - -Der kriegerische Weltfreund - - - Schon bin ich voll und klar, - Dem noch so arg zu Mut. - Der bös und bitter war - Nun ist er gut. - - Bosheit, die mich zerwirrt, - Rache und falscher Stoß, - Ach, meine Güte wird - An ihnen groß! - - Schäumst Du noch, dunkles Blut, - Wenn Hohn sich feig vermummt, - Sternaufgebäumte Wut, - Bist Du verstummt? - Der sich zu Boden schmiß, - Keuchend und krankgehetzt, - Nachts in die Pölster biß - Wie tönt er jetzt? - - Bosheit und feigen Hohn, - Alles, was falsch mich haßt, - -- O wie stark bin ich schon -- - Lad ich zu Gast - - Dämonen in Erz und Stahl - Wandeln sich, werden rein, - Stürze mit einem Mal - In mich herein. - - - - -Ich habe eine gute Tat getan - - - Herz frohlocke! - Eine gute Tat habe ich getan. - Nun bin ich nicht mehr einsam. - Ein Mensch lebt, - Es lebt ein Mensch, - Dem die Augen sich feuchten, - Denkt er an mich. - Herz, frohlocke: - Es lebt ein Mensch! - - Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam, - Denn ich habe eine gute Tat getan, - Frohlocke, Herz! - Nun haben die seufzenden Tage ein Ende. - - Tausend gute Taten will ich tun! - Ich fühle schon, - Wie mich alles liebt, - Weil ich alles liebe! - Hinström ich voll Erkenntniswonne! - Du mein letztes, süßestes, - Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl! - _Wohlwollen!_ - Tausend gute Taten will ich tun. - - Schönste Befriedigung - Wird mir zu Teil: - Dankbarkeit! - Dankbarkeit der Welt. - Stille Gegenstände - Werfen sich mir in die Arme. - Stille Gegenstände, - Die ich in einer erfüllten Stunde - Wie brave Tiere streichelte. - - Mein Schreibtisch knarrt, - Ich weiß, er will mich umarmen. - Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen, - Geheimnisvoll und ungeschickt - Klingen alle Saiten zusammen. - Das Buch, das ich lese - Blättert selbst sich auf. - - . . . . . . . . . . . . . . - Ich habe eine gute Tat getan! - - Einst will ich durch die grüne Natur wandern, - Da werden mich die Bäume - Und Schlingpflanzen verfolgen, - Die Kräuter und Blumen - Holen mich ein, - Tastende Wurzeln umfassen mich schon, - Zärtliche Zweige - Binden mich fest, - Blätter überrieseln mich, - Sanft wie ein dünner, - Schütterer Wassersturz. - Viele Hände greifen nach mir, - Viele grüne Hände - Ganz umnistet - Von Liebe und Lieblichkeit - Steh ich gefangen. - - Ich habe eine gute Tat getan, - Voll Freude und Wohlwollens bin ich - Und nicht mehr einsam - Nein, nicht mehr einsam. - Frohlocke, mein Herz! - - - - -Aus -»Wir sind« -Neue Gedichte -1913 - - - - - -Die Unverlassene -(Der Besuch aus dem Elysium) - - - Es kommt die eine neue Nacht. - Du bist von Ferne aufgewacht, - Und neben Dir ist Schnarchen schwer. - Und ach vom Gitterbettchen her - Ein Weinen klein und unbewußt. - Da schlägst Du Deine Decke um, - Nimmst ohne Glück und stumm - Das Kind an Deine Brust. - - Wenn mühsam Tag sich näher drängt - Und Dich in Erdenlos verfängt, - Wird Schoß und Lippe wissensschwer, - Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr, - Wächst Dir ums Aug' der dunkle Strich, - Gedenke und erinnere Dich, - Daß jener Bot' aus besserer Welt - Dich seltsam in der Seele hält! - - Weißt Du, weißt Du den Abendgang, - Wo noch Dein Wesen glitt und sprang? - Wer fühlte einst im Elternhaus, - Wer Dich in Ewigkeit voraus? - Wenn Du Dich einsam meinst, - Wer kannte schon den Schmerzenston, - In wessen Kehle brannte schon - Das Weinen, das Du jetzt weinst?! - - - - -Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte - - - Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte - Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte, - Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte, - Mühselig Millionen Unterdrückte? - - Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte, - War Arbeit um uns und die Erde wärmte. - Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte, - Es lebten und es starben Niebeglückte! - - Da ich von Dir geschwellt war zum Entschweben, - So viele waren, die im Dumpfen stampften. - An Pulten schrumpften und vor Kesseln dampften. - - Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen!! - Gibt es ein Gleichgewicht in Welt und Leben, - Wie werd' ich diese Schuld bezahlen müssen!? - - - - -Vater und Sohn - - - Wie wir einst im grenzenlosen Lieben - Späße der Unendlichkeit getrieben - Zu der Seligen Lust -- - Uranos erschloß des Busens Bläue, - Und vereint in lustiger Kindertreue - Schaukelten wir da durch seine Brust. - - Aber weh! der Äther ging verloren, - Welt erbraust und Körper ward geboren, - Nun sind wir entzweit. - Düster von erbosten Mittagsmählern - Treffen sich die Blicke stählern, - Feindlich und bereit. - - Und in seinem schwarzen Mantelschwunge - Trägt der Alte wie der Junge - Eisen hassenswert. - Die sie reden, Worte, sind von kalter - Feindschaft der geschiedenen Lebensalter, - Fahl und aufgezehrt. - - Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe - Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe! - Daß der Orkus widerhallt. - Und schon klirrt in unseren wilden Händen - Jener Waffen -- kaum noch abzuwenden -- - Höllische Gewalt. - - Doch auch uns sind Abende beschieden - An des Tisches hauserhabenem Frieden, - Wo das Wirre schweigt, - Wo wirs nicht verwehren trauten Mutes, - Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes, - Träne auf- und niedersteigt. - - Wie wir einst in grenzenlosem Lieben. - Späße der Unendlichkeit getrieben, - Ahnen wir im Traum. - Und die leichte Hand zuckt nach der greisen - Und in einer wunderbaren, leisen - Rührung stürzt der Raum. - - - - -Die Witwe am Bette ihres Sohnes - - - Mit meinem verflackernden Lichte - Besuche ich, Kind, Deinen Traum. - Im Schlaf erstaunt Dein Gesichte, - Doch faltet Dein Atem sich kaum. - - Daß Du mich gestern verstießest, - Hat nimmer Dich bitter gemacht. - Daß Du mich alleine ließest - Die ängstliche Mitternacht. - - Und doch. Ich will Dich bewegen - Zu Leben und nächtlichem Mut. - Dein mächtiges Treiben und Regen - Durchläuft meinen Schatten mit Blut. - - O Sohn! Dein Zechen und Speisen - Nährt Deine Mutter, ich weiß. - Dein Lärmen und Becherkreisen - Bewegt meinen Lebenskreis. - - Und wenn ich sitze und sticke, - Dies Leben ist in Dich entrückt, - Aus meinem vergehenden Blicke - In Deine Augen gezückt. - - Wie ich Dich bebend getragen - Im heilig erkannten Schoß, - Du wuchsest an bildenden Tagen - Und schmerztest und wurdest groß. - - Und wie Du aus mir gemündet, - In Himmel und Welt und Haus, - Und wie Du in mir Dich entzündet, - So lösche ich in Dir aus. - - Mein Leben ist ein Sichergießen - In Dein gerundetes Licht, - Im leidenden Überfließen - Erfüll ich die weltliche Pflicht. - - Bald bin ich nichts als Dein Lachen - Nichts als Deines Mundes Gebot. - Laß mich Deinen Schlaf bewachen, - Mein Kind, mein Dasein, mein Tod. - - - - -Balance der Welt - - - Ich klag' und klage: Harte Welt! - Doch fühl' ich, wie's mich auch umstellt, - Wie mir hier alles harte Welt, - So bin ich allem harte Welt! - - Ja, Schuld ist das gewaltige Wort. - Es dreht die alten Globen fort. - Und eh' noch unsre Zeit beginnt, - Werden wir schuldig, daß wir sind! - - Daß mich, o Freund, Dein Mordstoß traf, - Zerbrach ich meiner Mutter Schlaf, - Fluchte der Vater seinem Sohn. - Du Weltgesandter bringst den Lohn. - - Gott, ich erkenn' Dich Zug um Zug! - Und Dich, Gesetz, in Deinem Lauf! - Es bricht hier keine Wunde auf, - Die ich mir nicht in andern schlug. - - - - -Der Feind - - - Mein Feind, dem ich entgegenspeie, - In meiner Brust versammelnd kleine Schreie - Und in den Händen ohne Mut - Zerkrampfte Ohnmacht, halberlöschte Wut, - Mein Feind, Du trittst auf einen Pflasterstein! - Und da aus Deinem Auge fällt der Abendschein, - Der niedertropft in bläulich süßen Flammen. - Und weinend, unter Schwalben, ungeheuer sinke ich zusammen. - - In mir steht der Erzengel groß, - Versöhnung bricht unendlich los. - Daß wir uns schlugen und zerrissen, - Mit dumpfem Witz und List beschmissen, - - Daß wir dies trugen, jetzt erst kann ich's fassen, - Dies Meucheln, dieses Auf-sich-tanzen-lassen. - Dies schlechte Leiden, alter Rache Trick, - Die Passion zu _diesem_ Augenblick! - - Nun braust der Himmel als Posaunenmeer, - Triumphtrompeten schnellen drunterher. - Aus mir stürzt Liebe, Lieb', Weltsinn, der dunkel lag. - Und golden durch mich donnert jüngster Tag! - - - - -Eine alte Frau geht - - - Eine alte Frau geht wie ein runder Turm - Durch die alte Hauptallee im Blättersturm. - Schwindet schon, indem sie keucht, - Wo um Ecken schwarze Nebel wehen. - Wird nun bald in einem Torgang stehen. - Laute Stufen langsam aufwärts gehen, - Die vom trägen Treppenlichte feucht. - - Niemand hilft, wie sie ins Zimmer tritt, - Ihr beim Ausziehn ihrer Jacke mit. - Ach, sie zittert bald an Händ' und Bein'. - Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen - Aufgehobene Kost von alten Tagen - Auf des Kochherds armes Rot zu tragen. - Bleibt mit ihrem Leib und sich allein. - - Und sie weiß nicht, wie sie kaut, - Daß in ihr sich Söhne aufgebaut. - (Nun, sie freut sich ihrer Abendschuh') - Was aus ihr kam, steht in andern Toren, - Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren, - Manchmal nur im Straßendrang verloren, - Nickt ein Mann ihr freundlich »Mutter« zu. - - Aber Mensch, gedenke Du in ihr, - Ungeheuer auf der Welt sind wir, - Da wir brachen in die Zeiten ein. - Wie wir in dem Unbekannten hängen, - Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen - Die ins letzte uns zusammendrängen. - Diese Welt ist nicht die Welt allein. - - Wenn die Greisin durch die Stube schleift, - Ach, vielleicht geschieht's, daß sie begreift. - Es vergeht ihr brüchiges Gesicht. - Ja, sie fühlt sich wachsender in allem - Und beginnt auf ihre Knie zu fallen, - Wenn aus einem kleinen Lampenwallen - Ungeheuer Gottes Antlitz bricht. - - - - -Nacht-Fragment. - - - Bald hat dies, hat dies alles ausgeschlagen. - Was muß ich noch im machtvoll einsamen Nachtbahnhof stehn - Und sehn, daß Lichter sind und Träger gehn, - die Felsen tragen, und sehn die schon verblichenen Wagen? - - So vieles weiß ich mit mir, Herz- und Atemschreiten. - -- Ein Pikkolo schläft, ein Schutzmann schaut in den Wind. -- - Wer weiß es denn, wie sehr wir alle beisammen sind. - Auch Deine leichten Schlafseufzer, Fernste, fühl' ich mit mir gleiten. - - Gestern, wie tauchtest Du in Astern Dein Gesicht! - Und tanztest mit den Zähnen, tanztest mit den frechen Knien. - Und ach, Dein Gemsenlachen, das mich zu höhnen schien, - Nun ist es eingestimmt in mich, o Nacht, und weiß es nicht! - - Auch Du Azucena, Mutter, von Traum zu Traum, - Suche den klaren Jungen im Waldpensionat! - Eng ist die Erd'. Wie fand ich Deinen Pfad? - Wir seh'n uns an und schweigen im gleichen Raum. - Ihr Unerreichbaren all', die wir voneinander wissen! - Wie sind unsre gleichen Hände uns fremd!! - - - - -Das erkaltende Herz - - - Geschwisterliebe war einst. - Ich lief mit dem Mädi über die Wege - Und die Himmel, die vielen waren rege, - Die unergründlichen Berge standen weit -- - Und im Zimmer die stündliche Zeit. - - Die Wagen und Reisen, - Vergangene Speisen, - Die Schmerzen und Strafen, - Am Abend das Licht, - Und unser Gesicht - War ganz von Seele verschlafen. - - Und tiefe Furcht war da, daß man einander stürbe, - Und manchmal weinte man wild in die Finsternis, - Bis treu der andre Atem kam. - Da war man so gewiß, - Daß Gott sei und man niemals lahm - Und niemals anders würde. - das waren Tränen und Brisen der Treue . . . . - Geschwisterliebe war einst. - Jetzt lieg ich oft auf meinem Kanapee. - Am Abend werden die Fenster groß. - Da läßt mich mein Atem los, - Und der Tod ist ganz in der Näh'. - - Und muß ich vor meinem Spiegel stehn, - Da hat sich etwas gerächt. - Ich weiß, wie mir die Haare ausgehn -- - Und die Zähne sind worden schlecht. - - Und der Mund, der nichts ließ, - Jetzt kann er euch alle lassen - Und das Herz kann nicht fassen, - Wie es einst hieß! - Und wo hängen in den erstarrten Zimmern, - Hinter welkendem Glas, - Die ewigen Photographien? - - - - -Der göttliche Portier - - - Da ich an Dir vorüberlief als Knabe, - Wuchst Du ins Tor unendlich aufgehoben. - Dein Dreispitz rührte Wappensterne oben. - Allmächtig sank Dein Bart. Mann mit dem Stabe! - Wie ich mich kindlich auch vergangen habe, - Gestickter Greis, Du tratst herein zu loben, - Warst sänftlich grausem Kindertraum verwoben, - Wo ich mich gelb einstürzen sah im Grabe. - - Nun wieder, Bibelgott, erscheint Dein Bild! - Aus Kindernächten wallt Dein breitgelockter - Erzväterbart, der goldne Brust umquillt. - - Die winterlichen Tressen klingeln mild, - Und tief beruhigt mich Dein weißbeflockter - Allgütiger Pelz, der durch die Sphären schwillt. - - - - -Ein Lebens-Lied - - - Feindschaft ist unzulänglich. - Der Wille und die Taten, - Ein erdbewußtes Leben - In sich, was sind sie, Welt? - Es schwebt in jedem Schicksal, - Im Schritt der Lust und Schmerzen, - Im Morden und Umarmen, - _Anmut des Menschlichen!_ - - Nur das ist unvergänglich! - Sahst Du die wilden Augen - Buckliger Bauernmädchen? - Sahst Du, wie sie sich langsam - Weltdamenhaft verschleiern, - Sahst Du in ihnen blinken, - Das Grün von Festestraden, - Musik und Lampennacht? - - Sahst Du den Bart von Kranken, - Ihr Wolken über Pappeln, - Wie er an Gott erinnert, - Getaucht in einen Sturm? - Sahst Du die große Güte - Im Sterben eines Kindes? - Wie uns der holde Körper - Mit Zärtlichkeit entglitt? - - Sahst Du das Traurigwerden - Von Mädchen an, am Abend? - Wie sie die Küchen ordnen - Und fern, wie Heilige sind. - Sahst Du die schönen Hände - Durchfurchter Nachtgendarme, - Wenn sie den Hund liebkosen - Mit grobem Liebeswort? - - Wer handelnd sich empörte, - Bedenke doch!! Unsagbar - Mit Reden und Gestalten - Sind wir uns fern und nah! - Daß wir hier stehn und sitzen, - Wer kann's beklommen fassen?! - Doch über allen Worten - Verkünd' ich, Mensch, _wir sind_!! - - - - -Ein Anderes - - - Daß einmal mein dies Leben war, - Daß in ihm jene Kiefern standen - Und Ufer schlafend sich vorüberwanden, - Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar. - Daß einmal mein dies Leben war! - - Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden, - Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk' davon? - Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton - Von Ruderbooten, wie sie lachend landen, - Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden. - - Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton - Von Equipagen, dicht im Kies verfahren, - Kastanien- und Laternensprache waren - Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon? - Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton? - Kastanien- und Laternensprache waren - Noch da und? Atem einer breiten Schar. - Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren. - O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren, - Daß einmal mein dies Leben war! - - - - -Amore - - - Wenn noch die Eitelkeit - Das Auge Dir entweiht, - Ist kommen nicht die Zeit. - - Solang Du noch willst stehn - Auf Podien, gesehn, - Kann Glück's Dir nicht geschehn. - - Wer sich noch nicht zerbrach, - Sich öffnend jeder Schmach, - Ist Gottes noch nicht wach. - - Wer noch mit Eifer spitzt, - Daß er ein Weib besitzt, - Ist noch nicht ausgewitzt. - - Erst wenn ein Mensch zerging - In jedem Tier und Ding, - Zu lieben er anfing. - - Erst wer Erfüllung floh, - Wächst an zum Höchsten so, - Wird letzter Sehnsucht froh. - - Erst wer sich jauchzend bot - Der Schande und der Not - Und zehnfach jedem Tod, - - Im heiligen Verzicht, - Vor Liebe ihm zerbricht - Sein irdisch Angesicht! - - Wohin schwillt er empor! - Was schwingt er überm Chor - Unendlich sein amor'!! - - - - -Ich bin ja noch ein Kind - - - O Herr, zerreiße mich! - Ich bin ja noch ein Kind. - Und wage doch zu singen. - Und nenne Dich. - Und sage von den Dingen: - Wir sind! - - Ich öffne meinen Mund, - Eh' Du mich ließest Deine Qualen kosten. - Ich bin gesund, - Und weiß noch nicht, wie Greise rosten. - Ich hielt mich nie an groben Pfosten, - Wie Frauen in der schweren Stund'. - - Nie müht' ich mich durch müde Nacht - Wie Droschkengäule, treu erhaben, - Die ihrer Umwelt längst entflohn! - (Dem zaubrisch, zerschmetternden Ton - Der Frauenschritte und allem, was lacht.) - Nie müht' ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben. - - Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht, - Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen, - Wenn die Notschüsse dröhnen, - Wenn die Rakete zitternd aufsteht. - Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen, - O Herr, aufs Knie zum letzten Weltgebet. - - Nie war ich ein Kind, zermalmt in den Fabriken - Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt! - Nie hab ich im Asyl gedarbt, - Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken, - Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken, - Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt! - - Kenn' ich die Lampe denn, kenn' ich den Hut, - Die Luft, den Mond, den Herbst und alles Rauschen - Der Winde, die sich überbauschen, - Ein Antlitz böse oder gut? - Kenn' ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen? - Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut? - - Du aber, Herr, stiegst nieder, auch zu mir. - Und hast die tausendfache Qual gefunden, - Du hast in jedem Weib entbunden, - Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier, - In jedem Zirkusseehund wurdest Du geschunden, - Und Hure warst Du, manchem Kavalier! - - O Herr, zerreiße mich! - Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen? - Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen. - Begnade mich mit Martern, Stich um Stich! - Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen. - O Herr, zerreiße mich! - - Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb, - In jeder Katz und jedem Gaul verreckte, - Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb. - Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte, - Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte, - Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb! - - Und wenn ich erst zerstreut bin in den Wind, - In jedem Ding bestehend, ja im Rauche, - Dann lodre auf, Gott, aus dem Dornenstrauche. - (Ich bin Dein Kind.) - Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche! - Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!! - - - - -Aus -»Einander« -Oden Lieder Gestalten -1915 - - - - - -Lächeln Atmen Schreiten - - - Schöpfe Du, trage Du, halte - Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand! - Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt - All übers Antlitz. - Lächeln ist keine Falte, - Lächeln ist Wesen vom Licht. - Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht. - Nicht die Sonne ist Licht, - Erst im Menschengesicht - Wird das Licht als Lächeln geboren. - Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren, - Aus den Toren der Augen wallte - Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt, - Lächelns nieglühender Brand. - Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand, - Schöpfe Du, trage Du, halte! - - Lausche Du, horche Du, höre! - In der Nacht ist der Einklang des Atems los, - Der Atem, die Eintracht des Busens groß. - Atem schwebt - Über Feindschaft finsterer Chöre. - Atem ist Wesen vom höchsten Hauch. - Nicht der Wind, der sich taucht - In Weid, Wald und Strauch, - Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn . . . - Gottes Hauch wird im Atem der Menschen geboren. - Aus den Lippen, den schweren, - Verhangen, dunkel, unsterblichen Toren, - Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren. - Auf dem Windmeer des Atems hebt an - Die Segel zu brüsten im Rausche, - Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn. - Horche Du, höre Du, lausche! - - Sinke hin, kniee hin, weine! - Sieh der Geliebten erdenlos schwindenden Schritt! - Schwinge Dich hin, schwinde ins Schreiten mit! - Schreiten entführt - Alles ins Reine, alles ins Allgemeine. - Schreiten ist mehr als Lauf und Gang, - Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang, - Mehr als des Raumes tanzender Überschwang. - Im Schreiten der Menschen wird die Bahn der Freiheit geboren. - Mit dem Schreiten der Menschen tritt - Gottes Anmut und Wandel aus allen Herzen und Toren. - Lächeln, Atem und Schritt - Sind mehr als des Lichtes, des Windes, der Sterne Bahn, - Die Welt fängt im Menschen an. - Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke! - Weine hin, kniee hin, sinke! - - - - -Das Jenseits - - - Wir kommen wieder, wir kehren heim - In Dich, Du gute Mutter unser. - Schon hängt uns, hängt uns über die Stirn, - Mild über die Stirne des Todes Flieder. - - Wo fahren die feurigen Wolken hin, - Wo tanzen die mutigen Flüsse her, - Was will der Meere Spiel, - Das Laub an der Wand des Himmels gerankt? - - Nun kehren wir heim, nun kehren wir ein, - Mehr ist als Dasein -- Gewesen sein, - Stark ist der Tod, doch siehe das Stärkste, - Stärker als Tod ist Musik. - - In unsere Mutter kehren wir ein . . . - Gott fährt über uns, der gute Mann, - Da heben wir an, und heben uns auf, - Arien selige schweben wir hin, - - Und hängen im Herzen der Sterblichen, - Und locken die ewigen Tränen. - Träne, klarer Planet! Hier leben wir, - Leben in Gnade, sind nichts als Lied. - - - - -Warum mein Gott - - - Was schufst Du mich, mein Herr und Gott, - Der ich aufging, unwissend Kerzenlicht, - Und dahin jetzt im Winde meiner Schuld, - Was schufst Du mich, mein Herr und Gott, - Zur Eitelkeit des Worts, - Und daß ich dies füge, - Und trage vermessenen Stolz, - Und in der Ferne meiner selbst - Die Einsamkeit?! - Was schufst Du mich zu dem, mein Herr und Gott? - - Warum, warum nicht gabst Du mir - Zwei Hände voll Hilfe, - Und Augen, waltend Doppelgestirn des Trostes? - Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte, - Und Stirne überhangen - Von süßer Lampe der Demut? - Und einen Schritt durch tausend Straßen, - Am Abend zu tragen alle - Glocken der Erde - Ins Herz, ins Herze des Leidens ewiglich?! - - Siehe es fiebern - So viele Kindlein jetzt im Abendbett, - Und Niobe ist Stein und kann nicht weinen. - Und dunkler Sünder starrt - In seines Himmels Ausgemessenheit. - Und jede Seele, fällt zur Nacht - Vom Baum, ein Blatt im Herbst des Traumes. - Und alle drängen sich um eine Wärme, - Weil Winter ist - Und warme Schmerzenszeit. - - Warum, mein Herr und Gott, schufst Du mich nicht, - Zu Deinem Seraph, goldigen, willkommenen, - Der Hände Kristall auf Fieber zu legen, - Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?! - Gegrüßet und geheißen: - Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütterlich?! - Und daß ich raste auf den Ofenbänken, - Und Zuspruch bin, und Balsam Deines Hauses, - Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß, - Und im Gelock den Frühtau Deines Angesichts! - - - - -Die Tugend - - - Die Lüge ist das Weib des Potiphar, - Mit schleppenträgem Kleide angetan. - Das ist bemalt mit allem, was da war, - Und ist, und sein wird. Mond und Sternenbahn, - Mit Frucht und Jahreszeit und Hof und Hahn, - Und Stadt und Meer und Schiff und Berg und Schar. - Und alles das, auf dem Gewande kreisend, - Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend! - - Die Welt ist Abfall. Und der Satan legt - Den Himmelsmantel an, mit Stern und Zeit. - Was durcheinander Ding an Ding bewegt - Ist Todesangst und letzte Eitelkeit. - Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit, - Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt. - Wo Gottes Wahrheit weicht vor einem Kinde, - Und in die Knie bricht im geringsten Winde. - - Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht! - Die Welt ist Bruch und Schuld auf immerdar. - Allein darin verbürgt sie uns das Licht, - Und in der Sünde wird es offenbar. - Durch unser Leiden werden wir gewahr, - Wie Gott in uns durch eitles Tun zerbricht. - Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen, - Zu opfern uns, uns selbst ans Kreuz zu schlagen. - - So ist nur eins, das Opfer, was uns bleibt, - Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr! - Die Stunde grinst herbei, die uns entleibt, - Und wir sind ohne Lohn und ohne Spur. - O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt, - Sind wir erst, sind wir gegen die Natur. - Und ich bin Mensch, in meinem Menschenleben, - Dem Schein ein Sein, dem Unsinn Sinn zu geben. - - - - -Veni creator spiritus - - - Komm heiliger Geist, Du schöpferisch! - Den Marmor unsrer Form zerbrich! - Daß nicht mehr Mauer krank und hart - Den Brunnen dieser Welt umstarrt, - Daß wir gemeinsam und nach oben - Wie Flammen ineinander toben! - - Tauch auf aus unsern Flächen wund, - Delphin von aller Wesen Grund, - Alt allgemein und heiliger Fisch! - Komm reiner Geist, Du schöpferisch, - Nach dem wir ewig uns entfalten, - Kristallgesetz der Weltgestalten! - - Wie sind wir alle Fremde doch! - Wie unterm letzten Hemde noch - Die Schattengreise im Spital - Sich hassen bis zum letzten Mal, - Und jeder, eh' er ostwärts mündet, - Allein sein Abendlicht entzündet, - - So sind wir eitel eingespannt, - Und hocken bös an unserm Rand, - Und morden uns an jedem Tisch. - Komm heiliger Geist, Du schöpferisch, - Aus uns empor mit tausend Flügen! - Zerbrich das Eis in unsern Zügen! - - Daß tränenhaft und gut und gut - Aufsiede die entzückte Flut, - Daß nicht mehr fern und unerreicht - Ein Wesen um das andre schleicht, - Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren, - Und in uns selbst Dein Attribut erfahren! - - Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt, - Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält, - Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt, - Von Deinem weisen Blicke wird beschenkt, - Daß alle wir in Küssens Überflüssen - Nur Deine reine heilige Lippe küssen! - - - - -Abschied -Ein Fragment - - -Stimme - - War Dein Gang in großer Sonne verschwebend, - War Dein windiges Kleid, mir vorüberlebend, - War der tiefe Atemzug Dein Gesicht, - War das alles ein Letztesmal, - Und ich ahnte den Abschied nicht? - Die Straße hat Deinen Fuß vergessen, - Erde und Ätherstrahl gaben Dein verschüttetes Lachen aus. - Die boshafte Treppe im Haus, - Wo aufwärts das Letztemal Dein Antlitz durch mich brach, - Wie das dunkelselige Licht - Durch erhabene Fenster der Tempel bricht, - Wissend höhnt mir die Treppe, nach. - Denn ich atmete nicht, - Daß Dein ferner Atem sich nicht mehr in meinen flicht. - -Antwort - - Es gibt nicht eine Stelle, - Die Du durch Dich nicht abgestellt. - Es gibt nicht eine Helle, - Die von Dir nicht ins Finster fällt. - Alle Welt ist Letztesmal - Abschied heißt jedes Tal. - - Mit müden Straßenbäumen bin ich weggeglitten, - Aus vielen Träumen bin ich abgeschritten. - Und doch, es eint, - Daß wir uns vorbeigeweint, - Und daß wir arm sind, ohne Gleichen, - Niemals zu uns hinüberreichen! - _O Abschied, Brunnen aller Worte!_ - - - - -Der Erkennende - - - Menschen lieben uns, und unbeglückt - Stehn sie auf vom Tisch, um uns zu weinen. - Doch wir sitzen übers Tuch gebückt, - Und sind kalt und können sie verneinen. - - Was uns liebt, wie stoßen wir es fort? - Und uns Harte kann kein Gram erweichen. - Was wir lieben, das entrafft ein Ort, - Es wird hart und nicht mehr zu erreichen. - - Und das Wort, das waltet, heißt: Allein! - Wenn wir machtlos zueinanderbrennen. - Eines weiß ich: Nie und nichts wird mein. - Mein Besitz allein: Das zu erkennen. - - Sieh den Freund, der Deine Speise teilt, - Hinter Stirn und Antlitz sich versammeln. - Wo Dein Blick ihm auch entgegeneilt, - Weilt ein Fels, den Eingang zu verrammeln. - - Wenn ich walle durch den Lampenbann, - Meine Schritte höre, böse Wandrer, - Dann erwach ich, und bin nebenan, - Und mir selbst ein Grinsender und Andrer! - - Ja, wer niederfährt zu diesem Stand, - Wo das Einsame sich teilt und spaltet - Der zerrinnt sich selbst in seiner Hand, - Und nichts lebt, was ihn zusammenfaltet. - - Keinem Schlaf mehr ist er einverleibt, - Immer fühlt er, wie wir selbst uns tragen. - Und die Nacht, die ihm, des Lebens bleibt, - Unabwendlich ist ein Wald zum Klagen. - - - - -Romanze einer Schlange - - - Wo von den aufwärtsatmenden Vulkanen - Erhaben stürzet Gold um Gold, - Unter dem Blau, das in Orkanen - Tiefdröhnend durcheinander rollt, - Roll ich mich im Gerölle, - In meiner Quader Hölle, - Und starre stolz nach den Alleen, - Wo Bäume wehn, und weiße Füße wehn, - Und Sonne, Strom und Sommer toben hold. - - Weh euch! Ich wurde wach als Schlange, - Und Feindschaft, Stolz und Haß sind mein Gebot. - Die Nachtigall zerbricht sich im Gesange, - Und stürzet ab in ihren Tod, - Wenn ich mit meinem Blicke - Sie banne und bestricke. - Das Liebliche entgeht mir nicht! - Ich bin im Licht der Bösewicht, - Vernichtung und Gericht, das euch bedroht. - - Unendlich singen Amseln in den Kronen, - Und an den Quellen tönt die Kreatur. - Es ist mein Teil in Stein und Stolz zu wohnen, - Und die Gestalt zu sein, in die ich fuhr. - Sind alle guten Wesen - Zu Müttern auserlesen, - So haßt mit Wut mich meine Brut, - Und krümmt sich fort in dumpfem Mut, - Und ich gewunden auf dem Grunde starre nur. - Ich frage nicht, warum bin ich erschaffen - Zum Wurm in dem umblauten Reich?! - Denn keine Sehnsucht lebt, mich hinzuraffen, - Und ich allein will sein mir selber gleich. - Der Hölle siebentiefste Flammen, - Sie quälen nicht, den sie verdammen! - Mich schmerzt mein Kriechen nicht, wenn durch Alleen - Sich Bäume wehn und weiße Füße wehn, - Ich kann nicht weinen, liebe keinen, Wehe euch! - - - - -Tempel-Traum - - - Wenn die Stunde saust, - Und die Frühe säumt, - Wacht der Schläfer schwer - Wie Ertrunkner auf. - - Schlamm weilt auf der Stirn, - Und ins Haargewirr - Flechten Tang und Gras - Braunen Bettelkranz. - - Und es ist ein Haus - Voll von Sang und Hall. - Lampe lebt in Rauch - Über Treppen hin. - - Eine Mutter geht. . . - Und er weiß nicht wo, - Duft und Stimme wird - In der Höhe süß. - - Doch ein Priester ernst - Schreitet in die Fern' - Seinem Stabe nach, - Goldnem Vogelknauf. - - Und Vestalin sitzt - Bei dem Flammentier, - Springt ein Wind herein, - Hütet sie den Schoß. - - Wo der Tempelbau - Oben offen ist, - Schwebt ein Adler groß - Unterm Morgenmeer. - - Und die Schläferstirn - Löset ein Gesang, - Und das Herze wächst - Mit der Flut des Nils. - - - - -Ein Abendgesang - - - Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen, - Und wir im Dunste einer vergehenden Wiese stehn, - Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen, - Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn. - - Das ist die Stunde, wo alles erwacht, und Erstaunen - In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt, - Daß wir sind -- und daß gute und böse Launen - Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt! - - Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze, - Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt, - Wer gab mir die Demut -- und wer mir den Stolz und die Stelze, - Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd? - - Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen, - Wir trüben uns alle und werden leichter und klein. - Und sinken wir hin, so regnen von ziehenden Tagen - Ferne Gefühle unseren Odem ein. - - Da schwebt das Schiff im Schaume der Schrauben wieder, - Eh unser Auge ins Leere hinüberreift. - Seligkeit naht -- -- wie wenn schon erlöschende Lider - Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift. - - - - -Mondlied eines Mädchens - - -Für meine Schwester Hanna - - Ich liege in gläsernem Wachen, - Gelöst mein Haar und Gesicht. - Am Boden in langsamen Lachen - Schwebt Mond, das unselige Licht. - - Und wie mir die tödliche Helle - Die Stirn und das Auge befühlt, - Zerrinn ich und bin eine Welle, - Gekräuselt, entführt und gespült. - - Die Mutter atmet daneben, - Der Vater schläft auf und ab. - Ich habe Attest um das Leben - Von allen, die ich lieb hab. - - Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer - Erzengel mit schrecklichem Schwert. - Ins Ohr weint mir immer, mir immer - Ein Kind, das mir nicht gehört. - - Nachtlampe von tausend Betten - Des Leidens, der Mond mir scheint. - Ich möchte viel Schluchzendes retten, - Und bin es doch selbst, die weint. - - All Ding im Zimmer verlassen, - Der Schuh, und der Tisch, und die Wand. - Ich möchte das Ferne anfassen, - Nur sein eine streichelnde Hand! - - Ich möchte mit Fröstelnden spielen, - Und halten die Kalten im Arm! - Ich fühle, die Reichen und Vielen - Sind Kinder vor mir und so arm! - - Für alle muß ich mich sorgen, - Mein Schlaf ist gläsern und schwebt . . - Ich horche, wie in den Morgen - Der Atem von allen sich hebt. - - Im Fenster wehn Bäume zerrissen, - Viel Himmel sind windig in Ruh. - Ich decke mit meinen Kissen - Die frierenden Welten zu. - - - - -Eines alten Lehrers Stimme im Traum - - - Durch einen Traum der Straße oder gar - Durch eine Straße im Traum . . . . . . . . - Von fern kam Deine Stimme wunderbar. - Ich hörte kaum, groß zogen durch den Raum - Die goldenen Begräbnisse, Turm und Baum - Traten im Himmel ein -- und tiefer Schaum - Von Winter, Blum' und Damen regnete mich ein. - In einem Traum der Straße hörte ich Dich sein, - Im Straßentraum die Stimme aus begrabnem Jahr, - Die Stimme, die einmal in einer alten Wohnung war. - - Ich hörte Deine Stimm' und wie Du heißt, - Und dachte an des Vaters Gestalt, - Der mit Dir sprach, und dachte an der Ahne Geist. - Die unter Sternen reisen, mild und kalt, - Und daß auch mich der Wind in Kreise reißt, - Im Traum der Straße, die mein Vater vor mir wallt, - Im Straßentraum dacht ich an einen Bart, - An eine Hand, vereist und brauner Art. - An ungeheure Worte dacht ich: _war_ und _alt_. - - Im Straßentraum, da Gold vorüberfuhr, - Und liebend ein Sonntagswind, - Von fern erfuhr ich Deine Spur, - Und drehte mich nicht um, vom Träumen blind. - Ich weiß nicht, wo Du wandelst, weiß und nicht geschwind. - Und ob Du bist, oder im Traume nur. - Doch von den Kerzen lind, die in mir sind, - Hub eine in der Kirche an und ist entbrannt, - Und ein Gefühl, verloren und noch unbenannt, - Begann, o Straßentraum, im Wind unterm Azur. - - - - -Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses - - -Adam - - Müde in den schmerzensreichen Schuhn, - Durch den Tag der Straßenqual gegangen . . . - Fang mich, Abend, auf, in Dir zu ruhn, - Süßer Ort, aus dem ich angefangen! - Meinen Pack von alten Schultern nun - Werf ich ab mit einem langen, langen - Atem, um mich ganz in Dich zu tun. - - Ja ich tauche auf aus allem Staub, - Süße Mauer, traumwärts hergebaute, - Tiefer Wind, der sich ins Haar mir staute, - Als der Engel loderte im Laub! - Ja ich komme mit den schweren Rinnen, - Scharfen Tränenschluchten im Gesicht. - Gärtner mit dem Bart, verstoß mich nicht, - Höre auf, mich zu beginnen! - Laß zum Tor verstürzen das Gemäuer. - Schlage eine kleine Bresche ein, - Daß ich sanft in einem Weidenfeuer, - Oder kräuselnd mich am Bach ein scheuer - Windgefährte hebe an zu sein. - -Stimme aus dem Garten - - Ich darf Dich nicht lassen ein, - Und darf mich nicht lassen aus, - Ich muß mich fassen ein, - Und gieße Dich in Gassen aus. - Mein Haus ist wüst, - Meinen Garten hast Du versandet, - Ich bins, der für Dich büßt. - Kein Schwan mehr landet - In meinem See, der hohlgeht und brandet. - Die alten Bäume sind verbrannt, - Die schönen Tiere starben in Gesträuchen, - Und ich vermag die Würmer nicht zu scheuchen, - Aus meinem Beet und Rebenstand. - Im Herbst, wie eine alte Frau - Wall ich vorbei an eingesunkenen Malen, - So bettelhaft. - Dein ist die Kraft. - Mach, daß ich möge neu erstrahlen, - Aus dieser Wüste weggeworfener Schalen, - Den guten Garten wieder auferbau! - -Adam - - Durch tausend abgespannte Stunden - Hab ich zu Dir mich hergefunden, - Du wirfst mich fort. - -Stimme auf dem Garten - - Wir sind, mein Sohn, so sehr verbunden, - Daß Du Dich triffst mit Deinem eigenen Wort. - -Adam - - Erbarm Dich mein! - -Stimme aus dem Garten - - Erbarm Dich mein! - -Adam - - Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen, - Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen? - Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht? - -Stimme aus dem Garten - - Ich habe meine Gnade ausgegeben, - Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben, - Für Dich hab ich sie ganz, - Du nie für mich gebraucht. - -Adam - - So wird dies Altern nimmer enden, - Und keine Heimat macht mich wieder klein? - -Stimme aus dem Garten - - Bestelle mich mit Deinen Händen, - Und Heimat werden wir uns beide sein, - Und kehren ein! - -Adam - - Weh, daß kein andres Wort mich tröste, - Und dies zurücke mich in Städte stößt! - -Stimme aus dem Garten - - Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste, - So wart' ich weinend, daß Du mich erlöst. - - - - -Luzifers Abendlied - - - Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre, - Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt . . . - Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre, - Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt. - - Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen. - Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt. - Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen - Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt. - Und dem furchtbaren Blick erscheint in der alternden Kammer - Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt. - Mutter, das Schwert im Herzen, die all ihren Jammer - Heilig ertragend im Hause die Hände rührt. - - Jugend geht in den Krieg und schweiget. Geizige Knochen - Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt. - Selbst die Unschuld, geboren aus blutigen Wochen - Hat den Leib einer lieblichen Frau verheert. - - Und sie tragen sich selbst mit Worten. Elend ist Glaube! - Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch. - Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube, - Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch. - - Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren. - Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil. - Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren. - Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil. - - Ich bin der Geist ihrer Klage, der Gnadenlose und Klare, - Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt! - Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre, - Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt. - - Aber seh ich am Abend die so geliebten Gestalten, - Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt - Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten - Kalten Himmels, Stern, der meinen unseligen Namen lebt. - - - - -Held und Heiliger -Prophezeiung an Alexander - - -Held - - Du Entfachter auf dem Scheiterhaufen, - Dem die Feuer um die Stirne laufen, - Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen - An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen? - -Heiliger - - Reiter Du auf dem bebuschten Pferde, - Sieh mich an. Ich bin die Schuld der Erde! - Und ich zahl mich! Wie die Aschen sinken, - Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken. - -Held - - Nennst Du Trank Dich und zerbrichst den Becher, - Sieh mich an! So nenne ich mich Zecher. - Dieses Da ist da, daß ich es saufe, - Und wer mich säuft, meiner überlaufe! - -Heiliger - - Eitelster, der auf dem Rosse reitet, - Deinem Pferd ist mehr die Welt bereitet! - Ohne Opfer soll Dir Gott gehören? - Wen Gott will, den muß er sich zerstören! - -Held - - Kann dies Jetzt denn ohne mich geraten? - Gibt es Leben außer meinen Taten? - Du und Er und alle sieben Reiche - Sind, wenn ich sie in die Tasche streiche. - -Heiliger - - Nennst Du Leben die verruchten Stunden? - Erst die Stunde, die Dich überwunden, - Erst das Weh, zu dem Er Dich erkoren - Hebt in Gnad Dich an. Du wirst geboren . . . - -Held - - Schon verbrennst Du, Mann, in Deinem Brennen. - Brand, der nicht verbrennt, will ich mich nennen. - Wer nicht liebt, kann nicht zugrunde gehen. - Sterben alle, bleib ich doch bestehen. - -Heiliger -(schon als Asche zusammensinkend) - - Alexander über tausend Meeren, - Hör die Flammen an, die sich verzehren! - Hör den Staub, zu dem ich mich vermische! - Liegt ein Freund bei Dir an Deinem Tische, - Ist sein Blut bestimmt, Dich zu bespritzen. - Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen. - Schwer in Händen bleibt, was Du errungen, - Im Besitz schon hat Dich Gott bezwungen! - Daß er furchtbar seine Gnade wähle, - Rüste die noch nicht verdammte Seele! - - - - -Alte Dienstboten - - - In dem sanften Wallen der alten Frühlinge - Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus. - Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen, - Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus. - Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen, - Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her. - Die alten Mägde haben gütige Hüte auf, - Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr. - Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf. - Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken, - Eh sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken. - - Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen - Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag. - Wohin sie auch ihr Gehen wenden, - Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag. - Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle. - Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle, - Sie haben keinen Sohn und kein Geschick, - Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur. - Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr . . . . - Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken - Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken. - - Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit, - Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben - Sich ohne Ende über meins erheben, - Das voll von Hoffart Worte machen mag. - Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag, - Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit. - O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt, - O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt, - O Licht am Abend überm Tisch gebückt! - Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen, - Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden! - - - - -Jesus und der Äser-Weg - - - Und als wir gingen von dem toten Hund, - Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen, - Entführte, er uns diesem Meeres-Sund - Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen. - - Und als der Herr zuerst den Gipfel trat, - Und wir schon standen auf den letzten Sprossen, - Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad, - Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen. - - Doch einer war, den jeder sanft erfand, - Und leiser jeder sah zu Tale fließen. - Und wie der Heiland süß sich umgewandt, - Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen! - - Er neigte nur das Haupt und ging voran, - Indes wir uns verzückten, daß wir lebten, - Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann, - Von Eich' und Mandel, die vorüberschwebten. - - Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf - Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten. - Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf, - Und wartete bis wir hindurchgeschritten. - - Und da geschah, was uns die Augen schloß, - Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte, - Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß - Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte. - - Verbissene Ratten schwammen im Gezücht - Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen, - Verweste Reh' und Esel und ein Licht - Von Pest und Fliegen drüber unermessen. - - Ein schweflig Stinken und so ohne Maß - Aufbrodelte aus den verruchten Lachen, - Daß wir uns beugten übers gelbe Gras - Und uns vor uferloser Angst erbrachen. - - Der Heiland aber hob sich auf und schrie - Und schrie zum Himmel, rasend ohne Ende: - »Mein Gott und Vater, höre mich und wende - Dies Grauen von mir und begnade die! - - Ich nannt' mich Liebe, und nun packt mich auch - Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze. - Ach, ich bin eitler, als die kleinste Metze - Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch! - - Mein Vater Du, so Du mein Vater bist, - Laß mich doch lieben dies verweste Wesen, - Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen! - Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!« - - Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht - Von jenen Jagden, die wir alle kannten, - Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten, - Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht! - - Er neigte wild sich nieder und vergrub - Die Hände ins verderbliche Geziefer, - Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer, - Von seiner Weiße sich erhub. - - Er aber füllte seine Haare auf - Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen, - Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen, - Von seiner Schulter Ratt und Fledermaus. - - Und wie er so im dunklen Tage stand, - Brachen die Berge auf, und Löwen weinten - An seinem Knie, und die zum Flug vereinten - Wildgänse brausten nieder unverwandt. - - Vier dunkle Sonnen tanzten lind, - Ein breiter Strahl war da, der nicht versiegte. - Der Himmel barst. -- Und Gottes Taube wiegte - Begeistert sich im blauen Riesen-Wind. - - - - -Neue Gedichte -1916 -(In Buchform noch nicht veröffentlicht) - - - - - -An den Richter - - - Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein - fremdes Bette. - Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der - aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte. - Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen - Dorfes und ich - Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an. - - Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf - meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet. - Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet, - betet heiser. - Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um - Fieber zu messen; - Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte - des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!! - - O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und - geschlagen. - Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden. - Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge, - gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im - Frevel und wertlos in der Reue, - Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht -- mein - Richter -- und muß mich hassen! - - Ich bekenne -- und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts - dagegen, bekenne dennoch: - Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und - schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch -- - Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit - zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung, - Sorge mit sorglosem Schwachsinn. - Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden - Vieh vergleiche. - - Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich - wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe. - Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach - ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht. - Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage? - Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der - Schuld empören?! - - Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht - ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter. - Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht, - Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich. - Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten - Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken! - Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du - bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen. - - Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an - meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn. - Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu, - und mache diesen Gesang den Schlafenden kund. - Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich, - ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit - des Herzens! - Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos. - - Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und - ruhig atmen. - Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und - Gestern, dies Immer und Ewig! - Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über - diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist. - Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen - und großen Steppen schenken! - - - - -Gebet um Reinheit - - - Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte immergleiche. - Sie durchschreitet all uns die Wunderblinden mitten im Wunder. - Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens, - Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände - spülen. - - O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen! - O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt! - Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und - spülst, - Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle? - - Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises. - Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend - der Waschung wartet. - Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne - wahr zu sein. - Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner - Eitelkeit verstummt. - - Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen, - Und ich, mein Vater, folge ihm, und singe einen Psalm hier wider meinen - Feind! - Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht - einmal sosehr, um uns Feinde zu sein. - Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, der mich berennt, - und an alle meine Tore pocht. - - Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und - Völlerei treibt, - Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster - die Hungrigen drängen. - Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre - raucht und fett wird, - Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner - Seele verpraßt. - - Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz - verkehrt und in Selbstbetrug. - Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und - meine Liebe mit Trägheit erstickt, - Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur - Wollust des Sieges an den Spieltischen, - Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin. - - Warum hast Du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich - zu dieser Zwieheit gemacht? - Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o - Du Gewässer! - Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die - Zahl Zwei. - Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur - Waschung. - - Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen - Feind, töte mich, ertränke diesen Mich! - Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten, - selig die einfach Bösen! - Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und - abnehmenden Gegenspieler. - O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir! - - - - -Einem Denker - - - Dein Blick, mein Bruder, hat mich erschreckt. - Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel - entdeckt. - Meine Sphäre war traurig, - Ihr mißfiel Deine Art - An der Spitze des Tisches zu sitzen, zierlich geduckt, - Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft. - - Tu dieses Ducken aus Deinen, Augen, mein Freund! - Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers! - Wie deute ich mir, - Wie verstünd ich's, - Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die - gleichgültigen Räume trägst, - Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir - vorbei, Du nicht Erwachter!? - - Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer? - Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer! - Denn wer zu Gericht sitzt, - Über die Sünder, - Sitzt hinterm Kreuz, ist im Recht, braucht seiner Schuld nicht zu - gedenken, darf sein Wesen vergessen, - Und der Henker erspart die Pflicht, sich selbst den Kopf abzuhaun. - - Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab - davon! - Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu - Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns. - Du aber bist wie ein Knabe, - Und scheinst nicht zu wissen, - Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem - Schilde _Deine_ Blöße bedeckst . . . - Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten - Triumphschrei zum Gespött machen. - - Ich will Dir ein Wort sagen, das Du nicht begreifen wirst. - Ich sage Dir: die Selbstbehauptung im Geiste ist Selbstvernichtung, die - Selbstvernichtung im Geiste aber ist Selbstbehauptung. - Kennst Du die starke Waffe - Der wirklichen Sieger? - Sie verachten das Wort, sie ziehn die Niederlage dem Sieg vor, sie - ergeben sich, sie lassen sich gefangen nehmen . . . - Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich - erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt! - - Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der - Gerichtshöfe ist. - Sie ist dialektisch, forensisch, sie betet das Wort an und die - Unterscheidung der Worte. - Aber die Worte sind - Bedingter noch als die Dinge. - Die Dinge verstellen den Geist, die Worte verstellen die Dinge, und der - Geist der Worte - Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber - eitel und trostlos für die Leidenden. - - Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und - Dich vereinsamt. - Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so - groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint. - In Dir ist aber noch - Der alte Adam allzusehr! - So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie - und ihre Vollkommenheit, - Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung - ist. - - Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben - Sterbenden rasten, - Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die - Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben. - Du kennst jene Weisheit nicht, - Höher als alles Mitleid! - Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern - Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir - alle Hände haben, - Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem - Leben vergießt. - - - - -Ballade von Wahn und Tod - - - Im großen Raum des Tags - Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer, - Wie Sinai schallt. Vom Turm geballt - Die Wolke fiel. -- Erstickten Schlags - Mein Ohr die Stunde traf, - Als ich gebeugt saß über mich zu sehr. - Und ich entfiel mir, rollte hin, und schwankte da auf einem Schlaf. - - Wie deut' ich diesen Schlaf, - Wie noch kein Schlaf mich je trat an, da ich verrann - In Dunkelheit, so mich eine Zeit - In mein Herz traf? - Und als ich kam empor, - In Traum auftauchend Atemgang begann, - Trat ich in mein vergangnes Haus, in schwarzen Flur durchs winterliche - Tor. - - Nun höret, Freunde, es! - Als ich im schwarzen Tage stand, schlug mich eine leichte Hand. - Ich stand gebannt an kalter Wand. - O schwarzes, schreckliches - Gedenken, da ich ihn nicht fand, - Den Leichten, der mich so ging an - Und mich im schwarzen Tag des Tors geschlagen leicht mit seiner - leichten Hand. - - Es fügte sich kein Schein, - Und selbst das kleine schnelle Licht, das sich in falsche Rosen flicht, - Und unterm Bild vergeht und schwillt, - Das kleine Licht ging ein. - Es trat kein schwarzer Engel vor, - Kein Schatten trat, kein Atem trat aus dem kalten Stein! - Doch hinter mir in meinem Traum, aufschluchzend kaum versank das Tor. - - Und auch kein Wort erscholl. - Doch ganz mit meiner Stimme rief ein Wort in meinem Orkus tief. - Und wie am Eichenort ein Blatt war ich verdorrt. - Weh, trocken, leicht und toll - Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß. - Mich nahm ein Wort und Wind mit fort, - Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das - Wort hieß: rettungslos. - - O letzte Angst und Schmerz! - O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus! - O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt. - Ich stand in schwarzem Erz, - Und hielt mein Herz und konnte nicht schrein, - Und sang ein -- Rette mich -- in mich ein. - Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und - fallen, den Fluß: Allein - - Und da es war also, - Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß. - Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur. - Und ich erkannte so, - Warum da leicht und fein die Hand mich schlug, - Die schwach an meine Stirne fuhr, - Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum - mich selber trug. - - Und als ich ihn erkannt, - Den Augenblick, der mich trat an, da war ich selbst der andre Mann, - Und der mir hart gebot, ich selber war mein Tod. - Und nahm mir alles unverwandt, - Und wand es fort aus meiner Hand und hielts gepackt -- - Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt. - Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig - nackt. - - O Tod, o Tod, ich sah - Zum erstenmal mich wahrhaft sein, mich ohne Willen, Wunsch und Schein, - Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht. - -- -- Er lacht und bleibt sich fern und nah -- -- - Ich stand erstarrt in erster Gegen-Wart allein zu zwein. - (Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht) - Ich fand mich, ohne Wahn mich sein, und starb in mein Erwachen ein. - - Im großen Raum des Tags - Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum, und sah auf meinen Fensterbaum. - Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer, - Der Himmel glühte noch kaum. - Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut, - Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß . . . - Mein Haupt vom Traum umlaubt noch. Ging mit dumpfem Blut. - - Ich ging, wie Tote gehn, - Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn. - Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl, - Sah Kinder rennen und sah Bettler stehn. - Ein Buckliger hielt sich den Bauch, und eine Greisin schwang den Stock - und schrie, - Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand . . . - Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie. - - - - -Der Tempel - - - O Tempel, in die - Zarteste Stunde gebaut, - Wenn schon die unermüdlichen - Schmetterlinge - Die kreisenden welken an - Der alten Lampe des Weisen und - Die Träumer plötzlich das Haupt - Tauchen aus tausend Fenstern. - - Tempel, - In solcher Stunde erschallend, - Läßt Du uns gehn - Über die Treppe. - Aber wenig leuchtet - Die Laterne voran des Priesters, - Wenn tief der Tierkreis - Brüllet und leis im Schlaf. - - Wie bald doch steh ich - Und schon im Kuppelsaal. - Dort aber rundet - Der offne Himmel. - Ein Morgen - Macht ihn schon fast - Zum verschwommenen Knaben. - Doch in dem hellen Boden - Findet er sich bemessen - Zu unseren Füßen wieder - Genau - Im bildenden Wasserteich. - - Wie da ruhen - Über unseren Schultern - Die einhaltenden Vögel, - Die Planeten sich aus. - Sitzen sanft eine Weil' nur, - Geschlossene Flügel - Auf atemlosen Säulen. - Trällert einer im Schlaf. - Aber als letzter - Luzifer schwirrend - Hebt sich hinweg - Morgender Stern. - Mit fernem Gelächter - Spiegelnd Gefieder - Im schon helleren Bassin. - - Nun aber seh ich - Wolken grünen im Wasser. - Sehe dreifach - Das Strandgut treiben - Im kleinen Umkreis - Des Brunnenteichs. - - Wohl weiß ich, - Und nimmer täuschet mich wer, - Mattes und Morsches. - - Drei Dinge schwimmen, - Kleines Brett Noahs, - Binsenkorb Mosis, - Holzspahn der Krippe - Drei Schatten schwimmen - Auf wachsendem Himmel. - Nun aber schreiten -- - (Da es doch bald mehr Frühe ist) - Die Männer hinaus, - Die herrlichen - Nach der Abfertigung. - Über den Brauen - Schimmern die Glatzen vor Osten - Sie neigen und schreiten, - Die Heiligen schreiten - Hinter Planeten. - Frühe Arbeiter - Und kühl - Von diesem Himmel und Frische. - So schreiten sie, - Ohne zu wecken, - Gesenkte Stirnen, - Aus allen Türen zugleich - Hinaus aus diesem - Kuppelkreis, - Die Verschmäher der Speise. - - - - -Die heilige Elisabeth - - -für Gertrud Spirk - - Wie sie geht - Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen, - Unter dem noch versagenden Himmel, - Dem atmenden Osten voraus! - Über Stufen - Steigend nieder - Am Klirren vorbei des frühen Frühlings . . . - - Aber es wehen noch, es fliegen - Die wahrhaft gläubigen Träumer - Durch Träume auf schlagenden Fittichen, - Über den unzähligen Morgen, - Stürzen sich in die Meere, - Brust und Haar voll Auferstehungswind. - - Ihre Füße lächeln - Über die Steine nieder. - Doch in den harten - Gebeizten Händen - Hält sie, die Dienende, - Den gedeckten Korb. - - Nun drängen schon - Hunde und räudige Krüppel, - Krähende Tolle - Sich an das Jenseits ihres Knies. - Bettler mit Näpfen - Heben sich auf, - Gestreifte Kranke, - Lampe in Händen, - Hustende Kinder, - Betrunkene Greise, - Huren, Gelichter, sterbende Sünder, - Wanken geschlossenen Auges ihr nach. - - Schon heult die Stadt auf - Und ächzt in ihren Morgen ein. - Durch den Nebel der Kaserne - Bricht die entsetzliche Trompete. - In den Asylen krächzt - Der Greis, gewälzt von der Bettstatt. - Flößerruf! - Die schweren unseligen Pferde - Neigen in Höfen ihr Haupt. - - Sie geht noch, - Eh sie verfließt, - Eh ihr Aufwärtslächeln - Sich einmischt in die Antwort des Himmels, - Sie geht noch die Magd, - Sie weht noch die hohe Deutsche . . . - O Dämmerung ihres Haars, - O Schritt, o Blick, - Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde! - - - - -Der Ruf - - - So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor, - Und hielt mit ihrer Hand den Durchblick zu. - Ihr Kleid sang westlich im tiefen Wind. - - Dort aber war der Tag, - Wo Munde abwärts ernster werden, - Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden. - Des Auges Willen geht dort nicht mehr aus vor Herz. - Nicht rast das Antlitz mehr dort, - Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich. - Der Schritt verwaltet keinen Tanz mehr dort. - Schritt schreitet Arbeit, Arbeit, dort und Verlust. - - Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein. - Doch ihre Hand vor ausblickendem Aug. - Das Haar im Zephyr leicht . . . - Ich rief sie an. - - Doch wie sie sich wandte, - Wie sie horchte nach dem Rufenden hin, - Hob in den Lüften um sie ein Kampf an. - Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind, - Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar. - Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs - Warfen sich in die Saiten der Sonne, - Töneten, sangen die Leichte zurück. - - Da aber wankte ihr Antlitz unter den Schatten, - Und sie sah mich stehn im rollenden Tag, - Sah mich unter den brüllenden Festen: - Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit! - Sie selbst war Wachsen schon der Brüst', Aufbruch des Munds. - Ich rief noch einmal . . . . - Wie im leichten Schmerze, - Zögernd, - Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu. - - - - -Vergessen - - - An dieses Flusses Walten wachend, - Hinüberruhend - Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang, - Habe ich Dein vergessen. - Vergaß Dein Antlitz, - Deiner Züge Niederwehn - In die offenen harten armen Händ'. - Vergessen hab' ich Deinen Abendschmerz in diesem Abend . . . - Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin. - Das Gras braust in die Nacht. - Weh mein Gesicht ist Sünde! - - - - -Müdigkeit - - - Tiefe Schwester der Welt - Weilt auf bewimpeltem Bord, - Schützt ihren Krug vor dem Glanz, - Der schon im Westen zerstürzt. - - Mit dem Gelächter des Volks - Löst sich das Schifflein und schäumt. - Aber die Göttin und Gold - Rollt mit den Wellen noch lang. - - Herz und Atem versinkt, - Woge, in welchen Schlag? - Mischt schon die Fledermaus - Elemente und Mohn? - - Abendgestade und Blick - Schwinden hin. Kiel und Delphin. - Lebt noch über der Bucht - Maulbeer, Limone und Öl? - - - - -Schrei - - - Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen, - Ernste Frauen, - Weilende Augen ohne Ebbe, - Mit abwärts schon wachsendem Mund . . . - - Aber wir unten - Wir Knechte - In diesem Pfuhl von Luft! - Ausatmend, einatmend, - Die Zeit vertreibend, - Gute Vergesser . . . - Und dennoch - Von uns befallen, - Von uns befallen. - Im Hals den großen Skorpion, - Der an den Gaumen juckt. - Den gebundenen Teufel, - Mit Stachel und Scher', - Den mordenden Asmodi, - Der zum Mund ausführt, - Verbindlich, eitel, wohlgestalt, - Der Lügenvater - Über unsere - Edle - Von Wahrheit blutende Lippe. - - Wir unten, wir, - Hilflos wie Knechte! - Erstickt von Betrügen - Erwürgt von Verraten, - Gebeugte Auswandrer - Wir aus uns selber, - Verbrecher, verfolgt - Von gemordeten Worten. - Wettläufer ins Aus, - Preisspringer ins Ende, - Von den Türmen der Stunden -- - Zerekelt, ewiglich, elend, -- - Träge uns schleudernd in Schlaf. - - - - -Der Dichter - - - Ah! Ich habe mich ausverraten. - Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges, - Aus den Kasernen der Verstellung ausgebrochen!! - Das gepflegte Antlitz meiner Lüge, - Das blatternarbige Antlitz meiner Wahrheit, - Enträtselt sich zur Wahrheit. - Ich schrieb mir unbekannte Chiffernschrift, - Unerbittlich log ich Wahrheit. - Nun beginne ich mich zu bedeuten, - Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen, - Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen . . . - Hilflos - Höhn ich mich Hilflosen von fern an. - - - - -Inhalt - - -Aus: »_Der Weltfreund_« - - An den Leser 4 - Kindersonntagsausflug 5 - Der dicke Mann im Spiegel 7 - Im winterlichen Hospital 9 - Sterben im Walde 11 - Das Malheur 12 - Erzherzogin und Bürgermeister 14 - Der Patriarch 15 - Solo des zarten Lumpen 17 - Der schöne strahlende Mensch 18 - Wanderlied 19 - Der kriegerische Weltfreund 20 - Ich habe eine gute Tat getan 21 - - -Aus: »_Wir sind_« - - Die Unverlassene 26 - Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte 27 - Vater und Sohn 28 - Die Witwe am Bette ihres Sohnes 29 - Balance der Welt 31 - Der Feind 32 - Eine alte Frau geht 33 - Nacht-Fragment 35 - Das erkaltende Herz 36 - Der göttliche Portier 37 - Ein Lebens-Lied 38 - Ein Anderes 40 - Amore 41 - Ich bin ja noch ein Kind 42 - - -Aus: »_Einander_« - - Lächeln Atmen Schreiten 48 - Das Jenseits 50 - Warum mein Gott 51 - Die Tugend 53 - Veni creator spiritus 54 - Abschied 56 - Der Erkennende 57 - Romanze einer Schlange 58 - Tempel-Traum 60 - Ein Abendgesang 62 - Mondlied eines Mädchens 63 - Eines alten Lehrers Stimme im Traum 65 - Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses 67 - Luzifers Abendlied 70 - Held und Heiliger 72 - Alte Dienstboten 75 - Jesus und der Äser-Weg 77 - - -_Neue Gedichte_ - - An den Richter 82 - Gebet um Reinheit 85 - Einem Denker 88 - Ballade von Wahn und Tod 92 - Der Tempel 96 - Die heilige Elisabeth 100 - Der Ruf 102 - Vergessen 103 - Müdigkeit 104 - Schrei 105 - Der Dichter 106 - - - - -Kurt Wolff Verlag, Leipzig - - -Von _Franz Werfel_ sind erschienen: - -_Der Weltfreund._ Gedichte. - -_Wir sind._ Neue Gedichte. - -_Einander._ Oden, Lieder, Gestalten. - -_Die Troerinnen des Euripides._ In deutscher Bearbeitung von Franz Werfel. - -Geheftet je M 2.50, gebunden in Halbleder M 4.50, in Pappband M 3.50. - -_Die Versuchung._ Ein Gespräch. Geheftet M -.80; gebunden M 1.50. - - - - - -End of Project Gutenberg's Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESÄNGE AUS DEN DREI REICHEN *** - -***** This file should be named 41883-8.txt or 41883-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/1/8/8/41883/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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