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-The Project Gutenberg EBook of Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Gesänge aus den drei Reichen
- Ausgewählte Gedichte
-
-Author: Franz Werfel
-
-Release Date: January 20, 2013 [EBook #41883]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESÄNGE AUS DEN DREI REICHEN ***
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-Produced by Jens Sadowski
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-Gesänge
-aus den drei
-Reichen
-
-
-Ausgewählte Gedichte
-von
-Franz Werfel
-
-
-Kurt Wolff Verlag
-Leipzig
-
-
-Bücherei
-Der jüngste Tag
-29./30. Band
-Zweite Auflage
-
-
-Copyright 1917 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
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-Aus
-»Der Weltfreund«
-Gedichte
-1911
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-An den Leser
-
-
- Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein!
- Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut,
- Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im
- Abendschein,
- Bist Du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut.
-
- Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?
- Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.
- Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe,
- Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf!
-
- Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß
- Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen,
- Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,
- Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten
- stellen.
-
- Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt,
- Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste.
- Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt,
- Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste.
-
- So gehöre ich Dir und Allen!
- Wolle mir, bitte, nicht widerstehn!
- O, könnte es einmal geschehn,
- Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!
-
-
-
-
-Kindersonntagsausflug
-
-
- Vom Quai steigt eine Treppe zu Dampfschiff und Booten.
- Oh, Kindersonntagsausflug! Wie abenteuerlich kam mir das alles vor.
- Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke,
- Gerüste und Piloten,
- Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor!
-
- Ein enges Brett -- schaukelnder Boden -- ich dachte an meine
- Seegeschichten.
- Worte wie Backbord, zwei Glas, Wanten, Lee, Marssegel fielen mir ein.
- An einen kleinen Schiffsjungen dachte ich, an Matrosengesang und
- Ankerlichten,
- An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und
- Malayen schrein.
-
- Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien
- eingefangen.
- Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich.
- Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen
- sprangen,
- Dann riß ein Mann an der Glocke -- Die
- Maschinen unter uns stampften und rührten sich.
-
- Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone,
- Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem
- Wahnsinn fort,
- Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne
- Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. --
-
- Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte,
- Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor.
- Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte,
- Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten
- sie hervor.
-
- Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten,
- Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick.
- Ich ging ans Ufer mit kleinen, ganz unsicheren Schritten,
- Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde
- Militärmusik.
-
-
-
-
-Der dicke Mann im Spiegel
-
-
- Ach Gott, ich bin das nicht, der aus dem Spiegel stiert,
- Der Mensch mit wildbewachsner Brust und unrasiert.
- Tag war heut so blau,
- Mit der Kinderfrau
- Wurde ja im Stadtpark promeniert.
-
- Noch kein Matrosenanzug flatterte mir fort
- Zu jenes strengverschlossenen Kastens Totenort.
- Eben abgelegt,
- Hängt er unbewegt,
- Klein und müde an der Türe dort.
-
- Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt,
- Kaffee roch winterlich und Uhr hat laut getickt,
- Lieblich stand verwundert,
- Der vorher getschundert
- Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt.
-
- Auch hat die Frau mir heut wie immer Angst gemacht
- Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht.
- Oft zu schnöder Zeit,
- Hör im Traum ich weit
- Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht.
-
- Die treue Alte, warum kommt sie denn noch nicht?
- Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht.
- Wenn sie doch schon käme
- Und es mit sich nähme,
- Das dort oben leise singt, das Licht!
-
- Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt,
- Und Babi dreht das Licht nicht aus und nimmt es mit.
- Nur der dicke Mann
- Schaut mich hilflos an,
- Bis er tieferschrocken aus dem Spiegel tritt.
-
-
-
-
-Im winterlichen Hospital
-
-
- Himmel wird sich bald entblättern,
- Aber Licht ist noch genug.
- Ach, und kleine Stimmen, die ans Fenster klettern
- Von Winterwind ein Flug.
- Und dunkle Sonne im Wasserkrug.
-
- Draußen gibt es Blumen zu kaufen,
- Da sind Kinder vorübergelaufen.
- Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten.
- Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten. . .
-
- O Verband, der erlöst! -- Nicht regen, nicht rühren!
- Doch kann ich noch spüren,
- Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen
- Vom Lande stößt.
-
- Vorbei -- vorbei
- An Wildnis und Fläche!
- Dort stürzen Bäche,
- Schon atmet die Steppe,
- Die ewige frei. . .
-
- Was tönt im Haus,
- Gedämpft über die Treppe?
- Ist die Besuchsstunde schon aus?
- Jetzt liegen die kranken Brüder da,
- Einen lieben Gegenstand in der Hand,
- Von Eau de Cologne ein frischer Flacon,
- Und, ach, ein neuer Engelhornband.
-
- Ich will nicht klagen, daß niemand
- Im fremden Land
- Meine Türe aufgetan
- Freundlich mir zugewandt.
-
- Wer trat herein?
- So leicht und unbefangen,
- Mit einem lila Shawl
- Und tanzerregten Wangen,
- Wie bei der Damenwahl?
-
- Nun hat es sich doch erfüllt!
- O Erinnerung! O Schlacht auf den katalaunischen Gefilden!
- O Geschichtsstunden, wo wir uns einbilden
- Erschlagene Krieger zu sein!
-
- Da kamst Du immer dem treuen,
- Dem Knaben Blumen zu streuen.
- So ist es wieder geschehn?
- Schon stürzten die Speere und Schilde,
- Nun darf auch mein armes Gefilde
- In Abend und Tränen stehn.
-
- »Schwester, so spät ist es schon?«
- »Ja, ich bringe die Abendbouillon.«
-
- Treibe -- Treibe
- Im Strome von dannen.
- Rings breitet die Scheibe
- Sich weiter Savannen.
- An sandigen Stellen,
- Im Dunkeln, im Hellen,
- An niedrigen Feuern,
- Nach Abenteuern
- Gelagerte Männer
- Bereiten ein Mahl.
-
-
-
-
-Sterben im Walde
-
-
- Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen,
- Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen
- Bin ich im Walde melodisch zu Grunde gegangen.
-
- Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren.
- Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen.
- Und kein Wimperzucken will ihnen wehren.
- Unten auf der Promenade spaziert ein internationales Publikum.
- Entfernter Klang von Sand, Damenkleidern und Kinderstimmen.
- Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum.
-
- Nadeln, Laub, Zweige und Tannenzapfen fallen auf mein Gesicht,
- Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine
- Lippen nicht.
-
- Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt,
- Beginnt sich das unvergleichliche Rigolettoquartett auszubreiten.
-
- Und meine Seele fällt ein:
- _Du bist auf der Welt!_
- Und verteilt sich jauchzend nach allen Seiten.
-
-
-
-
-Das Malheur
-
-
- Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs
- stumm,
- Nur die Hausfrau sagte etwas und drehte sich nicht um.
- Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt,
- Krampfhaft die Arme zu einer rettenden Geste verrenkt.
-
- Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt.
- Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt.
-
- Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und
- Besen, der Diener und selbst der Herr vom Haus.
- Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus.
-
- In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in
- den Schoß
- Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut
- und grenzenlos.
-
- Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm,
- War sie es, die wie aus Ehrfurcht das reichste Trinkgeld bekam.
-
-
-
-
-Erzherzogin und Bürgermeister
-
-
- Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt,
- Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt.
-
- Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing,
- War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing.
-
- Die beiden schauten vorbei, und konnten einander nicht ins Auge sehn.
- Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn.
-
- Die hohe Frau sagte etwas auf, wie einen Geburtstagswunsch, so leise
- und verzagt.
- Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt.
-
- Und während sie manches sprach, was dachte sie?
- Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie.
-
- Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen
- vergaß,
- Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß.
-
- Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses
- Los,
- Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß.
-
- Und als der Empfang zu Ende, sagte ich mir: Gott sei Dank,
- Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank,
-
- Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf,
- Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf.
-
-
-
-
-Der Patriarch
-
-
- Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch.
- O könnt' ich hier -- ein Patriarch -- die atmende Gemeine lehren!
- Die harten Greise, hohen Bursche, all die Dirne und die schweren
- Schwieligen Schiffspatrone, kauend Priem und Fluch.
-
- Woher und wann ich kam, o Bardenlied, doch mein Besuch
- Heilt Kranke, meine Stimme schallt, die Seenot abzuwehren.
- Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren,
- In fernem Angedenken segnend Tat und Spruch.
-
- Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe,
- Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde,
- Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden!
-
- Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe,
- Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde,
- Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten
-
-
-
-
-Solo des zarten Lumpen
-
-
- Nun wieder eine Nacht durchjohlt
- Ist rings der Stadtpark aufgewacht.
- Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe.
- In der durchsichtigen Frühe.
- Nach falschbekränzter Nacht
- Hast Du mich eingeholt.
-
- Wie ich Dich gestern sah. . .
- Bewegte Straße glitt
- Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen,
- Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen,
- Sich mehr verbarg als Atemzug und Schritt,
- Du Schlanke fern und nah!
-
- Gefühl, geheimer Sinn
- Und ein Gedanke kam.
- Elysisch aufgeregt blick ich zum leichten Himmel hin, zur leichten
- Erden.
- Heiraten wirst Du, Du wirst Mutter werden! --
- Warum zerschmilzt mich Scham?
- Was reißt mich Wonne hin?
-
- Noch höher bist Du bald
- Und weiter mir entrückt.
- Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden
- Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden,
- Von Schmerz und Glück bedrückt,
- Nun mildere Gestalt!
-
- In die Natur und Pflicht
- Wächst lieblich Du hinein.
- Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen,
- In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen;
- Du denkst an Dinge rein,
- An Windeln, Kindgewicht.
-
- Drum soll es so geschehn!
- Von Wolken lieb umdrängt,
- Zieh mir vorbei in Wind und solchem Morgen oben!
- Ich will Dich bebend hochbeloben,
- Und Blick und Bart gesenkt
- Vor Dir in Andacht stehn.
-
-
-
-
-Der schöne strahlende Mensch
-
-
- Die Freunde, die mit mir sich unterhalten,
- Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen,
- Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen
- Wohl Arm in Arm, veredelte Gestalten.
-
- Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten,
- Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen,
- Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen
- Sich ewig seinem Himmelsbild entfalten.
-
- Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen,
- Ein Sommerfest mit Frauen und Bazaren,
- Mein Auge bricht von allzuviel Erhelltsein.
-
- Ich will mich auf den Rasen niedersetzen
- Und mit der Erde in den Abend fahren.
- Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!!
-
-
-
-
-Wanderlied
-
-
- Glaubst Du, Deine Schritte sind vergangen,
- Die einst kies- und straßenüber klangen?
- Deine schwergesenkten, Deine leichtgelenkten,
- Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten,
- Deine Schritte laufen oder schleppen
- Ewig weiter über Weg und Treppen.
-
- Glaubst Du, Deine Worte sind verloren,
- Die Dein wallendes Gemüt geboren?
- Hangend in den Häusern, unter Toren,
- Sinken sie in vorbestimmte Ohren,
- Bilden sich zu wunderlicher Stunde,
- Und entflattern neu dem Enkelmunde.
-
- Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen,
- Schritt und Worte, die ins Weite reisen?
- Oder wähnst Du, daß der graue, alte
- Ahnherr diese sprach und jene wallte?
- Und ist gar aus diesem Lied zu lesen,
- Daß Du selbst der Bärtige gewesen?
-
-
-
-
-Der kriegerische Weltfreund
-
-
- Schon bin ich voll und klar,
- Dem noch so arg zu Mut.
- Der bös und bitter war
- Nun ist er gut.
-
- Bosheit, die mich zerwirrt,
- Rache und falscher Stoß,
- Ach, meine Güte wird
- An ihnen groß!
-
- Schäumst Du noch, dunkles Blut,
- Wenn Hohn sich feig vermummt,
- Sternaufgebäumte Wut,
- Bist Du verstummt?
- Der sich zu Boden schmiß,
- Keuchend und krankgehetzt,
- Nachts in die Pölster biß
- Wie tönt er jetzt?
-
- Bosheit und feigen Hohn,
- Alles, was falsch mich haßt,
- -- O wie stark bin ich schon --
- Lad ich zu Gast
-
- Dämonen in Erz und Stahl
- Wandeln sich, werden rein,
- Stürze mit einem Mal
- In mich herein.
-
-
-
-
-Ich habe eine gute Tat getan
-
-
- Herz frohlocke!
- Eine gute Tat habe ich getan.
- Nun bin ich nicht mehr einsam.
- Ein Mensch lebt,
- Es lebt ein Mensch,
- Dem die Augen sich feuchten,
- Denkt er an mich.
- Herz, frohlocke:
- Es lebt ein Mensch!
-
- Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam,
- Denn ich habe eine gute Tat getan,
- Frohlocke, Herz!
- Nun haben die seufzenden Tage ein Ende.
-
- Tausend gute Taten will ich tun!
- Ich fühle schon,
- Wie mich alles liebt,
- Weil ich alles liebe!
- Hinström ich voll Erkenntniswonne!
- Du mein letztes, süßestes,
- Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!
- _Wohlwollen!_
- Tausend gute Taten will ich tun.
-
- Schönste Befriedigung
- Wird mir zu Teil:
- Dankbarkeit!
- Dankbarkeit der Welt.
- Stille Gegenstände
- Werfen sich mir in die Arme.
- Stille Gegenstände,
- Die ich in einer erfüllten Stunde
- Wie brave Tiere streichelte.
-
- Mein Schreibtisch knarrt,
- Ich weiß, er will mich umarmen.
- Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,
- Geheimnisvoll und ungeschickt
- Klingen alle Saiten zusammen.
- Das Buch, das ich lese
- Blättert selbst sich auf.
-
- . . . . . . . . . . . . . .
- Ich habe eine gute Tat getan!
-
- Einst will ich durch die grüne Natur wandern,
- Da werden mich die Bäume
- Und Schlingpflanzen verfolgen,
- Die Kräuter und Blumen
- Holen mich ein,
- Tastende Wurzeln umfassen mich schon,
- Zärtliche Zweige
- Binden mich fest,
- Blätter überrieseln mich,
- Sanft wie ein dünner,
- Schütterer Wassersturz.
- Viele Hände greifen nach mir,
- Viele grüne Hände
- Ganz umnistet
- Von Liebe und Lieblichkeit
- Steh ich gefangen.
-
- Ich habe eine gute Tat getan,
- Voll Freude und Wohlwollens bin ich
- Und nicht mehr einsam
- Nein, nicht mehr einsam.
- Frohlocke, mein Herz!
-
-
-
-
-Aus
-»Wir sind«
-Neue Gedichte
-1913
-
-
-
-
-
-Die Unverlassene
-(Der Besuch aus dem Elysium)
-
-
- Es kommt die eine neue Nacht.
- Du bist von Ferne aufgewacht,
- Und neben Dir ist Schnarchen schwer.
- Und ach vom Gitterbettchen her
- Ein Weinen klein und unbewußt.
- Da schlägst Du Deine Decke um,
- Nimmst ohne Glück und stumm
- Das Kind an Deine Brust.
-
- Wenn mühsam Tag sich näher drängt
- Und Dich in Erdenlos verfängt,
- Wird Schoß und Lippe wissensschwer,
- Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr,
- Wächst Dir ums Aug' der dunkle Strich,
- Gedenke und erinnere Dich,
- Daß jener Bot' aus besserer Welt
- Dich seltsam in der Seele hält!
-
- Weißt Du, weißt Du den Abendgang,
- Wo noch Dein Wesen glitt und sprang?
- Wer fühlte einst im Elternhaus,
- Wer Dich in Ewigkeit voraus?
- Wenn Du Dich einsam meinst,
- Wer kannte schon den Schmerzenston,
- In wessen Kehle brannte schon
- Das Weinen, das Du jetzt weinst?!
-
-
-
-
-Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte
-
-
- Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte
- Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte,
- Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte,
- Mühselig Millionen Unterdrückte?
-
- Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte,
- War Arbeit um uns und die Erde wärmte.
- Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte,
- Es lebten und es starben Niebeglückte!
-
- Da ich von Dir geschwellt war zum Entschweben,
- So viele waren, die im Dumpfen stampften.
- An Pulten schrumpften und vor Kesseln dampften.
-
- Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen!!
- Gibt es ein Gleichgewicht in Welt und Leben,
- Wie werd' ich diese Schuld bezahlen müssen!?
-
-
-
-
-Vater und Sohn
-
-
- Wie wir einst im grenzenlosen Lieben
- Späße der Unendlichkeit getrieben
- Zu der Seligen Lust --
- Uranos erschloß des Busens Bläue,
- Und vereint in lustiger Kindertreue
- Schaukelten wir da durch seine Brust.
-
- Aber weh! der Äther ging verloren,
- Welt erbraust und Körper ward geboren,
- Nun sind wir entzweit.
- Düster von erbosten Mittagsmählern
- Treffen sich die Blicke stählern,
- Feindlich und bereit.
-
- Und in seinem schwarzen Mantelschwunge
- Trägt der Alte wie der Junge
- Eisen hassenswert.
- Die sie reden, Worte, sind von kalter
- Feindschaft der geschiedenen Lebensalter,
- Fahl und aufgezehrt.
-
- Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe
- Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe!
- Daß der Orkus widerhallt.
- Und schon klirrt in unseren wilden Händen
- Jener Waffen -- kaum noch abzuwenden --
- Höllische Gewalt.
-
- Doch auch uns sind Abende beschieden
- An des Tisches hauserhabenem Frieden,
- Wo das Wirre schweigt,
- Wo wirs nicht verwehren trauten Mutes,
- Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes,
- Träne auf- und niedersteigt.
-
- Wie wir einst in grenzenlosem Lieben.
- Späße der Unendlichkeit getrieben,
- Ahnen wir im Traum.
- Und die leichte Hand zuckt nach der greisen
- Und in einer wunderbaren, leisen
- Rührung stürzt der Raum.
-
-
-
-
-Die Witwe am Bette ihres Sohnes
-
-
- Mit meinem verflackernden Lichte
- Besuche ich, Kind, Deinen Traum.
- Im Schlaf erstaunt Dein Gesichte,
- Doch faltet Dein Atem sich kaum.
-
- Daß Du mich gestern verstießest,
- Hat nimmer Dich bitter gemacht.
- Daß Du mich alleine ließest
- Die ängstliche Mitternacht.
-
- Und doch. Ich will Dich bewegen
- Zu Leben und nächtlichem Mut.
- Dein mächtiges Treiben und Regen
- Durchläuft meinen Schatten mit Blut.
-
- O Sohn! Dein Zechen und Speisen
- Nährt Deine Mutter, ich weiß.
- Dein Lärmen und Becherkreisen
- Bewegt meinen Lebenskreis.
-
- Und wenn ich sitze und sticke,
- Dies Leben ist in Dich entrückt,
- Aus meinem vergehenden Blicke
- In Deine Augen gezückt.
-
- Wie ich Dich bebend getragen
- Im heilig erkannten Schoß,
- Du wuchsest an bildenden Tagen
- Und schmerztest und wurdest groß.
-
- Und wie Du aus mir gemündet,
- In Himmel und Welt und Haus,
- Und wie Du in mir Dich entzündet,
- So lösche ich in Dir aus.
-
- Mein Leben ist ein Sichergießen
- In Dein gerundetes Licht,
- Im leidenden Überfließen
- Erfüll ich die weltliche Pflicht.
-
- Bald bin ich nichts als Dein Lachen
- Nichts als Deines Mundes Gebot.
- Laß mich Deinen Schlaf bewachen,
- Mein Kind, mein Dasein, mein Tod.
-
-
-
-
-Balance der Welt
-
-
- Ich klag' und klage: Harte Welt!
- Doch fühl' ich, wie's mich auch umstellt,
- Wie mir hier alles harte Welt,
- So bin ich allem harte Welt!
-
- Ja, Schuld ist das gewaltige Wort.
- Es dreht die alten Globen fort.
- Und eh' noch unsre Zeit beginnt,
- Werden wir schuldig, daß wir sind!
-
- Daß mich, o Freund, Dein Mordstoß traf,
- Zerbrach ich meiner Mutter Schlaf,
- Fluchte der Vater seinem Sohn.
- Du Weltgesandter bringst den Lohn.
-
- Gott, ich erkenn' Dich Zug um Zug!
- Und Dich, Gesetz, in Deinem Lauf!
- Es bricht hier keine Wunde auf,
- Die ich mir nicht in andern schlug.
-
-
-
-
-Der Feind
-
-
- Mein Feind, dem ich entgegenspeie,
- In meiner Brust versammelnd kleine Schreie
- Und in den Händen ohne Mut
- Zerkrampfte Ohnmacht, halberlöschte Wut,
- Mein Feind, Du trittst auf einen Pflasterstein!
- Und da aus Deinem Auge fällt der Abendschein,
- Der niedertropft in bläulich süßen Flammen.
- Und weinend, unter Schwalben, ungeheuer sinke ich zusammen.
-
- In mir steht der Erzengel groß,
- Versöhnung bricht unendlich los.
- Daß wir uns schlugen und zerrissen,
- Mit dumpfem Witz und List beschmissen,
-
- Daß wir dies trugen, jetzt erst kann ich's fassen,
- Dies Meucheln, dieses Auf-sich-tanzen-lassen.
- Dies schlechte Leiden, alter Rache Trick,
- Die Passion zu _diesem_ Augenblick!
-
- Nun braust der Himmel als Posaunenmeer,
- Triumphtrompeten schnellen drunterher.
- Aus mir stürzt Liebe, Lieb', Weltsinn, der dunkel lag.
- Und golden durch mich donnert jüngster Tag!
-
-
-
-
-Eine alte Frau geht
-
-
- Eine alte Frau geht wie ein runder Turm
- Durch die alte Hauptallee im Blättersturm.
- Schwindet schon, indem sie keucht,
- Wo um Ecken schwarze Nebel wehen.
- Wird nun bald in einem Torgang stehen.
- Laute Stufen langsam aufwärts gehen,
- Die vom trägen Treppenlichte feucht.
-
- Niemand hilft, wie sie ins Zimmer tritt,
- Ihr beim Ausziehn ihrer Jacke mit.
- Ach, sie zittert bald an Händ' und Bein'.
- Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen
- Aufgehobene Kost von alten Tagen
- Auf des Kochherds armes Rot zu tragen.
- Bleibt mit ihrem Leib und sich allein.
-
- Und sie weiß nicht, wie sie kaut,
- Daß in ihr sich Söhne aufgebaut.
- (Nun, sie freut sich ihrer Abendschuh')
- Was aus ihr kam, steht in andern Toren,
- Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren,
- Manchmal nur im Straßendrang verloren,
- Nickt ein Mann ihr freundlich »Mutter« zu.
-
- Aber Mensch, gedenke Du in ihr,
- Ungeheuer auf der Welt sind wir,
- Da wir brachen in die Zeiten ein.
- Wie wir in dem Unbekannten hängen,
- Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen
- Die ins letzte uns zusammendrängen.
- Diese Welt ist nicht die Welt allein.
-
- Wenn die Greisin durch die Stube schleift,
- Ach, vielleicht geschieht's, daß sie begreift.
- Es vergeht ihr brüchiges Gesicht.
- Ja, sie fühlt sich wachsender in allem
- Und beginnt auf ihre Knie zu fallen,
- Wenn aus einem kleinen Lampenwallen
- Ungeheuer Gottes Antlitz bricht.
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-Nacht-Fragment.
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- Bald hat dies, hat dies alles ausgeschlagen.
- Was muß ich noch im machtvoll einsamen Nachtbahnhof stehn
- Und sehn, daß Lichter sind und Träger gehn,
- die Felsen tragen, und sehn die schon verblichenen Wagen?
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- So vieles weiß ich mit mir, Herz- und Atemschreiten.
- -- Ein Pikkolo schläft, ein Schutzmann schaut in den Wind. --
- Wer weiß es denn, wie sehr wir alle beisammen sind.
- Auch Deine leichten Schlafseufzer, Fernste, fühl' ich mit mir gleiten.
-
- Gestern, wie tauchtest Du in Astern Dein Gesicht!
- Und tanztest mit den Zähnen, tanztest mit den frechen Knien.
- Und ach, Dein Gemsenlachen, das mich zu höhnen schien,
- Nun ist es eingestimmt in mich, o Nacht, und weiß es nicht!
-
- Auch Du Azucena, Mutter, von Traum zu Traum,
- Suche den klaren Jungen im Waldpensionat!
- Eng ist die Erd'. Wie fand ich Deinen Pfad?
- Wir seh'n uns an und schweigen im gleichen Raum.
- Ihr Unerreichbaren all', die wir voneinander wissen!
- Wie sind unsre gleichen Hände uns fremd!!
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-Das erkaltende Herz
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- Geschwisterliebe war einst.
- Ich lief mit dem Mädi über die Wege
- Und die Himmel, die vielen waren rege,
- Die unergründlichen Berge standen weit --
- Und im Zimmer die stündliche Zeit.
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- Die Wagen und Reisen,
- Vergangene Speisen,
- Die Schmerzen und Strafen,
- Am Abend das Licht,
- Und unser Gesicht
- War ganz von Seele verschlafen.
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- Und tiefe Furcht war da, daß man einander stürbe,
- Und manchmal weinte man wild in die Finsternis,
- Bis treu der andre Atem kam.
- Da war man so gewiß,
- Daß Gott sei und man niemals lahm
- Und niemals anders würde.
- das waren Tränen und Brisen der Treue . . . .
- Geschwisterliebe war einst.
- Jetzt lieg ich oft auf meinem Kanapee.
- Am Abend werden die Fenster groß.
- Da läßt mich mein Atem los,
- Und der Tod ist ganz in der Näh'.
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- Und muß ich vor meinem Spiegel stehn,
- Da hat sich etwas gerächt.
- Ich weiß, wie mir die Haare ausgehn --
- Und die Zähne sind worden schlecht.
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- Und der Mund, der nichts ließ,
- Jetzt kann er euch alle lassen
- Und das Herz kann nicht fassen,
- Wie es einst hieß!
- Und wo hängen in den erstarrten Zimmern,
- Hinter welkendem Glas,
- Die ewigen Photographien?
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-Der göttliche Portier
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- Da ich an Dir vorüberlief als Knabe,
- Wuchst Du ins Tor unendlich aufgehoben.
- Dein Dreispitz rührte Wappensterne oben.
- Allmächtig sank Dein Bart. Mann mit dem Stabe!
- Wie ich mich kindlich auch vergangen habe,
- Gestickter Greis, Du tratst herein zu loben,
- Warst sänftlich grausem Kindertraum verwoben,
- Wo ich mich gelb einstürzen sah im Grabe.
-
- Nun wieder, Bibelgott, erscheint Dein Bild!
- Aus Kindernächten wallt Dein breitgelockter
- Erzväterbart, der goldne Brust umquillt.
-
- Die winterlichen Tressen klingeln mild,
- Und tief beruhigt mich Dein weißbeflockter
- Allgütiger Pelz, der durch die Sphären schwillt.
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-Ein Lebens-Lied
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- Feindschaft ist unzulänglich.
- Der Wille und die Taten,
- Ein erdbewußtes Leben
- In sich, was sind sie, Welt?
- Es schwebt in jedem Schicksal,
- Im Schritt der Lust und Schmerzen,
- Im Morden und Umarmen,
- _Anmut des Menschlichen!_
-
- Nur das ist unvergänglich!
- Sahst Du die wilden Augen
- Buckliger Bauernmädchen?
- Sahst Du, wie sie sich langsam
- Weltdamenhaft verschleiern,
- Sahst Du in ihnen blinken,
- Das Grün von Festestraden,
- Musik und Lampennacht?
-
- Sahst Du den Bart von Kranken,
- Ihr Wolken über Pappeln,
- Wie er an Gott erinnert,
- Getaucht in einen Sturm?
- Sahst Du die große Güte
- Im Sterben eines Kindes?
- Wie uns der holde Körper
- Mit Zärtlichkeit entglitt?
-
- Sahst Du das Traurigwerden
- Von Mädchen an, am Abend?
- Wie sie die Küchen ordnen
- Und fern, wie Heilige sind.
- Sahst Du die schönen Hände
- Durchfurchter Nachtgendarme,
- Wenn sie den Hund liebkosen
- Mit grobem Liebeswort?
-
- Wer handelnd sich empörte,
- Bedenke doch!! Unsagbar
- Mit Reden und Gestalten
- Sind wir uns fern und nah!
- Daß wir hier stehn und sitzen,
- Wer kann's beklommen fassen?!
- Doch über allen Worten
- Verkünd' ich, Mensch, _wir sind_!!
-
-
-
-
-Ein Anderes
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- Daß einmal mein dies Leben war,
- Daß in ihm jene Kiefern standen
- Und Ufer schlafend sich vorüberwanden,
- Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar.
- Daß einmal mein dies Leben war!
-
- Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden,
- Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk' davon?
- Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton
- Von Ruderbooten, wie sie lachend landen,
- Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.
-
- Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton
- Von Equipagen, dicht im Kies verfahren,
- Kastanien- und Laternensprache waren
- Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon?
- Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton?
- Kastanien- und Laternensprache waren
- Noch da und? Atem einer breiten Schar.
- Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren.
- O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren,
- Daß einmal mein dies Leben war!
-
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-
-
-Amore
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- Wenn noch die Eitelkeit
- Das Auge Dir entweiht,
- Ist kommen nicht die Zeit.
-
- Solang Du noch willst stehn
- Auf Podien, gesehn,
- Kann Glück's Dir nicht geschehn.
-
- Wer sich noch nicht zerbrach,
- Sich öffnend jeder Schmach,
- Ist Gottes noch nicht wach.
-
- Wer noch mit Eifer spitzt,
- Daß er ein Weib besitzt,
- Ist noch nicht ausgewitzt.
-
- Erst wenn ein Mensch zerging
- In jedem Tier und Ding,
- Zu lieben er anfing.
-
- Erst wer Erfüllung floh,
- Wächst an zum Höchsten so,
- Wird letzter Sehnsucht froh.
-
- Erst wer sich jauchzend bot
- Der Schande und der Not
- Und zehnfach jedem Tod,
-
- Im heiligen Verzicht,
- Vor Liebe ihm zerbricht
- Sein irdisch Angesicht!
-
- Wohin schwillt er empor!
- Was schwingt er überm Chor
- Unendlich sein amor'!!
-
-
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-Ich bin ja noch ein Kind
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- O Herr, zerreiße mich!
- Ich bin ja noch ein Kind.
- Und wage doch zu singen.
- Und nenne Dich.
- Und sage von den Dingen:
- Wir sind!
-
- Ich öffne meinen Mund,
- Eh' Du mich ließest Deine Qualen kosten.
- Ich bin gesund,
- Und weiß noch nicht, wie Greise rosten.
- Ich hielt mich nie an groben Pfosten,
- Wie Frauen in der schweren Stund'.
-
- Nie müht' ich mich durch müde Nacht
- Wie Droschkengäule, treu erhaben,
- Die ihrer Umwelt längst entflohn!
- (Dem zaubrisch, zerschmetternden Ton
- Der Frauenschritte und allem, was lacht.)
- Nie müht' ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben.
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- Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht,
- Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen,
- Wenn die Notschüsse dröhnen,
- Wenn die Rakete zitternd aufsteht.
- Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen,
- O Herr, aufs Knie zum letzten Weltgebet.
-
- Nie war ich ein Kind, zermalmt in den Fabriken
- Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt!
- Nie hab ich im Asyl gedarbt,
- Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken,
- Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken,
- Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt!
-
- Kenn' ich die Lampe denn, kenn' ich den Hut,
- Die Luft, den Mond, den Herbst und alles Rauschen
- Der Winde, die sich überbauschen,
- Ein Antlitz böse oder gut?
- Kenn' ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen?
- Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut?
-
- Du aber, Herr, stiegst nieder, auch zu mir.
- Und hast die tausendfache Qual gefunden,
- Du hast in jedem Weib entbunden,
- Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier,
- In jedem Zirkusseehund wurdest Du geschunden,
- Und Hure warst Du, manchem Kavalier!
-
- O Herr, zerreiße mich!
- Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen?
- Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen.
- Begnade mich mit Martern, Stich um Stich!
- Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen.
- O Herr, zerreiße mich!
-
- Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb,
- In jeder Katz und jedem Gaul verreckte,
- Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb.
- Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte,
- Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte,
- Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb!
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- Und wenn ich erst zerstreut bin in den Wind,
- In jedem Ding bestehend, ja im Rauche,
- Dann lodre auf, Gott, aus dem Dornenstrauche.
- (Ich bin Dein Kind.)
- Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche!
- Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!!
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-Aus
-»Einander«
-Oden Lieder Gestalten
-1915
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-Lächeln Atmen Schreiten
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- Schöpfe Du, trage Du, halte
- Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand!
- Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt
- All übers Antlitz.
- Lächeln ist keine Falte,
- Lächeln ist Wesen vom Licht.
- Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht.
- Nicht die Sonne ist Licht,
- Erst im Menschengesicht
- Wird das Licht als Lächeln geboren.
- Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren,
- Aus den Toren der Augen wallte
- Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt,
- Lächelns nieglühender Brand.
- Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand,
- Schöpfe Du, trage Du, halte!
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- Lausche Du, horche Du, höre!
- In der Nacht ist der Einklang des Atems los,
- Der Atem, die Eintracht des Busens groß.
- Atem schwebt
- Über Feindschaft finsterer Chöre.
- Atem ist Wesen vom höchsten Hauch.
- Nicht der Wind, der sich taucht
- In Weid, Wald und Strauch,
- Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn . . .
- Gottes Hauch wird im Atem der Menschen geboren.
- Aus den Lippen, den schweren,
- Verhangen, dunkel, unsterblichen Toren,
- Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren.
- Auf dem Windmeer des Atems hebt an
- Die Segel zu brüsten im Rausche,
- Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn.
- Horche Du, höre Du, lausche!
-
- Sinke hin, kniee hin, weine!
- Sieh der Geliebten erdenlos schwindenden Schritt!
- Schwinge Dich hin, schwinde ins Schreiten mit!
- Schreiten entführt
- Alles ins Reine, alles ins Allgemeine.
- Schreiten ist mehr als Lauf und Gang,
- Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang,
- Mehr als des Raumes tanzender Überschwang.
- Im Schreiten der Menschen wird die Bahn der Freiheit geboren.
- Mit dem Schreiten der Menschen tritt
- Gottes Anmut und Wandel aus allen Herzen und Toren.
- Lächeln, Atem und Schritt
- Sind mehr als des Lichtes, des Windes, der Sterne Bahn,
- Die Welt fängt im Menschen an.
- Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke!
- Weine hin, kniee hin, sinke!
-
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-
-Das Jenseits
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- Wir kommen wieder, wir kehren heim
- In Dich, Du gute Mutter unser.
- Schon hängt uns, hängt uns über die Stirn,
- Mild über die Stirne des Todes Flieder.
-
- Wo fahren die feurigen Wolken hin,
- Wo tanzen die mutigen Flüsse her,
- Was will der Meere Spiel,
- Das Laub an der Wand des Himmels gerankt?
-
- Nun kehren wir heim, nun kehren wir ein,
- Mehr ist als Dasein -- Gewesen sein,
- Stark ist der Tod, doch siehe das Stärkste,
- Stärker als Tod ist Musik.
-
- In unsere Mutter kehren wir ein . . .
- Gott fährt über uns, der gute Mann,
- Da heben wir an, und heben uns auf,
- Arien selige schweben wir hin,
-
- Und hängen im Herzen der Sterblichen,
- Und locken die ewigen Tränen.
- Träne, klarer Planet! Hier leben wir,
- Leben in Gnade, sind nichts als Lied.
-
-
-
-
-Warum mein Gott
-
-
- Was schufst Du mich, mein Herr und Gott,
- Der ich aufging, unwissend Kerzenlicht,
- Und dahin jetzt im Winde meiner Schuld,
- Was schufst Du mich, mein Herr und Gott,
- Zur Eitelkeit des Worts,
- Und daß ich dies füge,
- Und trage vermessenen Stolz,
- Und in der Ferne meiner selbst
- Die Einsamkeit?!
- Was schufst Du mich zu dem, mein Herr und Gott?
-
- Warum, warum nicht gabst Du mir
- Zwei Hände voll Hilfe,
- Und Augen, waltend Doppelgestirn des Trostes?
- Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte,
- Und Stirne überhangen
- Von süßer Lampe der Demut?
- Und einen Schritt durch tausend Straßen,
- Am Abend zu tragen alle
- Glocken der Erde
- Ins Herz, ins Herze des Leidens ewiglich?!
-
- Siehe es fiebern
- So viele Kindlein jetzt im Abendbett,
- Und Niobe ist Stein und kann nicht weinen.
- Und dunkler Sünder starrt
- In seines Himmels Ausgemessenheit.
- Und jede Seele, fällt zur Nacht
- Vom Baum, ein Blatt im Herbst des Traumes.
- Und alle drängen sich um eine Wärme,
- Weil Winter ist
- Und warme Schmerzenszeit.
-
- Warum, mein Herr und Gott, schufst Du mich nicht,
- Zu Deinem Seraph, goldigen, willkommenen,
- Der Hände Kristall auf Fieber zu legen,
- Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?!
- Gegrüßet und geheißen:
- Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütterlich?!
- Und daß ich raste auf den Ofenbänken,
- Und Zuspruch bin, und Balsam Deines Hauses,
- Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß,
- Und im Gelock den Frühtau Deines Angesichts!
-
-
-
-
-Die Tugend
-
-
- Die Lüge ist das Weib des Potiphar,
- Mit schleppenträgem Kleide angetan.
- Das ist bemalt mit allem, was da war,
- Und ist, und sein wird. Mond und Sternenbahn,
- Mit Frucht und Jahreszeit und Hof und Hahn,
- Und Stadt und Meer und Schiff und Berg und Schar.
- Und alles das, auf dem Gewande kreisend,
- Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend!
-
- Die Welt ist Abfall. Und der Satan legt
- Den Himmelsmantel an, mit Stern und Zeit.
- Was durcheinander Ding an Ding bewegt
- Ist Todesangst und letzte Eitelkeit.
- Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit,
- Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt.
- Wo Gottes Wahrheit weicht vor einem Kinde,
- Und in die Knie bricht im geringsten Winde.
-
- Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht!
- Die Welt ist Bruch und Schuld auf immerdar.
- Allein darin verbürgt sie uns das Licht,
- Und in der Sünde wird es offenbar.
- Durch unser Leiden werden wir gewahr,
- Wie Gott in uns durch eitles Tun zerbricht.
- Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen,
- Zu opfern uns, uns selbst ans Kreuz zu schlagen.
-
- So ist nur eins, das Opfer, was uns bleibt,
- Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr!
- Die Stunde grinst herbei, die uns entleibt,
- Und wir sind ohne Lohn und ohne Spur.
- O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt,
- Sind wir erst, sind wir gegen die Natur.
- Und ich bin Mensch, in meinem Menschenleben,
- Dem Schein ein Sein, dem Unsinn Sinn zu geben.
-
-
-
-
-Veni creator spiritus
-
-
- Komm heiliger Geist, Du schöpferisch!
- Den Marmor unsrer Form zerbrich!
- Daß nicht mehr Mauer krank und hart
- Den Brunnen dieser Welt umstarrt,
- Daß wir gemeinsam und nach oben
- Wie Flammen ineinander toben!
-
- Tauch auf aus unsern Flächen wund,
- Delphin von aller Wesen Grund,
- Alt allgemein und heiliger Fisch!
- Komm reiner Geist, Du schöpferisch,
- Nach dem wir ewig uns entfalten,
- Kristallgesetz der Weltgestalten!
-
- Wie sind wir alle Fremde doch!
- Wie unterm letzten Hemde noch
- Die Schattengreise im Spital
- Sich hassen bis zum letzten Mal,
- Und jeder, eh' er ostwärts mündet,
- Allein sein Abendlicht entzündet,
-
- So sind wir eitel eingespannt,
- Und hocken bös an unserm Rand,
- Und morden uns an jedem Tisch.
- Komm heiliger Geist, Du schöpferisch,
- Aus uns empor mit tausend Flügen!
- Zerbrich das Eis in unsern Zügen!
-
- Daß tränenhaft und gut und gut
- Aufsiede die entzückte Flut,
- Daß nicht mehr fern und unerreicht
- Ein Wesen um das andre schleicht,
- Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren,
- Und in uns selbst Dein Attribut erfahren!
-
- Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt,
- Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält,
- Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt,
- Von Deinem weisen Blicke wird beschenkt,
- Daß alle wir in Küssens Überflüssen
- Nur Deine reine heilige Lippe küssen!
-
-
-
-
-Abschied
-Ein Fragment
-
-
-Stimme
-
- War Dein Gang in großer Sonne verschwebend,
- War Dein windiges Kleid, mir vorüberlebend,
- War der tiefe Atemzug Dein Gesicht,
- War das alles ein Letztesmal,
- Und ich ahnte den Abschied nicht?
- Die Straße hat Deinen Fuß vergessen,
- Erde und Ätherstrahl gaben Dein verschüttetes Lachen aus.
- Die boshafte Treppe im Haus,
- Wo aufwärts das Letztemal Dein Antlitz durch mich brach,
- Wie das dunkelselige Licht
- Durch erhabene Fenster der Tempel bricht,
- Wissend höhnt mir die Treppe, nach.
- Denn ich atmete nicht,
- Daß Dein ferner Atem sich nicht mehr in meinen flicht.
-
-Antwort
-
- Es gibt nicht eine Stelle,
- Die Du durch Dich nicht abgestellt.
- Es gibt nicht eine Helle,
- Die von Dir nicht ins Finster fällt.
- Alle Welt ist Letztesmal
- Abschied heißt jedes Tal.
-
- Mit müden Straßenbäumen bin ich weggeglitten,
- Aus vielen Träumen bin ich abgeschritten.
- Und doch, es eint,
- Daß wir uns vorbeigeweint,
- Und daß wir arm sind, ohne Gleichen,
- Niemals zu uns hinüberreichen!
- _O Abschied, Brunnen aller Worte!_
-
-
-
-
-Der Erkennende
-
-
- Menschen lieben uns, und unbeglückt
- Stehn sie auf vom Tisch, um uns zu weinen.
- Doch wir sitzen übers Tuch gebückt,
- Und sind kalt und können sie verneinen.
-
- Was uns liebt, wie stoßen wir es fort?
- Und uns Harte kann kein Gram erweichen.
- Was wir lieben, das entrafft ein Ort,
- Es wird hart und nicht mehr zu erreichen.
-
- Und das Wort, das waltet, heißt: Allein!
- Wenn wir machtlos zueinanderbrennen.
- Eines weiß ich: Nie und nichts wird mein.
- Mein Besitz allein: Das zu erkennen.
-
- Sieh den Freund, der Deine Speise teilt,
- Hinter Stirn und Antlitz sich versammeln.
- Wo Dein Blick ihm auch entgegeneilt,
- Weilt ein Fels, den Eingang zu verrammeln.
-
- Wenn ich walle durch den Lampenbann,
- Meine Schritte höre, böse Wandrer,
- Dann erwach ich, und bin nebenan,
- Und mir selbst ein Grinsender und Andrer!
-
- Ja, wer niederfährt zu diesem Stand,
- Wo das Einsame sich teilt und spaltet
- Der zerrinnt sich selbst in seiner Hand,
- Und nichts lebt, was ihn zusammenfaltet.
-
- Keinem Schlaf mehr ist er einverleibt,
- Immer fühlt er, wie wir selbst uns tragen.
- Und die Nacht, die ihm, des Lebens bleibt,
- Unabwendlich ist ein Wald zum Klagen.
-
-
-
-
-Romanze einer Schlange
-
-
- Wo von den aufwärtsatmenden Vulkanen
- Erhaben stürzet Gold um Gold,
- Unter dem Blau, das in Orkanen
- Tiefdröhnend durcheinander rollt,
- Roll ich mich im Gerölle,
- In meiner Quader Hölle,
- Und starre stolz nach den Alleen,
- Wo Bäume wehn, und weiße Füße wehn,
- Und Sonne, Strom und Sommer toben hold.
-
- Weh euch! Ich wurde wach als Schlange,
- Und Feindschaft, Stolz und Haß sind mein Gebot.
- Die Nachtigall zerbricht sich im Gesange,
- Und stürzet ab in ihren Tod,
- Wenn ich mit meinem Blicke
- Sie banne und bestricke.
- Das Liebliche entgeht mir nicht!
- Ich bin im Licht der Bösewicht,
- Vernichtung und Gericht, das euch bedroht.
-
- Unendlich singen Amseln in den Kronen,
- Und an den Quellen tönt die Kreatur.
- Es ist mein Teil in Stein und Stolz zu wohnen,
- Und die Gestalt zu sein, in die ich fuhr.
- Sind alle guten Wesen
- Zu Müttern auserlesen,
- So haßt mit Wut mich meine Brut,
- Und krümmt sich fort in dumpfem Mut,
- Und ich gewunden auf dem Grunde starre nur.
- Ich frage nicht, warum bin ich erschaffen
- Zum Wurm in dem umblauten Reich?!
- Denn keine Sehnsucht lebt, mich hinzuraffen,
- Und ich allein will sein mir selber gleich.
- Der Hölle siebentiefste Flammen,
- Sie quälen nicht, den sie verdammen!
- Mich schmerzt mein Kriechen nicht, wenn durch Alleen
- Sich Bäume wehn und weiße Füße wehn,
- Ich kann nicht weinen, liebe keinen, Wehe euch!
-
-
-
-
-Tempel-Traum
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-
- Wenn die Stunde saust,
- Und die Frühe säumt,
- Wacht der Schläfer schwer
- Wie Ertrunkner auf.
-
- Schlamm weilt auf der Stirn,
- Und ins Haargewirr
- Flechten Tang und Gras
- Braunen Bettelkranz.
-
- Und es ist ein Haus
- Voll von Sang und Hall.
- Lampe lebt in Rauch
- Über Treppen hin.
-
- Eine Mutter geht. . .
- Und er weiß nicht wo,
- Duft und Stimme wird
- In der Höhe süß.
-
- Doch ein Priester ernst
- Schreitet in die Fern'
- Seinem Stabe nach,
- Goldnem Vogelknauf.
-
- Und Vestalin sitzt
- Bei dem Flammentier,
- Springt ein Wind herein,
- Hütet sie den Schoß.
-
- Wo der Tempelbau
- Oben offen ist,
- Schwebt ein Adler groß
- Unterm Morgenmeer.
-
- Und die Schläferstirn
- Löset ein Gesang,
- Und das Herze wächst
- Mit der Flut des Nils.
-
-
-
-
-Ein Abendgesang
-
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- Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen,
- Und wir im Dunste einer vergehenden Wiese stehn,
- Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen,
- Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn.
-
- Das ist die Stunde, wo alles erwacht, und Erstaunen
- In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt,
- Daß wir sind -- und daß gute und böse Launen
- Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt!
-
- Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze,
- Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt,
- Wer gab mir die Demut -- und wer mir den Stolz und die Stelze,
- Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd?
-
- Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen,
- Wir trüben uns alle und werden leichter und klein.
- Und sinken wir hin, so regnen von ziehenden Tagen
- Ferne Gefühle unseren Odem ein.
-
- Da schwebt das Schiff im Schaume der Schrauben wieder,
- Eh unser Auge ins Leere hinüberreift.
- Seligkeit naht -- -- wie wenn schon erlöschende Lider
- Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift.
-
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-Mondlied eines Mädchens
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-Für meine Schwester Hanna
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- Ich liege in gläsernem Wachen,
- Gelöst mein Haar und Gesicht.
- Am Boden in langsamen Lachen
- Schwebt Mond, das unselige Licht.
-
- Und wie mir die tödliche Helle
- Die Stirn und das Auge befühlt,
- Zerrinn ich und bin eine Welle,
- Gekräuselt, entführt und gespült.
-
- Die Mutter atmet daneben,
- Der Vater schläft auf und ab.
- Ich habe Attest um das Leben
- Von allen, die ich lieb hab.
-
- Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer
- Erzengel mit schrecklichem Schwert.
- Ins Ohr weint mir immer, mir immer
- Ein Kind, das mir nicht gehört.
-
- Nachtlampe von tausend Betten
- Des Leidens, der Mond mir scheint.
- Ich möchte viel Schluchzendes retten,
- Und bin es doch selbst, die weint.
-
- All Ding im Zimmer verlassen,
- Der Schuh, und der Tisch, und die Wand.
- Ich möchte das Ferne anfassen,
- Nur sein eine streichelnde Hand!
-
- Ich möchte mit Fröstelnden spielen,
- Und halten die Kalten im Arm!
- Ich fühle, die Reichen und Vielen
- Sind Kinder vor mir und so arm!
-
- Für alle muß ich mich sorgen,
- Mein Schlaf ist gläsern und schwebt . .
- Ich horche, wie in den Morgen
- Der Atem von allen sich hebt.
-
- Im Fenster wehn Bäume zerrissen,
- Viel Himmel sind windig in Ruh.
- Ich decke mit meinen Kissen
- Die frierenden Welten zu.
-
-
-
-
-Eines alten Lehrers Stimme im Traum
-
-
- Durch einen Traum der Straße oder gar
- Durch eine Straße im Traum . . . . . . . .
- Von fern kam Deine Stimme wunderbar.
- Ich hörte kaum, groß zogen durch den Raum
- Die goldenen Begräbnisse, Turm und Baum
- Traten im Himmel ein -- und tiefer Schaum
- Von Winter, Blum' und Damen regnete mich ein.
- In einem Traum der Straße hörte ich Dich sein,
- Im Straßentraum die Stimme aus begrabnem Jahr,
- Die Stimme, die einmal in einer alten Wohnung war.
-
- Ich hörte Deine Stimm' und wie Du heißt,
- Und dachte an des Vaters Gestalt,
- Der mit Dir sprach, und dachte an der Ahne Geist.
- Die unter Sternen reisen, mild und kalt,
- Und daß auch mich der Wind in Kreise reißt,
- Im Traum der Straße, die mein Vater vor mir wallt,
- Im Straßentraum dacht ich an einen Bart,
- An eine Hand, vereist und brauner Art.
- An ungeheure Worte dacht ich: _war_ und _alt_.
-
- Im Straßentraum, da Gold vorüberfuhr,
- Und liebend ein Sonntagswind,
- Von fern erfuhr ich Deine Spur,
- Und drehte mich nicht um, vom Träumen blind.
- Ich weiß nicht, wo Du wandelst, weiß und nicht geschwind.
- Und ob Du bist, oder im Traume nur.
- Doch von den Kerzen lind, die in mir sind,
- Hub eine in der Kirche an und ist entbrannt,
- Und ein Gefühl, verloren und noch unbenannt,
- Begann, o Straßentraum, im Wind unterm Azur.
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-Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses
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-Adam
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- Müde in den schmerzensreichen Schuhn,
- Durch den Tag der Straßenqual gegangen . . .
- Fang mich, Abend, auf, in Dir zu ruhn,
- Süßer Ort, aus dem ich angefangen!
- Meinen Pack von alten Schultern nun
- Werf ich ab mit einem langen, langen
- Atem, um mich ganz in Dich zu tun.
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- Ja ich tauche auf aus allem Staub,
- Süße Mauer, traumwärts hergebaute,
- Tiefer Wind, der sich ins Haar mir staute,
- Als der Engel loderte im Laub!
- Ja ich komme mit den schweren Rinnen,
- Scharfen Tränenschluchten im Gesicht.
- Gärtner mit dem Bart, verstoß mich nicht,
- Höre auf, mich zu beginnen!
- Laß zum Tor verstürzen das Gemäuer.
- Schlage eine kleine Bresche ein,
- Daß ich sanft in einem Weidenfeuer,
- Oder kräuselnd mich am Bach ein scheuer
- Windgefährte hebe an zu sein.
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-Stimme aus dem Garten
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- Ich darf Dich nicht lassen ein,
- Und darf mich nicht lassen aus,
- Ich muß mich fassen ein,
- Und gieße Dich in Gassen aus.
- Mein Haus ist wüst,
- Meinen Garten hast Du versandet,
- Ich bins, der für Dich büßt.
- Kein Schwan mehr landet
- In meinem See, der hohlgeht und brandet.
- Die alten Bäume sind verbrannt,
- Die schönen Tiere starben in Gesträuchen,
- Und ich vermag die Würmer nicht zu scheuchen,
- Aus meinem Beet und Rebenstand.
- Im Herbst, wie eine alte Frau
- Wall ich vorbei an eingesunkenen Malen,
- So bettelhaft.
- Dein ist die Kraft.
- Mach, daß ich möge neu erstrahlen,
- Aus dieser Wüste weggeworfener Schalen,
- Den guten Garten wieder auferbau!
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-Adam
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- Durch tausend abgespannte Stunden
- Hab ich zu Dir mich hergefunden,
- Du wirfst mich fort.
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-Stimme auf dem Garten
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- Wir sind, mein Sohn, so sehr verbunden,
- Daß Du Dich triffst mit Deinem eigenen Wort.
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-Adam
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- Erbarm Dich mein!
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-Stimme aus dem Garten
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- Erbarm Dich mein!
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-Adam
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- Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen,
- Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen?
- Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht?
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-Stimme aus dem Garten
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- Ich habe meine Gnade ausgegeben,
- Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben,
- Für Dich hab ich sie ganz,
- Du nie für mich gebraucht.
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-Adam
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- So wird dies Altern nimmer enden,
- Und keine Heimat macht mich wieder klein?
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-Stimme aus dem Garten
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- Bestelle mich mit Deinen Händen,
- Und Heimat werden wir uns beide sein,
- Und kehren ein!
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-Adam
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- Weh, daß kein andres Wort mich tröste,
- Und dies zurücke mich in Städte stößt!
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-Stimme aus dem Garten
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- Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste,
- So wart' ich weinend, daß Du mich erlöst.
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-Luzifers Abendlied
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- Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre,
- Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt . . .
- Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre,
- Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt.
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- Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen.
- Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt.
- Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen
- Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt.
- Und dem furchtbaren Blick erscheint in der alternden Kammer
- Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt.
- Mutter, das Schwert im Herzen, die all ihren Jammer
- Heilig ertragend im Hause die Hände rührt.
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- Jugend geht in den Krieg und schweiget. Geizige Knochen
- Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt.
- Selbst die Unschuld, geboren aus blutigen Wochen
- Hat den Leib einer lieblichen Frau verheert.
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- Und sie tragen sich selbst mit Worten. Elend ist Glaube!
- Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch.
- Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube,
- Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch.
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- Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren.
- Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil.
- Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren.
- Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil.
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- Ich bin der Geist ihrer Klage, der Gnadenlose und Klare,
- Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt!
- Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre,
- Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt.
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- Aber seh ich am Abend die so geliebten Gestalten,
- Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt
- Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten
- Kalten Himmels, Stern, der meinen unseligen Namen lebt.
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-Held und Heiliger
-Prophezeiung an Alexander
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-Held
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- Du Entfachter auf dem Scheiterhaufen,
- Dem die Feuer um die Stirne laufen,
- Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen
- An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen?
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-Heiliger
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- Reiter Du auf dem bebuschten Pferde,
- Sieh mich an. Ich bin die Schuld der Erde!
- Und ich zahl mich! Wie die Aschen sinken,
- Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken.
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-Held
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- Nennst Du Trank Dich und zerbrichst den Becher,
- Sieh mich an! So nenne ich mich Zecher.
- Dieses Da ist da, daß ich es saufe,
- Und wer mich säuft, meiner überlaufe!
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-Heiliger
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- Eitelster, der auf dem Rosse reitet,
- Deinem Pferd ist mehr die Welt bereitet!
- Ohne Opfer soll Dir Gott gehören?
- Wen Gott will, den muß er sich zerstören!
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-Held
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- Kann dies Jetzt denn ohne mich geraten?
- Gibt es Leben außer meinen Taten?
- Du und Er und alle sieben Reiche
- Sind, wenn ich sie in die Tasche streiche.
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-Heiliger
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- Nennst Du Leben die verruchten Stunden?
- Erst die Stunde, die Dich überwunden,
- Erst das Weh, zu dem Er Dich erkoren
- Hebt in Gnad Dich an. Du wirst geboren . . .
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-Held
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- Schon verbrennst Du, Mann, in Deinem Brennen.
- Brand, der nicht verbrennt, will ich mich nennen.
- Wer nicht liebt, kann nicht zugrunde gehen.
- Sterben alle, bleib ich doch bestehen.
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-Heiliger
-(schon als Asche zusammensinkend)
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- Alexander über tausend Meeren,
- Hör die Flammen an, die sich verzehren!
- Hör den Staub, zu dem ich mich vermische!
- Liegt ein Freund bei Dir an Deinem Tische,
- Ist sein Blut bestimmt, Dich zu bespritzen.
- Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen.
- Schwer in Händen bleibt, was Du errungen,
- Im Besitz schon hat Dich Gott bezwungen!
- Daß er furchtbar seine Gnade wähle,
- Rüste die noch nicht verdammte Seele!
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-Alte Dienstboten
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- In dem sanften Wallen der alten Frühlinge
- Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.
- Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,
- Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.
- Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,
- Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.
- Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,
- Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.
- Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.
- Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,
- Eh sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.
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- Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen
- Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.
- Wohin sie auch ihr Gehen wenden,
- Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.
- Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.
- Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,
- Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,
- Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.
- Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr . . . .
- Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken
- Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.
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- Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,
- Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben
- Sich ohne Ende über meins erheben,
- Das voll von Hoffart Worte machen mag.
- Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,
- Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.
- O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,
- O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,
- O Licht am Abend überm Tisch gebückt!
- Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,
- Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!
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-Jesus und der Äser-Weg
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- Und als wir gingen von dem toten Hund,
- Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen,
- Entführte, er uns diesem Meeres-Sund
- Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen.
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- Und als der Herr zuerst den Gipfel trat,
- Und wir schon standen auf den letzten Sprossen,
- Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad,
- Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen.
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- Doch einer war, den jeder sanft erfand,
- Und leiser jeder sah zu Tale fließen.
- Und wie der Heiland süß sich umgewandt,
- Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen!
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- Er neigte nur das Haupt und ging voran,
- Indes wir uns verzückten, daß wir lebten,
- Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann,
- Von Eich' und Mandel, die vorüberschwebten.
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- Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf
- Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten.
- Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf,
- Und wartete bis wir hindurchgeschritten.
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- Und da geschah, was uns die Augen schloß,
- Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte,
- Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß
- Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte.
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- Verbissene Ratten schwammen im Gezücht
- Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen,
- Verweste Reh' und Esel und ein Licht
- Von Pest und Fliegen drüber unermessen.
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- Ein schweflig Stinken und so ohne Maß
- Aufbrodelte aus den verruchten Lachen,
- Daß wir uns beugten übers gelbe Gras
- Und uns vor uferloser Angst erbrachen.
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- Der Heiland aber hob sich auf und schrie
- Und schrie zum Himmel, rasend ohne Ende:
- »Mein Gott und Vater, höre mich und wende
- Dies Grauen von mir und begnade die!
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- Ich nannt' mich Liebe, und nun packt mich auch
- Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze.
- Ach, ich bin eitler, als die kleinste Metze
- Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch!
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- Mein Vater Du, so Du mein Vater bist,
- Laß mich doch lieben dies verweste Wesen,
- Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen!
- Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!«
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- Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht
- Von jenen Jagden, die wir alle kannten,
- Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten,
- Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht!
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- Er neigte wild sich nieder und vergrub
- Die Hände ins verderbliche Geziefer,
- Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer,
- Von seiner Weiße sich erhub.
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- Er aber füllte seine Haare auf
- Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen,
- Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen,
- Von seiner Schulter Ratt und Fledermaus.
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- Und wie er so im dunklen Tage stand,
- Brachen die Berge auf, und Löwen weinten
- An seinem Knie, und die zum Flug vereinten
- Wildgänse brausten nieder unverwandt.
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- Vier dunkle Sonnen tanzten lind,
- Ein breiter Strahl war da, der nicht versiegte.
- Der Himmel barst. -- Und Gottes Taube wiegte
- Begeistert sich im blauen Riesen-Wind.
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-Neue Gedichte
-1916
-(In Buchform noch nicht veröffentlicht)
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-An den Richter
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- Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein
- fremdes Bette.
- Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der
- aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte.
- Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen
- Dorfes und ich
- Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an.
-
- Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf
- meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet.
- Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet,
- betet heiser.
- Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um
- Fieber zu messen;
- Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte
- des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!!
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- O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und
- geschlagen.
- Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden.
- Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge,
- gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im
- Frevel und wertlos in der Reue,
- Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht -- mein
- Richter -- und muß mich hassen!
-
- Ich bekenne -- und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts
- dagegen, bekenne dennoch:
- Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und
- schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch --
- Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit
- zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung,
- Sorge mit sorglosem Schwachsinn.
- Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden
- Vieh vergleiche.
-
- Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich
- wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe.
- Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach
- ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht.
- Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage?
- Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der
- Schuld empören?!
-
- Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht
- ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter.
- Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht,
- Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich.
- Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten
- Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken!
- Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du
- bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen.
-
- Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an
- meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn.
- Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu,
- und mache diesen Gesang den Schlafenden kund.
- Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich,
- ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit
- des Herzens!
- Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos.
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- Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und
- ruhig atmen.
- Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und
- Gestern, dies Immer und Ewig!
- Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über
- diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist.
- Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen
- und großen Steppen schenken!
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-Gebet um Reinheit
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- Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte immergleiche.
- Sie durchschreitet all uns die Wunderblinden mitten im Wunder.
- Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens,
- Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände
- spülen.
-
- O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen!
- O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!
- Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und
- spülst,
- Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle?
-
- Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises.
- Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend
- der Waschung wartet.
- Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne
- wahr zu sein.
- Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner
- Eitelkeit verstummt.
-
- Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen,
- Und ich, mein Vater, folge ihm, und singe einen Psalm hier wider meinen
- Feind!
- Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht
- einmal sosehr, um uns Feinde zu sein.
- Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, der mich berennt,
- und an alle meine Tore pocht.
-
- Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und
- Völlerei treibt,
- Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster
- die Hungrigen drängen.
- Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre
- raucht und fett wird,
- Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner
- Seele verpraßt.
-
- Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz
- verkehrt und in Selbstbetrug.
- Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und
- meine Liebe mit Trägheit erstickt,
- Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur
- Wollust des Sieges an den Spieltischen,
- Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.
-
- Warum hast Du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich
- zu dieser Zwieheit gemacht?
- Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o
- Du Gewässer!
- Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die
- Zahl Zwei.
- Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur
- Waschung.
-
- Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen
- Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!
- Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten,
- selig die einfach Bösen!
- Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und
- abnehmenden Gegenspieler.
- O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir!
-
-
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-
-Einem Denker
-
-
- Dein Blick, mein Bruder, hat mich erschreckt.
- Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel
- entdeckt.
- Meine Sphäre war traurig,
- Ihr mißfiel Deine Art
- An der Spitze des Tisches zu sitzen, zierlich geduckt,
- Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft.
-
- Tu dieses Ducken aus Deinen, Augen, mein Freund!
- Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers!
- Wie deute ich mir,
- Wie verstünd ich's,
- Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die
- gleichgültigen Räume trägst,
- Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir
- vorbei, Du nicht Erwachter!?
-
- Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer?
- Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer!
- Denn wer zu Gericht sitzt,
- Über die Sünder,
- Sitzt hinterm Kreuz, ist im Recht, braucht seiner Schuld nicht zu
- gedenken, darf sein Wesen vergessen,
- Und der Henker erspart die Pflicht, sich selbst den Kopf abzuhaun.
-
- Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab
- davon!
- Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu
- Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns.
- Du aber bist wie ein Knabe,
- Und scheinst nicht zu wissen,
- Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem
- Schilde _Deine_ Blöße bedeckst . . .
- Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten
- Triumphschrei zum Gespött machen.
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- Ich will Dir ein Wort sagen, das Du nicht begreifen wirst.
- Ich sage Dir: die Selbstbehauptung im Geiste ist Selbstvernichtung, die
- Selbstvernichtung im Geiste aber ist Selbstbehauptung.
- Kennst Du die starke Waffe
- Der wirklichen Sieger?
- Sie verachten das Wort, sie ziehn die Niederlage dem Sieg vor, sie
- ergeben sich, sie lassen sich gefangen nehmen . . .
- Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich
- erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt!
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- Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der
- Gerichtshöfe ist.
- Sie ist dialektisch, forensisch, sie betet das Wort an und die
- Unterscheidung der Worte.
- Aber die Worte sind
- Bedingter noch als die Dinge.
- Die Dinge verstellen den Geist, die Worte verstellen die Dinge, und der
- Geist der Worte
- Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber
- eitel und trostlos für die Leidenden.
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- Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und
- Dich vereinsamt.
- Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so
- groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint.
- In Dir ist aber noch
- Der alte Adam allzusehr!
- So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie
- und ihre Vollkommenheit,
- Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung
- ist.
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- Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben
- Sterbenden rasten,
- Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die
- Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben.
- Du kennst jene Weisheit nicht,
- Höher als alles Mitleid!
- Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern
- Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir
- alle Hände haben,
- Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem
- Leben vergießt.
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-Ballade von Wahn und Tod
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- Im großen Raum des Tags
- Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,
- Wie Sinai schallt. Vom Turm geballt
- Die Wolke fiel. -- Erstickten Schlags
- Mein Ohr die Stunde traf,
- Als ich gebeugt saß über mich zu sehr.
- Und ich entfiel mir, rollte hin, und schwankte da auf einem Schlaf.
-
- Wie deut' ich diesen Schlaf,
- Wie noch kein Schlaf mich je trat an, da ich verrann
- In Dunkelheit, so mich eine Zeit
- In mein Herz traf?
- Und als ich kam empor,
- In Traum auftauchend Atemgang begann,
- Trat ich in mein vergangnes Haus, in schwarzen Flur durchs winterliche
- Tor.
-
- Nun höret, Freunde, es!
- Als ich im schwarzen Tage stand, schlug mich eine leichte Hand.
- Ich stand gebannt an kalter Wand.
- O schwarzes, schreckliches
- Gedenken, da ich ihn nicht fand,
- Den Leichten, der mich so ging an
- Und mich im schwarzen Tag des Tors geschlagen leicht mit seiner
- leichten Hand.
-
- Es fügte sich kein Schein,
- Und selbst das kleine schnelle Licht, das sich in falsche Rosen flicht,
- Und unterm Bild vergeht und schwillt,
- Das kleine Licht ging ein.
- Es trat kein schwarzer Engel vor,
- Kein Schatten trat, kein Atem trat aus dem kalten Stein!
- Doch hinter mir in meinem Traum, aufschluchzend kaum versank das Tor.
-
- Und auch kein Wort erscholl.
- Doch ganz mit meiner Stimme rief ein Wort in meinem Orkus tief.
- Und wie am Eichenort ein Blatt war ich verdorrt.
- Weh, trocken, leicht und toll
- Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß.
- Mich nahm ein Wort und Wind mit fort,
- Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das
- Wort hieß: rettungslos.
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- O letzte Angst und Schmerz!
- O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus!
- O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt.
- Ich stand in schwarzem Erz,
- Und hielt mein Herz und konnte nicht schrein,
- Und sang ein -- Rette mich -- in mich ein.
- Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und
- fallen, den Fluß: Allein
-
- Und da es war also,
- Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß.
- Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur.
- Und ich erkannte so,
- Warum da leicht und fein die Hand mich schlug,
- Die schwach an meine Stirne fuhr,
- Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum
- mich selber trug.
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- Und als ich ihn erkannt,
- Den Augenblick, der mich trat an, da war ich selbst der andre Mann,
- Und der mir hart gebot, ich selber war mein Tod.
- Und nahm mir alles unverwandt,
- Und wand es fort aus meiner Hand und hielts gepackt --
- Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt.
- Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig
- nackt.
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- O Tod, o Tod, ich sah
- Zum erstenmal mich wahrhaft sein, mich ohne Willen, Wunsch und Schein,
- Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht.
- -- -- Er lacht und bleibt sich fern und nah -- --
- Ich stand erstarrt in erster Gegen-Wart allein zu zwein.
- (Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht)
- Ich fand mich, ohne Wahn mich sein, und starb in mein Erwachen ein.
-
- Im großen Raum des Tags
- Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum, und sah auf meinen Fensterbaum.
- Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,
- Der Himmel glühte noch kaum.
- Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut,
- Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß . . .
- Mein Haupt vom Traum umlaubt noch. Ging mit dumpfem Blut.
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- Ich ging, wie Tote gehn,
- Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn.
- Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl,
- Sah Kinder rennen und sah Bettler stehn.
- Ein Buckliger hielt sich den Bauch, und eine Greisin schwang den Stock
- und schrie,
- Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand . . .
- Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie.
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-Der Tempel
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- O Tempel, in die
- Zarteste Stunde gebaut,
- Wenn schon die unermüdlichen
- Schmetterlinge
- Die kreisenden welken an
- Der alten Lampe des Weisen und
- Die Träumer plötzlich das Haupt
- Tauchen aus tausend Fenstern.
-
- Tempel,
- In solcher Stunde erschallend,
- Läßt Du uns gehn
- Über die Treppe.
- Aber wenig leuchtet
- Die Laterne voran des Priesters,
- Wenn tief der Tierkreis
- Brüllet und leis im Schlaf.
-
- Wie bald doch steh ich
- Und schon im Kuppelsaal.
- Dort aber rundet
- Der offne Himmel.
- Ein Morgen
- Macht ihn schon fast
- Zum verschwommenen Knaben.
- Doch in dem hellen Boden
- Findet er sich bemessen
- Zu unseren Füßen wieder
- Genau
- Im bildenden Wasserteich.
-
- Wie da ruhen
- Über unseren Schultern
- Die einhaltenden Vögel,
- Die Planeten sich aus.
- Sitzen sanft eine Weil' nur,
- Geschlossene Flügel
- Auf atemlosen Säulen.
- Trällert einer im Schlaf.
- Aber als letzter
- Luzifer schwirrend
- Hebt sich hinweg
- Morgender Stern.
- Mit fernem Gelächter
- Spiegelnd Gefieder
- Im schon helleren Bassin.
-
- Nun aber seh ich
- Wolken grünen im Wasser.
- Sehe dreifach
- Das Strandgut treiben
- Im kleinen Umkreis
- Des Brunnenteichs.
-
- Wohl weiß ich,
- Und nimmer täuschet mich wer,
- Mattes und Morsches.
-
- Drei Dinge schwimmen,
- Kleines Brett Noahs,
- Binsenkorb Mosis,
- Holzspahn der Krippe
- Drei Schatten schwimmen
- Auf wachsendem Himmel.
- Nun aber schreiten --
- (Da es doch bald mehr Frühe ist)
- Die Männer hinaus,
- Die herrlichen
- Nach der Abfertigung.
- Über den Brauen
- Schimmern die Glatzen vor Osten
- Sie neigen und schreiten,
- Die Heiligen schreiten
- Hinter Planeten.
- Frühe Arbeiter
- Und kühl
- Von diesem Himmel und Frische.
- So schreiten sie,
- Ohne zu wecken,
- Gesenkte Stirnen,
- Aus allen Türen zugleich
- Hinaus aus diesem
- Kuppelkreis,
- Die Verschmäher der Speise.
-
-
-
-
-Die heilige Elisabeth
-
-
-für Gertrud Spirk
-
- Wie sie geht
- Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen,
- Unter dem noch versagenden Himmel,
- Dem atmenden Osten voraus!
- Über Stufen
- Steigend nieder
- Am Klirren vorbei des frühen Frühlings . . .
-
- Aber es wehen noch, es fliegen
- Die wahrhaft gläubigen Träumer
- Durch Träume auf schlagenden Fittichen,
- Über den unzähligen Morgen,
- Stürzen sich in die Meere,
- Brust und Haar voll Auferstehungswind.
-
- Ihre Füße lächeln
- Über die Steine nieder.
- Doch in den harten
- Gebeizten Händen
- Hält sie, die Dienende,
- Den gedeckten Korb.
-
- Nun drängen schon
- Hunde und räudige Krüppel,
- Krähende Tolle
- Sich an das Jenseits ihres Knies.
- Bettler mit Näpfen
- Heben sich auf,
- Gestreifte Kranke,
- Lampe in Händen,
- Hustende Kinder,
- Betrunkene Greise,
- Huren, Gelichter, sterbende Sünder,
- Wanken geschlossenen Auges ihr nach.
-
- Schon heult die Stadt auf
- Und ächzt in ihren Morgen ein.
- Durch den Nebel der Kaserne
- Bricht die entsetzliche Trompete.
- In den Asylen krächzt
- Der Greis, gewälzt von der Bettstatt.
- Flößerruf!
- Die schweren unseligen Pferde
- Neigen in Höfen ihr Haupt.
-
- Sie geht noch,
- Eh sie verfließt,
- Eh ihr Aufwärtslächeln
- Sich einmischt in die Antwort des Himmels,
- Sie geht noch die Magd,
- Sie weht noch die hohe Deutsche . . .
- O Dämmerung ihres Haars,
- O Schritt, o Blick,
- Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde!
-
-
-
-
-Der Ruf
-
-
- So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor,
- Und hielt mit ihrer Hand den Durchblick zu.
- Ihr Kleid sang westlich im tiefen Wind.
-
- Dort aber war der Tag,
- Wo Munde abwärts ernster werden,
- Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden.
- Des Auges Willen geht dort nicht mehr aus vor Herz.
- Nicht rast das Antlitz mehr dort,
- Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich.
- Der Schritt verwaltet keinen Tanz mehr dort.
- Schritt schreitet Arbeit, Arbeit, dort und Verlust.
-
- Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein.
- Doch ihre Hand vor ausblickendem Aug.
- Das Haar im Zephyr leicht . . .
- Ich rief sie an.
-
- Doch wie sie sich wandte,
- Wie sie horchte nach dem Rufenden hin,
- Hob in den Lüften um sie ein Kampf an.
- Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind,
- Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar.
- Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs
- Warfen sich in die Saiten der Sonne,
- Töneten, sangen die Leichte zurück.
-
- Da aber wankte ihr Antlitz unter den Schatten,
- Und sie sah mich stehn im rollenden Tag,
- Sah mich unter den brüllenden Festen:
- Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit!
- Sie selbst war Wachsen schon der Brüst', Aufbruch des Munds.
- Ich rief noch einmal . . . .
- Wie im leichten Schmerze,
- Zögernd,
- Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu.
-
-
-
-
-Vergessen
-
-
- An dieses Flusses Walten wachend,
- Hinüberruhend
- Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang,
- Habe ich Dein vergessen.
- Vergaß Dein Antlitz,
- Deiner Züge Niederwehn
- In die offenen harten armen Händ'.
- Vergessen hab' ich Deinen Abendschmerz in diesem Abend . . .
- Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin.
- Das Gras braust in die Nacht.
- Weh mein Gesicht ist Sünde!
-
-
-
-
-Müdigkeit
-
-
- Tiefe Schwester der Welt
- Weilt auf bewimpeltem Bord,
- Schützt ihren Krug vor dem Glanz,
- Der schon im Westen zerstürzt.
-
- Mit dem Gelächter des Volks
- Löst sich das Schifflein und schäumt.
- Aber die Göttin und Gold
- Rollt mit den Wellen noch lang.
-
- Herz und Atem versinkt,
- Woge, in welchen Schlag?
- Mischt schon die Fledermaus
- Elemente und Mohn?
-
- Abendgestade und Blick
- Schwinden hin. Kiel und Delphin.
- Lebt noch über der Bucht
- Maulbeer, Limone und Öl?
-
-
-
-
-Schrei
-
-
- Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen,
- Ernste Frauen,
- Weilende Augen ohne Ebbe,
- Mit abwärts schon wachsendem Mund . . .
-
- Aber wir unten
- Wir Knechte
- In diesem Pfuhl von Luft!
- Ausatmend, einatmend,
- Die Zeit vertreibend,
- Gute Vergesser . . .
- Und dennoch
- Von uns befallen,
- Von uns befallen.
- Im Hals den großen Skorpion,
- Der an den Gaumen juckt.
- Den gebundenen Teufel,
- Mit Stachel und Scher',
- Den mordenden Asmodi,
- Der zum Mund ausführt,
- Verbindlich, eitel, wohlgestalt,
- Der Lügenvater
- Über unsere
- Edle
- Von Wahrheit blutende Lippe.
-
- Wir unten, wir,
- Hilflos wie Knechte!
- Erstickt von Betrügen
- Erwürgt von Verraten,
- Gebeugte Auswandrer
- Wir aus uns selber,
- Verbrecher, verfolgt
- Von gemordeten Worten.
- Wettläufer ins Aus,
- Preisspringer ins Ende,
- Von den Türmen der Stunden --
- Zerekelt, ewiglich, elend, --
- Träge uns schleudernd in Schlaf.
-
-
-
-
-Der Dichter
-
-
- Ah! Ich habe mich ausverraten.
- Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges,
- Aus den Kasernen der Verstellung ausgebrochen!!
- Das gepflegte Antlitz meiner Lüge,
- Das blatternarbige Antlitz meiner Wahrheit,
- Enträtselt sich zur Wahrheit.
- Ich schrieb mir unbekannte Chiffernschrift,
- Unerbittlich log ich Wahrheit.
- Nun beginne ich mich zu bedeuten,
- Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen,
- Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen . . .
- Hilflos
- Höhn ich mich Hilflosen von fern an.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
-Aus: »_Der Weltfreund_«
-
- An den Leser 4
- Kindersonntagsausflug 5
- Der dicke Mann im Spiegel 7
- Im winterlichen Hospital 9
- Sterben im Walde 11
- Das Malheur 12
- Erzherzogin und Bürgermeister 14
- Der Patriarch 15
- Solo des zarten Lumpen 17
- Der schöne strahlende Mensch 18
- Wanderlied 19
- Der kriegerische Weltfreund 20
- Ich habe eine gute Tat getan 21
-
-
-Aus: »_Wir sind_«
-
- Die Unverlassene 26
- Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte 27
- Vater und Sohn 28
- Die Witwe am Bette ihres Sohnes 29
- Balance der Welt 31
- Der Feind 32
- Eine alte Frau geht 33
- Nacht-Fragment 35
- Das erkaltende Herz 36
- Der göttliche Portier 37
- Ein Lebens-Lied 38
- Ein Anderes 40
- Amore 41
- Ich bin ja noch ein Kind 42
-
-
-Aus: »_Einander_«
-
- Lächeln Atmen Schreiten 48
- Das Jenseits 50
- Warum mein Gott 51
- Die Tugend 53
- Veni creator spiritus 54
- Abschied 56
- Der Erkennende 57
- Romanze einer Schlange 58
- Tempel-Traum 60
- Ein Abendgesang 62
- Mondlied eines Mädchens 63
- Eines alten Lehrers Stimme im Traum 65
- Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses 67
- Luzifers Abendlied 70
- Held und Heiliger 72
- Alte Dienstboten 75
- Jesus und der Äser-Weg 77
-
-
-_Neue Gedichte_
-
- An den Richter 82
- Gebet um Reinheit 85
- Einem Denker 88
- Ballade von Wahn und Tod 92
- Der Tempel 96
- Die heilige Elisabeth 100
- Der Ruf 102
- Vergessen 103
- Müdigkeit 104
- Schrei 105
- Der Dichter 106
-
-
-
-
-Kurt Wolff Verlag, Leipzig
-
-
-Von _Franz Werfel_ sind erschienen:
-
-_Der Weltfreund._ Gedichte.
-
-_Wir sind._ Neue Gedichte.
-
-_Einander._ Oden, Lieder, Gestalten.
-
-_Die Troerinnen des Euripides._ In deutscher Bearbeitung von Franz Werfel.
-
-Geheftet je M 2.50, gebunden in Halbleder M 4.50, in Pappband M 3.50.
-
-_Die Versuchung._ Ein Gespräch. Geheftet M -.80; gebunden M 1.50.
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESÄNGE AUS DEN DREI REICHEN ***
-
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