summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/41883-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '41883-0.txt')
-rw-r--r--41883-0.txt2746
1 files changed, 2746 insertions, 0 deletions
diff --git a/41883-0.txt b/41883-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..e9d3a63
--- /dev/null
+++ b/41883-0.txt
@@ -0,0 +1,2746 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41883 ***
+
+Gesänge
+aus den drei
+Reichen
+
+
+Ausgewählte Gedichte
+von
+Franz Werfel
+
+
+Kurt Wolff Verlag
+Leipzig
+
+
+Bücherei
+Der jüngste Tag
+29./30. Band
+Zweite Auflage
+
+
+Copyright 1917 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+
+
+
+Aus
+»Der Weltfreund«
+Gedichte
+1911
+
+
+
+
+
+An den Leser
+
+
+ Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein!
+ Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut,
+ Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im
+ Abendschein,
+ Bist Du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut.
+
+ Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?
+ Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.
+ Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe,
+ Sei nicht hart, und löse Dich mit mir in Tränen auf!
+
+ Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß
+ Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen,
+ Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,
+ Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten
+ stellen.
+
+ Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofsamt,
+ Saß gebeugt über Kassabücher, und bediente ungeduldige Gäste.
+ Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt,
+ Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste.
+
+ So gehöre ich Dir und Allen!
+ Wolle mir, bitte, nicht widerstehn!
+ O, könnte es einmal geschehn,
+ Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!
+
+
+
+
+Kindersonntagsausflug
+
+
+ Vom Quai steigt eine Treppe zu Dampfschiff und Booten.
+ Oh, Kindersonntagsausflug! Wie abenteuerlich kam mir das alles vor.
+ Strahlender Fluß, Frühlingshimmel, Regattakähne, Eisenbahnbrücke,
+ Gerüste und Piloten,
+ Blauer Rauch in der Luft. Oh dünnes Gewebe, oh schwacher Flor!
+
+ Ein enges Brett -- schaukelnder Boden -- ich dachte an meine
+ Seegeschichten.
+ Worte wie Backbord, zwei Glas, Wanten, Lee, Marssegel fielen mir ein.
+ An einen kleinen Schiffsjungen dachte ich, an Matrosengesang und
+ Ankerlichten,
+ An gieblige Hafenhäuser und Schenken, in denen betrunkene Holländer und
+ Malayen schrein.
+
+ Auf schmalem Platz saß ich in meine ganz exotischen Phantasien
+ eingefangen.
+ Meine Mama löste beim Kassier eine Kinderkarte für mich.
+ Ich seh noch, wie einige Nickelstücke wieder in ihr silbernes Täschchen
+ sprangen,
+ Dann riß ein Mann an der Glocke -- Die
+ Maschinen unter uns stampften und rührten sich.
+
+ Was ich alles auf dem rotweißen Dampfer erlebte: Wasserhosen, Zyklone,
+ Am Äquator riß uns Champagner, Heimweh und Sternnacht zu lautem
+ Wahnsinn fort,
+ Am südlichen Wendekreis aber warf man ohne
+ Gebete und Tränen einen steinbeschwerten Leichnam über Bord. --
+
+ Oft sahn wir Land, Vulkane, weiß zugetürmte,
+ Insulaner schossen um unser Schiff und krächzten zu uns empor.
+ Und wenn das Meer glatt war, keine Wolke, kein Windvogel stürmte,
+ Warf man Geldstücke in die Tiefe, und Kinder tauchten danach und holten
+ sie hervor.
+
+ Und als die Räder langsamer schlugen und wir zum Landungsplatz glitten,
+ Da erkannte kaum den einfachen Hügel mein Blick.
+ Ich ging ans Ufer mit kleinen, ganz unsicheren Schritten,
+ Und hörte wie im Traume vom Restaurationsgarten her die donnernde
+ Militärmusik.
+
+
+
+
+Der dicke Mann im Spiegel
+
+
+ Ach Gott, ich bin das nicht, der aus dem Spiegel stiert,
+ Der Mensch mit wildbewachsner Brust und unrasiert.
+ Tag war heut so blau,
+ Mit der Kinderfrau
+ Wurde ja im Stadtpark promeniert.
+
+ Noch kein Matrosenanzug flatterte mir fort
+ Zu jenes strengverschlossenen Kastens Totenort.
+ Eben abgelegt,
+ Hängt er unbewegt,
+ Klein und müde an der Türe dort.
+
+ Und ward nicht in die Küche nachmittags geblickt,
+ Kaffee roch winterlich und Uhr hat laut getickt,
+ Lieblich stand verwundert,
+ Der vorher getschundert
+ Übers Glatteis mit den Brüderchen geschickt.
+
+ Auch hat die Frau mir heut wie immer Angst gemacht
+ Vor jenem Wächter Kakitz, der den Park bewacht.
+ Oft zu schnöder Zeit,
+ Hör im Traum ich weit
+ Diesen Teufel säbelschleppen in der Nacht.
+
+ Die treue Alte, warum kommt sie denn noch nicht?
+ Von Schlafesnähe allzuschwer ist mein Gesicht.
+ Wenn sie doch schon käme
+ Und es mit sich nähme,
+ Das dort oben leise singt, das Licht!
+
+ Ach abendlich besänftigt tönt kein stiller Schritt,
+ Und Babi dreht das Licht nicht aus und nimmt es mit.
+ Nur der dicke Mann
+ Schaut mich hilflos an,
+ Bis er tieferschrocken aus dem Spiegel tritt.
+
+
+
+
+Im winterlichen Hospital
+
+
+ Himmel wird sich bald entblättern,
+ Aber Licht ist noch genug.
+ Ach, und kleine Stimmen, die ans Fenster klettern
+ Von Winterwind ein Flug.
+ Und dunkle Sonne im Wasserkrug.
+
+ Draußen gibt es Blumen zu kaufen,
+ Da sind Kinder vorübergelaufen.
+ Doch der Hof tönt von behutsamen Schritten.
+ Die Erwachsenen haben zärtliche Sitten. . .
+
+ O Verband, der erlöst! -- Nicht regen, nicht rühren!
+ Doch kann ich noch spüren,
+ Wie Bewußtsein mit Ruderschlägen
+ Vom Lande stößt.
+
+ Vorbei -- vorbei
+ An Wildnis und Fläche!
+ Dort stürzen Bäche,
+ Schon atmet die Steppe,
+ Die ewige frei. . .
+
+ Was tönt im Haus,
+ Gedämpft über die Treppe?
+ Ist die Besuchsstunde schon aus?
+ Jetzt liegen die kranken Brüder da,
+ Einen lieben Gegenstand in der Hand,
+ Von Eau de Cologne ein frischer Flacon,
+ Und, ach, ein neuer Engelhornband.
+
+ Ich will nicht klagen, daß niemand
+ Im fremden Land
+ Meine Türe aufgetan
+ Freundlich mir zugewandt.
+
+ Wer trat herein?
+ So leicht und unbefangen,
+ Mit einem lila Shawl
+ Und tanzerregten Wangen,
+ Wie bei der Damenwahl?
+
+ Nun hat es sich doch erfüllt!
+ O Erinnerung! O Schlacht auf den katalaunischen Gefilden!
+ O Geschichtsstunden, wo wir uns einbilden
+ Erschlagene Krieger zu sein!
+
+ Da kamst Du immer dem treuen,
+ Dem Knaben Blumen zu streuen.
+ So ist es wieder geschehn?
+ Schon stürzten die Speere und Schilde,
+ Nun darf auch mein armes Gefilde
+ In Abend und Tränen stehn.
+
+ »Schwester, so spät ist es schon?«
+ »Ja, ich bringe die Abendbouillon.«
+
+ Treibe -- Treibe
+ Im Strome von dannen.
+ Rings breitet die Scheibe
+ Sich weiter Savannen.
+ An sandigen Stellen,
+ Im Dunkeln, im Hellen,
+ An niedrigen Feuern,
+ Nach Abenteuern
+ Gelagerte Männer
+ Bereiten ein Mahl.
+
+
+
+
+Sterben im Walde
+
+
+ Im Himmel, Grün, Wind und Baumdunkel verfangen,
+ Von Farren und Gräsern umwachsen Glieder und Wangen
+ Bin ich im Walde melodisch zu Grunde gegangen.
+
+ Nun beginnt die süße Verwesung mich zu verzehren.
+ Ameisen und Raupen kriechen über meine Augen.
+ Und kein Wimperzucken will ihnen wehren.
+ Unten auf der Promenade spaziert ein internationales Publikum.
+ Entfernter Klang von Sand, Damenkleidern und Kinderstimmen.
+ Ich weiß: Viele elegante Leute gehen da herum.
+
+ Nadeln, Laub, Zweige und Tannenzapfen fallen auf mein Gesicht,
+ Und Fliegen, doch auch Bienen und Schmetterlinge verschmähen meine
+ Lippen nicht.
+
+ Oh jetzt! Leise und dennoch mächtig angeschwellt,
+ Beginnt sich das unvergleichliche Rigolettoquartett auszubreiten.
+
+ Und meine Seele fällt ein:
+ _Du bist auf der Welt!_
+ Und verteilt sich jauchzend nach allen Seiten.
+
+
+
+
+Das Malheur
+
+
+ Als das Mädchen die Schüssel fallen ließ, blieben alle Gäste anfangs
+ stumm,
+ Nur die Hausfrau sagte etwas und drehte sich nicht um.
+ Das Mädchen aber stand regungslos, wie in unnatürlichen Schlaf gesenkt,
+ Krampfhaft die Arme zu einer rettenden Geste verrenkt.
+
+ Jedoch dem Mitleid der Gäste hatte sich scheues Erstaunen zugesellt.
+ Denn sie sahen plötzlich Eine mitten in ein Schicksal gestellt.
+
+ Kamen schon die Stubenmädchen mit Tüchern und
+ Besen, der Diener und selbst der Herr vom Haus.
+ Sie aber ging ganz wunderschön von Kindheit und Heimweh hinaus.
+
+ In der Küche setzte sie sich auf die Kohlenkiste, legte die Hände in
+ den Schoß
+ Und weinte vielfach, in allen Lagen, nach aller Kunst, voll Genuß, laut
+ und grenzenlos.
+
+ Als man dann spät und geräuschvoll Abschied nahm,
+ War sie es, die wie aus Ehrfurcht das reichste Trinkgeld bekam.
+
+
+
+
+Erzherzogin und Bürgermeister
+
+
+ Die Erzherzogin hatte eine wunderschöne, hohe und gerade Gestalt,
+ Aber ihr Gesicht, wie war das schon enttäuscht, schüchtern und alt.
+
+ Und der dicke Herr, der sie mit wehmütiger Verbeugung empfing,
+ War so aufgeregt, daß ihm manche Träne in den Wimpern hing.
+
+ Die beiden schauten vorbei, und konnten einander nicht ins Auge sehn.
+ Nein! Als wären sie Kinder, die vor Erwachsenen stehn.
+
+ Die hohe Frau sagte etwas auf, wie einen Geburtstagswunsch, so leise
+ und verzagt.
+ Und er antwortete darauf, als würde er in der Schule Vokabeln gefragt.
+
+ Und während sie manches sprach, was dachte sie?
+ Gott, Gott, Gott! Wie gemütlich ist doch abends meine Bridgepartie.
+
+ Und er dachte traurig und gebückt, daß er sogar einmal Hoheit zu sagen
+ vergaß,
+ Wie schön sichs sommermittags in Hemdärmeln bei Tische saß.
+
+ Da wußten sie, daß sie einander müßten quälen und erkannten ihr böses
+ Los,
+ Und in diesen beiden Seelen wurde echte Demut groß.
+
+ Und als der Empfang zu Ende, sagte ich mir: Gott sei Dank,
+ Daß es zu keinem Skandal kam und das Paar nicht auf die Kniee sank,
+
+ Die Hände hob, abbittend Müh und Trübsal, die eins dem andern schuf,
+ Da doch Einanderfreudemachen schönster Menschenberuf.
+
+
+
+
+Der Patriarch
+
+
+ Die Hütte, Schiffsgebälk, Öllampen, Fisch- und Trangeruch.
+ O könnt' ich hier -- ein Patriarch -- die atmende Gemeine lehren!
+ Die harten Greise, hohen Bursche, all die Dirne und die schweren
+ Schwieligen Schiffspatrone, kauend Priem und Fluch.
+
+ Woher und wann ich kam, o Bardenlied, doch mein Besuch
+ Heilt Kranke, meine Stimme schallt, die Seenot abzuwehren.
+ Göttlich erglänzt mir Stirn und Bart. Das Volk wird beide ehren,
+ In fernem Angedenken segnend Tat und Spruch.
+
+ Und wenn ich einst auf meinem Steinsitz, wie in Sinnen stürbe,
+ Sie sollten mich begraben in der frostgeprüften Erde,
+ Wo über meinem Hügel Renntierherden weiden!
+
+ Nicht Kinderlust, nicht Kräuter würden auf der Böschung mürbe,
+ Wehmütter pflückten hier Salbei, zu nahender Beschwerde,
+ Sich einen kräftig-heiligen Teetrank zu bereiten
+
+
+
+
+Solo des zarten Lumpen
+
+
+ Nun wieder eine Nacht durchjohlt
+ Ist rings der Stadtpark aufgewacht.
+ Allee, der Wasserfall, ein Vogelzwitschern ohne Mühe.
+ In der durchsichtigen Frühe.
+ Nach falschbekränzter Nacht
+ Hast Du mich eingeholt.
+
+ Wie ich Dich gestern sah. . .
+ Bewegte Straße glitt
+ Dein Gang. Wer dürfte frevelnd sagen,
+ Daß unter Röcken und Jackett, so leicht getragen,
+ Sich mehr verbarg als Atemzug und Schritt,
+ Du Schlanke fern und nah!
+
+ Gefühl, geheimer Sinn
+ Und ein Gedanke kam.
+ Elysisch aufgeregt blick ich zum leichten Himmel hin, zur leichten
+ Erden.
+ Heiraten wirst Du, Du wirst Mutter werden! --
+ Warum zerschmilzt mich Scham?
+ Was reißt mich Wonne hin?
+
+ Noch höher bist Du bald
+ Und weiter mir entrückt.
+ Denn was vergöttlicht? Leiden! Du wirst leiden
+ Im Erker sitzen seh ich Dich verständig und bescheiden,
+ Von Schmerz und Glück bedrückt,
+ Nun mildere Gestalt!
+
+ In die Natur und Pflicht
+ Wächst lieblich Du hinein.
+ Ich aber treibe mich herum in parfümierten Vestibülen,
+ In überheizten Zimmern schwelge ich auf Pfühlen;
+ Du denkst an Dinge rein,
+ An Windeln, Kindgewicht.
+
+ Drum soll es so geschehn!
+ Von Wolken lieb umdrängt,
+ Zieh mir vorbei in Wind und solchem Morgen oben!
+ Ich will Dich bebend hochbeloben,
+ Und Blick und Bart gesenkt
+ Vor Dir in Andacht stehn.
+
+
+
+
+Der schöne strahlende Mensch
+
+
+ Die Freunde, die mit mir sich unterhalten,
+ Sonst oft mißmutig, leuchten vor Vergnügen,
+ Lustwandeln sie in meinen schönen Zügen
+ Wohl Arm in Arm, veredelte Gestalten.
+
+ Ach, mein Gesicht kann niemals Würde halten,
+ Und Ernst und Gleichmut will ihm nicht genügen,
+ Weil tausend Lächeln in erneuten Flügen
+ Sich ewig seinem Himmelsbild entfalten.
+
+ Ich bin ein Korso auf besonnten Plätzen,
+ Ein Sommerfest mit Frauen und Bazaren,
+ Mein Auge bricht von allzuviel Erhelltsein.
+
+ Ich will mich auf den Rasen niedersetzen
+ Und mit der Erde in den Abend fahren.
+ Oh Erde, Abend, Glück, oh auf der Welt sein!!
+
+
+
+
+Wanderlied
+
+
+ Glaubst Du, Deine Schritte sind vergangen,
+ Die einst kies- und straßenüber klangen?
+ Deine schwergesenkten, Deine leichtgelenkten,
+ Deine volksvermengten, Deine kindgedrängten,
+ Deine Schritte laufen oder schleppen
+ Ewig weiter über Weg und Treppen.
+
+ Glaubst Du, Deine Worte sind verloren,
+ Die Dein wallendes Gemüt geboren?
+ Hangend in den Häusern, unter Toren,
+ Sinken sie in vorbestimmte Ohren,
+ Bilden sich zu wunderlicher Stunde,
+ Und entflattern neu dem Enkelmunde.
+
+ Glaubst Du, Sohn, Du könntest Dein sie heißen,
+ Schritt und Worte, die ins Weite reisen?
+ Oder wähnst Du, daß der graue, alte
+ Ahnherr diese sprach und jene wallte?
+ Und ist gar aus diesem Lied zu lesen,
+ Daß Du selbst der Bärtige gewesen?
+
+
+
+
+Der kriegerische Weltfreund
+
+
+ Schon bin ich voll und klar,
+ Dem noch so arg zu Mut.
+ Der bös und bitter war
+ Nun ist er gut.
+
+ Bosheit, die mich zerwirrt,
+ Rache und falscher Stoß,
+ Ach, meine Güte wird
+ An ihnen groß!
+
+ Schäumst Du noch, dunkles Blut,
+ Wenn Hohn sich feig vermummt,
+ Sternaufgebäumte Wut,
+ Bist Du verstummt?
+ Der sich zu Boden schmiß,
+ Keuchend und krankgehetzt,
+ Nachts in die Pölster biß
+ Wie tönt er jetzt?
+
+ Bosheit und feigen Hohn,
+ Alles, was falsch mich haßt,
+ -- O wie stark bin ich schon --
+ Lad ich zu Gast
+
+ Dämonen in Erz und Stahl
+ Wandeln sich, werden rein,
+ Stürze mit einem Mal
+ In mich herein.
+
+
+
+
+Ich habe eine gute Tat getan
+
+
+ Herz frohlocke!
+ Eine gute Tat habe ich getan.
+ Nun bin ich nicht mehr einsam.
+ Ein Mensch lebt,
+ Es lebt ein Mensch,
+ Dem die Augen sich feuchten,
+ Denkt er an mich.
+ Herz, frohlocke:
+ Es lebt ein Mensch!
+
+ Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam,
+ Denn ich habe eine gute Tat getan,
+ Frohlocke, Herz!
+ Nun haben die seufzenden Tage ein Ende.
+
+ Tausend gute Taten will ich tun!
+ Ich fühle schon,
+ Wie mich alles liebt,
+ Weil ich alles liebe!
+ Hinström ich voll Erkenntniswonne!
+ Du mein letztes, süßestes,
+ Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!
+ _Wohlwollen!_
+ Tausend gute Taten will ich tun.
+
+ Schönste Befriedigung
+ Wird mir zu Teil:
+ Dankbarkeit!
+ Dankbarkeit der Welt.
+ Stille Gegenstände
+ Werfen sich mir in die Arme.
+ Stille Gegenstände,
+ Die ich in einer erfüllten Stunde
+ Wie brave Tiere streichelte.
+
+ Mein Schreibtisch knarrt,
+ Ich weiß, er will mich umarmen.
+ Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,
+ Geheimnisvoll und ungeschickt
+ Klingen alle Saiten zusammen.
+ Das Buch, das ich lese
+ Blättert selbst sich auf.
+
+ . . . . . . . . . . . . . .
+ Ich habe eine gute Tat getan!
+
+ Einst will ich durch die grüne Natur wandern,
+ Da werden mich die Bäume
+ Und Schlingpflanzen verfolgen,
+ Die Kräuter und Blumen
+ Holen mich ein,
+ Tastende Wurzeln umfassen mich schon,
+ Zärtliche Zweige
+ Binden mich fest,
+ Blätter überrieseln mich,
+ Sanft wie ein dünner,
+ Schütterer Wassersturz.
+ Viele Hände greifen nach mir,
+ Viele grüne Hände
+ Ganz umnistet
+ Von Liebe und Lieblichkeit
+ Steh ich gefangen.
+
+ Ich habe eine gute Tat getan,
+ Voll Freude und Wohlwollens bin ich
+ Und nicht mehr einsam
+ Nein, nicht mehr einsam.
+ Frohlocke, mein Herz!
+
+
+
+
+Aus
+»Wir sind«
+Neue Gedichte
+1913
+
+
+
+
+
+Die Unverlassene
+(Der Besuch aus dem Elysium)
+
+
+ Es kommt die eine neue Nacht.
+ Du bist von Ferne aufgewacht,
+ Und neben Dir ist Schnarchen schwer.
+ Und ach vom Gitterbettchen her
+ Ein Weinen klein und unbewußt.
+ Da schlägst Du Deine Decke um,
+ Nimmst ohne Glück und stumm
+ Das Kind an Deine Brust.
+
+ Wenn mühsam Tag sich näher drängt
+ Und Dich in Erdenlos verfängt,
+ Wird Schoß und Lippe wissensschwer,
+ Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr,
+ Wächst Dir ums Aug' der dunkle Strich,
+ Gedenke und erinnere Dich,
+ Daß jener Bot' aus besserer Welt
+ Dich seltsam in der Seele hält!
+
+ Weißt Du, weißt Du den Abendgang,
+ Wo noch Dein Wesen glitt und sprang?
+ Wer fühlte einst im Elternhaus,
+ Wer Dich in Ewigkeit voraus?
+ Wenn Du Dich einsam meinst,
+ Wer kannte schon den Schmerzenston,
+ In wessen Kehle brannte schon
+ Das Weinen, das Du jetzt weinst?!
+
+
+
+
+Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte
+
+
+ Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte
+ Und ich durch Dich ins Unermeßne schwärmte,
+ Erlebten diesen Tag nicht Abgehärmte,
+ Mühselig Millionen Unterdrückte?
+
+ Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte,
+ War Arbeit um uns und die Erde wärmte.
+ Und Leere gab es, gottlos Unerwärmte,
+ Es lebten und es starben Niebeglückte!
+
+ Da ich von Dir geschwellt war zum Entschweben,
+ So viele waren, die im Dumpfen stampften.
+ An Pulten schrumpften und vor Kesseln dampften.
+
+ Ihr Keuchenden auf Straßen und auf Flüssen!!
+ Gibt es ein Gleichgewicht in Welt und Leben,
+ Wie werd' ich diese Schuld bezahlen müssen!?
+
+
+
+
+Vater und Sohn
+
+
+ Wie wir einst im grenzenlosen Lieben
+ Späße der Unendlichkeit getrieben
+ Zu der Seligen Lust --
+ Uranos erschloß des Busens Bläue,
+ Und vereint in lustiger Kindertreue
+ Schaukelten wir da durch seine Brust.
+
+ Aber weh! der Äther ging verloren,
+ Welt erbraust und Körper ward geboren,
+ Nun sind wir entzweit.
+ Düster von erbosten Mittagsmählern
+ Treffen sich die Blicke stählern,
+ Feindlich und bereit.
+
+ Und in seinem schwarzen Mantelschwunge
+ Trägt der Alte wie der Junge
+ Eisen hassenswert.
+ Die sie reden, Worte, sind von kalter
+ Feindschaft der geschiedenen Lebensalter,
+ Fahl und aufgezehrt.
+
+ Und der Sohn harrt, daß der Alte sterbe
+ Und der Greis verhöhnt mich jauchzend: Erbe!
+ Daß der Orkus widerhallt.
+ Und schon klirrt in unseren wilden Händen
+ Jener Waffen -- kaum noch abzuwenden --
+ Höllische Gewalt.
+
+ Doch auch uns sind Abende beschieden
+ An des Tisches hauserhabenem Frieden,
+ Wo das Wirre schweigt,
+ Wo wirs nicht verwehren trauten Mutes,
+ Daß, gedrängt von Wallung gleichen Blutes,
+ Träne auf- und niedersteigt.
+
+ Wie wir einst in grenzenlosem Lieben.
+ Späße der Unendlichkeit getrieben,
+ Ahnen wir im Traum.
+ Und die leichte Hand zuckt nach der greisen
+ Und in einer wunderbaren, leisen
+ Rührung stürzt der Raum.
+
+
+
+
+Die Witwe am Bette ihres Sohnes
+
+
+ Mit meinem verflackernden Lichte
+ Besuche ich, Kind, Deinen Traum.
+ Im Schlaf erstaunt Dein Gesichte,
+ Doch faltet Dein Atem sich kaum.
+
+ Daß Du mich gestern verstießest,
+ Hat nimmer Dich bitter gemacht.
+ Daß Du mich alleine ließest
+ Die ängstliche Mitternacht.
+
+ Und doch. Ich will Dich bewegen
+ Zu Leben und nächtlichem Mut.
+ Dein mächtiges Treiben und Regen
+ Durchläuft meinen Schatten mit Blut.
+
+ O Sohn! Dein Zechen und Speisen
+ Nährt Deine Mutter, ich weiß.
+ Dein Lärmen und Becherkreisen
+ Bewegt meinen Lebenskreis.
+
+ Und wenn ich sitze und sticke,
+ Dies Leben ist in Dich entrückt,
+ Aus meinem vergehenden Blicke
+ In Deine Augen gezückt.
+
+ Wie ich Dich bebend getragen
+ Im heilig erkannten Schoß,
+ Du wuchsest an bildenden Tagen
+ Und schmerztest und wurdest groß.
+
+ Und wie Du aus mir gemündet,
+ In Himmel und Welt und Haus,
+ Und wie Du in mir Dich entzündet,
+ So lösche ich in Dir aus.
+
+ Mein Leben ist ein Sichergießen
+ In Dein gerundetes Licht,
+ Im leidenden Überfließen
+ Erfüll ich die weltliche Pflicht.
+
+ Bald bin ich nichts als Dein Lachen
+ Nichts als Deines Mundes Gebot.
+ Laß mich Deinen Schlaf bewachen,
+ Mein Kind, mein Dasein, mein Tod.
+
+
+
+
+Balance der Welt
+
+
+ Ich klag' und klage: Harte Welt!
+ Doch fühl' ich, wie's mich auch umstellt,
+ Wie mir hier alles harte Welt,
+ So bin ich allem harte Welt!
+
+ Ja, Schuld ist das gewaltige Wort.
+ Es dreht die alten Globen fort.
+ Und eh' noch unsre Zeit beginnt,
+ Werden wir schuldig, daß wir sind!
+
+ Daß mich, o Freund, Dein Mordstoß traf,
+ Zerbrach ich meiner Mutter Schlaf,
+ Fluchte der Vater seinem Sohn.
+ Du Weltgesandter bringst den Lohn.
+
+ Gott, ich erkenn' Dich Zug um Zug!
+ Und Dich, Gesetz, in Deinem Lauf!
+ Es bricht hier keine Wunde auf,
+ Die ich mir nicht in andern schlug.
+
+
+
+
+Der Feind
+
+
+ Mein Feind, dem ich entgegenspeie,
+ In meiner Brust versammelnd kleine Schreie
+ Und in den Händen ohne Mut
+ Zerkrampfte Ohnmacht, halberlöschte Wut,
+ Mein Feind, Du trittst auf einen Pflasterstein!
+ Und da aus Deinem Auge fällt der Abendschein,
+ Der niedertropft in bläulich süßen Flammen.
+ Und weinend, unter Schwalben, ungeheuer sinke ich zusammen.
+
+ In mir steht der Erzengel groß,
+ Versöhnung bricht unendlich los.
+ Daß wir uns schlugen und zerrissen,
+ Mit dumpfem Witz und List beschmissen,
+
+ Daß wir dies trugen, jetzt erst kann ich's fassen,
+ Dies Meucheln, dieses Auf-sich-tanzen-lassen.
+ Dies schlechte Leiden, alter Rache Trick,
+ Die Passion zu _diesem_ Augenblick!
+
+ Nun braust der Himmel als Posaunenmeer,
+ Triumphtrompeten schnellen drunterher.
+ Aus mir stürzt Liebe, Lieb', Weltsinn, der dunkel lag.
+ Und golden durch mich donnert jüngster Tag!
+
+
+
+
+Eine alte Frau geht
+
+
+ Eine alte Frau geht wie ein runder Turm
+ Durch die alte Hauptallee im Blättersturm.
+ Schwindet schon, indem sie keucht,
+ Wo um Ecken schwarze Nebel wehen.
+ Wird nun bald in einem Torgang stehen.
+ Laute Stufen langsam aufwärts gehen,
+ Die vom trägen Treppenlichte feucht.
+
+ Niemand hilft, wie sie ins Zimmer tritt,
+ Ihr beim Ausziehn ihrer Jacke mit.
+ Ach, sie zittert bald an Händ' und Bein'.
+ Schickt sich an mit schwerem Flügelschlagen
+ Aufgehobene Kost von alten Tagen
+ Auf des Kochherds armes Rot zu tragen.
+ Bleibt mit ihrem Leib und sich allein.
+
+ Und sie weiß nicht, wie sie kaut,
+ Daß in ihr sich Söhne aufgebaut.
+ (Nun, sie freut sich ihrer Abendschuh')
+ Was aus ihr kam, steht in andern Toren,
+ Sie vergaß den Schrei, wenn sie geboren,
+ Manchmal nur im Straßendrang verloren,
+ Nickt ein Mann ihr freundlich »Mutter« zu.
+
+ Aber Mensch, gedenke Du in ihr,
+ Ungeheuer auf der Welt sind wir,
+ Da wir brachen in die Zeiten ein.
+ Wie wir in dem Unbekannten hängen,
+ Wallen Schatten mit gewaltigen Fängen
+ Die ins letzte uns zusammendrängen.
+ Diese Welt ist nicht die Welt allein.
+
+ Wenn die Greisin durch die Stube schleift,
+ Ach, vielleicht geschieht's, daß sie begreift.
+ Es vergeht ihr brüchiges Gesicht.
+ Ja, sie fühlt sich wachsender in allem
+ Und beginnt auf ihre Knie zu fallen,
+ Wenn aus einem kleinen Lampenwallen
+ Ungeheuer Gottes Antlitz bricht.
+
+
+
+
+Nacht-Fragment.
+
+
+ Bald hat dies, hat dies alles ausgeschlagen.
+ Was muß ich noch im machtvoll einsamen Nachtbahnhof stehn
+ Und sehn, daß Lichter sind und Träger gehn,
+ die Felsen tragen, und sehn die schon verblichenen Wagen?
+
+ So vieles weiß ich mit mir, Herz- und Atemschreiten.
+ -- Ein Pikkolo schläft, ein Schutzmann schaut in den Wind. --
+ Wer weiß es denn, wie sehr wir alle beisammen sind.
+ Auch Deine leichten Schlafseufzer, Fernste, fühl' ich mit mir gleiten.
+
+ Gestern, wie tauchtest Du in Astern Dein Gesicht!
+ Und tanztest mit den Zähnen, tanztest mit den frechen Knien.
+ Und ach, Dein Gemsenlachen, das mich zu höhnen schien,
+ Nun ist es eingestimmt in mich, o Nacht, und weiß es nicht!
+
+ Auch Du Azucena, Mutter, von Traum zu Traum,
+ Suche den klaren Jungen im Waldpensionat!
+ Eng ist die Erd'. Wie fand ich Deinen Pfad?
+ Wir seh'n uns an und schweigen im gleichen Raum.
+ Ihr Unerreichbaren all', die wir voneinander wissen!
+ Wie sind unsre gleichen Hände uns fremd!!
+
+
+
+
+Das erkaltende Herz
+
+
+ Geschwisterliebe war einst.
+ Ich lief mit dem Mädi über die Wege
+ Und die Himmel, die vielen waren rege,
+ Die unergründlichen Berge standen weit --
+ Und im Zimmer die stündliche Zeit.
+
+ Die Wagen und Reisen,
+ Vergangene Speisen,
+ Die Schmerzen und Strafen,
+ Am Abend das Licht,
+ Und unser Gesicht
+ War ganz von Seele verschlafen.
+
+ Und tiefe Furcht war da, daß man einander stürbe,
+ Und manchmal weinte man wild in die Finsternis,
+ Bis treu der andre Atem kam.
+ Da war man so gewiß,
+ Daß Gott sei und man niemals lahm
+ Und niemals anders würde.
+ das waren Tränen und Brisen der Treue . . . .
+ Geschwisterliebe war einst.
+ Jetzt lieg ich oft auf meinem Kanapee.
+ Am Abend werden die Fenster groß.
+ Da läßt mich mein Atem los,
+ Und der Tod ist ganz in der Näh'.
+
+ Und muß ich vor meinem Spiegel stehn,
+ Da hat sich etwas gerächt.
+ Ich weiß, wie mir die Haare ausgehn --
+ Und die Zähne sind worden schlecht.
+
+ Und der Mund, der nichts ließ,
+ Jetzt kann er euch alle lassen
+ Und das Herz kann nicht fassen,
+ Wie es einst hieß!
+ Und wo hängen in den erstarrten Zimmern,
+ Hinter welkendem Glas,
+ Die ewigen Photographien?
+
+
+
+
+Der göttliche Portier
+
+
+ Da ich an Dir vorüberlief als Knabe,
+ Wuchst Du ins Tor unendlich aufgehoben.
+ Dein Dreispitz rührte Wappensterne oben.
+ Allmächtig sank Dein Bart. Mann mit dem Stabe!
+ Wie ich mich kindlich auch vergangen habe,
+ Gestickter Greis, Du tratst herein zu loben,
+ Warst sänftlich grausem Kindertraum verwoben,
+ Wo ich mich gelb einstürzen sah im Grabe.
+
+ Nun wieder, Bibelgott, erscheint Dein Bild!
+ Aus Kindernächten wallt Dein breitgelockter
+ Erzväterbart, der goldne Brust umquillt.
+
+ Die winterlichen Tressen klingeln mild,
+ Und tief beruhigt mich Dein weißbeflockter
+ Allgütiger Pelz, der durch die Sphären schwillt.
+
+
+
+
+Ein Lebens-Lied
+
+
+ Feindschaft ist unzulänglich.
+ Der Wille und die Taten,
+ Ein erdbewußtes Leben
+ In sich, was sind sie, Welt?
+ Es schwebt in jedem Schicksal,
+ Im Schritt der Lust und Schmerzen,
+ Im Morden und Umarmen,
+ _Anmut des Menschlichen!_
+
+ Nur das ist unvergänglich!
+ Sahst Du die wilden Augen
+ Buckliger Bauernmädchen?
+ Sahst Du, wie sie sich langsam
+ Weltdamenhaft verschleiern,
+ Sahst Du in ihnen blinken,
+ Das Grün von Festestraden,
+ Musik und Lampennacht?
+
+ Sahst Du den Bart von Kranken,
+ Ihr Wolken über Pappeln,
+ Wie er an Gott erinnert,
+ Getaucht in einen Sturm?
+ Sahst Du die große Güte
+ Im Sterben eines Kindes?
+ Wie uns der holde Körper
+ Mit Zärtlichkeit entglitt?
+
+ Sahst Du das Traurigwerden
+ Von Mädchen an, am Abend?
+ Wie sie die Küchen ordnen
+ Und fern, wie Heilige sind.
+ Sahst Du die schönen Hände
+ Durchfurchter Nachtgendarme,
+ Wenn sie den Hund liebkosen
+ Mit grobem Liebeswort?
+
+ Wer handelnd sich empörte,
+ Bedenke doch!! Unsagbar
+ Mit Reden und Gestalten
+ Sind wir uns fern und nah!
+ Daß wir hier stehn und sitzen,
+ Wer kann's beklommen fassen?!
+ Doch über allen Worten
+ Verkünd' ich, Mensch, _wir sind_!!
+
+
+
+
+Ein Anderes
+
+
+ Daß einmal mein dies Leben war,
+ Daß in ihm jene Kiefern standen
+ Und Ufer schlafend sich vorüberwanden,
+ Daß ich in Wäldern aufschrie sonderbar.
+ Daß einmal mein dies Leben war!
+
+ Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden,
+ Was trug der Fluß mit Schilf und Wolk' davon?
+ Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton
+ Von Ruderbooten, wie sie lachend landen,
+ Wo Ufer schlafend sich vorüberwanden.
+
+ Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton
+ Von Equipagen, dicht im Kies verfahren,
+ Kastanien- und Laternensprache waren
+ Noch da und Worte -- doch wo sind sie schon?
+ Wo bin ich -- und ich höre noch den Ton?
+ Kastanien- und Laternensprache waren
+ Noch da und? Atem einer breiten Schar.
+ Und mein war ein Gefühl von Gang und Haaren.
+ O Ewigkeit! -- Und werd' ich es bewahren,
+ Daß einmal mein dies Leben war!
+
+
+
+
+Amore
+
+
+ Wenn noch die Eitelkeit
+ Das Auge Dir entweiht,
+ Ist kommen nicht die Zeit.
+
+ Solang Du noch willst stehn
+ Auf Podien, gesehn,
+ Kann Glück's Dir nicht geschehn.
+
+ Wer sich noch nicht zerbrach,
+ Sich öffnend jeder Schmach,
+ Ist Gottes noch nicht wach.
+
+ Wer noch mit Eifer spitzt,
+ Daß er ein Weib besitzt,
+ Ist noch nicht ausgewitzt.
+
+ Erst wenn ein Mensch zerging
+ In jedem Tier und Ding,
+ Zu lieben er anfing.
+
+ Erst wer Erfüllung floh,
+ Wächst an zum Höchsten so,
+ Wird letzter Sehnsucht froh.
+
+ Erst wer sich jauchzend bot
+ Der Schande und der Not
+ Und zehnfach jedem Tod,
+
+ Im heiligen Verzicht,
+ Vor Liebe ihm zerbricht
+ Sein irdisch Angesicht!
+
+ Wohin schwillt er empor!
+ Was schwingt er überm Chor
+ Unendlich sein amor'!!
+
+
+
+
+Ich bin ja noch ein Kind
+
+
+ O Herr, zerreiße mich!
+ Ich bin ja noch ein Kind.
+ Und wage doch zu singen.
+ Und nenne Dich.
+ Und sage von den Dingen:
+ Wir sind!
+
+ Ich öffne meinen Mund,
+ Eh' Du mich ließest Deine Qualen kosten.
+ Ich bin gesund,
+ Und weiß noch nicht, wie Greise rosten.
+ Ich hielt mich nie an groben Pfosten,
+ Wie Frauen in der schweren Stund'.
+
+ Nie müht' ich mich durch müde Nacht
+ Wie Droschkengäule, treu erhaben,
+ Die ihrer Umwelt längst entflohn!
+ (Dem zaubrisch, zerschmetternden Ton
+ Der Frauenschritte und allem, was lacht.)
+ Nie müht' ich mich, wie Gäule, die ins Unendliche traben.
+
+ Nie war ich Seemann, wenn das Öl ausgeht,
+ Wenn die tausend Wasser die Sonne verhöhnen,
+ Wenn die Notschüsse dröhnen,
+ Wenn die Rakete zitternd aufsteht.
+ Nie warf ich mich, Dich zu versöhnen,
+ O Herr, aufs Knie zum letzten Weltgebet.
+
+ Nie war ich ein Kind, zermalmt in den Fabriken
+ Dieser elenden Zeit, mit Ärmchen, ganz benarbt!
+ Nie hab ich im Asyl gedarbt,
+ Weiß nicht, wie sich Mütter die Augen aussticken,
+ Weiß nicht die Qual, wenn Kaiserinnen nicken,
+ Ihr alle, die ihr starbt, ich weiß nicht, wie ihr starbt!
+
+ Kenn' ich die Lampe denn, kenn' ich den Hut,
+ Die Luft, den Mond, den Herbst und alles Rauschen
+ Der Winde, die sich überbauschen,
+ Ein Antlitz böse oder gut?
+ Kenn' ich der Mädchen stolz und falsches Plauschen?
+ Und weiß ich, ach, wie weh ein Schmeicheln tut?
+
+ Du aber, Herr, stiegst nieder, auch zu mir.
+ Und hast die tausendfache Qual gefunden,
+ Du hast in jedem Weib entbunden,
+ Und starbst im Kot, in jedem Stück Papier,
+ In jedem Zirkusseehund wurdest Du geschunden,
+ Und Hure warst Du, manchem Kavalier!
+
+ O Herr, zerreiße mich!
+ Was soll dies dumpfe, klägliche Genießen?
+ Ich bin nicht wert, daß Deine Wunden fließen.
+ Begnade mich mit Martern, Stich um Stich!
+ Ich will den Tod der ganzen Welt einschließen.
+ O Herr, zerreiße mich!
+
+ Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb,
+ In jeder Katz und jedem Gaul verreckte,
+ Und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb.
+ Bis, grauser Sünder ich, das Sakrament weh auf der Zunge schmeckte,
+ Bis ich den aufgefreßnen Leib aus bitterm Bette streckte,
+ Nach der Gestalt, die ich verhöhnt umwarb!
+
+ Und wenn ich erst zerstreut bin in den Wind,
+ In jedem Ding bestehend, ja im Rauche,
+ Dann lodre auf, Gott, aus dem Dornenstrauche.
+ (Ich bin Dein Kind.)
+ Du auch, Wort, praßle auf, das ich in Ahnung brauche!
+ Geuß unverzehrbar Dich durchs All: Wir sind!!
+
+
+
+
+Aus
+»Einander«
+Oden Lieder Gestalten
+1915
+
+
+
+
+
+Lächeln Atmen Schreiten
+
+
+ Schöpfe Du, trage Du, halte
+ Tausend Gewässer des Lächelns in Deiner Hand!
+ Lächeln, selige Feuchte ist ausgespannt
+ All übers Antlitz.
+ Lächeln ist keine Falte,
+ Lächeln ist Wesen vom Licht.
+ Durch die Räume bricht Licht, doch ist es noch nicht.
+ Nicht die Sonne ist Licht,
+ Erst im Menschengesicht
+ Wird das Licht als Lächeln geboren.
+ Aus den tönenden, leicht, unsterblichen Toren,
+ Aus den Toren der Augen wallte
+ Frühling zum erstenmal, Himmelsgischt,
+ Lächelns nieglühender Brand.
+ Im Regenbrand des Lächelns spüle die alte Hand,
+ Schöpfe Du, trage Du, halte!
+
+ Lausche Du, horche Du, höre!
+ In der Nacht ist der Einklang des Atems los,
+ Der Atem, die Eintracht des Busens groß.
+ Atem schwebt
+ Über Feindschaft finsterer Chöre.
+ Atem ist Wesen vom höchsten Hauch.
+ Nicht der Wind, der sich taucht
+ In Weid, Wald und Strauch,
+ Nicht das Wehn, vor dem die Blätter sich drehn . . .
+ Gottes Hauch wird im Atem der Menschen geboren.
+ Aus den Lippen, den schweren,
+ Verhangen, dunkel, unsterblichen Toren,
+ Fährt Gottes Hauch, die Welt zu bekehren.
+ Auf dem Windmeer des Atems hebt an
+ Die Segel zu brüsten im Rausche,
+ Der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn.
+ Horche Du, höre Du, lausche!
+
+ Sinke hin, kniee hin, weine!
+ Sieh der Geliebten erdenlos schwindenden Schritt!
+ Schwinge Dich hin, schwinde ins Schreiten mit!
+ Schreiten entführt
+ Alles ins Reine, alles ins Allgemeine.
+ Schreiten ist mehr als Lauf und Gang,
+ Der sternenden Sphäre Hinauf und Entlang,
+ Mehr als des Raumes tanzender Überschwang.
+ Im Schreiten der Menschen wird die Bahn der Freiheit geboren.
+ Mit dem Schreiten der Menschen tritt
+ Gottes Anmut und Wandel aus allen Herzen und Toren.
+ Lächeln, Atem und Schritt
+ Sind mehr als des Lichtes, des Windes, der Sterne Bahn,
+ Die Welt fängt im Menschen an.
+ Im Lächeln, im Atem, im Schritt der Geliebten ertrinke!
+ Weine hin, kniee hin, sinke!
+
+
+
+
+Das Jenseits
+
+
+ Wir kommen wieder, wir kehren heim
+ In Dich, Du gute Mutter unser.
+ Schon hängt uns, hängt uns über die Stirn,
+ Mild über die Stirne des Todes Flieder.
+
+ Wo fahren die feurigen Wolken hin,
+ Wo tanzen die mutigen Flüsse her,
+ Was will der Meere Spiel,
+ Das Laub an der Wand des Himmels gerankt?
+
+ Nun kehren wir heim, nun kehren wir ein,
+ Mehr ist als Dasein -- Gewesen sein,
+ Stark ist der Tod, doch siehe das Stärkste,
+ Stärker als Tod ist Musik.
+
+ In unsere Mutter kehren wir ein . . .
+ Gott fährt über uns, der gute Mann,
+ Da heben wir an, und heben uns auf,
+ Arien selige schweben wir hin,
+
+ Und hängen im Herzen der Sterblichen,
+ Und locken die ewigen Tränen.
+ Träne, klarer Planet! Hier leben wir,
+ Leben in Gnade, sind nichts als Lied.
+
+
+
+
+Warum mein Gott
+
+
+ Was schufst Du mich, mein Herr und Gott,
+ Der ich aufging, unwissend Kerzenlicht,
+ Und dahin jetzt im Winde meiner Schuld,
+ Was schufst Du mich, mein Herr und Gott,
+ Zur Eitelkeit des Worts,
+ Und daß ich dies füge,
+ Und trage vermessenen Stolz,
+ Und in der Ferne meiner selbst
+ Die Einsamkeit?!
+ Was schufst Du mich zu dem, mein Herr und Gott?
+
+ Warum, warum nicht gabst Du mir
+ Zwei Hände voll Hilfe,
+ Und Augen, waltend Doppelgestirn des Trostes?
+ Und eine Stimm aprilen, regnend Musik der Güte,
+ Und Stirne überhangen
+ Von süßer Lampe der Demut?
+ Und einen Schritt durch tausend Straßen,
+ Am Abend zu tragen alle
+ Glocken der Erde
+ Ins Herz, ins Herze des Leidens ewiglich?!
+
+ Siehe es fiebern
+ So viele Kindlein jetzt im Abendbett,
+ Und Niobe ist Stein und kann nicht weinen.
+ Und dunkler Sünder starrt
+ In seines Himmels Ausgemessenheit.
+ Und jede Seele, fällt zur Nacht
+ Vom Baum, ein Blatt im Herbst des Traumes.
+ Und alle drängen sich um eine Wärme,
+ Weil Winter ist
+ Und warme Schmerzenszeit.
+
+ Warum, mein Herr und Gott, schufst Du mich nicht,
+ Zu Deinem Seraph, goldigen, willkommenen,
+ Der Hände Kristall auf Fieber zu legen,
+ Zu gehn durch Türenseufzer ein und aus?!
+ Gegrüßet und geheißen:
+ Schlaf, Träne, Stube, Kuß, Gemeinschaft, Kindheit, mütterlich?!
+ Und daß ich raste auf den Ofenbänken,
+ Und Zuspruch bin, und Balsam Deines Hauses,
+ Nur Flug und Botengang, und mein nichts weiß,
+ Und im Gelock den Frühtau Deines Angesichts!
+
+
+
+
+Die Tugend
+
+
+ Die Lüge ist das Weib des Potiphar,
+ Mit schleppenträgem Kleide angetan.
+ Das ist bemalt mit allem, was da war,
+ Und ist, und sein wird. Mond und Sternenbahn,
+ Mit Frucht und Jahreszeit und Hof und Hahn,
+ Und Stadt und Meer und Schiff und Berg und Schar.
+ Und alles das, auf dem Gewande kreisend,
+ Hältst Du für wahr und für Dich unterweisend!
+
+ Die Welt ist Abfall. Und der Satan legt
+ Den Himmelsmantel an, mit Stern und Zeit.
+ Was durcheinander Ding an Ding bewegt
+ Ist Todesangst und letzte Eitelkeit.
+ Des Bösen Rechnung, Welt, ist stoßgefeit,
+ Sie scheint zu sein, weil sie kein Sein zerschlägt.
+ Wo Gottes Wahrheit weicht vor einem Kinde,
+ Und in die Knie bricht im geringsten Winde.
+
+ Doch ist Gesetz dadurch, daß man es bricht!
+ Die Welt ist Bruch und Schuld auf immerdar.
+ Allein darin verbürgt sie uns das Licht,
+ Und in der Sünde wird es offenbar.
+ Durch unser Leiden werden wir gewahr,
+ Wie Gott in uns durch eitles Tun zerbricht.
+ Und Sehnsucht wächst aus überströmten Tagen,
+ Zu opfern uns, uns selbst ans Kreuz zu schlagen.
+
+ So ist nur eins, das Opfer, was uns bleibt,
+ Im Sturm der Räume, und im Tanz der Uhr!
+ Die Stunde grinst herbei, die uns entleibt,
+ Und wir sind ohne Lohn und ohne Spur.
+ O Liebe, Opfer! Tötend, was uns treibt,
+ Sind wir erst, sind wir gegen die Natur.
+ Und ich bin Mensch, in meinem Menschenleben,
+ Dem Schein ein Sein, dem Unsinn Sinn zu geben.
+
+
+
+
+Veni creator spiritus
+
+
+ Komm heiliger Geist, Du schöpferisch!
+ Den Marmor unsrer Form zerbrich!
+ Daß nicht mehr Mauer krank und hart
+ Den Brunnen dieser Welt umstarrt,
+ Daß wir gemeinsam und nach oben
+ Wie Flammen ineinander toben!
+
+ Tauch auf aus unsern Flächen wund,
+ Delphin von aller Wesen Grund,
+ Alt allgemein und heiliger Fisch!
+ Komm reiner Geist, Du schöpferisch,
+ Nach dem wir ewig uns entfalten,
+ Kristallgesetz der Weltgestalten!
+
+ Wie sind wir alle Fremde doch!
+ Wie unterm letzten Hemde noch
+ Die Schattengreise im Spital
+ Sich hassen bis zum letzten Mal,
+ Und jeder, eh' er ostwärts mündet,
+ Allein sein Abendlicht entzündet,
+
+ So sind wir eitel eingespannt,
+ Und hocken bös an unserm Rand,
+ Und morden uns an jedem Tisch.
+ Komm heiliger Geist, Du schöpferisch,
+ Aus uns empor mit tausend Flügen!
+ Zerbrich das Eis in unsern Zügen!
+
+ Daß tränenhaft und gut und gut
+ Aufsiede die entzückte Flut,
+ Daß nicht mehr fern und unerreicht
+ Ein Wesen um das andre schleicht,
+ Daß jauchzend wir in Blick, Hand, Mund und Haaren,
+ Und in uns selbst Dein Attribut erfahren!
+
+ Daß, wer dem Bruder in die Arme fällt,
+ Dein tiefes Schlagen süß am Herzen hält,
+ Daß, wer des armen Hundes Schaun empfängt,
+ Von Deinem weisen Blicke wird beschenkt,
+ Daß alle wir in Küssens Überflüssen
+ Nur Deine reine heilige Lippe küssen!
+
+
+
+
+Abschied
+Ein Fragment
+
+
+Stimme
+
+ War Dein Gang in großer Sonne verschwebend,
+ War Dein windiges Kleid, mir vorüberlebend,
+ War der tiefe Atemzug Dein Gesicht,
+ War das alles ein Letztesmal,
+ Und ich ahnte den Abschied nicht?
+ Die Straße hat Deinen Fuß vergessen,
+ Erde und Ätherstrahl gaben Dein verschüttetes Lachen aus.
+ Die boshafte Treppe im Haus,
+ Wo aufwärts das Letztemal Dein Antlitz durch mich brach,
+ Wie das dunkelselige Licht
+ Durch erhabene Fenster der Tempel bricht,
+ Wissend höhnt mir die Treppe, nach.
+ Denn ich atmete nicht,
+ Daß Dein ferner Atem sich nicht mehr in meinen flicht.
+
+Antwort
+
+ Es gibt nicht eine Stelle,
+ Die Du durch Dich nicht abgestellt.
+ Es gibt nicht eine Helle,
+ Die von Dir nicht ins Finster fällt.
+ Alle Welt ist Letztesmal
+ Abschied heißt jedes Tal.
+
+ Mit müden Straßenbäumen bin ich weggeglitten,
+ Aus vielen Träumen bin ich abgeschritten.
+ Und doch, es eint,
+ Daß wir uns vorbeigeweint,
+ Und daß wir arm sind, ohne Gleichen,
+ Niemals zu uns hinüberreichen!
+ _O Abschied, Brunnen aller Worte!_
+
+
+
+
+Der Erkennende
+
+
+ Menschen lieben uns, und unbeglückt
+ Stehn sie auf vom Tisch, um uns zu weinen.
+ Doch wir sitzen übers Tuch gebückt,
+ Und sind kalt und können sie verneinen.
+
+ Was uns liebt, wie stoßen wir es fort?
+ Und uns Harte kann kein Gram erweichen.
+ Was wir lieben, das entrafft ein Ort,
+ Es wird hart und nicht mehr zu erreichen.
+
+ Und das Wort, das waltet, heißt: Allein!
+ Wenn wir machtlos zueinanderbrennen.
+ Eines weiß ich: Nie und nichts wird mein.
+ Mein Besitz allein: Das zu erkennen.
+
+ Sieh den Freund, der Deine Speise teilt,
+ Hinter Stirn und Antlitz sich versammeln.
+ Wo Dein Blick ihm auch entgegeneilt,
+ Weilt ein Fels, den Eingang zu verrammeln.
+
+ Wenn ich walle durch den Lampenbann,
+ Meine Schritte höre, böse Wandrer,
+ Dann erwach ich, und bin nebenan,
+ Und mir selbst ein Grinsender und Andrer!
+
+ Ja, wer niederfährt zu diesem Stand,
+ Wo das Einsame sich teilt und spaltet
+ Der zerrinnt sich selbst in seiner Hand,
+ Und nichts lebt, was ihn zusammenfaltet.
+
+ Keinem Schlaf mehr ist er einverleibt,
+ Immer fühlt er, wie wir selbst uns tragen.
+ Und die Nacht, die ihm, des Lebens bleibt,
+ Unabwendlich ist ein Wald zum Klagen.
+
+
+
+
+Romanze einer Schlange
+
+
+ Wo von den aufwärtsatmenden Vulkanen
+ Erhaben stürzet Gold um Gold,
+ Unter dem Blau, das in Orkanen
+ Tiefdröhnend durcheinander rollt,
+ Roll ich mich im Gerölle,
+ In meiner Quader Hölle,
+ Und starre stolz nach den Alleen,
+ Wo Bäume wehn, und weiße Füße wehn,
+ Und Sonne, Strom und Sommer toben hold.
+
+ Weh euch! Ich wurde wach als Schlange,
+ Und Feindschaft, Stolz und Haß sind mein Gebot.
+ Die Nachtigall zerbricht sich im Gesange,
+ Und stürzet ab in ihren Tod,
+ Wenn ich mit meinem Blicke
+ Sie banne und bestricke.
+ Das Liebliche entgeht mir nicht!
+ Ich bin im Licht der Bösewicht,
+ Vernichtung und Gericht, das euch bedroht.
+
+ Unendlich singen Amseln in den Kronen,
+ Und an den Quellen tönt die Kreatur.
+ Es ist mein Teil in Stein und Stolz zu wohnen,
+ Und die Gestalt zu sein, in die ich fuhr.
+ Sind alle guten Wesen
+ Zu Müttern auserlesen,
+ So haßt mit Wut mich meine Brut,
+ Und krümmt sich fort in dumpfem Mut,
+ Und ich gewunden auf dem Grunde starre nur.
+ Ich frage nicht, warum bin ich erschaffen
+ Zum Wurm in dem umblauten Reich?!
+ Denn keine Sehnsucht lebt, mich hinzuraffen,
+ Und ich allein will sein mir selber gleich.
+ Der Hölle siebentiefste Flammen,
+ Sie quälen nicht, den sie verdammen!
+ Mich schmerzt mein Kriechen nicht, wenn durch Alleen
+ Sich Bäume wehn und weiße Füße wehn,
+ Ich kann nicht weinen, liebe keinen, Wehe euch!
+
+
+
+
+Tempel-Traum
+
+
+ Wenn die Stunde saust,
+ Und die Frühe säumt,
+ Wacht der Schläfer schwer
+ Wie Ertrunkner auf.
+
+ Schlamm weilt auf der Stirn,
+ Und ins Haargewirr
+ Flechten Tang und Gras
+ Braunen Bettelkranz.
+
+ Und es ist ein Haus
+ Voll von Sang und Hall.
+ Lampe lebt in Rauch
+ Über Treppen hin.
+
+ Eine Mutter geht. . .
+ Und er weiß nicht wo,
+ Duft und Stimme wird
+ In der Höhe süß.
+
+ Doch ein Priester ernst
+ Schreitet in die Fern'
+ Seinem Stabe nach,
+ Goldnem Vogelknauf.
+
+ Und Vestalin sitzt
+ Bei dem Flammentier,
+ Springt ein Wind herein,
+ Hütet sie den Schoß.
+
+ Wo der Tempelbau
+ Oben offen ist,
+ Schwebt ein Adler groß
+ Unterm Morgenmeer.
+
+ Und die Schläferstirn
+ Löset ein Gesang,
+ Und das Herze wächst
+ Mit der Flut des Nils.
+
+
+
+
+Ein Abendgesang
+
+
+ Nun uns zu Häupten die Fledermäuse und graue Adler streichen,
+ Und wir im Dunste einer vergehenden Wiese stehn,
+ Geschiehts, daß atemeins wir uns flüchtige Hände reichen,
+ Eh wir ins Gestrüpp und das Licht des Schlafes eingehn.
+
+ Das ist die Stunde, wo alles erwacht, und Erstaunen
+ In unsere wirr überwachsenen Herzen fällt,
+ Daß wir sind -- und daß gute und böse Launen
+ Des Unverständlichen uns in die Welt gestellt!
+
+ Wer hat mich gewollt, daß ich Bosheit im Busen wälze,
+ Wer hat es gefügt, daß mich Güte, süß überschwemmt,
+ Wer gab mir die Demut -- und wer mir den Stolz und die Stelze,
+ Wer hat es vermocht, daß ich wandle mir selber so fremd?
+
+ Und wie uns zu Häupten verderbliche Vögel jagen,
+ Wir trüben uns alle und werden leichter und klein.
+ Und sinken wir hin, so regnen von ziehenden Tagen
+ Ferne Gefühle unseren Odem ein.
+
+ Da schwebt das Schiff im Schaume der Schrauben wieder,
+ Eh unser Auge ins Leere hinüberreift.
+ Seligkeit naht -- -- wie wenn schon erlöschende Lider
+ Süß die unmenschliche Lippe des Dichters streift.
+
+
+
+
+Mondlied eines Mädchens
+
+
+Für meine Schwester Hanna
+
+ Ich liege in gläsernem Wachen,
+ Gelöst mein Haar und Gesicht.
+ Am Boden in langsamen Lachen
+ Schwebt Mond, das unselige Licht.
+
+ Und wie mir die tödliche Helle
+ Die Stirn und das Auge befühlt,
+ Zerrinn ich und bin eine Welle,
+ Gekräuselt, entführt und gespült.
+
+ Die Mutter atmet daneben,
+ Der Vater schläft auf und ab.
+ Ich habe Attest um das Leben
+ Von allen, die ich lieb hab.
+
+ Jetzt gehn durch verwachsene Zimmer
+ Erzengel mit schrecklichem Schwert.
+ Ins Ohr weint mir immer, mir immer
+ Ein Kind, das mir nicht gehört.
+
+ Nachtlampe von tausend Betten
+ Des Leidens, der Mond mir scheint.
+ Ich möchte viel Schluchzendes retten,
+ Und bin es doch selbst, die weint.
+
+ All Ding im Zimmer verlassen,
+ Der Schuh, und der Tisch, und die Wand.
+ Ich möchte das Ferne anfassen,
+ Nur sein eine streichelnde Hand!
+
+ Ich möchte mit Fröstelnden spielen,
+ Und halten die Kalten im Arm!
+ Ich fühle, die Reichen und Vielen
+ Sind Kinder vor mir und so arm!
+
+ Für alle muß ich mich sorgen,
+ Mein Schlaf ist gläsern und schwebt . .
+ Ich horche, wie in den Morgen
+ Der Atem von allen sich hebt.
+
+ Im Fenster wehn Bäume zerrissen,
+ Viel Himmel sind windig in Ruh.
+ Ich decke mit meinen Kissen
+ Die frierenden Welten zu.
+
+
+
+
+Eines alten Lehrers Stimme im Traum
+
+
+ Durch einen Traum der Straße oder gar
+ Durch eine Straße im Traum . . . . . . . .
+ Von fern kam Deine Stimme wunderbar.
+ Ich hörte kaum, groß zogen durch den Raum
+ Die goldenen Begräbnisse, Turm und Baum
+ Traten im Himmel ein -- und tiefer Schaum
+ Von Winter, Blum' und Damen regnete mich ein.
+ In einem Traum der Straße hörte ich Dich sein,
+ Im Straßentraum die Stimme aus begrabnem Jahr,
+ Die Stimme, die einmal in einer alten Wohnung war.
+
+ Ich hörte Deine Stimm' und wie Du heißt,
+ Und dachte an des Vaters Gestalt,
+ Der mit Dir sprach, und dachte an der Ahne Geist.
+ Die unter Sternen reisen, mild und kalt,
+ Und daß auch mich der Wind in Kreise reißt,
+ Im Traum der Straße, die mein Vater vor mir wallt,
+ Im Straßentraum dacht ich an einen Bart,
+ An eine Hand, vereist und brauner Art.
+ An ungeheure Worte dacht ich: _war_ und _alt_.
+
+ Im Straßentraum, da Gold vorüberfuhr,
+ Und liebend ein Sonntagswind,
+ Von fern erfuhr ich Deine Spur,
+ Und drehte mich nicht um, vom Träumen blind.
+ Ich weiß nicht, wo Du wandelst, weiß und nicht geschwind.
+ Und ob Du bist, oder im Traume nur.
+ Doch von den Kerzen lind, die in mir sind,
+ Hub eine in der Kirche an und ist entbrannt,
+ Und ein Gefühl, verloren und noch unbenannt,
+ Begann, o Straßentraum, im Wind unterm Azur.
+
+
+
+
+Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses
+
+
+Adam
+
+ Müde in den schmerzensreichen Schuhn,
+ Durch den Tag der Straßenqual gegangen . . .
+ Fang mich, Abend, auf, in Dir zu ruhn,
+ Süßer Ort, aus dem ich angefangen!
+ Meinen Pack von alten Schultern nun
+ Werf ich ab mit einem langen, langen
+ Atem, um mich ganz in Dich zu tun.
+
+ Ja ich tauche auf aus allem Staub,
+ Süße Mauer, traumwärts hergebaute,
+ Tiefer Wind, der sich ins Haar mir staute,
+ Als der Engel loderte im Laub!
+ Ja ich komme mit den schweren Rinnen,
+ Scharfen Tränenschluchten im Gesicht.
+ Gärtner mit dem Bart, verstoß mich nicht,
+ Höre auf, mich zu beginnen!
+ Laß zum Tor verstürzen das Gemäuer.
+ Schlage eine kleine Bresche ein,
+ Daß ich sanft in einem Weidenfeuer,
+ Oder kräuselnd mich am Bach ein scheuer
+ Windgefährte hebe an zu sein.
+
+Stimme aus dem Garten
+
+ Ich darf Dich nicht lassen ein,
+ Und darf mich nicht lassen aus,
+ Ich muß mich fassen ein,
+ Und gieße Dich in Gassen aus.
+ Mein Haus ist wüst,
+ Meinen Garten hast Du versandet,
+ Ich bins, der für Dich büßt.
+ Kein Schwan mehr landet
+ In meinem See, der hohlgeht und brandet.
+ Die alten Bäume sind verbrannt,
+ Die schönen Tiere starben in Gesträuchen,
+ Und ich vermag die Würmer nicht zu scheuchen,
+ Aus meinem Beet und Rebenstand.
+ Im Herbst, wie eine alte Frau
+ Wall ich vorbei an eingesunkenen Malen,
+ So bettelhaft.
+ Dein ist die Kraft.
+ Mach, daß ich möge neu erstrahlen,
+ Aus dieser Wüste weggeworfener Schalen,
+ Den guten Garten wieder auferbau!
+
+Adam
+
+ Durch tausend abgespannte Stunden
+ Hab ich zu Dir mich hergefunden,
+ Du wirfst mich fort.
+
+Stimme auf dem Garten
+
+ Wir sind, mein Sohn, so sehr verbunden,
+ Daß Du Dich triffst mit Deinem eigenen Wort.
+
+Adam
+
+ Erbarm Dich mein!
+
+Stimme aus dem Garten
+
+ Erbarm Dich mein!
+
+Adam
+
+ Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen,
+ Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen?
+ Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht?
+
+Stimme aus dem Garten
+
+ Ich habe meine Gnade ausgegeben,
+ Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben,
+ Für Dich hab ich sie ganz,
+ Du nie für mich gebraucht.
+
+Adam
+
+ So wird dies Altern nimmer enden,
+ Und keine Heimat macht mich wieder klein?
+
+Stimme aus dem Garten
+
+ Bestelle mich mit Deinen Händen,
+ Und Heimat werden wir uns beide sein,
+ Und kehren ein!
+
+Adam
+
+ Weh, daß kein andres Wort mich tröste,
+ Und dies zurücke mich in Städte stößt!
+
+Stimme aus dem Garten
+
+ Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste,
+ So wart' ich weinend, daß Du mich erlöst.
+
+
+
+
+Luzifers Abendlied
+
+
+ Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre,
+ Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt . . .
+ Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre,
+ Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt.
+
+ Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen.
+ Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt.
+ Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen
+ Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt.
+ Und dem furchtbaren Blick erscheint in der alternden Kammer
+ Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt.
+ Mutter, das Schwert im Herzen, die all ihren Jammer
+ Heilig ertragend im Hause die Hände rührt.
+
+ Jugend geht in den Krieg und schweiget. Geizige Knochen
+ Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt.
+ Selbst die Unschuld, geboren aus blutigen Wochen
+ Hat den Leib einer lieblichen Frau verheert.
+
+ Und sie tragen sich selbst mit Worten. Elend ist Glaube!
+ Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch.
+ Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube,
+ Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch.
+
+ Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren.
+ Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil.
+ Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren.
+ Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil.
+
+ Ich bin der Geist ihrer Klage, der Gnadenlose und Klare,
+ Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt!
+ Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre,
+ Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt.
+
+ Aber seh ich am Abend die so geliebten Gestalten,
+ Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt
+ Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten
+ Kalten Himmels, Stern, der meinen unseligen Namen lebt.
+
+
+
+
+Held und Heiliger
+Prophezeiung an Alexander
+
+
+Held
+
+ Du Entfachter auf dem Scheiterhaufen,
+ Dem die Feuer um die Stirne laufen,
+ Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen
+ An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen?
+
+Heiliger
+
+ Reiter Du auf dem bebuschten Pferde,
+ Sieh mich an. Ich bin die Schuld der Erde!
+ Und ich zahl mich! Wie die Aschen sinken,
+ Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken.
+
+Held
+
+ Nennst Du Trank Dich und zerbrichst den Becher,
+ Sieh mich an! So nenne ich mich Zecher.
+ Dieses Da ist da, daß ich es saufe,
+ Und wer mich säuft, meiner überlaufe!
+
+Heiliger
+
+ Eitelster, der auf dem Rosse reitet,
+ Deinem Pferd ist mehr die Welt bereitet!
+ Ohne Opfer soll Dir Gott gehören?
+ Wen Gott will, den muß er sich zerstören!
+
+Held
+
+ Kann dies Jetzt denn ohne mich geraten?
+ Gibt es Leben außer meinen Taten?
+ Du und Er und alle sieben Reiche
+ Sind, wenn ich sie in die Tasche streiche.
+
+Heiliger
+
+ Nennst Du Leben die verruchten Stunden?
+ Erst die Stunde, die Dich überwunden,
+ Erst das Weh, zu dem Er Dich erkoren
+ Hebt in Gnad Dich an. Du wirst geboren . . .
+
+Held
+
+ Schon verbrennst Du, Mann, in Deinem Brennen.
+ Brand, der nicht verbrennt, will ich mich nennen.
+ Wer nicht liebt, kann nicht zugrunde gehen.
+ Sterben alle, bleib ich doch bestehen.
+
+Heiliger
+(schon als Asche zusammensinkend)
+
+ Alexander über tausend Meeren,
+ Hör die Flammen an, die sich verzehren!
+ Hör den Staub, zu dem ich mich vermische!
+ Liegt ein Freund bei Dir an Deinem Tische,
+ Ist sein Blut bestimmt, Dich zu bespritzen.
+ Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen.
+ Schwer in Händen bleibt, was Du errungen,
+ Im Besitz schon hat Dich Gott bezwungen!
+ Daß er furchtbar seine Gnade wähle,
+ Rüste die noch nicht verdammte Seele!
+
+
+
+
+Alte Dienstboten
+
+
+ In dem sanften Wallen der alten Frühlinge
+ Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.
+ Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,
+ Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.
+ Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,
+ Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.
+ Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,
+ Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.
+ Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.
+ Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,
+ Eh sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.
+
+ Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen
+ Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.
+ Wohin sie auch ihr Gehen wenden,
+ Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.
+ Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.
+ Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,
+ Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,
+ Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.
+ Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr . . . .
+ Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken
+ Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.
+
+ Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,
+ Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben
+ Sich ohne Ende über meins erheben,
+ Das voll von Hoffart Worte machen mag.
+ Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,
+ Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.
+ O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,
+ O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,
+ O Licht am Abend überm Tisch gebückt!
+ Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,
+ Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!
+
+
+
+
+Jesus und der Äser-Weg
+
+
+ Und als wir gingen von dem toten Hund,
+ Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen,
+ Entführte, er uns diesem Meeres-Sund
+ Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen.
+
+ Und als der Herr zuerst den Gipfel trat,
+ Und wir schon standen auf den letzten Sprossen,
+ Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad,
+ Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen.
+
+ Doch einer war, den jeder sanft erfand,
+ Und leiser jeder sah zu Tale fließen.
+ Und wie der Heiland süß sich umgewandt,
+ Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen!
+
+ Er neigte nur das Haupt und ging voran,
+ Indes wir uns verzückten, daß wir lebten,
+ Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann,
+ Von Eich' und Mandel, die vorüberschwebten.
+
+ Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf
+ Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten.
+ Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf,
+ Und wartete bis wir hindurchgeschritten.
+
+ Und da geschah, was uns die Augen schloß,
+ Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte,
+ Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß
+ Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte.
+
+ Verbissene Ratten schwammen im Gezücht
+ Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen,
+ Verweste Reh' und Esel und ein Licht
+ Von Pest und Fliegen drüber unermessen.
+
+ Ein schweflig Stinken und so ohne Maß
+ Aufbrodelte aus den verruchten Lachen,
+ Daß wir uns beugten übers gelbe Gras
+ Und uns vor uferloser Angst erbrachen.
+
+ Der Heiland aber hob sich auf und schrie
+ Und schrie zum Himmel, rasend ohne Ende:
+ »Mein Gott und Vater, höre mich und wende
+ Dies Grauen von mir und begnade die!
+
+ Ich nannt' mich Liebe, und nun packt mich auch
+ Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze.
+ Ach, ich bin eitler, als die kleinste Metze
+ Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch!
+
+ Mein Vater Du, so Du mein Vater bist,
+ Laß mich doch lieben dies verweste Wesen,
+ Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen!
+ Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!«
+
+ Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht
+ Von jenen Jagden, die wir alle kannten,
+ Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten,
+ Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht!
+
+ Er neigte wild sich nieder und vergrub
+ Die Hände ins verderbliche Geziefer,
+ Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer,
+ Von seiner Weiße sich erhub.
+
+ Er aber füllte seine Haare auf
+ Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen,
+ Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen,
+ Von seiner Schulter Ratt und Fledermaus.
+
+ Und wie er so im dunklen Tage stand,
+ Brachen die Berge auf, und Löwen weinten
+ An seinem Knie, und die zum Flug vereinten
+ Wildgänse brausten nieder unverwandt.
+
+ Vier dunkle Sonnen tanzten lind,
+ Ein breiter Strahl war da, der nicht versiegte.
+ Der Himmel barst. -- Und Gottes Taube wiegte
+ Begeistert sich im blauen Riesen-Wind.
+
+
+
+
+Neue Gedichte
+1916
+(In Buchform noch nicht veröffentlicht)
+
+
+
+
+
+An den Richter
+
+
+ Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein
+ fremdes Bette.
+ Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der
+ aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte.
+ Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen
+ Dorfes und ich
+ Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an.
+
+ Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf
+ meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet.
+ Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet,
+ betet heiser.
+ Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um
+ Fieber zu messen;
+ Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte
+ des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!!
+
+ O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und
+ geschlagen.
+ Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden.
+ Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge,
+ gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im
+ Frevel und wertlos in der Reue,
+ Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht -- mein
+ Richter -- und muß mich hassen!
+
+ Ich bekenne -- und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts
+ dagegen, bekenne dennoch:
+ Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und
+ schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch --
+ Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit
+ zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung,
+ Sorge mit sorglosem Schwachsinn.
+ Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden
+ Vieh vergleiche.
+
+ Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich
+ wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe.
+ Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach
+ ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht.
+ Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage?
+ Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der
+ Schuld empören?!
+
+ Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht
+ ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter.
+ Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht,
+ Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich.
+ Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten
+ Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken!
+ Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du
+ bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen.
+
+ Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an
+ meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn.
+ Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu,
+ und mache diesen Gesang den Schlafenden kund.
+ Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich,
+ ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit
+ des Herzens!
+ Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos.
+
+ Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und
+ ruhig atmen.
+ Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und
+ Gestern, dies Immer und Ewig!
+ Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über
+ diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist.
+ Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen
+ und großen Steppen schenken!
+
+
+
+
+Gebet um Reinheit
+
+
+ Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte immergleiche.
+ Sie durchschreitet all uns die Wunderblinden mitten im Wunder.
+ Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens,
+ Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände
+ spülen.
+
+ O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen!
+ O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!
+ Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und
+ spülst,
+ Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle?
+
+ Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises.
+ Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend
+ der Waschung wartet.
+ Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne
+ wahr zu sein.
+ Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner
+ Eitelkeit verstummt.
+
+ Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen,
+ Und ich, mein Vater, folge ihm, und singe einen Psalm hier wider meinen
+ Feind!
+ Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht
+ einmal sosehr, um uns Feinde zu sein.
+ Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, der mich berennt,
+ und an alle meine Tore pocht.
+
+ Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und
+ Völlerei treibt,
+ Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster
+ die Hungrigen drängen.
+ Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre
+ raucht und fett wird,
+ Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner
+ Seele verpraßt.
+
+ Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz
+ verkehrt und in Selbstbetrug.
+ Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und
+ meine Liebe mit Trägheit erstickt,
+ Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur
+ Wollust des Sieges an den Spieltischen,
+ Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.
+
+ Warum hast Du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich
+ zu dieser Zwieheit gemacht?
+ Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o
+ Du Gewässer!
+ Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die
+ Zahl Zwei.
+ Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur
+ Waschung.
+
+ Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen
+ Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!
+ Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten,
+ selig die einfach Bösen!
+ Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und
+ abnehmenden Gegenspieler.
+ O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir!
+
+
+
+
+Einem Denker
+
+
+ Dein Blick, mein Bruder, hat mich erschreckt.
+ Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel
+ entdeckt.
+ Meine Sphäre war traurig,
+ Ihr mißfiel Deine Art
+ An der Spitze des Tisches zu sitzen, zierlich geduckt,
+ Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft.
+
+ Tu dieses Ducken aus Deinen, Augen, mein Freund!
+ Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers!
+ Wie deute ich mir,
+ Wie verstünd ich's,
+ Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die
+ gleichgültigen Räume trägst,
+ Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir
+ vorbei, Du nicht Erwachter!?
+
+ Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer?
+ Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer!
+ Denn wer zu Gericht sitzt,
+ Über die Sünder,
+ Sitzt hinterm Kreuz, ist im Recht, braucht seiner Schuld nicht zu
+ gedenken, darf sein Wesen vergessen,
+ Und der Henker erspart die Pflicht, sich selbst den Kopf abzuhaun.
+
+ Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab
+ davon!
+ Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu
+ Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns.
+ Du aber bist wie ein Knabe,
+ Und scheinst nicht zu wissen,
+ Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem
+ Schilde _Deine_ Blöße bedeckst . . .
+ Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten
+ Triumphschrei zum Gespött machen.
+
+ Ich will Dir ein Wort sagen, das Du nicht begreifen wirst.
+ Ich sage Dir: die Selbstbehauptung im Geiste ist Selbstvernichtung, die
+ Selbstvernichtung im Geiste aber ist Selbstbehauptung.
+ Kennst Du die starke Waffe
+ Der wirklichen Sieger?
+ Sie verachten das Wort, sie ziehn die Niederlage dem Sieg vor, sie
+ ergeben sich, sie lassen sich gefangen nehmen . . .
+ Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich
+ erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt!
+
+ Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der
+ Gerichtshöfe ist.
+ Sie ist dialektisch, forensisch, sie betet das Wort an und die
+ Unterscheidung der Worte.
+ Aber die Worte sind
+ Bedingter noch als die Dinge.
+ Die Dinge verstellen den Geist, die Worte verstellen die Dinge, und der
+ Geist der Worte
+ Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber
+ eitel und trostlos für die Leidenden.
+
+ Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und
+ Dich vereinsamt.
+ Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so
+ groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint.
+ In Dir ist aber noch
+ Der alte Adam allzusehr!
+ So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie
+ und ihre Vollkommenheit,
+ Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung
+ ist.
+
+ Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben
+ Sterbenden rasten,
+ Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die
+ Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben.
+ Du kennst jene Weisheit nicht,
+ Höher als alles Mitleid!
+ Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern
+ Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir
+ alle Hände haben,
+ Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem
+ Leben vergießt.
+
+
+
+
+Ballade von Wahn und Tod
+
+
+ Im großen Raum des Tags
+ Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,
+ Wie Sinai schallt. Vom Turm geballt
+ Die Wolke fiel. -- Erstickten Schlags
+ Mein Ohr die Stunde traf,
+ Als ich gebeugt saß über mich zu sehr.
+ Und ich entfiel mir, rollte hin, und schwankte da auf einem Schlaf.
+
+ Wie deut' ich diesen Schlaf,
+ Wie noch kein Schlaf mich je trat an, da ich verrann
+ In Dunkelheit, so mich eine Zeit
+ In mein Herz traf?
+ Und als ich kam empor,
+ In Traum auftauchend Atemgang begann,
+ Trat ich in mein vergangnes Haus, in schwarzen Flur durchs winterliche
+ Tor.
+
+ Nun höret, Freunde, es!
+ Als ich im schwarzen Tage stand, schlug mich eine leichte Hand.
+ Ich stand gebannt an kalter Wand.
+ O schwarzes, schreckliches
+ Gedenken, da ich ihn nicht fand,
+ Den Leichten, der mich so ging an
+ Und mich im schwarzen Tag des Tors geschlagen leicht mit seiner
+ leichten Hand.
+
+ Es fügte sich kein Schein,
+ Und selbst das kleine schnelle Licht, das sich in falsche Rosen flicht,
+ Und unterm Bild vergeht und schwillt,
+ Das kleine Licht ging ein.
+ Es trat kein schwarzer Engel vor,
+ Kein Schatten trat, kein Atem trat aus dem kalten Stein!
+ Doch hinter mir in meinem Traum, aufschluchzend kaum versank das Tor.
+
+ Und auch kein Wort erscholl.
+ Doch ganz mit meiner Stimme rief ein Wort in meinem Orkus tief.
+ Und wie am Eichenort ein Blatt war ich verdorrt.
+ Weh, trocken, leicht und toll
+ Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß.
+ Mich nahm ein Wort und Wind mit fort,
+ Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das
+ Wort hieß: rettungslos.
+
+ O letzte Angst und Schmerz!
+ O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus!
+ O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt.
+ Ich stand in schwarzem Erz,
+ Und hielt mein Herz und konnte nicht schrein,
+ Und sang ein -- Rette mich -- in mich ein.
+ Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und
+ fallen, den Fluß: Allein
+
+ Und da es war also,
+ Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß.
+ Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur.
+ Und ich erkannte so,
+ Warum da leicht und fein die Hand mich schlug,
+ Die schwach an meine Stirne fuhr,
+ Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum
+ mich selber trug.
+
+ Und als ich ihn erkannt,
+ Den Augenblick, der mich trat an, da war ich selbst der andre Mann,
+ Und der mir hart gebot, ich selber war mein Tod.
+ Und nahm mir alles unverwandt,
+ Und wand es fort aus meiner Hand und hielts gepackt --
+ Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt.
+ Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig
+ nackt.
+
+ O Tod, o Tod, ich sah
+ Zum erstenmal mich wahrhaft sein, mich ohne Willen, Wunsch und Schein,
+ Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht.
+ -- -- Er lacht und bleibt sich fern und nah -- --
+ Ich stand erstarrt in erster Gegen-Wart allein zu zwein.
+ (Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht)
+ Ich fand mich, ohne Wahn mich sein, und starb in mein Erwachen ein.
+
+ Im großen Raum des Tags
+ Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum, und sah auf meinen Fensterbaum.
+ Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer,
+ Der Himmel glühte noch kaum.
+ Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut,
+ Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß . . .
+ Mein Haupt vom Traum umlaubt noch. Ging mit dumpfem Blut.
+
+ Ich ging, wie Tote gehn,
+ Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn.
+ Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl,
+ Sah Kinder rennen und sah Bettler stehn.
+ Ein Buckliger hielt sich den Bauch, und eine Greisin schwang den Stock
+ und schrie,
+ Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand . . .
+ Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie.
+
+
+
+
+Der Tempel
+
+
+ O Tempel, in die
+ Zarteste Stunde gebaut,
+ Wenn schon die unermüdlichen
+ Schmetterlinge
+ Die kreisenden welken an
+ Der alten Lampe des Weisen und
+ Die Träumer plötzlich das Haupt
+ Tauchen aus tausend Fenstern.
+
+ Tempel,
+ In solcher Stunde erschallend,
+ Läßt Du uns gehn
+ Über die Treppe.
+ Aber wenig leuchtet
+ Die Laterne voran des Priesters,
+ Wenn tief der Tierkreis
+ Brüllet und leis im Schlaf.
+
+ Wie bald doch steh ich
+ Und schon im Kuppelsaal.
+ Dort aber rundet
+ Der offne Himmel.
+ Ein Morgen
+ Macht ihn schon fast
+ Zum verschwommenen Knaben.
+ Doch in dem hellen Boden
+ Findet er sich bemessen
+ Zu unseren Füßen wieder
+ Genau
+ Im bildenden Wasserteich.
+
+ Wie da ruhen
+ Über unseren Schultern
+ Die einhaltenden Vögel,
+ Die Planeten sich aus.
+ Sitzen sanft eine Weil' nur,
+ Geschlossene Flügel
+ Auf atemlosen Säulen.
+ Trällert einer im Schlaf.
+ Aber als letzter
+ Luzifer schwirrend
+ Hebt sich hinweg
+ Morgender Stern.
+ Mit fernem Gelächter
+ Spiegelnd Gefieder
+ Im schon helleren Bassin.
+
+ Nun aber seh ich
+ Wolken grünen im Wasser.
+ Sehe dreifach
+ Das Strandgut treiben
+ Im kleinen Umkreis
+ Des Brunnenteichs.
+
+ Wohl weiß ich,
+ Und nimmer täuschet mich wer,
+ Mattes und Morsches.
+
+ Drei Dinge schwimmen,
+ Kleines Brett Noahs,
+ Binsenkorb Mosis,
+ Holzspahn der Krippe
+ Drei Schatten schwimmen
+ Auf wachsendem Himmel.
+ Nun aber schreiten --
+ (Da es doch bald mehr Frühe ist)
+ Die Männer hinaus,
+ Die herrlichen
+ Nach der Abfertigung.
+ Über den Brauen
+ Schimmern die Glatzen vor Osten
+ Sie neigen und schreiten,
+ Die Heiligen schreiten
+ Hinter Planeten.
+ Frühe Arbeiter
+ Und kühl
+ Von diesem Himmel und Frische.
+ So schreiten sie,
+ Ohne zu wecken,
+ Gesenkte Stirnen,
+ Aus allen Türen zugleich
+ Hinaus aus diesem
+ Kuppelkreis,
+ Die Verschmäher der Speise.
+
+
+
+
+Die heilige Elisabeth
+
+
+für Gertrud Spirk
+
+ Wie sie geht
+ Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen,
+ Unter dem noch versagenden Himmel,
+ Dem atmenden Osten voraus!
+ Über Stufen
+ Steigend nieder
+ Am Klirren vorbei des frühen Frühlings . . .
+
+ Aber es wehen noch, es fliegen
+ Die wahrhaft gläubigen Träumer
+ Durch Träume auf schlagenden Fittichen,
+ Über den unzähligen Morgen,
+ Stürzen sich in die Meere,
+ Brust und Haar voll Auferstehungswind.
+
+ Ihre Füße lächeln
+ Über die Steine nieder.
+ Doch in den harten
+ Gebeizten Händen
+ Hält sie, die Dienende,
+ Den gedeckten Korb.
+
+ Nun drängen schon
+ Hunde und räudige Krüppel,
+ Krähende Tolle
+ Sich an das Jenseits ihres Knies.
+ Bettler mit Näpfen
+ Heben sich auf,
+ Gestreifte Kranke,
+ Lampe in Händen,
+ Hustende Kinder,
+ Betrunkene Greise,
+ Huren, Gelichter, sterbende Sünder,
+ Wanken geschlossenen Auges ihr nach.
+
+ Schon heult die Stadt auf
+ Und ächzt in ihren Morgen ein.
+ Durch den Nebel der Kaserne
+ Bricht die entsetzliche Trompete.
+ In den Asylen krächzt
+ Der Greis, gewälzt von der Bettstatt.
+ Flößerruf!
+ Die schweren unseligen Pferde
+ Neigen in Höfen ihr Haupt.
+
+ Sie geht noch,
+ Eh sie verfließt,
+ Eh ihr Aufwärtslächeln
+ Sich einmischt in die Antwort des Himmels,
+ Sie geht noch die Magd,
+ Sie weht noch die hohe Deutsche . . .
+ O Dämmerung ihres Haars,
+ O Schritt, o Blick,
+ Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde!
+
+
+
+
+Der Ruf
+
+
+ So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor,
+ Und hielt mit ihrer Hand den Durchblick zu.
+ Ihr Kleid sang westlich im tiefen Wind.
+
+ Dort aber war der Tag,
+ Wo Munde abwärts ernster werden,
+ Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden.
+ Des Auges Willen geht dort nicht mehr aus vor Herz.
+ Nicht rast das Antlitz mehr dort,
+ Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich.
+ Der Schritt verwaltet keinen Tanz mehr dort.
+ Schritt schreitet Arbeit, Arbeit, dort und Verlust.
+
+ Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein.
+ Doch ihre Hand vor ausblickendem Aug.
+ Das Haar im Zephyr leicht . . .
+ Ich rief sie an.
+
+ Doch wie sie sich wandte,
+ Wie sie horchte nach dem Rufenden hin,
+ Hob in den Lüften um sie ein Kampf an.
+ Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind,
+ Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar.
+ Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs
+ Warfen sich in die Saiten der Sonne,
+ Töneten, sangen die Leichte zurück.
+
+ Da aber wankte ihr Antlitz unter den Schatten,
+ Und sie sah mich stehn im rollenden Tag,
+ Sah mich unter den brüllenden Festen:
+ Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit!
+ Sie selbst war Wachsen schon der Brüst', Aufbruch des Munds.
+ Ich rief noch einmal . . . .
+ Wie im leichten Schmerze,
+ Zögernd,
+ Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu.
+
+
+
+
+Vergessen
+
+
+ An dieses Flusses Walten wachend,
+ Hinüberruhend
+ Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang,
+ Habe ich Dein vergessen.
+ Vergaß Dein Antlitz,
+ Deiner Züge Niederwehn
+ In die offenen harten armen Händ'.
+ Vergessen hab' ich Deinen Abendschmerz in diesem Abend . . .
+ Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin.
+ Das Gras braust in die Nacht.
+ Weh mein Gesicht ist Sünde!
+
+
+
+
+Müdigkeit
+
+
+ Tiefe Schwester der Welt
+ Weilt auf bewimpeltem Bord,
+ Schützt ihren Krug vor dem Glanz,
+ Der schon im Westen zerstürzt.
+
+ Mit dem Gelächter des Volks
+ Löst sich das Schifflein und schäumt.
+ Aber die Göttin und Gold
+ Rollt mit den Wellen noch lang.
+
+ Herz und Atem versinkt,
+ Woge, in welchen Schlag?
+ Mischt schon die Fledermaus
+ Elemente und Mohn?
+
+ Abendgestade und Blick
+ Schwinden hin. Kiel und Delphin.
+ Lebt noch über der Bucht
+ Maulbeer, Limone und Öl?
+
+
+
+
+Schrei
+
+
+ Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen,
+ Ernste Frauen,
+ Weilende Augen ohne Ebbe,
+ Mit abwärts schon wachsendem Mund . . .
+
+ Aber wir unten
+ Wir Knechte
+ In diesem Pfuhl von Luft!
+ Ausatmend, einatmend,
+ Die Zeit vertreibend,
+ Gute Vergesser . . .
+ Und dennoch
+ Von uns befallen,
+ Von uns befallen.
+ Im Hals den großen Skorpion,
+ Der an den Gaumen juckt.
+ Den gebundenen Teufel,
+ Mit Stachel und Scher',
+ Den mordenden Asmodi,
+ Der zum Mund ausführt,
+ Verbindlich, eitel, wohlgestalt,
+ Der Lügenvater
+ Über unsere
+ Edle
+ Von Wahrheit blutende Lippe.
+
+ Wir unten, wir,
+ Hilflos wie Knechte!
+ Erstickt von Betrügen
+ Erwürgt von Verraten,
+ Gebeugte Auswandrer
+ Wir aus uns selber,
+ Verbrecher, verfolgt
+ Von gemordeten Worten.
+ Wettläufer ins Aus,
+ Preisspringer ins Ende,
+ Von den Türmen der Stunden --
+ Zerekelt, ewiglich, elend, --
+ Träge uns schleudernd in Schlaf.
+
+
+
+
+Der Dichter
+
+
+ Ah! Ich habe mich ausverraten.
+ Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges,
+ Aus den Kasernen der Verstellung ausgebrochen!!
+ Das gepflegte Antlitz meiner Lüge,
+ Das blatternarbige Antlitz meiner Wahrheit,
+ Enträtselt sich zur Wahrheit.
+ Ich schrieb mir unbekannte Chiffernschrift,
+ Unerbittlich log ich Wahrheit.
+ Nun beginne ich mich zu bedeuten,
+ Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen,
+ Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen . . .
+ Hilflos
+ Höhn ich mich Hilflosen von fern an.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+Aus: »_Der Weltfreund_«
+
+ An den Leser 4
+ Kindersonntagsausflug 5
+ Der dicke Mann im Spiegel 7
+ Im winterlichen Hospital 9
+ Sterben im Walde 11
+ Das Malheur 12
+ Erzherzogin und Bürgermeister 14
+ Der Patriarch 15
+ Solo des zarten Lumpen 17
+ Der schöne strahlende Mensch 18
+ Wanderlied 19
+ Der kriegerische Weltfreund 20
+ Ich habe eine gute Tat getan 21
+
+
+Aus: »_Wir sind_«
+
+ Die Unverlassene 26
+ Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte 27
+ Vater und Sohn 28
+ Die Witwe am Bette ihres Sohnes 29
+ Balance der Welt 31
+ Der Feind 32
+ Eine alte Frau geht 33
+ Nacht-Fragment 35
+ Das erkaltende Herz 36
+ Der göttliche Portier 37
+ Ein Lebens-Lied 38
+ Ein Anderes 40
+ Amore 41
+ Ich bin ja noch ein Kind 42
+
+
+Aus: »_Einander_«
+
+ Lächeln Atmen Schreiten 48
+ Das Jenseits 50
+ Warum mein Gott 51
+ Die Tugend 53
+ Veni creator spiritus 54
+ Abschied 56
+ Der Erkennende 57
+ Romanze einer Schlange 58
+ Tempel-Traum 60
+ Ein Abendgesang 62
+ Mondlied eines Mädchens 63
+ Eines alten Lehrers Stimme im Traum 65
+ Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses 67
+ Luzifers Abendlied 70
+ Held und Heiliger 72
+ Alte Dienstboten 75
+ Jesus und der Äser-Weg 77
+
+
+_Neue Gedichte_
+
+ An den Richter 82
+ Gebet um Reinheit 85
+ Einem Denker 88
+ Ballade von Wahn und Tod 92
+ Der Tempel 96
+ Die heilige Elisabeth 100
+ Der Ruf 102
+ Vergessen 103
+ Müdigkeit 104
+ Schrei 105
+ Der Dichter 106
+
+
+
+
+Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+
+Von _Franz Werfel_ sind erschienen:
+
+_Der Weltfreund._ Gedichte.
+
+_Wir sind._ Neue Gedichte.
+
+_Einander._ Oden, Lieder, Gestalten.
+
+_Die Troerinnen des Euripides._ In deutscher Bearbeitung von Franz Werfel.
+
+Geheftet je M 2.50, gebunden in Halbleder M 4.50, in Pappband M 3.50.
+
+_Die Versuchung._ Ein Gespräch. Geheftet M -.80; gebunden M 1.50.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41883 ***