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index d0126cb..56b6be4 100644
--- a/41882-h/41882-h.htm
+++ b/41882-h/41882-h.htm
@@ -2,7 +2,7 @@
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<title>The Project Gutenberg eBook of Der Tor, by Bernhard Kellermann</title>
<!-- TITLE="Der Tor" -->
<!-- AUTHOR="Bernhard Kellermann" -->
@@ -123,41 +123,7 @@ hr.hr10 { margin-left:45%; width:10%; }
</head>
<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Der Tor, by Bernhard Kellermann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Der Tor
-
-Author: Bernhard Kellermann
-
-Release Date: January 20, 2013 [EBook #41882]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOR ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-</pre>
-
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41882 ***</div>
<h1 style="line-height:0.6em; font-weight:normal; margin-bottom:4em; page-break-before:always">
<span style="font-size:1em; letter-spacing:0.3em;">Der Tor</span><br />
@@ -175,7 +141,7 @@ Produced by Jens Sadowski
</p>
<p class="center" style="font-size:0.8em; margin-top:6em; margin-bottom:6em; page-break-before:always;">
-Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br />
+Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.<br />
Copyright 1908 S. Fischer, Verlag, Berlin.
</p>
@@ -192,33 +158,33 @@ Erster Teil
<p class="first">
<span class="firstchar">J</span>ener junge Mann, um den es sich hier handelt, ein
schlichter junger Mann, wie es deren Tausende gibt,
-traf gerade zu einer Zeit in der kleinen fränkischen Stadt
-ein, als sich alle Welt in der größten Aufregung befand.
+traf gerade zu einer Zeit in der kleinen fränkischen Stadt
+ein, als sich alle Welt in der größten Aufregung befand.
</p>
<p>
-Ein Dienstmädchen nämlich, eine brave und beliebte
+Ein Dienstmädchen nämlich, eine brave und beliebte
Person, die jeder hundertmal mit ihren roten Backen
-und dem Mund voll weißer Zähne gesehen hatte, nahm
+und dem Mund voll weißer Zähne gesehen hatte, nahm
sich das Leben. Sie war nicht zur Stelle, als man sie
-rief; man wartete, suchte und fand sie erhängt auf
+rief; man wartete, suchte und fand sie erhängt auf
dem Speicher. Aber das war nicht alles. Dieses
-Dienstmädchen mit den roten Backen und weißen
-Zähnen, diese ordentliche, unschuldig aussehende Person
+Dienstmädchen mit den roten Backen und weißen
+Zähnen, diese ordentliche, unschuldig aussehende Person
hatte zuvor ein Kind geboren und es in ihrer Kammer
-versteckt. Sie hatte das Kind in ein Körbchen gebettet
+versteckt. Sie hatte das Kind in ein Körbchen gebettet
und in die Ecke hinter einen Schrank gelegt. Ein Gesangbuch
lag dabei, ein goldenes Kreuzchen, ein silberner
Ring mit einem winzigen blauen Stein. Das Kind
-war in ein weißes seidenes Tuch gehüllt. In die Wand,
-oberhalb des Körbchens, hatte sie eine Unmenge von
-Kreuzen geritzt, einen ganzen Friedhof. Plötzlich nun
-schrie das Kind jämmerlich in der Kammer der Magd.
+war in ein weißes seidenes Tuch gehüllt. In die Wand,
+oberhalb des Körbchens, hatte sie eine Unmenge von
+Kreuzen geritzt, einen ganzen Friedhof. Plötzlich nun
+schrie das Kind jämmerlich in der Kammer der Magd.
Ja, da schreit ja ein Kind, sagten die Leute, in ihrer
-Kammer! Und die Frau des Hauses, Frau Häberlein,
+Kammer! Und die Frau des Hauses, Frau Häberlein,
die Gattin des Bezirksamtmannes, fand das Kind in
-der Ecke. Es war in ein seidenes Tuch eingehüllt, das
-die Frau des Hauses dem Dienstmädchen einige Wochen
+der Ecke. Es war in ein seidenes Tuch eingehüllt, das
+die Frau des Hauses dem Dienstmädchen einige Wochen
vorher zu Weihnachten geschenkt hatte. Ein fast neues,
feines Tuch.
</p>
@@ -226,66 +192,66 @@ feines Tuch.
<p>
<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
Die Stadt geriet mehr und mehr in Aufregung.
-Man riß die Fenster auf und rief: Was ist denn wieder?
+Man riß die Fenster auf und rief: Was ist denn wieder?
Ein Kind, sie haben ein Kind in ihrer Kammer gefunden!
-Zwei barmherzige Schwestern schwebten über
+Zwei barmherzige Schwestern schwebten über
den Marktplatz und verschwanden im Hause des Bezirksamtmannes.
Sie trugen das Kind in das Waisenhaus.
</p>
<p>
-Aber damit war es noch nicht zu Ende. Plötzlich
-hörte man ein Geschrei auf der Straße, ein schreckliches
+Aber damit war es noch nicht zu Ende. Plötzlich
+hörte man ein Geschrei auf der Straße, ein schreckliches
Geschrei, und man sah eine verschrumpfte, alte Frau,
-ein winziges Etwas von einer alten Frau, in großen
-Filzsocken durch die Straßen rennen. Sie lief in das
+ein winziges Etwas von einer alten Frau, in großen
+Filzsocken durch die Straßen rennen. Sie lief in das
Haus des Bezirksamtmannes, erschien wieder schreiend,
-lief zum Westtor und zurück zum Osttor, hin und her,
+lief zum Westtor und zurück zum Osttor, hin und her,
und immer tauchte sie wieder auf und ihr Geschrei
-und entsetzliches Weinen schien überall zu sein und
-plötzlich dicht unter den Fenstern aus dem Erdboden
-zu dringen. Die Leute öffneten die Fenster: Beruhigen
+und entsetzliches Weinen schien überall zu sein und
+plötzlich dicht unter den Fenstern aus dem Erdboden
+zu dringen. Die Leute öffneten die Fenster: Beruhigen
Sie sich doch! sagten sie. Sie sagten es mit eindringlicher,
tiefer Stimme; sie sagten es weich und
-tröstend. Aber die kleine alte Frau sah nichts, hörte
-nichts. Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen,
-rannte Straße auf, Straße ab und schrie, schrie.
+tröstend. Aber die kleine alte Frau sah nichts, hörte
+nichts. Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen,
+rannte Straße auf, Straße ab und schrie, schrie.
</p>
<p>
Vor dem Westtor gab es eine Szene. Hier kam
ein Fleischergeselle auf einem Karren angefahren, in
-dem ein Rudel kleiner Schweine saß. Arbeiter, Handwerker
-stellten den Wagen und fielen mit den Fäusten
-über den Gesellen her. Der Bursche wehrte sich so gut
-er konnte und brüllte, daß man es bis in die Stadt
-hinein hörte. Die kleinen Schweine steckten die Schnauzen
+dem ein Rudel kleiner Schweine saß. Arbeiter, Handwerker
+stellten den Wagen und fielen mit den Fäusten
+über den Gesellen her. Der Bursche wehrte sich so gut
+er konnte und brüllte, daß man es bis in die Stadt
+hinein hörte. Die kleinen Schweine steckten die Schnauzen
<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
durch das Gitter und quiekten. Zwei Stadtsoldaten
-nahmen den Fleischergesellen in Schutz, man hätte ihn
+nahmen den Fleischergesellen in Schutz, man hätte ihn
sonst erschlagen. Ich bin nicht schuld! schrie er. Sie
-führten ihn zur Sicherheit aufs Stadthaus. Auf dem
+führten ihn zur Sicherheit aufs Stadthaus. Auf dem
Wege dorthin begegneten sie der alten, kleinen Frau,
die in ihren Filzsocken hin und her rannte. Das ist
er! riefen die Leute und deuteten auf den Burschen.
-Aber die schreiende Frau sah und hörte nichts, sie schrie
+Aber die schreiende Frau sah und hörte nichts, sie schrie
und rannte weiter.
</p>
<p>
Man sprach den ganzen Abend und den folgenden
-Tag von nichts anderm als dem Dienstmädchen und
+Tag von nichts anderm als dem Dienstmädchen und
dem Kinde und der kleinen schreienden Frau. Es gab
-förmliche Redeschlachten und erregte Szenen. Man verurteilte,
-verteidigte, mutmaßte, und in dem Abendzug,
-der von der Nachbarstadt zurückkehrte, wäre es beinahe
-zu einer richtigen Schlägerei gekommen. Da war ein
+förmliche Redeschlachten und erregte Szenen. Man verurteilte,
+verteidigte, mutmaßte, und in dem Abendzug,
+der von der Nachbarstadt zurückkehrte, wäre es beinahe
+zu einer richtigen Schlägerei gekommen. Da war ein
Lehrer, ein entlassener Volksschullehrer, ein riesenhafter
Mann mit einem schwarzen, wilden Kopf, der den
-Zorn aller Reisenden herausforderte. Er sagte, es wäre
-nun genug, immer nur dieses Dienstmädchen und
-nichts als dieses Dienstmädchen, eine solch alberne,
-beschränkte Person &mdash;
+Zorn aller Reisenden herausforderte. Er sagte, es wäre
+nun genug, immer nur dieses Dienstmädchen und
+nichts als dieses Dienstmädchen, eine solch alberne,
+beschränkte Person &mdash;
</p>
<p>
@@ -293,45 +259,45 @@ Kurz und gut, damit begann es.
</p>
<p>
-&bdquo;Genug nun von dieser albernen, beschränkten Person,
+&bdquo;Genug nun von dieser albernen, beschränkten Person,
die sich wegen eines Kindes und eines untreuen Geliebten
-aufhängt,&ldquo; schrie er. &bdquo;Genug und abermals
+aufhängt,&ldquo; schrie er. &bdquo;Genug und abermals
genug &mdash;&ldquo; Aber da erhob sich ein solcher Tumult in
-dem überfüllten Coupé, daß man nicht verstand, was
+dem überfüllten Coupé, daß man nicht verstand, was
er sonst noch sagte, trotzdem er mit einer ungeheueren
-tiefen Stimme wie eine Baßtrompete wetterte. Eine
+tiefen Stimme wie eine Baßtrompete wetterte. Eine
<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Bäuerin in Trauerkleidern, die bis jetzt ruhig dagesessen
-war, stand plötzlich auf und stieß eine Menge Schimpfwörter
-heraus, einen ganzen Strahl von Schimpfwörtern,
-allein ihre Stimme schnappte über, man hörte nichts
-als Gekreische. Sie schüttelte einen dünnen raschelnden
+Bäuerin in Trauerkleidern, die bis jetzt ruhig dagesessen
+war, stand plötzlich auf und stieß eine Menge Schimpfwörter
+heraus, einen ganzen Strahl von Schimpfwörtern,
+allein ihre Stimme schnappte über, man hörte nichts
+als Gekreische. Sie schüttelte einen dünnen raschelnden
Blechkranz in der Hand und machte Miene auf den
Lehrer loszufahren; ein starker Geruch von Schmalz
und saurer Milch drang aus ihren Kleidern. In der
-Mitte des Abteils saß ein jüdischer Viehhändler, ein
-dicker, fetter Kerl mit Brillantringen an den Händen
-und Stallmist an den Stiefeln, der vor Vergnügen
-auf- und abtanzte und mit den Händen seine kurzen,
-fetten Schenkel bearbeitete. Er lachte, daß ihm das
-Wasser aus den Augen sprang und stieß einen hohen
-gurgelnden Laut hervor, ähnlich einer Turteltaube, während
+Mitte des Abteils saß ein jüdischer Viehhändler, ein
+dicker, fetter Kerl mit Brillantringen an den Händen
+und Stallmist an den Stiefeln, der vor Vergnügen
+auf- und abtanzte und mit den Händen seine kurzen,
+fetten Schenkel bearbeitete. Er lachte, daß ihm das
+Wasser aus den Augen sprang und stieß einen hohen
+gurgelnden Laut hervor, ähnlich einer Turteltaube, während
er hin- und herschaukelte und die Leute zu beiden Seiten
-zusammendrängte. Im Nebenabteil hatte sich eine
-Dame erhoben, sie blickte über die Trennungswand,
+zusammendrängte. Im Nebenabteil hatte sich eine
+Dame erhoben, sie blickte über die Trennungswand,
drehte den Kopf hin und her in einer bauschigen Boa
-aus schillernden Hahnenfedern und lächelte mit tief
+aus schillernden Hahnenfedern und lächelte mit tief
herabgezogenen Mundwinkeln. &bdquo;Pfui!&ldquo; rief sie, &bdquo;Pfui!
Welch entsetzliche Roheit. Pfui!&ldquo;
</p>
<p>
-Der Lehrer stand ruhig im Lärm und lächelte.
+Der Lehrer stand ruhig im Lärm und lächelte.
&bdquo;Sie vergeben, meine Dame!&ldquo; wandte er sich mit einer
Verbeugung zu dem Kopfe, der sich noch immer in der
bauschigen Federboa hin und her drehte. &bdquo;Aber ich denke,
-wenn dieses Dienstmädchen, diese Margarete Sammet
-oder wie sie heißen mag, mit Ruhe und Überlegung,
+wenn dieses Dienstmädchen, diese Margarete Sammet
+oder wie sie heißen mag, mit Ruhe und Überlegung,
mit Stolz &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -341,36 +307,36 @@ Aber man unterbrach ihn. &bdquo;Ruhe! Ruhe!&ldquo;
<p>
<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-&bdquo;Die Herrschaften müssen doch einräumen &mdash;&ldquo;
+&bdquo;Die Herrschaften müssen doch einräumen &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Man räume nichts ein, gar nichts räume man
+Man räume nichts ein, gar nichts räume man
ein! Alle schrien und der Lehrer lachte und zuckte die
-Achseln. Der jüdische Viehhändler schaukelte auf und
-ab, so sehr gurrte er, und schließlich bekam er einen
-brüllenden Hustenanfall, der jedes andere Geräusch verschlang.
+Achseln. Der jüdische Viehhändler schaukelte auf und
+ab, so sehr gurrte er, und schließlich bekam er einen
+brüllenden Hustenanfall, der jedes andere Geräusch verschlang.
</p>
<p>
-In diesem Augenblick hielt der Zug und unwillkürlich
+In diesem Augenblick hielt der Zug und unwillkürlich
wurden alle still. Aber sobald sich die Laterne
-in der Nacht draußen schwang und die Maschine heulte,
-begann der Lärm von neuem. Eine heisere Stimme
-arbeitete sich mühsam durch das Getöse.
+in der Nacht draußen schwang und die Maschine heulte,
+begann der Lärm von neuem. Eine heisere Stimme
+arbeitete sich mühsam durch das Getöse.
</p>
<p>
&bdquo;Davon war ja gar nicht die Rede!&ldquo; sagte ein
-Mann mit aufgeblähtem Hals, ein Schuhmachermeister,
-und riß die Augen so weit auf, daß man fürchtete,
+Mann mit aufgeblähtem Hals, ein Schuhmachermeister,
+und riß die Augen so weit auf, daß man fürchtete,
sie fielen heraus. &bdquo;Wir sprechen vom Dekan, vom
Pfarrer, von der Beerdigung.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich würde sie auch nicht beerdigen!&ldquo; sagte der
-Lehrer mit ruhigem Baß und der Kopf der Dame mit
+&bdquo;Ich würde sie auch nicht beerdigen!&ldquo; sagte der
+Lehrer mit ruhigem Baß und der Kopf der Dame mit
der Boa schnellte augenblicklich wieder empor.
</p>
@@ -379,12 +345,12 @@ der Boa schnellte augenblicklich wieder empor.
</p>
<p>
-Der Viehhändler riß den Mund auf, um laut zu
+Der Viehhändler riß den Mund auf, um laut zu
schreien, wurde aber im gleichen Moment vom Sitze
-geschleudert, die Bäuerin mit dem Blechkranz und alle
-auf der einen Bank flogen in die Höhe. Ein runder
-schwarzer Korb rollte aus dem Netz und fiel dem Händler
-auf den Rücken. Die Bremsen waren plötzlich angezogen
+geschleudert, die Bäuerin mit dem Blechkranz und alle
+auf der einen Bank flogen in die Höhe. Ein runder
+schwarzer Korb rollte aus dem Netz und fiel dem Händler
+auf den Rücken. Die Bremsen waren plötzlich angezogen
worden, der Zug hatte sich kaum in Bewegung
gesetzt gehabt.
</p>
@@ -392,61 +358,61 @@ gesetzt gehabt.
<p>
Es wurde still und eine Stimme in der Dunkelheit
<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-draußen rief: &bdquo;Ja, weshalb schlafen Sie denn, wenn
-Sie mitfahren wollen, Sie! Ein solcher Tölpel &mdash;
-marsch!&ldquo; Die Coupétüre sprang auf und ein junger
+draußen rief: &bdquo;Ja, weshalb schlafen Sie denn, wenn
+Sie mitfahren wollen, Sie! Ein solcher Tölpel &mdash;
+marsch!&ldquo; Die Coupétüre sprang auf und ein junger
Mann wurde hereingeschoben. Hut und Mantel des
-jungen Mannes waren beschneit und mit Eiskörnern
+jungen Mannes waren beschneit und mit Eiskörnern
bedeckt, wie sie entstehen, wenn man sich lange in der
-Kälte aufhält. Er zog einen roten Reisesack nach sich,
+Kälte aufhält. Er zog einen roten Reisesack nach sich,
beugte sich zum Fenster hinaus und rief: &bdquo;Vielen Dank,
mein Herr!&ldquo; Der Zug fuhr wieder. Alle sahen auf
-den jungen Mann, dessen Augen von Schlaf, Ermüdung
-und Kälte gerötet waren. Er kniff die Augen zusammen,
+den jungen Mann, dessen Augen von Schlaf, Ermüdung
+und Kälte gerötet waren. Er kniff die Augen zusammen,
blickte durch die Wimpern, die auffallend lang und dicht
waren, in den Tabaksqualm und schob sich behutsam
mit seiner Reisetasche zwischen den Stiefeln, Knien,
-Packen und Säcken hindurch.
+Packen und Säcken hindurch.
</p>
<p>
&bdquo;Ich bitte um Entschuldigung,&ldquo; sagte er leise, ohne
-die Lippen zu öffnen, &bdquo;vielleicht erlauben Sie mir &mdash;&ldquo;
+die Lippen zu öffnen, &bdquo;vielleicht erlauben Sie mir &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
Alle Augen folgten seinem Reisesack. Es war ein
gestickter Reisesack. Auf einem abgewetzten roten Grund
-war eine Henne gestickt, die auf farbigen Eiern brütete.
+war eine Henne gestickt, die auf farbigen Eiern brütete.
Sie hatte einen ziegelroten, flammenden Kamm und als
-Auge eine große schwarze Perle. Mit diesem roten Kamm
+Auge eine große schwarze Perle. Mit diesem roten Kamm
und schwarzen Auge sah sie herausfordernd und zornig aus.
-Über ihr stand in weißen Perlen: Glückliche Reise. Der
-Viehhändler deutete auf den Reisesack und gluckste, und
-alle begannen plötzlich über die herausfordernd und
+Über ihr stand in weißen Perlen: Glückliche Reise. Der
+Viehhändler deutete auf den Reisesack und gluckste, und
+alle begannen plötzlich über die herausfordernd und
zornig dasitzende Henne zu lachen. Nur der Lehrer blieb
ernst, er sah sich aufmerksam den Reisenden an.
</p>
<p>
-Der junge Mann fand ein schmales Plätzchen in der
-Ecke, er machte sich so dünn als möglich, nahm den
+Der junge Mann fand ein schmales Plätzchen in der
+Ecke, er machte sich so dünn als möglich, nahm den
<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-Hut ab und legte ihn aufs Knie, knöpfte den Mantel
-eng zu und schloß sofort die Augen.
+Hut ab und legte ihn aufs Knie, knöpfte den Mantel
+eng zu und schloß sofort die Augen.
</p>
<p>
-Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals
+Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals
betrachtete mit einem raschen Blick die vom Schnee
-rotgebeizten Stiefel des jungen Mannes, dann ließ er
+rotgebeizten Stiefel des jungen Mannes, dann ließ er
wieder die aufgerissenen Augen von einem zum andern
gleiten und schrie:
</p>
<p>
-&bdquo;Ist das nicht &mdash; meine Herren &mdash; hören Sie!
-Ist das nicht empörend! Der Dekan will sie nicht beerdigen.
+&bdquo;Ist das nicht &mdash; meine Herren &mdash; hören Sie!
+Ist das nicht empörend! Der Dekan will sie nicht beerdigen.
Nein, er will sie nicht beerdigen!&ldquo; wiederholte
er und rollte die Augen.
</p>
@@ -457,32 +423,32 @@ Der Lehrer lachte belustigt.
<p>
&bdquo;Schweigen Sie!&ldquo; schrie der Schuhmachermeister
-empört und deutete auf den Lehrer. &bdquo;Ja, Sie, Sie
+empört und deutete auf den Lehrer. &bdquo;Ja, Sie, Sie
sollen schweigen! Ich finde es unbegreiflich! Er beerdigt
sie nicht. Wie einen Hund wird man sie einscharren,
-kein Glockengeläute, kein Gesang, kein Segen.&ldquo; Tränen
-traten in seine großen Augen. Er zog die Dose heraus
-und schnupfte. &bdquo;Keine geweihte Erde!&ldquo; fügte er hinzu.
+kein Glockengeläute, kein Gesang, kein Segen.&ldquo; Tränen
+traten in seine großen Augen. Er zog die Dose heraus
+und schnupfte. &bdquo;Keine geweihte Erde!&ldquo; fügte er hinzu.
Die Bauernfrau in Trauerkleidern jammerte. &bdquo;Oh du
lieber guter Himmelsvater &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Es wird sich nicht mit den Kirchengesetzen in Einklang
-bringen lassen,&ldquo; sagte der jüdische Händler, &bdquo;so
+bringen lassen,&ldquo; sagte der jüdische Händler, &bdquo;so
scheint es mir &mdash; die Kirchengesetze &mdash; eben &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Hier begann der Schuhmachermeister sich vollständig
-zu verändern. Er schwoll an, sein Hals, sein Gesicht, er
-wurde dunkelrot, und mit den stierenden großen Augen
-hatte er Ähnlichkeit mit einem jener rotlackierten chinesischen
-Götzenbilder. Er sah aus, als wolle er den
-Händler vernichten, aber im letzten Momente schrumpfte
+Hier begann der Schuhmachermeister sich vollständig
+zu verändern. Er schwoll an, sein Hals, sein Gesicht, er
+wurde dunkelrot, und mit den stierenden großen Augen
+hatte er Ähnlichkeit mit einem jener rotlackierten chinesischen
+Götzenbilder. Er sah aus, als wolle er den
+Händler vernichten, aber im letzten Momente schrumpfte
<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-er zusammen, er beugte sich zu dem Händler und reichte
-ihm mit übertriebener krampfhafter Freundlichkeit die
+er zusammen, er beugte sich zu dem Händler und reichte
+ihm mit übertriebener krampfhafter Freundlichkeit die
Dose. &bdquo;Mein Freund!&ldquo; zischelte er. &bdquo;Mein Freund,
Kirchengesetze, ich bitte Sie! Kirchengesetze hin, Kirchengesetze
her. Gehen Sie zum Henker, mein verehrter
@@ -491,124 +457,124 @@ will Ihnen &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich will Ihnen mal einen Fall erzählen,&ldquo; unterbrach
-ihn der Händler, die Prise Tabak auf dem
+&bdquo;Ich will Ihnen mal einen Fall erzählen,&ldquo; unterbrach
+ihn der Händler, die Prise Tabak auf dem
Daumen.
</p>
<p>
&bdquo;Lassen Sie mich mit Ihrem Fall in Teufelsnamen
-in Ruhe. Ich sage Ihnen, die Mutter, hören Sie, eine
-alte, kleine, eine arme kranke Frau, rannte wie verrückt
-herum und schrie, verrückt, ich wiederhole. Sie lief
-also ins Pfarrhaus, obwohl sie doch wissen sollte, daß
+in Ruhe. Ich sage Ihnen, die Mutter, hören Sie, eine
+alte, kleine, eine arme kranke Frau, rannte wie verrückt
+herum und schrie, verrückt, ich wiederhole. Sie lief
+also ins Pfarrhaus, obwohl sie doch wissen sollte, daß
unser Pfarrer gestorben ist. Sie klopft also, trommelt
-an die Tür, schreit, jammert. Er ist ja gestorben, der
+an die Tür, schreit, jammert. Er ist ja gestorben, der
alte Hummel, sagten sie, ja, bei allen Heiligen, Sie
-wissen doch, daß er gestorben ist, vor einem Monat,
+wissen doch, daß er gestorben ist, vor einem Monat,
Sie waren ja selbst bei der Beerdigung. Aber die
-Frau, hören Sie, sie verstand kein Wort, sie klopfte,
-pochte, hämmerte an die Tür. Sind Sie denn ganz
-verrückt, sagten sie, wie kann er aufmachen, wenn
+Frau, hören Sie, sie verstand kein Wort, sie klopfte,
+pochte, hämmerte an die Tür. Sind Sie denn ganz
+verrückt, sagten sie, wie kann er aufmachen, wenn
er tot ist? Es ist niemand da, keine Seele, der neue
Pfarrer ist ernannt, aber er ist noch nicht da. Gehen
Sie nach Weinberg, zum Dekan, er hat die Verwesung,
gehen Sie dahin. Sie lief also nach Weinberg &mdash; sie
-lief eine Stunde weit im Schnee, geängstigt, gehetzt,
+lief eine Stunde weit im Schnee, geängstigt, gehetzt,
verzweifelt &mdash; sie lief und lief &mdash; sie stellte sich vor
das Haus des Dekans und schrie. Meine liebe Frau,
<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
sagt der Dekan &mdash; Gesundheit, Sie beniesen es &mdash;
-meine liebe, gute Frau, es tut mir leid. Hören Sie
+meine liebe, gute Frau, es tut mir leid. Hören Sie
in Teufelsnamen, ich brauche also gar nicht erst Ihren
Fall zu erfahren &mdash; lassen Sie mich in Ruhe mit
Ihrem Fall, lassen Sie mich in Ruhe und Frieden
damit &mdash; diese verzweifelte Frau wirft sich ihm zu
-Füßen, jammert, schreit. Aber alles ist umsonst, für
+Füßen, jammert, schreit. Aber alles ist umsonst, für
die Katze, alles. Meine liebe gute Frau, sagt der Dekan,
-ich kann nicht. Es ist unmöglich. Ja, wenn der
+ich kann nicht. Es ist unmöglich. Ja, wenn der
Lebenswandel Ihrer Tochter &mdash; ich kann nicht &mdash; ich
sage, der Lebenswandel Ihrer Tochter &mdash; es tut mir leid.
Die alte Frau, eine Greisin, grau, alt, ein beklagenswertes
-Mutterherz, wirft sich ihm zu Füßen, beschwört ihn in des
-Heilands Namen, aber er sagt, liebe, gute Frau, trösten Sie
-sich &mdash; des Allmächtigen Wege sind unerforschlich &mdash;&ldquo;
+Mutterherz, wirft sich ihm zu Füßen, beschwört ihn in des
+Heilands Namen, aber er sagt, liebe, gute Frau, trösten Sie
+sich &mdash; des Allmächtigen Wege sind unerforschlich &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Da sehen Sie eben die Vorschriften!&ldquo; sagte der
-Händler und nieste dröhnend, indem er Mund und
-Nasenlöcher und Augen läppisch aufsperrte und das
-Coupé mit sprühendem Dunst anfüllte.
+Händler und nieste dröhnend, indem er Mund und
+Nasenlöcher und Augen läppisch aufsperrte und das
+Coupé mit sprühendem Dunst anfüllte.
</p>
<p>
&bdquo;Die Frau Dekan hat der verzweifelten Mutter eine
Tasse Kaffee angeboten, es sind gute Menschen &mdash; aber
eine Tasse Kaffee macht ihr die Tochter nicht lebendig,
-eine Tasse Kaffee ist kein Trost für ein verzweifeltes
+eine Tasse Kaffee ist kein Trost für ein verzweifeltes
Mutterherz, keine Einsegnung.&ldquo;
</p>
<p>
Hier wurde der Schuhmachermeister von einem
-Herrn mit langem messinggelben Schnurrbart und großer
+Herrn mit langem messinggelben Schnurrbart und großer
Glatze, Postadjunkt Kaiser, unterbrochen. &bdquo;Sie hat ihn
-zurückgewiesen, den Kaffee&ldquo;, sagte er. &bdquo;Die Frau Dekan
-hat es mir selbst erzählt. Mein Mann kann nicht, es
-ist unmöglich&ldquo;, sagte sie.
+zurückgewiesen, den Kaffee&ldquo;, sagte er. &bdquo;Die Frau Dekan
+hat es mir selbst erzählt. Mein Mann kann nicht, es
+ist unmöglich&ldquo;, sagte sie.
</p>
<p>
<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-Der Händler nieste zweimal, leckte sich den Bart
+Der Händler nieste zweimal, leckte sich den Bart
und sagte:
</p>
<p>
&bdquo;Die Kirchenverordnung meine Herrn, es steht fest,
-die Kirche muß einen Unterschied machen zwischen einem
-Selbstmörder und einem anständigen Menschen &mdash;&ldquo;
-Der Lehrer ließ ein lautes Lachen hören &mdash; &bdquo;zwischen
-einem Mädchen, das außerehelich entbindet und einer,
+die Kirche muß einen Unterschied machen zwischen einem
+Selbstmörder und einem anständigen Menschen &mdash;&ldquo;
+Der Lehrer ließ ein lautes Lachen hören &mdash; &bdquo;zwischen
+einem Mädchen, das außerehelich entbindet und einer,
sagen wir, einer barmherzigen Schwester &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Aber der Schuhmachermeister mit dem Blähhals
-fiel ihm ins Wort. &bdquo;Hören Sie auf!&ldquo; zischte er und
+Aber der Schuhmachermeister mit dem Blähhals
+fiel ihm ins Wort. &bdquo;Hören Sie auf!&ldquo; zischte er und
sein Gesicht schwoll an, als werde es von einer unsichtbaren
Macht bis zum Zerplatzen aufgeblasen. &bdquo;Was verstehen
Sie? Ich sage, solch ein Jammer, eine alte arme
Frau, die nahe daran ist, den Verstand zu verlieren,
ja, vielleicht hat sie ihn schon verloren? &mdash; Sie kniet
vor dem Pfarrhaus und schreit wie besessen, sie rennt
-in alle Häuser und bittet die Leute zu bezahlen &mdash; die
+in alle Häuser und bittet die Leute zu bezahlen &mdash; die
Kosten zu bezahlen &mdash; ein jeder ein wenig, dann ginge
-es. Sie will ja alles zurückbezahlen &mdash;&ldquo;
+es. Sie will ja alles zurückbezahlen &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Die Stimme eines kleinen graubärtigen und sauber
+Die Stimme eines kleinen graubärtigen und sauber
gekleideten Mannes, der sich bisher mit keinem Worte
-an dem Gespräche beteiligt hatte, sagte: &bdquo;Der Herr
+an dem Gespräche beteiligt hatte, sagte: &bdquo;Der Herr
Dekan wird recht wohl wissen, was zu tun ist!&ldquo; Die
Stimme sprach so bestimmt und die Kinnladen des alten
-Herrn bewegten sich mit solcher Würde, daß alle auf
-ihn hören mußten. &bdquo;Weshalb also ereifern Sie sich so,
+Herrn bewegten sich mit solcher Würde, daß alle auf
+ihn hören mußten. &bdquo;Weshalb also ereifern Sie sich so,
meine Herren? Die Kirche kann ihre Segnungen nur
Gliedern derselben angedeihen lassen, die sich ihrer
-würdig zeigen. Ein Mädchen jedoch, das einen solch
-unzüchtigen Lebenswandel führte und zuletzt zu all den
+würdig zeigen. Ein Mädchen jedoch, das einen solch
+unzüchtigen Lebenswandel führte und zuletzt zu all den
<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-Sünden noch jene des Selbstmordes fügte, ist meines
-Erachtens dieser Segnungen unwürdig &mdash; unwürdig, voll
+Sünden noch jene des Selbstmordes fügte, ist meines
+Erachtens dieser Segnungen unwürdig &mdash; unwürdig, voll
und ganz &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
Der Lehrer, der in der Mitte des Abteils stand,
-funkelte mit den Brillengläsern und brach in ein lautes
+funkelte mit den Brillengläsern und brach in ein lautes
lustiges Lachen aus, der alte Herr hielt inne und starrte
ihn mit offenem Munde an. Diese Pause benutzte der
Schuhmachermeister. Er rollte die Augen und schrie
@@ -621,36 +587,36 @@ Mutterherz, zu dem katholischen Geistlichen. In des
Heilands Namen, helfen Sie mir! Aber der geistliche
Rat sagt, es tut mir leid, liebe Frau, gehen Sie zum
Herrn Dekan nach Weinberg. Ich habe hier nichts zu
-tun!&ldquo; Er schlug die Hände zusammen und ließ die
+tun!&ldquo; Er schlug die Hände zusammen und ließ die
Augen fragend von einem zum andern wandern.
</p>
<p>
-Der graubärtige Herr hatte sich von seiner Verblüffung
+Der graubärtige Herr hatte sich von seiner Verblüffung
erholt und nahm das Wort wieder auf. &bdquo;Ich
-selbst habe Angehörige auf dem Friedhof liegen,&ldquo; sagte
+selbst habe Angehörige auf dem Friedhof liegen,&ldquo; sagte
er, &bdquo;ich glaube den Herrschaften bekannt zu sein &mdash;
-Messerschmied Ulrich, eingesessener Bürger und Magistratsrat
-&mdash; ich wünsche nicht, daß meine Angehörigen in
+Messerschmied Ulrich, eingesessener Bürger und Magistratsrat
+&mdash; ich wünsche nicht, daß meine Angehörigen in
der gleichen geweihten Erde ruhen mit einer Person &mdash;
nun, ich habe nicht zu richten &mdash; aber es ist in Ordnung,
-was der Herr hier sagt: Es muß ein Unterschied herrschen!
-Wer unwürdig ist, ist unwürdig.&ldquo;
+was der Herr hier sagt: Es muß ein Unterschied herrschen!
+Wer unwürdig ist, ist unwürdig.&ldquo;
</p>
<p>
-O Gott, o Gott, jammerte die Bäuerin in Trauerkleidern.
+O Gott, o Gott, jammerte die Bäuerin in Trauerkleidern.
</p>
<p>
&bdquo;Hier!&ldquo; schrie der Schuhmachermeister, &bdquo;hier sitzt
-sie! Hier sitzt eine Tante von ihr! Sie muß so etwas
-mit anhören!&ldquo;
+sie! Hier sitzt eine Tante von ihr! Sie muß so etwas
+mit anhören!&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Der Händler sagte: &bdquo;Ein Unterschied muß herrschen,
+Der Händler sagte: &bdquo;Ein Unterschied muß herrschen,
das ist klar!&ldquo;
</p>
@@ -658,19 +624,19 @@ das ist klar!&ldquo;
Da erhob sich der Schuhmachermeister und schrie
zornig: &bdquo;Was verstehen denn Sie, wie? Sie als
Israelit, was verstehen Sie?&ldquo; Das rief ein lautes
-Gelächter hervor. &bdquo;Nein!&ldquo; fuhr der Schuhmachermeister
-fort und dämpfte die Stimme. &bdquo;Ich kann dem Herrn
+Gelächter hervor. &bdquo;Nein!&ldquo; fuhr der Schuhmachermeister
+fort und dämpfte die Stimme. &bdquo;Ich kann dem Herrn
Dekan nicht recht geben und auch Ihnen, Herr Rat
Ulrich, auch Ihnen kann ich nicht recht geben, niemals,
-niemals!&ldquo; Er flüsterte.
+niemals!&ldquo; Er flüsterte.
</p>
<p>
-Messerschmied Ulrich zuckte die Achseln. &bdquo;Ich äußerte
+Messerschmied Ulrich zuckte die Achseln. &bdquo;Ich äußerte
nur meine bescheidene Meinung!&ldquo; sagte er und ein
-böser Glanz kam in seine Augen. &bdquo;Ich gebe dem Herrn
+böser Glanz kam in seine Augen. &bdquo;Ich gebe dem Herrn
Dekan vollkommen recht und kann auf keinen Fall
-dulden, daß man eine Behörde öffentlich in dieser
+dulden, daß man eine Behörde öffentlich in dieser
beleidigenden Weise kritisiert. Das ist meine Meinung!
Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!&ldquo;
</p>
@@ -678,45 +644,45 @@ Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!&ldquo;
<p>
&bdquo;Ja, Gott helfe ihm, Amen!&ldquo; sagte lachend der
Lehrer. &bdquo;Gott helfe dem Herrn Messerschmied Ulrich,
-eingesessenen Bürger und Magistratsrat und mache ihn
+eingesessenen Bürger und Magistratsrat und mache ihn
selig, Amen! Er kann nicht anders! Er hat gestritten
-für die gute Sache und sein Leben dabei aufs Spiel
+für die gute Sache und sein Leben dabei aufs Spiel
gesetzt! Gott helfe ihm! Hahaha! Aber die Wahrheit
-ist die, meine Herrschaften, daß morgen Hochzeit auf
-Schloß Bruck ist, der Dekan hält die Trauung. Hohe
+ist die, meine Herrschaften, daß morgen Hochzeit auf
+Schloß Bruck ist, der Dekan hält die Trauung. Hohe
Herrschaften kommen von allen Himmelsgegenden, nach
-der Feier ist großes Diner, bei dem der Herr Dekan
+der Feier ist großes Diner, bei dem der Herr Dekan
beileibe nicht fehlen kann. Das ist &mdash; hol&rsquo; mich der
Teufel! &mdash; der Grund, weshalb er so standhaft und
-mutig die in der Erde ruhenden Bürger, Ulrich und
+mutig die in der Erde ruhenden Bürger, Ulrich und
<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-Konsorten verteidigt. Im übrigen kann er nicht da und
+Konsorten verteidigt. Im übrigen kann er nicht da und
dort sein, das versteht sich von selbst.&ldquo;
</p>
<p>
-Der dicke Händler ließ wiederum den hohen
-gurrenden Laut hören, ähnlich einer Turteltaube, und
+Der dicke Händler ließ wiederum den hohen
+gurrenden Laut hören, ähnlich einer Turteltaube, und
sein Bauch begann zu zittern. Er zog ein gelbes
-Taschentuch heraus, eine Art Fahne, die für einige Zeit
-durchs ganze Coupé flatterte und einen Staubregen
+Taschentuch heraus, eine Art Fahne, die für einige Zeit
+durchs ganze Coupé flatterte und einen Staubregen
von Schnupftabak, Brotkrumen und andern Dingen
ausstreute; dahinter verbarg er sich.
</p>
<p>
-Aber, was der Lehrer doch daher schwätze! Der neue
+Aber, was der Lehrer doch daher schwätze! Der neue
Vikar sei ja angekommen &mdash; he! &mdash; hier, Kaiser habe
-es erzählt!
+es erzählt!
</p>
<p>
&bdquo;Ja, ich habe ihn gesehen!&ldquo; sagte der Adjunkt und
wischte sich etwas unsicher den langen messinggelben
Schnurrbart. &bdquo;Auf Ehre! Er sieht wie ein Offizier in
-Zivil aus, schwarzer Schnurrbart, Zylinder. Im übrigen
-hat mir die Frau Dekan erzählt, daß es der neue Vikar
-ist. Aber ich bitte Sie, meine Herrn &mdash; das ändert
+Zivil aus, schwarzer Schnurrbart, Zylinder. Im übrigen
+hat mir die Frau Dekan erzählt, daß es der neue Vikar
+ist. Aber ich bitte Sie, meine Herrn &mdash; das ändert
an der Sache ja nichts. Der Dekan ist sein Vorgesetzter
und er hat zu gehorchen, fertig!&ldquo;
</p>
@@ -729,9 +695,9 @@ das ist ja &mdash; das ist ja &mdash;&ldquo; sagte ratlos der Schuhmachermeister
<p>
Der Lehrer lachte. &bdquo;Alterieren Sie sich nicht, mein
Freund!&ldquo; sagte er. &bdquo;Ich gebe Ihnen die Versicherung,
-daß es dem Dienstmädchen ganz gleichgültig ist, ob
+daß es dem Dienstmädchen ganz gleichgültig ist, ob
man sie einsegnet oder nicht, ob man sie beerdigen
-wird wie einen eingesessenen, ehrenhaften Bürger oder
+wird wie einen eingesessenen, ehrenhaften Bürger oder
nicht.&ldquo;
</p>
@@ -742,12 +708,12 @@ nicht.&ldquo;
<p>
<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
&bdquo;Sie hat, was sie will. Sie ist tot. Basta! Und
-gesetzt den Fall, daß es einen Himmel gibt &mdash; was ich
-für meine Person nicht glaube &mdash; so ist es einerlei, ob
+gesetzt den Fall, daß es einen Himmel gibt &mdash; was ich
+für meine Person nicht glaube &mdash; so ist es einerlei, ob
sie erster, zweiter oder dritter Klasse beerdigt wird. Sie
kommt hinein, ob ihr der Herr Dekan von Weinberg
einen Empfehlungsbrief mitgibt oder nicht. Oder? Deshalb
-sage ich, ich würde sie auch nicht kirchlich beerdigen
+sage ich, ich würde sie auch nicht kirchlich beerdigen
&mdash; ganz wie der Magistratsrat Herr Ulrich &mdash;
ebenfalls nicht, nein!&ldquo;
</p>
@@ -758,32 +724,32 @@ ebenfalls nicht, nein!&ldquo;
<p>
&bdquo;Nein, denn es ist ja absolut einerlei, absolut
-einerlei. Ich für meine Person verzichte freiwillig auf
+einerlei. Ich für meine Person verzichte freiwillig auf
jede Einsegnung, ja, ich verbiete diesen Pfarrern, Vikaren
-und geistlichen Räten, sich überhaupt einzumischen. Ich
+und geistlichen Räten, sich überhaupt einzumischen. Ich
will nicht einmal etwas zu tun haben mit dieser Gesellschaft!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wie? Wie? Ja, da hört sich denn doch &mdash;&ldquo;
+&bdquo;Wie? Wie? Ja, da hört sich denn doch &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Ein unbeschreibliches Getöse entstand. Einige sprangen
+Ein unbeschreibliches Getöse entstand. Einige sprangen
auf, und der Kopf der Dame tauchte wieder hinter der
-Scheidewand empor und drehte sich empört hin und
-her. Der Händler schaukelte vor Vergnügen hin und
-her und der Schuhmachermeister saß wie niedergeschmettert
-da und starrte mit großen, leeren Augen
+Scheidewand empor und drehte sich empört hin und
+her. Der Händler schaukelte vor Vergnügen hin und
+her und der Schuhmachermeister saß wie niedergeschmettert
+da und starrte mit großen, leeren Augen
auf den Lehrer.
</p>
<p>
-Der Lehrer antwortete mit einem dröhnenden Gelächter.
+Der Lehrer antwortete mit einem dröhnenden Gelächter.
</p>
<p>
-Aber hier nahm die Sache plötzlich eine Wendung.
+Aber hier nahm die Sache plötzlich eine Wendung.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-2">
@@ -792,39 +758,39 @@ Aber hier nahm die Sache plötzlich eine Wendung.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Messerschmied Ulrich nämlich stand auf. Er
+<span class="firstchar">D</span>er Messerschmied Ulrich nämlich stand auf. Er
stand auf und trat auf den Lehrer zu. Sein
Kinn und sein grauer Bart, der lang und schmal war
-und Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, fingen an zu
+und Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, fingen an zu
zittern, noch ehe er zu sprechen begann.
</p>
<p>
&bdquo;Herr!&ldquo; sagte er dann. &bdquo;Herr!&ldquo; sagte er dann.
-&bdquo;Herr! Ich sage, Sie haben &mdash; Herr! &mdash; Sie gehörten
-früher einem Stande an, einem gebildeten Stande &mdash;
-ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten! Nein!
+&bdquo;Herr! Ich sage, Sie haben &mdash; Herr! &mdash; Sie gehörten
+früher einem Stande an, einem gebildeten Stande &mdash;
+ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten! Nein!
Sie haben sich &mdash; erfrecht &mdash; jawohl, erfrecht, die mir
teuern Toten auf dem Gottesacker zu bespei &mdash; bespeien,
jawohl! &mdash; Aber nicht genug damit &mdash; Sie haben
-sich erfrecht, die Religion und ihre Priester zu verhöhnen.
-Das ist mir zuviel!&ldquo; Der Lehrer lächelte gutmütig, und
-der Messerschmied schöpfte tief Atem, wurde blaß und
+sich erfrecht, die Religion und ihre Priester zu verhöhnen.
+Das ist mir zuviel!&ldquo; Der Lehrer lächelte gutmütig, und
+der Messerschmied schöpfte tief Atem, wurde blaß und
wiederholte einigemal keuchend: &bdquo;Das ist mir zuviel!&ldquo;
Und sein Bart zitterte.
</p>
<p>
-Der Lehrer winkte nachlässig mit der Hand und
-sagte mit ruhigem Lächeln und gutmütigen Augen
-hinter den Brillengläsern: &bdquo;Beruhigen Sie sich doch,
-Verehrtester! Sie können sich in Ihrer Gesundheit
-schädigen.&ldquo;
+Der Lehrer winkte nachlässig mit der Hand und
+sagte mit ruhigem Lächeln und gutmütigen Augen
+hinter den Brillengläsern: &bdquo;Beruhigen Sie sich doch,
+Verehrtester! Sie können sich in Ihrer Gesundheit
+schädigen.&ldquo;
</p>
<p>
-Jedoch der Messerschmied Ulrich gehörte dem Stadtrat
-an und war überhaupt ein Mann, der keinen Spaß
+Jedoch der Messerschmied Ulrich gehörte dem Stadtrat
+an und war überhaupt ein Mann, der keinen Spaß
verstand.
</p>
@@ -836,10 +802,10 @@ Sie sich vielleicht, was Sie, wer Sie eigentlich sind?&ldquo;
<p>
<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Der Lehrer lächelte und sein gleichsam von einem
-braunen Firnis überzogenes Gesicht nahm einen gütigen,
-väterlichen Ausdruck an. Seine Augen waren von
-verschiedener Größe, das größere betrachtete erstaunt
+Der Lehrer lächelte und sein gleichsam von einem
+braunen Firnis überzogenes Gesicht nahm einen gütigen,
+väterlichen Ausdruck an. Seine Augen waren von
+verschiedener Größe, das größere betrachtete erstaunt
den Messerschmied, das kleinere lachte ihn lustig an.
</p>
@@ -853,8 +819,8 @@ den Messerschmied, das kleinere lachte ihn lustig an.
<p>
&bdquo;Ich sage vergleichsweise: junger Mann,&ldquo; fuhr der
-Lehrer fort, &bdquo;denn Sie sind ja mir gegenüber noch
-sehr jung, eine Art Säugling, möchte ich sagen, ja,
+Lehrer fort, &bdquo;denn Sie sind ja mir gegenüber noch
+sehr jung, eine Art Säugling, möchte ich sagen, ja,
noch ungeboren &mdash; in der Tat! Ich meine, ob Sie
mich fragen?&ldquo;
</p>
@@ -862,129 +828,129 @@ mich fragen?&ldquo;
<p>
&bdquo;Ob ich Sie frage?&ldquo; antwortete der Messerschmied
und seine Stimme zitterte, als ob ihn jemand unausgesetzt
-auf den Rücken klopfe. &bdquo;Ja, gewiß, ich frage
-Sie! Ich möchte das zu gerne wissen!&ldquo;
+auf den Rücken klopfe. &bdquo;Ja, gewiß, ich frage
+Sie! Ich möchte das zu gerne wissen!&ldquo;
</p>
<p>
-Der Lehrer kämmte mit der Hand den langen,
-knisternden, schwarzen Bart und schüttelte den Kopf.
+Der Lehrer kämmte mit der Hand den langen,
+knisternden, schwarzen Bart und schüttelte den Kopf.
&bdquo;Wenn Sie mich nun fragen &mdash; und Sie fragen mich
doch, nicht wahr? &mdash; so kann ich Ihnen wohl antworten,
-aber es tut mir leid für Sie, denn ich sage
+aber es tut mir leid für Sie, denn ich sage
keine Schmeichelei: Sie sind eine Art Scherenschleifer
und ich bin ein Edelmann!&ldquo;
</p>
<p>
-Es wurde ganz still und man hörte die Räder
-auf den Schienen stampfen. Der jüdische Händler
+Es wurde ganz still und man hörte die Räder
+auf den Schienen stampfen. Der jüdische Händler
gluckste leise.
</p>
<p>
Der Messerschmied tat zuerst gar nichts. Es schien,
-als ob er nichts gehört habe. Dann schüttelte er die
+als ob er nichts gehört habe. Dann schüttelte er die
Schultern, als sei ihm der Rock unbequem, er schnitt
-eine Grimasse, zischelte und plötzlich verbeugte er sich
+eine Grimasse, zischelte und plötzlich verbeugte er sich
<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
tief vor dem Lehrer. Er lachte meckernd und sagte mit
-wütender, zitternder Stimme:
+wütender, zitternder Stimme:
</p>
<p>
-&bdquo;Gut! Sie mögen im Recht sein, Herr Edelmann &mdash;
-mein Herr Edelmann. Sie mögen zehnmal im Recht
+&bdquo;Gut! Sie mögen im Recht sein, Herr Edelmann &mdash;
+mein Herr Edelmann. Sie mögen zehnmal im Recht
sein &mdash; aber, wenn Sie ein Edelmann sind &mdash; was hier
von all diesen Herren niemand bezweifelt &mdash; ach, nein,
-nein, niemand bezweifelt es &mdash; ach, du gütiger Himmel,
-nein, nein! &mdash; so werden Sie gefälligst, Herr Edelmann,
+nein, niemand bezweifelt es &mdash; ach, du gütiger Himmel,
+nein, nein! &mdash; so werden Sie gefälligst, Herr Edelmann,
zuvor Ihre Schulden bezahlen. Nicht wahr,
Sie werden zuvor Ihre Schulden bezahlen, mein Herr
-Edelmann. Sie erinnern sich vielleicht, daß Sie mir
+Edelmann. Sie erinnern sich vielleicht, daß Sie mir
seit sechs Jahren &mdash; seit sechs Jahren! &mdash; neun Mark
-und fünfzig Pfennig schuldig sind! Bitte! Ich weiß
-nicht, wo Ihr Schloß liegt oder Ihr Besitztum &mdash; also,
+und fünfzig Pfennig schuldig sind! Bitte! Ich weiß
+nicht, wo Ihr Schloß liegt oder Ihr Besitztum &mdash; also,
bitte sehr, bitte!&ldquo;
</p>
<p>
-Gelächter. Er streckte die bebende Hand hin und
-musterte mit übertrieben spöttischer Miene den Lehrer
-vom Kopf bis zum Fuße. Der Lehrer war ohne Kragen,
+Gelächter. Er streckte die bebende Hand hin und
+musterte mit übertrieben spöttischer Miene den Lehrer
+vom Kopf bis zum Fuße. Der Lehrer war ohne Kragen,
ein Tuch war um seinen braunen Hals geschlungen.
Wie sein Gesicht, so war seine ganze Kleidung verwettert
und verwildert, seine Schuhe klafften und man
-sah die nackten Füße, die Ärmel waren an vielen Stellen
-zerrissen und mit unordentlichen Stichen zusammengenäht.
+sah die nackten Füße, die Ärmel waren an vielen Stellen
+zerrissen und mit unordentlichen Stichen zusammengenäht.
</p>
<p>
-Der Lehrer blickte mitleidig lächelnd auf die bebende
-Hand des Messerschmieds und schüttelte den haarigen
+Der Lehrer blickte mitleidig lächelnd auf die bebende
+Hand des Messerschmieds und schüttelte den haarigen
Kopf. &bdquo;Ist das Ihr Ernst?&ldquo; fragte er voller Bedauern,
-im tiefsten Baß.
+im tiefsten Baß.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja &mdash; hähä &mdash; das ist mein Ernst!&ldquo;
+&bdquo;Ja &mdash; hähä &mdash; das ist mein Ernst!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wie leid es mir tut, daß Sie sich so in meine
+&bdquo;Wie leid es mir tut, daß Sie sich so in meine
<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Hände liefern, mein Herr!&ldquo; sagte der Lehrer. &bdquo;Aufrichtig
+Hände liefern, mein Herr!&ldquo; sagte der Lehrer. &bdquo;Aufrichtig
gestanden, ja! Wie niedrig Sie doch denken,
Geld, Schulden und dergleichen Geschichten mit dem
Begriffe Edelmann in Verbindung zu bringen? Edelmann,
-mein Herr, das ist Noblesse, Weltgefühl, Kraft,
-Genialität &mdash; Dinge, von denen Sie noch gar nichts
-gehört haben, nicht mehr als ein Hering vom süßen
-Wasser. Aber nun hören Sie: Ich bezahle nie, nie
-mit Geld. Ich bezahle mit Liebenswürdigkeit, Geist,
+mein Herr, das ist Noblesse, Weltgefühl, Kraft,
+Genialität &mdash; Dinge, von denen Sie noch gar nichts
+gehört haben, nicht mehr als ein Hering vom süßen
+Wasser. Aber nun hören Sie: Ich bezahle nie, nie
+mit Geld. Ich bezahle mit Liebenswürdigkeit, Geist,
Humor.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Bitte, bitte!&ldquo; heulte der Messerschmied und schüttelte
+&bdquo;Bitte, bitte!&ldquo; heulte der Messerschmied und schüttelte
die Hand.
</p>
<p>
-&bdquo;&mdash; eine Münze, die für Sie gar nicht existiert,
+&bdquo;&mdash; eine Münze, die für Sie gar nicht existiert,
leider. Ich habe die halbe Welt durchwandert, ohne
zu bezahlen, Tatsache! Ich habe tausend Freunde in
-der Welt, Edelleute, Fürsten &mdash; ich bringe Glück und
-frohen Sinn in jedes Haus &mdash; man empfängt mich
-mit Freuden, man entläßt mich mit Tränen in den
+der Welt, Edelleute, Fürsten &mdash; ich bringe Glück und
+frohen Sinn in jedes Haus &mdash; man empfängt mich
+mit Freuden, man entläßt mich mit Tränen in den
Augen &mdash; ich kann den ganzen Heine, Schiller, Goethe
und Shakespeare auswendig, jede Szene, die die Herrschaften
-nur immer wünschen &mdash; wollen Sie eine
+nur immer wünschen &mdash; wollen Sie eine
Probe? &mdash; Nun, wollen Sie eine Probe &mdash; he! Und
nun Sie, ein geborener Scherenschleifer, der alle Schaltjahre
-einen Gedanken hat, eine krankhaft zur Menschenähnlichkeit
-aufgeblähte Blase, ein alter Hanswurst, der
-dreißigtausend Siriusfernen abseits aller Kultur geboren
+einen Gedanken hat, eine krankhaft zur Menschenähnlichkeit
+aufgeblähte Blase, ein alter Hanswurst, der
+dreißigtausend Siriusfernen abseits aller Kultur geboren
ist &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Bitte, bitte!&ldquo; heulte der Messerschmied unaufhörlich
-und schüttelte die ausgestreckte Hand, daß seine Gummimanschetten
+&bdquo;Bitte, bitte!&ldquo; heulte der Messerschmied unaufhörlich
+und schüttelte die ausgestreckte Hand, daß seine Gummimanschetten
rasselten. Alles lachte, weniger oder mehr
<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
ungeniert, je nachdem man in freundschaftlicher Beziehung
zu dem Magistratsrat stand. Aus dem Lachen
-des Viehhändlers hörte man die aufrichtige Freude eines
+des Viehhändlers hörte man die aufrichtige Freude eines
fetten Menschen heraus.
</p>
<p>
Der Lehrer aber stand ruhig wie ein Turm inmitten
-des Gelächters, mit seinem verwilderten schwarzen Kopf,
-seinem nußbraunen Gesicht, seinen kindlichen gütigen
-Augen, und deklamierte lächelnd und in aller Ruhe mit
-einer solch tiefen Stimme, wie man sie noch nie gehört
+des Gelächters, mit seinem verwilderten schwarzen Kopf,
+seinem nußbraunen Gesicht, seinen kindlichen gütigen
+Augen, und deklamierte lächelnd und in aller Ruhe mit
+einer solch tiefen Stimme, wie man sie noch nie gehört
hatte.
</p>
@@ -995,10 +961,10 @@ in der Tasche, arm wie eine nackte, junge Ratte bin
ich &mdash; ich werde Sie trotzdem bezahlen, hier im Augenblick
werde ich Sie bezahlen, in diese Hand, Sie sollen
sehen, Sie kostbare Versteinerung, teuerste Essenz der
-bürgerlichen Gesellschaft, Aushängeschild der Krämergilde,
-Sie werden es erleben, daß ich Sie bezahle. Ehe
+bürgerlichen Gesellschaft, Aushängeschild der Krämergilde,
+Sie werden es erleben, daß ich Sie bezahle. Ehe
Sie sich auch nur den Geruch Ihrer Lieblingsspeise
-vorstellen können, wird das Geld auf Ihrer Hand liegen.
+vorstellen können, wird das Geld auf Ihrer Hand liegen.
Es ist Ihnen doch einerlei, woher ich es nehme?&ldquo;
</p>
@@ -1007,23 +973,23 @@ Es ist Ihnen doch einerlei, woher ich es nehme?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gut! Wieviel, sagten Sie? Neun Mark und fünfzig
-Pfennig, wenn ich richtig hörte, nicht wahr? Schön.
+&bdquo;Gut! Wieviel, sagten Sie? Neun Mark und fünfzig
+Pfennig, wenn ich richtig hörte, nicht wahr? Schön.
Sofort. Ich habe zwar keinen Heller in der Tasche &mdash;
aber sofort.&ldquo; Er wandte sich an die Anwesenden. &bdquo;Wer
-ist so freundlich, mir sofort neun Mark fünfzig Pfennig
+ist so freundlich, mir sofort neun Mark fünfzig Pfennig
zu schenken &mdash; zu schenken?&ldquo; fragte er und verneigte sich.
</p>
<p>
-Gelächter. &bdquo;Bitte, bitte!&ldquo; wiederholte der Messerschmied,
-der sich dem Siege nahe wußte.
+Gelächter. &bdquo;Bitte, bitte!&ldquo; wiederholte der Messerschmied,
+der sich dem Siege nahe wußte.
</p>
<p>
<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-&bdquo;Seine Münze ist außer Kurs!&ldquo; sagte der Viehhändler.
-&bdquo;Hat er nicht selbst gesagt, daß er niemals
+&bdquo;Seine Münze ist außer Kurs!&ldquo; sagte der Viehhändler.
+&bdquo;Hat er nicht selbst gesagt, daß er niemals
bezahlt?&ldquo;
</p>
@@ -1033,132 +999,132 @@ bezahlt?&ldquo;
<p>
&bdquo;Bitte, bitte!&ldquo; triumphierte der Messerschmied. &bdquo;Sie
-großes Maul von einem Edelmann &mdash; Sie Vagabond
+großes Maul von einem Edelmann &mdash; Sie Vagabond
von einem Edelmann (er sagte Vagabond), bezahlen
Sie, haha &mdash; so etwas von &mdash; haha.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Geduld!&ldquo; sagte der Lehrer. &bdquo;Sofort werde ich
-Sie befriedigen, verehrter Herr!&ldquo; Er musterte spöttisch
+Sie befriedigen, verehrter Herr!&ldquo; Er musterte spöttisch
die Gesellschaft und zog mit der Hand den schwarzen
-Bart herab, so daß seine roten Lippen zum Vorschein
-kamen. Sie sahen aus, als pfeife er. Er rief über
-die Scheidewand ins Nebenabteil hinüber &mdash; &bdquo;neun Mark
-und fünfzig &mdash; schenken!&ldquo; Aber man lachte und sagte
+Bart herab, so daß seine roten Lippen zum Vorschein
+kamen. Sie sahen aus, als pfeife er. Er rief über
+die Scheidewand ins Nebenabteil hinüber &mdash; &bdquo;neun Mark
+und fünfzig &mdash; schenken!&ldquo; Aber man lachte und sagte
ihm Schmeicheleien.
</p>
<p>
-&bdquo;&mdash; so etwas von einem großen Maul von einem
+&bdquo;&mdash; so etwas von einem großen Maul von einem
Edelmann &mdash; haha!&ldquo;
</p>
<p>
-Der Lehrer lächelte, er verlor nicht die Fassung. Er
+Der Lehrer lächelte, er verlor nicht die Fassung. Er
zuckte bedauernd die Schultern und sagte: &bdquo;Aus Kieselsteinen
-läßt sich kein Likör abziehen, ich hätte das wissen
+läßt sich kein Likör abziehen, ich hätte das wissen
sollen. &mdash; Aber Geduld, Edler, wenn ich nicht sofort
bezahle, so sollen Sie sagen, ich sei eine Null, ein
-Loch, eine Einbildung, ein eingesessener Bürger.&ldquo; Damit
+Loch, eine Einbildung, ein eingesessener Bürger.&ldquo; Damit
wandte er sich an den jungen Mann, der in der Ecke
schlief.
</p>
<p>
-Der junge Mann saß mit geschlossenen Augen. Die
-Lippen halb geöffnet, den Hut auf den Knien, genau
+Der junge Mann saß mit geschlossenen Augen. Die
+Lippen halb geöffnet, den Hut auf den Knien, genau
so wie er sich nach seinem Eintritt gesetzt hatte. Er
hatte dunkelbraunes weiches Haar, eine hohe Stirne,
<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-die weit über die Augen vorsprang, sein Gesicht war
-fein, mager und lang, ohne Bart und von jener weißlichen
+die weit über die Augen vorsprang, sein Gesicht war
+fein, mager und lang, ohne Bart und von jener weißlichen
Hautfarbe, wie man sie oft bei Rothaarigen
findet. Sein Mund war knabenhaft und rot.
</p>
<p>
-Der Lehrer näherte sich ihm und berührte seinen
+Der Lehrer näherte sich ihm und berührte seinen
Arm mit der Fingerspitze.
</p>
<p>
Sofort schlug der Fremde die Augen auf, braune,
-sanfte Augen; nun sah sein Gesicht auffallend schön
+sanfte Augen; nun sah sein Gesicht auffallend schön
und strahlend aus.
</p>
<p>
Der Lehrer verbeugte sich und wiederholte seine
-Bitte: &bdquo;neun Mark und fünfzig Pfennig, sofort. Wenn
-es dem Herrn möglich sein sollte.&ldquo;
+Bitte: &bdquo;neun Mark und fünfzig Pfennig, sofort. Wenn
+es dem Herrn möglich sein sollte.&ldquo;
</p>
<p>
-Gelächter.
+Gelächter.
</p>
<p>
-Aber nun ereignete sich etwas, was alle verblüffte,
-nur den Lehrer nicht. Der Fremde lächelte, richtete sich
+Aber nun ereignete sich etwas, was alle verblüffte,
+nur den Lehrer nicht. Der Fremde lächelte, richtete sich
ein wenig auf und griff in die Tasche und klimperte
-mit Geld. Es reichte nicht. Er errötete leicht, griff
-nach dem gestickten Reisesack und öffnete ihn, tauchte
+mit Geld. Es reichte nicht. Er errötete leicht, griff
+nach dem gestickten Reisesack und öffnete ihn, tauchte
mit der langen Hand hinein und zog ein Taschentuch
-mit einem Knoten heraus. Den Knoten öffnete er und
-es fand sich ein zusammengefaltetes Stück Papier darin
-Diesem Papier entnahm er ein kleines Goldstück und
+mit einem Knoten heraus. Den Knoten öffnete er und
+es fand sich ein zusammengefaltetes Stück Papier darin
+Diesem Papier entnahm er ein kleines Goldstück und
gab es dem Lehrer.
</p>
<p>
&bdquo;Danke!&ldquo; sagte der Lehrer und verbeugte sich. Er
-wandte sich an den Messerschmied. &bdquo;Sie sehen, daß
+wandte sich an den Messerschmied. &bdquo;Sie sehen, daß
es noch immer Edelleute auf der Welt gibt. Bitte,
Herr Messerschmied Ulrich!&ldquo;
</p>
<p>
-Alle saßen mit aufgerissenen Mäulern und Augen
+Alle saßen mit aufgerissenen Mäulern und Augen
und begannen erst zu lachen, als der Messerschmied,
-der einen Augenblick nicht wußte, was er tun sollte,
+der einen Augenblick nicht wußte, was er tun sollte,
<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-das Goldstück einsteckte und fünfzig Pfennig zurückgab.
-Diese fünfzig Pfennig überreichte der Lehrer dem Fremden,
-der sofort wieder die Augen schloß und sich in die Ecke
-zurücklegte.
+das Goldstück einsteckte und fünfzig Pfennig zurückgab.
+Diese fünfzig Pfennig überreichte der Lehrer dem Fremden,
+der sofort wieder die Augen schloß und sich in die Ecke
+zurücklegte.
</p>
<p>
In der letzten Station &mdash; Stadt Weinberg &mdash; stieg
-ein Herr mit glänzendem Zylinder und schwarzem gewichsten
-Schnurrbart ein. Adjunkt Kaiser grüßte und
-rückte höflich zur Seite. Das Gespräch stockte. Dann
-wandte sich der Viehhändler an den Herrn mit dem
-glänzenden Seidenhut.
+ein Herr mit glänzendem Zylinder und schwarzem gewichsten
+Schnurrbart ein. Adjunkt Kaiser grüßte und
+rückte höflich zur Seite. Das Gespräch stockte. Dann
+wandte sich der Viehhändler an den Herrn mit dem
+glänzenden Seidenhut.
</p>
<p>
-&bdquo;Verzeihen Sie mir die Kühnheit;&ldquo; sagte er mit
-schmeichlerischer Stimme. &bdquo;Können Sie mir vielleicht
-Auskunft geben, ob man dieses Dienstmädchen, diese
-Selbstmörderin, kirchlich beerdigen wird oder nicht?&ldquo;
+&bdquo;Verzeihen Sie mir die Kühnheit;&ldquo; sagte er mit
+schmeichlerischer Stimme. &bdquo;Können Sie mir vielleicht
+Auskunft geben, ob man dieses Dienstmädchen, diese
+Selbstmörderin, kirchlich beerdigen wird oder nicht?&ldquo;
</p>
<p>
Der Herr mit dem Seidenhut legte die Stirne in
-Falten und sagte kühl: &bdquo;Nein &mdash; soviel mir bekannt
+Falten und sagte kühl: &bdquo;Nein &mdash; soviel mir bekannt
ist &mdash; hat das Dekanat von einer Einsegnung Abstand
genommen.&ldquo;
</p>
<p>
-Er zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin,
+Er zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin,
um weitere Fragen abzuschneiden.
</p>
<p>
-Der Händler verneigte sich. &bdquo;Danke!&ldquo; Und er flüsterte
+Der Händler verneigte sich. &bdquo;Danke!&ldquo; Und er flüsterte
den andern zu: &bdquo;Nein, nein.&ldquo;
</p>
@@ -1168,18 +1134,18 @@ Kopfe und bot allen eine Prise an.
</p>
<p>
-Der Zug verlangsamte die Fahrt und schließlich schlief
+Der Zug verlangsamte die Fahrt und schließlich schlief
er ein und regte sich nicht mehr. Als man hinaus sah,
-fand es sich, daß man weit draußen vor der Station
+fand es sich, daß man weit draußen vor der Station
stehen geblieben war. Man war angekommen. Der
erste, der ausstieg, war der Herr im Zylinder, alle
<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-ließen ihm den Vortritt. Zuletzt stieg der Fremde mit
+ließen ihm den Vortritt. Zuletzt stieg der Fremde mit
dem gestickten Reisesack aus.
</p>
<p>
-Es war düster und kalt; nur wenige Laternen brannten
+Es war düster und kalt; nur wenige Laternen brannten
in der kleinen Station, die ganz im Schnee versank.
</p>
@@ -1188,47 +1154,47 @@ in der kleinen Station, die ganz im Schnee versank.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Fremde stieg aus und er wäre beinahe in den
-großen Filzhut gestiegen, den der Lehrer vor ihm
-bis zur Erde schwang. Er lachte laut und fröhlich.
+<span class="firstchar">D</span>er Fremde stieg aus und er wäre beinahe in den
+großen Filzhut gestiegen, den der Lehrer vor ihm
+bis zur Erde schwang. Er lachte laut und fröhlich.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie konnten sich wohl vorstellen, daß ich nicht
-verschwinden würde, ohne Ihnen zuvor unter vier Augen
+&bdquo;Sie konnten sich wohl vorstellen, daß ich nicht
+verschwinden würde, ohne Ihnen zuvor unter vier Augen
gedankt zu haben!&ldquo; sagte er und half dem Fremden
-beim Aussteigen. Das heißt, er griff nach dem rechten,
-dem linken Arm, der Achselhöhle des Fremden, ohne
-ihn jedoch zu berühren. &bdquo;Erlauben Sie Ihre Tasche
+beim Aussteigen. Das heißt, er griff nach dem rechten,
+dem linken Arm, der Achselhöhle des Fremden, ohne
+ihn jedoch zu berühren. &bdquo;Erlauben Sie Ihre Tasche
&mdash; bitte &mdash; nur bis Sie richtig auf den Beinen sind.&ldquo;
</p>
<p>
-Der Fremde lächelte fein und gütig. &bdquo;Danke, ganz
-und gar unnötig,&ldquo; sagte er. Er hatte schöne Augen,
+Der Fremde lächelte fein und gütig. &bdquo;Danke, ganz
+und gar unnötig,&ldquo; sagte er. Er hatte schöne Augen,
denn sie waren golden. Ihr klarer und leuchtender
Blick machte den Lehrer einen Moment lang betroffen.
-Der Fremde sprach leise, als ob er sehr müde wäre.
-Er lächelte und sah den Lehrer an, wie wenn er ihn
+Der Fremde sprach leise, als ob er sehr müde wäre.
+Er lächelte und sah den Lehrer an, wie wenn er ihn
schon Jahr und Tag kennte. Der Lehrer betrachtete
-ihn eine Weile, er bog sogar den Kopf zurück, um ihn
-genau ansehen zu können; dann stürzte er sich wieder
-auf die Reisetasche. Er strömte über von Freundlichkeit
+ihn eine Weile, er bog sogar den Kopf zurück, um ihn
+genau ansehen zu können; dann stürzte er sich wieder
+auf die Reisetasche. Er strömte über von Freundlichkeit
und Diensteifer.
</p>
<p>
-&bdquo;Erlauben Sie, nur bis Sie über die Geleise sind!&ldquo;
+&bdquo;Erlauben Sie, nur bis Sie über die Geleise sind!&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
&bdquo;Bitte, oh, ich kann ja selbst &mdash;&ldquo; sagte der junge
-Mann und zog mit einer geradezu lächerlichen Besorgnis
+Mann und zog mit einer geradezu lächerlichen Besorgnis
die Tasche an sich, und verbeugte sich leicht gegen den
Lehrer. Er blickte sich um. Er sah die Leute an, die
-über den beschneiten Bahnsteig eilten, er sah in die
-Höhe, nach rechts, nach links, er sog die Luft ein. Jede
+über den beschneiten Bahnsteig eilten, er sah in die
+Höhe, nach rechts, nach links, er sog die Luft ein. Jede
Kleinigkeit schien ihn zu interessieren.
</p>
@@ -1236,8 +1202,8 @@ Kleinigkeit schien ihn zu interessieren.
Aber der Lehrer verneigte sich abermals, zog den
Hut und ergriff endlich die Tasche. &bdquo;Ich betrachte es
als eine Auszeichnung, mein Herr!&ldquo; sagte er. &bdquo;Welche
-Kälte, nicht wahr? Eine verfluchte, angenehme Kälte,
-bei allen Teufeln! &mdash; Sie haben mir einen großen Dienst
+Kälte, nicht wahr? Eine verfluchte, angenehme Kälte,
+bei allen Teufeln! &mdash; Sie haben mir einen großen Dienst
erwiesen,&ldquo; fuhr er fort, indem er unvermittelt seinem
beweglichen, von vielen Falten durchzogenen Gesicht einen
ernsten Ausdruck gab. &bdquo;Das war eine echte Edelmannstat!&ldquo;
@@ -1251,35 +1217,35 @@ nicht der Rede wert,&ldquo; sagte er.
<p>
Der Lehrer lachte. &bdquo;Da haben Sie recht! Klar gesehen
-ist es etwas ganz Selbstverständliches, ein Edelmann
+ist es etwas ganz Selbstverständliches, ein Edelmann
springt dem andern bei, ja, er springt jedem bei,
der in der Klemme sitzt. Ganz einerlei wer es auch
sei, und sei es der Teufel selbst. Aber trotz alledem,
ich freue mich und danke Ihnen! Wenn Sie nun nicht
-dagewesen wären &mdash; nehmen wir an &mdash; oder keine
-zehn Mark gehabt hätten? &mdash; Hol&rsquo; mich der Teufel,
-wie wäre ich vor diesen Scherenschleifern und Schuhflickern
+dagewesen wären &mdash; nehmen wir an &mdash; oder keine
+zehn Mark gehabt hätten? &mdash; Hol&rsquo; mich der Teufel,
+wie wäre ich vor diesen Scherenschleifern und Schuhflickern
dagestanden. Es juckt mich immer, sehen Sie,
dieses Gesindel mit Worten niederzuschmettern, aufzudonnern
&mdash; zum Beispiel, einmal wollte ein Lump von
<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-einem Gastwirt mich hinauswerfen, buchstäblich hinauswerfen
+einem Gastwirt mich hinauswerfen, buchstäblich hinauswerfen
aus seiner Bude. Er hetzte den Hund auf mich!
-Immer heran mit deinem gichtbrüchigen Hund, schrie
+Immer heran mit deinem gichtbrüchigen Hund, schrie
ich und breitete die Arme aus &mdash; heran mit diesem
Floh von einem Hund! &mdash; Was glauben Sie, was
passierte? Es war eine Ulmer Dogge &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nun?&ldquo; fragte der junge Mann lächelnd.
+&bdquo;Nun?&ldquo; fragte der junge Mann lächelnd.
</p>
<p>
-&bdquo;Haha, er riß mich zu Boden, buchstäblich, wie
+&bdquo;Haha, er riß mich zu Boden, buchstäblich, wie
einen Pfahl rannte er mich um &mdash; aber, bin ich gegangen?
&mdash; Nein &mdash; werde doch vor keinem Hunde
-ausreißen &mdash; hahaha!&ldquo;
+ausreißen &mdash; hahaha!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -1287,22 +1253,22 @@ Auch der Fremde lachte.
</p>
<p>
-&bdquo;Dann hören Sie, einmal, da donnere ich also,
+&bdquo;Dann hören Sie, einmal, da donnere ich also,
donnere vor Wichten und Schneidern und sage, ich bin
-ein Mann, der ein Pferd an den Zähnen in die Höhe
+ein Mann, der ein Pferd an den Zähnen in die Höhe
hebt und einen Kilometer weit damit springt. Hebe
den Tisch, sagen sie, hebe diesen Tisch. Ich hob diesen
Tisch, ein schwerer Tisch, mein Herr, ich hob ihn und
brach mir einen Zahn dabei aus &mdash; sehen Sie hier &mdash;
-sehen Sie in der Mitte, diesen schönen Zahn, auf den
+sehen Sie in der Mitte, diesen schönen Zahn, auf den
ich immer stolz war, brach ich mir ab &mdash; aber ich hob
den Tisch! Entschuldigen Sie einen Augenblick!&ldquo; Er
wandte sich ab und zog den Hut vor einer jungen
Dame mit auffallend reichem schwarzen Haar und stolzem
Profil, die, gefolgt von einem Diener in ledergelber Livree,
-die Geleise überschritt. Der Diener war mit Schachteln und
-Paketen beladen. &bdquo;Guten Abend, gnädiges Fräulein!&ldquo;
-sagte der Lehrer und verbeugte sich mit großer Würde.
+die Geleise überschritt. Der Diener war mit Schachteln und
+Paketen beladen. &bdquo;Guten Abend, gnädiges Fräulein!&ldquo;
+sagte der Lehrer und verbeugte sich mit großer Würde.
</p>
<p>
@@ -1311,66 +1277,66 @@ Die Dame aber schenkte ihm nicht die geringste Beachtung.
<p>
<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-Der Lehrer lachte gutmütig und wandte sich an den
+Der Lehrer lachte gutmütig und wandte sich an den
Fremden. &bdquo;Sie ist sehr stolz? Haben Sie es bemerkt?&ldquo;
-sagte er mit gedämpftem Baß. &bdquo;Sie dankte mir nicht,
-aber ich grüße sie &mdash; erstens ist sie sehr schön und
+sagte er mit gedämpftem Baß. &bdquo;Sie dankte mir nicht,
+aber ich grüße sie &mdash; erstens ist sie sehr schön und
zweitens ist sie eine Freundin meiner Tochter Susanna!
-&mdash; Deshalb grüße ich sie und deshalb werde ich sie
-immer grüßen, wenn sie mir auch hundertmal nicht
+&mdash; Deshalb grüße ich sie und deshalb werde ich sie
+immer grüßen, wenn sie mir auch hundertmal nicht
danken sollte. Denn, wer meiner Tochter Susanna nur
-zulächelt, den küsse ich auch schon, sehen Sie,&ldquo; fügte
-er mit einem leisen zutraulichen Lächeln hinzu. &bdquo;Geben
+zulächelt, den küsse ich auch schon, sehen Sie,&ldquo; fügte
+er mit einem leisen zutraulichen Lächeln hinzu. &bdquo;Geben
Sie acht, eine Schiene. Welche Rattenfalle von einem
-Bahnhofe, nicht wahr? Sie kommen in Geschäften in
+Bahnhofe, nicht wahr? Sie kommen in Geschäften in
die Stadt, mein Herr?&ldquo;
</p>
<p>
Der Fremde, der der Dame mit dem auffallend
reichen schwarzen Haar nachblickte, sagte: &bdquo;Ja, man
-könnte es so nennen.&ldquo; Und er nickte. Die Dame verschwand.
+könnte es so nennen.&ldquo; Und er nickte. Die Dame verschwand.
</p>
<p>
-Der Lehrer berührte die Schulter des Fremden.
+Der Lehrer berührte die Schulter des Fremden.
&bdquo;Verzeihung!&ldquo; Er lachte und sein lautes, gesundes Lachen
hallte in dem schmalen nach Papier riechenden Gange
wieder, den sie durchschritten. &bdquo;Es war mehr eine Verlegenheitsfrage
als Neugierde. Ich hoffe aber, ja, ich
-wünsche Ihnen ganz speziell, daß Sie nicht lange hier
+wünsche Ihnen ganz speziell, daß Sie nicht lange hier
zu tun haben werden. Eine recht elende Stadt, von
-bürgerlichem Volke bewohnt. Ohne Würde, ohne schöne
-Gebärde, ohne Ziel und Wunsch, mit verächtlichen Maßstäben.
-Eine Grube voller Ausschuß, Scherben von
-Menschen, wie in den meisten kleinen Städten, wo die
-geistige Konkurrenz gleich Null ist und dickranzige Bürger
-jeden Gedanken in Grund und Boden hineinlächeln.
+bürgerlichem Volke bewohnt. Ohne Würde, ohne schöne
+Gebärde, ohne Ziel und Wunsch, mit verächtlichen Maßstäben.
+Eine Grube voller Ausschuß, Scherben von
+Menschen, wie in den meisten kleinen Städten, wo die
+geistige Konkurrenz gleich Null ist und dickranzige Bürger
+jeden Gedanken in Grund und Boden hineinlächeln.
<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Sind Sie Sammler von Abnormitäten, so werden Sie
-auf Ihre Kosten kommen. Gewissermaßen ein Museum
-von Bürgerlichkeit und Dummheit. Aber was wollen
+Sind Sie Sammler von Abnormitäten, so werden Sie
+auf Ihre Kosten kommen. Gewissermaßen ein Museum
+von Bürgerlichkeit und Dummheit. Aber was wollen
Sie, verehrter Herr: Ein Kork kann sich so schwer machen
wie er will, er sinkt nicht unter! Dies ist wiederum
-eines meiner dreitausend Sprichwörter über den Bürger.&ldquo;
+eines meiner dreitausend Sprichwörter über den Bürger.&ldquo;
Der Lehrer lachte zufrieden; dann fuhr er fort: &bdquo;Da
haben Sie zum Beispiel den geistlichen Rat, fett wie
-ein Schwein &mdash; aber, ich bitte Sie, welch prächtiges
-kluges Geschöpf ist ein Schwein im Vergleich zu ihm!
+ein Schwein &mdash; aber, ich bitte Sie, welch prächtiges
+kluges Geschöpf ist ein Schwein im Vergleich zu ihm!
Er treibt Teufel aus, am lichten Tag und verbrennt sie
auf einem Spirituskocher. Da haben Sie wimmelnde
-Beispiele. Der Bürgermeister allein &mdash; von einer Essenz
-aus ihm gewonnen, würde ein einziger Tropfen hinreichen,
-ein Genie augenblicklich zu verblöden. Solch
+Beispiele. Der Bürgermeister allein &mdash; von einer Essenz
+aus ihm gewonnen, würde ein einziger Tropfen hinreichen,
+ein Genie augenblicklich zu verblöden. Solch
eine Stadt ist das! Geist ist alles, sehen Sie, auf
Moral pfeife ich!&ldquo;
</p>
<p>
Der Lehrer war wieder im Schwunge. Er zog den
-Hut in die Stirne, so daß sein halber Kopf darunter
-verschwand, sprach, gestikulierte, lachte, und je länger
-er sprach, desto glücklicher und zufriedener sah er aus.
+Hut in die Stirne, so daß sein halber Kopf darunter
+verschwand, sprach, gestikulierte, lachte, und je länger
+er sprach, desto glücklicher und zufriedener sah er aus.
Er streckte die Arme bald gerade aus, bald gegen den
Himmel, er wiegte sich hin und her und drehte sich
auf dem Absatze.
@@ -1378,14 +1344,14 @@ auf dem Absatze.
<p>
Vor dem Bahnhofe wartete eine Art Wagen, einer
-großen Hutschachtel ähnlich, die ganz oben ein winziges
+großen Hutschachtel ähnlich, die ganz oben ein winziges
Fensterchen hatte. Aus dem Fenster blickte das fette,
-zufriedene Gesicht des Viehhändlers, der sich im Zuge
-so gut amüsiert hatte. Eine Zigarre glimmte in seinem
-Munde und sein Gesicht füllte das ganze Fenster aus.
+zufriedene Gesicht des Viehhändlers, der sich im Zuge
+so gut amüsiert hatte. Eine Zigarre glimmte in seinem
+Munde und sein Gesicht füllte das ganze Fenster aus.
<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Auf dem Bock des Wagens saß ein dunkles Bündel
-und dieses Bündel rief: &bdquo;Weißer Elefant?&ldquo;
+Auf dem Bock des Wagens saß ein dunkles Bündel
+und dieses Bündel rief: &bdquo;Weißer Elefant?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -1395,31 +1361,31 @@ zur Stadt?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Höhö! Eine halbe Stunde! Der Herr fahren also
-nicht mit? Hü!&ldquo;
+&bdquo;Höhö! Eine halbe Stunde! Der Herr fahren also
+nicht mit? Hü!&ldquo;
</p>
<p>
Die Hutschachtel rollte davon und die glimmende
-Zigarre des Händlers erlosch in der Nacht wie ein kleines
-Fünkchen.
+Zigarre des Händlers erlosch in der Nacht wie ein kleines
+Fünkchen.
</p>
<p>
-Der Lehrer lachte herzlich. &bdquo;Sie können sich doch denken,
-verehrter Herr,&ldquo; rief er aus, &bdquo;daß der Bahnhof weit
-außerhalb der Stadt liegt! Man befürchtete, die Häuser
-würden einfallen. Ich werde mir erlauben, Ihnen in
+Der Lehrer lachte herzlich. &bdquo;Sie können sich doch denken,
+verehrter Herr,&ldquo; rief er aus, &bdquo;daß der Bahnhof weit
+außerhalb der Stadt liegt! Man befürchtete, die Häuser
+würden einfallen. Ich werde mir erlauben, Ihnen in
aller Eile eine Skizze von dieser Stadt zu entwerfen und
Sie werden mir in einer Woche, nein, morgen schon
-sagen können, ob ich ein Talent zu Schilderungen habe
+sagen können, ob ich ein Talent zu Schilderungen habe
oder nicht. Diese Stadt also &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Verzeihung!&ldquo; unterbrach der Fremde den geschwätzigen
+&bdquo;Verzeihung!&ldquo; unterbrach der Fremde den geschwätzigen
Lehrer. &bdquo;Darf ich mir eine Frage erlauben? Hier in der
-Stadt hat sich ein Unglück ereignet, nicht wahr?&ldquo;
+Stadt hat sich ein Unglück ereignet, nicht wahr?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -1427,68 +1393,68 @@ Stadt hat sich ein Unglück ereignet, nicht wahr?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;So viel ich hören konnte, ein Mädchen hat sich
+&bdquo;So viel ich hören konnte, ein Mädchen hat sich
das Leben genommen?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ja &mdash; ja &mdash; richtig!&ldquo; Der Lehrer blickte den jungen
-Mann prüfend von der Seite her an. &bdquo;Haben Sie
-denn nicht geschlafen?&ldquo; fragte er, ohne seine Überraschung
-verbergen zu können.
+Mann prüfend von der Seite her an. &bdquo;Haben Sie
+denn nicht geschlafen?&ldquo; fragte er, ohne seine Überraschung
+verbergen zu können.
</p>
<p>
-&bdquo;Nein!&ldquo; Der Fremde lächelte fein. &bdquo;Ich habe nicht
-geschlafen, ich habe jedes Wort gehört.&ldquo;
+&bdquo;Nein!&ldquo; Der Fremde lächelte fein. &bdquo;Ich habe nicht
+geschlafen, ich habe jedes Wort gehört.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-&bdquo;Ah!&ldquo; Das größere Auge des Lehrers erweiterte sich
-vor Erstaunen, das kleinere prüfte den Fremden mit
+&bdquo;Ah!&ldquo; Das größere Auge des Lehrers erweiterte sich
+vor Erstaunen, das kleinere prüfte den Fremden mit
einem langen scharfen Blick.
</p>
<p>
&bdquo;Aber Sie haben sich schlafend gestellt?&ldquo; sagte der
-Lehrer langsam, gleichsam für sich; und er fügte rasch
-hinzu: &bdquo;Ja, ich habe dies und jenes gehört. Interessiert
+Lehrer langsam, gleichsam für sich; und er fügte rasch
+hinzu: &bdquo;Ja, ich habe dies und jenes gehört. Interessiert
Sie der Fall?&ldquo;
</p>
<p>
-Der junge Mann nickte. &bdquo;Ich habe das allergrößte
+Der junge Mann nickte. &bdquo;Ich habe das allergrößte
Interesse!&ldquo; sagte er.
</p>
<p>
-Der Lehrer erzählte. &bdquo;Was für merkwürdige Dinge
-auf der Welt passieren!&ldquo; schloß er. &bdquo;Nicht wahr?&ldquo; Er
+Der Lehrer erzählte. &bdquo;Was für merkwürdige Dinge
+auf der Welt passieren!&ldquo; schloß er. &bdquo;Nicht wahr?&ldquo; Er
lachte leise. Wenn man des Lebens komischen Spuk
recht ins Auge fasse, murmelte er, indem er sich den
-schwarzen Bart strich, man müsse die Folgerung ziehen,
-daß Gott wahnsinnig sei.
+schwarzen Bart strich, man müsse die Folgerung ziehen,
+daß Gott wahnsinnig sei.
</p>
<p>
Der Fremde blickte den Lehrer mit klaren, ernsten
-Augen an. &bdquo;Sie kennen vielleicht die unglückliche
-Mutter des Mädchens?&ldquo;
+Augen an. &bdquo;Sie kennen vielleicht die unglückliche
+Mutter des Mädchens?&ldquo;
</p>
<p>
Der Lehrer erstaunte immer mehr. Er trat einen
-Schritt zurück und vermochte nicht sofort zu antworten.
-Aber er faßte sich und lächelte. &bdquo;Diese kleine, alte
+Schritt zurück und vermochte nicht sofort zu antworten.
+Aber er faßte sich und lächelte. &bdquo;Diese kleine, alte
Frau?&ldquo; sagte er und blickte den Fremden mit einer gewissen
-Scheu an, die immer wieder in seinen Zügen
-auftauchte, so oft er sie auch zu unterdrücken versuchte.
-&bdquo;Sie ist eine Eierhändlerin, wissen Sie, geht herum in
-den Dörfern und kauft Eier ein, um sie in der Stadt
+Scheu an, die immer wieder in seinen Zügen
+auftauchte, so oft er sie auch zu unterdrücken versuchte.
+&bdquo;Sie ist eine Eierhändlerin, wissen Sie, geht herum in
+den Dörfern und kauft Eier ein, um sie in der Stadt
zu verhandeln. Ein armes Dingchen, sie wohnt neben
dem Armenhaus, dicht daneben, fast im Armenhaus
-selbst, im Hexengäßchen wohnt sie, jedes Kind kennt sie.&ldquo;
+selbst, im Hexengäßchen wohnt sie, jedes Kind kennt sie.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -1496,47 +1462,47 @@ selbst, im Hexengäßchen wohnt sie, jedes Kind kennt sie.&ldquo;
<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
mit einer offenherzigen Bewegung die Hand entgegen.
&bdquo;Danke Ihnen aufrichtig!&ldquo; Die Herzlichkeit in seiner
-Stimme besiegte die sonderbare Scheu des Lehrers vollständig.
-Ein Lächeln verklärte sein männliches, wildes
-Gesicht. Er streckte ihm beide Hände hin.
+Stimme besiegte die sonderbare Scheu des Lehrers vollständig.
+Ein Lächeln verklärte sein männliches, wildes
+Gesicht. Er streckte ihm beide Hände hin.
</p>
<p>
&bdquo;Verehrter!&ldquo; rief er aus. &bdquo;Verehrter! Es ist mir
-eine große Freude, Ihnen auf meiner Wanderschaft begegnet
-zu sein. Ich hoffe, das Glück wird nicht ohne
-Nachwuchs bleiben, das heißt, Sie verstehen mich wohl,
-ich hoffe, daß ich Sie wiedersehen werde. Vielleicht
+eine große Freude, Ihnen auf meiner Wanderschaft begegnet
+zu sein. Ich hoffe, das Glück wird nicht ohne
+Nachwuchs bleiben, das heißt, Sie verstehen mich wohl,
+ich hoffe, daß ich Sie wiedersehen werde. Vielleicht
schenken Sie mir die Ehre Ihres Besuches? Ich bin in
-Acht und Bann, ohne jeglichen bürgerlichen Kredit, ein
+Acht und Bann, ohne jeglichen bürgerlichen Kredit, ein
entlassener Volksschullehrer &mdash; sage es gleich, ohne zu
-befürchten, daß Sie das abhalten könnte mein Haus
+befürchten, daß Sie das abhalten könnte mein Haus
zu betreten.&ldquo; Und als der Fremde mit herzlichen Worten
-für die Einladung dankte und seinen Besuch zusagte,
-fügte er mit strahlendem Gesichte und aufrichtiger
-Freude flüsternd hinzu: &bdquo;Ah, herrlich! Mein Heim ist
-bescheiden, aber die Flagge <a id="corr-0"></a>des Glückes flattert darüber.
-Sie werden Mütterchen kennen lernen, meine Frau! &mdash;
-Mütterchen, so heißt sie in der ganzen Stadt &mdash; haha &mdash;
+für die Einladung dankte und seinen Besuch zusagte,
+fügte er mit strahlendem Gesichte und aufrichtiger
+Freude flüsternd hinzu: &bdquo;Ah, herrlich! Mein Heim ist
+bescheiden, aber die Flagge <a id="corr-0"></a>des Glückes flattert darüber.
+Sie werden Mütterchen kennen lernen, meine Frau! &mdash;
+Mütterchen, so heißt sie in der ganzen Stadt &mdash; haha &mdash;
Sie werden sie kennen lernen, so klein wie sie ist!
Ich bezahle Ihnen hundert Flaschen Wein, wenn Sie
-sich vorstellen können, wie klein sie ist und wie leicht!
+sich vorstellen können, wie klein sie ist und wie leicht!
Oft, wenn ich in den Feldern herumliege, denke ich,
wie klein ist sie doch &mdash; wie klein und leicht &mdash; wie
ein Kork. Und Susanna werden Sie kennen lernen &mdash;
-meine Tochter &mdash; ein herrliches Geschöpf, herrlich an
-Körper und Geist &mdash; eine Art Heldin &mdash; nun, Sie
+meine Tochter &mdash; ein herrliches Geschöpf, herrlich an
+Körper und Geist &mdash; eine Art Heldin &mdash; nun, Sie
werden sie ja sehen! Ich bin eben auf dem Wege zu
<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-ihnen, zu Mütterchen und Susanna, seit einem Jahre
-bin ich nicht mehr da gewesen &mdash; aber plötzlich hat
-mich die Sehnsucht gepackt, so daß ich sogar den Zug
+ihnen, zu Mütterchen und Susanna, seit einem Jahre
+bin ich nicht mehr da gewesen &mdash; aber plötzlich hat
+mich die Sehnsucht gepackt, so daß ich sogar den Zug
nahm, was seit sechs Jahren nicht mehr passierte, ich
-mache alles zu Fuß &mdash;&ldquo;
+mache alles zu Fuß &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie arbeiten also auswärts?&ldquo; fragte der Fremde.
+&bdquo;Sie arbeiten also auswärts?&ldquo; fragte der Fremde.
</p>
<p>
@@ -1544,26 +1510,26 @@ mache alles zu Fuß &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie arbeiten also auswärts, nicht hier am
+&bdquo;Sie arbeiten also auswärts, nicht hier am
Platze?&ldquo;
</p>
<p>
Der Lehrer gab seinem Kopfe einen Ruck und beugte
das Ohr lauschend herab. &bdquo;Ah!&ldquo; rief er, &bdquo;arbeiten?&ldquo;
-Er schüttelte langsam den haarigen Kopf und seine
-Augen glühten. &bdquo;Ich hasse die Arbeit! Ich bin ein freier
+Er schüttelte langsam den haarigen Kopf und seine
+Augen glühten. &bdquo;Ich hasse die Arbeit! Ich bin ein freier
Mann, ein Wanderer, wandere umher, jahraus &mdash; jahrein
&mdash; in Sturm und Wetter, in Sonne und Tau &mdash;
-ein Bruder der Vögel, ein Freund der Bäume, ein Sohn
+ein Bruder der Vögel, ein Freund der Bäume, ein Sohn
der Sonne&ldquo; &mdash; hier legte er die Hand aufs Herz und
-seine Augen glänzten schwärmerisch &mdash; &bdquo;ein Schrecken
-für alle eingesessenen Bürger! Ein Komet, der unterwegs
+seine Augen glänzten schwärmerisch &mdash; &bdquo;ein Schrecken
+für alle eingesessenen Bürger! Ein Komet, der unterwegs
ist, wenn Sie wollen. Nein, ich arbeite nicht,
-junger Freund, haha, was Ihnen doch einfällt!&ldquo; Er
-betrachtete den Fremden mit einem gönnerhaften, väterlichen
-Blick. &bdquo;Meine Familie lebt in angenehmen Verhältnissen
-&mdash; sozusagen in sehr angenehmen Verhältnissen.
+junger Freund, haha, was Ihnen doch einfällt!&ldquo; Er
+betrachtete den Fremden mit einem gönnerhaften, väterlichen
+Blick. &bdquo;Meine Familie lebt in angenehmen Verhältnissen
+&mdash; sozusagen in sehr angenehmen Verhältnissen.
Ich hoffe, Sie werden den Besuch nicht vergessen,
gleich hier beim Bahnhof!&ldquo;
</p>
@@ -1574,22 +1540,22 @@ gleich hier beim Bahnhof!&ldquo;
<p>
Der Lehrer sah den jungen Mann lange an, gleichsam,
-um sich sein Antlitz für alle Zeiten einzuprägen;
+um sich sein Antlitz für alle Zeiten einzuprägen;
er bewegte den Kopf in kleinen Rucken, um genauer
<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-zu sehen und tiefer in die Züge eindringen zu können.
-Dann schüttelte er leicht den Kopf.
+zu sehen und tiefer in die Züge eindringen zu können.
+Dann schüttelte er leicht den Kopf.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie sind ein eigentümlicher Mensch!&ldquo; sagte er leise.
+&bdquo;Sie sind ein eigentümlicher Mensch!&ldquo; sagte er leise.
&bdquo;Ich habe auch Ihr Gesicht noch nicht gesehen, alle
anderen Gesichter habe ich ja tausendfach gesehen. Ich
-schätze es mir zur Ehre, Ihnen begegnet zu sein. Allezeit
-Ihr Diener!&ldquo; Darauf nahm er den Hut ab, drückte
+schätze es mir zur Ehre, Ihnen begegnet zu sein. Allezeit
+Ihr Diener!&ldquo; Darauf nahm er den Hut ab, drückte
ihn gegen die Brust und verbeugte sich. &bdquo;Erlauben Sie
-mir, daß ich mich Ihnen zum Abschied vorstelle!&ldquo; sagte
-er in tiefstem Baß. &bdquo;Heinrich Löwenherz, ein fahrender
+mir, daß ich mich Ihnen zum Abschied vorstelle!&ldquo; sagte
+er in tiefstem Baß. &bdquo;Heinrich Löwenherz, ein fahrender
Gesell!&ldquo;
</p>
@@ -1605,9 +1571,9 @@ seinerseits.
<p>
Der Lehrer verschwand wie ein Phantom irgendwohin
und der Fremde sah ihm mit einem nachdenklichen
-und erstaunten Blicke nach. Aber dieser Heinrich Löwenherz
-hatte eine schöne Empfindung in ihm zurückgelassen,
-und er nahm sich vor, ihn sobald als möglich aufzusuchen.
+und erstaunten Blicke nach. Aber dieser Heinrich Löwenherz
+hatte eine schöne Empfindung in ihm zurückgelassen,
+und er nahm sich vor, ihn sobald als möglich aufzusuchen.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-4">
@@ -1617,26 +1583,26 @@ und er nahm sich vor, ihn sobald als möglich aufzusuchen.
<p class="first">
<span class="firstchar">D</span>ie kleine Stadt lag schon ganz ausgestorben. In
den krummen Gassen brannten einige Laternen,
-halb zugeschneit, mit kleinen verrußten Petroleumlämpchen.
-Die alten buckligen Häuser standen stumm
-und vornüber gebeugt und erinnerten an im Stehen
+halb zugeschneit, mit kleinen verrußten Petroleumlämpchen.
+Die alten buckligen Häuser standen stumm
+und vornüber gebeugt und erinnerten an im Stehen
schlafende Pferde. Da und dort schimmerte ein helles
<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Fenster. Der Schuhmachermeister Männlein saß friedlich
-über die Arbeit gebeugt, der Fleischer Keim hackte
-etwas auf einem Blocke und wischte sich den Schweiß
-von der Stirn. Auch Fräulein Karola Sperling, Modes,
+Fenster. Der Schuhmachermeister Männlein saß friedlich
+über die Arbeit gebeugt, der Fleischer Keim hackte
+etwas auf einem Blocke und wischte sich den Schweiß
+von der Stirn. Auch Fräulein Karola Sperling, Modes,
hatte noch Licht. Denn sicherlich war sie es, die da
droben im Giebelzimmer wohnte.
</p>
<p>
-Über den öden Marktplatz fuhr der Wind und
-kämpfte mit einem Zeitungsblatt, das offenbar die Absicht
+Über den öden Marktplatz fuhr der Wind und
+kämpfte mit einem Zeitungsblatt, das offenbar die Absicht
hatte, die Kirchgasse hinauf zu rollen. Aber der
-Wind zwang es, umzukehren, zerrte es an den Häusern
-entlang und ließ es endlich die Gasse, die zum Flusse
-führte und Fischergasse hieß, hinabflattern.
+Wind zwang es, umzukehren, zerrte es an den Häusern
+entlang und ließ es endlich die Gasse, die zum Flusse
+führte und Fischergasse hieß, hinabflattern.
</p>
<p>
@@ -1647,31 +1613,31 @@ Reisesack in der Hand.
</p>
<p>
-Er ging langsam auf das Hotel &bdquo;Zum weißen Elefanten&ldquo;
+Er ging langsam auf das Hotel &bdquo;Zum weißen Elefanten&ldquo;
zu und sah sich das Hotel von oben bis unten
aufmerksam an. Es war ein alter gelber Fachwerkbau,
der die Fenster gerade da hatte, wo niemand sie suchte
-und sich im Gegensatz zu all den andern Häusern
-ringsum zurückbog. Rechts unten hatte es einen kleinen
-Erker, der sich auf eine kurze, plumpe Säule stützte.
+und sich im Gegensatz zu all den andern Häusern
+ringsum zurückbog. Rechts unten hatte es einen kleinen
+Erker, der sich auf eine kurze, plumpe Säule stützte.
Aus dem Erker schimmerte Licht. Vor dem breiten
-Tor stand der Hotelwagen, der einer großen Hutschachtel
-ähnlich sah.
+Tor stand der Hotelwagen, der einer großen Hutschachtel
+ähnlich sah.
</p>
<p>
-Die Aufschrift &bdquo;Hotel zum weißen Elefant&ldquo; zog sich
-über die ganze Breite des mächtigen Hauses hin und
-zum Überfluß hing noch ein Schild über dem breiten
-Tore, ein kleiner, drolliger Elefant mit kurzen Stoßzähnen
+Die Aufschrift &bdquo;Hotel zum weißen Elefant&ldquo; zog sich
+über die ganze Breite des mächtigen Hauses hin und
+zum Überfluß hing noch ein Schild über dem breiten
+Tore, ein kleiner, drolliger Elefant mit kurzen Stoßzähnen
<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-und geschwungenem Rüssel und listigem Schmunzeln,
-ähnlich jenen ausgestopften Exemplaren, die die
+und geschwungenem Rüssel und listigem Schmunzeln,
+ähnlich jenen ausgestopften Exemplaren, die die
Kinder an einem Stricke hinter sich herschleifen.
</p>
<p>
-Der kleine weiße Elefant schwang sich im Winde
+Der kleine weiße Elefant schwang sich im Winde
und schmunzelte.
</p>
@@ -1681,35 +1647,35 @@ Halstuch. Es wird wohl besser aussehen! dachte er
und suchte in den Manteltaschen nach den Handschuhen.
Aber diese Handschuhe, dicke, warme Handschuhe, die
er erst gestern gekauft hatte, waren nicht zu finden.
-Plötzlich hörte Grau auf zu suchen. &bdquo;Aber natürlich!&ldquo;
-rief er aus und lächelte und sein Antlitz nahm einen
-glücklichen und träumerischen Ausdruck an.
+Plötzlich hörte Grau auf zu suchen. &bdquo;Aber natürlich!&ldquo;
+rief er aus und lächelte und sein Antlitz nahm einen
+glücklichen und träumerischen Ausdruck an.
</p>
<p>
-Er räusperte sich und zog die Klingel. Ein kleines
+Er räusperte sich und zog die Klingel. Ein kleines
Fenster an der Wand fiel herab und eine hastige, sich
-überstürzende, ärgerliche Stimme fragte: &bdquo;Wollen Sie
-Bier?&ldquo; Es hörte sich wie Gebell an.
+überstürzende, ärgerliche Stimme fragte: &bdquo;Wollen Sie
+Bier?&ldquo; Es hörte sich wie Gebell an.
</p>
<p>
Grau nahm den Hut ab. &bdquo;Nein,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich
will ein Zimmer &mdash; ein einfaches Zimmer, nicht zu
-teuer. Nur für diese Nacht.&ldquo;
+teuer. Nur für diese Nacht.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Äh!&ldquo; bellte die Stimme und ein ärgerliches kleines
+&bdquo;Äh!&ldquo; bellte die Stimme und ein ärgerliches kleines
Gesicht fuhr zum Fenster heraus. &bdquo;Sie haben an der
-Gassenschenke geläutet, sehen Sie denn nicht die Fremdenglocke?
-Können Sie denn nicht lesen?&ldquo;
+Gassenschenke geläutet, sehen Sie denn nicht die Fremdenglocke?
+Können Sie denn nicht lesen?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Natürlich kann ich lesen,&ldquo; sagte er,
+Grau lächelte. &bdquo;Natürlich kann ich lesen,&ldquo; sagte er,
&bdquo;entschuldigen Sie nur, wenn ich an der Gassenschenke
-geläutet habe &mdash;&ldquo;
+geläutet habe &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
@@ -1718,10 +1684,10 @@ winzigem Kopfe kam heraus und musterte Grau. Er
schlich im Halbkreis um ihn herum, wog den Reisesack
<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
mit den Blicken, betrachtete Graus alten Hut, abgetragenen
-Mantel, seine frostroten Hände und endlich
+Mantel, seine frostroten Hände und endlich
machte er die Augen scharf und musterte sein Gesicht,
-das vor Erschöpfung bleich und ausgehungert und vor
-Kälte blau gefroren aussah.
+das vor Erschöpfung bleich und ausgehungert und vor
+Kälte blau gefroren aussah.
</p>
<p>
@@ -1730,50 +1696,50 @@ Kälte blau gefroren aussah.
<p>
Nach all der Dunkelheit erschien das Gastzimmer
-festlich beleuchtet, obgleich nur eine einzige Hängelampe
-brannte. Alles erschien nahezu weiß, die Wände, der
+festlich beleuchtet, obgleich nur eine einzige Hängelampe
+brannte. Alles erschien nahezu weiß, die Wände, der
lange, mit Vasen, Papierblumen und Gipsfiguren barbarisch
-geschmückte Tisch, die Vorhänge, die Wände und
-selbst der Fußboden. Die Decke aber war braun. Es
+geschmückte Tisch, die Vorhänge, die Wände und
+selbst der Fußboden. Die Decke aber war braun. Es
war wohltuend warm hier, und der Duft einer feinen
Zigarette vermischte sich mit dem abgestandenen Geruch
von Speisen und etwas Ranzigem. Aus dem Geruch
-schloß Grau, daß hier die unverheirateten Beamten der
-Stadt aßen, etwa zehn an der Zahl, die alle gut zu
-speisen liebten. Ihr durch die Tafel angeregtes Gespräch
-schien noch in der Luft zu hängen und irgendwo
+schloß Grau, daß hier die unverheirateten Beamten der
+Stadt aßen, etwa zehn an der Zahl, die alle gut zu
+speisen liebten. Ihr durch die Tafel angeregtes Gespräch
+schien noch in der Luft zu hängen und irgendwo
zu stecken, gleich dem Rauche der schweren Zigarren, die
-sie nach dem Essen pafften. Nun war das Zimmer öde.
+sie nach dem Essen pafften. Nun war das Zimmer öde.
Irgendwo zirpte eine Spieldose eine Arie, und an einem
-Tischchen in einem Erker saßen eine Frau und ein junger
+Tischchen in einem Erker saßen eine Frau und ein junger
Mann vor einer Batterie von Weinflaschen. Die Frau
-saß sehr unschön da, den Stuhl weit zurückgeschoben,
-die Ellbogen auf den Tisch gestützt, das Gesicht in den
-Händen. Der junge Mann saß in seinem Stuhle, die
-Füße, an denen er abgeschabte Reitstiefel trug, weit von
-sich gestreckt und rauchte. An seiner weißen Hand
+saß sehr unschön da, den Stuhl weit zurückgeschoben,
+die Ellbogen auf den Tisch gestützt, das Gesicht in den
+Händen. Der junge Mann saß in seinem Stuhle, die
+Füße, an denen er abgeschabte Reitstiefel trug, weit von
+sich gestreckt und rauchte. An seiner weißen Hand
blitzten Steine. Er kitzelte die Frau mit einer Reitpeitsche
<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
am Halse. Beide wandten das Gesicht zur
-Türe, als Grau eintrat und Guten Abend wünschte, die
-Frau tat es, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen.
-Sie war blond und schön wie eine Puppe. Sie hatte
-auch das Puppenlächeln. Der junge Mann hatte ein
+Türe, als Grau eintrat und Guten Abend wünschte, die
+Frau tat es, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen.
+Sie war blond und schön wie eine Puppe. Sie hatte
+auch das Puppenlächeln. Der junge Mann hatte ein
fahles, langes Gesicht und seine schwarzen gescheitelten
-Haare spannten sich wie glänzender Atlas über den
-Schädel.
+Haare spannten sich wie glänzender Atlas über den
+Schädel.
</p>
<p>
-&bdquo;Hö!&ldquo; schrie der junge Mann und sprang auf. Er
+&bdquo;Hö!&ldquo; schrie der junge Mann und sprang auf. Er
eilte auf Grau zu, nahm die Reitpeitsche unter die
Achsel, verbeugte sich wie ein Kellner und rieb sich die
-Hände, als wasche er sie.
+Hände, als wasche er sie.
</p>
<p>
-&bdquo;Was befehlen der Herr?&ldquo; fragte er mit einer für
-seine zwanzig Jahre außerordentlich tiefen und rauhen
+&bdquo;Was befehlen der Herr?&ldquo; fragte er mit einer für
+seine zwanzig Jahre außerordentlich tiefen und rauhen
Stimme und lachte betrunken. In seiner Rocktasche
zirpte die Spieldose.
</p>
@@ -1781,41 +1747,41 @@ zirpte die Spieldose.
<p>
Grau sah ihn mit erstaunten Blicken an. &bdquo;Sind
Sie der Kellner?&ldquo; fragte er, indem er sich, unangenehm
-berührt, abwandte und den Mantel auszog. Ein alter,
+berührt, abwandte und den Mantel auszog. Ein alter,
etwas knapper, dunkelfarbiger Gehrock kam zum Vorschein.
-Die Ärmel waren mit schwarzen Borten eingesäumt
-und die Brustaufschläge zeigten etwas wie
+Die Ärmel waren mit schwarzen Borten eingesäumt
+und die Brustaufschläge zeigten etwas wie
schwarze Seide. Da und dort schien der Stoff mit
-Tinte nachgefärbt zu sein.
+Tinte nachgefärbt zu sein.
</p>
<p>
Die blonde Frau lachte kichernd. &bdquo;Aber, Herr Baron!&ldquo;
rief sie mit einer Mischung von Vorwurf und Koketterie
in der inhaltslosen, hohen Stimme und sah Grau mit
-ihren großen Augen neugierig an.
+ihren großen Augen neugierig an.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich fühle mich hier zu Hause, Tante!&ldquo; sagte der
+&bdquo;Ich fühle mich hier zu Hause, Tante!&ldquo; sagte der
junge Mann, den die Frau Baron nannte und lachte.
<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-&bdquo;Deshalb, mein Herr, deshalb. Außerdem, weil Sie
+&bdquo;Deshalb, mein Herr, deshalb. Außerdem, weil Sie
mir gefallen. Sagen Sie das eine, sind Sie kurzsichtig?&ldquo;
</p>
<p>
Ja, er sei ein wenig kurzsichtig, entgegnete Grau
-höflich.
+höflich.
</p>
<p>
&bdquo;Aha &mdash; deshalb. Deshalb sehen Sie einen so
-eigentümlich an. Wenn Sie nun nicht kurzsichtig wären,
-so wäre &mdash; aber Ihre Kurzsichtigkeit entschuldigt Sie,
-natürlich, haha &mdash; natürlich. Haben Sie schon den
-Trompeter von Säckingen gehört? Wie? Ja, wenn Sie
-ihn noch nicht gehört haben, sofort soll das Orchester
+eigentümlich an. Wenn Sie nun nicht kurzsichtig wären,
+so wäre &mdash; aber Ihre Kurzsichtigkeit entschuldigt Sie,
+natürlich, haha &mdash; natürlich. Haben Sie schon den
+Trompeter von Säckingen gehört? Wie? Ja, wenn Sie
+ihn noch nicht gehört haben, sofort soll das Orchester
antreten &mdash; sofort &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -1823,22 +1789,22 @@ antreten &mdash; sofort &mdash;&ldquo;
Der Baron lachte und sprach auf Grau unausgesetzt
ein. Er nahm die Spieldose aus der Tasche und zog sie
auf. Der Blick seiner dunkelgrauen Augen war unsicher
-und flackernd, ruhelos und gequält. Grau erinnerte
+und flackernd, ruhelos und gequält. Grau erinnerte
sich, diesen Blick bei einem Manne gesehen zu haben,
-der mit nackten Füßen auf Glasscherben tanzte, um sich
+der mit nackten Füßen auf Glasscherben tanzte, um sich
zu vergessen, um sich selbst zu foltern &mdash; der Mann
hatte wohl seinen Grund gehabt. &mdash; Auf der rechten
Wange hatte der junge Mann einen kleinen Schmutzflecken
und gerade dieser Schmutzfleck allein schien sein
-Gesicht brutal und betrunken zu machen, denn außerdem
-war es fein und regelmäßig, ja sanft.
+Gesicht brutal und betrunken zu machen, denn außerdem
+war es fein und regelmäßig, ja sanft.
</p>
<p>
-&bdquo;Hören Sie das Orchester? Behüt&rsquo; dich Gott &mdash;
+&bdquo;Hören Sie das Orchester? Behüt&rsquo; dich Gott &mdash;
Onkel!&ldquo; schrie er den Wirt mit dem kleinen Kopf an.
&bdquo;Bringe mir den schwersten Wein, den du hast im
-Keller &mdash; schwarz muß er sein &mdash; sofort! Das heißt,
+Keller &mdash; schwarz muß er sein &mdash; sofort! Das heißt,
du brauchst dich nicht zu beeilen. Du kannst wegbleiben,
solange du willst, Onkel, wir brauchen dich ja
<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
@@ -1849,12 +1815,12 @@ vor, genau wie ein im Dienst ergrauter Floh &mdash;&ldquo;
<p>
&bdquo;Herr von Hennenbach, Herr Baron!&ldquo; rief die
-blonde Frau im Erker und kicherte in die Hände.
+blonde Frau im Erker und kicherte in die Hände.
</p>
<p>
-Der Wirt murmelte eine Verwünschung und näherte
-sich Grau. &bdquo;Was wünschen der Herr? Abendbrot?&ldquo;
+Der Wirt murmelte eine Verwünschung und näherte
+sich Grau. &bdquo;Was wünschen der Herr? Abendbrot?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -1866,38 +1832,38 @@ sich Grau. &bdquo;Was wünschen der Herr? Abendbrot?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau winkte ab und schüttelte den Kopf. Der Wirt
-begann laut zu bellen. &bdquo;Der Herr können auch Taube
+Grau winkte ab und schüttelte den Kopf. Der Wirt
+begann laut zu bellen. &bdquo;Der Herr können auch Taube
haben, Huhn &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
Grau machte ein hilfloses Gesicht. &bdquo;Nein, danke,&ldquo;
-sagte er, &bdquo;ich bin nämlich gar nicht hungrig, müssen
+sagte er, &bdquo;ich bin nämlich gar nicht hungrig, müssen
Sie wissen. Vielleicht haben Sie etwas Wurst und
Bier?&ldquo;
</p>
<p>
-Der Wirt entfernte sich mit einer ärgerlichen Grimasse.
+Der Wirt entfernte sich mit einer ärgerlichen Grimasse.
</p>
<p>
Die Frau im Erker begann zu kichern und zu keuchen
-und plötzlich stieß sie einen leisen Schrei aus. Dann
-hustete sie und rückte den Stuhl. &bdquo;Sie sollten nicht
+und plötzlich stieß sie einen leisen Schrei aus. Dann
+hustete sie und rückte den Stuhl. &bdquo;Sie sollten nicht
mehr trinken, Herr Baron, Sie Wildfang!&ldquo; kicherte sie.
</p>
<p>
&bdquo;Ruhe, Tante, Ruhe!&ldquo; sagte der junge Mann rauh.
-&bdquo;Ich trinke die ganze Nacht, morgen, übermorgen, die
-ganze Woche, ich habe meine Periode und muß mich
-betäuben &mdash;&ldquo;
+&bdquo;Ich trinke die ganze Nacht, morgen, übermorgen, die
+ganze Woche, ich habe meine Periode und muß mich
+betäuben &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Plötzlich stand er vor Grau und verbeugte sich. &bdquo;Darf
+Plötzlich stand er vor Grau und verbeugte sich. &bdquo;Darf
ich den Herrn zu einer Partie Billard einladen?&ldquo;
</p>
@@ -1906,14 +1872,14 @@ ich den Herrn zu einer Partie Billard einladen?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Einsatz zwanzig Mark. Ich gebe dem Herrn fünfzig
-Bälle auf hundert vor.&ldquo;
+&bdquo;Einsatz zwanzig Mark. Ich gebe dem Herrn fünfzig
+Bälle auf hundert vor.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
&bdquo;Ich bedaure, ich spiele nicht Billard.&ldquo; Grau sprach
-sanft und höflich.
+sanft und höflich.
</p>
<p>
@@ -1927,8 +1893,8 @@ denken.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, du meine Güte, da haben Sie nicht Billard
-gelernt? Ich möchte schon wissen, was Sie dann in
+&bdquo;Ja, du meine Güte, da haben Sie nicht Billard
+gelernt? Ich möchte schon wissen, was Sie dann in
Ihrer freien Zeit taten?&ldquo;
</p>
@@ -1937,52 +1903,52 @@ Ihrer freien Zeit taten?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Aha! Das ändert die Sache allerdings. Aber hören
+&bdquo;Aha! Das ändert die Sache allerdings. Aber hören
Sie, ob Sie Billard spielen oder nicht, das ist ganz
egal &mdash; ganz egal &mdash; Sie lernen es. Trotzdem Sie
sehr kurzsichtig zu sein scheinen &mdash; trotzdem prophezeie
-ich Ihnen, daß Sie es in fünf Minuten können. Ich
-gebe Ihnen auf hundert Bälle neunzig vor &mdash; Einsatz
+ich Ihnen, daß Sie es in fünf Minuten können. Ich
+gebe Ihnen auf hundert Bälle neunzig vor &mdash; Einsatz
zwanzig Mark &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Entschuldigen Sie &mdash;&ldquo;
+Grau lächelte. &bdquo;Entschuldigen Sie &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich gebe Ihnen fünfundneunzig vor &mdash; neunundneunzig
-&mdash; hören Sie &mdash; und wenn Sie blind sein
+&bdquo;Ich gebe Ihnen fünfundneunzig vor &mdash; neunundneunzig
+&mdash; hören Sie &mdash; und wenn Sie blind sein
sollten &mdash; einen Ball werden Sie doch machen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, ich danke Ihnen vielmals. Ich bin zu müde.&ldquo;
+&bdquo;Nein, ich danke Ihnen vielmals. Ich bin zu müde.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ah!&ldquo; Der junge Mann warf sich rittlings auf
einen Stuhl am Tische. &bdquo;Dann vielleicht &mdash; Dame,
-Domino &mdash; oder Schach oder Mühle, was Sie wollen
-&mdash; Sie können ja sitzen bleiben, wenn Sie müde sind &mdash;
-ja, Sie brauchen nicht einmal zu ziehen, ich ziehe für
-Sie &mdash; die Hälfte Steine gebe ich Ihnen &mdash; ja, Donner
-und Doria!&ldquo; rief er plötzlich aus und lachte laut und
+Domino &mdash; oder Schach oder Mühle, was Sie wollen
+&mdash; Sie können ja sitzen bleiben, wenn Sie müde sind &mdash;
+ja, Sie brauchen nicht einmal zu ziehen, ich ziehe für
+Sie &mdash; die Hälfte Steine gebe ich Ihnen &mdash; ja, Donner
+und Doria!&ldquo; rief er plötzlich aus und lachte laut und
roh. Er hatte Graus Reisesack entdeckt. Er sprang
<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-auf und besah sich den Reisesack in der Nähe. Er
+auf und besah sich den Reisesack in der Nähe. Er
lachte und bewegte die Reitpeitsche, als ob er die Henne
-kitzle. &bdquo;Was für eine kostbare Sache!&ldquo; schrie er. &bdquo;Wohl
-ein altes Stück?&ldquo;
+kitzle. &bdquo;Was für eine kostbare Sache!&ldquo; schrie er. &bdquo;Wohl
+ein altes Stück?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es dürfte ziemlich alt sein, ja.&ldquo; Grau lächelte,
-er änderte nicht den Ton der Stimme.
+&bdquo;Es dürfte ziemlich alt sein, ja.&ldquo; Grau lächelte,
+er änderte nicht den Ton der Stimme.
</p>
<p>
-&bdquo;Wohl ein &mdash; ein Familienstück &mdash; ein Erbstück?&ldquo;
+&bdquo;Wohl ein &mdash; ein Familienstück &mdash; ein Erbstück?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -1990,9 +1956,9 @@ er änderte nicht den Ton der Stimme.
</p>
<p>
-&bdquo;Nicht! Es sieht genau so aus. Was würden Sie
-sagen, mein Freund, wenn Ihnen jemand für die Tasche
-zwanzig Mark gäbe?&ldquo;
+&bdquo;Nicht! Es sieht genau so aus. Was würden Sie
+sagen, mein Freund, wenn Ihnen jemand für die Tasche
+zwanzig Mark gäbe?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -2008,9 +1974,9 @@ In die Hand! Na?&ldquo;
<p>
Hier erhob sich Grau und verbeugte sich. &bdquo;Ich sehe,
der Herr sind in guter Laune,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich verstehe
-das recht wohl, daß der Herr scherzen wollen, aber
+das recht wohl, daß der Herr scherzen wollen, aber
sollte es nicht jetzt genug sein?&ldquo; Er sah den Baron an
-und plötzlich veränderten sich seine Augen. Eine leichte
+und plötzlich veränderten sich seine Augen. Eine leichte
Glut begann in ihnen aufzuleuchten und ihr Blick
schien langsam in die flackernden Augen des Barons
einzudringen, bis hinab in die Tiefe.
@@ -2027,7 +1993,7 @@ Erker.
</p>
<p>
-&bdquo;Hundert Mark! Für die Tasche hier! Barzahlung?
+&bdquo;Hundert Mark! Für die Tasche hier! Barzahlung?
Nicht? Aber Herr, Herr, was ist mit Ihnen? Sie
scheinen nicht allein kurzsichtig zu sein &mdash; aber hole
<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
@@ -2036,19 +2002,19 @@ Wein einladen?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich danke Ihnen herzlich,&ldquo; sagte Grau und errötete,
-&bdquo;ich habe keine Lust. Ich bin zu müde, danke!&ldquo;
+&bdquo;Ich danke Ihnen herzlich,&ldquo; sagte Grau und errötete,
+&bdquo;ich habe keine Lust. Ich bin zu müde, danke!&ldquo;
</p>
<p>
-Der Baron lachte und schrie: &bdquo;Dieser Herr errötet,
-Tante, wie ein junges Mädchen, wie ein Jüngferchen
+Der Baron lachte und schrie: &bdquo;Dieser Herr errötet,
+Tante, wie ein junges Mädchen, wie ein Jüngferchen
aus dem siebzehnten Jahrhundert. Also, Sie schlagen
die Einladung aus?&ldquo; wandte er sich wiederum an Grau.
Er wartete ein wenig und sah Grau in die Augen; er
-wollte wieder zu sprechen beginnen, aber er zögerte und
+wollte wieder zu sprechen beginnen, aber er zögerte und
verlor von neuem unter dem Blicke Graus die Sicherheit.
-Einen Augenblick lang sah er überrascht aus,
+Einen Augenblick lang sah er überrascht aus,
dann lachte er heraus und schrie: &bdquo;Gut! Und wenn
Sie mich auch noch so kurzsichtig ansehen, wissen Sie
nun, was? &mdash; Hole Sie der Teufel!&ldquo; Er klappte die
@@ -2057,12 +2023,12 @@ Reitstiefel zusammen und drehte sich um.
<p>
Grau zuckte die Achseln und winkte den Wirt heran.
-&bdquo;Wo ist das Hexengäßchen, bitte?&ldquo; fragte er.
+&bdquo;Wo ist das Hexengäßchen, bitte?&ldquo; fragte er.
</p>
<p>
-&bdquo;Hexengäßchen? Hexengäßchen? Ja, was wollen
-Sie denn im Hexengäßchen, im Hexengäßchen?&ldquo;
+&bdquo;Hexengäßchen? Hexengäßchen? Ja, was wollen
+Sie denn im Hexengäßchen, im Hexengäßchen?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -2075,72 +2041,72 @@ dem Armenhaus.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Eine Frau Sammet möchte ich besuchen, eine Eierhändlerin.
+&bdquo;Eine Frau Sammet möchte ich besuchen, eine Eierhändlerin.
Sie wohnt doch da, nicht wahr?&ldquo;
</p>
<p>
Nun verstand der x-beinige Wirt mit dem kleinen
-Kopf, der in Wirklichkeit mit den großen Augen, der
+Kopf, der in Wirklichkeit mit den großen Augen, der
langen, flachen Nase, dem kleinen Mund und dem
-verkümmerten Kinn dem Kopfe eines Flohs glich. &bdquo;Der
+verkümmerten Kinn dem Kopfe eines Flohs glich. &bdquo;Der
Herr kommen zur Beerdigung?&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Grau und schlüpfte in den Mantel,
-während ihm der Wirt den Weg beschrieb.
+&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Grau und schlüpfte in den Mantel,
+während ihm der Wirt den Weg beschrieb.
</p>
<p>
&bdquo;Wenn er doch zum Teufel ginge!&ldquo; schrie der Baron
-mit einer zu Graus Verwunderung nahezu haßerfüllten
+mit einer zu Graus Verwunderung nahezu haßerfüllten
Stimme.
</p>
<p>
-Ah, wie traurig, dachte Grau, er ist unglücklich,
+Ah, wie traurig, dachte Grau, er ist unglücklich,
und noch so jung!
</p>
<p>
Grau kehrte nach einer Viertelstunde unbefriedigt
-zurück und ging sogleich auf sein Zimmer. Er hatte
-die Eierhändlerin nicht zu Hause angetroffen.
+zurück und ging sogleich auf sein Zimmer. Er hatte
+die Eierhändlerin nicht zu Hause angetroffen.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-5">
-<span class="firstline">Fünftes Kapitel</span>
+<span class="firstline">Fünftes Kapitel</span>
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">G</span>rau schloß die Türe seiner Kammer und begann
+<span class="firstchar">G</span>rau schloß die Türe seiner Kammer und begann
augenblicklich erregt mit sich selbst zu sprechen.
</p>
<p>
&bdquo;Man nimmt sich doch nicht so rasch das Leben!&ldquo;
-sagte er und gestikulierte heftig. &bdquo;Das Mädchen war
+sagte er und gestikulierte heftig. &bdquo;Das Mädchen war
doch so jung und gesund! Aus Scham allein hat sie
es nicht getan, das glaube ich nicht. Nein, nie und
-nimmer! Es mußte noch etwas anderes mitspielen,
-eine Kränkung oder sonst etwas. Der Fleischergeselle
-leugnet. Man kennt den Verführer nicht. Ich werde
+nimmer! Es mußte noch etwas anderes mitspielen,
+eine Kränkung oder sonst etwas. Der Fleischergeselle
+leugnet. Man kennt den Verführer nicht. Ich werde
ihn herausfinden, bei Gott, das werde ich!&ldquo;
</p>
<p>
-Er war todmüde und legte sich zu Bett. Er war
+Er war todmüde und legte sich zu Bett. Er war
einen vollen Tag unterwegs gewesen und hatte, um
-Geld zu sparen, noch dazu eine Strecke von fünfzehn
-Kilometern zu Fuß zurückgelegt, um einen Umweg der
+Geld zu sparen, noch dazu eine Strecke von fünfzehn
+Kilometern zu Fuß zurückgelegt, um einen Umweg der
Bahnlinie abzuschneiden.
</p>
<p>
<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Dieses arme Mädchen! dachte er. Entsetzlich! Mit
+Dieses arme Mädchen! dachte er. Entsetzlich! Mit
einem Seufzer der Lust empfangen, in Angst getragen,
in Verzweiflung geboren und mit dem Leben bezahlt.
Genug, genug!
@@ -2148,21 +2114,21 @@ Genug, genug!
<p>
Er schlief ein, wurde aber gleich darauf durch das
-Bimmeln einer dünnen Blechglocke geweckt.
+Bimmeln einer dünnen Blechglocke geweckt.
</p>
<p>
Im Gastzimmer unter ihm rumorte die rauhe Stimme
-des jungen Barons. Hier und da bellte ärgerlich der
-kleine Wirt, und in nahezu gleichen Zwischenräumen
-ließ sich das leere Lachen der blonden Wirtin hören.
-Es hörte sich an wie der Ton einer kleinen dünnen
+des jungen Barons. Hier und da bellte ärgerlich der
+kleine Wirt, und in nahezu gleichen Zwischenräumen
+ließ sich das leere Lachen der blonden Wirtin hören.
+Es hörte sich an wie der Ton einer kleinen dünnen
Blechglocke, an der der Baron zog, wann es ihm gefiel.
Einmal zog er zweimal nacheinander daran, ein andermal
tat er nur einen kurzen, schrillen Ruck. Die Personen
da drunten verkleideten sich, der Baron wurde zu einem
Manne, der auf Flaschenscherben tanzte und seine Augen
-glühten.
+glühten.
</p>
<p>
@@ -2171,14 +2137,14 @@ schlafen.
</p>
<p>
-&bdquo;Dieses arme Mädchen ist es ja nicht allein!&ldquo; rief
+&bdquo;Dieses arme Mädchen ist es ja nicht allein!&ldquo; rief
er aus und schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke.
&bdquo;Da ist noch diese alte verzweifelte Mutter, die
ganz von Sinnen hin- und herrannte und schrie. Da
ist noch das arme verwaiste Kind! &mdash; Aber auch das
ist noch nicht alles!&ldquo; fuhr er fort, wobei sich sein
-Herz zusammenkrampfte. &bdquo;Tausende solch unglücklicher
-Mädchen gibt es, Tausende solch verzweifelter Mütterchen,
+Herz zusammenkrampfte. &bdquo;Tausende solch unglücklicher
+Mädchen gibt es, Tausende solch verzweifelter Mütterchen,
Tausende solch verwaister Kinder! Tausende! Tausende!
Tausende!&ldquo;
</p>
@@ -2192,23 +2158,23 @@ Er befreite sich von diesem Gedanken.
Aber augenblicklich erschien an einer andern Stelle
seines Kopfes ein Gefangener, der an der Wand der Zelle
lehnte; es war Nacht, aber er schlief nicht, durch das
-kleine Gitter über seinem Kopfe drang ein fahles Licht,
+kleine Gitter über seinem Kopfe drang ein fahles Licht,
da stand er mit bleichem Gesichte, starrte vor sich hin
und nagte an der Lippe. Wieder, da sah er in eine
Kammer: Auf dem Bett lag eine tote Frau, eine Kerze
-brannte daneben, ein Kind saß auf dem Boden und
-lächelte ihm zu. Auf dem fahlen Gesicht der Toten
+brannte daneben, ein Kind saß auf dem Boden und
+lächelte ihm zu. Auf dem fahlen Gesicht der Toten
stand mit erschreckender Deutlichkeit geschrieben: Ich
-wurde geboren und weiß nicht weshalb, ich habe gelebt,
-weiß nicht warum und weshalb bin ich doch gestorben?
+wurde geboren und weiß nicht weshalb, ich habe gelebt,
+weiß nicht warum und weshalb bin ich doch gestorben?
Nun aber kann ich den Weg zur Seligkeit nicht finden,
ach! Dann sah er einen schlafenden Mann mit kurzen
aschgrauen Haaren vor sich und er sah einen Gedanken,
der im Haupte des Schlafenden wanderte. Der Gedanke
wanderte hin und her, wie ein Licht, das in der
-Nacht wandert und vor verschlossenen Türen stehen
-bleibt. Plötzlich stand das Licht ruhig und loderte hell
-auf und der Schlafende erwachte verstört. Er schlüpfte
+Nacht wandert und vor verschlossenen Türen stehen
+bleibt. Plötzlich stand das Licht ruhig und loderte hell
+auf und der Schlafende erwachte verstört. Er schlüpfte
in die Kleider, hastig, schlich sich aus dem Hause, verstohlen,
und sein schneller Schritt verschwand in einer
dunkeln Gasse. Aus der Ferne drang ein entsetzlicher
@@ -2217,40 +2183,40 @@ Schrei.
<p>
Grau schrak zusammen. Den Schrei hatte die blonde
-Wirtin ausgestoßen. Aber es war kein Schrei des
+Wirtin ausgestoßen. Aber es war kein Schrei des
Schreckens, es war ein schrilles, ersticktes Lachen. Der
-junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schloß
+junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schloß
und durch das ganze Haus lief ein dumpfes Zittern
vom Keller bis zum Boden. Der Wirt zankte, die Frau
<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-lachte gedämpft. Schritte schlichen hin und her auf
+lachte gedämpft. Schritte schlichen hin und her auf
knarrenden Dielen, bald unten, bald oben, an seiner
-Tür vorbei. Es war der kleine Wirt, der nachsah, ob
-alles in Ordnung war. Er flüsterte, tuschelte, zankte.
+Tür vorbei. Es war der kleine Wirt, der nachsah, ob
+alles in Ordnung war. Er flüsterte, tuschelte, zankte.
Und wieder knarrte sein schleichender Schritt durch das
ganze Haus.
</p>
<p>
-Graus Züge fielen ein. All das Leid, das auf der
-Erde war! Er fühlte es, es lag wie eine Last auf
-seiner Brust, er hörte es, ja, er roch es! Dunkler und
+Graus Züge fielen ein. All das Leid, das auf der
+Erde war! Er fühlte es, es lag wie eine Last auf
+seiner Brust, er hörte es, ja, er roch es! Dunkler und
dunkler wurde es in seiner Brust und endlich erschauerte
er von all der Finsternis, die in seinem Innern war.
-Er preßte die Hände vors Gesicht und zitterte und
-dieses Zittern kam nicht von der Kälte allein. Die
+Er preßte die Hände vors Gesicht und zitterte und
+dieses Zittern kam nicht von der Kälte allein. Die
ganze Erde schreit ja immerzu, dachte er, sie zittert und
bebt ja unausgesetzt. Wenn sich das Schluchzen einer
einzigen Nacht vereinigt, so tobt es lauter als das wilde
Meer! Dieses leise Weinen in den Kissen, dieses
Klopfen der Herzen, das Keuchen der Sterbenden, die
-Schreie der Gebärenden &mdash;
+Schreie der Gebärenden &mdash;
</p>
<p>
-Ob man auch das Auge schließt, was hilft es, das
-verquälte Antlitz des Menschen ist überall, es dringt
-durch die Lider hindurch, ob man die Ohren verschließt,
+Ob man auch das Auge schließt, was hilft es, das
+verquälte Antlitz des Menschen ist überall, es dringt
+durch die Lider hindurch, ob man die Ohren verschließt,
was hilft es doch?
</p>
@@ -2258,7 +2224,7 @@ was hilft es doch?
Scheint nicht manchmal ein entsetzlicher Schrei durch
die Nacht zu hallen, aller Menschen Stimmen, die sich
zu einem einzigen Schrei der Anklage vereinigen, zu
-einem Schrei nach Erlösung?
+einem Schrei nach Erlösung?
</p>
<p>
@@ -2267,17 +2233,17 @@ ist die Antwort.
</p>
<p>
-Grau saß regungslos im Bette und starrte vor
+Grau saß regungslos im Bette und starrte vor
<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
sich hin. Und er sah Tausende von Menschen vor sich,
-die im Bette saßen und starrten und nur den Wunsch
+die im Bette saßen und starrten und nur den Wunsch
hatten, zu vergessen, zu schlafen, nicht mehr zu denken.
-Aber draußen in der finstern Nacht murmelte und
+Aber draußen in der finstern Nacht murmelte und
tobte es und wollte nicht ruhig werden.
</p>
<p>
-&bdquo;Wenn man doch etwas tun könnte,&ldquo; sagte Grau
+&bdquo;Wenn man doch etwas tun könnte,&ldquo; sagte Grau
und nickte und seine Augen brannten. &bdquo;Nichts sollte mir
zuviel sein, nichts! Aber man ist ja so arm &mdash; viel zu
arm!&ldquo;
@@ -2286,30 +2252,30 @@ arm!&ldquo;
<p>
Die Kerze erlosch, aber er regte sich nicht. Nun war
es dunkel um ihn her und er starrte in dieses Dunkel
-hinein, seine Züge fielen ein, sie verzerrten sich. Er
-dachte, dachte, grub die Zähne in die Lippe &mdash;
+hinein, seine Züge fielen ein, sie verzerrten sich. Er
+dachte, dachte, grub die Zähne in die Lippe &mdash;
</p>
<p>
-Aber mit einem Male veränderte sich der Ausdruck
+Aber mit einem Male veränderte sich der Ausdruck
seines Gesichtes und seiner Augen. Er blickte auf das
Fenster, und Neugierde, Erstaunen, Verwunderung und
-Freude spiegelten sich in seinen Zügen.
+Freude spiegelten sich in seinen Zügen.
</p>
<p>
Auf diesem Fenster jedoch war nichts Besonderes zu
sehen. Es war eine schwarze Scheibe und vom Marktplatze,
von irgendwoher fiel der Schein einer Laterne
-darauf, so daß feine Lichtbogen entstanden, wie man
+darauf, so daß feine Lichtbogen entstanden, wie man
sie um den Mond sieht, wenn er einen Hof hat. Doch
das war nicht alles. In diesem Lichtbogen lebte es!
Es regte sich, es flimmerte, es zuckte darin. Feine
Kristalle formten sich. Es war wie gesticktes Moos,
-wie feine zitternde Gräser, dann strebten schmale, wehende,
-glitzernde Pflanzen empor, dem Tang ähnlich, der auf
-dem Grunde des Meeres wächst. Weiße Korallenzweige
-wuchsen zwischen ihnen hindurch, verästelten sich feiner
+wie feine zitternde Gräser, dann strebten schmale, wehende,
+glitzernde Pflanzen empor, dem Tang ähnlich, der auf
+dem Grunde des Meeres wächst. Weiße Korallenzweige
+wuchsen zwischen ihnen hindurch, verästelten sich feiner
und feiner, etwas wie spitze Flossen tauchte auf, Sterne,
<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
deren Enden zitterten &mdash; und alles glitzerte und flimmerte
@@ -2317,36 +2283,36 @@ als sei es aus Splittern von Brillanten gebildet.
</p>
<p>
-Es war ein betörend schönes Bild, ein Wunder an
+Es war ein betörend schönes Bild, ein Wunder an
Reichtum, Glanz und Formen, das eine unsichtbare
Hand hier an das schwarze Fenster eines nichtigen Wirtshauses
zeichnete.
</p>
<p>
-Grau saß und seine Augen waren wach und hell
-und sahen zu, wie es sich formte, veränderte, wuchs.
+Grau saß und seine Augen waren wach und hell
+und sahen zu, wie es sich formte, veränderte, wuchs.
Auf seinen knabenhaften Lippen schwebte ein seltsames
-Lächeln und in seinen Augen war ein fremder Glanz.
+Lächeln und in seinen Augen war ein fremder Glanz.
Er atmete wieder. Er atmete tief und befreit.
</p>
<p>
-&bdquo;Er schreibt! Er schreibt!&ldquo; flüsterte er leise und
-Freude erfüllte ihn und stummer Jubel. Gleichzeitig
-aber schämte er sich.
+&bdquo;Er schreibt! Er schreibt!&ldquo; flüsterte er leise und
+Freude erfüllte ihn und stummer Jubel. Gleichzeitig
+aber schämte er sich.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich bin müde gewesen, er möge mir verzeihen!&ldquo;
+&bdquo;Ich bin müde gewesen, er möge mir verzeihen!&ldquo;
</p>
<p>
Grau schlief ein und er atmete tief und froh und
-lächelte im Schlafe. In seinen Traum kam ein alter
-kranker Bauernknecht mit entzündeten Augen, der eine
+lächelte im Schlafe. In seinen Traum kam ein alter
+kranker Bauernknecht mit entzündeten Augen, der eine
zerrissene Jacke trug und dicke neue Handschuhe an den
-Händen hatte; er schwang die Hände vor ihm und
+Händen hatte; er schwang die Hände vor ihm und
lachte. &bdquo;Deine Handschuhe sind warm, vergelt&rsquo;s Gott!&ldquo;
schrie er und nickte ihm zu.
</p>
@@ -2358,88 +2324,88 @@ schrie er und nickte ihm zu.
<p class="first">
<span class="firstchar">E</span>s kamen viele Leute in Trauerkleidern und stiegen
die beschneiten Stufen zu der kleinen Kirche mit
-dem weißen Turm empor. Es kamen Leute vom Land,
+dem weißen Turm empor. Es kamen Leute vom Land,
Bauern, die ernste Gesichter machten und langsam daherstampften,
<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
es kamen immer mehr, auch die jungen
Damen, die ein gutes Herz hatten, kamen; auch der
-Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals kam,
+Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals kam,
feierlich pustend, in einem engen Gehrock, mit frostroten
Handgelenken, ein kleines Bukett aus Wachsblumen in
-der Hand. Es kamen immer mehr, in all den weißen
+der Hand. Es kamen immer mehr, in all den weißen
Gassen wanderte es. Viele kamen aus Neugierde,
-natürlich. Der kleine Friedhof war ganz schwarz und
-alle drängten der Ecke zu, die den Namen Selbstmörderecke
-hatte. Es war sehr stille über dem Städtchen und
+natürlich. Der kleine Friedhof war ganz schwarz und
+alle drängten der Ecke zu, die den Namen Selbstmörderecke
+hatte. Es war sehr stille über dem Städtchen und
die Sonne blendete.
</p>
<p>
-Plötzlich hörte man ein Schluchzen, ein Schreien,
-und man sah, daß ein Sarg die Staffeln heraufgetragen
+Plötzlich hörte man ein Schluchzen, ein Schreien,
+und man sah, daß ein Sarg die Staffeln heraufgetragen
wurde, ein roher Kasten. Man schaffte ihn aus dem
Spital herauf. Hinter dem Sarge kam eine Gruppe
-von Frauen, die in der Mitte etwas Weißhaariges
-führten, <a id="corr-1"></a>das sich schüttelte und hin- und herwarf und
+von Frauen, die in der Mitte etwas Weißhaariges
+führten, <a id="corr-1"></a>das sich schüttelte und hin- und herwarf und
sich auf die Staffeln werfen wollte und schrie.
</p>
<p>
Der Sarg kam heran und alle nahmen den Hut
-ab. Man räusperte sich, man hustete, man zog die
-Brauen zusammen und in den schwarzen Fäusten der
-jungen Damen erschienen blendendweiße Taschentücher.
-Die kleine Frau schrie ohne Aufhören, aber als sie an
-das Friedhoftor kam, schwieg sie plötzlich. Das aber
+ab. Man räusperte sich, man hustete, man zog die
+Brauen zusammen und in den schwarzen Fäusten der
+jungen Damen erschienen blendendweiße Taschentücher.
+Die kleine Frau schrie ohne Aufhören, aber als sie an
+das Friedhoftor kam, schwieg sie plötzlich. Das aber
war noch viel schrecklicher als ihr Geschrei. Sie wankte
-zwischen den Frauen einher, und alle wichen zurück,
+zwischen den Frauen einher, und alle wichen zurück,
niemand wollte einem solch schrecklichen Jammer nahe
kommen. Eine breite Gasse entstand.
</p>
<p>
Gestern sind ihre Haare noch grau gewesen, aber
-heute sind sie weiß. Aber diese Haare waren nicht
+heute sind sie weiß. Aber diese Haare waren nicht
<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-nur weiß, das war es nicht allein, die Haare flatterten.
-Sie waren dünn und kurz und befanden sich in ununterbrochener
+nur weiß, das war es nicht allein, die Haare flatterten.
+Sie waren dünn und kurz und befanden sich in ununterbrochener
Bewegung, immerzu stiegen einzelne
-Haare in die Höhe, kräuselten sich, sanken zurück, andere
-lösten sich und flatterten langsam in die Höhe.
+Haare in die Höhe, kräuselten sich, sanken zurück, andere
+lösten sich und flatterten langsam in die Höhe.
</p>
<p>
Der gelbe Sarg wanderte durch die Menge, getragen
-von sechs Männern, es schien als stelze er auf diesen
+von sechs Männern, es schien als stelze er auf diesen
vielen dunkeln Beinen durch den Schnee, direkt auf das
-Grab zu, wie auf seine Höhle. Die weißhaarige Frau
-sagte etwas und machte mit beiden Händen Zeichen, daß
-man nichts zu befürchten habe. Dann ließ sie sich in
-die Knie nieder und küßte das Ende des gelben Sarges,
-küßte es mit gespitzten runzeligen Lippen, wobei sie die
-beiden Seitenwände des Sarges mit den Händen streichelte.
-Als die Träger sich anschickten, den Sarg hinabzulassen,
-begann die alte Frau zu lachen und mit den Fäusten
-auf ihre Stirn zu schlagen. Alle Leute wichen zurück
-und erblaßten. Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten
-Hals wurde blaurot im Gesicht und öffnete
+Grab zu, wie auf seine Höhle. Die weißhaarige Frau
+sagte etwas und machte mit beiden Händen Zeichen, daß
+man nichts zu befürchten habe. Dann ließ sie sich in
+die Knie nieder und küßte das Ende des gelben Sarges,
+küßte es mit gespitzten runzeligen Lippen, wobei sie die
+beiden Seitenwände des Sarges mit den Händen streichelte.
+Als die Träger sich anschickten, den Sarg hinabzulassen,
+begann die alte Frau zu lachen und mit den Fäusten
+auf ihre Stirn zu schlagen. Alle Leute wichen zurück
+und erblaßten. Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten
+Hals wurde blaurot im Gesicht und öffnete
weit den Mund, die jungen Damen wandten sich ab und
-bissen in die Taschentücher.
+bissen in die Taschentücher.
</p>
<p>
Da begann es in der Luft zu schwirren, ein feines
Sausen schwang sich in der Stille und es klang als
fiele ein klingendes Becken hoch aus der Luft herab;
-die Glocken begannen zu läuten. Süß und feierlich
+die Glocken begannen zu läuten. Süß und feierlich
klangen sie und alle Augen richteten sich auf den kleinen,
-weißgetünchten Turm, wo sie sich in den Luken schwangen.
-Es läutet! Ja, natürlich, es läutet, es läutet in der
-Kirche. Und alle Glocken läuteten, nicht nur die Beerdigungsglocke.
+weißgetünchten Turm, wo sie sich in den Luken schwangen.
+Es läutet! Ja, natürlich, es läutet, es läutet in der
+Kirche. Und alle Glocken läuteten, nicht nur die Beerdigungsglocke.
Es gab einige, die sofort in den Turm
<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
hineingingen, wo der Kirchner und sein Gehilfe an
-den Stricken auf und abtanzten. Es läutet ja?
+den Stricken auf und abtanzten. Es läutet ja?
</p>
<p>
@@ -2447,14 +2413,14 @@ den Stricken auf und abtanzten. Es läutet ja?
</p>
<p>
-Die kleine verzweifelte Frau hörte auf zu lachen
-und lauschte, indem sie den weißen Kopf zur linken
-Schulter neigte und den Mund öffnete. Sie wandte
-sich nicht um, sie lauschte nur. Es war das große Geläute.
+Die kleine verzweifelte Frau hörte auf zu lachen
+und lauschte, indem sie den weißen Kopf zur linken
+Schulter neigte und den Mund öffnete. Sie wandte
+sich nicht um, sie lauschte nur. Es war das große Geläute.
</p>
<p>
-Die schmale Türe der Sakristei öffnete sich und der
+Die schmale Türe der Sakristei öffnete sich und der
Vikar stieg die Stufen herab. Er war im Talar und
auf seinem Arme lag ein Buch. Alle sahen ihn kommen
und bildeten eine Gasse. Er schritt hindurch, den Blick
@@ -2464,20 +2430,20 @@ das Barett ab.
<p>
Seine Haare waren braun und weich, mit einem
-Schimmer ins Rote, und alle konnten sehen, daß sein
+Schimmer ins Rote, und alle konnten sehen, daß sein
Gesicht lang und mager war.
</p>
<p>
Er schlug die Augen auf und sah nun aus, als ob
-er noch nicht zwanzig Jahre alt wäre. Er lächelte unmerklich
+er noch nicht zwanzig Jahre alt wäre. Er lächelte unmerklich
und richtete den sanften, schimmernden Blick
-auf die weißhaarige Frau. Dann begann er zu sprechen.
-Es war totenstill und man hörte einen gedämpften
+auf die weißhaarige Frau. Dann begann er zu sprechen.
+Es war totenstill und man hörte einen gedämpften
Schritt im Schnee knarren. So leise sprach der Vikar,
-daß man ihn kaum verstand, seine Stimme zitterte und
-plötzlich blieb er stecken. Er schwieg eine lange Weile,
-errötete, aber er wandte den Blick nicht von der kleinen
+daß man ihn kaum verstand, seine Stimme zitterte und
+plötzlich blieb er stecken. Er schwieg eine lange Weile,
+errötete, aber er wandte den Blick nicht von der kleinen
Frau ab. Dann fand er sich wieder zurecht und nun
sprach er rasch und sicher bis ans Ende. Seine Stimme
wurde nicht laut, aber sie schwebte doch klar und deutlich
@@ -2488,10 +2454,10 @@ Echo antwortete von der Kirchenwand her.
<p>
<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
Die Rede des Vikars war schlicht und nicht lang.
-Er sprach von den vielen Kränzen, die man der Verblichenen
-gebracht habe, und daß sie aus Nah und Fern
+Er sprach von den vielen Kränzen, die man der Verblichenen
+gebracht habe, und daß sie aus Nah und Fern
gekommen seien, die sie kannten, so viele, viele seien
-gekommen, alle habe ihr Tod und ihr Schicksal erschüttert
+gekommen, alle habe ihr Tod und ihr Schicksal erschüttert
und in der Stadt und auf dem Lande trauere
ein jeder um sie. Nun erst, da sie tot sei, wisse man,
wie sehr man sie geliebt habe.
@@ -2500,24 +2466,24 @@ wie sehr man sie geliebt habe.
<p>
&bdquo;Sie war jung und frisch und voll von Leben,&ldquo;
sagte er, &bdquo;ihr habt sie gekannt, ich habe nur von ihr
-gehört. Sie wandte sich ab von der Erde und starb
+gehört. Sie wandte sich ab von der Erde und starb
den schwersten Tod, den es gibt.&ldquo;
</p>
<p>
-Der Vikar sprach davon, wie fleißig und treu sie
+Der Vikar sprach davon, wie fleißig und treu sie
gewesen sei, wie diensteifrig sie war und wie fein doch
ihr Herz war.
</p>
<p>
-&bdquo;Es war so fein, ihr Herz,&ldquo; sagte er und lächelte
+&bdquo;Es war so fein, ihr Herz,&ldquo; sagte er und lächelte
leise, &bdquo;sie starb an ihrem feinen Herzen. Sie glaubte
-auch, daß ihr alle sie mißachten würdet, sie fürchtete
-euren Blick, sie schämte sich vor euch. So fein war
+auch, daß ihr alle sie mißachten würdet, sie fürchtete
+euren Blick, sie schämte sich vor euch. So fein war
sie. Das aber wollte sie nicht. Da warf sie denn
alles hin, was sie hatte, ihre Jugend, ihre Frische, ihre
-Erinnerungen, ihre Wünsche und alle Freuden, die auf
+Erinnerungen, ihre Wünsche und alle Freuden, die auf
sie warteten. Das alles warf sie hin. Viel zu viel
war es, viel zu viel.&ldquo;
</p>
@@ -2530,85 +2496,85 @@ Vikar, und das feine, klingende Echo rief: Zu viel, zu viel.
<p>
Da begann die alte Frau zu weinen, ihr Gesicht
zog sich zusammen, nichts als braune Runzeln war ihr
-Gesicht, es sah wie eine Nuß aus.
+Gesicht, es sah wie eine Nuß aus.
</p>
<p>
-Der Vikar blickte auf sie und lächelte. &bdquo;Sie hat
+Der Vikar blickte auf sie und lächelte. &bdquo;Sie hat
<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
wohl Grund zu weinen,&ldquo; sagte er, &bdquo;wer von uns allen
-würde nicht weinen an ihrer Stelle. Wir würden
-klagen wie sie und Worte könnten uns nicht trösten.
+würde nicht weinen an ihrer Stelle. Wir würden
+klagen wie sie und Worte könnten uns nicht trösten.
Aber in ihrem Schmerze wird es wie eine feine Freude
-sein, daß die, um die sie trauern muß, so fein war
+sein, daß die, um die sie trauern muß, so fein war
und gut. Und sie wird ja ihr Kind haben! Es ist
-auch ein Mädchen, es wird wachsen, spielen, lachen, es
-wird etwas sein, das sie tröstet, nicht alles, aber doch
+auch ein Mädchen, es wird wachsen, spielen, lachen, es
+wird etwas sein, das sie tröstet, nicht alles, aber doch
viel, nicht wahr, viel!&ldquo;
</p>
<p>
-Nun sprach er ausschließlich zu der alten Frau und
-er sagte auch, daß ihre Tochter nun bei Gott sein werde,
-zu den feinsten Seelen werde sie gehören.
+Nun sprach er ausschließlich zu der alten Frau und
+er sagte auch, daß ihre Tochter nun bei Gott sein werde,
+zu den feinsten Seelen werde sie gehören.
</p>
<p>
&bdquo;Denn Gott versteht sich wohl besser auf Menschenseelen
als wir,&ldquo; sagte er. &bdquo;Er wird sagen: Ich habe
-gesehen, wie du gekämpft hast, wie du gerungen hast
-&mdash; ich habe alles gesehen, es ging über deine Kraft.
-Ich habe auch gesehen, daß du auf dem Wege zum
+gesehen, wie du gekämpft hast, wie du gerungen hast
+&mdash; ich habe alles gesehen, es ging über deine Kraft.
+Ich habe auch gesehen, daß du auf dem Wege zum
Tode einem Kinde begegnetest und du hast es gestreichelt.
Auch das habe ich gesehen, auch das. Ein Hund hat
vor deinem Hause gebellt und du hast ihm Nahrung
gegeben &mdash; damals warst du noch ein Kind &mdash; auch
das habe ich gesehen und nicht vergessen, denke nicht,
-daß mir etwas entgeht und daß ich etwas vergesse &mdash;
+daß mir etwas entgeht und daß ich etwas vergesse &mdash;
zittere nicht &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Die alte weißhaarige Frau lauschte. Sie legte ein
+Die alte weißhaarige Frau lauschte. Sie legte ein
wenig den Kopf auf die Seite, ganz wie ein Vogel,
-der lauscht, und heftete die tränenwunden Augen auf
+der lauscht, und heftete die tränenwunden Augen auf
die Lippen des Vikars; kein Wort sollte ihr entgehen,
nichts, nicht das kleinste Wort. Sie begann leise und
-schmerzlich mit dem Kopfe zu nicken und die Tränen
+schmerzlich mit dem Kopfe zu nicken und die Tränen
<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-flossen langsam über ihr welkes Gesicht und tropften
+flossen langsam über ihr welkes Gesicht und tropften
in den Schnee.
</p>
<p>
Der Vikar segnete die Tote ein und alle beugten
-die Köpfe, sein Blick ging über sie hin.
+die Köpfe, sein Blick ging über sie hin.
</p>
<p>
Unter all den Anwesenden befand sich ein Mann
mit gelbem Gesicht und kleinem Spitzbart und dieser
Mann war der einzige, der den Kopf nicht senkte. Er
-stand und lächelte und heftete die kleinen Mausaugen
-erstaunt und spöttisch auf den Vikar.
+stand und lächelte und heftete die kleinen Mausaugen
+erstaunt und spöttisch auf den Vikar.
</p>
<p>
Der Vikar ging rasch durch die Menge hindurch
-und sein Talar verschwand in der schmalen Türe der
+und sein Talar verschwand in der schmalen Türe der
Sakristei.
</p>
<p>
Die alte Frau folgte ihm und ging die Stufen
-empor. Aber hier geschah etwas Merkwürdiges. Auf
-jeder Stufe kniete sie nieder und küßte sie. Dann
-machte sie den Knöchel des Fingers ganz spitz und
-pochte an die Türe.
+empor. Aber hier geschah etwas Merkwürdiges. Auf
+jeder Stufe kniete sie nieder und küßte sie. Dann
+machte sie den Knöchel des Fingers ganz spitz und
+pochte an die Türe.
</p>
<p>
-Sie blieb über eine Stunde in der Sakristei.
+Sie blieb über eine Stunde in der Sakristei.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-7">
@@ -2616,7 +2582,7 @@ Sie blieb über eine Stunde in der Sakristei.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">G</span>raus Hände zitterten: Nein, nein, er hatte nicht
+<span class="firstchar">G</span>raus Hände zitterten: Nein, nein, er hatte nicht
die rechten Worte gefunden, er hatte es nicht
vermocht!
</p>
@@ -2628,202 +2594,202 @@ Fenster die Reste einer ehemaligen Bemalung. Ein
herrliches Fleckchen Blau, ein Streifen von einem seltenen
<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
Weinrot. Dann ging er durch den gedeckten Gang und
-hinüber ins Pfarrhaus. Während er sich umkleidete, sah
+hinüber ins Pfarrhaus. Während er sich umkleidete, sah
er sich in der neuen Wohnung um. Das Pfarrhaus
-war ebenfalls alt, klein, mit Winkeln und Erkern, Holzvertäfelungen
+war ebenfalls alt, klein, mit Winkeln und Erkern, Holzvertäfelungen
und einer kleinen Wendeltreppe. Im
-Vorraum hing ein altes pechschwarzes Ölgemälde. An
-der Türe war eine große Glocke angebracht und zwar
-war sie so aufgehängt, daß sie gleichsam zu schwingen
+Vorraum hing ein altes pechschwarzes Ölgemälde. An
+der Türe war eine große Glocke angebracht und zwar
+war sie so aufgehängt, daß sie gleichsam zu schwingen
anfing, wenn man sie nur ansah.
</p>
<p>
-Vorläufig war es für Grau noch ein Rätsel, was
+Vorläufig war es für Grau noch ein Rätsel, was
er mit all den Zimmern anfangen sollte.
</p>
<p>
-Er öffnete eines der kleinen Fenster. Sonne, Stille,
+Er öffnete eines der kleinen Fenster. Sonne, Stille,
Weite! Unter ihm lag die Stadt und die weite Talebene.
-So unregelmäßig und klippig wie sich das
-Treibeis staut, so unregelmäßig und klippig drängten sich
-all diese hundert steilen Giebel und Dächer ineinander.
+So unregelmäßig und klippig wie sich das
+Treibeis staut, so unregelmäßig und klippig drängten sich
+all diese hundert steilen Giebel und Dächer ineinander.
Da und dort klafften Risse und Spalten, das waren
-die Gassen und kleinen Plätze. Über diese beschneiten
-Giebel war eine Unmasse von Türmchen und Dachreitern
-geschüttet. Aus den unzähligen Kaminen stiegen
-dünne opalisierende Rauchsäulen in die klare Winterluft.
+die Gassen und kleinen Plätze. Über diese beschneiten
+Giebel war eine Unmasse von Türmchen und Dachreitern
+geschüttet. Aus den unzähligen Kaminen stiegen
+dünne opalisierende Rauchsäulen in die klare Winterluft.
Hunderte von Fenstern und Scheiben blitzten
-und blendeten und farbige Fünkchen tanzten auf den
-Schneedächern.
+und blendeten und farbige Fünkchen tanzten auf den
+Schneedächern.
</p>
<p>
-Rings um die weiße Stadt war alles weiß. Auch
-der Fluß, der die Stadt die Höhe hinaufdrängte, war
-weiß, er war gefroren. Eine Menge von Kähnen,
-Barken, Fähren und Frachtschiffen mit Masten und
+Rings um die weiße Stadt war alles weiß. Auch
+der Fluß, der die Stadt die Höhe hinaufdrängte, war
+weiß, er war gefroren. Eine Menge von Kähnen,
+Barken, Fähren und Frachtschiffen mit Masten und
Stangen lag fest im Eise und auf den Schiffen kletterten
-kleine Pünktchen herum, Kinder, die spielten.
+kleine Pünktchen herum, Kinder, die spielten.
</p>
<p>
<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Eine weiße Brücke spannte sich über den weißen
-Fluß. Dann begann die Ebene, weit und weiß dehnte
-sie sich, bis zu den Höhenzügen, ferne Wälder, kriechendem
-Moose ähnlich, waren über sie ausgestreut.
+Eine weiße Brücke spannte sich über den weißen
+Fluß. Dann begann die Ebene, weit und weiß dehnte
+sie sich, bis zu den Höhenzügen, ferne Wälder, kriechendem
+Moose ähnlich, waren über sie ausgestreut.
</p>
<p>
Ein feines Klingen schwang in der winterlichen
-Stille, es klang aus einer Schmiede. Die Pünktchen,
+Stille, es klang aus einer Schmiede. Die Pünktchen,
die auf den Schiffen klettern, erwiderten es schrill.
</p>
<p>
Zwei Fenster gingen auf den Garten hinaus. Der
Garten war klein, nahezu dreieckig und in zwei Terrassen
-angelegt. Er war angefüllt mit unberührtem, wie
+angelegt. Er war angefüllt mit unberührtem, wie
Seide schimmerndem Schnee, und in den Ecken lagen
-Büsche, Gestrüpp, Stickereien aus Schneekristallen und
-mit Schichten von Schnee bedeckt, die eigentümlichen
-Blütentellern ähnlich sahen. Gegen die Straße zu, die
-Höhe, war der Garten mit einem grünen Zaun abgegrenzt,
-auf den andern Seiten stieß er gegen Gärten.
-Da war ein Park, ein wahrer Wald alter, hoher Bäume,
+Büsche, Gestrüpp, Stickereien aus Schneekristallen und
+mit Schichten von Schnee bedeckt, die eigentümlichen
+Blütentellern ähnlich sahen. Gegen die Straße zu, die
+Höhe, war der Garten mit einem grünen Zaun abgegrenzt,
+auf den andern Seiten stieß er gegen Gärten.
+Da war ein Park, ein wahrer Wald alter, hoher Bäume,
die tief im Schnee wateten; er konnte weit in ihn
hinein sehen, denn die Mauer war niedrig. Zwischen
-den Stämmen der alten Bäume schimmerte ein langes
-weißes Gebäude, ein Herrschaftshaus. Die Mauer des
-andern anstoßenden Gartens war übermäßig hoch und
-sah düster aus wie eine Gefängnismauer. Über sie
-hinweg blickten die zwei trüben Fenster eines grauen
-alten Hauses, wie zwei düstere traurige Augen unter
-einer niedern vergrämten Stirn. Die übermäßig hohe
-Mauer aber bot einen ganz merkwürdigen Anblick dar.
+den Stämmen der alten Bäume schimmerte ein langes
+weißes Gebäude, ein Herrschaftshaus. Die Mauer des
+andern anstoßenden Gartens war übermäßig hoch und
+sah düster aus wie eine Gefängnismauer. Über sie
+hinweg blickten die zwei trüben Fenster eines grauen
+alten Hauses, wie zwei düstere traurige Augen unter
+einer niedern vergrämten Stirn. Die übermäßig hohe
+Mauer aber bot einen ganz merkwürdigen Anblick dar.
Sie war mit Glassplittern und Eisenspitzen gespickt und
-trug eine große Tafel, die man leicht von der Straße
+trug eine große Tafel, die man leicht von der Straße
aus lesen konnte, mit der Aufschrift: Vor den Hunden
<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-wird gewarnt! Achtung, Selbstschüsse! Vorsicht! Fußangeln!
+wird gewarnt! Achtung, Selbstschüsse! Vorsicht! Fußangeln!
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Eigentümlich!&ldquo; sagte er.
+Grau lächelte. &bdquo;Eigentümlich!&ldquo; sagte er.
</p>
<p>
-Dann nahm er rasch den Hut und verließ das Haus,
-immer noch zitterten leise seine Hände. Wie töricht!
+Dann nahm er rasch den Hut und verließ das Haus,
+immer noch zitterten leise seine Hände. Wie töricht!
</p>
<p>
-Grau begab sich in den &bdquo;weißen Elefanten&ldquo; und
+Grau begab sich in den &bdquo;weißen Elefanten&ldquo; und
trug den roten Reisesack in seine Wohnung hinauf.
Auf dem Wege begegnete er jenem Mann mit dem
gelben Gesicht, der ihm im Friedhof aufgefallen war.
-Der Mann strich an den <a id="corr-2"></a>Häusern entlang, blieb stehen,
+Der Mann strich an den <a id="corr-2"></a>Häusern entlang, blieb stehen,
als er Grau gewahrte und ging dann geradeswegs
auf ihn zu, als ob er ihn ansprechen wolle. Aber er
-tat es nicht, er machte plötzlich einen Bogen, blinzelte
-und verzog die Lippen zu einem saueren Lächeln. Er
-griff an den Hut und Grau grüßte hastig und freundlich.
+tat es nicht, er machte plötzlich einen Bogen, blinzelte
+und verzog die Lippen zu einem saueren Lächeln. Er
+griff an den Hut und Grau grüßte hastig und freundlich.
</p>
<p>
-&bdquo;Ein schöner Tag!&ldquo; sagte er lächelnd. &bdquo;Nicht wahr?&ldquo;
+&bdquo;Ein schöner Tag!&ldquo; sagte er lächelnd. &bdquo;Nicht wahr?&ldquo;
</p>
<p>
-Der Mann aber machte nur ein verblüfftes, ernstes
+Der Mann aber machte nur ein verblüfftes, ernstes
Gesicht, zwinkerte und strich sich die Haare aus der
-Stirn, er grüßte nicht. Wie sonderbar! dachte Grau
-und vergaß die Begegnung nicht wieder.
+Stirn, er grüßte nicht. Wie sonderbar! dachte Grau
+und vergaß die Begegnung nicht wieder.
</p>
<p>
Nach einer Weile sah man Grau wieder die Staffeln
-herabkommen, einen lächerlichen kleinen Zylinder auf
+herabkommen, einen lächerlichen kleinen Zylinder auf
dem Kopfe, eine Liste in der Hand. Er ging rasch und
-schwebend. Er schritt über den Marktplatz und trat
-beim Uhrenhändler Lux ein. Hier sprach er lange.
-Dann erschien der Uhrenhändler Lux im Fenster, eine
-goldene Uhr in der Hand, er ritzte, prüfte, zwängte ein
+schwebend. Er schritt über den Marktplatz und trat
+beim Uhrenhändler Lux ein. Hier sprach er lange.
+Dann erschien der Uhrenhändler Lux im Fenster, eine
+goldene Uhr in der Hand, er ritzte, prüfte, zwängte ein
Glas ins Auge und drehte die Uhr hin und her. Darauf
-verließ Grau heiter den Laden und der Uhrenhändler
+verließ Grau heiter den Laden und der Uhrenhändler
verbeugte sich hinter ihm.
</p>
<p>
<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Grau ging in den &bdquo;weißen Elefanten&ldquo; und beglich
-seine Rechnung. Der x-beinige mürrische Wirt bellte
-wie am Abend, aber er gab sich Mühe zu lächeln.
-Hätte er gewußt, wer der Herr sei, so würde er ihm
+Grau ging in den &bdquo;weißen Elefanten&ldquo; und beglich
+seine Rechnung. Der x-beinige mürrische Wirt bellte
+wie am Abend, aber er gab sich Mühe zu lächeln.
+Hätte er gewußt, wer der Herr sei, so würde er ihm
ein besseres Zimmer gegeben haben. &bdquo;Bitte, bitte, ich
-habe prächtig geschlafen!&ldquo; Der Wirt verbeugte sich vor
+habe prächtig geschlafen!&ldquo; Der Wirt verbeugte sich vor
Grau und Grau verbeugte sich vor dem Wirt. Die
-blonde Frau sah übernächtig aus. Grau betrachtete sie
-mit einem eigentümlichen Ausdruck der Augen, und
-ein fades Lächeln kam auf ihr Puppengesicht und in
-ihre wasserblauen Augen. Grau errötete und ging.
+blonde Frau sah übernächtig aus. Grau betrachtete sie
+mit einem eigentümlichen Ausdruck der Augen, und
+ein fades Lächeln kam auf ihr Puppengesicht und in
+ihre wasserblauen Augen. Grau errötete und ging.
</p>
<p>
Nun konnte man Grau mit seinem kleinen Zylinder,
-die Liste in der Hand, die Straße hinab gehen sehen.
-Er verschwand in den Häusern, verhielt sich einige Zeit
-darin und erschien wieder auf der Straße, um im
-nächsten Hause zu verschwinden. Ganz wie ein Briefträger.
+die Liste in der Hand, die Straße hinab gehen sehen.
+Er verschwand in den Häusern, verhielt sich einige Zeit
+darin und erschien wieder auf der Straße, um im
+nächsten Hause zu verschwinden. Ganz wie ein Briefträger.
</p>
<p>
-Was Grau in den Häusern tat, ist sehr einfach zu
-erklären. Er klopfte an die Türe, zog den Zylinder,
-stellte sich vor und rückte mit der Liste heraus.
+Was Grau in den Häusern tat, ist sehr einfach zu
+erklären. Er klopfte an die Türe, zog den Zylinder,
+stellte sich vor und rückte mit der Liste heraus.
</p>
<p>
&bdquo;Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, diese
-arme, alte Frau, sie ist im höchsten Grade bedürftig,
-der Kummer macht sie auf einige Zeit erwerbsunfähig
+arme, alte Frau, sie ist im höchsten Grade bedürftig,
+der Kummer macht sie auf einige Zeit erwerbsunfähig
&mdash; dazu die Unkosten &mdash; Grau, Vikar Grau &mdash; dann ist
-ja auch das Kind da, verzeihen Sie die Störung, ich
+ja auch das Kind da, verzeihen Sie die Störung, ich
bitte tausendmal um Entschuldigung!&ldquo;
</p>
<p>
-Überall brachte er das gleiche vor. Die Leute räusperten
+Überall brachte er das gleiche vor. Die Leute räusperten
sich, putzten sich die Nasen, kamen in Verlegenheit &mdash;
denn Grau stand geduldig wartend da, blickte sich
-lächelnd im Zimmer um und verbeugte sich ab und
+lächelnd im Zimmer um und verbeugte sich ab und
<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
zu ein wenig mit der Liste in der Hand &mdash; sie fuhren
-hastig in die Taschen und klapperten mit Schlüsseln.
-Hier und da waren aber diese Schlüssel absolut nicht
-zu finden, und sie sprangen umher, rannten gegen Türen
-und Wände, aber die Schlüssel waren ganz einfach fort.
+hastig in die Taschen und klapperten mit Schlüsseln.
+Hier und da waren aber diese Schlüssel absolut nicht
+zu finden, und sie sprangen umher, rannten gegen Türen
+und Wände, aber die Schlüssel waren ganz einfach fort.
Man wird die Spende ins Pfarrhaus senden.
</p>
<p>
-&bdquo;Schön, schön! Ganz nach Belieben, gnädige Frau.
+&bdquo;Schön, schön! Ganz nach Belieben, gnädige Frau.
Darf ich Sie vielleicht bitten, Namen und Betrag einzuzeichnen,
hier in diese Liste, Bleifeder habe ich, bitte
hier. Es ist der Ordnung halber und dann ermutigt
es die andern Herrschaften &mdash; denn wo ein Sperling
ist, da sind auch schon zwei, wo zwei sind, sind drei,
wo drei sind, da sind auch gleich hundert, nicht wahr?
-Hier, erlauben Sie gütigst, ein ungenannt sein wollender
-Wohltäter hat auf einen Schlag zwanzig Mark gezeichnet,
-Herr Bürgermeister Stürmer zehn Mark, Frau Tierarzt
-Hammer fünf, Frau Rentamtmannswitwe Ulzhöfer eine
+Hier, erlauben Sie gütigst, ein ungenannt sein wollender
+Wohltäter hat auf einen Schlag zwanzig Mark gezeichnet,
+Herr Bürgermeister Stürmer zehn Mark, Frau Tierarzt
+Hammer fünf, Frau Rentamtmannswitwe Ulzhöfer eine
Mark &mdash; wenn es auch nur eine Kleinigkeit ist &mdash; mit
-einem Tropfen kann man den Durst ja nicht löschen,
+einem Tropfen kann man den Durst ja nicht löschen,
aber in einer Ansammlung von Tropfen kann man
-recht schön ertrinken &mdash; danke, herzlichen Dank, gnädige
+recht schön ertrinken &mdash; danke, herzlichen Dank, gnädige
Frau.&ldquo;
</p>
@@ -2838,98 +2804,98 @@ herzlichste!&ldquo;
</p>
<p>
-Er kam in alle diese alten, krummen Häuser, in
-alle möglichen Stuben, zu allen möglichen Menschen.
+Er kam in alle diese alten, krummen Häuser, in
+alle möglichen Stuben, zu allen möglichen Menschen.
Jedes Haus roch anders, die Treppen knarrten anders.
Die einen waren steil und dunkel und kletterten in eine
<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
Art von Turm hinauf, andere waren breit und licht,
-knarrten vornehm und führten auf weite, helle Vorplätze.
+knarrten vornehm und führten auf weite, helle Vorplätze.
Zuweilen stand man unvermutet dicht vor den
-Türen, es gab aber auch Treppen, auf denen man sich
+Türen, es gab aber auch Treppen, auf denen man sich
verirren konnte; sie liefen kreuz und quer, endeten im
-Boden oder führten auf einen Hof hinaus. All die
-Glocken, die Grau an diesem Tage läutete, hätten zusammen
-ein Konzert gegeben. Da waren schüchterne
-und anmaßende Glocken, gutgelaunte und mißgestimmte,
+Boden oder führten auf einen Hof hinaus. All die
+Glocken, die Grau an diesem Tage läutete, hätten zusammen
+ein Konzert gegeben. Da waren schüchterne
+und anmaßende Glocken, gutgelaunte und mißgestimmte,
winselnde und lachende, solche die knarrten und fauchten,
-bevor sie einen Ton herausstießen, andere, die bei der
-leisesten Berührung in ein übermäßiges Gebimmel ausbrachen,
+bevor sie einen Ton herausstießen, andere, die bei der
+leisesten Berührung in ein übermäßiges Gebimmel ausbrachen,
die einen beruhigten sich sofort wieder, die
-andern läuteten fleißig weiter; es gab freundliche Glocken,
-die sofort höflich sagten: Herein, herein! es gab ungastliche,
+andern läuteten fleißig weiter; es gab freundliche Glocken,
+die sofort höflich sagten: Herein, herein! es gab ungastliche,
die brummten: Geh weg, weg! Die Zimmer,
-in die Grau trat, waren weit und licht, oder düster,
+in die Grau trat, waren weit und licht, oder düster,
oder schmal wie ein Omnibus. Es gab eine Menge
von interessanten Dingen zu sehen, eine Uhr aus Porzellan,
-einen Ofen, der merkwürdigerweise an der ungeschicktesten
-Stelle im Zimmer stand, dafür aber die
-zwölf Apostel auf den Kacheln zeigte, Schränke von
-unglaublicher Größe, förmliche Häuser, alte Waffen,
+einen Ofen, der merkwürdigerweise an der ungeschicktesten
+Stelle im Zimmer stand, dafür aber die
+zwölf Apostel auf den Kacheln zeigte, Schränke von
+unglaublicher Größe, förmliche Häuser, alte Waffen,
Truhen, Zinnkannen, in jedem Zimmer wenigstens etwas.
</p>
<p>
Grau sah sich alles aufmerksam an und nichts entging
-ihm. In einem Hause rannten ihn zwei große
-Jagdhunde beinahe um, Kinder prügelten sich in einem
-andern und rollten ihm unter die Füße, das aber brachte
+ihm. In einem Hause rannten ihn zwei große
+Jagdhunde beinahe um, Kinder prügelten sich in einem
+andern und rollten ihm unter die Füße, das aber brachte
ihn nicht aus der Fassung. &bdquo;Bitte, bitte, ich bin ja
der Eindringling, entschuldigen Sie &mdash; Grau, Vikar
<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Grau.&ldquo; Er lächelte, verbeugte sich vor den jungen
-Mädchen, die steif wie Besen dastanden, vor den Männern
+Grau.&ldquo; Er lächelte, verbeugte sich vor den jungen
+Mädchen, die steif wie Besen dastanden, vor den Männern
und Frauen, den Dienstboten, ja vor den Hunden. An
die Hausfrauen hatte er nach dem ersten Anliegen noch
ein zweites. Nachdem er sie mit Worten, Entschuldigungsformeln,
-Redensarten und Sprichwörtern, die er selbst
-erfand, allen erdenklichen Liebenswürdigkeiten genügend
-bearbeitet hatte, um sie für sein erstes Anliegen günstig
-zu stimmen, rückte er noch mit einem andern heraus.
-Ja, nämlich, wo sie Eier, Butter und Schmalz bezögen?
-Es wäre am Platze, diese Eierhändlerin auch anderweitig
-zu unterstützen. &mdash; &bdquo;Darf ich Ihre Adresse in
+Redensarten und Sprichwörtern, die er selbst
+erfand, allen erdenklichen Liebenswürdigkeiten genügend
+bearbeitet hatte, um sie für sein erstes Anliegen günstig
+zu stimmen, rückte er noch mit einem andern heraus.
+Ja, nämlich, wo sie Eier, Butter und Schmalz bezögen?
+Es wäre am Platze, diese Eierhändlerin auch anderweitig
+zu unterstützen. &mdash; &bdquo;Darf ich Ihre Adresse in
dieses Notizbuch schreiben, wie? Die Frau wird sich
erlauben, zu Ihnen zu kommen, ich habe alles mit ihr
besprochen. Gut!&ldquo;
</p>
<p>
-Er hatte überall Erfolg. Die Leute waren anfangs
+Er hatte überall Erfolg. Die Leute waren anfangs
ein wenig erstaunt, aber gegen so viel Freundlichkeit
-und Liebenswürdigkeit konnten sie nicht aufkommen.
+und Liebenswürdigkeit konnten sie nicht aufkommen.
Dann waren es auch Graus Augen, die sie alle ansehen
-mußten. Wie merkwürdig, dieser Mensch hatte
+mußten. Wie merkwürdig, dieser Mensch hatte
goldene Augen. Auch seine Weise dazustehen, zu plaudern,
-zu lächeln, so unerhört herzlich, frei und fein &mdash;
+zu lächeln, so unerhört herzlich, frei und fein &mdash;
sie zeichneten!
</p>
<p>
-Das Gerücht ging vor ihm her und er fand sie
-alle vorbereitet; die Türen waren entweder verschlossen
-oder sie öffneten sich sofort, als ob man dahinter gewartet
-habe. Fräulein Karola Sperling, die Modistin,
-die in der Stadt die &bdquo;ewige Braut&ldquo; hieß, ließ ihn sogar
-durch ein Mädchen bitten, bei ihr vorzusprechen.
-Sie sah aus wie ein junges Mädchen und hatte weißblondes
+Das Gerücht ging vor ihm her und er fand sie
+alle vorbereitet; die Türen waren entweder verschlossen
+oder sie öffneten sich sofort, als ob man dahinter gewartet
+habe. Fräulein Karola Sperling, die Modistin,
+die in der Stadt die &bdquo;ewige Braut&ldquo; hieß, ließ ihn sogar
+durch ein Mädchen bitten, bei ihr vorzusprechen.
+Sie sah aus wie ein junges Mädchen und hatte weißblondes
<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Haar, ihre Manieren waren verschämt und
-kokett und doch war sie über fünfzig Jahre alt. Ihr
-weißblondes Haar war an den Schläfen schneeweiß.
-Sie hatte den Bräutigam im Kriege verloren und
-trauerte seitdem um ihn. Sie erzählte Grau ihre ganze
+Haar, ihre Manieren waren verschämt und
+kokett und doch war sie über fünfzig Jahre alt. Ihr
+weißblondes Haar war an den Schläfen schneeweiß.
+Sie hatte den Bräutigam im Kriege verloren und
+trauerte seitdem um ihn. Sie erzählte Grau ihre ganze
Lebensgeschichte, ein trauriges Idyll; sie zeigte ihm auch
-das Bildnis des Bräutigams, eines Offiziers, während
-sie lächelte und eine Träne verbarg. Zuletzt zeichnete
-sie dreißig Pfennig, nicht ohne zu erröten. Grau dankte
-ihr aufs herzlichste und hätte ihr am liebsten die Hand
-geküßt.
+das Bildnis des Bräutigams, eines Offiziers, während
+sie lächelte und eine Träne verbarg. Zuletzt zeichnete
+sie dreißig Pfennig, nicht ohne zu erröten. Grau dankte
+ihr aufs herzlichste und hätte ihr am liebsten die Hand
+geküßt.
</p>
<p>
-Ein feister, glänzender Herr mit einer großen Zigarre
-im Munde, die das ganze Zimmer mit Rauch angefüllt
+Ein feister, glänzender Herr mit einer großen Zigarre
+im Munde, die das ganze Zimmer mit Rauch angefüllt
hatte, wies ihn dagegen kurz ab. Er gab prinzipiell nichts.
</p>
@@ -2939,62 +2905,62 @@ hatte, wies ihn dagegen kurz ab. Er gab prinzipiell nichts.
<p>
&bdquo;Ja, zum Teufel &mdash; Pardon! &mdash; aber ich bin ein
-Feind von all diesen Dingen, Almosengeben und Unterstützungen
-und so weiter,&ldquo; sagte er und paffte, so daß
+Feind von all diesen Dingen, Almosengeben und Unterstützungen
+und so weiter,&ldquo; sagte er und paffte, so daß
er nahezu in der Rauchwolke verschwand!
</p>
<p>
-&bdquo;Ah!&ldquo; sagte Grau schüchtern. &bdquo;Ich bitte um Entschuldigung,
+&bdquo;Ah!&ldquo; sagte Grau schüchtern. &bdquo;Ich bitte um Entschuldigung,
wenn es brennt, so nimmt man Wasser
-und löscht und denkt nicht weiter. Man kann nicht
+und löscht und denkt nicht weiter. Man kann nicht
weniger geben als Geld, mein Herr, glauben Sie mir.
Ich habe einen Mann gekannt, der bei keinem Juden
etwas kaufte, ja niemals mit einem Juden sprach &mdash;
ebenfalls aus Prinzip! Was sagen Sie dazu? Hahaha!
-Aber könnten Sie nicht eine Ausnahme machen &mdash; diese
-unglückliche Eierhändlerin &mdash;&ldquo;
+Aber könnten Sie nicht eine Ausnahme machen &mdash; diese
+unglückliche Eierhändlerin &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ich habe weder mit Ihrem Manne noch mit der
-Eierhändlerin etwas zu tun!&ldquo;
+Eierhändlerin etwas zu tun!&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
&bdquo;Mehr als Sie glauben!&ldquo; Grau setzte sich auf einen
-Stuhl, obgleich ihn der feiste, glänzende Herr nicht
+Stuhl, obgleich ihn der feiste, glänzende Herr nicht
zum Setzen aufgefordert hatte. &bdquo;Weit mehr, als Sie
-glauben. Ich habe beobachtet, daß eine Schwalbe in
+glauben. Ich habe beobachtet, daß eine Schwalbe in
einer Dachrinne festgeklemmt wurde, nun kamen hunderte
-von Schwalben &mdash;&ldquo; begann er lächelnd.
+von Schwalben &mdash;&ldquo; begann er lächelnd.
</p>
<p>
&bdquo;Ich bin aber keine Schwalbe!&ldquo; unterbrach ihn der
-feiste Herr mit einer verzweifelten Gebärde und verschwand
+feiste Herr mit einer verzweifelten Gebärde und verschwand
in der Rauchwolke.
</p>
<p>
&bdquo;Mehr als Sie glauben, mein Herr!&ldquo; sagte Grau
-und stand auf. &bdquo;Entschuldigen Sie, daß ich Sie in
-Ihrer Arbeit gestört habe. Vielleicht könnten Sie aber
-Ihre Frau Gemahlin oder Ihre Haushälterin dazu bewegen,
+und stand auf. &bdquo;Entschuldigen Sie, daß ich Sie in
+Ihrer Arbeit gestört habe. Vielleicht könnten Sie aber
+Ihre Frau Gemahlin oder Ihre Haushälterin dazu bewegen,
Eier und Schmalz bei dieser armen Frau &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
Der Herr brach in ein zorniges Lachen aus. &bdquo;Hier!&ldquo;
sagte er. &bdquo;Hier nehmen Sie drei Mark, basta. Aber
-meinen Namen lassen Sie hübsch aus dem Spiele!&ldquo;
-Er warf ärgerlich die Münze auf den Tisch.
+meinen Namen lassen Sie hübsch aus dem Spiele!&ldquo;
+Er warf ärgerlich die Münze auf den Tisch.
</p>
<p>
Grau verneigte sich. &bdquo;Also ungenannt sein wollender
-Wohltäter &mdash; gut, danke! Sehen Sie, wie recht ich
+Wohltäter &mdash; gut, danke! Sehen Sie, wie recht ich
hatte, Sie sind doch eine Schwalbe, trotzdem!&ldquo;
</p>
@@ -3005,22 +2971,22 @@ zu bekommen. Das ist der wahre Grund, der wahre!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das glauben Sie nur!&ldquo; sagte Grau, merkwürdig
-lächelnd.
+&bdquo;Das glauben Sie nur!&ldquo; sagte Grau, merkwürdig
+lächelnd.
</p>
<p>
Der dicke Herr stutzte; er griff sich an den Kragen,
dann lachte er, und zwar ein komisches Gemisch von
-zornigem und vergnügtem Lachen.
+zornigem und vergnügtem Lachen.
</p>
<p>
&bdquo;Ich war vielleicht etwas geradeaus!&ldquo; sagte er
<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
lachend und seine Mienen hellten sich mehr und mehr
-auf. &bdquo;Aber es ist mein Prinzip, stets unverblümt zu
-sagen, was ich denke! Ich bin ein Feind aller Verzärtelung
+auf. &bdquo;Aber es ist mein Prinzip, stets unverblümt zu
+sagen, was ich denke! Ich bin ein Feind aller Verzärtelung
und alles Damenhaften! Hom, hom! Ich bin
auch ein Feind der Damen, ehrlich gestanden, hahaha!
Ich bin auch ein Feind aller phrasenhaften Entschuldigungen,
@@ -3030,15 +2996,15 @@ meiner Zigarren zu rauchen. Bitte, bitte!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau wollte ablehnen, aber der feiste Herr schüttelte
+Grau wollte ablehnen, aber der feiste Herr schüttelte
erregt den Kopf und fuhr so energisch in die Zigarrenkiste,
-daß es aussah, als ob er Grau alle Zigarren auf
+daß es aussah, als ob er Grau alle Zigarren auf
einmal geben wollte. Je tiefer seine Hand aber in
-der Kiste wühlte, desto mehr mäßigte er seine Erregung
-und als er die Hand zurückzog, befanden sich nur vier
+der Kiste wühlte, desto mehr mäßigte er seine Erregung
+und als er die Hand zurückzog, befanden sich nur vier
Zigarren darin; er legte sie vor Grau auf den Tisch,
-merkwürdigerweise jedoch blieb eine Zigarre in seinen
-Fingern hängen und wanderte wieder in die Kiste zurück.
+merkwürdigerweise jedoch blieb eine Zigarre in seinen
+Fingern hängen und wanderte wieder in die Kiste zurück.
</p>
<p>
@@ -3056,12 +3022,12 @@ hinein, als Grau schon das Haus verlassen hatte.
<p>
Grau kam auch zu dem Schuhmachermeister mit
-dem aufgeblähten Hals. Hier mußte er eine Tasse
+dem aufgeblähten Hals. Hier mußte er eine Tasse
Kaffee annehmen. Der Schuhmachermeister versprach,
die Schuhe der alten Frau kostenfrei auszubessern, zu
sohlen, zu flecken, auch eine Filzsohle wollte er hineinlegen.
<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-Übrigens bezog er Eier und Schmalz schon
+Übrigens bezog er Eier und Schmalz schon
von ihr.
</p>
@@ -3076,17 +3042,17 @@ zu gehen, neben dem &sbquo;Elefanten&lsquo;, das alte Haus
</p>
<p>
-Graus Liste wuchs. Es ging die Straßen links
-hinunter und rechts herauf. Er vergaß kein Haus.
+Graus Liste wuchs. Es ging die Straßen links
+hinunter und rechts herauf. Er vergaß kein Haus.
Auf diese Weise lernte er die ganze Stadt kennen; er
-machte die Bekanntschaft von vielen liebenswürdigen
-Menschen; viele Güte, die sich in einem Lächeln verriet,
-viel Stolz und Feinfühligkeit, die sich in einem
+machte die Bekanntschaft von vielen liebenswürdigen
+Menschen; viele Güte, die sich in einem Lächeln verriet,
+viel Stolz und Feinfühligkeit, die sich in einem
Verstecken des Blickes offenbarte, ja, selbst Adel, den
Grau in einer kleinen Bewegung der Hand entdecken
-konnte. Versteckte Schönheiten und viel Sehenswertes,
-so daß er sich für die geringe Mühe überreich belohnt
-fühlte. Seine Laune wurde noch besser. Endlich kam
+konnte. Versteckte Schönheiten und viel Sehenswertes,
+so daß er sich für die geringe Mühe überreich belohnt
+fühlte. Seine Laune wurde noch besser. Endlich kam
er zum x-ten Male auf den Marktplatz und ging auf
Eisenhuts Haus zu.
</p>
@@ -3094,19 +3060,19 @@ Eisenhuts Haus zu.
<p>
Da lag dieses Haus, in dem der reichste Mann der
Stadt wohnte, inmitten all dieser gepflegten, gestrichenen
-und mit Schnitzwerk und Erkern gezierten Häuser, grau,
+und mit Schnitzwerk und Erkern gezierten Häuser, grau,
elend und verwahrlost. Ein kalter Hauch ging von
ihm aus. Der Bewurf war an vielen Stellen herabgefallen
und die nackte Mauer blickte hervor, es war
-geschwärzt von Ruß und lange, schmutzige Regenspuren
-liefen vom Dache bis zum Erdgeschoß herab wie Tränenspuren
-über ein altes, schmutziges Gesicht. Kinder hatten
+geschwärzt von Ruß und lange, schmutzige Regenspuren
+liefen vom Dache bis zum Erdgeschoß herab wie Tränenspuren
+über ein altes, schmutziges Gesicht. Kinder hatten
Gesichter an die Wand gemalt und unter einem riesigen
Kopf mit spitziger Nase und zwei kleinen Augen auf
<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
der gleichen Seite des Gesichtes stand geschrieben: &bdquo;Ich
bin der Geizhals Eisenhut, bembele bembum &mdash;.&ldquo; Von
-der Türe war die Farbe gesprungen und sie sah fleckig
+der Türe war die Farbe gesprungen und sie sah fleckig
aus wie ein Pilz und so staubig, als hinge der ganze
Staub vom letzten Sommer daran.
</p>
@@ -3114,109 +3080,109 @@ Staub vom letzten Sommer daran.
<p>
Grau zog an einem Glockenring und eine Glocke
im Hause bellte wie ein alter, heiserer Hund. Grau
-läutete drei-, viermal, die Glocke bellte und klaffte,
-aber niemand öffnete.
+läutete drei-, viermal, die Glocke bellte und klaffte,
+aber niemand öffnete.
</p>
<p>
-Vor dem Nachbarhause stand der Schlächtermeister
-Keim unter der Tür des Ladens, dick und wohlgenährt,
-eine Kappe auf dem Ohr. Er stemmte die Fäuste in
-die Hüften und seinen Bauch erschütterte ein verhaltenes
-Lachen. Trotzdem es Winter war, glänzte er von all
-dem Fett, das er ausschwitzte, seine Schürze flatterte
+Vor dem Nachbarhause stand der Schlächtermeister
+Keim unter der Tür des Ladens, dick und wohlgenährt,
+eine Kappe auf dem Ohr. Er stemmte die Fäuste in
+die Hüften und seinen Bauch erschütterte ein verhaltenes
+Lachen. Trotzdem es Winter war, glänzte er von all
+dem Fett, das er ausschwitzte, seine Schürze flatterte
leicht und er erweckte durchaus nicht den Eindruck der
Schwere trotz seiner Dicke. Er erinnerte an einen jener
komischen Papierballone, die man zur Volksbelustigung
-an Jahrmärkten steigen läßt, und das Zittern des Bauches
-drückte gleichsam die Ungeduld des Ballons aus, in die
-Höhe zu segeln.
+an Jahrmärkten steigen läßt, und das Zittern des Bauches
+drückte gleichsam die Ungeduld des Ballons aus, in die
+Höhe zu segeln.
</p>
<p>
-&bdquo;Er ist da, er ist zu Hause!&ldquo; sagte der Schlächtermeister
+&bdquo;Er ist da, er ist zu Hause!&ldquo; sagte der Schlächtermeister
Keim und schon zitterte das Lachen in seinen
dicken Backen. &bdquo;Er ging soeben hinein.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau läutete wieder.
+Grau läutete wieder.
</p>
<p>
-&bdquo;Unterdessen,&ldquo; sagte er zu dem Schlächtermeister,
+&bdquo;Unterdessen,&ldquo; sagte er zu dem Schlächtermeister,
&bdquo;ich komme in einer Angelegenheit, die nicht nur Herrn
Eisenhut betrifft &mdash; Grau, Vikar Grau &mdash; Sie kennen
-diese alte Frau Sammet, diese Eierhändlerin, Herr Keim,
+diese alte Frau Sammet, diese Eierhändlerin, Herr Keim,
nicht wahr, das ist Ihr Name &mdash; auf dem Firmenschild da &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-&bdquo;Jawohl, Keim, so heiße ich.&ldquo;
+&bdquo;Jawohl, Keim, so heiße ich.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wer so prächtig aussieht wie Sie &mdash; hier ist die
+&bdquo;Wer so prächtig aussieht wie Sie &mdash; hier ist die
Liste &mdash; deswegen wird kein Auge weniger auf der
Suppe schwimmen &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-In dem Gesichte des Schlächtermeisters, der vor
-Wohlgenährtheit nahezu platzte, verschwand augenblicklich
-jede Spur von Fröhlichkeit, ja, er sah plötzlich betrübt
-aus. Er hatte in letzter Zeit soviel gegeben, daß er
-wirklich nicht mehr konnte. Er rückte die Kappe vor,
-um sich hinterm Ohr kratzen zu können. Jeden Tag
-käme etwas Neues.
+In dem Gesichte des Schlächtermeisters, der vor
+Wohlgenährtheit nahezu platzte, verschwand augenblicklich
+jede Spur von Fröhlichkeit, ja, er sah plötzlich betrübt
+aus. Er hatte in letzter Zeit soviel gegeben, daß er
+wirklich nicht mehr konnte. Er rückte die Kappe vor,
+um sich hinterm Ohr kratzen zu können. Jeden Tag
+käme etwas Neues.
</p>
<p>
-Grau sah ihn an und lächelte. &bdquo;Aber wer so gütig
+Grau sah ihn an und lächelte. &bdquo;Aber wer so gütig
aussieht wie Sie?&ldquo; sagte er. &bdquo;Ich glaube ja gerne,
-daß Sie in der letzten Zeit stark in Anspruch genommen
+daß Sie in der letzten Zeit stark in Anspruch genommen
wurden, aber das ist doch ein besonderer Fall, nicht
wahr?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Jeder Fall ist eben besonders.&ldquo; Der Schlächtermeister
-steckte die Hände in die Hosentaschen und
+&bdquo;Jeder Fall ist eben besonders.&ldquo; Der Schlächtermeister
+steckte die Hände in die Hosentaschen und
schaukelte leise auf den kurzen schwammigen Beinen
hin und her.
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Erlauben Sie,&ldquo; begann er von
-neuem, &bdquo;würden Sie sich zu einer kleinen Gabe entschließen
-können, wenn ich Ihnen einen Scherz erzählte,
-über den Sie herzlich lachen müssen und den Sie Ihr
+Grau lächelte. &bdquo;Erlauben Sie,&ldquo; begann er von
+neuem, &bdquo;würden Sie sich zu einer kleinen Gabe entschließen
+können, wenn ich Ihnen einen Scherz erzählte,
+über den Sie herzlich lachen müssen und den Sie Ihr
ganzes Leben &mdash; ich sage, Ihr ganzes Leben lang nicht
mehr vergessen?&ldquo;
</p>
<p>
-Herr Keim bemühte sich ein ernstes Gesicht zu
+Herr Keim bemühte sich ein ernstes Gesicht zu
machen.
</p>
<p>
&bdquo;Das kommt darauf an!&ldquo; sagte er und spuckte
-gleichgültig in den Schnee.
+gleichgültig in den Schnee.
</p>
<p>
<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Grau sagte lächelnd: &bdquo;Hören Sie, Sie heißen Keim,
-aber wenn Sie schon Keim heißen, so muß man zugeben,
-daß der Keim hübsch aufzugehen verspricht!&ldquo;
+Grau sagte lächelnd: &bdquo;Hören Sie, Sie heißen Keim,
+aber wenn Sie schon Keim heißen, so muß man zugeben,
+daß der Keim hübsch aufzugehen verspricht!&ldquo;
</p>
<p>
Der dicke Fleischer brach augenblicklich in ein lautes
-Gelächter aus. Er hielt den hüpfenden, dicken Bauch
-mit den beiden Händen und schüttelte sich.
+Gelächter aus. Er hielt den hüpfenden, dicken Bauch
+mit den beiden Händen und schüttelte sich.
</p>
<p>
@@ -3229,15 +3195,15 @@ zwei Mark.
</p>
<p>
-Da rasselte etwas an der alten fleckigen Haustüre
-und ein Guckfensterchen, nicht größer als eine Streichholzschachtel,
+Da rasselte etwas an der alten fleckigen Haustüre
+und ein Guckfensterchen, nicht größer als eine Streichholzschachtel,
fiel herab.
</p>
<p>
-Dieses Geräusch des herabfallenden Fensterchens kam
+Dieses Geräusch des herabfallenden Fensterchens kam
Grau bekannt vor. Und nun schien es ihm, als ob
-er dieses Guckfensterchen selbst schon vorher gesehen hätte.
+er dieses Guckfensterchen selbst schon vorher gesehen hätte.
</p>
<p>
@@ -3255,50 +3221,50 @@ hohe Fistelstimme fragte:
<p>
&bdquo;Nein!&ldquo; antwortete die Fistelstimme und Grau glaubte
-ein feines Kichern zu hören.
+ein feines Kichern zu hören.
</p>
<p>
-&bdquo;Wann kommt er denn zurück?&ldquo;
+&bdquo;Wann kommt er denn zurück?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Er ist verreist!&ldquo; Das Guckfensterchen schloß sich
+&bdquo;Er ist verreist!&ldquo; Das Guckfensterchen schloß sich
wieder.
</p>
<p>
-Grau verließ die Türe mit einer eigentümlichen
-Empfindung. Wie merkwürdig! dachte er und die Fistelstimme
-klang ihm noch lange im Ohr, während er die
+Grau verließ die Türe mit einer eigentümlichen
+Empfindung. Wie merkwürdig! dachte er und die Fistelstimme
+klang ihm noch lange im Ohr, während er die
Jungferntreppe hinaufstieg, eine Art von schmalem
-Kamin, der zwischen kahlen Hauswänden und Gartenmauern
-zur Höhe führte. Er wollte im Schlosse vorsprechen,
+Kamin, der zwischen kahlen Hauswänden und Gartenmauern
+zur Höhe führte. Er wollte im Schlosse vorsprechen,
<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-jenem weißen Herrschaftshause, das er heute
+jenem weißen Herrschaftshause, das er heute
von seinem Fenster aus gesehen hatte.
</p>
<p>
-Er ging durch den weiten Park, dessen Bäume so
-hoch waren, daß er sich winzig klein dagegen vorkam,
-und sann darüber nach, wo er das kleine Guckfensterchen
-schon gesehen habe. Jenes Geräusch, das es beim
-Herabfallen verursacht hatte, verfolgte ihn hartnäckig.
-&bdquo;Es ist doch höchst einerlei,&ldquo; sagte er vor sich hin, &bdquo;wo
+Er ging durch den weiten Park, dessen Bäume so
+hoch waren, daß er sich winzig klein dagegen vorkam,
+und sann darüber nach, wo er das kleine Guckfensterchen
+schon gesehen habe. Jenes Geräusch, das es beim
+Herabfallen verursacht hatte, verfolgte ihn hartnäckig.
+&bdquo;Es ist doch höchst einerlei,&ldquo; sagte er vor sich hin, &bdquo;wo
ich solch ein Guckfenster schon gesehen habe, was liegt
viel daran? Aber trotzdem, trotzdem! Ich habe dieses
-Guckfenster schon gesehen oder vielmehr gehört, das ist
-es.&ldquo; Er schüttelte den Kopf und stand vor dem weißen
-Hause. Nun erst sah er, daß ein Flügel des Herrschaftshauses
-eingeäschert war bis auf den Grund. Die Brandstätte
-war abgeräumt, Gerüststangen waren eingerammt,
+Guckfenster schon gesehen oder vielmehr gehört, das ist
+es.&ldquo; Er schüttelte den Kopf und stand vor dem weißen
+Hause. Nun erst sah er, daß ein Flügel des Herrschaftshauses
+eingeäschert war bis auf den Grund. Die Brandstätte
+war abgeräumt, Gerüststangen waren eingerammt,
aber man sah keine Handwerksleute.
</p>
<p>
-Er stieg die Treppe hinauf, öffnete die schwere Türe
-und stand plötzlich vor einem pechschwarzen Neger, der
+Er stieg die Treppe hinauf, öffnete die schwere Türe
+und stand plötzlich vor einem pechschwarzen Neger, der
eine Laterne auf dem Kopfe trug.
</p>
@@ -3313,84 +3279,84 @@ Aber wo, wo denn?&ldquo;
<p>
Der pechschwarze Neger war aus Bronze und von der Laterne
hingen schwere Messingketten herab. Grau wollte eben
-an einer Türe pochen, als ein Diener hinter ihm fragte, was
-der Herr wünsche. Die Jacke des Dieners war gestreift und
-erinnerte an das Fell eines Zebras. Der Diener öffnete die
-Türe eines kleinen Salons und bat Grau zu warten.
+an einer Türe pochen, als ein Diener hinter ihm fragte, was
+der Herr wünsche. Die Jacke des Dieners war gestreift und
+erinnerte an das Fell eines Zebras. Der Diener öffnete die
+Türe eines kleinen Salons und bat Grau zu warten.
</p>
<p>
<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
Der Salon wurde von einem Sonnenstrahl erhellt,
-der sich durch die Gardinen zwängte. Die Möbel waren
-hell und niedrig und standen auf zierlichen weißen
+der sich durch die Gardinen zwängte. Die Möbel waren
+hell und niedrig und standen auf zierlichen weißen
Beinen.
</p>
<p>
Grau wartete und wagte nicht zu atmen, so still
-war es hier und so vornehm. Er hätte sich gerne geräuspert,
-aber das ging wohl nicht gut hier. Da hörte
-er einen gedämpften Schritt und eine junge Dame erschien
-in der Türe.
+war es hier und so vornehm. Er hätte sich gerne geräuspert,
+aber das ging wohl nicht gut hier. Da hörte
+er einen gedämpften Schritt und eine junge Dame erschien
+in der Türe.
</p>
<p>
-Sie nickte und fragte: &bdquo;Womit kann ich Ihnen gefällig
-sein?&ldquo; Sie sprach höflich aber kühl.
+Sie nickte und fragte: &bdquo;Womit kann ich Ihnen gefällig
+sein?&ldquo; Sie sprach höflich aber kühl.
</p>
<p>
Grau erwiderte nichts. Er sah die junge Dame
an. Sie hatte auffallend reiches Haar von tiefschwarzer
-Farbe und war von fremder, stolzer Schönheit. Sie
+Farbe und war von fremder, stolzer Schönheit. Sie
stand im Schatten und ihr Gesicht sah lang und bleich
aus. Ihre Augen waren klar und ernst. Aber das
-Merkwürdige daran war, daß sie heller aussahen als
+Merkwürdige daran war, daß sie heller aussahen als
selbst die blassen, langen Wangen. Das kam von den
-schwarzen wie Atlas glänzenden Haaren, die fast die
-ganze Stirn bedeckten und von den langen glänzenden
-Wimpern, die die Augen einsäumten. Etwas von dem
+schwarzen wie Atlas glänzenden Haaren, die fast die
+ganze Stirn bedeckten und von den langen glänzenden
+Wimpern, die die Augen einsäumten. Etwas von dem
Glanze, der Kerzenlicht bei Tag eigen ist, war in diesen
Augen.
</p>
<p>
-&bdquo;Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr?&ldquo;
-wiederholte das Mädchen.
+&bdquo;Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr?&ldquo;
+wiederholte das Mädchen.
</p>
<p>
Grau brachte hastig seine Bitte vor, und die junge
-Dame erwiderte, daß sie mit ihren Eltern sprechen werde
-und ihm Bescheid zugesandt werden würde.
+Dame erwiderte, daß sie mit ihren Eltern sprechen werde
+und ihm Bescheid zugesandt werden würde.
</p>
<p>
Grau verbeugte sich und sah noch einmal in dieses
-schöne, regungslose Gesicht und ging. Er vergaß ganz
+schöne, regungslose Gesicht und ging. Er vergaß ganz
<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-mit seiner Liste herauszurücken und zu fragen, wo die
-Herrschaften Eier und Schmalz bezögen.
+mit seiner Liste herauszurücken und zu fragen, wo die
+Herrschaften Eier und Schmalz bezögen.
</p>
<p>
Er ging rasch durch den Park hindurch und war so
-erregt, daß er nichts sah und nichts hörte, bis er wieder
+erregt, daß er nichts sah und nichts hörte, bis er wieder
auf dem Marktplatze stand.
</p>
<p>
-&bdquo;In welche Stadt bin ich doch da geraten!&ldquo; flüsterte
+&bdquo;In welche Stadt bin ich doch da geraten!&ldquo; flüsterte
er. &bdquo;Zuerst diese Sache mit dem Guckfensterchen und
-nun dieses Mädchen. Ich habe ja dieses Mädchen schon
+nun dieses Mädchen. Ich habe ja dieses Mädchen schon
einmal gesehen, irgendwo und irgendwann, ich erinnere
mich deutlich an dieses Gesicht und diese sonderbaren Augen.&ldquo;
</p>
<p>
Er eilte weiter und erst nachdem er bis zum Flusse
-hinabgelaufen war, fiel ihm ein, daß er noch einen
+hinabgelaufen war, fiel ihm ein, daß er noch einen
Besuch hatte machen wollen.
</p>
@@ -3399,69 +3365,69 @@ Besuch hatte machen wollen.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">G</span>rau sprach bei Frau Bezirksamtmann Häberlein
-vor, wo das Dienstmädchen zuletzt gedient hatte.
-Hier hielt er sich längere Zeit auf.
+<span class="firstchar">G</span>rau sprach bei Frau Bezirksamtmann Häberlein
+vor, wo das Dienstmädchen zuletzt gedient hatte.
+Hier hielt er sich längere Zeit auf.
</p>
<p>
-Die Frau des Hauses, eine Dame mit breiten Hüften,
-schmaler, fast zierlicher Büste, porzellanartigem Teint
-und viel äußerlicher Vornehmheit, empfing ihn mit
-übersprudelnder Herzlichkeit im Salon. Ihre Stimme
-bimmelte immerfort wie ein kleines helles Glöckchen,
+Die Frau des Hauses, eine Dame mit breiten Hüften,
+schmaler, fast zierlicher Büste, porzellanartigem Teint
+und viel äußerlicher Vornehmheit, empfing ihn mit
+übersprudelnder Herzlichkeit im Salon. Ihre Stimme
+bimmelte immerfort wie ein kleines helles Glöckchen,
besonders hell, wenn sie lachte; sie konnte aber auch
und zwar ganz unvermittelt, Teilnahme, Mitleid, Resignation,
Ergebenheit, Schmerz, Trauer und sogar Verzweiflung
-ausdrücken, um gleich darauf wieder in Heiterkeit
+ausdrücken, um gleich darauf wieder in Heiterkeit
zu erklingen.
</p>
<p>
<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-Frau Häberlein verheimlichte nicht, daß sie ein wenig
-verletzt sei, da Grau so spät erst zu ihr komme. Als
+Frau Häberlein verheimlichte nicht, daß sie ein wenig
+verletzt sei, da Grau so spät erst zu ihr komme. Als
Frau des Bezirksamtmannes spielte sie die Rolle einer
-Königin in der Stadt und jeder ankommende Beamte
-beeilte sich ihr augenblicklich unter tiefen Bücklingen seine
-Ergebenheit zu Füßen zu legen. Aber als Grau ihr
-mitteilte, daß er absichtlich zuletzt zu ihr gekommen
-wäre, um sich über das unglückliche Mädchen näher zu
-erkundigen, erklang das kleine Glöckchen ihrer Stimme
-um so lebhafter und heller. Mit Vergnügen!
+Königin in der Stadt und jeder ankommende Beamte
+beeilte sich ihr augenblicklich unter tiefen Bücklingen seine
+Ergebenheit zu Füßen zu legen. Aber als Grau ihr
+mitteilte, daß er absichtlich zuletzt zu ihr gekommen
+wäre, um sich über das unglückliche Mädchen näher zu
+erkundigen, erklang das kleine Glöckchen ihrer Stimme
+um so lebhafter und heller. Mit Vergnügen!
</p>
<p>
Sie begann sofort eifrig zu sprechen, schien aber
-merkwürdigerweise Graus Anliegen zu vergessen. Sie
+merkwürdigerweise Graus Anliegen zu vergessen. Sie
sprach von ihrem Gatten, ihrem Vater &mdash; sie war von
adeliger Abkunft &mdash; eine Menge Offiziere in bunten
-Uniformen und mit ordengeschmückter Brust tauchten
+Uniformen und mit ordengeschmückter Brust tauchten
auf, besonders ein General, ein Onkel von ihr, erfreute
-sich ihres Interesses, und schließlich wimmelte es in
-ihrem Gespräche von Herren und Damen wie in einem
-Ballsaal. Sie plauderte ohne Pause, mit vor Liebenswürdigkeit
-und Eifer glänzenden Augen, die sie nur
-gelegentlich von Grau abwandte, um sie einem schrägen
+sich ihres Interesses, und schließlich wimmelte es in
+ihrem Gespräche von Herren und Damen wie in einem
+Ballsaal. Sie plauderte ohne Pause, mit vor Liebenswürdigkeit
+und Eifer glänzenden Augen, die sie nur
+gelegentlich von Grau abwandte, um sie einem schrägen
Wandspiegel zuzuwenden, in dem sie sich selbst sprechen
sehen konnte. Wie man einen Hasen mit Speck verziert,
-so war ihr Gespräch mit Worten und Zitaten aus
+so war ihr Gespräch mit Worten und Zitaten aus
allen lebenden und toten Sprachen gespickt.
</p>
<p>
-Glücklicherweise mußte sie niesen und es gelang
+Glücklicherweise mußte sie niesen und es gelang
Grau ihr ins Wort zu fallen. Er erfuhr nun die
-näheren Umstände der Katastrophe, Einzelheiten aus
-dem Leben des Mädchens, nichts wesentlich Neues.
+näheren Umstände der Katastrophe, Einzelheiten aus
+dem Leben des Mädchens, nichts wesentlich Neues.
</p>
<p>
-Ja, sie sei ein braves, ein sehr fleißiges Mädchen
+Ja, sie sei ein braves, ein sehr fleißiges Mädchen
<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
gewesen, ordentlich, reinlich, sparsam, ehrlich, frohsinnig
-&mdash; mit einem Wort &mdash; es sei sehr, sehr schade, daß
-sie so traurig enden mußte.
+&mdash; mit einem Wort &mdash; es sei sehr, sehr schade, daß
+sie so traurig enden mußte.
</p>
<p>
@@ -3472,7 +3438,7 @@ Kindes sein?&ldquo;
<p>
Wie unangenehm ihr die ganze Angelegenheit sei
&mdash; wie peinlich &mdash; bei all dem Bedauern mit dem armen
-Mädchen, natürlich &mdash; kein Mensch könne sich vorstellen
+Mädchen, natürlich &mdash; kein Mensch könne sich vorstellen
&mdash; wie peinlich ihr die Angelegenheit sei. &bdquo;Ja,
so sagen die Leute, der Bursche aber leugnet es.&ldquo;
</p>
@@ -3483,8 +3449,8 @@ so sagen die Leute, der Bursche aber leugnet es.&ldquo;
<p>
&bdquo;Nicht eigentlich das. Er wartete oft stundenlang
-vor der Haustüre &mdash; Margarete klagte oft darüber &mdash;
-er belagerte das Haus, so daß ich meinen Gatten aufforderte
+vor der Haustüre &mdash; Margarete klagte oft darüber &mdash;
+er belagerte das Haus, so daß ich meinen Gatten aufforderte
es ihm zu untersagen.&ldquo;
</p>
@@ -3497,15 +3463,15 @@ es ihm zu untersagen.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau versank in Nachdenken. &bdquo;Das ist sehr merkwürdig,&ldquo;
+Grau versank in Nachdenken. &bdquo;Das ist sehr merkwürdig,&ldquo;
sagte er. Er dachte nach und erinnerte sich
-erst wieder, wo er war, als Frau Häberlein sich leise
-räusperte.
+erst wieder, wo er war, als Frau Häberlein sich leise
+räusperte.
</p>
<p>
-&bdquo;Entschuldigen Sie, gnädige Frau,&ldquo; sagte er, &bdquo;darf
-ich noch fragen, wie lange das Mädchen in Ihrem
+&bdquo;Entschuldigen Sie, gnädige Frau,&ldquo; sagte er, &bdquo;darf
+ich noch fragen, wie lange das Mädchen in Ihrem
Hause gedient hat?&ldquo;
</p>
@@ -3524,23 +3490,23 @@ penible Angelegenheit!&ldquo;
<p>
Grau erhob sich. &bdquo;Entschuldigen Sie die lange
-Störung, gnädige Frau!&ldquo; Er verbeugte sich. &bdquo;Ich bin
+Störung, gnädige Frau!&ldquo; Er verbeugte sich. &bdquo;Ich bin
<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-Ihnen zu großem Dank verpflichtet für Ihre gütige
-Aufklärung.&ldquo; Er ging, aber unter der Türe wandte
-er sich zurück und sagte: &bdquo;Noch eine Frage, verzeihen
-Sie gütigst. Von welcher Farbe waren die Augen des
-Mädchens?&ldquo;
+Ihnen zu großem Dank verpflichtet für Ihre gütige
+Aufklärung.&ldquo; Er ging, aber unter der Türe wandte
+er sich zurück und sagte: &bdquo;Noch eine Frage, verzeihen
+Sie gütigst. Von welcher Farbe waren die Augen des
+Mädchens?&ldquo;
</p>
<p>
-Frau Bezirksamtmann Häberlein lächelte und sagte
+Frau Bezirksamtmann Häberlein lächelte und sagte
mit feiner Stimme, sie bedaure, so genau pflege sie
-ihre Dienstmädchen nicht zu betrachten.
+ihre Dienstmädchen nicht zu betrachten.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, entschuldigen Sie gütigst. Aber Sie mußten
+&bdquo;Ja, entschuldigen Sie gütigst. Aber Sie mußten
es ja sehen, ohne zu wollen. Waren die Augen braun
oder grau oder blau, erinnern Sie sich nicht?&ldquo;
</p>
@@ -3548,17 +3514,17 @@ oder grau oder blau, erinnern Sie sich nicht?&ldquo;
<p>
&bdquo;Wenn ich mich recht erinnere, so hat sie braune
Augen gehabt, dunkelbraune Augen, die im Dunkeln
-schwarz und glänzend aussahen. Sicherlich waren sie
+schwarz und glänzend aussahen. Sicherlich waren sie
braun, ja, ich glaube ganz sicher zu sein.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Das stimmt mit der Aussage der Mutter des
-Mädchens überein,&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Danke.&ldquo;
+Mädchens überein,&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Danke.&ldquo;
</p>
<p>
-Die Sammlung hatte eine hübsche Summe eingebracht,
+Die Sammlung hatte eine hübsche Summe eingebracht,
Grau war zufrieden und lachte in sich hinein.
Ordentlich habe ich abgegrast, dachte er. Er ging geradeswegs
ins Waisenhaus.
@@ -3566,10 +3532,10 @@ ins Waisenhaus.
<p>
Die Schwestern empfingen ihn mit wenigen feierlichen
-und gütigen Worten in den stillen Räumen, in
+und gütigen Worten in den stillen Räumen, in
denen sie sich ohne Laut bewegten. Er gab das gesammelte
-Geld ab, die eine Hälfte bestimmte er für
-die alte Frau, die andere Hälfte bat er für die Verpflegung
+Geld ab, die eine Hälfte bestimmte er für
+die alte Frau, die andere Hälfte bat er für die Verpflegung
des Kindes zu verwenden.
</p>
@@ -3578,35 +3544,35 @@ des Kindes zu verwenden.
</p>
<p>
-&bdquo;Oh, recht gern können Sie das,&ldquo; lispelten die
+&bdquo;Oh, recht gern können Sie das,&ldquo; lispelten die
Schwestern und er sah das Kind. Er betrachtete es
<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-lange und aufmerksam. &bdquo;Es kann ein schönes Kind
-werden,&ldquo; sagte er, &bdquo;was für kluge, hellgraue Augen es
+lange und aufmerksam. &bdquo;Es kann ein schönes Kind
+werden,&ldquo; sagte er, &bdquo;was für kluge, hellgraue Augen es
doch hat! Ist es nicht auffallend zierlich gebaut?
-Aber es sieht kränklich aus, oder täusche ich mich?&ldquo;
+Aber es sieht kränklich aus, oder täusche ich mich?&ldquo;
</p>
<p>
Ja, der Arzt sei ebenfalls nicht zufrieden, es liege
an der Amme. Eine Schlossersfrau habe sich erboten,
-das Kind zu nähren, aber sie sei brustleidend.
+das Kind zu nähren, aber sie sei brustleidend.
</p>
<p>
&bdquo;Nein, das geht freilich nicht. Ich werde nachfragen.
Sie haben niemand im Hause, der das Kind stillen
-könnte?&ldquo; fragte Grau.
+könnte?&ldquo; fragte Grau.
</p>
<p>
-Die Schwestern lächelten und erröteten unter der
-weißen Haube. &bdquo;O nein,&ldquo; flüsterten sie.
+Die Schwestern lächelten und erröteten unter der
+weißen Haube. &bdquo;O nein,&ldquo; flüsterten sie.
</p>
<p>
-Grau sah sie erstaunt an. Dann errötete auch er und
-machte sich eiligst davon. &bdquo;Du bist doch der größte
+Grau sah sie erstaunt an. Dann errötete auch er und
+machte sich eiligst davon. &bdquo;Du bist doch der größte
Dummkopf der ganzen Welt,&ldquo; sagte er zu sich und
lachte in sich hinein.
</p>
@@ -3616,71 +3582,71 @@ Am andern Morgen besuchte er zum Erstaunen der
Leute alle drei Hebammen, die es am Platze gab, um nach
einer geeigneten Amme zu fragen. Er war den halben
Tag unterwegs, bis es ihm gelang, eine Magd dazu
-zu überreden, sich des verwaisten Kindes anzunehmen.
+zu überreden, sich des verwaisten Kindes anzunehmen.
Die Magd war derb und stark, sicherlich gesund und
nach Graus Meinung imstande zwei, drei Kinder spielend
-zu stillen. Die Magd erklärte sich nach langem Sträuben
-bereit, aber nun stieß er unerwartet auf Schwierigkeiten
+zu stillen. Die Magd erklärte sich nach langem Sträuben
+bereit, aber nun stieß er unerwartet auf Schwierigkeiten
bei der Dienstherrschaft.
</p>
<p>
Das waren zwei alte Leutchen, ein alter Rentier und
seine Gattin, und sie wollten die Erlaubnis nicht hergeben.
-Sie waren ohnedies ärgerlich, daß das Mädchen,
+Sie waren ohnedies ärgerlich, daß das Mädchen,
eine Verwandte von ihnen, in ihrem Hause geboren
<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-hatte, und wollten nicht, daß es noch weiter bekannt
+hatte, und wollten nicht, daß es noch weiter bekannt
wurde als es schon war. Sie blickten einander an,
der Alte, der eine Kappe mit einer Quaste auf dem
-kahlen Schädel trug, und seine Frau, eine verschrumpfte
-Greisin mit schneeweißem störrischen Haar und pfiffigem
-Lächeln, und sagten nein, ein für allemal nein. Da
-saß denn Grau zwei geschlagene Stunden auf einem
-harten Sofa und führte die Unterhandlung mit den
-beiden Alten, die noch dazu schwerhörig waren. Der
-Greis beschäftigte sich damit, aus einem Topfe Mehlwürmer
-hervor zu suchen für ein Rotkehlchen, das lustig
-in seinem Bauer trillerte. Dann zerdrückte er Hanfkörner
-mit einem Bügeleisen. Die Greisin tat nichts,
-sie saß da und blickte pfiffig lächelnd auf Grau.
-</p>
-
-<p>
-Grau gab sich alle erdenkliche Mühe, aber die Alten
-rührten sich nicht. Endlich sagte der Alte mit der Quaste:
-&bdquo;Wir sind ja katholisch, mein Herr, das Dienstmädchen
+kahlen Schädel trug, und seine Frau, eine verschrumpfte
+Greisin mit schneeweißem störrischen Haar und pfiffigem
+Lächeln, und sagten nein, ein für allemal nein. Da
+saß denn Grau zwei geschlagene Stunden auf einem
+harten Sofa und führte die Unterhandlung mit den
+beiden Alten, die noch dazu schwerhörig waren. Der
+Greis beschäftigte sich damit, aus einem Topfe Mehlwürmer
+hervor zu suchen für ein Rotkehlchen, das lustig
+in seinem Bauer trillerte. Dann zerdrückte er Hanfkörner
+mit einem Bügeleisen. Die Greisin tat nichts,
+sie saß da und blickte pfiffig lächelnd auf Grau.
+</p>
+
+<p>
+Grau gab sich alle erdenkliche Mühe, aber die Alten
+rührten sich nicht. Endlich sagte der Alte mit der Quaste:
+&bdquo;Wir sind ja katholisch, mein Herr, das Dienstmädchen
aber ist ja protestantisch gewesen.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lachte. &bdquo;Aber, du gütiger Himmel.&ldquo;
+Grau lachte. &bdquo;Aber, du gütiger Himmel.&ldquo;
</p>
<p>
Nun wollte der Greis den wahren Grund sagen.
-Er sagte: &bdquo;Das wäre es ja nicht, Herr, aber es wird so
-bekannt &mdash; so bekannt überall &mdash; und wir wollten in
-aller Stille Gras über das Kind unserer Verwandten
+Er sagte: &bdquo;Das wäre es ja nicht, Herr, aber es wird so
+bekannt &mdash; so bekannt überall &mdash; und wir wollten in
+aller Stille Gras über das Kind unserer Verwandten
wachsen lassen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gut! Aber man muß sich doch des verlassenen
+&bdquo;Gut! Aber man muß sich doch des verlassenen
Kindes annehmen, nicht wahr?&ldquo;
</p>
<p>
Oh, da gebe es ja die schwere Menge, sagte die Greisin
-und lächelte pfiffig.
+und lächelte pfiffig.
</p>
<p>
-&bdquo;Ganz einerlei! Man muß sich jedes einzelnen Kindes
-annehmen. Da ist nun der Herr beschäftigt, Hanf zu
+&bdquo;Ganz einerlei! Man muß sich jedes einzelnen Kindes
+annehmen. Da ist nun der Herr beschäftigt, Hanf zu
<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-knacken und er hat extra Mehlwürmer gezüchtet und
-richtet jeden einzelnen her für sein Rotkehlchen wie einen
+knacken und er hat extra Mehlwürmer gezüchtet und
+richtet jeden einzelnen her für sein Rotkehlchen wie einen
Braten, man kann recht gut beobachten, mit welcher
Sorgfalt er es tut &mdash; und nun ein Kind! Ein Menschenkind!
Vielleicht wird etwas Besonderes aus ihm &mdash;
@@ -3689,66 +3655,66 @@ das ist wie eine Lotterie, vielleicht ist es ein Treffer.&ldquo;
<p>
Man gewinne nie etwas. Der Alte mit der Quaste
-gluckste. Er band sich eine grüne Schürze um und begann
-Schleißen zu schnitzen.
+gluckste. Er band sich eine grüne Schürze um und begann
+Schleißen zu schnitzen.
</p>
<p>
&bdquo;Oh, erlauben Sie recht sehr, ich habe bei einem
-Tischler gewohnt, der gewann das große Los &mdash; er
+Tischler gewohnt, der gewann das große Los &mdash; er
hat jetzt ein Karussell und ein Wachsfigurenkabinett,
-zieht umher und bläst die C-Trompete&ldquo; &mdash; nein, vielleicht
+zieht umher und bläst die C-Trompete&ldquo; &mdash; nein, vielleicht
sei es nur ein kleiner Treffer, oder gar kein Treffer,
-man müsse sich des Kindes unbedingt annehmen.
+man müsse sich des Kindes unbedingt annehmen.
</p>
<p>
-Die Alten sahen einander an, lächelten, glucksten
+Die Alten sahen einander an, lächelten, glucksten
und sagten: &bdquo;Nein!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau wechselte das Thema. Er sprach über alles
-mögliche, über die Zucht von Mehlwürmern und die
-Lebensweise der Rotkehlchen, über die Verkehrsverhältnisse
-in früherer Zeit und was für eine Sache das doch
+Grau wechselte das Thema. Er sprach über alles
+mögliche, über die Zucht von Mehlwürmern und die
+Lebensweise der Rotkehlchen, über die Verkehrsverhältnisse
+in früherer Zeit und was für eine Sache das doch
gewesen sei, mit Zunder und Stein Feuer zu machen.
Die Alten lachten und glucksten und machten es ihm
vor. Sie konnten es, ja, das war eine Freude, es zu
sehen! In der ganzen Stadt gibt es vielleicht keinen
mehr, der es kann! Alterchen ging, um Kaffee aufzutischen,
-das andre Alterchen nahm die grüne Schürze
-wieder ab, nachdem es genug Schleißen zum Anschüren
+das andre Alterchen nahm die grüne Schürze
+wieder ab, nachdem es genug Schleißen zum Anschüren
geschnitten, und brachte aus einem Schranke
-ein Gläschen mit Öl, ein paar alte Schlüssel und
+ein Gläschen mit Öl, ein paar alte Schlüssel und
<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-krumme Nägel und ölte all das mit einer Taubenfeder
+krumme Nägel und ölte all das mit einer Taubenfeder
behutsam ein.
</p>
<p>
-Grau erkundigte sich, ob sie Söhne oder Töchter
-hätten. Ja, das hatten sie, einen Sohn, zwei Töchter.
+Grau erkundigte sich, ob sie Söhne oder Töchter
+hätten. Ja, das hatten sie, einen Sohn, zwei Töchter.
Nun wollte Grau gerne wissen, wo sie lebten, wie sie
-lebten, ob sie gesund und glücklich seien, welchen Beruf
-der Sohn und die Schwiegersöhne hätten, jede Kleinigkeit.
+lebten, ob sie gesund und glücklich seien, welchen Beruf
+der Sohn und die Schwiegersöhne hätten, jede Kleinigkeit.
Aber ehe sich&rsquo;s die beiden Alten versahen, sprang
-Grau auf die Enkel über, ja, diese Enkelchen, nicht
-wahr? Sechs, oh du meine Güte! Die Greisin ging
+Grau auf die Enkel über, ja, diese Enkelchen, nicht
+wahr? Sechs, oh du meine Güte! Die Greisin ging
und brachte Photographien herbei und der Greis putzte
-sich die Hände an einer Zeitung, einem Ballen Putzwolle
+sich die Hände an einer Zeitung, einem Ballen Putzwolle
und einem wollenen Lappen und entnahm dem
-Schubfache ein Vergrößerungsglas, denn er mußte nun
+Schubfache ein Vergrößerungsglas, denn er mußte nun
die Enkel ebenfalls genau sehen.
</p>
<p>
Grau fragte, wie alt die Enkel seien, wann sie geboren
-seien, ob sie krank waren, er mußte alles genau
+seien, ob sie krank waren, er mußte alles genau
wissen. Er sah die Bilder an, lobte den trotzigen Zug
-eines Knaben, über den kleinen Zopf der Enkelin Babettchen
-wurde er ganz außer sich vor Freude. Er besang diese
-Enkel. Ja, so klug, so gesund, so blühend &mdash;
+eines Knaben, über den kleinen Zopf der Enkelin Babettchen
+wurde er ganz außer sich vor Freude. Er besang diese
+Enkel. Ja, so klug, so gesund, so blühend &mdash;
</p>
<p>
@@ -3756,7 +3722,7 @@ Die beiden Alten kicherten und glucksten.
</p>
<p>
-Plötzlich sagte Grau: &bdquo;Also, wie steht es jetzt mit der
+Plötzlich sagte Grau: &bdquo;Also, wie steht es jetzt mit der
Amme? So ein armes, verwaistes Kindchen, nicht wahr?&ldquo;
</p>
@@ -3766,16 +3732,16 @@ ja nicht mehr, sie konnten nicht &mdash; sie sagten: &bdquo;Ja.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau schüttelte ihnen die Hände. Der Alte nahm
-die Kappe mit der Quaste ab und ließ es sich nicht
-nehmen, Grau an die Türe zu begleiten; sein kahler
-Schädel glänzte wie ein Feuerwehrhelm.
+Grau schüttelte ihnen die Hände. Der Alte nahm
+die Kappe mit der Quaste ab und ließ es sich nicht
+nehmen, Grau an die Türe zu begleiten; sein kahler
+Schädel glänzte wie ein Feuerwehrhelm.
</p>
<p>
<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-&bdquo;Da fällt mir noch etwas ein,&ldquo; sagte Grau, &bdquo;könnten
-Sie nicht im Frühling Ihr Rotkehlchen fliegen lassen,
+&bdquo;Da fällt mir noch etwas ein,&ldquo; sagte Grau, &bdquo;könnten
+Sie nicht im Frühling Ihr Rotkehlchen fliegen lassen,
zum Beispiel?&ldquo;
</p>
@@ -3789,53 +3755,53 @@ zum Beispiel?&ldquo;
<p class="first">
<span class="firstchar">A</span>ls Grau nach Hause kam, warteten drei Leute auf
-ihn. Zwei Dienstmädchen, die Geld brachten, das
+ihn. Zwei Dienstmädchen, die Geld brachten, das
die Herrschaft gezeichnet hatte; dann stand noch eine
kleine, elend aussehende Frau da, die ihn zu sprechen
-wünschte.
+wünschte.
</p>
<p>
Sie war die Frau eines Flickschneiders, ihr Mann
-war krank und dazu waren noch fünf Kinder zu erhalten.
-Sie hatte nun gedacht, vielleicht könnte Herr Grau
+war krank und dazu waren noch fünf Kinder zu erhalten.
+Sie hatte nun gedacht, vielleicht könnte Herr Grau
ihr helfen.
</p>
<p>
-Grau freute sich über ihr Vertrauen. &bdquo;Ich danke
-Ihnen!&ldquo; sagte er und drückte ihr die Hand und seine
+Grau freute sich über ihr Vertrauen. &bdquo;Ich danke
+Ihnen!&ldquo; sagte er und drückte ihr die Hand und seine
Augen leuchteten. &bdquo;Bitte, treten Sie ein!&ldquo; Er plauderte
mit der Frau, der es offenbar Erleichterung verschaffte,
-ihm ihr Herz auszuschütten. Sie war sehr arm, der
+ihm ihr Herz auszuschütten. Sie war sehr arm, der
Kranke hatte nicht einmal ein ordentliches Bett. Grau
ermutigte sie und sprach mit ihr wie ein Freund. Dann
-ging er in die Küche hinaus, wickelte etwas Geld in
-Papier und übergab es der Frau. &bdquo;Ich werde morgen
-früh kommen,&ldquo; sagte er. &bdquo;Sagen Sie keinem Menschen
-etwas davon,&ldquo; fügte er flüsternd hinzu, &bdquo;und kommen
+ging er in die Küche hinaus, wickelte etwas Geld in
+Papier und übergab es der Frau. &bdquo;Ich werde morgen
+früh kommen,&ldquo; sagte er. &bdquo;Sagen Sie keinem Menschen
+etwas davon,&ldquo; fügte er flüsternd hinzu, &bdquo;und kommen
Sie heute abend mit einem Karren zu mir, ich habe
-den ganzen Keller mit Holz gefüllt. Auch ein Bettstück
+den ganzen Keller mit Holz gefüllt. Auch ein Bettstück
<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-will ich Ihnen geben, es muß natürlich unter uns
-bleiben, denn die Sachen gehören ja zum Hause und
-nicht mir, es muß ganz im geheimen geschehen.&ldquo;
+will ich Ihnen geben, es muß natürlich unter uns
+bleiben, denn die Sachen gehören ja zum Hause und
+nicht mir, es muß ganz im geheimen geschehen.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau machte Feuer und packte eine Bücherkiste, die
+Grau machte Feuer und packte eine Bücherkiste, die
eingetroffen war, und den roten Reisesack aus. Das
-nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Die Bücher stellte
+nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Die Bücher stellte
er, ohne sie anzusehen oder zu ordnen in ein Gestell,
der rote Reisesack enthielt nur weniges. Ein alter Anzug,
-etwas Wäsche, ein Pack beschriebener Papiere, Hefte,
+etwas Wäsche, ein Pack beschriebener Papiere, Hefte,
zwei zusammengerollte Bilder, ein Glasprisma, eine
Tabakspfeife, eine verkorkte Flasche Rotwein und verschiedene
Kleinigkeiten. Die Flasche Rotwein, die ihm
-ein Freund, ein Gefängnisdirektor, auf die Reise mitgegeben
+ein Freund, ein Gefängnisdirektor, auf die Reise mitgegeben
hatte, stellte er in die Ecke, die Tabakspfeife
stopfte er und setzte sie in Brand. Die Pfeife war
-von jener Art, wie Jäger und Bauern sie rauchen. Der
+von jener Art, wie Jäger und Bauern sie rauchen. Der
Kopf einer Gemse war auf den Porzellankopf gemalt.
</p>
@@ -3843,32 +3809,32 @@ Kopf einer Gemse war auf den Porzellankopf gemalt.
Die Pfeife war kaum richtig im Gange, als es
klopfte und der Fleischergeselle Anton Hammerbacher
eintrat. Er war ein dicker, kleiner Mensch, trug eine
-Bluse, eine aufgerollte Schürze und gestickte Hausschuhe.
+Bluse, eine aufgerollte Schürze und gestickte Hausschuhe.
Sein Gesicht war rund und freundlich, seine Backen
-leuchteten wie rote Äpfel, aber seine kleinen dunklen
+leuchteten wie rote Äpfel, aber seine kleinen dunklen
Augen waren scheu und verschlagen. Auffallend an
-ihm war, daß er immerfort den Mund zu einem breiten
-Lächeln verzog und sich vergeblich abmühte, ein ernstes
-Gesicht zu machen. Seine Hände waren vor Kälte aufgesprungen
+ihm war, daß er immerfort den Mund zu einem breiten
+Lächeln verzog und sich vergeblich abmühte, ein ernstes
+Gesicht zu machen. Seine Hände waren vor Kälte aufgesprungen
und das rote Fleisch sah hervor.
</p>
<p>
-Er sagte, daß er hierher käme, weil es nicht mehr
-auszuhalten sei. Sie hätten ihn fast totgeschlagen, niemand
+Er sagte, daß er hierher käme, weil es nicht mehr
+auszuhalten sei. Sie hätten ihn fast totgeschlagen, niemand
<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-verkehre mehr mit ihm, aus dem Kegelklub hätten
-sie ihn gestrichen und der Metzgerverein habe ihn ausgestoßen.
+verkehre mehr mit ihm, aus dem Kegelklub hätten
+sie ihn gestrichen und der Metzgerverein habe ihn ausgestoßen.
</p>
<p>
Grau rauchte die Pfeife. &bdquo;Setzen Sie sich, bitte,
nehmen Sie Platz,&ldquo; sagte er, indem er den Burschen
von oben bis unten musterte. &bdquo;Es ist mir sehr angenehm,
-daß Sie kommen, wenn ich offen sein will,
+daß Sie kommen, wenn ich offen sein will,
ich habe Sie auch erwartet. Wenn Sie nicht gekommen
-wären, so hätte ich Sie aufgesucht. Sie haben ein Verhältnis
-mit Fräulein Margarete Sammet gehabt, nicht
+wären, so hätte ich Sie aufgesucht. Sie haben ein Verhältnis
+mit Fräulein Margarete Sammet gehabt, nicht
wahr?&ldquo;
</p>
@@ -3886,59 +3852,59 @@ wahr?&ldquo;
<p>
&bdquo;Gut. Und warum? Haben Sie es abgebrochen
-oder das Mädchen? Erzählen Sie mir, wie es herging.
-Und erlauben Sie mir, daß ich unterdessen diese Sachen
-hier in Ordnung bringe. Sie können ganz frei reden,
+oder das Mädchen? Erzählen Sie mir, wie es herging.
+Und erlauben Sie mir, daß ich unterdessen diese Sachen
+hier in Ordnung bringe. Sie können ganz frei reden,
denn es wird alles unter uns bleiben, ich gebe Ihnen
mein Wort.&ldquo; Grau streckte ihm die Hand hin.
</p>
<p>
Der Bursche mit den rotleuchtenden Backen begann
-zu erzählen. Grau unterbrach ihn.
+zu erzählen. Grau unterbrach ihn.
</p>
<p>
-&bdquo;Ein Wort noch,&ldquo; sagte er. &bdquo;Sie können mir alles
-sagen und Sie dürfen sicher sein, einen Freund und
-Ratgeber in mir zu finden. Lügen Sie nicht, denn es
-ist so lächerlich zu lügen und auch ganz und gar unsinnig,
-denn ich fühle es ja sofort, ich höre es am Ton
+&bdquo;Ein Wort noch,&ldquo; sagte er. &bdquo;Sie können mir alles
+sagen und Sie dürfen sicher sein, einen Freund und
+Ratgeber in mir zu finden. Lügen Sie nicht, denn es
+ist so lächerlich zu lügen und auch ganz und gar unsinnig,
+denn ich fühle es ja sofort, ich höre es am Ton
Ihrer Stimme. Nun, bitte!&ldquo;
</p>
<p>
Grau nagelte die zwei Bilder, die sich im Reisesack
-gefunden hatten, an die Wand, während der Bursche
+gefunden hatten, an die Wand, während der Bursche
<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-erzählte. Das eine Bild war ein Farbdruck nach einem
-wenig bekannten alten Niederländer; es stellte einen
-Heiligen dar, der in einer Landschaft saß und dachte.
-An seiner Seite saß ein kleines weißes Lamm. Der
-Heilige hatte den Kopf in die rechte Hand gestützt und
+erzählte. Das eine Bild war ein Farbdruck nach einem
+wenig bekannten alten Niederländer; es stellte einen
+Heiligen dar, der in einer Landschaft saß und dachte.
+An seiner Seite saß ein kleines weißes Lamm. Der
+Heilige hatte den Kopf in die rechte Hand gestützt und
sein Gesicht zeigte einen so tiefen Ausdruck des Nachdenkens,
-daß es nahezu idiotisch erschien. Aber gerade
+daß es nahezu idiotisch erschien. Aber gerade
dieses nachdenkliche, nahezu idiotische Gesicht liebte Grau
-an dem Bilde. Er liebte auch die nackten Füße des
-Heiligen, sie waren unschön, eckig, die Zehen aufwärts
-gestellt; aber auch diese Füße schienen nachzudenken.
-Nach Graus Meinung war dieses Bild eines der größten
+an dem Bilde. Er liebte auch die nackten Füße des
+Heiligen, sie waren unschön, eckig, die Zehen aufwärts
+gestellt; aber auch diese Füße schienen nachzudenken.
+Nach Graus Meinung war dieses Bild eines der größten
Meisterwerke psychologischer Darstellung. Das andere
Bild war eine Radierung von Klinger, die Grau irgend
-einer Zeitschrift entnommen hatte: Ein nackter Jüngling,
-der mit verhülltem Gesicht vor dem offenen Meere im
-Grase kniet. Es war betitelt: An die Schönheit.
+einer Zeitschrift entnommen hatte: Ein nackter Jüngling,
+der mit verhülltem Gesicht vor dem offenen Meere im
+Grase kniet. Es war betitelt: An die Schönheit.
</p>
<p>
-&bdquo;Das heißt, sie fing an das Feine zu lieben, ist
+&bdquo;Das heißt, sie fing an das Feine zu lieben, ist
es nicht so?&ldquo; wandte sich Grau an den Burschen.
</p>
<p>
&bdquo;Ja,&ldquo; sagte der Bursche. &bdquo;Sie sagte, ich rieche wie
das Schlachthaus. Sie kaufte mir einen Hut, weil ihr
-meine Mütze nicht gut genug war, sie konnte auch
+meine Mütze nicht gut genug war, sie konnte auch
meine Bluse nicht mehr leiden. Ich habe mir dann
alles neu gekauft, aber sie wollte trotzdem nichts mehr
wissen von mir.&ldquo;
@@ -3946,16 +3912,16 @@ wissen von mir.&ldquo;
<p>
&bdquo;Man hat Sie aber im Sommer noch und im
-Herbst mit dem Mädchen gehen sehen, was sagen Sie
+Herbst mit dem Mädchen gehen sehen, was sagen Sie
dazu?&ldquo;
</p>
<p>
Das sei wahr. Sie habe ihm einmal zugerufen
-auf der Straße, wie es ihm gehe. Darauf habe er sie
+auf der Straße, wie es ihm gehe. Darauf habe er sie
<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-gefragt, ob es nicht wieder wie früher zwischen ihnen
-sein könne.
+gefragt, ob es nicht wieder wie früher zwischen ihnen
+sein könne.
</p>
<p>
@@ -3971,20 +3937,20 @@ sein könne.
</p>
<p>
-&bdquo;So ähnlich. Sie kann auch bald gesagt haben.&ldquo;
+&bdquo;So ähnlich. Sie kann auch bald gesagt haben.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Und das nächste Mal, sagte sie es da?&ldquo;
+&bdquo;Und das nächste Mal, sagte sie es da?&ldquo;
</p>
<p>
-Der Bursche schüttelte den Kopf. &bdquo;Nein&ldquo;, sagte er,
+Der Bursche schüttelte den Kopf. &bdquo;Nein&ldquo;, sagte er,
&bdquo;aber sie war sehr gut zu mir. Ich habe mit ihr
-unter der Türe gesprochen. Es war ein sehr schöner
+unter der Türe gesprochen. Es war ein sehr schöner
Abend und ich sagte, ob wir nicht ein wenig spazieren
-gehen könnten. Wir gingen bis ans Tor aber da blieb
-sie stehen und sagte, sie müsse heim. Ich wußte nicht,
+gehen könnten. Wir gingen bis ans Tor aber da blieb
+sie stehen und sagte, sie müsse heim. Ich wußte nicht,
was sie hatte. Sie weinte auch ein wenig.&ldquo;
</p>
@@ -3997,14 +3963,14 @@ was sie hatte. Sie weinte auch ein wenig.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Damals war sie schon sehr unglücklich!&ldquo; sagte
+&bdquo;Damals war sie schon sehr unglücklich!&ldquo; sagte
Grau und nickte. &bdquo;Verzweifelt war sie damals schon.
Sie dachte, vielleicht kann er mir helfen, aber trotzdem
sie schon ganz verzweifelt war, tat sie doch nichts Unehrenhaftes.
-Sie haben keine Unwürdige geliebt, mein
-Freund. Aus all dem, was mir die Leute erzählt haben,
-konnte ich mir ein Bild von Fräulein Sammet machen.
-Sie hätten wohl alles für sie getan?&ldquo;
+Sie haben keine Unwürdige geliebt, mein
+Freund. Aus all dem, was mir die Leute erzählt haben,
+konnte ich mir ein Bild von Fräulein Sammet machen.
+Sie hätten wohl alles für sie getan?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4012,85 +3978,85 @@ Sie hätten wohl alles für sie getan?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau nickte. &bdquo;Das ist schön von Ihnen und macht
-Ihnen alle Ehre. Halten Sie das Gedächtnis der
+Grau nickte. &bdquo;Das ist schön von Ihnen und macht
+Ihnen alle Ehre. Halten Sie das Gedächtnis der
Toten hoch!&ldquo;
</p>
<p>
-Plötzlich nun zog Grau einen Ring mit einem
+Plötzlich nun zog Grau einen Ring mit einem
winzigen blauen Stein aus der Westentasche und hielt
<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
ihn Hammerbacher dicht unter die Augen. Er sah den
-Burschen mit scharfen, eigentümlichen Blicken an. Der
-Bursche saß verblüfft und sah fast erstarrt zu Grau empor.
+Burschen mit scharfen, eigentümlichen Blicken an. Der
+Bursche saß verblüfft und sah fast erstarrt zu Grau empor.
</p>
<p>
-Grau lächelte unmerklich.
+Grau lächelte unmerklich.
</p>
<p>
&bdquo;Ich habe schon mit ganz anderen Leuten gesprochen,&ldquo;
-sagte er leise und ließ den Burschen nicht aus den
-Augen, &bdquo;mit Verbrechern und Mördern, aber sie konnten
-mir nicht auskommen, sie mußten die Wahrheit sagen.
-Und nun, haben Sie den Ring dem Mädchen gegeben?
+sagte er leise und ließ den Burschen nicht aus den
+Augen, &bdquo;mit Verbrechern und Mördern, aber sie konnten
+mir nicht auskommen, sie mußten die Wahrheit sagen.
+Und nun, haben Sie den Ring dem Mädchen gegeben?
Sie wissen ja von welcher Bedeutung dieser Ring ist.
Nun? Nein? Gut!&ldquo;
</p>
<p>
Grau steckte den Ring wieder in die Westentasche,
-er lächelte und klopfte Hammerbacher auf die Schulter.
-Er fuhr in verändertem Tone fort: &bdquo;Ich will Ihnen
+er lächelte und klopfte Hammerbacher auf die Schulter.
+Er fuhr in verändertem Tone fort: &bdquo;Ich will Ihnen
sagen, was ich denke, mein Freund. Wir brauchen
-kein Wort mehr über diese Angelegenheit zu sprechen.
+kein Wort mehr über diese Angelegenheit zu sprechen.
Ich habe das und jenes gesagt und gefragt um Sie
-zu prüfen, um ganz sicher zu gehen. Sie sind unschuldig,
-absolut unschuldig. Fräulein Sammet hätte
+zu prüfen, um ganz sicher zu gehen. Sie sind unschuldig,
+absolut unschuldig. Fräulein Sammet hätte
sich ja auch nicht das Leben genommen, wenn Sie
-der Vater des Kindes wären. Es ist vielmehr so,
-irgend einer hat sie beschwätzt, einer aus einer höheren
+der Vater des Kindes wären. Es ist vielmehr so,
+irgend einer hat sie beschwätzt, einer aus einer höheren
Schichte der Gesellschaft. Sie hat ihn geliebt, auch
-das weiß ich, ich sage Ihnen nicht, wieso ich es weiß.
-Und er, ein roher, ungebildeter Patron, hat das Mädchen
+das weiß ich, ich sage Ihnen nicht, wieso ich es weiß.
+Und er, ein roher, ungebildeter Patron, hat das Mädchen
auf dem Gewissen. Ich sah mir zum Beispiel auch
Ihre Augen an, Herr Hammerbacher &mdash; aber das hat
-ja wenig zu sagen, ich könnte mich ja allein schon auf
-mein Gefühl verlassen. Ihre Nähe macht mich weder
+ja wenig zu sagen, ich könnte mich ja allein schon auf
+mein Gefühl verlassen. Ihre Nähe macht mich weder
unruhig noch zweifelnd! Ich will Ihnen sagen, ich war
<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-früher Gefängnisprediger und Dutzende von Gefangenen
-haben mir geschworen, daß sie unschuldig seien. Sie
+früher Gefängnisprediger und Dutzende von Gefangenen
+haben mir geschworen, daß sie unschuldig seien. Sie
haben geweint, sich fromm gestellt, wahnsinnig gestellt &mdash;
-man fühlt aber nur zu deutlich was Wahrheit und
-was Lüge ist. Aber hören Sie, unter diesen vielen
+man fühlt aber nur zu deutlich was Wahrheit und
+was Lüge ist. Aber hören Sie, unter diesen vielen
Dutzenden war einer, der wirklich unschuldig war. Sein
erster Blick sagte es mir! Er sollte zehn Jahre absitzen
wegen eines Verbrechens, das er nicht beging &mdash; er ist
-nun frei. Doch, das alles gehört ja nicht hierher, ich
-will Ihnen nur sagen, daß von meiner Seite nicht der
-geringste Verdacht auf Sie fällt und daß ich alles tun
-werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre Ehre
+nun frei. Doch, das alles gehört ja nicht hierher, ich
+will Ihnen nur sagen, daß von meiner Seite nicht der
+geringste Verdacht auf Sie fällt und daß ich alles tun
+werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre Ehre
zu verteidigen!&ldquo;
</p>
<p>
Der Bursche verzog den Mund und zeigte seine
-großen schaufelförmigen Zähne.
+großen schaufelförmigen Zähne.
</p>
<p>
Grau stopfte die Pfeife und steckte sie in Brand.
-Er setzte sich Hammerbacher gegenüber und sagte in
+Er setzte sich Hammerbacher gegenüber und sagte in
vertraulichem Tone: &bdquo;Nun sollen Sie mir aber einiges
-erzählen. Sie wissen ja, ich bin erst wenige Tage hier
-und weder mit den Verhältnissen der Stadt noch mit
+erzählen. Sie wissen ja, ich bin erst wenige Tage hier
+und weder mit den Verhältnissen der Stadt noch mit
den Menschen hier vertraut. Ich bin nun nicht gerade
-neugierig &mdash; aber ich habe meine Gründe &mdash; die Unterredung
-bleibt natürlich ganz unter uns. Das versprechen
-Sie mir. Wo hat Fräulein Sammet zuerst gedient?&ldquo;
+neugierig &mdash; aber ich habe meine Gründe &mdash; die Unterredung
+bleibt natürlich ganz unter uns. Das versprechen
+Sie mir. Wo hat Fräulein Sammet zuerst gedient?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4106,7 +4072,7 @@ Grau stellte einige Fragen. &bdquo;Und hierauf?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gut. Was für ein Mann ist das doch, dieser
+&bdquo;Gut. Was für ein Mann ist das doch, dieser
Herr Eisenhut, der Steinbruchbesitzer? Ist er nicht eine
Art Sonderling, es scheint mir so.&ldquo;
</p>
@@ -4114,18 +4080,18 @@ Art Sonderling, es scheint mir so.&ldquo;
<p>
<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
Herr Eisenhut erfreute sich keineswegs eines guten
-Rufes. Trotzdem er zwölf große Steinbrüche besaß,
-war er sehr geizig. Er hatte die merkwürdige Angewohnheit,
-Holz- und Kohlenstücke auf der Straße zu
-sammeln und seine Jagdtasche war stets gefüllt mit
-Tannenzapfen, wenn er von der Jagd zurückkehrte.
+Rufes. Trotzdem er zwölf große Steinbrüche besaß,
+war er sehr geizig. Er hatte die merkwürdige Angewohnheit,
+Holz- und Kohlenstücke auf der Straße zu
+sammeln und seine Jagdtasche war stets gefüllt mit
+Tannenzapfen, wenn er von der Jagd zurückkehrte.
Seine Dienstboten hielt er knapp und meistens besorgte
er sein Hauswesen selbst, um Ausgaben zu ersparen.
-Man sagte ihm nach, daß sein Sinn für Reinlichkeit
+Man sagte ihm nach, daß sein Sinn für Reinlichkeit
nicht besonders entwickelt sei. Zu all dem kam noch,
-daß er ein Trinker war und oft des Nachts auf allen
+daß er ein Trinker war und oft des Nachts auf allen
Vieren nach Hause kroch; zuweilen war er auch am
-lichten Tage betrunken und taumelte durch die Straßen,
+lichten Tage betrunken und taumelte durch die Straßen,
gefolgt von einer Menge Kinder, die Spottverse sangen.
Seine Furchtsamkeit war bekannt, er konnte zuweilen
nachts mit einem Revolver in der Hand durch sein
@@ -4143,15 +4109,15 @@ Margarete einen Antrag gemacht.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Unmöglich!&ldquo;
+&bdquo;Unmöglich!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;So wahr ich dasitze! Sie hat es mir selbst erzählt.
+&bdquo;So wahr ich dasitze! Sie hat es mir selbst erzählt.
Er sagte: Du sollst ein seidenes Kleid haben, eine Uhr,
Ohrringe, einen Wagen und in acht Tagen wollen wir
Hochzeit machen, diese Damen vom Tennisklub sollen
-vor Neid grün und blau werden.&ldquo;
+vor Neid grün und blau werden.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4166,10 +4132,10 @@ Hause.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau stand auf und ging ans Fenster. Wie merkwürdig
-und wie einfältig, nun hatte ihn plötzlich ein
-Gefühl der Rührung ergriffen. Aber was in aller
-Welt sollte denn Ergreifendes an dieser Erzählung sein?
+Grau stand auf und ging ans Fenster. Wie merkwürdig
+und wie einfältig, nun hatte ihn plötzlich ein
+Gefühl der Rührung ergriffen. Aber was in aller
+Welt sollte denn Ergreifendes an dieser Erzählung sein?
</p>
<p>
@@ -4181,9 +4147,9 @@ er endlich.
&bdquo;Doch, er hat schon Freunde, die kommen zu ihm
um zu trinken. Sie trinken oft die ganze Nacht hindurch
bei ihm, das ist in der Stadt bekannt, sie schreien
-und brüllen bis zum Morgen. Wenn ich ins Schlachthaus
+und brüllen bis zum Morgen. Wenn ich ins Schlachthaus
fahre, gehen sie heim, sie sind dann alle betrunken
-und schreien und lachen. Sie heißen sich:
+und schreien und lachen. Sie heißen sich:
&sbquo;Der goldene Zirkel&lsquo;.&ldquo;
</p>
@@ -4202,20 +4168,20 @@ das verstehen?&ldquo;
<p>
&bdquo;Ja, Margarete hat immer die Rechnungen herumtragen
-müssen, aber sie haben nur gelacht und nie
+müssen, aber sie haben nur gelacht und nie
etwas bezahlt!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Was für Leute sind das, die bei ihm verkehren?&ldquo;
+&bdquo;Was für Leute sind das, die bei ihm verkehren?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Das? Das sind immer die gleichen. Das ist ein
-Arzt, der Doktor Nürnberger, ein Jude, der dicke Professor
+Arzt, der Doktor Nürnberger, ein Jude, der dicke Professor
Richter von der Realschule, ein Adjunkt von der
-Post, Kaiser heißt er, dann der junge Herr von Hennenbach,
-vom Schloß, Amtsrichter Leutlein, ein Rechtspraktikant
+Post, Kaiser heißt er, dann der junge Herr von Hennenbach,
+vom Schloß, Amtsrichter Leutlein, ein Rechtspraktikant
Schmitt &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -4227,7 +4193,7 @@ sind wohl zumeist Junggesellen?&ldquo;
<p>
&bdquo;Ja, man kennt sie alle hier in der Stadt. Margarete
-hat mir genug von ihnen erzählt. Manchmal,
+hat mir genug von ihnen erzählt. Manchmal,
wenn sie betrunken sind, da &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -4237,39 +4203,39 @@ sagte er.
</p>
<p>
-&bdquo;Herr Eisenhut hat mir einmal fünf Mark angeboten,&ldquo;
-fuhr der Bursche fort, &bdquo;dafür sollte ich die
-Herren alle durchprügeln.&ldquo;
+&bdquo;Herr Eisenhut hat mir einmal fünf Mark angeboten,&ldquo;
+fuhr der Bursche fort, &bdquo;dafür sollte ich die
+Herren alle durchprügeln.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte.
+Grau lächelte.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, für fünf Mark wollte er, daß ich mich zwei
+&bdquo;Ja, für fünf Mark wollte er, daß ich mich zwei
Monate einsperren lasse!&ldquo; Hammerbacher lachte. &bdquo;Sie
-treiben oft ihre Späße mit ihm und da wird Herr
+treiben oft ihre Späße mit ihm und da wird Herr
Eisenhut rasend vor Zorn. Einmal da drohten sie ihm
-ihn zu erschießen. Sie nahmen Gewehre und Revolver,
+ihn zu erschießen. Sie nahmen Gewehre und Revolver,
die er hat, und Herr Eisenhut rannte in den Garten
hinaus, aber sie umzingelten ihn. Er hat sie Diebe
-und Räuber genannt. Er schrie um Hilfe, da sagten
+und Räuber genannt. Er schrie um Hilfe, da sagten
sie, wenn du dich entschuldigst, so wollen wir dich diesmal
-noch laufen lassen. Aber du mußt auch das
+noch laufen lassen. Aber du mußt auch das
Notizbuch herausgeben.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Was für ein Notizbuch?&ldquo;
+&bdquo;Was für ein Notizbuch?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Wo er hineinschreibt, was sie ihm schuldig sind.
-Dann hat er ihnen allen die Hände küssen müssen
+Dann hat er ihnen allen die Hände küssen müssen
und sie haben furchtbar gelacht. Am andern Morgen
habe ich das Fleisch gebracht und Eisenhut hat mich
-gefragt, ob ich mir fünf Mark verdienen will.&ldquo;
+gefragt, ob ich mir fünf Mark verdienen will.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4283,11 +4249,11 @@ gefragt, ob ich mir fünf Mark verdienen will.&ldquo;
<p>
<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
&bdquo;Vielleicht hatten Sie nicht den Mut dazu?&ldquo; fragte
-Grau und rauchte lächelnd.
+Grau und rauchte lächelnd.
</p>
<p>
-Der Bursche antwortete mit einem kühnen Blick.
+Der Bursche antwortete mit einem kühnen Blick.
</p>
<p>
@@ -4296,9 +4262,9 @@ zuviel.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ein wenig Prügel hätten die Herren wohl verdient,&ldquo;
+&bdquo;Ein wenig Prügel hätten die Herren wohl verdient,&ldquo;
sagte Grau; &bdquo;wenn Ihnen Herr Eisenhut aber
-hundert Mark angeboten hätte?&ldquo;
+hundert Mark angeboten hätte?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4310,13 +4276,13 @@ Grau sah ihn an.
</p>
<p>
-Er stand auf. &bdquo;Ich darf wohl annehmen, daß Sie
-über unser Gespräch Stillschweigen beobachten,&ldquo; sagte
+Er stand auf. &bdquo;Ich darf wohl annehmen, daß Sie
+über unser Gespräch Stillschweigen beobachten,&ldquo; sagte
er und gab Hammerbacher die Hand. &bdquo;Ich danke
-Ihnen für Ihren Besuch und Ihr Vertrauen. Ich denke
+Ihnen für Ihren Besuch und Ihr Vertrauen. Ich denke
es wird das beste sein, Sie durch eine Notiz in der
Zeitung von dem Verdachte zu reinigen, nicht wahr?
-Das wäre wohl das klügste und wirksamste. Guten
+Das wäre wohl das klügste und wirksamste. Guten
Abend, Herr Hammerbacher! Eine Frage noch, erlauben
Sie, Herr Eisenhut steht ganz allein, wie? Leben seine
Eltern nicht mehr?&ldquo;
@@ -4334,23 +4300,23 @@ richtig im Kopfe.&ldquo;
<p>
&bdquo;Nein. Sie wohnt bei einer Lehrersfrau beim
-Bahnhof draußen.&ldquo;
+Bahnhof draußen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie wissen nicht wie die Lehrersfrau heißt? Heißt
-sie nicht Löwenherz?&ldquo;
+&bdquo;Sie wissen nicht wie die Lehrersfrau heißt? Heißt
+sie nicht Löwenherz?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, ich weiß es nicht. Aber sie hat den Namen
-Mütterchen, weil sie so klein ist.&ldquo;
+&bdquo;Nein, ich weiß es nicht. Aber sie hat den Namen
+Mütterchen, weil sie so klein ist.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
&bdquo;Ah, ja!&ldquo; rief Grau aus. &bdquo;Herr Eisenhut wird
-wohl öfters hinaus kommen zu seiner Mutter?&ldquo;
+wohl öfters hinaus kommen zu seiner Mutter?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4361,17 +4327,17 @@ wohl öfters hinaus kommen zu seiner Mutter?&ldquo;
&bdquo;Gut, danke Ihnen, mein Freund! Morgen werde
ich die Notiz in der Zeitung bringen. Und vergessen
Sie nicht, Herr Hammerbacher: Halten Sie das Andenken
-an Fräulein Sammet hoch!&ldquo;
+an Fräulein Sammet hoch!&ldquo;
</p>
<p>
Grau schob nie etwas auf. Er setzte sich augenblicklich
an den Tisch und warf folgende Notiz auf ein
Blatt: &bdquo;Der Fleischergeselle Herr Anton Hammerbacher
-hat sich auf dem Vikariate eingefunden und die Erklärung
-abgegeben, daß seine Beziehungen zu dem
-Dienstmädchen Fräulein <a id="corr-3"></a>Margarete Sammet seit Jahresfrist
-vollständig gelöst waren. Seiner Aussage ist
+hat sich auf dem Vikariate eingefunden und die Erklärung
+abgegeben, daß seine Beziehungen zu dem
+Dienstmädchen Fräulein <a id="corr-3"></a>Margarete Sammet seit Jahresfrist
+vollständig gelöst waren. Seiner Aussage ist
unbedingter Glaube zu schenken. Grau, Vikar. &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -4384,13 +4350,13 @@ Nun wurde es Abend.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Schnee im Garten draußen leuchtete stahlblau,
+<span class="firstchar">D</span>er Schnee im Garten draußen leuchtete stahlblau,
die Nacht brach schnell herein und mit ihr kam
-die Kälte, die kahlen Bäume begannen zu glitzern.
+die Kälte, die kahlen Bäume begannen zu glitzern.
</p>
<p>
-Grau gab sich dem schönen Gefühle des Alleinseins
+Grau gab sich dem schönen Gefühle des Alleinseins
hin. Er setzte sein Abendessen zu, Linsen, dann
ging er wartend hin und her in seiner Stube und
dachte an tausend Dinge. All diese vielen Menschen,
@@ -4402,12 +4368,12 @@ welche Mannigfaltigkeit und welche Einheit trotzdem.
Die Linsen begannen zu duften. Herrlich! Welch
<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
wunderbare Produkte es doch auf dieser Erde gab,
-Linsen, Nüsse, Erdbeeren, die Birne, die Weintraube.
-Man brauchte Stunden dazu sie alle aufzuzählen, nur
-um die Namen aller Nüsse zu nennen, wie lange doch?
+Linsen, Nüsse, Erdbeeren, die Birne, die Weintraube.
+Man brauchte Stunden dazu sie alle aufzuzählen, nur
+um die Namen aller Nüsse zu nennen, wie lange doch?
Und schon von den Namen dieser Dinge geht ein Zauber
aus, man sieht sie, man schmeckt und riecht sie, sie sind
-die Meisterwerke von Millionen großen Chemikern,
+die Meisterwerke von Millionen großen Chemikern,
jeder noch so unscheinbare Strauch hat gearbeitet mit
aller Kraft, um seine Frucht herrlich zu bereiten in
dieser Welt, da in die kleinsten Dinge der Wunsch
@@ -4416,9 +4382,9 @@ nach Vollendung gehaucht ist.
<p>
Man spricht ja nur von den einfachsten Produkten,
-wie Eisenbahnzüge und Schiffe sie in jeder Stunde
-über Kontinente und Meere tragen &mdash; Eisenbahnzüge
-und Schiffsbäuche gefüllt mit Wohlgerüchen, Farbenräuschen
+wie Eisenbahnzüge und Schiffe sie in jeder Stunde
+über Kontinente und Meere tragen &mdash; Eisenbahnzüge
+und Schiffsbäuche gefüllt mit Wohlgerüchen, Farbenräuschen
und Formenwundern! Man spricht ja von
nichts anderem, oder?
</p>
@@ -4429,51 +4395,51 @@ Von den Kristallen, den Quarzen, den Topasen, Smaragden,
Diamanten? Oder von Perlen, Korallen und
Muscheln? Nein. Man kann ja nur an ein Ding denken,
man kann ja nur in eine Richtung denken. Wenn
-man gleichzeitig in alle Richtungen denken könnte,
-in tausend Richtungen? Man hat zuerst an die Nüsse
+man gleichzeitig in alle Richtungen denken könnte,
+in tausend Richtungen? Man hat zuerst an die Nüsse
gedacht, dann an die Diamanten, aber wenn man gleichzeitig
-an alle Dinge denken könnte? An die Steine, die
+an alle Dinge denken könnte? An die Steine, die
Pflanzen, die Tiere und alle, alle Dinge zu gleicher Zeit?
-An die Muscheln, den Sand, die Palmen, die Kirschblüte,
+An die Muscheln, den Sand, die Palmen, die Kirschblüte,
die Orchidee, die Mammutfichte, den Seestern,
-den Sägefisch, die Wale, die Tiger und die Giraffen,
+den Sägefisch, die Wale, die Tiger und die Giraffen,
<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
an die Papageien und die Adler &mdash; an alles in seinem
-Wesen, seinem Charakter, seiner Form und Farbe, würde
+Wesen, seinem Charakter, seiner Form und Farbe, würde
man nicht taumeln wie der Habgierige, auf den es
Gold herabregnet?
</p>
<p>
-Man spricht ja nur von den einfachsten und nächstliegenden
+Man spricht ja nur von den einfachsten und nächstliegenden
Dingen.
</p>
<p>
-Und doch da draußen existiert das alles, jetzt, in
-diesem Augenblick wehen die Palmenwälder, die endlosen
-Fischzüge ziehen durch die Flut, die Elefantenherden
+Und doch da draußen existiert das alles, jetzt, in
+diesem Augenblick wehen die Palmenwälder, die endlosen
+Fischzüge ziehen durch die Flut, die Elefantenherden
weiden, da und dort ist eine Insel, auf der sich
-Schwärme von Paradiesvögeln sonnen, da und dort
-glüht jetzt eine Wiese in der Sonne und Tausende von
-farbenprächtigen Faltern schaukeln sich, an einem fernen
-Flußufer stehen Armeen von Flamingos, die Wölfe
-heulen im Schneefelde, in diesem Augenblick öffnet die
-schönste purpurne Blume in irgend einem einsamen
+Schwärme von Paradiesvögeln sonnen, da und dort
+glüht jetzt eine Wiese in der Sonne und Tausende von
+farbenprächtigen Faltern schaukeln sich, an einem fernen
+Flußufer stehen Armeen von Flamingos, die Wölfe
+heulen im Schneefelde, in diesem Augenblick öffnet die
+schönste purpurne Blume in irgend einem einsamen
Gebirgstale den Kelch, einerlei wo, in dieser Sekunde
funkelt der Gischt einer Woge im stillen Ozean in der
-Morgensonne &mdash; es ist schön das zu denken, es betäubt,
+Morgensonne &mdash; es ist schön das zu denken, es betäubt,
berauscht. Hat man an alle Dinge gedacht, nein, nur
-an wenige. Hat man an die jüngsten Geschöpfe gedacht,
+an wenige. Hat man an die jüngsten Geschöpfe gedacht,
die der Mensch selbst schuf? Die Geige, die sausenden Maschinen,
-menschliche Gehirne in Eisen, die großen Dampfer,
+menschliche Gehirne in Eisen, die großen Dampfer,
die mit ihren Schrauben die Flut des Meeres peitschen?
-Es ist schön daran zu denken, es macht reich.
+Es ist schön daran zu denken, es macht reich.
</p>
<p>
-Aber man hat ja nur an die Oberflächen der Dinge
-gedacht, an das Sichtbare der Erscheinungen. Würde
+Aber man hat ja nur an die Oberflächen der Dinge
+gedacht, an das Sichtbare der Erscheinungen. Würde
man erst in die Dinge hineinblicken, wie? Schon wie
Zelle sich an Zelle gliedert, wie das Blut in den Adern
rollt. Der Gedanke allein macht schwindlig.
@@ -4481,54 +4447,54 @@ rollt. Der Gedanke allein macht schwindlig.
<p>
<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-Hätte man auch das getan, hätte man schon alles
+Hätte man auch das getan, hätte man schon alles
getan?
</p>
<p>
-Man hätte ja nur an das gedacht, was auf der
+Man hätte ja nur an das gedacht, was auf der
Erde ist, an nichts anderes, nicht an den Raum, die
Sterne, die Geheimnisse, die sich zwischen Wesen und
-Wesen spinnen, nicht an die ungesehenen Ströme, die
+Wesen spinnen, nicht an die ungesehenen Ströme, die
in jeder Sekunde aus unendlichen Fernen fluten und
das Menschenherz erbeben lassen.
</p>
<p>
-Es ist ja gut, daß man nicht an alle, alle Dinge
+Es ist ja gut, daß man nicht an alle, alle Dinge
in einer Sekunde denken kann &mdash;
</p>
<p>
Die Linsen waren gekocht und Grau setzte sich zur
-Mahlzeit nieder. Es war schön, allein zu sein. Er
-konnte denken an was er wollte, an alltägliche Merkwürdigkeiten,
-zum Beispiel an den Löffel, den Teller,
+Mahlzeit nieder. Es war schön, allein zu sein. Er
+konnte denken an was er wollte, an alltägliche Merkwürdigkeiten,
+zum Beispiel an den Löffel, den Teller,
an die Fliege dort auf dem Buche.
</p>
<p>
-Draußen erwachte ein leiser Wind und Grau lauschte
-auf ihn. Bald hörte er ihn wie ein Geräusch, bald
+Draußen erwachte ein leiser Wind und Grau lauschte
+auf ihn. Bald hörte er ihn wie ein Geräusch, bald
unterschied er kleine Melodien, die immer wiederkehrten
-und doch nie dieselben waren. Wie merkwürdig ist doch
-mein Ohr nur, dachte er. Etwas Merkwürdigeres kann
+und doch nie dieselben waren. Wie merkwürdig ist doch
+mein Ohr nur, dachte er. Etwas Merkwürdigeres kann
ich mir kaum denken. Wie eine Orgel, in die der Wind
-fährt, wie eine Geige, wie eine Trommel, was man
+fährt, wie eine Geige, wie eine Trommel, was man
will. Dazu habe ich zwei Ohren, aber weshalb wohl
zwei? Ich habe zwei Augen um rund zu sehen, vielleicht
-habe ich zwei Ohren um rund zu hören? Sollte
+habe ich zwei Ohren um rund zu hören? Sollte
es das sein?
</p>
<p>
-Grau lächelte. Hat nicht jeder Punkt meines Leibes
-Augen und Ohren, sieht und hört nicht mein kleiner
+Grau lächelte. Hat nicht jeder Punkt meines Leibes
+Augen und Ohren, sieht und hört nicht mein kleiner
Finger?
</p>
<p>
-Er lachte: Ah, ich denke für mich, ich spreche für
+Er lachte: Ah, ich denke für mich, ich spreche für
<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
mich, niemand schadet das etwas, das sind meine Gedanken
und ich bin gerne bereit, die andern Leute zu
@@ -4542,77 +4508,77 @@ Funktionen &mdash; genug!
<p>
Er winkte mit der Hand, als ob er jemand zum
-Schweigen auffordern wolle, und lächelte. Dann machte
+Schweigen auffordern wolle, und lächelte. Dann machte
er sich an die Arbeit.
</p>
<p>
-Zu den Mürrischen und Griesgrämigen wollte er
+Zu den Mürrischen und Griesgrämigen wollte er
reden, zu den Kleinherzigen, Eng- und Kaltherzigen, den
-Armen, den Geizhälsen und Ofenhockern. Es ist ja
+Armen, den Geizhälsen und Ofenhockern. Es ist ja
zuviel Armut in der Welt, meine Freunde, zuviel Geiz.
-Zuviel Zaghaftigkeit, Schwäche, Mißtrauen und Trägheit
-und Haß! Zuviel Hader und Zank!
+Zuviel Zaghaftigkeit, Schwäche, Mißtrauen und Trägheit
+und Haß! Zuviel Hader und Zank!
</p>
<p>
Da bist du zum Beispiel, du Kleinherziger! Wenn
-du allein bist, so ist dein Herz mit Liebe angefüllt, du
+du allein bist, so ist dein Herz mit Liebe angefüllt, du
denkst, das werde ich tun und jenes, das wird ihn freuen
-&mdash; sobald du aber einen Menschen siehst, so mißfällt dir
+&mdash; sobald du aber einen Menschen siehst, so mißfällt dir
seine Stimme oder sein Anzug und deine Seele zieht sich
-zurück wie die Schnecke in ihr Haus. Habe ich dich
+zurück wie die Schnecke in ihr Haus. Habe ich dich
entdeckt, Kaltherziger! Ich halte dich fest! Du sollst
ihn ansehen, er hat gelitten, er hat gewartet, ja siehst
-du nicht, daß er gewartet hat im Wachen und im
-Schlafen, daß jemand zu ihm spräche, sich Mühe gäbe
+du nicht, daß er gewartet hat im Wachen und im
+Schlafen, daß jemand zu ihm spräche, sich Mühe gäbe
ihn zu verstehen.
</p>
<p>
-Und du, Empfindlicher, der für jedes Wort empfindlich
+Und du, Empfindlicher, der für jedes Wort empfindlich
ist, das man ihm sagt, und so rasch die Laune
verliert?
</p>
<p>
Und du, du Fauler, wie? Du bist dick und rund
-und deinem Gesichte sieht man die Gutmütigkeit an.
+und deinem Gesichte sieht man die Gutmütigkeit an.
<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Eine Bettlerin pocht an deine Türe und fleht, ach, denkst
-du, ich habe mich eben ein wenig ausgestreckt, ich würde
-ihr ja gerne etwas geben, aber ich bin müde, ich werde
+Eine Bettlerin pocht an deine Türe und fleht, ach, denkst
+du, ich habe mich eben ein wenig ausgestreckt, ich würde
+ihr ja gerne etwas geben, aber ich bin müde, ich werde
still sein und sie wird denken, es ist niemand zu Hause
und wird fortgehen. Willst du denn dein ganzes Leben
lang so faul bleiben? Sprich?
</p>
<p>
-Die Menschen wußten ja nicht, welche Schätze in
+Die Menschen wußten ja nicht, welche Schätze in
ihren Herzen lagen. Er war gekommen darin zu graben
-und die Schätze ans Licht zu heben.
+und die Schätze ans Licht zu heben.
</p>
<p>
-Ein Mensch ohne Liebesfähigkeit, wie sollte er fähig
-sein, die Schönheit zu empfinden &mdash; oder jenes Größte
-zu fühlen, das Liebe und Schönheit einschließt und sich
+Ein Mensch ohne Liebesfähigkeit, wie sollte er fähig
+sein, die Schönheit zu empfinden &mdash; oder jenes Größte
+zu fühlen, das Liebe und Schönheit einschließt und sich
dem Menschen nur in seltenen, kostbaren Augenblicken
offenbart?
</p>
<p>
-Ja, wolle Gott ihm die Kraft verleihen, für die
-Griesgrämigen und Geizigen und Faulen die richtigen
+Ja, wolle Gott ihm die Kraft verleihen, für die
+Griesgrämigen und Geizigen und Faulen die richtigen
Worte zu finden! Was war es doch, das sein Herz
-so wild schlagen ließ, wenn er sich vorbereitete zu den
-Menschen zu reden, so wild, daß er stets glaubte, sterben
-zu müssen?
+so wild schlagen ließ, wenn er sich vorbereitete zu den
+Menschen zu reden, so wild, daß er stets glaubte, sterben
+zu müssen?
</p>
<p>
Bald war Grau in die Arbeit vertieft, und der
-Heilige an der Wand, dessen Füße sogar nachdachten,
+Heilige an der Wand, dessen Füße sogar nachdachten,
sah ihm zu.
</p>
@@ -4621,44 +4587,44 @@ sah ihm zu.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span>chon am nächsten Tage machte sich Grau auf den
+<span class="firstchar">S</span>chon am nächsten Tage machte sich Grau auf den
Weg, die Lehrersfrau zu besuchen, bei der Eisenhuts
-Mutter wohnte. Es traf sich so günstig, daß er von
+Mutter wohnte. Es traf sich so günstig, daß er von
dem Lehrer zu einem Besuche aufgefordert worden war.
</p>
<p>
<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
Es war kalt, aber die helle Sonne schmolz den
-Schnee auf den Dächern und wo man ging, fielen
+Schnee auf den Dächern und wo man ging, fielen
einem langsame schwere Tropfen auf die Hand, den Hut,
-die Schultern. Vor allen Häusern waren Kinder, Frauen
-und Männer beschäftigt, das Eis aufzuhacken; in der
+die Schultern. Vor allen Häusern waren Kinder, Frauen
+und Männer beschäftigt, das Eis aufzuhacken; in der
ganzen Stadt hackte und pickte es lustig. Ein heller
-gleichmäßiger Lärm erfüllte die Straßen, fast wie ein
-Singen. Und unwillkürlich begann Graus Herz mitzuklingen.
-Im ersten Stocke eines schönen alten Hauses
+gleichmäßiger Lärm erfüllte die Straßen, fast wie ein
+Singen. Und unwillkürlich begann Graus Herz mitzuklingen.
+Im ersten Stocke eines schönen alten Hauses
blitzte ein Fensterspiegel und das war wie ein Winken,
-ein Grüßen und durchfuhr ihn wie ein Gruß des Lichtes
+ein Grüßen und durchfuhr ihn wie ein Gruß des Lichtes
von weither. Vor einer Schmiede stand ein Schimmel
-und Grau sah ihm einen Augenblick lang in die großen
-Augen, die wie zwei schwarze Zauberspiegel glänzten.
-Er streichelte die Schnauze des Pferdes und flüsterte
+und Grau sah ihm einen Augenblick lang in die großen
+Augen, die wie zwei schwarze Zauberspiegel glänzten.
+Er streichelte die Schnauze des Pferdes und flüsterte
ihm ins Ohr und der Schimmel wandte sich nach ihm
um, als ob er verstanden habe.
</p>
<p>
-Die Straße machte eine Biegung und tauchte vollständig
+Die Straße machte eine Biegung und tauchte vollständig
in Sonne. Die Sonne blitzte in allen Fenstern,
-in all den Picken und Äxten, in all den Tropfen, die
-langsam und schwer von den Dächern fielen.
+in all den Picken und Äxten, in all den Tropfen, die
+langsam und schwer von den Dächern fielen.
</p>
<p>
Grau suchte sich seinen Weg zwischen den arbeitenden
-Leuten; er hatte eine eigentümliche Art sie anzusehen,
-ihnen zuzulächeln und in die Augen zu blicken. Was
+Leuten; er hatte eine eigentümliche Art sie anzusehen,
+ihnen zuzulächeln und in die Augen zu blicken. Was
ist doch so sonderbar an den Menschenaugen, jener Schein,
frage ich? Nun, sie haben alle Sonne, Mond und
Sterne im Blut, das ist jener Schein, nicht wahr? Aber
@@ -4669,165 +4635,165 @@ jenes besondere Leuchten?
<p>
Grau nickte den kleinen Knirpsen zu, die arbeiteten,
<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-daß sie schwitzten, und als ein junges Mädchen mit halboffenem
-Munde an ihm vorüberging, starrte er das
-Mädchen beinahe erschrocken an. Das Mädchen knickste
-hastig und wurde rot. Ja, dachte Grau, etwas Schönes
-ist ein junges Mädchen, ob es nun Sommer oder
-Winter ist; die Vögel, die Blüten, Kinder und junge
-Mädchen, das ist alles ein und dieselbe Sache.
+daß sie schwitzten, und als ein junges Mädchen mit halboffenem
+Munde an ihm vorüberging, starrte er das
+Mädchen beinahe erschrocken an. Das Mädchen knickste
+hastig und wurde rot. Ja, dachte Grau, etwas Schönes
+ist ein junges Mädchen, ob es nun Sommer oder
+Winter ist; die Vögel, die Blüten, Kinder und junge
+Mädchen, das ist alles ein und dieselbe Sache.
</p>
<p>
-Er blickte dem jungen Ding nach und wäre beinahe
-überfahren worden. Ein Jagdwagen fuhr rasch daher,
+Er blickte dem jungen Ding nach und wäre beinahe
+überfahren worden. Ein Jagdwagen fuhr rasch daher,
der junge Freiherr von Hennenbach kutschierte.
</p>
<p>
-Grau durchschritt den Torturm. Es war ein schöner
-Tag heute, das mußte man sagen! Er atmete die
-frische Luft ein und fühlte wie seine Augen klarer und
+Grau durchschritt den Torturm. Es war ein schöner
+Tag heute, das mußte man sagen! Er atmete die
+frische Luft ein und fühlte wie seine Augen klarer und
sein Geist freier wurden. Es ist ja nur die Luft, dachte
-er, großer Gott im Himmel, nur die Luft, nichts als
-die Luft, die Vögel atmen sie, die Bäume und Menschen,
-aber was ist sie doch? Er blickte in die Höhe, da
+er, großer Gott im Himmel, nur die Luft, nichts als
+die Luft, die Vögel atmen sie, die Bäume und Menschen,
+aber was ist sie doch? Er blickte in die Höhe, da
glitzerte die Luft als sei sie aus kristallhellen Sternen
-gebildet. Die Bäume der Allee streckten ihre Äste
+gebildet. Die Bäume der Allee streckten ihre Äste
zitternd in diese helle, sonnige Luft empor.
</p>
<p>
-Vor seinen Blicken breitete sich die weiße, weite
-Ebene aus. In ihrer Mitte lag der vom Rauch geschwärzte
+Vor seinen Blicken breitete sich die weiße, weite
+Ebene aus. In ihrer Mitte lag der vom Rauch geschwärzte
kleine Bahnhof und aus einer Lokomotive,
-nicht größer als ein Kinderspielzeug, stieg feiner brauner
-Rauch empor. Der Schnee lag unberührt auf den
+nicht größer als ein Kinderspielzeug, stieg feiner brauner
+Rauch empor. Der Schnee lag unberührt auf den
Feldern, nur da und dort hatte der Wind mit ihm gespielt,
ein Feld klippiger kleiner Berge gebaut oder
Wellen und Schleifen in ihn gezeichnet. Er lag weithin
-wie schimmernder weißer Samt, auf dem es
+wie schimmernder weißer Samt, auf dem es
glitzerte, als sei der Samt mit Brillanten bestickt. In
<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
der Ferne sah es aus, als beginne der Schnee zu
brennen, farbige Feuerchen bewegten sich auf ihm hin
-und her; lichtes Grün, feuriges Rosa, Schwefelgelb.
+und her; lichtes Grün, feuriges Rosa, Schwefelgelb.
</p>
<p>
-Auf der Straße gingen drei junge Mädchen und
-ein hagerer, etwas schiefschultriger Mann, der ein Bündel
+Auf der Straße gingen drei junge Mädchen und
+ein hagerer, etwas schiefschultriger Mann, der ein Bündel
Schlittschuhe trug. Sie hatten es nicht eilig und gingen
-ganz langsam. Die Mädchen sprachen und lachten mit
+ganz langsam. Die Mädchen sprachen und lachten mit
klingenden Stimmen und der schiefschultrige Mann, der
-in einem gelben abgetragenen Überzieher steckte, ein rotbraunes
+in einem gelben abgetragenen Überzieher steckte, ein rotbraunes
Halstuch und einen kleinen spitzen Hut trug,
meckerte dazwischen und sprach in hastigen, abgerissenen
-Sätzen.
+Sätzen.
</p>
<p>
-Zwei der Mädchen gingen Arm in Arm und waren
+Zwei der Mädchen gingen Arm in Arm und waren
ganz gleich gekleidet, ihre Haare waren von schlichtem
deutschen Blond, auch ihr Gang war der gleiche; sie
gingen beide als schritten sie auf einem Seil. Offenbar
-waren es Schwestern. Das Mädchen, das an ihrer
-Seite schritt, war etwas größer, freier in allen Bewegungen;
+waren es Schwestern. Das Mädchen, das an ihrer
+Seite schritt, war etwas größer, freier in allen Bewegungen;
sie trug den Kopf wie ein stolzes Tier im
Walde. Sie war gekleidet in ein langes flottes Jackett
-aus seidenhaarigem Pelz, eine kleine Pelzmütze saß auf
+aus seidenhaarigem Pelz, eine kleine Pelzmütze saß auf
dem auffallend reichen, schwarzen Haar, das in einen
-lockeren Knoten gebunden war. Ein dünner gelber
-Schleier floß um die Pelzmütze herum und flatterte
+lockeren Knoten gebunden war. Ein dünner gelber
+Schleier floß um die Pelzmütze herum und flatterte
lustig im Winde.
</p>
<p>
Grau sah wie sie sich dahin bewegten und etwas
in der Art ihrer Bewegung ergriff ihn nahezu bis zu
-Tränen. Sie gingen mit der Seele der Frau, mit der
+Tränen. Sie gingen mit der Seele der Frau, mit der
schwebenden, wehenden Seele der Frau, die in die
-Weite strebt, wartet, späht, lockt und hofft. Der Mann
+Weite strebt, wartet, späht, lockt und hofft. Der Mann
<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
an ihrer Seite dagegen ging nicht, er schlich. Seine
-Seele war zusammengedrängt, gefesselt, er blickte in
-sich hinein, er war beschäftigt mit sich selbst, ob er
+Seele war zusammengedrängt, gefesselt, er blickte in
+sich hinein, er war beschäftigt mit sich selbst, ob er
auch plauderte und lachte.
</p>
<p>
Grau holte die Gesellschaft ein und da der Weg
-nur zum Teil vom Schnee freigemacht war, mußte er
-sich hinter ihr halten. Er hörte, was sie sagten.
+nur zum Teil vom Schnee freigemacht war, mußte er
+sich hinter ihr halten. Er hörte, was sie sagten.
</p>
<p>
-&bdquo;Haben Sie die Geschichte von dem Manne gehört,
-der von der Doktorkutsche auf der Straße gefunden
-wurde, nachts, im Schnee?&ldquo; wandte sich das Mädchen
+&bdquo;Haben Sie die Geschichte von dem Manne gehört,
+der von der Doktorkutsche auf der Straße gefunden
+wurde, nachts, im Schnee?&ldquo; wandte sich das Mädchen
mit den schwarzen Haaren an den Mann, der die
Schlittschuhe trug. Sie sprach scharf, mit einem kaum
-hörbaren fremden Akzent.
+hörbaren fremden Akzent.
</p>
<p>
-&bdquo;Adele!&ldquo; sagten die Schwestern leise und lächelten.
+&bdquo;Adele!&ldquo; sagten die Schwestern leise und lächelten.
</p>
<p>
Der Mann mit den Schlittschuhen lachte meckernd.
-&bdquo;Jä,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich habe diese Geschichte gehört, natürlicherweise
-habe ich sie gehört &mdash; am andern Tag &mdash;
-aber ich kann schwören &mdash;&ldquo;
+&bdquo;Jä,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich habe diese Geschichte gehört, natürlicherweise
+habe ich sie gehört &mdash; am andern Tag &mdash;
+aber ich kann schwören &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Schwören Sie besser nicht!&ldquo; fuhr das Mädchen
-fort. &bdquo;Wie leicht hätten Sie im Schnee erfrieren
-können.&ldquo;
+&bdquo;Schwören Sie besser nicht!&ldquo; fuhr das Mädchen
+fort. &bdquo;Wie leicht hätten Sie im Schnee erfrieren
+können.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Jä, wie leicht hätte ich im Schnee erfrieren
-können!&ldquo;
+&bdquo;Jä, wie leicht hätte ich im Schnee erfrieren
+können!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie sollten sich schämen, ich an Ihrer Stelle würde
-mich schämen.&ldquo;
+&bdquo;Sie sollten sich schämen, ich an Ihrer Stelle würde
+mich schämen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß, Sie, ja Sie würden sich schämen, Fräulein
+&bdquo;Gewiß, Sie, ja Sie würden sich schämen, Fräulein
von Hennenbach.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Sie ruinieren sich auch. Sie sind ein ganz origineller
-Mann, aber vollständig verwahrlost. Vielleicht sind Sie
+Mann, aber vollständig verwahrlost. Vielleicht sind Sie
auch nur originell, weil Sie verwahrlost sind.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
Der junge Mann mit dem spitzen Hut lachte. &bdquo;Wie
-geistreich!&ldquo; sagte er und lüftete ein wenig den Hut,
-indem er ihn bei der Spitze mit zwei Fingern anfaßte
-und in die Höhe hob. &bdquo;Wie geistreich!&ldquo; meckerte er.
+geistreich!&ldquo; sagte er und lüftete ein wenig den Hut,
+indem er ihn bei der Spitze mit zwei Fingern anfaßte
+und in die Höhe hob. &bdquo;Wie geistreich!&ldquo; meckerte er.
&bdquo;Wie geistreich!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es ist nichts mit Ihnen anzufangen!&ldquo; sagte kühl
-das junge Mädchen und wandte sich den Freundinnen zu.
+&bdquo;Es ist nichts mit Ihnen anzufangen!&ldquo; sagte kühl
+das junge Mädchen und wandte sich den Freundinnen zu.
</p>
<p>
Eine Weile blieb es still, dann begann sie von neuem:
-&bdquo;Lassen Sie sich&rsquo;s gesagt sein,&ldquo; sagte sie, &bdquo;daß ich
+&bdquo;Lassen Sie sich&rsquo;s gesagt sein,&ldquo; sagte sie, &bdquo;daß ich
meinem Bruder nicht mehr erlaube, Sie zu besuchen.
Sie treiben es zu toll bei Ihren Gelagen. Das ist ja
-die reinste Lasterhöhle. Vier Nächte nacheinander hat
+die reinste Lasterhöhle. Vier Nächte nacheinander hat
er mit Ihnen durchgezecht. Es wird auch Hasard gespielt,
nicht wahr? Heute nacht hat er zweihundert Mark
dabei verloren.&ldquo;
@@ -4839,9 +4805,9 @@ dabei verloren.&ldquo;
<p>
&bdquo;Zweihundert Mark. Er hat sie heute von mir
-verlangt. Weiß Gott, es ist unrecht von Ihnen. Natürlich
-muß er bezahlen, wenn er sein Ehrenwort gegeben hat,
-aber es ist eine Sünde von Ihnen, er ist noch so jung.&ldquo;
+verlangt. Weiß Gott, es ist unrecht von Ihnen. Natürlich
+muß er bezahlen, wenn er sein Ehrenwort gegeben hat,
+aber es ist eine Sünde von Ihnen, er ist noch so jung.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4851,43 +4817,43 @@ sagen!&ldquo; rief er. &bdquo;Keine Silbe, nicht eine einzige Silbe!
Er war eine ganze Woche nicht bei mir, kein Mensch
war bei mir. Wie kann er da zweihundert Mark verloren
haben, wie denn? Ich habe nicht mit ihm gespielt,
-das schwöre ich Ihnen!&ldquo;
+das schwöre ich Ihnen!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Schon gut! Sie werden es ja nicht eingestehen,
-Sie werden es leugnen. Das ist selbstverständlich. Ich
+Sie werden es leugnen. Das ist selbstverständlich. Ich
werde Ihnen aber die Polizei ins Haus schicken, mein
<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-Herr! Daß Sie es nur wissen. So wahr ich hier
+Herr! Daß Sie es nur wissen. So wahr ich hier
gehe, das werde ich tun. Es ist Ihnen doch bekannt,
-daß Hasard polizeilich verboten ist, nicht wahr?&ldquo;
+daß Hasard polizeilich verboten ist, nicht wahr?&ldquo;
</p>
<p>
Der Mann rasselte mit den Schlittschuhen, warf
-dem Mädchen einen bösen Blick zu, aber dann lachte
+dem Mädchen einen bösen Blick zu, aber dann lachte
er wieder. &bdquo;Was Sie nicht sagen?&ldquo; rief er aus. &bdquo;Ich
-bekümmere mich nicht um die Polizei. Sehen Sie, ich
+bekümmere mich nicht um die Polizei. Sehen Sie, ich
stecke jedem eine Flasche Wein in die Tasche und dann
-gehen sie wieder. Übrigens, Fräulein von Hennenbach,
-hat gerade Ihr Herr Bruder das Spiel eingeführt.
+gehen sie wieder. Übrigens, Fräulein von Hennenbach,
+hat gerade Ihr Herr Bruder das Spiel eingeführt.
Er brachte es von Monte Carlo mit.&ldquo;
</p>
<p>
Es blieb einen Augenblick still, dann erwiderte das
-Mädchen: &bdquo;Er war ja nie in seinem Leben in Monte Carlo,
+Mädchen: &bdquo;Er war ja nie in seinem Leben in Monte Carlo,
niemals!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Also hat er auch keine hundertundfünfzigtausend
-Mark dort verloren, wie? Also lügt er?&ldquo;
+&bdquo;Also hat er auch keine hundertundfünfzigtausend
+Mark dort verloren, wie? Also lügt er?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Er macht sich einfach lustig über Sie, das ist alles!&ldquo;
+&bdquo;Er macht sich einfach lustig über Sie, das ist alles!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4896,9 +4862,9 @@ sich. Er lachte.
</p>
<p>
-&bdquo;Herr von Hennenbach lügt nicht!&ldquo; rief er aus.
+&bdquo;Herr von Hennenbach lügt nicht!&ldquo; rief er aus.
&bdquo;Herr von Hennenbach machen sich einfach lustig. Er
-macht sich lustig, ja, das muß man sagen, er lügt
+macht sich lustig, ja, das muß man sagen, er lügt
nicht, er macht sich lustig. Er sagt, er habe zweihundert
Mark im Spiel verloren und er hat drei Tage
vorher mich um genau zweihundert Mark gebeten, da
@@ -4912,38 +4878,38 @@ Zeit!&ldquo;
Grau watete nun durch den Schnee und beschrieb
<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
einen weiten Bogen um die Gesellschaft. Hinter ihm
-meckerte der junge Mann, er räusperte sich und rasselte
+meckerte der junge Mann, er räusperte sich und rasselte
mit den Schlittschuhen.
</p>
<p>
&bdquo;Aber, nein!&ldquo; sagten die Schwestern vorwurfsvoll,
-und die junge Dame fügte in scharfem Tone hinzu:
+und die junge Dame fügte in scharfem Tone hinzu:
&bdquo;Was denken Sie doch &mdash;?&ldquo;
</p>
<p>
Doch der junge Mann lachte nur. Er sagte laut:
-&bdquo;Alle Welt macht sich über mich lustig &mdash; ergo &mdash;
+&bdquo;Alle Welt macht sich über mich lustig &mdash; ergo &mdash;
weshalb soll ich mich denn nicht auch ein wenig lustig
-machen, wenn es mir einfällt! Wie? Bin ich etwas
+machen, wenn es mir einfällt! Wie? Bin ich etwas
andres vielleicht als die andern Menschen? Ich erlaube
mir das zu fragen! Man soll sich nur ein wenig in
-acht nehmen vor mir. Ich könnte eines schönen Tages
-einen Skandal heraufbeschwören und das wäre manchen
+acht nehmen vor mir. Ich könnte eines schönen Tages
+einen Skandal heraufbeschwören und das wäre manchen
Leuten nicht angenehm, nein!&ldquo; Er meckerte, aber er
schien zornig zu sein.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie sind ja ein ganz gefährlicher Mensch!&ldquo; sagte
+&bdquo;Sie sind ja ein ganz gefährlicher Mensch!&ldquo; sagte
eine der Schwestern.
</p>
<p>
-Fräulein von Hennenbach aber sagte kurz: &bdquo;Tun
-Sie doch, was Sie nicht lassen können, aber lassen Sie
-mich mit Ihren Anspielungen gefälligst in Ruhe!&ldquo;
+Fräulein von Hennenbach aber sagte kurz: &bdquo;Tun
+Sie doch, was Sie nicht lassen können, aber lassen Sie
+mich mit Ihren Anspielungen gefälligst in Ruhe!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4955,19 +4921,19 @@ erlaube, zu scherzen &mdash;
<p>
Die Stimmen verloren sich. Grau war beim Bahnhof
angelangt, blieb stehen und blickte sich um. Dem
-Bahnhof gegenüber stieg der Wald an; eine Hütte, gefüllt
+Bahnhof gegenüber stieg der Wald an; eine Hütte, gefüllt
mit Brettern, Leitern, Balken, lag am Wege, dort
-stand ein dicker, niedriger Turm mit leeren Fensterlöchern
+stand ein dicker, niedriger Turm mit leeren Fensterlöchern
&mdash; ein alter Wartturm &mdash; aber von einem
<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
Wohnhaus war nichts zu sehen. Allein dieser Lehrer,
-dieser Lehrer Löwenherz, hatte er nicht gesagt: Gleich
+dieser Lehrer Löwenherz, hatte er nicht gesagt: Gleich
beim Bahnhof?
</p>
<p>
-Die Gesellschaft holte ihn ein. Die Mädchen standen
-still, führten flüsternd eine Beratung, dann sagte eine
+Die Gesellschaft holte ihn ein. Die Mädchen standen
+still, führten flüsternd eine Beratung, dann sagte eine
der Schwestern: &bdquo;Suchen der Herr etwas?&ldquo;
</p>
@@ -4977,56 +4943,56 @@ sagte er.
</p>
<p>
-&bdquo;Hier sind keine Häuser,&ldquo; sagte der Mann mit den
-Schlittschuhen mit dünner Stimme und lächelte spöttisch.
+&bdquo;Hier sind keine Häuser,&ldquo; sagte der Mann mit den
+Schlittschuhen mit dünner Stimme und lächelte spöttisch.
Grau hatte ihn schon gesehen. Er hatte ein gelbes Gesicht,
einen kleinen Spitzbart und Mausaugen.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, hier scheinen allerdings keine Häuser zu sein,&ldquo;
+&bdquo;Ja, hier scheinen allerdings keine Häuser zu sein,&ldquo;
sagte Grau und blickte umher. &bdquo;Aber man hat mich
hierher gewiesen &mdash; ich suche das Haus eines Lehrers,
-eines gewissen Lehrers Löwenherz!&ldquo;
+eines gewissen Lehrers Löwenherz!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Löwenherz?&ldquo;
+&bdquo;Löwenherz?&ldquo;
</p>
<p>
-Die jungen Mädchen blickten einander an. Sie besannen
-sich und schüttelten die Köpfe. Die Schwestern
-sahen einander so ähnlich, wie zwei rotbackige Äpfel
-auf einem Zweig. Man hätte sie nicht zu unterscheiden
+Die jungen Mädchen blickten einander an. Sie besannen
+sich und schüttelten die Köpfe. Die Schwestern
+sahen einander so ähnlich, wie zwei rotbackige Äpfel
+auf einem Zweig. Man hätte sie nicht zu unterscheiden
vermocht, wenn nicht die eine ein kleines braunes Mal
-auf der Wange gehabt hätte. Sie hatten frische, runde
+auf der Wange gehabt hätte. Sie hatten frische, runde
Gesichter mit roten Wangen, die etwas rissig von der
-Kälte waren, und nachdenkliche blaue Augen.
+Kälte waren, und nachdenkliche blaue Augen.
</p>
<p>
-Fräulein von Hennenbach sah nicht so bleich aus
+Fräulein von Hennenbach sah nicht so bleich aus
wie neulich, als Grau in ihrem Hause vorsprach, ihre
-Wangen waren von einer feinen Röte überzogen, aber
+Wangen waren von einer feinen Röte überzogen, aber
ihre Augen erschienen um so klarer und heller. Sie
-waren nahezu weiß.
+waren nahezu weiß.
</p>
<p>
<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Der Mann mit den Schlittschuhen begann plötzlich
+Der Mann mit den Schlittschuhen begann plötzlich
zu kichern und zu lachen. Er streckte wichtigtuerisch
die spitze Nase vor. &bdquo;Es ist der Lehrer!&ldquo; rief er aus.
-&bdquo;Sicherlich ist es der Lehrer. Er heißt Lenz, mein geehrter
-Herr. Löwenherz! Was sagen die Damen dazu?
-Ein ausgezeichneter Einfall &mdash; Löwenherz!&ldquo;
+&bdquo;Sicherlich ist es der Lehrer. Er heißt Lenz, mein geehrter
+Herr. Löwenherz! Was sagen die Damen dazu?
+Ein ausgezeichneter Einfall &mdash; Löwenherz!&ldquo;
</p>
<p>
-Fräulein von Hennenbach öffnete erstaunt die Lippen.
+Fräulein von Hennenbach öffnete erstaunt die Lippen.
&bdquo;Ah, Susannas Vater!&ldquo; sagte sie, und die Schwestern
-fügten wie aus einem Munde hinzu: &bdquo;Ach ja, Susannas
+fügten wie aus einem Munde hinzu: &bdquo;Ach ja, Susannas
Vater!&ldquo;
</p>
@@ -5037,31 +5003,31 @@ Susanna,&ldquo; sagte Grau.
<p>
&bdquo;Das ist ganz in der Ordnung, er wohnt hier.
-Nur muß man durch den Turm gehen, bis zur Brücke.
+Nur muß man durch den Turm gehen, bis zur Brücke.
Der Herr hier hat im gleichen Hause zu tun.&ldquo;
</p>
<p>
-Sie gingen zusammen und schwiegen. &bdquo;Ein schöner
+Sie gingen zusammen und schwiegen. &bdquo;Ein schöner
Tag!&ldquo; sagte Grau nach einer Weile. &bdquo;Ja!&ldquo; antworteten
-die Mädchen wie aus einem Munde und sahen ihn
-alle an. Es war schön, wie sie alle die Gesichter zu
-ihm wandten, die außen gehende mußte sich etwas
+die Mädchen wie aus einem Munde und sahen ihn
+alle an. Es war schön, wie sie alle die Gesichter zu
+ihm wandten, die außen gehende mußte sich etwas
vorbeugen. Er sah in diese drei Paar Augen hinein.
-Aber es fiel ihm weiter nichts ein, was er den Mädchen
-sagen hätte können.
+Aber es fiel ihm weiter nichts ein, was er den Mädchen
+sagen hätte können.
</p>
<p>
-Von der Brücke aus konnte man ein kleines Häuschen
-im Felde liegen sehen. Dieses Häuschen lag ganz einsam,
-halb zugeschneit lugte es mit zwei trüben, kleinen Fenstern
+Von der Brücke aus konnte man ein kleines Häuschen
+im Felde liegen sehen. Dieses Häuschen lag ganz einsam,
+halb zugeschneit lugte es mit zwei trüben, kleinen Fenstern
aus dem Schnee. Weit und breit war nichts zu sehen
-als Schnee, kein Baum, kein Strauch, nur einige Krähen
+als Schnee, kein Baum, kein Strauch, nur einige Krähen
bewegten sich langsam in einem Acker. Es lag da
-gleichsam ausgestoßen aus der Stadt, wie ein Siechenhaus,
+gleichsam ausgestoßen aus der Stadt, wie ein Siechenhaus,
<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-wie die Hütte des Abdeckers. Ein Zaun lief um
+wie die Hütte des Abdeckers. Ein Zaun lief um
das Haus herum wie ein Gitter, aus dem Kamin stieg
ein Hauch von Rauch, den man nur mit scharfen Augen
wahrnehmen konnte.
@@ -5073,34 +5039,34 @@ Dieses Haus sei es!
<p>
Grau nahm den Hut ab. &bdquo;Ich danke, meine Damen!&ldquo;
-sagte er und verneigte sich vor den drei jungen Mädchen.
+sagte er und verneigte sich vor den drei jungen Mädchen.
&bdquo;Bitte, bitte!&ldquo;
</p>
<p>
-Fräulein von Hennenbach blickte ihn an. Sie heftete
+Fräulein von Hennenbach blickte ihn an. Sie heftete
ihre hellen, klaren Augen eine Weile auf Grau, dann
-sagte sie: &bdquo;Wie schön Sie neulich gesprochen haben!&ldquo;
-Sie streckte ihm die Hand hin. Sie lächelte, aber ihr
-Mund und ihre Züge blickten trotzdem ernst.
+sagte sie: &bdquo;Wie schön Sie neulich gesprochen haben!&ldquo;
+Sie streckte ihm die Hand hin. Sie lächelte, aber ihr
+Mund und ihre Züge blickten trotzdem ernst.
</p>
<p>
-Die Schwestern lächelten ebenfalls, Grübchen erschienen
-in ihren Wangen und ihre weißen, kleinen
-Zähne blitzten; sie richteten die Augen groß und leuchtend
+Die Schwestern lächelten ebenfalls, Grübchen erschienen
+in ihren Wangen und ihre weißen, kleinen
+Zähne blitzten; sie richteten die Augen groß und leuchtend
auf Grau.
</p>
<p>
Grau verbeugte sich verwirrt. Er wagte kaum, die
-Hand des Mädchens zu berühren. Er errötete und
+Hand des Mädchens zu berühren. Er errötete und
machte abermals eine verwirrte Verbeugung.
</p>
<p>
-&bdquo;Viele Grüße an Susanna, viele Grüße!&ldquo; riefen
-die Mädchen.
+&bdquo;Viele Grüße an Susanna, viele Grüße!&ldquo; riefen
+die Mädchen.
</p>
<p>
@@ -5109,37 +5075,37 @@ die Mädchen.
<p>
Der junge Mann lieferte die Schlittschuhe ab und
-ging an Graus Seite feldeinwärts. Sie wateten bis
-an die Knie im Schnee. Grau ging wie ein Träumender.
+ging an Graus Seite feldeinwärts. Sie wateten bis
+an die Knie im Schnee. Grau ging wie ein Träumender.
</p>
<p>
-Wie merkwürdig, dachte er, wie merkwürdig! Und
-unwillkürlich wandte er sich nochmals nach dem Mädchen
-um. Nun fällt es mir ein, wo ich dieses Mädchen
-schon früher gesehen habe. Ich ging einst im Traume
+Wie merkwürdig, dachte er, wie merkwürdig! Und
+unwillkürlich wandte er sich nochmals nach dem Mädchen
+um. Nun fällt es mir ein, wo ich dieses Mädchen
+schon früher gesehen habe. Ich ging einst im Traume
<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-mit ihr über die Heide &mdash; damals unter dem Sternschnuppenregen.
+mit ihr über die Heide &mdash; damals unter dem Sternschnuppenregen.
Es sind dieselben Augen und besonders
-ihre Art, den Kopf zu tragen &mdash; wie merkwürdig ist
+ihre Art, den Kopf zu tragen &mdash; wie merkwürdig ist
das Leben!
</p>
<p>
-Er hörte kaum, was sein Begleiter sagte, obwohl
-er sich aus mehreren Gründen außerordentlich für ihn
+Er hörte kaum, was sein Begleiter sagte, obwohl
+er sich aus mehreren Gründen außerordentlich für ihn
interessierte.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-12">
-<span class="firstline">Zwölftes Kapitel</span>
+<span class="firstline">Zwölftes Kapitel</span>
</h2>
<p class="first">
<span class="firstchar">D</span>er Mann mit dem gelben Gesichte und den Mausaugen
begann sogleich zu sprechen; er sprach
-hastig und nahezu ohne Pause, bis sie das Häuschen
-erreicht hatten. Er kicherte und hüstelte, während er
+hastig und nahezu ohne Pause, bis sie das Häuschen
+erreicht hatten. Er kicherte und hüstelte, während er
sprach, und er sah Grau immerzu mit seinen blinzelnden
Augen an. Aber jedesmal, wenn Grau ihm den Blick
zuwandte, tat er, als suche er etwas im Schnee. Er
@@ -5148,25 +5114,25 @@ kicherte, auch als Grau einmal im Felde ausglitt.
<p>
Vorhin hatte er mit gezwungener Keckheit gesprochen,
-nun aber sprach er mit unterwürfiger, fast demütiger
-Stimme, nach der Art vieler Männer, die ihr Benehmen
-vollständig ändern, sobald sie die Gesellschaft von Frauen
+nun aber sprach er mit unterwürfiger, fast demütiger
+Stimme, nach der Art vieler Männer, die ihr Benehmen
+vollständig ändern, sobald sie die Gesellschaft von Frauen
verlassen.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie erlauben wohl, daß ich Sie begleite?&ldquo; begann
-er und lüftete den spitzen Hut. &bdquo;Ja, ich habe gehört,
+&bdquo;Sie erlauben wohl, daß ich Sie begleite?&ldquo; begann
+er und lüftete den spitzen Hut. &bdquo;Ja, ich habe gehört,
auf welche Weise der Herr mit dem Lehrer zusammengetroffen
-sind, man hat es mir erzählt. Sie haben
-den Lehrer natürlich nicht gekannt, sonst wären Sie
-wohl etwas vorsichtiger gewesen. Ich muß Ihnen leider
+sind, man hat es mir erzählt. Sie haben
+den Lehrer natürlich nicht gekannt, sonst wären Sie
+wohl etwas vorsichtiger gewesen. Ich muß Ihnen leider
<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-sagen, daß man sich mit den Leuten hier in acht nehmen
-muß. Sogar gebildete Herren, Ärzte, Professoren, sie
+sagen, daß man sich mit den Leuten hier in acht nehmen
+muß. Sogar gebildete Herren, Ärzte, Professoren, sie
versprechen Ihnen das Blaue vom Himmel herunter
und halten &mdash; nichts. Man kann hier Geld zusetzen,
-du große Güte!&ldquo;
+du große Güte!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -5182,13 +5148,13 @@ nicht blicken lassen.&ldquo;
<p>
&bdquo;Er darf sich in der Stadt nicht sehen lassen? Was
-heißt das?&ldquo;
+heißt das?&ldquo;
</p>
<p>
Der junge Mann zog einen kleinen Zigarrenstummel
aus der Tasche und steckte ihn in Brand. &bdquo;Er hat den
-Stadtverweis, mein Herr!&ldquo; sagte er vergnügt lächelnd
+Stadtverweis, mein Herr!&ldquo; sagte er vergnügt lächelnd
und paffte. &bdquo;Auch seine Familie, seine Frau, seine
Tochter, niemand darf die Stadt betreten.&ldquo;
</p>
@@ -5200,9 +5166,9 @@ Grau und blieb stehen.
<p>
Der junge Mann lachte meckernd. &bdquo;Er hat,&ldquo; sagte
-er flüsternd und kicherte &mdash; &bdquo;er hat sie durchgeprügelt!
-Die Polizeidiener zuerst und dann den Bürgermeister.
-Weil sie ihn entließen. Er war ja Lehrer hier in der
+er flüsternd und kicherte &mdash; &bdquo;er hat sie durchgeprügelt!
+Die Polizeidiener zuerst und dann den Bürgermeister.
+Weil sie ihn entließen. Er war ja Lehrer hier in der
Stadt.&ldquo;
</p>
@@ -5214,15 +5180,15 @@ Stadt.&ldquo;
&bdquo;Oh, er machte Streiche. Er hat auch oft getrunken,
mehr als er vertragen konnte. Einmal lag er am
Morgen betrunken auf dem Marktplatze, gerade als die
-Sonne aufging. Ich muß lachen, wenn ich nur daran
+Sonne aufging. Ich muß lachen, wenn ich nur daran
denke! Denn ich habe ihn liegen sehen, bevor noch
<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-jemand kam, und gewartet und gedacht: Was für ein
-Spaß wird das werden! Er lag so komisch da, er lag
-da, als ob er eben einen großen Sprung machen wollte,
-so lag er da. Ich dachte, das wird einen hübschen Spaß
+jemand kam, und gewartet und gedacht: Was für ein
+Spaß wird das werden! Er lag so komisch da, er lag
+da, als ob er eben einen großen Sprung machen wollte,
+so lag er da. Ich dachte, das wird einen hübschen Spaß
geben. Dann kamen die Leute, die Kinder kamen, die
-in die Schule gingen, Frauen, Männer, aber er lag da
+in die Schule gingen, Frauen, Männer, aber er lag da
und schlief, er war nicht wach zu bekommen. Was ich
gelacht habe!&ldquo;
</p>
@@ -5232,30 +5198,30 @@ gelacht habe!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, nein. Damals unterrichtete er das Töchterchen
-des Bürgermeisters, deshalb wurde er nicht entlassen.
-Auch seine Frau, die lief zum Bürgermeister, flehte und
-winselte, und deshalb ließen sie es hingehen. Aber
-später. Er hatte so eigentümliche Einfälle und er machte
-Streiche über Streiche. Er sagte zu den Kindern: Heute
-ist keine Schule, es ist zu schönes Wetter, geht hinaus
+&bdquo;Nein, nein. Damals unterrichtete er das Töchterchen
+des Bürgermeisters, deshalb wurde er nicht entlassen.
+Auch seine Frau, die lief zum Bürgermeister, flehte und
+winselte, und deshalb ließen sie es hingehen. Aber
+später. Er hatte so eigentümliche Einfälle und er machte
+Streiche über Streiche. Er sagte zu den Kindern: Heute
+ist keine Schule, es ist zu schönes Wetter, geht hinaus
in den Wald. Das ist aber doch keine Schule, nicht
wahr? Oder er hat ihnen keinen Unterricht gegeben, er
-hat ihnen tagelang Märchen erzählt. Aber das tollste,
+hat ihnen tagelang Märchen erzählt. Aber das tollste,
was er gemacht hat, sehen Sie, das hat ihm auch den
Hals gebrochen. Ja, er ging also mit der Klasse spazieren,
-er hatte die Mädchenklasse, an einem sehr heißen
+er hatte die Mädchenklasse, an einem sehr heißen
Tag im Juni. Da kamen sie nun an einen Bach, es
-war sehr heiß, wie gesagt, und was meinen Sie nun,
+war sehr heiß, wie gesagt, und was meinen Sie nun,
was er tat? Er sagte: Alle auskleiden! Nun, Sie
-können sich denken, das ging hui, hui, das kam den
-kleinen Mädchen gerade recht, sie kleideten sich aus und
-plätscherten alle dreißig im Bach herum. Er, Lenz, er
-saß dabei und lachte. Plötzlich aber kam der katholische
+können sich denken, das ging hui, hui, das kam den
+kleinen Mädchen gerade recht, sie kleideten sich aus und
+plätscherten alle dreißig im Bach herum. Er, Lenz, er
+saß dabei und lachte. Plötzlich aber kam der katholische
Geistliche, der geistliche Rat &mdash; ein fetter &mdash; ein etwas
<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
korpulenter Herr &mdash; er kam &mdash; und so war es, der
-Lehrer mußte gehen. Aber hören Sie, er ging nicht,
+Lehrer mußte gehen. Aber hören Sie, er ging nicht,
er ging nicht!&ldquo;
</p>
@@ -5268,16 +5234,16 @@ er ging nicht!&ldquo;
nicht gehen, sagte er, ich lasse es darauf ankommen.
Ich werde morgen Schule halten und werde sie hinauswerfen,
wenn sie kommen. Tue das, sagte ich, welch
-einen Spaß wird das geben, einen unbezahlbaren Spaß.
-Er sagte auch, daß der Bürgermeister sich ein wenig in
-acht nehmen solle, außerdem könne er Prügel fassen.
+einen Spaß wird das geben, einen unbezahlbaren Spaß.
+Er sagte auch, daß der Bürgermeister sich ein wenig in
+acht nehmen solle, außerdem könne er Prügel fassen.
Ja, tue es, tue es, sagte ich, das wird ganz unsagbar
drollig werden. Du nimmst dich meiner Familie an,
-ja? Ja, sagte ich, du kannst ruhig sein. Und hören
+ja? Ja, sagte ich, du kannst ruhig sein. Und hören
Sie, Herr, er tat es, er tat alles. Er hielt Schule und
sie wollten ihn aus dem Schulhaus weisen, aber er
-prügelte die Polizeidiener durch, dann ging er ins Rathaus
-und prügelte den Bürgermeister durch &mdash; vor all
+prügelte die Polizeidiener durch, dann ging er ins Rathaus
+und prügelte den Bürgermeister durch &mdash; vor all
den Schreibern &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -5287,16 +5253,16 @@ Der junge Mann lachte und hustete.
<p>
&bdquo;Ich habe niemals mehr gelacht. Solch ein Mensch
-&mdash; er mußte dann sitzen, lange, lange Monate, er verlor
-seine Stellung, sein bißchen Vermögen, alles, alles
-&mdash; hähähä &mdash; nun treibt er sich in der Welt herum
+&mdash; er mußte dann sitzen, lange, lange Monate, er verlor
+seine Stellung, sein bißchen Vermögen, alles, alles
+&mdash; hähähä &mdash; nun treibt er sich in der Welt herum
und seine Frau und seine Tochter sie sitzen hier. Wir
-wollen hoffen, daß der Herr ihn antreffen.&ldquo;
+wollen hoffen, daß der Herr ihn antreffen.&ldquo;
</p>
<p>
-Sie näherten sich dem Häuschen und Graus Herz
-begann eigentümlicherweise zu pochen.
+Sie näherten sich dem Häuschen und Graus Herz
+begann eigentümlicherweise zu pochen.
</p>
<p>
@@ -5309,17 +5275,17 @@ begann eigentümlicherweise zu pochen.
<p>
<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-&bdquo;Hm. Sie hat auch kein Vermögen?&ldquo;
+&bdquo;Hm. Sie hat auch kein Vermögen?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Hahaha, nein. Vermögen, um Gottes willen &mdash;!&ldquo;
+&bdquo;Hahaha, nein. Vermögen, um Gottes willen &mdash;!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Sie ist also arm,&ldquo; sagte Grau leise zu sich selbst.
-&bdquo;Wie sagten Sie? Sie glauben also nicht, daß wir
-Herrn Lenz antreffen werden?&ldquo; fügte er hinzu und
+&bdquo;Wie sagten Sie? Sie glauben also nicht, daß wir
+Herrn Lenz antreffen werden?&ldquo; fügte er hinzu und
blickte den Mann mit dem Spitzbart an.
</p>
@@ -5327,19 +5293,19 @@ blickte den Mann mit dem Spitzbart an.
Der Mann mit dem Spitzbart zuckte zusammen.
&bdquo;Nein,&ldquo; sagte er verwirrt, &bdquo;ich glaube es nicht. Er
bleibt immer nur da, bis ihn seine Frau zusammengeflickt
-hat, dann geht er wieder. Ich habe auch gehört,
-daß er in Weinberg in einer Wirtschaft alle Fenster
+hat, dann geht er wieder. Ich habe auch gehört,
+daß er in Weinberg in einer Wirtschaft alle Fenster
eingeschlagen hat, nun wird ihm wohl der Boden zu
-heiß geworden sein. Vielleicht ist er da, wer weiß es?
-Er ist sehr amüsant und er kann deklamieren &mdash; was
+heiß geworden sein. Vielleicht ist er da, wer weiß es?
+Er ist sehr amüsant und er kann deklamieren &mdash; was
er doch alles im Kopfe hat! Er kann Ihnen ganze
-Theaterstücke vorspielen. Er hat mir oft die ganze Nacht
+Theaterstücke vorspielen. Er hat mir oft die ganze Nacht
hindurch vorgespielt.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie lieben es wohl, ihm zuzuhören?&ldquo; fragte Grau
-lächelnd.
+&bdquo;Sie lieben es wohl, ihm zuzuhören?&ldquo; fragte Grau
+lächelnd.
</p>
<p>
@@ -5347,14 +5313,14 @@ lächelnd.
</p>
<p>
-&bdquo;Nun, ich meine nur!&ldquo; sagte Grau und lächelte.
+&bdquo;Nun, ich meine nur!&ldquo; sagte Grau und lächelte.
</p>
<p>
&bdquo;Ja, ich liebe es!&ldquo; antwortete der Mann mit dem
-Spitzbart und errötete ein wenig und blinzelte. &bdquo;Er
+Spitzbart und errötete ein wenig und blinzelte. &bdquo;Er
deklamiert oft die ganze Nacht bei mir, bis er zu lachen
-anfängt &mdash;&ldquo;
+anfängt &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
@@ -5362,57 +5328,57 @@ anfängt &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, zuletzt lacht er stets fürchterlich, so daß Sie
-Angst bekommen &mdash; dann wird er gefährlich &mdash; hier
-sind wir!&ldquo; Er öffnete das Gartentürchen und ließ
-Grau eintreten. Man hörte keinen Laut hier außen,
+&bdquo;Ja, zuletzt lacht er stets fürchterlich, so daß Sie
+Angst bekommen &mdash; dann wird er gefährlich &mdash; hier
+sind wir!&ldquo; Er öffnete das Gartentürchen und ließ
+Grau eintreten. Man hörte keinen Laut hier außen,
<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
auch das Haus lag ohne jedes Zeichen von Leben. Eine
ganz besondere Stille und Einsamkeit herrschte hier und
-auch der Wind, der leise um die Wände des Häuschens
+auch der Wind, der leise um die Wände des Häuschens
strich, schien ein besonderer Wind zu sein.
</p>
<p>
Der Mann mit dem gelben Gesicht klopfte an die
-Haustüre. Sie warteten und standen einander gegenüber.
+Haustüre. Sie warteten und standen einander gegenüber.
</p>
<p>
Grau sah sich seinen Begleiter aufmerksam an.
Eigentlich war das Gesicht nicht gelb, es spielte in allen
-Schattierungen von Gelb bis Grau, gegen die Schläfen
-zu ins Grünliche. Es war von tiefen Furchen durchzogen,
-die fächerartig von den Augenwinkeln ausgingen
+Schattierungen von Gelb bis Grau, gegen die Schläfen
+zu ins Grünliche. Es war von tiefen Furchen durchzogen,
+die fächerartig von den Augenwinkeln ausgingen
und sich hart um den Mund eingruben. Diese
Furchen waren grau und es schien als sei Schmutz
in ihnen. Der Bart am Kinn sprang vor wie ein
-Geißbart; seine Haare waren von unbestimmter Farbe,
+Geißbart; seine Haare waren von unbestimmter Farbe,
sie schienen feucht und klebend zu sein und waren
-grau an den Schläfen, obgleich der Mann die Dreißig
-kaum überschritten hatte. Seine Augen waren leicht
-entzündet, klein und neugierig bewegten sie sich in dem
-getrübten Weiß hin und her. Die Lider zwinkerten
-unaufhörlich.
+grau an den Schläfen, obgleich der Mann die Dreißig
+kaum überschritten hatte. Seine Augen waren leicht
+entzündet, klein und neugierig bewegten sie sich in dem
+getrübten Weiß hin und her. Die Lider zwinkerten
+unaufhörlich.
</p>
<p>
Dieses Gesicht verriet keinen bestimmten Charakter;
-Schüchternheit, Keckheit, Demut und Hochmut, Habgier,
+Schüchternheit, Keckheit, Demut und Hochmut, Habgier,
Bosheit und Argwohn, alles konnte man in diesen
-Zügen finden; aber Grau entdeckte ein Paar schöngezeichneter
+Zügen finden; aber Grau entdeckte ein Paar schöngezeichneter
Lippen, die sich zusammenzogen und gleichsam
-hinter dem dünnen Schnurrbart versteckten, der in
-feuchten, kurzen Büscheln über den Mund herabhing.
+hinter dem dünnen Schnurrbart versteckten, der in
+feuchten, kurzen Büscheln über den Mund herabhing.
</p>
<p>
-Ihre Blicke begegneten sich und plötzlich hörte der
-Mann mit dem Geißbart auf zu blinzeln; das Blut
+Ihre Blicke begegneten sich und plötzlich hörte der
+Mann mit dem Geißbart auf zu blinzeln; das Blut
<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
stieg ihm in die Wangen, als ob er tief erschrocken
-wäre, dann erbleichte er. Er griff hastig an den Hut
-und sagte mit kaum hörbarer Stimme: &bdquo;Eisenhut!&ldquo;
+wäre, dann erbleichte er. Er griff hastig an den Hut
+und sagte mit kaum hörbarer Stimme: &bdquo;Eisenhut!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -5422,20 +5388,20 @@ feucht und schlaff.
<p>
Eisenhut begann wieder zu blinzeln. Er legte sein
-gelbes Gesicht in Falten zu einem Lächeln, so daß man
-seine schlechten braunen Zähne sah, und sagte: &bdquo;Danke,
+gelbes Gesicht in Falten zu einem Lächeln, so daß man
+seine schlechten braunen Zähne sah, und sagte: &bdquo;Danke,
danke, es ist mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft
zu machen.&ldquo;
</p>
<p>
-Er sprach hastig, ruckweise, und man hätte sagen
-können, auch seine Stimme blinzelte.
+Er sprach hastig, ruckweise, und man hätte sagen
+können, auch seine Stimme blinzelte.
</p>
<p>
-Die Türe öffnete sich lautlos, und ein schmächtiges
-Mädchen, eine Hornbrille auf der großen Nase, stand
+Die Türe öffnete sich lautlos, und ein schmächtiges
+Mädchen, eine Hornbrille auf der großen Nase, stand
im Rahmen.
</p>
@@ -5444,55 +5410,55 @@ im Rahmen.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>G</span>uten Tag, Mütterchen!&ldquo; sagte Eisenhut zu dem
-schmächtigen Mädchen, das die Türe öffnete. Er
-deutete auf Grau und fügte geheimnisvoll hinzu: &bdquo;Hier
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>G</span>uten Tag, Mütterchen!&ldquo; sagte Eisenhut zu dem
+schmächtigen Mädchen, das die Türe öffnete. Er
+deutete auf Grau und fügte geheimnisvoll hinzu: &bdquo;Hier
ist ein Herr vom Gericht, der etwas von Ihnen will!&ldquo;
</p>
<p>
-Mütterchen krümmte sich zusammen und lugte scheu
-durch die Brille, aber sie versuchte zu lächeln.
+Mütterchen krümmte sich zusammen und lugte scheu
+durch die Brille, aber sie versuchte zu lächeln.
</p>
<p>
&bdquo;Keineswegs!&ldquo; rief Grau aus und zog den Hut
-und trat näher. &bdquo;Herr Eisenhut scherzt. Ich komme
+und trat näher. &bdquo;Herr Eisenhut scherzt. Ich komme
lediglich &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
Eisenhut lachte. &bdquo;Nein,&ldquo; unterbrach er Grau,
-&bdquo;haben Sie keine Angst, Mütterchen, es ist ein Herr,
+&bdquo;haben Sie keine Angst, Mütterchen, es ist ein Herr,
der Sie besuchen will, Herr Vikar Grau.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-Grau verbeugte sich und sagte, daß er so glücklich
+Grau verbeugte sich und sagte, daß er so glücklich
gewesen sei, Herrn Lenz kennen zu lernen, einen ausgezeichneten
und interessanten Mann, Herr Lenz habe
ihn zu einem Besuche aufgefordert.
</p>
<p>
-Mütterchen öffnete den welken Mund, ging ein paar
-kleine Schritte rückwärts und verbeugte sich schüchtern
-und mädchenhaft. Sie war klein, schmal, hüftenlos
-wie ein Mädchen. Mit den pechschwarzen Haaren
+Mütterchen öffnete den welken Mund, ging ein paar
+kleine Schritte rückwärts und verbeugte sich schüchtern
+und mädchenhaft. Sie war klein, schmal, hüftenlos
+wie ein Mädchen. Mit den pechschwarzen Haaren
und der gebogenen Nase sah sie wie eine kleine zusammengeschrumpfte
-Jüdin aus. Sie starrte mit großen
+Jüdin aus. Sie starrte mit großen
fragenden Augen, die wie bestaubter schwarzer Samt
-aussahen, zu Grau empor, dann schüttelte sie langsam
+aussahen, zu Grau empor, dann schüttelte sie langsam
den Kopf.
</p>
<p>
&bdquo;Sie haben ihn gesehen?&ldquo; fragte sie leise und
singend, und ihre Stimme zitterte. &bdquo;Er ist nicht hier!&ldquo;
-Sie schüttelte traurig den Kopf, dann fügte sie ganz
+Sie schüttelte traurig den Kopf, dann fügte sie ganz
leise hinzu: &bdquo;Er wird noch zu tun haben.&ldquo; Sie versuchte
-zu lächeln.
+zu lächeln.
</p>
<p>
@@ -5501,8 +5467,8 @@ rief Eisenhut boshaft aus und ging hinein ins Haus.
</p>
<p>
-Mütterchen stand ratlos, sie wußte nicht, was sie
-tun sollte. Sie zog den verblichenen türkischen Schal
+Mütterchen stand ratlos, sie wußte nicht, was sie
+tun sollte. Sie zog den verblichenen türkischen Schal
enger um die schmalen Schultern und blickte Grau
hilflos an.
</p>
@@ -5512,23 +5478,23 @@ Aber Grau ging nicht.
</p>
<p>
-Er sah Mütterchen an, die Türe, das Haus, er
+Er sah Mütterchen an, die Türe, das Haus, er
blickte auf die matten dunkeln Fenster, er wandte den
-Blick wiederum auf Mütterchen.
+Blick wiederum auf Mütterchen.
</p>
<p>
&bdquo;Wie fatal, wie fatal!&ldquo; sagte er, und es hatte den
Anschein als wolle er gehen. Aber er ging nicht. Er
<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-sann nach, errötete und begann plötzlich hastig zu
-sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wäre,
+sann nach, errötete und begann plötzlich hastig zu
+sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wäre,
den Herren nicht anzutreffen. Er habe sich so darauf
gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles mehr.
</p>
<p>
-&bdquo;Könnte ich nicht auf ihn warten?&ldquo;
+&bdquo;Könnte ich nicht auf ihn warten?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -5538,116 +5504,116 @@ gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles mehr.
<p>
&bdquo;Ja, warten, auf ihn warten!&ldquo; wiederholte Grau
und sah aus, als horche er in sich hinein. Er blickte
-wiederum auf das Haus, die Fenster, und fügte hinzu:
-&bdquo;Wäre es nicht möglich, daß er gerade jetzt käme?
-Aber natürlich, im Falle ich stören sollte? Gewiß erscheine
+wiederum auf das Haus, die Fenster, und fügte hinzu:
+&bdquo;Wäre es nicht möglich, daß er gerade jetzt käme?
+Aber natürlich, im Falle ich stören sollte? Gewiß erscheine
ich Ihnen zudringlich, Frau Lenz.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Stören?&ldquo; Mütterchen lächelte und schüttelte den
-Kopf. &bdquo;Der Herr stören keineswegs,&ldquo; flüsterte sie,
+&bdquo;Stören?&ldquo; Mütterchen lächelte und schüttelte den
+Kopf. &bdquo;Der Herr stören keineswegs,&ldquo; flüsterte sie,
&bdquo;wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?&ldquo; Sie
-trat zurück und forderte Grau mit einer linkischen,
-rührenden Verbeugung auf einzutreten.
+trat zurück und forderte Grau mit einer linkischen,
+rührenden Verbeugung auf einzutreten.
</p>
<p>
&bdquo;Die Ehrung ist auf meiner Seite!&ldquo; sagte Grau
-freudig und verbeugte sich ehrerbietig vor Mütterchen.
-&bdquo;Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Lenz!&ldquo;
+freudig und verbeugte sich ehrerbietig vor Mütterchen.
+&bdquo;Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Lenz!&ldquo;
</p>
<p>
-Mütterchen öffnete eine Türe zur rechten Hand. Das
+Mütterchen öffnete eine Türe zur rechten Hand. Das
erste, was Grau sah, als er in das von verbrauchter
-warmer Luft erfüllte Zimmer eintrat, war der am Boden
-hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glänzende,
-große Augen in einem fahlen, mageren Gesicht. Ein
-krankes, zwerghaftes Mädchen saß in einem Lehnstuhle,
-eine Decke über den Knien. Sie heftete unausgesetzt
-die großen Augen mit einem forschenden, starren
+warmer Luft erfüllte Zimmer eintrat, war der am Boden
+hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glänzende,
+große Augen in einem fahlen, mageren Gesicht. Ein
+krankes, zwerghaftes Mädchen saß in einem Lehnstuhle,
+eine Decke über den Knien. Sie heftete unausgesetzt
+die großen Augen mit einem forschenden, starren
Blick auf ihn. Das also ist Susanna, dachte Grau,
-von der der Lehrer sprach. Unwillkürlich wurde er
+von der der Lehrer sprach. Unwillkürlich wurde er
<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
kleiner, er duckte sich und sah nun nicht mehr so
heiter aus.
</p>
<p>
-&bdquo;Hier ist ein Herr, Susanna,&ldquo; sagte Mütterchen
+&bdquo;Hier ist ein Herr, Susanna,&ldquo; sagte Mütterchen
leise. &bdquo;Herr &mdash;?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Grau!&ldquo; Grau lächelte. Er ging auf die Kranke
-zu und begrüßte sie. Sie legte ihre kleine gelbe Hand
+&bdquo;Grau!&ldquo; Grau lächelte. Er ging auf die Kranke
+zu und begrüßte sie. Sie legte ihre kleine gelbe Hand
in die seinige, ohne auch nur eine Sekunde den Blick
von ihm zu wenden. Sie machte auch einen Versuch
aufzustehen, aber Grau erlaubte es nicht.
</p>
<p>
-&bdquo;Wie schön!&ldquo; sagte Susanna. &bdquo;Seien Sie herzlich
-willkommen. Es ist so selten, daß uns jemand besucht,
-so daß es mir stets wie ein Traum erscheint. Ach,
-Mütterchen, gib dem Herrn einen Stuhl.&ldquo; Graus Herz
+&bdquo;Wie schön!&ldquo; sagte Susanna. &bdquo;Seien Sie herzlich
+willkommen. Es ist so selten, daß uns jemand besucht,
+so daß es mir stets wie ein Traum erscheint. Ach,
+Mütterchen, gib dem Herrn einen Stuhl.&ldquo; Graus Herz
begann zu pochen, als Susanna zu sprechen anfing.
</p>
<p>
-Susanna sprach mit einer hohen dünnen Stimme
-und sehr leise. Wie Mütterchen so sang auch sie beim
+Susanna sprach mit einer hohen dünnen Stimme
+und sehr leise. Wie Mütterchen so sang auch sie beim
Sprechen ein wenig, aber ihre Stimme schien gleichsam
durch eine Wand zu kommen. Ihre Augen aber
-glänzten wie schwarze Spiegel, während sie sprach, und
+glänzten wie schwarze Spiegel, während sie sprach, und
sie sahen ihn unausgesetzt an. Die Lider schienen nicht
zu zucken. Sie sah gealtert aus und doch sah man,
-daß sie jung und noch nicht zwanzig Jahre alt war.
+daß sie jung und noch nicht zwanzig Jahre alt war.
Sie hatte ein Gesicht wie ein seltsamer Vogel. Ihr
-Hals war dünn und gelb und zwei schmale Sehnen
+Hals war dünn und gelb und zwei schmale Sehnen
hielten den kleinen, abgemagerten, vorgebeugten Kopf.
-Die Augen lagen tief und füllten die ganzen Augenhöhlen
+Die Augen lagen tief und füllten die ganzen Augenhöhlen
aus. Die Haare waren schwarz und glatt
-über der niedrigen Stirne gescheitelt, zwei dünne, straffgeflochtene
-Zöpfchen hingen über die Ohren herab, in
+über der niedrigen Stirne gescheitelt, zwei dünne, straffgeflochtene
+Zöpfchen hingen über die Ohren herab, in
denen sie Ringe mit langen silbernen Quasten trug.
</p>
<p>
<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-Grau bestellte die Grüße, die ihm die Mädchen
-aufgetragen hatten, und erzählte, welcher Zufall ihn
+Grau bestellte die Grüße, die ihm die Mädchen
+aufgetragen hatten, und erzählte, welcher Zufall ihn
hierher bringe.
</p>
<p>
&bdquo;Die Schwestern werden Sie morgen besuchen,&ldquo;
-fügte er hinzu.
+fügte er hinzu.
</p>
<p>
-Susanna lächelte ein wenig. Es war ein kleines,
-glückliches Lächeln, das nur mühsam den langen Weg
+Susanna lächelte ein wenig. Es war ein kleines,
+glückliches Lächeln, das nur mühsam den langen Weg
vom Herzen bis zu den Lippen zu finden schien.
&bdquo;Danke!&ldquo; sagte sie und blickte Grau an. &bdquo;Ich habe auch
-schon von Ihnen gehört, Herr Grau,&ldquo; fügte sie hinzu,
-&bdquo;und ich habe gewünscht Sie zu sehen &mdash; und nun
-sind Sie hier. &mdash; Wie eigentümlich ist doch das? Aber
-noch merkwürdiger ist es, daß ich mir gedacht habe,
-das muß Herr Grau sein, der mit Herrn Eisenhut
-über die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fühlte es.
-Ich weiß nicht warum.&ldquo; Sie sah Grau abermals
+schon von Ihnen gehört, Herr Grau,&ldquo; fügte sie hinzu,
+&bdquo;und ich habe gewünscht Sie zu sehen &mdash; und nun
+sind Sie hier. &mdash; Wie eigentümlich ist doch das? Aber
+noch merkwürdiger ist es, daß ich mir gedacht habe,
+das muß Herr Grau sein, der mit Herrn Eisenhut
+über die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fühlte es.
+Ich weiß nicht warum.&ldquo; Sie sah Grau abermals
aufmerksam an und drehte den Kopf etwas zur Seite,
-wie um besser seine Augen sehen zu können.
+wie um besser seine Augen sehen zu können.
</p>
<p>
-&bdquo;Das ist eigentümlich!&ldquo; sagte Grau lächelnd. &bdquo;Und
+&bdquo;Das ist eigentümlich!&ldquo; sagte Grau lächelnd. &bdquo;Und
doch hat jeder Mensch das so und so oft erlebt. Zum
Beispiel als ich hier ankam, sah ich im Friedhof
-einen Herrn und als ich später von Herrn Eisenhut
-reden hörte, wußte ich, daß er jener Herr sein müsse,
+einen Herrn und als ich später von Herrn Eisenhut
+reden hörte, wußte ich, daß er jener Herr sein müsse,
er und kein anderer.&ldquo;
</p>
@@ -5660,8 +5626,8 @@ er und kein anderer.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Merkwürdig. Vielen Dank für die Grüße, Herr
-Grau. Ich sah sie alle fünf über die Brücke gehen.
+&bdquo;Merkwürdig. Vielen Dank für die Grüße, Herr
+Grau. Ich sah sie alle fünf über die Brücke gehen.
Es waren die Schwestern Sinding von der Buchhandlung,
sie sind Zwillinge, Klara und Maria Sinding.
<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
@@ -5672,68 +5638,68 @@ Augen. &bdquo;Haben Sie die andere gesehen?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Fräulein von Hennenbach?&ldquo;
+&bdquo;Fräulein von Hennenbach?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ja, ja, ja! Haben Sie sie genau angesehen? Wie
-hat Sie Ihnen gefallen?&ldquo; Sie lächelte.
+hat Sie Ihnen gefallen?&ldquo; Sie lächelte.
</p>
<p>
-Sie war so gelb, so wächsern, so häßlich mit ihrer
+Sie war so gelb, so wächsern, so häßlich mit ihrer
Hakennase, den eingefallenen Wangen und der niedern
-Stirn, aber sobald sie lächelte, sah man all das nicht
-mehr, man sah nur das Lächeln; es verzauberte ihre
-Wangen, daß sie jung und süß wurden, ihre Lippen
-kräuselten sich und enthüllten eine Reihe schneeweißer
-Zähne, die Augenbrauen zogen sich ein wenig an der
-Nasenwurzel in die Höhe, der Glanz ihrer Augen veränderte
+Stirn, aber sobald sie lächelte, sah man all das nicht
+mehr, man sah nur das Lächeln; es verzauberte ihre
+Wangen, daß sie jung und süß wurden, ihre Lippen
+kräuselten sich und enthüllten eine Reihe schneeweißer
+Zähne, die Augenbrauen zogen sich ein wenig an der
+Nasenwurzel in die Höhe, der Glanz ihrer Augen veränderte
sich. Wenn sie darauf sprach, so war das
-Lächeln gleichsam in ihrer Stimme, sie wurde sanfter
-und singender. Mit dieser lächelnden Stimme wiederholte
+Lächeln gleichsam in ihrer Stimme, sie wurde sanfter
+und singender. Mit dieser lächelnden Stimme wiederholte
sie: &bdquo;Nun, wie hat sie Ihnen gefallen?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wie schön sie doch ist!&ldquo; sagte Grau und lächelte
+&bdquo;Wie schön sie doch ist!&ldquo; sagte Grau und lächelte
ebenfalls.
</p>
<p>
-Susanna nickte ein paarmal. &bdquo;Ja, wie schön sie
-doch ist!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Sie ist berückend schön, ja!
+Susanna nickte ein paarmal. &bdquo;Ja, wie schön sie
+doch ist!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Sie ist berückend schön, ja!
Wenn die zu mir kommt &mdash; und sie scheut sich nicht
zuweilen zu mir zu kommen, so stolz sie auch ist, wir
-sind Schulfreundinnen, müssen Sie wissen &mdash; wenn
+sind Schulfreundinnen, müssen Sie wissen &mdash; wenn
sie nun eintritt in das kleine Zimmer hier, so ist es
-mir, als wäre es Mai, Mai, und ich fühle mich gesund
-und stark und so reich werde ich plötzlich im Herzen.
-So schön ist sie! Ich liebe sie! Wie stolz sie geht!
+mir, als wäre es Mai, Mai, und ich fühle mich gesund
+und stark und so reich werde ich plötzlich im Herzen.
+So schön ist sie! Ich liebe sie! Wie stolz sie geht!
<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
Ganz anders wie andere Menschen! Wie langsam sie
-den Kopf bewegt! Ich liebe es schöne Menschen zu
-sehen, ich liebe es, man fühlt sich selbst schön bei
+den Kopf bewegt! Ich liebe es schöne Menschen zu
+sehen, ich liebe es, man fühlt sich selbst schön bei
ihrem Anblick. Ich liebe Adele besonders. Wenn ich
-ein Mann wäre, so würde ich nicht eher ruhen, als bis
+ein Mann wäre, so würde ich nicht eher ruhen, als bis
sie mich wiederliebte. Nun es waren ja auch alle
-Männer der Stadt in sie verliebt!&ldquo;
+Männer der Stadt in sie verliebt!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Jetzt nicht mehr?&ldquo; fragte er.
+Grau lächelte. &bdquo;Jetzt nicht mehr?&ldquo; fragte er.
</p>
<p>
-&bdquo;Freilich, aber sie hüten sich wohl es laut werden
+&bdquo;Freilich, aber sie hüten sich wohl es laut werden
zu lassen,&ldquo; fuhr sie geheimnistuerisch fort, &bdquo;denn sie
-hat sich über alle, alle lustig gemacht. Sie hat in
-Gesellschaft wieder erzählt, was sie zu ihr sagten &mdash;
+hat sich über alle, alle lustig gemacht. Sie hat in
+Gesellschaft wieder erzählt, was sie zu ihr sagten &mdash;
nun, das war ja vielleicht nicht recht von ihr &mdash; sie
-haben es alle wieder hören müssen, und dann &mdash; dann
+haben es alle wieder hören müssen, und dann &mdash; dann
sagen sie auch, sie lege es darauf an, jeden Mann an
sich zu ziehen &mdash; aber das ist ja immer so &mdash; auch
-er&ldquo; &mdash; sie flüsterte und deutete auf die Türe &mdash; &bdquo;auch
+er&ldquo; &mdash; sie flüsterte und deutete auf die Türe &mdash; &bdquo;auch
er, Herr Eisenhut, ist verliebt in sie, auch er!&ldquo;
</p>
@@ -5743,46 +5709,46 @@ ihn fragend an.
</p>
<p>
-&bdquo;Susanna!&ldquo; sagte Mütterchen. &bdquo;Wenn er es hört!&ldquo;
-Sie warf einen ängstlichen, argwöhnischen Blick auf
+&bdquo;Susanna!&ldquo; sagte Mütterchen. &bdquo;Wenn er es hört!&ldquo;
+Sie warf einen ängstlichen, argwöhnischen Blick auf
Grau.
</p>
<p>
Susanna lachte leise und hustete. &bdquo;Wie sollte er
-es hören können, Mütterchen, er kann es nicht hören
-und wenn er das Ohr an die Türe legt &mdash; Herr Grau
+es hören können, Mütterchen, er kann es nicht hören
+und wenn er das Ohr an die Türe legt &mdash; Herr Grau
wird ihm nichts verraten, du solltest dir deine Leute
doch ansehen. Aber der Herr steht ja immer noch,
-Mütterchen, siehst du es nicht? Ach, nicht diesen Stuhl,
+Mütterchen, siehst du es nicht? Ach, nicht diesen Stuhl,
mein Herr, er ist nicht fest auf den Beinen.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-Mütterchen hatte sich abgemüht einen großen Lehnsessel
+Mütterchen hatte sich abgemüht einen großen Lehnsessel
herbeizuschleppen und wartete bis Grau Platz
-nehmen wolle. Grau dankte und ließ sich nieder. Der
+nehmen wolle. Grau dankte und ließ sich nieder. Der
Stuhl war alt und knarrte, einen Augenblick lang glaubte
-Grau bis auf den Erdboden zu sinken. Aber schließlich
-saß er und es sah aus, als ob er nicht tiefer sinken
-sollte. Nun stand Mütterchen wieder wartend in der
-Ecke; in das Tuch gehüllt, mit der Brille sah sie wie
+Grau bis auf den Erdboden zu sinken. Aber schließlich
+saß er und es sah aus, als ob er nicht tiefer sinken
+sollte. Nun stand Mütterchen wieder wartend in der
+Ecke; in das Tuch gehüllt, mit der Brille sah sie wie
eine Eule aus.
</p>
<p>
-Susanna lächelte, blickte auf ihre gelben kleinen
-Hände und blickte wieder auf Grau.
+Susanna lächelte, blickte auf ihre gelben kleinen
+Hände und blickte wieder auf Grau.
</p>
<p>
-&bdquo;Aber das ist es ja nicht allein, daß sie so schön
+&bdquo;Aber das ist es ja nicht allein, daß sie so schön
ist!&ldquo; fuhr sie fort. &bdquo;Es ist noch etwas anderes.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie ist gewiß sehr eigentümlich.&ldquo;
+&bdquo;Sie ist gewiß sehr eigentümlich.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -5796,32 +5762,32 @@ in die Augen blickte.
</p>
<p>
-&bdquo;Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentümlich. Sie ist
+&bdquo;Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentümlich. Sie ist
wie eine Fremde und hat eine ganz andere Seele als
wir andern alle. Es ist so schwer sie zu kennen, und
niemals kennt man sie ganz, denn immer kommt etwas
Neues zum Vorschein. Man kann nie wissen, was sie
-fühlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint sich weder
+fühlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint sich weder
zu freuen, noch scheint sie zu leiden, ja manchmal
-könnte man glauben, sie habe gar kein Herz. Aber sie
-ist ja nichts als Güte, nur ist sie ganz anders gut als
+könnte man glauben, sie habe gar kein Herz. Aber sie
+ist ja nichts als Güte, nur ist sie ganz anders gut als
andere Menschen. Sie ist auch sehr mutig, unerschrocken
-und kaltblütig. Hören Sie, als es gebrannt hat im Schloß
-&mdash; Herr Grau haben wohl gehört von dem Brande &mdash;&ldquo;
+und kaltblütig. Hören Sie, als es gebrannt hat im Schloß
+&mdash; Herr Grau haben wohl gehört von dem Brande &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-&bdquo;Ich habe die Brandstätte gesehen.&ldquo;
+&bdquo;Ich habe die Brandstätte gesehen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;&mdash; was denken Sie, was sie tat? Sie ging
beim ersten Alarm zu ihrer Mutter ins Schlafzimmer
und gab ihr ein Schlafpulver in Zuckerwasser. Denn
-die Mutter Adeles ist leidend und wäre wohl vor
+die Mutter Adeles ist leidend und wäre wohl vor
Schrecken gestorben. Die Mutter hat es selbst den
-Schwestern Sinding erzählt. Ist das nicht bewundernswert?&ldquo;
+Schwestern Sinding erzählt. Ist das nicht bewundernswert?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -5830,12 +5796,12 @@ denkt!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, so rasch denkt sie! Der Gärtner bemerkte das
+&bdquo;Ja, so rasch denkt sie! Der Gärtner bemerkte das
Feuer zuerst, er ging leise zu den Leuten und weckte sie,
auch Adele. Sofort ging sie nun zu ihrer Mutter.
-Auch dann, während des Feuers, blieb sie so ruhig und
-gefaßt und gab an, was man tun sollte. Alle Leute
-hatten den Kopf verloren, auch die Feuerwehrmänner.
+Auch dann, während des Feuers, blieb sie so ruhig und
+gefaßt und gab an, was man tun sollte. Alle Leute
+hatten den Kopf verloren, auch die Feuerwehrmänner.
Es brennt so selten hier, das ist der Grund.&ldquo;
</p>
@@ -5844,55 +5810,55 @@ Es brennt so selten hier, das ist der Grund.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Mütterchen, wann war es wohl?&ldquo;
+&bdquo;Mütterchen, wann war es wohl?&ldquo;
</p>
<p>
-Mütterchen sagte: &bdquo;Mitte August!&ldquo;
+Mütterchen sagte: &bdquo;Mitte August!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Und wie entstand das Feuer? Es hat ja einen
-ganzen Flügel zerstört, nicht wahr?&ldquo;
+ganzen Flügel zerstört, nicht wahr?&ldquo;
</p>
<p>
-Das wisse niemand. Susanna schüttelte den Kopf.
-&bdquo;Niemand weiß es,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Ja, es hat einen
-ganzen Flügel zerstört und gerade den, der nicht bewohnt
+Das wisse niemand. Susanna schüttelte den Kopf.
+&bdquo;Niemand weiß es,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Ja, es hat einen
+ganzen Flügel zerstört und gerade den, der nicht bewohnt
war. Kein Mensch wohnte darin, kein Dienstbote,
niemand.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Welch ein Glück!&ldquo;
+&bdquo;Welch ein Glück!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ja, nicht wahr! Man hat wochenlang von nichts
anderem gesprochen. Vielleicht war es ein Racheakt.
<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-Aber man weiß es nicht. Sie dachten an ein Dienstmädchen,
+Aber man weiß es nicht. Sie dachten an ein Dienstmädchen,
das nicht richtig im Kopfe ist und das die
-Herrschaft entließ. Aber dieses Dienstmädchen war zu
+Herrschaft entließ. Aber dieses Dienstmädchen war zu
einer Hochzeit verreist, also konnte auch sie es nicht
-getan haben. Das Feuer muß von selbst entstanden sein.&ldquo;
+getan haben. Das Feuer muß von selbst entstanden sein.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Von selbst?&ldquo; Aber ein Feuer könne doch nicht von
-<a id="corr-4"></a>selbst entstehen? Grau schüttelte den Kopf.
+&bdquo;Von selbst?&ldquo; Aber ein Feuer könne doch nicht von
+<a id="corr-4"></a>selbst entstehen? Grau schüttelte den Kopf.
</p>
<p>
-&bdquo;Doch, ganz von selbst! Durch Wolle oder Vorhänge
-oder irgend etwas. Es war furchtbar für die
+&bdquo;Doch, ganz von selbst! Durch Wolle oder Vorhänge
+oder irgend etwas. Es war furchtbar für die
Familie. Denken Sie nur, all die alten kostbaren
-Möbel und Bilder, die verbrannt sind. Aber das ist
-es nicht allein. Sie müssen wissen, daß die Hennenbachs
+Möbel und Bilder, die verbrannt sind. Aber das ist
+es nicht allein. Sie müssen wissen, daß die Hennenbachs
sich seit Jahren in Schwierigkeiten befinden. Oh,
denken Sie doch, solch ein feines Haus! Der Freiherr
-war Major und ist ein Leben großen Stils gewöhnt,
+war Major und ist ein Leben großen Stils gewöhnt,
der Sohn, was er Geld brauchen mag &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -5901,32 +5867,32 @@ der Sohn, was er Geld brauchen mag &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; erwiderte Susanna ein wenig überrascht.
+&bdquo;Ja,&ldquo; erwiderte Susanna ein wenig überrascht.
&bdquo;Kennen Sie ihn?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich habe ihn ganz flüchtig kennen gelernt,&ldquo; antwortete
-Grau. &bdquo;Was ist das für ein Mensch, ich
-interessiere mich für ihn.&ldquo;
+&bdquo;Ich habe ihn ganz flüchtig kennen gelernt,&ldquo; antwortete
+Grau. &bdquo;Was ist das für ein Mensch, ich
+interessiere mich für ihn.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das? Ach, er ist ein sehr liebenswürdiger junger
+&bdquo;Das? Ach, er ist ein sehr liebenswürdiger junger
Mann, aber ein wenig &mdash; ein wenig &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Nun?&ldquo;
+Grau lächelte. &bdquo;Nun?&ldquo;
</p>
<p>
-Mütterchen in der Ecke sagte: &bdquo;Er ist ein Leichtfuß!&ldquo;
+Mütterchen in der Ecke sagte: &bdquo;Er ist ein Leichtfuß!&ldquo;
</p>
<p>
Susanna lachte leise: &bdquo;Aber wie kannst du das doch
-behaupten, Mütterchen! Nun, ja, er ist ein wenig leichtsinnig,
+behaupten, Mütterchen! Nun, ja, er ist ein wenig leichtsinnig,
Herr Grau. Und er ist verschwenderisch. Die
ganze Familie gibt das Geld leicht aus. Auch Adele
<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
@@ -5937,44 +5903,44 @@ Feuer aus! Sie waren hoch versichert.&ldquo;
<p>
Susanna blickte Grau lange an. &bdquo;Denken Sie, wie
-böse die Menschen sein können! Sie wissen, was ich
-meine!&ldquo; Susanna ballte die Fäuste.
+böse die Menschen sein können! Sie wissen, was ich
+meine!&ldquo; Susanna ballte die Fäuste.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Grau; &bdquo;es ist übrigens recht gut möglich,
-daß das Feuer von selbst entstanden ist,&ldquo; fügte er
-hinzu, &bdquo;durch Wolle, Späne oder irgend etwas.&ldquo;
+&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Grau; &bdquo;es ist übrigens recht gut möglich,
+daß das Feuer von selbst entstanden ist,&ldquo; fügte er
+hinzu, &bdquo;durch Wolle, Späne oder irgend etwas.&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna lächelte. &bdquo;Aber hören Sie, es war doch
-ein Glück dabei. Ja, ein großes Glück. Nämlich er,
+Susanna lächelte. &bdquo;Aber hören Sie, es war doch
+ein Glück dabei. Ja, ein großes Glück. Nämlich er,
der Major, er wollte keine Versicherung mehr bezahlen.
Auch die Freifrau nicht. Der Beamte der Gesellschaft
unterhandelte mit ihnen und da warf sich Adele ins
-Zeug und sagte, man müsse versichern. Die Freifrau
-hat es den Sindings-Mädchen erzählt. Wie gut, daß
+Zeug und sagte, man müsse versichern. Die Freifrau
+hat es den Sindings-Mädchen erzählt. Wie gut, daß
wir Adele nachgegeben haben, sagte sie.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das war allerdings Glück im Unglück!&ldquo; sagte Grau.
+&bdquo;Das war allerdings Glück im Unglück!&ldquo; sagte Grau.
</p>
<p>
-&bdquo;Aber ich wollte ja von Adele erzählen, wie eigentümlich
+&bdquo;Aber ich wollte ja von Adele erzählen, wie eigentümlich
sie ist,&ldquo; fuhr Susanna fort. &bdquo;Denken Sie,
-sie hat keine Miene gerührt, als das Feuer ausbrach
-und niemals darüber gesprochen. Sie war der einzige
+sie hat keine Miene gerührt, als das Feuer ausbrach
+und niemals darüber gesprochen. Sie war der einzige
Mensch in der Stadt, der nicht davon sprach, es war
-gerade, als ob nichts geschehen wäre. Auch den glücklichen
-Umstand, daß gerade sie es war, die auf die Erneuerung
-der Versicherung drang, ließ sie unerwähnt,
+gerade, als ob nichts geschehen wäre. Auch den glücklichen
+Umstand, daß gerade sie es war, die auf die Erneuerung
+der Versicherung drang, ließ sie unerwähnt,
zu keinem Menschen sprach sie davon. Auch als sie
sich verlobte &mdash; sie hat sich mit einem Baron Kirchgang
verlobt, aus einer sehr reichen und feinen Familie &mdash;
-ja, da hat sie ebenfalls keine Miene gerührt. So eigentümlich
+ja, da hat sie ebenfalls keine Miene gerührt. So eigentümlich
<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
ist sie. Manchmal scheint es als ob sie aus
einer andern Welt sei.&ldquo;
@@ -5991,7 +5957,7 @@ auch, nicht wahr?&ldquo;
<p>
&bdquo;Vielleicht ist sie aus einer andern Welt,&ldquo; sagte
-Grau mit eigentümlichen Lächeln.
+Grau mit eigentümlichen Lächeln.
</p>
<p>
@@ -6000,75 +5966,75 @@ Grau mit eigentümlichen Lächeln.
<p>
&bdquo;Nun, vielleicht ist sie aus einer andern Welt als
-der Erde. Weshalb sollte das nicht möglich sein?&ldquo;
+der Erde. Weshalb sollte das nicht möglich sein?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, wieso sollte es möglich sein?&ldquo; fragte sie.
+&bdquo;Ja, wieso sollte es möglich sein?&ldquo; fragte sie.
</p>
<p>
Grau zuckte die Achseln. &bdquo;Ja, wieso sollte es nicht
-möglich sein?&ldquo; fragte er.
+möglich sein?&ldquo; fragte er.
</p>
<p>
-Susanna sah ihn lange an, sie lächelte verwundert,
-dann schüttelte sie leise den Kopf und wandte den Blick
+Susanna sah ihn lange an, sie lächelte verwundert,
+dann schüttelte sie leise den Kopf und wandte den Blick
dem Fenster zu. Der Schnee schimmerte auf den
Feldern.
</p>
<p>
&bdquo;Ich werde jetzt mit Herrn Eisenhut reden, Susanna,&ldquo;
-sagte Mütterchen leise und wandte sich langsam der
-Küchentüre zu.
+sagte Mütterchen leise und wandte sich langsam der
+Küchentüre zu.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, tue das. Stelle es ihm vor, Mütterchen, nicht
-wahr? Du weißt ja, er hatte noch immer ein Einsehen.&ldquo;
+&bdquo;Ja, tue das. Stelle es ihm vor, Mütterchen, nicht
+wahr? Du weißt ja, er hatte noch immer ein Einsehen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Mütterchen kleinlaut. Dann wandte
-sie sich an Grau. &bdquo;Der Herr müssen mich einen
+&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Mütterchen kleinlaut. Dann wandte
+sie sich an Grau. &bdquo;Der Herr müssen mich einen
Augen &mdash; blick ent &mdash; schuldigen &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Mütterchen ist sehr scheu,&ldquo; flüsterte Susanna. &bdquo;Sie
-kann nicht sprechen, aber sie fühlt. Ich möchte Sie
+&bdquo;Mütterchen ist sehr scheu,&ldquo; flüsterte Susanna. &bdquo;Sie
+kann nicht sprechen, aber sie fühlt. Ich möchte Sie
auch bitten, nicht vom Vater zu sprechen in ihrer
-Gegenwart. Sie leidet so. Er war hier, ich weiß es.
+Gegenwart. Sie leidet so. Er war hier, ich weiß es.
Ich sah ihn zum Fenster hereinblicken, in der Nacht,
<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-und am Morgen, da sah ich die Fußspuren im Schnee.
-Mütterchen hat nichts gemerkt, das ist gut. Sie geht
+und am Morgen, da sah ich die Fußspuren im Schnee.
+Mütterchen hat nichts gemerkt, das ist gut. Sie geht
umher und denkt an ihn, aber sie spricht nichts. Manchmal,
-wenn es stürmt, beginnt sie zu weinen. Es ist
+wenn es stürmt, beginnt sie zu weinen. Es ist
solch schlimmes Wetter, sagt sie. Sonst nichts. Aber
-ich weiß, daß sie meint, Vater könnte draußen sein.
+ich weiß, daß sie meint, Vater könnte draußen sein.
So ist sie. Manchmal &mdash; ach, nicht oft &mdash; vielleicht
zwei-, dreimal im Jahr, da sagt sie: &sbquo;Wenn er doch
einen Brief schriebe!&lsquo; Dann kann sie nicht mehr schweigen,
-dann muß sie von ihm sprechen. Vater kommt so selten
+dann muß sie von ihm sprechen. Vater kommt so selten
&mdash; so selten! Er hat eine unruhige Seele, aber er ist
der allerbeste Mensch von der Welt.&ldquo; Sie hielt inne
-und lauschte gegen die Türe, hinter der man Stimmen
-hörte, sie zitterte ein wenig, dann sagte sie: &bdquo;Ich hoffe,
+und lauschte gegen die Türe, hinter der man Stimmen
+hörte, sie zitterte ein wenig, dann sagte sie: &bdquo;Ich hoffe,
Sie werden noch ein Weilchen dableiben, Herr Grau,
nicht wahr?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Mit dem größten Vergnügen,&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Ich
-liebe es, Ihnen zuzuhören. Aber ich muß meinen
-Mantel ablegen dürfen.&ldquo;
+&bdquo;Mit dem größten Vergnügen,&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Ich
+liebe es, Ihnen zuzuhören. Aber ich muß meinen
+Mantel ablegen dürfen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Natürlich, natürlich! Oh, denken Sie, wie ich mich
+&bdquo;Natürlich, natürlich! Oh, denken Sie, wie ich mich
gesehnt habe, mit jemand zu sprechen.&ldquo;
</p>
@@ -6083,13 +6049,13 @@ sprachen &mdash; er ist wohl Student?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Ich kann nicht verstehen, daß er
+Grau lächelte. &bdquo;Ich kann nicht verstehen, daß er
hier ist, wenn er doch Student ist. Er lebt wohl immer
hier bei seinen Eltern?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja. Er ist seit zwei Jahren an der Universität
+&bdquo;Ja. Er ist seit zwei Jahren an der Universität
eingetragen, aber er war noch nie dort.&ldquo;
</p>
@@ -6104,22 +6070,22 @@ eingetragen, aber er war noch nie dort.&ldquo;
<p>
&bdquo;Oh, bitte, es ist nur eine kleine Neugierde &mdash; aber
-sprechen Sie doch nun, bitte, Fräulein Lenz!&ldquo;
+sprechen Sie doch nun, bitte, Fräulein Lenz!&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna lächelte, sah Grau an und fuhr fort: &bdquo;Ja,
-ich freue mich, sprechen zu können. Ich führe zuweilen
-lange Gespräche mit mir selbst, ich spreche zu meiner
-Seele und meine Seele spricht zu mir. Und nun weiß
+Susanna lächelte, sah Grau an und fuhr fort: &bdquo;Ja,
+ich freue mich, sprechen zu können. Ich führe zuweilen
+lange Gespräche mit mir selbst, ich spreche zu meiner
+Seele und meine Seele spricht zu mir. Und nun weiß
ich ja nicht, wovon ich anfangen soll. Und denken
Sie, wie ich mich gesehnt habe, einen fremden Menschen,
einen neuen Menschen zu sehen!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Warum gerade das?&ldquo; Grau rückte den Stuhl
-näher heran.
+&bdquo;Warum gerade das?&ldquo; Grau rückte den Stuhl
+näher heran.
</p>
<p>
@@ -6127,22 +6093,22 @@ Susanna kicherte. &bdquo;Sie werden vielleicht lachen!&ldquo;
sagte sie mit hoher Stimme. &bdquo;Aber, nein, Sie werden
es wohl verstehen. Ich liebe es, ein neues Gesicht zu
sehen. Es ist mir fremd und gibt mir zu denken.
-Und ein neuer Mensch, hören Sie doch, was hat er
-alles gesehen und gehört! Die Menschen, die in unser
+Und ein neuer Mensch, hören Sie doch, was hat er
+alles gesehen und gehört! Die Menschen, die in unser
Haus kommen, was haben denn die gesehen? Sie
-haben die Stadt gesehen, den Wald, die Dörfer ringsumher,
+haben die Stadt gesehen, den Wald, die Dörfer ringsumher,
alle Gesichter, die auch ich gesehen habe, alles,
was sie gesehen haben, das kenne auch ich. Aber ein
-neuer, ein fremder Mensch! Er hat so viele Städte gesehen,
-ferne Städte mit wunderlichen Häusern und
-Türmen, und obwohl ich ja das nicht sehen kann, so
-ist es mir doch, als brächte er all das mit. Er hat
+neuer, ein fremder Mensch! Er hat so viele Städte gesehen,
+ferne Städte mit wunderlichen Häusern und
+Türmen, und obwohl ich ja das nicht sehen kann, so
+ist es mir doch, als brächte er all das mit. Er hat
fremde Menschen gesehen und mit ihnen gesprochen, all
das scheine ich auch zu erleben, wenn er zu mir kommt.
-Er hat gesehen, wie sie kämpfen da draußen um all
+Er hat gesehen, wie sie kämpfen da draußen um all
<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-die neuen Ideen &mdash; all das fühle ich. Er hat Musik
-gehört, große Werke, große Künstler, das alles bringt
+die neuen Ideen &mdash; all das fühle ich. Er hat Musik
+gehört, große Werke, große Künstler, das alles bringt
er mit zu mir herein. Er ist ein Erlebnis, denn all
die Zeitlang, die ich nun hier sitze oder liege &mdash; es ist ein
Jahr und noch ein halbes dazu &mdash; habe ich nur sechs
@@ -6151,18 +6117,18 @@ waren es.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wie lange sind Sie denn schon leidend, Fräulein
+&bdquo;Wie lange sind Sie denn schon leidend, Fräulein
Lenz?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Es ist nun,&ldquo; sagte Susanna und blickte in die
Weite, &bdquo;es ist nun vier Jahre. Aber erst die letzten
-Jahre ist es so schlecht, daß ich nur im Sommer noch
-ein wenig im Freien gehen kann.&ldquo; Sie lächelte. &bdquo;Trotzdem
-vergeht die Zeit sehr rasch für mich. Ja, mein
+Jahre ist es so schlecht, daß ich nur im Sommer noch
+ein wenig im Freien gehen kann.&ldquo; Sie lächelte. &bdquo;Trotzdem
+vergeht die Zeit sehr rasch für mich. Ja, mein
Gott, wo kommen doch die Tage hin? Es ist so selten,
-daß ich mich langweile &mdash;&ldquo;
+daß ich mich langweile &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
@@ -6171,10 +6137,10 @@ daß ich mich langweile &mdash;&ldquo;
<p>
&bdquo;So selten. Nur wenn es in meinem Kopfe leer
-wird, dann kann es geschehen, daß ich die Röschen der
-Tapete zähle, oder die Tassen im Glasschrank, oder
+wird, dann kann es geschehen, daß ich die Röschen der
+Tapete zähle, oder die Tassen im Glasschrank, oder
ausrechne wieviele Fingerbreiten wohl von hier zur
-Türschwelle sein mögen.&ldquo;
+Türschwelle sein mögen.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -6183,49 +6149,49 @@ Türschwelle sein mögen.&ldquo;
<p>
&bdquo;Ja, das mag sein. Es ist selten. Zuweilen ist es
-mir erlaubt zu lesen. Die Sindings bringen mir Bücher
-und Adele, die alle Bücher hat, die es nur gibt. Da
-lese ich dann. Diese Ideen! Ich liebe die Ideen, müssen
+mir erlaubt zu lesen. Die Sindings bringen mir Bücher
+und Adele, die alle Bücher hat, die es nur gibt. Da
+lese ich dann. Diese Ideen! Ich liebe die Ideen, müssen
sie wissen, die neuen! Ja, wie ganz anders er doch die
Welt betrachtet, denke ich. Ich liebe die Dichter! Siehst
du denn alle Menschen, von denen er spricht, sage ich
<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-zu mir. Siehst du sie? Manchmal schüttle ich den
+zu mir. Siehst du sie? Manchmal schüttle ich den
Kopf: Nein, sage ich, das ist nicht wahr. Aber ich liebe
die Dichter! Ich liebe die sanften, die zuweilen in den
-Büchern zu singen anfangen, so daß sie sagen: Ja, wie
-schön, wie schön ist das doch! Ich liebe die grausamen,
-die von wilden Herzen reden. Ich sitze und denke darüber
+Büchern zu singen anfangen, so daß sie sagen: Ja, wie
+schön, wie schön ist das doch! Ich liebe die grausamen,
+die von wilden Herzen reden. Ich sitze und denke darüber
nach, all das ist so fern, so fremd, aber ich denke,
von jeder dieser Personen hast du ein kleines Etwas,
-von jeder, sie mögen schlecht oder gut sein.&ldquo;
+von jeder, sie mögen schlecht oder gut sein.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wie schön Sie das sagten!&ldquo; sagte Grau bewundernd
+&bdquo;Wie schön Sie das sagten!&ldquo; sagte Grau bewundernd
und nickte.
</p>
<p>
-Susanna fuhr fort: &bdquo;Es ist schade, daß es mir verboten
-ist, viel zu lesen, denn sonst &mdash; ich würde ja Tag und
+Susanna fuhr fort: &bdquo;Es ist schade, daß es mir verboten
+ist, viel zu lesen, denn sonst &mdash; ich würde ja Tag und
Nacht lesen, ich tue alles leidenschaftlich, was ich tue.
Aber dann kann ich ja dasitzen und zum Fenster hinaussehen.
-Mütterchen hat den Stuhl so gestellt, daß ich
-zur Brücke sehen kann. Es kann nichts in die Stadt
+Mütterchen hat den Stuhl so gestellt, daß ich
+zur Brücke sehen kann. Es kann nichts in die Stadt
gehen, es kann nichts aus der Stadt kommen, ohne
-daß ich es sehe. Ist das nicht herrlich! Es ist nun
-so schön und spannend, dazusitzen und zu warten bis
-etwas kommt. Lange Zeit kann verstreichen, aber plötzlich
+daß ich es sehe. Ist das nicht herrlich! Es ist nun
+so schön und spannend, dazusitzen und zu warten bis
+etwas kommt. Lange Zeit kann verstreichen, aber plötzlich
&mdash; sagen wir &mdash; taucht der nickende Kopf eines
Pferdes auf. Ein Pferd! sage ich zu mir, und ich sehe
das Pferd noch, wenn es schon weit fort ist. Aber
-dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe <a id="corr-5"></a>auf dem
-Rücken, oder es kommen Kinder. Ich denke, werden
+dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe <a id="corr-5"></a>auf dem
+Rücken, oder es kommen Kinder. Ich denke, werden
sie ins Wasser spucken oder nicht. Aber da haben Sie
-sie schon an der Brüstung &mdash; immer sehen Kinder interessante
-Dinge im Wasser &mdash; und sie müssen hinunterspucken.
-Auch ich mußte es tun &mdash; auch Sie?&ldquo;
+sie schon an der Brüstung &mdash; immer sehen Kinder interessante
+Dinge im Wasser &mdash; und sie müssen hinunterspucken.
+Auch ich mußte es tun &mdash; auch Sie?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -6235,111 +6201,111 @@ Grau lachte. &bdquo;Ja,&ldquo; sagte er.
<p>
Susanna fuhr fort: &bdquo;Dann kommt die gelbe Postkutsche.
-Sie kommt in der Frühe und kehrt spät am
-Nachmittage zurück. Ich freue mich, so oft ich sie sehe,
-denn sie kommt regelmäßig wie ein Freund. Es scheint
-auch, als sei ich persönlich mit ihr verknüpft, sie ist
-wie ein Mensch! Ich muß lachen, wenn ich sie sehe,
+Sie kommt in der Frühe und kehrt spät am
+Nachmittage zurück. Ich freue mich, so oft ich sie sehe,
+denn sie kommt regelmäßig wie ein Freund. Es scheint
+auch, als sei ich persönlich mit ihr verknüpft, sie ist
+wie ein Mensch! Ich muß lachen, wenn ich sie sehe,
und manchmal winke ich ihr auch. Abends kann ich
sie jetzt nicht sehen im Winter, aber ich sehe, wie ein
-kleines Licht über die Brücke kriecht. Dann sehe ich
+kleines Licht über die Brücke kriecht. Dann sehe ich
den Schnee. Er schmiegt sich wie heute, er ist wie
-Sand, wenn es kalt ist &mdash; er glänzt, wenn es getaut
+Sand, wenn es kalt ist &mdash; er glänzt, wenn es getaut
hat und Frost darauf folgte. Er bewegt sich, wenn der
Wind weht, und manchmal da sieht es aus als tolle
-ein närrischer weißer Pudel im Felde herum. Dann
-sehe ich die Wolken. Sie können mich froh und leicht
-machen, sie können machen, daß mein Blut schneller
-läuft, daß mein Herz stockt, und es gibt solche, vor
+ein närrischer weißer Pudel im Felde herum. Dann
+sehe ich die Wolken. Sie können mich froh und leicht
+machen, sie können machen, daß mein Blut schneller
+läuft, daß mein Herz stockt, und es gibt solche, vor
denen ich mich leicht verneige, so drohend stehen sie da.
-Dann sehe ich die Pappeln an der Brücke. Sie sehen
-jetzt wie Besen aus, aber wenn es stürmt, so flattern
-sie wie Mähnen, und sie scheinen fürchterliche Angst zu
-haben. Fast immer sitzt eine Krähe dort oben auf der
-Spitze, sie sitzt und lugt aus und plötzlich fliegt sie fort.
+Dann sehe ich die Pappeln an der Brücke. Sie sehen
+jetzt wie Besen aus, aber wenn es stürmt, so flattern
+sie wie Mähnen, und sie scheinen fürchterliche Angst zu
+haben. Fast immer sitzt eine Krähe dort oben auf der
+Spitze, sie sitzt und lugt aus und plötzlich fliegt sie fort.
Aber sofort ist eine andere da, die ganz genau aussieht
-wie die erste, man könnte glauben, es sei immer die
+wie die erste, man könnte glauben, es sei immer die
gleiche. Wenn es dunkel wird, warte ich auf den ersten
Stern. Ich warte auf den Mond. Sie sehen, so
vergeht die Zeit, selbst im Winter gibt es so vieles
-zu sehen. Aber dann werde ich oft müde und muß
+zu sehen. Aber dann werde ich oft müde und muß
<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-die Augen schließen, und wissen Sie, was dann geschieht?&ldquo;
+die Augen schließen, und wissen Sie, was dann geschieht?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Dann träumen Sie!&ldquo;
+&bdquo;Dann träumen Sie!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, dann träume ich.&ldquo;
+&bdquo;Ja, dann träume ich.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Was träumen Sie denn?&ldquo;
+&bdquo;Was träumen Sie denn?&ldquo;
</p>
<p>
-Mannigfacher Art waren die Träume Susannas. Am
-liebsten aber träumte sie Musik. Ja, wenn sie nicht
-müde war, da träumte sie von Menschen; wie sie sprechen
+Mannigfacher Art waren die Träume Susannas. Am
+liebsten aber träumte sie Musik. Ja, wenn sie nicht
+müde war, da träumte sie von Menschen; wie sie sprechen
und denken und handeln, wie wunderlich sie sind; aber
-wenn sie zu müde dazu war, so träumte sie Musik.
+wenn sie zu müde dazu war, so träumte sie Musik.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich würde zu gern hören, in welcher Weise Sie das
-tun, Fräulein Lenz. Ich bin etwas neugierig, ich muß
-es gestehen. Aber ich werde mich gewiß revanchieren,
+&bdquo;Ich würde zu gern hören, in welcher Weise Sie das
+tun, Fräulein Lenz. Ich bin etwas neugierig, ich muß
+es gestehen. Aber ich werde mich gewiß revanchieren,
ich verspreche es Ihnen. Ich habe sehr viel erlebt und
-gesehen und das alles werde ich Ihnen erzählen. Aber
-vorläufig ist die Reihe an Ihnen.&ldquo;
+gesehen und das alles werde ich Ihnen erzählen. Aber
+vorläufig ist die Reihe an Ihnen.&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna zögerte eine Weile. Sie hatte gesprochen
+Susanna zögerte eine Weile. Sie hatte gesprochen
und gesprochen, wie es oft Menschen tun, die lange
allein gewesen sind mit ihren Gedanken. Nun erinnerte
-sie sich plötzlich, daß Grau ein Fremder war. Sie
-lächelte, aber Grau verstand es, ihr zuzureden.
+sie sich plötzlich, daß Grau ein Fremder war. Sie
+lächelte, aber Grau verstand es, ihr zuzureden.
</p>
<p>
Susanna blickte lange zur Seite, dann fuhr sie fort:
-&bdquo;Es kann eine Abendwolke sein, die über den Himmel
+&bdquo;Es kann eine Abendwolke sein, die über den Himmel
zieht und singt. Oder es kann sein &mdash; aber Sie werden
es besser verstehen: Zuerst, da ist es eine kleine Melodie,
das kleine Lied eines kleinen Vogels im Walde. Das
-ist die Flöte! Und es ist ganz leise. Es ist der kleine
-Vogel, der singt, und sein Lied schmeichelt den Bäumen.
+ist die Flöte! Und es ist ganz leise. Es ist der kleine
+Vogel, der singt, und sein Lied schmeichelt den Bäumen.
Sie beginnen sich zu wiegen und nun saust die Melodie
des kleinen Vogels im ganzen weiten Walde. Das
<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-sind die Violinen! Sie wiederholen, sie verändern die
-Melodie des kleinen Vogels, aber sie hören immer den
-kleinen Vogel singen. Plötzlich ist es wie ein Schreck,
+sind die Violinen! Sie wiederholen, sie verändern die
+Melodie des kleinen Vogels, aber sie hören immer den
+kleinen Vogel singen. Plötzlich ist es wie ein Schreck,
wie eine Warnung, das ist die Klarinette, die warnt,
-das ist die Trompete, die mit einem Stoß den Schreck
+das ist die Trompete, die mit einem Stoß den Schreck
hervorruft. Nun kommt der Sturm, die Pauken und
-die Baßgeigen, er jagt daher, der Wald braust und
+die Baßgeigen, er jagt daher, der Wald braust und
wiederholt klagend und furchtsam das Lied des kleinen
Vogels. Der aber ist ganz still. Der Sturm greift
den Wald an, um den Vogel zu vernichten, aber der
Wald verteidigt ihn. Der Sturm und der Wald
-kämpfen miteinander. Sie hören nur den kleinen Vogel
-lachen, denn er fürchtet sich nicht, er verspottet den
-Sturm. Das macht den Sturm rasend, er wütet gegen
+kämpfen miteinander. Sie hören nur den kleinen Vogel
+lachen, denn er fürchtet sich nicht, er verspottet den
+Sturm. Das macht den Sturm rasend, er wütet gegen
den Wald, aber endlich macht er sich grollend davon und
-die Bäume wiegen sich und sie hören den kleinen Vogel
-wieder wie am Anfang. &mdash; So ähnlich ist es, wenn
-ich Musik träume. Haha, ich kann es ja nicht in
-Worten wiedergeben &mdash; aber so ähnlich ist es, Sie
-müssen es sich eben ausmalen.&ldquo;
+die Bäume wiegen sich und sie hören den kleinen Vogel
+wieder wie am Anfang. &mdash; So ähnlich ist es, wenn
+ich Musik träume. Haha, ich kann es ja nicht in
+Worten wiedergeben &mdash; aber so ähnlich ist es, Sie
+müssen es sich eben ausmalen.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau zitterte. Ein eigentümliches Zittern machte
-seinen ganzen Körper erbeben.
+Grau zitterte. Ein eigentümliches Zittern machte
+seinen ganzen Körper erbeben.
</p>
<p>
@@ -6347,104 +6313,104 @@ seinen ganzen Körper erbeben.
</p>
<p>
-Grau gab sich Mühe gegen das Zittern anzukämpfen,
-aber es half nichts. &bdquo;Nein,&ldquo; sagte er und lächelte, &bdquo;ich
+Grau gab sich Mühe gegen das Zittern anzukämpfen,
+aber es half nichts. &bdquo;Nein,&ldquo; sagte er und lächelte, &bdquo;ich
friere nicht. Keineswegs. Ich hatte einmal Fieber, ich
-kam einem Fieberkranken zu nahe und daher rührt das
+kam einem Fieberkranken zu nahe und daher rührt das
Zittern. Seien Sie ganz unbesorgt und sprechen Sie
-ruhig weiter. Ich habe die Musik gehört, Fräulein Lenz,
-ich habe alle Instrumente gehört, so gut haben Sie das
+ruhig weiter. Ich habe die Musik gehört, Fräulein Lenz,
+ich habe alle Instrumente gehört, so gut haben Sie das
<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
beschrieben! Welche Melodie aber hat der kleine Vogel
-gesungen? Ich habe mir eine fröhliche, ein wenig kecke
+gesungen? Ich habe mir eine fröhliche, ein wenig kecke
Melodie gedacht.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Fröhlich und ein wenig keck, ja. Es war ja nur
+&bdquo;Fröhlich und ein wenig keck, ja. Es war ja nur
ein Beispiel, weil Sie es wissen wollten. Es kann auch
-sein, daß er traurig singt und es regnet, die Regentropfen
-singen dieselbe traurige Melodie, die Blätter, der
-Wind. Es muß auch nicht gerade ein Vogel sein, es
-kann ein junges Mädchen sein, das man in einen
-schönen Garten eingeschlossen hat und das in der Sonne
+sein, daß er traurig singt und es regnet, die Regentropfen
+singen dieselbe traurige Melodie, die Blätter, der
+Wind. Es muß auch nicht gerade ein Vogel sein, es
+kann ein junges Mädchen sein, das man in einen
+schönen Garten eingeschlossen hat und das in der Sonne
geht und singt.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Warum muß das Mädchen gerade eingeschlossen
+&bdquo;Warum muß das Mädchen gerade eingeschlossen
sein?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das weiß ich nicht. Aber ich fühle es so. Es
+&bdquo;Das weiß ich nicht. Aber ich fühle es so. Es
kann auch das Meer sein, das singt, oder Grotten oder
-eine Linde, in deren Zweigen Tausende von Vögeln
-hüpfen.&ldquo;
+eine Linde, in deren Zweigen Tausende von Vögeln
+hüpfen.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau schüttelte langsam den Kopf und Susanna
+Grau schüttelte langsam den Kopf und Susanna
sah ihn fragend an.
</p>
<p>
-&bdquo;Nun haben Sie sich verraten, Fräulein Lenz,&ldquo; sagte
-er, &bdquo;Sie sind ja ganz außerordentlich für Musik begabt.
+&bdquo;Nun haben Sie sich verraten, Fräulein Lenz,&ldquo; sagte
+er, &bdquo;Sie sind ja ganz außerordentlich für Musik begabt.
Sie komponieren ja im Kopfe!&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna lachte leise und errötete.
+Susanna lachte leise und errötete.
</p>
<p>
-&bdquo;Haben Sie auch schon als Kind solche Träume
+&bdquo;Haben Sie auch schon als Kind solche Träume
gehabt?&ldquo;
</p>
<p>
-Ja, da hatte Susanna gehört, daß die Glocken nicht
-einfach läuten, sondern ein Lied singen, auch das Wasser,
-das man in einen Krug laufen ließ, es sang.
+Ja, da hatte Susanna gehört, daß die Glocken nicht
+einfach läuten, sondern ein Lied singen, auch das Wasser,
+das man in einen Krug laufen ließ, es sang.
</p>
<p>
-&bdquo;Da haben wir es!&ldquo; Grau lachte. &bdquo;Sie müssen
+&bdquo;Da haben wir es!&ldquo; Grau lachte. &bdquo;Sie müssen
Musik von Grund auf studieren. Spielen Sie ein Instrument?
<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-Nein? Das schadet nichts; Sie müssen unbedingt
+Nein? Das schadet nichts; Sie müssen unbedingt
ein Piano haben!&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna hörte ihm erstaunt zu, sie sah froh aus
-und sie lächelte und sagte mit hoher Stimme: &bdquo;Ich
+Susanna hörte ihm erstaunt zu, sie sah froh aus
+und sie lächelte und sagte mit hoher Stimme: &bdquo;Ich
kann aber doch nicht spielen!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Das? Was das anbelangt &mdash; da seien Sie ganz
-außer Sorge. Sie werden es sehr schnell lernen. Ich
-habe Ihre Hände betrachtet, die Glieder der Finger
-sind so fein, so fein und voll nervöser Kraft, ja, schön
-sind Ihre Hände, Fräulein Lenz. Oh, vergeben Sie
-mir, wenn das zu kühn ist. Es fällt mir natürlich
+außer Sorge. Sie werden es sehr schnell lernen. Ich
+habe Ihre Hände betrachtet, die Glieder der Finger
+sind so fein, so fein und voll nervöser Kraft, ja, schön
+sind Ihre Hände, Fräulein Lenz. Oh, vergeben Sie
+mir, wenn das zu kühn ist. Es fällt mir natürlich
gar nicht ein, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, weder
Ihnen noch sonst jemandem, nein, aber wenn etwas
-schön ist, warum soll ich es nicht beim Namen nennen
-&mdash; nicht wahr? Ja, Sie haben Hände zum Klavierspielen,
+schön ist, warum soll ich es nicht beim Namen nennen
+&mdash; nicht wahr? Ja, Sie haben Hände zum Klavierspielen,
in einem Vierteljahr werden Sie schon ganz
-prächtig spielen &mdash; nach einem Jahr oder zwei Jahren
+prächtig spielen &mdash; nach einem Jahr oder zwei Jahren
aber ausgezeichnet. Ich erbiete mich, Ihnen Unterricht
-zu geben. Meine Kenntnisse sind gering, aber für den
-Anfang, da kann ich schon zu gebrauchen sein, später,
+zu geben. Meine Kenntnisse sind gering, aber für den
+Anfang, da kann ich schon zu gebrauchen sein, später,
da wird sich ja alles finden &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna hörte ihm zu und lächelte. Sie erwiderte
-nichts darauf, aber ihr Blick wurde plötzlich düster.
+Susanna hörte ihm zu und lächelte. Sie erwiderte
+nichts darauf, aber ihr Blick wurde plötzlich düster.
Dieser Blick sagte: Ja, was spricht er denn von Jahren
und Jahren, sieht er denn nicht, wie es um mich steht?
</p>
@@ -6452,54 +6418,54 @@ und Jahren, sieht er denn nicht, wie es um mich steht?
<p>
Dann sagte sie leise: &bdquo;Sie sind gut, Herr Grau.
Zuweilen da blicken Sie so streng, aber Ihre Augen
-sehen immer gütig aus. Ich habe gehört, wie tatkräftig
-Sie sich der alten unglücklichen Frau Sammet angenommen
+sehen immer gütig aus. Ich habe gehört, wie tatkräftig
+Sie sich der alten unglücklichen Frau Sammet angenommen
haben &mdash; ich &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
Aber davon wollte Grau nichts wissen. Er lachte
-und sagte: &bdquo;Das ist mein Privatvergnügen. Es macht
+und sagte: &bdquo;Das ist mein Privatvergnügen. Es macht
mir Freude, das ist es. Ich habe ja im Grunde genommen
-nichts für die Arme getan. Eine Kollekte,
+nichts für die Arme getan. Eine Kollekte,
das war alles. Habe ich mit dieser alten Frau gelitten,
-habe ich sie etwa an die Brust gedrückt, ihren Scheitel,
-ihre Wangen gestreichelt, ihre Stirn geküßt, hat man
-etwas derartiges etwa erzählt? Wie? &mdash; Habe ich ihr
-Handreichungen getan, da sie vor Schmerz nicht wußte
+habe ich sie etwa an die Brust gedrückt, ihren Scheitel,
+ihre Wangen gestreichelt, ihre Stirn geküßt, hat man
+etwas derartiges etwa erzählt? Wie? &mdash; Habe ich ihr
+Handreichungen getan, da sie vor Schmerz nicht wußte
wo aus und wo ein? Nein, all das habe ich nicht getan.
Leider nicht. Es ist also nicht richtig, was Sie sagen.
-Ein Dame hier hat mir gesagt, ich hätte bei der Beerdigung
-schön gesprochen. Ich habe mich geschämt.
-Schön! Ach nein, schlecht, ein paar armselige Worte
-habe ich gesagt und die Scheu vor all den Zuhörern
-war größer als mein Mitgefühl mit der unglücklichen
+Ein Dame hier hat mir gesagt, ich hätte bei der Beerdigung
+schön gesprochen. Ich habe mich geschämt.
+Schön! Ach nein, schlecht, ein paar armselige Worte
+habe ich gesagt und die Scheu vor all den Zuhörern
+war größer als mein Mitgefühl mit der unglücklichen
Mutter. Sie sind also im Irrtum &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Da kam Mütterchen ins Zimmer. Susanna wurde
-unruhig und sagte: &bdquo;Es muß heute schön draußen sein,
+Da kam Mütterchen ins Zimmer. Susanna wurde
+unruhig und sagte: &bdquo;Es muß heute schön draußen sein,
der Schnee ist so weich.&ldquo;
</p>
<p>
-Mütterchen sah niedergeschlagen und entmutigt aus.
-Sie hatte feuchte Augen. &bdquo;Er hat nein gesagt!&ldquo; flüsterte
+Mütterchen sah niedergeschlagen und entmutigt aus.
+Sie hatte feuchte Augen. &bdquo;Er hat nein gesagt!&ldquo; flüsterte
sie Susanna zu. Sie stellte eine Tasse neben Grau.
</p>
<p>
&bdquo;Nein?&ldquo; jagte Susanna erschrocken. Sie blickte zu
-Boden, errötete, dann setzte sie hinzu, indem sie Mütterchens
-Hand streichelte: &bdquo;Ach, Mütterchen, du mußt den
-Mut nicht sinken lassen. Du weißt, er will gebeten
-sein, er ließ sich stets nach einigen Tagen erweichen.&ldquo;
+Boden, errötete, dann setzte sie hinzu, indem sie Mütterchens
+Hand streichelte: &bdquo;Ach, Mütterchen, du mußt den
+Mut nicht sinken lassen. Du weißt, er will gebeten
+sein, er ließ sich stets nach einigen Tagen erweichen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; hauchte Mütterchen hoffnungslos und goß
+&bdquo;Ja,&ldquo; hauchte Mütterchen hoffnungslos und goß
Kaffee in die Tasse.
</p>
@@ -6510,40 +6476,40 @@ und sprang auf.
</p>
<p>
-&bdquo;Ein Täßchen Kaffee, wenn der Herr mir die Ehre
+&bdquo;Ein Täßchen Kaffee, wenn der Herr mir die Ehre
antun wollen.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau sah Mütterchen lange an, seine Augen glänzten.
-&bdquo;Wie liebenswürdig von Ihnen,&ldquo; sagte er und drückte
-Mütterchen die Hand. &bdquo;Ich breche in Ihr Haus ein,
+Grau sah Mütterchen lange an, seine Augen glänzten.
+&bdquo;Wie liebenswürdig von Ihnen,&ldquo; sagte er und drückte
+Mütterchen die Hand. &bdquo;Ich breche in Ihr Haus ein,
ich bin ein Fremder, das ist mir noch nie passiert, ich
danke Ihnen!&ldquo; Er verneigte sich dankbar und setzte
sich wieder.
</p>
<p>
-Aber da war das Unglück schon geschehen. Durch
-die Küchentüre nämlich war ein freches braunes Huhn
+Aber da war das Unglück schon geschehen. Durch
+die Küchentüre nämlich war ein freches braunes Huhn
in die Stube spaziert und stolzte keck im Zimmer
umher.
</p>
<p>
-Mütterchen erstarrte vor Schrecken. &bdquo;Da ist &mdash;
+Mütterchen erstarrte vor Schrecken. &bdquo;Da ist &mdash;
nun &mdash; diese &mdash;&ldquo; Sie blickte starr und hilflos auf
Grau. &bdquo;Hsch, hsch &mdash; du ungezogene &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Putt &mdash; putt,&ldquo; machte Grau. &bdquo;Ein schönes Huhn.
-Sie halten Hühner, Frau Lenz, seht an.&ldquo; Er blickte
+&bdquo;Putt &mdash; putt,&ldquo; machte Grau. &bdquo;Ein schönes Huhn.
+Sie halten Hühner, Frau Lenz, seht an.&ldquo; Er blickte
freundlich auf die Henne als sei sie ein Mensch.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, in der Küche &mdash; aber &mdash; der Herr müssen
+&bdquo;Ja, in der Küche &mdash; aber &mdash; der Herr müssen
entschuldigen &mdash; mein ganzes Leben bin ich noch nicht
so in Verlegenheit gebracht worden &mdash; wie mich diese
ungezogene &mdash; hsch, hsch &mdash; Kreatur blamiert &mdash; Geh
@@ -6551,24 +6517,24 @@ hinaus, Klatschbase.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Klatschbase, so heißt sie,&ldquo; erklärte Susanna, &bdquo;weil
+&bdquo;Klatschbase, so heißt sie,&ldquo; erklärte Susanna, &bdquo;weil
sie so viel gackert.&ldquo;
</p>
<p>
Klatschbase segelte endlich gackernd und schreiend zur
-Türe hinaus, nicht ohne vorher zu zeigen, daß sie ein
-echtes Huhn sei. &bdquo;O &mdash; o &mdash;&ldquo; hauchte Mütterchen,
+Türe hinaus, nicht ohne vorher zu zeigen, daß sie ein
+echtes Huhn sei. &bdquo;O &mdash; o &mdash;&ldquo; hauchte Mütterchen,
<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
aber Grau hatte es gar nicht bemerkt. Er sprach mit
-Susanna. Da habe sie recht, ein schöner Tag sei
+Susanna. Da habe sie recht, ein schöner Tag sei
heute. &bdquo;In der Stadt hacken sie das Eis auf,&ldquo; sagte
-er. &bdquo;Es kann nun nicht mehr lange währen, bis der
-Frühling kommt.&ldquo;
+er. &bdquo;Es kann nun nicht mehr lange währen, bis der
+Frühling kommt.&ldquo;
</p>
<p>
-Susannas Augen glänzten. Sie blickte Grau erstaunt
+Susannas Augen glänzten. Sie blickte Grau erstaunt
und lange an.
</p>
@@ -6577,40 +6543,40 @@ und lange an.
</p>
<p>
-&bdquo;Als ob Sie erraten hätten, worauf ich warte!&ldquo;
+&bdquo;Als ob Sie erraten hätten, worauf ich warte!&ldquo;
sagte sie langsam. &bdquo;Denn die Wahrheit zu sprechen,
-ich sitze den ganzen Tag hier und warte auf den Frühling.
+ich sitze den ganzen Tag hier und warte auf den Frühling.
Ich warte auf ihn, ich liebe ihn, mein Herz
klopft, denke ich an ihn. Er ist mein Geliebter. Sie
lieben ihn auch?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Ja, wer liebt ihn nicht?&ldquo; sagte
+Grau lächelte. &bdquo;Ja, wer liebt ihn nicht?&ldquo; sagte
er. &bdquo;Es gibt auf der ganzen weiten Welt nicht einen
einzigen Menschen, der ihn nicht liebt, er kann noch so
-mißmutig sein.&ldquo;
+mißmutig sein.&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna fieberte bei dem Gedanken an den Frühling.
-Sie lächelte und atmete tief. &bdquo;Oft denke ich,&ldquo;
-fuhr sie fort, &bdquo;ob es sich nicht jetzt schon rührt da
+Susanna fieberte bei dem Gedanken an den Frühling.
+Sie lächelte und atmete tief. &bdquo;Oft denke ich,&ldquo;
+fuhr sie fort, &bdquo;ob es sich nicht jetzt schon rührt da
drinnen in der kalten Erde, ob nicht die Keime schon
ein wenig erwachen und sich dehnen, all die tausend,
-tausend Keime da drunten. Denn hören Sie, sie
-müssen sich ja jetzt schon dehnen, denn haben Sie nicht
-plötzlich schon ein Schneeglöckchen im Walde angetroffen,
-wie? Also müssen sie wohl oder übel jetzt schon beginnen,
+tausend Keime da drunten. Denn hören Sie, sie
+müssen sich ja jetzt schon dehnen, denn haben Sie nicht
+plötzlich schon ein Schneeglöckchen im Walde angetroffen,
+wie? Also müssen sie wohl oder übel jetzt schon beginnen,
nicht wahr? Ich freue mich auf all das, was
jetzt kommt, denn der Winter war doch recht lang.
-Wenn er schon kommt, der Frühling! Guter Gott,
+Wenn er schon kommt, der Frühling! Guter Gott,
<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-wie weht es doch! Er haucht! Man spürt es an der
-Schläfe, vor allem an der Schläfe, da haucht es, als
+wie weht es doch! Er haucht! Man spürt es an der
+Schläfe, vor allem an der Schläfe, da haucht es, als
ob ein warmer Mund hauche. Wie warm es haucht!
Denken Sie daran, wenn Sie hinaustraten und dachten,
-ja, was ist dies plötzlich, so warm? Dann fassen
+ja, was ist dies plötzlich, so warm? Dann fassen
Sie etwas an, einen Ast, er ist feucht, er klebt! Das
ist, wenn er kommt.&ldquo;
</p>
@@ -6618,14 +6584,14 @@ ist, wenn er kommt.&ldquo;
<p>
Sie schwieg. Dann, nach einer langen Weile sagte
sie &mdash; und es klang wie ein frohes Seufzen: &bdquo;Dann
-wächst das Gras!&ldquo;
+wächst das Gras!&ldquo;
</p>
<p>
Nein, dachte Grau, es klang nicht nur wie ein
frohes Seufzen, nimmermehr wirst du das vergessen
-können, es klang wie eine Liebkosung, es klang wie
-ein Gebet. So eigentümlich sagte sie es, daß er einen
+können, es klang wie eine Liebkosung, es klang wie
+ein Gebet. So eigentümlich sagte sie es, daß er einen
Schmerz in der Brust empfand, einen leisen Stich.
Er sprach nichts, er war still und blickte auf Susanna.
</p>
@@ -6634,16 +6600,16 @@ Er sprach nichts, er war still und blickte auf Susanna.
&bdquo;Dann regnet es und Sie lachen!&ldquo; fuhr Susanna
fort. &bdquo;Es regnet und Sie lachen! Ja, regne nur,
regne nur, denken Sie und lachen, denn jetzt kommt
-er. Sie schließen die Augen und schlafen und Sie
-träumen, wie es sich regt im Lande, die Wolken, die
+er. Sie schließen die Augen und schlafen und Sie
+träumen, wie es sich regt im Lande, die Wolken, die
Erde, die Luft, alles ist in Bewegung. Die Luft ist
-süß wie Milch, das Wasser wie Wein, die Menschen sind
+süß wie Milch, das Wasser wie Wein, die Menschen sind
freundlicher geworden. Im Walde da riecht es, der
Schuh sinkt in den Boden, nasses, faulendes Laub.
-Dann kommt der erste Keim hervor, das erste Grün,
+Dann kommt der erste Keim hervor, das erste Grün,
die erste Blume. Kommen denn nicht die Tiere des
-Waldes zusammen, die Hasen und Rehe und Eichhörnchen,
-Igel und Füchse, die Raben und die Marder, diese erste
+Waldes zusammen, die Hasen und Rehe und Eichhörnchen,
+Igel und Füchse, die Raben und die Marder, diese erste
Blume zu sehen? Wie aber sieht es unter den Hecken
<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
aus! &mdash; Ja, wie sieht es denn da aus?&ldquo; rief sie und
@@ -6652,56 +6618,56 @@ ist &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Plötzlich fiel etwas vor dem Fenster draußen herab,
-dann tanzte eine weiße Flaumfeder herab, zwei, drei
+Plötzlich fiel etwas vor dem Fenster draußen herab,
+dann tanzte eine weiße Flaumfeder herab, zwei, drei
kleine Federchen folgten, nun fielen einige Flocken zu
-gleicher Zeit und dann so viele, als ob man Hände voll
-Federchen in die Luft streue, die Luft war grau getüpfelt.
+gleicher Zeit und dann so viele, als ob man Hände voll
+Federchen in die Luft streue, die Luft war grau getüpfelt.
Sie fielen immer dichter, sie wirbelten, tanzten, taumelten
kreuz und quer, klebten an den Scheiben, und endlich
-schossen weiße und graue Streifen durch die Luft und
-verhüllten den Ausblick. Es schneite ordentlich. Sofort
+schossen weiße und graue Streifen durch die Luft und
+verhüllten den Ausblick. Es schneite ordentlich. Sofort
wurde es dunkel im Zimmer und Susannas Augen
-glänzten aus einem fahlen ledergelben Flecken.
+glänzten aus einem fahlen ledergelben Flecken.
</p>
<p>
-Susanna aber sah es nicht, sie sprach vom Frühling,
-den Bächen, den Wiesen, den Wolken, vom Himmel,
-diesem blauen schimmernden Frühlingshimmel! Glanz
+Susanna aber sah es nicht, sie sprach vom Frühling,
+den Bächen, den Wiesen, den Wolken, vom Himmel,
+diesem blauen schimmernden Frühlingshimmel! Glanz
und Herrlichkeit &mdash;
</p>
<p>
&bdquo;Sie gehen in den Wald!&ldquo; sagte sie fiebrisch. &bdquo;Sie
gehen hinein wie in eine Kirche. Die Buchen stehen
-da, naß und fleckig, sie haben Knospen wie grüne
-Blüten überall, aber der Boden des Waldes ist von
-Anemonen gefärbt. Sie kommen an einen Hang, der
-ist ganz gelb: Das sind die Schlüsselblumen, sie kommen
-über die Wiese, da steht das Schaumkraut, so blau, so
+da, naß und fleckig, sie haben Knospen wie grüne
+Blüten überall, aber der Boden des Waldes ist von
+Anemonen gefärbt. Sie kommen an einen Hang, der
+ist ganz gelb: Das sind die Schlüsselblumen, sie kommen
+über die Wiese, da steht das Schaumkraut, so blau, so
duftig. Sie kommen an einen Bach, der ist golden
-gesäumt, das sind die Dotterblumen, mit einem Griff
-können Sie einen ganzen Strauß pflücken, sie sind so
-saftig und innen glänzen sie wie Schmalz. Das Gras
-wächst und wächst und wächst, es wird immer länger,
+gesäumt, das sind die Dotterblumen, mit einem Griff
+können Sie einen ganzen Strauß pflücken, sie sind so
+saftig und innen glänzen sie wie Schmalz. Das Gras
+wächst und wächst und wächst, es wird immer länger,
<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-und wenn nun der Wind weht, so zittern die Gräser
+und wenn nun der Wind weht, so zittern die Gräser
nicht mehr, sie schwingen sich, sie wiegen sich, ganze
Wellen. Oft liege ich stundenlang hier und denke wie
-der Wind über die Wiese streicht und die Wiese gibt
-sanft nach. Wie schön wäre es, barfüßig im Grase zu
+der Wind über die Wiese streicht und die Wiese gibt
+sanft nach. Wie schön wäre es, barfüßig im Grase zu
gehen!&ldquo;
</p>
<p>
-Ihre Augen fieberten, ihre Wangen röteten sich.
+Ihre Augen fieberten, ihre Wangen röteten sich.
Sie lachte und hustete.
</p>
<p>
&bdquo;Du sollst solche Gedanken gar nicht haben,&ldquo; sagte
-Mütterchen.
+Mütterchen.
</p>
<p>
@@ -6721,7 +6687,7 @@ sage ich Ihnen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das kann ich wohl merken, Fräulein Susanna!&ldquo;
+&bdquo;Das kann ich wohl merken, Fräulein Susanna!&ldquo;
sagte Grau. &bdquo;Oh &mdash; verzeihen Sie mir die vertrauliche
Anrede, sie kam ganz von selbst auf meine Lippen.&ldquo;
</p>
@@ -6730,27 +6696,27 @@ Anrede, sie kam ganz von selbst auf meine Lippen.&ldquo;
Susanna verneigte sich in ihrem Sessel. &bdquo;Das
ehrt mich!&ldquo; sagte sie und sah Grau erfreut an. &bdquo;Ja,
ich liebe sie!&ldquo; fuhr sie fort und rang ein wenig die
-kleinen mageren Hände. &bdquo;Sie sind wie Kinder. So
-schön sind sie, so still und geduldig. Sie blühen auf
-und sterben, und niemand hat sie gehört, daß sie sich
-beklagten. Es scheint mir, die Menschen könnten viel
+kleinen mageren Hände. &bdquo;Sie sind wie Kinder. So
+schön sind sie, so still und geduldig. Sie blühen auf
+und sterben, und niemand hat sie gehört, daß sie sich
+beklagten. Es scheint mir, die Menschen könnten viel
von ihnen lernen. Dann tun sie auch niemand etwas
zu leide, sie leben ja von Erde, Tau und Luft. Sie
freuen sich, wenn die Sonne scheint, und wenn es Abend
<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-wird, da schließen sie die Kelche und stehen schlafend
-da. Können Sie sich eine ganze Wiese oder einen Abhang
+wird, da schließen sie die Kelche und stehen schlafend
+da. Können Sie sich eine ganze Wiese oder einen Abhang
vorstellen in der Nacht, alle Blumen haben die
-Kelche geschlossen und schlafen? Können Sie das? Ich
-kann es, denn ich beschäftige mich unausgesetzt mit
-solchen Dingen. Das alles habe ich von Mütterchen
-gelernt, nicht wahr, Mütterchen? Sie liebt die Blumen
+Kelche geschlossen und schlafen? Können Sie das? Ich
+kann es, denn ich beschäftige mich unausgesetzt mit
+solchen Dingen. Das alles habe ich von Mütterchen
+gelernt, nicht wahr, Mütterchen? Sie liebt die Blumen
so sehr.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau wandte Mütterchen den Blick zu, und sie
-sagte: &bdquo;Früher, ja, früher da liebte ich sie.&ldquo;
+Grau wandte Mütterchen den Blick zu, und sie
+sagte: &bdquo;Früher, ja, früher da liebte ich sie.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -6758,9 +6724,9 @@ sagte: &bdquo;Früher, ja, früher da liebte ich sie.&ldquo;
</p>
<p>
-Es gäbe so manches, sagte Mütterchen, nahm die
-Tasse und ging hinaus. Sie kam mit der gefüllten
-Tasse zurück und stellte sie neben Grau hin, ohne ein
+Es gäbe so manches, sagte Mütterchen, nahm die
+Tasse und ging hinaus. Sie kam mit der gefüllten
+Tasse zurück und stellte sie neben Grau hin, ohne ein
Wort zu sagen.
</p>
@@ -6773,25 +6739,25 @@ Wort zu sagen.
</p>
<p>
-Susanna aber fuhr fort vom Frühling zu sprechen.
-Draußen schneite und wehte es, aber sie sah es nicht.
-Sie sah wie die Blumen im Gärtchen draußen wuchsen,
+Susanna aber fuhr fort vom Frühling zu sprechen.
+Draußen schneite und wehte es, aber sie sah es nicht.
+Sie sah wie die Blumen im Gärtchen draußen wuchsen,
all die Nelken, Tulpen, Rosen und dieser Flieder von
-einer ganz seltenen blaßblauen Farbe. Februar, März,
-sagte sie, und zählte die Wochen an den Fingern ab.
+einer ganz seltenen blaßblauen Farbe. Februar, März,
+sagte sie, und zählte die Wochen an den Fingern ab.
</p>
<p>
-Plötzlich schwieg sie. Sie blickte in die Weite und
+Plötzlich schwieg sie. Sie blickte in die Weite und
versank in Gedanken. Ihre schweren Vogellider sanken
-halb über die schwarzen Augen, die Lippen öffneten
+halb über die schwarzen Augen, die Lippen öffneten
sich. Sie sprach mit sich selbst.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich muß das grüne Gras noch einmal sehen, ich
-muß!&ldquo; flüsterte sie. Sie dachte nicht, daß Grau es
-hören könnte.
+&bdquo;Ich muß das grüne Gras noch einmal sehen, ich
+muß!&ldquo; flüsterte sie. Sie dachte nicht, daß Grau es
+hören könnte.
</p>
<p>
@@ -6800,21 +6766,21 @@ Grau erhob sich. Susanna erschrak.
</p>
<p>
-&bdquo;Oh, es ist spät?&ldquo; sagte er. &bdquo;Es ist spät!&ldquo; Er griff
+&bdquo;Oh, es ist spät?&ldquo; sagte er. &bdquo;Es ist spät!&ldquo; Er griff
in alle Westentaschen und suchte nach der Uhr, dann,
-als er sie nicht fand, schlüpfte er rasch in den Mantel.
-Es schien als könne es ihm nicht schnell genug gehen.
-&bdquo;Es ist spät!&ldquo;
+als er sie nicht fand, schlüpfte er rasch in den Mantel.
+Es schien als könne es ihm nicht schnell genug gehen.
+&bdquo;Es ist spät!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie müssen gehen?&ldquo;
+&bdquo;Sie müssen gehen?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, bei Gott, ich muß. Ich werde wiederkommen,
+&bdquo;Ja, bei Gott, ich muß. Ich werde wiederkommen,
ich werde wiederkommen, wenn es die Damen erlauben,
-ganz gewiß &mdash;&ldquo;
+ganz gewiß &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
@@ -6823,12 +6789,12 @@ ganz gewiß &mdash;&ldquo;
<p>
&bdquo;Danke, danke! Ihnen habe ich tausendmal zu
-danken, Fräulein Susanna, es ist einer der schönsten
-Nachmittage meines Lebens gewesen &mdash; der schönste
+danken, Fräulein Susanna, es ist einer der schönsten
+Nachmittage meines Lebens gewesen &mdash; der schönste
vielleicht! Ich werde keine Silbe vergessen von dem was
-Sie mir erzählt haben. Und wieviel habe ich Ihnen zu
-danken, Frau Lenz. Ja, ich muß, erlauben Sie mir,
-ich bin ein Fremder für Sie, ein Eindringling, aber mit
+Sie mir erzählt haben. Und wieviel habe ich Ihnen zu
+danken, Frau Lenz. Ja, ich muß, erlauben Sie mir,
+ich bin ein Fremder für Sie, ein Eindringling, aber mit
welcher Freundlichkeit haben Sie mich aufgenommen!&ldquo;
</p>
@@ -6843,7 +6809,7 @@ sind!&ldquo; sagte er.
</p>
<p>
-&bdquo;Adieu, Fräulein Susanna!&ldquo;
+&bdquo;Adieu, Fräulein Susanna!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -6851,75 +6817,75 @@ sind!&ldquo; sagte er.
</p>
<p>
-Unter der Türe verbeugte sich Grau nochmals und
-wiederholte: &bdquo;Adieu, Fräulein Susanna!&ldquo;
+Unter der Türe verbeugte sich Grau nochmals und
+wiederholte: &bdquo;Adieu, Fräulein Susanna!&ldquo;
</p>
<p>
-Mütterchen stand nicht davon ab Grau hinauszubegleiten.
-Der Herr wisse ja nicht, wie man das Gartentürchen
-öffne.
+Mütterchen stand nicht davon ab Grau hinauszubegleiten.
+Der Herr wisse ja nicht, wie man das Gartentürchen
+öffne.
</p>
<p>
<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-Grau wehrte ab. &bdquo;Sie können sich eine Erkältung
+Grau wehrte ab. &bdquo;Sie können sich eine Erkältung
holen, Frau Lenz. Wie es doch schneit!&ldquo; &mdash; Nein,
nein, der Herr wisse ja nicht &mdash;
</p>
<p>
-Draußen fragte Mütterchen, was er von Susanna
+Draußen fragte Mütterchen, was er von Susanna
halte?
</p>
<p>
&bdquo;Oh!&ldquo; rief Grau aus, den Hut in der Hand, &bdquo;ein
-prächtiges Geschöpf, ein ganz und gar wundervolles
-Mädchen. Sie hat mich entzückt, ganz unter uns gesagt!&ldquo;
+prächtiges Geschöpf, ein ganz und gar wundervolles
+Mädchen. Sie hat mich entzückt, ganz unter uns gesagt!&ldquo;
</p>
<p>
-Mütterchen lächelte ein wenig. Ob der Herr sich
+Mütterchen lächelte ein wenig. Ob der Herr sich
nicht bedecken wolle? Sie frage, was er von ihrem
Befinden halte.
</p>
<p>
-&bdquo;Eine Erkältung,&ldquo; sagte Grau scheu, mit einer Bewegung,
-als wolle er entfliehen, und blickte auf Mütterchen
+&bdquo;Eine Erkältung,&ldquo; sagte Grau scheu, mit einer Bewegung,
+als wolle er entfliehen, und blickte auf Mütterchen
herab, in deren Haaren sich der Schnee ansammelte.
-&bdquo;Eine schlimme Erkältung vielleicht &mdash; aber &mdash;&ldquo;
+&bdquo;Eine schlimme Erkältung vielleicht &mdash; aber &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
Ob der Herr sich nicht doch bedecken wolle? Sie
-sei nun schon über zwei Jahre leidend. Sie sah Grau
-mit angsterfüllten Augen an.
+sei nun schon über zwei Jahre leidend. Sie sah Grau
+mit angsterfüllten Augen an.
</p>
<p>
-Nun käme ja bald der Frühling! Luft, starke,
-stärkende Luft, Balsam für Kranke. &bdquo;Was übrigens das
+Nun käme ja bald der Frühling! Luft, starke,
+stärkende Luft, Balsam für Kranke. &bdquo;Was übrigens das
Leiden anbetrifft, so kann ich Ihnen recht wohl sagen &mdash;
-und jedermann wird es Ihnen bestätigen &mdash; mit einem
+und jedermann wird es Ihnen bestätigen &mdash; mit einem
Leiden kann man alt werden. Ich selbst habe einen
Herrn gekannt &mdash;&ldquo; Grau sprach noch scheuer und wich
-ein wenig zurück. &bdquo;Übrigens der Frühling, die Sonne &mdash;&ldquo;
-Er konnte nicht weitersprechen. Die jungen Vögel werden
+ein wenig zurück. &bdquo;Übrigens der Frühling, die Sonne &mdash;&ldquo;
+Er konnte nicht weitersprechen. Die jungen Vögel werden
sie ins Grab singen, dachte er.
</p>
<p>
-Mütterchen verbeugte sich, aber sie sagte kein Wort,
-mit komischen Sprüngen lief sie ins Haus zurück.
+Mütterchen verbeugte sich, aber sie sagte kein Wort,
+mit komischen Sprüngen lief sie ins Haus zurück.
</p>
<p>
Grau setzte den Hut auf und ging. Er blickte sich
<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
einigemal um, als ob er verfolgt werde. Sobald das
-kleine Häuschen im Düster untertauchte, begann er zu
+kleine Häuschen im Düster untertauchte, begann er zu
laufen, was er konnte, und entfloh durch den wirbelnden
Schnee.
</p>
@@ -6929,110 +6895,110 @@ Schnee.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>S</span>ie ist einer von jenen Menschen, für die man sein
-Leben lassen müßte!&ldquo; sagte Grau, der in seinem
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>S</span>ie ist einer von jenen Menschen, für die man sein
+Leben lassen müßte!&ldquo; sagte Grau, der in seinem
dunkeln Zimmer auf und ab ging. &bdquo;Nur um ihr einen
-einzigen glücklichen Tag zu schenken, müßte man tropfenweise
+einzigen glücklichen Tag zu schenken, müßte man tropfenweise
sein Blut hergeben!&ldquo; Es blieb lange dunkel in
Graus Zimmer, dann machte er Licht und schrieb an
Susanna einen langen Brief. Verehrte und bewunderte
Freundin, schrieb er. Er trug den Brief zur Post.
Vielleicht kommt der Briefbote selten in das kleine
-Haus da draußen vor der Stadt, dachte er und lächelte.
-Und morgen würde Susanna lesen, daß sie einen Freund
+Haus da draußen vor der Stadt, dachte er und lächelte.
+Und morgen würde Susanna lesen, daß sie einen Freund
und Bruder gefunden hatte.
</p>
<p>
-Er fühlte sich froh und erleichtert, als er wieder die
+Er fühlte sich froh und erleichtert, als er wieder die
Staffeln hinaufstieg. Obwohl es empfindlich kalt war
und der Schnee unter seinen Schritten knarrte, trat
er nicht in das Haus, sondern er ging weiter, die Parkmauer
-entlang. Plötzlich stand er vor einem hohen
-eisernen Gitter und merkwürdigerweise pochte sein Herz,
-als er dieses Gitter sah. Der Park lag öde und kalt.
+entlang. Plötzlich stand er vor einem hohen
+eisernen Gitter und merkwürdigerweise pochte sein Herz,
+als er dieses Gitter sah. Der Park lag öde und kalt.
Grau dachte an den Mohren aus Bronze, der drinnen
-in dem weißen Hause stand, an die Stille des Salons
-mit den zierlichen Möbeln und an den leisen Schritt,
+in dem weißen Hause stand, an die Stille des Salons
+mit den zierlichen Möbeln und an den leisen Schritt,
<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-der sich plötzlich der Türe genähert hatte; dann kam sie.
+der sich plötzlich der Türe genähert hatte; dann kam sie.
Ihre Stimme, ihre Augen &mdash; er ging weiter, diese Erinnerung
-schmerzte ihn. Er stieg die Höhe hinauf.
-Schnee, Düster und unheimliche Stille. Ein paar Lichter
-blinzelten im Tal, als ob die Kälte sie beize wie Augen,
-ein kleiner grüner Stern sprühte am Himmel, der fast
+schmerzte ihn. Er stieg die Höhe hinauf.
+Schnee, Düster und unheimliche Stille. Ein paar Lichter
+blinzelten im Tal, als ob die Kälte sie beize wie Augen,
+ein kleiner grüner Stern sprühte am Himmel, der fast
schwarz aussah. Der Wald begann. In ihm war es
-noch stiller und ganz dunkel, aber es war wärmer
-zwischen den Bäumen, die ohne jedes Zeichen von Leben
-dastanden und sich gleichsam aneinander drängten.
+noch stiller und ganz dunkel, aber es war wärmer
+zwischen den Bäumen, die ohne jedes Zeichen von Leben
+dastanden und sich gleichsam aneinander drängten.
</p>
<p>
-Grau lauschte unwillkürlich, Scheu, Friede und Feierlichkeit
-erfüllten ihn inmitten des winterstillen Waldes,
+Grau lauschte unwillkürlich, Scheu, Friede und Feierlichkeit
+erfüllten ihn inmitten des winterstillen Waldes,
den ein Zauber in Erstarrung versetzt hatte. Die
-Herzen all der Bäume standen still und regten sich nicht
+Herzen all der Bäume standen still und regten sich nicht
mehr und schienen tot zu sein. Er ging leise, nur der
-Schnee ächzte unter seinen Schritten. Und er dachte
-an den großen Winterschlaf, den die Erde schlief, die
-Wälder schliefen, die Quellen, selbst ganze Völker im
-Norden schliefen, die Bären in den Höhlen. Aber Gott
-wird die Wimper heben und vom Süden wird der Tauwind
-kommen, die Bären werden die Tatzen lecken, der
-Schläfer wird vom Ofen kriechen, die Quellen werden
-sprudeln und die Wälder sich schütteln. Auch die erstarrten
-Herzen dieser Bäume werden wieder zu pochen
+Schnee ächzte unter seinen Schritten. Und er dachte
+an den großen Winterschlaf, den die Erde schlief, die
+Wälder schliefen, die Quellen, selbst ganze Völker im
+Norden schliefen, die Bären in den Höhlen. Aber Gott
+wird die Wimper heben und vom Süden wird der Tauwind
+kommen, die Bären werden die Tatzen lecken, der
+Schläfer wird vom Ofen kriechen, die Quellen werden
+sprudeln und die Wälder sich schütteln. Auch die erstarrten
+Herzen dieser Bäume werden wieder zu pochen
beginnen: Denn da ist ja nichts Totes in der Welt.
Was tot ist, ist nur scheintot und selbst der Stein am
-Wege, er schläft nur.
+Wege, er schläft nur.
</p>
<p>
Grau blieb stehen. Ging nicht jemand an seiner Seite?
Er lauschte. Nein. Aber hatte nicht eben eine feine
-Stimme in sein Ohr geflüstert? Es flüsterte und pochte.
+Stimme in sein Ohr geflüstert? Es flüsterte und pochte.
<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-Es war sein Blut, das in seinem Körper strömte.
+Es war sein Blut, das in seinem Körper strömte.
Und mit einer Art von Schrecken lauschte er auf jenes
-Pochen, Pulsieren, Atmen in seinem Körper, das ihm
-Kunde gab von den geheimnisvollen Vorgängen, die
+Pochen, Pulsieren, Atmen in seinem Körper, das ihm
+Kunde gab von den geheimnisvollen Vorgängen, die
ohne sein Wissen Tag und Nacht in ihm walteten.
-Die Zellen in ihm verschoben sich, änderten sich, er
-wußte es nicht, eine Stelle in seinem Körper mochte
-in großer Gefahr sein, die Blutkörperchen stürzten herbei,
+Die Zellen in ihm verschoben sich, änderten sich, er
+wußte es nicht, eine Stelle in seinem Körper mochte
+in großer Gefahr sein, die Blutkörperchen stürzten herbei,
zu verteidigen, zu helfen, zu heilen, die Nerven zitterten,
-ein unausgesetztes Signalsystem war in Tätigkeit, er
-wußte es nicht. Die Blutwelle überschwemmte sein
+ein unausgesetztes Signalsystem war in Tätigkeit, er
+wußte es nicht. Die Blutwelle überschwemmte sein
Gehirn, ein vergessener Ton erwachte, ein vergessenes
Bild, ein Gedanke formte sich, ein Wunsch irrte hin
und her, flackerte, leuchtete Monate und Jahre, bis
er ihn entdeckte, oder er erlosch ungesehen, unbeachtet
-&mdash; und er wußte von all dem nichts! Er sprach, lachte,
-ging, er war nichts als Oberfläche, er lebte an der Oberfläche,
-während in ihm unausgesetzt eine Welt von Geheimnissen
+&mdash; und er wußte von all dem nichts! Er sprach, lachte,
+ging, er war nichts als Oberfläche, er lebte an der Oberfläche,
+während in ihm unausgesetzt eine Welt von Geheimnissen
wirkte.
</p>
<p>
-Plötzlich stand er vor einer Waldwiese, aus der ihm
-Kälte entgegenstürzte. Diese Wiese schien lebendig, bewohnt
+Plötzlich stand er vor einer Waldwiese, aus der ihm
+Kälte entgegenstürzte. Diese Wiese schien lebendig, bewohnt
zu sein. Es war Licht auf ihr. Das Licht kam
vom Mond, das Licht des Mondes von der Sonne &mdash;
welches Licht, um des Himmels willen, war es doch,
-das ihn, den nichtigen Wanderer, hier grüßte? Aus
+das ihn, den nichtigen Wanderer, hier grüßte? Aus
welchen Zeiten, welchen Fernen kam es? Wie, wie, wie?
</p>
<p>
Er, der hier stand und nicht mehr war als eines
der Millionen Schneesternchen, die auf einem Aste lagen,
-er wurde von Entsetzen gepackt, denken zu können und
-zu fühlen, daß er lebte.
+er wurde von Entsetzen gepackt, denken zu können und
+zu fühlen, daß er lebte.
</p>
<p>
<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-Denn was Leben heißt, wer hat es doch je zu Ende
+Denn was Leben heißt, wer hat es doch je zu Ende
gedacht? Niemand. Selbst der schnelle, scharfe Gedanke
des Weisen, er erlahmt, er erschrickt, er kehrt
entsetzt um.
@@ -7042,37 +7008,37 @@ entsetzt um.
Da ist zum Beispiel das Blut! Nicht seine Funktionen
allein, die die wunderbaren menschlichen Apparate (ein
Lob dem Menschen!) belauschen konnten. Ein Tropfen
-Wasser ist köstlich, wer ersann ihn? Eine Faser Eisen, köstlich,
+Wasser ist köstlich, wer ersann ihn? Eine Faser Eisen, köstlich,
wer erdachte sie? Aber ein Tropfen Blut, wie &mdash;?!
-Das Blut verrichtet seine Arbeit &mdash; sein Schöpfer sagte:
+Das Blut verrichtet seine Arbeit &mdash; sein Schöpfer sagte:
schaffe! und es gehorcht &mdash; aber es ist zugleich wie
-ein Volk, hat Gebräuche, Eigenschaften, Geschichte, denn
+ein Volk, hat Gebräuche, Eigenschaften, Geschichte, denn
das Volk es ist ja aus Blut erbaut, es ist ja nichts
-als die Vergrößerung des kleinen Tropfens. War nicht
+als die Vergrößerung des kleinen Tropfens. War nicht
ein ewiges Vergehen in ihm, Grau, der durch den
-Wald ging, ein ewiges Vergehen und Erblühen? Von
-Eigenschaften und Fähigkeiten, von Völkern, Geschlechtern
-und Rassen, wer weiß, wann sie lebten, woher sie
+Wald ging, ein ewiges Vergehen und Erblühen? Von
+Eigenschaften und Fähigkeiten, von Völkern, Geschlechtern
+und Rassen, wer weiß, wann sie lebten, woher sie
kamen? War nicht ewiger Kampf, Unterhandlung,
Waffenstillstand dieser Geschlechter in ihm? Jene Rasse,
die vom Osten kam, vielleicht erstarb sie in ihm in
-dieser Minute und übergab ihre Waffen an ein Geschlecht,
+dieser Minute und übergab ihre Waffen an ein Geschlecht,
das aus dem Norden kam, mit Ketten aus
-Bärenzähnen geschmückt? Woher sollte es doch kommen,
-daß ihn zuweilen namenlose Traurigkeit befiel, ohne
-jeden Grund? Namenloses Glück in ihm aufloderte wie
+Bärenzähnen geschmückt? Woher sollte es doch kommen,
+daß ihn zuweilen namenlose Traurigkeit befiel, ohne
+jeden Grund? Namenloses Glück in ihm aufloderte wie
ein Siegesgeschrei, ohne jeden Grund? Tod und Geburt
in ihm wie in der Welt, Kampf und Sieg. Dieses
Auf und Ab, dieses Gehen und Kommen, dieses Laut
und Leise, Fragen und Befehlen, Erschrecken und Locken,
<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
wie wunderbar war es doch! Wie entsetzlich und wie
-köstlich schön!
+köstlich schön!
</p>
<p>
Und doch &mdash; das war ja noch nicht das ganze Leben
-in ihm, nur ein kleines Stück, soviel wie ein Blatt vom
+in ihm, nur ein kleines Stück, soviel wie ein Blatt vom
Walde ist, nicht mehr, nicht weniger.
</p>
@@ -7080,18 +7046,18 @@ Walde ist, nicht mehr, nicht weniger.
Die geheimnisvollen Lebenswellen, die ihn unausgesetzt
umkreisten, durchdrangen, dieses Sausen des
Lebens nah und fern, das Brausen der Sonne und
-der kräftespeienden Gestirne, das ihn erreichte.
+der kräftespeienden Gestirne, das ihn erreichte.
</p>
<p>
Jene blitzartigen Offenbarungen einer verborgenen
-Welt, von der er ein Teil war, die sich öffnete und
-schloß in der gleichen Sekunde vor dem geblendeten
-Auge. Jenes Singen und Flüstern, Tag und Nacht?
+Welt, von der er ein Teil war, die sich öffnete und
+schloß in der gleichen Sekunde vor dem geblendeten
+Auge. Jenes Singen und Flüstern, Tag und Nacht?
Oder erinnerst du dich nicht mehr, da du zwischen
-Schlaf und Wachen warst und deine Seele plötzlich in
+Schlaf und Wachen warst und deine Seele plötzlich in
dir zu sprechen begann? Du erbebtest, Schreck und
-Freude erfüllten dich. Zu leicht, zu seicht, zu lau und
+Freude erfüllten dich. Zu leicht, zu seicht, zu lau und
flau bist du, sprach deine Seele. Und du antwortetest,
gebannt von dem Unbekannten: &bdquo;Ja, ja!&ldquo; Deine Seele
sagte: &bdquo;Tue dies, tue das!&ldquo; Und du sagtest: &bdquo;Ja, ja,
@@ -7101,133 +7067,133 @@ du sagtest: &bdquo;Ich werde ihn gehen!&ldquo;
<p>
Und solltest du dich nicht mehr daran erinnern, an
-jenen Moment, da plötzlich ein Auge in dir leuchtete
+jenen Moment, da plötzlich ein Auge in dir leuchtete
und dich von innen heraus anblickte. Das Auge blickte
-mit großem, majestätischem Glanz auf dich und war
+mit großem, majestätischem Glanz auf dich und war
in dir &mdash; und du, du sprangst auf. &bdquo;Ich bin ja allein!&ldquo;
sagtest du laut, aber du glaubtest dir nicht. Hattest du
den Mut, zu fragen: &bdquo;Wer ist hier?&ldquo; Nein! Denn du
-fürchtetest ja, eine Stimme könnte dir antworten!
+fürchtetest ja, eine Stimme könnte dir antworten!
</p>
<p>
<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-Nichts fürchten wir ja mehr, als daß sich jenes geheimnisvolle
+Nichts fürchten wir ja mehr, als daß sich jenes geheimnisvolle
Leben, das wir ahnen, uns offenbarte.
</p>
<p>
-Grau ging nach Hause; er schüttelte den Kopf, seine
-Augen waren groß und leuchtend. Der Mensch geht
+Grau ging nach Hause; er schüttelte den Kopf, seine
+Augen waren groß und leuchtend. Der Mensch geht
auf schwankendem Grunde, dachte er, noch mehr: er
geht in der Luft.
</p>
<p>
-Auf dem Rückwege kam er wieder an dem hohen,
+Auf dem Rückwege kam er wieder an dem hohen,
eisernen Gitter vorbei. Es war noch immer angelehnt.
-Über dem Park sprühte wie vorhin der kleine, grüne
+Über dem Park sprühte wie vorhin der kleine, grüne
Stern. Und wieder rief sich Grau jene Szene in dem
-kleinen Salon ins Gedächtnis zurück und es schmerzte
-ihn, daß er nicht genug in jenes schöne, stolze Mädchenantlitz
-geblickt hatte, um es für alle Zeiten zu behalten.
+kleinen Salon ins Gedächtnis zurück und es schmerzte
+ihn, daß er nicht genug in jenes schöne, stolze Mädchenantlitz
+geblickt hatte, um es für alle Zeiten zu behalten.
</p>
<p>
-Er schlief erst spät ein. Das Auge nimmt ein Bild
+Er schlief erst spät ein. Das Auge nimmt ein Bild
mit aus dem Tage und das Bild erscheint im Traum.
-So träumte Grau in jener Nacht von dem Gitter des
-Parkes. Es war nur angelehnt. Er träumte, er stände
+So träumte Grau in jener Nacht von dem Gitter des
+Parkes. Es war nur angelehnt. Er träumte, er stände
davor und wartete. Ja, worauf wartete er doch nur?
-Da kam ein hohes, stolzes Mädchen aus dem Park
-hervorgegangen, es war jenes Mädchen mit den hellen
+Da kam ein hohes, stolzes Mädchen aus dem Park
+hervorgegangen, es war jenes Mädchen mit den hellen
Augen. &bdquo;Hast du mich heute wiedererkannt?&ldquo; rief sie.
-Aber je näher sie kam, desto mehr veränderte sie sich.
-Es war Susanna, die kam; sie trug den kleinen grünen
+Aber je näher sie kam, desto mehr veränderte sie sich.
+Es war Susanna, die kam; sie trug den kleinen grünen
Stern auf der Hand und winkte ihm mit den Blicken,
-ihr zu folgen. Er zögerte &mdash; aber dann folgte er ihr.
+ihr zu folgen. Er zögerte &mdash; aber dann folgte er ihr.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-15">
<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-<span class="firstline">Fünfzehntes Kapitel</span>
+<span class="firstline">Fünfzehntes Kapitel</span>
</h2>
<p class="first">
<span class="firstchar">G</span>rau war nun in der ganzen Stadt bekannt. Das
-war kein Wunder, denn man sah ihn tagtäglich
-einigemal auf der Straße; über den Marktplatz konnte
-man überhaupt nicht gehen, ohne daß er aus irgend
-einer Gasse auftauchte. Immerzu hatte er zu grüßen,
-denn jedermann kannte ihn. Er grüßte alle Leute
-zuerst, auch Kinder und Schüler. Man konnte ihn
-überall sehen, hinter den dunkelsten Fenstern, die keine
-Vorhänge hatten, auf den breiten Treppen der reichen
+war kein Wunder, denn man sah ihn tagtäglich
+einigemal auf der Straße; über den Marktplatz konnte
+man überhaupt nicht gehen, ohne daß er aus irgend
+einer Gasse auftauchte. Immerzu hatte er zu grüßen,
+denn jedermann kannte ihn. Er grüßte alle Leute
+zuerst, auch Kinder und Schüler. Man konnte ihn
+überall sehen, hinter den dunkelsten Fenstern, die keine
+Vorhänge hatten, auf den breiten Treppen der reichen
Leute, einerlei.
</p>
<p>
Er hatte viel zu tun. Wenn er am Morgen das
-Haus verließ, so hatte er schon einige Arbeitsstunden
+Haus verließ, so hatte er schon einige Arbeitsstunden
hinter sich. Er stand auf, sobald der Tag graute; voll
-von Interesse für alles, was den Menschen betraf,
-wünschte er alles kennen zu lernen, was der Mensch
+von Interesse für alles, was den Menschen betraf,
+wünschte er alles kennen zu lernen, was der Mensch
je gedacht und ersonnen hatte; dazu benutzte er die
-Morgenstunden. Der vorläufige Arbeitsplan war bei
-angestrengtester Tätigkeit in zehn bis zwölf Jahren zu
-bewältigen. Dann wollte er weiter sehen.
+Morgenstunden. Der vorläufige Arbeitsplan war bei
+angestrengtester Tätigkeit in zehn bis zwölf Jahren zu
+bewältigen. Dann wollte er weiter sehen.
</p>
<p>
Er hatte Unterricht in den Schulen zu geben, Besuche
-zu machen. Keine Stunde des Tages ließ er
+zu machen. Keine Stunde des Tages ließ er
unbenutzt. Er war wiederholt bei der alten Frau Sammet
gewesen, im Waisenhaus, bei dem Arzt, der Susanna
-behandelte, auch sprach er häufig bei der &bdquo;ewigen Braut&ldquo;
+behandelte, auch sprach er häufig bei der &bdquo;ewigen Braut&ldquo;
vor, um mit ihr zu plaudern. Susanna besuchte er,
so oft er frei war.
</p>
<p>
-Trotzdem er täglich so vieles tat, hatte er doch stets
+Trotzdem er täglich so vieles tat, hatte er doch stets
Zeit. Niemals war er in Hast, stets ruhig. Sein Tag
-schien viel länger als der andrer Menschen zu sein.
+schien viel länger als der andrer Menschen zu sein.
</p>
<p>
<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-Es ist eine bekannte Tatsache, daß man in jeder
+Es ist eine bekannte Tatsache, daß man in jeder
Stadt einen Menschen hat, dem man immer wieder
-und wieder begegnet. In dieser Stadt schien es für
+und wieder begegnet. In dieser Stadt schien es für
Grau Eisenhut zu sein, den zu treffen ihm bestimmt
-war. Er begegnete ihm, so oft er das Haus verließ,
+war. Er begegnete ihm, so oft er das Haus verließ,
ja, selbst im Walde hatte er ihn getroffen. Eisenhut
-ging hastig vorüber, grüßte, blinzelte und sah Grau
-stets mit sonderbar forschenden Augen an, argwöhnisch,
-ja, sogar furchtsam und scheu; zuweilen schüttelte er
-den Kopf, räusperte sich und lief weg, indem er Grau
+ging hastig vorüber, grüßte, blinzelte und sah Grau
+stets mit sonderbar forschenden Augen an, argwöhnisch,
+ja, sogar furchtsam und scheu; zuweilen schüttelte er
+den Kopf, räusperte sich und lief weg, indem er Grau
einen raschen Blick zuwarf, der keineswegs Sympathie
-ausdrückte. Manchmal kam es auch vor, daß er auf
-der Straße stehen blieb, Grau spöttisch lächelnd musterte
-und die Lippen bewegte, als spräche er mit sich selbst.
+ausdrückte. Manchmal kam es auch vor, daß er auf
+der Straße stehen blieb, Grau spöttisch lächelnd musterte
+und die Lippen bewegte, als spräche er mit sich selbst.
Bei einer solchen Begegnung sprach ihn Grau an und
-fragte ihn, ob er nicht etwas tun wolle, um für Susanna
-ein Piano zu beschaffen. Aber Eisenhut blinzelte, lächelte,
-krümmte sich und begann von schlechten Zeiten zu sprechen,
-in solch winselndem, demütigem Tone, daß sich Grau
+fragte ihn, ob er nicht etwas tun wolle, um für Susanna
+ein Piano zu beschaffen. Aber Eisenhut blinzelte, lächelte,
+krümmte sich und begann von schlechten Zeiten zu sprechen,
+in solch winselndem, demütigem Tone, daß sich Grau
angewidert abwandte. Er sah Eisenhut wieder und
-Eisenhuts Augen sprühten offenen Haß.
+Eisenhuts Augen sprühten offenen Haß.
</p>
<p>
Grau war nicht erstaunt: Alles geht wunderbar,
-dachte er und lächelte in sich hinein vor Freude, dieser
+dachte er und lächelte in sich hinein vor Freude, dieser
Mann ist mir sicher! Ja, es gab solch wunderliche
Dinge auf dieser Erde!
</p>
<p>
-Einmal sah er Eisenhut auf der Straße, gefolgt von
+Einmal sah er Eisenhut auf der Straße, gefolgt von
einer Schar ausgelassener, johlender Kinder. Eisenhut
taumelte am hellen Tage betrunken nach Hause.
</p>
@@ -7239,38 +7205,38 @@ etwas Zeit brauchte er dazu.
<p>
<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-Graus erste Predigt war kläglich ausgefallen. So
-heiß war sein Herz gewesen, so groß hatte er sich alles
-gedacht, aber plötzlich hatte ihn Unsicherheit befallen:
-Würde er die rechten Worte finden, das auszudrücken,
-was ihn erfüllte, was er fühlte im Wachen und im
+Graus erste Predigt war kläglich ausgefallen. So
+heiß war sein Herz gewesen, so groß hatte er sich alles
+gedacht, aber plötzlich hatte ihn Unsicherheit befallen:
+Würde er die rechten Worte finden, das auszudrücken,
+was ihn erfüllte, was er fühlte im Wachen und im
Schlaf? &mdash; Er war unzufrieden mit sich. In den folgenden
-Predigten aber war es ihm besser geglückt.
+Predigten aber war es ihm besser geglückt.
</p>
<p>
Es erschien ein Tag mit einigen freien Stunden.
-Grau erstaunte und wußte nicht wie das zuging. Er
+Grau erstaunte und wußte nicht wie das zuging. Er
spielte Orgel.
</p>
<p>
-Er spielte ein paar Stunden lang und fühlte sich
+Er spielte ein paar Stunden lang und fühlte sich
darauf wie neugeboren. Die Musik und die menschliche
Seele, es ist ja gar kein Unterschied zwischen den
beiden, sie sind Schwestern. Und wenn der Mensch
-Musik hört, so finden sich die beiden Schwestern, umschlingen
+Musik hört, so finden sich die beiden Schwestern, umschlingen
sich, vertrauen sich einander an, ihre Sehnsucht,
-ihre Schmerzen, ihr Glück, ihre Hoffnung, liebkosen
-einander und küssen sich, und der Mensch fühlt
-Freude und weiß nicht warum.
+ihre Schmerzen, ihr Glück, ihre Hoffnung, liebkosen
+einander und küssen sich, und der Mensch fühlt
+Freude und weiß nicht warum.
</p>
<p>
-Als Grau endlich aufhörte zu spielen, war er von
-Glück und Jubel erfüllt. Seine Hände bebten. All
+Als Grau endlich aufhörte zu spielen, war er von
+Glück und Jubel erfüllt. Seine Hände bebten. All
das Singen und Jauchzen der Orgel war noch in ihm.
-Seine Augen waren so licht, daß er ihren Schein fühlte.
+Seine Augen waren so licht, daß er ihren Schein fühlte.
Die Sonne leuchtete am Himmel.
</p>
@@ -7281,13 +7247,13 @@ Nun wollte er zu Susanna gehen.
<p>
Er hatte sich lange Tage an der Freude gelabt,
Susanna einen kleinen Hund zu schenken. Er sollte
-klein und schneeweiß sein und wie Zucker schimmern.
-Natürlich durfte er am Ende einige Flecken haben, etwa
+klein und schneeweiß sein und wie Zucker schimmern.
+Natürlich durfte er am Ende einige Flecken haben, etwa
schwarze Pfoten oder einen halben schwarzen Kopf, das
<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-würde nichts schaden, am besten aber war er schneeweiß.
-Jedoch ein solcher Hund ließ sich nicht finden,
-trotz Graus eifriger Nachfrage, weder ein weißer noch
+würde nichts schaden, am besten aber war er schneeweiß.
+Jedoch ein solcher Hund ließ sich nicht finden,
+trotz Graus eifriger Nachfrage, weder ein weißer noch
irgend ein anderer. Somit war es mit seiner Freude
nichts geworden.
</p>
@@ -7295,23 +7261,23 @@ nichts geworden.
<p>
Ja, wie doch heute die Sonne leuchtete! Grau machte
einen Umweg, um sein Gesicht von der Sonne baden
-zu lassen. Wie die sanftesten warmen Hände berührte
-die Sonne seine Wangen, und wenn er die Lider schloß,
+zu lassen. Wie die sanftesten warmen Hände berührte
+die Sonne seine Wangen, und wenn er die Lider schloß,
so war es, als ob sich ein sanfter, warmer Finger auf
seine Lider legte. Dann sah er Feuer.
</p>
<p>
-Er lächelte einer jungen Mutter, die des Weges
-daherkam und ihr kleines, wie ein junger Eisbär aussehendes
-Kind an der Hand führte, freundlich zu. Die
-Frau errötete, sie mißverstand Graus Blick.
+Er lächelte einer jungen Mutter, die des Weges
+daherkam und ihr kleines, wie ein junger Eisbär aussehendes
+Kind an der Hand führte, freundlich zu. Die
+Frau errötete, sie mißverstand Graus Blick.
</p>
<p>
Der Himmel war blau und leuchtete. Jedermann
hat schon gesehen mit welch blauer Flamme der Schwefel
-verbrennt, so stählern und durchsichtig blau war der
+verbrennt, so stählern und durchsichtig blau war der
Himmel. Grau blickte hinein, tiefer, tiefer &mdash; es lockte.
</p>
@@ -7319,71 +7285,71 @@ Himmel. Grau blickte hinein, tiefer, tiefer &mdash; es lockte.
Ich bin ja nichts, dachte Grau, ein Nichts, eine
Kleinigkeit, und doch habe ich die Gabe mich zu freuen,
die Fliege selbst hat sie, jedes Wesen &mdash; und doch habe
-ich solch eine rätselhafte Sehnsucht in mir und doch durchschauert
-mich manchmal eine Ahnung von dem Großen,
+ich solch eine rätselhafte Sehnsucht in mir und doch durchschauert
+mich manchmal eine Ahnung von dem Großen,
das irgendwo ist. Hast du Gott gesehen, frage ich dich? Nein.
Und wenn du mich fragst, nein, nein, wie sollte ich doch?
-Aber ich fühle, oft bin ich gleichsam betäubt wie heute.
-Vergebt mir. Und doch, was könnte ich sagen, wenn
-mich einer fragte? Ich weiß ja nichts. Ist Gott ein
-Sausen, das durch die Welt fährt, oder ein Ton, ein
+Aber ich fühle, oft bin ich gleichsam betäubt wie heute.
+Vergebt mir. Und doch, was könnte ich sagen, wenn
+mich einer fragte? Ich weiß ja nichts. Ist Gott ein
+Sausen, das durch die Welt fährt, oder ein Ton, ein
<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
ewig schwingender Ton, nach dem unsere Ohren haschen,
oder ein Blick, der auf uns ruht, auf jeder Stelle
-unseres Leibes, dem Kopfe, der Fußsohle, Tag und
+unseres Leibes, dem Kopfe, der Fußsohle, Tag und
Nacht, um Mitternacht und am Mittag? Oder ein
-Lächeln, ist er in jenem Lächeln, das zuweilen auf
+Lächeln, ist er in jenem Lächeln, das zuweilen auf
allen Dingen zu ruhen scheint, dem Grase selbst, dem
-glänzenden Felle des Stieres, dem Wasser. Weiß ich
+glänzenden Felle des Stieres, dem Wasser. Weiß ich
es denn? Es gibt so viele, die sagen, es gibt keinen
-Gott. Es ist möglich, aber die Welt ist göttlich schön.
-Ich strecke meine Hand in die Höhe, sie ist golden,
-das ist die Sonne, ich strecke meine Hand in die Höhe,
+Gott. Es ist möglich, aber die Welt ist göttlich schön.
+Ich strecke meine Hand in die Höhe, sie ist golden,
+das ist die Sonne, ich strecke meine Hand in die Höhe,
sie ist silbern, das ist der Mond. Ferne da kniet ein
-Mann im Grase und betet und ungezählte Stirnen
+Mann im Grase und betet und ungezählte Stirnen
beugen sich in den Sand und preisen Gott in fremden
Zungen. Trotzdem? Doch dann ist es der Mensch,
der sich einen Gott geschaffen hat, des Menschen Sehnsucht
-ist dann Gott. Aber es ist ja nicht möglich,
-daß es keinen Gott gibt, nein, denn des Menschen
-Sehnsucht ist göttlich und wie göttlich schön ist die Welt.
-Was fühlst du, wenn du deine Hand anblickst? und
-wenn die Vögel im Walde singen &mdash; wie wird dir?
+ist dann Gott. Aber es ist ja nicht möglich,
+daß es keinen Gott gibt, nein, denn des Menschen
+Sehnsucht ist göttlich und wie göttlich schön ist die Welt.
+Was fühlst du, wenn du deine Hand anblickst? und
+wenn die Vögel im Walde singen &mdash; wie wird dir?
Nun? warum dieses ewige Verlangen, diese Sehnsucht,
dieses Brennen im Herzen, warum denn? Dieses
-Fieber? In uns, die wir nichts sind als Sandkörner,
-die vor dem Winde rollen. In diesem Sandkorn Gefühl,
+Fieber? In uns, die wir nichts sind als Sandkörner,
+die vor dem Winde rollen. In diesem Sandkorn Gefühl,
Wunsch, Ekstase.
</p>
<p>
Nein, niemand hat ihn gesehen, es ist wahr. Viele
-haben ihn geahnt. Jene glänzenden Antlitze im Dunkel!
+haben ihn geahnt. Jene glänzenden Antlitze im Dunkel!
Viele sind aufgestanden und haben gesprochen, ihre
-Worte mögen unrichtig sein, sie konnten nicht ausdrücken,
+Worte mögen unrichtig sein, sie konnten nicht ausdrücken,
<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-was sie fühlten, aber ihre Gebärde, vergeßt
-mir diese Gebärde nicht.
+was sie fühlten, aber ihre Gebärde, vergeßt
+mir diese Gebärde nicht.
</p>
<p>
Grau blieb stehen und sah einen Hund an, der unter
-der Haustüre saß und in die Sonne empor blinzelte.
-In der Vorstadt trat er in einen dunkeln metergroßen
+der Haustüre saß und in die Sonne empor blinzelte.
+In der Vorstadt trat er in einen dunkeln metergroßen
Blumenladen ein und erstand eine kleine rote Tulpe.
-Als er bezahlen wollte, stellte es sich heraus, daß er
+Als er bezahlen wollte, stellte es sich heraus, daß er
kein Geld mehr hatte. Aber die Leute kannten ihn und
-es wäre fast eine Beleidigung gewesen, ihr Anerbieten,
-später zu bezahlen, zurückzuweisen. Während er noch
-zögerte, trat jemand in den metergroßen Laden ein und
-er roch ein feines Parfüm, das sich ohne Hindernisse
+es wäre fast eine Beleidigung gewesen, ihr Anerbieten,
+später zu bezahlen, zurückzuweisen. Während er noch
+zögerte, trat jemand in den metergroßen Laden ein und
+er roch ein feines Parfüm, das sich ohne Hindernisse
in dem Raume bemerkbar machen konnte; die Blumen
hier waren zumeist aus Wachs und Papier, und die
wenig lebenden, die es hier gab, rochen nicht.
</p>
<p>
-&bdquo;Herr Grau?&ldquo; sagte eine schöne Stimme.
+&bdquo;Herr Grau?&ldquo; sagte eine schöne Stimme.
</p>
<p>
@@ -7392,50 +7358,50 @@ Diese Stimme drang sofort bis zu seinem Herzen.
<p>
Adele von Hennenbach schob den gelben Schleier in
-die Höhe und ihr schmales blasses Gesicht und die klaren
-hellgrauen Augen kamen zum Vorschein. Sie lächelte
+die Höhe und ihr schmales blasses Gesicht und die klaren
+hellgrauen Augen kamen zum Vorschein. Sie lächelte
und blickte Grau freundlich an. An ihrem Arme hing
die Schlittschuhtasche; sie war gekleidet wie neulich und
-aus dem flotten Pelzjackett stieg jenes feine Parfüm.
+aus dem flotten Pelzjackett stieg jenes feine Parfüm.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich kann mir wohl denken, für wen diese Tulpe
+&bdquo;Ich kann mir wohl denken, für wen diese Tulpe
hier ist!&ldquo; sagte sie und blickte Grau mit einem leisen
-Lächeln an; sie betrachtete die Tulpe mit ein wenig geöffneten
+Lächeln an; sie betrachtete die Tulpe mit ein wenig geöffneten
Lippen.
</p>
<p>
Grau kam in Verlegenheit, als ob sie ihn bei einer
-unschönen Handlung ertappt habe. Er lächelte und drehte
-an einem Knopfe seines Mantels. &bdquo;Es macht mir Vergnügen,
+unschönen Handlung ertappt habe. Er lächelte und drehte
+an einem Knopfe seines Mantels. &bdquo;Es macht mir Vergnügen,
<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
Susanna eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen,
sie freut sich so,&ldquo; sagte er, sich gleichsam entschuldigend.
-&bdquo;Sie gehen zum Eise, Fräulein von Hennenbach?&ldquo;
+&bdquo;Sie gehen zum Eise, Fräulein von Hennenbach?&ldquo;
</p>
<p>
-Adele streckte sich ein wenig in die Höhe. &bdquo;Ja,&ldquo;
-sagte sie, &bdquo;man muß die letzten Tage noch benützen,
+Adele streckte sich ein wenig in die Höhe. &bdquo;Ja,&ldquo;
+sagte sie, &bdquo;man muß die letzten Tage noch benützen,
es wird bald vorbei sein mit der Herrlichkeit. Ich habe
mit Ihnen einige Worte zu sprechen, Herr Grau, wenn
-Sie nicht ungehalten sein würden, daß ich die Gelegenheit
-benütze?&ldquo;
+Sie nicht ungehalten sein würden, daß ich die Gelegenheit
+benütze?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Bitte.&ldquo; Er war hocherfreut. Sie verließen zusammen
+&bdquo;Bitte.&ldquo; Er war hocherfreut. Sie verließen zusammen
den Laden. Adele erkundigte sich nach den
-Formalitäten &mdash; es handelte sich um ihre Trauung.
+Formalitäten &mdash; es handelte sich um ihre Trauung.
Dann plauderten sie.
</p>
<p>
&bdquo;Wie froh Sie heute doch aussehen, Herr Grau!&ldquo;
sagte Adele. &bdquo;Ganz als ob Sie eine frohe Nachricht
-erhalten hätten!&ldquo;
+erhalten hätten!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -7445,31 +7411,31 @@ Ferne.&ldquo;
<p>
&bdquo;Diese arme Susanna,&ldquo; bemerkte Adele im Laufe
-des Gespräches, &bdquo;wie es mir doch leid tut um sie. Sie
+des Gespräches, &bdquo;wie es mir doch leid tut um sie. Sie
hat nichts als Kummer gehabt, nicht ein Quentchen
-Glück, keine frohe Jugend, kaum ein wenig Freude.
+Glück, keine frohe Jugend, kaum ein wenig Freude.
Wie klug und vornehm und bescheiden ist sie doch!
-Wie schade, daß sie krank ist, daß sie so häßlich ist,
-so mißgestaltet, ich bin traurig, so oft ich an sie denke.
-&mdash; Wollen wir den Weg zum Fluß hinunter gehen,
+Wie schade, daß sie krank ist, daß sie so häßlich ist,
+so mißgestaltet, ich bin traurig, so oft ich an sie denke.
+&mdash; Wollen wir den Weg zum Fluß hinunter gehen,
Herr Grau? Es ist kaum ein Umweg.&ldquo;
</p>
<p>
-Sie gingen den Fluß entlang, an den beschneiten
+Sie gingen den Fluß entlang, an den beschneiten
Schiffen vorbei, worauf die Kinder herumkletterten und
-schrien. Kleine Knirpse und Mädchen mit zerzausten
+schrien. Kleine Knirpse und Mädchen mit zerzausten
<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
Haaren liefen auf einer glatten Bucht Schlittschuh und
schrien ebenfalls was sie nur konnten.
</p>
<p>
-Grau schüttelte den Kopf. &bdquo;Ich kann nicht finden,&ldquo;
-erwiderte er, &bdquo;daß Susanna häßlich ist. Ich muß freilich
-zugeben, daß ich beim ersten Anblick dachte, die
-Natur habe sie stiefmütterlich behandelt, nun aber erscheint
-sie mir schön.&ldquo;
+Grau schüttelte den Kopf. &bdquo;Ich kann nicht finden,&ldquo;
+erwiderte er, &bdquo;daß Susanna häßlich ist. Ich muß freilich
+zugeben, daß ich beim ersten Anblick dachte, die
+Natur habe sie stiefmütterlich behandelt, nun aber erscheint
+sie mir schön.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -7477,13 +7443,13 @@ sie mir schön.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, ich entdecke mehr und mehr Schönheit an ihr.
+&bdquo;Ja, ich entdecke mehr und mehr Schönheit an ihr.
Sie hat doch ganz wunderbare Augen! Haben Sie beobachtet,
wie Susannas Augen Ihnen das Wort von den
Lippen horchen, den letzten Sinn aus den Augen horchen,
den das Wort nicht geben kann oder gibt? Wie ihre
-Augen antworten, noch bevor sie die Lippen öffnet?&ldquo;
-Er blickte mit schwärmerischem Lächeln auf Adele.
+Augen antworten, noch bevor sie die Lippen öffnet?&ldquo;
+Er blickte mit schwärmerischem Lächeln auf Adele.
</p>
<p>
@@ -7491,52 +7457,52 @@ Er blickte mit schwärmerischem Lächeln auf Adele.
</p>
<p>
-&bdquo;Und dann ihre Hände! Haben Sie diese Hände
+&bdquo;Und dann ihre Hände! Haben Sie diese Hände
genau betrachtet? Wie lebendig sie sind, wie sie alles
-miterleben, was Susanna erlebt. Und wie schön sie
-doch sind, Susannas Hände! Ja, bei Gott, sie sind
-außerordentlich schön! Ich schwärme, nicht wahr? Aber
+miterleben, was Susanna erlebt. Und wie schön sie
+doch sind, Susannas Hände! Ja, bei Gott, sie sind
+außerordentlich schön! Ich schwärme, nicht wahr? Aber
in Wirklichkeit, seitdem ich Susanna zum erstenmal sah,
-schwärme ich für sie &mdash; ich gestehe es. Sie werden
-es ihr ja auch nicht wieder sagen,&ldquo; fügte er mit einem
-Lächeln hinzu.
+schwärme ich für sie &mdash; ich gestehe es. Sie werden
+es ihr ja auch nicht wieder sagen,&ldquo; fügte er mit einem
+Lächeln hinzu.
</p>
<p>
-Adele sagte: &bdquo;Wer weiß es?&ldquo;
+Adele sagte: &bdquo;Wer weiß es?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich würde es nicht wünschen,&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Sie
-werden doch nicht am Ende glauben, daß ich gerade
+&bdquo;Ich würde es nicht wünschen,&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Sie
+werden doch nicht am Ende glauben, daß ich gerade
deshalb so aufrichtig bin?&ldquo;
</p>
<p>
-Adele schüttelte den Kopf und lachte. &bdquo;Sie wissen,
+Adele schüttelte den Kopf und lachte. &bdquo;Sie wissen,
<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-daß Sie es mit einer Frau zu tun haben!&ldquo; sagte sie
-scherzend. &bdquo;Susanna würde all das wohl gerne hören,
+daß Sie es mit einer Frau zu tun haben!&ldquo; sagte sie
+scherzend. &bdquo;Susanna würde all das wohl gerne hören,
denn sie ist so stolz auf Ihr Lob. Sie haben ihr auch
-gesagt, daß sie eine Dichterin sei und Bücher schreiben
-könnte. Glauben Sie das wirklich?&ldquo;
+gesagt, daß sie eine Dichterin sei und Bücher schreiben
+könnte. Glauben Sie das wirklich?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Würde ich es sonst sagen?&ldquo; Grau nickte. &bdquo;Ja,
+&bdquo;Würde ich es sonst sagen?&ldquo; Grau nickte. &bdquo;Ja,
das glaube ich,&ldquo; sagte er. &bdquo;Hat Ihnen Susanna schon
-die Geschichte erzählt, die sie über das Porzellandämchen
-in Mütterchens Glasschrank ersonnen hat? Die Abenteuer
-der Madame Ypsilon? Eine drollige und wunderschöne
+die Geschichte erzählt, die sie über das Porzellandämchen
+in Mütterchens Glasschrank ersonnen hat? Die Abenteuer
+der Madame Ypsilon? Eine drollige und wunderschöne
Sache! Als ich mein erstes Kind erwartete, beginnt
die Geschichte dieser Porzellandame &mdash; haha!&ldquo;
</p>
<p>
Adele kannte diese Geschichte. &bdquo;Wenn es weht, vermeide
-ich es, auf die Straße zu gehen, erzählt Madame
-Ypsilon,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Ich habe gar keine Talente,&ldquo; fügte
-sie hinzu und schüttelte lächelnd den schönen, stolzen Kopf.
+ich es, auf die Straße zu gehen, erzählt Madame
+Ypsilon,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Ich habe gar keine Talente,&ldquo; fügte
+sie hinzu und schüttelte lächelnd den schönen, stolzen Kopf.
</p>
<p>
@@ -7544,45 +7510,45 @@ sie hinzu und schüttelte lächelnd den schönen, stolzen Kopf.
</p>
<p>
-Ja? Nun, dann möchte sie recht gerne wissen, welche
+Ja? Nun, dann möchte sie recht gerne wissen, welche
Talente er ihr zuschreibe?
</p>
<p>
&bdquo;Erstens,&ldquo; antwortete Grau und blickte sie an, &bdquo;sind
-Sie sehr musikalisch, ich sehe das aus Ihrer Art unwillkürlich
-auf Geräusche und Töne der Straße zu
-reagieren, sodann sind Sie eine vorzügliche Tänzerin,
+Sie sehr musikalisch, ich sehe das aus Ihrer Art unwillkürlich
+auf Geräusche und Töne der Straße zu
+reagieren, sodann sind Sie eine vorzügliche Tänzerin,
an Ihrem Gange kann man das erkennen, mehr noch
-an der Art wie die Bewegungen Ihres Körpers eine
-Unregelmäßigkeit des Weges ausgleichen. Sie haben
-die Fähigkeit fremde und unmögliche Dinge zu träumen,
+an der Art wie die Bewegungen Ihres Körpers eine
+Unregelmäßigkeit des Weges ausgleichen. Sie haben
+die Fähigkeit fremde und unmögliche Dinge zu träumen,
vielleicht mitunter grausame Dinge.&ldquo;
</p>
<p>
Adele sah ihn an. &bdquo;Bitte, bitte!&ldquo; rief sie aus und
-lächelte.
+lächelte.
</p>
<p>
<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-&bdquo;Ihre größte Gabe aber scheint mir zu sein,&ldquo; fuhr
-Grau fort, &bdquo;unklare Situationen zu überblicken &mdash; zuweilen
+&bdquo;Ihre größte Gabe aber scheint mir zu sein,&ldquo; fuhr
+Grau fort, &bdquo;unklare Situationen zu überblicken &mdash; zuweilen
geht Ihr Blick so rasch hinter den Wimpern hervor
und unvermittelt in die Weite &mdash; und rasch und
-unerschrocken zu handeln &mdash; sogar tollkühn,&ldquo; fügte er
+unerschrocken zu handeln &mdash; sogar tollkühn,&ldquo; fügte er
leiser hinzu.
</p>
<p>
&bdquo;Ich habe mir vorgenommen, sobald ich Sie treffe,
-für meinen Bruder um Entschuldigung zu bitten,&ldquo; sagte
-Adele ablenkend. &bdquo;Wegen jener Affäre im Elefanten.&ldquo;
+für meinen Bruder um Entschuldigung zu bitten,&ldquo; sagte
+Adele ablenkend. &bdquo;Wegen jener Affäre im Elefanten.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte und schüttelte den Kopf. Aber das
+Grau lächelte und schüttelte den Kopf. Aber das
sei doch nicht der Rede wert.
</p>
@@ -7593,64 +7559,64 @@ ihm gehabt?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, nein!&ldquo; Grau lächelte.
+&bdquo;Nein, nein!&ldquo; Grau lächelte.
</p>
<p>
-&bdquo;Wie merkwürdig!&ldquo; sagte Adele. &bdquo;Er hat mir erzählt,
-Sie hätten Billard zusammen gespielt, er habe
+&bdquo;Wie merkwürdig!&ldquo; sagte Adele. &bdquo;Er hat mir erzählt,
+Sie hätten Billard zusammen gespielt, er habe
gewonnen und es sei zu einem Wortwechsel &mdash; und fast
-zu Tätlichkeiten gekommen,&ldquo; fügte sie zögernd hinzu.
+zu Tätlichkeiten gekommen,&ldquo; fügte sie zögernd hinzu.
</p>
<p>
Grau sah sie an. &bdquo;Das ist nicht wahr!&ldquo; sagte er
-ernst und leise, denn etwas beschäftigte seine Gedanken.
+ernst und leise, denn etwas beschäftigte seine Gedanken.
</p>
<p>
-Adele öffnete erstaunt die Lippen. &bdquo;So?&ldquo; sagte
-sie gedehnt. &bdquo;Ich habe mich gewundert darüber &mdash;
-er hat mir eine ganze Geschichte erzählt. Auch die Geschichte
-mit der Flasche ist also &mdash; nicht wahr?&ldquo; Sie errötete
-flüchtig, &bdquo;Ich habe bisher meinem Bruder alles
+Adele öffnete erstaunt die Lippen. &bdquo;So?&ldquo; sagte
+sie gedehnt. &bdquo;Ich habe mich gewundert darüber &mdash;
+er hat mir eine ganze Geschichte erzählt. Auch die Geschichte
+mit der Flasche ist also &mdash; nicht wahr?&ldquo; Sie errötete
+flüchtig, &bdquo;Ich habe bisher meinem Bruder alles
geglaubt,&ldquo; sagte sie mit einem Tone von Verwunderung
-und Betrübtsein in der Stimme. Sie schwieg
+und Betrübtsein in der Stimme. Sie schwieg
lange Zeit und dachte nach, dann wandte sie sich wiederum
an Grau, der ebenfalls in Nachdenken versunken
<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
war. &bdquo;Lassen wir das!&ldquo; sagte sie, indem sie ihrer
-Stimme einen gleichmütigen Klang zu geben versuchte.
-&bdquo;Man hat mir erzählt, daß Sie früher Gefängnisgeistlicher
+Stimme einen gleichmütigen Klang zu geben versuchte.
+&bdquo;Man hat mir erzählt, daß Sie früher Gefängnisgeistlicher
waren, Herr Grau? Das war wohl Ihre
erste Anstellung?&ldquo;
</p>
<p>
-Aber Grau hörte nicht. Er hatte den Blick zu Boden
-gerichtet und seine Mienen drückten tiefes Nachdenken
+Aber Grau hörte nicht. Er hatte den Blick zu Boden
+gerichtet und seine Mienen drückten tiefes Nachdenken
aus. Erst als Adele ihre Frage wiederholte, fuhr er
verwirrt auf.
</p>
<p>
&bdquo;Ich bitte um Verzeihung!&ldquo; sagte er verlegen. &bdquo;Allein
-ich kann manchmal vollständig in Gedanken versinken.
-Nun hat mich eben eine Angelegenheit beschäftigt, die
+ich kann manchmal vollständig in Gedanken versinken.
+Nun hat mich eben eine Angelegenheit beschäftigt, die
mich schon seit meiner Ankunft stark interessiert. Es gibt
Dinge, die mich gar nichts angehen, aber meine Gedanken
-kaprizieren sich gerade darauf. Gefängnisgeistlicher, sagten
+kaprizieren sich gerade darauf. Gefängnisgeistlicher, sagten
Sie das? Ja, aber es war nicht meine erste Stelle.
-Zuvor war ich Lehrer an einem Blindeninstitut für
+Zuvor war ich Lehrer an einem Blindeninstitut für
Kinder.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Oh!&ldquo; Adele zog wie unter einem körperlichen
-Schmerze die feinen schwarzen Brauen hoch. Sie grüßte
-jemand auf der Straße, dann sagte sie: &bdquo;Unter Blinden,
+&bdquo;Oh!&ldquo; Adele zog wie unter einem körperlichen
+Schmerze die feinen schwarzen Brauen hoch. Sie grüßte
+jemand auf der Straße, dann sagte sie: &bdquo;Unter Blinden,
wie furchtbar! Und noch dazu unter blinden Kindern!
-Wie schrecklich muß das sein!&ldquo;
+Wie schrecklich muß das sein!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -7666,7 +7632,7 @@ Augen auf ihn.
<p>
&bdquo;Stellen Sie sich vor, wie es ist blind zu sein,
versuchen Sie es! Ja, ich habe es einmal versucht, ich
-kann Ihnen das ruhig erzählen, denn Sie denken vornehm,
+kann Ihnen das ruhig erzählen, denn Sie denken vornehm,
<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
ich habe es einmal versucht und mich blind
gemacht &mdash;&ldquo;
@@ -7684,49 +7650,49 @@ Interesse &mdash; aus einer Art von Interesse, wenn Sie
wollen, um meine blinden Lieblinge besser zu verstehen,
vielleicht auch um ihnen gleich zu sein &mdash; kurzum, aber
ich sage Ihnen gleich &mdash; doch es ist besser nicht davon
-zu sprechen. Entschuldigen Sie, Fräulein von Hennenbach.&ldquo;
-Er wurde plötzlich rot, dann fuhr er in anderem
+zu sprechen. Entschuldigen Sie, Fräulein von Hennenbach.&ldquo;
+Er wurde plötzlich rot, dann fuhr er in anderem
Tone fort: &bdquo;Denken Sie daran, wie wir uns freuen,
-wenn nur ein bißchen Licht durch die Fensterladen sickert,
-wenn das Licht im Laube der Bäume spielt, wir Menschen
-leben ja vom Licht wie die Pflanzen, unsere Seele nährt
+wenn nur ein bißchen Licht durch die Fensterladen sickert,
+wenn das Licht im Laube der Bäume spielt, wir Menschen
+leben ja vom Licht wie die Pflanzen, unsere Seele nährt
sich davon. Jeder Sonnenaufgang, jedes Glitzern eines
-Sternes, es ist in uns, wir wären nicht die gleichen
-ohne diese Eindrücke und glauben Sie mir, Fräulein von
+Sternes, es ist in uns, wir wären nicht die gleichen
+ohne diese Eindrücke und glauben Sie mir, Fräulein von
Hennenbach, ein Mensch mit zehntausend Sonnentagen
-und zehntausend Sternennächten in seinem Leben ist ein
-ganz andrer als ein Mensch mit fünftausend nur.&ldquo;
+und zehntausend Sternennächten in seinem Leben ist ein
+ganz andrer als ein Mensch mit fünftausend nur.&ldquo;
</p>
<p>
-Ein Mann schlendert an ihnen vorüber, in hohen
-Stiefeln, das Gewehr auf dem Rücken. Es war Eisenhut.
-Er grüßte tief, blinzelte beide an und stieg hocherhobenen
+Ein Mann schlendert an ihnen vorüber, in hohen
+Stiefeln, das Gewehr auf dem Rücken. Es war Eisenhut.
+Er grüßte tief, blinzelte beide an und stieg hocherhobenen
Hauptes vor ihnen her. Er nahm eine Zigarre aus
dem Etui und steckte sie in Brand.
</p>
<p>
-&bdquo;Schönes Wetter, schönes Wetter!&ldquo; rief er und
+&bdquo;Schönes Wetter, schönes Wetter!&ldquo; rief er und
blinzelte.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, schönes Wetter!&ldquo; sagte Grau.
+&bdquo;Ja, schönes Wetter!&ldquo; sagte Grau.
</p>
<p>
<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
Aber Eisenhut blickte Adele an, er beachtete ihn gar
-nicht, und wiederholte: &bdquo;Schönes Wetter!&ldquo;
+nicht, und wiederholte: &bdquo;Schönes Wetter!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Danach hat man Sie also zu den Gefangenen geschickt,
-Herr Grau?&ldquo; sagte Adele, die Eisenhut gänzlich
+Herr Grau?&ldquo; sagte Adele, die Eisenhut gänzlich
ignorierte. Eisenhut blinzelte, reckte den Spitzbart in
die Luft und zog mit seiner Zigarre ab, deren blauer
-Rauch regungslos über dem Wege schwebte.
+Rauch regungslos über dem Wege schwebte.
</p>
<p>
@@ -7734,7 +7700,7 @@ Rauch regungslos über dem Wege schwebte.
</p>
<p>
-<a id="corr-6"></a>&bdquo;Übrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes
+<a id="corr-6"></a>&bdquo;Übrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes
dazu getrieben, ich hatte eine Art Vision &mdash;
oder &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -7744,43 +7710,43 @@ oder &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Eine Art Vision, ja. Es ist übrigens kaum des
-Erzählens wert.&ldquo;
+&bdquo;Eine Art Vision, ja. Es ist übrigens kaum des
+Erzählens wert.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte und blickte Adele an, deren Wangen
-allmählich ein frisches Rot überzog.
+Grau lächelte und blickte Adele an, deren Wangen
+allmählich ein frisches Rot überzog.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie müssen mich recht verstehen,&ldquo; sagte Grau, &bdquo;was
-heißt das schließlich, eine Vision, nicht wahr? Es ist
+&bdquo;Sie müssen mich recht verstehen,&ldquo; sagte Grau, &bdquo;was
+heißt das schließlich, eine Vision, nicht wahr? Es ist
eine Art Traum in halbwachem Zustande, nichts weiter.
Einmal zum Beispiel, glaubte ich ein Sandkorn zu sein
und ich sah das Leben all des kleinen Getieres zwischen
-den Gräsern, das Wachsen der Halme, wie Zelle sich an
-Zelle schloß &mdash; ganz wunderbare Lebensvorgänge &mdash;&ldquo;
+den Gräsern, das Wachsen der Halme, wie Zelle sich an
+Zelle schloß &mdash; ganz wunderbare Lebensvorgänge &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Einmal nun, da schloß ich die Augen; ich war
-müde, aber ich schlief nicht und plötzlich sah ich einen
+&bdquo;Einmal nun, da schloß ich die Augen; ich war
+müde, aber ich schlief nicht und plötzlich sah ich einen
Mann vor mir mit erdfahlem Gesicht, in der Kleidung
eines Gefangenen. Er ging hin und her, vier Schritte
-vorwärts und vier Schritte zurück, so daß ich einmal
-sein erdfahles Gesicht sah, einmal seinen Rücken. Aber
+vorwärts und vier Schritte zurück, so daß ich einmal
+sein erdfahles Gesicht sah, einmal seinen Rücken. Aber
mit einmal war es nicht einer, es waren unendlich viele,
<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-vielleicht hundert. Wie Sie im Traume in Häuser hinein
-blicken können, durch Mauern hindurch, so sah ich in
+vielleicht hundert. Wie Sie im Traume in Häuser hinein
+blicken können, durch Mauern hindurch, so sah ich in
all diese Zellen hinein. Sie gingen hin und her, vier
-Schritte vorwärts, vier Schritte zurück, sie hatten alle
+Schritte vorwärts, vier Schritte zurück, sie hatten alle
erdfahle Gesichter und waren gekleidet wie Gefangene.
-Sie gingen hin und her, wie ein Tier in seinem Käfig,
-plötzlich aber blieben sie alle stehen, all die Hundert, sie
-blieben stehen und trommelten mit den Fäusten an die
-Wände. Nur einen Augenblick. Dann nahmen sie das
+Sie gingen hin und her, wie ein Tier in seinem Käfig,
+plötzlich aber blieben sie alle stehen, all die Hundert, sie
+blieben stehen und trommelten mit den Fäusten an die
+Wände. Nur einen Augenblick. Dann nahmen sie das
Wandern wieder auf.<a id="corr-7"></a>&ldquo;
</p>
@@ -7793,17 +7759,17 @@ Wandern wieder auf.<a id="corr-7"></a>&ldquo;
leise und schwieg eine Weile. Er fuhr fort: &bdquo;Aber nach
einer Weile standen all die Hundert wieder still, gerade
in dem Moment, da sie kehrt machen wollten um
-mir den Rücken zuzuwenden &mdash; sie standen still, sage
+mir den Rücken zuzuwenden &mdash; sie standen still, sage
ich &mdash; und sahen mich an. Alle auf einmal! All
die Hunderte von Augen, von toten erloschenen Augen,
sie sahen mich an. Ein Traum, denke ich, ein Traum,
nur ein <a id="corr-8"></a>Traum und klammere mich an den Gedanken,
-daß es ja nur ein Traum ist, während der Blick dieser
+daß es ja nur ein Traum ist, während der Blick dieser
entsetzlichen Augen auf mir ruht. Dieser Blick aber
-war kaum länger als ein Gedanke, dann lächelten all
-die erdfahlen Gesichter. Sie zogen die Münder ein
-wenig schief und sie lächelten alle das gleiche Lächeln:
-Spöttisch, überlegen, verächtlich &mdash; dann machten sie
+war kaum länger als ein Gedanke, dann lächelten all
+die erdfahlen Gesichter. Sie zogen die Münder ein
+wenig schief und sie lächelten alle das gleiche Lächeln:
+Spöttisch, überlegen, verächtlich &mdash; dann machten sie
kehrt und wanderten wieder.&ldquo;
</p>
@@ -7822,21 +7788,21 @@ Sie dorthin?&ldquo;
<p>
Adele atmete die frische Winterluft ein, und ihr
-Schleier flatterte plötzlich im Winde; denn die Höhe
-trat hier zurück und der Wind hatte freie Bahn. Ein
-paar Krähen flogen, tief mit den Flügeln schlagend,
-in einer Reihe über das Schneefeld und schrien. Bald
-tauchte auch das Dach von Susannas Häuschen auf.
+Schleier flatterte plötzlich im Winde; denn die Höhe
+trat hier zurück und der Wind hatte freie Bahn. Ein
+paar Krähen flogen, tief mit den Flügeln schlagend,
+in einer Reihe über das Schneefeld und schrien. Bald
+tauchte auch das Dach von Susannas Häuschen auf.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich hatte ja früher nie länger über diese Gefangenen
+&bdquo;Ich hatte ja früher nie länger über diese Gefangenen
nachgedacht,&ldquo; nahm Grau das Wort wieder auf, &bdquo;aber
-jetzt mußte ich es tun. Es war besonders jenes Lächeln
+jetzt mußte ich es tun. Es war besonders jenes Lächeln
mit dem schiefgezogenen Mund, das mir zu denken
-gab. Ich sagte, sie lächelten spöttisch, überlegen, verächtlich,
-aber all das sagt nicht genug. Ihr Lächeln
-schien auszudrücken: Du bist auch einer von jenen
+gab. Ich sagte, sie lächelten spöttisch, überlegen, verächtlich,
+aber all das sagt nicht genug. Ihr Lächeln
+schien auszudrücken: Du bist auch einer von jenen
Gedankenlosen.&ldquo;
</p>
@@ -7845,33 +7811,33 @@ Gedankenlosen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Grau, &bdquo;und ich mußte immerzu an
-dieses rätselhafte Lächeln denken und schließlich kam
-es dahin, daß ich um jeden Preis wissen mußte, was
+&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Grau, &bdquo;und ich mußte immerzu an
+dieses rätselhafte Lächeln denken und schließlich kam
+es dahin, daß ich um jeden Preis wissen mußte, was
es bedeute. Ich hatte mich ja mit solch falschen Anschauungen
-über Gefangene und Verbrecher getragen.&ldquo;
+über Gefangene und Verbrecher getragen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wollen Sie mir nicht sagen, was für Menschen
+&bdquo;Wollen Sie mir nicht sagen, was für Menschen
sie eigentlich sind?&ldquo; fragte Adele mit aufrichtigem
Interesse.
</p>
<p>
-Grau sah Adele an. &bdquo;Was für Menschen?&ldquo; antwortete
-er und lächelte. &bdquo;Sie sind genau wie andere
-Menschen, wie die Bürger dieser Stadt hier, wie ich,
-nur daß sie etwas getan haben, irgend etwas, das
+Grau sah Adele an. &bdquo;Was für Menschen?&ldquo; antwortete
+er und lächelte. &bdquo;Sie sind genau wie andere
+Menschen, wie die Bürger dieser Stadt hier, wie ich,
+nur daß sie etwas getan haben, irgend etwas, das
<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-gegen einen Paragraphen des Gesetzes verstieß, daß sie
-nicht vorsichtig genug waren und daß man sie packte.&ldquo;
+gegen einen Paragraphen des Gesetzes verstieß, daß sie
+nicht vorsichtig genug waren und daß man sie packte.&ldquo;
</p>
<p>
-Plötzlich erbleichte Adele. Sie lächelte und blickte
-in die Ferne, genau dahin, wo jetzt die Krähen flogen;
-sie sagte: &bdquo;Ja &mdash; daß man sie packte, das ist ganz
+Plötzlich erbleichte Adele. Sie lächelte und blickte
+in die Ferne, genau dahin, wo jetzt die Krähen flogen;
+sie sagte: &bdquo;Ja &mdash; daß man sie packte, das ist ganz
richtig, das ist wahr!&ldquo; Sie lachte ein wenig seltsam.
</p>
@@ -7880,69 +7846,69 @@ Grau sah sie mit einem raschen erstaunten Blicke an.
</p>
<p>
-Dann aber fuhr er mit gleichmütiger, ja fast auffallend
-gleichmütiger Stimme fort: &bdquo;Ich sehe, Sie interessieren
-sich für diese Unglücklichen, Fräulein von Hennenbach.
-Ich gestand Ihnen ja, daß auch ich mich mit
-falschen Anschauungen trug. Der größte Teil, das sind
+Dann aber fuhr er mit gleichmütiger, ja fast auffallend
+gleichmütiger Stimme fort: &bdquo;Ich sehe, Sie interessieren
+sich für diese Unglücklichen, Fräulein von Hennenbach.
+Ich gestand Ihnen ja, daß auch ich mich mit
+falschen Anschauungen trug. Der größte Teil, das sind
Leute, bei denen eine der allgemein menschlichen Eigenschaften,
-Eitelkeit, Hochmut, Trägheit Genußsucht, Sinnlichkeit,
-Habgierde, Verlegenheit, Gutmütigkeit, Leichtsinn,
+Eitelkeit, Hochmut, Trägheit Genußsucht, Sinnlichkeit,
+Habgierde, Verlegenheit, Gutmütigkeit, Leichtsinn,
Leidenschaftlichkeit &mdash; (eine ungeheure Menge von
-allgemein menschlichen Eigenschaften zählte Grau auf,
-sie wollten gar kein Ende nehmen) &mdash; unglücklich stark
-entwickelt ist im Vergleich zur Willenskraft, stärker
+allgemein menschlichen Eigenschaften zählte Grau auf,
+sie wollten gar kein Ende nehmen) &mdash; unglücklich stark
+entwickelt ist im Vergleich zur Willenskraft, stärker
sogar als die Furcht vor dem Gesetze. Jener Anschauung,
-daß alle Verbrecher und Sträflinge geisteskrank oder
+daß alle Verbrecher und Sträflinge geisteskrank oder
seelisch defekt sind, stimme ich nicht bei. Im Gegenteil,
Sie finden darunter einen nicht geringen Teil, der
sehr gesund ist, gesunder oft als die freien Menschen.
-Ganz prächtigen Leuten können Sie dort begegnen,
-welche Kraft, Unerschrockenheit, welches Feingefühl,
-welcher Stolz! Die meisten natürlich sind krank, sie
-haben einen Tropfen krankes Blut im Körper, den der
-Arzt natürlich weder sehen noch nachweisen kann. Endlich
+Ganz prächtigen Leuten können Sie dort begegnen,
+welche Kraft, Unerschrockenheit, welches Feingefühl,
+welcher Stolz! Die meisten natürlich sind krank, sie
+haben einen Tropfen krankes Blut im Körper, den der
+Arzt natürlich weder sehen noch nachweisen kann. Endlich
kommen die schrecklichen Verbrecher, die als Teufel
<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
geboren wurden und eines Tages ein Verbrechen begehen,
-daß alle Zeitungsleser der ganzen Welt schreien:
-Er gehört geschlagen, gebrüht, die ärgste Folter müßte
+daß alle Zeitungsleser der ganzen Welt schreien:
+Er gehört geschlagen, gebrüht, die ärgste Folter müßte
ersonnen werden!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Haben Sie solche gesehen? Was für Menschen
-mögen das wohl sein?&ldquo;
+&bdquo;Haben Sie solche gesehen? Was für Menschen
+mögen das wohl sein?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich habe vier solche gesehen, ja. Ich weiß es
-nicht. Niemand weiß es. Sie sind ein Mysterium,
+&bdquo;Ich habe vier solche gesehen, ja. Ich weiß es
+nicht. Niemand weiß es. Sie sind ein Mysterium,
uralte Raubtiernaturen, Finsternisseelen, blutige Gespenster
&mdash; irgend eine schreckliche Kraft, ein entsetzlicher
-Geist haust in ihnen, ich weiß es nicht, ich habe das
+Geist haust in ihnen, ich weiß es nicht, ich habe das
noch nicht zu Ende gedacht!&ldquo;
</p>
<p>
-Adele schüttelte den Kopf. &bdquo;Nach all dem, nach
+Adele schüttelte den Kopf. &bdquo;Nach all dem, nach
Ihrer Auffassung vom Verbrecher,&ldquo; sagte sie, &bdquo;die ja
-sehr gütig ist &mdash;&ldquo;
+sehr gütig ist &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
Grau unterbrach sie. &bdquo;Das Resultat von Beobachtungen,
-erlauben Sie, mein Gefühl spricht nicht mit.&ldquo;
+erlauben Sie, mein Gefühl spricht nicht mit.&ldquo;
</p>
<p>
-Nun wohl, seiner Anschauung gemäß müßte es unrecht
+Nun wohl, seiner Anschauung gemäß müßte es unrecht
sein, die Verbrecher zu bestrafen.
</p>
<p>
Grau blieb stehen. Er sah Adele an und sagte:
-&bdquo;Natürlich! Das ist eins jener Dinge, die ich gar nicht
+&bdquo;Natürlich! Das ist eins jener Dinge, die ich gar nicht
verstehen kann. In hundert Jahren wird man diesen
menschlichen Irrtum mit den gleichen Augen betrachten,
mit denen man heute auf die mittelalterlichen Hexenprozesse
@@ -7954,30 +7920,30 @@ blickt.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Die Gesellschaft!&ldquo; sagte er.
+Grau lächelte. &bdquo;Die Gesellschaft!&ldquo; sagte er.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich verstehe. Ich werde kein großes Geschrei machen,
+&bdquo;Ich verstehe. Ich werde kein großes Geschrei machen,
ich werde gar nicht von den Verbrechen sprechen, die
die Gesellschaft in aller Ruhe begeht oder von den Verbrechen,
<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
die im Gesetz selbst enthalten sind. Die Gesellschaft
will in Ruhe und Frieden die Arbeit der Kultur
-verrichten, nicht wahr? Störenfriede schafft sie aus
+verrichten, nicht wahr? Störenfriede schafft sie aus
dem Wege. Aber das ist nicht ganz richtig, der Gesellschaft
ist es ja nur zum geringsten Teil um Kulturarbeit
zu tun, zum allergeringsten Teil &mdash; denn die Gesellschaft
ist ja eigentlich nichts anderes als ein Ring kleiner und
-großer Bankiers &mdash; es ist ihr vielleicht ein wenig um
+großer Bankiers &mdash; es ist ihr vielleicht ein wenig um
das Werk der Zivilisation zu tun, um den Export von
Seifen und Gasmotoren und Kanonen &mdash; vielleicht nur
um Bereicherung, aber auch das ist wohl nicht gerecht &mdash;
sagen wir die Gesellschaft will leben, bequem und in
Frieden. Deshalb also schafft sie sich Gesetze, nur weil
-sie bequem und in Gemütsruhe leben will &mdash; das Motiv
-steht nicht sehr hoch! Gut, sie kann also Störenfriede
-ausschließen &mdash; aber bestrafen, wieso? Vielleicht hat
+sie bequem und in Gemütsruhe leben will &mdash; das Motiv
+steht nicht sehr hoch! Gut, sie kann also Störenfriede
+ausschließen &mdash; aber bestrafen, wieso? Vielleicht hat
sie das Recht, Elemente, die ihre Gesetze nicht respektieren
und sich dagegen verfehlten, zu erziehen &mdash; das
aber ist alles!&ldquo;
@@ -7988,60 +7954,60 @@ aber ist alles!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau schüttelte den Kopf und lächelte. &bdquo;Sie meinen,
+Grau schüttelte den Kopf und lächelte. &bdquo;Sie meinen,
wenn jemand mir zum Beispiel hundert Mark stiehlt &mdash;
ja, was habe ich dagegen? Werde ich ihn bestrafen?
-Nein, ich würde mich schämen, so großen Wert auf ein
-bißchen Besitz zu legen, ich würde es gar nicht vornehm
+Nein, ich würde mich schämen, so großen Wert auf ein
+bißchen Besitz zu legen, ich würde es gar nicht vornehm
finden &mdash; die Gesellschaft aber glaubt das Recht zu
-haben, einem Menschen, der einen alten Überzieher gestohlen
-hat, ein Stück seiner Seele zu stehlen. Ich begreife
-das nicht. Übrigens keine Einzelheiten. Müssen
-Sie nicht immer ein Auge schließen, wenn Sie auf die
+haben, einem Menschen, der einen alten Überzieher gestohlen
+hat, ein Stück seiner Seele zu stehlen. Ich begreife
+das nicht. Übrigens keine Einzelheiten. Müssen
+Sie nicht immer ein Auge schließen, wenn Sie auf die
<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
Gesellschaft blicken, oder beide Augen zuweilen, wie?
-Oder müssen Sie sich nicht schämen oder erwacht der
+Oder müssen Sie sich nicht schämen oder erwacht der
Gedanke nicht in Ihnen, fortzugehen, weit fort, zu den
Wilden auf eine Insel, wohin kein Schiff aus Europa
kommt, wie? Europa, jenem Kontinente der bestechenden
Theorien und der schmutzigen Praxis. Sie werden
-sagen, Ehre, Gut, Leben müssen beschützt werden. Gut &mdash;
-obgleich ich finde, daß unsere Zeit zu viel Wert darauf
+sagen, Ehre, Gut, Leben müssen beschützt werden. Gut &mdash;
+obgleich ich finde, daß unsere Zeit zu viel Wert darauf
legt. Man wirft den Verbrecher in den Kerker, jahrelang
-&mdash; ohne zu bedenken, daß das grausamer ist als
+&mdash; ohne zu bedenken, daß das grausamer ist als
jedes Verbrechen. Der Verbrecher hat sich am Besitz,
am Leben eines anderen vergriffen, aber nicht an der
Seele, wohlgemerkt, das aber tut die Gesellschaft. Sie
-martert die Seelen, sie läßt sie vermodern und verfaulen.
-Dabei handelt die Gesellschaft mit klarer Überlegung
-&mdash; könnte man fast sagen &mdash; aber der Verbrecher &mdash;?
+martert die Seelen, sie läßt sie vermodern und verfaulen.
+Dabei handelt die Gesellschaft mit klarer Überlegung
+&mdash; könnte man fast sagen &mdash; aber der Verbrecher &mdash;?
Nun?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Nun werden Sie aber sagen: Wenn ein Mensch
-jedoch ein Teufel ist, nicht wahr? Ja, aber muß denn
+jedoch ein Teufel ist, nicht wahr? Ja, aber muß denn
die Gesellschaft ebenfalls teuflisch sein? Was ist das
anders als niedrige Rachsucht? Es mag ja Zeiten gegeben
haben, wo all das am Platze war &mdash; aber heute?
-Das Leben wäre ja wohl nicht mehr so bequem und so
-ungefährlich, das mag sein. Aber wäre es nicht besser,
-wenn es ein wenig mehr gefährlich wäre und dafür gerechter?
-Übrigens haben schon viele Leute darüber nachgedacht
+Das Leben wäre ja wohl nicht mehr so bequem und so
+ungefährlich, das mag sein. Aber wäre es nicht besser,
+wenn es ein wenig mehr gefährlich wäre und dafür gerechter?
+Übrigens haben schon viele Leute darüber nachgedacht
und Reformen geschaffen, zum Beispiel in Amerika.
-Man kann nicht leugnen, daß es allmählich etwas lichter
+Man kann nicht leugnen, daß es allmählich etwas lichter
wird. Von der Todesstrafe will ich ja gar nicht sprechen.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele dachte nach. Sie schüttelte den Kopf. &bdquo;Wie
+Adele dachte nach. Sie schüttelte den Kopf. &bdquo;Wie
<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
soll man es aber anstellen?&ldquo; fragte sie. &bdquo;Soll man
die Verbrecher etwa alle auf eine Insel verschicken?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, dann kämen ja auf dieser Insel alle Verbrecher
+&bdquo;Nein, dann kämen ja auf dieser Insel alle Verbrecher
und Kranken zusammen.&ldquo;
</p>
@@ -8056,71 +8022,71 @@ Schulen, Gelegenheit den Gefallenen gesund zu machen.
<p>
&bdquo;Ja, Schulen, die ihn erziehen, die ihm die Augen
-öffnen, ihn auf ein höheres Niveau der Anschauung vom
+öffnen, ihn auf ein höheres Niveau der Anschauung vom
Leben, vom Menschen, der Gesellschaft stellen. Frische
-Luft, gute Nahrung, viele Bewegung, Spaziergänge in
+Luft, gute Nahrung, viele Bewegung, Spaziergänge in
Wald und Feld. Die Arbeit kann ja hart sein, in Bergwerken,
-Steinbrüchen, das ist einerlei, aber sie darf
-nicht alle Zeit in Anspruch nehmen, kaum die Hälfte
+Steinbrüchen, das ist einerlei, aber sie darf
+nicht alle Zeit in Anspruch nehmen, kaum die Hälfte
des Tages.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele hatte noch eine Frage. Nämlich, wenn das
-alles nichts helfe und der Verbrecher rückfällig werde.
+Adele hatte noch eine Frage. Nämlich, wenn das
+alles nichts helfe und der Verbrecher rückfällig werde.
</p>
<p>
-Wiederum Bergwerke, Steinbrüche, Schulen. Ja,
-wenn er wolle, könne er ja sein ganzes Leben in den
-Bergwerken arbeiten und täglich ein paar Stunden
+Wiederum Bergwerke, Steinbrüche, Schulen. Ja,
+wenn er wolle, könne er ja sein ganzes Leben in den
+Bergwerken arbeiten und täglich ein paar Stunden
spazieren gehen.
</p>
<p>
-Ob Herr Grau nicht glaube, daß dadurch die Ziffer
+Ob Herr Grau nicht glaube, daß dadurch die Ziffer
der Verbrecher steige, bei dieser linden Behandlung?
</p>
<p>
Nein, nimmermehr glaube er dies! Das moralische
-und ethische Bewußtsein des Volkes würde gerade dadurch
+und ethische Bewußtsein des Volkes würde gerade dadurch
gehoben werden.
</p>
<p>
-Hm. Ja, aber es gäbe Verbrecher, eigenartig angelegte
+Hm. Ja, aber es gäbe Verbrecher, eigenartig angelegte
Menschen, die nicht eine Spur von einer moralischen
-oder ethischen Anlage in sich hätten, es seien oft die
+oder ethischen Anlage in sich hätten, es seien oft die
schrecklichsten &mdash;
</p>
<p>
<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-&bdquo;Ein Landhaus für sie in einsamer Gegend, ein
-Stück Gartenland.&ldquo;
+&bdquo;Ein Landhaus für sie in einsamer Gegend, ein
+Stück Gartenland.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ein Landhaus!&ldquo; Adele lachte unwillkürlich. Grau
-errötete. Er blickte sie an. &bdquo;Nun, natürlich, eine Hütte,&ldquo;
-sagte er sanft, &bdquo;da mögen sie hausen. Man kann sie
+&bdquo;Ein Landhaus!&ldquo; Adele lachte unwillkürlich. Grau
+errötete. Er blickte sie an. &bdquo;Nun, natürlich, eine Hütte,&ldquo;
+sagte er sanft, &bdquo;da mögen sie hausen. Man kann sie
nicht erziehen, man kann sie nicht bestrafen &mdash; aber sie
-sind aus dem Wege.&ldquo; Ja, die Gesellschaft müsse es sich
+sind aus dem Wege.&ldquo; Ja, die Gesellschaft müsse es sich
schon einiges kosten lassen, wenn sie leben wolle, wie
-sie es wünsche.
+sie es wünsche.
</p>
<p>
-Sie standen auf der Brücke. &bdquo;Leben Sie wohl
-nun,&ldquo; sagte Adele. &bdquo;Das Gespräch hat mich angeregt,
+Sie standen auf der Brücke. &bdquo;Leben Sie wohl
+nun,&ldquo; sagte Adele. &bdquo;Das Gespräch hat mich angeregt,
ich danke Ihnen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ich danke Ihnen!&ldquo; wehrte Grau ab. &bdquo;Nicht weil
-Sie mir so aufmerksam zuhörten, sondern für Ihr Interesse
-an diesem Gegenstand, Fräulein von Hennenbach.&ldquo; Das
+Sie mir so aufmerksam zuhörten, sondern für Ihr Interesse
+an diesem Gegenstand, Fräulein von Hennenbach.&ldquo; Das
sagte er mit einem warmen Blick.
</p>
@@ -8137,8 +8103,8 @@ sagte er mit einem warmen Blick.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja. Ich wäre noch gerne bei ihnen geblieben, aber
-es hat sich nicht so gefügt.&ldquo;
+&bdquo;Ja. Ich wäre noch gerne bei ihnen geblieben, aber
+es hat sich nicht so gefügt.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -8146,8 +8112,8 @@ es hat sich nicht so gefügt.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Die Wahrheit ist die,&ldquo; sagte er,
-&bdquo;ich habe eine Broschüre geschrieben, die einiges Aufsehen
+Grau lächelte. &bdquo;Die Wahrheit ist die,&ldquo; sagte er,
+&bdquo;ich habe eine Broschüre geschrieben, die einiges Aufsehen
erregt hat, und man hat mich zur Strafe versetzt.&ldquo;
</p>
@@ -8156,17 +8122,17 @@ erregt hat, und man hat mich zur Strafe versetzt.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau drückte Adeles Hand und sagte ganz unvermittelt:
+Grau drückte Adeles Hand und sagte ganz unvermittelt:
&bdquo;Ich sehe Sie dann und wann in Ihrem Parke
-gehen, Fräulein von Hennenbach. Einmal da trugen
-Sie ein brennend rotes Kostüm. Sie kamen auch bis
+gehen, Fräulein von Hennenbach. Einmal da trugen
+Sie ein brennend rotes Kostüm. Sie kamen auch bis
<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-an die Mauer, es war ein japanisches Kostüm denke
+an die Mauer, es war ein japanisches Kostüm denke
ich &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Ja, es sei für den Liederkranzball am Faschingsmontag
+Ja, es sei für den Liederkranzball am Faschingsmontag
bestimmt. Sie liebe es sich zuweilen phantastisch
zu kleiden.
</p>
@@ -8174,34 +8140,34 @@ zu kleiden.
<p>
&bdquo;Einmal da gingen Sie ganz in Gold,&ldquo; fuhr Grau
fort, &bdquo;es sah aus als ginge ein Sonnenstrahl im Park
-spazieren, möchte ich beinahe sagen.&ldquo; Er sah Adele
+spazieren, möchte ich beinahe sagen.&ldquo; Er sah Adele
lange an und dann nickte er. &bdquo;Ich denke zuweilen an
-Sie,&ldquo; sagte er aufrichtig mit einem Lächeln auf den
-knabenhaften Lippen, &bdquo;ich wünsche, daß Ihr Leben reich
-und herrlich sein möge, denn Sie sind sehr schön! Ich
-habe stets ein eigentümliches Gefühl, wenn ich Sie sehe,
-Fräulein von Hennenbach, denn ich hatte einst einen
-sonderbaren Traum von einer Frau, der Sie sehr ähnlich
+Sie,&ldquo; sagte er aufrichtig mit einem Lächeln auf den
+knabenhaften Lippen, &bdquo;ich wünsche, daß Ihr Leben reich
+und herrlich sein möge, denn Sie sind sehr schön! Ich
+habe stets ein eigentümliches Gefühl, wenn ich Sie sehe,
+Fräulein von Hennenbach, denn ich hatte einst einen
+sonderbaren Traum von einer Frau, der Sie sehr ähnlich
sind &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Adele errötete etwas und lächelte, um ihre Verlegenheit
+Adele errötete etwas und lächelte, um ihre Verlegenheit
und Verwunderung zu verbergen. &bdquo;Wollen Sie mir
-diesen Traum nicht erzählen?&ldquo;
+diesen Traum nicht erzählen?&ldquo;
</p>
<p>
-Nein, nein, das sei eine Geschichte für sich. &bdquo;Leben
-Sie recht wohl.&ldquo; Er lächelte und verbeugte sich, dann
+Nein, nein, das sei eine Geschichte für sich. &bdquo;Leben
+Sie recht wohl.&ldquo; Er lächelte und verbeugte sich, dann
nahm er den Blumentopf mit der kleinen roten Tulpe
-auf den andern Arm und stieg zu Susannas Häuschen
-hinab. Er hatte Mühe, gegen den Wind anzukämpfen,
-der heftig über die Felder blies.
+auf den andern Arm und stieg zu Susannas Häuschen
+hinab. Er hatte Mühe, gegen den Wind anzukämpfen,
+der heftig über die Felder blies.
</p>
<p>
-Susanna hatte sich geschmückt.
+Susanna hatte sich geschmückt.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-1-16">
@@ -8211,55 +8177,55 @@ Susanna hatte sich geschmückt.
<p class="first">
<span class="firstchar">E</span>in Sonnenstrahl leuchtete in Susannas Stube umher,
-als Grau eintrat. In Mütterchens Glasschrank,
+als Grau eintrat. In Mütterchens Glasschrank,
dessen Scheiben halb blind waren, wurde es auf
eine Weile tageshell und man sah all die Teller und
Tassen, die da standen. Auf dem Fensterbrett, dem Tisch
und der Kommode standen Blumen, Tulpen, Hyazinthen
-und ein kleiner blühender Baum, der genau wie ein
-blühender Kirschbaum in kleinem Format aussah, die
-Blumen glänzten und lächelten als der Sonnenstrahl
-sie berührte und die roten Tulpen glühten als hauche
+und ein kleiner blühender Baum, der genau wie ein
+blühender Kirschbaum in kleinem Format aussah, die
+Blumen glänzten und lächelten als der Sonnenstrahl
+sie berührte und die roten Tulpen glühten als hauche
man auf rote Glut.
</p>
<p>
-In der Mitte ihres Gartens saß Susanna und
-lächelte. Der Sonnenstrahl beleuchtete ihr Gesicht und
-ihre Augen glänzten wie dunkles Kupfer. Sie hatte
-sich geschmückt.
+In der Mitte ihres Gartens saß Susanna und
+lächelte. Der Sonnenstrahl beleuchtete ihr Gesicht und
+ihre Augen glänzten wie dunkles Kupfer. Sie hatte
+sich geschmückt.
</p>
<p>
-Um die Ärmel ihres schwarzen Kleides hatte sie
-Spitzen genäht, um die Schultern hatte sie ein goldgelbes
+Um die Ärmel ihres schwarzen Kleides hatte sie
+Spitzen genäht, um die Schultern hatte sie ein goldgelbes
Seidentuch gelegt, es warf einen warmen Widerschein
auf ihr schmales Gesicht. Hinter dem Kopfe lag
-ein weißes Kissen. Es mochte sein, daß sie sich schlechter
-fühlte, aber man konnte auch glauben, daß das weiße
+ein weißes Kissen. Es mochte sein, daß sie sich schlechter
+fühlte, aber man konnte auch glauben, daß das weiße
Kissen den Zweck habe, die schwarzen Haare mehr zur
-Geltung zu bringen. Diese Haare waren mit größter
-Sorgfalt frisiert, sie glänzten von irgend einer Salbe,
-die Zöpfchen, die über die Ohren herabhingen, waren
-zu Bändern geflochten, und man konnte sich recht gut
-vorstellen, wie lange solche kleinen müden Hände wohl
+Geltung zu bringen. Diese Haare waren mit größter
+Sorgfalt frisiert, sie glänzten von irgend einer Salbe,
+die Zöpfchen, die über die Ohren herabhingen, waren
+zu Bändern geflochten, und man konnte sich recht gut
+vorstellen, wie lange solche kleinen müden Hände wohl
dazu brauchten.
</p>
<p>
<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-Sie lächelte als Grau eintrat und ihre Augen glänzten
+Sie lächelte als Grau eintrat und ihre Augen glänzten
ihm entgegen. &bdquo;Willkommen, mein Freund! Aber da
haben Sie sich ja trotz meines Verbotes wiederum Ausgaben
gemacht!&ldquo; Sie drohte ihm mit den Finger.
</p>
<p>
-&bdquo;Entschuldigen Sie nur, Fräulein Susanna!&ldquo; sagte
+&bdquo;Entschuldigen Sie nur, Fräulein Susanna!&ldquo; sagte
Grau und lachte, indem er die kleine Tulpe auf den
Tisch stellte. Er legte den Mantel ab, hauchte auf die
-Fingerspitzen, er stampfte auch mit den Füßen, ganz als
-ob er zu Hause wäre. &bdquo;Welche Kälte, dieser Winter
+Fingerspitzen, er stampfte auch mit den Füßen, ganz als
+ob er zu Hause wäre. &bdquo;Welche Kälte, dieser Winter
scheint kein Ende zu nehmen. Nun, wie geht es?&ldquo; Er
gab ihr die Hand.
</p>
@@ -8269,12 +8235,12 @@ gab ihr die Hand.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich danke Ihnen für Ihren Brief, Fräulein Susanna!&ldquo;
+&bdquo;Ich danke Ihnen für Ihren Brief, Fräulein Susanna!&ldquo;
sagte Grau und hielt Susannas Hand. &bdquo;Welch
-ein schöner und unvergeßlicher Brief!&ldquo; Sie habe sich
-gedrungen gefühlt, ihm zu schreiben, denn sie vergäße
+ein schöner und unvergeßlicher Brief!&ldquo; Sie habe sich
+gedrungen gefühlt, ihm zu schreiben, denn sie vergäße
so vieles zu sagen und manches lasse sich auch nicht
-erzählen. &bdquo;Was gibt es neues?&ldquo; sagte Grau.
+erzählen. &bdquo;Was gibt es neues?&ldquo; sagte Grau.
</p>
<p>
@@ -8282,38 +8248,38 @@ Endlich entzog ihm Susanna sanft die Hand.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie sollten sich am Ofen wärmen,&ldquo; sagte sie mit
+&bdquo;Sie sollten sich am Ofen wärmen,&ldquo; sagte sie mit
ihrer hohen feinen Stimme, &bdquo;Sie sehen ganz durchgefroren
aus!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, neues? Mütterchen hat Streit mit Herrn Eisenhut
+&bdquo;Ja, neues? Mütterchen hat Streit mit Herrn Eisenhut
gehabt; zum hundertsten Male hat er gedroht, ihr
-zu kündigen.&ldquo; Dann die Blumen. &bdquo;Die weiße Hyazinthe
-steht so matt da. Übrigens sie riecht am allerfeinsten.
+zu kündigen.&ldquo; Dann die Blumen. &bdquo;Die weiße Hyazinthe
+steht so matt da. Übrigens sie riecht am allerfeinsten.
Sie riecht wie ein feiner Apfel, nur noch
-feiner. Die weißen haben überhaupt den feinsten Duft,
+feiner. Die weißen haben überhaupt den feinsten Duft,
die blauen oder roten, auch sie riechen fein, aber es ist
nicht das gleiche. Betrachten Sie die gelbe Tulpe. Sie
<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
hat ihre meisten Tage gesehen, sie stirbt. Sehen Sie,
-wie sie verzweifelt den Kelch öffnet? Aber so riechen
+wie sie verzweifelt den Kelch öffnet? Aber so riechen
Sie doch daran &mdash; wie feinster Zimt, nicht wahr?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Hören Sie, welch prächtige Menschen es doch auf
+&bdquo;Hören Sie, welch prächtige Menschen es doch auf
der Welt gibt!&ldquo; rief Grau aus. &bdquo;Da haben Sie diese
alte Frau Sammet. Was tut sie, diese arme Kirchenmaus?
Heute kommt sie wieder zu mir und bringt
-zwölf Eier und ein halbes Pfund Butter. Ja, sage ich,
+zwölf Eier und ein halbes Pfund Butter. Ja, sage ich,
was soll das eigentlich? Jetzt sind Sie erst vor acht
-Tagen dagewesen? Sie legt die Eier auf den Küchentisch
-und die Butter, aber sie rückt nicht mit der Sprache
+Tagen dagewesen? Sie legt die Eier auf den Küchentisch
+und die Butter, aber sie rückt nicht mit der Sprache
heraus. Es ist Montag, sagt sie. Sie nimmt auch kein
Geld. Es ist Montag, sagt sie, sonst nichts. Also scheine
-ich jeden Montag meine zwölf Eier und das halbe Pfund
+ich jeden Montag meine zwölf Eier und das halbe Pfund
Butter zu bekommen &mdash; ist Ihnen so etwas schon im
Leben passiert?&ldquo;
</p>
@@ -8325,23 +8291,23 @@ Susanna, &bdquo;sie weint, so oft sie von Ihnen spricht.&ldquo;
<p>
&bdquo;Ah!&ldquo; sagte Grau und lachte und wandte sich ab.
-&bdquo;Da haben Sie es, sie ist ein altes Weib. Wofür, um
+&bdquo;Da haben Sie es, sie ist ein altes Weib. Wofür, um
Gottes willen, sollte sie mir zu danken haben? Nun
-rennt sie meilenweit in den Dörfern umher, um ihr
-bißchen Brot zu verdienen, und bringt mir jeden Montag
-zwölf Eier und ein halbes Pfund Butter &mdash; ja, vielleicht
-ist es ein Pfund, wer weiß es &mdash; für nichts, für rein
+rennt sie meilenweit in den Dörfern umher, um ihr
+bißchen Brot zu verdienen, und bringt mir jeden Montag
+zwölf Eier und ein halbes Pfund Butter &mdash; ja, vielleicht
+ist es ein Pfund, wer weiß es &mdash; für nichts, für rein
nichts, solche Menschen gibt es unter der Sonne.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie soll jetzt eine große Kundschaft haben. Sie
+&bdquo;Sie soll jetzt eine große Kundschaft haben. Sie
hat sich einen kleinen Handwagen angeschafft. Das alles
-hat mir Adele erzählt.&ldquo;
+hat mir Adele erzählt.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Fräulein von Hennenbach?&ldquo;
+&bdquo;Fräulein von Hennenbach?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -8355,51 +8321,51 @@ hat mir Adele erzählt.&ldquo;
<p>
&bdquo;Adele hat mir das seidene Tuch hier geschenkt, auf
-eine kleine Äußerung hin, auch die Spitzen hier. Ich
-habe nur gesagt, die Ärmel des Kleides sehen so kurz
+eine kleine Äußerung hin, auch die Spitzen hier. Ich
+habe nur gesagt, die Ärmel des Kleides sehen so kurz
aus. Von ihr habe ich eine ganze Menge Neuigkeiten!&ldquo;
-Susanna lächelte schelmisch und wichtigtuend. In ihren
-pechschwarzen Augen glänzten goldene Funken, Reflexe
+Susanna lächelte schelmisch und wichtigtuend. In ihren
+pechschwarzen Augen glänzten goldene Funken, Reflexe
des Seidentuches. &bdquo;Sie haben die alte Frau Sammet
auch aufgefordert im Pfarrhaus zu wohnen, ist es
nicht so?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau sah erstaunt auf. &bdquo;Grundgütiger Himmel, welch
+Grau sah erstaunt auf. &bdquo;Grundgütiger Himmel, welch
eine Stadt ist das doch!&ldquo; sagte er. &bdquo;Jeder Pflasterstein
scheint ein Ohr zu haben. Ja, ich habe der alten Sammet
dieses Anerbieten gemacht, weil ich vier Zimmer habe
-und weil ich dachte, sie könnte mir vielleicht ein wenig
+und weil ich dachte, sie könnte mir vielleicht ein wenig
in der Wirtschaft helfen &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Aber Sie tun ja alles allein, nicht einmal die Stiefel
-lassen Sie sich von der Küstersfrau putzen.&ldquo; Susanna
+lassen Sie sich von der Küstersfrau putzen.&ldquo; Susanna
lachte.
</p>
<p>
-Susanna lächelte. &bdquo;Wenn Sie wüßten, was ich alles
+Susanna lächelte. &bdquo;Wenn Sie wüßten, was ich alles
erfahren habe! Ja, bei Gott, das ist eine Stadt, jeder
Pflasterstein scheint ein Dutzend Ohren zu haben, da
haben Sie recht!&ldquo; Sie lachte und klatschte ein wenig in
-die Hände. Dabei verrückte sich das Kissen hinter ihrem
-Rücken und Grau eilte, ihr behilflich zu sein. Aber Susanna
+die Hände. Dabei verrückte sich das Kissen hinter ihrem
+Rücken und Grau eilte, ihr behilflich zu sein. Aber Susanna
wurde dunkelrot und wehrte ab. Sie wollte nicht,
-daß er sehe, daß sie ausgewachsen war. &bdquo;Es betrifft ihn,
+daß er sehe, daß sie ausgewachsen war. &bdquo;Es betrifft ihn,
Herrn Eisenhut,&ldquo; fuhr sie leise fort, &bdquo;er ist hier und
-Mütterchen spricht mit ihm &mdash; wegen einer Rechnung
+Mütterchen spricht mit ihm &mdash; wegen einer Rechnung
<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-von zwölf Mark ist ein langwieriger Krieg zwischen den
+von zwölf Mark ist ein langwieriger Krieg zwischen den
beiden ausgebrochen &mdash; es betrifft ihn. Sie wissen nicht,
was ich meine? Nein? Wie klug Sie es auch angestellt
haben, es ist doch bekannt geworden. Ja, zuerst haben
Sie einen Schulknaben herausgefischt und ihm das Versprechen
abgenommen, nicht mehr hinter Herrn Eisenhut
herzulaufen und Spottlieder zu singen, auch das Versprechen,
-daß er niemandem etwas sagen sollte, daß Sie
+daß er niemandem etwas sagen sollte, daß Sie
mit ihm sprachen &mdash; dann einen zweiten und dritten
und auf diese Weise alle zusammen, aber es ist doch
bekannt geworden.&ldquo;
@@ -8407,25 +8373,25 @@ bekannt geworden.&ldquo;
<p>
Grau zog die Brauen zusammen, seine Augen wurden
-groß, er sah niedergeschlagen und unglücklich aus. &bdquo;Es
-ist also glücklich herausgekommen, wie?&ldquo; sagte er leise.
-&bdquo;Ich hätte es mir denken können, wenn ich ein klein
-wenig mehr gedacht hätte, so hätte ich es mir &mdash; ja,
+groß, er sah niedergeschlagen und unglücklich aus. &bdquo;Es
+ist also glücklich herausgekommen, wie?&ldquo; sagte er leise.
+&bdquo;Ich hätte es mir denken können, wenn ich ein klein
+wenig mehr gedacht hätte, so hätte ich es mir &mdash; ja,
es war ein schlechter Einfall. Auf diese Rangen ist
-kein Verlaß! Ich habe gedacht, sehen Sie, es war so,
+kein Verlaß! Ich habe gedacht, sehen Sie, es war so,
ich habe es gesehen, wie sie hinter Eisenhut herliefen
und sangen. Er war ein wenig angetrunken. Sie
sangen und schrieen und tanzten, grausam, wie Kinder
-sein können, die Polizei wollte sie verjagen, aber das
-gelang natürlich nicht, und nun sah ich, daß Eisenhut
-sich gegen alle umwandte und eine hilflose Gebärde
-machte. Diese Gebärde aber und vor allem sein Blick &mdash;
+sein können, die Polizei wollte sie verjagen, aber das
+gelang natürlich nicht, und nun sah ich, daß Eisenhut
+sich gegen alle umwandte und eine hilflose Gebärde
+machte. Diese Gebärde aber und vor allem sein Blick &mdash;
nein, wie dumm ich es aber angestellt habe &mdash;&ldquo; Er
-schüttelte den Kopf und sah auf den Boden.
+schüttelte den Kopf und sah auf den Boden.
</p>
<p>
-Susanna aber lächelte und begann von neuem:
+Susanna aber lächelte und begann von neuem:
&bdquo;Sodann sagen die Leute, Sie seien eine Art Freidenker
und gar kein Geistlicher, wie er sein soll. Auch sagt
<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
@@ -8434,67 +8400,67 @@ Weinberg.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau schien gar nicht zuzuhören. Er blickte zum
-Fenster hinaus. Der Schnee sah eigentümlich rot aus
+Grau schien gar nicht zuzuhören. Er blickte zum
+Fenster hinaus. Der Schnee sah eigentümlich rot aus
und die Wolken waren kupferrot und drohend. Aber
-rasch erblaßten die Farben und ein schweres düsteres
-Grau schlug über die Erde zusammen. Nun wurde
+rasch erblaßten die Farben und ein schweres düsteres
+Grau schlug über die Erde zusammen. Nun wurde
das Feuer im Ofen lebendig und tauchte Susannas
Gesicht in zarte huschende Glut.
</p>
<p>
-Grau sah Susanna an und lächelte. &bdquo;Wie schön
+Grau sah Susanna an und lächelte. &bdquo;Wie schön
das Feuer doch Ihr Gesicht macht,&ldquo; sagte er leise, gleichsam
-als spräche er für sich selbst. Dann sagte er:
+als spräche er für sich selbst. Dann sagte er:
&bdquo;Was ist doch mit der Bank, von der Sie in Ihrem
Briefe schrieben? Sie nannten sie &sbquo;meine&lsquo; Bank, es
-muß also eine ganz besondere Bewandtnis mit der Bank
-haben? Wollen Sie mir nicht davon erzählen?&ldquo;
+muß also eine ganz besondere Bewandtnis mit der Bank
+haben? Wollen Sie mir nicht davon erzählen?&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna zögerte. Aber dann feuchtete sie die Lippen
+Susanna zögerte. Aber dann feuchtete sie die Lippen
mit der kleinen Spitze ihrer Zunge an und begann:
-&bdquo;Wenn man um das Haus herum geht, über den Bach
-hinüber und dann die Höhe hinaufsteigt, so kommt
-man an diese Bank. Hier saß ich schon mit zwölf
-Jahren. Aber nur dann und wann. Später öfter und
-endlich saß ich jeden Abend dort, wenn die Sonne sank.
+&bdquo;Wenn man um das Haus herum geht, über den Bach
+hinüber und dann die Höhe hinaufsteigt, so kommt
+man an diese Bank. Hier saß ich schon mit zwölf
+Jahren. Aber nur dann und wann. Später öfter und
+endlich saß ich jeden Abend dort, wenn die Sonne sank.
Die Bank liegt so hoch! Von ihr aus sieht man ein
-Stückchen von der Stadt und das sieht so friedlich aus,
-jenes Stückchen, mit den alten Häusern und den vielen
-rauchenden Kaminen. Dann sieht man die breite Landstraße
+Stückchen von der Stadt und das sieht so friedlich aus,
+jenes Stückchen, mit den alten Häusern und den vielen
+rauchenden Kaminen. Dann sieht man die breite Landstraße
weit hinab ins Tal ziehen und man sieht auch
-das Bahngeleise. So hoch liegt die Bank, daß man
-über das Bahnhofgebäude hinweg noch die Waggons
+das Bahngeleise. So hoch liegt die Bank, daß man
+über das Bahnhofgebäude hinweg noch die Waggons
<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
auf den Rangiergeleisen stehen sieht. Noch etwas gutes
-hat die Bank, sie liegt so versteckt, müssen Sie wissen,
-daß jemand nahe an ihr vorbei gehen kann, ohne einen
+hat die Bank, sie liegt so versteckt, müssen Sie wissen,
+daß jemand nahe an ihr vorbei gehen kann, ohne einen
zu sehen. Dann hat sie auch im Sommer ein ordentliches
-Dach aus grünen Blättern, so daß es nicht
-durchregnen kann. Das ist gut. Hier saß ich und
-blickte über das Land hinaus und träumte. Ich träumte &mdash;
-ja, mein Gott, ich träumte alle möglichen Dinge hier
-oben. Ich war jung, ich war fröhlich! Ich träumte
-und träumte, aber da wurde es ganz eigen mit meinen
-Träumen. Was war es doch, ja, was sollte es sein?
+Dach aus grünen Blättern, so daß es nicht
+durchregnen kann. Das ist gut. Hier saß ich und
+blickte über das Land hinaus und träumte. Ich träumte &mdash;
+ja, mein Gott, ich träumte alle möglichen Dinge hier
+oben. Ich war jung, ich war fröhlich! Ich träumte
+und träumte, aber da wurde es ganz eigen mit meinen
+Träumen. Was war es doch, ja, was sollte es sein?
Was wollte ich hier und was nagte an meinem Herzen? &mdash;
Ich wartete! Ich wartete! Das war es, ich wartete und
-wußte nicht, worauf ich wartete. Ich wußte es lange
-nicht, hören Sie, so lange, vielleicht zwei Jahre lang
+wußte nicht, worauf ich wartete. Ich wußte es lange
+nicht, hören Sie, so lange, vielleicht zwei Jahre lang
nicht. Aber ich wartete und ich dachte: Ja, worauf
-wartest du denn eigentlich? Ich wußte nur, daß ich
+wartest du denn eigentlich? Ich wußte nur, daß ich
wartete. Was sollte denn kommen, wie und wann
-denn eigentlich? Nicht wahr? Aber ich saß da und
+denn eigentlich? Nicht wahr? Aber ich saß da und
wartete, wartete und die Sonne ging unterdessen unter.
Ich glaube, es gibt keinen Menschen auf der Welt, der
so oft in die untergehende Sonne blickte wie ich! Auf
-der Landstraße kam ein Wagen daher, ein Fußgänger,
-ein Trüpplein Kinder. Sonst nichts. Heute? Ist es
+der Landstraße kam ein Wagen daher, ein Fußgänger,
+ein Trüpplein Kinder. Sonst nichts. Heute? Ist es
das? Ich blickte hin und her, weit hinein ins Land,
-weit hinab die Straße. Nun war die Sonne gesunken,
+weit hinab die Straße. Nun war die Sonne gesunken,
ich ging nach Hause. Aber etwas in mir wartete
unausgesetzt, auch auf dem Weg nach Hause, auch zu
Hause, aber richtig und bestimmt wartete ich eigentlich
@@ -8503,103 +8469,103 @@ nur oben auf der Bank.&ldquo; Sie schwieg.
<p>
<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-&bdquo;Weiter?&ldquo; sagte Grau leise. Er saß und sah sie an.
+&bdquo;Weiter?&ldquo; sagte Grau leise. Er saß und sah sie an.
</p>
<p>
Susanna feuchtete wieder die Lippen mit der Zungenspitze
-und fuhr fort: &bdquo;Da saß ich Tag für Tag, da
+und fuhr fort: &bdquo;Da saß ich Tag für Tag, da
droben auf der Bank, sah die Sonne sinken, und
-wartete und wußte nicht, worauf ich wartete. So ging
-der Frühling und der Sommer und der Herbst und so
+wartete und wußte nicht, worauf ich wartete. So ging
+der Frühling und der Sommer und der Herbst und so
ging der Winter. Ich wartete. Die Tage wurden lang,
die Tage wurden kurz. Das konnte man so gut beobachten,
-am Expreßzug nämlich. Ich höre ihn auch jetzt
+am Expreßzug nämlich. Ich höre ihn auch jetzt
noch jeden Nachmittag rauschen, aber ich kann ihn
nicht mehr sehen, nur die kleine Postkutsche, die gelbe,
die sehe ich jetzt. Im Sommer da war es lichter Tag,
wenn er kam, er tauchte auf als kleiner Punkt zwischen
-den Feldern und roten Dächern der fernen Dörfer, flog
-heran und flog in die Ferne und ließ nichts zurück als
+den Feldern und roten Dächern der fernen Dörfer, flog
+heran und flog in die Ferne und ließ nichts zurück als
einen kleinen Schreck und ein feines Klingen in der
-Luft. Im Frühling und Herbst da kam er in der
-Dämmerung, und im Winter da kann man ihn gar
-nicht sehen, nur ein feuriger Streifen fliegt vorüber
-und man hört ihn donnern, viel lauter als im Sommer.
-Da fing es immer mit den Träumen an, wenn ich ihn
+Luft. Im Frühling und Herbst da kam er in der
+Dämmerung, und im Winter da kann man ihn gar
+nicht sehen, nur ein feuriger Streifen fliegt vorüber
+und man hört ihn donnern, viel lauter als im Sommer.
+Da fing es immer mit den Träumen an, wenn ich ihn
sah, und ich hatte Sehnsucht mit ihm zu fahren. Ich
reise leidenschaftlich gern, aber ich bin nie weit gekommen
und nur zweimal kam ich fort. Ich und
-Mütterchen zusammen, wir sollten einsteigen, wir zwei,
-unsere Billete in der Hand &mdash; er sollte ja extra für
-uns beide halten! Ja, großer Himmel, wie oft habe
-ich das gedacht! Wie viele Reisen haben Mütterchen
-und ich zusammen gemacht! Und denken Sie sich, daß
-der Zug extra für uns zwei anhalten sollte, alles würde
+Mütterchen zusammen, wir sollten einsteigen, wir zwei,
+unsere Billete in der Hand &mdash; er sollte ja extra für
+uns beide halten! Ja, großer Himmel, wie oft habe
+ich das gedacht! Wie viele Reisen haben Mütterchen
+und ich zusammen gemacht! Und denken Sie sich, daß
+der Zug extra für uns zwei anhalten sollte, alles würde
<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
erstaunt sein, die Beamten, die Leute, auch die Reisenden,
-daß er hält in dieser kleinen Stadt, nicht wahr,
-ausnahmsweise sollte er anhalten. Vielleicht würde
+daß er hält in dieser kleinen Stadt, nicht wahr,
+ausnahmsweise sollte er anhalten. Vielleicht würde
nun kein Platz sein und ein freundlicher alter Herr
-würde sein Reisegepäck ins Netz legen und zu Mütterchen
+würde sein Reisegepäck ins Netz legen und zu Mütterchen
sagen: Wollen Madame nicht Platz nehmen? Vielleicht
-wäre es ein Franzose und er würde uns französisch
-ansprechen. Vielleicht aber würde nun noch nicht Platz
-für mich sein und der freundliche alte Herr würde die
+wäre es ein Franzose und er würde uns französisch
+ansprechen. Vielleicht aber würde nun noch nicht Platz
+für mich sein und der freundliche alte Herr würde die
Zeitung zusammenlegen und sagen: Wollen Sie nicht
-meinen Platz nehmen? Mille merci, monsieur, würde
+meinen Platz nehmen? Mille merci, monsieur, würde
ich sagen, ich stehe sehr gern und sehe zum Fenster
hinaus. Der Zug kommt von Paris und geht nach
Wien, und von Wien geht er weiter &mdash; immer weiter,
-bis Konstantinopel. Ja, bei Gott, wie viele Nächte
-schläft man wohl, bis er endlich, endlich hält? Nun,
-was gibt es da nicht zu träumen? Man konnte einmal
+bis Konstantinopel. Ja, bei Gott, wie viele Nächte
+schläft man wohl, bis er endlich, endlich hält? Nun,
+was gibt es da nicht zu träumen? Man konnte einmal
nach Paris fahren, einmal aber nach Konstantinopel,
wie man wollte. Paris, Paris, dachte ich, so weit ist
es, so fern, es lockt, schon der Name, nicht wahr? Und
ich dachte an Paris und ich stellte es mir vor wie eine
Stadt, in der immer ein Feuerwerk ist und die Leute
-Feste feiern und in den Straßen ziehen, als ob jeden
-Tag ein König zu empfangen wäre. Welche Hüte sie
+Feste feiern und in den Straßen ziehen, als ob jeden
+Tag ein König zu empfangen wäre. Welche Hüte sie
dort tragen, welche Kleider, wie sie sich verbeugen, verneigen
-und alle fein und graziös sprechen und so schnell,
-daß niemand sie verstehen kann. Dann müßte es auch
-hohe spitze Türme haben, die in der Sonne funkelten,
-denn die Dächer der spitzen Türme waren vergoldet.
-Und die Museen so still, so kühl, grüne Grotten, und
+und alle fein und graziös sprechen und so schnell,
+daß niemand sie verstehen kann. Dann müßte es auch
+hohe spitze Türme haben, die in der Sonne funkelten,
+denn die Dächer der spitzen Türme waren vergoldet.
+Und die Museen so still, so kühl, grüne Grotten, und
<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-da müßten die Statuen aus Marmor stehen, so schön und
-so alt, und die sie meißelten sind lange tot. Von daher
+da müßten die Statuen aus Marmor stehen, so schön und
+so alt, und die sie meißelten sind lange tot. Von daher
kommt der Zug, und er saust und saust und zuweilen
-heult er in großen Bahnhöfen und wenn Sie hinausblicken,
+heult er in großen Bahnhöfen und wenn Sie hinausblicken,
so blenden Sie all die vielen Bogenlampen,
-die da hängen. Aber je weiter er nach dem Osten
-fährt, desto niedriger werden die Häuser und ich stellte
-mir die fremden Städte vor, viele, viele fremde Städte
-mit dicken, runden Türmen und roten und gelben
-Dächern. Sogar die Menschen stellte ich mir kleiner
+die da hängen. Aber je weiter er nach dem Osten
+fährt, desto niedriger werden die Häuser und ich stellte
+mir die fremden Städte vor, viele, viele fremde Städte
+mit dicken, runden Türmen und roten und gelben
+Dächern. Sogar die Menschen stellte ich mir kleiner
vor, dick mit runden Backen, in gelben und roten
Kleidern. Wenn Sie nun hinhorchen, was sie sprechen,
so verstehen Sie keine Silbe mehr, denn sie sprechen
-alle eine fremde Sprache. Plötzlich aber hielt der Zug
+alle eine fremde Sprache. Plötzlich aber hielt der Zug
<a id="corr-9"></a>und da sind wir nun. Da ist die Sonne, so viele,
viele Sonne und &mdash; Palmen! Die Sonne ist wie ein
-heißer Nebel und wenn Sie gehen, so durchdringt Sie
-die Sonne und Sie fühlen, wie Sie warm werden
-und glühen durch und durch und plötzlich kommt ein
-neuer Geist über Sie. Können Sie sich diese Sonne
+heißer Nebel und wenn Sie gehen, so durchdringt Sie
+die Sonne und Sie fühlen, wie Sie warm werden
+und glühen durch und durch und plötzlich kommt ein
+neuer Geist über Sie. Können Sie sich diese Sonne
vorstellen, die ich meine?&ldquo;
</p>
<p>
-Sie blickte Grau an und wartete. Über ihr Gesicht
+Sie blickte Grau an und wartete. Über ihr Gesicht
huschte der Schein des Feuers. Sie zog das Tuch um
-die Schultern, als ob sie friere, und wandte die großen
-Augen dem Feuer zu. Sie lächelte.
+die Schultern, als ob sie friere, und wandte die großen
+Augen dem Feuer zu. Sie lächelte.
</p>
<p>
-&bdquo;Können Sie sich diese Sonne vorstellen, die ich
+&bdquo;Können Sie sich diese Sonne vorstellen, die ich
meine, gerade diese Sonne?&ldquo; fragte sie, da Grau nicht
antwortete.
</p>
@@ -8609,65 +8575,65 @@ antwortete.
Das aber war wahr, denn er sah diese Sonne vor sich,
<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
gerade diese Sonne &mdash; er, der so viel von Licht und
-Sonne träumte &mdash; er sah diese Palmen, in einem Nebel
+Sonne träumte &mdash; er sah diese Palmen, in einem Nebel
von Sonne zittern, genau wie Susanna es beschrieb.
</p>
<p>
-Susanna lächelte und fuhr mit hoher, dünner Stimme
+Susanna lächelte und fuhr mit hoher, dünner Stimme
fort: &bdquo;Die Leute aber haben einen Turban auf, rot oder
-grün oder gelb, mit Edelsteinen übersät, und sie rauchen
+grün oder gelb, mit Edelsteinen übersät, und sie rauchen
aus langen Pfeifen. Sie sehen aber so aus als ob sie
-in Teppiche gehüllt wären, und nun können Sie sich
+in Teppiche gehüllt wären, und nun können Sie sich
wohl vorstellen, wie das blitzt und funkelt, zumal wenn
die Pfeifen aus Gold und Silber und mit Edelsteinen
-besetzt sind &mdash; und wie hübsch sich der Rauch aus dieser
+besetzt sind &mdash; und wie hübsch sich der Rauch aus dieser
Unmenge von Pfeifen in der Sonne ausnimmt. Die
-Türme sind spitz wie Nadeln und funkeln ebenfalls, es
+Türme sind spitz wie Nadeln und funkeln ebenfalls, es
gibt viele, viele Kuppeln aus farbigem Glas, die Sonne
-leuchtet und leuchtet durch alles hindurch, so daß alles
-durchsichtig aussieht, die Türme, die Kuppeln, die Leute,
+leuchtet und leuchtet durch alles hindurch, so daß alles
+durchsichtig aussieht, die Türme, die Kuppeln, die Leute,
die Gesichter, die Palmen, die Kamele und Elefanten
-&mdash; denn da gibt es unzählige! &mdash; die Pfeifen &mdash; können
+&mdash; denn da gibt es unzählige! &mdash; die Pfeifen &mdash; können
Sie sich das vorstellen?&ldquo;
</p>
<p>
-Je mehr Susanna sprach, desto glänzender und größer
+Je mehr Susanna sprach, desto glänzender und größer
wurden ihre schwarzen Augen, und je mehr sie von der
-Sonne sprach, desto mehr fröstelte sie. Zuweilen sprach
-sie ganz langsam und ihre kleinen abgezehrten Hände
-beschrieben alles mit, was sie erzählte. Wenn sie Turban
+Sonne sprach, desto mehr fröstelte sie. Zuweilen sprach
+sie ganz langsam und ihre kleinen abgezehrten Hände
+beschrieben alles mit, was sie erzählte. Wenn sie Turban
sagte, so tat sie, als schlinge sie sich ein Tuch um die
Stirne, sprach sie von den Pfeifen, so fuhr sie wagrecht
von den Lippen aus mit den Fingerspitzen in die Luft,
-dann formte sie den Pfeifenkopf und darauf ließ sie
-die Finger emporwirbeln, daß man den Rauch ordentlich
+dann formte sie den Pfeifenkopf und darauf ließ sie
+die Finger emporwirbeln, daß man den Rauch ordentlich
emporsteigen sah. Sprach sie von den Elefanten, so
<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
machte sie die Augen klein und listig und zeichnete sich
-einen langen Rüssel an die Nase. Meistens aber sprach
+einen langen Rüssel an die Nase. Meistens aber sprach
sie hastig, wie im Fieber, und ihre eingesunkene schmale
-Brust arbeitete krampfhaft. Auf ihren Wangen erblühten
+Brust arbeitete krampfhaft. Auf ihren Wangen erblühten
giftige Rosen.
</p>
<p>
Sie fror. Sie legte die Fingerspitzen an die Wangen,
-ihre Augen fieberten, ihr Mund lächelte.
+ihre Augen fieberten, ihr Mund lächelte.
</p>
<p>
-&bdquo;Nun rennt einer auf uns zu und schreit und brüllt.
-Mütterchen bekommt Angst. Was will er nur? fragt
-sie, dieser Türke. Vielleicht will er deine Tasche tragen,
-Mütterchen. Ich fühle mich gar nicht wohl bei diesen
-Ungläubigen. Sage ich: Sie glauben an Gott wie wir,
-Mütterchen, und plötzlich spreche ich türkisch! Hören Sie,
-ich spreche türkisch! Ich öffne den Mund und es geht,
-ich verstehe, ich spreche. Haha &mdash; Mütterchen steht da
-und staunt, und die Türken paffen aus ihren Pfeifen
-und lachen über sie. Ich aber erkläre ihnen, daß das
+&bdquo;Nun rennt einer auf uns zu und schreit und brüllt.
+Mütterchen bekommt Angst. Was will er nur? fragt
+sie, dieser Türke. Vielleicht will er deine Tasche tragen,
+Mütterchen. Ich fühle mich gar nicht wohl bei diesen
+Ungläubigen. Sage ich: Sie glauben an Gott wie wir,
+Mütterchen, und plötzlich spreche ich türkisch! Hören Sie,
+ich spreche türkisch! Ich öffne den Mund und es geht,
+ich verstehe, ich spreche. Haha &mdash; Mütterchen steht da
+und staunt, und die Türken paffen aus ihren Pfeifen
+und lachen über sie. Ich aber erkläre ihnen, daß das
meine Mutter ist. Da nehmen sie alle die Pfeifen aus
dem Munde, alle, alle, und verneigen sich bis zur &mdash;
bis zur Erde &mdash;&ldquo;
@@ -8678,14 +8644,14 @@ Susanna hielt inne und lauschte.
</p>
<p>
-Man hörte Mütterchen in der Küche draußen mit
+Man hörte Mütterchen in der Küche draußen mit
Geschirr klappern. Man vernahm auch Eisenhuts Stimme.
-Er sagte etwas und Mütterchen machte pst, pst! Aber
-Eisenhut kümmerte sich nicht darum. Er sagte laut:
+Er sagte etwas und Mütterchen machte pst, pst! Aber
+Eisenhut kümmerte sich nicht darum. Er sagte laut:
&bdquo;Ach was! Machen Sie doch keine solche Wirtschaft!
-Es ist sein Beruf Krankenbesuche zu machen, dafür wird
+Es ist sein Beruf Krankenbesuche zu machen, dafür wird
er ja bezahlt, punktum.&ldquo; Er sagte es absichtlich laut,
-damit man es durch die Türe höre. Mütterchen schrie
+damit man es durch die Türe höre. Mütterchen schrie
leise auf und sagte: Pst, pst! Eine Tasse klirrte am
<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
Boden und Eisenhut lachte belustigt. Er meckerte nicht,
@@ -8693,46 +8659,46 @@ er lachte ganz anders als sonst.
</p>
<p>
-Es war still im Zimmer und man hörte die kleine
+Es war still im Zimmer und man hörte die kleine
Uhr ticken und schnarchen, denn die kleine Uhr hatte
die Angewohnheit zuweilen zu schnarchen, als ob sie
aufatme.
</p>
<p>
-Susanna errötete, ganz langsam stieg ihr das Blut
-ins Gesicht, während sie die großen Lider niederschlug,
-die an die Lider eines Vogels erinnerten. Sie saß still,
+Susanna errötete, ganz langsam stieg ihr das Blut
+ins Gesicht, während sie die großen Lider niederschlug,
+die an die Lider eines Vogels erinnerten. Sie saß still,
bewegungslos und wagte kaum zu atmen.
</p>
<p>
-&bdquo;Wie geht es weiter mit Ihren Türken?&ldquo; fragte Grau.
+&bdquo;Wie geht es weiter mit Ihren Türken?&ldquo; fragte Grau.
</p>
<p>
Aber Susanna wandte ihm den Blick zu, mit einer
-hilflosen Bewegung der Hände flüsterte sie hastig: &bdquo;Er
-hat getrunken, Sie hören es am Lachen. Er hat auch
+hilflosen Bewegung der Hände flüsterte sie hastig: &bdquo;Er
+hat getrunken, Sie hören es am Lachen. Er hat auch
sein Gewehr dabei, da steht es zumeist schlimm um ihn.
Dann kann er so boshaft sein, so schrecklich boshaft.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lachte. &bdquo;Er wollte Mütterchen erschrecken, das
+Grau lachte. &bdquo;Er wollte Mütterchen erschrecken, das
tut mir leid,&ldquo; sagte er absichtlich laut. &bdquo;Was seine Bemerkung
-anbetrifft, so weiß er recht gut, daß ich so etwas
-richtig auszulegen verstehe. Er weiß es recht gut, denn
+anbetrifft, so weiß er recht gut, daß ich so etwas
+richtig auszulegen verstehe. Er weiß es recht gut, denn
er ist klug, Herr Eisenhut!&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut räusperte sich in der Küche.
+Eisenhut räusperte sich in der Küche.
</p>
<p>
-&bdquo;Freilich! Sie sind so vernünftig,&ldquo; hauchte Susanna.
-&bdquo;Nun wird Mütterchen sich aber nicht ins Zimmer wagen?&ldquo;
+&bdquo;Freilich! Sie sind so vernünftig,&ldquo; hauchte Susanna.
+&bdquo;Nun wird Mütterchen sich aber nicht ins Zimmer wagen?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -8740,33 +8706,33 @@ Eisenhut räusperte sich in der Küche.
</p>
<p>
-Susanna klingelte und Mütterchen erschien zaghaft
-in der Türe. Sie trug ein Servierbrettchen in der Hand.
+Susanna klingelte und Mütterchen erschien zaghaft
+in der Türe. Sie trug ein Servierbrettchen in der Hand.
</p>
<p>
&bdquo;Die Zeitung &mdash; die Zeitung, nehmen Sie die Zeitung
-nur mit!&ldquo; rief Eisenhut, dessen gerötetes Gesicht in der
-Türspalte erschien. Er beugte sich vor und legte ein
+nur mit!&ldquo; rief Eisenhut, dessen gerötetes Gesicht in der
+Türspalte erschien. Er beugte sich vor und legte ein
<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-Zeitungsblatt auf das Servierbrett. &bdquo;Für ihn, für Herrn
-Grau!&ldquo; fügte er hinzu und lachte und zog die Tür zu.
+Zeitungsblatt auf das Servierbrett. &bdquo;Für ihn, für Herrn
+Grau!&ldquo; fügte er hinzu und lachte und zog die Tür zu.
</p>
<p>
-Susanna wurde glühend rot. Mütterchen wagte Grau
+Susanna wurde glühend rot. Mütterchen wagte Grau
nicht in die Augen zu blicken. &bdquo;Wenn der Herr mir die
Ehre antun wollen?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau dankte. Er wechselte einige Worte mit Mütterchen
-und Mütterchen schlich sich wieder hinaus.
+Grau dankte. Er wechselte einige Worte mit Mütterchen
+und Mütterchen schlich sich wieder hinaus.
</p>
<p>
&bdquo;So ist es gut!&ldquo; sagte Susanna mit einem dankbaren
-Blick. &bdquo;Nun ist sie glücklich! Was ist es denn
+Blick. &bdquo;Nun ist sie glücklich! Was ist es denn
mit der &sbquo;Zeitung&lsquo;?&ldquo; fragte sie. &bdquo;Was will er nur damit?&ldquo;
</p>
@@ -8788,84 +8754,84 @@ Grau verbarg rasch sein Erstaunen.
</p>
<p>
-Grau zuckte die Achseln. &bdquo;Man kann sich täuschen,&ldquo;
-sagte er, &bdquo;aber kümmern wir uns nicht um diese Geschichten,
-Fräulein Susanna!&ldquo; Wie sonderbar, dachte er,
+Grau zuckte die Achseln. &bdquo;Man kann sich täuschen,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;aber kümmern wir uns nicht um diese Geschichten,
+Fräulein Susanna!&ldquo; Wie sonderbar, dachte er,
deshalb hat wohl Herr Eisenhut getrunken, weil diese
-Notiz erschien! Ein merkwürdiger Mann! Er lächelte und
-wandte Susanna den Blick zu und sie mußte ihn ansehen.
+Notiz erschien! Ein merkwürdiger Mann! Er lächelte und
+wandte Susanna den Blick zu und sie mußte ihn ansehen.
Susanna besann sich, was Graus Blick zu bedeuten habe.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie haben nicht zu Ende erzählt.&ldquo;
+&bdquo;Sie haben nicht zu Ende erzählt.&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna schüttelte den kleinen Kopf. Alle Lust habe
+Susanna schüttelte den kleinen Kopf. Alle Lust habe
sie verloren.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie haben angefangen, Sie müssen fortfahren,&ldquo;
+&bdquo;Sie haben angefangen, Sie müssen fortfahren,&ldquo;
beharrte Grau und sah Susanna in die Augen, &bdquo;bis ans
<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-Ende müssen Sie erzählen. Sie sind übrigens plötzlich
-mit dem Expreßzug davon gefahren, und was ist aus
+Ende müssen Sie erzählen. Sie sind übrigens plötzlich
+mit dem Expreßzug davon gefahren, und was ist aus
Ihrer Bank geworden? Die haben Sie wohl ganz vergessen?&ldquo;
</p>
<p>
Susanna sah ganz erschrocken aus. Ja, bei Gott,
-da habe sie gänzlich diese Bank vergessen! &bdquo;Wie aufmerksam
-Sie doch zuhören?&ldquo; sagte sie und richtete sich
+da habe sie gänzlich diese Bank vergessen! &bdquo;Wie aufmerksam
+Sie doch zuhören?&ldquo; sagte sie und richtete sich
auf. &bdquo;Ich habe die Bank vergessen, das ist wahr. Ich
-&mdash; ja, lassen wir die Türken sein. Was wollte ich doch
-bei den Türken? Ich werde Ihnen erzählen, denn ich
-muß Ihnen alles sagen. Ich muß! Sprechen Sie, wie
-ist das: Sie sagen, erzählen Sie, Sie sagen ein kleines
-Wort und ich muß Ihnen folgen. Sie sehen mich an
-und ich muß. &mdash; Adele hat mir erzählt, Sie sind bei einem
+&mdash; ja, lassen wir die Türken sein. Was wollte ich doch
+bei den Türken? Ich werde Ihnen erzählen, denn ich
+muß Ihnen alles sagen. Ich muß! Sprechen Sie, wie
+ist das: Sie sagen, erzählen Sie, Sie sagen ein kleines
+Wort und ich muß Ihnen folgen. Sie sehen mich an
+und ich muß. &mdash; Adele hat mir erzählt, Sie sind bei einem
schwerkranken Flickschneider gewesen, der vor Schmerzen
nicht schlafen konnte, und Sie haben zu ihm gesagt:
&sbquo;Schlafen Sie&lsquo; und sahen ihn an. Da schlief er.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau schüttelte den Kopf.
+Grau schüttelte den Kopf.
</p>
<p>
&bdquo;Doch!&ldquo; sagte Susanna. &bdquo;Die ganze Stadt spricht
-darüber, selbst die Ärzte, denn sie konnten ihn ja nicht
-mehr einschläfern.&ldquo;
+darüber, selbst die Ärzte, denn sie konnten ihn ja nicht
+mehr einschläfern.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte.
+Grau lächelte.
</p>
<p>
-&bdquo;Er schlief ja fast schon, Fräulein Susanna. Da legte
+&bdquo;Er schlief ja fast schon, Fräulein Susanna. Da legte
ich ihm die Hand auf die Stirn und sagte: Schlafen
Sie &mdash; das ist alles.&ldquo;
</p>
<p>
Susanna lachte und hustete. &bdquo;Ich sagte ja ganz dasselbe,
-mein Freund, nichts andres. Es ist ja so merkwürdig
+mein Freund, nichts andres. Es ist ja so merkwürdig
mit Ihnen. Sie kamen zu mir herein und sofort
-begann ich zu erzählen, Dinge, die ich noch niemand
-erzählt habe, und doch waren Sie ein Fremder. Aber
+begann ich zu erzählen, Dinge, die ich noch niemand
+erzählt habe, und doch waren Sie ein Fremder. Aber
<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
ja, ich will fortfahren, lassen Sie mich alles sagen. Es
-tut gut. Ich liebe es. Wir waren bei den Türken, nicht
-wahr? Bei den Träumen, ja.&ldquo;
+tut gut. Ich liebe es. Wir waren bei den Türken, nicht
+wahr? Bei den Träumen, ja.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Die Sie träumten, während Sie auf der Bank da
-droben saßen und warteten.&ldquo;
+&bdquo;Die Sie träumten, während Sie auf der Bank da
+droben saßen und warteten.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -8873,115 +8839,115 @@ droben saßen und warteten.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie warteten und wußten es lange nicht, worauf
-sie warteten. Vielleicht zwei Jahre lang wußten Sie
+&bdquo;Sie warteten und wußten es lange nicht, worauf
+sie warteten. Vielleicht zwei Jahre lang wußten Sie
es nicht.&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna lächelte fein. &bdquo;Wie gut Sie aufmerken!&ldquo;
+Susanna lächelte fein. &bdquo;Wie gut Sie aufmerken!&ldquo;
wiederholte sie. &bdquo;Jedes Wort wissen Sie. Ja, damit
-fing ich an und dann vergaß ich es ganz und verlor
-mich in Träumen. Es passiert mir jetzt häufig, daß
-ich den Faden der Erzählung verliere, mein Gedächtnis
+fing ich an und dann vergaß ich es ganz und verlor
+mich in Träumen. Es passiert mir jetzt häufig, daß
+ich den Faden der Erzählung verliere, mein Gedächtnis
wird sehr schlecht, auch ist es mir oft so schwer mich
zu sammeln. Lassen Sie mich nachdenken. Ich wartete,
-sagte ich, ja, ich wartete und die Tage gingen, Frühling
+sagte ich, ja, ich wartete und die Tage gingen, Frühling
ging, Sommer ging, Herbst ging, Winter ging &mdash; die
-Jahre gingen und ich wartete. Jeden Abend saß ich
+Jahre gingen und ich wartete. Jeden Abend saß ich
da oben auf der Bank und wartete ohne zu wissen,
-worauf. Ich spann Träume, ich träumte all diese
-Dinge, von denen ich Ihnen erzählte, immer neues,
-immer mehr. Aber die Traume füllten mich nicht
-aus. Es blieb eine große Leere und diese große Leere
-habe ich fast wie eine Höhlung in mir, in der Brust,
-gefühlt, wie ein Loch, wo gar nichts war: Das war das
-Warten. Ich wartete immer sehnsüchtiger, aber nie war
+worauf. Ich spann Träume, ich träumte all diese
+Dinge, von denen ich Ihnen erzählte, immer neues,
+immer mehr. Aber die Traume füllten mich nicht
+aus. Es blieb eine große Leere und diese große Leere
+habe ich fast wie eine Höhlung in mir, in der Brust,
+gefühlt, wie ein Loch, wo gar nichts war: Das war das
+Warten. Ich wartete immer sehnsüchtiger, aber nie war
ich ungeduldig. Es gab manches in unserer Familie,
nicht besonders viel, aber doch einiges. Wie Vater
-seine Stellung aufgab &mdash; da litt ich, für Vater, für
+seine Stellung aufgab &mdash; da litt ich, für Vater, für
<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-Mütterchen, wir standen so allein, wir zwei, und mußten
+Mütterchen, wir standen so allein, wir zwei, und mußten
uns verkriechen und allein sein. Wir wollten es auch
so. Es ging uns auch zeitweise etwas knapp. Aber
ich sage Ihnen, ich habe nie Hunger gelitten, denn
-Mütterchen, hören Sie, sie kann ja auch aus nichts
+Mütterchen, hören Sie, sie kann ja auch aus nichts
etwas machen und immer fand sie etwas. Ich war
-nie ungeduldig. Ich wartete und dachte, man müsse
+nie ungeduldig. Ich wartete und dachte, man müsse
etwas Geduld haben. Es konnte nicht so bald kommen,
-wiederum aber konnte es doch schon morgen oder übermorgen
+wiederum aber konnte es doch schon morgen oder übermorgen
da sein. Und ich sehnte mich und wartete.
-Und endlich, endlich, da wußte ich, worauf ich wartete.
+Und endlich, endlich, da wußte ich, worauf ich wartete.
Ich wartete auf etwas Seltenes!&ldquo;
</p>
<p>
Susanna hielt inne und sah Grau an. Ihre Augen
-waren groß und glühend. &bdquo;Seltenes!&ldquo; wiederholte sie
+waren groß und glühend. &bdquo;Seltenes!&ldquo; wiederholte sie
und sie sprach das Wort aus wie ein unheimliches
-fremdes tiefes Wort. Dann lächelte sie schmerzlich und
+fremdes tiefes Wort. Dann lächelte sie schmerzlich und
indem sie ins Feuer starrte fuhr sie fort: &bdquo;Auf etwas
-Seltenes und Großes! Nicht auf etwas Alltägliches,
+Seltenes und Großes! Nicht auf etwas Alltägliches,
nein, auf etwas, das nicht jeden Tag zu den Menschen
-kommt, auf etwas Seltenes und Großes. Vielleicht so
-groß und selten, daß mein Herz es nicht ertrüge. Aber
-was würde wohl größer, süßer und seltener sein, als
-eben etwas, das unser Herz nicht ertrüge? Oh, so
-unfaßbar sollte es sein. Ich stellte mir das Unfaßbare,
-dieses Seltene vor. Es erfüllte mich, es blendete mich
-und oft schlug ich die Hände vors Gesicht und lachte
-und weinte: Weil es so groß, so herrlich, so blendend
-und so selten war. Aber ich wußte ja nichts davon?&ldquo;
+kommt, auf etwas Seltenes und Großes. Vielleicht so
+groß und selten, daß mein Herz es nicht ertrüge. Aber
+was würde wohl größer, süßer und seltener sein, als
+eben etwas, das unser Herz nicht ertrüge? Oh, so
+unfaßbar sollte es sein. Ich stellte mir das Unfaßbare,
+dieses Seltene vor. Es erfüllte mich, es blendete mich
+und oft schlug ich die Hände vors Gesicht und lachte
+und weinte: Weil es so groß, so herrlich, so blendend
+und so selten war. Aber ich wußte ja nichts davon?&ldquo;
</p>
<p>
-Susannas Stimme sank zu einem Flüstern herab,
-das Lächeln irrte hin und her auf ihren Lippen, sie
+Susannas Stimme sank zu einem Flüstern herab,
+das Lächeln irrte hin und her auf ihren Lippen, sie
<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-senkte den Kopf. Sie fügte leise und singend hinzu:
-&bdquo;Und ich träumte davon &mdash; wie es wohl sein würde
-&mdash; wenn das Seltene mich verklärte &mdash; wenn es mich
-niederbeugen würde mit seiner süßen Schwere &mdash; niederbeugen
+senkte den Kopf. Sie fügte leise und singend hinzu:
+&bdquo;Und ich träumte davon &mdash; wie es wohl sein würde
+&mdash; wenn das Seltene mich verklärte &mdash; wenn es mich
+niederbeugen würde mit seiner süßen Schwere &mdash; niederbeugen
&mdash; wie der Tau &mdash; der Tau die kleine Glockenblume
-niederbeugt &mdash; wenn der große Tag erschien,
+niederbeugt &mdash; wenn der große Tag erschien,
da es kann &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Susannas Stimme erstarb. Sie lächelte und blickte
-in das Feuer. Lange. Aber dann, mit einer plötzlichen,
-unerwarteten Bewegung schlug sie die Hände heftig
-vors Gesicht und krümmte sich zusammen. Sie krümmte
+Susannas Stimme erstarb. Sie lächelte und blickte
+in das Feuer. Lange. Aber dann, mit einer plötzlichen,
+unerwarteten Bewegung schlug sie die Hände heftig
+vors Gesicht und krümmte sich zusammen. Sie krümmte
sich wie unter einer Last, sie bog den Kopf und die
-Brust vor und ihre Stirne drückte sich auf die Knie.
+Brust vor und ihre Stirne drückte sich auf die Knie.
Ihre schmalen Schultern zuckten. Das geschah so schnell
-und mit solch schmerzlicher Leidenschaft, daß Grau
-erschrak und vom Stuhle auffuhr. Susanna krümmte
-sich tiefer und preßte die Stirn zwischen die Knie,
-ihre Schultern zuckten und sie begann am ganzen Körper
-zu beben. Plötzlich fing sie an zu husten. Sie hustete
+und mit solch schmerzlicher Leidenschaft, daß Grau
+erschrak und vom Stuhle auffuhr. Susanna krümmte
+sich tiefer und preßte die Stirn zwischen die Knie,
+ihre Schultern zuckten und sie begann am ganzen Körper
+zu beben. Plötzlich fing sie an zu husten. Sie hustete
pfeifend und schrecklich, sie nahm eine Hand vom
Gesicht und winkte Grau, hinauszugehen.
</p>
<p>
-Grau verließ das Zimmer. Ihm schwindelte und sein
-Herz pochte laut in der Brust. Es war kalt hier außen,
-die Dämmerung war grau und des Winters trübes, vergrämtes
-Gesicht stand riesengroß über die Erde gebeugt.
+Grau verließ das Zimmer. Ihm schwindelte und sein
+Herz pochte laut in der Brust. Es war kalt hier außen,
+die Dämmerung war grau und des Winters trübes, vergrämtes
+Gesicht stand riesengroß über die Erde gebeugt.
</p>
<p>
-Er ging wieder hinein. Susanna lächelte heiter.
+Er ging wieder hinein. Susanna lächelte heiter.
Sie war sehr bleich. Sie reichte ihm die Hand hin
-und sagte: &bdquo;Vergessen Sie es. So töricht war es von
-mir. Wie konnte es doch so heftig über mich kommen!
+und sagte: &bdquo;Vergessen Sie es. So töricht war es von
+mir. Wie konnte es doch so heftig über mich kommen!
Es ist ja nicht so, schon lange ist es ja nicht mehr so.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-&bdquo;Erzählen Sie weiter!&ldquo; sagte Grau leise und blickte
+&bdquo;Erzählen Sie weiter!&ldquo; sagte Grau leise und blickte
Susanna an.
</p>
@@ -8991,21 +8957,21 @@ wieder ein Jahr, Jahr um Jahr verging. Nein, es
kam nicht! Und so ist es: Zuerst, da hat die Frage
gesungen in mir. Es klang: Wann kommt es? Und
ich bebte vor Sehnsucht und Freude der Erwartung.
-Ich stand auf dabei und mußte einige Schritte gehen.
+Ich stand auf dabei und mußte einige Schritte gehen.
Die Zeit verstrich und nie kam es. Nun sang die Frage
nicht mehr in mir. Nun war es ganz leise und ohne
Musik: Wann kommt es? Und ich bebte wohl noch
-ein bißchen, aber es war nicht das alte Beben, ich stand
-auch nicht mehr auf, nein, ich fühlte wie die Füße mir
-etwas schwer wurden. Und jetzt? Jetzt weiß ich, daß
-es ein Traum war, der Traum eines jungen Mädchens,
-wie jede ihn träumt. Ja, aber doch denke ich zuweilen
+ein bißchen, aber es war nicht das alte Beben, ich stand
+auch nicht mehr auf, nein, ich fühlte wie die Füße mir
+etwas schwer wurden. Und jetzt? Jetzt weiß ich, daß
+es ein Traum war, der Traum eines jungen Mädchens,
+wie jede ihn träumt. Ja, aber doch denke ich zuweilen
noch &mdash; zuweilen klingt es noch in mir: Es kommt
doch, es kommt doch!&ldquo;
</p>
<p>
-Sie lächelte und blickte Grau an.
+Sie lächelte und blickte Grau an.
</p>
<p>
@@ -9014,25 +8980,25 @@ kommen?&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna schüttelte langsam den Kopf. Sie antwortete
-nichts. Dann schüttelte sie wieder den Kopf und sie
+Susanna schüttelte langsam den Kopf. Sie antwortete
+nichts. Dann schüttelte sie wieder den Kopf und sie
sagte heiter: &bdquo;Nein, ich glaube es nicht mehr, das ist
-es. Früher hoffte ich und ich glaubte, daß es käme,
+es. Früher hoffte ich und ich glaubte, daß es käme,
jetzt hoffe ich zuweilen noch &mdash; ach, selbst wenn man
verzweifelt, hofft man ja noch &mdash; aber ich glaube es
-nicht mehr. Ich bin nicht unglücklich. Das kommt
-vielleicht von der Krankheit, daß ich nichts mehr wünsche.
+nicht mehr. Ich bin nicht unglücklich. Das kommt
+vielleicht von der Krankheit, daß ich nichts mehr wünsche.
Einen Wunsch habe ich noch, wissen Sie welchen?&ldquo;
<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-Aber ehe Grau antworten konnte, fügte sie hinzu: &bdquo;Ich
-möchte noch einmal die Blumen auf dem Felde sehen.&ldquo;
+Aber ehe Grau antworten konnte, fügte sie hinzu: &bdquo;Ich
+möchte noch einmal die Blumen auf dem Felde sehen.&ldquo;
</p>
<p>
Grau stand hastig auf und ging in der Stube
-umher. &bdquo;Hören Sie, Fräulein Susanna,&ldquo; sagte er und
-lachte halblaut, &bdquo;hören Sie, Fräulein Susanna,&ldquo; wiederholte
-er und lachte, &bdquo;Sie sind bescheiden, das muß
+umher. &bdquo;Hören Sie, Fräulein Susanna,&ldquo; sagte er und
+lachte halblaut, &bdquo;hören Sie, Fräulein Susanna,&ldquo; wiederholte
+er und lachte, &bdquo;Sie sind bescheiden, das muß
man sagen, zu bescheiden!&ldquo;
</p>
@@ -9042,71 +9008,71 @@ mit den Blicken.
</p>
<p>
-Grau ging an ihren Sessel heran und lächelte.
-&bdquo;So übermäßig bescheiden brauchen Sie nun gerade
+Grau ging an ihren Sessel heran und lächelte.
+&bdquo;So übermäßig bescheiden brauchen Sie nun gerade
nicht zu sein. Vielleicht werden Sie noch die Welt
sehen, ja, wer kann es wissen, vielleicht werden Sie
noch dieses Paris sehen, wo ein ewiges Feuerwerk
-knattert und die Statuen in den kühlen, grünen Grotten
-der Museen stehen und diese Sonne, die wie ein heißer
-Nebel ist, diese Muselmänner mit den Pfeifen. Sie
-und Mütterchen, wer kann es denn wissen? Und das,
+knattert und die Statuen in den kühlen, grünen Grotten
+der Museen stehen und diese Sonne, die wie ein heißer
+Nebel ist, diese Muselmänner mit den Pfeifen. Sie
+und Mütterchen, wer kann es denn wissen? Und das,
worauf Sie warten, das Seltene, ja, warum um alles
in der Welt sollte es denn nicht mehr kommen? Nun
-sind Sie krank und müde, aber sobald es Frühling
+sind Sie krank und müde, aber sobald es Frühling
wird &mdash; meine Freundin, meine liebe Freundin?&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna blickte ihn an und ihre Augen füllten sich
-langsam mit Traurigkeit. Sie schüttelte langsam den
-Kopf und lächelte mit den traurigen Augen. Sie sagte
+Susanna blickte ihn an und ihre Augen füllten sich
+langsam mit Traurigkeit. Sie schüttelte langsam den
+Kopf und lächelte mit den traurigen Augen. Sie sagte
nichts.
</p>
<p>
-&bdquo;Sobald es Frühling wird,&ldquo; wiederholte Grau, und
+&bdquo;Sobald es Frühling wird,&ldquo; wiederholte Grau, und
seine Augen nahmen einen bannenden Ausdruck an, &bdquo;da
-werden Sie ganz anders denken!&ldquo; Er lächelte und begann
+werden Sie ganz anders denken!&ldquo; Er lächelte und begann
im Zimmer umherzugehen. Sie sprachen nichts
<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-mehr. Die Uhr tickte und schnarchte und in der Küche
-draußen gackerten die Hennen, die gefüttert wurden.
+mehr. Die Uhr tickte und schnarchte und in der Küche
+draußen gackerten die Hennen, die gefüttert wurden.
Grau stand am Fenster und blickte hinaus, der Schnee
leuchtete in tiefem Violett. Er ging an den Glasschrank
und blickte hinein, er betrachtete eine Photographie an
der Wand. Von Zeit zu Zeit richtete er den Blick auf
-Susanna. Es wurde ganz dunkel im Zimmer. Plötzlich
+Susanna. Es wurde ganz dunkel im Zimmer. Plötzlich
ging Grau auf Susannas Sessel zu. Es war so dunkel,
-daß er nur ihre Hände, ihr Gesicht und den Glanz der
+daß er nur ihre Hände, ihr Gesicht und den Glanz der
Augen sah. Er legte eine Hand auf die Lehne des
Stuhls und blickte Susanna lange an.
</p>
<p>
&bdquo;Haben Sie da droben auf der Bank nicht auch
-von Liebe geträumt?&ldquo; fragte er flüsternd.
+von Liebe geträumt?&ldquo; fragte er flüsternd.
</p>
<p>
-Susannas Blick wurde starr. Ihr Gesicht sah plötzlich
-viel dunkler aus, sie errötete. Sie regte sich nicht,
+Susannas Blick wurde starr. Ihr Gesicht sah plötzlich
+viel dunkler aus, sie errötete. Sie regte sich nicht,
sie sah ihn an.
</p>
<p>
Grau ging langsam weg; er trat ans Fenster. Hier
-stand er lange, dann verabschiedete er sich hastig. &bdquo;Grüßen
-Sie Mütterchen, Susanna,&ldquo; sagte er. &bdquo;Auf Wiedersehen.&ldquo;
+stand er lange, dann verabschiedete er sich hastig. &bdquo;Grüßen
+Sie Mütterchen, Susanna,&ldquo; sagte er. &bdquo;Auf Wiedersehen.&ldquo;
Er ging.
</p>
<p>
-Als er das Gärtchen durchschritten hatte, blieb er
-am Türchen stehen und zögerte es ins Schloß zu werfen.
+Als er das Gärtchen durchschritten hatte, blieb er
+am Türchen stehen und zögerte es ins Schloß zu werfen.
Er blickte auf das Fenster und wartete. Da erschien
ein kleines, fahles Gesicht an der dunkeln Scheibe, er
-warf das Türchen ins Schloß und ging rasch weg.
+warf das Türchen ins Schloß und ging rasch weg.
</p>
<h1 class="part" id="part-2">
@@ -9126,44 +9092,44 @@ undenkbarer Zeit ebenso sicher wieder wie der Faschingsmontag.
Die ganze Stadt lebte davon, ob man nun
dabei war, am Hotel stand und die Masken hineingehen
sah, oder nur die Berichte des &bdquo;Gauboten&ldquo; las,
-der alle Reden, humoristischen Vorträge usw. ausführlich
-brachte, ganz einerlei. Für dieses Jahr hatte der
-&bdquo;Gaubote&ldquo; als Programm angekündigt: Im Reiche der
+der alle Reden, humoristischen Vorträge usw. ausführlich
+brachte, ganz einerlei. Für dieses Jahr hatte der
+&bdquo;Gaubote&ldquo; als Programm angekündigt: Im Reiche der
Mitte. &bdquo;Nachdem am Sonntag ein lustiges Maskentreiben
-die sonst vom gewerblichen Fleiß widerhallenden
-Straßen unserer geliebten Vaterstadt erfüllte &mdash;&ldquo;
+die sonst vom gewerblichen Fleiß widerhallenden
+Straßen unserer geliebten Vaterstadt erfüllte &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Dieses lustige Maskentreiben bestand darin, daß ein
+Dieses lustige Maskentreiben bestand darin, daß ein
paar Hanswurste mit Schweinsblasen knallten und ein
als Frau verkleideter Schlotfegergeselle auf einem Fahrrade
hin- und herraste, abgesehen von einigen Kindern,
-die als Tiroler, Rotkäppchen und Clowne verkleidet in
-den Straßen einherstolzierten.
+die als Tiroler, Rotkäppchen und Clowne verkleidet in
+den Straßen einherstolzierten.
</p>
<p>
-Auch von dem Ball des Liederkranzes zu reden würde
+Auch von dem Ball des Liederkranzes zu reden würde
sich kaum lohnen, wenn sich dabei nicht einige recht
-sonderbare Dinge ereignet hätten.
+sonderbare Dinge ereignet hätten.
</p>
<p>
Grau war von verschiedenen Seiten eingeladen worden,
aber er hatte keine Lust, den Ball zu besuchen. Er verbrachte
den Abend in der Gesellschaft von Susanna und
-Mütterchen.
+Mütterchen.
</p>
<p>
Sie leerten jene Flasche Rotwein, die Grau von
-seinem Freunde, dem Gefängnisdirektor, seinerzeit auf
+seinem Freunde, dem Gefängnisdirektor, seinerzeit auf
die Reise mitbekommen hatte, sie tranken, lachten und
<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-plauderten und Mütterchen hatte ordentlich aufgekocht.
-Es war schon spät als Grau aufbrach um nach Hause
-zu gehen. Er schritt über den Marktplatz und plötzlich
+plauderten und Mütterchen hatte ordentlich aufgekocht.
+Es war schon spät als Grau aufbrach um nach Hause
+zu gehen. Er schritt über den Marktplatz und plötzlich
bemerkte er einen Burschen mit heller Bluse, einer niedrigen
Kappe und einem starken Nacken; der Bursche stand gerade
vor dem festlich beleuchteten &bdquo;Elefanten&ldquo; und blickte
@@ -9172,32 +9138,32 @@ ins Tor hinein. Es war Hammerbacher. Grau blieb stehen.
<p>
Er suchte Hammerbacher seit einigen Tagen, konnte
-ihn aber nirgends finden. So viel er hörte, hatte der
+ihn aber nirgends finden. So viel er hörte, hatte der
Geselle seine Stelle verlassen und trank mit einigen Burschen
in den Wirtschaften der Umgebung &mdash; seit jenem Tage,
da die Notiz in der Zeitung gestanden hatte.
</p>
<p>
-Grau war so erregt, daß er augenblicklich auf den
+Grau war so erregt, daß er augenblicklich auf den
Burschen zugehen wollte, aber er besann sich. Er ging
-über den Platz und beobachtete von hier aus den Burschen.
+über den Platz und beobachtete von hier aus den Burschen.
Hammerbacher ging hin und her, wie ein Posten. Zuweilen
-stampfte er auf den Boden, um die Füße warm
+stampfte er auf den Boden, um die Füße warm
zu halten, und jedesmal, wenn er am Tore vorbei kam,
-blieb er eine Weile stehen und lugte hinein. Er schüttelte
+blieb er eine Weile stehen und lugte hinein. Er schüttelte
den Kopf, blickte auf die Uhr und begann wiederum
-seine Wanderung. Er wartete! Ja, natürlich, er wartete!
+seine Wanderung. Er wartete! Ja, natürlich, er wartete!
Es gab nichts mehr zu sehen, kein Mensch stand mehr
-vor dem Hotel, es war überdies empfindlich kalt. Aber
+vor dem Hotel, es war überdies empfindlich kalt. Aber
Grau wollte ganz sicher gehen, er ging unten am Platze
-eine halbe Stunde lang auf und ab, während Hammerbacher
-vor dem Hotel Posten stand. Ein merkwürdiger
+eine halbe Stunde lang auf und ab, während Hammerbacher
+vor dem Hotel Posten stand. Ein merkwürdiger
Gedanke stieg in ihm auf.
</p>
<p>
-So rasch wie möglich eilte Grau nach Hause, kleidete
+So rasch wie möglich eilte Grau nach Hause, kleidete
sich um und nach einer kleinen Weile kam er wieder
rasch die Stufen herab.
</p>
@@ -9209,8 +9175,8 @@ dem Tore. Er wartete immer noch.
</p>
<p>
-Grau berührte Hammerbachers Schulter und sagte:
-&bdquo;Wünschen Sie, daß ich den Herrn herunterrufe, ich
+Grau berührte Hammerbachers Schulter und sagte:
+&bdquo;Wünschen Sie, daß ich den Herrn herunterrufe, ich
gehe gerade hinein?&ldquo;
</p>
@@ -9223,7 +9189,7 @@ an, schlug die Augen nieder und nahm die Kappe ab.
<p>
&bdquo;Nun, wie steht es, soll ich den Herrn herunterrufen?
Es ist nicht sehr angenehm zu warten in dieser
-Kälte, nicht wahr?&ldquo;
+Kälte, nicht wahr?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -9232,46 +9198,46 @@ Kälte, nicht wahr?&ldquo;
<p>
&bdquo;Wie gut wir uns verstehen!&ldquo; sagte Grau und blickte
-den Burschen scharf an. &bdquo;Ist es nicht merkwürdig,
+den Burschen scharf an. &bdquo;Ist es nicht merkwürdig,
wie gut wir uns verstehen?&ldquo;
</p>
<p>
-Hammerbacher lächelte verlegen. &bdquo;Ich habe damals
-gelogen, als ich bei Ihnen war, aus Not &mdash; sie ließen
+Hammerbacher lächelte verlegen. &bdquo;Ich habe damals
+gelogen, als ich bei Ihnen war, aus Not &mdash; sie ließen
mir keine Ruhe mehr &mdash; dieses Gestichel &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Grau schüttelte den Kopf: &bdquo;Wie konnten Sie nur
+Grau schüttelte den Kopf: &bdquo;Wie konnten Sie nur
so etwas tun?&ldquo; sagte er mit mildem Vorwurf. &bdquo;Das
-hätten Sie nicht tun sollen, es hat Sie befleckt für
-immer. Nein, sagen Sie mir nichts, ich weiß wohl,
+hätten Sie nicht tun sollen, es hat Sie befleckt für
+immer. Nein, sagen Sie mir nichts, ich weiß wohl,
wann Sie gelogen haben, Hammerbacher. Damals
haben Sie nicht gelogen, denn damals konnten Sie
-gar nicht lügen, das wissen Sie recht wohl!&ldquo;
+gar nicht lügen, das wissen Sie recht wohl!&ldquo;
</p>
<p>
-Sie hätten ihm ja keine Ruhe mehr gelassen.
+Sie hätten ihm ja keine Ruhe mehr gelassen.
</p>
<p>
-Grau schüttelte den Kopf. &bdquo;Geben Sie sich weiter
-keine Mühe mehr!&ldquo; rief er zornig aus. &bdquo;Ich habe
-mir recht wohl gedacht, daß Sie zu Dem und Jenem
-fähig sein könnten, deshalb habe ich Ihnen so dringend
+Grau schüttelte den Kopf. &bdquo;Geben Sie sich weiter
+keine Mühe mehr!&ldquo; rief er zornig aus. &bdquo;Ich habe
+mir recht wohl gedacht, daß Sie zu Dem und Jenem
+fähig sein könnten, deshalb habe ich Ihnen so dringend
<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-nahe gelegt das Andenken jenes unglücklichen Mädchens
+nahe gelegt das Andenken jenes unglücklichen Mädchens
hoch zu halten. Seien Sie nur still! Ich will Ihnen
-das eine sagen, daß Sie von meiner Seite aus nicht
-das geringste zu befürchten haben werden. Aber ich
+das eine sagen, daß Sie von meiner Seite aus nicht
+das geringste zu befürchten haben werden. Aber ich
werde nicht ruhen &mdash; ich werde nicht eher ruhen! &mdash;
-bis ich jenen Herrn gefunden habe, der Sie beschwätzt
+bis ich jenen Herrn gefunden habe, der Sie beschwätzt
hat, um ihn an seine Pflicht zu erinnern. Sagen Sie
ihm das! Leben Sie wohl &mdash; wenn Sie einmal einen
-Rat brauchen, ich stehe zu Ihrer Verfügung. Es läßt
-sich noch alles in Ordnung bringen, überlegen Sie es!&ldquo;
+Rat brauchen, ich stehe zu Ihrer Verfügung. Es läßt
+sich noch alles in Ordnung bringen, überlegen Sie es!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -9280,22 +9246,22 @@ den Trubel des Festes trat.
</p>
<p>
-Der Saal war angefüllt von Menschen, er war so voll,
-daß man sich kaum bewegen konnte. Alles lachte, schrie,
-riß den Mund auf, alle waren in übermütiger, vom Tanzen
+Der Saal war angefüllt von Menschen, er war so voll,
+daß man sich kaum bewegen konnte. Alles lachte, schrie,
+riß den Mund auf, alle waren in übermütiger, vom Tanzen
und Trinken erregter Stimmung. Eine Menge von
-Chinesinnen und Chinesen in allen denkbaren Kostümen
+Chinesinnen und Chinesen in allen denkbaren Kostümen
und Farben schob sich hin und her und wo man hinsah,
-erblickte man Zöpfe, Pfauenfedern, Schirme, Fächer,
-breite chinesische Hüte, in fortwährender Bewegung. Der
-Saal aber hatte sich verwandelt in eine chinesische Straße
+erblickte man Zöpfe, Pfauenfedern, Schirme, Fächer,
+breite chinesische Hüte, in fortwährender Bewegung. Der
+Saal aber hatte sich verwandelt in eine chinesische Straße
mit Tee-, Kaffee-, Sekt-, Wein-, Bier- und Verkaufsbuden;
-bunte schmale Tücher mit phantastischen Drachen
+bunte schmale Tücher mit phantastischen Drachen
und Schriftzeichen hingen von der Decke herab und
-überall brannten Lampione in allen Farben und Formen,
-klein, nicht größer als eine Faust, mächtig groß und
-dick wie ein Faß, glühend rot, zart und schimmernd
-und manche verblaßten vollständig in all dem Rauch
+überall brannten Lampione in allen Farben und Formen,
+klein, nicht größer als eine Faust, mächtig groß und
+dick wie ein Faß, glühend rot, zart und schimmernd
+und manche verblaßten vollständig in all dem Rauch
und Dunst, der aus der lachenden, treibenden Menge
emporstieg.
</p>
@@ -9308,13 +9274,13 @@ begann augenblicklich fieberhaft zu suchen.
<p>
Der erste Bekannte, den er sah, war Eisenhut. Er
-trug ein unglückliches, gelbes Kostüm, eine Art Sack
-mit weiten Ärmeln, eine gelbe runde Mütze und merkwürdigerweise
+trug ein unglückliches, gelbes Kostüm, eine Art Sack
+mit weiten Ärmeln, eine gelbe runde Mütze und merkwürdigerweise
einen hohen Stehkragen, in den er den
-Spitzbart drückte, so daß er wie ein Pinsel vorsprang. Er
-trug eine gelbe Maske, aber jeder mußte ihn sofort erkennen,
+Spitzbart drückte, so daß er wie ein Pinsel vorsprang. Er
+trug eine gelbe Maske, aber jeder mußte ihn sofort erkennen,
an seinem Spitzbart, den tiefen Furchen um
-den Mund, der Körperhaltung. Er schlich sich durch
+den Mund, der Körperhaltung. Er schlich sich durch
die Menge und seine kleinen Augen lugten mit komischer
Lebhaftigkeit aus den Schlitzen der Maske, er ging, als
wolle er alles sehen und selbst nicht gesehen werden.
@@ -9324,33 +9290,33 @@ wolle er alles sehen und selbst nicht gesehen werden.
Einen Augenblick lang ruhten ihre Blicke ineinander,
aber Grau blickte weg, als ob er ihn gar nicht kenne.
Er wollte ihm die Freude nicht rauben. Zwei Chinesinnen
-stürzten auf Eisenhut zu und drängten ihm Zigaretten
-auf, aber Eisenhut machte eine ärgerliche Handbewegung
+stürzten auf Eisenhut zu und drängten ihm Zigaretten
+auf, aber Eisenhut machte eine ärgerliche Handbewegung
und entfloh zu einer Weinbude, wo er rasch ein Glas
-Wein hinunterstürzte.
+Wein hinunterstürzte.
</p>
<p>
-Die Menge kam aus irgend einem Anlaß in Bewegung
-und Grau wurde dicht ans Orchester gedrückt,
-wo ihm die Baßtrompete direkt ins Ohr plärrte. Er
-verlor Eisenhut aus den Augen. Plötzlich wurde er von
+Die Menge kam aus irgend einem Anlaß in Bewegung
+und Grau wurde dicht ans Orchester gedrückt,
+wo ihm die Baßtrompete direkt ins Ohr plärrte. Er
+verlor Eisenhut aus den Augen. Plötzlich wurde er von
zwei Seiten angepackt. &bdquo;Herr Grau, Herr Grau!&ldquo;
</p>
<p>
-Es waren die Schwestern Sinding, die ihn bestürmten,
-Sie hatten glühendrote Wangen. In ihren losen Kostümen
+Es waren die Schwestern Sinding, die ihn bestürmten,
+Sie hatten glühendrote Wangen. In ihren losen Kostümen
sahen beide etwas dick aus. Hahaha, also er sei doch
-hier! Welch ein Lärm, abscheulich, puh! Aber er sei
+hier! Welch ein Lärm, abscheulich, puh! Aber er sei
wohl Nichtraucher?
</p>
<p>
<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
&bdquo;Wir haben Zigaretten zu verkaufen &mdash; buh, buh!&ldquo;
-Klara Sinding winkte der Baßtrompete still zu sein.
-&bdquo;Es geht lustig zu! Ja, wir sind heute alle vergnügt!&ldquo;
+Klara Sinding winkte der Baßtrompete still zu sein.
+&bdquo;Es geht lustig zu! Ja, wir sind heute alle vergnügt!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -9359,19 +9325,19 @@ sagte Grau und er erstand ein Paket Zigaretten.
</p>
<p>
-&bdquo;Wie gefällt es Ihnen? Bitte, Feuer!&ldquo;
+&bdquo;Wie gefällt es Ihnen? Bitte, Feuer!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ganz prächtig!&ldquo; sagte Grau und paffte. &bdquo;Ganz
+&bdquo;Ganz prächtig!&ldquo; sagte Grau und paffte. &bdquo;Ganz
herrlich ist das.&ldquo;
</p>
<p>
-Die beiden Mädchen sahen einander an und dann
+Die beiden Mädchen sahen einander an und dann
riefen sie wie aus einem Munde aus: &bdquo;Aber wir haben
-ja ganz vergessen zu gratulieren! Herzlichsten Glückwunsch!
-Allerherzlichsten Glückwunsch!&ldquo;
+ja ganz vergessen zu gratulieren! Herzlichsten Glückwunsch!
+Allerherzlichsten Glückwunsch!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -9379,31 +9345,31 @@ Allerherzlichsten Glückwunsch!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wir waren so überrascht, als wir es in der Zeitung
-lasen! Und wie sehr wir uns gefreut haben! Wie glücklich
-Susanna ist! Und Mütterchen erst! Mütterchen hat
-die Zeitung mit der Anzeige naß geweint! Ja, so herzlich
-haben wir uns darüber gefreut! Wir lieben Susanna!&ldquo;
-Hahaha &mdash; diese ganz abscheuliche Baßtrompete!
+&bdquo;Wir waren so überrascht, als wir es in der Zeitung
+lasen! Und wie sehr wir uns gefreut haben! Wie glücklich
+Susanna ist! Und Mütterchen erst! Mütterchen hat
+die Zeitung mit der Anzeige naß geweint! Ja, so herzlich
+haben wir uns darüber gefreut! Wir lieben Susanna!&ldquo;
+Hahaha &mdash; diese ganz abscheuliche Baßtrompete!
</p>
<p>
Sie plauderten und es trat noch eine Chinesin zu
-ihnen, ein hoch aufgeschossenes Mädchen mit vorstehenden
-langen Zähnen, die eine eigentümliche Art hatte den
+ihnen, ein hoch aufgeschossenes Mädchen mit vorstehenden
+langen Zähnen, die eine eigentümliche Art hatte den
Kopf langsam auf den Schultern zu drehen. Dann
-rannte eine pechschwarze Jüdin heran, die Grau einen
-Fächer aufschwätzte, es kam noch eine Chinesin, die
-Orangen zu verkaufen hatte, ein kleines häßliches
-Mädchen mit stumpfer Nase und großen Ohren, eine
-andere, und schließlich stand ein ganzer Kreis von
-Mädchen um Grau herum. Alle lachten, schwätzten
+rannte eine pechschwarze Jüdin heran, die Grau einen
+Fächer aufschwätzte, es kam noch eine Chinesin, die
+Orangen zu verkaufen hatte, ein kleines häßliches
+Mädchen mit stumpfer Nase und großen Ohren, eine
+andere, und schließlich stand ein ganzer Kreis von
+Mädchen um Grau herum. Alle lachten, schwätzten
und sahen Grau an.
</p>
<p>
<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-&bdquo;Gestatten Sie, daß ich vorstelle &mdash; Fräulein Anna
+&bdquo;Gestatten Sie, daß ich vorstelle &mdash; Fräulein Anna
Mohr &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -9414,151 +9380,151 @@ schrien die Damen.
<p>
Grau lachte und rauchte die Zigaretten. &bdquo;Ich habe
-gar nicht gewußt, daß es so viele schöne Damen in der
+gar nicht gewußt, daß es so viele schöne Damen in der
Stadt gibt?&ldquo; sagte er und sah alle der Reihe nach an.
Sein Blick war ruhig und rein.
</p>
<p>
-Die Mädchen lachten.
+Die Mädchen lachten.
</p>
<p>
&bdquo;Wir wollen ihn fragen &mdash;&ldquo; Aber ja! Sie wollten
-fragen, welche die schönste von ihnen sei.
+fragen, welche die schönste von ihnen sei.
</p>
<p>
-&bdquo;Welche ist die schönste von uns allen,&ldquo; sagte Klara
+&bdquo;Welche ist die schönste von uns allen,&ldquo; sagte Klara
Sinding, jene, die das kleine Mal auf der Wange hatte.
</p>
<p>
-&bdquo;Die schönste?&ldquo; Grau blies den Rauch durch die
-Lippen. Das sei eine sehr schwierige Frage. Er errötete
+&bdquo;Die schönste?&ldquo; Grau blies den Rauch durch die
+Lippen. Das sei eine sehr schwierige Frage. Er errötete
ein wenig, denn alle blickten ihn an und ihre
Gesichter sahen aus, als ob sie auf eine Gelegenheit
-warteten, herauszuplatzen mit Gelächter. Er sah eine
-nach der anderen an und fügte hinzu: &bdquo;Das ist schwer
+warteten, herauszuplatzen mit Gelächter. Er sah eine
+nach der anderen an und fügte hinzu: &bdquo;Das ist schwer
zu sagen, denn ich kenne ja die Damen kaum. Aber
Sie meinen &mdash; so nach dem ersten Blick zu urteilen &mdash;
aber auch das ist schwer, denn sobald ich glaube jene Dame
-sei die schönste, springt mir etwas im Gesichte einer
-andern Dame in die Augen &mdash; ja, es ist unmöglich.&ldquo;
-Er blickte zuerst das kleine häßliche Mädchen mit der
-stumpfen Nase und den großen Ohren an und sagte:
-&bdquo;Bei Ihnen, mein Fräulein, da sind es die Augen, es
-sind die schönsten silbergrauen Augen, die ich in meinem
-ganzen Leben gesehen habe &mdash;&ldquo; das Mädchen errötete
+sei die schönste, springt mir etwas im Gesichte einer
+andern Dame in die Augen &mdash; ja, es ist unmöglich.&ldquo;
+Er blickte zuerst das kleine häßliche Mädchen mit der
+stumpfen Nase und den großen Ohren an und sagte:
+&bdquo;Bei Ihnen, mein Fräulein, da sind es die Augen, es
+sind die schönsten silbergrauen Augen, die ich in meinem
+ganzen Leben gesehen habe &mdash;&ldquo; das Mädchen errötete
und lachte allen verlegen ins Gesicht &mdash; &bdquo;bei Ihnen,
<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-mein Fräulein, sind es vor allem die Wangen, die so
-zitternd weich sind und von eigentümlichen Rot &mdash; bei
-Ihnen sind es die Brauen und die Schläfen &mdash;&ldquo;
+mein Fräulein, sind es vor allem die Wangen, die so
+zitternd weich sind und von eigentümlichen Rot &mdash; bei
+Ihnen sind es die Brauen und die Schläfen &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Die Mädchen lachten und schrien durcheinander und
-machten solchen Lärm, daß alles nach der Ecke blickte.
+Die Mädchen lachten und schrien durcheinander und
+machten solchen Lärm, daß alles nach der Ecke blickte.
Nein, das sei ja keine Antwort &mdash; aber nein &mdash; wir
-sollten ihn fragen wer die klügste von uns allen ist &mdash;!
+sollten ihn fragen wer die klügste von uns allen ist &mdash;!
Sie fragten.
</p>
<p>
-&bdquo;Die klügste? Aber, bitte, meine Damen, das ist ja
+&bdquo;Die klügste? Aber, bitte, meine Damen, das ist ja
noch schwerer!&ldquo; Grau lachte. &bdquo;Wenn ich aber nun etwas
-Bestimmtes sagen soll, so erkläre ich dieses Fräulein hier
-für die klügste von allen.<a id="corr-10"></a>&ldquo; Es war das kleine häßliche
-Mädchen. Gelächter. Die Damen klatschten in die Hände.
-Das kleine häßliche Mädchen sagte mit tiefer Stimme:
-&bdquo;Ich war stets die Dümmste im Institut!&ldquo; Aber sie
-lächelte.
+Bestimmtes sagen soll, so erkläre ich dieses Fräulein hier
+für die klügste von allen.<a id="corr-10"></a>&ldquo; Es war das kleine häßliche
+Mädchen. Gelächter. Die Damen klatschten in die Hände.
+Das kleine häßliche Mädchen sagte mit tiefer Stimme:
+&bdquo;Ich war stets die Dümmste im Institut!&ldquo; Aber sie
+lächelte.
</p>
<p>
-Grau lächelte ebenfalls. &bdquo;Was sollte das beweisen?
+Grau lächelte ebenfalls. &bdquo;Was sollte das beweisen?
Ich werde den Damen eine Frage vorlegen und wir
-werden es gleich sehen. Hören Sie zu &mdash;&ldquo;
+werden es gleich sehen. Hören Sie zu &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Aber ja! Das würde ja schrecklich interessant werden.
+Aber ja! Das würde ja schrecklich interessant werden.
</p>
<p>
-&bdquo;Wie hübsch er plaudert!&ldquo; flüsterte das hochaufgeschossene
-Mädchen der Jüdin ins Ohr. Die Jüdin ließ
+&bdquo;Wie hübsch er plaudert!&ldquo; flüsterte das hochaufgeschossene
+Mädchen der Jüdin ins Ohr. Die Jüdin ließ
ihre Augen funkeln. &bdquo;Ja,&ldquo; wisperte sie, &bdquo;er ist so jung
-und schön. Siehst du, wie schüchtern er ist &mdash; er zittert
-immer ein wenig.&ldquo; &bdquo;Pst, er hört dich.&ldquo;
+und schön. Siehst du, wie schüchtern er ist &mdash; er zittert
+immer ein wenig.&ldquo; &bdquo;Pst, er hört dich.&ldquo;
</p>
<p>
-Die Mädchen brachen in heiteres Gelächter aus.
-Klara Sinding also würde eine Nadel nehmen und in
+Die Mädchen brachen in heiteres Gelächter aus.
+Klara Sinding also würde eine Nadel nehmen und in
die Bohnen stechen. &bdquo;Es ist aber verboten, die Bohnen
-irgendwie mit der Hand oder sonst etwas zu berühren.&ldquo;
-Die jungen Damen öffneten die Münder und blickten
+irgendwie mit der Hand oder sonst etwas zu berühren.&ldquo;
+Die jungen Damen öffneten die Münder und blickten
<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-einander verdutzt an: Ja, große Güte, da liegen nun
-zwölf Bohnen auf dem Tische, zwölf weiße Bohnen,
+einander verdutzt an: Ja, große Güte, da liegen nun
+zwölf Bohnen auf dem Tische, zwölf weiße Bohnen,
alle ganz gleich, und unter ihnen ist eine Bohne aus
-Elfenbein, ganz wie die andern, wie könnte man sie doch
+Elfenbein, ganz wie die andern, wie könnte man sie doch
herausfinden?
</p>
<p>
-&bdquo;Nun werden wir es gleich sehen, wer die Klügste
+&bdquo;Nun werden wir es gleich sehen, wer die Klügste
ist!&ldquo; sagte Grau und lachte. Die Damen dachten angestrengt
nach. Sie brachten die abenteuerlichsten Projekte
-vor, aber es stellte sich immer heraus, daß sie unbrauchbar
+vor, aber es stellte sich immer heraus, daß sie unbrauchbar
waren.
</p>
<p>
-Grau wandte sich an das kleine häßliche Mädchen.
-Sie schüttelte den Kopf. Sie habe ja von vornherein
-erklärt, daß sie die Dümmste sei.
+Grau wandte sich an das kleine häßliche Mädchen.
+Sie schüttelte den Kopf. Sie habe ja von vornherein
+erklärt, daß sie die Dümmste sei.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich werde Ihnen etwas helfen,&ldquo; sagte Grau lächelnd
-und blickte sie an. Plötzlich nun schrie das kleine Mädchen
+&bdquo;Ich werde Ihnen etwas helfen,&ldquo; sagte Grau lächelnd
+und blickte sie an. Plötzlich nun schrie das kleine Mädchen
aus vollem Halse: &bdquo;Ein Huhn!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ein Huhn! Hahaha, ja, mein Gott &mdash;&ldquo; die Mädchen
-schüttelten sich vor Lachen. Wer sollte auch daran
+&bdquo;Ein Huhn! Hahaha, ja, mein Gott &mdash;&ldquo; die Mädchen
+schüttelten sich vor Lachen. Wer sollte auch daran
denken! Es sei das Ei des Kolumbus!
</p>
<p>
-Das kleine häßliche Mädchen aber sagte ganz verwirrt:
-&bdquo;Es ist ganz merkwürdig, ich habe ja gar nicht
-daran gedacht und plötzlich ist mir der Gedanke gekommen
+Das kleine häßliche Mädchen aber sagte ganz verwirrt:
+&bdquo;Es ist ganz merkwürdig, ich habe ja gar nicht
+daran gedacht und plötzlich ist mir der Gedanke gekommen
&mdash; gerade als Herr Grau sagte, er wolle mir
ein wenig helfen &mdash;&ldquo; Sie blickte mit verwirrten, fast
scheuen Augen auf Grau.
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Die Damen müssen mir den Scherz
-vergeben. Denn es war ja ein Scherz. Ich maße mir
-keineswegs an, Behauptungen solch kühner Art aufzustellen.
+Grau lächelte. &bdquo;Die Damen müssen mir den Scherz
+vergeben. Denn es war ja ein Scherz. Ich maße mir
+keineswegs an, Behauptungen solch kühner Art aufzustellen.
Mein Beispiel ist ebenfalls schlecht gewesen,
das erste beste, das mir in den Kopf gekommen ist,
<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-natürlich. Klugheit und Scharfsinn, rasches Denken und
+natürlich. Klugheit und Scharfsinn, rasches Denken und
langsames Denken, das ist ja alles so verschieden &mdash;
-ich weiß das wohl, aber da sie mich nun gerade gefragt
+ich weiß das wohl, aber da sie mich nun gerade gefragt
haben &mdash;?&ldquo;
</p>
<p>
Das Orchester spielte die ersten Takte eines Walzers
-und die jungen Mädchen machten Miene auseinander
+und die jungen Mädchen machten Miene auseinander
zu stieben.
</p>
@@ -9566,50 +9532,50 @@ zu stieben.
&bdquo;Auf eine Sekunde noch!&ldquo; bat Grau; und nun lud
er sie alle zu einer kleinen Feier bei Susanna ein. Er
wollte ihnen mitteilen, wann die kleine Feier stattfinden
-sollte &mdash; Fräulein Sinding wäre vielleicht so gütig ihm
+sollte &mdash; Fräulein Sinding wäre vielleicht so gütig ihm
die Adressen der Damen aufzuschreiben &mdash;?
</p>
<p>
-Die Mädchen lachten, waren etwas verblüfft und
-sagten alle zu. &bdquo;Ja, natürlich, natürlich.&ldquo; Sie schrien,
+Die Mädchen lachten, waren etwas verblüfft und
+sagten alle zu. &bdquo;Ja, natürlich, natürlich.&ldquo; Sie schrien,
was sie konnten.
</p>
<p>
-Wirklich liebenswürdige Mädchen, sagte Grau ganz
-gerührt zu sich selbst, mischte sich in die treibende Menge
-und spähte nach links und rechts aus.
+Wirklich liebenswürdige Mädchen, sagte Grau ganz
+gerührt zu sich selbst, mischte sich in die treibende Menge
+und spähte nach links und rechts aus.
</p>
<p>
Er wanderte im Saale umher, blickte in den Tanzsaal,
wo alles wirbelte und fegte, musterte jede Gruppe.
Er begegnete einigemal Eisenhut, aber der schien es nicht
-zu sein, den er suchte, denn er hörte nicht auf umherzuspähen.
-Er begrüßte da und dort Bekannte, aber er
-ließ sich nicht in Gespräche ein. Über einer Gruppe von
-Köpfen, Hüten, Glatzen sah er etwas ungeheuer Schönes,
+zu sein, den er suchte, denn er hörte nicht auf umherzuspähen.
+Er begrüßte da und dort Bekannte, aber er
+ließ sich nicht in Gespräche ein. Über einer Gruppe von
+Köpfen, Hüten, Glatzen sah er etwas ungeheuer Schönes,
eine feine Bewegung, eine feine Hand, kurz und huschend;
das war Adele. Grau blieb stehen und blickte zwischen
-einem großen chinesischen Schirm und einer geschminkten
-Wange hindurch auf die Gruppe. Zufälligerweise schneuzte
-sich ein Herr und zufälligerweise einer jener Herren, die
+einem großen chinesischen Schirm und einer geschminkten
+Wange hindurch auf die Gruppe. Zufälligerweise schneuzte
+sich ein Herr und zufälligerweise einer jener Herren, die
<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
sich beim Schneuzen verneigen. So oft der Herr sich
verneigte, sah er Adeles Gesicht. Sie lachte gerade heiter
-und übermütig.
+und übermütig.
</p>
<p>
-Dann zwängte er sich wieder zwischen den Masken
-hindurch und spähte in jeden Winkel. Vielleicht doch
-unter den Tanzenden? Er stand an der Türe des Tanzsaales
+Dann zwängte er sich wieder zwischen den Masken
+hindurch und spähte in jeden Winkel. Vielleicht doch
+unter den Tanzenden? Er stand an der Türe des Tanzsaales
und blickte aufmerksam in jedes Gesicht.
</p>
<p>
-Da berührte jemand leise seine Schulter und Adele
+Da berührte jemand leise seine Schulter und Adele
stand vor ihm.
</p>
@@ -9618,26 +9584,26 @@ stand vor ihm.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>n purpurroter Seide stand sie da. Mächtige, weitausgreifende
+<span class="firstchar">I</span>n purpurroter Seide stand sie da. Mächtige, weitausgreifende
Chrysanthemen waren in lackroter
-Farbe auf das Kostüm gestickt. Ihr Hals war frei, er
-war lang und weiß und ganz besonders nackt, die
-Linien ihrer weißen Arme verschwammen in den weiten
-hängenden Ärmeln und ihre schmalen Hände waren
-besät mit Ringen, sie waren gleichsam gepanzert mit
+Farbe auf das Kostüm gestickt. Ihr Hals war frei, er
+war lang und weiß und ganz besonders nackt, die
+Linien ihrer weißen Arme verschwammen in den weiten
+hängenden Ärmeln und ihre schmalen Hände waren
+besät mit Ringen, sie waren gleichsam gepanzert mit
flimmernden Steinen. Ihre schwarzen Haare waren zu
einer Art lebendigem Helm geflochten, durch den ein
-silberner Pfeil sauste. Große gelbe Rosen schmückten
-das Haar, die Schulter, den Gürtel. Sie lächelte. Ihre
-Zähne waren so weiß, ihre Lippen so rot. Aber ihre
+silberner Pfeil sauste. Große gelbe Rosen schmückten
+das Haar, die Schulter, den Gürtel. Sie lächelte. Ihre
+Zähne waren so weiß, ihre Lippen so rot. Aber ihre
Augen waren hell und tief wie zwei Quellen, auf
deren Grund Licht brannte.
</p>
<p>
-Ihr Anblick verwirrte ihn. Er lächelte. Er sah sie
+Ihr Anblick verwirrte ihn. Er lächelte. Er sah sie
an und eine Weile ruhten ihre Blicke tief ineinander.
-Grau errötete langsam. Adele lächelte.
+Grau errötete langsam. Adele lächelte.
</p>
<p>
@@ -9647,76 +9613,76 @@ sie dann.
</p>
<p>
-&bdquo;Danke!&ldquo; Adeles Hand war brennend heiß.
+&bdquo;Danke!&ldquo; Adeles Hand war brennend heiß.
</p>
<p>
-&bdquo;Susanna wird wohl sehr glücklich sein. War sie
-nicht ein wenig überrascht, als Sie um ihre Hand anhielten?&ldquo;
+&bdquo;Susanna wird wohl sehr glücklich sein. War sie
+nicht ein wenig überrascht, als Sie um ihre Hand anhielten?&ldquo;
</p>
<p>
-Sie sei einigermaßen überrascht gewesen, ja. Es habe
+Sie sei einigermaßen überrascht gewesen, ja. Es habe
einen langen Kampf gekostet, bis sie einwilligte.
</p>
<p>
-Adele blickte ihn mit einem eigentümlichen Blicke an.
-Sie schüttelte unmerklich den Kopf, dann öffnete sie die
-Lippen zu einem schnellen Lächeln. &bdquo;Heute ist Fasching!&ldquo;
-sagte sie. &bdquo;Kommen Sie, wir wollen fröhlich sein. Ich bin
+Adele blickte ihn mit einem eigentümlichen Blicke an.
+Sie schüttelte unmerklich den Kopf, dann öffnete sie die
+Lippen zu einem schnellen Lächeln. &bdquo;Heute ist Fasching!&ldquo;
+sagte sie. &bdquo;Kommen Sie, wir wollen fröhlich sein. Ich bin
in solch ausgezeichneter Stimmung. Sie sollen mir etwas
-erzählen, wollen Sie? Sehen Sie den Kiosk dort? Dort
-bin ich engagiert, wir machen Geld. Oh, wie heiß es
+erzählen, wollen Sie? Sehen Sie den Kiosk dort? Dort
+bin ich engagiert, wir machen Geld. Oh, wie heiß es
ist! Und ich habe auch so viel Sekt getrunken.&ldquo; Sie
-preßte die Rücken der Hände an die langen flächigen
-Wangen und kühlte sie mit den Steinen. &bdquo;Erzählen Sie
-mir Ihr schönstes Erlebnis, wir werden dabei umhergehen.&ldquo;
+preßte die Rücken der Hände an die langen flächigen
+Wangen und kühlte sie mit den Steinen. &bdquo;Erzählen Sie
+mir Ihr schönstes Erlebnis, wir werden dabei umhergehen.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Mein schönstes Erlebnis erzähle ich
+Grau lächelte. &bdquo;Mein schönstes Erlebnis erzähle ich
nicht,&ldquo; sagte er &bdquo;aber wenn ich Ihnen eines von meinen
-vielen schönen Erlebnissen erzählen darf? Ein kleines
-hübsches Erlebnis, wenn Sie wollen. Einmal fuhr ich
-des Nachts in einem Zuge und an meiner Seite saß
-ein junges Mädchen, ein auffallend schönes und zartes
-Geschöpfchen. Sie war sehr müde, immerfort fielen ihr
-die Augen zu und ihr Köpfchen schwankte hin und her.
+vielen schönen Erlebnissen erzählen darf? Ein kleines
+hübsches Erlebnis, wenn Sie wollen. Einmal fuhr ich
+des Nachts in einem Zuge und an meiner Seite saß
+ein junges Mädchen, ein auffallend schönes und zartes
+Geschöpfchen. Sie war sehr müde, immerfort fielen ihr
+die Augen zu und ihr Köpfchen schwankte hin und her.
Ich dachte, wollte sie doch den Kopf an meine Schulter
-legen &mdash; und so geschah es. Plötzlich sank ihr Kopf an
+legen &mdash; und so geschah es. Plötzlich sank ihr Kopf an
<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
meine Schulter, sie schlief. Sie schlief die ganze Nacht
-an meiner Schulter und atmete so tief.&ldquo; Das erzählte er.
+an meiner Schulter und atmete so tief.&ldquo; Das erzählte er.
</p>
<p>
-&bdquo;Wie hübsch!&ldquo; sagte Adele und lachte. &bdquo;Sehen Sie
-die Lauben und all die närrischen Leute? Wie gefällt
+&bdquo;Wie hübsch!&ldquo; sagte Adele und lachte. &bdquo;Sehen Sie
+die Lauben und all die närrischen Leute? Wie gefällt
Ihnen der Ball?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Prächtig!&ldquo;
+&bdquo;Prächtig!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Echte Provinz &mdash; haha! &mdash; echte, gute Provinz,
Herr Grau. Ich glaube Sie sind noch nicht oft auf
-Bällen gewesen, wie? Ich werde Sie später meiner
+Bällen gewesen, wie? Ich werde Sie später meiner
Mutter vorstellen, sie hat mich gebeten darum. Wir
werden auch ein Glas Sekt zusammen trinken. Lassen
-Sie mich eines wissen, können Sie tanzen? Aber ich befürchte
-Sie können es nicht &mdash;&ldquo;
+Sie mich eines wissen, können Sie tanzen? Aber ich befürchte
+Sie können es nicht &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Doch,&ldquo; sagte Grau, &bdquo;ich habe tanzen gelernt als ich
-zwölf Jahre alt war.&ldquo;
+zwölf Jahre alt war.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Unmöglich!&ldquo;
+&bdquo;Unmöglich!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -9724,11 +9690,11 @@ zwölf Jahre alt war.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ah! &mdash; Ja, das Kostüm ist echt, da haben Sie recht.
+&bdquo;Ah! &mdash; Ja, das Kostüm ist echt, da haben Sie recht.
Ein Onkel, ein Gesandter, hat es mir geschenkt. Auch
-der Fächer ist echt. Sie sind der erste, der das fragt,
-denn der Fächer ist ja so schlicht. Oh, welches Geschrei!
-Sie fühlen sich hier nicht heimisch, wie? Ich protegiere
+der Fächer ist echt. Sie sind der erste, der das fragt,
+denn der Fächer ist ja so schlicht. Oh, welches Geschrei!
+Sie fühlen sich hier nicht heimisch, wie? Ich protegiere
Sie ein wenig, wenn Sie mir das erlauben. Wollen
wir jetzt tanzen? Ja! Kommen Sie!&ldquo;
</p>
@@ -9740,17 +9706,17 @@ Sie legte ihre Hand in seinen Arm.
<p>
&bdquo;Sie haben doch in den letzten Tagen soviel Orgel
gespielt? Sie waren es doch, nicht wahr?&ldquo; fragte sie
-während sie sich geschickt durch die Menge bewegte.
+während sie sich geschickt durch die Menge bewegte.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, zuweilen kommt es über mich, dann muß ich
+&bdquo;Ja, zuweilen kommt es über mich, dann muß ich
ganze Tage spielen,&ldquo; antwortete Grau.
</p>
<p>
<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-&bdquo;Ich hörte es bis in mein Zimmer. Was haben
+&bdquo;Ich hörte es bis in mein Zimmer. Was haben
Sie denn da? Einen Ring?&ldquo;
</p>
@@ -9764,7 +9730,7 @@ Westentasche.
<p>
Adele lachte. &bdquo;Ich habe niemals einen solchen Ring
-gehabt,&ldquo; rief sie aus, &bdquo;sicherlich gehört er einer Köchin.
+gehabt,&ldquo; rief sie aus, &bdquo;sicherlich gehört er einer Köchin.
Weshalb sehen Sie mich denn so verwundert an?&ldquo;
</p>
@@ -9773,82 +9739,82 @@ Weshalb sehen Sie mich denn so verwundert an?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, zuweilen können Sie recht wunderlich sein!&ldquo;
+&bdquo;Ja, zuweilen können Sie recht wunderlich sein!&ldquo;
</p>
<p>
Als sie in den Tanzsaal kamen, war der Walzer
-gerade zu Ende und die erhitzten Paare strömten heraus.
-Die Herren wischten sich den Schweiß von der Stirne
-und grüßten Adele, die Damen wechselten ein paar Worte
+gerade zu Ende und die erhitzten Paare strömten heraus.
+Die Herren wischten sich den Schweiß von der Stirne
+und grüßten Adele, die Damen wechselten ein paar Worte
mit ihr und blickten erstaunt auf Grau, der Adele am
-Arme führte.
+Arme führte.
</p>
<p>
-&bdquo;Warten wir bis zum nächsten Tanze,&ldquo; sagte Adele
-und lächelte. &bdquo;Hier ist es übrigens kühler. Guten Abend,
-Klara! Vielleicht könnte man sich auch einen Augenblick
+&bdquo;Warten wir bis zum nächsten Tanze,&ldquo; sagte Adele
+und lächelte. &bdquo;Hier ist es übrigens kühler. Guten Abend,
+Klara! Vielleicht könnte man sich auch einen Augenblick
irgendwo hinsetzen, nicht wahr? Mein Gott, dieser Herr
Eisenhut glaubt, man erkennt ihn nicht. Ist das nicht
-komisch? Dann werden Sie mir jene Geschichte, erzählen,
+komisch? Dann werden Sie mir jene Geschichte, erzählen,
die Sie mir schon solange schuldig sind.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Welche Geschichte? Jede Geschichte, die Sie wollen,
-natürlich, denn Sie sind so freundlich zu mir, daß ich
-mich gerne dankbar zeigen möchte, aber ich erinnere mich
+natürlich, denn Sie sind so freundlich zu mir, daß ich
+mich gerne dankbar zeigen möchte, aber ich erinnere mich
ja gar nicht &mdash;?&ldquo;
</p>
<p>
Ein schmetterndes Trompetensignal erscholl und alles
<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-rannte in die chinesische Straße hinaus. Herr Bezirksamtmann
-Häberlein sprach einige Worte, die einen lauten
-Beifall wachriefen. Ein kleiner Mann mit weißer Künstlermähne
-trat auf die Bühne. Das war Herr Photograph
+rannte in die chinesische Straße hinaus. Herr Bezirksamtmann
+Häberlein sprach einige Worte, die einen lauten
+Beifall wachriefen. Ein kleiner Mann mit weißer Künstlermähne
+trat auf die Bühne. Das war Herr Photograph
Leistlein, der eine Extranummer zum besten gab.
</p>
<p>
-Adele lachte. &bdquo;Was für ein Unsinn! Es ist zu dumm.
-Sie lachen, weil Sie nicht begreifen können, daß die
-Leute über einen solchen Unsinn lachen können. Nun
+Adele lachte. &bdquo;Was für ein Unsinn! Es ist zu dumm.
+Sie lachen, weil Sie nicht begreifen können, daß die
+Leute über einen solchen Unsinn lachen können. Nun
sind wir Gott sei Dank allein.&ldquo;
</p>
<p>
-Der Saal hatte sich geleert und nur zwei junge Mädchen
+Der Saal hatte sich geleert und nur zwei junge Mädchen
gaben sich gegenseitig Anweisungen im Tanzen; sie
-hüpften hin und her und kicherten und quiekten. Eine
-Mauer von Rücken versperrte den Eingang zur chinesischen
-Straße, die in all dem Rauch wie ein Bild in einem
-blinden Spiegel aussah. Man hörte Herrn Leistlein in
+hüpften hin und her und kicherten und quiekten. Eine
+Mauer von Rücken versperrte den Eingang zur chinesischen
+Straße, die in all dem Rauch wie ein Bild in einem
+blinden Spiegel aussah. Man hörte Herrn Leistlein in
verschiedenen Stimmen sprechen, zuweilen unterbrach ihn
rasender Beifall.
</p>
<p>
&bdquo;Wie wohl das tut, diese Ruhe!&ldquo; sagte Adele und
-ließ sich auf eine kleine Bank nieder. &bdquo;Sehen Sie doch,
-die vielen Lampione, wie hübsch! &mdash; Die Geschichte von
-jener Frau, der ich ähnlich sehe, Sie erinnern sich wohl?&ldquo;
+ließ sich auf eine kleine Bank nieder. &bdquo;Sehen Sie doch,
+die vielen Lampione, wie hübsch! &mdash; Die Geschichte von
+jener Frau, der ich ähnlich sehe, Sie erinnern sich wohl?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß erinnere ich mich,&ldquo; antwortete Grau. &bdquo;Ist
-es nicht merkwürdig, daß ich seitdem wieder von dieser
-Frau geträumt habe? Sie sieht Ihnen übrigens nicht
-so sehr ähnlich, es ist nur Ihre Art den Kopf zu tragen
+&bdquo;Gewiß erinnere ich mich,&ldquo; antwortete Grau. &bdquo;Ist
+es nicht merkwürdig, daß ich seitdem wieder von dieser
+Frau geträumt habe? Sie sieht Ihnen übrigens nicht
+so sehr ähnlich, es ist nur Ihre Art den Kopf zu tragen
und vor allem Ihre Augen.&ldquo;
</p>
<p>
Adele unterbrach ihn. &bdquo;Sind denn so schreckliche
Dinge in jenem Traume geschehen!&ldquo; rief sie lachend
-aus. &bdquo;Setzen Sie, sich Herr Grau. Weshalb muß ich
+aus. &bdquo;Setzen Sie, sich Herr Grau. Weshalb muß ich
Sie erst dazu auffordern? Lassen Sie alles Zeremoniell
<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
beiseite, Sie sind auf einem Maskenball und sprechen
@@ -9858,25 +9824,25 @@ Ein Traum, das war es doch?&ldquo;
<p>
&bdquo;Danke,&ldquo; sagte Grau und nahm neben Adele Platz.
-&bdquo;Ja, es war ein Traum. Es war übrigens einer der
-schönsten und einer der merkwürdigsten Träume, der
+&bdquo;Ja, es war ein Traum. Es war übrigens einer der
+schönsten und einer der merkwürdigsten Träume, der
mir je geschenkt wurde. Es kommt ein Sternschnuppenregen
darin vor und was diese Frau mir alles gesagt
-hat &mdash; ich träumte, ja, nun will ich endlich beginnen
-&mdash; ich träumte, daß ein Geist mich dahintrage.&ldquo;
+hat &mdash; ich träumte, ja, nun will ich endlich beginnen
+&mdash; ich träumte, daß ein Geist mich dahintrage.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ein Geist?&ldquo; Adele stützte das Kinn in die Hand und
+&bdquo;Ein Geist?&ldquo; Adele stützte das Kinn in die Hand und
blickte gerade aus. Sie hatte ein feines anliegendes Ohr.
</p>
<p>
&bdquo;Ja. Ein Geist, der wie ein Wind sauste, er trug
-mich dahin über die Lande in schwindelnder Schnelligkeit
-durch Wolken hindurch, plötzlich näherten wir uns der
-Erde und flogen über schlafende Städte, riesige, schlafende
-Städte mit hohen steilen Häusern. Die Städte waren
+mich dahin über die Lande in schwindelnder Schnelligkeit
+durch Wolken hindurch, plötzlich näherten wir uns der
+Erde und flogen über schlafende Städte, riesige, schlafende
+Städte mit hohen steilen Häusern. Die Städte waren
ohne Licht, ohne Laut, ungeheuer stumm und tot. Sie
schliefen und wir flogen an einem Heer von Fenstern
vorbei. Ich sah in all diese Fenster hinein und obgleich
@@ -9890,10 +9856,10 @@ es dunkel war, sah ich sehr genau.&ldquo;
<p>
&bdquo;Ich sah Kinder, die schliefen, Tausende und Tausende
von schlafenden Kindern sah ich, alle schliefen sie, friedlich,
-müde, gesund, ihre Backen glänzten rot und ihre Münder
-standen halb offen, ich sah all diese kleinen Brustkörbe
+müde, gesund, ihre Backen glänzten rot und ihre Münder
+standen halb offen, ich sah all diese kleinen Brustkörbe
atmen, Millionen solcher Kinder habe ich gesehen, es war
-ja im Traum, gelbe, braune, weiße Gesichter, alle Rassen.&ldquo;
+ja im Traum, gelbe, braune, weiße Gesichter, alle Rassen.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -9901,21 +9867,21 @@ Eine Lachsalve raste durch den Saal.
</p>
<p>
-&bdquo;Wie schön!&ldquo; Er möge doch fortfahren.
+&bdquo;Wie schön!&ldquo; Er möge doch fortfahren.
</p>
<p>
<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-&bdquo;Ja. Ich denke daran, wie schön es war, nie
+&bdquo;Ja. Ich denke daran, wie schön es war, nie
mehr habe ich soviel Frieden gesehen und auch nie mehr
-diesen Frieden gefühlt. Aber wie rasch es doch dahinging,
-mit welch rätselhafter Leichtigkeit ich an diesen
-Fenstern vorbeischwebte! Nun kamen immer neue Städte,
-plötzlich tauchten sie stets unter mir auf, riesenhaft und
+diesen Frieden gefühlt. Aber wie rasch es doch dahinging,
+mit welch rätselhafter Leichtigkeit ich an diesen
+Fenstern vorbeischwebte! Nun kamen immer neue Städte,
+plötzlich tauchten sie stets unter mir auf, riesenhaft und
alle schrecklich stumm und tot. Als ich nun in eines
-der schwarzen Fenster blickte, sah ich zu meiner Überraschung
+der schwarzen Fenster blickte, sah ich zu meiner Überraschung
ein kleines Licht im Zimmer brennen und einen
-Mann, der am Tische saß; er hatte reiches, aber ergrautes
+Mann, der am Tische saß; er hatte reiches, aber ergrautes
Haar.&ldquo;
</p>
@@ -9924,29 +9890,29 @@ Haar.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Er tat nichts. Er saß an dem Tische und starrte
-in das kleine Licht und lächelte seltsam. Ich zog an
-tausenden von Fenstern vorüber und überall sah ich den
+&bdquo;Er tat nichts. Er saß an dem Tische und starrte
+in das kleine Licht und lächelte seltsam. Ich zog an
+tausenden von Fenstern vorüber und überall sah ich den
Mann mit den grauen Haaren und dem seltsamen
-Lächeln vor der kleinen Kerze sitzen. Ich sah nicht nur
+Lächeln vor der kleinen Kerze sitzen. Ich sah nicht nur
ihn. Ich sah auch andre und alle tausendfach. Ich
sah eine Frau, die ein Licht in der Hand hatte und
-auf einem Stuhle saß. Aber sie las nicht, sie blickte
-über das Buch weg und lächelte, ebenfalls seltsam. Ich
+auf einem Stuhle saß. Aber sie las nicht, sie blickte
+über das Buch weg und lächelte, ebenfalls seltsam. Ich
sah einen jungen Mann, der leise tanzte und einen
-Kuß in die Luft warf, er war sehr bleich und auch er
-lächelte seltsam, ich sah junge Mädchen, die die Lippen
-öffneten und ohne Laut sangen. Tag und Nacht könnte
-ich wohl erzählen, wollte ich all diese Menschen beschreiben,
+Kuß in die Luft warf, er war sehr bleich und auch er
+lächelte seltsam, ich sah junge Mädchen, die die Lippen
+öffneten und ohne Laut sangen. Tag und Nacht könnte
+ich wohl erzählen, wollte ich all diese Menschen beschreiben,
die ich gesehen habe. Alle waren sie allein
-mit einer kleinen Kerze, wach, während die andern
-schliefen, alle lächelten sie seltsam. Sie beschäftigten
+mit einer kleinen Kerze, wach, während die andern
+schliefen, alle lächelten sie seltsam. Sie beschäftigten
sich alle so sonderbar, lasen ohne zu lesen, sangen
<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
ohne zu singen, sie spielten, runzelten die bleichen Stirnen,
-lächelten, ihre Beschäftigungen waren mannigfacher Art,
-sie bauten Kartenhäuser, einer hatte ein dickes Buch in
-Zettel geschnitten und mühte sich damit ab es wieder
+lächelten, ihre Beschäftigungen waren mannigfacher Art,
+sie bauten Kartenhäuser, einer hatte ein dickes Buch in
+Zettel geschnitten und mühte sich damit ab es wieder
zusammenzusetzen. Sie waren alle allein. Verstehen
Sie?&ldquo;
</p>
@@ -9954,20 +9920,20 @@ Sie?&ldquo;
<p>
&bdquo;Ah!&ldquo; sagte Adele und sah rasch auf. &bdquo;Es waren
die einsamen Menschen der Erde, die Sie sahen. Wie
-merkwürdig!&ldquo;
+merkwürdig!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau nickte. &bdquo;Ja, ich denke es. Aber weit merkwürdiger
-ist es, daß ich wußte, was die Menschen dachten.
-Vergessen Sie nicht, daß es ein Traum war. Nun habe ich
+Grau nickte. &bdquo;Ja, ich denke es. Aber weit merkwürdiger
+ist es, daß ich wußte, was die Menschen dachten.
+Vergessen Sie nicht, daß es ein Traum war. Nun habe ich
seitdem &mdash; es ist ja sechs Jahre her &mdash; die meisten dieser
Gesichter in Wirklichkeit gesehen, oder es wird richtiger
sein, im Traum sah ich alle Gesichter, die ich in der Wirklichkeit
gesehen hatte, ein wenig verschieden vielleicht &mdash;
kurz und gut, ich sage, ich sah die meisten dieser Gesichter
in Wirklichkeit und es schien mir nun, als wisse ich, was
-sie ausdrückten. Ich sehe ein Gesicht auf der Straße
+sie ausdrückten. Ich sehe ein Gesicht auf der Straße
und es erinnert mich an eines jener Gesichter im Traume
&mdash; aber ich wollte das ja nicht sagen, Pardon.&ldquo;
</p>
@@ -9977,79 +9943,79 @@ und es erinnert mich an eines jener Gesichter im Traume
</p>
<p>
-Grau lächelte leise, schüttelte nachdenklich den Kopf
-und sagte: &bdquo;Wie sonderbar aber ist es doch, daß wir
-im Antlitz des Menschen zu lesen wünschen! Daß uns
-jeder Mensch so sehr beschäftigt, daß wir wissen möchten,
+Grau lächelte leise, schüttelte nachdenklich den Kopf
+und sagte: &bdquo;Wie sonderbar aber ist es doch, daß wir
+im Antlitz des Menschen zu lesen wünschen! Daß uns
+jeder Mensch so sehr beschäftigt, daß wir wissen möchten,
wie er ist!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, wie eigentümlich ist das,&ldquo; sagte Adele und blickte
+&bdquo;Ja, wie eigentümlich ist das,&ldquo; sagte Adele und blickte
Grau an. &bdquo;Man sagt, an den Augen erkenne man den
Menschen am besten. Wie meinen Sie?&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-Grau lächelte. &bdquo;An den Augen?&ldquo; sagte er. &bdquo;Vielleicht.
+Grau lächelte. &bdquo;An den Augen?&ldquo; sagte er. &bdquo;Vielleicht.
Ein wenig an den Augen, ein wenig am Gang,
-an den Händen, an den Ohren, an den Lippen. Ganz
-besonders an der Nase! Aber das alles kann trügen.
-An den Worten? Auch sie können trügen, sie verbergen
+an den Händen, an den Ohren, an den Lippen. Ganz
+besonders an der Nase! Aber das alles kann trügen.
+An den Worten? Auch sie können trügen, sie verbergen
den Menschen und der Mensch verbirgt sich hinter ihnen.
Selbst wenn er die ehrliche Absicht hat, aufrichtig zu
sein, er kennt sich ja selbst nicht, seine Worte sind alle
ein wenig falsch, schief gleichsam &mdash; oder er ist ein
-großer Dichter. All das kann trügen. Vielleicht ist das
-Lächeln noch am zuverlässigsten &mdash; wie meinen Sie? &mdash;
-Das Lächeln, sagte ich, das unbewußte und kaum bemerkte,
-leiseste Lächeln. Vielleicht. Der Mensch kann
-lachen, schreien, weinen &mdash; und es kann sein, daß er
+großer Dichter. All das kann trügen. Vielleicht ist das
+Lächeln noch am zuverlässigsten &mdash; wie meinen Sie? &mdash;
+Das Lächeln, sagte ich, das unbewußte und kaum bemerkte,
+leiseste Lächeln. Vielleicht. Der Mensch kann
+lachen, schreien, weinen &mdash; und es kann sein, daß er
nicht im Lachen, Schreien oder Weinen steckt, aber im
-Lächeln? Das Lächeln ist schwer zu heucheln, ganz wenig
-Menschen können es auch unterdrücken, es ist unkontrollierbar,
+Lächeln? Das Lächeln ist schwer zu heucheln, ganz wenig
+Menschen können es auch unterdrücken, es ist unkontrollierbar,
es kommt und geht, schnell, es kann die ganze
-Niedrigkeit und den ganzen Adel eines Menschen ausdrücken,
+Niedrigkeit und den ganzen Adel eines Menschen ausdrücken,
den ganzen wahren Schmerz, wahre Freude. Vor
allem aber die Entwickelungsstufe des Menschen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Haben Sie das ebenfalls aus jenem Traume?&ldquo;
-fragte Adele. &bdquo;Aus dem Lächeln dieser Einsamen? &mdash;
-Hören Sie die Narren lachen, haha?&ldquo;
+fragte Adele. &bdquo;Aus dem Lächeln dieser Einsamen? &mdash;
+Hören Sie die Narren lachen, haha?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gewissermaßen,&ldquo; fuhr Grau eifrig fort. &bdquo;Gewissermaßen
+&bdquo;Gewissermaßen,&ldquo; fuhr Grau eifrig fort. &bdquo;Gewissermaßen
ja. Aber ich mache zu viele Worte. Ich sage,
-auch das Lächeln kann trügen, es bleibt Ihnen also
-nichts als das Gefühl. Vielleicht fühlen wir die Menschen!
+auch das Lächeln kann trügen, es bleibt Ihnen also
+nichts als das Gefühl. Vielleicht fühlen wir die Menschen!
Der seelische Zusammenhang der Menschen ist
-vielleicht so stark, daß wir erschrecken würden, könnten
+vielleicht so stark, daß wir erschrecken würden, könnten
<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-wir ihn erkennen, ja, es ist möglich, daß zwischen
-den Menschen &mdash; zwischen den Seelen &mdash; überhaupt
-keine scharfe Trennung existiert &mdash; ich für meine Person
-glaube das &mdash; vielleicht können Sie an keinen Menschen
-denken, ohne daß er es fühlt, ja, ohne daß er weiß,
+wir ihn erkennen, ja, es ist möglich, daß zwischen
+den Menschen &mdash; zwischen den Seelen &mdash; überhaupt
+keine scharfe Trennung existiert &mdash; ich für meine Person
+glaube das &mdash; vielleicht können Sie an keinen Menschen
+denken, ohne daß er es fühlt, ja, ohne daß er weiß,
was Sie denken. Nicht wahr? Wenn Sie ihn lieben,
-er wird es fühlen und wenn Sie nur auf der Straße
-aneinander vorbeigehen, er wird es fühlen, er wird Ihren
-Haß fühlen, alles, vielleicht überkommt ihn nur ein
-leises Behagen oder Unbehagen, vielleicht weiß er es
-nicht, aber seine Seele weiß es ganz genau. Jeder Mensch
-könnte Ihnen aus seinen Erfahrungen Beispiele erzählen
-und Sie selbst haben gewiß ähnliche Beobachtungen gemacht.
+er wird es fühlen und wenn Sie nur auf der Straße
+aneinander vorbeigehen, er wird es fühlen, er wird Ihren
+Haß fühlen, alles, vielleicht überkommt ihn nur ein
+leises Behagen oder Unbehagen, vielleicht weiß er es
+nicht, aber seine Seele weiß es ganz genau. Jeder Mensch
+könnte Ihnen aus seinen Erfahrungen Beispiele erzählen
+und Sie selbst haben gewiß ähnliche Beobachtungen gemacht.
Ich sage zum Beispiel, es begegnet Ihnen auf
-der Straße ein Mensch, er blickt Sie an, blinzelt, sieht
+der Straße ein Mensch, er blickt Sie an, blinzelt, sieht
weg. Sie denken: Das ist ein armer, einsamer und
-guter Mensch. Die Leute erzählen Ihnen alle denkbaren
+guter Mensch. Die Leute erzählen Ihnen alle denkbaren
Schlechtigkeiten von ihm &mdash; jener Mensch selbst spricht
mit Ihnen, ja er beleidigt sie und legt es fast darauf
-an, einen ungünstigen Eindruck auf Sie zu machen &mdash;
-und doch können Sie den Glauben nicht lassen &mdash; er
+an, einen ungünstigen Eindruck auf Sie zu machen &mdash;
+und doch können Sie den Glauben nicht lassen &mdash; er
ist einsam, arm, aber gut.&ldquo;
</p>
@@ -10060,31 +10026,31 @@ Sie an, blinzelt &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Grau antwortete ihr darauf nicht. Er lachte plötzlich
+Grau antwortete ihr darauf nicht. Er lachte plötzlich
und sagte: &bdquo;Ich bin ja ganz vom Thema abgekommen!&ldquo;
</p>
<p>
Auch Adele lachte. &bdquo;Aber ja! Sie wollten von jener
-Frau erzählen?&ldquo;
+Frau erzählen?&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
&bdquo;Sofort. Die Reise ging an Fenstern, Fenstern und
-Fenstern vorüber, über all die schlafenden Städte hinweg,
-das erzählte ich, nicht wahr. Dann ging es über
-endlose Wälder und ich erinnere mich, daß vier Sterne
+Fenstern vorüber, über all die schlafenden Städte hinweg,
+das erzählte ich, nicht wahr. Dann ging es über
+endlose Wälder und ich erinnere mich, daß vier Sterne
am Himmel vor uns standen, vier Sterne in der Gestalt
-eines Quadrats. Wir kamen den Sternen näher
-und ich glaubte, wir würden durch sie hindurch fliegen,
-aber sie entfernten sich plötzlich wieder und standen ganz
-klein am schwarzen Himmel. Nun blickte ich plötzlich
+eines Quadrats. Wir kamen den Sternen näher
+und ich glaubte, wir würden durch sie hindurch fliegen,
+aber sie entfernten sich plötzlich wieder und standen ganz
+klein am schwarzen Himmel. Nun blickte ich plötzlich
in ein Fenster und hier sah ich eine Frau, die vor einem
-Kaminfeuer saß. Sie hatte so reiches schwarzes Haar
-wie Sie und ihre Haut war ebenso weiß wie die Ihrige,
+Kaminfeuer saß. Sie hatte so reiches schwarzes Haar
+wie Sie und ihre Haut war ebenso weiß wie die Ihrige,
sie trug die Haare in einem losen Knoten im Nacken,
-wie Sie es gewöhnlich zu tragen pflegen, sie hatte ebenfalls
+wie Sie es gewöhnlich zu tragen pflegen, sie hatte ebenfalls
auffallend helle Augen. Aber trotzdem sah sie
anders aus als Sie.&ldquo;
</p>
@@ -10095,81 +10061,81 @@ das Gewand an sich, da die beiden Backfische vorbeitanzten.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie war damit beschäftigt, kleine Rosen anzufertigen,&ldquo;
+&bdquo;Sie war damit beschäftigt, kleine Rosen anzufertigen,&ldquo;
fuhr Grau fort. &bdquo;Sobald eine Rose fertig war, sah sie
die Rose unzufrieden an und warf sie in den Kamin.
Die Rose verbrannte. Es sah aus wie ein brennendes
-Schiff. Es sah aus wie eine Wüste mit feuriger Sonne
-und eine kleine Karawane, ganz glühend, zog durch die
-Wüste. Es entstand ein brennender tanzender Bär, ganz
+Schiff. Es sah aus wie eine Wüste mit feuriger Sonne
+und eine kleine Karawane, ganz glühend, zog durch die
+Wüste. Es entstand ein brennender tanzender Bär, ganz
klein, aus der brennenden Rose.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wie amüsant!&ldquo; sagte Adele. &bdquo;Die Dame hat sich
+&bdquo;Wie amüsant!&ldquo; sagte Adele. &bdquo;Die Dame hat sich
ganz gut unterhalten.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Man sollte es glauben,&ldquo; fuhr Grau fort. <a id="corr-11"></a>&bdquo;Plötzlich
+&bdquo;Man sollte es glauben,&ldquo; fuhr Grau fort. <a id="corr-11"></a>&bdquo;Plötzlich
<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
nun sagt die Frau leise und zaghaft: Herein! und
-zu meinem größten Erstaunen trat ich selbst ins Zimmer,
+zu meinem größten Erstaunen trat ich selbst ins Zimmer,
obgleich ich doch gleichzeitig zum Fenster hereinblickte.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele lachte. &bdquo;Aber so pflegt es ja in den Träumen
+Adele lachte. &bdquo;Aber so pflegt es ja in den Träumen
zuzugehen!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ja. Ich trat ins Zimmer und die Frau sah mich
-an. Sie kam mir gewissermaßen wie ein Geist vor,
+an. Sie kam mir gewissermaßen wie ein Geist vor,
nicht irdisch. Sie trug Ohrringe und eine silberne Kette
-um den Hals. Sie lächelte leise und dann rief sie mir
+um den Hals. Sie lächelte leise und dann rief sie mir
ein Wort zu, das ich nicht verstand. Sie sagte etwas
und auch das verstand ich nicht. Es war eine seltsame,
fremde Sprache von unglaublicher Weichheit des Klanges.
Sie warf alle Papierschnitzel, die sie auf dem Kleide
hatte, ins Feuer und daraus entstanden eine Menge winzig
-kleiner goldener Vögel, die zwitschernd in den Kamin
+kleiner goldener Vögel, die zwitschernd in den Kamin
hinauf flatterten. Sie stand auf und sagte: Ich habe
-nicht gedacht, daß du heute kommst.&ldquo;
+nicht gedacht, daß du heute kommst.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Verstanden Sie denn jetzt?&ldquo; unterbrach ihn Adele,
-die eifrig zuhörte, während ihre Blicke mechanisch den
+die eifrig zuhörte, während ihre Blicke mechanisch den
Tanz der Backfische verfolgten.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; antwortete Grau, &bdquo;ich weiß übrigens nicht,
+&bdquo;Ja,&ldquo; antwortete Grau, &bdquo;ich weiß übrigens nicht,
ob sie sich der fremden Sprache bediente. Kurzum, ich
verstand sie. Ich sah sie erstaunt an, denn ich hatte sie
nie im Leben gesehen. Haben Sie mich denn erwartet?
-fragte ich. Sie sah mich lächelnd an, lange. Dann ging
-sie näher und legte ihre Hand auf meinen Arm und ich
+fragte ich. Sie sah mich lächelnd an, lange. Dann ging
+sie näher und legte ihre Hand auf meinen Arm und ich
sah ihre Augen ganz dicht vor mir. Sie waren klar und
hell, von unbestimmter Farbe und mit einem Schein als
ob sie phosphoreszierten. Wie sagst du? fragte sie. &mdash;
Ich wiederholte das gleiche. &mdash; Wie sagst du? Wiederum
<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-sagte ich: Haben Sie mich denn erwartet? Sie schüttelte
-den Kopf und sagte lächelnd, aber gleichsam verletzt:
-Kennst du mich denn nicht mehr? &mdash; Ich schüttelte den
+sagte ich: Haben Sie mich denn erwartet? Sie schüttelte
+den Kopf und sagte lächelnd, aber gleichsam verletzt:
+Kennst du mich denn nicht mehr? &mdash; Ich schüttelte den
Kopf. Nein, sagte ich. Ich sah sie an und nun schien
-es mir, als ob ich sie schon gesehen hätte, alles verwirrte
-sich in mir; dann aber wußte ich, daß ich sie
-noch nie gesehen hatte. Ich sagte es. Sie schüttelte den
+es mir, als ob ich sie schon gesehen hätte, alles verwirrte
+sich in mir; dann aber wußte ich, daß ich sie
+noch nie gesehen hatte. Ich sagte es. Sie schüttelte den
Kopf und zeigte auf die silberne Kette, die sie am Halse
trug, und sagte: Kennst du auch die Kette nicht? &mdash; Nein.
&mdash; Aber sie ist von dir! &mdash; Nein! &mdash; Ja, sie ist von dir,
wir haben uns lange, lange Jahre gekannt und nun erkennst
du mich nicht wieder. Nein, sagte ich. Sie sah
-mich trauernd an und schüttelte den Kopf. &mdash; Komm!
-sagte sie, und plötzlich gingen wir auf einer Heide, es
+mich trauernd an und schüttelte den Kopf. &mdash; Komm!
+sagte sie, und plötzlich gingen wir auf einer Heide, es
war in grauer Nacht und ganz still &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -10177,7 +10143,7 @@ war in grauer Nacht und ganz still &mdash;&ldquo;
Im Saale bliesen die Trompeten Tusch und die
Menge schrie rasend Hoch. Adele hielt sich die Ohren
zu. &bdquo;Wie schade!&ldquo; sagte sie, indem sie aufstand. &bdquo;Nun
-kommen sie alle hierher. Wie merkwürdig ist doch der
+kommen sie alle hierher. Wie merkwürdig ist doch der
Traum?&ldquo;
</p>
@@ -10186,41 +10152,41 @@ Traum?&ldquo;
</p>
<p>
-Sie sahen einander an und fühlten beide eine auffallende
+Sie sahen einander an und fühlten beide eine auffallende
Beklommenheit im Herzen, obgleich keiner sie
dem andern verriet. Graus Augen leuchteten und seine
-Wangen röteten sich.
+Wangen röteten sich.
</p>
<p>
-Die Gesellschaft strömte wieder in den Tanzsaal. Das
+Die Gesellschaft strömte wieder in den Tanzsaal. Das
Orchester begann. Sofort fingen die Paare an zu wirbeln
-und zu schleifen. Herren in Fräcken und Kostümen schossen
-hin und her nach der Tänzerin, Eisenhut kam aus der
-Türe und ging geradeswegs auf Adele zu und bat sie
+und zu schleifen. Herren in Fräcken und Kostümen schossen
+hin und her nach der Tänzerin, Eisenhut kam aus der
+Türe und ging geradeswegs auf Adele zu und bat sie
<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
mit verstellter Stimme um einen Tanz. Er trug noch
-immer die Maske, obgleich jedermann sie schon längst
+immer die Maske, obgleich jedermann sie schon längst
abgenommen hatte. Adele gab ihm einen Korb und
-Eisenhut zog sich zurück. Er blickte noch einigemal um
+Eisenhut zog sich zurück. Er blickte noch einigemal um
und dreht sich bald darauf am Arm einer roten Chinesin
-im Kreise. Nun näherte sich der Bezirksamtmann Häberlein
-mit tänzelnden Schritten und sicherer Miene, aber
+im Kreise. Nun näherte sich der Bezirksamtmann Häberlein
+mit tänzelnden Schritten und sicherer Miene, aber
Adele forderte gleichzeitig Grau auf mit ihr zu tanzen.
</p>
<p>
-&bdquo;In dem Gewühle ist es ja ganz unmöglich zu
-erzählen,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Es kommen nun gewiß recht
-merkwürdige Dinge?&ldquo;
+&bdquo;In dem Gewühle ist es ja ganz unmöglich zu
+erzählen,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Es kommen nun gewiß recht
+merkwürdige Dinge?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, merkwürdige Dinge kommen nun.&ldquo;
+&bdquo;Ja, merkwürdige Dinge kommen nun.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele lächelte. &bdquo;Herrlich! Wie spannend das ist!
+Adele lächelte. &bdquo;Herrlich! Wie spannend das ist!
Und nun, bitte!&ldquo;
</p>
@@ -10232,17 +10198,17 @@ mit einem Blicke. &bdquo;Halten Sie mich fester!&ldquo; sagte sie.
<p>
Es war eine Masurka. Die Pauken wirbelten, die
Geigen wehten, es erschien Grau als spielten sie etwas
-vom Frühling und als die Flöten bliesen sah er förmlich
+vom Frühling und als die Flöten bliesen sah er förmlich
die Blumen aus dem Rasen steigen.
</p>
<p>
Sie sahen einander an. Aber sie hatten noch keine
-Runde getanzt, als Adele inne hielt und erblaßte. Sie
+Runde getanzt, als Adele inne hielt und erblaßte. Sie
stand still. &bdquo;Ich kann nicht mehr!&ldquo; sagte sie leise und
heftete die Blicke auf Grau. Sie sah ihn erschrocken,
-scheu und erstaunt an, während sie sich mit einem
-Lächeln entschuldigte.
+scheu und erstaunt an, während sie sich mit einem
+Lächeln entschuldigte.
</p>
<p>
@@ -10257,13 +10223,13 @@ nur.&ldquo; Sie sammelte sich rasch.
<p>
<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-&bdquo;Wie leid es mir tut, Fräulein von Hennenbach.&ldquo;
+&bdquo;Wie leid es mir tut, Fräulein von Hennenbach.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele schüttelte den Kopf. &bdquo;Es ist nichts,&ldquo; sagte
-sie, &bdquo;es ist nur so merkwürdig &mdash;&ldquo; Sie sah Grau an.
-Sie schwieg lange Zeit und während sie schwieg, schien
+Adele schüttelte den Kopf. &bdquo;Es ist nichts,&ldquo; sagte
+sie, &bdquo;es ist nur so merkwürdig &mdash;&ldquo; Sie sah Grau an.
+Sie schwieg lange Zeit und während sie schwieg, schien
sie sich zu verwandeln. Ihre Lippen wurden schmal.
Sie schien zerstreut zu sein.
</p>
@@ -10274,41 +10240,41 @@ folgte ihr.
</p>
<p>
-In der Türe kamen sie ins Gedränge und Adele
+In der Türe kamen sie ins Gedränge und Adele
blickte in Graus Augen und sagte unvermutet: &bdquo;Sagen
Sie mir eines, lieben Sie Susanna wirklich?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau errötete leicht. &bdquo;Wie?&ldquo; Dann blickte er Adele
-erstaunt an. &bdquo;Gewiß liebe ich Susanna aufrichtig,&ldquo;
+Grau errötete leicht. &bdquo;Wie?&ldquo; Dann blickte er Adele
+erstaunt an. &bdquo;Gewiß liebe ich Susanna aufrichtig,&ldquo;
erwiderte er.
</p>
<p>
-Adele lächelte; sie schwieg. Sie streifte Grau wieder
-mit einem Blicke, dann raffte sie den Fächer auf und
+Adele lächelte; sie schwieg. Sie streifte Grau wieder
+mit einem Blicke, dann raffte sie den Fächer auf und
bewegte ihn in der glitzernden Hand. Sie blickte stolz
-über alle Köpfe hinweg. Ihr Blick, ihr Gang, ihr
-Lächeln, alles hatte sich verändert.
+über alle Köpfe hinweg. Ihr Blick, ihr Gang, ihr
+Lächeln, alles hatte sich verändert.
</p>
<p>
-&bdquo;Wollen Sie nun den Traum zu Ende hören?&ldquo;
+&bdquo;Wollen Sie nun den Traum zu Ende hören?&ldquo;
fragte Grau.
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, nicht jetzt,&ldquo; erwiderte Adele höflich. Aber
-sie sah Grau nicht an. &bdquo;Meine Mutter würde sich so
-sehr freuen, Sie kennen zu lernen,&ldquo; fügte sie hinzu,
-&bdquo;darf ich Sie bemühen?&ldquo; Auch ihre Stimme hatte
-sich verändert.
+&bdquo;Nein, nicht jetzt,&ldquo; erwiderte Adele höflich. Aber
+sie sah Grau nicht an. &bdquo;Meine Mutter würde sich so
+sehr freuen, Sie kennen zu lernen,&ldquo; fügte sie hinzu,
+&bdquo;darf ich Sie bemühen?&ldquo; Auch ihre Stimme hatte
+sich verändert.
</p>
<p>
-Grau folgte ihr und dachte darüber nach, was der
-Anlaß zu ihrer Verstimmung sein könnte.
+Grau folgte ihr und dachte darüber nach, was der
+Anlaß zu ihrer Verstimmung sein könnte.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-3">
@@ -10318,54 +10284,54 @@ Anlaß zu ihrer Verstimmung sein könnte.
<p class="first">
<span class="firstchar">A</span>dele wurde von den Herren, die die Sektbude belagerten,
-mit lautem Hurra begrüßt und mit
-schmeichelhaften Vorwürfen über ihr langes Wegbleiben
-überhäuft.
+mit lautem Hurra begrüßt und mit
+schmeichelhaften Vorwürfen über ihr langes Wegbleiben
+überhäuft.
</p>
<p>
&bdquo;Hoch, hoch, hurra!&ldquo; schrieen die Herren und
-schwenkten die Kelche. Adele hatte Mühe sich den Weg
+schwenkten die Kelche. Adele hatte Mühe sich den Weg
in den Kiosk zu bahnen.
</p>
<p>
Im Kiosk bedienten die feinsten Damen der Stadt.
-Die Frau des Bezirksamtmannes, Frau Häberlein mit
+Die Frau des Bezirksamtmannes, Frau Häberlein mit
dem porzellanartigen Teint, eine hohe Blondine, die
-etwas schielte und eine dicke Jüdin mit weißem mächtigen
-Busen. Die Damen hatten alle Hände voll zu tun,
-Flaschen zu entkorken, die Kelche zu füllen, zu trinken.
+etwas schielte und eine dicke Jüdin mit weißem mächtigen
+Busen. Die Damen hatten alle Hände voll zu tun,
+Flaschen zu entkorken, die Kelche zu füllen, zu trinken.
Hier herrschte eine ausgelassene, fast wilde Stimmung
und die Herren waren alle angeheitert.
</p>
<p>
-Die Mutter Adeles saß in einem Stuhl, in Spitzen
-und Seide gehüllt, fein, durchsichtig, fast selbst nichts
+Die Mutter Adeles saß in einem Stuhl, in Spitzen
+und Seide gehüllt, fein, durchsichtig, fast selbst nichts
andres als Spitzen und Seide, sie hatte Adeles Augen;
der Freiherr von Hennenbach stand in einem Kreise
-von jungen, fröhlichen Herren &mdash; es waren die Offiziere
-von Weinberg &mdash; er war größer als alle, grau und
-würdevoll, er rauchte eine große Zigarre und trug einen
-mächtigen Siegelring am Zeigefinger. Er hatte Augen
-wie ein Falke und änderte nie den Ausdruck des Gesichtes,
-ob er nun lachte, plauderte oder zuhörte. Seine
-Haare waren bis in den Nacken hinab sorgfältig gescheitelt
-und sahen aus wie eine schmale, graue Straußenfeder,
-die kokett über seinen hohen Schädel gelegt war.
+von jungen, fröhlichen Herren &mdash; es waren die Offiziere
+von Weinberg &mdash; er war größer als alle, grau und
+würdevoll, er rauchte eine große Zigarre und trug einen
+mächtigen Siegelring am Zeigefinger. Er hatte Augen
+wie ein Falke und änderte nie den Ausdruck des Gesichtes,
+ob er nun lachte, plauderte oder zuhörte. Seine
+Haare waren bis in den Nacken hinab sorgfältig gescheitelt
+und sahen aus wie eine schmale, graue Straußenfeder,
+die kokett über seinen hohen Schädel gelegt war.
</p>
<p>
<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-Baron Kirchgang &mdash; Adeles Bräutigam &mdash; war ein
-schweigsamer, etwas ärgerlich aussehender Herr, dessen
-Schläfen ergraut waren. Sein Gesicht war rot, von
+Baron Kirchgang &mdash; Adeles Bräutigam &mdash; war ein
+schweigsamer, etwas ärgerlich aussehender Herr, dessen
+Schläfen ergraut waren. Sein Gesicht war rot, von
verschwommenen Formen, als sei es mit kochendem
-Wasser verbrüht worden. Er wechselte einige nichtssagende
+Wasser verbrüht worden. Er wechselte einige nichtssagende
Worte mit Grau. Als er an den Schenktisch
-trat, bemerkte Grau, daß sein linker Arm verkrüppelt
-war, er war kürzer als der rechte und lahm.
+trat, bemerkte Grau, daß sein linker Arm verkrüppelt
+war, er war kürzer als der rechte und lahm.
</p>
<p>
@@ -10387,8 +10353,8 @@ spielt. Wollten Sie ihn sprechen?&ldquo;
</p>
<p>
-Adele füllte ein Glas und reichte es Grau. Sie
-stieß mit ihm an und sagte lächelnd: &bdquo;Auf das Wohl
+Adele füllte ein Glas und reichte es Grau. Sie
+stieß mit ihm an und sagte lächelnd: &bdquo;Auf das Wohl
Ihrer Braut!&ldquo;
</p>
@@ -10399,35 +10365,35 @@ Grau dankte. &bdquo;Auf Susannas Wohl!&ldquo;
<p>
Adele leerte das Glas und sah Grau einen Augenblick
lang tief an. Er verstand ihren Blick nicht.
-Adele lachte und wandte sich den Gästen zu. Sie
+Adele lachte und wandte sich den Gästen zu. Sie
begann zu lachen und zu plaudern, aber ihre Stimme
-klang kühl und ihre Augen blitzten hart. Sie blickte
+klang kühl und ihre Augen blitzten hart. Sie blickte
nicht mehr auf Grau, ja sie sah stets an ihm vorbei,
wenn sie dahin blickte, wo er stand. Sie lachte und
schien heiter zu sein, aber ein unruhiger Glanz war in
ihren Augen. Nur wenn sie auf ihre Mutter blickte,
-die nur Augen für die Tochter hatte, so änderte sich
-ihr Blick jedesmal. Mit tiefen, schwärmerischen Augen
+die nur Augen für die Tochter hatte, so änderte sich
+ihr Blick jedesmal. Mit tiefen, schwärmerischen Augen
sah sie die Mutter an. Dieser Blick verriet alle ihre Liebe.
</p>
<p>
<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-Gerade in diesem Augenblick näherte sich Eisenhut
-dem Kiosk. Er bahnte sich langsam und hartnäckig
-den Weg. Er zwängte sich zwischen zwei lachenden
+Gerade in diesem Augenblick näherte sich Eisenhut
+dem Kiosk. Er bahnte sich langsam und hartnäckig
+den Weg. Er zwängte sich zwischen zwei lachenden
Mandarinen hindurch, puffte einen Herrn im Frack in
die Seite, dann ging er um einen dicken Herrn herum,
-der sich nicht zur Seite drängen ließ. Endlich stand
+der sich nicht zur Seite drängen ließ. Endlich stand
er am Schanktisch und man konnte seinem Munde
-ansehen, daß er zufrieden lächelte. Eine Weile stand
-er wartend da, die Damen waren alle beschäftigt.
+ansehen, daß er zufrieden lächelte. Eine Weile stand
+er wartend da, die Damen waren alle beschäftigt.
Er reckte den Hals aus dem hohen Stehkragen,
bewegte die Lippen und seine kleinen lebendigen
Mausaugen verfolgten durch die Schlitze der Maske
-jede Bewegung Adeles. Er räusperte sich, er hustete
+jede Bewegung Adeles. Er räusperte sich, er hustete
um sich bemerkbar zu machen, aber in all dem
-Getöse hörte man ihn gar nicht, niemand beachtete
+Getöse hörte man ihn gar nicht, niemand beachtete
ihn.
</p>
@@ -10436,14 +10402,14 @@ Nun klopfte Eisenhut auf den Tisch.
</p>
<p>
-Die schwarze Jüdin mit dem vollen weißen Busen
-wandte sich ihm zu. &bdquo;Sofort, sofort, mein schöner
+Die schwarze Jüdin mit dem vollen weißen Busen
+wandte sich ihm zu. &bdquo;Sofort, sofort, mein schöner
Herr!&ldquo; rief sie. &bdquo;Willst du eine Flasche, eine ganze
Flasche? Nur zwanzig Mark!&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut starrte auf ihren weißen Busen, er lächelte,
+Eisenhut starrte auf ihren weißen Busen, er lächelte,
dann sah er auf Adele und rief: &bdquo;Eine ganze Flasche,
jawohl. Zwanzig Mark, einerlei.&ldquo; Er sprach immerzu
mit verstellter, quiekender Stimme.
@@ -10451,21 +10417,21 @@ mit verstellter, quiekender Stimme.
<p>
Da drehte sich Adele rasch um und sagte: &bdquo;Es ist
-Herr Eisenhut! Für ihn geben wir es nicht so billig.
+Herr Eisenhut! Für ihn geben wir es nicht so billig.
Er soll etwas besonderes tun!&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut legte den Kopf auf die Seite und lächelte.
+Eisenhut legte den Kopf auf die Seite und lächelte.
Aber dann machte er sich ganz steif und quiekte mit
<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-verstellter Stimme: &bdquo;Sind Sie auch sicher, daß es Herr
+verstellter Stimme: &bdquo;Sind Sie auch sicher, daß es Herr
Eisenhut ist?&ldquo;
</p>
<p>
Adele lachte laut auf. Und alle Umstehenden lachten.
-Das könne ein Blinder sehen. Er könne ruhig die
+Das könne ein Blinder sehen. Er könne ruhig die
Maske abnehmen.
</p>
@@ -10477,26 +10443,26 @@ Maske abnehmen.
Eisenhut meckerte und nahm langsam die Maske
ab. Sein gelbes verlebtes Gesicht kam zum Vorschein,
er lachte, strich sich den Spitzbart und gab dann allen
-ringsum schüchtern die Hand. Er verneigte sich auch
+ringsum schüchtern die Hand. Er verneigte sich auch
gegen die Herren, die um den alten Freiherrn von
-Hennenbach herum standen. Man schrie und schüttelte
-ausgelassen seine Hand. Er ließ die Blicke herumwandern,
-zuletzt heftete er seine kleinen entzündeten Augen auf Adele.
+Hennenbach herum standen. Man schrie und schüttelte
+ausgelassen seine Hand. Er ließ die Blicke herumwandern,
+zuletzt heftete er seine kleinen entzündeten Augen auf Adele.
</p>
<p>
-&bdquo;Wie merkwürdig, daß Sie mich sofort erkannt
-haben!&ldquo; sagte er. &bdquo;Guten Abend, Fräulein von Hennenbach!&ldquo;
-Er machte auch einen schüchternen Versuch, ihr
+&bdquo;Wie merkwürdig, daß Sie mich sofort erkannt
+haben!&ldquo; sagte er. &bdquo;Guten Abend, Fräulein von Hennenbach!&ldquo;
+Er machte auch einen schüchternen Versuch, ihr
die Hand zu reichen.
</p>
<p>
Aber Adele sah die Hand nicht. Sie lachte. &bdquo;Nun
will ich Ihnen einschenken, ich werde es selbst tun,
-aber Sie müssen ein übriges tun, verstehen Sie, es
-gehört für die Armen, das wissen Sie ja. Sie werden
-für jedes Glas hundert Mark bezahlen, nicht wahr?<a id="corr-12"></a>&ldquo;
+aber Sie müssen ein übriges tun, verstehen Sie, es
+gehört für die Armen, das wissen Sie ja. Sie werden
+für jedes Glas hundert Mark bezahlen, nicht wahr?<a id="corr-12"></a>&ldquo;
</p>
<p>
@@ -10505,8 +10471,8 @@ für jedes Glas hundert Mark bezahlen, nicht wahr?<a id="corr-12"></a>&ldquo;
<p>
Eisenhut sah Adele an. Seine Augen wurden
-glänzend, gleichsam als ob sie erwachten. Dann lächelte
-er und zeigte seine schlechten, zerfressenen Zähne.
+glänzend, gleichsam als ob sie erwachten. Dann lächelte
+er und zeigte seine schlechten, zerfressenen Zähne.
</p>
<p>
@@ -10520,39 +10486,39 @@ scherzen!&ldquo;
<p>
<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-Er betrachtete Adele, die mit dem Füllen des Glases
-beschäftigt war. Seine Augen glänzten, er blickte auf
-Adeles Haar, ihre glitzernden Hände, ihre Arme, er
-lächelte und für einen Augenblick erschien sein Gesicht
-friedevoll und schön, seine Wangen färbten sich. Adele
-füllte sorgfältig das Glas. Aber je mehr der Wein
-in dem schlanken Kelche stieg, desto mehr veränderte
-sich Eisenhuts Gesicht. Das Lächeln verschwand, der
-Friede und die momentane Schönheit, sie verschwanden,
+Er betrachtete Adele, die mit dem Füllen des Glases
+beschäftigt war. Seine Augen glänzten, er blickte auf
+Adeles Haar, ihre glitzernden Hände, ihre Arme, er
+lächelte und für einen Augenblick erschien sein Gesicht
+friedevoll und schön, seine Wangen färbten sich. Adele
+füllte sorgfältig das Glas. Aber je mehr der Wein
+in dem schlanken Kelche stieg, desto mehr veränderte
+sich Eisenhuts Gesicht. Das Lächeln verschwand, der
+Friede und die momentane Schönheit, sie verschwanden,
die vielen tiefen Linien und Falten erschienen wieder,
die Stirn wurde niedrig, der Mund zog sich zusammen,
die Farbe wurde gelb und alt. Dann wurde sein
Gesicht fahl. Adele reichte ihm das Glas und er sah
-ihren Augen an, daß sie nicht scherzte.
+ihren Augen an, daß sie nicht scherzte.
</p>
<p>
-&bdquo;Fräulein von Hennenbach?&ldquo; stotterte er.
+&bdquo;Fräulein von Hennenbach?&ldquo; stotterte er.
</p>
<p>
-Über Adeles weiße Hand floß der Wein, über all
+Über Adeles weiße Hand floß der Wein, über all
die Ringe, die Steine. &bdquo;Herr Eisenhut?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Hundert Mark? Hundert M&mdash;?&ldquo; fragte Eisenhut
-leise. &bdquo;Hundert Mark &mdash; aber ganz unmöglich?&ldquo; Er
-lächelte beklommen.
+leise. &bdquo;Hundert Mark &mdash; aber ganz unmöglich?&ldquo; Er
+lächelte beklommen.
</p>
<p>
-Alle lachten über den Ausdruck seines Gesichtes,
+Alle lachten über den Ausdruck seines Gesichtes,
auch Adele.
</p>
@@ -10561,29 +10527,29 @@ Eisenhut raffte sich zusammen.
</p>
<p>
-Er knöpfte das unglückliche gelbe Kostüm auf und
+Er knöpfte das unglückliche gelbe Kostüm auf und
fuhr hastig in die Rocktasche. Wie andere Leute eine
alte Zeitung herausziehen, so zog er einen ganzen Pack
von Banknoten aus der Tasche.
</p>
<p>
-Gelächter! Ja, da sehe man, daß man es mit
-einem Millionär zu tun habe, hoho! Selbst die Offiziere
+Gelächter! Ja, da sehe man, daß man es mit
+einem Millionär zu tun habe, hoho! Selbst die Offiziere
von Weinberg wurden aufmerksam.
</p>
<p>
<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
&bdquo;Bitte, Herr Eisenhut!&ldquo; sagte Adele, da Eisenhut
-zögerte. &bdquo;Ich werde sogar nippen an dem Kelche, aber
+zögerte. &bdquo;Ich werde sogar nippen an dem Kelche, aber
legen Sie nur das Geld auf den Tisch!&ldquo; Sie lachte
und nippte am Glase.
</p>
<p>
-Eisenhut fühlte sich unbehaglich. Er blinzelte rasch
-hintereinander, lächelte, machte eine wegwerfende Handbewegung
+Eisenhut fühlte sich unbehaglich. Er blinzelte rasch
+hintereinander, lächelte, machte eine wegwerfende Handbewegung
und legte einen Hundertmarkschein auf den
Tisch.
</p>
@@ -10593,15 +10559,15 @@ Tisch.
</p>
<p>
-Eisenhut lächelte. Er nahm das Glas, erhob es
-gegen Adele und trank es leer. Er fühlte sich von allen
+Eisenhut lächelte. Er nahm das Glas, erhob es
+gegen Adele und trank es leer. Er fühlte sich von allen
Seiten beobachtet und wurde mehr und mehr unsicher.
</p>
<p>
-Adele füllte abermals Eisenhuts Glas. Sie lachte
-und sagte, daß sie wieder daran nippen werde und er
-werde wieder hundert Mark dafür bezahlen.
+Adele füllte abermals Eisenhuts Glas. Sie lachte
+und sagte, daß sie wieder daran nippen werde und er
+werde wieder hundert Mark dafür bezahlen.
</p>
<p>
@@ -10615,44 +10581,44 @@ wenn ich am Glase nippen werde.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Noch mehr?&ldquo; fragte Eisenhut in ungläubigem Tone.
-&bdquo;Hundert Mark für die Flasche, wie? Man hat sie mir
+&bdquo;Noch mehr?&ldquo; fragte Eisenhut in ungläubigem Tone.
+&bdquo;Hundert Mark für die Flasche, wie? Man hat sie mir
um zwanzig Mark angeboten, vorhin.&ldquo; Er deutete auf
-die Jüdin mit dem hohen Busen.
+die Jüdin mit dem hohen Busen.
</p>
<p>
-Haha! Ja, zwanzig Mark für gewöhnliche Menschen,
-aber für Millionäre da hätten sie ganz besondere Preise.
+Haha! Ja, zwanzig Mark für gewöhnliche Menschen,
+aber für Millionäre da hätten sie ganz besondere Preise.
</p>
<p>
Eisenhut blinzelte. Er legte das Gesicht in Falten,
-drehte den Kopf hin und her. &bdquo;Sie scherzt &mdash; Fräulein
+drehte den Kopf hin und her. &bdquo;Sie scherzt &mdash; Fräulein
von Hennenbach scherzt!&ldquo; sagte er zu der lachenden Gesellschaft
von Herren.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich sagte schon, daß ich nicht scherze. Sehen Sie
+&bdquo;Ich sagte schon, daß ich nicht scherze. Sehen Sie
<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-nicht, daß man sich schon über Sie lustig macht. Ich verkaufe
-Ihnen jedes Glas für hundert Mark, fülle es selbst,
+nicht, daß man sich schon über Sie lustig macht. Ich verkaufe
+Ihnen jedes Glas für hundert Mark, fülle es selbst,
nippe daran, ich meine, da sollten Sie sich nicht lange
besinnen.&ldquo;
</p>
<p>
Es sei wirklich ein Skandal, es sei eine Schmach und
-eine Schande! Vorwärts Eisenhut &mdash; hahaha &mdash; schmeißen
+eine Schande! Vorwärts Eisenhut &mdash; hahaha &mdash; schmeißen
Sie den Bettel hin! Die Herren schrien und lachten und
-stießen sich gegenseitig an.
+stießen sich gegenseitig an.
</p>
<p>
-Eisenhut kämpfte mit sich. Er sah Adele an, die
+Eisenhut kämpfte mit sich. Er sah Adele an, die
ihm das Glas kredenzte, ein Zittern lief durch sein Gesicht,
-er öffnete den Mund, blinzelte und fuhr wieder in
+er öffnete den Mund, blinzelte und fuhr wieder in
die Rocktasche.
</p>
@@ -10661,7 +10627,7 @@ die Rocktasche.
</p>
<p>
-Aber Eisenhut zögerte. Warum gerade er solch horrende
+Aber Eisenhut zögerte. Warum gerade er solch horrende
Summen bezahlen sollte?
</p>
@@ -10676,7 +10642,7 @@ Gelegenheit und Sie sind es auch.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wenn man zwölf Steinbrüche hat und den Schrank
+&bdquo;Wenn man zwölf Steinbrüche hat und den Schrank
vollgestopft mit Wertpapieren, dann kann man doch ruhig
solch eine Bagatelle bezahlen!&ldquo;
</p>
@@ -10684,12 +10650,12 @@ solch eine Bagatelle bezahlen!&ldquo;
<p>
Eisenhut streckte den Kopf vor. &bdquo;Haben Sie denn
&mdash; haben Sie denn diesen Schrank voller Wertpapiere
-gesehen? frage ich.&ldquo; Er lächelte eigentümlich und blickte
+gesehen? frage ich.&ldquo; Er lächelte eigentümlich und blickte
Adele an.
</p>
<p>
-Adele lachte laut und unnatürlich. &bdquo;Selbstverständlich
+Adele lachte laut und unnatürlich. &bdquo;Selbstverständlich
habe ich ihn gesehen. Sie haben mir ihn ja selbst
gezeigt. Erinnern Sie sich, als ich in der Nacht zu Ihnen
kam und zehntausend Mark bei Ihnen entlieh?&ldquo;
@@ -10697,7 +10663,7 @@ kam und zehntausend Mark bei Ihnen entlieh?&ldquo;
<p>
<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-Gelächter. Eisenhut starrte mit offenem Munde auf
+Gelächter. Eisenhut starrte mit offenem Munde auf
Adele.
</p>
@@ -10708,24 +10674,24 @@ nehmen Sie?&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut nahm zögernd das Glas in die Hand. Bravo
+Eisenhut nahm zögernd das Glas in die Hand. Bravo
Eisenhut, hoch, hurra! Eisenhut, Eisenhut!
</p>
<p>
Aber Eisenhut trank nicht. Er schnitt Grimassen, er
drehte den Hals als sei ihm der Kragen zu eng, er schwankte
-hin und her und blickte die Umstehenden, die lachten, plötzlich
-mit scharfen, bösen Blicken an. Gelächter.
+hin und her und blickte die Umstehenden, die lachten, plötzlich
+mit scharfen, bösen Blicken an. Gelächter.
</p>
<p>
-&bdquo;Bitte!&ldquo; sagte Adele und lachte. &bdquo;Weshalb zögern Sie
+&bdquo;Bitte!&ldquo; sagte Adele und lachte. &bdquo;Weshalb zögern Sie
denn?&ldquo;
</p>
<p>
-Hier näherte sich Grau. Er sagte: &bdquo;Fräulein von
+Hier näherte sich Grau. Er sagte: &bdquo;Fräulein von
Hennenbach?&ldquo;
</p>
@@ -10737,33 +10703,33 @@ zusammen und sagte: &bdquo;Bitte?&ldquo;
<p>
In diesem Augenblick brach eine ungeheure Lachsalve
auf Eisenhut ein. Er hatte die Scheine wieder in die
-Tasche gesteckt. Ja, er müsse doch ein Narr sein, ein vollständiger
-Narr müsse er sein! Hundert Mark für jedes
-Glas, die Herren bezahlen eine Mark dafür. Er verlor
+Tasche gesteckt. Ja, er müsse doch ein Narr sein, ein vollständiger
+Narr müsse er sein! Hundert Mark für jedes
+Glas, die Herren bezahlen eine Mark dafür. Er verlor
die Fassung und stellte das Glas so heftig auf den Tisch
-zurück, daß es zerbrach und der Wein über das Tischtuch
-floß. Eisenhut erschrak, einen Augenblick lang war
-seine Nasenspitze schneeweiß. Er bewegte die Lippen um
+zurück, daß es zerbrach und der Wein über das Tischtuch
+floß. Eisenhut erschrak, einen Augenblick lang war
+seine Nasenspitze schneeweiß. Er bewegte die Lippen um
etwas zu sagen, er blickte verwirrt auf Adele. Adele lachte
-und alle, alle lachten und stampften mit den Füßen und
+und alle, alle lachten und stampften mit den Füßen und
schrieen, was sie konnten.
</p>
<p>
-Eisenhut bewegte heftig die Hände. &bdquo;Bezahlt ihr!&ldquo;
+Eisenhut bewegte heftig die Hände. &bdquo;Bezahlt ihr!&ldquo;
<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
schrie er. &bdquo;Bezahlt ihr! Ich bin kein solcher Narr! Ich
habe bezahlt, hundert Mark. Bezahlt ihr, bezahlt ihr!&ldquo;
-wiederholte er lauter und wilder, um das Gelächter zu
-überschreien. Er beugte sich mit einer verzweifelten Gebärde
-über den Tisch, deutete auf das zerbrochene Glas,
+wiederholte er lauter und wilder, um das Gelächter zu
+überschreien. Er beugte sich mit einer verzweifelten Gebärde
+über den Tisch, deutete auf das zerbrochene Glas,
stotterte, aber er sagte nichts.
</p>
<p>
Er wandte sich rasch um und entfloh in seinem gelben
-Kostüm und mit seiner gelben Mütze, gefolgt von lautem,
-wildem Gelächter. Er verschwand in der treibenden Menge.
+Kostüm und mit seiner gelben Mütze, gefolgt von lautem,
+wildem Gelächter. Er verschwand in der treibenden Menge.
</p>
<p>
@@ -10775,13 +10741,13 @@ Hoch Eisenhut, hurra!&ldquo;
Im gleichen Augenblick war auch Grau verschwunden,
und als Adele zu Baron Kirchgang blickte, mit dem er
zuletzt geplaudert hatte, sah sie seinen Platz leer. Baron
-Kirchgang unterdrückte ein Gähnen.
+Kirchgang unterdrückte ein Gähnen.
</p>
<p>
Adele zog die Brauen zusammen und begann mit erneuter
-Ausgelassenheit zu scherzen, zu lachen und Sektgläser
-zu füllen.
+Ausgelassenheit zu scherzen, zu lachen und Sektgläser
+zu füllen.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-4">
@@ -10789,17 +10755,17 @@ zu füllen.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>isenhut eilte dem Ausgang zu und war plötzlich spurlos
+<span class="firstchar">E</span>isenhut eilte dem Ausgang zu und war plötzlich spurlos
verschwunden. Gleichzeitig wurde Grau von
-Dr. Nürnberger aufgehalten.
+Dr. Nürnberger aufgehalten.
</p>
<p>
-Dr. Nürnberger war ein junger Mann mit schwarzem
+Dr. Nürnberger war ein junger Mann mit schwarzem
Scheitel, niedriger Stirn, goldenem Kneifer; er war im
-Frack. Seine Manieren waren gewandt, seine Höflichkeit
+Frack. Seine Manieren waren gewandt, seine Höflichkeit
stets von leichtem Spott begleitet, seine geheuchelte
-Unterwürfigkeit abstoßend.
+Unterwürfigkeit abstoßend.
</p>
<p>
@@ -10808,93 +10774,93 @@ Er nahm den Kneifer ab und verbeugte sich vor Grau.
</p>
<p>
-&bdquo;Welches Vergnügen, Sie zu sehen!&ldquo; rief er mit etwas
-näselnder Stimme aus.
+&bdquo;Welches Vergnügen, Sie zu sehen!&ldquo; rief er mit etwas
+näselnder Stimme aus.
</p>
<p>
Grau erkundigte sich nach dem Kinde im Waisenhaus.
-Es gedieh prächtig. &bdquo;Wie haben Sie Susanna bei Ihrem
+Es gedieh prächtig. &bdquo;Wie haben Sie Susanna bei Ihrem
letzten Besuche angetroffen, Herr Doktor?&ldquo; fragte er dann.
</p>
<p>
-Der Arzt verfolgte ein schönes Mädchen mit den
+Der Arzt verfolgte ein schönes Mädchen mit den
Blicken und erwiderte: &bdquo;Ja, was soll ich sagen? Ich
-habe leider keine Besserung beobachten können. Ich möchte
+habe leider keine Besserung beobachten können. Ich möchte
fast sagen, im Gegenteil, der Zustand der Patientin hat
-sich verschlimmert. Der Körper leistet leider gar keinen
+sich verschlimmert. Der Körper leistet leider gar keinen
Widerstand.&ldquo;
</p>
<p>
-Ob man nicht jetzt daran denken könne, die Kranke
-nach dem Süden zu bringen?
+Ob man nicht jetzt daran denken könne, die Kranke
+nach dem Süden zu bringen?
</p>
<p>
-&bdquo;Nein!&ldquo; Der Arzt schüttelte den Kopf und sandte dem
-schönen Mädchen, das zurückkehrte, ein Lächeln zu. &bdquo;Man
-hätte es vor einem, zwei Jahren tun sollen &mdash; jetzt ist
-nicht daran zu denken. Sie würde die Reise nicht vertragen.
-Ich spreche offen, ich könnte die Verantwortung,
-die Dame jetzt reisen zu lassen, nicht übernehmen. Später
-vielleicht, sobald es Frühling sein wird.&ldquo; Doktor Nürnberger
-reichte Grau die Hand. Er lächelte und legte die
-niedrige fliehende Stirne in tiefe Falten. Er möchte ihm
+&bdquo;Nein!&ldquo; Der Arzt schüttelte den Kopf und sandte dem
+schönen Mädchen, das zurückkehrte, ein Lächeln zu. &bdquo;Man
+hätte es vor einem, zwei Jahren tun sollen &mdash; jetzt ist
+nicht daran zu denken. Sie würde die Reise nicht vertragen.
+Ich spreche offen, ich könnte die Verantwortung,
+die Dame jetzt reisen zu lassen, nicht übernehmen. Später
+vielleicht, sobald es Frühling sein wird.&ldquo; Doktor Nürnberger
+reichte Grau die Hand. Er lächelte und legte die
+niedrige fliehende Stirne in tiefe Falten. Er möchte ihm
nicht leichtfertigerweise Hoffnungen erwecken &mdash; immerhin,
-im Frühjahr, ja, da könne man ja Entscheidungen
+im Frühjahr, ja, da könne man ja Entscheidungen
treffen. <a id="corr-13"></a>&bdquo;Guten Abend. Herzlich gefreut.&ldquo; Im Begriffe
-sich zu entfernen, wandte sich der Arzt, gleichsam überrascht
-von einem Einfall, zu Grau zurück und sagte in
-verändertem Tone: &bdquo;Vielleicht darf ich Herrn Grau einladen,
+sich zu entfernen, wandte sich der Arzt, gleichsam überrascht
+von einem Einfall, zu Grau zurück und sagte in
+verändertem Tone: &bdquo;Vielleicht darf ich Herrn Grau einladen,
mit mir in eine Herrengesellschaft im ersten Stock
<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-zu kommen? Es geht sehr animiert dort zu &mdash; das heißt,
+zu kommen? Es geht sehr animiert dort zu &mdash; das heißt,
vielleicht ziehen der Herr vor &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sehr liebenswürdig!&ldquo; sagte Grau. Er sagte sofort
+&bdquo;Sehr liebenswürdig!&ldquo; sagte Grau. Er sagte sofort
zu und zwar mit einem Eifer, der den Arzt in Verwunderung
-versetzte. &bdquo;Gewiß werde ich mich freuen, ich
+versetzte. &bdquo;Gewiß werde ich mich freuen, ich
danke herzlichst, Herr Doktor!&ldquo;
</p>
<p>
-Sie verließen den Saal und stiegen eine Treppe
+Sie verließen den Saal und stiegen eine Treppe
empor. Grau werde hier die Intelligenz der Stadt
-kennen lernen, das heißt, präzis ausgedrückt, alle
+kennen lernen, das heißt, präzis ausgedrückt, alle
Elemente, die auf eine relative Intelligenz Anspruch
-erheben könnten; angenehme und gesellige Leute. Nur
-sei er außerstande, irgendwelche Verantwortung zu
-übernehmen, im Falle der Ton nicht gerade jenem
-eines Salons entspräche. &bdquo;Aber, bitte, ich liebe Ungezwungenheit,&ldquo;
-sagte Grau. &mdash; &bdquo;Sie werden gewiß
+erheben könnten; angenehme und gesellige Leute. Nur
+sei er außerstande, irgendwelche Verantwortung zu
+übernehmen, im Falle der Ton nicht gerade jenem
+eines Salons entspräche. &bdquo;Aber, bitte, ich liebe Ungezwungenheit,&ldquo;
+sagte Grau. &mdash; &bdquo;Sie werden gewiß
auf Ihre Kosten kommen, wenn Sie Ungezwungenheit
-lieben.&ldquo; &mdash; Sie gingen hin und her in breiten Gängen,
+lieben.&ldquo; &mdash; Sie gingen hin und her in breiten Gängen,
die vom Tanzen im Saale drunten zitterten. Durch
ein kleines Fenster konnte Grau hinab in die chinesische
-Straße blicken, es war ein hübsches Bild: Die wimmelnde
+Straße blicken, es war ein hübsches Bild: Die wimmelnde
Menge, die Lampione, der Rauch. Er sah einen Augenblick
-lang Adele, die gerade ihr Haar zurechtrückte.
-Sie wandte merkwürdigerweise im selben Moment den
-Blick zu dem kleinen Fenster, sie konnte ihn natürlich
+lang Adele, die gerade ihr Haar zurechtrückte.
+Sie wandte merkwürdigerweise im selben Moment den
+Blick zu dem kleinen Fenster, sie konnte ihn natürlich
nicht sehen.
</p>
<p>
-Sie weiß nicht alles, dachte Grau und ein leiser
+Sie weiß nicht alles, dachte Grau und ein leiser
Schmerz griff an sein Herz. Er folgte dem Arzte, treppauf,
treppab; dieses alte Haus war ein Labyrinth.
</p>
<p>
-Endlich hörten sie den wüsten Lärm einer Herrengesellschaft
-und Dr. Nürnberger verbeugte sich und
+Endlich hörten sie den wüsten Lärm einer Herrengesellschaft
+und Dr. Nürnberger verbeugte sich und
<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-öffnete eine kleine Türe. Augenblicklich drang ihnen
-heiße Luft, Zigarrenrauch, der Geruch von Punsch,
+öffnete eine kleine Türe. Augenblicklich drang ihnen
+heiße Luft, Zigarrenrauch, der Geruch von Punsch,
Lachen, Rufen entgegen und ein halbes Dutzend verschwimmender
Gesichter wandte sich ihnen zu.
</p>
@@ -10903,7 +10869,7 @@ Gesichter wandte sich ihnen zu.
Grau machte die Augen scharf. Er entdeckte zuerst
Eisenhuts Gesicht, daneben das bleiche schmale Antlitz
des jungen Herrn von Hennenbach, auf dessen Knien
-die puppenschöne Wirtin saß.
+die puppenschöne Wirtin saß.
</p>
<p>
@@ -10912,13 +10878,13 @@ zu sehen.
</p>
<p>
-Da saß er, eine Zigarre in der einen Hand, in der
-andern ein Glas, lächelte und plauderte.
+Da saß er, eine Zigarre in der einen Hand, in der
+andern ein Glas, lächelte und plauderte.
</p>
<p>
-&bdquo;&mdash; die Stühle sind aus Leder, aus gepreßtem Leder.
-Ein Löwe in Gold ist auf die Lehne gepreßt.&ldquo;
+&bdquo;&mdash; die Stühle sind aus Leder, aus gepreßtem Leder.
+Ein Löwe in Gold ist auf die Lehne gepreßt.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -10927,7 +10893,7 @@ jemand, &bdquo;du wolltest doch von ihm reden?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das Zimmer ist überhaupt ein Saal!&ldquo; fuhr Eisenhut
+&bdquo;Das Zimmer ist überhaupt ein Saal!&ldquo; fuhr Eisenhut
fort und blinzelte. &bdquo;Der Minister rauchte eine
Zigarette.&ldquo;
</p>
@@ -10938,7 +10904,7 @@ Zigarette.&ldquo;
<p>
&bdquo;Er sagte, &sbquo;Herr Eisenhut, Sie haben also die Steine
-für die Brücke geliefert, schön. Ich werde an Sie
+für die Brücke geliefert, schön. Ich werde an Sie
denken.&lsquo; Er klopfte mir auf die Schulter.&ldquo;
</p>
@@ -10947,130 +10913,130 @@ denken.&lsquo; Er klopfte mir auf die Schulter.&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut lächelte. &bdquo;Was ich bekomme, das weiß
+Eisenhut lächelte. &bdquo;Was ich bekomme, das weiß
ich nicht. Aber er sagte: Ich werde an dich denken,
Eisenhut.&ldquo;
</p>
<p>
-Haha! &bdquo;Er duzte dich?&ldquo; Gelächter.
+Haha! &bdquo;Er duzte dich?&ldquo; Gelächter.
</p>
<p>
-&bdquo;Vielleicht hat er auch Sie gesagt, was weiß ich &mdash;
+&bdquo;Vielleicht hat er auch Sie gesagt, was weiß ich &mdash;
seht an!&ldquo; Er hatte Grau bemerkt.
</p>
<p>
<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-Die Herren waren in bunten Kostümen, einige im
-Frack und einer, Postadjunkt Kaiser, saß in weißen
-Hemdärmeln da. Sie spielten Karten. Sie erhoben
+Die Herren waren in bunten Kostümen, einige im
+Frack und einer, Postadjunkt Kaiser, saß in weißen
+Hemdärmeln da. Sie spielten Karten. Sie erhoben
sich mit vielem Tumult und warfen einander Blicke zu.
-Man war nicht sonderlich erfreut über den Gast, das
+Man war nicht sonderlich erfreut über den Gast, das
konnte jeder sehen. Aber die Herren verbeugten sich
-höflich.
+höflich.
</p>
<p>
Grau sah sie mit freundlichen, leuchtenden Augen an.
-&bdquo;Ich bedaure unendlich im Falle ich stören sollte,&ldquo;
-jagte er leise und verlegen, &bdquo;Herr Dr. Nürnberger hatte
-die Liebenswürdigkeit mich einzuladen.&ldquo;
+&bdquo;Ich bedaure unendlich im Falle ich stören sollte,&ldquo;
+jagte er leise und verlegen, &bdquo;Herr Dr. Nürnberger hatte
+die Liebenswürdigkeit mich einzuladen.&ldquo;
</p>
<p>
-Plötzlich schlug ein dicker Chinese mit einem großen
-gelben Schirm auf dem Rücken ein lautes Gelächter
+Plötzlich schlug ein dicker Chinese mit einem großen
+gelben Schirm auf dem Rücken ein lautes Gelächter
auf und einige fielen ein.
</p>
<p>
-&bdquo;Willkommen, Pfirsichblüte, im Reiche der Mitte!&ldquo;
+&bdquo;Willkommen, Pfirsichblüte, im Reiche der Mitte!&ldquo;
schrie der dicke Chinese und machte eine tiefe Verbeugung.
-Er drückte Grau die Hand und setzte hinzu:
-&bdquo;Im bürgerlichen Leben heiße ich Richter, Professor
+Er drückte Grau die Hand und setzte hinzu:
+&bdquo;Im bürgerlichen Leben heiße ich Richter, Professor
Richter, Doktor der Naturwissenschaften.&ldquo;
</p>
<p>
Der Arzt schob ihn beiseite. &bdquo;Erlauben Sie doch,
Professor,&ldquo; sagte er, &bdquo;und geben Sie den Herren Gelegenheit
-ihrer gesellschaftlichen Pflicht zu genügen. Sie
+ihrer gesellschaftlichen Pflicht zu genügen. Sie
gestatten, die Herren, Herr Grau &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
Er machte Grau mit den Herren bekannt. Da waren
-Amtsrichter Leutlein, ein gutmütig aussehender Herr mit
-blaurasiertem Gesichte und spärlichem flaumigen Haar
-auf dem runden Schädel, Rechtspraktikant Schmidt mit
+Amtsrichter Leutlein, ein gutmütig aussehender Herr mit
+blaurasiertem Gesichte und spärlichem flaumigen Haar
+auf dem runden Schädel, Rechtspraktikant Schmidt mit
scharfen stechenden Augen, vielen Schmissen, hohem
-Stehkragen, peinlich gestriegelt und gebügelt, Redakteur
+Stehkragen, peinlich gestriegelt und gebügelt, Redakteur
Heinrich, vom &bdquo;Gauboten&ldquo;, ein kleiner Mann mit
<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
struppigen schwarzen Haaren, der die Angewohnheit
hatte, immer die Zungenspitze herauszustrecken und heiter
-auf seinen Bauch herabzulächeln, Assistent Pechmann,
-ein langer Mensch mit hellblauen träumerischen Augen,
+auf seinen Bauch herabzulächeln, Assistent Pechmann,
+ein langer Mensch mit hellblauen träumerischen Augen,
der junge Freiherr von Hennenbach, ein junger bartloser
-Lehrer, der so betrunken war, daß er leichenblaß
-aussah und die Augen weit aufreißen mußte um zu
+Lehrer, der so betrunken war, daß er leichenblaß
+aussah und die Augen weit aufreißen mußte um zu
sehen.
</p>
<p>
-Die Herren hatten alle ein wenig über den Durst
+Die Herren hatten alle ein wenig über den Durst
getrunken. Sie lachten sonderbar, sie verbeugten sich
zu tief oder schief, dem Rechtspraktikanten fiel der
Kneifer von der Nase, Redakteur Heinrich setzte sich
-beinahe neben den Stuhl, als er sich niederließ. Ihre
+beinahe neben den Stuhl, als er sich niederließ. Ihre
Augen waren scharf oder ausdruckslos, die Vorhemden
-zerknittert, fast jeder hatte irgend etwas Lächerliches an
-sich, einen Schmutzflecken, einen emporstehenden Haarbüschel,
+zerknittert, fast jeder hatte irgend etwas Lächerliches an
+sich, einen Schmutzflecken, einen emporstehenden Haarbüschel,
die Krawatte war in Unordnung oder das
-Kostüm so zugeknöpft, daß oben ein Knopf übrig blieb.
+Kostüm so zugeknöpft, daß oben ein Knopf übrig blieb.
Sie rauchten alle und es war solch ein Rauch im
-Zimmer, daß man kaum die Wände sah. Sie saßen
-um einen ovalen Tisch herum, über dem eine Hängelampe
-brannte. Auf dem Tisch herrschte ein wüstes
+Zimmer, daß man kaum die Wände sah. Sie saßen
+um einen ovalen Tisch herum, über dem eine Hängelampe
+brannte. Auf dem Tisch herrschte ein wüstes
Durcheinander und eine Manschette rollte darauf herum.
</p>
<p>
&bdquo;&mdash; Herr Redakteur Heinrich, die Herren kennen
sich, Pardon &mdash; auch Herr Eisenhut wird Ihnen schon
-persönlich bekannt sein &mdash;&ldquo;
+persönlich bekannt sein &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
Eisenhut beachtete Grau nicht; er rief: &bdquo;Spielen,
weiter spielen, ich habe zwei Mark von der Bank gut!
-Keine unnötigen Pausen, meine Herren!&ldquo; Er trommelte
+Keine unnötigen Pausen, meine Herren!&ldquo; Er trommelte
auf den Tisch und lachte.
</p>
<p>
<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-&bdquo;Er ist in etwas ungenießbarer Stimmung heute,
+&bdquo;Er ist in etwas ungenießbarer Stimmung heute,
unser Herr Eisenhut,&ldquo; entschuldigte ihn der Arzt. &bdquo;Herr
von Hennenbach!&ldquo;
</p>
<p>
Die Blicke der beiden tauchten ineinander. Grau
-lächelte nicht. Er verbeugte sich zurückhaltend, ja kühl,
-und Herr von Hennenbach blickte ihn verblüfft mit seinen
+lächelte nicht. Er verbeugte sich zurückhaltend, ja kühl,
+und Herr von Hennenbach blickte ihn verblüfft mit seinen
grauen Augen an und zuckte mit den Mundwinkeln.
-Die schöne Wirtin raffte eilig einige Gläser auf und
+Die schöne Wirtin raffte eilig einige Gläser auf und
machte sich aus dem Zimmer.
</p>
<p>
-&bdquo;Spielen, weiter spielen! Keine unnötigen Pausen!&ldquo;
-wiederholte Eisenhut und goß Punsch in sein Glas.
-Seine Hand zitterte und er verschüttete das halbe Glas,
-als er es an den Mund führte. &bdquo;Tante! Du besorgst
+&bdquo;Spielen, weiter spielen! Keine unnötigen Pausen!&ldquo;
+wiederholte Eisenhut und goß Punsch in sein Glas.
+Seine Hand zitterte und er verschüttete das halbe Glas,
+als er es an den Mund führte. &bdquo;Tante! Du besorgst
jetzt die Sektbowle, auf meine Rechnung! Alles auf
meine Rechnung!&ldquo;
</p>
@@ -11078,62 +11044,62 @@ meine Rechnung!&ldquo;
<p>
&bdquo;Ruhe!&ldquo; rief ihm der dicke Chinese zu. &bdquo;Einen Augenblick
noch, ich nehme das Spiel sofort wieder auf &mdash;
-unser verehrter Gast &mdash; geben Sie ein Glas herüber,
+unser verehrter Gast &mdash; geben Sie ein Glas herüber,
Doktor! &mdash; ich darf doch einschenken? &mdash; oder sollten
Sie etwa Abstinenzler sein?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Nein.&ldquo; Er nahm Eisenhut gegenüber
+Grau lächelte. &bdquo;Nein.&ldquo; Er nahm Eisenhut gegenüber
Platz.
</p>
<p>
-Der dicke Chinese ließ sich an seiner Seite schwer
+Der dicke Chinese ließ sich an seiner Seite schwer
in den Sessel fallen und mischte die Karten; er hielt
-den Schirm mit dem runden Schädel, rauchte eine Zigarre
+den Schirm mit dem runden Schädel, rauchte eine Zigarre
in einer langen Spitze, die er beim Sprechen von einem
-Mundwinkel in den andern schob. Sein Gesicht glänzte
-vor Vergnügen und Behagen. Er hatte kurzgeschorenes
+Mundwinkel in den andern schob. Sein Gesicht glänzte
+vor Vergnügen und Behagen. Er hatte kurzgeschorenes
rotes Haar und seine feisten Backen waren mit goldenschimmernden
Bartstoppeln bedeckt. &bdquo;Fertig!&ldquo; rief er,
<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-und die Karten schlüpften blitzschnell aus seiner Hand.
+und die Karten schlüpften blitzschnell aus seiner Hand.
&bdquo;Die Bank ist bereit. Herr Adjunkt Kaiser! Was setzen
Sie? Bei allen Teufeln, mehr Aufmerksamkeit, meine
-Herren! Einsatz auf den Tisch! Endlich! Herr Großkapitalist
-Eisenhut? Sie spielen hoch, das läßt sich
+Herren! Einsatz auf den Tisch! Endlich! Herr Großkapitalist
+Eisenhut? Sie spielen hoch, das läßt sich
sehen, nur keine Knickerei, nur das nicht. Herr von
-Hennenbach &mdash; Herr &mdash; von &mdash; Sie wünschen noch eine
+Hennenbach &mdash; Herr &mdash; von &mdash; Sie wünschen noch eine
Karte? Gut. Die Bank hat acht, acht! Hurra! Alle
Gewehre aufs Rathaus &mdash; hahaha!&ldquo;
</p>
<p>
-Der feiste Chinese stieß ein rasselndes fettes Lachen
-aus und strich den Gewinst ein. Alle, außer dem Arzte,
+Der feiste Chinese stieß ein rasselndes fettes Lachen
+aus und strich den Gewinst ein. Alle, außer dem Arzte,
hatten verloren und schrien und fluchten.
</p>
<p>
-Eisenhut lachte und warf dem Chinesen ein Zehnmarkstück
+Eisenhut lachte und warf dem Chinesen ein Zehnmarkstück
zu. &bdquo;Es ist alles einerlei!&ldquo; rief er und trommelte
-mit den Knöcheln auf den Tisch und blinzelte.
+mit den Knöcheln auf den Tisch und blinzelte.
</p>
<p>
-Der Chinese mischte, während das fette Lachen noch
-leise in seinem Halse rasselte und seinen ganzen Körper
-erschütterte, so daß der Schirm auf seinem Kopfe tanzte.
-&bdquo;Sehen Sie, welch ein Geschäft, verehrter Herr!&ldquo; wandte
+Der Chinese mischte, während das fette Lachen noch
+leise in seinem Halse rasselte und seinen ganzen Körper
+erschütterte, so daß der Schirm auf seinem Kopfe tanzte.
+&bdquo;Sehen Sie, welch ein Geschäft, verehrter Herr!&ldquo; wandte
er sich an Grau. &bdquo;Dreiundzwanzig Mark bei einem
einzigen Gang. Hurra! Darf ich Ihnen vielleicht eine
-Karte geben? Es ist ein sehr einfaches und höchst anregendes
+Karte geben? Es ist ein sehr einfaches und höchst anregendes
Spiel, absolut, ich betone, absolut unschuldig.
-Bakkarat, ist es Ihnen nicht bekannt? Könige und Damen
-gleich Null &mdash; übrigens durch die Praxis lernen Sie am
-schnellsten. Wollen Sie ein Spielchen wagen? Höchster
-Einsatz zwanzig Mark, niederster fünfzig Pfennig &mdash;
+Bakkarat, ist es Ihnen nicht bekannt? Könige und Damen
+gleich Null &mdash; übrigens durch die Praxis lernen Sie am
+schnellsten. Wollen Sie ein Spielchen wagen? Höchster
+Einsatz zwanzig Mark, niederster fünfzig Pfennig &mdash;
staatlich konzessioniertes Spiel &mdash; Gewinn und Verlust
gleichen sich stets aus. Nun?&ldquo;
</p>
@@ -11141,41 +11107,41 @@ gleichen sich stets aus. Nun?&ldquo;
<p>
Grau lehnte ab. &bdquo;Ich danke, ich habe kein Geld!&ldquo;
<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-sagte er. &bdquo;Übrigens macht es mir großes Vergnügen,
-zuzusehen, lassen sich die Herren, bitte, gar nicht stören.&ldquo;
+sagte er. &bdquo;Übrigens macht es mir großes Vergnügen,
+zuzusehen, lassen sich die Herren, bitte, gar nicht stören.&ldquo;
</p>
<p>
-Er könne auch auf Borg spielen. Nicht?
+Er könne auch auf Borg spielen. Nicht?
</p>
<p>
-&bdquo;Spione vor die Tür!&ldquo; sagte Eisenhut leise und räusperte
-sich! &bdquo;Nicht wahr? Spione vor die Tür!&ldquo; wiederholte
+&bdquo;Spione vor die Tür!&ldquo; sagte Eisenhut leise und räusperte
+sich! &bdquo;Nicht wahr? Spione vor die Tür!&ldquo; wiederholte
er und klopfte dem leichenblassen Lehrer auf den Arm.
-Der riß die Augen auf und sah ihn verständnislos an.
+Der riß die Augen auf und sah ihn verständnislos an.
</p>
<p>
Das Spiel machte einige Runden. Der Chinese
-schrie und brüllte und trieb zur Eile. Am eifrigsten spielte
-Eisenhut. Er saß da, lächelnd, blinzelnd, er schrie, fluchte
+schrie und brüllte und trieb zur Eile. Am eifrigsten spielte
+Eisenhut. Er saß da, lächelnd, blinzelnd, er schrie, fluchte
und trank mehr als alle andern. Er war erstaunt, das
-Glas immer leer zu finden, goß immerzu ein, schrie
-nach der Sektbowle! Ja, Himmel und Hölle: Die Sektbowle!
-Lustig sein, fröhlich sein! Hier und da wandte
-er den Blick auf Grau, der ruhig und heiter dasaß und
+Glas immer leer zu finden, goß immerzu ein, schrie
+nach der Sektbowle! Ja, Himmel und Hölle: Die Sektbowle!
+Lustig sein, fröhlich sein! Hier und da wandte
+er den Blick auf Grau, der ruhig und heiter dasaß und
mit seinen hellen Augen das Spiel verfolgte. Ihre Blicke
begegneten sich dann und wann, und Eisenhut grub
seinen Blick stets messerscharf in Graus Augen, verzog
das Gesicht und wandte sich mit einem leisen inneren
-Lachen ab. Es schien, als ob ihn zuweilen ein Schwindelgefühl
-zu übermannen drohe, er heftete die Augen auf
-die Karten und zählte die Points unsicher und falsch.
+Lachen ab. Es schien, als ob ihn zuweilen ein Schwindelgefühl
+zu übermannen drohe, er heftete die Augen auf
+die Karten und zählte die Points unsicher und falsch.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie werden doch wohl nicht betrügen, Eisenhut!&ldquo;
+&bdquo;Sie werden doch wohl nicht betrügen, Eisenhut!&ldquo;
schrie der Chinese. &bdquo;Das ist ja eine Sieben! Oder
sind Sie betrunken?&ldquo;
</p>
@@ -11183,37 +11149,37 @@ sind Sie betrunken?&ldquo;
<p>
&bdquo;Noch nicht, noch nicht!&ldquo; kicherte Eisenhut. Da fiel
ihm die Bank zu und er begann fieberhaft zu spielen.
-Nun schien nichts mehr für ihn vorhanden zu sein als
-dieser Tisch, der von verschüttetem Punsche tropfte und
+Nun schien nichts mehr für ihn vorhanden zu sein als
+dieser Tisch, der von verschüttetem Punsche tropfte und
mit Asche und Zigarrenresten bedeckt war. Er beugte
<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
das Gesicht bis auf die Tischdecke herab, gab die Karten,
-mischte und ließ seine kleinen glitzernden Augen im Kreise
+mischte und ließ seine kleinen glitzernden Augen im Kreise
wandern. Er lachte, wenn er gewann, und er lachte,
wenn er verlor. Ja, er schien es darauf anzulegen zu
-verlieren. Er sah nichts mehr als die Hände, die nach
+verlieren. Er sah nichts mehr als die Hände, die nach
den Karten griffen, Geld hin und her schoben, alle diese
verknitterten, beschmutzten Manschetten, die Haare auf
-den Händen des Amtsrichters und den silbernen Armreif,
+den Händen des Amtsrichters und den silbernen Armreif,
den Herr von Hennenbach trug.
</p>
<p>
-Nur zuweilen atmete er tief auf, schüttelte den Kopf,
+Nur zuweilen atmete er tief auf, schüttelte den Kopf,
starrte vor sich hin, um sofort wieder das fieberhafte
Wesen anzunehmen.
</p>
<p>
Herr von Hennenbach verlor. Grau sah, wie die
-Röte aus seinen Wangen wich und verstärkt wiederkehrte,
-als ihm plötzlich ein hoher Gewinn zufiel, um
+Röte aus seinen Wangen wich und verstärkt wiederkehrte,
+als ihm plötzlich ein hoher Gewinn zufiel, um
wieder langsam zu verschwinden, da zwei, drei erfolglose
-Einsätze den Gewinn zerstreuten. Er legte sich in den
-Stuhl zurück und suchte hastig in allen Westentaschen. Dann
-beugte er sich zu Eisenhut und flüsterte ihm ins Ohr.
+Einsätze den Gewinn zerstreuten. Er legte sich in den
+Stuhl zurück und suchte hastig in allen Westentaschen. Dann
+beugte er sich zu Eisenhut und flüsterte ihm ins Ohr.
Aber Eisenhut meckerte, sah ihn mit einem schnellen
-haßerfüllten Blicke an und schrie: &bdquo;Ich gebe nichts
+haßerfüllten Blicke an und schrie: &bdquo;Ich gebe nichts
mehr!&ldquo; Darauf erhob sich Herr von Hennenbach und
sagte: &bdquo;Ich habe dich leise gefragt, du hast mir leise
zu antworten!&ldquo;
@@ -11226,12 +11192,12 @@ und mischte rasend die Karten.
<p>
Herr von Hennenbach schnalzte mit der Zunge. &bdquo;Ich
-bin bankerott!&ldquo; sagte er und verließ das Zimmer.
+bin bankerott!&ldquo; sagte er und verließ das Zimmer.
</p>
<p>
&bdquo;Auf das Wohl Bismarcks, des Deutschen Reiches
-großen Baumeister!&ldquo; lallte Redakteur Heinrich und lud
+großen Baumeister!&ldquo; lallte Redakteur Heinrich und lud
<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
mit einem Schmunzeln das Glas auf dem Tische ein,
ihm in die Hand zu laufen. Er gab sich einen Ruck
@@ -11242,8 +11208,8 @@ des Deutschen Reiches eiserner Kanzler, Barbarossas Erwecker
</p>
<p>
-Der Adjunkt in Hemdärmeln lachte. &bdquo;Schreibe den
-Festbericht für dein Käsblatt und halte das Maul!&ldquo;
+Der Adjunkt in Hemdärmeln lachte. &bdquo;Schreibe den
+Festbericht für dein Käsblatt und halte das Maul!&ldquo;
sagte er.
</p>
@@ -11251,10 +11217,10 @@ sagte er.
&bdquo;Hoch das Deutsche Reich, das Vaterland, hoch der
deutsche Dichterwald und die Armee, die den Franzmann
schlug! Alles hoch!&ldquo; fuhr der Redakteur schmunzelnd fort
-und plötzlich stand er auf und stand mit der Zungenspitze
-zwischen den Zähnen, das Glas in der Hand, da. &bdquo;Hochverehrte
+und plötzlich stand er auf und stand mit der Zungenspitze
+zwischen den Zähnen, das Glas in der Hand, da. &bdquo;Hochverehrte
Festversammlung, meine Herren und Damen,
-Festgäste &mdash;&ldquo;
+Festgäste &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
@@ -11262,39 +11228,39 @@ Festgäste &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;&mdash; der einzige Mann, sage ich, der die Lage überblickt
+&bdquo;&mdash; der einzige Mann, sage ich, der die Lage überblickt
hat, fahre ich fort, der uns zu dem gemacht hat,
was wir sind, ein einig Volk, die erste Nation der Erde,
bei deren Namen Klange die Erde erzittert &mdash; meine
-Herren! &mdash; Wir Deutschen fürchten Gott und sonst niemand
-in der Welt &mdash;&ldquo; er sank auf den Stuhl zurück.
+Herren! &mdash; Wir Deutschen fürchten Gott und sonst niemand
+in der Welt &mdash;&ldquo; er sank auf den Stuhl zurück.
</p>
<p>
&bdquo;Was setzen Sie?&ldquo; schrie Eisenhut und schlug auf
-den Tisch, daß das Geld in die Höhe sprang.
+den Tisch, daß das Geld in die Höhe sprang.
</p>
<p>
-&bdquo;Meine Damen und Herren &mdash; fünfzig Pfennig &mdash;
+&bdquo;Meine Damen und Herren &mdash; fünfzig Pfennig &mdash;
hoch die Fahne, sage ich, hoch! zum Kampfe gegen die
rote und schwarze Gefahr, die des Reiches Wappenschild
&mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Schließen Sie endlich gefälligst die Klappe!&ldquo; sagte
+&bdquo;Schließen Sie endlich gefälligst die Klappe!&ldquo; sagte
<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-der dicke Chinese und lachte rasselnd. &bdquo;Ihr Geschwätz
-versteht ja kein Teufel und gehen Sie in die Hölle mit
+der dicke Chinese und lachte rasselnd. &bdquo;Ihr Geschwätz
+versteht ja kein Teufel und gehen Sie in die Hölle mit
Ihrer Politik, Verehrter &mdash; noch eine Karte Eisenhut,
neun! &mdash; Doktor, vergessen Sie nicht unserm Gast einzuschenken
&mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Der Redakteur fuhr flüsternd fort: &bdquo;Laut statistischer
-Ziffern sind wir die stärkste Heeresmacht in Europa &mdash;
+Der Redakteur fuhr flüsternd fort: &bdquo;Laut statistischer
+Ziffern sind wir die stärkste Heeresmacht in Europa &mdash;
ich fordere die Herren auf &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -11304,18 +11270,18 @@ ich fordere die Herren auf &mdash;&ldquo;
<p>
&bdquo;Er ist unser!&ldquo; schrie der Redakteur und erhob das
-Glas gegen Grau. &bdquo;Er ist unser, eine Stütze, ein Kämpe!
-Ja, wir müssen Brüderschaft trinken, unbedingt, eine
+Glas gegen Grau. &bdquo;Er ist unser, eine Stütze, ein Kämpe!
+Ja, wir müssen Brüderschaft trinken, unbedingt, eine
Seele und ein Geist, der in uns lodert &mdash; wir sind im
herrlichsten Fahrwasser mit unserer Politik. Die letzten
-Ergebnisse &mdash; was meinen Sie? Nicht, daß schon alles
-getan wäre &mdash; aber das Fahrwasser, das Fahrwasser,
+Ergebnisse &mdash; was meinen Sie? Nicht, daß schon alles
+getan wäre &mdash; aber das Fahrwasser, das Fahrwasser,
wie?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich bin leider nicht imstande, die gegenwärtige Lage
-zu überblicken,&ldquo; sagte Grau.
+&bdquo;Ich bin leider nicht imstande, die gegenwärtige Lage
+zu überblicken,&ldquo; sagte Grau.
</p>
<p>
@@ -11323,12 +11289,12 @@ zu überblicken,&ldquo; sagte Grau.
</p>
<p>
-&bdquo;Gehen Sie in die Hölle! sage ich, mit Ihrer Politik!&ldquo;
+&bdquo;Gehen Sie in die Hölle! sage ich, mit Ihrer Politik!&ldquo;
schrie Professor Richter und schlug auf den Tisch. &bdquo;Politisch
Lied, ein garstig Lied! Es ist uns ja alles einerlei, der
-ganze Mumpitz ist uns schnuppe &mdash; schließen Sie ab!
+ganze Mumpitz ist uns schnuppe &mdash; schließen Sie ab!
Lassen Sie sich, Herr Grau, um Gottes willen in kein
-Gespräch mit ihm ein, er tötet Sie, er tötet Sie buchstäblich.&ldquo;
+Gespräch mit ihm ein, er tötet Sie, er tötet Sie buchstäblich.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -11336,29 +11302,29 @@ Aber der Redakteur mit den wilden Dichterhaaren
gab sich nicht zufrieden. &bdquo;Es ist die Begeisterung, die
aus mir spricht!&ldquo; rief er aus. &bdquo;Echte deutsche Mannesbegeisterung.
<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-Man muß die Turn- und Kriegervereine
-unterstützen. Ein starkes Volk, ein Volk von Helden &mdash;
+Man muß die Turn- und Kriegervereine
+unterstützen. Ein starkes Volk, ein Volk von Helden &mdash;
nieder mit den Sozialdemokraten, mit diesen schmutzigen
Kerlen!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Warum nennen Sie sie schmutzig?&ldquo; fragte Grau
-leise lächelnd.
+leise lächelnd.
</p>
<p>
&bdquo;Warum?&ldquo; Ob er schon einen von diesen Dreckhammeln
-mit sauberen Händen und einem reinen Kragen
+mit sauberen Händen und einem reinen Kragen
gesehen habe? &bdquo;Sie sind dreckig und unzufrieden und
-faul und trinken Schnaps und sie wollen, daß wir Jauche
-pumpen und die Straßen kehren! Ja, warum lachen
-Sie da, Sie lachen doch, Herr Grau, oder täusche ich
+faul und trinken Schnaps und sie wollen, daß wir Jauche
+pumpen und die Straßen kehren! Ja, warum lachen
+Sie da, Sie lachen doch, Herr Grau, oder täusche ich
mich?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, ich mußte lachen, entschuldigen Sie,&ldquo; sagte Grau.
+&bdquo;Ja, ich mußte lachen, entschuldigen Sie,&ldquo; sagte Grau.
</p>
<p>
@@ -11366,7 +11332,7 @@ mich?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Sie sprechen ja nicht im Ernste.&ldquo;
+Grau lächelte. &bdquo;Sie sprechen ja nicht im Ernste.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -11384,13 +11350,13 @@ Redakteur lachte belustigt.
<p>
&bdquo;Nun ja,&ldquo; begann Grau, &bdquo;diese Sozialdemokraten
-sind doch zumeist Arbeiter. Sie arbeiten für uns, sie
+sind doch zumeist Arbeiter. Sie arbeiten für uns, sie
bringen Geld ins Land &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
Der Redakteur steckte die Zungenspitze heraus. &bdquo;Aber
-dafür bezahlt man ja diese Kerle!&ldquo; schrie er, Grau ins
+dafür bezahlt man ja diese Kerle!&ldquo; schrie er, Grau ins
Wort fallend.
</p>
@@ -11401,27 +11367,27 @@ man sie nur bezahlt und auch sonst menschlich behandelt
</p>
<p>
-Redakteur Heinrich rückte näher. &bdquo;Also sind wir
+Redakteur Heinrich rückte näher. &bdquo;Also sind wir
<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
einig, nicht wahr, wir sind einig, haben uns wiederum
gefunden! Hoch! Prosit! Sie sagen, Sie sind nicht imstande
-die Situation zu überblicken? Ich werde mir erlauben
+die Situation zu überblicken? Ich werde mir erlauben
&mdash; Nummer eins, Nummer zwei und drei &mdash;
nieder mit der Sozialdemokratie, die mit schmutzigen
-Händen die heiligsten Güter der Nation betastet &mdash;
+Händen die heiligsten Güter der Nation betastet &mdash;
Nummer eins &mdash; man bezahlt sie und fertig damit,
fort mit dem Gesindel &mdash; Nummer eins, sage ich,
Nummer zwei &mdash; nieder mit den Juden, die das germanische
-Blut saugen &mdash; Sie lächeln, ja bitte, darf ich
-bitten &mdash; Sie lächeln &mdash; nun, ich denke Sie sind ja
+Blut saugen &mdash; Sie lächeln, ja bitte, darf ich
+bitten &mdash; Sie lächeln &mdash; nun, ich denke Sie sind ja
doch kein Jude, nicht wahr &mdash; oder? &mdash; hier, Herr
-Doktor Nürnberger, er ist Jude &mdash; aber er ist Antisemit &mdash;
-wie jeder gebildete anständige Jude, den der deutsche
+Doktor Nürnberger, er ist Jude &mdash; aber er ist Antisemit &mdash;
+wie jeder gebildete anständige Jude, den der deutsche
Geist bestrahlt hat &mdash; kurz und gut &mdash; ich spreche wie
ein echter deutscher Mann spricht &mdash; Nummer drei,
-vier und fünf &mdash; nieder mit den Ultramontanen, die
+vier und fünf &mdash; nieder mit den Ultramontanen, die
deutsches Geld nach Rom schleppen und die Tugend
-unserer Frauen und Töchter gefährden &mdash; Sie lächeln?
+unserer Frauen und Töchter gefährden &mdash; Sie lächeln?
Ist es etwa nicht wahr? Ja, mein Gott, ich wage es
ja nicht, die Kirche, welche es auch sei &mdash; denn ich bin
ja tolerant &mdash; mit meinem kleinen Finger anzutasten &mdash;
@@ -11430,8 +11396,8 @@ Kirche und Thron &mdash; prosit! &mdash; hoch! &mdash; aber der Ultramon
</p>
<p>
-Er quälte sich ab, das Wort auszusprechen, aber zur
-großen Heiterkeit aller brachte er es nicht fertig.
+Er quälte sich ab, das Wort auszusprechen, aber zur
+großen Heiterkeit aller brachte er es nicht fertig.
</p>
<p>
@@ -11440,32 +11406,32 @@ großen Heiterkeit aller brachte er es nicht fertig.
<p>
Der Chinese lachte laut heraus. &bdquo;Habe ich es Ihnen
-nicht gesagt, lassen Sie sich in kein Gespräch mit ihm
-ein. Er ist ein prächtiger Mensch, unser Redakteur Heinrich,
+nicht gesagt, lassen Sie sich in kein Gespräch mit ihm
+ein. Er ist ein prächtiger Mensch, unser Redakteur Heinrich,
<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-aber sobald er ins Reden kommt wird er ungenießbar.
+aber sobald er ins Reden kommt wird er ungenießbar.
Nun ist ihm Gott sei Dank ein Wort im Halse stecken
geblieben. Er hat sich auf Sie geworfen, weil er mit
-uns kein Geschäft mit seinen Phrasen machen kann.
-Wir sind gar nicht für Politik, wir kümmern uns um
+uns kein Geschäft mit seinen Phrasen machen kann.
+Wir sind gar nicht für Politik, wir kümmern uns um
nichts. Was liegt uns daran, was sie mit dem ganzen
heiligen Bierstaat machen? Frage ich Sie? Hol mich
der Teufel, nichts! Wir bezahlen unsere Steuern, weil
-wir müssen, fertig damit. Mögen sie da droben wirtschaften,
+wir müssen, fertig damit. Mögen sie da droben wirtschaften,
wie sie wollen, das geht uns ja nichts an. Wie
beliebt? Sagten Sie etwas? Nun, haben Sie keine Angst,
-welcher Partei Sie angehören, das weiß ich nicht, ich
-bekümmere mich auch nicht darum. Frei sind wir, frei,
+welcher Partei Sie angehören, das weiß ich nicht, ich
+bekümmere mich auch nicht darum. Frei sind wir, frei,
keine Parteifanatiker, wir tun unsere Arbeit, man bezahlt
uns, fertig. Wir leben, wir sind Menschen. Partei
-ist Unsinn &mdash; wir alle hier sind Individualitäten &mdash;
+ist Unsinn &mdash; wir alle hier sind Individualitäten &mdash;
Aristokraten, basta! Ich setzte drei Mark, Eisenhut. Habe
-fünf!&ldquo;
+fünf!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wie sagten Sie?&ldquo; fragte Grau, als ob er nicht gehört
-hätte.<a id="corr-14"></a>
+&bdquo;Wie sagten Sie?&ldquo; fragte Grau, als ob er nicht gehört
+hätte.<a id="corr-14"></a>
</p>
<p>
@@ -11475,23 +11441,23 @@ sich auf den Tisch geschrieben.
</p>
<p>
-Der Chinese beugte sich zu Grau. &bdquo;Individualitäten,
-Aristokraten, sagte ich, sind wir. Gehören zu keiner
+Der Chinese beugte sich zu Grau. &bdquo;Individualitäten,
+Aristokraten, sagte ich, sind wir. Gehören zu keiner
Partei. Wir alle, wie Sie uns hier sehen, und auch
Sie, Herr Grau &mdash; wenn ich Sie recht kenne, nach all
-dem, was ich von Ihnen gehört habe &mdash; auch Sie sind
-Aristokrat und Individualität! Auf Ihre Gesundheit!&ldquo;
+dem, was ich von Ihnen gehört habe &mdash; auch Sie sind
+Aristokrat und Individualität! Auf Ihre Gesundheit!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte und schüttelte den Kopf. &bdquo;Auf Ihr
+Grau lächelte und schüttelte den Kopf. &bdquo;Auf Ihr
<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-Wohlsein!&ldquo; sagte er. &bdquo;Ich danke Ihnen für Ihre gute
-Meinung, aber Sie überschätzen mich ganz ungeheuer.
+Wohlsein!&ldquo; sagte er. &bdquo;Ich danke Ihnen für Ihre gute
+Meinung, aber Sie überschätzen mich ganz ungeheuer.
Ich bin kein Aristokrat, bei Gott, nein, noch lange nicht!
-Ich würde es auch nicht wagen, mich eine Individualität
+Ich würde es auch nicht wagen, mich eine Individualität
zu nennen. Ich bin noch weit entfernt davon, zu jung,
-zu wenig reif; ich danke Ihnen vielmals, aber eine Individualität
+zu wenig reif; ich danke Ihnen vielmals, aber eine Individualität
&mdash; sehr schmeichelhaft, allein &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -11501,43 +11467,43 @@ Ultramontanismus, Ultramontanismus, Prosit!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Aber?&ldquo; sagte der fette glänzende Chinese gedehnt
+&bdquo;Aber?&ldquo; sagte der fette glänzende Chinese gedehnt
und sah Grau mit den kleinen Augen an, die schimmernd
in den fetten Backen schwammen. &bdquo;Ich dachte &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Keine Gespräche, Professor,&ldquo; unterbrach ihn Dr. Nürnberger.
-&bdquo;Keine Gespräche. Es nimmt kein Ende und
+&bdquo;Keine Gespräche, Professor,&ldquo; unterbrach ihn Dr. Nürnberger.
+&bdquo;Keine Gespräche. Es nimmt kein Ende und
kommt nichts dabei heraus zum Schlusse. Spielen
Sie!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich spiele ja! Sehen Sie denn nicht, daß ich
+&bdquo;Ich spiele ja! Sehen Sie denn nicht, daß ich
ganz verzweifelt spiele. Ah! wo bleibt denn deine Bowle,
-Eisenhut, machst immer ein großes Geschrei! &mdash; Sie
+Eisenhut, machst immer ein großes Geschrei! &mdash; Sie
sind ja zu bescheiden, verehrtester Herr,&ldquo; wandte er sich
-an Grau. &bdquo;Nun, Sie können sich nennen wie Sie wollen,
-aber wir hier sind alle Individualitäten und Aristokraten.&ldquo;
+an Grau. &bdquo;Nun, Sie können sich nennen wie Sie wollen,
+aber wir hier sind alle Individualitäten und Aristokraten.&ldquo;
</p>
<p>
Er beschrieb mit der Hand einen Bogen, der die
-ganze Gesellschaft einschloß. Dann erhob er das Glas
-und fügte hinzu: &bdquo;Und nun lassen Sie uns ein Glas
-auf unsere Zeit leeren, die Zeit der Aufklärung!&ldquo;
+ganze Gesellschaft einschloß. Dann erhob er das Glas
+und fügte hinzu: &bdquo;Und nun lassen Sie uns ein Glas
+auf unsere Zeit leeren, die Zeit der Aufklärung!&ldquo;
</p>
<p>
Redakteur Heinrich schrieb eifrig an seinem Festbericht
-für den &bdquo;Gauboten&ldquo;, er kritzelte mit dem Bleistift einige
+für den &bdquo;Gauboten&ldquo;, er kritzelte mit dem Bleistift einige
Briefbogen voll, spielte dabei und horchte noch dazu
<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
-immer mit einem Ohre auf das Gespräch an seiner
+immer mit einem Ohre auf das Gespräch an seiner
Seite. Sobald jemand prosit sagte, schrie er ebenfalls
-prosit, und als er etwas von Aufklärung hörte, sprang
-er auf und schwenkte das Glas. &bdquo;Aufklärung in Stadt
+prosit, und als er etwas von Aufklärung hörte, sprang
+er auf und schwenkte das Glas. &bdquo;Aufklärung in Stadt
und Land, prosit!&ldquo; schrie er.
</p>
@@ -11548,33 +11514,33 @@ mit mir?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß, ich trinke,&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Mein Glas ist
+&bdquo;Gewiß, ich trinke,&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Mein Glas ist
leer &mdash; danke, Herr Doktor!&ldquo;
</p>
<p>
-Ob er nicht selbst sagen müsse, daß es eine Freude
+Ob er nicht selbst sagen müsse, daß es eine Freude
sei, in dieser, gerade in dieser Zeit zu leben: Eine Zeit
der Entdeckungen, der horrendesten Entdeckungen, Erfindungen,
eine Zeit der Ideen, ja zum Teufel, &mdash;
-einer gesegneten Zeit der Aufklärung, Abklärung und
-Erklärung, einer Zeit der Befreiung des Menschengeistes,
+einer gesegneten Zeit der Aufklärung, Abklärung und
+Erklärung, einer Zeit der Befreiung des Menschengeistes,
einer neuen Zeit.
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß eine hochinteressante Epoche!&ldquo; warf Dr. Nürnberger
+&bdquo;Gewiß eine hochinteressante Epoche!&ldquo; warf Dr. Nürnberger
ein. &bdquo;Das Mittelalter liegt weit hinter uns!&ldquo;
</p>
<p>
Eine Zeit der Wissenschaft, der Sieg der Naturwissenschaften
-über den Aberglauben, Chemie, Physik
+über den Aberglauben, Chemie, Physik
hoch! Wie beliebt?
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Gewiß, eine hochinteressante Epoche!&ldquo;
+Grau lächelte. &bdquo;Gewiß, eine hochinteressante Epoche!&ldquo;
sagte er.
</p>
@@ -11588,35 +11554,35 @@ Der Chinese sah ihn an. &bdquo;Aber?&ldquo;
<p>
&bdquo;Sie akzeptieren also unsere Zeit ohne jeglichen Widerspruch,
-Herr Grau?&ldquo; sagte Dr. Nürnberger mit feinem
-ironischem Lächeln.
+Herr Grau?&ldquo; sagte Dr. Nürnberger mit feinem
+ironischem Lächeln.
</p>
<p>
-Die Herren verbargen ihm nicht, daß er sich in
+Die Herren verbargen ihm nicht, daß er sich in
<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-grellem Kontrast zu seinen öffentlichen Äußerungen befände.
+grellem Kontrast zu seinen öffentlichen Äußerungen befände.
</p>
<p>
-Grau lächelte fein. &bdquo;Ich akzeptiere unsere Zeit als
+Grau lächelte fein. &bdquo;Ich akzeptiere unsere Zeit als
eine hochinteressante Epoche, meine Herren,&ldquo; erwiderte
er, &bdquo;ohne ihr jedoch in allem zuzustimmen &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ah &mdash; haha! Nun lassen Sie, bitte, hören!&ldquo; fiel
+&bdquo;Ah &mdash; haha! Nun lassen Sie, bitte, hören!&ldquo; fiel
ihm der Chinese ins Wort.
</p>
<p>
Grau sah ihn an, dann fuhr er fort: &bdquo;Auf jeden
-Fall ist es mir unmöglich, Ihre kritiklose Begeisterung
+Fall ist es mir unmöglich, Ihre kritiklose Begeisterung
zu teilen, meine Herren. Ich wiederhole nochmals, die
Epoche ist hochinteressant, trotzdem kann ich nicht in
-Entzücken geraten über unsere Zeit. Vielleicht verstehe
+Entzücken geraten über unsere Zeit. Vielleicht verstehe
ich die Zeit nicht recht, aber ich darf wohl meine Meinung
-sagen, nicht wahr? Sie sagen, wir hätten das Mittelalter
+sagen, nicht wahr? Sie sagen, wir hätten das Mittelalter
hinter uns, ich glaube das nicht, ich glaube es
nicht ganz.&ldquo;
</p>
@@ -11631,38 +11597,38 @@ nicht ganz.&ldquo;
<p>
&bdquo;Nein, ich glaube es nicht ganz. Sondern ich glaube,
-daß wir in vieler Beziehung tief im Mittelalter stecken.
+daß wir in vieler Beziehung tief im Mittelalter stecken.
Die Welt ist etwas reinlicher geworden, ja, das ist gut,
wir haben Bahnen und Schnelldampfer, auch das ist
-ganz hübsch, wir haben eine Menge neuer Dinge, aber
+ganz hübsch, wir haben eine Menge neuer Dinge, aber
sind es wesentliche, wertvolle Dinge? Ich sage nein.
Entschuldigen Sie, es ist meine bescheidene Ansicht. Sie
erlauben doch, nicht wahr? Es kommt mir so vor,
wenn ich es sagen darf, ich blicke auf unsere Justiz,
-auf unsere sozialen Verhältnisse, die Stellung der Frau,
-auf eine Menge Dinge. Das Beil hängt noch über
+auf unsere sozialen Verhältnisse, die Stellung der Frau,
+auf eine Menge Dinge. Das Beil hängt noch über
ganz Europa, ach, ich brauche mich ja nicht auf Einzelheiten
<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
einzulassen, es gibt keine Leibeigenen mehr, nein,
auf dem Papier existieren sie nicht mehr, aber es gibt
Millionen Sklaven des Kapitalismus, wir haben das
-alte Kastenwesen, privilegierte Stände &mdash; und selbst die
-aufgeklärten und vornehmen Menschen, die meisten
+alte Kastenwesen, privilegierte Stände &mdash; und selbst die
+aufgeklärten und vornehmen Menschen, die meisten
wenigstens, die ich kenne &mdash; treten die Privilegien des
-Standes an, in dem sie geboren sind, ohne weiter darüber
+Standes an, in dem sie geboren sind, ohne weiter darüber
nachzudenken. Die gleichen, nahezu die gleichen Ideen
-regieren &mdash; mit dem einen Unterschied, daß sie jetzt
-hohle Formen geworden sind, während sie früher wirkliche
-Kräfte waren. Kurz und gut, ich könnte Ihnen hunderte
-von Dingen aufzählen, die um kein Haar anders sind
+regieren &mdash; mit dem einen Unterschied, daß sie jetzt
+hohle Formen geworden sind, während sie früher wirkliche
+Kräfte waren. Kurz und gut, ich könnte Ihnen hunderte
+von Dingen aufzählen, die um kein Haar anders sind
als sie im Mittelalter waren &mdash; vielleicht sehen sie etwas
anders aus und vielleicht sehen wir sie anders, weil wir
-dicht vor ihnen stehen. Aber &mdash; und nun hören Sie &mdash;
+dicht vor ihnen stehen. Aber &mdash; und nun hören Sie &mdash;
ich glaube, es ist ja nur meine Ansicht &mdash; eines haben
-wir verloren: Die Überzeugung, die das Mittelalter besaß,
-die Tiefe, den ganzen Mystizismus, die wilde und schöne
-Atmosphäre. Ja, Sie lachen, Gott, wie gesund und gut
-Sie lachen können, das freut mich, Sie sind ein guter
+wir verloren: Die Überzeugung, die das Mittelalter besaß,
+die Tiefe, den ganzen Mystizismus, die wilde und schöne
+Atmosphäre. Ja, Sie lachen, Gott, wie gesund und gut
+Sie lachen können, das freut mich, Sie sind ein guter
Mensch, lachen Sie ruhig, es ist ja nur meine Ansicht.
Sie sprechen von unserer Zeit, nicht wahr, vor hundert
oder achtzig Jahren sah es viel besser in der Welt aus
@@ -11671,66 +11637,66 @@ glaube ich, besonders in Deutschland.&ldquo;
<p>
&bdquo;Halten Sie ein!&ldquo; unterbrach ihn der Chinese. &bdquo;Entschuldigen
-Sie, daß ich Sie unterbreche: Nehmen Sie
-mir auch mein Lachen nicht übel. Ich lache und wir
+Sie, daß ich Sie unterbreche: Nehmen Sie
+mir auch mein Lachen nicht übel. Ich lache und wir
alle sind ja in guter Stimmung, hurra, hoch! Ja, wir
-sind alle gut aufgelegt. Eisenhut könnte die Bank nach
+sind alle gut aufgelegt. Eisenhut könnte die Bank nach
und nach abgeben, er wird langweilig mit der Zeit!
<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-Wir brauchen &mdash; ja, was sagen Sie doch &mdash; tiefe Überzeugung,
-Mystizismus &mdash; ja, gehen Sie doch in die Hölle
-damit &mdash; Sie verzeihen meine starken Ausdrücke, es ist
+Wir brauchen &mdash; ja, was sagen Sie doch &mdash; tiefe Überzeugung,
+Mystizismus &mdash; ja, gehen Sie doch in die Hölle
+damit &mdash; Sie verzeihen meine starken Ausdrücke, es ist
die Stimmung &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Bitte, bitte!&ldquo; sagte Grau lächelnd. &bdquo;Ich verstehe
+&bdquo;Bitte, bitte!&ldquo; sagte Grau lächelnd. &bdquo;Ich verstehe
sehr wohl &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wir sind ja gerade froh, daß wir all das los haben,
-Hochwürden! Es macht mir Freude, Ihnen zuzuhören,
+&bdquo;Wir sind ja gerade froh, daß wir all das los haben,
+Hochwürden! Es macht mir Freude, Ihnen zuzuhören,
mit Ihnen zu sprechen, aber was sagten Sie doch alles?
-Es scheint mir doch, daß Sie den modernen Zeitgeist
-wenig spüren und ein bißchen altmodisch sind, Herr
+Es scheint mir doch, daß Sie den modernen Zeitgeist
+wenig spüren und ein bißchen altmodisch sind, Herr
Grau, hahaha!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. Er könne recht haben, vielleicht sei
+Grau lächelte. Er könne recht haben, vielleicht sei
er ein wenig altmodisch. Mindestens sei er sehr langsam,
-sehr schwerfällig. Aber wenn Herr Professor sich
-etwas Mühe gäbe.
+sehr schwerfällig. Aber wenn Herr Professor sich
+etwas Mühe gäbe.
</p>
<p>
-Professor Richter räusperte sich und nahm einen tiefen
+Professor Richter räusperte sich und nahm einen tiefen
Schluck. &bdquo;Wir sind moderne Menschen, mein Freund,&ldquo;
sagte er. &bdquo;Modern bis auf die Knochen. Ein moderner
Mensch, haben Sie eine Vorstellung von einem modernen
Menschen? Ich will es Ihnen sagen. Ein moderner
-Mensch, das ist ein Mensch dieser Zeit der Aufklärung,
+Mensch, das ist ein Mensch dieser Zeit der Aufklärung,
ein freidenkender, toleranter Mensch, dem es ganz einerlei
ist, was der andere tut, er kann tun und lassen, was er
-will und soll schauen, daß er zurecht kommt, ein Mensch
-ohne Aberglaube und utopistische Träume und schwächliche
+will und soll schauen, daß er zurecht kommt, ein Mensch
+ohne Aberglaube und utopistische Träume und schwächliche
Ideale, ein Mensch mit einem gesunden Egoismus
und einer gesunden Sinnlichkeit, ein Mensch, der sich nicht
-schämt ein Mensch zu sein &mdash; bei allen Teufeln in der
-Hölle &mdash; eben ein Mensch mit gesunden Sinnen und kein
+schämt ein Mensch zu sein &mdash; bei allen Teufeln in der
+Hölle &mdash; eben ein Mensch mit gesunden Sinnen und kein
<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-Phantast, kein Mönch, kein Spießbürger &mdash; sondern ein
+Phantast, kein Mönch, kein Spießbürger &mdash; sondern ein
Einzelwesen, ein Individuum &mdash; ja, zum Henker &mdash; das
ist der moderne Mensch. Ich habe mich wohl deutlich
-genug ausgedrückt, wie?&ldquo;
+genug ausgedrückt, wie?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Danke, ja!&ldquo; Grau sah den Chinesen an. &bdquo;Lassen
-Sie mir etwas Zeit, ich muß all das überlegen. Ich
+Sie mir etwas Zeit, ich muß all das überlegen. Ich
denke sehr langsam, das ist es. Als ich jung war, fiel
-mir einmal eine Leiter auf den Kopf und seitdem muß
+mir einmal eine Leiter auf den Kopf und seitdem muß
ich langsam denken.&ldquo;
</p>
@@ -11739,31 +11705,31 @@ ich langsam denken.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, ich glaube nicht.&ldquo; Grau lächelte.
+&bdquo;Nein, ich glaube nicht.&ldquo; Grau lächelte.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie kennen Lombroso, nicht? So ein Anstoß von
-außen her kann zuweilen ein ganz gutes Resultat haben.
-Übrigens auf Ihr Wohlsein! Ich habe Sie vorhin unterbrochen.&ldquo;
+&bdquo;Sie kennen Lombroso, nicht? So ein Anstoß von
+außen her kann zuweilen ein ganz gutes Resultat haben.
+Übrigens auf Ihr Wohlsein! Ich habe Sie vorhin unterbrochen.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte und stieß mit dem Chinesen und Dr.
-Nürnberger an. &bdquo;Es ist sehr angenehm in dieser Gesellschaft!&ldquo;
+Grau lächelte und stieß mit dem Chinesen und Dr.
+Nürnberger an. &bdquo;Es ist sehr angenehm in dieser Gesellschaft!&ldquo;
sagte er. &bdquo;Ich danke Ihnen nochmals, Herr
-Doktor, daß Sie die Freundlichkeit besaßen mich einzuführen.
-Sie haben mir erklärt was der moderne Mensch
+Doktor, daß Sie die Freundlichkeit besaßen mich einzuführen.
+Sie haben mir erklärt was der moderne Mensch
ist, Herr Professor. Erlauben Sie mir nun eine Frage,
ich verstehe manches nicht. Zum Beispiel: Gesunder Egoismus
und gesunde Sinnlichkeit, das sind ebenfalls solche
-Worte, die ich überall höre, ohne mir viel darunter vorstellen
-zu können. Ja, bei Gott, ich muß in Wirklichkeit
+Worte, die ich überall höre, ohne mir viel darunter vorstellen
+zu können. Ja, bei Gott, ich muß in Wirklichkeit
ein altmodischer Mensch sein &mdash; haha &mdash; Sie haben
-am Ende doch recht &mdash; denn ich wünsche mir den Menschen
-gerade mit recht viel Träumen und Idealen &mdash; sie brauchen
-ja nicht schwächlich zu sein, da haben Sie recht, wenn
-sie nur hoch sind! &mdash; mit recht vielen Träumen und
+am Ende doch recht &mdash; denn ich wünsche mir den Menschen
+gerade mit recht viel Träumen und Idealen &mdash; sie brauchen
+ja nicht schwächlich zu sein, da haben Sie recht, wenn
+sie nur hoch sind! &mdash; mit recht vielen Träumen und
<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
Idealen sagte ich, auch Phantast kann er sein, weshalb
nicht? Welche Rechte hat Ihr moderner Mensch?&ldquo;
@@ -11786,14 +11752,14 @@ das sind ganz ekelhaft abgestandene Begriffe
</p>
<p>
-Hm. Grau dachte nach. Er schüttelte den Kopf und
-lächelte. &bdquo;Sie mögen recht haben, daß ich ein altmodischer
-Mensch bin, aber ich glaube nicht, daß der
+Hm. Grau dachte nach. Er schüttelte den Kopf und
+lächelte. &bdquo;Sie mögen recht haben, daß ich ein altmodischer
+Mensch bin, aber ich glaube nicht, daß der
moderne Mensch so ist, wie Sie ihn beschreiben. Der
-moderne Mensch fühlt sich im Gegenteil mehr durchdrungen
-vom Gefühle der Verantwortung als der Mensch
+moderne Mensch fühlt sich im Gegenteil mehr durchdrungen
+vom Gefühle der Verantwortung als der Mensch
irgend einer andern Epoche. Oft scheint es als ob in
-ihm erst jenes Gefühl richtig erwacht sei.&ldquo;
+ihm erst jenes Gefühl richtig erwacht sei.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -11801,35 +11767,35 @@ Der Arzt unterbrach ihn.
</p>
<p>
-Man müsse ja nur den Mut und die Ehrlichkeit haben
+Man müsse ja nur den Mut und die Ehrlichkeit haben
die Wahrheit zu sehen und zu sagen, warf er ein. Ein
-Blick in die Natur genüge, um jeden zu überzeugen, daß
-das Prinzip des Egoismus überall regiere. Ebenso im
+Blick in die Natur genüge, um jeden zu überzeugen, daß
+das Prinzip des Egoismus überall regiere. Ebenso im
Menschen. Man fange an, das zu erkennen und &mdash;
</p>
<p>
&bdquo;Erlauben Sie,&ldquo; sagte Grau, &bdquo;das hat man schon
vor Tausenden von Jahren erkannt. Es springt ja in die
-Augen und ist das Natürlichste. Aber seit Tausenden von
+Augen und ist das Natürlichste. Aber seit Tausenden von
Jahren haben sich nun die Weisen mit diesen Problemen
-beschäftigt, über Recht und Pflicht, den Einzelnen und
-die Gesamtheit, über Tugend und Laster &mdash; sie haben
-darüber nachgedacht, haben sich die Köpfe zerbrochen &mdash;
+beschäftigt, über Recht und Pflicht, den Einzelnen und
+die Gesamtheit, über Tugend und Laster &mdash; sie haben
+darüber nachgedacht, haben sich die Köpfe zerbrochen &mdash;
<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
die Allerweisesten der Menschen &mdash; ich bin ja ein Nichts
-im Verhältnis zu diesen Köpfen &mdash; aber mir erscheint
-nichts lächerlicher und kleinlicher als der Egoismus.&ldquo;
+im Verhältnis zu diesen Köpfen &mdash; aber mir erscheint
+nichts lächerlicher und kleinlicher als der Egoismus.&ldquo;
</p>
<p>
In diesem Augenblick wurde die Sektbowle von der
-schönen Wirtin hereingetragen und mit lautem Hallo begrüßt.
-Der Redakteur ließ seinen Festbericht im Stiche
-und führte einen indianischen Tanz auf. Eisenhut pfiff
-auf einem Schlüssel und der Adjunkt segnete die Bowle
-mit feierlichen Gebärden. Herr von Hennenbach kam
-mit der schönen Wirtin herein und faßte sie um die Hüfte.
+schönen Wirtin hereingetragen und mit lautem Hallo begrüßt.
+Der Redakteur ließ seinen Festbericht im Stiche
+und führte einen indianischen Tanz auf. Eisenhut pfiff
+auf einem Schlüssel und der Adjunkt segnete die Bowle
+mit feierlichen Gebärden. Herr von Hennenbach kam
+mit der schönen Wirtin herein und faßte sie um die Hüfte.
Der leichenblasse Lehrer schlief in der Sofaecke, er erwachte
bei dem Geschrei, blickte auf die Bowle, machte
eine abwehrende Handbewegung und schlief weiter.
@@ -11837,33 +11803,33 @@ eine abwehrende Handbewegung und schlief weiter.
<p>
Die Bowle brachte neues Leben in die Gesellschaft.
-Man sang einen Rundgesang und stürzte sich dann mit
+Man sang einen Rundgesang und stürzte sich dann mit
neuem Eifer auf das Spiel. Eisenhut hielt noch immer
die Bank. Er sah bleicher und erregter aus, schrie und
-lachte mehr als alle. Zuweilen lauschte er gegen die Türe,
+lachte mehr als alle. Zuweilen lauschte er gegen die Türe,
wenn die Musik hereindrang, dann bellte er, trommelte
und sprach sinnloses Zeug.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich werde jetzt mein Kostüm ausziehen!&ldquo; schrie er.
+&bdquo;Ich werde jetzt mein Kostüm ausziehen!&ldquo; schrie er.
</p>
<p>
-&bdquo;Du bist ein Chinese auch ohne Kostüm!&ldquo; sagte der
-Adjunkt und der Witz fand großen Beifall.
+&bdquo;Du bist ein Chinese auch ohne Kostüm!&ldquo; sagte der
+Adjunkt und der Witz fand großen Beifall.
</p>
<p>
-&bdquo;Vorsicht!&ldquo; sagte Eisenhut böse und deutete mit dem
+&bdquo;Vorsicht!&ldquo; sagte Eisenhut böse und deutete mit dem
Zeigefinger auf den Adjunkten, aber augenblicklich lachte
er wieder heiter.
</p>
<p>
Herr von Hennenbach nahm wieder am Spiele teil.
-Es schien als ob das Glück sich ihm zuwende. Er
-strich sich aufgeregt das schwarze, glänzende Haar aus
+Es schien als ob das Glück sich ihm zuwende. Er
+strich sich aufgeregt das schwarze, glänzende Haar aus
der bleichen hohen Stirne und lachte.
</p>
@@ -11876,18 +11842,18 @@ Ich setze zehn Mark!&ldquo;
<p>
Aber er verlor, und obgleich Eisenhut unvorsichtig
-spielte, verlor der Freiherr fortwährend. Er wurde noch
+spielte, verlor der Freiherr fortwährend. Er wurde noch
aufgeregter und erbleichte mehr und mehr. Er setzte nun
stets zwanzig Mark.
</p>
<p>
-&bdquo;Zum Teufel!&ldquo; schrie er und lachte nervös.
+&bdquo;Zum Teufel!&ldquo; schrie er und lachte nervös.
</p>
<p>
-Dann aber gewann er. Er gewann fünf-, sechsmal
-nacheinander und gebärdete sich laut vor Freude. &bdquo;Endlich
+Dann aber gewann er. Er gewann fünf-, sechsmal
+nacheinander und gebärdete sich laut vor Freude. &bdquo;Endlich
wendet sich das Blatt! Prosit, prosit allerseits!&ldquo;
</p>
@@ -11901,7 +11867,7 @@ den Tisch.
</p>
<p>
-Eisenhut sah ihn an und lächelte hämisch. &bdquo;Sehen
+Eisenhut sah ihn an und lächelte hämisch. &bdquo;Sehen
lassen!&ldquo; sagte er.
</p>
@@ -11910,26 +11876,26 @@ Es waren nur sechs Points.
</p>
<p>
-Freiherr von Hennenbach stand auf und stieß den
-Stuhl zurück und erbleichte. &bdquo;Ich habe doch gezählt und
-gezählt!&ldquo; rief er. &bdquo;Sehe ich nicht recht? Das ist ja
+Freiherr von Hennenbach stand auf und stieß den
+Stuhl zurück und erbleichte. &bdquo;Ich habe doch gezählt und
+gezählt!&ldquo; rief er. &bdquo;Sehe ich nicht recht? Das ist ja
eine Figur &mdash; aber das ist ja zum Teufelholen &mdash; bin
ich denn bezecht?&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut meckerte. &bdquo;Du hast dich getäuscht, Kurt
-&mdash; setze dich &mdash; getäuscht hast du dich, das kann vorkommen.&ldquo;
+Eisenhut meckerte. &bdquo;Du hast dich getäuscht, Kurt
+&mdash; setze dich &mdash; getäuscht hast du dich, das kann vorkommen.&ldquo;
</p>
<p>
Rechtspraktikant Schmidt aber sagte scharf: &bdquo;Man
-muß eben acht geben!&ldquo;
+muß eben acht geben!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Wie beliebt, Herr Grau? Wir haben die Telegraphie,
-das Telephon, Bogenlampen, Blitzzüge, die Röntgenstrahlen
+das Telephon, Bogenlampen, Blitzzüge, die Röntgenstrahlen
&mdash; all das hat unsere Zeit geschaffen. Imponiert
<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
Ihnen das nicht ein wenig? Kinematograph, Phonograph,
@@ -11938,14 +11904,14 @@ der Naturwissenschaften.&ldquo;
</p>
<p>
-Herr Grau möge sich auch an die Errungenschaften
+Herr Grau möge sich auch an die Errungenschaften
der modernen Physiologie, Bakteriologie, Chirurgie erinnern,
bemerkte der Arzt.
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Ich sagte schon, daß das alles ganz
-groß ist,&ldquo; sagte er, &bdquo;all diese Erfindungen, von denen
+Grau lächelte. &bdquo;Ich sagte schon, daß das alles ganz
+groß ist,&ldquo; sagte er, &bdquo;all diese Erfindungen, von denen
Sie sprechen, wunderbar! Ich lege Ihnen sogar noch
einen tieferen Sinn bei &mdash; sie sind in gewissem Sinne
Offenbarungen &mdash; Verzeihung, ich spreche im vollen Ernste,
@@ -11957,9 +11923,9 @@ meine Herren &mdash; aber &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;&mdash; trotz ihrer Größe und Wichtigkeit und Tiefe sind
+&bdquo;&mdash; trotz ihrer Größe und Wichtigkeit und Tiefe sind
sie alle zusammen noch nicht imstande eine Kultur zu
-bilden. So groß sie sind, sind sie doch kein wesentlicher
+bilden. So groß sie sind, sind sie doch kein wesentlicher
kultureller Faktor. Ich nehme an, ja, zum Beispiel,
ein einziger Psalm von Salomo ist weitaus mehr wert
als alle Fernsprechapparate und Dynamomaschinen zusammen
@@ -11972,23 +11938,23 @@ aber &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wir können ja auch sagen: Ein Gedicht von Heine,
+&bdquo;Wir können ja auch sagen: Ein Gedicht von Heine,
eine Kantate von Bach, ein Beethovenscher Akkord, ein
Gedanke von Plato oder Goethe, wie Sie wollen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Pardon,&ldquo; unterbrach ihn der Arzt, &bdquo;glauben Herr
-Grau vielleicht, daß ein Goethescher Gedanke, um nur
-eines herauszugreifen, kulturell höher zu werten ist als
+Grau vielleicht, daß ein Goethescher Gedanke, um nur
+eines herauszugreifen, kulturell höher zu werten ist als
zum Beispiel die Erfindung des Serums gegen die Tollwut
oder die Entdeckung des Cholerabazillus?&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-Grau sah ihn erstaunt an. &bdquo;Aber natürlich!&ldquo; sagte
-er lächelnd. &bdquo;Wir sprechen ja von Kulturwerten, nicht
+Grau sah ihn erstaunt an. &bdquo;Aber natürlich!&ldquo; sagte
+er lächelnd. &bdquo;Wir sprechen ja von Kulturwerten, nicht
wahr?&ldquo;
</p>
@@ -11997,12 +11963,12 @@ Hm!
</p>
<p>
-Aber mit einem Serum könne man doch Tausende
+Aber mit einem Serum könne man doch Tausende
von Menschen heilen und ihr Leben retten?
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Haben Sie damit schon etwas zur
+Grau lächelte. &bdquo;Haben Sie damit schon etwas zur
Kultur beigetragen, Herr Doktor?&ldquo;
</p>
@@ -12012,10 +11978,10 @@ Karten auf.
</p>
<p>
-Hier geschah es, daß Herr von Hennenbach auf
+Hier geschah es, daß Herr von Hennenbach auf
Grau blickte. Wiederum ruhten die Blicke der beiden
-eine Weile merkwürdig fragend und suchend ineinander.
-Grau blickte den Freiherrn lange an. Und es war eigentümlich,
+eine Weile merkwürdig fragend und suchend ineinander.
+Grau blickte den Freiherrn lange an. Und es war eigentümlich,
der junge Mann erbleichte unter Graus Blick.
Er erbleichte ganz langsam. Er wandte die Augen ab,
um Grau sofort wieder anzusehen. Er legte die Karten
@@ -12027,17 +11993,17 @@ Glase und erhob es gegen Grau.
<p>
&bdquo;Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!&ldquo; sagte er und
-lächelte.
+lächelte.
</p>
<p>
-Grau rührte sich nicht. Es war ein solcher Lärm,
-daß der Freiherr annahm Grau habe nicht gehört. Er
+Grau rührte sich nicht. Es war ein solcher Lärm,
+daß der Freiherr annahm Grau habe nicht gehört. Er
wiederholte: &bdquo;Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!&ldquo;
</p>
<p>
-Sah Grau nicht? Hörte er nicht? Er blickte ruhig
+Sah Grau nicht? Hörte er nicht? Er blickte ruhig
und ohne eine Miene zu bewegen auf den jungen Mann.
</p>
@@ -12046,12 +12012,12 @@ und ohne eine Miene zu bewegen auf den jungen Mann.
</p>
<p>
-Grau sah und hörte nicht.
+Grau sah und hörte nicht.
</p>
<p>
<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-&bdquo;Das ist doch unerhört!&ldquo; stammelte der Freiherr
+&bdquo;Das ist doch unerhört!&ldquo; stammelte der Freiherr
und erbleichte.
</p>
@@ -12060,8 +12026,8 @@ Niemand hatte dem Vorfall Beachtung geschenkt.
</p>
<p>
-Professor Richter rückte näher an Grau heran, so
-daß jetzt Grau ebenfalls unter den gelben chinesischen
+Professor Richter rückte näher an Grau heran, so
+daß jetzt Grau ebenfalls unter den gelben chinesischen
Schirm zu sitzen kam.
</p>
@@ -12071,50 +12037,50 @@ Augen? Seht an, seht an!&ldquo; begann er von neuem.
</p>
<p>
-Grau antwortete nicht zugleich. Er war müde von
-dem ewigen Geschwätz, übrigens beschäftigten ihn auch
+Grau antwortete nicht zugleich. Er war müde von
+dem ewigen Geschwätz, übrigens beschäftigten ihn auch
andere Gedanken, gerade jetzt.
</p>
<p>
-&bdquo;Bitte?&ldquo; sagte er. Er lächelte. &bdquo;Gerade vor meinen
+&bdquo;Bitte?&ldquo; sagte er. Er lächelte. &bdquo;Gerade vor meinen
Augen? Ich bin ja nicht befugt, zu urteilen und zu
richten. Aber wenn Sie mich fragen, so kann ich wohl
-antworten, daß ich nicht ganz zufrieden bin. Man arbeitet,
-man sucht, ja, gut, ich müßte ein Tor sein, wollte
-ich das leugnen, unsere Zeit bereitet gewiß eine andere
-vor, die einen höheren Wert besitzt. Wie es gegenwärtig
+antworten, daß ich nicht ganz zufrieden bin. Man arbeitet,
+man sucht, ja, gut, ich müßte ein Tor sein, wollte
+ich das leugnen, unsere Zeit bereitet gewiß eine andere
+vor, die einen höheren Wert besitzt. Wie es gegenwärtig
aussieht &mdash; nein, ich kann nicht zufrieden sein. Ganz
und gar nicht. Vielleicht hat es noch nie eine Kultur
gegeben, die so tief stand wie die Kultur unserer Zeit.
-Sie lächeln? Ja, erlauben Sie mir, so scheint es mir.
-Andere Zeiten und Völker hatten ja nicht die grandiosen
+Sie lächeln? Ja, erlauben Sie mir, so scheint es mir.
+Andere Zeiten und Völker hatten ja nicht die grandiosen
Kulturvorbilder wie wir sie haben. Trotzdem. Eine gewaltige
Bewegung, ein Rausch, eine Begeisterung, Ideale?
-Nun? Wo sind sie? In Europa? Der Träger der Kultur
+Nun? Wo sind sie? In Europa? Der Träger der Kultur
ist meines Erachtens in unserer Zeit nicht Europa.
-Auch das belustigt Sie? Ich äußere meine Ansicht selbst
-auf die Gefahr hin, daß ich mich vor den Herren lächerlich
+Auch das belustigt Sie? Ich äußere meine Ansicht selbst
+auf die Gefahr hin, daß ich mich vor den Herren lächerlich
mache und immer mehr und mehr altmodisch erscheine.
<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-Es ist doch ein Gespräch, nicht wahr? Was weiter? Ja,
+Es ist doch ein Gespräch, nicht wahr? Was weiter? Ja,
so scheint es mir. Europa ist sicherlich das reinlichste
-und zivilisierteste Stück Erde, natürlich. Große Gefühlsströmungen
+und zivilisierteste Stück Erde, natürlich. Große Gefühlsströmungen
&mdash; wir haben das Mittelalter gehabt, mit
-einem großen Rausch, Sehnsucht nach Erlösung, Befreiung,
-wie haben doch die Menschen damals gefühlt?
-Ich weiß, daß Sie den Mönchen gegenüber nicht freundschaftlich
-gesinnt sind &mdash; aber der Gedanke des Mönchtums
-war doch tief. Oder? Ich weiß, daß man allgemein
+einem großen Rausch, Sehnsucht nach Erlösung, Befreiung,
+wie haben doch die Menschen damals gefühlt?
+Ich weiß, daß Sie den Mönchen gegenüber nicht freundschaftlich
+gesinnt sind &mdash; aber der Gedanke des Mönchtums
+war doch tief. Oder? Ich weiß, daß man allgemein
den Gedanken kurzerhand abtut &mdash; aber wenn
-man nachdenkt? Er ist doch tief. Die Märtyrer &mdash; die
-Fakire und Derwische &mdash; zu welchen Taten sind sie fähig
+man nachdenkt? Er ist doch tief. Die Märtyrer &mdash; die
+Fakire und Derwische &mdash; zu welchen Taten sind sie fähig
gewesen, und die Fakire vollbringen heute noch die unglaublichsten
-Dinge. Was ist Gefühl, was ist Mysterium,
-Wunder, Tiefe? Freundschaft, Liebe? Religiöses Empfinden?
-Sehen Sie sich um? Nun, gewiß, ich erscheine
+Dinge. Was ist Gefühl, was ist Mysterium,
+Wunder, Tiefe? Freundschaft, Liebe? Religiöses Empfinden?
+Sehen Sie sich um? Nun, gewiß, ich erscheine
Ihnen vielleicht altmodisch, weil ich mich danach umsehe.
-Übrigens weiß ich wohl, daß all das noch existiert,
+Übrigens weiß ich wohl, daß all das noch existiert,
aber nicht als Bewegung, als allgemeine Empfindung.
Wir haben viel Anerkennungswertes in unseren Tagen,
aber wissen Sie, woran es uns vor allem fehlt?&ldquo;
@@ -12125,7 +12091,7 @@ aber wissen Sie, woran es uns vor allem fehlt?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;An seltenen Tugenden, großen Gefühlen und außerordentlichen
+&bdquo;An seltenen Tugenden, großen Gefühlen und außerordentlichen
Eigenschaften.&ldquo;
</p>
@@ -12140,17 +12106,17 @@ Und er fuhr fort: &bdquo;Wir haben in unserer Zeit eine Art
von Bequemlichkeit, die mir bedenklich erscheint. Wenn
ich richtig beobachte, so ist man im allgemeinen geneigt
<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-sich ohne jegliches tiefere Nachdenken den ärmlichsten
-und trivialsten Lebensanschauungen anzuschließen &mdash;
+sich ohne jegliches tiefere Nachdenken den ärmlichsten
+und trivialsten Lebensanschauungen anzuschließen &mdash;
zum Beispiel dem Materialismus, Atheismus und so
weiter. Und wissen Sie warum? Weil es so einfach,
-so nüchtern ist, weil man nicht zu denken braucht und
+so nüchtern ist, weil man nicht zu denken braucht und
weil diese Anschauungen so gar keine Anforderungen
-stellen. Das erscheint mir so ärmlich und trivial und
+stellen. Das erscheint mir so ärmlich und trivial und
das ganze Leben ist so geworden, selbst die Literatur,
sehen Sie sich die Literatur an, wie trivial ist sie doch
-zum größten Teil geworden, die Feste, jede Lebens- und
-Gesellschaftsform beinahe! Trotzdem,&ldquo; fügte er
+zum größten Teil geworden, die Feste, jede Lebens- und
+Gesellschaftsform beinahe! Trotzdem,&ldquo; fügte er
hinzu, &bdquo;ist unsere Zeit wertvoll, weil sie mit ungeheurer,
wenn auch verborgener Kraft, eine neue, grandiose Kultur
vorbereitet!&ldquo;
@@ -12158,46 +12124,46 @@ vorbereitet!&ldquo;
<p>
Hier aber brach ein lautes Geschrei aus. Der Lehrer
-nämlich war langsam vom Sofa geglitten und unter
-den Tisch gefallen. Er schlief und man hörte ihn laut
+nämlich war langsam vom Sofa geglitten und unter
+den Tisch gefallen. Er schlief und man hörte ihn laut
schnarchen.
</p>
<p>
Auch Adjunkt Kaiser war eingeschlafen. Sein Kopf
lag mit dem Kinn auf der Brust und die Oberlippe
-stand läppisch vor. Aber er hielt seine Karten tapfer
-in der Hand und öffnete immer ein Auge, sobald die
+stand läppisch vor. Aber er hielt seine Karten tapfer
+in der Hand und öffnete immer ein Auge, sobald die
Runde an ihn kam. Das erriet er stets. Die Stimmen
der Spieler wurden leidenschaftlicher, rauh und betrunken.
-Zuweilen trat eine Pause ein, da alle anfingen müde
-zu werden. Dann hörte man das Wiegen der Musik
+Zuweilen trat eine Pause ein, da alle anfingen müde
+zu werden. Dann hörte man das Wiegen der Musik
im Saale, die Geigen, die Klarinetten, die Pauken.
-Manchmal kam die Musik bis dicht an die Türe, kicherte
+Manchmal kam die Musik bis dicht an die Türe, kicherte
durch die Spalten, verschwand in der Ferne und wiegte
sich heiter.
</p>
<p>
<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-Dann sah Eisenhut auf und starrte zur Türe.
+Dann sah Eisenhut auf und starrte zur Türe.
</p>
<p>
-Da erhob sich Grau plötzlich und sagte: &bdquo;Meine
-Herren, ich bitte um eine Minute Gehör. Ich finde
-Sie alle bei guter Laune und ich möchte die gute
-Stimmung benutzen, um Sie zu einem wohltätigen
+Da erhob sich Grau plötzlich und sagte: &bdquo;Meine
+Herren, ich bitte um eine Minute Gehör. Ich finde
+Sie alle bei guter Laune und ich möchte die gute
+Stimmung benutzen, um Sie zu einem wohltätigen
Werke zu animieren.&ldquo; Er zog den silbernen Ring
mit dem winzigen blauen Stein aus der Westentasche.
&bdquo;Ich habe hier einen Ring,&ldquo; fuhr er fort,
-&bdquo;den ich zu Geld machen möchte. Er gehört einer
+&bdquo;den ich zu Geld machen möchte. Er gehört einer
armen alten Frau. Vielleicht findet sich hier ein Liebhaber?&ldquo;
</p>
<p>
-Er lächelte und zeigte den Ring. Seine weißen
-hübschen Zähne blitzten.
+Er lächelte und zeigte den Ring. Seine weißen
+hübschen Zähne blitzten.
</p>
<p>
@@ -12212,38 +12178,38 @@ hahaha &mdash; alles was recht ist &mdash;&ldquo;
<p>
&bdquo;Der Ring ist freilich einfach und schlicht,&ldquo; sagte
-Grau, der leicht errötete, und zeigte den Ring im Kreise
-umher, &bdquo;er gehörte Fräulein Margarete Sammet, die
-sich das Leben nahm &mdash; Sie erinnern sich gewiß alle &mdash;
-für die Mutter möchte ich ihn zu Geld machen. Natürlich
+Grau, der leicht errötete, und zeigte den Ring im Kreise
+umher, &bdquo;er gehörte Fräulein Margarete Sammet, die
+sich das Leben nahm &mdash; Sie erinnern sich gewiß alle &mdash;
+für die Mutter möchte ich ihn zu Geld machen. Natürlich
gebe ich ihn nicht billig her, nicht allzu billig.
Findet sich kein Liebhaber? Herr Redakteur Heinrich &mdash;
oder vielleicht Sie, Herr Assistent Pechmann? Sie
lachen, meine Herren, aber die Frau ist ja arm und
-hat Geld nötig. Herr Amtsrichter Leutlein, Herr
+hat Geld nötig. Herr Amtsrichter Leutlein, Herr
Eisenhut?<a id="corr-15"></a>&ldquo;
</p>
<p>
Eisenhut blickte auf den Ring und blinzelte, dann
-sah er Grau ins Gesicht. Er wurde totenblaß und
+sah er Grau ins Gesicht. Er wurde totenblaß und
<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-hörte auf zu blinzeln. Er schüttelte den Kopf. &bdquo;Nein,
+hörte auf zu blinzeln. Er schüttelte den Kopf. &bdquo;Nein,
danke!&ldquo; sagte er leise.
</p>
<p>
-Grau verbeugte sich und lächelte. &bdquo;Nicht? Wie
+Grau verbeugte sich und lächelte. &bdquo;Nicht? Wie
schade! Aber vielleicht Sie, Herr von Hennenbach?
Ich habe die Angelegenheit in die Hand genommen
-und möchte sie auch zu Ende bringen, deshalb. Vielleicht
+und möchte sie auch zu Ende bringen, deshalb. Vielleicht
Sie, Herr von Hennenbach? Wollen Sie sich den Ring
-nicht ansehen?&ldquo; Grau beugte sich über den Tisch und
+nicht ansehen?&ldquo; Grau beugte sich über den Tisch und
zeigte den Ring. &bdquo;Sie sind ja ein Liebhaber solcher
Dinge, wollten Sie mir nicht einmal meinen Reisesack
abkaufen? Sie erinnern sich, es war hier im Elefanten
-am Tage vor der Beerdigung des Dienstmädchens. &mdash;
-Ich habe Sie vorhin beleidigt, ich war unhöflich gegen
+am Tage vor der Beerdigung des Dienstmädchens. &mdash;
+Ich habe Sie vorhin beleidigt, ich war unhöflich gegen
Sie. Tragen Sie mir das nicht nach. Sie waren ja
an jenem Abend ebenfalls nicht gerade freundlich gegen
mich &mdash; vergessen wir es, wir sind quitt. Wollen Sie
@@ -12251,19 +12217,19 @@ sich den Ring nicht ansehen?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau spielte eine lächerliche Rolle. Alles belustigte
-sich über ihn.
+Grau spielte eine lächerliche Rolle. Alles belustigte
+sich über ihn.
</p>
<p>
Herr von Hennenbach begann augenblicklich laut
-aufzulachen. Er lachte, daß sich sein Gesicht rötete und
+aufzulachen. Er lachte, daß sich sein Gesicht rötete und
hustete. &bdquo;Danke, danke!&ldquo; rief er aus.
</p>
<p>
&bdquo;Oh, aber ich denke, Sie verstehen sich auf die
-Schätzung eines solchen Ringes &mdash;&ldquo;
+Schätzung eines solchen Ringes &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
@@ -12271,20 +12237,20 @@ Der Freiherr lachte immer noch.
</p>
<p>
-&bdquo;Für den Ring habe ich leider keine Verwendung,&ldquo;
+&bdquo;Für den Ring habe ich leider keine Verwendung,&ldquo;
sagte er und lachte immerfort.
</p>
<p>
-&bdquo;Bitte sehr!&ldquo; Grau lächelte sonderbar. &bdquo;Selbst Sie
+&bdquo;Bitte sehr!&ldquo; Grau lächelte sonderbar. &bdquo;Selbst Sie
also nicht!&ldquo; sagte er und sah dem lachenden jungen
Mann in die Augen.<a id="corr-16"></a>
</p>
<p>
<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-Plötzlich jubelten alle und blickten zur Türe. An
-der Türe hörte man das Lachen von Mädchen, Adele
+Plötzlich jubelten alle und blickten zur Türe. An
+der Türe hörte man das Lachen von Mädchen, Adele
und die Schwestern Sinding traten ein.
</p>
@@ -12293,37 +12259,37 @@ und die Schwestern Sinding traten ein.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-5">
-<span class="firstline">Fünftes Kapitel</span>
+<span class="firstline">Fünftes Kapitel</span>
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>A</span>h!&ldquo; schrien die Herren und fuhren in die Höhe.
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>A</span>h!&ldquo; schrien die Herren und fuhren in die Höhe.
Der dicke Chinese schwang den Schirm wie eine
Fahne und der Redakteur verneigte sich tief und ruckweise,
-daß sein wirres Haar über die Stirne flog.
+daß sein wirres Haar über die Stirne flog.
Hurra! Hoch die Damen! Hoch! Ein Stuhl klapperte
auf dem Boden und ein Weinglas fiel auf geisterhafte
Weise ganz langsam von selbst um und zerbrach. Adjunkt
-Kaiser schlief friedlich in seinen Hemdärmeln; da keine
+Kaiser schlief friedlich in seinen Hemdärmeln; da keine
Karte mehr gekommen war, war er eingeschlafen.
</p>
<p>
-Der Rauch wirbelte zur Türe hinaus, so sah es aus
-als kämen die Mädchen aus einer Wolke. Sie standen
-alle drei zögernd beisammen und hatten Furcht der
-Gesellschaft nahe zu kommen, die lärmend auf sie eindrang.
+Der Rauch wirbelte zur Türe hinaus, so sah es aus
+als kämen die Mädchen aus einer Wolke. Sie standen
+alle drei zögernd beisammen und hatten Furcht der
+Gesellschaft nahe zu kommen, die lärmend auf sie eindrang.
</p>
<p>
&bdquo;Wir wollten einmal sehen, wie die Herren sich
-amüsieren!&ldquo; sagte Adele und blickte umher. Sie bewegte
-den Fächer in der Hand und der Ärmel ihres Kostüms
-fiel herab, so daß man ihren weißen vollen Arm sah.
-In dem roten Kostüm, mit den schwarzen Haaren, den
-hellen Augen sah sie imponierend und fremdartig schön
-aus. Rosen schmückten das Haar, die Schulter, den
-Gürtel. Sie lachte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre
+amüsieren!&ldquo; sagte Adele und blickte umher. Sie bewegte
+den Fächer in der Hand und der Ärmel ihres Kostüms
+fiel herab, so daß man ihren weißen vollen Arm sah.
+In dem roten Kostüm, mit den schwarzen Haaren, den
+hellen Augen sah sie imponierend und fremdartig schön
+aus. Rosen schmückten das Haar, die Schulter, den
+Gürtel. Sie lachte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre
<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
Lippen waren so rot. Aber ihre Augen waren ohne
Erbarmen, stechend und hart.
@@ -12336,52 +12302,52 @@ Eisenhut mit einem raschen Blicke.
<p>
Eisenhut hatte sich langsam erhoben als Adele sichtbar
-wurde. Er reckte den Spitzbart vor, hörte auf zu
-blinzeln und machte die Augen scharf, um sich zu überzeugen,
-daß sie wirklich im Zimmer stand. Er wurde
-fahl, richtete sein Kostüm, strich sich die Haare zurecht
+wurde. Er reckte den Spitzbart vor, hörte auf zu
+blinzeln und machte die Augen scharf, um sich zu überzeugen,
+daß sie wirklich im Zimmer stand. Er wurde
+fahl, richtete sein Kostüm, strich sich die Haare zurecht
und starrte unausgesetzt auf Adele. Auf seinen Lippen
-erschien ein verzweifeltes Lächeln. Er ließ sich auf das
-Sofa nieder, langsam, um kein Geräusch zu machen, und
+erschien ein verzweifeltes Lächeln. Er ließ sich auf das
+Sofa nieder, langsam, um kein Geräusch zu machen, und
versteckte sich hinter dem jungen Hennenbach, der mit
Klara Sinding plauderte.
</p>
<p>
-Plötzlich lachten alle. Der junge Lehrer nämlich, der
+Plötzlich lachten alle. Der junge Lehrer nämlich, der
unter dem Tische schlief, erwachte und machte sich auf
-allen Vieren aus dem Staube. Er kroch zur Türe, stieß
+allen Vieren aus dem Staube. Er kroch zur Türe, stieß
sie mit dem Kopfe auf und verschwand.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, was ist denn das?&ldquo; schrien die Mädchen.
+&bdquo;Ja, was ist denn das?&ldquo; schrien die Mädchen.
</p>
<p>
&bdquo;Das ist unser Hund!&ldquo; sagte Herr von Hennenbach,
der seine Trunkenheit geschickt hinter seinen sicheren gesellschaftlichen
-Formen verbarg. &bdquo;Er geht um für die
+Formen verbarg. &bdquo;Er geht um für die
Damen zu bestellen!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Hahaha!&ldquo; lachten die Schwestern Sinding und
-Klara blickte Herrn von Hennenbach mit schwärmerischen,
-glänzenden Augen an; sie verriet sich mit
+Klara blickte Herrn von Hennenbach mit schwärmerischen,
+glänzenden Augen an; sie verriet sich mit
einem Blicke.
</p>
<p>
Professor Richter ordnete geschickt wie ein Kellner die
-Gesellschaft. Gläser! Die Damen sollten sich zu Hause
-fühlen, höhö! Gläser für die Damen.
+Gesellschaft. Gläser! Die Damen sollten sich zu Hause
+fühlen, höhö! Gläser für die Damen.
</p>
<p>
<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
&bdquo;Nein, keinen Wein, um Gottes willen!&ldquo; rief Adele.
-&bdquo;Vielleicht könnte man ein Glas Selters haben.&ldquo;
+&bdquo;Vielleicht könnte man ein Glas Selters haben.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -12390,7 +12356,7 @@ fühlen, höhö! Gläser für die Damen.
<p>
Auch die Schwestern Sinding wollten nichts mehr
-trinken. &bdquo;Selters, ja.&ldquo; Sie saßen mit glühenden Wangen
+trinken. &bdquo;Selters, ja.&ldquo; Sie saßen mit glühenden Wangen
da.
</p>
@@ -12398,7 +12364,7 @@ da.
Adele lachte laut auf. &bdquo;Hier ist er ja, unser Herr
Eisenhut!&ldquo; rief sie und zeigte auf Eisenhut. &bdquo;Bedenken
Sie nur, meine Herrschaften, hundert Mark war ihm zuviel
-für ein Glas Sekt, an dem ich nippte!&ldquo;
+für ein Glas Sekt, an dem ich nippte!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -12412,16 +12378,16 @@ Ihnen die Hand geben &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Aber Adele war grausam. Sie hörte ihn nicht, sie
-erzählte die Geschichte von den hundert Mark, die ganze
+Aber Adele war grausam. Sie hörte ihn nicht, sie
+erzählte die Geschichte von den hundert Mark, die ganze
Szene und ahmte Eisenhuts Erstaunen, Schrecken und
-Schwanken nach. Sie sprach sehr rasch und fächelte sich
-unaufhörlich Luft zu. Oh, wie entsetzlich heiß es sei! Ob
+Schwanken nach. Sie sprach sehr rasch und fächelte sich
+unaufhörlich Luft zu. Oh, wie entsetzlich heiß es sei! Ob
man die Fenster nicht &mdash;
</p>
<p>
-&bdquo;Die Fenster auf &mdash; zum Donnerwetter! Für die
+&bdquo;Die Fenster auf &mdash; zum Donnerwetter! Für die
Damen &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -12435,26 +12401,26 @@ niemand nahm Notiz von ihm.
<p>
&bdquo;&mdash; des Lebens heitere Zierde &mdash; ehret die Frauen,
sie flechten und weben &mdash; hoch die Damen! &mdash;&ldquo; murmelte
-er &mdash; &bdquo;hoch! Ein Kranz schöner Jungfrauen, der des Festes
-Tafel schmückt &mdash; könnte ich jeder ein Kränzchen von
+er &mdash; &bdquo;hoch! Ein Kranz schöner Jungfrauen, der des Festes
+Tafel schmückt &mdash; könnte ich jeder ein Kränzchen von
<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-Maienblumen auf das holde Haupt legen &mdash;&ldquo; Plötzlich
-liefen dicke Tränen über sein Gesicht. &bdquo;Hoch die Damen,
+Maienblumen auf das holde Haupt legen &mdash;&ldquo; Plötzlich
+liefen dicke Tränen über sein Gesicht. &bdquo;Hoch die Damen,
hoch!&ldquo;
</p>
<p>
-Die Herren fielen stürmisch ein.
+Die Herren fielen stürmisch ein.
</p>
<p>
-Spielen? Ja, natürlich wollten sie spielen. Alle!
-Man stürzte sich kopfüber ins Spiel, schrie und lachte.
-Die Damen würden es sofort können, eine Kinderei! Der
+Spielen? Ja, natürlich wollten sie spielen. Alle!
+Man stürzte sich kopfüber ins Spiel, schrie und lachte.
+Die Damen würden es sofort können, eine Kinderei! Der
Adjunkt schlief immer noch. Amtsrichter Leutlein, der
-seine schläfrige Miene abgelegt hatte, tropfte ihm Wein
+seine schläfrige Miene abgelegt hatte, tropfte ihm Wein
auf die Glatze, und er erwachte. Er starrte lange Zeit
-geistesabwesend auf die Mädchen, dann sagte er feierlich:
+geistesabwesend auf die Mädchen, dann sagte er feierlich:
&bdquo;Guten Abend!&ldquo;
</p>
@@ -12470,22 +12436,22 @@ dicke Chinese.<a id="corr-17"></a>
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, also, verehrter Herr Grau &mdash;&ldquo; Er müsse doch
+&bdquo;Ja, also, verehrter Herr Grau &mdash;&ldquo; Er müsse doch
zugeben &mdash; selbst wenn er mit allem und allem unzufrieden
-sei &mdash; er müsse doch gestehen, daß die Wissenschaft
+sei &mdash; er müsse doch gestehen, daß die Wissenschaft
in verschiedene Dinge Klarheit gebracht habe, eine
-ganz unglaubliche Anzahl von Vorurteilen, den schwärzesten
-Vorurteilen, habe sie zerstört, Aberglaube und naive Vorstellungen
+ganz unglaubliche Anzahl von Vorurteilen, den schwärzesten
+Vorurteilen, habe sie zerstört, Aberglaube und naive Vorstellungen
habe sie in Grund und Boden hineingeritten
&mdash;
</p>
<p>
-&bdquo;Natürlich gebe ich das zu. Ich habe den allergrößten
+&bdquo;Natürlich gebe ich das zu. Ich habe den allergrößten
Respekt vor der Wissenschaft und ziehe den Hut vor ihren
-großen Männern. Wo habe ich denn behauptet, daß ich,
-ein kleiner und einfacher Mensch &mdash; das wäre ja geradezu
-kühn &mdash;&ldquo;
+großen Männern. Wo habe ich denn behauptet, daß ich,
+ein kleiner und einfacher Mensch &mdash; das wäre ja geradezu
+kühn &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
@@ -12493,12 +12459,12 @@ kühn &mdash;&ldquo;
&bdquo;Gut, gut! Der ganze Wunderglaube, zum Beispiel,
zum Teufel ist er! Pardon! Aber er ist zum Teufel,
einfach wie weggeblasen. Kein Kind kann heutzutage mehr
-glauben, daß jemand Wasser in Wein verwandelt oder
-fünftausend Halunken mit einem Groschenkipf speist. He?&ldquo;
+glauben, daß jemand Wasser in Wein verwandelt oder
+fünftausend Halunken mit einem Groschenkipf speist. He?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Natürlich, das ist Fabel!&ldquo;
+&bdquo;Natürlich, das ist Fabel!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -12506,9 +12472,9 @@ fünftausend Halunken mit einem Groschenkipf speist. He?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Im übrigen,&ldquo; fügte Grau hinzu, &bdquo;wer weiß, ob es
-nicht doch ein wahres Geschehnis ist? Wie schön ist aber
-jenes große Gefühl, jenes Verlangen nach dem Außerordentlichen,
+&bdquo;Im übrigen,&ldquo; fügte Grau hinzu, &bdquo;wer weiß, ob es
+nicht doch ein wahres Geschehnis ist? Wie schön ist aber
+jenes große Gefühl, jenes Verlangen nach dem Außerordentlichen,
jene Sehnsucht nach dem Wunderbaren?
Nicht wahr? Ergreifend ist das! Und oft glaube ich es
auch, ich glaube es. Ich bin geneigt, das Unglaublichste
@@ -12518,27 +12484,27 @@ zu glauben, gerade weil ich es nicht begreifen kann &mdash;&ldquo;
<p>
&bdquo;Nun aber, Verehrter, der gesunde Menschenverstand
&mdash; wo bleibt da der gesunde Menschenverstand? Ich bitte,
-Ehrwürdiger, der gesunde Menschenverstand muß doch
+Ehrwürdiger, der gesunde Menschenverstand muß doch
auch auf seine Rechnung kommen?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Der gesunde Menschenverstand?&ldquo; sagte
-er. &bdquo;Was ist es eigentlich damit? Ich muß Ihnen gestehen,
-Herr Professor, daß mein Verstand, obwohl ich
-annehme, daß er vollständig gesund ist, mich sehr häufig
-im Stiche läßt. Derselbe gesunde Menschenverstand hat
-schon ganze Völker und Zeitalter betrogen. Legen Sie
+Grau lächelte. &bdquo;Der gesunde Menschenverstand?&ldquo; sagte
+er. &bdquo;Was ist es eigentlich damit? Ich muß Ihnen gestehen,
+Herr Professor, daß mein Verstand, obwohl ich
+annehme, daß er vollständig gesund ist, mich sehr häufig
+im Stiche läßt. Derselbe gesunde Menschenverstand hat
+schon ganze Völker und Zeitalter betrogen. Legen Sie
mir einen Kirschkern her und behaupten Sie, es wird ein
-Baum daraus werden mit Blättern, Blüten, Kirschen,
-verzeihen Sie, mein gesunder Verstand wird es nicht für
-möglich halten. Sagen Sie mir, die Erde fliegt mit einer
+Baum daraus werden mit Blättern, Blüten, Kirschen,
+verzeihen Sie, mein gesunder Verstand wird es nicht für
+möglich halten. Sagen Sie mir, die Erde fliegt mit einer
ungeheuren Geschwindigkeit von so und soviel Meilen um
die Sonne, ich werde sagen, entschuldigen Sie, mein gesunder
<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
Menschenverstand begreift das nicht. Ich werfe
einen Stein, der Stein fliegt, ich begreife das nicht, nicht
-einmal das. Ich muß Ihnen leider gestehen, daß ich mich
+einmal das. Ich muß Ihnen leider gestehen, daß ich mich
auf meinen gesunden Verstand nicht einmal bei den einfachsten
Dingen verlassen kann, von komplizierteren gar
nicht zu sprechen.&ldquo;
@@ -12549,36 +12515,36 @@ Hm, hm.
</p>
<p>
-&bdquo;Aber Verehrter, Sie geben trotzdem zu, daß Ihr
+&bdquo;Aber Verehrter, Sie geben trotzdem zu, daß Ihr
gesunder Menschenverstand den Wunderglauben abweist,
nicht wahr? Man soll nur die Wissenschaft arbeiten lassen
-&mdash; Hölle und Tod! &mdash; sie wird ihr Werk der Aufklärung
-schon vollbringen. Auch die Schöpfung, wie die Bibel
+&mdash; Hölle und Tod! &mdash; sie wird ihr Werk der Aufklärung
+schon vollbringen. Auch die Schöpfung, wie die Bibel
sie darstellt, das ist wohl eine Fabel oder nicht?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Natürlich ist das eine Fabel, aber &mdash;&ldquo;
+&bdquo;Natürlich ist das eine Fabel, aber &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Redakteur Heinrich stand auf und drückte Grau die
-Hand. &bdquo;Redefreiheit für jedermann! Wir sind unter
-uns!&ldquo; sagte er mit einem gönnerhaften Schmunzeln. &bdquo;Sie
-können sich nach Belieben und ganz frei äußern, niemand
+Redakteur Heinrich stand auf und drückte Grau die
+Hand. &bdquo;Redefreiheit für jedermann! Wir sind unter
+uns!&ldquo; sagte er mit einem gönnerhaften Schmunzeln. &bdquo;Sie
+können sich nach Belieben und ganz frei äußern, niemand
wird ein Wort erfahren. Ein Wort, ein Mann!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Aha, die Damen haben Glück! Ich habe diesmal
+&bdquo;Aha, die Damen haben Glück! Ich habe diesmal
nicht gesetzt, Eisenhut, schreie nicht so! Ich erlaube
-mir die Behauptung auszusprechen, daß, wenn
-die Aufklärung, die Wissenschaft in alle Schichten und
+mir die Behauptung auszusprechen, daß, wenn
+die Aufklärung, die Wissenschaft in alle Schichten und
Poren des Volkes gedrungen ist &mdash; all der Zauber,
Aberglaube und Irrtum werden wie Wachs schmelzen &mdash;
-ja was dann? &mdash; Ich erlaube mir zu behaupten, daß
+ja was dann? &mdash; Ich erlaube mir zu behaupten, daß
die Religion dann bankerott ist, einfach. Sie kann
-ruhig die Bude schließen, ruhig! Ich bitte wegen des
+ruhig die Bude schließen, ruhig! Ich bitte wegen des
starken Ausdrucks um Entschuldigung, aber es ist so,
bei allen Teufeln, um kein Haar anders ist es.&ldquo;
</p>
@@ -12588,51 +12554,51 @@ bei allen Teufeln, um kein Haar anders ist es.&ldquo;
&bdquo;Bitte,&ldquo; sagte Grau, &bdquo;es ist ja nur eine Formsache,
die nichts zu sagen hat. Also, das glauben Sie?
Aber ich glaube, je mehr die Wissenschaft erkennen wird,
-desto mehr wird sich das religiöse Gefühl steigern, es
+desto mehr wird sich das religiöse Gefühl steigern, es
wird nicht verschwinden, es wird im Gegenteil wachsen,
ungeheuer anwachsen. Denn die Wissenschaft wird Wunder
um Wunder aufdecken, es wird alles verwirrender und
-verwirrender, unfaßbarer werden. Der Gottesbegriff verliert
-natürlich die einfache naive Form, er wird sich mehr
+verwirrender, unfaßbarer werden. Der Gottesbegriff verliert
+natürlich die einfache naive Form, er wird sich mehr
und mehr verfeinern, vergeistigen; je wissender und
-größer der Mensch wird, desto erhabener und größer
-und unfaßbarer wird sein Gott. Das Mysterium wird
+größer der Mensch wird, desto erhabener und größer
+und unfaßbarer wird sein Gott. Das Mysterium wird
gewaltiger, je mehr man in dasselbe hineinsieht &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ich glaube, es bereitet sich eine Zeit vor mit einem
-so tiefen religiösen Gefühl, daß es dem Wahnsinn gleich
+so tiefen religiösen Gefühl, daß es dem Wahnsinn gleich
kommt.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Glauben Sie, Herr Grau! Wenn man aber einem
-Menschen begreiflich macht, daß vor etlichen Millionen
+Menschen begreiflich macht, daß vor etlichen Millionen
Jahren der Mensch noch gar nicht existierte? Wie? Was
denn, was denn? Gott?&ldquo;
</p>
<p>
Grau sah ihn erstaunt an. &bdquo;Wenn es jetzt keinen
-Menschen gäbe,&ldquo; versetzte er lächelnd, &bdquo;so gäbe es allerdings
-kein menschliches religiöses Gefühl. Aber es handelt
+Menschen gäbe,&ldquo; versetzte er lächelnd, &bdquo;so gäbe es allerdings
+kein menschliches religiöses Gefühl. Aber es handelt
sich ja bei dieser Frage weniger um die Existenz des
Menschen als um das Dasein Gottes. Ob der Mensch
-existiert und seit wann, das ist ja nebensächlicher Natur.<a id="corr-18"></a>&ldquo;
-Grau lächelte. &bdquo;Es ist merkwürdig wie sehr Sie an die
+existiert und seit wann, das ist ja nebensächlicher Natur.<a id="corr-18"></a>&ldquo;
+Grau lächelte. &bdquo;Es ist merkwürdig wie sehr Sie an die
Naturwissenschaften glauben,&ldquo; fuhr er fort, &bdquo;ich verehre
die modernen Naturwissenschaften und verdanke ihnen
-zum größten Teil meiner Erziehung &mdash; allein so unumstößlich
+zum größten Teil meiner Erziehung &mdash; allein so unumstößlich
<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
wahr sind ihre Thesen nicht, glaube ich.
-Vielleicht lacht man in einigen hundert Jahren über
-einen Anhänger der jetzigen Entwickelungslehre ebenso,
-wie man in unseren Tagen über jemand lacht, der noch
+Vielleicht lacht man in einigen hundert Jahren über
+einen Anhänger der jetzigen Entwickelungslehre ebenso,
+wie man in unseren Tagen über jemand lacht, der noch
glaubt, der Mensch sei von Gott aus Erde geformt
worden. Bitte, erschrecken Sie nicht, ich selbst bin nicht
dieser Meinung, sondern ich finde die Behauptungen
-der modernen Wissenschaft für höchst annehmbar. Aber
+der modernen Wissenschaft für höchst annehmbar. Aber
was soll das sagen, nicht wahr?&ldquo;
</p>
@@ -12648,15 +12614,15 @@ Erstens also sei &mdash; und zweitens &mdash;
</p>
<p>
-Adele lachte. Sie hielt die Bank und gewann fortwährend.
+Adele lachte. Sie hielt die Bank und gewann fortwährend.
</p>
<p>
&bdquo;Nun auf das Wohl der Herren!&ldquo; rief sie und erhob
das Glas. Sie sah wiederum Grau einen Augenblick
-lang eigentümlich an. Dann lächelte sie. &bdquo;Auf das
+lang eigentümlich an. Dann lächelte sie. &bdquo;Auf das
Wohl Susannas!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Auf gute Freundschaft!&ldquo;
-setzte sie hinzu und lächelte wieder.
+setzte sie hinzu und lächelte wieder.
</p>
<p>
@@ -12665,8 +12631,8 @@ setzte sie hinzu und lächelte wieder.
<p>
Eisenhut hatte keinen Wein im Glase und bis er
-es füllte, war es zu spät. Er sagte höflich: &bdquo;Auf die
-Gesundheit der Damen!&ldquo; und stürzte das volle Glas
+es füllte, war es zu spät. Er sagte höflich: &bdquo;Auf die
+Gesundheit der Damen!&ldquo; und stürzte das volle Glas
hinunter. Dann lachte er. Nur Maria Sinding sagte:
&bdquo;Zum Wohlsein!&ldquo;
</p>
@@ -12674,7 +12640,7 @@ hinunter. Dann lachte er. Nur Maria Sinding sagte:
<p>
&bdquo;Es ist sehr unterhaltend hier!&ldquo; sagte Adele. &bdquo;Alles
Ernstes, ich will Mitglied des Klubs werden. Ja! ich
-will die kurzen Monate noch genießen.&ldquo;
+will die kurzen Monate noch genießen.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -12683,179 +12649,179 @@ Wann denn die Hochzeit sei?
</p>
<p>
-&bdquo;Im Mai!&ldquo; antwortete Adele lachend. Dann schüttelte
-sie den Kopf. &bdquo;Wer weiß es?&ldquo; fügte sie hinzu. &bdquo;Niemand
-weiß es. Seht her, wieviel ich gewonnen habe!
-Ich habe Glück im Spiel! Faites vos jeux, messieurs!&ldquo;
+&bdquo;Im Mai!&ldquo; antwortete Adele lachend. Dann schüttelte
+sie den Kopf. &bdquo;Wer weiß es?&ldquo; fügte sie hinzu. &bdquo;Niemand
+weiß es. Seht her, wieviel ich gewonnen habe!
+Ich habe Glück im Spiel! Faites vos jeux, messieurs!&ldquo;
</p>
<p>
Professor Richter verlor endlich die Geduld. Ja, ein
-merkwürdiger Herr war dieser Herr Grau. Wie eine
-Katze fiel er stets auf die Füße. Nun er zugegeben
-hatte, daß der Mensch vielleicht nichts sei als das letzte
+merkwürdiger Herr war dieser Herr Grau. Wie eine
+Katze fiel er stets auf die Füße. Nun er zugegeben
+hatte, daß der Mensch vielleicht nichts sei als das letzte
Glied einer langen Entwickelungsreihe &mdash; ein Produkt
der Auslese und Zuchtwahl &mdash; nun war alles noch viel
-wunderbarer für ihn. Er bewunderte den feinen Geschmack
-und Instinkt der Wesen, immer das Schönere
-und Zweckmäßigere auszuwählen, er bewunderte das
-Resultat. Nein! Man könne nicht mit ihm diskutieren.
+wunderbarer für ihn. Er bewunderte den feinen Geschmack
+und Instinkt der Wesen, immer das Schönere
+und Zweckmäßigere auszuwählen, er bewunderte das
+Resultat. Nein! Man könne nicht mit ihm diskutieren.
</p>
<p>
Aber nach einer Weile begann Professor Richter
von neuem die Diskussion. Er bearbeitete Grau nach
allen Regeln und von allen Seiten. Die ganze
-moderne Wissenschaft ließ er aufmarschieren. Endlich
+moderne Wissenschaft ließ er aufmarschieren. Endlich
&mdash; ach, endlich!
</p>
<p>
-&bdquo;Nun, verehrter Herr,&ldquo; murmelte er und rieb bedächtig
-die großen fetten Hände aneinander, &bdquo;die
-Schlußfolgerungen sind höchst einfach. Ja, das ist ja
+&bdquo;Nun, verehrter Herr,&ldquo; murmelte er und rieb bedächtig
+die großen fetten Hände aneinander, &bdquo;die
+Schlußfolgerungen sind höchst einfach. Ja, das ist ja
erstaunlich, was Sie nun alles zugegeben haben, haha!
Sie sind ja gar kein solch altmodischer Mensch, Donner
und Doria &mdash; nein, Sie sind ja ganz modern. Und
beschlagen sind Sie ebenfalls, nicht wahr, Doktor, wie
er doch die Literatur kennt, unser Herr Grau! Aber
-nun erlauben Sie, daß ich zusammenfasse! Wenn Sie
-mir all das zugeben und behaupten all das ändere ja
+nun erlauben Sie, daß ich zusammenfasse! Wenn Sie
+mir all das zugeben und behaupten all das ändere ja
<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
-an der Sache nichts &mdash; wenn Sie mir zugeben, daß
+an der Sache nichts &mdash; wenn Sie mir zugeben, daß
die Seele des Menschen aus der Tierseele entstanden
ist, ein Komplex von Gehirnfunktionen &mdash; wenn Sie
-mir das zugeben, wenn Sie mir zugeben, daß jedes
+mir das zugeben, wenn Sie mir zugeben, daß jedes
Empfinden von einem physiologischen Vorgange begleitet
-sein muß &mdash; so erlischt also die Seele &mdash; sie
-hört auf, sie ist fort und verschwunden, in die Binsen
+sein muß &mdash; so erlischt also die Seele &mdash; sie
+hört auf, sie ist fort und verschwunden, in die Binsen
ist sie gegangen &mdash; in dem Augenblicke, da die Blutzirkulation
im Gehirn stockt! Das ist doch logisch,
nicht wahr? Ja, zum Henker, jeder Idiot begreift das.
Aber dann leugnen Sie ja die Unsterblichkeit der Seele,
-haha! Vollständig, mein Verehrter, jawohl &mdash; Sie
+haha! Vollständig, mein Verehrter, jawohl &mdash; Sie
lachen &mdash; aber Sie taten es, gerade vor zwei Minuten.
Prosit! Ja, prosit, Sie sind ein moderner Mensch,
durch und durch, einen Orden sollen Sie haben!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Haben Sie gesehen, daß alle herblickten, als Sie
+&bdquo;Haben Sie gesehen, daß alle herblickten, als Sie
das kleine Wort Unsterblichkeit aussprachen?&ldquo; entgegnete
Grau. &bdquo;Es fiel mir auf. Ja, das nur nebenbei. Was
sagten Sie? Was habe ich doch getan? Aber auf
Ihre Gesundheit, auf die Gesundheit der Damen &mdash;
-gewiß werde ich heute einen Rausch bekommen, so oft
-schenkt mir der liebenswürdige Herr Doktor ein! Ja,
-was habe ich doch nur getan, daß Sie so triumphieren,
-Herr Professor? Triumphieren Sie, bitte, nicht zu früh.
+gewiß werde ich heute einen Rausch bekommen, so oft
+schenkt mir der liebenswürdige Herr Doktor ein! Ja,
+was habe ich doch nur getan, daß Sie so triumphieren,
+Herr Professor? Triumphieren Sie, bitte, nicht zu früh.
Ja trotzdem, trotz alledem glaube ich an die Unsterblichkeit
-der Seele. Ich werde Ihnen nicht mit Gründen
-kommen, denn so unzulänglich meine Worte wären, so
-unwürdig wären Worte diesem Gegenstande. Auch
-finde ich es häßlich, jedes Geheimnis mit einem Worte
-zu vernageln. Wie würde es sich doch ausnehmen,
+der Seele. Ich werde Ihnen nicht mit Gründen
+kommen, denn so unzulänglich meine Worte wären, so
+unwürdig wären Worte diesem Gegenstande. Auch
+finde ich es häßlich, jedes Geheimnis mit einem Worte
+zu vernageln. Wie würde es sich doch ausnehmen,
<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
wollte ich sagen, all die Millionen Schwingungen,
Strahlen, die in jeder Stunde von Ihnen ausgehen
-und ja gewiß fortdauern müssen, sie zusammen &mdash; oder
-die Seele könnte sich irgend eines unbekannten Mediums
-bedienen &mdash; wie häßlich würde das doch klingen und
-nichts sagen obendrein. Nein, meine Herren, ich fühle
-es und ich denke auch, nie hätte ein Mensch diesen
-Gedanken fassen können, niemals, wenn es nicht etwas
-Wahres mit ihm wäre!&ldquo;
+und ja gewiß fortdauern müssen, sie zusammen &mdash; oder
+die Seele könnte sich irgend eines unbekannten Mediums
+bedienen &mdash; wie häßlich würde das doch klingen und
+nichts sagen obendrein. Nein, meine Herren, ich fühle
+es und ich denke auch, nie hätte ein Mensch diesen
+Gedanken fassen können, niemals, wenn es nicht etwas
+Wahres mit ihm wäre!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte und einen Augenblick lang leuchteten
+Grau lächelte und einen Augenblick lang leuchteten
seine Augen wie dunkles Gold.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; wiederholte er, &bdquo;wie hätte doch solch ein
-Gedanke in den menschlichen Kopf kommen können,
-wenn er nicht wahr wäre!&ldquo;
+&bdquo;Ja,&ldquo; wiederholte er, &bdquo;wie hätte doch solch ein
+Gedanke in den menschlichen Kopf kommen können,
+wenn er nicht wahr wäre!&ldquo;
</p>
<p>
-Aber da höre jede Diskussion auf. Herr Grau sei
+Aber da höre jede Diskussion auf. Herr Grau sei
ein ganz modern denkender Mensch, aber sobald man
-gewisse Dinge berühre &mdash; haha!
+gewisse Dinge berühre &mdash; haha!
</p>
<p>
&bdquo;Diese Dinge lassen sich eben nicht diskutieren!&ldquo;
-erklärte Grau lächelnd.
+erklärte Grau lächelnd.
</p>
<p>
-Dr. Nürnberger rollte sich eine Zigarette und sagte:
+Dr. Nürnberger rollte sich eine Zigarette und sagte:
&bdquo;Aber der Mensch hat ja auch den Gedanken der
-Sterblichkeit der Seele fassen können, also muß es auch
+Sterblichkeit der Seele fassen können, also muß es auch
damit eine gewisse Richtigkeit haben.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß,&ldquo; erwiderte Grau, &bdquo;der Irrtum ist verzeihlich,
+&bdquo;Gewiß,&ldquo; erwiderte Grau, &bdquo;der Irrtum ist verzeihlich,
denn wir sehen den Tod stets ringsum und
-es ist auch möglich, daß ein Teil &mdash; jener Teil, Herr
+es ist auch möglich, daß ein Teil &mdash; jener Teil, Herr
Doktor &mdash; der Seele stirbt &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Aber sehen
Sie doch, was ist mit Herrn Eisenhut?&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut nämlich deutete mit dem Zeigefinger auf
-den Tisch und schrie unaufhörlich: &bdquo;Das ist nicht
+Eisenhut nämlich deutete mit dem Zeigefinger auf
+den Tisch und schrie unaufhörlich: &bdquo;Das ist nicht
<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
wahr! Das ist nicht wahr! Ich lasse mir das nicht
bieten!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Er läßt sich das nicht bieten!&ldquo; ahmte der Adjunkt
+&bdquo;Er läßt sich das nicht bieten!&ldquo; ahmte der Adjunkt
Eisenhuts heulende und pfeifende Stimme nach.
</p>
<p>
&bdquo;Bitte, bitte!&ldquo; sagte Adele und lachte gereizt. &bdquo;Herr
-Eisenhut weiß es besser, natürlich!&ldquo;
+Eisenhut weiß es besser, natürlich!&ldquo;
</p>
<p>
Jemand hatte Adele grausam genannt, weil sie
-Eisenhut soviel Geld abnähme. Sie hatte ganze Rollen
-von Geld vor sich liegen. Man könne doch sehen, daß
+Eisenhut soviel Geld abnähme. Sie hatte ganze Rollen
+von Geld vor sich liegen. Man könne doch sehen, daß
Eisenhut es aufs Verlieren anlege.
</p>
<p>
&bdquo;Er mag spielen, wie er will!&ldquo; antwortete Adele
lachend. &bdquo;Wenn es ihm Freude macht zu verlieren, so
-mag er ruhig verlieren. Ich für meine Person freue
+mag er ruhig verlieren. Ich für meine Person freue
mich, wenn ich gewinne, und ich freue mich, wenn jemand
verliert. Wer hat mich doch grausam genannt? Sie,
-Herr Assistent Pechmann? Danke! &mdash; Ja,&ldquo; fügte sie
-in scherzendem Tone hinzu, &bdquo;gewissermaßen haben Sie
+Herr Assistent Pechmann? Danke! &mdash; Ja,&ldquo; fügte sie
+in scherzendem Tone hinzu, &bdquo;gewissermaßen haben Sie
recht, ich bin vielleicht grausam. Zum Beispiel, ich hasse
-die Kranken und die Krüppel, ob sie nun bucklig sind
+die Kranken und die Krüppel, ob sie nun bucklig sind
oder hinken, einerlei, und oft denke ich, man sollte sie
-eigentlich vergiften, das beste wäre es! Ist das nicht
+eigentlich vergiften, das beste wäre es! Ist das nicht
grausam? Und dann, schon als Kind war ich recht unangenehm,
ich habe meine Amme in die Nase gebissen
-und später liebte ich es, den Mücken den Kopf abzureißen
+und später liebte ich es, den Mücken den Kopf abzureißen
&mdash;&ldquo;
</p>
<p>
Sie sagte es in scherzendem Tone und gab dabei die
Karten; niemand beachtete es weiter, aber Eisenhut begann
-plötzlich sich ganz unsinnig zu gebärden.
+plötzlich sich ganz unsinnig zu gebärden.
</p>
<p>
&bdquo;Das ist nicht wahr.&ldquo; schrie er und pochte auf
-den Tisch. Gelächter.
+den Tisch. Gelächter.
</p>
<p>
@@ -12865,56 +12831,56 @@ Augen auf ihn.
</p>
<p>
-Eisenhut schrie: &bdquo;Niemals haben Sie Mücken die
-Köpfe abgerissen, das ist eine Lüge. Ich habe es in
+Eisenhut schrie: &bdquo;Niemals haben Sie Mücken die
+Köpfe abgerissen, das ist eine Lüge. Ich habe es in
einem Buche gelesen!&ldquo;
</p>
<p>
-Jemand fragte, ob er denn überhaupt je ein Buch
+Jemand fragte, ob er denn überhaupt je ein Buch
gelesen habe?
</p>
<p>
-Der Redakteur streckte beide Hände gegen Eisenhut
+Der Redakteur streckte beide Hände gegen Eisenhut
aus: &bdquo;Friede sei mit dir!&ldquo; Aber der dicke Chinese schob
-ihn zur Seite und faßte Eisenhut an der Schulter.
+ihn zur Seite und faßte Eisenhut an der Schulter.
&bdquo;Eisenhut!&ldquo; rief er. &bdquo;Ruhig, oder du fliegst hinaus!
-Du brauchst Damen lügen zu strafen! Eine Dame lügt
-nie! Verstanden, du Erzlügner!&ldquo; Ja, die Damen müßten
+Du brauchst Damen lügen zu strafen! Eine Dame lügt
+nie! Verstanden, du Erzlügner!&ldquo; Ja, die Damen müßten
den unangenehmen Zwischenfall entschuldigen.
</p>
<p>
Eisenhut machte sich frei und erhob sich. Er war
-weiß wie eine getünchte Wand. Er atmete tief und
-versuchte zu lächeln. Seine Lippen zitterten, das Haar
-klebte an seiner Stirn. Er ließ die Augen im Kreise
+weiß wie eine getünchte Wand. Er atmete tief und
+versuchte zu lächeln. Seine Lippen zitterten, das Haar
+klebte an seiner Stirn. Er ließ die Augen im Kreise
umherirren, von einem zum andern, und seine Lippen
-bebten stärker: Feinde, lauter Feinde!
+bebten stärker: Feinde, lauter Feinde!
</p>
<p>
&bdquo;Wie sagen Sie?&ldquo; sagte er, stotterte er. &bdquo;Ich stehe &mdash;
-ja, was soll das heißen &mdash; was soll das heißen! frage
-ich?&ldquo; Er rang die Hände und alle sahen ihm zu, wie
-zu einem Schauspiel. &bdquo;Was soll das heißen,&ldquo; fuhr er
+ja, was soll das heißen &mdash; was soll das heißen! frage
+ich?&ldquo; Er rang die Hände und alle sahen ihm zu, wie
+zu einem Schauspiel. &bdquo;Was soll das heißen,&ldquo; fuhr er
zitternd und bleich fort. &bdquo;Ich bin wohl kein Mensch?
-Alles was recht ist &mdash; es ist zuviel! Erzlügner? Wie &mdash;
+Alles was recht ist &mdash; es ist zuviel! Erzlügner? Wie &mdash;
alles was recht ist &mdash; Sie &mdash; Sie haben &mdash; dieser
-Doktor dort, Herr Dr. Nürnberger &mdash; er hat Herrn
-Grau heraufgelockt. Dr. Nürnberger ist gegangen
+Doktor dort, Herr Dr. Nürnberger &mdash; er hat Herrn
+Grau heraufgelockt. Dr. Nürnberger ist gegangen
um Herrn Grau heraufzuholen, wir wollen ihm die
<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-Würmer aus der Nase ziehen, er sagte es, Professor
-Richter &mdash; es wäre ein Vergnügen, zum Scherz ein
-Gespräch mit ihm anzufangen &mdash; er hat es gesagt. Alles
-lügt hier, alles macht sich lustig hier, so ist es. Eine
-Dame lügt nie? Er sagt es, hier, Herr Professor Richter,
-aber vorhin hat er gesagt, jede Frau wäre ein Sack
-voll Lügen und die Frauen lügen so, daß sie sogar manchmal
-die Wahrheit sagen. Ich habe es gehört, alle haben
-es gehört &mdash;&ldquo;
+Würmer aus der Nase ziehen, er sagte es, Professor
+Richter &mdash; es wäre ein Vergnügen, zum Scherz ein
+Gespräch mit ihm anzufangen &mdash; er hat es gesagt. Alles
+lügt hier, alles macht sich lustig hier, so ist es. Eine
+Dame lügt nie? Er sagt es, hier, Herr Professor Richter,
+aber vorhin hat er gesagt, jede Frau wäre ein Sack
+voll Lügen und die Frauen lügen so, daß sie sogar manchmal
+die Wahrheit sagen. Ich habe es gehört, alle haben
+es gehört &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
@@ -12923,56 +12889,56 @@ Alle Teufel! Ruhe!
<p>
Aber Eisenhut schrie nur um so lauter. &bdquo;Das lasse
-ich mir nicht bieten. Erzlügner? Muß ich mir denn &mdash;&ldquo;
+ich mir nicht bieten. Erzlügner? Muß ich mir denn &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Hören Sie mal! Eisenhut!&ldquo; sagte Professor Richter
-und faßte Eisenhuts Arm. Aber Eisenhut stieß ihn
-zurück, er stieg auf das Sofa.
+&bdquo;Hören Sie mal! Eisenhut!&ldquo; sagte Professor Richter
+und faßte Eisenhuts Arm. Aber Eisenhut stieß ihn
+zurück, er stieg auf das Sofa.
</p>
<p>
&bdquo;Es hat gar keinen Sinn!&ldquo; sagte er. &bdquo;Gar keinen
-Sinn &mdash; Fräulein von Hennenbach hat mich verhöhnt &mdash;
+Sinn &mdash; Fräulein von Hennenbach hat mich verhöhnt &mdash;
vor allen Leuten &mdash; ich habe aber hundert Mark bezahlt
-für ein Glas Sekt &mdash; sie hat mir nicht einmal die Hand
+für ein Glas Sekt &mdash; sie hat mir nicht einmal die Hand
gegeben &mdash; dann zerbrach ich ein Glas &mdash; Ja, ich kam
hierher und freute mich. Ich freute mich so sehr. Ich
war allen dankbar, euch allen &mdash; aber wie begann es.
Es begann mit den hundert Mark! Ich hasse euch
-alle, alle! Ich hasse euch, ihr Hunde und Lügner! Und
-auch Sie hasse ich, Fräulein von Hennenbach &mdash; mehr
+alle, alle! Ich hasse euch, ihr Hunde und Lügner! Und
+auch Sie hasse ich, Fräulein von Hennenbach &mdash; mehr
als alle! Bin ich geizig, bin ich schmutzig, ich? Wie?
Ihr alle seid mir Geld schuldig, sechzehntausend Mark
seid ihr mir alle zusammen schuldig &mdash; bin ich geizig?
Ihr lacht?!&ldquo; Er fuhr rasch in die Tasche und zog den
Pack Banknoten heraus. &bdquo;Es ist mir alles einerlei &mdash;
<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-hier, ich zerreiße das Geld &mdash; alles, alles &mdash; nehmt
+hier, ich zerreiße das Geld &mdash; alles, alles &mdash; nehmt
es, ihr Bettler! &mdash; ich hasse euch!&ldquo;
</p>
<p>
-Man schrie, lachte und stieß Eisenhut vom Sofa
+Man schrie, lachte und stieß Eisenhut vom Sofa
herunter.
</p>
<p>
Adele sagte: &bdquo;Lassen Sie ihn doch! Er klebt die
-Stücke ja morgen doch wieder zusammen.&ldquo;
+Stücke ja morgen doch wieder zusammen.&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut richtete die Blicke auf sie. Er schloß einen
+Eisenhut richtete die Blicke auf sie. Er schloß einen
Augenblick lang die Augen und hatte das Aussehen
-eines Menschen, der das Gefühl hat, in die Tiefe zu
-stürzen. Er legte auch die Hände auf den Tisch um
-sich zu stützen.
+eines Menschen, der das Gefühl hat, in die Tiefe zu
+stürzen. Er legte auch die Hände auf den Tisch um
+sich zu stützen.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie sagen das!&ldquo; sagte er mit böse funkelnden Augen.
+&bdquo;Sie sagen das!&ldquo; sagte er mit böse funkelnden Augen.
&bdquo;Sie! Nach all dem was vorgefallen ist!&ldquo;
</p>
@@ -12982,19 +12948,19 @@ erbleichte.
</p>
<p>
-Eisenhut machte eine verzweifelte Gebärde. Er blickte
-Adele an und plötzlich änderte sich der Ausdruck seines
-Gesichtes vollständig. Er errötete und wurde wieder
-bleich. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er rang
-die Hände und schrie: &bdquo;Ich bin schlecht, schlecht, ich
+Eisenhut machte eine verzweifelte Gebärde. Er blickte
+Adele an und plötzlich änderte sich der Ausdruck seines
+Gesichtes vollständig. Er errötete und wurde wieder
+bleich. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er rang
+die Hände und schrie: &bdquo;Ich bin schlecht, schlecht, ich
bin &mdash; seht alle her, wie schlecht ich bin! Ja, bei Gott,
-bei allen Göttern, verzeihen Sie mir, Fräulein von Hennenbach!
+bei allen Göttern, verzeihen Sie mir, Fräulein von Hennenbach!
Ha! Oh, was habe ich gesagt! Was habe ich
-gesagt? Was sollte denn vorgefallen sein? Daß Sie
+gesagt? Was sollte denn vorgefallen sein? Daß Sie
freundlich zu mir waren und mich einluden zum Tennis?
-Jeder weiß, daß nichts vorgefallen ist. Ich beleidigte
-Sie &mdash; ich wollte Sie beleidigen, das ist es! Sie müssen
-es vergessen. Sie haben recht, ich habe ja schon öfters
+Jeder weiß, daß nichts vorgefallen ist. Ich beleidigte
+Sie &mdash; ich wollte Sie beleidigen, das ist es! Sie müssen
+es vergessen. Sie haben recht, ich habe ja schon öfters
Banknoten zerrissen und wieder zusammengeklebt. Sie
sagten die Wahrheit &mdash; ja, bei Gott &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -13006,8 +12972,8 @@ sagten die Wahrheit &mdash; ja, bei Gott &mdash;&ldquo;
<p>
Eisenhut blickte ihn an und suchte mit seinen glitzernden
-verzweifelten Blicken in Graus Augen. Dann lächelte
-er spöttisch. &bdquo;Herr Eisenhut &mdash; ich bitte recht sehr!&ldquo;
+verzweifelten Blicken in Graus Augen. Dann lächelte
+er spöttisch. &bdquo;Herr Eisenhut &mdash; ich bitte recht sehr!&ldquo;
sagte er und deutete auf den Tisch. &bdquo;Euch allen sage
ich &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -13023,7 +12989,7 @@ ruhig zu sein.
<p>
Der dicke Chinese umklammerte Eisenhuts Arm und
-sagte: &bdquo;Jetzt bist du ruhig, du bist ja vollständig betrunken!&ldquo;
+sagte: &bdquo;Jetzt bist du ruhig, du bist ja vollständig betrunken!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -13041,30 +13007,30 @@ Alle Wetter! Ruhe!
</p>
<p>
-Der Chinese sprang zurück und besann sich einen
-Augenblick. Er blickte auf die Mädchen, dann lachte
-er wütend.
+Der Chinese sprang zurück und besann sich einen
+Augenblick. Er blickte auf die Mädchen, dann lachte
+er wütend.
</p>
<p>
-Eisenhut aber schrie: &bdquo;Haben Sie gehört, Sie Schuft
-und Heuchler! Haben Sie es gehört? Oder sind Sie
+Eisenhut aber schrie: &bdquo;Haben Sie gehört, Sie Schuft
+und Heuchler! Haben Sie es gehört? Oder sind Sie
zu feige, wie, wie, wie?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich nehme die Forderung mit Vergnügen an!&ldquo; sagte
+&bdquo;Ich nehme die Forderung mit Vergnügen an!&ldquo; sagte
der Chinese und verbeugte sich vor Eisenhut. &bdquo;Auf Kanonen
-oder Pistolen, wie Sie wünschen!&ldquo;
+oder Pistolen, wie Sie wünschen!&ldquo;
</p>
<p>
-Man nötigte Eisenhut sich zu setzen. &bdquo;Er nimmt
+Man nötigte Eisenhut sich zu setzen. &bdquo;Er nimmt
sie ja an, schreie nicht so!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß nehme ich die Forderung eines jeden Gentleman
+&bdquo;Gewiß nehme ich die Forderung eines jeden Gentleman
an!&ldquo; sagte Professor Richter mit ruhiger Stimme.
<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
&bdquo;Aber Sie erlauben mir eine Frage, wo haben Sie Ihre
@@ -13079,34 +13045,34 @@ Taschen.
<p>
&bdquo;Als Offizier der Reserve und ehemaliger Korpsstudent
bin ich dem Ehrenkodex unterworfen. Ich bitte
-Herrn Eisenhut um sein Universitätsmatrikel.&ldquo;
+Herrn Eisenhut um sein Universitätsmatrikel.&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut öffnete den Mund und starrte dem Chinesen
+Eisenhut öffnete den Mund und starrte dem Chinesen
ins Gesicht.
</p>
<p>
-Man lächelte und lachte ringsum.
+Man lächelte und lachte ringsum.
</p>
<p>
&bdquo;Ich sehe, Sie haben die Matrikel nicht in der Tasche,
wer sollte sie auch immer mit sich herumschleppen,&ldquo;
-fuhr der dicke Chinese in aller Ruhe fort. &bdquo;Natürlich bin
+fuhr der dicke Chinese in aller Ruhe fort. &bdquo;Natürlich bin
ich kein Pedant. Ich will Ihnen nur eine einzige Frage
-vorlegen, eine kleine Prüfung gewissermaßen. Wir kennen
-einander und können auf schriftliche Ausweise verzichten.
-Übersetzen Sie mir den bekannten Satz: Quae medicamenta
+vorlegen, eine kleine Prüfung gewissermaßen. Wir kennen
+einander und können auf schriftliche Ausweise verzichten.
+Übersetzen Sie mir den bekannten Satz: Quae medicamenta
non sanant, ferrum sanat, quae ferrum non
-sanat, ignis sanat. Bitte!&ldquo; Er stand mit den Fäusten
-in den Hüften und schnarrte die Sentenz herunter, daß
+sanat, ignis sanat. Bitte!&ldquo; Er stand mit den Fäusten
+in den Hüften und schnarrte die Sentenz herunter, daß
es rasselte.
</p>
<p>
-Eisenhuts Blick flackerte. Er errötete, er erblaßte, er
+Eisenhuts Blick flackerte. Er errötete, er erblaßte, er
blickte scheu auf Adele, ohne den Mut zu haben, sie
anzusehen.
</p>
@@ -13116,7 +13082,7 @@ anzusehen.
</p>
<p>
-&bdquo;Ein bekanntes Sprüchlein von Hippokrates,&ldquo; schnarrte
+&bdquo;Ein bekanntes Sprüchlein von Hippokrates,&ldquo; schnarrte
der Chinese. &bdquo;Das ist nicht zuviel verlangt.&ldquo;
</p>
@@ -13125,29 +13091,29 @@ der Chinese. &bdquo;Das ist nicht zuviel verlangt.&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut sank auf das Sofa zurück.
+Eisenhut sank auf das Sofa zurück.
</p>
<p>
-Es war ganz still und plötzlich hörte man Grau
+Es war ganz still und plötzlich hörte man Grau
<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
lachen; er lachte heiter, belustigt, und noch niemals
-hatte man dieses Lachen von ihm gehört.
+hatte man dieses Lachen von ihm gehört.
</p>
<p>
-Er faßte Eisenhut am Arm und sagte: &bdquo;Herr Eisenhut!
+Er faßte Eisenhut am Arm und sagte: &bdquo;Herr Eisenhut!
Fallen Sie doch auf den albernen Scherz dieses
Herrn hier nicht herein!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Fort!&ldquo; sagte Eisenhut. &bdquo;Fort! Hinweg!&ldquo; Er stieß
-ihn zurück.
+&bdquo;Fort!&ldquo; sagte Eisenhut. &bdquo;Fort! Hinweg!&ldquo; Er stieß
+ihn zurück.
</p>
<p>
-&bdquo;Guten Abend!&ldquo; Grau verließ das Zimmer.
+&bdquo;Guten Abend!&ldquo; Grau verließ das Zimmer.
</p>
<p>
@@ -13161,32 +13127,32 @@ zu allen. &bdquo;Ich sage nicht mehr als leben Sie wohl!&ldquo;
<p>
Eisenhut fixierte ihn und der dicke Chinese brach in
-lautes Gelächter aus.
+lautes Gelächter aus.
</p>
<p>
-Eisenhut schwankte zur Türe. Die Tanzmusik drang
-herein; man tanzte Française und Bezirksamtmann Häberlein
-rief mit lauter Stimme französische Kommandos.
+Eisenhut schwankte zur Türe. Die Tanzmusik drang
+herein; man tanzte Française und Bezirksamtmann Häberlein
+rief mit lauter Stimme französische Kommandos.
Er wandte den Blick auf Adele und sagte, indem er
-den Kopf senkte: &bdquo;Leben auch Sie wohl, Fräulein von
-Hennenbach! Leben Sie wohl für immer!&ldquo;
+den Kopf senkte: &bdquo;Leben auch Sie wohl, Fräulein von
+Hennenbach! Leben Sie wohl für immer!&ldquo;
</p>
<p>
Adeles Lippen zuckten. Das sei das beste, was er
-tun könne.
+tun könne.
</p>
<p>
-Eisenhut lachte verzweifelt und verließ das Zimmer.
+Eisenhut lachte verzweifelt und verließ das Zimmer.
Er taumelte, immerzu verzweifelt lachend, den Korridor
entlang, er ging die Treppen hinab und lachte immerzu
dasselbe verzweifelte Lachen.
</p>
<p>
-Grau verließ vor ihm, dicht vor ihm, das Hotel
+Grau verließ vor ihm, dicht vor ihm, das Hotel
und verschwand in der Richtung nach seinem Hause.
</p>
@@ -13196,29 +13162,29 @@ und verschwand in der Richtung nach seinem Hause.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>isenhut lief so schnell ihn die Füße trugen über
-den Marktplatz, und sein gelbes chinesisches Kostüm
-flatterte die Straße hinunter, die zum Flusse führte.
+<span class="firstchar">E</span>isenhut lief so schnell ihn die Füße trugen über
+den Marktplatz, und sein gelbes chinesisches Kostüm
+flatterte die Straße hinunter, die zum Flusse führte.
</p>
<p>
Es schneite fein; kleine Flocken, einzelne Kristalle
gleichsam, fielen langsam und flimmernd herab und bedeckten
-den Boden mit einer sanften dünnen Schicht
-weißen Schnees.
+den Boden mit einer sanften dünnen Schicht
+weißen Schnees.
</p>
<p>
-Eisenhut überschritt mit großen flüchtigen Schritten
-die Steinbrücke und wo die Felder anfingen, begann
-er wieder zu laufen. Hier außen war die Nacht kalt
-und schwarz und der Wind hauchte über die Ebene.
-Eisenhuts dunkle Gestalt erschien auf einer Anhöhe, verschwand
-wieder, tauchte als Schatten auf dem nächsten
-Hügel auf und wurde kleiner und kleiner mit jeder
+Eisenhut überschritt mit großen flüchtigen Schritten
+die Steinbrücke und wo die Felder anfingen, begann
+er wieder zu laufen. Hier außen war die Nacht kalt
+und schwarz und der Wind hauchte über die Ebene.
+Eisenhuts dunkle Gestalt erschien auf einer Anhöhe, verschwand
+wieder, tauchte als Schatten auf dem nächsten
+Hügel auf und wurde kleiner und kleiner mit jeder
Bodenwelle. Er lief wahnsinnig rasch und bald erschien
-es als ob ein Hund oder ein Fuchs sich rasch über die
-öde nächtige Ebene bewege und endlich im Düster verschwände.
+es als ob ein Hund oder ein Fuchs sich rasch über die
+öde nächtige Ebene bewege und endlich im Düster verschwände.
Seine Spuren schrieben eine ungeheure Kurve
in den beschneiten Grund. Endlich wurden sie schnurgerade,
sie liefen wie mit dem Lineal gezogen ferner und
@@ -13226,32 +13192,32 @@ ferner in die Ebene hinein.
</p>
<p>
-Eisenhut lief und lief, bis er erschöpft in den Schnee
+Eisenhut lief und lief, bis er erschöpft in den Schnee
fiel und sich nicht wieder erhob.
</p>
<p>
-Der Wind blies dicht über die Erde und feiner Schneestaub
+Der Wind blies dicht über die Erde und feiner Schneestaub
bereifte seine Kleider, seine Haare, seinen Bart.
-Er füllte die Falten seiner Kleider, die Vertiefungen
-zwischen Armen und Körper und errichtete einen kleinen
+Er füllte die Falten seiner Kleider, die Vertiefungen
+zwischen Armen und Körper und errichtete einen kleinen
Wall auf der einen Seite, der Wind blies und drehte
<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
sich im Kreise und begann die Arbeit auf der andern
-Seite. Bald lag er halb zugeweht in der öden lautlosen
+Seite. Bald lag er halb zugeweht in der öden lautlosen
Ebene .&nbsp;.&nbsp;.
</p>
<p>
-Als Eisenhut wieder die Augen öffnete, wußte er
+Als Eisenhut wieder die Augen öffnete, wußte er
nicht sofort, was vorgefallen war. Er zwinkerte und
-der Schnee fiel von seinen Lidern, er schüttelte den Kopf
+der Schnee fiel von seinen Lidern, er schüttelte den Kopf
und der Schnee fiel aus seinen Haaren. Ein Mann kniete
-bei ihm, schüttelte ihn, rieb, klopfte.
+bei ihm, schüttelte ihn, rieb, klopfte.
</p>
<p>
-Eisenhut starrte ihn mit blöden Augen an. Er erkannte
+Eisenhut starrte ihn mit blöden Augen an. Er erkannte
Grau.
</p>
@@ -13260,12 +13226,12 @@ Grau.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>isenhut und Grau kamen rasch über die Brücke gegangen.
-Eisenhut war in Graus Mantel eingehüllt
-und hatte Graus Hut auf dem Kopfe, er gab sich Mühe
+<span class="firstchar">E</span>isenhut und Grau kamen rasch über die Brücke gegangen.
+Eisenhut war in Graus Mantel eingehüllt
+und hatte Graus Hut auf dem Kopfe, er gab sich Mühe
Grau zu folgen, der zur Eile trieb. Er zitterte und die
-Kälte schüttelte ihn am ganzen Körper. Zuweilen weinte
-er leise vor Erschöpfung.
+Kälte schüttelte ihn am ganzen Körper. Zuweilen weinte
+er leise vor Erschöpfung.
</p>
<p>
@@ -13275,65 +13241,65 @@ Sie mich finden, wie soll das ein Mensch begreifen?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Das ist sehr einfach, Herr Eisenhut.
+Grau lächelte. &bdquo;Das ist sehr einfach, Herr Eisenhut.
Ich habe gesehen, was vorfiel. Sie waren sehr erregt
-und deshalb folgte ich Ihnen. Das war kein Kunststück,
+und deshalb folgte ich Ihnen. Das war kein Kunststück,
ich konnte ja Ihre Spuren im Schnee sehen. So
-einfach ist das. Nur vorwärts!&ldquo;
+einfach ist das. Nur vorwärts!&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut nickte, er lächelte und schüttelte den Kopf.
-&bdquo;Ich habe von einem großen Feuer geträumt,&ldquo; sagte er,
+Eisenhut nickte, er lächelte und schüttelte den Kopf.
+&bdquo;Ich habe von einem großen Feuer geträumt,&ldquo; sagte er,
<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
-&bdquo;daran wärmte ich mich &mdash; ein helles, großes Feuer.
-Ich streckte die Hände hinein. Nun fällt mir alles ein &mdash;
+&bdquo;daran wärmte ich mich &mdash; ein helles, großes Feuer.
+Ich streckte die Hände hinein. Nun fällt mir alles ein &mdash;
oh, wie schrecklich, ich hatte so furchtbar getrunken!
-Das große Feuer schrie meinen Namen. Eisenhut, schrie
+Das große Feuer schrie meinen Namen. Eisenhut, schrie
es, tanze, tanze! Ich tanzte und das Feuer lachte &mdash;
hahaha &mdash; Eisenhut tanze! &mdash; da waren Sie es, der
-mich schüttelte! Nun fällt mir alles ein, ich bin nicht
+mich schüttelte! Nun fällt mir alles ein, ich bin nicht
mehr betrunken &mdash; ich lief im Schnee, durch den Schnee
&mdash; haha &mdash; ich wollte sterben, ja, aber nun lebe ich
-noch. Ich wollte sterben, als ich zur Brücke hinabrannte.
-Stürze dich ins Wasser, kopfüber &mdash; kopfüber,
-genau so dachte ich, kopfüber &mdash; aber das Wasser in
+noch. Ich wollte sterben, als ich zur Brücke hinabrannte.
+Stürze dich ins Wasser, kopfüber &mdash; kopfüber,
+genau so dachte ich, kopfüber &mdash; aber das Wasser in
der Mitte des Flusses glitzerte so kalt &mdash; all das Eis &mdash;
vielleicht unter dem Eise schwimmen &mdash; niemals &mdash; ich
lief weiter. Ich lief und warf mich in den Schnee, auf
-einer Anhöhe, da lag ich und es wurde kalt und ich
-fühlte wie ich einschlief. Nein! Ich sprang auf. Ich
+einer Anhöhe, da lag ich und es wurde kalt und ich
+fühlte wie ich einschlief. Nein! Ich sprang auf. Ich
hatte alle Lust zum Sterben verloren. Sterben, warum?
-Aber ich konnte ja doch nicht mehr zurückgehen, konnte
+Aber ich konnte ja doch nicht mehr zurückgehen, konnte
ich mich denn wieder sehen lassen? Ich hatte ja Abschied
-genommen &mdash; hatte ein großes Geschrei gemacht &mdash;
-also mußte ich wohl oder übel sterben. Das ist kein
-Vergnügen, das ist ein schauderhaftes Gefühl, sterben
-zu müssen und nicht zu wollen. Ich lief in die Nacht
-hinein, vorwärts, fort und schrie: Du bist zum Tode
+genommen &mdash; hatte ein großes Geschrei gemacht &mdash;
+also mußte ich wohl oder übel sterben. Das ist kein
+Vergnügen, das ist ein schauderhaftes Gefühl, sterben
+zu müssen und nicht zu wollen. Ich lief in die Nacht
+hinein, vorwärts, fort und schrie: Du bist zum Tode
verurteilt, Eisenhut &mdash; es geschieht dir recht &mdash; zum
Tode bist du verurteilt. Dieser Professor mit seinem
Duell &mdash; ich hatte mich verabschiedet &mdash; von allen &mdash;
-lebewohl für immer &mdash; also vorwärts, vorwärts! Wie
-ich doch gefroren habe &mdash; eine fürchterliche Kälte &mdash; ich
+lebewohl für immer &mdash; also vorwärts, vorwärts! Wie
+ich doch gefroren habe &mdash; eine fürchterliche Kälte &mdash; ich
<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
lief um warm zu werden. Ich wollte auch nicht mehr
denken. Du bist zum Tode verurteilt, sagte ich und
-hatte wahnsinnige Angst. Ich wurde müde und setzte
-mich in den Schnee &mdash; nur ein bißchen ausruhen, ein
+hatte wahnsinnige Angst. Ich wurde müde und setzte
+mich in den Schnee &mdash; nur ein bißchen ausruhen, ein
klein wenig &mdash; aber ich hatte furchtbare Angst. Ich
-wurde schläfrig und alles wurde mir gleichgültig. Einerlei,
+wurde schläfrig und alles wurde mir gleichgültig. Einerlei,
einerlei, sagte ich, es geht dahin mit dir, Eisenhut,
-in die Hölle hinein. Ich lachte. Ich hatte eine Menge
-von Gedanken &mdash; wie ich im Schnee liegen würde, lang
+in die Hölle hinein. Ich lachte. Ich hatte eine Menge
+von Gedanken &mdash; wie ich im Schnee liegen würde, lang
und steif &mdash; man wird dich finden, dachte ich. Alle
-würden es erfahren &mdash; man hat ihn gefunden &mdash; alle,
-aber nein, jetzt war nichts mehr zu ändern &mdash; es konnte
-ihnen leid tun &mdash; es war nichts mehr zu ändern, haha!
-Dann würde ich beerdigt werden und Sie &mdash; Sie werden
+würden es erfahren &mdash; man hat ihn gefunden &mdash; alle,
+aber nein, jetzt war nichts mehr zu ändern &mdash; es konnte
+ihnen leid tun &mdash; es war nichts mehr zu ändern, haha!
+Dann würde ich beerdigt werden und Sie &mdash; Sie werden
die Rede halten. Ich dachte an alles und auch daran,
-daß die jungen Damen vom Tennisklub kämen. Aber
-da kam die Angst zurück. Nein! Ich werde nicht sterben.
+daß die jungen Damen vom Tennisklub kämen. Aber
+da kam die Angst zurück. Nein! Ich werde nicht sterben.
Ich hatte <a id="corr-19"></a>Angst! Wie dumm nicht zu wissen, was
morgen ist. Nicht zu wissen, wie das und jenes enden
wird &mdash; schon aus Neugierde konnte ich ja nicht sterben.
@@ -13341,30 +13307,30 @@ Nein, nein &mdash; hihihi! Du gehst nach Hause, stellst dich
ans Fenster und lachst, ja! Alles ist einerlei! Also ging
ich nach Hause, ich rannte &mdash; im Nu war ich zu Hause &mdash;
ah, ich war ja gar nicht weit gegangen gewesen &mdash; in
-meinem Zimmer saß eine Katze. Ich machte ein großes
-Feuer und setzte mich davor und wärmte mich &mdash; und
-ich vergaß alles, fühlte mich so wohl &mdash; aber plötzlich
+meinem Zimmer saß eine Katze. Ich machte ein großes
+Feuer und setzte mich davor und wärmte mich &mdash; und
+ich vergaß alles, fühlte mich so wohl &mdash; aber plötzlich
erwachte ich, ich richtete mich auf: Da lag ich ja im
Schnee! Ich war gar nicht zu Hause? Das ist ja schrecklich,
sagte ich mir, und zitterte und konnte nicht denken.
<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
Du bist ja gar nicht zu Hause. Bei allen Teufeln in
-der Hölle! Das ist toll, sagte ich, das ist &mdash; ich kroch
-ein wenig vorwärts, ich stand auf &mdash; ich laufe wieder
-&mdash; ich glaube immerzu zu laufen, ich sehe die Brückenlampe
+der Hölle! Das ist toll, sagte ich, das ist &mdash; ich kroch
+ein wenig vorwärts, ich stand auf &mdash; ich laufe wieder
+&mdash; ich glaube immerzu zu laufen, ich sehe die Brückenlampe
&mdash; ich erwache wieder und finde mich wieder im
Schnee. Das ist entsetzlich! sage ich und schreie.&ldquo; &mdash;
-Hier begann Eisenhut wieder vor Erschöpfung leise zu
+Hier begann Eisenhut wieder vor Erschöpfung leise zu
weinen. &mdash; &bdquo;Ich laufe und glaube ich laufe nach Hause
und immer, immer finde ich mich wieder im Schnee.
Da verzweifelte ich, ich schrie, ich schrie &mdash; aber ich
-hörte nicht mehr, ich hörte mich nicht schreien &mdash; ich
+hörte nicht mehr, ich hörte mich nicht schreien &mdash; ich
lief, lief, lief &mdash; oh, wie schrecklich lief ich doch &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut lachte und weinte in einem und Grau hörte
-wie seine Zähne klapperten.
+Eisenhut lachte und weinte in einem und Grau hörte
+wie seine Zähne klapperten.
</p>
<p>
@@ -13377,7 +13343,7 @@ abend, ich wollte &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Der &bdquo;weiße Elefant&ldquo; war noch immer hell beleuchtet,
+Der &bdquo;weiße Elefant&ldquo; war noch immer hell beleuchtet,
die Musik wiegte sich in der Ferne, Lachen
und Singen drang aus dem Torweg. Eisenhut hielt
sich die Ohren zu.
@@ -13386,7 +13352,7 @@ sich die Ohren zu.
<p>
&bdquo;Ich darf doch ein wenig mit Ihnen eintreten?&ldquo;
sagte Grau. &bdquo;Nur, bis Sie ganz in Ordnung sind,
-Herr Eisenhut.&ldquo; Er sah Eisenhut lächelnd ins Gesicht.
+Herr Eisenhut.&ldquo; Er sah Eisenhut lächelnd ins Gesicht.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-2-8">
@@ -13395,19 +13361,19 @@ Herr Eisenhut.&ldquo; Er sah Eisenhut lächelnd ins Gesicht.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>isenhut nahm eine demütige Haltung an. Er nickte
-und schloß die fleckige Tür mit dem kleinen Guckfensterchen
-auf. Er verneigte sich und sagte mit demütigen
-Augen und einer linkischen, rührenden Handbewegung:
+<span class="firstchar">E</span>isenhut nahm eine demütige Haltung an. Er nickte
+und schloß die fleckige Tür mit dem kleinen Guckfensterchen
+auf. Er verneigte sich und sagte mit demütigen
+Augen und einer linkischen, rührenden Handbewegung:
&bdquo;Treten Sie ein in mein Haus!&ldquo;
</p>
<p>
Im Hause war es ganz dunkel und es roch dumpf
und feucht wie in einem Keller. Etwas raschelte und
-sprang über Graus Füße. &bdquo;Es gibt Ratten hier, deshalb
+sprang über Graus Füße. &bdquo;Es gibt Ratten hier, deshalb
bewohne ich den ersten Stock,&ldquo; sagte Eisenhut und
-zündete eine kleine Talgkerze an.
+zündete eine kleine Talgkerze an.
</p>
<p>
@@ -13419,12 +13385,12 @@ waren.
<p>
Grau nickte. Ich bin aber noch nie in diesem Hause
gewesen, dachte er und starrte die Figur an. Er war
-wie betäubt.
+wie betäubt.
</p>
<p>
-Eisenhut öffnete unterdessen ein hohes eisernes Gitter,
-das das Treppenhaus abschloß. &bdquo;Eine alte Figur, die
+Eisenhut öffnete unterdessen ein hohes eisernes Gitter,
+das das Treppenhaus abschloß. &bdquo;Eine alte Figur, die
ich auf dem Speicher fand. Bitte!&ldquo;
</p>
@@ -13433,49 +13399,49 @@ ich auf dem Speicher fand. Bitte!&ldquo;
</p>
<p>
-Kaum hatte Grau einen Fuß auf die Stufen gesetzt,
-als es im ganzen Hause schrill zu läuten begann.
+Kaum hatte Grau einen Fuß auf die Stufen gesetzt,
+als es im ganzen Hause schrill zu läuten begann.
&bdquo;Das sind Alarmglocken. Ich wohne ganz allein im
Hause.&ldquo;
</p>
<p>
Vor Eisenhuts Zimmern im ersten Stock stand ein
-kleines braunes Hündchen mit einem Backenbart wie
-ein Oberkellner, und wedelte vergnügt mit dem Schweife
+kleines braunes Hündchen mit einem Backenbart wie
+ein Oberkellner, und wedelte vergnügt mit dem Schweife
und streckte die Zunge heraus.
</p>
<p>
<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
-&bdquo;Sehen Sie her!&ldquo; sagte Eisenhut und schüttelte den
-Kopf. &bdquo;Solch ein Hund!&ldquo; Er stampfte mit dem Fuße
+&bdquo;Sehen Sie her!&ldquo; sagte Eisenhut und schüttelte den
+Kopf. &bdquo;Solch ein Hund!&ldquo; Er stampfte mit dem Fuße
und rief: &bdquo;Warum bellst du nicht, wenn ein Fremder
-kommt!&ldquo; Das Hündchen rannte entsetzt davon und
+kommt!&ldquo; Das Hündchen rannte entsetzt davon und
kroch unter einen Diwan.
</p>
<p>
Eisenhut stellte die Kerze auf den Tisch und sank
-erschöpft auf den alten Lederdiwan. Er schloß die
+erschöpft auf den alten Lederdiwan. Er schloß die
Augen und sah aus wie ein Greis. Er zitterte am
-ganzen Körper.
+ganzen Körper.
</p>
<p>
Das Zimmer war eine Art Halle und hatte eine
-gewölbte Decke und zwei breite Fenster in tiefen Nischen,
+gewölbte Decke und zwei breite Fenster in tiefen Nischen,
der Boden war krumm und knarrte bei jedem Schritte;
-ein mächtiger hellbrauner Ofen in der Form eines
-Würfels, der auf vier Kugeln stand, der alte Lederdiwan,
+ein mächtiger hellbrauner Ofen in der Form eines
+Würfels, der auf vier Kugeln stand, der alte Lederdiwan,
ein hoher zerrissener Sessel mit geschnitzter Lehne, ein
-großer schwarzer Schrank, einige Stühle, der Tisch, das
-war alles, was im Zimmer stand. Die Wände waren
-vollständig nackt, nur an dem Pfeiler zwischen den
+großer schwarzer Schrank, einige Stühle, der Tisch, das
+war alles, was im Zimmer stand. Die Wände waren
+vollständig nackt, nur an dem Pfeiler zwischen den
Fenstern hing ein Bild, jedoch bis zur Unkenntlichkeit
-vom Rauch geschwärzt. Die Fenster waren ohne Gardinen,
+vom Rauch geschwärzt. Die Fenster waren ohne Gardinen,
das Zimmer kahl und unordentlich, man konnte glauben
-in einem Gefängnis zu sein.
+in einem Gefängnis zu sein.
</p>
<p>
@@ -13483,10 +13449,10 @@ Es war eisig kalt hier.
</p>
<p>
-Plötzlich sah Grau Eisenhuts Augen auf sich gerichtet,
-Eisenhut verfolgte ihn mit den Blicken. Er lächelte
-spöttisch. Dann begann er zu sprechen, aber die Stimme
-versagte ihm, er räusperte sich und begann von neuem.
+Plötzlich sah Grau Eisenhuts Augen auf sich gerichtet,
+Eisenhut verfolgte ihn mit den Blicken. Er lächelte
+spöttisch. Dann begann er zu sprechen, aber die Stimme
+versagte ihm, er räusperte sich und begann von neuem.
&bdquo;Weshalb gehen Sie denn nicht?&ldquo; fragte er heiser. Er
zitterte.
</p>
@@ -13494,172 +13460,172 @@ zitterte.
<p>
&bdquo;Davon ist nun gar nicht die Rede. Vor allen
<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
-Dingen will ich Feuer anschüren,&ldquo; versetzte Grau. &bdquo;Wo
-kann ich Holz finden? Sie müssen trachten ins Bett zu
+Dingen will ich Feuer anschüren,&ldquo; versetzte Grau. &bdquo;Wo
+kann ich Holz finden? Sie müssen trachten ins Bett zu
kommen, Herr Eisenhut.&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut schloß wieder die Augen; er wiegte den
-Kopf hin und her und murmelte, daß er gewohnt sei,
+Eisenhut schloß wieder die Augen; er wiegte den
+Kopf hin und her und murmelte, daß er gewohnt sei,
in den Kleidern zu schlafen.
</p>
<p>
-Grau ging hinaus und suchte die Küche. Hier fand
-er einen großen Haufen von Tannenzapfen, Ästen,
-Stücken von Latten und Splittern von Bauholz. Das
-zerbrochene Rad eines Kinderkärrchens lag dabei, ein
-Peitschenstiel, ein unbrauchbarer Kochlöffel und viele
-Dinge, wie man sie auf der Straße finden kann. Auf
+Grau ging hinaus und suchte die Küche. Hier fand
+er einen großen Haufen von Tannenzapfen, Ästen,
+Stücken von Latten und Splittern von Bauholz. Das
+zerbrochene Rad eines Kinderkärrchens lag dabei, ein
+Peitschenstiel, ein unbrauchbarer Kochlöffel und viele
+Dinge, wie man sie auf der Straße finden kann. Auf
ein Bord waren Kohlenbrocken gelegt, geordnet zu einem
-langen Zuge, Stückchen um Stückchen, einige Reihen.
+langen Zuge, Stückchen um Stückchen, einige Reihen.
Ebenso entdeckte Grau auf einem Gesimse eine Sammlung
-alter Eisenteile, Schrauben, Nägel, Hufeisen, das Stück
-einer Eisenbahnschiene und einen Türdrücker.
+alter Eisenteile, Schrauben, Nägel, Hufeisen, das Stück
+einer Eisenbahnschiene und einen Türdrücker.
</p>
<p>
-Grau füllte den gelben Ofen mit Holz und machte
-Feuer. Dann kam er wieder aus der Küche zurück mit
+Grau füllte den gelben Ofen mit Holz und machte
+Feuer. Dann kam er wieder aus der Küche zurück mit
einem Kochtopf voll Wasser, mit Tellern, Messern, Brot
-und einem riesigen Stück Speck, das er in der Küche
+und einem riesigen Stück Speck, das er in der Küche
entdeckt hatte. Er stellte den Topf auf den Ofen, schnitt
-Brot und Speck und hantierte lautlos, während Eisenhut
-auf dem Diwan saß und zu schlafen schien. Zeitweise
-öffnete er ein Auge und lächelte spöttisch. Das kleine
-Hündchen streckte die Schnauze unter dem Diwan vor
+Brot und Speck und hantierte lautlos, während Eisenhut
+auf dem Diwan saß und zu schlafen schien. Zeitweise
+öffnete er ein Auge und lächelte spöttisch. Das kleine
+Hündchen streckte die Schnauze unter dem Diwan vor
und verfolgte jede Bewegung Graus.
</p>
<p>
Der dicke Ofen begann zu prasseln und zu fauchen,
-manchmal knallte es wie Schüsse in seinem Innern
-und weißlicher dicker Rauch quoll aus den Fugen.
+manchmal knallte es wie Schüsse in seinem Innern
+und weißlicher dicker Rauch quoll aus den Fugen.
</p>
<p>
<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
Es war lange still. Dann ging Grau hinaus und
-holte Gläser aus der Küche.
+holte Gläser aus der Küche.
</p>
<p>
-Eisenhut blinzelte. &bdquo;Sie bemühen sich!&ldquo; sagte er
-leise. &bdquo;Sie bemühen sich!&ldquo; Er lächelte spöttisch.
+Eisenhut blinzelte. &bdquo;Sie bemühen sich!&ldquo; sagte er
+leise. &bdquo;Sie bemühen sich!&ldquo; Er lächelte spöttisch.
</p>
<p>
-Grau lächelte und antwortete freundlich: &bdquo;Die Mühe
+Grau lächelte und antwortete freundlich: &bdquo;Die Mühe
ist sehr gering, Herr Eisenhut. Wenn Sie mir einen
Dienst erweisen wollen, so sagen Sie mir, bitte, ob
ich nicht etwas Kognak finden kann.&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut lächelte und deutete auf den alten schwarzen
+Eisenhut lächelte und deutete auf den alten schwarzen
Schrank.
</p>
<p>
Dieser Schrank sah im Innern aus wie das Schaufenster
-eines Branntweinfabrikanten, er war angefüllt
-mit Flaschen von allen Größen und Farben und Formen,
+eines Branntweinfabrikanten, er war angefüllt
+mit Flaschen von allen Größen und Farben und Formen,
zierlichen Flakons, dicken Bocksbeuteln; Eisenhut schien
auch Liebhaber von Phantasieflaschen zu sein, da stand
eine Flasche aus zwei Kugeln, ein pechschwarzer Neger
-in rot-weiß-gestreifter Badehose und mit weißen lachenden
-Zähnen, und andere Sehenswürdigkeiten. Eine Menge
+in rot-weiß-gestreifter Badehose und mit weißen lachenden
+Zähnen, und andere Sehenswürdigkeiten. Eine Menge
von Kerzenstumpfen und Zigarrenresten, ein Revolver
und ein Fernglas lagen in dem obersten Fach, das mit
staubigen Weinflaschen vollgestopft war.
</p>
<p>
-&bdquo;Ah, das ist ja ganz prächtig,&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Hier
+&bdquo;Ah, das ist ja ganz prächtig,&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Hier
haben wir alles was wir brauchen.&ldquo;
</p>
<p>
Er bereitete Grog und stellte ein Glas vor Eisenhut.
-&bdquo;Bitte,&ldquo; sagte er. Er blickte im Zimmer umher, schüttelte
-den Kopf und fuhr fort: &bdquo;Wie häßlich Sie doch wohnen,
+&bdquo;Bitte,&ldquo; sagte er. Er blickte im Zimmer umher, schüttelte
+den Kopf und fuhr fort: &bdquo;Wie häßlich Sie doch wohnen,
Herr Eisenhut! Ein Mann wie Sie, Gott stehe mir
-bei! Wie schön könnten Sie es hier haben, eine freundliche
-Farbe an den Wänden, Vorhänge, ein hübscher
+bei! Wie schön könnten Sie es hier haben, eine freundliche
+Farbe an den Wänden, Vorhänge, ein hübscher
Teppich. Ein paar Bilder, die Sie erfreuen, so oft Sie
<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
sie ansehen, eine Uhr mit einem langen Pendel, die Ihnen
-die Zeit vormißt und etwas Lärm macht. Sie könnten
-es schön haben, daß es eine Freude wäre, zu Ihnen zu
+die Zeit vormißt und etwas Lärm macht. Sie könnten
+es schön haben, daß es eine Freude wäre, zu Ihnen zu
kommen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie haben auch keine Bücher hier. Ein Bord mit
-schönen Büchern. Wenn Sie allein sind oder müde,
-dann könnten Sie sich in den Sessel setzen und lesen
-bei der Lampe. Ich liebe das sehr, ich für meine
-Person. Es gibt so herrliche Bücher. Die ganze Welt
-ist darin, alles was die Menschen gedacht und gefühlt
-haben. Sie können in der Gesellschaft von wirklich großen
-und außerordentlichen Menschen leben, die alle wie
+&bdquo;Sie haben auch keine Bücher hier. Ein Bord mit
+schönen Büchern. Wenn Sie allein sind oder müde,
+dann könnten Sie sich in den Sessel setzen und lesen
+bei der Lampe. Ich liebe das sehr, ich für meine
+Person. Es gibt so herrliche Bücher. Die ganze Welt
+ist darin, alles was die Menschen gedacht und gefühlt
+haben. Sie können in der Gesellschaft von wirklich großen
+und außerordentlichen Menschen leben, die alle wie
Freunde zu Ihnen sind. Sie finden Friede, Ruhe und
-Halt, Freude, Schönheit und Rat. Sehen Sie, hier
-an dieser Wand, da könnten die Bücher stehen. Ich
-werde mit Ihnen in den nächsten Tagen zum Buchhändler
+Halt, Freude, Schönheit und Rat. Sehen Sie, hier
+an dieser Wand, da könnten die Bücher stehen. Ich
+werde mit Ihnen in den nächsten Tagen zum Buchhändler
gehen. &mdash; Wollen Sie nicht den Grog trinken?
-Der wird Ihnen gut tun. Vielleicht wünschen Sie ihn
-ein wenig stärker?&ldquo;
+Der wird Ihnen gut tun. Vielleicht wünschen Sie ihn
+ein wenig stärker?&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen.
+Eisenhut schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen.
</p>
<p>
&bdquo;Seien Sie kein Narr! Ich will Ihnen die Schuhe
ausziehen, es wird warm hier, alle Wetter! Das ist
-gut für uns beide.&ldquo; Grau zog ihm die Stiefel aus.
+gut für uns beide.&ldquo; Grau zog ihm die Stiefel aus.
Eisenhut richtete sich auf und blickte sich nach dem
-Hündchen um. Das kleine braune Hündchen verschwand
+Hündchen um. Das kleine braune Hündchen verschwand
blitzschnell unter dem Diwan <a id="corr-20"></a>und zerrte ein Paar alte
Pantoffeln hervor.
</p>
<p>
-&bdquo;Was für ein hübsches und kluges Hündchen!&ldquo; sagte
+&bdquo;Was für ein hübsches und kluges Hündchen!&ldquo; sagte
Grau. &bdquo;Ich darf ihm doch etwas Speck geben? Du
-hast deine Sache ganz außerordentlich gut gemacht!&ldquo;
+hast deine Sache ganz außerordentlich gut gemacht!&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
-Wä! Wä! Wäwä!
+Wä! Wä! Wäwä!
</p>
<p>
&bdquo;Schon gut, schon gut! Siehst du, das hat mir
-gefallen, schleppst die Pantoffeln für deinen Herrn herbei
+gefallen, schleppst die Pantoffeln für deinen Herrn herbei
und bist selbst so klein. Nun auf Ihre Gesundheit,
Herr Eisenhut, auf unsere Gesundheit, raffen Sie sich auf,
-stärken Sie sich!&ldquo;
+stärken Sie sich!&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut schüttelte den Kopf und starrte vor sich hin.
-Sein Auge war trübe und hoffnungslos. &bdquo;Es ist alles
-vorbei!&ldquo; murmelte er leise und nickte. Er schlürfte
-langsam den heißen Grog, er zitterte immer noch. Grau
+Eisenhut schüttelte den Kopf und starrte vor sich hin.
+Sein Auge war trübe und hoffnungslos. &bdquo;Es ist alles
+vorbei!&ldquo; murmelte er leise und nickte. Er schlürfte
+langsam den heißen Grog, er zitterte immer noch. Grau
machte ihm ein zweites Glas zurecht. &bdquo;Nein, nein!&ldquo;
-sagte Eisenhut, aber er schlürfte auch dieses Glas. Es
-wurde warm und er hörte auf zu zittern.
+sagte Eisenhut, aber er schlürfte auch dieses Glas. Es
+wurde warm und er hörte auf zu zittern.
</p>
<p>
-Plötzlich stand Grau auf und legte seine Hand auf
+Plötzlich stand Grau auf und legte seine Hand auf
Eisenhuts Schulter und dann umarmte er ihn. &bdquo;Ich
-bin als Freund zu Ihnen gekommen!&ldquo; flüsterte er.
+bin als Freund zu Ihnen gekommen!&ldquo; flüsterte er.
</p>
<p>
@@ -13667,14 +13633,14 @@ Eisenhuts Schultern bebten.
</p>
<p>
-Es war stille und die lange Ofenröhre ließ einen
-hohlen surrenden Ton hören. Vom Marktplatze herauf
-drang der fröhliche Lärm einer Gesellschaft, die sich verabschiedete.
+Es war stille und die lange Ofenröhre ließ einen
+hohlen surrenden Ton hören. Vom Marktplatze herauf
+drang der fröhliche Lärm einer Gesellschaft, die sich verabschiedete.
Gute Nacht, gute Nacht &mdash; huhu!
</p>
<p>
-&bdquo;Glauben Sie an die Hölle?&ldquo; fragte Eisenhut leise
+&bdquo;Glauben Sie an die Hölle?&ldquo; fragte Eisenhut leise
nach einer Weile.
</p>
@@ -13695,41 +13661,41 @@ nach einer Weile.
</p>
<p>
-&bdquo;Weil ich nicht daran glaube, ich fühle nicht so.&ldquo;
+&bdquo;Weil ich nicht daran glaube, ich fühle nicht so.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gut. Aber Sie täuschen sich. Es gibt eine Hölle.
-Ja! Hören Sie wohl, es gibt eine Hölle, sage ich Ihnen!
+&bdquo;Gut. Aber Sie täuschen sich. Es gibt eine Hölle.
+Ja! Hören Sie wohl, es gibt eine Hölle, sage ich Ihnen!
<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
-Die Erde ist die Hölle, das Leben ist die Hölle, ich bin
-die Hölle, sehen Sie her, hier, hier ist die Hölle.
-Meine Gedanken und meine Gefühle sind meine Hölle,
-meine Träume! Ich kann einen Hund vor mein Haus
-legen, daß niemand herein kommt, aber &mdash; frage ich Sie
+Die Erde ist die Hölle, das Leben ist die Hölle, ich bin
+die Hölle, sehen Sie her, hier, hier ist die Hölle.
+Meine Gedanken und meine Gefühle sind meine Hölle,
+meine Träume! Ich kann einen Hund vor mein Haus
+legen, daß niemand herein kommt, aber &mdash; frage ich Sie
&mdash; kann ich einen Hund vor meinen Kopf und mein
-Herz legen? Wenn ich wache, da kann ich mich betäuben,
+Herz legen? Wenn ich wache, da kann ich mich betäuben,
ich kann Karten spielen, ich bringe vielleicht
meine Gedanken los, aber wenn ich schlafe &mdash;? Sie
-träumen, daß ihr Körper mit Aussatz bedeckt ist, mit
-Geschwüren, mit einer Kruste aus Linsen, was ist das?
-Ist das ein Leben? Das ist die Hölle. Oder eine
+träumen, daß ihr Körper mit Aussatz bedeckt ist, mit
+Geschwüren, mit einer Kruste aus Linsen, was ist das?
+Ist das ein Leben? Das ist die Hölle. Oder eine
Spinne sitzt auf ihren Augen und saugt sie aus. Das
ist entsetzlich!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Warum kann ich nicht sein wie andre Menschen,
-die fröhlich und guter Dinge sind? Warum kann ich
+die fröhlich und guter Dinge sind? Warum kann ich
nicht sagen: Ach, guten Tag, wie geht&rsquo;s? und dabei
-lächeln? Ich fühle mich unbehaglich in Gesellschaft &mdash;
+lächeln? Ich fühle mich unbehaglich in Gesellschaft &mdash;
ich hasse die Menschen! Aber warum hasse ich sie doch?
Warum, warum? Habe ich mich selbst so geschaffen?
-Ich hasse die Menschen, das ist ebenfalls die Hölle.
-Ich sehe die Menschen lachen und fröhlich sein, es gibt
-mir einen Stich, ich höre, daß man einen Menschen
-lobt, daß man gut und bewundernd von ihm spricht,
-das kann ich nicht ertragen &mdash; ich schimpfe über ihn.
+Ich hasse die Menschen, das ist ebenfalls die Hölle.
+Ich sehe die Menschen lachen und fröhlich sein, es gibt
+mir einen Stich, ich höre, daß man einen Menschen
+lobt, daß man gut und bewundernd von ihm spricht,
+das kann ich nicht ertragen &mdash; ich schimpfe über ihn.
Ich mache ihn schlecht. Ich glaube nicht an das Gute.
Die guten Menschen, denke ich, sind alle Heuchler, sie
hassen sich ja doch, alle zusammen, sie hassen einander
@@ -13738,45 +13704,45 @@ glaube ich. Ich freue mich, wenn es einem Menschen
<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
schlecht geht. Er bricht das Bein, ich lache und sage:
Recht so, recht so, nur frisch darauf los Beine gebrochen,
-ich freue mich. Ich lese die Zeitung. Ein Eisenbahnunglück.
+ich freue mich. Ich lese die Zeitung. Ein Eisenbahnunglück.
Selbst das macht mir eine geheime Freude,
obwohl die Leute mir ja ganz fremd sind. Haha &mdash;
so bin ich, bei Gott. So kann ich nicht mehr leben,
sterben kann ich auch nicht, denn ich liebe das Leben,
-schrecklich liebe ich es, obgleich es die Hölle ist. Wie
-soll ich es doch anpacken?&ldquo; Er schüttelte den Kopf.
-&bdquo;Und ich bin so weit, daß es mir ein Vergnügen ist,
-Ihnen meinen Bankerott zu erklären, es macht mir
+schrecklich liebe ich es, obgleich es die Hölle ist. Wie
+soll ich es doch anpacken?&ldquo; Er schüttelte den Kopf.
+&bdquo;Und ich bin so weit, daß es mir ein Vergnügen ist,
+Ihnen meinen Bankerott zu erklären, es macht mir
Freude, Sie sehen zu lassen, wie gemein ich bin.
-Hören Sie zu, hören Sie geduldig zu. Ich liebe das Geld,
+Hören Sie zu, hören Sie geduldig zu. Ich liebe das Geld,
offen und ehrlich gestanden. Das ist das einzige, sage ich zu
mir, was du hast. Und sie beneiden dich darum, die andern.
Sie kommen zu mir und wollen Geld. Nichts als Geld,
keiner hat noch etwas andres von mir verlangt. Ich
liebe das Geld und wenn ich es hergebe, so ist es nur,
um mir den Menschen zu kaufen, er wird freundlich
-gegen mich, er lächelt, wenn er mich sieht. So ist es
-und um kein Haar anders. Ich will, daß die Menschen
+gegen mich, er lächelt, wenn er mich sieht. So ist es
+und um kein Haar anders. Ich will, daß die Menschen
vor mir auf dem Bauch liegen. Wenn ein Mensch mir
schmeichelt &mdash; nimm! nimm! er kann alles haben &mdash;
-ich glaube ihm ja nicht, aber es ist doch schön all die
-hübschen Worte zu hören &mdash; Herr Eisenhut hin und
-Herr Eisenhut her, vorwärts und rückwärts &mdash; wie geht
+ich glaube ihm ja nicht, aber es ist doch schön all die
+hübschen Worte zu hören &mdash; Herr Eisenhut hin und
+Herr Eisenhut her, vorwärts und rückwärts &mdash; wie geht
es Ihnen, Herr Eisenhut, Sie sehen krank aus! Dieser
-Herr Eisenhut, was für ein nobler und feiner Mann
-ist er doch! Ja, wenn ich es glauben könnte, aber ich
+Herr Eisenhut, was für ein nobler und feiner Mann
+ist er doch! Ja, wenn ich es glauben könnte, aber ich
kann es ja nicht glauben. Ich glaube nichts. Sobald
<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
man mir etwas sagt, so verzieht einer in mir &mdash; hier,
in meiner Brust, das Gesicht und grinst. Er spricht
ja nicht die Wahrheit, denke ich. Ein nobler und
-feiner Mann! Aber weshalb könnte er es denn nicht
+feiner Mann! Aber weshalb könnte er es denn nicht
wirklich meinen? ich habe ihm ja gar nichts getan.
Sprechen Sie?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Weil er Sie wahrscheinlich nicht dafür hält, Herr
+&bdquo;Weil er Sie wahrscheinlich nicht dafür hält, Herr
Eisenhut!&ldquo;
</p>
@@ -13793,60 +13759,60 @@ keiner?&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut lächelte und seine Züge verzerrten sich. Er
+Eisenhut lächelte und seine Züge verzerrten sich. Er
nickte. &bdquo;Ich hasse die Menschen, es ist wahr! Aber
-ich gebe mir doch Mühe, das nicht sehen zu lassen.&ldquo;
+ich gebe mir doch Mühe, das nicht sehen zu lassen.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte und legte die Hand auf Eisenhuts
+Grau lächelte und legte die Hand auf Eisenhuts
Schulter. &bdquo;Das hilft Ihnen nichts.&ldquo; sagte er. &bdquo;Die
-Menschen fühlen es, obgleich Sie Liebe und Freundschaft
+Menschen fühlen es, obgleich Sie Liebe und Freundschaft
heucheln.&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut sah ihn an, er blinzelte nicht. &bdquo;Sie fühlen
+Eisenhut sah ihn an, er blinzelte nicht. &bdquo;Sie fühlen
es?&ldquo; Er blickte mit hilflosen Augen vor sich hin und
-gab dem kleinen Hunde einen Stoß auf die Schnauze,
-als er sich ihm zu Füßen setzte. Der Hund sah ihn
+gab dem kleinen Hunde einen Stoß auf die Schnauze,
+als er sich ihm zu Füßen setzte. Der Hund sah ihn
erschrocken und erstaunt an und blickte auch auf Grau,
was er davon halte? &bdquo;Wenn ich daran denke, an alles
denke, so ist mein Leben eine fortgesetzte Blamage gewesen,&ldquo;
-fuhr Eisenhut fort und stützte das verzehrte
-Gesicht in die Hände. &bdquo;Ja, ja, dreimal ja! Eine einzige
+fuhr Eisenhut fort und stützte das verzehrte
+Gesicht in die Hände. &bdquo;Ja, ja, dreimal ja! Eine einzige
<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
Blamage. Ich will gar nicht daran denken, wie die
-Bauern mich durchgeprügelt haben &mdash; das ist ja eine
+Bauern mich durchgeprügelt haben &mdash; das ist ja eine
Kleinigkeit &mdash; aber ich mache den Mund auf &mdash; ich sage
etwas, ich tue etwas &mdash; alles ist nichts als Blamage.
-Ich bin auch so unwissend &mdash; ich schäme mich &mdash; so
+Ich bin auch so unwissend &mdash; ich schäme mich &mdash; so
unwissend &mdash; ich kann nicht richtig schreiben, einmal
wollte ich einen Brief an eine Dame schreiben, ich konnte
-nicht, diese Sätze, Komma, Punkt, diese Wörter, man
+nicht, diese Sätze, Komma, Punkt, diese Wörter, man
schreibt sie hin, sie haben keinen Sinn mehr, es ist zum
wahnsinnig werden. Haha, wie haben sie gelacht, dieser
Professor Richter und die ganze Bande &mdash; &mdash; ich spreche
&mdash; alle lachen, die Herren und die Damen. Sie sprechen
von einer Stadt und ich denke, sie liegt in Deutschland,
aber die Stadt liegt in China. Alles lacht, alles! Ich
-lache mit und sage, ja, man kann sich täuschen. Aber
+lache mit und sage, ja, man kann sich täuschen. Aber
ich liebe es, gebildet zu erscheinen, trotzdem ich nichts
-weiß, ich sage ein Wort französisch, ich streue ein
+weiß, ich sage ein Wort französisch, ich streue ein
lateinisches Wort ein &mdash; damit man glaubt, dieser Eisenhut
kennt eine Menge Sprachen &mdash; aber ich wende ein
fremdes Wort an und wieder lacht man. Das ist doch
-kein Vergnügen, oder?&ldquo;
+kein Vergnügen, oder?&ldquo;
</p>
<p>
-Aber das sei ja weiter nicht schlimm. Wenn er fühle,
-daß er unwissend sei, und darunter leide, weshalb lasse
+Aber das sei ja weiter nicht schlimm. Wenn er fühle,
+daß er unwissend sei, und darunter leide, weshalb lasse
er sich nicht belehren.
</p>
<p>
-&bdquo;Glauben Sie? Glauben Sie, daß es nicht zu spät ist?&ldquo;
+&bdquo;Glauben Sie? Glauben Sie, daß es nicht zu spät ist?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -13854,7 +13820,7 @@ er sich nicht belehren.
</p>
<p>
-&bdquo;Dreiunddreißig.&ldquo;
+&bdquo;Dreiunddreißig.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -13862,7 +13828,7 @@ Grau lachte.
</p>
<p>
-Eisenhut flüsterte: &bdquo;Niemand weiß es. Ich habe gar
+Eisenhut flüsterte: &bdquo;Niemand weiß es. Ich habe gar
keinen Unterricht genossen. Meine Mutter sagte, was
<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
brauchst du den Kram, du hast Geld. Lenz hat mich
@@ -13870,287 +13836,287 @@ unterrichtet &mdash; aber was war es doch? Er spielte Karten
mit meinem Vater &mdash; sie tranken und spielten &mdash; Ah,
sagte Lenz, dein Sohn braucht nichts zu lernen, er saugt
die Weisheit aus dem Leben und aus der Natur! Auf
-diese Weise habe ich gar nichts gelernt, könnte ich dem
-Lehrer den Schädel einschlagen! Ich habe nie den Mut
-gehabt, Unterricht zu nehmen, denn der Lehrer hätte ja
+diese Weise habe ich gar nichts gelernt, könnte ich dem
+Lehrer den Schädel einschlagen! Ich habe nie den Mut
+gehabt, Unterricht zu nehmen, denn der Lehrer hätte ja
gesehen, wie unwissend ich bin.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das ist ja nebensächlich, das läßt sich leicht nachholen,&ldquo;
+&bdquo;Das ist ja nebensächlich, das läßt sich leicht nachholen,&ldquo;
warf Grau ein. &bdquo;Mit einigem guten Willen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ja?&ldquo; sagte Eisenhut und nickte. &bdquo;Das ist es ja
-nicht, es ist auch nur ein Stückchen. Aber alles zusammen,
-alles, alles. Ich könnte nicht einmal alles sagen, selbst
+nicht, es ist auch nur ein Stückchen. Aber alles zusammen,
+alles, alles. Ich könnte nicht einmal alles sagen, selbst
wenn ich wollte. Solch schreckliche Dinge! Aber was
sagen Sie dazu, wenn einem Menschen mit der Zeit alles
-gleichgültig wird? Hören Sie, ist es möglich, daß es
-einem Menschen gleichgültig ist, ob es Tag oder Nacht
+gleichgültig wird? Hören Sie, ist es möglich, daß es
+einem Menschen gleichgültig ist, ob es Tag oder Nacht
ist? Ich liege im Bett und wage nicht aufzustehen, nicht
-aufzuwachen, denn ich fürchte mich vor dem Tag, vor
+aufzuwachen, denn ich fürchte mich vor dem Tag, vor
der Langeweile und dem Nichts. Was wird vorgehen,
frage ich mich? Nichts, nichts! Weshalb soll ich aufstehen?
-Nun, ich stehe nicht auf, ich möchte im Bette
+Nun, ich stehe nicht auf, ich möchte im Bette
liegen und schlafen, immerzu, bis ich sterbe. Aber auch
das ist sinnlos. Ich stehe auf, und ich denke, warum
bist du aufgestanden, hast ja nichts zu tun. Ich gehe
-auf die Straße und die Sonne scheint. Mein Gott, wie
-gut es ist, daß die Sonne scheint, denke ich. Ich freue
-mich, ich grüße die Leute. Das ist das Leben, denke ich,
-wenn die Sonne scheint und der Mensch fröhlich ist. Ich
+auf die Straße und die Sonne scheint. Mein Gott, wie
+gut es ist, daß die Sonne scheint, denke ich. Ich freue
+mich, ich grüße die Leute. Das ist das Leben, denke ich,
+wenn die Sonne scheint und der Mensch fröhlich ist. Ich
<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
gehe ein wenig in der Sonne und freue mich nicht mehr.
Es ist ja so einerlei, ganz einerlei, ob die Sonne scheint oder
-nicht. So gehe ich in das nächste Wirtshaus, setze mich
-hin, trinke Bier, esse Käse, sitze da, stundenlang und trinke
+nicht. So gehe ich in das nächste Wirtshaus, setze mich
+hin, trinke Bier, esse Käse, sitze da, stundenlang und trinke
&mdash; es ist mir ja alles einerlei. Ich kann ruhig hier sitzen,
warum nicht? Mein Kopf ist leer, ich kann nichts denken.
-Aber ich kann träumen. Ich denke, ich gehe, gehe auf
-der Straße, da kommen sechs junge Mädchen daher, Arm
-in Arm und lachen mich an. Ich träume, ich gehe durch
-den Wald und eine Dame kommt daher und begrüßt mich
+Aber ich kann träumen. Ich denke, ich gehe, gehe auf
+der Straße, da kommen sechs junge Mädchen daher, Arm
+in Arm und lachen mich an. Ich träume, ich gehe durch
+den Wald und eine Dame kommt daher und begrüßt mich
und plaudert mit mir, ganz wie mit andern Herrn, ja,
was will ich sonst? Nichts andres will ich sonst! Aber
-wenn ich der Dame in Wirklichkeit begegne, so grüßt sie
-kaum und läßt mich stehen. Haha, denke ich, so sind
+wenn ich der Dame in Wirklichkeit begegne, so grüßt sie
+kaum und läßt mich stehen. Haha, denke ich, so sind
sie, und ich trinke. Oh, wenn sie doch zum Teufel ginge,
-sie und alle Mädchen, die immer lachen und vergnügt
-sind, alle, alle, mit ihr in die Hölle! Ich wünsche, daß
+sie und alle Mädchen, die immer lachen und vergnügt
+sind, alle, alle, mit ihr in die Hölle! Ich wünsche, daß
sie krank wird und ihr die Haare ausfallen und ich freue
-mich &mdash; ja, wie häßlich wird sie doch aussehen? Niemand
+mich &mdash; ja, wie häßlich wird sie doch aussehen? Niemand
wird sie mehr ansehen &mdash; auch ich &mdash; nein, ich
-nicht, ich werde alles für sie tun, was sie will. Alles,
-alles, sie mag häßlich sein wie sie will. Aber das alles
-wird ja nie sein. Sie wird leben und fröhlich sein, alle,
+nicht, ich werde alles für sie tun, was sie will. Alles,
+alles, sie mag häßlich sein wie sie will. Aber das alles
+wird ja nie sein. Sie wird leben und fröhlich sein, alle,
alle Menschen. Ich fluche den Menschen, auch meinen
-Freunden! Habe ich welche? &mdash; Mögen sie dahinfahren!
-Brauche ich Freunde, nein? Ich lache, alles ist ja gleichgültig
-und ich brüte vor mich hin &mdash; ja, nun ist mir
+Freunden! Habe ich welche? &mdash; Mögen sie dahinfahren!
+Brauche ich Freunde, nein? Ich lache, alles ist ja gleichgültig
+und ich brüte vor mich hin &mdash; ja, nun ist mir
wieder alles einerlei &mdash; alles &mdash; aber das ist noch schrecklicher,
-lieber noch Haß, noch Qual &mdash; Das ist das schrecklichste
-meiner Hölle, daß mir alles einerlei geworden ist!&ldquo;
+lieber noch Haß, noch Qual &mdash; Das ist das schrecklichste
+meiner Hölle, daß mir alles einerlei geworden ist!&ldquo;
<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
-Er stand mit einer Gebärde des Ekels auf. &mdash; Seine
-Züge waren bleich und verfallen. Die Linien um seinen
+Er stand mit einer Gebärde des Ekels auf. &mdash; Seine
+Züge waren bleich und verfallen. Die Linien um seinen
Mund waren tief und gaben dem Gesichte den Ausdruck
-eines trostlosen Lächelns, obgleich er keine Miene bewegte.
-Ein verzweifeltes stummes Lachen war für immer in sein
+eines trostlosen Lächelns, obgleich er keine Miene bewegte.
+Ein verzweifeltes stummes Lachen war für immer in sein
Gesicht eingegraben. Seine Augen waren scharf und
brannten in kranker Glut, wie die eines Irren. Er ergriff
-das Glas mit Grog, das Grau für ihn gerichtet
-hatte und stürzte es hinunter. Seine Hand zitterte.
+das Glas mit Grog, das Grau für ihn gerichtet
+hatte und stürzte es hinunter. Seine Hand zitterte.
</p>
<p>
&bdquo;Ja!&ldquo; sagte er heiser wie ein Mensch, der lange geweint
-hat. &bdquo;Laßt uns trinken! Geben Sie mir noch
+hat. &bdquo;Laßt uns trinken! Geben Sie mir noch
ein Glas, es ist so nicht auszuhalten. Alles peinigt mich!
Dieses Zimmer, ich brauche es nur anzusehen! Dieses
-Sofa, dieser Stuhl, alles quält mich! In meinem Kopfe
+Sofa, dieser Stuhl, alles quält mich! In meinem Kopfe
geht etwas herum, immer das gleiche! Haben Sie das
-schon erlebt, daß in Ihrem Kopfe immer das gleiche
+schon erlebt, daß in Ihrem Kopfe immer das gleiche
herumgeht, etwas das Sie foltert, wachen Sie auf, es
ist da, gehen Sie zu Bett, es ist da. Es ist immer da,
es weicht nicht mehr. Jemand lacht, es ist in seinem
Lachen, sie trinken eine Flasche Schnaps, es ist in der
-Flasche. Es ist immer da! Sie werden ohnmächtig, aber
-je ohnmächtiger Sie werden, desto mehr ist es da! Sie
-werden wahnsinnig, aber dann ist es für immer da. Es
-quält mich, weil es immer da ist. Hier &mdash; hier &mdash;
-der Boden, der Stuhl, auf dem Sie sitzen, die Türschwelle
-&mdash; da ist es! Hören Sie! Es ist das Tollste,
-was Sie je gehört haben. Hören Sie?&ldquo;
+Flasche. Es ist immer da! Sie werden ohnmächtig, aber
+je ohnmächtiger Sie werden, desto mehr ist es da! Sie
+werden wahnsinnig, aber dann ist es für immer da. Es
+quält mich, weil es immer da ist. Hier &mdash; hier &mdash;
+der Boden, der Stuhl, auf dem Sie sitzen, die Türschwelle
+&mdash; da ist es! Hören Sie! Es ist das Tollste,
+was Sie je gehört haben. Hören Sie?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich höre, sprechen Sie, Eisenhut!&ldquo; sagte Grau.
+&bdquo;Ich höre, sprechen Sie, Eisenhut!&ldquo; sagte Grau.
</p>
<p>
Eisenhut atmete tief und begann: &bdquo;Eines Nachts da
-klopft es an meine Türe &mdash; ich muß es Ihnen sagen,
+klopft es an meine Türe &mdash; ich muß es Ihnen sagen,
<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
-ich muß! &mdash; es klopft, ich horche, es klopft an der Türe,
-die zum Garten führt. Ha! denke ich, wer, bei allen
-Teufeln, soll denn mitten in der Nacht an der Türe,
-der hintern Türe klopfen? Bum, bum! Die Haare
+ich muß! &mdash; es klopft, ich horche, es klopft an der Türe,
+die zum Garten führt. Ha! denke ich, wer, bei allen
+Teufeln, soll denn mitten in der Nacht an der Türe,
+der hintern Türe klopfen? Bum, bum! Die Haare
stehen mir zu Berg, ich bekomme Angst und es siedet
in meinem Kopfe. Ich sitze hier an meinem Tische wie
-aus Stein. Vielleicht sind es Diebe oder Mörder, die
-dich hinauslocken wollen? Nero beginnt zu kläffen.
-Pack, pack! sage ich, pack Nero, und öffne die Türe und
+aus Stein. Vielleicht sind es Diebe oder Mörder, die
+dich hinauslocken wollen? Nero beginnt zu kläffen.
+Pack, pack! sage ich, pack Nero, und öffne die Türe und
er kollert die Treppe hinunter und bellt. Bum, bum!
Ich gehe ins Schlafzimmer, nehme das Gewehr und
-öffne vorsichtig ein Fenster. Wer ist da! schreie ich laut,
+öffne vorsichtig ein Fenster. Wer ist da! schreie ich laut,
aus Angst schreie ich so laut. Jemand lacht leise im Garten.
-Ja, zur Hölle mit dir, wer kann denn im Garten lachen,
-das ist doch unerhört! Wer ist da? Es ist eine Dame,
+Ja, zur Hölle mit dir, wer kann denn im Garten lachen,
+das ist doch unerhört! Wer ist da? Es ist eine Dame,
deren Stimme ich kenne.&ldquo; Hier hielt Eisenhut inne
-und blickte auf Grau. Ein Schatten fiel über sein Gesicht,
-nur das Kinn war beleuchtet und Grau sah, daß
-sein Mund lächelte, so wie der eines Menschen, der
-horcht und lächelt zu gleicher Zeit. &bdquo;Es sind weder
-Diebe noch Mörder,&ldquo; fuhr er fort &bdquo;es ist ja eine Dame,
+und blickte auf Grau. Ein Schatten fiel über sein Gesicht,
+nur das Kinn war beleuchtet und Grau sah, daß
+sein Mund lächelte, so wie der eines Menschen, der
+horcht und lächelt zu gleicher Zeit. &bdquo;Es sind weder
+Diebe noch Mörder,&ldquo; fuhr er fort &bdquo;es ist ja eine Dame,
die du kennst. Sie hat mit mir zu sprechen. Was um
alles in der Welt &mdash; es ist ja Nacht &mdash; tiefe Nacht! &mdash;
-Ich öffne. Sie tritt ein und lacht. Was ist das eigentlich
+Ich öffne. Sie tritt ein und lacht. Was ist das eigentlich
mit den Hunden, vor denen gewarnt wird, und
-mit den Fußangeln und Selbstschüssen in Ihrem Garten,
-sagt sie und lacht als ob es heller Tag wäre. Bitte?
+mit den Fußangeln und Selbstschüssen in Ihrem Garten,
+sagt sie und lacht als ob es heller Tag wäre. Bitte?
Ja, das sei eine Finte, um das Gesindel abzuschrecken.
Nichts ist wahr daran! Nun also, bitte? Sie habe mit
mir zu sprechen. Bitte, sage ich, bitte, hier ist es finster
<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
-ich bringe Licht, Licht, sofort, sofort, bitte, gnädiges
-Fräulein. Hier sitzt sie also, hier, mein lieber Herr,
+ich bringe Licht, Licht, sofort, sofort, bitte, gnädiges
+Fräulein. Hier sitzt sie also, hier, mein lieber Herr,
hier, wo Sie jetzt sitzen. Es ist zwei Uhr nachts, es
ist Sommer. Geben Sie mir noch ein Glas Grog,
-ich muß trinken, ich freue mich. Sie sitzt hier, sie hat
+ich muß trinken, ich freue mich. Sie sitzt hier, sie hat
dringend mit mir zu sprechen. Es war am dritten Juni,
-nachts zwei Uhr. Sie kommt mit einer großen Bitte,
-sie weiß nicht, ob ich sie ihr erfüllen werde. Bitte,
-bitte, sage ich, mein gnädiges Fräulein &mdash; nein, sie
+nachts zwei Uhr. Sie kommt mit einer großen Bitte,
+sie weiß nicht, ob ich sie ihr erfüllen werde. Bitte,
+bitte, sage ich, mein gnädiges Fräulein &mdash; nein, sie
will nichts trinken, sie hat es auch sehr eilig, es tut
-ihr leid, daß sie nicht immer liebenswürdig mit mir
-umging. Ich muß verzeihen, Launen, sie ist sehr launisch.
+ihr leid, daß sie nicht immer liebenswürdig mit mir
+umging. Ich muß verzeihen, Launen, sie ist sehr launisch.
So sprach sie, so freundlich und blickte mir in die
Augen. Sie sagte einfach Eisenhut, nicht Herr Eisenhut,
nein, gibt&rsquo;s nicht, Eisenhut bin ich. Bitte, sage ich,
wenn es in meiner Macht steht? Ja, es steht in Ihrer
-Macht, es ist so leicht für Sie, Eisenhut. &mdash; Eisenhut,
+Macht, es ist so leicht für Sie, Eisenhut. &mdash; Eisenhut,
einfach Eisenhut! &mdash; Sie hat ein hellrotes Tuch um
-die Schultern geschlungen und blickt mich an. Es hätten
+die Schultern geschlungen und blickt mich an. Es hätten
sich zu Hause Dinge ereignet, die unangenehmsten Dinge &mdash;.
Geld! Auch sie wollte Geld von mir! Sie sind ja
-doch kein Geizhals, Eisenhut, sagte sie. Eine plötzliche
+doch kein Geizhals, Eisenhut, sagte sie. Eine plötzliche
Forderung &mdash; hm &mdash; ihre Mutter sei sterbenskrank, das
-ganze Haus, nun käme sie zu mir, sie habe Vertrauen
-zu meiner Güte. Güte? denke ich. Sie lügt, sie will
+ganze Haus, nun käme sie zu mir, sie habe Vertrauen
+zu meiner Güte. Güte? denke ich. Sie lügt, sie will
Geld. Da sitzt sie nun, sie blickt mich an, sie tut ganz
-gleichgültig, spricht als ob sie vom Wetter spreche, aber
+gleichgültig, spricht als ob sie vom Wetter spreche, aber
sie bebt, sie bebt! Warum soll ich nicht helfen, denke
ich, warum nicht? Die Familie ist verschuldet, das Geld
ist verloren, ich kann es ebensogut einem Hunde zum
<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
Fressen geben &mdash; niemals wirst du auch einen Pfennig
wieder sehen! &mdash; aber da sitzt sie ja, ich sehe wie sie
-innerlich zittert. Das freut mich &mdash; unsäglich! Da sitzt
-sie, früher, da sah sie mich nicht an, sie reckte die Nase
-in die Luft, sie ging wie eine Königin durch die Straßen
-und wir andern alle waren Hanswurste und Luft für
+innerlich zittert. Das freut mich &mdash; unsäglich! Da sitzt
+sie, früher, da sah sie mich nicht an, sie reckte die Nase
+in die Luft, sie ging wie eine Königin durch die Straßen
+und wir andern alle waren Hanswurste und Luft für
sie. Aber da sitzt sie nun &mdash; weshalb soll ich nicht &mdash;
-wie? Wieviel ungefähr? Sie atmet zweimal tief,
-pickt mit dem Finger Brotkörnchen vom Tisch, sie
-lächelt, und sagt: zwanzigtausend Mark. Zwan&mdash;zig&mdash;tausend
+wie? Wieviel ungefähr? Sie atmet zweimal tief,
+pickt mit dem Finger Brotkörnchen vom Tisch, sie
+lächelt, und sagt: zwanzigtausend Mark. Zwan&mdash;zig&mdash;tausend
&mdash; sie hatte wohl den Verstand &mdash; nein, nein,
nein. Ah, was die Leute doch denken. Esse ich Gansbraten
und eingemachte Birnen? Ich esse nur einmal
im Tage &mdash; nein! Da steht sie auf, sie legt mir die
-Hand auf die Schulter. Es ist so leicht für Sie, in
-einigen Monaten bekommen Sie es zurück. Ich stelle
+Hand auf die Schulter. Es ist so leicht für Sie, in
+einigen Monaten bekommen Sie es zurück. Ich stelle
Ihnen einen Wechsel aus, einen Schuldschein, wie Sie
-wollen. Es wird alles geschäftsmäßig geregelt werden &mdash;
+wollen. Es wird alles geschäftsmäßig geregelt werden &mdash;
nun spricht sie wie ein Bankier. Aber sie bebt ja doch!
-Sie sieht, daß ich zögere, sie fährt mir mit der Hand
-übers Haar, sie legt ihre Hand auf die meine. Hören
-Sie, sage ich zu ihr, hören Sie, gnädiges Fräulein, Sie
-wissen, daß ich Sie liebe, werden Sie meine Frau. Ich
-liebe Sie, Sie können tun was Sie wollen, nur daß
-ich Sie täglich sehen kann &mdash; denn ich will ja lieber
+Sie sieht, daß ich zögere, sie fährt mir mit der Hand
+übers Haar, sie legt ihre Hand auf die meine. Hören
+Sie, sage ich zu ihr, hören Sie, gnädiges Fräulein, Sie
+wissen, daß ich Sie liebe, werden Sie meine Frau. Ich
+liebe Sie, Sie können tun was Sie wollen, nur daß
+ich Sie täglich sehen kann &mdash; denn ich will ja lieber
Ihr Lakai sein, als der Mann einer der geschwollenen
-Krämerstöchter von hier. So sage ich und sie hört
+Krämerstöchter von hier. So sage ich und sie hört
aufmerksam zu. Ich sage, Sie werden dann so viel
-Geld haben wie Sie nur wünschen. Alles wird Ihnen
-gehören, alles, eine Million und mehr! Haben Sie soviel?
+Geld haben wie Sie nur wünschen. Alles wird Ihnen
+gehören, alles, eine Million und mehr! Haben Sie soviel?
<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
-fragt sie und lächelt. Ja, sage ich, ich lüge nicht. Ich
-öffne die Türe und zeige ihr den Schrank, öffne ihn:
-Sehen Sie! Alles sollen Sie haben. Hören Sie, Eisenhut,
+fragt sie und lächelt. Ja, sage ich, ich lüge nicht. Ich
+öffne die Türe und zeige ihr den Schrank, öffne ihn:
+Sehen Sie! Alles sollen Sie haben. Hören Sie, Eisenhut,
sagte sie, es kann doch nicht so rasch gehen, ich
-muß es mir doch überlegen und wenn ich Ihre Frau werde,
+muß es mir doch überlegen und wenn ich Ihre Frau werde,
so werde ich es doch nicht Ihres Geldes halber. Sie
-legt ihre Hand auf meine Schulter und lächelt. Ich
-möchte sie an mich ziehen, aber sie macht eine kleine
-Bewegung und ich tue es nicht. Ich sage zu ihr, daß
-ich ordentlich und gut werden würde &mdash; ich schwöre ihr,
+legt ihre Hand auf meine Schulter und lächelt. Ich
+möchte sie an mich ziehen, aber sie macht eine kleine
+Bewegung und ich tue es nicht. Ich sage zu ihr, daß
+ich ordentlich und gut werden würde &mdash; ich schwöre ihr,
nicht mehr zu trinken. Sie soll befehlen und ich gehorche,
blindlings. Ihr Lakai werde ich sein. Ja, sie
wolle nachdenken. So schnell kann es ja nicht gehen,
mein Freund &mdash; sagt sie &mdash; mein Freund, das ist ja
-ausgeschlossen. Sie müßten bei meinen Eltern um
+ausgeschlossen. Sie müßten bei meinen Eltern um
meine Hand anhalten, aber so &mdash; ich bringe Ihnen ja
-gewiß Freundschaft und Sympathie entgegen, obgleich
+gewiß Freundschaft und Sympathie entgegen, obgleich
ich immer launisch gegen Sie war &mdash; ob ich Sie aber
-heiraten kann, das muß ich mir doch überlegen. &mdash;
+heiraten kann, das muß ich mir doch überlegen. &mdash;
Wann werden Sie mir Antwort sagen? &mdash; Morgen
-oder in den allernächsten Tagen. Gut, sage ich, dann
+oder in den allernächsten Tagen. Gut, sage ich, dann
will ich Ihnen das Geld mitbringen. Sie besinnt sich
und setzt sich langsam nieder. &mdash; Das geht ja nicht,
mein Freund, sagt sie! Morgen gibt es zu Hause eine
-Katastrophe, wenn die Forderung nicht eingelöst werden
-kann. Es ist ein Wechsel. Könnte es Ihnen nicht
+Katastrophe, wenn die Forderung nicht eingelöst werden
+kann. Es ist ein Wechsel. Könnte es Ihnen nicht
einerlei sein &mdash; ich komme morgen wieder zu Ihnen,
-ich verspreche es Ihnen. &mdash; Gut, ich zähle ihr die Scheine
-hin. Danke, sagt sie, und zählt das Geld sorgfältig nach
-&mdash; aber ich sehe, wie ihre Hand bebt. Sie geht. Über
+ich verspreche es Ihnen. &mdash; Gut, ich zähle ihr die Scheine
+hin. Danke, sagt sie, und zählt das Geld sorgfältig nach
+&mdash; aber ich sehe, wie ihre Hand bebt. Sie geht. Über
<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
diese Schwelle hier ist sie gegangen. Sie geht wieder durch
den Garten. Also morgen! sage ich. Ja, antwortet
-sie, wenn es mir möglich ist, sicherlich. &mdash; Am andern
+sie, wenn es mir möglich ist, sicherlich. &mdash; Am andern
Tage gehe ich zum Schneider und lasse mir einen Frack
anmessen. Sie heiraten wohl? Ja, vielleicht. Ich warte.
Der Tag vergeht, sie kommt nicht. Ich warte einige
Tage. Der Frack ist fertig. Ich probiere ihn an und
der Gedanke kommt mir in den Kopf um ihre Hand
-anzuhalten. Ja? Sofort &mdash; vorwärts, &mdash; haha &mdash;
-vielleicht ist sie krank. Gut. Der Vater empfängt mich.
+anzuhalten. Ja? Sofort &mdash; vorwärts, &mdash; haha &mdash;
+vielleicht ist sie krank. Gut. Der Vater empfängt mich.
Wie? sagt er. Ich spreche und er lacht. Na, sagt er,
-Herr Eisenhut, was fällt Ihnen doch ein &mdash; hahaha &mdash;
+Herr Eisenhut, was fällt Ihnen doch ein &mdash; hahaha &mdash;
er lacht &mdash; er lacht und sagt: Entschuldigen Sie, ich
-lache ja nicht &mdash; es ist ja höchst ehrenvoll &mdash; aber ich
-glaube, daß meine Tochter &mdash; hahaha! &mdash; daß meine
-Tochter, na, daß die Wünsche und Absichten meiner
-Tochter &mdash; übrigens, wer kennt die Frauen? Sie wird
+lache ja nicht &mdash; es ist ja höchst ehrenvoll &mdash; aber ich
+glaube, daß meine Tochter &mdash; hahaha! &mdash; daß meine
+Tochter, na, daß die Wünsche und Absichten meiner
+Tochter &mdash; übrigens, wer kennt die Frauen? Sie wird
es Ihnen ja sagen. Konrad &mdash; meine Tochter soll
kommen. &mdash; Sie kommt. Ich sehe sie nicht, aber ich
-höre ihren Schritt, obwohl Teppiche gelegt sind, höre
+höre ihren Schritt, obwohl Teppiche gelegt sind, höre
ich ihn. Sie ist da. &mdash; Herr Eisenhut gibt uns die
Ehre, gibt dir die Ehre &mdash; Sie ist totenbleich &mdash; sie
-sieht mich an und auch ihre Lippen werden blaß &mdash;
+sieht mich an und auch ihre Lippen werden blaß &mdash;
sie hat Angst, ich werde sprechen &mdash; nein, Sie brauchen
keine Angst zu haben, nein, so bin ich ja nun doch
-nicht &mdash; ich werde Sie nicht verraten. Sie lächelt,
-gibt mir freundliche und höfliche Worte. Sie sagt nicht
+nicht &mdash; ich werde Sie nicht verraten. Sie lächelt,
+gibt mir freundliche und höfliche Worte. Sie sagt nicht
Ja, sie sagt nicht Nein, sie sagt hmhm. Ich gehe. Der
-Diener lächelt ebenfalls. Soll ich dich aufs Maul hauen,
+Diener lächelt ebenfalls. Soll ich dich aufs Maul hauen,
du Affe? &mdash; Ich warte, ich denke, wie dumm, wie
<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
voreilig. Endlich treffe ich die Dame und sage: Nun?
-Wie steht es mit der Antwort? &mdash; Sie lächelt und
-sagt: Ja, was für Einfälle Sie doch haben, Sie
+Wie steht es mit der Antwort? &mdash; Sie lächelt und
+sagt: Ja, was für Einfälle Sie doch haben, Sie
kommen ins Haus &mdash; ich bin ja nicht wiedergekommen,
war Ihnen das nicht klar genug? &mdash; Ich sage: Haha,
was ist das! Sie haben aber versprochen zu kommen.
-Ja, sagt sie gleichgültig. Ich möchte Sie bitten weniger
-laut zu sprechen und sich weniger auffallend zu gebärden,
+Ja, sagt sie gleichgültig. Ich möchte Sie bitten weniger
+laut zu sprechen und sich weniger auffallend zu gebärden,
Herr Eisenhut, wenn uns jemand beobachtet! &mdash; Nun
sprechen Sie ja ganz anders, seht an, sage ich, neulich
da konnten Sie viel freundlicher sein. Sie haben von
-Freundschaft und Sympathie gesprochen &mdash; was weiß
+Freundschaft und Sympathie gesprochen &mdash; was weiß
ich &mdash; es war aber nur eine Falle, so ist es. Sie haben
wohl auch nie im entferntesten daran gedacht, mich zu
-heiraten &mdash; wie? &mdash; Sie sieht mich an und lächelt
-verächtlich. Wenn Sie es wissen wollen: Nein! Ich bitte
+heiraten &mdash; wie? &mdash; Sie sieht mich an und lächelt
+verächtlich. Wenn Sie es wissen wollen: Nein! Ich bitte
Sie nun &mdash; Was bitten Sie! schreie ich. Dann haben
Sie mich einfach betrogen! &mdash; Sie stampft mit den
-Füßen und wird blaß. Bitte! sagt sie und sieht mich
-an als ob ich ein Lakai wäre. Ich hätte nicht gedacht,
-daß Sie ein solch ungebildeter Mann wären! Außerdem
-wäre es mir nie in den Sinn gekommen Sie um eine
-Gefälligkeit zu bitten. Sie geht. &mdash; Ja, wie konnte
+Füßen und wird blaß. Bitte! sagt sie und sieht mich
+an als ob ich ein Lakai wäre. Ich hätte nicht gedacht,
+daß Sie ein solch ungebildeter Mann wären! Außerdem
+wäre es mir nie in den Sinn gekommen Sie um eine
+Gefälligkeit zu bitten. Sie geht. &mdash; Ja, wie konnte
ich auch so ungebildet schreien, denke ich, wie konnte
ich mich so vergessen. &mdash; Ich kam mir vor wie ein
Hund. Ich trank, schrecklich trank ich in dieser Zeit,
@@ -14160,17 +14126,17 @@ Teufel mit mir! Ich trinke hier in dem gleichen Zimmer,
wo sie mir das Haar streichelte. Ich bin ein ungebildeter
<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
Mann, jawohl, ganz richtig. Das ist wahr,
-sie hat es gesagt. Ich könnte mir die Haare ausreißen!
-Sie hätte mich ja nie um eine Gefälligkeit gebeten, wenn
-sie gewußt hätte, was für ein ungebildeter Mann
+sie hat es gesagt. Ich könnte mir die Haare ausreißen!
+Sie hätte mich ja nie um eine Gefälligkeit gebeten, wenn
+sie gewußt hätte, was für ein ungebildeter Mann
ich eigentlich bin. Ja, es ist wahr, sie heuchelte mir
etwas vor, sie machte mir Versprechungen &mdash; soll ein
Mensch in der Welt aufstehen und das Gegenteil behaupten!
-&mdash; sie schmeichelte mir, sie nahm die Gefälligkeit
+&mdash; sie schmeichelte mir, sie nahm die Gefälligkeit
von zwanzigtausend Mark mit sich, das tat sie &mdash;
aber trotzdem! Und ich fluchte und trank, weil sie mich
angelogen hatte, ich trank weil ich ein Narr war und
-ihr glaubte, ich trank, weil ich sie kränkte und am meisten
+ihr glaubte, ich trank, weil ich sie kränkte und am meisten
trank ich, weil sie mich nun verachtete wegen meines
ungebildeten Benehmens. Ich mag schon gar nicht daran
denken &mdash; wie ich den Freiersmann spielte und mir einen
@@ -14181,31 +14147,31 @@ Seite eine Dame, die kommt, dich streichelt und heuchelt
und verspricht und &mdash; ich deute auf den Tisch &mdash; hier
hast du also einen Mann, der sich die Freiheit nimmt
zu fragen, was denn eigentlich &mdash; hier hast du also &mdash;
-und hier &mdash; nein! Mein Kopf faßt das nicht. Wie
+und hier &mdash; nein! Mein Kopf faßt das nicht. Wie
ist es doch? Wer hat recht und wer hat unrecht. Wie
ist es doch? Nein, ich bin zu dumm, um das je herauszubekommen.
-Aber Zorn kommt über mich, Wut, daß
+Aber Zorn kommt über mich, Wut, daß
ich schreie! Hier hast du also, hier &mdash; und hier &mdash;
-ja, ich bitte einen vernünftigen Menschen mir zu erklären
-&mdash; wie? Ist es vielleicht ein Vergnügen &mdash; ich
-frage den Teufel! &mdash; ist es ein Vergnügen &mdash; einen
+ja, ich bitte einen vernünftigen Menschen mir zu erklären
+&mdash; wie? Ist es vielleicht ein Vergnügen &mdash; ich
+frage den Teufel! &mdash; ist es ein Vergnügen &mdash; einen
<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
Frack anzuziehen &mdash; wie &mdash; und ein alter Habenichts
-lacht &mdash; ist das ein Vergnügen &mdash; ich bitte weniger
+lacht &mdash; ist das ein Vergnügen &mdash; ich bitte weniger
laut zu sprechen &mdash; wenn uns jemand beobachtet &mdash;
wie? Gott im Himmel, wie soll ich das verstehen! &mdash;
-Ich hasse die Menschen! Was für eine Behandlung
+Ich hasse die Menschen! Was für eine Behandlung
ist das? Ich hasse die Frauen! Ja, ich liebte jene
Dame, es ist die Wahrheit, ich liebte sie. Aber nun
-hasse ich sie. Ich begegne ihr auf der Straße, ich grüße
+hasse ich sie. Ich begegne ihr auf der Straße, ich grüße
nicht, ich blicke sie nur durchdringend an. Ich gehe an
-ihr vorüber und ziehe einen Brief heraus, auf den ich
+ihr vorüber und ziehe einen Brief heraus, auf den ich
mit haushohen Buchstaben Schuldschein schrieb &mdash; ich
-mache es so, daß sie es sieht. Ich hasse sie, sie könnte
-es Schwarz auf Weiß haben &mdash; ich treffe sie in der
+mache es so, daß sie es sieht. Ich hasse sie, sie könnte
+es Schwarz auf Weiß haben &mdash; ich treffe sie in der
Buchhandlung und lasse den Brief fallen. Sie soll nur
etwas Angst vor mir haben, jetzt, da ich sie hasse. Ich
-habe sie geliebt, was ist geschehen, daß ich sie jetzt hasse?
+habe sie geliebt, was ist geschehen, daß ich sie jetzt hasse?
Habe ich zu mir gesagt: Hasse sie, hasse sie! Nein! &mdash;
Ich begegne ihr mit den Freundinnen, sie spricht das
erste Wort, sie reicht mir die Hand. Sie spricht mit
@@ -14215,50 +14181,50 @@ mit mir, sagt, ob ich nicht zum Tennis kommen
wolle &mdash; nur weil sie Angst hat. Ja, weshalb sollte
sie denn Angst haben? Vor mir? Ach, bei Gott, nein,
sie braucht gar keine Angst zu haben, ich tue ihr nichts,
-nein. Es ist ja schrecklich, zu sehen, daß sie Angst
+nein. Es ist ja schrecklich, zu sehen, daß sie Angst
hat. Denn ich liebe sie ja, ich hasse sie ja gar nicht,
ich liebe sie! Ich blicke auf ihr Haus und weine. &mdash;
-Wie lächerlich, Angst zu haben, ich werde es ihr sagen,
+Wie lächerlich, Angst zu haben, ich werde es ihr sagen,
von einem Skandal kann ja gar keine Rede sein. &mdash;
<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
Ich laure auf den Wegen, bei ihrem Haus, endlich treffe
ich sie. Ich nehme den Brief aus der Tasche, um ihr
-den Schuldschein zurückzugeben &mdash; sie sieht mich an
+den Schuldschein zurückzugeben &mdash; sie sieht mich an
und sagt: Man wird Sie bezahlen, haben Sie keine
-Angst, Herr Eisenhut. Aber ich bitte Sie mich gefälligst
-ungeschoren zu lassen, ich kann ja keinen Fuß mehr
-aus dem Hause setzen, ohne daß Sie dastehen. &mdash; Glauben
-Sie nun, ein Mensch wie ich, lächelt, gibt den Brief
-zurück, sagt ihr, daß sie unbesorgt sein möge? Glauben
+Angst, Herr Eisenhut. Aber ich bitte Sie mich gefälligst
+ungeschoren zu lassen, ich kann ja keinen Fuß mehr
+aus dem Hause setzen, ohne daß Sie dastehen. &mdash; Glauben
+Sie nun, ein Mensch wie ich, lächelt, gibt den Brief
+zurück, sagt ihr, daß sie unbesorgt sein möge? Glauben
Sie das? Dann sind Sie auf falschem Wege. Ich bin
-nicht so. Nein. Was hat mich doch so wütend gemacht?
-Ich stehe da mit dem Briefe und also muß
-sie denken &mdash; deshalb spricht sie ja so &mdash; aber daß
+nicht so. Nein. Was hat mich doch so wütend gemacht?
+Ich stehe da mit dem Briefe und also muß
+sie denken &mdash; deshalb spricht sie ja so &mdash; aber daß
sie so spricht, ihre Haltung, ihr Blick &mdash; alles &mdash; was
-hat mich doch wütend gemacht, daß ich schreie: Nehmen
+hat mich doch wütend gemacht, daß ich schreie: Nehmen
Sie sich in acht vor dem Skandal! Ich schreie das, ich
-lache ganz gemütlich und gehe.
+lache ganz gemütlich und gehe.
</p>
<p>
-Ist das nicht um verrückt zu werden, wie? Nichts
-ist geblieben als Haß. Aus allem, was man tut, nichts
-bleibt als Blamage, Ekel und Haß! Ach, wie ich doch
-die Frauen hasse. Sie sind Schlangen, schön, wärmen
-sich in der Sonne und glitzern, denken böse und
+Ist das nicht um verrückt zu werden, wie? Nichts
+ist geblieben als Haß. Aus allem, was man tut, nichts
+bleibt als Blamage, Ekel und Haß! Ach, wie ich doch
+die Frauen hasse. Sie sind Schlangen, schön, wärmen
+sich in der Sonne und glitzern, denken böse und
sind giftig! Man sollte sie alle einsperren, gehen daher
-und blähen sich auf. Nun, ich hasse sie! Ich hasse auch
-die Männer, aber die Frauen hasse ich auf eine ganz
+und blähen sich auf. Nun, ich hasse sie! Ich hasse auch
+die Männer, aber die Frauen hasse ich auf eine ganz
andere Weise! Ich sitze hier, bewerfe sie mit Schmutz
und hasse sie. In manchen Stunden, da liebe ich sie
-ja. Sie sind schön, Gott im Himmel, sie sind ja schön,
-sage ich, schön und rührend sind sie. Ich bitte euch
+ja. Sie sind schön, Gott im Himmel, sie sind ja schön,
+sage ich, schön und rührend sind sie. Ich bitte euch
um Verzeihung, ihr Frauen auf der ganzen Erde, ich!
<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
-Aber der Haß kommt zurück. Auch die Menschen liebe
-ich zuweilen, aber der Haß kommt zurück und zerfrißt
+Aber der Haß kommt zurück. Auch die Menschen liebe
+ich zuweilen, aber der Haß kommt zurück und zerfrißt
mich wie Gift. Ist das ein Dasein? frage ich Sie, was
-für ein Leben soll das sein! Es ist ein Hundedasein,
+für ein Leben soll das sein! Es ist ein Hundedasein,
nichts als ein Hundedasein!&ldquo;
</p>
@@ -14267,140 +14233,140 @@ Er lachte verzweifelt auf und schrie.
</p>
<p>
-&bdquo;Das ist das, hören Sir, Herr Grau, das ist das,
-nun habe ich es Ihnen erzählt, das, was mich quält
+&bdquo;Das ist das, hören Sir, Herr Grau, das ist das,
+nun habe ich es Ihnen erzählt, das, was mich quält
&mdash; was nicht mehr von mir weicht, ich denke daran, fresse
-daran über ein halbes Jahr &mdash; immer wieder ziehe ich
-den Frack an &mdash; immer wieder &mdash; geht die Dame über
+daran über ein halbes Jahr &mdash; immer wieder ziehe ich
+den Frack an &mdash; immer wieder &mdash; geht die Dame über
diese Schwelle &mdash; immer wieder spricht sie mit mir oben
im Walde &mdash; immer, immer, immer wieder &mdash; ah!&ldquo; Er
-vergrub den Kopf in den Händen.
+vergrub den Kopf in den Händen.
</p>
<p>
&bdquo;Halt!&ldquo; schrie er. &bdquo;Sagen Sie nichts! Es ist noch
-nicht alles! Ich muß alles sagen, es muß heraus, ich
-muß es tun, Sie sollen wissen, wie es um mich steht.
+nicht alles! Ich muß alles sagen, es muß heraus, ich
+muß es tun, Sie sollen wissen, wie es um mich steht.
Glauben Sie denn, es sei eine Wonne so zu leben &mdash;
mit all dem im Kopfe? Wie ist das alles gekommen?
-Weiß ich es? Wie ist es gekommen, daß alles sich in
+Weiß ich es? Wie ist es gekommen, daß alles sich in
meinen Gedanken in Schmutz verwandelt? Jedes harmlose
-Wort &mdash; ich höre es, man spricht es &mdash; aber in
+Wort &mdash; ich höre es, man spricht es &mdash; aber in
meinem Kopfe verwandelt es sich zu einer Niedrigkeit.
-Was für Gedanken habe ich doch früh und spät &mdash; abscheuliche
+Was für Gedanken habe ich doch früh und spät &mdash; abscheuliche
Gedanken, die kein Mensch ertragen kann, ich
-möchte weit fort von ihnen, aber es geht nicht. Nichts
+möchte weit fort von ihnen, aber es geht nicht. Nichts
ist schrecklicher als eine verdorbene Phantasie &mdash; sie ist ein
-Gespenst, das alles häßlich und stinkend macht.&ldquo; Er
-schauderte zusammen und schüttelte sich wie gepackt vom
-Grausen. &bdquo;Auch meine Phantasie ist eine Hölle!&ldquo;
+Gespenst, das alles häßlich und stinkend macht.&ldquo; Er
+schauderte zusammen und schüttelte sich wie gepackt vom
+Grausen. &bdquo;Auch meine Phantasie ist eine Hölle!&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
&bdquo;Ich will nicht mehr!&ldquo; fuhr er fort und wiegte
den Kopf auf den Schultern hin und her. &bdquo;Ich will
-nicht &mdash; aber ich muß &mdash; ich muß Ihnen alles sagen.
+nicht &mdash; aber ich muß &mdash; ich muß Ihnen alles sagen.
Warum? Haben Sie mich etwas gefragt? Haben Sie
zu mir gesagt: Nun, Eisenhut, wie steht es mit dir? Was
macht dir Qual? Nein! Nichts haben Sie gesagt. Aber
-ich sage Ihnen alles, ich reiße vor Ihnen das ganze Haus
+ich sage Ihnen alles, ich reiße vor Ihnen das ganze Haus
ein, damit Sie sehen, was darin ist. Ich verkaufe mich
auf Abbruch vor Ihnen. Warum? Vielleicht, weil Sie
mir helfen sollen? Oder? Warum denn? Ich habe Sie
-gesehen, ich habe gehört, was Sie sagten, damals bei
+gesehen, ich habe gehört, was Sie sagten, damals bei
der Beerdigung &mdash; ich habe an Sie gedacht. Ich konnte
-meine Gedanken nicht mehr von Ihnen losreißen. Warum?
+meine Gedanken nicht mehr von Ihnen losreißen. Warum?
Kenne ich nicht hundert Leute, an die ich nicht denken
-muß? Was ist das? Ich habe gedacht, wie schön und
-jung er ist und wie freundlich und gleichmäßig liebenswürdig
-gegen jedermann. Vielleicht ist er glücklich, vielleicht
-ist er gut und vielleicht hat er keine Hölle in der
-Brust, keine häßlichen Gedanken, schöne Gedanken vielleicht!
-Nein, er ist ein Dummkopf und ein Schwätzer,
+muß? Was ist das? Ich habe gedacht, wie schön und
+jung er ist und wie freundlich und gleichmäßig liebenswürdig
+gegen jedermann. Vielleicht ist er glücklich, vielleicht
+ist er gut und vielleicht hat er keine Hölle in der
+Brust, keine häßlichen Gedanken, schöne Gedanken vielleicht!
+Nein, er ist ein Dummkopf und ein Schwätzer,
habe ich gedacht, er ist eine Art Idiot, ein Narr &mdash; so
-wie Professor Richter sagt. Aber trotzdem mußte ich an
-Sie denken. Ich träumte von Ihnen, ich sah in Ihre
-Fenster, ich mußte Ihnen immer begegnen, Sie immer
+wie Professor Richter sagt. Aber trotzdem mußte ich an
+Sie denken. Ich träumte von Ihnen, ich sah in Ihre
+Fenster, ich mußte Ihnen immer begegnen, Sie immer
ansehen. Ich ging um Sie herum, im Kreise, und
kam nicht mehr los von Ihnen. Was ist das? Am ersten
Tage, da begegnete ich Ihnen &mdash; ich richtete es so ein
-&mdash; ich tat, als ob ich grüßen wolle, ich grüßte nicht.
-Aber Sie grüßten und sagten: Ein schöner Tag oder
+&mdash; ich tat, als ob ich grüßen wolle, ich grüßte nicht.
+Aber Sie grüßten und sagten: Ein schöner Tag oder
was Sie doch sagten. Freundlich sahen Sie mich an.
<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
-Ich aber lachte über Sie. Ich lachte und ich weiß nicht,
-warum ich lachte. Sie läuteten an meiner Glocke, am
-gleichen Tage, ich öffnete nicht. Ich dachte, aha, er hat
+Ich aber lachte über Sie. Ich lachte und ich weiß nicht,
+warum ich lachte. Sie läuteten an meiner Glocke, am
+gleichen Tage, ich öffnete nicht. Ich dachte, aha, er hat
eine Liste bei sich, er will Geld! Aber nicht deshalb
-allein öffnete ich nicht, nein &mdash; ich hatte Angst vor Ihnen,
-ganz plötzlich &mdash; eine eigentümliche unsagbare Angst.
-Seitdem mußte ich immer an Sie denken.&ldquo;
+allein öffnete ich nicht, nein &mdash; ich hatte Angst vor Ihnen,
+ganz plötzlich &mdash; eine eigentümliche unsagbare Angst.
+Seitdem mußte ich immer an Sie denken.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich träumte auch von Ihnen, ja! Ich träumte,
-einige Schurken hätten mich angeschossen. Ich lag da und
-stöhnte und mein Gaumen brannte. Ich preßte die Hand
-auf die Brust, das Blut schoß heraus, ich stand Todesängste
-aus &mdash; da ging die Türe auf und Sie kamen
+&bdquo;Ich träumte auch von Ihnen, ja! Ich träumte,
+einige Schurken hätten mich angeschossen. Ich lag da und
+stöhnte und mein Gaumen brannte. Ich preßte die Hand
+auf die Brust, das Blut schoß heraus, ich stand Todesängste
+aus &mdash; da ging die Türe auf und Sie kamen
herein. Ich wurde sofort ruhig. Sie legten mir die
-Hand auf die Brust, da floß das Blut nicht mehr. Sie
+Hand auf die Brust, da floß das Blut nicht mehr. Sie
feuchteten den Finger an den Augen an, da war die
-Wunde geheilt. Das träumte ich von Ihnen und oft
-träumte ich von Ihnen.&ldquo;
+Wunde geheilt. Das träumte ich von Ihnen und oft
+träumte ich von Ihnen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Warum, warum? Seitdem ich Sie sah &mdash; weshalb
doch? Ich verstehe ja das ganze Leben nicht mehr. Ich
-mußte an Sie denken und je mehr ich an Sie denken
-mußte, desto mehr haßte ich Sie, je mehr ich Sie haßte,
-desto mehr mußte ich an Sie denken. Wenn ich Sie
-nur sah, konnte ich wütend werden. Sie gehen dahin, so
+mußte an Sie denken und je mehr ich an Sie denken
+mußte, desto mehr haßte ich Sie, je mehr ich Sie haßte,
+desto mehr mußte ich an Sie denken. Wenn ich Sie
+nur sah, konnte ich wütend werden. Sie gehen dahin, so
leicht &mdash; Ihre Augen sind so klar &mdash; alles zusammen
-&mdash; ich haßte Sie aber! Nun sitzen Sie da, ich erzähle
-Ihnen alles. Ich muß. Ich muß fortfahren, ich weiß
+&mdash; ich haßte Sie aber! Nun sitzen Sie da, ich erzähle
+Ihnen alles. Ich muß. Ich muß fortfahren, ich weiß
nicht warum.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie sollen von diesen Schuften hören, diesem Professor
-Richter, dem Adjunkten, von Dr. Nürnberger &mdash; von mir
-und ihnen &mdash; alles sollen Sie hören. Weshalb verkehre
+&bdquo;Sie sollen von diesen Schuften hören, diesem Professor
+Richter, dem Adjunkten, von Dr. Nürnberger &mdash; von mir
+und ihnen &mdash; alles sollen Sie hören. Weshalb verkehre
<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
ich mit diesen Leuten? Weil sie gebildet sind, weil sie
-angesehen sind! Oh, hätte ich sie nie kennen gelernt,
+angesehen sind! Oh, hätte ich sie nie kennen gelernt,
diese Hunde, die alle so sind &mdash; so niedrig wie ich &mdash;
die nichts glauben, nur lachen, nichts wollen, alles in
den Schmutz ziehen &mdash; diese &mdash; nein, nein, nein, genug &mdash;
-einmal hat mich Dr. Nürnberger zum Duell herausgefordert,
+einmal hat mich Dr. Nürnberger zum Duell herausgefordert,
ich glaubte es sei ihm Ernst &mdash; ich &mdash; nein,
nein, nein &mdash; genug &mdash; nichts mehr &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Er schwieg und schloß die Augen und es sah aus
-als ob er ohnmächtig werden würde. Grau wollte ihm
-eben beispringen, aber da sah er, daß Eisenhut lächelte.
+Er schwieg und schloß die Augen und es sah aus
+als ob er ohnmächtig werden würde. Grau wollte ihm
+eben beispringen, aber da sah er, daß Eisenhut lächelte.
</p>
<p>
-Er lächelte und ohne die Augen zu öffnen sagte er:
+Er lächelte und ohne die Augen zu öffnen sagte er:
&bdquo;Es ist zu toll, es waren ja gar keine zwanzigtausend
Mark, die die Dame holte. Es waren nur zehntausend!<a id="corr-21"></a>&ldquo;
-Er schüttelte den Kopf, blinzelte und begann zu Graus
+Er schüttelte den Kopf, blinzelte und begann zu Graus
Erstaunen heiter zu lachen. &bdquo;Ja,&ldquo; rief er aus, &bdquo;wie
toll! Es waren ja nur zehntausend Mark! Ich bildete
mir ein, es seien zwanzigtausend gewesen, all die Zeit
lang und endlich glaubte ich es selbst. Ha! Ha! Ha!
-Ja, bei Gott, so ist es mit mir! Ich lüge und manche
-Lügen wiederhole ich so oft, daß ich sie selbst glaube.
-Warum muß ich denn immerzu lügen? Das ist sonderbar!
-Ich komme in eine Wirtschaft und erzähle, daß
-ich soeben einen weißen Hirsch gesehen habe. Weshalb,
-warum, wozu? Hat mich jemand gefragt, wie? Können
-Sie mir das erklären?&ldquo;
+Ja, bei Gott, so ist es mit mir! Ich lüge und manche
+Lügen wiederhole ich so oft, daß ich sie selbst glaube.
+Warum muß ich denn immerzu lügen? Das ist sonderbar!
+Ich komme in eine Wirtschaft und erzähle, daß
+ich soeben einen weißen Hirsch gesehen habe. Weshalb,
+warum, wozu? Hat mich jemand gefragt, wie? Können
+Sie mir das erklären?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -14409,24 +14375,24 @@ interessant machen, Herr Eisenhut.&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut nickte, gleichsam befriedigt über Graus
+Eisenhut nickte, gleichsam befriedigt über Graus
Antwort. &bdquo;Ja, das ist es. Ich habe mich schon wahnsinnig
<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
gestellt, ja sogar tot habe ich mich gestellt &mdash;
sogar tot! Um Aufsehen zu erregen, um mich interessant
-zu machen. Deshalb lüge ich auch immerzu. Ich habe
-auch Sie einmal angelogen, als wir zu Mütterchen
-hinaus gingen. Daß Lenz mit den Mädchen im Sommer
+zu machen. Deshalb lüge ich auch immerzu. Ich habe
+auch Sie einmal angelogen, als wir zu Mütterchen
+hinaus gingen. Daß Lenz mit den Mädchen im Sommer
spazieren ging und sagte: Alle auskleiden. Das war
-eine Lüge. Ha! Ha! Ha! Wie kam ich doch darauf.
+eine Lüge. Ha! Ha! Ha! Wie kam ich doch darauf.
Warum tat ich es doch! Ha! Ha! Ha!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau unterbrach ihn, denn er sah, daß Eisenhut den
-äußersten Grad von Erregung erreicht hatte. &bdquo;Ruhen
+Grau unterbrach ihn, denn er sah, daß Eisenhut den
+äußersten Grad von Erregung erreicht hatte. &bdquo;Ruhen
Sie sich aus, Eisenhut, sprechen Sie nicht mehr!&ldquo; sagte
-er und führte ihn zum Sofa.
+er und führte ihn zum Sofa.
</p>
<p>
@@ -14435,8 +14401,8 @@ er und führte ihn zum Sofa.
<p>
Eisenhut schwieg. Dann lachte er wieder, sah
-Grau an und wurde plötzlich ernst. &bdquo;Sie sind gewissermaßen
-der allerschrecklichste Mensch!&ldquo; flüsterte er. &bdquo;Mir
+Grau an und wurde plötzlich ernst. &bdquo;Sie sind gewissermaßen
+der allerschrecklichste Mensch!&ldquo; flüsterte er. &bdquo;Mir
graut vor Ihnen, denn man kann Sie nie kennen,
nie, nie!&ldquo;
</p>
@@ -14452,39 +14418,39 @@ Eisenhut nickte und schwieg.
<p>
Aber er begann von neuem und er sprach und
-flüsterte die ganze Nacht hindurch. Das Licht der Kerze
-erlosch und sie saßen im Dunkeln. Durch die Risse
+flüsterte die ganze Nacht hindurch. Das Licht der Kerze
+erlosch und sie saßen im Dunkeln. Durch die Risse
des Ofens flackerte der Schein des Feuers, das langsam
erstarb. Er sprach aus der Dunkelheit, lachte, schrie,
-schluchzte, flüsterte. All die Qual, die in den Menschenherzen
+schluchzte, flüsterte. All die Qual, die in den Menschenherzen
haust &mdash;
</p>
<p>
-Grau zitterte, so daß er die Hände auf die Knie
-pressen mußte, um sich nicht zu verraten. Warum
+Grau zitterte, so daß er die Hände auf die Knie
+pressen mußte, um sich nicht zu verraten. Warum
<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
zitterst du? fragte eine Stimme in ihm. &bdquo;Es ist so
-schrecklich, so schrecklich all das zu hören!&ldquo;
+schrecklich, so schrecklich all das zu hören!&ldquo;
</p>
<p>
Grau unterbrach ihn nicht; er sollte sich aussprechen.
Die Scheiben der Fenster wurden blau und begannen
zu glitzern. Lautlos kam der Tag. Nichts regte sich
-auf der Straße. Dann begann eine feine bimmelnde
-Glocke im Kloster zu läuten und der Gesang der Mönche
+auf der Straße. Dann begann eine feine bimmelnde
+Glocke im Kloster zu läuten und der Gesang der Mönche
hallte aus der Ferne.
</p>
<p>
-Eisenhut saß zusammengekrümmt im Sessel und
+Eisenhut saß zusammengekrümmt im Sessel und
schwieg.
</p>
<p>
-Grau saß still und blickte zu ihm hin. Die Fenster
-wurden hellblau und die Häuser gegenüber tauchten
+Grau saß still und blickte zu ihm hin. Die Fenster
+wurden hellblau und die Häuser gegenüber tauchten
wie aus einem dicken Nebel auf.
</p>
@@ -14497,77 +14463,77 @@ Dann sagte Grau: &bdquo;Sie haben viel gelitten, Eisenhut!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau schüttelte den Kopf. &bdquo;Nein,&ldquo; sagte er, &bdquo;aber
+Grau schüttelte den Kopf. &bdquo;Nein,&ldquo; sagte er, &bdquo;aber
Sie haben zu viel gelitten! Sie sind nicht schlecht, nur
-schrecklich unglücklich sind Sie!&ldquo;
+schrecklich unglücklich sind Sie!&ldquo;
</p>
<p>
-Aber Eisenhut saß bleich, mit verzweifelten lechzenden
+Aber Eisenhut saß bleich, mit verzweifelten lechzenden
Augen. &bdquo;Kann ich denn so leben?&ldquo; fragte er und
-wollte aufstehen. Aber Grau drängte ihn sitzen zu
+wollte aufstehen. Aber Grau drängte ihn sitzen zu
bleiben. Er sah ihn an, reichte ihm die Hand und
-drückte sie. Er nickte und saß lange Zeit, die hellen
+drückte sie. Er nickte und saß lange Zeit, die hellen
freundlichen Augen auf ihn gerichtet.
</p>
<p>
&bdquo;Geduld, Geduld!&ldquo; sagte er endlich. &bdquo;Nun wird
-es ja schon Tag; die Sonne muß bald aufgehen.
+es ja schon Tag; die Sonne muß bald aufgehen.
Sehen Sie doch, wie blau der Himmel wird, es wird
-ein schöner klarer Tag werden. Was soll ich Ihnen
+ein schöner klarer Tag werden. Was soll ich Ihnen
doch sagen, Eisenhut? Da sitze ich nun und beginne
-vom Wetter zu sprechen, weil ich nicht weiß, wie ich
+vom Wetter zu sprechen, weil ich nicht weiß, wie ich
<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
beginnen soll. Ich bin ja so unerfahren und jung,
-Sie müssen Nachsicht haben, ich bin ja sogar jünger
-als Sie, Eisenhut &mdash; wie anmaßend wäre es doch,
-wollte ich Ihnen Ratschläge geben. Sie haben Vertrauen
-zu mir gehabt und wie schön ist es doch, daß
+Sie müssen Nachsicht haben, ich bin ja sogar jünger
+als Sie, Eisenhut &mdash; wie anmaßend wäre es doch,
+wollte ich Ihnen Ratschläge geben. Sie haben Vertrauen
+zu mir gehabt und wie schön ist es doch, daß
Sie ein solch unbedingtes Vertrauen zu einem Menschen
-haben konnten! Schön war es für mich, daß Sie mich
+haben konnten! Schön war es für mich, daß Sie mich
damit auszeichneten und ich werde Ihnen das nicht
-mehr vergessen. Ich habe mich so gefreut darüber und
+mehr vergessen. Ich habe mich so gefreut darüber und
ich danke Ihnen. Ich bin Ihr Freund, wenn Sie nur
-wollten. Ja, ich gehöre Ihnen ganz! Wollen Sie nicht
-ein Glas Wein trinken, es wird Sie stärken. Sind Sie
-müde? Nein? Ich denke mir, wie unglücklich und arm
-Sie doch sind. Aus all dem was Sie mir erzählten,
-konnte ich ja entnehmen, daß Sie niemals, aber auch
+wollten. Ja, ich gehöre Ihnen ganz! Wollen Sie nicht
+ein Glas Wein trinken, es wird Sie stärken. Sind Sie
+müde? Nein? Ich denke mir, wie unglücklich und arm
+Sie doch sind. Aus all dem was Sie mir erzählten,
+konnte ich ja entnehmen, daß Sie niemals, aber auch
niemals einen Freund gehabt haben.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wir alle aber können nicht ohne Freunde leben!&ldquo;
+&bdquo;Wir alle aber können nicht ohne Freunde leben!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Hören Sie, was Susanna einmal zu mir sagte.
-Sie sagte, wenn sie in den Büchern liest, so fühlt sie,
-daß sie von all den Gestalten, die in den Büchern
+&bdquo;Hören Sie, was Susanna einmal zu mir sagte.
+Sie sagte, wenn sie in den Büchern liest, so fühlt sie,
+daß sie von all den Gestalten, die in den Büchern
vorkommen, etwas hat, ob sie nun schlecht oder gut
-sind. So empfand auch ich, als ich Ihnen zuhörte.
-Ich bin Ihnen so sehr ähnlich; von all Ihren Wünschen,
-Kämpfen, Schmerzen habe auch ich einen großen Teil.
-Ich will ja nicht sagen, daß ich genau so bin wie Sie,
+sind. So empfand auch ich, als ich Ihnen zuhörte.
+Ich bin Ihnen so sehr ähnlich; von all Ihren Wünschen,
+Kämpfen, Schmerzen habe auch ich einen großen Teil.
+Ich will ja nicht sagen, daß ich genau so bin wie Sie,
nein, jeder Mensch ist ja doch anders, aber so im allgemeinen?
Mehr oder weniger sind alle Menschen wie
-Sie, Eisenhut. Ach, schütteln Sie doch nicht den Kopf,
+Sie, Eisenhut. Ach, schütteln Sie doch nicht den Kopf,
es scheint mir so, soweit ich die Menschen kenne Sie
-sind Ihnen alle verwandt. Sie sind allein oder fühlen
+sind Ihnen alle verwandt. Sie sind allein oder fühlen
<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
sich allein, ganz wie Sie. Sie leiden unter dieser
Einsamkeit, wie Sie. Sie haben Sehnsucht nach Liebe
-und Freundschaft. Sie haben schlechte und häßliche und
-haßerfüllte Gedanken, jeder Mensch hat sie zuweilen.
-Sie lügen und posieren, um gesehen, gehört, beachtet
+und Freundschaft. Sie haben schlechte und häßliche und
+haßerfüllte Gedanken, jeder Mensch hat sie zuweilen.
+Sie lügen und posieren, um gesehen, gehört, beachtet
zu werden, um interessant zu erscheinen. Ja, das tun
fast alle. Fast alle sind so empfindlich wie Sie und
-wir alle fühlen einen Tropfen Essig stärker auf der
+wir alle fühlen einen Tropfen Essig stärker auf der
Zunge als ein Pfund Honig. Alle sind so ehrgeizig,
-alle legen so großen Wert auf die Liebe und die Achtung
+alle legen so großen Wert auf die Liebe und die Achtung
der Menschen wie Sie &mdash; und das ist ja nur gut!
-Wir alle möchten nicht nur geliebt, wir möchten bewundert
+Wir alle möchten nicht nur geliebt, wir möchten bewundert
sein. Und das ist ja nur gut!&ldquo;
</p>
@@ -14575,38 +14541,38 @@ sein. Und das ist ja nur gut!&ldquo;
&bdquo;Das Leben ist gegen Sie unfreundlicher und nachsichtsloser
gewesen als gegen andere, Eisenhut. Das
hat Sie bitter gemacht und Sie sind nicht stark genug
-gewesen. Dann haben Sie in Ihrer Seele gewütet,
-wie haben Sie in Ihrer Seele gewütet, Eisenhut, wie
-ein Mörder! Ja, das haben Sie getan, verzeihen Sie
-mir, aber ich muß es sagen! Nun aber frage ich Sie,
+gewesen. Dann haben Sie in Ihrer Seele gewütet,
+wie haben Sie in Ihrer Seele gewütet, Eisenhut, wie
+ein Mörder! Ja, das haben Sie getan, verzeihen Sie
+mir, aber ich muß es sagen! Nun aber frage ich Sie,
hat Ihre Seele sich das gefallen lassen? Nein, nein!
Sie hat sich gewehrt dagegen und hat Sie gefoltert
-dafür und gepeinigt. Denn sie sagte sich: Genug, genug,
+dafür und gepeinigt. Denn sie sagte sich: Genug, genug,
wie geht er doch mit mir um? Ihre Seele ist ja gut,
Eisenhut. Sie sind ja ein guter, wahrhaft guter Mensch!
Das glauben Sie nicht? Seht an! Ich habe ja schon
-früher von Ihnen gehört und es ist wahr, ich habe viel,
+früher von Ihnen gehört und es ist wahr, ich habe viel,
viel an Sie gedacht! Weshalb sehen Sie mich so an?
Ja, das habe ich getan. Ich habe mich in Gedanken
-viel mit Ihnen beschäftigt. Sie taten es ja auch mit
+viel mit Ihnen beschäftigt. Sie taten es ja auch mit
<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
mir, nicht wahr? Ich habe gedacht, Eisenhut ist ein
-guter Mensch, den man viel quälte. Ein guter, aber
-einsamer Mensch ist er, ich schwöre Ihnen, ich habe
+guter Mensch, den man viel quälte. Ein guter, aber
+einsamer Mensch ist er, ich schwöre Ihnen, ich habe
das gedacht! Sie sind gut, sagen Sie, was Sie wollen.
Sie hassen die Menschen, weil sie Ihnen zuvor so
-große Liebe entgegen brachten. Wie können Sie doch
+große Liebe entgegen brachten. Wie können Sie doch
lieben! Haben Sie nicht gesagt &mdash; als Sie von jener
Frau sprachen &mdash; ich blicke auf ihr Haus und weine?
-Sie vergeben mir wohl, daß ich es wage, Ihre intimsten
-Gefühle zu berühren. Ich will Ihnen ja nur beweisen,
+Sie vergeben mir wohl, daß ich es wage, Ihre intimsten
+Gefühle zu berühren. Ich will Ihnen ja nur beweisen,
wie gut Sie in Wirklichkeit sind und wie wenig Sie
sich selbst kennen. Das ist auch ein Fluch, eine Strafe
-für diejenigen, die in ihrer Seele wüten, daß sie sich
+für diejenigen, die in ihrer Seele wüten, daß sie sich
selbst nicht mehr kennen. Sie haben gesagt: Die Sonne
-scheint, ich gehe auf die Straße, ich grüße die Leute &mdash;
-kurz und gut, ich könnte Ihnen ja an vielen, vielen
-Dingen zeigen, daß ich im Recht bin. Haben Sie nicht
+scheint, ich gehe auf die Straße, ich grüße die Leute &mdash;
+kurz und gut, ich könnte Ihnen ja an vielen, vielen
+Dingen zeigen, daß ich im Recht bin. Haben Sie nicht
auch jener Dame, die in der Not zu Ihnen kam,
geholfen?&ldquo;
</p>
@@ -14614,48 +14580,48 @@ geholfen?&ldquo;
<p>
&bdquo;Ich will Ihnen sagen, welchen Fehler Sie begangen
haben. Sie haben jenen Fehler begangen, den die meisten
-Menschen begehen: Sie suchten Glück und Erlösung durch
+Menschen begehen: Sie suchten Glück und Erlösung durch
andere, durch Freunde und Freundinnen. Und Sie haben
-jenen Fehler begangen, den die meisten Männer begehen,
-sie suchten Glück und Friede durch die Frau. Ja, fragen
+jenen Fehler begangen, den die meisten Männer begehen,
+sie suchten Glück und Friede durch die Frau. Ja, fragen
Sie sich doch, sollten die Frauen vielleicht dazu da sein,
-daß wir uns bei ihnen ausruhen, erholen, daß wir von
-ihnen das Glück und die Freude entgegennehmen? Nein,
-wie unsinnig wäre das doch! Sie wollten, daß die
-Menschen Sie lieben, daß die Frauen Sie lieben, daß
+daß wir uns bei ihnen ausruhen, erholen, daß wir von
+ihnen das Glück und die Freude entgegennehmen? Nein,
+wie unsinnig wäre das doch! Sie wollten, daß die
+Menschen Sie lieben, daß die Frauen Sie lieben, daß
<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
-Sie sie lieben dürfen, nicht wahr? Dann wäre Ihnen
+Sie sie lieben dürfen, nicht wahr? Dann wäre Ihnen
geholfen. Aber wenn Sie zu einem Menschen kommen,
so sieht er Sie an und fragt sich: Was wird er mir
-geben? Ich frage Sie, sind Sie reich, können Sie geben?
+geben? Ich frage Sie, sind Sie reich, können Sie geben?
Ja, Liebe, nicht wahr, wollten Sie denn nicht Liebe geben?
Richtig, aber jene Liebe, die aus Ihrer eigenen Ohnmacht
hervorgeht, Verzweiflung, weil Sie mit sich allein
-nicht leben können, weil Sie arm im Innern sind, Anlehnung
+nicht leben können, weil Sie arm im Innern sind, Anlehnung
wollten Sie, Halt! Wenn Sie in ein Wirtshaus
-gehen, essen, trinken und nicht bezahlen können,
-so wirft Sie der Wirt vor die Türe, Sie sind ein Zechpreller.
+gehen, essen, trinken und nicht bezahlen können,
+so wirft Sie der Wirt vor die Türe, Sie sind ein Zechpreller.
Er hat keine Nachsicht mit Ihnen. Die meisten
-Menschen sind solche Wirte, die den vor die Türe werfen,
+Menschen sind solche Wirte, die den vor die Türe werfen,
der nicht bezahlen kann und den nicht hinein lassen, der
-arm aussieht. So sind die Menschen, sie müssen vielleicht
+arm aussieht. So sind die Menschen, sie müssen vielleicht
so sein, denn sie sind ja selbst arme Wirte, keine
-reichen Herren, die Bettler speisen können.&ldquo;
+reichen Herren, die Bettler speisen können.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Sie fragen mich nun &mdash; ja, sagen Sie, ich sehe
doch, man liebt den oder jenen und was ist er im Grunde
genommen, aber man nimmt ihn auf, man liebt ihn.
-Lieber Eisenhut, ich weiß das wohl. Man nimmt ihn
-auf, man liebt ihn um einer einzigen schätzenswerten
+Lieber Eisenhut, ich weiß das wohl. Man nimmt ihn
+auf, man liebt ihn um einer einzigen schätzenswerten
Eigenschaft willen! Vielleicht kann er singen, oder Geschichten
-erzählen, oder er ist freigebig, er ist witzig, er
-ist drollig, er ist gütig oder er ist mutig. Wenn er nur
+erzählen, oder er ist freigebig, er ist witzig, er
+ist drollig, er ist gütig oder er ist mutig. Wenn er nur
eine einzige Eigenschaft hat, die ihn vor andern auszeichnet.
Haben Sie eine solche Eigenschaft? Fragen
-Sie sich? Sie sind begütert, Sie sind ein reicher Mann
-und diese Eigenschaft hat Ihnen Einlaß gewährt. Aber
+Sie sich? Sie sind begütert, Sie sind ein reicher Mann
+und diese Eigenschaft hat Ihnen Einlaß gewährt. Aber
das ist ja eigentlich keine Eigenschaft, nicht wahr.&ldquo;
</p>
@@ -14664,33 +14630,33 @@ das ist ja eigentlich keine Eigenschaft, nicht wahr.&ldquo;
&bdquo;Das sind harte Worte, verzeihen Sie mir. Sie
wissen ja selbst, Sie leben nicht im Frieden mit sich.
Ja, Sie sind so unzufrieden wie einer nur sein kann
-und haben ja selbst Ihren Bankerott erklärt. Aber Sie
-wollen, daß man Sie liebt! Freunde sind der Preis
+und haben ja selbst Ihren Bankerott erklärt. Aber Sie
+wollen, daß man Sie liebt! Freunde sind der Preis
unserer Tugenden, Eisenhut.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Sie sagen, Sie hassen die Menschen, Sie glauben
-nicht an ihre Liebe und Güte und an das Edele in ihnen.
-Aber Sie wollen, daß man Sie liebt. Du guter Gott,
-was denken Sie denn, die Menschen fühlen ja Ihre geheimen
+nicht an ihre Liebe und Güte und an das Edele in ihnen.
+Aber Sie wollen, daß man Sie liebt. Du guter Gott,
+was denken Sie denn, die Menschen fühlen ja Ihre geheimen
Gedanken. Sie achten die Frauen nicht sehr,
-aber Sie wollen, daß die Frauen Sie lieben. Da kommen
-Sie nun zu den Frauen, Sie sprechen, Sie sind liebenswürdig,
+aber Sie wollen, daß die Frauen Sie lieben. Da kommen
+Sie nun zu den Frauen, Sie sprechen, Sie sind liebenswürdig,
Sie sind freundlich &mdash; aber die Frauen? Die
-Frauen fühlen ja deutlich, wie Sie sonst über sie denken.
-Sie bleiben kühl. Ein anderer spricht dieselben Worte,
-lächelt das gleiche Lächeln, sehen Sie, wie die Augen
+Frauen fühlen ja deutlich, wie Sie sonst über sie denken.
+Sie bleiben kühl. Ein anderer spricht dieselben Worte,
+lächelt das gleiche Lächeln, sehen Sie, wie die Augen
der Frauen leuchten, wie freundlich sie ihn anblicken?
-Warum? Ja, die Frauen fühlen, er denkt immer so von
-uns. Das Gefühl eines Mannes können Sie am Ende
-täuschen, aber niemals das Gefühl einer Frau, denn sie
+Warum? Ja, die Frauen fühlen, er denkt immer so von
+uns. Das Gefühl eines Mannes können Sie am Ende
+täuschen, aber niemals das Gefühl einer Frau, denn sie
sind alle Hellseherinnen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Nun, Eisenhut? Eisenhut, Eisenhut, Eisenhut &mdash;
-ich bin ja Ihr Freund und mir müssen Sie alle diese
+ich bin ja Ihr Freund und mir müssen Sie alle diese
grausamen Worte verzeihen. Weshalb bin ich Ihr Freund,
Eisenhut? Weil ich Sie am besten kenne. Nun? sage
ich. Sie fanden keine freundliche Miene bei den Menschen.
@@ -14698,108 +14664,108 @@ Was taten Sie aber? Gingen Sie nach Hause und
sagten Sie zu sich selbst: Ich bin ja wenig wert, ich
habe den Menschen zu wenig zu geben. Ich bin nicht
<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
-einmal ein guter Gesellschafter, denn ich weiß ja wenig
+einmal ein guter Gesellschafter, denn ich weiß ja wenig
und habe meine Kenntnisse nicht bereichert. Taten Sie
das? Nein, ach, Sie taten es nicht. Sie klagten die
-Menschen der Härte und Lieblosigkeit und Schlechtigkeit
-an und begannen zu trinken. Sie suchten also Erlösung,
-Glück und Friede im Rausch. Das tun ebenfalls alle
-Menschen, die meisten, sie betäuben sich alle auf irgend
-eine Art. Aber der Rausch verfliegt, die Betäubung verfliegt
+Menschen der Härte und Lieblosigkeit und Schlechtigkeit
+an und begannen zu trinken. Sie suchten also Erlösung,
+Glück und Friede im Rausch. Das tun ebenfalls alle
+Menschen, die meisten, sie betäuben sich alle auf irgend
+eine Art. Aber der Rausch verfliegt, die Betäubung verfliegt
und Ihre Seele schreit hungriger und durstiger
-als zuvor. Ihre Seele will Wahrheit, keine Lüge und
-Betäubung. Im Rausch, da können Sie einherschreiten
-wie ein König, aber der Rausch vergeht und Sie sind
-ein Bettler. Denn Sie sind ja kein wirklicher König
-gewesen im Rausche, nur als König verkleidet waren
-Sie. Ich weiß das alles, Eisenhut, ich, Ihr Freund,
+als zuvor. Ihre Seele will Wahrheit, keine Lüge und
+Betäubung. Im Rausch, da können Sie einherschreiten
+wie ein König, aber der Rausch vergeht und Sie sind
+ein Bettler. Denn Sie sind ja kein wirklicher König
+gewesen im Rausche, nur als König verkleidet waren
+Sie. Ich weiß das alles, Eisenhut, ich, Ihr Freund,
denn &mdash; all das habe ich an mir selbst erlebt.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie leben viel in der Nacht, Eisenhut. Wer erträgt
-das? Wissen Sie denn, wie gefährlich es ist mit den
-Geistern der Nacht zu leben, für den Menschen, der ja
+&bdquo;Sie leben viel in der Nacht, Eisenhut. Wer erträgt
+das? Wissen Sie denn, wie gefährlich es ist mit den
+Geistern der Nacht zu leben, für den Menschen, der ja
geschaffen ist zum Verkehr mit den freundlichen Wesen
des Tages und des Lichtes?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie leben immer mit sich allein. Auch das ist gefährlich.
-Nur wenige Menschen können es ungestraft
+&bdquo;Sie leben immer mit sich allein. Auch das ist gefährlich.
+Nur wenige Menschen können es ungestraft
tun, denn der Mensch ist ja geschaffen zum Umgange
-mit seinen Brüdern.&ldquo;
+mit seinen Brüdern.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ihre Seele hat nach Eindrücken gehungert, Ihr
-Geist nach Erkenntnis? Haben Sie Ihre Seele gesättigt,
+&bdquo;Ihre Seele hat nach Eindrücken gehungert, Ihr
+Geist nach Erkenntnis? Haben Sie Ihre Seele gesättigt,
Ihren Geist? Nein. Sie sind nicht der Mann, der zufrieden
-ist, seine Geschäfte zu verrichten, Geld einzukassieren
-und in Kneipen zu sitzen. Es ist gut, daß Sie
+ist, seine Geschäfte zu verrichten, Geld einzukassieren
+und in Kneipen zu sitzen. Es ist gut, daß Sie
<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
das nicht befriedigt. Ihre hungernde Seele soll Sie
-quälen, das ist gut. Aber was tun Sie, Ihre Seele zu
-sättigen? Nichts, Eisenhut, da sitzen Sie in diesem Gefängnis,
+quälen, das ist gut. Aber was tun Sie, Ihre Seele zu
+sättigen? Nichts, Eisenhut, da sitzen Sie in diesem Gefängnis,
in diesen Fuhrmannskneipen, in dieser kleinen
-Stadt, wo das Leben still steht. Was würden all die
+Stadt, wo das Leben still steht. Was würden all die
andern Millionen Menschen tun, die so allein sind wie
Sie, wenn sie nicht Spiel und Gesang, Musik und
-Poesie hätten? Es ist ja nicht genug, daß der Mensch
-ißt und trinkt und schläft, nein, er braucht ja viel mehr.
+Poesie hätten? Es ist ja nicht genug, daß der Mensch
+ißt und trinkt und schläft, nein, er braucht ja viel mehr.
Warum reisen Sie nicht, Eisenhut, hinaus in die Welt?
-Warum nicht? Wo täglich tausend neue Eindrücke Ihre
+Warum nicht? Wo täglich tausend neue Eindrücke Ihre
Seele erquicken und ermutigen? Warum taten Sie das
nie?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Da draußen kennt mich ja kein Mensch,&ldquo; antwortete
+&bdquo;Da draußen kennt mich ja kein Mensch,&ldquo; antwortete
Eisenhut.
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Lieber Freund,&ldquo; sagte er, &bdquo;daran
-müssen Sie sich ja gewöhnen, nicht mehr gekannt zu
-sein. Sie müssen es lernen Ihr Leben zu leben, ohne
-daß Sie ein Schauspieler sind, der sich von andern bewundern
-läßt. Wenn Sie einen Ring am Finger tragen,
-so müssen Sie ihn nicht tragen für die andern, sondern
-weil es Sie freut Ihre Hand geschmückt zu sehen. Und
-wenn Sie glücklich sind und heiter und tanzen und singen,
-so müssen Sie nicht tanzen und singen, weil andere es
-sehen und hören und denken werden: Er tanzt, er singt,
-er ist guter Dinge. Sie müssen es tun für sich allein.&ldquo;
+Grau lächelte. &bdquo;Lieber Freund,&ldquo; sagte er, &bdquo;daran
+müssen Sie sich ja gewöhnen, nicht mehr gekannt zu
+sein. Sie müssen es lernen Ihr Leben zu leben, ohne
+daß Sie ein Schauspieler sind, der sich von andern bewundern
+läßt. Wenn Sie einen Ring am Finger tragen,
+so müssen Sie ihn nicht tragen für die andern, sondern
+weil es Sie freut Ihre Hand geschmückt zu sehen. Und
+wenn Sie glücklich sind und heiter und tanzen und singen,
+so müssen Sie nicht tanzen und singen, weil andere es
+sehen und hören und denken werden: Er tanzt, er singt,
+er ist guter Dinge. Sie müssen es tun für sich allein.&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut schüttelte den Kopf. Er ging herum, er
-schüttelte den Kopf. Worte, Worte, was sollten ihm all
-diese Worte nützen, frage er? Diese Hölle von Leben &mdash;.
+Eisenhut schüttelte den Kopf. Er ging herum, er
+schüttelte den Kopf. Worte, Worte, was sollten ihm all
+diese Worte nützen, frage er? Diese Hölle von Leben &mdash;.
Aber er war schon hoffnungsvoller gestimmt.
</p>
<p>
<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Grau, &bdquo;es ist wahr, Sie haben die Hölle
-in sich und Sie sind sehr unglücklich. Ich weiß es und
-ich würde Ihnen gerne etwas abnehmen, könnte ich nur.
-Aber haben Sie nichts anderes als diese Hölle in sich,
+&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Grau, &bdquo;es ist wahr, Sie haben die Hölle
+in sich und Sie sind sehr unglücklich. Ich weiß es und
+ich würde Ihnen gerne etwas abnehmen, könnte ich nur.
+Aber haben Sie nichts anderes als diese Hölle in sich,
nichts anderes sonst?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau griff sich an die Wangen. Er fühlte plötzlich,
-daß er Fieber hatte.
+Grau griff sich an die Wangen. Er fühlte plötzlich,
+daß er Fieber hatte.
</p>
<p>
-Eisenhut schlich an den Wänden entlang und schüttelte
-den Kopf. Hinter ihm ging das Hündchen; doch da
-Eisenhut sehr langsam dahin schlürfte, hatte es immer
+Eisenhut schlich an den Wänden entlang und schüttelte
+den Kopf. Hinter ihm ging das Hündchen; doch da
+Eisenhut sehr langsam dahin schlürfte, hatte es immer
Zeit, sich nach jedem dritten Schritte seines Herrn zu
setzen. Dann blickte es auf Grau und spitzte die Ohren.
-Eisenhut schüttelte den Kopf.
+Eisenhut schüttelte den Kopf.
</p>
<p>
@@ -14811,19 +14777,19 @@ Grau lachte leise. &bdquo;Das ist ja nicht wahr!&ldquo; sagte
er, &bdquo;Sie haben ja selbst &mdash; ach, haben Sie nicht gesagt,
Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint, Sie freuen
sich, wenn Sie jene Dame im Walde treffen? Sie haben
-schöne Träume, wie das Leben sein könnte, Sie haben
-gewiß nicht nur häßliche Träume.&ldquo;
+schöne Träume, wie das Leben sein könnte, Sie haben
+gewiß nicht nur häßliche Träume.&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut lachte. Er träume oft, er fliege, es gehe
-dahin über die Lande &mdash; haha!
+Eisenhut lachte. Er träume oft, er fliege, es gehe
+dahin über die Lande &mdash; haha!
</p>
<p>
&bdquo;Sehen Sie! Und auch wenn Sie wachen, haben
-Sie schöne Träume. Es gibt doch noch so viel Schönes
-für Sie!&ldquo;
+Sie schöne Träume. Es gibt doch noch so viel Schönes
+für Sie!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -14832,8 +14798,8 @@ für Sie!&ldquo;
<p>
&bdquo;Heute sehen Sie ja alles schwarz, Eisenhut. Aber
-Sie freuen sich doch über viele Dinge &mdash; wenn Sie zum
-Beispiel ein schönes Pferd sehen oder eine dicke hohe
+Sie freuen sich doch über viele Dinge &mdash; wenn Sie zum
+Beispiel ein schönes Pferd sehen oder eine dicke hohe
Eiche im Walde &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -14843,11 +14809,11 @@ Eiche im Walde &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sehen Sie! Ich könnte wohl stundenlang &mdash; stundenlang
+&bdquo;Sehen Sie! Ich könnte wohl stundenlang &mdash; stundenlang
Dinge nennen, die Sie lieben. Es ist ja lange nicht
so schlimm wie Sie es heute sehen, mein Freund, lange
nicht so schlimm. Haben Sie denn keine Sehnsucht mehr?
-Kein Verlangen nach Glück, Freude, Friede? Wie?&ldquo;
+Kein Verlangen nach Glück, Freude, Friede? Wie?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -14855,52 +14821,52 @@ Kein Verlangen nach Glück, Freude, Friede? Wie?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Aber wer dieses Verlangen noch hat, der wünscht
+&bdquo;Aber wer dieses Verlangen noch hat, der wünscht
ja noch zu leben und das Leben ist ihm noch kostbar.
Die Menschen, mein Freund, die mit dem Leben fertig
-sind, wünschen sich nichts mehr. Und nun muß ich
-Ihnen doch Ratschläge geben, obschon es mir anmaßend
-erscheint. Ich meine, vielleicht könnte ich Ihnen sagen,
-wie Sie es zu beginnen hätten &mdash; für den Anfang
-wenigstens &mdash; was meines Erachtens gut für Sie wäre.
+sind, wünschen sich nichts mehr. Und nun muß ich
+Ihnen doch Ratschläge geben, obschon es mir anmaßend
+erscheint. Ich meine, vielleicht könnte ich Ihnen sagen,
+wie Sie es zu beginnen hätten &mdash; für den Anfang
+wenigstens &mdash; was meines Erachtens gut für Sie wäre.
Sie brauchen das ja nicht zu befolgen &mdash; es ist ja nur
meine Ansicht, die Ansicht eines jungen und unerfahrenen
Menschen &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich befolge alles, alles!&ldquo; sagte Eisenhut. Er öffnete
+&bdquo;Ich befolge alles, alles!&ldquo; sagte Eisenhut. Er öffnete
die Tischschublade und nahm eine Handvoll Zigarren
heraus, die er Grau reichte.
</p>
<p>
-&bdquo;Danke, danke!&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Als ob Sie wüßten,
-wie leidenschaftlich ich rauche. Nun hören Sie &mdash;&ldquo;
+&bdquo;Danke, danke!&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Als ob Sie wüßten,
+wie leidenschaftlich ich rauche. Nun hören Sie &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Grau entwickelte ihm seinen Plan. Vorerst müsse
-er seine Nerven kurieren, seine Gesundheit kräftigen.
+Grau entwickelte ihm seinen Plan. Vorerst müsse
+er seine Nerven kurieren, seine Gesundheit kräftigen.
&bdquo;Sehen Sie mich an, Eisenhut,&ldquo; sagte Grau und fuhr
-erst fort als Eisenhut stehen blieb und ihn ansah. &bdquo;Hören
-Sie wohl! Sie müssen ein neues Leben beginnen, und
-jeder Mensch muß das von Zeit zu Zeit. Von Grund
+erst fort als Eisenhut stehen blieb und ihn ansah. &bdquo;Hören
+Sie wohl! Sie müssen ein neues Leben beginnen, und
+jeder Mensch muß das von Zeit zu Zeit. Von Grund
auf neu! In jeder Beziehung! Jeden Tag um sechs
<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
Uhr heraus, von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends
-harte körperliche Arbeit in den Steinbrüchen, wie ein
-Taglöhner &mdash; einen Monat lang. &mdash; Wie? &mdash; Ja, das
-müssen Sie! Einen Monat lang! Punktum, darüber
-wird nicht mehr gesprochen. Sie müssen sich den Schlaf
+harte körperliche Arbeit in den Steinbrüchen, wie ein
+Taglöhner &mdash; einen Monat lang. &mdash; Wie? &mdash; Ja, das
+müssen Sie! Einen Monat lang! Punktum, darüber
+wird nicht mehr gesprochen. Sie müssen sich den Schlaf
erarbeiten. Danach, zwei Monate lang jeden Vormittag
-von sechs Uhr bis zwölf Uhr harte Taglöhnerarbeit in
-den Steinbrüchen, nachmittags frei. Ich will Ihnen
-Bücher geben, Bücher empfehlen. Ich will Ihnen gern
+von sechs Uhr bis zwölf Uhr harte Taglöhnerarbeit in
+den Steinbrüchen, nachmittags frei. Ich will Ihnen
+Bücher geben, Bücher empfehlen. Ich will Ihnen gern
etwas behilflich sein. Wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen
-regelrechte Stunden, natürlich kann ich es nicht ganz
-umsonst tun. Ich verlange für die Stunde eine Mark.
-Das ist Ihnen nicht zuviel? Schön! Sobald Sie etwas
+regelrechte Stunden, natürlich kann ich es nicht ganz
+umsonst tun. Ich verlange für die Stunde eine Mark.
+Das ist Ihnen nicht zuviel? Schön! Sobald Sie etwas
sicherer sind, fort auf Reisen.&ldquo;
</p>
@@ -14910,8 +14876,8 @@ sicherer sind, fort auf Reisen.&ldquo;
<p>
&bdquo;Das alles wird sich finden. Wir werden alles noch
-genau besprechen. Ich deute Ihnen vorläufig alles nur
-an.&ldquo; Grau lächelte, während er Eisenhut immerzu
+genau besprechen. Ich deute Ihnen vorläufig alles nur
+an.&ldquo; Grau lächelte, während er Eisenhut immerzu
ansah.
</p>
@@ -14923,12 +14889,12 @@ Eisenhut.
<p>
&bdquo;Gut. Wir werden auch zu besprechen haben, wie
Sie sich einzurichten haben. Wir werden Ihre Wohnung
-hübsch herrichten und ich werde häufig zu Ihnen kommen.
+hübsch herrichten und ich werde häufig zu Ihnen kommen.
Wir werden uns gut unterhalten. Am besten wird es
-sein, wenn Sie vorläufig nicht mehr mit Professor Richter
+sein, wenn Sie vorläufig nicht mehr mit Professor Richter
und Konsorten verkehren. Die passen nicht zu Ihnen.
Ah, sehen Sie doch, jetzt funkelt die Sonne auf den
-Dächern. Bist du müde?&ldquo;
+Dächern. Bist du müde?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -14938,25 +14904,25 @@ Dächern. Bist du müde?&ldquo;
<p>
<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
&bdquo;Gut, dann lasse deinen Schlitten einspannen und
-wir fahren hinaus in irgend ein Dorf und frühstücken
+wir fahren hinaus in irgend ein Dorf und frühstücken
da. Bist du einverstanden damit?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wie Sie wünschen, ich bin dabei.&ldquo;
+&bdquo;Wie Sie wünschen, ich bin dabei.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lachte. &bdquo;Hörst du nicht, daß ich Du sage, wie?
-Freilich, es ist unverschämt, denn ich bin ja der Jüngere.
-Aber was kümmern wir uns um solche Höflichkeitsregeln,
+Grau lachte. &bdquo;Hörst du nicht, daß ich Du sage, wie?
+Freilich, es ist unverschämt, denn ich bin ja der Jüngere.
+Aber was kümmern wir uns um solche Höflichkeitsregeln,
haha, jetzt, da wir so gute Freunde geworden
sind. Wenn du aber nicht willst &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut lächelte und blinzelte. &bdquo;Zigarren? Zigarren
-haben wir. Wir können gehen und den Kutscher wecken.&ldquo;
+Eisenhut lächelte und blinzelte. &bdquo;Zigarren? Zigarren
+haben wir. Wir können gehen und den Kutscher wecken.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -14974,8 +14940,8 @@ Sonne entgegen, die Schellen klingelten am Schlitten &mdash;
</p>
<p class="noindent">
-Von diesem Ausflug kehrte Grau krank zurück. Er
-hatte sich in der Nacht vorher erkältet und fiel in ein
+Von diesem Ausflug kehrte Grau krank zurück. Er
+hatte sich in der Nacht vorher erkältet und fiel in ein
heftiges Fieber, das mehrere Wochen lang anhielt. Eisenhut
pflegte ihn wie ein Bruder.
</p>
@@ -14991,14 +14957,14 @@ Dritter Teil
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">G</span>rau lag in leichtem Fieber und dachte über die
+<span class="firstchar">G</span>rau lag in leichtem Fieber und dachte über die
Menschen nach. Diese Zwietracht in vielen Familien!
Daran dachte er. Ein geistiges Band fehlte.
Man sollte in den Abenden ein gutes Buch vorlesen.
-Geld? Nein. Es gibt Bücher zu lächerlichen Preisen.
+Geld? Nein. Es gibt Bücher zu lächerlichen Preisen.
Der Sohn oder die Tochter liest vor, die andern arbeiten
-nebenbei &mdash; es ist ein Genuß! Gewiß, er mußte eine
-Broschüre schreiben: Wegweiser &mdash;
+nebenbei &mdash; es ist ein Genuß! Gewiß, er mußte eine
+Broschüre schreiben: Wegweiser &mdash;
</p>
<p>
@@ -15007,130 +14973,130 @@ Grau erwachte.
<p>
Da standen die Fenster offen und die Luft war lau
-und würzig. Die Bäume grünten. Es war Frühling
+und würzig. Die Bäume grünten. Es war Frühling
geworden.
</p>
<p>
-Plötzlich erschien Adeles schönes Bild in seinem Geiste.
-Er lächelte und stand auf.
+Plötzlich erschien Adeles schönes Bild in seinem Geiste.
+Er lächelte und stand auf.
</p>
<p>
-Die Stadt hatte sich vollständig verändert, grüne
-Wipfel und blühende Bäume ragten über Häuser und
+Die Stadt hatte sich vollständig verändert, grüne
+Wipfel und blühende Bäume ragten über Häuser und
Mauern. Man blickte in eine Gasse hinein und sah einen
-kleinen blühenden Kirschbaum leuchten, man blickte durch
-einen Torweg und sah zu seiner Überraschung ein ganzes
-Beet von Tulpen brennen. An den Häusern und Erkern
-kletterte allerlei Rankenwerk empor, als wolle der Frühling
-die kleine alte Stadt in ein grünes Netz einspinnen.
+kleinen blühenden Kirschbaum leuchten, man blickte durch
+einen Torweg und sah zu seiner Überraschung ein ganzes
+Beet von Tulpen brennen. An den Häusern und Erkern
+kletterte allerlei Rankenwerk empor, als wolle der Frühling
+die kleine alte Stadt in ein grünes Netz einspinnen.
</p>
<p>
-Der Fluß strömte rasch und jung dahin und die
-Schiffe und Fähren zogen an der Stadt vorüber. Ein
+Der Fluß strömte rasch und jung dahin und die
+Schiffe und Fähren zogen an der Stadt vorüber. Ein
kleiner Kettendampfer heulte und schleppte eine Reihe
flacher Frachtschiffe hinter sich her. Am letzten Schiffe
-schaukelte ein kleines Boot und darin saß ein Mann mit
+schaukelte ein kleines Boot und darin saß ein Mann mit
einer Pfeife im Munde. Im Schaukeln des Bootes war
<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
-der Frühling und auch in der Art, wie der Mann im
-Nachen saß und auch im lustigen Rauche der Pfeife war
-der Frühling.
+der Frühling und auch in der Art, wie der Mann im
+Nachen saß und auch im lustigen Rauche der Pfeife war
+der Frühling.
</p>
<p>
-Die Ebene glänzte in der Sonne, die Dächer ferner
-Dörfer leuchteten; Burgen auf den Höhen und weite
-grüne Wälder.
+Die Ebene glänzte in der Sonne, die Dächer ferner
+Dörfer leuchteten; Burgen auf den Höhen und weite
+grüne Wälder.
</p>
<p>
-Grau saß in seinem Garten, noch geschwächt und
-müde von dem langen Krankenlager und lächelte. Seine
-Seele in diesen Wochen der Genesung war empfänglicher,
-fröhlicher noch als sonst und voller Dankbarkeit.
+Grau saß in seinem Garten, noch geschwächt und
+müde von dem langen Krankenlager und lächelte. Seine
+Seele in diesen Wochen der Genesung war empfänglicher,
+fröhlicher noch als sonst und voller Dankbarkeit.
</p>
<p>
Er lauschte, blickte umher und wunderte sich. Sein
-Herz klopfte. Zuweilen kam das Fieber zurück, ein leises,
+Herz klopfte. Zuweilen kam das Fieber zurück, ein leises,
fast angenehmes Fieber, dann empfand er alles wie einen
Traum. Eine wunderbare Frische stieg aus dem jungen
Rasen und wehte von Adeles Park her, alles war so
-frisch und neu. Die Vögel zwitscherten in allen Wipfeln
+frisch und neu. Die Vögel zwitscherten in allen Wipfeln
und zuweilen vereinigte sich das Klingeln all dieser kleinen
Vogelstimmen zu einem einzigen schwingenden Ton:
-Der Frühling stand auf grüner Wiese und blies auf
-seiner Flöte einen betörenden Schmeichelsang.
+Der Frühling stand auf grüner Wiese und blies auf
+seiner Flöte einen betörenden Schmeichelsang.
</p>
<p>
-Graus Blick glitt über die Stadt hinweg bis zu den
-kleinen Dörfern, die in der Ferne lagen. Da standen
-Häuser, vor den Häusern lagen Gärten. In den Gärten
+Graus Blick glitt über die Stadt hinweg bis zu den
+kleinen Dörfern, die in der Ferne lagen. Da standen
+Häuser, vor den Häusern lagen Gärten. In den Gärten
wuchsen Blumen, unter den Hecken Veilchen, auf den
-Hängen Schlüsselblumen. Die blauen Höhenzüge am
-Himmelsrande waren grün, hinter ihnen dehnte sich grünes
-Land. Grün, grün &mdash; die ganze Erde war nichts als
-eine grüne Insel, die im Äthermeere schwamm.
+Hängen Schlüsselblumen. Die blauen Höhenzüge am
+Himmelsrande waren grün, hinter ihnen dehnte sich grünes
+Land. Grün, grün &mdash; die ganze Erde war nichts als
+eine grüne Insel, die im Äthermeere schwamm.
</p>
<p>
Im Tale arbeiteten Leute auf den Feldern, die Erde
-zu bestellen. Bei der großen Steinbrücke wimmelte es
+zu bestellen. Bei der großen Steinbrücke wimmelte es
<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
von Arbeitern, die einen neuen Bahndamm aufwarfen.
Schaufeln und Picken blitzten in der Sonne. Auf einem
Neubau kletterten die Zimmerleute im Dachstuhl und
-hämmerten, auf der Landstraße knarrten Wagen mit
+hämmerten, auf der Landstraße knarrten Wagen mit
Steinen, die zum Ausbessern der Wege bestimmt waren.
</p>
<p>
-War es nicht schön hier zu sitzen und zu sehen, wie der
-Mensch sich seine Wohnstätte bereitete?
+War es nicht schön hier zu sitzen und zu sehen, wie der
+Mensch sich seine Wohnstätte bereitete?
</p>
<p>
Und Grau dachte daran wie klein die Erde vordem
-war. Eine flache Insel von einem Meere umbraust, über
+war. Eine flache Insel von einem Meere umbraust, über
ihr der Himmel als Decke. So klein war die Erde und
so klein war die Welt. Aber die Erde sprach: Entdecke
-mich! Und der Mensch spähte aus und die Erde wuchs.
-Die Erde ruhte nicht, und flüsterte und flüsterte und plötzlich
+mich! Und der Mensch spähte aus und die Erde wuchs.
+Die Erde ruhte nicht, und flüsterte und flüsterte und plötzlich
stand ein Mensch auf, einer von den Schlaflosen,
-und sagte: Nach Ost und West, Nord und Süd kannst
+und sagte: Nach Ost und West, Nord und Süd kannst
du wandern, die Erde hat kein Ende, sie ist ein Ball,
um den Sonne, Mond und Sterne kreisen. Aber die
-Erde ruhte nicht, sie flüsterte und flüsterte und ein Mann
+Erde ruhte nicht, sie flüsterte und flüsterte und ein Mann
erwachte in der Nacht und erschrak und sagte: Die Erde
steht nicht still, sie bewegt sich! Und fand keinen Schlaf
mehr. Die Erde wuchs und die Welt wuchs. Die Gestirne
-rückten auseinander, in erschreckende Fernen rückten
-sie, aber sie hörten nicht auf, den Menschen anzustarren
+rückten auseinander, in erschreckende Fernen rückten
+sie, aber sie hörten nicht auf, den Menschen anzustarren
und er ersann Mittel ihnen bis in die fernste Ferne zu
-folgen. Und mit jedem Tage wächst die Welt. Der
-Astronom schreibt die unfaßbare Ziffer nieder, in jeder
-Nacht starren hundert Rohre in den Raum, spähen und
-suchen &mdash; und morgen wird eine Depesche über die Länder
-fliegen: Die Welt ist gewachsen, abermals ist sie größer
+folgen. Und mit jedem Tage wächst die Welt. Der
+Astronom schreibt die unfaßbare Ziffer nieder, in jeder
+Nacht starren hundert Rohre in den Raum, spähen und
+suchen &mdash; und morgen wird eine Depesche über die Länder
+fliegen: Die Welt ist gewachsen, abermals ist sie größer
geworden!
</p>
<p>
<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
-Und mit jedem Tage wächst die Erde. Die Pioniere
-sind an der Arbeit. Wenn jener Mann zurückkehrt, der
-jetzt den Nachen durch den fernen Schilfwald stößt,
-wenn das Schiff im Norden nicht vom Eise zerdrückt
-wird: Sieg! Die Erde ist gewachsen, sie ist größer geworden!
+Und mit jedem Tage wächst die Erde. Die Pioniere
+sind an der Arbeit. Wenn jener Mann zurückkehrt, der
+jetzt den Nachen durch den fernen Schilfwald stößt,
+wenn das Schiff im Norden nicht vom Eise zerdrückt
+wird: Sieg! Die Erde ist gewachsen, sie ist größer geworden!
Erobere mich, spricht die Erde, ich bin dein!
</p>
<p>
-Grau lächelte. Wahrhaftig, dachte er ergriffen, ich
+Grau lächelte. Wahrhaftig, dachte er ergriffen, ich
liebe den Menschen, den Entdecker, den Eroberer, den
Pionier, den Rastlosen!
</p>
@@ -15142,41 +15108,41 @@ blitzten.
</p>
<p>
-Niemals hatte sich Grau reicher gefühlt als in diesem
-Frühling, niemals empfand er stärker die Wunder der
+Niemals hatte sich Grau reicher gefühlt als in diesem
+Frühling, niemals empfand er stärker die Wunder der
Welt und verwebte er sich inniger mit ihnen. Unausgesetzt
-durchschauerte ihn das Gefühl lebendig zu sein,
-selbst in den Nächten. Er erwachte oft und hörte sein
-Herz pochen und Freude erfüllte ihn und er dachte: Und
-morgen und übermorgen und jeden Morgen beginnt ein
+durchschauerte ihn das Gefühl lebendig zu sein,
+selbst in den Nächten. Er erwachte oft und hörte sein
+Herz pochen und Freude erfüllte ihn und er dachte: Und
+morgen und übermorgen und jeden Morgen beginnt ein
neuer Tag.
</p>
<p>
Jedes kleinste Ding bekam Sinn und Beziehung.
Das Leben war wie das Buch des Meisters, wo man
-es öffnet, Wahrheit, Schönheit, tiefes Gleichnis und
+es öffnet, Wahrheit, Schönheit, tiefes Gleichnis und
tiefes Geheimnis &mdash; aber was ist das Buch des Meisters
anders denn ein Gleichnis des Lebens?
</p>
<p>
Die Sonne ging unter und ein leiser Wind trug Duft
-und Wärme über die Stadt und berührte Graus Wangen.
-Grau errötete und wußte nicht warum. Er blickt sich
+und Wärme über die Stadt und berührte Graus Wangen.
+Grau errötete und wußte nicht warum. Er blickt sich
um, ob niemand seine sonderbare Erregung beobachtet
-habe. Dann ging er zurück in sein Haus.
+habe. Dann ging er zurück in sein Haus.
</p>
<p>
<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
Selbst der Wind, dachte er, wie kostbar ist er?
-Ohne ihn wäre das Leben nicht das Leben und nicht so
+Ohne ihn wäre das Leben nicht das Leben und nicht so
reich wie es ist. Der Wind und der Sturm, die Morgensonne
und die Nachtfrische, die warmen Regentropfen
und der Hagelschauer &mdash; sie alle erwecken ein geheimnisvolles
Leben in uns, wir atmen, es rieselt in uns, es
-erfüllt uns, wir erschrecken, erschauern: Das ist das Leben.
+erfüllt uns, wir erschrecken, erschauern: Das ist das Leben.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-3-2">
@@ -15184,32 +15150,32 @@ erfüllt uns, wir erschrecken, erschauern: Das ist das Leben.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Wiese um Susannas Häuschen wurde grün, im
-Vorgärtchen platzten die Knospen. In all der
-Sonne sah das Haus freundlich und hübsch aus. Am
+<span class="firstchar">D</span>ie Wiese um Susannas Häuschen wurde grün, im
+Vorgärtchen platzten die Knospen. In all der
+Sonne sah das Haus freundlich und hübsch aus. Am
Fenster sah man vom Morgen bis zum Abend ein kleines
gelbes Gesicht.
</p>
<p>
-Susanna saß den ganzen Tag am Fenster und
-lächelte.
+Susanna saß den ganzen Tag am Fenster und
+lächelte.
</p>
<p>
-Sie lächelte, als das erste Trüppchen Vögel über
+Sie lächelte, als das erste Trüppchen Vögel über
den Himmel steuerte und der Tauwind die Pappeln
-auf der Brücke schüttelte. Der Schnee sank in den
-Boden und das Eis zerging, sie lächelte. Es grünte,
-über Nacht regnete es grüne Flocken über die Pappeln
-auf der Brücke, an der Landstraße stellte der Frühling
-eine ganze Postenkette blühender Bäume auf. Susanna
-lächelte.
+auf der Brücke schüttelte. Der Schnee sank in den
+Boden und das Eis zerging, sie lächelte. Es grünte,
+über Nacht regnete es grüne Flocken über die Pappeln
+auf der Brücke, an der Landstraße stellte der Frühling
+eine ganze Postenkette blühender Bäume auf. Susanna
+lächelte.
</p>
<p>
-Nun konnte man die Fenster öffnen und Susanna
-trank die Luft, erschauerte und wurde bleich. Fühlst du?
+Nun konnte man die Fenster öffnen und Susanna
+trank die Luft, erschauerte und wurde bleich. Fühlst du?
sagte sie und griff mit der Hand in die Luft, als greife
sie etwas: Das ist die Luft!
</p>
@@ -15217,27 +15183,27 @@ sie etwas: Das ist die Luft!
<p>
<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
Dann sah sie zu wie das Gras wuchs und die
-Blumen und sie bebte, wie wenn all die Gräser, all
-die Blumen aus ihrem eigenen Herzen wüchsen. &mdash; Aber
-doch war ihr Herz nicht so wie sie es wünschte:
+Blumen und sie bebte, wie wenn all die Gräser, all
+die Blumen aus ihrem eigenen Herzen wüchsen. &mdash; Aber
+doch war ihr Herz nicht so wie sie es wünschte:
</p>
<p>
-&bdquo;Geliebter, mein Geliebter und Freund, du Gütigster
-und Schönster von allen, ich liebe dich. Mein Geliebter
-und Freund, Glück in dein Herz, höre mich, du Gütiger
-mit den goldenen Augen, höre mich und sprich. Wie
-ist mein Herz? Ich weiß es nicht. Ich habe in den
-Büchern gelesen und mir mein Herz aus den Büchern
+&bdquo;Geliebter, mein Geliebter und Freund, du Gütigster
+und Schönster von allen, ich liebe dich. Mein Geliebter
+und Freund, Glück in dein Herz, höre mich, du Gütiger
+mit den goldenen Augen, höre mich und sprich. Wie
+ist mein Herz? Ich weiß es nicht. Ich habe in den
+Büchern gelesen und mir mein Herz aus den Büchern
gesucht, aber so ist es nicht, nein. Es ist nicht, wie
-ich will, es ist anders. Ich liebe dich! Es ist schön, es ist
-Frühling, das Gras wächst, die Blumen leuchten. Die
-Sonne liegt in meinem Gärtchen und ich danke ihr,
-daß sie auch an mein Gärtchen denkt, und ich sage mir,
+ich will, es ist anders. Ich liebe dich! Es ist schön, es ist
+Frühling, das Gras wächst, die Blumen leuchten. Die
+Sonne liegt in meinem Gärtchen und ich danke ihr,
+daß sie auch an mein Gärtchen denkt, und ich sage mir,
wollten sich doch die Schollen lockern und die Sonne
-hineinlassen, denn da unten will es auch Wärme haben.
-Ich danke der Luft, so süß ist sie. Ich lache, wenn ein
-Vogel vorüberfliegt.&ldquo;
+hineinlassen, denn da unten will es auch Wärme haben.
+Ich danke der Luft, so süß ist sie. Ich lache, wenn ein
+Vogel vorüberfliegt.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -15247,37 +15213,37 @@ es ist anders.&ldquo;
<p>
&bdquo;Ich habe geweint, ich weine so oft! Ich habe
-geträumt, ich ginge in einer Wiese, schlank und schön
-und gesund und ich sang, ich erwachte und mußte weinen.
+geträumt, ich ginge in einer Wiese, schlank und schön
+und gesund und ich sang, ich erwachte und mußte weinen.
Soll ich es nicht sagen? Soll man dem, den man liebt,
-seine Schwächen verhüllen, oder ist es ein Recht der
-Liebe, alles zu gestehen? Sprich! Würdest du nicht
-du sein, ich würde schweigen, ich könnte dich ja trotzdem
-lieben, aber ich würde es nicht wagen, dir alles zu gestehen.
+seine Schwächen verhüllen, oder ist es ein Recht der
+Liebe, alles zu gestehen? Sprich! Würdest du nicht
+du sein, ich würde schweigen, ich könnte dich ja trotzdem
+lieben, aber ich würde es nicht wagen, dir alles zu gestehen.
Aber du verstehst mein Herz und es nennt dich
<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
-Freund. Ich bin glücklich, so sehr! Ich habe dich, ich
-bin froh. Ja, das Große ist gekommen, das Seltene
+Freund. Ich bin glücklich, so sehr! Ich habe dich, ich
+bin froh. Ja, das Große ist gekommen, das Seltene
ist gekommen, auf das ich so viele Jahre wartete, nun
-ist es ja doch gekommen, ich bin das glücklichste Mädchen
-der grünen Erde. Es ist ja gekommen das Seltene, da
+ist es ja doch gekommen, ich bin das glücklichste Mädchen
+der grünen Erde. Es ist ja gekommen das Seltene, da
ich es nicht mehr glaubte und nicht mehr hoffte. Wie
wunderlich ist das Leben! Nun ist es da. Ich habe
-gewünscht, noch einmal das Gras zu sehen und die
+gewünscht, noch einmal das Gras zu sehen und die
Blumen. Da ist das Gras und da sind die Blumen.
-Ich bin glücklich, sehr! Ich sage zu meinem Herzen:
-Hast du nicht ihn? Und hast du nicht auch den Frühling?
+Ich bin glücklich, sehr! Ich sage zu meinem Herzen:
+Hast du nicht ihn? Und hast du nicht auch den Frühling?
Ja, sagt mein Herz, ich bin ja froh. Es ist ja froh,
es ist ja voller Freude &mdash; aber es ist nicht so, wie ich
es will. Es ist traurig zur gleichen Zeit, traurig, traurig
und weint in mir. Gibt es solch ein Herz wieder auf
der Welt? Es jauchzt und es weint in derselben Stunde.
-Gütiger Freund, sprich! Es ist ja nicht so, mein Herz,
-wie ich es gerne möchte &mdash;&ldquo;
+Gütiger Freund, sprich! Es ist ja nicht so, mein Herz,
+wie ich es gerne möchte &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Eines weiß ich nun. Wenn du zu deinem Herzen
+&bdquo;Eines weiß ich nun. Wenn du zu deinem Herzen
sagst: Sei so, so, so! &mdash; es tut doch was es will, du
kannst ihm nicht befehlen.&ldquo;
</p>
@@ -15286,75 +15252,75 @@ kannst ihm nicht befehlen.&ldquo;
&bdquo;Kannst du zu deinem Herzen sagen: Sei nicht
bange! Wenn es aber doch vor Angst zittert? Habe
keine Furcht! Wenn es voller Angst ist? Denn die
-Angst quält mich, die Angst. Hörst du, es pocht, es
-pocht überall, mein Blut pocht, es pocht in meinen
+Angst quält mich, die Angst. Hörst du, es pocht, es
+pocht überall, mein Blut pocht, es pocht in meinen
Fingern, es pocht in der Wand, der Decke. Dann schweigt
-es plötzlich und ich denke: Wollte es doch lieber wieder
-pochen! Das ist in den Nächten. Ich sage zu meinem
-Herzen: Sieh die Sterne, sieh den Himmel, fühle die
+es plötzlich und ich denke: Wollte es doch lieber wieder
+pochen! Das ist in den Nächten. Ich sage zu meinem
+Herzen: Sieh die Sterne, sieh den Himmel, fühle die
<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
-Nacht des Frühlings. Es gibt ja nichts, was ich mehr
-liebe als die Frühlingsnacht, sagt mein Herz &mdash; und
-vergeht vor Angst. Fühle wie die Erde schläft, sage ich,
-ein Kind, so tief und schön &mdash; aber die Angst quält
-mich. Ist mein Leben vorüber, vorbei, vorbei, gegangen,
-gegangen? Sage nein! Denn wie könnte mein Leben
-vorüber sein, da es eben erst begann? Nein, nein, nein!
+Nacht des Frühlings. Es gibt ja nichts, was ich mehr
+liebe als die Frühlingsnacht, sagt mein Herz &mdash; und
+vergeht vor Angst. Fühle wie die Erde schläft, sage ich,
+ein Kind, so tief und schön &mdash; aber die Angst quält
+mich. Ist mein Leben vorüber, vorbei, vorbei, gegangen,
+gegangen? Sage nein! Denn wie könnte mein Leben
+vorüber sein, da es eben erst begann? Nein, nein, nein!
Sage nein! mein Geliebter.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gibt es Menschen, die die Sprache der Vögel verstehen?
-Vielleicht verstehst du die Sprache der Vögel
+&bdquo;Gibt es Menschen, die die Sprache der Vögel verstehen?
+Vielleicht verstehst du die Sprache der Vögel
und es ist eines deiner vielen Geheimnisse, die dir das
-Lächeln geben, das man nie auf andern Menschenlippen
+Lächeln geben, das man nie auf andern Menschenlippen
sieht! Ich liege hier und die Stare sitzen auf dem
Kobel, den du mit Herrn Eisenhut gezimmert hast, sie
-sitzen da, blicken zu mir her und unterhalten sich über
-mich. Sieh doch die Stare, wie sie glänzen! sage ich
-zu meinem Herzen, höre sie, wie sie pfeifen &mdash; aber
-mein Herz lauscht starr vor Angst. Ist es denn möglich,
-daß die Stare wissen, wie schlimm es um mich steht?
-Ist es denn möglich, daß sie wissen, was in den nächsten
+sitzen da, blicken zu mir her und unterhalten sich über
+mich. Sieh doch die Stare, wie sie glänzen! sage ich
+zu meinem Herzen, höre sie, wie sie pfeifen &mdash; aber
+mein Herz lauscht starr vor Angst. Ist es denn möglich,
+daß die Stare wissen, wie schlimm es um mich steht?
+Ist es denn möglich, daß sie wissen, was in den nächsten
Wochen sein wird? Nein, nein, bei Gott, all das ist
-ja unmöglich! Und doch? Es muß, es muß unmöglich
+ja unmöglich! Und doch? Es muß, es muß unmöglich
sein, denn es ist schrecklich, was die Stare sagen!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es ist nicht das allein! Wäre es nur das allein.
+&bdquo;Es ist nicht das allein! Wäre es nur das allein.
Auch der Wind spricht, auch die Luft spricht. Der Wind
-flüstert und ich verstehe wohl, was er sagt. Er sagt
+flüstert und ich verstehe wohl, was er sagt. Er sagt
dasselbe wie die Stare. Ich sage zu meinem Herzen:
-Fühle, wie fein der Wind schmeichelt, aber mein Herz
-glaubt es nicht: Höre was er spricht, sagt mein Herz.
+Fühle, wie fein der Wind schmeichelt, aber mein Herz
+glaubt es nicht: Höre was er spricht, sagt mein Herz.
Ach, alles, alles sagt das gleiche, es ist ja immer das
<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
gleiche, selbst die Uhr sagt es, wenn sie ticktackt. Und
der Wind sagt es in jeder Nacht. Hast du den Wind
schon gesehen? Nicht laufen, nicht im Laub, im Getreide.
So, eine Person, eine Gestalt. Ich habe ihn
-gesehen wie er am Fenster stand, ein graues dürres
-Männchen in weitem Mantel, voller Buckel und Höcker.
-Er hat einen Höcker auf der Brust, auf dem Rücken,
+gesehen wie er am Fenster stand, ein graues dürres
+Männchen in weitem Mantel, voller Buckel und Höcker.
+Er hat einen Höcker auf der Brust, auf dem Rücken,
seine Nase, seine Stirn, sein Ellbogen, alles ist ausgezogen
-zu Höckern.&ldquo;
+zu Höckern.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wärest du hier! Wenn du hier bist, so hat die
-Angst keine Macht über mich.&ldquo;
+&bdquo;Wärest du hier! Wenn du hier bist, so hat die
+Angst keine Macht über mich.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ich sehe Gestalten. Oft stehen viele Gestalten in
meinem Zimmer und sie blicken mich alle mit ihren fahlen
-Augen an, ohne Gefühl, ohne Interesse, gleichgültig. Sie
+Augen an, ohne Gefühl, ohne Interesse, gleichgültig. Sie
regen sich nicht, sie sagen nichts, sie sagen auch nichts zu
-einander. Sie stehen und warten. Niemals könnte ich
-sagen, wo sie beginnen und wo sie aufhören, aber sie
-sind da. Merkwürdig &mdash; ich fürchte mich nicht vor ihnen.
-Es ist als müßten sie dastehen. Ja, ich habe zu ihnen
+einander. Sie stehen und warten. Niemals könnte ich
+sagen, wo sie beginnen und wo sie aufhören, aber sie
+sind da. Merkwürdig &mdash; ich fürchte mich nicht vor ihnen.
+Es ist als müßten sie dastehen. Ja, ich habe zu ihnen
gesprochen. Ich habe allen Mut zusammengenommen
und habe gesagt: Was wollt ihr von mir? Seid ihr
dahingeschiedene Seelen, wollt ihr mich begleiten, wenn
@@ -15366,28 +15332,28 @@ Denn ich kam mir so verlassen vor.&ldquo;
<p>
&bdquo;Zuweilen geht auch ein Schritt ums Haus und es
ist mir, als ob jemand am Fenster stehen bliebe. Einmal
-erwachte ich mitten in der Nacht, ich hörte wie
+erwachte ich mitten in der Nacht, ich hörte wie
der Schritt anhielt und eine Stimme am Fenster hauchte:
Bald &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
-&bdquo;Ich habe nachgedacht und ich fand es fürchterlich.
-All die Knaben, die am Morgen über die Brücke zur
+&bdquo;Ich habe nachgedacht und ich fand es fürchterlich.
+All die Knaben, die am Morgen über die Brücke zur
Schule gehen, all die Bauern, die Freundinnen, Klara
und Maria und auch Adele &mdash; ja, auch sie! &mdash; und auch
-Mütterchen und auch du, mein Liebling &mdash; alle, alle!
+Mütterchen und auch du, mein Liebling &mdash; alle, alle!
All die Menschen, die jetzt schlafen oder wachen, in einem
Zuge fahren oder auf Schiffen segeln &mdash; alle werden
eines Tages still liegen und sich nicht mehr regen. Auch
-du. Auch Mütterchen. Auch Adele. Und plötzlich stellte
+du. Auch Mütterchen. Auch Adele. Und plötzlich stellte
ich mir alle gestorben vor. Auch Adele. Sie sah so
-schön aus.&ldquo;
+schön aus.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;So sind meine Nächte und auch meine Tage sind so.&ldquo;
+&bdquo;So sind meine Nächte und auch meine Tage sind so.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -15395,46 +15361,46 @@ schön aus.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;So klein bin ich, so schwach. Ich bin glücklich!
-Glaube es mir. Adele sagte zu mir: Es muß dich glücklich
-machen, daß er dich liebt. Ja, ja, ja! sagte ich
+&bdquo;So klein bin ich, so schwach. Ich bin glücklich!
+Glaube es mir. Adele sagte zu mir: Es muß dich glücklich
+machen, daß er dich liebt. Ja, ja, ja! sagte ich
und es ist wahr. Aber mein Herz ist ja nicht so, wie
ich will. Ich hatte mir vorgenommen mutig zu sterben,
-denn es muß ja sein, ich hatte mir vorgenommen zu
-lächeln und zu sprechen: Es ist leicht und süß zu sterben
+denn es muß ja sein, ich hatte mir vorgenommen zu
+lächeln und zu sprechen: Es ist leicht und süß zu sterben
&mdash; aber nun &mdash; die Angst &mdash; die Angst!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Du aber sollst kommen und mir die Hand auf die
-Stirn legen, daß ich Ruhe habe!&ldquo;
+Stirn legen, daß ich Ruhe habe!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Du kommst und mein Herz ist wie früher, da ich
-ein Kind und ohne Angst war. Ich höre die Vögel,
+&bdquo;Du kommst und mein Herz ist wie früher, da ich
+ein Kind und ohne Angst war. Ich höre die Vögel,
ich sehe die Wiesen, ich lache. Sage nein, nein, nein!
Du sagst es ja immer, du bist die Hoffnung und du
-bringst Mut. Die Ärzte wissen nichts, sagst du, ich glaube
-dir. Aber weshalb lächelt der Arzt, wenn er mit mir
-spricht? Brauchte er denn zu lächeln? Aber ich glaube
+bringst Mut. Die Ärzte wissen nichts, sagst du, ich glaube
+dir. Aber weshalb lächelt der Arzt, wenn er mit mir
+spricht? Brauchte er denn zu lächeln? Aber ich glaube
<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
dir, solange du bei mir bist, glaubt es mein Herz: Das
macht mich ja gesund, wenn es mein Herz glaubt &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Süß ist es, an dich zu schreiben und ein Glück.
+&bdquo;Süß ist es, an dich zu schreiben und ein Glück.
Ich denke, ich darf ihm schreiben. Es gehen viele in der
-Straße und sehen sich nach ihm um. Liebt er Maria,
+Straße und sehen sich nach ihm um. Liebt er Maria,
liebt er Klara, liebt er Adele? Er liebt mich. Ich kenne
dich nicht. Du klagst nie, wie sollte ich dich also kennen.
-Es fiel mir erst jetzt auf, daß du nie mit einem Worte
+Es fiel mir erst jetzt auf, daß du nie mit einem Worte
geklagt hast, du sprichst nie von dir. Die Leute sagen,
-du seist ein Tor, ich aber weiß wohl, daß Sie Leute
-töricht sind. Oft erschrecke ich, denn ich kann dein Bild
-nicht festhalten, ich weiß nicht, wer du bist. Nur wenn
-du mir nahe bist, da weiß ich es, da frage ich nicht
+du seist ein Tor, ich aber weiß wohl, daß Sie Leute
+töricht sind. Oft erschrecke ich, denn ich kann dein Bild
+nicht festhalten, ich weiß nicht, wer du bist. Nur wenn
+du mir nahe bist, da weiß ich es, da frage ich nicht
danach, da frage ich nichts, denn du bist gut: Komm und
nimm die Angst von meinem Herzen &mdash; Susanna &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -15444,68 +15410,68 @@ nimm die Angst von meinem Herzen &mdash; Susanna &mdash;&ldquo;
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ie erstaunt war doch Susanna, als sich die Türe
-immer wieder und wieder öffnete und immer mehr
-junge Mädchen eintraten. Es wollte gar kein Ende nehmen.
-Noch mehr erstaunt war Mütterchen, die sich fein hergerichtet
-hatte. Ihre Augen standen immer voller Tränen
-und sie verlegte zum Unglück fortwährend die Brille.
-&bdquo;Welche Freude &mdash; daß sie uns die Ehre schenken &mdash;
-an Susannas Ehrentage.<a id="corr-22"></a>&ldquo; &mdash; Vor der Türe hing ein
-Willkomm-Kranz &mdash; anders hatte es Mütterchen nicht
-getan. &bdquo;Willkommen&ldquo; stand darauf und Mütterchen hatte
+<span class="firstchar">W</span>ie erstaunt war doch Susanna, als sich die Türe
+immer wieder und wieder öffnete und immer mehr
+junge Mädchen eintraten. Es wollte gar kein Ende nehmen.
+Noch mehr erstaunt war Mütterchen, die sich fein hergerichtet
+hatte. Ihre Augen standen immer voller Tränen
+und sie verlegte zum Unglück fortwährend die Brille.
+&bdquo;Welche Freude &mdash; daß sie uns die Ehre schenken &mdash;
+an Susannas Ehrentage.<a id="corr-22"></a>&ldquo; &mdash; Vor der Türe hing ein
+Willkomm-Kranz &mdash; anders hatte es Mütterchen nicht
+getan. &bdquo;Willkommen&ldquo; stand darauf und Mütterchen hatte
darunter geschrieben: Zum Verlobungsfeste von Susanna
<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
Lenz. Sie war immer unterwegs, konnte sich keinen
Augenblick niedersetzen, dazu hatte sie keine Zeit, immer
-flatterte ihre weiße Schürze aus und ein.
+flatterte ihre weiße Schürze aus und ein.
</p>
<p>
-Aber es nahm ja kein Ende. Auf der Brücke gingen
-wiederum drei Mädchen. Grau hatte es gut verstanden,
-die jungen Mädchen an ihr Versprechen, zu einem kleinen
-Feste bei Susanna zu kommen, zu erinnern. Auch Fräulein
+Aber es nahm ja kein Ende. Auf der Brücke gingen
+wiederum drei Mädchen. Grau hatte es gut verstanden,
+die jungen Mädchen an ihr Versprechen, zu einem kleinen
+Feste bei Susanna zu kommen, zu erinnern. Auch Fräulein
Sperling kam, die &bdquo;ewige Braut&ldquo;. Grau hatte sie ganz
-besonders eingeladen. Sie kam mit Tränen in den Augen
-und lächelnden Lippen und nickte immerzu gerührt mit
+besonders eingeladen. Sie kam mit Tränen in den Augen
+und lächelnden Lippen und nickte immerzu gerührt mit
dem Kopfe.
</p>
<p>
-Die Mädchen kamen in hellen Frühlingskleidern und
-glänzenden Augen und roten Wangen, und alle waren
+Die Mädchen kamen in hellen Frühlingskleidern und
+glänzenden Augen und roten Wangen, und alle waren
guter Laune. Sie zwitscherten und kicherten soviel wie
-ein ganzer Wald voller Vögel, wenn die Sonne aufgeht.
+ein ganzer Wald voller Vögel, wenn die Sonne aufgeht.
Sie brachten alle Blumen mit, ganz als ob sie
-es ausgemacht hätten, und füllten das Zimmer damit
-an. Susanna saß in einem Garten. Auch Adele brachte
-Blumen, sie brachte einen großen Strauß von weißen
+es ausgemacht hätten, und füllten das Zimmer damit
+an. Susanna saß in einem Garten. Auch Adele brachte
+Blumen, sie brachte einen großen Strauß von weißen
Rosen. Die Schwestern Sinding hatten einen Kranz
aus Veilchen geflochten, den sie Susanna auf den Kopf
-setzten und alle Mädchen klatschten in die Hände.
+setzten und alle Mädchen klatschten in die Hände.
</p>
<p>
-Außer Eisenhut waren noch ein Onkel und eine Tante
+Außer Eisenhut waren noch ein Onkel und eine Tante
gekommen, aus Weinberg. Die Tante war klein und
-rund, eine Schwester Mütterchens, sie sprach kreischend
+rund, eine Schwester Mütterchens, sie sprach kreischend
und hielt sich den dicken Leib beim Lachen. Sie hatte
-ein kleines und ein großes glotzendes Auge, das alle
-vergnügt anstarrte. Der Onkel kam im schwarzen Rock,
+ein kleines und ein großes glotzendes Auge, das alle
+vergnügt anstarrte. Der Onkel kam im schwarzen Rock,
mit einem hohen Zylinder. Er war Aushilfsbriefbote
-in Weinberg. Er war mürrisch und sah ärgerlich aus. Er
+in Weinberg. Er war mürrisch und sah ärgerlich aus. Er
<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
sprach kein Wort und bewegte auch keine Miene, aber
-die Mädchen kümmerten sich nicht um ihn.
+die Mädchen kümmerten sich nicht um ihn.
</p>
<p>
Das Zimmer war zu klein und Grau und Eisenhut
-zerlegten Mütterchens Bett und schafften es in die Küche.
-Aber als immer mehr Gäste kamen, mußte auch Susannas
+zerlegten Mütterchens Bett und schafften es in die Küche.
+Aber als immer mehr Gäste kamen, mußte auch Susannas
Bett hinausgeschafft werden. Die Gesellschaft nahm um
-den Tisch herum Platz auf Stühlen, Bänken, Hockern,
+den Tisch herum Platz auf Stühlen, Bänken, Hockern,
Koffern. Endlich war alles in Ordnung und das Fest
konnte beginnen.
</p>
@@ -15514,65 +15480,65 @@ konnte beginnen.
Es begann. Es begann mit Kaffee und Kuchen,
Lachen und Gesang. Hin und her gingen die Worte
und das Lachen ging rings im Kreise. Was man sprach,
-das hätte niemand später sagen können, aber man unterhielt
+das hätte niemand später sagen können, aber man unterhielt
sich gut und ohne jede Pause.
</p>
<p>
-Wie Susanna fühlte! Sie saß da mit strahlenden
+Wie Susanna fühlte! Sie saß da mit strahlenden
schwarzen Augen, inmitten all der Blumen, den Kranz
-auf den Haaren, inmitten all der jungen lachenden Mädchen.
+auf den Haaren, inmitten all der jungen lachenden Mädchen.
Sie blickte ringsum im Kreise, von einem Gesichte zum
-andern, lauschte, lächelte. Sie blickte Grau strahlend
+andern, lauschte, lächelte. Sie blickte Grau strahlend
an und legte den Kopf an seine Schulter.
</p>
<p>
-Er drückte ihr die Hand.
+Er drückte ihr die Hand.
</p>
<p>
-Als man die Weinflaschen entkorkte, stieß Mütterchen
-plötzlich einen Schrei aus: Ein bärtiger, wilder
-Kopf erschien am Fenster und eine tiefe Baßstimme sagte:
+Als man die Weinflaschen entkorkte, stieß Mütterchen
+plötzlich einen Schrei aus: Ein bärtiger, wilder
+Kopf erschien am Fenster und eine tiefe Baßstimme sagte:
&bdquo;Guten Tag, allerseits!&ldquo; Es war der Lehrer.
</p>
<p>
-Mütterchen rannte zur Türe hinaus und hing an seinem
+Mütterchen rannte zur Türe hinaus und hing an seinem
Halse.
</p>
<p>
Wie kam er doch hierher? &bdquo;Ja, das ist ein Geheimnis,
sozusagen! Ich habe eben ein Engagement von einem
-Theater gehabt &mdash; als König Lear zu gastieren &mdash; habe
+Theater gehabt &mdash; als König Lear zu gastieren &mdash; habe
<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
aber die Lumperei im Stiche gelassen, als ich von dem
-Feste hörte!&ldquo; Es war ihm glänzend gegangen auf seiner
-Wanderschaft, glänzend und fürstlich wie immer hatte er
+Feste hörte!&ldquo; Es war ihm glänzend gegangen auf seiner
+Wanderschaft, glänzend und fürstlich wie immer hatte er
gelebt. Auf einem Herrensitz, bei einem Baron hatte er
-förmliche Festtage gehabt, eine Stadt, besser gesagt eine
-Art Marktflecken, wollte ihn zum Bürgermeister haben.
-Als ob das so einfach wäre &mdash;!
+förmliche Festtage gehabt, eine Stadt, besser gesagt eine
+Art Marktflecken, wollte ihn zum Bürgermeister haben.
+Als ob das so einfach wäre &mdash;!
</p>
<p>
Ja, trotzdem er in zerrissenen Kleidern daher kam und
eine bedenkliche Schramme an der Stirne hatte, war es
ihm nie so gut gegangen, niemals hatten ihn seine Freunde
-so fürstlich aufgenommen. Hahaha!
+so fürstlich aufgenommen. Hahaha!
</p>
<p>
Nun gab es leider einen kleinen Zwischenfall. Der
-Aushilfsbriefbote nämlich tat, als sehe er nicht, als Lenz
-ihm die Hand zum Gruße hinstreckte.
+Aushilfsbriefbote nämlich tat, als sehe er nicht, als Lenz
+ihm die Hand zum Gruße hinstreckte.
</p>
<p>
&bdquo;Mein Name ist Pracht!&ldquo; sagte er. &bdquo;Ich habe nie
-das Vergnügen gehabt, Sie zu kennen.&ldquo;
+das Vergnügen gehabt, Sie zu kennen.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -15590,12 +15556,12 @@ Lenz streckte ihm die Hand hin.
<p>
&bdquo;Genug, genug!&ldquo; sagte er und lachte herzlich. &bdquo;Hier
-ist meine Hand! Frieden wollen wir schließen.&ldquo;
+ist meine Hand! Frieden wollen wir schließen.&ldquo;
</p>
<p>
Nein, Herr Pracht kannte Leute seines Schlages nicht.
-Hätte er gewußt &mdash;
+Hätte er gewußt &mdash;
</p>
<p>
@@ -15609,7 +15575,7 @@ Herr Pracht lehnte ab. Er bedaure.
<p>
&bdquo;Gut!&ldquo; sagte Lenz und lachte. &bdquo;Die Herrschaften haben
-gesehen, daß ich diesen Herrn Pracht hier, diesen prächtigen
+gesehen, daß ich diesen Herrn Pracht hier, diesen prächtigen
Herrn ein Dutzendmal meine Hand hinstreckte und
<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
meine Gastfreundschaft anbot. Herr Pracht zieht es vor
@@ -15617,51 +15583,51 @@ ins Freie zu gehen. Darf ich bitten, Herr Pracht!&ldquo;
</p>
<p>
-Lenz nahm den Aushilfsbriefträger am Genick, führte
-ihn hinaus durch den Garten, er öffnete ihm höflich die
-Türe und gab ihm einen Schwung, daß Herr Pracht in
+Lenz nahm den Aushilfsbriefträger am Genick, führte
+ihn hinaus durch den Garten, er öffnete ihm höflich die
+Türe und gab ihm einen Schwung, daß Herr Pracht in
die Wiese flog und sein hoher Zylinder in das Gras kollerte.
</p>
<p>
-Dann kam Lenz herein, lachte, rieb sich die Hände
-und bat die Gesellschaft wegen der kleinen Störung um
+Dann kam Lenz herein, lachte, rieb sich die Hände
+und bat die Gesellschaft wegen der kleinen Störung um
Entschuldigung.
</p>
<p>
Er sprach und sprach, stand auf und sang, das Glas
-in der Hand, mit herrlicher Baßstimme ein Lied: Im tiefen
+in der Hand, mit herrlicher Baßstimme ein Lied: Im tiefen
Keller sitz&rsquo; ich hier. &mdash; Niemand konnte wie er im tiefen
Keller sitzen, da war der Modergeruch des Kellers, der
-Widerhall riesiger Fässer &mdash; alles. Niemand konnte wie
-er den Wein im Glase anlächeln, mit einem verliebten
-gönnerhaften Lächeln, niemand konnte wie er mit solch
-königlicher Geste das Glas erheben.
+Widerhall riesiger Fässer &mdash; alles. Niemand konnte wie
+er den Wein im Glase anlächeln, mit einem verliebten
+gönnerhaften Lächeln, niemand konnte wie er mit solch
+königlicher Geste das Glas erheben.
</p>
<p>
-Hierauf erzählte er eine absolut unglaubliche Geschichte
+Hierauf erzählte er eine absolut unglaubliche Geschichte
von zehn Schwestern mit eisernen Nasen &mdash; sie machten
dem Vater Stiefel aus Eisen und sandten ihn nach Freiern
-aus &mdash; eine Hexe vollständig aus Eisen &mdash; niemand könnte
-diese Geschichte wiedererzählen. Die Gesellschaft lachte
-herzlich und der unangenehme Zwischenfall war vollständig
-vergessen. Die Mädchen tranken und ihre Wangen wurden
-röter, ihre Augen glänzender. Sie sangen. Sie sangen
+aus &mdash; eine Hexe vollständig aus Eisen &mdash; niemand könnte
+diese Geschichte wiedererzählen. Die Gesellschaft lachte
+herzlich und der unangenehme Zwischenfall war vollständig
+vergessen. Die Mädchen tranken und ihre Wangen wurden
+röter, ihre Augen glänzender. Sie sangen. Sie sangen
alle Lieder, die sie kannten: Am Brunnen vor dem Tore
-&mdash; Als ich noch im Flügelkleide &mdash; Der Mai ist gekommen
-&mdash; Mütterchen hörte andächtig zu. Als die Fröhlichkeit
-den Höhepunkt erreicht hatte, sangen sie: Ich weiß nicht
+&mdash; Als ich noch im Flügelkleide &mdash; Der Mai ist gekommen
+&mdash; Mütterchen hörte andächtig zu. Als die Fröhlichkeit
+den Höhepunkt erreicht hatte, sangen sie: Ich weiß nicht
was soll es bedeuten &mdash;
</p>
<p>
<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
-Auch die &bdquo;ewige Braut&ldquo; fühlte sich zu Hause unter
-den jungen Mädchen, sie sang indem sie den blondweißen
+Auch die &bdquo;ewige Braut&ldquo; fühlte sich zu Hause unter
+den jungen Mädchen, sie sang indem sie den blondweißen
Kopf hin und her auf den Schultern wiegte und man
-hörte sie stets noch die letzte Silbe hinausziehen, wenn
+hörte sie stets noch die letzte Silbe hinausziehen, wenn
alle schon zu Ende waren.
</p>
@@ -15670,43 +15636,43 @@ Dann lachte sie.
</p>
<p>
-Eisenhut sang nicht, aber er lächelte.
+Eisenhut sang nicht, aber er lächelte.
</p>
<p>
&bdquo;Singen Sie doch mit, Herr Eisenhut!&ldquo; rief Adele
und sah ihn an. Eisenhut kam in Verlegenheit. &bdquo;Ich
habe Ihnen seinerzeit auf dem Balle so sehr unrecht getan,&ldquo;
-fuhr Adele laut fort, daß alle es hören mußten,
+fuhr Adele laut fort, daß alle es hören mußten,
&bdquo;vergeben Sie mir!&ldquo;
</p>
<p>
Eisenhut sagte: &bdquo;Ach, das ist ja &mdash; haha &mdash; schon
-&mdash; so lange her &mdash; wie?&ldquo; Später erbot er sich ganz
-von selbst, die Kosten von Susannas Aufenthalt im Süden
-zu bezahlen, im Falle sie reisen sollte. Er flüsterte es
+&mdash; so lange her &mdash; wie?&ldquo; Später erbot er sich ganz
+von selbst, die Kosten von Susannas Aufenthalt im Süden
+zu bezahlen, im Falle sie reisen sollte. Er flüsterte es
Grau ins Ohr.
</p>
<p>
-Es ging fröhlich in dem kleinen Häuschen her und
-als die Sonne unterging blendete sie all den jungen Mädchen
+Es ging fröhlich in dem kleinen Häuschen her und
+als die Sonne unterging blendete sie all den jungen Mädchen
ins Gesicht. All die singenden Lippen und strahlenden
-Augen glänzten und die Zähne der jungen Mädchen
+Augen glänzten und die Zähne der jungen Mädchen
blitzten.
</p>
<p>
-Susanna lächelte und während sie lächelte, schlief
+Susanna lächelte und während sie lächelte, schlief
sie ein.
</p>
<p>
-Die Gesellschaft schlich sich davon. Mütterchen steckte
+Die Gesellschaft schlich sich davon. Mütterchen steckte
Grau ein kleines Paketchen in die Tasche. &bdquo;Nimm!&ldquo; sagte
sie geheimnisvoll. &bdquo;Wie soll ich dir doch danken? Ein
-solch herrlicher Tag! Für mich und Susanna! Wie glücklich
+solch herrlicher Tag! Für mich und Susanna! Wie glücklich
sie war!&ldquo;
</p>
@@ -15716,21 +15682,21 @@ sie war!&ldquo;
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>n den Häusern zündete man die Lampen an und
-die Glocken läuteten den Abend ein, als die Gesellschaft
-in die Stadt eintrat. In den Straßen war
-es schon auffallend dunkel und merkwürdig warm.
-Kinder lärmten und die Leute standen vor den Häusern
-um die erfrischende duftende Luft zu genießen. Man
-hörte Stimmen in den noch dunkeln Zimmern, Worte,
-die gerufen wurden, die Familie des Schlächtermeisters
+<span class="firstchar">I</span>n den Häusern zündete man die Lampen an und
+die Glocken läuteten den Abend ein, als die Gesellschaft
+in die Stadt eintrat. In den Straßen war
+es schon auffallend dunkel und merkwürdig warm.
+Kinder lärmten und die Leute standen vor den Häusern
+um die erfrischende duftende Luft zu genießen. Man
+hörte Stimmen in den noch dunkeln Zimmern, Worte,
+die gerufen wurden, die Familie des Schlächtermeisters
Keim war um eine Talgkerze versammelt und nahm das
Abendessen ein.
</p>
<p>
Am Marktplatze ging die Gesellschaft unter vielem
-Lärm und fröhlichem Lachen auseinander.
+Lärm und fröhlichem Lachen auseinander.
</p>
<p>
@@ -15742,10 +15708,10 @@ den gleichen Weg.
&bdquo;Wir haben ja den gleichen Weg!&ldquo; sagte Adele und
sie sahen einander an und nickten. Sie waren beide
beklommen und stiegen schweigend die Stufen hinauf.
-Über die Mauer des Friedhofes und aus Eisenhuts Garten
-hingen Zweige und Blüten, so daß sie durch eine Gasse
-von Blüten und Duft gingen. Es war schwül hier und
-dämmerig. Adele stand still und sog den Duft ein.
+Über die Mauer des Friedhofes und aus Eisenhuts Garten
+hingen Zweige und Blüten, so daß sie durch eine Gasse
+von Blüten und Duft gingen. Es war schwül hier und
+dämmerig. Adele stand still und sog den Duft ein.
&bdquo;Es ist Jasmin.&ldquo;
</p>
@@ -15755,26 +15721,26 @@ sich ihre Blicke.
</p>
<p>
-Oben war es kühler. Sie atmeten auf.
+Oben war es kühler. Sie atmeten auf.
</p>
<p>
-Adeles Blicke gingen über die Stadt hin, in der es
-mehr blühende Bäume als Häuser gab. Aus dem Dunst
-der Dämmerung blinzelten Lichter und auf einem Dache
+Adeles Blicke gingen über die Stadt hin, in der es
+mehr blühende Bäume als Häuser gab. Aus dem Dunst
+der Dämmerung blinzelten Lichter und auf einem Dache
<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
lag ein fahler goldener Ton. Eisenhuts Garten war
-eine einzige lange Woge von Blüten, die gegen die Höhe
-anschäumte. Adele schüttelte den Kopf und deutete auf
+eine einzige lange Woge von Blüten, die gegen die Höhe
+anschäumte. Adele schüttelte den Kopf und deutete auf
Eisenhuts Gartenmauer.
</p>
<p>
&bdquo;Die Tafeln,&ldquo; sagte sie, &bdquo;die Tafeln sind verschwunden.
Vor den Hunden wird gewarnt, Vorsicht
-Selbstschüsse &mdash; Sie erinnern sich? Was ist doch mit
+Selbstschüsse &mdash; Sie erinnern sich? Was ist doch mit
Herrn Eisenhut vorgegangen? So artig und nett, wie
-er heute war! Was mußten Sie sich doch denken, als
+er heute war! Was mußten Sie sich doch denken, als
ich ihn auf dem Liederkranzball so schlecht behandelte?&ldquo;
</p>
@@ -15783,17 +15749,17 @@ ich ihn auf dem Liederkranzball so schlecht behandelte?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Aber warum doch? Warum quälte ich ihn denn?
-Ich hatte zu viel Sekt getrunken und plötzlich kam es
-über mich. So häßlich war ich an jenem Abend. Und
-Eisenhut quälte ich, weil ich mich ihm gegenüber schuldig
-fühlte. Freilich, er erinnerte mich auch zu oft daran.
+&bdquo;Aber warum doch? Warum quälte ich ihn denn?
+Ich hatte zu viel Sekt getrunken und plötzlich kam es
+über mich. So häßlich war ich an jenem Abend. Und
+Eisenhut quälte ich, weil ich mich ihm gegenüber schuldig
+fühlte. Freilich, er erinnerte mich auch zu oft daran.
Ich habe einmal schlecht gegen ihn gehandelt und er
-hat mir doch einen großen Dienst erwiesen &mdash; er lieh
+hat mir doch einen großen Dienst erwiesen &mdash; er lieh
mir zehntausend Mark und wollte nicht einmal einen
Schuldschein haben &mdash; aber ich will gar nicht davon
-sprechen. Ich habe auch noch andre häßliche Bemerkungen
-gemacht.&ldquo; Sie sah Grau prüfend an.
+sprechen. Ich habe auch noch andre häßliche Bemerkungen
+gemacht.&ldquo; Sie sah Grau prüfend an.
</p>
<p>
@@ -15808,7 +15774,7 @@ Ihrer Treppe,&ldquo; fragte sie.
</p>
<p>
-Vor dem kleinen Hause Graus saß eine dunkle
+Vor dem kleinen Hause Graus saß eine dunkle
Gestalt und rauchte Pfeife. Es war ein kleiner alter
Mann. Er erhob sich und machte eine Verbeugung.
</p>
@@ -15821,13 +15787,13 @@ sagte er.
<p>
&bdquo;Es ist ein alter Handwerksbursche,&ldquo; sagte Grau,
-&bdquo;der vorläufig hier wohnt. Er saß eines Tages auf
+&bdquo;der vorläufig hier wohnt. Er saß eines Tages auf
meiner Treppe, abends, als ich heim kam, fand ich ihn da.
Er war krank und hatte Fieber. Man hatte ihm die
Aufnahme in der Herberge verweigert, weil seine Papiere
nicht in Ordnung waren. Ich konnte ihm doch nicht
gut ein Obdach verweigern, zumal er Fieber hatte, nicht
-wahr? Übrigens stört er mich nicht, ich habe ja so viel
+wahr? Übrigens stört er mich nicht, ich habe ja so viel
Raum.&ldquo;
</p>
@@ -15840,34 +15806,34 @@ Raum.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich meine nur. Ich habe gehört, Sie haben Ihr
+&bdquo;Ich meine nur. Ich habe gehört, Sie haben Ihr
Bett verschenkt und behelfen sich selbst mit einem
Strohsack?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Eine merkwürdige Stadt!&ldquo; sagte er.
+Grau lächelte. &bdquo;Eine merkwürdige Stadt!&ldquo; sagte er.
Sonst nichts.
</p>
<p>
-&bdquo;Eine Dame hat es erzählt. Das Bett gehört ja
-zum Pfarrhause, es gehört nicht Ihnen?&ldquo;
+&bdquo;Eine Dame hat es erzählt. Das Bett gehört ja
+zum Pfarrhause, es gehört nicht Ihnen?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ich werde ein neues Bett kaufen,&ldquo; sagte Grau.
-&bdquo;Sagen Sie der Dame, sie könne ganz unbesorgt sein.
-Ich habe das Bett hergeliehen, einer armen Wöchnerin.
+&bdquo;Sagen Sie der Dame, sie könne ganz unbesorgt sein.
+Ich habe das Bett hergeliehen, einer armen Wöchnerin.
Ja, mein Gott, ich kann doch da nicht erst lange fragen,
-wem das Bett gehört? Eine ganz merkwürdige Stadt!&ldquo;
+wem das Bett gehört? Eine ganz merkwürdige Stadt!&ldquo;
&mdash; Adele lachte leise.
</p>
<p>
Sie gingen schweigend an der Parkmauer entlang
bis zum Gitter. Adele blickte hinein. Im Hause war
-ein Flügel beleuchtet und man hörte ein Klavier.
+ein Flügel beleuchtet und man hörte ein Klavier.
</p>
<p>
@@ -15876,36 +15842,36 @@ ein Flügel beleuchtet und man hörte ein Klavier.
von Weinberg.&ldquo; Sie sah zu den hellen Fenstern hinauf
und lauschte. &bdquo;Es ist Mama, die spielt.&ldquo; Sie blickte
in den weiten Park hinein, dahin wo er ganz dunkel
-lag, und schüttelte den Kopf. Sie fröstelte. Sie blickte
+lag, und schüttelte den Kopf. Sie fröstelte. Sie blickte
Grau lange an. Dann sagte sie mit einem Blick auf
die hellen Fenster: &bdquo;Ich habe keine Lust. Kommen Sie!&ldquo;
</p>
<p>
Sie gingen weiter, den Weg entlang, der in den
-Wald führte. Es war ein Kiesweg und man sah ihn
-weit hinein in den Wald fließen, obgleich es hier ganz
-dunkel war. Zu ihren Häupten schlängelte sich eine
-schmale blaue Straße des Himmels und ein früher Stern
+Wald führte. Es war ein Kiesweg und man sah ihn
+weit hinein in den Wald fließen, obgleich es hier ganz
+dunkel war. Zu ihren Häupten schlängelte sich eine
+schmale blaue Straße des Himmels und ein früher Stern
wanderte darauf. Bald versank jeder Laut hinter ihnen
und sie waren allein.
</p>
<p>
-Zuerst hörten sie ihre Schritte auf dem Kies, aber
-das Ohr gewöhnte sich daran und lauschte auf die tiefe
+Zuerst hörten sie ihre Schritte auf dem Kies, aber
+das Ohr gewöhnte sich daran und lauschte auf die tiefe
Ruhe des Waldes.
</p>
<p>
-&bdquo;Welcher Friede, fühlen Sie!&ldquo; sagte Grau leise.
+&bdquo;Welcher Friede, fühlen Sie!&ldquo; sagte Grau leise.
</p>
<p>
&bdquo;Ja, hier ist Friede!&ldquo; sagte Adele, deren Gesicht in
der Dunkelheit zu leuchten anfing. Sie stand still und
wandte die Augen auf Grau. Er sah ihre Augen, so
-hell waren sie. &bdquo;Horchen Sie! Hören Sie das Klavier
+hell waren sie. &bdquo;Horchen Sie! Hören Sie das Klavier
nicht mehr?&ldquo;
</p>
@@ -15914,13 +15880,13 @@ nicht mehr?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es ist Mama, die spielt. Ich höre es jetzt auch
+&bdquo;Es ist Mama, die spielt. Ich höre es jetzt auch
nicht mehr. Da sitzt sie nun, meine kleine Mama und
spielt und wartet auf mich. Denn sie tut ja nichts
andres. Sie wartet und die Herren lachen und plaudern.
Sie sagt zu Konrad: Konrad, wenn meine Tochter
kommt, melden Sie es mir sofort. Sie wartet und
-wird immer nervöser. Ich aber komme nicht.&ldquo;
+wird immer nervöser. Ich aber komme nicht.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -15929,15 +15895,15 @@ wird immer nervöser. Ich aber komme nicht.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele schüttelte den Kopf. &bdquo;Nein,&ldquo; sagte sie, &bdquo;ich
-habe keine Lust. Ja, fühlen Sie doch den Frieden hier,
-Sie haben recht, wir wollen den Frieden hier fühlen.
-Wie es riecht! Als ob Sie Rinde abschälten. Haben
-Sie viel Frieden in sich? Ich nicht, nein, ich würde
-lügen, würde ich es behaupten. &mdash; Das heißt, es ist ja
+Adele schüttelte den Kopf. &bdquo;Nein,&ldquo; sagte sie, &bdquo;ich
+habe keine Lust. Ja, fühlen Sie doch den Frieden hier,
+Sie haben recht, wir wollen den Frieden hier fühlen.
+Wie es riecht! Als ob Sie Rinde abschälten. Haben
+Sie viel Frieden in sich? Ich nicht, nein, ich würde
+lügen, würde ich es behaupten. &mdash; Das heißt, es ist ja
nicht so schlimm,&ldquo; fuhr sie mit freierer Stimme fort,
-&bdquo;es ist nur der Frühling, weil alles so schön ist und
-die jungen Mädchen heute lachten so viel.&ldquo;
+&bdquo;es ist nur der Frühling, weil alles so schön ist und
+die jungen Mädchen heute lachten so viel.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -15947,55 +15913,55 @@ und Moos und es roch hier nach Harz und Wurzeln.
</p>
<p>
-Grau lächelte, und als ob Adele sein Lächeln gefühlt
+Grau lächelte, und als ob Adele sein Lächeln gefühlt
habe, blickte sie zu ihm her. Er sagte: &bdquo;Wir gehen
-wie im Werke einer großen Orgel, zwischen all den
+wie im Werke einer großen Orgel, zwischen all den
schlanken Pfeifen. Als der Geist der Orgel gehen wir
hier.&ldquo;
</p>
<p>
-Er sah, daß Adele lächelte; ihre hellen Augen glänzten.
+Er sah, daß Adele lächelte; ihre hellen Augen glänzten.
</p>
<p>
-&bdquo;Warum sprechen Sie so eigentümlich?&ldquo; fragte sie.
+&bdquo;Warum sprechen Sie so eigentümlich?&ldquo; fragte sie.
</p>
<p>
-&bdquo;Sprach ich denn eigentümlich?&ldquo;
+&bdquo;Sprach ich denn eigentümlich?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, Ihre Stimme klang ganz verändert.&ldquo;
+&bdquo;Ja, Ihre Stimme klang ganz verändert.&ldquo;
</p>
<p>
Adele blickte zu den schwarzen phantastischen Wipfeln
empor, die regungslos dastanden, wie aus Erz gegossen,
-und einen fahlen grauen Himmel sehen ließen, als beginne
-es zu tagen. Sie lächelte und sagte: &bdquo;Aus unseren
+und einen fahlen grauen Himmel sehen ließen, als beginne
+es zu tagen. Sie lächelte und sagte: &bdquo;Aus unseren
Orgelstunden ist leider nichts geworden. Sie erinnern
-sich, daß ich neulich bei Ihnen anfragte?&ldquo;
+sich, daß ich neulich bei Ihnen anfragte?&ldquo;
</p>
<p>
-Er stehe jederzeit zur Verfügung.
+Er stehe jederzeit zur Verfügung.
</p>
<p>
&bdquo;Ich danke Ihnen aufrichtig,&ldquo; sagte Adele, &bdquo;aber
<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
-der Baron sieht es nicht gerne, mein Bräutigam. Ich
-weiß nicht warum, aber er hat solche Angst, die Leute
-könnten über mich sprechen. Und dann hat er es noch
-nie gehört, daß eine Dame Orgel spielte. Wüßte er,
-daß ich mit Ihnen hier gehe, so hätte er nichts dagegen,
-nein, aber er hätte Angst, jemand könnte es sehen. Er
-hält viel auf Etikette. Er denkt in jeder Beziehung frei
-und vornehm, aber er will nicht, daß die Leute über
+der Baron sieht es nicht gerne, mein Bräutigam. Ich
+weiß nicht warum, aber er hat solche Angst, die Leute
+könnten über mich sprechen. Und dann hat er es noch
+nie gehört, daß eine Dame Orgel spielte. Wüßte er,
+daß ich mit Ihnen hier gehe, so hätte er nichts dagegen,
+nein, aber er hätte Angst, jemand könnte es sehen. Er
+hält viel auf Etikette. Er denkt in jeder Beziehung frei
+und vornehm, aber er will nicht, daß die Leute über
mich sprechen. Sie haben ihn doch kennen gelernt?
-Sind Sie in ein Gespräch mit ihm gekommen?&ldquo;
+Sind Sie in ein Gespräch mit ihm gekommen?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -16003,12 +15969,12 @@ Sind Sie in ein Gespräch mit ihm gekommen?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Schade!&ldquo; sagte Adele. &bdquo;Ich wünschte, Sie hätten
+&bdquo;Schade!&ldquo; sagte Adele. &bdquo;Ich wünschte, Sie hätten
mit ihm gesprochen, er ist sehr gebildet und klug. Freilich
-ist er ja meist zu müde zum Sprechen, er liebt
-es auch nicht, er ist schweigsam. Sie würden vielleicht
-den Eindruck bekommen, daß er etwas konventionell
-ist in seinen Anschauungen. Er könnte zum Beispiel
+ist er ja meist zu müde zum Sprechen, er liebt
+es auch nicht, er ist schweigsam. Sie würden vielleicht
+den Eindruck bekommen, daß er etwas konventionell
+ist in seinen Anschauungen. Er könnte zum Beispiel
nie einen Handwerksburschen beherbergen, niemals in
seinem Leben &mdash; aber er ist &mdash;. Vor allem liebt er
mich sehr, er liest mir jeden Wunsch von den Augen
@@ -16021,19 +15987,19 @@ ab.&ldquo;
<p>
&bdquo;Ja.&ldquo; Adele blickte auf den Weg. &bdquo;Er, der Baron,
-drängt sehr. Auch fühlt sich Mama jetzt besser. Mir
+drängt sehr. Auch fühlt sich Mama jetzt besser. Mir
eilt es ja nicht so sehr &mdash; obgleich ich den Baron von
-ganzem Herzen liebe. Er besitzt eine Menge großer
-Eigenschaften, Sie würden das bald herausfinden &mdash;
-nun hört der Wald auf &mdash; lassen Sie uns nicht von
+ganzem Herzen liebe. Er besitzt eine Menge großer
+Eigenschaften, Sie würden das bald herausfinden &mdash;
+nun hört der Wald auf &mdash; lassen Sie uns nicht von
diesen Dingen sprechen. Weshalb sehen Sie mich an?
</p>
<p>
<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
-Es ist ja langweilig für Sie, nur von meinen Angelegenheiten
-zu hören, Herr Grau. Deshalb. Wollen
-Sie mir nicht jenen Traum zu Ende erzählen, den Sie
+Es ist ja langweilig für Sie, nur von meinen Angelegenheiten
+zu hören, Herr Grau. Deshalb. Wollen
+Sie mir nicht jenen Traum zu Ende erzählen, den Sie
auf dem Ball begannen?&ldquo;
</p>
@@ -16042,9 +16008,9 @@ auf dem Ball begannen?&ldquo;
</p>
<p>
-Sie traten aus dem Walde und der Rücken der Höhe
-lag im Dämmerlichte vor ihnen. Im Tale zogen Nebel
-und die Stadt war in Dunst gehüllt. Einige Lichter
+Sie traten aus dem Walde und der Rücken der Höhe
+lag im Dämmerlichte vor ihnen. Im Tale zogen Nebel
+und die Stadt war in Dunst gehüllt. Einige Lichter
flimmerten, und wo der Bahnhof lag, blinzelte eine
Reihe von Laternen wie der Leichenzug eines armen
Mannes. Der Himmel war fahl und einige matte Sterne
@@ -16054,33 +16020,33 @@ sich niederzusetzen, aber sie ging weiter.
</p>
<p>
-&bdquo;Jene Frau und ich,&ldquo; begann Grau, &bdquo;gingen über
+&bdquo;Jene Frau und ich,&ldquo; begann Grau, &bdquo;gingen über
die Heide, es war graue Nacht und ganz still. Es war
-fahl wie jetzt, nur daß es dem Morgen zuging, es war
-aber stiller als jetzt, obgleich hier kein Laut zu hören
-ist. Trotzdem war es stiller. Die Luft war kühl, so
-wie sie ist, wenn der Morgen nahe ist, sie war gewürzt
-von all den Kräutern und Blumen, die in der Heide
-blühten. Wir gingen schweigend dahin, jene Frau, mit
-der Sie eine leichte Ähnlichkeit haben, und ich. Alles
+fahl wie jetzt, nur daß es dem Morgen zuging, es war
+aber stiller als jetzt, obgleich hier kein Laut zu hören
+ist. Trotzdem war es stiller. Die Luft war kühl, so
+wie sie ist, wenn der Morgen nahe ist, sie war gewürzt
+von all den Kräutern und Blumen, die in der Heide
+blühten. Wir gingen schweigend dahin, jene Frau, mit
+der Sie eine leichte Ähnlichkeit haben, und ich. Alles
war wie ein Schatten und wir selbst schienen Schatten
zu sein, die in der grauen Nacht dahingingen. Es
standen viele Sterne am Himmel, aber sie leuchteten
-nicht. Plötzlich begann es zu sausen über unseren Häuptern
+nicht. Plötzlich begann es zu sausen über unseren Häuptern
und ein Heer von Sternschnuppen, ein ungeheurer Regen
-von Sternschnuppen jagte blitzschnell über den Himmel
+von Sternschnuppen jagte blitzschnell über den Himmel
und verschwand hinter dem Horizonte. Es waren
<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
Milliarden von Sternschnuppen, der ganze Himmel war
fegendes Feuer. Ich erschrak, denn ich hatte niemals
-so etwas Schönes gesehen. Warte, sagte die Frau an
+so etwas Schönes gesehen. Warte, sagte die Frau an
meiner Seite &mdash; und wieder fegten Milliarden von
-Sternschnuppen über den Himmel. Diesmal dauerte
+Sternschnuppen über den Himmel. Diesmal dauerte
es lange Zeit, endlos schien der goldene Regen zu sein.
-Endlich hörte er auf und die letzten Funken versprühten
-am Horizonte. Mein Herz schlug heftig, ja, es schlägt
-jetzt sogar bei der <a id="corr-23"></a>Erinnerung an dieses schöne Schauspiel,
-das schöner war, als alles was ich im Wachen
+Endlich hörte er auf und die letzten Funken versprühten
+am Horizonte. Mein Herz schlug heftig, ja, es schlägt
+jetzt sogar bei der <a id="corr-23"></a>Erinnerung an dieses schöne Schauspiel,
+das schöner war, als alles was ich im Wachen
und im Traum gesehen habe.&ldquo;
</p>
@@ -16097,16 +16063,16 @@ ich sagte nichts.&ldquo;
<p>
&bdquo;Wir wanderten zusammen,&ldquo; fuhr Grau fort, &bdquo;und
es schien als wanderten wir eine endlose Zeit in der
-grauen Nacht, aber ich wanderte dahin und fühlte mich
-glücklich an der Seite der schönen Frau. Die Frau sprach
-sehr gütig zu mir, aber ich weiß nicht mehr, was sie
-sagte, doch ich erinnere mich, daß sie sehr gütig zu mir
-sprach. Ich habe niemals im Leben diese Güte in der
-Stimme einer Frau gehört, aber im Traume hörte ich
+grauen Nacht, aber ich wanderte dahin und fühlte mich
+glücklich an der Seite der schönen Frau. Die Frau sprach
+sehr gütig zu mir, aber ich weiß nicht mehr, was sie
+sagte, doch ich erinnere mich, daß sie sehr gütig zu mir
+sprach. Ich habe niemals im Leben diese Güte in der
+Stimme einer Frau gehört, aber im Traume hörte ich
sie, niemals hatte ich die sanfte Hand einer Frau auf
-meinem Arm gefühlt, aber im Traume, da fühlte ich
-es. So sanft war sie! Wir wanderten über die Heide
-und mein Herz war fröhlich. Wir unterhielten uns in
+meinem Arm gefühlt, aber im Traume, da fühlte ich
+es. So sanft war sie! Wir wanderten über die Heide
+und mein Herz war fröhlich. Wir unterhielten uns in
einer fremden Sprache, aber ich hatte keine Schwierigkeiten
damit, ich verstand, ich sprach &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -16117,76 +16083,76 @@ damit, ich verstand, ich sprach &mdash;&ldquo;
<p>
<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
-&bdquo;Ja. Der Boden war sanft unter unsern Füßen und
-wir konnten unsere Schritte nicht hören &mdash; wie jetzt, da
-wir über die Wiesen gehen. In der Heide blühten Blumen.
-Es war eigentümlich, ich sah sie erst jetzt, die ganze Heide
+&bdquo;Ja. Der Boden war sanft unter unsern Füßen und
+wir konnten unsere Schritte nicht hören &mdash; wie jetzt, da
+wir über die Wiesen gehen. In der Heide blühten Blumen.
+Es war eigentümlich, ich sah sie erst jetzt, die ganze Heide
war voll davon. Sie waren klein und niedrig und hatten
-Traumfarben. Sie waren Tulpen ähnlich, durchsichtige
+Traumfarben. Sie waren Tulpen ähnlich, durchsichtige
mattfarbene Kelche hatten sie. Aber in jedem dieser Kelche
lebte &mdash; so schien es &mdash; ein Lichtgeisterchen, die Lichtgeisterchen
-umschwebten die Blumen, sie saßen auf dem
-Blütenrande, sie wirbelten hin und her. Plötzlich sah
-ich die ganze Luft von solchen Geisterchen erfüllt, die
+umschwebten die Blumen, sie saßen auf dem
+Blütenrande, sie wirbelten hin und her. Plötzlich sah
+ich die ganze Luft von solchen Geisterchen erfüllt, die
auf und nieder schwebten. Sieh, sagte ich zur Frau, sieh,
und ergriff den Arm der Frau und deutete in die Luft &mdash;&ldquo;
-Grau erzählte so eifrig, daß er die Hand auf Adeles
-Arm legte und in die Luft deutete, als sei sie erfüllt
-von Wesen, Adele sah ihn lächelnd an &mdash; &bdquo;sieh doch,
+Grau erzählte so eifrig, daß er die Hand auf Adeles
+Arm legte und in die Luft deutete, als sei sie erfüllt
+von Wesen, Adele sah ihn lächelnd an &mdash; &bdquo;sieh doch,
sagte ich, sieh doch! Sie lachte leise. Ich habe vergessen,
-daß du ein Mensch bist, sagte sie, ein Blinder und Unwissender.
-Weißt du denn nicht, daß jeder Hauch der
-Luft erfüllt ist von Wesen? &mdash; Wir mußten einen schmalen
-Bach überschreiten und ich war sehr erstaunt zu sehen,
-daß sich über den Wellen des Baches Tausende von
+daß du ein Mensch bist, sagte sie, ein Blinder und Unwissender.
+Weißt du denn nicht, daß jeder Hauch der
+Luft erfüllt ist von Wesen? &mdash; Wir mußten einen schmalen
+Bach überschreiten und ich war sehr erstaunt zu sehen,
+daß sich über den Wellen des Baches Tausende von
Quellengeisterchen tummelten, sie schwebten hin und her
-in der Bewegung der Wellen und über einem kleinen
+in der Bewegung der Wellen und über einem kleinen
Strudel kreisten sie im Reigen, sie tanzten und lachten leise.
-Wie merkwürdig, dachte ich, deshalb ist es so eigentümlich
-berückend auf das Rieseln eines Baches zu lauschen?
+Wie merkwürdig, dachte ich, deshalb ist es so eigentümlich
+berückend auf das Rieseln eines Baches zu lauschen?
Ich beugte mich herab und beobachtete die Geisterchen,
-sie sahen mich alle mit kleinen lichtgrünen Augen an.
-Sie kamen mir so nahe, daß ich glaubte sie fühlen zu
+sie sahen mich alle mit kleinen lichtgrünen Augen an.
+Sie kamen mir so nahe, daß ich glaubte sie fühlen zu
<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
-müssen, ein Geisterchen streifte meine Wange, ein anderes
-saß einen Augenblick lang auf meiner Lippe.&ldquo;
+müssen, ein Geisterchen streifte meine Wange, ein anderes
+saß einen Augenblick lang auf meiner Lippe.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Plötzlich erschrak ich. Ein hohler, tiefer Ton, der
-stark tremulierte, erschütterte die Luft. Ich begann zu
+&bdquo;Plötzlich erschrak ich. Ein hohler, tiefer Ton, der
+stark tremulierte, erschütterte die Luft. Ich begann zu
zittern, denn der Ton klang unheimlich, er klang bald
in der Ferne, bald schrecklich nahe und ich zitterte, denn
-ich fühlte mich allein inmitten der Nacht und inmitten
+ich fühlte mich allein inmitten der Nacht und inmitten
einer Welt, in der ich ein Fremder war. Warum zitterst
du denn? sagte die Frau an meiner Seite, aber sie sprach
-gütig. Oh, ihr Menschen seid solch feige zitternde Gespenster,
+gütig. Oh, ihr Menschen seid solch feige zitternde Gespenster,
nichts wollt ihr verlieren, nicht einmal euer
-Leben. Wie lächerlich erscheint ihr doch den andern
+Leben. Wie lächerlich erscheint ihr doch den andern
Wesen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Wir gingen und sprachen und die Frau an meiner
-Seite sagte mir, daß ich einen schwachen Kopf habe und
-nie denken gelernt hätte, wie alle Menschen sähe ich
-nur die Oberfläche der Dinge. Ihr gebärdet euch alle
-überaus klug und wichtig, sagte sie, und euer Gehirn ist
-doch so schwach, daß es bei jedem kleinen Gedanken
+Seite sagte mir, daß ich einen schwachen Kopf habe und
+nie denken gelernt hätte, wie alle Menschen sähe ich
+nur die Oberfläche der Dinge. Ihr gebärdet euch alle
+überaus klug und wichtig, sagte sie, und euer Gehirn ist
+doch so schwach, daß es bei jedem kleinen Gedanken
explodiert und der Gedanke ist noch dazu falsch. Weshalb
-lebst du, weißt du es? &mdash; Welche Angst hatte ich
+lebst du, weißt du es? &mdash; Welche Angst hatte ich
doch zu antworten! Ich lebe um meine Seele zur Harmonie
-und Schönheit zu entfalten, sagte ich. Die Frau lächelte.
-Wie oberflächlich ist das doch! sagte sie. So lebe ich
-vielleicht, um meine Seele zur Güte, zur Liebe und
-Wahrheit und Gerechtigkeit zu erziehen? Sie lächelte
-und schüttelte den Kopf. Das ist ja alles so nebensächlich,
+und Schönheit zu entfalten, sagte ich. Die Frau lächelte.
+Wie oberflächlich ist das doch! sagte sie. So lebe ich
+vielleicht, um meine Seele zur Güte, zur Liebe und
+Wahrheit und Gerechtigkeit zu erziehen? Sie lächelte
+und schüttelte den Kopf. Das ist ja alles so nebensächlich,
sagte sie. Nun, sagte ich, ich lebe vielleicht um
-mich zu wundern? &mdash; Da faßte sie meinen Arm und
-sagte: Verhülle dein Gesicht! Ich tat es, ich sah wie sie
+mich zu wundern? &mdash; Da faßte sie meinen Arm und
+sagte: Verhülle dein Gesicht! Ich tat es, ich sah wie sie
<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
-rasch die Hände auf das Gesicht legte und verging, als
-sterbe sie. Ein Hauch fuhr über die Heide und der leise
+rasch die Hände auf das Gesicht legte und verging, als
+sterbe sie. Ein Hauch fuhr über die Heide und der leise
Gesang der Geisterchen ringsum vereinigte sich zu einem
einzigen Ton, der wie ein leises Seufzen klang. Ich versank
in eine Art Schlaf und als ich erwachte, ging ich
@@ -16195,10 +16161,10 @@ wieder neben der Frau in der grauen Nacht.&ldquo;
<p>
&bdquo;Ich sah keine Blumen mehr, die Heide war eine
-gewöhnliche Heide und ich erkannte die Kühle und den
+gewöhnliche Heide und ich erkannte die Kühle und den
Geruch vom Anfange unserer Wanderung wieder. Es
-ist Zeit, daß ich gehe, sagte die Frau, der Sternschnuppenregen
-ist vorüber. Leben Sie wohl. &mdash; Sie sprach wie
+ist Zeit, daß ich gehe, sagte die Frau, der Sternschnuppenregen
+ist vorüber. Leben Sie wohl. &mdash; Sie sprach wie
eine Fremde.
</p>
@@ -16207,7 +16173,7 @@ Leben Sie wohl! sagte ich und zog den Hut.
</p>
<p>
-Sie sah mich an und lächelte eigentümlich, sie stand
+Sie sah mich an und lächelte eigentümlich, sie stand
ganz nahe.
</p>
@@ -16221,8 +16187,8 @@ Leben Sie wohl.
</p>
<p>
-Sie gab mir die Fingerspitzen der beiden Hände und
-sah mich an. Leben Sie wohl, flüsterte sie, bis wir
+Sie gab mir die Fingerspitzen der beiden Hände und
+sah mich an. Leben Sie wohl, flüsterte sie, bis wir
uns wiedersehen!
</p>
@@ -16231,20 +16197,20 @@ Leben Sie wohl.
</p>
<p>
-Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Sie wissen
+Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Sie wissen
nicht, was ich denke? Nein? Leben Sie wohl. &mdash; Sie
ging und wandte sich noch einmal zu mir um und bewegte
-die Lippen. Sie verschwand, ich weiß nicht wohin.
+die Lippen. Sie verschwand, ich weiß nicht wohin.
Ich stand in der Heide und blickte ringsum. &mdash;
-Das ist der ganze Traum,&ldquo; schloß Grau.
+Das ist der ganze Traum,&ldquo; schloß Grau.
</p>
<p>
-Adele blickte auf den Boden und lächelte. Wie seltsam!
-Welch ein schöner Traum! &bdquo;Vielleicht haben Sie
+Adele blickte auf den Boden und lächelte. Wie seltsam!
+Welch ein schöner Traum! &bdquo;Vielleicht haben Sie
<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
im Traume viele wahre Dinge erblickt, die wir in Wirklichkeit
-nicht sehen können? Wie seltsam!&ldquo; Sie standen
+nicht sehen können? Wie seltsam!&ldquo; Sie standen
am Gitter des Parkes.
</p>
@@ -16255,16 +16221,16 @@ denke?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Wie kann ich es wissen?&ldquo;
+Grau lächelte. &bdquo;Wie kann ich es wissen?&ldquo;
</p>
<p>
-Adele schüttelte den Kopf und öffnete das Gitter,
-indem sie rückwärts ging. &bdquo;Sie wissen es nicht? Vielleicht
-wollte sie, daß Sie fragen, wer sie sei, ob sie nicht
+Adele schüttelte den Kopf und öffnete das Gitter,
+indem sie rückwärts ging. &bdquo;Sie wissen es nicht? Vielleicht
+wollte sie, daß Sie fragen, wer sie sei, ob sie nicht
mit Ihnen gehen solle? Irgend etwas. Oder vielleicht
-wollte sie, daß Sie sie zum Abschied küßten?&ldquo; Adele
-lächelte.
+wollte sie, daß Sie sie zum Abschied küßten?&ldquo; Adele
+lächelte.
</p>
<p>
@@ -16274,17 +16240,17 @@ lächelte.
<p>
Vielleicht habe sie das gedacht, vielleicht, man wisse
es ja nicht, aber eine Frau war sie ja doch! Nicht wahr?
-&bdquo;Ich muß jetzt ebenfalls gehen, Herr Grau. Leben Sie
+&bdquo;Ich muß jetzt ebenfalls gehen, Herr Grau. Leben Sie
wohl!&ldquo; Adele nickte.
</p>
<p>
-Grau zog den Hut: &bdquo;Leben Sie wohl, Fräulein von
+Grau zog den Hut: &bdquo;Leben Sie wohl, Fräulein von
Hennenbach.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele ging immer mehr rückwärts, an das Gitter
+Adele ging immer mehr rückwärts, an das Gitter
gelehnt.
</p>
@@ -16294,14 +16260,14 @@ lange an.
</p>
<p>
-Grau schwindelte. &bdquo;Gute Nacht und Dank für den
+Grau schwindelte. &bdquo;Gute Nacht und Dank für den
Abend!&ldquo; sagte er mechanisch.
</p>
<p>
-Adele wandte sich um und blickte über die Schulter
-zurück. &bdquo;Leben Sie wohl &mdash; bis wir uns wiedersehen!&ldquo;
-sagte sie und Grau sah ihre schmalen Zähne schimmern.
+Adele wandte sich um und blickte über die Schulter
+zurück. &bdquo;Leben Sie wohl &mdash; bis wir uns wiedersehen!&ldquo;
+sagte sie und Grau sah ihre schmalen Zähne schimmern.
Sie ging hinein in den dunkeln Park. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
</p>
@@ -16313,22 +16279,22 @@ es wieder auf und verschwand.
</p>
<p>
-Er schloß langsam das Gitter. Es konnte doch nicht
+Er schloß langsam das Gitter. Es konnte doch nicht
die ganze Nacht hindurch offen stehen. Er blickte auf
-den Weg, wo sie gegangen war und schüttelte den Kopf:
-Sie wußte ja nicht alles, ja, beim Himmel, sie wußte
+den Weg, wo sie gegangen war und schüttelte den Kopf:
+Sie wußte ja nicht alles, ja, beim Himmel, sie wußte
ja nicht alles!
</p>
<p>
-Wußte sie denn, daß er wach lag und nur an sie
-dachte? In ihrem Garten stand ein blühender Apfelbaum
-und ihn liebte er am meisten von allen blühenden
-Bäumen im Lande.
+Wußte sie denn, daß er wach lag und nur an sie
+dachte? In ihrem Garten stand ein blühender Apfelbaum
+und ihn liebte er am meisten von allen blühenden
+Bäumen im Lande.
</p>
<p>
-Wußte sie denn das?
+Wußte sie denn das?
</p>
<p>
@@ -16340,26 +16306,26 @@ wie jene Frau im Traum?
<p>
Es rieselte im Laube, das Rieseln ging ringsum im
-Walde und die Gräser flüsterten. Wie ein Schauer
-rann es über die Erde und dieser Schauer des Frühlings
-durchrieselte auch ihn. Plötzlich war alles von fahlem
-Lichte erfüllt und der Wald zitterte im bleichen Scheine
-des Mondes, der über die Höhen heraufstieg. Grau
+Walde und die Gräser flüsterten. Wie ein Schauer
+rann es über die Erde und dieser Schauer des Frühlings
+durchrieselte auch ihn. Plötzlich war alles von fahlem
+Lichte erfüllt und der Wald zitterte im bleichen Scheine
+des Mondes, der über die Höhen heraufstieg. Grau
ging langsam dem Monde entgegen und das Licht
durchflutete ihn wie einen Baum. Ist alles Traum, ist
alles Wunder? dachte er. Ich selbst ein Traum im
-Traume der Welt? Etwas wie Betäubung befiel ihn,
-er hatte das Gefühl, als ob er an einem Abgrund
-stände. Plötzlich roch er die Kräuter wie in jenem
+Traume der Welt? Etwas wie Betäubung befiel ihn,
+er hatte das Gefühl, als ob er an einem Abgrund
+stände. Plötzlich roch er die Kräuter wie in jenem
Traume, derselbe Geruch war es und vor seinem innern
<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
Auge erschien jene seltsame Frau und fragte, wie damals
in mildem Vorwurf: Hast du mich heute nicht wiedererkannt!
-Er schloß die Augen, da sah er Adeles
+Er schloß die Augen, da sah er Adeles
schmales Gesicht vor sich. Eine Stimme begann in
-ihm zu flüstern. Sie flüsterte Worte, die er nicht verstehen
+ihm zu flüstern. Sie flüsterte Worte, die er nicht verstehen
wollte. Lehne deinen Kopf an meine Schulter,
-flüsterte sie. Küsse mich, küsse mich tausendmal.
+flüsterte sie. Küsse mich, küsse mich tausendmal.
</p>
<p>
@@ -16368,49 +16334,49 @@ Grau wandte sich um und blickte auf Adeles Park.
<p>
&bdquo;Ich werde ja schweigen,&ldquo; sagte er laut. Aber die
-Stimme ihn ihm fuhr fort zu flüstern: Küsse mich,
-küsse mich tausendmal &mdash;
+Stimme ihn ihm fuhr fort zu flüstern: Küsse mich,
+küsse mich tausendmal &mdash;
</p>
<p>
-Er lauschte und lächelte. &bdquo;Ja, ja!&ldquo; sagte er.
+Er lauschte und lächelte. &bdquo;Ja, ja!&ldquo; sagte er.
</p>
<p>
Er stand und wartete bis alle Lichter in Adeles
Haus erloschen. Die Luft war feuchtwarm, duftend
-und so stark, <a id="corr-24"></a>daß ihm die Brust bei jedem Atemzuge
+und so stark, <a id="corr-24"></a>daß ihm die Brust bei jedem Atemzuge
weh tat. Er dachte an Adele und der Gedanke an ihre
-Schönheit schmerzte ihn. Das letzte Licht erlosch und
+Schönheit schmerzte ihn. Das letzte Licht erlosch und
er ging weiter. Erst gegen Morgen kam Grau nach
-Hause. Das Herz war ihm schwer von schönen Träumen.
+Hause. Das Herz war ihm schwer von schönen Träumen.
Als er sich auskleidete fiel jenes Paketchen aus seiner
-Tasche, das Mütterchen ihm zugesteckt hatte.
+Tasche, das Mütterchen ihm zugesteckt hatte.
</p>
<p>
-Er öffnete es. Kleine gelbe Kinderschuhe waren darin.
+Er öffnete es. Kleine gelbe Kinderschuhe waren darin.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-3-5">
-<span class="firstline">Fünftes Kapitel</span>
+<span class="firstline">Fünftes Kapitel</span>
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Himmel wurde höher und blauer, die Wolken
-weißer und schwebender, im Garten schrien die
+<span class="firstchar">D</span>er Himmel wurde höher und blauer, die Wolken
+weißer und schwebender, im Garten schrien die
jungen Stare.
</p>
<p>
Susanna lag geduldig, ohne sich zu regen, denn
<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
-sie sollte Kräfte zur Reise sammeln. Ihre Augen glänzten
-in tiefer Schwärze. Sie wurde schöner. Ihre Wangen
-füllten sich, die gelbe Farbe ihres Gesichtes verschwand,
-sie sah blaß aus und niemals erschienen ihre Haare so
-schwarz und ihre Augen so groß. Sie wurde schöner,
-alle waren überrascht, die sie sahen.
+sie sollte Kräfte zur Reise sammeln. Ihre Augen glänzten
+in tiefer Schwärze. Sie wurde schöner. Ihre Wangen
+füllten sich, die gelbe Farbe ihres Gesichtes verschwand,
+sie sah blaß aus und niemals erschienen ihre Haare so
+schwarz und ihre Augen so groß. Sie wurde schöner,
+alle waren überrascht, die sie sahen.
</p>
<p>
@@ -16421,46 +16387,46 @@ leise und heiser und war kaum zu verstehen.
<p>
Sie lag ruhig da und horchte auf das Gezwitscher
-und Pfeifen der Stare. Sie lächelte, wenn die Starenmutter
+und Pfeifen der Stare. Sie lächelte, wenn die Starenmutter
geflogen kam, eine Fliege im Schnabel, und
-all die kleinen gelben Schnäbelchen der jungen Stare
+all die kleinen gelben Schnäbelchen der jungen Stare
in dem runden Loch des Kobels erschienen und ein
kreischendes ungeduldiges Geschrei erhoben.
</p>
<p>
-&bdquo;Hörst du?&ldquo; sagte sie leise und heiser. &bdquo;Wie glücklich
-diese Vögelchen sind! Hätte ich es mir denn träumen
-lassen, daß ich noch einmal das Pfeifen der Stare hören
+&bdquo;Hörst du?&ldquo; sagte sie leise und heiser. &bdquo;Wie glücklich
+diese Vögelchen sind! Hätte ich es mir denn träumen
+lassen, daß ich noch einmal das Pfeifen der Stare hören
werde? Ach, oft weine ich vor Freude, am Morgen,
-wenn das erste Zwitschern irgendwo fern zu hören ist.
-Ich liege hier und denke, wie herrlich, wie rührend ist
+wenn das erste Zwitschern irgendwo fern zu hören ist.
+Ich liege hier und denke, wie herrlich, wie rührend ist
es doch! Die Lerchen trillern, da ist es noch ganz grau
auf den Feldern und die Stare kreischen und pfeifen.
-Dann färbt sich der Himmel und ich rieche das Gras
-und die Bäche. Und ich kann es kaum erwarten bis
+Dann färbt sich der Himmel und ich rieche das Gras
+und die Bäche. Und ich kann es kaum erwarten bis
es licht wird und ich das Gras sehen kann. Hast du
-die Knospen gesehen an meinen Rosenstöcken, ja? In
-ein paar Wochen, da wird alles blühen. Auch der
-Flieder. Wie ist doch sein Duft? Wie eine süße und
-traurige Geschichte. Könnte ich doch noch den Flieder
+die Knospen gesehen an meinen Rosenstöcken, ja? In
+ein paar Wochen, da wird alles blühen. Auch der
+Flieder. Wie ist doch sein Duft? Wie eine süße und
+traurige Geschichte. Könnte ich doch noch den Flieder
<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
-blühen sehen und diese Luft einatmen, die dann sein
-wird! Diese Luft, die so schwer von Duft ist, daß sie
+blühen sehen und diese Luft einatmen, die dann sein
+wird! Diese Luft, die so schwer von Duft ist, daß sie
sich kaum bewegen kann!&ldquo;
</p>
<p>
-Ihre Augen leuchteten und sie lächelte.
+Ihre Augen leuchteten und sie lächelte.
</p>
<p>
-Geduld, Geduld! süße Susanna.
+Geduld, Geduld! süße Susanna.
</p>
<p>
Es kamen Regentage und Susanna lag still. Sie
-hatte die Augen halb geöffnet, aber es schien als ob
+hatte die Augen halb geöffnet, aber es schien als ob
sie schlafe. Sie regte sich nicht, sie sprach kein Wort,
lautlos und hastig arbeitete ihre kleine schmale Brust.
Sie fieberte leicht und das Fieber legte einen Schleier
@@ -16469,47 +16435,47 @@ um ihren Geist.
<p>
Aber sobald die Sonne die Wolken zerteilte, erwachte
-sie, sie öffnete die Augen und ihr Geist war frei. Verdunkelte
+sie, sie öffnete die Augen und ihr Geist war frei. Verdunkelte
sich der Himmel wieder, so verdunkelte sich
auch ihr Antlitz, ihre Augen erloschen, sie lag ohne
Bewegung und ohne Wunsch.
</p>
<p>
-Grau saß immerfort an ihrem Bette. In der Küche
+Grau saß immerfort an ihrem Bette. In der Küche
sprach Lenz, fast ohne Pause. Es war ihm ganz einerlei
mit wem er sprach und wovon, wenn er nur sprechen
konnte. War er allein, so sprach er mit sich selbst:
-Da wären wir glücklich, alter Knabe, da wären
-wir glücklich, um Kohlen einzunehmen und den alten
+Da wären wir glücklich, alter Knabe, da wären
+wir glücklich, um Kohlen einzunehmen und den alten
Kutter frisch zu lackieren. Noch ein paar Tage und
wir stechen in das hohe Meer des Lebens hinaus &mdash;
-prosit! Ein schwarzer Panther in einer Küche &mdash; haha &mdash;
-bei Hühnern &mdash; hole mich der Teufel! Er erzählte
-sich selbst Geschichten, schmiedete Pläne und baute Luftschlösser.
+prosit! Ein schwarzer Panther in einer Küche &mdash; haha &mdash;
+bei Hühnern &mdash; hole mich der Teufel! Er erzählte
+sich selbst Geschichten, schmiedete Pläne und baute Luftschlösser.
Er kam selten ins Zimmer und immer nur
auf einige Minuten, lachte, plauderte und streifte
-Susanna mit scheuen Blicken. Häufig besuchte ihn
+Susanna mit scheuen Blicken. Häufig besuchte ihn
<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
-Eisenhut, der gegenwärtig einen kleinen Rückfall hatte
+Eisenhut, der gegenwärtig einen kleinen Rückfall hatte
und schrecklich trank. Neulich waren ihm schon wieder
die Kinder nachgelaufen. Er wich Grau aus.
</p>
<p>
Eines Tages verlangte Susanna Eisenhut zu sprechen.
-Eisenhut kam aus der Küche, mit gerötetem unrasierten
+Eisenhut kam aus der Küche, mit gerötetem unrasierten
Gesichte, blinzelnd und in guter Laune, ein wenig
unsicher in seinen Bewegungen. &bdquo;Nun, wie geht es?
-Vorzüglich, natürlich, hähä &mdash; wie zwei Turteltäubchen,
+Vorzüglich, natürlich, hähä &mdash; wie zwei Turteltäubchen,
ja &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Nein,&ldquo; sagte Susanna leise und heiser, &bdquo;es geht
-nicht gut.&ldquo; Sie gab sich alle Mühe zu sprechen, aber
-man hörte kaum was sie sagte. &bdquo;Setzen Sie sich hierher
-ans Bett, Herr Eisenhut. Ich möchte mit Ihnen sprechen.
+nicht gut.&ldquo; Sie gab sich alle Mühe zu sprechen, aber
+man hörte kaum was sie sagte. &bdquo;Setzen Sie sich hierher
+ans Bett, Herr Eisenhut. Ich möchte mit Ihnen sprechen.
Ganz nahe, ganz nahe. So, nun sind Sie nahe. Ach,
Richard, mein Freund, du sollst dich einstweilen auf
den Stuhl neben mich setzen. So, nun ist es gut.
@@ -16523,60 +16489,60 @@ stammelte etwas; es sei doch nicht der Rede wert.
<p>
&bdquo;Nein, viel, viel haben Sie getan, Herr Eisenhut!&ldquo;
-sagte Susanna und faßte Eisenhuts Hand. &bdquo;Viel Gutes
-haben Sie Mütterchen und mir erwiesen. Was wäre
+sagte Susanna und faßte Eisenhuts Hand. &bdquo;Viel Gutes
+haben Sie Mütterchen und mir erwiesen. Was wäre
wohl aus uns geworden, wenn Sie nicht gewesen
-wären?&ldquo;
+wären?&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut legte das Gesicht in Falten, so daß es
-aussah, als beginne er zu weinen, aber er lächelte.
+Eisenhut legte das Gesicht in Falten, so daß es
+aussah, als beginne er zu weinen, aber er lächelte.
&bdquo;Was habe ich denn getan? Alles in allem, nichts,
gleich Null, das ist es, was ich getan habe. Also
-bitte recht sehr, behalten Sie den Dank für sich. Nein,
+bitte recht sehr, behalten Sie den Dank für sich. Nein,
lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe gedacht, dieses
<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
-Mütterchen kann ich gut brauchen. Diese arme Frau
-hat nichts zu nagen und zu beißen und wird alles für
+Mütterchen kann ich gut brauchen. Diese arme Frau
+hat nichts zu nagen und zu beißen und wird alles für
billiges Geld tun. So habe ich gerechnet, genau so.
-Ich habe Mütterchen dreißig Mark gegeben und dafür
-sollte sie meine Mutter pflegen und ernähren. Das ist
+Ich habe Mütterchen dreißig Mark gegeben und dafür
+sollte sie meine Mutter pflegen und ernähren. Das ist
alles, was ich getan habe. Und dann habe ich zuletzt
-monatlich fünfunddreißig Mark gegeben. Hier haben
+monatlich fünfunddreißig Mark gegeben. Hier haben
sie alles zusammen, fertig!&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna lächelte. &bdquo;Aber die Wohnung? Sie vergessen
+Susanna lächelte. &bdquo;Aber die Wohnung? Sie vergessen
ja ganz die Wohnung. Nun? Nein, Herr Eisenhut,
-Sie waren ja stets so gütig. Es ist wahr, Mütterchen
-reichte nicht immer, dann mußte sie Schulden machen,
-beim Krämer, beim Fleischer und beim Bäcker. Und
-die Schulden wuchsen und wuchsen und Mütterchen
-verging vor Angst. Sagte ich zu Mütterchen: Sprich
+Sie waren ja stets so gütig. Es ist wahr, Mütterchen
+reichte nicht immer, dann mußte sie Schulden machen,
+beim Krämer, beim Fleischer und beim Bäcker. Und
+die Schulden wuchsen und wuchsen und Mütterchen
+verging vor Angst. Sagte ich zu Mütterchen: Sprich
doch mit Herrn Eisenhut, er ist ja so gut. Ja, er ist
-so gut, das ist wahr, sagte Mütterchen und nahm all
+so gut, das ist wahr, sagte Mütterchen und nahm all
ihren Mut zusammen und sprach mit Ihnen. Ja, Sie
wetterten und donnerten, aber eines Tages da lagen
-eben doch die zwanzig Mark auf dem Küchentisch und
+eben doch die zwanzig Mark auf dem Küchentisch und
Sie haben kein Wort weiter gesagt, so sind Sie!
So unendlich viel Gutes haben Sie uns erwiesen, Sie
-lieber Freund &mdash; ja, so nenne ich Sie &mdash; und Mütterchen
+lieber Freund &mdash; ja, so nenne ich Sie &mdash; und Mütterchen
spricht so oft von Ihnen und dankt Ihnen jeden
Tag. Sie spricht nichts zu Ihnen, nein, das tut sie
nicht, aber ihr ganzes Herz ist voll von Dank und sie
-geht hinaus um die Türklinke abzureiben, wenn Sie
-kommen, damit Sie sich nicht die Hände staubig machen.<a id="corr-25"></a>&ldquo;
+geht hinaus um die Türklinke abzureiben, wenn Sie
+kommen, damit Sie sich nicht die Hände staubig machen.<a id="corr-25"></a>&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Eisenhut!&ldquo; sagte die Baßstimme des Lehrers an
-der Küchentüre; er klopfte ungeduldig und schob den
+&bdquo;Eisenhut!&ldquo; sagte die Baßstimme des Lehrers an
+der Küchentüre; er klopfte ungeduldig und schob den
<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
-bärtigen Kopf herein. Die Gläser seien gewärmt.
+bärtigen Kopf herein. Die Gläser seien gewärmt.
Alles sei bereit, um das Fest zu feiern. Eben sei ihm
-auch ein Gedanke wie ein Blitz durch den Hirnschädel
+auch ein Gedanke wie ein Blitz durch den Hirnschädel
gefahren, eine geniale Idee, die das Weltenbild total
umforme &mdash;
</p>
@@ -16588,8 +16554,8 @@ mit Susanna zu sprechen.&ldquo;
<p>
&bdquo;Ja, wenn du mit Susanna sprichst, so kann ich
-warten, drei Tage und drei Nächte, ohne zu murren,&ldquo;
-sagte Lenz und zog sich zurück. Er begann einstweilen
+warten, drei Tage und drei Nächte, ohne zu murren,&ldquo;
+sagte Lenz und zog sich zurück. Er begann einstweilen
ein Lied zu brummen.
</p>
@@ -16600,45 +16566,45 @@ ein Lied zu brummen.
<p>
Nein, es sei erst die Einleitung. &bdquo;Es handelt sich
um etwas sehr Wichtiges. Das Allerwichtigste, das es
-für mich gibt, Herr Eisenhut. Sie können es nicht
+für mich gibt, Herr Eisenhut. Sie können es nicht
erraten?&ldquo;
</p>
<p>
Eisenhut versank in tiefes Nachdenken und lauschte
-auf das Lied, das der Lehrer in der Küche brummte:
-Es war einmal ein König, der hatt&rsquo; einen großen
+auf das Lied, das der Lehrer in der Küche brummte:
+Es war einmal ein König, der hatt&rsquo; einen großen
Floh &mdash;
</p>
<p>
&bdquo;Ich habe in meinem ganzen Leben nichts erraten
-können,&ldquo; antwortete Eisenhut, der mühsam seine Ungeduld
+können,&ldquo; antwortete Eisenhut, der mühsam seine Ungeduld
verbarg.
</p>
<p>
-&bdquo;Es ist so schwer, es zu sagen!&ldquo; flüsterte Susanna
+&bdquo;Es ist so schwer, es zu sagen!&ldquo; flüsterte Susanna
und streichelte Eisenhuts Hand. Sie streichelte die ganze
Hand und dann jeden einzelnen Finger. &bdquo;Nun?&ldquo; fragte
sie und blickte ihn mit feuchten, pechschwarzen Augen an.
</p>
<p>
-Nein, niemals könne er es erraten.
+Nein, niemals könne er es erraten.
</p>
<p>
&bdquo;Wir knicken und ersticken &mdash; doch gleich, wenn
-einer sticht &mdash;&ldquo; brummte Lenz in der Küche. &bdquo;Bravo,
+einer sticht &mdash;&ldquo; brummte Lenz in der Küche. &bdquo;Bravo,
<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
-bravo, das war schön! &mdash; So soll es jedem Floh ergehn!&ldquo;
+bravo, das war schön! &mdash; So soll es jedem Floh ergehn!&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna nahm Eisenhuts Hand in beide Hände und
+Susanna nahm Eisenhuts Hand in beide Hände und
liebkoste sie auf beiden Seiten. Es handele sich um
-Mütterchen. &bdquo;Seien Sie gut zu Mütterchen,&ldquo; flüsterte sie.
+Mütterchen. &bdquo;Seien Sie gut zu Mütterchen,&ldquo; flüsterte sie.
</p>
<p>
@@ -16646,21 +16612,21 @@ Eisenhut nickte.
</p>
<p>
-Und Susanna fuhr flüsternd fort: &bdquo;Mütterchen darf
-es nie erfahren, daß ich Sie darum gebeten habe, und
-auch Sie müssen verzeihen, daß ich es tat, lieber, guter
-Herr Eisenhut. Aber Sie wissen ja, Mütterchen kann
+Und Susanna fuhr flüsternd fort: &bdquo;Mütterchen darf
+es nie erfahren, daß ich Sie darum gebeten habe, und
+auch Sie müssen verzeihen, daß ich es tat, lieber, guter
+Herr Eisenhut. Aber Sie wissen ja, Mütterchen kann
nicht sprechen, sie kann nicht bitten. Sie kann nur
-hungern, leiden und in ihre Schürze weinen. Und Sie,
+hungern, leiden und in ihre Schürze weinen. Und Sie,
ach, auch Sie, Herr Eisenhut, Sie sind ja gut, aber
Sie wissen gar nie, wo es einem fehlt und wie Sie
-ihm helfen könnten. Was soll aus Mütterchen werden,
+ihm helfen könnten. Was soll aus Mütterchen werden,
wenn Sie ihr nicht etwas helfen?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau sagte leise: &bdquo;Mütterchen soll es gut haben.
-Dafür werden wir beide sorgen. Und du, sobald es
+Grau sagte leise: &bdquo;Mütterchen soll es gut haben.
+Dafür werden wir beide sorgen. Und du, sobald es
besser geht &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -16669,142 +16635,142 @@ Das wisse sie, das beruhige sie. &bdquo;Aber nun, wenn
Herrn Eisenhuts Mutter stirbt &mdash; wir setzen den Fall,
wolle sie noch recht lange leben, &mdash; ja &mdash; aber wir
setzen den Fall &mdash; was dann?&ldquo; Sie habe nun gedacht,
-Herr Eisenhut habe ja doch ihre Reise nach dem Süden
+Herr Eisenhut habe ja doch ihre Reise nach dem Süden
bezahlen wollen &mdash; das sei ja so fraglich, ob sie reise &mdash;
ob er nicht das Geld vielleicht &mdash;
</p>
<p>
-In der Küche brummte der Lehrer &mdash; ha! sie pfeift
-auf dem letzten Loch, als hätte sie Lieb&rsquo; im Leibe. &mdash;
-Als hätte sie Lieb&rsquo; im Leibe, wiederholte er im tiefsten
-Baß.
+In der Küche brummte der Lehrer &mdash; ha! sie pfeift
+auf dem letzten Loch, als hätte sie Lieb&rsquo; im Leibe. &mdash;
+Als hätte sie Lieb&rsquo; im Leibe, wiederholte er im tiefsten
+Baß.
</p>
<p>
<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
-Eisenhut versprach, Mütterchen eine Rente fürs ganze
+Eisenhut versprach, Mütterchen eine Rente fürs ganze
Leben auszusetzen. &bdquo;Hier, er ist Zeuge, Grau, ich habe
es gesagt, morgen gehen wir zum Notar.&ldquo;
</p>
<p>
Susanna nickte, sie zog Eisenhuts Hand an die Lippen
-und küßte sie inbrünstig, wobei sie die Augen schloß.
+und küßte sie inbrünstig, wobei sie die Augen schloß.
</p>
<p>
&bdquo;Ja, nun ist alles gut!&ldquo; sagte sie und nickte und
-lächelte. &mdash;
+lächelte. &mdash;
</p>
<p>
-Die Freundinnen kamen und brachten große Sträuße
-von Blumen mit, süße Weine und Kuchen. Sie kamen
+Die Freundinnen kamen und brachten große Sträuße
+von Blumen mit, süße Weine und Kuchen. Sie kamen
herein, jung und frisch und duftend, mit roten Lippen
-und den Schein der Sonne in den Augen. Sie lächelten,
-sprachen mit gedämpfter Stimme, aber sobald sie ein
+und den Schein der Sonne in den Augen. Sie lächelten,
+sprachen mit gedämpfter Stimme, aber sobald sie ein
paar Minuten da waren, sprachen sie laut und lachten
-und erzählten wie schön es heute sei, Spaziergänge,
+und erzählten wie schön es heute sei, Spaziergänge,
Tennis, Radpartien, eine Leiterwagenpartie sollte gemacht
werden &mdash;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja?&ldquo; Susanna lachte und hustete. &bdquo;Viel Vergnügen,&ldquo;
+&bdquo;Ja?&ldquo; Susanna lachte und hustete. &bdquo;Viel Vergnügen,&ldquo;
sagte sie und lachte wieder und hustete mehr.
-&bdquo;Recht viel Vergnügen!&ldquo;
+&bdquo;Recht viel Vergnügen!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Oh, ich liebe euch, viel Vergnügen, ja!&ldquo;
+&bdquo;Oh, ich liebe euch, viel Vergnügen, ja!&ldquo;
</p>
<p>
-Adele und Grau sahen einander an und sie erröteten
+Adele und Grau sahen einander an und sie erröteten
beide.
</p>
<p>
-&bdquo;Komme zu mir, Adele,&ldquo; sagte Susanna. &bdquo;Laß
-mich dein Kleid befühlen. Wie fein ist der Stoff, so
-zart und dünn. Laß mich deine Haut befühlen. Wie
+&bdquo;Komme zu mir, Adele,&ldquo; sagte Susanna. &bdquo;Laß
+mich dein Kleid befühlen. Wie fein ist der Stoff, so
+zart und dünn. Laß mich deine Haut befühlen. Wie
fein ist deine Hand, Adele. Aber wenn ich in deine
Hand blicke &mdash; siehst du, Adele, warum ist Unfriede in
deiner Hand? Ich blicke in Richards Hand. So viel
-Friede ist darin. Nun, was bedeutet es schließlich und
-was schadet es? Nicht wahr? Großer Unfriede, das
+Friede ist darin. Nun, was bedeutet es schließlich und
+was schadet es? Nicht wahr? Großer Unfriede, das
<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
-ist das Leben und großer Friede, das ist das Leben.
+ist das Leben und großer Friede, das ist das Leben.
Aber was dazwischen liegt, das ist nicht des Lebens wert.
-Aber vielleicht &mdash; wer weiß es denn! &mdash; vielleicht ist
-es auch schön, im Grase zu liegen, zufrieden zu sein
+Aber vielleicht &mdash; wer weiß es denn! &mdash; vielleicht ist
+es auch schön, im Grase zu liegen, zufrieden zu sein
und nur eine Kuh zu sein, etwa. Oder es ist auch
-schön, in einem Gefängnis zu sitzen und zu leben. Nur
+schön, in einem Gefängnis zu sitzen und zu leben. Nur
zu leben. Oh, wie du duftest! Oh, wie du duftest!
-Es ist die Luft, es ist der Frühling und so jung bist
+Es ist die Luft, es ist der Frühling und so jung bist
du, das ist es auch!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Liebe Freundinnen, meine lieben Freundinnen, ihr
-guten Herzen! Wißt ihr was schön ist? Es ist schön
-euch anzusehen. Es wäre schön, mit euch Arm in Arm
+guten Herzen! Wißt ihr was schön ist? Es ist schön
+euch anzusehen. Es wäre schön, mit euch Arm in Arm
zu gehen. Nun kommt der Sommer, dann der Herbst,
und sie singen in den Weinbergen, dann kommt der
Winter und sie spielen in hellen Zimmern und tanzen,
-dann kommt wieder der Frühling, der Sommer, der
-Herbst, der Winter, der Frühling wieder, und wieder
+dann kommt wieder der Frühling, der Sommer, der
+Herbst, der Winter, der Frühling wieder, und wieder
singen sie in den Weinbergen: Und ihr werdet leben!
-Euer Leben wird schön sein, deines Maria und deines
+Euer Leben wird schön sein, deines Maria und deines
Klara und deines Adele! Ach, Adele, wenn ich dich so
-ansehe, dir wird es ja nicht so leicht werden, ich fühle
+ansehe, dir wird es ja nicht so leicht werden, ich fühle
es, aber euch allen wird es ja nicht so leicht werden,
vielleicht wird euch einmal ein Kind sterben und ihr werdet
euch in Schwarz kleiden und man wird nichts von euerm
Kopfe sehen als schwarze Schleier. Schmerzen werdet
ihr haben, ja, aber auch das ist ja das Leben, nicht?
Nur wenn nichts geschieht, auch kein Schmerz mehr &mdash;
-das ist der Tod. Ja, euer Leben wird schön sein und
-ich wünsche es so. Und wenn ich es verhindern kann,
-daß euer Kindchen stirbt &mdash; wenn ich da etwas vermag &mdash;
+das ist der Tod. Ja, euer Leben wird schön sein und
+ich wünsche es so. Und wenn ich es verhindern kann,
+daß euer Kindchen stirbt &mdash; wenn ich da etwas vermag &mdash;
<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
-nichts soll mir zuviel sein &mdash; oh, ihr Guten &mdash; so schön
-wird es sein, wenn ein Mann euch liebt &mdash; ich weiß
-es ja wohl und auch Adele weiß es &mdash; seht, sie wird
-rot, seht es, nein sei nicht böse. Adele &mdash; schön wird
-es sein, all die Geheimnisse, wie schön &mdash; und euere
+nichts soll mir zuviel sein &mdash; oh, ihr Guten &mdash; so schön
+wird es sein, wenn ein Mann euch liebt &mdash; ich weiß
+es ja wohl und auch Adele weiß es &mdash; seht, sie wird
+rot, seht es, nein sei nicht böse. Adele &mdash; schön wird
+es sein, all die Geheimnisse, wie schön &mdash; und euere
Kinder! Denn sicher werdet ihr Kinder haben, werdet
-sie waschen, baden, küssen, werdet sie kleiden und schlafen
+sie waschen, baden, küssen, werdet sie kleiden und schlafen
legen, all das. Es wird regnen und das wird euch gefallen,
die Sonne wird scheinen und ihr werdet froh
sein im Herzen. Ihr werdet fortgehen, hinaus und viele
-neue Menschen sehen und neue Länder, Blumen und Sitten,
-Tiere. Ich hätte so gerne einmal einen Löwen gesehen,
-hatte nie Gelegenheit, einen Löwen! Alles werdet ihr
-sehen. Da wird ein großer, heller Saal sein und alle
+neue Menschen sehen und neue Länder, Blumen und Sitten,
+Tiere. Ich hätte so gerne einmal einen Löwen gesehen,
+hatte nie Gelegenheit, einen Löwen! Alles werdet ihr
+sehen. Da wird ein großer, heller Saal sein und alle
kommen in Festtagskleidern, auch ihr seid dabei. Ich
-wünsche es. Konzerte werdet ihr hören und Theaterstücke
-werdet ihr sehen, Bücher werdet ihr lesen, schöne
-und kluge Bücher &mdash; ja, möge es so sein, möge es so
+wünsche es. Konzerte werdet ihr hören und Theaterstücke
+werdet ihr sehen, Bücher werdet ihr lesen, schöne
+und kluge Bücher &mdash; ja, möge es so sein, möge es so
sein. Es geschehen so viele herrliche Dinge in der Welt,
-heldenhafte und poetische Dinge, ihr werdet davon hören.
-Ich wünsche es! Ich wünsche es! Möge es so sein!&ldquo;
+heldenhafte und poetische Dinge, ihr werdet davon hören.
+Ich wünsche es! Ich wünsche es! Möge es so sein!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Nun Susanna, bald wirst du reisen und ebenfalls
-viel Schönes erleben.&ldquo;
+viel Schönes erleben.&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna lächelte und sah mit eigentümlichen Augen
+Susanna lächelte und sah mit eigentümlichen Augen
auf die Freundinnen.
</p>
<p>
&bdquo;Ja,&ldquo; sagte sie, &bdquo;wie recht sie doch hat! Bald werde
-ich reisen, aber ich weiß nicht wohin. Du nimmst ein
+ich reisen, aber ich weiß nicht wohin. Du nimmst ein
Billet nach Genf, du setzt dich in den Zug und steigst
aus und bist in Genf. Aber ich werde nicht wissen,
wo ich aussteige.&ldquo;
@@ -16812,7 +16778,7 @@ wo ich aussteige.&ldquo;
<p>
<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
-Niemand wagte zu sprechen, so eigentümlich klang
+Niemand wagte zu sprechen, so eigentümlich klang
das, was Susanna sagte.
</p>
@@ -16823,13 +16789,13 @@ adieu!&ldquo;
</p>
<p>
-Sie winkte mit beiden Händen den Freundinnen zu,
-die Hände bewegten sich matt in den Gelenken.
+Sie winkte mit beiden Händen den Freundinnen zu,
+die Hände bewegten sich matt in den Gelenken.
</p>
<p>
-&bdquo;Drum adieu, adieu!&ldquo; sagte Susanna und lächelte
-und ihre Stimme klang, als sänge sie. &bdquo;Drum adieu,
+&bdquo;Drum adieu, adieu!&ldquo; sagte Susanna und lächelte
+und ihre Stimme klang, als sänge sie. &bdquo;Drum adieu,
adieu?&ldquo; wiederholte sie und winkte hinaus zum Fenster
und hinauf zum blauen Himmel.
</p>
@@ -16839,8 +16805,8 @@ und hinauf zum blauen Himmel.
</p>
<p>
-Klara und Maria hatten Tränen in den Augen,
-Adele zog die Brauen zusammen und lächelte voller Pein.
+Klara und Maria hatten Tränen in den Augen,
+Adele zog die Brauen zusammen und lächelte voller Pein.
</p>
<p>
@@ -16848,46 +16814,46 @@ Adele zog die Brauen zusammen und lächelte voller Pein.
</p>
<p>
-Susanna lächelte und winkte mit der Hand ab.
+Susanna lächelte und winkte mit der Hand ab.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich weiß es nun,&ldquo; sagte sie und lächelte, &bdquo;ich weiß
-es nun ganz bestimmt. Mit der Reise nach dem Süden
+&bdquo;Ich weiß es nun,&ldquo; sagte sie und lächelte, &bdquo;ich weiß
+es nun ganz bestimmt. Mit der Reise nach dem Süden
ist es nichts, ich habe auch nie recht daran geglaubt,
-es ist zu spät. Seit heute nacht weiß ich es. Ja, da
-erwachte ich und siehe da, wie schön waren doch die
-Sterne! Wie schön und ich mußte weinen, denn ich sah
+es ist zu spät. Seit heute nacht weiß ich es. Ja, da
+erwachte ich und siehe da, wie schön waren doch die
+Sterne! Wie schön und ich mußte weinen, denn ich sah
drei Sterne, die mir besonders gefielen, weil sie so
-friedlich zusammen da droben wandelten. Ich öffnete
+friedlich zusammen da droben wandelten. Ich öffnete
das Fenster und sah ein Kind im Garten stehen. Wie
kommt das Kind hierher? dachte ich und wunderte mich
-nur, denn vor Kindern fürchtet man sich ja nie. Das
-Kind hatte lange Beine, dünne hübsche Beine, es war
-ein Mädchen von acht, neun Jahren. Das Kind hatte
-gekräuseltes Haar, lauter winzige Löckchen, silberblond.
+nur, denn vor Kindern fürchtet man sich ja nie. Das
+Kind hatte lange Beine, dünne hübsche Beine, es war
+ein Mädchen von acht, neun Jahren. Das Kind hatte
+gekräuseltes Haar, lauter winzige Löckchen, silberblond.
<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
Es stand bei dem Rosenstock dort und hauchte auf die
Knospen. Ich sah ihm zu und dachte, was tut es?
Ich sog die Luft ein, da roch ich Erde, Tau, Pfefferminzkraut
und den Flieder. Denkt euch, ich roch ihn so
-deutlich und freute mich so sehr, bald wird er blühen.
+deutlich und freute mich so sehr, bald wird er blühen.
Nun, das Kind stand und hauchte auf die Rosenknospe,
auf die oberste des Stockes in der Ecke, dann
-kam es auf mich zu und ich sah, daß es wirklich
-silberblonde Löckchen hatte. Es sah mich an mit
-hellen Augen, lächelte und grüßte mich, indem es den
-Kopf neigte, so langsam und stolz wie ein Mädchen
+kam es auf mich zu und ich sah, daß es wirklich
+silberblonde Löckchen hatte. Es sah mich an mit
+hellen Augen, lächelte und grüßte mich, indem es den
+Kopf neigte, so langsam und stolz wie ein Mädchen
von acht Jahren es tut. Dann verschwand es und ich
blickte hinauf zu den drei Sternen. Heute morgen
-sagte mir Mütterchen, daß eine Rose aufgeblüht sei.
+sagte mir Mütterchen, daß eine Rose aufgeblüht sei.
Ja, sagte ich, ohne hinzusehen, die oberste Rose des
-Stocks in der Ecke. Ja, sagte Mütterchen und sie
-wunderte sich gar nicht, woher ich es wußte.&ldquo;
+Stocks in der Ecke. Ja, sagte Mütterchen und sie
+wunderte sich gar nicht, woher ich es wußte.&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna schwieg und lächelte.
+Susanna schwieg und lächelte.
</p>
<p>
@@ -16896,17 +16862,17 @@ Adele.
</p>
<p>
-Susanna schüttelte den Kopf. &bdquo;Es ist ja gar kein
+Susanna schüttelte den Kopf. &bdquo;Es ist ja gar kein
Traum, es ist ja Wirklichkeit,&ldquo; sagte sie, sonst nichts.
</p>
<p>
-&bdquo;Wir müssen jetzt gehen.&ldquo;
+&bdquo;Wir müssen jetzt gehen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Adieu, adieu! lebt wohl, alles Herrliche wünsche
-ich euch, ihr lieben Menschen. Ja, so viel Glück sollt
+&bdquo;Adieu, adieu! lebt wohl, alles Herrliche wünsche
+ich euch, ihr lieben Menschen. Ja, so viel Glück sollt
ihr haben! Und vergebt mir, wenn ich ungerecht und
launisch war und gelogen habe. Vergib besonders du
mir, Adele!&ldquo;
@@ -16919,63 +16885,63 @@ mir, Adele!&ldquo;
<p>
&bdquo;Doch, doch, ich beneidete euch, besonders Adele beneidete
<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
-ich, weil sie reich und vornehm und schön ist.
-Ich wünschte in meinem Herzen, es möge euch recht
+ich, weil sie reich und vornehm und schön ist.
+Ich wünschte in meinem Herzen, es möge euch recht
schlecht gehen, eine Woche nur, einen Tag nur, damit
-ihr fühlt wie es ist. Oft, oft! Aber nun wünsche ich
-euch ja Glück! Hört ihr es denn nicht?&ldquo;
+ihr fühlt wie es ist. Oft, oft! Aber nun wünsche ich
+euch ja Glück! Hört ihr es denn nicht?&ldquo;
</p>
<p>
Sie sah Adele tief an. &bdquo;Du bist mir so fremd!&ldquo;
-sagte sie zögernd. &bdquo;Und erst seit einigen Tagen verstehe
-ich dich besser, ich fühle es, du bist nicht glücklich. Du
-bist zu stolz, um glücklich zu sein. Dein Leben freut
-dich nicht, nein. Du gehst wie betäubt und mit geschlossenen
-Augen deiner Zukunft entgegen. Glück, Glück
-sollst du haben! Ich danke dir, daß du nicht zu stolz
-warst, zu mir armem kranken Mädchen zu kommen.
-Glück! Glück!&ldquo;
+sagte sie zögernd. &bdquo;Und erst seit einigen Tagen verstehe
+ich dich besser, ich fühle es, du bist nicht glücklich. Du
+bist zu stolz, um glücklich zu sein. Dein Leben freut
+dich nicht, nein. Du gehst wie betäubt und mit geschlossenen
+Augen deiner Zukunft entgegen. Glück, Glück
+sollst du haben! Ich danke dir, daß du nicht zu stolz
+warst, zu mir armem kranken Mädchen zu kommen.
+Glück! Glück!&ldquo;
</p>
<p>
-Adele küßte Susannas Hände.
+Adele küßte Susannas Hände.
</p>
<p>
&bdquo;O, wie gut du bist!&ldquo; seufzte Susanna. &bdquo;Ja, denkt
-alle nicht mehr an das Böse, das ich euch zufügte.&ldquo;
+alle nicht mehr an das Böse, das ich euch zufügte.&ldquo;
</p>
<p>
-Niemals habe sie ihnen Böses zugefügt.
+Niemals habe sie ihnen Böses zugefügt.
</p>
<p>
-&bdquo;In Gedanken! In Gedanken fügen wir einander
-ja alle Böses zu. Und auch ich tat es. Gerade in den
-letzten Tagen habe ich einen bösen Gedanken gehabt.
+&bdquo;In Gedanken! In Gedanken fügen wir einander
+ja alle Böses zu. Und auch ich tat es. Gerade in den
+letzten Tagen habe ich einen bösen Gedanken gehabt.
Ich habe gedacht, ja, auch sie werden einmal sterben
-müssen, auch sie. Nun sind sie jung und schön, aber
+müssen, auch sie. Nun sind sie jung und schön, aber
einmal wird es auch an sie kommen. Das habe ich
gedacht und es tat so gut das zu denken. Ich freute
-mich darüber &mdash; haha &mdash; ich habe gelacht dabei &mdash;
-auch sie, auch sie, alle, alle, alle werden sterben müssen!
+mich darüber &mdash; haha &mdash; ich habe gelacht dabei &mdash;
+auch sie, auch sie, alle, alle, alle werden sterben müssen!
Vergebt mir! Lebt wohl, Lebt wohl!&ldquo;
</p>
<p>
-Die Freundinnen küßten ihr die Hand, Maria weinte
+Die Freundinnen küßten ihr die Hand, Maria weinte
in das Taschentuch.
</p>
<p>
<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
-&bdquo;Wie lieb sie mich haben, die guten Geschöpfe, sieh
-nur!&ldquo; sagte Susanna zu Mütterchen, die mit einem
-Glase aus der Küche kam. Und sie drückte die Fingerspitzen
+&bdquo;Wie lieb sie mich haben, die guten Geschöpfe, sieh
+nur!&ldquo; sagte Susanna zu Mütterchen, die mit einem
+Glase aus der Küche kam. Und sie drückte die Fingerspitzen
in die Wangen und ihre Augen wurden noch
-größer und strahlender.
+größer und strahlender.
</p>
<p>
@@ -16997,8 +16963,8 @@ Wiese gingen.
</p>
<p>
-Lebe wohl, Mütterchen, kleines, hilfloses Mütterchen,
-lebe wohl! Die Blätter, die Halme, die Blumen, lebet
+Lebe wohl, Mütterchen, kleines, hilfloses Mütterchen,
+lebe wohl! Die Blätter, die Halme, die Blumen, lebet
wohl. Lebe wohl, Himmelsblau, ihr Wolken am Himmel,
lebet wohl!
</p>
@@ -17010,20 +16976,20 @@ war erloschen, aber ihre Augen sprachen.
</p>
<p>
-So sommerlich still war es. Mütterchen schlich herum
-und selbst Lenz dämpfte die Stimme. Die Vögel zwitscherten
+So sommerlich still war es. Mütterchen schlich herum
+und selbst Lenz dämpfte die Stimme. Die Vögel zwitscherten
und in der Ferne schlug ein Fink, immerzu, vom Morgen
bis zum Abend. Nachts herrschte tiefes Schweigen, oft
-war es als schüttele sich ein Busch im Garten oder als
-zittere eine Wand, das war alles. Die Güterzüge schleppten
+war es als schüttele sich ein Busch im Garten oder als
+zittere eine Wand, das war alles. Die Güterzüge schleppten
sich in der Ferne vorbei und ein hohles dumpfes Echo
rollte lange im Tal.
</p>
<p>
-Grau saß am Bette. Er sah krank und übernächtig
+Grau saß am Bette. Er sah krank und übernächtig
<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
-aus, in den letzten Wochen hatte er nicht mehr regelmäßig
+aus, in den letzten Wochen hatte er nicht mehr regelmäßig
geschlafen. Seine Wangen waren hohl und sein
Blick fieberte wie Susannas Augen, aber seine Lippen
waren rot.
@@ -17031,18 +16997,18 @@ waren rot.
<p>
Susanna konnte nicht mehr sprechen, aber wenn man
-das Ohr an ihren Mund hielt, verstand man mühsam,
+das Ohr an ihren Mund hielt, verstand man mühsam,
was sie sagte. Sie hatte nur selten etwas zu sagen.
</p>
<p>
-Sie sagte: &bdquo;Heute nacht habe ich geträumt, ich ging
-im Walde, wie herrlich dunkel war es da! Grüne Dämmerung!
-Und alle Bäume waren so alt und standen regungslos
-da. Ich mußte denken, wie regungslos sie dastehen
-und ich fühlte, wie ich selbst steif wurde und anwurzelte
+Sie sagte: &bdquo;Heute nacht habe ich geträumt, ich ging
+im Walde, wie herrlich dunkel war es da! Grüne Dämmerung!
+Und alle Bäume waren so alt und standen regungslos
+da. Ich mußte denken, wie regungslos sie dastehen
+und ich fühlte, wie ich selbst steif wurde und anwurzelte
am Boden wie ein Baum. Ich konnte kaum mehr atmen.
-Es war schön!&ldquo;
+Es war schön!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -17050,31 +17016,31 @@ Das war alles was sie an einem Tage sagte.
</p>
<p>
-Sie sagte: &bdquo;Wenn ich auf der Bank auf der Höhe
-saß und von dem Großen und Seltenen träumte, das
+Sie sagte: &bdquo;Wenn ich auf der Bank auf der Höhe
+saß und von dem Großen und Seltenen träumte, das
kommen sollte, so dachte ich, es wird wohl ein Mann
sein, der dich liebt. Wie du das erraten hast? Du sagtest:
-Haben Sie nicht auch von Liebe geträumt? Aber wie
-hätte ich denn das sagen können! Nicht? Und ich habe
-gedacht, er wird sagen, daß meine Hände schön sind &mdash;
-denn sie sind ja schön, nicht wahr? Du hast es gesagt
-und zu Adele sagtest du, ich habe Hände wie eine Japanerin.
-Das hat mich so glücklich gemacht!&ldquo; Sie lächelte, aber
-es schien, als ob ein allzu großer Schmerz sie überwältige,
-denn ihre Lippen zuckten und ihre Schläfen begannen zu
-zittern. Sie fuhr fort: &bdquo;Denn was ein Mensch Schönes
-an sich hat, das möchte er entdeckt und bewundert haben
-von dem, den er liebt, und selbst das, was nicht schön
+Haben Sie nicht auch von Liebe geträumt? Aber wie
+hätte ich denn das sagen können! Nicht? Und ich habe
+gedacht, er wird sagen, daß meine Hände schön sind &mdash;
+denn sie sind ja schön, nicht wahr? Du hast es gesagt
+und zu Adele sagtest du, ich habe Hände wie eine Japanerin.
+Das hat mich so glücklich gemacht!&ldquo; Sie lächelte, aber
+es schien, als ob ein allzu großer Schmerz sie überwältige,
+denn ihre Lippen zuckten und ihre Schläfen begannen zu
+zittern. Sie fuhr fort: &bdquo;Denn was ein Mensch Schönes
+an sich hat, das möchte er entdeckt und bewundert haben
+von dem, den er liebt, und selbst das, was nicht schön
<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
-und gut an ihm ist, das möchte er doch ein wenig schön
-und gut gefunden haben. Ist es nicht so? Das würde
-ihn glücklich machen. Und gewiß, er würde sich Mühe
-geben, daß es schön und gut werde. Wie wunderlich ist
-doch der Mensch! Je mehr ich über des Menschen Herz
-nachdenke, desto wunderlicher erscheint es mir. Wer könnte
+und gut an ihm ist, das möchte er doch ein wenig schön
+und gut gefunden haben. Ist es nicht so? Das würde
+ihn glücklich machen. Und gewiß, er würde sich Mühe
+geben, daß es schön und gut werde. Wie wunderlich ist
+doch der Mensch! Je mehr ich über des Menschen Herz
+nachdenke, desto wunderlicher erscheint es mir. Wer könnte
es je verstehen? Es ist wie ein Zauber, wenn man es
-betrachtet, verändert es sich und betrachtet man es nun,
-so hat es sich schon wieder verändert. Es lebt in uns
+betrachtet, verändert es sich und betrachtet man es nun,
+so hat es sich schon wieder verändert. Es lebt in uns
wie ein fremder Gast in einem Hause, den man nie zu
sehen bekommt.&ldquo;
</p>
@@ -17086,21 +17052,21 @@ mit den Lippen ohne Laut.
<p>
&bdquo;So empfindlich bist du geworden, Eisenhut!&ldquo; sagte
-Lenz mit gedämpftem Baß in der Küche draußen. &bdquo;Wie
+Lenz mit gedämpftem Baß in der Küche draußen. &bdquo;Wie
du aussiehst! Wie ein Fex. Er kann nicht in Heuschobern
-und im Walde schlafen, hast du es gehört, kleines Mütterchen
+und im Walde schlafen, hast du es gehört, kleines Mütterchen
&mdash; haha! Wie eine Prinzessin ist er. Aber wir
-können ja auch in Gasthäusern schlafen, in seidenen Betten.
+können ja auch in Gasthäusern schlafen, in seidenen Betten.
Trinke, sage ich dir, trinke. Ob du trinkst oder nicht, das
hindert ja nichts an der Welt, die Welt bewegt sich so
und so &mdash; aber wenn du trinkst, hast du vielleicht einen
guten Einfall, einen Gedanken, der dich erleuchtet, deshalb
trinke. Morgen lichten wir die Anker, Eisenhut, mitzunehmen
-brauchst du nichts, nur kein Gepäck schleppen.
+brauchst du nichts, nur kein Gepäck schleppen.
Heute da, morgen dort. So ist es angenehm zu leben.
-Die Menschen sind schön für einen Tag, zwei Tage, deshalb
-immerzu vorwärts, am dritten Tage werden sie ja
-doch schon häßlich. Habe ich etwa den Bürgermeisterposten
+Die Menschen sind schön für einen Tag, zwei Tage, deshalb
+immerzu vorwärts, am dritten Tage werden sie ja
+doch schon häßlich. Habe ich etwa den Bürgermeisterposten
angenommen, obgleich sie eine Deputation in die
<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a>
Scheune schickten, wo ich schlief, wie? Nicht um eine
@@ -17108,28 +17074,28 @@ Million Jahresgehalt, mein Freund!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Hähä &mdash; für tausend Mark, für fünfhundert, für
+&bdquo;Hähä &mdash; für tausend Mark, für fünfhundert, für
zweihundert,&ldquo; sagte Eisenhut kichernd.
</p>
<p>
-&bdquo;Nicht für eine Milliarde!&ldquo; entgegnete Lenz und schlug
+&bdquo;Nicht für eine Milliarde!&ldquo; entgegnete Lenz und schlug
auf den Tisch.
</p>
<p>
-&bdquo;Pst, pst &mdash;&ldquo; sagte Mütterchen.
+&bdquo;Pst, pst &mdash;&ldquo; sagte Mütterchen.
</p>
<p>
&bdquo;Piepse ich nicht wie eine Maus? Nun &mdash; die Gegend
-war ja schön &mdash; Wein, Obst, schöne Mädchen &mdash; aber
-nicht für eine Milliarde &mdash;&ldquo;
+war ja schön &mdash; Wein, Obst, schöne Mädchen &mdash; aber
+nicht für eine Milliarde &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna begann am ganzen Körper zu zittern und
-ihre Augen füllten sich mit Angst.
+Susanna begann am ganzen Körper zu zittern und
+ihre Augen füllten sich mit Angst.
</p>
<p>
@@ -17138,59 +17104,59 @@ Blick zu.
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Du hast recht, Susanna, wunderlich
-ist des Menschen Herz, ich will dir eine Geschichte erzählen
-&mdash; laß mich nur besinnen auf den Anfang und
-sieh mich nur an, es ist schön in deine tiefen schwarzen
-Augen zu sehen, süße Susanna, und zu plaudern &mdash; ja,
+Grau lächelte. &bdquo;Du hast recht, Susanna, wunderlich
+ist des Menschen Herz, ich will dir eine Geschichte erzählen
+&mdash; laß mich nur besinnen auf den Anfang und
+sieh mich nur an, es ist schön in deine tiefen schwarzen
+Augen zu sehen, süße Susanna, und zu plaudern &mdash; ja,
eine Geschichte von einer alten Frau, ein Mann hat sie
-mir erzählt, der viel auf Reisen war. Aber sieh mich
+mir erzählt, der viel auf Reisen war. Aber sieh mich
doch an und gib mir auch die Hand, so &mdash; es ist die
Geschichte von einer Frau, einer Mutter von zweiundzwanzig
-Kindern. Haha, du lächelst, Susanna! Es ist
-aber so. Eine Frau in Persien, ich weiß nicht wo. Der
-Mann, der mir die Geschichte erzählte, wohnte bei dieser
+Kindern. Haha, du lächelst, Susanna! Es ist
+aber so. Eine Frau in Persien, ich weiß nicht wo. Der
+Mann, der mir die Geschichte erzählte, wohnte bei dieser
Frau, da sie siebzig Jahre alt war, er kannte die Schicksale
von all den zweiundzwanzig Kindern. Es waren recht
-wunderliche und romanhafte Schicksale, das muß man
+wunderliche und romanhafte Schicksale, das muß man
sagen; und der Mann kannte sie alle, denn diese alte Frau
<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
sprach immerzu, vom Morgen bis zum Abend von ihren
zweiundzwanzig Kindern. Am meisten aber sprach die
-Frau von ihrem Sohne &mdash; wie hieß er doch &mdash; Haffis,
-es ist ja nebensächlich, also Haffis &mdash; denn Haffis war
-ihr Lieblingssohn. Sie erzählte von Haffis und es war
-anzuhören wie ein Gesang. Was für ein Knabe dieser
-Haffis doch war! &mdash; Wie schön, wie stark, wie kräftig
-und kühn er doch war! Doch all das, diese Schönheit,
-Kühnheit, Stärke des Knaben, wer hätte annehmen können,
-daß sich das verhundertfachen würde als der Knabe zum
-Jüngling heranwuchs? Seine Mutter, jene siebzigjährige
+Frau von ihrem Sohne &mdash; wie hieß er doch &mdash; Haffis,
+es ist ja nebensächlich, also Haffis &mdash; denn Haffis war
+ihr Lieblingssohn. Sie erzählte von Haffis und es war
+anzuhören wie ein Gesang. Was für ein Knabe dieser
+Haffis doch war! &mdash; Wie schön, wie stark, wie kräftig
+und kühn er doch war! Doch all das, diese Schönheit,
+Kühnheit, Stärke des Knaben, wer hätte annehmen können,
+daß sich das verhundertfachen würde als der Knabe zum
+Jüngling heranwuchs? Seine Mutter, jene siebzigjährige
Greisin, sprach mit Feuer in den Augen von ihm, sie
sprach von ihm wie von einem Gott, der auf die Erde
herabgestiegen war. Man konnte mit einem schnellen
Pferde drei Menschenleben lang in der Welt herumreiten,
-ohne wieder solch einen Jüngling wie Haffis zu finden.
-So schön, so stark, so kühn! Sie, die Mutter, hörte es
-mit eigenen Ohren, wie die Mädchen, die aus den Dörfern
+ohne wieder solch einen Jüngling wie Haffis zu finden.
+So schön, so stark, so kühn! Sie, die Mutter, hörte es
+mit eigenen Ohren, wie die Mädchen, die aus den Dörfern
ringsum herbei kamen, vor dem Fenster Haffis wehklagten
und seufzten vor unsinniger Liebe.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Es gab nur einen Haffis! Wie er ging, wie er zu
-Pferde saß!&ldquo;
+Pferde saß!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Nun, wie ging er denn?&ldquo; fragte der Fremde, dem
-die Greisin von ihrem Sohne vorschwärmte, &bdquo;ging er so,
+die Greisin von ihrem Sohne vorschwärmte, &bdquo;ging er so,
ging er so?&ldquo; Und der Fremde ging so stolz und herrisch
-wie nur möglich.
+wie nur möglich.
</p>
<p>
-&bdquo;Aber die Mutter lachte und schüttelte den weißen
+&bdquo;Aber die Mutter lachte und schüttelte den weißen
Kopf.&ldquo;
</p>
@@ -17204,59 +17170,59 @@ Haffis ging. Haffis ging wie der Hengst des Scheichs.&ldquo;
&bdquo;Nun, er, der Fremde, versuchte zu gehen wie der
Hengst des Scheichs, aber es war doch nicht das richtige.
Die Mutter lachte ganz einfach. Dem Hengst fehlen ja
-Nacken und Mähne! Niemals konnte der Fremde so
-gehen wie Haffis ging, das war ja selbstverständlich.&ldquo;
+Nacken und Mähne! Niemals konnte der Fremde so
+gehen wie Haffis ging, das war ja selbstverständlich.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es ist ganz natürlich, daß sich das Leben eines solchen
-Jünglings besonders glänzend gestaltete, nicht wahr?
-Haffis Leben gestaltete sich ganz wunderbar. Nämlich,
+&bdquo;Es ist ganz natürlich, daß sich das Leben eines solchen
+Jünglings besonders glänzend gestaltete, nicht wahr?
+Haffis Leben gestaltete sich ganz wunderbar. Nämlich,
das Auge des Scheichs fiel auf Haffis und er nahm
ihn an den Hof. Haffis schlug Schlachten und warf
die Feinde nieder. In der Heimat aber weinten sich
-die Mädchen die Augen blind und viele &mdash; das ist Tatsache,
+die Mädchen die Augen blind und viele &mdash; das ist Tatsache,
Susanna &mdash; viele sind aus Kummer und Sehnsucht
-gestorben. Die Mutter hörte in Gesängen die
+gestorben. Die Mutter hörte in Gesängen die
Taten des Sohnes preisen. Einmal sprengte ein Bote
-vor ihre Hütte, brachte Grüße und Geschenke und jagte
-wieder von dannen. Er durfte ja keine Minute versäumen,
+vor ihre Hütte, brachte Grüße und Geschenke und jagte
+wieder von dannen. Er durfte ja keine Minute versäumen,
wenn er nicht seinen Kopf verlieren wollte.
Am vierten Vollmond zieht dein Sohn hier vorbei, sagte
der Bote, und am vierten Vollmond zog Haffis, der
-Gefürchtete, der Herrliche, der Göttliche, vorüber. Endlos
+Gefürchtete, der Herrliche, der Göttliche, vorüber. Endlos
war die Zahl seiner Kamele und Pferde und Frauen
und Diener und seiner Lasten von Seide und Gold und
Geschmeide. Das kann ich ja gar nicht schildern, Susanna,
-kein Mensch kann es, du mußt dir das selbst
+kein Mensch kann es, du mußt dir das selbst
ausmalen. Der Zug reichte gerade von dem Punkte,
wo die Sonne aus der Steppe steigt, bis zu dem Punkte,
wo die Sonne in die Erde sinkt. An der Spitze ritt
Haffis in Seide und Edelsteinen, er funkelte wie die
Sonne. Haffis war ein dankbarer Sohn. Er sprang
<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
-vom Pferde, küßte den Boden vor den Füßen der Mutter
+vom Pferde, küßte den Boden vor den Füßen der Mutter
und sprang wieder in den Sattel und schon war er verschwunden.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Die greise Mutter konnte tagelang erzählen von der
+&bdquo;Die greise Mutter konnte tagelang erzählen von der
Pracht der Tiere und Geschmeide und Waffen, von der
-Schönheit der Frauen, die sich auf den Kamelen schaukelten.
+Schönheit der Frauen, die sich auf den Kamelen schaukelten.
Sie berauschte sich noch in der Erinnerung an
dem Anblick der Karawane.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nun sollte man glauben, daß das genug sei? Aber
+&bdquo;Nun sollte man glauben, daß das genug sei? Aber
nein. Haffis wuchs und wuchs und der Scheich gab
-ihm zuletzt die Tochter zur Frau. Sänger zogen umher
-und feierten ihn in Liedern. Er würde Scheich werden.&ldquo;
+ihm zuletzt die Tochter zur Frau. Sänger zogen umher
+und feierten ihn in Liedern. Er würde Scheich werden.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Wochen und Monate hindurch hat die Mutter dem
-Fremden von Haffis erzählt und die Zahl seiner Frauen
+Fremden von Haffis erzählt und die Zahl seiner Frauen
und Diener wuchs ins Unglaubliche.&ldquo;
</p>
@@ -17266,22 +17232,22 @@ die alte Mutter sollte sterben.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie lag da und der Fremde wußte, daß es für sie
-keine Rettung mehr gab. Wie merkwürdig aber war es
+&bdquo;Sie lag da und der Fremde wußte, daß es für sie
+keine Rettung mehr gab. Wie merkwürdig aber war es
doch: Die alte Mutter, die sterbende alte Mutter, sie
sprach mit keiner Silbe mehr von all den andern einundzwanzig
-Kindern &mdash; wieder lächelst du, Susanna! &mdash;
+Kindern &mdash; wieder lächelst du, Susanna! &mdash;
sie sprach nur noch von Haffis, dem Lieblingssohne,
-seiner Schönheit, seiner Kraft, seinem Reichtum und
+seiner Schönheit, seiner Kraft, seinem Reichtum und
seinem Ruhme. Wieder und wieder!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Dann kam der Tod und machte die Mutter fahl.
Aber sie hatte noch etwas zu sagen, bevor sie starb.
-Der Fremde beugte das Ohr herab und sie flüsterte:
-Haffis war acht Jahre alt, da ertrank er im Fluß. &mdash;
-Und sie verfluchte den Fluß und starb.&ldquo;
+Der Fremde beugte das Ohr herab und sie flüsterte:
+Haffis war acht Jahre alt, da ertrank er im Fluß. &mdash;
+Und sie verfluchte den Fluß und starb.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -17290,51 +17256,51 @@ Und sie verfluchte den Fluß und starb.&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna lag still und blickte auf ein Stückchen Sonne,
+Susanna lag still und blickte auf ein Stückchen Sonne,
das auf dem Fensterbrett lag. Die jungen Stare schrien
-und sie erschrak. Wieder begann sie am ganzen Körper
-zu zittern und die Angst erfüllte wiederum ihre Augen.
+und sie erschrak. Wieder begann sie am ganzen Körper
+zu zittern und die Angst erfüllte wiederum ihre Augen.
</p>
<p>
-Grau lächelte und nahm ihre Hand. &bdquo;Willst du mich
+Grau lächelte und nahm ihre Hand. &bdquo;Willst du mich
nicht anblicken, Susanna? Nun geht die Sonne unter
und deine Augen bekommen einen kupfernen Glanz. Ja,
-wie wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna. Unerklärlich
+wie wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna. Unerklärlich
tief und wundersam ist es in uns verborgen.
-Schlummern nicht unendliche Schönheiten darin? Träume,
-Gefühle, Liebe, Ergriffenheit, Schauer, deren Ursache wir
+Schlummern nicht unendliche Schönheiten darin? Träume,
+Gefühle, Liebe, Ergriffenheit, Schauer, deren Ursache wir
nicht kennen, Ahnungen, deren Ziel uns unbekannt ist?
Zuweilen ist das Menschenherz wie eine Orgel, es braust
und singt in uns, zuweilen wie ein Dichter, es dichtet
-in uns, zuweilen wie ein erzürnter gütiger Prediger, es
+in uns, zuweilen wie ein erzürnter gütiger Prediger, es
ruft, ruft. So tief und wundervoll ist es. &mdash; Nun will
-ich dir die Geschichte von einem Trinker erzählen, er
-trank schrecklich und machte alle unglücklich, seine Familie,
-aber was für ein Herz hatte er doch! Du sollst es hören!&ldquo;
+ich dir die Geschichte von einem Trinker erzählen, er
+trank schrecklich und machte alle unglücklich, seine Familie,
+aber was für ein Herz hatte er doch! Du sollst es hören!&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut klopfte draußen auf den Tisch und fand
-irgend etwas ganz unmöglich, unfaßbar und unbegreiflich!
+Eisenhut klopfte draußen auf den Tisch und fand
+irgend etwas ganz unmöglich, unfaßbar und unbegreiflich!
</p>
<p>
&bdquo;Wir schneiden mit dieser Maschine deine Steine wie
Butter!&ldquo; sagte Lenz und lachte. &bdquo;Wie Butter! Ich habe
-diese Maschine extra für dich erfunden, Eisenhut. Ja,
-es war mir eine Freude, sie für dich zu erfinden. Ich
-tue das gern. Der Frau eines Gärtners &mdash; eines Freundes
+diese Maschine extra für dich erfunden, Eisenhut. Ja,
+es war mir eine Freude, sie für dich zu erfinden. Ich
+tue das gern. Der Frau eines Gärtners &mdash; eines Freundes
von mir, ich habe Freunde in allen Berufsklassen &mdash;
habe ich einen Kinderwagen erfunden, der eine Gummibadewanne
-enthält &mdash; Kinderwagen, Badewanne, fahrbare
+enthält &mdash; Kinderwagen, Badewanne, fahrbare
<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
-Badewanne in einem Stück also. Ich liebe das
-und bin auch meinen Freunden gerne nützlich. Für dich
+Badewanne in einem Stück also. Ich liebe das
+und bin auch meinen Freunden gerne nützlich. Für dich
habe ich diese Maschine erfunden, Eisenhut, wir stecken
-die Hände in die Hosentaschen und unsere Maschine arbeitet.
-Deine Arbeiter können Karten spielen oder sich
-die Schädel einschlagen zur Unterhaltung &mdash;&ldquo;
+die Hände in die Hosentaschen und unsere Maschine arbeitet.
+Deine Arbeiter können Karten spielen oder sich
+die Schädel einschlagen zur Unterhaltung &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
@@ -17344,13 +17310,13 @@ belustigt.
</p>
<p>
-&bdquo;Verstehen. Gut. Hier. Das ist eine eiserne Brücke.
-Hier hast du eine Kreissäge &mdash; Hebel auf! &mdash; Der
-Dampf fährt hinein und die Kreissäge &mdash; vier Meter
-Durchmesser &mdash; schneidet den Stein. Die Brücke steigt
-in die Höhe, sie schneidet Streifen, wir stellen die Kreissäge
+&bdquo;Verstehen. Gut. Hier. Das ist eine eiserne Brücke.
+Hier hast du eine Kreissäge &mdash; Hebel auf! &mdash; Der
+Dampf fährt hinein und die Kreissäge &mdash; vier Meter
+Durchmesser &mdash; schneidet den Stein. Die Brücke steigt
+in die Höhe, sie schneidet Streifen, wir stellen die Kreissäge
wagerecht &mdash; auf diese Weise schneiden wir deine
-zwölf Steinbrüche wie Butter &mdash; wie Butter &mdash;&ldquo;
+zwölf Steinbrüche wie Butter &mdash; wie Butter &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
@@ -17358,22 +17324,22 @@ zwölf Steinbrüche wie Butter &mdash; wie Butter &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut meckerte und Lenz lachte entzückt über seine
+Eisenhut meckerte und Lenz lachte entzückt über seine
Maschine.
</p>
<p>
-&bdquo;Wie schön!&ldquo; sagte Susanna, als Grau die Geschichte
-von dem Trinker erzählt hatte.
+&bdquo;Wie schön!&ldquo; sagte Susanna, als Grau die Geschichte
+von dem Trinker erzählt hatte.
</p>
<p>
-Sie lächelte und drückte Grau die Hand.
+Sie lächelte und drückte Grau die Hand.
</p>
<p>
&bdquo;Beuge dein Ohr &mdash; so &mdash; sage mir und verzeihe
-die Frage, ich weiß ja nicht, ob ich alles fragen darf?&ldquo;
+die Frage, ich weiß ja nicht, ob ich alles fragen darf?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -17389,18 +17355,18 @@ die Frage, ich weiß ja nicht, ob ich alles fragen darf?&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna blickte Grau lange an. Sie schüttelte den
+Susanna blickte Grau lange an. Sie schüttelte den
Kopf. &bdquo;Nein, ich sage es nicht &mdash; doch ich frage es &mdash;
-ich frage nur &mdash; du sollst nicht antworten, hörst du!
+ich frage nur &mdash; du sollst nicht antworten, hörst du!
<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
-Würdest du mir versprechen &mdash; du sollst es ja nicht tun
-&mdash; ich frage bloß &mdash; würdest du mir versprechen, kein
-Mädchen nach mir zu küssen? Würdest du? Ich frage
-bloß, du versprichst ja nichts.&ldquo;
+Würdest du mir versprechen &mdash; du sollst es ja nicht tun
+&mdash; ich frage bloß &mdash; würdest du mir versprechen, kein
+Mädchen nach mir zu küssen? Würdest du? Ich frage
+bloß, du versprichst ja nichts.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich würde es dir versprechen, Susanna, meine
+&bdquo;Ich würde es dir versprechen, Susanna, meine
Freundin!&ldquo;
</p>
@@ -17413,8 +17379,8 @@ Freundin!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Willst du mir versprechen &mdash; nein, nein, nein, laß
-es mich nicht sagen &mdash; nein, es macht mich glücklich, zu
+&bdquo;Willst du mir versprechen &mdash; nein, nein, nein, laß
+es mich nicht sagen &mdash; nein, es macht mich glücklich, zu
denken &mdash; nein. Vielleicht werde ich es ja doch tun?
Aber nein, nicht dies. Ich wollte ja gar nicht
dies fragen. Ich darf doch fragen was ich will, du
@@ -17426,22 +17392,22 @@ hast es gesagt. Hast du?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;So sage mir &mdash; wieviele Mädchen hast du schon
-geküßt? Nun?&ldquo;
+&bdquo;So sage mir &mdash; wieviele Mädchen hast du schon
+geküßt? Nun?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte.
+Grau lächelte.
</p>
<p>
-Susanna lächelte und küßte flüchtig seine Hand. &bdquo;Auf
-den Mund, wieviele? Fünf, sechs?&ldquo;
+Susanna lächelte und küßte flüchtig seine Hand. &bdquo;Auf
+den Mund, wieviele? Fünf, sechs?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau schüttelte den Kopf. Mehr? &bdquo;Nein,&ldquo; sagte
-Grau lächelnd.
+Grau schüttelte den Kopf. Mehr? &bdquo;Nein,&ldquo; sagte
+Grau lächelnd.
</p>
<p>
@@ -17450,7 +17416,7 @@ es wohl drei? Ist auch das noch zuviel?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte und Susanna wartete lange.
+Grau lächelte und Susanna wartete lange.
</p>
<p>
@@ -17458,7 +17424,7 @@ Grau lächelte und Susanna wartete lange.
</p>
<p>
-Grau schüttelte den Kopf.
+Grau schüttelte den Kopf.
</p>
<p>
@@ -17466,29 +17432,29 @@ Grau schüttelte den Kopf.
</p>
<p>
-&bdquo;Du hättest nicht fragen sollen,&ldquo; sagte Grau.
+&bdquo;Du hättest nicht fragen sollen,&ldquo; sagte Grau.
</p>
<p>
-&bdquo;Außer mir noch eine?&ldquo;
+&bdquo;Außer mir noch eine?&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
-Grau schüttelte den Kopf. Er errötete. &bdquo;Warum
+Grau schüttelte den Kopf. Er errötete. &bdquo;Warum
hast du doch gefragt? Ich habe ja nie Gelegenheit gehabt,
-ein Mädchen näher kennen zu lernen. Ich sage
-ja nicht, daß ich nicht gewünscht habe, das oder jenes
-Mädchen zu küssen. Aber ich bin ihnen ja nicht näher
+ein Mädchen näher kennen zu lernen. Ich sage
+ja nicht, daß ich nicht gewünscht habe, das oder jenes
+Mädchen zu küssen. Aber ich bin ihnen ja nicht näher
gekommen &mdash; warum hast du doch nur gefragt!&ldquo;
Susanna blickte ihn mit strahlenden und erstaunten
-Augen an. Ihr Blick veränderte sich seitdem nicht
-mehr, so oft sie ihn ansah. Häufiger als sonst zog sie
+Augen an. Ihr Blick veränderte sich seitdem nicht
+mehr, so oft sie ihn ansah. Häufiger als sonst zog sie
Graus Hand an die Lippen.
</p>
<p>
-Und plötzlich richtete sich Susanna auf und sagte:
+Und plötzlich richtete sich Susanna auf und sagte:
&bdquo;Ich liebe dich. Du bist mein, bist du?&ldquo;
</p>
@@ -17497,7 +17463,7 @@ Und plötzlich richtete sich Susanna auf und sagte:
</p>
<p>
-Susanna hustete ein wenig, sie errötete und ihre
+Susanna hustete ein wenig, sie errötete und ihre
Augen flammten.
</p>
@@ -17507,7 +17473,7 @@ zu reden!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau zögerte nicht. Er versprach.
+Grau zögerte nicht. Er versprach.
</p>
<p>
@@ -17520,44 +17486,44 @@ Grau verstand sie nicht.
</p>
<p>
-Lenz und Eisenhut lachten draußen in der Küche.
+Lenz und Eisenhut lachten draußen in der Küche.
</p>
<p>
-Mütterchen kam ins Zimmer und sagte: &bdquo;Höre, wie
-sie lachen! Nun will er Klatschbase schlachten, für heute
+Mütterchen kam ins Zimmer und sagte: &bdquo;Höre, wie
+sie lachen! Nun will er Klatschbase schlachten, für heute
abend!&ldquo;
</p>
<p>
-Lenz wurde in den nächsten Tagen schweigsam. Er
+Lenz wurde in den nächsten Tagen schweigsam. Er
streckte sich, trieb sich herum, er blickte den ziehenden
-Wolken nach. Er reiste ab. Mütterchen hatte ihm den
-Rock zurecht geflickt und ein kleines Ränzchen gepackt.
+Wolken nach. Er reiste ab. Mütterchen hatte ihm den
+Rock zurecht geflickt und ein kleines Ränzchen gepackt.
</p>
<p>
-&bdquo;Nun denn, adieu!&ldquo; sagte Lenz laut und fröhlich zu
+&bdquo;Nun denn, adieu!&ldquo; sagte Lenz laut und fröhlich zu
<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
-Susanna. &bdquo;Adieu, meine prächtige Susanna, meine Freunde
+Susanna. &bdquo;Adieu, meine prächtige Susanna, meine Freunde
erwarten mich! Ich bin diesmal lange dageblieben. Adieu
-und sieh, daß du bald ganz gesund wirst, mein schönes,
-herrliches Mädchen!&ldquo;
+und sieh, daß du bald ganz gesund wirst, mein schönes,
+herrliches Mädchen!&ldquo;
</p>
<p>
-Er ging. Mütterchen weinte den ganzen Tag. &mdash;
+Er ging. Mütterchen weinte den ganzen Tag. &mdash;
</p>
<p>
-Grau hatte eine Unterredung mit Adele. Sie saß in
+Grau hatte eine Unterredung mit Adele. Sie saß in
der Laube an der Mauer und stickte. Sie sprachen von
Susanna. Ja, es gehe zu Ende jetzt.
</p>
<p>
Adele sagte: &bdquo;Ich gehe zuweilen des Abends oben
-auf der Höhe, die Abende sind so schön.&ldquo;
+auf der Höhe, die Abende sind so schön.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -17565,13 +17531,13 @@ auf der Höhe, die Abende sind so schön.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie sind ja gegenwärtig so sehr in Anspruch genommen,
-nicht wahr. Aber ich würde gerne wieder mit
+&bdquo;Sie sind ja gegenwärtig so sehr in Anspruch genommen,
+nicht wahr. Aber ich würde gerne wieder mit
Ihnen sprechen. Heute abend?&ldquo;
</p>
<p>
-Sie gingen zusammen auf der Höhe, bis der Mond
+Sie gingen zusammen auf der Höhe, bis der Mond
aufging. Sie sprachen fast nichts. Jeder hing seinen
eigenen Gedanken nach.
</p>
@@ -17582,13 +17548,13 @@ Augen.
</p>
<p>
-Plötzlich fiel Grau das Versprechen ein, das er Susanna
-gegeben hatte, und er erbleichte so sehr, daß Adele
+Plötzlich fiel Grau das Versprechen ein, das er Susanna
+gegeben hatte, und er erbleichte so sehr, daß Adele
es gewahrte.
</p>
<p>
-&bdquo;Weshalb sind Sie plötzlich so bleich geworden?&ldquo;
+&bdquo;Weshalb sind Sie plötzlich so bleich geworden?&ldquo;
fragte sie.
</p>
@@ -17610,12 +17576,12 @@ Am andern Tage starb Susanna.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">G</span>rau schlief, da kam ein kleines Mädchen zu ihm ins
-Zimmer, es blieb an der Türe stehen und winkte
-schüchtern mit dem Zeigefinger. Aber er regte sich nicht,
-er war todmüde. Das Mädchen hatte hohe, schlanke
-Beine und einen silberblonden Lockenkopf. Es näherte
-sich und berührte mit geheimnisvoller wichtiger Gebärde
+<span class="firstchar">G</span>rau schlief, da kam ein kleines Mädchen zu ihm ins
+Zimmer, es blieb an der Türe stehen und winkte
+schüchtern mit dem Zeigefinger. Aber er regte sich nicht,
+er war todmüde. Das Mädchen hatte hohe, schlanke
+Beine und einen silberblonden Lockenkopf. Es näherte
+sich und berührte mit geheimnisvoller wichtiger Gebärde
seinen Arm: Grau erwachte.
</p>
@@ -17628,21 +17594,21 @@ zu atmen und konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Im Zimmer war es dunkel, aber durch den Spalt
der Fensterladen konnte er hinaus in den Mittag blicken.
Alles schlief in der roten Sonne, kein Zweig schwankte.
-Der Garten sah verändert aus und auch er schien
+Der Garten sah verändert aus und auch er schien
ein Geheimnis zu wissen. Graus Beklommenheit wuchs
-zur Angst. Susanna! dachte er und verließ rasch das
+zur Angst. Susanna! dachte er und verließ rasch das
Haus.
</p>
<p>
-Er ging so rasch, daß die Leute ihm erstaunt nachblickten.
-Die Kinder spielten vor den Häusern, sie schrien
+Er ging so rasch, daß die Leute ihm erstaunt nachblickten.
+Die Kinder spielten vor den Häusern, sie schrien
und lachten und eilten auf Grau zu. Aber er hatte
-heute keine Zeit. Er lächelte und winkte ihnen ab. Nun
-liefen sie rasch neben ihm her, tanzten vor seinen Füßen,
-lachten; es wurden ihrer immer mehr. Überall öffnete
-man die Fenster, um zu sehen, was es eigentlich gäbe.
-Aus allen Häusern kamen die Kinder heraus und aus
+heute keine Zeit. Er lächelte und winkte ihnen ab. Nun
+liefen sie rasch neben ihm her, tanzten vor seinen Füßen,
+lachten; es wurden ihrer immer mehr. Überall öffnete
+man die Fenster, um zu sehen, was es eigentlich gäbe.
+Aus allen Häusern kamen die Kinder heraus und aus
allen Gassen.
</p>
@@ -17656,48 +17622,48 @@ eine Menge Neuigkeiten.
</p>
<p>
-Erst beim Tore blieben sie zurück und nur einzelne
+Erst beim Tore blieben sie zurück und nur einzelne
folgten ihm noch. Grau beschleunigte den Schritt noch
-mehr, der Schweiß stand ihm auf der Stirne. So oft
-ihn der Gedanke durchfuhr, daß er Susanna nicht mehr
-lebend anträfe, lief er ein Stück des Weges.
+mehr, der Schweiß stand ihm auf der Stirne. So oft
+ihn der Gedanke durchfuhr, daß er Susanna nicht mehr
+lebend anträfe, lief er ein Stück des Weges.
</p>
<p>
-Von der Brücke aus sah man Susannas Haus in
+Von der Brücke aus sah man Susannas Haus in
der Sonne liegen. Je weiter der Sommer fortschritt,
-desto tiefer schien das Häuschen in die Wiese zu sinken.
-Es war von Sonnendunst eingehüllt. Wer aber war
+desto tiefer schien das Häuschen in die Wiese zu sinken.
+Es war von Sonnendunst eingehüllt. Wer aber war
das, der im Garten stand und mit einem leuchtenden
Tuche winkte? Grau erschrak. Es war Susanna, so
-unmöglich es ihm auch schien.
+unmöglich es ihm auch schien.
</p>
<p>
-Sie stand im Garten, weiß gekleidet, Eisenhut war
-bei ihr und Mütterchen mit der Brille lehnte am Pfosten
-der Türe. Susanna winkte und öffnete das Gartentürchen.
+Sie stand im Garten, weiß gekleidet, Eisenhut war
+bei ihr und Mütterchen mit der Brille lehnte am Pfosten
+der Türe. Susanna winkte und öffnete das Gartentürchen.
</p>
<p>
&bdquo;Nun?&ldquo; rief sie mit hoher, feiner Stimme. &bdquo;Was
-sagst du dazu? Ich habe so sehr gewünscht, daß du
-kämest, und nun bist du da!&ldquo;
+sagst du dazu? Ich habe so sehr gewünscht, daß du
+kämest, und nun bist du da!&ldquo;
</p>
<p>
-Sie war klein und niemals hätte er sich denken
-können, daß sie so klein war. Ihre schmalen Wangen
-waren von einer gleichmäßigen Fieberröte überzogen und
-ihre großen Augen leuchteten gespenstisch.
+Sie war klein und niemals hätte er sich denken
+können, daß sie so klein war. Ihre schmalen Wangen
+waren von einer gleichmäßigen Fieberröte überzogen und
+ihre großen Augen leuchteten gespenstisch.
</p>
<p>
-Eisenhut lachte. &bdquo;Ich hätte gestern keinen Pfennig
-mehr für sie gegeben!&ldquo; rief er. &bdquo;Sie sah aus als ob
-man sie sofort in den Sarg legen könnte, heute steht
-sie auf, zieht das weiße Kleid an und geht herum. So
-verrückt, wie?&ldquo;
+Eisenhut lachte. &bdquo;Ich hätte gestern keinen Pfennig
+mehr für sie gegeben!&ldquo; rief er. &bdquo;Sie sah aus als ob
+man sie sofort in den Sarg legen könnte, heute steht
+sie auf, zieht das weiße Kleid an und geht herum. So
+verrückt, wie?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -17706,105 +17672,105 @@ verrückt, wie?&ldquo;
und atmete tief. &bdquo;Ich habe die ganze Nacht hindurch
geschlafen und in meiner Brust ist etwas vor sich gegangen.
So leicht und frei. Wie ich atmen kann, so
-tief! Oh, wie schön ist es doch zu gehen. Ich bin so
-müde in den Knien und das ist so schön!&ldquo;
+tief! Oh, wie schön ist es doch zu gehen. Ich bin so
+müde in den Knien und das ist so schön!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau drückte sie an die Brust. &bdquo;Ja,&ldquo; hauchte er.
+Grau drückte sie an die Brust. &bdquo;Ja,&ldquo; hauchte er.
Er fand keine Worte.
</p>
<p>
-Susanna ging langsam in ihrem Gärtchen umher,
+Susanna ging langsam in ihrem Gärtchen umher,
besah die Rosen, den Mohn, die Nelken, die Halme und
-liebkoste die Blätter. Sie legte die Hände in das Gras
-und sagte, wie kühl doch das Gras sei. Wärme und
+liebkoste die Blätter. Sie legte die Hände in das Gras
+und sagte, wie kühl doch das Gras sei. Wärme und
Duft standen wie eine Mauer im Garten. Sie ging
zu dem kleinen Fliederbusch, steckte das Gesicht hinein
-und ließ sich die Wangen von den Blütentrauben liebkosen.
+und ließ sich die Wangen von den Blütentrauben liebkosen.
</p>
<p>
-Am Himmel türmten sich mächtige Wolken gleich
+Am Himmel türmten sich mächtige Wolken gleich
phantastischen Ballen von feuerfarbener Seide, die an
-der Oberfläche rote Glut versengt hatte. Der Wind erwachte.
+der Oberfläche rote Glut versengt hatte. Der Wind erwachte.
</p>
<p>
-&bdquo;Sieh, wie der Wind läuft!&ldquo; rief Susanna und
-deutete über die Felder. &bdquo;Wie hurtig!&ldquo;
+&bdquo;Sieh, wie der Wind läuft!&ldquo; rief Susanna und
+deutete über die Felder. &bdquo;Wie hurtig!&ldquo;
</p>
<p>
-Man sah ihn laufen. Er kam über den Hügel herab,
-strich über die Felder, wühlte sich ins Korn und schmiegte
+Man sah ihn laufen. Er kam über den Hügel herab,
+strich über die Felder, wühlte sich ins Korn und schmiegte
sich auf den Wiesen ins Gras wie ein Hund. Er kam
-rasch näher, die Blätter eines Haselstrauches begrüßten
+rasch näher, die Blätter eines Haselstrauches begrüßten
ihn, die Blumen am Wege verneigten sich: Er war da,
-warm, duftend, schwül und Susanna hustete als er zu
-ihr kam und ihr goldenes Brusttuch in die Höhe hob,
-gleichsam um zu fühlen, wie fein es war. Einen Augenblick
+warm, duftend, schwül und Susanna hustete als er zu
+ihr kam und ihr goldenes Brusttuch in die Höhe hob,
+gleichsam um zu fühlen, wie fein es war. Einen Augenblick
und schon war er verschwunden.
</p>
<p>
<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
-Dann kam er von neuem über die Wiesen.
+Dann kam er von neuem über die Wiesen.
</p>
<p>
-&bdquo;Sieh doch, wie rasch er läuft! Vielleicht kommt
+&bdquo;Sieh doch, wie rasch er läuft! Vielleicht kommt
ein Gewitter.&ldquo;
</p>
<p>
-Ein Zitronenfalter segelte über die Wiese und Susanna
-ließ ihn nicht aus den Augen, fieberhaft rückte sie den
+Ein Zitronenfalter segelte über die Wiese und Susanna
+ließ ihn nicht aus den Augen, fieberhaft rückte sie den
Blick hin und her. &bdquo;Pst?&ldquo; sagte sie. &bdquo;Sicherlich wird
er den Flieder riechen und hierher kommen. Locke, locke!&ldquo;
-sagte sie zum Fliederbusch mit beschwörenden Blicken.
-Der Zitronenfalter gaukelte zuerst um eine Kleeblüte,
+sagte sie zum Fliederbusch mit beschwörenden Blicken.
+Der Zitronenfalter gaukelte zuerst um eine Kleeblüte,
dann kam er in den Garten herein und Susanna,
ganz atemlos, streckte behutsam die Hand aus. Sie
-zitterte am ganzen Körper vor Erregung. Ihre Lippen
+zitterte am ganzen Körper vor Erregung. Ihre Lippen
zitterten, ihre Blicke sogar. Es war, als wolle sie die
Natur fragen, ob sie ihre Liebe erwidere. Da setzte sich
der Falter auf ihren Finger.
</p>
<p>
-Ohne Regung stand Susanna und blickte lächelnd
-auf den Schmetterling, der seinen Rüssel auf ihren Finger
-setzte und mit den gelben Flügeln wippte. Sie streifte
+Ohne Regung stand Susanna und blickte lächelnd
+auf den Schmetterling, der seinen Rüssel auf ihren Finger
+setzte und mit den gelben Flügeln wippte. Sie streifte
Grau mit einem triumphierenden Blick.
</p>
<p>
&bdquo;Er sieht mich an!&ldquo; sagte sie leise. Der Falter
-flatterte in die Höhe und flog über das Dach, Susanna sah
+flatterte in die Höhe und flog über das Dach, Susanna sah
ihm nach bis er verschwand. Dann atmete sie tief auf.
</p>
<p>
-&bdquo;Das war schön!&ldquo; sagte sie leise. &bdquo;Das war schön!&ldquo;
+&bdquo;Das war schön!&ldquo; sagte sie leise. &bdquo;Das war schön!&ldquo;
Sie blickte mit einem langen Blick in die Weite. Die
phantastischen Ballen feuerfarbener Seide wurden dunkel
und da wo die Glut sie versengt hatte flatterten aschgraue
-unheimliche Schleier. Susanna lächelte und seufzte
+unheimliche Schleier. Susanna lächelte und seufzte
und ging ganz von selbst hinein ins Haus.
</p>
<p>
-Mütterchen war verwirrt vor Freude. Ja, nun könne
+Mütterchen war verwirrt vor Freude. Ja, nun könne
Susanna wieder aufstehen, oh, du guter Gott!
</p>
<p>
<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
-Grau sagte: &bdquo;Es ist kein gutes Zeichen, Mütterchen!&ldquo;
+Grau sagte: &bdquo;Es ist kein gutes Zeichen, Mütterchen!&ldquo;
und legte ihr die Hand auf den Scheitel und sah sie
-an. Mütterchen erblaßte und zitterte.
+an. Mütterchen erblaßte und zitterte.
</p>
<p>
@@ -17816,61 +17782,61 @@ ging hinein zu Susanna.
Susanna lag mit geschlossenen Augen. Er setzte sich
auf den Rand des Bettes und legte ihr die Hand auf
die Stirn. Sie schlug sofort die schwarzen Augen auf,
-in denen der Glanz verglühte. Sie lächelte müde. &bdquo;Ach,
-so müde, so köstlich müde, aber meine Brust ist so leicht
-und frei. Das ist der Frühling, ja. Du hast es gesagt.
-Du und der Frühling, ihr zwei habt mich gesund
+in denen der Glanz verglühte. Sie lächelte müde. &bdquo;Ach,
+so müde, so köstlich müde, aber meine Brust ist so leicht
+und frei. Das ist der Frühling, ja. Du hast es gesagt.
+Du und der Frühling, ihr zwei habt mich gesund
gemacht. Wende deinen Kopf und sieh ins Licht! Ja,
sie sind golden, deine Augen sind golden! Bald werde
-ich in den Wald gehen können. Ich höre Gesang, Lieder
-höre ich, wie ist das doch?&ldquo; Ihre Stimme klang fein
-und ferne; die Kräfte erloschen rasch.
+ich in den Wald gehen können. Ich höre Gesang, Lieder
+höre ich, wie ist das doch?&ldquo; Ihre Stimme klang fein
+und ferne; die Kräfte erloschen rasch.
</p>
<p>
&bdquo;Wir werden zusammen in den Wald gehen, Susanna,
du und ich!&ldquo; sagte Grau. Er sprach nun unausgesetzt.
Davon wie es im Walde sein werde, wie alles sein
-werde, alles. Denn bald würden sie ja zusammenleben.
+werde, alles. Denn bald würden sie ja zusammenleben.
</p>
<p>
&bdquo;Ja!&ldquo; Und Susannas Augen leuchteten nochmals auf,
-während ihre Wangen erblaßten, mehr und mehr. &bdquo;Wie
+während ihre Wangen erblaßten, mehr und mehr. &bdquo;Wie
wird es sein?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nun höre zu,&ldquo; fuhr Grau fort, &bdquo;höre zu und sieh
+&bdquo;Nun höre zu,&ldquo; fuhr Grau fort, &bdquo;höre zu und sieh
mich an. Ich will dir sagen wie es sein wird. Du
wirst die Herrin im Hause sein und ich werde warten
-bis du mich rufst. Sage nichts und höre zu. Wenn
-wir drei Zimmer haben, so werden zwei davon dir gehören.
+bis du mich rufst. Sage nichts und höre zu. Wenn
+wir drei Zimmer haben, so werden zwei davon dir gehören.
Da wirst du wohnen. Du wirst eine Bibliothek
<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
-haben, ganze Regale voll der schönsten und neuesten
-Bücher. Du wirst auch einen Schreibtisch am Fenster
-haben mit einem Stoß von weißem Papier darauf,
+haben, ganze Regale voll der schönsten und neuesten
+Bücher. Du wirst auch einen Schreibtisch am Fenster
+haben mit einem Stoß von weißem Papier darauf,
damit du all deine klugen Gedanken aufschreiben kannst,
-wenn du Lust dazu hast. Ich werde an der Türe lauschen,
-wenn du schläfst, ich werde stehen und auf deine Atemzüge
-lauschen, und ich werde denken: Susanna schläft
-da drinnen. Ich werde hören, wenn du dich rührst.
+wenn du Lust dazu hast. Ich werde an der Türe lauschen,
+wenn du schläfst, ich werde stehen und auf deine Atemzüge
+lauschen, und ich werde denken: Susanna schläft
+da drinnen. Ich werde hören, wenn du dich rührst.
Ich werde nicht schlafen. Ich werde denken, es ist nicht
-die Zeit zu schlafen, ich muß hören, wie Susanna schläft,
-ich muß ihrem Atmen lauschen.&ldquo;
+die Zeit zu schlafen, ich muß hören, wie Susanna schläft,
+ich muß ihrem Atmen lauschen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Oh! sprich, wie wird es sein!&ldquo; Tränen traten in
+&bdquo;Oh! sprich, wie wird es sein!&ldquo; Tränen traten in
ihre Augen.
</p>
<p>
-&bdquo;Dann werde ich hinausgehen und große Sträuße
-für dich pflücken, Susanna, aus all den Blumen, die
+&bdquo;Dann werde ich hinausgehen und große Sträuße
+für dich pflücken, Susanna, aus all den Blumen, die
du besonders liebst. Der Tau soll an den Blumen
-sein und ich werde die Sträuße auf deine Schwelle
+sein und ich werde die Sträuße auf deine Schwelle
legen und der Tau wird daran sein. Dann werde ich
warten und endlich werde ich dich sehen. Ich werde
dir in die Augen blicken &mdash; wie ich es jetzt tue &mdash; und
@@ -17878,15 +17844,15 @@ ich werde fragen, ob du gut geschlafen hast.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sprich, sprich! Aber in den Nächten, wie wird
-es in den Nächten sein? Hast du daran gedacht?&ldquo; In
+&bdquo;Sprich, sprich! Aber in den Nächten, wie wird
+es in den Nächten sein? Hast du daran gedacht?&ldquo; In
Susannas Augen kam ein fremder Glanz und ihre
Wangen wurden fahler und fahler.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, auch daran habe ich natürlich gedacht, Susanna.
-Laß uns das nicht sagen, die Nächte werden kommen.
+&bdquo;Ja, auch daran habe ich natürlich gedacht, Susanna.
+Laß uns das nicht sagen, die Nächte werden kommen.
Es wird sehr stille sein in unserem Hause und im Garten
wird ein Vogel singen und du und ich und ich und
du und niemand sonst wird da sein.&ldquo;
@@ -17895,47 +17861,47 @@ du und niemand sonst wird da sein.&ldquo;
<p>
<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
&bdquo;Ja, wie oft, du Geliebter, habe ich daran gedacht,
-wie die Nächte sein werden! Hast du schon an Leidenschaft
-gedacht und die Küsse in stiller Nacht?&ldquo; flüsterte
-sie und die Tränen liefen über ihre Wangen.
+wie die Nächte sein werden! Hast du schon an Leidenschaft
+gedacht und die Küsse in stiller Nacht?&ldquo; flüsterte
+sie und die Tränen liefen über ihre Wangen.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, Susanna, meine süße Freundin. Oft habe ich
-an Leidenschaft gedacht und viele lange Nächte lag ich
+&bdquo;Ja, Susanna, meine süße Freundin. Oft habe ich
+an Leidenschaft gedacht und viele lange Nächte lag ich
wach.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Wie ich, wie ich! Oft hat mein Blut getobt in
-den Adern und ich habe geträumt und geträumt &mdash;
-keine verrät es, aber alle, alle graben sie die Nägel in die
+den Adern und ich habe geträumt und geträumt &mdash;
+keine verrät es, aber alle, alle graben sie die Nägel in die
Brust &mdash;.&ldquo;
</p>
<p>
Grau blickte Susanna an und hielt sie in den Armen.
-Ihr Kopf lag an seiner Brust. Und er erzählte wie es
-sein werde. Plötzlich wurde es dunkel im Zimmer, der
+Ihr Kopf lag an seiner Brust. Und er erzählte wie es
+sein werde. Plötzlich wurde es dunkel im Zimmer, der
Wind pfiff und es donnerte in der Ferne. Es regnete,
dann kieselte und schneite es. Im Nu waren die Felder
-weiß und das Gärtchen eingeschneit. Aber Susanna
-sah und hörte nichts, sie lauschte und Grau gab ihren
+weiß und das Gärtchen eingeschneit. Aber Susanna
+sah und hörte nichts, sie lauschte und Grau gab ihren
Blick nicht mehr frei.
</p>
<p>
-&bdquo;&mdash; die Hände werde ich dir küssen, die werden
-so kühl und frisch wie der Morgen sein. Ich werde dir
-die Lippen küssen, die noch heiß vom Schlafe sind, die
-Rosen auf deinen Wangen werde ich küssen, die noch
-aus den Träumen darauf blühen. Susanna, Susanna!
-Ja, du hörst wohl, was ich sage? So wird es sein.
-Dann werde ich die Türe öffnen und sagen, siehe, Susanna,
-die Sonne will dich begrüßen. Und ich werde dich in
-den Garten führen: Siehe, Susanna, die Blumen wollen
-ihre Herrin grüßen. Alle Blumen werden sich verneigen
-und die Bäume werden rauschen. Ich aber werde nur
+&bdquo;&mdash; die Hände werde ich dir küssen, die werden
+so kühl und frisch wie der Morgen sein. Ich werde dir
+die Lippen küssen, die noch heiß vom Schlafe sind, die
+Rosen auf deinen Wangen werde ich küssen, die noch
+aus den Träumen darauf blühen. Susanna, Susanna!
+Ja, du hörst wohl, was ich sage? So wird es sein.
+Dann werde ich die Türe öffnen und sagen, siehe, Susanna,
+die Sonne will dich begrüßen. Und ich werde dich in
+den Garten führen: Siehe, Susanna, die Blumen wollen
+ihre Herrin grüßen. Alle Blumen werden sich verneigen
+und die Bäume werden rauschen. Ich aber werde nur
<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
dich ansehen, so wie ich es jetzt tue, Susanna, Susanna,
nur dich! Ich werde deinen Namen nennen auch wenn
@@ -17945,14 +17911,14 @@ solange du fort bist.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau küßte Susannas Stirn.
+Grau küßte Susannas Stirn.
</p>
<p>
&bdquo;Ich liebe dich, werde ich sagen,&ldquo; fuhr er fort, &bdquo;so
wie ich es jetzt sage. Susanna, Susanna! Die Sonne
wird aufgehen und ich werde es sagen, die Sonne
-wird sinken und ich werde es sagen. Der Frühling
+wird sinken und ich werde es sagen. Der Frühling
wird kommen &mdash; ich liebe dich, Susanna &mdash; der
Sommer wird kommen ich liebe dich, Susanna &mdash;
der Herbst, der Winter wird kommen: Ich liebe dich
@@ -17960,37 +17926,37 @@ Susanna!&ldquo;
</p>
<p>
-Susanna seufzte glücklich und lächelte und schloß
+Susanna seufzte glücklich und lächelte und schloß
halb die Augen.
</p>
<p>
&bdquo;Ich werde niederknien und sagen, ich liebe dich
-Susanna!&ldquo; flüsterte Grau. &bdquo;Ich werde dich ansehen,
+Susanna!&ldquo; flüsterte Grau. &bdquo;Ich werde dich ansehen,
mein Blick, mein Schritt, alles wird dir dasselbe
sagen. Ich werde alt werden und meine Haare
-werden weiß werden &mdash; ich liebe dich Susanna,
-werde ich sagen &mdash; ich liebe dich, du Süßeste von
+werden weiß werden &mdash; ich liebe dich Susanna,
+werde ich sagen &mdash; ich liebe dich, du Süßeste von
allen &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Susannas Lächeln erstarrte. Sie öffnete den Mund
-und ihr Kopf sank in den Nacken zurück. Sie regte
-sich nicht mehr. Grau blieb lange ruhig, dann ließ
+Susannas Lächeln erstarrte. Sie öffnete den Mund
+und ihr Kopf sank in den Nacken zurück. Sie regte
+sich nicht mehr. Grau blieb lange ruhig, dann ließ
er Susanna langsam in die Kissen nieder. Sie lag und
-lächelte friedlich und schön. Sie schlief. Die Tränen
+lächelte friedlich und schön. Sie schlief. Die Tränen
trockneten auf ihren fahlen Wangen.
</p>
<p>
-Grau saß lange Zeit regungslos und sah sie an.
+Grau saß lange Zeit regungslos und sah sie an.
<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
-Seine Hände zitterten von der Erregung der letzten Stunde,
-es war über seine Kräfte gegangen. Dann wuchs die
+Seine Hände zitterten von der Erregung der letzten Stunde,
+es war über seine Kräfte gegangen. Dann wuchs die
Trauer in seinem Herzen, eine schwere dumpfe Traurigkeit,
-die ihn niederbeugte. Er küßte Susannas kleine
-Hände.
+die ihn niederbeugte. Er küßte Susannas kleine
+Hände.
</p>
<p>
@@ -17999,35 +17965,35 @@ Er hatte sie ja so sehr geliebt.
<p>
Es wurde blendend hell im Zimmer. Das Wetter
-war vorübergegangen und die Sonne schmolz rasch den
-Schnee, die ganze Welt glänzte und die kleine stolze
+war vorübergegangen und die Sonne schmolz rasch den
+Schnee, die ganze Welt glänzte und die kleine stolze
Rose in Susannas Garten glitzerte im Tau, als ob sie
-vor Freude geweint hätte.
+vor Freude geweint hätte.
</p>
<p>
-Mütterchen war ruhig, ja förmlich gleichgültig. Die
-Natur ist gütig und versenkt ein Herz, das der plötzliche
-Schmerz vernichten würde, in eine Art von Betäubung.
+Mütterchen war ruhig, ja förmlich gleichgültig. Die
+Natur ist gütig und versenkt ein Herz, das der plötzliche
+Schmerz vernichten würde, in eine Art von Betäubung.
Sie schien allein durch den Gedanken vollkommen beruhigt
-zu sein, daß Susanna gestorben war ohne es
-selbst zu fühlen.
+zu sein, daß Susanna gestorben war ohne es
+selbst zu fühlen.
</p>
<p>
-Aber als die Dämmerung kam und Susanna noch
-immer so still und gleichmäßig lächelnd lag, begann
+Aber als die Dämmerung kam und Susanna noch
+immer so still und gleichmäßig lächelnd lag, begann
sie leise zu weinen. Sie nahm Graus Hand, sah ihn
bittend an und sagte: &bdquo;Mache sie mir wieder lebendig!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau schüttelte den Kopf. &bdquo;Laß sie ruhen, Mütterchen,
-sie ist ja lebendiger und glücklicher als wir.&ldquo;
+Grau schüttelte den Kopf. &bdquo;Laß sie ruhen, Mütterchen,
+sie ist ja lebendiger und glücklicher als wir.&ldquo;
</p>
<p>
-Mütterchen war wieder ganz ruhig.
+Mütterchen war wieder ganz ruhig.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-3-8">
@@ -18036,34 +18002,34 @@ Mütterchen war wieder ganz ruhig.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>n einem schönen wolkenlosen Sonntage wurde
+<span class="firstchar">A</span>n einem schönen wolkenlosen Sonntage wurde
Susanna begraben. Die Sonne funkelte, die Luft
-zitterte vom Lärm der spielenden Kinder, alles trug
-Festtagskleider und die jungen Mädchen gingen alle in
-Weiß und wiegten sich und kicherten. Vor dem &bdquo;weißen
+zitterte vom Lärm der spielenden Kinder, alles trug
+Festtagskleider und die jungen Mädchen gingen alle in
+Weiß und wiegten sich und kicherten. Vor dem &bdquo;weißen
Elefanten&ldquo; konzertierte die Stadtkapelle.
</p>
<p>
Grau hielt eine schlichte Rede, er machte nicht im
-entferntesten solch schöne Worte wie seinerzeit bei der
+entferntesten solch schöne Worte wie seinerzeit bei der
Beerdigung der Margarete Sammet. Die Freundinnen
waren zur Bestattung gekommen, Adele und die Schwestern
-Sinding und einzelne von den Mädchen, die das Fest
+Sinding und einzelne von den Mädchen, die das Fest
mitgemacht hatten. Auch Lenz kam. Er war bestaubt
-und erhitzt und kam gerade, als sie den Sarg hinabließen.
+und erhitzt und kam gerade, als sie den Sarg hinabließen.
Er trug einen hellen alten Sommerrock, war
ohne Kragen und Binde, und hatte einen knotigen Stock
-in der Hand. Als ihn die Leute ansahen, räusperte er
+in der Hand. Als ihn die Leute ansahen, räusperte er
sich herausfordernd.
</p>
<p>
-Er ging mit Grau ins Haus und drückte ihm die
-Hand. &bdquo;Schön,&ldquo; sagte er, &bdquo;schön hast du deine Sache
+Er ging mit Grau ins Haus und drückte ihm die
+Hand. &bdquo;Schön,&ldquo; sagte er, &bdquo;schön hast du deine Sache
gemacht, einfach. Kein Wort zu viel. Bei einer Susanna
Lenz, der Tochter eines freien Mannes, braucht es keine
-großen Worte.&ldquo;
+großen Worte.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -18071,29 +18037,29 @@ großen Worte.&ldquo;
</p>
<p>
-Lenz sah sich im Zimmer um und lächelte, als er
+Lenz sah sich im Zimmer um und lächelte, als er
den Heiligen an der Wand sah, jene Reproduktion eines
alten Meisters. &bdquo;Vorbei,&ldquo; sagte er, &bdquo;vorbei ist es mit
diesen Heiligen, in Frankreich schleift man die Kirchen. &mdash;
Hast du ein Glas Wein oder Kognak, ich bin ganz
<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
-ausgetrocknet? Nein? Es ist ja nicht gerade nötig.
+ausgetrocknet? Nein? Es ist ja nicht gerade nötig.
Ich habe es erfahren in Hirschhorn, einem kleinen Nest.
Der Wirt sagte, ist deine Tochter gestorben? Nein, sage
ich, meine Tochter stirbt nicht so schnell. Es ist eine
Lehrerstochter gestorben, Susanna Lenz. Es gibt nur
-eine Susanna Lenz, also mußte sie es sein. Ich machte
+eine Susanna Lenz, also mußte sie es sein. Ich machte
mich auf den Weg und hatte Tag und Nacht zu gehen
um zur rechten Zeit einzutreffen. Als ich nachts durch
den Wald ging, erschien mir Susanna &mdash; nein, es war
-natürlich nur eine Sinnestäuschung. Ich bin nicht
-traurig, nein, ich bin nur erstaunt, daß sie so schnell
-starb, an diesem bißchen Brustleiden. Ja, sie war
-prächtig, meine Tochter, eine Art Heldin, treu wie
+natürlich nur eine Sinnestäuschung. Ich bin nicht
+traurig, nein, ich bin nur erstaunt, daß sie so schnell
+starb, an diesem bißchen Brustleiden. Ja, sie war
+prächtig, meine Tochter, eine Art Heldin, treu wie
Gold, voll salomonischer Weisheit! Aber ich bin nicht
-traurig. Eine Schwalbe fliegt in der Luft, fällt herab
+traurig. Eine Schwalbe fliegt in der Luft, fällt herab
und ist tot. Warum sollte es mit den Menschen anders
-sein? &mdash; Hier lief übrigens eben eine Maus über den
+sein? &mdash; Hier lief übrigens eben eine Maus über den
Boden &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -18102,11 +18068,11 @@ Boden &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;So?&ldquo; Lenz lächelte und stand auf. Er trat auf
-Grau zu und faßte ihn bei der Schulter. &bdquo;Sieh mir
+&bdquo;So?&ldquo; Lenz lächelte und stand auf. Er trat auf
+Grau zu und faßte ihn bei der Schulter. &bdquo;Sieh mir
in die Augen!&ldquo; sagte er in befehlendem Tone. &bdquo;Antworte
auf meine Fragen! Du hast Susanna immer
-gut behandelt? Hast ihr nie böse Worte gegeben?&ldquo;
+gut behandelt? Hast ihr nie böse Worte gegeben?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -18115,7 +18081,7 @@ Lenz an.
</p>
<p>
-&bdquo;Du hast sie nie gekränkt? Sprich die Wahrheit!
+&bdquo;Du hast sie nie gekränkt? Sprich die Wahrheit!
Du hast sie nie beleidigt, bist ihr stets mit schuldigem
Respekte entgegengetreten?&ldquo;
</p>
@@ -18126,25 +18092,25 @@ Respekte entgegengetreten?&ldquo;
<p>
<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
-Der Lehrer drückte ihn an die Brust. &bdquo;Dank!&ldquo;
+Der Lehrer drückte ihn an die Brust. &bdquo;Dank!&ldquo;
sagte er. &bdquo;Dank! Ich liebte Susanna sehr!&ldquo; Er pfiff
-durch die Zähne und nahm Hut und Stock. &bdquo;Fahre
+durch die Zähne und nahm Hut und Stock. &bdquo;Fahre
wohl, mein Sohn! Ich ziehe wieder hinaus und immer
-vorwärts, daß die Erscheinungen hinter mir zerrinnen.
+vorwärts, daß die Erscheinungen hinter mir zerrinnen.
Die Welt ist weit, wir werden uns nicht wiedersehen.
Aber was schadet es, wir werden trotzdem inniger verbunden
sein, als Leute, die sich jahrelang gegenseitig die
-Kniescheiben einrennen, denn wir gehören ja zum internationalen
+Kniescheiben einrennen, denn wir gehören ja zum internationalen
Orden der Edelleute. Diesmal werde ich
eine weite, weite Reise antreten! Zuvor aber will ich
-einen kleinen Spaziergang in den Straßen dieses Pfahldorfes
+einen kleinen Spaziergang in den Straßen dieses Pfahldorfes
machen &mdash; siehst du diesen Stock hier? &mdash; die
-Eingeborenen hier hassen mich und fürchten mich wie
+Eingeborenen hier hassen mich und fürchten mich wie
einen tollen Hund. Es ist ja Ironie, aber sie haben
mich ausgewiesen aus ihrem Negerkral. &mdash; Ich werde
hin- und hergehen und mich sehen lassen. Weh dem,
der es wagt mir in den Weg zu treten, heute! Ich
-prügele ihn durch, wie es sich gehört! Dann werden
+prügele ihn durch, wie es sich gehört! Dann werden
sie sagen: Lenz ist ein Lump, er rauft am Beerdigungstage
seiner Tochter! Ha! ha!&ldquo;
</p>
@@ -18161,40 +18127,40 @@ lebendiger als er.
<p>
Der Mensch ist wie ein Bote, dachte er, der eine
-Botschaft zu tragen hat; er weiß nicht was in der
-Botschaft steht, aber er trägt sie ans Ziel und sein
-Zweck ist erfüllt. Die Geburt ist nicht der Anfang der
+Botschaft zu tragen hat; er weiß nicht was in der
+Botschaft steht, aber er trägt sie ans Ziel und sein
+Zweck ist erfüllt. Die Geburt ist nicht der Anfang der
menschlichen Existenz, der Tod nicht ihr Ende. Ein
<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
-Stück der unendlichen Bahn, die die Seele zu durchmessen
-hat, der Bahn der Weltkörper vergleichbar, ist
+Stück der unendlichen Bahn, die die Seele zu durchmessen
+hat, der Bahn der Weltkörper vergleichbar, ist
das irdische Dasein. Ewig wechselt das Leben die Form
-und das Gegenwärtige ist nichtig klein im Verhältnis
-zum Unvergänglichen. Die Blumen von diesem Sommer,
-wo werden sie sein, die Völker, deren Könige sich heute
-brüsten, wo werden sie sein? Das große Gebirge, Sturm
+und das Gegenwärtige ist nichtig klein im Verhältnis
+zum Unvergänglichen. Die Blumen von diesem Sommer,
+wo werden sie sein, die Völker, deren Könige sich heute
+brüsten, wo werden sie sein? Das große Gebirge, Sturm
und Wetter werden es zerreiben, wo wird es sein, die
Erde, wird sie nicht einst als eine winzige Wolke von
Staub durch den Weltenraum ziehen, das Planetensystem,
wo wird es sein? Vergangen, verweht, aber
-irgendwo am großen Werke des Lebens tätig, das ewig
+irgendwo am großen Werke des Lebens tätig, das ewig
saust und braust.
</p>
<p>
-Die nächsten Tage glitten still dahin und er fühlte
-an seiner Ruhe, daß Susanna jetzt glücklicher war.
-Zuweilen kam sie auf unerklärliche Weise in all seine
+Die nächsten Tage glitten still dahin und er fühlte
+an seiner Ruhe, daß Susanna jetzt glücklicher war.
+Zuweilen kam sie auf unerklärliche Weise in all seine
Gedanken; nicht nur aus Menschen und Tieren,
-selbst aus den Bäumen, dem Grase, toten Dingen
+selbst aus den Bäumen, dem Grase, toten Dingen
schien ihm etwas von Susannas Wesen entgegen zu
dringen.
</p>
<p>
Sie schien stets um ihn zu sein, und seine Empfindung
-wurde so lebhaft, daß er sie einmal in der Dunkelheit
-des <a id="corr-26"></a>Zimmers stehen sah. Sie war schön und schlank.
+wurde so lebhaft, daß er sie einmal in der Dunkelheit
+des <a id="corr-26"></a>Zimmers stehen sah. Sie war schön und schlank.
Ich bin es, sagte sie, ich bin immer bei dir. &mdash; Bist
du es denn wirklich? fragte er. Sie antwortete: Weshalb
zweifelst du?
@@ -18202,22 +18168,22 @@ zweifelst du?
<p>
Er sah sie lange an, sie verschwand und er blieb
-allein. Es war als ob er rings in Abgründe starrte,
+allein. Es war als ob er rings in Abgründe starrte,
er erschauerte und stand auf. Wie lebhaft ich doch
-empfinde, dachte er und öffnete das Fenster: Sterne,
+empfinde, dachte er und öffnete das Fenster: Sterne,
<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
Sterne und Friede in sanfter Nacht. Das war die
-Welt, der er angehörte.
+Welt, der er angehörte.
</p>
<p>
-Er lächelte und blickte auf Adeles Park. Die Bäume
+Er lächelte und blickte auf Adeles Park. Die Bäume
standen im Schlafe, aber sie bebten leise. Ein unbestimmtes
-Licht rieselte an ihnen herab und die höchsten
-Blätter wendeten sich langsam hin und her, als ob
+Licht rieselte an ihnen herab und die höchsten
+Blätter wendeten sich langsam hin und her, als ob
jede Blattseite dem Lichte der Sterne ausgesetzt werden
-sollte. Die weiße schmale Mauer glich einem Streifen von
-Linnen, das zum Trocknen aufgehängt war und sich im
+sollte. Die weiße schmale Mauer glich einem Streifen von
+Linnen, das zum Trocknen aufgehängt war und sich im
verblichenen Schatten einzelner Zweige leise zu bewegen
schien.
</p>
@@ -18226,13 +18192,13 @@ schien.
Eine unwiderstehliche Macht trieb Grau hinaus.
Aber in dem erhabenen Frieden der Nacht kam er sich
wie ein Eindringling vor, wie einer, der das Gesetz der
-Natur, die die Nacht zum Schlafe bestimmt hatte, übertrat.
-Er dämpfte unwillkürlich seinen Schritt. Er ging
+Natur, die die Nacht zum Schlafe bestimmt hatte, übertrat.
+Er dämpfte unwillkürlich seinen Schritt. Er ging
bis an das Parktor und hier blieb er lange stehen.
</p>
<p>
-Plötzlich erinnerte er sich an das Versprechen, das
+Plötzlich erinnerte er sich an das Versprechen, das
er Susanna gegeben hatte. Er neigte den Kopf. Ich
werde halten, was ich versprochen habe! sagte er und
ging langsam nach Hause.
@@ -18242,35 +18208,35 @@ ging langsam nach Hause.
Aber gerade als er einschlafen wollte, begann ein
Vogel in Adeles Park zu singen und es klang, als sei
es Adeles eigene Seele, die lockte. Er lauschte mit
-verhaltenem Atem. Schmerz erfaßte ihn. Er preßte
-die Hände auf die Augen und wiegte den Kopf hin
+verhaltenem Atem. Schmerz erfaßte ihn. Er preßte
+die Hände auf die Augen und wiegte den Kopf hin
und her. Singe nur, du kleiner Vogel! Singe nur!
-Endlich schwieg der Vogel still, aber Grau hörte ihn
-wieder im Traume zwitschern. Er träumte, er gehe
-mit Adele auf der Höhe und Adele sah ihn an mit
+Endlich schwieg der Vogel still, aber Grau hörte ihn
+wieder im Traume zwitschern. Er träumte, er gehe
+mit Adele auf der Höhe und Adele sah ihn an mit
<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
traurigen Augen. Sprich doch! Sprich doch! sagte sie.
-Er aber schüttelte den Kopf. Ich kann nicht, antwortete
-er. Adele faßte seine Hand und bot ihm die Lippen.
+Er aber schüttelte den Kopf. Ich kann nicht, antwortete
+er. Adele faßte seine Hand und bot ihm die Lippen.
Er aber wandte sich ab und rief: Nein, nein! Und er
entfloh in aller Hast, Adele rief hinter ihm. Da erwachte
er wieder. Sein Herz brannte vor Sehnsucht,
-überall winkte und lockte es, es leuchtete wie Feuer vor
+überall winkte und lockte es, es leuchtete wie Feuer vor
seinen Augen.
</p>
<p>
Er stand auf und machte Licht und schickte sich an
-zu arbeiten, während die Stille der Nacht tiefer und
-tiefer wurde und der Tag langsam graute. Aber während
-er arbeitete, hatte er das Gefühl, daß sein Herz blute
-und nimmer aufhörte zu bluten.
+zu arbeiten, während die Stille der Nacht tiefer und
+tiefer wurde und der Tag langsam graute. Aber während
+er arbeitete, hatte er das Gefühl, daß sein Herz blute
+und nimmer aufhörte zu bluten.
</p>
<p>
Das Versprechen war gegeben, Susanna konnte es
-nicht mehr lösen, das Versprechen wird gehalten werden.
-Niemand hatte je erlebt, daß er ein Versprechen brach.
+nicht mehr lösen, das Versprechen wird gehalten werden.
+Niemand hatte je erlebt, daß er ein Versprechen brach.
</p>
<p>
@@ -18279,42 +18245,42 @@ Wangen hohl.
</p>
<p>
-Er betäubte sich in rastloser Tätigkeit.
+Er betäubte sich in rastloser Tätigkeit.
</p>
<p>
-In jeder freien Stunde suchte er Mütterchen auf.
+In jeder freien Stunde suchte er Mütterchen auf.
</p>
<p>
-Verlassen lag Susannas Häuschen in der Wiese und
+Verlassen lag Susannas Häuschen in der Wiese und
obschon es im Dampfe der Sonne lag, so sah es doch
-elend aus. Mütterchen wohnte darin und eine blöde
+elend aus. Mütterchen wohnte darin und eine blöde
alte Frau, Eisenhuts Mutter. Alle Knospen brachen auf
und die Blumen wuchsen in Susannas Garten bis zu
den Fenstern empor. Aber das kleine Haus sah elend
-und öde aus. Verlassen war es. Die Luft im Zimmer
-war eine andere, das Zimmer selbst sah ganz verändert
-aus. Dieses leere Bett, die verwelkten Sträuße in den
-Krügen, ein paar bestaubte Bücher auf dem Tisch. Selbst
+und öde aus. Verlassen war es. Die Luft im Zimmer
+war eine andere, das Zimmer selbst sah ganz verändert
+aus. Dieses leere Bett, die verwelkten Sträuße in den
+Krügen, ein paar bestaubte Bücher auf dem Tisch. Selbst
<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
-die Farbe der Wände und Möbel schien sich verändert
+die Farbe der Wände und Möbel schien sich verändert
zu haben, auch der Schritt klang anders, wenn man
durch das Zimmer ging.
</p>
<p>
-All die schönen Träume Susannas waren aus dem
-Häuschen ausgewandert, all die freundlichen Wesen,
+All die schönen Träume Susannas waren aus dem
+Häuschen ausgewandert, all die freundlichen Wesen,
die sie im Leben umgeben hatten, sie hatten das Haus
verlassen.
</p>
<p>
-Mütterchen saß still mit der Hornbrille auf der
-großen Nase in einer dämmerigen Ecke des Zimmers
-und besserte Susannas Strümpfe und Wäsche aus. Sie
-weinte nicht, sie saß da und stopfte und sprach mit
+Mütterchen saß still mit der Hornbrille auf der
+großen Nase in einer dämmerigen Ecke des Zimmers
+und besserte Susannas Strümpfe und Wäsche aus. Sie
+weinte nicht, sie saß da und stopfte und sprach mit
Susanna. &bdquo;Es wird Zeit sein dein Essen zu richten,
Kindchen,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Huste nicht so viel, Susanna,
es schadet dir ja.&ldquo;
@@ -18322,82 +18288,82 @@ es schadet dir ja.&ldquo;
<p>
Zweimal kam sie am Abend zu Grau geschlichen
-und pickte an seine Türe: Ob er die Schuhe noch habe?
+und pickte an seine Türe: Ob er die Schuhe noch habe?
Ja, dann sei es gut. Sie kam, setzte sich auf einen
-Stuhl und weinte. Diesem Schmerze gegenüber war
-Grau machtlos. Er war so tief und edel, daß Grau
-auch nicht den Versuch wagte, Mütterchen zu trösten,
+Stuhl und weinte. Diesem Schmerze gegenüber war
+Grau machtlos. Er war so tief und edel, daß Grau
+auch nicht den Versuch wagte, Mütterchen zu trösten,
die durch die Nacht geschlichen kam, nur um bei ihm
-zu weinen. Erst jetzt schien es ihr bewußt zu werden,
-daß Susanna tot war.
+zu weinen. Erst jetzt schien es ihr bewußt zu werden,
+daß Susanna tot war.
</p>
<p>
-Grau erfüllte seine Pflichten wie ehedem, abends
+Grau erfüllte seine Pflichten wie ehedem, abends
kam Eisenhut zu ihm zur Stunde. Nach der Stunde
plauderten sie eine Weile; sie stellten die Reiseroute
zusammen, denn Eisenhut sollte nun bald reisen. Er
-hatte sich schon sechs große Lederkoffer angeschafft.
+hatte sich schon sechs große Lederkoffer angeschafft.
</p>
<p>
Zwischen den beiden hatte sich ein aufrichtiges
-Freundschaftsverhältnis gebildet. Das lange Krankenlager
+Freundschaftsverhältnis gebildet. Das lange Krankenlager
<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
Graus hatte einen ganz ungezwungenen Verkehr
-zwischen ihnen herbeigeführt und Grau brauchte nicht
-mehr zu befürchten, Eisenhut scheu oder argwöhnisch
+zwischen ihnen herbeigeführt und Grau brauchte nicht
+mehr zu befürchten, Eisenhut scheu oder argwöhnisch
zu machen oder ihn durch seine Bevormundung zu
-beschämen.
+beschämen.
</p>
<p>
-Er hatte Eisenhut vollständig in seine Macht bekommen
+Er hatte Eisenhut vollständig in seine Macht bekommen
und war imstande ihn mit einem einzigen Blicke
zu beherrschen. Bis auf unscheinbare Dinge selbst dehnte
-er seinen Einfluß aus. Eisenhut mußte anders gehen,
+er seinen Einfluß aus. Eisenhut mußte anders gehen,
anders sprechen, den Leuten ins Gesicht sehen, er durfte
-nie Müdigkeit verraten oder unordentlich gekleidet sein.
+nie Müdigkeit verraten oder unordentlich gekleidet sein.
</p>
<p>
-Eisenhut gab sich alle Mühe. Die Arbeit in den
-Steinbrüchen hatte seine Gesundheit gestärkt und schon
-das Bewußtsein körperlicher Kraft machte ihn den
-Menschen gegenüber kühner und sicherer. Er kleidete
+Eisenhut gab sich alle Mühe. Die Arbeit in den
+Steinbrüchen hatte seine Gesundheit gestärkt und schon
+das Bewußtsein körperlicher Kraft machte ihn den
+Menschen gegenüber kühner und sicherer. Er kleidete
sich ganz neu und selbst sein Haus war frisch gestrichen,
-die Wohnung eingerichtet. Er bekam Freude an Tätigkeit
-und zeigte den Eifer eines Schulknaben für alle Zweige
-des menschlichen Wissens. Er lachte fröhlich und fast
-kindisch, wenn sie in den Bildwerken blätterten und
-Grau erklärte.
+die Wohnung eingerichtet. Er bekam Freude an Tätigkeit
+und zeigte den Eifer eines Schulknaben für alle Zweige
+des menschlichen Wissens. Er lachte fröhlich und fast
+kindisch, wenn sie in den Bildwerken blätterten und
+Grau erklärte.
</p>
<p>
An jedem Ersten erhielt Grau zwanzig Mark von
-ihm, die er für wohltätige Zwecke nach Gutdünken verwenden
-konnte. Dafür war ihm Grau sehr dankbar.
+ihm, die er für wohltätige Zwecke nach Gutdünken verwenden
+konnte. Dafür war ihm Grau sehr dankbar.
Denn mit zwanzig Mark &mdash; wieviel konnte er doch damit
ausrichten! Wenn er in eine Familie kam, wo es am
-Nötigsten fehlte und sprach und sprach und fünf Mark
-auf dem Tischrande liegen ließ!
+Nötigsten fehlte und sprach und sprach und fünf Mark
+auf dem Tischrande liegen ließ!
</p>
<p>
-Bald hoffte er Eisenhut für eine große Lebensaufgabe
+Bald hoffte er Eisenhut für eine große Lebensaufgabe
erzogen zu haben.
</p>
<p>
<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
-Wie? Ja, natürlich. Eisenhut wandelte sich nur allmählich
+Wie? Ja, natürlich. Eisenhut wandelte sich nur allmählich
um. Es war noch der alte Eisenhut mit dem
gelben Gesicht, dem Spitzbart, den kleinen neugierigen
Mausaugen, dem Geiz, dem Argwohn und kleinlichen
-Gedanken. Zuweilen hatte er auch Rückfälle. Er trank,
+Gedanken. Zuweilen hatte er auch Rückfälle. Er trank,
verwahrloste und mied Grau. Aber immer kam er nach
-einigen Tagen zu Grau zurück und Grau fühlte zu seiner
-Freude, daß er ihn mehr und mehr in seine Gewalt
+einigen Tagen zu Grau zurück und Grau fühlte zu seiner
+Freude, daß er ihn mehr und mehr in seine Gewalt
bekam. &mdash;
</p>
@@ -18407,15 +18373,15 @@ mit dem jungen Herrn von Hennenbach.
</p>
<p>
-Es war in der Dämmerung und sie begegneten einander
-auf den Stufen, die zum Marktplatz hinabführten.
-Herr von Hennenbach grüßte höflich, auch Grau grüßte.
+Es war in der Dämmerung und sie begegneten einander
+auf den Stufen, die zum Marktplatz hinabführten.
+Herr von Hennenbach grüßte höflich, auch Grau grüßte.
Er blieb stehen und sah den jungen Mann an. Eine
Weile standen sie so.
</p>
<p>
-&bdquo;Bitte?&ldquo; sagte Herr von Hennenbach und lächelte.
+&bdquo;Bitte?&ldquo; sagte Herr von Hennenbach und lächelte.
</p>
<p>
@@ -18423,11 +18389,11 @@ Grau sah ihn an.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie verstehen mich nicht?&ldquo; flüsterte er.
+&bdquo;Sie verstehen mich nicht?&ldquo; flüsterte er.
</p>
<p>
-Der Freiherr lächelte und zuckte die Achseln.
+Der Freiherr lächelte und zuckte die Achseln.
</p>
<p>
@@ -18435,8 +18401,8 @@ Der Freiherr lächelte und zuckte die Achseln.
</p>
<p>
-Grau sah ihn an und näherte sich ihm noch mehr.
-&bdquo;Ich will Ihnen noch einige Tage Zeit lassen!&ldquo; flüsterte
+Grau sah ihn an und näherte sich ihm noch mehr.
+&bdquo;Ich will Ihnen noch einige Tage Zeit lassen!&ldquo; flüsterte
er. &bdquo;Aber nicht mehr viele!&ldquo;
</p>
@@ -18447,9 +18413,9 @@ von Hennenbach &mdash; aber Grau war schon gegangen. &mdash;
<p>
Der Sommer war auffallend warm und Grau liebte
-es, seine freien Stunden in seinem Gärtchen zuzubringen,
-das eingekeilt zwischen den Nachbarsgärten mit den hohen
-schattigen Bäumen besonders sonnig aussah. Er pflegte
+es, seine freien Stunden in seinem Gärtchen zuzubringen,
+das eingekeilt zwischen den Nachbarsgärten mit den hohen
+schattigen Bäumen besonders sonnig aussah. Er pflegte
<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
ihn mit aller Sorgfalt. Er kannte hier jede einzelne
Blume, ja fast jeden einzelnen Halm. Da konnte er
@@ -18458,31 +18424,31 @@ vor, als ob er im Kreise von Geschwistern weile.
</p>
<p>
-Dieses kleine Stück Land erfüllte ihn mit Andacht.
+Dieses kleine Stück Land erfüllte ihn mit Andacht.
</p>
<p>
-Das waren ja seine Blumen und Halme, des großen
+Das waren ja seine Blumen und Halme, des großen
Gottes Blumen und Halme, ersonnen von ihm, geliebt
von ihm und auf dem kleinsten ruhte der Blick seiner
-tausend funkelnden Augen. Für ihn, den Unfaßbaren,
-war dieser Garten so viel wie der Lustpark einer Königin
-und sein gütiges Lächeln hatte auch ihn gesegnet, daß
+tausend funkelnden Augen. Für ihn, den Unfaßbaren,
+war dieser Garten so viel wie der Lustpark einer Königin
+und sein gütiges Lächeln hatte auch ihn gesegnet, daß
er ein einziges Wunder war. Es wimmelte von Leben,
jeder Zoll des Bodens war bewohnt, belebt, lebendig,
-jede Scholle eine wimmelnde Stadt, jedes Krümchen ein
-Haus, jede Furche eine Straße.
+jede Scholle eine wimmelnde Stadt, jedes Krümchen ein
+Haus, jede Furche eine Straße.
</p>
<p>
-Grau stand und schüttelte den Kopf. Er begriff es
+Grau stand und schüttelte den Kopf. Er begriff es
nicht. Nicht die kleinste Fliege konnte er verstehen. Seht
-sie an, sie hat Augen, Organe, Flügel, sie weiß sich zu
-bewegen, sie fliegt. Seht den kleinen Käfer an, er hat
-es eilig, geht seinen Bedürfnissen nach, er hat zu tun,
-Tag und Nacht, Wünsche, Verlangen, Geschäfte, so klein
-er auch ist &mdash; er ist ein Kind des großen Gottes und
-der Unbegreifliche hat nicht vergessen, daß er lebt.
+sie an, sie hat Augen, Organe, Flügel, sie weiß sich zu
+bewegen, sie fliegt. Seht den kleinen Käfer an, er hat
+es eilig, geht seinen Bedürfnissen nach, er hat zu tun,
+Tag und Nacht, Wünsche, Verlangen, Geschäfte, so klein
+er auch ist &mdash; er ist ein Kind des großen Gottes und
+der Unbegreifliche hat nicht vergessen, daß er lebt.
</p>
<p>
@@ -18493,41 +18459,41 @@ Er sandte seine Seele der Heimat zu.
<p>
Diese Stunden in seinem Garten waren herrlich und
-reich. Die Luft schien erfüllt mit Geheimnissen und
+reich. Die Luft schien erfüllt mit Geheimnissen und
Liebe und er atmete Geheimnisse und Liebe mit jedem
Atemzuge ein. Alle Dinge ringsumher sahen ihn an
<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a>
-und sein Gedanke flüsterte immerzu. Er selbst dachte
-ja nicht, der Gedanke in ihm flüsterte und ruhte nicht.
-Siehst du den Baum? flüsterte der Gedanke: Äste,
-Verästelungen, Nerven, ganz wie du. Siehst du den
+und sein Gedanke flüsterte immerzu. Er selbst dachte
+ja nicht, der Gedanke in ihm flüsterte und ruhte nicht.
+Siehst du den Baum? flüsterte der Gedanke: Äste,
+Verästelungen, Nerven, ganz wie du. Siehst du den
Vogel fliegen? wisperte der Gedanke: Bist du nicht selbst
-ein Vogel? Hast du gesehen, wie junge Mädchen einen
-Abhang hinablaufen und die Arme bewegen gleich Flügeln,
-die Lebenslust auszudrücken? Wie ein Mensch dem andern
+ein Vogel? Hast du gesehen, wie junge Mädchen einen
+Abhang hinablaufen und die Arme bewegen gleich Flügeln,
+die Lebenslust auszudrücken? Wie ein Mensch dem andern
Willkommen winkt? Siehst du die Katze? sprach leise
der Gedanke: Was zieht dich zu ihr? Was zieht sie
zu dir? Ihr seid ja alle das Gleiche, du und die
Katze und der Baum &mdash; eine verschieden gestaltete, verschieden
-gefärbte Blume auf Gottes Acker nur ist der
-Mensch. Fühlst du die Lebenswelle? flüsterte der Gedanke:
+gefärbte Blume auf Gottes Acker nur ist der
+Mensch. Fühlst du die Lebenswelle? flüsterte der Gedanke:
Sie kommt aus dem Unendlichen, da wo die
-Gestirne funkeln, sie umspült in jeder Sekunde die Erde,
-Millionen Leben erzittern, erblühen, sie jagt dahin, durch
-dich hindurch, durch die Wälder, das Meer, zur Sonne,
+Gestirne funkeln, sie umspült in jeder Sekunde die Erde,
+Millionen Leben erzittern, erblühen, sie jagt dahin, durch
+dich hindurch, durch die Wälder, das Meer, zur Sonne,
zu den Sternen, zum fernsten Sterne, und ist hier und
dort, jagt, jagt und hat keine Eile.
</p>
<p>
-Und der Gedanke flüstert in ihm, flüsterte, lachte,
+Und der Gedanke flüstert in ihm, flüsterte, lachte,
sang &mdash;
</p>
<p>
Die Sonne ging unter und Grau ging hinein ins
-Haus und arbeitete. Die Arbeit ging vorwärts, Ungeduld
-und Jubel erfüllten ihn. Diese &sbquo;Reden&lsquo;! Denn bald
+Haus und arbeitete. Die Arbeit ging vorwärts, Ungeduld
+und Jubel erfüllten ihn. Diese &sbquo;Reden&lsquo;! Denn bald
wollte er ja hinausziehen und zu den Menschen sprechen,
zu den Tausenden, Tausenden!
</p>
@@ -18539,65 +18505,65 @@ zu den Tausenden, Tausenden!
<p class="first">
<span class="firstchar">A</span>n einem Nachmittage kam Adele zu ihm. Er schrieb
-gerade, als er ihren Schritt hörte und hielt die
+gerade, als er ihren Schritt hörte und hielt die
Feder an und erblich.
</p>
<p>
Sie war ohne Hut und ihre schwarzen Haare
rahmten scharf das schmale Gesicht ein. Ihre Wangen
-waren von der Wärme gerötet, so erschienen ihre Augen
-noch heller und lebendiger. Ihre Lippen glänzten. Im
-Winter waren sie schmal und blaß, im Sommer geschwungen
-und rot, wie merkwürdig war doch das.
-Sie trug ein dünnes Kleid von der Farbe verblaßter
-Veilchen, eine große hellrote Koralle hielt es an der
-Brust zusammen. Kühle und Duft gingen von ihrem
+waren von der Wärme gerötet, so erschienen ihre Augen
+noch heller und lebendiger. Ihre Lippen glänzten. Im
+Winter waren sie schmal und blaß, im Sommer geschwungen
+und rot, wie merkwürdig war doch das.
+Sie trug ein dünnes Kleid von der Farbe verblaßter
+Veilchen, eine große hellrote Koralle hielt es an der
+Brust zusammen. Kühle und Duft gingen von ihrem
leichten Kleide aus.
</p>
<p>
-Sie blieb lächelnd an der Türe stehen.
+Sie blieb lächelnd an der Türe stehen.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich habe Sie wohl in der Arbeit gestört?&ldquo; sagte
+&bdquo;Ich habe Sie wohl in der Arbeit gestört?&ldquo; sagte
sie. &bdquo;Sie schrieben gerade.&ldquo; Sie sah ihn mit klaren
Augen an.
</p>
<p>
-&bdquo;Bitte, es ist eine höchst nebensächliche Sache, ich
+&bdquo;Bitte, es ist eine höchst nebensächliche Sache, ich
bitte Sie Platz zu nehmen. Sie befinden sich wohl?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wie immer, danke!&ldquo; Sie sah sich um und öffnete
-halb den Mund, während sie Graus Zimmer betrachtete.
+&bdquo;Wie immer, danke!&ldquo; Sie sah sich um und öffnete
+halb den Mund, während sie Graus Zimmer betrachtete.
Dann duckte sie den Kopf ein wenig und sah zum Fenster
-hinaus. &bdquo;Wie eigentümlich ist es doch, den Park von
+hinaus. &bdquo;Wie eigentümlich ist es doch, den Park von
hier aus zu sehen!&ldquo; sagte sie, ein wenig verlegen, da
-sie Graus Blick fühlte.
+sie Graus Blick fühlte.
</p>
<p>
-Sie schwieg und blickte Grau an, der totenblaß aussah.
+Sie schwieg und blickte Grau an, der totenblaß aussah.
</p>
<p>
-Da saß sie und das Licht sprühte aus ihren Augen,
+Da saß sie und das Licht sprühte aus ihren Augen,
das ewige Licht, das um Gottes Haupt wogt.
</p>
<p>
<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
-Ob eine besondere Angelegenheit sie zu ihm führe?
+Ob eine besondere Angelegenheit sie zu ihm führe?
</p>
<p>
-Adele lächelte fein. &bdquo;Muß es denn eine besondere
-Angelegenheit sein, die mich zu Ihnen führt? Ich denke
-mir, daß Sie jetzt recht einsam sein müssen. Man
+Adele lächelte fein. &bdquo;Muß es denn eine besondere
+Angelegenheit sein, die mich zu Ihnen führt? Ich denke
+mir, daß Sie jetzt recht einsam sein müssen. Man
sieht Sie ja gar nicht mehr. Sind Sie denn immer
zu Hause?&ldquo;
</p>
@@ -18607,38 +18573,38 @@ zu Hause?&ldquo;
</p>
<p>
-Pause. Adele sah ihn an. &bdquo;Sie kommen mir verändert
-vor,&ldquo; sagte sie und schüttelte den Kopf. &bdquo;Sind
+Pause. Adele sah ihn an. &bdquo;Sie kommen mir verändert
+vor,&ldquo; sagte sie und schüttelte den Kopf. &bdquo;Sind
Sie krank? So entsetzlich bleich sehen Sie aus!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, ich fühle mich wohl,&ldquo; antwortete Grau und
+&bdquo;Nein, ich fühle mich wohl,&ldquo; antwortete Grau und
dankte.
</p>
<p>
-Adele blickte ihn prüfend an. &bdquo;Sie sehen leidend
+Adele blickte ihn prüfend an. &bdquo;Sie sehen leidend
aus,&ldquo; setzte sie hinzu, dann sprach sie von andern Dingen.
</p>
<p>
-Grau war schweigsam. Er sah sie nur und lächelte.
+Grau war schweigsam. Er sah sie nur und lächelte.
Aber er fand nicht den kleinsten Gedanken in seinem
Kopfe.
</p>
<p>
-&bdquo;Wie wunderbar sind doch die Nächte jetzt!&ldquo; sagte
-Adele, aber sie brach plötzlich ab und lachte leise. &bdquo;Aber
+&bdquo;Wie wunderbar sind doch die Nächte jetzt!&ldquo; sagte
+Adele, aber sie brach plötzlich ab und lachte leise. &bdquo;Aber
sehen Sie doch, da sitzt ja eine Maus!&ldquo; rief sie aus.
</p>
<p>
&bdquo;Es ist eine zahme Maus,&ldquo; sagte Grau und raffte
-sich auf. &bdquo;Das heißt alle Mäuse sind ja zahm, aber
-diese Maus hier ist an mich gewöhnt. Sie heißt Mirza
-und lebt hier. Sie ist sehr klug und schön. Sie ist
+sich auf. &bdquo;Das heißt alle Mäuse sind ja zahm, aber
+diese Maus hier ist an mich gewöhnt. Sie heißt Mirza
+und lebt hier. Sie ist sehr klug und schön. Sie ist
sehr zutraulich und oft wenn ich ruhig dasitze, knappert
sie an meinen Schuhen.&ldquo;
</p>
@@ -18650,20 +18616,20 @@ Maus leben Sie?&ldquo; sagte sie.
<p>
&bdquo;Es ist ja wohl nichts Wunderliches dabei?&ldquo; fragte
-er lächelnd.
+er lächelnd.
</p>
<p>
<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a>
-Adele lächelte leicht. &bdquo;Sie haben ja auch einen Hund,
+Adele lächelte leicht. &bdquo;Sie haben ja auch einen Hund,
nicht wahr?&ldquo; forschte sie. &bdquo;Man sieht zuweilen einen
gelben zottigen Hund in Ihrem Garten.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ja,&ldquo; erwiderte Grau, &bdquo;aber er ist sehr untreu. Er
-läßt sich oft wochenlang nicht blicken. Es ist ein verwilderter
-Hund, dessen Herr gestorben ist, ein Waldhüter.
+läßt sich oft wochenlang nicht blicken. Es ist ein verwilderter
+Hund, dessen Herr gestorben ist, ein Waldhüter.
Ich stelle ihm manchmal etwas Fressen hin. Wollen
Sie sehen, wie klug diese Maus ist?&ldquo;
</p>
@@ -18673,35 +18639,35 @@ Sie sehen, wie klug diese Maus ist?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nun, sofort!&ldquo; Grau legte ein Stückchen Speck
-auf den Boden in die Nähe des Schrankes, unter dem
-die Maus sich aufhielt. Er stieß einen zirpenden Laut
+&bdquo;Nun, sofort!&ldquo; Grau legte ein Stückchen Speck
+auf den Boden in die Nähe des Schrankes, unter dem
+die Maus sich aufhielt. Er stieß einen zirpenden Laut
aus. &bdquo;Vielleicht kommt sie nicht, weil Sie da sind.&ldquo;
</p>
<p>
-Die Maus hatte das Stückchen Speck bemerkt, sie
+Die Maus hatte das Stückchen Speck bemerkt, sie
streckte die spitzige Schnauze unter dem Schranke vor
-und lugte mit den runden, glänzenden Augen, die wie
+und lugte mit den runden, glänzenden Augen, die wie
pechschwarze Perlen aussahen, auf den Speck und auf
-Adele zu gleicher Zeit. Dann kam sie näher, lief in
+Adele zu gleicher Zeit. Dann kam sie näher, lief in
einem Bogen um den Speck herum und huschte wieder
-unter den Schrank. Sie mußte sich blitzschnell umdrehen
-können, denn die spitzige Schnauze wurde zur selben
+unter den Schrank. Sie mußte sich blitzschnell umdrehen
+können, denn die spitzige Schnauze wurde zur selben
Sekunde wieder sichtbar als der Schwanz verschwand.
</p>
<p>
&bdquo;Sie hat einen Versuch gemacht,&ldquo; sagte Grau, &bdquo;ob
-sie sicher sein könne. Nun aber werden Sie sehen, auf
-welche Weise sie den Speck fortschleppt!&ldquo; Er war plötzlich
-gesprächig geworden.
+sie sicher sein könne. Nun aber werden Sie sehen, auf
+welche Weise sie den Speck fortschleppt!&ldquo; Er war plötzlich
+gesprächig geworden.
</p>
<p>
Die Maus kam wieder unter dem Schranke vor.
-Sie saß eine Weile vor dem Speck, dann beschrieb sie
-einen Bogen und saß nun so, daß der Speck zwischen
+Sie saß eine Weile vor dem Speck, dann beschrieb sie
+einen Bogen und saß nun so, daß der Speck zwischen
ihr und dem Schranke lag. Sie wartete noch ein
<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a>
Weilchen, dann lief sie blitzschnell auf den Speck zu und
@@ -18709,23 +18675,23 @@ verschwand mit ihm.
</p>
<p>
-&bdquo;Es wäre ihr zu gefährlich, mit dem Speck im
-Maule umzuwenden, haben Sie das beobachtet?&ldquo; erklärte
-Grau. &bdquo;So klug ist sie.&ldquo; Er erzählte noch einige
+&bdquo;Es wäre ihr zu gefährlich, mit dem Speck im
+Maule umzuwenden, haben Sie das beobachtet?&ldquo; erklärte
+Grau. &bdquo;So klug ist sie.&ldquo; Er erzählte noch einige
Geschichten von der Maus, dann war er wieder still.
</p>
<p>
-Grau kämpfte mit dem Gedanken aufzustehen und
+Grau kämpfte mit dem Gedanken aufzustehen und
zu sprechen: &mdash;! Aber er tat es nicht.
</p>
<p>
-Plötzlich hatte Adele einen Brief in der Hand.
+Plötzlich hatte Adele einen Brief in der Hand.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich habe einen Brief für Sie,&ldquo; sagte sie leise, &bdquo;er
+&bdquo;Ich habe einen Brief für Sie,&ldquo; sagte sie leise, &bdquo;er
ist von Susanna.&ldquo;
</p>
@@ -18735,9 +18701,9 @@ Adele an.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, sie hat mir diesen Brief übergeben &mdash; wann
-war es doch? &mdash; in der Zeit, da sie still lag um Kräfte
-für die Reise zu sammeln. Da gab sie mir diesen Brief.
+&bdquo;Ja, sie hat mir diesen Brief übergeben &mdash; wann
+war es doch? &mdash; in der Zeit, da sie still lag um Kräfte
+für die Reise zu sammeln. Da gab sie mir diesen Brief.
Ich solle ihn eine Woche nach ihrem Tode abgeben &mdash;
im Falle sie doch sterben sollte. Ich habe nun gewartet
und gewartet, denn es schien mir grausam Sie durch den
@@ -18752,18 +18718,18 @@ den Brief auf. Er hielt inne und sagte nach einer Weile:
</p>
<p>
-Ja, sie habe geträumt von Susanna und dem Briefe.
+Ja, sie habe geträumt von Susanna und dem Briefe.
</p>
<p>
&bdquo;Ich habe ja jeden Tag an den Brief gedacht und
an Susanna und schob es doch von Tag zu Tag hinaus
ihn abzugeben,&ldquo; sagte Adele. &bdquo;Es ist also nicht zu verwundern,
-daß ich davon träumte. Ich habe geträumt,
+daß ich davon träumte. Ich habe geträumt,
ich ginge mit Susanna zum Bade. Wir unterhielten uns
<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a>
-und plötzlich sagte sie etwas von einem Briefe und ich
-lachte, denn ich wußte ja nichts von einem Briefe. Aber
+und plötzlich sagte sie etwas von einem Briefe und ich
+lachte, denn ich wußte ja nichts von einem Briefe. Aber
am Morgen erinnerte ich mich an den Traum und nahm
mir vor, den Brief aus dem Hause zu schaffen.&ldquo;
</p>
@@ -18773,31 +18739,31 @@ Grau sah Adele an.
</p>
<p>
-Und Adele zuckte ein wenig die Achseln und fügte
+Und Adele zuckte ein wenig die Achseln und fügte
hinzu: &bdquo;Ich wollte Ruhe haben. Ich liebe es nicht, an
-Verstorbene zu denken. Ich weiß nicht warum.&ldquo;
+Verstorbene zu denken. Ich weiß nicht warum.&ldquo;
</p>
<p>
-Sie ging. Grau gab ihr das Geleite bis zur Gartentüre.
-Man fühlte, wie man sich durch die Wärme hindurch
-gleichsam Bahn brechen mußte, und Duft und
-Schwüle der Luft betäubten ein wenig. Adeles reiches
-Haar sprühte wie eine schwarze Flamme und hob sich
+Sie ging. Grau gab ihr das Geleite bis zur Gartentüre.
+Man fühlte, wie man sich durch die Wärme hindurch
+gleichsam Bahn brechen mußte, und Duft und
+Schwüle der Luft betäubten ein wenig. Adeles reiches
+Haar sprühte wie eine schwarze Flamme und hob sich
scharf vom tiefblauen Himmel ab. Es war das einzige
-ringsumher, das schwarz war, denn alles war grün,
+ringsumher, das schwarz war, denn alles war grün,
golden und blau.
</p>
<p>
-An der Türe sagte Grau: &bdquo;Ich habe gehört, Sie reisen
+An der Türe sagte Grau: &bdquo;Ich habe gehört, Sie reisen
bald?&ldquo;
</p>
<p>
Ja, bald ginge es fort. Adele lachte und blickte in
-die Luft empor, wo die Mücken über dem heißen Wege
-tanzten. &bdquo;Es ist übrigens nicht ganz sicher, ob ich so bald
+die Luft empor, wo die Mücken über dem heißen Wege
+tanzten. &bdquo;Es ist übrigens nicht ganz sicher, ob ich so bald
reise,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Aber ich freue mich darauf, fortzukommen,
hinaus in die Welt. Nur denke ich zuweilen
&mdash;&ldquo;
@@ -18808,13 +18774,13 @@ hinaus in die Welt. Nur denke ich zuweilen
</p>
<p>
-&bdquo;Ich weiß nicht, ob ich für die Ehe geschaffen bin,
+&bdquo;Ich weiß nicht, ob ich für die Ehe geschaffen bin,
denke ich zuweilen. Wenn ich den Baron nicht so sehr
liebte, aber ich liebe ihn ja so sehr.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau sah sie an. Schön und stark war sein Blick.
+Grau sah sie an. Schön und stark war sein Blick.
</p>
<p>
@@ -18823,92 +18789,92 @@ Grau sah sie an. Schön und stark war sein Blick.
<p>
<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a>
-&bdquo;Es ist mir bange um Sie!&ldquo; sagte Grau und er wußte
+&bdquo;Es ist mir bange um Sie!&ldquo; sagte Grau und er wußte
nicht wie ihm die Worte auf die Lippen kamen.
</p>
<p>
-Adele öffnete die Lippen und erbleichte ein wenig.
+Adele öffnete die Lippen und erbleichte ein wenig.
&bdquo;Bange?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja!&ldquo; fuhr Grau fort &mdash; und plötzlich verlor er die
-Sicherheit, er wurde verlegen und setzte höflich hinzu:
-&bdquo;Ich bitte Sie recht herzlich, den Schritt reiflich zu überlegen.&ldquo;
+&bdquo;Ja!&ldquo; fuhr Grau fort &mdash; und plötzlich verlor er die
+Sicherheit, er wurde verlegen und setzte höflich hinzu:
+&bdquo;Ich bitte Sie recht herzlich, den Schritt reiflich zu überlegen.&ldquo;
</p>
<p>
Adele sah ihn an und ihr Blick senkte sich tief in
-seine Augen. Sie lächelte. Sie schüttelte leise den Kopf,
+seine Augen. Sie lächelte. Sie schüttelte leise den Kopf,
als ob sie ihn nicht verstanden habe und sagte hauchend:
&bdquo;Adieu!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, ich bitte Sie, den Schritt ja zu überlegen!&ldquo; wiederholte
+&bdquo;Ja, ich bitte Sie, den Schritt ja zu überlegen!&ldquo; wiederholte
Grau.
</p>
<p>
Adele nickte ihm zu. &bdquo;Adieu!&ldquo; sagte sie und ging
langsam und stolz weiter, als ob nichts ihre Ruhe
-trübte.
+trübte.
</p>
<p>
-Grau ging in großer Erregung ins Haus zurück. Wie
-kam es doch, daß ich plötzlich sprach! dachte er. Ich
+Grau ging in großer Erregung ins Haus zurück. Wie
+kam es doch, daß ich plötzlich sprach! dachte er. Ich
wollte es ja gar nicht. Adeles Gestalt verschwand zwischen
-den Zweigen und sein Herz pochte so laut, daß er die
-Hand auf die Brust legen mußte.
+den Zweigen und sein Herz pochte so laut, daß er die
+Hand auf die Brust legen mußte.
</p>
<p>
-Nun war sie verschwunden! Er zitterte, mußte sich
-setzen, stand wieder auf, streckte die Hände nach den Büschen
+Nun war sie verschwunden! Er zitterte, mußte sich
+setzen, stand wieder auf, streckte die Hände nach den Büschen
aus, hinter denen sie verschwunden war.
</p>
<p>
Erst nach langer Zeit gelang es ihm sich zu beherrschen.
-Er öffnete Susannas Brief und so bald er ihre Schrift
+Er öffnete Susannas Brief und so bald er ihre Schrift
sah, wurde er ruhig.
</p>
<div class="letter">
<p>
-&bdquo;Mein Geliebter,&ldquo; schrieb Susanna, &bdquo;Du süßester
+&bdquo;Mein Geliebter,&ldquo; schrieb Susanna, &bdquo;Du süßester
aller Menschen! Wolle Gott, der Gott an den Du
<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a>
-glaubst, Dich glücklich machen, glücklich und reich. Oft
+glaubst, Dich glücklich machen, glücklich und reich. Oft
bete ich so.
</p>
<p>
Ich bin nun tot und wenn Du hundert Schritte
gehst, so stehst Du an meinem Grabe. Du sollst es
-nicht tun, ich will nicht, daß Du oft an mein Grab
+nicht tun, ich will nicht, daß Du oft an mein Grab
gehst. Es ist so wenig Sinn darin, denke ich. Kannst
-Du denken, daß ich vor Dir stehe? Siehst Du meine
-Augen und kannst Du Dich an meine Züge erinnern?
-Das tue zuweilen! Kannst Du fühlen, daß ich diesen
+Du denken, daß ich vor Dir stehe? Siehst Du meine
+Augen und kannst Du Dich an meine Züge erinnern?
+Das tue zuweilen! Kannst Du fühlen, daß ich diesen
Brief mit Dir lese und meine Wange an die Deine
schmiege, so wie ich es oft getan habe, wenn wir zusammen
-in den Büchern blätterten?
+in den Büchern blätterten?
</p>
<p>
Du sollst nicht an mich denken. Zuweilen, aber
-nicht oft. Denke an mich, wenn Du fröhlich bist, aber
+nicht oft. Denke an mich, wenn Du fröhlich bist, aber
nicht zu oft. Denke nicht an mich, wenn Du traurig bist.
</p>
<p>
-Vielleicht siehst Du ein Mädchen und Du liebst es.
-Dann küsse sie und vergiß mich ganz. Ich will, daß
-Du glücklich bist und Glück um Dich streust.
+Vielleicht siehst Du ein Mädchen und Du liebst es.
+Dann küsse sie und vergiß mich ganz. Ich will, daß
+Du glücklich bist und Glück um Dich streust.
</p>
<p>
@@ -18916,54 +18882,54 @@ So spricht mein Herz.
</p>
<p>
-Ja, ich liebe Dich. Bei Gott, aufrichtiger könnte
-Dich keine Frau lieben! Ist es ein Wunder, daß ich über
-diesen Brief weine? Ich liebe Mütterchen, aber ich
+Ja, ich liebe Dich. Bei Gott, aufrichtiger könnte
+Dich keine Frau lieben! Ist es ein Wunder, daß ich über
+diesen Brief weine? Ich liebe Mütterchen, aber ich
liebe Dich hundertmal mehr und kenne Dich doch noch
nicht lange.
</p>
<p>
-O, du süßester aller, aller Menschen! Wenn ich
-nur ein Herz hätte, so hätte ich alles gesagt. Aber
+O, du süßester aller, aller Menschen! Wenn ich
+nur ein Herz hätte, so hätte ich alles gesagt. Aber
ich habe zwei Herzen und sie wollen nicht das
gleiche.
</p>
<p>
-Mein zweites Herz, das möchte viele Dinge, die
-das erste Herz nicht wünscht. Es wünscht Dir ebenfalls
+Mein zweites Herz, das möchte viele Dinge, die
+das erste Herz nicht wünscht. Es wünscht Dir ebenfalls
<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a>
-Glück, aber es ist traurig, daß es dieses Glück
+Glück, aber es ist traurig, daß es dieses Glück
nicht mit Dir leben kann.
</p>
<p>
-Es hat gewünscht, daß Du einmal meine Brust
-küssen möchtest und nun wünscht es, daß Du recht
+Es hat gewünscht, daß Du einmal meine Brust
+küssen möchtest und nun wünscht es, daß Du recht
oft die hundert Schritte zu meinem Grabe machen
-würdest und Dich niederwerfen und die Erde aufwühlen
-&mdash; das wünscht mein zweites Herz und es bebt vor
+würdest und Dich niederwerfen und die Erde aufwühlen
+&mdash; das wünscht mein zweites Herz und es bebt vor
Freude &mdash; obgleich mein erstes Herz es nicht wollte.
-Es wünscht, daß Du vor Kummer sterben solltest, ja,
-es wünscht, daß Du nie mehr eine Frau küssest, denn
+Es wünscht, daß Du vor Kummer sterben solltest, ja,
+es wünscht, daß Du nie mehr eine Frau küssest, denn
es will Dich ganz allein haben. Ganz, ganz allein.
</p>
<p>
Mein zweites Herz kennt eine Frau, vor der es zittert.
-Denn diese Frau könnte jede Erinnerung an mich auslöschen.
+Denn diese Frau könnte jede Erinnerung an mich auslöschen.
Ich habe gesehen, wie Du diese Frau anblicktest,
-es saßen viele Mädchen in meinem Zimmer, aber Du
+es saßen viele Mädchen in meinem Zimmer, aber Du
blicktest jene Frau mit andern Augen an als alle. Mein
-erstes Herz wünscht, daß jene Frau Dich liebe, aber
-das andre zittert davor. Laß es ruhig sein und schweigen.
+erstes Herz wünscht, daß jene Frau Dich liebe, aber
+das andre zittert davor. Laß es ruhig sein und schweigen.
</p>
<p>
-Laß mein erstes Herz sprechen: Lebe wohl, Du gütiger,
-und vergiß mich so, daß Du nicht mehr leidest. Sei
-glücklich und liebe, liebe alle Frauen, so viele du willst.
+Laß mein erstes Herz sprechen: Lebe wohl, Du gütiger,
+und vergiß mich so, daß Du nicht mehr leidest. Sei
+glücklich und liebe, liebe alle Frauen, so viele du willst.
</p>
<p>
@@ -18972,21 +18938,21 @@ um mit Dir zu sprechen.
</p>
<p>
-Süß ist der Gedanke, süß und schön und er lockte
+Süß ist der Gedanke, süß und schön und er lockte
mich. Es ist nicht wahr, was mein zweites Herz sagt:
-Komm aus dem Tode zu ihm um Gewalt über ihn
+Komm aus dem Tode zu ihm um Gewalt über ihn
zu haben, um ihn nicht frei zu lassen. Nein. Du sollst
-ja nur fühlen, wie sehr ich Dich liebe, daß ich noch
-nach dem Tode zu Dir zu sprechen wünsche. Das ist
+ja nur fühlen, wie sehr ich Dich liebe, daß ich noch
+nach dem Tode zu Dir zu sprechen wünsche. Das ist
die Wahrheit.
</p>
<p>
<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a>
Lieber, es ist all diese Tage ein Gedanke in mir,
-ich kämpfe mit ihm. Würdest Du mir schwören, zu
+ich kämpfe mit ihm. Würdest Du mir schwören, zu
keiner andern Frau mehr von Liebe zu sprechen? Mein
-zweites Herz flüsterte mir den Gedanken ins Ohr. Wenn
+zweites Herz flüsterte mir den Gedanken ins Ohr. Wenn
ich schwach werden sollte und Du solltest mir das Versprechen
geben &mdash; ach, verzeihe mir dann, ich bin es
ja nicht, die das will &mdash; Du bist frei, es gibt kein
@@ -18995,24 +18961,24 @@ geben!
</p>
<p>
-Lebe wohl, ich küsse Dich zum letzenmal. Es ist
+Lebe wohl, ich küsse Dich zum letzenmal. Es ist
schwer zu gehen, aber lebe wohl. Lebe wohl, ich winke,
-lebe wohl, Du siehst mich nicht mehr. Lebe wohl für
+lebe wohl, Du siehst mich nicht mehr. Lebe wohl für
immer! Deine Susanna.&ldquo;
</p>
</div>
<p>
-Grau saß und das Blut schoß ihm in das Gesicht.
-Dann tastete er sich hinaus, durch die Türe hindurch,
-in das Schlafzimmer, dessen Läden geschlossen waren.
+Grau saß und das Blut schoß ihm in das Gesicht.
+Dann tastete er sich hinaus, durch die Türe hindurch,
+in das Schlafzimmer, dessen Läden geschlossen waren.
Hier warf er sich auf das Bett und weinte.
</p>
<p>
Als Eisenhut am Abend zur Stunde kam, fand er
-Grau in seiner Stube damit beschäftigt, Noten auf ein
+Grau in seiner Stube damit beschäftigt, Noten auf ein
Blatt zu schreiben.
</p>
@@ -19022,7 +18988,7 @@ Blatt zu schreiben.
<p>
&bdquo;Ich schreibe ein kleines Lied,&ldquo; antwortete Grau und
-lächelte und Eisenhut wunderte sich über seine zitternde
+lächelte und Eisenhut wunderte sich über seine zitternde
Stimme.
</p>
@@ -19040,27 +19006,27 @@ Stimme.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ie erstaunt war Adele doch, als sie das Gitter öffnete
-und plötzlich Grau im Dämmerlichte stehen sah.
+<span class="firstchar">W</span>ie erstaunt war Adele doch, als sie das Gitter öffnete
+und plötzlich Grau im Dämmerlichte stehen sah.
Er wartete hier, das konnte sie wohl sehen.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie sind hier?&ldquo; sagte sie und gab sich Mühe ihre
-Überraschung zu verbergen. Sie sah ihn freundlich an
-und lächelte leise. Ein seidnes Tuch von roter Farbe lag
-lässig auf ihren Schultern.
+&bdquo;Sie sind hier?&ldquo; sagte sie und gab sich Mühe ihre
+Überraschung zu verbergen. Sie sah ihn freundlich an
+und lächelte leise. Ein seidnes Tuch von roter Farbe lag
+lässig auf ihren Schultern.
</p>
<p>
Der Abend war soeben gekommen und er war herrlich;
die Luft war warm und dicht und man konnte sie gleichsam
-mit den Händen greifen. Sie hüllte einen vollkommen
+mit den Händen greifen. Sie hüllte einen vollkommen
ein wie ein warmes Bad. In der Stadt klangen Laute,
-Singen, Lachen, die Grillen zirpten, die Frösche lärmten
+Singen, Lachen, die Grillen zirpten, die Frösche lärmten
in der Ferne, aber hier oben war es auffallend still. Obgleich
die Schatten schon tief und verschwiegen lagen, so
-sah man doch noch Gesicht und Hände, gleichsam leuchtend.
+sah man doch noch Gesicht und Hände, gleichsam leuchtend.
Grau sah jeden Zug in Adeles Gesicht und doch war es
ringsum dunkel.
</p>
@@ -19070,29 +19036,29 @@ Er nahm den Hut ab.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, ich bin hier,&ldquo; antwortete er und trat näher. &bdquo;Verzeihen
-Sie mir, es ist gewiß nicht schön vor einem Hause
+&bdquo;Ja, ich bin hier,&ldquo; antwortete er und trat näher. &bdquo;Verzeihen
+Sie mir, es ist gewiß nicht schön vor einem Hause
zu stehen und zu warten. Aber ich wollte nicht hineingehen.
-Ich warte schon seit vielen Tagen, Fräulein von
-Hennenbach, ich möchte mit Ihnen sprechen. Ich habe
-erfahren, daß Sie morgen reisen.&ldquo;
+Ich warte schon seit vielen Tagen, Fräulein von
+Hennenbach, ich möchte mit Ihnen sprechen. Ich habe
+erfahren, daß Sie morgen reisen.&ldquo;
</p>
<p>
Adele zog das Tuch fester um die Schultern. &bdquo;Ja,
-morgen früh.&ldquo; Sie lächelte und schloß das Gitter. &bdquo;Es
-ist ganz zufällig, daß ich ausgehe.&ldquo;
+morgen früh.&ldquo; Sie lächelte und schloß das Gitter. &bdquo;Es
+ist ganz zufällig, daß ich ausgehe.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich wußte, daß ich Sie heute treffen würde!&ldquo;
+&bdquo;Ich wußte, daß ich Sie heute treffen würde!&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a>
-Adele sah ihn mit großen Augen an. &bdquo;Bitte?&ldquo; sagte
+Adele sah ihn mit großen Augen an. &bdquo;Bitte?&ldquo; sagte
sie dann und das kleine Wort verriet ihre Bereitwilligkeit
-ihn anzuhören und alle Nachsicht. &bdquo;Wollen wir ein
+ihn anzuhören und alle Nachsicht. &bdquo;Wollen wir ein
wenig gehen?&ldquo;
</p>
@@ -19129,12 +19095,12 @@ senkte den Blick.
</p>
<p>
-Adele schüttelte den Kopf und lächelte. &bdquo;Ich glaube
+Adele schüttelte den Kopf und lächelte. &bdquo;Ich glaube
wohl zu wissen, weshalb Sie fragen, Herr Grau. Sie
haben ja vor einigen Tagen schon eine Andeutung gemacht,
-die ich nicht mißverstehen konnte! Sprechen Sie,
+die ich nicht mißverstehen konnte! Sprechen Sie,
bitte, nicht mehr davon. Sagen Sie doch selbst, kann
-ich denn das anhören?&ldquo;
+ich denn das anhören?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -19143,53 +19109,53 @@ Grau.
</p>
<p>
-Adele lächelte.
+Adele lächelte.
</p>
<p>
&bdquo;Ich will gerne heute noch ein wenig mit Ihnen
plaudern,&ldquo; sagte sie leise. &bdquo;Sie sind mein Freund und
-darüber bin ich froh. Aber Sie müssen solche Dinge
+darüber bin ich froh. Aber Sie müssen solche Dinge
<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a>
-nicht sagen. Ich freue mich, daß ich Sie noch zufällig
+nicht sagen. Ich freue mich, daß ich Sie noch zufällig
getroffen habe, aber &mdash; nein, nein, nein, all diese Dinge.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau wollte sprechen, aber sie ließ es nicht zu. &bdquo;Sie
-sind so merkwürdig,&ldquo; sagte sie und lachte leise, gleichsam
-heiter, &bdquo;Sie kümmern sich um mich, Sie ängstigen
+Grau wollte sprechen, aber sie ließ es nicht zu. &bdquo;Sie
+sind so merkwürdig,&ldquo; sagte sie und lachte leise, gleichsam
+heiter, &bdquo;Sie kümmern sich um mich, Sie ängstigen
sich um mich &mdash; so sonderbar sind Sie manchmal.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es ist vielleicht mein Fehler, daß ich mich zuweilen
-zu sehr um die Angelegenheiten anderer bekümmere,&ldquo;
+&bdquo;Es ist vielleicht mein Fehler, daß ich mich zuweilen
+zu sehr um die Angelegenheiten anderer bekümmere,&ldquo;
entschuldigte sich Grau.
</p>
<p>
-Sie gingen bergan. Auf der Höhe schimmerte der
+Sie gingen bergan. Auf der Höhe schimmerte der
Widerschein einer erblassenden Abendwolke im Laub der
-Bäume. Unter ihnen lag die Dämmerung wie ein weiches
+Bäume. Unter ihnen lag die Dämmerung wie ein weiches
Dunkel. Es raschelte zuweilen in den Zweigen, das
-waren Vögel, die zur Ruhe gingen. Es knackte da und
+waren Vögel, die zur Ruhe gingen. Es knackte da und
dort, aber je tiefer sie in den Wald eindrangen, desto
stiller wurde es. Die Stimmen des Tales waren erloschen
-und den Lärm der Frösche hörten sie nur noch
-einmal gedämpft, als sie einen kreuzenden Weg überschritten,
+und den Lärm der Frösche hörten sie nur noch
+einmal gedämpft, als sie einen kreuzenden Weg überschritten,
der wie ein Kamin zur Stadt hinablief.
</p>
<p>
-Dann begann Adele mit gleichmütiger Stimme zu
+Dann begann Adele mit gleichmütiger Stimme zu
sprechen. &bdquo;Sie haben ja Urlaub genommen, Herr Grau,&ldquo;
sagte sie, &bdquo;ich habe es gelesen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ja, das habe ich getan,&ldquo; antwortete Grau und
-dachte an ganz andere Dinge. &bdquo;Ich habe gemußt. Der
+dachte an ganz andere Dinge. &bdquo;Ich habe gemußt. Der
Herr Dekan hat es mir nahe gelegt.&ldquo;
</p>
@@ -19198,38 +19164,38 @@ Wie solle man das verstehen?
</p>
<p>
-&bdquo;Und doch ist es so. Übrigens, wenn der Herr Dekan
-nicht so liebenswürdig gewesen wäre, so könnte ich nun
-die größten Schwierigkeiten haben; bei der Behörde bin ich
-schlecht angeschrieben. Man setzte zuerst große Hoffnungen
+&bdquo;Und doch ist es so. Übrigens, wenn der Herr Dekan
+nicht so liebenswürdig gewesen wäre, so könnte ich nun
+die größten Schwierigkeiten haben; bei der Behörde bin ich
+schlecht angeschrieben. Man setzte zuerst große Hoffnungen
<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a>
-auf mich, aber ich scheine sie leider nicht zu erfüllen.
-Da kam diese Broschüre über die Gefängnisse, andere
-Flugschriften, das Begräbnis der Margarete Sammet,
+auf mich, aber ich scheine sie leider nicht zu erfüllen.
+Da kam diese Broschüre über die Gefängnisse, andere
+Flugschriften, das Begräbnis der Margarete Sammet,
dann meine Predigten. Ich kann nichts anderes predigen
-als was ich glaube. Schwierigkeiten über Schwierigkeiten.
-Dazu kam noch jene Affäre mit der Kollekte
-für innere Mission. Sie haben nicht davon gehört?
-Auf irgend eine Weise ist nämlich die Geschichte doch
-bekannt geworden, obgleich der Herr Dekan in liebenswürdiger
+als was ich glaube. Schwierigkeiten über Schwierigkeiten.
+Dazu kam noch jene Affäre mit der Kollekte
+für innere Mission. Sie haben nicht davon gehört?
+Auf irgend eine Weise ist nämlich die Geschichte doch
+bekannt geworden, obgleich der Herr Dekan in liebenswürdiger
Weise die Sache zu verdecken versuchte. Wie?
Sehr einfach. Ich sollte die Kollekte abliefern, aber ich
-vergaß es, zum ersten Mal in meinem Leben ist mir
+vergaß es, zum ersten Mal in meinem Leben ist mir
das passiert, etwas zu vergessen. Ich war in jener Zeit
-sehr beschäftigt. Kurz und gut, ich vergaß es und der
+sehr beschäftigt. Kurz und gut, ich vergaß es und der
Herr Dekan kam zu einer langen Auseinandersetzung.
-Er bemühte sich persönlich in mein Haus. Wegen der
-Gegenstände, die ich verschenkt und verliehen habe, obgleich
-sie zum Inventar des Pfarrhauses gehören, machte
+Er bemühte sich persönlich in mein Haus. Wegen der
+Gegenstände, die ich verschenkt und verliehen habe, obgleich
+sie zum Inventar des Pfarrhauses gehören, machte
er wenig Worte. Hm, hm. Aber alle die andern Dinge,
diese heillosen Dinge. Besonders die Pfingstpredigt im
Freien. Zuletzt kam die Kollekte daran. Ja, bei Gott,
ich hatte sie vergessen. Es waren vierzehn Mark. Ich
wollte sie dem Dekan geben, ich hatte sie in eine Schachtel
gelegt. Aber das Geld war fort, es war gar nichts
-mehr da. Nun sang zum Unglück der Handwerksbursche
-im Nebenzimmer und da wurde der Dekan ärgerlich.
-Es vertrage sich doch nicht gut mit meiner Würde, Handwerksburschen
+mehr da. Nun sang zum Unglück der Handwerksbursche
+im Nebenzimmer und da wurde der Dekan ärgerlich.
+Es vertrage sich doch nicht gut mit meiner Würde, Handwerksburschen
zu beherbergen &mdash; sagte er.&ldquo;
</p>
@@ -19250,26 +19216,26 @@ diese Leute Ihnen sagen?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Natürlich glaube ich es. Und die Papiere sind wirklich
+&bdquo;Natürlich glaube ich es. Und die Papiere sind wirklich
nicht ganz in Ordnung gewesen. Die Kollekte also
war verschwunden. Ich habe das Geld am Abend zuvor
-in die Schachtel gelegt, muß es aber in Gedanken herausgenommen
+in die Schachtel gelegt, muß es aber in Gedanken herausgenommen
und verwendet haben &mdash; es war ja nicht
mehr da. Der Dekan sagte: Nun, Sie haben den Betrag
vielleicht verlegt &mdash; verlegt &mdash; senden Sie ihn mir bis
-morgen früh zehn Uhr, bitte. Er war sehr gütig, er
-hätte mir ja große Schwierigkeiten bereiten können.
+morgen früh zehn Uhr, bitte. Er war sehr gütig, er
+hätte mir ja große Schwierigkeiten bereiten können.
Eisenhut lieh mir das Geld gerne und damit war die
Sache in Ordnung gebracht.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Nach dem Urlaub werden Sie aber wieder hierher
-zurückkehren?&ldquo; erkundigte sich Adele.
+zurückkehren?&ldquo; erkundigte sich Adele.
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Ich glaube es nicht, ich werde wahrscheinlich
+Grau lächelte. &bdquo;Ich glaube es nicht, ich werde wahrscheinlich
entlassen werden.&ldquo;
</p>
@@ -19278,11 +19244,11 @@ Adele blieb stehen. &bdquo;Sie werden entlassen werden?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte wieder. &bdquo;Ja,&ldquo; sagte er, &bdquo;weshalb
+Grau lächelte wieder. &bdquo;Ja,&ldquo; sagte er, &bdquo;weshalb
denn nicht? Ich mache zu viele Schwierigkeiten. &mdash;
-Übrigens, um offen zu sein, ich werde selbst um Entlassung
-einkommen. Ich kehre nicht mehr hierher zurück,&ldquo;
-setzte er leise, wie beschämt, hinzu. &bdquo;Es gibt so viele
+Übrigens, um offen zu sein, ich werde selbst um Entlassung
+einkommen. Ich kehre nicht mehr hierher zurück,&ldquo;
+setzte er leise, wie beschämt, hinzu. &bdquo;Es gibt so viele
Dinge, die sich mit meinen Anschauungen, trotz des besten
Willens &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -19295,26 +19261,26 @@ Was er aber dann beginnen wolle?
Grau lachte leicht. &bdquo;Das?&ldquo; sagte er, &bdquo;Oh, das macht
mir nicht die geringsten Bedenken. Ich finde auch in
<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a>
-einem andern Beruf ein großes Arbeitsfeld. Ich werde
-Medizin studieren, ich trug mich schon früher mit dem
+einem andern Beruf ein großes Arbeitsfeld. Ich werde
+Medizin studieren, ich trug mich schon früher mit dem
Gedanken.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Also Arzt wollen Sie werden?&ldquo; rief Adele freudig
-aus. &bdquo;Ich liebe die Ärzte. Was für ein Arzt?&ldquo;
+aus. &bdquo;Ich liebe die Ärzte. Was für ein Arzt?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nun, ein guter Arzt, denke ich, für die, die krank
-sind,&ldquo; erwiderte Grau lächelnd.
+&bdquo;Nun, ein guter Arzt, denke ich, für die, die krank
+sind,&ldquo; erwiderte Grau lächelnd.
</p>
<p>
Sie kamen an eine Lichtung und sahen tief unten
die Stadt mit ihren blinzelnden Lichtern liegen. Man
sah Adeles Park. Hier duftete es stark nach Honig.
-Ein Insekt schwirrte über den Kräutern.
+Ein Insekt schwirrte über den Kräutern.
</p>
<p>
@@ -19326,132 +19292,132 @@ Ein Insekt schwirrte über den Kräutern.
</p>
<p>
-Sie stiegen höher und plötzlich sahen sie den Mond
+Sie stiegen höher und plötzlich sahen sie den Mond
in einem Himmel so dunkelblau wie ein Kirchenfenster
stehen. Er erschien wie ein bleiches Gesicht, das voll
namenloser Sehnsucht immerzu in die ferne Sonne
-starrte. Sie kamen ganz auf die Höhe und Adele war
-überrascht, eine Ebene vor sich zu sehen. Sie hatte gedacht,
+starrte. Sie kamen ganz auf die Höhe und Adele war
+überrascht, eine Ebene vor sich zu sehen. Sie hatte gedacht,
es gehe hier wieder bergab. Im Mondschein lag
-ein kleines kalkweißes Dorf. Die Ebene sah auffallend
+ein kleines kalkweißes Dorf. Die Ebene sah auffallend
hell aus im Licht des Mondes, die Grillen zirpten in
den Feldern und ihr schrilles feilendes Gezirpe schien alles
ringsum in Silber zu verwandeln. Einen Augenblick
-lang blickte Adele auf das kalkweiße, gespensterhaft aussehende
+lang blickte Adele auf das kalkweiße, gespensterhaft aussehende
Dorf, dann wandte sie sich wieder dem Walde
-zu. Hier war es warm und schwül. Der Mond lag
-in Streifen und silbernen Tümpeln im Walde und auf
-dem Wege und warf fortwährend ein glitzerndes Netz
-über Adele, gleichsam um sie darin zu fangen; sie aber
+zu. Hier war es warm und schwül. Der Mond lag
+in Streifen und silbernen Tümpeln im Walde und auf
+dem Wege und warf fortwährend ein glitzerndes Netz
+über Adele, gleichsam um sie darin zu fangen; sie aber
<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a>
-schlüpfte jedesmal aus dem Netze heraus. Sie sah zu
+schlüpfte jedesmal aus dem Netze heraus. Sie sah zu
Boden.
</p>
<p>
-Wie schön war es doch an ihrer Seite zu gehen!
+Wie schön war es doch an ihrer Seite zu gehen!
</p>
<p>
-Graus Seele füllte sich mit Heiterkeit. Er ging leicht
-und lautlos, er lächelte, und nie hatte er den Wald stärker
-gerochen. Er sah und hörte mit wacheren Sinnen. So
-schön war alles, solch feine Geräusche waren da drinnen
+Graus Seele füllte sich mit Heiterkeit. Er ging leicht
+und lautlos, er lächelte, und nie hatte er den Wald stärker
+gerochen. Er sah und hörte mit wacheren Sinnen. So
+schön war alles, solch feine Geräusche waren da drinnen
in der Tiefe.
</p>
<p>
-In seiner Seele begann es zu singen. Laß uns gehen
-durch die Wälder, laß uns wandeln in den Au&rsquo;n! sang
+In seiner Seele begann es zu singen. Laß uns gehen
+durch die Wälder, laß uns wandeln in den Au&rsquo;n! sang
es in seiner Seele ganz von selbst. Er lachte leise und
-räusperte sich.
+räusperte sich.
</p>
<p>
In seinem Kopfe wisperten die Gedanken &mdash; und
-sie flüsterten im Rhythmus der Schritte. Er wehrte ihnen
-nicht. Gib deinem Kinde Mondscheinnächte, flüsterten sie
+sie flüsterten im Rhythmus der Schritte. Er wehrte ihnen
+nicht. Gib deinem Kinde Mondscheinnächte, flüsterten sie
(weshalb sagten sie doch Kinde?), gib ihm Sonnenschein,
Wald und Feld. Gib ihm den Anblick der Tiere. Es
ist wichtig, wieviele Sonnentage es erlebte. Die Formen,
die Farben, das Werk der Wurzeln, das Werk der Wipfel,
sie bauen die Seele und machen sie reich. Von den
-Tieren lernt es Schönheit der Bewegung, Adel des
-Blickes, Fassung und Ruhe &mdash; ohne daß der Mensch es
-weiß &mdash; hahaha &mdash; der Mensch weiß ja nichts &mdash;
+Tieren lernt es Schönheit der Bewegung, Adel des
+Blickes, Fassung und Ruhe &mdash; ohne daß der Mensch es
+weiß &mdash; hahaha &mdash; der Mensch weiß ja nichts &mdash;
</p>
<p>
-Er lachte leise. Wie merkwürdig das war! Er verlor
-alle Befangenheit und er fühlte wie seine Wangen
-vor Freude heiß wurden.
+Er lachte leise. Wie merkwürdig das war! Er verlor
+alle Befangenheit und er fühlte wie seine Wangen
+vor Freude heiß wurden.
</p>
<p>
&bdquo;Wie es duftet!&ldquo; begann er mit freier klarer Stimme.
&bdquo;Es riecht, als ob der Wald eine Pfanne voll Harz und
-Wurzeln wäre. So schön! Wie regungslos diese Fichten
+Wurzeln wäre. So schön! Wie regungslos diese Fichten
dastehen, nicht wahr? Und sehen Sie die Sterne, die
<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a>
-durch die Wipfel blitzen? Da ist besonders ein großer,
+durch die Wipfel blitzen? Da ist besonders ein großer,
geschliffener Stern, der immer wieder auftaucht und im
Walde umherleuchtet, als suche er etwas, etwa Sie.
Eben wieder! Wie herrlich! Dann dieser Friede, bei
-Gott! Er durchdringt einen. Ich habe auch das Gefühl,
-als ob der Herr des Waldes in der Nähe wäre, der
+Gott! Er durchdringt einen. Ich habe auch das Gefühl,
+als ob der Herr des Waldes in der Nähe wäre, der
Geist des Waldes. Er schleicht neben uns her, belauscht
uns, beobachtet uns, zuweilen glaubt man seine Augen
-sehen zu können, aber sobald man hinblickt, zieht er sich
-ins Dunkel zurück. Die Nacht ist wundervoll! Ja, diese
-Nacht ist so herrlich! Fühlen Sie? Sprechen Sie ein
-wenig, es ist so schön die Stimme einer Frau des Nachts
-im Walde zu hören. Ihre Stimme ist sehr schön und
-weich. Sie sprechen auch ein wenig eigentümlich, einen
+sehen zu können, aber sobald man hinblickt, zieht er sich
+ins Dunkel zurück. Die Nacht ist wundervoll! Ja, diese
+Nacht ist so herrlich! Fühlen Sie? Sprechen Sie ein
+wenig, es ist so schön die Stimme einer Frau des Nachts
+im Walde zu hören. Ihre Stimme ist sehr schön und
+weich. Sie sprechen auch ein wenig eigentümlich, einen
fremden Akzent &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Das ist gemacht,&ldquo; sagte Adele. &bdquo;Ich liebe das Fremde!&ldquo;
-Sie lächelte und sah Grau an, dann blickte sie wieder
+Sie lächelte und sah Grau an, dann blickte sie wieder
zu Boden und fuhr fort: &bdquo;Wie leid tut es mir nun
-doch, daß Sie auf dem Liederkranzball nicht in ein Gespräch
-mit dem Baron gekommen sind, Sie würden eine ganz
+doch, daß Sie auf dem Liederkranzball nicht in ein Gespräch
+mit dem Baron gekommen sind, Sie würden eine ganz
andere Meinung von ihm bekommen haben. Er ist sehr
-gebildet und sehr klug und liebenswürdig. Freilich, er
-ist zumeist so müde, daß er nicht spricht. Er liebt das
+gebildet und sehr klug und liebenswürdig. Freilich, er
+ist zumeist so müde, daß er nicht spricht. Er liebt das
Herrische, er hat zwei schwere Duelle ausgefochten; wegen
seines Armes konnte er ja nicht dienen, aber er ist trotzdem
mit Leib und Seele Offizier. Ich liebe ebenfalls
das Heldenhafte, Kampf und Krieg und was es auch
sein mag. Das Leben aufs Spiel setzen, ein Leben unter
Gefahr &mdash; ich liebe das! Der Baron ist ja nicht gerade
-schön, aber er sieht sehr gut aus, männlich sieht er aus,
+schön, aber er sieht sehr gut aus, männlich sieht er aus,
<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a>
sogar etwas rauh. Aber so soll ein Mann aussehen.
-Ich habe Ihnen schon gesagt, daß er etwas altmodisch
-denkt, das ist der Einfluß seiner Familie, seiner Mutter
-und Tanten &mdash; er sagt zum Beispiel, der Mann gehört
+Ich habe Ihnen schon gesagt, daß er etwas altmodisch
+denkt, das ist der Einfluß seiner Familie, seiner Mutter
+und Tanten &mdash; er sagt zum Beispiel, der Mann gehört
auf die Jagd und die Frau ins Boudoir, der Mann ist
-der Beschützer der Frau und betet sie an, die Frau habe
-nichts anderes zu tun als schön zu sein und ihn zu lieben
+der Beschützer der Frau und betet sie an, die Frau habe
+nichts anderes zu tun als schön zu sein und ihn zu lieben
und ihre Kinder zu erziehen. Nun, Sie sagen gar nichts,
Herr Grau?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich habe kein Recht, mich zu äußern,&ldquo; antwortete
+&bdquo;Ich habe kein Recht, mich zu äußern,&ldquo; antwortete
Grau ausweichend.
</p>
<p>
-&bdquo;So müssen Sie es nicht auffassen, Herr Grau.&ldquo;
+&bdquo;So müssen Sie es nicht auffassen, Herr Grau.&ldquo;
Adele lachte leise. &bdquo;Es ist ja gut, wenn wir uns aussprechen,
nicht wahr? Vielleicht tun Sie dem Baron
doch unrecht &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich habe ja gar keine Meinung über den Baron,&ldquo;
+&bdquo;Ich habe ja gar keine Meinung über den Baron,&ldquo;
entgegnete Grau, &bdquo;ich kenne ihn ja gar nicht. Es handelt
sich ja auch nicht darum, ich glaube nur &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -19470,11 +19436,11 @@ habe kein Recht dazu.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau schüttelte den Kopf. &bdquo;Ich habe kein Recht
-dazu, Fräulein von Hennenbach. Aber ich kann eines
-eigentümlichen Gefühls nicht Herr werden &mdash; ich fühle
-das, fühle das so unsagbar stark &mdash; daß in Ihrem
-Verhältnisse zu dem Baron etwas nicht in Ordnung
+Grau schüttelte den Kopf. &bdquo;Ich habe kein Recht
+dazu, Fräulein von Hennenbach. Aber ich kann eines
+eigentümlichen Gefühls nicht Herr werden &mdash; ich fühle
+das, fühle das so unsagbar stark &mdash; daß in Ihrem
+Verhältnisse zu dem Baron etwas nicht in Ordnung
ist. Verzeihen Sie mir, bitte. Vielleicht ist Ihre
Neigung &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -19490,13 +19456,13 @@ Frau zu werden?&ldquo;
</p>
<p>
-Adele blickte auf den weißen Stamm einer kleinen
+Adele blickte auf den weißen Stamm einer kleinen
Birke, der im Mondlicht leuchtete, und sagte: &bdquo;Ich liebe
ihn, ja. Oft denke ich, ich liebe ihn nicht genug, aber
je mehr ich ihn kennen lerne, desto mehr liebe ich ihn.
Ganz abgesehen davon, zumeist sind sogenannte Vernunftehen
-glücklicher als Liebesheiraten &mdash; ich sage ja
-nicht, daß ich den Baron nicht liebe, aber &mdash;&ldquo;
+glücklicher als Liebesheiraten &mdash; ich sage ja
+nicht, daß ich den Baron nicht liebe, aber &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
@@ -19506,7 +19472,7 @@ zu werden,&ldquo; entgegnete Grau.
</p>
<p>
-Adele lachte leise. &bdquo;Sie sind ein Träumer!&ldquo; sagte
+Adele lachte leise. &bdquo;Sie sind ein Träumer!&ldquo; sagte
sie. &bdquo;Man nimmt die Ehe ja gar nicht so wichtig in
meinen Kreisen.&ldquo;
</p>
@@ -19516,84 +19482,84 @@ meinen Kreisen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;O nein,&ldquo; sagte Adele und fröstelte, während ihre
-Lippen lächelten.
+&bdquo;O nein,&ldquo; sagte Adele und fröstelte, während ihre
+Lippen lächelten.
</p>
<p>
-&bdquo;Unmöglich!&ldquo; Grau schüttelte den Kopf. &bdquo;Ich habe
-darüber nachgedacht,&ldquo; sagte er nach einer Weile, &bdquo;und
-die Ehe gehört zu jenen Dingen, die ich nie zu Ende
-denken kann. Es gehört ein beispielloser Mut oder ein
-großer Leichtsinn dazu, eine Ehe zu schließen. Ja, denken
+&bdquo;Unmöglich!&ldquo; Grau schüttelte den Kopf. &bdquo;Ich habe
+darüber nachgedacht,&ldquo; sagte er nach einer Weile, &bdquo;und
+die Ehe gehört zu jenen Dingen, die ich nie zu Ende
+denken kann. Es gehört ein beispielloser Mut oder ein
+großer Leichtsinn dazu, eine Ehe zu schließen. Ja, denken
Sie sich: Die Ehe! Sie sind nicht mehr allein, Sie sind
zu zweien. Sie haben zu jemandem gesagt, wir wollen
bis zum Tode zusammen durchs Leben gehen! Sie sind
-plötzlich ein anderer Mensch geworden. Es ist als ob
-Sie immerfort einen vornehmen Gast im Hause hätten.
+plötzlich ein anderer Mensch geworden. Es ist als ob
+Sie immerfort einen vornehmen Gast im Hause hätten.
Sie waren vielleicht gut genug, um allein zu sein, aber
-jetzt finden Sie, daß Sie sich bessern müssen, in jeder
+jetzt finden Sie, daß Sie sich bessern müssen, in jeder
<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a>
Beziehung, da Sie den Gast im Hause haben. Wenn
Sie allein sind und Sie haben einen schlechten oder
kleinlichen Gedanken, Sie sind allein, versuchen Sie mit
-sich selbst fertig zu werden &mdash; nun aber? Wenn er wüßte,
-daß Sie diesen niedrigen Gedanken haben, würde er nicht
+sich selbst fertig zu werden &mdash; nun aber? Wenn er wüßte,
+daß Sie diesen niedrigen Gedanken haben, würde er nicht
von Ihnen gehen? Beleidigen Sie ihn nicht durch den
-niedrigen Gedanken oder ein armseliges, kleinliches Gefühl.
-Sie müssen Ihre Gedanken und Gefühle veredeln,
-nun, da Sie den Gast im Hause haben, gleichsam geschmückt
-wie zu einem Feste muß allezeit Ihre Seele
-sein. Sie konnten früher nachlässig und träge sein, aber
-jetzt wäre es ja eine Kränkung Ihres Gastes, Sie müssen
-dreifach eifrig sein. Sie müssen den Gast bewirten mit
-guten Gedanken und großen Gefühlen, Sie müssen seiner
-würdig zu werden trachten. Das Leben ist lang und
-Sie müssen doch jeden, jeden Tag und jede, jede Stunde
-und jede, jede Minute mit einer festtäglich geschmückten
+niedrigen Gedanken oder ein armseliges, kleinliches Gefühl.
+Sie müssen Ihre Gedanken und Gefühle veredeln,
+nun, da Sie den Gast im Hause haben, gleichsam geschmückt
+wie zu einem Feste muß allezeit Ihre Seele
+sein. Sie konnten früher nachlässig und träge sein, aber
+jetzt wäre es ja eine Kränkung Ihres Gastes, Sie müssen
+dreifach eifrig sein. Sie müssen den Gast bewirten mit
+guten Gedanken und großen Gefühlen, Sie müssen seiner
+würdig zu werden trachten. Das Leben ist lang und
+Sie müssen doch jeden, jeden Tag und jede, jede Stunde
+und jede, jede Minute mit einer festtäglich geschmückten
Seele vor ihn hintreten. Und jeden, jeden Tag, der
-kommt, müssen Sie neu sein, erneuert, denn Sie dürfen
-ja nicht still stehen, was würde Ihr Gast dazu sagen?
-Keinen unschönen Gedanken, kein unschönes Gefühl dürfen
-Sie mehr haben, ja nicht einmal eine unschöne Gebärde
-&mdash; keine Müdigkeit, kein Sichgehenlassen &mdash; es ist ja
-schwer, es ist ja unendlich schwer und Sie müssen alle
+kommt, müssen Sie neu sein, erneuert, denn Sie dürfen
+ja nicht still stehen, was würde Ihr Gast dazu sagen?
+Keinen unschönen Gedanken, kein unschönes Gefühl dürfen
+Sie mehr haben, ja nicht einmal eine unschöne Gebärde
+&mdash; keine Müdigkeit, kein Sichgehenlassen &mdash; es ist ja
+schwer, es ist ja unendlich schwer und Sie müssen alle
Ihre Kraft zusammennehmen, um vor Ihrem Gaste bestehen
-zu können, um seine Nachsicht zu verdienen.&ldquo;
+zu können, um seine Nachsicht zu verdienen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ich denke, es ist, als ob die beiden, die bis zum
Tode durchs Leben zusammen wandern &mdash; als ob die
beiden eine Kathedrale zusammen errichten wollten &mdash;
-eine herrliche stolze Kathedrale aus Schönheit und Reinheit.
+eine herrliche stolze Kathedrale aus Schönheit und Reinheit.
<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a>
Von dem Tage an, da sie einander begegneten,
-beginnen sie zu bauen. Nur mit den schönsten und
-reinsten Gefühlen können sie die Kathedrale errichten.
+beginnen sie zu bauen. Nur mit den schönsten und
+reinsten Gefühlen können sie die Kathedrale errichten.
Die beiden sind vielleicht im Leben schon da und dort
angestreift &mdash; aber die Kathedrale, die Idee ihrer Ehe,
-die können sie ja herrlich und groß errichten. Und die
+die können sie ja herrlich und groß errichten. Und die
beiden haben vielleicht nicht das Recht, diese heilige
-Kathedrale zu betreten, die sie bauten und schmückten,
-nein, vielleicht ist die Kathedrale nur ein großes kühles
-Heiligtum über der Wiege ihres Kindes!&ldquo;
+Kathedrale zu betreten, die sie bauten und schmückten,
+nein, vielleicht ist die Kathedrale nur ein großes kühles
+Heiligtum über der Wiege ihres Kindes!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ach, es ist ja so schwer, so schwer!&ldquo; fügte Grau
-kopfschüttelnd hinzu. &bdquo;Und denen, die es wagen, denen
-soll man Glück und Ausdauer wünschen! Ja, man soll
-für sie beten. All die Tausende, die es nicht wagen oder
-nicht wagen können, die sollen für die wenigen beten,
+&bdquo;Ach, es ist ja so schwer, so schwer!&ldquo; fügte Grau
+kopfschüttelnd hinzu. &bdquo;Und denen, die es wagen, denen
+soll man Glück und Ausdauer wünschen! Ja, man soll
+für sie beten. All die Tausende, die es nicht wagen oder
+nicht wagen können, die sollen für die wenigen beten,
die es wagen. Weil es so schwer ist &mdash; und so herrlich,
es zu unternehmen.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele sah lächelnd auf den Weg. &bdquo;Wie Sie es doch
+Adele sah lächelnd auf den Weg. &bdquo;Wie Sie es doch
auffassen!&ldquo; sagte sie leise. &bdquo;Und die Liebe? Wie denken
-Sie darüber?&ldquo;
+Sie darüber?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -19601,45 +19567,45 @@ Sie wandte Grau ihre hellen Augen zu.
</p>
<p>
-Grau lauschte. &bdquo;Hören Sie das feine Sausen, das
-rings im Walde geht?&ldquo; sagte er. &bdquo;Hören Sie es? Bald
+Grau lauschte. &bdquo;Hören Sie das feine Sausen, das
+rings im Walde geht?&ldquo; sagte er. &bdquo;Hören Sie es? Bald
ist es ferne, bald ist es ganz nahe bei uns. Es macht
-alles zum Traume, daß wir hier gehen, ist es nicht
+alles zum Traume, daß wir hier gehen, ist es nicht
wie ein Traum? Sind wir nicht wie ein Traum im
dunkeln Haupte des Waldes? Ich lebe und bin reich,
-weil ich hier mit Ihnen gehen darf. Sie hören mir
-zu, wenn ich spreche, wenn ich in meinen dürftigen
-Worten auszudrücken versuche, was ich empfinde, wie
+weil ich hier mit Ihnen gehen darf. Sie hören mir
+zu, wenn ich spreche, wenn ich in meinen dürftigen
+Worten auszudrücken versuche, was ich empfinde, wie
<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a>
-ich es empfinde, so geduldig und aufmerksam hören Sie
-mir zu. Ich danke Ihnen dafür, Fräulein Adele. Ich
-bin Ihr Freund und das macht mich glücklich. Sie
-sagten vorhin, es freue Sie, wie glücklich mich das gemacht
+ich es empfinde, so geduldig und aufmerksam hören Sie
+mir zu. Ich danke Ihnen dafür, Fräulein Adele. Ich
+bin Ihr Freund und das macht mich glücklich. Sie
+sagten vorhin, es freue Sie, wie glücklich mich das gemacht
hat!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie fragen, wie ich über die Liebe denke? Lassen
-Sie mir Zeit. Sehen Sie wie das Licht überall glitzert,
-es hängt in Tropfen an den Zweigen, es klettert an den
-Bäumen empor, bis in die feinsten Nadeln! Wie schön
+&bdquo;Sie fragen, wie ich über die Liebe denke? Lassen
+Sie mir Zeit. Sehen Sie wie das Licht überall glitzert,
+es hängt in Tropfen an den Zweigen, es klettert an den
+Bäumen empor, bis in die feinsten Nadeln! Wie schön
ist das! Ja, ich sage &mdash; Sie singen ein Lied, und es
gibt ja wundervolle Lieder &mdash; Sie singen es und mitten
-darin bricht Ihre Stimme &mdash; denn plötzlich fühlten Sie,
-wie schön das Lied ist. So ist die Liebe! Es gibt im
+darin bricht Ihre Stimme &mdash; denn plötzlich fühlten Sie,
+wie schön das Lied ist. So ist die Liebe! Es gibt im
Werke der Orgel eine Stimme, die die menschliche Stimme
-heißt, ein süßer, flötender, lebendiger Ton, der durch
-alle andern Töne dringt, über ihnen schwebt &mdash; das ist
-die Liebe. Ich will Ihnen gern sagen, wie ich darüber
-denke &mdash; denn es ist ja so schön zu sehen, wie Sie zuhören.&ldquo;
+heißt, ein süßer, flötender, lebendiger Ton, der durch
+alle andern Töne dringt, über ihnen schwebt &mdash; das ist
+die Liebe. Ich will Ihnen gern sagen, wie ich darüber
+denke &mdash; denn es ist ja so schön zu sehen, wie Sie zuhören.&ldquo;
</p>
<p>
Grau schwieg eine lange Zeit und sah sie an. Er
-hatte plötzlich den Mut zum Sprechen verloren. Adeles
+hatte plötzlich den Mut zum Sprechen verloren. Adeles
Miene hatte ihn betroffen gemacht. Sie blickte auf den
-Boden, ihr Antlitz war kühl, fast abweisend, sie lächelte
-leise, fast spöttisch.
+Boden, ihr Antlitz war kühl, fast abweisend, sie lächelte
+leise, fast spöttisch.
</p>
<p>
@@ -19652,123 +19618,123 @@ Aber Grau schwieg und blickte sie an.
<p>
&bdquo;Sprechen Sie doch!&ldquo; sagte Adele ungeduldig.
-&bdquo;Sprechen Sie doch. Es ist schön Ihnen zuzuhören
-und ich möchte gern wissen wie Sie über dies und
+&bdquo;Sprechen Sie doch. Es ist schön Ihnen zuzuhören
+und ich möchte gern wissen wie Sie über dies und
jenes denken.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a>
-Er sah, daß sie an der Lippe nagte.
+Er sah, daß sie an der Lippe nagte.
</p>
<p>
&bdquo;Was ist Ihnen?&ldquo; sagte er. &bdquo;Ich spreche ja gern,
-aber was ist Ihnen? Sie erscheinen bedrückt, ja, fremd
-erscheinen Sie mir. Wollten Sie doch glücklich sein?
-Aber Sie sind ja nicht glücklich!&ldquo;
+aber was ist Ihnen? Sie erscheinen bedrückt, ja, fremd
+erscheinen Sie mir. Wollten Sie doch glücklich sein?
+Aber Sie sind ja nicht glücklich!&ldquo;
</p>
<p>
Adele lachte leise. Ja, mein Gott, was tue es? Was
-schade es im großen und ganzen, daß sie nicht glücklich
-sei? Sie rechne stets damit unglücklich zu sein und zu
-werden, es müsse so sein. Ja, wenn man ihr hier das
-Glück herlege und hier das Unglück &mdash;
+schade es im großen und ganzen, daß sie nicht glücklich
+sei? Sie rechne stets damit unglücklich zu sein und zu
+werden, es müsse so sein. Ja, wenn man ihr hier das
+Glück herlege und hier das Unglück &mdash;
</p>
<p>
-&bdquo;So werden Sie das Glück wählen!&ldquo; sagte Grau.
+&bdquo;So werden Sie das Glück wählen!&ldquo; sagte Grau.
</p>
<p>
&bdquo;Wirklich?&ldquo; Adele sah ihn an. &bdquo;Nein, nein, ich werde
-es nicht tun. Ich werde das Unglück wählen, es liegt
-in meiner Natur. Und sobald ich etwas Glück in mir
-fühle, zerstöre ich es ja doch! Ich würde das Unglück
-wählen &mdash;&ldquo; sie hielt inne und fügte zögernd und leise
-hinzu: &bdquo;Oder würde ich das Glück wählen?&ldquo;
+es nicht tun. Ich werde das Unglück wählen, es liegt
+in meiner Natur. Und sobald ich etwas Glück in mir
+fühle, zerstöre ich es ja doch! Ich würde das Unglück
+wählen &mdash;&ldquo; sie hielt inne und fügte zögernd und leise
+hinzu: &bdquo;Oder würde ich das Glück wählen?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie würden es wohl tun!&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Denn
-alle &mdash; wie wir leben &mdash; wir mögen uns noch so gleichgültig
-und trotzig gebärden, wenn wir allein sind, verzehrt
+&bdquo;Sie würden es wohl tun!&ldquo; sagte Grau. &bdquo;Denn
+alle &mdash; wie wir leben &mdash; wir mögen uns noch so gleichgültig
+und trotzig gebärden, wenn wir allein sind, verzehrt
sich unser Herz doch vor Sehnsucht nach dem
-Glücke. Nein, nein, Sie sind in einem Irrtum über
+Glücke. Nein, nein, Sie sind in einem Irrtum über
sich selbst befangen, wenn Sie das glauben.&ldquo;
</p>
<p>
Adele nickte. &bdquo;Ich bin in einem Irrtum &mdash; in einem
-Irrtum über mich selbst befangen,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Vielleicht,
+Irrtum über mich selbst befangen,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Vielleicht,
vielleicht? Oft scheint es mir selbst so, Sie haben recht.
Oft scheint es mir, als ob ich meine Vision vom Leben
-verloren hätte. Was früher für mich groß und schön
-war &mdash; wüßte ich es doch noch! Ich habe mit so
+verloren hätte. Was früher für mich groß und schön
+war &mdash; wüßte ich es doch noch! Ich habe mit so
vielen Menschen gesprochen, jeder sagte etwas andres
<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a>
-und keiner das gleiche, ich habe so viele Bücher gelesen
-und gelesen und gesucht &mdash; jeder große Geist hat mich
-überzeugt und mitgerissen &mdash; nun weiß ich gar nichts
+und keiner das gleiche, ich habe so viele Bücher gelesen
+und gelesen und gesucht &mdash; jeder große Geist hat mich
+überzeugt und mitgerissen &mdash; nun weiß ich gar nichts
mehr. Wer bin ich eigentlich und was bin ich? Oft
habe ich Sehnsucht nach Ruhe, nach dem Vergessen und
-oft bin ich müde und ich möchte mich fallen lassen &mdash;
+oft bin ich müde und ich möchte mich fallen lassen &mdash;
wohin ich auch falle. Ja, oft hab&rsquo; ich ein Verlangen
nach unten &mdash; denn da ist kein Kampf mehr, es ist
verlockend zugrunde zu gehen und gar nichts mehr zu
sein. Oft habe ich diesen Wunsch, es ist die Wahrheit,
ach, Sie brauchen mich nicht so entsetzt anzustarren und
-nicht den Kopf zu schütteln &mdash; ich kenne mich ja am
+nicht den Kopf zu schütteln &mdash; ich kenne mich ja am
besten. Wenn ich nun den Baron heirate, was schadet
-es? Zumal er mir ja sehr sympathisch ist. Sie können
+es? Zumal er mir ja sehr sympathisch ist. Sie können
recht haben, es ist vielleicht nicht alles, wie es sein sollte
-und wie ich es mir wünsche, aber was schadet es, was
-liegt schließlich an mir? Nichts. Alle machen es so,
-denn alle werden nach und nach müde und geben sich
+und wie ich es mir wünsche, aber was schadet es, was
+liegt schließlich an mir? Nichts. Alle machen es so,
+denn alle werden nach und nach müde und geben sich
auf und gehen nach unten. Vielleicht ist das ein Gesetz
der menschlichen Natur? Ach, lassen Sie mich sprechen
&mdash; ich liebe den Reichtum und der Baron ist reich. Ich
-habe unaussprechliche Furcht vor Armut und Dürftigkeit
+habe unaussprechliche Furcht vor Armut und Dürftigkeit
&mdash; grauenhafte Furcht und vor nichts habe ich solche
Furcht wie davor, selbst vor dem Tode nicht. Ich liebe
Bequemlichkeit, Luxus und Nichtstun. Ich bin ehrlich
und sage Ihnen all das, es ist die volle Wahrheit. Oft
-denke ich an das Glück und an die Liebe &mdash; so fern
-ist es für mich &mdash; und ich denke, es ist nicht für mich,
+denke ich an das Glück und an die Liebe &mdash; so fern
+ist es für mich &mdash; und ich denke, es ist nicht für mich,
es liegt nicht in meiner Natur. Wenn ich eine junge
-Schwester hätte, die ich liebte, sie sollte es haben, das
+Schwester hätte, die ich liebte, sie sollte es haben, das
<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a>
-Glück und die Liebe, die Schönheiten des Lebens, sie und
-ich würde es mit ansehen. Für mich ist es ja nicht
-geschaffen. Ich höre Ihnen zu, ja, es lockt mich, aber
-ich glaube nicht daran, das ist es. Es ist alles so schön,
-zu schön, ich glaube nicht daran.&ldquo;
+Glück und die Liebe, die Schönheiten des Lebens, sie und
+ich würde es mit ansehen. Für mich ist es ja nicht
+geschaffen. Ich höre Ihnen zu, ja, es lockt mich, aber
+ich glaube nicht daran, das ist es. Es ist alles so schön,
+zu schön, ich glaube nicht daran.&ldquo;
</p>
<p>
-Sie schwieg und brach einen Zweig in kleine Stücke.
-Die Stücke streute sie auf den Weg. Das letzte Stückchen
+Sie schwieg und brach einen Zweig in kleine Stücke.
+Die Stücke streute sie auf den Weg. Das letzte Stückchen
wollte nicht brechen, sie bog es zwischen den Fingern,
-aber es brach nicht. Sie ließ es fallen.
+aber es brach nicht. Sie ließ es fallen.
</p>
<p>
Ihre Schritte glitten lautlos dahin, denn hier
-lagen Nadeln und der Weg war von Moos überwachsen.
+lagen Nadeln und der Weg war von Moos überwachsen.
</p>
<p>
Es hauchte hoch oben in den Wipfeln. Wie ein
-Bach im flachen Lande, mit vielen Inseln und Kanälen
-und Adern, so floß über ihren Häuptern der tiefblaue
-Nachthimmel dahin, kleine und große Sterne trieben
+Bach im flachen Lande, mit vielen Inseln und Kanälen
+und Adern, so floß über ihren Häuptern der tiefblaue
+Nachthimmel dahin, kleine und große Sterne trieben
darauf und glitzerten.
</p>
<p>
Nach langem Schweigen sagte Grau: &bdquo;Wir Menschen
-fürchten uns ja nicht so sehr vor dem Unglück, aber es
+fürchten uns ja nicht so sehr vor dem Unglück, aber es
graut uns davor elend zu werden!&ldquo;
</p>
@@ -19778,34 +19744,34 @@ Adele zuckte zusammen.
<p>
&bdquo;Davor graut Ihnen ja so sehr!&ldquo; fuhr Grau eindringlicher
-fort, indem er Adeles Arm leise berührte.
+fort, indem er Adeles Arm leise berührte.
Ihr erschrockener Blick streifte ihn. &bdquo;Tag und Nacht
-graut Ihnen davor. Nicht davor würde Ihnen grauen,
-etwas Schlechtes zu begehen, denn es wäre vielleicht
+graut Ihnen davor. Nicht davor würde Ihnen grauen,
+etwas Schlechtes zu begehen, denn es wäre vielleicht
Trotz und Wille und Tat darin, aber es graut Ihnen
-davor unterzusinken in Unwürdigkeit. Ich habe auch
-wieder von jener Frau geträumt, die Ihnen ähnlich sieht
+davor unterzusinken in Unwürdigkeit. Ich habe auch
+wieder von jener Frau geträumt, die Ihnen ähnlich sieht
&mdash; der Traum erschreckte mich, warnte mich &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a>
Adele machte eine abwehrende, fliehende Bewegung.
-Aber Grau berührte wiederum ihren Arm.
+Aber Grau berührte wiederum ihren Arm.
</p>
<p>
&bdquo;Begehen Sie kein Verbrechen an Ihrer Seele, Adele!&ldquo;
-flüsterte er.
+flüsterte er.
</p>
<p>
&bdquo;Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch!&ldquo; sagte Adele
-bleich. &bdquo;Weshalb quälen Sie mich denn?&ldquo;
+bleich. &bdquo;Weshalb quälen Sie mich denn?&ldquo;
</p>
<p>
-Sie legte die Hände an die Ohren, als Grau wieder
+Sie legte die Hände an die Ohren, als Grau wieder
zu sprechen begann, und sah ihn mit zu schmalen Spalten
zusammengezogenen Augen an.
</p>
@@ -19820,35 +19786,35 @@ ich doch getan. Es ist ja so unrecht von mir.&ldquo;
</p>
<p>
-Er lächelte schmerzlich und fuhr leise fort: &bdquo;Ich sehe
-Sie an, wie schön sind Sie doch! Wie Sie den Kopf
-tragen, Ihr Gang, Ihr Wandeln! Es steht ein großer
+Er lächelte schmerzlich und fuhr leise fort: &bdquo;Ich sehe
+Sie an, wie schön sind Sie doch! Wie Sie den Kopf
+tragen, Ihr Gang, Ihr Wandeln! Es steht ein großer
Geist auf und alle Menschen lauschen auf ihn und sie
sagen: Der Weltgeist spricht aus ihm. Sie sehen eine
-Rose an, die Rose ist schön, ein eigentümliches Gefühl
-erfaßt sie: Der Weltgeist ist in der Rose, er duftet
-aus ihr, er glänzt aus ihr. Ich sehe Sie an. Adele &mdash;
+Rose an, die Rose ist schön, ein eigentümliches Gefühl
+erfaßt sie: Der Weltgeist ist in der Rose, er duftet
+aus ihr, er glänzt aus ihr. Ich sehe Sie an. Adele &mdash;
der Weltgeist strahlt aus Ihnen! Sie sind seine Priesterin,
geschaffen umherzugehen und die Menschen mit Ehrfurcht
-zu erfüllen vor seinem Werke. Ihre Bahn sollte wie
+zu erfüllen vor seinem Werke. Ihre Bahn sollte wie
die Bahn eines Gestirnes sein, erhaben und gewaltig und
sichtbar allen Blicken. Das ist Ihre Mission, ich will
Ihnen sagen, was Ihre Mission ist! Das ist sie! So
-fasse ich es auf, so scheint es mir. Jeder Mensch muß
+fasse ich es auf, so scheint es mir. Jeder Mensch muß
doch eine bestimmte Mission haben und das ist die Ihrige!&ldquo;
</p>
<p>
-Adele hatte die Hände halb sinken lassen und hörte
+Adele hatte die Hände halb sinken lassen und hörte
ihm zu, den Blick in seine Augen gerichtet.
</p>
<p>
<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a>
-&bdquo;Sie sind ein vollendetes Werk des Schöpfers und
-haben Ihre Mission zu erfüllen,&ldquo; setzte Grau hinzu, &bdquo;und
+&bdquo;Sie sind ein vollendetes Werk des Schöpfers und
+haben Ihre Mission zu erfüllen,&ldquo; setzte Grau hinzu, &bdquo;und
deshalb hat er Ihnen jenes schreckliche Grauen vor der
-Unwürdigkeit in die Brust gelegt.&ldquo;
+Unwürdigkeit in die Brust gelegt.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -19858,91 +19824,91 @@ Unwürdigkeit in die Brust gelegt.&ldquo;
<p>
&bdquo;Adele!&ldquo; sagte Grau und sie blieb stehen. Ihre
Lippen bebten und sie sah ihn nicht an. Sie hatte abwehrend
-die Hände an die Brust gezogen und Grau
-ergriff ihre Hände.
+die Hände an die Brust gezogen und Grau
+ergriff ihre Hände.
</p>
<p>
-Er sah sie an und lächelte wehmütig und scheu.
-&bdquo;Sie sollen nicht vor mir fliehen,&ldquo; flüsterte er, &bdquo;denn
-ich habe ja kein Arg im Herzen gegen Sie. Hören
+Er sah sie an und lächelte wehmütig und scheu.
+&bdquo;Sie sollen nicht vor mir fliehen,&ldquo; flüsterte er, &bdquo;denn
+ich habe ja kein Arg im Herzen gegen Sie. Hören
Sie: Einmal lag ich als Knabe in einer Wiese und
-alles war so wunderbar schön, so ganz anders schön,
-und ich hörte zum erstenmal eine Stimme in mir
+alles war so wunderbar schön, so ganz anders schön,
+und ich hörte zum erstenmal eine Stimme in mir
sprechen. Dieser Augenblick bestimmte mein Leben.
Als ich Abschied nahm aus dem Blindeninstitut, da
-kamen alle meine Kinder und küßten mich auf die
+kamen alle meine Kinder und küßten mich auf die
Wange. Alle waren blind und alle spitzten die Lippen
-und drückten sie heiß an meine Wange. Was ich
-damals fühlte! Seitdem änderte sich abermals mein
-Leben. Dies sind meine größten und schönsten Erlebnisse.
-Dann sah ich Sie &mdash; ich war ja so scheu Ihnen gegenüber,
-weil Sie so vornehm und schön gekleidet sind
-und weil Sie so schön sind. Aber daß ich Ihr Freund
-geworden bin, das ist das schönste und größte Erlebnis
-meines Lebens, Adele. Aus Ihnen strömte mir Kraft
-und mein Leben wird sich ändern, ich weiß es, vielleicht
+und drückten sie heiß an meine Wange. Was ich
+damals fühlte! Seitdem änderte sich abermals mein
+Leben. Dies sind meine größten und schönsten Erlebnisse.
+Dann sah ich Sie &mdash; ich war ja so scheu Ihnen gegenüber,
+weil Sie so vornehm und schön gekleidet sind
+und weil Sie so schön sind. Aber daß ich Ihr Freund
+geworden bin, das ist das schönste und größte Erlebnis
+meines Lebens, Adele. Aus Ihnen strömte mir Kraft
+und mein Leben wird sich ändern, ich weiß es, vielleicht
werde ich jetzt gut und gerecht werden. Ich danke
Ihnen, Adele! Sie sollen mir vergeben, alles vergeben.
<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a>
-Was ich jetzt sagte, was ich über Ihr Verhältnis zu dem
+Was ich jetzt sagte, was ich über Ihr Verhältnis zu dem
Baron sagte, alles, alles, ich habe ja nicht das Recht
-dazu. Als Sie mir sagten, daß Sie reisen wollten, von
+dazu. Als Sie mir sagten, daß Sie reisen wollten, von
diesem Augenblick an hatte ich nicht mehr das Recht
zu sprechen. Sie wissen wohl warum, Sie wissen es
recht gut.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele zog ihre Hände zurück und blickte ihn erschrocken
+Adele zog ihre Hände zurück und blickte ihn erschrocken
an, aber in ihren Augen begann es zu leuchten.
</p>
<p>
-&bdquo;Es ist nicht nötig, daß Sie mir antworten, ich
+&bdquo;Es ist nicht nötig, daß Sie mir antworten, ich
werde Sie nichts fragen. Sie sollen nichts sprechen,
kein Wort, ach, das will ich ja alles nicht. Reisen
-Sie! Reisen Sie ruhig. Ich möchte nicht auf Ihre
-Entschlüsse einwirken. Sie gehen, gut, ich bleibe. Sie
+Sie! Reisen Sie ruhig. Ich möchte nicht auf Ihre
+Entschlüsse einwirken. Sie gehen, gut, ich bleibe. Sie
sollen mir nicht antworten, ich frage nichts, aber ich
will Ihnen alles sagen. Ich habe Sie geliebt, als ich
Ihr Haar gesehen hatte, Ihren Gang. Das war als ich
ankam hier, auf dem Bahnhof. Aber ich habe es nicht
-gewußt. Der Schnee lag auf dem Dache Ihres Hauses
+gewußt. Der Schnee lag auf dem Dache Ihres Hauses
und er kam mir wie etwas ganz Besonderes vor. Im
-Frühling stand in Ihrem Garten ein blühender Apfelbaum
-und ihn liebte ich am meisten von all den blühenden
-Bäumen. Nie in meinem Leben werde ich ihn mehr
+Frühling stand in Ihrem Garten ein blühender Apfelbaum
+und ihn liebte ich am meisten von all den blühenden
+Bäumen. Nie in meinem Leben werde ich ihn mehr
vergessen, seine Gestalt, seinen Glanz in der Sonne,
-nie mehr, obgleich ich so viele blühende Apfelbäume gesehen
-habe. Damals wußte ich das schon! Wissen Sie,
-wie das ist, Sie sitzen ruhig und plötzlich steigt Ihnen
-das Blut zu Kopf, Ihr Kopf wird heiß, glühend heiß,
+nie mehr, obgleich ich so viele blühende Apfelbäume gesehen
+habe. Damals wußte ich das schon! Wissen Sie,
+wie das ist, Sie sitzen ruhig und plötzlich steigt Ihnen
+das Blut zu Kopf, Ihr Kopf wird heiß, glühend heiß,
und Sie wissen eigentlich nicht warum &mdash; ein Gedanke,
-eine Ahnung, die in Ihnen aufsteigt! So kam es über
-mich und dann wußte ich es. Ich habe nicht gegen
+eine Ahnung, die in Ihnen aufsteigt! So kam es über
+mich und dann wußte ich es. Ich habe nicht gegen
<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a>
-das Gefühl angekämpft, nein, ich habe es nicht getan,
+das Gefühl angekämpft, nein, ich habe es nicht getan,
denn tat es Ihnen weh, tat es Ihnen Unehre? Ich
habe Ihren Namen nie ausgesprochen, aber er war in
mir, er lebte in mir verborgen, wie ein Vogel im
Walde lebt. Wenn Sie kamen, wenn Sie gingen, wie
-mir da war! Nie werde ich es sagen können. Sonnenaufgang,
+mir da war! Nie werde ich es sagen können. Sonnenaufgang,
Sonnenuntergang &mdash; und ich sagte guten Tag
und Adieu, kleine Worte.&ldquo;
</p>
<p>
-Je länger Grau sprach, desto bleicher wurde er,
-desto verzückter wurde sein rasches Lächeln, desto glänzender
+Je länger Grau sprach, desto bleicher wurde er,
+desto verzückter wurde sein rasches Lächeln, desto glänzender
und begeisterter sein Blick. Adele wich gleichsam mehr
-und mehr zurück, obgleich sie sich nicht von der Stelle bewegte,
+und mehr zurück, obgleich sie sich nicht von der Stelle bewegte,
der Ausdruck ihrer Augen wechselte rasch, Freude,
Schreck, Liebe, Scheu.
</p>
<p>
-Aber Grau hielt ihre beiden Hände und sprach und
+Aber Grau hielt ihre beiden Hände und sprach und
sprach.
</p>
@@ -19950,14 +19916,14 @@ sprach.
&bdquo;Ich werde die Stelle in meinem Zimmer nicht
mehr vergessen, wo Sie standen, immer werde ich Sie
sehen und ob ich auch hundertmal im Tage hin- und
-herginge. Ich sage es Ihnen, ich muß, Sie brauchen
+herginge. Ich sage es Ihnen, ich muß, Sie brauchen
mir nicht zu antworten. Sie haben mich ja so reich
beschenkt &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Plötzlich stockte er, er wurde totenbleich, er zitterte,
-er schloß die Augen und schwankte.
+Plötzlich stockte er, er wurde totenbleich, er zitterte,
+er schloß die Augen und schwankte.
</p>
<p>
@@ -19965,27 +19931,27 @@ er schloß die Augen und schwankte.
</p>
<p>
-Er lächelte und schüttelte den Kopf und öffnete
+Er lächelte und schüttelte den Kopf und öffnete
wieder die Augen. Er atmete tief auf.
</p>
<p>
&bdquo;Verzeihung,&ldquo; sagte er, &bdquo;es war nur ein Augenblick &mdash;
Antworten Sie mir nicht, ich frage nichts, ich will
-nichts &mdash; ich danke Ihnen, daß Sie zuhörten. Vergeben
+nichts &mdash; ich danke Ihnen, daß Sie zuhörten. Vergeben
<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a>
Sie mir. Reisen Sie! Reisen Sie und werden Sie
-glücklich.&ldquo;
+glücklich.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele faßte Graus Hände fester, sie schüttelte leicht
-den Kopf, schüttelte ihn immerzu, ein feines, frohes
-Lächeln erschien auf ihren Wangen.
+Adele faßte Graus Hände fester, sie schüttelte leicht
+den Kopf, schüttelte ihn immerzu, ein feines, frohes
+Lächeln erschien auf ihren Wangen.
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, nein!&ldquo; flüsterte sie. &bdquo;Ich werde nicht reisen,
+&bdquo;Nein, nein!&ldquo; flüsterte sie. &bdquo;Ich werde nicht reisen,
nein, nein.&ldquo;
</p>
@@ -19998,45 +19964,45 @@ nein, nein.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Liebe ist ja alles. Adele, Liebe ist ja überall,
-ohne Liebe ist ja nichts,&ldquo; sagte er und küßte ihre Hand.
+&bdquo;Liebe ist ja alles. Adele, Liebe ist ja überall,
+ohne Liebe ist ja nichts,&ldquo; sagte er und küßte ihre Hand.
</p>
<p>
&bdquo;Sie ist so alt wie Gott und war im ersten Lichte
und ist im Licht und ist das Beben des Lichtes. Sie
hat alles durchdrungen und du findest kein Atom der
-Welt, das sie nicht durchdrungen hätte. Im Schlechten
+Welt, das sie nicht durchdrungen hätte. Im Schlechten
ein gehetzter Funke, im Guten ein Feuer.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ohne Liebe gibt es ja kein Verstehen, ohne Liebe
gibt es keine Wahrheit. Sie ist die Seele der Welt,
-das Geheimnis und sein Schlüssel. Sie ist das Ganze
+das Geheimnis und sein Schlüssel. Sie ist das Ganze
und der kleinste Teil.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Dein Leben ist mein Leben, Adele, dein Tod mein
Tod, dein Tag mein Tag, deine Nacht meine Nacht,&ldquo;
-flüsterte er und küßte ihr die Hand. &bdquo;Warte.&ldquo; Er
-bückte sich.
+flüsterte er und küßte ihr die Hand. &bdquo;Warte.&ldquo; Er
+bückte sich.
</p>
<p>
&bdquo;Willst du nicht den Tau haben, Adele? Nimm ihn,
-öffne deine Hand, daß ich ihn aus den Blumen in
+öffne deine Hand, daß ich ihn aus den Blumen in
deine Hand klopfe. Das ist der Tau, Adele!&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a>
-Adele lachte. Niemals lachte sie so glücklich.
+Adele lachte. Niemals lachte sie so glücklich.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, laß uns leben!&ldquo; rief sie aus. &bdquo;Laß uns fröhlich
+&bdquo;Ja, laß uns leben!&ldquo; rief sie aus. &bdquo;Laß uns fröhlich
sein und leben. Fliehe mit mir, ich will dein sein!&ldquo;
</p>
@@ -20045,105 +20011,105 @@ sein und leben. Fliehe mit mir, ich will dein sein!&ldquo;
</p>
<p class="noindent">
-Der Tag nahte und Grau saß oben auf der Höhe
-auf einem Stein. Er regte sich nicht, er saß wie ohne
-Leben, er lächelte müde, seine Augen leuchteten.
+Der Tag nahte und Grau saß oben auf der Höhe
+auf einem Stein. Er regte sich nicht, er saß wie ohne
+Leben, er lächelte müde, seine Augen leuchteten.
</p>
<p>
-&bdquo;Es ist zuviel,&ldquo; flüsterte er, &bdquo;es ist zuviel!&ldquo;
+&bdquo;Es ist zuviel,&ldquo; flüsterte er, &bdquo;es ist zuviel!&ldquo;
</p>
<p>
-Die Vögel begannen zu zwitschern. Er hörte es.
+Die Vögel begannen zu zwitschern. Er hörte es.
Tau fiel ins Gras, kleine glitzernde Welten tropften
-von den Bäumen. Er regte sich nicht. Er lauschte.
+von den Bäumen. Er regte sich nicht. Er lauschte.
</p>
<p>
-Grau, Grau, der Glückliche! zwitscherten die Vögel.
+Grau, Grau, der Glückliche! zwitscherten die Vögel.
Er lauschte: Im ganzen weiten Walde zwitscherten
-Tausende von Vögeln: Grau, Grau, der Glückliche!
+Tausende von Vögeln: Grau, Grau, der Glückliche!
</p>
<p>
-Die Sonne ging auf. Er sah sie kommen. Er lächelte.
+Die Sonne ging auf. Er sah sie kommen. Er lächelte.
Feurige Wolken flogen im Osten herauf, Milliarden von
Seelen standen auf den goldenen Wolken und winkten
-und fuhren dahin über die Erde. Das Gestirn erhob sich
-im Triumph. Da glänzte die Ebene, da glänzte die Welt.
+und fuhren dahin über die Erde. Das Gestirn erhob sich
+im Triumph. Da glänzte die Ebene, da glänzte die Welt.
</p>
<p>
-Die Erde ist eine Freudenträne, die aus Gottes Auge
+Die Erde ist eine Freudenträne, die aus Gottes Auge
fiel, dachte Grau und stand auf und badete sein Gesicht
im Lichte.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-3-12">
-<span class="firstline">Zwölftes Kapitel</span>
+<span class="firstline">Zwölftes Kapitel</span>
</h2>
<p class="first">
<span class="firstchar">G</span>rau ging rasch und schwebend einher. Er hatte ein
-Gefühl, als sei seine Brust angefüllt mit Licht und
-blendender Helligkeit. Er spürte den Schein seiner
+Gefühl, als sei seine Brust angefüllt mit Licht und
+blendender Helligkeit. Er spürte den Schein seiner
Augen.
</p>
<p>
<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a>
-Alle Dinge kamen ihm verändert vor, schöner, verklärt,
+Alle Dinge kamen ihm verändert vor, schöner, verklärt,
die Blumen leuchtender, die Haut der Kindergesichter
heller, die Augen der Menschen strahlender. Als
-er durch seinen kleinen Garten schritt, der in der Frühsonne
+er durch seinen kleinen Garten schritt, der in der Frühsonne
leuchtete, blieb er erstaunt stehen; er hatte ja nie
-zuvor gesehen, wie schön der kleine Garten eigentlich war.
-Alle Blumen schienen ihm zuzulächeln.
+zuvor gesehen, wie schön der kleine Garten eigentlich war.
+Alle Blumen schienen ihm zuzulächeln.
</p>
<p>
Er setzte sich augenblicklich nieder und schrieb fieberhaft
einige Briefe. Ja, du guter Gott, was gab es doch
-alles zu tun! Verbindungen mußten angeknüpft werden,
+alles zu tun! Verbindungen mußten angeknüpft werden,
alles wollte ja vorbereitet sein. Er wollte arbeiten, arbeiten,
Tag und Nacht wollte er arbeiten, es war ja eine Freude,
-eine Lust. Alles, alles mußte anders werden, sein ganzes
-Leben neu; keine Trägheit und Schlaffheit mehr, eifriger,
-reger, tätiger mußte er werden!
+eine Lust. Alles, alles mußte anders werden, sein ganzes
+Leben neu; keine Trägheit und Schlaffheit mehr, eifriger,
+reger, tätiger mußte er werden!
</p>
<p>
Dann hatte er eine Unterredung mit Eisenhut. Eisenhut
verstand ihn nicht und fragte neugierig, aber Grau
-ließ sich nicht auf Erklärungen ein. Auf Eisenhut war in
+ließ sich nicht auf Erklärungen ein. Auf Eisenhut war in
jedem Falle zu rechnen. &bdquo;Danke, Eisenhut, Freund! Adieu!&ldquo;
</p>
<p>
-War es nicht sonderbar, daß heute alle Menschen
-lächelten? Da gingen sie dahin mit einem kleinen Glück
-im Herzen. Grau hatte Lust, ihre Hände zu erfassen,
-sie zu umarmen, er grüßte liebenswürdiger als je, sah
+War es nicht sonderbar, daß heute alle Menschen
+lächelten? Da gingen sie dahin mit einem kleinen Glück
+im Herzen. Grau hatte Lust, ihre Hände zu erfassen,
+sie zu umarmen, er grüßte liebenswürdiger als je, sah
ihn jemand an, so hatte er sofort ein freundliches Wort
-für ihn. Die Leute sahen ihm erstaunt ins Gesicht. Ein
-glückliches Lächeln lag auf seinen knabenhaften, roten
+für ihn. Die Leute sahen ihm erstaunt ins Gesicht. Ein
+glückliches Lächeln lag auf seinen knabenhaften, roten
Lippen, seine Augen leuchteten wie stille Feuer. Er hatte
-es sehr eilig und besuchte einen alten Tagelöhner, plauderte
+es sehr eilig und besuchte einen alten Tagelöhner, plauderte
mit ihm, ermutigte ihn, dann sprach er mit einem Stadtrat,
-jenem Messerschmied Ulrich, dessen Bart Ähnlichkeit
+jenem Messerschmied Ulrich, dessen Bart Ähnlichkeit
<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a>
-hatte mit einem Zopfe, um dem Tagelöhner einen Platz
+hatte mit einem Zopfe, um dem Tagelöhner einen Platz
im Armenhaus zu verschaffen. Hierauf gab er zwei
Stunden Unterricht in der Schule und als er damit fertig
-war, kaufte er für zwanzig Pfennig Kuchen und lud sich
-eigenmächtig bei der &bdquo;ewigen Braut&ldquo; zum Kaffee ein.
-Er traf es günstig, Fräulein Sperling war in festlicher
-Stimmung. Auf dem Tische stand ein Strauß von Kornblumen,
-heute war der Geburtstag des Bräutigams. Sie
+war, kaufte er für zwanzig Pfennig Kuchen und lud sich
+eigenmächtig bei der &bdquo;ewigen Braut&ldquo; zum Kaffee ein.
+Er traf es günstig, Fräulein Sperling war in festlicher
+Stimmung. Auf dem Tische stand ein Strauß von Kornblumen,
+heute war der Geburtstag des Bräutigams. Sie
plauderten und zuweilen lachten sie beide laut heraus.
-Fräulein Sperling legte den weißblonden Kopf auf die
-Seite und lächelte Grau kokett zu.
+Fräulein Sperling legte den weißblonden Kopf auf die
+Seite und lächelte Grau kokett zu.
</p>
<p>
@@ -20153,20 +20119,20 @@ Wollte denn dieser Tag kein Ende nehmen?
<p>
Aber endlich wurde es dunkel und Grau verschwand
-irgendwohin. Er wartete oben auf der Höhe. Da saß
-er am Rand des Waldes, breitete die Hände vors Gesicht
+irgendwohin. Er wartete oben auf der Höhe. Da saß
+er am Rand des Waldes, breitete die Hände vors Gesicht
und lachte und weinte.
</p>
<p>
Es war ja nicht auszudenken, dieses Leben, dieser
-Glanz vor ihm, dieser Reichtum, so unerwartet und plötzlich!
-Daß ihm, ihm, ihm dieses Glück beschieden wurde,
-warum, weshalb? Gerade ihm dieses verwirrende Glück?
+Glanz vor ihm, dieser Reichtum, so unerwartet und plötzlich!
+Daß ihm, ihm, ihm dieses Glück beschieden wurde,
+warum, weshalb? Gerade ihm dieses verwirrende Glück?
Er konnte nicht daran denken. Er konnte nicht an die
Zukunft denken, nein, das blendete, er konnte nicht an
die vergangene Nacht denken, nein, nein, das funkelte.
-Er hörte ja immer noch wie die Vögel heute morgen
+Er hörte ja immer noch wie die Vögel heute morgen
im Walde zwitscherten &mdash;
</p>
@@ -20179,7 +20145,7 @@ sonst nichts.
<p>
<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a>
-Gewiß, er wartete!
+Gewiß, er wartete!
</p>
<p class="tb">
@@ -20187,9 +20153,9 @@ Gewiß, er wartete!
</p>
<p class="noindent">
-&bdquo;Schöne Tage sind nun für dich gekommen, mein
+&bdquo;Schöne Tage sind nun für dich gekommen, mein
Herz,&ldquo; sprach Grau zu seinem Herzen. &bdquo;Freude und
-Glück, du hast Gnade gefunden vor dem Schicksal.
+Glück, du hast Gnade gefunden vor dem Schicksal.
Jubele!&ldquo;
</p>
@@ -20198,32 +20164,32 @@ Tag und Nacht pochte Graus Herz laut in der Brust.
</p>
<p>
-&bdquo;Es ist schön geradeaus zu blicken, nach oben und
-unten, alle Dinge sind freundlich. Es ist schön die Augen
-zu schließen und in die Brust hineinzublicken, wo es funkelt
+&bdquo;Es ist schön geradeaus zu blicken, nach oben und
+unten, alle Dinge sind freundlich. Es ist schön die Augen
+zu schließen und in die Brust hineinzublicken, wo es funkelt
von Herrlichkeiten.&ldquo;
</p>
<p>
-Die Tage waren schön, und schöner noch waren die
-Nächte. Die Tage waren sonnig und heiß, die Nächte
-warm und nahezu silberweiß vom Mond und den vielen,
+Die Tage waren schön, und schöner noch waren die
+Nächte. Die Tage waren sonnig und heiß, die Nächte
+warm und nahezu silberweiß vom Mond und den vielen,
vielen Sternen. Die Stadt lag ganz in Sonne gebettet
-und funkelte wie ein Schmuck in einem Blumenstrauß.
-Freundliche Wolken zogen langsam über den tiefblauen,
-glänzenden Himmel, oft blieben sie stundenlang an der
-gleichen Stelle stehen, es war gänzlich windstill. Manchmal
-regnete es, nur fünf Minuten lang, während die
-Sonne schien, dann war die Luft um so köstlicher und
-alle Düfte des Sommers erwachten um so stärker.
+und funkelte wie ein Schmuck in einem Blumenstrauß.
+Freundliche Wolken zogen langsam über den tiefblauen,
+glänzenden Himmel, oft blieben sie stundenlang an der
+gleichen Stelle stehen, es war gänzlich windstill. Manchmal
+regnete es, nur fünf Minuten lang, während die
+Sonne schien, dann war die Luft um so köstlicher und
+alle Düfte des Sommers erwachten um so stärker.
</p>
<p>
-Es war so schön und Grau war so glücklich, daß er
-plötzlich zu sich sagte: Könnte ich mir nicht einige Tage Ferien
+Es war so schön und Grau war so glücklich, daß er
+plötzlich zu sich sagte: Könnte ich mir nicht einige Tage Ferien
geben, wie? Zwei, drei Tage, an denen ich nur das Notwendige
verrichte? Ja, ja, weshalb nicht, gehen und
-wandern, schauen und fühlen.
+wandern, schauen und fühlen.
</p>
<p>
@@ -20231,92 +20197,92 @@ Er ging und ging und war immerzu unterwegs. Bald
ging er in einem Eichenwalde, den die Sonne vergoldete,
bald zwischen den Kornfeldern, die sich schwer neigten,
<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a>
-wieder da genoß er die leise Musik und Erquickung eines
-Baches, der sich durch die Wiesen schlängelte. Freude
-erfüllte seine Brust. Er fühlte sich gesegnet, beschenkt,
-geschmückt. Zuweilen nahm er Adeles Billet
+wieder da genoß er die leise Musik und Erquickung eines
+Baches, der sich durch die Wiesen schlängelte. Freude
+erfüllte seine Brust. Er fühlte sich gesegnet, beschenkt,
+geschmückt. Zuweilen nahm er Adeles Billet
aus der Tasche, las es, nickte und steckte es wieder
-sorgfältig ein.
+sorgfältig ein.
</p>
<p>
&bdquo;Ich darf ja nicht daran denken,&ldquo; sagte er und lachte
-und schüttelte den Kopf. &bdquo;Es ist ja zuviel!&ldquo;
+und schüttelte den Kopf. &bdquo;Es ist ja zuviel!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau ging auf der Höhe, die der Sommer geschmückt
+Grau ging auf der Höhe, die der Sommer geschmückt
hatte, es sang und klang im Tale, und er dachte an
-all das fröhliche Leben auf der grünen Erde. Wie es
-wimmelte! Überall wimmelte es, in den Städten, den
-Werkstätten, den Bahnhöfen, den Schiffen, den Bergwerken.
-Und zu denken, daß es immerzu lacht und
+all das fröhliche Leben auf der grünen Erde. Wie es
+wimmelte! Überall wimmelte es, in den Städten, den
+Werkstätten, den Bahnhöfen, den Schiffen, den Bergwerken.
+Und zu denken, daß es immerzu lacht und
singt auf der Erde! Da ist die Schule zu Ende, da ist
eine Hochzeit, dort ist ein Bankett, ein Ball, diese Stadt
hat geflaggt und in jener ist ein Feuerwerk. All die
Freude, die jetzt in diesem Augenblick auf der Erde ist!
Immerzu lacht und singt es auf der Erde, es lacht,
kichert, jauchzt, jubelt. Und weshalb sollten die Menschen
-auch etwas anderes sein als die Vögel im Walde?
+auch etwas anderes sein als die Vögel im Walde?
</p>
<p>
Grau stieg hinunter durch ein schmales sanftes Tal.
-Das Gras hier war saftig und vom tiefsten Grün. Er
-ging nach Hause und legte sich in seinem kühlen, dämmerigen
+Das Gras hier war saftig und vom tiefsten Grün. Er
+ging nach Hause und legte sich in seinem kühlen, dämmerigen
Zimmer zur Ruhe nieder. Augenblicklich schlummerte
er ein und obwohl er schlief, empfand er lange noch
-die Köstlichkeit seines Schlafes. Dann kam ein großer
-Tonkünstler in seinen Traum, der sich vor eine Orgel
-setzte und spielte. Grau saß in einem hohen Stuhle
-und hatte nichts zu tun als zuzuhören. Plötzlich brauste
+die Köstlichkeit seines Schlafes. Dann kam ein großer
+Tonkünstler in seinen Traum, der sich vor eine Orgel
+setzte und spielte. Grau saß in einem hohen Stuhle
+und hatte nichts zu tun als zuzuhören. Plötzlich brauste
<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a>
die Orgel: Auf, auf! Und er fuhr empor. Ja, es war
Zeit, die Sonne war im Begriffe zu sinken.
</p>
<p>
-Die Sonnte brannte noch auf seinem Rücken, als
-er zwischen Obstgärten und Weinpflanzungen empor zur
-Höhe stieg. Aus dem Walde hauchte Schwüle, Grau
+Die Sonnte brannte noch auf seinem Rücken, als
+er zwischen Obstgärten und Weinpflanzungen empor zur
+Höhe stieg. Aus dem Walde hauchte Schwüle, Grau
legte sich am Rande in das erfrischend duftende Gras,
-stützte den Kopf in die Hand und begann augenblicklich
-zu warten, obgleich er wußte, daß Adele erst kommen
+stützte den Kopf in die Hand und begann augenblicklich
+zu warten, obgleich er wußte, daß Adele erst kommen
konnte, wenn es ganz dunkel war.
</p>
<p>
-Die Sonne glühte in den sanften Höhenzügen im Westen,
+Die Sonne glühte in den sanften Höhenzügen im Westen,
die gleichsam zerschmolzen und sandte breite Garben von
-rotem Feuer über die Ebene. Der Fluß brannte. Die Stadt
+rotem Feuer über die Ebene. Der Fluß brannte. Die Stadt
unten sah aus als sei sie aus einem Berge von dunklem
-Golde gegraben. Der Glanz erlosch, die Wälder auf
-den Höhen erröteten. Im Tale stieg blauer Rauch auf
+Golde gegraben. Der Glanz erlosch, die Wälder auf
+den Höhen erröteten. Im Tale stieg blauer Rauch auf
wie von einem Schusse, aber er verging nicht mehr, er
-verteilte sich, wurde dichter und endlich erfüllte der Nebel
-das ganze Tal. Alle Farben erblaßten, in der Ferne
+verteilte sich, wurde dichter und endlich erfüllte der Nebel
+das ganze Tal. Alle Farben erblaßten, in der Ferne
blitzte ein kleines Feuer, das heller und heller flackerte.
-Nun war es plötzlich still geworden. In der Stadt
-läuteten die Glocken und dann war es lange ruhig, bis
+Nun war es plötzlich still geworden. In der Stadt
+läuteten die Glocken und dann war es lange ruhig, bis
die erste Grille zu zirpen begann.
</p>
<p>
Am Himmel flimmerte ein kleiner Stern, dann tauchte
-der Abendstern auf, groß und feierlich, wie eine Fackel,
+der Abendstern auf, groß und feierlich, wie eine Fackel,
die vor der Nacht einherschritt. Und jetzt kam die Nacht.
</p>
<p>
-In der Dunkelheit, da und dort, sprühte geheimnisvolles
-Licht, aus der Stille kamen merkwürdige Stimmen
+In der Dunkelheit, da und dort, sprühte geheimnisvolles
+Licht, aus der Stille kamen merkwürdige Stimmen
und Laute, der Wald dehnte sich, ein warmer Strom
-von Wohlgerüchen zog daher, die Luft füllte sich mit
+von Wohlgerüchen zog daher, die Luft füllte sich mit
Leben. Grau bekam wunderliche Besuche, kleine Milben,
<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a>
-das Silber des Mondes auf den Schwingen, Käfer,
-Spinnen und Falter, fein wie ein Stückchen Seide, ein
-Eckchen Samt. Der Himmel war plötzlich übersät von
+das Silber des Mondes auf den Schwingen, Käfer,
+Spinnen und Falter, fein wie ein Stückchen Seide, ein
+Eckchen Samt. Der Himmel war plötzlich übersät von
Sternen, der Mond ging auf.
</p>
@@ -20325,17 +20291,17 @@ Die Sommernacht funkelte.
</p>
<p>
-Wenn du das nicht fühlst? dachte Grau. Vielleicht
+Wenn du das nicht fühlst? dachte Grau. Vielleicht
ist es einerlei ob du gut oder schlecht bist, aber wenn
-du das nicht fühlst? Es gibt ja soviel Gutes, das Gute
-wächst ja immerzu, eine Schlechtigkeit kann es nicht
-schmälern und Gott wird dir vergeben. Er wird dich
+du das nicht fühlst? Es gibt ja soviel Gutes, das Gute
+wächst ja immerzu, eine Schlechtigkeit kann es nicht
+schmälern und Gott wird dir vergeben. Er wird dich
vielleicht wieder und wieder den Weg des Fleisches schicken,
bis deine Seele edel und reif geworden ist, er wird
vielleicht dem Trotzigen vergeben und dem Zweifler und
-seinem Feinde vielleicht, aber wenn du das nicht fühlst?
-Wenn du kalt bist und spottest, vielleicht hätte er dir
-eher die große Missetat vergeben.
+seinem Feinde vielleicht, aber wenn du das nicht fühlst?
+Wenn du kalt bist und spottest, vielleicht hätte er dir
+eher die große Missetat vergeben.
</p>
<p>
@@ -20343,15 +20309,15 @@ Es rauschte! War sie es, die kam?
</p>
<p>
-Grau wartete. Sein Herz war so reich, daß er die
-Stunden nicht zählte. Er lag im Grase und atmete.
+Grau wartete. Sein Herz war so reich, daß er die
+Stunden nicht zählte. Er lag im Grase und atmete.
Je tiefer die Nacht wurde, desto tiefer atmete er und
-endlich atmete er wie alles ringsumher, die Bäume,
-die Gräser.
+endlich atmete er wie alles ringsumher, die Bäume,
+die Gräser.
</p>
<p>
-Und er lächelte.
+Und er lächelte.
</p>
<p>
@@ -20359,17 +20325,17 @@ Zu denken an den gewaltigen Weltenatem! Wie?
</p>
<p>
-Wir spüren ihn ja nicht, aber sein Hauch traf auch
+Wir spüren ihn ja nicht, aber sein Hauch traf auch
die Erde, deshalb atmete sie und alles, was auf ihr
ist, die Luft, das Meer, das Feuer, die Tiere, alles,
alles atmet.
</p>
<p>
-Zu denken, daß das ganze Weltengebäude ewig zittert
+Zu denken, daß das ganze Weltengebäude ewig zittert
und bis in die kleinsten und fernsten Teile immerzu
<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a>
-bebt von der großen schwingenden Kraft! Wir fühlen
+bebt von der großen schwingenden Kraft! Wir fühlen
sie ja nicht, aber sie ist in allen Dingen. Wie die
Sterne schwingen, so schwingt die Erde und wie die
Erde schwingt, so schwingt das Blut in den Adern der
@@ -20377,31 +20343,31 @@ Menschen.
</p>
<p>
-Und überall pocht und pulst und bebt es! In den
-Urwäldern, den Sümpfen, wo es gurrt und miaut, in
-der Brust der Vögel und des Tigers, der auf Raub
-ausgeht, überall pocht es, die ganze Welt ist ja nichts
-als ein einziges großes pochendes Herz!
+Und überall pocht und pulst und bebt es! In den
+Urwäldern, den Sümpfen, wo es gurrt und miaut, in
+der Brust der Vögel und des Tigers, der auf Raub
+ausgeht, überall pocht es, die ganze Welt ist ja nichts
+als ein einziges großes pochendes Herz!
</p>
<p>
-Zu denken, daß sie nichts ist als ein großes pochendes
+Zu denken, daß sie nichts ist als ein großes pochendes
Herz! All, all das zu denken!
</p>
<p>
-Grau schwindelte und er schüttelte den Kopf.
+Grau schwindelte und er schüttelte den Kopf.
</p>
<p>
Da knackt es und Schritte kamen. Adele? Nein,
-es war ein Reh, das aus dem Walde trat um zu äsen,
-ein feines, junges Tier, das sich zierlich auf den dünnen
-Läufen bewegte.
+es war ein Reh, das aus dem Walde trat um zu äsen,
+ein feines, junges Tier, das sich zierlich auf den dünnen
+Läufen bewegte.
</p>
<p>
-Und wieder wartete er und ließ sich von seinem Glücke
+Und wieder wartete er und ließ sich von seinem Glücke
dahintragen. Es schaukelte ihn wie ein warmes, funkelndes
Meer.
</p>
@@ -20417,7 +20383,7 @@ jemand ein Lied!
<p class="noindent">
Nahm es denn kein Ende, dieser Reichtum, dieses
-Glück? Zuweilen fuhr es über ihn dahin wie ein heißer,
+Glück? Zuweilen fuhr es über ihn dahin wie ein heißer,
erstickender Sturmwind, zuweilen sang es ihm leise
und fein wie eines Vogels Stimme, zuweilen lag es
vor ihm ruhig und unendlich wie ein goldenes sanftes
@@ -20425,33 +20391,33 @@ Meer.
</p>
<p>
-Unaufhörlich spielten die Gedanken in seinem Kopfe,
+Unaufhörlich spielten die Gedanken in seinem Kopfe,
<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a>
-seine Augen waren schärfer geworden, seine Ohren feiner,
-sein Gefühl lebendiger. Er fühlte wie das Zittergras
-zitterte, er fühlte es, wie all diese kleinen wunderschönen
-Herzen des Zittergrases bebten, er fühlte wie der Zweig
-eines Baumes schwankte. Es war so schön in dieser
-Welt zu leben, wo alle Dinge so schön und sinnreich
+seine Augen waren schärfer geworden, seine Ohren feiner,
+sein Gefühl lebendiger. Er fühlte wie das Zittergras
+zitterte, er fühlte es, wie all diese kleinen wunderschönen
+Herzen des Zittergrases bebten, er fühlte wie der Zweig
+eines Baumes schwankte. Es war so schön in dieser
+Welt zu leben, wo alle Dinge so schön und sinnreich
waren, selbst die unscheinbarsten. Da hast du die Blumen,
ganz schlichte unscheinbare Blumen, sie haben die Farben
-der Sonne aufgesaugt und strahlen sie zurück, sie sind
-aber nicht nur schön, sie stehen nicht umsonst da, sie
-sind notwendig für die Quellen und die Luft; da hast
+der Sonne aufgesaugt und strahlen sie zurück, sie sind
+aber nicht nur schön, sie stehen nicht umsonst da, sie
+sind notwendig für die Quellen und die Luft; da hast
du die Biene, sie geht nach Honig aus, aber sie ist
nicht umsonst da, sie befruchtet die Blumen. Da hast
du &mdash;. Alles, alles verschlingt sich, verwebt sich, jedes
kleinste Ding hat Beziehung zu dem Ganzen, geheimnisvollen
Zweck, es wirkt und dient, auch der Mensch,
-nichts anderes als ein Faden in dem rätselhaften Gespinst
+nichts anderes als ein Faden in dem rätselhaften Gespinst
der Welt ist er. Er mag ein Unternehmer sein,
-der eine Eisenbahn baut, ein Erfinder, ein Künstler, ein
-Denker, einerlei &mdash; er arbeitet für Geld und Ruhm, ja,
+der eine Eisenbahn baut, ein Erfinder, ein Künstler, ein
+Denker, einerlei &mdash; er arbeitet für Geld und Ruhm, ja,
und doch dient und wirkt er, ob er will oder nicht,
-der Unternehmer, der die Bahn baut, dient der Verbrüderung
+der Unternehmer, der die Bahn baut, dient der Verbrüderung
der Menschen, der Erfinder spart ihnen Zeit,
-der Künstler verfeinert Sinne und Geschmack, der Denker
-vertieft ihren Sinn &mdash; alle, alle arbeiten sie für den
+der Künstler verfeinert Sinne und Geschmack, der Denker
+vertieft ihren Sinn &mdash; alle, alle arbeiten sie für den
kommenden Menschen, der die Sehnsucht und der Traum
der Erde ist. Ein Faden im Gespinste der Welt ist der
Mensch, verwebt mit dem was lebt und tot scheint,
@@ -20465,50 +20431,50 @@ der Luft und den Sternen.
</p>
<p>
-Der Wald war plötzlich zu Ende und Grau trat
-in die blendende Sonne. Er prallte zurück. Was war
+Der Wald war plötzlich zu Ende und Grau trat
+in die blendende Sonne. Er prallte zurück. Was war
das, was mitten im Tale stand in der flimmernden
Sonne? Ja, das war er, er, der Mensch, das Phantom
-Mensch! Seine Füße standen im Tal und sein Haupt
-reichte bis in den blauen Äther hinein. Sein Leib leuchtete
+Mensch! Seine Füße standen im Tal und sein Haupt
+reichte bis in den blauen Äther hinein. Sein Leib leuchtete
in der dampfenden Sonne, seine Augen strahlten wie Sterne.
</p>
<p>
Die Erscheinung zerrann im Augenblick wieder. Grau
-schloß die Augen, eine ungeheure Erschöpfung lähmte seine
-Glieder. Er setzte sich in das Gras und lächelte. Wie
+schloß die Augen, eine ungeheure Erschöpfung lähmte seine
+Glieder. Er setzte sich in das Gras und lächelte. Wie
herrlich war es doch gewesen? Wie wunderbar das Leuchten
-dieser erhabenen Augen, nie mehr würde er es vergessen!
+dieser erhabenen Augen, nie mehr würde er es vergessen!
Ja, das war er, dachte Grau, der Mensch, das Phantom!
-Der Mensch mit seinen Gebräuchen und Sitten, seinen
-Städten, seinen Kathedralen und Tempeln, seinen Statuen
-und Gemälden, seinen Symphonien, seinen Geweben
-und Maschinen, seinen Wünschen, seiner Sehnsucht,
+Der Mensch mit seinen Gebräuchen und Sitten, seinen
+Städten, seinen Kathedralen und Tempeln, seinen Statuen
+und Gemälden, seinen Symphonien, seinen Geweben
+und Maschinen, seinen Wünschen, seiner Sehnsucht,
seinen Religionen, seinen Hoffnungen, seinem Schmerz,
-seinem Wahnsinn, seiner Liebe und seinem Haß, stärker
-als der Elefant, schneller als der Vogel, mit köstlichern
-Gesängen als des Vogels Lieder sind.
+seinem Wahnsinn, seiner Liebe und seinem Haß, stärker
+als der Elefant, schneller als der Vogel, mit köstlichern
+Gesängen als des Vogels Lieder sind.
</p>
<p>
Hast du dem Menschen schon ins Auge geblickt, wie
-es glänzt und dunkelt und blitzt unter der Wimper, die
+es glänzt und dunkelt und blitzt unter der Wimper, die
sich hebt und senkt, hast du schon gesehen wie sich
-seine Lippe schwingt? Ja, auch schön ist der Mensch.
+seine Lippe schwingt? Ja, auch schön ist der Mensch.
</p>
<p>
Ich und du, wir sind ja nur zwei Halme am Rain,
ein Volk wie ein Baum, der seine Zeit hat, aber der
-Mensch ist ein Phantom, das unvergänglich ist und
-wächst und wächst! &mdash;
+Mensch ist ein Phantom, das unvergänglich ist und
+wächst und wächst! &mdash;
</p>
<p>
<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a>
Wie er in der Sonne stand, dachte Grau, ich sah
-ihn ja ganz deutlich, wie kühn, wie herrlich, nie mehr
+ihn ja ganz deutlich, wie kühn, wie herrlich, nie mehr
werde ich diese Erscheinung vergessen.
</p>
@@ -20525,13 +20491,13 @@ meine reichen Tage sind gekommen.&ldquo;
<span class="firstchar">G</span>rau erhielt einen Brief von Adele. &bdquo;Warte! Mama
ist besser, ich will mich ihr anvertrauen. Habe
Geduld!&ldquo; Er traf die Schwestern Sinding auf der
-Straße und wechselte einige Worte mit ihnen. Zufällig
+Straße und wechselte einige Worte mit ihnen. Zufällig
kamen sie auf Adele zu sprechen.
</p>
<p>
&bdquo;Wir trafen sie bei unserer Stickmamsell,&ldquo; sagten
-die Schwestern. &bdquo;Sie soll ja in den allernächsten Tagen
+die Schwestern. &bdquo;Sie soll ja in den allernächsten Tagen
reisen.&ldquo;
</p>
@@ -20540,20 +20506,20 @@ reisen.&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte so eigentümlich, daß ihn die Mädchen
+Grau lächelte so eigentümlich, daß ihn die Mädchen
erstaunt anblickten.
</p>
<p>
-Ja, gewiß würde Adele in den allernächsten Tagen
-reisen, nur wußte niemand wohin und mit wem. Der
-Stadt stand eine kleine Überraschung bevor.
+Ja, gewiß würde Adele in den allernächsten Tagen
+reisen, nur wußte niemand wohin und mit wem. Der
+Stadt stand eine kleine Überraschung bevor.
</p>
<p>
Grau war nicht ungeduldig, er wollte gerne warten,
-Wochen, Monate, Jahre, wenn es sein mußte, es war
-ja schön zu warten, er war dankbar, daß er es durfte.
+Wochen, Monate, Jahre, wenn es sein mußte, es war
+ja schön zu warten, er war dankbar, daß er es durfte.
</p>
<p>
@@ -20563,86 +20529,86 @@ Wiesen, die Felder, hinauf, hinab, bald waren seine
Schuhe staubig, bald blank vom Grase. Er blickte ringsumher,
<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a>
seine Augen waren heller, goldener geworden
-in den letzten Tagen, er lächelte und seine Wangen
+in den letzten Tagen, er lächelte und seine Wangen
waren rot, er sang leise vor sich hin, zuweilen lachte
-er und er hätte nicht sagen können, worüber er gelacht
+er und er hätte nicht sagen können, worüber er gelacht
hatte. Ganze Strecken lief er dahin, den Hut in
-der Hand, die lächelnden Augen auf den Boden geheftet.
-Alle Dinge sprachen zu ihm, es strömte von
+der Hand, die lächelnden Augen auf den Boden geheftet.
+Alle Dinge sprachen zu ihm, es strömte von
allen Seiten auf ihn ein, unausgesetzt, und dabei pochte
immerfort das Herz in seiner Brust, pochte und klopfte
und zitterte. Reiche Tage waren das.
</p>
<p>
-Wie aber waren Graus Nächte?
+Wie aber waren Graus Nächte?
</p>
<p>
-Diese warmen, feierlichen, funkelnden Nächte, nie
-würde er sie vergessen können! Wenn er oben am Waldrand
+Diese warmen, feierlichen, funkelnden Nächte, nie
+würde er sie vergessen können! Wenn er oben am Waldrand
lag und zu dem gestirnten Himmel emporblickte.
-Sterne hier, Sterne dort, Sterne überall. Es war
+Sterne hier, Sterne dort, Sterne überall. Es war
kein Platz am Himmel leer. Da schimmerten sie, die
-großen Sternbilder spannten sich gewaltig aus, eine aus
-flimmernden Sternen gefügte mächtige Brücke stieg herauf,
+großen Sternbilder spannten sich gewaltig aus, eine aus
+flimmernden Sternen gefügte mächtige Brücke stieg herauf,
stieg empor, verschwand in den dunkeln Tannen.
Aber wenn man hinein blickte in eine Gruppe von
Sternen, so entdeckte man zwischen den kleinsten Sternen
-abermals Sterne, feine Fünkchen, Stiche. Da leuchteten
-große Sterne, die man mit Ehrfurcht anblickte, kleine,
+abermals Sterne, feine Fünkchen, Stiche. Da leuchteten
+große Sterne, die man mit Ehrfurcht anblickte, kleine,
die man lieben durfte. Sternschnuppen fielen, oft kurz,
-gleichsam entschlüpft und wieder erhascht, oft lange
+gleichsam entschlüpft und wieder erhascht, oft lange
Streifen, die hinter dem Horizonte verschwanden.
</p>
<p>
Grau konnte stundenlang in die Sterne blicken. Sie
-entzückten ihn. Sie zogen ihn an. Sie winkten ihm.
-Verwunderung und Staunen überkam ihn, Furcht,
-Schrecken, Grauen, Freude. Wie die Ameise im großen
+entzückten ihn. Sie zogen ihn an. Sie winkten ihm.
+Verwunderung und Staunen überkam ihn, Furcht,
+Schrecken, Grauen, Freude. Wie die Ameise im großen
<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a>
Walde, so war er unter den Gestirnen. Er konnte
-wandern, Millionen Jahre und würde ihnen nicht näher
-kommen. Auf tausenden von Planeten saß in dieser
+wandern, Millionen Jahre und würde ihnen nicht näher
+kommen. Auf tausenden von Planeten saß in dieser
Stunde ein ihm verwandtes Wesen und starrte und
-starrte in die Gestirne, schwindelig vor Entzücken und
-Grauen. Schrecklich ist es für den Menschen an den
+starrte in die Gestirne, schwindelig vor Entzücken und
+Grauen. Schrecklich ist es für den Menschen an den
unendlichen Raum zu denken. Fernen, Entfernungen,
-Leere, kein Laut, von den unverständlichen Lichtsignalen
-zahlloser Sternenheere durchzuckt. Er taumelt, er möchte
+Leere, kein Laut, von den unverständlichen Lichtsignalen
+zahlloser Sternenheere durchzuckt. Er taumelt, er möchte
schreien und doch denkt er wieder und wieder daran.
-Vielleicht aber tönen da draußen Melodien, vielleicht ist
-der Raum nicht leer, sondern von Geistern erfüllt.
-Vielleicht ist er die Wohnung Gottes und plötzlich könnte
+Vielleicht aber tönen da draußen Melodien, vielleicht ist
+der Raum nicht leer, sondern von Geistern erfüllt.
+Vielleicht ist er die Wohnung Gottes und plötzlich könnte
den Menschen die furchtbare Frage treffen: Was wagst
du es?
</p>
<p>
-Schrecklich ist es für den Menschen, ein Punkt am
+Schrecklich ist es für den Menschen, ein Punkt am
Rande der Unendlichkeit zu sein.
</p>
<p>
-Grau zitterte. Er regte sich lange nicht. Scheu erfüllte
+Grau zitterte. Er regte sich lange nicht. Scheu erfüllte
ihn. &mdash;
</p>
<p>
-Alle Nächte waren verschieden und jede Nacht erlebte
+Alle Nächte waren verschieden und jede Nacht erlebte
Grau anders, eine Nacht machte ihn reicher als
die andre. Jede Nacht hatte ihr besonderes Schweigen,
ihren besonderen Geruch, ihre besonderen kleinen Laute.
-Der Wald war in jeder Nacht ein anderer. Bald flüsterte
-er, bald schüttelte er sich, er konnte sein wie ein Mensch,
+Der Wald war in jeder Nacht ein anderer. Bald flüsterte
+er, bald schüttelte er sich, er konnte sein wie ein Mensch,
der im Traume: Ja, ja! murmelt, wie ein junges
-Mädchen, das im Traume kichert. Und er konnte
+Mädchen, das im Traume kichert. Und er konnte
schweigen, so tief.
</p>
<p>
-Zuweilen hörte man tief im Walde einen hohlen
+Zuweilen hörte man tief im Walde einen hohlen
Ton, als ob ein Stein ins Wasser falle. Knistern,
<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a>
Laute. Jemand ging im Moos, ein Schritt glitt in der
@@ -20651,17 +20617,17 @@ Dunkelheit? Sang es nicht tief drinnen im Walde?
<p>
In einer Nacht wimmelte die Luft von Milben und
-Faltern, in der nächsten da war kein Leben, eine Nacht
+Faltern, in der nächsten da war kein Leben, eine Nacht
war still, kein Blatt regte sich, in einer andern da koste
ein leiser Wind vom Abend bis zum Morgen mit dem
Grase wie mit einer Geliebten.
</p>
<p>
-Die Stadt mit ihren buckligen Dächern und blinzelnden
-Lichtern erschien wie eine große warzige Kröte
+Die Stadt mit ihren buckligen Dächern und blinzelnden
+Lichtern erschien wie eine große warzige Kröte
an der Edelsteine funkeln. Da lag sie und kroch an
-den Fluß um zu trinken. Oft war die Ebene wie
+den Fluß um zu trinken. Oft war die Ebene wie
schwarzer, weicher Sammet, aber im Mondschein konnte
sie sein wie ein See mit kleinen wandernden Silberwellen.
</p>
@@ -20669,88 +20635,88 @@ sie sein wie ein See mit kleinen wandernden Silberwellen.
<p>
Einmal entlud sich mitten in der Nacht ein Gewitter.
Gespensterhafte Wolken flogen daher, die vom Himmel
-bis zur Erde herabhingen und die Dächer der Stadt zu
-streifen schienen. Sie waren tiefschwarz, aber plötzlich
+bis zur Erde herabhingen und die Dächer der Stadt zu
+streifen schienen. Sie waren tiefschwarz, aber plötzlich
zerrissen sie und Grau sah in eine riesige Schmiede
-hinein, wo wütende Schmiede arbeiteten. Die Funken
-sprühten, die Hämmer dröhnten, die Bälge heulten. Die
-Wolken jagen über die Höhe und nun rieselten die
-Blitze gleichsam über den Wald und Grau stand inmitten
+hinein, wo wütende Schmiede arbeiteten. Die Funken
+sprühten, die Hämmer dröhnten, die Bälge heulten. Die
+Wolken jagen über die Höhe und nun rieselten die
+Blitze gleichsam über den Wald und Grau stand inmitten
von Feuer. Das liebte er. Das Gewitter war
-kurz aber es hatte in Grau ein großes Erstaunen zurückgelassen,
-so daß er lange nichts andres denken konnte.
+kurz aber es hatte in Grau ein großes Erstaunen zurückgelassen,
+so daß er lange nichts andres denken konnte.
</p>
<p>
-Wieder, da war die Nacht süß und träumerisch und
-Graus Herz war still und lächelnd und voller Liebe.
+Wieder, da war die Nacht süß und träumerisch und
+Graus Herz war still und lächelnd und voller Liebe.
</p>
<p>
&bdquo;Den Kindern Rosen auf die Wangen, wenn sie
schlafen,&ldquo; dachte er, &bdquo;und sonnige Wiesen, wenn sie
<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a>
-wachen, den Geknechteten gütige Anwälte unter den
-Mächtigen der Erde, dem Verzweifelten einen Freund!&ldquo;
+wachen, den Geknechteten gütige Anwälte unter den
+Mächtigen der Erde, dem Verzweifelten einen Freund!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich möchte der Traum sein und des Nachts vor
-den geängstigten Menschen tanzen und spielen, ich möchte
-ein Vogel sein und mich auf die Gitterstäbe des Gefängnisses
-setzen und meine schönen Farben zeigen.&ldquo;
+&bdquo;Ich möchte der Traum sein und des Nachts vor
+den geängstigten Menschen tanzen und spielen, ich möchte
+ein Vogel sein und mich auf die Gitterstäbe des Gefängnisses
+setzen und meine schönen Farben zeigen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich möchte ja, daß das Korn selbst auf den Dächern
-der Häuser wachse und die Tannen Wein und Früchte
-tragen, damit es keinen Hungernden mehr gäbe.&ldquo;
+&bdquo;Ich möchte ja, daß das Korn selbst auf den Dächern
+der Häuser wachse und die Tannen Wein und Früchte
+tragen, damit es keinen Hungernden mehr gäbe.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Dann möchte ich Ströme von Freundschaft aussenden
+&bdquo;Dann möchte ich Ströme von Freundschaft aussenden
in die Lande, damit der Hader und Zank endigte.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Dann möchte ich Blitze von Sehnsucht aussenden,
-damit sich alle Herzen entzündeten zu friedevollem Wettkampfe.
-Das möchte ich!&ldquo;
+&bdquo;Dann möchte ich Blitze von Sehnsucht aussenden,
+damit sich alle Herzen entzündeten zu friedevollem Wettkampfe.
+Das möchte ich!&ldquo;
</p>
<p>
Und Grau, der im Grase lag und ein heiteres Herz
hatte, winkte leise mit der Hand und sagte: &bdquo;Allen,
-allen Menschen einen Gruß! Dir und dir! Dem Mißmutigen
-einen Gruß, von jeder Glocke, jeder Geige,
-jeder Flöte will ich ihm einen Ton schenken, von jedem
+allen Menschen einen Gruß! Dir und dir! Dem Mißmutigen
+einen Gruß, von jeder Glocke, jeder Geige,
+jeder Flöte will ich ihm einen Ton schenken, von jedem
Vogel ein Federchen, das er entbehren kann, von jeder
-Blume ein bißchen Duft: Damit er fröhlich werde! Dem
-Fröhlichen einen Gruß und dir, du schönes Mädchen,
-das jetzt lacht, einen Gruß, und dir, dem Schwarzen
-einen Gruß, der jetzt im heißen Schiffsbauche arbeitet
-und glüht im Feuerschein! Allen, allen einen Gruß!&ldquo;
+Blume ein bißchen Duft: Damit er fröhlich werde! Dem
+Fröhlichen einen Gruß und dir, du schönes Mädchen,
+das jetzt lacht, einen Gruß, und dir, dem Schwarzen
+einen Gruß, der jetzt im heißen Schiffsbauche arbeitet
+und glüht im Feuerschein! Allen, allen einen Gruß!&ldquo;
</p>
<p>
-Die schönste Nacht aber war die letzte Nacht, da
+Die schönste Nacht aber war die letzte Nacht, da
Grau wartete.
</p>
<p>
-Er war betroffen, als er auf der Höhe ankam und
-sich umblickte. Das glänzte! Der Fluß, die Stadt, die
-Ebene, die Höhenzüge, alles glänzte!
+Er war betroffen, als er auf der Höhe ankam und
+sich umblickte. Das glänzte! Der Fluß, die Stadt, die
+Ebene, die Höhenzüge, alles glänzte!
</p>
<p>
<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a>
Grau war betroffen und sein Herz stand still. Da
stand er und staunte. Das war ja sein Glanz, des
-großen Gottes Glanz, der auf Feldern und Wäldern
-und Dächern und Graus Hand lag! Niemals hatte er
+großen Gottes Glanz, der auf Feldern und Wäldern
+und Dächern und Graus Hand lag! Niemals hatte er
diesen Glanz vorher gesehen. Das Firmament, war es
-nicht wie ein gleißendes Antlitz, das sich über die Erde
+nicht wie ein gleißendes Antlitz, das sich über die Erde
beugte?
</p>
@@ -20759,14 +20725,14 @@ Gott?
</p>
<p>
-Der Furchtbare, der Pflanzen und Getier träumte?
-Unfaßbare Formen, verwirrende Gebilde. Sein Gedanke
+Der Furchtbare, der Pflanzen und Getier träumte?
+Unfaßbare Formen, verwirrende Gebilde. Sein Gedanke
ward zum Feuer, sein Atem zum Gesang, seine Blicke
schleuderten die tanzenden Sterne in den Raum, sein
Blick fiel auf die Erde und aus dem dunkeln Haupt
der Erde sprang der Mensch. Das Heben seines Lides
kann das All zerschmettern, das Senken seines Lides
-ein neues schaffen und alles kreist und blüht wie zuvor.
+ein neues schaffen und alles kreist und blüht wie zuvor.
</p>
<p>
@@ -20776,11 +20742,11 @@ sucht.
</p>
<p>
-Ist er überall? Im Grase, im Baume, in der Katze,
-die über die Mauer schleicht und in mir? Blickt er
-ewig auf mich mit einem seiner ungezählten Augen?
+Ist er überall? Im Grase, im Baume, in der Katze,
+die über die Mauer schleicht und in mir? Blickt er
+ewig auf mich mit einem seiner ungezählten Augen?
Oder blickt er aus mir, pocht er in mir, ist er ewig in
-mir, in jedem Gefühle, folgt er mir jetzt in meine
+mir, in jedem Gefühle, folgt er mir jetzt in meine
Gedanken? Duftet er aus der Blume?
</p>
@@ -20800,14 +20766,14 @@ das ruht?
<p>
<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a>
-Es ist ja nicht mehr wie früher, da er in einem
+Es ist ja nicht mehr wie früher, da er in einem
Garten mit den Menschen wandelte, oder im Donner
redete oder auf einer Wolke dahin fuhr.
</p>
<p>
-Wir können ihn ja nicht mehr denken &mdash; aber wäre
-er nicht weniger groß, wenn wir ihn denken könnten?
+Wir können ihn ja nicht mehr denken &mdash; aber wäre
+er nicht weniger groß, wenn wir ihn denken könnten?
</p>
<p>
@@ -20815,15 +20781,15 @@ Er ist eine Sehnsucht!
</p>
<p>
-Plötzlich erstarrte Grau: Ist es verboten an ihn zu
+Plötzlich erstarrte Grau: Ist es verboten an ihn zu
denken?
</p>
<p>
Verboten, verboten? Die Sterne blickten ihn an,
Glanz blendete ihn. Er zitterte, sein Herz stand still
-und das Blut glühte in seinem Kopfe. Er hatte
-Furcht, entsetzliche Furcht. Er erbleichte und verhüllte
+und das Blut glühte in seinem Kopfe. Er hatte
+Furcht, entsetzliche Furcht. Er erbleichte und verhüllte
sein Gesicht.
</p>
@@ -20844,16 +20810,16 @@ dunkel war.
<p>
Durch die dunkeln Wipfel blitzte ein Stern. &bdquo;Goldener
-Gott!&ldquo; flüsterte Grau. &bdquo;Auch hierher folgst du
-mir?&ldquo; Er schloß die Augen &mdash; da fühlte er den Duft
+Gott!&ldquo; flüsterte Grau. &bdquo;Auch hierher folgst du
+mir?&ldquo; Er schloß die Augen &mdash; da fühlte er den Duft
des Waldes. &bdquo;Auch hierher? Das alles ist zu gewaltig
-für ein Menschenherz.&ldquo; Er roch den Duft nicht mehr,
-da begann sein Herz zu pochen, fürchterlich schlug es.
+für ein Menschenherz.&ldquo; Er roch den Duft nicht mehr,
+da begann sein Herz zu pochen, fürchterlich schlug es.
&bdquo;Auch hierher folgst du mir!&ldquo;
</p>
<p>
-Sein Herz stand still, da begann ein großes Auge
+Sein Herz stand still, da begann ein großes Auge
in ihm zu funkeln. &mdash; Er kniete nieder und beugte das
Haupt. &mdash;
</p>
@@ -20861,15 +20827,15 @@ Haupt. &mdash;
<p>
Als Grau nach langer Zeit wieder aus dem Walde
<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a>
-trat, war er ganz blaß und erschöpft. Er lächelte matt
-und seine Augen standen voll Tränen. Er hatte gebetet
+trat, war er ganz blaß und erschöpft. Er lächelte matt
+und seine Augen standen voll Tränen. Er hatte gebetet
zu seinem Gotte und ihn um Kraft angefleht,
-Adele würdig zu werden.
+Adele würdig zu werden.
</p>
<p>
-Nun fühlte er sich stark und frei. Nie hatte er sich
-freier und glücklicher gefühlt.
+Nun fühlte er sich stark und frei. Nie hatte er sich
+freier und glücklicher gefühlt.
</p>
<p>
@@ -20887,51 +20853,51 @@ freier und glücklicher gefühlt.
<p>
&bdquo;Ich komme um mit dir zu sprechen,&ldquo; begann sie
hastig und streifte Grau mit einem raschen, scheuen Blick.
-Ihre Wangen waren gerötet, aber plötzlich erbleichte sie.
+Ihre Wangen waren gerötet, aber plötzlich erbleichte sie.
Sie nahm auf einem Stuhle Platz und beugte den Kopf,
-so daß ihr Gesicht fast ganz unter dem hellen Sommerhut,
-der mit großen weißen Federn geschmückt war, verschwand.
+so daß ihr Gesicht fast ganz unter dem hellen Sommerhut,
+der mit großen weißen Federn geschmückt war, verschwand.
</p>
<p>
-&bdquo;Höre mich an, liebster Freund,&ldquo; fuhr sie nach einer
+&bdquo;Höre mich an, liebster Freund,&ldquo; fuhr sie nach einer
Weile ruhig fort und wandte Grau den Blick zu, &bdquo;ich
-werde dir alles sagen. Unterbrich mich nicht, laß mich
+werde dir alles sagen. Unterbrich mich nicht, laß mich
sprechen, du wirst mich verstehen. Du hast gewartet,
-du lieber Freund, viele Nächte &mdash; ich konnte aber nicht
-abkommen. Es war ganz unmöglich. Mama fühlte
-sich nicht wohl. Und dann hat man mich auch förmlich
-bewacht. Sie wußten, daß ich nachts fort war,
-mein Gott, wie sie es herausgebracht haben, das weiß
-ich nicht. Auch der Baron wußte es, an seinen Blicken
-konnte ich sehen, daß er es wußte. Aber er machte nicht
+du lieber Freund, viele Nächte &mdash; ich konnte aber nicht
+abkommen. Es war ganz unmöglich. Mama fühlte
+sich nicht wohl. Und dann hat man mich auch förmlich
+bewacht. Sie wußten, daß ich nachts fort war,
+mein Gott, wie sie es herausgebracht haben, das weiß
+ich nicht. Auch der Baron wußte es, an seinen Blicken
+konnte ich sehen, daß er es wußte. Aber er machte nicht
<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a>
die kleinste Anspielung. Papa gab eine Einladung &mdash;
ich konnte ja nicht gut wegbleiben? Jeden Abend gab
-es etwas anderes und dann fühlte ich mich auch stets
-bewacht. Einmal da kam das fürchterliche Gewitter.
-Du sollst alles hören! Du ahnst es gewiß. Ich sah
-es dir an, auf den ersten Blick. Es war schön, als
-wir oben im Walde gingen, so schön war es. Ich werde
+es etwas anderes und dann fühlte ich mich auch stets
+bewacht. Einmal da kam das fürchterliche Gewitter.
+Du sollst alles hören! Du ahnst es gewiß. Ich sah
+es dir an, auf den ersten Blick. Es war schön, als
+wir oben im Walde gingen, so schön war es. Ich werde
diese Nacht nicht mehr vergessen, nie mehr! Wie herrlich
-du gesprochen hast, über die Ehe und über alles,
-ja, ich werde es nicht mehr vergessen. Was für schöne
-und tiefe Gedanken wohl in deinem Kopfe sein mögen!
-Ich liebe das! Ich liebe dich auch, glaube nicht, daß
-ich dich nicht mehr liebe, oder daß ich dich weniger liebe.
+du gesprochen hast, über die Ehe und über alles,
+ja, ich werde es nicht mehr vergessen. Was für schöne
+und tiefe Gedanken wohl in deinem Kopfe sein mögen!
+Ich liebe das! Ich liebe dich auch, glaube nicht, daß
+ich dich nicht mehr liebe, oder daß ich dich weniger liebe.
Nein, nein. Ja, wie wir doch zusammen gingen und
sprachen wie wirkliche Freunde. Ich denke immer daran.
-Als du mir den Tau gabst, da lachte ich, ich fühlte mich
-so frei. Ja, da war ich glücklich, in diesem Augenblick! &mdash;
-Ich liebe deine Gedanken, ich liebe es wie du fühlst.
-Du hast mich förmlich berauscht. Und deine Augen!
-Sie waren so schön, sie sind so schön, wie waren sie
+Als du mir den Tau gabst, da lachte ich, ich fühlte mich
+so frei. Ja, da war ich glücklich, in diesem Augenblick! &mdash;
+Ich liebe deine Gedanken, ich liebe es wie du fühlst.
+Du hast mich förmlich berauscht. Und deine Augen!
+Sie waren so schön, sie sind so schön, wie waren sie
doch? Wie am Liederkranzball, du sahst mich an und
ich konnte nicht mehr tanzen. Man spricht hier viel
-von dir. Man sagt, du habest eine solch eigentümliche
-Macht über die Menschen. Eine Dame hier batest du
+von dir. Man sagt, du habest eine solch eigentümliche
+Macht über die Menschen. Eine Dame hier batest du
um ein altes Bett, sie hatte gar kein altes, aber sie gab
-dir ein neues. Sie selbst hat es mir erzählt, sie konnte
+dir ein neues. Sie selbst hat es mir erzählt, sie konnte
nicht anders. Es war dein Blick, sagte sie.&ldquo;
</p>
@@ -20941,7 +20907,7 @@ Augen sehe.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Aber doch muß es sein, doch mußt du alles hören.
+&bdquo;Aber doch muß es sein, doch mußt du alles hören.
</p>
<p>
@@ -20949,14 +20915,14 @@ Augen sehe.&ldquo;
Es war so wunderbar in jener Nacht, wie ein Traum
war es. Ich liebe dich, es ist wahr. So deutlich empfinde
ich es jetzt, da ich dir nahe bin. Ja, wie hast du mich
-doch geküßt, ich mußte immer daran denken. Du liebst
-mich, gewiß, aber ob deine Liebe nicht erblassen würde,
-wer sollte das wissen können. Ob unsere Liebe immer
-so groß und schön bliebe? Vielleicht würden wir nie
-wieder so empfinden können wie in jener Nacht. Es ist
-nicht möglich, denke ich, die Liebe hat ihre Zeit wie alles
-andere und dann ist sie vorbei. Ich weiß auch nicht,
-ob ich dich immer so lieben würde. Ich weiß nicht einmal,
+doch geküßt, ich mußte immer daran denken. Du liebst
+mich, gewiß, aber ob deine Liebe nicht erblassen würde,
+wer sollte das wissen können. Ob unsere Liebe immer
+so groß und schön bliebe? Vielleicht würden wir nie
+wieder so empfinden können wie in jener Nacht. Es ist
+nicht möglich, denke ich, die Liebe hat ihre Zeit wie alles
+andere und dann ist sie vorbei. Ich weiß auch nicht,
+ob ich dich immer so lieben würde. Ich weiß nicht einmal,
ob ich wirklich lieben kann? Sage nichts. Es
ist wahr, ich liebe Mama, aber eigentlich liebe ich doch
nur mich allein.&ldquo;
@@ -20968,33 +20934,33 @@ dir fliehen, nur weit fort von allem, glaube mir, ich
wollte es. Als wir die Abendgesellschaft im Garten
hatten, da dachte ich nur an dich. Nun wartet er, dachte
ich, er wartet! Ich habe nur an dich gedacht. Am
-nächsten Abend, da konnte ich nicht fort, weil ich mich
-bewacht fühlte. Ich habe mir alles überlegt. Es kam
-mir so schön vor, so wundervoll. Ich wollte jeden Abend
+nächsten Abend, da konnte ich nicht fort, weil ich mich
+bewacht fühlte. Ich habe mir alles überlegt. Es kam
+mir so schön vor, so wundervoll. Ich wollte jeden Abend
zu dir kommen und doch bereitete ich nebenbei alles zur
Abreise mit dem Baron vor. Dann dachte ich, ob ich
-das ertragen würde auf lange Zeit? Du bist du, aber
-ob ich das ertrage, immer in dieser reinen und schönen
+das ertragen würde auf lange Zeit? Du bist du, aber
+ob ich das ertrage, immer in dieser reinen und schönen
Welt zu leben, immer diese Gedanken zu haben? Nein,
ich glaube nicht. Du hast mich berauscht, so war es.
-Schon als ich dich zuerst sah, hatte ich ein so eigentümliches
-Gefühl. Wenn ich doch wüßte, wie er ist,
+Schon als ich dich zuerst sah, hatte ich ein so eigentümliches
+Gefühl. Wenn ich doch wüßte, wie er ist,
<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a>
dachte ich. Es zog mich zu dir. Du hast mich trunken
-gemacht in jener Nacht. Ja, so könnte es sein, es könnte
-ja so sein, das wäre das Leben &mdash; aber ich bin ja nicht
-dafür geschaffen. Ich liebe dich, aber auch du bist nicht
-der Rechte für mich. Ich muß es sagen, verzeihe mir,
+gemacht in jener Nacht. Ja, so könnte es sein, es könnte
+ja so sein, das wäre das Leben &mdash; aber ich bin ja nicht
+dafür geschaffen. Ich liebe dich, aber auch du bist nicht
+der Rechte für mich. Ich muß es sagen, verzeihe mir,
ich will ja ehrlich sein. Du nicht und auch der Baron
-nicht. Sprich nichts, laß mich alles sagen.&ldquo;
+nicht. Sprich nichts, laß mich alles sagen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich habe mich neulich auch über den Baron geäußert,
-ich habe gesagt, er ist beschränkt und in mancher
+&bdquo;Ich habe mich neulich auch über den Baron geäußert,
+ich habe gesagt, er ist beschränkt und in mancher
Beziehung roh, das tut mir nun leid, denn er hat mir
und meiner Familie nur Gutes erwiesen. Er hat andere
-Gedanken und vielleicht sind sie nicht so schön und groß
+Gedanken und vielleicht sind sie nicht so schön und groß
wie die deinigen, er ist auch nicht herzlos, er verbirgt
nur sein Herz. Doch wozu sage ich all das? Er ist
mir nicht unsympathisch, das wolle ich sagen.&ldquo;
@@ -21002,66 +20968,66 @@ mir nicht unsympathisch, das wolle ich sagen.&ldquo;
<p>
Sie schwieg und wandte die hellen, von den schwarzen
-Wimpern umsäumten Augen dem Fenster zu und sah
-hinaus in den Garten. In Eisenhuts Kirschbäumen lärmten
-die Vögel. Ihr Blick ging in die Leere, sie sah nichts.
+Wimpern umsäumten Augen dem Fenster zu und sah
+hinaus in den Garten. In Eisenhuts Kirschbäumen lärmten
+die Vögel. Ihr Blick ging in die Leere, sie sah nichts.
Sie nagte an der Lippe. Dann wandte sie das Gesicht
Grau zu und sah ihn mit halbgeschlossenen Augen an.
-Sie lächelte schmerzlich. &bdquo;Ich habe meinen Entschluß
-gefaßt,&ldquo; fuhr sie leise fort, &bdquo;er ist nicht mehr zu ändern.
-Ich will dir sagen, warum du nicht der Rechte für mich
-bist. Du bist zu gut und fein. Du würdest mich nie
-zu etwas zwingen und ich würde nie Furcht vor dir
-haben. Ich sage ja nicht, daß ich das wünsche, aber
+Sie lächelte schmerzlich. &bdquo;Ich habe meinen Entschluß
+gefaßt,&ldquo; fuhr sie leise fort, &bdquo;er ist nicht mehr zu ändern.
+Ich will dir sagen, warum du nicht der Rechte für mich
+bist. Du bist zu gut und fein. Du würdest mich nie
+zu etwas zwingen und ich würde nie Furcht vor dir
+haben. Ich sage ja nicht, daß ich das wünsche, aber
du solltest ein starker Mann sein, vor dem man Furcht
-haben könnte! Verzeihe mir, es ist ja so schwer für
-mich, die richtigen Worte zu finden. Es wäre schön
+haben könnte! Verzeihe mir, es ist ja so schwer für
+mich, die richtigen Worte zu finden. Es wäre schön
<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a>
-mit dir, ich fühle es, ich habe geträumt und geträumt,
+mit dir, ich fühle es, ich habe geträumt und geträumt,
aber du bist doch nicht der Rechte.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;So bleich bist du, totenbleich, aber du bist doch ruhig.
-Ich liebe dich, ach, glaube doch nicht, daß ich dich nicht
-mehr liebe! Du hast vielleicht größere Kräfte in dir
-und bist vielleicht viel stärker als all die andern, die
-sich so stark und hart gebärden. Du gebrauchst deine
+Ich liebe dich, ach, glaube doch nicht, daß ich dich nicht
+mehr liebe! Du hast vielleicht größere Kräfte in dir
+und bist vielleicht viel stärker als all die andern, die
+sich so stark und hart gebärden. Du gebrauchst deine
Kraft nur nicht. Aber trotzdem bist du nicht der Rechte &mdash;
-auch der Baron nicht. Aber es muß ja sein! Du sollst
+auch der Baron nicht. Aber es muß ja sein! Du sollst
mein Freund sein, ja immer, immer werde ich an dich
-denken und davon träumen, wie es wäre, bei dir zu
-sein! Aber es ist ja unmöglich.&ldquo;
+denken und davon träumen, wie es wäre, bei dir zu
+sein! Aber es ist ja unmöglich.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ich sagte, ich will dein sein und vielleicht sollte
ich es auch. Aber du bist nicht ganz der Richtige, nun
-sollte ich auch keinem andern gehören. Aber das geht
+sollte ich auch keinem andern gehören. Aber das geht
ja nicht. &mdash; Ich kann dir ja nicht alles sagen! Wie es
-bei mir zu Hause steht! Mama sollte in Bäder, aber
+bei mir zu Hause steht! Mama sollte in Bäder, aber
wir sind ja nicht so reich, mein Bruder verdient nichts,
die Pension meines Vaters reicht nicht weit. Und ich,
-auch ich koste Geld &mdash; so töricht ist das Leben, alles,
-alles kostet Geld &mdash; und die Bäder, die Mama aufsuchen
+auch ich koste Geld &mdash; so töricht ist das Leben, alles,
+alles kostet Geld &mdash; und die Bäder, die Mama aufsuchen
soll &mdash; es kann ja nicht sein. Versprich mir,
-es ruhig zu ertragen, sei groß und stolz! Es muß ja
-sein. Sage kein Wort dagegen, ich habe alles überdacht.
+es ruhig zu ertragen, sei groß und stolz! Es muß ja
+sein. Sage kein Wort dagegen, ich habe alles überdacht.
Du selbst hast ja gesagt, der Baron sei ein
sympathischer und guter Mann, nicht wahr. Er liebt
-mich, er wird alles für mich tun, vielleicht wäre ich ja
-mit dir glücklicher geworden. Aber es ist ja nicht möglich.&ldquo;
+mich, er wird alles für mich tun, vielleicht wäre ich ja
+mit dir glücklicher geworden. Aber es ist ja nicht möglich.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es war nicht leicht für mich zu dir zu gehen und
-all das zu sagen &mdash; beinahe hätte ich dir nur einen
+&bdquo;Es war nicht leicht für mich zu dir zu gehen und
+all das zu sagen &mdash; beinahe hätte ich dir nur einen
<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a>
Brief geschrieben. Ja, ich habe es getan, drei Tage
-schrieb ich daran &mdash; aber dann habe ich so große Sehnsucht
+schrieb ich daran &mdash; aber dann habe ich so große Sehnsucht
gehabt, dich noch einmal zu sehen. Du bist so
-schön, das habe ich gedacht, als ich dich zum ersten
-Male sah. Wie deine Augen glänzen. Sie glänzen
+schön, das habe ich gedacht, als ich dich zum ersten
+Male sah. Wie deine Augen glänzen. Sie glänzen
genau wie Susannas Augen, wenn sie Fieber hatte.
Wie gut bist du auch gegen Susanna gewesen!&ldquo;
</p>
@@ -21071,28 +21037,28 @@ Adeles Lippen bebten. &bdquo;Lebe wohl!&ldquo; sagte sie.
</p>
<p>
-&bdquo;Es gibt ja keinen Ausweg. Du weißt nicht alles.
-Was könnte ich tun? Nichts würde etwas helfen. Es
-hat nichts geholfen, daß ich zu Eisenhut ging und mich
-vor ihm demütigte und ihn streichelte &mdash; wie ein
-Tropfen auf einen heißen Stein war es ja &mdash; es hat
-auch nichts geholfen, daß das Haus abbrannte &mdash; es
-mußte ja brennen! &mdash; es mußte ja brennen! &mdash; auch
+&bdquo;Es gibt ja keinen Ausweg. Du weißt nicht alles.
+Was könnte ich tun? Nichts würde etwas helfen. Es
+hat nichts geholfen, daß ich zu Eisenhut ging und mich
+vor ihm demütigte und ihn streichelte &mdash; wie ein
+Tropfen auf einen heißen Stein war es ja &mdash; es hat
+auch nichts geholfen, daß das Haus abbrannte &mdash; es
+mußte ja brennen! &mdash; es mußte ja brennen! &mdash; auch
das hat nichts geholfen. Ich liebe Mama. Aber das
ist nicht alles. Ich liebe mich! Ich habe Furcht vor
-der Armut, schreckliche Furcht vor der Dürftigkeit, das
+der Armut, schreckliche Furcht vor der Dürftigkeit, das
ist die Wahrheit. Ich habe auch den Wunsch alles zu
-zerstören und auch mich. Du bist so gut und schön,
+zerstören und auch mich. Du bist so gut und schön,
ich werde immer, immer an dich denken &mdash; aber es
gibt keinen, keinen Ausweg mehr. Sage nichts, ich
-beschwöre dich, sage kein Wort dagegen, es gibt nichts
+beschwöre dich, sage kein Wort dagegen, es gibt nichts
anderes mehr. Um dich ist es mir schrecklich leid, um
-dich. Ich gewöhne mich an alles. Lebe wohl!&ldquo;
+dich. Ich gewöhne mich an alles. Lebe wohl!&ldquo;
</p>
<p>
-Sie umschlang Grau und preßte ihm einen langen
-Kuß auf den Mund.
+Sie umschlang Grau und preßte ihm einen langen
+Kuß auf den Mund.
</p>
<p>
@@ -21101,51 +21067,51 @@ Kuß auf den Mund.
<p>
Sie ging. Sie winkte noch den ganzen Zaun entlang,
-sie ging rückwärts und winkte. Sie war gegangen.
+sie ging rückwärts und winkte. Sie war gegangen.
</p>
<p>
<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a>
Grau war allein. Er setzte sich auf einen Stuhl.
-Da saß er und es wurde dunkel, er regte sich nicht.
-Die Glocken läuteten schrecklich.
+Da saß er und es wurde dunkel, er regte sich nicht.
+Die Glocken läuteten schrecklich.
</p>
<p>
Sein Gesicht hatte den Ausdruck des Staunens angenommen.
-Die Brauen waren in die Höhe gezogen,
-die Augen waren groß, der Mund stand halb offen.
+Die Brauen waren in die Höhe gezogen,
+die Augen waren groß, der Mund stand halb offen.
</p>
<p>
-Die ganze Nacht saß er so und als der Morgen
-kam, saß er immer noch auf dem Stuhl und sein Gesicht
+Die ganze Nacht saß er so und als der Morgen
+kam, saß er immer noch auf dem Stuhl und sein Gesicht
staunte.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-3-15">
-<span class="firstline">Fünfzehntes Kapitel</span>
+<span class="firstline">Fünfzehntes Kapitel</span>
</h2>
<p class="first">
<span class="firstchar">G</span>rau stand auf. Es ziemt einem Manne dem Schicksal
ins Antlitz zu blicken ohne zu zittern, sagte er.
Aber seine Knie bebten, ihm schwindelte. Nun erst
-fühlte er, daß seine Stirne glühte. Er hatte Fieber.
+fühlte er, daß seine Stirne glühte. Er hatte Fieber.
Er legte sich auf das Sofa und blickte zur Decke empor.
-Er staunte. Sein Gesicht war erstarrt in einem großen,
+Er staunte. Sein Gesicht war erstarrt in einem großen,
schrecklichen Staunen.
</p>
<p>
Die Schwestern Sinding stiegen die Stufen herauf
-und plauderten von Adele. &bdquo;Wie ruhig und gefaßt
+und plauderten von Adele. &bdquo;Wie ruhig und gefaßt
sie Abschied nahm!&ldquo; sagte Marie Sinding, die ein wenig
-mit der Zunge anstieß.
+mit der Zunge anstieß.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, so merkwürdig ruhig. Sie lachte und plauderte
+&bdquo;Ja, so merkwürdig ruhig. Sie lachte und plauderte
bis der Zug fuhr. Sie beherrscht sich so. Wir sind
nicht so &mdash; haha!&ldquo;
</p>
@@ -21155,17 +21121,17 @@ nicht so &mdash; haha!&ldquo;
</p>
<p>
-Plötzlich sagte eine tiefe Männerstimme: &bdquo;Was wird
+Plötzlich sagte eine tiefe Männerstimme: &bdquo;Was wird
der Tennisklub als Hochzeitsgeschenk geben?&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a>
-Grau lag still. Er regte sich nicht. Er hörte
-wohl, was die Mädchen sagten, er lächelte nicht, er
+Grau lag still. Er regte sich nicht. Er hörte
+wohl, was die Mädchen sagten, er lächelte nicht, er
weinte nicht, er staunte. Gegen Abend schleppte er sich
an den Schreibtisch und schrieb so gut es ging einen
-Brief an einen Gärtner, bei dem er einige Tage zubringen
+Brief an einen Gärtner, bei dem er einige Tage zubringen
wollte. Dann versank er wieder in ein leichtes,
fast angenehmes Fieber. Er lag einige Tage auf dem
Sofa, er fieberte, schlief, aber selbst im Schlafe wich
@@ -21173,35 +21139,35 @@ der Ausdruck des Staunens nicht aus seinem Gesichte.
</p>
<p>
-Die Antwort des Gärtners traf ein. Grau packte
+Die Antwort des Gärtners traf ein. Grau packte
langsam, mit Anwendung all der Klarheit, die ihm das
-Fieber noch ließ, seine Sachen, auch den roten gestickten
-Reisesack mit der zornig aussehenden Henne. Er füllte
-nochmals den Teller für seinen Kostgänger, den gelben,
+Fieber noch ließ, seine Sachen, auch den roten gestickten
+Reisesack mit der zornig aussehenden Henne. Er füllte
+nochmals den Teller für seinen Kostgänger, den gelben,
zottigen Hund und legte alle Speisereste unter den Schrank
-für die Maus. &bdquo;Eine Maus findet ja immer etwas,&ldquo;
+für die Maus. &bdquo;Eine Maus findet ja immer etwas,&ldquo;
murmelte er vor sich hin und wiegte langsam den Kopf
-hin und her, &bdquo;sie ist auch klein und ißt nicht viel.&ldquo;
+hin und her, &bdquo;sie ist auch klein und ißt nicht viel.&ldquo;
</p>
<p>
-Es ist Zeit, Zeit! flüsterte eine Stimme in ihm. Er
+Es ist Zeit, Zeit! flüsterte eine Stimme in ihm. Er
antwortete: &bdquo;Ja!&ldquo; und ging.
</p>
<p>
-Er wollte Mütterchen Adieu sagen und wählte den
-Weg durch den Wald, hoch über der Stadt. Er ging
-langsam und trotzdem schmerzte seine Brust und glühte
+Er wollte Mütterchen Adieu sagen und wählte den
+Weg durch den Wald, hoch über der Stadt. Er ging
+langsam und trotzdem schmerzte seine Brust und glühte
seine Stirn.
</p>
<p>
Die Sonne schickte sich an zu sinken, sie war verborgen
-hinter einer langen Wolke, deren Ränder gleißten,
+hinter einer langen Wolke, deren Ränder gleißten,
der Himmel war weinrot. Das Tal schien schon leise
zu schlummern. Aber da zerschmolz der untere Rand
-der Wolke und die Sonne flammte plötzlich hell auf.
+der Wolke und die Sonne flammte plötzlich hell auf.
Das Tal funkelte und erwachte wieder, wie ein Kind,
<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a>
das nochmals lebhaft wird, wenn die Mutter mit dem
@@ -21211,44 +21177,44 @@ Lichte durchs Zimmer geht.
<p>
Grau nahm den Hut ab, er strich sich das feuchte
Haar aus der Stirn und versuchte zu denken, das zu
-erfassen, was ihn so mächtig beschäftigte. Da stand er
+erfassen, was ihn so mächtig beschäftigte. Da stand er
lange Zeit, die Brauen hoch gezogen, den Mund halb
-offen und starrte mit großen Augen in die sinkende
+offen und starrte mit großen Augen in die sinkende
Sonne. Endlich lachte er. Er lachte leise und fiebrisch
und nickte. Unklare Gedanken zuckten durch seinen Kopf,
-daß das Tal da unten ein Altar sei, auf dem zur Ehre
-Gottes geopfert werde, daß die Menschen kleine wandernde
-Sonnenstäubchen seien und tausend Altäre bauten
+daß das Tal da unten ein Altar sei, auf dem zur Ehre
+Gottes geopfert werde, daß die Menschen kleine wandernde
+Sonnenstäubchen seien und tausend Altäre bauten
zur Ehre Gottes. Ach, er konnte ja nicht denken, aber
-er fühlte, daß etwas Herrliches in ihm war. Ihre Kunst,
-ihre Wissenschaft waren Altäre und sie opferten Tag
+er fühlte, daß etwas Herrliches in ihm war. Ihre Kunst,
+ihre Wissenschaft waren Altäre und sie opferten Tag
und Nacht darauf.
</p>
<p>
Er sah sie wandern, zu Millionen, diese kleinen
-Sonnenstäubchen und opfern. Sie zerschmolzen, Königreiche
-und Völker und Rassen zerschmolzen, eine neue
+Sonnenstäubchen und opfern. Sie zerschmolzen, Königreiche
+und Völker und Rassen zerschmolzen, eine neue
Rasse ging daraus hervor, eine herrliche Rasse. Neue
-Städte, neue Tempel, immer herrlicher und schöner. Ein
-Jubelbrausen künftiger Jahrtausende &mdash; Schönheit, Adel &mdash;
+Städte, neue Tempel, immer herrlicher und schöner. Ein
+Jubelbrausen künftiger Jahrtausende &mdash; Schönheit, Adel &mdash;
</p>
<p>
&bdquo;Es ist ja alles gut, alles gut!&ldquo; sagte Grau und
lachte. Er war nicht imstande zu denken, aber eine
-mächtige Freude durchströmte ihn. Er begann rasch den
+mächtige Freude durchströmte ihn. Er begann rasch den
Weg hinab zu steigen und lachte immerzu vor sich hin.
</p>
<p>
-So groß, so herrlich und unfaßbar schön war ja alles!
+So groß, so herrlich und unfaßbar schön war ja alles!
</p>
<p>
-Auf der Brücke traf er einen Landstreicher, einen
+Auf der Brücke traf er einen Landstreicher, einen
kleinen, alten Kerl mit rostroten Borsten auf dem Kopf
-und im Gesicht. Er war buchstäblich in Lumpen gehüllt.
+und im Gesicht. Er war buchstäblich in Lumpen gehüllt.
<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a>
&bdquo;Wohin geht die Reise?&ldquo; fragte Grau und gab
ihm die Hand und lachte. &bdquo;In die Stadt,&ldquo; antwortete
@@ -21259,11 +21225,11 @@ wohnt?&ldquo;
</p>
<p>
-Grau lächelte. &bdquo;Er ist abgereist, heute!&ldquo; sagte er.
+Grau lächelte. &bdquo;Er ist abgereist, heute!&ldquo; sagte er.
&bdquo;Aber was schadet es? Nehmen Sie, nehmen Sie!&ldquo;
Er gab dem Landstreicher seinen Geldbeutel, sein Taschentuch,
sein Messer. &bdquo;Nehmen Sie, nehmen Sie! Es ist
-ja einerlei, daß er abgereist ist. Keinen Dank! Nehmen
+ja einerlei, daß er abgereist ist. Keinen Dank! Nehmen
Sie! Haha!&ldquo; Er zog seinen Rock aus und warf ihn
dem verdutzten Vagabunden in die Arme.
</p>
@@ -21273,111 +21239,111 @@ Dann lief er rasch davon in die Wiese hinein.
</p>
<p>
-&bdquo;Guten Tag, Mütterchen!&ldquo; rief er aus. &bdquo;Ich komme
+&bdquo;Guten Tag, Mütterchen!&ldquo; rief er aus. &bdquo;Ich komme
um dir Adieu zu sagen. Da bin ich nun, siehst du?&ldquo;
</p>
<p>
-Mütterchen sah ihn zuerst teilnahmslos an, aber
-dann erstaunte sie, als sie gewahrte, daß er in Hemdärmeln
+Mütterchen sah ihn zuerst teilnahmslos an, aber
+dann erstaunte sie, als sie gewahrte, daß er in Hemdärmeln
gekommen war. Sie starrte ihn an. &bdquo;Du gehst?
Ja, wohin gehst du denn? Tritt ein!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es geht fort, Mütterchen. Zu einem Gärtner, einem
+&bdquo;Es geht fort, Mütterchen. Zu einem Gärtner, einem
Freund von mir, ein seelenguter Mensch. Ich kann getrost
zu ihm kommen, er schrieb es und er unterstrich getrost.
Verstehst du, er unterstrich es! Da werde ich dann
-sitzen und die Blumen ansehen, er ist ja ein Gärtner, du
-begreifst wohl nicht, ein Gärtner ist er! Blumen, Treibhäuser &mdash;
-Er wartet auf mich. Morgen früh! Ein guter
-Mensch, Mütterchen, ich habe ihn im Gefängnis kennen
+sitzen und die Blumen ansehen, er ist ja ein Gärtner, du
+begreifst wohl nicht, ein Gärtner ist er! Blumen, Treibhäuser &mdash;
+Er wartet auf mich. Morgen früh! Ein guter
+Mensch, Mütterchen, ich habe ihn im Gefängnis kennen
gelernt. Verstehst du, er sah mich an und ich dachte,
-kein Mörder, nein! Er war verurteilt wegen Mords,
+kein Mörder, nein! Er war verurteilt wegen Mords,
<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a>
-aber es war ja nicht wahr. Ich wußte das sofort. Ich
-machte Eingaben, Eingaben, fortwährend Eingaben, der
-Prozeß wurde wieder aufgenommen &mdash; Lüge! Sein
+aber es war ja nicht wahr. Ich wußte das sofort. Ich
+machte Eingaben, Eingaben, fortwährend Eingaben, der
+Prozeß wurde wieder aufgenommen &mdash; Lüge! Sein
Schwager war es, er, sie machten ihn betrunken &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, was ist dir denn?&ldquo; sagte Mütterchen erschrocken.
+&bdquo;Ja, was ist dir denn?&ldquo; sagte Mütterchen erschrocken.
</p>
<p>
&bdquo;Daher kennen wir uns. Er liebt mich und ich liebe
-ihn. Ich werde ihm nicht lästig fallen &mdash;&ldquo;
+ihn. Ich werde ihm nicht lästig fallen &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Warte!&ldquo; stotterte Mütterchen und ging in die Küche
-hinaus, um eine Erfrischung zu holen. Als sie zurückkehrte
-saß Grau im Sessel und schlief und flüsterte im
-Schlafe und lächelte. Eisenhut, der sein Gepäck zum
+&bdquo;Warte!&ldquo; stotterte Mütterchen und ging in die Küche
+hinaus, um eine Erfrischung zu holen. Als sie zurückkehrte
+saß Grau im Sessel und schlief und flüsterte im
+Schlafe und lächelte. Eisenhut, der sein Gepäck zum
Bahnhof gebracht hatte, kam und legte ihn zu Bett.
Das Fieber brach heftig aus, es dauerte einige Wochen.
</p>
<p>
Sobald Grau aus dem Fieber erwachte, kehrte wieder
-der Ausdruck des Staunens in sein Gesicht zurück.
+der Ausdruck des Staunens in sein Gesicht zurück.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich mache dir wohl viele Mühe, Mütterchen!&ldquo; flüsterte
+&bdquo;Ich mache dir wohl viele Mühe, Mütterchen!&ldquo; flüsterte
er. &bdquo;Verzeihe!&ldquo;
</p>
<p>
Nun lag er in Susannas Stube und sah durch das
-Fenster hinaus, bis zur Brücke, wo Susannas Pappeln
+Fenster hinaus, bis zur Brücke, wo Susannas Pappeln
standen. Zweimal im Tage kroch die gelbe Postkutsche
-über die kleine Brücke. Des Nachts schleppten sich die
-Güterzüge in der Ferne vorüber und der Expreßzug sauste
-jeden Nachmittag vorüber und sein Rauch hing lange
+über die kleine Brücke. Des Nachts schleppten sich die
+Güterzüge in der Ferne vorüber und der Expreßzug sauste
+jeden Nachmittag vorüber und sein Rauch hing lange
in der Luft.
</p>
<p>
-Häufig versuchte er aufzustehen; &bdquo;Ich muß ja fort!&ldquo;
+Häufig versuchte er aufzustehen; &bdquo;Ich muß ja fort!&ldquo;
sagte er. &bdquo;Mein Gott, es gibt ja so viel zu tun!&ldquo; Aber
-seine Füße trugen ihn nicht. Dann lag er wieder ruhig
+seine Füße trugen ihn nicht. Dann lag er wieder ruhig
und sah mit dem Ausdruck des Staunens vor sich hin.
</p>
<p>
-Man mähte das Gras, es wuchs von neuem, man
-mähte es wieder, es verfaulte im Regen. Der Herbst kam.
+Man mähte das Gras, es wuchs von neuem, man
+mähte es wieder, es verfaulte im Regen. Der Herbst kam.
</p>
<p>
<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a>
Grau lag und fieberte. Er hatte nur wenig klare
-Tage. Dann schrieb er, aber er zerriß alles wieder,
+Tage. Dann schrieb er, aber er zerriß alles wieder,
endlich schrieb er drei Briefe, zwei lange und einen kurzen.
</p>
<p>
&bdquo;Hier,&ldquo; sagte er, &bdquo;Eisenhut, nimm sie. Ich werde
-dir alles erklären. In diesem Brief befindet sich ein
-Schreiben an das Gericht. Du öffnest ihn in einem
-Jahre, wenn nicht Ereignisse eingetreten sind, höre wohl
+dir alles erklären. In diesem Brief befindet sich ein
+Schreiben an das Gericht. Du öffnest ihn in einem
+Jahre, wenn nicht Ereignisse eingetreten sind, höre wohl
zu, Ereignisse, von denen in dem Briefe an dich die
-Rede ist. Vergiß nichts. Es ist eine alte Angelegenheit,
+Rede ist. Vergiß nichts. Es ist eine alte Angelegenheit,
die ich in die Hand nahm, als ich hier in der Stadt
-eintraf. Ich möchte sie zu Ende bringen.&ldquo;
+eintraf. Ich möchte sie zu Ende bringen.&ldquo;
</p>
<p>
Grau lag im Fieber und er winkte Eisenhut heran
-und flüsterte: &bdquo;Die Pioniere, siehst du, man muß sie
+und flüsterte: &bdquo;Die Pioniere, siehst du, man muß sie
loben. Sie sind immer da, wo die Menschheit noch nicht
-ist. Man verfolgt sie, haßt sie, sie sind entsetzlich dran,
-aber sie sind immer, immer am Werke. Sie sind Säemänner,
+ist. Man verfolgt sie, haßt sie, sie sind entsetzlich dran,
+aber sie sind immer, immer am Werke. Sie sind Säemänner,
Eisenhut, auch ich, auch ich, wollte solch ein
-Säemann werden. Im kleinen natürlich, im kleinen
+Säemann werden. Im kleinen natürlich, im kleinen
nur &mdash;&ldquo;
</p>
@@ -21387,41 +21353,41 @@ die Stirn.
</p>
<p>
-Grau schloß sofort die Augen. &bdquo;Mein Bruder!&ldquo;
-flüsterte er und drückte Eisenhuts Hand. Als Grau
+Grau schloß sofort die Augen. &bdquo;Mein Bruder!&ldquo;
+flüsterte er und drückte Eisenhuts Hand. Als Grau
schon sehr schwach war, richtete er sich eines Tages
-plötzlich auf und sagte erschrocken: &bdquo;Eisenhut, deine
-Mutter?&ldquo; Er schwieg lange, dann fügte er hinzu: &bdquo;Da
+plötzlich auf und sagte erschrocken: &bdquo;Eisenhut, deine
+Mutter?&ldquo; Er schwieg lange, dann fügte er hinzu: &bdquo;Da
ging ich ein und aus in diesem Hause und dachte nicht
-an sie. Stricken, Nähen, Gartenarbeit. Ihr geschwächter
-Geist, man kann ihn stärken &mdash; Gott verzeihe mir! &mdash;
+an sie. Stricken, Nähen, Gartenarbeit. Ihr geschwächter
+Geist, man kann ihn stärken &mdash; Gott verzeihe mir! &mdash;
Versprich es mir, Eisenhut!&ldquo; Er umklammerte Eisenhuts
<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a>
-Hand und sank lächelnd ins Kissen zurück, als
+Hand und sank lächelnd ins Kissen zurück, als
Eisenhut ihm das Wort gegeben hatte.
</p>
<p>
Dann kam die Zeit, da Grau still lag und immerfort
-leise flüsterte und lachte. Er lebte mit einer schönen
+leise flüsterte und lachte. Er lebte mit einer schönen
Frau mit hellen Augen und schwarzen Haaren am Meer.
-Er ging im heißen Sande und sammelte Muscheln.
+Er ging im heißen Sande und sammelte Muscheln.
Er blickte ins Haus hinein, bald in dieses Fenster, bald
in jenes: Sie war da! Er lachte und trommelte an die
-Fenster. Er schrieb ihren Namen riesengroß in den
+Fenster. Er schrieb ihren Namen riesengroß in den
Sand.
</p>
<p>
Einmal ging er hinein in einen Wald. Es war
-Sommer. Die Sonne glühte in den grünen Wipfeln.
-Da ging er dahin und sang. Plötzlich wurde es totenstill
-im Walde, die Hitze wurde unerträglich und langsam
+Sommer. Die Sonne glühte in den grünen Wipfeln.
+Da ging er dahin und sang. Plötzlich wurde es totenstill
+im Walde, die Hitze wurde unerträglich und langsam
fiel Blatt um Blatt, mit einem singenden, seufzenden
-Laut. Die Blätter fielen dichter und dichter, sie schrumpften
-zusammen, knisterten, wie versengt von der großen Hitze,
-fielen, fielen, regneten auf ihn herab, die Äste starrten
-kahl und immer mehr Blätter regneten und drohten
+Laut. Die Blätter fielen dichter und dichter, sie schrumpften
+zusammen, knisterten, wie versengt von der großen Hitze,
+fielen, fielen, regneten auf ihn herab, die Äste starrten
+kahl und immer mehr Blätter regneten und drohten
ihn zu ersticken &mdash;
</p>
@@ -21431,12 +21397,12 @@ Sein Mund war voller Blut.
</p>
<p>
-Tagelang lag er nun geschwächt und atmete nur
+Tagelang lag er nun geschwächt und atmete nur
leise.
</p>
<p>
-Eisenhut kam ans Bett. &bdquo;Worüber staunst du doch
+Eisenhut kam ans Bett. &bdquo;Worüber staunst du doch
nur?&ldquo; fragte er. &bdquo;Du staunst immer!&ldquo;
</p>
@@ -21446,47 +21412,47 @@ Grau lag und staunte.
<p>
Dann kamen die Tage, da Grau schwer atmete und
-Mütterchen ihm immerfort die Stirne trocknen mußte.
+Mütterchen ihm immerfort die Stirne trocknen mußte.
</p>
<p>
Das war der Glutwind! Er trug ihn dahin und
<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a>
viele, viele trug er dahin. Es ging durch die kahlen
-Äste eines endlosen, verdorrten Waldes. Die Seelen
-jammerten. Wir kleinen schäbigen Seelen, Erbarmen!
+Äste eines endlosen, verdorrten Waldes. Die Seelen
+jammerten. Wir kleinen schäbigen Seelen, Erbarmen!
jammerten sie. Es fegte, Tag und Nacht, immerzu und
-endlich hoch über den Wipfeln des verdorrten Waldes,
+endlich hoch über den Wipfeln des verdorrten Waldes,
in balsamischer Luft. Tief unten jammerten die Seelen.
Wir sind zu schwer, Erbarmen. Aber er flog und sauste
-und viele sausten mit ihm. Es wurde glühend heiß &mdash;
+und viele sausten mit ihm. Es wurde glühend heiß &mdash;
er erwachte.
</p>
<p>
Sein Kopf war ganz klar. Er war durstig und
seine Lippen brannten. Aber es war Nacht und er
-wollte Mütterchen nicht wecken. Er kühlte die Hände
-am Fenster und kühlte dann die Lippen.
+wollte Mütterchen nicht wecken. Er kühlte die Hände
+am Fenster und kühlte dann die Lippen.
</p>
<p>
Sofort versank er wieder. Er wanderte. Eine Felsenecke,
wieder, wieder, eine endlose, schreckliche Wanderung.
Ein Tor, eine Schlucht, ein furchtbarer Weg. Er kam
-in einen großen Felsenhof und hier waren viele Millionen
+in einen großen Felsenhof und hier waren viele Millionen
Seelen und warteten. Wir sind die armen Seelen!
beteten sie. Er wanderte und wanderte durch das Heer
von Seelen hindurch und kam auf eine Heide. Hier
-ließ es sich gut ausschreiten.
+ließ es sich gut ausschreiten.
</p>
<p>
-Aber plötzlich warf ihn eine Stimme zu Boden.
+Aber plötzlich warf ihn eine Stimme zu Boden.
</p>
<p>
-&bdquo;Mit Versprechungen hast du die Menschen getröstet
+&bdquo;Mit Versprechungen hast du die Menschen getröstet
und von Hoffnungen hast du gelebt!&ldquo; sprach die Stimme,
die furchtbar klang.
</p>
@@ -21498,19 +21464,19 @@ Seele!&ldquo;
<p>
&bdquo;Wie das Schwirren von Pfeilen und ein Schall
-von Hörnern hätte deine Rede sein sollen, deine Zunge
+von Hörnern hätte deine Rede sein sollen, deine Zunge
war Stroh! Ich habe Antrieb und Neigung in dich
<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a>
-gelegt, ich habe über deine Seele Ahnungen geschleudert
-wie Hagelschauer über das Feld, ich habe gefunkelt in
+gelegt, ich habe über deine Seele Ahnungen geschleudert
+wie Hagelschauer über das Feld, ich habe gefunkelt in
dir wie der Mond am schwarzen Himmel funkelt, ich
stand am Wege als kleine Blume, aber du hast mich
nicht gesehen! Ich kam zu dir und fand dich schlafend,
ich habe meinen Gedanken auf dich geworfen wie einen
Felsblock, aber du bist nicht aufgewacht. Auf deiner
-Zunge saß ich als süßes Lied, warum hast du nicht gesungen?
-Zehnmal in deinem Leben ging mein großer
-Verkünder an dir vorüber, du sahst ihn an, aber du
+Zunge saß ich als süßes Lied, warum hast du nicht gesungen?
+Zehnmal in deinem Leben ging mein großer
+Verkünder an dir vorüber, du sahst ihn an, aber du
hast ihn nicht erkannt?&ldquo;
</p>
@@ -21520,15 +21486,15 @@ Asche wiedergekommen!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sprich, elende Seele, wo sind deine Früchte, wenn
-ich dich schüttele? Sprich, sprich, elende Seele?&ldquo;
+&bdquo;Sprich, elende Seele, wo sind deine Früchte, wenn
+ich dich schüttele? Sprich, sprich, elende Seele?&ldquo;
</p>
<p>
Er begann zu stammeln, verwirrt zu reden. Er stotterte
Entschuldigungen. Er suchte in seinem Kopfe, nichts
fiel ihm ein. Nichts, nichts. &bdquo;Erbarmen, Erbarmen!&ldquo;
-schrie er und krümmte sich.
+schrie er und krümmte sich.
</p>
<p>
@@ -21536,7 +21502,7 @@ schrie er und krümmte sich.
</p>
<p>
-Da fiel ihm ein, daß er einst für ein krankes Kind
+Da fiel ihm ein, daß er einst für ein krankes Kind
ein Bilderbuch gemacht hatte, geschrieben, gemalt, Tag
und Nacht hatte er gearbeitet.
</p>
@@ -21547,8 +21513,8 @@ Seele!&ldquo;
</p>
<p>
-Grau stöhnte. Drei Tage und drei Nächte sprach
-diese Stimme und drei Tage und drei Nächte flehte,
+Grau stöhnte. Drei Tage und drei Nächte sprach
+diese Stimme und drei Tage und drei Nächte flehte,
bat Grau.
</p>
@@ -21559,44 +21525,44 @@ Grau sah ihn mit Augen an, die nichts sahen.
<p>
<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a>
-&bdquo;Erkennst du mich?&ldquo; fragte Eisenhut und lächelte,
-als ob er ihn lächelnd eher erkennen sollte.
+&bdquo;Erkennst du mich?&ldquo; fragte Eisenhut und lächelte,
+als ob er ihn lächelnd eher erkennen sollte.
</p>
<p>
-Aber Grau sprach von einem Gefängnis und einem
+Aber Grau sprach von einem Gefängnis und einem
Gefangenen mit schrecklicher Sehnsucht nach seinem einzigen
Kinde.
</p>
<p>
-Eisenhut trocknete ihm die Stirne und kühlte sie
+Eisenhut trocknete ihm die Stirne und kühlte sie
mit Eis.
</p>
<p>
-Nun war es ihm plötzlich leichter. Diese furchtbare
-Stimme war nicht mehr zu hören, und er ging in der
-Heide, wo es sich gut ausschreiten ließ. Er war fröhlich.
-Über die Heide kamen zwei Gestalten, sie kamen
-näher und er erkannte Susanna.
+Nun war es ihm plötzlich leichter. Diese furchtbare
+Stimme war nicht mehr zu hören, und er ging in der
+Heide, wo es sich gut ausschreiten ließ. Er war fröhlich.
+Über die Heide kamen zwei Gestalten, sie kamen
+näher und er erkannte Susanna.
</p>
<p>
-Er lief ihr entgegen und stürzte in die Knie: &bdquo;Verzeihe,
+Er lief ihr entgegen und stürzte in die Knie: &bdquo;Verzeihe,
verzeihe, Susanna!&ldquo; rief er. &bdquo;Verzeihe das Zuviel &mdash;
ich habe dich ja geliebt &mdash; aber verzeihe das Zuviel!&ldquo;
</p>
<p>
Susanna hob ihn auf. &bdquo;Es ist alles gut,&ldquo; sagte sie
-leise und lächelte.
+leise und lächelte.
</p>
<p>
Da fiel sein Blick auf die andere Gestalt. Auch sie
war eine Frau. Er erstaunte und richtete sich auf. Mit
-dieser Frau war er einst über die Heide im Sternschnuppenregen
+dieser Frau war er einst über die Heide im Sternschnuppenregen
gegangen, nun war sie da.
</p>
@@ -21606,38 +21572,38 @@ gegangen, nun war sie da.
<p>
Bei ihrem Blicke aber erhellte sich sein Inneres, es
-war ihm, als ob er sein ganzes Leben verstände. &bdquo;Ach
+war ihm, als ob er sein ganzes Leben verstände. &bdquo;Ach
so!&ldquo; rief er aus und eilte ihr entgegen und weinte vor
-Glück.
+Glück.
</p>
<p>
In dieser Nacht starb Grau. Er starb als der Tag
-nahte und Eisenhut, der während der Wache eingeschlafen
+nahte und Eisenhut, der während der Wache eingeschlafen
war, wurde durch das klagende Geheul eines Hundes
-geweckt. Er blickte auf Grau, und Grau sah so schön
+geweckt. Er blickte auf Grau, und Grau sah so schön
<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a>
-und friedevoll aus, daß Eisenhut sofort zu schluchzen
-begann. Er sah, daß er tot war.
+und friedevoll aus, daß Eisenhut sofort zu schluchzen
+begann. Er sah, daß er tot war.
</p>
<p>
-Er fürchtete sich und ging hinaus, um den Hund
+Er fürchtete sich und ging hinaus, um den Hund
zu vertreiben. Er warf Steine nach ihm, aber dieser
-gelbe, zottige Hund kümmerte sich nicht um Steine, er
-lief ihnen entgegen und heulte und winselte und gebärdete
+gelbe, zottige Hund kümmerte sich nicht um Steine, er
+lief ihnen entgegen und heulte und winselte und gebärdete
sich ganz unsinnig.
</p>
<p>
-Als Mütterchen erfuhr, daß Grau gestorben war,
+Als Mütterchen erfuhr, daß Grau gestorben war,
sagte sie erschrocken: &bdquo;Aber die Schuhe, wo hat er denn
Susannas Schuhe?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Schwätzen Sie keinen solchen Unsinn!&ldquo; sagte Eisenhut
-ärgerlich. &bdquo;Er wird die Schuhe wohl in seinem
+&bdquo;Schwätzen Sie keinen solchen Unsinn!&ldquo; sagte Eisenhut
+ärgerlich. &bdquo;Er wird die Schuhe wohl in seinem
Koffer haben!&ldquo;
</p>
@@ -21648,9 +21614,9 @@ Koffer haben!&ldquo;
<p class="first">
<span class="firstchar">E</span>s regnete, als man Grau begrub. Viele Leute
waren gekommen, auch Fremde, die man noch nie
-gesehen hatte. Eine Menge Kränze und Blumen bedeckten
+gesehen hatte. Eine Menge Kränze und Blumen bedeckten
Graus Sarg und noch Tage, ja Wochen nach
-seinem Tode trafen Kränze ein. Ein Gärtner hatte
+seinem Tode trafen Kränze ein. Ein Gärtner hatte
einen wunderbaren Kranz mitgebracht, man hatte noch
nie zuvor solch einen Kranz in der Stadt gesehen. Auch
Adele war gekommen.
@@ -21658,33 +21624,33 @@ Adele war gekommen.
<p>
Der Dekan von Weinberg hielt die Rede. Es war
-ein schöner Mann mit blondem Vollbart, der sich selbst
-stets einen echten Germanen nannte. Er prüfte, ob
+ein schöner Mann mit blondem Vollbart, der sich selbst
+stets einen echten Germanen nannte. Er prüfte, ob
das Brett fest sei, das man wegen des Schmutzes gelegt
<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a>
-hatte, und der Kirchner mußte die ganze Zeit einen
-Regenschirm über ihn halten.
+hatte, und der Kirchner mußte die ganze Zeit einen
+Regenschirm über ihn halten.
</p>
<p>
Dicht am Grabe standen zwei fremde Offiziere, die
-Helme in der Hand. Sie hatten rötliches Haar und
-helle Augen und jeder sah, daß sie Graus Brüder
+Helme in der Hand. Sie hatten rötliches Haar und
+helle Augen und jeder sah, daß sie Graus Brüder
waren.
</p>
<p>
Der Dekan sprach, er sprach von dem jugendlichen
-Eifer Graus, seiner großen Nächstenliebe, den himmlischen
+Eifer Graus, seiner großen Nächstenliebe, den himmlischen
Herrschern und vielem anderen. Je mehr er sprach,
-desto spöttischer lächelte Eisenhut, schließlich räusperte er
-sich unverschämt und endlich hustete er. Der Dekan
+desto spöttischer lächelte Eisenhut, schließlich räusperte er
+sich unverschämt und endlich hustete er. Der Dekan
mit dem blonden Vollbart warf ihm zornige Blicke zu.
</p>
<p>
Der Dekan hatte geendigt, da trat Eisenhut ans
-Grab. Er hob die Hand, zum Zeichen, daß er sprechen
+Grab. Er hob die Hand, zum Zeichen, daß er sprechen
wolle. Dann sprach er.
</p>
@@ -21695,18 +21661,18 @@ wolle. Dann sprach er.
<p>
Er konnte nicht fortfahren. Eisenhut war kein Redner.
-Die Leute sahen ihn erstaunt an und unterdrückten ein
-Lächeln.
+Die Leute sahen ihn erstaunt an und unterdrückten ein
+Lächeln.
</p>
<p>
-Adele ging hinaus zu Mütterchen. Mütterchen saß
-allein in der Stube, die Hände im Schoß.
+Adele ging hinaus zu Mütterchen. Mütterchen saß
+allein in der Stube, die Hände im Schoß.
</p>
<p>
-&bdquo;Welche Freude!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Wenn Susanna wüßte,
-daß Sie mich besuchen!&ldquo;
+&bdquo;Welche Freude!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Wenn Susanna wüßte,
+daß Sie mich besuchen!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -21714,26 +21680,26 @@ Adele setzte sich in den Sessel.
</p>
<p>
-Sie sagte: &bdquo;Wer hätte denn denken können, daß
-er krank war und daß es so schnell mit ihm zu Ende
-gehen könnte.&ldquo;
+Sie sagte: &bdquo;Wer hätte denn denken können, daß
+er krank war und daß es so schnell mit ihm zu Ende
+gehen könnte.&ldquo;
</p>
<p>
-Mütterchen seufzte. &bdquo;Sie war immer ein schwächliches
+Mütterchen seufzte. &bdquo;Sie war immer ein schwächliches
Kind.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a>
Nach einer Weile sagte Adele: &bdquo;Hat er viel leiden
-müssen?&ldquo;
+müssen?&ldquo;
</p>
<p>
-Mütterchen antwortete lange nicht. Dann sagte sie:
-&bdquo;Nein, sie hat einen sanften Tod gehabt. Sie wußte
-gar nicht, daß sie sterben sollte.&ldquo; Darauf nickte sie mit
+Mütterchen antwortete lange nicht. Dann sagte sie:
+&bdquo;Nein, sie hat einen sanften Tod gehabt. Sie wußte
+gar nicht, daß sie sterben sollte.&ldquo; Darauf nickte sie mit
dem Kopfe und sagte mit leiser singender Stimme:
&bdquo;Susanna? Susanna?&ldquo;
</p>
@@ -21743,29 +21709,29 @@ Adele schauerte zusammen; sie ging.
</p>
<p>
-Auf der Brücke stand Eisenhut und wartete. Er
+Auf der Brücke stand Eisenhut und wartete. Er
zog den Hut, verbeugte sich und nahm einen Brief aus
der Tasche.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich habe einen Brief an Sie abzugeben, gnädige
-Frau,&ldquo; sagte er, &bdquo;außerdem hätte ich es ja nicht gewagt
+&bdquo;Ich habe einen Brief an Sie abzugeben, gnädige
+Frau,&ldquo; sagte er, &bdquo;außerdem hätte ich es ja nicht gewagt
Sie anzusprechen.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele lächelte und gab ihm die Hand. &bdquo;Sie sind
+Adele lächelte und gab ihm die Hand. &bdquo;Sie sind
es, Herr Eisenhut! Ich freue mich Sie zu sehen. Es
-war schön von Ihnen, daß Sie heute eine Rede &mdash; &mdash;&ldquo;
+war schön von Ihnen, daß Sie heute eine Rede &mdash; &mdash;&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut sah sie überrascht an. Sie hatte sich sehr
-verändert, bleich sah sie aus und gleichsam um viele
-Jahre älter, auch ihre Stimme klang ganz anders. Sie
+Eisenhut sah sie überrascht an. Sie hatte sich sehr
+verändert, bleich sah sie aus und gleichsam um viele
+Jahre älter, auch ihre Stimme klang ganz anders. Sie
begann laut zu sprechen, aber ihre Stimme sank rasch
-zu einem Flüstern herab, so daß man die letzten Worte
+zu einem Flüstern herab, so daß man die letzten Worte
nicht mehr verstehen konnte.
</p>
@@ -21786,38 +21752,38 @@ Sie nahm den Brief an sich.
in dem Brief ist ja noch ein Brief? An meinen Bruder,
ein solch dicker Brief! Was mag er doch mit meinem
<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a>
-Bruder zu tun haben? Auch Maria Sinding erzählte
-mir, daß er sie einmal vor ihm warnte. Aber &mdash;
-nun gehen Sie mit mir und erzählen Sie mir von
+Bruder zu tun haben? Auch Maria Sinding erzählte
+mir, daß er sie einmal vor ihm warnte. Aber &mdash;
+nun gehen Sie mit mir und erzählen Sie mir von
ihm. Sie sind ja um ihn gewesen, Sie waren ja sein
Freund!&ldquo;
</p>
<p>
-Eisenhut erzählte was er wußte.
+Eisenhut erzählte was er wußte.
</p>
<p>
&bdquo;Er hat auch einigemal Ihren Namen genannt,
-gnädige Frau.&ldquo;
+gnädige Frau.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele lächelte und errötete flüchtig. &bdquo;Wie hat er
+Adele lächelte und errötete flüchtig. &bdquo;Wie hat er
mich genannt?&ldquo; fragte sie.
</p>
<p>
-&bdquo;Er nannte Ihren Vornamen, gnädige Frau.&ldquo;
+&bdquo;Er nannte Ihren Vornamen, gnädige Frau.&ldquo;
</p>
<p>
-Adele schwieg lange. Dann sagte sie: &bdquo;Wer hätte
-denn denken können, daß es so kommen könnte!&ldquo;
+Adele schwieg lange. Dann sagte sie: &bdquo;Wer hätte
+denn denken können, daß es so kommen könnte!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Der Arzt sagt, Grau hätte die Krankheit von Susanna
+&bdquo;Der Arzt sagt, Grau hätte die Krankheit von Susanna
bekommen,&ldquo; sagte Eisenhut.
</p>
@@ -21825,16 +21791,16 @@ bekommen,&ldquo; sagte Eisenhut.
Sie standen am Gitter des Parkes und Adele gab
Eisenhut die Hand. &bdquo;Vielleicht sehen wir uns einmal
irgendwo,&ldquo; sagte sie, &bdquo;da Sie nun doch auf Reisen
-gehen. Vielen Dank noch. Vergessen Sie, daß ich Sie
-einst kränkte, ich denke jetzt ganz anders. Ich hoffe,
+gehen. Vielen Dank noch. Vergessen Sie, daß ich Sie
+einst kränkte, ich denke jetzt ganz anders. Ich hoffe,
es wird Ihnen gut ergehen, ein wenig besser vielleicht
-als mir. Leben Sie wohl!&ldquo; Sie hielt inne, dann fügte
+als mir. Leben Sie wohl!&ldquo; Sie hielt inne, dann fügte
sie leise hinzu: &bdquo;Er war ein solch guter Mensch!&ldquo;
</p>
<p>
-Sie lächelte und reichte Eisenhut die Hand zum
-Kusse und Eisenhut küßte ehrfürchtig ihre weiße Hand.
+Sie lächelte und reichte Eisenhut die Hand zum
+Kusse und Eisenhut küßte ehrfürchtig ihre weiße Hand.
Dann ging sie langsam hinein in den Park und es
dauerte lange Zeit, bis sie an die Stufen kam, die sie
langsam emporstieg.
@@ -21842,7 +21808,7 @@ langsam emporstieg.
<p>
Eisenhut reiste am andern Tage mit seinen Lederkoffern
-nach dem Süden ab. &mdash;
+nach dem Süden ab. &mdash;
</p>
<p>
@@ -21852,7 +21818,7 @@ hatte:
</p>
<p>
-&bdquo;Hüte Deine Seele, meine Freundin, sie ist das
+&bdquo;Hüte Deine Seele, meine Freundin, sie ist das
Einzige, was Du besitzt, unerforscht ist das Leben,
unerforschter der Tod. Es gibt kein Ende. Wieder
und wieder werden wir einander begegnen in den
@@ -21886,54 +21852,54 @@ Yester und Li
</p>
<p class="center">
-(Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.)<br />
+(Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.)<br />
Geb. 1 Mark, in Leinen 1,25 Mark.
</p>
<p class="noindent">
-Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt &mdash;
+Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt &mdash;
einer zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden,
wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter,
-ein Auserwählter unter den Menschen zu einem auserwählten, seltenen,
+ein Auserwählter unter den Menschen zu einem auserwählten, seltenen,
wundervollen Weibe empfinden kann. &mdash; Henri Ginstermann
-heißt er. Und sie heißt Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltägliche
-Namen. Aber was für Menschen! Von einer, trotz ihres
+heißt er. Und sie heißt Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltägliche
+Namen. Aber was für Menschen! Von einer, trotz ihres
Temperaments, seltenen seelischen Keuschheit. Voll Rasse und fein
gestimmter innerer Kultur. Ihre Seelen sind &mdash; ein triviales Bild
-zu gebrauchen &mdash; wie äußerst verfeinerte phonographische Platten.
-Jeder Hauch, jeder kleinste Eindruck bleibt in ihnen haften, läßt
+zu gebrauchen &mdash; wie äußerst verfeinerte phonographische Platten.
+Jeder Hauch, jeder kleinste Eindruck bleibt in ihnen haften, läßt
ihre Saiten schwingen in wunderbar zarten und rauschenden Melodien.
Und zwischen diesen beiden Menschen schwebt eine innige,
keusche, unausgesprochene Liebe. Beide wissen: sie ist hoffnungslos,
-diese Liebe. Und doch trägt sie jeder im Herzen, sorgsam, wie ein
-anvertrautes Gut, ein Heiligtum, einen köstlichen Schatz. In stummer
-Duldung klammert er sich an sein jämmerliches Leben, das ihn,
-den um unbesonnener Jugendstreiche willen Verstoßenen, Verfemten,
+diese Liebe. Und doch trägt sie jeder im Herzen, sorgsam, wie ein
+anvertrautes Gut, ein Heiligtum, einen köstlichen Schatz. In stummer
+Duldung klammert er sich an sein jämmerliches Leben, das ihn,
+den um unbesonnener Jugendstreiche willen Verstoßenen, Verfemten,
so oft grausam geneckt. Seiner heiligen Sehnsucht zuliebe tut er
-es. Sein ganzes Sein und Wesen strömt in dies eine große Gefühl
+es. Sein ganzes Sein und Wesen strömt in dies eine große Gefühl
zusammen. Seine Liebe ist ihm das Leben. Alle seine intellektuellen
-und moralischen Kräfte werden davon aufgesogen, restlos,
+und moralischen Kräfte werden davon aufgesogen, restlos,
unwiederbringlich. Er treibt einen Kultus mit dieser Frau.
-Wendet seine ganze ärmliche Habe an, um ihre Gipsbüste mit kostbaren
-Blumen zu schmücken. Besingt sie in überschwänglichen,
+Wendet seine ganze ärmliche Habe an, um ihre Gipsbüste mit kostbaren
+Blumen zu schmücken. Besingt sie in überschwänglichen,
himmelhochjauchzenden Hymnen. Kleidet die Geschichte seiner Liebe
-in eine innige Erzählung von zartem Duft und feiner exotischer
-Farbigkeit! Yester und Li heißen darin die Liebenden. (Man erkennt
-Kellermann, den Freund japanischer Kultur.) Henri verfällt
-in Krankheit, in Tobsucht, ist dem Wahnsinn nahe. Er verschmäht
+in eine innige Erzählung von zartem Duft und feiner exotischer
+Farbigkeit! Yester und Li heißen darin die Liebenden. (Man erkennt
+Kellermann, den Freund japanischer Kultur.) Henri verfällt
+in Krankheit, in Tobsucht, ist dem Wahnsinn nahe. Er verschmäht
die Liebe anderer Frauen. Alles um ihretwillen. Und macht doch
-allem ein Ende durch einen leisen, müden Verzicht. Wunderbar
+allem ein Ende durch einen leisen, müden Verzicht. Wunderbar
<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a>
-greifend ist dieser Schluß. Bianka hat ihm &mdash; fast wortlos &mdash;
-ihre Erwiderung seiner Liebe gestanden. Aber sie sehen die Unmöglichkeit
-ihrer Verbindung ein. Nach einem letzten Abschiedskuß
-reist sie ab. Und die &bdquo;Geschichte einer Sehnsucht&ldquo; schließt mit dem
-schlicht-schönen Bild, daß Ginstermann Rosen auf die Schienen
-streut, über die der Zug die Geliebte entführt.
+greifend ist dieser Schluß. Bianka hat ihm &mdash; fast wortlos &mdash;
+ihre Erwiderung seiner Liebe gestanden. Aber sie sehen die Unmöglichkeit
+ihrer Verbindung ein. Nach einem letzten Abschiedskuß
+reist sie ab. Und die &bdquo;Geschichte einer Sehnsucht&ldquo; schließt mit dem
+schlicht-schönen Bild, daß Ginstermann Rosen auf die Schienen
+streut, über die der Zug die Geliebte entführt.
</p>
<p class="right">
-(Königsberger Allgemeine Zeitung)
+(Königsberger Allgemeine Zeitung)
</p>
<p class="adhdr">
@@ -21945,20 +21911,20 @@ Roman. 18. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark.
</p>
<p class="noindent">
-Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch &mdash; Ingeborg &mdash;,
+Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch &mdash; Ingeborg &mdash;,
diesen zweiten Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt
darin und die Romantik. Und der Wald lebt darin und alle
-Jahreszeiten. Wahrhaftig, ein närrisches Buch, aber weise und
-klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen, unabänderlichen
+Jahreszeiten. Wahrhaftig, ein närrisches Buch, aber weise und
+klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen, unabänderlichen
Lebensgesetze sprechen daraus. Jung ist es, ganz jung-jung, und
das Blut macht es unruhig, es fiebert von Liebe. In einigen
-Märznächten, als der Föhn vor den Fenstern stürmte, habe ich es
-gelesen; mein Herz kam völlig aus dem Takt, und ich glaube nicht,
-daß der Föhn allein daran schuld war .&nbsp;.&nbsp;. Mit einer kindlich
-zarten und zugleich unerhört verfeinerten Gabe wird hier von den
+Märznächten, als der Föhn vor den Fenstern stürmte, habe ich es
+gelesen; mein Herz kam völlig aus dem Takt, und ich glaube nicht,
+daß der Föhn allein daran schuld war .&nbsp;.&nbsp;. Mit einer kindlich
+zarten und zugleich unerhört verfeinerten Gabe wird hier von den
heiligsten und besten Dingen gesprochen. Ich will mich mit diesem
-Buche nicht allein freuen. Jedem möchte ich es in die Hände
-drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen kann.
+Buche nicht allein freuen. Jedem möchte ich es in die Hände
+drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen kann.
</p>
<p class="right">
@@ -21966,9 +21932,9 @@ drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen kann.
</p>
<p class="noindent">
-Ganz trunken von Schönheit und Schmerz ist das Buch. Es
-schlägt Töne an, die man schwer vergißt .&nbsp;.&nbsp;. Selten ist etwas
-Glühenderes und Sanfteres geschrieben worden als die Schilderung
+Ganz trunken von Schönheit und Schmerz ist das Buch. Es
+schlägt Töne an, die man schwer vergißt .&nbsp;.&nbsp;. Selten ist etwas
+Glühenderes und Sanfteres geschrieben worden als die Schilderung
dieser Liebe.
</p>
@@ -21977,16 +21943,16 @@ dieser Liebe.
</p>
<p class="noindent">
-Maßlos schön muß ich dieses Buch nennen. Ich habe vier Wochen
-daran genossen, so schön und schwer ist es an blühenden Wundern
-und quellenden Tränen. So schwer ist es an tiefem Leben, daß
+Maßlos schön muß ich dieses Buch nennen. Ich habe vier Wochen
+daran genossen, so schön und schwer ist es an blühenden Wundern
+und quellenden Tränen. So schwer ist es an tiefem Leben, daß
man Stufe um Stufe mitschreiten und Tropfen um Tropfen mitkosten
-muß, so voll ist es von Liebe und Blut aus einem großen,
-großen Herzen.
+muß, so voll ist es von Liebe und Blut aus einem großen,
+großen Herzen.
</p>
<p class="right">
-(Münchener Zeitung)
+(Münchener Zeitung)
</p>
<p class="adhdr">
@@ -21999,28 +21965,28 @@ Roman. Zehnte Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark.
</p>
<p class="noindent">
-Ein kulturmüder Mann lebt einen Sommer hindurch auf einer
-bretonischen Fischerinsel. Er versinkt ganz in dem triftigen, urwüchsigen
+Ein kulturmüder Mann lebt einen Sommer hindurch auf einer
+bretonischen Fischerinsel. Er versinkt ganz in dem triftigen, urwüchsigen
Dasein dieser einsamen Welt. Trinkt, flucht, liebt und
-haßt wie die Bewohner der Insel, die gleich abgeschlossen ist von
-den Moralbegriffen wie dem Rechtsempfinden der Welt da draußen.
+haßt wie die Bewohner der Insel, die gleich abgeschlossen ist von
+den Moralbegriffen wie dem Rechtsempfinden der Welt da draußen.
Alle Leidenschaften pulsen in jagendem Tempo, alle Gedanken
-schleichen in kriechender Beharrlichkeit. Liebe und Haß, Freundschaft,
+schleichen in kriechender Beharrlichkeit. Liebe und Haß, Freundschaft,
Verrat &mdash; es ist eine Urzeit, in der sich der Trieb in sich verwickelt,
noch ungeteilt in das Zweigeschlechtliche, das Gute und
-Böse. Es ist die Epoche, in der sich langsam das erste Land aus
+Böse. Es ist die Epoche, in der sich langsam das erste Land aus
der furchtbaren Unendlichkeit des Meeres hebt. Man soll vorsichtig
sein &mdash; aber doch, hier darf man es aussprechen: Es ist ein Meister,
-der dies Buch geschrieben hat. Manchem wird die wilde Schönheit
-unverständlich bleiben, manchem wird auch die feinste Sprachkunst
-nicht darüber hinwegsetzen, daß es immer wieder nur das
-Meer ist &mdash; und nur das Meer, von dem er lesen muß. Wer sich
+der dies Buch geschrieben hat. Manchem wird die wilde Schönheit
+unverständlich bleiben, manchem wird auch die feinste Sprachkunst
+nicht darüber hinwegsetzen, daß es immer wieder nur das
+Meer ist &mdash; und nur das Meer, von dem er lesen muß. Wer sich
aber in dies Werk ernstlich vertieft, dem wird es seine Mannigfaltigkeit
-wohl erschließen. Und er wird meine Freude darüber teilen,
-daß auch einem Deutschen der Entdeckerflug in die unbekannten
-Reiche der Natur gelungen ist, der bisher Männern wie Kipling
-oder Loti vorbehalten schien. Nur daß Kellermanns Empfindung,
-wärmer, seine Anschauungskraft stärker, seine Sehnsucht tiefer ist.
+wohl erschließen. Und er wird meine Freude darüber teilen,
+daß auch einem Deutschen der Entdeckerflug in die unbekannten
+Reiche der Natur gelungen ist, der bisher Männern wie Kipling
+oder Loti vorbehalten schien. Nur daß Kellermanns Empfindung,
+wärmer, seine Anschauungskraft stärker, seine Sehnsucht tiefer ist.
</p>
<p class="right">
@@ -22030,9 +21996,9 @@ wärmer, seine Anschauungskraft stärker, seine Sehnsucht tiefer ist.
<p class="noindent">
Man braucht nach &bdquo;Ingeborg&ldquo; niemandem zu sagen, welcher
Meister der Dichtkunst dieses Buch geschrieben hat. Nur wird
-man hervorheben dürfen, daß in den Tiefen dieses Werkes unterhalb
-seines großen künstlerischen Ernstes ein kostbares Lebenselement
-geschäftig ist und manchen wirbelnden Strahl zur Oberfläche
+man hervorheben dürfen, daß in den Tiefen dieses Werkes unterhalb
+seines großen künstlerischen Ernstes ein kostbares Lebenselement
+geschäftig ist und manchen wirbelnden Strahl zur Oberfläche
schickt: der Humor, der leibhaftige Humor!
</p>
@@ -22047,7 +22013,7 @@ schickt: der Humor, der leibhaftige Humor!
<hr />
<p class="printer">
-Druck von Wilhelm Hecker in Gräfenhainichen.
+Druck von Wilhelm Hecker in Gräfenhainichen.
</p>
</div>
@@ -22060,44 +22026,44 @@ Druck von Wilhelm Hecker in Gräfenhainichen.
<p id="trnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
<p>
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
</p>
<ul>
<li>
-... bescheiden, aber die Flagge <span class="underline">die</span> Glückes flattert darüber. ...<br />
-... bescheiden, aber die Flagge <a href="#corr-0"><span class="underline">des</span></a> Glückes flattert darüber. ...<br />
+... bescheiden, aber die Flagge <span class="underline">die</span> Glückes flattert darüber. ...<br />
+... bescheiden, aber die Flagge <a href="#corr-0"><span class="underline">des</span></a> Glückes flattert darüber. ...<br />
</li>
<li>
-... führten, <span class="underline">daß</span> sich schüttelte und hin- und herwarf und ...<br />
-... führten, <a href="#corr-1"><span class="underline">das</span></a> sich schüttelte und hin- und herwarf und ...<br />
+... führten, <span class="underline">daß</span> sich schüttelte und hin- und herwarf und ...<br />
+... führten, <a href="#corr-1"><span class="underline">das</span></a> sich schüttelte und hin- und herwarf und ...<br />
</li>
<li>
-... Der Mann strich an den <span class="underline">Häuser</span> entlang, blieb stehen, ...<br />
-... Der Mann strich an den <a href="#corr-2"><span class="underline">Häusern</span></a> entlang, blieb stehen, ...<br />
+... Der Mann strich an den <span class="underline">Häuser</span> entlang, blieb stehen, ...<br />
+... Der Mann strich an den <a href="#corr-2"><span class="underline">Häusern</span></a> entlang, blieb stehen, ...<br />
</li>
<li>
-... Dienstmädchen Fräulein <span class="underline">Magarete</span> Sammet seit Jahresfrist ...<br />
-... Dienstmädchen Fräulein <a href="#corr-3"><span class="underline">Margarete</span></a> Sammet seit Jahresfrist ...<br />
+... Dienstmädchen Fräulein <span class="underline">Magarete</span> Sammet seit Jahresfrist ...<br />
+... Dienstmädchen Fräulein <a href="#corr-3"><span class="underline">Margarete</span></a> Sammet seit Jahresfrist ...<br />
</li>
<li>
-... <span class="underline">sebst</span> entstehen? Grau schüttelte den Kopf. ...<br />
-... <a href="#corr-4"><span class="underline">selbst</span></a> entstehen? Grau schüttelte den Kopf. ...<br />
+... <span class="underline">sebst</span> entstehen? Grau schüttelte den Kopf. ...<br />
+... <a href="#corr-4"><span class="underline">selbst</span></a> entstehen? Grau schüttelte den Kopf. ...<br />
</li>
<li>
-... dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe <span class="underline">anf</span> dem ...<br />
-... dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe <a href="#corr-5"><span class="underline">auf</span></a> dem ...<br />
+... dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe <span class="underline">anf</span> dem ...<br />
+... dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe <a href="#corr-5"><span class="underline">auf</span></a> dem ...<br />
</li>
<li>
-... <span class="underline"></span>Übrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes ...<br />
-... <a href="#corr-6"><span class="underline">&bdquo;</span></a>Übrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes ...<br />
+... <span class="underline"></span>Übrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes ...<br />
+... <a href="#corr-6"><span class="underline">&bdquo;</span></a>Übrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes ...<br />
</li>
<li>
@@ -22116,18 +22082,18 @@ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachhe
</li>
<li>
-... für die klügste von allen.<span class="underline"></span> Es war das kleine häßliche ...<br />
-... für die klügste von allen.<a href="#corr-10"><span class="underline">&ldquo;</span></a> Es war das kleine häßliche ...<br />
+... für die klügste von allen.<span class="underline"></span> Es war das kleine häßliche ...<br />
+... für die klügste von allen.<a href="#corr-10"><span class="underline">&ldquo;</span></a> Es war das kleine häßliche ...<br />
</li>
<li>
-... &bdquo;Man sollte es glauben,&ldquo; fuhr Grau fort. <span class="underline"></span>Plötzlich ...<br />
-... &bdquo;Man sollte es glauben,&ldquo; fuhr Grau fort. <a href="#corr-11"><span class="underline">&bdquo;</span></a>Plötzlich ...<br />
+... &bdquo;Man sollte es glauben,&ldquo; fuhr Grau fort. <span class="underline"></span>Plötzlich ...<br />
+... &bdquo;Man sollte es glauben,&ldquo; fuhr Grau fort. <a href="#corr-11"><span class="underline">&bdquo;</span></a>Plötzlich ...<br />
</li>
<li>
-... für jedes Glas hundert Mark bezahlen, nicht wahr?<span class="underline"></span> ...<br />
-... für jedes Glas hundert Mark bezahlen, nicht wahr?<a href="#corr-12"><span class="underline">&ldquo;</span></a> ...<br />
+... für jedes Glas hundert Mark bezahlen, nicht wahr?<span class="underline"></span> ...<br />
+... für jedes Glas hundert Mark bezahlen, nicht wahr?<a href="#corr-12"><span class="underline">&ldquo;</span></a> ...<br />
</li>
<li>
@@ -22136,8 +22102,8 @@ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachhe
</li>
<li>
-... hätte.<span class="underline">&ldquo;</span> ...<br />
-... hätte.<a href="#corr-14"><span class="underline"></span></a> ...<br />
+... hätte.<span class="underline">&ldquo;</span> ...<br />
+... hätte.<a href="#corr-14"><span class="underline"></span></a> ...<br />
</li>
<li>
@@ -22156,8 +22122,8 @@ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachhe
</li>
<li>
-... existiert und seit wann, das ist ja nebensächlicher Natur.<span class="underline"></span> ...<br />
-... existiert und seit wann, das ist ja nebensächlicher Natur.<a href="#corr-18"><span class="underline">&ldquo;</span></a> ...<br />
+... existiert und seit wann, das ist ja nebensächlicher Natur.<span class="underline"></span> ...<br />
+... existiert und seit wann, das ist ja nebensächlicher Natur.<a href="#corr-18"><span class="underline">&ldquo;</span></a> ...<br />
</li>
<li>
@@ -22176,405 +22142,32 @@ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachhe
</li>
<li>
-... an Susannas Ehrentage.<span class="underline"></span> &mdash; Vor der Türe hing ein ...<br />
-... an Susannas Ehrentage.<a href="#corr-22"><span class="underline">&ldquo;</span></a> &mdash; Vor der Türe hing ein ...<br />
+... an Susannas Ehrentage.<span class="underline"></span> &mdash; Vor der Türe hing ein ...<br />
+... an Susannas Ehrentage.<a href="#corr-22"><span class="underline">&ldquo;</span></a> &mdash; Vor der Türe hing ein ...<br />
</li>
<li>
-... jetzt sogar bei der <span class="underline">Erinneruug</span> an dieses schöne Schauspiel, ...<br />
-... jetzt sogar bei der <a href="#corr-23"><span class="underline">Erinnerung</span></a> an dieses schöne Schauspiel, ...<br />
+... jetzt sogar bei der <span class="underline">Erinneruug</span> an dieses schöne Schauspiel, ...<br />
+... jetzt sogar bei der <a href="#corr-23"><span class="underline">Erinnerung</span></a> an dieses schöne Schauspiel, ...<br />
</li>
<li>
... und so stark, <span class="underline">das</span> ihm die Brust bei jedem Atemzuge ...<br />
-... und so stark, <a href="#corr-24"><span class="underline">daß</span></a> ihm die Brust bei jedem Atemzuge ...<br />
+... und so stark, <a href="#corr-24"><span class="underline">daß</span></a> ihm die Brust bei jedem Atemzuge ...<br />
</li>
<li>
-... kommen, damit Sie sich nicht die Hände staubig machen.<span class="underline"></span> ...<br />
-... kommen, damit Sie sich nicht die Hände staubig machen.<a href="#corr-25"><span class="underline">&ldquo;</span></a> ...<br />
+... kommen, damit Sie sich nicht die Hände staubig machen.<span class="underline"></span> ...<br />
+... kommen, damit Sie sich nicht die Hände staubig machen.<a href="#corr-25"><span class="underline">&ldquo;</span></a> ...<br />
</li>
<li>
-... des <span class="underline">Zimmes</span> stehen sah. Sie war schön und schlank. ...<br />
-... des <a href="#corr-26"><span class="underline">Zimmers</span></a> stehen sah. Sie war schön und schlank. ...<br />
+... des <span class="underline">Zimmes</span> stehen sah. Sie war schön und schlank. ...<br />
+... des <a href="#corr-26"><span class="underline">Zimmers</span></a> stehen sah. Sie war schön und schlank. ...<br />
</li>
</ul>
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-End of the Project Gutenberg EBook of Der Tor, by Bernhard Kellermann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TOR ***
-
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+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41882 ***</div>
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