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diff --git a/41882-0.txt b/41882-0.txt new file mode 100644 index 0000000..04ffb35 --- /dev/null +++ b/41882-0.txt @@ -0,0 +1,12975 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41882 *** + +Der Tor + + +Roman +von +Bernhard Kellermann + +Achte Auflage + + +S. Fischer, Verlag, Berlin +1913 + + +Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. +Copyright 1908 S. Fischer, Verlag, Berlin. + + + + +Erster Teil + + + + + +Erstes Kapitel + + +Jener junge Mann, um den es sich hier handelt, ein schlichter junger Mann, +wie es deren Tausende gibt, traf gerade zu einer Zeit in der kleinen +fränkischen Stadt ein, als sich alle Welt in der größten Aufregung befand. + +Ein Dienstmädchen nämlich, eine brave und beliebte Person, die jeder +hundertmal mit ihren roten Backen und dem Mund voll weißer Zähne gesehen +hatte, nahm sich das Leben. Sie war nicht zur Stelle, als man sie rief; man +wartete, suchte und fand sie erhängt auf dem Speicher. Aber das war nicht +alles. Dieses Dienstmädchen mit den roten Backen und weißen Zähnen, diese +ordentliche, unschuldig aussehende Person hatte zuvor ein Kind geboren und +es in ihrer Kammer versteckt. Sie hatte das Kind in ein Körbchen gebettet +und in die Ecke hinter einen Schrank gelegt. Ein Gesangbuch lag dabei, ein +goldenes Kreuzchen, ein silberner Ring mit einem winzigen blauen Stein. Das +Kind war in ein weißes seidenes Tuch gehüllt. In die Wand, oberhalb des +Körbchens, hatte sie eine Unmenge von Kreuzen geritzt, einen ganzen +Friedhof. Plötzlich nun schrie das Kind jämmerlich in der Kammer der Magd. +Ja, da schreit ja ein Kind, sagten die Leute, in ihrer Kammer! Und die Frau +des Hauses, Frau Häberlein, die Gattin des Bezirksamtmannes, fand das Kind +in der Ecke. Es war in ein seidenes Tuch eingehüllt, das die Frau des +Hauses dem Dienstmädchen einige Wochen vorher zu Weihnachten geschenkt +hatte. Ein fast neues, feines Tuch. + +Die Stadt geriet mehr und mehr in Aufregung. Man riß die Fenster auf und +rief: Was ist denn wieder? Ein Kind, sie haben ein Kind in ihrer Kammer +gefunden! Zwei barmherzige Schwestern schwebten über den Marktplatz und +verschwanden im Hause des Bezirksamtmannes. Sie trugen das Kind in das +Waisenhaus. + +Aber damit war es noch nicht zu Ende. Plötzlich hörte man ein Geschrei auf +der Straße, ein schreckliches Geschrei, und man sah eine verschrumpfte, +alte Frau, ein winziges Etwas von einer alten Frau, in großen Filzsocken +durch die Straßen rennen. Sie lief in das Haus des Bezirksamtmannes, +erschien wieder schreiend, lief zum Westtor und zurück zum Osttor, hin und +her, und immer tauchte sie wieder auf und ihr Geschrei und entsetzliches +Weinen schien überall zu sein und plötzlich dicht unter den Fenstern aus +dem Erdboden zu dringen. Die Leute öffneten die Fenster: Beruhigen Sie sich +doch! sagten sie. Sie sagten es mit eindringlicher, tiefer Stimme; sie +sagten es weich und tröstend. Aber die kleine alte Frau sah nichts, hörte +nichts. Sie schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, rannte Straße auf, +Straße ab und schrie, schrie. + +Vor dem Westtor gab es eine Szene. Hier kam ein Fleischergeselle auf einem +Karren angefahren, in dem ein Rudel kleiner Schweine saß. Arbeiter, +Handwerker stellten den Wagen und fielen mit den Fäusten über den Gesellen +her. Der Bursche wehrte sich so gut er konnte und brüllte, daß man es bis +in die Stadt hinein hörte. Die kleinen Schweine steckten die Schnauzen +durch das Gitter und quiekten. Zwei Stadtsoldaten nahmen den +Fleischergesellen in Schutz, man hätte ihn sonst erschlagen. Ich bin nicht +schuld! schrie er. Sie führten ihn zur Sicherheit aufs Stadthaus. Auf dem +Wege dorthin begegneten sie der alten, kleinen Frau, die in ihren +Filzsocken hin und her rannte. Das ist er! riefen die Leute und deuteten +auf den Burschen. Aber die schreiende Frau sah und hörte nichts, sie schrie +und rannte weiter. + +Man sprach den ganzen Abend und den folgenden Tag von nichts anderm als dem +Dienstmädchen und dem Kinde und der kleinen schreienden Frau. Es gab +förmliche Redeschlachten und erregte Szenen. Man verurteilte, verteidigte, +mutmaßte, und in dem Abendzug, der von der Nachbarstadt zurückkehrte, wäre +es beinahe zu einer richtigen Schlägerei gekommen. Da war ein Lehrer, ein +entlassener Volksschullehrer, ein riesenhafter Mann mit einem schwarzen, +wilden Kopf, der den Zorn aller Reisenden herausforderte. Er sagte, es wäre +nun genug, immer nur dieses Dienstmädchen und nichts als dieses +Dienstmädchen, eine solch alberne, beschränkte Person -- + +Kurz und gut, damit begann es. + +»Genug nun von dieser albernen, beschränkten Person, die sich wegen eines +Kindes und eines untreuen Geliebten aufhängt,« schrie er. »Genug und +abermals genug --« Aber da erhob sich ein solcher Tumult in dem überfüllten +Coupé, daß man nicht verstand, was er sonst noch sagte, trotzdem er mit +einer ungeheueren tiefen Stimme wie eine Baßtrompete wetterte. Eine Bäuerin +in Trauerkleidern, die bis jetzt ruhig dagesessen war, stand plötzlich auf +und stieß eine Menge Schimpfwörter heraus, einen ganzen Strahl von +Schimpfwörtern, allein ihre Stimme schnappte über, man hörte nichts als +Gekreische. Sie schüttelte einen dünnen raschelnden Blechkranz in der Hand +und machte Miene auf den Lehrer loszufahren; ein starker Geruch von Schmalz +und saurer Milch drang aus ihren Kleidern. In der Mitte des Abteils saß ein +jüdischer Viehhändler, ein dicker, fetter Kerl mit Brillantringen an den +Händen und Stallmist an den Stiefeln, der vor Vergnügen auf- und abtanzte +und mit den Händen seine kurzen, fetten Schenkel bearbeitete. Er lachte, +daß ihm das Wasser aus den Augen sprang und stieß einen hohen gurgelnden +Laut hervor, ähnlich einer Turteltaube, während er hin- und herschaukelte +und die Leute zu beiden Seiten zusammendrängte. Im Nebenabteil hatte sich +eine Dame erhoben, sie blickte über die Trennungswand, drehte den Kopf hin +und her in einer bauschigen Boa aus schillernden Hahnenfedern und lächelte +mit tief herabgezogenen Mundwinkeln. »Pfui!« rief sie, »Pfui! Welch +entsetzliche Roheit. Pfui!« + +Der Lehrer stand ruhig im Lärm und lächelte. »Sie vergeben, meine Dame!« +wandte er sich mit einer Verbeugung zu dem Kopfe, der sich noch immer in +der bauschigen Federboa hin und her drehte. »Aber ich denke, wenn dieses +Dienstmädchen, diese Margarete Sammet oder wie sie heißen mag, mit Ruhe und +Überlegung, mit Stolz --« + +Aber man unterbrach ihn. »Ruhe! Ruhe!« + +»Die Herrschaften müssen doch einräumen --« + +Man räume nichts ein, gar nichts räume man ein! Alle schrien und der Lehrer +lachte und zuckte die Achseln. Der jüdische Viehhändler schaukelte auf und +ab, so sehr gurrte er, und schließlich bekam er einen brüllenden +Hustenanfall, der jedes andere Geräusch verschlang. + +In diesem Augenblick hielt der Zug und unwillkürlich wurden alle still. +Aber sobald sich die Laterne in der Nacht draußen schwang und die Maschine +heulte, begann der Lärm von neuem. Eine heisere Stimme arbeitete sich +mühsam durch das Getöse. + +»Davon war ja gar nicht die Rede!« sagte ein Mann mit aufgeblähtem Hals, +ein Schuhmachermeister, und riß die Augen so weit auf, daß man fürchtete, +sie fielen heraus. »Wir sprechen vom Dekan, vom Pfarrer, von der +Beerdigung.« + +»Ich würde sie auch nicht beerdigen!« sagte der Lehrer mit ruhigem Baß und +der Kopf der Dame mit der Boa schnellte augenblicklich wieder empor. + +»Schweigen! Schweigen!« + +Der Viehhändler riß den Mund auf, um laut zu schreien, wurde aber im +gleichen Moment vom Sitze geschleudert, die Bäuerin mit dem Blechkranz und +alle auf der einen Bank flogen in die Höhe. Ein runder schwarzer Korb +rollte aus dem Netz und fiel dem Händler auf den Rücken. Die Bremsen waren +plötzlich angezogen worden, der Zug hatte sich kaum in Bewegung gesetzt +gehabt. + +Es wurde still und eine Stimme in der Dunkelheit draußen rief: »Ja, weshalb +schlafen Sie denn, wenn Sie mitfahren wollen, Sie! Ein solcher Tölpel -- +marsch!« Die Coupétüre sprang auf und ein junger Mann wurde +hereingeschoben. Hut und Mantel des jungen Mannes waren beschneit und mit +Eiskörnern bedeckt, wie sie entstehen, wenn man sich lange in der Kälte +aufhält. Er zog einen roten Reisesack nach sich, beugte sich zum Fenster +hinaus und rief: »Vielen Dank, mein Herr!« Der Zug fuhr wieder. Alle sahen +auf den jungen Mann, dessen Augen von Schlaf, Ermüdung und Kälte gerötet +waren. Er kniff die Augen zusammen, blickte durch die Wimpern, die +auffallend lang und dicht waren, in den Tabaksqualm und schob sich behutsam +mit seiner Reisetasche zwischen den Stiefeln, Knien, Packen und Säcken +hindurch. + +»Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er leise, ohne die Lippen zu öffnen, +»vielleicht erlauben Sie mir --« + +Alle Augen folgten seinem Reisesack. Es war ein gestickter Reisesack. Auf +einem abgewetzten roten Grund war eine Henne gestickt, die auf farbigen +Eiern brütete. Sie hatte einen ziegelroten, flammenden Kamm und als Auge +eine große schwarze Perle. Mit diesem roten Kamm und schwarzen Auge sah sie +herausfordernd und zornig aus. Über ihr stand in weißen Perlen: Glückliche +Reise. Der Viehhändler deutete auf den Reisesack und gluckste, und alle +begannen plötzlich über die herausfordernd und zornig dasitzende Henne zu +lachen. Nur der Lehrer blieb ernst, er sah sich aufmerksam den Reisenden +an. + +Der junge Mann fand ein schmales Plätzchen in der Ecke, er machte sich so +dünn als möglich, nahm den Hut ab und legte ihn aufs Knie, knöpfte den +Mantel eng zu und schloß sofort die Augen. + +Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals betrachtete mit einem +raschen Blick die vom Schnee rotgebeizten Stiefel des jungen Mannes, dann +ließ er wieder die aufgerissenen Augen von einem zum andern gleiten und +schrie: + +»Ist das nicht -- meine Herren -- hören Sie! Ist das nicht empörend! Der +Dekan will sie nicht beerdigen. Nein, er will sie nicht beerdigen!« +wiederholte er und rollte die Augen. + +Der Lehrer lachte belustigt. + +»Schweigen Sie!« schrie der Schuhmachermeister empört und deutete auf den +Lehrer. »Ja, Sie, Sie sollen schweigen! Ich finde es unbegreiflich! Er +beerdigt sie nicht. Wie einen Hund wird man sie einscharren, kein +Glockengeläute, kein Gesang, kein Segen.« Tränen traten in seine großen +Augen. Er zog die Dose heraus und schnupfte. »Keine geweihte Erde!« fügte +er hinzu. Die Bauernfrau in Trauerkleidern jammerte. »Oh du lieber guter +Himmelsvater --« + +»Es wird sich nicht mit den Kirchengesetzen in Einklang bringen lassen,« +sagte der jüdische Händler, »so scheint es mir -- die Kirchengesetze -- +eben --« + +Hier begann der Schuhmachermeister sich vollständig zu verändern. Er +schwoll an, sein Hals, sein Gesicht, er wurde dunkelrot, und mit den +stierenden großen Augen hatte er Ähnlichkeit mit einem jener rotlackierten +chinesischen Götzenbilder. Er sah aus, als wolle er den Händler vernichten, +aber im letzten Momente schrumpfte er zusammen, er beugte sich zu dem +Händler und reichte ihm mit übertriebener krampfhafter Freundlichkeit die +Dose. »Mein Freund!« zischelte er. »Mein Freund, Kirchengesetze, ich bitte +Sie! Kirchengesetze hin, Kirchengesetze her. Gehen Sie zum Henker, mein +verehrter Herr, mit Ihren Kirchengesetzen. Kirchengesetze? Ich will Ihnen +--« + +»Ich will Ihnen mal einen Fall erzählen,« unterbrach ihn der Händler, die +Prise Tabak auf dem Daumen. + +»Lassen Sie mich mit Ihrem Fall in Teufelsnamen in Ruhe. Ich sage Ihnen, +die Mutter, hören Sie, eine alte, kleine, eine arme kranke Frau, rannte wie +verrückt herum und schrie, verrückt, ich wiederhole. Sie lief also ins +Pfarrhaus, obwohl sie doch wissen sollte, daß unser Pfarrer gestorben ist. +Sie klopft also, trommelt an die Tür, schreit, jammert. Er ist ja +gestorben, der alte Hummel, sagten sie, ja, bei allen Heiligen, Sie wissen +doch, daß er gestorben ist, vor einem Monat, Sie waren ja selbst bei der +Beerdigung. Aber die Frau, hören Sie, sie verstand kein Wort, sie klopfte, +pochte, hämmerte an die Tür. Sind Sie denn ganz verrückt, sagten sie, wie +kann er aufmachen, wenn er tot ist? Es ist niemand da, keine Seele, der +neue Pfarrer ist ernannt, aber er ist noch nicht da. Gehen Sie nach +Weinberg, zum Dekan, er hat die Verwesung, gehen Sie dahin. Sie lief also +nach Weinberg -- sie lief eine Stunde weit im Schnee, geängstigt, gehetzt, +verzweifelt -- sie lief und lief -- sie stellte sich vor das Haus des +Dekans und schrie. Meine liebe Frau, sagt der Dekan -- Gesundheit, Sie +beniesen es -- meine liebe, gute Frau, es tut mir leid. Hören Sie in +Teufelsnamen, ich brauche also gar nicht erst Ihren Fall zu erfahren -- +lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Fall, lassen Sie mich in Ruhe und Frieden +damit -- diese verzweifelte Frau wirft sich ihm zu Füßen, jammert, schreit. +Aber alles ist umsonst, für die Katze, alles. Meine liebe gute Frau, sagt +der Dekan, ich kann nicht. Es ist unmöglich. Ja, wenn der Lebenswandel +Ihrer Tochter -- ich kann nicht -- ich sage, der Lebenswandel Ihrer Tochter +-- es tut mir leid. Die alte Frau, eine Greisin, grau, alt, ein +beklagenswertes Mutterherz, wirft sich ihm zu Füßen, beschwört ihn in des +Heilands Namen, aber er sagt, liebe, gute Frau, trösten Sie sich -- des +Allmächtigen Wege sind unerforschlich --« + +»Da sehen Sie eben die Vorschriften!« sagte der Händler und nieste +dröhnend, indem er Mund und Nasenlöcher und Augen läppisch aufsperrte und +das Coupé mit sprühendem Dunst anfüllte. + +»Die Frau Dekan hat der verzweifelten Mutter eine Tasse Kaffee angeboten, +es sind gute Menschen -- aber eine Tasse Kaffee macht ihr die Tochter nicht +lebendig, eine Tasse Kaffee ist kein Trost für ein verzweifeltes +Mutterherz, keine Einsegnung.« + +Hier wurde der Schuhmachermeister von einem Herrn mit langem messinggelben +Schnurrbart und großer Glatze, Postadjunkt Kaiser, unterbrochen. »Sie hat +ihn zurückgewiesen, den Kaffee«, sagte er. »Die Frau Dekan hat es mir +selbst erzählt. Mein Mann kann nicht, es ist unmöglich«, sagte sie. + +Der Händler nieste zweimal, leckte sich den Bart und sagte: + +»Die Kirchenverordnung meine Herrn, es steht fest, die Kirche muß einen +Unterschied machen zwischen einem Selbstmörder und einem anständigen +Menschen --« Der Lehrer ließ ein lautes Lachen hören -- »zwischen einem +Mädchen, das außerehelich entbindet und einer, sagen wir, einer +barmherzigen Schwester --« + +Aber der Schuhmachermeister mit dem Blähhals fiel ihm ins Wort. »Hören Sie +auf!« zischte er und sein Gesicht schwoll an, als werde es von einer +unsichtbaren Macht bis zum Zerplatzen aufgeblasen. »Was verstehen Sie? Ich +sage, solch ein Jammer, eine alte arme Frau, die nahe daran ist, den +Verstand zu verlieren, ja, vielleicht hat sie ihn schon verloren? -- Sie +kniet vor dem Pfarrhaus und schreit wie besessen, sie rennt in alle Häuser +und bittet die Leute zu bezahlen -- die Kosten zu bezahlen -- ein jeder ein +wenig, dann ginge es. Sie will ja alles zurückbezahlen --« + +Die Stimme eines kleinen graubärtigen und sauber gekleideten Mannes, der +sich bisher mit keinem Worte an dem Gespräche beteiligt hatte, sagte: »Der +Herr Dekan wird recht wohl wissen, was zu tun ist!« Die Stimme sprach so +bestimmt und die Kinnladen des alten Herrn bewegten sich mit solcher Würde, +daß alle auf ihn hören mußten. »Weshalb also ereifern Sie sich so, meine +Herren? Die Kirche kann ihre Segnungen nur Gliedern derselben angedeihen +lassen, die sich ihrer würdig zeigen. Ein Mädchen jedoch, das einen solch +unzüchtigen Lebenswandel führte und zuletzt zu all den Sünden noch jene des +Selbstmordes fügte, ist meines Erachtens dieser Segnungen unwürdig -- +unwürdig, voll und ganz --« + +Der Lehrer, der in der Mitte des Abteils stand, funkelte mit den +Brillengläsern und brach in ein lautes lustiges Lachen aus, der alte Herr +hielt inne und starrte ihn mit offenem Munde an. Diese Pause benutzte der +Schuhmachermeister. Er rollte die Augen und schrie zu allen gewendet: + +»Sodann also rannte die alte Frau, dieses gepeinigte Mutterherz, zu dem +katholischen Geistlichen. In des Heilands Namen, helfen Sie mir! Aber der +geistliche Rat sagt, es tut mir leid, liebe Frau, gehen Sie zum Herrn Dekan +nach Weinberg. Ich habe hier nichts zu tun!« Er schlug die Hände zusammen +und ließ die Augen fragend von einem zum andern wandern. + +Der graubärtige Herr hatte sich von seiner Verblüffung erholt und nahm das +Wort wieder auf. »Ich selbst habe Angehörige auf dem Friedhof liegen,« +sagte er, »ich glaube den Herrschaften bekannt zu sein -- Messerschmied +Ulrich, eingesessener Bürger und Magistratsrat -- ich wünsche nicht, daß +meine Angehörigen in der gleichen geweihten Erde ruhen mit einer Person -- +nun, ich habe nicht zu richten -- aber es ist in Ordnung, was der Herr hier +sagt: Es muß ein Unterschied herrschen! Wer unwürdig ist, ist unwürdig.« + +O Gott, o Gott, jammerte die Bäuerin in Trauerkleidern. + +»Hier!« schrie der Schuhmachermeister, »hier sitzt sie! Hier sitzt eine +Tante von ihr! Sie muß so etwas mit anhören!« + +Der Händler sagte: »Ein Unterschied muß herrschen, das ist klar!« + +Da erhob sich der Schuhmachermeister und schrie zornig: »Was verstehen denn +Sie, wie? Sie als Israelit, was verstehen Sie?« Das rief ein lautes +Gelächter hervor. »Nein!« fuhr der Schuhmachermeister fort und dämpfte die +Stimme. »Ich kann dem Herrn Dekan nicht recht geben und auch Ihnen, Herr +Rat Ulrich, auch Ihnen kann ich nicht recht geben, niemals, niemals!« Er +flüsterte. + +Messerschmied Ulrich zuckte die Achseln. »Ich äußerte nur meine bescheidene +Meinung!« sagte er und ein böser Glanz kam in seine Augen. »Ich gebe dem +Herrn Dekan vollkommen recht und kann auf keinen Fall dulden, daß man eine +Behörde öffentlich in dieser beleidigenden Weise kritisiert. Das ist meine +Meinung! Ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!« + +»Ja, Gott helfe ihm, Amen!« sagte lachend der Lehrer. »Gott helfe dem Herrn +Messerschmied Ulrich, eingesessenen Bürger und Magistratsrat und mache ihn +selig, Amen! Er kann nicht anders! Er hat gestritten für die gute Sache und +sein Leben dabei aufs Spiel gesetzt! Gott helfe ihm! Hahaha! Aber die +Wahrheit ist die, meine Herrschaften, daß morgen Hochzeit auf Schloß Bruck +ist, der Dekan hält die Trauung. Hohe Herrschaften kommen von allen +Himmelsgegenden, nach der Feier ist großes Diner, bei dem der Herr Dekan +beileibe nicht fehlen kann. Das ist -- hol' mich der Teufel! -- der Grund, +weshalb er so standhaft und mutig die in der Erde ruhenden Bürger, Ulrich +und Konsorten verteidigt. Im übrigen kann er nicht da und dort sein, das +versteht sich von selbst.« + +Der dicke Händler ließ wiederum den hohen gurrenden Laut hören, ähnlich +einer Turteltaube, und sein Bauch begann zu zittern. Er zog ein gelbes +Taschentuch heraus, eine Art Fahne, die für einige Zeit durchs ganze Coupé +flatterte und einen Staubregen von Schnupftabak, Brotkrumen und andern +Dingen ausstreute; dahinter verbarg er sich. + +Aber, was der Lehrer doch daher schwätze! Der neue Vikar sei ja angekommen +-- he! -- hier, Kaiser habe es erzählt! + +»Ja, ich habe ihn gesehen!« sagte der Adjunkt und wischte sich etwas +unsicher den langen messinggelben Schnurrbart. »Auf Ehre! Er sieht wie ein +Offizier in Zivil aus, schwarzer Schnurrbart, Zylinder. Im übrigen hat mir +die Frau Dekan erzählt, daß es der neue Vikar ist. Aber ich bitte Sie, +meine Herrn -- das ändert an der Sache ja nichts. Der Dekan ist sein +Vorgesetzter und er hat zu gehorchen, fertig!« + +»Also, trotzdem ein Verweser da ist, trotz alledem, das ist ja -- das ist +ja --« sagte ratlos der Schuhmachermeister. + +Der Lehrer lachte. »Alterieren Sie sich nicht, mein Freund!« sagte er. »Ich +gebe Ihnen die Versicherung, daß es dem Dienstmädchen ganz gleichgültig +ist, ob man sie einsegnet oder nicht, ob man sie beerdigen wird wie einen +eingesessenen, ehrenhaften Bürger oder nicht.« + +»Wie? Wie?« + +»Sie hat, was sie will. Sie ist tot. Basta! Und gesetzt den Fall, daß es +einen Himmel gibt -- was ich für meine Person nicht glaube -- so ist es +einerlei, ob sie erster, zweiter oder dritter Klasse beerdigt wird. Sie +kommt hinein, ob ihr der Herr Dekan von Weinberg einen Empfehlungsbrief +mitgibt oder nicht. Oder? Deshalb sage ich, ich würde sie auch nicht +kirchlich beerdigen -- ganz wie der Magistratsrat Herr Ulrich -- ebenfalls +nicht, nein!« + +»Wie? Wie?« + +»Nein, denn es ist ja absolut einerlei, absolut einerlei. Ich für meine +Person verzichte freiwillig auf jede Einsegnung, ja, ich verbiete diesen +Pfarrern, Vikaren und geistlichen Räten, sich überhaupt einzumischen. Ich +will nicht einmal etwas zu tun haben mit dieser Gesellschaft!« + +»Wie? Wie? Ja, da hört sich denn doch --« + +Ein unbeschreibliches Getöse entstand. Einige sprangen auf, und der Kopf +der Dame tauchte wieder hinter der Scheidewand empor und drehte sich empört +hin und her. Der Händler schaukelte vor Vergnügen hin und her und der +Schuhmachermeister saß wie niedergeschmettert da und starrte mit großen, +leeren Augen auf den Lehrer. + +Der Lehrer antwortete mit einem dröhnenden Gelächter. + +Aber hier nahm die Sache plötzlich eine Wendung. + + + + +Zweites Kapitel + + +Der Messerschmied Ulrich nämlich stand auf. Er stand auf und trat auf den +Lehrer zu. Sein Kinn und sein grauer Bart, der lang und schmal war und +Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, fingen an zu zittern, noch ehe er zu +sprechen begann. + +»Herr!« sagte er dann. »Herr!« sagte er dann. »Herr! Ich sage, Sie haben -- +Herr! -- Sie gehörten früher einem Stande an, einem gebildeten Stande -- +ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten! Nein! Sie haben sich -- +erfrecht -- jawohl, erfrecht, die mir teuern Toten auf dem Gottesacker zu +bespei -- bespeien, jawohl! -- Aber nicht genug damit -- Sie haben sich +erfrecht, die Religion und ihre Priester zu verhöhnen. Das ist mir zuviel!« +Der Lehrer lächelte gutmütig, und der Messerschmied schöpfte tief Atem, +wurde blaß und wiederholte einigemal keuchend: »Das ist mir zuviel!« Und +sein Bart zitterte. + +Der Lehrer winkte nachlässig mit der Hand und sagte mit ruhigem Lächeln und +gutmütigen Augen hinter den Brillengläsern: »Beruhigen Sie sich doch, +Verehrtester! Sie können sich in Ihrer Gesundheit schädigen.« + +Jedoch der Messerschmied Ulrich gehörte dem Stadtrat an und war überhaupt +ein Mann, der keinen Spaß verstand. + +»Wie?« schrie er pfeifend. »Wissen Sie auch, mit wem -- mit wem -- Sie +sprechen? Und erinnern Sie sich vielleicht, was Sie, wer Sie eigentlich +sind?« + +Der Lehrer lächelte und sein gleichsam von einem braunen Firnis überzogenes +Gesicht nahm einen gütigen, väterlichen Ausdruck an. Seine Augen waren von +verschiedener Größe, das größere betrachtete erstaunt den Messerschmied, +das kleinere lachte ihn lustig an. + +»Fragen Sie mich, junger Mann?« sagte er endlich. + +»Junger --!« + +»Ich sage vergleichsweise: junger Mann,« fuhr der Lehrer fort, »denn Sie +sind ja mir gegenüber noch sehr jung, eine Art Säugling, möchte ich sagen, +ja, noch ungeboren -- in der Tat! Ich meine, ob Sie mich fragen?« + +»Ob ich Sie frage?« antwortete der Messerschmied und seine Stimme zitterte, +als ob ihn jemand unausgesetzt auf den Rücken klopfe. »Ja, gewiß, ich frage +Sie! Ich möchte das zu gerne wissen!« + +Der Lehrer kämmte mit der Hand den langen, knisternden, schwarzen Bart und +schüttelte den Kopf. »Wenn Sie mich nun fragen -- und Sie fragen mich doch, +nicht wahr? -- so kann ich Ihnen wohl antworten, aber es tut mir leid für +Sie, denn ich sage keine Schmeichelei: Sie sind eine Art Scherenschleifer +und ich bin ein Edelmann!« + +Es wurde ganz still und man hörte die Räder auf den Schienen stampfen. Der +jüdische Händler gluckste leise. + +Der Messerschmied tat zuerst gar nichts. Es schien, als ob er nichts gehört +habe. Dann schüttelte er die Schultern, als sei ihm der Rock unbequem, er +schnitt eine Grimasse, zischelte und plötzlich verbeugte er sich tief vor +dem Lehrer. Er lachte meckernd und sagte mit wütender, zitternder Stimme: + +»Gut! Sie mögen im Recht sein, Herr Edelmann -- mein Herr Edelmann. Sie +mögen zehnmal im Recht sein -- aber, wenn Sie ein Edelmann sind -- was hier +von all diesen Herren niemand bezweifelt -- ach, nein, nein, niemand +bezweifelt es -- ach, du gütiger Himmel, nein, nein! -- so werden Sie +gefälligst, Herr Edelmann, zuvor Ihre Schulden bezahlen. Nicht wahr, Sie +werden zuvor Ihre Schulden bezahlen, mein Herr Edelmann. Sie erinnern sich +vielleicht, daß Sie mir seit sechs Jahren -- seit sechs Jahren! -- neun +Mark und fünfzig Pfennig schuldig sind! Bitte! Ich weiß nicht, wo Ihr +Schloß liegt oder Ihr Besitztum -- also, bitte sehr, bitte!« + +Gelächter. Er streckte die bebende Hand hin und musterte mit übertrieben +spöttischer Miene den Lehrer vom Kopf bis zum Fuße. Der Lehrer war ohne +Kragen, ein Tuch war um seinen braunen Hals geschlungen. Wie sein Gesicht, +so war seine ganze Kleidung verwettert und verwildert, seine Schuhe +klafften und man sah die nackten Füße, die Ärmel waren an vielen Stellen +zerrissen und mit unordentlichen Stichen zusammengenäht. + +Der Lehrer blickte mitleidig lächelnd auf die bebende Hand des +Messerschmieds und schüttelte den haarigen Kopf. »Ist das Ihr Ernst?« +fragte er voller Bedauern, im tiefsten Baß. + +»Ja -- hähä -- das ist mein Ernst!« + +»Wie leid es mir tut, daß Sie sich so in meine Hände liefern, mein Herr!« +sagte der Lehrer. »Aufrichtig gestanden, ja! Wie niedrig Sie doch denken, +Geld, Schulden und dergleichen Geschichten mit dem Begriffe Edelmann in +Verbindung zu bringen? Edelmann, mein Herr, das ist Noblesse, Weltgefühl, +Kraft, Genialität -- Dinge, von denen Sie noch gar nichts gehört haben, +nicht mehr als ein Hering vom süßen Wasser. Aber nun hören Sie: Ich bezahle +nie, nie mit Geld. Ich bezahle mit Liebenswürdigkeit, Geist, Humor.« + +»Bitte, bitte!« heulte der Messerschmied und schüttelte die Hand. + +»-- eine Münze, die für Sie gar nicht existiert, leider. Ich habe die halbe +Welt durchwandert, ohne zu bezahlen, Tatsache! Ich habe tausend Freunde in +der Welt, Edelleute, Fürsten -- ich bringe Glück und frohen Sinn in jedes +Haus -- man empfängt mich mit Freuden, man entläßt mich mit Tränen in den +Augen -- ich kann den ganzen Heine, Schiller, Goethe und Shakespeare +auswendig, jede Szene, die die Herrschaften nur immer wünschen -- wollen +Sie eine Probe? -- Nun, wollen Sie eine Probe -- he! Und nun Sie, ein +geborener Scherenschleifer, der alle Schaltjahre einen Gedanken hat, eine +krankhaft zur Menschenähnlichkeit aufgeblähte Blase, ein alter Hanswurst, +der dreißigtausend Siriusfernen abseits aller Kultur geboren ist --« + +»Bitte, bitte!« heulte der Messerschmied unaufhörlich und schüttelte die +ausgestreckte Hand, daß seine Gummimanschetten rasselten. Alles lachte, +weniger oder mehr ungeniert, je nachdem man in freundschaftlicher Beziehung +zu dem Magistratsrat stand. Aus dem Lachen des Viehhändlers hörte man die +aufrichtige Freude eines fetten Menschen heraus. + +Der Lehrer aber stand ruhig wie ein Turm inmitten des Gelächters, mit +seinem verwilderten schwarzen Kopf, seinem nußbraunen Gesicht, seinen +kindlichen gütigen Augen, und deklamierte lächelnd und in aller Ruhe mit +einer solch tiefen Stimme, wie man sie noch nie gehört hatte. + +»Aha, ich sehe schon, Sie bestehen auf Bezahlung!« sagte er endlich. »Ich +habe nun zwar keinen Pfennig in der Tasche, arm wie eine nackte, junge +Ratte bin ich -- ich werde Sie trotzdem bezahlen, hier im Augenblick werde +ich Sie bezahlen, in diese Hand, Sie sollen sehen, Sie kostbare +Versteinerung, teuerste Essenz der bürgerlichen Gesellschaft, +Aushängeschild der Krämergilde, Sie werden es erleben, daß ich Sie bezahle. +Ehe Sie sich auch nur den Geruch Ihrer Lieblingsspeise vorstellen können, +wird das Geld auf Ihrer Hand liegen. Es ist Ihnen doch einerlei, woher ich +es nehme?« + +»Bezahlen, bezahlen, Herr Edelmann!« + +»Gut! Wieviel, sagten Sie? Neun Mark und fünfzig Pfennig, wenn ich richtig +hörte, nicht wahr? Schön. Sofort. Ich habe zwar keinen Heller in der Tasche +-- aber sofort.« Er wandte sich an die Anwesenden. »Wer ist so freundlich, +mir sofort neun Mark fünfzig Pfennig zu schenken -- zu schenken?« fragte er +und verneigte sich. + +Gelächter. »Bitte, bitte!« wiederholte der Messerschmied, der sich dem +Siege nahe wußte. + +»Seine Münze ist außer Kurs!« sagte der Viehhändler. »Hat er nicht selbst +gesagt, daß er niemals bezahlt?« + +»Schenken, schenken -- meine Herrn?« + +»Bitte, bitte!« triumphierte der Messerschmied. »Sie großes Maul von einem +Edelmann -- Sie Vagabond von einem Edelmann (er sagte Vagabond), bezahlen +Sie, haha -- so etwas von -- haha.« + +»Geduld!« sagte der Lehrer. »Sofort werde ich Sie befriedigen, verehrter +Herr!« Er musterte spöttisch die Gesellschaft und zog mit der Hand den +schwarzen Bart herab, so daß seine roten Lippen zum Vorschein kamen. Sie +sahen aus, als pfeife er. Er rief über die Scheidewand ins Nebenabteil +hinüber -- »neun Mark und fünfzig -- schenken!« Aber man lachte und sagte +ihm Schmeicheleien. + +»-- so etwas von einem großen Maul von einem Edelmann -- haha!« + +Der Lehrer lächelte, er verlor nicht die Fassung. Er zuckte bedauernd die +Schultern und sagte: »Aus Kieselsteinen läßt sich kein Likör abziehen, ich +hätte das wissen sollen. -- Aber Geduld, Edler, wenn ich nicht sofort +bezahle, so sollen Sie sagen, ich sei eine Null, ein Loch, eine Einbildung, +ein eingesessener Bürger.« Damit wandte er sich an den jungen Mann, der in +der Ecke schlief. + +Der junge Mann saß mit geschlossenen Augen. Die Lippen halb geöffnet, den +Hut auf den Knien, genau so wie er sich nach seinem Eintritt gesetzt hatte. +Er hatte dunkelbraunes weiches Haar, eine hohe Stirne, die weit über die +Augen vorsprang, sein Gesicht war fein, mager und lang, ohne Bart und von +jener weißlichen Hautfarbe, wie man sie oft bei Rothaarigen findet. Sein +Mund war knabenhaft und rot. + +Der Lehrer näherte sich ihm und berührte seinen Arm mit der Fingerspitze. + +Sofort schlug der Fremde die Augen auf, braune, sanfte Augen; nun sah sein +Gesicht auffallend schön und strahlend aus. + +Der Lehrer verbeugte sich und wiederholte seine Bitte: »neun Mark und +fünfzig Pfennig, sofort. Wenn es dem Herrn möglich sein sollte.« + +Gelächter. + +Aber nun ereignete sich etwas, was alle verblüffte, nur den Lehrer nicht. +Der Fremde lächelte, richtete sich ein wenig auf und griff in die Tasche +und klimperte mit Geld. Es reichte nicht. Er errötete leicht, griff nach +dem gestickten Reisesack und öffnete ihn, tauchte mit der langen Hand +hinein und zog ein Taschentuch mit einem Knoten heraus. Den Knoten öffnete +er und es fand sich ein zusammengefaltetes Stück Papier darin Diesem Papier +entnahm er ein kleines Goldstück und gab es dem Lehrer. + +»Danke!« sagte der Lehrer und verbeugte sich. Er wandte sich an den +Messerschmied. »Sie sehen, daß es noch immer Edelleute auf der Welt gibt. +Bitte, Herr Messerschmied Ulrich!« + +Alle saßen mit aufgerissenen Mäulern und Augen und begannen erst zu lachen, +als der Messerschmied, der einen Augenblick nicht wußte, was er tun sollte, +das Goldstück einsteckte und fünfzig Pfennig zurückgab. Diese fünfzig +Pfennig überreichte der Lehrer dem Fremden, der sofort wieder die Augen +schloß und sich in die Ecke zurücklegte. + +In der letzten Station -- Stadt Weinberg -- stieg ein Herr mit glänzendem +Zylinder und schwarzem gewichsten Schnurrbart ein. Adjunkt Kaiser grüßte +und rückte höflich zur Seite. Das Gespräch stockte. Dann wandte sich der +Viehhändler an den Herrn mit dem glänzenden Seidenhut. + +»Verzeihen Sie mir die Kühnheit;« sagte er mit schmeichlerischer Stimme. +»Können Sie mir vielleicht Auskunft geben, ob man dieses Dienstmädchen, +diese Selbstmörderin, kirchlich beerdigen wird oder nicht?« + +Der Herr mit dem Seidenhut legte die Stirne in Falten und sagte kühl: »Nein +-- soviel mir bekannt ist -- hat das Dekanat von einer Einsegnung Abstand +genommen.« + +Er zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin, um weitere Fragen +abzuschneiden. + +Der Händler verneigte sich. »Danke!« Und er flüsterte den andern zu: »Nein, +nein.« + +Der Schuhmachermeister nickte resigniert mit dem Kopfe und bot allen eine +Prise an. + +Der Zug verlangsamte die Fahrt und schließlich schlief er ein und regte +sich nicht mehr. Als man hinaus sah, fand es sich, daß man weit draußen vor +der Station stehen geblieben war. Man war angekommen. Der erste, der +ausstieg, war der Herr im Zylinder, alle ließen ihm den Vortritt. Zuletzt +stieg der Fremde mit dem gestickten Reisesack aus. + +Es war düster und kalt; nur wenige Laternen brannten in der kleinen +Station, die ganz im Schnee versank. + + + + +Drittes Kapitel + + +Der Fremde stieg aus und er wäre beinahe in den großen Filzhut gestiegen, +den der Lehrer vor ihm bis zur Erde schwang. Er lachte laut und fröhlich. + +»Sie konnten sich wohl vorstellen, daß ich nicht verschwinden würde, ohne +Ihnen zuvor unter vier Augen gedankt zu haben!« sagte er und half dem +Fremden beim Aussteigen. Das heißt, er griff nach dem rechten, dem linken +Arm, der Achselhöhle des Fremden, ohne ihn jedoch zu berühren. »Erlauben +Sie Ihre Tasche -- bitte -- nur bis Sie richtig auf den Beinen sind.« + +Der Fremde lächelte fein und gütig. »Danke, ganz und gar unnötig,« sagte +er. Er hatte schöne Augen, denn sie waren golden. Ihr klarer und +leuchtender Blick machte den Lehrer einen Moment lang betroffen. Der Fremde +sprach leise, als ob er sehr müde wäre. Er lächelte und sah den Lehrer an, +wie wenn er ihn schon Jahr und Tag kennte. Der Lehrer betrachtete ihn eine +Weile, er bog sogar den Kopf zurück, um ihn genau ansehen zu können; dann +stürzte er sich wieder auf die Reisetasche. Er strömte über von +Freundlichkeit und Diensteifer. + +»Erlauben Sie, nur bis Sie über die Geleise sind!« + +»Bitte, oh, ich kann ja selbst --« sagte der junge Mann und zog mit einer +geradezu lächerlichen Besorgnis die Tasche an sich, und verbeugte sich +leicht gegen den Lehrer. Er blickte sich um. Er sah die Leute an, die über +den beschneiten Bahnsteig eilten, er sah in die Höhe, nach rechts, nach +links, er sog die Luft ein. Jede Kleinigkeit schien ihn zu interessieren. + +Aber der Lehrer verneigte sich abermals, zog den Hut und ergriff endlich +die Tasche. »Ich betrachte es als eine Auszeichnung, mein Herr!« sagte er. +»Welche Kälte, nicht wahr? Eine verfluchte, angenehme Kälte, bei allen +Teufeln! -- Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen,« fuhr er fort, +indem er unvermittelt seinem beweglichen, von vielen Falten durchzogenen +Gesicht einen ernsten Ausdruck gab. »Das war eine echte Edelmannstat!« +Seine kindlichen Augen leuchteten. + +Der Fremde sah umher. »Aber die Sache ist ja nicht der Rede wert,« sagte +er. + +Der Lehrer lachte. »Da haben Sie recht! Klar gesehen ist es etwas ganz +Selbstverständliches, ein Edelmann springt dem andern bei, ja, er springt +jedem bei, der in der Klemme sitzt. Ganz einerlei wer es auch sei, und sei +es der Teufel selbst. Aber trotz alledem, ich freue mich und danke Ihnen! +Wenn Sie nun nicht dagewesen wären -- nehmen wir an -- oder keine zehn Mark +gehabt hätten? -- Hol' mich der Teufel, wie wäre ich vor diesen +Scherenschleifern und Schuhflickern dagestanden. Es juckt mich immer, sehen +Sie, dieses Gesindel mit Worten niederzuschmettern, aufzudonnern -- zum +Beispiel, einmal wollte ein Lump von einem Gastwirt mich hinauswerfen, +buchstäblich hinauswerfen aus seiner Bude. Er hetzte den Hund auf mich! +Immer heran mit deinem gichtbrüchigen Hund, schrie ich und breitete die +Arme aus -- heran mit diesem Floh von einem Hund! -- Was glauben Sie, was +passierte? Es war eine Ulmer Dogge --« + +»Nun?« fragte der junge Mann lächelnd. + +»Haha, er riß mich zu Boden, buchstäblich, wie einen Pfahl rannte er mich +um -- aber, bin ich gegangen? -- Nein -- werde doch vor keinem Hunde +ausreißen -- hahaha!« + +Auch der Fremde lachte. + +»Dann hören Sie, einmal, da donnere ich also, donnere vor Wichten und +Schneidern und sage, ich bin ein Mann, der ein Pferd an den Zähnen in die +Höhe hebt und einen Kilometer weit damit springt. Hebe den Tisch, sagen +sie, hebe diesen Tisch. Ich hob diesen Tisch, ein schwerer Tisch, mein +Herr, ich hob ihn und brach mir einen Zahn dabei aus -- sehen Sie hier -- +sehen Sie in der Mitte, diesen schönen Zahn, auf den ich immer stolz war, +brach ich mir ab -- aber ich hob den Tisch! Entschuldigen Sie einen +Augenblick!« Er wandte sich ab und zog den Hut vor einer jungen Dame mit +auffallend reichem schwarzen Haar und stolzem Profil, die, gefolgt von +einem Diener in ledergelber Livree, die Geleise überschritt. Der Diener war +mit Schachteln und Paketen beladen. »Guten Abend, gnädiges Fräulein!« sagte +der Lehrer und verbeugte sich mit großer Würde. + +Die Dame aber schenkte ihm nicht die geringste Beachtung. + +Der Lehrer lachte gutmütig und wandte sich an den Fremden. »Sie ist sehr +stolz? Haben Sie es bemerkt?« sagte er mit gedämpftem Baß. »Sie dankte mir +nicht, aber ich grüße sie -- erstens ist sie sehr schön und zweitens ist +sie eine Freundin meiner Tochter Susanna! -- Deshalb grüße ich sie und +deshalb werde ich sie immer grüßen, wenn sie mir auch hundertmal nicht +danken sollte. Denn, wer meiner Tochter Susanna nur zulächelt, den küsse +ich auch schon, sehen Sie,« fügte er mit einem leisen zutraulichen Lächeln +hinzu. »Geben Sie acht, eine Schiene. Welche Rattenfalle von einem +Bahnhofe, nicht wahr? Sie kommen in Geschäften in die Stadt, mein Herr?« + +Der Fremde, der der Dame mit dem auffallend reichen schwarzen Haar +nachblickte, sagte: »Ja, man könnte es so nennen.« Und er nickte. Die Dame +verschwand. + +Der Lehrer berührte die Schulter des Fremden. »Verzeihung!« Er lachte und +sein lautes, gesundes Lachen hallte in dem schmalen nach Papier riechenden +Gange wieder, den sie durchschritten. »Es war mehr eine Verlegenheitsfrage +als Neugierde. Ich hoffe aber, ja, ich wünsche Ihnen ganz speziell, daß Sie +nicht lange hier zu tun haben werden. Eine recht elende Stadt, von +bürgerlichem Volke bewohnt. Ohne Würde, ohne schöne Gebärde, ohne Ziel und +Wunsch, mit verächtlichen Maßstäben. Eine Grube voller Ausschuß, Scherben +von Menschen, wie in den meisten kleinen Städten, wo die geistige +Konkurrenz gleich Null ist und dickranzige Bürger jeden Gedanken in Grund +und Boden hineinlächeln. Sind Sie Sammler von Abnormitäten, so werden Sie +auf Ihre Kosten kommen. Gewissermaßen ein Museum von Bürgerlichkeit und +Dummheit. Aber was wollen Sie, verehrter Herr: Ein Kork kann sich so schwer +machen wie er will, er sinkt nicht unter! Dies ist wiederum eines meiner +dreitausend Sprichwörter über den Bürger.« Der Lehrer lachte zufrieden; +dann fuhr er fort: »Da haben Sie zum Beispiel den geistlichen Rat, fett wie +ein Schwein -- aber, ich bitte Sie, welch prächtiges kluges Geschöpf ist +ein Schwein im Vergleich zu ihm! Er treibt Teufel aus, am lichten Tag und +verbrennt sie auf einem Spirituskocher. Da haben Sie wimmelnde Beispiele. +Der Bürgermeister allein -- von einer Essenz aus ihm gewonnen, würde ein +einziger Tropfen hinreichen, ein Genie augenblicklich zu verblöden. Solch +eine Stadt ist das! Geist ist alles, sehen Sie, auf Moral pfeife ich!« + +Der Lehrer war wieder im Schwunge. Er zog den Hut in die Stirne, so daß +sein halber Kopf darunter verschwand, sprach, gestikulierte, lachte, und je +länger er sprach, desto glücklicher und zufriedener sah er aus. Er streckte +die Arme bald gerade aus, bald gegen den Himmel, er wiegte sich hin und her +und drehte sich auf dem Absatze. + +Vor dem Bahnhofe wartete eine Art Wagen, einer großen Hutschachtel ähnlich, +die ganz oben ein winziges Fensterchen hatte. Aus dem Fenster blickte das +fette, zufriedene Gesicht des Viehhändlers, der sich im Zuge so gut +amüsiert hatte. Eine Zigarre glimmte in seinem Munde und sein Gesicht +füllte das ganze Fenster aus. Auf dem Bock des Wagens saß ein dunkles +Bündel und dieses Bündel rief: »Weißer Elefant?« + +»Nein, danke!« antwortete der Fremde, der in der eisigen Luft heftig zu +zittern begann. »Ist es denn weit zur Stadt?« + +»Höhö! Eine halbe Stunde! Der Herr fahren also nicht mit? Hü!« + +Die Hutschachtel rollte davon und die glimmende Zigarre des Händlers +erlosch in der Nacht wie ein kleines Fünkchen. + +Der Lehrer lachte herzlich. »Sie können sich doch denken, verehrter Herr,« +rief er aus, »daß der Bahnhof weit außerhalb der Stadt liegt! Man +befürchtete, die Häuser würden einfallen. Ich werde mir erlauben, Ihnen in +aller Eile eine Skizze von dieser Stadt zu entwerfen und Sie werden mir in +einer Woche, nein, morgen schon sagen können, ob ich ein Talent zu +Schilderungen habe oder nicht. Diese Stadt also --« + +»Verzeihung!« unterbrach der Fremde den geschwätzigen Lehrer. »Darf ich mir +eine Frage erlauben? Hier in der Stadt hat sich ein Unglück ereignet, nicht +wahr?« + +»Ja.« + +»So viel ich hören konnte, ein Mädchen hat sich das Leben genommen?« + +»Ja -- ja -- richtig!« Der Lehrer blickte den jungen Mann prüfend von der +Seite her an. »Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte er, ohne seine +Überraschung verbergen zu können. + +»Nein!« Der Fremde lächelte fein. »Ich habe nicht geschlafen, ich habe +jedes Wort gehört.« + +»Ah!« Das größere Auge des Lehrers erweiterte sich vor Erstaunen, das +kleinere prüfte den Fremden mit einem langen scharfen Blick. + +»Aber Sie haben sich schlafend gestellt?« sagte der Lehrer langsam, +gleichsam für sich; und er fügte rasch hinzu: »Ja, ich habe dies und jenes +gehört. Interessiert Sie der Fall?« + +Der junge Mann nickte. »Ich habe das allergrößte Interesse!« sagte er. + +Der Lehrer erzählte. »Was für merkwürdige Dinge auf der Welt passieren!« +schloß er. »Nicht wahr?« Er lachte leise. Wenn man des Lebens komischen +Spuk recht ins Auge fasse, murmelte er, indem er sich den schwarzen Bart +strich, man müsse die Folgerung ziehen, daß Gott wahnsinnig sei. + +Der Fremde blickte den Lehrer mit klaren, ernsten Augen an. »Sie kennen +vielleicht die unglückliche Mutter des Mädchens?« + +Der Lehrer erstaunte immer mehr. Er trat einen Schritt zurück und vermochte +nicht sofort zu antworten. Aber er faßte sich und lächelte. »Diese kleine, +alte Frau?« sagte er und blickte den Fremden mit einer gewissen Scheu an, +die immer wieder in seinen Zügen auftauchte, so oft er sie auch zu +unterdrücken versuchte. »Sie ist eine Eierhändlerin, wissen Sie, geht herum +in den Dörfern und kauft Eier ein, um sie in der Stadt zu verhandeln. Ein +armes Dingchen, sie wohnt neben dem Armenhaus, dicht daneben, fast im +Armenhaus selbst, im Hexengäßchen wohnt sie, jedes Kind kennt sie.« + +»Danke!« sagte der Fremde und streckte dem Lehrer mit einer offenherzigen +Bewegung die Hand entgegen. »Danke Ihnen aufrichtig!« Die Herzlichkeit in +seiner Stimme besiegte die sonderbare Scheu des Lehrers vollständig. Ein +Lächeln verklärte sein männliches, wildes Gesicht. Er streckte ihm beide +Hände hin. + +»Verehrter!« rief er aus. »Verehrter! Es ist mir eine große Freude, Ihnen +auf meiner Wanderschaft begegnet zu sein. Ich hoffe, das Glück wird nicht +ohne Nachwuchs bleiben, das heißt, Sie verstehen mich wohl, ich hoffe, daß +ich Sie wiedersehen werde. Vielleicht schenken Sie mir die Ehre Ihres +Besuches? Ich bin in Acht und Bann, ohne jeglichen bürgerlichen Kredit, ein +entlassener Volksschullehrer -- sage es gleich, ohne zu befürchten, daß Sie +das abhalten könnte mein Haus zu betreten.« Und als der Fremde mit +herzlichen Worten für die Einladung dankte und seinen Besuch zusagte, fügte +er mit strahlendem Gesichte und aufrichtiger Freude flüsternd hinzu: »Ah, +herrlich! Mein Heim ist bescheiden, aber die Flagge des Glückes flattert +darüber. Sie werden Mütterchen kennen lernen, meine Frau! -- Mütterchen, so +heißt sie in der ganzen Stadt -- haha -- Sie werden sie kennen lernen, so +klein wie sie ist! Ich bezahle Ihnen hundert Flaschen Wein, wenn Sie sich +vorstellen können, wie klein sie ist und wie leicht! Oft, wenn ich in den +Feldern herumliege, denke ich, wie klein ist sie doch -- wie klein und +leicht -- wie ein Kork. Und Susanna werden Sie kennen lernen -- meine +Tochter -- ein herrliches Geschöpf, herrlich an Körper und Geist -- eine +Art Heldin -- nun, Sie werden sie ja sehen! Ich bin eben auf dem Wege zu +ihnen, zu Mütterchen und Susanna, seit einem Jahre bin ich nicht mehr da +gewesen -- aber plötzlich hat mich die Sehnsucht gepackt, so daß ich sogar +den Zug nahm, was seit sechs Jahren nicht mehr passierte, ich mache alles +zu Fuß --« + +»Sie arbeiten also auswärts?« fragte der Fremde. + +»Wie?« + +»Sie arbeiten also auswärts, nicht hier am Platze?« + +Der Lehrer gab seinem Kopfe einen Ruck und beugte das Ohr lauschend herab. +»Ah!« rief er, »arbeiten?« Er schüttelte langsam den haarigen Kopf und +seine Augen glühten. »Ich hasse die Arbeit! Ich bin ein freier Mann, ein +Wanderer, wandere umher, jahraus -- jahrein -- in Sturm und Wetter, in +Sonne und Tau -- ein Bruder der Vögel, ein Freund der Bäume, ein Sohn der +Sonne« -- hier legte er die Hand aufs Herz und seine Augen glänzten +schwärmerisch -- »ein Schrecken für alle eingesessenen Bürger! Ein Komet, +der unterwegs ist, wenn Sie wollen. Nein, ich arbeite nicht, junger Freund, +haha, was Ihnen doch einfällt!« Er betrachtete den Fremden mit einem +gönnerhaften, väterlichen Blick. »Meine Familie lebt in angenehmen +Verhältnissen -- sozusagen in sehr angenehmen Verhältnissen. Ich hoffe, Sie +werden den Besuch nicht vergessen, gleich hier beim Bahnhof!« + +»Auf keinen Fall.« + +Der Lehrer sah den jungen Mann lange an, gleichsam, um sich sein Antlitz +für alle Zeiten einzuprägen; er bewegte den Kopf in kleinen Rucken, um +genauer zu sehen und tiefer in die Züge eindringen zu können. Dann +schüttelte er leicht den Kopf. + +»Sie sind ein eigentümlicher Mensch!« sagte er leise. »Ich habe auch Ihr +Gesicht noch nicht gesehen, alle anderen Gesichter habe ich ja tausendfach +gesehen. Ich schätze es mir zur Ehre, Ihnen begegnet zu sein. Allezeit Ihr +Diener!« Darauf nahm er den Hut ab, drückte ihn gegen die Brust und +verbeugte sich. »Erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen zum Abschied +vorstelle!« sagte er in tiefstem Baß. »Heinrich Löwenherz, ein fahrender +Gesell!« + +Der Fremde nahm den Hut ab und verbeugte sich seinerseits. + +»Richard Grau,« sagte er. + +Der Lehrer verschwand wie ein Phantom irgendwohin und der Fremde sah ihm +mit einem nachdenklichen und erstaunten Blicke nach. Aber dieser Heinrich +Löwenherz hatte eine schöne Empfindung in ihm zurückgelassen, und er nahm +sich vor, ihn sobald als möglich aufzusuchen. + + + + +Viertes Kapitel + + +Die kleine Stadt lag schon ganz ausgestorben. In den krummen Gassen +brannten einige Laternen, halb zugeschneit, mit kleinen verrußten +Petroleumlämpchen. Die alten buckligen Häuser standen stumm und vornüber +gebeugt und erinnerten an im Stehen schlafende Pferde. Da und dort +schimmerte ein helles Fenster. Der Schuhmachermeister Männlein saß +friedlich über die Arbeit gebeugt, der Fleischer Keim hackte etwas auf +einem Blocke und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch Fräulein +Karola Sperling, Modes, hatte noch Licht. Denn sicherlich war sie es, die +da droben im Giebelzimmer wohnte. + +Über den öden Marktplatz fuhr der Wind und kämpfte mit einem Zeitungsblatt, +das offenbar die Absicht hatte, die Kirchgasse hinauf zu rollen. Aber der +Wind zwang es, umzukehren, zerrte es an den Häusern entlang und ließ es +endlich die Gasse, die zum Flusse führte und Fischergasse hieß, +hinabflattern. + +Sobald das Zeitungsblatt in der Fischergasse verschwunden war, tauchte der +Fremde, der sich Richard Grau genannt hatte, aus der langen Gasse auf, den +Reisesack in der Hand. + +Er ging langsam auf das Hotel »Zum weißen Elefanten« zu und sah sich das +Hotel von oben bis unten aufmerksam an. Es war ein alter gelber +Fachwerkbau, der die Fenster gerade da hatte, wo niemand sie suchte und +sich im Gegensatz zu all den andern Häusern ringsum zurückbog. Rechts unten +hatte es einen kleinen Erker, der sich auf eine kurze, plumpe Säule +stützte. Aus dem Erker schimmerte Licht. Vor dem breiten Tor stand der +Hotelwagen, der einer großen Hutschachtel ähnlich sah. + +Die Aufschrift »Hotel zum weißen Elefant« zog sich über die ganze Breite +des mächtigen Hauses hin und zum Überfluß hing noch ein Schild über dem +breiten Tore, ein kleiner, drolliger Elefant mit kurzen Stoßzähnen und +geschwungenem Rüssel und listigem Schmunzeln, ähnlich jenen ausgestopften +Exemplaren, die die Kinder an einem Stricke hinter sich herschleifen. + +Der kleine weiße Elefant schwang sich im Winde und schmunzelte. + +Grau stellte die Reisetasche ab und ordnete sein Halstuch. Es wird wohl +besser aussehen! dachte er und suchte in den Manteltaschen nach den +Handschuhen. Aber diese Handschuhe, dicke, warme Handschuhe, die er erst +gestern gekauft hatte, waren nicht zu finden. Plötzlich hörte Grau auf zu +suchen. »Aber natürlich!« rief er aus und lächelte und sein Antlitz nahm +einen glücklichen und träumerischen Ausdruck an. + +Er räusperte sich und zog die Klingel. Ein kleines Fenster an der Wand fiel +herab und eine hastige, sich überstürzende, ärgerliche Stimme fragte: +»Wollen Sie Bier?« Es hörte sich wie Gebell an. + +Grau nahm den Hut ab. »Nein,« sagte er, »ich will ein Zimmer -- ein +einfaches Zimmer, nicht zu teuer. Nur für diese Nacht.« + +»Äh!« bellte die Stimme und ein ärgerliches kleines Gesicht fuhr zum +Fenster heraus. »Sie haben an der Gassenschenke geläutet, sehen Sie denn +nicht die Fremdenglocke? Können Sie denn nicht lesen?« + +Grau lächelte. »Natürlich kann ich lesen,« sagte er, »entschuldigen Sie +nur, wenn ich an der Gassenschenke geläutet habe --« + +»Jajajaja!« Der Wirt, ein x-beiniger Mann mit winzigem Kopfe kam heraus und +musterte Grau. Er schlich im Halbkreis um ihn herum, wog den Reisesack mit +den Blicken, betrachtete Graus alten Hut, abgetragenen Mantel, seine +frostroten Hände und endlich machte er die Augen scharf und musterte sein +Gesicht, das vor Erschöpfung bleich und ausgehungert und vor Kälte blau +gefroren aussah. + +»Treten Sie ein! Ins Gastzimmer!« + +Nach all der Dunkelheit erschien das Gastzimmer festlich beleuchtet, +obgleich nur eine einzige Hängelampe brannte. Alles erschien nahezu weiß, +die Wände, der lange, mit Vasen, Papierblumen und Gipsfiguren barbarisch +geschmückte Tisch, die Vorhänge, die Wände und selbst der Fußboden. Die +Decke aber war braun. Es war wohltuend warm hier, und der Duft einer feinen +Zigarette vermischte sich mit dem abgestandenen Geruch von Speisen und +etwas Ranzigem. Aus dem Geruch schloß Grau, daß hier die unverheirateten +Beamten der Stadt aßen, etwa zehn an der Zahl, die alle gut zu speisen +liebten. Ihr durch die Tafel angeregtes Gespräch schien noch in der Luft zu +hängen und irgendwo zu stecken, gleich dem Rauche der schweren Zigarren, +die sie nach dem Essen pafften. Nun war das Zimmer öde. Irgendwo zirpte +eine Spieldose eine Arie, und an einem Tischchen in einem Erker saßen eine +Frau und ein junger Mann vor einer Batterie von Weinflaschen. Die Frau saß +sehr unschön da, den Stuhl weit zurückgeschoben, die Ellbogen auf den Tisch +gestützt, das Gesicht in den Händen. Der junge Mann saß in seinem Stuhle, +die Füße, an denen er abgeschabte Reitstiefel trug, weit von sich gestreckt +und rauchte. An seiner weißen Hand blitzten Steine. Er kitzelte die Frau +mit einer Reitpeitsche am Halse. Beide wandten das Gesicht zur Türe, als +Grau eintrat und Guten Abend wünschte, die Frau tat es, ohne die Hände vom +Gesicht zu nehmen. Sie war blond und schön wie eine Puppe. Sie hatte auch +das Puppenlächeln. Der junge Mann hatte ein fahles, langes Gesicht und +seine schwarzen gescheitelten Haare spannten sich wie glänzender Atlas über +den Schädel. + +»Hö!« schrie der junge Mann und sprang auf. Er eilte auf Grau zu, nahm die +Reitpeitsche unter die Achsel, verbeugte sich wie ein Kellner und rieb sich +die Hände, als wasche er sie. + +»Was befehlen der Herr?« fragte er mit einer für seine zwanzig Jahre +außerordentlich tiefen und rauhen Stimme und lachte betrunken. In seiner +Rocktasche zirpte die Spieldose. + +Grau sah ihn mit erstaunten Blicken an. »Sind Sie der Kellner?« fragte er, +indem er sich, unangenehm berührt, abwandte und den Mantel auszog. Ein +alter, etwas knapper, dunkelfarbiger Gehrock kam zum Vorschein. Die Ärmel +waren mit schwarzen Borten eingesäumt und die Brustaufschläge zeigten etwas +wie schwarze Seide. Da und dort schien der Stoff mit Tinte nachgefärbt zu +sein. + +Die blonde Frau lachte kichernd. »Aber, Herr Baron!« rief sie mit einer +Mischung von Vorwurf und Koketterie in der inhaltslosen, hohen Stimme und +sah Grau mit ihren großen Augen neugierig an. + +»Ich fühle mich hier zu Hause, Tante!« sagte der junge Mann, den die Frau +Baron nannte und lachte. »Deshalb, mein Herr, deshalb. Außerdem, weil Sie +mir gefallen. Sagen Sie das eine, sind Sie kurzsichtig?« + +Ja, er sei ein wenig kurzsichtig, entgegnete Grau höflich. + +»Aha -- deshalb. Deshalb sehen Sie einen so eigentümlich an. Wenn Sie nun +nicht kurzsichtig wären, so wäre -- aber Ihre Kurzsichtigkeit entschuldigt +Sie, natürlich, haha -- natürlich. Haben Sie schon den Trompeter von +Säckingen gehört? Wie? Ja, wenn Sie ihn noch nicht gehört haben, sofort +soll das Orchester antreten -- sofort --« + +Der Baron lachte und sprach auf Grau unausgesetzt ein. Er nahm die +Spieldose aus der Tasche und zog sie auf. Der Blick seiner dunkelgrauen +Augen war unsicher und flackernd, ruhelos und gequält. Grau erinnerte sich, +diesen Blick bei einem Manne gesehen zu haben, der mit nackten Füßen auf +Glasscherben tanzte, um sich zu vergessen, um sich selbst zu foltern -- der +Mann hatte wohl seinen Grund gehabt. -- Auf der rechten Wange hatte der +junge Mann einen kleinen Schmutzflecken und gerade dieser Schmutzfleck +allein schien sein Gesicht brutal und betrunken zu machen, denn außerdem +war es fein und regelmäßig, ja sanft. + +»Hören Sie das Orchester? Behüt' dich Gott -- Onkel!« schrie er den Wirt +mit dem kleinen Kopf an. »Bringe mir den schwersten Wein, den du hast im +Keller -- schwarz muß er sein -- sofort! Das heißt, du brauchst dich nicht +zu beeilen. Du kannst wegbleiben, solange du willst, Onkel, wir brauchen +dich ja nicht hier -- keine Seele fragt nach dir! Herrgott im Himmel, +Onkel, wie ein Floh kommst du mir heute vor, genau wie ein im Dienst +ergrauter Floh --« + +»Herr von Hennenbach, Herr Baron!« rief die blonde Frau im Erker und +kicherte in die Hände. + +Der Wirt murmelte eine Verwünschung und näherte sich Grau. »Was wünschen +der Herr? Abendbrot?« + +»Ja, eine Kleinigkeit.« + +»Schweinebraten, Schnitzel, Nieren --« + +Grau winkte ab und schüttelte den Kopf. Der Wirt begann laut zu bellen. +»Der Herr können auch Taube haben, Huhn --« + +Grau machte ein hilfloses Gesicht. »Nein, danke,« sagte er, »ich bin +nämlich gar nicht hungrig, müssen Sie wissen. Vielleicht haben Sie etwas +Wurst und Bier?« + +Der Wirt entfernte sich mit einer ärgerlichen Grimasse. + +Die Frau im Erker begann zu kichern und zu keuchen und plötzlich stieß sie +einen leisen Schrei aus. Dann hustete sie und rückte den Stuhl. »Sie +sollten nicht mehr trinken, Herr Baron, Sie Wildfang!« kicherte sie. + +»Ruhe, Tante, Ruhe!« sagte der junge Mann rauh. »Ich trinke die ganze +Nacht, morgen, übermorgen, die ganze Woche, ich habe meine Periode und muß +mich betäuben --« + +Plötzlich stand er vor Grau und verbeugte sich. »Darf ich den Herrn zu +einer Partie Billard einladen?« + +»Danke.« + +»Einsatz zwanzig Mark. Ich gebe dem Herrn fünfzig Bälle auf hundert vor.« + +»Ich bedaure, ich spiele nicht Billard.« Grau sprach sanft und höflich. + +Der Baron lachte. Also nicht einmal Billard spiele der Herr? »Sie waren +wohl nie Student? Kann ich mir denken.« + +»Doch, mein Herr!« + +»Ja, du meine Güte, da haben Sie nicht Billard gelernt? Ich möchte schon +wissen, was Sie dann in Ihrer freien Zeit taten?« + +»Ich habe Stunden gegeben.« + +»Aha! Das ändert die Sache allerdings. Aber hören Sie, ob Sie Billard +spielen oder nicht, das ist ganz egal -- ganz egal -- Sie lernen es. +Trotzdem Sie sehr kurzsichtig zu sein scheinen -- trotzdem prophezeie ich +Ihnen, daß Sie es in fünf Minuten können. Ich gebe Ihnen auf hundert Bälle +neunzig vor -- Einsatz zwanzig Mark --« + +Grau lächelte. »Entschuldigen Sie --« + +»Ich gebe Ihnen fünfundneunzig vor -- neunundneunzig -- hören Sie -- und +wenn Sie blind sein sollten -- einen Ball werden Sie doch machen.« + +»Nein, ich danke Ihnen vielmals. Ich bin zu müde.« + +»Ah!« Der junge Mann warf sich rittlings auf einen Stuhl am Tische. »Dann +vielleicht -- Dame, Domino -- oder Schach oder Mühle, was Sie wollen -- Sie +können ja sitzen bleiben, wenn Sie müde sind -- ja, Sie brauchen nicht +einmal zu ziehen, ich ziehe für Sie -- die Hälfte Steine gebe ich Ihnen -- +ja, Donner und Doria!« rief er plötzlich aus und lachte laut und roh. Er +hatte Graus Reisesack entdeckt. Er sprang auf und besah sich den Reisesack +in der Nähe. Er lachte und bewegte die Reitpeitsche, als ob er die Henne +kitzle. »Was für eine kostbare Sache!« schrie er. »Wohl ein altes Stück?« + +»Es dürfte ziemlich alt sein, ja.« Grau lächelte, er änderte nicht den Ton +der Stimme. + +»Wohl ein -- ein Familienstück -- ein Erbstück?« + +»Nein.« + +»Nicht! Es sieht genau so aus. Was würden Sie sagen, mein Freund, wenn +Ihnen jemand für die Tasche zwanzig Mark gäbe?« + +»Ich verkaufe sie nicht,« antwortete Grau geduldig. + +Der Baron lachte laut heraus. Er lachte Grau ins Gesicht, dicht ins Gesicht +und sagte: »Hundert Mark! In die Hand! Na?« + +Hier erhob sich Grau und verbeugte sich. »Ich sehe, der Herr sind in guter +Laune,« sagte er, »ich verstehe das recht wohl, daß der Herr scherzen +wollen, aber sollte es nicht jetzt genug sein?« Er sah den Baron an und +plötzlich veränderten sich seine Augen. Eine leichte Glut begann in ihnen +aufzuleuchten und ihr Blick schien langsam in die flackernden Augen des +Barons einzudringen, bis hinab in die Tiefe. + +Der Baron blinzelte, wie um sich von einer Macht zu befreien. Er kniff die +Lider zusammen und lachte. + +»Aber, Herr Baron!« kicherte die blonde Frau im Erker. + +»Hundert Mark! Für die Tasche hier! Barzahlung? Nicht? Aber Herr, Herr, was +ist mit Ihnen? Sie scheinen nicht allein kurzsichtig zu sein -- aber hole +mich der Teufel, ich darf Sie doch zu einer Flasche Wein einladen?« + +»Ich danke Ihnen herzlich,« sagte Grau und errötete, »ich habe keine Lust. +Ich bin zu müde, danke!« + +Der Baron lachte und schrie: »Dieser Herr errötet, Tante, wie ein junges +Mädchen, wie ein Jüngferchen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Also, Sie +schlagen die Einladung aus?« wandte er sich wiederum an Grau. Er wartete +ein wenig und sah Grau in die Augen; er wollte wieder zu sprechen beginnen, +aber er zögerte und verlor von neuem unter dem Blicke Graus die Sicherheit. +Einen Augenblick lang sah er überrascht aus, dann lachte er heraus und +schrie: »Gut! Und wenn Sie mich auch noch so kurzsichtig ansehen, wissen +Sie nun, was? -- Hole Sie der Teufel!« Er klappte die Reitstiefel zusammen +und drehte sich um. + +Grau zuckte die Achseln und winkte den Wirt heran. »Wo ist das +Hexengäßchen, bitte?« fragte er. + +»Hexengäßchen? Hexengäßchen? Ja, was wollen Sie denn im Hexengäßchen, im +Hexengäßchen?« + +»Ich will jemand besuchen, der hier wohnt. Neben dem Armenhaus.« + +»Armenhaus? Armenhaus?« + +»Eine Frau Sammet möchte ich besuchen, eine Eierhändlerin. Sie wohnt doch +da, nicht wahr?« + +Nun verstand der x-beinige Wirt mit dem kleinen Kopf, der in Wirklichkeit +mit den großen Augen, der langen, flachen Nase, dem kleinen Mund und dem +verkümmerten Kinn dem Kopfe eines Flohs glich. »Der Herr kommen zur +Beerdigung?« + +»Ja,« sagte Grau und schlüpfte in den Mantel, während ihm der Wirt den Weg +beschrieb. + +»Wenn er doch zum Teufel ginge!« schrie der Baron mit einer zu Graus +Verwunderung nahezu haßerfüllten Stimme. + +Ah, wie traurig, dachte Grau, er ist unglücklich, und noch so jung! + +Grau kehrte nach einer Viertelstunde unbefriedigt zurück und ging sogleich +auf sein Zimmer. Er hatte die Eierhändlerin nicht zu Hause angetroffen. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Grau schloß die Türe seiner Kammer und begann augenblicklich erregt mit +sich selbst zu sprechen. + +»Man nimmt sich doch nicht so rasch das Leben!« sagte er und gestikulierte +heftig. »Das Mädchen war doch so jung und gesund! Aus Scham allein hat sie +es nicht getan, das glaube ich nicht. Nein, nie und nimmer! Es mußte noch +etwas anderes mitspielen, eine Kränkung oder sonst etwas. Der +Fleischergeselle leugnet. Man kennt den Verführer nicht. Ich werde ihn +herausfinden, bei Gott, das werde ich!« + +Er war todmüde und legte sich zu Bett. Er war einen vollen Tag unterwegs +gewesen und hatte, um Geld zu sparen, noch dazu eine Strecke von fünfzehn +Kilometern zu Fuß zurückgelegt, um einen Umweg der Bahnlinie abzuschneiden. + +Dieses arme Mädchen! dachte er. Entsetzlich! Mit einem Seufzer der Lust +empfangen, in Angst getragen, in Verzweiflung geboren und mit dem Leben +bezahlt. Genug, genug! + +Er schlief ein, wurde aber gleich darauf durch das Bimmeln einer dünnen +Blechglocke geweckt. + +Im Gastzimmer unter ihm rumorte die rauhe Stimme des jungen Barons. Hier +und da bellte ärgerlich der kleine Wirt, und in nahezu gleichen +Zwischenräumen ließ sich das leere Lachen der blonden Wirtin hören. Es +hörte sich an wie der Ton einer kleinen dünnen Blechglocke, an der der +Baron zog, wann es ihm gefiel. Einmal zog er zweimal nacheinander daran, +ein andermal tat er nur einen kurzen, schrillen Ruck. Die Personen da +drunten verkleideten sich, der Baron wurde zu einem Manne, der auf +Flaschenscherben tanzte und seine Augen glühten. + +Grau richtete sich im Bette auf. Er konnte nicht schlafen. + +»Dieses arme Mädchen ist es ja nicht allein!« rief er aus und schlug mit +der flachen Hand auf die Bettdecke. »Da ist noch diese alte verzweifelte +Mutter, die ganz von Sinnen hin- und herrannte und schrie. Da ist noch das +arme verwaiste Kind! -- Aber auch das ist noch nicht alles!« fuhr er fort, +wobei sich sein Herz zusammenkrampfte. »Tausende solch unglücklicher +Mädchen gibt es, Tausende solch verzweifelter Mütterchen, Tausende solch +verwaister Kinder! Tausende! Tausende! Tausende!« + +Er befreite sich von diesem Gedanken. + +Aber augenblicklich erschien an einer andern Stelle seines Kopfes ein +Gefangener, der an der Wand der Zelle lehnte; es war Nacht, aber er schlief +nicht, durch das kleine Gitter über seinem Kopfe drang ein fahles Licht, da +stand er mit bleichem Gesichte, starrte vor sich hin und nagte an der +Lippe. Wieder, da sah er in eine Kammer: Auf dem Bett lag eine tote Frau, +eine Kerze brannte daneben, ein Kind saß auf dem Boden und lächelte ihm zu. +Auf dem fahlen Gesicht der Toten stand mit erschreckender Deutlichkeit +geschrieben: Ich wurde geboren und weiß nicht weshalb, ich habe gelebt, +weiß nicht warum und weshalb bin ich doch gestorben? Nun aber kann ich den +Weg zur Seligkeit nicht finden, ach! Dann sah er einen schlafenden Mann mit +kurzen aschgrauen Haaren vor sich und er sah einen Gedanken, der im Haupte +des Schlafenden wanderte. Der Gedanke wanderte hin und her, wie ein Licht, +das in der Nacht wandert und vor verschlossenen Türen stehen bleibt. +Plötzlich stand das Licht ruhig und loderte hell auf und der Schlafende +erwachte verstört. Er schlüpfte in die Kleider, hastig, schlich sich aus +dem Hause, verstohlen, und sein schneller Schritt verschwand in einer +dunkeln Gasse. Aus der Ferne drang ein entsetzlicher Schrei. + +Grau schrak zusammen. Den Schrei hatte die blonde Wirtin ausgestoßen. Aber +es war kein Schrei des Schreckens, es war ein schrilles, ersticktes Lachen. +Der junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schloß und durch das +ganze Haus lief ein dumpfes Zittern vom Keller bis zum Boden. Der Wirt +zankte, die Frau lachte gedämpft. Schritte schlichen hin und her auf +knarrenden Dielen, bald unten, bald oben, an seiner Tür vorbei. Es war der +kleine Wirt, der nachsah, ob alles in Ordnung war. Er flüsterte, tuschelte, +zankte. Und wieder knarrte sein schleichender Schritt durch das ganze Haus. + +Graus Züge fielen ein. All das Leid, das auf der Erde war! Er fühlte es, es +lag wie eine Last auf seiner Brust, er hörte es, ja, er roch es! Dunkler +und dunkler wurde es in seiner Brust und endlich erschauerte er von all der +Finsternis, die in seinem Innern war. Er preßte die Hände vors Gesicht und +zitterte und dieses Zittern kam nicht von der Kälte allein. Die ganze Erde +schreit ja immerzu, dachte er, sie zittert und bebt ja unausgesetzt. Wenn +sich das Schluchzen einer einzigen Nacht vereinigt, so tobt es lauter als +das wilde Meer! Dieses leise Weinen in den Kissen, dieses Klopfen der +Herzen, das Keuchen der Sterbenden, die Schreie der Gebärenden -- + +Ob man auch das Auge schließt, was hilft es, das verquälte Antlitz des +Menschen ist überall, es dringt durch die Lider hindurch, ob man die Ohren +verschließt, was hilft es doch? + +Scheint nicht manchmal ein entsetzlicher Schrei durch die Nacht zu hallen, +aller Menschen Stimmen, die sich zu einem einzigen Schrei der Anklage +vereinigen, zu einem Schrei nach Erlösung? + +Ein Schweigen noch furchtbarer als dieser Schrei ist die Antwort. + +Grau saß regungslos im Bette und starrte vor sich hin. Und er sah Tausende +von Menschen vor sich, die im Bette saßen und starrten und nur den Wunsch +hatten, zu vergessen, zu schlafen, nicht mehr zu denken. Aber draußen in +der finstern Nacht murmelte und tobte es und wollte nicht ruhig werden. + +»Wenn man doch etwas tun könnte,« sagte Grau und nickte und seine Augen +brannten. »Nichts sollte mir zuviel sein, nichts! Aber man ist ja so arm -- +viel zu arm!« + +Die Kerze erlosch, aber er regte sich nicht. Nun war es dunkel um ihn her +und er starrte in dieses Dunkel hinein, seine Züge fielen ein, sie +verzerrten sich. Er dachte, dachte, grub die Zähne in die Lippe -- + +Aber mit einem Male veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes und +seiner Augen. Er blickte auf das Fenster, und Neugierde, Erstaunen, +Verwunderung und Freude spiegelten sich in seinen Zügen. + +Auf diesem Fenster jedoch war nichts Besonderes zu sehen. Es war eine +schwarze Scheibe und vom Marktplatze, von irgendwoher fiel der Schein einer +Laterne darauf, so daß feine Lichtbogen entstanden, wie man sie um den Mond +sieht, wenn er einen Hof hat. Doch das war nicht alles. In diesem +Lichtbogen lebte es! Es regte sich, es flimmerte, es zuckte darin. Feine +Kristalle formten sich. Es war wie gesticktes Moos, wie feine zitternde +Gräser, dann strebten schmale, wehende, glitzernde Pflanzen empor, dem Tang +ähnlich, der auf dem Grunde des Meeres wächst. Weiße Korallenzweige wuchsen +zwischen ihnen hindurch, verästelten sich feiner und feiner, etwas wie +spitze Flossen tauchte auf, Sterne, deren Enden zitterten -- und alles +glitzerte und flimmerte als sei es aus Splittern von Brillanten gebildet. + +Es war ein betörend schönes Bild, ein Wunder an Reichtum, Glanz und Formen, +das eine unsichtbare Hand hier an das schwarze Fenster eines nichtigen +Wirtshauses zeichnete. + +Grau saß und seine Augen waren wach und hell und sahen zu, wie es sich +formte, veränderte, wuchs. Auf seinen knabenhaften Lippen schwebte ein +seltsames Lächeln und in seinen Augen war ein fremder Glanz. Er atmete +wieder. Er atmete tief und befreit. + +»Er schreibt! Er schreibt!« flüsterte er leise und Freude erfüllte ihn und +stummer Jubel. Gleichzeitig aber schämte er sich. + +»Ich bin müde gewesen, er möge mir verzeihen!« + +Grau schlief ein und er atmete tief und froh und lächelte im Schlafe. In +seinen Traum kam ein alter kranker Bauernknecht mit entzündeten Augen, der +eine zerrissene Jacke trug und dicke neue Handschuhe an den Händen hatte; +er schwang die Hände vor ihm und lachte. »Deine Handschuhe sind warm, +vergelt's Gott!« schrie er und nickte ihm zu. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Es kamen viele Leute in Trauerkleidern und stiegen die beschneiten Stufen +zu der kleinen Kirche mit dem weißen Turm empor. Es kamen Leute vom Land, +Bauern, die ernste Gesichter machten und langsam daherstampften, es kamen +immer mehr, auch die jungen Damen, die ein gutes Herz hatten, kamen; auch +der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals kam, feierlich pustend, in +einem engen Gehrock, mit frostroten Handgelenken, ein kleines Bukett aus +Wachsblumen in der Hand. Es kamen immer mehr, in all den weißen Gassen +wanderte es. Viele kamen aus Neugierde, natürlich. Der kleine Friedhof war +ganz schwarz und alle drängten der Ecke zu, die den Namen Selbstmörderecke +hatte. Es war sehr stille über dem Städtchen und die Sonne blendete. + +Plötzlich hörte man ein Schluchzen, ein Schreien, und man sah, daß ein Sarg +die Staffeln heraufgetragen wurde, ein roher Kasten. Man schaffte ihn aus +dem Spital herauf. Hinter dem Sarge kam eine Gruppe von Frauen, die in der +Mitte etwas Weißhaariges führten, das sich schüttelte und hin- und herwarf +und sich auf die Staffeln werfen wollte und schrie. + +Der Sarg kam heran und alle nahmen den Hut ab. Man räusperte sich, man +hustete, man zog die Brauen zusammen und in den schwarzen Fäusten der +jungen Damen erschienen blendendweiße Taschentücher. Die kleine Frau schrie +ohne Aufhören, aber als sie an das Friedhoftor kam, schwieg sie plötzlich. +Das aber war noch viel schrecklicher als ihr Geschrei. Sie wankte zwischen +den Frauen einher, und alle wichen zurück, niemand wollte einem solch +schrecklichen Jammer nahe kommen. Eine breite Gasse entstand. + +Gestern sind ihre Haare noch grau gewesen, aber heute sind sie weiß. Aber +diese Haare waren nicht nur weiß, das war es nicht allein, die Haare +flatterten. Sie waren dünn und kurz und befanden sich in ununterbrochener +Bewegung, immerzu stiegen einzelne Haare in die Höhe, kräuselten sich, +sanken zurück, andere lösten sich und flatterten langsam in die Höhe. + +Der gelbe Sarg wanderte durch die Menge, getragen von sechs Männern, es +schien als stelze er auf diesen vielen dunkeln Beinen durch den Schnee, +direkt auf das Grab zu, wie auf seine Höhle. Die weißhaarige Frau sagte +etwas und machte mit beiden Händen Zeichen, daß man nichts zu befürchten +habe. Dann ließ sie sich in die Knie nieder und küßte das Ende des gelben +Sarges, küßte es mit gespitzten runzeligen Lippen, wobei sie die beiden +Seitenwände des Sarges mit den Händen streichelte. Als die Träger sich +anschickten, den Sarg hinabzulassen, begann die alte Frau zu lachen und mit +den Fäusten auf ihre Stirn zu schlagen. Alle Leute wichen zurück und +erblaßten. Der Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals wurde blaurot +im Gesicht und öffnete weit den Mund, die jungen Damen wandten sich ab und +bissen in die Taschentücher. + +Da begann es in der Luft zu schwirren, ein feines Sausen schwang sich in +der Stille und es klang als fiele ein klingendes Becken hoch aus der Luft +herab; die Glocken begannen zu läuten. Süß und feierlich klangen sie und +alle Augen richteten sich auf den kleinen, weißgetünchten Turm, wo sie sich +in den Luken schwangen. Es läutet! Ja, natürlich, es läutet, es läutet in +der Kirche. Und alle Glocken läuteten, nicht nur die Beerdigungsglocke. Es +gab einige, die sofort in den Turm hineingingen, wo der Kirchner und sein +Gehilfe an den Stricken auf und abtanzten. Es läutet ja? + +»Er hat es befohlen, der Neue!« + +Die kleine verzweifelte Frau hörte auf zu lachen und lauschte, indem sie +den weißen Kopf zur linken Schulter neigte und den Mund öffnete. Sie wandte +sich nicht um, sie lauschte nur. Es war das große Geläute. + +Die schmale Türe der Sakristei öffnete sich und der Vikar stieg die Stufen +herab. Er war im Talar und auf seinem Arme lag ein Buch. Alle sahen ihn +kommen und bildeten eine Gasse. Er schritt hindurch, den Blick auf den +Boden geheftet. Er trat ans Grab und nahm das Barett ab. + +Seine Haare waren braun und weich, mit einem Schimmer ins Rote, und alle +konnten sehen, daß sein Gesicht lang und mager war. + +Er schlug die Augen auf und sah nun aus, als ob er noch nicht zwanzig Jahre +alt wäre. Er lächelte unmerklich und richtete den sanften, schimmernden +Blick auf die weißhaarige Frau. Dann begann er zu sprechen. Es war +totenstill und man hörte einen gedämpften Schritt im Schnee knarren. So +leise sprach der Vikar, daß man ihn kaum verstand, seine Stimme zitterte +und plötzlich blieb er stecken. Er schwieg eine lange Weile, errötete, aber +er wandte den Blick nicht von der kleinen Frau ab. Dann fand er sich wieder +zurecht und nun sprach er rasch und sicher bis ans Ende. Seine Stimme wurde +nicht laut, aber sie schwebte doch klar und deutlich bis in jede Ecke des +Friedhofes und ein feines, feierliches Echo antwortete von der Kirchenwand +her. + +Die Rede des Vikars war schlicht und nicht lang. Er sprach von den vielen +Kränzen, die man der Verblichenen gebracht habe, und daß sie aus Nah und +Fern gekommen seien, die sie kannten, so viele, viele seien gekommen, alle +habe ihr Tod und ihr Schicksal erschüttert und in der Stadt und auf dem +Lande trauere ein jeder um sie. Nun erst, da sie tot sei, wisse man, wie +sehr man sie geliebt habe. + +»Sie war jung und frisch und voll von Leben,« sagte er, »ihr habt sie +gekannt, ich habe nur von ihr gehört. Sie wandte sich ab von der Erde und +starb den schwersten Tod, den es gibt.« + +Der Vikar sprach davon, wie fleißig und treu sie gewesen sei, wie +diensteifrig sie war und wie fein doch ihr Herz war. + +»Es war so fein, ihr Herz,« sagte er und lächelte leise, »sie starb an +ihrem feinen Herzen. Sie glaubte auch, daß ihr alle sie mißachten würdet, +sie fürchtete euren Blick, sie schämte sich vor euch. So fein war sie. Das +aber wollte sie nicht. Da warf sie denn alles hin, was sie hatte, ihre +Jugend, ihre Frische, ihre Erinnerungen, ihre Wünsche und alle Freuden, die +auf sie warteten. Das alles warf sie hin. Viel zu viel war es, viel zu +viel.« + +»Viel zu viel war es, viel zu viel,« wiederholte der Vikar, und das feine, +klingende Echo rief: Zu viel, zu viel. + +Da begann die alte Frau zu weinen, ihr Gesicht zog sich zusammen, nichts +als braune Runzeln war ihr Gesicht, es sah wie eine Nuß aus. + +Der Vikar blickte auf sie und lächelte. »Sie hat wohl Grund zu weinen,« +sagte er, »wer von uns allen würde nicht weinen an ihrer Stelle. Wir würden +klagen wie sie und Worte könnten uns nicht trösten. Aber in ihrem Schmerze +wird es wie eine feine Freude sein, daß die, um die sie trauern muß, so +fein war und gut. Und sie wird ja ihr Kind haben! Es ist auch ein Mädchen, +es wird wachsen, spielen, lachen, es wird etwas sein, das sie tröstet, +nicht alles, aber doch viel, nicht wahr, viel!« + +Nun sprach er ausschließlich zu der alten Frau und er sagte auch, daß ihre +Tochter nun bei Gott sein werde, zu den feinsten Seelen werde sie gehören. + +»Denn Gott versteht sich wohl besser auf Menschenseelen als wir,« sagte er. +»Er wird sagen: Ich habe gesehen, wie du gekämpft hast, wie du gerungen +hast -- ich habe alles gesehen, es ging über deine Kraft. Ich habe auch +gesehen, daß du auf dem Wege zum Tode einem Kinde begegnetest und du hast +es gestreichelt. Auch das habe ich gesehen, auch das. Ein Hund hat vor +deinem Hause gebellt und du hast ihm Nahrung gegeben -- damals warst du +noch ein Kind -- auch das habe ich gesehen und nicht vergessen, denke +nicht, daß mir etwas entgeht und daß ich etwas vergesse -- zittere nicht +--« + +Die alte weißhaarige Frau lauschte. Sie legte ein wenig den Kopf auf die +Seite, ganz wie ein Vogel, der lauscht, und heftete die tränenwunden Augen +auf die Lippen des Vikars; kein Wort sollte ihr entgehen, nichts, nicht das +kleinste Wort. Sie begann leise und schmerzlich mit dem Kopfe zu nicken und +die Tränen flossen langsam über ihr welkes Gesicht und tropften in den +Schnee. + +Der Vikar segnete die Tote ein und alle beugten die Köpfe, sein Blick ging +über sie hin. + +Unter all den Anwesenden befand sich ein Mann mit gelbem Gesicht und +kleinem Spitzbart und dieser Mann war der einzige, der den Kopf nicht +senkte. Er stand und lächelte und heftete die kleinen Mausaugen erstaunt +und spöttisch auf den Vikar. + +Der Vikar ging rasch durch die Menge hindurch und sein Talar verschwand in +der schmalen Türe der Sakristei. + +Die alte Frau folgte ihm und ging die Stufen empor. Aber hier geschah etwas +Merkwürdiges. Auf jeder Stufe kniete sie nieder und küßte sie. Dann machte +sie den Knöchel des Fingers ganz spitz und pochte an die Türe. + +Sie blieb über eine Stunde in der Sakristei. + + + + +Siebentes Kapitel + + +Graus Hände zitterten: Nein, nein, er hatte nicht die rechten Worte +gefunden, er hatte es nicht vermocht! + +Er warf einen Blick in die kleine alte Kirche, wo er eine blitzblanke +kleine Orgel entdeckte und an einem Fenster die Reste einer ehemaligen +Bemalung. Ein herrliches Fleckchen Blau, ein Streifen von einem seltenen +Weinrot. Dann ging er durch den gedeckten Gang und hinüber ins Pfarrhaus. +Während er sich umkleidete, sah er sich in der neuen Wohnung um. Das +Pfarrhaus war ebenfalls alt, klein, mit Winkeln und Erkern, +Holzvertäfelungen und einer kleinen Wendeltreppe. Im Vorraum hing ein altes +pechschwarzes Ölgemälde. An der Türe war eine große Glocke angebracht und +zwar war sie so aufgehängt, daß sie gleichsam zu schwingen anfing, wenn man +sie nur ansah. + +Vorläufig war es für Grau noch ein Rätsel, was er mit all den Zimmern +anfangen sollte. + +Er öffnete eines der kleinen Fenster. Sonne, Stille, Weite! Unter ihm lag +die Stadt und die weite Talebene. So unregelmäßig und klippig wie sich das +Treibeis staut, so unregelmäßig und klippig drängten sich all diese hundert +steilen Giebel und Dächer ineinander. Da und dort klafften Risse und +Spalten, das waren die Gassen und kleinen Plätze. Über diese beschneiten +Giebel war eine Unmasse von Türmchen und Dachreitern geschüttet. Aus den +unzähligen Kaminen stiegen dünne opalisierende Rauchsäulen in die klare +Winterluft. Hunderte von Fenstern und Scheiben blitzten und blendeten und +farbige Fünkchen tanzten auf den Schneedächern. + +Rings um die weiße Stadt war alles weiß. Auch der Fluß, der die Stadt die +Höhe hinaufdrängte, war weiß, er war gefroren. Eine Menge von Kähnen, +Barken, Fähren und Frachtschiffen mit Masten und Stangen lag fest im Eise +und auf den Schiffen kletterten kleine Pünktchen herum, Kinder, die +spielten. + +Eine weiße Brücke spannte sich über den weißen Fluß. Dann begann die Ebene, +weit und weiß dehnte sie sich, bis zu den Höhenzügen, ferne Wälder, +kriechendem Moose ähnlich, waren über sie ausgestreut. + +Ein feines Klingen schwang in der winterlichen Stille, es klang aus einer +Schmiede. Die Pünktchen, die auf den Schiffen klettern, erwiderten es +schrill. + +Zwei Fenster gingen auf den Garten hinaus. Der Garten war klein, nahezu +dreieckig und in zwei Terrassen angelegt. Er war angefüllt mit unberührtem, +wie Seide schimmerndem Schnee, und in den Ecken lagen Büsche, Gestrüpp, +Stickereien aus Schneekristallen und mit Schichten von Schnee bedeckt, die +eigentümlichen Blütentellern ähnlich sahen. Gegen die Straße zu, die Höhe, +war der Garten mit einem grünen Zaun abgegrenzt, auf den andern Seiten +stieß er gegen Gärten. Da war ein Park, ein wahrer Wald alter, hoher Bäume, +die tief im Schnee wateten; er konnte weit in ihn hinein sehen, denn die +Mauer war niedrig. Zwischen den Stämmen der alten Bäume schimmerte ein +langes weißes Gebäude, ein Herrschaftshaus. Die Mauer des andern +anstoßenden Gartens war übermäßig hoch und sah düster aus wie eine +Gefängnismauer. Über sie hinweg blickten die zwei trüben Fenster eines +grauen alten Hauses, wie zwei düstere traurige Augen unter einer niedern +vergrämten Stirn. Die übermäßig hohe Mauer aber bot einen ganz merkwürdigen +Anblick dar. Sie war mit Glassplittern und Eisenspitzen gespickt und trug +eine große Tafel, die man leicht von der Straße aus lesen konnte, mit der +Aufschrift: Vor den Hunden wird gewarnt! Achtung, Selbstschüsse! Vorsicht! +Fußangeln! + +Grau lächelte. »Eigentümlich!« sagte er. + +Dann nahm er rasch den Hut und verließ das Haus, immer noch zitterten leise +seine Hände. Wie töricht! + +Grau begab sich in den »weißen Elefanten« und trug den roten Reisesack in +seine Wohnung hinauf. Auf dem Wege begegnete er jenem Mann mit dem gelben +Gesicht, der ihm im Friedhof aufgefallen war. Der Mann strich an den +Häusern entlang, blieb stehen, als er Grau gewahrte und ging dann +geradeswegs auf ihn zu, als ob er ihn ansprechen wolle. Aber er tat es +nicht, er machte plötzlich einen Bogen, blinzelte und verzog die Lippen zu +einem saueren Lächeln. Er griff an den Hut und Grau grüßte hastig und +freundlich. + +»Ein schöner Tag!« sagte er lächelnd. »Nicht wahr?« + +Der Mann aber machte nur ein verblüfftes, ernstes Gesicht, zwinkerte und +strich sich die Haare aus der Stirn, er grüßte nicht. Wie sonderbar! dachte +Grau und vergaß die Begegnung nicht wieder. + +Nach einer Weile sah man Grau wieder die Staffeln herabkommen, einen +lächerlichen kleinen Zylinder auf dem Kopfe, eine Liste in der Hand. Er +ging rasch und schwebend. Er schritt über den Marktplatz und trat beim +Uhrenhändler Lux ein. Hier sprach er lange. Dann erschien der Uhrenhändler +Lux im Fenster, eine goldene Uhr in der Hand, er ritzte, prüfte, zwängte +ein Glas ins Auge und drehte die Uhr hin und her. Darauf verließ Grau +heiter den Laden und der Uhrenhändler verbeugte sich hinter ihm. + +Grau ging in den »weißen Elefanten« und beglich seine Rechnung. Der +x-beinige mürrische Wirt bellte wie am Abend, aber er gab sich Mühe zu +lächeln. Hätte er gewußt, wer der Herr sei, so würde er ihm ein besseres +Zimmer gegeben haben. »Bitte, bitte, ich habe prächtig geschlafen!« Der +Wirt verbeugte sich vor Grau und Grau verbeugte sich vor dem Wirt. Die +blonde Frau sah übernächtig aus. Grau betrachtete sie mit einem +eigentümlichen Ausdruck der Augen, und ein fades Lächeln kam auf ihr +Puppengesicht und in ihre wasserblauen Augen. Grau errötete und ging. + +Nun konnte man Grau mit seinem kleinen Zylinder, die Liste in der Hand, die +Straße hinab gehen sehen. Er verschwand in den Häusern, verhielt sich +einige Zeit darin und erschien wieder auf der Straße, um im nächsten Hause +zu verschwinden. Ganz wie ein Briefträger. + +Was Grau in den Häusern tat, ist sehr einfach zu erklären. Er klopfte an +die Türe, zog den Zylinder, stellte sich vor und rückte mit der Liste +heraus. + +»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, diese arme, alte Frau, sie ist im +höchsten Grade bedürftig, der Kummer macht sie auf einige Zeit +erwerbsunfähig -- dazu die Unkosten -- Grau, Vikar Grau -- dann ist ja auch +das Kind da, verzeihen Sie die Störung, ich bitte tausendmal um +Entschuldigung!« + +Überall brachte er das gleiche vor. Die Leute räusperten sich, putzten sich +die Nasen, kamen in Verlegenheit -- denn Grau stand geduldig wartend da, +blickte sich lächelnd im Zimmer um und verbeugte sich ab und zu ein wenig +mit der Liste in der Hand -- sie fuhren hastig in die Taschen und +klapperten mit Schlüsseln. Hier und da waren aber diese Schlüssel absolut +nicht zu finden, und sie sprangen umher, rannten gegen Türen und Wände, +aber die Schlüssel waren ganz einfach fort. Man wird die Spende ins +Pfarrhaus senden. + +»Schön, schön! Ganz nach Belieben, gnädige Frau. Darf ich Sie vielleicht +bitten, Namen und Betrag einzuzeichnen, hier in diese Liste, Bleifeder habe +ich, bitte hier. Es ist der Ordnung halber und dann ermutigt es die andern +Herrschaften -- denn wo ein Sperling ist, da sind auch schon zwei, wo zwei +sind, sind drei, wo drei sind, da sind auch gleich hundert, nicht wahr? +Hier, erlauben Sie gütigst, ein ungenannt sein wollender Wohltäter hat auf +einen Schlag zwanzig Mark gezeichnet, Herr Bürgermeister Stürmer zehn Mark, +Frau Tierarzt Hammer fünf, Frau Rentamtmannswitwe Ulzhöfer eine Mark -- +wenn es auch nur eine Kleinigkeit ist -- mit einem Tropfen kann man den +Durst ja nicht löschen, aber in einer Ansammlung von Tropfen kann man recht +schön ertrinken -- danke, herzlichen Dank, gnädige Frau.« + +»Vergessen Sie nicht zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, Herr Vikar!« + +»Danke, auf keinen Fall! Ich danke Ihnen aufs herzlichste!« + +Er kam in alle diese alten, krummen Häuser, in alle möglichen Stuben, zu +allen möglichen Menschen. Jedes Haus roch anders, die Treppen knarrten +anders. Die einen waren steil und dunkel und kletterten in eine Art von +Turm hinauf, andere waren breit und licht, knarrten vornehm und führten auf +weite, helle Vorplätze. Zuweilen stand man unvermutet dicht vor den Türen, +es gab aber auch Treppen, auf denen man sich verirren konnte; sie liefen +kreuz und quer, endeten im Boden oder führten auf einen Hof hinaus. All die +Glocken, die Grau an diesem Tage läutete, hätten zusammen ein Konzert +gegeben. Da waren schüchterne und anmaßende Glocken, gutgelaunte und +mißgestimmte, winselnde und lachende, solche die knarrten und fauchten, +bevor sie einen Ton herausstießen, andere, die bei der leisesten Berührung +in ein übermäßiges Gebimmel ausbrachen, die einen beruhigten sich sofort +wieder, die andern läuteten fleißig weiter; es gab freundliche Glocken, die +sofort höflich sagten: Herein, herein! es gab ungastliche, die brummten: +Geh weg, weg! Die Zimmer, in die Grau trat, waren weit und licht, oder +düster, oder schmal wie ein Omnibus. Es gab eine Menge von interessanten +Dingen zu sehen, eine Uhr aus Porzellan, einen Ofen, der merkwürdigerweise +an der ungeschicktesten Stelle im Zimmer stand, dafür aber die zwölf +Apostel auf den Kacheln zeigte, Schränke von unglaublicher Größe, förmliche +Häuser, alte Waffen, Truhen, Zinnkannen, in jedem Zimmer wenigstens etwas. + +Grau sah sich alles aufmerksam an und nichts entging ihm. In einem Hause +rannten ihn zwei große Jagdhunde beinahe um, Kinder prügelten sich in einem +andern und rollten ihm unter die Füße, das aber brachte ihn nicht aus der +Fassung. »Bitte, bitte, ich bin ja der Eindringling, entschuldigen Sie -- +Grau, Vikar Grau.« Er lächelte, verbeugte sich vor den jungen Mädchen, die +steif wie Besen dastanden, vor den Männern und Frauen, den Dienstboten, ja +vor den Hunden. An die Hausfrauen hatte er nach dem ersten Anliegen noch +ein zweites. Nachdem er sie mit Worten, Entschuldigungsformeln, Redensarten +und Sprichwörtern, die er selbst erfand, allen erdenklichen +Liebenswürdigkeiten genügend bearbeitet hatte, um sie für sein erstes +Anliegen günstig zu stimmen, rückte er noch mit einem andern heraus. Ja, +nämlich, wo sie Eier, Butter und Schmalz bezögen? Es wäre am Platze, diese +Eierhändlerin auch anderweitig zu unterstützen. -- »Darf ich Ihre Adresse +in dieses Notizbuch schreiben, wie? Die Frau wird sich erlauben, zu Ihnen +zu kommen, ich habe alles mit ihr besprochen. Gut!« + +Er hatte überall Erfolg. Die Leute waren anfangs ein wenig erstaunt, aber +gegen so viel Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit konnten sie nicht +aufkommen. Dann waren es auch Graus Augen, die sie alle ansehen mußten. Wie +merkwürdig, dieser Mensch hatte goldene Augen. Auch seine Weise dazustehen, +zu plaudern, zu lächeln, so unerhört herzlich, frei und fein -- sie +zeichneten! + +Das Gerücht ging vor ihm her und er fand sie alle vorbereitet; die Türen +waren entweder verschlossen oder sie öffneten sich sofort, als ob man +dahinter gewartet habe. Fräulein Karola Sperling, die Modistin, die in der +Stadt die »ewige Braut« hieß, ließ ihn sogar durch ein Mädchen bitten, bei +ihr vorzusprechen. Sie sah aus wie ein junges Mädchen und hatte weißblondes +Haar, ihre Manieren waren verschämt und kokett und doch war sie über +fünfzig Jahre alt. Ihr weißblondes Haar war an den Schläfen schneeweiß. Sie +hatte den Bräutigam im Kriege verloren und trauerte seitdem um ihn. Sie +erzählte Grau ihre ganze Lebensgeschichte, ein trauriges Idyll; sie zeigte +ihm auch das Bildnis des Bräutigams, eines Offiziers, während sie lächelte +und eine Träne verbarg. Zuletzt zeichnete sie dreißig Pfennig, nicht ohne +zu erröten. Grau dankte ihr aufs herzlichste und hätte ihr am liebsten die +Hand geküßt. + +Ein feister, glänzender Herr mit einer großen Zigarre im Munde, die das +ganze Zimmer mit Rauch angefüllt hatte, wies ihn dagegen kurz ab. Er gab +prinzipiell nichts. + +»Wieso?« + +»Ja, zum Teufel -- Pardon! -- aber ich bin ein Feind von all diesen Dingen, +Almosengeben und Unterstützungen und so weiter,« sagte er und paffte, so +daß er nahezu in der Rauchwolke verschwand! + +»Ah!« sagte Grau schüchtern. »Ich bitte um Entschuldigung, wenn es brennt, +so nimmt man Wasser und löscht und denkt nicht weiter. Man kann nicht +weniger geben als Geld, mein Herr, glauben Sie mir. Ich habe einen Mann +gekannt, der bei keinem Juden etwas kaufte, ja niemals mit einem Juden +sprach -- ebenfalls aus Prinzip! Was sagen Sie dazu? Hahaha! Aber könnten +Sie nicht eine Ausnahme machen -- diese unglückliche Eierhändlerin --« + +»Ich habe weder mit Ihrem Manne noch mit der Eierhändlerin etwas zu tun!« + +»Mehr als Sie glauben!« Grau setzte sich auf einen Stuhl, obgleich ihn der +feiste, glänzende Herr nicht zum Setzen aufgefordert hatte. »Weit mehr, als +Sie glauben. Ich habe beobachtet, daß eine Schwalbe in einer Dachrinne +festgeklemmt wurde, nun kamen hunderte von Schwalben --« begann er +lächelnd. + +»Ich bin aber keine Schwalbe!« unterbrach ihn der feiste Herr mit einer +verzweifelten Gebärde und verschwand in der Rauchwolke. + +»Mehr als Sie glauben, mein Herr!« sagte Grau und stand auf. »Entschuldigen +Sie, daß ich Sie in Ihrer Arbeit gestört habe. Vielleicht könnten Sie aber +Ihre Frau Gemahlin oder Ihre Haushälterin dazu bewegen, Eier und Schmalz +bei dieser armen Frau --« + +Der Herr brach in ein zorniges Lachen aus. »Hier!« sagte er. »Hier nehmen +Sie drei Mark, basta. Aber meinen Namen lassen Sie hübsch aus dem Spiele!« +Er warf ärgerlich die Münze auf den Tisch. + +Grau verneigte sich. »Also ungenannt sein wollender Wohltäter -- gut, +danke! Sehen Sie, wie recht ich hatte, Sie sind doch eine Schwalbe, +trotzdem!« + +»Ich gebe Ihnen diese Kleinigkeit da,« sagte der Herr und stand auf, +»ehrlich gesagt, um meine Ruhe zu bekommen. Das ist der wahre Grund, der +wahre!« + +»Das glauben Sie nur!« sagte Grau, merkwürdig lächelnd. + +Der dicke Herr stutzte; er griff sich an den Kragen, dann lachte er, und +zwar ein komisches Gemisch von zornigem und vergnügtem Lachen. + +»Ich war vielleicht etwas geradeaus!« sagte er lachend und seine Mienen +hellten sich mehr und mehr auf. »Aber es ist mein Prinzip, stets unverblümt +zu sagen, was ich denke! Ich bin ein Feind aller Verzärtelung und alles +Damenhaften! Hom, hom! Ich bin auch ein Feind der Damen, ehrlich gestanden, +hahaha! Ich bin auch ein Feind aller phrasenhaften Entschuldigungen, +verdamm' mich Gott! Aber ich bitte Sie, zum Zeichen Ihrer Nachsicht -- +Ihrer -- ein paar meiner Zigarren zu rauchen. Bitte, bitte!« + +Grau wollte ablehnen, aber der feiste Herr schüttelte erregt den Kopf und +fuhr so energisch in die Zigarrenkiste, daß es aussah, als ob er Grau alle +Zigarren auf einmal geben wollte. Je tiefer seine Hand aber in der Kiste +wühlte, desto mehr mäßigte er seine Erregung und als er die Hand zurückzog, +befanden sich nur vier Zigarren darin; er legte sie vor Grau auf den Tisch, +merkwürdigerweise jedoch blieb eine Zigarre in seinen Fingern hängen und +wanderte wieder in die Kiste zurück. + +Grau dankte, nahm zwei Zigarren und ging. Der Herr begleitete ihn hinaus, +bis ans Stiegenhaus, und verneigte sich laut lachend. + +»Also, ich bitte nochmals um Entschuldigung, ich bin zuweilen sehr reizbar +-- hahaha -- auf Wiedersehen, Herr Grau!« Er lachte noch in das Stiegenhaus +hinein, als Grau schon das Haus verlassen hatte. + +Grau kam auch zu dem Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals. Hier +mußte er eine Tasse Kaffee annehmen. Der Schuhmachermeister versprach, die +Schuhe der alten Frau kostenfrei auszubessern, zu sohlen, zu flecken, auch +eine Filzsohle wollte er hineinlegen. Übrigens bezog er Eier und Schmalz +schon von ihr. + +»Vergessen Sie ja nicht, zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, neben +dem >Elefanten<, das alte Haus -- er ist der reichste Mann der Stadt!« + +»Auf keinen Fall!« + +Graus Liste wuchs. Es ging die Straßen links hinunter und rechts herauf. Er +vergaß kein Haus. Auf diese Weise lernte er die ganze Stadt kennen; er +machte die Bekanntschaft von vielen liebenswürdigen Menschen; viele Güte, +die sich in einem Lächeln verriet, viel Stolz und Feinfühligkeit, die sich +in einem Verstecken des Blickes offenbarte, ja, selbst Adel, den Grau in +einer kleinen Bewegung der Hand entdecken konnte. Versteckte Schönheiten +und viel Sehenswertes, so daß er sich für die geringe Mühe überreich +belohnt fühlte. Seine Laune wurde noch besser. Endlich kam er zum x-ten +Male auf den Marktplatz und ging auf Eisenhuts Haus zu. + +Da lag dieses Haus, in dem der reichste Mann der Stadt wohnte, inmitten all +dieser gepflegten, gestrichenen und mit Schnitzwerk und Erkern gezierten +Häuser, grau, elend und verwahrlost. Ein kalter Hauch ging von ihm aus. Der +Bewurf war an vielen Stellen herabgefallen und die nackte Mauer blickte +hervor, es war geschwärzt von Ruß und lange, schmutzige Regenspuren liefen +vom Dache bis zum Erdgeschoß herab wie Tränenspuren über ein altes, +schmutziges Gesicht. Kinder hatten Gesichter an die Wand gemalt und unter +einem riesigen Kopf mit spitziger Nase und zwei kleinen Augen auf der +gleichen Seite des Gesichtes stand geschrieben: »Ich bin der Geizhals +Eisenhut, bembele bembum --.« Von der Türe war die Farbe gesprungen und sie +sah fleckig aus wie ein Pilz und so staubig, als hinge der ganze Staub vom +letzten Sommer daran. + +Grau zog an einem Glockenring und eine Glocke im Hause bellte wie ein +alter, heiserer Hund. Grau läutete drei-, viermal, die Glocke bellte und +klaffte, aber niemand öffnete. + +Vor dem Nachbarhause stand der Schlächtermeister Keim unter der Tür des +Ladens, dick und wohlgenährt, eine Kappe auf dem Ohr. Er stemmte die Fäuste +in die Hüften und seinen Bauch erschütterte ein verhaltenes Lachen. +Trotzdem es Winter war, glänzte er von all dem Fett, das er ausschwitzte, +seine Schürze flatterte leicht und er erweckte durchaus nicht den Eindruck +der Schwere trotz seiner Dicke. Er erinnerte an einen jener komischen +Papierballone, die man zur Volksbelustigung an Jahrmärkten steigen läßt, +und das Zittern des Bauches drückte gleichsam die Ungeduld des Ballons aus, +in die Höhe zu segeln. + +»Er ist da, er ist zu Hause!« sagte der Schlächtermeister Keim und schon +zitterte das Lachen in seinen dicken Backen. »Er ging soeben hinein.« + +Grau läutete wieder. + +»Unterdessen,« sagte er zu dem Schlächtermeister, »ich komme in einer +Angelegenheit, die nicht nur Herrn Eisenhut betrifft -- Grau, Vikar Grau -- +Sie kennen diese alte Frau Sammet, diese Eierhändlerin, Herr Keim, nicht +wahr, das ist Ihr Name -- auf dem Firmenschild da --« + +»Jawohl, Keim, so heiße ich.« + +»Wer so prächtig aussieht wie Sie -- hier ist die Liste -- deswegen wird +kein Auge weniger auf der Suppe schwimmen --« + +In dem Gesichte des Schlächtermeisters, der vor Wohlgenährtheit nahezu +platzte, verschwand augenblicklich jede Spur von Fröhlichkeit, ja, er sah +plötzlich betrübt aus. Er hatte in letzter Zeit soviel gegeben, daß er +wirklich nicht mehr konnte. Er rückte die Kappe vor, um sich hinterm Ohr +kratzen zu können. Jeden Tag käme etwas Neues. + +Grau sah ihn an und lächelte. »Aber wer so gütig aussieht wie Sie?« sagte +er. »Ich glaube ja gerne, daß Sie in der letzten Zeit stark in Anspruch +genommen wurden, aber das ist doch ein besonderer Fall, nicht wahr?« + +»Jeder Fall ist eben besonders.« Der Schlächtermeister steckte die Hände in +die Hosentaschen und schaukelte leise auf den kurzen schwammigen Beinen hin +und her. + +Grau lächelte. »Erlauben Sie,« begann er von neuem, »würden Sie sich zu +einer kleinen Gabe entschließen können, wenn ich Ihnen einen Scherz +erzählte, über den Sie herzlich lachen müssen und den Sie Ihr ganzes Leben +-- ich sage, Ihr ganzes Leben lang nicht mehr vergessen?« + +Herr Keim bemühte sich ein ernstes Gesicht zu machen. + +»Das kommt darauf an!« sagte er und spuckte gleichgültig in den Schnee. + +Grau sagte lächelnd: »Hören Sie, Sie heißen Keim, aber wenn Sie schon Keim +heißen, so muß man zugeben, daß der Keim hübsch aufzugehen verspricht!« + +Der dicke Fleischer brach augenblicklich in ein lautes Gelächter aus. Er +hielt den hüpfenden, dicken Bauch mit den beiden Händen und schüttelte +sich. + +»Hahaha!« lachte er und hustete, »hahaha!« + +Grau wippte mit der Liste und Herr Keim gab zwei Mark. + +Da rasselte etwas an der alten fleckigen Haustüre und ein Guckfensterchen, +nicht größer als eine Streichholzschachtel, fiel herab. + +Dieses Geräusch des herabfallenden Fensterchens kam Grau bekannt vor. Und +nun schien es ihm, als ob er dieses Guckfensterchen selbst schon vorher +gesehen hätte. + +Ein Auge funkelte in dem Guckloch und eine zaghafte, hohe Fistelstimme +fragte: + +»Wer ist da?« + +»Ist Herr Eisenhut zu Hause?« + +»Nein!« antwortete die Fistelstimme und Grau glaubte ein feines Kichern zu +hören. + +»Wann kommt er denn zurück?« + +»Er ist verreist!« Das Guckfensterchen schloß sich wieder. + +Grau verließ die Türe mit einer eigentümlichen Empfindung. Wie merkwürdig! +dachte er und die Fistelstimme klang ihm noch lange im Ohr, während er die +Jungferntreppe hinaufstieg, eine Art von schmalem Kamin, der zwischen +kahlen Hauswänden und Gartenmauern zur Höhe führte. Er wollte im Schlosse +vorsprechen, jenem weißen Herrschaftshause, das er heute von seinem Fenster +aus gesehen hatte. + +Er ging durch den weiten Park, dessen Bäume so hoch waren, daß er sich +winzig klein dagegen vorkam, und sann darüber nach, wo er das kleine +Guckfensterchen schon gesehen habe. Jenes Geräusch, das es beim Herabfallen +verursacht hatte, verfolgte ihn hartnäckig. »Es ist doch höchst einerlei,« +sagte er vor sich hin, »wo ich solch ein Guckfenster schon gesehen habe, +was liegt viel daran? Aber trotzdem, trotzdem! Ich habe dieses Guckfenster +schon gesehen oder vielmehr gehört, das ist es.« Er schüttelte den Kopf und +stand vor dem weißen Hause. Nun erst sah er, daß ein Flügel des +Herrschaftshauses eingeäschert war bis auf den Grund. Die Brandstätte war +abgeräumt, Gerüststangen waren eingerammt, aber man sah keine +Handwerksleute. + +Er stieg die Treppe hinauf, öffnete die schwere Türe und stand plötzlich +vor einem pechschwarzen Neger, der eine Laterne auf dem Kopfe trug. + +»Ach,« ging es ihm durch den Kopf, »jetzt erinnere ich mich! Ich habe +dieses Guckfensterchen schon gesehen in einem Hause, in dessen Flur eine +alte Holzfigur stand, ein Heiliger. Die Arme des Heiligen waren +abgeschlagen. Aber wo, wo denn?« + +Der pechschwarze Neger war aus Bronze und von der Laterne hingen schwere +Messingketten herab. Grau wollte eben an einer Türe pochen, als ein Diener +hinter ihm fragte, was der Herr wünsche. Die Jacke des Dieners war +gestreift und erinnerte an das Fell eines Zebras. Der Diener öffnete die +Türe eines kleinen Salons und bat Grau zu warten. + +Der Salon wurde von einem Sonnenstrahl erhellt, der sich durch die Gardinen +zwängte. Die Möbel waren hell und niedrig und standen auf zierlichen weißen +Beinen. + +Grau wartete und wagte nicht zu atmen, so still war es hier und so vornehm. +Er hätte sich gerne geräuspert, aber das ging wohl nicht gut hier. Da hörte +er einen gedämpften Schritt und eine junge Dame erschien in der Türe. + +Sie nickte und fragte: »Womit kann ich Ihnen gefällig sein?« Sie sprach +höflich aber kühl. + +Grau erwiderte nichts. Er sah die junge Dame an. Sie hatte auffallend +reiches Haar von tiefschwarzer Farbe und war von fremder, stolzer +Schönheit. Sie stand im Schatten und ihr Gesicht sah lang und bleich aus. +Ihre Augen waren klar und ernst. Aber das Merkwürdige daran war, daß sie +heller aussahen als selbst die blassen, langen Wangen. Das kam von den +schwarzen wie Atlas glänzenden Haaren, die fast die ganze Stirn bedeckten +und von den langen glänzenden Wimpern, die die Augen einsäumten. Etwas von +dem Glanze, der Kerzenlicht bei Tag eigen ist, war in diesen Augen. + +»Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr?« wiederholte das Mädchen. + +Grau brachte hastig seine Bitte vor, und die junge Dame erwiderte, daß sie +mit ihren Eltern sprechen werde und ihm Bescheid zugesandt werden würde. + +Grau verbeugte sich und sah noch einmal in dieses schöne, regungslose +Gesicht und ging. Er vergaß ganz mit seiner Liste herauszurücken und zu +fragen, wo die Herrschaften Eier und Schmalz bezögen. + +Er ging rasch durch den Park hindurch und war so erregt, daß er nichts sah +und nichts hörte, bis er wieder auf dem Marktplatze stand. + +»In welche Stadt bin ich doch da geraten!« flüsterte er. »Zuerst diese +Sache mit dem Guckfensterchen und nun dieses Mädchen. Ich habe ja dieses +Mädchen schon einmal gesehen, irgendwo und irgendwann, ich erinnere mich +deutlich an dieses Gesicht und diese sonderbaren Augen.« + +Er eilte weiter und erst nachdem er bis zum Flusse hinabgelaufen war, fiel +ihm ein, daß er noch einen Besuch hatte machen wollen. + + + + +Achtes Kapitel + + +Grau sprach bei Frau Bezirksamtmann Häberlein vor, wo das Dienstmädchen +zuletzt gedient hatte. Hier hielt er sich längere Zeit auf. + +Die Frau des Hauses, eine Dame mit breiten Hüften, schmaler, fast +zierlicher Büste, porzellanartigem Teint und viel äußerlicher Vornehmheit, +empfing ihn mit übersprudelnder Herzlichkeit im Salon. Ihre Stimme bimmelte +immerfort wie ein kleines helles Glöckchen, besonders hell, wenn sie +lachte; sie konnte aber auch und zwar ganz unvermittelt, Teilnahme, +Mitleid, Resignation, Ergebenheit, Schmerz, Trauer und sogar Verzweiflung +ausdrücken, um gleich darauf wieder in Heiterkeit zu erklingen. + +Frau Häberlein verheimlichte nicht, daß sie ein wenig verletzt sei, da Grau +so spät erst zu ihr komme. Als Frau des Bezirksamtmannes spielte sie die +Rolle einer Königin in der Stadt und jeder ankommende Beamte beeilte sich +ihr augenblicklich unter tiefen Bücklingen seine Ergebenheit zu Füßen zu +legen. Aber als Grau ihr mitteilte, daß er absichtlich zuletzt zu ihr +gekommen wäre, um sich über das unglückliche Mädchen näher zu erkundigen, +erklang das kleine Glöckchen ihrer Stimme um so lebhafter und heller. Mit +Vergnügen! + +Sie begann sofort eifrig zu sprechen, schien aber merkwürdigerweise Graus +Anliegen zu vergessen. Sie sprach von ihrem Gatten, ihrem Vater -- sie war +von adeliger Abkunft -- eine Menge Offiziere in bunten Uniformen und mit +ordengeschmückter Brust tauchten auf, besonders ein General, ein Onkel von +ihr, erfreute sich ihres Interesses, und schließlich wimmelte es in ihrem +Gespräche von Herren und Damen wie in einem Ballsaal. Sie plauderte ohne +Pause, mit vor Liebenswürdigkeit und Eifer glänzenden Augen, die sie nur +gelegentlich von Grau abwandte, um sie einem schrägen Wandspiegel +zuzuwenden, in dem sie sich selbst sprechen sehen konnte. Wie man einen +Hasen mit Speck verziert, so war ihr Gespräch mit Worten und Zitaten aus +allen lebenden und toten Sprachen gespickt. + +Glücklicherweise mußte sie niesen und es gelang Grau ihr ins Wort zu +fallen. Er erfuhr nun die näheren Umstände der Katastrophe, Einzelheiten +aus dem Leben des Mädchens, nichts wesentlich Neues. + +Ja, sie sei ein braves, ein sehr fleißiges Mädchen gewesen, ordentlich, +reinlich, sparsam, ehrlich, frohsinnig -- mit einem Wort -- es sei sehr, +sehr schade, daß sie so traurig enden mußte. + +»Man sagt, ein Fleischergeselle soll der Vater ihres Kindes sein?« + +Wie unangenehm ihr die ganze Angelegenheit sei -- wie peinlich -- bei all +dem Bedauern mit dem armen Mädchen, natürlich -- kein Mensch könne sich +vorstellen -- wie peinlich ihr die Angelegenheit sei. »Ja, so sagen die +Leute, der Bursche aber leugnet es.« + +»Er wollte wohl nichts mehr wissen von ihr?« + +»Nicht eigentlich das. Er wartete oft stundenlang vor der Haustüre -- +Margarete klagte oft darüber -- er belagerte das Haus, so daß ich meinen +Gatten aufforderte es ihm zu untersagen.« + +»In den letzten Monaten wartete er?« + +»Ja, sogar in den letzten Wochen.« + +Grau versank in Nachdenken. »Das ist sehr merkwürdig,« sagte er. Er dachte +nach und erinnerte sich erst wieder, wo er war, als Frau Häberlein sich +leise räusperte. + +»Entschuldigen Sie, gnädige Frau,« sagte er, »darf ich noch fragen, wie +lange das Mädchen in Ihrem Hause gedient hat?« + +»Ein halbes Jahr. Genau ein halbes Jahr.« + +»Und vorher?« + +»Bei Herrn Eisenhut. Ach, solch eine heikle und penible Angelegenheit!« + +Grau erhob sich. »Entschuldigen Sie die lange Störung, gnädige Frau!« Er +verbeugte sich. »Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet für Ihre gütige +Aufklärung.« Er ging, aber unter der Türe wandte er sich zurück und sagte: +»Noch eine Frage, verzeihen Sie gütigst. Von welcher Farbe waren die Augen +des Mädchens?« + +Frau Bezirksamtmann Häberlein lächelte und sagte mit feiner Stimme, sie +bedaure, so genau pflege sie ihre Dienstmädchen nicht zu betrachten. + +»Ja, entschuldigen Sie gütigst. Aber Sie mußten es ja sehen, ohne zu +wollen. Waren die Augen braun oder grau oder blau, erinnern Sie sich +nicht?« + +»Wenn ich mich recht erinnere, so hat sie braune Augen gehabt, dunkelbraune +Augen, die im Dunkeln schwarz und glänzend aussahen. Sicherlich waren sie +braun, ja, ich glaube ganz sicher zu sein.« + +»Das stimmt mit der Aussage der Mutter des Mädchens überein,« sagte Grau. +»Danke.« + +Die Sammlung hatte eine hübsche Summe eingebracht, Grau war zufrieden und +lachte in sich hinein. Ordentlich habe ich abgegrast, dachte er. Er ging +geradeswegs ins Waisenhaus. + +Die Schwestern empfingen ihn mit wenigen feierlichen und gütigen Worten in +den stillen Räumen, in denen sie sich ohne Laut bewegten. Er gab das +gesammelte Geld ab, die eine Hälfte bestimmte er für die alte Frau, die +andere Hälfte bat er für die Verpflegung des Kindes zu verwenden. + +»Kann ich das Kind sehen?« fragte er. + +»Oh, recht gern können Sie das,« lispelten die Schwestern und er sah das +Kind. Er betrachtete es lange und aufmerksam. »Es kann ein schönes Kind +werden,« sagte er, »was für kluge, hellgraue Augen es doch hat! Ist es +nicht auffallend zierlich gebaut? Aber es sieht kränklich aus, oder täusche +ich mich?« + +Ja, der Arzt sei ebenfalls nicht zufrieden, es liege an der Amme. Eine +Schlossersfrau habe sich erboten, das Kind zu nähren, aber sie sei +brustleidend. + +»Nein, das geht freilich nicht. Ich werde nachfragen. Sie haben niemand im +Hause, der das Kind stillen könnte?« fragte Grau. + +Die Schwestern lächelten und erröteten unter der weißen Haube. »O nein,« +flüsterten sie. + +Grau sah sie erstaunt an. Dann errötete auch er und machte sich eiligst +davon. »Du bist doch der größte Dummkopf der ganzen Welt,« sagte er zu sich +und lachte in sich hinein. + +Am andern Morgen besuchte er zum Erstaunen der Leute alle drei Hebammen, +die es am Platze gab, um nach einer geeigneten Amme zu fragen. Er war den +halben Tag unterwegs, bis es ihm gelang, eine Magd dazu zu überreden, sich +des verwaisten Kindes anzunehmen. Die Magd war derb und stark, sicherlich +gesund und nach Graus Meinung imstande zwei, drei Kinder spielend zu +stillen. Die Magd erklärte sich nach langem Sträuben bereit, aber nun stieß +er unerwartet auf Schwierigkeiten bei der Dienstherrschaft. + +Das waren zwei alte Leutchen, ein alter Rentier und seine Gattin, und sie +wollten die Erlaubnis nicht hergeben. Sie waren ohnedies ärgerlich, daß das +Mädchen, eine Verwandte von ihnen, in ihrem Hause geboren hatte, und +wollten nicht, daß es noch weiter bekannt wurde als es schon war. Sie +blickten einander an, der Alte, der eine Kappe mit einer Quaste auf dem +kahlen Schädel trug, und seine Frau, eine verschrumpfte Greisin mit +schneeweißem störrischen Haar und pfiffigem Lächeln, und sagten nein, ein +für allemal nein. Da saß denn Grau zwei geschlagene Stunden auf einem +harten Sofa und führte die Unterhandlung mit den beiden Alten, die noch +dazu schwerhörig waren. Der Greis beschäftigte sich damit, aus einem Topfe +Mehlwürmer hervor zu suchen für ein Rotkehlchen, das lustig in seinem Bauer +trillerte. Dann zerdrückte er Hanfkörner mit einem Bügeleisen. Die Greisin +tat nichts, sie saß da und blickte pfiffig lächelnd auf Grau. + +Grau gab sich alle erdenkliche Mühe, aber die Alten rührten sich nicht. +Endlich sagte der Alte mit der Quaste: »Wir sind ja katholisch, mein Herr, +das Dienstmädchen aber ist ja protestantisch gewesen.« + +Grau lachte. »Aber, du gütiger Himmel.« + +Nun wollte der Greis den wahren Grund sagen. Er sagte: »Das wäre es ja +nicht, Herr, aber es wird so bekannt -- so bekannt überall -- und wir +wollten in aller Stille Gras über das Kind unserer Verwandten wachsen +lassen.« + +»Gut! Aber man muß sich doch des verlassenen Kindes annehmen, nicht wahr?« + +Oh, da gebe es ja die schwere Menge, sagte die Greisin und lächelte +pfiffig. + +»Ganz einerlei! Man muß sich jedes einzelnen Kindes annehmen. Da ist nun +der Herr beschäftigt, Hanf zu knacken und er hat extra Mehlwürmer gezüchtet +und richtet jeden einzelnen her für sein Rotkehlchen wie einen Braten, man +kann recht gut beobachten, mit welcher Sorgfalt er es tut -- und nun ein +Kind! Ein Menschenkind! Vielleicht wird etwas Besonderes aus ihm -- das ist +wie eine Lotterie, vielleicht ist es ein Treffer.« + +Man gewinne nie etwas. Der Alte mit der Quaste gluckste. Er band sich eine +grüne Schürze um und begann Schleißen zu schnitzen. + +»Oh, erlauben Sie recht sehr, ich habe bei einem Tischler gewohnt, der +gewann das große Los -- er hat jetzt ein Karussell und ein +Wachsfigurenkabinett, zieht umher und bläst die C-Trompete« -- nein, +vielleicht sei es nur ein kleiner Treffer, oder gar kein Treffer, man müsse +sich des Kindes unbedingt annehmen. + +Die Alten sahen einander an, lächelten, glucksten und sagten: »Nein!« + +Grau wechselte das Thema. Er sprach über alles mögliche, über die Zucht von +Mehlwürmern und die Lebensweise der Rotkehlchen, über die +Verkehrsverhältnisse in früherer Zeit und was für eine Sache das doch +gewesen sei, mit Zunder und Stein Feuer zu machen. Die Alten lachten und +glucksten und machten es ihm vor. Sie konnten es, ja, das war eine Freude, +es zu sehen! In der ganzen Stadt gibt es vielleicht keinen mehr, der es +kann! Alterchen ging, um Kaffee aufzutischen, das andre Alterchen nahm die +grüne Schürze wieder ab, nachdem es genug Schleißen zum Anschüren +geschnitten, und brachte aus einem Schranke ein Gläschen mit Öl, ein paar +alte Schlüssel und krumme Nägel und ölte all das mit einer Taubenfeder +behutsam ein. + +Grau erkundigte sich, ob sie Söhne oder Töchter hätten. Ja, das hatten sie, +einen Sohn, zwei Töchter. Nun wollte Grau gerne wissen, wo sie lebten, wie +sie lebten, ob sie gesund und glücklich seien, welchen Beruf der Sohn und +die Schwiegersöhne hätten, jede Kleinigkeit. Aber ehe sich's die beiden +Alten versahen, sprang Grau auf die Enkel über, ja, diese Enkelchen, nicht +wahr? Sechs, oh du meine Güte! Die Greisin ging und brachte Photographien +herbei und der Greis putzte sich die Hände an einer Zeitung, einem Ballen +Putzwolle und einem wollenen Lappen und entnahm dem Schubfache ein +Vergrößerungsglas, denn er mußte nun die Enkel ebenfalls genau sehen. + +Grau fragte, wie alt die Enkel seien, wann sie geboren seien, ob sie krank +waren, er mußte alles genau wissen. Er sah die Bilder an, lobte den +trotzigen Zug eines Knaben, über den kleinen Zopf der Enkelin Babettchen +wurde er ganz außer sich vor Freude. Er besang diese Enkel. Ja, so klug, so +gesund, so blühend -- + +Die beiden Alten kicherten und glucksten. + +Plötzlich sagte Grau: »Also, wie steht es jetzt mit der Amme? So ein armes, +verwaistes Kindchen, nicht wahr?« + +Die Alterchen erschraken -- denn jetzt konnten sie ja nicht mehr, sie +konnten nicht -- sie sagten: »Ja.« + +Grau schüttelte ihnen die Hände. Der Alte nahm die Kappe mit der Quaste ab +und ließ es sich nicht nehmen, Grau an die Türe zu begleiten; sein kahler +Schädel glänzte wie ein Feuerwehrhelm. + +»Da fällt mir noch etwas ein,« sagte Grau, »könnten Sie nicht im Frühling +Ihr Rotkehlchen fliegen lassen, zum Beispiel?« + +»Wie?« + + + + +Neuntes Kapitel + + +Als Grau nach Hause kam, warteten drei Leute auf ihn. Zwei Dienstmädchen, +die Geld brachten, das die Herrschaft gezeichnet hatte; dann stand noch +eine kleine, elend aussehende Frau da, die ihn zu sprechen wünschte. + +Sie war die Frau eines Flickschneiders, ihr Mann war krank und dazu waren +noch fünf Kinder zu erhalten. Sie hatte nun gedacht, vielleicht könnte Herr +Grau ihr helfen. + +Grau freute sich über ihr Vertrauen. »Ich danke Ihnen!« sagte er und +drückte ihr die Hand und seine Augen leuchteten. »Bitte, treten Sie ein!« +Er plauderte mit der Frau, der es offenbar Erleichterung verschaffte, ihm +ihr Herz auszuschütten. Sie war sehr arm, der Kranke hatte nicht einmal ein +ordentliches Bett. Grau ermutigte sie und sprach mit ihr wie ein Freund. +Dann ging er in die Küche hinaus, wickelte etwas Geld in Papier und übergab +es der Frau. »Ich werde morgen früh kommen,« sagte er. »Sagen Sie keinem +Menschen etwas davon,« fügte er flüsternd hinzu, »und kommen Sie heute +abend mit einem Karren zu mir, ich habe den ganzen Keller mit Holz gefüllt. +Auch ein Bettstück will ich Ihnen geben, es muß natürlich unter uns +bleiben, denn die Sachen gehören ja zum Hause und nicht mir, es muß ganz im +geheimen geschehen.« + +Grau machte Feuer und packte eine Bücherkiste, die eingetroffen war, und +den roten Reisesack aus. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Die Bücher +stellte er, ohne sie anzusehen oder zu ordnen in ein Gestell, der rote +Reisesack enthielt nur weniges. Ein alter Anzug, etwas Wäsche, ein Pack +beschriebener Papiere, Hefte, zwei zusammengerollte Bilder, ein Glasprisma, +eine Tabakspfeife, eine verkorkte Flasche Rotwein und verschiedene +Kleinigkeiten. Die Flasche Rotwein, die ihm ein Freund, ein +Gefängnisdirektor, auf die Reise mitgegeben hatte, stellte er in die Ecke, +die Tabakspfeife stopfte er und setzte sie in Brand. Die Pfeife war von +jener Art, wie Jäger und Bauern sie rauchen. Der Kopf einer Gemse war auf +den Porzellankopf gemalt. + +Die Pfeife war kaum richtig im Gange, als es klopfte und der +Fleischergeselle Anton Hammerbacher eintrat. Er war ein dicker, kleiner +Mensch, trug eine Bluse, eine aufgerollte Schürze und gestickte Hausschuhe. +Sein Gesicht war rund und freundlich, seine Backen leuchteten wie rote +Äpfel, aber seine kleinen dunklen Augen waren scheu und verschlagen. +Auffallend an ihm war, daß er immerfort den Mund zu einem breiten Lächeln +verzog und sich vergeblich abmühte, ein ernstes Gesicht zu machen. Seine +Hände waren vor Kälte aufgesprungen und das rote Fleisch sah hervor. + +Er sagte, daß er hierher käme, weil es nicht mehr auszuhalten sei. Sie +hätten ihn fast totgeschlagen, niemand verkehre mehr mit ihm, aus dem +Kegelklub hätten sie ihn gestrichen und der Metzgerverein habe ihn +ausgestoßen. + +Grau rauchte die Pfeife. »Setzen Sie sich, bitte, nehmen Sie Platz,« sagte +er, indem er den Burschen von oben bis unten musterte. »Es ist mir sehr +angenehm, daß Sie kommen, wenn ich offen sein will, ich habe Sie auch +erwartet. Wenn Sie nicht gekommen wären, so hätte ich Sie aufgesucht. Sie +haben ein Verhältnis mit Fräulein Margarete Sammet gehabt, nicht wahr?« + +»Ja.« + +»Wann hat es geendet?« + +»Vorige Weihnachten.« + +»Gut. Und warum? Haben Sie es abgebrochen oder das Mädchen? Erzählen Sie +mir, wie es herging. Und erlauben Sie mir, daß ich unterdessen diese Sachen +hier in Ordnung bringe. Sie können ganz frei reden, denn es wird alles +unter uns bleiben, ich gebe Ihnen mein Wort.« Grau streckte ihm die Hand +hin. + +Der Bursche mit den rotleuchtenden Backen begann zu erzählen. Grau +unterbrach ihn. + +»Ein Wort noch,« sagte er. »Sie können mir alles sagen und Sie dürfen +sicher sein, einen Freund und Ratgeber in mir zu finden. Lügen Sie nicht, +denn es ist so lächerlich zu lügen und auch ganz und gar unsinnig, denn ich +fühle es ja sofort, ich höre es am Ton Ihrer Stimme. Nun, bitte!« + +Grau nagelte die zwei Bilder, die sich im Reisesack gefunden hatten, an die +Wand, während der Bursche erzählte. Das eine Bild war ein Farbdruck nach +einem wenig bekannten alten Niederländer; es stellte einen Heiligen dar, +der in einer Landschaft saß und dachte. An seiner Seite saß ein kleines +weißes Lamm. Der Heilige hatte den Kopf in die rechte Hand gestützt und +sein Gesicht zeigte einen so tiefen Ausdruck des Nachdenkens, daß es nahezu +idiotisch erschien. Aber gerade dieses nachdenkliche, nahezu idiotische +Gesicht liebte Grau an dem Bilde. Er liebte auch die nackten Füße des +Heiligen, sie waren unschön, eckig, die Zehen aufwärts gestellt; aber auch +diese Füße schienen nachzudenken. Nach Graus Meinung war dieses Bild eines +der größten Meisterwerke psychologischer Darstellung. Das andere Bild war +eine Radierung von Klinger, die Grau irgend einer Zeitschrift entnommen +hatte: Ein nackter Jüngling, der mit verhülltem Gesicht vor dem offenen +Meere im Grase kniet. Es war betitelt: An die Schönheit. + +»Das heißt, sie fing an das Feine zu lieben, ist es nicht so?« wandte sich +Grau an den Burschen. + +»Ja,« sagte der Bursche. »Sie sagte, ich rieche wie das Schlachthaus. Sie +kaufte mir einen Hut, weil ihr meine Mütze nicht gut genug war, sie konnte +auch meine Bluse nicht mehr leiden. Ich habe mir dann alles neu gekauft, +aber sie wollte trotzdem nichts mehr wissen von mir.« + +»Man hat Sie aber im Sommer noch und im Herbst mit dem Mädchen gehen sehen, +was sagen Sie dazu?« + +Das sei wahr. Sie habe ihm einmal zugerufen auf der Straße, wie es ihm +gehe. Darauf habe er sie gefragt, ob es nicht wieder wie früher zwischen +ihnen sein könne. + +»Was hat sie darauf geantwortet?« + +»Sie hat gesagt, sie wolle es mir bald sagen.« + +»Hat sie wirklich bald gesagt?« + +»So ähnlich. Sie kann auch bald gesagt haben.« + +»Und das nächste Mal, sagte sie es da?« + +Der Bursche schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er, »aber sie war sehr gut +zu mir. Ich habe mit ihr unter der Türe gesprochen. Es war ein sehr schöner +Abend und ich sagte, ob wir nicht ein wenig spazieren gehen könnten. Wir +gingen bis ans Tor aber da blieb sie stehen und sagte, sie müsse heim. Ich +wußte nicht, was sie hatte. Sie weinte auch ein wenig.« + +»Sie verstanden sie nicht mehr?« + +»Nein.« + +»Damals war sie schon sehr unglücklich!« sagte Grau und nickte. +»Verzweifelt war sie damals schon. Sie dachte, vielleicht kann er mir +helfen, aber trotzdem sie schon ganz verzweifelt war, tat sie doch nichts +Unehrenhaftes. Sie haben keine Unwürdige geliebt, mein Freund. Aus all dem, +was mir die Leute erzählt haben, konnte ich mir ein Bild von Fräulein +Sammet machen. Sie hätten wohl alles für sie getan?« + +»Ja!« + +Grau nickte. »Das ist schön von Ihnen und macht Ihnen alle Ehre. Halten Sie +das Gedächtnis der Toten hoch!« + +Plötzlich nun zog Grau einen Ring mit einem winzigen blauen Stein aus der +Westentasche und hielt ihn Hammerbacher dicht unter die Augen. Er sah den +Burschen mit scharfen, eigentümlichen Blicken an. Der Bursche saß verblüfft +und sah fast erstarrt zu Grau empor. + +Grau lächelte unmerklich. + +»Ich habe schon mit ganz anderen Leuten gesprochen,« sagte er leise und +ließ den Burschen nicht aus den Augen, »mit Verbrechern und Mördern, aber +sie konnten mir nicht auskommen, sie mußten die Wahrheit sagen. Und nun, +haben Sie den Ring dem Mädchen gegeben? Sie wissen ja von welcher Bedeutung +dieser Ring ist. Nun? Nein? Gut!« + +Grau steckte den Ring wieder in die Westentasche, er lächelte und klopfte +Hammerbacher auf die Schulter. Er fuhr in verändertem Tone fort: »Ich will +Ihnen sagen, was ich denke, mein Freund. Wir brauchen kein Wort mehr über +diese Angelegenheit zu sprechen. Ich habe das und jenes gesagt und gefragt +um Sie zu prüfen, um ganz sicher zu gehen. Sie sind unschuldig, absolut +unschuldig. Fräulein Sammet hätte sich ja auch nicht das Leben genommen, +wenn Sie der Vater des Kindes wären. Es ist vielmehr so, irgend einer hat +sie beschwätzt, einer aus einer höheren Schichte der Gesellschaft. Sie hat +ihn geliebt, auch das weiß ich, ich sage Ihnen nicht, wieso ich es weiß. +Und er, ein roher, ungebildeter Patron, hat das Mädchen auf dem Gewissen. +Ich sah mir zum Beispiel auch Ihre Augen an, Herr Hammerbacher -- aber das +hat ja wenig zu sagen, ich könnte mich ja allein schon auf mein Gefühl +verlassen. Ihre Nähe macht mich weder unruhig noch zweifelnd! Ich will +Ihnen sagen, ich war früher Gefängnisprediger und Dutzende von Gefangenen +haben mir geschworen, daß sie unschuldig seien. Sie haben geweint, sich +fromm gestellt, wahnsinnig gestellt -- man fühlt aber nur zu deutlich was +Wahrheit und was Lüge ist. Aber hören Sie, unter diesen vielen Dutzenden +war einer, der wirklich unschuldig war. Sein erster Blick sagte es mir! Er +sollte zehn Jahre absitzen wegen eines Verbrechens, das er nicht beging -- +er ist nun frei. Doch, das alles gehört ja nicht hierher, ich will Ihnen +nur sagen, daß von meiner Seite nicht der geringste Verdacht auf Sie fällt +und daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre Ehre zu +verteidigen!« + +Der Bursche verzog den Mund und zeigte seine großen schaufelförmigen Zähne. + +Grau stopfte die Pfeife und steckte sie in Brand. Er setzte sich +Hammerbacher gegenüber und sagte in vertraulichem Tone: »Nun sollen Sie mir +aber einiges erzählen. Sie wissen ja, ich bin erst wenige Tage hier und +weder mit den Verhältnissen der Stadt noch mit den Menschen hier vertraut. +Ich bin nun nicht gerade neugierig -- aber ich habe meine Gründe -- die +Unterredung bleibt natürlich ganz unter uns. Das versprechen Sie mir. Wo +hat Fräulein Sammet zuerst gedient?« + +»Bei einem Wirt in Weinberg.« + +Grau stellte einige Fragen. »Und hierauf?« + +»Bei Herrn Eisenhut.« + +»Gut. Was für ein Mann ist das doch, dieser Herr Eisenhut, der +Steinbruchbesitzer? Ist er nicht eine Art Sonderling, es scheint mir so.« + +Herr Eisenhut erfreute sich keineswegs eines guten Rufes. Trotzdem er zwölf +große Steinbrüche besaß, war er sehr geizig. Er hatte die merkwürdige +Angewohnheit, Holz- und Kohlenstücke auf der Straße zu sammeln und seine +Jagdtasche war stets gefüllt mit Tannenzapfen, wenn er von der Jagd +zurückkehrte. Seine Dienstboten hielt er knapp und meistens besorgte er +sein Hauswesen selbst, um Ausgaben zu ersparen. Man sagte ihm nach, daß +sein Sinn für Reinlichkeit nicht besonders entwickelt sei. Zu all dem kam +noch, daß er ein Trinker war und oft des Nachts auf allen Vieren nach Hause +kroch; zuweilen war er auch am lichten Tage betrunken und taumelte durch +die Straßen, gefolgt von einer Menge Kinder, die Spottverse sangen. Seine +Furchtsamkeit war bekannt, er konnte zuweilen nachts mit einem Revolver in +der Hand durch sein Haus streichen. + +»Er ist nicht verheiratet?« fragte Grau. + +»Ach nein!« Hammerbacher lachte laut auf. »Keine mag ihn, trotzdem er so +reich ist. Er hat auch einmal Margarete einen Antrag gemacht.« + +»Unmöglich!« + +»So wahr ich dasitze! Sie hat es mir selbst erzählt. Er sagte: Du sollst +ein seidenes Kleid haben, eine Uhr, Ohrringe, einen Wagen und in acht Tagen +wollen wir Hochzeit machen, diese Damen vom Tennisklub sollen vor Neid grün +und blau werden.« + +»Ah! Er hatte wohl schlimme Erfahrungen gemacht?« + +»Er soll sich einen Korb geholt haben, ja. Aber auch Margarete mochte ihn +nicht. Sie ging aus seinem Hause.« + +Grau stand auf und ging ans Fenster. Wie merkwürdig und wie einfältig, nun +hatte ihn plötzlich ein Gefühl der Rührung ergriffen. Aber was in aller +Welt sollte denn Ergreifendes an dieser Erzählung sein? + +»Er hat wohl keine Freunde, Herr Eisenhut?« fragte er endlich. + +»Doch, er hat schon Freunde, die kommen zu ihm um zu trinken. Sie trinken +oft die ganze Nacht hindurch bei ihm, das ist in der Stadt bekannt, sie +schreien und brüllen bis zum Morgen. Wenn ich ins Schlachthaus fahre, gehen +sie heim, sie sind dann alle betrunken und schreien und lachen. Sie heißen +sich: >Der goldene Zirkel<.« + +»Dazu ist er also nicht zu geizig? Wie soll man das verstehen?« + +»Er schickt ihnen am andern Tag die Rechnung.« + +»Tut er das?« + +»Ja, Margarete hat immer die Rechnungen herumtragen müssen, aber sie haben +nur gelacht und nie etwas bezahlt!« + +»Was für Leute sind das, die bei ihm verkehren?« + +»Das? Das sind immer die gleichen. Das ist ein Arzt, der Doktor Nürnberger, +ein Jude, der dicke Professor Richter von der Realschule, ein Adjunkt von +der Post, Kaiser heißt er, dann der junge Herr von Hennenbach, vom Schloß, +Amtsrichter Leutlein, ein Rechtspraktikant Schmitt --« + +»Nun ja, ja --« unterbrach ihn Grau. »Die Herren sind wohl zumeist +Junggesellen?« + +»Ja, man kennt sie alle hier in der Stadt. Margarete hat mir genug von +ihnen erzählt. Manchmal, wenn sie betrunken sind, da --« + +Grau unterbrach ihn. »Ich will das nicht wissen,« sagte er. + +»Herr Eisenhut hat mir einmal fünf Mark angeboten,« fuhr der Bursche fort, +»dafür sollte ich die Herren alle durchprügeln.« + +Grau lächelte. + +»Ja, für fünf Mark wollte er, daß ich mich zwei Monate einsperren lasse!« +Hammerbacher lachte. »Sie treiben oft ihre Späße mit ihm und da wird Herr +Eisenhut rasend vor Zorn. Einmal da drohten sie ihm ihn zu erschießen. Sie +nahmen Gewehre und Revolver, die er hat, und Herr Eisenhut rannte in den +Garten hinaus, aber sie umzingelten ihn. Er hat sie Diebe und Räuber +genannt. Er schrie um Hilfe, da sagten sie, wenn du dich entschuldigst, so +wollen wir dich diesmal noch laufen lassen. Aber du mußt auch das Notizbuch +herausgeben.« + +»Was für ein Notizbuch?« + +»Wo er hineinschreibt, was sie ihm schuldig sind. Dann hat er ihnen allen +die Hände küssen müssen und sie haben furchtbar gelacht. Am andern Morgen +habe ich das Fleisch gebracht und Eisenhut hat mich gefragt, ob ich mir +fünf Mark verdienen will.« + +»Sie haben aber abgelehnt?« + +»Ja.« + +»Vielleicht hatten Sie nicht den Mut dazu?« fragte Grau und rauchte +lächelnd. + +Der Bursche antwortete mit einem kühnen Blick. + +»Ich? -- Oh, was das anbetrifft -- aber ich riskierte zuviel.« + +»Ein wenig Prügel hätten die Herren wohl verdient,« sagte Grau; »wenn Ihnen +Herr Eisenhut aber hundert Mark angeboten hätte?« + +»Dann schon!« sagte der Bursche und lachte. + +Grau sah ihn an. + +Er stand auf. »Ich darf wohl annehmen, daß Sie über unser Gespräch +Stillschweigen beobachten,« sagte er und gab Hammerbacher die Hand. »Ich +danke Ihnen für Ihren Besuch und Ihr Vertrauen. Ich denke es wird das beste +sein, Sie durch eine Notiz in der Zeitung von dem Verdachte zu reinigen, +nicht wahr? Das wäre wohl das klügste und wirksamste. Guten Abend, Herr +Hammerbacher! Eine Frage noch, erlauben Sie, Herr Eisenhut steht ganz +allein, wie? Leben seine Eltern nicht mehr?« + +»Sein Vater ist tot, er ist vor Geiz verhungert. Herrn Eisenhuts Mutter +lebt noch, aber sie ist nicht richtig im Kopfe.« + +»Wohnt sie bei Herrn Eisenhut?« + +»Nein. Sie wohnt bei einer Lehrersfrau beim Bahnhof draußen.« + +»Sie wissen nicht wie die Lehrersfrau heißt? Heißt sie nicht Löwenherz?« + +»Nein, ich weiß es nicht. Aber sie hat den Namen Mütterchen, weil sie so +klein ist.« + +»Ah, ja!« rief Grau aus. »Herr Eisenhut wird wohl öfters hinaus kommen zu +seiner Mutter?« + +»Ja, ich sehe ihn oft hinausgehen.« + +»Gut, danke Ihnen, mein Freund! Morgen werde ich die Notiz in der Zeitung +bringen. Und vergessen Sie nicht, Herr Hammerbacher: Halten Sie das +Andenken an Fräulein Sammet hoch!« + +Grau schob nie etwas auf. Er setzte sich augenblicklich an den Tisch und +warf folgende Notiz auf ein Blatt: »Der Fleischergeselle Herr Anton +Hammerbacher hat sich auf dem Vikariate eingefunden und die Erklärung +abgegeben, daß seine Beziehungen zu dem Dienstmädchen Fräulein Margarete +Sammet seit Jahresfrist vollständig gelöst waren. Seiner Aussage ist +unbedingter Glaube zu schenken. Grau, Vikar. --« + +Nun wurde es Abend. + + + + +Zehntes Kapitel + + +Der Schnee im Garten draußen leuchtete stahlblau, die Nacht brach schnell +herein und mit ihr kam die Kälte, die kahlen Bäume begannen zu glitzern. + +Grau gab sich dem schönen Gefühle des Alleinseins hin. Er setzte sein +Abendessen zu, Linsen, dann ging er wartend hin und her in seiner Stube und +dachte an tausend Dinge. All diese vielen Menschen, die er in den letzten +Tagen kennen gelernt hatte, welche Mannigfaltigkeit und welche Einheit +trotzdem. + +Die Linsen begannen zu duften. Herrlich! Welch wunderbare Produkte es doch +auf dieser Erde gab, Linsen, Nüsse, Erdbeeren, die Birne, die Weintraube. +Man brauchte Stunden dazu sie alle aufzuzählen, nur um die Namen aller +Nüsse zu nennen, wie lange doch? Und schon von den Namen dieser Dinge geht +ein Zauber aus, man sieht sie, man schmeckt und riecht sie, sie sind die +Meisterwerke von Millionen großen Chemikern, jeder noch so unscheinbare +Strauch hat gearbeitet mit aller Kraft, um seine Frucht herrlich zu +bereiten in dieser Welt, da in die kleinsten Dinge der Wunsch nach +Vollendung gehaucht ist. + +Man spricht ja nur von den einfachsten Produkten, wie Eisenbahnzüge und +Schiffe sie in jeder Stunde über Kontinente und Meere tragen -- +Eisenbahnzüge und Schiffsbäuche gefüllt mit Wohlgerüchen, Farbenräuschen +und Formenwundern! Man spricht ja von nichts anderem, oder? + +Spricht man hier zum Beispiel von den Steinen? Von den Kristallen, den +Quarzen, den Topasen, Smaragden, Diamanten? Oder von Perlen, Korallen und +Muscheln? Nein. Man kann ja nur an ein Ding denken, man kann ja nur in eine +Richtung denken. Wenn man gleichzeitig in alle Richtungen denken könnte, in +tausend Richtungen? Man hat zuerst an die Nüsse gedacht, dann an die +Diamanten, aber wenn man gleichzeitig an alle Dinge denken könnte? An die +Steine, die Pflanzen, die Tiere und alle, alle Dinge zu gleicher Zeit? An +die Muscheln, den Sand, die Palmen, die Kirschblüte, die Orchidee, die +Mammutfichte, den Seestern, den Sägefisch, die Wale, die Tiger und die +Giraffen, an die Papageien und die Adler -- an alles in seinem Wesen, +seinem Charakter, seiner Form und Farbe, würde man nicht taumeln wie der +Habgierige, auf den es Gold herabregnet? + +Man spricht ja nur von den einfachsten und nächstliegenden Dingen. + +Und doch da draußen existiert das alles, jetzt, in diesem Augenblick wehen +die Palmenwälder, die endlosen Fischzüge ziehen durch die Flut, die +Elefantenherden weiden, da und dort ist eine Insel, auf der sich Schwärme +von Paradiesvögeln sonnen, da und dort glüht jetzt eine Wiese in der Sonne +und Tausende von farbenprächtigen Faltern schaukeln sich, an einem fernen +Flußufer stehen Armeen von Flamingos, die Wölfe heulen im Schneefelde, in +diesem Augenblick öffnet die schönste purpurne Blume in irgend einem +einsamen Gebirgstale den Kelch, einerlei wo, in dieser Sekunde funkelt der +Gischt einer Woge im stillen Ozean in der Morgensonne -- es ist schön das +zu denken, es betäubt, berauscht. Hat man an alle Dinge gedacht, nein, nur +an wenige. Hat man an die jüngsten Geschöpfe gedacht, die der Mensch selbst +schuf? Die Geige, die sausenden Maschinen, menschliche Gehirne in Eisen, +die großen Dampfer, die mit ihren Schrauben die Flut des Meeres peitschen? +Es ist schön daran zu denken, es macht reich. + +Aber man hat ja nur an die Oberflächen der Dinge gedacht, an das Sichtbare +der Erscheinungen. Würde man erst in die Dinge hineinblicken, wie? Schon +wie Zelle sich an Zelle gliedert, wie das Blut in den Adern rollt. Der +Gedanke allein macht schwindlig. + +Hätte man auch das getan, hätte man schon alles getan? + +Man hätte ja nur an das gedacht, was auf der Erde ist, an nichts anderes, +nicht an den Raum, die Sterne, die Geheimnisse, die sich zwischen Wesen und +Wesen spinnen, nicht an die ungesehenen Ströme, die in jeder Sekunde aus +unendlichen Fernen fluten und das Menschenherz erbeben lassen. + +Es ist ja gut, daß man nicht an alle, alle Dinge in einer Sekunde denken +kann -- + +Die Linsen waren gekocht und Grau setzte sich zur Mahlzeit nieder. Es war +schön, allein zu sein. Er konnte denken an was er wollte, an alltägliche +Merkwürdigkeiten, zum Beispiel an den Löffel, den Teller, an die Fliege +dort auf dem Buche. + +Draußen erwachte ein leiser Wind und Grau lauschte auf ihn. Bald hörte er +ihn wie ein Geräusch, bald unterschied er kleine Melodien, die immer +wiederkehrten und doch nie dieselben waren. Wie merkwürdig ist doch mein +Ohr nur, dachte er. Etwas Merkwürdigeres kann ich mir kaum denken. Wie eine +Orgel, in die der Wind fährt, wie eine Geige, wie eine Trommel, was man +will. Dazu habe ich zwei Ohren, aber weshalb wohl zwei? Ich habe zwei Augen +um rund zu sehen, vielleicht habe ich zwei Ohren um rund zu hören? Sollte +es das sein? + +Grau lächelte. Hat nicht jeder Punkt meines Leibes Augen und Ohren, sieht +und hört nicht mein kleiner Finger? + +Er lachte: Ah, ich denke für mich, ich spreche für mich, niemand schadet +das etwas, das sind meine Gedanken und ich bin gerne bereit, die andern +Leute zu vernehmen. + +Meine Haare, zum Beispiel, welch geheimnisvolle Funktionen -- genug! + +Er winkte mit der Hand, als ob er jemand zum Schweigen auffordern wolle, +und lächelte. Dann machte er sich an die Arbeit. + +Zu den Mürrischen und Griesgrämigen wollte er reden, zu den Kleinherzigen, +Eng- und Kaltherzigen, den Armen, den Geizhälsen und Ofenhockern. Es ist ja +zuviel Armut in der Welt, meine Freunde, zuviel Geiz. Zuviel Zaghaftigkeit, +Schwäche, Mißtrauen und Trägheit und Haß! Zuviel Hader und Zank! + +Da bist du zum Beispiel, du Kleinherziger! Wenn du allein bist, so ist dein +Herz mit Liebe angefüllt, du denkst, das werde ich tun und jenes, das wird +ihn freuen -- sobald du aber einen Menschen siehst, so mißfällt dir seine +Stimme oder sein Anzug und deine Seele zieht sich zurück wie die Schnecke +in ihr Haus. Habe ich dich entdeckt, Kaltherziger! Ich halte dich fest! Du +sollst ihn ansehen, er hat gelitten, er hat gewartet, ja siehst du nicht, +daß er gewartet hat im Wachen und im Schlafen, daß jemand zu ihm spräche, +sich Mühe gäbe ihn zu verstehen. + +Und du, Empfindlicher, der für jedes Wort empfindlich ist, das man ihm +sagt, und so rasch die Laune verliert? + +Und du, du Fauler, wie? Du bist dick und rund und deinem Gesichte sieht man +die Gutmütigkeit an. Eine Bettlerin pocht an deine Türe und fleht, ach, +denkst du, ich habe mich eben ein wenig ausgestreckt, ich würde ihr ja +gerne etwas geben, aber ich bin müde, ich werde still sein und sie wird +denken, es ist niemand zu Hause und wird fortgehen. Willst du denn dein +ganzes Leben lang so faul bleiben? Sprich? + +Die Menschen wußten ja nicht, welche Schätze in ihren Herzen lagen. Er war +gekommen darin zu graben und die Schätze ans Licht zu heben. + +Ein Mensch ohne Liebesfähigkeit, wie sollte er fähig sein, die Schönheit zu +empfinden -- oder jenes Größte zu fühlen, das Liebe und Schönheit +einschließt und sich dem Menschen nur in seltenen, kostbaren Augenblicken +offenbart? + +Ja, wolle Gott ihm die Kraft verleihen, für die Griesgrämigen und Geizigen +und Faulen die richtigen Worte zu finden! Was war es doch, das sein Herz so +wild schlagen ließ, wenn er sich vorbereitete zu den Menschen zu reden, so +wild, daß er stets glaubte, sterben zu müssen? + +Bald war Grau in die Arbeit vertieft, und der Heilige an der Wand, dessen +Füße sogar nachdachten, sah ihm zu. + + + + +Elftes Kapitel + + +Schon am nächsten Tage machte sich Grau auf den Weg, die Lehrersfrau zu +besuchen, bei der Eisenhuts Mutter wohnte. Es traf sich so günstig, daß er +von dem Lehrer zu einem Besuche aufgefordert worden war. + +Es war kalt, aber die helle Sonne schmolz den Schnee auf den Dächern und wo +man ging, fielen einem langsame schwere Tropfen auf die Hand, den Hut, die +Schultern. Vor allen Häusern waren Kinder, Frauen und Männer beschäftigt, +das Eis aufzuhacken; in der ganzen Stadt hackte und pickte es lustig. Ein +heller gleichmäßiger Lärm erfüllte die Straßen, fast wie ein Singen. Und +unwillkürlich begann Graus Herz mitzuklingen. Im ersten Stocke eines +schönen alten Hauses blitzte ein Fensterspiegel und das war wie ein Winken, +ein Grüßen und durchfuhr ihn wie ein Gruß des Lichtes von weither. Vor +einer Schmiede stand ein Schimmel und Grau sah ihm einen Augenblick lang in +die großen Augen, die wie zwei schwarze Zauberspiegel glänzten. Er +streichelte die Schnauze des Pferdes und flüsterte ihm ins Ohr und der +Schimmel wandte sich nach ihm um, als ob er verstanden habe. + +Die Straße machte eine Biegung und tauchte vollständig in Sonne. Die Sonne +blitzte in allen Fenstern, in all den Picken und Äxten, in all den Tropfen, +die langsam und schwer von den Dächern fielen. + +Grau suchte sich seinen Weg zwischen den arbeitenden Leuten; er hatte eine +eigentümliche Art sie anzusehen, ihnen zuzulächeln und in die Augen zu +blicken. Was ist doch so sonderbar an den Menschenaugen, jener Schein, +frage ich? Nun, sie haben alle Sonne, Mond und Sterne im Blut, das ist +jener Schein, nicht wahr? Aber was ist doch jenes Leuchten in den +Menschenaugen, jenes besondere Leuchten? + +Grau nickte den kleinen Knirpsen zu, die arbeiteten, daß sie schwitzten, +und als ein junges Mädchen mit halboffenem Munde an ihm vorüberging, +starrte er das Mädchen beinahe erschrocken an. Das Mädchen knickste hastig +und wurde rot. Ja, dachte Grau, etwas Schönes ist ein junges Mädchen, ob es +nun Sommer oder Winter ist; die Vögel, die Blüten, Kinder und junge +Mädchen, das ist alles ein und dieselbe Sache. + +Er blickte dem jungen Ding nach und wäre beinahe überfahren worden. Ein +Jagdwagen fuhr rasch daher, der junge Freiherr von Hennenbach kutschierte. + +Grau durchschritt den Torturm. Es war ein schöner Tag heute, das mußte man +sagen! Er atmete die frische Luft ein und fühlte wie seine Augen klarer und +sein Geist freier wurden. Es ist ja nur die Luft, dachte er, großer Gott im +Himmel, nur die Luft, nichts als die Luft, die Vögel atmen sie, die Bäume +und Menschen, aber was ist sie doch? Er blickte in die Höhe, da glitzerte +die Luft als sei sie aus kristallhellen Sternen gebildet. Die Bäume der +Allee streckten ihre Äste zitternd in diese helle, sonnige Luft empor. + +Vor seinen Blicken breitete sich die weiße, weite Ebene aus. In ihrer Mitte +lag der vom Rauch geschwärzte kleine Bahnhof und aus einer Lokomotive, +nicht größer als ein Kinderspielzeug, stieg feiner brauner Rauch empor. Der +Schnee lag unberührt auf den Feldern, nur da und dort hatte der Wind mit +ihm gespielt, ein Feld klippiger kleiner Berge gebaut oder Wellen und +Schleifen in ihn gezeichnet. Er lag weithin wie schimmernder weißer Samt, +auf dem es glitzerte, als sei der Samt mit Brillanten bestickt. In der +Ferne sah es aus, als beginne der Schnee zu brennen, farbige Feuerchen +bewegten sich auf ihm hin und her; lichtes Grün, feuriges Rosa, +Schwefelgelb. + +Auf der Straße gingen drei junge Mädchen und ein hagerer, etwas +schiefschultriger Mann, der ein Bündel Schlittschuhe trug. Sie hatten es +nicht eilig und gingen ganz langsam. Die Mädchen sprachen und lachten mit +klingenden Stimmen und der schiefschultrige Mann, der in einem gelben +abgetragenen Überzieher steckte, ein rotbraunes Halstuch und einen kleinen +spitzen Hut trug, meckerte dazwischen und sprach in hastigen, abgerissenen +Sätzen. + +Zwei der Mädchen gingen Arm in Arm und waren ganz gleich gekleidet, ihre +Haare waren von schlichtem deutschen Blond, auch ihr Gang war der gleiche; +sie gingen beide als schritten sie auf einem Seil. Offenbar waren es +Schwestern. Das Mädchen, das an ihrer Seite schritt, war etwas größer, +freier in allen Bewegungen; sie trug den Kopf wie ein stolzes Tier im +Walde. Sie war gekleidet in ein langes flottes Jackett aus seidenhaarigem +Pelz, eine kleine Pelzmütze saß auf dem auffallend reichen, schwarzen Haar, +das in einen lockeren Knoten gebunden war. Ein dünner gelber Schleier floß +um die Pelzmütze herum und flatterte lustig im Winde. + +Grau sah wie sie sich dahin bewegten und etwas in der Art ihrer Bewegung +ergriff ihn nahezu bis zu Tränen. Sie gingen mit der Seele der Frau, mit +der schwebenden, wehenden Seele der Frau, die in die Weite strebt, wartet, +späht, lockt und hofft. Der Mann an ihrer Seite dagegen ging nicht, er +schlich. Seine Seele war zusammengedrängt, gefesselt, er blickte in sich +hinein, er war beschäftigt mit sich selbst, ob er auch plauderte und +lachte. + +Grau holte die Gesellschaft ein und da der Weg nur zum Teil vom Schnee +freigemacht war, mußte er sich hinter ihr halten. Er hörte, was sie sagten. + +»Haben Sie die Geschichte von dem Manne gehört, der von der Doktorkutsche +auf der Straße gefunden wurde, nachts, im Schnee?« wandte sich das Mädchen +mit den schwarzen Haaren an den Mann, der die Schlittschuhe trug. Sie +sprach scharf, mit einem kaum hörbaren fremden Akzent. + +»Adele!« sagten die Schwestern leise und lächelten. + +Der Mann mit den Schlittschuhen lachte meckernd. »Jä,« sagte er, »ich habe +diese Geschichte gehört, natürlicherweise habe ich sie gehört -- am andern +Tag -- aber ich kann schwören --« + +»Schwören Sie besser nicht!« fuhr das Mädchen fort. »Wie leicht hätten Sie +im Schnee erfrieren können.« + +»Jä, wie leicht hätte ich im Schnee erfrieren können!« + +»Sie sollten sich schämen, ich an Ihrer Stelle würde mich schämen.« + +»Gewiß, Sie, ja Sie würden sich schämen, Fräulein von Hennenbach.« + +»Sie ruinieren sich auch. Sie sind ein ganz origineller Mann, aber +vollständig verwahrlost. Vielleicht sind Sie auch nur originell, weil Sie +verwahrlost sind.« + +Der junge Mann mit dem spitzen Hut lachte. »Wie geistreich!« sagte er und +lüftete ein wenig den Hut, indem er ihn bei der Spitze mit zwei Fingern +anfaßte und in die Höhe hob. »Wie geistreich!« meckerte er. »Wie +geistreich!« + +»Es ist nichts mit Ihnen anzufangen!« sagte kühl das junge Mädchen und +wandte sich den Freundinnen zu. + +Eine Weile blieb es still, dann begann sie von neuem: »Lassen Sie sich's +gesagt sein,« sagte sie, »daß ich meinem Bruder nicht mehr erlaube, Sie zu +besuchen. Sie treiben es zu toll bei Ihren Gelagen. Das ist ja die reinste +Lasterhöhle. Vier Nächte nacheinander hat er mit Ihnen durchgezecht. Es +wird auch Hasard gespielt, nicht wahr? Heute nacht hat er zweihundert Mark +dabei verloren.« + +»Was hat er verloren?« + +»Zweihundert Mark. Er hat sie heute von mir verlangt. Weiß Gott, es ist +unrecht von Ihnen. Natürlich muß er bezahlen, wenn er sein Ehrenwort +gegeben hat, aber es ist eine Sünde von Ihnen, er ist noch so jung.« + +Der schiefschultrige Mann lachte laut heraus. »Aber es ist ja keine Silbe +wahr von all dem, was Sie da sagen!« rief er. »Keine Silbe, nicht eine +einzige Silbe! Er war eine ganze Woche nicht bei mir, kein Mensch war bei +mir. Wie kann er da zweihundert Mark verloren haben, wie denn? Ich habe +nicht mit ihm gespielt, das schwöre ich Ihnen!« + +»Schon gut! Sie werden es ja nicht eingestehen, Sie werden es leugnen. Das +ist selbstverständlich. Ich werde Ihnen aber die Polizei ins Haus schicken, +mein Herr! Daß Sie es nur wissen. So wahr ich hier gehe, das werde ich tun. +Es ist Ihnen doch bekannt, daß Hasard polizeilich verboten ist, nicht +wahr?« + +Der Mann rasselte mit den Schlittschuhen, warf dem Mädchen einen bösen +Blick zu, aber dann lachte er wieder. »Was Sie nicht sagen?« rief er aus. +»Ich bekümmere mich nicht um die Polizei. Sehen Sie, ich stecke jedem eine +Flasche Wein in die Tasche und dann gehen sie wieder. Übrigens, Fräulein +von Hennenbach, hat gerade Ihr Herr Bruder das Spiel eingeführt. Er brachte +es von Monte Carlo mit.« + +Es blieb einen Augenblick still, dann erwiderte das Mädchen: »Er war ja nie +in seinem Leben in Monte Carlo, niemals!« + +»Also hat er auch keine hundertundfünfzigtausend Mark dort verloren, wie? +Also lügt er?« + +»Er macht sich einfach lustig über Sie, das ist alles!« + +Der junge Mann nahm den Hut ab und verbeugte sich. Er lachte. + +»Herr von Hennenbach lügt nicht!« rief er aus. »Herr von Hennenbach machen +sich einfach lustig. Er macht sich lustig, ja, das muß man sagen, er lügt +nicht, er macht sich lustig. Er sagt, er habe zweihundert Mark im Spiel +verloren und er hat drei Tage vorher mich um genau zweihundert Mark +gebeten, da er sie brauche. Ich habe sie ihm aber abgeschlagen -- rundweg +-- ich gebe nichts mehr, keinen Pfennig, ich habe die schlimmsten +Erfahrungen gemacht in der letzten Zeit!« + +Grau watete nun durch den Schnee und beschrieb einen weiten Bogen um die +Gesellschaft. Hinter ihm meckerte der junge Mann, er räusperte sich und +rasselte mit den Schlittschuhen. + +»Aber, nein!« sagten die Schwestern vorwurfsvoll, und die junge Dame fügte +in scharfem Tone hinzu: »Was denken Sie doch --?« + +Doch der junge Mann lachte nur. Er sagte laut: »Alle Welt macht sich über +mich lustig -- ergo -- weshalb soll ich mich denn nicht auch ein wenig +lustig machen, wenn es mir einfällt! Wie? Bin ich etwas andres vielleicht +als die andern Menschen? Ich erlaube mir das zu fragen! Man soll sich nur +ein wenig in acht nehmen vor mir. Ich könnte eines schönen Tages einen +Skandal heraufbeschwören und das wäre manchen Leuten nicht angenehm, nein!« +Er meckerte, aber er schien zornig zu sein. + +»Sie sind ja ein ganz gefährlicher Mensch!« sagte eine der Schwestern. + +Fräulein von Hennenbach aber sagte kurz: »Tun Sie doch, was Sie nicht +lassen können, aber lassen Sie mich mit Ihren Anspielungen gefälligst in +Ruhe!« + +Darauf bat der Mann um Entschuldigung. Ein solch harmloser Mensch, wie er +sei! Wenn er sich nur erlaube, zu scherzen -- + +Die Stimmen verloren sich. Grau war beim Bahnhof angelangt, blieb stehen +und blickte sich um. Dem Bahnhof gegenüber stieg der Wald an; eine Hütte, +gefüllt mit Brettern, Leitern, Balken, lag am Wege, dort stand ein dicker, +niedriger Turm mit leeren Fensterlöchern -- ein alter Wartturm -- aber von +einem Wohnhaus war nichts zu sehen. Allein dieser Lehrer, dieser Lehrer +Löwenherz, hatte er nicht gesagt: Gleich beim Bahnhof? + +Die Gesellschaft holte ihn ein. Die Mädchen standen still, führten +flüsternd eine Beratung, dann sagte eine der Schwestern: »Suchen der Herr +etwas?« + +Grau zog den Hut. »Ja, ich suche ein Haus,« sagte er. + +»Hier sind keine Häuser,« sagte der Mann mit den Schlittschuhen mit dünner +Stimme und lächelte spöttisch. Grau hatte ihn schon gesehen. Er hatte ein +gelbes Gesicht, einen kleinen Spitzbart und Mausaugen. + +»Ja, hier scheinen allerdings keine Häuser zu sein,« sagte Grau und blickte +umher. »Aber man hat mich hierher gewiesen -- ich suche das Haus eines +Lehrers, eines gewissen Lehrers Löwenherz!« + +»Löwenherz?« + +Die jungen Mädchen blickten einander an. Sie besannen sich und schüttelten +die Köpfe. Die Schwestern sahen einander so ähnlich, wie zwei rotbackige +Äpfel auf einem Zweig. Man hätte sie nicht zu unterscheiden vermocht, wenn +nicht die eine ein kleines braunes Mal auf der Wange gehabt hätte. Sie +hatten frische, runde Gesichter mit roten Wangen, die etwas rissig von der +Kälte waren, und nachdenkliche blaue Augen. + +Fräulein von Hennenbach sah nicht so bleich aus wie neulich, als Grau in +ihrem Hause vorsprach, ihre Wangen waren von einer feinen Röte überzogen, +aber ihre Augen erschienen um so klarer und heller. Sie waren nahezu weiß. + +Der Mann mit den Schlittschuhen begann plötzlich zu kichern und zu lachen. +Er streckte wichtigtuerisch die spitze Nase vor. »Es ist der Lehrer!« rief +er aus. »Sicherlich ist es der Lehrer. Er heißt Lenz, mein geehrter Herr. +Löwenherz! Was sagen die Damen dazu? Ein ausgezeichneter Einfall -- +Löwenherz!« + +Fräulein von Hennenbach öffnete erstaunt die Lippen. »Ah, Susannas Vater!« +sagte sie, und die Schwestern fügten wie aus einem Munde hinzu: »Ach ja, +Susannas Vater!« + +»Ich erinnere mich, er sprach von seiner Tochter Susanna,« sagte Grau. + +»Das ist ganz in der Ordnung, er wohnt hier. Nur muß man durch den Turm +gehen, bis zur Brücke. Der Herr hier hat im gleichen Hause zu tun.« + +Sie gingen zusammen und schwiegen. »Ein schöner Tag!« sagte Grau nach einer +Weile. »Ja!« antworteten die Mädchen wie aus einem Munde und sahen ihn alle +an. Es war schön, wie sie alle die Gesichter zu ihm wandten, die außen +gehende mußte sich etwas vorbeugen. Er sah in diese drei Paar Augen hinein. +Aber es fiel ihm weiter nichts ein, was er den Mädchen sagen hätte können. + +Von der Brücke aus konnte man ein kleines Häuschen im Felde liegen sehen. +Dieses Häuschen lag ganz einsam, halb zugeschneit lugte es mit zwei trüben, +kleinen Fenstern aus dem Schnee. Weit und breit war nichts zu sehen als +Schnee, kein Baum, kein Strauch, nur einige Krähen bewegten sich langsam in +einem Acker. Es lag da gleichsam ausgestoßen aus der Stadt, wie ein +Siechenhaus, wie die Hütte des Abdeckers. Ein Zaun lief um das Haus herum +wie ein Gitter, aus dem Kamin stieg ein Hauch von Rauch, den man nur mit +scharfen Augen wahrnehmen konnte. + +Dieses Haus sei es! + +Grau nahm den Hut ab. »Ich danke, meine Damen!« sagte er und verneigte sich +vor den drei jungen Mädchen. »Bitte, bitte!« + +Fräulein von Hennenbach blickte ihn an. Sie heftete ihre hellen, klaren +Augen eine Weile auf Grau, dann sagte sie: »Wie schön Sie neulich +gesprochen haben!« Sie streckte ihm die Hand hin. Sie lächelte, aber ihr +Mund und ihre Züge blickten trotzdem ernst. + +Die Schwestern lächelten ebenfalls, Grübchen erschienen in ihren Wangen und +ihre weißen, kleinen Zähne blitzten; sie richteten die Augen groß und +leuchtend auf Grau. + +Grau verbeugte sich verwirrt. Er wagte kaum, die Hand des Mädchens zu +berühren. Er errötete und machte abermals eine verwirrte Verbeugung. + +»Viele Grüße an Susanna, viele Grüße!« riefen die Mädchen. + +»Morgen kommen wir!« setzten die Schwestern hinzu. + +Der junge Mann lieferte die Schlittschuhe ab und ging an Graus Seite +feldeinwärts. Sie wateten bis an die Knie im Schnee. Grau ging wie ein +Träumender. + +Wie merkwürdig, dachte er, wie merkwürdig! Und unwillkürlich wandte er sich +nochmals nach dem Mädchen um. Nun fällt es mir ein, wo ich dieses Mädchen +schon früher gesehen habe. Ich ging einst im Traume mit ihr über die Heide +-- damals unter dem Sternschnuppenregen. Es sind dieselben Augen und +besonders ihre Art, den Kopf zu tragen -- wie merkwürdig ist das Leben! + +Er hörte kaum, was sein Begleiter sagte, obwohl er sich aus mehreren +Gründen außerordentlich für ihn interessierte. + + + + +Zwölftes Kapitel + + +Der Mann mit dem gelben Gesichte und den Mausaugen begann sogleich zu +sprechen; er sprach hastig und nahezu ohne Pause, bis sie das Häuschen +erreicht hatten. Er kicherte und hüstelte, während er sprach, und er sah +Grau immerzu mit seinen blinzelnden Augen an. Aber jedesmal, wenn Grau ihm +den Blick zuwandte, tat er, als suche er etwas im Schnee. Er kicherte, auch +als Grau einmal im Felde ausglitt. + +Vorhin hatte er mit gezwungener Keckheit gesprochen, nun aber sprach er mit +unterwürfiger, fast demütiger Stimme, nach der Art vieler Männer, die ihr +Benehmen vollständig ändern, sobald sie die Gesellschaft von Frauen +verlassen. + +»Sie erlauben wohl, daß ich Sie begleite?« begann er und lüftete den +spitzen Hut. »Ja, ich habe gehört, auf welche Weise der Herr mit dem Lehrer +zusammengetroffen sind, man hat es mir erzählt. Sie haben den Lehrer +natürlich nicht gekannt, sonst wären Sie wohl etwas vorsichtiger gewesen. +Ich muß Ihnen leider sagen, daß man sich mit den Leuten hier in acht nehmen +muß. Sogar gebildete Herren, Ärzte, Professoren, sie versprechen Ihnen das +Blaue vom Himmel herunter und halten -- nichts. Man kann hier Geld +zusetzen, du große Güte!« + +»Kennen Sie Herrn Lenz?« fragte Grau. + +»Ja, und ob ich ihn kenne. Jedermann kennt ihn. Er kommt auch zuweilen zu +mir, mitten in der Nacht kommt er angeschlichen. Er darf sich ja in der +Stadt nicht blicken lassen.« + +»Er darf sich in der Stadt nicht sehen lassen? Was heißt das?« + +Der junge Mann zog einen kleinen Zigarrenstummel aus der Tasche und steckte +ihn in Brand. »Er hat den Stadtverweis, mein Herr!« sagte er vergnügt +lächelnd und paffte. »Auch seine Familie, seine Frau, seine Tochter, +niemand darf die Stadt betreten.« + +»Ja, was hat er denn Schreckliches getan?« fragte Grau und blieb stehen. + +Der junge Mann lachte meckernd. »Er hat,« sagte er flüsternd und kicherte +-- »er hat sie durchgeprügelt! Die Polizeidiener zuerst und dann den +Bürgermeister. Weil sie ihn entließen. Er war ja Lehrer hier in der Stadt.« + +»Warum wurde er denn entlassen?« + +»Oh, er machte Streiche. Er hat auch oft getrunken, mehr als er vertragen +konnte. Einmal lag er am Morgen betrunken auf dem Marktplatze, gerade als +die Sonne aufging. Ich muß lachen, wenn ich nur daran denke! Denn ich habe +ihn liegen sehen, bevor noch jemand kam, und gewartet und gedacht: Was für +ein Spaß wird das werden! Er lag so komisch da, er lag da, als ob er eben +einen großen Sprung machen wollte, so lag er da. Ich dachte, das wird einen +hübschen Spaß geben. Dann kamen die Leute, die Kinder kamen, die in die +Schule gingen, Frauen, Männer, aber er lag da und schlief, er war nicht +wach zu bekommen. Was ich gelacht habe!« + +»Deshalb also wurde er entlassen?« + +»Nein, nein. Damals unterrichtete er das Töchterchen des Bürgermeisters, +deshalb wurde er nicht entlassen. Auch seine Frau, die lief zum +Bürgermeister, flehte und winselte, und deshalb ließen sie es hingehen. +Aber später. Er hatte so eigentümliche Einfälle und er machte Streiche über +Streiche. Er sagte zu den Kindern: Heute ist keine Schule, es ist zu +schönes Wetter, geht hinaus in den Wald. Das ist aber doch keine Schule, +nicht wahr? Oder er hat ihnen keinen Unterricht gegeben, er hat ihnen +tagelang Märchen erzählt. Aber das tollste, was er gemacht hat, sehen Sie, +das hat ihm auch den Hals gebrochen. Ja, er ging also mit der Klasse +spazieren, er hatte die Mädchenklasse, an einem sehr heißen Tag im Juni. Da +kamen sie nun an einen Bach, es war sehr heiß, wie gesagt, und was meinen +Sie nun, was er tat? Er sagte: Alle auskleiden! Nun, Sie können sich +denken, das ging hui, hui, das kam den kleinen Mädchen gerade recht, sie +kleideten sich aus und plätscherten alle dreißig im Bach herum. Er, Lenz, +er saß dabei und lachte. Plötzlich aber kam der katholische Geistliche, der +geistliche Rat -- ein fetter -- ein etwas korpulenter Herr -- er kam -- und +so war es, der Lehrer mußte gehen. Aber hören Sie, er ging nicht, er ging +nicht!« + +»Er ging nicht?« + +»Nein, er sagte es, er sagte es zu mir. Ich werde nicht gehen, sagte er, +ich lasse es darauf ankommen. Ich werde morgen Schule halten und werde sie +hinauswerfen, wenn sie kommen. Tue das, sagte ich, welch einen Spaß wird +das geben, einen unbezahlbaren Spaß. Er sagte auch, daß der Bürgermeister +sich ein wenig in acht nehmen solle, außerdem könne er Prügel fassen. Ja, +tue es, tue es, sagte ich, das wird ganz unsagbar drollig werden. Du nimmst +dich meiner Familie an, ja? Ja, sagte ich, du kannst ruhig sein. Und hören +Sie, Herr, er tat es, er tat alles. Er hielt Schule und sie wollten ihn aus +dem Schulhaus weisen, aber er prügelte die Polizeidiener durch, dann ging +er ins Rathaus und prügelte den Bürgermeister durch -- vor all den +Schreibern --« + +Der junge Mann lachte und hustete. + +»Ich habe niemals mehr gelacht. Solch ein Mensch -- er mußte dann sitzen, +lange, lange Monate, er verlor seine Stellung, sein bißchen Vermögen, +alles, alles -- hähähä -- nun treibt er sich in der Welt herum und seine +Frau und seine Tochter sie sitzen hier. Wir wollen hoffen, daß der Herr ihn +antreffen.« + +Sie näherten sich dem Häuschen und Graus Herz begann eigentümlicherweise zu +pochen. + +»Sie hat keine Pension?« fragte er. »Die Frau?« + +»Pension? Aber wieso denn Pension? Woher?« + +»Hm. Sie hat auch kein Vermögen?« + +»Hahaha, nein. Vermögen, um Gottes willen --!« + +»Sie ist also arm,« sagte Grau leise zu sich selbst. »Wie sagten Sie? Sie +glauben also nicht, daß wir Herrn Lenz antreffen werden?« fügte er hinzu +und blickte den Mann mit dem Spitzbart an. + +Der Mann mit dem Spitzbart zuckte zusammen. »Nein,« sagte er verwirrt, »ich +glaube es nicht. Er bleibt immer nur da, bis ihn seine Frau +zusammengeflickt hat, dann geht er wieder. Ich habe auch gehört, daß er in +Weinberg in einer Wirtschaft alle Fenster eingeschlagen hat, nun wird ihm +wohl der Boden zu heiß geworden sein. Vielleicht ist er da, wer weiß es? Er +ist sehr amüsant und er kann deklamieren -- was er doch alles im Kopfe hat! +Er kann Ihnen ganze Theaterstücke vorspielen. Er hat mir oft die ganze +Nacht hindurch vorgespielt.« + +»Sie lieben es wohl, ihm zuzuhören?« fragte Grau lächelnd. + +»Warum?« + +»Nun, ich meine nur!« sagte Grau und lächelte. + +»Ja, ich liebe es!« antwortete der Mann mit dem Spitzbart und errötete ein +wenig und blinzelte. »Er deklamiert oft die ganze Nacht bei mir, bis er zu +lachen anfängt --« + +»Zu lachen?« + +»Ja, zuletzt lacht er stets fürchterlich, so daß Sie Angst bekommen -- dann +wird er gefährlich -- hier sind wir!« Er öffnete das Gartentürchen und ließ +Grau eintreten. Man hörte keinen Laut hier außen, auch das Haus lag ohne +jedes Zeichen von Leben. Eine ganz besondere Stille und Einsamkeit +herrschte hier und auch der Wind, der leise um die Wände des Häuschens +strich, schien ein besonderer Wind zu sein. + +Der Mann mit dem gelben Gesicht klopfte an die Haustüre. Sie warteten und +standen einander gegenüber. + +Grau sah sich seinen Begleiter aufmerksam an. Eigentlich war das Gesicht +nicht gelb, es spielte in allen Schattierungen von Gelb bis Grau, gegen die +Schläfen zu ins Grünliche. Es war von tiefen Furchen durchzogen, die +fächerartig von den Augenwinkeln ausgingen und sich hart um den Mund +eingruben. Diese Furchen waren grau und es schien als sei Schmutz in ihnen. +Der Bart am Kinn sprang vor wie ein Geißbart; seine Haare waren von +unbestimmter Farbe, sie schienen feucht und klebend zu sein und waren grau +an den Schläfen, obgleich der Mann die Dreißig kaum überschritten hatte. +Seine Augen waren leicht entzündet, klein und neugierig bewegten sie sich +in dem getrübten Weiß hin und her. Die Lider zwinkerten unaufhörlich. + +Dieses Gesicht verriet keinen bestimmten Charakter; Schüchternheit, +Keckheit, Demut und Hochmut, Habgier, Bosheit und Argwohn, alles konnte man +in diesen Zügen finden; aber Grau entdeckte ein Paar schöngezeichneter +Lippen, die sich zusammenzogen und gleichsam hinter dem dünnen Schnurrbart +versteckten, der in feuchten, kurzen Büscheln über den Mund herabhing. + +Ihre Blicke begegneten sich und plötzlich hörte der Mann mit dem Geißbart +auf zu blinzeln; das Blut stieg ihm in die Wangen, als ob er tief +erschrocken wäre, dann erbleichte er. Er griff hastig an den Hut und sagte +mit kaum hörbarer Stimme: »Eisenhut!« + +Grau reichte ihm die Hand. Eisenhuts Hand war feucht und schlaff. + +Eisenhut begann wieder zu blinzeln. Er legte sein gelbes Gesicht in Falten +zu einem Lächeln, so daß man seine schlechten braunen Zähne sah, und sagte: +»Danke, danke, es ist mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen.« + +Er sprach hastig, ruckweise, und man hätte sagen können, auch seine Stimme +blinzelte. + +Die Türe öffnete sich lautlos, und ein schmächtiges Mädchen, eine +Hornbrille auf der großen Nase, stand im Rahmen. + + + + +Dreizehntes Kapitel + + +»Guten Tag, Mütterchen!« sagte Eisenhut zu dem schmächtigen Mädchen, das +die Türe öffnete. Er deutete auf Grau und fügte geheimnisvoll hinzu: »Hier +ist ein Herr vom Gericht, der etwas von Ihnen will!« + +Mütterchen krümmte sich zusammen und lugte scheu durch die Brille, aber sie +versuchte zu lächeln. + +»Keineswegs!« rief Grau aus und zog den Hut und trat näher. »Herr Eisenhut +scherzt. Ich komme lediglich --« + +Eisenhut lachte. »Nein,« unterbrach er Grau, »haben Sie keine Angst, +Mütterchen, es ist ein Herr, der Sie besuchen will, Herr Vikar Grau.« + +Grau verbeugte sich und sagte, daß er so glücklich gewesen sei, Herrn Lenz +kennen zu lernen, einen ausgezeichneten und interessanten Mann, Herr Lenz +habe ihn zu einem Besuche aufgefordert. + +Mütterchen öffnete den welken Mund, ging ein paar kleine Schritte rückwärts +und verbeugte sich schüchtern und mädchenhaft. Sie war klein, schmal, +hüftenlos wie ein Mädchen. Mit den pechschwarzen Haaren und der gebogenen +Nase sah sie wie eine kleine zusammengeschrumpfte Jüdin aus. Sie starrte +mit großen fragenden Augen, die wie bestaubter schwarzer Samt aussahen, zu +Grau empor, dann schüttelte sie langsam den Kopf. + +»Sie haben ihn gesehen?« fragte sie leise und singend, und ihre Stimme +zitterte. »Er ist nicht hier!« Sie schüttelte traurig den Kopf, dann fügte +sie ganz leise hinzu: »Er wird noch zu tun haben.« Sie versuchte zu +lächeln. + +»Ja, er wird noch zu tun haben, auf ein Haar!« rief Eisenhut boshaft aus +und ging hinein ins Haus. + +Mütterchen stand ratlos, sie wußte nicht, was sie tun sollte. Sie zog den +verblichenen türkischen Schal enger um die schmalen Schultern und blickte +Grau hilflos an. + +Aber Grau ging nicht. + +Er sah Mütterchen an, die Türe, das Haus, er blickte auf die matten dunkeln +Fenster, er wandte den Blick wiederum auf Mütterchen. + +»Wie fatal, wie fatal!« sagte er, und es hatte den Anschein als wolle er +gehen. Aber er ging nicht. Er sann nach, errötete und begann plötzlich +hastig zu sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wäre, den Herren nicht +anzutreffen. Er habe sich so darauf gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles +mehr. + +»Könnte ich nicht auf ihn warten?« + +»Warten?« + +»Ja, warten, auf ihn warten!« wiederholte Grau und sah aus, als horche er +in sich hinein. Er blickte wiederum auf das Haus, die Fenster, und fügte +hinzu: »Wäre es nicht möglich, daß er gerade jetzt käme? Aber natürlich, im +Falle ich stören sollte? Gewiß erscheine ich Ihnen zudringlich, Frau Lenz.« + +»Stören?« Mütterchen lächelte und schüttelte den Kopf. »Der Herr stören +keineswegs,« flüsterte sie, »wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?« Sie +trat zurück und forderte Grau mit einer linkischen, rührenden Verbeugung +auf einzutreten. + +»Die Ehrung ist auf meiner Seite!« sagte Grau freudig und verbeugte sich +ehrerbietig vor Mütterchen. »Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Lenz!« + +Mütterchen öffnete eine Türe zur rechten Hand. Das erste, was Grau sah, als +er in das von verbrauchter warmer Luft erfüllte Zimmer eintrat, war der am +Boden hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glänzende, große Augen in +einem fahlen, mageren Gesicht. Ein krankes, zwerghaftes Mädchen saß in +einem Lehnstuhle, eine Decke über den Knien. Sie heftete unausgesetzt die +großen Augen mit einem forschenden, starren Blick auf ihn. Das also ist +Susanna, dachte Grau, von der der Lehrer sprach. Unwillkürlich wurde er +kleiner, er duckte sich und sah nun nicht mehr so heiter aus. + +»Hier ist ein Herr, Susanna,« sagte Mütterchen leise. »Herr --?« + +»Grau!« Grau lächelte. Er ging auf die Kranke zu und begrüßte sie. Sie +legte ihre kleine gelbe Hand in die seinige, ohne auch nur eine Sekunde den +Blick von ihm zu wenden. Sie machte auch einen Versuch aufzustehen, aber +Grau erlaubte es nicht. + +»Wie schön!« sagte Susanna. »Seien Sie herzlich willkommen. Es ist so +selten, daß uns jemand besucht, so daß es mir stets wie ein Traum +erscheint. Ach, Mütterchen, gib dem Herrn einen Stuhl.« Graus Herz begann +zu pochen, als Susanna zu sprechen anfing. + +Susanna sprach mit einer hohen dünnen Stimme und sehr leise. Wie Mütterchen +so sang auch sie beim Sprechen ein wenig, aber ihre Stimme schien gleichsam +durch eine Wand zu kommen. Ihre Augen aber glänzten wie schwarze Spiegel, +während sie sprach, und sie sahen ihn unausgesetzt an. Die Lider schienen +nicht zu zucken. Sie sah gealtert aus und doch sah man, daß sie jung und +noch nicht zwanzig Jahre alt war. Sie hatte ein Gesicht wie ein seltsamer +Vogel. Ihr Hals war dünn und gelb und zwei schmale Sehnen hielten den +kleinen, abgemagerten, vorgebeugten Kopf. Die Augen lagen tief und füllten +die ganzen Augenhöhlen aus. Die Haare waren schwarz und glatt über der +niedrigen Stirne gescheitelt, zwei dünne, straffgeflochtene Zöpfchen hingen +über die Ohren herab, in denen sie Ringe mit langen silbernen Quasten trug. + +Grau bestellte die Grüße, die ihm die Mädchen aufgetragen hatten, und +erzählte, welcher Zufall ihn hierher bringe. + +»Die Schwestern werden Sie morgen besuchen,« fügte er hinzu. + +Susanna lächelte ein wenig. Es war ein kleines, glückliches Lächeln, das +nur mühsam den langen Weg vom Herzen bis zu den Lippen zu finden schien. +»Danke!« sagte sie und blickte Grau an. »Ich habe auch schon von Ihnen +gehört, Herr Grau,« fügte sie hinzu, »und ich habe gewünscht Sie zu sehen +-- und nun sind Sie hier. -- Wie eigentümlich ist doch das? Aber noch +merkwürdiger ist es, daß ich mir gedacht habe, das muß Herr Grau sein, der +mit Herrn Eisenhut über die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fühlte es. Ich +weiß nicht warum.« Sie sah Grau abermals aufmerksam an und drehte den Kopf +etwas zur Seite, wie um besser seine Augen sehen zu können. + +»Das ist eigentümlich!« sagte Grau lächelnd. »Und doch hat jeder Mensch das +so und so oft erlebt. Zum Beispiel als ich hier ankam, sah ich im Friedhof +einen Herrn und als ich später von Herrn Eisenhut reden hörte, wußte ich, +daß er jener Herr sein müsse, er und kein anderer.« + +»Er war es auch?« + +»Ja.« + +»Merkwürdig. Vielen Dank für die Grüße, Herr Grau. Ich sah sie alle fünf +über die Brücke gehen. Es waren die Schwestern Sinding von der +Buchhandlung, sie sind Zwillinge, Klara und Maria Sinding. Sie sollten sie +kennen, so gut sind sie, so treu und schlicht. Und dann war ja auch die +andere dabei, nicht wahr?« Susanna blickte fragend in Graus Augen. »Haben +Sie die andere gesehen?« + +»Fräulein von Hennenbach?« + +»Ja, ja, ja! Haben Sie sie genau angesehen? Wie hat Sie Ihnen gefallen?« +Sie lächelte. + +Sie war so gelb, so wächsern, so häßlich mit ihrer Hakennase, den +eingefallenen Wangen und der niedern Stirn, aber sobald sie lächelte, sah +man all das nicht mehr, man sah nur das Lächeln; es verzauberte ihre +Wangen, daß sie jung und süß wurden, ihre Lippen kräuselten sich und +enthüllten eine Reihe schneeweißer Zähne, die Augenbrauen zogen sich ein +wenig an der Nasenwurzel in die Höhe, der Glanz ihrer Augen veränderte +sich. Wenn sie darauf sprach, so war das Lächeln gleichsam in ihrer Stimme, +sie wurde sanfter und singender. Mit dieser lächelnden Stimme wiederholte +sie: »Nun, wie hat sie Ihnen gefallen?« + +»Wie schön sie doch ist!« sagte Grau und lächelte ebenfalls. + +Susanna nickte ein paarmal. »Ja, wie schön sie doch ist!« sagte sie. »Sie +ist berückend schön, ja! Wenn die zu mir kommt -- und sie scheut sich nicht +zuweilen zu mir zu kommen, so stolz sie auch ist, wir sind +Schulfreundinnen, müssen Sie wissen -- wenn sie nun eintritt in das kleine +Zimmer hier, so ist es mir, als wäre es Mai, Mai, und ich fühle mich gesund +und stark und so reich werde ich plötzlich im Herzen. So schön ist sie! Ich +liebe sie! Wie stolz sie geht! Ganz anders wie andere Menschen! Wie langsam +sie den Kopf bewegt! Ich liebe es schöne Menschen zu sehen, ich liebe es, +man fühlt sich selbst schön bei ihrem Anblick. Ich liebe Adele besonders. +Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich nicht eher ruhen, als bis sie mich +wiederliebte. Nun es waren ja auch alle Männer der Stadt in sie verliebt!« + +Grau lächelte. »Jetzt nicht mehr?« fragte er. + +»Freilich, aber sie hüten sich wohl es laut werden zu lassen,« fuhr sie +geheimnistuerisch fort, »denn sie hat sich über alle, alle lustig gemacht. +Sie hat in Gesellschaft wieder erzählt, was sie zu ihr sagten -- nun, das +war ja vielleicht nicht recht von ihr -- sie haben es alle wieder hören +müssen, und dann -- dann sagen sie auch, sie lege es darauf an, jeden Mann +an sich zu ziehen -- aber das ist ja immer so -- auch er« -- sie flüsterte +und deutete auf die Türe -- »auch er, Herr Eisenhut, ist verliebt in sie, +auch er!« + +»Also deshalb!« sagte Grau, und Susanna sah ihn fragend an. + +»Susanna!« sagte Mütterchen. »Wenn er es hört!« Sie warf einen ängstlichen, +argwöhnischen Blick auf Grau. + +Susanna lachte leise und hustete. »Wie sollte er es hören können, +Mütterchen, er kann es nicht hören und wenn er das Ohr an die Türe legt -- +Herr Grau wird ihm nichts verraten, du solltest dir deine Leute doch +ansehen. Aber der Herr steht ja immer noch, Mütterchen, siehst du es nicht? +Ach, nicht diesen Stuhl, mein Herr, er ist nicht fest auf den Beinen.« + +Mütterchen hatte sich abgemüht einen großen Lehnsessel herbeizuschleppen +und wartete bis Grau Platz nehmen wolle. Grau dankte und ließ sich nieder. +Der Stuhl war alt und knarrte, einen Augenblick lang glaubte Grau bis auf +den Erdboden zu sinken. Aber schließlich saß er und es sah aus, als ob er +nicht tiefer sinken sollte. Nun stand Mütterchen wieder wartend in der +Ecke; in das Tuch gehüllt, mit der Brille sah sie wie eine Eule aus. + +Susanna lächelte, blickte auf ihre gelben kleinen Hände und blickte wieder +auf Grau. + +»Aber das ist es ja nicht allein, daß sie so schön ist!« fuhr sie fort. »Es +ist noch etwas anderes.« + +»Sie ist gewiß sehr eigentümlich.« + +Ja, ob er das gefunden habe? + +»Ich glaube, man kann es recht gut an ihren Augen sehen,« sagte Grau, der +Susanna unausgesetzt in die Augen blickte. + +»Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentümlich. Sie ist wie eine Fremde und hat +eine ganz andere Seele als wir andern alle. Es ist so schwer sie zu kennen, +und niemals kennt man sie ganz, denn immer kommt etwas Neues zum Vorschein. +Man kann nie wissen, was sie fühlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint +sich weder zu freuen, noch scheint sie zu leiden, ja manchmal könnte man +glauben, sie habe gar kein Herz. Aber sie ist ja nichts als Güte, nur ist +sie ganz anders gut als andere Menschen. Sie ist auch sehr mutig, +unerschrocken und kaltblütig. Hören Sie, als es gebrannt hat im Schloß -- +Herr Grau haben wohl gehört von dem Brande --« + +»Ich habe die Brandstätte gesehen.« + +»-- was denken Sie, was sie tat? Sie ging beim ersten Alarm zu ihrer Mutter +ins Schlafzimmer und gab ihr ein Schlafpulver in Zuckerwasser. Denn die +Mutter Adeles ist leidend und wäre wohl vor Schrecken gestorben. Die Mutter +hat es selbst den Schwestern Sinding erzählt. Ist das nicht +bewundernswert?« + +»Solch ein Gedanke!« sagte Grau. »Wie rasch sie denkt!« + +»Ja, so rasch denkt sie! Der Gärtner bemerkte das Feuer zuerst, er ging +leise zu den Leuten und weckte sie, auch Adele. Sofort ging sie nun zu +ihrer Mutter. Auch dann, während des Feuers, blieb sie so ruhig und gefaßt +und gab an, was man tun sollte. Alle Leute hatten den Kopf verloren, auch +die Feuerwehrmänner. Es brennt so selten hier, das ist der Grund.« + +»Wann war denn der Brand?« fragte Grau. + +»Mütterchen, wann war es wohl?« + +Mütterchen sagte: »Mitte August!« + +»Und wie entstand das Feuer? Es hat ja einen ganzen Flügel zerstört, nicht +wahr?« + +Das wisse niemand. Susanna schüttelte den Kopf. »Niemand weiß es,« sagte +sie. »Ja, es hat einen ganzen Flügel zerstört und gerade den, der nicht +bewohnt war. Kein Mensch wohnte darin, kein Dienstbote, niemand.« + +»Welch ein Glück!« + +»Ja, nicht wahr! Man hat wochenlang von nichts anderem gesprochen. +Vielleicht war es ein Racheakt. Aber man weiß es nicht. Sie dachten an ein +Dienstmädchen, das nicht richtig im Kopfe ist und das die Herrschaft +entließ. Aber dieses Dienstmädchen war zu einer Hochzeit verreist, also +konnte auch sie es nicht getan haben. Das Feuer muß von selbst entstanden +sein.« + +»Von selbst?« Aber ein Feuer könne doch nicht von selbst entstehen? Grau +schüttelte den Kopf. + +»Doch, ganz von selbst! Durch Wolle oder Vorhänge oder irgend etwas. Es war +furchtbar für die Familie. Denken Sie nur, all die alten kostbaren Möbel +und Bilder, die verbrannt sind. Aber das ist es nicht allein. Sie müssen +wissen, daß die Hennenbachs sich seit Jahren in Schwierigkeiten befinden. +Oh, denken Sie doch, solch ein feines Haus! Der Freiherr war Major und ist +ein Leben großen Stils gewöhnt, der Sohn, was er Geld brauchen mag --« + +»Der Sohn?« unterbrach sie Grau. + +»Ja,« erwiderte Susanna ein wenig überrascht. »Kennen Sie ihn?« + +»Ich habe ihn ganz flüchtig kennen gelernt,« antwortete Grau. »Was ist das +für ein Mensch, ich interessiere mich für ihn.« + +»Das? Ach, er ist ein sehr liebenswürdiger junger Mann, aber ein wenig -- +ein wenig --« + +Grau lächelte. »Nun?« + +Mütterchen in der Ecke sagte: »Er ist ein Leichtfuß!« + +Susanna lachte leise: »Aber wie kannst du das doch behaupten, Mütterchen! +Nun, ja, er ist ein wenig leichtsinnig, Herr Grau. Und er ist +verschwenderisch. Die ganze Familie gibt das Geld leicht aus. Auch Adele +braucht viel Geld, ja, sie wirft das Geld zum Fenster hinaus, kann ich +Ihnen sagen. Und nun brach das Feuer aus! Sie waren hoch versichert.« + +Susanna blickte Grau lange an. »Denken Sie, wie böse die Menschen sein +können! Sie wissen, was ich meine!« Susanna ballte die Fäuste. + +»Ja,« sagte Grau; »es ist übrigens recht gut möglich, daß das Feuer von +selbst entstanden ist,« fügte er hinzu, »durch Wolle, Späne oder irgend +etwas.« + +Susanna lächelte. »Aber hören Sie, es war doch ein Glück dabei. Ja, ein +großes Glück. Nämlich er, der Major, er wollte keine Versicherung mehr +bezahlen. Auch die Freifrau nicht. Der Beamte der Gesellschaft +unterhandelte mit ihnen und da warf sich Adele ins Zeug und sagte, man +müsse versichern. Die Freifrau hat es den Sindings-Mädchen erzählt. Wie +gut, daß wir Adele nachgegeben haben, sagte sie.« + +»Das war allerdings Glück im Unglück!« sagte Grau. + +»Aber ich wollte ja von Adele erzählen, wie eigentümlich sie ist,« fuhr +Susanna fort. »Denken Sie, sie hat keine Miene gerührt, als das Feuer +ausbrach und niemals darüber gesprochen. Sie war der einzige Mensch in der +Stadt, der nicht davon sprach, es war gerade, als ob nichts geschehen wäre. +Auch den glücklichen Umstand, daß gerade sie es war, die auf die Erneuerung +der Versicherung drang, ließ sie unerwähnt, zu keinem Menschen sprach sie +davon. Auch als sie sich verlobte -- sie hat sich mit einem Baron Kirchgang +verlobt, aus einer sehr reichen und feinen Familie -- ja, da hat sie +ebenfalls keine Miene gerührt. So eigentümlich ist sie. Manchmal scheint es +als ob sie aus einer andern Welt sei.« + +Grau blickte Susanna an. »Vielleicht ist sie es auch, nicht wahr?« + +»Wie?« + +»Vielleicht ist sie aus einer andern Welt,« sagte Grau mit eigentümlichen +Lächeln. + +»Ich verstehe nicht?« sagte Susanna gespannt. + +»Nun, vielleicht ist sie aus einer andern Welt als der Erde. Weshalb sollte +das nicht möglich sein?« + +»Ja, wieso sollte es möglich sein?« fragte sie. + +Grau zuckte die Achseln. »Ja, wieso sollte es nicht möglich sein?« fragte +er. + +Susanna sah ihn lange an, sie lächelte verwundert, dann schüttelte sie +leise den Kopf und wandte den Blick dem Fenster zu. Der Schnee schimmerte +auf den Feldern. + +»Ich werde jetzt mit Herrn Eisenhut reden, Susanna,« sagte Mütterchen leise +und wandte sich langsam der Küchentüre zu. + +»Ja, tue das. Stelle es ihm vor, Mütterchen, nicht wahr? Du weißt ja, er +hatte noch immer ein Einsehen.« + +»Ja,« sagte Mütterchen kleinlaut. Dann wandte sie sich an Grau. »Der Herr +müssen mich einen Augen -- blick ent -- schuldigen --« + +»Mütterchen ist sehr scheu,« flüsterte Susanna. »Sie kann nicht sprechen, +aber sie fühlt. Ich möchte Sie auch bitten, nicht vom Vater zu sprechen in +ihrer Gegenwart. Sie leidet so. Er war hier, ich weiß es. Ich sah ihn zum +Fenster hereinblicken, in der Nacht, und am Morgen, da sah ich die +Fußspuren im Schnee. Mütterchen hat nichts gemerkt, das ist gut. Sie geht +umher und denkt an ihn, aber sie spricht nichts. Manchmal, wenn es stürmt, +beginnt sie zu weinen. Es ist solch schlimmes Wetter, sagt sie. Sonst +nichts. Aber ich weiß, daß sie meint, Vater könnte draußen sein. So ist +sie. Manchmal -- ach, nicht oft -- vielleicht zwei-, dreimal im Jahr, da +sagt sie: >Wenn er doch einen Brief schriebe!< Dann kann sie nicht mehr +schweigen, dann muß sie von ihm sprechen. Vater kommt so selten -- so +selten! Er hat eine unruhige Seele, aber er ist der allerbeste Mensch von +der Welt.« Sie hielt inne und lauschte gegen die Türe, hinter der man +Stimmen hörte, sie zitterte ein wenig, dann sagte sie: »Ich hoffe, Sie +werden noch ein Weilchen dableiben, Herr Grau, nicht wahr?« + +»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Grau. »Ich liebe es, Ihnen zuzuhören. +Aber ich muß meinen Mantel ablegen dürfen.« + +»Natürlich, natürlich! Oh, denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, mit +jemand zu sprechen.« + +»Verzeihen Sie einen Augenblick,« unterbrach sie Grau, »da wir vorhin von +dem jungen Herrn von Hennenbach sprachen -- er ist wohl Student?« + +»Ja. Weshalb?« + +Grau lächelte. »Ich kann nicht verstehen, daß er hier ist, wenn er doch +Student ist. Er lebt wohl immer hier bei seinen Eltern?« + +»Ja. Er ist seit zwei Jahren an der Universität eingetragen, aber er war +noch nie dort.« + +»So, so. Er lebt also immer hier?« + +»Ja, ja. Ich verstehe nicht --« + +»Oh, bitte, es ist nur eine kleine Neugierde -- aber sprechen Sie doch nun, +bitte, Fräulein Lenz!« + +Susanna lächelte, sah Grau an und fuhr fort: »Ja, ich freue mich, sprechen +zu können. Ich führe zuweilen lange Gespräche mit mir selbst, ich spreche +zu meiner Seele und meine Seele spricht zu mir. Und nun weiß ich ja nicht, +wovon ich anfangen soll. Und denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, einen +fremden Menschen, einen neuen Menschen zu sehen!« + +»Warum gerade das?« Grau rückte den Stuhl näher heran. + +Susanna kicherte. »Sie werden vielleicht lachen!« sagte sie mit hoher +Stimme. »Aber, nein, Sie werden es wohl verstehen. Ich liebe es, ein neues +Gesicht zu sehen. Es ist mir fremd und gibt mir zu denken. Und ein neuer +Mensch, hören Sie doch, was hat er alles gesehen und gehört! Die Menschen, +die in unser Haus kommen, was haben denn die gesehen? Sie haben die Stadt +gesehen, den Wald, die Dörfer ringsumher, alle Gesichter, die auch ich +gesehen habe, alles, was sie gesehen haben, das kenne auch ich. Aber ein +neuer, ein fremder Mensch! Er hat so viele Städte gesehen, ferne Städte mit +wunderlichen Häusern und Türmen, und obwohl ich ja das nicht sehen kann, so +ist es mir doch, als brächte er all das mit. Er hat fremde Menschen gesehen +und mit ihnen gesprochen, all das scheine ich auch zu erleben, wenn er zu +mir kommt. Er hat gesehen, wie sie kämpfen da draußen um all die neuen +Ideen -- all das fühle ich. Er hat Musik gehört, große Werke, große +Künstler, das alles bringt er mit zu mir herein. Er ist ein Erlebnis, denn +all die Zeitlang, die ich nun hier sitze oder liege -- es ist ein Jahr und +noch ein halbes dazu -- habe ich nur sechs verschiedene Menschen hier bei +mir gesehen -- ja, sechs waren es.« + +»Wie lange sind Sie denn schon leidend, Fräulein Lenz?« + +»Es ist nun,« sagte Susanna und blickte in die Weite, »es ist nun vier +Jahre. Aber erst die letzten Jahre ist es so schlecht, daß ich nur im +Sommer noch ein wenig im Freien gehen kann.« Sie lächelte. »Trotzdem +vergeht die Zeit sehr rasch für mich. Ja, mein Gott, wo kommen doch die +Tage hin? Es ist so selten, daß ich mich langweile --« + +»Wie gut das ist! Das ist gut!« unterbrach sie Grau. + +»So selten. Nur wenn es in meinem Kopfe leer wird, dann kann es geschehen, +daß ich die Röschen der Tapete zähle, oder die Tassen im Glasschrank, oder +ausrechne wieviele Fingerbreiten wohl von hier zur Türschwelle sein mögen.« + +»Jeder Mensch hat solche Augenblicke!« + +»Ja, das mag sein. Es ist selten. Zuweilen ist es mir erlaubt zu lesen. Die +Sindings bringen mir Bücher und Adele, die alle Bücher hat, die es nur +gibt. Da lese ich dann. Diese Ideen! Ich liebe die Ideen, müssen sie +wissen, die neuen! Ja, wie ganz anders er doch die Welt betrachtet, denke +ich. Ich liebe die Dichter! Siehst du denn alle Menschen, von denen er +spricht, sage ich zu mir. Siehst du sie? Manchmal schüttle ich den Kopf: +Nein, sage ich, das ist nicht wahr. Aber ich liebe die Dichter! Ich liebe +die sanften, die zuweilen in den Büchern zu singen anfangen, so daß sie +sagen: Ja, wie schön, wie schön ist das doch! Ich liebe die grausamen, die +von wilden Herzen reden. Ich sitze und denke darüber nach, all das ist so +fern, so fremd, aber ich denke, von jeder dieser Personen hast du ein +kleines Etwas, von jeder, sie mögen schlecht oder gut sein.« + +»Wie schön Sie das sagten!« sagte Grau bewundernd und nickte. + +Susanna fuhr fort: »Es ist schade, daß es mir verboten ist, viel zu lesen, +denn sonst -- ich würde ja Tag und Nacht lesen, ich tue alles +leidenschaftlich, was ich tue. Aber dann kann ich ja dasitzen und zum +Fenster hinaussehen. Mütterchen hat den Stuhl so gestellt, daß ich zur +Brücke sehen kann. Es kann nichts in die Stadt gehen, es kann nichts aus +der Stadt kommen, ohne daß ich es sehe. Ist das nicht herrlich! Es ist nun +so schön und spannend, dazusitzen und zu warten bis etwas kommt. Lange Zeit +kann verstreichen, aber plötzlich -- sagen wir -- taucht der nickende Kopf +eines Pferdes auf. Ein Pferd! sage ich zu mir, und ich sehe das Pferd noch, +wenn es schon weit fort ist. Aber dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe +auf dem Rücken, oder es kommen Kinder. Ich denke, werden sie ins Wasser +spucken oder nicht. Aber da haben Sie sie schon an der Brüstung -- immer +sehen Kinder interessante Dinge im Wasser -- und sie müssen +hinunterspucken. Auch ich mußte es tun -- auch Sie?« + +Grau lachte. »Ja,« sagte er. + +Susanna fuhr fort: »Dann kommt die gelbe Postkutsche. Sie kommt in der +Frühe und kehrt spät am Nachmittage zurück. Ich freue mich, so oft ich sie +sehe, denn sie kommt regelmäßig wie ein Freund. Es scheint auch, als sei +ich persönlich mit ihr verknüpft, sie ist wie ein Mensch! Ich muß lachen, +wenn ich sie sehe, und manchmal winke ich ihr auch. Abends kann ich sie +jetzt nicht sehen im Winter, aber ich sehe, wie ein kleines Licht über die +Brücke kriecht. Dann sehe ich den Schnee. Er schmiegt sich wie heute, er +ist wie Sand, wenn es kalt ist -- er glänzt, wenn es getaut hat und Frost +darauf folgte. Er bewegt sich, wenn der Wind weht, und manchmal da sieht es +aus als tolle ein närrischer weißer Pudel im Felde herum. Dann sehe ich die +Wolken. Sie können mich froh und leicht machen, sie können machen, daß mein +Blut schneller läuft, daß mein Herz stockt, und es gibt solche, vor denen +ich mich leicht verneige, so drohend stehen sie da. Dann sehe ich die +Pappeln an der Brücke. Sie sehen jetzt wie Besen aus, aber wenn es stürmt, +so flattern sie wie Mähnen, und sie scheinen fürchterliche Angst zu haben. +Fast immer sitzt eine Krähe dort oben auf der Spitze, sie sitzt und lugt +aus und plötzlich fliegt sie fort. Aber sofort ist eine andere da, die ganz +genau aussieht wie die erste, man könnte glauben, es sei immer die gleiche. +Wenn es dunkel wird, warte ich auf den ersten Stern. Ich warte auf den +Mond. Sie sehen, so vergeht die Zeit, selbst im Winter gibt es so vieles zu +sehen. Aber dann werde ich oft müde und muß die Augen schließen, und wissen +Sie, was dann geschieht?« + +»Dann träumen Sie!« + +»Ja, dann träume ich.« + +»Was träumen Sie denn?« + +Mannigfacher Art waren die Träume Susannas. Am liebsten aber träumte sie +Musik. Ja, wenn sie nicht müde war, da träumte sie von Menschen; wie sie +sprechen und denken und handeln, wie wunderlich sie sind; aber wenn sie zu +müde dazu war, so träumte sie Musik. + +»Ich würde zu gern hören, in welcher Weise Sie das tun, Fräulein Lenz. Ich +bin etwas neugierig, ich muß es gestehen. Aber ich werde mich gewiß +revanchieren, ich verspreche es Ihnen. Ich habe sehr viel erlebt und +gesehen und das alles werde ich Ihnen erzählen. Aber vorläufig ist die +Reihe an Ihnen.« + +Susanna zögerte eine Weile. Sie hatte gesprochen und gesprochen, wie es oft +Menschen tun, die lange allein gewesen sind mit ihren Gedanken. Nun +erinnerte sie sich plötzlich, daß Grau ein Fremder war. Sie lächelte, aber +Grau verstand es, ihr zuzureden. + +Susanna blickte lange zur Seite, dann fuhr sie fort: »Es kann eine +Abendwolke sein, die über den Himmel zieht und singt. Oder es kann sein -- +aber Sie werden es besser verstehen: Zuerst, da ist es eine kleine Melodie, +das kleine Lied eines kleinen Vogels im Walde. Das ist die Flöte! Und es +ist ganz leise. Es ist der kleine Vogel, der singt, und sein Lied +schmeichelt den Bäumen. Sie beginnen sich zu wiegen und nun saust die +Melodie des kleinen Vogels im ganzen weiten Walde. Das sind die Violinen! +Sie wiederholen, sie verändern die Melodie des kleinen Vogels, aber sie +hören immer den kleinen Vogel singen. Plötzlich ist es wie ein Schreck, wie +eine Warnung, das ist die Klarinette, die warnt, das ist die Trompete, die +mit einem Stoß den Schreck hervorruft. Nun kommt der Sturm, die Pauken und +die Baßgeigen, er jagt daher, der Wald braust und wiederholt klagend und +furchtsam das Lied des kleinen Vogels. Der aber ist ganz still. Der Sturm +greift den Wald an, um den Vogel zu vernichten, aber der Wald verteidigt +ihn. Der Sturm und der Wald kämpfen miteinander. Sie hören nur den kleinen +Vogel lachen, denn er fürchtet sich nicht, er verspottet den Sturm. Das +macht den Sturm rasend, er wütet gegen den Wald, aber endlich macht er sich +grollend davon und die Bäume wiegen sich und sie hören den kleinen Vogel +wieder wie am Anfang. -- So ähnlich ist es, wenn ich Musik träume. Haha, +ich kann es ja nicht in Worten wiedergeben -- aber so ähnlich ist es, Sie +müssen es sich eben ausmalen.« + +Grau zitterte. Ein eigentümliches Zittern machte seinen ganzen Körper +erbeben. + +»Sie frieren?« sagte Susanna und richtete sich auf. + +Grau gab sich Mühe gegen das Zittern anzukämpfen, aber es half nichts. +»Nein,« sagte er und lächelte, »ich friere nicht. Keineswegs. Ich hatte +einmal Fieber, ich kam einem Fieberkranken zu nahe und daher rührt das +Zittern. Seien Sie ganz unbesorgt und sprechen Sie ruhig weiter. Ich habe +die Musik gehört, Fräulein Lenz, ich habe alle Instrumente gehört, so gut +haben Sie das beschrieben! Welche Melodie aber hat der kleine Vogel +gesungen? Ich habe mir eine fröhliche, ein wenig kecke Melodie gedacht.« + +»Fröhlich und ein wenig keck, ja. Es war ja nur ein Beispiel, weil Sie es +wissen wollten. Es kann auch sein, daß er traurig singt und es regnet, die +Regentropfen singen dieselbe traurige Melodie, die Blätter, der Wind. Es +muß auch nicht gerade ein Vogel sein, es kann ein junges Mädchen sein, das +man in einen schönen Garten eingeschlossen hat und das in der Sonne geht +und singt.« + +»Warum muß das Mädchen gerade eingeschlossen sein?« + +»Das weiß ich nicht. Aber ich fühle es so. Es kann auch das Meer sein, das +singt, oder Grotten oder eine Linde, in deren Zweigen Tausende von Vögeln +hüpfen.« + +Grau schüttelte langsam den Kopf und Susanna sah ihn fragend an. + +»Nun haben Sie sich verraten, Fräulein Lenz,« sagte er, »Sie sind ja ganz +außerordentlich für Musik begabt. Sie komponieren ja im Kopfe!« + +Susanna lachte leise und errötete. + +»Haben Sie auch schon als Kind solche Träume gehabt?« + +Ja, da hatte Susanna gehört, daß die Glocken nicht einfach läuten, sondern +ein Lied singen, auch das Wasser, das man in einen Krug laufen ließ, es +sang. + +»Da haben wir es!« Grau lachte. »Sie müssen Musik von Grund auf studieren. +Spielen Sie ein Instrument? Nein? Das schadet nichts; Sie müssen unbedingt +ein Piano haben!« + +Susanna hörte ihm erstaunt zu, sie sah froh aus und sie lächelte und sagte +mit hoher Stimme: »Ich kann aber doch nicht spielen!« + +»Das? Was das anbelangt -- da seien Sie ganz außer Sorge. Sie werden es +sehr schnell lernen. Ich habe Ihre Hände betrachtet, die Glieder der Finger +sind so fein, so fein und voll nervöser Kraft, ja, schön sind Ihre Hände, +Fräulein Lenz. Oh, vergeben Sie mir, wenn das zu kühn ist. Es fällt mir +natürlich gar nicht ein, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, weder Ihnen noch +sonst jemandem, nein, aber wenn etwas schön ist, warum soll ich es nicht +beim Namen nennen -- nicht wahr? Ja, Sie haben Hände zum Klavierspielen, in +einem Vierteljahr werden Sie schon ganz prächtig spielen -- nach einem Jahr +oder zwei Jahren aber ausgezeichnet. Ich erbiete mich, Ihnen Unterricht zu +geben. Meine Kenntnisse sind gering, aber für den Anfang, da kann ich schon +zu gebrauchen sein, später, da wird sich ja alles finden --« + +Susanna hörte ihm zu und lächelte. Sie erwiderte nichts darauf, aber ihr +Blick wurde plötzlich düster. Dieser Blick sagte: Ja, was spricht er denn +von Jahren und Jahren, sieht er denn nicht, wie es um mich steht? + +Dann sagte sie leise: »Sie sind gut, Herr Grau. Zuweilen da blicken Sie so +streng, aber Ihre Augen sehen immer gütig aus. Ich habe gehört, wie +tatkräftig Sie sich der alten unglücklichen Frau Sammet angenommen haben -- +ich --« + +Aber davon wollte Grau nichts wissen. Er lachte und sagte: »Das ist mein +Privatvergnügen. Es macht mir Freude, das ist es. Ich habe ja im Grunde +genommen nichts für die Arme getan. Eine Kollekte, das war alles. Habe ich +mit dieser alten Frau gelitten, habe ich sie etwa an die Brust gedrückt, +ihren Scheitel, ihre Wangen gestreichelt, ihre Stirn geküßt, hat man etwas +derartiges etwa erzählt? Wie? -- Habe ich ihr Handreichungen getan, da sie +vor Schmerz nicht wußte wo aus und wo ein? Nein, all das habe ich nicht +getan. Leider nicht. Es ist also nicht richtig, was Sie sagen. Ein Dame +hier hat mir gesagt, ich hätte bei der Beerdigung schön gesprochen. Ich +habe mich geschämt. Schön! Ach nein, schlecht, ein paar armselige Worte +habe ich gesagt und die Scheu vor all den Zuhörern war größer als mein +Mitgefühl mit der unglücklichen Mutter. Sie sind also im Irrtum --« + +Da kam Mütterchen ins Zimmer. Susanna wurde unruhig und sagte: »Es muß +heute schön draußen sein, der Schnee ist so weich.« + +Mütterchen sah niedergeschlagen und entmutigt aus. Sie hatte feuchte Augen. +»Er hat nein gesagt!« flüsterte sie Susanna zu. Sie stellte eine Tasse +neben Grau. + +»Nein?« jagte Susanna erschrocken. Sie blickte zu Boden, errötete, dann +setzte sie hinzu, indem sie Mütterchens Hand streichelte: »Ach, Mütterchen, +du mußt den Mut nicht sinken lassen. Du weißt, er will gebeten sein, er +ließ sich stets nach einigen Tagen erweichen.« + +»Ja,« hauchte Mütterchen hoffnungslos und goß Kaffee in die Tasse. + +»Ja, was tun Sie denn!« schrie Grau erschrocken und sprang auf. + +»Ein Täßchen Kaffee, wenn der Herr mir die Ehre antun wollen.« + +Grau sah Mütterchen lange an, seine Augen glänzten. »Wie liebenswürdig von +Ihnen,« sagte er und drückte Mütterchen die Hand. »Ich breche in Ihr Haus +ein, ich bin ein Fremder, das ist mir noch nie passiert, ich danke Ihnen!« +Er verneigte sich dankbar und setzte sich wieder. + +Aber da war das Unglück schon geschehen. Durch die Küchentüre nämlich war +ein freches braunes Huhn in die Stube spaziert und stolzte keck im Zimmer +umher. + +Mütterchen erstarrte vor Schrecken. »Da ist -- nun -- diese --« Sie blickte +starr und hilflos auf Grau. »Hsch, hsch -- du ungezogene --« + +»Putt -- putt,« machte Grau. »Ein schönes Huhn. Sie halten Hühner, Frau +Lenz, seht an.« Er blickte freundlich auf die Henne als sei sie ein Mensch. + +»Ja, in der Küche -- aber -- der Herr müssen entschuldigen -- mein ganzes +Leben bin ich noch nicht so in Verlegenheit gebracht worden -- wie mich +diese ungezogene -- hsch, hsch -- Kreatur blamiert -- Geh hinaus, +Klatschbase.« + +»Klatschbase, so heißt sie,« erklärte Susanna, »weil sie so viel gackert.« + +Klatschbase segelte endlich gackernd und schreiend zur Türe hinaus, nicht +ohne vorher zu zeigen, daß sie ein echtes Huhn sei. »O -- o --« hauchte +Mütterchen, aber Grau hatte es gar nicht bemerkt. Er sprach mit Susanna. Da +habe sie recht, ein schöner Tag sei heute. »In der Stadt hacken sie das Eis +auf,« sagte er. »Es kann nun nicht mehr lange währen, bis der Frühling +kommt.« + +Susannas Augen glänzten. Sie blickte Grau erstaunt und lange an. + +»Nun?« + +»Als ob Sie erraten hätten, worauf ich warte!« sagte sie langsam. »Denn die +Wahrheit zu sprechen, ich sitze den ganzen Tag hier und warte auf den +Frühling. Ich warte auf ihn, ich liebe ihn, mein Herz klopft, denke ich an +ihn. Er ist mein Geliebter. Sie lieben ihn auch?« + +Grau lächelte. »Ja, wer liebt ihn nicht?« sagte er. »Es gibt auf der ganzen +weiten Welt nicht einen einzigen Menschen, der ihn nicht liebt, er kann +noch so mißmutig sein.« + +Susanna fieberte bei dem Gedanken an den Frühling. Sie lächelte und atmete +tief. »Oft denke ich,« fuhr sie fort, »ob es sich nicht jetzt schon rührt +da drinnen in der kalten Erde, ob nicht die Keime schon ein wenig erwachen +und sich dehnen, all die tausend, tausend Keime da drunten. Denn hören Sie, +sie müssen sich ja jetzt schon dehnen, denn haben Sie nicht plötzlich schon +ein Schneeglöckchen im Walde angetroffen, wie? Also müssen sie wohl oder +übel jetzt schon beginnen, nicht wahr? Ich freue mich auf all das, was +jetzt kommt, denn der Winter war doch recht lang. Wenn er schon kommt, der +Frühling! Guter Gott, wie weht es doch! Er haucht! Man spürt es an der +Schläfe, vor allem an der Schläfe, da haucht es, als ob ein warmer Mund +hauche. Wie warm es haucht! Denken Sie daran, wenn Sie hinaustraten und +dachten, ja, was ist dies plötzlich, so warm? Dann fassen Sie etwas an, +einen Ast, er ist feucht, er klebt! Das ist, wenn er kommt.« + +Sie schwieg. Dann, nach einer langen Weile sagte sie -- und es klang wie +ein frohes Seufzen: »Dann wächst das Gras!« + +Nein, dachte Grau, es klang nicht nur wie ein frohes Seufzen, nimmermehr +wirst du das vergessen können, es klang wie eine Liebkosung, es klang wie +ein Gebet. So eigentümlich sagte sie es, daß er einen Schmerz in der Brust +empfand, einen leisen Stich. Er sprach nichts, er war still und blickte auf +Susanna. + +»Dann regnet es und Sie lachen!« fuhr Susanna fort. »Es regnet und Sie +lachen! Ja, regne nur, regne nur, denken Sie und lachen, denn jetzt kommt +er. Sie schließen die Augen und schlafen und Sie träumen, wie es sich regt +im Lande, die Wolken, die Erde, die Luft, alles ist in Bewegung. Die Luft +ist süß wie Milch, das Wasser wie Wein, die Menschen sind freundlicher +geworden. Im Walde da riecht es, der Schuh sinkt in den Boden, nasses, +faulendes Laub. Dann kommt der erste Keim hervor, das erste Grün, die erste +Blume. Kommen denn nicht die Tiere des Waldes zusammen, die Hasen und Rehe +und Eichhörnchen, Igel und Füchse, die Raben und die Marder, diese erste +Blume zu sehen? Wie aber sieht es unter den Hecken aus! -- Ja, wie sieht es +denn da aus?« rief sie und lachte. »Aber das ist ja alles, wenn er nur im +Anzuge ist --« + +Plötzlich fiel etwas vor dem Fenster draußen herab, dann tanzte eine weiße +Flaumfeder herab, zwei, drei kleine Federchen folgten, nun fielen einige +Flocken zu gleicher Zeit und dann so viele, als ob man Hände voll Federchen +in die Luft streue, die Luft war grau getüpfelt. Sie fielen immer dichter, +sie wirbelten, tanzten, taumelten kreuz und quer, klebten an den Scheiben, +und endlich schossen weiße und graue Streifen durch die Luft und verhüllten +den Ausblick. Es schneite ordentlich. Sofort wurde es dunkel im Zimmer und +Susannas Augen glänzten aus einem fahlen ledergelben Flecken. + +Susanna aber sah es nicht, sie sprach vom Frühling, den Bächen, den Wiesen, +den Wolken, vom Himmel, diesem blauen schimmernden Frühlingshimmel! Glanz +und Herrlichkeit -- + +»Sie gehen in den Wald!« sagte sie fiebrisch. »Sie gehen hinein wie in eine +Kirche. Die Buchen stehen da, naß und fleckig, sie haben Knospen wie grüne +Blüten überall, aber der Boden des Waldes ist von Anemonen gefärbt. Sie +kommen an einen Hang, der ist ganz gelb: Das sind die Schlüsselblumen, sie +kommen über die Wiese, da steht das Schaumkraut, so blau, so duftig. Sie +kommen an einen Bach, der ist golden gesäumt, das sind die Dotterblumen, +mit einem Griff können Sie einen ganzen Strauß pflücken, sie sind so saftig +und innen glänzen sie wie Schmalz. Das Gras wächst und wächst und wächst, +es wird immer länger, und wenn nun der Wind weht, so zittern die Gräser +nicht mehr, sie schwingen sich, sie wiegen sich, ganze Wellen. Oft liege +ich stundenlang hier und denke wie der Wind über die Wiese streicht und die +Wiese gibt sanft nach. Wie schön wäre es, barfüßig im Grase zu gehen!« + +Ihre Augen fieberten, ihre Wangen röteten sich. Sie lachte und hustete. + +»Du sollst solche Gedanken gar nicht haben,« sagte Mütterchen. + +»Ich meine ja nur,« sagte Susanna. »Lieben Sie die Margareten, Herr Grau?« + +»Ja,« sagte Grau. »Sie sehen so besonders reinlich aus.« + +»Reinlich! Ja, ich sehe sie vor mir, alle, alle, alle Margareten sehe ich +vor mir! Ich liebe die Blumen, sage ich Ihnen.« + +»Das kann ich wohl merken, Fräulein Susanna!« sagte Grau. »Oh -- verzeihen +Sie mir die vertrauliche Anrede, sie kam ganz von selbst auf meine Lippen.« + +Susanna verneigte sich in ihrem Sessel. »Das ehrt mich!« sagte sie und sah +Grau erfreut an. »Ja, ich liebe sie!« fuhr sie fort und rang ein wenig die +kleinen mageren Hände. »Sie sind wie Kinder. So schön sind sie, so still +und geduldig. Sie blühen auf und sterben, und niemand hat sie gehört, daß +sie sich beklagten. Es scheint mir, die Menschen könnten viel von ihnen +lernen. Dann tun sie auch niemand etwas zu leide, sie leben ja von Erde, +Tau und Luft. Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint, und wenn es Abend +wird, da schließen sie die Kelche und stehen schlafend da. Können Sie sich +eine ganze Wiese oder einen Abhang vorstellen in der Nacht, alle Blumen +haben die Kelche geschlossen und schlafen? Können Sie das? Ich kann es, +denn ich beschäftige mich unausgesetzt mit solchen Dingen. Das alles habe +ich von Mütterchen gelernt, nicht wahr, Mütterchen? Sie liebt die Blumen so +sehr.« + +Grau wandte Mütterchen den Blick zu, und sie sagte: »Früher, ja, früher da +liebte ich sie.« + +»Jetzt nicht mehr, aber --!« + +Es gäbe so manches, sagte Mütterchen, nahm die Tasse und ging hinaus. Sie +kam mit der gefüllten Tasse zurück und stellte sie neben Grau hin, ohne ein +Wort zu sagen. + +»Nein, aber ich protestiere!« sagte Grau. + +»Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen --« + +Susanna aber fuhr fort vom Frühling zu sprechen. Draußen schneite und wehte +es, aber sie sah es nicht. Sie sah wie die Blumen im Gärtchen draußen +wuchsen, all die Nelken, Tulpen, Rosen und dieser Flieder von einer ganz +seltenen blaßblauen Farbe. Februar, März, sagte sie, und zählte die Wochen +an den Fingern ab. + +Plötzlich schwieg sie. Sie blickte in die Weite und versank in Gedanken. +Ihre schweren Vogellider sanken halb über die schwarzen Augen, die Lippen +öffneten sich. Sie sprach mit sich selbst. + +»Ich muß das grüne Gras noch einmal sehen, ich muß!« flüsterte sie. Sie +dachte nicht, daß Grau es hören könnte. + +Grau erhob sich. Susanna erschrak. + +»Oh, es ist spät?« sagte er. »Es ist spät!« Er griff in alle Westentaschen +und suchte nach der Uhr, dann, als er sie nicht fand, schlüpfte er rasch in +den Mantel. Es schien als könne es ihm nicht schnell genug gehen. »Es ist +spät!« + +»Sie müssen gehen?« + +»Ja, bei Gott, ich muß. Ich werde wiederkommen, ich werde wiederkommen, +wenn es die Damen erlauben, ganz gewiß --« + +»Kommen Sie bald wieder!« + +»Danke, danke! Ihnen habe ich tausendmal zu danken, Fräulein Susanna, es +ist einer der schönsten Nachmittage meines Lebens gewesen -- der schönste +vielleicht! Ich werde keine Silbe vergessen von dem was Sie mir erzählt +haben. Und wieviel habe ich Ihnen zu danken, Frau Lenz. Ja, ich muß, +erlauben Sie mir, ich bin ein Fremder für Sie, ein Eindringling, aber mit +welcher Freundlichkeit haben Sie mich aufgenommen!« + +Er gab Susanna die Hand und sah sie lange mit leuchtenden Augen an. »Wie +rasch wir Freunde geworden sind!« sagte er. + +»Ja!« + +»Adieu, Fräulein Susanna!« + +»Adieu, Herr Grau!« + +Unter der Türe verbeugte sich Grau nochmals und wiederholte: »Adieu, +Fräulein Susanna!« + +Mütterchen stand nicht davon ab Grau hinauszubegleiten. Der Herr wisse ja +nicht, wie man das Gartentürchen öffne. + +Grau wehrte ab. »Sie können sich eine Erkältung holen, Frau Lenz. Wie es +doch schneit!« -- Nein, nein, der Herr wisse ja nicht -- + +Draußen fragte Mütterchen, was er von Susanna halte? + +»Oh!« rief Grau aus, den Hut in der Hand, »ein prächtiges Geschöpf, ein +ganz und gar wundervolles Mädchen. Sie hat mich entzückt, ganz unter uns +gesagt!« + +Mütterchen lächelte ein wenig. Ob der Herr sich nicht bedecken wolle? Sie +frage, was er von ihrem Befinden halte. + +»Eine Erkältung,« sagte Grau scheu, mit einer Bewegung, als wolle er +entfliehen, und blickte auf Mütterchen herab, in deren Haaren sich der +Schnee ansammelte. »Eine schlimme Erkältung vielleicht -- aber --« + +Ob der Herr sich nicht doch bedecken wolle? Sie sei nun schon über zwei +Jahre leidend. Sie sah Grau mit angsterfüllten Augen an. + +Nun käme ja bald der Frühling! Luft, starke, stärkende Luft, Balsam für +Kranke. »Was übrigens das Leiden anbetrifft, so kann ich Ihnen recht wohl +sagen -- und jedermann wird es Ihnen bestätigen -- mit einem Leiden kann +man alt werden. Ich selbst habe einen Herrn gekannt --« Grau sprach noch +scheuer und wich ein wenig zurück. »Übrigens der Frühling, die Sonne --« Er +konnte nicht weitersprechen. Die jungen Vögel werden sie ins Grab singen, +dachte er. + +Mütterchen verbeugte sich, aber sie sagte kein Wort, mit komischen Sprüngen +lief sie ins Haus zurück. + +Grau setzte den Hut auf und ging. Er blickte sich einigemal um, als ob er +verfolgt werde. Sobald das kleine Häuschen im Düster untertauchte, begann +er zu laufen, was er konnte, und entfloh durch den wirbelnden Schnee. + + + + +Vierzehntes Kapitel + + +»Sie ist einer von jenen Menschen, für die man sein Leben lassen müßte!« +sagte Grau, der in seinem dunkeln Zimmer auf und ab ging. »Nur um ihr einen +einzigen glücklichen Tag zu schenken, müßte man tropfenweise sein Blut +hergeben!« Es blieb lange dunkel in Graus Zimmer, dann machte er Licht und +schrieb an Susanna einen langen Brief. Verehrte und bewunderte Freundin, +schrieb er. Er trug den Brief zur Post. Vielleicht kommt der Briefbote +selten in das kleine Haus da draußen vor der Stadt, dachte er und lächelte. +Und morgen würde Susanna lesen, daß sie einen Freund und Bruder gefunden +hatte. + +Er fühlte sich froh und erleichtert, als er wieder die Staffeln +hinaufstieg. Obwohl es empfindlich kalt war und der Schnee unter seinen +Schritten knarrte, trat er nicht in das Haus, sondern er ging weiter, die +Parkmauer entlang. Plötzlich stand er vor einem hohen eisernen Gitter und +merkwürdigerweise pochte sein Herz, als er dieses Gitter sah. Der Park lag +öde und kalt. Grau dachte an den Mohren aus Bronze, der drinnen in dem +weißen Hause stand, an die Stille des Salons mit den zierlichen Möbeln und +an den leisen Schritt, der sich plötzlich der Türe genähert hatte; dann kam +sie. Ihre Stimme, ihre Augen -- er ging weiter, diese Erinnerung schmerzte +ihn. Er stieg die Höhe hinauf. Schnee, Düster und unheimliche Stille. Ein +paar Lichter blinzelten im Tal, als ob die Kälte sie beize wie Augen, ein +kleiner grüner Stern sprühte am Himmel, der fast schwarz aussah. Der Wald +begann. In ihm war es noch stiller und ganz dunkel, aber es war wärmer +zwischen den Bäumen, die ohne jedes Zeichen von Leben dastanden und sich +gleichsam aneinander drängten. + +Grau lauschte unwillkürlich, Scheu, Friede und Feierlichkeit erfüllten ihn +inmitten des winterstillen Waldes, den ein Zauber in Erstarrung versetzt +hatte. Die Herzen all der Bäume standen still und regten sich nicht mehr +und schienen tot zu sein. Er ging leise, nur der Schnee ächzte unter seinen +Schritten. Und er dachte an den großen Winterschlaf, den die Erde schlief, +die Wälder schliefen, die Quellen, selbst ganze Völker im Norden schliefen, +die Bären in den Höhlen. Aber Gott wird die Wimper heben und vom Süden wird +der Tauwind kommen, die Bären werden die Tatzen lecken, der Schläfer wird +vom Ofen kriechen, die Quellen werden sprudeln und die Wälder sich +schütteln. Auch die erstarrten Herzen dieser Bäume werden wieder zu pochen +beginnen: Denn da ist ja nichts Totes in der Welt. Was tot ist, ist nur +scheintot und selbst der Stein am Wege, er schläft nur. + +Grau blieb stehen. Ging nicht jemand an seiner Seite? Er lauschte. Nein. +Aber hatte nicht eben eine feine Stimme in sein Ohr geflüstert? Es +flüsterte und pochte. Es war sein Blut, das in seinem Körper strömte. Und +mit einer Art von Schrecken lauschte er auf jenes Pochen, Pulsieren, Atmen +in seinem Körper, das ihm Kunde gab von den geheimnisvollen Vorgängen, die +ohne sein Wissen Tag und Nacht in ihm walteten. Die Zellen in ihm +verschoben sich, änderten sich, er wußte es nicht, eine Stelle in seinem +Körper mochte in großer Gefahr sein, die Blutkörperchen stürzten herbei, zu +verteidigen, zu helfen, zu heilen, die Nerven zitterten, ein unausgesetztes +Signalsystem war in Tätigkeit, er wußte es nicht. Die Blutwelle +überschwemmte sein Gehirn, ein vergessener Ton erwachte, ein vergessenes +Bild, ein Gedanke formte sich, ein Wunsch irrte hin und her, flackerte, +leuchtete Monate und Jahre, bis er ihn entdeckte, oder er erlosch +ungesehen, unbeachtet -- und er wußte von all dem nichts! Er sprach, +lachte, ging, er war nichts als Oberfläche, er lebte an der Oberfläche, +während in ihm unausgesetzt eine Welt von Geheimnissen wirkte. + +Plötzlich stand er vor einer Waldwiese, aus der ihm Kälte entgegenstürzte. +Diese Wiese schien lebendig, bewohnt zu sein. Es war Licht auf ihr. Das +Licht kam vom Mond, das Licht des Mondes von der Sonne -- welches Licht, um +des Himmels willen, war es doch, das ihn, den nichtigen Wanderer, hier +grüßte? Aus welchen Zeiten, welchen Fernen kam es? Wie, wie, wie? + +Er, der hier stand und nicht mehr war als eines der Millionen +Schneesternchen, die auf einem Aste lagen, er wurde von Entsetzen gepackt, +denken zu können und zu fühlen, daß er lebte. + +Denn was Leben heißt, wer hat es doch je zu Ende gedacht? Niemand. Selbst +der schnelle, scharfe Gedanke des Weisen, er erlahmt, er erschrickt, er +kehrt entsetzt um. + +Da ist zum Beispiel das Blut! Nicht seine Funktionen allein, die die +wunderbaren menschlichen Apparate (ein Lob dem Menschen!) belauschen +konnten. Ein Tropfen Wasser ist köstlich, wer ersann ihn? Eine Faser Eisen, +köstlich, wer erdachte sie? Aber ein Tropfen Blut, wie --?! Das Blut +verrichtet seine Arbeit -- sein Schöpfer sagte: schaffe! und es gehorcht -- +aber es ist zugleich wie ein Volk, hat Gebräuche, Eigenschaften, +Geschichte, denn das Volk es ist ja aus Blut erbaut, es ist ja nichts als +die Vergrößerung des kleinen Tropfens. War nicht ein ewiges Vergehen in +ihm, Grau, der durch den Wald ging, ein ewiges Vergehen und Erblühen? Von +Eigenschaften und Fähigkeiten, von Völkern, Geschlechtern und Rassen, wer +weiß, wann sie lebten, woher sie kamen? War nicht ewiger Kampf, +Unterhandlung, Waffenstillstand dieser Geschlechter in ihm? Jene Rasse, die +vom Osten kam, vielleicht erstarb sie in ihm in dieser Minute und übergab +ihre Waffen an ein Geschlecht, das aus dem Norden kam, mit Ketten aus +Bärenzähnen geschmückt? Woher sollte es doch kommen, daß ihn zuweilen +namenlose Traurigkeit befiel, ohne jeden Grund? Namenloses Glück in ihm +aufloderte wie ein Siegesgeschrei, ohne jeden Grund? Tod und Geburt in ihm +wie in der Welt, Kampf und Sieg. Dieses Auf und Ab, dieses Gehen und +Kommen, dieses Laut und Leise, Fragen und Befehlen, Erschrecken und Locken, +wie wunderbar war es doch! Wie entsetzlich und wie köstlich schön! + +Und doch -- das war ja noch nicht das ganze Leben in ihm, nur ein kleines +Stück, soviel wie ein Blatt vom Walde ist, nicht mehr, nicht weniger. + +Die geheimnisvollen Lebenswellen, die ihn unausgesetzt umkreisten, +durchdrangen, dieses Sausen des Lebens nah und fern, das Brausen der Sonne +und der kräftespeienden Gestirne, das ihn erreichte. + +Jene blitzartigen Offenbarungen einer verborgenen Welt, von der er ein Teil +war, die sich öffnete und schloß in der gleichen Sekunde vor dem +geblendeten Auge. Jenes Singen und Flüstern, Tag und Nacht? Oder erinnerst +du dich nicht mehr, da du zwischen Schlaf und Wachen warst und deine Seele +plötzlich in dir zu sprechen begann? Du erbebtest, Schreck und Freude +erfüllten dich. Zu leicht, zu seicht, zu lau und flau bist du, sprach deine +Seele. Und du antwortetest, gebannt von dem Unbekannten: »Ja, ja!« Deine +Seele sagte: »Tue dies, tue das!« Und du sagtest: »Ja, ja, ich gehorche!« +Das ist der Weg, sagte deine Seele und du sagtest: »Ich werde ihn gehen!« + +Und solltest du dich nicht mehr daran erinnern, an jenen Moment, da +plötzlich ein Auge in dir leuchtete und dich von innen heraus anblickte. +Das Auge blickte mit großem, majestätischem Glanz auf dich und war in dir +-- und du, du sprangst auf. »Ich bin ja allein!« sagtest du laut, aber du +glaubtest dir nicht. Hattest du den Mut, zu fragen: »Wer ist hier?« Nein! +Denn du fürchtetest ja, eine Stimme könnte dir antworten! + +Nichts fürchten wir ja mehr, als daß sich jenes geheimnisvolle Leben, das +wir ahnen, uns offenbarte. + +Grau ging nach Hause; er schüttelte den Kopf, seine Augen waren groß und +leuchtend. Der Mensch geht auf schwankendem Grunde, dachte er, noch mehr: +er geht in der Luft. + +Auf dem Rückwege kam er wieder an dem hohen, eisernen Gitter vorbei. Es war +noch immer angelehnt. Über dem Park sprühte wie vorhin der kleine, grüne +Stern. Und wieder rief sich Grau jene Szene in dem kleinen Salon ins +Gedächtnis zurück und es schmerzte ihn, daß er nicht genug in jenes schöne, +stolze Mädchenantlitz geblickt hatte, um es für alle Zeiten zu behalten. + +Er schlief erst spät ein. Das Auge nimmt ein Bild mit aus dem Tage und das +Bild erscheint im Traum. So träumte Grau in jener Nacht von dem Gitter des +Parkes. Es war nur angelehnt. Er träumte, er stände davor und wartete. Ja, +worauf wartete er doch nur? Da kam ein hohes, stolzes Mädchen aus dem Park +hervorgegangen, es war jenes Mädchen mit den hellen Augen. »Hast du mich +heute wiedererkannt?« rief sie. Aber je näher sie kam, desto mehr +veränderte sie sich. Es war Susanna, die kam; sie trug den kleinen grünen +Stern auf der Hand und winkte ihm mit den Blicken, ihr zu folgen. Er +zögerte -- aber dann folgte er ihr. + + + + +Fünfzehntes Kapitel + + +Grau war nun in der ganzen Stadt bekannt. Das war kein Wunder, denn man sah +ihn tagtäglich einigemal auf der Straße; über den Marktplatz konnte man +überhaupt nicht gehen, ohne daß er aus irgend einer Gasse auftauchte. +Immerzu hatte er zu grüßen, denn jedermann kannte ihn. Er grüßte alle Leute +zuerst, auch Kinder und Schüler. Man konnte ihn überall sehen, hinter den +dunkelsten Fenstern, die keine Vorhänge hatten, auf den breiten Treppen der +reichen Leute, einerlei. + +Er hatte viel zu tun. Wenn er am Morgen das Haus verließ, so hatte er schon +einige Arbeitsstunden hinter sich. Er stand auf, sobald der Tag graute; +voll von Interesse für alles, was den Menschen betraf, wünschte er alles +kennen zu lernen, was der Mensch je gedacht und ersonnen hatte; dazu +benutzte er die Morgenstunden. Der vorläufige Arbeitsplan war bei +angestrengtester Tätigkeit in zehn bis zwölf Jahren zu bewältigen. Dann +wollte er weiter sehen. + +Er hatte Unterricht in den Schulen zu geben, Besuche zu machen. Keine +Stunde des Tages ließ er unbenutzt. Er war wiederholt bei der alten Frau +Sammet gewesen, im Waisenhaus, bei dem Arzt, der Susanna behandelte, auch +sprach er häufig bei der »ewigen Braut« vor, um mit ihr zu plaudern. +Susanna besuchte er, so oft er frei war. + +Trotzdem er täglich so vieles tat, hatte er doch stets Zeit. Niemals war er +in Hast, stets ruhig. Sein Tag schien viel länger als der andrer Menschen +zu sein. + +Es ist eine bekannte Tatsache, daß man in jeder Stadt einen Menschen hat, +dem man immer wieder und wieder begegnet. In dieser Stadt schien es für +Grau Eisenhut zu sein, den zu treffen ihm bestimmt war. Er begegnete ihm, +so oft er das Haus verließ, ja, selbst im Walde hatte er ihn getroffen. +Eisenhut ging hastig vorüber, grüßte, blinzelte und sah Grau stets mit +sonderbar forschenden Augen an, argwöhnisch, ja, sogar furchtsam und scheu; +zuweilen schüttelte er den Kopf, räusperte sich und lief weg, indem er Grau +einen raschen Blick zuwarf, der keineswegs Sympathie ausdrückte. Manchmal +kam es auch vor, daß er auf der Straße stehen blieb, Grau spöttisch +lächelnd musterte und die Lippen bewegte, als spräche er mit sich selbst. +Bei einer solchen Begegnung sprach ihn Grau an und fragte ihn, ob er nicht +etwas tun wolle, um für Susanna ein Piano zu beschaffen. Aber Eisenhut +blinzelte, lächelte, krümmte sich und begann von schlechten Zeiten zu +sprechen, in solch winselndem, demütigem Tone, daß sich Grau angewidert +abwandte. Er sah Eisenhut wieder und Eisenhuts Augen sprühten offenen Haß. + +Grau war nicht erstaunt: Alles geht wunderbar, dachte er und lächelte in +sich hinein vor Freude, dieser Mann ist mir sicher! Ja, es gab solch +wunderliche Dinge auf dieser Erde! + +Einmal sah er Eisenhut auf der Straße, gefolgt von einer Schar +ausgelassener, johlender Kinder. Eisenhut taumelte am hellen Tage betrunken +nach Hause. + +Nur Geduld, das sollte bald anders werden! Nur etwas Zeit brauchte er dazu. + +Graus erste Predigt war kläglich ausgefallen. So heiß war sein Herz +gewesen, so groß hatte er sich alles gedacht, aber plötzlich hatte ihn +Unsicherheit befallen: Würde er die rechten Worte finden, das auszudrücken, +was ihn erfüllte, was er fühlte im Wachen und im Schlaf? -- Er war +unzufrieden mit sich. In den folgenden Predigten aber war es ihm besser +geglückt. + +Es erschien ein Tag mit einigen freien Stunden. Grau erstaunte und wußte +nicht wie das zuging. Er spielte Orgel. + +Er spielte ein paar Stunden lang und fühlte sich darauf wie neugeboren. Die +Musik und die menschliche Seele, es ist ja gar kein Unterschied zwischen +den beiden, sie sind Schwestern. Und wenn der Mensch Musik hört, so finden +sich die beiden Schwestern, umschlingen sich, vertrauen sich einander an, +ihre Sehnsucht, ihre Schmerzen, ihr Glück, ihre Hoffnung, liebkosen +einander und küssen sich, und der Mensch fühlt Freude und weiß nicht warum. + +Als Grau endlich aufhörte zu spielen, war er von Glück und Jubel erfüllt. +Seine Hände bebten. All das Singen und Jauchzen der Orgel war noch in ihm. +Seine Augen waren so licht, daß er ihren Schein fühlte. Die Sonne leuchtete +am Himmel. + +Nun wollte er zu Susanna gehen. + +Er hatte sich lange Tage an der Freude gelabt, Susanna einen kleinen Hund +zu schenken. Er sollte klein und schneeweiß sein und wie Zucker schimmern. +Natürlich durfte er am Ende einige Flecken haben, etwa schwarze Pfoten oder +einen halben schwarzen Kopf, das würde nichts schaden, am besten aber war +er schneeweiß. Jedoch ein solcher Hund ließ sich nicht finden, trotz Graus +eifriger Nachfrage, weder ein weißer noch irgend ein anderer. Somit war es +mit seiner Freude nichts geworden. + +Ja, wie doch heute die Sonne leuchtete! Grau machte einen Umweg, um sein +Gesicht von der Sonne baden zu lassen. Wie die sanftesten warmen Hände +berührte die Sonne seine Wangen, und wenn er die Lider schloß, so war es, +als ob sich ein sanfter, warmer Finger auf seine Lider legte. Dann sah er +Feuer. + +Er lächelte einer jungen Mutter, die des Weges daherkam und ihr kleines, +wie ein junger Eisbär aussehendes Kind an der Hand führte, freundlich zu. +Die Frau errötete, sie mißverstand Graus Blick. + +Der Himmel war blau und leuchtete. Jedermann hat schon gesehen mit welch +blauer Flamme der Schwefel verbrennt, so stählern und durchsichtig blau war +der Himmel. Grau blickte hinein, tiefer, tiefer -- es lockte. + +Ich bin ja nichts, dachte Grau, ein Nichts, eine Kleinigkeit, und doch habe +ich die Gabe mich zu freuen, die Fliege selbst hat sie, jedes Wesen -- und +doch habe ich solch eine rätselhafte Sehnsucht in mir und doch +durchschauert mich manchmal eine Ahnung von dem Großen, das irgendwo ist. +Hast du Gott gesehen, frage ich dich? Nein. Und wenn du mich fragst, nein, +nein, wie sollte ich doch? Aber ich fühle, oft bin ich gleichsam betäubt +wie heute. Vergebt mir. Und doch, was könnte ich sagen, wenn mich einer +fragte? Ich weiß ja nichts. Ist Gott ein Sausen, das durch die Welt fährt, +oder ein Ton, ein ewig schwingender Ton, nach dem unsere Ohren haschen, +oder ein Blick, der auf uns ruht, auf jeder Stelle unseres Leibes, dem +Kopfe, der Fußsohle, Tag und Nacht, um Mitternacht und am Mittag? Oder ein +Lächeln, ist er in jenem Lächeln, das zuweilen auf allen Dingen zu ruhen +scheint, dem Grase selbst, dem glänzenden Felle des Stieres, dem Wasser. +Weiß ich es denn? Es gibt so viele, die sagen, es gibt keinen Gott. Es ist +möglich, aber die Welt ist göttlich schön. Ich strecke meine Hand in die +Höhe, sie ist golden, das ist die Sonne, ich strecke meine Hand in die +Höhe, sie ist silbern, das ist der Mond. Ferne da kniet ein Mann im Grase +und betet und ungezählte Stirnen beugen sich in den Sand und preisen Gott +in fremden Zungen. Trotzdem? Doch dann ist es der Mensch, der sich einen +Gott geschaffen hat, des Menschen Sehnsucht ist dann Gott. Aber es ist ja +nicht möglich, daß es keinen Gott gibt, nein, denn des Menschen Sehnsucht +ist göttlich und wie göttlich schön ist die Welt. Was fühlst du, wenn du +deine Hand anblickst? und wenn die Vögel im Walde singen -- wie wird dir? +Nun? warum dieses ewige Verlangen, diese Sehnsucht, dieses Brennen im +Herzen, warum denn? Dieses Fieber? In uns, die wir nichts sind als +Sandkörner, die vor dem Winde rollen. In diesem Sandkorn Gefühl, Wunsch, +Ekstase. + +Nein, niemand hat ihn gesehen, es ist wahr. Viele haben ihn geahnt. Jene +glänzenden Antlitze im Dunkel! Viele sind aufgestanden und haben +gesprochen, ihre Worte mögen unrichtig sein, sie konnten nicht ausdrücken, +was sie fühlten, aber ihre Gebärde, vergeßt mir diese Gebärde nicht. + +Grau blieb stehen und sah einen Hund an, der unter der Haustüre saß und in +die Sonne empor blinzelte. In der Vorstadt trat er in einen dunkeln +metergroßen Blumenladen ein und erstand eine kleine rote Tulpe. Als er +bezahlen wollte, stellte es sich heraus, daß er kein Geld mehr hatte. Aber +die Leute kannten ihn und es wäre fast eine Beleidigung gewesen, ihr +Anerbieten, später zu bezahlen, zurückzuweisen. Während er noch zögerte, +trat jemand in den metergroßen Laden ein und er roch ein feines Parfüm, das +sich ohne Hindernisse in dem Raume bemerkbar machen konnte; die Blumen hier +waren zumeist aus Wachs und Papier, und die wenig lebenden, die es hier +gab, rochen nicht. + +»Herr Grau?« sagte eine schöne Stimme. + +Diese Stimme drang sofort bis zu seinem Herzen. + +Adele von Hennenbach schob den gelben Schleier in die Höhe und ihr schmales +blasses Gesicht und die klaren hellgrauen Augen kamen zum Vorschein. Sie +lächelte und blickte Grau freundlich an. An ihrem Arme hing die +Schlittschuhtasche; sie war gekleidet wie neulich und aus dem flotten +Pelzjackett stieg jenes feine Parfüm. + +»Ich kann mir wohl denken, für wen diese Tulpe hier ist!« sagte sie und +blickte Grau mit einem leisen Lächeln an; sie betrachtete die Tulpe mit ein +wenig geöffneten Lippen. + +Grau kam in Verlegenheit, als ob sie ihn bei einer unschönen Handlung +ertappt habe. Er lächelte und drehte an einem Knopfe seines Mantels. »Es +macht mir Vergnügen, Susanna eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen, sie +freut sich so,« sagte er, sich gleichsam entschuldigend. »Sie gehen zum +Eise, Fräulein von Hennenbach?« + +Adele streckte sich ein wenig in die Höhe. »Ja,« sagte sie, »man muß die +letzten Tage noch benützen, es wird bald vorbei sein mit der Herrlichkeit. +Ich habe mit Ihnen einige Worte zu sprechen, Herr Grau, wenn Sie nicht +ungehalten sein würden, daß ich die Gelegenheit benütze?« + +»Bitte.« Er war hocherfreut. Sie verließen zusammen den Laden. Adele +erkundigte sich nach den Formalitäten -- es handelte sich um ihre Trauung. +Dann plauderten sie. + +»Wie froh Sie heute doch aussehen, Herr Grau!« sagte Adele. »Ganz als ob +Sie eine frohe Nachricht erhalten hätten!« + +»Das habe ich auch!« sagte Grau. »Aus weiter Ferne.« + +»Diese arme Susanna,« bemerkte Adele im Laufe des Gespräches, »wie es mir +doch leid tut um sie. Sie hat nichts als Kummer gehabt, nicht ein Quentchen +Glück, keine frohe Jugend, kaum ein wenig Freude. Wie klug und vornehm und +bescheiden ist sie doch! Wie schade, daß sie krank ist, daß sie so häßlich +ist, so mißgestaltet, ich bin traurig, so oft ich an sie denke. -- Wollen +wir den Weg zum Fluß hinunter gehen, Herr Grau? Es ist kaum ein Umweg.« + +Sie gingen den Fluß entlang, an den beschneiten Schiffen vorbei, worauf die +Kinder herumkletterten und schrien. Kleine Knirpse und Mädchen mit +zerzausten Haaren liefen auf einer glatten Bucht Schlittschuh und schrien +ebenfalls was sie nur konnten. + +Grau schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht finden,« erwiderte er, »daß +Susanna häßlich ist. Ich muß freilich zugeben, daß ich beim ersten Anblick +dachte, die Natur habe sie stiefmütterlich behandelt, nun aber erscheint +sie mir schön.« + +»Wirklich?« + +»Ja, ich entdecke mehr und mehr Schönheit an ihr. Sie hat doch ganz +wunderbare Augen! Haben Sie beobachtet, wie Susannas Augen Ihnen das Wort +von den Lippen horchen, den letzten Sinn aus den Augen horchen, den das +Wort nicht geben kann oder gibt? Wie ihre Augen antworten, noch bevor sie +die Lippen öffnet?« Er blickte mit schwärmerischem Lächeln auf Adele. + +»Ja, ja.« + +»Und dann ihre Hände! Haben Sie diese Hände genau betrachtet? Wie lebendig +sie sind, wie sie alles miterleben, was Susanna erlebt. Und wie schön sie +doch sind, Susannas Hände! Ja, bei Gott, sie sind außerordentlich schön! +Ich schwärme, nicht wahr? Aber in Wirklichkeit, seitdem ich Susanna zum +erstenmal sah, schwärme ich für sie -- ich gestehe es. Sie werden es ihr ja +auch nicht wieder sagen,« fügte er mit einem Lächeln hinzu. + +Adele sagte: »Wer weiß es?« + +»Ich würde es nicht wünschen,« sagte Grau. »Sie werden doch nicht am Ende +glauben, daß ich gerade deshalb so aufrichtig bin?« + +Adele schüttelte den Kopf und lachte. »Sie wissen, daß Sie es mit einer +Frau zu tun haben!« sagte sie scherzend. »Susanna würde all das wohl gerne +hören, denn sie ist so stolz auf Ihr Lob. Sie haben ihr auch gesagt, daß +sie eine Dichterin sei und Bücher schreiben könnte. Glauben Sie das +wirklich?« + +»Würde ich es sonst sagen?« Grau nickte. »Ja, das glaube ich,« sagte er. +»Hat Ihnen Susanna schon die Geschichte erzählt, die sie über das +Porzellandämchen in Mütterchens Glasschrank ersonnen hat? Die Abenteuer der +Madame Ypsilon? Eine drollige und wunderschöne Sache! Als ich mein erstes +Kind erwartete, beginnt die Geschichte dieser Porzellandame -- haha!« + +Adele kannte diese Geschichte. »Wenn es weht, vermeide ich es, auf die +Straße zu gehen, erzählt Madame Ypsilon,« sagte sie. »Ich habe gar keine +Talente,« fügte sie hinzu und schüttelte lächelnd den schönen, stolzen +Kopf. + +»Jeder Mensch hat seine Talente.« + +Ja? Nun, dann möchte sie recht gerne wissen, welche Talente er ihr +zuschreibe? + +»Erstens,« antwortete Grau und blickte sie an, »sind Sie sehr musikalisch, +ich sehe das aus Ihrer Art unwillkürlich auf Geräusche und Töne der Straße +zu reagieren, sodann sind Sie eine vorzügliche Tänzerin, an Ihrem Gange +kann man das erkennen, mehr noch an der Art wie die Bewegungen Ihres +Körpers eine Unregelmäßigkeit des Weges ausgleichen. Sie haben die +Fähigkeit fremde und unmögliche Dinge zu träumen, vielleicht mitunter +grausame Dinge.« + +Adele sah ihn an. »Bitte, bitte!« rief sie aus und lächelte. + +»Ihre größte Gabe aber scheint mir zu sein,« fuhr Grau fort, »unklare +Situationen zu überblicken -- zuweilen geht Ihr Blick so rasch hinter den +Wimpern hervor und unvermittelt in die Weite -- und rasch und unerschrocken +zu handeln -- sogar tollkühn,« fügte er leiser hinzu. + +»Ich habe mir vorgenommen, sobald ich Sie treffe, für meinen Bruder um +Entschuldigung zu bitten,« sagte Adele ablenkend. »Wegen jener Affäre im +Elefanten.« + +Grau lächelte und schüttelte den Kopf. Aber das sei doch nicht der Rede +wert. + +Adele blickte ihn erstaunt an. »Nicht der Rede wert?« fragte sie. »Haben +Sie denn keinen Streit mit ihm gehabt?« + +»Nein, nein!« Grau lächelte. + +»Wie merkwürdig!« sagte Adele. »Er hat mir erzählt, Sie hätten Billard +zusammen gespielt, er habe gewonnen und es sei zu einem Wortwechsel -- und +fast zu Tätlichkeiten gekommen,« fügte sie zögernd hinzu. + +Grau sah sie an. »Das ist nicht wahr!« sagte er ernst und leise, denn etwas +beschäftigte seine Gedanken. + +Adele öffnete erstaunt die Lippen. »So?« sagte sie gedehnt. »Ich habe mich +gewundert darüber -- er hat mir eine ganze Geschichte erzählt. Auch die +Geschichte mit der Flasche ist also -- nicht wahr?« Sie errötete flüchtig, +»Ich habe bisher meinem Bruder alles geglaubt,« sagte sie mit einem Tone +von Verwunderung und Betrübtsein in der Stimme. Sie schwieg lange Zeit und +dachte nach, dann wandte sie sich wiederum an Grau, der ebenfalls in +Nachdenken versunken war. »Lassen wir das!« sagte sie, indem sie ihrer +Stimme einen gleichmütigen Klang zu geben versuchte. »Man hat mir erzählt, +daß Sie früher Gefängnisgeistlicher waren, Herr Grau? Das war wohl Ihre +erste Anstellung?« + +Aber Grau hörte nicht. Er hatte den Blick zu Boden gerichtet und seine +Mienen drückten tiefes Nachdenken aus. Erst als Adele ihre Frage +wiederholte, fuhr er verwirrt auf. + +»Ich bitte um Verzeihung!« sagte er verlegen. »Allein ich kann manchmal +vollständig in Gedanken versinken. Nun hat mich eben eine Angelegenheit +beschäftigt, die mich schon seit meiner Ankunft stark interessiert. Es gibt +Dinge, die mich gar nichts angehen, aber meine Gedanken kaprizieren sich +gerade darauf. Gefängnisgeistlicher, sagten Sie das? Ja, aber es war nicht +meine erste Stelle. Zuvor war ich Lehrer an einem Blindeninstitut für +Kinder.« + +»Oh!« Adele zog wie unter einem körperlichen Schmerze die feinen schwarzen +Brauen hoch. Sie grüßte jemand auf der Straße, dann sagte sie: »Unter +Blinden, wie furchtbar! Und noch dazu unter blinden Kindern! Wie +schrecklich muß das sein!« + +»Viel schrecklicher ist es noch blind zu sein,« sagte Grau und blickte +Adele an. + +»Ja, entsetzlich!« Adele richtete die hellen klaren Augen auf ihn. + +»Stellen Sie sich vor, wie es ist blind zu sein, versuchen Sie es! Ja, ich +habe es einmal versucht, ich kann Ihnen das ruhig erzählen, denn Sie denken +vornehm, ich habe es einmal versucht und mich blind gemacht --« + +»Was taten Sie?« Adele sah Grau erschrocken an. + +»Verstehen Sie es recht,« fuhr Grau fort. »Ich habe mir eine Binde um die +Augen gelegt -- es war in jenem Institut -- vier Tage lang -- ich tat es +aus Interesse -- aus einer Art von Interesse, wenn Sie wollen, um meine +blinden Lieblinge besser zu verstehen, vielleicht auch um ihnen gleich zu +sein -- kurzum, aber ich sage Ihnen gleich -- doch es ist besser nicht +davon zu sprechen. Entschuldigen Sie, Fräulein von Hennenbach.« Er wurde +plötzlich rot, dann fuhr er in anderem Tone fort: »Denken Sie daran, wie +wir uns freuen, wenn nur ein bißchen Licht durch die Fensterladen sickert, +wenn das Licht im Laube der Bäume spielt, wir Menschen leben ja vom Licht +wie die Pflanzen, unsere Seele nährt sich davon. Jeder Sonnenaufgang, jedes +Glitzern eines Sternes, es ist in uns, wir wären nicht die gleichen ohne +diese Eindrücke und glauben Sie mir, Fräulein von Hennenbach, ein Mensch +mit zehntausend Sonnentagen und zehntausend Sternennächten in seinem Leben +ist ein ganz andrer als ein Mensch mit fünftausend nur.« + +Ein Mann schlendert an ihnen vorüber, in hohen Stiefeln, das Gewehr auf dem +Rücken. Es war Eisenhut. Er grüßte tief, blinzelte beide an und stieg +hocherhobenen Hauptes vor ihnen her. Er nahm eine Zigarre aus dem Etui und +steckte sie in Brand. + +»Schönes Wetter, schönes Wetter!« rief er und blinzelte. + +»Ja, schönes Wetter!« sagte Grau. + +Aber Eisenhut blickte Adele an, er beachtete ihn gar nicht, und +wiederholte: »Schönes Wetter!« + +»Danach hat man Sie also zu den Gefangenen geschickt, Herr Grau?« sagte +Adele, die Eisenhut gänzlich ignorierte. Eisenhut blinzelte, reckte den +Spitzbart in die Luft und zog mit seiner Zigarre ab, deren blauer Rauch +regungslos über dem Wege schwebte. + +»Es geschah auf meine Bitte hin,« antwortete Grau. + +»Übrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes dazu getrieben, +ich hatte eine Art Vision -- oder --« + +»Eine Vision?« + +»Eine Art Vision, ja. Es ist übrigens kaum des Erzählens wert.« + +Grau lächelte und blickte Adele an, deren Wangen allmählich ein frisches +Rot überzog. + +»Sie müssen mich recht verstehen,« sagte Grau, »was heißt das schließlich, +eine Vision, nicht wahr? Es ist eine Art Traum in halbwachem Zustande, +nichts weiter. Einmal zum Beispiel, glaubte ich ein Sandkorn zu sein und +ich sah das Leben all des kleinen Getieres zwischen den Gräsern, das +Wachsen der Halme, wie Zelle sich an Zelle schloß -- ganz wunderbare +Lebensvorgänge --« + +»Einmal nun, da schloß ich die Augen; ich war müde, aber ich schlief nicht +und plötzlich sah ich einen Mann vor mir mit erdfahlem Gesicht, in der +Kleidung eines Gefangenen. Er ging hin und her, vier Schritte vorwärts und +vier Schritte zurück, so daß ich einmal sein erdfahles Gesicht sah, einmal +seinen Rücken. Aber mit einmal war es nicht einer, es waren unendlich +viele, vielleicht hundert. Wie Sie im Traume in Häuser hinein blicken +können, durch Mauern hindurch, so sah ich in all diese Zellen hinein. Sie +gingen hin und her, vier Schritte vorwärts, vier Schritte zurück, sie +hatten alle erdfahle Gesichter und waren gekleidet wie Gefangene. Sie +gingen hin und her, wie ein Tier in seinem Käfig, plötzlich aber blieben +sie alle stehen, all die Hundert, sie blieben stehen und trommelten mit den +Fäusten an die Wände. Nur einen Augenblick. Dann nahmen sie das Wandern +wieder auf.« + +»Wie schrecklich!« + +»Ja, in der Tat, in der Tat schrecklich!« sagte Grau leise und schwieg eine +Weile. Er fuhr fort: »Aber nach einer Weile standen all die Hundert wieder +still, gerade in dem Moment, da sie kehrt machen wollten um mir den Rücken +zuzuwenden -- sie standen still, sage ich -- und sahen mich an. Alle auf +einmal! All die Hunderte von Augen, von toten erloschenen Augen, sie sahen +mich an. Ein Traum, denke ich, ein Traum, nur ein Traum und klammere mich +an den Gedanken, daß es ja nur ein Traum ist, während der Blick dieser +entsetzlichen Augen auf mir ruht. Dieser Blick aber war kaum länger als ein +Gedanke, dann lächelten all die erdfahlen Gesichter. Sie zogen die Münder +ein wenig schief und sie lächelten alle das gleiche Lächeln: Spöttisch, +überlegen, verächtlich -- dann machten sie kehrt und wanderten wieder.« + +Grau schwieg. Sie gingen eine Weile nebeneinander her und blickten beide +auf den Boden. Als sie den dicken Wartturm durchschritten, wo ihre Schritte +leicht widerhallten, sagte Adele: »Deshalb also gingen Sie dorthin?« + +»Ja, deshalb, ich hatte keine Ruhe mehr.« + +Adele atmete die frische Winterluft ein, und ihr Schleier flatterte +plötzlich im Winde; denn die Höhe trat hier zurück und der Wind hatte freie +Bahn. Ein paar Krähen flogen, tief mit den Flügeln schlagend, in einer +Reihe über das Schneefeld und schrien. Bald tauchte auch das Dach von +Susannas Häuschen auf. + +»Ich hatte ja früher nie länger über diese Gefangenen nachgedacht,« nahm +Grau das Wort wieder auf, »aber jetzt mußte ich es tun. Es war besonders +jenes Lächeln mit dem schiefgezogenen Mund, das mir zu denken gab. Ich +sagte, sie lächelten spöttisch, überlegen, verächtlich, aber all das sagt +nicht genug. Ihr Lächeln schien auszudrücken: Du bist auch einer von jenen +Gedankenlosen.« + +»Gedankenlosen?« + +»Ja,« sagte Grau, »und ich mußte immerzu an dieses rätselhafte Lächeln +denken und schließlich kam es dahin, daß ich um jeden Preis wissen mußte, +was es bedeute. Ich hatte mich ja mit solch falschen Anschauungen über +Gefangene und Verbrecher getragen.« + +»Wollen Sie mir nicht sagen, was für Menschen sie eigentlich sind?« fragte +Adele mit aufrichtigem Interesse. + +Grau sah Adele an. »Was für Menschen?« antwortete er und lächelte. »Sie +sind genau wie andere Menschen, wie die Bürger dieser Stadt hier, wie ich, +nur daß sie etwas getan haben, irgend etwas, das gegen einen Paragraphen +des Gesetzes verstieß, daß sie nicht vorsichtig genug waren und daß man sie +packte.« + +Plötzlich erbleichte Adele. Sie lächelte und blickte in die Ferne, genau +dahin, wo jetzt die Krähen flogen; sie sagte: »Ja -- daß man sie packte, +das ist ganz richtig, das ist wahr!« Sie lachte ein wenig seltsam. + +Grau sah sie mit einem raschen erstaunten Blicke an. + +Dann aber fuhr er mit gleichmütiger, ja fast auffallend gleichmütiger +Stimme fort: »Ich sehe, Sie interessieren sich für diese Unglücklichen, +Fräulein von Hennenbach. Ich gestand Ihnen ja, daß auch ich mich mit +falschen Anschauungen trug. Der größte Teil, das sind Leute, bei denen eine +der allgemein menschlichen Eigenschaften, Eitelkeit, Hochmut, Trägheit +Genußsucht, Sinnlichkeit, Habgierde, Verlegenheit, Gutmütigkeit, +Leichtsinn, Leidenschaftlichkeit -- (eine ungeheure Menge von allgemein +menschlichen Eigenschaften zählte Grau auf, sie wollten gar kein Ende +nehmen) -- unglücklich stark entwickelt ist im Vergleich zur Willenskraft, +stärker sogar als die Furcht vor dem Gesetze. Jener Anschauung, daß alle +Verbrecher und Sträflinge geisteskrank oder seelisch defekt sind, stimme +ich nicht bei. Im Gegenteil, Sie finden darunter einen nicht geringen Teil, +der sehr gesund ist, gesunder oft als die freien Menschen. Ganz prächtigen +Leuten können Sie dort begegnen, welche Kraft, Unerschrockenheit, welches +Feingefühl, welcher Stolz! Die meisten natürlich sind krank, sie haben +einen Tropfen krankes Blut im Körper, den der Arzt natürlich weder sehen +noch nachweisen kann. Endlich kommen die schrecklichen Verbrecher, die als +Teufel geboren wurden und eines Tages ein Verbrechen begehen, daß alle +Zeitungsleser der ganzen Welt schreien: Er gehört geschlagen, gebrüht, die +ärgste Folter müßte ersonnen werden!« + +»Haben Sie solche gesehen? Was für Menschen mögen das wohl sein?« + +»Ich habe vier solche gesehen, ja. Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Sie +sind ein Mysterium, uralte Raubtiernaturen, Finsternisseelen, blutige +Gespenster -- irgend eine schreckliche Kraft, ein entsetzlicher Geist haust +in ihnen, ich weiß es nicht, ich habe das noch nicht zu Ende gedacht!« + +Adele schüttelte den Kopf. »Nach all dem, nach Ihrer Auffassung vom +Verbrecher,« sagte sie, »die ja sehr gütig ist --« + +Grau unterbrach sie. »Das Resultat von Beobachtungen, erlauben Sie, mein +Gefühl spricht nicht mit.« + +Nun wohl, seiner Anschauung gemäß müßte es unrecht sein, die Verbrecher zu +bestrafen. + +Grau blieb stehen. Er sah Adele an und sagte: »Natürlich! Das ist eins +jener Dinge, die ich gar nicht verstehen kann. In hundert Jahren wird man +diesen menschlichen Irrtum mit den gleichen Augen betrachten, mit denen man +heute auf die mittelalterlichen Hexenprozesse blickt.« + +»Aber --?« + +Grau lächelte. »Die Gesellschaft!« sagte er. + +»Ich verstehe. Ich werde kein großes Geschrei machen, ich werde gar nicht +von den Verbrechen sprechen, die die Gesellschaft in aller Ruhe begeht oder +von den Verbrechen, die im Gesetz selbst enthalten sind. Die Gesellschaft +will in Ruhe und Frieden die Arbeit der Kultur verrichten, nicht wahr? +Störenfriede schafft sie aus dem Wege. Aber das ist nicht ganz richtig, der +Gesellschaft ist es ja nur zum geringsten Teil um Kulturarbeit zu tun, zum +allergeringsten Teil -- denn die Gesellschaft ist ja eigentlich nichts +anderes als ein Ring kleiner und großer Bankiers -- es ist ihr vielleicht +ein wenig um das Werk der Zivilisation zu tun, um den Export von Seifen und +Gasmotoren und Kanonen -- vielleicht nur um Bereicherung, aber auch das ist +wohl nicht gerecht -- sagen wir die Gesellschaft will leben, bequem und in +Frieden. Deshalb also schafft sie sich Gesetze, nur weil sie bequem und in +Gemütsruhe leben will -- das Motiv steht nicht sehr hoch! Gut, sie kann +also Störenfriede ausschließen -- aber bestrafen, wieso? Vielleicht hat sie +das Recht, Elemente, die ihre Gesetze nicht respektieren und sich dagegen +verfehlten, zu erziehen -- das aber ist alles!« + +»Ja, aber ich verstehe nicht ganz?« warf Adele ein. + +Grau schüttelte den Kopf und lächelte. »Sie meinen, wenn jemand mir zum +Beispiel hundert Mark stiehlt -- ja, was habe ich dagegen? Werde ich ihn +bestrafen? Nein, ich würde mich schämen, so großen Wert auf ein bißchen +Besitz zu legen, ich würde es gar nicht vornehm finden -- die Gesellschaft +aber glaubt das Recht zu haben, einem Menschen, der einen alten Überzieher +gestohlen hat, ein Stück seiner Seele zu stehlen. Ich begreife das nicht. +Übrigens keine Einzelheiten. Müssen Sie nicht immer ein Auge schließen, +wenn Sie auf die Gesellschaft blicken, oder beide Augen zuweilen, wie? Oder +müssen Sie sich nicht schämen oder erwacht der Gedanke nicht in Ihnen, +fortzugehen, weit fort, zu den Wilden auf eine Insel, wohin kein Schiff aus +Europa kommt, wie? Europa, jenem Kontinente der bestechenden Theorien und +der schmutzigen Praxis. Sie werden sagen, Ehre, Gut, Leben müssen beschützt +werden. Gut -- obgleich ich finde, daß unsere Zeit zu viel Wert darauf +legt. Man wirft den Verbrecher in den Kerker, jahrelang -- ohne zu +bedenken, daß das grausamer ist als jedes Verbrechen. Der Verbrecher hat +sich am Besitz, am Leben eines anderen vergriffen, aber nicht an der Seele, +wohlgemerkt, das aber tut die Gesellschaft. Sie martert die Seelen, sie +läßt sie vermodern und verfaulen. Dabei handelt die Gesellschaft mit klarer +Überlegung -- könnte man fast sagen -- aber der Verbrecher --? Nun?« + +»Nun werden Sie aber sagen: Wenn ein Mensch jedoch ein Teufel ist, nicht +wahr? Ja, aber muß denn die Gesellschaft ebenfalls teuflisch sein? Was ist +das anders als niedrige Rachsucht? Es mag ja Zeiten gegeben haben, wo all +das am Platze war -- aber heute? Das Leben wäre ja wohl nicht mehr so +bequem und so ungefährlich, das mag sein. Aber wäre es nicht besser, wenn +es ein wenig mehr gefährlich wäre und dafür gerechter? Übrigens haben schon +viele Leute darüber nachgedacht und Reformen geschaffen, zum Beispiel in +Amerika. Man kann nicht leugnen, daß es allmählich etwas lichter wird. Von +der Todesstrafe will ich ja gar nicht sprechen.« + +Adele dachte nach. Sie schüttelte den Kopf. »Wie soll man es aber +anstellen?« fragte sie. »Soll man die Verbrecher etwa alle auf eine Insel +verschicken?« + +»Nein, dann kämen ja auf dieser Insel alle Verbrecher und Kranken +zusammen.« + +Grau entwickelte ihr seine Gedanken. Arbeit und Schulen, Gelegenheit den +Gefallenen gesund zu machen. + +»Schulen?« + +»Ja, Schulen, die ihn erziehen, die ihm die Augen öffnen, ihn auf ein +höheres Niveau der Anschauung vom Leben, vom Menschen, der Gesellschaft +stellen. Frische Luft, gute Nahrung, viele Bewegung, Spaziergänge in Wald +und Feld. Die Arbeit kann ja hart sein, in Bergwerken, Steinbrüchen, das +ist einerlei, aber sie darf nicht alle Zeit in Anspruch nehmen, kaum die +Hälfte des Tages.« + +Adele hatte noch eine Frage. Nämlich, wenn das alles nichts helfe und der +Verbrecher rückfällig werde. + +Wiederum Bergwerke, Steinbrüche, Schulen. Ja, wenn er wolle, könne er ja +sein ganzes Leben in den Bergwerken arbeiten und täglich ein paar Stunden +spazieren gehen. + +Ob Herr Grau nicht glaube, daß dadurch die Ziffer der Verbrecher steige, +bei dieser linden Behandlung? + +Nein, nimmermehr glaube er dies! Das moralische und ethische Bewußtsein des +Volkes würde gerade dadurch gehoben werden. + +Hm. Ja, aber es gäbe Verbrecher, eigenartig angelegte Menschen, die nicht +eine Spur von einer moralischen oder ethischen Anlage in sich hätten, es +seien oft die schrecklichsten -- + +»Ein Landhaus für sie in einsamer Gegend, ein Stück Gartenland.« + +»Ein Landhaus!« Adele lachte unwillkürlich. Grau errötete. Er blickte sie +an. »Nun, natürlich, eine Hütte,« sagte er sanft, »da mögen sie hausen. Man +kann sie nicht erziehen, man kann sie nicht bestrafen -- aber sie sind aus +dem Wege.« Ja, die Gesellschaft müsse es sich schon einiges kosten lassen, +wenn sie leben wolle, wie sie es wünsche. + +Sie standen auf der Brücke. »Leben Sie wohl nun,« sagte Adele. »Das +Gespräch hat mich angeregt, ich danke Ihnen.« + +»Ich danke Ihnen!« wehrte Grau ab. »Nicht weil Sie mir so aufmerksam +zuhörten, sondern für Ihr Interesse an diesem Gegenstand, Fräulein von +Hennenbach.« Das sagte er mit einem warmen Blick. + +»Wie lange waren Sie denn bei den Gefangenen?« + +»Leider nur ein Jahr.« + +»Leider?« + +»Ja. Ich wäre noch gerne bei ihnen geblieben, aber es hat sich nicht so +gefügt.« + +»Weshalb?« + +Grau lächelte. »Die Wahrheit ist die,« sagte er, »ich habe eine Broschüre +geschrieben, die einiges Aufsehen erregt hat, und man hat mich zur Strafe +versetzt.« + +»Ah!« Adele gab ihm die Hand. + +Grau drückte Adeles Hand und sagte ganz unvermittelt: »Ich sehe Sie dann +und wann in Ihrem Parke gehen, Fräulein von Hennenbach. Einmal da trugen +Sie ein brennend rotes Kostüm. Sie kamen auch bis an die Mauer, es war ein +japanisches Kostüm denke ich --« + +Ja, es sei für den Liederkranzball am Faschingsmontag bestimmt. Sie liebe +es sich zuweilen phantastisch zu kleiden. + +»Einmal da gingen Sie ganz in Gold,« fuhr Grau fort, »es sah aus als ginge +ein Sonnenstrahl im Park spazieren, möchte ich beinahe sagen.« Er sah Adele +lange an und dann nickte er. »Ich denke zuweilen an Sie,« sagte er +aufrichtig mit einem Lächeln auf den knabenhaften Lippen, »ich wünsche, daß +Ihr Leben reich und herrlich sein möge, denn Sie sind sehr schön! Ich habe +stets ein eigentümliches Gefühl, wenn ich Sie sehe, Fräulein von +Hennenbach, denn ich hatte einst einen sonderbaren Traum von einer Frau, +der Sie sehr ähnlich sind --« + +Adele errötete etwas und lächelte, um ihre Verlegenheit und Verwunderung zu +verbergen. »Wollen Sie mir diesen Traum nicht erzählen?« + +Nein, nein, das sei eine Geschichte für sich. »Leben Sie recht wohl.« Er +lächelte und verbeugte sich, dann nahm er den Blumentopf mit der kleinen +roten Tulpe auf den andern Arm und stieg zu Susannas Häuschen hinab. Er +hatte Mühe, gegen den Wind anzukämpfen, der heftig über die Felder blies. + +Susanna hatte sich geschmückt. + + + + +Sechzehntes Kapitel + + +Ein Sonnenstrahl leuchtete in Susannas Stube umher, als Grau eintrat. In +Mütterchens Glasschrank, dessen Scheiben halb blind waren, wurde es auf +eine Weile tageshell und man sah all die Teller und Tassen, die da standen. +Auf dem Fensterbrett, dem Tisch und der Kommode standen Blumen, Tulpen, +Hyazinthen und ein kleiner blühender Baum, der genau wie ein blühender +Kirschbaum in kleinem Format aussah, die Blumen glänzten und lächelten als +der Sonnenstrahl sie berührte und die roten Tulpen glühten als hauche man +auf rote Glut. + +In der Mitte ihres Gartens saß Susanna und lächelte. Der Sonnenstrahl +beleuchtete ihr Gesicht und ihre Augen glänzten wie dunkles Kupfer. Sie +hatte sich geschmückt. + +Um die Ärmel ihres schwarzen Kleides hatte sie Spitzen genäht, um die +Schultern hatte sie ein goldgelbes Seidentuch gelegt, es warf einen warmen +Widerschein auf ihr schmales Gesicht. Hinter dem Kopfe lag ein weißes +Kissen. Es mochte sein, daß sie sich schlechter fühlte, aber man konnte +auch glauben, daß das weiße Kissen den Zweck habe, die schwarzen Haare mehr +zur Geltung zu bringen. Diese Haare waren mit größter Sorgfalt frisiert, +sie glänzten von irgend einer Salbe, die Zöpfchen, die über die Ohren +herabhingen, waren zu Bändern geflochten, und man konnte sich recht gut +vorstellen, wie lange solche kleinen müden Hände wohl dazu brauchten. + +Sie lächelte als Grau eintrat und ihre Augen glänzten ihm entgegen. +»Willkommen, mein Freund! Aber da haben Sie sich ja trotz meines Verbotes +wiederum Ausgaben gemacht!« Sie drohte ihm mit den Finger. + +»Entschuldigen Sie nur, Fräulein Susanna!« sagte Grau und lachte, indem er +die kleine Tulpe auf den Tisch stellte. Er legte den Mantel ab, hauchte auf +die Fingerspitzen, er stampfte auch mit den Füßen, ganz als ob er zu Hause +wäre. »Welche Kälte, dieser Winter scheint kein Ende zu nehmen. Nun, wie +geht es?« Er gab ihr die Hand. + +»Gut. Ich habe sehr gut geschlafen.« + +»Ich danke Ihnen für Ihren Brief, Fräulein Susanna!« sagte Grau und hielt +Susannas Hand. »Welch ein schöner und unvergeßlicher Brief!« Sie habe sich +gedrungen gefühlt, ihm zu schreiben, denn sie vergäße so vieles zu sagen +und manches lasse sich auch nicht erzählen. »Was gibt es neues?« sagte +Grau. + +Endlich entzog ihm Susanna sanft die Hand. + +»Sie sollten sich am Ofen wärmen,« sagte sie mit ihrer hohen feinen Stimme, +»Sie sehen ganz durchgefroren aus!« + +»Ja, neues? Mütterchen hat Streit mit Herrn Eisenhut gehabt; zum +hundertsten Male hat er gedroht, ihr zu kündigen.« Dann die Blumen. »Die +weiße Hyazinthe steht so matt da. Übrigens sie riecht am allerfeinsten. Sie +riecht wie ein feiner Apfel, nur noch feiner. Die weißen haben überhaupt +den feinsten Duft, die blauen oder roten, auch sie riechen fein, aber es +ist nicht das gleiche. Betrachten Sie die gelbe Tulpe. Sie hat ihre meisten +Tage gesehen, sie stirbt. Sehen Sie, wie sie verzweifelt den Kelch öffnet? +Aber so riechen Sie doch daran -- wie feinster Zimt, nicht wahr?« + +»Hören Sie, welch prächtige Menschen es doch auf der Welt gibt!« rief Grau +aus. »Da haben Sie diese alte Frau Sammet. Was tut sie, diese arme +Kirchenmaus? Heute kommt sie wieder zu mir und bringt zwölf Eier und ein +halbes Pfund Butter. Ja, sage ich, was soll das eigentlich? Jetzt sind Sie +erst vor acht Tagen dagewesen? Sie legt die Eier auf den Küchentisch und +die Butter, aber sie rückt nicht mit der Sprache heraus. Es ist Montag, +sagt sie. Sie nimmt auch kein Geld. Es ist Montag, sagt sie, sonst nichts. +Also scheine ich jeden Montag meine zwölf Eier und das halbe Pfund Butter +zu bekommen -- ist Ihnen so etwas schon im Leben passiert?« + +»Sie ist Ihnen so dankbar, die alte Frau,« sagte Susanna, »sie weint, so +oft sie von Ihnen spricht.« + +»Ah!« sagte Grau und lachte und wandte sich ab. »Da haben Sie es, sie ist +ein altes Weib. Wofür, um Gottes willen, sollte sie mir zu danken haben? +Nun rennt sie meilenweit in den Dörfern umher, um ihr bißchen Brot zu +verdienen, und bringt mir jeden Montag zwölf Eier und ein halbes Pfund +Butter -- ja, vielleicht ist es ein Pfund, wer weiß es -- für nichts, für +rein nichts, solche Menschen gibt es unter der Sonne.« + +»Sie soll jetzt eine große Kundschaft haben. Sie hat sich einen kleinen +Handwagen angeschafft. Das alles hat mir Adele erzählt.« + +»Fräulein von Hennenbach?« + +»Ja, sie war hier. Sie hat viel von Ihnen gesprochen.« + +»Wie freundlich von ihr.« + +»Adele hat mir das seidene Tuch hier geschenkt, auf eine kleine Äußerung +hin, auch die Spitzen hier. Ich habe nur gesagt, die Ärmel des Kleides +sehen so kurz aus. Von ihr habe ich eine ganze Menge Neuigkeiten!« Susanna +lächelte schelmisch und wichtigtuend. In ihren pechschwarzen Augen glänzten +goldene Funken, Reflexe des Seidentuches. »Sie haben die alte Frau Sammet +auch aufgefordert im Pfarrhaus zu wohnen, ist es nicht so?« + +Grau sah erstaunt auf. »Grundgütiger Himmel, welch eine Stadt ist das +doch!« sagte er. »Jeder Pflasterstein scheint ein Ohr zu haben. Ja, ich +habe der alten Sammet dieses Anerbieten gemacht, weil ich vier Zimmer habe +und weil ich dachte, sie könnte mir vielleicht ein wenig in der Wirtschaft +helfen --« + +»Aber Sie tun ja alles allein, nicht einmal die Stiefel lassen Sie sich von +der Küstersfrau putzen.« Susanna lachte. + +Susanna lächelte. »Wenn Sie wüßten, was ich alles erfahren habe! Ja, bei +Gott, das ist eine Stadt, jeder Pflasterstein scheint ein Dutzend Ohren zu +haben, da haben Sie recht!« Sie lachte und klatschte ein wenig in die +Hände. Dabei verrückte sich das Kissen hinter ihrem Rücken und Grau eilte, +ihr behilflich zu sein. Aber Susanna wurde dunkelrot und wehrte ab. Sie +wollte nicht, daß er sehe, daß sie ausgewachsen war. »Es betrifft ihn, +Herrn Eisenhut,« fuhr sie leise fort, »er ist hier und Mütterchen spricht +mit ihm -- wegen einer Rechnung von zwölf Mark ist ein langwieriger Krieg +zwischen den beiden ausgebrochen -- es betrifft ihn. Sie wissen nicht, was +ich meine? Nein? Wie klug Sie es auch angestellt haben, es ist doch bekannt +geworden. Ja, zuerst haben Sie einen Schulknaben herausgefischt und ihm das +Versprechen abgenommen, nicht mehr hinter Herrn Eisenhut herzulaufen und +Spottlieder zu singen, auch das Versprechen, daß er niemandem etwas sagen +sollte, daß Sie mit ihm sprachen -- dann einen zweiten und dritten und auf +diese Weise alle zusammen, aber es ist doch bekannt geworden.« + +Grau zog die Brauen zusammen, seine Augen wurden groß, er sah +niedergeschlagen und unglücklich aus. »Es ist also glücklich +herausgekommen, wie?« sagte er leise. »Ich hätte es mir denken können, wenn +ich ein klein wenig mehr gedacht hätte, so hätte ich es mir -- ja, es war +ein schlechter Einfall. Auf diese Rangen ist kein Verlaß! Ich habe gedacht, +sehen Sie, es war so, ich habe es gesehen, wie sie hinter Eisenhut +herliefen und sangen. Er war ein wenig angetrunken. Sie sangen und schrieen +und tanzten, grausam, wie Kinder sein können, die Polizei wollte sie +verjagen, aber das gelang natürlich nicht, und nun sah ich, daß Eisenhut +sich gegen alle umwandte und eine hilflose Gebärde machte. Diese Gebärde +aber und vor allem sein Blick -- nein, wie dumm ich es aber angestellt habe +--« Er schüttelte den Kopf und sah auf den Boden. + +Susanna aber lächelte und begann von neuem: »Sodann sagen die Leute, Sie +seien eine Art Freidenker und gar kein Geistlicher, wie er sein soll. Auch +sagt man, Sie lebten in Feindschaft mit dem Dekan in Weinberg.« + +Grau schien gar nicht zuzuhören. Er blickte zum Fenster hinaus. Der Schnee +sah eigentümlich rot aus und die Wolken waren kupferrot und drohend. Aber +rasch erblaßten die Farben und ein schweres düsteres Grau schlug über die +Erde zusammen. Nun wurde das Feuer im Ofen lebendig und tauchte Susannas +Gesicht in zarte huschende Glut. + +Grau sah Susanna an und lächelte. »Wie schön das Feuer doch Ihr Gesicht +macht,« sagte er leise, gleichsam als spräche er für sich selbst. Dann +sagte er: »Was ist doch mit der Bank, von der Sie in Ihrem Briefe +schrieben? Sie nannten sie >meine< Bank, es muß also eine ganz besondere +Bewandtnis mit der Bank haben? Wollen Sie mir nicht davon erzählen?« + +Susanna zögerte. Aber dann feuchtete sie die Lippen mit der kleinen Spitze +ihrer Zunge an und begann: »Wenn man um das Haus herum geht, über den Bach +hinüber und dann die Höhe hinaufsteigt, so kommt man an diese Bank. Hier +saß ich schon mit zwölf Jahren. Aber nur dann und wann. Später öfter und +endlich saß ich jeden Abend dort, wenn die Sonne sank. Die Bank liegt so +hoch! Von ihr aus sieht man ein Stückchen von der Stadt und das sieht so +friedlich aus, jenes Stückchen, mit den alten Häusern und den vielen +rauchenden Kaminen. Dann sieht man die breite Landstraße weit hinab ins Tal +ziehen und man sieht auch das Bahngeleise. So hoch liegt die Bank, daß man +über das Bahnhofgebäude hinweg noch die Waggons auf den Rangiergeleisen +stehen sieht. Noch etwas gutes hat die Bank, sie liegt so versteckt, müssen +Sie wissen, daß jemand nahe an ihr vorbei gehen kann, ohne einen zu sehen. +Dann hat sie auch im Sommer ein ordentliches Dach aus grünen Blättern, so +daß es nicht durchregnen kann. Das ist gut. Hier saß ich und blickte über +das Land hinaus und träumte. Ich träumte -- ja, mein Gott, ich träumte alle +möglichen Dinge hier oben. Ich war jung, ich war fröhlich! Ich träumte und +träumte, aber da wurde es ganz eigen mit meinen Träumen. Was war es doch, +ja, was sollte es sein? Was wollte ich hier und was nagte an meinem Herzen? +-- Ich wartete! Ich wartete! Das war es, ich wartete und wußte nicht, +worauf ich wartete. Ich wußte es lange nicht, hören Sie, so lange, +vielleicht zwei Jahre lang nicht. Aber ich wartete und ich dachte: Ja, +worauf wartest du denn eigentlich? Ich wußte nur, daß ich wartete. Was +sollte denn kommen, wie und wann denn eigentlich? Nicht wahr? Aber ich saß +da und wartete, wartete und die Sonne ging unterdessen unter. Ich glaube, +es gibt keinen Menschen auf der Welt, der so oft in die untergehende Sonne +blickte wie ich! Auf der Landstraße kam ein Wagen daher, ein Fußgänger, ein +Trüpplein Kinder. Sonst nichts. Heute? Ist es das? Ich blickte hin und her, +weit hinein ins Land, weit hinab die Straße. Nun war die Sonne gesunken, +ich ging nach Hause. Aber etwas in mir wartete unausgesetzt, auch auf dem +Weg nach Hause, auch zu Hause, aber richtig und bestimmt wartete ich +eigentlich nur oben auf der Bank.« Sie schwieg. + +»Weiter?« sagte Grau leise. Er saß und sah sie an. + +Susanna feuchtete wieder die Lippen mit der Zungenspitze und fuhr fort: »Da +saß ich Tag für Tag, da droben auf der Bank, sah die Sonne sinken, und +wartete und wußte nicht, worauf ich wartete. So ging der Frühling und der +Sommer und der Herbst und so ging der Winter. Ich wartete. Die Tage wurden +lang, die Tage wurden kurz. Das konnte man so gut beobachten, am Expreßzug +nämlich. Ich höre ihn auch jetzt noch jeden Nachmittag rauschen, aber ich +kann ihn nicht mehr sehen, nur die kleine Postkutsche, die gelbe, die sehe +ich jetzt. Im Sommer da war es lichter Tag, wenn er kam, er tauchte auf als +kleiner Punkt zwischen den Feldern und roten Dächern der fernen Dörfer, +flog heran und flog in die Ferne und ließ nichts zurück als einen kleinen +Schreck und ein feines Klingen in der Luft. Im Frühling und Herbst da kam +er in der Dämmerung, und im Winter da kann man ihn gar nicht sehen, nur ein +feuriger Streifen fliegt vorüber und man hört ihn donnern, viel lauter als +im Sommer. Da fing es immer mit den Träumen an, wenn ich ihn sah, und ich +hatte Sehnsucht mit ihm zu fahren. Ich reise leidenschaftlich gern, aber +ich bin nie weit gekommen und nur zweimal kam ich fort. Ich und Mütterchen +zusammen, wir sollten einsteigen, wir zwei, unsere Billete in der Hand -- +er sollte ja extra für uns beide halten! Ja, großer Himmel, wie oft habe +ich das gedacht! Wie viele Reisen haben Mütterchen und ich zusammen +gemacht! Und denken Sie sich, daß der Zug extra für uns zwei anhalten +sollte, alles würde erstaunt sein, die Beamten, die Leute, auch die +Reisenden, daß er hält in dieser kleinen Stadt, nicht wahr, ausnahmsweise +sollte er anhalten. Vielleicht würde nun kein Platz sein und ein +freundlicher alter Herr würde sein Reisegepäck ins Netz legen und zu +Mütterchen sagen: Wollen Madame nicht Platz nehmen? Vielleicht wäre es ein +Franzose und er würde uns französisch ansprechen. Vielleicht aber würde nun +noch nicht Platz für mich sein und der freundliche alte Herr würde die +Zeitung zusammenlegen und sagen: Wollen Sie nicht meinen Platz nehmen? +Mille merci, monsieur, würde ich sagen, ich stehe sehr gern und sehe zum +Fenster hinaus. Der Zug kommt von Paris und geht nach Wien, und von Wien +geht er weiter -- immer weiter, bis Konstantinopel. Ja, bei Gott, wie viele +Nächte schläft man wohl, bis er endlich, endlich hält? Nun, was gibt es da +nicht zu träumen? Man konnte einmal nach Paris fahren, einmal aber nach +Konstantinopel, wie man wollte. Paris, Paris, dachte ich, so weit ist es, +so fern, es lockt, schon der Name, nicht wahr? Und ich dachte an Paris und +ich stellte es mir vor wie eine Stadt, in der immer ein Feuerwerk ist und +die Leute Feste feiern und in den Straßen ziehen, als ob jeden Tag ein +König zu empfangen wäre. Welche Hüte sie dort tragen, welche Kleider, wie +sie sich verbeugen, verneigen und alle fein und graziös sprechen und so +schnell, daß niemand sie verstehen kann. Dann müßte es auch hohe spitze +Türme haben, die in der Sonne funkelten, denn die Dächer der spitzen Türme +waren vergoldet. Und die Museen so still, so kühl, grüne Grotten, und da +müßten die Statuen aus Marmor stehen, so schön und so alt, und die sie +meißelten sind lange tot. Von daher kommt der Zug, und er saust und saust +und zuweilen heult er in großen Bahnhöfen und wenn Sie hinausblicken, so +blenden Sie all die vielen Bogenlampen, die da hängen. Aber je weiter er +nach dem Osten fährt, desto niedriger werden die Häuser und ich stellte mir +die fremden Städte vor, viele, viele fremde Städte mit dicken, runden +Türmen und roten und gelben Dächern. Sogar die Menschen stellte ich mir +kleiner vor, dick mit runden Backen, in gelben und roten Kleidern. Wenn Sie +nun hinhorchen, was sie sprechen, so verstehen Sie keine Silbe mehr, denn +sie sprechen alle eine fremde Sprache. Plötzlich aber hielt der Zug und da +sind wir nun. Da ist die Sonne, so viele, viele Sonne und -- Palmen! Die +Sonne ist wie ein heißer Nebel und wenn Sie gehen, so durchdringt Sie die +Sonne und Sie fühlen, wie Sie warm werden und glühen durch und durch und +plötzlich kommt ein neuer Geist über Sie. Können Sie sich diese Sonne +vorstellen, die ich meine?« + +Sie blickte Grau an und wartete. Über ihr Gesicht huschte der Schein des +Feuers. Sie zog das Tuch um die Schultern, als ob sie friere, und wandte +die großen Augen dem Feuer zu. Sie lächelte. + +»Können Sie sich diese Sonne vorstellen, die ich meine, gerade diese +Sonne?« fragte sie, da Grau nicht antwortete. + +»Ja,« sagte Grau mit auffallend tiefer Stimme. Das aber war wahr, denn er +sah diese Sonne vor sich, gerade diese Sonne -- er, der so viel von Licht +und Sonne träumte -- er sah diese Palmen, in einem Nebel von Sonne zittern, +genau wie Susanna es beschrieb. + +Susanna lächelte und fuhr mit hoher, dünner Stimme fort: »Die Leute aber +haben einen Turban auf, rot oder grün oder gelb, mit Edelsteinen übersät, +und sie rauchen aus langen Pfeifen. Sie sehen aber so aus als ob sie in +Teppiche gehüllt wären, und nun können Sie sich wohl vorstellen, wie das +blitzt und funkelt, zumal wenn die Pfeifen aus Gold und Silber und mit +Edelsteinen besetzt sind -- und wie hübsch sich der Rauch aus dieser +Unmenge von Pfeifen in der Sonne ausnimmt. Die Türme sind spitz wie Nadeln +und funkeln ebenfalls, es gibt viele, viele Kuppeln aus farbigem Glas, die +Sonne leuchtet und leuchtet durch alles hindurch, so daß alles durchsichtig +aussieht, die Türme, die Kuppeln, die Leute, die Gesichter, die Palmen, die +Kamele und Elefanten -- denn da gibt es unzählige! -- die Pfeifen -- können +Sie sich das vorstellen?« + +Je mehr Susanna sprach, desto glänzender und größer wurden ihre schwarzen +Augen, und je mehr sie von der Sonne sprach, desto mehr fröstelte sie. +Zuweilen sprach sie ganz langsam und ihre kleinen abgezehrten Hände +beschrieben alles mit, was sie erzählte. Wenn sie Turban sagte, so tat sie, +als schlinge sie sich ein Tuch um die Stirne, sprach sie von den Pfeifen, +so fuhr sie wagrecht von den Lippen aus mit den Fingerspitzen in die Luft, +dann formte sie den Pfeifenkopf und darauf ließ sie die Finger +emporwirbeln, daß man den Rauch ordentlich emporsteigen sah. Sprach sie von +den Elefanten, so machte sie die Augen klein und listig und zeichnete sich +einen langen Rüssel an die Nase. Meistens aber sprach sie hastig, wie im +Fieber, und ihre eingesunkene schmale Brust arbeitete krampfhaft. Auf ihren +Wangen erblühten giftige Rosen. + +Sie fror. Sie legte die Fingerspitzen an die Wangen, ihre Augen fieberten, +ihr Mund lächelte. + +»Nun rennt einer auf uns zu und schreit und brüllt. Mütterchen bekommt +Angst. Was will er nur? fragt sie, dieser Türke. Vielleicht will er deine +Tasche tragen, Mütterchen. Ich fühle mich gar nicht wohl bei diesen +Ungläubigen. Sage ich: Sie glauben an Gott wie wir, Mütterchen, und +plötzlich spreche ich türkisch! Hören Sie, ich spreche türkisch! Ich öffne +den Mund und es geht, ich verstehe, ich spreche. Haha -- Mütterchen steht +da und staunt, und die Türken paffen aus ihren Pfeifen und lachen über sie. +Ich aber erkläre ihnen, daß das meine Mutter ist. Da nehmen sie alle die +Pfeifen aus dem Munde, alle, alle, und verneigen sich bis zur -- bis zur +Erde --« + +Susanna hielt inne und lauschte. + +Man hörte Mütterchen in der Küche draußen mit Geschirr klappern. Man +vernahm auch Eisenhuts Stimme. Er sagte etwas und Mütterchen machte pst, +pst! Aber Eisenhut kümmerte sich nicht darum. Er sagte laut: »Ach was! +Machen Sie doch keine solche Wirtschaft! Es ist sein Beruf Krankenbesuche +zu machen, dafür wird er ja bezahlt, punktum.« Er sagte es absichtlich +laut, damit man es durch die Türe höre. Mütterchen schrie leise auf und +sagte: Pst, pst! Eine Tasse klirrte am Boden und Eisenhut lachte belustigt. +Er meckerte nicht, er lachte ganz anders als sonst. + +Es war still im Zimmer und man hörte die kleine Uhr ticken und schnarchen, +denn die kleine Uhr hatte die Angewohnheit zuweilen zu schnarchen, als ob +sie aufatme. + +Susanna errötete, ganz langsam stieg ihr das Blut ins Gesicht, während sie +die großen Lider niederschlug, die an die Lider eines Vogels erinnerten. +Sie saß still, bewegungslos und wagte kaum zu atmen. + +»Wie geht es weiter mit Ihren Türken?« fragte Grau. + +Aber Susanna wandte ihm den Blick zu, mit einer hilflosen Bewegung der +Hände flüsterte sie hastig: »Er hat getrunken, Sie hören es am Lachen. Er +hat auch sein Gewehr dabei, da steht es zumeist schlimm um ihn. Dann kann +er so boshaft sein, so schrecklich boshaft.« + +Grau lachte. »Er wollte Mütterchen erschrecken, das tut mir leid,« sagte er +absichtlich laut. »Was seine Bemerkung anbetrifft, so weiß er recht gut, +daß ich so etwas richtig auszulegen verstehe. Er weiß es recht gut, denn er +ist klug, Herr Eisenhut!« + +Eisenhut räusperte sich in der Küche. + +»Freilich! Sie sind so vernünftig,« hauchte Susanna. »Nun wird Mütterchen +sich aber nicht ins Zimmer wagen?« + +»Klingeln Sie ihr!« + +Susanna klingelte und Mütterchen erschien zaghaft in der Türe. Sie trug ein +Servierbrettchen in der Hand. + +»Die Zeitung -- die Zeitung, nehmen Sie die Zeitung nur mit!« rief +Eisenhut, dessen gerötetes Gesicht in der Türspalte erschien. Er beugte +sich vor und legte ein Zeitungsblatt auf das Servierbrett. »Für ihn, für +Herrn Grau!« fügte er hinzu und lachte und zog die Tür zu. + +Susanna wurde glühend rot. Mütterchen wagte Grau nicht in die Augen zu +blicken. »Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?« + +Grau dankte. Er wechselte einige Worte mit Mütterchen und Mütterchen +schlich sich wieder hinaus. + +»So ist es gut!« sagte Susanna mit einem dankbaren Blick. »Nun ist sie +glücklich! Was ist es denn mit der >Zeitung<?« fragte sie. »Was will er nur +damit?« + +Grau fand eine angestrichene Notiz: Der Geselle Anton Hammerbacher hat vor +dem Vormundsgericht die Vaterschaft des Kindes der Dienstmagd Margarete +Sammet eingestanden. An den Rand hatte Eisenhut geschrieben: »Seiner +Aussage ist unbedingter Glaube zu schenken -- hahaha! Eisenhut!« + +Grau verbarg rasch sein Erstaunen. + +»Aber Ihre Notiz in der Zeitung?« sagte Susanna. + +Grau zuckte die Achseln. »Man kann sich täuschen,« sagte er, »aber kümmern +wir uns nicht um diese Geschichten, Fräulein Susanna!« Wie sonderbar, +dachte er, deshalb hat wohl Herr Eisenhut getrunken, weil diese Notiz +erschien! Ein merkwürdiger Mann! Er lächelte und wandte Susanna den Blick +zu und sie mußte ihn ansehen. Susanna besann sich, was Graus Blick zu +bedeuten habe. + +»Sie haben nicht zu Ende erzählt.« + +Susanna schüttelte den kleinen Kopf. Alle Lust habe sie verloren. + +»Sie haben angefangen, Sie müssen fortfahren,« beharrte Grau und sah +Susanna in die Augen, »bis ans Ende müssen Sie erzählen. Sie sind übrigens +plötzlich mit dem Expreßzug davon gefahren, und was ist aus Ihrer Bank +geworden? Die haben Sie wohl ganz vergessen?« + +Susanna sah ganz erschrocken aus. Ja, bei Gott, da habe sie gänzlich diese +Bank vergessen! »Wie aufmerksam Sie doch zuhören?« sagte sie und richtete +sich auf. »Ich habe die Bank vergessen, das ist wahr. Ich -- ja, lassen wir +die Türken sein. Was wollte ich doch bei den Türken? Ich werde Ihnen +erzählen, denn ich muß Ihnen alles sagen. Ich muß! Sprechen Sie, wie ist +das: Sie sagen, erzählen Sie, Sie sagen ein kleines Wort und ich muß Ihnen +folgen. Sie sehen mich an und ich muß. -- Adele hat mir erzählt, Sie sind +bei einem schwerkranken Flickschneider gewesen, der vor Schmerzen nicht +schlafen konnte, und Sie haben zu ihm gesagt: >Schlafen Sie< und sahen ihn +an. Da schlief er.« + +Grau schüttelte den Kopf. + +»Doch!« sagte Susanna. »Die ganze Stadt spricht darüber, selbst die Ärzte, +denn sie konnten ihn ja nicht mehr einschläfern.« + +Grau lächelte. + +»Er schlief ja fast schon, Fräulein Susanna. Da legte ich ihm die Hand auf +die Stirn und sagte: Schlafen Sie -- das ist alles.« + +Susanna lachte und hustete. »Ich sagte ja ganz dasselbe, mein Freund, +nichts andres. Es ist ja so merkwürdig mit Ihnen. Sie kamen zu mir herein +und sofort begann ich zu erzählen, Dinge, die ich noch niemand erzählt +habe, und doch waren Sie ein Fremder. Aber ja, ich will fortfahren, lassen +Sie mich alles sagen. Es tut gut. Ich liebe es. Wir waren bei den Türken, +nicht wahr? Bei den Träumen, ja.« + +»Die Sie träumten, während Sie auf der Bank da droben saßen und warteten.« + +»Ja, als ich wartete.« + +»Sie warteten und wußten es lange nicht, worauf sie warteten. Vielleicht +zwei Jahre lang wußten Sie es nicht.« + +Susanna lächelte fein. »Wie gut Sie aufmerken!« wiederholte sie. »Jedes +Wort wissen Sie. Ja, damit fing ich an und dann vergaß ich es ganz und +verlor mich in Träumen. Es passiert mir jetzt häufig, daß ich den Faden der +Erzählung verliere, mein Gedächtnis wird sehr schlecht, auch ist es mir oft +so schwer mich zu sammeln. Lassen Sie mich nachdenken. Ich wartete, sagte +ich, ja, ich wartete und die Tage gingen, Frühling ging, Sommer ging, +Herbst ging, Winter ging -- die Jahre gingen und ich wartete. Jeden Abend +saß ich da oben auf der Bank und wartete ohne zu wissen, worauf. Ich spann +Träume, ich träumte all diese Dinge, von denen ich Ihnen erzählte, immer +neues, immer mehr. Aber die Traume füllten mich nicht aus. Es blieb eine +große Leere und diese große Leere habe ich fast wie eine Höhlung in mir, in +der Brust, gefühlt, wie ein Loch, wo gar nichts war: Das war das Warten. +Ich wartete immer sehnsüchtiger, aber nie war ich ungeduldig. Es gab +manches in unserer Familie, nicht besonders viel, aber doch einiges. Wie +Vater seine Stellung aufgab -- da litt ich, für Vater, für Mütterchen, wir +standen so allein, wir zwei, und mußten uns verkriechen und allein sein. +Wir wollten es auch so. Es ging uns auch zeitweise etwas knapp. Aber ich +sage Ihnen, ich habe nie Hunger gelitten, denn Mütterchen, hören Sie, sie +kann ja auch aus nichts etwas machen und immer fand sie etwas. Ich war nie +ungeduldig. Ich wartete und dachte, man müsse etwas Geduld haben. Es konnte +nicht so bald kommen, wiederum aber konnte es doch schon morgen oder +übermorgen da sein. Und ich sehnte mich und wartete. Und endlich, endlich, +da wußte ich, worauf ich wartete. Ich wartete auf etwas Seltenes!« + +Susanna hielt inne und sah Grau an. Ihre Augen waren groß und glühend. +»Seltenes!« wiederholte sie und sie sprach das Wort aus wie ein +unheimliches fremdes tiefes Wort. Dann lächelte sie schmerzlich und indem +sie ins Feuer starrte fuhr sie fort: »Auf etwas Seltenes und Großes! Nicht +auf etwas Alltägliches, nein, auf etwas, das nicht jeden Tag zu den +Menschen kommt, auf etwas Seltenes und Großes. Vielleicht so groß und +selten, daß mein Herz es nicht ertrüge. Aber was würde wohl größer, süßer +und seltener sein, als eben etwas, das unser Herz nicht ertrüge? Oh, so +unfaßbar sollte es sein. Ich stellte mir das Unfaßbare, dieses Seltene vor. +Es erfüllte mich, es blendete mich und oft schlug ich die Hände vors +Gesicht und lachte und weinte: Weil es so groß, so herrlich, so blendend +und so selten war. Aber ich wußte ja nichts davon?« + +Susannas Stimme sank zu einem Flüstern herab, das Lächeln irrte hin und her +auf ihren Lippen, sie senkte den Kopf. Sie fügte leise und singend hinzu: +»Und ich träumte davon -- wie es wohl sein würde -- wenn das Seltene mich +verklärte -- wenn es mich niederbeugen würde mit seiner süßen Schwere -- +niederbeugen -- wie der Tau -- der Tau die kleine Glockenblume niederbeugt +-- wenn der große Tag erschien, da es kann --« + +Susannas Stimme erstarb. Sie lächelte und blickte in das Feuer. Lange. Aber +dann, mit einer plötzlichen, unerwarteten Bewegung schlug sie die Hände +heftig vors Gesicht und krümmte sich zusammen. Sie krümmte sich wie unter +einer Last, sie bog den Kopf und die Brust vor und ihre Stirne drückte sich +auf die Knie. Ihre schmalen Schultern zuckten. Das geschah so schnell und +mit solch schmerzlicher Leidenschaft, daß Grau erschrak und vom Stuhle +auffuhr. Susanna krümmte sich tiefer und preßte die Stirn zwischen die +Knie, ihre Schultern zuckten und sie begann am ganzen Körper zu beben. +Plötzlich fing sie an zu husten. Sie hustete pfeifend und schrecklich, sie +nahm eine Hand vom Gesicht und winkte Grau, hinauszugehen. + +Grau verließ das Zimmer. Ihm schwindelte und sein Herz pochte laut in der +Brust. Es war kalt hier außen, die Dämmerung war grau und des Winters +trübes, vergrämtes Gesicht stand riesengroß über die Erde gebeugt. + +Er ging wieder hinein. Susanna lächelte heiter. Sie war sehr bleich. Sie +reichte ihm die Hand hin und sagte: »Vergessen Sie es. So töricht war es +von mir. Wie konnte es doch so heftig über mich kommen! Es ist ja nicht so, +schon lange ist es ja nicht mehr so.« + +»Erzählen Sie weiter!« sagte Grau leise und blickte Susanna an. + +Und Susanna fuhr fort: »Es verging ein Jahr und wieder ein Jahr, Jahr um +Jahr verging. Nein, es kam nicht! Und so ist es: Zuerst, da hat die Frage +gesungen in mir. Es klang: Wann kommt es? Und ich bebte vor Sehnsucht und +Freude der Erwartung. Ich stand auf dabei und mußte einige Schritte gehen. +Die Zeit verstrich und nie kam es. Nun sang die Frage nicht mehr in mir. +Nun war es ganz leise und ohne Musik: Wann kommt es? Und ich bebte wohl +noch ein bißchen, aber es war nicht das alte Beben, ich stand auch nicht +mehr auf, nein, ich fühlte wie die Füße mir etwas schwer wurden. Und jetzt? +Jetzt weiß ich, daß es ein Traum war, der Traum eines jungen Mädchens, wie +jede ihn träumt. Ja, aber doch denke ich zuweilen noch -- zuweilen klingt +es noch in mir: Es kommt doch, es kommt doch!« + +Sie lächelte und blickte Grau an. + +Und Grau sagte leise: »Warum sollte es nicht mehr kommen?« + +Susanna schüttelte langsam den Kopf. Sie antwortete nichts. Dann schüttelte +sie wieder den Kopf und sie sagte heiter: »Nein, ich glaube es nicht mehr, +das ist es. Früher hoffte ich und ich glaubte, daß es käme, jetzt hoffe ich +zuweilen noch -- ach, selbst wenn man verzweifelt, hofft man ja noch -- +aber ich glaube es nicht mehr. Ich bin nicht unglücklich. Das kommt +vielleicht von der Krankheit, daß ich nichts mehr wünsche. Einen Wunsch +habe ich noch, wissen Sie welchen?« Aber ehe Grau antworten konnte, fügte +sie hinzu: »Ich möchte noch einmal die Blumen auf dem Felde sehen.« + +Grau stand hastig auf und ging in der Stube umher. »Hören Sie, Fräulein +Susanna,« sagte er und lachte halblaut, »hören Sie, Fräulein Susanna,« +wiederholte er und lachte, »Sie sind bescheiden, das muß man sagen, zu +bescheiden!« + +Susanna betrachtete ihn erstaunt und folgte ihm mit den Blicken. + +Grau ging an ihren Sessel heran und lächelte. »So übermäßig bescheiden +brauchen Sie nun gerade nicht zu sein. Vielleicht werden Sie noch die Welt +sehen, ja, wer kann es wissen, vielleicht werden Sie noch dieses Paris +sehen, wo ein ewiges Feuerwerk knattert und die Statuen in den kühlen, +grünen Grotten der Museen stehen und diese Sonne, die wie ein heißer Nebel +ist, diese Muselmänner mit den Pfeifen. Sie und Mütterchen, wer kann es +denn wissen? Und das, worauf Sie warten, das Seltene, ja, warum um alles in +der Welt sollte es denn nicht mehr kommen? Nun sind Sie krank und müde, +aber sobald es Frühling wird -- meine Freundin, meine liebe Freundin?« + +Susanna blickte ihn an und ihre Augen füllten sich langsam mit Traurigkeit. +Sie schüttelte langsam den Kopf und lächelte mit den traurigen Augen. Sie +sagte nichts. + +»Sobald es Frühling wird,« wiederholte Grau, und seine Augen nahmen einen +bannenden Ausdruck an, »da werden Sie ganz anders denken!« Er lächelte und +begann im Zimmer umherzugehen. Sie sprachen nichts mehr. Die Uhr tickte und +schnarchte und in der Küche draußen gackerten die Hennen, die gefüttert +wurden. Grau stand am Fenster und blickte hinaus, der Schnee leuchtete in +tiefem Violett. Er ging an den Glasschrank und blickte hinein, er +betrachtete eine Photographie an der Wand. Von Zeit zu Zeit richtete er den +Blick auf Susanna. Es wurde ganz dunkel im Zimmer. Plötzlich ging Grau auf +Susannas Sessel zu. Es war so dunkel, daß er nur ihre Hände, ihr Gesicht +und den Glanz der Augen sah. Er legte eine Hand auf die Lehne des Stuhls +und blickte Susanna lange an. + +»Haben Sie da droben auf der Bank nicht auch von Liebe geträumt?« fragte er +flüsternd. + +Susannas Blick wurde starr. Ihr Gesicht sah plötzlich viel dunkler aus, sie +errötete. Sie regte sich nicht, sie sah ihn an. + +Grau ging langsam weg; er trat ans Fenster. Hier stand er lange, dann +verabschiedete er sich hastig. »Grüßen Sie Mütterchen, Susanna,« sagte er. +»Auf Wiedersehen.« Er ging. + +Als er das Gärtchen durchschritten hatte, blieb er am Türchen stehen und +zögerte es ins Schloß zu werfen. Er blickte auf das Fenster und wartete. Da +erschien ein kleines, fahles Gesicht an der dunkeln Scheibe, er warf das +Türchen ins Schloß und ging rasch weg. + + + + +Zweiter Teil + + + + + +Erstes Kapitel + + +Der Liederkranzball bildete den Glanzpunkt des gesellschaftlichen Lebens in +der kleinen Stadt und kehrte seit undenkbarer Zeit ebenso sicher wieder wie +der Faschingsmontag. Die ganze Stadt lebte davon, ob man nun dabei war, am +Hotel stand und die Masken hineingehen sah, oder nur die Berichte des +»Gauboten« las, der alle Reden, humoristischen Vorträge usw. ausführlich +brachte, ganz einerlei. Für dieses Jahr hatte der »Gaubote« als Programm +angekündigt: Im Reiche der Mitte. »Nachdem am Sonntag ein lustiges +Maskentreiben die sonst vom gewerblichen Fleiß widerhallenden Straßen +unserer geliebten Vaterstadt erfüllte --« + +Dieses lustige Maskentreiben bestand darin, daß ein paar Hanswurste mit +Schweinsblasen knallten und ein als Frau verkleideter Schlotfegergeselle +auf einem Fahrrade hin- und herraste, abgesehen von einigen Kindern, die +als Tiroler, Rotkäppchen und Clowne verkleidet in den Straßen +einherstolzierten. + +Auch von dem Ball des Liederkranzes zu reden würde sich kaum lohnen, wenn +sich dabei nicht einige recht sonderbare Dinge ereignet hätten. + +Grau war von verschiedenen Seiten eingeladen worden, aber er hatte keine +Lust, den Ball zu besuchen. Er verbrachte den Abend in der Gesellschaft von +Susanna und Mütterchen. + +Sie leerten jene Flasche Rotwein, die Grau von seinem Freunde, dem +Gefängnisdirektor, seinerzeit auf die Reise mitbekommen hatte, sie tranken, +lachten und plauderten und Mütterchen hatte ordentlich aufgekocht. Es war +schon spät als Grau aufbrach um nach Hause zu gehen. Er schritt über den +Marktplatz und plötzlich bemerkte er einen Burschen mit heller Bluse, einer +niedrigen Kappe und einem starken Nacken; der Bursche stand gerade vor dem +festlich beleuchteten »Elefanten« und blickte ins Tor hinein. Es war +Hammerbacher. Grau blieb stehen. + +Er suchte Hammerbacher seit einigen Tagen, konnte ihn aber nirgends finden. +So viel er hörte, hatte der Geselle seine Stelle verlassen und trank mit +einigen Burschen in den Wirtschaften der Umgebung -- seit jenem Tage, da +die Notiz in der Zeitung gestanden hatte. + +Grau war so erregt, daß er augenblicklich auf den Burschen zugehen wollte, +aber er besann sich. Er ging über den Platz und beobachtete von hier aus +den Burschen. Hammerbacher ging hin und her, wie ein Posten. Zuweilen +stampfte er auf den Boden, um die Füße warm zu halten, und jedesmal, wenn +er am Tore vorbei kam, blieb er eine Weile stehen und lugte hinein. Er +schüttelte den Kopf, blickte auf die Uhr und begann wiederum seine +Wanderung. Er wartete! Ja, natürlich, er wartete! Es gab nichts mehr zu +sehen, kein Mensch stand mehr vor dem Hotel, es war überdies empfindlich +kalt. Aber Grau wollte ganz sicher gehen, er ging unten am Platze eine +halbe Stunde lang auf und ab, während Hammerbacher vor dem Hotel Posten +stand. Ein merkwürdiger Gedanke stieg in ihm auf. + +So rasch wie möglich eilte Grau nach Hause, kleidete sich um und nach einer +kleinen Weile kam er wieder rasch die Stufen herab. + +Die helle Bluse Hammerbachers leuchtete gerade unter dem Tore. Er wartete +immer noch. + +Grau berührte Hammerbachers Schulter und sagte: »Wünschen Sie, daß ich den +Herrn herunterrufe, ich gehe gerade hinein?« + +Hammerbacher fuhr herum, er blickte Grau erschrocken an, schlug die Augen +nieder und nahm die Kappe ab. »Guten Abend.« + +»Nun, wie steht es, soll ich den Herrn herunterrufen? Es ist nicht sehr +angenehm zu warten in dieser Kälte, nicht wahr?« + +»Welchen Herrn?« + +»Wie gut wir uns verstehen!« sagte Grau und blickte den Burschen scharf an. +»Ist es nicht merkwürdig, wie gut wir uns verstehen?« + +Hammerbacher lächelte verlegen. »Ich habe damals gelogen, als ich bei Ihnen +war, aus Not -- sie ließen mir keine Ruhe mehr -- dieses Gestichel --« + +Grau schüttelte den Kopf: »Wie konnten Sie nur so etwas tun?« sagte er mit +mildem Vorwurf. »Das hätten Sie nicht tun sollen, es hat Sie befleckt für +immer. Nein, sagen Sie mir nichts, ich weiß wohl, wann Sie gelogen haben, +Hammerbacher. Damals haben Sie nicht gelogen, denn damals konnten Sie gar +nicht lügen, das wissen Sie recht wohl!« + +Sie hätten ihm ja keine Ruhe mehr gelassen. + +Grau schüttelte den Kopf. »Geben Sie sich weiter keine Mühe mehr!« rief er +zornig aus. »Ich habe mir recht wohl gedacht, daß Sie zu Dem und Jenem +fähig sein könnten, deshalb habe ich Ihnen so dringend nahe gelegt das +Andenken jenes unglücklichen Mädchens hoch zu halten. Seien Sie nur still! +Ich will Ihnen das eine sagen, daß Sie von meiner Seite aus nicht das +geringste zu befürchten haben werden. Aber ich werde nicht ruhen -- ich +werde nicht eher ruhen! -- bis ich jenen Herrn gefunden habe, der Sie +beschwätzt hat, um ihn an seine Pflicht zu erinnern. Sagen Sie ihm das! +Leben Sie wohl -- wenn Sie einmal einen Rat brauchen, ich stehe zu Ihrer +Verfügung. Es läßt sich noch alles in Ordnung bringen, überlegen Sie es!« + +Grau stieg hinauf in den Saal, wo er mitten in den Trubel des Festes trat. + +Der Saal war angefüllt von Menschen, er war so voll, daß man sich kaum +bewegen konnte. Alles lachte, schrie, riß den Mund auf, alle waren in +übermütiger, vom Tanzen und Trinken erregter Stimmung. Eine Menge von +Chinesinnen und Chinesen in allen denkbaren Kostümen und Farben schob sich +hin und her und wo man hinsah, erblickte man Zöpfe, Pfauenfedern, Schirme, +Fächer, breite chinesische Hüte, in fortwährender Bewegung. Der Saal aber +hatte sich verwandelt in eine chinesische Straße mit Tee-, Kaffee-, Sekt-, +Wein-, Bier- und Verkaufsbuden; bunte schmale Tücher mit phantastischen +Drachen und Schriftzeichen hingen von der Decke herab und überall brannten +Lampione in allen Farben und Formen, klein, nicht größer als eine Faust, +mächtig groß und dick wie ein Faß, glühend rot, zart und schimmernd und +manche verblaßten vollständig in all dem Rauch und Dunst, der aus der +lachenden, treibenden Menge emporstieg. + +Grau hatte keine Zeit alles genau zu betrachten, er begann augenblicklich +fieberhaft zu suchen. + +Der erste Bekannte, den er sah, war Eisenhut. Er trug ein unglückliches, +gelbes Kostüm, eine Art Sack mit weiten Ärmeln, eine gelbe runde Mütze und +merkwürdigerweise einen hohen Stehkragen, in den er den Spitzbart drückte, +so daß er wie ein Pinsel vorsprang. Er trug eine gelbe Maske, aber jeder +mußte ihn sofort erkennen, an seinem Spitzbart, den tiefen Furchen um den +Mund, der Körperhaltung. Er schlich sich durch die Menge und seine kleinen +Augen lugten mit komischer Lebhaftigkeit aus den Schlitzen der Maske, er +ging, als wolle er alles sehen und selbst nicht gesehen werden. + +Einen Augenblick lang ruhten ihre Blicke ineinander, aber Grau blickte weg, +als ob er ihn gar nicht kenne. Er wollte ihm die Freude nicht rauben. Zwei +Chinesinnen stürzten auf Eisenhut zu und drängten ihm Zigaretten auf, aber +Eisenhut machte eine ärgerliche Handbewegung und entfloh zu einer Weinbude, +wo er rasch ein Glas Wein hinunterstürzte. + +Die Menge kam aus irgend einem Anlaß in Bewegung und Grau wurde dicht ans +Orchester gedrückt, wo ihm die Baßtrompete direkt ins Ohr plärrte. Er +verlor Eisenhut aus den Augen. Plötzlich wurde er von zwei Seiten +angepackt. »Herr Grau, Herr Grau!« + +Es waren die Schwestern Sinding, die ihn bestürmten, Sie hatten glühendrote +Wangen. In ihren losen Kostümen sahen beide etwas dick aus. Hahaha, also er +sei doch hier! Welch ein Lärm, abscheulich, puh! Aber er sei wohl +Nichtraucher? + +»Wir haben Zigaretten zu verkaufen -- buh, buh!« Klara Sinding winkte der +Baßtrompete still zu sein. »Es geht lustig zu! Ja, wir sind heute alle +vergnügt!« + +»Im Gegenteil, ich rauche leidenschaftlich gern!« sagte Grau und er erstand +ein Paket Zigaretten. + +»Wie gefällt es Ihnen? Bitte, Feuer!« + +»Ganz prächtig!« sagte Grau und paffte. »Ganz herrlich ist das.« + +Die beiden Mädchen sahen einander an und dann riefen sie wie aus einem +Munde aus: »Aber wir haben ja ganz vergessen zu gratulieren! Herzlichsten +Glückwunsch! Allerherzlichsten Glückwunsch!« + +»Danke! Danke!« Grau verneigte sich. + +»Wir waren so überrascht, als wir es in der Zeitung lasen! Und wie sehr wir +uns gefreut haben! Wie glücklich Susanna ist! Und Mütterchen erst! +Mütterchen hat die Zeitung mit der Anzeige naß geweint! Ja, so herzlich +haben wir uns darüber gefreut! Wir lieben Susanna!« Hahaha -- diese ganz +abscheuliche Baßtrompete! + +Sie plauderten und es trat noch eine Chinesin zu ihnen, ein hoch +aufgeschossenes Mädchen mit vorstehenden langen Zähnen, die eine +eigentümliche Art hatte den Kopf langsam auf den Schultern zu drehen. Dann +rannte eine pechschwarze Jüdin heran, die Grau einen Fächer aufschwätzte, +es kam noch eine Chinesin, die Orangen zu verkaufen hatte, ein kleines +häßliches Mädchen mit stumpfer Nase und großen Ohren, eine andere, und +schließlich stand ein ganzer Kreis von Mädchen um Grau herum. Alle lachten, +schwätzten und sahen Grau an. + +»Gestatten Sie, daß ich vorstelle -- Fräulein Anna Mohr --« + +»Keine Namen, keine Namen! Es ist ja Fasching!« schrien die Damen. + +Grau lachte und rauchte die Zigaretten. »Ich habe gar nicht gewußt, daß es +so viele schöne Damen in der Stadt gibt?« sagte er und sah alle der Reihe +nach an. Sein Blick war ruhig und rein. + +Die Mädchen lachten. + +»Wir wollen ihn fragen --« Aber ja! Sie wollten fragen, welche die schönste +von ihnen sei. + +»Welche ist die schönste von uns allen,« sagte Klara Sinding, jene, die das +kleine Mal auf der Wange hatte. + +»Die schönste?« Grau blies den Rauch durch die Lippen. Das sei eine sehr +schwierige Frage. Er errötete ein wenig, denn alle blickten ihn an und ihre +Gesichter sahen aus, als ob sie auf eine Gelegenheit warteten, +herauszuplatzen mit Gelächter. Er sah eine nach der anderen an und fügte +hinzu: »Das ist schwer zu sagen, denn ich kenne ja die Damen kaum. Aber Sie +meinen -- so nach dem ersten Blick zu urteilen -- aber auch das ist schwer, +denn sobald ich glaube jene Dame sei die schönste, springt mir etwas im +Gesichte einer andern Dame in die Augen -- ja, es ist unmöglich.« Er +blickte zuerst das kleine häßliche Mädchen mit der stumpfen Nase und den +großen Ohren an und sagte: »Bei Ihnen, mein Fräulein, da sind es die Augen, +es sind die schönsten silbergrauen Augen, die ich in meinem ganzen Leben +gesehen habe --« das Mädchen errötete und lachte allen verlegen ins Gesicht +-- »bei Ihnen, mein Fräulein, sind es vor allem die Wangen, die so zitternd +weich sind und von eigentümlichen Rot -- bei Ihnen sind es die Brauen und +die Schläfen --« + +Die Mädchen lachten und schrien durcheinander und machten solchen Lärm, daß +alles nach der Ecke blickte. Nein, das sei ja keine Antwort -- aber nein -- +wir sollten ihn fragen wer die klügste von uns allen ist --! Sie fragten. + +»Die klügste? Aber, bitte, meine Damen, das ist ja noch schwerer!« Grau +lachte. »Wenn ich aber nun etwas Bestimmtes sagen soll, so erkläre ich +dieses Fräulein hier für die klügste von allen.« Es war das kleine häßliche +Mädchen. Gelächter. Die Damen klatschten in die Hände. Das kleine häßliche +Mädchen sagte mit tiefer Stimme: »Ich war stets die Dümmste im Institut!« +Aber sie lächelte. + +Grau lächelte ebenfalls. »Was sollte das beweisen? Ich werde den Damen eine +Frage vorlegen und wir werden es gleich sehen. Hören Sie zu --« + +Aber ja! Das würde ja schrecklich interessant werden. + +»Wie hübsch er plaudert!« flüsterte das hochaufgeschossene Mädchen der +Jüdin ins Ohr. Die Jüdin ließ ihre Augen funkeln. »Ja,« wisperte sie, »er +ist so jung und schön. Siehst du, wie schüchtern er ist -- er zittert immer +ein wenig.« »Pst, er hört dich.« + +Die Mädchen brachen in heiteres Gelächter aus. Klara Sinding also würde +eine Nadel nehmen und in die Bohnen stechen. »Es ist aber verboten, die +Bohnen irgendwie mit der Hand oder sonst etwas zu berühren.« Die jungen +Damen öffneten die Münder und blickten einander verdutzt an: Ja, große +Güte, da liegen nun zwölf Bohnen auf dem Tische, zwölf weiße Bohnen, alle +ganz gleich, und unter ihnen ist eine Bohne aus Elfenbein, ganz wie die +andern, wie könnte man sie doch herausfinden? + +»Nun werden wir es gleich sehen, wer die Klügste ist!« sagte Grau und +lachte. Die Damen dachten angestrengt nach. Sie brachten die +abenteuerlichsten Projekte vor, aber es stellte sich immer heraus, daß sie +unbrauchbar waren. + +Grau wandte sich an das kleine häßliche Mädchen. Sie schüttelte den Kopf. +Sie habe ja von vornherein erklärt, daß sie die Dümmste sei. + +»Ich werde Ihnen etwas helfen,« sagte Grau lächelnd und blickte sie an. +Plötzlich nun schrie das kleine Mädchen aus vollem Halse: »Ein Huhn!« + +»Ein Huhn! Hahaha, ja, mein Gott --« die Mädchen schüttelten sich vor +Lachen. Wer sollte auch daran denken! Es sei das Ei des Kolumbus! + +Das kleine häßliche Mädchen aber sagte ganz verwirrt: »Es ist ganz +merkwürdig, ich habe ja gar nicht daran gedacht und plötzlich ist mir der +Gedanke gekommen -- gerade als Herr Grau sagte, er wolle mir ein wenig +helfen --« Sie blickte mit verwirrten, fast scheuen Augen auf Grau. + +Grau lächelte. »Die Damen müssen mir den Scherz vergeben. Denn es war ja +ein Scherz. Ich maße mir keineswegs an, Behauptungen solch kühner Art +aufzustellen. Mein Beispiel ist ebenfalls schlecht gewesen, das erste +beste, das mir in den Kopf gekommen ist, natürlich. Klugheit und +Scharfsinn, rasches Denken und langsames Denken, das ist ja alles so +verschieden -- ich weiß das wohl, aber da sie mich nun gerade gefragt haben +--?« + +Das Orchester spielte die ersten Takte eines Walzers und die jungen Mädchen +machten Miene auseinander zu stieben. + +»Auf eine Sekunde noch!« bat Grau; und nun lud er sie alle zu einer kleinen +Feier bei Susanna ein. Er wollte ihnen mitteilen, wann die kleine Feier +stattfinden sollte -- Fräulein Sinding wäre vielleicht so gütig ihm die +Adressen der Damen aufzuschreiben --? + +Die Mädchen lachten, waren etwas verblüfft und sagten alle zu. »Ja, +natürlich, natürlich.« Sie schrien, was sie konnten. + +Wirklich liebenswürdige Mädchen, sagte Grau ganz gerührt zu sich selbst, +mischte sich in die treibende Menge und spähte nach links und rechts aus. + +Er wanderte im Saale umher, blickte in den Tanzsaal, wo alles wirbelte und +fegte, musterte jede Gruppe. Er begegnete einigemal Eisenhut, aber der +schien es nicht zu sein, den er suchte, denn er hörte nicht auf +umherzuspähen. Er begrüßte da und dort Bekannte, aber er ließ sich nicht in +Gespräche ein. Über einer Gruppe von Köpfen, Hüten, Glatzen sah er etwas +ungeheuer Schönes, eine feine Bewegung, eine feine Hand, kurz und huschend; +das war Adele. Grau blieb stehen und blickte zwischen einem großen +chinesischen Schirm und einer geschminkten Wange hindurch auf die Gruppe. +Zufälligerweise schneuzte sich ein Herr und zufälligerweise einer jener +Herren, die sich beim Schneuzen verneigen. So oft der Herr sich verneigte, +sah er Adeles Gesicht. Sie lachte gerade heiter und übermütig. + +Dann zwängte er sich wieder zwischen den Masken hindurch und spähte in +jeden Winkel. Vielleicht doch unter den Tanzenden? Er stand an der Türe des +Tanzsaales und blickte aufmerksam in jedes Gesicht. + +Da berührte jemand leise seine Schulter und Adele stand vor ihm. + + + + +Zweites Kapitel + + +In purpurroter Seide stand sie da. Mächtige, weitausgreifende Chrysanthemen +waren in lackroter Farbe auf das Kostüm gestickt. Ihr Hals war frei, er war +lang und weiß und ganz besonders nackt, die Linien ihrer weißen Arme +verschwammen in den weiten hängenden Ärmeln und ihre schmalen Hände waren +besät mit Ringen, sie waren gleichsam gepanzert mit flimmernden Steinen. +Ihre schwarzen Haare waren zu einer Art lebendigem Helm geflochten, durch +den ein silberner Pfeil sauste. Große gelbe Rosen schmückten das Haar, die +Schulter, den Gürtel. Sie lächelte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen +so rot. Aber ihre Augen waren hell und tief wie zwei Quellen, auf deren +Grund Licht brannte. + +Ihr Anblick verwirrte ihn. Er lächelte. Er sah sie an und eine Weile ruhten +ihre Blicke tief ineinander. Grau errötete langsam. Adele lächelte. + +»Ich gratuliere Ihnen herzlich, mein Freund!« sagte sie dann. + +»Danke!« Adeles Hand war brennend heiß. + +»Susanna wird wohl sehr glücklich sein. War sie nicht ein wenig überrascht, +als Sie um ihre Hand anhielten?« + +Sie sei einigermaßen überrascht gewesen, ja. Es habe einen langen Kampf +gekostet, bis sie einwilligte. + +Adele blickte ihn mit einem eigentümlichen Blicke an. Sie schüttelte +unmerklich den Kopf, dann öffnete sie die Lippen zu einem schnellen +Lächeln. »Heute ist Fasching!« sagte sie. »Kommen Sie, wir wollen fröhlich +sein. Ich bin in solch ausgezeichneter Stimmung. Sie sollen mir etwas +erzählen, wollen Sie? Sehen Sie den Kiosk dort? Dort bin ich engagiert, wir +machen Geld. Oh, wie heiß es ist! Und ich habe auch so viel Sekt +getrunken.« Sie preßte die Rücken der Hände an die langen flächigen Wangen +und kühlte sie mit den Steinen. »Erzählen Sie mir Ihr schönstes Erlebnis, +wir werden dabei umhergehen.« + +Grau lächelte. »Mein schönstes Erlebnis erzähle ich nicht,« sagte er »aber +wenn ich Ihnen eines von meinen vielen schönen Erlebnissen erzählen darf? +Ein kleines hübsches Erlebnis, wenn Sie wollen. Einmal fuhr ich des Nachts +in einem Zuge und an meiner Seite saß ein junges Mädchen, ein auffallend +schönes und zartes Geschöpfchen. Sie war sehr müde, immerfort fielen ihr +die Augen zu und ihr Köpfchen schwankte hin und her. Ich dachte, wollte sie +doch den Kopf an meine Schulter legen -- und so geschah es. Plötzlich sank +ihr Kopf an meine Schulter, sie schlief. Sie schlief die ganze Nacht an +meiner Schulter und atmete so tief.« Das erzählte er. + +»Wie hübsch!« sagte Adele und lachte. »Sehen Sie die Lauben und all die +närrischen Leute? Wie gefällt Ihnen der Ball?« + +»Prächtig!« + +»Echte Provinz -- haha! -- echte, gute Provinz, Herr Grau. Ich glaube Sie +sind noch nicht oft auf Bällen gewesen, wie? Ich werde Sie später meiner +Mutter vorstellen, sie hat mich gebeten darum. Wir werden auch ein Glas +Sekt zusammen trinken. Lassen Sie mich eines wissen, können Sie tanzen? +Aber ich befürchte Sie können es nicht --« + +»Doch,« sagte Grau, »ich habe tanzen gelernt als ich zwölf Jahre alt war.« + +»Unmöglich!« + +»Zu Hause, ja. Meine Mutter gab mir Unterricht.« + +»Ah! -- Ja, das Kostüm ist echt, da haben Sie recht. Ein Onkel, ein +Gesandter, hat es mir geschenkt. Auch der Fächer ist echt. Sie sind der +erste, der das fragt, denn der Fächer ist ja so schlicht. Oh, welches +Geschrei! Sie fühlen sich hier nicht heimisch, wie? Ich protegiere Sie ein +wenig, wenn Sie mir das erlauben. Wollen wir jetzt tanzen? Ja! Kommen Sie!« + +Sie legte ihre Hand in seinen Arm. + +»Sie haben doch in den letzten Tagen soviel Orgel gespielt? Sie waren es +doch, nicht wahr?« fragte sie während sie sich geschickt durch die Menge +bewegte. + +»Ja, zuweilen kommt es über mich, dann muß ich ganze Tage spielen,« +antwortete Grau. + +»Ich hörte es bis in mein Zimmer. Was haben Sie denn da? Einen Ring?« + +Graus Finger spielten mit einem Ring, einem schmalen silbernen Reif mit +winzigem blauen Stein. Das sei ein Ring, den er sozusagen gefunden habe. +Sie habe ihn wohl nicht verloren? Er steckte den Ring wieder in die +Westentasche. + +Adele lachte. »Ich habe niemals einen solchen Ring gehabt,« rief sie aus, +»sicherlich gehört er einer Köchin. Weshalb sehen Sie mich denn so +verwundert an?« + +»Tat ich das?« + +»Ja, zuweilen können Sie recht wunderlich sein!« + +Als sie in den Tanzsaal kamen, war der Walzer gerade zu Ende und die +erhitzten Paare strömten heraus. Die Herren wischten sich den Schweiß von +der Stirne und grüßten Adele, die Damen wechselten ein paar Worte mit ihr +und blickten erstaunt auf Grau, der Adele am Arme führte. + +»Warten wir bis zum nächsten Tanze,« sagte Adele und lächelte. »Hier ist es +übrigens kühler. Guten Abend, Klara! Vielleicht könnte man sich auch einen +Augenblick irgendwo hinsetzen, nicht wahr? Mein Gott, dieser Herr Eisenhut +glaubt, man erkennt ihn nicht. Ist das nicht komisch? Dann werden Sie mir +jene Geschichte, erzählen, die Sie mir schon solange schuldig sind.« + +»Welche Geschichte? Jede Geschichte, die Sie wollen, natürlich, denn Sie +sind so freundlich zu mir, daß ich mich gerne dankbar zeigen möchte, aber +ich erinnere mich ja gar nicht --?« + +Ein schmetterndes Trompetensignal erscholl und alles rannte in die +chinesische Straße hinaus. Herr Bezirksamtmann Häberlein sprach einige +Worte, die einen lauten Beifall wachriefen. Ein kleiner Mann mit weißer +Künstlermähne trat auf die Bühne. Das war Herr Photograph Leistlein, der +eine Extranummer zum besten gab. + +Adele lachte. »Was für ein Unsinn! Es ist zu dumm. Sie lachen, weil Sie +nicht begreifen können, daß die Leute über einen solchen Unsinn lachen +können. Nun sind wir Gott sei Dank allein.« + +Der Saal hatte sich geleert und nur zwei junge Mädchen gaben sich +gegenseitig Anweisungen im Tanzen; sie hüpften hin und her und kicherten +und quiekten. Eine Mauer von Rücken versperrte den Eingang zur chinesischen +Straße, die in all dem Rauch wie ein Bild in einem blinden Spiegel aussah. +Man hörte Herrn Leistlein in verschiedenen Stimmen sprechen, zuweilen +unterbrach ihn rasender Beifall. + +»Wie wohl das tut, diese Ruhe!« sagte Adele und ließ sich auf eine kleine +Bank nieder. »Sehen Sie doch, die vielen Lampione, wie hübsch! -- Die +Geschichte von jener Frau, der ich ähnlich sehe, Sie erinnern sich wohl?« + +»Gewiß erinnere ich mich,« antwortete Grau. »Ist es nicht merkwürdig, daß +ich seitdem wieder von dieser Frau geträumt habe? Sie sieht Ihnen übrigens +nicht so sehr ähnlich, es ist nur Ihre Art den Kopf zu tragen und vor allem +Ihre Augen.« + +Adele unterbrach ihn. »Sind denn so schreckliche Dinge in jenem Traume +geschehen!« rief sie lachend aus. »Setzen Sie, sich Herr Grau. Weshalb muß +ich Sie erst dazu auffordern? Lassen Sie alles Zeremoniell beiseite, Sie +sind auf einem Maskenball und sprechen mit einer Japanerin. Beginnen Sie +mit dem Traum. Ein Traum, das war es doch?« + +»Danke,« sagte Grau und nahm neben Adele Platz. »Ja, es war ein Traum. Es +war übrigens einer der schönsten und einer der merkwürdigsten Träume, der +mir je geschenkt wurde. Es kommt ein Sternschnuppenregen darin vor und was +diese Frau mir alles gesagt hat -- ich träumte, ja, nun will ich endlich +beginnen -- ich träumte, daß ein Geist mich dahintrage.« + +»Ein Geist?« Adele stützte das Kinn in die Hand und blickte gerade aus. Sie +hatte ein feines anliegendes Ohr. + +»Ja. Ein Geist, der wie ein Wind sauste, er trug mich dahin über die Lande +in schwindelnder Schnelligkeit durch Wolken hindurch, plötzlich näherten +wir uns der Erde und flogen über schlafende Städte, riesige, schlafende +Städte mit hohen steilen Häusern. Die Städte waren ohne Licht, ohne Laut, +ungeheuer stumm und tot. Sie schliefen und wir flogen an einem Heer von +Fenstern vorbei. Ich sah in all diese Fenster hinein und obgleich es dunkel +war, sah ich sehr genau.« + +»Was sahen Sie denn da?« fragte Adele. + +»Ich sah Kinder, die schliefen, Tausende und Tausende von schlafenden +Kindern sah ich, alle schliefen sie, friedlich, müde, gesund, ihre Backen +glänzten rot und ihre Münder standen halb offen, ich sah all diese kleinen +Brustkörbe atmen, Millionen solcher Kinder habe ich gesehen, es war ja im +Traum, gelbe, braune, weiße Gesichter, alle Rassen.« + +Eine Lachsalve raste durch den Saal. + +»Wie schön!« Er möge doch fortfahren. + +»Ja. Ich denke daran, wie schön es war, nie mehr habe ich soviel Frieden +gesehen und auch nie mehr diesen Frieden gefühlt. Aber wie rasch es doch +dahinging, mit welch rätselhafter Leichtigkeit ich an diesen Fenstern +vorbeischwebte! Nun kamen immer neue Städte, plötzlich tauchten sie stets +unter mir auf, riesenhaft und alle schrecklich stumm und tot. Als ich nun +in eines der schwarzen Fenster blickte, sah ich zu meiner Überraschung ein +kleines Licht im Zimmer brennen und einen Mann, der am Tische saß; er hatte +reiches, aber ergrautes Haar.« + +»Was tat er?« + +»Er tat nichts. Er saß an dem Tische und starrte in das kleine Licht und +lächelte seltsam. Ich zog an tausenden von Fenstern vorüber und überall sah +ich den Mann mit den grauen Haaren und dem seltsamen Lächeln vor der +kleinen Kerze sitzen. Ich sah nicht nur ihn. Ich sah auch andre und alle +tausendfach. Ich sah eine Frau, die ein Licht in der Hand hatte und auf +einem Stuhle saß. Aber sie las nicht, sie blickte über das Buch weg und +lächelte, ebenfalls seltsam. Ich sah einen jungen Mann, der leise tanzte +und einen Kuß in die Luft warf, er war sehr bleich und auch er lächelte +seltsam, ich sah junge Mädchen, die die Lippen öffneten und ohne Laut +sangen. Tag und Nacht könnte ich wohl erzählen, wollte ich all diese +Menschen beschreiben, die ich gesehen habe. Alle waren sie allein mit einer +kleinen Kerze, wach, während die andern schliefen, alle lächelten sie +seltsam. Sie beschäftigten sich alle so sonderbar, lasen ohne zu lesen, +sangen ohne zu singen, sie spielten, runzelten die bleichen Stirnen, +lächelten, ihre Beschäftigungen waren mannigfacher Art, sie bauten +Kartenhäuser, einer hatte ein dickes Buch in Zettel geschnitten und mühte +sich damit ab es wieder zusammenzusetzen. Sie waren alle allein. Verstehen +Sie?« + +»Ah!« sagte Adele und sah rasch auf. »Es waren die einsamen Menschen der +Erde, die Sie sahen. Wie merkwürdig!« + +Grau nickte. »Ja, ich denke es. Aber weit merkwürdiger ist es, daß ich +wußte, was die Menschen dachten. Vergessen Sie nicht, daß es ein Traum war. +Nun habe ich seitdem -- es ist ja sechs Jahre her -- die meisten dieser +Gesichter in Wirklichkeit gesehen, oder es wird richtiger sein, im Traum +sah ich alle Gesichter, die ich in der Wirklichkeit gesehen hatte, ein +wenig verschieden vielleicht -- kurz und gut, ich sage, ich sah die meisten +dieser Gesichter in Wirklichkeit und es schien mir nun, als wisse ich, was +sie ausdrückten. Ich sehe ein Gesicht auf der Straße und es erinnert mich +an eines jener Gesichter im Traume -- aber ich wollte das ja nicht sagen, +Pardon.« + +»Fahren Sie doch fort!« sagte Adele. + +Grau lächelte leise, schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte: »Wie +sonderbar aber ist es doch, daß wir im Antlitz des Menschen zu lesen +wünschen! Daß uns jeder Mensch so sehr beschäftigt, daß wir wissen möchten, +wie er ist!« + +»Ja, wie eigentümlich ist das,« sagte Adele und blickte Grau an. »Man sagt, +an den Augen erkenne man den Menschen am besten. Wie meinen Sie?« + +Grau lächelte. »An den Augen?« sagte er. »Vielleicht. Ein wenig an den +Augen, ein wenig am Gang, an den Händen, an den Ohren, an den Lippen. Ganz +besonders an der Nase! Aber das alles kann trügen. An den Worten? Auch sie +können trügen, sie verbergen den Menschen und der Mensch verbirgt sich +hinter ihnen. Selbst wenn er die ehrliche Absicht hat, aufrichtig zu sein, +er kennt sich ja selbst nicht, seine Worte sind alle ein wenig falsch, +schief gleichsam -- oder er ist ein großer Dichter. All das kann trügen. +Vielleicht ist das Lächeln noch am zuverlässigsten -- wie meinen Sie? -- +Das Lächeln, sagte ich, das unbewußte und kaum bemerkte, leiseste Lächeln. +Vielleicht. Der Mensch kann lachen, schreien, weinen -- und es kann sein, +daß er nicht im Lachen, Schreien oder Weinen steckt, aber im Lächeln? Das +Lächeln ist schwer zu heucheln, ganz wenig Menschen können es auch +unterdrücken, es ist unkontrollierbar, es kommt und geht, schnell, es kann +die ganze Niedrigkeit und den ganzen Adel eines Menschen ausdrücken, den +ganzen wahren Schmerz, wahre Freude. Vor allem aber die Entwickelungsstufe +des Menschen.« + +»Haben Sie das ebenfalls aus jenem Traume?« fragte Adele. »Aus dem Lächeln +dieser Einsamen? -- Hören Sie die Narren lachen, haha?« + +»Gewissermaßen,« fuhr Grau eifrig fort. »Gewissermaßen ja. Aber ich mache +zu viele Worte. Ich sage, auch das Lächeln kann trügen, es bleibt Ihnen +also nichts als das Gefühl. Vielleicht fühlen wir die Menschen! Der +seelische Zusammenhang der Menschen ist vielleicht so stark, daß wir +erschrecken würden, könnten wir ihn erkennen, ja, es ist möglich, daß +zwischen den Menschen -- zwischen den Seelen -- überhaupt keine scharfe +Trennung existiert -- ich für meine Person glaube das -- vielleicht können +Sie an keinen Menschen denken, ohne daß er es fühlt, ja, ohne daß er weiß, +was Sie denken. Nicht wahr? Wenn Sie ihn lieben, er wird es fühlen und wenn +Sie nur auf der Straße aneinander vorbeigehen, er wird es fühlen, er wird +Ihren Haß fühlen, alles, vielleicht überkommt ihn nur ein leises Behagen +oder Unbehagen, vielleicht weiß er es nicht, aber seine Seele weiß es ganz +genau. Jeder Mensch könnte Ihnen aus seinen Erfahrungen Beispiele erzählen +und Sie selbst haben gewiß ähnliche Beobachtungen gemacht. Ich sage zum +Beispiel, es begegnet Ihnen auf der Straße ein Mensch, er blickt Sie an, +blinzelt, sieht weg. Sie denken: Das ist ein armer, einsamer und guter +Mensch. Die Leute erzählen Ihnen alle denkbaren Schlechtigkeiten von ihm -- +jener Mensch selbst spricht mit Ihnen, ja er beleidigt sie und legt es fast +darauf an, einen ungünstigen Eindruck auf Sie zu machen -- und doch können +Sie den Glauben nicht lassen -- er ist einsam, arm, aber gut.« + +Adele sah auf. »Sprechen Sie von einem bestimmten Menschen? Nein? Ich +dachte, weil Sie sagten, er sieht Sie an, blinzelt --« + +Grau antwortete ihr darauf nicht. Er lachte plötzlich und sagte: »Ich bin +ja ganz vom Thema abgekommen!« + +Auch Adele lachte. »Aber ja! Sie wollten von jener Frau erzählen?« + +»Sofort. Die Reise ging an Fenstern, Fenstern und Fenstern vorüber, über +all die schlafenden Städte hinweg, das erzählte ich, nicht wahr. Dann ging +es über endlose Wälder und ich erinnere mich, daß vier Sterne am Himmel vor +uns standen, vier Sterne in der Gestalt eines Quadrats. Wir kamen den +Sternen näher und ich glaubte, wir würden durch sie hindurch fliegen, aber +sie entfernten sich plötzlich wieder und standen ganz klein am schwarzen +Himmel. Nun blickte ich plötzlich in ein Fenster und hier sah ich eine +Frau, die vor einem Kaminfeuer saß. Sie hatte so reiches schwarzes Haar wie +Sie und ihre Haut war ebenso weiß wie die Ihrige, sie trug die Haare in +einem losen Knoten im Nacken, wie Sie es gewöhnlich zu tragen pflegen, sie +hatte ebenfalls auffallend helle Augen. Aber trotzdem sah sie anders aus +als Sie.« + +»Was tat sie denn?« fragte Adele gespannt und zog das Gewand an sich, da +die beiden Backfische vorbeitanzten. + +»Sie war damit beschäftigt, kleine Rosen anzufertigen,« fuhr Grau fort. +»Sobald eine Rose fertig war, sah sie die Rose unzufrieden an und warf sie +in den Kamin. Die Rose verbrannte. Es sah aus wie ein brennendes Schiff. Es +sah aus wie eine Wüste mit feuriger Sonne und eine kleine Karawane, ganz +glühend, zog durch die Wüste. Es entstand ein brennender tanzender Bär, +ganz klein, aus der brennenden Rose.« + +»Wie amüsant!« sagte Adele. »Die Dame hat sich ganz gut unterhalten.« + +»Man sollte es glauben,« fuhr Grau fort. »Plötzlich nun sagt die Frau leise +und zaghaft: Herein! und zu meinem größten Erstaunen trat ich selbst ins +Zimmer, obgleich ich doch gleichzeitig zum Fenster hereinblickte.« + +Adele lachte. »Aber so pflegt es ja in den Träumen zuzugehen!« + +»Ja. Ich trat ins Zimmer und die Frau sah mich an. Sie kam mir +gewissermaßen wie ein Geist vor, nicht irdisch. Sie trug Ohrringe und eine +silberne Kette um den Hals. Sie lächelte leise und dann rief sie mir ein +Wort zu, das ich nicht verstand. Sie sagte etwas und auch das verstand ich +nicht. Es war eine seltsame, fremde Sprache von unglaublicher Weichheit des +Klanges. Sie warf alle Papierschnitzel, die sie auf dem Kleide hatte, ins +Feuer und daraus entstanden eine Menge winzig kleiner goldener Vögel, die +zwitschernd in den Kamin hinauf flatterten. Sie stand auf und sagte: Ich +habe nicht gedacht, daß du heute kommst.« + +»Verstanden Sie denn jetzt?« unterbrach ihn Adele, die eifrig zuhörte, +während ihre Blicke mechanisch den Tanz der Backfische verfolgten. + +»Ja,« antwortete Grau, »ich weiß übrigens nicht, ob sie sich der fremden +Sprache bediente. Kurzum, ich verstand sie. Ich sah sie erstaunt an, denn +ich hatte sie nie im Leben gesehen. Haben Sie mich denn erwartet? fragte +ich. Sie sah mich lächelnd an, lange. Dann ging sie näher und legte ihre +Hand auf meinen Arm und ich sah ihre Augen ganz dicht vor mir. Sie waren +klar und hell, von unbestimmter Farbe und mit einem Schein als ob sie +phosphoreszierten. Wie sagst du? fragte sie. -- Ich wiederholte das +gleiche. -- Wie sagst du? Wiederum sagte ich: Haben Sie mich denn erwartet? +Sie schüttelte den Kopf und sagte lächelnd, aber gleichsam verletzt: Kennst +du mich denn nicht mehr? -- Ich schüttelte den Kopf. Nein, sagte ich. Ich +sah sie an und nun schien es mir, als ob ich sie schon gesehen hätte, alles +verwirrte sich in mir; dann aber wußte ich, daß ich sie noch nie gesehen +hatte. Ich sagte es. Sie schüttelte den Kopf und zeigte auf die silberne +Kette, die sie am Halse trug, und sagte: Kennst du auch die Kette nicht? -- +Nein. -- Aber sie ist von dir! -- Nein! -- Ja, sie ist von dir, wir haben +uns lange, lange Jahre gekannt und nun erkennst du mich nicht wieder. Nein, +sagte ich. Sie sah mich trauernd an und schüttelte den Kopf. -- Komm! sagte +sie, und plötzlich gingen wir auf einer Heide, es war in grauer Nacht und +ganz still --« + +Im Saale bliesen die Trompeten Tusch und die Menge schrie rasend Hoch. +Adele hielt sich die Ohren zu. »Wie schade!« sagte sie, indem sie aufstand. +»Nun kommen sie alle hierher. Wie merkwürdig ist doch der Traum?« + +»Ja.« + +Sie sahen einander an und fühlten beide eine auffallende Beklommenheit im +Herzen, obgleich keiner sie dem andern verriet. Graus Augen leuchteten und +seine Wangen röteten sich. + +Die Gesellschaft strömte wieder in den Tanzsaal. Das Orchester begann. +Sofort fingen die Paare an zu wirbeln und zu schleifen. Herren in Fräcken +und Kostümen schossen hin und her nach der Tänzerin, Eisenhut kam aus der +Türe und ging geradeswegs auf Adele zu und bat sie mit verstellter Stimme +um einen Tanz. Er trug noch immer die Maske, obgleich jedermann sie schon +längst abgenommen hatte. Adele gab ihm einen Korb und Eisenhut zog sich +zurück. Er blickte noch einigemal um und dreht sich bald darauf am Arm +einer roten Chinesin im Kreise. Nun näherte sich der Bezirksamtmann +Häberlein mit tänzelnden Schritten und sicherer Miene, aber Adele forderte +gleichzeitig Grau auf mit ihr zu tanzen. + +»In dem Gewühle ist es ja ganz unmöglich zu erzählen,« sagte sie. »Es +kommen nun gewiß recht merkwürdige Dinge?« + +»Ja, merkwürdige Dinge kommen nun.« + +Adele lächelte. »Herrlich! Wie spannend das ist! Und nun, bitte!« + +Grau tanzte leicht und sicher und Adele lobte ihn mit einem Blicke. »Halten +Sie mich fester!« sagte sie. + +Es war eine Masurka. Die Pauken wirbelten, die Geigen wehten, es erschien +Grau als spielten sie etwas vom Frühling und als die Flöten bliesen sah er +förmlich die Blumen aus dem Rasen steigen. + +Sie sahen einander an. Aber sie hatten noch keine Runde getanzt, als Adele +inne hielt und erblaßte. Sie stand still. »Ich kann nicht mehr!« sagte sie +leise und heftete die Blicke auf Grau. Sie sah ihn erschrocken, scheu und +erstaunt an, während sie sich mit einem Lächeln entschuldigte. + +»Aber was ist Ihnen?« fragte Grau. + +»Ich kann nicht tanzen mit Ihnen, es macht mich schwindlig,« sagte Adele. +»Nichts, einen Augenblick nur.« Sie sammelte sich rasch. + +»Wie leid es mir tut, Fräulein von Hennenbach.« + +Adele schüttelte den Kopf. »Es ist nichts,« sagte sie, »es ist nur so +merkwürdig --« Sie sah Grau an. Sie schwieg lange Zeit und während sie +schwieg, schien sie sich zu verwandeln. Ihre Lippen wurden schmal. Sie +schien zerstreut zu sein. + +»Kommen Sie!« sagte sie und ging voran. Grau folgte ihr. + +In der Türe kamen sie ins Gedränge und Adele blickte in Graus Augen und +sagte unvermutet: »Sagen Sie mir eines, lieben Sie Susanna wirklich?« + +Grau errötete leicht. »Wie?« Dann blickte er Adele erstaunt an. »Gewiß +liebe ich Susanna aufrichtig,« erwiderte er. + +Adele lächelte; sie schwieg. Sie streifte Grau wieder mit einem Blicke, +dann raffte sie den Fächer auf und bewegte ihn in der glitzernden Hand. Sie +blickte stolz über alle Köpfe hinweg. Ihr Blick, ihr Gang, ihr Lächeln, +alles hatte sich verändert. + +»Wollen Sie nun den Traum zu Ende hören?« fragte Grau. + +»Nein, nicht jetzt,« erwiderte Adele höflich. Aber sie sah Grau nicht an. +»Meine Mutter würde sich so sehr freuen, Sie kennen zu lernen,« fügte sie +hinzu, »darf ich Sie bemühen?« Auch ihre Stimme hatte sich verändert. + +Grau folgte ihr und dachte darüber nach, was der Anlaß zu ihrer Verstimmung +sein könnte. + + + + +Drittes Kapitel + + +Adele wurde von den Herren, die die Sektbude belagerten, mit lautem Hurra +begrüßt und mit schmeichelhaften Vorwürfen über ihr langes Wegbleiben +überhäuft. + +»Hoch, hoch, hurra!« schrieen die Herren und schwenkten die Kelche. Adele +hatte Mühe sich den Weg in den Kiosk zu bahnen. + +Im Kiosk bedienten die feinsten Damen der Stadt. Die Frau des +Bezirksamtmannes, Frau Häberlein mit dem porzellanartigen Teint, eine hohe +Blondine, die etwas schielte und eine dicke Jüdin mit weißem mächtigen +Busen. Die Damen hatten alle Hände voll zu tun, Flaschen zu entkorken, die +Kelche zu füllen, zu trinken. Hier herrschte eine ausgelassene, fast wilde +Stimmung und die Herren waren alle angeheitert. + +Die Mutter Adeles saß in einem Stuhl, in Spitzen und Seide gehüllt, fein, +durchsichtig, fast selbst nichts andres als Spitzen und Seide, sie hatte +Adeles Augen; der Freiherr von Hennenbach stand in einem Kreise von jungen, +fröhlichen Herren -- es waren die Offiziere von Weinberg -- er war größer +als alle, grau und würdevoll, er rauchte eine große Zigarre und trug einen +mächtigen Siegelring am Zeigefinger. Er hatte Augen wie ein Falke und +änderte nie den Ausdruck des Gesichtes, ob er nun lachte, plauderte oder +zuhörte. Seine Haare waren bis in den Nacken hinab sorgfältig gescheitelt +und sahen aus wie eine schmale, graue Straußenfeder, die kokett über seinen +hohen Schädel gelegt war. + +Baron Kirchgang -- Adeles Bräutigam -- war ein schweigsamer, etwas +ärgerlich aussehender Herr, dessen Schläfen ergraut waren. Sein Gesicht war +rot, von verschwommenen Formen, als sei es mit kochendem Wasser verbrüht +worden. Er wechselte einige nichtssagende Worte mit Grau. Als er an den +Schenktisch trat, bemerkte Grau, daß sein linker Arm verkrüppelt war, er +war kürzer als der rechte und lahm. + +Grau sah sich unter all den Herren aufmerksam um. + +»Ihr Herr Bruder ist nicht da?« fragte er Adele. + +»Er ist dagewesen,« antwortete sie ihm, »er sitzt mit seinen Freunden im +ersten Stock irgendwo und spielt. Wollten Sie ihn sprechen?« + +»Ich dachte nur,« sagte Grau. »Danke!« + +Adele füllte ein Glas und reichte es Grau. Sie stieß mit ihm an und sagte +lächelnd: »Auf das Wohl Ihrer Braut!« + +Grau dankte. »Auf Susannas Wohl!« + +Adele leerte das Glas und sah Grau einen Augenblick lang tief an. Er +verstand ihren Blick nicht. Adele lachte und wandte sich den Gästen zu. Sie +begann zu lachen und zu plaudern, aber ihre Stimme klang kühl und ihre +Augen blitzten hart. Sie blickte nicht mehr auf Grau, ja sie sah stets an +ihm vorbei, wenn sie dahin blickte, wo er stand. Sie lachte und schien +heiter zu sein, aber ein unruhiger Glanz war in ihren Augen. Nur wenn sie +auf ihre Mutter blickte, die nur Augen für die Tochter hatte, so änderte +sich ihr Blick jedesmal. Mit tiefen, schwärmerischen Augen sah sie die +Mutter an. Dieser Blick verriet alle ihre Liebe. + +Gerade in diesem Augenblick näherte sich Eisenhut dem Kiosk. Er bahnte sich +langsam und hartnäckig den Weg. Er zwängte sich zwischen zwei lachenden +Mandarinen hindurch, puffte einen Herrn im Frack in die Seite, dann ging er +um einen dicken Herrn herum, der sich nicht zur Seite drängen ließ. Endlich +stand er am Schanktisch und man konnte seinem Munde ansehen, daß er +zufrieden lächelte. Eine Weile stand er wartend da, die Damen waren alle +beschäftigt. Er reckte den Hals aus dem hohen Stehkragen, bewegte die +Lippen und seine kleinen lebendigen Mausaugen verfolgten durch die Schlitze +der Maske jede Bewegung Adeles. Er räusperte sich, er hustete um sich +bemerkbar zu machen, aber in all dem Getöse hörte man ihn gar nicht, +niemand beachtete ihn. + +Nun klopfte Eisenhut auf den Tisch. + +Die schwarze Jüdin mit dem vollen weißen Busen wandte sich ihm zu. »Sofort, +sofort, mein schöner Herr!« rief sie. »Willst du eine Flasche, eine ganze +Flasche? Nur zwanzig Mark!« + +Eisenhut starrte auf ihren weißen Busen, er lächelte, dann sah er auf Adele +und rief: »Eine ganze Flasche, jawohl. Zwanzig Mark, einerlei.« Er sprach +immerzu mit verstellter, quiekender Stimme. + +Da drehte sich Adele rasch um und sagte: »Es ist Herr Eisenhut! Für ihn +geben wir es nicht so billig. Er soll etwas besonderes tun!« + +Eisenhut legte den Kopf auf die Seite und lächelte. Aber dann machte er +sich ganz steif und quiekte mit verstellter Stimme: »Sind Sie auch sicher, +daß es Herr Eisenhut ist?« + +Adele lachte laut auf. Und alle Umstehenden lachten. Das könne ein Blinder +sehen. Er könne ruhig die Maske abnehmen. + +»Maske ab! Maske ab!« schrieen die Herren. + +Eisenhut meckerte und nahm langsam die Maske ab. Sein gelbes verlebtes +Gesicht kam zum Vorschein, er lachte, strich sich den Spitzbart und gab +dann allen ringsum schüchtern die Hand. Er verneigte sich auch gegen die +Herren, die um den alten Freiherrn von Hennenbach herum standen. Man schrie +und schüttelte ausgelassen seine Hand. Er ließ die Blicke herumwandern, +zuletzt heftete er seine kleinen entzündeten Augen auf Adele. + +»Wie merkwürdig, daß Sie mich sofort erkannt haben!« sagte er. »Guten +Abend, Fräulein von Hennenbach!« Er machte auch einen schüchternen Versuch, +ihr die Hand zu reichen. + +Aber Adele sah die Hand nicht. Sie lachte. »Nun will ich Ihnen einschenken, +ich werde es selbst tun, aber Sie müssen ein übriges tun, verstehen Sie, es +gehört für die Armen, das wissen Sie ja. Sie werden für jedes Glas hundert +Mark bezahlen, nicht wahr?« + +»Bravo! Bravo!« riefen die Herren. + +Eisenhut sah Adele an. Seine Augen wurden glänzend, gleichsam als ob sie +erwachten. Dann lächelte er und zeigte seine schlechten, zerfressenen +Zähne. + +»Sie scherzen?« sagte er. + +»Scherzen? Nein, ich bin gar nicht in der Laune zu scherzen!« + +Er betrachtete Adele, die mit dem Füllen des Glases beschäftigt war. Seine +Augen glänzten, er blickte auf Adeles Haar, ihre glitzernden Hände, ihre +Arme, er lächelte und für einen Augenblick erschien sein Gesicht friedevoll +und schön, seine Wangen färbten sich. Adele füllte sorgfältig das Glas. +Aber je mehr der Wein in dem schlanken Kelche stieg, desto mehr veränderte +sich Eisenhuts Gesicht. Das Lächeln verschwand, der Friede und die +momentane Schönheit, sie verschwanden, die vielen tiefen Linien und Falten +erschienen wieder, die Stirn wurde niedrig, der Mund zog sich zusammen, die +Farbe wurde gelb und alt. Dann wurde sein Gesicht fahl. Adele reichte ihm +das Glas und er sah ihren Augen an, daß sie nicht scherzte. + +»Fräulein von Hennenbach?« stotterte er. + +Über Adeles weiße Hand floß der Wein, über all die Ringe, die Steine. »Herr +Eisenhut?« + +»Hundert Mark? Hundert M--?« fragte Eisenhut leise. »Hundert Mark -- aber +ganz unmöglich?« Er lächelte beklommen. + +Alle lachten über den Ausdruck seines Gesichtes, auch Adele. + +Eisenhut raffte sich zusammen. + +Er knöpfte das unglückliche gelbe Kostüm auf und fuhr hastig in die +Rocktasche. Wie andere Leute eine alte Zeitung herausziehen, so zog er +einen ganzen Pack von Banknoten aus der Tasche. + +Gelächter! Ja, da sehe man, daß man es mit einem Millionär zu tun habe, +hoho! Selbst die Offiziere von Weinberg wurden aufmerksam. + +»Bitte, Herr Eisenhut!« sagte Adele, da Eisenhut zögerte. »Ich werde sogar +nippen an dem Kelche, aber legen Sie nur das Geld auf den Tisch!« Sie +lachte und nippte am Glase. + +Eisenhut fühlte sich unbehaglich. Er blinzelte rasch hintereinander, +lächelte, machte eine wegwerfende Handbewegung und legte einen +Hundertmarkschein auf den Tisch. + +»Bravo! Ja, bravo und hoch Eisenhut!« + +Eisenhut lächelte. Er nahm das Glas, erhob es gegen Adele und trank es +leer. Er fühlte sich von allen Seiten beobachtet und wurde mehr und mehr +unsicher. + +Adele füllte abermals Eisenhuts Glas. Sie lachte und sagte, daß sie wieder +daran nippen werde und er werde wieder hundert Mark dafür bezahlen. + +»Wieder?« fragte Eisenhut mit zitternder Stimme. + +»Sie werden sich wohl nicht erst lange besinnen, oder? Eine Kleinigkeit wie +hundert Mark! Und noch dazu, wenn ich am Glase nippen werde.« + +»Noch mehr?« fragte Eisenhut in ungläubigem Tone. »Hundert Mark für die +Flasche, wie? Man hat sie mir um zwanzig Mark angeboten, vorhin.« Er +deutete auf die Jüdin mit dem hohen Busen. + +Haha! Ja, zwanzig Mark für gewöhnliche Menschen, aber für Millionäre da +hätten sie ganz besondere Preise. + +Eisenhut blinzelte. Er legte das Gesicht in Falten, drehte den Kopf hin und +her. »Sie scherzt -- Fräulein von Hennenbach scherzt!« sagte er zu der +lachenden Gesellschaft von Herren. + +»Ich sagte schon, daß ich nicht scherze. Sehen Sie nicht, daß man sich +schon über Sie lustig macht. Ich verkaufe Ihnen jedes Glas für hundert +Mark, fülle es selbst, nippe daran, ich meine, da sollten Sie sich nicht +lange besinnen.« + +Es sei wirklich ein Skandal, es sei eine Schmach und eine Schande! Vorwärts +Eisenhut -- hahaha -- schmeißen Sie den Bettel hin! Die Herren schrien und +lachten und stießen sich gegenseitig an. + +Eisenhut kämpfte mit sich. Er sah Adele an, die ihm das Glas kredenzte, ein +Zittern lief durch sein Gesicht, er öffnete den Mund, blinzelte und fuhr +wieder in die Rocktasche. + +»Bravo! Hurra!« + +Aber Eisenhut zögerte. Warum gerade er solch horrende Summen bezahlen +sollte? + +»Weil Sie der reichste Mann der Stadt sind!« antwortete Adele. »Sie nennen +sich ja selbst so bei jeder Gelegenheit und Sie sind es auch.« + +»O -- hoho!« versetzte Eisenhut geschmeichelt. + +»Wenn man zwölf Steinbrüche hat und den Schrank vollgestopft mit +Wertpapieren, dann kann man doch ruhig solch eine Bagatelle bezahlen!« + +Eisenhut streckte den Kopf vor. »Haben Sie denn -- haben Sie denn diesen +Schrank voller Wertpapiere gesehen? frage ich.« Er lächelte eigentümlich +und blickte Adele an. + +Adele lachte laut und unnatürlich. »Selbstverständlich habe ich ihn +gesehen. Sie haben mir ihn ja selbst gezeigt. Erinnern Sie sich, als ich in +der Nacht zu Ihnen kam und zehntausend Mark bei Ihnen entlieh?« + +Gelächter. Eisenhut starrte mit offenem Munde auf Adele. + +»Aber genug nun! Ich habe an dem Glase genippt und sehen Sie her, ich nippe +nochmals daran. Nun, nehmen Sie?« + +Eisenhut nahm zögernd das Glas in die Hand. Bravo Eisenhut, hoch, hurra! +Eisenhut, Eisenhut! + +Aber Eisenhut trank nicht. Er schnitt Grimassen, er drehte den Hals als sei +ihm der Kragen zu eng, er schwankte hin und her und blickte die +Umstehenden, die lachten, plötzlich mit scharfen, bösen Blicken an. +Gelächter. + +»Bitte!« sagte Adele und lachte. »Weshalb zögern Sie denn?« + +Hier näherte sich Grau. Er sagte: »Fräulein von Hennenbach?« + +Adele wandte ihm den Blick zu. Sie zog die Augen zusammen und sagte: +»Bitte?« + +In diesem Augenblick brach eine ungeheure Lachsalve auf Eisenhut ein. Er +hatte die Scheine wieder in die Tasche gesteckt. Ja, er müsse doch ein Narr +sein, ein vollständiger Narr müsse er sein! Hundert Mark für jedes Glas, +die Herren bezahlen eine Mark dafür. Er verlor die Fassung und stellte das +Glas so heftig auf den Tisch zurück, daß es zerbrach und der Wein über das +Tischtuch floß. Eisenhut erschrak, einen Augenblick lang war seine +Nasenspitze schneeweiß. Er bewegte die Lippen um etwas zu sagen, er blickte +verwirrt auf Adele. Adele lachte und alle, alle lachten und stampften mit +den Füßen und schrieen, was sie konnten. + +Eisenhut bewegte heftig die Hände. »Bezahlt ihr!« schrie er. »Bezahlt ihr! +Ich bin kein solcher Narr! Ich habe bezahlt, hundert Mark. Bezahlt ihr, +bezahlt ihr!« wiederholte er lauter und wilder, um das Gelächter zu +überschreien. Er beugte sich mit einer verzweifelten Gebärde über den +Tisch, deutete auf das zerbrochene Glas, stotterte, aber er sagte nichts. + +Er wandte sich rasch um und entfloh in seinem gelben Kostüm und mit seiner +gelben Mütze, gefolgt von lautem, wildem Gelächter. Er verschwand in der +treibenden Menge. + +»Haha! Ein Prachtexemplar, dieser Eisenhut! Haha! Hoch Eisenhut, hurra!« + +Im gleichen Augenblick war auch Grau verschwunden, und als Adele zu Baron +Kirchgang blickte, mit dem er zuletzt geplaudert hatte, sah sie seinen +Platz leer. Baron Kirchgang unterdrückte ein Gähnen. + +Adele zog die Brauen zusammen und begann mit erneuter Ausgelassenheit zu +scherzen, zu lachen und Sektgläser zu füllen. + + + + +Viertes Kapitel + + +Eisenhut eilte dem Ausgang zu und war plötzlich spurlos verschwunden. +Gleichzeitig wurde Grau von Dr. Nürnberger aufgehalten. + +Dr. Nürnberger war ein junger Mann mit schwarzem Scheitel, niedriger Stirn, +goldenem Kneifer; er war im Frack. Seine Manieren waren gewandt, seine +Höflichkeit stets von leichtem Spott begleitet, seine geheuchelte +Unterwürfigkeit abstoßend. + +Er nahm den Kneifer ab und verbeugte sich vor Grau. + +»Welches Vergnügen, Sie zu sehen!« rief er mit etwas näselnder Stimme aus. + +Grau erkundigte sich nach dem Kinde im Waisenhaus. Es gedieh prächtig. »Wie +haben Sie Susanna bei Ihrem letzten Besuche angetroffen, Herr Doktor?« +fragte er dann. + +Der Arzt verfolgte ein schönes Mädchen mit den Blicken und erwiderte: »Ja, +was soll ich sagen? Ich habe leider keine Besserung beobachten können. Ich +möchte fast sagen, im Gegenteil, der Zustand der Patientin hat sich +verschlimmert. Der Körper leistet leider gar keinen Widerstand.« + +Ob man nicht jetzt daran denken könne, die Kranke nach dem Süden zu +bringen? + +»Nein!« Der Arzt schüttelte den Kopf und sandte dem schönen Mädchen, das +zurückkehrte, ein Lächeln zu. »Man hätte es vor einem, zwei Jahren tun +sollen -- jetzt ist nicht daran zu denken. Sie würde die Reise nicht +vertragen. Ich spreche offen, ich könnte die Verantwortung, die Dame jetzt +reisen zu lassen, nicht übernehmen. Später vielleicht, sobald es Frühling +sein wird.« Doktor Nürnberger reichte Grau die Hand. Er lächelte und legte +die niedrige fliehende Stirne in tiefe Falten. Er möchte ihm nicht +leichtfertigerweise Hoffnungen erwecken -- immerhin, im Frühjahr, ja, da +könne man ja Entscheidungen treffen. »Guten Abend. Herzlich gefreut.« Im +Begriffe sich zu entfernen, wandte sich der Arzt, gleichsam überrascht von +einem Einfall, zu Grau zurück und sagte in verändertem Tone: »Vielleicht +darf ich Herrn Grau einladen, mit mir in eine Herrengesellschaft im ersten +Stock zu kommen? Es geht sehr animiert dort zu -- das heißt, vielleicht +ziehen der Herr vor --« + +»Sehr liebenswürdig!« sagte Grau. Er sagte sofort zu und zwar mit einem +Eifer, der den Arzt in Verwunderung versetzte. »Gewiß werde ich mich +freuen, ich danke herzlichst, Herr Doktor!« + +Sie verließen den Saal und stiegen eine Treppe empor. Grau werde hier die +Intelligenz der Stadt kennen lernen, das heißt, präzis ausgedrückt, alle +Elemente, die auf eine relative Intelligenz Anspruch erheben könnten; +angenehme und gesellige Leute. Nur sei er außerstande, irgendwelche +Verantwortung zu übernehmen, im Falle der Ton nicht gerade jenem eines +Salons entspräche. »Aber, bitte, ich liebe Ungezwungenheit,« sagte Grau. -- +»Sie werden gewiß auf Ihre Kosten kommen, wenn Sie Ungezwungenheit lieben.« +-- Sie gingen hin und her in breiten Gängen, die vom Tanzen im Saale +drunten zitterten. Durch ein kleines Fenster konnte Grau hinab in die +chinesische Straße blicken, es war ein hübsches Bild: Die wimmelnde Menge, +die Lampione, der Rauch. Er sah einen Augenblick lang Adele, die gerade ihr +Haar zurechtrückte. Sie wandte merkwürdigerweise im selben Moment den Blick +zu dem kleinen Fenster, sie konnte ihn natürlich nicht sehen. + +Sie weiß nicht alles, dachte Grau und ein leiser Schmerz griff an sein +Herz. Er folgte dem Arzte, treppauf, treppab; dieses alte Haus war ein +Labyrinth. + +Endlich hörten sie den wüsten Lärm einer Herrengesellschaft und Dr. +Nürnberger verbeugte sich und öffnete eine kleine Türe. Augenblicklich +drang ihnen heiße Luft, Zigarrenrauch, der Geruch von Punsch, Lachen, Rufen +entgegen und ein halbes Dutzend verschwimmender Gesichter wandte sich ihnen +zu. + +Grau machte die Augen scharf. Er entdeckte zuerst Eisenhuts Gesicht, +daneben das bleiche schmale Antlitz des jungen Herrn von Hennenbach, auf +dessen Knien die puppenschöne Wirtin saß. + +Grau war erstaunt Eisenhut heiter und guter Dinge zu sehen. + +Da saß er, eine Zigarre in der einen Hand, in der andern ein Glas, lächelte +und plauderte. + +»-- die Stühle sind aus Leder, aus gepreßtem Leder. Ein Löwe in Gold ist +auf die Lehne gepreßt.« + +»Ja, aber der Minister, Eisenhut,« unterbrach ihn jemand, »du wolltest doch +von ihm reden?« + +»Das Zimmer ist überhaupt ein Saal!« fuhr Eisenhut fort und blinzelte. »Der +Minister rauchte eine Zigarette.« + +»Aber was sagte er denn?« + +»Er sagte, >Herr Eisenhut, Sie haben also die Steine für die Brücke +geliefert, schön. Ich werde an Sie denken.< Er klopfte mir auf die +Schulter.« + +»Also sollst du wohl einen Orden bekommen?« + +Eisenhut lächelte. »Was ich bekomme, das weiß ich nicht. Aber er sagte: Ich +werde an dich denken, Eisenhut.« + +Haha! »Er duzte dich?« Gelächter. + +»Vielleicht hat er auch Sie gesagt, was weiß ich -- seht an!« Er hatte Grau +bemerkt. + +Die Herren waren in bunten Kostümen, einige im Frack und einer, Postadjunkt +Kaiser, saß in weißen Hemdärmeln da. Sie spielten Karten. Sie erhoben sich +mit vielem Tumult und warfen einander Blicke zu. Man war nicht sonderlich +erfreut über den Gast, das konnte jeder sehen. Aber die Herren verbeugten +sich höflich. + +Grau sah sie mit freundlichen, leuchtenden Augen an. »Ich bedaure unendlich +im Falle ich stören sollte,« jagte er leise und verlegen, »Herr Dr. +Nürnberger hatte die Liebenswürdigkeit mich einzuladen.« + +Plötzlich schlug ein dicker Chinese mit einem großen gelben Schirm auf dem +Rücken ein lautes Gelächter auf und einige fielen ein. + +»Willkommen, Pfirsichblüte, im Reiche der Mitte!« schrie der dicke Chinese +und machte eine tiefe Verbeugung. Er drückte Grau die Hand und setzte +hinzu: »Im bürgerlichen Leben heiße ich Richter, Professor Richter, Doktor +der Naturwissenschaften.« + +Der Arzt schob ihn beiseite. »Erlauben Sie doch, Professor,« sagte er, »und +geben Sie den Herren Gelegenheit ihrer gesellschaftlichen Pflicht zu +genügen. Sie gestatten, die Herren, Herr Grau --« + +Er machte Grau mit den Herren bekannt. Da waren Amtsrichter Leutlein, ein +gutmütig aussehender Herr mit blaurasiertem Gesichte und spärlichem +flaumigen Haar auf dem runden Schädel, Rechtspraktikant Schmidt mit +scharfen stechenden Augen, vielen Schmissen, hohem Stehkragen, peinlich +gestriegelt und gebügelt, Redakteur Heinrich, vom »Gauboten«, ein kleiner +Mann mit struppigen schwarzen Haaren, der die Angewohnheit hatte, immer die +Zungenspitze herauszustrecken und heiter auf seinen Bauch herabzulächeln, +Assistent Pechmann, ein langer Mensch mit hellblauen träumerischen Augen, +der junge Freiherr von Hennenbach, ein junger bartloser Lehrer, der so +betrunken war, daß er leichenblaß aussah und die Augen weit aufreißen mußte +um zu sehen. + +Die Herren hatten alle ein wenig über den Durst getrunken. Sie lachten +sonderbar, sie verbeugten sich zu tief oder schief, dem Rechtspraktikanten +fiel der Kneifer von der Nase, Redakteur Heinrich setzte sich beinahe neben +den Stuhl, als er sich niederließ. Ihre Augen waren scharf oder +ausdruckslos, die Vorhemden zerknittert, fast jeder hatte irgend etwas +Lächerliches an sich, einen Schmutzflecken, einen emporstehenden +Haarbüschel, die Krawatte war in Unordnung oder das Kostüm so zugeknöpft, +daß oben ein Knopf übrig blieb. Sie rauchten alle und es war solch ein +Rauch im Zimmer, daß man kaum die Wände sah. Sie saßen um einen ovalen +Tisch herum, über dem eine Hängelampe brannte. Auf dem Tisch herrschte ein +wüstes Durcheinander und eine Manschette rollte darauf herum. + +»-- Herr Redakteur Heinrich, die Herren kennen sich, Pardon -- auch Herr +Eisenhut wird Ihnen schon persönlich bekannt sein --« + +Eisenhut beachtete Grau nicht; er rief: »Spielen, weiter spielen, ich habe +zwei Mark von der Bank gut! Keine unnötigen Pausen, meine Herren!« Er +trommelte auf den Tisch und lachte. + +»Er ist in etwas ungenießbarer Stimmung heute, unser Herr Eisenhut,« +entschuldigte ihn der Arzt. »Herr von Hennenbach!« + +Die Blicke der beiden tauchten ineinander. Grau lächelte nicht. Er +verbeugte sich zurückhaltend, ja kühl, und Herr von Hennenbach blickte ihn +verblüfft mit seinen grauen Augen an und zuckte mit den Mundwinkeln. Die +schöne Wirtin raffte eilig einige Gläser auf und machte sich aus dem +Zimmer. + +»Spielen, weiter spielen! Keine unnötigen Pausen!« wiederholte Eisenhut und +goß Punsch in sein Glas. Seine Hand zitterte und er verschüttete das halbe +Glas, als er es an den Mund führte. »Tante! Du besorgst jetzt die +Sektbowle, auf meine Rechnung! Alles auf meine Rechnung!« + +»Ruhe!« rief ihm der dicke Chinese zu. »Einen Augenblick noch, ich nehme +das Spiel sofort wieder auf -- unser verehrter Gast -- geben Sie ein Glas +herüber, Doktor! -- ich darf doch einschenken? -- oder sollten Sie etwa +Abstinenzler sein?« + +Grau lächelte. »Nein.« Er nahm Eisenhut gegenüber Platz. + +Der dicke Chinese ließ sich an seiner Seite schwer in den Sessel fallen und +mischte die Karten; er hielt den Schirm mit dem runden Schädel, rauchte +eine Zigarre in einer langen Spitze, die er beim Sprechen von einem +Mundwinkel in den andern schob. Sein Gesicht glänzte vor Vergnügen und +Behagen. Er hatte kurzgeschorenes rotes Haar und seine feisten Backen waren +mit goldenschimmernden Bartstoppeln bedeckt. »Fertig!« rief er, und die +Karten schlüpften blitzschnell aus seiner Hand. »Die Bank ist bereit. Herr +Adjunkt Kaiser! Was setzen Sie? Bei allen Teufeln, mehr Aufmerksamkeit, +meine Herren! Einsatz auf den Tisch! Endlich! Herr Großkapitalist Eisenhut? +Sie spielen hoch, das läßt sich sehen, nur keine Knickerei, nur das nicht. +Herr von Hennenbach -- Herr -- von -- Sie wünschen noch eine Karte? Gut. +Die Bank hat acht, acht! Hurra! Alle Gewehre aufs Rathaus -- hahaha!« + +Der feiste Chinese stieß ein rasselndes fettes Lachen aus und strich den +Gewinst ein. Alle, außer dem Arzte, hatten verloren und schrien und +fluchten. + +Eisenhut lachte und warf dem Chinesen ein Zehnmarkstück zu. »Es ist alles +einerlei!« rief er und trommelte mit den Knöcheln auf den Tisch und +blinzelte. + +Der Chinese mischte, während das fette Lachen noch leise in seinem Halse +rasselte und seinen ganzen Körper erschütterte, so daß der Schirm auf +seinem Kopfe tanzte. »Sehen Sie, welch ein Geschäft, verehrter Herr!« +wandte er sich an Grau. »Dreiundzwanzig Mark bei einem einzigen Gang. +Hurra! Darf ich Ihnen vielleicht eine Karte geben? Es ist ein sehr +einfaches und höchst anregendes Spiel, absolut, ich betone, absolut +unschuldig. Bakkarat, ist es Ihnen nicht bekannt? Könige und Damen gleich +Null -- übrigens durch die Praxis lernen Sie am schnellsten. Wollen Sie ein +Spielchen wagen? Höchster Einsatz zwanzig Mark, niederster fünfzig Pfennig +-- staatlich konzessioniertes Spiel -- Gewinn und Verlust gleichen sich +stets aus. Nun?« + +Grau lehnte ab. »Ich danke, ich habe kein Geld!« sagte er. »Übrigens macht +es mir großes Vergnügen, zuzusehen, lassen sich die Herren, bitte, gar +nicht stören.« + +Er könne auch auf Borg spielen. Nicht? + +»Spione vor die Tür!« sagte Eisenhut leise und räusperte sich! »Nicht wahr? +Spione vor die Tür!« wiederholte er und klopfte dem leichenblassen Lehrer +auf den Arm. Der riß die Augen auf und sah ihn verständnislos an. + +Das Spiel machte einige Runden. Der Chinese schrie und brüllte und trieb +zur Eile. Am eifrigsten spielte Eisenhut. Er saß da, lächelnd, blinzelnd, +er schrie, fluchte und trank mehr als alle andern. Er war erstaunt, das +Glas immer leer zu finden, goß immerzu ein, schrie nach der Sektbowle! Ja, +Himmel und Hölle: Die Sektbowle! Lustig sein, fröhlich sein! Hier und da +wandte er den Blick auf Grau, der ruhig und heiter dasaß und mit seinen +hellen Augen das Spiel verfolgte. Ihre Blicke begegneten sich dann und +wann, und Eisenhut grub seinen Blick stets messerscharf in Graus Augen, +verzog das Gesicht und wandte sich mit einem leisen inneren Lachen ab. Es +schien, als ob ihn zuweilen ein Schwindelgefühl zu übermannen drohe, er +heftete die Augen auf die Karten und zählte die Points unsicher und falsch. + +»Sie werden doch wohl nicht betrügen, Eisenhut!« schrie der Chinese. »Das +ist ja eine Sieben! Oder sind Sie betrunken?« + +»Noch nicht, noch nicht!« kicherte Eisenhut. Da fiel ihm die Bank zu und er +begann fieberhaft zu spielen. Nun schien nichts mehr für ihn vorhanden zu +sein als dieser Tisch, der von verschüttetem Punsche tropfte und mit Asche +und Zigarrenresten bedeckt war. Er beugte das Gesicht bis auf die +Tischdecke herab, gab die Karten, mischte und ließ seine kleinen +glitzernden Augen im Kreise wandern. Er lachte, wenn er gewann, und er +lachte, wenn er verlor. Ja, er schien es darauf anzulegen zu verlieren. Er +sah nichts mehr als die Hände, die nach den Karten griffen, Geld hin und +her schoben, alle diese verknitterten, beschmutzten Manschetten, die Haare +auf den Händen des Amtsrichters und den silbernen Armreif, den Herr von +Hennenbach trug. + +Nur zuweilen atmete er tief auf, schüttelte den Kopf, starrte vor sich hin, +um sofort wieder das fieberhafte Wesen anzunehmen. + +Herr von Hennenbach verlor. Grau sah, wie die Röte aus seinen Wangen wich +und verstärkt wiederkehrte, als ihm plötzlich ein hoher Gewinn zufiel, um +wieder langsam zu verschwinden, da zwei, drei erfolglose Einsätze den +Gewinn zerstreuten. Er legte sich in den Stuhl zurück und suchte hastig in +allen Westentaschen. Dann beugte er sich zu Eisenhut und flüsterte ihm ins +Ohr. Aber Eisenhut meckerte, sah ihn mit einem schnellen haßerfüllten +Blicke an und schrie: »Ich gebe nichts mehr!« Darauf erhob sich Herr von +Hennenbach und sagte: »Ich habe dich leise gefragt, du hast mir leise zu +antworten!« + +»Ich tue, was ich will!« erwiderte blinzelnd Eisenhut und mischte rasend +die Karten. + +Herr von Hennenbach schnalzte mit der Zunge. »Ich bin bankerott!« sagte er +und verließ das Zimmer. + +»Auf das Wohl Bismarcks, des Deutschen Reiches großen Baumeister!« lallte +Redakteur Heinrich und lud mit einem Schmunzeln das Glas auf dem Tische +ein, ihm in die Hand zu laufen. Er gab sich einen Ruck und ergriff das +Glas. »Auf das Wohl des Alten aus dem deutschen Eichenwalde, Ritter ohne +Furcht und Tadel, des Deutschen Reiches eiserner Kanzler, Barbarossas +Erwecker -- alles hoch, hoch!« + +Der Adjunkt in Hemdärmeln lachte. »Schreibe den Festbericht für dein +Käsblatt und halte das Maul!« sagte er. + +»Hoch das Deutsche Reich, das Vaterland, hoch der deutsche Dichterwald und +die Armee, die den Franzmann schlug! Alles hoch!« fuhr der Redakteur +schmunzelnd fort und plötzlich stand er auf und stand mit der Zungenspitze +zwischen den Zähnen, das Glas in der Hand, da. »Hochverehrte +Festversammlung, meine Herren und Damen, Festgäste --« + +»Keine Reden! Um Gottes willen!« + +»-- der einzige Mann, sage ich, der die Lage überblickt hat, fahre ich +fort, der uns zu dem gemacht hat, was wir sind, ein einig Volk, die erste +Nation der Erde, bei deren Namen Klange die Erde erzittert -- meine Herren! +-- Wir Deutschen fürchten Gott und sonst niemand in der Welt --« er sank +auf den Stuhl zurück. + +»Was setzen Sie?« schrie Eisenhut und schlug auf den Tisch, daß das Geld in +die Höhe sprang. + +»Meine Damen und Herren -- fünfzig Pfennig -- hoch die Fahne, sage ich, +hoch! zum Kampfe gegen die rote und schwarze Gefahr, die des Reiches +Wappenschild --« + +»Schließen Sie endlich gefälligst die Klappe!« sagte der dicke Chinese und +lachte rasselnd. »Ihr Geschwätz versteht ja kein Teufel und gehen Sie in +die Hölle mit Ihrer Politik, Verehrter -- noch eine Karte Eisenhut, neun! +-- Doktor, vergessen Sie nicht unserm Gast einzuschenken --« + +Der Redakteur fuhr flüsternd fort: »Laut statistischer Ziffern sind wir die +stärkste Heeresmacht in Europa -- ich fordere die Herren auf --« + +»Sie langweilen unsern Gast!« + +»Er ist unser!« schrie der Redakteur und erhob das Glas gegen Grau. »Er ist +unser, eine Stütze, ein Kämpe! Ja, wir müssen Brüderschaft trinken, +unbedingt, eine Seele und ein Geist, der in uns lodert -- wir sind im +herrlichsten Fahrwasser mit unserer Politik. Die letzten Ergebnisse -- was +meinen Sie? Nicht, daß schon alles getan wäre -- aber das Fahrwasser, das +Fahrwasser, wie?« + +»Ich bin leider nicht imstande, die gegenwärtige Lage zu überblicken,« +sagte Grau. + +»Oh! Sofort --« + +»Gehen Sie in die Hölle! sage ich, mit Ihrer Politik!« schrie Professor +Richter und schlug auf den Tisch. »Politisch Lied, ein garstig Lied! Es ist +uns ja alles einerlei, der ganze Mumpitz ist uns schnuppe -- schließen Sie +ab! Lassen Sie sich, Herr Grau, um Gottes willen in kein Gespräch mit ihm +ein, er tötet Sie, er tötet Sie buchstäblich.« + +Aber der Redakteur mit den wilden Dichterhaaren gab sich nicht zufrieden. +»Es ist die Begeisterung, die aus mir spricht!« rief er aus. »Echte +deutsche Mannesbegeisterung. Man muß die Turn- und Kriegervereine +unterstützen. Ein starkes Volk, ein Volk von Helden -- nieder mit den +Sozialdemokraten, mit diesen schmutzigen Kerlen!« + +»Warum nennen Sie sie schmutzig?« fragte Grau leise lächelnd. + +»Warum?« Ob er schon einen von diesen Dreckhammeln mit sauberen Händen und +einem reinen Kragen gesehen habe? »Sie sind dreckig und unzufrieden und +faul und trinken Schnaps und sie wollen, daß wir Jauche pumpen und die +Straßen kehren! Ja, warum lachen Sie da, Sie lachen doch, Herr Grau, oder +täusche ich mich?« + +»Ja, ich mußte lachen, entschuldigen Sie,« sagte Grau. + +»Sie stimmen mir also nicht bei?« + +Grau lächelte. »Sie sprechen ja nicht im Ernste.« + +»Im Ernste? Ich? Redakteur Heinrich?« + +»Dann sind Sie nicht gerecht!« sagte Grau. + +»Gerecht? Ich? Der Herr behaupten -- eiei!« Der Redakteur lachte belustigt. + +»Nun ja,« begann Grau, »diese Sozialdemokraten sind doch zumeist Arbeiter. +Sie arbeiten für uns, sie bringen Geld ins Land --« + +Der Redakteur steckte die Zungenspitze heraus. »Aber dafür bezahlt man ja +diese Kerle!« schrie er, Grau ins Wort fallend. + +»Dann gebe ich mich zufrieden,« sagte Grau. »Wenn man sie nur bezahlt und +auch sonst menschlich behandelt --« + +Redakteur Heinrich rückte näher. »Also sind wir einig, nicht wahr, wir sind +einig, haben uns wiederum gefunden! Hoch! Prosit! Sie sagen, Sie sind nicht +imstande die Situation zu überblicken? Ich werde mir erlauben -- Nummer +eins, Nummer zwei und drei -- nieder mit der Sozialdemokratie, die mit +schmutzigen Händen die heiligsten Güter der Nation betastet -- Nummer eins +-- man bezahlt sie und fertig damit, fort mit dem Gesindel -- Nummer eins, +sage ich, Nummer zwei -- nieder mit den Juden, die das germanische Blut +saugen -- Sie lächeln, ja bitte, darf ich bitten -- Sie lächeln -- nun, ich +denke Sie sind ja doch kein Jude, nicht wahr -- oder? -- hier, Herr Doktor +Nürnberger, er ist Jude -- aber er ist Antisemit -- wie jeder gebildete +anständige Jude, den der deutsche Geist bestrahlt hat -- kurz und gut -- +ich spreche wie ein echter deutscher Mann spricht -- Nummer drei, vier und +fünf -- nieder mit den Ultramontanen, die deutsches Geld nach Rom schleppen +und die Tugend unserer Frauen und Töchter gefährden -- Sie lächeln? Ist es +etwa nicht wahr? Ja, mein Gott, ich wage es ja nicht, die Kirche, welche es +auch sei -- denn ich bin ja tolerant -- mit meinem kleinen Finger +anzutasten -- Kirche und Thron -- prosit! -- hoch! -- aber der Ultramon -- +Ultramon --« + +Er quälte sich ab, das Wort auszusprechen, aber zur großen Heiterkeit aller +brachte er es nicht fertig. + +»Ultramon --« + +Der Chinese lachte laut heraus. »Habe ich es Ihnen nicht gesagt, lassen Sie +sich in kein Gespräch mit ihm ein. Er ist ein prächtiger Mensch, unser +Redakteur Heinrich, aber sobald er ins Reden kommt wird er ungenießbar. Nun +ist ihm Gott sei Dank ein Wort im Halse stecken geblieben. Er hat sich auf +Sie geworfen, weil er mit uns kein Geschäft mit seinen Phrasen machen kann. +Wir sind gar nicht für Politik, wir kümmern uns um nichts. Was liegt uns +daran, was sie mit dem ganzen heiligen Bierstaat machen? Frage ich Sie? Hol +mich der Teufel, nichts! Wir bezahlen unsere Steuern, weil wir müssen, +fertig damit. Mögen sie da droben wirtschaften, wie sie wollen, das geht +uns ja nichts an. Wie beliebt? Sagten Sie etwas? Nun, haben Sie keine +Angst, welcher Partei Sie angehören, das weiß ich nicht, ich bekümmere mich +auch nicht darum. Frei sind wir, frei, keine Parteifanatiker, wir tun +unsere Arbeit, man bezahlt uns, fertig. Wir leben, wir sind Menschen. +Partei ist Unsinn -- wir alle hier sind Individualitäten -- Aristokraten, +basta! Ich setzte drei Mark, Eisenhut. Habe fünf!« + +»Wie sagten Sie?« fragte Grau, als ob er nicht gehört hätte. + +»Ultramontanismus! Ultramontanismus!« schrie laut triumphierend der +Redakteur. Er hatte das Wort vor sich auf den Tisch geschrieben. + +Der Chinese beugte sich zu Grau. »Individualitäten, Aristokraten, sagte +ich, sind wir. Gehören zu keiner Partei. Wir alle, wie Sie uns hier sehen, +und auch Sie, Herr Grau -- wenn ich Sie recht kenne, nach all dem, was ich +von Ihnen gehört habe -- auch Sie sind Aristokrat und Individualität! Auf +Ihre Gesundheit!« + +Grau lächelte und schüttelte den Kopf. »Auf Ihr Wohlsein!« sagte er. »Ich +danke Ihnen für Ihre gute Meinung, aber Sie überschätzen mich ganz +ungeheuer. Ich bin kein Aristokrat, bei Gott, nein, noch lange nicht! Ich +würde es auch nicht wagen, mich eine Individualität zu nennen. Ich bin noch +weit entfernt davon, zu jung, zu wenig reif; ich danke Ihnen vielmals, aber +eine Individualität -- sehr schmeichelhaft, allein --« + +»Ha!« schrie der Redakteur. »Prosit, Herr Grau! Ultramontanismus, +Ultramontanismus, Prosit!« + +»Aber?« sagte der fette glänzende Chinese gedehnt und sah Grau mit den +kleinen Augen an, die schimmernd in den fetten Backen schwammen. »Ich +dachte --« + +»Keine Gespräche, Professor,« unterbrach ihn Dr. Nürnberger. »Keine +Gespräche. Es nimmt kein Ende und kommt nichts dabei heraus zum Schlusse. +Spielen Sie!« + +»Ich spiele ja! Sehen Sie denn nicht, daß ich ganz verzweifelt spiele. Ah! +wo bleibt denn deine Bowle, Eisenhut, machst immer ein großes Geschrei! -- +Sie sind ja zu bescheiden, verehrtester Herr,« wandte er sich an Grau. +»Nun, Sie können sich nennen wie Sie wollen, aber wir hier sind alle +Individualitäten und Aristokraten.« + +Er beschrieb mit der Hand einen Bogen, der die ganze Gesellschaft +einschloß. Dann erhob er das Glas und fügte hinzu: »Und nun lassen Sie uns +ein Glas auf unsere Zeit leeren, die Zeit der Aufklärung!« + +Redakteur Heinrich schrieb eifrig an seinem Festbericht für den »Gauboten«, +er kritzelte mit dem Bleistift einige Briefbogen voll, spielte dabei und +horchte noch dazu immer mit einem Ohre auf das Gespräch an seiner Seite. +Sobald jemand prosit sagte, schrie er ebenfalls prosit, und als er etwas +von Aufklärung hörte, sprang er auf und schwenkte das Glas. »Aufklärung in +Stadt und Land, prosit!« schrie er. + +»Nun?« sagte der dicke Chinese zu Grau. »Sie trinken nicht, Sie scheinen +nicht einverstanden zu sein mit mir?« + +»Gewiß, ich trinke,« sagte Grau. »Mein Glas ist leer -- danke, Herr +Doktor!« + +Ob er nicht selbst sagen müsse, daß es eine Freude sei, in dieser, gerade +in dieser Zeit zu leben: Eine Zeit der Entdeckungen, der horrendesten +Entdeckungen, Erfindungen, eine Zeit der Ideen, ja zum Teufel, -- einer +gesegneten Zeit der Aufklärung, Abklärung und Erklärung, einer Zeit der +Befreiung des Menschengeistes, einer neuen Zeit. + +»Gewiß eine hochinteressante Epoche!« warf Dr. Nürnberger ein. »Das +Mittelalter liegt weit hinter uns!« + +Eine Zeit der Wissenschaft, der Sieg der Naturwissenschaften über den +Aberglauben, Chemie, Physik hoch! Wie beliebt? + +Grau lächelte. »Gewiß, eine hochinteressante Epoche!« sagte er. + +Der Chinese sah ihn an. »Aber?« + +»Wieso denn: Aber?« + +»Sie akzeptieren also unsere Zeit ohne jeglichen Widerspruch, Herr Grau?« +sagte Dr. Nürnberger mit feinem ironischem Lächeln. + +Die Herren verbargen ihm nicht, daß er sich in grellem Kontrast zu seinen +öffentlichen Äußerungen befände. + +Grau lächelte fein. »Ich akzeptiere unsere Zeit als eine hochinteressante +Epoche, meine Herren,« erwiderte er, »ohne ihr jedoch in allem zuzustimmen +--« + +»Ah -- haha! Nun lassen Sie, bitte, hören!« fiel ihm der Chinese ins Wort. + +Grau sah ihn an, dann fuhr er fort: »Auf jeden Fall ist es mir unmöglich, +Ihre kritiklose Begeisterung zu teilen, meine Herren. Ich wiederhole +nochmals, die Epoche ist hochinteressant, trotzdem kann ich nicht in +Entzücken geraten über unsere Zeit. Vielleicht verstehe ich die Zeit nicht +recht, aber ich darf wohl meine Meinung sagen, nicht wahr? Sie sagen, wir +hätten das Mittelalter hinter uns, ich glaube das nicht, ich glaube es +nicht ganz.« + +»Wie? Aber --« + +»Lassen Sie Herrn Grau reden, Herr Professor!« + +»Nein, ich glaube es nicht ganz. Sondern ich glaube, daß wir in vieler +Beziehung tief im Mittelalter stecken. Die Welt ist etwas reinlicher +geworden, ja, das ist gut, wir haben Bahnen und Schnelldampfer, auch das +ist ganz hübsch, wir haben eine Menge neuer Dinge, aber sind es +wesentliche, wertvolle Dinge? Ich sage nein. Entschuldigen Sie, es ist +meine bescheidene Ansicht. Sie erlauben doch, nicht wahr? Es kommt mir so +vor, wenn ich es sagen darf, ich blicke auf unsere Justiz, auf unsere +sozialen Verhältnisse, die Stellung der Frau, auf eine Menge Dinge. Das +Beil hängt noch über ganz Europa, ach, ich brauche mich ja nicht auf +Einzelheiten einzulassen, es gibt keine Leibeigenen mehr, nein, auf dem +Papier existieren sie nicht mehr, aber es gibt Millionen Sklaven des +Kapitalismus, wir haben das alte Kastenwesen, privilegierte Stände -- und +selbst die aufgeklärten und vornehmen Menschen, die meisten wenigstens, die +ich kenne -- treten die Privilegien des Standes an, in dem sie geboren +sind, ohne weiter darüber nachzudenken. Die gleichen, nahezu die gleichen +Ideen regieren -- mit dem einen Unterschied, daß sie jetzt hohle Formen +geworden sind, während sie früher wirkliche Kräfte waren. Kurz und gut, ich +könnte Ihnen hunderte von Dingen aufzählen, die um kein Haar anders sind +als sie im Mittelalter waren -- vielleicht sehen sie etwas anders aus und +vielleicht sehen wir sie anders, weil wir dicht vor ihnen stehen. Aber -- +und nun hören Sie -- ich glaube, es ist ja nur meine Ansicht -- eines haben +wir verloren: Die Überzeugung, die das Mittelalter besaß, die Tiefe, den +ganzen Mystizismus, die wilde und schöne Atmosphäre. Ja, Sie lachen, Gott, +wie gesund und gut Sie lachen können, das freut mich, Sie sind ein guter +Mensch, lachen Sie ruhig, es ist ja nur meine Ansicht. Sie sprechen von +unserer Zeit, nicht wahr, vor hundert oder achtzig Jahren sah es viel +besser in der Welt aus glaube ich, besonders in Deutschland.« + +»Halten Sie ein!« unterbrach ihn der Chinese. »Entschuldigen Sie, daß ich +Sie unterbreche: Nehmen Sie mir auch mein Lachen nicht übel. Ich lache und +wir alle sind ja in guter Stimmung, hurra, hoch! Ja, wir sind alle gut +aufgelegt. Eisenhut könnte die Bank nach und nach abgeben, er wird +langweilig mit der Zeit! Wir brauchen -- ja, was sagen Sie doch -- tiefe +Überzeugung, Mystizismus -- ja, gehen Sie doch in die Hölle damit -- Sie +verzeihen meine starken Ausdrücke, es ist die Stimmung --« + +»Bitte, bitte!« sagte Grau lächelnd. »Ich verstehe sehr wohl --« + +»Wir sind ja gerade froh, daß wir all das los haben, Hochwürden! Es macht +mir Freude, Ihnen zuzuhören, mit Ihnen zu sprechen, aber was sagten Sie +doch alles? Es scheint mir doch, daß Sie den modernen Zeitgeist wenig +spüren und ein bißchen altmodisch sind, Herr Grau, hahaha!« + +Grau lächelte. Er könne recht haben, vielleicht sei er ein wenig +altmodisch. Mindestens sei er sehr langsam, sehr schwerfällig. Aber wenn +Herr Professor sich etwas Mühe gäbe. + +Professor Richter räusperte sich und nahm einen tiefen Schluck. »Wir sind +moderne Menschen, mein Freund,« sagte er. »Modern bis auf die Knochen. Ein +moderner Mensch, haben Sie eine Vorstellung von einem modernen Menschen? +Ich will es Ihnen sagen. Ein moderner Mensch, das ist ein Mensch dieser +Zeit der Aufklärung, ein freidenkender, toleranter Mensch, dem es ganz +einerlei ist, was der andere tut, er kann tun und lassen, was er will und +soll schauen, daß er zurecht kommt, ein Mensch ohne Aberglaube und +utopistische Träume und schwächliche Ideale, ein Mensch mit einem gesunden +Egoismus und einer gesunden Sinnlichkeit, ein Mensch, der sich nicht schämt +ein Mensch zu sein -- bei allen Teufeln in der Hölle -- eben ein Mensch mit +gesunden Sinnen und kein Phantast, kein Mönch, kein Spießbürger -- sondern +ein Einzelwesen, ein Individuum -- ja, zum Henker -- das ist der moderne +Mensch. Ich habe mich wohl deutlich genug ausgedrückt, wie?« + +»Danke, ja!« Grau sah den Chinesen an. »Lassen Sie mir etwas Zeit, ich muß +all das überlegen. Ich denke sehr langsam, das ist es. Als ich jung war, +fiel mir einmal eine Leiter auf den Kopf und seitdem muß ich langsam +denken.« + +»Die Leiter hat Ihnen doch weiter nicht geschadet, wie?« + +»Nein, ich glaube nicht.« Grau lächelte. + +»Sie kennen Lombroso, nicht? So ein Anstoß von außen her kann zuweilen ein +ganz gutes Resultat haben. Übrigens auf Ihr Wohlsein! Ich habe Sie vorhin +unterbrochen.« + +Grau lächelte und stieß mit dem Chinesen und Dr. Nürnberger an. »Es ist +sehr angenehm in dieser Gesellschaft!« sagte er. »Ich danke Ihnen nochmals, +Herr Doktor, daß Sie die Freundlichkeit besaßen mich einzuführen. Sie haben +mir erklärt was der moderne Mensch ist, Herr Professor. Erlauben Sie mir +nun eine Frage, ich verstehe manches nicht. Zum Beispiel: Gesunder Egoismus +und gesunde Sinnlichkeit, das sind ebenfalls solche Worte, die ich überall +höre, ohne mir viel darunter vorstellen zu können. Ja, bei Gott, ich muß in +Wirklichkeit ein altmodischer Mensch sein -- haha -- Sie haben am Ende doch +recht -- denn ich wünsche mir den Menschen gerade mit recht viel Träumen +und Idealen -- sie brauchen ja nicht schwächlich zu sein, da haben Sie +recht, wenn sie nur hoch sind! -- mit recht vielen Träumen und Idealen +sagte ich, auch Phantast kann er sein, weshalb nicht? Welche Rechte hat Ihr +moderner Mensch?« + +»Er tut, was er will!« + +»Was er will?« sagte Grau leise und erstaunt. »Nun, aber er hat doch wohl +Pflichten, Verantwortung --« + +Der Chinese lachte. »Faule Fische! Er tut, was er will und jeder tut, was +er will. Pflichten und Verantwortung, das sind ganz ekelhaft abgestandene +Begriffe --« + +Hm. Grau dachte nach. Er schüttelte den Kopf und lächelte. »Sie mögen recht +haben, daß ich ein altmodischer Mensch bin, aber ich glaube nicht, daß der +moderne Mensch so ist, wie Sie ihn beschreiben. Der moderne Mensch fühlt +sich im Gegenteil mehr durchdrungen vom Gefühle der Verantwortung als der +Mensch irgend einer andern Epoche. Oft scheint es als ob in ihm erst jenes +Gefühl richtig erwacht sei.« + +Der Arzt unterbrach ihn. + +Man müsse ja nur den Mut und die Ehrlichkeit haben die Wahrheit zu sehen +und zu sagen, warf er ein. Ein Blick in die Natur genüge, um jeden zu +überzeugen, daß das Prinzip des Egoismus überall regiere. Ebenso im +Menschen. Man fange an, das zu erkennen und -- + +»Erlauben Sie,« sagte Grau, »das hat man schon vor Tausenden von Jahren +erkannt. Es springt ja in die Augen und ist das Natürlichste. Aber seit +Tausenden von Jahren haben sich nun die Weisen mit diesen Problemen +beschäftigt, über Recht und Pflicht, den Einzelnen und die Gesamtheit, über +Tugend und Laster -- sie haben darüber nachgedacht, haben sich die Köpfe +zerbrochen -- die Allerweisesten der Menschen -- ich bin ja ein Nichts im +Verhältnis zu diesen Köpfen -- aber mir erscheint nichts lächerlicher und +kleinlicher als der Egoismus.« + +In diesem Augenblick wurde die Sektbowle von der schönen Wirtin +hereingetragen und mit lautem Hallo begrüßt. Der Redakteur ließ seinen +Festbericht im Stiche und führte einen indianischen Tanz auf. Eisenhut +pfiff auf einem Schlüssel und der Adjunkt segnete die Bowle mit feierlichen +Gebärden. Herr von Hennenbach kam mit der schönen Wirtin herein und faßte +sie um die Hüfte. Der leichenblasse Lehrer schlief in der Sofaecke, er +erwachte bei dem Geschrei, blickte auf die Bowle, machte eine abwehrende +Handbewegung und schlief weiter. + +Die Bowle brachte neues Leben in die Gesellschaft. Man sang einen +Rundgesang und stürzte sich dann mit neuem Eifer auf das Spiel. Eisenhut +hielt noch immer die Bank. Er sah bleicher und erregter aus, schrie und +lachte mehr als alle. Zuweilen lauschte er gegen die Türe, wenn die Musik +hereindrang, dann bellte er, trommelte und sprach sinnloses Zeug. + +»Ich werde jetzt mein Kostüm ausziehen!« schrie er. + +»Du bist ein Chinese auch ohne Kostüm!« sagte der Adjunkt und der Witz fand +großen Beifall. + +»Vorsicht!« sagte Eisenhut böse und deutete mit dem Zeigefinger auf den +Adjunkten, aber augenblicklich lachte er wieder heiter. + +Herr von Hennenbach nahm wieder am Spiele teil. Es schien als ob das Glück +sich ihm zuwende. Er strich sich aufgeregt das schwarze, glänzende Haar aus +der bleichen hohen Stirne und lachte. + +»Es beginnt!« rief er. »Nur los, Eisenhut! Ich brauche Geld! Noch eine +Karte, wenn ich bitten darf. Ich setze zehn Mark!« + +Aber er verlor, und obgleich Eisenhut unvorsichtig spielte, verlor der +Freiherr fortwährend. Er wurde noch aufgeregter und erbleichte mehr und +mehr. Er setzte nun stets zwanzig Mark. + +»Zum Teufel!« schrie er und lachte nervös. + +Dann aber gewann er. Er gewann fünf-, sechsmal nacheinander und gebärdete +sich laut vor Freude. »Endlich wendet sich das Blatt! Prosit, prosit +allerseits!« + +»Die Bank hat acht!« rief Eisenhut. + +»Neun!« schrie Herr von Hennenbach und schlug auf den Tisch. + +Eisenhut sah ihn an und lächelte hämisch. »Sehen lassen!« sagte er. + +Es waren nur sechs Points. + +Freiherr von Hennenbach stand auf und stieß den Stuhl zurück und +erbleichte. »Ich habe doch gezählt und gezählt!« rief er. »Sehe ich nicht +recht? Das ist ja eine Figur -- aber das ist ja zum Teufelholen -- bin ich +denn bezecht?« + +Eisenhut meckerte. »Du hast dich getäuscht, Kurt -- setze dich -- getäuscht +hast du dich, das kann vorkommen.« + +Rechtspraktikant Schmidt aber sagte scharf: »Man muß eben acht geben!« + +»Wie beliebt, Herr Grau? Wir haben die Telegraphie, das Telephon, +Bogenlampen, Blitzzüge, die Röntgenstrahlen -- all das hat unsere Zeit +geschaffen. Imponiert Ihnen das nicht ein wenig? Kinematograph, Phonograph, +ja, was haben wir doch alles. Die eminente Entwickelung der +Naturwissenschaften.« + +Herr Grau möge sich auch an die Errungenschaften der modernen Physiologie, +Bakteriologie, Chirurgie erinnern, bemerkte der Arzt. + +Grau lächelte. »Ich sagte schon, daß das alles ganz groß ist,« sagte er, +»all diese Erfindungen, von denen Sie sprechen, wunderbar! Ich lege Ihnen +sogar noch einen tieferen Sinn bei -- sie sind in gewissem Sinne +Offenbarungen -- Verzeihung, ich spreche im vollen Ernste, meine Herren -- +aber --« + +»Aber?« + +»-- trotz ihrer Größe und Wichtigkeit und Tiefe sind sie alle zusammen noch +nicht imstande eine Kultur zu bilden. So groß sie sind, sind sie doch kein +wesentlicher kultureller Faktor. Ich nehme an, ja, zum Beispiel, ein +einziger Psalm von Salomo ist weitaus mehr wert als alle Fernsprechapparate +und Dynamomaschinen zusammen --« + +»Allen schuldigen Respekt vor Ihrem Salomo, aber --« + +»Wir können ja auch sagen: Ein Gedicht von Heine, eine Kantate von Bach, +ein Beethovenscher Akkord, ein Gedanke von Plato oder Goethe, wie Sie +wollen.« + +»Pardon,« unterbrach ihn der Arzt, »glauben Herr Grau vielleicht, daß ein +Goethescher Gedanke, um nur eines herauszugreifen, kulturell höher zu +werten ist als zum Beispiel die Erfindung des Serums gegen die Tollwut oder +die Entdeckung des Cholerabazillus?« + +Grau sah ihn erstaunt an. »Aber natürlich!« sagte er lächelnd. »Wir +sprechen ja von Kulturwerten, nicht wahr?« + +Hm! + +Aber mit einem Serum könne man doch Tausende von Menschen heilen und ihr +Leben retten? + +Grau lächelte. »Haben Sie damit schon etwas zur Kultur beigetragen, Herr +Doktor?« + +»Hahaha!« lachte der dicke Chinese und zog seine Karten auf. + +Hier geschah es, daß Herr von Hennenbach auf Grau blickte. Wiederum ruhten +die Blicke der beiden eine Weile merkwürdig fragend und suchend ineinander. +Grau blickte den Freiherrn lange an. Und es war eigentümlich, der junge +Mann erbleichte unter Graus Blick. Er erbleichte ganz langsam. Er wandte +die Augen ab, um Grau sofort wieder anzusehen. Er legte die Karten auf den +Tisch, starrte Grau an und drehte mechanisch den silbernen Reif um das +Handgelenk. Dann gab er sich einen Ruck, verzog den Mund und griff nach +seinem Glase und erhob es gegen Grau. + +»Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!« sagte er und lächelte. + +Grau rührte sich nicht. Es war ein solcher Lärm, daß der Freiherr annahm +Grau habe nicht gehört. Er wiederholte: »Auf Ihre Gesundheit, Herr Grau!« + +Sah Grau nicht? Hörte er nicht? Er blickte ruhig und ohne eine Miene zu +bewegen auf den jungen Mann. + +»Auf Ihre Gesundheit, Herr!« + +Grau sah und hörte nicht. + +»Das ist doch unerhört!« stammelte der Freiherr und erbleichte. + +Niemand hatte dem Vorfall Beachtung geschenkt. + +Professor Richter rückte näher an Grau heran, so daß jetzt Grau ebenfalls +unter den gelben chinesischen Schirm zu sitzen kam. + +»Also unsere Zeit findet keine Gnade vor Ihren Augen? Seht an, seht an!« +begann er von neuem. + +Grau antwortete nicht zugleich. Er war müde von dem ewigen Geschwätz, +übrigens beschäftigten ihn auch andere Gedanken, gerade jetzt. + +»Bitte?« sagte er. Er lächelte. »Gerade vor meinen Augen? Ich bin ja nicht +befugt, zu urteilen und zu richten. Aber wenn Sie mich fragen, so kann ich +wohl antworten, daß ich nicht ganz zufrieden bin. Man arbeitet, man sucht, +ja, gut, ich müßte ein Tor sein, wollte ich das leugnen, unsere Zeit +bereitet gewiß eine andere vor, die einen höheren Wert besitzt. Wie es +gegenwärtig aussieht -- nein, ich kann nicht zufrieden sein. Ganz und gar +nicht. Vielleicht hat es noch nie eine Kultur gegeben, die so tief stand +wie die Kultur unserer Zeit. Sie lächeln? Ja, erlauben Sie mir, so scheint +es mir. Andere Zeiten und Völker hatten ja nicht die grandiosen +Kulturvorbilder wie wir sie haben. Trotzdem. Eine gewaltige Bewegung, ein +Rausch, eine Begeisterung, Ideale? Nun? Wo sind sie? In Europa? Der Träger +der Kultur ist meines Erachtens in unserer Zeit nicht Europa. Auch das +belustigt Sie? Ich äußere meine Ansicht selbst auf die Gefahr hin, daß ich +mich vor den Herren lächerlich mache und immer mehr und mehr altmodisch +erscheine. Es ist doch ein Gespräch, nicht wahr? Was weiter? Ja, so scheint +es mir. Europa ist sicherlich das reinlichste und zivilisierteste Stück +Erde, natürlich. Große Gefühlsströmungen -- wir haben das Mittelalter +gehabt, mit einem großen Rausch, Sehnsucht nach Erlösung, Befreiung, wie +haben doch die Menschen damals gefühlt? Ich weiß, daß Sie den Mönchen +gegenüber nicht freundschaftlich gesinnt sind -- aber der Gedanke des +Mönchtums war doch tief. Oder? Ich weiß, daß man allgemein den Gedanken +kurzerhand abtut -- aber wenn man nachdenkt? Er ist doch tief. Die Märtyrer +-- die Fakire und Derwische -- zu welchen Taten sind sie fähig gewesen, und +die Fakire vollbringen heute noch die unglaublichsten Dinge. Was ist +Gefühl, was ist Mysterium, Wunder, Tiefe? Freundschaft, Liebe? Religiöses +Empfinden? Sehen Sie sich um? Nun, gewiß, ich erscheine Ihnen vielleicht +altmodisch, weil ich mich danach umsehe. Übrigens weiß ich wohl, daß all +das noch existiert, aber nicht als Bewegung, als allgemeine Empfindung. Wir +haben viel Anerkennungswertes in unseren Tagen, aber wissen Sie, woran es +uns vor allem fehlt?« + +»Bitte?« + +»An seltenen Tugenden, großen Gefühlen und außerordentlichen +Eigenschaften.« + +»Hahaha. Fahren Sie fort! Auf das Wohl der Fakire und heulenden Derwische!« + +Grau erhob das Glas. »Auf ihr Wohl!« sagte er. Und er fuhr fort: »Wir haben +in unserer Zeit eine Art von Bequemlichkeit, die mir bedenklich erscheint. +Wenn ich richtig beobachte, so ist man im allgemeinen geneigt sich ohne +jegliches tiefere Nachdenken den ärmlichsten und trivialsten +Lebensanschauungen anzuschließen -- zum Beispiel dem Materialismus, +Atheismus und so weiter. Und wissen Sie warum? Weil es so einfach, so +nüchtern ist, weil man nicht zu denken braucht und weil diese Anschauungen +so gar keine Anforderungen stellen. Das erscheint mir so ärmlich und +trivial und das ganze Leben ist so geworden, selbst die Literatur, sehen +Sie sich die Literatur an, wie trivial ist sie doch zum größten Teil +geworden, die Feste, jede Lebens- und Gesellschaftsform beinahe! Trotzdem,« +fügte er hinzu, »ist unsere Zeit wertvoll, weil sie mit ungeheurer, wenn +auch verborgener Kraft, eine neue, grandiose Kultur vorbereitet!« + +Hier aber brach ein lautes Geschrei aus. Der Lehrer nämlich war langsam vom +Sofa geglitten und unter den Tisch gefallen. Er schlief und man hörte ihn +laut schnarchen. + +Auch Adjunkt Kaiser war eingeschlafen. Sein Kopf lag mit dem Kinn auf der +Brust und die Oberlippe stand läppisch vor. Aber er hielt seine Karten +tapfer in der Hand und öffnete immer ein Auge, sobald die Runde an ihn kam. +Das erriet er stets. Die Stimmen der Spieler wurden leidenschaftlicher, +rauh und betrunken. Zuweilen trat eine Pause ein, da alle anfingen müde zu +werden. Dann hörte man das Wiegen der Musik im Saale, die Geigen, die +Klarinetten, die Pauken. Manchmal kam die Musik bis dicht an die Türe, +kicherte durch die Spalten, verschwand in der Ferne und wiegte sich heiter. + +Dann sah Eisenhut auf und starrte zur Türe. + +Da erhob sich Grau plötzlich und sagte: »Meine Herren, ich bitte um eine +Minute Gehör. Ich finde Sie alle bei guter Laune und ich möchte die gute +Stimmung benutzen, um Sie zu einem wohltätigen Werke zu animieren.« Er zog +den silbernen Ring mit dem winzigen blauen Stein aus der Westentasche. »Ich +habe hier einen Ring,« fuhr er fort, »den ich zu Geld machen möchte. Er +gehört einer armen alten Frau. Vielleicht findet sich hier ein Liebhaber?« + +Er lächelte und zeigte den Ring. Seine weißen hübschen Zähne blitzten. + +Der dicke Chinese lachte zuerst und alle fielen in sein Lachen ein. + +»Nein, Sie sind schon ein wenig sehr altmodisch -- hahaha -- alles was +recht ist --« + +»Der Ring ist freilich einfach und schlicht,« sagte Grau, der leicht +errötete, und zeigte den Ring im Kreise umher, »er gehörte Fräulein +Margarete Sammet, die sich das Leben nahm -- Sie erinnern sich gewiß alle +-- für die Mutter möchte ich ihn zu Geld machen. Natürlich gebe ich ihn +nicht billig her, nicht allzu billig. Findet sich kein Liebhaber? Herr +Redakteur Heinrich -- oder vielleicht Sie, Herr Assistent Pechmann? Sie +lachen, meine Herren, aber die Frau ist ja arm und hat Geld nötig. Herr +Amtsrichter Leutlein, Herr Eisenhut?« + +Eisenhut blickte auf den Ring und blinzelte, dann sah er Grau ins Gesicht. +Er wurde totenblaß und hörte auf zu blinzeln. Er schüttelte den Kopf. +»Nein, danke!« sagte er leise. + +Grau verbeugte sich und lächelte. »Nicht? Wie schade! Aber vielleicht Sie, +Herr von Hennenbach? Ich habe die Angelegenheit in die Hand genommen und +möchte sie auch zu Ende bringen, deshalb. Vielleicht Sie, Herr von +Hennenbach? Wollen Sie sich den Ring nicht ansehen?« Grau beugte sich über +den Tisch und zeigte den Ring. »Sie sind ja ein Liebhaber solcher Dinge, +wollten Sie mir nicht einmal meinen Reisesack abkaufen? Sie erinnern sich, +es war hier im Elefanten am Tage vor der Beerdigung des Dienstmädchens. -- +Ich habe Sie vorhin beleidigt, ich war unhöflich gegen Sie. Tragen Sie mir +das nicht nach. Sie waren ja an jenem Abend ebenfalls nicht gerade +freundlich gegen mich -- vergessen wir es, wir sind quitt. Wollen Sie sich +den Ring nicht ansehen?« + +Grau spielte eine lächerliche Rolle. Alles belustigte sich über ihn. + +Herr von Hennenbach begann augenblicklich laut aufzulachen. Er lachte, daß +sich sein Gesicht rötete und hustete. »Danke, danke!« rief er aus. + +»Oh, aber ich denke, Sie verstehen sich auf die Schätzung eines solchen +Ringes --« + +Der Freiherr lachte immer noch. + +»Für den Ring habe ich leider keine Verwendung,« sagte er und lachte +immerfort. + +»Bitte sehr!« Grau lächelte sonderbar. »Selbst Sie also nicht!« sagte er +und sah dem lachenden jungen Mann in die Augen. + +Plötzlich jubelten alle und blickten zur Türe. An der Türe hörte man das +Lachen von Mädchen, Adele und die Schwestern Sinding traten ein. + +»Hurra! Hoch die Damen!« + + + + +Fünftes Kapitel + + +»Ah!« schrien die Herren und fuhren in die Höhe. Der dicke Chinese schwang +den Schirm wie eine Fahne und der Redakteur verneigte sich tief und +ruckweise, daß sein wirres Haar über die Stirne flog. Hurra! Hoch die +Damen! Hoch! Ein Stuhl klapperte auf dem Boden und ein Weinglas fiel auf +geisterhafte Weise ganz langsam von selbst um und zerbrach. Adjunkt Kaiser +schlief friedlich in seinen Hemdärmeln; da keine Karte mehr gekommen war, +war er eingeschlafen. + +Der Rauch wirbelte zur Türe hinaus, so sah es aus als kämen die Mädchen aus +einer Wolke. Sie standen alle drei zögernd beisammen und hatten Furcht der +Gesellschaft nahe zu kommen, die lärmend auf sie eindrang. + +»Wir wollten einmal sehen, wie die Herren sich amüsieren!« sagte Adele und +blickte umher. Sie bewegte den Fächer in der Hand und der Ärmel ihres +Kostüms fiel herab, so daß man ihren weißen vollen Arm sah. In dem roten +Kostüm, mit den schwarzen Haaren, den hellen Augen sah sie imponierend und +fremdartig schön aus. Rosen schmückten das Haar, die Schulter, den Gürtel. +Sie lachte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen waren so rot. Aber ihre +Augen waren ohne Erbarmen, stechend und hart. + +Sie blickte auf Grau, sah aber sofort weg, sie streifte Eisenhut mit einem +raschen Blicke. + +Eisenhut hatte sich langsam erhoben als Adele sichtbar wurde. Er reckte den +Spitzbart vor, hörte auf zu blinzeln und machte die Augen scharf, um sich +zu überzeugen, daß sie wirklich im Zimmer stand. Er wurde fahl, richtete +sein Kostüm, strich sich die Haare zurecht und starrte unausgesetzt auf +Adele. Auf seinen Lippen erschien ein verzweifeltes Lächeln. Er ließ sich +auf das Sofa nieder, langsam, um kein Geräusch zu machen, und versteckte +sich hinter dem jungen Hennenbach, der mit Klara Sinding plauderte. + +Plötzlich lachten alle. Der junge Lehrer nämlich, der unter dem Tische +schlief, erwachte und machte sich auf allen Vieren aus dem Staube. Er kroch +zur Türe, stieß sie mit dem Kopfe auf und verschwand. + +»Ja, was ist denn das?« schrien die Mädchen. + +»Das ist unser Hund!« sagte Herr von Hennenbach, der seine Trunkenheit +geschickt hinter seinen sicheren gesellschaftlichen Formen verbarg. »Er +geht um für die Damen zu bestellen!« + +»Hahaha!« lachten die Schwestern Sinding und Klara blickte Herrn von +Hennenbach mit schwärmerischen, glänzenden Augen an; sie verriet sich mit +einem Blicke. + +Professor Richter ordnete geschickt wie ein Kellner die Gesellschaft. +Gläser! Die Damen sollten sich zu Hause fühlen, höhö! Gläser für die Damen. + +»Nein, keinen Wein, um Gottes willen!« rief Adele. »Vielleicht könnte man +ein Glas Selters haben.« + +»Selters! Selters!« + +Auch die Schwestern Sinding wollten nichts mehr trinken. »Selters, ja.« Sie +saßen mit glühenden Wangen da. + +Adele lachte laut auf. »Hier ist er ja, unser Herr Eisenhut!« rief sie und +zeigte auf Eisenhut. »Bedenken Sie nur, meine Herrschaften, hundert Mark +war ihm zuviel für ein Glas Sekt, an dem ich nippte!« + +»Ah, oh -- oho!« riefen die Herren rings im Kreise. + +Eisenhut bewegte die Lippen. Er blinzelte. »Ich habe ja -- habe ich nicht +hundert Mark bezahlt -- ich wollte Ihnen die Hand geben --« + +Aber Adele war grausam. Sie hörte ihn nicht, sie erzählte die Geschichte +von den hundert Mark, die ganze Szene und ahmte Eisenhuts Erstaunen, +Schrecken und Schwanken nach. Sie sprach sehr rasch und fächelte sich +unaufhörlich Luft zu. Oh, wie entsetzlich heiß es sei! Ob man die Fenster +nicht -- + +»Die Fenster auf -- zum Donnerwetter! Für die Damen --« + +Der Redakteur stand schon eine ganze Weile da, das Glas in der Hand und +klappte mit den Lidern wie eine mechanische Figur. Offenbar hielt er eine +Rede, aber niemand nahm Notiz von ihm. + +»-- des Lebens heitere Zierde -- ehret die Frauen, sie flechten und weben +-- hoch die Damen! --« murmelte er -- »hoch! Ein Kranz schöner Jungfrauen, +der des Festes Tafel schmückt -- könnte ich jeder ein Kränzchen von +Maienblumen auf das holde Haupt legen --« Plötzlich liefen dicke Tränen +über sein Gesicht. »Hoch die Damen, hoch!« + +Die Herren fielen stürmisch ein. + +Spielen? Ja, natürlich wollten sie spielen. Alle! Man stürzte sich kopfüber +ins Spiel, schrie und lachte. Die Damen würden es sofort können, eine +Kinderei! Der Adjunkt schlief immer noch. Amtsrichter Leutlein, der seine +schläfrige Miene abgelegt hatte, tropfte ihm Wein auf die Glatze, und er +erwachte. Er starrte lange Zeit geistesabwesend auf die Mädchen, dann sagte +er feierlich: »Guten Abend!« + +»Es ist ganz herrlich hier!« rief Adele. »Kann ich dem Klub beitreten? Ein +Glas Bowle nun, Herr Doktor, bitte.« + +»Bowle, ein Glas Bowle, rasch!« kommandierte der dicke Chinese. + +»Ja, also, verehrter Herr Grau --« Er müsse doch zugeben -- selbst wenn er +mit allem und allem unzufrieden sei -- er müsse doch gestehen, daß die +Wissenschaft in verschiedene Dinge Klarheit gebracht habe, eine ganz +unglaubliche Anzahl von Vorurteilen, den schwärzesten Vorurteilen, habe sie +zerstört, Aberglaube und naive Vorstellungen habe sie in Grund und Boden +hineingeritten -- + +»Natürlich gebe ich das zu. Ich habe den allergrößten Respekt vor der +Wissenschaft und ziehe den Hut vor ihren großen Männern. Wo habe ich denn +behauptet, daß ich, ein kleiner und einfacher Mensch -- das wäre ja +geradezu kühn --« + +»Gut, gut! Der ganze Wunderglaube, zum Beispiel, zum Teufel ist er! Pardon! +Aber er ist zum Teufel, einfach wie weggeblasen. Kein Kind kann heutzutage +mehr glauben, daß jemand Wasser in Wein verwandelt oder fünftausend +Halunken mit einem Groschenkipf speist. He?« + +»Natürlich, das ist Fabel!« + +»Bravo, bravo! Also endlich --« + +»Im übrigen,« fügte Grau hinzu, »wer weiß, ob es nicht doch ein wahres +Geschehnis ist? Wie schön ist aber jenes große Gefühl, jenes Verlangen nach +dem Außerordentlichen, jene Sehnsucht nach dem Wunderbaren? Nicht wahr? +Ergreifend ist das! Und oft glaube ich es auch, ich glaube es. Ich bin +geneigt, das Unglaublichste zu glauben, gerade weil ich es nicht begreifen +kann --« + +»Nun aber, Verehrter, der gesunde Menschenverstand -- wo bleibt da der +gesunde Menschenverstand? Ich bitte, Ehrwürdiger, der gesunde +Menschenverstand muß doch auch auf seine Rechnung kommen?« + +Grau lächelte. »Der gesunde Menschenverstand?« sagte er. »Was ist es +eigentlich damit? Ich muß Ihnen gestehen, Herr Professor, daß mein +Verstand, obwohl ich annehme, daß er vollständig gesund ist, mich sehr +häufig im Stiche läßt. Derselbe gesunde Menschenverstand hat schon ganze +Völker und Zeitalter betrogen. Legen Sie mir einen Kirschkern her und +behaupten Sie, es wird ein Baum daraus werden mit Blättern, Blüten, +Kirschen, verzeihen Sie, mein gesunder Verstand wird es nicht für möglich +halten. Sagen Sie mir, die Erde fliegt mit einer ungeheuren Geschwindigkeit +von so und soviel Meilen um die Sonne, ich werde sagen, entschuldigen Sie, +mein gesunder Menschenverstand begreift das nicht. Ich werfe einen Stein, +der Stein fliegt, ich begreife das nicht, nicht einmal das. Ich muß Ihnen +leider gestehen, daß ich mich auf meinen gesunden Verstand nicht einmal bei +den einfachsten Dingen verlassen kann, von komplizierteren gar nicht zu +sprechen.« + +Hm, hm. + +»Aber Verehrter, Sie geben trotzdem zu, daß Ihr gesunder Menschenverstand +den Wunderglauben abweist, nicht wahr? Man soll nur die Wissenschaft +arbeiten lassen -- Hölle und Tod! -- sie wird ihr Werk der Aufklärung schon +vollbringen. Auch die Schöpfung, wie die Bibel sie darstellt, das ist wohl +eine Fabel oder nicht?« + +»Natürlich ist das eine Fabel, aber --« + +Redakteur Heinrich stand auf und drückte Grau die Hand. »Redefreiheit für +jedermann! Wir sind unter uns!« sagte er mit einem gönnerhaften Schmunzeln. +»Sie können sich nach Belieben und ganz frei äußern, niemand wird ein Wort +erfahren. Ein Wort, ein Mann!« + +»Aha, die Damen haben Glück! Ich habe diesmal nicht gesetzt, Eisenhut, +schreie nicht so! Ich erlaube mir die Behauptung auszusprechen, daß, wenn +die Aufklärung, die Wissenschaft in alle Schichten und Poren des Volkes +gedrungen ist -- all der Zauber, Aberglaube und Irrtum werden wie Wachs +schmelzen -- ja was dann? -- Ich erlaube mir zu behaupten, daß die Religion +dann bankerott ist, einfach. Sie kann ruhig die Bude schließen, ruhig! Ich +bitte wegen des starken Ausdrucks um Entschuldigung, aber es ist so, bei +allen Teufeln, um kein Haar anders ist es.« + +»Bitte,« sagte Grau, »es ist ja nur eine Formsache, die nichts zu sagen +hat. Also, das glauben Sie? Aber ich glaube, je mehr die Wissenschaft +erkennen wird, desto mehr wird sich das religiöse Gefühl steigern, es wird +nicht verschwinden, es wird im Gegenteil wachsen, ungeheuer anwachsen. Denn +die Wissenschaft wird Wunder um Wunder aufdecken, es wird alles +verwirrender und verwirrender, unfaßbarer werden. Der Gottesbegriff +verliert natürlich die einfache naive Form, er wird sich mehr und mehr +verfeinern, vergeistigen; je wissender und größer der Mensch wird, desto +erhabener und größer und unfaßbarer wird sein Gott. Das Mysterium wird +gewaltiger, je mehr man in dasselbe hineinsieht --« + +»Ich glaube, es bereitet sich eine Zeit vor mit einem so tiefen religiösen +Gefühl, daß es dem Wahnsinn gleich kommt.« + +»Glauben Sie, Herr Grau! Wenn man aber einem Menschen begreiflich macht, +daß vor etlichen Millionen Jahren der Mensch noch gar nicht existierte? +Wie? Was denn, was denn? Gott?« + +Grau sah ihn erstaunt an. »Wenn es jetzt keinen Menschen gäbe,« versetzte +er lächelnd, »so gäbe es allerdings kein menschliches religiöses Gefühl. +Aber es handelt sich ja bei dieser Frage weniger um die Existenz des +Menschen als um das Dasein Gottes. Ob der Mensch existiert und seit wann, +das ist ja nebensächlicher Natur.« Grau lächelte. »Es ist merkwürdig wie +sehr Sie an die Naturwissenschaften glauben,« fuhr er fort, »ich verehre +die modernen Naturwissenschaften und verdanke ihnen zum größten Teil meiner +Erziehung -- allein so unumstößlich wahr sind ihre Thesen nicht, glaube +ich. Vielleicht lacht man in einigen hundert Jahren über einen Anhänger der +jetzigen Entwickelungslehre ebenso, wie man in unseren Tagen über jemand +lacht, der noch glaubt, der Mensch sei von Gott aus Erde geformt worden. +Bitte, erschrecken Sie nicht, ich selbst bin nicht dieser Meinung, sondern +ich finde die Behauptungen der modernen Wissenschaft für höchst annehmbar. +Aber was soll das sagen, nicht wahr?« + +»Wie!« Der dicke Chinese lachte und schrie. »Alles, alles mein Herr, alles! +Ich bitte Sie, die Konsequenzen -- die Konsequenzen! Fassen Sie die +Konsequenzen ins Auge!« heulte er triumphierend. + +Erstens also sei -- und zweitens -- + +Adele lachte. Sie hielt die Bank und gewann fortwährend. + +»Nun auf das Wohl der Herren!« rief sie und erhob das Glas. Sie sah +wiederum Grau einen Augenblick lang eigentümlich an. Dann lächelte sie. +»Auf das Wohl Susannas!« sagte sie. »Auf gute Freundschaft!« setzte sie +hinzu und lächelte wieder. + +»Auf gute Freundschaft!« + +Eisenhut hatte keinen Wein im Glase und bis er es füllte, war es zu spät. +Er sagte höflich: »Auf die Gesundheit der Damen!« und stürzte das volle +Glas hinunter. Dann lachte er. Nur Maria Sinding sagte: »Zum Wohlsein!« + +»Es ist sehr unterhaltend hier!« sagte Adele. »Alles Ernstes, ich will +Mitglied des Klubs werden. Ja! ich will die kurzen Monate noch genießen.« + +Wann denn die Hochzeit sei? + +»Im Mai!« antwortete Adele lachend. Dann schüttelte sie den Kopf. »Wer weiß +es?« fügte sie hinzu. »Niemand weiß es. Seht her, wieviel ich gewonnen +habe! Ich habe Glück im Spiel! Faites vos jeux, messieurs!« + +Professor Richter verlor endlich die Geduld. Ja, ein merkwürdiger Herr war +dieser Herr Grau. Wie eine Katze fiel er stets auf die Füße. Nun er +zugegeben hatte, daß der Mensch vielleicht nichts sei als das letzte Glied +einer langen Entwickelungsreihe -- ein Produkt der Auslese und Zuchtwahl -- +nun war alles noch viel wunderbarer für ihn. Er bewunderte den feinen +Geschmack und Instinkt der Wesen, immer das Schönere und Zweckmäßigere +auszuwählen, er bewunderte das Resultat. Nein! Man könne nicht mit ihm +diskutieren. + +Aber nach einer Weile begann Professor Richter von neuem die Diskussion. Er +bearbeitete Grau nach allen Regeln und von allen Seiten. Die ganze moderne +Wissenschaft ließ er aufmarschieren. Endlich -- ach, endlich! + +»Nun, verehrter Herr,« murmelte er und rieb bedächtig die großen fetten +Hände aneinander, »die Schlußfolgerungen sind höchst einfach. Ja, das ist +ja erstaunlich, was Sie nun alles zugegeben haben, haha! Sie sind ja gar +kein solch altmodischer Mensch, Donner und Doria -- nein, Sie sind ja ganz +modern. Und beschlagen sind Sie ebenfalls, nicht wahr, Doktor, wie er doch +die Literatur kennt, unser Herr Grau! Aber nun erlauben Sie, daß ich +zusammenfasse! Wenn Sie mir all das zugeben und behaupten all das ändere ja +an der Sache nichts -- wenn Sie mir zugeben, daß die Seele des Menschen aus +der Tierseele entstanden ist, ein Komplex von Gehirnfunktionen -- wenn Sie +mir das zugeben, wenn Sie mir zugeben, daß jedes Empfinden von einem +physiologischen Vorgange begleitet sein muß -- so erlischt also die Seele +-- sie hört auf, sie ist fort und verschwunden, in die Binsen ist sie +gegangen -- in dem Augenblicke, da die Blutzirkulation im Gehirn stockt! +Das ist doch logisch, nicht wahr? Ja, zum Henker, jeder Idiot begreift das. +Aber dann leugnen Sie ja die Unsterblichkeit der Seele, haha! Vollständig, +mein Verehrter, jawohl -- Sie lachen -- aber Sie taten es, gerade vor zwei +Minuten. Prosit! Ja, prosit, Sie sind ein moderner Mensch, durch und durch, +einen Orden sollen Sie haben!« + +»Haben Sie gesehen, daß alle herblickten, als Sie das kleine Wort +Unsterblichkeit aussprachen?« entgegnete Grau. »Es fiel mir auf. Ja, das +nur nebenbei. Was sagten Sie? Was habe ich doch getan? Aber auf Ihre +Gesundheit, auf die Gesundheit der Damen -- gewiß werde ich heute einen +Rausch bekommen, so oft schenkt mir der liebenswürdige Herr Doktor ein! Ja, +was habe ich doch nur getan, daß Sie so triumphieren, Herr Professor? +Triumphieren Sie, bitte, nicht zu früh. Ja trotzdem, trotz alledem glaube +ich an die Unsterblichkeit der Seele. Ich werde Ihnen nicht mit Gründen +kommen, denn so unzulänglich meine Worte wären, so unwürdig wären Worte +diesem Gegenstande. Auch finde ich es häßlich, jedes Geheimnis mit einem +Worte zu vernageln. Wie würde es sich doch ausnehmen, wollte ich sagen, all +die Millionen Schwingungen, Strahlen, die in jeder Stunde von Ihnen +ausgehen und ja gewiß fortdauern müssen, sie zusammen -- oder die Seele +könnte sich irgend eines unbekannten Mediums bedienen -- wie häßlich würde +das doch klingen und nichts sagen obendrein. Nein, meine Herren, ich fühle +es und ich denke auch, nie hätte ein Mensch diesen Gedanken fassen können, +niemals, wenn es nicht etwas Wahres mit ihm wäre!« + +Grau lächelte und einen Augenblick lang leuchteten seine Augen wie dunkles +Gold. + +»Ja,« wiederholte er, »wie hätte doch solch ein Gedanke in den menschlichen +Kopf kommen können, wenn er nicht wahr wäre!« + +Aber da höre jede Diskussion auf. Herr Grau sei ein ganz modern denkender +Mensch, aber sobald man gewisse Dinge berühre -- haha! + +»Diese Dinge lassen sich eben nicht diskutieren!« erklärte Grau lächelnd. + +Dr. Nürnberger rollte sich eine Zigarette und sagte: »Aber der Mensch hat +ja auch den Gedanken der Sterblichkeit der Seele fassen können, also muß es +auch damit eine gewisse Richtigkeit haben.« + +»Gewiß,« erwiderte Grau, »der Irrtum ist verzeihlich, denn wir sehen den +Tod stets ringsum und es ist auch möglich, daß ein Teil -- jener Teil, Herr +Doktor -- der Seele stirbt -- -- -- -- Aber sehen Sie doch, was ist mit +Herrn Eisenhut?« + +Eisenhut nämlich deutete mit dem Zeigefinger auf den Tisch und schrie +unaufhörlich: »Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Ich lasse mir das +nicht bieten!« + +»Er läßt sich das nicht bieten!« ahmte der Adjunkt Eisenhuts heulende und +pfeifende Stimme nach. + +»Bitte, bitte!« sagte Adele und lachte gereizt. »Herr Eisenhut weiß es +besser, natürlich!« + +Jemand hatte Adele grausam genannt, weil sie Eisenhut soviel Geld abnähme. +Sie hatte ganze Rollen von Geld vor sich liegen. Man könne doch sehen, daß +Eisenhut es aufs Verlieren anlege. + +»Er mag spielen, wie er will!« antwortete Adele lachend. »Wenn es ihm +Freude macht zu verlieren, so mag er ruhig verlieren. Ich für meine Person +freue mich, wenn ich gewinne, und ich freue mich, wenn jemand verliert. Wer +hat mich doch grausam genannt? Sie, Herr Assistent Pechmann? Danke! -- Ja,« +fügte sie in scherzendem Tone hinzu, »gewissermaßen haben Sie recht, ich +bin vielleicht grausam. Zum Beispiel, ich hasse die Kranken und die +Krüppel, ob sie nun bucklig sind oder hinken, einerlei, und oft denke ich, +man sollte sie eigentlich vergiften, das beste wäre es! Ist das nicht +grausam? Und dann, schon als Kind war ich recht unangenehm, ich habe meine +Amme in die Nase gebissen und später liebte ich es, den Mücken den Kopf +abzureißen --« + +Sie sagte es in scherzendem Tone und gab dabei die Karten; niemand +beachtete es weiter, aber Eisenhut begann plötzlich sich ganz unsinnig zu +gebärden. + +»Das ist nicht wahr.« schrie er und pochte auf den Tisch. Gelächter. + +»Wie beliebt?« fragte Adele und richtete die hellen Augen auf ihn. + +Eisenhut schrie: »Niemals haben Sie Mücken die Köpfe abgerissen, das ist +eine Lüge. Ich habe es in einem Buche gelesen!« + +Jemand fragte, ob er denn überhaupt je ein Buch gelesen habe? + +Der Redakteur streckte beide Hände gegen Eisenhut aus: »Friede sei mit +dir!« Aber der dicke Chinese schob ihn zur Seite und faßte Eisenhut an der +Schulter. »Eisenhut!« rief er. »Ruhig, oder du fliegst hinaus! Du brauchst +Damen lügen zu strafen! Eine Dame lügt nie! Verstanden, du Erzlügner!« Ja, +die Damen müßten den unangenehmen Zwischenfall entschuldigen. + +Eisenhut machte sich frei und erhob sich. Er war weiß wie eine getünchte +Wand. Er atmete tief und versuchte zu lächeln. Seine Lippen zitterten, das +Haar klebte an seiner Stirn. Er ließ die Augen im Kreise umherirren, von +einem zum andern, und seine Lippen bebten stärker: Feinde, lauter Feinde! + +»Wie sagen Sie?« sagte er, stotterte er. »Ich stehe -- ja, was soll das +heißen -- was soll das heißen! frage ich?« Er rang die Hände und alle sahen +ihm zu, wie zu einem Schauspiel. »Was soll das heißen,« fuhr er zitternd +und bleich fort. »Ich bin wohl kein Mensch? Alles was recht ist -- es ist +zuviel! Erzlügner? Wie -- alles was recht ist -- Sie -- Sie haben -- dieser +Doktor dort, Herr Dr. Nürnberger -- er hat Herrn Grau heraufgelockt. Dr. +Nürnberger ist gegangen um Herrn Grau heraufzuholen, wir wollen ihm die +Würmer aus der Nase ziehen, er sagte es, Professor Richter -- es wäre ein +Vergnügen, zum Scherz ein Gespräch mit ihm anzufangen -- er hat es gesagt. +Alles lügt hier, alles macht sich lustig hier, so ist es. Eine Dame lügt +nie? Er sagt es, hier, Herr Professor Richter, aber vorhin hat er gesagt, +jede Frau wäre ein Sack voll Lügen und die Frauen lügen so, daß sie sogar +manchmal die Wahrheit sagen. Ich habe es gehört, alle haben es gehört --« + +Alle Teufel! Ruhe! + +Aber Eisenhut schrie nur um so lauter. »Das lasse ich mir nicht bieten. +Erzlügner? Muß ich mir denn --« + +»Hören Sie mal! Eisenhut!« sagte Professor Richter und faßte Eisenhuts Arm. +Aber Eisenhut stieß ihn zurück, er stieg auf das Sofa. + +»Es hat gar keinen Sinn!« sagte er. »Gar keinen Sinn -- Fräulein von +Hennenbach hat mich verhöhnt -- vor allen Leuten -- ich habe aber hundert +Mark bezahlt für ein Glas Sekt -- sie hat mir nicht einmal die Hand gegeben +-- dann zerbrach ich ein Glas -- Ja, ich kam hierher und freute mich. Ich +freute mich so sehr. Ich war allen dankbar, euch allen -- aber wie begann +es. Es begann mit den hundert Mark! Ich hasse euch alle, alle! Ich hasse +euch, ihr Hunde und Lügner! Und auch Sie hasse ich, Fräulein von Hennenbach +-- mehr als alle! Bin ich geizig, bin ich schmutzig, ich? Wie? Ihr alle +seid mir Geld schuldig, sechzehntausend Mark seid ihr mir alle zusammen +schuldig -- bin ich geizig? Ihr lacht?!« Er fuhr rasch in die Tasche und +zog den Pack Banknoten heraus. »Es ist mir alles einerlei -- hier, ich +zerreiße das Geld -- alles, alles -- nehmt es, ihr Bettler! -- ich hasse +euch!« + +Man schrie, lachte und stieß Eisenhut vom Sofa herunter. + +Adele sagte: »Lassen Sie ihn doch! Er klebt die Stücke ja morgen doch +wieder zusammen.« + +Eisenhut richtete die Blicke auf sie. Er schloß einen Augenblick lang die +Augen und hatte das Aussehen eines Menschen, der das Gefühl hat, in die +Tiefe zu stürzen. Er legte auch die Hände auf den Tisch um sich zu stützen. + +»Sie sagen das!« sagte er mit böse funkelnden Augen. »Sie! Nach all dem was +vorgefallen ist!« + +Adele stand auf. »Herr Eisenhut!« sagte sie und erbleichte. + +Eisenhut machte eine verzweifelte Gebärde. Er blickte Adele an und +plötzlich änderte sich der Ausdruck seines Gesichtes vollständig. Er +errötete und wurde wieder bleich. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er +rang die Hände und schrie: »Ich bin schlecht, schlecht, ich bin -- seht +alle her, wie schlecht ich bin! Ja, bei Gott, bei allen Göttern, verzeihen +Sie mir, Fräulein von Hennenbach! Ha! Oh, was habe ich gesagt! Was habe ich +gesagt? Was sollte denn vorgefallen sein? Daß Sie freundlich zu mir waren +und mich einluden zum Tennis? Jeder weiß, daß nichts vorgefallen ist. Ich +beleidigte Sie -- ich wollte Sie beleidigen, das ist es! Sie müssen es +vergessen. Sie haben recht, ich habe ja schon öfters Banknoten zerrissen +und wieder zusammengeklebt. Sie sagten die Wahrheit -- ja, bei Gott --« + +»Eisenhut!« sagte Grau. + +Eisenhut blickte ihn an und suchte mit seinen glitzernden verzweifelten +Blicken in Graus Augen. Dann lächelte er spöttisch. »Herr Eisenhut -- ich +bitte recht sehr!« sagte er und deutete auf den Tisch. »Euch allen sage ich +--« + +Man lachte wiederum und schrie ihm zu doch endlich ruhig zu sein. + +»Ich will nicht!« keuchte Eisenhut. + +Der dicke Chinese umklammerte Eisenhuts Arm und sagte: »Jetzt bist du +ruhig, du bist ja vollständig betrunken!« + +Eisenhut spie ihm ins Gesicht. + +»Lassen Sie mich in Ruhe!« rief er. »Wer gibt Ihnen das Recht mich zu +duzen, he? Ich fordere Sie zum Duell. Auf Pistolen fordere ich Sie, Sie +Schuft!« + +Alle Wetter! Ruhe! + +Der Chinese sprang zurück und besann sich einen Augenblick. Er blickte auf +die Mädchen, dann lachte er wütend. + +Eisenhut aber schrie: »Haben Sie gehört, Sie Schuft und Heuchler! Haben Sie +es gehört? Oder sind Sie zu feige, wie, wie, wie?« + +»Ich nehme die Forderung mit Vergnügen an!« sagte der Chinese und verbeugte +sich vor Eisenhut. »Auf Kanonen oder Pistolen, wie Sie wünschen!« + +Man nötigte Eisenhut sich zu setzen. »Er nimmt sie ja an, schreie nicht +so!« + +»Gewiß nehme ich die Forderung eines jeden Gentleman an!« sagte Professor +Richter mit ruhiger Stimme. »Aber Sie erlauben mir eine Frage, wo haben Sie +Ihre Papiere?« + +»Papiere?« Eisenhut stotterte und tastete an seine Taschen. + +»Als Offizier der Reserve und ehemaliger Korpsstudent bin ich dem +Ehrenkodex unterworfen. Ich bitte Herrn Eisenhut um sein +Universitätsmatrikel.« + +Eisenhut öffnete den Mund und starrte dem Chinesen ins Gesicht. + +Man lächelte und lachte ringsum. + +»Ich sehe, Sie haben die Matrikel nicht in der Tasche, wer sollte sie auch +immer mit sich herumschleppen,« fuhr der dicke Chinese in aller Ruhe fort. +»Natürlich bin ich kein Pedant. Ich will Ihnen nur eine einzige Frage +vorlegen, eine kleine Prüfung gewissermaßen. Wir kennen einander und können +auf schriftliche Ausweise verzichten. Übersetzen Sie mir den bekannten +Satz: Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat, quae ferrum non sanat, +ignis sanat. Bitte!« Er stand mit den Fäusten in den Hüften und schnarrte +die Sentenz herunter, daß es rasselte. + +Eisenhuts Blick flackerte. Er errötete, er erblaßte, er blickte scheu auf +Adele, ohne den Mut zu haben, sie anzusehen. + +»Quae medica --« stotterte er. + +»Ein bekanntes Sprüchlein von Hippokrates,« schnarrte der Chinese. »Das ist +nicht zuviel verlangt.« + +»Quae --« + +Eisenhut sank auf das Sofa zurück. + +Es war ganz still und plötzlich hörte man Grau lachen; er lachte heiter, +belustigt, und noch niemals hatte man dieses Lachen von ihm gehört. + +Er faßte Eisenhut am Arm und sagte: »Herr Eisenhut! Fallen Sie doch auf den +albernen Scherz dieses Herrn hier nicht herein!« + +»Fort!« sagte Eisenhut. »Fort! Hinweg!« Er stieß ihn zurück. + +»Guten Abend!« Grau verließ das Zimmer. + +Eisenhut sprang auf. »Leben Sie wohl!« sagte er zu allen. »Ich sage nicht +mehr als leben Sie wohl!« + +»Leben Sie wohl!« wiederholte trocken der Adjunkt. + +Eisenhut fixierte ihn und der dicke Chinese brach in lautes Gelächter aus. + +Eisenhut schwankte zur Türe. Die Tanzmusik drang herein; man tanzte +Française und Bezirksamtmann Häberlein rief mit lauter Stimme französische +Kommandos. Er wandte den Blick auf Adele und sagte, indem er den Kopf +senkte: »Leben auch Sie wohl, Fräulein von Hennenbach! Leben Sie wohl für +immer!« + +Adeles Lippen zuckten. Das sei das beste, was er tun könne. + +Eisenhut lachte verzweifelt und verließ das Zimmer. Er taumelte, immerzu +verzweifelt lachend, den Korridor entlang, er ging die Treppen hinab und +lachte immerzu dasselbe verzweifelte Lachen. + +Grau verließ vor ihm, dicht vor ihm, das Hotel und verschwand in der +Richtung nach seinem Hause. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Eisenhut lief so schnell ihn die Füße trugen über den Marktplatz, und sein +gelbes chinesisches Kostüm flatterte die Straße hinunter, die zum Flusse +führte. + +Es schneite fein; kleine Flocken, einzelne Kristalle gleichsam, fielen +langsam und flimmernd herab und bedeckten den Boden mit einer sanften +dünnen Schicht weißen Schnees. + +Eisenhut überschritt mit großen flüchtigen Schritten die Steinbrücke und wo +die Felder anfingen, begann er wieder zu laufen. Hier außen war die Nacht +kalt und schwarz und der Wind hauchte über die Ebene. Eisenhuts dunkle +Gestalt erschien auf einer Anhöhe, verschwand wieder, tauchte als Schatten +auf dem nächsten Hügel auf und wurde kleiner und kleiner mit jeder +Bodenwelle. Er lief wahnsinnig rasch und bald erschien es als ob ein Hund +oder ein Fuchs sich rasch über die öde nächtige Ebene bewege und endlich im +Düster verschwände. Seine Spuren schrieben eine ungeheure Kurve in den +beschneiten Grund. Endlich wurden sie schnurgerade, sie liefen wie mit dem +Lineal gezogen ferner und ferner in die Ebene hinein. + +Eisenhut lief und lief, bis er erschöpft in den Schnee fiel und sich nicht +wieder erhob. + +Der Wind blies dicht über die Erde und feiner Schneestaub bereifte seine +Kleider, seine Haare, seinen Bart. Er füllte die Falten seiner Kleider, die +Vertiefungen zwischen Armen und Körper und errichtete einen kleinen Wall +auf der einen Seite, der Wind blies und drehte sich im Kreise und begann +die Arbeit auf der andern Seite. Bald lag er halb zugeweht in der öden +lautlosen Ebene . . . + +Als Eisenhut wieder die Augen öffnete, wußte er nicht sofort, was +vorgefallen war. Er zwinkerte und der Schnee fiel von seinen Lidern, er +schüttelte den Kopf und der Schnee fiel aus seinen Haaren. Ein Mann kniete +bei ihm, schüttelte ihn, rieb, klopfte. + +Eisenhut starrte ihn mit blöden Augen an. Er erkannte Grau. + + + + +Siebentes Kapitel + + +Eisenhut und Grau kamen rasch über die Brücke gegangen. Eisenhut war in +Graus Mantel eingehüllt und hatte Graus Hut auf dem Kopfe, er gab sich Mühe +Grau zu folgen, der zur Eile trieb. Er zitterte und die Kälte schüttelte +ihn am ganzen Körper. Zuweilen weinte er leise vor Erschöpfung. + +»Eines begreife ich nicht,« begann Eisenhut zitternd, es war das erste +Wort, das er sprach, »wie konnten Sie mich finden, wie soll das ein Mensch +begreifen?« + +Grau lächelte. »Das ist sehr einfach, Herr Eisenhut. Ich habe gesehen, was +vorfiel. Sie waren sehr erregt und deshalb folgte ich Ihnen. Das war kein +Kunststück, ich konnte ja Ihre Spuren im Schnee sehen. So einfach ist das. +Nur vorwärts!« + +Eisenhut nickte, er lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich habe von einem +großen Feuer geträumt,« sagte er, »daran wärmte ich mich -- ein helles, +großes Feuer. Ich streckte die Hände hinein. Nun fällt mir alles ein -- oh, +wie schrecklich, ich hatte so furchtbar getrunken! Das große Feuer schrie +meinen Namen. Eisenhut, schrie es, tanze, tanze! Ich tanzte und das Feuer +lachte -- hahaha -- Eisenhut tanze! -- da waren Sie es, der mich +schüttelte! Nun fällt mir alles ein, ich bin nicht mehr betrunken -- ich +lief im Schnee, durch den Schnee -- haha -- ich wollte sterben, ja, aber +nun lebe ich noch. Ich wollte sterben, als ich zur Brücke hinabrannte. +Stürze dich ins Wasser, kopfüber -- kopfüber, genau so dachte ich, kopfüber +-- aber das Wasser in der Mitte des Flusses glitzerte so kalt -- all das +Eis -- vielleicht unter dem Eise schwimmen -- niemals -- ich lief weiter. +Ich lief und warf mich in den Schnee, auf einer Anhöhe, da lag ich und es +wurde kalt und ich fühlte wie ich einschlief. Nein! Ich sprang auf. Ich +hatte alle Lust zum Sterben verloren. Sterben, warum? Aber ich konnte ja +doch nicht mehr zurückgehen, konnte ich mich denn wieder sehen lassen? Ich +hatte ja Abschied genommen -- hatte ein großes Geschrei gemacht -- also +mußte ich wohl oder übel sterben. Das ist kein Vergnügen, das ist ein +schauderhaftes Gefühl, sterben zu müssen und nicht zu wollen. Ich lief in +die Nacht hinein, vorwärts, fort und schrie: Du bist zum Tode verurteilt, +Eisenhut -- es geschieht dir recht -- zum Tode bist du verurteilt. Dieser +Professor mit seinem Duell -- ich hatte mich verabschiedet -- von allen -- +lebewohl für immer -- also vorwärts, vorwärts! Wie ich doch gefroren habe +-- eine fürchterliche Kälte -- ich lief um warm zu werden. Ich wollte auch +nicht mehr denken. Du bist zum Tode verurteilt, sagte ich und hatte +wahnsinnige Angst. Ich wurde müde und setzte mich in den Schnee -- nur ein +bißchen ausruhen, ein klein wenig -- aber ich hatte furchtbare Angst. Ich +wurde schläfrig und alles wurde mir gleichgültig. Einerlei, einerlei, sagte +ich, es geht dahin mit dir, Eisenhut, in die Hölle hinein. Ich lachte. Ich +hatte eine Menge von Gedanken -- wie ich im Schnee liegen würde, lang und +steif -- man wird dich finden, dachte ich. Alle würden es erfahren -- man +hat ihn gefunden -- alle, aber nein, jetzt war nichts mehr zu ändern -- es +konnte ihnen leid tun -- es war nichts mehr zu ändern, haha! Dann würde ich +beerdigt werden und Sie -- Sie werden die Rede halten. Ich dachte an alles +und auch daran, daß die jungen Damen vom Tennisklub kämen. Aber da kam die +Angst zurück. Nein! Ich werde nicht sterben. Ich hatte Angst! Wie dumm +nicht zu wissen, was morgen ist. Nicht zu wissen, wie das und jenes enden +wird -- schon aus Neugierde konnte ich ja nicht sterben. Nein, nein -- +hihihi! Du gehst nach Hause, stellst dich ans Fenster und lachst, ja! Alles +ist einerlei! Also ging ich nach Hause, ich rannte -- im Nu war ich zu +Hause -- ah, ich war ja gar nicht weit gegangen gewesen -- in meinem Zimmer +saß eine Katze. Ich machte ein großes Feuer und setzte mich davor und +wärmte mich -- und ich vergaß alles, fühlte mich so wohl -- aber plötzlich +erwachte ich, ich richtete mich auf: Da lag ich ja im Schnee! Ich war gar +nicht zu Hause? Das ist ja schrecklich, sagte ich mir, und zitterte und +konnte nicht denken. Du bist ja gar nicht zu Hause. Bei allen Teufeln in +der Hölle! Das ist toll, sagte ich, das ist -- ich kroch ein wenig +vorwärts, ich stand auf -- ich laufe wieder -- ich glaube immerzu zu +laufen, ich sehe die Brückenlampe -- ich erwache wieder und finde mich +wieder im Schnee. Das ist entsetzlich! sage ich und schreie.« -- Hier +begann Eisenhut wieder vor Erschöpfung leise zu weinen. -- »Ich laufe und +glaube ich laufe nach Hause und immer, immer finde ich mich wieder im +Schnee. Da verzweifelte ich, ich schrie, ich schrie -- aber ich hörte nicht +mehr, ich hörte mich nicht schreien -- ich lief, lief, lief -- oh, wie +schrecklich lief ich doch --« + +Eisenhut lachte und weinte in einem und Grau hörte wie seine Zähne +klapperten. + +»Ich habe Sie beleidigt, Herr Grau, neulich, heute abend, ich wollte --« + +»Lassen wir die alten Geschichten ruhen!« + +Der »weiße Elefant« war noch immer hell beleuchtet, die Musik wiegte sich +in der Ferne, Lachen und Singen drang aus dem Torweg. Eisenhut hielt sich +die Ohren zu. + +»Ich darf doch ein wenig mit Ihnen eintreten?« sagte Grau. »Nur, bis Sie +ganz in Ordnung sind, Herr Eisenhut.« Er sah Eisenhut lächelnd ins Gesicht. + + + + +Achtes Kapitel + + +Eisenhut nahm eine demütige Haltung an. Er nickte und schloß die fleckige +Tür mit dem kleinen Guckfensterchen auf. Er verneigte sich und sagte mit +demütigen Augen und einer linkischen, rührenden Handbewegung: »Treten Sie +ein in mein Haus!« + +Im Hause war es ganz dunkel und es roch dumpf und feucht wie in einem +Keller. Etwas raschelte und sprang über Graus Füße. »Es gibt Ratten hier, +deshalb bewohne ich den ersten Stock,« sagte Eisenhut und zündete eine +kleine Talgkerze an. + +Grau blickte sich gespannt um: In der Ecke stand eine alte Holzfigur, ein +Heiliger, dessen Arme abgeschlagen waren. + +Grau nickte. Ich bin aber noch nie in diesem Hause gewesen, dachte er und +starrte die Figur an. Er war wie betäubt. + +Eisenhut öffnete unterdessen ein hohes eisernes Gitter, das das Treppenhaus +abschloß. »Eine alte Figur, die ich auf dem Speicher fand. Bitte!« + +»Ja!« + +Kaum hatte Grau einen Fuß auf die Stufen gesetzt, als es im ganzen Hause +schrill zu läuten begann. »Das sind Alarmglocken. Ich wohne ganz allein im +Hause.« + +Vor Eisenhuts Zimmern im ersten Stock stand ein kleines braunes Hündchen +mit einem Backenbart wie ein Oberkellner, und wedelte vergnügt mit dem +Schweife und streckte die Zunge heraus. + +»Sehen Sie her!« sagte Eisenhut und schüttelte den Kopf. »Solch ein Hund!« +Er stampfte mit dem Fuße und rief: »Warum bellst du nicht, wenn ein Fremder +kommt!« Das Hündchen rannte entsetzt davon und kroch unter einen Diwan. + +Eisenhut stellte die Kerze auf den Tisch und sank erschöpft auf den alten +Lederdiwan. Er schloß die Augen und sah aus wie ein Greis. Er zitterte am +ganzen Körper. + +Das Zimmer war eine Art Halle und hatte eine gewölbte Decke und zwei breite +Fenster in tiefen Nischen, der Boden war krumm und knarrte bei jedem +Schritte; ein mächtiger hellbrauner Ofen in der Form eines Würfels, der auf +vier Kugeln stand, der alte Lederdiwan, ein hoher zerrissener Sessel mit +geschnitzter Lehne, ein großer schwarzer Schrank, einige Stühle, der Tisch, +das war alles, was im Zimmer stand. Die Wände waren vollständig nackt, nur +an dem Pfeiler zwischen den Fenstern hing ein Bild, jedoch bis zur +Unkenntlichkeit vom Rauch geschwärzt. Die Fenster waren ohne Gardinen, das +Zimmer kahl und unordentlich, man konnte glauben in einem Gefängnis zu +sein. + +Es war eisig kalt hier. + +Plötzlich sah Grau Eisenhuts Augen auf sich gerichtet, Eisenhut verfolgte +ihn mit den Blicken. Er lächelte spöttisch. Dann begann er zu sprechen, +aber die Stimme versagte ihm, er räusperte sich und begann von neuem. +»Weshalb gehen Sie denn nicht?« fragte er heiser. Er zitterte. + +»Davon ist nun gar nicht die Rede. Vor allen Dingen will ich Feuer +anschüren,« versetzte Grau. »Wo kann ich Holz finden? Sie müssen trachten +ins Bett zu kommen, Herr Eisenhut.« + +Eisenhut schloß wieder die Augen; er wiegte den Kopf hin und her und +murmelte, daß er gewohnt sei, in den Kleidern zu schlafen. + +Grau ging hinaus und suchte die Küche. Hier fand er einen großen Haufen von +Tannenzapfen, Ästen, Stücken von Latten und Splittern von Bauholz. Das +zerbrochene Rad eines Kinderkärrchens lag dabei, ein Peitschenstiel, ein +unbrauchbarer Kochlöffel und viele Dinge, wie man sie auf der Straße finden +kann. Auf ein Bord waren Kohlenbrocken gelegt, geordnet zu einem langen +Zuge, Stückchen um Stückchen, einige Reihen. Ebenso entdeckte Grau auf +einem Gesimse eine Sammlung alter Eisenteile, Schrauben, Nägel, Hufeisen, +das Stück einer Eisenbahnschiene und einen Türdrücker. + +Grau füllte den gelben Ofen mit Holz und machte Feuer. Dann kam er wieder +aus der Küche zurück mit einem Kochtopf voll Wasser, mit Tellern, Messern, +Brot und einem riesigen Stück Speck, das er in der Küche entdeckt hatte. Er +stellte den Topf auf den Ofen, schnitt Brot und Speck und hantierte +lautlos, während Eisenhut auf dem Diwan saß und zu schlafen schien. +Zeitweise öffnete er ein Auge und lächelte spöttisch. Das kleine Hündchen +streckte die Schnauze unter dem Diwan vor und verfolgte jede Bewegung +Graus. + +Der dicke Ofen begann zu prasseln und zu fauchen, manchmal knallte es wie +Schüsse in seinem Innern und weißlicher dicker Rauch quoll aus den Fugen. + +Es war lange still. Dann ging Grau hinaus und holte Gläser aus der Küche. + +Eisenhut blinzelte. »Sie bemühen sich!« sagte er leise. »Sie bemühen sich!« +Er lächelte spöttisch. + +Grau lächelte und antwortete freundlich: »Die Mühe ist sehr gering, Herr +Eisenhut. Wenn Sie mir einen Dienst erweisen wollen, so sagen Sie mir, +bitte, ob ich nicht etwas Kognak finden kann.« + +Eisenhut lächelte und deutete auf den alten schwarzen Schrank. + +Dieser Schrank sah im Innern aus wie das Schaufenster eines +Branntweinfabrikanten, er war angefüllt mit Flaschen von allen Größen und +Farben und Formen, zierlichen Flakons, dicken Bocksbeuteln; Eisenhut schien +auch Liebhaber von Phantasieflaschen zu sein, da stand eine Flasche aus +zwei Kugeln, ein pechschwarzer Neger in rot-weiß-gestreifter Badehose und +mit weißen lachenden Zähnen, und andere Sehenswürdigkeiten. Eine Menge von +Kerzenstumpfen und Zigarrenresten, ein Revolver und ein Fernglas lagen in +dem obersten Fach, das mit staubigen Weinflaschen vollgestopft war. + +»Ah, das ist ja ganz prächtig,« sagte Grau. »Hier haben wir alles was wir +brauchen.« + +Er bereitete Grog und stellte ein Glas vor Eisenhut. »Bitte,« sagte er. Er +blickte im Zimmer umher, schüttelte den Kopf und fuhr fort: »Wie häßlich +Sie doch wohnen, Herr Eisenhut! Ein Mann wie Sie, Gott stehe mir bei! Wie +schön könnten Sie es hier haben, eine freundliche Farbe an den Wänden, +Vorhänge, ein hübscher Teppich. Ein paar Bilder, die Sie erfreuen, so oft +Sie sie ansehen, eine Uhr mit einem langen Pendel, die Ihnen die Zeit +vormißt und etwas Lärm macht. Sie könnten es schön haben, daß es eine +Freude wäre, zu Ihnen zu kommen.« + +»Sie haben auch keine Bücher hier. Ein Bord mit schönen Büchern. Wenn Sie +allein sind oder müde, dann könnten Sie sich in den Sessel setzen und lesen +bei der Lampe. Ich liebe das sehr, ich für meine Person. Es gibt so +herrliche Bücher. Die ganze Welt ist darin, alles was die Menschen gedacht +und gefühlt haben. Sie können in der Gesellschaft von wirklich großen und +außerordentlichen Menschen leben, die alle wie Freunde zu Ihnen sind. Sie +finden Friede, Ruhe und Halt, Freude, Schönheit und Rat. Sehen Sie, hier an +dieser Wand, da könnten die Bücher stehen. Ich werde mit Ihnen in den +nächsten Tagen zum Buchhändler gehen. -- Wollen Sie nicht den Grog trinken? +Der wird Ihnen gut tun. Vielleicht wünschen Sie ihn ein wenig stärker?« + +Eisenhut schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen. + +»Seien Sie kein Narr! Ich will Ihnen die Schuhe ausziehen, es wird warm +hier, alle Wetter! Das ist gut für uns beide.« Grau zog ihm die Stiefel +aus. Eisenhut richtete sich auf und blickte sich nach dem Hündchen um. Das +kleine braune Hündchen verschwand blitzschnell unter dem Diwan und zerrte +ein Paar alte Pantoffeln hervor. + +»Was für ein hübsches und kluges Hündchen!« sagte Grau. »Ich darf ihm doch +etwas Speck geben? Du hast deine Sache ganz außerordentlich gut gemacht!« + +Wä! Wä! Wäwä! + +»Schon gut, schon gut! Siehst du, das hat mir gefallen, schleppst die +Pantoffeln für deinen Herrn herbei und bist selbst so klein. Nun auf Ihre +Gesundheit, Herr Eisenhut, auf unsere Gesundheit, raffen Sie sich auf, +stärken Sie sich!« + +Eisenhut schüttelte den Kopf und starrte vor sich hin. Sein Auge war trübe +und hoffnungslos. »Es ist alles vorbei!« murmelte er leise und nickte. Er +schlürfte langsam den heißen Grog, er zitterte immer noch. Grau machte ihm +ein zweites Glas zurecht. »Nein, nein!« sagte Eisenhut, aber er schlürfte +auch dieses Glas. Es wurde warm und er hörte auf zu zittern. + +Plötzlich stand Grau auf und legte seine Hand auf Eisenhuts Schulter und +dann umarmte er ihn. »Ich bin als Freund zu Ihnen gekommen!« flüsterte er. + +Eisenhuts Schultern bebten. + +Es war stille und die lange Ofenröhre ließ einen hohlen surrenden Ton +hören. Vom Marktplatze herauf drang der fröhliche Lärm einer Gesellschaft, +die sich verabschiedete. Gute Nacht, gute Nacht -- huhu! + +»Glauben Sie an die Hölle?« fragte Eisenhut leise nach einer Weile. + +»Nein.« + +»Sie glauben nicht daran?« + +»Nein.« + +»Warum nicht?« + +»Weil ich nicht daran glaube, ich fühle nicht so.« + +»Gut. Aber Sie täuschen sich. Es gibt eine Hölle. Ja! Hören Sie wohl, es +gibt eine Hölle, sage ich Ihnen! Die Erde ist die Hölle, das Leben ist die +Hölle, ich bin die Hölle, sehen Sie her, hier, hier ist die Hölle. Meine +Gedanken und meine Gefühle sind meine Hölle, meine Träume! Ich kann einen +Hund vor mein Haus legen, daß niemand herein kommt, aber -- frage ich Sie +-- kann ich einen Hund vor meinen Kopf und mein Herz legen? Wenn ich wache, +da kann ich mich betäuben, ich kann Karten spielen, ich bringe vielleicht +meine Gedanken los, aber wenn ich schlafe --? Sie träumen, daß ihr Körper +mit Aussatz bedeckt ist, mit Geschwüren, mit einer Kruste aus Linsen, was +ist das? Ist das ein Leben? Das ist die Hölle. Oder eine Spinne sitzt auf +ihren Augen und saugt sie aus. Das ist entsetzlich!« + +»Warum kann ich nicht sein wie andre Menschen, die fröhlich und guter Dinge +sind? Warum kann ich nicht sagen: Ach, guten Tag, wie geht's? und dabei +lächeln? Ich fühle mich unbehaglich in Gesellschaft -- ich hasse die +Menschen! Aber warum hasse ich sie doch? Warum, warum? Habe ich mich selbst +so geschaffen? Ich hasse die Menschen, das ist ebenfalls die Hölle. Ich +sehe die Menschen lachen und fröhlich sein, es gibt mir einen Stich, ich +höre, daß man einen Menschen lobt, daß man gut und bewundernd von ihm +spricht, das kann ich nicht ertragen -- ich schimpfe über ihn. Ich mache +ihn schlecht. Ich glaube nicht an das Gute. Die guten Menschen, denke ich, +sind alle Heuchler, sie hassen sich ja doch, alle zusammen, sie hassen +einander wie Teufel. Ich glaube nicht an Gott, an nichts glaube ich. Ich +freue mich, wenn es einem Menschen schlecht geht. Er bricht das Bein, ich +lache und sage: Recht so, recht so, nur frisch darauf los Beine gebrochen, +ich freue mich. Ich lese die Zeitung. Ein Eisenbahnunglück. Selbst das +macht mir eine geheime Freude, obwohl die Leute mir ja ganz fremd sind. +Haha -- so bin ich, bei Gott. So kann ich nicht mehr leben, sterben kann +ich auch nicht, denn ich liebe das Leben, schrecklich liebe ich es, +obgleich es die Hölle ist. Wie soll ich es doch anpacken?« Er schüttelte +den Kopf. »Und ich bin so weit, daß es mir ein Vergnügen ist, Ihnen meinen +Bankerott zu erklären, es macht mir Freude, Sie sehen zu lassen, wie gemein +ich bin. Hören Sie zu, hören Sie geduldig zu. Ich liebe das Geld, offen und +ehrlich gestanden. Das ist das einzige, sage ich zu mir, was du hast. Und +sie beneiden dich darum, die andern. Sie kommen zu mir und wollen Geld. +Nichts als Geld, keiner hat noch etwas andres von mir verlangt. Ich liebe +das Geld und wenn ich es hergebe, so ist es nur, um mir den Menschen zu +kaufen, er wird freundlich gegen mich, er lächelt, wenn er mich sieht. So +ist es und um kein Haar anders. Ich will, daß die Menschen vor mir auf dem +Bauch liegen. Wenn ein Mensch mir schmeichelt -- nimm! nimm! er kann alles +haben -- ich glaube ihm ja nicht, aber es ist doch schön all die hübschen +Worte zu hören -- Herr Eisenhut hin und Herr Eisenhut her, vorwärts und +rückwärts -- wie geht es Ihnen, Herr Eisenhut, Sie sehen krank aus! Dieser +Herr Eisenhut, was für ein nobler und feiner Mann ist er doch! Ja, wenn ich +es glauben könnte, aber ich kann es ja nicht glauben. Ich glaube nichts. +Sobald man mir etwas sagt, so verzieht einer in mir -- hier, in meiner +Brust, das Gesicht und grinst. Er spricht ja nicht die Wahrheit, denke ich. +Ein nobler und feiner Mann! Aber weshalb könnte er es denn nicht wirklich +meinen? ich habe ihm ja gar nichts getan. Sprechen Sie?« + +»Weil er Sie wahrscheinlich nicht dafür hält, Herr Eisenhut!« + +»Aber es gibt ja viele Lumpen und Hunde ringsumher -- wie spricht man von +ihnen? Man ist freundlich, Ja, man liebt sie. Man liebt sie, obgleich sie +Lumpen und Hunde sind! Warum das? Warum liebt mich keiner?« + +»Weil Sie die Menschen nicht lieben, Eisenhut!« + +Eisenhut lächelte und seine Züge verzerrten sich. Er nickte. »Ich hasse die +Menschen, es ist wahr! Aber ich gebe mir doch Mühe, das nicht sehen zu +lassen.« + +Grau lächelte und legte die Hand auf Eisenhuts Schulter. »Das hilft Ihnen +nichts.« sagte er. »Die Menschen fühlen es, obgleich Sie Liebe und +Freundschaft heucheln.« + +Eisenhut sah ihn an, er blinzelte nicht. »Sie fühlen es?« Er blickte mit +hilflosen Augen vor sich hin und gab dem kleinen Hunde einen Stoß auf die +Schnauze, als er sich ihm zu Füßen setzte. Der Hund sah ihn erschrocken und +erstaunt an und blickte auch auf Grau, was er davon halte? »Wenn ich daran +denke, an alles denke, so ist mein Leben eine fortgesetzte Blamage +gewesen,« fuhr Eisenhut fort und stützte das verzehrte Gesicht in die +Hände. »Ja, ja, dreimal ja! Eine einzige Blamage. Ich will gar nicht daran +denken, wie die Bauern mich durchgeprügelt haben -- das ist ja eine +Kleinigkeit -- aber ich mache den Mund auf -- ich sage etwas, ich tue etwas +-- alles ist nichts als Blamage. Ich bin auch so unwissend -- ich schäme +mich -- so unwissend -- ich kann nicht richtig schreiben, einmal wollte ich +einen Brief an eine Dame schreiben, ich konnte nicht, diese Sätze, Komma, +Punkt, diese Wörter, man schreibt sie hin, sie haben keinen Sinn mehr, es +ist zum wahnsinnig werden. Haha, wie haben sie gelacht, dieser Professor +Richter und die ganze Bande -- -- ich spreche -- alle lachen, die Herren +und die Damen. Sie sprechen von einer Stadt und ich denke, sie liegt in +Deutschland, aber die Stadt liegt in China. Alles lacht, alles! Ich lache +mit und sage, ja, man kann sich täuschen. Aber ich liebe es, gebildet zu +erscheinen, trotzdem ich nichts weiß, ich sage ein Wort französisch, ich +streue ein lateinisches Wort ein -- damit man glaubt, dieser Eisenhut kennt +eine Menge Sprachen -- aber ich wende ein fremdes Wort an und wieder lacht +man. Das ist doch kein Vergnügen, oder?« + +Aber das sei ja weiter nicht schlimm. Wenn er fühle, daß er unwissend sei, +und darunter leide, weshalb lasse er sich nicht belehren. + +»Glauben Sie? Glauben Sie, daß es nicht zu spät ist?« + +»Wie alt sind Sie denn, um Gottes willen?« + +»Dreiunddreißig.« + +Grau lachte. + +Eisenhut flüsterte: »Niemand weiß es. Ich habe gar keinen Unterricht +genossen. Meine Mutter sagte, was brauchst du den Kram, du hast Geld. Lenz +hat mich unterrichtet -- aber was war es doch? Er spielte Karten mit meinem +Vater -- sie tranken und spielten -- Ah, sagte Lenz, dein Sohn braucht +nichts zu lernen, er saugt die Weisheit aus dem Leben und aus der Natur! +Auf diese Weise habe ich gar nichts gelernt, könnte ich dem Lehrer den +Schädel einschlagen! Ich habe nie den Mut gehabt, Unterricht zu nehmen, +denn der Lehrer hätte ja gesehen, wie unwissend ich bin.« + +»Das ist ja nebensächlich, das läßt sich leicht nachholen,« warf Grau ein. +»Mit einigem guten Willen.« + +»Ja?« sagte Eisenhut und nickte. »Das ist es ja nicht, es ist auch nur ein +Stückchen. Aber alles zusammen, alles, alles. Ich könnte nicht einmal alles +sagen, selbst wenn ich wollte. Solch schreckliche Dinge! Aber was sagen Sie +dazu, wenn einem Menschen mit der Zeit alles gleichgültig wird? Hören Sie, +ist es möglich, daß es einem Menschen gleichgültig ist, ob es Tag oder +Nacht ist? Ich liege im Bett und wage nicht aufzustehen, nicht aufzuwachen, +denn ich fürchte mich vor dem Tag, vor der Langeweile und dem Nichts. Was +wird vorgehen, frage ich mich? Nichts, nichts! Weshalb soll ich aufstehen? +Nun, ich stehe nicht auf, ich möchte im Bette liegen und schlafen, immerzu, +bis ich sterbe. Aber auch das ist sinnlos. Ich stehe auf, und ich denke, +warum bist du aufgestanden, hast ja nichts zu tun. Ich gehe auf die Straße +und die Sonne scheint. Mein Gott, wie gut es ist, daß die Sonne scheint, +denke ich. Ich freue mich, ich grüße die Leute. Das ist das Leben, denke +ich, wenn die Sonne scheint und der Mensch fröhlich ist. Ich gehe ein wenig +in der Sonne und freue mich nicht mehr. Es ist ja so einerlei, ganz +einerlei, ob die Sonne scheint oder nicht. So gehe ich in das nächste +Wirtshaus, setze mich hin, trinke Bier, esse Käse, sitze da, stundenlang +und trinke -- es ist mir ja alles einerlei. Ich kann ruhig hier sitzen, +warum nicht? Mein Kopf ist leer, ich kann nichts denken. Aber ich kann +träumen. Ich denke, ich gehe, gehe auf der Straße, da kommen sechs junge +Mädchen daher, Arm in Arm und lachen mich an. Ich träume, ich gehe durch +den Wald und eine Dame kommt daher und begrüßt mich und plaudert mit mir, +ganz wie mit andern Herrn, ja, was will ich sonst? Nichts andres will ich +sonst! Aber wenn ich der Dame in Wirklichkeit begegne, so grüßt sie kaum +und läßt mich stehen. Haha, denke ich, so sind sie, und ich trinke. Oh, +wenn sie doch zum Teufel ginge, sie und alle Mädchen, die immer lachen und +vergnügt sind, alle, alle, mit ihr in die Hölle! Ich wünsche, daß sie krank +wird und ihr die Haare ausfallen und ich freue mich -- ja, wie häßlich wird +sie doch aussehen? Niemand wird sie mehr ansehen -- auch ich -- nein, ich +nicht, ich werde alles für sie tun, was sie will. Alles, alles, sie mag +häßlich sein wie sie will. Aber das alles wird ja nie sein. Sie wird leben +und fröhlich sein, alle, alle Menschen. Ich fluche den Menschen, auch +meinen Freunden! Habe ich welche? -- Mögen sie dahinfahren! Brauche ich +Freunde, nein? Ich lache, alles ist ja gleichgültig und ich brüte vor mich +hin -- ja, nun ist mir wieder alles einerlei -- alles -- aber das ist noch +schrecklicher, lieber noch Haß, noch Qual -- Das ist das schrecklichste +meiner Hölle, daß mir alles einerlei geworden ist!« Er stand mit einer +Gebärde des Ekels auf. -- Seine Züge waren bleich und verfallen. Die Linien +um seinen Mund waren tief und gaben dem Gesichte den Ausdruck eines +trostlosen Lächelns, obgleich er keine Miene bewegte. Ein verzweifeltes +stummes Lachen war für immer in sein Gesicht eingegraben. Seine Augen waren +scharf und brannten in kranker Glut, wie die eines Irren. Er ergriff das +Glas mit Grog, das Grau für ihn gerichtet hatte und stürzte es hinunter. +Seine Hand zitterte. + +»Ja!« sagte er heiser wie ein Mensch, der lange geweint hat. »Laßt uns +trinken! Geben Sie mir noch ein Glas, es ist so nicht auszuhalten. Alles +peinigt mich! Dieses Zimmer, ich brauche es nur anzusehen! Dieses Sofa, +dieser Stuhl, alles quält mich! In meinem Kopfe geht etwas herum, immer das +gleiche! Haben Sie das schon erlebt, daß in Ihrem Kopfe immer das gleiche +herumgeht, etwas das Sie foltert, wachen Sie auf, es ist da, gehen Sie zu +Bett, es ist da. Es ist immer da, es weicht nicht mehr. Jemand lacht, es +ist in seinem Lachen, sie trinken eine Flasche Schnaps, es ist in der +Flasche. Es ist immer da! Sie werden ohnmächtig, aber je ohnmächtiger Sie +werden, desto mehr ist es da! Sie werden wahnsinnig, aber dann ist es für +immer da. Es quält mich, weil es immer da ist. Hier -- hier -- der Boden, +der Stuhl, auf dem Sie sitzen, die Türschwelle -- da ist es! Hören Sie! Es +ist das Tollste, was Sie je gehört haben. Hören Sie?« + +»Ich höre, sprechen Sie, Eisenhut!« sagte Grau. + +Eisenhut atmete tief und begann: »Eines Nachts da klopft es an meine Türe +-- ich muß es Ihnen sagen, ich muß! -- es klopft, ich horche, es klopft an +der Türe, die zum Garten führt. Ha! denke ich, wer, bei allen Teufeln, soll +denn mitten in der Nacht an der Türe, der hintern Türe klopfen? Bum, bum! +Die Haare stehen mir zu Berg, ich bekomme Angst und es siedet in meinem +Kopfe. Ich sitze hier an meinem Tische wie aus Stein. Vielleicht sind es +Diebe oder Mörder, die dich hinauslocken wollen? Nero beginnt zu kläffen. +Pack, pack! sage ich, pack Nero, und öffne die Türe und er kollert die +Treppe hinunter und bellt. Bum, bum! Ich gehe ins Schlafzimmer, nehme das +Gewehr und öffne vorsichtig ein Fenster. Wer ist da! schreie ich laut, aus +Angst schreie ich so laut. Jemand lacht leise im Garten. Ja, zur Hölle mit +dir, wer kann denn im Garten lachen, das ist doch unerhört! Wer ist da? Es +ist eine Dame, deren Stimme ich kenne.« Hier hielt Eisenhut inne und +blickte auf Grau. Ein Schatten fiel über sein Gesicht, nur das Kinn war +beleuchtet und Grau sah, daß sein Mund lächelte, so wie der eines Menschen, +der horcht und lächelt zu gleicher Zeit. »Es sind weder Diebe noch Mörder,« +fuhr er fort »es ist ja eine Dame, die du kennst. Sie hat mit mir zu +sprechen. Was um alles in der Welt -- es ist ja Nacht -- tiefe Nacht! -- +Ich öffne. Sie tritt ein und lacht. Was ist das eigentlich mit den Hunden, +vor denen gewarnt wird, und mit den Fußangeln und Selbstschüssen in Ihrem +Garten, sagt sie und lacht als ob es heller Tag wäre. Bitte? Ja, das sei +eine Finte, um das Gesindel abzuschrecken. Nichts ist wahr daran! Nun also, +bitte? Sie habe mit mir zu sprechen. Bitte, sage ich, bitte, hier ist es +finster ich bringe Licht, Licht, sofort, sofort, bitte, gnädiges Fräulein. +Hier sitzt sie also, hier, mein lieber Herr, hier, wo Sie jetzt sitzen. Es +ist zwei Uhr nachts, es ist Sommer. Geben Sie mir noch ein Glas Grog, ich +muß trinken, ich freue mich. Sie sitzt hier, sie hat dringend mit mir zu +sprechen. Es war am dritten Juni, nachts zwei Uhr. Sie kommt mit einer +großen Bitte, sie weiß nicht, ob ich sie ihr erfüllen werde. Bitte, bitte, +sage ich, mein gnädiges Fräulein -- nein, sie will nichts trinken, sie hat +es auch sehr eilig, es tut ihr leid, daß sie nicht immer liebenswürdig mit +mir umging. Ich muß verzeihen, Launen, sie ist sehr launisch. So sprach +sie, so freundlich und blickte mir in die Augen. Sie sagte einfach +Eisenhut, nicht Herr Eisenhut, nein, gibt's nicht, Eisenhut bin ich. Bitte, +sage ich, wenn es in meiner Macht steht? Ja, es steht in Ihrer Macht, es +ist so leicht für Sie, Eisenhut. -- Eisenhut, einfach Eisenhut! -- Sie hat +ein hellrotes Tuch um die Schultern geschlungen und blickt mich an. Es +hätten sich zu Hause Dinge ereignet, die unangenehmsten Dinge --. Geld! +Auch sie wollte Geld von mir! Sie sind ja doch kein Geizhals, Eisenhut, +sagte sie. Eine plötzliche Forderung -- hm -- ihre Mutter sei +sterbenskrank, das ganze Haus, nun käme sie zu mir, sie habe Vertrauen zu +meiner Güte. Güte? denke ich. Sie lügt, sie will Geld. Da sitzt sie nun, +sie blickt mich an, sie tut ganz gleichgültig, spricht als ob sie vom +Wetter spreche, aber sie bebt, sie bebt! Warum soll ich nicht helfen, denke +ich, warum nicht? Die Familie ist verschuldet, das Geld ist verloren, ich +kann es ebensogut einem Hunde zum Fressen geben -- niemals wirst du auch +einen Pfennig wieder sehen! -- aber da sitzt sie ja, ich sehe wie sie +innerlich zittert. Das freut mich -- unsäglich! Da sitzt sie, früher, da +sah sie mich nicht an, sie reckte die Nase in die Luft, sie ging wie eine +Königin durch die Straßen und wir andern alle waren Hanswurste und Luft für +sie. Aber da sitzt sie nun -- weshalb soll ich nicht -- wie? Wieviel +ungefähr? Sie atmet zweimal tief, pickt mit dem Finger Brotkörnchen vom +Tisch, sie lächelt, und sagt: zwanzigtausend Mark. Zwan--zig--tausend -- +sie hatte wohl den Verstand -- nein, nein, nein. Ah, was die Leute doch +denken. Esse ich Gansbraten und eingemachte Birnen? Ich esse nur einmal im +Tage -- nein! Da steht sie auf, sie legt mir die Hand auf die Schulter. Es +ist so leicht für Sie, in einigen Monaten bekommen Sie es zurück. Ich +stelle Ihnen einen Wechsel aus, einen Schuldschein, wie Sie wollen. Es wird +alles geschäftsmäßig geregelt werden -- nun spricht sie wie ein Bankier. +Aber sie bebt ja doch! Sie sieht, daß ich zögere, sie fährt mir mit der +Hand übers Haar, sie legt ihre Hand auf die meine. Hören Sie, sage ich zu +ihr, hören Sie, gnädiges Fräulein, Sie wissen, daß ich Sie liebe, werden +Sie meine Frau. Ich liebe Sie, Sie können tun was Sie wollen, nur daß ich +Sie täglich sehen kann -- denn ich will ja lieber Ihr Lakai sein, als der +Mann einer der geschwollenen Krämerstöchter von hier. So sage ich und sie +hört aufmerksam zu. Ich sage, Sie werden dann so viel Geld haben wie Sie +nur wünschen. Alles wird Ihnen gehören, alles, eine Million und mehr! Haben +Sie soviel? fragt sie und lächelt. Ja, sage ich, ich lüge nicht. Ich öffne +die Türe und zeige ihr den Schrank, öffne ihn: Sehen Sie! Alles sollen Sie +haben. Hören Sie, Eisenhut, sagte sie, es kann doch nicht so rasch gehen, +ich muß es mir doch überlegen und wenn ich Ihre Frau werde, so werde ich es +doch nicht Ihres Geldes halber. Sie legt ihre Hand auf meine Schulter und +lächelt. Ich möchte sie an mich ziehen, aber sie macht eine kleine Bewegung +und ich tue es nicht. Ich sage zu ihr, daß ich ordentlich und gut werden +würde -- ich schwöre ihr, nicht mehr zu trinken. Sie soll befehlen und ich +gehorche, blindlings. Ihr Lakai werde ich sein. Ja, sie wolle nachdenken. +So schnell kann es ja nicht gehen, mein Freund -- sagt sie -- mein Freund, +das ist ja ausgeschlossen. Sie müßten bei meinen Eltern um meine Hand +anhalten, aber so -- ich bringe Ihnen ja gewiß Freundschaft und Sympathie +entgegen, obgleich ich immer launisch gegen Sie war -- ob ich Sie aber +heiraten kann, das muß ich mir doch überlegen. -- Wann werden Sie mir +Antwort sagen? -- Morgen oder in den allernächsten Tagen. Gut, sage ich, +dann will ich Ihnen das Geld mitbringen. Sie besinnt sich und setzt sich +langsam nieder. -- Das geht ja nicht, mein Freund, sagt sie! Morgen gibt es +zu Hause eine Katastrophe, wenn die Forderung nicht eingelöst werden kann. +Es ist ein Wechsel. Könnte es Ihnen nicht einerlei sein -- ich komme morgen +wieder zu Ihnen, ich verspreche es Ihnen. -- Gut, ich zähle ihr die Scheine +hin. Danke, sagt sie, und zählt das Geld sorgfältig nach -- aber ich sehe, +wie ihre Hand bebt. Sie geht. Über diese Schwelle hier ist sie gegangen. +Sie geht wieder durch den Garten. Also morgen! sage ich. Ja, antwortet sie, +wenn es mir möglich ist, sicherlich. -- Am andern Tage gehe ich zum +Schneider und lasse mir einen Frack anmessen. Sie heiraten wohl? Ja, +vielleicht. Ich warte. Der Tag vergeht, sie kommt nicht. Ich warte einige +Tage. Der Frack ist fertig. Ich probiere ihn an und der Gedanke kommt mir +in den Kopf um ihre Hand anzuhalten. Ja? Sofort -- vorwärts, -- haha -- +vielleicht ist sie krank. Gut. Der Vater empfängt mich. Wie? sagt er. Ich +spreche und er lacht. Na, sagt er, Herr Eisenhut, was fällt Ihnen doch ein +-- hahaha -- er lacht -- er lacht und sagt: Entschuldigen Sie, ich lache ja +nicht -- es ist ja höchst ehrenvoll -- aber ich glaube, daß meine Tochter +-- hahaha! -- daß meine Tochter, na, daß die Wünsche und Absichten meiner +Tochter -- übrigens, wer kennt die Frauen? Sie wird es Ihnen ja sagen. +Konrad -- meine Tochter soll kommen. -- Sie kommt. Ich sehe sie nicht, aber +ich höre ihren Schritt, obwohl Teppiche gelegt sind, höre ich ihn. Sie ist +da. -- Herr Eisenhut gibt uns die Ehre, gibt dir die Ehre -- Sie ist +totenbleich -- sie sieht mich an und auch ihre Lippen werden blaß -- sie +hat Angst, ich werde sprechen -- nein, Sie brauchen keine Angst zu haben, +nein, so bin ich ja nun doch nicht -- ich werde Sie nicht verraten. Sie +lächelt, gibt mir freundliche und höfliche Worte. Sie sagt nicht Ja, sie +sagt nicht Nein, sie sagt hmhm. Ich gehe. Der Diener lächelt ebenfalls. +Soll ich dich aufs Maul hauen, du Affe? -- Ich warte, ich denke, wie dumm, +wie voreilig. Endlich treffe ich die Dame und sage: Nun? Wie steht es mit +der Antwort? -- Sie lächelt und sagt: Ja, was für Einfälle Sie doch haben, +Sie kommen ins Haus -- ich bin ja nicht wiedergekommen, war Ihnen das nicht +klar genug? -- Ich sage: Haha, was ist das! Sie haben aber versprochen zu +kommen. Ja, sagt sie gleichgültig. Ich möchte Sie bitten weniger laut zu +sprechen und sich weniger auffallend zu gebärden, Herr Eisenhut, wenn uns +jemand beobachtet! -- Nun sprechen Sie ja ganz anders, seht an, sage ich, +neulich da konnten Sie viel freundlicher sein. Sie haben von Freundschaft +und Sympathie gesprochen -- was weiß ich -- es war aber nur eine Falle, so +ist es. Sie haben wohl auch nie im entferntesten daran gedacht, mich zu +heiraten -- wie? -- Sie sieht mich an und lächelt verächtlich. Wenn Sie es +wissen wollen: Nein! Ich bitte Sie nun -- Was bitten Sie! schreie ich. Dann +haben Sie mich einfach betrogen! -- Sie stampft mit den Füßen und wird +blaß. Bitte! sagt sie und sieht mich an als ob ich ein Lakai wäre. Ich +hätte nicht gedacht, daß Sie ein solch ungebildeter Mann wären! Außerdem +wäre es mir nie in den Sinn gekommen Sie um eine Gefälligkeit zu bitten. +Sie geht. -- Ja, wie konnte ich auch so ungebildet schreien, denke ich, wie +konnte ich mich so vergessen. -- Ich kam mir vor wie ein Hund. Ich trank, +schrecklich trank ich in dieser Zeit, ich wollte gar nicht mehr zur +Besinnung kommen. Ich habe eine Dame beleidigt und liebe sie doch, ja zum +Teufel mit mir! Ich trinke hier in dem gleichen Zimmer, wo sie mir das Haar +streichelte. Ich bin ein ungebildeter Mann, jawohl, ganz richtig. Das ist +wahr, sie hat es gesagt. Ich könnte mir die Haare ausreißen! Sie hätte mich +ja nie um eine Gefälligkeit gebeten, wenn sie gewußt hätte, was für ein +ungebildeter Mann ich eigentlich bin. Ja, es ist wahr, sie heuchelte mir +etwas vor, sie machte mir Versprechungen -- soll ein Mensch in der Welt +aufstehen und das Gegenteil behaupten! -- sie schmeichelte mir, sie nahm +die Gefälligkeit von zwanzigtausend Mark mit sich, das tat sie -- aber +trotzdem! Und ich fluchte und trank, weil sie mich angelogen hatte, ich +trank weil ich ein Narr war und ihr glaubte, ich trank, weil ich sie +kränkte und am meisten trank ich, weil sie mich nun verachtete wegen meines +ungebildeten Benehmens. Ich mag schon gar nicht daran denken -- wie ich den +Freiersmann spielte und mir einen Korb holte -- Wie sollte ich je mit der +Sache fertig werden, je ins Klare kommen? Ich sitze hier und trinke und +deute auf den Tisch -- hier hast du also auf der einen Seite eine Dame, die +kommt, dich streichelt und heuchelt und verspricht und -- ich deute auf den +Tisch -- hier hast du also einen Mann, der sich die Freiheit nimmt zu +fragen, was denn eigentlich -- hier hast du also -- und hier -- nein! Mein +Kopf faßt das nicht. Wie ist es doch? Wer hat recht und wer hat unrecht. +Wie ist es doch? Nein, ich bin zu dumm, um das je herauszubekommen. Aber +Zorn kommt über mich, Wut, daß ich schreie! Hier hast du also, hier -- und +hier -- ja, ich bitte einen vernünftigen Menschen mir zu erklären -- wie? +Ist es vielleicht ein Vergnügen -- ich frage den Teufel! -- ist es ein +Vergnügen -- einen Frack anzuziehen -- wie -- und ein alter Habenichts +lacht -- ist das ein Vergnügen -- ich bitte weniger laut zu sprechen -- +wenn uns jemand beobachtet -- wie? Gott im Himmel, wie soll ich das +verstehen! -- Ich hasse die Menschen! Was für eine Behandlung ist das? Ich +hasse die Frauen! Ja, ich liebte jene Dame, es ist die Wahrheit, ich liebte +sie. Aber nun hasse ich sie. Ich begegne ihr auf der Straße, ich grüße +nicht, ich blicke sie nur durchdringend an. Ich gehe an ihr vorüber und +ziehe einen Brief heraus, auf den ich mit haushohen Buchstaben Schuldschein +schrieb -- ich mache es so, daß sie es sieht. Ich hasse sie, sie könnte es +Schwarz auf Weiß haben -- ich treffe sie in der Buchhandlung und lasse den +Brief fallen. Sie soll nur etwas Angst vor mir haben, jetzt, da ich sie +hasse. Ich habe sie geliebt, was ist geschehen, daß ich sie jetzt hasse? +Habe ich zu mir gesagt: Hasse sie, hasse sie! Nein! -- Ich begegne ihr mit +den Freundinnen, sie spricht das erste Wort, sie reicht mir die Hand. Sie +spricht mit mir: Sie hat Angst. Gott im Himmel! denke ich, weshalb hat sie +doch nur Angst? Nun spricht sie freundlich mit mir, sagt, ob ich nicht zum +Tennis kommen wolle -- nur weil sie Angst hat. Ja, weshalb sollte sie denn +Angst haben? Vor mir? Ach, bei Gott, nein, sie braucht gar keine Angst zu +haben, ich tue ihr nichts, nein. Es ist ja schrecklich, zu sehen, daß sie +Angst hat. Denn ich liebe sie ja, ich hasse sie ja gar nicht, ich liebe +sie! Ich blicke auf ihr Haus und weine. -- Wie lächerlich, Angst zu haben, +ich werde es ihr sagen, von einem Skandal kann ja gar keine Rede sein. -- +Ich laure auf den Wegen, bei ihrem Haus, endlich treffe ich sie. Ich nehme +den Brief aus der Tasche, um ihr den Schuldschein zurückzugeben -- sie +sieht mich an und sagt: Man wird Sie bezahlen, haben Sie keine Angst, Herr +Eisenhut. Aber ich bitte Sie mich gefälligst ungeschoren zu lassen, ich +kann ja keinen Fuß mehr aus dem Hause setzen, ohne daß Sie dastehen. -- +Glauben Sie nun, ein Mensch wie ich, lächelt, gibt den Brief zurück, sagt +ihr, daß sie unbesorgt sein möge? Glauben Sie das? Dann sind Sie auf +falschem Wege. Ich bin nicht so. Nein. Was hat mich doch so wütend gemacht? +Ich stehe da mit dem Briefe und also muß sie denken -- deshalb spricht sie +ja so -- aber daß sie so spricht, ihre Haltung, ihr Blick -- alles -- was +hat mich doch wütend gemacht, daß ich schreie: Nehmen Sie sich in acht vor +dem Skandal! Ich schreie das, ich lache ganz gemütlich und gehe. + +Ist das nicht um verrückt zu werden, wie? Nichts ist geblieben als Haß. Aus +allem, was man tut, nichts bleibt als Blamage, Ekel und Haß! Ach, wie ich +doch die Frauen hasse. Sie sind Schlangen, schön, wärmen sich in der Sonne +und glitzern, denken böse und sind giftig! Man sollte sie alle einsperren, +gehen daher und blähen sich auf. Nun, ich hasse sie! Ich hasse auch die +Männer, aber die Frauen hasse ich auf eine ganz andere Weise! Ich sitze +hier, bewerfe sie mit Schmutz und hasse sie. In manchen Stunden, da liebe +ich sie ja. Sie sind schön, Gott im Himmel, sie sind ja schön, sage ich, +schön und rührend sind sie. Ich bitte euch um Verzeihung, ihr Frauen auf +der ganzen Erde, ich! Aber der Haß kommt zurück. Auch die Menschen liebe +ich zuweilen, aber der Haß kommt zurück und zerfrißt mich wie Gift. Ist das +ein Dasein? frage ich Sie, was für ein Leben soll das sein! Es ist ein +Hundedasein, nichts als ein Hundedasein!« + +Er lachte verzweifelt auf und schrie. + +»Das ist das, hören Sir, Herr Grau, das ist das, nun habe ich es Ihnen +erzählt, das, was mich quält -- was nicht mehr von mir weicht, ich denke +daran, fresse daran über ein halbes Jahr -- immer wieder ziehe ich den +Frack an -- immer wieder -- geht die Dame über diese Schwelle -- immer +wieder spricht sie mit mir oben im Walde -- immer, immer, immer wieder -- +ah!« Er vergrub den Kopf in den Händen. + +»Halt!« schrie er. »Sagen Sie nichts! Es ist noch nicht alles! Ich muß +alles sagen, es muß heraus, ich muß es tun, Sie sollen wissen, wie es um +mich steht. Glauben Sie denn, es sei eine Wonne so zu leben -- mit all dem +im Kopfe? Wie ist das alles gekommen? Weiß ich es? Wie ist es gekommen, daß +alles sich in meinen Gedanken in Schmutz verwandelt? Jedes harmlose Wort -- +ich höre es, man spricht es -- aber in meinem Kopfe verwandelt es sich zu +einer Niedrigkeit. Was für Gedanken habe ich doch früh und spät -- +abscheuliche Gedanken, die kein Mensch ertragen kann, ich möchte weit fort +von ihnen, aber es geht nicht. Nichts ist schrecklicher als eine verdorbene +Phantasie -- sie ist ein Gespenst, das alles häßlich und stinkend macht.« +Er schauderte zusammen und schüttelte sich wie gepackt vom Grausen. »Auch +meine Phantasie ist eine Hölle!« + +»Ich will nicht mehr!« fuhr er fort und wiegte den Kopf auf den Schultern +hin und her. »Ich will nicht -- aber ich muß -- ich muß Ihnen alles sagen. +Warum? Haben Sie mich etwas gefragt? Haben Sie zu mir gesagt: Nun, +Eisenhut, wie steht es mit dir? Was macht dir Qual? Nein! Nichts haben Sie +gesagt. Aber ich sage Ihnen alles, ich reiße vor Ihnen das ganze Haus ein, +damit Sie sehen, was darin ist. Ich verkaufe mich auf Abbruch vor Ihnen. +Warum? Vielleicht, weil Sie mir helfen sollen? Oder? Warum denn? Ich habe +Sie gesehen, ich habe gehört, was Sie sagten, damals bei der Beerdigung -- +ich habe an Sie gedacht. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr von Ihnen +losreißen. Warum? Kenne ich nicht hundert Leute, an die ich nicht denken +muß? Was ist das? Ich habe gedacht, wie schön und jung er ist und wie +freundlich und gleichmäßig liebenswürdig gegen jedermann. Vielleicht ist er +glücklich, vielleicht ist er gut und vielleicht hat er keine Hölle in der +Brust, keine häßlichen Gedanken, schöne Gedanken vielleicht! Nein, er ist +ein Dummkopf und ein Schwätzer, habe ich gedacht, er ist eine Art Idiot, +ein Narr -- so wie Professor Richter sagt. Aber trotzdem mußte ich an Sie +denken. Ich träumte von Ihnen, ich sah in Ihre Fenster, ich mußte Ihnen +immer begegnen, Sie immer ansehen. Ich ging um Sie herum, im Kreise, und +kam nicht mehr los von Ihnen. Was ist das? Am ersten Tage, da begegnete ich +Ihnen -- ich richtete es so ein -- ich tat, als ob ich grüßen wolle, ich +grüßte nicht. Aber Sie grüßten und sagten: Ein schöner Tag oder was Sie +doch sagten. Freundlich sahen Sie mich an. Ich aber lachte über Sie. Ich +lachte und ich weiß nicht, warum ich lachte. Sie läuteten an meiner Glocke, +am gleichen Tage, ich öffnete nicht. Ich dachte, aha, er hat eine Liste bei +sich, er will Geld! Aber nicht deshalb allein öffnete ich nicht, nein -- +ich hatte Angst vor Ihnen, ganz plötzlich -- eine eigentümliche unsagbare +Angst. Seitdem mußte ich immer an Sie denken.« + +»Ich träumte auch von Ihnen, ja! Ich träumte, einige Schurken hätten mich +angeschossen. Ich lag da und stöhnte und mein Gaumen brannte. Ich preßte +die Hand auf die Brust, das Blut schoß heraus, ich stand Todesängste aus -- +da ging die Türe auf und Sie kamen herein. Ich wurde sofort ruhig. Sie +legten mir die Hand auf die Brust, da floß das Blut nicht mehr. Sie +feuchteten den Finger an den Augen an, da war die Wunde geheilt. Das +träumte ich von Ihnen und oft träumte ich von Ihnen.« + +»Warum, warum? Seitdem ich Sie sah -- weshalb doch? Ich verstehe ja das +ganze Leben nicht mehr. Ich mußte an Sie denken und je mehr ich an Sie +denken mußte, desto mehr haßte ich Sie, je mehr ich Sie haßte, desto mehr +mußte ich an Sie denken. Wenn ich Sie nur sah, konnte ich wütend werden. +Sie gehen dahin, so leicht -- Ihre Augen sind so klar -- alles zusammen -- +ich haßte Sie aber! Nun sitzen Sie da, ich erzähle Ihnen alles. Ich muß. +Ich muß fortfahren, ich weiß nicht warum.« + +»Sie sollen von diesen Schuften hören, diesem Professor Richter, dem +Adjunkten, von Dr. Nürnberger -- von mir und ihnen -- alles sollen Sie +hören. Weshalb verkehre ich mit diesen Leuten? Weil sie gebildet sind, weil +sie angesehen sind! Oh, hätte ich sie nie kennen gelernt, diese Hunde, die +alle so sind -- so niedrig wie ich -- die nichts glauben, nur lachen, +nichts wollen, alles in den Schmutz ziehen -- diese -- nein, nein, nein, +genug -- einmal hat mich Dr. Nürnberger zum Duell herausgefordert, ich +glaubte es sei ihm Ernst -- ich -- nein, nein, nein -- genug -- nichts mehr +--« + +Er schwieg und schloß die Augen und es sah aus als ob er ohnmächtig werden +würde. Grau wollte ihm eben beispringen, aber da sah er, daß Eisenhut +lächelte. + +Er lächelte und ohne die Augen zu öffnen sagte er: »Es ist zu toll, es +waren ja gar keine zwanzigtausend Mark, die die Dame holte. Es waren nur +zehntausend!« Er schüttelte den Kopf, blinzelte und begann zu Graus +Erstaunen heiter zu lachen. »Ja,« rief er aus, »wie toll! Es waren ja nur +zehntausend Mark! Ich bildete mir ein, es seien zwanzigtausend gewesen, all +die Zeit lang und endlich glaubte ich es selbst. Ha! Ha! Ha! Ja, bei Gott, +so ist es mit mir! Ich lüge und manche Lügen wiederhole ich so oft, daß ich +sie selbst glaube. Warum muß ich denn immerzu lügen? Das ist sonderbar! Ich +komme in eine Wirtschaft und erzähle, daß ich soeben einen weißen Hirsch +gesehen habe. Weshalb, warum, wozu? Hat mich jemand gefragt, wie? Können +Sie mir das erklären?« + +Grau antwortete: »Ich denke, Sie wollen sich interessant machen, Herr +Eisenhut.« + +Eisenhut nickte, gleichsam befriedigt über Graus Antwort. »Ja, das ist es. +Ich habe mich schon wahnsinnig gestellt, ja sogar tot habe ich mich +gestellt -- sogar tot! Um Aufsehen zu erregen, um mich interessant zu +machen. Deshalb lüge ich auch immerzu. Ich habe auch Sie einmal angelogen, +als wir zu Mütterchen hinaus gingen. Daß Lenz mit den Mädchen im Sommer +spazieren ging und sagte: Alle auskleiden. Das war eine Lüge. Ha! Ha! Ha! +Wie kam ich doch darauf. Warum tat ich es doch! Ha! Ha! Ha!« + +Grau unterbrach ihn, denn er sah, daß Eisenhut den äußersten Grad von +Erregung erreicht hatte. »Ruhen Sie sich aus, Eisenhut, sprechen Sie nicht +mehr!« sagte er und führte ihn zum Sofa. + +»Ja, ja!« sagte Eisenhut. »Ha! Ha! Ha!« + +Eisenhut schwieg. Dann lachte er wieder, sah Grau an und wurde plötzlich +ernst. »Sie sind gewissermaßen der allerschrecklichste Mensch!« flüsterte +er. »Mir graut vor Ihnen, denn man kann Sie nie kennen, nie, nie!« + +»Aber lieber Freund!« sagte Grau. »Ruhen Sie doch ein wenig.« + +Eisenhut nickte und schwieg. + +Aber er begann von neuem und er sprach und flüsterte die ganze Nacht +hindurch. Das Licht der Kerze erlosch und sie saßen im Dunkeln. Durch die +Risse des Ofens flackerte der Schein des Feuers, das langsam erstarb. Er +sprach aus der Dunkelheit, lachte, schrie, schluchzte, flüsterte. All die +Qual, die in den Menschenherzen haust -- + +Grau zitterte, so daß er die Hände auf die Knie pressen mußte, um sich +nicht zu verraten. Warum zitterst du? fragte eine Stimme in ihm. »Es ist so +schrecklich, so schrecklich all das zu hören!« + +Grau unterbrach ihn nicht; er sollte sich aussprechen. Die Scheiben der +Fenster wurden blau und begannen zu glitzern. Lautlos kam der Tag. Nichts +regte sich auf der Straße. Dann begann eine feine bimmelnde Glocke im +Kloster zu läuten und der Gesang der Mönche hallte aus der Ferne. + +Eisenhut saß zusammengekrümmt im Sessel und schwieg. + +Grau saß still und blickte zu ihm hin. Die Fenster wurden hellblau und die +Häuser gegenüber tauchten wie aus einem dicken Nebel auf. + +Dann sagte Grau: »Sie haben viel gelitten, Eisenhut!« + +»Ich bin verloren und schlecht, schlecht und verloren.« + +Grau schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er, »aber Sie haben zu viel +gelitten! Sie sind nicht schlecht, nur schrecklich unglücklich sind Sie!« + +Aber Eisenhut saß bleich, mit verzweifelten lechzenden Augen. »Kann ich +denn so leben?« fragte er und wollte aufstehen. Aber Grau drängte ihn +sitzen zu bleiben. Er sah ihn an, reichte ihm die Hand und drückte sie. Er +nickte und saß lange Zeit, die hellen freundlichen Augen auf ihn gerichtet. + +»Geduld, Geduld!« sagte er endlich. »Nun wird es ja schon Tag; die Sonne +muß bald aufgehen. Sehen Sie doch, wie blau der Himmel wird, es wird ein +schöner klarer Tag werden. Was soll ich Ihnen doch sagen, Eisenhut? Da +sitze ich nun und beginne vom Wetter zu sprechen, weil ich nicht weiß, wie +ich beginnen soll. Ich bin ja so unerfahren und jung, Sie müssen Nachsicht +haben, ich bin ja sogar jünger als Sie, Eisenhut -- wie anmaßend wäre es +doch, wollte ich Ihnen Ratschläge geben. Sie haben Vertrauen zu mir gehabt +und wie schön ist es doch, daß Sie ein solch unbedingtes Vertrauen zu einem +Menschen haben konnten! Schön war es für mich, daß Sie mich damit +auszeichneten und ich werde Ihnen das nicht mehr vergessen. Ich habe mich +so gefreut darüber und ich danke Ihnen. Ich bin Ihr Freund, wenn Sie nur +wollten. Ja, ich gehöre Ihnen ganz! Wollen Sie nicht ein Glas Wein trinken, +es wird Sie stärken. Sind Sie müde? Nein? Ich denke mir, wie unglücklich +und arm Sie doch sind. Aus all dem was Sie mir erzählten, konnte ich ja +entnehmen, daß Sie niemals, aber auch niemals einen Freund gehabt haben.« + +»Wir alle aber können nicht ohne Freunde leben!« + +»Hören Sie, was Susanna einmal zu mir sagte. Sie sagte, wenn sie in den +Büchern liest, so fühlt sie, daß sie von all den Gestalten, die in den +Büchern vorkommen, etwas hat, ob sie nun schlecht oder gut sind. So empfand +auch ich, als ich Ihnen zuhörte. Ich bin Ihnen so sehr ähnlich; von all +Ihren Wünschen, Kämpfen, Schmerzen habe auch ich einen großen Teil. Ich +will ja nicht sagen, daß ich genau so bin wie Sie, nein, jeder Mensch ist +ja doch anders, aber so im allgemeinen? Mehr oder weniger sind alle +Menschen wie Sie, Eisenhut. Ach, schütteln Sie doch nicht den Kopf, es +scheint mir so, soweit ich die Menschen kenne Sie sind Ihnen alle verwandt. +Sie sind allein oder fühlen sich allein, ganz wie Sie. Sie leiden unter +dieser Einsamkeit, wie Sie. Sie haben Sehnsucht nach Liebe und +Freundschaft. Sie haben schlechte und häßliche und haßerfüllte Gedanken, +jeder Mensch hat sie zuweilen. Sie lügen und posieren, um gesehen, gehört, +beachtet zu werden, um interessant zu erscheinen. Ja, das tun fast alle. +Fast alle sind so empfindlich wie Sie und wir alle fühlen einen Tropfen +Essig stärker auf der Zunge als ein Pfund Honig. Alle sind so ehrgeizig, +alle legen so großen Wert auf die Liebe und die Achtung der Menschen wie +Sie -- und das ist ja nur gut! Wir alle möchten nicht nur geliebt, wir +möchten bewundert sein. Und das ist ja nur gut!« + +»Das Leben ist gegen Sie unfreundlicher und nachsichtsloser gewesen als +gegen andere, Eisenhut. Das hat Sie bitter gemacht und Sie sind nicht stark +genug gewesen. Dann haben Sie in Ihrer Seele gewütet, wie haben Sie in +Ihrer Seele gewütet, Eisenhut, wie ein Mörder! Ja, das haben Sie getan, +verzeihen Sie mir, aber ich muß es sagen! Nun aber frage ich Sie, hat Ihre +Seele sich das gefallen lassen? Nein, nein! Sie hat sich gewehrt dagegen +und hat Sie gefoltert dafür und gepeinigt. Denn sie sagte sich: Genug, +genug, wie geht er doch mit mir um? Ihre Seele ist ja gut, Eisenhut. Sie +sind ja ein guter, wahrhaft guter Mensch! Das glauben Sie nicht? Seht an! +Ich habe ja schon früher von Ihnen gehört und es ist wahr, ich habe viel, +viel an Sie gedacht! Weshalb sehen Sie mich so an? Ja, das habe ich getan. +Ich habe mich in Gedanken viel mit Ihnen beschäftigt. Sie taten es ja auch +mit mir, nicht wahr? Ich habe gedacht, Eisenhut ist ein guter Mensch, den +man viel quälte. Ein guter, aber einsamer Mensch ist er, ich schwöre Ihnen, +ich habe das gedacht! Sie sind gut, sagen Sie, was Sie wollen. Sie hassen +die Menschen, weil sie Ihnen zuvor so große Liebe entgegen brachten. Wie +können Sie doch lieben! Haben Sie nicht gesagt -- als Sie von jener Frau +sprachen -- ich blicke auf ihr Haus und weine? Sie vergeben mir wohl, daß +ich es wage, Ihre intimsten Gefühle zu berühren. Ich will Ihnen ja nur +beweisen, wie gut Sie in Wirklichkeit sind und wie wenig Sie sich selbst +kennen. Das ist auch ein Fluch, eine Strafe für diejenigen, die in ihrer +Seele wüten, daß sie sich selbst nicht mehr kennen. Sie haben gesagt: Die +Sonne scheint, ich gehe auf die Straße, ich grüße die Leute -- kurz und +gut, ich könnte Ihnen ja an vielen, vielen Dingen zeigen, daß ich im Recht +bin. Haben Sie nicht auch jener Dame, die in der Not zu Ihnen kam, +geholfen?« + +»Ich will Ihnen sagen, welchen Fehler Sie begangen haben. Sie haben jenen +Fehler begangen, den die meisten Menschen begehen: Sie suchten Glück und +Erlösung durch andere, durch Freunde und Freundinnen. Und Sie haben jenen +Fehler begangen, den die meisten Männer begehen, sie suchten Glück und +Friede durch die Frau. Ja, fragen Sie sich doch, sollten die Frauen +vielleicht dazu da sein, daß wir uns bei ihnen ausruhen, erholen, daß wir +von ihnen das Glück und die Freude entgegennehmen? Nein, wie unsinnig wäre +das doch! Sie wollten, daß die Menschen Sie lieben, daß die Frauen Sie +lieben, daß Sie sie lieben dürfen, nicht wahr? Dann wäre Ihnen geholfen. +Aber wenn Sie zu einem Menschen kommen, so sieht er Sie an und fragt sich: +Was wird er mir geben? Ich frage Sie, sind Sie reich, können Sie geben? Ja, +Liebe, nicht wahr, wollten Sie denn nicht Liebe geben? Richtig, aber jene +Liebe, die aus Ihrer eigenen Ohnmacht hervorgeht, Verzweiflung, weil Sie +mit sich allein nicht leben können, weil Sie arm im Innern sind, Anlehnung +wollten Sie, Halt! Wenn Sie in ein Wirtshaus gehen, essen, trinken und +nicht bezahlen können, so wirft Sie der Wirt vor die Türe, Sie sind ein +Zechpreller. Er hat keine Nachsicht mit Ihnen. Die meisten Menschen sind +solche Wirte, die den vor die Türe werfen, der nicht bezahlen kann und den +nicht hinein lassen, der arm aussieht. So sind die Menschen, sie müssen +vielleicht so sein, denn sie sind ja selbst arme Wirte, keine reichen +Herren, die Bettler speisen können.« + +»Sie fragen mich nun -- ja, sagen Sie, ich sehe doch, man liebt den oder +jenen und was ist er im Grunde genommen, aber man nimmt ihn auf, man liebt +ihn. Lieber Eisenhut, ich weiß das wohl. Man nimmt ihn auf, man liebt ihn +um einer einzigen schätzenswerten Eigenschaft willen! Vielleicht kann er +singen, oder Geschichten erzählen, oder er ist freigebig, er ist witzig, er +ist drollig, er ist gütig oder er ist mutig. Wenn er nur eine einzige +Eigenschaft hat, die ihn vor andern auszeichnet. Haben Sie eine solche +Eigenschaft? Fragen Sie sich? Sie sind begütert, Sie sind ein reicher Mann +und diese Eigenschaft hat Ihnen Einlaß gewährt. Aber das ist ja eigentlich +keine Eigenschaft, nicht wahr.« + +»Das sind harte Worte, verzeihen Sie mir. Sie wissen ja selbst, Sie leben +nicht im Frieden mit sich. Ja, Sie sind so unzufrieden wie einer nur sein +kann und haben ja selbst Ihren Bankerott erklärt. Aber Sie wollen, daß man +Sie liebt! Freunde sind der Preis unserer Tugenden, Eisenhut.« + +»Sie sagen, Sie hassen die Menschen, Sie glauben nicht an ihre Liebe und +Güte und an das Edele in ihnen. Aber Sie wollen, daß man Sie liebt. Du +guter Gott, was denken Sie denn, die Menschen fühlen ja Ihre geheimen +Gedanken. Sie achten die Frauen nicht sehr, aber Sie wollen, daß die Frauen +Sie lieben. Da kommen Sie nun zu den Frauen, Sie sprechen, Sie sind +liebenswürdig, Sie sind freundlich -- aber die Frauen? Die Frauen fühlen ja +deutlich, wie Sie sonst über sie denken. Sie bleiben kühl. Ein anderer +spricht dieselben Worte, lächelt das gleiche Lächeln, sehen Sie, wie die +Augen der Frauen leuchten, wie freundlich sie ihn anblicken? Warum? Ja, die +Frauen fühlen, er denkt immer so von uns. Das Gefühl eines Mannes können +Sie am Ende täuschen, aber niemals das Gefühl einer Frau, denn sie sind +alle Hellseherinnen.« + +»Nun, Eisenhut? Eisenhut, Eisenhut, Eisenhut -- ich bin ja Ihr Freund und +mir müssen Sie alle diese grausamen Worte verzeihen. Weshalb bin ich Ihr +Freund, Eisenhut? Weil ich Sie am besten kenne. Nun? sage ich. Sie fanden +keine freundliche Miene bei den Menschen. Was taten Sie aber? Gingen Sie +nach Hause und sagten Sie zu sich selbst: Ich bin ja wenig wert, ich habe +den Menschen zu wenig zu geben. Ich bin nicht einmal ein guter +Gesellschafter, denn ich weiß ja wenig und habe meine Kenntnisse nicht +bereichert. Taten Sie das? Nein, ach, Sie taten es nicht. Sie klagten die +Menschen der Härte und Lieblosigkeit und Schlechtigkeit an und begannen zu +trinken. Sie suchten also Erlösung, Glück und Friede im Rausch. Das tun +ebenfalls alle Menschen, die meisten, sie betäuben sich alle auf irgend +eine Art. Aber der Rausch verfliegt, die Betäubung verfliegt und Ihre Seele +schreit hungriger und durstiger als zuvor. Ihre Seele will Wahrheit, keine +Lüge und Betäubung. Im Rausch, da können Sie einherschreiten wie ein König, +aber der Rausch vergeht und Sie sind ein Bettler. Denn Sie sind ja kein +wirklicher König gewesen im Rausche, nur als König verkleidet waren Sie. +Ich weiß das alles, Eisenhut, ich, Ihr Freund, denn -- all das habe ich an +mir selbst erlebt.« + +»Sie leben viel in der Nacht, Eisenhut. Wer erträgt das? Wissen Sie denn, +wie gefährlich es ist mit den Geistern der Nacht zu leben, für den +Menschen, der ja geschaffen ist zum Verkehr mit den freundlichen Wesen des +Tages und des Lichtes?« + +»Sie leben immer mit sich allein. Auch das ist gefährlich. Nur wenige +Menschen können es ungestraft tun, denn der Mensch ist ja geschaffen zum +Umgange mit seinen Brüdern.« + +»Ihre Seele hat nach Eindrücken gehungert, Ihr Geist nach Erkenntnis? Haben +Sie Ihre Seele gesättigt, Ihren Geist? Nein. Sie sind nicht der Mann, der +zufrieden ist, seine Geschäfte zu verrichten, Geld einzukassieren und in +Kneipen zu sitzen. Es ist gut, daß Sie das nicht befriedigt. Ihre hungernde +Seele soll Sie quälen, das ist gut. Aber was tun Sie, Ihre Seele zu +sättigen? Nichts, Eisenhut, da sitzen Sie in diesem Gefängnis, in diesen +Fuhrmannskneipen, in dieser kleinen Stadt, wo das Leben still steht. Was +würden all die andern Millionen Menschen tun, die so allein sind wie Sie, +wenn sie nicht Spiel und Gesang, Musik und Poesie hätten? Es ist ja nicht +genug, daß der Mensch ißt und trinkt und schläft, nein, er braucht ja viel +mehr. Warum reisen Sie nicht, Eisenhut, hinaus in die Welt? Warum nicht? Wo +täglich tausend neue Eindrücke Ihre Seele erquicken und ermutigen? Warum +taten Sie das nie?« + +»Da draußen kennt mich ja kein Mensch,« antwortete Eisenhut. + +Grau lächelte. »Lieber Freund,« sagte er, »daran müssen Sie sich ja +gewöhnen, nicht mehr gekannt zu sein. Sie müssen es lernen Ihr Leben zu +leben, ohne daß Sie ein Schauspieler sind, der sich von andern bewundern +läßt. Wenn Sie einen Ring am Finger tragen, so müssen Sie ihn nicht tragen +für die andern, sondern weil es Sie freut Ihre Hand geschmückt zu sehen. +Und wenn Sie glücklich sind und heiter und tanzen und singen, so müssen Sie +nicht tanzen und singen, weil andere es sehen und hören und denken werden: +Er tanzt, er singt, er ist guter Dinge. Sie müssen es tun für sich allein.« + +Eisenhut schüttelte den Kopf. Er ging herum, er schüttelte den Kopf. Worte, +Worte, was sollten ihm all diese Worte nützen, frage er? Diese Hölle von +Leben --. Aber er war schon hoffnungsvoller gestimmt. + +»Ja,« sagte Grau, »es ist wahr, Sie haben die Hölle in sich und Sie sind +sehr unglücklich. Ich weiß es und ich würde Ihnen gerne etwas abnehmen, +könnte ich nur. Aber haben Sie nichts anderes als diese Hölle in sich, +nichts anderes sonst?« + +Grau griff sich an die Wangen. Er fühlte plötzlich, daß er Fieber hatte. + +Eisenhut schlich an den Wänden entlang und schüttelte den Kopf. Hinter ihm +ging das Hündchen; doch da Eisenhut sehr langsam dahin schlürfte, hatte es +immer Zeit, sich nach jedem dritten Schritte seines Herrn zu setzen. Dann +blickte es auf Grau und spitzte die Ohren. Eisenhut schüttelte den Kopf. + +»Nein!« + +Grau lachte leise. »Das ist ja nicht wahr!« sagte er, »Sie haben ja selbst +-- ach, haben Sie nicht gesagt, Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint, +Sie freuen sich, wenn Sie jene Dame im Walde treffen? Sie haben schöne +Träume, wie das Leben sein könnte, Sie haben gewiß nicht nur häßliche +Träume.« + +Eisenhut lachte. Er träume oft, er fliege, es gehe dahin über die Lande -- +haha! + +»Sehen Sie! Und auch wenn Sie wachen, haben Sie schöne Träume. Es gibt doch +noch so viel Schönes für Sie!« + +»Nein, nichts mehr.« + +»Heute sehen Sie ja alles schwarz, Eisenhut. Aber Sie freuen sich doch über +viele Dinge -- wenn Sie zum Beispiel ein schönes Pferd sehen oder eine +dicke hohe Eiche im Walde --« + +»Ja, ja.« + +»Sehen Sie! Ich könnte wohl stundenlang -- stundenlang Dinge nennen, die +Sie lieben. Es ist ja lange nicht so schlimm wie Sie es heute sehen, mein +Freund, lange nicht so schlimm. Haben Sie denn keine Sehnsucht mehr? Kein +Verlangen nach Glück, Freude, Friede? Wie?« + +»Ja, doch!« + +»Aber wer dieses Verlangen noch hat, der wünscht ja noch zu leben und das +Leben ist ihm noch kostbar. Die Menschen, mein Freund, die mit dem Leben +fertig sind, wünschen sich nichts mehr. Und nun muß ich Ihnen doch +Ratschläge geben, obschon es mir anmaßend erscheint. Ich meine, vielleicht +könnte ich Ihnen sagen, wie Sie es zu beginnen hätten -- für den Anfang +wenigstens -- was meines Erachtens gut für Sie wäre. Sie brauchen das ja +nicht zu befolgen -- es ist ja nur meine Ansicht, die Ansicht eines jungen +und unerfahrenen Menschen --« + +»Ich befolge alles, alles!« sagte Eisenhut. Er öffnete die Tischschublade +und nahm eine Handvoll Zigarren heraus, die er Grau reichte. + +»Danke, danke!« sagte Grau. »Als ob Sie wüßten, wie leidenschaftlich ich +rauche. Nun hören Sie --« + +Grau entwickelte ihm seinen Plan. Vorerst müsse er seine Nerven kurieren, +seine Gesundheit kräftigen. »Sehen Sie mich an, Eisenhut,« sagte Grau und +fuhr erst fort als Eisenhut stehen blieb und ihn ansah. »Hören Sie wohl! +Sie müssen ein neues Leben beginnen, und jeder Mensch muß das von Zeit zu +Zeit. Von Grund auf neu! In jeder Beziehung! Jeden Tag um sechs Uhr heraus, +von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends harte körperliche Arbeit in den +Steinbrüchen, wie ein Taglöhner -- einen Monat lang. -- Wie? -- Ja, das +müssen Sie! Einen Monat lang! Punktum, darüber wird nicht mehr gesprochen. +Sie müssen sich den Schlaf erarbeiten. Danach, zwei Monate lang jeden +Vormittag von sechs Uhr bis zwölf Uhr harte Taglöhnerarbeit in den +Steinbrüchen, nachmittags frei. Ich will Ihnen Bücher geben, Bücher +empfehlen. Ich will Ihnen gern etwas behilflich sein. Wenn Sie wollen, gebe +ich Ihnen regelrechte Stunden, natürlich kann ich es nicht ganz umsonst +tun. Ich verlange für die Stunde eine Mark. Das ist Ihnen nicht zuviel? +Schön! Sobald Sie etwas sicherer sind, fort auf Reisen.« + +»Wohin?« + +»Das alles wird sich finden. Wir werden alles noch genau besprechen. Ich +deute Ihnen vorläufig alles nur an.« Grau lächelte, während er Eisenhut +immerzu ansah. + +»Ich werde alles tun -- tun -- tun -- alles!« sagte Eisenhut. + +»Gut. Wir werden auch zu besprechen haben, wie Sie sich einzurichten haben. +Wir werden Ihre Wohnung hübsch herrichten und ich werde häufig zu Ihnen +kommen. Wir werden uns gut unterhalten. Am besten wird es sein, wenn Sie +vorläufig nicht mehr mit Professor Richter und Konsorten verkehren. Die +passen nicht zu Ihnen. Ah, sehen Sie doch, jetzt funkelt die Sonne auf den +Dächern. Bist du müde?« + +»Nein, nicht im geringsten.« + +»Gut, dann lasse deinen Schlitten einspannen und wir fahren hinaus in +irgend ein Dorf und frühstücken da. Bist du einverstanden damit?« + +»Wie Sie wünschen, ich bin dabei.« + +Grau lachte. »Hörst du nicht, daß ich Du sage, wie? Freilich, es ist +unverschämt, denn ich bin ja der Jüngere. Aber was kümmern wir uns um +solche Höflichkeitsregeln, haha, jetzt, da wir so gute Freunde geworden +sind. Wenn du aber nicht willst --« + +Eisenhut lächelte und blinzelte. »Zigarren? Zigarren haben wir. Wir können +gehen und den Kutscher wecken.« + +Vielleicht ist nie in seinem Leben jemand gut gegen ihn gewesen, dachte +Grau. + +Sie fuhren hinaus in den Winter, der aufsteigenden Sonne entgegen, die +Schellen klingelten am Schlitten -- + + * * * * * + +Von diesem Ausflug kehrte Grau krank zurück. Er hatte sich in der Nacht +vorher erkältet und fiel in ein heftiges Fieber, das mehrere Wochen lang +anhielt. Eisenhut pflegte ihn wie ein Bruder. + + + + +Dritter Teil + + + + + +Erstes Kapitel + + +Grau lag in leichtem Fieber und dachte über die Menschen nach. Diese +Zwietracht in vielen Familien! Daran dachte er. Ein geistiges Band fehlte. +Man sollte in den Abenden ein gutes Buch vorlesen. Geld? Nein. Es gibt +Bücher zu lächerlichen Preisen. Der Sohn oder die Tochter liest vor, die +andern arbeiten nebenbei -- es ist ein Genuß! Gewiß, er mußte eine +Broschüre schreiben: Wegweiser -- + +Grau erwachte. + +Da standen die Fenster offen und die Luft war lau und würzig. Die Bäume +grünten. Es war Frühling geworden. + +Plötzlich erschien Adeles schönes Bild in seinem Geiste. Er lächelte und +stand auf. + +Die Stadt hatte sich vollständig verändert, grüne Wipfel und blühende Bäume +ragten über Häuser und Mauern. Man blickte in eine Gasse hinein und sah +einen kleinen blühenden Kirschbaum leuchten, man blickte durch einen Torweg +und sah zu seiner Überraschung ein ganzes Beet von Tulpen brennen. An den +Häusern und Erkern kletterte allerlei Rankenwerk empor, als wolle der +Frühling die kleine alte Stadt in ein grünes Netz einspinnen. + +Der Fluß strömte rasch und jung dahin und die Schiffe und Fähren zogen an +der Stadt vorüber. Ein kleiner Kettendampfer heulte und schleppte eine +Reihe flacher Frachtschiffe hinter sich her. Am letzten Schiffe schaukelte +ein kleines Boot und darin saß ein Mann mit einer Pfeife im Munde. Im +Schaukeln des Bootes war der Frühling und auch in der Art, wie der Mann im +Nachen saß und auch im lustigen Rauche der Pfeife war der Frühling. + +Die Ebene glänzte in der Sonne, die Dächer ferner Dörfer leuchteten; Burgen +auf den Höhen und weite grüne Wälder. + +Grau saß in seinem Garten, noch geschwächt und müde von dem langen +Krankenlager und lächelte. Seine Seele in diesen Wochen der Genesung war +empfänglicher, fröhlicher noch als sonst und voller Dankbarkeit. + +Er lauschte, blickte umher und wunderte sich. Sein Herz klopfte. Zuweilen +kam das Fieber zurück, ein leises, fast angenehmes Fieber, dann empfand er +alles wie einen Traum. Eine wunderbare Frische stieg aus dem jungen Rasen +und wehte von Adeles Park her, alles war so frisch und neu. Die Vögel +zwitscherten in allen Wipfeln und zuweilen vereinigte sich das Klingeln all +dieser kleinen Vogelstimmen zu einem einzigen schwingenden Ton: Der +Frühling stand auf grüner Wiese und blies auf seiner Flöte einen betörenden +Schmeichelsang. + +Graus Blick glitt über die Stadt hinweg bis zu den kleinen Dörfern, die in +der Ferne lagen. Da standen Häuser, vor den Häusern lagen Gärten. In den +Gärten wuchsen Blumen, unter den Hecken Veilchen, auf den Hängen +Schlüsselblumen. Die blauen Höhenzüge am Himmelsrande waren grün, hinter +ihnen dehnte sich grünes Land. Grün, grün -- die ganze Erde war nichts als +eine grüne Insel, die im Äthermeere schwamm. + +Im Tale arbeiteten Leute auf den Feldern, die Erde zu bestellen. Bei der +großen Steinbrücke wimmelte es von Arbeitern, die einen neuen Bahndamm +aufwarfen. Schaufeln und Picken blitzten in der Sonne. Auf einem Neubau +kletterten die Zimmerleute im Dachstuhl und hämmerten, auf der Landstraße +knarrten Wagen mit Steinen, die zum Ausbessern der Wege bestimmt waren. + +War es nicht schön hier zu sitzen und zu sehen, wie der Mensch sich seine +Wohnstätte bereitete? + +Und Grau dachte daran wie klein die Erde vordem war. Eine flache Insel von +einem Meere umbraust, über ihr der Himmel als Decke. So klein war die Erde +und so klein war die Welt. Aber die Erde sprach: Entdecke mich! Und der +Mensch spähte aus und die Erde wuchs. Die Erde ruhte nicht, und flüsterte +und flüsterte und plötzlich stand ein Mensch auf, einer von den +Schlaflosen, und sagte: Nach Ost und West, Nord und Süd kannst du wandern, +die Erde hat kein Ende, sie ist ein Ball, um den Sonne, Mond und Sterne +kreisen. Aber die Erde ruhte nicht, sie flüsterte und flüsterte und ein +Mann erwachte in der Nacht und erschrak und sagte: Die Erde steht nicht +still, sie bewegt sich! Und fand keinen Schlaf mehr. Die Erde wuchs und die +Welt wuchs. Die Gestirne rückten auseinander, in erschreckende Fernen +rückten sie, aber sie hörten nicht auf, den Menschen anzustarren und er +ersann Mittel ihnen bis in die fernste Ferne zu folgen. Und mit jedem Tage +wächst die Welt. Der Astronom schreibt die unfaßbare Ziffer nieder, in +jeder Nacht starren hundert Rohre in den Raum, spähen und suchen -- und +morgen wird eine Depesche über die Länder fliegen: Die Welt ist gewachsen, +abermals ist sie größer geworden! + +Und mit jedem Tage wächst die Erde. Die Pioniere sind an der Arbeit. Wenn +jener Mann zurückkehrt, der jetzt den Nachen durch den fernen Schilfwald +stößt, wenn das Schiff im Norden nicht vom Eise zerdrückt wird: Sieg! Die +Erde ist gewachsen, sie ist größer geworden! Erobere mich, spricht die +Erde, ich bin dein! + +Grau lächelte. Wahrhaftig, dachte er ergriffen, ich liebe den Menschen, den +Entdecker, den Eroberer, den Pionier, den Rastlosen! + +Und er sah zu, wie die Menschen im Tale arbeiteten und Schaufeln und Picken +triumphierend in der Sonne blitzten. + +Niemals hatte sich Grau reicher gefühlt als in diesem Frühling, niemals +empfand er stärker die Wunder der Welt und verwebte er sich inniger mit +ihnen. Unausgesetzt durchschauerte ihn das Gefühl lebendig zu sein, selbst +in den Nächten. Er erwachte oft und hörte sein Herz pochen und Freude +erfüllte ihn und er dachte: Und morgen und übermorgen und jeden Morgen +beginnt ein neuer Tag. + +Jedes kleinste Ding bekam Sinn und Beziehung. Das Leben war wie das Buch +des Meisters, wo man es öffnet, Wahrheit, Schönheit, tiefes Gleichnis und +tiefes Geheimnis -- aber was ist das Buch des Meisters anders denn ein +Gleichnis des Lebens? + +Die Sonne ging unter und ein leiser Wind trug Duft und Wärme über die Stadt +und berührte Graus Wangen. Grau errötete und wußte nicht warum. Er blickt +sich um, ob niemand seine sonderbare Erregung beobachtet habe. Dann ging er +zurück in sein Haus. + +Selbst der Wind, dachte er, wie kostbar ist er? Ohne ihn wäre das Leben +nicht das Leben und nicht so reich wie es ist. Der Wind und der Sturm, die +Morgensonne und die Nachtfrische, die warmen Regentropfen und der +Hagelschauer -- sie alle erwecken ein geheimnisvolles Leben in uns, wir +atmen, es rieselt in uns, es erfüllt uns, wir erschrecken, erschauern: Das +ist das Leben. + + + + +Zweites Kapitel + + +Die Wiese um Susannas Häuschen wurde grün, im Vorgärtchen platzten die +Knospen. In all der Sonne sah das Haus freundlich und hübsch aus. Am +Fenster sah man vom Morgen bis zum Abend ein kleines gelbes Gesicht. + +Susanna saß den ganzen Tag am Fenster und lächelte. + +Sie lächelte, als das erste Trüppchen Vögel über den Himmel steuerte und +der Tauwind die Pappeln auf der Brücke schüttelte. Der Schnee sank in den +Boden und das Eis zerging, sie lächelte. Es grünte, über Nacht regnete es +grüne Flocken über die Pappeln auf der Brücke, an der Landstraße stellte +der Frühling eine ganze Postenkette blühender Bäume auf. Susanna lächelte. + +Nun konnte man die Fenster öffnen und Susanna trank die Luft, erschauerte +und wurde bleich. Fühlst du? sagte sie und griff mit der Hand in die Luft, +als greife sie etwas: Das ist die Luft! + +Dann sah sie zu wie das Gras wuchs und die Blumen und sie bebte, wie wenn +all die Gräser, all die Blumen aus ihrem eigenen Herzen wüchsen. -- Aber +doch war ihr Herz nicht so wie sie es wünschte: + +»Geliebter, mein Geliebter und Freund, du Gütigster und Schönster von +allen, ich liebe dich. Mein Geliebter und Freund, Glück in dein Herz, höre +mich, du Gütiger mit den goldenen Augen, höre mich und sprich. Wie ist mein +Herz? Ich weiß es nicht. Ich habe in den Büchern gelesen und mir mein Herz +aus den Büchern gesucht, aber so ist es nicht, nein. Es ist nicht, wie ich +will, es ist anders. Ich liebe dich! Es ist schön, es ist Frühling, das +Gras wächst, die Blumen leuchten. Die Sonne liegt in meinem Gärtchen und +ich danke ihr, daß sie auch an mein Gärtchen denkt, und ich sage mir, +wollten sich doch die Schollen lockern und die Sonne hineinlassen, denn da +unten will es auch Wärme haben. Ich danke der Luft, so süß ist sie. Ich +lache, wenn ein Vogel vorüberfliegt.« + +»Aber doch, mein Herz ist nicht so, wie ich es will, es ist anders.« + +»Ich habe geweint, ich weine so oft! Ich habe geträumt, ich ginge in einer +Wiese, schlank und schön und gesund und ich sang, ich erwachte und mußte +weinen. Soll ich es nicht sagen? Soll man dem, den man liebt, seine +Schwächen verhüllen, oder ist es ein Recht der Liebe, alles zu gestehen? +Sprich! Würdest du nicht du sein, ich würde schweigen, ich könnte dich ja +trotzdem lieben, aber ich würde es nicht wagen, dir alles zu gestehen. Aber +du verstehst mein Herz und es nennt dich Freund. Ich bin glücklich, so +sehr! Ich habe dich, ich bin froh. Ja, das Große ist gekommen, das Seltene +ist gekommen, auf das ich so viele Jahre wartete, nun ist es ja doch +gekommen, ich bin das glücklichste Mädchen der grünen Erde. Es ist ja +gekommen das Seltene, da ich es nicht mehr glaubte und nicht mehr hoffte. +Wie wunderlich ist das Leben! Nun ist es da. Ich habe gewünscht, noch +einmal das Gras zu sehen und die Blumen. Da ist das Gras und da sind die +Blumen. Ich bin glücklich, sehr! Ich sage zu meinem Herzen: Hast du nicht +ihn? Und hast du nicht auch den Frühling? Ja, sagt mein Herz, ich bin ja +froh. Es ist ja froh, es ist ja voller Freude -- aber es ist nicht so, wie +ich es will. Es ist traurig zur gleichen Zeit, traurig, traurig und weint +in mir. Gibt es solch ein Herz wieder auf der Welt? Es jauchzt und es weint +in derselben Stunde. Gütiger Freund, sprich! Es ist ja nicht so, mein Herz, +wie ich es gerne möchte --« + +»Eines weiß ich nun. Wenn du zu deinem Herzen sagst: Sei so, so, so! -- es +tut doch was es will, du kannst ihm nicht befehlen.« + +»Kannst du zu deinem Herzen sagen: Sei nicht bange! Wenn es aber doch vor +Angst zittert? Habe keine Furcht! Wenn es voller Angst ist? Denn die Angst +quält mich, die Angst. Hörst du, es pocht, es pocht überall, mein Blut +pocht, es pocht in meinen Fingern, es pocht in der Wand, der Decke. Dann +schweigt es plötzlich und ich denke: Wollte es doch lieber wieder pochen! +Das ist in den Nächten. Ich sage zu meinem Herzen: Sieh die Sterne, sieh +den Himmel, fühle die Nacht des Frühlings. Es gibt ja nichts, was ich mehr +liebe als die Frühlingsnacht, sagt mein Herz -- und vergeht vor Angst. +Fühle wie die Erde schläft, sage ich, ein Kind, so tief und schön -- aber +die Angst quält mich. Ist mein Leben vorüber, vorbei, vorbei, gegangen, +gegangen? Sage nein! Denn wie könnte mein Leben vorüber sein, da es eben +erst begann? Nein, nein, nein! Sage nein! mein Geliebter.« + +»Gibt es Menschen, die die Sprache der Vögel verstehen? Vielleicht +verstehst du die Sprache der Vögel und es ist eines deiner vielen +Geheimnisse, die dir das Lächeln geben, das man nie auf andern +Menschenlippen sieht! Ich liege hier und die Stare sitzen auf dem Kobel, +den du mit Herrn Eisenhut gezimmert hast, sie sitzen da, blicken zu mir her +und unterhalten sich über mich. Sieh doch die Stare, wie sie glänzen! sage +ich zu meinem Herzen, höre sie, wie sie pfeifen -- aber mein Herz lauscht +starr vor Angst. Ist es denn möglich, daß die Stare wissen, wie schlimm es +um mich steht? Ist es denn möglich, daß sie wissen, was in den nächsten +Wochen sein wird? Nein, nein, bei Gott, all das ist ja unmöglich! Und doch? +Es muß, es muß unmöglich sein, denn es ist schrecklich, was die Stare +sagen!« + +»Es ist nicht das allein! Wäre es nur das allein. Auch der Wind spricht, +auch die Luft spricht. Der Wind flüstert und ich verstehe wohl, was er +sagt. Er sagt dasselbe wie die Stare. Ich sage zu meinem Herzen: Fühle, wie +fein der Wind schmeichelt, aber mein Herz glaubt es nicht: Höre was er +spricht, sagt mein Herz. Ach, alles, alles sagt das gleiche, es ist ja +immer das gleiche, selbst die Uhr sagt es, wenn sie ticktackt. Und der Wind +sagt es in jeder Nacht. Hast du den Wind schon gesehen? Nicht laufen, nicht +im Laub, im Getreide. So, eine Person, eine Gestalt. Ich habe ihn gesehen +wie er am Fenster stand, ein graues dürres Männchen in weitem Mantel, +voller Buckel und Höcker. Er hat einen Höcker auf der Brust, auf dem +Rücken, seine Nase, seine Stirn, sein Ellbogen, alles ist ausgezogen zu +Höckern.« + +»Wärest du hier! Wenn du hier bist, so hat die Angst keine Macht über +mich.« + +»Ich sehe Gestalten. Oft stehen viele Gestalten in meinem Zimmer und sie +blicken mich alle mit ihren fahlen Augen an, ohne Gefühl, ohne Interesse, +gleichgültig. Sie regen sich nicht, sie sagen nichts, sie sagen auch nichts +zu einander. Sie stehen und warten. Niemals könnte ich sagen, wo sie +beginnen und wo sie aufhören, aber sie sind da. Merkwürdig -- ich fürchte +mich nicht vor ihnen. Es ist als müßten sie dastehen. Ja, ich habe zu ihnen +gesprochen. Ich habe allen Mut zusammengenommen und habe gesagt: Was wollt +ihr von mir? Seid ihr dahingeschiedene Seelen, wollt ihr mich begleiten, +wenn ich von der Erde fortgehe? Aber sie regten sich nicht, sie standen wie +zuvor und sahen mich an. Ich weinte. Denn ich kam mir so verlassen vor.« + +»Zuweilen geht auch ein Schritt ums Haus und es ist mir, als ob jemand am +Fenster stehen bliebe. Einmal erwachte ich mitten in der Nacht, ich hörte +wie der Schritt anhielt und eine Stimme am Fenster hauchte: Bald --« + +»Ich habe nachgedacht und ich fand es fürchterlich. All die Knaben, die am +Morgen über die Brücke zur Schule gehen, all die Bauern, die Freundinnen, +Klara und Maria und auch Adele -- ja, auch sie! -- und auch Mütterchen und +auch du, mein Liebling -- alle, alle! All die Menschen, die jetzt schlafen +oder wachen, in einem Zuge fahren oder auf Schiffen segeln -- alle werden +eines Tages still liegen und sich nicht mehr regen. Auch du. Auch +Mütterchen. Auch Adele. Und plötzlich stellte ich mir alle gestorben vor. +Auch Adele. Sie sah so schön aus.« + +»So sind meine Nächte und auch meine Tage sind so.« + +»Es ist das Fieber, es ist die Angst --« + +»So klein bin ich, so schwach. Ich bin glücklich! Glaube es mir. Adele +sagte zu mir: Es muß dich glücklich machen, daß er dich liebt. Ja, ja, ja! +sagte ich und es ist wahr. Aber mein Herz ist ja nicht so, wie ich will. +Ich hatte mir vorgenommen mutig zu sterben, denn es muß ja sein, ich hatte +mir vorgenommen zu lächeln und zu sprechen: Es ist leicht und süß zu +sterben -- aber nun -- die Angst -- die Angst!« + +»Du aber sollst kommen und mir die Hand auf die Stirn legen, daß ich Ruhe +habe!« + +»Du kommst und mein Herz ist wie früher, da ich ein Kind und ohne Angst +war. Ich höre die Vögel, ich sehe die Wiesen, ich lache. Sage nein, nein, +nein! Du sagst es ja immer, du bist die Hoffnung und du bringst Mut. Die +Ärzte wissen nichts, sagst du, ich glaube dir. Aber weshalb lächelt der +Arzt, wenn er mit mir spricht? Brauchte er denn zu lächeln? Aber ich glaube +dir, solange du bei mir bist, glaubt es mein Herz: Das macht mich ja +gesund, wenn es mein Herz glaubt --« + +»Süß ist es, an dich zu schreiben und ein Glück. Ich denke, ich darf ihm +schreiben. Es gehen viele in der Straße und sehen sich nach ihm um. Liebt +er Maria, liebt er Klara, liebt er Adele? Er liebt mich. Ich kenne dich +nicht. Du klagst nie, wie sollte ich dich also kennen. Es fiel mir erst +jetzt auf, daß du nie mit einem Worte geklagt hast, du sprichst nie von +dir. Die Leute sagen, du seist ein Tor, ich aber weiß wohl, daß Sie Leute +töricht sind. Oft erschrecke ich, denn ich kann dein Bild nicht festhalten, +ich weiß nicht, wer du bist. Nur wenn du mir nahe bist, da weiß ich es, da +frage ich nicht danach, da frage ich nichts, denn du bist gut: Komm und +nimm die Angst von meinem Herzen -- Susanna --« + + + + +Drittes Kapitel + + +Wie erstaunt war doch Susanna, als sich die Türe immer wieder und wieder +öffnete und immer mehr junge Mädchen eintraten. Es wollte gar kein Ende +nehmen. Noch mehr erstaunt war Mütterchen, die sich fein hergerichtet +hatte. Ihre Augen standen immer voller Tränen und sie verlegte zum Unglück +fortwährend die Brille. »Welche Freude -- daß sie uns die Ehre schenken -- +an Susannas Ehrentage.« -- Vor der Türe hing ein Willkomm-Kranz -- anders +hatte es Mütterchen nicht getan. »Willkommen« stand darauf und Mütterchen +hatte darunter geschrieben: Zum Verlobungsfeste von Susanna Lenz. Sie war +immer unterwegs, konnte sich keinen Augenblick niedersetzen, dazu hatte sie +keine Zeit, immer flatterte ihre weiße Schürze aus und ein. + +Aber es nahm ja kein Ende. Auf der Brücke gingen wiederum drei Mädchen. +Grau hatte es gut verstanden, die jungen Mädchen an ihr Versprechen, zu +einem kleinen Feste bei Susanna zu kommen, zu erinnern. Auch Fräulein +Sperling kam, die »ewige Braut«. Grau hatte sie ganz besonders eingeladen. +Sie kam mit Tränen in den Augen und lächelnden Lippen und nickte immerzu +gerührt mit dem Kopfe. + +Die Mädchen kamen in hellen Frühlingskleidern und glänzenden Augen und +roten Wangen, und alle waren guter Laune. Sie zwitscherten und kicherten +soviel wie ein ganzer Wald voller Vögel, wenn die Sonne aufgeht. Sie +brachten alle Blumen mit, ganz als ob sie es ausgemacht hätten, und füllten +das Zimmer damit an. Susanna saß in einem Garten. Auch Adele brachte +Blumen, sie brachte einen großen Strauß von weißen Rosen. Die Schwestern +Sinding hatten einen Kranz aus Veilchen geflochten, den sie Susanna auf den +Kopf setzten und alle Mädchen klatschten in die Hände. + +Außer Eisenhut waren noch ein Onkel und eine Tante gekommen, aus Weinberg. +Die Tante war klein und rund, eine Schwester Mütterchens, sie sprach +kreischend und hielt sich den dicken Leib beim Lachen. Sie hatte ein +kleines und ein großes glotzendes Auge, das alle vergnügt anstarrte. Der +Onkel kam im schwarzen Rock, mit einem hohen Zylinder. Er war +Aushilfsbriefbote in Weinberg. Er war mürrisch und sah ärgerlich aus. Er +sprach kein Wort und bewegte auch keine Miene, aber die Mädchen kümmerten +sich nicht um ihn. + +Das Zimmer war zu klein und Grau und Eisenhut zerlegten Mütterchens Bett +und schafften es in die Küche. Aber als immer mehr Gäste kamen, mußte auch +Susannas Bett hinausgeschafft werden. Die Gesellschaft nahm um den Tisch +herum Platz auf Stühlen, Bänken, Hockern, Koffern. Endlich war alles in +Ordnung und das Fest konnte beginnen. + +Es begann. Es begann mit Kaffee und Kuchen, Lachen und Gesang. Hin und her +gingen die Worte und das Lachen ging rings im Kreise. Was man sprach, das +hätte niemand später sagen können, aber man unterhielt sich gut und ohne +jede Pause. + +Wie Susanna fühlte! Sie saß da mit strahlenden schwarzen Augen, inmitten +all der Blumen, den Kranz auf den Haaren, inmitten all der jungen lachenden +Mädchen. Sie blickte ringsum im Kreise, von einem Gesichte zum andern, +lauschte, lächelte. Sie blickte Grau strahlend an und legte den Kopf an +seine Schulter. + +Er drückte ihr die Hand. + +Als man die Weinflaschen entkorkte, stieß Mütterchen plötzlich einen Schrei +aus: Ein bärtiger, wilder Kopf erschien am Fenster und eine tiefe Baßstimme +sagte: »Guten Tag, allerseits!« Es war der Lehrer. + +Mütterchen rannte zur Türe hinaus und hing an seinem Halse. + +Wie kam er doch hierher? »Ja, das ist ein Geheimnis, sozusagen! Ich habe +eben ein Engagement von einem Theater gehabt -- als König Lear zu gastieren +-- habe aber die Lumperei im Stiche gelassen, als ich von dem Feste hörte!« +Es war ihm glänzend gegangen auf seiner Wanderschaft, glänzend und +fürstlich wie immer hatte er gelebt. Auf einem Herrensitz, bei einem Baron +hatte er förmliche Festtage gehabt, eine Stadt, besser gesagt eine Art +Marktflecken, wollte ihn zum Bürgermeister haben. Als ob das so einfach +wäre --! + +Ja, trotzdem er in zerrissenen Kleidern daher kam und eine bedenkliche +Schramme an der Stirne hatte, war es ihm nie so gut gegangen, niemals +hatten ihn seine Freunde so fürstlich aufgenommen. Hahaha! + +Nun gab es leider einen kleinen Zwischenfall. Der Aushilfsbriefbote nämlich +tat, als sehe er nicht, als Lenz ihm die Hand zum Gruße hinstreckte. + +»Mein Name ist Pracht!« sagte er. »Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie +zu kennen.« + +»Oho! Du kennst mich nicht! Seht an! Mein Schwager! Seht an. Hier ist meine +Hand!« + +Aber Herr Pracht kannte ihn nicht. + +Lenz streckte ihm die Hand hin. + +»Genug, genug!« sagte er und lachte herzlich. »Hier ist meine Hand! Frieden +wollen wir schließen.« + +Nein, Herr Pracht kannte Leute seines Schlages nicht. Hätte er gewußt -- + +»Unsinn!« sagte Lenz und lachte. »Ich stelle mich also vor, Lenz ist mein +Name, Herr Pracht!« + +Herr Pracht lehnte ab. Er bedaure. + +»Gut!« sagte Lenz und lachte. »Die Herrschaften haben gesehen, daß ich +diesen Herrn Pracht hier, diesen prächtigen Herrn ein Dutzendmal meine Hand +hinstreckte und meine Gastfreundschaft anbot. Herr Pracht zieht es vor ins +Freie zu gehen. Darf ich bitten, Herr Pracht!« + +Lenz nahm den Aushilfsbriefträger am Genick, führte ihn hinaus durch den +Garten, er öffnete ihm höflich die Türe und gab ihm einen Schwung, daß Herr +Pracht in die Wiese flog und sein hoher Zylinder in das Gras kollerte. + +Dann kam Lenz herein, lachte, rieb sich die Hände und bat die Gesellschaft +wegen der kleinen Störung um Entschuldigung. + +Er sprach und sprach, stand auf und sang, das Glas in der Hand, mit +herrlicher Baßstimme ein Lied: Im tiefen Keller sitz' ich hier. -- Niemand +konnte wie er im tiefen Keller sitzen, da war der Modergeruch des Kellers, +der Widerhall riesiger Fässer -- alles. Niemand konnte wie er den Wein im +Glase anlächeln, mit einem verliebten gönnerhaften Lächeln, niemand konnte +wie er mit solch königlicher Geste das Glas erheben. + +Hierauf erzählte er eine absolut unglaubliche Geschichte von zehn +Schwestern mit eisernen Nasen -- sie machten dem Vater Stiefel aus Eisen +und sandten ihn nach Freiern aus -- eine Hexe vollständig aus Eisen -- +niemand könnte diese Geschichte wiedererzählen. Die Gesellschaft lachte +herzlich und der unangenehme Zwischenfall war vollständig vergessen. Die +Mädchen tranken und ihre Wangen wurden röter, ihre Augen glänzender. Sie +sangen. Sie sangen alle Lieder, die sie kannten: Am Brunnen vor dem Tore -- +Als ich noch im Flügelkleide -- Der Mai ist gekommen -- Mütterchen hörte +andächtig zu. Als die Fröhlichkeit den Höhepunkt erreicht hatte, sangen +sie: Ich weiß nicht was soll es bedeuten -- + +Auch die »ewige Braut« fühlte sich zu Hause unter den jungen Mädchen, sie +sang indem sie den blondweißen Kopf hin und her auf den Schultern wiegte +und man hörte sie stets noch die letzte Silbe hinausziehen, wenn alle schon +zu Ende waren. + +Dann lachte sie. + +Eisenhut sang nicht, aber er lächelte. + +»Singen Sie doch mit, Herr Eisenhut!« rief Adele und sah ihn an. Eisenhut +kam in Verlegenheit. »Ich habe Ihnen seinerzeit auf dem Balle so sehr +unrecht getan,« fuhr Adele laut fort, daß alle es hören mußten, »vergeben +Sie mir!« + +Eisenhut sagte: »Ach, das ist ja -- haha -- schon -- so lange her -- wie?« +Später erbot er sich ganz von selbst, die Kosten von Susannas Aufenthalt im +Süden zu bezahlen, im Falle sie reisen sollte. Er flüsterte es Grau ins +Ohr. + +Es ging fröhlich in dem kleinen Häuschen her und als die Sonne unterging +blendete sie all den jungen Mädchen ins Gesicht. All die singenden Lippen +und strahlenden Augen glänzten und die Zähne der jungen Mädchen blitzten. + +Susanna lächelte und während sie lächelte, schlief sie ein. + +Die Gesellschaft schlich sich davon. Mütterchen steckte Grau ein kleines +Paketchen in die Tasche. »Nimm!« sagte sie geheimnisvoll. »Wie soll ich dir +doch danken? Ein solch herrlicher Tag! Für mich und Susanna! Wie glücklich +sie war!« + + + + +Viertes Kapitel + + +In den Häusern zündete man die Lampen an und die Glocken läuteten den Abend +ein, als die Gesellschaft in die Stadt eintrat. In den Straßen war es schon +auffallend dunkel und merkwürdig warm. Kinder lärmten und die Leute standen +vor den Häusern um die erfrischende duftende Luft zu genießen. Man hörte +Stimmen in den noch dunkeln Zimmern, Worte, die gerufen wurden, die Familie +des Schlächtermeisters Keim war um eine Talgkerze versammelt und nahm das +Abendessen ein. + +Am Marktplatze ging die Gesellschaft unter vielem Lärm und fröhlichem +Lachen auseinander. + +Grau und Adele gingen miteinander. Sie hatten den gleichen Weg. + +»Wir haben ja den gleichen Weg!« sagte Adele und sie sahen einander an und +nickten. Sie waren beide beklommen und stiegen schweigend die Stufen +hinauf. Über die Mauer des Friedhofes und aus Eisenhuts Garten hingen +Zweige und Blüten, so daß sie durch eine Gasse von Blüten und Duft gingen. +Es war schwül hier und dämmerig. Adele stand still und sog den Duft ein. +»Es ist Jasmin.« + +»Ja, es ist Jasmin!« sagte Grau und wieder begegneten sich ihre Blicke. + +Oben war es kühler. Sie atmeten auf. + +Adeles Blicke gingen über die Stadt hin, in der es mehr blühende Bäume als +Häuser gab. Aus dem Dunst der Dämmerung blinzelten Lichter und auf einem +Dache lag ein fahler goldener Ton. Eisenhuts Garten war eine einzige lange +Woge von Blüten, die gegen die Höhe anschäumte. Adele schüttelte den Kopf +und deutete auf Eisenhuts Gartenmauer. + +»Die Tafeln,« sagte sie, »die Tafeln sind verschwunden. Vor den Hunden wird +gewarnt, Vorsicht Selbstschüsse -- Sie erinnern sich? Was ist doch mit +Herrn Eisenhut vorgegangen? So artig und nett, wie er heute war! Was mußten +Sie sich doch denken, als ich ihn auf dem Liederkranzball so schlecht +behandelte?« + +»Es ist wahr, Sie waren grausam gegen ihn.« + +»Aber warum doch? Warum quälte ich ihn denn? Ich hatte zu viel Sekt +getrunken und plötzlich kam es über mich. So häßlich war ich an jenem +Abend. Und Eisenhut quälte ich, weil ich mich ihm gegenüber schuldig +fühlte. Freilich, er erinnerte mich auch zu oft daran. Ich habe einmal +schlecht gegen ihn gehandelt und er hat mir doch einen großen Dienst +erwiesen -- er lieh mir zehntausend Mark und wollte nicht einmal einen +Schuldschein haben -- aber ich will gar nicht davon sprechen. Ich habe auch +noch andre häßliche Bemerkungen gemacht.« Sie sah Grau prüfend an. + +»Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was an jenem Abend gesprochen +wurde,« sagte Grau. + +»Das ist gut,« fuhr Adele fort, sie stockte. »Haben Sie denn Besuch, Herr +Grau? Es sitzt jemand auf Ihrer Treppe,« fragte sie. + +Vor dem kleinen Hause Graus saß eine dunkle Gestalt und rauchte Pfeife. Es +war ein kleiner alter Mann. Er erhob sich und machte eine Verbeugung. + +»Ich rauche Ihre Pfeife, Herr Grau, mit Ihrer Erlaubnis,« sagte er. + +»Es ist ein alter Handwerksbursche,« sagte Grau, »der vorläufig hier wohnt. +Er saß eines Tages auf meiner Treppe, abends, als ich heim kam, fand ich +ihn da. Er war krank und hatte Fieber. Man hatte ihm die Aufnahme in der +Herberge verweigert, weil seine Papiere nicht in Ordnung waren. Ich konnte +ihm doch nicht gut ein Obdach verweigern, zumal er Fieber hatte, nicht +wahr? Übrigens stört er mich nicht, ich habe ja so viel Raum.« + +»Wie lange wohnt er schon hier?« + +»Drei Wochen. Warum?« + +»Ich meine nur. Ich habe gehört, Sie haben Ihr Bett verschenkt und behelfen +sich selbst mit einem Strohsack?« + +Grau lächelte. »Eine merkwürdige Stadt!« sagte er. Sonst nichts. + +»Eine Dame hat es erzählt. Das Bett gehört ja zum Pfarrhause, es gehört +nicht Ihnen?« + +»Ich werde ein neues Bett kaufen,« sagte Grau. »Sagen Sie der Dame, sie +könne ganz unbesorgt sein. Ich habe das Bett hergeliehen, einer armen +Wöchnerin. Ja, mein Gott, ich kann doch da nicht erst lange fragen, wem das +Bett gehört? Eine ganz merkwürdige Stadt!« -- Adele lachte leise. + +Sie gingen schweigend an der Parkmauer entlang bis zum Gitter. Adele +blickte hinein. Im Hause war ein Flügel beleuchtet und man hörte ein +Klavier. + +»Wir haben Gesellschaft,« sagte sie, »die Offiziere von Weinberg.« Sie sah +zu den hellen Fenstern hinauf und lauschte. »Es ist Mama, die spielt.« Sie +blickte in den weiten Park hinein, dahin wo er ganz dunkel lag, und +schüttelte den Kopf. Sie fröstelte. Sie blickte Grau lange an. Dann sagte +sie mit einem Blick auf die hellen Fenster: »Ich habe keine Lust. Kommen +Sie!« + +Sie gingen weiter, den Weg entlang, der in den Wald führte. Es war ein +Kiesweg und man sah ihn weit hinein in den Wald fließen, obgleich es hier +ganz dunkel war. Zu ihren Häupten schlängelte sich eine schmale blaue +Straße des Himmels und ein früher Stern wanderte darauf. Bald versank jeder +Laut hinter ihnen und sie waren allein. + +Zuerst hörten sie ihre Schritte auf dem Kies, aber das Ohr gewöhnte sich +daran und lauschte auf die tiefe Ruhe des Waldes. + +»Welcher Friede, fühlen Sie!« sagte Grau leise. + +»Ja, hier ist Friede!« sagte Adele, deren Gesicht in der Dunkelheit zu +leuchten anfing. Sie stand still und wandte die Augen auf Grau. Er sah ihre +Augen, so hell waren sie. »Horchen Sie! Hören Sie das Klavier nicht mehr?« + +»Nein.« + +»Es ist Mama, die spielt. Ich höre es jetzt auch nicht mehr. Da sitzt sie +nun, meine kleine Mama und spielt und wartet auf mich. Denn sie tut ja +nichts andres. Sie wartet und die Herren lachen und plaudern. Sie sagt zu +Konrad: Konrad, wenn meine Tochter kommt, melden Sie es mir sofort. Sie +wartet und wird immer nervöser. Ich aber komme nicht.« + +»Sollten Sie nicht umkehren?« fragte Grau. + +Adele schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie, »ich habe keine Lust. Ja, +fühlen Sie doch den Frieden hier, Sie haben recht, wir wollen den Frieden +hier fühlen. Wie es riecht! Als ob Sie Rinde abschälten. Haben Sie viel +Frieden in sich? Ich nicht, nein, ich würde lügen, würde ich es behaupten. +-- Das heißt, es ist ja nicht so schlimm,« fuhr sie mit freierer Stimme +fort, »es ist nur der Frühling, weil alles so schön ist und die jungen +Mädchen heute lachten so viel.« + +Der Kiesweg war zu Ende. Sie gingen in einem Walde hoher Fichten. Der Boden +war glatt von Nadeln und Moos und es roch hier nach Harz und Wurzeln. + +Grau lächelte, und als ob Adele sein Lächeln gefühlt habe, blickte sie zu +ihm her. Er sagte: »Wir gehen wie im Werke einer großen Orgel, zwischen all +den schlanken Pfeifen. Als der Geist der Orgel gehen wir hier.« + +Er sah, daß Adele lächelte; ihre hellen Augen glänzten. + +»Warum sprechen Sie so eigentümlich?« fragte sie. + +»Sprach ich denn eigentümlich?« + +»Ja, Ihre Stimme klang ganz verändert.« + +Adele blickte zu den schwarzen phantastischen Wipfeln empor, die regungslos +dastanden, wie aus Erz gegossen, und einen fahlen grauen Himmel sehen +ließen, als beginne es zu tagen. Sie lächelte und sagte: »Aus unseren +Orgelstunden ist leider nichts geworden. Sie erinnern sich, daß ich neulich +bei Ihnen anfragte?« + +Er stehe jederzeit zur Verfügung. + +»Ich danke Ihnen aufrichtig,« sagte Adele, »aber der Baron sieht es nicht +gerne, mein Bräutigam. Ich weiß nicht warum, aber er hat solche Angst, die +Leute könnten über mich sprechen. Und dann hat er es noch nie gehört, daß +eine Dame Orgel spielte. Wüßte er, daß ich mit Ihnen hier gehe, so hätte er +nichts dagegen, nein, aber er hätte Angst, jemand könnte es sehen. Er hält +viel auf Etikette. Er denkt in jeder Beziehung frei und vornehm, aber er +will nicht, daß die Leute über mich sprechen. Sie haben ihn doch kennen +gelernt? Sind Sie in ein Gespräch mit ihm gekommen?« + +»Wir haben nur ein paar nichtssagende Worte gewechselt.« + +»Schade!« sagte Adele. »Ich wünschte, Sie hätten mit ihm gesprochen, er ist +sehr gebildet und klug. Freilich ist er ja meist zu müde zum Sprechen, er +liebt es auch nicht, er ist schweigsam. Sie würden vielleicht den Eindruck +bekommen, daß er etwas konventionell ist in seinen Anschauungen. Er könnte +zum Beispiel nie einen Handwerksburschen beherbergen, niemals in seinem +Leben -- aber er ist --. Vor allem liebt er mich sehr, er liest mir jeden +Wunsch von den Augen ab.« + +»Sie werden ja nun bald heiraten?« + +»Ja.« Adele blickte auf den Weg. »Er, der Baron, drängt sehr. Auch fühlt +sich Mama jetzt besser. Mir eilt es ja nicht so sehr -- obgleich ich den +Baron von ganzem Herzen liebe. Er besitzt eine Menge großer Eigenschaften, +Sie würden das bald herausfinden -- nun hört der Wald auf -- lassen Sie uns +nicht von diesen Dingen sprechen. Weshalb sehen Sie mich an? + +Es ist ja langweilig für Sie, nur von meinen Angelegenheiten zu hören, Herr +Grau. Deshalb. Wollen Sie mir nicht jenen Traum zu Ende erzählen, den Sie +auf dem Ball begannen?« + +»Gerne.« + +Sie traten aus dem Walde und der Rücken der Höhe lag im Dämmerlichte vor +ihnen. Im Tale zogen Nebel und die Stadt war in Dunst gehüllt. Einige +Lichter flimmerten, und wo der Bahnhof lag, blinzelte eine Reihe von +Laternen wie der Leichenzug eines armen Mannes. Der Himmel war fahl und +einige matte Sterne schwebten darin. Sie gingen am Rande des Waldes entlang +und kamen an eine Bank. Adele macht Miene sich niederzusetzen, aber sie +ging weiter. + +»Jene Frau und ich,« begann Grau, »gingen über die Heide, es war graue +Nacht und ganz still. Es war fahl wie jetzt, nur daß es dem Morgen zuging, +es war aber stiller als jetzt, obgleich hier kein Laut zu hören ist. +Trotzdem war es stiller. Die Luft war kühl, so wie sie ist, wenn der Morgen +nahe ist, sie war gewürzt von all den Kräutern und Blumen, die in der Heide +blühten. Wir gingen schweigend dahin, jene Frau, mit der Sie eine leichte +Ähnlichkeit haben, und ich. Alles war wie ein Schatten und wir selbst +schienen Schatten zu sein, die in der grauen Nacht dahingingen. Es standen +viele Sterne am Himmel, aber sie leuchteten nicht. Plötzlich begann es zu +sausen über unseren Häuptern und ein Heer von Sternschnuppen, ein +ungeheurer Regen von Sternschnuppen jagte blitzschnell über den Himmel und +verschwand hinter dem Horizonte. Es waren Milliarden von Sternschnuppen, +der ganze Himmel war fegendes Feuer. Ich erschrak, denn ich hatte niemals +so etwas Schönes gesehen. Warte, sagte die Frau an meiner Seite -- und +wieder fegten Milliarden von Sternschnuppen über den Himmel. Diesmal +dauerte es lange Zeit, endlos schien der goldene Regen zu sein. Endlich +hörte er auf und die letzten Funken versprühten am Horizonte. Mein Herz +schlug heftig, ja, es schlägt jetzt sogar bei der Erinnerung an dieses +schöne Schauspiel, das schöner war, als alles was ich im Wachen und im +Traum gesehen habe.« + +»Es wurde wieder fahl wie zuvor und die Frau sah mich lange an. Wie gefiel +es dir? sprach sie. Ich nickte, ich sagte nichts.« + +»Und weiter?« fragte Adele. + +»Wir wanderten zusammen,« fuhr Grau fort, »und es schien als wanderten wir +eine endlose Zeit in der grauen Nacht, aber ich wanderte dahin und fühlte +mich glücklich an der Seite der schönen Frau. Die Frau sprach sehr gütig zu +mir, aber ich weiß nicht mehr, was sie sagte, doch ich erinnere mich, daß +sie sehr gütig zu mir sprach. Ich habe niemals im Leben diese Güte in der +Stimme einer Frau gehört, aber im Traume hörte ich sie, niemals hatte ich +die sanfte Hand einer Frau auf meinem Arm gefühlt, aber im Traume, da +fühlte ich es. So sanft war sie! Wir wanderten über die Heide und mein Herz +war fröhlich. Wir unterhielten uns in einer fremden Sprache, aber ich hatte +keine Schwierigkeiten damit, ich verstand, ich sprach --« + +»So ist es im Traume.« + +»Ja. Der Boden war sanft unter unsern Füßen und wir konnten unsere Schritte +nicht hören -- wie jetzt, da wir über die Wiesen gehen. In der Heide +blühten Blumen. Es war eigentümlich, ich sah sie erst jetzt, die ganze +Heide war voll davon. Sie waren klein und niedrig und hatten Traumfarben. +Sie waren Tulpen ähnlich, durchsichtige mattfarbene Kelche hatten sie. Aber +in jedem dieser Kelche lebte -- so schien es -- ein Lichtgeisterchen, die +Lichtgeisterchen umschwebten die Blumen, sie saßen auf dem Blütenrande, sie +wirbelten hin und her. Plötzlich sah ich die ganze Luft von solchen +Geisterchen erfüllt, die auf und nieder schwebten. Sieh, sagte ich zur +Frau, sieh, und ergriff den Arm der Frau und deutete in die Luft --« Grau +erzählte so eifrig, daß er die Hand auf Adeles Arm legte und in die Luft +deutete, als sei sie erfüllt von Wesen, Adele sah ihn lächelnd an -- »sieh +doch, sagte ich, sieh doch! Sie lachte leise. Ich habe vergessen, daß du +ein Mensch bist, sagte sie, ein Blinder und Unwissender. Weißt du denn +nicht, daß jeder Hauch der Luft erfüllt ist von Wesen? -- Wir mußten einen +schmalen Bach überschreiten und ich war sehr erstaunt zu sehen, daß sich +über den Wellen des Baches Tausende von Quellengeisterchen tummelten, sie +schwebten hin und her in der Bewegung der Wellen und über einem kleinen +Strudel kreisten sie im Reigen, sie tanzten und lachten leise. Wie +merkwürdig, dachte ich, deshalb ist es so eigentümlich berückend auf das +Rieseln eines Baches zu lauschen? Ich beugte mich herab und beobachtete die +Geisterchen, sie sahen mich alle mit kleinen lichtgrünen Augen an. Sie +kamen mir so nahe, daß ich glaubte sie fühlen zu müssen, ein Geisterchen +streifte meine Wange, ein anderes saß einen Augenblick lang auf meiner +Lippe.« + +»Plötzlich erschrak ich. Ein hohler, tiefer Ton, der stark tremulierte, +erschütterte die Luft. Ich begann zu zittern, denn der Ton klang +unheimlich, er klang bald in der Ferne, bald schrecklich nahe und ich +zitterte, denn ich fühlte mich allein inmitten der Nacht und inmitten einer +Welt, in der ich ein Fremder war. Warum zitterst du denn? sagte die Frau an +meiner Seite, aber sie sprach gütig. Oh, ihr Menschen seid solch feige +zitternde Gespenster, nichts wollt ihr verlieren, nicht einmal euer Leben. +Wie lächerlich erscheint ihr doch den andern Wesen.« + +»Wir gingen und sprachen und die Frau an meiner Seite sagte mir, daß ich +einen schwachen Kopf habe und nie denken gelernt hätte, wie alle Menschen +sähe ich nur die Oberfläche der Dinge. Ihr gebärdet euch alle überaus klug +und wichtig, sagte sie, und euer Gehirn ist doch so schwach, daß es bei +jedem kleinen Gedanken explodiert und der Gedanke ist noch dazu falsch. +Weshalb lebst du, weißt du es? -- Welche Angst hatte ich doch zu antworten! +Ich lebe um meine Seele zur Harmonie und Schönheit zu entfalten, sagte ich. +Die Frau lächelte. Wie oberflächlich ist das doch! sagte sie. So lebe ich +vielleicht, um meine Seele zur Güte, zur Liebe und Wahrheit und +Gerechtigkeit zu erziehen? Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Das ist ja +alles so nebensächlich, sagte sie. Nun, sagte ich, ich lebe vielleicht um +mich zu wundern? -- Da faßte sie meinen Arm und sagte: Verhülle dein +Gesicht! Ich tat es, ich sah wie sie rasch die Hände auf das Gesicht legte +und verging, als sterbe sie. Ein Hauch fuhr über die Heide und der leise +Gesang der Geisterchen ringsum vereinigte sich zu einem einzigen Ton, der +wie ein leises Seufzen klang. Ich versank in eine Art Schlaf und als ich +erwachte, ging ich wieder neben der Frau in der grauen Nacht.« + +»Ich sah keine Blumen mehr, die Heide war eine gewöhnliche Heide und ich +erkannte die Kühle und den Geruch vom Anfange unserer Wanderung wieder. Es +ist Zeit, daß ich gehe, sagte die Frau, der Sternschnuppenregen ist +vorüber. Leben Sie wohl. -- Sie sprach wie eine Fremde. + +Leben Sie wohl! sagte ich und zog den Hut. + +Sie sah mich an und lächelte eigentümlich, sie stand ganz nahe. + +Leben Sie wohl, wiederholte sie, Sie haben mich heute nicht wiedererkannt. +Leben Sie wohl. + +Leben Sie wohl. + +Sie gab mir die Fingerspitzen der beiden Hände und sah mich an. Leben Sie +wohl, flüsterte sie, bis wir uns wiedersehen! + +Leben Sie wohl. + +Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Sie wissen nicht, was ich denke? +Nein? Leben Sie wohl. -- Sie ging und wandte sich noch einmal zu mir um und +bewegte die Lippen. Sie verschwand, ich weiß nicht wohin. Ich stand in der +Heide und blickte ringsum. -- Das ist der ganze Traum,« schloß Grau. + +Adele blickte auf den Boden und lächelte. Wie seltsam! Welch ein schöner +Traum! »Vielleicht haben Sie im Traume viele wahre Dinge erblickt, die wir +in Wirklichkeit nicht sehen können? Wie seltsam!« Sie standen am Gitter des +Parkes. + +Nach einer Weile sagte sie: »Was hat jene Frau doch gemeint, als sie sagte: +Sie wissen nicht, was ich denke?« + +Grau lächelte. »Wie kann ich es wissen?« + +Adele schüttelte den Kopf und öffnete das Gitter, indem sie rückwärts ging. +»Sie wissen es nicht? Vielleicht wollte sie, daß Sie fragen, wer sie sei, +ob sie nicht mit Ihnen gehen solle? Irgend etwas. Oder vielleicht wollte +sie, daß Sie sie zum Abschied küßten?« Adele lächelte. + +»Welch ein Gedanke!« sagt Grau erstaunt und verwirrt. + +Vielleicht habe sie das gedacht, vielleicht, man wisse es ja nicht, aber +eine Frau war sie ja doch! Nicht wahr? »Ich muß jetzt ebenfalls gehen, Herr +Grau. Leben Sie wohl!« Adele nickte. + +Grau zog den Hut: »Leben Sie wohl, Fräulein von Hennenbach.« + +Adele ging immer mehr rückwärts, an das Gitter gelehnt. + +»Leben Sie wohl,« wiederholte sie und sie sahen einander lange an. + +Grau schwindelte. »Gute Nacht und Dank für den Abend!« sagte er mechanisch. + +Adele wandte sich um und blickte über die Schulter zurück. »Leben Sie wohl +-- bis wir uns wiedersehen!« sagte sie und Grau sah ihre schmalen Zähne +schimmern. Sie ging hinein in den dunkeln Park. -- -- -- -- + +Grau sah sie gehen und ihr helles Kleid im Dunkel untertauchen. Unter der +Lampe des Eingangs leuchtete es wieder auf und verschwand. + +Er schloß langsam das Gitter. Es konnte doch nicht die ganze Nacht hindurch +offen stehen. Er blickte auf den Weg, wo sie gegangen war und schüttelte +den Kopf: Sie wußte ja nicht alles, ja, beim Himmel, sie wußte ja nicht +alles! + +Wußte sie denn, daß er wach lag und nur an sie dachte? In ihrem Garten +stand ein blühender Apfelbaum und ihn liebte er am meisten von allen +blühenden Bäumen im Lande. + +Wußte sie denn das? + +Er sah sich immer wieder um und sah dieses Eisengitter an. Leben Sie wohl +-- bis wir uns wiedersehen! Hatte sie nicht die gleichen Worte gesprochen +wie jene Frau im Traum? + +Es rieselte im Laube, das Rieseln ging ringsum im Walde und die Gräser +flüsterten. Wie ein Schauer rann es über die Erde und dieser Schauer des +Frühlings durchrieselte auch ihn. Plötzlich war alles von fahlem Lichte +erfüllt und der Wald zitterte im bleichen Scheine des Mondes, der über die +Höhen heraufstieg. Grau ging langsam dem Monde entgegen und das Licht +durchflutete ihn wie einen Baum. Ist alles Traum, ist alles Wunder? dachte +er. Ich selbst ein Traum im Traume der Welt? Etwas wie Betäubung befiel +ihn, er hatte das Gefühl, als ob er an einem Abgrund stände. Plötzlich roch +er die Kräuter wie in jenem Traume, derselbe Geruch war es und vor seinem +innern Auge erschien jene seltsame Frau und fragte, wie damals in mildem +Vorwurf: Hast du mich heute nicht wiedererkannt! Er schloß die Augen, da +sah er Adeles schmales Gesicht vor sich. Eine Stimme begann in ihm zu +flüstern. Sie flüsterte Worte, die er nicht verstehen wollte. Lehne deinen +Kopf an meine Schulter, flüsterte sie. Küsse mich, küsse mich tausendmal. + +Grau wandte sich um und blickte auf Adeles Park. + +»Ich werde ja schweigen,« sagte er laut. Aber die Stimme ihn ihm fuhr fort +zu flüstern: Küsse mich, küsse mich tausendmal -- + +Er lauschte und lächelte. »Ja, ja!« sagte er. + +Er stand und wartete bis alle Lichter in Adeles Haus erloschen. Die Luft +war feuchtwarm, duftend und so stark, daß ihm die Brust bei jedem Atemzuge +weh tat. Er dachte an Adele und der Gedanke an ihre Schönheit schmerzte +ihn. Das letzte Licht erlosch und er ging weiter. Erst gegen Morgen kam +Grau nach Hause. Das Herz war ihm schwer von schönen Träumen. Als er sich +auskleidete fiel jenes Paketchen aus seiner Tasche, das Mütterchen ihm +zugesteckt hatte. + +Er öffnete es. Kleine gelbe Kinderschuhe waren darin. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Der Himmel wurde höher und blauer, die Wolken weißer und schwebender, im +Garten schrien die jungen Stare. + +Susanna lag geduldig, ohne sich zu regen, denn sie sollte Kräfte zur Reise +sammeln. Ihre Augen glänzten in tiefer Schwärze. Sie wurde schöner. Ihre +Wangen füllten sich, die gelbe Farbe ihres Gesichtes verschwand, sie sah +blaß aus und niemals erschienen ihre Haare so schwarz und ihre Augen so +groß. Sie wurde schöner, alle waren überrascht, die sie sahen. + +Aber ihre Stimme verfiel. Sie konnte nicht mehr in ihrer hohen singenden +Stimme sprechen. Sie sprach leise und heiser und war kaum zu verstehen. + +Sie lag ruhig da und horchte auf das Gezwitscher und Pfeifen der Stare. Sie +lächelte, wenn die Starenmutter geflogen kam, eine Fliege im Schnabel, und +all die kleinen gelben Schnäbelchen der jungen Stare in dem runden Loch des +Kobels erschienen und ein kreischendes ungeduldiges Geschrei erhoben. + +»Hörst du?« sagte sie leise und heiser. »Wie glücklich diese Vögelchen +sind! Hätte ich es mir denn träumen lassen, daß ich noch einmal das Pfeifen +der Stare hören werde? Ach, oft weine ich vor Freude, am Morgen, wenn das +erste Zwitschern irgendwo fern zu hören ist. Ich liege hier und denke, wie +herrlich, wie rührend ist es doch! Die Lerchen trillern, da ist es noch +ganz grau auf den Feldern und die Stare kreischen und pfeifen. Dann färbt +sich der Himmel und ich rieche das Gras und die Bäche. Und ich kann es kaum +erwarten bis es licht wird und ich das Gras sehen kann. Hast du die Knospen +gesehen an meinen Rosenstöcken, ja? In ein paar Wochen, da wird alles +blühen. Auch der Flieder. Wie ist doch sein Duft? Wie eine süße und +traurige Geschichte. Könnte ich doch noch den Flieder blühen sehen und +diese Luft einatmen, die dann sein wird! Diese Luft, die so schwer von Duft +ist, daß sie sich kaum bewegen kann!« + +Ihre Augen leuchteten und sie lächelte. + +Geduld, Geduld! süße Susanna. + +Es kamen Regentage und Susanna lag still. Sie hatte die Augen halb +geöffnet, aber es schien als ob sie schlafe. Sie regte sich nicht, sie +sprach kein Wort, lautlos und hastig arbeitete ihre kleine schmale Brust. +Sie fieberte leicht und das Fieber legte einen Schleier um ihren Geist. + +Aber sobald die Sonne die Wolken zerteilte, erwachte sie, sie öffnete die +Augen und ihr Geist war frei. Verdunkelte sich der Himmel wieder, so +verdunkelte sich auch ihr Antlitz, ihre Augen erloschen, sie lag ohne +Bewegung und ohne Wunsch. + +Grau saß immerfort an ihrem Bette. In der Küche sprach Lenz, fast ohne +Pause. Es war ihm ganz einerlei mit wem er sprach und wovon, wenn er nur +sprechen konnte. War er allein, so sprach er mit sich selbst: Da wären wir +glücklich, alter Knabe, da wären wir glücklich, um Kohlen einzunehmen und +den alten Kutter frisch zu lackieren. Noch ein paar Tage und wir stechen in +das hohe Meer des Lebens hinaus -- prosit! Ein schwarzer Panther in einer +Küche -- haha -- bei Hühnern -- hole mich der Teufel! Er erzählte sich +selbst Geschichten, schmiedete Pläne und baute Luftschlösser. Er kam selten +ins Zimmer und immer nur auf einige Minuten, lachte, plauderte und streifte +Susanna mit scheuen Blicken. Häufig besuchte ihn Eisenhut, der gegenwärtig +einen kleinen Rückfall hatte und schrecklich trank. Neulich waren ihm schon +wieder die Kinder nachgelaufen. Er wich Grau aus. + +Eines Tages verlangte Susanna Eisenhut zu sprechen. Eisenhut kam aus der +Küche, mit gerötetem unrasierten Gesichte, blinzelnd und in guter Laune, +ein wenig unsicher in seinen Bewegungen. »Nun, wie geht es? Vorzüglich, +natürlich, hähä -- wie zwei Turteltäubchen, ja --« + +»Nein,« sagte Susanna leise und heiser, »es geht nicht gut.« Sie gab sich +alle Mühe zu sprechen, aber man hörte kaum was sie sagte. »Setzen Sie sich +hierher ans Bett, Herr Eisenhut. Ich möchte mit Ihnen sprechen. Ganz nahe, +ganz nahe. So, nun sind Sie nahe. Ach, Richard, mein Freund, du sollst dich +einstweilen auf den Stuhl neben mich setzen. So, nun ist es gut. Ich wollte +Ihnen danken, Herr Eisenhut!« + +Eisenhut ertrug ihren Blick nicht. Er blinzelte, stammelte etwas; es sei +doch nicht der Rede wert. + +»Nein, viel, viel haben Sie getan, Herr Eisenhut!« sagte Susanna und faßte +Eisenhuts Hand. »Viel Gutes haben Sie Mütterchen und mir erwiesen. Was wäre +wohl aus uns geworden, wenn Sie nicht gewesen wären?« + +Eisenhut legte das Gesicht in Falten, so daß es aussah, als beginne er zu +weinen, aber er lächelte. »Was habe ich denn getan? Alles in allem, nichts, +gleich Null, das ist es, was ich getan habe. Also bitte recht sehr, +behalten Sie den Dank für sich. Nein, lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe +gedacht, dieses Mütterchen kann ich gut brauchen. Diese arme Frau hat +nichts zu nagen und zu beißen und wird alles für billiges Geld tun. So habe +ich gerechnet, genau so. Ich habe Mütterchen dreißig Mark gegeben und dafür +sollte sie meine Mutter pflegen und ernähren. Das ist alles, was ich getan +habe. Und dann habe ich zuletzt monatlich fünfunddreißig Mark gegeben. Hier +haben sie alles zusammen, fertig!« + +Susanna lächelte. »Aber die Wohnung? Sie vergessen ja ganz die Wohnung. +Nun? Nein, Herr Eisenhut, Sie waren ja stets so gütig. Es ist wahr, +Mütterchen reichte nicht immer, dann mußte sie Schulden machen, beim +Krämer, beim Fleischer und beim Bäcker. Und die Schulden wuchsen und +wuchsen und Mütterchen verging vor Angst. Sagte ich zu Mütterchen: Sprich +doch mit Herrn Eisenhut, er ist ja so gut. Ja, er ist so gut, das ist wahr, +sagte Mütterchen und nahm all ihren Mut zusammen und sprach mit Ihnen. Ja, +Sie wetterten und donnerten, aber eines Tages da lagen eben doch die +zwanzig Mark auf dem Küchentisch und Sie haben kein Wort weiter gesagt, so +sind Sie! So unendlich viel Gutes haben Sie uns erwiesen, Sie lieber Freund +-- ja, so nenne ich Sie -- und Mütterchen spricht so oft von Ihnen und +dankt Ihnen jeden Tag. Sie spricht nichts zu Ihnen, nein, das tut sie +nicht, aber ihr ganzes Herz ist voll von Dank und sie geht hinaus um die +Türklinke abzureiben, wenn Sie kommen, damit Sie sich nicht die Hände +staubig machen.« + +»Eisenhut!« sagte die Baßstimme des Lehrers an der Küchentüre; er klopfte +ungeduldig und schob den bärtigen Kopf herein. Die Gläser seien gewärmt. +Alles sei bereit, um das Fest zu feiern. Eben sei ihm auch ein Gedanke wie +ein Blitz durch den Hirnschädel gefahren, eine geniale Idee, die das +Weltenbild total umforme -- + +»Sofort,« sagte Eisenhut, »ich habe einige Worte mit Susanna zu sprechen.« + +»Ja, wenn du mit Susanna sprichst, so kann ich warten, drei Tage und drei +Nächte, ohne zu murren,« sagte Lenz und zog sich zurück. Er begann +einstweilen ein Lied zu brummen. + +»Haben Sie mir alles gesagt, Susanna?« + +Nein, es sei erst die Einleitung. »Es handelt sich um etwas sehr Wichtiges. +Das Allerwichtigste, das es für mich gibt, Herr Eisenhut. Sie können es +nicht erraten?« + +Eisenhut versank in tiefes Nachdenken und lauschte auf das Lied, das der +Lehrer in der Küche brummte: Es war einmal ein König, der hatt' einen +großen Floh -- + +»Ich habe in meinem ganzen Leben nichts erraten können,« antwortete +Eisenhut, der mühsam seine Ungeduld verbarg. + +»Es ist so schwer, es zu sagen!« flüsterte Susanna und streichelte +Eisenhuts Hand. Sie streichelte die ganze Hand und dann jeden einzelnen +Finger. »Nun?« fragte sie und blickte ihn mit feuchten, pechschwarzen Augen +an. + +Nein, niemals könne er es erraten. + +»Wir knicken und ersticken -- doch gleich, wenn einer sticht --« brummte +Lenz in der Küche. »Bravo, bravo, das war schön! -- So soll es jedem Floh +ergehn!« + +Susanna nahm Eisenhuts Hand in beide Hände und liebkoste sie auf beiden +Seiten. Es handele sich um Mütterchen. »Seien Sie gut zu Mütterchen,« +flüsterte sie. + +Eisenhut nickte. + +Und Susanna fuhr flüsternd fort: »Mütterchen darf es nie erfahren, daß ich +Sie darum gebeten habe, und auch Sie müssen verzeihen, daß ich es tat, +lieber, guter Herr Eisenhut. Aber Sie wissen ja, Mütterchen kann nicht +sprechen, sie kann nicht bitten. Sie kann nur hungern, leiden und in ihre +Schürze weinen. Und Sie, ach, auch Sie, Herr Eisenhut, Sie sind ja gut, +aber Sie wissen gar nie, wo es einem fehlt und wie Sie ihm helfen könnten. +Was soll aus Mütterchen werden, wenn Sie ihr nicht etwas helfen?« + +Grau sagte leise: »Mütterchen soll es gut haben. Dafür werden wir beide +sorgen. Und du, sobald es besser geht --« + +Das wisse sie, das beruhige sie. »Aber nun, wenn Herrn Eisenhuts Mutter +stirbt -- wir setzen den Fall, wolle sie noch recht lange leben, -- ja -- +aber wir setzen den Fall -- was dann?« Sie habe nun gedacht, Herr Eisenhut +habe ja doch ihre Reise nach dem Süden bezahlen wollen -- das sei ja so +fraglich, ob sie reise -- ob er nicht das Geld vielleicht -- + +In der Küche brummte der Lehrer -- ha! sie pfeift auf dem letzten Loch, als +hätte sie Lieb' im Leibe. -- Als hätte sie Lieb' im Leibe, wiederholte er +im tiefsten Baß. + +Eisenhut versprach, Mütterchen eine Rente fürs ganze Leben auszusetzen. +»Hier, er ist Zeuge, Grau, ich habe es gesagt, morgen gehen wir zum Notar.« + +Susanna nickte, sie zog Eisenhuts Hand an die Lippen und küßte sie +inbrünstig, wobei sie die Augen schloß. + +»Ja, nun ist alles gut!« sagte sie und nickte und lächelte. -- + +Die Freundinnen kamen und brachten große Sträuße von Blumen mit, süße Weine +und Kuchen. Sie kamen herein, jung und frisch und duftend, mit roten Lippen +und den Schein der Sonne in den Augen. Sie lächelten, sprachen mit +gedämpfter Stimme, aber sobald sie ein paar Minuten da waren, sprachen sie +laut und lachten und erzählten wie schön es heute sei, Spaziergänge, +Tennis, Radpartien, eine Leiterwagenpartie sollte gemacht werden -- + +»Ja?« Susanna lachte und hustete. »Viel Vergnügen,« sagte sie und lachte +wieder und hustete mehr. »Recht viel Vergnügen!« + +»Oh, ich liebe euch, viel Vergnügen, ja!« + +Adele und Grau sahen einander an und sie erröteten beide. + +»Komme zu mir, Adele,« sagte Susanna. »Laß mich dein Kleid befühlen. Wie +fein ist der Stoff, so zart und dünn. Laß mich deine Haut befühlen. Wie +fein ist deine Hand, Adele. Aber wenn ich in deine Hand blicke -- siehst +du, Adele, warum ist Unfriede in deiner Hand? Ich blicke in Richards Hand. +So viel Friede ist darin. Nun, was bedeutet es schließlich und was schadet +es? Nicht wahr? Großer Unfriede, das ist das Leben und großer Friede, das +ist das Leben. Aber was dazwischen liegt, das ist nicht des Lebens wert. +Aber vielleicht -- wer weiß es denn! -- vielleicht ist es auch schön, im +Grase zu liegen, zufrieden zu sein und nur eine Kuh zu sein, etwa. Oder es +ist auch schön, in einem Gefängnis zu sitzen und zu leben. Nur zu leben. +Oh, wie du duftest! Oh, wie du duftest! Es ist die Luft, es ist der +Frühling und so jung bist du, das ist es auch!« + +»Liebe Freundinnen, meine lieben Freundinnen, ihr guten Herzen! Wißt ihr +was schön ist? Es ist schön euch anzusehen. Es wäre schön, mit euch Arm in +Arm zu gehen. Nun kommt der Sommer, dann der Herbst, und sie singen in den +Weinbergen, dann kommt der Winter und sie spielen in hellen Zimmern und +tanzen, dann kommt wieder der Frühling, der Sommer, der Herbst, der Winter, +der Frühling wieder, und wieder singen sie in den Weinbergen: Und ihr +werdet leben! Euer Leben wird schön sein, deines Maria und deines Klara und +deines Adele! Ach, Adele, wenn ich dich so ansehe, dir wird es ja nicht so +leicht werden, ich fühle es, aber euch allen wird es ja nicht so leicht +werden, vielleicht wird euch einmal ein Kind sterben und ihr werdet euch in +Schwarz kleiden und man wird nichts von euerm Kopfe sehen als schwarze +Schleier. Schmerzen werdet ihr haben, ja, aber auch das ist ja das Leben, +nicht? Nur wenn nichts geschieht, auch kein Schmerz mehr -- das ist der +Tod. Ja, euer Leben wird schön sein und ich wünsche es so. Und wenn ich es +verhindern kann, daß euer Kindchen stirbt -- wenn ich da etwas vermag -- +nichts soll mir zuviel sein -- oh, ihr Guten -- so schön wird es sein, wenn +ein Mann euch liebt -- ich weiß es ja wohl und auch Adele weiß es -- seht, +sie wird rot, seht es, nein sei nicht böse. Adele -- schön wird es sein, +all die Geheimnisse, wie schön -- und euere Kinder! Denn sicher werdet ihr +Kinder haben, werdet sie waschen, baden, küssen, werdet sie kleiden und +schlafen legen, all das. Es wird regnen und das wird euch gefallen, die +Sonne wird scheinen und ihr werdet froh sein im Herzen. Ihr werdet +fortgehen, hinaus und viele neue Menschen sehen und neue Länder, Blumen und +Sitten, Tiere. Ich hätte so gerne einmal einen Löwen gesehen, hatte nie +Gelegenheit, einen Löwen! Alles werdet ihr sehen. Da wird ein großer, +heller Saal sein und alle kommen in Festtagskleidern, auch ihr seid dabei. +Ich wünsche es. Konzerte werdet ihr hören und Theaterstücke werdet ihr +sehen, Bücher werdet ihr lesen, schöne und kluge Bücher -- ja, möge es so +sein, möge es so sein. Es geschehen so viele herrliche Dinge in der Welt, +heldenhafte und poetische Dinge, ihr werdet davon hören. Ich wünsche es! +Ich wünsche es! Möge es so sein!« + +»Nun Susanna, bald wirst du reisen und ebenfalls viel Schönes erleben.« + +Susanna lächelte und sah mit eigentümlichen Augen auf die Freundinnen. + +»Ja,« sagte sie, »wie recht sie doch hat! Bald werde ich reisen, aber ich +weiß nicht wohin. Du nimmst ein Billet nach Genf, du setzt dich in den Zug +und steigst aus und bist in Genf. Aber ich werde nicht wissen, wo ich +aussteige.« + +Niemand wagte zu sprechen, so eigentümlich klang das, was Susanna sagte. + +»Drum adieu!« fuhr Susanna fort und im Augenblick hatte sie sich im Bette +aufgerichtet. »Drum adieu, adieu!« + +Sie winkte mit beiden Händen den Freundinnen zu, die Hände bewegten sich +matt in den Gelenken. + +»Drum adieu, adieu!« sagte Susanna und lächelte und ihre Stimme klang, als +sänge sie. »Drum adieu, adieu?« wiederholte sie und winkte hinaus zum +Fenster und hinauf zum blauen Himmel. + +»Sagt allen Leuten, die ich kenne, adieu!« + +Klara und Maria hatten Tränen in den Augen, Adele zog die Brauen zusammen +und lächelte voller Pein. + +»Aber Susanna --« begann Klara. + +Susanna lächelte und winkte mit der Hand ab. + +»Ich weiß es nun,« sagte sie und lächelte, »ich weiß es nun ganz bestimmt. +Mit der Reise nach dem Süden ist es nichts, ich habe auch nie recht daran +geglaubt, es ist zu spät. Seit heute nacht weiß ich es. Ja, da erwachte ich +und siehe da, wie schön waren doch die Sterne! Wie schön und ich mußte +weinen, denn ich sah drei Sterne, die mir besonders gefielen, weil sie so +friedlich zusammen da droben wandelten. Ich öffnete das Fenster und sah ein +Kind im Garten stehen. Wie kommt das Kind hierher? dachte ich und wunderte +mich nur, denn vor Kindern fürchtet man sich ja nie. Das Kind hatte lange +Beine, dünne hübsche Beine, es war ein Mädchen von acht, neun Jahren. Das +Kind hatte gekräuseltes Haar, lauter winzige Löckchen, silberblond. Es +stand bei dem Rosenstock dort und hauchte auf die Knospen. Ich sah ihm zu +und dachte, was tut es? Ich sog die Luft ein, da roch ich Erde, Tau, +Pfefferminzkraut und den Flieder. Denkt euch, ich roch ihn so deutlich und +freute mich so sehr, bald wird er blühen. Nun, das Kind stand und hauchte +auf die Rosenknospe, auf die oberste des Stockes in der Ecke, dann kam es +auf mich zu und ich sah, daß es wirklich silberblonde Löckchen hatte. Es +sah mich an mit hellen Augen, lächelte und grüßte mich, indem es den Kopf +neigte, so langsam und stolz wie ein Mädchen von acht Jahren es tut. Dann +verschwand es und ich blickte hinauf zu den drei Sternen. Heute morgen +sagte mir Mütterchen, daß eine Rose aufgeblüht sei. Ja, sagte ich, ohne +hinzusehen, die oberste Rose des Stocks in der Ecke. Ja, sagte Mütterchen +und sie wunderte sich gar nicht, woher ich es wußte.« + +Susanna schwieg und lächelte. + +»Wie sonderbar der Traum ist!« sagte Maria zu Adele. + +Susanna schüttelte den Kopf. »Es ist ja gar kein Traum, es ist ja +Wirklichkeit,« sagte sie, sonst nichts. + +»Wir müssen jetzt gehen.« + +»Adieu, adieu! lebt wohl, alles Herrliche wünsche ich euch, ihr lieben +Menschen. Ja, so viel Glück sollt ihr haben! Und vergebt mir, wenn ich +ungerecht und launisch war und gelogen habe. Vergib besonders du mir, +Adele!« + +»Ach, Susanna --« + +»Doch, doch, ich beneidete euch, besonders Adele beneidete ich, weil sie +reich und vornehm und schön ist. Ich wünschte in meinem Herzen, es möge +euch recht schlecht gehen, eine Woche nur, einen Tag nur, damit ihr fühlt +wie es ist. Oft, oft! Aber nun wünsche ich euch ja Glück! Hört ihr es denn +nicht?« + +Sie sah Adele tief an. »Du bist mir so fremd!« sagte sie zögernd. »Und erst +seit einigen Tagen verstehe ich dich besser, ich fühle es, du bist nicht +glücklich. Du bist zu stolz, um glücklich zu sein. Dein Leben freut dich +nicht, nein. Du gehst wie betäubt und mit geschlossenen Augen deiner +Zukunft entgegen. Glück, Glück sollst du haben! Ich danke dir, daß du nicht +zu stolz warst, zu mir armem kranken Mädchen zu kommen. Glück! Glück!« + +Adele küßte Susannas Hände. + +»O, wie gut du bist!« seufzte Susanna. »Ja, denkt alle nicht mehr an das +Böse, das ich euch zufügte.« + +Niemals habe sie ihnen Böses zugefügt. + +»In Gedanken! In Gedanken fügen wir einander ja alle Böses zu. Und auch ich +tat es. Gerade in den letzten Tagen habe ich einen bösen Gedanken gehabt. +Ich habe gedacht, ja, auch sie werden einmal sterben müssen, auch sie. Nun +sind sie jung und schön, aber einmal wird es auch an sie kommen. Das habe +ich gedacht und es tat so gut das zu denken. Ich freute mich darüber -- +haha -- ich habe gelacht dabei -- auch sie, auch sie, alle, alle, alle +werden sterben müssen! Vergebt mir! Lebt wohl, Lebt wohl!« + +Die Freundinnen küßten ihr die Hand, Maria weinte in das Taschentuch. + +»Wie lieb sie mich haben, die guten Geschöpfe, sieh nur!« sagte Susanna zu +Mütterchen, die mit einem Glase aus der Küche kam. Und sie drückte die +Fingerspitzen in die Wangen und ihre Augen wurden noch größer und +strahlender. + +»Da gehen sie dahin!« sagte sie und blickte den Freundinnen nach, die in +hellen Kleidern durch die sonnige Wiese gingen. + +»Lebt wohl!« + + + + +Sechstes Kapitel + + +Lebe wohl, mein Geliebter! + +Lebe wohl, Mütterchen, kleines, hilfloses Mütterchen, lebe wohl! Die +Blätter, die Halme, die Blumen, lebet wohl. Lebe wohl, Himmelsblau, ihr +Wolken am Himmel, lebet wohl! + +Susanna lag in den Kissen und ihre Augen wanderten hin und her, sie konnte +nicht mehr sprechen, ihre Stimme war erloschen, aber ihre Augen sprachen. + +So sommerlich still war es. Mütterchen schlich herum und selbst Lenz +dämpfte die Stimme. Die Vögel zwitscherten und in der Ferne schlug ein +Fink, immerzu, vom Morgen bis zum Abend. Nachts herrschte tiefes Schweigen, +oft war es als schüttele sich ein Busch im Garten oder als zittere eine +Wand, das war alles. Die Güterzüge schleppten sich in der Ferne vorbei und +ein hohles dumpfes Echo rollte lange im Tal. + +Grau saß am Bette. Er sah krank und übernächtig aus, in den letzten Wochen +hatte er nicht mehr regelmäßig geschlafen. Seine Wangen waren hohl und sein +Blick fieberte wie Susannas Augen, aber seine Lippen waren rot. + +Susanna konnte nicht mehr sprechen, aber wenn man das Ohr an ihren Mund +hielt, verstand man mühsam, was sie sagte. Sie hatte nur selten etwas zu +sagen. + +Sie sagte: »Heute nacht habe ich geträumt, ich ging im Walde, wie herrlich +dunkel war es da! Grüne Dämmerung! Und alle Bäume waren so alt und standen +regungslos da. Ich mußte denken, wie regungslos sie dastehen und ich +fühlte, wie ich selbst steif wurde und anwurzelte am Boden wie ein Baum. +Ich konnte kaum mehr atmen. Es war schön!« + +Das war alles was sie an einem Tage sagte. + +Sie sagte: »Wenn ich auf der Bank auf der Höhe saß und von dem Großen und +Seltenen träumte, das kommen sollte, so dachte ich, es wird wohl ein Mann +sein, der dich liebt. Wie du das erraten hast? Du sagtest: Haben Sie nicht +auch von Liebe geträumt? Aber wie hätte ich denn das sagen können! Nicht? +Und ich habe gedacht, er wird sagen, daß meine Hände schön sind -- denn sie +sind ja schön, nicht wahr? Du hast es gesagt und zu Adele sagtest du, ich +habe Hände wie eine Japanerin. Das hat mich so glücklich gemacht!« Sie +lächelte, aber es schien, als ob ein allzu großer Schmerz sie überwältige, +denn ihre Lippen zuckten und ihre Schläfen begannen zu zittern. Sie fuhr +fort: »Denn was ein Mensch Schönes an sich hat, das möchte er entdeckt und +bewundert haben von dem, den er liebt, und selbst das, was nicht schön und +gut an ihm ist, das möchte er doch ein wenig schön und gut gefunden haben. +Ist es nicht so? Das würde ihn glücklich machen. Und gewiß, er würde sich +Mühe geben, daß es schön und gut werde. Wie wunderlich ist doch der Mensch! +Je mehr ich über des Menschen Herz nachdenke, desto wunderlicher erscheint +es mir. Wer könnte es je verstehen? Es ist wie ein Zauber, wenn man es +betrachtet, verändert es sich und betrachtet man es nun, so hat es sich +schon wieder verändert. Es lebt in uns wie ein fremder Gast in einem Hause, +den man nie zu sehen bekommt.« + +Sie lag still und lauschte. »Vater spricht!« sagte sie mit den Lippen ohne +Laut. + +»So empfindlich bist du geworden, Eisenhut!« sagte Lenz mit gedämpftem Baß +in der Küche draußen. »Wie du aussiehst! Wie ein Fex. Er kann nicht in +Heuschobern und im Walde schlafen, hast du es gehört, kleines Mütterchen -- +haha! Wie eine Prinzessin ist er. Aber wir können ja auch in Gasthäusern +schlafen, in seidenen Betten. Trinke, sage ich dir, trinke. Ob du trinkst +oder nicht, das hindert ja nichts an der Welt, die Welt bewegt sich so und +so -- aber wenn du trinkst, hast du vielleicht einen guten Einfall, einen +Gedanken, der dich erleuchtet, deshalb trinke. Morgen lichten wir die +Anker, Eisenhut, mitzunehmen brauchst du nichts, nur kein Gepäck schleppen. +Heute da, morgen dort. So ist es angenehm zu leben. Die Menschen sind schön +für einen Tag, zwei Tage, deshalb immerzu vorwärts, am dritten Tage werden +sie ja doch schon häßlich. Habe ich etwa den Bürgermeisterposten +angenommen, obgleich sie eine Deputation in die Scheune schickten, wo ich +schlief, wie? Nicht um eine Million Jahresgehalt, mein Freund!« + +»Hähä -- für tausend Mark, für fünfhundert, für zweihundert,« sagte +Eisenhut kichernd. + +»Nicht für eine Milliarde!« entgegnete Lenz und schlug auf den Tisch. + +»Pst, pst --« sagte Mütterchen. + +»Piepse ich nicht wie eine Maus? Nun -- die Gegend war ja schön -- Wein, +Obst, schöne Mädchen -- aber nicht für eine Milliarde --« + +Susanna begann am ganzen Körper zu zittern und ihre Augen füllten sich mit +Angst. + +»Sieh mich an,« sagte Grau und sie wandte ihm den Blick zu. + +Grau lächelte. »Du hast recht, Susanna, wunderlich ist des Menschen Herz, +ich will dir eine Geschichte erzählen -- laß mich nur besinnen auf den +Anfang und sieh mich nur an, es ist schön in deine tiefen schwarzen Augen +zu sehen, süße Susanna, und zu plaudern -- ja, eine Geschichte von einer +alten Frau, ein Mann hat sie mir erzählt, der viel auf Reisen war. Aber +sieh mich doch an und gib mir auch die Hand, so -- es ist die Geschichte +von einer Frau, einer Mutter von zweiundzwanzig Kindern. Haha, du lächelst, +Susanna! Es ist aber so. Eine Frau in Persien, ich weiß nicht wo. Der Mann, +der mir die Geschichte erzählte, wohnte bei dieser Frau, da sie siebzig +Jahre alt war, er kannte die Schicksale von all den zweiundzwanzig Kindern. +Es waren recht wunderliche und romanhafte Schicksale, das muß man sagen; +und der Mann kannte sie alle, denn diese alte Frau sprach immerzu, vom +Morgen bis zum Abend von ihren zweiundzwanzig Kindern. Am meisten aber +sprach die Frau von ihrem Sohne -- wie hieß er doch -- Haffis, es ist ja +nebensächlich, also Haffis -- denn Haffis war ihr Lieblingssohn. Sie +erzählte von Haffis und es war anzuhören wie ein Gesang. Was für ein Knabe +dieser Haffis doch war! -- Wie schön, wie stark, wie kräftig und kühn er +doch war! Doch all das, diese Schönheit, Kühnheit, Stärke des Knaben, wer +hätte annehmen können, daß sich das verhundertfachen würde als der Knabe +zum Jüngling heranwuchs? Seine Mutter, jene siebzigjährige Greisin, sprach +mit Feuer in den Augen von ihm, sie sprach von ihm wie von einem Gott, der +auf die Erde herabgestiegen war. Man konnte mit einem schnellen Pferde drei +Menschenleben lang in der Welt herumreiten, ohne wieder solch einen +Jüngling wie Haffis zu finden. So schön, so stark, so kühn! Sie, die +Mutter, hörte es mit eigenen Ohren, wie die Mädchen, die aus den Dörfern +ringsum herbei kamen, vor dem Fenster Haffis wehklagten und seufzten vor +unsinniger Liebe.« + +»Es gab nur einen Haffis! Wie er ging, wie er zu Pferde saß!« + +»Nun, wie ging er denn?« fragte der Fremde, dem die Greisin von ihrem Sohne +vorschwärmte, »ging er so, ging er so?« Und der Fremde ging so stolz und +herrisch wie nur möglich. + +»Aber die Mutter lachte und schüttelte den weißen Kopf.« + +»Niemals wirst du es fertig bringen zu gehen wie Haffis ging. Haffis ging +wie der Hengst des Scheichs.« + +»Nun, er, der Fremde, versuchte zu gehen wie der Hengst des Scheichs, aber +es war doch nicht das richtige. Die Mutter lachte ganz einfach. Dem Hengst +fehlen ja Nacken und Mähne! Niemals konnte der Fremde so gehen wie Haffis +ging, das war ja selbstverständlich.« + +»Es ist ganz natürlich, daß sich das Leben eines solchen Jünglings +besonders glänzend gestaltete, nicht wahr? Haffis Leben gestaltete sich +ganz wunderbar. Nämlich, das Auge des Scheichs fiel auf Haffis und er nahm +ihn an den Hof. Haffis schlug Schlachten und warf die Feinde nieder. In der +Heimat aber weinten sich die Mädchen die Augen blind und viele -- das ist +Tatsache, Susanna -- viele sind aus Kummer und Sehnsucht gestorben. Die +Mutter hörte in Gesängen die Taten des Sohnes preisen. Einmal sprengte ein +Bote vor ihre Hütte, brachte Grüße und Geschenke und jagte wieder von +dannen. Er durfte ja keine Minute versäumen, wenn er nicht seinen Kopf +verlieren wollte. Am vierten Vollmond zieht dein Sohn hier vorbei, sagte +der Bote, und am vierten Vollmond zog Haffis, der Gefürchtete, der +Herrliche, der Göttliche, vorüber. Endlos war die Zahl seiner Kamele und +Pferde und Frauen und Diener und seiner Lasten von Seide und Gold und +Geschmeide. Das kann ich ja gar nicht schildern, Susanna, kein Mensch kann +es, du mußt dir das selbst ausmalen. Der Zug reichte gerade von dem Punkte, +wo die Sonne aus der Steppe steigt, bis zu dem Punkte, wo die Sonne in die +Erde sinkt. An der Spitze ritt Haffis in Seide und Edelsteinen, er funkelte +wie die Sonne. Haffis war ein dankbarer Sohn. Er sprang vom Pferde, küßte +den Boden vor den Füßen der Mutter und sprang wieder in den Sattel und +schon war er verschwunden.« + +»Die greise Mutter konnte tagelang erzählen von der Pracht der Tiere und +Geschmeide und Waffen, von der Schönheit der Frauen, die sich auf den +Kamelen schaukelten. Sie berauschte sich noch in der Erinnerung an dem +Anblick der Karawane.« + +»Nun sollte man glauben, daß das genug sei? Aber nein. Haffis wuchs und +wuchs und der Scheich gab ihm zuletzt die Tochter zur Frau. Sänger zogen +umher und feierten ihn in Liedern. Er würde Scheich werden.« + +»Wochen und Monate hindurch hat die Mutter dem Fremden von Haffis erzählt +und die Zahl seiner Frauen und Diener wuchs ins Unglaubliche.« + +»Aber nun ist die Geschichte bald zu Ende. Denn die alte Mutter sollte +sterben.« + +»Sie lag da und der Fremde wußte, daß es für sie keine Rettung mehr gab. +Wie merkwürdig aber war es doch: Die alte Mutter, die sterbende alte +Mutter, sie sprach mit keiner Silbe mehr von all den andern einundzwanzig +Kindern -- wieder lächelst du, Susanna! -- sie sprach nur noch von Haffis, +dem Lieblingssohne, seiner Schönheit, seiner Kraft, seinem Reichtum und +seinem Ruhme. Wieder und wieder!« + +»Dann kam der Tod und machte die Mutter fahl. Aber sie hatte noch etwas zu +sagen, bevor sie starb. Der Fremde beugte das Ohr herab und sie flüsterte: +Haffis war acht Jahre alt, da ertrank er im Fluß. -- Und sie verfluchte den +Fluß und starb.« + +»So wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna!« + +Susanna lag still und blickte auf ein Stückchen Sonne, das auf dem +Fensterbrett lag. Die jungen Stare schrien und sie erschrak. Wieder begann +sie am ganzen Körper zu zittern und die Angst erfüllte wiederum ihre Augen. + +Grau lächelte und nahm ihre Hand. »Willst du mich nicht anblicken, Susanna? +Nun geht die Sonne unter und deine Augen bekommen einen kupfernen Glanz. +Ja, wie wunderlich ist des Menschen Herz, Susanna. Unerklärlich tief und +wundersam ist es in uns verborgen. Schlummern nicht unendliche Schönheiten +darin? Träume, Gefühle, Liebe, Ergriffenheit, Schauer, deren Ursache wir +nicht kennen, Ahnungen, deren Ziel uns unbekannt ist? Zuweilen ist das +Menschenherz wie eine Orgel, es braust und singt in uns, zuweilen wie ein +Dichter, es dichtet in uns, zuweilen wie ein erzürnter gütiger Prediger, es +ruft, ruft. So tief und wundervoll ist es. -- Nun will ich dir die +Geschichte von einem Trinker erzählen, er trank schrecklich und machte alle +unglücklich, seine Familie, aber was für ein Herz hatte er doch! Du sollst +es hören!« + +Eisenhut klopfte draußen auf den Tisch und fand irgend etwas ganz +unmöglich, unfaßbar und unbegreiflich! + +»Wir schneiden mit dieser Maschine deine Steine wie Butter!« sagte Lenz und +lachte. »Wie Butter! Ich habe diese Maschine extra für dich erfunden, +Eisenhut. Ja, es war mir eine Freude, sie für dich zu erfinden. Ich tue das +gern. Der Frau eines Gärtners -- eines Freundes von mir, ich habe Freunde +in allen Berufsklassen -- habe ich einen Kinderwagen erfunden, der eine +Gummibadewanne enthält -- Kinderwagen, Badewanne, fahrbare Badewanne in +einem Stück also. Ich liebe das und bin auch meinen Freunden gerne +nützlich. Für dich habe ich diese Maschine erfunden, Eisenhut, wir stecken +die Hände in die Hosentaschen und unsere Maschine arbeitet. Deine Arbeiter +können Karten spielen oder sich die Schädel einschlagen zur Unterhaltung +--« + +»Ja, zum Teufel -- eine Maschine -- wer sollte das verstehen -- +unbegreiflich ist das!« Eisenhut meckerte belustigt. + +»Verstehen. Gut. Hier. Das ist eine eiserne Brücke. Hier hast du eine +Kreissäge -- Hebel auf! -- Der Dampf fährt hinein und die Kreissäge -- vier +Meter Durchmesser -- schneidet den Stein. Die Brücke steigt in die Höhe, +sie schneidet Streifen, wir stellen die Kreissäge wagerecht -- auf diese +Weise schneiden wir deine zwölf Steinbrüche wie Butter -- wie Butter --« + +»Ausgezeichnet -- unglaublich, aber ausgezeichnet!« + +Eisenhut meckerte und Lenz lachte entzückt über seine Maschine. + +»Wie schön!« sagte Susanna, als Grau die Geschichte von dem Trinker erzählt +hatte. + +Sie lächelte und drückte Grau die Hand. + +»Beuge dein Ohr -- so -- sage mir und verzeihe die Frage, ich weiß ja +nicht, ob ich alles fragen darf?« + +»Alles, alles, Susanna!« + +»Wirklich alles, alles?« + +»Ja!« + +Susanna blickte Grau lange an. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich sage es +nicht -- doch ich frage es -- ich frage nur -- du sollst nicht antworten, +hörst du! Würdest du mir versprechen -- du sollst es ja nicht tun -- ich +frage bloß -- würdest du mir versprechen, kein Mädchen nach mir zu küssen? +Würdest du? Ich frage bloß, du versprichst ja nichts.« + +»Ich würde es dir versprechen, Susanna, meine Freundin!« + +»Wenn ich -- es nun sagte?« + +»Sage es, meine Geliebte!« + +»Willst du mir versprechen -- nein, nein, nein, laß es mich nicht sagen -- +nein, es macht mich glücklich, zu denken -- nein. Vielleicht werde ich es +ja doch tun? Aber nein, nicht dies. Ich wollte ja gar nicht dies fragen. +Ich darf doch fragen was ich will, du hast es gesagt. Hast du?« + +»Ja, Susanna!« + +»So sage mir -- wieviele Mädchen hast du schon geküßt? Nun?« + +Grau lächelte. + +Susanna lächelte und küßte flüchtig seine Hand. »Auf den Mund, wieviele? +Fünf, sechs?« + +Grau schüttelte den Kopf. Mehr? »Nein,« sagte Grau lächelnd. + +»Dann waren es wohl vier? Nicht? Dann waren es wohl drei? Ist auch das noch +zuviel?« + +Grau lächelte und Susanna wartete lange. + +»Zwei?« + +Grau schüttelte den Kopf. + +»Eine!« + +»Du hättest nicht fragen sollen,« sagte Grau. + +»Außer mir noch eine?« + +Grau schüttelte den Kopf. Er errötete. »Warum hast du doch gefragt? Ich +habe ja nie Gelegenheit gehabt, ein Mädchen näher kennen zu lernen. Ich +sage ja nicht, daß ich nicht gewünscht habe, das oder jenes Mädchen zu +küssen. Aber ich bin ihnen ja nicht näher gekommen -- warum hast du doch +nur gefragt!« Susanna blickte ihn mit strahlenden und erstaunten Augen an. +Ihr Blick veränderte sich seitdem nicht mehr, so oft sie ihn ansah. +Häufiger als sonst zog sie Graus Hand an die Lippen. + +Und plötzlich richtete sich Susanna auf und sagte: »Ich liebe dich. Du bist +mein, bist du?« + +»Ja,« antwortete Grau. + +Susanna hustete ein wenig, sie errötete und ihre Augen flammten. + +»So versprich mir, zu keiner Frau mehr von Liebe zu reden!« + +Grau zögerte nicht. Er versprach. + +»Oh, oh!« rief Susanna aus und warf sich in die Kissen und weinte. + +Grau verstand sie nicht. + +Lenz und Eisenhut lachten draußen in der Küche. + +Mütterchen kam ins Zimmer und sagte: »Höre, wie sie lachen! Nun will er +Klatschbase schlachten, für heute abend!« + +Lenz wurde in den nächsten Tagen schweigsam. Er streckte sich, trieb sich +herum, er blickte den ziehenden Wolken nach. Er reiste ab. Mütterchen hatte +ihm den Rock zurecht geflickt und ein kleines Ränzchen gepackt. + +»Nun denn, adieu!« sagte Lenz laut und fröhlich zu Susanna. »Adieu, meine +prächtige Susanna, meine Freunde erwarten mich! Ich bin diesmal lange +dageblieben. Adieu und sieh, daß du bald ganz gesund wirst, mein schönes, +herrliches Mädchen!« + +Er ging. Mütterchen weinte den ganzen Tag. -- + +Grau hatte eine Unterredung mit Adele. Sie saß in der Laube an der Mauer +und stickte. Sie sprachen von Susanna. Ja, es gehe zu Ende jetzt. + +Adele sagte: »Ich gehe zuweilen des Abends oben auf der Höhe, die Abende +sind so schön.« + +»Ja,« sagte Grau. + +»Sie sind ja gegenwärtig so sehr in Anspruch genommen, nicht wahr. Aber ich +würde gerne wieder mit Ihnen sprechen. Heute abend?« + +Sie gingen zusammen auf der Höhe, bis der Mond aufging. Sie sprachen fast +nichts. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. + +Aber als sie sich trennten, sahen sie einander in die Augen. + +Plötzlich fiel Grau das Versprechen ein, das er Susanna gegeben hatte, und +er erbleichte so sehr, daß Adele es gewahrte. + +»Weshalb sind Sie plötzlich so bleich geworden?« fragte sie. + +»Es ist nichts. Gute Nacht.« + +»Gute Nacht, Herr Grau.« -- + +Am andern Tage starb Susanna. + + + + +Siebentes Kapitel + + +Grau schlief, da kam ein kleines Mädchen zu ihm ins Zimmer, es blieb an der +Türe stehen und winkte schüchtern mit dem Zeigefinger. Aber er regte sich +nicht, er war todmüde. Das Mädchen hatte hohe, schlanke Beine und einen +silberblonden Lockenkopf. Es näherte sich und berührte mit geheimnisvoller +wichtiger Gebärde seinen Arm: Grau erwachte. + +Seine Brust war beklommen, er vermochte kaum zu atmen und konnte keinen +klaren Gedanken fassen. + +Im Zimmer war es dunkel, aber durch den Spalt der Fensterladen konnte er +hinaus in den Mittag blicken. Alles schlief in der roten Sonne, kein Zweig +schwankte. Der Garten sah verändert aus und auch er schien ein Geheimnis zu +wissen. Graus Beklommenheit wuchs zur Angst. Susanna! dachte er und verließ +rasch das Haus. + +Er ging so rasch, daß die Leute ihm erstaunt nachblickten. Die Kinder +spielten vor den Häusern, sie schrien und lachten und eilten auf Grau zu. +Aber er hatte heute keine Zeit. Er lächelte und winkte ihnen ab. Nun liefen +sie rasch neben ihm her, tanzten vor seinen Füßen, lachten; es wurden ihrer +immer mehr. Überall öffnete man die Fenster, um zu sehen, was es eigentlich +gäbe. Aus allen Häusern kamen die Kinder heraus und aus allen Gassen. + +Grau ging sehr schnell, aber die Kinder tanzten um ihn herum, es war ihnen +ein leichtes zu tanzen und doch mit zu kommen. Sie schrien ihm zu, was sie +spielten, was sie gegessen hatten, wohin sie gehen wollten und eine Menge +Neuigkeiten. + +Erst beim Tore blieben sie zurück und nur einzelne folgten ihm noch. Grau +beschleunigte den Schritt noch mehr, der Schweiß stand ihm auf der Stirne. +So oft ihn der Gedanke durchfuhr, daß er Susanna nicht mehr lebend anträfe, +lief er ein Stück des Weges. + +Von der Brücke aus sah man Susannas Haus in der Sonne liegen. Je weiter der +Sommer fortschritt, desto tiefer schien das Häuschen in die Wiese zu +sinken. Es war von Sonnendunst eingehüllt. Wer aber war das, der im Garten +stand und mit einem leuchtenden Tuche winkte? Grau erschrak. Es war +Susanna, so unmöglich es ihm auch schien. + +Sie stand im Garten, weiß gekleidet, Eisenhut war bei ihr und Mütterchen +mit der Brille lehnte am Pfosten der Türe. Susanna winkte und öffnete das +Gartentürchen. + +»Nun?« rief sie mit hoher, feiner Stimme. »Was sagst du dazu? Ich habe so +sehr gewünscht, daß du kämest, und nun bist du da!« + +Sie war klein und niemals hätte er sich denken können, daß sie so klein +war. Ihre schmalen Wangen waren von einer gleichmäßigen Fieberröte +überzogen und ihre großen Augen leuchteten gespenstisch. + +Eisenhut lachte. »Ich hätte gestern keinen Pfennig mehr für sie gegeben!« +rief er. »Sie sah aus als ob man sie sofort in den Sarg legen könnte, heute +steht sie auf, zieht das weiße Kleid an und geht herum. So verrückt, wie?« + +»Ich kann auch wieder sprechen!« sagte Susanna und atmete tief. »Ich habe +die ganze Nacht hindurch geschlafen und in meiner Brust ist etwas vor sich +gegangen. So leicht und frei. Wie ich atmen kann, so tief! Oh, wie schön +ist es doch zu gehen. Ich bin so müde in den Knien und das ist so schön!« + +Grau drückte sie an die Brust. »Ja,« hauchte er. Er fand keine Worte. + +Susanna ging langsam in ihrem Gärtchen umher, besah die Rosen, den Mohn, +die Nelken, die Halme und liebkoste die Blätter. Sie legte die Hände in das +Gras und sagte, wie kühl doch das Gras sei. Wärme und Duft standen wie eine +Mauer im Garten. Sie ging zu dem kleinen Fliederbusch, steckte das Gesicht +hinein und ließ sich die Wangen von den Blütentrauben liebkosen. + +Am Himmel türmten sich mächtige Wolken gleich phantastischen Ballen von +feuerfarbener Seide, die an der Oberfläche rote Glut versengt hatte. Der +Wind erwachte. + +»Sieh, wie der Wind läuft!« rief Susanna und deutete über die Felder. »Wie +hurtig!« + +Man sah ihn laufen. Er kam über den Hügel herab, strich über die Felder, +wühlte sich ins Korn und schmiegte sich auf den Wiesen ins Gras wie ein +Hund. Er kam rasch näher, die Blätter eines Haselstrauches begrüßten ihn, +die Blumen am Wege verneigten sich: Er war da, warm, duftend, schwül und +Susanna hustete als er zu ihr kam und ihr goldenes Brusttuch in die Höhe +hob, gleichsam um zu fühlen, wie fein es war. Einen Augenblick und schon +war er verschwunden. + +Dann kam er von neuem über die Wiesen. + +»Sieh doch, wie rasch er läuft! Vielleicht kommt ein Gewitter.« + +Ein Zitronenfalter segelte über die Wiese und Susanna ließ ihn nicht aus +den Augen, fieberhaft rückte sie den Blick hin und her. »Pst?« sagte sie. +»Sicherlich wird er den Flieder riechen und hierher kommen. Locke, locke!« +sagte sie zum Fliederbusch mit beschwörenden Blicken. Der Zitronenfalter +gaukelte zuerst um eine Kleeblüte, dann kam er in den Garten herein und +Susanna, ganz atemlos, streckte behutsam die Hand aus. Sie zitterte am +ganzen Körper vor Erregung. Ihre Lippen zitterten, ihre Blicke sogar. Es +war, als wolle sie die Natur fragen, ob sie ihre Liebe erwidere. Da setzte +sich der Falter auf ihren Finger. + +Ohne Regung stand Susanna und blickte lächelnd auf den Schmetterling, der +seinen Rüssel auf ihren Finger setzte und mit den gelben Flügeln wippte. +Sie streifte Grau mit einem triumphierenden Blick. + +»Er sieht mich an!« sagte sie leise. Der Falter flatterte in die Höhe und +flog über das Dach, Susanna sah ihm nach bis er verschwand. Dann atmete sie +tief auf. + +»Das war schön!« sagte sie leise. »Das war schön!« Sie blickte mit einem +langen Blick in die Weite. Die phantastischen Ballen feuerfarbener Seide +wurden dunkel und da wo die Glut sie versengt hatte flatterten aschgraue +unheimliche Schleier. Susanna lächelte und seufzte und ging ganz von selbst +hinein ins Haus. + +Mütterchen war verwirrt vor Freude. Ja, nun könne Susanna wieder aufstehen, +oh, du guter Gott! + +Grau sagte: »Es ist kein gutes Zeichen, Mütterchen!« und legte ihr die Hand +auf den Scheitel und sah sie an. Mütterchen erblaßte und zitterte. + +Grau gab Eisenhut ein Zeichen mit den Augen und ging hinein zu Susanna. + +Susanna lag mit geschlossenen Augen. Er setzte sich auf den Rand des Bettes +und legte ihr die Hand auf die Stirn. Sie schlug sofort die schwarzen Augen +auf, in denen der Glanz verglühte. Sie lächelte müde. »Ach, so müde, so +köstlich müde, aber meine Brust ist so leicht und frei. Das ist der +Frühling, ja. Du hast es gesagt. Du und der Frühling, ihr zwei habt mich +gesund gemacht. Wende deinen Kopf und sieh ins Licht! Ja, sie sind golden, +deine Augen sind golden! Bald werde ich in den Wald gehen können. Ich höre +Gesang, Lieder höre ich, wie ist das doch?« Ihre Stimme klang fein und +ferne; die Kräfte erloschen rasch. + +»Wir werden zusammen in den Wald gehen, Susanna, du und ich!« sagte Grau. +Er sprach nun unausgesetzt. Davon wie es im Walde sein werde, wie alles +sein werde, alles. Denn bald würden sie ja zusammenleben. + +»Ja!« Und Susannas Augen leuchteten nochmals auf, während ihre Wangen +erblaßten, mehr und mehr. »Wie wird es sein?« + +»Nun höre zu,« fuhr Grau fort, »höre zu und sieh mich an. Ich will dir +sagen wie es sein wird. Du wirst die Herrin im Hause sein und ich werde +warten bis du mich rufst. Sage nichts und höre zu. Wenn wir drei Zimmer +haben, so werden zwei davon dir gehören. Da wirst du wohnen. Du wirst eine +Bibliothek haben, ganze Regale voll der schönsten und neuesten Bücher. Du +wirst auch einen Schreibtisch am Fenster haben mit einem Stoß von weißem +Papier darauf, damit du all deine klugen Gedanken aufschreiben kannst, wenn +du Lust dazu hast. Ich werde an der Türe lauschen, wenn du schläfst, ich +werde stehen und auf deine Atemzüge lauschen, und ich werde denken: Susanna +schläft da drinnen. Ich werde hören, wenn du dich rührst. Ich werde nicht +schlafen. Ich werde denken, es ist nicht die Zeit zu schlafen, ich muß +hören, wie Susanna schläft, ich muß ihrem Atmen lauschen.« + +»Oh! sprich, wie wird es sein!« Tränen traten in ihre Augen. + +»Dann werde ich hinausgehen und große Sträuße für dich pflücken, Susanna, +aus all den Blumen, die du besonders liebst. Der Tau soll an den Blumen +sein und ich werde die Sträuße auf deine Schwelle legen und der Tau wird +daran sein. Dann werde ich warten und endlich werde ich dich sehen. Ich +werde dir in die Augen blicken -- wie ich es jetzt tue -- und ich werde +fragen, ob du gut geschlafen hast.« + +»Sprich, sprich! Aber in den Nächten, wie wird es in den Nächten sein? Hast +du daran gedacht?« In Susannas Augen kam ein fremder Glanz und ihre Wangen +wurden fahler und fahler. + +»Ja, auch daran habe ich natürlich gedacht, Susanna. Laß uns das nicht +sagen, die Nächte werden kommen. Es wird sehr stille sein in unserem Hause +und im Garten wird ein Vogel singen und du und ich und ich und du und +niemand sonst wird da sein.« + +»Ja, wie oft, du Geliebter, habe ich daran gedacht, wie die Nächte sein +werden! Hast du schon an Leidenschaft gedacht und die Küsse in stiller +Nacht?« flüsterte sie und die Tränen liefen über ihre Wangen. + +»Ja, Susanna, meine süße Freundin. Oft habe ich an Leidenschaft gedacht und +viele lange Nächte lag ich wach.« + +»Wie ich, wie ich! Oft hat mein Blut getobt in den Adern und ich habe +geträumt und geträumt -- keine verrät es, aber alle, alle graben sie die +Nägel in die Brust --.« + +Grau blickte Susanna an und hielt sie in den Armen. Ihr Kopf lag an seiner +Brust. Und er erzählte wie es sein werde. Plötzlich wurde es dunkel im +Zimmer, der Wind pfiff und es donnerte in der Ferne. Es regnete, dann +kieselte und schneite es. Im Nu waren die Felder weiß und das Gärtchen +eingeschneit. Aber Susanna sah und hörte nichts, sie lauschte und Grau gab +ihren Blick nicht mehr frei. + +»-- die Hände werde ich dir küssen, die werden so kühl und frisch wie der +Morgen sein. Ich werde dir die Lippen küssen, die noch heiß vom Schlafe +sind, die Rosen auf deinen Wangen werde ich küssen, die noch aus den +Träumen darauf blühen. Susanna, Susanna! Ja, du hörst wohl, was ich sage? +So wird es sein. Dann werde ich die Türe öffnen und sagen, siehe, Susanna, +die Sonne will dich begrüßen. Und ich werde dich in den Garten führen: +Siehe, Susanna, die Blumen wollen ihre Herrin grüßen. Alle Blumen werden +sich verneigen und die Bäume werden rauschen. Ich aber werde nur dich +ansehen, so wie ich es jetzt tue, Susanna, Susanna, nur dich! Ich werde +deinen Namen nennen auch wenn du nicht bei mir bist. Vielleicht hast du +einen kleinen Hund, den du liebst, und mit ihm werde ich mich unterhalten, +solange du fort bist.« + +Grau küßte Susannas Stirn. + +»Ich liebe dich, werde ich sagen,« fuhr er fort, »so wie ich es jetzt sage. +Susanna, Susanna! Die Sonne wird aufgehen und ich werde es sagen, die Sonne +wird sinken und ich werde es sagen. Der Frühling wird kommen -- ich liebe +dich, Susanna -- der Sommer wird kommen ich liebe dich, Susanna -- der +Herbst, der Winter wird kommen: Ich liebe dich Susanna!« + +Susanna seufzte glücklich und lächelte und schloß halb die Augen. + +»Ich werde niederknien und sagen, ich liebe dich Susanna!« flüsterte Grau. +»Ich werde dich ansehen, mein Blick, mein Schritt, alles wird dir dasselbe +sagen. Ich werde alt werden und meine Haare werden weiß werden -- ich liebe +dich Susanna, werde ich sagen -- ich liebe dich, du Süßeste von allen --« + +Susannas Lächeln erstarrte. Sie öffnete den Mund und ihr Kopf sank in den +Nacken zurück. Sie regte sich nicht mehr. Grau blieb lange ruhig, dann ließ +er Susanna langsam in die Kissen nieder. Sie lag und lächelte friedlich und +schön. Sie schlief. Die Tränen trockneten auf ihren fahlen Wangen. + +Grau saß lange Zeit regungslos und sah sie an. Seine Hände zitterten von +der Erregung der letzten Stunde, es war über seine Kräfte gegangen. Dann +wuchs die Trauer in seinem Herzen, eine schwere dumpfe Traurigkeit, die ihn +niederbeugte. Er küßte Susannas kleine Hände. + +Er hatte sie ja so sehr geliebt. + +Es wurde blendend hell im Zimmer. Das Wetter war vorübergegangen und die +Sonne schmolz rasch den Schnee, die ganze Welt glänzte und die kleine +stolze Rose in Susannas Garten glitzerte im Tau, als ob sie vor Freude +geweint hätte. + +Mütterchen war ruhig, ja förmlich gleichgültig. Die Natur ist gütig und +versenkt ein Herz, das der plötzliche Schmerz vernichten würde, in eine Art +von Betäubung. Sie schien allein durch den Gedanken vollkommen beruhigt zu +sein, daß Susanna gestorben war ohne es selbst zu fühlen. + +Aber als die Dämmerung kam und Susanna noch immer so still und gleichmäßig +lächelnd lag, begann sie leise zu weinen. Sie nahm Graus Hand, sah ihn +bittend an und sagte: »Mache sie mir wieder lebendig!« + +Grau schüttelte den Kopf. »Laß sie ruhen, Mütterchen, sie ist ja lebendiger +und glücklicher als wir.« + +Mütterchen war wieder ganz ruhig. + + + + +Achtes Kapitel + + +An einem schönen wolkenlosen Sonntage wurde Susanna begraben. Die Sonne +funkelte, die Luft zitterte vom Lärm der spielenden Kinder, alles trug +Festtagskleider und die jungen Mädchen gingen alle in Weiß und wiegten sich +und kicherten. Vor dem »weißen Elefanten« konzertierte die Stadtkapelle. + +Grau hielt eine schlichte Rede, er machte nicht im entferntesten solch +schöne Worte wie seinerzeit bei der Beerdigung der Margarete Sammet. Die +Freundinnen waren zur Bestattung gekommen, Adele und die Schwestern Sinding +und einzelne von den Mädchen, die das Fest mitgemacht hatten. Auch Lenz +kam. Er war bestaubt und erhitzt und kam gerade, als sie den Sarg +hinabließen. Er trug einen hellen alten Sommerrock, war ohne Kragen und +Binde, und hatte einen knotigen Stock in der Hand. Als ihn die Leute +ansahen, räusperte er sich herausfordernd. + +Er ging mit Grau ins Haus und drückte ihm die Hand. »Schön,« sagte er, +»schön hast du deine Sache gemacht, einfach. Kein Wort zu viel. Bei einer +Susanna Lenz, der Tochter eines freien Mannes, braucht es keine großen +Worte.« + +»Wie hast du es denn erfahren?« fragte Grau. + +Lenz sah sich im Zimmer um und lächelte, als er den Heiligen an der Wand +sah, jene Reproduktion eines alten Meisters. »Vorbei,« sagte er, »vorbei +ist es mit diesen Heiligen, in Frankreich schleift man die Kirchen. -- Hast +du ein Glas Wein oder Kognak, ich bin ganz ausgetrocknet? Nein? Es ist ja +nicht gerade nötig. Ich habe es erfahren in Hirschhorn, einem kleinen Nest. +Der Wirt sagte, ist deine Tochter gestorben? Nein, sage ich, meine Tochter +stirbt nicht so schnell. Es ist eine Lehrerstochter gestorben, Susanna +Lenz. Es gibt nur eine Susanna Lenz, also mußte sie es sein. Ich machte +mich auf den Weg und hatte Tag und Nacht zu gehen um zur rechten Zeit +einzutreffen. Als ich nachts durch den Wald ging, erschien mir Susanna -- +nein, es war natürlich nur eine Sinnestäuschung. Ich bin nicht traurig, +nein, ich bin nur erstaunt, daß sie so schnell starb, an diesem bißchen +Brustleiden. Ja, sie war prächtig, meine Tochter, eine Art Heldin, treu wie +Gold, voll salomonischer Weisheit! Aber ich bin nicht traurig. Eine +Schwalbe fliegt in der Luft, fällt herab und ist tot. Warum sollte es mit +den Menschen anders sein? -- Hier lief übrigens eben eine Maus über den +Boden --« + +»Sie lebt hier,« sagte Grau. + +»So?« Lenz lächelte und stand auf. Er trat auf Grau zu und faßte ihn bei +der Schulter. »Sieh mir in die Augen!« sagte er in befehlendem Tone. +»Antworte auf meine Fragen! Du hast Susanna immer gut behandelt? Hast ihr +nie böse Worte gegeben?« + +»Nein, ich glaube nicht!« sagte Grau und sah Lenz an. + +»Du hast sie nie gekränkt? Sprich die Wahrheit! Du hast sie nie beleidigt, +bist ihr stets mit schuldigem Respekte entgegengetreten?« + +»Ich glaube, ja!« + +Der Lehrer drückte ihn an die Brust. »Dank!« sagte er. »Dank! Ich liebte +Susanna sehr!« Er pfiff durch die Zähne und nahm Hut und Stock. »Fahre +wohl, mein Sohn! Ich ziehe wieder hinaus und immer vorwärts, daß die +Erscheinungen hinter mir zerrinnen. Die Welt ist weit, wir werden uns nicht +wiedersehen. Aber was schadet es, wir werden trotzdem inniger verbunden +sein, als Leute, die sich jahrelang gegenseitig die Kniescheiben einrennen, +denn wir gehören ja zum internationalen Orden der Edelleute. Diesmal werde +ich eine weite, weite Reise antreten! Zuvor aber will ich einen kleinen +Spaziergang in den Straßen dieses Pfahldorfes machen -- siehst du diesen +Stock hier? -- die Eingeborenen hier hassen mich und fürchten mich wie +einen tollen Hund. Es ist ja Ironie, aber sie haben mich ausgewiesen aus +ihrem Negerkral. -- Ich werde hin- und hergehen und mich sehen lassen. Weh +dem, der es wagt mir in den Weg zu treten, heute! Ich prügele ihn durch, +wie es sich gehört! Dann werden sie sagen: Lenz ist ein Lump, er rauft am +Beerdigungstage seiner Tochter! Ha! ha!« + +Er lachte, warf den Kopf in den Nacken und ging. + +Grau dachte mit Wehmut an Susanna, aber er war nicht traurig: Sie war ja +nicht tot, sie war ja lebendiger als er. + +Der Mensch ist wie ein Bote, dachte er, der eine Botschaft zu tragen hat; +er weiß nicht was in der Botschaft steht, aber er trägt sie ans Ziel und +sein Zweck ist erfüllt. Die Geburt ist nicht der Anfang der menschlichen +Existenz, der Tod nicht ihr Ende. Ein Stück der unendlichen Bahn, die die +Seele zu durchmessen hat, der Bahn der Weltkörper vergleichbar, ist das +irdische Dasein. Ewig wechselt das Leben die Form und das Gegenwärtige ist +nichtig klein im Verhältnis zum Unvergänglichen. Die Blumen von diesem +Sommer, wo werden sie sein, die Völker, deren Könige sich heute brüsten, wo +werden sie sein? Das große Gebirge, Sturm und Wetter werden es zerreiben, +wo wird es sein, die Erde, wird sie nicht einst als eine winzige Wolke von +Staub durch den Weltenraum ziehen, das Planetensystem, wo wird es sein? +Vergangen, verweht, aber irgendwo am großen Werke des Lebens tätig, das +ewig saust und braust. + +Die nächsten Tage glitten still dahin und er fühlte an seiner Ruhe, daß +Susanna jetzt glücklicher war. Zuweilen kam sie auf unerklärliche Weise in +all seine Gedanken; nicht nur aus Menschen und Tieren, selbst aus den +Bäumen, dem Grase, toten Dingen schien ihm etwas von Susannas Wesen +entgegen zu dringen. + +Sie schien stets um ihn zu sein, und seine Empfindung wurde so lebhaft, daß +er sie einmal in der Dunkelheit des Zimmers stehen sah. Sie war schön und +schlank. Ich bin es, sagte sie, ich bin immer bei dir. -- Bist du es denn +wirklich? fragte er. Sie antwortete: Weshalb zweifelst du? + +Er sah sie lange an, sie verschwand und er blieb allein. Es war als ob er +rings in Abgründe starrte, er erschauerte und stand auf. Wie lebhaft ich +doch empfinde, dachte er und öffnete das Fenster: Sterne, Sterne und Friede +in sanfter Nacht. Das war die Welt, der er angehörte. + +Er lächelte und blickte auf Adeles Park. Die Bäume standen im Schlafe, aber +sie bebten leise. Ein unbestimmtes Licht rieselte an ihnen herab und die +höchsten Blätter wendeten sich langsam hin und her, als ob jede Blattseite +dem Lichte der Sterne ausgesetzt werden sollte. Die weiße schmale Mauer +glich einem Streifen von Linnen, das zum Trocknen aufgehängt war und sich +im verblichenen Schatten einzelner Zweige leise zu bewegen schien. + +Eine unwiderstehliche Macht trieb Grau hinaus. Aber in dem erhabenen +Frieden der Nacht kam er sich wie ein Eindringling vor, wie einer, der das +Gesetz der Natur, die die Nacht zum Schlafe bestimmt hatte, übertrat. Er +dämpfte unwillkürlich seinen Schritt. Er ging bis an das Parktor und hier +blieb er lange stehen. + +Plötzlich erinnerte er sich an das Versprechen, das er Susanna gegeben +hatte. Er neigte den Kopf. Ich werde halten, was ich versprochen habe! +sagte er und ging langsam nach Hause. + +Aber gerade als er einschlafen wollte, begann ein Vogel in Adeles Park zu +singen und es klang, als sei es Adeles eigene Seele, die lockte. Er +lauschte mit verhaltenem Atem. Schmerz erfaßte ihn. Er preßte die Hände auf +die Augen und wiegte den Kopf hin und her. Singe nur, du kleiner Vogel! +Singe nur! Endlich schwieg der Vogel still, aber Grau hörte ihn wieder im +Traume zwitschern. Er träumte, er gehe mit Adele auf der Höhe und Adele sah +ihn an mit traurigen Augen. Sprich doch! Sprich doch! sagte sie. Er aber +schüttelte den Kopf. Ich kann nicht, antwortete er. Adele faßte seine Hand +und bot ihm die Lippen. Er aber wandte sich ab und rief: Nein, nein! Und er +entfloh in aller Hast, Adele rief hinter ihm. Da erwachte er wieder. Sein +Herz brannte vor Sehnsucht, überall winkte und lockte es, es leuchtete wie +Feuer vor seinen Augen. + +Er stand auf und machte Licht und schickte sich an zu arbeiten, während die +Stille der Nacht tiefer und tiefer wurde und der Tag langsam graute. Aber +während er arbeitete, hatte er das Gefühl, daß sein Herz blute und nimmer +aufhörte zu bluten. + +Das Versprechen war gegeben, Susanna konnte es nicht mehr lösen, das +Versprechen wird gehalten werden. Niemand hatte je erlebt, daß er ein +Versprechen brach. + +Aber seine Augen wurden brennend und seine Wangen hohl. + +Er betäubte sich in rastloser Tätigkeit. + +In jeder freien Stunde suchte er Mütterchen auf. + +Verlassen lag Susannas Häuschen in der Wiese und obschon es im Dampfe der +Sonne lag, so sah es doch elend aus. Mütterchen wohnte darin und eine blöde +alte Frau, Eisenhuts Mutter. Alle Knospen brachen auf und die Blumen +wuchsen in Susannas Garten bis zu den Fenstern empor. Aber das kleine Haus +sah elend und öde aus. Verlassen war es. Die Luft im Zimmer war eine +andere, das Zimmer selbst sah ganz verändert aus. Dieses leere Bett, die +verwelkten Sträuße in den Krügen, ein paar bestaubte Bücher auf dem Tisch. +Selbst die Farbe der Wände und Möbel schien sich verändert zu haben, auch +der Schritt klang anders, wenn man durch das Zimmer ging. + +All die schönen Träume Susannas waren aus dem Häuschen ausgewandert, all +die freundlichen Wesen, die sie im Leben umgeben hatten, sie hatten das +Haus verlassen. + +Mütterchen saß still mit der Hornbrille auf der großen Nase in einer +dämmerigen Ecke des Zimmers und besserte Susannas Strümpfe und Wäsche aus. +Sie weinte nicht, sie saß da und stopfte und sprach mit Susanna. »Es wird +Zeit sein dein Essen zu richten, Kindchen,« sagte sie. »Huste nicht so +viel, Susanna, es schadet dir ja.« + +Zweimal kam sie am Abend zu Grau geschlichen und pickte an seine Türe: Ob +er die Schuhe noch habe? Ja, dann sei es gut. Sie kam, setzte sich auf +einen Stuhl und weinte. Diesem Schmerze gegenüber war Grau machtlos. Er war +so tief und edel, daß Grau auch nicht den Versuch wagte, Mütterchen zu +trösten, die durch die Nacht geschlichen kam, nur um bei ihm zu weinen. +Erst jetzt schien es ihr bewußt zu werden, daß Susanna tot war. + +Grau erfüllte seine Pflichten wie ehedem, abends kam Eisenhut zu ihm zur +Stunde. Nach der Stunde plauderten sie eine Weile; sie stellten die +Reiseroute zusammen, denn Eisenhut sollte nun bald reisen. Er hatte sich +schon sechs große Lederkoffer angeschafft. + +Zwischen den beiden hatte sich ein aufrichtiges Freundschaftsverhältnis +gebildet. Das lange Krankenlager Graus hatte einen ganz ungezwungenen +Verkehr zwischen ihnen herbeigeführt und Grau brauchte nicht mehr zu +befürchten, Eisenhut scheu oder argwöhnisch zu machen oder ihn durch seine +Bevormundung zu beschämen. + +Er hatte Eisenhut vollständig in seine Macht bekommen und war imstande ihn +mit einem einzigen Blicke zu beherrschen. Bis auf unscheinbare Dinge selbst +dehnte er seinen Einfluß aus. Eisenhut mußte anders gehen, anders sprechen, +den Leuten ins Gesicht sehen, er durfte nie Müdigkeit verraten oder +unordentlich gekleidet sein. + +Eisenhut gab sich alle Mühe. Die Arbeit in den Steinbrüchen hatte seine +Gesundheit gestärkt und schon das Bewußtsein körperlicher Kraft machte ihn +den Menschen gegenüber kühner und sicherer. Er kleidete sich ganz neu und +selbst sein Haus war frisch gestrichen, die Wohnung eingerichtet. Er bekam +Freude an Tätigkeit und zeigte den Eifer eines Schulknaben für alle Zweige +des menschlichen Wissens. Er lachte fröhlich und fast kindisch, wenn sie in +den Bildwerken blätterten und Grau erklärte. + +An jedem Ersten erhielt Grau zwanzig Mark von ihm, die er für wohltätige +Zwecke nach Gutdünken verwenden konnte. Dafür war ihm Grau sehr dankbar. +Denn mit zwanzig Mark -- wieviel konnte er doch damit ausrichten! Wenn er +in eine Familie kam, wo es am Nötigsten fehlte und sprach und sprach und +fünf Mark auf dem Tischrande liegen ließ! + +Bald hoffte er Eisenhut für eine große Lebensaufgabe erzogen zu haben. + +Wie? Ja, natürlich. Eisenhut wandelte sich nur allmählich um. Es war noch +der alte Eisenhut mit dem gelben Gesicht, dem Spitzbart, den kleinen +neugierigen Mausaugen, dem Geiz, dem Argwohn und kleinlichen Gedanken. +Zuweilen hatte er auch Rückfälle. Er trank, verwahrloste und mied Grau. +Aber immer kam er nach einigen Tagen zu Grau zurück und Grau fühlte zu +seiner Freude, daß er ihn mehr und mehr in seine Gewalt bekam. -- + +Einmal hatte Grau in diesen Tagen auch eine Begegnung mit dem jungen Herrn +von Hennenbach. + +Es war in der Dämmerung und sie begegneten einander auf den Stufen, die zum +Marktplatz hinabführten. Herr von Hennenbach grüßte höflich, auch Grau +grüßte. Er blieb stehen und sah den jungen Mann an. Eine Weile standen sie +so. + +»Bitte?« sagte Herr von Hennenbach und lächelte. + +Grau sah ihn an. + +»Sie verstehen mich nicht?« flüsterte er. + +Der Freiherr lächelte und zuckte die Achseln. + +»Nein, Pardon -- ich verstehe nicht, wirklich --« + +Grau sah ihn an und näherte sich ihm noch mehr. »Ich will Ihnen noch einige +Tage Zeit lassen!« flüsterte er. »Aber nicht mehr viele!« + +»Bitte? Ich kann nicht verstehen?« stammelte Herr von Hennenbach -- aber +Grau war schon gegangen. -- + +Der Sommer war auffallend warm und Grau liebte es, seine freien Stunden in +seinem Gärtchen zuzubringen, das eingekeilt zwischen den Nachbarsgärten mit +den hohen schattigen Bäumen besonders sonnig aussah. Er pflegte ihn mit +aller Sorgfalt. Er kannte hier jede einzelne Blume, ja fast jeden einzelnen +Halm. Da konnte er stehen und stehen und sich umsehen und es kam ihm vor, +als ob er im Kreise von Geschwistern weile. + +Dieses kleine Stück Land erfüllte ihn mit Andacht. + +Das waren ja seine Blumen und Halme, des großen Gottes Blumen und Halme, +ersonnen von ihm, geliebt von ihm und auf dem kleinsten ruhte der Blick +seiner tausend funkelnden Augen. Für ihn, den Unfaßbaren, war dieser Garten +so viel wie der Lustpark einer Königin und sein gütiges Lächeln hatte auch +ihn gesegnet, daß er ein einziges Wunder war. Es wimmelte von Leben, jeder +Zoll des Bodens war bewohnt, belebt, lebendig, jede Scholle eine wimmelnde +Stadt, jedes Krümchen ein Haus, jede Furche eine Straße. + +Grau stand und schüttelte den Kopf. Er begriff es nicht. Nicht die kleinste +Fliege konnte er verstehen. Seht sie an, sie hat Augen, Organe, Flügel, sie +weiß sich zu bewegen, sie fliegt. Seht den kleinen Käfer an, er hat es +eilig, geht seinen Bedürfnissen nach, er hat zu tun, Tag und Nacht, +Wünsche, Verlangen, Geschäfte, so klein er auch ist -- er ist ein Kind des +großen Gottes und der Unbegreifliche hat nicht vergessen, daß er lebt. + +Grau stand und blickte in den Sommerhimmel empor. Er betete. Er betete ohne +Worte und ohne Gedanken. Er sandte seine Seele der Heimat zu. + +Diese Stunden in seinem Garten waren herrlich und reich. Die Luft schien +erfüllt mit Geheimnissen und Liebe und er atmete Geheimnisse und Liebe mit +jedem Atemzuge ein. Alle Dinge ringsumher sahen ihn an und sein Gedanke +flüsterte immerzu. Er selbst dachte ja nicht, der Gedanke in ihm flüsterte +und ruhte nicht. Siehst du den Baum? flüsterte der Gedanke: Äste, +Verästelungen, Nerven, ganz wie du. Siehst du den Vogel fliegen? wisperte +der Gedanke: Bist du nicht selbst ein Vogel? Hast du gesehen, wie junge +Mädchen einen Abhang hinablaufen und die Arme bewegen gleich Flügeln, die +Lebenslust auszudrücken? Wie ein Mensch dem andern Willkommen winkt? Siehst +du die Katze? sprach leise der Gedanke: Was zieht dich zu ihr? Was zieht +sie zu dir? Ihr seid ja alle das Gleiche, du und die Katze und der Baum -- +eine verschieden gestaltete, verschieden gefärbte Blume auf Gottes Acker +nur ist der Mensch. Fühlst du die Lebenswelle? flüsterte der Gedanke: Sie +kommt aus dem Unendlichen, da wo die Gestirne funkeln, sie umspült in jeder +Sekunde die Erde, Millionen Leben erzittern, erblühen, sie jagt dahin, +durch dich hindurch, durch die Wälder, das Meer, zur Sonne, zu den Sternen, +zum fernsten Sterne, und ist hier und dort, jagt, jagt und hat keine Eile. + +Und der Gedanke flüstert in ihm, flüsterte, lachte, sang -- + +Die Sonne ging unter und Grau ging hinein ins Haus und arbeitete. Die +Arbeit ging vorwärts, Ungeduld und Jubel erfüllten ihn. Diese >Reden<! Denn +bald wollte er ja hinausziehen und zu den Menschen sprechen, zu den +Tausenden, Tausenden! + + + + +Neuntes Kapitel + + +An einem Nachmittage kam Adele zu ihm. Er schrieb gerade, als er ihren +Schritt hörte und hielt die Feder an und erblich. + +Sie war ohne Hut und ihre schwarzen Haare rahmten scharf das schmale +Gesicht ein. Ihre Wangen waren von der Wärme gerötet, so erschienen ihre +Augen noch heller und lebendiger. Ihre Lippen glänzten. Im Winter waren sie +schmal und blaß, im Sommer geschwungen und rot, wie merkwürdig war doch +das. Sie trug ein dünnes Kleid von der Farbe verblaßter Veilchen, eine +große hellrote Koralle hielt es an der Brust zusammen. Kühle und Duft +gingen von ihrem leichten Kleide aus. + +Sie blieb lächelnd an der Türe stehen. + +»Ich habe Sie wohl in der Arbeit gestört?« sagte sie. »Sie schrieben +gerade.« Sie sah ihn mit klaren Augen an. + +»Bitte, es ist eine höchst nebensächliche Sache, ich bitte Sie Platz zu +nehmen. Sie befinden sich wohl?« + +»Wie immer, danke!« Sie sah sich um und öffnete halb den Mund, während sie +Graus Zimmer betrachtete. Dann duckte sie den Kopf ein wenig und sah zum +Fenster hinaus. »Wie eigentümlich ist es doch, den Park von hier aus zu +sehen!« sagte sie, ein wenig verlegen, da sie Graus Blick fühlte. + +Sie schwieg und blickte Grau an, der totenblaß aussah. + +Da saß sie und das Licht sprühte aus ihren Augen, das ewige Licht, das um +Gottes Haupt wogt. + +Ob eine besondere Angelegenheit sie zu ihm führe? + +Adele lächelte fein. »Muß es denn eine besondere Angelegenheit sein, die +mich zu Ihnen führt? Ich denke mir, daß Sie jetzt recht einsam sein müssen. +Man sieht Sie ja gar nicht mehr. Sind Sie denn immer zu Hause?« + +»Im Gegenteil, ich bin viel unterwegs.« + +Pause. Adele sah ihn an. »Sie kommen mir verändert vor,« sagte sie und +schüttelte den Kopf. »Sind Sie krank? So entsetzlich bleich sehen Sie aus!« + +»Nein, ich fühle mich wohl,« antwortete Grau und dankte. + +Adele blickte ihn prüfend an. »Sie sehen leidend aus,« setzte sie hinzu, +dann sprach sie von andern Dingen. + +Grau war schweigsam. Er sah sie nur und lächelte. Aber er fand nicht den +kleinsten Gedanken in seinem Kopfe. + +»Wie wunderbar sind doch die Nächte jetzt!« sagte Adele, aber sie brach +plötzlich ab und lachte leise. »Aber sehen Sie doch, da sitzt ja eine +Maus!« rief sie aus. + +»Es ist eine zahme Maus,« sagte Grau und raffte sich auf. »Das heißt alle +Mäuse sind ja zahm, aber diese Maus hier ist an mich gewöhnt. Sie heißt +Mirza und lebt hier. Sie ist sehr klug und schön. Sie ist sehr zutraulich +und oft wenn ich ruhig dasitze, knappert sie an meinen Schuhen.« + +Adele lachte und sah Grau erstaunt an. »Mit einer Maus leben Sie?« sagte +sie. + +»Es ist ja wohl nichts Wunderliches dabei?« fragte er lächelnd. + +Adele lächelte leicht. »Sie haben ja auch einen Hund, nicht wahr?« forschte +sie. »Man sieht zuweilen einen gelben zottigen Hund in Ihrem Garten.« + +»Ja,« erwiderte Grau, »aber er ist sehr untreu. Er läßt sich oft wochenlang +nicht blicken. Es ist ein verwilderter Hund, dessen Herr gestorben ist, ein +Waldhüter. Ich stelle ihm manchmal etwas Fressen hin. Wollen Sie sehen, wie +klug diese Maus ist?« + +»Ja!« + +»Nun, sofort!« Grau legte ein Stückchen Speck auf den Boden in die Nähe des +Schrankes, unter dem die Maus sich aufhielt. Er stieß einen zirpenden Laut +aus. »Vielleicht kommt sie nicht, weil Sie da sind.« + +Die Maus hatte das Stückchen Speck bemerkt, sie streckte die spitzige +Schnauze unter dem Schranke vor und lugte mit den runden, glänzenden Augen, +die wie pechschwarze Perlen aussahen, auf den Speck und auf Adele zu +gleicher Zeit. Dann kam sie näher, lief in einem Bogen um den Speck herum +und huschte wieder unter den Schrank. Sie mußte sich blitzschnell umdrehen +können, denn die spitzige Schnauze wurde zur selben Sekunde wieder sichtbar +als der Schwanz verschwand. + +»Sie hat einen Versuch gemacht,« sagte Grau, »ob sie sicher sein könne. Nun +aber werden Sie sehen, auf welche Weise sie den Speck fortschleppt!« Er war +plötzlich gesprächig geworden. + +Die Maus kam wieder unter dem Schranke vor. Sie saß eine Weile vor dem +Speck, dann beschrieb sie einen Bogen und saß nun so, daß der Speck +zwischen ihr und dem Schranke lag. Sie wartete noch ein Weilchen, dann lief +sie blitzschnell auf den Speck zu und verschwand mit ihm. + +»Es wäre ihr zu gefährlich, mit dem Speck im Maule umzuwenden, haben Sie +das beobachtet?« erklärte Grau. »So klug ist sie.« Er erzählte noch einige +Geschichten von der Maus, dann war er wieder still. + +Grau kämpfte mit dem Gedanken aufzustehen und zu sprechen: --! Aber er tat +es nicht. + +Plötzlich hatte Adele einen Brief in der Hand. + +»Ich habe einen Brief für Sie,« sagte sie leise, »er ist von Susanna.« + +»Von Susanna?« Er begriff es nicht. Er starrte Adele an. + +»Ja, sie hat mir diesen Brief übergeben -- wann war es doch? -- in der +Zeit, da sie still lag um Kräfte für die Reise zu sammeln. Da gab sie mir +diesen Brief. Ich solle ihn eine Woche nach ihrem Tode abgeben -- im Falle +sie doch sterben sollte. Ich habe nun gewartet und gewartet, denn es schien +mir grausam Sie durch den Brief -- nun ich wartete. Aber nun hat mich +Susanna sozusagen daran erinnert.« + +Grau nahm das Messer vom Schreibtisch und schnitt den Brief auf. Er hielt +inne und sagte nach einer Weile: »Sie hat Sie sozusagen daran erinnert?« + +Ja, sie habe geträumt von Susanna und dem Briefe. + +»Ich habe ja jeden Tag an den Brief gedacht und an Susanna und schob es +doch von Tag zu Tag hinaus ihn abzugeben,« sagte Adele. »Es ist also nicht +zu verwundern, daß ich davon träumte. Ich habe geträumt, ich ginge mit +Susanna zum Bade. Wir unterhielten uns und plötzlich sagte sie etwas von +einem Briefe und ich lachte, denn ich wußte ja nichts von einem Briefe. +Aber am Morgen erinnerte ich mich an den Traum und nahm mir vor, den Brief +aus dem Hause zu schaffen.« + +Grau sah Adele an. + +Und Adele zuckte ein wenig die Achseln und fügte hinzu: »Ich wollte Ruhe +haben. Ich liebe es nicht, an Verstorbene zu denken. Ich weiß nicht warum.« + +Sie ging. Grau gab ihr das Geleite bis zur Gartentüre. Man fühlte, wie man +sich durch die Wärme hindurch gleichsam Bahn brechen mußte, und Duft und +Schwüle der Luft betäubten ein wenig. Adeles reiches Haar sprühte wie eine +schwarze Flamme und hob sich scharf vom tiefblauen Himmel ab. Es war das +einzige ringsumher, das schwarz war, denn alles war grün, golden und blau. + +An der Türe sagte Grau: »Ich habe gehört, Sie reisen bald?« + +Ja, bald ginge es fort. Adele lachte und blickte in die Luft empor, wo die +Mücken über dem heißen Wege tanzten. »Es ist übrigens nicht ganz sicher, ob +ich so bald reise,« sagte sie. »Aber ich freue mich darauf, fortzukommen, +hinaus in die Welt. Nur denke ich zuweilen --« + +»Was denken Sie zuweilen?« + +»Ich weiß nicht, ob ich für die Ehe geschaffen bin, denke ich zuweilen. +Wenn ich den Baron nicht so sehr liebte, aber ich liebe ihn ja so sehr.« + +Grau sah sie an. Schön und stark war sein Blick. + +»Nun?« fragte Adele. + +»Es ist mir bange um Sie!« sagte Grau und er wußte nicht wie ihm die Worte +auf die Lippen kamen. + +Adele öffnete die Lippen und erbleichte ein wenig. »Bange?« + +»Ja!« fuhr Grau fort -- und plötzlich verlor er die Sicherheit, er wurde +verlegen und setzte höflich hinzu: »Ich bitte Sie recht herzlich, den +Schritt reiflich zu überlegen.« + +Adele sah ihn an und ihr Blick senkte sich tief in seine Augen. Sie +lächelte. Sie schüttelte leise den Kopf, als ob sie ihn nicht verstanden +habe und sagte hauchend: »Adieu!« + +»Ja, ich bitte Sie, den Schritt ja zu überlegen!« wiederholte Grau. + +Adele nickte ihm zu. »Adieu!« sagte sie und ging langsam und stolz weiter, +als ob nichts ihre Ruhe trübte. + +Grau ging in großer Erregung ins Haus zurück. Wie kam es doch, daß ich +plötzlich sprach! dachte er. Ich wollte es ja gar nicht. Adeles Gestalt +verschwand zwischen den Zweigen und sein Herz pochte so laut, daß er die +Hand auf die Brust legen mußte. + +Nun war sie verschwunden! Er zitterte, mußte sich setzen, stand wieder auf, +streckte die Hände nach den Büschen aus, hinter denen sie verschwunden war. + +Erst nach langer Zeit gelang es ihm sich zu beherrschen. Er öffnete +Susannas Brief und so bald er ihre Schrift sah, wurde er ruhig. + +»Mein Geliebter,« schrieb Susanna, »Du süßester aller Menschen! Wolle Gott, +der Gott an den Du glaubst, Dich glücklich machen, glücklich und reich. Oft +bete ich so. + +Ich bin nun tot und wenn Du hundert Schritte gehst, so stehst Du an meinem +Grabe. Du sollst es nicht tun, ich will nicht, daß Du oft an mein Grab +gehst. Es ist so wenig Sinn darin, denke ich. Kannst Du denken, daß ich vor +Dir stehe? Siehst Du meine Augen und kannst Du Dich an meine Züge erinnern? +Das tue zuweilen! Kannst Du fühlen, daß ich diesen Brief mit Dir lese und +meine Wange an die Deine schmiege, so wie ich es oft getan habe, wenn wir +zusammen in den Büchern blätterten? + +Du sollst nicht an mich denken. Zuweilen, aber nicht oft. Denke an mich, +wenn Du fröhlich bist, aber nicht zu oft. Denke nicht an mich, wenn Du +traurig bist. + +Vielleicht siehst Du ein Mädchen und Du liebst es. Dann küsse sie und +vergiß mich ganz. Ich will, daß Du glücklich bist und Glück um Dich +streust. + +So spricht mein Herz. + +Ja, ich liebe Dich. Bei Gott, aufrichtiger könnte Dich keine Frau lieben! +Ist es ein Wunder, daß ich über diesen Brief weine? Ich liebe Mütterchen, +aber ich liebe Dich hundertmal mehr und kenne Dich doch noch nicht lange. + +O, du süßester aller, aller Menschen! Wenn ich nur ein Herz hätte, so hätte +ich alles gesagt. Aber ich habe zwei Herzen und sie wollen nicht das +gleiche. + +Mein zweites Herz, das möchte viele Dinge, die das erste Herz nicht +wünscht. Es wünscht Dir ebenfalls Glück, aber es ist traurig, daß es dieses +Glück nicht mit Dir leben kann. + +Es hat gewünscht, daß Du einmal meine Brust küssen möchtest und nun wünscht +es, daß Du recht oft die hundert Schritte zu meinem Grabe machen würdest +und Dich niederwerfen und die Erde aufwühlen -- das wünscht mein zweites +Herz und es bebt vor Freude -- obgleich mein erstes Herz es nicht wollte. +Es wünscht, daß Du vor Kummer sterben solltest, ja, es wünscht, daß Du nie +mehr eine Frau küssest, denn es will Dich ganz allein haben. Ganz, ganz +allein. + +Mein zweites Herz kennt eine Frau, vor der es zittert. Denn diese Frau +könnte jede Erinnerung an mich auslöschen. Ich habe gesehen, wie Du diese +Frau anblicktest, es saßen viele Mädchen in meinem Zimmer, aber Du +blicktest jene Frau mit andern Augen an als alle. Mein erstes Herz wünscht, +daß jene Frau Dich liebe, aber das andre zittert davor. Laß es ruhig sein +und schweigen. + +Laß mein erstes Herz sprechen: Lebe wohl, Du gütiger, und vergiß mich so, +daß Du nicht mehr leidest. Sei glücklich und liebe, liebe alle Frauen, so +viele du willst. + +Ich bin tot, aber ich komme zu Dir noch einmal, um mit Dir zu sprechen. + +Süß ist der Gedanke, süß und schön und er lockte mich. Es ist nicht wahr, +was mein zweites Herz sagt: Komm aus dem Tode zu ihm um Gewalt über ihn zu +haben, um ihn nicht frei zu lassen. Nein. Du sollst ja nur fühlen, wie sehr +ich Dich liebe, daß ich noch nach dem Tode zu Dir zu sprechen wünsche. Das +ist die Wahrheit. + +Lieber, es ist all diese Tage ein Gedanke in mir, ich kämpfe mit ihm. +Würdest Du mir schwören, zu keiner andern Frau mehr von Liebe zu sprechen? +Mein zweites Herz flüsterte mir den Gedanken ins Ohr. Wenn ich schwach +werden sollte und Du solltest mir das Versprechen geben -- ach, verzeihe +mir dann, ich bin es ja nicht, die das will -- Du bist frei, es gibt kein +solches Versprechen! Wie sollte es doch ein solches Versprechen geben! + +Lebe wohl, ich küsse Dich zum letzenmal. Es ist schwer zu gehen, aber lebe +wohl. Lebe wohl, ich winke, lebe wohl, Du siehst mich nicht mehr. Lebe wohl +für immer! Deine Susanna.« + +Grau saß und das Blut schoß ihm in das Gesicht. Dann tastete er sich +hinaus, durch die Türe hindurch, in das Schlafzimmer, dessen Läden +geschlossen waren. Hier warf er sich auf das Bett und weinte. + +Als Eisenhut am Abend zur Stunde kam, fand er Grau in seiner Stube damit +beschäftigt, Noten auf ein Blatt zu schreiben. + +»Was tust du da?« fragte Eisenhut. + +»Ich schreibe ein kleines Lied,« antwortete Grau und lächelte und Eisenhut +wunderte sich über seine zitternde Stimme. + +»Ein Lied?« + +»Ja, ich habe es noch nie getan, es ist mein erstes.« + + + + +Zehntes Kapitel + + +Wie erstaunt war Adele doch, als sie das Gitter öffnete und plötzlich Grau +im Dämmerlichte stehen sah. Er wartete hier, das konnte sie wohl sehen. + +»Sie sind hier?« sagte sie und gab sich Mühe ihre Überraschung zu +verbergen. Sie sah ihn freundlich an und lächelte leise. Ein seidnes Tuch +von roter Farbe lag lässig auf ihren Schultern. + +Der Abend war soeben gekommen und er war herrlich; die Luft war warm und +dicht und man konnte sie gleichsam mit den Händen greifen. Sie hüllte einen +vollkommen ein wie ein warmes Bad. In der Stadt klangen Laute, Singen, +Lachen, die Grillen zirpten, die Frösche lärmten in der Ferne, aber hier +oben war es auffallend still. Obgleich die Schatten schon tief und +verschwiegen lagen, so sah man doch noch Gesicht und Hände, gleichsam +leuchtend. Grau sah jeden Zug in Adeles Gesicht und doch war es ringsum +dunkel. + +Er nahm den Hut ab. + +»Ja, ich bin hier,« antwortete er und trat näher. »Verzeihen Sie mir, es +ist gewiß nicht schön vor einem Hause zu stehen und zu warten. Aber ich +wollte nicht hineingehen. Ich warte schon seit vielen Tagen, Fräulein von +Hennenbach, ich möchte mit Ihnen sprechen. Ich habe erfahren, daß Sie +morgen reisen.« + +Adele zog das Tuch fester um die Schultern. »Ja, morgen früh.« Sie lächelte +und schloß das Gitter. »Es ist ganz zufällig, daß ich ausgehe.« + +»Ich wußte, daß ich Sie heute treffen würde!« + +Adele sah ihn mit großen Augen an. »Bitte?« sagte sie dann und das kleine +Wort verriet ihre Bereitwilligkeit ihn anzuhören und alle Nachsicht. +»Wollen wir ein wenig gehen?« + +»Ja, gerne!« + +Grau ging still neben ihr her. Adele atmete tief die Abendluft ein und +blieb einen Augenblick unter einem Busche stehen, der auffallend stark +roch. Er roch wie Vanille. Grau blickte zu Boden, dann sah er Adele an und +begann: »Ich habe nachgedacht, ich finde keine Ruhe mehr.« Er schwieg; wie +sein Herz doch schlug! So konnte er nicht beginnen. Er sammelte sich und +setzte hinzu: »Sind Sie entschlossen zu reisen?« + +»Ja!« + +»Wirklich entschlossen?« + +»Ja, aber -- und weiter?« + +»Ich wollte Sie nur dies fragen,« sagte Grau und senkte den Blick. + +Adele schüttelte den Kopf und lächelte. »Ich glaube wohl zu wissen, weshalb +Sie fragen, Herr Grau. Sie haben ja vor einigen Tagen schon eine Andeutung +gemacht, die ich nicht mißverstehen konnte! Sprechen Sie, bitte, nicht mehr +davon. Sagen Sie doch selbst, kann ich denn das anhören?« + +»Ich habe Sie verletzt, verzeihen Sie mir!« sagte Grau. + +Adele lächelte. + +»Ich will gerne heute noch ein wenig mit Ihnen plaudern,« sagte sie leise. +»Sie sind mein Freund und darüber bin ich froh. Aber Sie müssen solche +Dinge nicht sagen. Ich freue mich, daß ich Sie noch zufällig getroffen +habe, aber -- nein, nein, nein, all diese Dinge.« + +Grau wollte sprechen, aber sie ließ es nicht zu. »Sie sind so merkwürdig,« +sagte sie und lachte leise, gleichsam heiter, »Sie kümmern sich um mich, +Sie ängstigen sich um mich -- so sonderbar sind Sie manchmal.« + +»Es ist vielleicht mein Fehler, daß ich mich zuweilen zu sehr um die +Angelegenheiten anderer bekümmere,« entschuldigte sich Grau. + +Sie gingen bergan. Auf der Höhe schimmerte der Widerschein einer +erblassenden Abendwolke im Laub der Bäume. Unter ihnen lag die Dämmerung +wie ein weiches Dunkel. Es raschelte zuweilen in den Zweigen, das waren +Vögel, die zur Ruhe gingen. Es knackte da und dort, aber je tiefer sie in +den Wald eindrangen, desto stiller wurde es. Die Stimmen des Tales waren +erloschen und den Lärm der Frösche hörten sie nur noch einmal gedämpft, als +sie einen kreuzenden Weg überschritten, der wie ein Kamin zur Stadt +hinablief. + +Dann begann Adele mit gleichmütiger Stimme zu sprechen. »Sie haben ja +Urlaub genommen, Herr Grau,« sagte sie, »ich habe es gelesen.« + +»Ja, das habe ich getan,« antwortete Grau und dachte an ganz andere Dinge. +»Ich habe gemußt. Der Herr Dekan hat es mir nahe gelegt.« + +Wie solle man das verstehen? + +»Und doch ist es so. Übrigens, wenn der Herr Dekan nicht so liebenswürdig +gewesen wäre, so könnte ich nun die größten Schwierigkeiten haben; bei der +Behörde bin ich schlecht angeschrieben. Man setzte zuerst große Hoffnungen +auf mich, aber ich scheine sie leider nicht zu erfüllen. Da kam diese +Broschüre über die Gefängnisse, andere Flugschriften, das Begräbnis der +Margarete Sammet, dann meine Predigten. Ich kann nichts anderes predigen +als was ich glaube. Schwierigkeiten über Schwierigkeiten. Dazu kam noch +jene Affäre mit der Kollekte für innere Mission. Sie haben nicht davon +gehört? Auf irgend eine Weise ist nämlich die Geschichte doch bekannt +geworden, obgleich der Herr Dekan in liebenswürdiger Weise die Sache zu +verdecken versuchte. Wie? Sehr einfach. Ich sollte die Kollekte abliefern, +aber ich vergaß es, zum ersten Mal in meinem Leben ist mir das passiert, +etwas zu vergessen. Ich war in jener Zeit sehr beschäftigt. Kurz und gut, +ich vergaß es und der Herr Dekan kam zu einer langen Auseinandersetzung. Er +bemühte sich persönlich in mein Haus. Wegen der Gegenstände, die ich +verschenkt und verliehen habe, obgleich sie zum Inventar des Pfarrhauses +gehören, machte er wenig Worte. Hm, hm. Aber alle die andern Dinge, diese +heillosen Dinge. Besonders die Pfingstpredigt im Freien. Zuletzt kam die +Kollekte daran. Ja, bei Gott, ich hatte sie vergessen. Es waren vierzehn +Mark. Ich wollte sie dem Dekan geben, ich hatte sie in eine Schachtel +gelegt. Aber das Geld war fort, es war gar nichts mehr da. Nun sang zum +Unglück der Handwerksbursche im Nebenzimmer und da wurde der Dekan +ärgerlich. Es vertrage sich doch nicht gut mit meiner Würde, +Handwerksburschen zu beherbergen -- sagte er.« + +»Ist denn der Alte noch immer zu Besuch?« + +»Nein, ein anderer, ein Freund von ihm. Er hat ihn mir geschickt. Ebenfalls +krank und die Papiere in Unordnung.« + +Adele lachte leise. »Glauben Sie denn alles, was diese Leute Ihnen sagen?« + +»Natürlich glaube ich es. Und die Papiere sind wirklich nicht ganz in +Ordnung gewesen. Die Kollekte also war verschwunden. Ich habe das Geld am +Abend zuvor in die Schachtel gelegt, muß es aber in Gedanken herausgenommen +und verwendet haben -- es war ja nicht mehr da. Der Dekan sagte: Nun, Sie +haben den Betrag vielleicht verlegt -- verlegt -- senden Sie ihn mir bis +morgen früh zehn Uhr, bitte. Er war sehr gütig, er hätte mir ja große +Schwierigkeiten bereiten können. Eisenhut lieh mir das Geld gerne und damit +war die Sache in Ordnung gebracht.« + +»Nach dem Urlaub werden Sie aber wieder hierher zurückkehren?« erkundigte +sich Adele. + +Grau lächelte. »Ich glaube es nicht, ich werde wahrscheinlich entlassen +werden.« + +Adele blieb stehen. »Sie werden entlassen werden?« + +Grau lächelte wieder. »Ja,« sagte er, »weshalb denn nicht? Ich mache zu +viele Schwierigkeiten. -- Übrigens, um offen zu sein, ich werde selbst um +Entlassung einkommen. Ich kehre nicht mehr hierher zurück,« setzte er +leise, wie beschämt, hinzu. »Es gibt so viele Dinge, die sich mit meinen +Anschauungen, trotz des besten Willens --« + +Was er aber dann beginnen wolle? + +Grau lachte leicht. »Das?« sagte er, »Oh, das macht mir nicht die +geringsten Bedenken. Ich finde auch in einem andern Beruf ein großes +Arbeitsfeld. Ich werde Medizin studieren, ich trug mich schon früher mit +dem Gedanken.« + +»Also Arzt wollen Sie werden?« rief Adele freudig aus. »Ich liebe die +Ärzte. Was für ein Arzt?« + +»Nun, ein guter Arzt, denke ich, für die, die krank sind,« erwiderte Grau +lächelnd. + +Sie kamen an eine Lichtung und sahen tief unten die Stadt mit ihren +blinzelnden Lichtern liegen. Man sah Adeles Park. Hier duftete es stark +nach Honig. Ein Insekt schwirrte über den Kräutern. + +»Wie hoch wir doch sind!« + +»Ja!« + +Sie stiegen höher und plötzlich sahen sie den Mond in einem Himmel so +dunkelblau wie ein Kirchenfenster stehen. Er erschien wie ein bleiches +Gesicht, das voll namenloser Sehnsucht immerzu in die ferne Sonne starrte. +Sie kamen ganz auf die Höhe und Adele war überrascht, eine Ebene vor sich +zu sehen. Sie hatte gedacht, es gehe hier wieder bergab. Im Mondschein lag +ein kleines kalkweißes Dorf. Die Ebene sah auffallend hell aus im Licht des +Mondes, die Grillen zirpten in den Feldern und ihr schrilles feilendes +Gezirpe schien alles ringsum in Silber zu verwandeln. Einen Augenblick lang +blickte Adele auf das kalkweiße, gespensterhaft aussehende Dorf, dann +wandte sie sich wieder dem Walde zu. Hier war es warm und schwül. Der Mond +lag in Streifen und silbernen Tümpeln im Walde und auf dem Wege und warf +fortwährend ein glitzerndes Netz über Adele, gleichsam um sie darin zu +fangen; sie aber schlüpfte jedesmal aus dem Netze heraus. Sie sah zu Boden. + +Wie schön war es doch an ihrer Seite zu gehen! + +Graus Seele füllte sich mit Heiterkeit. Er ging leicht und lautlos, er +lächelte, und nie hatte er den Wald stärker gerochen. Er sah und hörte mit +wacheren Sinnen. So schön war alles, solch feine Geräusche waren da drinnen +in der Tiefe. + +In seiner Seele begann es zu singen. Laß uns gehen durch die Wälder, laß +uns wandeln in den Au'n! sang es in seiner Seele ganz von selbst. Er lachte +leise und räusperte sich. + +In seinem Kopfe wisperten die Gedanken -- und sie flüsterten im Rhythmus +der Schritte. Er wehrte ihnen nicht. Gib deinem Kinde Mondscheinnächte, +flüsterten sie (weshalb sagten sie doch Kinde?), gib ihm Sonnenschein, Wald +und Feld. Gib ihm den Anblick der Tiere. Es ist wichtig, wieviele +Sonnentage es erlebte. Die Formen, die Farben, das Werk der Wurzeln, das +Werk der Wipfel, sie bauen die Seele und machen sie reich. Von den Tieren +lernt es Schönheit der Bewegung, Adel des Blickes, Fassung und Ruhe -- ohne +daß der Mensch es weiß -- hahaha -- der Mensch weiß ja nichts -- + +Er lachte leise. Wie merkwürdig das war! Er verlor alle Befangenheit und er +fühlte wie seine Wangen vor Freude heiß wurden. + +»Wie es duftet!« begann er mit freier klarer Stimme. »Es riecht, als ob der +Wald eine Pfanne voll Harz und Wurzeln wäre. So schön! Wie regungslos diese +Fichten dastehen, nicht wahr? Und sehen Sie die Sterne, die durch die +Wipfel blitzen? Da ist besonders ein großer, geschliffener Stern, der immer +wieder auftaucht und im Walde umherleuchtet, als suche er etwas, etwa Sie. +Eben wieder! Wie herrlich! Dann dieser Friede, bei Gott! Er durchdringt +einen. Ich habe auch das Gefühl, als ob der Herr des Waldes in der Nähe +wäre, der Geist des Waldes. Er schleicht neben uns her, belauscht uns, +beobachtet uns, zuweilen glaubt man seine Augen sehen zu können, aber +sobald man hinblickt, zieht er sich ins Dunkel zurück. Die Nacht ist +wundervoll! Ja, diese Nacht ist so herrlich! Fühlen Sie? Sprechen Sie ein +wenig, es ist so schön die Stimme einer Frau des Nachts im Walde zu hören. +Ihre Stimme ist sehr schön und weich. Sie sprechen auch ein wenig +eigentümlich, einen fremden Akzent --« + +»Das ist gemacht,« sagte Adele. »Ich liebe das Fremde!« Sie lächelte und +sah Grau an, dann blickte sie wieder zu Boden und fuhr fort: »Wie leid tut +es mir nun doch, daß Sie auf dem Liederkranzball nicht in ein Gespräch mit +dem Baron gekommen sind, Sie würden eine ganz andere Meinung von ihm +bekommen haben. Er ist sehr gebildet und sehr klug und liebenswürdig. +Freilich, er ist zumeist so müde, daß er nicht spricht. Er liebt das +Herrische, er hat zwei schwere Duelle ausgefochten; wegen seines Armes +konnte er ja nicht dienen, aber er ist trotzdem mit Leib und Seele +Offizier. Ich liebe ebenfalls das Heldenhafte, Kampf und Krieg und was es +auch sein mag. Das Leben aufs Spiel setzen, ein Leben unter Gefahr -- ich +liebe das! Der Baron ist ja nicht gerade schön, aber er sieht sehr gut aus, +männlich sieht er aus, sogar etwas rauh. Aber so soll ein Mann aussehen. +Ich habe Ihnen schon gesagt, daß er etwas altmodisch denkt, das ist der +Einfluß seiner Familie, seiner Mutter und Tanten -- er sagt zum Beispiel, +der Mann gehört auf die Jagd und die Frau ins Boudoir, der Mann ist der +Beschützer der Frau und betet sie an, die Frau habe nichts anderes zu tun +als schön zu sein und ihn zu lieben und ihre Kinder zu erziehen. Nun, Sie +sagen gar nichts, Herr Grau?« + +»Ich habe kein Recht, mich zu äußern,« antwortete Grau ausweichend. + +»So müssen Sie es nicht auffassen, Herr Grau.« Adele lachte leise. »Es ist +ja gut, wenn wir uns aussprechen, nicht wahr? Vielleicht tun Sie dem Baron +doch unrecht --« + +»Ich habe ja gar keine Meinung über den Baron,« entgegnete Grau, »ich kenne +ihn ja gar nicht. Es handelt sich ja auch nicht darum, ich glaube nur --« + +»Nun?« + +»Es ist vielleicht besser, wenn ich nichts sage. Ich habe kein Recht dazu.« + +»Aber ich bitte Sie darum, Herr Grau.« + +Grau schüttelte den Kopf. »Ich habe kein Recht dazu, Fräulein von +Hennenbach. Aber ich kann eines eigentümlichen Gefühls nicht Herr werden -- +ich fühle das, fühle das so unsagbar stark -- daß in Ihrem Verhältnisse zu +dem Baron etwas nicht in Ordnung ist. Verzeihen Sie mir, bitte. Vielleicht +ist Ihre Neigung --« + +»Ich liebe ihn sehr!« + +»Aber vielleicht lieben Sie ihn nicht genug, um seine Frau zu werden?« + +Adele blickte auf den weißen Stamm einer kleinen Birke, der im Mondlicht +leuchtete, und sagte: »Ich liebe ihn, ja. Oft denke ich, ich liebe ihn +nicht genug, aber je mehr ich ihn kennen lerne, desto mehr liebe ich ihn. +Ganz abgesehen davon, zumeist sind sogenannte Vernunftehen glücklicher als +Liebesheiraten -- ich sage ja nicht, daß ich den Baron nicht liebe, aber +--« + +»Trotzdem erscheint es mir besser, an einer Liebesheirat zugrunde zu gehen +als in einer Vernunftehe zufrieden zu werden,« entgegnete Grau. + +Adele lachte leise. »Sie sind ein Träumer!« sagte sie. »Man nimmt die Ehe +ja gar nicht so wichtig in meinen Kreisen.« + +»Nicht?« fragte Grau verwundert, beinahe erschrocken. + +»O nein,« sagte Adele und fröstelte, während ihre Lippen lächelten. + +»Unmöglich!« Grau schüttelte den Kopf. »Ich habe darüber nachgedacht,« +sagte er nach einer Weile, »und die Ehe gehört zu jenen Dingen, die ich nie +zu Ende denken kann. Es gehört ein beispielloser Mut oder ein großer +Leichtsinn dazu, eine Ehe zu schließen. Ja, denken Sie sich: Die Ehe! Sie +sind nicht mehr allein, Sie sind zu zweien. Sie haben zu jemandem gesagt, +wir wollen bis zum Tode zusammen durchs Leben gehen! Sie sind plötzlich ein +anderer Mensch geworden. Es ist als ob Sie immerfort einen vornehmen Gast +im Hause hätten. Sie waren vielleicht gut genug, um allein zu sein, aber +jetzt finden Sie, daß Sie sich bessern müssen, in jeder Beziehung, da Sie +den Gast im Hause haben. Wenn Sie allein sind und Sie haben einen +schlechten oder kleinlichen Gedanken, Sie sind allein, versuchen Sie mit +sich selbst fertig zu werden -- nun aber? Wenn er wüßte, daß Sie diesen +niedrigen Gedanken haben, würde er nicht von Ihnen gehen? Beleidigen Sie +ihn nicht durch den niedrigen Gedanken oder ein armseliges, kleinliches +Gefühl. Sie müssen Ihre Gedanken und Gefühle veredeln, nun, da Sie den Gast +im Hause haben, gleichsam geschmückt wie zu einem Feste muß allezeit Ihre +Seele sein. Sie konnten früher nachlässig und träge sein, aber jetzt wäre +es ja eine Kränkung Ihres Gastes, Sie müssen dreifach eifrig sein. Sie +müssen den Gast bewirten mit guten Gedanken und großen Gefühlen, Sie müssen +seiner würdig zu werden trachten. Das Leben ist lang und Sie müssen doch +jeden, jeden Tag und jede, jede Stunde und jede, jede Minute mit einer +festtäglich geschmückten Seele vor ihn hintreten. Und jeden, jeden Tag, der +kommt, müssen Sie neu sein, erneuert, denn Sie dürfen ja nicht still +stehen, was würde Ihr Gast dazu sagen? Keinen unschönen Gedanken, kein +unschönes Gefühl dürfen Sie mehr haben, ja nicht einmal eine unschöne +Gebärde -- keine Müdigkeit, kein Sichgehenlassen -- es ist ja schwer, es +ist ja unendlich schwer und Sie müssen alle Ihre Kraft zusammennehmen, um +vor Ihrem Gaste bestehen zu können, um seine Nachsicht zu verdienen.« + +»Ich denke, es ist, als ob die beiden, die bis zum Tode durchs Leben +zusammen wandern -- als ob die beiden eine Kathedrale zusammen errichten +wollten -- eine herrliche stolze Kathedrale aus Schönheit und Reinheit. Von +dem Tage an, da sie einander begegneten, beginnen sie zu bauen. Nur mit den +schönsten und reinsten Gefühlen können sie die Kathedrale errichten. Die +beiden sind vielleicht im Leben schon da und dort angestreift -- aber die +Kathedrale, die Idee ihrer Ehe, die können sie ja herrlich und groß +errichten. Und die beiden haben vielleicht nicht das Recht, diese heilige +Kathedrale zu betreten, die sie bauten und schmückten, nein, vielleicht ist +die Kathedrale nur ein großes kühles Heiligtum über der Wiege ihres +Kindes!« + +»Ach, es ist ja so schwer, so schwer!« fügte Grau kopfschüttelnd hinzu. +»Und denen, die es wagen, denen soll man Glück und Ausdauer wünschen! Ja, +man soll für sie beten. All die Tausende, die es nicht wagen oder nicht +wagen können, die sollen für die wenigen beten, die es wagen. Weil es so +schwer ist -- und so herrlich, es zu unternehmen.« + +Adele sah lächelnd auf den Weg. »Wie Sie es doch auffassen!« sagte sie +leise. »Und die Liebe? Wie denken Sie darüber?« + +Sie wandte Grau ihre hellen Augen zu. + +Grau lauschte. »Hören Sie das feine Sausen, das rings im Walde geht?« sagte +er. »Hören Sie es? Bald ist es ferne, bald ist es ganz nahe bei uns. Es +macht alles zum Traume, daß wir hier gehen, ist es nicht wie ein Traum? +Sind wir nicht wie ein Traum im dunkeln Haupte des Waldes? Ich lebe und bin +reich, weil ich hier mit Ihnen gehen darf. Sie hören mir zu, wenn ich +spreche, wenn ich in meinen dürftigen Worten auszudrücken versuche, was ich +empfinde, wie ich es empfinde, so geduldig und aufmerksam hören Sie mir zu. +Ich danke Ihnen dafür, Fräulein Adele. Ich bin Ihr Freund und das macht +mich glücklich. Sie sagten vorhin, es freue Sie, wie glücklich mich das +gemacht hat!« + +»Sie fragen, wie ich über die Liebe denke? Lassen Sie mir Zeit. Sehen Sie +wie das Licht überall glitzert, es hängt in Tropfen an den Zweigen, es +klettert an den Bäumen empor, bis in die feinsten Nadeln! Wie schön ist +das! Ja, ich sage -- Sie singen ein Lied, und es gibt ja wundervolle Lieder +-- Sie singen es und mitten darin bricht Ihre Stimme -- denn plötzlich +fühlten Sie, wie schön das Lied ist. So ist die Liebe! Es gibt im Werke der +Orgel eine Stimme, die die menschliche Stimme heißt, ein süßer, flötender, +lebendiger Ton, der durch alle andern Töne dringt, über ihnen schwebt -- +das ist die Liebe. Ich will Ihnen gern sagen, wie ich darüber denke -- denn +es ist ja so schön zu sehen, wie Sie zuhören.« + +Grau schwieg eine lange Zeit und sah sie an. Er hatte plötzlich den Mut zum +Sprechen verloren. Adeles Miene hatte ihn betroffen gemacht. Sie blickte +auf den Boden, ihr Antlitz war kühl, fast abweisend, sie lächelte leise, +fast spöttisch. + +»Nun?« sagte Adele und sah auf. + +Aber Grau schwieg und blickte sie an. + +»Sprechen Sie doch!« sagte Adele ungeduldig. »Sprechen Sie doch. Es ist +schön Ihnen zuzuhören und ich möchte gern wissen wie Sie über dies und +jenes denken.« + +Er sah, daß sie an der Lippe nagte. + +»Was ist Ihnen?« sagte er. »Ich spreche ja gern, aber was ist Ihnen? Sie +erscheinen bedrückt, ja, fremd erscheinen Sie mir. Wollten Sie doch +glücklich sein? Aber Sie sind ja nicht glücklich!« + +Adele lachte leise. Ja, mein Gott, was tue es? Was schade es im großen und +ganzen, daß sie nicht glücklich sei? Sie rechne stets damit unglücklich zu +sein und zu werden, es müsse so sein. Ja, wenn man ihr hier das Glück +herlege und hier das Unglück -- + +»So werden Sie das Glück wählen!« sagte Grau. + +»Wirklich?« Adele sah ihn an. »Nein, nein, ich werde es nicht tun. Ich +werde das Unglück wählen, es liegt in meiner Natur. Und sobald ich etwas +Glück in mir fühle, zerstöre ich es ja doch! Ich würde das Unglück wählen +--« sie hielt inne und fügte zögernd und leise hinzu: »Oder würde ich das +Glück wählen?« + +»Sie würden es wohl tun!« sagte Grau. »Denn alle -- wie wir leben -- wir +mögen uns noch so gleichgültig und trotzig gebärden, wenn wir allein sind, +verzehrt sich unser Herz doch vor Sehnsucht nach dem Glücke. Nein, nein, +Sie sind in einem Irrtum über sich selbst befangen, wenn Sie das glauben.« + +Adele nickte. »Ich bin in einem Irrtum -- in einem Irrtum über mich selbst +befangen,« sagte sie. »Vielleicht, vielleicht? Oft scheint es mir selbst +so, Sie haben recht. Oft scheint es mir, als ob ich meine Vision vom Leben +verloren hätte. Was früher für mich groß und schön war -- wüßte ich es doch +noch! Ich habe mit so vielen Menschen gesprochen, jeder sagte etwas andres +und keiner das gleiche, ich habe so viele Bücher gelesen und gelesen und +gesucht -- jeder große Geist hat mich überzeugt und mitgerissen -- nun weiß +ich gar nichts mehr. Wer bin ich eigentlich und was bin ich? Oft habe ich +Sehnsucht nach Ruhe, nach dem Vergessen und oft bin ich müde und ich möchte +mich fallen lassen -- wohin ich auch falle. Ja, oft hab' ich ein Verlangen +nach unten -- denn da ist kein Kampf mehr, es ist verlockend zugrunde zu +gehen und gar nichts mehr zu sein. Oft habe ich diesen Wunsch, es ist die +Wahrheit, ach, Sie brauchen mich nicht so entsetzt anzustarren und nicht +den Kopf zu schütteln -- ich kenne mich ja am besten. Wenn ich nun den +Baron heirate, was schadet es? Zumal er mir ja sehr sympathisch ist. Sie +können recht haben, es ist vielleicht nicht alles, wie es sein sollte und +wie ich es mir wünsche, aber was schadet es, was liegt schließlich an mir? +Nichts. Alle machen es so, denn alle werden nach und nach müde und geben +sich auf und gehen nach unten. Vielleicht ist das ein Gesetz der +menschlichen Natur? Ach, lassen Sie mich sprechen -- ich liebe den Reichtum +und der Baron ist reich. Ich habe unaussprechliche Furcht vor Armut und +Dürftigkeit -- grauenhafte Furcht und vor nichts habe ich solche Furcht wie +davor, selbst vor dem Tode nicht. Ich liebe Bequemlichkeit, Luxus und +Nichtstun. Ich bin ehrlich und sage Ihnen all das, es ist die volle +Wahrheit. Oft denke ich an das Glück und an die Liebe -- so fern ist es für +mich -- und ich denke, es ist nicht für mich, es liegt nicht in meiner +Natur. Wenn ich eine junge Schwester hätte, die ich liebte, sie sollte es +haben, das Glück und die Liebe, die Schönheiten des Lebens, sie und ich +würde es mit ansehen. Für mich ist es ja nicht geschaffen. Ich höre Ihnen +zu, ja, es lockt mich, aber ich glaube nicht daran, das ist es. Es ist +alles so schön, zu schön, ich glaube nicht daran.« + +Sie schwieg und brach einen Zweig in kleine Stücke. Die Stücke streute sie +auf den Weg. Das letzte Stückchen wollte nicht brechen, sie bog es zwischen +den Fingern, aber es brach nicht. Sie ließ es fallen. + +Ihre Schritte glitten lautlos dahin, denn hier lagen Nadeln und der Weg war +von Moos überwachsen. + +Es hauchte hoch oben in den Wipfeln. Wie ein Bach im flachen Lande, mit +vielen Inseln und Kanälen und Adern, so floß über ihren Häuptern der +tiefblaue Nachthimmel dahin, kleine und große Sterne trieben darauf und +glitzerten. + +Nach langem Schweigen sagte Grau: »Wir Menschen fürchten uns ja nicht so +sehr vor dem Unglück, aber es graut uns davor elend zu werden!« + +Adele zuckte zusammen. + +»Davor graut Ihnen ja so sehr!« fuhr Grau eindringlicher fort, indem er +Adeles Arm leise berührte. Ihr erschrockener Blick streifte ihn. »Tag und +Nacht graut Ihnen davor. Nicht davor würde Ihnen grauen, etwas Schlechtes +zu begehen, denn es wäre vielleicht Trotz und Wille und Tat darin, aber es +graut Ihnen davor unterzusinken in Unwürdigkeit. Ich habe auch wieder von +jener Frau geträumt, die Ihnen ähnlich sieht -- der Traum erschreckte mich, +warnte mich --« + +Adele machte eine abwehrende, fliehende Bewegung. Aber Grau berührte +wiederum ihren Arm. + +»Begehen Sie kein Verbrechen an Ihrer Seele, Adele!« flüsterte er. + +»Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch!« sagte Adele bleich. »Weshalb +quälen Sie mich denn?« + +Sie legte die Hände an die Ohren, als Grau wieder zu sprechen begann, und +sah ihn mit zu schmalen Spalten zusammengezogenen Augen an. + +Grau blickte sie an. Er war bleich vor Erregung. + +»Verzeihen Sie!« stammelte er. »Oh, was habe ich doch getan. Es ist ja so +unrecht von mir.« + +Er lächelte schmerzlich und fuhr leise fort: »Ich sehe Sie an, wie schön +sind Sie doch! Wie Sie den Kopf tragen, Ihr Gang, Ihr Wandeln! Es steht ein +großer Geist auf und alle Menschen lauschen auf ihn und sie sagen: Der +Weltgeist spricht aus ihm. Sie sehen eine Rose an, die Rose ist schön, ein +eigentümliches Gefühl erfaßt sie: Der Weltgeist ist in der Rose, er duftet +aus ihr, er glänzt aus ihr. Ich sehe Sie an. Adele -- der Weltgeist strahlt +aus Ihnen! Sie sind seine Priesterin, geschaffen umherzugehen und die +Menschen mit Ehrfurcht zu erfüllen vor seinem Werke. Ihre Bahn sollte wie +die Bahn eines Gestirnes sein, erhaben und gewaltig und sichtbar allen +Blicken. Das ist Ihre Mission, ich will Ihnen sagen, was Ihre Mission ist! +Das ist sie! So fasse ich es auf, so scheint es mir. Jeder Mensch muß doch +eine bestimmte Mission haben und das ist die Ihrige!« + +Adele hatte die Hände halb sinken lassen und hörte ihm zu, den Blick in +seine Augen gerichtet. + +»Sie sind ein vollendetes Werk des Schöpfers und haben Ihre Mission zu +erfüllen,« setzte Grau hinzu, »und deshalb hat er Ihnen jenes schreckliche +Grauen vor der Unwürdigkeit in die Brust gelegt.« + +»Nein, nein --« stammelte Adele und entfloh. + +»Adele!« sagte Grau und sie blieb stehen. Ihre Lippen bebten und sie sah +ihn nicht an. Sie hatte abwehrend die Hände an die Brust gezogen und Grau +ergriff ihre Hände. + +Er sah sie an und lächelte wehmütig und scheu. »Sie sollen nicht vor mir +fliehen,« flüsterte er, »denn ich habe ja kein Arg im Herzen gegen Sie. +Hören Sie: Einmal lag ich als Knabe in einer Wiese und alles war so +wunderbar schön, so ganz anders schön, und ich hörte zum erstenmal eine +Stimme in mir sprechen. Dieser Augenblick bestimmte mein Leben. Als ich +Abschied nahm aus dem Blindeninstitut, da kamen alle meine Kinder und +küßten mich auf die Wange. Alle waren blind und alle spitzten die Lippen +und drückten sie heiß an meine Wange. Was ich damals fühlte! Seitdem +änderte sich abermals mein Leben. Dies sind meine größten und schönsten +Erlebnisse. Dann sah ich Sie -- ich war ja so scheu Ihnen gegenüber, weil +Sie so vornehm und schön gekleidet sind und weil Sie so schön sind. Aber +daß ich Ihr Freund geworden bin, das ist das schönste und größte Erlebnis +meines Lebens, Adele. Aus Ihnen strömte mir Kraft und mein Leben wird sich +ändern, ich weiß es, vielleicht werde ich jetzt gut und gerecht werden. Ich +danke Ihnen, Adele! Sie sollen mir vergeben, alles vergeben. Was ich jetzt +sagte, was ich über Ihr Verhältnis zu dem Baron sagte, alles, alles, ich +habe ja nicht das Recht dazu. Als Sie mir sagten, daß Sie reisen wollten, +von diesem Augenblick an hatte ich nicht mehr das Recht zu sprechen. Sie +wissen wohl warum, Sie wissen es recht gut.« + +Adele zog ihre Hände zurück und blickte ihn erschrocken an, aber in ihren +Augen begann es zu leuchten. + +»Es ist nicht nötig, daß Sie mir antworten, ich werde Sie nichts fragen. +Sie sollen nichts sprechen, kein Wort, ach, das will ich ja alles nicht. +Reisen Sie! Reisen Sie ruhig. Ich möchte nicht auf Ihre Entschlüsse +einwirken. Sie gehen, gut, ich bleibe. Sie sollen mir nicht antworten, ich +frage nichts, aber ich will Ihnen alles sagen. Ich habe Sie geliebt, als +ich Ihr Haar gesehen hatte, Ihren Gang. Das war als ich ankam hier, auf dem +Bahnhof. Aber ich habe es nicht gewußt. Der Schnee lag auf dem Dache Ihres +Hauses und er kam mir wie etwas ganz Besonderes vor. Im Frühling stand in +Ihrem Garten ein blühender Apfelbaum und ihn liebte ich am meisten von all +den blühenden Bäumen. Nie in meinem Leben werde ich ihn mehr vergessen, +seine Gestalt, seinen Glanz in der Sonne, nie mehr, obgleich ich so viele +blühende Apfelbäume gesehen habe. Damals wußte ich das schon! Wissen Sie, +wie das ist, Sie sitzen ruhig und plötzlich steigt Ihnen das Blut zu Kopf, +Ihr Kopf wird heiß, glühend heiß, und Sie wissen eigentlich nicht warum -- +ein Gedanke, eine Ahnung, die in Ihnen aufsteigt! So kam es über mich und +dann wußte ich es. Ich habe nicht gegen das Gefühl angekämpft, nein, ich +habe es nicht getan, denn tat es Ihnen weh, tat es Ihnen Unehre? Ich habe +Ihren Namen nie ausgesprochen, aber er war in mir, er lebte in mir +verborgen, wie ein Vogel im Walde lebt. Wenn Sie kamen, wenn Sie gingen, +wie mir da war! Nie werde ich es sagen können. Sonnenaufgang, +Sonnenuntergang -- und ich sagte guten Tag und Adieu, kleine Worte.« + +Je länger Grau sprach, desto bleicher wurde er, desto verzückter wurde sein +rasches Lächeln, desto glänzender und begeisterter sein Blick. Adele wich +gleichsam mehr und mehr zurück, obgleich sie sich nicht von der Stelle +bewegte, der Ausdruck ihrer Augen wechselte rasch, Freude, Schreck, Liebe, +Scheu. + +Aber Grau hielt ihre beiden Hände und sprach und sprach. + +»Ich werde die Stelle in meinem Zimmer nicht mehr vergessen, wo Sie +standen, immer werde ich Sie sehen und ob ich auch hundertmal im Tage hin- +und herginge. Ich sage es Ihnen, ich muß, Sie brauchen mir nicht zu +antworten. Sie haben mich ja so reich beschenkt --« + +Plötzlich stockte er, er wurde totenbleich, er zitterte, er schloß die +Augen und schwankte. + +»Was ist Ihnen?« fragte Adele. + +Er lächelte und schüttelte den Kopf und öffnete wieder die Augen. Er atmete +tief auf. + +»Verzeihung,« sagte er, »es war nur ein Augenblick -- Antworten Sie mir +nicht, ich frage nichts, ich will nichts -- ich danke Ihnen, daß Sie +zuhörten. Vergeben Sie mir. Reisen Sie! Reisen Sie und werden Sie +glücklich.« + +Adele faßte Graus Hände fester, sie schüttelte leicht den Kopf, schüttelte +ihn immerzu, ein feines, frohes Lächeln erschien auf ihren Wangen. + +»Nein, nein!« flüsterte sie. »Ich werde nicht reisen, nein, nein.« + + + + +Elftes Kapitel + + +Grau ging mit Adele durch den stillen Wald. + +»Liebe ist ja alles. Adele, Liebe ist ja überall, ohne Liebe ist ja +nichts,« sagte er und küßte ihre Hand. + +»Sie ist so alt wie Gott und war im ersten Lichte und ist im Licht und ist +das Beben des Lichtes. Sie hat alles durchdrungen und du findest kein Atom +der Welt, das sie nicht durchdrungen hätte. Im Schlechten ein gehetzter +Funke, im Guten ein Feuer.« + +»Ohne Liebe gibt es ja kein Verstehen, ohne Liebe gibt es keine Wahrheit. +Sie ist die Seele der Welt, das Geheimnis und sein Schlüssel. Sie ist das +Ganze und der kleinste Teil.« + +»Dein Leben ist mein Leben, Adele, dein Tod mein Tod, dein Tag mein Tag, +deine Nacht meine Nacht,« flüsterte er und küßte ihr die Hand. »Warte.« Er +bückte sich. + +»Willst du nicht den Tau haben, Adele? Nimm ihn, öffne deine Hand, daß ich +ihn aus den Blumen in deine Hand klopfe. Das ist der Tau, Adele!« + +Adele lachte. Niemals lachte sie so glücklich. + +»Ja, laß uns leben!« rief sie aus. »Laß uns fröhlich sein und leben. Fliehe +mit mir, ich will dein sein!« + + * * * * * + +Der Tag nahte und Grau saß oben auf der Höhe auf einem Stein. Er regte sich +nicht, er saß wie ohne Leben, er lächelte müde, seine Augen leuchteten. + +»Es ist zuviel,« flüsterte er, »es ist zuviel!« + +Die Vögel begannen zu zwitschern. Er hörte es. Tau fiel ins Gras, kleine +glitzernde Welten tropften von den Bäumen. Er regte sich nicht. Er +lauschte. + +Grau, Grau, der Glückliche! zwitscherten die Vögel. Er lauschte: Im ganzen +weiten Walde zwitscherten Tausende von Vögeln: Grau, Grau, der Glückliche! + +Die Sonne ging auf. Er sah sie kommen. Er lächelte. Feurige Wolken flogen +im Osten herauf, Milliarden von Seelen standen auf den goldenen Wolken und +winkten und fuhren dahin über die Erde. Das Gestirn erhob sich im Triumph. +Da glänzte die Ebene, da glänzte die Welt. + +Die Erde ist eine Freudenträne, die aus Gottes Auge fiel, dachte Grau und +stand auf und badete sein Gesicht im Lichte. + + + + +Zwölftes Kapitel + + +Grau ging rasch und schwebend einher. Er hatte ein Gefühl, als sei seine +Brust angefüllt mit Licht und blendender Helligkeit. Er spürte den Schein +seiner Augen. + +Alle Dinge kamen ihm verändert vor, schöner, verklärt, die Blumen +leuchtender, die Haut der Kindergesichter heller, die Augen der Menschen +strahlender. Als er durch seinen kleinen Garten schritt, der in der +Frühsonne leuchtete, blieb er erstaunt stehen; er hatte ja nie zuvor +gesehen, wie schön der kleine Garten eigentlich war. Alle Blumen schienen +ihm zuzulächeln. + +Er setzte sich augenblicklich nieder und schrieb fieberhaft einige Briefe. +Ja, du guter Gott, was gab es doch alles zu tun! Verbindungen mußten +angeknüpft werden, alles wollte ja vorbereitet sein. Er wollte arbeiten, +arbeiten, Tag und Nacht wollte er arbeiten, es war ja eine Freude, eine +Lust. Alles, alles mußte anders werden, sein ganzes Leben neu; keine +Trägheit und Schlaffheit mehr, eifriger, reger, tätiger mußte er werden! + +Dann hatte er eine Unterredung mit Eisenhut. Eisenhut verstand ihn nicht +und fragte neugierig, aber Grau ließ sich nicht auf Erklärungen ein. Auf +Eisenhut war in jedem Falle zu rechnen. »Danke, Eisenhut, Freund! Adieu!« + +War es nicht sonderbar, daß heute alle Menschen lächelten? Da gingen sie +dahin mit einem kleinen Glück im Herzen. Grau hatte Lust, ihre Hände zu +erfassen, sie zu umarmen, er grüßte liebenswürdiger als je, sah ihn jemand +an, so hatte er sofort ein freundliches Wort für ihn. Die Leute sahen ihm +erstaunt ins Gesicht. Ein glückliches Lächeln lag auf seinen knabenhaften, +roten Lippen, seine Augen leuchteten wie stille Feuer. Er hatte es sehr +eilig und besuchte einen alten Tagelöhner, plauderte mit ihm, ermutigte +ihn, dann sprach er mit einem Stadtrat, jenem Messerschmied Ulrich, dessen +Bart Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, um dem Tagelöhner einen Platz im +Armenhaus zu verschaffen. Hierauf gab er zwei Stunden Unterricht in der +Schule und als er damit fertig war, kaufte er für zwanzig Pfennig Kuchen +und lud sich eigenmächtig bei der »ewigen Braut« zum Kaffee ein. Er traf es +günstig, Fräulein Sperling war in festlicher Stimmung. Auf dem Tische stand +ein Strauß von Kornblumen, heute war der Geburtstag des Bräutigams. Sie +plauderten und zuweilen lachten sie beide laut heraus. Fräulein Sperling +legte den weißblonden Kopf auf die Seite und lächelte Grau kokett zu. + +Immer noch stand die Sonne mitten am Himmel! Wollte denn dieser Tag kein +Ende nehmen? + +Aber endlich wurde es dunkel und Grau verschwand irgendwohin. Er wartete +oben auf der Höhe. Da saß er am Rand des Waldes, breitete die Hände vors +Gesicht und lachte und weinte. + +Es war ja nicht auszudenken, dieses Leben, dieser Glanz vor ihm, dieser +Reichtum, so unerwartet und plötzlich! Daß ihm, ihm, ihm dieses Glück +beschieden wurde, warum, weshalb? Gerade ihm dieses verwirrende Glück? Er +konnte nicht daran denken. Er konnte nicht an die Zukunft denken, nein, das +blendete, er konnte nicht an die vergangene Nacht denken, nein, nein, das +funkelte. Er hörte ja immer noch wie die Vögel heute morgen im Walde +zwitscherten -- + +Adele kam nicht in der ersten Nacht, auch nicht in der zweiten und dritten. +Aber Grau erhielt ein Billet. »Mama ist nicht wohl. Ich bin dein, warte!« +stand darin, sonst nichts. + +Gewiß, er wartete! + + * * * * * + +»Schöne Tage sind nun für dich gekommen, mein Herz,« sprach Grau zu seinem +Herzen. »Freude und Glück, du hast Gnade gefunden vor dem Schicksal. +Jubele!« + +Tag und Nacht pochte Graus Herz laut in der Brust. + +»Es ist schön geradeaus zu blicken, nach oben und unten, alle Dinge sind +freundlich. Es ist schön die Augen zu schließen und in die Brust +hineinzublicken, wo es funkelt von Herrlichkeiten.« + +Die Tage waren schön, und schöner noch waren die Nächte. Die Tage waren +sonnig und heiß, die Nächte warm und nahezu silberweiß vom Mond und den +vielen, vielen Sternen. Die Stadt lag ganz in Sonne gebettet und funkelte +wie ein Schmuck in einem Blumenstrauß. Freundliche Wolken zogen langsam +über den tiefblauen, glänzenden Himmel, oft blieben sie stundenlang an der +gleichen Stelle stehen, es war gänzlich windstill. Manchmal regnete es, nur +fünf Minuten lang, während die Sonne schien, dann war die Luft um so +köstlicher und alle Düfte des Sommers erwachten um so stärker. + +Es war so schön und Grau war so glücklich, daß er plötzlich zu sich sagte: +Könnte ich mir nicht einige Tage Ferien geben, wie? Zwei, drei Tage, an +denen ich nur das Notwendige verrichte? Ja, ja, weshalb nicht, gehen und +wandern, schauen und fühlen. + +Er ging und ging und war immerzu unterwegs. Bald ging er in einem +Eichenwalde, den die Sonne vergoldete, bald zwischen den Kornfeldern, die +sich schwer neigten, wieder da genoß er die leise Musik und Erquickung +eines Baches, der sich durch die Wiesen schlängelte. Freude erfüllte seine +Brust. Er fühlte sich gesegnet, beschenkt, geschmückt. Zuweilen nahm er +Adeles Billet aus der Tasche, las es, nickte und steckte es wieder +sorgfältig ein. + +»Ich darf ja nicht daran denken,« sagte er und lachte und schüttelte den +Kopf. »Es ist ja zuviel!« + +Grau ging auf der Höhe, die der Sommer geschmückt hatte, es sang und klang +im Tale, und er dachte an all das fröhliche Leben auf der grünen Erde. Wie +es wimmelte! Überall wimmelte es, in den Städten, den Werkstätten, den +Bahnhöfen, den Schiffen, den Bergwerken. Und zu denken, daß es immerzu +lacht und singt auf der Erde! Da ist die Schule zu Ende, da ist eine +Hochzeit, dort ist ein Bankett, ein Ball, diese Stadt hat geflaggt und in +jener ist ein Feuerwerk. All die Freude, die jetzt in diesem Augenblick auf +der Erde ist! Immerzu lacht und singt es auf der Erde, es lacht, kichert, +jauchzt, jubelt. Und weshalb sollten die Menschen auch etwas anderes sein +als die Vögel im Walde? + +Grau stieg hinunter durch ein schmales sanftes Tal. Das Gras hier war +saftig und vom tiefsten Grün. Er ging nach Hause und legte sich in seinem +kühlen, dämmerigen Zimmer zur Ruhe nieder. Augenblicklich schlummerte er +ein und obwohl er schlief, empfand er lange noch die Köstlichkeit seines +Schlafes. Dann kam ein großer Tonkünstler in seinen Traum, der sich vor +eine Orgel setzte und spielte. Grau saß in einem hohen Stuhle und hatte +nichts zu tun als zuzuhören. Plötzlich brauste die Orgel: Auf, auf! Und er +fuhr empor. Ja, es war Zeit, die Sonne war im Begriffe zu sinken. + +Die Sonnte brannte noch auf seinem Rücken, als er zwischen Obstgärten und +Weinpflanzungen empor zur Höhe stieg. Aus dem Walde hauchte Schwüle, Grau +legte sich am Rande in das erfrischend duftende Gras, stützte den Kopf in +die Hand und begann augenblicklich zu warten, obgleich er wußte, daß Adele +erst kommen konnte, wenn es ganz dunkel war. + +Die Sonne glühte in den sanften Höhenzügen im Westen, die gleichsam +zerschmolzen und sandte breite Garben von rotem Feuer über die Ebene. Der +Fluß brannte. Die Stadt unten sah aus als sei sie aus einem Berge von +dunklem Golde gegraben. Der Glanz erlosch, die Wälder auf den Höhen +erröteten. Im Tale stieg blauer Rauch auf wie von einem Schusse, aber er +verging nicht mehr, er verteilte sich, wurde dichter und endlich erfüllte +der Nebel das ganze Tal. Alle Farben erblaßten, in der Ferne blitzte ein +kleines Feuer, das heller und heller flackerte. Nun war es plötzlich still +geworden. In der Stadt läuteten die Glocken und dann war es lange ruhig, +bis die erste Grille zu zirpen begann. + +Am Himmel flimmerte ein kleiner Stern, dann tauchte der Abendstern auf, +groß und feierlich, wie eine Fackel, die vor der Nacht einherschritt. Und +jetzt kam die Nacht. + +In der Dunkelheit, da und dort, sprühte geheimnisvolles Licht, aus der +Stille kamen merkwürdige Stimmen und Laute, der Wald dehnte sich, ein +warmer Strom von Wohlgerüchen zog daher, die Luft füllte sich mit Leben. +Grau bekam wunderliche Besuche, kleine Milben, das Silber des Mondes auf +den Schwingen, Käfer, Spinnen und Falter, fein wie ein Stückchen Seide, ein +Eckchen Samt. Der Himmel war plötzlich übersät von Sternen, der Mond ging +auf. + +Die Sommernacht funkelte. + +Wenn du das nicht fühlst? dachte Grau. Vielleicht ist es einerlei ob du gut +oder schlecht bist, aber wenn du das nicht fühlst? Es gibt ja soviel Gutes, +das Gute wächst ja immerzu, eine Schlechtigkeit kann es nicht schmälern und +Gott wird dir vergeben. Er wird dich vielleicht wieder und wieder den Weg +des Fleisches schicken, bis deine Seele edel und reif geworden ist, er wird +vielleicht dem Trotzigen vergeben und dem Zweifler und seinem Feinde +vielleicht, aber wenn du das nicht fühlst? Wenn du kalt bist und spottest, +vielleicht hätte er dir eher die große Missetat vergeben. + +Es rauschte! War sie es, die kam? + +Grau wartete. Sein Herz war so reich, daß er die Stunden nicht zählte. Er +lag im Grase und atmete. Je tiefer die Nacht wurde, desto tiefer atmete er +und endlich atmete er wie alles ringsumher, die Bäume, die Gräser. + +Und er lächelte. + +Zu denken an den gewaltigen Weltenatem! Wie? + +Wir spüren ihn ja nicht, aber sein Hauch traf auch die Erde, deshalb atmete +sie und alles, was auf ihr ist, die Luft, das Meer, das Feuer, die Tiere, +alles, alles atmet. + +Zu denken, daß das ganze Weltengebäude ewig zittert und bis in die +kleinsten und fernsten Teile immerzu bebt von der großen schwingenden +Kraft! Wir fühlen sie ja nicht, aber sie ist in allen Dingen. Wie die +Sterne schwingen, so schwingt die Erde und wie die Erde schwingt, so +schwingt das Blut in den Adern der Menschen. + +Und überall pocht und pulst und bebt es! In den Urwäldern, den Sümpfen, wo +es gurrt und miaut, in der Brust der Vögel und des Tigers, der auf Raub +ausgeht, überall pocht es, die ganze Welt ist ja nichts als ein einziges +großes pochendes Herz! + +Zu denken, daß sie nichts ist als ein großes pochendes Herz! All, all das +zu denken! + +Grau schwindelte und er schüttelte den Kopf. + +Da knackt es und Schritte kamen. Adele? Nein, es war ein Reh, das aus dem +Walde trat um zu äsen, ein feines, junges Tier, das sich zierlich auf den +dünnen Läufen bewegte. + +Und wieder wartete er und ließ sich von seinem Glücke dahintragen. Es +schaukelte ihn wie ein warmes, funkelndes Meer. + +Er lauschte erstaunt: In seinem linken Ohre sang jemand ein Lied! + + * * * * * + +Nahm es denn kein Ende, dieser Reichtum, dieses Glück? Zuweilen fuhr es +über ihn dahin wie ein heißer, erstickender Sturmwind, zuweilen sang es ihm +leise und fein wie eines Vogels Stimme, zuweilen lag es vor ihm ruhig und +unendlich wie ein goldenes sanftes Meer. + +Unaufhörlich spielten die Gedanken in seinem Kopfe, seine Augen waren +schärfer geworden, seine Ohren feiner, sein Gefühl lebendiger. Er fühlte +wie das Zittergras zitterte, er fühlte es, wie all diese kleinen +wunderschönen Herzen des Zittergrases bebten, er fühlte wie der Zweig eines +Baumes schwankte. Es war so schön in dieser Welt zu leben, wo alle Dinge so +schön und sinnreich waren, selbst die unscheinbarsten. Da hast du die +Blumen, ganz schlichte unscheinbare Blumen, sie haben die Farben der Sonne +aufgesaugt und strahlen sie zurück, sie sind aber nicht nur schön, sie +stehen nicht umsonst da, sie sind notwendig für die Quellen und die Luft; +da hast du die Biene, sie geht nach Honig aus, aber sie ist nicht umsonst +da, sie befruchtet die Blumen. Da hast du --. Alles, alles verschlingt +sich, verwebt sich, jedes kleinste Ding hat Beziehung zu dem Ganzen, +geheimnisvollen Zweck, es wirkt und dient, auch der Mensch, nichts anderes +als ein Faden in dem rätselhaften Gespinst der Welt ist er. Er mag ein +Unternehmer sein, der eine Eisenbahn baut, ein Erfinder, ein Künstler, ein +Denker, einerlei -- er arbeitet für Geld und Ruhm, ja, und doch dient und +wirkt er, ob er will oder nicht, der Unternehmer, der die Bahn baut, dient +der Verbrüderung der Menschen, der Erfinder spart ihnen Zeit, der Künstler +verfeinert Sinne und Geschmack, der Denker vertieft ihren Sinn -- alle, +alle arbeiten sie für den kommenden Menschen, der die Sehnsucht und der +Traum der Erde ist. Ein Faden im Gespinste der Welt ist der Mensch, verwebt +mit dem was lebt und tot scheint, verwandt mit dem Grase und der Eiche, dem +Pferde, der Luft und den Sternen. + +»Weiter, weiter! Gehen und wandern!« + +Der Wald war plötzlich zu Ende und Grau trat in die blendende Sonne. Er +prallte zurück. Was war das, was mitten im Tale stand in der flimmernden +Sonne? Ja, das war er, er, der Mensch, das Phantom Mensch! Seine Füße +standen im Tal und sein Haupt reichte bis in den blauen Äther hinein. Sein +Leib leuchtete in der dampfenden Sonne, seine Augen strahlten wie Sterne. + +Die Erscheinung zerrann im Augenblick wieder. Grau schloß die Augen, eine +ungeheure Erschöpfung lähmte seine Glieder. Er setzte sich in das Gras und +lächelte. Wie herrlich war es doch gewesen? Wie wunderbar das Leuchten +dieser erhabenen Augen, nie mehr würde er es vergessen! Ja, das war er, +dachte Grau, der Mensch, das Phantom! Der Mensch mit seinen Gebräuchen und +Sitten, seinen Städten, seinen Kathedralen und Tempeln, seinen Statuen und +Gemälden, seinen Symphonien, seinen Geweben und Maschinen, seinen Wünschen, +seiner Sehnsucht, seinen Religionen, seinen Hoffnungen, seinem Schmerz, +seinem Wahnsinn, seiner Liebe und seinem Haß, stärker als der Elefant, +schneller als der Vogel, mit köstlichern Gesängen als des Vogels Lieder +sind. + +Hast du dem Menschen schon ins Auge geblickt, wie es glänzt und dunkelt und +blitzt unter der Wimper, die sich hebt und senkt, hast du schon gesehen wie +sich seine Lippe schwingt? Ja, auch schön ist der Mensch. + +Ich und du, wir sind ja nur zwei Halme am Rain, ein Volk wie ein Baum, der +seine Zeit hat, aber der Mensch ist ein Phantom, das unvergänglich ist und +wächst und wächst! -- + +Wie er in der Sonne stand, dachte Grau, ich sah ihn ja ganz deutlich, wie +kühn, wie herrlich, nie mehr werde ich diese Erscheinung vergessen. + +Er sprang auf. »Weiter, weiter, gehen und wandern, meine reichen Tage sind +gekommen.« + + + + +Dreizehntes Kapitel + + +Grau erhielt einen Brief von Adele. »Warte! Mama ist besser, ich will mich +ihr anvertrauen. Habe Geduld!« Er traf die Schwestern Sinding auf der +Straße und wechselte einige Worte mit ihnen. Zufällig kamen sie auf Adele +zu sprechen. + +»Wir trafen sie bei unserer Stickmamsell,« sagten die Schwestern. »Sie soll +ja in den allernächsten Tagen reisen.« + +»So?« + +Grau lächelte so eigentümlich, daß ihn die Mädchen erstaunt anblickten. + +Ja, gewiß würde Adele in den allernächsten Tagen reisen, nur wußte niemand +wohin und mit wem. Der Stadt stand eine kleine Überraschung bevor. + +Grau war nicht ungeduldig, er wollte gerne warten, Wochen, Monate, Jahre, +wenn es sein mußte, es war ja schön zu warten, er war dankbar, daß er es +durfte. + +Mit jedem Tage wurde sein Herz reicher, es frohlockte, es sang in seiner +Brust. Er ging durch die Wiesen, die Felder, hinauf, hinab, bald waren +seine Schuhe staubig, bald blank vom Grase. Er blickte ringsumher, seine +Augen waren heller, goldener geworden in den letzten Tagen, er lächelte und +seine Wangen waren rot, er sang leise vor sich hin, zuweilen lachte er und +er hätte nicht sagen können, worüber er gelacht hatte. Ganze Strecken lief +er dahin, den Hut in der Hand, die lächelnden Augen auf den Boden geheftet. +Alle Dinge sprachen zu ihm, es strömte von allen Seiten auf ihn ein, +unausgesetzt, und dabei pochte immerfort das Herz in seiner Brust, pochte +und klopfte und zitterte. Reiche Tage waren das. + +Wie aber waren Graus Nächte? + +Diese warmen, feierlichen, funkelnden Nächte, nie würde er sie vergessen +können! Wenn er oben am Waldrand lag und zu dem gestirnten Himmel +emporblickte. Sterne hier, Sterne dort, Sterne überall. Es war kein Platz +am Himmel leer. Da schimmerten sie, die großen Sternbilder spannten sich +gewaltig aus, eine aus flimmernden Sternen gefügte mächtige Brücke stieg +herauf, stieg empor, verschwand in den dunkeln Tannen. Aber wenn man hinein +blickte in eine Gruppe von Sternen, so entdeckte man zwischen den kleinsten +Sternen abermals Sterne, feine Fünkchen, Stiche. Da leuchteten große +Sterne, die man mit Ehrfurcht anblickte, kleine, die man lieben durfte. +Sternschnuppen fielen, oft kurz, gleichsam entschlüpft und wieder erhascht, +oft lange Streifen, die hinter dem Horizonte verschwanden. + +Grau konnte stundenlang in die Sterne blicken. Sie entzückten ihn. Sie +zogen ihn an. Sie winkten ihm. Verwunderung und Staunen überkam ihn, +Furcht, Schrecken, Grauen, Freude. Wie die Ameise im großen Walde, so war +er unter den Gestirnen. Er konnte wandern, Millionen Jahre und würde ihnen +nicht näher kommen. Auf tausenden von Planeten saß in dieser Stunde ein ihm +verwandtes Wesen und starrte und starrte in die Gestirne, schwindelig vor +Entzücken und Grauen. Schrecklich ist es für den Menschen an den +unendlichen Raum zu denken. Fernen, Entfernungen, Leere, kein Laut, von den +unverständlichen Lichtsignalen zahlloser Sternenheere durchzuckt. Er +taumelt, er möchte schreien und doch denkt er wieder und wieder daran. +Vielleicht aber tönen da draußen Melodien, vielleicht ist der Raum nicht +leer, sondern von Geistern erfüllt. Vielleicht ist er die Wohnung Gottes +und plötzlich könnte den Menschen die furchtbare Frage treffen: Was wagst +du es? + +Schrecklich ist es für den Menschen, ein Punkt am Rande der Unendlichkeit +zu sein. + +Grau zitterte. Er regte sich lange nicht. Scheu erfüllte ihn. -- + +Alle Nächte waren verschieden und jede Nacht erlebte Grau anders, eine +Nacht machte ihn reicher als die andre. Jede Nacht hatte ihr besonderes +Schweigen, ihren besonderen Geruch, ihre besonderen kleinen Laute. Der Wald +war in jeder Nacht ein anderer. Bald flüsterte er, bald schüttelte er sich, +er konnte sein wie ein Mensch, der im Traume: Ja, ja! murmelt, wie ein +junges Mädchen, das im Traume kichert. Und er konnte schweigen, so tief. + +Zuweilen hörte man tief im Walde einen hohlen Ton, als ob ein Stein ins +Wasser falle. Knistern, Laute. Jemand ging im Moos, ein Schritt glitt in +der Dunkelheit? Sang es nicht tief drinnen im Walde? + +In einer Nacht wimmelte die Luft von Milben und Faltern, in der nächsten da +war kein Leben, eine Nacht war still, kein Blatt regte sich, in einer +andern da koste ein leiser Wind vom Abend bis zum Morgen mit dem Grase wie +mit einer Geliebten. + +Die Stadt mit ihren buckligen Dächern und blinzelnden Lichtern erschien wie +eine große warzige Kröte an der Edelsteine funkeln. Da lag sie und kroch an +den Fluß um zu trinken. Oft war die Ebene wie schwarzer, weicher Sammet, +aber im Mondschein konnte sie sein wie ein See mit kleinen wandernden +Silberwellen. + +Einmal entlud sich mitten in der Nacht ein Gewitter. Gespensterhafte Wolken +flogen daher, die vom Himmel bis zur Erde herabhingen und die Dächer der +Stadt zu streifen schienen. Sie waren tiefschwarz, aber plötzlich zerrissen +sie und Grau sah in eine riesige Schmiede hinein, wo wütende Schmiede +arbeiteten. Die Funken sprühten, die Hämmer dröhnten, die Bälge heulten. +Die Wolken jagen über die Höhe und nun rieselten die Blitze gleichsam über +den Wald und Grau stand inmitten von Feuer. Das liebte er. Das Gewitter war +kurz aber es hatte in Grau ein großes Erstaunen zurückgelassen, so daß er +lange nichts andres denken konnte. + +Wieder, da war die Nacht süß und träumerisch und Graus Herz war still und +lächelnd und voller Liebe. + +»Den Kindern Rosen auf die Wangen, wenn sie schlafen,« dachte er, »und +sonnige Wiesen, wenn sie wachen, den Geknechteten gütige Anwälte unter den +Mächtigen der Erde, dem Verzweifelten einen Freund!« + +»Ich möchte der Traum sein und des Nachts vor den geängstigten Menschen +tanzen und spielen, ich möchte ein Vogel sein und mich auf die Gitterstäbe +des Gefängnisses setzen und meine schönen Farben zeigen.« + +»Ich möchte ja, daß das Korn selbst auf den Dächern der Häuser wachse und +die Tannen Wein und Früchte tragen, damit es keinen Hungernden mehr gäbe.« + +»Dann möchte ich Ströme von Freundschaft aussenden in die Lande, damit der +Hader und Zank endigte.« + +»Dann möchte ich Blitze von Sehnsucht aussenden, damit sich alle Herzen +entzündeten zu friedevollem Wettkampfe. Das möchte ich!« + +Und Grau, der im Grase lag und ein heiteres Herz hatte, winkte leise mit +der Hand und sagte: »Allen, allen Menschen einen Gruß! Dir und dir! Dem +Mißmutigen einen Gruß, von jeder Glocke, jeder Geige, jeder Flöte will ich +ihm einen Ton schenken, von jedem Vogel ein Federchen, das er entbehren +kann, von jeder Blume ein bißchen Duft: Damit er fröhlich werde! Dem +Fröhlichen einen Gruß und dir, du schönes Mädchen, das jetzt lacht, einen +Gruß, und dir, dem Schwarzen einen Gruß, der jetzt im heißen Schiffsbauche +arbeitet und glüht im Feuerschein! Allen, allen einen Gruß!« + +Die schönste Nacht aber war die letzte Nacht, da Grau wartete. + +Er war betroffen, als er auf der Höhe ankam und sich umblickte. Das +glänzte! Der Fluß, die Stadt, die Ebene, die Höhenzüge, alles glänzte! + +Grau war betroffen und sein Herz stand still. Da stand er und staunte. Das +war ja sein Glanz, des großen Gottes Glanz, der auf Feldern und Wäldern und +Dächern und Graus Hand lag! Niemals hatte er diesen Glanz vorher gesehen. +Das Firmament, war es nicht wie ein gleißendes Antlitz, das sich über die +Erde beugte? + +Gott? + +Der Furchtbare, der Pflanzen und Getier träumte? Unfaßbare Formen, +verwirrende Gebilde. Sein Gedanke ward zum Feuer, sein Atem zum Gesang, +seine Blicke schleuderten die tanzenden Sterne in den Raum, sein Blick fiel +auf die Erde und aus dem dunkeln Haupt der Erde sprang der Mensch. Das +Heben seines Lides kann das All zerschmettern, das Senken seines Lides ein +neues schaffen und alles kreist und blüht wie zuvor. + +War er so? Er, er? Er, nach dem die menschliche Sehnsucht irrt wie ein +Hund, der die Spur des Herrn sucht. + +Ist er überall? Im Grase, im Baume, in der Katze, die über die Mauer +schleicht und in mir? Blickt er ewig auf mich mit einem seiner ungezählten +Augen? Oder blickt er aus mir, pocht er in mir, ist er ewig in mir, in +jedem Gefühle, folgt er mir jetzt in meine Gedanken? Duftet er aus der +Blume? + +Ist er in den Sternen, im Licht? + +Oder ist er fern von allem, fern, fern von der Erde und wirft nur in +Millionen Jahren einen Blick auf sie. + +Ist er in der Bewegung -- oder ist er das Einzige, das ruht? + +Es ist ja nicht mehr wie früher, da er in einem Garten mit den Menschen +wandelte, oder im Donner redete oder auf einer Wolke dahin fuhr. + +Wir können ihn ja nicht mehr denken -- aber wäre er nicht weniger groß, +wenn wir ihn denken könnten? + +Er ist eine Sehnsucht! + +Plötzlich erstarrte Grau: Ist es verboten an ihn zu denken? + +Verboten, verboten? Die Sterne blickten ihn an, Glanz blendete ihn. Er +zitterte, sein Herz stand still und das Blut glühte in seinem Kopfe. Er +hatte Furcht, entsetzliche Furcht. Er erbleichte und verhüllte sein +Gesicht. + +Wozu fragen, wozu denken, wozu Worte? Niederfallen, knien, sich beugen, +beten, das ist alles, es gibt nichts andres. + +Grau ging hinein in den Wald, wo es ganz dunkel war. + +»Vergebung!« sagte er. Der Wald rauschte. + +Durch die dunkeln Wipfel blitzte ein Stern. »Goldener Gott!« flüsterte +Grau. »Auch hierher folgst du mir?« Er schloß die Augen -- da fühlte er den +Duft des Waldes. »Auch hierher? Das alles ist zu gewaltig für ein +Menschenherz.« Er roch den Duft nicht mehr, da begann sein Herz zu pochen, +fürchterlich schlug es. »Auch hierher folgst du mir!« + +Sein Herz stand still, da begann ein großes Auge in ihm zu funkeln. -- Er +kniete nieder und beugte das Haupt. -- + +Als Grau nach langer Zeit wieder aus dem Walde trat, war er ganz blaß und +erschöpft. Er lächelte matt und seine Augen standen voll Tränen. Er hatte +gebetet zu seinem Gotte und ihn um Kraft angefleht, Adele würdig zu werden. + +Nun fühlte er sich stark und frei. Nie hatte er sich freier und glücklicher +gefühlt. + +»Komm, Adele!« rief er. »Ich bin bereit! Komm!« + + + + +Vierzehntes Kapitel + + +Am andern Tage kam Adele zu Grau. + +»Ich komme um mit dir zu sprechen,« begann sie hastig und streifte Grau mit +einem raschen, scheuen Blick. Ihre Wangen waren gerötet, aber plötzlich +erbleichte sie. Sie nahm auf einem Stuhle Platz und beugte den Kopf, so daß +ihr Gesicht fast ganz unter dem hellen Sommerhut, der mit großen weißen +Federn geschmückt war, verschwand. + +»Höre mich an, liebster Freund,« fuhr sie nach einer Weile ruhig fort und +wandte Grau den Blick zu, »ich werde dir alles sagen. Unterbrich mich +nicht, laß mich sprechen, du wirst mich verstehen. Du hast gewartet, du +lieber Freund, viele Nächte -- ich konnte aber nicht abkommen. Es war ganz +unmöglich. Mama fühlte sich nicht wohl. Und dann hat man mich auch förmlich +bewacht. Sie wußten, daß ich nachts fort war, mein Gott, wie sie es +herausgebracht haben, das weiß ich nicht. Auch der Baron wußte es, an +seinen Blicken konnte ich sehen, daß er es wußte. Aber er machte nicht die +kleinste Anspielung. Papa gab eine Einladung -- ich konnte ja nicht gut +wegbleiben? Jeden Abend gab es etwas anderes und dann fühlte ich mich auch +stets bewacht. Einmal da kam das fürchterliche Gewitter. Du sollst alles +hören! Du ahnst es gewiß. Ich sah es dir an, auf den ersten Blick. Es war +schön, als wir oben im Walde gingen, so schön war es. Ich werde diese Nacht +nicht mehr vergessen, nie mehr! Wie herrlich du gesprochen hast, über die +Ehe und über alles, ja, ich werde es nicht mehr vergessen. Was für schöne +und tiefe Gedanken wohl in deinem Kopfe sein mögen! Ich liebe das! Ich +liebe dich auch, glaube nicht, daß ich dich nicht mehr liebe, oder daß ich +dich weniger liebe. Nein, nein. Ja, wie wir doch zusammen gingen und +sprachen wie wirkliche Freunde. Ich denke immer daran. Als du mir den Tau +gabst, da lachte ich, ich fühlte mich so frei. Ja, da war ich glücklich, in +diesem Augenblick! -- Ich liebe deine Gedanken, ich liebe es wie du fühlst. +Du hast mich förmlich berauscht. Und deine Augen! Sie waren so schön, sie +sind so schön, wie waren sie doch? Wie am Liederkranzball, du sahst mich an +und ich konnte nicht mehr tanzen. Man spricht hier viel von dir. Man sagt, +du habest eine solch eigentümliche Macht über die Menschen. Eine Dame hier +batest du um ein altes Bett, sie hatte gar kein altes, aber sie gab dir ein +neues. Sie selbst hat es mir erzählt, sie konnte nicht anders. Es war dein +Blick, sagte sie.« + +»Es ist mir schwer zu sprechen, wenn ich in deine Augen sehe.« + +»Aber doch muß es sein, doch mußt du alles hören. + +Es war so wunderbar in jener Nacht, wie ein Traum war es. Ich liebe dich, +es ist wahr. So deutlich empfinde ich es jetzt, da ich dir nahe bin. Ja, +wie hast du mich doch geküßt, ich mußte immer daran denken. Du liebst mich, +gewiß, aber ob deine Liebe nicht erblassen würde, wer sollte das wissen +können. Ob unsere Liebe immer so groß und schön bliebe? Vielleicht würden +wir nie wieder so empfinden können wie in jener Nacht. Es ist nicht +möglich, denke ich, die Liebe hat ihre Zeit wie alles andere und dann ist +sie vorbei. Ich weiß auch nicht, ob ich dich immer so lieben würde. Ich +weiß nicht einmal, ob ich wirklich lieben kann? Sage nichts. Es ist wahr, +ich liebe Mama, aber eigentlich liebe ich doch nur mich allein.« + +Ihre Lippen bebten, sie fuhr fort: »Ich wollte mit dir fliehen, nur weit +fort von allem, glaube mir, ich wollte es. Als wir die Abendgesellschaft im +Garten hatten, da dachte ich nur an dich. Nun wartet er, dachte ich, er +wartet! Ich habe nur an dich gedacht. Am nächsten Abend, da konnte ich +nicht fort, weil ich mich bewacht fühlte. Ich habe mir alles überlegt. Es +kam mir so schön vor, so wundervoll. Ich wollte jeden Abend zu dir kommen +und doch bereitete ich nebenbei alles zur Abreise mit dem Baron vor. Dann +dachte ich, ob ich das ertragen würde auf lange Zeit? Du bist du, aber ob +ich das ertrage, immer in dieser reinen und schönen Welt zu leben, immer +diese Gedanken zu haben? Nein, ich glaube nicht. Du hast mich berauscht, so +war es. Schon als ich dich zuerst sah, hatte ich ein so eigentümliches +Gefühl. Wenn ich doch wüßte, wie er ist, dachte ich. Es zog mich zu dir. Du +hast mich trunken gemacht in jener Nacht. Ja, so könnte es sein, es könnte +ja so sein, das wäre das Leben -- aber ich bin ja nicht dafür geschaffen. +Ich liebe dich, aber auch du bist nicht der Rechte für mich. Ich muß es +sagen, verzeihe mir, ich will ja ehrlich sein. Du nicht und auch der Baron +nicht. Sprich nichts, laß mich alles sagen.« + +»Ich habe mich neulich auch über den Baron geäußert, ich habe gesagt, er +ist beschränkt und in mancher Beziehung roh, das tut mir nun leid, denn er +hat mir und meiner Familie nur Gutes erwiesen. Er hat andere Gedanken und +vielleicht sind sie nicht so schön und groß wie die deinigen, er ist auch +nicht herzlos, er verbirgt nur sein Herz. Doch wozu sage ich all das? Er +ist mir nicht unsympathisch, das wolle ich sagen.« + +Sie schwieg und wandte die hellen, von den schwarzen Wimpern umsäumten +Augen dem Fenster zu und sah hinaus in den Garten. In Eisenhuts +Kirschbäumen lärmten die Vögel. Ihr Blick ging in die Leere, sie sah +nichts. Sie nagte an der Lippe. Dann wandte sie das Gesicht Grau zu und sah +ihn mit halbgeschlossenen Augen an. Sie lächelte schmerzlich. »Ich habe +meinen Entschluß gefaßt,« fuhr sie leise fort, »er ist nicht mehr zu +ändern. Ich will dir sagen, warum du nicht der Rechte für mich bist. Du +bist zu gut und fein. Du würdest mich nie zu etwas zwingen und ich würde +nie Furcht vor dir haben. Ich sage ja nicht, daß ich das wünsche, aber du +solltest ein starker Mann sein, vor dem man Furcht haben könnte! Verzeihe +mir, es ist ja so schwer für mich, die richtigen Worte zu finden. Es wäre +schön mit dir, ich fühle es, ich habe geträumt und geträumt, aber du bist +doch nicht der Rechte.« + +»So bleich bist du, totenbleich, aber du bist doch ruhig. Ich liebe dich, +ach, glaube doch nicht, daß ich dich nicht mehr liebe! Du hast vielleicht +größere Kräfte in dir und bist vielleicht viel stärker als all die andern, +die sich so stark und hart gebärden. Du gebrauchst deine Kraft nur nicht. +Aber trotzdem bist du nicht der Rechte -- auch der Baron nicht. Aber es muß +ja sein! Du sollst mein Freund sein, ja immer, immer werde ich an dich +denken und davon träumen, wie es wäre, bei dir zu sein! Aber es ist ja +unmöglich.« + +»Ich sagte, ich will dein sein und vielleicht sollte ich es auch. Aber du +bist nicht ganz der Richtige, nun sollte ich auch keinem andern gehören. +Aber das geht ja nicht. -- Ich kann dir ja nicht alles sagen! Wie es bei +mir zu Hause steht! Mama sollte in Bäder, aber wir sind ja nicht so reich, +mein Bruder verdient nichts, die Pension meines Vaters reicht nicht weit. +Und ich, auch ich koste Geld -- so töricht ist das Leben, alles, alles +kostet Geld -- und die Bäder, die Mama aufsuchen soll -- es kann ja nicht +sein. Versprich mir, es ruhig zu ertragen, sei groß und stolz! Es muß ja +sein. Sage kein Wort dagegen, ich habe alles überdacht. Du selbst hast ja +gesagt, der Baron sei ein sympathischer und guter Mann, nicht wahr. Er +liebt mich, er wird alles für mich tun, vielleicht wäre ich ja mit dir +glücklicher geworden. Aber es ist ja nicht möglich.« + +»Es war nicht leicht für mich zu dir zu gehen und all das zu sagen -- +beinahe hätte ich dir nur einen Brief geschrieben. Ja, ich habe es getan, +drei Tage schrieb ich daran -- aber dann habe ich so große Sehnsucht +gehabt, dich noch einmal zu sehen. Du bist so schön, das habe ich gedacht, +als ich dich zum ersten Male sah. Wie deine Augen glänzen. Sie glänzen +genau wie Susannas Augen, wenn sie Fieber hatte. Wie gut bist du auch gegen +Susanna gewesen!« + +Adeles Lippen bebten. »Lebe wohl!« sagte sie. + +»Es gibt ja keinen Ausweg. Du weißt nicht alles. Was könnte ich tun? Nichts +würde etwas helfen. Es hat nichts geholfen, daß ich zu Eisenhut ging und +mich vor ihm demütigte und ihn streichelte -- wie ein Tropfen auf einen +heißen Stein war es ja -- es hat auch nichts geholfen, daß das Haus +abbrannte -- es mußte ja brennen! -- es mußte ja brennen! -- auch das hat +nichts geholfen. Ich liebe Mama. Aber das ist nicht alles. Ich liebe mich! +Ich habe Furcht vor der Armut, schreckliche Furcht vor der Dürftigkeit, das +ist die Wahrheit. Ich habe auch den Wunsch alles zu zerstören und auch +mich. Du bist so gut und schön, ich werde immer, immer an dich denken -- +aber es gibt keinen, keinen Ausweg mehr. Sage nichts, ich beschwöre dich, +sage kein Wort dagegen, es gibt nichts anderes mehr. Um dich ist es mir +schrecklich leid, um dich. Ich gewöhne mich an alles. Lebe wohl!« + +Sie umschlang Grau und preßte ihm einen langen Kuß auf den Mund. + +»Lebe wohl, Adele!« + +Sie ging. Sie winkte noch den ganzen Zaun entlang, sie ging rückwärts und +winkte. Sie war gegangen. + +Grau war allein. Er setzte sich auf einen Stuhl. Da saß er und es wurde +dunkel, er regte sich nicht. Die Glocken läuteten schrecklich. + +Sein Gesicht hatte den Ausdruck des Staunens angenommen. Die Brauen waren +in die Höhe gezogen, die Augen waren groß, der Mund stand halb offen. + +Die ganze Nacht saß er so und als der Morgen kam, saß er immer noch auf dem +Stuhl und sein Gesicht staunte. + + + + +Fünfzehntes Kapitel + + +Grau stand auf. Es ziemt einem Manne dem Schicksal ins Antlitz zu blicken +ohne zu zittern, sagte er. Aber seine Knie bebten, ihm schwindelte. Nun +erst fühlte er, daß seine Stirne glühte. Er hatte Fieber. Er legte sich auf +das Sofa und blickte zur Decke empor. Er staunte. Sein Gesicht war erstarrt +in einem großen, schrecklichen Staunen. + +Die Schwestern Sinding stiegen die Stufen herauf und plauderten von Adele. +»Wie ruhig und gefaßt sie Abschied nahm!« sagte Marie Sinding, die ein +wenig mit der Zunge anstieß. + +»Ja, so merkwürdig ruhig. Sie lachte und plauderte bis der Zug fuhr. Sie +beherrscht sich so. Wir sind nicht so -- haha!« + +»Nein, nein!« Die Schwestern lachten. + +Plötzlich sagte eine tiefe Männerstimme: »Was wird der Tennisklub als +Hochzeitsgeschenk geben?« + +Grau lag still. Er regte sich nicht. Er hörte wohl, was die Mädchen sagten, +er lächelte nicht, er weinte nicht, er staunte. Gegen Abend schleppte er +sich an den Schreibtisch und schrieb so gut es ging einen Brief an einen +Gärtner, bei dem er einige Tage zubringen wollte. Dann versank er wieder in +ein leichtes, fast angenehmes Fieber. Er lag einige Tage auf dem Sofa, er +fieberte, schlief, aber selbst im Schlafe wich der Ausdruck des Staunens +nicht aus seinem Gesichte. + +Die Antwort des Gärtners traf ein. Grau packte langsam, mit Anwendung all +der Klarheit, die ihm das Fieber noch ließ, seine Sachen, auch den roten +gestickten Reisesack mit der zornig aussehenden Henne. Er füllte nochmals +den Teller für seinen Kostgänger, den gelben, zottigen Hund und legte alle +Speisereste unter den Schrank für die Maus. »Eine Maus findet ja immer +etwas,« murmelte er vor sich hin und wiegte langsam den Kopf hin und her, +»sie ist auch klein und ißt nicht viel.« + +Es ist Zeit, Zeit! flüsterte eine Stimme in ihm. Er antwortete: »Ja!« und +ging. + +Er wollte Mütterchen Adieu sagen und wählte den Weg durch den Wald, hoch +über der Stadt. Er ging langsam und trotzdem schmerzte seine Brust und +glühte seine Stirn. + +Die Sonne schickte sich an zu sinken, sie war verborgen hinter einer langen +Wolke, deren Ränder gleißten, der Himmel war weinrot. Das Tal schien schon +leise zu schlummern. Aber da zerschmolz der untere Rand der Wolke und die +Sonne flammte plötzlich hell auf. Das Tal funkelte und erwachte wieder, wie +ein Kind, das nochmals lebhaft wird, wenn die Mutter mit dem Lichte durchs +Zimmer geht. + +Grau nahm den Hut ab, er strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und +versuchte zu denken, das zu erfassen, was ihn so mächtig beschäftigte. Da +stand er lange Zeit, die Brauen hoch gezogen, den Mund halb offen und +starrte mit großen Augen in die sinkende Sonne. Endlich lachte er. Er +lachte leise und fiebrisch und nickte. Unklare Gedanken zuckten durch +seinen Kopf, daß das Tal da unten ein Altar sei, auf dem zur Ehre Gottes +geopfert werde, daß die Menschen kleine wandernde Sonnenstäubchen seien und +tausend Altäre bauten zur Ehre Gottes. Ach, er konnte ja nicht denken, aber +er fühlte, daß etwas Herrliches in ihm war. Ihre Kunst, ihre Wissenschaft +waren Altäre und sie opferten Tag und Nacht darauf. + +Er sah sie wandern, zu Millionen, diese kleinen Sonnenstäubchen und opfern. +Sie zerschmolzen, Königreiche und Völker und Rassen zerschmolzen, eine neue +Rasse ging daraus hervor, eine herrliche Rasse. Neue Städte, neue Tempel, +immer herrlicher und schöner. Ein Jubelbrausen künftiger Jahrtausende -- +Schönheit, Adel -- + +»Es ist ja alles gut, alles gut!« sagte Grau und lachte. Er war nicht +imstande zu denken, aber eine mächtige Freude durchströmte ihn. Er begann +rasch den Weg hinab zu steigen und lachte immerzu vor sich hin. + +So groß, so herrlich und unfaßbar schön war ja alles! + +Auf der Brücke traf er einen Landstreicher, einen kleinen, alten Kerl mit +rostroten Borsten auf dem Kopf und im Gesicht. Er war buchstäblich in +Lumpen gehüllt. »Wohin geht die Reise?« fragte Grau und gab ihm die Hand +und lachte. »In die Stadt,« antwortete der Vagabund, der nicht einmal ein +Hemd an hatte, »ich will dort einen Herrn aufsuchen, den man mir empfohlen +hat, einen Herrn Grau. Wissen Sie, wo er wohnt?« + +Grau lächelte. »Er ist abgereist, heute!« sagte er. »Aber was schadet es? +Nehmen Sie, nehmen Sie!« Er gab dem Landstreicher seinen Geldbeutel, sein +Taschentuch, sein Messer. »Nehmen Sie, nehmen Sie! Es ist ja einerlei, daß +er abgereist ist. Keinen Dank! Nehmen Sie! Haha!« Er zog seinen Rock aus +und warf ihn dem verdutzten Vagabunden in die Arme. + +Dann lief er rasch davon in die Wiese hinein. + +»Guten Tag, Mütterchen!« rief er aus. »Ich komme um dir Adieu zu sagen. Da +bin ich nun, siehst du?« + +Mütterchen sah ihn zuerst teilnahmslos an, aber dann erstaunte sie, als sie +gewahrte, daß er in Hemdärmeln gekommen war. Sie starrte ihn an. »Du gehst? +Ja, wohin gehst du denn? Tritt ein!« + +»Es geht fort, Mütterchen. Zu einem Gärtner, einem Freund von mir, ein +seelenguter Mensch. Ich kann getrost zu ihm kommen, er schrieb es und er +unterstrich getrost. Verstehst du, er unterstrich es! Da werde ich dann +sitzen und die Blumen ansehen, er ist ja ein Gärtner, du begreifst wohl +nicht, ein Gärtner ist er! Blumen, Treibhäuser -- Er wartet auf mich. +Morgen früh! Ein guter Mensch, Mütterchen, ich habe ihn im Gefängnis kennen +gelernt. Verstehst du, er sah mich an und ich dachte, kein Mörder, nein! Er +war verurteilt wegen Mords, aber es war ja nicht wahr. Ich wußte das +sofort. Ich machte Eingaben, Eingaben, fortwährend Eingaben, der Prozeß +wurde wieder aufgenommen -- Lüge! Sein Schwager war es, er, sie machten ihn +betrunken --« + +»Ja, was ist dir denn?« sagte Mütterchen erschrocken. + +»Daher kennen wir uns. Er liebt mich und ich liebe ihn. Ich werde ihm nicht +lästig fallen --« + +»Warte!« stotterte Mütterchen und ging in die Küche hinaus, um eine +Erfrischung zu holen. Als sie zurückkehrte saß Grau im Sessel und schlief +und flüsterte im Schlafe und lächelte. Eisenhut, der sein Gepäck zum +Bahnhof gebracht hatte, kam und legte ihn zu Bett. Das Fieber brach heftig +aus, es dauerte einige Wochen. + +Sobald Grau aus dem Fieber erwachte, kehrte wieder der Ausdruck des +Staunens in sein Gesicht zurück. + +»Ich mache dir wohl viele Mühe, Mütterchen!« flüsterte er. »Verzeihe!« + +Nun lag er in Susannas Stube und sah durch das Fenster hinaus, bis zur +Brücke, wo Susannas Pappeln standen. Zweimal im Tage kroch die gelbe +Postkutsche über die kleine Brücke. Des Nachts schleppten sich die +Güterzüge in der Ferne vorüber und der Expreßzug sauste jeden Nachmittag +vorüber und sein Rauch hing lange in der Luft. + +Häufig versuchte er aufzustehen; »Ich muß ja fort!« sagte er. »Mein Gott, +es gibt ja so viel zu tun!« Aber seine Füße trugen ihn nicht. Dann lag er +wieder ruhig und sah mit dem Ausdruck des Staunens vor sich hin. + +Man mähte das Gras, es wuchs von neuem, man mähte es wieder, es verfaulte +im Regen. Der Herbst kam. + +Grau lag und fieberte. Er hatte nur wenig klare Tage. Dann schrieb er, aber +er zerriß alles wieder, endlich schrieb er drei Briefe, zwei lange und +einen kurzen. + +»Hier,« sagte er, »Eisenhut, nimm sie. Ich werde dir alles erklären. In +diesem Brief befindet sich ein Schreiben an das Gericht. Du öffnest ihn in +einem Jahre, wenn nicht Ereignisse eingetreten sind, höre wohl zu, +Ereignisse, von denen in dem Briefe an dich die Rede ist. Vergiß nichts. Es +ist eine alte Angelegenheit, die ich in die Hand nahm, als ich hier in der +Stadt eintraf. Ich möchte sie zu Ende bringen.« + +Grau lag im Fieber und er winkte Eisenhut heran und flüsterte: »Die +Pioniere, siehst du, man muß sie loben. Sie sind immer da, wo die +Menschheit noch nicht ist. Man verfolgt sie, haßt sie, sie sind entsetzlich +dran, aber sie sind immer, immer am Werke. Sie sind Säemänner, Eisenhut, +auch ich, auch ich, wollte solch ein Säemann werden. Im kleinen natürlich, +im kleinen nur --« + +»Still, still!« sagte Eisenhut und legte ihm Eis auf die Stirn. + +Grau schloß sofort die Augen. »Mein Bruder!« flüsterte er und drückte +Eisenhuts Hand. Als Grau schon sehr schwach war, richtete er sich eines +Tages plötzlich auf und sagte erschrocken: »Eisenhut, deine Mutter?« Er +schwieg lange, dann fügte er hinzu: »Da ging ich ein und aus in diesem +Hause und dachte nicht an sie. Stricken, Nähen, Gartenarbeit. Ihr +geschwächter Geist, man kann ihn stärken -- Gott verzeihe mir! -- Versprich +es mir, Eisenhut!« Er umklammerte Eisenhuts Hand und sank lächelnd ins +Kissen zurück, als Eisenhut ihm das Wort gegeben hatte. + +Dann kam die Zeit, da Grau still lag und immerfort leise flüsterte und +lachte. Er lebte mit einer schönen Frau mit hellen Augen und schwarzen +Haaren am Meer. Er ging im heißen Sande und sammelte Muscheln. Er blickte +ins Haus hinein, bald in dieses Fenster, bald in jenes: Sie war da! Er +lachte und trommelte an die Fenster. Er schrieb ihren Namen riesengroß in +den Sand. + +Einmal ging er hinein in einen Wald. Es war Sommer. Die Sonne glühte in den +grünen Wipfeln. Da ging er dahin und sang. Plötzlich wurde es totenstill im +Walde, die Hitze wurde unerträglich und langsam fiel Blatt um Blatt, mit +einem singenden, seufzenden Laut. Die Blätter fielen dichter und dichter, +sie schrumpften zusammen, knisterten, wie versengt von der großen Hitze, +fielen, fielen, regneten auf ihn herab, die Äste starrten kahl und immer +mehr Blätter regneten und drohten ihn zu ersticken -- + +-- Da erwachte er mit einem Schrei und fuhr auf. Sein Mund war voller Blut. + +Tagelang lag er nun geschwächt und atmete nur leise. + +Eisenhut kam ans Bett. »Worüber staunst du doch nur?« fragte er. »Du +staunst immer!« + +Grau lag und staunte. + +Dann kamen die Tage, da Grau schwer atmete und Mütterchen ihm immerfort die +Stirne trocknen mußte. + +Das war der Glutwind! Er trug ihn dahin und viele, viele trug er dahin. Es +ging durch die kahlen Äste eines endlosen, verdorrten Waldes. Die Seelen +jammerten. Wir kleinen schäbigen Seelen, Erbarmen! jammerten sie. Es fegte, +Tag und Nacht, immerzu und endlich hoch über den Wipfeln des verdorrten +Waldes, in balsamischer Luft. Tief unten jammerten die Seelen. Wir sind zu +schwer, Erbarmen. Aber er flog und sauste und viele sausten mit ihm. Es +wurde glühend heiß -- er erwachte. + +Sein Kopf war ganz klar. Er war durstig und seine Lippen brannten. Aber es +war Nacht und er wollte Mütterchen nicht wecken. Er kühlte die Hände am +Fenster und kühlte dann die Lippen. + +Sofort versank er wieder. Er wanderte. Eine Felsenecke, wieder, wieder, +eine endlose, schreckliche Wanderung. Ein Tor, eine Schlucht, ein +furchtbarer Weg. Er kam in einen großen Felsenhof und hier waren viele +Millionen Seelen und warteten. Wir sind die armen Seelen! beteten sie. Er +wanderte und wanderte durch das Heer von Seelen hindurch und kam auf eine +Heide. Hier ließ es sich gut ausschreiten. + +Aber plötzlich warf ihn eine Stimme zu Boden. + +»Mit Versprechungen hast du die Menschen getröstet und von Hoffnungen hast +du gelebt!« sprach die Stimme, die furchtbar klang. + +»Ich wollte beginnen! Vergib mir armen kleinen Seele!« + +»Wie das Schwirren von Pfeilen und ein Schall von Hörnern hätte deine Rede +sein sollen, deine Zunge war Stroh! Ich habe Antrieb und Neigung in dich +gelegt, ich habe über deine Seele Ahnungen geschleudert wie Hagelschauer +über das Feld, ich habe gefunkelt in dir wie der Mond am schwarzen Himmel +funkelt, ich stand am Wege als kleine Blume, aber du hast mich nicht +gesehen! Ich kam zu dir und fand dich schlafend, ich habe meinen Gedanken +auf dich geworfen wie einen Felsblock, aber du bist nicht aufgewacht. Auf +deiner Zunge saß ich als süßes Lied, warum hast du nicht gesungen? Zehnmal +in deinem Leben ging mein großer Verkünder an dir vorüber, du sahst ihn an, +aber du hast ihn nicht erkannt?« + +»Ich habe dich als Feuer entsandt und du bist als Asche wiedergekommen!« + +»Sprich, elende Seele, wo sind deine Früchte, wenn ich dich schüttele? +Sprich, sprich, elende Seele?« + +Er begann zu stammeln, verwirrt zu reden. Er stotterte Entschuldigungen. Er +suchte in seinem Kopfe, nichts fiel ihm ein. Nichts, nichts. »Erbarmen, +Erbarmen!« schrie er und krümmte sich. + +»Sprich, sprich!« sagte die furchtbare Stimme. + +Da fiel ihm ein, daß er einst für ein krankes Kind ein Bilderbuch gemacht +hatte, geschrieben, gemalt, Tag und Nacht hatte er gearbeitet. + +Aber die furchtbare Stimme sprach: »Sprich, elende Seele!« + +Grau stöhnte. Drei Tage und drei Nächte sprach diese Stimme und drei Tage +und drei Nächte flehte, bat Grau. + +Eisenhut trat ans Bett und fragte, ob er wach sei. Grau sah ihn mit Augen +an, die nichts sahen. + +»Erkennst du mich?« fragte Eisenhut und lächelte, als ob er ihn lächelnd +eher erkennen sollte. + +Aber Grau sprach von einem Gefängnis und einem Gefangenen mit schrecklicher +Sehnsucht nach seinem einzigen Kinde. + +Eisenhut trocknete ihm die Stirne und kühlte sie mit Eis. + +Nun war es ihm plötzlich leichter. Diese furchtbare Stimme war nicht mehr +zu hören, und er ging in der Heide, wo es sich gut ausschreiten ließ. Er +war fröhlich. Über die Heide kamen zwei Gestalten, sie kamen näher und er +erkannte Susanna. + +Er lief ihr entgegen und stürzte in die Knie: »Verzeihe, verzeihe, +Susanna!« rief er. »Verzeihe das Zuviel -- ich habe dich ja geliebt -- aber +verzeihe das Zuviel!« + +Susanna hob ihn auf. »Es ist alles gut,« sagte sie leise und lächelte. + +Da fiel sein Blick auf die andere Gestalt. Auch sie war eine Frau. Er +erstaunte und richtete sich auf. Mit dieser Frau war er einst über die +Heide im Sternschnuppenregen gegangen, nun war sie da. + +»Bist du wieder du?« sagte sie und sah ihn an. + +Bei ihrem Blicke aber erhellte sich sein Inneres, es war ihm, als ob er +sein ganzes Leben verstände. »Ach so!« rief er aus und eilte ihr entgegen +und weinte vor Glück. + +In dieser Nacht starb Grau. Er starb als der Tag nahte und Eisenhut, der +während der Wache eingeschlafen war, wurde durch das klagende Geheul eines +Hundes geweckt. Er blickte auf Grau, und Grau sah so schön und friedevoll +aus, daß Eisenhut sofort zu schluchzen begann. Er sah, daß er tot war. + +Er fürchtete sich und ging hinaus, um den Hund zu vertreiben. Er warf +Steine nach ihm, aber dieser gelbe, zottige Hund kümmerte sich nicht um +Steine, er lief ihnen entgegen und heulte und winselte und gebärdete sich +ganz unsinnig. + +Als Mütterchen erfuhr, daß Grau gestorben war, sagte sie erschrocken: »Aber +die Schuhe, wo hat er denn Susannas Schuhe?« + +»Schwätzen Sie keinen solchen Unsinn!« sagte Eisenhut ärgerlich. »Er wird +die Schuhe wohl in seinem Koffer haben!« + + + + +Sechzehntes Kapitel + + +Es regnete, als man Grau begrub. Viele Leute waren gekommen, auch Fremde, +die man noch nie gesehen hatte. Eine Menge Kränze und Blumen bedeckten +Graus Sarg und noch Tage, ja Wochen nach seinem Tode trafen Kränze ein. Ein +Gärtner hatte einen wunderbaren Kranz mitgebracht, man hatte noch nie zuvor +solch einen Kranz in der Stadt gesehen. Auch Adele war gekommen. + +Der Dekan von Weinberg hielt die Rede. Es war ein schöner Mann mit blondem +Vollbart, der sich selbst stets einen echten Germanen nannte. Er prüfte, ob +das Brett fest sei, das man wegen des Schmutzes gelegt hatte, und der +Kirchner mußte die ganze Zeit einen Regenschirm über ihn halten. + +Dicht am Grabe standen zwei fremde Offiziere, die Helme in der Hand. Sie +hatten rötliches Haar und helle Augen und jeder sah, daß sie Graus Brüder +waren. + +Der Dekan sprach, er sprach von dem jugendlichen Eifer Graus, seiner großen +Nächstenliebe, den himmlischen Herrschern und vielem anderen. Je mehr er +sprach, desto spöttischer lächelte Eisenhut, schließlich räusperte er sich +unverschämt und endlich hustete er. Der Dekan mit dem blonden Vollbart warf +ihm zornige Blicke zu. + +Der Dekan hatte geendigt, da trat Eisenhut ans Grab. Er hob die Hand, zum +Zeichen, daß er sprechen wolle. Dann sprach er. + +»Hochverehrte Anwesende --« so sprach Eisenhut -- »dieser Mensch, den wir +heute begraben -- er ist --« + +Er konnte nicht fortfahren. Eisenhut war kein Redner. Die Leute sahen ihn +erstaunt an und unterdrückten ein Lächeln. + +Adele ging hinaus zu Mütterchen. Mütterchen saß allein in der Stube, die +Hände im Schoß. + +»Welche Freude!« sagte sie. »Wenn Susanna wüßte, daß Sie mich besuchen!« + +Adele setzte sich in den Sessel. + +Sie sagte: »Wer hätte denn denken können, daß er krank war und daß es so +schnell mit ihm zu Ende gehen könnte.« + +Mütterchen seufzte. »Sie war immer ein schwächliches Kind.« + +Nach einer Weile sagte Adele: »Hat er viel leiden müssen?« + +Mütterchen antwortete lange nicht. Dann sagte sie: »Nein, sie hat einen +sanften Tod gehabt. Sie wußte gar nicht, daß sie sterben sollte.« Darauf +nickte sie mit dem Kopfe und sagte mit leiser singender Stimme: »Susanna? +Susanna?« + +Adele schauerte zusammen; sie ging. + +Auf der Brücke stand Eisenhut und wartete. Er zog den Hut, verbeugte sich +und nahm einen Brief aus der Tasche. + +»Ich habe einen Brief an Sie abzugeben, gnädige Frau,« sagte er, »außerdem +hätte ich es ja nicht gewagt Sie anzusprechen.« + +Adele lächelte und gab ihm die Hand. »Sie sind es, Herr Eisenhut! Ich freue +mich Sie zu sehen. Es war schön von Ihnen, daß Sie heute eine Rede -- --« + +Eisenhut sah sie überrascht an. Sie hatte sich sehr verändert, bleich sah +sie aus und gleichsam um viele Jahre älter, auch ihre Stimme klang ganz +anders. Sie begann laut zu sprechen, aber ihre Stimme sank rasch zu einem +Flüstern herab, so daß man die letzten Worte nicht mehr verstehen konnte. + +Sie nahm den Brief an sich. + +»Er ist ja offen?« sagte sie. + +»Ja,« entgegnete Eisenhut, »so hat er ihn mir gegeben.« + +»Ah! Er tat es absichtlich. Aber sehen Sie doch, in dem Brief ist ja noch +ein Brief? An meinen Bruder, ein solch dicker Brief! Was mag er doch mit +meinem Bruder zu tun haben? Auch Maria Sinding erzählte mir, daß er sie +einmal vor ihm warnte. Aber -- nun gehen Sie mit mir und erzählen Sie mir +von ihm. Sie sind ja um ihn gewesen, Sie waren ja sein Freund!« + +Eisenhut erzählte was er wußte. + +»Er hat auch einigemal Ihren Namen genannt, gnädige Frau.« + +Adele lächelte und errötete flüchtig. »Wie hat er mich genannt?« fragte +sie. + +»Er nannte Ihren Vornamen, gnädige Frau.« + +Adele schwieg lange. Dann sagte sie: »Wer hätte denn denken können, daß es +so kommen könnte!« + +»Der Arzt sagt, Grau hätte die Krankheit von Susanna bekommen,« sagte +Eisenhut. + +Sie standen am Gitter des Parkes und Adele gab Eisenhut die Hand. +»Vielleicht sehen wir uns einmal irgendwo,« sagte sie, »da Sie nun doch auf +Reisen gehen. Vielen Dank noch. Vergessen Sie, daß ich Sie einst kränkte, +ich denke jetzt ganz anders. Ich hoffe, es wird Ihnen gut ergehen, ein +wenig besser vielleicht als mir. Leben Sie wohl!« Sie hielt inne, dann +fügte sie leise hinzu: »Er war ein solch guter Mensch!« + +Sie lächelte und reichte Eisenhut die Hand zum Kusse und Eisenhut küßte +ehrfürchtig ihre weiße Hand. Dann ging sie langsam hinein in den Park und +es dauerte lange Zeit, bis sie an die Stufen kam, die sie langsam +emporstieg. + +Eisenhut reiste am andern Tage mit seinen Lederkoffern nach dem Süden ab. +-- + +Das aber ist der Brief, den Grau an Adele geschrieben hatte: + +»Hüte Deine Seele, meine Freundin, sie ist das Einzige, was Du besitzt, +unerforscht ist das Leben, unerforschter der Tod. Es gibt kein Ende. Wieder +und wieder werden wir einander begegnen in den Reichen.« + +Ende + + + + +Werke von Bernhard Kellermann + + +Yester und Li + +(Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.) Geb. 1 Mark, in Leinen 1,25 +Mark. + +Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt -- einer +zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden, +wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter, ein +Auserwählter unter den Menschen zu einem auserwählten, seltenen, +wundervollen Weibe empfinden kann. -- Henri Ginstermann heißt er. Und sie +heißt Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltägliche Namen. Aber was für +Menschen! Von einer, trotz ihres Temperaments, seltenen seelischen +Keuschheit. Voll Rasse und fein gestimmter innerer Kultur. Ihre Seelen sind +-- ein triviales Bild zu gebrauchen -- wie äußerst verfeinerte +phonographische Platten. Jeder Hauch, jeder kleinste Eindruck bleibt in +ihnen haften, läßt ihre Saiten schwingen in wunderbar zarten und +rauschenden Melodien. Und zwischen diesen beiden Menschen schwebt eine +innige, keusche, unausgesprochene Liebe. Beide wissen: sie ist +hoffnungslos, diese Liebe. Und doch trägt sie jeder im Herzen, sorgsam, wie +ein anvertrautes Gut, ein Heiligtum, einen köstlichen Schatz. In stummer +Duldung klammert er sich an sein jämmerliches Leben, das ihn, den um +unbesonnener Jugendstreiche willen Verstoßenen, Verfemten, so oft grausam +geneckt. Seiner heiligen Sehnsucht zuliebe tut er es. Sein ganzes Sein und +Wesen strömt in dies eine große Gefühl zusammen. Seine Liebe ist ihm das +Leben. Alle seine intellektuellen und moralischen Kräfte werden davon +aufgesogen, restlos, unwiederbringlich. Er treibt einen Kultus mit dieser +Frau. Wendet seine ganze ärmliche Habe an, um ihre Gipsbüste mit kostbaren +Blumen zu schmücken. Besingt sie in überschwänglichen, +himmelhochjauchzenden Hymnen. Kleidet die Geschichte seiner Liebe in eine +innige Erzählung von zartem Duft und feiner exotischer Farbigkeit! Yester +und Li heißen darin die Liebenden. (Man erkennt Kellermann, den Freund +japanischer Kultur.) Henri verfällt in Krankheit, in Tobsucht, ist dem +Wahnsinn nahe. Er verschmäht die Liebe anderer Frauen. Alles um +ihretwillen. Und macht doch allem ein Ende durch einen leisen, müden +Verzicht. Wunderbar greifend ist dieser Schluß. Bianka hat ihm -- fast +wortlos -- ihre Erwiderung seiner Liebe gestanden. Aber sie sehen die +Unmöglichkeit ihrer Verbindung ein. Nach einem letzten Abschiedskuß reist +sie ab. Und die »Geschichte einer Sehnsucht« schließt mit dem +schlicht-schönen Bild, daß Ginstermann Rosen auf die Schienen streut, über +die der Zug die Geliebte entführt. + +(Königsberger Allgemeine Zeitung) + +Ingeborg + +Roman. 18. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark. + +Frauen und Jünglinge, leset dies neue Buch -- Ingeborg --, diesen zweiten +Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die Romantik. Und +der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftig, ein närrisches Buch, +aber weise und klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen, +unabänderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung ist es, ganz jung-jung, +und das Blut macht es unruhig, es fiebert von Liebe. In einigen +Märznächten, als der Föhn vor den Fenstern stürmte, habe ich es gelesen; +mein Herz kam völlig aus dem Takt, und ich glaube nicht, daß der Föhn +allein daran schuld war . . . Mit einer kindlich zarten und zugleich +unerhört verfeinerten Gabe wird hier von den heiligsten und besten Dingen +gesprochen. Ich will mich mit diesem Buche nicht allein freuen. Jedem +möchte ich es in die Hände drücken, der überhaupt noch einen Roman lesen +kann. + +(Die Zeit, Wien) + +Ganz trunken von Schönheit und Schmerz ist das Buch. Es schlägt Töne an, +die man schwer vergißt . . . Selten ist etwas Glühenderes und Sanfteres +geschrieben worden als die Schilderung dieser Liebe. + +(Der Tag, Berlin) + +Maßlos schön muß ich dieses Buch nennen. Ich habe vier Wochen daran +genossen, so schön und schwer ist es an blühenden Wundern und quellenden +Tränen. So schwer ist es an tiefem Leben, daß man Stufe um Stufe +mitschreiten und Tropfen um Tropfen mitkosten muß, so voll ist es von Liebe +und Blut aus einem großen, großen Herzen. + +(Münchener Zeitung) + +Das Meer + +Roman. Zehnte Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark. + +Ein kulturmüder Mann lebt einen Sommer hindurch auf einer bretonischen +Fischerinsel. Er versinkt ganz in dem triftigen, urwüchsigen Dasein dieser +einsamen Welt. Trinkt, flucht, liebt und haßt wie die Bewohner der Insel, +die gleich abgeschlossen ist von den Moralbegriffen wie dem Rechtsempfinden +der Welt da draußen. Alle Leidenschaften pulsen in jagendem Tempo, alle +Gedanken schleichen in kriechender Beharrlichkeit. Liebe und Haß, +Freundschaft, Verrat -- es ist eine Urzeit, in der sich der Trieb in sich +verwickelt, noch ungeteilt in das Zweigeschlechtliche, das Gute und Böse. +Es ist die Epoche, in der sich langsam das erste Land aus der furchtbaren +Unendlichkeit des Meeres hebt. Man soll vorsichtig sein -- aber doch, hier +darf man es aussprechen: Es ist ein Meister, der dies Buch geschrieben hat. +Manchem wird die wilde Schönheit unverständlich bleiben, manchem wird auch +die feinste Sprachkunst nicht darüber hinwegsetzen, daß es immer wieder nur +das Meer ist -- und nur das Meer, von dem er lesen muß. Wer sich aber in +dies Werk ernstlich vertieft, dem wird es seine Mannigfaltigkeit wohl +erschließen. Und er wird meine Freude darüber teilen, daß auch einem +Deutschen der Entdeckerflug in die unbekannten Reiche der Natur gelungen +ist, der bisher Männern wie Kipling oder Loti vorbehalten schien. Nur daß +Kellermanns Empfindung, wärmer, seine Anschauungskraft stärker, seine +Sehnsucht tiefer ist. + +(B. Z. am Mittag, Berlin) + +Man braucht nach »Ingeborg« niemandem zu sagen, welcher Meister der +Dichtkunst dieses Buch geschrieben hat. Nur wird man hervorheben dürfen, +daß in den Tiefen dieses Werkes unterhalb seines großen künstlerischen +Ernstes ein kostbares Lebenselement geschäftig ist und manchen wirbelnden +Strahl zur Oberfläche schickt: der Humor, der leibhaftige Humor! + +(Anhaltischer Staatsanzeiger, Dessau) + +Druck von Wilhelm Hecker in Gräfenhainichen. + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Tor, by Bernhard Kellermann + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41882 *** |
