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Der dünne Sopran sang Volks- und +Kirchenlied; warm wie ein Öfchen war die ganze Person. + +Sprang sie morgens aus den Kissen in die Kammer, verschlug ihres Körpers +Hitze gleich des Nordzimmers Kühle angenehm. Bei jeder Bewegung, warf sie +die Arme ins Waschbecken, fuhr mit dem Bein in Hose und Rock, hob es zum +Schuhknöpfen auf den Stuhl, ging ein molliger Hauch in die Atmosphäre, und +alle Umgebung war immer behaglich für sie angewärmt. + +So fand sie, von Frost und Schauern nie zur Eile getrieben, Zeit, sich beim +Anziehen im Spiegel reichlich zu sehen, unter das Haar, in den Rachen zu +spähen und die Zähne tüchtig zu bürsten. Mit billigen Pasten salbte sie die +Haut. + +Da sie aber ihrer Arbeit gewissenhaft hingegeben war, blieben die Hände, +die in Soda und Lauge tagsüber schwollen, Risse und Borken bekamen, ihre +ständige Sorge. Unter dem Zeug war sie blank wie Porzellan, aus den Ärmeln +aber schauten breit und blau die Flossen. + +Kleider von glattem Tuch standen ihr zum Entzücken, beim Schaffen schien +die Schürze darüber angegossen. Stand sie hoch und auf Leitern, sah man die +Säume der Wäsche weiß, und aus fester Wolle schwarze Strümpfe. In der +Bewegung spielten die Glieder rund und im Rhythmus. + +Der Herr, erwischte er sie in einer Ecke, patschte ihr leutselig aufs +Hinterteil. Sie lächelte und nahm's als Herzensbeifall. Schon hundertmal +hatte er sie getätschelt, und es sprang aus ihr kein Flämmchen. Noch war +sie niedlich nur für sich selbst, und Blicke der Männer machten sie nur in +der Selbstschätzung sicher. Im Sommer schwitzte sie, im Winter wünschte +sie's zu tun. Der Frühling sagte ihr Besonderes. Da wurde ihr Tun gemessen. +Sie verhielt sich, den Kräften, die sie spannten, begegnend. Sie flog ein +wenig von innen heraus, und ihre wie zum Gebet gefalteten Hände drückten +die bewegte Brust, das drängende Leibchen nieder. + +Im Spiegel sah sie sich ins Auge und fand alles weit und blau. Ein großer +Reiz stellte ihr das Gefieder der Haut auf; sie schnurrte. Oft fiel sie +verloren in den Sitz und staunte. Befühlte Gegenstände und sich selbst und +mußte, Tränen im Blick, den zierlichen Kopf schütteln. Abends aber im Bett, +dem geöffneten Fenster entgegen, lächelte sie verschmitzt ins Himmelslicht +und dachte ihr Teil. + +Plättete sie Wäsche der hübschen Hausfrau, hatte sie gerührte +Vorstellungen. Zärtlich strichen die Hände Spitzen und Rüsche. Armes, +dachte sie von ihr, -- glückseliges Weib dann wieder, und aus ihr hüpfte +Mitgefühl. Hemd, Kragen und Beinkleid des Mannes weckten ihr gutmütigen +Spott. Die Männer, Himmel, das war eine Sache für sich; doch immer zum +Kichern. + +Sie lächelte jeden an, dem sie Rede stand, und spürte, es ist nicht ernst +mit ihm. Nur ein wenig Blitz brauchst du in den Blick zu stellen, das +Mäulchen zu schürzen, und mit seiner Gewalt, dem festen Auftritt ist's +vorbei. Den Beamten, die behördliche Mahnung brachten, entgegnete sie auf +ihr »endlich!« und »unwiderruflich!« mit stiller Heiterkeit, daß die das +Auge schlugen und gleich fröhlich von der Sache wegzureden begannen. Einem +Polizisten hatte sie sogar den Arm gestreichelt. Waren die Männer schon in +die Treppe zurückgetreten, schmetterte sie ihnen helle Triller nach, daß +die draußen lachten und dachten: welch' niedlicher Vogel, welch' frecher! +Und ihnen noch einmal wohl wurde. An allen Straßenecken grüßte sie die +Obrigkeit. Die Wagenführer waren ihr gewogen. Milchmann und +Schornsteinfeger grinsten bei ihrer Begegnung, und zum Dank hatte sie für +alle einen Blick, irgendwie Duft ihrer Frische. Regnete es, hob sie die +Röcke an die Wade, und trippelnd fing sie aus Blinzeln und Geschmunzel +bärtiger Gesichter sich eigenen Sonnenschein. Hochgestimmt war sie an +Sonntagen, an hohen Festen überirdisch bewegt. + +Zu Weihnachten bekam sie von der Herrschaft ein leeres Heft, auf dem in +goldenen Lettern »Tagebuch« stand. Dazu ein gedrucktes Buch, einen Roman +des Titels »Der Zug des Herzens«. Mit der Spende des Tagebuches war von den +Gebern nicht beabsichtigt, ihre Magd zur Selbsteinkehr zu führen. +Irgendwann hatte es die Frau geschenkt bekommen und gab es weiter, andere +Gabe zu sparen. Der Roman aber war in einer Buchhandlung eigens für Meta +gekauft. + +Es war die erste Liebesgeschichte, die das Kind erfuhr, und sie vermittelte +ihm stürmischen Eindruck. Held und Heldin des Buches liebten sich auf +vorbildliche Art; das Mädchen schien leiblich und seelisch wie aus dem Ei +gepellt und machte dazu mit Rede und Geste heldische Anstrengung, stand sie +bei dem Geliebten. Ihre braunen Flechten waren gelöst, es blitzten die +Augen, die Brust hob sich regelmäßig stürmisch. Auf ihrem Antlitz lag Güte, +sie lispelte hold, und abwechselnd ließ sie das Haupt dem Mann an die +Schulter und in den eigenen Nacken sinken. Der Liebende aber war ein +Standbild aus Bronze. Er sprach Gold und schwieg Erhabenheit. Es ließen +sich die Situationen himmlisch an trotz einiger böser Menschen, die zum +Schluß ihr Unrecht bekannten. Küsse knallten auf jeder Seite, und einmal +war sogar von etwas die Rede, das Metas Blut zum Wallen brachte. + +Sie war hinterher mit Dichtung gefüllt, schickte mit jedem Gedanken +Übersinnliches in die Welt, verband aller Handlung fortan dunklen Zweck. +Zittern befiel sie jetzt beim Bügeln der Wäsche, und es schwindelte sie, +räumte sie des Ehepaars Schlafzimmer nach; ein Geheimnis wuchs in der +Brust, und sie neigte ein wenig zur Angst. Auch legte sie wohl den +geschwungenen Arm an einen Türpfosten und seufzte verzaubert. Schwäche saß +in den Schenkeln; von der Küche sah sie zum Hof auf die Tiere, die sich +berochen. + +Erst wälzte sie heftig Gedanken, dann saß sie eines Abends bei Papier und +Feder und stach entschlossen ins Faß. Doch flossen Tränen vor der Tinte auf +die Seiten, und ihr entfuhr ein »Jesus!« nach dem andern. + +Fedor, der Held des Romanes, wuchs stracks in ihr Leben. Aus den Armen +Leonores, der sie auf manche Schliche kam, riß sie ihn und zog ihn zu sich +hinüber. Eine Vollkommenheit ihrer Seele nach der andern entschleierte sie +dem Entzückten, der mit »geliebtes, himmlisches Weib« respondierte und +segnende Gebärden auf sie schwenkte. Dazu murmelte Meta innerlich ein +erlöstes: ach! Einmal, als sie ihm eine Tugend, die ihr eignete, zuraunte, +wollte der Hingerissene flink ihre Lippen. Da aber richteten sich Trotz und +Person des Mädchens noch einmal hoch, bis sie durch Glut der Blicke +versengt, schmelzend in den Wirbel seiner Küsse einging. + +Nun hockte sie, von der Arbeit fort, oft in den Winkel und ließ sich von +ihm umschließen. Die Lippen schmiegte sie zwischen die eigenen Finger, die +sie geschlossenen Augs besog. Fedors Atem blies sie aus ihnen an, sein +Wunsch und Wille mit ihr lag wie Faust auf ihrem Haupt. Er wuchs sich aus, +ward bald ein Schlimmer. Dem Schluß ihrer Arbeit lauerte er auf, trieb sie, +die Hände wie Hämmer über sie gehoben, flugs in die Kammer hinauf. Dort +preßte er den Rücken gegen die Tür, breitete Arme und Beine und sperrte +gänzlich den Weg. Dann stellte er die schreckliche Forderung: ihr Kleid +solle sie abwerfen, Wäsche zeigen. Sie aber schlug ihr purpurnes Antlitz in +die Hände, und während Fieber sie quirlten, stieß ihr Stimmchen das noch +gerade hörbare Nein als Hilfeschrei heraus, der ihn verjagte. + +Das ging nun Abend für Abend. Schon beim Einbruch der Dunkelheit sprang +seine Tatze aus der Wand und trieb sie. Wo sie stand, hatte sie das Gefühl, +der Zugriff blieb hinter ihr. Sie lief mit vorgestoßenem Schoß und legte +die Hände schützend unter das Gesäß. Das war ihres jungen Lebens Zustand, +bis Franz erschien. + + * * * * * + +Er brachte eines Morgens ein Telegramm, und als er's gab, sah er in die +Luft. Da er auf Antwort wartete, blieb er in der Küche. Meta suchte, seinen +Blick aus dem Nichts zu fangen, doch wich er aus. Endlich gelang ihr's, +sich ihm in den Sehwinkel zu haken, und nun zog sie des Jungen Haupt gegen +ihr Antlitz, ließ es Kreise beschreiben, und als er es recht geradeaus +hielt und die Augen gleich zwei Tassen aufriß, blies ihm das Mädchen mit +Stichflamme ihren Glanz bis zur Herzgrube. Sofort war er mit Licht innen +tapeziert. In Magen und Eingeweide, an des Leibes Wänden, -- überall +verzehrten ihn ihre Feuer. Er stand gelähmt, und erst, als sie ihn +anredete, schlenkerte er weg. Doch wurden die Depeschen im Städtchen +hinfort nicht schnell bestellt, denn er verweilte auf Brücken, in +öffentlichen Gärten. Bog die Zweige der Büsche nieder, ließ sie schnellen, +und ihm war's süßer Schreck. Im Tritt mied er Ritzen der Trottoirplatten +und alle Schatten; ließ den Finger an Gittern spielen. Sonntags sackte er +in eine Bank im Park und trank Erinnerung des unvergeßlichen Morgens. + +Meta aber putzte die Scheiben zur Straße, nach ihm zu spähen. Erschien er, +hing sie den Rumpf, die halbe Brust ins Freie und flatterte, Tuch in +Händen, wie eine Fahne am Fenster. Den Kopf in die fortstehende Sohle, das +offene Loch ihres Rockes gereckt, marschierte Franz unten vorbei. Einmal +doch wurde er flach hingenagelt, als sie ihn anrief. Er sperrte Mund und +Auge wie ein Karpfen, und ohne daß er sie verstanden hätte war er +verhimmelt. Nun begann, was Regeldetri ist: eine einfache, dumme Liebe in +dem Jungen, der träumte, was das Zeug hielt, mit keuschen Symbolen. Engel +war für die Angeschwärmte das mindeste Gleichnis. Er gab ihr Krone, Kelch +und Dorn und alle Vollkommenheit im Voraus. Sie empfand's auch, als sie das +erstemal mit ihm in die Felder ging. Ganz anders als in ihrem einstigen +Verhältnis zu Fedor mußte sie sich nicht brüsten. Wort aus ihrem Mund war +ihm Allegorie, Silbe schon Botschaft. An ihrer Seite ging er, Andacht und +Glaube. Sie schwatzte Blasen ins Blaue und spürte gleichviel, wie Basalt +fiel ihre Rede auf sein lauschendes Herz. Die blasseste Geste von ihr blieb +ihm denkmalhaft in der Vorstellung; schloß er die Lider, rauschte sie +großflügelig daher mit Schwung und Faltenwurf des Gewandes. Auch Natur, die +sie einmal bezeichnet, verharrte für ihn endgiltig. Als sie bei einer +Promenade den sinkenden Sonnenball zeigte, stand der fortan Tag und Nacht +seinem Auge an der gleichen Stelle. Silhouette der Berge, an einem +regnichten Morgen von ihr mit dem Finger an den Himmel gerändert, blieb +dort, fest in die Wolken gemeißelt. Überglücklich fand sich Meta und diese +Anbetung wie ein Wunder, das den Sinn ihres Lebens erhellte. Was galt +Arbeit und Abhängigkeit, stand am Haustor abends der Trabant mit dem +Tronhimmel seiner Liebe, unter dem sie als Kaiserin schritt? Maskerade war +ihr Dienst; Wirklichkeit begann an der Seite des Verliebten. + +Das Mädchen sah der Gottesmutter Bildnis oft und dringend an und nahm aus +Haltung und Gebärde viel für sich wahr. Denn sie meinte, des Jünglings Sinn +allmählich mit Wirklichkeit stützen zu müssen; doch erfuhr sie nicht, daß +der Eindruck ausblieb, weil die männliche Seele sie ewig strahlender sah, +als sie es darstellen konnte. Ihm war sie nicht nur Maria aber Meta dazu. +Und die war ihm ursprünglich herrlicher. + +Flitzte auf gelbem Rad er vorüber -- stand sie im Fenster --, riß er die +Mütze in die Wagerechte und schickte mit gedoppeltem Blick ihr ewige Treue. +Lob für sein forsches Fahren spendete sie ihm und bat, sie's auch zu +lehren. Doch als er bei Dunkelheit kam und sie in den Sattel hob, saß sie +schlecht und bewegte sich unkundig. Fürchtend aber, seine Erwartung sei, +schnell müsse sie die Lenkstange greifen und, die Maschine beherrschend, +sie mit Schwung aus sich selbst in Gang setzen und lächelnd entschweben, +stieg sie gleich zur Erde nieder, behauptend, dies zieme ihr durchaus +nicht. + +Überall und immer, weil sie infolge seiner grenzenlosen Anbetung eine +Formel der Vollkommenheit erfüllen wollte, bemühte sie sich jetzt, die +Schöpfung abhängig von ihr zu zeigen. Hatten sie auf Märschen den Gipfel +des Berges bei schlimmer Hitze erstiegen und starrten, Atem ausbrausend, +den Rausch der Freiheit oben an, wollte sie Wasser, sonst nichts, wohl +wissend, anderes möchte am Ende nicht zu finden sein; Göttern aber versage +sich nichts. Oder sie sprach, wenn schon die Tropfen fielen: daß es doch +regnen möchte! Und stellte den Sturm der Elemente mit dem Hinweis auf die +Pracht des Regenbogens ab, doch so ein wenig, als hätte der auf ihren Ruf +erst sich illuminiert. + +Sie war sich nun bewußt, unvergleichliches Leben mit Franz zu machen. Keine +Nebenbuhlerin könne gefährlich werden, denn an goldenen Fäden lenkte sie +für ihn die Welt und zog mit sphärischer Landschaft, englischen Freuden, +mit sich selbst immer das Paradies auf die Szene. + +Ihr Lohn war sein staunender Beifall. Ausgleich für Gefühle, die sie +irgendwie schon heimsuchten. Einen Frühling hindurch liefen sie in +Freistunden durch umhuschte Wege Höhen hinan. Saßen oben im Moos, das Bild +der Heimat vor sich ausgebreitet, in dem Meta die gestellte Sonne blieb. + +Sie lebte Dogma. In seinen Glauben geschient, war ihr Wille seiner Demut +unterworfen. Seine herrische Andachtsforderung ließ ihr im einzelnen +Spielraum, zwang aber unbedingt die Richtung ihres Lebens. Herzlich liebte +sie ihn, bewunderte die entfesselte Hingabe, und mählich, mehr und mehr, +begann sie, ihm diese zu neiden. + +Baute er sie steil vor sich auf und machte Kniefall, sie aber mußte +irgendwie mit seelischer Verzierung stehen, hätte sie neben ihn hinsinken +und auch anschmachten, anbeten wollen. Ihre gezwungene Stärke trieb ihr +schließlich Tränen ins Auge. Das gefügte Erz der Gesten begann zu reißen, +ihrer Stimme Metall zerbrach. Brüchig ward das eherne Standbild, und +Fleisch begann, allenthalben in die Furchen zu wuchern. Stand er jung, +stark und gerade als Mann gewachsen vor ihr, senkte das Haupt an ihre +Brust, auf das sie dem Ritus zufolge die gekreuzten Handflächen legen +mußte, konnte sie Aufwallung nicht mehr unterdrücken. Oft schüttelte sie an +seiner Seite der Reiz so mächtig, daß die Zähne schlugen und Gebein +klappte. Er aber, knabenhaft frei, sang das Marschlied in die Luft. + +Sie betete zu allen Heiligen, den Sinn ihm von Grund auf zu ändern; seiner +Kraft und Gewalt möchte er sich bewußt werden. Sie wünschte die ins Fenster +geschmetterte Faust, daß Scherbe vom Kitt klirre. Vorm Schlafengehen brach +sie ins Knie und senkte der Seele unbezähmbare Sehnsucht nach Hingabe in +selbstvergessenes Gebet. Wollte sie aber sanft und mit gütiger Schonung +Anfall ihrer weiblichen Schwäche von weitem ankünden, schob er +unwiderstehlich doppelte Riegel vor. Er wollte seine Andacht bis an die +Sterne spreizen, doch müsse sie das unzerreißbare, sich immer weitende +Gefäß für sie bleiben. Dazu flatterten seine Worte ekstatisch, und die Arme +ruderten wie mystische Mühlen. So blieb sie Heilige weiter, aber der Wurm +fraß in ihrem Blut. Sie duldete seinen Kult und spürte nur immer mit allen +Sinnen, durch welche Mittel sie ihn zerschlagen, wie sie Franz vergotten +und in der Rolle der demütigsten Magd sich selbst mit natürlichem Glück bis +an den Rand füllen könnte. + +Eines Abends, als sie zum Bad in flacher Schale Wasser stand und das +Gesicht über die Schulter in den Spiegel legte, sah sie sich rückwärts so: +von mittlerer Größe, schien die Gestalt in der Hüfte edel geteilt. War auch +das Postament der Beine höher, saß der Rumpf mit gutem Verhältnis darauf. +Leuchtendes Weiß des Fleisches war durch der Flechten Blond getönt, die von +der Hand im Nacken zusammengepackt, von dort in zwei Flüssen mit spitzer +Mündung zu jenem Taillenschwung liefen, der Meta das geheimnisvolle Mittel +ihres Körpers schien. Sie bleibt von Reiz gefangen, als sie die geschnürte +Betonung der Hüfte in Linien, die das Kissen des Gesäßes vom Schenkel, das +Knie von der Wade trennen, sich wiederholen sieht. Ihr heller gewordenes +Auge stellt schließlich den vierten Ton dazu fest: die Schulterlinie, die +durch den hochgenommenen Arm noch deutlicher wird. Mit dieser Vierteilung +Hilfe geht ihres Leibes Sinn ihr völlig auf: Zum Denken der Kopf, die Beine +zum Schreiten. Zwischen Hals und Hüfte ist der Rumpf, Sitz der Organe, die +uns das Himmlische vermitteln: durch Lungen und Herz den Odem Gottes, aus +dem wir leben. + +Aber dahin, wo wie ein geschwellter Kessel der Leib zwischen Schenkel und +Hüfte eingelassen ist, hat ihr kindischer Sinn, hat Franz nie gedacht. +Dort, während Blutsturm sie purpert, die Arme zur Höhe fliegen, fühlt sie +plötzlich die entscheidenden Gewalten sitzen. + +Die Folgen ihrer Erkenntnis waren beim nächsten Beisammensein deutlich. +Kopf und Oberteil hatten die Schwere verloren; aber die Schritte setzte sie +gewichtig, als liefen die Beine in Scharnieren, und sie müsse, Reibung und +Kreischen der Teile in den Gelenken zu vermeiden, die Hüftknochen emsig +drehen und das Rückgrat unten pendeln lassen. So kam es, daß beim Gehen ihr +Rock des Mannes Schenkel schlug, während Metas Blick auf seltsame Art sich +verglaste. Aber schnell merkte sie von seinen Gliedern Widerstand, der ihr +die Knochen bog und sie in das lustige Trippeln zurückzwang, mit dem sie +bisher neben ihm gegangen war. Auch im Gespräch duldete er die Einführung +solcher Vokabeln nicht, die irgendwie ein Fallenlassen der strengen +zwischen ihnen geltenden Regeln andeuten wollten. + +So griff sie zu Listen, ihr Gleiten aus Franzens Himmel zur Erde zu +ermöglichen. Den Hut ließ sie fort, ihr Haar vor ihm in Verwirrung spielen. +Sie ging leicht gekleidet, daß Wind die Musseline blähte und Sonne sie +durchsichtig mache und zeigte an Hals und Armen Streifen rosiger, gepelzter +Haut. Auch hob sie sitzend das Bein übers Knie, gelöstes Schuhband zu +knüpfen und war seinen Blicken nirgends geizig. Die aber schienen in +solchen Augenblicken mit milchigem Horn gepanzert und schossen hinterher +Drohungen auf, die das Mädchen rührten und endlich, als sie einmal gewagt, +den gesunkenen Strumpf in seiner Gegenwart aufzunehmen, durch ihre lodernde +Gewalt vollends erschütterten. + +So riß sie die Kräfte zusammen und gelobte mit zusammengebissenen Zähnen, +ein für allemal auf ein anderes Glück zu verzichten und ihm weiterhin +entschieden die himmlische Liebe zu sein. Für ihren Verzicht aber wollte +sie ihn auch wirklich an den Grenzen der Hingabe sehen, damit, könne schon +sie selbst sie nicht betätigen, sie in seiner Seele das süßeste Bild +demütiger Liebe entzündet finde. Er müsse in ihrem Dienst seine gesamte +Leiblichkeit ändern, verlangte sie, die Lebenswärme für sie beleben, +Geschmeidigkeit und Beweglichkeit ausbilden. Das Zerrissene möge er in sich +binden, das Gebundene in sie auflösen. Höher solle er jubilieren, und die +Gabe der Träne müsse ihm immer eignen. Sie fordere den Gesamtsinn +verfeinert, Einbildungskraft gesteigert; Poesie wollte sie in ihn +eingegossen, kurz überall stürmische Bewegung der Willenskräfte. Sie sei +nicht eine vollkommene Heilige, ohne daß ein im stärkeren Maß ergriffener +Gläubiger zu sein, er sich inständig bemühe. + +Durch solche Worte über den statischen Zustand seiner Jugend in eine seiner +Natur genehme Entwicklung geführt, brach Franz in die Ekstasen der Liebe +unverzüglich auf. In seinen tiefen, mittleren und obersten Gebieten +wandelte er Leiblichkeit in reinen Geist und war alsbald zu jeder von ihr +gewollten Vision bereit. Während Meta tagsüber Arbeit als simples +Stubenmädchen verrichtete, erblickte Franz sie, wo sie vor ihm erschien, in +höhere Erscheinung transformiert. Sah erst ihr Antlitz, dann die Hände, +Haare, Atem leuchtend werden. Und erlebte sie schließlich aus leerer Luft +strahlend und figürlich. + +Ihr blieb auf diesem Gebiet von ihm nichts mehr zu hoffen übrig. + + * * * * * + +Da wurde die Nation in einen Krieg gestürzt. Die Männer verließen die +Familie, das Vaterland zu verteidigen, wie sie, in Schritt und Tritt +marschierend, durch die Gassen sangen. Franz, der das zwanzigste Jahr nicht +erreicht hatte, blieb daheim. Doch lag auch auf den Bleibenden der Druck, +und es schien unmöglich, ihr Schicksal von denen, die im Feld standen, zu +trennen. Jeder war von sich fort zu fremdem Los gerissen. Als im +Fortschreiten des Feldzuges immer neue Scharen hinauszogen, war es den +beiden offenbar, auch ihre Trennung stünde bevor. Wehmut legte sich auf +alles Erleben, und die Welt schien die gewohnte Weite verloren, die Brücken +zum Himmel zerstört zu haben. Jede Frage wurde praktisch, Antwort lautete +aus irdischen Begriffen. Maßnahmen des Feindes zwangen, an Notdurft, +Beschaffung von Essen und Trinken zu denken. Die ersten +zusammengeschossenen Krüppel traten auf, und es galt, ihre künftige +Versorgung vorzubereiten. Überall stand plötzlich das Allgemeinmenschliche +für das menschlich Besondere. Auch Franz und Meta sprachen von geschlagener +Schlacht, Gefahr und Verwundung der Freunde und Verwandten. Sie lernten +Artillerie und Infanterie, spickten ihre Sätze mit kriegerischem Begriff +und unterlagen dem Eindruck von Sieg und Niederlage. Die Zeitungen +bestätigten die märchenhafte Niedertracht der Gegner, bravuröse Tapferkeit +der eigenen Truppen immer von neuem. Bei jeder Begegnung rief nun einer dem +andern schon von weitem zu: »Hast du gehört« und »weißt du auch«. Vom +eigenen Schicksal war täglich weniger die Rede. + +Als aber erst kräftiger neue Welt sich in Franzens Vorstellung schob, aus +den Kampfberichten eine herrliche Erscheinung um die andere vor ihn trat, +ward Meta aus dem Zenith seines Denkens gedrängt und führte in ihm fortan +ein wenn auch verehrtes doch peripherisches Dasein. Das Übermenschliche +hatte für ihn den Sinn geändert. Die passive Entrücktheit des Weibes nicht +mehr war anzubeten, aber des Mannes heldischer Griff. + +So hob sich der Jüngling aus dem Gewinde geübter Riten und gruppierte nach +veränderten Trieben innere Natur um. Religion war das Vaterland, Vorbild +der tapfere Soldat. Ein anderer Gott, kriegerisch geschient, erschien in +einem Himmel geschwungener Fahnen und Lanzen. + +Meta, mit den vergilbten Emblemen friedlicher Güte, war als Ideal in +gründlich geänderten Verhältnissen unbrauchbar. Handgreifliches Verlangen +konnte sich an sie nicht klirrend klammern. Zwar gab sie ihrem Umriß +herbere Kontur, der Erscheinung Strenge, den Worten Kommandoton, aber vor +Prall und Knall der Armeerlasse, dem Alarm der Katastrophen und +Verlustlisten konnte sie nicht bestehen. In Haltung und Ausdruck ließ Franz +Respekt nicht im mindesten missen. Innerlich aber schaltete er mit ihr nach +neuen Begriffen und Gutdünken. Er fand sie, in Waffenglanz nicht denkbar, +vor dem schwächsten Manne schwach. Sah ihren zärteren Aufbau, ihrer Stimme +dünne Resonanz ein, und daß sie oft zu schonen war. Er stellte sie der mit +Standarte stürmenden Angriffslust des männlichen Prinzips, das plötzlich +aus allen Kulissen der Welt wetterleuchtete, richtig als ein anderes +gegenüber, das ruhend ergriffen sein wollte. + +Als ihm die Einsicht das erstemal sprang, bäumte mit Lust herrischer Wille +nach ihr auf, und er reckte sich in alle Winde. Den Gestellungsbefehl trug +er in der Tasche -- da war das Knabenalter hin, und sein Blick lenkte keck +zu des Mädchens Brust, die unter Kattun doppelt gerundet stand. + +Meta aber, als sie Franz' geänderte Absicht sah, stürzte in harten Kampf, +die gräßlichsten Zweifel. Aus unaussprechlichen Ahnungen spürte sie die +augenblicklichen Verhältnisse nicht beständig und daß alles, was in ihnen +sich ereigne, dem Wechsel und vielleicht späterer Verdammung unterliege. +Aus allen Lüften sah sie Gebraus, Geschmetter der Kraft in des Geliebten +eindrucksvolle Seele geblasen und glaubte dennoch nicht, es fände dort +ursprünglicher Gefühle Begegnung. Sie zitterte, vom süßen Moment +hingerissen, möchte sie, fallend, ihm seine ewige Neigung trüben, und sich +selbst ihm gründlich zerstören. + +Da sich in Wirklichkeit erfüllte, was einst sie geträumt: Jung, stark und +gerade als Mann gewachsen, hat sie ihn vor sich, er senkt das Haupt an ihre +Brust, stößt in die Falten der Taille die Spitzen des Gesichts und schlürft +ihre Wärme, bis Blut sich entzündet und im Kessel des geschwollenen Leibes +Überschwang an den Ventilen siedet -- zwingen sie Rufe der Not und +mörderische Furcht, der ersehnten, vorzeitigen Hingabe mit schleunigem +Aufbruch und schmerzlichem Aufschwung der Seele zu entfliehen. + +Es weiß der Mann aus seines Leibes Verlangen immer unsinnigere +Schmeichelei, Natur und alle Kreatur zaubert er vor ihre begeisterten Augen +in taumelnden Aufruhr, und kaum weicht das Weib, von eigenem Verlangen +gefesselt, noch aus. Schon wird über dem blanken Boden in einer Mondnacht +des Mädchens Kehle und Schulter nackt, da ruft am anderen Morgen Befehl +Franz zu seinem Truppenteil, und in der Hast der notwendigen Besorgungen +gibt es kaum einen Abschied. + +Erst aus der Garnison, dann vom Lager her, versichert er sie einer +Leidenschaft, die hinter schneller Heirat fröhliche Wollust in völliger +Vereinigung will. Zart fängt er zu bitten an, doch zum Schluß des +Geschriebenen blitzt Mannesmut, und trumpft jedesmal die geballte Faust +auf. Ihr aber beginnt, nach häufiger Wendung des Geschicks, aus seinen +Worten die Ahndung eines vollkommen natürlichen Glücks, von Gott und den +Menschen gesegnet, zu dämmern, und mit gefaßtem Wandel bereitet sie einfach +und fromm in sich das Wesen seines Weibes vor. + +Nun herrscht der Allmächtige und »Urlaub« in ihr. Mit häufigem +Kirchengehen, inbrünstigem Gebet bekräftigt sie die innere Sammlung. Aufs +Wiedersehen ist sie ganz gestellt, und nur manch Weibliches leuchtet ihr +daneben ein. Es kam um diese Zeit die hübsche Hausfrau mit einem Knaben +nieder, und Meta ist für alle Vorgänge bei der Geburt Feuer und Flamme. Als +aber das Kind aus zitterndem Schoß entbunden war, und den von Qual erlösten +Leib der Wöchnerin in frischen Kissen Jubel des Mutterglücks rührten, lag +Meta an der Bettkante in den Knien und küßte die hängenden Hände der +glückselig Erschöpften. Sie reicht ihr durch des Zimmers Sonne auch das +Bündel Windeln, aus dem es quäkt und winselt, an die Brust und staunt auf +all das Saugende und Gesaugte, die Spitzen Rot an den getürmten Brüsten und +das in Milch verwandelte Blut. Sie fühlt sich königlich erhöht im Hinblick +auf die eigene mütterliche Zukunft und hegt für das aus ihr noch nicht +Geborene schon die zärtlichsten Gefühle. An Franz schreibt sie: mach +schnell, komm bald. Es ist für dich alles bereit. In ihrer Seele steht das +Häuschen, das mit dem kaiserlichen Briefträger sie bis ans Ende ihrer Tage +bewohnen will, fix und fertig: zwei Räume und die Küche in einem Garten mit +tüchtig Gemüse. In den Stuben rumoren die Kinder; im Stall ein Schwein. Am +ersehnten Tag kommt statt seiner die Nachricht, der Urlaub sei verweigert; +er selbst, näher den Ereignissen, ins Quartier eines hohen Stabes geholt. +Ist Metas Enttäuschung schon groß, verbirgt sie sich nicht, ihr sei auf dem +neuen Posten das Leben des Geliebten sichergestellt, und Ordensschmuck +unter den Augen der oberen Gewalten für ihn wahrscheinlicher als in der +trüben Masse an der Front. Was bedeute die Trennung, könne sie seiner +endlichen, ruhmvollen Heimkehr gewiß sein? Wie er auch schilt, man habe ihm +den Auszug ins Feld verwehrt, ihn vor allen Kameraden benachteiligt, lacht +sie bei sich und sitzt den Winter über geschnittener Leinwand, aus der sie +das Notwendige schafft zu baldigem Gebrauch. Brennt in der Kammer die +Lampe, schnurrt eifrig der Ofen mit dem Kätzchen um die Wette, setzt sie +Stich zu Stich mit lustigen Gedanken, und ist mit der Gewißheit, in ihrer +Liebe hat sie manches gelitten, oft geschwankt, doch schließlich sich +bezwungen, und nun steht ihr in einem braven Mann richtiges Frauenschicksal +bevor, das beglückteste Mädchen. + + * * * * * + +Franz, der im Haushalt des Stabsquartiers die gleichen Obliegenheiten +erfüllt wie Meta für ihre Herrschaft -- er ist dort das Mädchen für alles, +putzt, wäscht und wichst zu täglichem Gebrauch, was irgend vor seine Griffe +kommt -- fällt nach einigen Monaten treuer Pflichterfüllung in ein hastiges +Leiden, das ihm die Därme immer von neuem kehrt und entleert, bis seine +gemarterte Seele kläglich durch diesen Weg aus dem kaum angebrochenen Leben +entweicht. Mit rühmlicher Gefallenen verschwindet ohne Sang und Klang sein +Kadaver schnell in fremde Erde. + +Frei durch den Himmel ihrer Zukunft schweifend, erhält Meta die Nachricht +am Abend; fällt in Ohnmacht des Begreifens und bleibt zeitlich lange genug +ohne Bewußtsein, um vor selbstmörderischer Torheit bewahrt zu sein. Doch +scheint Starre des eingebrochenen Winters sie miterfaßt zu haben, und +geraume Weile wandelt sie, vor Besinnung gefeit, in Stummheit und Taubheit +eingeschneit, huscht wie ein wundes Tier vom Bett durch die Stuben zu Bett; +nicht einen Seufzer hört man von ihr. Manchmal steht groß ein +Schweißtropfen an ihrer Stirn, wie aus dem Knochen herausgefroren. + +Eines Tages sprach sie der Hausherr freundlich und mit väterlichem +Tätscheln an. Sie solle zu sich selbst erwachen. Jung sei sie, mannigfach +liege Leben vor ihr, und der Männer gäbe es viele. Auch litte mit ihrer +Zerrissenheit die Qualität der Arbeit. Gott sei gnädig, die Sache des +Vaterlandes stünde dank siegreicher Schlachten gut, und im Grund sei mehr +gewonnen als verloren. + +Oben aber sah Meta plötzlich die genähten Hemden und Herrlichkeiten, daß es +sie an den Elementen packte und über den weiblichen Kram in einen Jammer +warf, der Tage hindurch sie selbst und Zeug und Wäsche näßte. Auf Bett und +Stuhl, wohin sie blickte, saß Franz; an Tor und Tür erschien er wieder, +lachend und vertraut zu ihr aufschauend. Dann hurtig enteilend, Mütze +schwingend, aufs Rad flatternd. Oder es sahen seine Augen vorwurfsvoll aus +dem Dunkel; doch bei ihrem zartesten Laut strahlte sein Glaube. Und er läge +ihr gestorben? Wo wäre da Sinn? War im Plan ihres gemeinsamen Lebens ein +Fehler, das geringste Unreine im Zusammenklang der Seelen, und stimmt Gott +der Harmonie nicht bis in die verborgenen Winkel der Schöpfung zu? Halb +entkleidet steht sie zur Nacht im Loch des Fensters in feuchtem Aufruhr und +sucht dem Himmel, des Busens Hügel aufnehmend, den Weg zum Herzen frei zu +machen, daß er es ganz einfältig mit Franz erfüllt schaue. Wär wirklich das +Unfaßbare wahr, wo in der Verkettung der Umstände sei der gräßliche Irrtum +des Geschehens als Schuld anzurechnen, auf ihrer demütig irdischen oder der +allmächtig himmlischen Seite? Aber die Sterne erblassen nicht vor der +geheulten Anklage. Kraß und klar leuchten sie die täglichen Bilder. + +Noch wartet Meta und schiebt den Tag der Abrechnung mit Gott fort, und +während das Ohr auf Nachricht aus dem Feld gespannt bleibt -- sie ist +gewiß, auf einmal kommt Alarm seines Lebens, und bebändert und besternt +steht er vor ihr und wirft verhaltenen Lebenssturm wie Gewitter und Blitz +in sie -- prüft sie innerlich von neuem ihre bisherige Führung nach den +strengen Vorschriften der Religion, um nicht im geringsten über berechtigte +Enttäuschung des Gläubigen hinaus sich anklagend zu empören. Sie bekommt +auch günstige Zeichen. Ein Sergeant beim gleichen Stab, den der unverhüllte +Jammer ihrer Briefe rühren mochte, antwortet in geschraubten Reden so +Unterschiedliches, daß höhere Hoffnung allerhand in ihnen finden kann. Aus +hundert Zeitungen erhält sie Bestätigung, daß Totgeglaubte, Totgewußte in +die Arme der Liebenden zurückkehrten. Franz aber, von Fibern jugendlichen +Willens hingerissen, sei ganz gewiß aus eintönigem Tagdienst in die Hitze +der Gefechte geeilt und werde sich in den Berichten schließlich als ein +Held und lebend wiederfinden. + +Bis sie ein Bündel mit der Post erhält, das der gleiche Kamerad, ihrer +Beschwörungen überdrüssig, an sie sandte: Lumpen von seinem entseelten +Körper geschält, in beschämendem, kläglichem Zustand. + +Ihr entgeht nicht die hämische Geste des Schicksals, die obendrein das +Andenken des Verblichenen schänden will. Doch ist ihr der endliche Fall je +tiefer umso lieber, da sie schon merkt, wie viel herrlicher sie sich von +ihm erheben wird. Inmitten verwüsteter Hoffnungen, der jämmerlichen +Trophäen seines Erdenwandels bleibt sie trauernd liegen und saugt aus +tausend Erinnerungen Haß, allmählich rasenden Zorn gegen ein sinnloses +Geschick und seinen oberen Lenker. Als sie endlich jeden Ort des Leibes mit +gleicher Überzeugung angefüllt fühlt, erhebt sich ein neuer Mensch zu +gewandeltem Leben. Mit Gott macht sie nicht mehr viel Worte. Sie sieht ihm +frei ins Gesicht und zeigt ihre Meinung: Seine Entscheidung in ihren Sachen +hat sie verurteilt und hängt nicht länger von ihm ab. Zum zweitenmal nimmt +sie vom Dasein Besitz, belebt jetzt von sich selbst her ihre Welt. Aus +deren Mitte sie alles bisher Verehrte hebt, es durch einen Götzen zu +ersetzen: Franz, den sie mit jeglichem Tand der Phantasie schmückt. Je +weiter sein irdisches Leben zurücksinkt, um so frischer macht sie ihn sich +lebendig. Alle Kräfte müssen fortan für den einzigen Zweck sich regen, den +toten Freund ihr fortwährend seiend zu erschaffen. Sie hat unaufhörliche +Gesichte, Begegnungen und vertraute Zwiesprache mit ihm und riecht und +schmeckt den ganzen angebeteten Mann. Ist sie aber mit ihm im innigen +Verein der Gemüter, fliegt ihr Blick durch die Scheiben höhnisch zum +Firmament, und Trotz spottet hell auf. + +Sie wird wie eine Nonne schlicht und eindeutig. Dem einmal gewählten +Bräutigam treu, geht sie wie mit Zäunen umstellt dahin. In ihre Bestimmung +mit sich selbst ist von außen her kein Pfeil, kein anderes Verlangen zu +senken. Sie weiß zu gut, wie der Geliebte sie wollte; nicht kleinmütig und +verzagt, aber hoch über dem Los der Sterblichen. Die selbstherrlichen, +keuschen Gebärden muß sie bewahren, daß beim endlichen Wiederfinden seine +Erwartung von ihr sich vollauf bestätigt. So wandelt sie in Stahl +gepanzert. Schicken ihr die Frühlinge Begierden, blühend erwachte Natur +Versuchung, zwingt sie das Fleisch in kühle Richtlinien und lacht zum +Schluß über der Geister Blendwerk. Männer, die ihr nahen, wollüstig und +aufgeschwänzt, erledigt sie mit dem Blick eines für sie zu gewaltigen +Maßes, in das sie wie Erbsen in riesigen Topf fallen. Je mehr das Leben sie +versuchen will, um so freudiger wirft sich Meta ihm furchtlos entgegen, +gewiß, mit ihrem Liebesbegriff jeder Wirklichkeit überlegen zu sein, und +daß der verschmitzten Himmel lockere Absichten an ihrem Willen schließlich +zerbrechen müssen. + + * * * * * + +Der Friede, den das Land erlangt, schwemmt die Menge der Männer in die Arme +der Jungfrauen, Bräute und jungen Frauen zurück. Es hebt eine allgemeine, +gewaltige Hochzeit an, und die Demut des Weibes ist an sich schon groß vor +dem heimgekehrten Helden. Als aber sein Arm in der verwahrlosten Heimat +richtend und regelnd überall fühlbar wird, die Jugend den zu Haus +gebliebenen Greisen und irgendwie Verschnittenen die willkürliche Leitung +der Ämter und Geschäfte scheltend entreißt, bricht befreiter Dank aus allen +Herzen so stürmisch hervor, daß Verehrung männlicher Kraft und Vernunft +allenthalben oberstes Gesetz ist. Auch Meta, der es einfällt, wie in +letzter Spanne ihres Beisammenseins Franz sich zu eigenem Willen gereckt, +Herrschaft und Gewalt über sie gefordert hat, formt den Geliebten dem +allgemeinen Ideal nicht nur, sondern eigenem, ursprünglichem Wunsch nun +unbedenklich nach. Macht ihn zum unbeschränkten Gebieter ihres Gewissens +und ihrer Glieder; endlich stürzen die inneren Gewalten in das Bett einer +einzigen Leidenschaft: schrankenloser Hingabe des Leibes und der Seele an +den Vergötterten. Alle Organe werden, von Besessenheit ergriffen, +Eingangspforten für den Atem seines Wesens. Der männliche Geist fährt wie +Schwert in das Weib und reitet es mit Windsbraut in alle Abgründe des +Empfindens, peitscht es durch Hohlwege und Schluchten sinnlicher Wünsche. +Man hört sie aufschreien unter seiner würgenden Faust, sieht sie bäumen, +stürzen, wieder stehend, halb sich heben und zum andernmal mit Wucht in die +Furche der Bettstatt schlagen. Sie fühlt sich von ihm in die Wälder an alle +jene Örter entführt, an denen sie einst gemeinsam scheues Gespräch +geflüstert. Dort packt er sie, und während keusches Andenken sie rührt, +bricht und knickt er sie in ein Bündel keuchender Wollust nach seinem +Willen. + +Tagsüber, mit geschundenen Gliedern, erfüllt sie dennoch die Pflichten +dienender Stellung. Aus der Stärke der sie schüttelnden Empfindungen fühlt +sie sich stolz von eigenen Gnaden Überwinderin des von Gott ursprünglich +mit ihr gewollten Schicksals, Urschöpferin ihrer Lust und nimmt aus diesem +Bewußtsein düstere Kraft. Doch immer ist es ihr Beweises eigener Person +nicht genug. Rings horcht sie die Frauen nach dem Maß des natürlichen +Glücks mit ihren Männern aus und jubelt, hört sie laue Anerkennung, +meistens Enttäuschung. Im Verein mit ihrem süßen Mann hat Sturm und +Schwelgerei kein Ende, sie unterliegt seinen Launen, Bedenken, Schwächen +nicht. Jahre hindurch steigert sich noch das Maß des Entzückens, das von +ihm kommt. In alle Blut- und Nervenbahnen ist sie von ihm schon besessen; +aber immer noch findet Begierde neuen Genuß und blendende Überraschung. + +Bald sieht Meta Folgen ihres unbändigen Glücks mit dem Mann. Der Leib, aus +einem Teil einst, regelmäßig praller Formen, brach die Bünde gehügelter +Üppigkeit und hat strengen Rhythmus schon gesprengt. Entzückt sieht sie +ihre Schönheit für ihn, wie bei Weibern mit lebendigen Gatten, zerfließen. +Nicht weniger scheint sie gestülpt, brüchig und gerupft. Mit Triumpf hängt +sie in den gleichen Spiegel, der einst ihrer Jugend Knappheit faßte, die +zerfallenen Kuchen der Brüste, des Bauches schleppende Fettguirlande. Sie +meckert sich Beifall, schlägt die entstellten Lenden, um sie mit Inbrunst +neuen Visionen auszuliefern. Aber zu allen Freuden ekstatischer Liebe +leidet sie alsbald Schmerzen und täglich andere. Erst ist es Freßgier, die +sie befällt und unzähmbar quält. Mit tierischem Hunger schlingt sie alles +Erreichbare wahllos in den offenen Schlund, bis Ekel vor sich selbst sie +packt, der aufgetriebene Magen sich brüsk erleichtert. Dann quillt Speichel +in Wellen aus den Häuten des Mundes und der Nase, schäumt auf den Lippen +und wechselt dort in vielen Farben. Oder es preßt eine Hand den Hals +zusammen, daß sie zu ersticken meint; eine gespenstische Kugel steigt aus +der Gurgel in die Eingeweide nieder, wobei kalter Wind den Leib durchweht. +Tiefer, traumloser Schlaf wechselt mit anhaltender Schlaflosigkeit, die sie +völlig erschöpft, und wüster Halluzination. Doch immer gelingt es noch +trotziger Energie, Franz, zur Umarmung bereit, vor sich aufzuzaubern. Als +aber Materie fast vom Knochen geschabt ist, das Fett verlebt, die Säfte, +nicht ergänzt, träg geworden, kann sie die erlangten Ohnmachten und +Zerschmetterungen mit neuem Aufschwung nicht mehr regelmäßig ausgleichen. +Nur hier und da erfaßt sie noch des Mannes feste Gestalt. Meist muß sie +sich mit einem Schatten begnügen. Und wie sie auch die Augen aus den Höhlen +dreht, die mageren Hände sehnend reckt, -- bei sich fühlt sie nur mehr +etwas unwirklich Zerschlissenes. Dann stöhnt sie große Seufzer und fällt +durstend in die Kissengrube; aber der ausgemergelte Körper stürmt in +Schlaf, und die Sehnsucht der Halbentseelten flieht vom Gift des +Sichzerfleischens häufiger zu Bildern guter Ruh. + +Das angetrümmerte Gebein, dicht vor seiner Vernichtung, schreit nach +Befreiung. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrt es sich, bereit, alle anderen +Möglichkeiten des Seins gutzuheißen, ihnen zu dienen, nimmt man von ihm die +Zentnerlast der durch Jahre getragenen Qualen. + +Alsbald tritt in das erfrischte Gehirn Bild der Umwelt zögernd wieder ein. +Sie nimmt des Stübchens Einrichtung deutlich wahr: den Teppich vorm Bett, +dessen Mitte vertreten ist; bunte Gardinen gegen das Licht. Erstaunt sieht +sie ihren Fenstern das Dach eines Hauses gegenüber, das die frühere +Aussicht ins Grüne und die angrenzenden Gärten sperrt. In der Küche glänzt +Kupfer mit Zinn, und bemerkenswert scheint ihr der Ausdruck in +Menschenaugen. Da kommt morgens ein Mann ins Haus, der Zeitungen trägt. +Blond, greller Rede, drängt er sich kräftig in Metas Wirklichkeit, stellt +sich quer vor das blasse Bild ihres Schattenmännchens. Gaukelt sie das noch +manchmal her und bringt seine Züge nicht bündig zusammen, ist quick der +Stellvertreter vollkommen da, zu allem Möglichen bereit. Sie dreht sich +also, nur vager Absicht, in seine Bahn und hat ihn plötzlich unmittelbar, +Aug in Auge vor sich. Gespannt sieht sie sein vorbereitendes Gebahren, +schluckt seine bis zu den Haaren steigende Röte, die Wasserperlen auf der +Stirn, zitternde Hände. Auch leises Knirschen der Kaumuskeln belustigt sie +sehr. Als er aber, männlich perfekt, in die Horizontale schwenkt, macht sie +der Schwitzende lachen, und sie springt von ihm fort. Zu albern wirkte sein +strikter Angriff, es mangelt gewohnter, phantastischer Hinschwung; sie hat +die Fanfare nicht gehört, unwiderstehliches Muß völlig vermißt. + +Aus halber Anschauung und vollendeter Ahnung sah sie der hingegangenen +Liebe unvergleichliche Höhe ein. Und wie vorher Natur, sind Trotz und +Eitelkeit in ihr befriedigt. Reste von Zärtlichkeit und Schwärmerei +schwinden schnell aus dem Herzen, und dreißigjährig stellt sich Meta, immer +noch Dienstmagd in des Färbereibesitzers Familie, mit gänzlich veränderten +Begriffen zu weiterem Dasein kräftig gewillt fest. + + * * * * * + +Bedient sie jetzt Gäste bei Tisch, die regelmäßig einmal in der Woche +kommen, reicht ihnen Teller und Schüsseln, sieht sie die Speisenden +eindringlich an. Sie merkt ihre Gespräche und kennt nach kurzer Zeit die +Verhältnisse der Geladenen. Doch, was sie erzählen oder mit Zwinkern und +Blinzeln von ihren Gefühlen ausdrücken, ihr menschlicher Inhalt scheint +Meta armselig und flach. Sie, die gemeiner Herkunft wegen vor diesen +Bürgern alle Schauer des Respekts gefühlt, merkt aus der Überlegenheit +selbstgewollten und überwundenen großen Schicksals, Hochmut in sich +wachsen. Die da sitzen, scheinen geschlagene Leute, denen das Menschliche +zu karg gemessen ist. Ihre Begierden bleiben weit hinter Metas Sehnsucht +zurück. Um kleine Vorteile treibt ihr Ehrgeiz, aus der Größe des Vermögens +sind sie sich wichtig. Dem Unbemittelten dienen Fabeln seiner +geschäftlichen Verschlagenheit, sich zur Geltung zu bringen. Da ist ein +Herr mittlerer Jahre in kaffeebraunem Rock, der von seinen Spekulationen +Wesens macht. Zum Schluß seiner Vorträge, die er mit trüben Witzworten +krönt, pflanzt er, beifallheischend, der Hausfrau jüngerer Schwester, die +seit kurzem zu Besuch da ist, einen runden Blick mitten ins Gesicht. Meta +kennt die Stelle, wo auf des Mädchens Backe antwortend jedesmal der rote +Fleck aufbrennt, sieht aber geschwind zum Erzähler zurück, um noch +wahrzunehmen, wie der mit dem Mundtuch herausfordernd sich die +Schnurrbartspitzen wichst. Sie findet diese Spießbürger Würmer, die man +bodenlos gering zu achten und nach dem Maß der Verachtung zu behandeln das +Recht hat. Mit dieser Feststellung begnügt sie sich nicht, sondern beginnt, +sich in die Schicksale der Lendenlahmen sofort zu mischen und sie zu +treiben. Erst springt sie das Mädchen an, das nach unabänderlich trägen +Gesetzen die Tage verschleißt, indem sie Gedrucktes aus des Hausherrn +Bücherei ihm in den Weg legt, das durch gewagten Inhalt es erregen soll. +Durchs Schlüsselloch sieht sie der sich Entkleidenden zu und wartet auf den +Effekt. Aber die klassisch Nackte, deren ebenmäßige Schönheit Meta gehässig +bewegt, hält lesend das Buch mit der gemarkten Stelle, und kein Hauch rührt +ihr Gesicht. Sie gähnt nur ein wenig, nestelt, kämmt, dreht die Lampe und +schläft. + +Und doch steckt sie seit Wochen, glaubt sie sich unbemerkt, dem +kaffeebraunen Herrn die Finger schnell in die seinen. Sieht ihn +geschwungener Braue an, senkt den Kopf und entschwebt. Als eines Abends die +Herrschaft ins Städtchen fort ist, die Jungfrau vorm Spiegel mit gelöstem +Haar und blanken Beinen zur Nacht sich schickt, schiebt Meta den scheuen +Verehrer, der vorbeigehend nach der Anwesenheit der Freunde obenhin gefragt +hatte, ohne weiteres der Überraschten in die Kammer und wartet verhaltenen +Atems vor der Tür. Da es innen still bleibt, bringt sie den Blick an die +Öffnung und sieht Mädchen und Mann beieinander, Hand in Hand und Aug in +Auge. Dazu atmen beide kräftig aus geblähten Nüstern. Ein Weilchen, während +das Herz vor Erwartung steht, sieht Meta ihnen zu; als aber die Haltung der +Aufrechten sich nicht verändert, öffnet sie erbost die Tür und zwingt das +monumentale Paar zum Aufbruch. + +Doch gibt sie sich nicht zufrieden. Nach ihren höheren Absichten sollen +sich dennoch die Geschicke der Armseligen erfüllen. In stärkerem Feuer will +sie die Seelen glühen sehen, gewiß, noch immer wird sich dort ihr eigener +Wert über dem der anderen erhärten, und sie kann an ihrer salamanderhaften +Unbrennbarkeit von neuem vergleichend sich berauschen. Engeren Anschluß +sucht sie an die Ahnungslose, ist beim Anzug behilflich, streift ihr die +Strümpfe schmeichelnd an die Beine, das Hemd über die zarte Haut. In Kürze +vollendet sie mit sympathischen Strichen jeder Nerve zärtliches +Verständnis, und als sie ihr Opfer zu eigener Regung flügge glaubt, weiß +sie es bald wieder einzurichten, daß der lau Temperierte das junge Weib +allein im Aufruhr der Gefühle findet. + +Von der völlig Entzündeten fängt der schwer zu Entflammende Feuer. Nun +girren hinter der Tür die Stimmen, es fordert Verlangen und seufzt die +Schwäche. Das Mal des Sieges leuchtet auf Metas Stirn. + +Allem, was folgt, widmet sie sich inständig; vermittelt den Liebenden +Bequemlichkeit. Je dringlicher er Halt will, um so stürmischer wird der +Mann geliebt, und das schleunige Ergebnis ist des Mädchens vollendete +Schwangerschaft. Da aber ist die Mittlerin erst vollends selig. Für des +Hauses Ruh, die nur durch banalen Anlaß bislang gestört wurde, hofft sie +gründlichen Sturm und Raserei. Sie reibt sich die Hände und schneidet dem +Himmel Grimassen. Und als sich das Unglück den Verwandten nicht länger +verheimlichen läßt, mit einemmal im grünen Salon Aufschrei und Verwünschung +schallt, als zweier Frauen Ohnmachten zu enden sind, und Nasenbluten des +erschütterten Färbereibesitzers ihre Pflege und Essig fordert, schwebt +Meta, überlegene Zuschauerin der Blamage und Verlegenheit, in sieben +Himmeln. + +Jede Stunde ist ihr nun höchster Erwartung voll. Sie glaubt an zerschelltes +Geschirr, eingetretene Türfüllungen, den aus dem Fenster in den Hof +zerschmetterten Leib. Auf den Pistolenschuß wartet sie, der plötzlich die +Nachbarschaft alarmieren soll, hört Feuerwehr und Polizei schon die Treppe +stürmen. Doch steigt das allgemeine Elend nicht über ein finsteres +Schweigen und Tränen in Strömen. Eines Morgens aber erscheint der Verführer +im schwarzen Rock mit hohem Hut; Verbeugungen, Komplimente, dann heftige +Umarmungen werden getauscht, und bald kleidet Meta die Braut in Batist, +Schleier und steifen Atlas. Während das erlöste, ausgelassene Mädchen +lockende Kapriolen in den Spiegel stellt, fühlt sich die Bedienende von den +himmlischen Gewalten aufs neue geneckt und um jeden Erfolg gebracht. + +Aber sie will, nachdem ihr der Weg zu eigener, bedeutender Fühlung einmal +gesperrt ist, aus von ihr aufgeregtem, fremden Schicksal unbedingt die +fortdauernde Bestätigung nicht gewöhnlicher Natur. In Gestalt eines +alternden Mädchens, durchschnittlicher Dienstmagd zum Kehricht geworfen zu +werden, diesen Ausgang ihres Lebens ertrüge sie nicht. Sie weiß nicht, wie +der Dämon in sie kam, aber daß sie vor jedem Atemzug gelten, vor sich +selbst bestehen muß, und daß, diese Voraussetzung ihres Lebens zu schaffen, +ihr jedes Mittel gilt. + +Als mit dem in gesetzlicher Ehe geborenen Sprößling die jung Verheiratete +alsbald aus ihrer Macht und ihrem Gesichtskreis entschwunden ist, spürt sie +der Hausfrau Launen auf und wo bei ihr der Eingriff ins Leben zu wagen sei. +Sie sieht die noch Begehrenswerte in simplem Haushaltskram befangen, und +lange Zeit weiß sie nicht, wie ihr beizukommen wäre. Da springt ihr Zufall +zu Hilfe, als sie den Erzieher des nun zwölfjährigen Knaben im Unterricht +über ein samtenes Band der Prinzipalin träumend findet. Der Brennpunkt ist +entdeckt, und mit unwiderstehlichem Drang facht sie Feuer unter den +Primitiven, kocht sie durch Monate in ununterbrochener Hitze gar, bis der +Boden des Topfes, in dem sie schmoren, wie Papier mürbe ist, und die Minute +sich ankündigt, wo die Siedenden und Gesottenen ins offene Feuer fliegen. + +Dicht vor der Katastrophe aber kommt ihr ein närrischer Einfall und macht +sie vor Freude toll. Nicht halbe Arbeit will sie mehr leisten; diesmal soll +das ganze Haus, der Familie rundes Ensemble, in sie untertauchen, und +Herrschaft auf alle soll Lohn für fünfzehnjährige Sklaverei sein. Als der +Herr wie stets in einer Ecke sie tätschelt, sprengt sie durch den ihm +zugeschleuderten Blick seine gedämpfte Existenz und überläßt am gleichen +Tag, da auch der junge Lehrer das ersehnte Glück findet, sich dem +täppischen Alten. + +Der hat durch seine Lebensstellung gefällige Umgangsformen mit der Frau. +Meta nahm ohne Eifer mit Befriedigung, was er bieten konnte. Aus immer +lebendiger Phantasie machte sie ihn abhängig; unterjochte ihn ganz. Sie +probte und spannte ihn wie einen Handschuh, so weit er sich streckt; ersah +an seinem Beispiel, wie weit der Mann dem Weibe wirklich folgt und stellt +nach ihm das Bild von Franzens Männlichkeit richtig. Der Rest Bedauern, den +sie über dessen Tod noch immer fühlte, minderte sich füglich. Als sie den +Alten am Schnürchen hatte, er erst wie ein Pudel in ihrem Dunstkreis +hüpfte, zwang sie auch die Hausfrau aus der Mitwisserschaft um ihr +Verbrechen in dramatisch geführten Szenen zur Unterwerfung, allmählich zu +striktem Gehorsam. Jetzt gab sie im Haus die Kommandos, nicht so sehr mit +Worten als mit Blick, einer verlorenen Geste; spielte Richter und oberes +Gesetz. Nie wollte sie, was jene wünschten, verbot, was ihnen erfreuliche +Aussicht war und konnte nicht schlafen, gab ihr der Überblick des +hingegangenen Tages nicht Gewißheit ihrer bewiesenen Macht. Drohten anfangs +die Geprügelten, sich zu empören, das noch ungewohnte Joch abzuwerfen, +dämpfte sie durch anonyme Briefe, die das Infame mit gemeinen Worten an die +Wand malten, die Lust zum Aufstand; durch auferlegte Strafen den Wunsch, +Widerstand zu wiederholen. + +Sie zog in ein geräumiges Zimmer am Hauptflur, das sie mit hübschen Dingen +schmückte, die ihr anderswo entbehrlich schienen. Setzte den Papagei im +Bauer und einen Ledersessel ans Fenster, in dem sie regelmäßig als erste +die Zeitung las und rückte schließlich das Grammophon im +Mahagonischränkchen aus dem Eßzimmer zu sich herüber. Ein buschiger Kater +hockte auf ihrem Schoß. + +Für die Arbeit hat sie längst eine Magd genommen. Samt den übrigen +Hausinsassen dient ihr die tagtäglich irgendwie zur Befriedigung dunkler +Instinkte. Durch immer neue Nadelstiche, tausend gesiebte Bosheiten und +Intriguen, gegen die sie wehrlos ist, im Mark des Lebens gelähmt, sinkt die +ganze Sippe allmählich in so bodenlose Abhängigkeit, daß jede Reibung +schwindet. Für den Besucher bildet die Gemeinschaft das Bild idealen +Friedens; wie zärtliche Verwandtschaft liebenden Eifers bemüht ist, das +Leben der verehrten Tante zu erhalten, vor Schreck und Trubel zu bewahren. +Man buhlt mit den niedrigsten Mitteln um ihre Gunst; der Gatte verleumdet +die Gattin, das Kind die Eltern, alle aber die Magd, die sich auf gleiche +Weise rächt. Wo Meta auftrumpfen will, liegen die Stiche schon auf dem +Tisch. Ihr zum Schlag gehobener Arm fällt auf Samt, zutretender Fuß taucht +in Watte. Um sie ist schließlich Atmosphäre von Thymian und Lavendel, und +wie sie auch immer im Einzelfall streng entscheidet, sieht sie doch nur +verklärte Gesichter. Man ist unter allen Umständen entschlossen mit ihr, +unbedingt für ihren Willen. Ihrer längst nicht erloschenen, +leidenschaftlichen Lust am Aufruhr stellt sich in ihrer Umgebung einfach +kein Gegner. + +Sie muß ihren Groll künstlich päppeln, sich aufsagen, wie sie von Gott und +den Menschen tödlich beleidigt ist um etwas, das ihr lange sehr deutlich +war. Während sie im Genuß ertrinkt, betet sie sich vor, sie sei gemartert +und grausam gehöhnt; aber die Sühne des Himmels stehe noch aus. Sie fühlt, +verliert sie Aufstand und Empörung erst völlig aus dem Blut, muß in ihr ein +Vakuum entstehen, das sie in Abgründe schleudert. Aber die vier Menschen um +sie, die den Schlüssel ihrer Natur gefunden, singen ihr Hymnen, überstürzen +die geringste Forderung an sie von sich her und entkräften immer mehr Metas +einst lodernden Haß. + +Schon, wenn am Jahresersten die Familie mit dem Frühesten an ihr Bett tritt +-- sie aber liegt in schleifenverzierter Haube, kostbarem Hemd mit +gefalteten Händen unbeweglich auf dem Rücken wie ein sehr kostbarer +Gegenstand -- und das erdenklich Gute wünscht, oder an ihrem Namenstag das +Haus mit brennenden Lichtern und Kränzen ein Tempel der Freude ist, Likör +und edler Wein in Römern herschwebt, der die Geister verzaubert, schwindet +ihr Erinnerung alles Gewesenen. Aber an ihrem vierzigsten Geburtstag, da +Segenswunsch und Musik, als Enthusiasmus mit frohen Toasten prasselt, und +in allen Blicken die Träne der Rührung hängt, fühlt sie aus sich das +Heftige gerissen; sitzt im Kreis der Feiernden betäubt und gestäupt als +leere Attrappe. + +Alle Arbeit ist ihr aus dem Weg geräumt, den Finger darf sie schließlich +nicht mehr rühren, und die geringste Handreichung wird mit stürmischer +Abwehr nicht geduldet. Aber Überraschung bringt man ihr von draußen, +freundliche Grüße der Bekannten, nur gute Nachrichten. Jeder Eintretende +stellt strahlenden Augs mit lachendem Mund vor ihr ein lebendes Bild. Alle +haben die zierlichsten Bewegungen, holde Sprache, Händedruck und +Herzbeteuerung. So ist ihr jeder Anlaß zu Scheltworten genommen. Wie sie +auch Argwohn und zänkische Erwartung spannt, immer endet jeder Vorgang über +Erwarten glücklich in Sonnenschein. Man schmeichelt dem Vogel im Bauer, +bringt ihm Biskuits und fragt mit schmelzender Besorgnis: »wen liebst du am +meisten auf der Welt?«, und kreischt der bunte Bursche: »Meta! Meta!«, +scheint man gerührt, entzückt, sogar erschüttert. Vom ewigen Sitzen und +Gefüttertwerden wird die Verwöhnte von neuem unförmig fett. Ihre gefräßige +Natur widersteht den Leckerbissen nicht, die man ihr reicht, und aller Welt +macht es gehässigen Spaß, die Anschwellende nach Kräften zu mästen. + +Ißt sie reichlich zu Tisch, schlürft viele Tassen Kaffee und mummelt +Kuchen, dösen die Augen träg ins Leere. Nicht Feuer mit Blitz steht in +ihnen, kaum mehr Strahl des Lebens. Bei Zeitungstratsch und +Phonographengeplärr läppert sie Tage. Ihrer Umgebung achtet sie nicht mehr, +läßt die beherrschte Welt immer weiter aus den Zügeln und kümmert sich +ängstlich nur um die Gemäßheit der Verdauung. + +Doch die vom Leitseil Entspannten schweifen in ein freies, früheres, durch +sie nur unterbrochenes Sein fort. Mit vorgeschrittenem Alter hat man eine +gewisse Höhe des Lebens erreicht. Vom Hügel herab sieht man Jugend, Torheit +und Tollheit, und sicher vor ihnen, betrachtet man sie kritisch und +belächelt sie. Ohne treibende, innere Flamme sind die Gatten aus der +Häuslichkeit nicht mehr fortgerissen, sondern, der schwachen eigenen +Kräfte, der Kämpfe im Dasein bewußt, aufeinander zu schmalem, letztem +Lebensgenuß angewiesen. Und was man nie vermocht hat: da man das Gleiche +will, traut man einander, nähert sich und lernt sich wirklich kennen. Der +silbernen Hochzeit steuert man zu, geht das Vergangene im Geist durch, +macht entschuldigende und begreifende Anmerkungen und ist mit Hin- und +Widerrede eines Tages so weit, daß man spürt, wäre es nötig, könnte man +auch einen Fehltritt, der weit zurückliegt, dem andern ohne Gefahr getrost +gestehen. + +Als aber diese Wahrheit erkannt und eingesehen war, begann man, die +Gehätschelte im Lehnstuhl mit neuen Augen zu sehen. Noch ließ man es an der +Anrichtung der Speisen nicht merken, wie sich die Lage schlimm für sie +geändert hatte, doch sparte man mit Besuch und machte für sie keinerlei +Anstrengung mehr. Meta nahm die mangelnde Teilnahme entweder garnicht wahr +oder empfand sie als erhöhte Rücksicht, die ihrer Bequemlichkeit erwiesen +wurde. Immer mehr dämmerte sie in den Zustand zufriedener Gleichgültigkeit +hinüber. + +Doch wollte sie eines Morgens Dienstleistung und hatte dreimal den +Klingelknopf gedrückt. Als niemand kam und ohne Erregung sie mechanisch +weiterschellte, öffnete endlich die Hausfrau die Tür und fragte +schnippisch, was ihr denn einfiele. Ganz verdutzt, blieb Meta glotzenden +Blicks die Antwort schuldig. Da erhob die Scheltende schreiend die Stimme, +sie verbitte sich Art und Weise. Was denn im Werk sei, und ob sie sich, was +sie brauche, nicht gütigst selbst holen wolle und ob überhaupt . . . und da +höre alles auf! Und je weniger die Gescholtene zu entgegnen vermochte, um +so mehr tobte der Frau entfesselte Wut. Zischend spie sie Wortschlangen auf +die Vertatterte, berauschte sich an deren demütiger Stille so unmäßig, daß +sie Stühle vom Platz, Gegenstände durchs Zimmer schleuderte. Mehr von der +Dynamik der Stürmenden als vom eigenen Trieb bewegt, richtete sich Meta +schließlich auf, nach bewährtem Rezept zum Angriff überzugehen. Sah aber +beim ersten Blick dem Gegner ins Auge; der hatte alle Angst vor ihr +verloren, und ihr Spiel sei unwiederbringlich und gründlich verspielt. +Trotzdem machte sie eine fürchterliche Bewegung, zeigte plötzlich das alte, +von tödlichem Haß entstellte Gesicht so drohend, daß die von neuem +Geängstigte gellend den Gatten zu Hilfe rief. Der übersieht, im Schlafrock +herbeieilend, mit einem Blick nach rückwärts und vorwärts die Lage und nie +wiederkehrende Gelegenheit, fuchtelt die Arme wuchtig aufwärts, dröhnt mit +riesiger Stimme Löwentöne, daß alles zusammenläuft, und die Nachbarn an die +offenen Fenster eilen. Da er fühlt, ihn verlassen die Kräfte, es müsse aber +zum Schluß noch die entscheidende Granate einschlagen, kreischt er mit +schneidendem Schrei, sie solle nicht vergessen, daß sie Dienstbote und +gelitten sei. Der Satz tat dämonische Wirkung. In die Brust flog die +Familie. Wie vom Blitz zerschmettert aber knickte Meta in den Wirbeln und +fiel wie Plunder ins Dunkle. Dann flog Bann und Fluch auf sie, und eh' ihr +noch ein Gedanke keimte, war ihr für vierzehn Tage später gekündigt und +zugleich anbefohlen, noch am gleichen Tag das Haus zu verlassen. Lohn und +Kostgeld würde nach dem Gesetz bezahlt. + +So endgültig, spürte sie, war ihre Niederlage, daß sie keinen Versuch +machte, den Gang der Ereignisse aufzuhalten. Aus allen Winkeln räumte sie +ihre Habseligkeiten und Siebensachen. Beim Umkehren der Schübe fiel auch +ein Bündel beschmutzter Lumpen vor ihre Füße. Erst begriff sie deren Sinn +und Herkunft nicht. Dann, während Ekel sie schnürt, erkennt sie Franzens +irdische Hinterlassenschaft. Sie kneift die Mundwinkel und stößt den Packen +zum Kehricht. + +Wenige Stunden später sitzt sie im Gasthof allein, aus dem sie nach ein +paar Tagen, noch halb im Traum, zu einer Verwandten aufs Land übersiedelt. + + * * * * * + +Von dort wollte sie anfangs, das letzte Wort im Streit zu behalten, einen +Brief der ehemaligen Herrschaft schicken, in dem Verachtung und +Überlegenheit maßlosen Ausdruck hätten. Da sie das Schreiben aber trotz +Mahnung des Verstandes von Tag zu Tag aufschob, merkte sie endlich, wie +gleichgültig im Grund die Katastrophe sei, und wie sie eher mit diesen +Leuten als die mit ihr fertig gewesen. Sie findet jetzt, die letzten Monate +seien durch innere Teilnahmslosigkeit als einzige ihrem Leben verloren. Aus +eigenem Antrieb hätte sie eher aus einem Haus aufbrechen müssen, das längst +von ihr mit Stumpf und Stiel gefressen sei. Aus welchen Quellen hätte sie +dort ihr Lebensgefühl speisen sollen? Welche Gewißheit der Gegenwart und +Aussicht für die Zukunft konnte sie da noch beschwingen? Ein grämlich +bequemes Alter sei ihr gewiß gewesen. Halber Tod im Leben. Hier aber war +vor allem die Landschaft, zu der sie aus Vergangenheit keine Beziehung +hatte, ihr Phänomen, und sie hoffte, befeuernd werde die auf sie einwirken. +Mit der menschlichen Umgebung, die sie ihrer Erfahrung gemäß fand, trat sie +am neuen Ort nicht mehr in Wettkampf. Wo Wucht des Fühlens und der +Instinkte entschied, wußte sie sich ein für allemal auserwählt und der +Menge gründlich überlegen. Auf dem Gebiet geistiger Kräfte aber suchte sie +keinen Anschluß, der ihr aus Begabung und Erziehung verwehrt war. Hochmut, +Neid, Zorn fielen als überflüssig fort, als sie merkte, das simple +Bauernvolk stand an Geltungswillen noch hinter den besiegten Städtern +zurück. Unter Unbewaffneten aber im Harnisch zu gehen, erschien ihr +sinnlos. Hübsche Ersparnisse gaben ihr zudem in diesen bescheidenen +Verhältnissen auch die äußere Sicherheit, die ihre kurzen Gesten, knappen +Anmerkungen von innenher bezeugten. + +Da sie aber spürte, noch immer wende sie zuviel Kraft an den täglichen +Umgang mit belanglosen Menschen, nutzte sie vor allem weiteren ihr Geld +dazu, einen Mann zu fesseln, der Mittler zwischen ihr und den anderen sein, +die Unkosten des von der Welt geforderten Entgegenkommens tragen sollte. +Jakob war Kriegsinvalide, ein rüstiger Fünfziger mit Stelzfuß. Medaillen +und Schnallen auf der Brust bezeugten seinen Sinn für Gemeinschaftsideale, +den Willen, sich in bürgerlichem Verein bemerkbar zu machen und die +Fähigkeit dazu. Sie heiratete ihn und setzte ihn vor ihre eigene Person als +Damm gegen die kleinliche Zudringlichkeit der Nachbarn. Es wirkte nicht +störend, ein brillanter Hans in allen Gassen hatte eine schweigsame, +zugeknöpfte Frau. Es ließ sich im Gegenteil versöhnend an. Jede Satzrakete +ihres Gatten, seine Schwärmer und Leuchtkugeln, die verständnisvolle +Bewunderer fanden, sicherten ihr Stille und innere Abgeschiedenheit auch +dann, saß sie mitten im aufgeräumten Kreis, der bei der Erzählung von +Jakobs Kriegsanekdoten lärmend vaterländisch begeistert war. Sie stützte +seine einfache, seelische Mechanik, ölte die Maschine, drehte die Kurbeln +und stellte sie auf Jahrestage beliebter Schlachten, auf Kaisers Geburtstag +oder sonst ein Jubiläum, um ihn, rasender Brisanz mit Lampions und +Feuerwerk, auf die Zeitgenossen loszulassen. + +Sie selbst aber ging heimliche Wege in die Landschaft. Am überraschenden +Wirken sprühender Natur wollte sie das eigene, kräftige Leben messen. +Morgenröte, Sonne im Zenith und die Sternbilder am Firmament, Wind, Regen, +Hagel und Schnee stellte sie als wechselnde Erscheinungsformen fest, von +denen sie den jedesmal gewollten Effekt zu erkennen suchte. Sie mochte +nicht einsehen, Regelmäßigkeit sei das Prinzip, aus dem Natur sich rege und +sträubte sich, zu glauben, Sonne gehe ohne besonderen, heutigen Zweck auf, +um zu sterben und morgen wieder pünktlich am Platz zu sein. Am +Wiederkehrenden wollte sie durchaus das einmalig Notwendige erkennen, das +es erst legitimiere. + +Doch je tiefer sie in den Plan der Schöpfung eindrang, sah sie +Gleichförmigkeit und Gegebenheit als letztes Gesetz ein. In noch höherem +Maß als der Mensch waren Pflanze und Tier artmäßig übereinstimmend; es ging +im weiten Umkreis der Natur gattungsgemäß nach ewigen Formeln von der +Geburt zum Tod ohne den Aufschwung, den für sich selbst der niedrigste +Mensch einmal im Dasein beweist. Was aber mit Gewißheit vorauszubestimmen +war, langweilte sie nicht nur am Menschen; und so langweilte sie bald erst +recht Natur. Was man den Reihen des aus gleichem Stoff Gewesenen in +gleicher Absicht nachtat, könne als eigentliches Sein nicht rechnen, dachte +Meta. Denn es entkleide des Selbstgefühls und noch Erhabeneren, das sie +nicht zu nennen wußte, aber mit allen Fasern ihrer Seele immer anstrebte. +Sie mochte nicht aus fremden Zungen reden, nicht aus fremder Gewißheit +handeln. Von sich selbst mußte sie fortwährend zeugen, und im Haus und +draußen wollte sie nur mit Organismen umgehen, die, die Form sprengend, +eine andere eigentümliche Form bildend, sich bewiesen. + +In des Hauses entlegene Stube zog sie und saß im Halbdunkel. Da die +Gegenwart ihrem Erlebnisdrang nicht günstig ist, lebt sie von Erinnerung, +während sie wie eine Spinne im Netz auf Anlaß lauert, sich zur Höhe ihres +Gefühls von neuem aufzurichten. Sie zaubert den Abglanz aller Stationen +ihres weiblichen Blühens und Welkens her. Franz tritt mit vollkommener +Sensation zu ihr, und erst jetzt kennt sie ihn in seinem ganzen Verein: Er +war absonderlich jung und so wenig eigene Person, daß sie ihren ganzen +Traum vom Mann mit ihm hat austräumen können. Je eindringlicher sie ihn +gliedert, eine Zukunft bildet, die er gelebt hätte, wäre er vom Krieg +heimgekehrt, um so deutlicher wird er das Ebenbild Jakobs. Derselben +Begabung, des gleichen seelischen Gewichts, hätten Sprüche in seinem eitlen +Maul den Mangel an Tatkraft stets ersetzen müssen. Wie Jakob hätten auch +ihn Schnallen und Medaillen auf der Brust in seiner Welt beglaubigt; +hinreichende Betätigung seiner selbst hätte auch er in Prost und Toast +gefunden. + +Zehn Jahre früher würde sie ihn damit aus dem Herzen verloren haben, und +die Zeit ihres höchsten Aufschwungs mit ihm wäre nie gewesen. + +Mild stimmte sie die Erkenntnis mit Gott, und aufmerksam sah sie ins +treibende Gewölk, als läge hinter ihm vielleicht noch Überraschung und +neuer Aufruf zu tätigem Leben. Ihre inneren Bestände von jeher musterte sie +und stellte fest: nie habe gegen den Höchsten sie sich vergangen, hätte +sie, ein menschliches Weib und nach den Worten der Schrift sein Abbild, vom +ersten Lebenstag das Recht auf eigene Person und volle Verantwortung für +sich gefordert. Denn nie, wohin immer die Sucht persönlichen Erlebnisses +sie geführt, sei sie noch so schrecklichen Folgen ausgewichen. Sie hielt es +sogar des Menschen als des göttlichen Gleichnisses für unwürdig, lebte er +im Hinblick auf die Allgegenwart und Allkraft Gottes träge im Bett der +Gewohnheiten, ohne mit seinem Blut die überkommenen Begriffe zu füllen und +für sich selbst lebendig zu machen. Ihr ganzes Leben hindurch hatte sie nur +gegen Sattheit, Ruhe und Stillstand in sich und anderen gemeutert, sich +empört gegen den Tod in jederlei Gestalt, als gegen den grimmigsten Gegner +des allebendigen Gottes. In Menschen, die ein nutzloses Sein nach Schema +und Klischee hinbrachten, war sie wie Flamme gefahren und hatte sie zu +eigener Äußerung endlich gebracht. + +Wo sie weilte, hatte Gefühl in Marsch und Aufruhr gestanden. Niemand habe +mit ihrer Bewilligung einfach geschlafen, gegessen oder von beiden +ausgeruht. + +Als mit dieser Einsicht alle Bedenken über Vergangenheit in ihr +ausgeglichen waren, regte sie sich, nach dem Tod des Gatten Jakob, wieder +rüstiger und richtete von sich fort den Sinn unmittelbarer auf die Mitwelt. +Es reizte sie mächtig, nicht mehr aus dunklem Drang, sondern mit +vollkommener Erkenntnis manchen schwächeren Weltkinds Bürde auf ihre +Schultern zu nehmen, seine Bedenklichkeit, sich zu sich selbst zu bekennen, +in alle Winde zu zerstreuen. Eine alte Eva war sie, gebraucht und in den +Kesseln des Geschlechts gesotten. Aber unter weißem Haar stand das +Menschliche ihr frisch und unversehrt. Nicht weniger als die Jungfrau +einst, im Fenster auf Ausschau hängend, war sie für sich und andere keck +und zukunftssicher. + +Ihre Kraft in abgestecktem Raum aufs beste noch zu nützen, trat sie in das +Altfrauenhaus ihrer ländlichen Gemeinde ein. Zwanzig in durchschnittlichem +Leben abgeblaßte Seelen traf sie dort, erloschene Flämmchen, die sich +schämten, noch zu schwelen. In verschlissenen Kleidern, das weibliche +Aussehen arg vernachlässigt, schlichen diese menschlichen Trümmer unsicher +im Dämmerlicht. + +Meta wie Jugend, Sturm und himmlische Überredung fuhr in sie. Rollte ihnen +den Film des Lebens zurück, wies die häufigen Höhen und zeigte einer jeden +an der entsprechenden Stelle ihre ganz unvergleichliche, irdische +Wirksamkeit. In welken Brüsten entzündete sie eine späte aber vollkommene +Überzeugung von der einzigen Bedeutung dessen, wofür sie geblüht hatten. + +Und jede dieser Kreaturen setzte einige schüchterne Schößlinge an. Das +kahle Holz begann zu treiben in der Gewißheit, solange es lebte, am neuen +Morgen noch immer den ersten Tag zu haben. Es wurde das Licht der Augen +wieder hell; die Hauben gebügelt und gewaschen, bekamen Rüschen; Spitzen +und gefälteltes Weiß sahen aus den Ärmeln. Finger, Ohren und das gepflegte +Tuch der dunklen Kleider waren plötzlich goldgeschmückt. + +Nach vollbrachtem Tagwerk findet man die Runde der Weiber allabendlich um +die gewaltige Tafel: aus den Hälsen die Häupter steif gehoben, die Hände +wie bewiesene und bedeutende Einheiten breit auf die Platte des Tisches +gestreckt, lauschen sie andächtig Metas Rede. In allen Antlitzen aber +brennen zinnoberrot hektische Flecken, und manchmal klopft zu dem +Gesprochenen ein Fuß mit hohem Bewußtsein den Boden. + +Als vom benachbarten Kloster die Nonne Äbtissin, die von Metas +Hochgemutsein in der strengen Abgeschiedenheit gehört hatte, sie aufsuchte +und, mit ihr plaudernd, meinte, vielleicht sei das Kloster auch für den +Rest _ihrer_ Tage der rechte Ort, gab die alte Magd bescheiden doch gewiß +dies zurück: + +Ihr seid nicht stolz genug auf euch, ihr klösterlichen Weiber. Mir gefällt +nicht die Demut, das Bedauern eigener Unzulänglichkeit und nicht +Unterwerfung unter hohe, unumstößliche Vorschrift. Schönste, irdische +Wirklichkeit bin ich mir selbst, und auch vor meinen Herrn will ich einst +so treten, daß er mich als das Höchstpersönliche erkennt, welches er, von +aller Menschheit streng unterschieden, einst schuf, und das er »Meta« +nannte. + +ENDE + +CARL STERNHEIM + +Insel-Verlag zu Leipzig + +_Don Juan_, Eine Tragödie · Geh. 5 M., Halbleder 8 M. + +_Ulrich und Brigitte_, Ein dramatisches Gedicht · Geh. 3 M., Leinen 4 M. + +Aus dem bürgerlichen Heldenleben 1. _Die Hose_ · Lustspiel 2. _Die +Kassette_ · Komödie 3. _Bürger Schippel_ · Komödie 4. _Der Snob_ · Komödie + +Jeder Band geheftet 3 M., in Leinen 4 M. + +Kurt Wolff Verlag zu Leipzig + +5. _Der Kandidat_ · Politische Komödie 6. _1913_ · Schauspiel 7. _Tabula +rasa_ · Schauspiel (Auf Subskript.) + +_Das leidende Weib_ Drama nach F. M. Klinger + +_Die drei Erzählungen_ Reich illustriert mit Original-Lithographien von +_Ottomar Starke_ + +Kurt Wolff Verlag zu Leipzig + +Neue Dichtungen + +In einheitlicher Ausstattung fest brosch. M. 2.50; in Halbleder geb. M. +4.50; in Pappband geb. M. 3.50 + +_Franz Kafka_ · Betrachtung. 2. Auflage + +_Oskar Kokoschka_. Dramen und Bilder. Mit einer Einleitung von Paul Stefan + +_Rabindranath Tagore_ · Chitra. Ein Drama. -- Der zunehmende Mond. (Mutter +und Kind) -- Gitanjali. (Sangesopfer.) -- Der Gärtner. (Liebeslieder) + +_Franz Werfel_ · Einander. Oden -- Lieder -- Gestalten -- Die Troerinnen +des Euripides. In deutscher Bearbeitung. Wir sind. Neue Gedichte. 3. +Auflage. + +In meinen Verlag ging über und erschien in neuer Ausgabe: + +_Franz Werfel_ · Der Weltfreund. Gedichte. + +Kurt Wolff Verlag zu Leipzig + +Der neue Roman + +Sammlung zeitgenössischer Erzähler + +Jeder Band geh. M. 3.50. geb. M. 4.50. kart. M. 4.-- + +Der große Erfolg, den die mitreißende Gewalt neuer Erzähler in den +weitesten Kreisen der Lesewelt gefunden hat, und die begeisterte Aufnahme, +die beispielsweise Sternheims »Napoleon« bereitet ward, läßt klar erkennen, +daß das Publikum endlich den seichten Unterhaltungsroman der vielen +Gartenlauben satt hat. Es sehnt sich nach einer literarisch gehaltvolleren +Kost mit Durchdringung von hoher Geistigkeit und innigstem Gefühl wie in +Max Brods Roman »Tycho Brahes Weg zu Gott«. Vom Jahrhundert des Aeroplans +und der Untergrundbahn verlangen wir auch eine kongenialere Kunst, furios +im Tempo und im Monumentalstil wie Flaubert und Heinrich Mann, atemraubend +wie Meyrinks »Golem«. Einem solchen Verlangen soll diese neue Sammlung +zeitgenössischer Erzähler versuchen gerecht zu werden, deren vornehmstes +Ziel sein wird: den neuen Dichtern Raum zu schaffen, die -- wenn sie auch +noch so verschieden an Kraft und Wesensart sein mögen -- uns den starken +Atem unserer Tage spüren lassen. + +Als erste Bände erschienen: + +_Gustav Meyrink_, Der Golem _Max Brod_, Tycho Brahes Weg zu Gott _Heinrich +Mann_, Schlaraffenland + +In Vorbereitung befinden sich neue Bücher von Kasimir Edschmid -- Arnold +Zweig -- Flaubert -- Anatole France -- Heinrich Mann u. A. + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Meta, by Carl Sternheim + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41724 *** |
