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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41724 ***
+
+META
+
+
+EINE ERZÄHLUNG
+VON
+CARL STERNHEIM
+
+
+ERSTES ZEHNTAUSEND
+
+
+LEIPZIG
+KURT WOLFF VERLAG
+1916
+
+
+Sechsundzwanzigster Band der Bücherei
+»Der jüngste Tag«.
+
+COPYRIGHT 1916 By KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG
+GEDRUCKT BEI E. HABERLAND IN LEIPZIG-R.
+
+META war ein dienender Geist, geboren im gleichen Städtchen, in dem sie bei
+bürgerlicher Herrschaft Stellung hatte. Siebenzehn Jahr alt, schien sie
+klein, fest und hatte zu mittleren Formen den vollen Busen der Frau, auf
+den sie stolz war, den sie herausstrich und mit Brosche und Blume
+garnierte. Ihr Haar, das aufgelöst mit blonder Welle ins Knie hing, wusch
+sie mit Branntwein und Kamille. Der dünne Sopran sang Volks- und
+Kirchenlied; warm wie ein Öfchen war die ganze Person.
+
+Sprang sie morgens aus den Kissen in die Kammer, verschlug ihres Körpers
+Hitze gleich des Nordzimmers Kühle angenehm. Bei jeder Bewegung, warf sie
+die Arme ins Waschbecken, fuhr mit dem Bein in Hose und Rock, hob es zum
+Schuhknöpfen auf den Stuhl, ging ein molliger Hauch in die Atmosphäre, und
+alle Umgebung war immer behaglich für sie angewärmt.
+
+So fand sie, von Frost und Schauern nie zur Eile getrieben, Zeit, sich beim
+Anziehen im Spiegel reichlich zu sehen, unter das Haar, in den Rachen zu
+spähen und die Zähne tüchtig zu bürsten. Mit billigen Pasten salbte sie die
+Haut.
+
+Da sie aber ihrer Arbeit gewissenhaft hingegeben war, blieben die Hände,
+die in Soda und Lauge tagsüber schwollen, Risse und Borken bekamen, ihre
+ständige Sorge. Unter dem Zeug war sie blank wie Porzellan, aus den Ärmeln
+aber schauten breit und blau die Flossen.
+
+Kleider von glattem Tuch standen ihr zum Entzücken, beim Schaffen schien
+die Schürze darüber angegossen. Stand sie hoch und auf Leitern, sah man die
+Säume der Wäsche weiß, und aus fester Wolle schwarze Strümpfe. In der
+Bewegung spielten die Glieder rund und im Rhythmus.
+
+Der Herr, erwischte er sie in einer Ecke, patschte ihr leutselig aufs
+Hinterteil. Sie lächelte und nahm's als Herzensbeifall. Schon hundertmal
+hatte er sie getätschelt, und es sprang aus ihr kein Flämmchen. Noch war
+sie niedlich nur für sich selbst, und Blicke der Männer machten sie nur in
+der Selbstschätzung sicher. Im Sommer schwitzte sie, im Winter wünschte
+sie's zu tun. Der Frühling sagte ihr Besonderes. Da wurde ihr Tun gemessen.
+Sie verhielt sich, den Kräften, die sie spannten, begegnend. Sie flog ein
+wenig von innen heraus, und ihre wie zum Gebet gefalteten Hände drückten
+die bewegte Brust, das drängende Leibchen nieder.
+
+Im Spiegel sah sie sich ins Auge und fand alles weit und blau. Ein großer
+Reiz stellte ihr das Gefieder der Haut auf; sie schnurrte. Oft fiel sie
+verloren in den Sitz und staunte. Befühlte Gegenstände und sich selbst und
+mußte, Tränen im Blick, den zierlichen Kopf schütteln. Abends aber im Bett,
+dem geöffneten Fenster entgegen, lächelte sie verschmitzt ins Himmelslicht
+und dachte ihr Teil.
+
+Plättete sie Wäsche der hübschen Hausfrau, hatte sie gerührte
+Vorstellungen. Zärtlich strichen die Hände Spitzen und Rüsche. Armes,
+dachte sie von ihr, -- glückseliges Weib dann wieder, und aus ihr hüpfte
+Mitgefühl. Hemd, Kragen und Beinkleid des Mannes weckten ihr gutmütigen
+Spott. Die Männer, Himmel, das war eine Sache für sich; doch immer zum
+Kichern.
+
+Sie lächelte jeden an, dem sie Rede stand, und spürte, es ist nicht ernst
+mit ihm. Nur ein wenig Blitz brauchst du in den Blick zu stellen, das
+Mäulchen zu schürzen, und mit seiner Gewalt, dem festen Auftritt ist's
+vorbei. Den Beamten, die behördliche Mahnung brachten, entgegnete sie auf
+ihr »endlich!« und »unwiderruflich!« mit stiller Heiterkeit, daß die das
+Auge schlugen und gleich fröhlich von der Sache wegzureden begannen. Einem
+Polizisten hatte sie sogar den Arm gestreichelt. Waren die Männer schon in
+die Treppe zurückgetreten, schmetterte sie ihnen helle Triller nach, daß
+die draußen lachten und dachten: welch' niedlicher Vogel, welch' frecher!
+Und ihnen noch einmal wohl wurde. An allen Straßenecken grüßte sie die
+Obrigkeit. Die Wagenführer waren ihr gewogen. Milchmann und
+Schornsteinfeger grinsten bei ihrer Begegnung, und zum Dank hatte sie für
+alle einen Blick, irgendwie Duft ihrer Frische. Regnete es, hob sie die
+Röcke an die Wade, und trippelnd fing sie aus Blinzeln und Geschmunzel
+bärtiger Gesichter sich eigenen Sonnenschein. Hochgestimmt war sie an
+Sonntagen, an hohen Festen überirdisch bewegt.
+
+Zu Weihnachten bekam sie von der Herrschaft ein leeres Heft, auf dem in
+goldenen Lettern »Tagebuch« stand. Dazu ein gedrucktes Buch, einen Roman
+des Titels »Der Zug des Herzens«. Mit der Spende des Tagebuches war von den
+Gebern nicht beabsichtigt, ihre Magd zur Selbsteinkehr zu führen.
+Irgendwann hatte es die Frau geschenkt bekommen und gab es weiter, andere
+Gabe zu sparen. Der Roman aber war in einer Buchhandlung eigens für Meta
+gekauft.
+
+Es war die erste Liebesgeschichte, die das Kind erfuhr, und sie vermittelte
+ihm stürmischen Eindruck. Held und Heldin des Buches liebten sich auf
+vorbildliche Art; das Mädchen schien leiblich und seelisch wie aus dem Ei
+gepellt und machte dazu mit Rede und Geste heldische Anstrengung, stand sie
+bei dem Geliebten. Ihre braunen Flechten waren gelöst, es blitzten die
+Augen, die Brust hob sich regelmäßig stürmisch. Auf ihrem Antlitz lag Güte,
+sie lispelte hold, und abwechselnd ließ sie das Haupt dem Mann an die
+Schulter und in den eigenen Nacken sinken. Der Liebende aber war ein
+Standbild aus Bronze. Er sprach Gold und schwieg Erhabenheit. Es ließen
+sich die Situationen himmlisch an trotz einiger böser Menschen, die zum
+Schluß ihr Unrecht bekannten. Küsse knallten auf jeder Seite, und einmal
+war sogar von etwas die Rede, das Metas Blut zum Wallen brachte.
+
+Sie war hinterher mit Dichtung gefüllt, schickte mit jedem Gedanken
+Übersinnliches in die Welt, verband aller Handlung fortan dunklen Zweck.
+Zittern befiel sie jetzt beim Bügeln der Wäsche, und es schwindelte sie,
+räumte sie des Ehepaars Schlafzimmer nach; ein Geheimnis wuchs in der
+Brust, und sie neigte ein wenig zur Angst. Auch legte sie wohl den
+geschwungenen Arm an einen Türpfosten und seufzte verzaubert. Schwäche saß
+in den Schenkeln; von der Küche sah sie zum Hof auf die Tiere, die sich
+berochen.
+
+Erst wälzte sie heftig Gedanken, dann saß sie eines Abends bei Papier und
+Feder und stach entschlossen ins Faß. Doch flossen Tränen vor der Tinte auf
+die Seiten, und ihr entfuhr ein »Jesus!« nach dem andern.
+
+Fedor, der Held des Romanes, wuchs stracks in ihr Leben. Aus den Armen
+Leonores, der sie auf manche Schliche kam, riß sie ihn und zog ihn zu sich
+hinüber. Eine Vollkommenheit ihrer Seele nach der andern entschleierte sie
+dem Entzückten, der mit »geliebtes, himmlisches Weib« respondierte und
+segnende Gebärden auf sie schwenkte. Dazu murmelte Meta innerlich ein
+erlöstes: ach! Einmal, als sie ihm eine Tugend, die ihr eignete, zuraunte,
+wollte der Hingerissene flink ihre Lippen. Da aber richteten sich Trotz und
+Person des Mädchens noch einmal hoch, bis sie durch Glut der Blicke
+versengt, schmelzend in den Wirbel seiner Küsse einging.
+
+Nun hockte sie, von der Arbeit fort, oft in den Winkel und ließ sich von
+ihm umschließen. Die Lippen schmiegte sie zwischen die eigenen Finger, die
+sie geschlossenen Augs besog. Fedors Atem blies sie aus ihnen an, sein
+Wunsch und Wille mit ihr lag wie Faust auf ihrem Haupt. Er wuchs sich aus,
+ward bald ein Schlimmer. Dem Schluß ihrer Arbeit lauerte er auf, trieb sie,
+die Hände wie Hämmer über sie gehoben, flugs in die Kammer hinauf. Dort
+preßte er den Rücken gegen die Tür, breitete Arme und Beine und sperrte
+gänzlich den Weg. Dann stellte er die schreckliche Forderung: ihr Kleid
+solle sie abwerfen, Wäsche zeigen. Sie aber schlug ihr purpurnes Antlitz in
+die Hände, und während Fieber sie quirlten, stieß ihr Stimmchen das noch
+gerade hörbare Nein als Hilfeschrei heraus, der ihn verjagte.
+
+Das ging nun Abend für Abend. Schon beim Einbruch der Dunkelheit sprang
+seine Tatze aus der Wand und trieb sie. Wo sie stand, hatte sie das Gefühl,
+der Zugriff blieb hinter ihr. Sie lief mit vorgestoßenem Schoß und legte
+die Hände schützend unter das Gesäß. Das war ihres jungen Lebens Zustand,
+bis Franz erschien.
+
+ * * * * *
+
+Er brachte eines Morgens ein Telegramm, und als er's gab, sah er in die
+Luft. Da er auf Antwort wartete, blieb er in der Küche. Meta suchte, seinen
+Blick aus dem Nichts zu fangen, doch wich er aus. Endlich gelang ihr's,
+sich ihm in den Sehwinkel zu haken, und nun zog sie des Jungen Haupt gegen
+ihr Antlitz, ließ es Kreise beschreiben, und als er es recht geradeaus
+hielt und die Augen gleich zwei Tassen aufriß, blies ihm das Mädchen mit
+Stichflamme ihren Glanz bis zur Herzgrube. Sofort war er mit Licht innen
+tapeziert. In Magen und Eingeweide, an des Leibes Wänden, -- überall
+verzehrten ihn ihre Feuer. Er stand gelähmt, und erst, als sie ihn
+anredete, schlenkerte er weg. Doch wurden die Depeschen im Städtchen
+hinfort nicht schnell bestellt, denn er verweilte auf Brücken, in
+öffentlichen Gärten. Bog die Zweige der Büsche nieder, ließ sie schnellen,
+und ihm war's süßer Schreck. Im Tritt mied er Ritzen der Trottoirplatten
+und alle Schatten; ließ den Finger an Gittern spielen. Sonntags sackte er
+in eine Bank im Park und trank Erinnerung des unvergeßlichen Morgens.
+
+Meta aber putzte die Scheiben zur Straße, nach ihm zu spähen. Erschien er,
+hing sie den Rumpf, die halbe Brust ins Freie und flatterte, Tuch in
+Händen, wie eine Fahne am Fenster. Den Kopf in die fortstehende Sohle, das
+offene Loch ihres Rockes gereckt, marschierte Franz unten vorbei. Einmal
+doch wurde er flach hingenagelt, als sie ihn anrief. Er sperrte Mund und
+Auge wie ein Karpfen, und ohne daß er sie verstanden hätte war er
+verhimmelt. Nun begann, was Regeldetri ist: eine einfache, dumme Liebe in
+dem Jungen, der träumte, was das Zeug hielt, mit keuschen Symbolen. Engel
+war für die Angeschwärmte das mindeste Gleichnis. Er gab ihr Krone, Kelch
+und Dorn und alle Vollkommenheit im Voraus. Sie empfand's auch, als sie das
+erstemal mit ihm in die Felder ging. Ganz anders als in ihrem einstigen
+Verhältnis zu Fedor mußte sie sich nicht brüsten. Wort aus ihrem Mund war
+ihm Allegorie, Silbe schon Botschaft. An ihrer Seite ging er, Andacht und
+Glaube. Sie schwatzte Blasen ins Blaue und spürte gleichviel, wie Basalt
+fiel ihre Rede auf sein lauschendes Herz. Die blasseste Geste von ihr blieb
+ihm denkmalhaft in der Vorstellung; schloß er die Lider, rauschte sie
+großflügelig daher mit Schwung und Faltenwurf des Gewandes. Auch Natur, die
+sie einmal bezeichnet, verharrte für ihn endgiltig. Als sie bei einer
+Promenade den sinkenden Sonnenball zeigte, stand der fortan Tag und Nacht
+seinem Auge an der gleichen Stelle. Silhouette der Berge, an einem
+regnichten Morgen von ihr mit dem Finger an den Himmel gerändert, blieb
+dort, fest in die Wolken gemeißelt. Überglücklich fand sich Meta und diese
+Anbetung wie ein Wunder, das den Sinn ihres Lebens erhellte. Was galt
+Arbeit und Abhängigkeit, stand am Haustor abends der Trabant mit dem
+Tronhimmel seiner Liebe, unter dem sie als Kaiserin schritt? Maskerade war
+ihr Dienst; Wirklichkeit begann an der Seite des Verliebten.
+
+Das Mädchen sah der Gottesmutter Bildnis oft und dringend an und nahm aus
+Haltung und Gebärde viel für sich wahr. Denn sie meinte, des Jünglings Sinn
+allmählich mit Wirklichkeit stützen zu müssen; doch erfuhr sie nicht, daß
+der Eindruck ausblieb, weil die männliche Seele sie ewig strahlender sah,
+als sie es darstellen konnte. Ihm war sie nicht nur Maria aber Meta dazu.
+Und die war ihm ursprünglich herrlicher.
+
+Flitzte auf gelbem Rad er vorüber -- stand sie im Fenster --, riß er die
+Mütze in die Wagerechte und schickte mit gedoppeltem Blick ihr ewige Treue.
+Lob für sein forsches Fahren spendete sie ihm und bat, sie's auch zu
+lehren. Doch als er bei Dunkelheit kam und sie in den Sattel hob, saß sie
+schlecht und bewegte sich unkundig. Fürchtend aber, seine Erwartung sei,
+schnell müsse sie die Lenkstange greifen und, die Maschine beherrschend,
+sie mit Schwung aus sich selbst in Gang setzen und lächelnd entschweben,
+stieg sie gleich zur Erde nieder, behauptend, dies zieme ihr durchaus
+nicht.
+
+Überall und immer, weil sie infolge seiner grenzenlosen Anbetung eine
+Formel der Vollkommenheit erfüllen wollte, bemühte sie sich jetzt, die
+Schöpfung abhängig von ihr zu zeigen. Hatten sie auf Märschen den Gipfel
+des Berges bei schlimmer Hitze erstiegen und starrten, Atem ausbrausend,
+den Rausch der Freiheit oben an, wollte sie Wasser, sonst nichts, wohl
+wissend, anderes möchte am Ende nicht zu finden sein; Göttern aber versage
+sich nichts. Oder sie sprach, wenn schon die Tropfen fielen: daß es doch
+regnen möchte! Und stellte den Sturm der Elemente mit dem Hinweis auf die
+Pracht des Regenbogens ab, doch so ein wenig, als hätte der auf ihren Ruf
+erst sich illuminiert.
+
+Sie war sich nun bewußt, unvergleichliches Leben mit Franz zu machen. Keine
+Nebenbuhlerin könne gefährlich werden, denn an goldenen Fäden lenkte sie
+für ihn die Welt und zog mit sphärischer Landschaft, englischen Freuden,
+mit sich selbst immer das Paradies auf die Szene.
+
+Ihr Lohn war sein staunender Beifall. Ausgleich für Gefühle, die sie
+irgendwie schon heimsuchten. Einen Frühling hindurch liefen sie in
+Freistunden durch umhuschte Wege Höhen hinan. Saßen oben im Moos, das Bild
+der Heimat vor sich ausgebreitet, in dem Meta die gestellte Sonne blieb.
+
+Sie lebte Dogma. In seinen Glauben geschient, war ihr Wille seiner Demut
+unterworfen. Seine herrische Andachtsforderung ließ ihr im einzelnen
+Spielraum, zwang aber unbedingt die Richtung ihres Lebens. Herzlich liebte
+sie ihn, bewunderte die entfesselte Hingabe, und mählich, mehr und mehr,
+begann sie, ihm diese zu neiden.
+
+Baute er sie steil vor sich auf und machte Kniefall, sie aber mußte
+irgendwie mit seelischer Verzierung stehen, hätte sie neben ihn hinsinken
+und auch anschmachten, anbeten wollen. Ihre gezwungene Stärke trieb ihr
+schließlich Tränen ins Auge. Das gefügte Erz der Gesten begann zu reißen,
+ihrer Stimme Metall zerbrach. Brüchig ward das eherne Standbild, und
+Fleisch begann, allenthalben in die Furchen zu wuchern. Stand er jung,
+stark und gerade als Mann gewachsen vor ihr, senkte das Haupt an ihre
+Brust, auf das sie dem Ritus zufolge die gekreuzten Handflächen legen
+mußte, konnte sie Aufwallung nicht mehr unterdrücken. Oft schüttelte sie an
+seiner Seite der Reiz so mächtig, daß die Zähne schlugen und Gebein
+klappte. Er aber, knabenhaft frei, sang das Marschlied in die Luft.
+
+Sie betete zu allen Heiligen, den Sinn ihm von Grund auf zu ändern; seiner
+Kraft und Gewalt möchte er sich bewußt werden. Sie wünschte die ins Fenster
+geschmetterte Faust, daß Scherbe vom Kitt klirre. Vorm Schlafengehen brach
+sie ins Knie und senkte der Seele unbezähmbare Sehnsucht nach Hingabe in
+selbstvergessenes Gebet. Wollte sie aber sanft und mit gütiger Schonung
+Anfall ihrer weiblichen Schwäche von weitem ankünden, schob er
+unwiderstehlich doppelte Riegel vor. Er wollte seine Andacht bis an die
+Sterne spreizen, doch müsse sie das unzerreißbare, sich immer weitende
+Gefäß für sie bleiben. Dazu flatterten seine Worte ekstatisch, und die Arme
+ruderten wie mystische Mühlen. So blieb sie Heilige weiter, aber der Wurm
+fraß in ihrem Blut. Sie duldete seinen Kult und spürte nur immer mit allen
+Sinnen, durch welche Mittel sie ihn zerschlagen, wie sie Franz vergotten
+und in der Rolle der demütigsten Magd sich selbst mit natürlichem Glück bis
+an den Rand füllen könnte.
+
+Eines Abends, als sie zum Bad in flacher Schale Wasser stand und das
+Gesicht über die Schulter in den Spiegel legte, sah sie sich rückwärts so:
+von mittlerer Größe, schien die Gestalt in der Hüfte edel geteilt. War auch
+das Postament der Beine höher, saß der Rumpf mit gutem Verhältnis darauf.
+Leuchtendes Weiß des Fleisches war durch der Flechten Blond getönt, die von
+der Hand im Nacken zusammengepackt, von dort in zwei Flüssen mit spitzer
+Mündung zu jenem Taillenschwung liefen, der Meta das geheimnisvolle Mittel
+ihres Körpers schien. Sie bleibt von Reiz gefangen, als sie die geschnürte
+Betonung der Hüfte in Linien, die das Kissen des Gesäßes vom Schenkel, das
+Knie von der Wade trennen, sich wiederholen sieht. Ihr heller gewordenes
+Auge stellt schließlich den vierten Ton dazu fest: die Schulterlinie, die
+durch den hochgenommenen Arm noch deutlicher wird. Mit dieser Vierteilung
+Hilfe geht ihres Leibes Sinn ihr völlig auf: Zum Denken der Kopf, die Beine
+zum Schreiten. Zwischen Hals und Hüfte ist der Rumpf, Sitz der Organe, die
+uns das Himmlische vermitteln: durch Lungen und Herz den Odem Gottes, aus
+dem wir leben.
+
+Aber dahin, wo wie ein geschwellter Kessel der Leib zwischen Schenkel und
+Hüfte eingelassen ist, hat ihr kindischer Sinn, hat Franz nie gedacht.
+Dort, während Blutsturm sie purpert, die Arme zur Höhe fliegen, fühlt sie
+plötzlich die entscheidenden Gewalten sitzen.
+
+Die Folgen ihrer Erkenntnis waren beim nächsten Beisammensein deutlich.
+Kopf und Oberteil hatten die Schwere verloren; aber die Schritte setzte sie
+gewichtig, als liefen die Beine in Scharnieren, und sie müsse, Reibung und
+Kreischen der Teile in den Gelenken zu vermeiden, die Hüftknochen emsig
+drehen und das Rückgrat unten pendeln lassen. So kam es, daß beim Gehen ihr
+Rock des Mannes Schenkel schlug, während Metas Blick auf seltsame Art sich
+verglaste. Aber schnell merkte sie von seinen Gliedern Widerstand, der ihr
+die Knochen bog und sie in das lustige Trippeln zurückzwang, mit dem sie
+bisher neben ihm gegangen war. Auch im Gespräch duldete er die Einführung
+solcher Vokabeln nicht, die irgendwie ein Fallenlassen der strengen
+zwischen ihnen geltenden Regeln andeuten wollten.
+
+So griff sie zu Listen, ihr Gleiten aus Franzens Himmel zur Erde zu
+ermöglichen. Den Hut ließ sie fort, ihr Haar vor ihm in Verwirrung spielen.
+Sie ging leicht gekleidet, daß Wind die Musseline blähte und Sonne sie
+durchsichtig mache und zeigte an Hals und Armen Streifen rosiger, gepelzter
+Haut. Auch hob sie sitzend das Bein übers Knie, gelöstes Schuhband zu
+knüpfen und war seinen Blicken nirgends geizig. Die aber schienen in
+solchen Augenblicken mit milchigem Horn gepanzert und schossen hinterher
+Drohungen auf, die das Mädchen rührten und endlich, als sie einmal gewagt,
+den gesunkenen Strumpf in seiner Gegenwart aufzunehmen, durch ihre lodernde
+Gewalt vollends erschütterten.
+
+So riß sie die Kräfte zusammen und gelobte mit zusammengebissenen Zähnen,
+ein für allemal auf ein anderes Glück zu verzichten und ihm weiterhin
+entschieden die himmlische Liebe zu sein. Für ihren Verzicht aber wollte
+sie ihn auch wirklich an den Grenzen der Hingabe sehen, damit, könne schon
+sie selbst sie nicht betätigen, sie in seiner Seele das süßeste Bild
+demütiger Liebe entzündet finde. Er müsse in ihrem Dienst seine gesamte
+Leiblichkeit ändern, verlangte sie, die Lebenswärme für sie beleben,
+Geschmeidigkeit und Beweglichkeit ausbilden. Das Zerrissene möge er in sich
+binden, das Gebundene in sie auflösen. Höher solle er jubilieren, und die
+Gabe der Träne müsse ihm immer eignen. Sie fordere den Gesamtsinn
+verfeinert, Einbildungskraft gesteigert; Poesie wollte sie in ihn
+eingegossen, kurz überall stürmische Bewegung der Willenskräfte. Sie sei
+nicht eine vollkommene Heilige, ohne daß ein im stärkeren Maß ergriffener
+Gläubiger zu sein, er sich inständig bemühe.
+
+Durch solche Worte über den statischen Zustand seiner Jugend in eine seiner
+Natur genehme Entwicklung geführt, brach Franz in die Ekstasen der Liebe
+unverzüglich auf. In seinen tiefen, mittleren und obersten Gebieten
+wandelte er Leiblichkeit in reinen Geist und war alsbald zu jeder von ihr
+gewollten Vision bereit. Während Meta tagsüber Arbeit als simples
+Stubenmädchen verrichtete, erblickte Franz sie, wo sie vor ihm erschien, in
+höhere Erscheinung transformiert. Sah erst ihr Antlitz, dann die Hände,
+Haare, Atem leuchtend werden. Und erlebte sie schließlich aus leerer Luft
+strahlend und figürlich.
+
+Ihr blieb auf diesem Gebiet von ihm nichts mehr zu hoffen übrig.
+
+ * * * * *
+
+Da wurde die Nation in einen Krieg gestürzt. Die Männer verließen die
+Familie, das Vaterland zu verteidigen, wie sie, in Schritt und Tritt
+marschierend, durch die Gassen sangen. Franz, der das zwanzigste Jahr nicht
+erreicht hatte, blieb daheim. Doch lag auch auf den Bleibenden der Druck,
+und es schien unmöglich, ihr Schicksal von denen, die im Feld standen, zu
+trennen. Jeder war von sich fort zu fremdem Los gerissen. Als im
+Fortschreiten des Feldzuges immer neue Scharen hinauszogen, war es den
+beiden offenbar, auch ihre Trennung stünde bevor. Wehmut legte sich auf
+alles Erleben, und die Welt schien die gewohnte Weite verloren, die Brücken
+zum Himmel zerstört zu haben. Jede Frage wurde praktisch, Antwort lautete
+aus irdischen Begriffen. Maßnahmen des Feindes zwangen, an Notdurft,
+Beschaffung von Essen und Trinken zu denken. Die ersten
+zusammengeschossenen Krüppel traten auf, und es galt, ihre künftige
+Versorgung vorzubereiten. Überall stand plötzlich das Allgemeinmenschliche
+für das menschlich Besondere. Auch Franz und Meta sprachen von geschlagener
+Schlacht, Gefahr und Verwundung der Freunde und Verwandten. Sie lernten
+Artillerie und Infanterie, spickten ihre Sätze mit kriegerischem Begriff
+und unterlagen dem Eindruck von Sieg und Niederlage. Die Zeitungen
+bestätigten die märchenhafte Niedertracht der Gegner, bravuröse Tapferkeit
+der eigenen Truppen immer von neuem. Bei jeder Begegnung rief nun einer dem
+andern schon von weitem zu: »Hast du gehört« und »weißt du auch«. Vom
+eigenen Schicksal war täglich weniger die Rede.
+
+Als aber erst kräftiger neue Welt sich in Franzens Vorstellung schob, aus
+den Kampfberichten eine herrliche Erscheinung um die andere vor ihn trat,
+ward Meta aus dem Zenith seines Denkens gedrängt und führte in ihm fortan
+ein wenn auch verehrtes doch peripherisches Dasein. Das Übermenschliche
+hatte für ihn den Sinn geändert. Die passive Entrücktheit des Weibes nicht
+mehr war anzubeten, aber des Mannes heldischer Griff.
+
+So hob sich der Jüngling aus dem Gewinde geübter Riten und gruppierte nach
+veränderten Trieben innere Natur um. Religion war das Vaterland, Vorbild
+der tapfere Soldat. Ein anderer Gott, kriegerisch geschient, erschien in
+einem Himmel geschwungener Fahnen und Lanzen.
+
+Meta, mit den vergilbten Emblemen friedlicher Güte, war als Ideal in
+gründlich geänderten Verhältnissen unbrauchbar. Handgreifliches Verlangen
+konnte sich an sie nicht klirrend klammern. Zwar gab sie ihrem Umriß
+herbere Kontur, der Erscheinung Strenge, den Worten Kommandoton, aber vor
+Prall und Knall der Armeerlasse, dem Alarm der Katastrophen und
+Verlustlisten konnte sie nicht bestehen. In Haltung und Ausdruck ließ Franz
+Respekt nicht im mindesten missen. Innerlich aber schaltete er mit ihr nach
+neuen Begriffen und Gutdünken. Er fand sie, in Waffenglanz nicht denkbar,
+vor dem schwächsten Manne schwach. Sah ihren zärteren Aufbau, ihrer Stimme
+dünne Resonanz ein, und daß sie oft zu schonen war. Er stellte sie der mit
+Standarte stürmenden Angriffslust des männlichen Prinzips, das plötzlich
+aus allen Kulissen der Welt wetterleuchtete, richtig als ein anderes
+gegenüber, das ruhend ergriffen sein wollte.
+
+Als ihm die Einsicht das erstemal sprang, bäumte mit Lust herrischer Wille
+nach ihr auf, und er reckte sich in alle Winde. Den Gestellungsbefehl trug
+er in der Tasche -- da war das Knabenalter hin, und sein Blick lenkte keck
+zu des Mädchens Brust, die unter Kattun doppelt gerundet stand.
+
+Meta aber, als sie Franz' geänderte Absicht sah, stürzte in harten Kampf,
+die gräßlichsten Zweifel. Aus unaussprechlichen Ahnungen spürte sie die
+augenblicklichen Verhältnisse nicht beständig und daß alles, was in ihnen
+sich ereigne, dem Wechsel und vielleicht späterer Verdammung unterliege.
+Aus allen Lüften sah sie Gebraus, Geschmetter der Kraft in des Geliebten
+eindrucksvolle Seele geblasen und glaubte dennoch nicht, es fände dort
+ursprünglicher Gefühle Begegnung. Sie zitterte, vom süßen Moment
+hingerissen, möchte sie, fallend, ihm seine ewige Neigung trüben, und sich
+selbst ihm gründlich zerstören.
+
+Da sich in Wirklichkeit erfüllte, was einst sie geträumt: Jung, stark und
+gerade als Mann gewachsen, hat sie ihn vor sich, er senkt das Haupt an ihre
+Brust, stößt in die Falten der Taille die Spitzen des Gesichts und schlürft
+ihre Wärme, bis Blut sich entzündet und im Kessel des geschwollenen Leibes
+Überschwang an den Ventilen siedet -- zwingen sie Rufe der Not und
+mörderische Furcht, der ersehnten, vorzeitigen Hingabe mit schleunigem
+Aufbruch und schmerzlichem Aufschwung der Seele zu entfliehen.
+
+Es weiß der Mann aus seines Leibes Verlangen immer unsinnigere
+Schmeichelei, Natur und alle Kreatur zaubert er vor ihre begeisterten Augen
+in taumelnden Aufruhr, und kaum weicht das Weib, von eigenem Verlangen
+gefesselt, noch aus. Schon wird über dem blanken Boden in einer Mondnacht
+des Mädchens Kehle und Schulter nackt, da ruft am anderen Morgen Befehl
+Franz zu seinem Truppenteil, und in der Hast der notwendigen Besorgungen
+gibt es kaum einen Abschied.
+
+Erst aus der Garnison, dann vom Lager her, versichert er sie einer
+Leidenschaft, die hinter schneller Heirat fröhliche Wollust in völliger
+Vereinigung will. Zart fängt er zu bitten an, doch zum Schluß des
+Geschriebenen blitzt Mannesmut, und trumpft jedesmal die geballte Faust
+auf. Ihr aber beginnt, nach häufiger Wendung des Geschicks, aus seinen
+Worten die Ahndung eines vollkommen natürlichen Glücks, von Gott und den
+Menschen gesegnet, zu dämmern, und mit gefaßtem Wandel bereitet sie einfach
+und fromm in sich das Wesen seines Weibes vor.
+
+Nun herrscht der Allmächtige und »Urlaub« in ihr. Mit häufigem
+Kirchengehen, inbrünstigem Gebet bekräftigt sie die innere Sammlung. Aufs
+Wiedersehen ist sie ganz gestellt, und nur manch Weibliches leuchtet ihr
+daneben ein. Es kam um diese Zeit die hübsche Hausfrau mit einem Knaben
+nieder, und Meta ist für alle Vorgänge bei der Geburt Feuer und Flamme. Als
+aber das Kind aus zitterndem Schoß entbunden war, und den von Qual erlösten
+Leib der Wöchnerin in frischen Kissen Jubel des Mutterglücks rührten, lag
+Meta an der Bettkante in den Knien und küßte die hängenden Hände der
+glückselig Erschöpften. Sie reicht ihr durch des Zimmers Sonne auch das
+Bündel Windeln, aus dem es quäkt und winselt, an die Brust und staunt auf
+all das Saugende und Gesaugte, die Spitzen Rot an den getürmten Brüsten und
+das in Milch verwandelte Blut. Sie fühlt sich königlich erhöht im Hinblick
+auf die eigene mütterliche Zukunft und hegt für das aus ihr noch nicht
+Geborene schon die zärtlichsten Gefühle. An Franz schreibt sie: mach
+schnell, komm bald. Es ist für dich alles bereit. In ihrer Seele steht das
+Häuschen, das mit dem kaiserlichen Briefträger sie bis ans Ende ihrer Tage
+bewohnen will, fix und fertig: zwei Räume und die Küche in einem Garten mit
+tüchtig Gemüse. In den Stuben rumoren die Kinder; im Stall ein Schwein. Am
+ersehnten Tag kommt statt seiner die Nachricht, der Urlaub sei verweigert;
+er selbst, näher den Ereignissen, ins Quartier eines hohen Stabes geholt.
+Ist Metas Enttäuschung schon groß, verbirgt sie sich nicht, ihr sei auf dem
+neuen Posten das Leben des Geliebten sichergestellt, und Ordensschmuck
+unter den Augen der oberen Gewalten für ihn wahrscheinlicher als in der
+trüben Masse an der Front. Was bedeute die Trennung, könne sie seiner
+endlichen, ruhmvollen Heimkehr gewiß sein? Wie er auch schilt, man habe ihm
+den Auszug ins Feld verwehrt, ihn vor allen Kameraden benachteiligt, lacht
+sie bei sich und sitzt den Winter über geschnittener Leinwand, aus der sie
+das Notwendige schafft zu baldigem Gebrauch. Brennt in der Kammer die
+Lampe, schnurrt eifrig der Ofen mit dem Kätzchen um die Wette, setzt sie
+Stich zu Stich mit lustigen Gedanken, und ist mit der Gewißheit, in ihrer
+Liebe hat sie manches gelitten, oft geschwankt, doch schließlich sich
+bezwungen, und nun steht ihr in einem braven Mann richtiges Frauenschicksal
+bevor, das beglückteste Mädchen.
+
+ * * * * *
+
+Franz, der im Haushalt des Stabsquartiers die gleichen Obliegenheiten
+erfüllt wie Meta für ihre Herrschaft -- er ist dort das Mädchen für alles,
+putzt, wäscht und wichst zu täglichem Gebrauch, was irgend vor seine Griffe
+kommt -- fällt nach einigen Monaten treuer Pflichterfüllung in ein hastiges
+Leiden, das ihm die Därme immer von neuem kehrt und entleert, bis seine
+gemarterte Seele kläglich durch diesen Weg aus dem kaum angebrochenen Leben
+entweicht. Mit rühmlicher Gefallenen verschwindet ohne Sang und Klang sein
+Kadaver schnell in fremde Erde.
+
+Frei durch den Himmel ihrer Zukunft schweifend, erhält Meta die Nachricht
+am Abend; fällt in Ohnmacht des Begreifens und bleibt zeitlich lange genug
+ohne Bewußtsein, um vor selbstmörderischer Torheit bewahrt zu sein. Doch
+scheint Starre des eingebrochenen Winters sie miterfaßt zu haben, und
+geraume Weile wandelt sie, vor Besinnung gefeit, in Stummheit und Taubheit
+eingeschneit, huscht wie ein wundes Tier vom Bett durch die Stuben zu Bett;
+nicht einen Seufzer hört man von ihr. Manchmal steht groß ein
+Schweißtropfen an ihrer Stirn, wie aus dem Knochen herausgefroren.
+
+Eines Tages sprach sie der Hausherr freundlich und mit väterlichem
+Tätscheln an. Sie solle zu sich selbst erwachen. Jung sei sie, mannigfach
+liege Leben vor ihr, und der Männer gäbe es viele. Auch litte mit ihrer
+Zerrissenheit die Qualität der Arbeit. Gott sei gnädig, die Sache des
+Vaterlandes stünde dank siegreicher Schlachten gut, und im Grund sei mehr
+gewonnen als verloren.
+
+Oben aber sah Meta plötzlich die genähten Hemden und Herrlichkeiten, daß es
+sie an den Elementen packte und über den weiblichen Kram in einen Jammer
+warf, der Tage hindurch sie selbst und Zeug und Wäsche näßte. Auf Bett und
+Stuhl, wohin sie blickte, saß Franz; an Tor und Tür erschien er wieder,
+lachend und vertraut zu ihr aufschauend. Dann hurtig enteilend, Mütze
+schwingend, aufs Rad flatternd. Oder es sahen seine Augen vorwurfsvoll aus
+dem Dunkel; doch bei ihrem zartesten Laut strahlte sein Glaube. Und er läge
+ihr gestorben? Wo wäre da Sinn? War im Plan ihres gemeinsamen Lebens ein
+Fehler, das geringste Unreine im Zusammenklang der Seelen, und stimmt Gott
+der Harmonie nicht bis in die verborgenen Winkel der Schöpfung zu? Halb
+entkleidet steht sie zur Nacht im Loch des Fensters in feuchtem Aufruhr und
+sucht dem Himmel, des Busens Hügel aufnehmend, den Weg zum Herzen frei zu
+machen, daß er es ganz einfältig mit Franz erfüllt schaue. Wär wirklich das
+Unfaßbare wahr, wo in der Verkettung der Umstände sei der gräßliche Irrtum
+des Geschehens als Schuld anzurechnen, auf ihrer demütig irdischen oder der
+allmächtig himmlischen Seite? Aber die Sterne erblassen nicht vor der
+geheulten Anklage. Kraß und klar leuchten sie die täglichen Bilder.
+
+Noch wartet Meta und schiebt den Tag der Abrechnung mit Gott fort, und
+während das Ohr auf Nachricht aus dem Feld gespannt bleibt -- sie ist
+gewiß, auf einmal kommt Alarm seines Lebens, und bebändert und besternt
+steht er vor ihr und wirft verhaltenen Lebenssturm wie Gewitter und Blitz
+in sie -- prüft sie innerlich von neuem ihre bisherige Führung nach den
+strengen Vorschriften der Religion, um nicht im geringsten über berechtigte
+Enttäuschung des Gläubigen hinaus sich anklagend zu empören. Sie bekommt
+auch günstige Zeichen. Ein Sergeant beim gleichen Stab, den der unverhüllte
+Jammer ihrer Briefe rühren mochte, antwortet in geschraubten Reden so
+Unterschiedliches, daß höhere Hoffnung allerhand in ihnen finden kann. Aus
+hundert Zeitungen erhält sie Bestätigung, daß Totgeglaubte, Totgewußte in
+die Arme der Liebenden zurückkehrten. Franz aber, von Fibern jugendlichen
+Willens hingerissen, sei ganz gewiß aus eintönigem Tagdienst in die Hitze
+der Gefechte geeilt und werde sich in den Berichten schließlich als ein
+Held und lebend wiederfinden.
+
+Bis sie ein Bündel mit der Post erhält, das der gleiche Kamerad, ihrer
+Beschwörungen überdrüssig, an sie sandte: Lumpen von seinem entseelten
+Körper geschält, in beschämendem, kläglichem Zustand.
+
+Ihr entgeht nicht die hämische Geste des Schicksals, die obendrein das
+Andenken des Verblichenen schänden will. Doch ist ihr der endliche Fall je
+tiefer umso lieber, da sie schon merkt, wie viel herrlicher sie sich von
+ihm erheben wird. Inmitten verwüsteter Hoffnungen, der jämmerlichen
+Trophäen seines Erdenwandels bleibt sie trauernd liegen und saugt aus
+tausend Erinnerungen Haß, allmählich rasenden Zorn gegen ein sinnloses
+Geschick und seinen oberen Lenker. Als sie endlich jeden Ort des Leibes mit
+gleicher Überzeugung angefüllt fühlt, erhebt sich ein neuer Mensch zu
+gewandeltem Leben. Mit Gott macht sie nicht mehr viel Worte. Sie sieht ihm
+frei ins Gesicht und zeigt ihre Meinung: Seine Entscheidung in ihren Sachen
+hat sie verurteilt und hängt nicht länger von ihm ab. Zum zweitenmal nimmt
+sie vom Dasein Besitz, belebt jetzt von sich selbst her ihre Welt. Aus
+deren Mitte sie alles bisher Verehrte hebt, es durch einen Götzen zu
+ersetzen: Franz, den sie mit jeglichem Tand der Phantasie schmückt. Je
+weiter sein irdisches Leben zurücksinkt, um so frischer macht sie ihn sich
+lebendig. Alle Kräfte müssen fortan für den einzigen Zweck sich regen, den
+toten Freund ihr fortwährend seiend zu erschaffen. Sie hat unaufhörliche
+Gesichte, Begegnungen und vertraute Zwiesprache mit ihm und riecht und
+schmeckt den ganzen angebeteten Mann. Ist sie aber mit ihm im innigen
+Verein der Gemüter, fliegt ihr Blick durch die Scheiben höhnisch zum
+Firmament, und Trotz spottet hell auf.
+
+Sie wird wie eine Nonne schlicht und eindeutig. Dem einmal gewählten
+Bräutigam treu, geht sie wie mit Zäunen umstellt dahin. In ihre Bestimmung
+mit sich selbst ist von außen her kein Pfeil, kein anderes Verlangen zu
+senken. Sie weiß zu gut, wie der Geliebte sie wollte; nicht kleinmütig und
+verzagt, aber hoch über dem Los der Sterblichen. Die selbstherrlichen,
+keuschen Gebärden muß sie bewahren, daß beim endlichen Wiederfinden seine
+Erwartung von ihr sich vollauf bestätigt. So wandelt sie in Stahl
+gepanzert. Schicken ihr die Frühlinge Begierden, blühend erwachte Natur
+Versuchung, zwingt sie das Fleisch in kühle Richtlinien und lacht zum
+Schluß über der Geister Blendwerk. Männer, die ihr nahen, wollüstig und
+aufgeschwänzt, erledigt sie mit dem Blick eines für sie zu gewaltigen
+Maßes, in das sie wie Erbsen in riesigen Topf fallen. Je mehr das Leben sie
+versuchen will, um so freudiger wirft sich Meta ihm furchtlos entgegen,
+gewiß, mit ihrem Liebesbegriff jeder Wirklichkeit überlegen zu sein, und
+daß der verschmitzten Himmel lockere Absichten an ihrem Willen schließlich
+zerbrechen müssen.
+
+ * * * * *
+
+Der Friede, den das Land erlangt, schwemmt die Menge der Männer in die Arme
+der Jungfrauen, Bräute und jungen Frauen zurück. Es hebt eine allgemeine,
+gewaltige Hochzeit an, und die Demut des Weibes ist an sich schon groß vor
+dem heimgekehrten Helden. Als aber sein Arm in der verwahrlosten Heimat
+richtend und regelnd überall fühlbar wird, die Jugend den zu Haus
+gebliebenen Greisen und irgendwie Verschnittenen die willkürliche Leitung
+der Ämter und Geschäfte scheltend entreißt, bricht befreiter Dank aus allen
+Herzen so stürmisch hervor, daß Verehrung männlicher Kraft und Vernunft
+allenthalben oberstes Gesetz ist. Auch Meta, der es einfällt, wie in
+letzter Spanne ihres Beisammenseins Franz sich zu eigenem Willen gereckt,
+Herrschaft und Gewalt über sie gefordert hat, formt den Geliebten dem
+allgemeinen Ideal nicht nur, sondern eigenem, ursprünglichem Wunsch nun
+unbedenklich nach. Macht ihn zum unbeschränkten Gebieter ihres Gewissens
+und ihrer Glieder; endlich stürzen die inneren Gewalten in das Bett einer
+einzigen Leidenschaft: schrankenloser Hingabe des Leibes und der Seele an
+den Vergötterten. Alle Organe werden, von Besessenheit ergriffen,
+Eingangspforten für den Atem seines Wesens. Der männliche Geist fährt wie
+Schwert in das Weib und reitet es mit Windsbraut in alle Abgründe des
+Empfindens, peitscht es durch Hohlwege und Schluchten sinnlicher Wünsche.
+Man hört sie aufschreien unter seiner würgenden Faust, sieht sie bäumen,
+stürzen, wieder stehend, halb sich heben und zum andernmal mit Wucht in die
+Furche der Bettstatt schlagen. Sie fühlt sich von ihm in die Wälder an alle
+jene Örter entführt, an denen sie einst gemeinsam scheues Gespräch
+geflüstert. Dort packt er sie, und während keusches Andenken sie rührt,
+bricht und knickt er sie in ein Bündel keuchender Wollust nach seinem
+Willen.
+
+Tagsüber, mit geschundenen Gliedern, erfüllt sie dennoch die Pflichten
+dienender Stellung. Aus der Stärke der sie schüttelnden Empfindungen fühlt
+sie sich stolz von eigenen Gnaden Überwinderin des von Gott ursprünglich
+mit ihr gewollten Schicksals, Urschöpferin ihrer Lust und nimmt aus diesem
+Bewußtsein düstere Kraft. Doch immer ist es ihr Beweises eigener Person
+nicht genug. Rings horcht sie die Frauen nach dem Maß des natürlichen
+Glücks mit ihren Männern aus und jubelt, hört sie laue Anerkennung,
+meistens Enttäuschung. Im Verein mit ihrem süßen Mann hat Sturm und
+Schwelgerei kein Ende, sie unterliegt seinen Launen, Bedenken, Schwächen
+nicht. Jahre hindurch steigert sich noch das Maß des Entzückens, das von
+ihm kommt. In alle Blut- und Nervenbahnen ist sie von ihm schon besessen;
+aber immer noch findet Begierde neuen Genuß und blendende Überraschung.
+
+Bald sieht Meta Folgen ihres unbändigen Glücks mit dem Mann. Der Leib, aus
+einem Teil einst, regelmäßig praller Formen, brach die Bünde gehügelter
+Üppigkeit und hat strengen Rhythmus schon gesprengt. Entzückt sieht sie
+ihre Schönheit für ihn, wie bei Weibern mit lebendigen Gatten, zerfließen.
+Nicht weniger scheint sie gestülpt, brüchig und gerupft. Mit Triumpf hängt
+sie in den gleichen Spiegel, der einst ihrer Jugend Knappheit faßte, die
+zerfallenen Kuchen der Brüste, des Bauches schleppende Fettguirlande. Sie
+meckert sich Beifall, schlägt die entstellten Lenden, um sie mit Inbrunst
+neuen Visionen auszuliefern. Aber zu allen Freuden ekstatischer Liebe
+leidet sie alsbald Schmerzen und täglich andere. Erst ist es Freßgier, die
+sie befällt und unzähmbar quält. Mit tierischem Hunger schlingt sie alles
+Erreichbare wahllos in den offenen Schlund, bis Ekel vor sich selbst sie
+packt, der aufgetriebene Magen sich brüsk erleichtert. Dann quillt Speichel
+in Wellen aus den Häuten des Mundes und der Nase, schäumt auf den Lippen
+und wechselt dort in vielen Farben. Oder es preßt eine Hand den Hals
+zusammen, daß sie zu ersticken meint; eine gespenstische Kugel steigt aus
+der Gurgel in die Eingeweide nieder, wobei kalter Wind den Leib durchweht.
+Tiefer, traumloser Schlaf wechselt mit anhaltender Schlaflosigkeit, die sie
+völlig erschöpft, und wüster Halluzination. Doch immer gelingt es noch
+trotziger Energie, Franz, zur Umarmung bereit, vor sich aufzuzaubern. Als
+aber Materie fast vom Knochen geschabt ist, das Fett verlebt, die Säfte,
+nicht ergänzt, träg geworden, kann sie die erlangten Ohnmachten und
+Zerschmetterungen mit neuem Aufschwung nicht mehr regelmäßig ausgleichen.
+Nur hier und da erfaßt sie noch des Mannes feste Gestalt. Meist muß sie
+sich mit einem Schatten begnügen. Und wie sie auch die Augen aus den Höhlen
+dreht, die mageren Hände sehnend reckt, -- bei sich fühlt sie nur mehr
+etwas unwirklich Zerschlissenes. Dann stöhnt sie große Seufzer und fällt
+durstend in die Kissengrube; aber der ausgemergelte Körper stürmt in
+Schlaf, und die Sehnsucht der Halbentseelten flieht vom Gift des
+Sichzerfleischens häufiger zu Bildern guter Ruh.
+
+Das angetrümmerte Gebein, dicht vor seiner Vernichtung, schreit nach
+Befreiung. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrt es sich, bereit, alle anderen
+Möglichkeiten des Seins gutzuheißen, ihnen zu dienen, nimmt man von ihm die
+Zentnerlast der durch Jahre getragenen Qualen.
+
+Alsbald tritt in das erfrischte Gehirn Bild der Umwelt zögernd wieder ein.
+Sie nimmt des Stübchens Einrichtung deutlich wahr: den Teppich vorm Bett,
+dessen Mitte vertreten ist; bunte Gardinen gegen das Licht. Erstaunt sieht
+sie ihren Fenstern das Dach eines Hauses gegenüber, das die frühere
+Aussicht ins Grüne und die angrenzenden Gärten sperrt. In der Küche glänzt
+Kupfer mit Zinn, und bemerkenswert scheint ihr der Ausdruck in
+Menschenaugen. Da kommt morgens ein Mann ins Haus, der Zeitungen trägt.
+Blond, greller Rede, drängt er sich kräftig in Metas Wirklichkeit, stellt
+sich quer vor das blasse Bild ihres Schattenmännchens. Gaukelt sie das noch
+manchmal her und bringt seine Züge nicht bündig zusammen, ist quick der
+Stellvertreter vollkommen da, zu allem Möglichen bereit. Sie dreht sich
+also, nur vager Absicht, in seine Bahn und hat ihn plötzlich unmittelbar,
+Aug in Auge vor sich. Gespannt sieht sie sein vorbereitendes Gebahren,
+schluckt seine bis zu den Haaren steigende Röte, die Wasserperlen auf der
+Stirn, zitternde Hände. Auch leises Knirschen der Kaumuskeln belustigt sie
+sehr. Als er aber, männlich perfekt, in die Horizontale schwenkt, macht sie
+der Schwitzende lachen, und sie springt von ihm fort. Zu albern wirkte sein
+strikter Angriff, es mangelt gewohnter, phantastischer Hinschwung; sie hat
+die Fanfare nicht gehört, unwiderstehliches Muß völlig vermißt.
+
+Aus halber Anschauung und vollendeter Ahnung sah sie der hingegangenen
+Liebe unvergleichliche Höhe ein. Und wie vorher Natur, sind Trotz und
+Eitelkeit in ihr befriedigt. Reste von Zärtlichkeit und Schwärmerei
+schwinden schnell aus dem Herzen, und dreißigjährig stellt sich Meta, immer
+noch Dienstmagd in des Färbereibesitzers Familie, mit gänzlich veränderten
+Begriffen zu weiterem Dasein kräftig gewillt fest.
+
+ * * * * *
+
+Bedient sie jetzt Gäste bei Tisch, die regelmäßig einmal in der Woche
+kommen, reicht ihnen Teller und Schüsseln, sieht sie die Speisenden
+eindringlich an. Sie merkt ihre Gespräche und kennt nach kurzer Zeit die
+Verhältnisse der Geladenen. Doch, was sie erzählen oder mit Zwinkern und
+Blinzeln von ihren Gefühlen ausdrücken, ihr menschlicher Inhalt scheint
+Meta armselig und flach. Sie, die gemeiner Herkunft wegen vor diesen
+Bürgern alle Schauer des Respekts gefühlt, merkt aus der Überlegenheit
+selbstgewollten und überwundenen großen Schicksals, Hochmut in sich
+wachsen. Die da sitzen, scheinen geschlagene Leute, denen das Menschliche
+zu karg gemessen ist. Ihre Begierden bleiben weit hinter Metas Sehnsucht
+zurück. Um kleine Vorteile treibt ihr Ehrgeiz, aus der Größe des Vermögens
+sind sie sich wichtig. Dem Unbemittelten dienen Fabeln seiner
+geschäftlichen Verschlagenheit, sich zur Geltung zu bringen. Da ist ein
+Herr mittlerer Jahre in kaffeebraunem Rock, der von seinen Spekulationen
+Wesens macht. Zum Schluß seiner Vorträge, die er mit trüben Witzworten
+krönt, pflanzt er, beifallheischend, der Hausfrau jüngerer Schwester, die
+seit kurzem zu Besuch da ist, einen runden Blick mitten ins Gesicht. Meta
+kennt die Stelle, wo auf des Mädchens Backe antwortend jedesmal der rote
+Fleck aufbrennt, sieht aber geschwind zum Erzähler zurück, um noch
+wahrzunehmen, wie der mit dem Mundtuch herausfordernd sich die
+Schnurrbartspitzen wichst. Sie findet diese Spießbürger Würmer, die man
+bodenlos gering zu achten und nach dem Maß der Verachtung zu behandeln das
+Recht hat. Mit dieser Feststellung begnügt sie sich nicht, sondern beginnt,
+sich in die Schicksale der Lendenlahmen sofort zu mischen und sie zu
+treiben. Erst springt sie das Mädchen an, das nach unabänderlich trägen
+Gesetzen die Tage verschleißt, indem sie Gedrucktes aus des Hausherrn
+Bücherei ihm in den Weg legt, das durch gewagten Inhalt es erregen soll.
+Durchs Schlüsselloch sieht sie der sich Entkleidenden zu und wartet auf den
+Effekt. Aber die klassisch Nackte, deren ebenmäßige Schönheit Meta gehässig
+bewegt, hält lesend das Buch mit der gemarkten Stelle, und kein Hauch rührt
+ihr Gesicht. Sie gähnt nur ein wenig, nestelt, kämmt, dreht die Lampe und
+schläft.
+
+Und doch steckt sie seit Wochen, glaubt sie sich unbemerkt, dem
+kaffeebraunen Herrn die Finger schnell in die seinen. Sieht ihn
+geschwungener Braue an, senkt den Kopf und entschwebt. Als eines Abends die
+Herrschaft ins Städtchen fort ist, die Jungfrau vorm Spiegel mit gelöstem
+Haar und blanken Beinen zur Nacht sich schickt, schiebt Meta den scheuen
+Verehrer, der vorbeigehend nach der Anwesenheit der Freunde obenhin gefragt
+hatte, ohne weiteres der Überraschten in die Kammer und wartet verhaltenen
+Atems vor der Tür. Da es innen still bleibt, bringt sie den Blick an die
+Öffnung und sieht Mädchen und Mann beieinander, Hand in Hand und Aug in
+Auge. Dazu atmen beide kräftig aus geblähten Nüstern. Ein Weilchen, während
+das Herz vor Erwartung steht, sieht Meta ihnen zu; als aber die Haltung der
+Aufrechten sich nicht verändert, öffnet sie erbost die Tür und zwingt das
+monumentale Paar zum Aufbruch.
+
+Doch gibt sie sich nicht zufrieden. Nach ihren höheren Absichten sollen
+sich dennoch die Geschicke der Armseligen erfüllen. In stärkerem Feuer will
+sie die Seelen glühen sehen, gewiß, noch immer wird sich dort ihr eigener
+Wert über dem der anderen erhärten, und sie kann an ihrer salamanderhaften
+Unbrennbarkeit von neuem vergleichend sich berauschen. Engeren Anschluß
+sucht sie an die Ahnungslose, ist beim Anzug behilflich, streift ihr die
+Strümpfe schmeichelnd an die Beine, das Hemd über die zarte Haut. In Kürze
+vollendet sie mit sympathischen Strichen jeder Nerve zärtliches
+Verständnis, und als sie ihr Opfer zu eigener Regung flügge glaubt, weiß
+sie es bald wieder einzurichten, daß der lau Temperierte das junge Weib
+allein im Aufruhr der Gefühle findet.
+
+Von der völlig Entzündeten fängt der schwer zu Entflammende Feuer. Nun
+girren hinter der Tür die Stimmen, es fordert Verlangen und seufzt die
+Schwäche. Das Mal des Sieges leuchtet auf Metas Stirn.
+
+Allem, was folgt, widmet sie sich inständig; vermittelt den Liebenden
+Bequemlichkeit. Je dringlicher er Halt will, um so stürmischer wird der
+Mann geliebt, und das schleunige Ergebnis ist des Mädchens vollendete
+Schwangerschaft. Da aber ist die Mittlerin erst vollends selig. Für des
+Hauses Ruh, die nur durch banalen Anlaß bislang gestört wurde, hofft sie
+gründlichen Sturm und Raserei. Sie reibt sich die Hände und schneidet dem
+Himmel Grimassen. Und als sich das Unglück den Verwandten nicht länger
+verheimlichen läßt, mit einemmal im grünen Salon Aufschrei und Verwünschung
+schallt, als zweier Frauen Ohnmachten zu enden sind, und Nasenbluten des
+erschütterten Färbereibesitzers ihre Pflege und Essig fordert, schwebt
+Meta, überlegene Zuschauerin der Blamage und Verlegenheit, in sieben
+Himmeln.
+
+Jede Stunde ist ihr nun höchster Erwartung voll. Sie glaubt an zerschelltes
+Geschirr, eingetretene Türfüllungen, den aus dem Fenster in den Hof
+zerschmetterten Leib. Auf den Pistolenschuß wartet sie, der plötzlich die
+Nachbarschaft alarmieren soll, hört Feuerwehr und Polizei schon die Treppe
+stürmen. Doch steigt das allgemeine Elend nicht über ein finsteres
+Schweigen und Tränen in Strömen. Eines Morgens aber erscheint der Verführer
+im schwarzen Rock mit hohem Hut; Verbeugungen, Komplimente, dann heftige
+Umarmungen werden getauscht, und bald kleidet Meta die Braut in Batist,
+Schleier und steifen Atlas. Während das erlöste, ausgelassene Mädchen
+lockende Kapriolen in den Spiegel stellt, fühlt sich die Bedienende von den
+himmlischen Gewalten aufs neue geneckt und um jeden Erfolg gebracht.
+
+Aber sie will, nachdem ihr der Weg zu eigener, bedeutender Fühlung einmal
+gesperrt ist, aus von ihr aufgeregtem, fremden Schicksal unbedingt die
+fortdauernde Bestätigung nicht gewöhnlicher Natur. In Gestalt eines
+alternden Mädchens, durchschnittlicher Dienstmagd zum Kehricht geworfen zu
+werden, diesen Ausgang ihres Lebens ertrüge sie nicht. Sie weiß nicht, wie
+der Dämon in sie kam, aber daß sie vor jedem Atemzug gelten, vor sich
+selbst bestehen muß, und daß, diese Voraussetzung ihres Lebens zu schaffen,
+ihr jedes Mittel gilt.
+
+Als mit dem in gesetzlicher Ehe geborenen Sprößling die jung Verheiratete
+alsbald aus ihrer Macht und ihrem Gesichtskreis entschwunden ist, spürt sie
+der Hausfrau Launen auf und wo bei ihr der Eingriff ins Leben zu wagen sei.
+Sie sieht die noch Begehrenswerte in simplem Haushaltskram befangen, und
+lange Zeit weiß sie nicht, wie ihr beizukommen wäre. Da springt ihr Zufall
+zu Hilfe, als sie den Erzieher des nun zwölfjährigen Knaben im Unterricht
+über ein samtenes Band der Prinzipalin träumend findet. Der Brennpunkt ist
+entdeckt, und mit unwiderstehlichem Drang facht sie Feuer unter den
+Primitiven, kocht sie durch Monate in ununterbrochener Hitze gar, bis der
+Boden des Topfes, in dem sie schmoren, wie Papier mürbe ist, und die Minute
+sich ankündigt, wo die Siedenden und Gesottenen ins offene Feuer fliegen.
+
+Dicht vor der Katastrophe aber kommt ihr ein närrischer Einfall und macht
+sie vor Freude toll. Nicht halbe Arbeit will sie mehr leisten; diesmal soll
+das ganze Haus, der Familie rundes Ensemble, in sie untertauchen, und
+Herrschaft auf alle soll Lohn für fünfzehnjährige Sklaverei sein. Als der
+Herr wie stets in einer Ecke sie tätschelt, sprengt sie durch den ihm
+zugeschleuderten Blick seine gedämpfte Existenz und überläßt am gleichen
+Tag, da auch der junge Lehrer das ersehnte Glück findet, sich dem
+täppischen Alten.
+
+Der hat durch seine Lebensstellung gefällige Umgangsformen mit der Frau.
+Meta nahm ohne Eifer mit Befriedigung, was er bieten konnte. Aus immer
+lebendiger Phantasie machte sie ihn abhängig; unterjochte ihn ganz. Sie
+probte und spannte ihn wie einen Handschuh, so weit er sich streckt; ersah
+an seinem Beispiel, wie weit der Mann dem Weibe wirklich folgt und stellt
+nach ihm das Bild von Franzens Männlichkeit richtig. Der Rest Bedauern, den
+sie über dessen Tod noch immer fühlte, minderte sich füglich. Als sie den
+Alten am Schnürchen hatte, er erst wie ein Pudel in ihrem Dunstkreis
+hüpfte, zwang sie auch die Hausfrau aus der Mitwisserschaft um ihr
+Verbrechen in dramatisch geführten Szenen zur Unterwerfung, allmählich zu
+striktem Gehorsam. Jetzt gab sie im Haus die Kommandos, nicht so sehr mit
+Worten als mit Blick, einer verlorenen Geste; spielte Richter und oberes
+Gesetz. Nie wollte sie, was jene wünschten, verbot, was ihnen erfreuliche
+Aussicht war und konnte nicht schlafen, gab ihr der Überblick des
+hingegangenen Tages nicht Gewißheit ihrer bewiesenen Macht. Drohten anfangs
+die Geprügelten, sich zu empören, das noch ungewohnte Joch abzuwerfen,
+dämpfte sie durch anonyme Briefe, die das Infame mit gemeinen Worten an die
+Wand malten, die Lust zum Aufstand; durch auferlegte Strafen den Wunsch,
+Widerstand zu wiederholen.
+
+Sie zog in ein geräumiges Zimmer am Hauptflur, das sie mit hübschen Dingen
+schmückte, die ihr anderswo entbehrlich schienen. Setzte den Papagei im
+Bauer und einen Ledersessel ans Fenster, in dem sie regelmäßig als erste
+die Zeitung las und rückte schließlich das Grammophon im
+Mahagonischränkchen aus dem Eßzimmer zu sich herüber. Ein buschiger Kater
+hockte auf ihrem Schoß.
+
+Für die Arbeit hat sie längst eine Magd genommen. Samt den übrigen
+Hausinsassen dient ihr die tagtäglich irgendwie zur Befriedigung dunkler
+Instinkte. Durch immer neue Nadelstiche, tausend gesiebte Bosheiten und
+Intriguen, gegen die sie wehrlos ist, im Mark des Lebens gelähmt, sinkt die
+ganze Sippe allmählich in so bodenlose Abhängigkeit, daß jede Reibung
+schwindet. Für den Besucher bildet die Gemeinschaft das Bild idealen
+Friedens; wie zärtliche Verwandtschaft liebenden Eifers bemüht ist, das
+Leben der verehrten Tante zu erhalten, vor Schreck und Trubel zu bewahren.
+Man buhlt mit den niedrigsten Mitteln um ihre Gunst; der Gatte verleumdet
+die Gattin, das Kind die Eltern, alle aber die Magd, die sich auf gleiche
+Weise rächt. Wo Meta auftrumpfen will, liegen die Stiche schon auf dem
+Tisch. Ihr zum Schlag gehobener Arm fällt auf Samt, zutretender Fuß taucht
+in Watte. Um sie ist schließlich Atmosphäre von Thymian und Lavendel, und
+wie sie auch immer im Einzelfall streng entscheidet, sieht sie doch nur
+verklärte Gesichter. Man ist unter allen Umständen entschlossen mit ihr,
+unbedingt für ihren Willen. Ihrer längst nicht erloschenen,
+leidenschaftlichen Lust am Aufruhr stellt sich in ihrer Umgebung einfach
+kein Gegner.
+
+Sie muß ihren Groll künstlich päppeln, sich aufsagen, wie sie von Gott und
+den Menschen tödlich beleidigt ist um etwas, das ihr lange sehr deutlich
+war. Während sie im Genuß ertrinkt, betet sie sich vor, sie sei gemartert
+und grausam gehöhnt; aber die Sühne des Himmels stehe noch aus. Sie fühlt,
+verliert sie Aufstand und Empörung erst völlig aus dem Blut, muß in ihr ein
+Vakuum entstehen, das sie in Abgründe schleudert. Aber die vier Menschen um
+sie, die den Schlüssel ihrer Natur gefunden, singen ihr Hymnen, überstürzen
+die geringste Forderung an sie von sich her und entkräften immer mehr Metas
+einst lodernden Haß.
+
+Schon, wenn am Jahresersten die Familie mit dem Frühesten an ihr Bett tritt
+-- sie aber liegt in schleifenverzierter Haube, kostbarem Hemd mit
+gefalteten Händen unbeweglich auf dem Rücken wie ein sehr kostbarer
+Gegenstand -- und das erdenklich Gute wünscht, oder an ihrem Namenstag das
+Haus mit brennenden Lichtern und Kränzen ein Tempel der Freude ist, Likör
+und edler Wein in Römern herschwebt, der die Geister verzaubert, schwindet
+ihr Erinnerung alles Gewesenen. Aber an ihrem vierzigsten Geburtstag, da
+Segenswunsch und Musik, als Enthusiasmus mit frohen Toasten prasselt, und
+in allen Blicken die Träne der Rührung hängt, fühlt sie aus sich das
+Heftige gerissen; sitzt im Kreis der Feiernden betäubt und gestäupt als
+leere Attrappe.
+
+Alle Arbeit ist ihr aus dem Weg geräumt, den Finger darf sie schließlich
+nicht mehr rühren, und die geringste Handreichung wird mit stürmischer
+Abwehr nicht geduldet. Aber Überraschung bringt man ihr von draußen,
+freundliche Grüße der Bekannten, nur gute Nachrichten. Jeder Eintretende
+stellt strahlenden Augs mit lachendem Mund vor ihr ein lebendes Bild. Alle
+haben die zierlichsten Bewegungen, holde Sprache, Händedruck und
+Herzbeteuerung. So ist ihr jeder Anlaß zu Scheltworten genommen. Wie sie
+auch Argwohn und zänkische Erwartung spannt, immer endet jeder Vorgang über
+Erwarten glücklich in Sonnenschein. Man schmeichelt dem Vogel im Bauer,
+bringt ihm Biskuits und fragt mit schmelzender Besorgnis: »wen liebst du am
+meisten auf der Welt?«, und kreischt der bunte Bursche: »Meta! Meta!«,
+scheint man gerührt, entzückt, sogar erschüttert. Vom ewigen Sitzen und
+Gefüttertwerden wird die Verwöhnte von neuem unförmig fett. Ihre gefräßige
+Natur widersteht den Leckerbissen nicht, die man ihr reicht, und aller Welt
+macht es gehässigen Spaß, die Anschwellende nach Kräften zu mästen.
+
+Ißt sie reichlich zu Tisch, schlürft viele Tassen Kaffee und mummelt
+Kuchen, dösen die Augen träg ins Leere. Nicht Feuer mit Blitz steht in
+ihnen, kaum mehr Strahl des Lebens. Bei Zeitungstratsch und
+Phonographengeplärr läppert sie Tage. Ihrer Umgebung achtet sie nicht mehr,
+läßt die beherrschte Welt immer weiter aus den Zügeln und kümmert sich
+ängstlich nur um die Gemäßheit der Verdauung.
+
+Doch die vom Leitseil Entspannten schweifen in ein freies, früheres, durch
+sie nur unterbrochenes Sein fort. Mit vorgeschrittenem Alter hat man eine
+gewisse Höhe des Lebens erreicht. Vom Hügel herab sieht man Jugend, Torheit
+und Tollheit, und sicher vor ihnen, betrachtet man sie kritisch und
+belächelt sie. Ohne treibende, innere Flamme sind die Gatten aus der
+Häuslichkeit nicht mehr fortgerissen, sondern, der schwachen eigenen
+Kräfte, der Kämpfe im Dasein bewußt, aufeinander zu schmalem, letztem
+Lebensgenuß angewiesen. Und was man nie vermocht hat: da man das Gleiche
+will, traut man einander, nähert sich und lernt sich wirklich kennen. Der
+silbernen Hochzeit steuert man zu, geht das Vergangene im Geist durch,
+macht entschuldigende und begreifende Anmerkungen und ist mit Hin- und
+Widerrede eines Tages so weit, daß man spürt, wäre es nötig, könnte man
+auch einen Fehltritt, der weit zurückliegt, dem andern ohne Gefahr getrost
+gestehen.
+
+Als aber diese Wahrheit erkannt und eingesehen war, begann man, die
+Gehätschelte im Lehnstuhl mit neuen Augen zu sehen. Noch ließ man es an der
+Anrichtung der Speisen nicht merken, wie sich die Lage schlimm für sie
+geändert hatte, doch sparte man mit Besuch und machte für sie keinerlei
+Anstrengung mehr. Meta nahm die mangelnde Teilnahme entweder garnicht wahr
+oder empfand sie als erhöhte Rücksicht, die ihrer Bequemlichkeit erwiesen
+wurde. Immer mehr dämmerte sie in den Zustand zufriedener Gleichgültigkeit
+hinüber.
+
+Doch wollte sie eines Morgens Dienstleistung und hatte dreimal den
+Klingelknopf gedrückt. Als niemand kam und ohne Erregung sie mechanisch
+weiterschellte, öffnete endlich die Hausfrau die Tür und fragte
+schnippisch, was ihr denn einfiele. Ganz verdutzt, blieb Meta glotzenden
+Blicks die Antwort schuldig. Da erhob die Scheltende schreiend die Stimme,
+sie verbitte sich Art und Weise. Was denn im Werk sei, und ob sie sich, was
+sie brauche, nicht gütigst selbst holen wolle und ob überhaupt . . . und da
+höre alles auf! Und je weniger die Gescholtene zu entgegnen vermochte, um
+so mehr tobte der Frau entfesselte Wut. Zischend spie sie Wortschlangen auf
+die Vertatterte, berauschte sich an deren demütiger Stille so unmäßig, daß
+sie Stühle vom Platz, Gegenstände durchs Zimmer schleuderte. Mehr von der
+Dynamik der Stürmenden als vom eigenen Trieb bewegt, richtete sich Meta
+schließlich auf, nach bewährtem Rezept zum Angriff überzugehen. Sah aber
+beim ersten Blick dem Gegner ins Auge; der hatte alle Angst vor ihr
+verloren, und ihr Spiel sei unwiederbringlich und gründlich verspielt.
+Trotzdem machte sie eine fürchterliche Bewegung, zeigte plötzlich das alte,
+von tödlichem Haß entstellte Gesicht so drohend, daß die von neuem
+Geängstigte gellend den Gatten zu Hilfe rief. Der übersieht, im Schlafrock
+herbeieilend, mit einem Blick nach rückwärts und vorwärts die Lage und nie
+wiederkehrende Gelegenheit, fuchtelt die Arme wuchtig aufwärts, dröhnt mit
+riesiger Stimme Löwentöne, daß alles zusammenläuft, und die Nachbarn an die
+offenen Fenster eilen. Da er fühlt, ihn verlassen die Kräfte, es müsse aber
+zum Schluß noch die entscheidende Granate einschlagen, kreischt er mit
+schneidendem Schrei, sie solle nicht vergessen, daß sie Dienstbote und
+gelitten sei. Der Satz tat dämonische Wirkung. In die Brust flog die
+Familie. Wie vom Blitz zerschmettert aber knickte Meta in den Wirbeln und
+fiel wie Plunder ins Dunkle. Dann flog Bann und Fluch auf sie, und eh' ihr
+noch ein Gedanke keimte, war ihr für vierzehn Tage später gekündigt und
+zugleich anbefohlen, noch am gleichen Tag das Haus zu verlassen. Lohn und
+Kostgeld würde nach dem Gesetz bezahlt.
+
+So endgültig, spürte sie, war ihre Niederlage, daß sie keinen Versuch
+machte, den Gang der Ereignisse aufzuhalten. Aus allen Winkeln räumte sie
+ihre Habseligkeiten und Siebensachen. Beim Umkehren der Schübe fiel auch
+ein Bündel beschmutzter Lumpen vor ihre Füße. Erst begriff sie deren Sinn
+und Herkunft nicht. Dann, während Ekel sie schnürt, erkennt sie Franzens
+irdische Hinterlassenschaft. Sie kneift die Mundwinkel und stößt den Packen
+zum Kehricht.
+
+Wenige Stunden später sitzt sie im Gasthof allein, aus dem sie nach ein
+paar Tagen, noch halb im Traum, zu einer Verwandten aufs Land übersiedelt.
+
+ * * * * *
+
+Von dort wollte sie anfangs, das letzte Wort im Streit zu behalten, einen
+Brief der ehemaligen Herrschaft schicken, in dem Verachtung und
+Überlegenheit maßlosen Ausdruck hätten. Da sie das Schreiben aber trotz
+Mahnung des Verstandes von Tag zu Tag aufschob, merkte sie endlich, wie
+gleichgültig im Grund die Katastrophe sei, und wie sie eher mit diesen
+Leuten als die mit ihr fertig gewesen. Sie findet jetzt, die letzten Monate
+seien durch innere Teilnahmslosigkeit als einzige ihrem Leben verloren. Aus
+eigenem Antrieb hätte sie eher aus einem Haus aufbrechen müssen, das längst
+von ihr mit Stumpf und Stiel gefressen sei. Aus welchen Quellen hätte sie
+dort ihr Lebensgefühl speisen sollen? Welche Gewißheit der Gegenwart und
+Aussicht für die Zukunft konnte sie da noch beschwingen? Ein grämlich
+bequemes Alter sei ihr gewiß gewesen. Halber Tod im Leben. Hier aber war
+vor allem die Landschaft, zu der sie aus Vergangenheit keine Beziehung
+hatte, ihr Phänomen, und sie hoffte, befeuernd werde die auf sie einwirken.
+Mit der menschlichen Umgebung, die sie ihrer Erfahrung gemäß fand, trat sie
+am neuen Ort nicht mehr in Wettkampf. Wo Wucht des Fühlens und der
+Instinkte entschied, wußte sie sich ein für allemal auserwählt und der
+Menge gründlich überlegen. Auf dem Gebiet geistiger Kräfte aber suchte sie
+keinen Anschluß, der ihr aus Begabung und Erziehung verwehrt war. Hochmut,
+Neid, Zorn fielen als überflüssig fort, als sie merkte, das simple
+Bauernvolk stand an Geltungswillen noch hinter den besiegten Städtern
+zurück. Unter Unbewaffneten aber im Harnisch zu gehen, erschien ihr
+sinnlos. Hübsche Ersparnisse gaben ihr zudem in diesen bescheidenen
+Verhältnissen auch die äußere Sicherheit, die ihre kurzen Gesten, knappen
+Anmerkungen von innenher bezeugten.
+
+Da sie aber spürte, noch immer wende sie zuviel Kraft an den täglichen
+Umgang mit belanglosen Menschen, nutzte sie vor allem weiteren ihr Geld
+dazu, einen Mann zu fesseln, der Mittler zwischen ihr und den anderen sein,
+die Unkosten des von der Welt geforderten Entgegenkommens tragen sollte.
+Jakob war Kriegsinvalide, ein rüstiger Fünfziger mit Stelzfuß. Medaillen
+und Schnallen auf der Brust bezeugten seinen Sinn für Gemeinschaftsideale,
+den Willen, sich in bürgerlichem Verein bemerkbar zu machen und die
+Fähigkeit dazu. Sie heiratete ihn und setzte ihn vor ihre eigene Person als
+Damm gegen die kleinliche Zudringlichkeit der Nachbarn. Es wirkte nicht
+störend, ein brillanter Hans in allen Gassen hatte eine schweigsame,
+zugeknöpfte Frau. Es ließ sich im Gegenteil versöhnend an. Jede Satzrakete
+ihres Gatten, seine Schwärmer und Leuchtkugeln, die verständnisvolle
+Bewunderer fanden, sicherten ihr Stille und innere Abgeschiedenheit auch
+dann, saß sie mitten im aufgeräumten Kreis, der bei der Erzählung von
+Jakobs Kriegsanekdoten lärmend vaterländisch begeistert war. Sie stützte
+seine einfache, seelische Mechanik, ölte die Maschine, drehte die Kurbeln
+und stellte sie auf Jahrestage beliebter Schlachten, auf Kaisers Geburtstag
+oder sonst ein Jubiläum, um ihn, rasender Brisanz mit Lampions und
+Feuerwerk, auf die Zeitgenossen loszulassen.
+
+Sie selbst aber ging heimliche Wege in die Landschaft. Am überraschenden
+Wirken sprühender Natur wollte sie das eigene, kräftige Leben messen.
+Morgenröte, Sonne im Zenith und die Sternbilder am Firmament, Wind, Regen,
+Hagel und Schnee stellte sie als wechselnde Erscheinungsformen fest, von
+denen sie den jedesmal gewollten Effekt zu erkennen suchte. Sie mochte
+nicht einsehen, Regelmäßigkeit sei das Prinzip, aus dem Natur sich rege und
+sträubte sich, zu glauben, Sonne gehe ohne besonderen, heutigen Zweck auf,
+um zu sterben und morgen wieder pünktlich am Platz zu sein. Am
+Wiederkehrenden wollte sie durchaus das einmalig Notwendige erkennen, das
+es erst legitimiere.
+
+Doch je tiefer sie in den Plan der Schöpfung eindrang, sah sie
+Gleichförmigkeit und Gegebenheit als letztes Gesetz ein. In noch höherem
+Maß als der Mensch waren Pflanze und Tier artmäßig übereinstimmend; es ging
+im weiten Umkreis der Natur gattungsgemäß nach ewigen Formeln von der
+Geburt zum Tod ohne den Aufschwung, den für sich selbst der niedrigste
+Mensch einmal im Dasein beweist. Was aber mit Gewißheit vorauszubestimmen
+war, langweilte sie nicht nur am Menschen; und so langweilte sie bald erst
+recht Natur. Was man den Reihen des aus gleichem Stoff Gewesenen in
+gleicher Absicht nachtat, könne als eigentliches Sein nicht rechnen, dachte
+Meta. Denn es entkleide des Selbstgefühls und noch Erhabeneren, das sie
+nicht zu nennen wußte, aber mit allen Fasern ihrer Seele immer anstrebte.
+Sie mochte nicht aus fremden Zungen reden, nicht aus fremder Gewißheit
+handeln. Von sich selbst mußte sie fortwährend zeugen, und im Haus und
+draußen wollte sie nur mit Organismen umgehen, die, die Form sprengend,
+eine andere eigentümliche Form bildend, sich bewiesen.
+
+In des Hauses entlegene Stube zog sie und saß im Halbdunkel. Da die
+Gegenwart ihrem Erlebnisdrang nicht günstig ist, lebt sie von Erinnerung,
+während sie wie eine Spinne im Netz auf Anlaß lauert, sich zur Höhe ihres
+Gefühls von neuem aufzurichten. Sie zaubert den Abglanz aller Stationen
+ihres weiblichen Blühens und Welkens her. Franz tritt mit vollkommener
+Sensation zu ihr, und erst jetzt kennt sie ihn in seinem ganzen Verein: Er
+war absonderlich jung und so wenig eigene Person, daß sie ihren ganzen
+Traum vom Mann mit ihm hat austräumen können. Je eindringlicher sie ihn
+gliedert, eine Zukunft bildet, die er gelebt hätte, wäre er vom Krieg
+heimgekehrt, um so deutlicher wird er das Ebenbild Jakobs. Derselben
+Begabung, des gleichen seelischen Gewichts, hätten Sprüche in seinem eitlen
+Maul den Mangel an Tatkraft stets ersetzen müssen. Wie Jakob hätten auch
+ihn Schnallen und Medaillen auf der Brust in seiner Welt beglaubigt;
+hinreichende Betätigung seiner selbst hätte auch er in Prost und Toast
+gefunden.
+
+Zehn Jahre früher würde sie ihn damit aus dem Herzen verloren haben, und
+die Zeit ihres höchsten Aufschwungs mit ihm wäre nie gewesen.
+
+Mild stimmte sie die Erkenntnis mit Gott, und aufmerksam sah sie ins
+treibende Gewölk, als läge hinter ihm vielleicht noch Überraschung und
+neuer Aufruf zu tätigem Leben. Ihre inneren Bestände von jeher musterte sie
+und stellte fest: nie habe gegen den Höchsten sie sich vergangen, hätte
+sie, ein menschliches Weib und nach den Worten der Schrift sein Abbild, vom
+ersten Lebenstag das Recht auf eigene Person und volle Verantwortung für
+sich gefordert. Denn nie, wohin immer die Sucht persönlichen Erlebnisses
+sie geführt, sei sie noch so schrecklichen Folgen ausgewichen. Sie hielt es
+sogar des Menschen als des göttlichen Gleichnisses für unwürdig, lebte er
+im Hinblick auf die Allgegenwart und Allkraft Gottes träge im Bett der
+Gewohnheiten, ohne mit seinem Blut die überkommenen Begriffe zu füllen und
+für sich selbst lebendig zu machen. Ihr ganzes Leben hindurch hatte sie nur
+gegen Sattheit, Ruhe und Stillstand in sich und anderen gemeutert, sich
+empört gegen den Tod in jederlei Gestalt, als gegen den grimmigsten Gegner
+des allebendigen Gottes. In Menschen, die ein nutzloses Sein nach Schema
+und Klischee hinbrachten, war sie wie Flamme gefahren und hatte sie zu
+eigener Äußerung endlich gebracht.
+
+Wo sie weilte, hatte Gefühl in Marsch und Aufruhr gestanden. Niemand habe
+mit ihrer Bewilligung einfach geschlafen, gegessen oder von beiden
+ausgeruht.
+
+Als mit dieser Einsicht alle Bedenken über Vergangenheit in ihr
+ausgeglichen waren, regte sie sich, nach dem Tod des Gatten Jakob, wieder
+rüstiger und richtete von sich fort den Sinn unmittelbarer auf die Mitwelt.
+Es reizte sie mächtig, nicht mehr aus dunklem Drang, sondern mit
+vollkommener Erkenntnis manchen schwächeren Weltkinds Bürde auf ihre
+Schultern zu nehmen, seine Bedenklichkeit, sich zu sich selbst zu bekennen,
+in alle Winde zu zerstreuen. Eine alte Eva war sie, gebraucht und in den
+Kesseln des Geschlechts gesotten. Aber unter weißem Haar stand das
+Menschliche ihr frisch und unversehrt. Nicht weniger als die Jungfrau
+einst, im Fenster auf Ausschau hängend, war sie für sich und andere keck
+und zukunftssicher.
+
+Ihre Kraft in abgestecktem Raum aufs beste noch zu nützen, trat sie in das
+Altfrauenhaus ihrer ländlichen Gemeinde ein. Zwanzig in durchschnittlichem
+Leben abgeblaßte Seelen traf sie dort, erloschene Flämmchen, die sich
+schämten, noch zu schwelen. In verschlissenen Kleidern, das weibliche
+Aussehen arg vernachlässigt, schlichen diese menschlichen Trümmer unsicher
+im Dämmerlicht.
+
+Meta wie Jugend, Sturm und himmlische Überredung fuhr in sie. Rollte ihnen
+den Film des Lebens zurück, wies die häufigen Höhen und zeigte einer jeden
+an der entsprechenden Stelle ihre ganz unvergleichliche, irdische
+Wirksamkeit. In welken Brüsten entzündete sie eine späte aber vollkommene
+Überzeugung von der einzigen Bedeutung dessen, wofür sie geblüht hatten.
+
+Und jede dieser Kreaturen setzte einige schüchterne Schößlinge an. Das
+kahle Holz begann zu treiben in der Gewißheit, solange es lebte, am neuen
+Morgen noch immer den ersten Tag zu haben. Es wurde das Licht der Augen
+wieder hell; die Hauben gebügelt und gewaschen, bekamen Rüschen; Spitzen
+und gefälteltes Weiß sahen aus den Ärmeln. Finger, Ohren und das gepflegte
+Tuch der dunklen Kleider waren plötzlich goldgeschmückt.
+
+Nach vollbrachtem Tagwerk findet man die Runde der Weiber allabendlich um
+die gewaltige Tafel: aus den Hälsen die Häupter steif gehoben, die Hände
+wie bewiesene und bedeutende Einheiten breit auf die Platte des Tisches
+gestreckt, lauschen sie andächtig Metas Rede. In allen Antlitzen aber
+brennen zinnoberrot hektische Flecken, und manchmal klopft zu dem
+Gesprochenen ein Fuß mit hohem Bewußtsein den Boden.
+
+Als vom benachbarten Kloster die Nonne Äbtissin, die von Metas
+Hochgemutsein in der strengen Abgeschiedenheit gehört hatte, sie aufsuchte
+und, mit ihr plaudernd, meinte, vielleicht sei das Kloster auch für den
+Rest _ihrer_ Tage der rechte Ort, gab die alte Magd bescheiden doch gewiß
+dies zurück:
+
+Ihr seid nicht stolz genug auf euch, ihr klösterlichen Weiber. Mir gefällt
+nicht die Demut, das Bedauern eigener Unzulänglichkeit und nicht
+Unterwerfung unter hohe, unumstößliche Vorschrift. Schönste, irdische
+Wirklichkeit bin ich mir selbst, und auch vor meinen Herrn will ich einst
+so treten, daß er mich als das Höchstpersönliche erkennt, welches er, von
+aller Menschheit streng unterschieden, einst schuf, und das er »Meta«
+nannte.
+
+ENDE
+
+CARL STERNHEIM
+
+Insel-Verlag zu Leipzig
+
+_Don Juan_, Eine Tragödie · Geh. 5 M., Halbleder 8 M.
+
+_Ulrich und Brigitte_, Ein dramatisches Gedicht · Geh. 3 M., Leinen 4 M.
+
+Aus dem bürgerlichen Heldenleben 1. _Die Hose_ · Lustspiel 2. _Die
+Kassette_ · Komödie 3. _Bürger Schippel_ · Komödie 4. _Der Snob_ · Komödie
+
+Jeder Band geheftet 3 M., in Leinen 4 M.
+
+Kurt Wolff Verlag zu Leipzig
+
+5. _Der Kandidat_ · Politische Komödie 6. _1913_ · Schauspiel 7. _Tabula
+rasa_ · Schauspiel (Auf Subskript.)
+
+_Das leidende Weib_ Drama nach F. M. Klinger
+
+_Die drei Erzählungen_ Reich illustriert mit Original-Lithographien von
+_Ottomar Starke_
+
+Kurt Wolff Verlag zu Leipzig
+
+Neue Dichtungen
+
+In einheitlicher Ausstattung fest brosch. M. 2.50; in Halbleder geb. M.
+4.50; in Pappband geb. M. 3.50
+
+_Franz Kafka_ · Betrachtung. 2. Auflage
+
+_Oskar Kokoschka_. Dramen und Bilder. Mit einer Einleitung von Paul Stefan
+
+_Rabindranath Tagore_ · Chitra. Ein Drama. -- Der zunehmende Mond. (Mutter
+und Kind) -- Gitanjali. (Sangesopfer.) -- Der Gärtner. (Liebeslieder)
+
+_Franz Werfel_ · Einander. Oden -- Lieder -- Gestalten -- Die Troerinnen
+des Euripides. In deutscher Bearbeitung. Wir sind. Neue Gedichte. 3.
+Auflage.
+
+In meinen Verlag ging über und erschien in neuer Ausgabe:
+
+_Franz Werfel_ · Der Weltfreund. Gedichte.
+
+Kurt Wolff Verlag zu Leipzig
+
+Der neue Roman
+
+Sammlung zeitgenössischer Erzähler
+
+Jeder Band geh. M. 3.50. geb. M. 4.50. kart. M. 4.--
+
+Der große Erfolg, den die mitreißende Gewalt neuer Erzähler in den
+weitesten Kreisen der Lesewelt gefunden hat, und die begeisterte Aufnahme,
+die beispielsweise Sternheims »Napoleon« bereitet ward, läßt klar erkennen,
+daß das Publikum endlich den seichten Unterhaltungsroman der vielen
+Gartenlauben satt hat. Es sehnt sich nach einer literarisch gehaltvolleren
+Kost mit Durchdringung von hoher Geistigkeit und innigstem Gefühl wie in
+Max Brods Roman »Tycho Brahes Weg zu Gott«. Vom Jahrhundert des Aeroplans
+und der Untergrundbahn verlangen wir auch eine kongenialere Kunst, furios
+im Tempo und im Monumentalstil wie Flaubert und Heinrich Mann, atemraubend
+wie Meyrinks »Golem«. Einem solchen Verlangen soll diese neue Sammlung
+zeitgenössischer Erzähler versuchen gerecht zu werden, deren vornehmstes
+Ziel sein wird: den neuen Dichtern Raum zu schaffen, die -- wenn sie auch
+noch so verschieden an Kraft und Wesensart sein mögen -- uns den starken
+Atem unserer Tage spüren lassen.
+
+Als erste Bände erschienen:
+
+_Gustav Meyrink_, Der Golem _Max Brod_, Tycho Brahes Weg zu Gott _Heinrich
+Mann_, Schlaraffenland
+
+In Vorbereitung befinden sich neue Bücher von Kasimir Edschmid -- Arnold
+Zweig -- Flaubert -- Anatole France -- Heinrich Mann u. A.
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Meta, by Carl Sternheim
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41724 ***
diff --git a/41724-8.txt b/41724-8.txt
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--- a/41724-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,1603 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Meta, by Carl Sternheim
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Meta
- Eine Erzählung
-
-Author: Carl Sternheim
-
-Release Date: December 28, 2012 [EBook #41724]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK META ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-
-
-
-META
-
-
-EINE ERZÄHLUNG
-VON
-CARL STERNHEIM
-
-
-ERSTES ZEHNTAUSEND
-
-
-LEIPZIG
-KURT WOLFF VERLAG
-1916
-
-
-Sechsundzwanzigster Band der Bücherei
-»Der jüngste Tag«.
-
-COPYRIGHT 1916 By KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG
-GEDRUCKT BEI E. HABERLAND IN LEIPZIG-R.
-
-META war ein dienender Geist, geboren im gleichen Städtchen, in dem sie bei
-bürgerlicher Herrschaft Stellung hatte. Siebenzehn Jahr alt, schien sie
-klein, fest und hatte zu mittleren Formen den vollen Busen der Frau, auf
-den sie stolz war, den sie herausstrich und mit Brosche und Blume
-garnierte. Ihr Haar, das aufgelöst mit blonder Welle ins Knie hing, wusch
-sie mit Branntwein und Kamille. Der dünne Sopran sang Volks- und
-Kirchenlied; warm wie ein Öfchen war die ganze Person.
-
-Sprang sie morgens aus den Kissen in die Kammer, verschlug ihres Körpers
-Hitze gleich des Nordzimmers Kühle angenehm. Bei jeder Bewegung, warf sie
-die Arme ins Waschbecken, fuhr mit dem Bein in Hose und Rock, hob es zum
-Schuhknöpfen auf den Stuhl, ging ein molliger Hauch in die Atmosphäre, und
-alle Umgebung war immer behaglich für sie angewärmt.
-
-So fand sie, von Frost und Schauern nie zur Eile getrieben, Zeit, sich beim
-Anziehen im Spiegel reichlich zu sehen, unter das Haar, in den Rachen zu
-spähen und die Zähne tüchtig zu bürsten. Mit billigen Pasten salbte sie die
-Haut.
-
-Da sie aber ihrer Arbeit gewissenhaft hingegeben war, blieben die Hände,
-die in Soda und Lauge tagsüber schwollen, Risse und Borken bekamen, ihre
-ständige Sorge. Unter dem Zeug war sie blank wie Porzellan, aus den Ärmeln
-aber schauten breit und blau die Flossen.
-
-Kleider von glattem Tuch standen ihr zum Entzücken, beim Schaffen schien
-die Schürze darüber angegossen. Stand sie hoch und auf Leitern, sah man die
-Säume der Wäsche weiß, und aus fester Wolle schwarze Strümpfe. In der
-Bewegung spielten die Glieder rund und im Rhythmus.
-
-Der Herr, erwischte er sie in einer Ecke, patschte ihr leutselig aufs
-Hinterteil. Sie lächelte und nahm's als Herzensbeifall. Schon hundertmal
-hatte er sie getätschelt, und es sprang aus ihr kein Flämmchen. Noch war
-sie niedlich nur für sich selbst, und Blicke der Männer machten sie nur in
-der Selbstschätzung sicher. Im Sommer schwitzte sie, im Winter wünschte
-sie's zu tun. Der Frühling sagte ihr Besonderes. Da wurde ihr Tun gemessen.
-Sie verhielt sich, den Kräften, die sie spannten, begegnend. Sie flog ein
-wenig von innen heraus, und ihre wie zum Gebet gefalteten Hände drückten
-die bewegte Brust, das drängende Leibchen nieder.
-
-Im Spiegel sah sie sich ins Auge und fand alles weit und blau. Ein großer
-Reiz stellte ihr das Gefieder der Haut auf; sie schnurrte. Oft fiel sie
-verloren in den Sitz und staunte. Befühlte Gegenstände und sich selbst und
-mußte, Tränen im Blick, den zierlichen Kopf schütteln. Abends aber im Bett,
-dem geöffneten Fenster entgegen, lächelte sie verschmitzt ins Himmelslicht
-und dachte ihr Teil.
-
-Plättete sie Wäsche der hübschen Hausfrau, hatte sie gerührte
-Vorstellungen. Zärtlich strichen die Hände Spitzen und Rüsche. Armes,
-dachte sie von ihr, -- glückseliges Weib dann wieder, und aus ihr hüpfte
-Mitgefühl. Hemd, Kragen und Beinkleid des Mannes weckten ihr gutmütigen
-Spott. Die Männer, Himmel, das war eine Sache für sich; doch immer zum
-Kichern.
-
-Sie lächelte jeden an, dem sie Rede stand, und spürte, es ist nicht ernst
-mit ihm. Nur ein wenig Blitz brauchst du in den Blick zu stellen, das
-Mäulchen zu schürzen, und mit seiner Gewalt, dem festen Auftritt ist's
-vorbei. Den Beamten, die behördliche Mahnung brachten, entgegnete sie auf
-ihr »endlich!« und »unwiderruflich!« mit stiller Heiterkeit, daß die das
-Auge schlugen und gleich fröhlich von der Sache wegzureden begannen. Einem
-Polizisten hatte sie sogar den Arm gestreichelt. Waren die Männer schon in
-die Treppe zurückgetreten, schmetterte sie ihnen helle Triller nach, daß
-die draußen lachten und dachten: welch' niedlicher Vogel, welch' frecher!
-Und ihnen noch einmal wohl wurde. An allen Straßenecken grüßte sie die
-Obrigkeit. Die Wagenführer waren ihr gewogen. Milchmann und
-Schornsteinfeger grinsten bei ihrer Begegnung, und zum Dank hatte sie für
-alle einen Blick, irgendwie Duft ihrer Frische. Regnete es, hob sie die
-Röcke an die Wade, und trippelnd fing sie aus Blinzeln und Geschmunzel
-bärtiger Gesichter sich eigenen Sonnenschein. Hochgestimmt war sie an
-Sonntagen, an hohen Festen überirdisch bewegt.
-
-Zu Weihnachten bekam sie von der Herrschaft ein leeres Heft, auf dem in
-goldenen Lettern »Tagebuch« stand. Dazu ein gedrucktes Buch, einen Roman
-des Titels »Der Zug des Herzens«. Mit der Spende des Tagebuches war von den
-Gebern nicht beabsichtigt, ihre Magd zur Selbsteinkehr zu führen.
-Irgendwann hatte es die Frau geschenkt bekommen und gab es weiter, andere
-Gabe zu sparen. Der Roman aber war in einer Buchhandlung eigens für Meta
-gekauft.
-
-Es war die erste Liebesgeschichte, die das Kind erfuhr, und sie vermittelte
-ihm stürmischen Eindruck. Held und Heldin des Buches liebten sich auf
-vorbildliche Art; das Mädchen schien leiblich und seelisch wie aus dem Ei
-gepellt und machte dazu mit Rede und Geste heldische Anstrengung, stand sie
-bei dem Geliebten. Ihre braunen Flechten waren gelöst, es blitzten die
-Augen, die Brust hob sich regelmäßig stürmisch. Auf ihrem Antlitz lag Güte,
-sie lispelte hold, und abwechselnd ließ sie das Haupt dem Mann an die
-Schulter und in den eigenen Nacken sinken. Der Liebende aber war ein
-Standbild aus Bronze. Er sprach Gold und schwieg Erhabenheit. Es ließen
-sich die Situationen himmlisch an trotz einiger böser Menschen, die zum
-Schluß ihr Unrecht bekannten. Küsse knallten auf jeder Seite, und einmal
-war sogar von etwas die Rede, das Metas Blut zum Wallen brachte.
-
-Sie war hinterher mit Dichtung gefüllt, schickte mit jedem Gedanken
-Übersinnliches in die Welt, verband aller Handlung fortan dunklen Zweck.
-Zittern befiel sie jetzt beim Bügeln der Wäsche, und es schwindelte sie,
-räumte sie des Ehepaars Schlafzimmer nach; ein Geheimnis wuchs in der
-Brust, und sie neigte ein wenig zur Angst. Auch legte sie wohl den
-geschwungenen Arm an einen Türpfosten und seufzte verzaubert. Schwäche saß
-in den Schenkeln; von der Küche sah sie zum Hof auf die Tiere, die sich
-berochen.
-
-Erst wälzte sie heftig Gedanken, dann saß sie eines Abends bei Papier und
-Feder und stach entschlossen ins Faß. Doch flossen Tränen vor der Tinte auf
-die Seiten, und ihr entfuhr ein »Jesus!« nach dem andern.
-
-Fedor, der Held des Romanes, wuchs stracks in ihr Leben. Aus den Armen
-Leonores, der sie auf manche Schliche kam, riß sie ihn und zog ihn zu sich
-hinüber. Eine Vollkommenheit ihrer Seele nach der andern entschleierte sie
-dem Entzückten, der mit »geliebtes, himmlisches Weib« respondierte und
-segnende Gebärden auf sie schwenkte. Dazu murmelte Meta innerlich ein
-erlöstes: ach! Einmal, als sie ihm eine Tugend, die ihr eignete, zuraunte,
-wollte der Hingerissene flink ihre Lippen. Da aber richteten sich Trotz und
-Person des Mädchens noch einmal hoch, bis sie durch Glut der Blicke
-versengt, schmelzend in den Wirbel seiner Küsse einging.
-
-Nun hockte sie, von der Arbeit fort, oft in den Winkel und ließ sich von
-ihm umschließen. Die Lippen schmiegte sie zwischen die eigenen Finger, die
-sie geschlossenen Augs besog. Fedors Atem blies sie aus ihnen an, sein
-Wunsch und Wille mit ihr lag wie Faust auf ihrem Haupt. Er wuchs sich aus,
-ward bald ein Schlimmer. Dem Schluß ihrer Arbeit lauerte er auf, trieb sie,
-die Hände wie Hämmer über sie gehoben, flugs in die Kammer hinauf. Dort
-preßte er den Rücken gegen die Tür, breitete Arme und Beine und sperrte
-gänzlich den Weg. Dann stellte er die schreckliche Forderung: ihr Kleid
-solle sie abwerfen, Wäsche zeigen. Sie aber schlug ihr purpurnes Antlitz in
-die Hände, und während Fieber sie quirlten, stieß ihr Stimmchen das noch
-gerade hörbare Nein als Hilfeschrei heraus, der ihn verjagte.
-
-Das ging nun Abend für Abend. Schon beim Einbruch der Dunkelheit sprang
-seine Tatze aus der Wand und trieb sie. Wo sie stand, hatte sie das Gefühl,
-der Zugriff blieb hinter ihr. Sie lief mit vorgestoßenem Schoß und legte
-die Hände schützend unter das Gesäß. Das war ihres jungen Lebens Zustand,
-bis Franz erschien.
-
- * * * * *
-
-Er brachte eines Morgens ein Telegramm, und als er's gab, sah er in die
-Luft. Da er auf Antwort wartete, blieb er in der Küche. Meta suchte, seinen
-Blick aus dem Nichts zu fangen, doch wich er aus. Endlich gelang ihr's,
-sich ihm in den Sehwinkel zu haken, und nun zog sie des Jungen Haupt gegen
-ihr Antlitz, ließ es Kreise beschreiben, und als er es recht geradeaus
-hielt und die Augen gleich zwei Tassen aufriß, blies ihm das Mädchen mit
-Stichflamme ihren Glanz bis zur Herzgrube. Sofort war er mit Licht innen
-tapeziert. In Magen und Eingeweide, an des Leibes Wänden, -- überall
-verzehrten ihn ihre Feuer. Er stand gelähmt, und erst, als sie ihn
-anredete, schlenkerte er weg. Doch wurden die Depeschen im Städtchen
-hinfort nicht schnell bestellt, denn er verweilte auf Brücken, in
-öffentlichen Gärten. Bog die Zweige der Büsche nieder, ließ sie schnellen,
-und ihm war's süßer Schreck. Im Tritt mied er Ritzen der Trottoirplatten
-und alle Schatten; ließ den Finger an Gittern spielen. Sonntags sackte er
-in eine Bank im Park und trank Erinnerung des unvergeßlichen Morgens.
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-Meta aber putzte die Scheiben zur Straße, nach ihm zu spähen. Erschien er,
-hing sie den Rumpf, die halbe Brust ins Freie und flatterte, Tuch in
-Händen, wie eine Fahne am Fenster. Den Kopf in die fortstehende Sohle, das
-offene Loch ihres Rockes gereckt, marschierte Franz unten vorbei. Einmal
-doch wurde er flach hingenagelt, als sie ihn anrief. Er sperrte Mund und
-Auge wie ein Karpfen, und ohne daß er sie verstanden hätte war er
-verhimmelt. Nun begann, was Regeldetri ist: eine einfache, dumme Liebe in
-dem Jungen, der träumte, was das Zeug hielt, mit keuschen Symbolen. Engel
-war für die Angeschwärmte das mindeste Gleichnis. Er gab ihr Krone, Kelch
-und Dorn und alle Vollkommenheit im Voraus. Sie empfand's auch, als sie das
-erstemal mit ihm in die Felder ging. Ganz anders als in ihrem einstigen
-Verhältnis zu Fedor mußte sie sich nicht brüsten. Wort aus ihrem Mund war
-ihm Allegorie, Silbe schon Botschaft. An ihrer Seite ging er, Andacht und
-Glaube. Sie schwatzte Blasen ins Blaue und spürte gleichviel, wie Basalt
-fiel ihre Rede auf sein lauschendes Herz. Die blasseste Geste von ihr blieb
-ihm denkmalhaft in der Vorstellung; schloß er die Lider, rauschte sie
-großflügelig daher mit Schwung und Faltenwurf des Gewandes. Auch Natur, die
-sie einmal bezeichnet, verharrte für ihn endgiltig. Als sie bei einer
-Promenade den sinkenden Sonnenball zeigte, stand der fortan Tag und Nacht
-seinem Auge an der gleichen Stelle. Silhouette der Berge, an einem
-regnichten Morgen von ihr mit dem Finger an den Himmel gerändert, blieb
-dort, fest in die Wolken gemeißelt. Überglücklich fand sich Meta und diese
-Anbetung wie ein Wunder, das den Sinn ihres Lebens erhellte. Was galt
-Arbeit und Abhängigkeit, stand am Haustor abends der Trabant mit dem
-Tronhimmel seiner Liebe, unter dem sie als Kaiserin schritt? Maskerade war
-ihr Dienst; Wirklichkeit begann an der Seite des Verliebten.
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-Das Mädchen sah der Gottesmutter Bildnis oft und dringend an und nahm aus
-Haltung und Gebärde viel für sich wahr. Denn sie meinte, des Jünglings Sinn
-allmählich mit Wirklichkeit stützen zu müssen; doch erfuhr sie nicht, daß
-der Eindruck ausblieb, weil die männliche Seele sie ewig strahlender sah,
-als sie es darstellen konnte. Ihm war sie nicht nur Maria aber Meta dazu.
-Und die war ihm ursprünglich herrlicher.
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-Flitzte auf gelbem Rad er vorüber -- stand sie im Fenster --, riß er die
-Mütze in die Wagerechte und schickte mit gedoppeltem Blick ihr ewige Treue.
-Lob für sein forsches Fahren spendete sie ihm und bat, sie's auch zu
-lehren. Doch als er bei Dunkelheit kam und sie in den Sattel hob, saß sie
-schlecht und bewegte sich unkundig. Fürchtend aber, seine Erwartung sei,
-schnell müsse sie die Lenkstange greifen und, die Maschine beherrschend,
-sie mit Schwung aus sich selbst in Gang setzen und lächelnd entschweben,
-stieg sie gleich zur Erde nieder, behauptend, dies zieme ihr durchaus
-nicht.
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-Überall und immer, weil sie infolge seiner grenzenlosen Anbetung eine
-Formel der Vollkommenheit erfüllen wollte, bemühte sie sich jetzt, die
-Schöpfung abhängig von ihr zu zeigen. Hatten sie auf Märschen den Gipfel
-des Berges bei schlimmer Hitze erstiegen und starrten, Atem ausbrausend,
-den Rausch der Freiheit oben an, wollte sie Wasser, sonst nichts, wohl
-wissend, anderes möchte am Ende nicht zu finden sein; Göttern aber versage
-sich nichts. Oder sie sprach, wenn schon die Tropfen fielen: daß es doch
-regnen möchte! Und stellte den Sturm der Elemente mit dem Hinweis auf die
-Pracht des Regenbogens ab, doch so ein wenig, als hätte der auf ihren Ruf
-erst sich illuminiert.
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-Sie war sich nun bewußt, unvergleichliches Leben mit Franz zu machen. Keine
-Nebenbuhlerin könne gefährlich werden, denn an goldenen Fäden lenkte sie
-für ihn die Welt und zog mit sphärischer Landschaft, englischen Freuden,
-mit sich selbst immer das Paradies auf die Szene.
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-Ihr Lohn war sein staunender Beifall. Ausgleich für Gefühle, die sie
-irgendwie schon heimsuchten. Einen Frühling hindurch liefen sie in
-Freistunden durch umhuschte Wege Höhen hinan. Saßen oben im Moos, das Bild
-der Heimat vor sich ausgebreitet, in dem Meta die gestellte Sonne blieb.
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-Sie lebte Dogma. In seinen Glauben geschient, war ihr Wille seiner Demut
-unterworfen. Seine herrische Andachtsforderung ließ ihr im einzelnen
-Spielraum, zwang aber unbedingt die Richtung ihres Lebens. Herzlich liebte
-sie ihn, bewunderte die entfesselte Hingabe, und mählich, mehr und mehr,
-begann sie, ihm diese zu neiden.
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-Baute er sie steil vor sich auf und machte Kniefall, sie aber mußte
-irgendwie mit seelischer Verzierung stehen, hätte sie neben ihn hinsinken
-und auch anschmachten, anbeten wollen. Ihre gezwungene Stärke trieb ihr
-schließlich Tränen ins Auge. Das gefügte Erz der Gesten begann zu reißen,
-ihrer Stimme Metall zerbrach. Brüchig ward das eherne Standbild, und
-Fleisch begann, allenthalben in die Furchen zu wuchern. Stand er jung,
-stark und gerade als Mann gewachsen vor ihr, senkte das Haupt an ihre
-Brust, auf das sie dem Ritus zufolge die gekreuzten Handflächen legen
-mußte, konnte sie Aufwallung nicht mehr unterdrücken. Oft schüttelte sie an
-seiner Seite der Reiz so mächtig, daß die Zähne schlugen und Gebein
-klappte. Er aber, knabenhaft frei, sang das Marschlied in die Luft.
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-Sie betete zu allen Heiligen, den Sinn ihm von Grund auf zu ändern; seiner
-Kraft und Gewalt möchte er sich bewußt werden. Sie wünschte die ins Fenster
-geschmetterte Faust, daß Scherbe vom Kitt klirre. Vorm Schlafengehen brach
-sie ins Knie und senkte der Seele unbezähmbare Sehnsucht nach Hingabe in
-selbstvergessenes Gebet. Wollte sie aber sanft und mit gütiger Schonung
-Anfall ihrer weiblichen Schwäche von weitem ankünden, schob er
-unwiderstehlich doppelte Riegel vor. Er wollte seine Andacht bis an die
-Sterne spreizen, doch müsse sie das unzerreißbare, sich immer weitende
-Gefäß für sie bleiben. Dazu flatterten seine Worte ekstatisch, und die Arme
-ruderten wie mystische Mühlen. So blieb sie Heilige weiter, aber der Wurm
-fraß in ihrem Blut. Sie duldete seinen Kult und spürte nur immer mit allen
-Sinnen, durch welche Mittel sie ihn zerschlagen, wie sie Franz vergotten
-und in der Rolle der demütigsten Magd sich selbst mit natürlichem Glück bis
-an den Rand füllen könnte.
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-Eines Abends, als sie zum Bad in flacher Schale Wasser stand und das
-Gesicht über die Schulter in den Spiegel legte, sah sie sich rückwärts so:
-von mittlerer Größe, schien die Gestalt in der Hüfte edel geteilt. War auch
-das Postament der Beine höher, saß der Rumpf mit gutem Verhältnis darauf.
-Leuchtendes Weiß des Fleisches war durch der Flechten Blond getönt, die von
-der Hand im Nacken zusammengepackt, von dort in zwei Flüssen mit spitzer
-Mündung zu jenem Taillenschwung liefen, der Meta das geheimnisvolle Mittel
-ihres Körpers schien. Sie bleibt von Reiz gefangen, als sie die geschnürte
-Betonung der Hüfte in Linien, die das Kissen des Gesäßes vom Schenkel, das
-Knie von der Wade trennen, sich wiederholen sieht. Ihr heller gewordenes
-Auge stellt schließlich den vierten Ton dazu fest: die Schulterlinie, die
-durch den hochgenommenen Arm noch deutlicher wird. Mit dieser Vierteilung
-Hilfe geht ihres Leibes Sinn ihr völlig auf: Zum Denken der Kopf, die Beine
-zum Schreiten. Zwischen Hals und Hüfte ist der Rumpf, Sitz der Organe, die
-uns das Himmlische vermitteln: durch Lungen und Herz den Odem Gottes, aus
-dem wir leben.
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-Aber dahin, wo wie ein geschwellter Kessel der Leib zwischen Schenkel und
-Hüfte eingelassen ist, hat ihr kindischer Sinn, hat Franz nie gedacht.
-Dort, während Blutsturm sie purpert, die Arme zur Höhe fliegen, fühlt sie
-plötzlich die entscheidenden Gewalten sitzen.
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-Die Folgen ihrer Erkenntnis waren beim nächsten Beisammensein deutlich.
-Kopf und Oberteil hatten die Schwere verloren; aber die Schritte setzte sie
-gewichtig, als liefen die Beine in Scharnieren, und sie müsse, Reibung und
-Kreischen der Teile in den Gelenken zu vermeiden, die Hüftknochen emsig
-drehen und das Rückgrat unten pendeln lassen. So kam es, daß beim Gehen ihr
-Rock des Mannes Schenkel schlug, während Metas Blick auf seltsame Art sich
-verglaste. Aber schnell merkte sie von seinen Gliedern Widerstand, der ihr
-die Knochen bog und sie in das lustige Trippeln zurückzwang, mit dem sie
-bisher neben ihm gegangen war. Auch im Gespräch duldete er die Einführung
-solcher Vokabeln nicht, die irgendwie ein Fallenlassen der strengen
-zwischen ihnen geltenden Regeln andeuten wollten.
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-So griff sie zu Listen, ihr Gleiten aus Franzens Himmel zur Erde zu
-ermöglichen. Den Hut ließ sie fort, ihr Haar vor ihm in Verwirrung spielen.
-Sie ging leicht gekleidet, daß Wind die Musseline blähte und Sonne sie
-durchsichtig mache und zeigte an Hals und Armen Streifen rosiger, gepelzter
-Haut. Auch hob sie sitzend das Bein übers Knie, gelöstes Schuhband zu
-knüpfen und war seinen Blicken nirgends geizig. Die aber schienen in
-solchen Augenblicken mit milchigem Horn gepanzert und schossen hinterher
-Drohungen auf, die das Mädchen rührten und endlich, als sie einmal gewagt,
-den gesunkenen Strumpf in seiner Gegenwart aufzunehmen, durch ihre lodernde
-Gewalt vollends erschütterten.
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-So riß sie die Kräfte zusammen und gelobte mit zusammengebissenen Zähnen,
-ein für allemal auf ein anderes Glück zu verzichten und ihm weiterhin
-entschieden die himmlische Liebe zu sein. Für ihren Verzicht aber wollte
-sie ihn auch wirklich an den Grenzen der Hingabe sehen, damit, könne schon
-sie selbst sie nicht betätigen, sie in seiner Seele das süßeste Bild
-demütiger Liebe entzündet finde. Er müsse in ihrem Dienst seine gesamte
-Leiblichkeit ändern, verlangte sie, die Lebenswärme für sie beleben,
-Geschmeidigkeit und Beweglichkeit ausbilden. Das Zerrissene möge er in sich
-binden, das Gebundene in sie auflösen. Höher solle er jubilieren, und die
-Gabe der Träne müsse ihm immer eignen. Sie fordere den Gesamtsinn
-verfeinert, Einbildungskraft gesteigert; Poesie wollte sie in ihn
-eingegossen, kurz überall stürmische Bewegung der Willenskräfte. Sie sei
-nicht eine vollkommene Heilige, ohne daß ein im stärkeren Maß ergriffener
-Gläubiger zu sein, er sich inständig bemühe.
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-Durch solche Worte über den statischen Zustand seiner Jugend in eine seiner
-Natur genehme Entwicklung geführt, brach Franz in die Ekstasen der Liebe
-unverzüglich auf. In seinen tiefen, mittleren und obersten Gebieten
-wandelte er Leiblichkeit in reinen Geist und war alsbald zu jeder von ihr
-gewollten Vision bereit. Während Meta tagsüber Arbeit als simples
-Stubenmädchen verrichtete, erblickte Franz sie, wo sie vor ihm erschien, in
-höhere Erscheinung transformiert. Sah erst ihr Antlitz, dann die Hände,
-Haare, Atem leuchtend werden. Und erlebte sie schließlich aus leerer Luft
-strahlend und figürlich.
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-Ihr blieb auf diesem Gebiet von ihm nichts mehr zu hoffen übrig.
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-Da wurde die Nation in einen Krieg gestürzt. Die Männer verließen die
-Familie, das Vaterland zu verteidigen, wie sie, in Schritt und Tritt
-marschierend, durch die Gassen sangen. Franz, der das zwanzigste Jahr nicht
-erreicht hatte, blieb daheim. Doch lag auch auf den Bleibenden der Druck,
-und es schien unmöglich, ihr Schicksal von denen, die im Feld standen, zu
-trennen. Jeder war von sich fort zu fremdem Los gerissen. Als im
-Fortschreiten des Feldzuges immer neue Scharen hinauszogen, war es den
-beiden offenbar, auch ihre Trennung stünde bevor. Wehmut legte sich auf
-alles Erleben, und die Welt schien die gewohnte Weite verloren, die Brücken
-zum Himmel zerstört zu haben. Jede Frage wurde praktisch, Antwort lautete
-aus irdischen Begriffen. Maßnahmen des Feindes zwangen, an Notdurft,
-Beschaffung von Essen und Trinken zu denken. Die ersten
-zusammengeschossenen Krüppel traten auf, und es galt, ihre künftige
-Versorgung vorzubereiten. Überall stand plötzlich das Allgemeinmenschliche
-für das menschlich Besondere. Auch Franz und Meta sprachen von geschlagener
-Schlacht, Gefahr und Verwundung der Freunde und Verwandten. Sie lernten
-Artillerie und Infanterie, spickten ihre Sätze mit kriegerischem Begriff
-und unterlagen dem Eindruck von Sieg und Niederlage. Die Zeitungen
-bestätigten die märchenhafte Niedertracht der Gegner, bravuröse Tapferkeit
-der eigenen Truppen immer von neuem. Bei jeder Begegnung rief nun einer dem
-andern schon von weitem zu: »Hast du gehört« und »weißt du auch«. Vom
-eigenen Schicksal war täglich weniger die Rede.
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-Als aber erst kräftiger neue Welt sich in Franzens Vorstellung schob, aus
-den Kampfberichten eine herrliche Erscheinung um die andere vor ihn trat,
-ward Meta aus dem Zenith seines Denkens gedrängt und führte in ihm fortan
-ein wenn auch verehrtes doch peripherisches Dasein. Das Übermenschliche
-hatte für ihn den Sinn geändert. Die passive Entrücktheit des Weibes nicht
-mehr war anzubeten, aber des Mannes heldischer Griff.
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-So hob sich der Jüngling aus dem Gewinde geübter Riten und gruppierte nach
-veränderten Trieben innere Natur um. Religion war das Vaterland, Vorbild
-der tapfere Soldat. Ein anderer Gott, kriegerisch geschient, erschien in
-einem Himmel geschwungener Fahnen und Lanzen.
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-Meta, mit den vergilbten Emblemen friedlicher Güte, war als Ideal in
-gründlich geänderten Verhältnissen unbrauchbar. Handgreifliches Verlangen
-konnte sich an sie nicht klirrend klammern. Zwar gab sie ihrem Umriß
-herbere Kontur, der Erscheinung Strenge, den Worten Kommandoton, aber vor
-Prall und Knall der Armeerlasse, dem Alarm der Katastrophen und
-Verlustlisten konnte sie nicht bestehen. In Haltung und Ausdruck ließ Franz
-Respekt nicht im mindesten missen. Innerlich aber schaltete er mit ihr nach
-neuen Begriffen und Gutdünken. Er fand sie, in Waffenglanz nicht denkbar,
-vor dem schwächsten Manne schwach. Sah ihren zärteren Aufbau, ihrer Stimme
-dünne Resonanz ein, und daß sie oft zu schonen war. Er stellte sie der mit
-Standarte stürmenden Angriffslust des männlichen Prinzips, das plötzlich
-aus allen Kulissen der Welt wetterleuchtete, richtig als ein anderes
-gegenüber, das ruhend ergriffen sein wollte.
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-Als ihm die Einsicht das erstemal sprang, bäumte mit Lust herrischer Wille
-nach ihr auf, und er reckte sich in alle Winde. Den Gestellungsbefehl trug
-er in der Tasche -- da war das Knabenalter hin, und sein Blick lenkte keck
-zu des Mädchens Brust, die unter Kattun doppelt gerundet stand.
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-Meta aber, als sie Franz' geänderte Absicht sah, stürzte in harten Kampf,
-die gräßlichsten Zweifel. Aus unaussprechlichen Ahnungen spürte sie die
-augenblicklichen Verhältnisse nicht beständig und daß alles, was in ihnen
-sich ereigne, dem Wechsel und vielleicht späterer Verdammung unterliege.
-Aus allen Lüften sah sie Gebraus, Geschmetter der Kraft in des Geliebten
-eindrucksvolle Seele geblasen und glaubte dennoch nicht, es fände dort
-ursprünglicher Gefühle Begegnung. Sie zitterte, vom süßen Moment
-hingerissen, möchte sie, fallend, ihm seine ewige Neigung trüben, und sich
-selbst ihm gründlich zerstören.
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-Da sich in Wirklichkeit erfüllte, was einst sie geträumt: Jung, stark und
-gerade als Mann gewachsen, hat sie ihn vor sich, er senkt das Haupt an ihre
-Brust, stößt in die Falten der Taille die Spitzen des Gesichts und schlürft
-ihre Wärme, bis Blut sich entzündet und im Kessel des geschwollenen Leibes
-Überschwang an den Ventilen siedet -- zwingen sie Rufe der Not und
-mörderische Furcht, der ersehnten, vorzeitigen Hingabe mit schleunigem
-Aufbruch und schmerzlichem Aufschwung der Seele zu entfliehen.
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-Es weiß der Mann aus seines Leibes Verlangen immer unsinnigere
-Schmeichelei, Natur und alle Kreatur zaubert er vor ihre begeisterten Augen
-in taumelnden Aufruhr, und kaum weicht das Weib, von eigenem Verlangen
-gefesselt, noch aus. Schon wird über dem blanken Boden in einer Mondnacht
-des Mädchens Kehle und Schulter nackt, da ruft am anderen Morgen Befehl
-Franz zu seinem Truppenteil, und in der Hast der notwendigen Besorgungen
-gibt es kaum einen Abschied.
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-Erst aus der Garnison, dann vom Lager her, versichert er sie einer
-Leidenschaft, die hinter schneller Heirat fröhliche Wollust in völliger
-Vereinigung will. Zart fängt er zu bitten an, doch zum Schluß des
-Geschriebenen blitzt Mannesmut, und trumpft jedesmal die geballte Faust
-auf. Ihr aber beginnt, nach häufiger Wendung des Geschicks, aus seinen
-Worten die Ahndung eines vollkommen natürlichen Glücks, von Gott und den
-Menschen gesegnet, zu dämmern, und mit gefaßtem Wandel bereitet sie einfach
-und fromm in sich das Wesen seines Weibes vor.
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-Nun herrscht der Allmächtige und »Urlaub« in ihr. Mit häufigem
-Kirchengehen, inbrünstigem Gebet bekräftigt sie die innere Sammlung. Aufs
-Wiedersehen ist sie ganz gestellt, und nur manch Weibliches leuchtet ihr
-daneben ein. Es kam um diese Zeit die hübsche Hausfrau mit einem Knaben
-nieder, und Meta ist für alle Vorgänge bei der Geburt Feuer und Flamme. Als
-aber das Kind aus zitterndem Schoß entbunden war, und den von Qual erlösten
-Leib der Wöchnerin in frischen Kissen Jubel des Mutterglücks rührten, lag
-Meta an der Bettkante in den Knien und küßte die hängenden Hände der
-glückselig Erschöpften. Sie reicht ihr durch des Zimmers Sonne auch das
-Bündel Windeln, aus dem es quäkt und winselt, an die Brust und staunt auf
-all das Saugende und Gesaugte, die Spitzen Rot an den getürmten Brüsten und
-das in Milch verwandelte Blut. Sie fühlt sich königlich erhöht im Hinblick
-auf die eigene mütterliche Zukunft und hegt für das aus ihr noch nicht
-Geborene schon die zärtlichsten Gefühle. An Franz schreibt sie: mach
-schnell, komm bald. Es ist für dich alles bereit. In ihrer Seele steht das
-Häuschen, das mit dem kaiserlichen Briefträger sie bis ans Ende ihrer Tage
-bewohnen will, fix und fertig: zwei Räume und die Küche in einem Garten mit
-tüchtig Gemüse. In den Stuben rumoren die Kinder; im Stall ein Schwein. Am
-ersehnten Tag kommt statt seiner die Nachricht, der Urlaub sei verweigert;
-er selbst, näher den Ereignissen, ins Quartier eines hohen Stabes geholt.
-Ist Metas Enttäuschung schon groß, verbirgt sie sich nicht, ihr sei auf dem
-neuen Posten das Leben des Geliebten sichergestellt, und Ordensschmuck
-unter den Augen der oberen Gewalten für ihn wahrscheinlicher als in der
-trüben Masse an der Front. Was bedeute die Trennung, könne sie seiner
-endlichen, ruhmvollen Heimkehr gewiß sein? Wie er auch schilt, man habe ihm
-den Auszug ins Feld verwehrt, ihn vor allen Kameraden benachteiligt, lacht
-sie bei sich und sitzt den Winter über geschnittener Leinwand, aus der sie
-das Notwendige schafft zu baldigem Gebrauch. Brennt in der Kammer die
-Lampe, schnurrt eifrig der Ofen mit dem Kätzchen um die Wette, setzt sie
-Stich zu Stich mit lustigen Gedanken, und ist mit der Gewißheit, in ihrer
-Liebe hat sie manches gelitten, oft geschwankt, doch schließlich sich
-bezwungen, und nun steht ihr in einem braven Mann richtiges Frauenschicksal
-bevor, das beglückteste Mädchen.
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-Franz, der im Haushalt des Stabsquartiers die gleichen Obliegenheiten
-erfüllt wie Meta für ihre Herrschaft -- er ist dort das Mädchen für alles,
-putzt, wäscht und wichst zu täglichem Gebrauch, was irgend vor seine Griffe
-kommt -- fällt nach einigen Monaten treuer Pflichterfüllung in ein hastiges
-Leiden, das ihm die Därme immer von neuem kehrt und entleert, bis seine
-gemarterte Seele kläglich durch diesen Weg aus dem kaum angebrochenen Leben
-entweicht. Mit rühmlicher Gefallenen verschwindet ohne Sang und Klang sein
-Kadaver schnell in fremde Erde.
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-Frei durch den Himmel ihrer Zukunft schweifend, erhält Meta die Nachricht
-am Abend; fällt in Ohnmacht des Begreifens und bleibt zeitlich lange genug
-ohne Bewußtsein, um vor selbstmörderischer Torheit bewahrt zu sein. Doch
-scheint Starre des eingebrochenen Winters sie miterfaßt zu haben, und
-geraume Weile wandelt sie, vor Besinnung gefeit, in Stummheit und Taubheit
-eingeschneit, huscht wie ein wundes Tier vom Bett durch die Stuben zu Bett;
-nicht einen Seufzer hört man von ihr. Manchmal steht groß ein
-Schweißtropfen an ihrer Stirn, wie aus dem Knochen herausgefroren.
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-Eines Tages sprach sie der Hausherr freundlich und mit väterlichem
-Tätscheln an. Sie solle zu sich selbst erwachen. Jung sei sie, mannigfach
-liege Leben vor ihr, und der Männer gäbe es viele. Auch litte mit ihrer
-Zerrissenheit die Qualität der Arbeit. Gott sei gnädig, die Sache des
-Vaterlandes stünde dank siegreicher Schlachten gut, und im Grund sei mehr
-gewonnen als verloren.
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-Oben aber sah Meta plötzlich die genähten Hemden und Herrlichkeiten, daß es
-sie an den Elementen packte und über den weiblichen Kram in einen Jammer
-warf, der Tage hindurch sie selbst und Zeug und Wäsche näßte. Auf Bett und
-Stuhl, wohin sie blickte, saß Franz; an Tor und Tür erschien er wieder,
-lachend und vertraut zu ihr aufschauend. Dann hurtig enteilend, Mütze
-schwingend, aufs Rad flatternd. Oder es sahen seine Augen vorwurfsvoll aus
-dem Dunkel; doch bei ihrem zartesten Laut strahlte sein Glaube. Und er läge
-ihr gestorben? Wo wäre da Sinn? War im Plan ihres gemeinsamen Lebens ein
-Fehler, das geringste Unreine im Zusammenklang der Seelen, und stimmt Gott
-der Harmonie nicht bis in die verborgenen Winkel der Schöpfung zu? Halb
-entkleidet steht sie zur Nacht im Loch des Fensters in feuchtem Aufruhr und
-sucht dem Himmel, des Busens Hügel aufnehmend, den Weg zum Herzen frei zu
-machen, daß er es ganz einfältig mit Franz erfüllt schaue. Wär wirklich das
-Unfaßbare wahr, wo in der Verkettung der Umstände sei der gräßliche Irrtum
-des Geschehens als Schuld anzurechnen, auf ihrer demütig irdischen oder der
-allmächtig himmlischen Seite? Aber die Sterne erblassen nicht vor der
-geheulten Anklage. Kraß und klar leuchten sie die täglichen Bilder.
-
-Noch wartet Meta und schiebt den Tag der Abrechnung mit Gott fort, und
-während das Ohr auf Nachricht aus dem Feld gespannt bleibt -- sie ist
-gewiß, auf einmal kommt Alarm seines Lebens, und bebändert und besternt
-steht er vor ihr und wirft verhaltenen Lebenssturm wie Gewitter und Blitz
-in sie -- prüft sie innerlich von neuem ihre bisherige Führung nach den
-strengen Vorschriften der Religion, um nicht im geringsten über berechtigte
-Enttäuschung des Gläubigen hinaus sich anklagend zu empören. Sie bekommt
-auch günstige Zeichen. Ein Sergeant beim gleichen Stab, den der unverhüllte
-Jammer ihrer Briefe rühren mochte, antwortet in geschraubten Reden so
-Unterschiedliches, daß höhere Hoffnung allerhand in ihnen finden kann. Aus
-hundert Zeitungen erhält sie Bestätigung, daß Totgeglaubte, Totgewußte in
-die Arme der Liebenden zurückkehrten. Franz aber, von Fibern jugendlichen
-Willens hingerissen, sei ganz gewiß aus eintönigem Tagdienst in die Hitze
-der Gefechte geeilt und werde sich in den Berichten schließlich als ein
-Held und lebend wiederfinden.
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-Bis sie ein Bündel mit der Post erhält, das der gleiche Kamerad, ihrer
-Beschwörungen überdrüssig, an sie sandte: Lumpen von seinem entseelten
-Körper geschält, in beschämendem, kläglichem Zustand.
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-Ihr entgeht nicht die hämische Geste des Schicksals, die obendrein das
-Andenken des Verblichenen schänden will. Doch ist ihr der endliche Fall je
-tiefer umso lieber, da sie schon merkt, wie viel herrlicher sie sich von
-ihm erheben wird. Inmitten verwüsteter Hoffnungen, der jämmerlichen
-Trophäen seines Erdenwandels bleibt sie trauernd liegen und saugt aus
-tausend Erinnerungen Haß, allmählich rasenden Zorn gegen ein sinnloses
-Geschick und seinen oberen Lenker. Als sie endlich jeden Ort des Leibes mit
-gleicher Überzeugung angefüllt fühlt, erhebt sich ein neuer Mensch zu
-gewandeltem Leben. Mit Gott macht sie nicht mehr viel Worte. Sie sieht ihm
-frei ins Gesicht und zeigt ihre Meinung: Seine Entscheidung in ihren Sachen
-hat sie verurteilt und hängt nicht länger von ihm ab. Zum zweitenmal nimmt
-sie vom Dasein Besitz, belebt jetzt von sich selbst her ihre Welt. Aus
-deren Mitte sie alles bisher Verehrte hebt, es durch einen Götzen zu
-ersetzen: Franz, den sie mit jeglichem Tand der Phantasie schmückt. Je
-weiter sein irdisches Leben zurücksinkt, um so frischer macht sie ihn sich
-lebendig. Alle Kräfte müssen fortan für den einzigen Zweck sich regen, den
-toten Freund ihr fortwährend seiend zu erschaffen. Sie hat unaufhörliche
-Gesichte, Begegnungen und vertraute Zwiesprache mit ihm und riecht und
-schmeckt den ganzen angebeteten Mann. Ist sie aber mit ihm im innigen
-Verein der Gemüter, fliegt ihr Blick durch die Scheiben höhnisch zum
-Firmament, und Trotz spottet hell auf.
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-Sie wird wie eine Nonne schlicht und eindeutig. Dem einmal gewählten
-Bräutigam treu, geht sie wie mit Zäunen umstellt dahin. In ihre Bestimmung
-mit sich selbst ist von außen her kein Pfeil, kein anderes Verlangen zu
-senken. Sie weiß zu gut, wie der Geliebte sie wollte; nicht kleinmütig und
-verzagt, aber hoch über dem Los der Sterblichen. Die selbstherrlichen,
-keuschen Gebärden muß sie bewahren, daß beim endlichen Wiederfinden seine
-Erwartung von ihr sich vollauf bestätigt. So wandelt sie in Stahl
-gepanzert. Schicken ihr die Frühlinge Begierden, blühend erwachte Natur
-Versuchung, zwingt sie das Fleisch in kühle Richtlinien und lacht zum
-Schluß über der Geister Blendwerk. Männer, die ihr nahen, wollüstig und
-aufgeschwänzt, erledigt sie mit dem Blick eines für sie zu gewaltigen
-Maßes, in das sie wie Erbsen in riesigen Topf fallen. Je mehr das Leben sie
-versuchen will, um so freudiger wirft sich Meta ihm furchtlos entgegen,
-gewiß, mit ihrem Liebesbegriff jeder Wirklichkeit überlegen zu sein, und
-daß der verschmitzten Himmel lockere Absichten an ihrem Willen schließlich
-zerbrechen müssen.
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-Der Friede, den das Land erlangt, schwemmt die Menge der Männer in die Arme
-der Jungfrauen, Bräute und jungen Frauen zurück. Es hebt eine allgemeine,
-gewaltige Hochzeit an, und die Demut des Weibes ist an sich schon groß vor
-dem heimgekehrten Helden. Als aber sein Arm in der verwahrlosten Heimat
-richtend und regelnd überall fühlbar wird, die Jugend den zu Haus
-gebliebenen Greisen und irgendwie Verschnittenen die willkürliche Leitung
-der Ämter und Geschäfte scheltend entreißt, bricht befreiter Dank aus allen
-Herzen so stürmisch hervor, daß Verehrung männlicher Kraft und Vernunft
-allenthalben oberstes Gesetz ist. Auch Meta, der es einfällt, wie in
-letzter Spanne ihres Beisammenseins Franz sich zu eigenem Willen gereckt,
-Herrschaft und Gewalt über sie gefordert hat, formt den Geliebten dem
-allgemeinen Ideal nicht nur, sondern eigenem, ursprünglichem Wunsch nun
-unbedenklich nach. Macht ihn zum unbeschränkten Gebieter ihres Gewissens
-und ihrer Glieder; endlich stürzen die inneren Gewalten in das Bett einer
-einzigen Leidenschaft: schrankenloser Hingabe des Leibes und der Seele an
-den Vergötterten. Alle Organe werden, von Besessenheit ergriffen,
-Eingangspforten für den Atem seines Wesens. Der männliche Geist fährt wie
-Schwert in das Weib und reitet es mit Windsbraut in alle Abgründe des
-Empfindens, peitscht es durch Hohlwege und Schluchten sinnlicher Wünsche.
-Man hört sie aufschreien unter seiner würgenden Faust, sieht sie bäumen,
-stürzen, wieder stehend, halb sich heben und zum andernmal mit Wucht in die
-Furche der Bettstatt schlagen. Sie fühlt sich von ihm in die Wälder an alle
-jene Örter entführt, an denen sie einst gemeinsam scheues Gespräch
-geflüstert. Dort packt er sie, und während keusches Andenken sie rührt,
-bricht und knickt er sie in ein Bündel keuchender Wollust nach seinem
-Willen.
-
-Tagsüber, mit geschundenen Gliedern, erfüllt sie dennoch die Pflichten
-dienender Stellung. Aus der Stärke der sie schüttelnden Empfindungen fühlt
-sie sich stolz von eigenen Gnaden Überwinderin des von Gott ursprünglich
-mit ihr gewollten Schicksals, Urschöpferin ihrer Lust und nimmt aus diesem
-Bewußtsein düstere Kraft. Doch immer ist es ihr Beweises eigener Person
-nicht genug. Rings horcht sie die Frauen nach dem Maß des natürlichen
-Glücks mit ihren Männern aus und jubelt, hört sie laue Anerkennung,
-meistens Enttäuschung. Im Verein mit ihrem süßen Mann hat Sturm und
-Schwelgerei kein Ende, sie unterliegt seinen Launen, Bedenken, Schwächen
-nicht. Jahre hindurch steigert sich noch das Maß des Entzückens, das von
-ihm kommt. In alle Blut- und Nervenbahnen ist sie von ihm schon besessen;
-aber immer noch findet Begierde neuen Genuß und blendende Überraschung.
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-Bald sieht Meta Folgen ihres unbändigen Glücks mit dem Mann. Der Leib, aus
-einem Teil einst, regelmäßig praller Formen, brach die Bünde gehügelter
-Üppigkeit und hat strengen Rhythmus schon gesprengt. Entzückt sieht sie
-ihre Schönheit für ihn, wie bei Weibern mit lebendigen Gatten, zerfließen.
-Nicht weniger scheint sie gestülpt, brüchig und gerupft. Mit Triumpf hängt
-sie in den gleichen Spiegel, der einst ihrer Jugend Knappheit faßte, die
-zerfallenen Kuchen der Brüste, des Bauches schleppende Fettguirlande. Sie
-meckert sich Beifall, schlägt die entstellten Lenden, um sie mit Inbrunst
-neuen Visionen auszuliefern. Aber zu allen Freuden ekstatischer Liebe
-leidet sie alsbald Schmerzen und täglich andere. Erst ist es Freßgier, die
-sie befällt und unzähmbar quält. Mit tierischem Hunger schlingt sie alles
-Erreichbare wahllos in den offenen Schlund, bis Ekel vor sich selbst sie
-packt, der aufgetriebene Magen sich brüsk erleichtert. Dann quillt Speichel
-in Wellen aus den Häuten des Mundes und der Nase, schäumt auf den Lippen
-und wechselt dort in vielen Farben. Oder es preßt eine Hand den Hals
-zusammen, daß sie zu ersticken meint; eine gespenstische Kugel steigt aus
-der Gurgel in die Eingeweide nieder, wobei kalter Wind den Leib durchweht.
-Tiefer, traumloser Schlaf wechselt mit anhaltender Schlaflosigkeit, die sie
-völlig erschöpft, und wüster Halluzination. Doch immer gelingt es noch
-trotziger Energie, Franz, zur Umarmung bereit, vor sich aufzuzaubern. Als
-aber Materie fast vom Knochen geschabt ist, das Fett verlebt, die Säfte,
-nicht ergänzt, träg geworden, kann sie die erlangten Ohnmachten und
-Zerschmetterungen mit neuem Aufschwung nicht mehr regelmäßig ausgleichen.
-Nur hier und da erfaßt sie noch des Mannes feste Gestalt. Meist muß sie
-sich mit einem Schatten begnügen. Und wie sie auch die Augen aus den Höhlen
-dreht, die mageren Hände sehnend reckt, -- bei sich fühlt sie nur mehr
-etwas unwirklich Zerschlissenes. Dann stöhnt sie große Seufzer und fällt
-durstend in die Kissengrube; aber der ausgemergelte Körper stürmt in
-Schlaf, und die Sehnsucht der Halbentseelten flieht vom Gift des
-Sichzerfleischens häufiger zu Bildern guter Ruh.
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-Das angetrümmerte Gebein, dicht vor seiner Vernichtung, schreit nach
-Befreiung. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrt es sich, bereit, alle anderen
-Möglichkeiten des Seins gutzuheißen, ihnen zu dienen, nimmt man von ihm die
-Zentnerlast der durch Jahre getragenen Qualen.
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-Alsbald tritt in das erfrischte Gehirn Bild der Umwelt zögernd wieder ein.
-Sie nimmt des Stübchens Einrichtung deutlich wahr: den Teppich vorm Bett,
-dessen Mitte vertreten ist; bunte Gardinen gegen das Licht. Erstaunt sieht
-sie ihren Fenstern das Dach eines Hauses gegenüber, das die frühere
-Aussicht ins Grüne und die angrenzenden Gärten sperrt. In der Küche glänzt
-Kupfer mit Zinn, und bemerkenswert scheint ihr der Ausdruck in
-Menschenaugen. Da kommt morgens ein Mann ins Haus, der Zeitungen trägt.
-Blond, greller Rede, drängt er sich kräftig in Metas Wirklichkeit, stellt
-sich quer vor das blasse Bild ihres Schattenmännchens. Gaukelt sie das noch
-manchmal her und bringt seine Züge nicht bündig zusammen, ist quick der
-Stellvertreter vollkommen da, zu allem Möglichen bereit. Sie dreht sich
-also, nur vager Absicht, in seine Bahn und hat ihn plötzlich unmittelbar,
-Aug in Auge vor sich. Gespannt sieht sie sein vorbereitendes Gebahren,
-schluckt seine bis zu den Haaren steigende Röte, die Wasserperlen auf der
-Stirn, zitternde Hände. Auch leises Knirschen der Kaumuskeln belustigt sie
-sehr. Als er aber, männlich perfekt, in die Horizontale schwenkt, macht sie
-der Schwitzende lachen, und sie springt von ihm fort. Zu albern wirkte sein
-strikter Angriff, es mangelt gewohnter, phantastischer Hinschwung; sie hat
-die Fanfare nicht gehört, unwiderstehliches Muß völlig vermißt.
-
-Aus halber Anschauung und vollendeter Ahnung sah sie der hingegangenen
-Liebe unvergleichliche Höhe ein. Und wie vorher Natur, sind Trotz und
-Eitelkeit in ihr befriedigt. Reste von Zärtlichkeit und Schwärmerei
-schwinden schnell aus dem Herzen, und dreißigjährig stellt sich Meta, immer
-noch Dienstmagd in des Färbereibesitzers Familie, mit gänzlich veränderten
-Begriffen zu weiterem Dasein kräftig gewillt fest.
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- * * * * *
-
-Bedient sie jetzt Gäste bei Tisch, die regelmäßig einmal in der Woche
-kommen, reicht ihnen Teller und Schüsseln, sieht sie die Speisenden
-eindringlich an. Sie merkt ihre Gespräche und kennt nach kurzer Zeit die
-Verhältnisse der Geladenen. Doch, was sie erzählen oder mit Zwinkern und
-Blinzeln von ihren Gefühlen ausdrücken, ihr menschlicher Inhalt scheint
-Meta armselig und flach. Sie, die gemeiner Herkunft wegen vor diesen
-Bürgern alle Schauer des Respekts gefühlt, merkt aus der Überlegenheit
-selbstgewollten und überwundenen großen Schicksals, Hochmut in sich
-wachsen. Die da sitzen, scheinen geschlagene Leute, denen das Menschliche
-zu karg gemessen ist. Ihre Begierden bleiben weit hinter Metas Sehnsucht
-zurück. Um kleine Vorteile treibt ihr Ehrgeiz, aus der Größe des Vermögens
-sind sie sich wichtig. Dem Unbemittelten dienen Fabeln seiner
-geschäftlichen Verschlagenheit, sich zur Geltung zu bringen. Da ist ein
-Herr mittlerer Jahre in kaffeebraunem Rock, der von seinen Spekulationen
-Wesens macht. Zum Schluß seiner Vorträge, die er mit trüben Witzworten
-krönt, pflanzt er, beifallheischend, der Hausfrau jüngerer Schwester, die
-seit kurzem zu Besuch da ist, einen runden Blick mitten ins Gesicht. Meta
-kennt die Stelle, wo auf des Mädchens Backe antwortend jedesmal der rote
-Fleck aufbrennt, sieht aber geschwind zum Erzähler zurück, um noch
-wahrzunehmen, wie der mit dem Mundtuch herausfordernd sich die
-Schnurrbartspitzen wichst. Sie findet diese Spießbürger Würmer, die man
-bodenlos gering zu achten und nach dem Maß der Verachtung zu behandeln das
-Recht hat. Mit dieser Feststellung begnügt sie sich nicht, sondern beginnt,
-sich in die Schicksale der Lendenlahmen sofort zu mischen und sie zu
-treiben. Erst springt sie das Mädchen an, das nach unabänderlich trägen
-Gesetzen die Tage verschleißt, indem sie Gedrucktes aus des Hausherrn
-Bücherei ihm in den Weg legt, das durch gewagten Inhalt es erregen soll.
-Durchs Schlüsselloch sieht sie der sich Entkleidenden zu und wartet auf den
-Effekt. Aber die klassisch Nackte, deren ebenmäßige Schönheit Meta gehässig
-bewegt, hält lesend das Buch mit der gemarkten Stelle, und kein Hauch rührt
-ihr Gesicht. Sie gähnt nur ein wenig, nestelt, kämmt, dreht die Lampe und
-schläft.
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-Und doch steckt sie seit Wochen, glaubt sie sich unbemerkt, dem
-kaffeebraunen Herrn die Finger schnell in die seinen. Sieht ihn
-geschwungener Braue an, senkt den Kopf und entschwebt. Als eines Abends die
-Herrschaft ins Städtchen fort ist, die Jungfrau vorm Spiegel mit gelöstem
-Haar und blanken Beinen zur Nacht sich schickt, schiebt Meta den scheuen
-Verehrer, der vorbeigehend nach der Anwesenheit der Freunde obenhin gefragt
-hatte, ohne weiteres der Überraschten in die Kammer und wartet verhaltenen
-Atems vor der Tür. Da es innen still bleibt, bringt sie den Blick an die
-Öffnung und sieht Mädchen und Mann beieinander, Hand in Hand und Aug in
-Auge. Dazu atmen beide kräftig aus geblähten Nüstern. Ein Weilchen, während
-das Herz vor Erwartung steht, sieht Meta ihnen zu; als aber die Haltung der
-Aufrechten sich nicht verändert, öffnet sie erbost die Tür und zwingt das
-monumentale Paar zum Aufbruch.
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-Doch gibt sie sich nicht zufrieden. Nach ihren höheren Absichten sollen
-sich dennoch die Geschicke der Armseligen erfüllen. In stärkerem Feuer will
-sie die Seelen glühen sehen, gewiß, noch immer wird sich dort ihr eigener
-Wert über dem der anderen erhärten, und sie kann an ihrer salamanderhaften
-Unbrennbarkeit von neuem vergleichend sich berauschen. Engeren Anschluß
-sucht sie an die Ahnungslose, ist beim Anzug behilflich, streift ihr die
-Strümpfe schmeichelnd an die Beine, das Hemd über die zarte Haut. In Kürze
-vollendet sie mit sympathischen Strichen jeder Nerve zärtliches
-Verständnis, und als sie ihr Opfer zu eigener Regung flügge glaubt, weiß
-sie es bald wieder einzurichten, daß der lau Temperierte das junge Weib
-allein im Aufruhr der Gefühle findet.
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-Von der völlig Entzündeten fängt der schwer zu Entflammende Feuer. Nun
-girren hinter der Tür die Stimmen, es fordert Verlangen und seufzt die
-Schwäche. Das Mal des Sieges leuchtet auf Metas Stirn.
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-Allem, was folgt, widmet sie sich inständig; vermittelt den Liebenden
-Bequemlichkeit. Je dringlicher er Halt will, um so stürmischer wird der
-Mann geliebt, und das schleunige Ergebnis ist des Mädchens vollendete
-Schwangerschaft. Da aber ist die Mittlerin erst vollends selig. Für des
-Hauses Ruh, die nur durch banalen Anlaß bislang gestört wurde, hofft sie
-gründlichen Sturm und Raserei. Sie reibt sich die Hände und schneidet dem
-Himmel Grimassen. Und als sich das Unglück den Verwandten nicht länger
-verheimlichen läßt, mit einemmal im grünen Salon Aufschrei und Verwünschung
-schallt, als zweier Frauen Ohnmachten zu enden sind, und Nasenbluten des
-erschütterten Färbereibesitzers ihre Pflege und Essig fordert, schwebt
-Meta, überlegene Zuschauerin der Blamage und Verlegenheit, in sieben
-Himmeln.
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-Jede Stunde ist ihr nun höchster Erwartung voll. Sie glaubt an zerschelltes
-Geschirr, eingetretene Türfüllungen, den aus dem Fenster in den Hof
-zerschmetterten Leib. Auf den Pistolenschuß wartet sie, der plötzlich die
-Nachbarschaft alarmieren soll, hört Feuerwehr und Polizei schon die Treppe
-stürmen. Doch steigt das allgemeine Elend nicht über ein finsteres
-Schweigen und Tränen in Strömen. Eines Morgens aber erscheint der Verführer
-im schwarzen Rock mit hohem Hut; Verbeugungen, Komplimente, dann heftige
-Umarmungen werden getauscht, und bald kleidet Meta die Braut in Batist,
-Schleier und steifen Atlas. Während das erlöste, ausgelassene Mädchen
-lockende Kapriolen in den Spiegel stellt, fühlt sich die Bedienende von den
-himmlischen Gewalten aufs neue geneckt und um jeden Erfolg gebracht.
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-Aber sie will, nachdem ihr der Weg zu eigener, bedeutender Fühlung einmal
-gesperrt ist, aus von ihr aufgeregtem, fremden Schicksal unbedingt die
-fortdauernde Bestätigung nicht gewöhnlicher Natur. In Gestalt eines
-alternden Mädchens, durchschnittlicher Dienstmagd zum Kehricht geworfen zu
-werden, diesen Ausgang ihres Lebens ertrüge sie nicht. Sie weiß nicht, wie
-der Dämon in sie kam, aber daß sie vor jedem Atemzug gelten, vor sich
-selbst bestehen muß, und daß, diese Voraussetzung ihres Lebens zu schaffen,
-ihr jedes Mittel gilt.
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-Als mit dem in gesetzlicher Ehe geborenen Sprößling die jung Verheiratete
-alsbald aus ihrer Macht und ihrem Gesichtskreis entschwunden ist, spürt sie
-der Hausfrau Launen auf und wo bei ihr der Eingriff ins Leben zu wagen sei.
-Sie sieht die noch Begehrenswerte in simplem Haushaltskram befangen, und
-lange Zeit weiß sie nicht, wie ihr beizukommen wäre. Da springt ihr Zufall
-zu Hilfe, als sie den Erzieher des nun zwölfjährigen Knaben im Unterricht
-über ein samtenes Band der Prinzipalin träumend findet. Der Brennpunkt ist
-entdeckt, und mit unwiderstehlichem Drang facht sie Feuer unter den
-Primitiven, kocht sie durch Monate in ununterbrochener Hitze gar, bis der
-Boden des Topfes, in dem sie schmoren, wie Papier mürbe ist, und die Minute
-sich ankündigt, wo die Siedenden und Gesottenen ins offene Feuer fliegen.
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-Dicht vor der Katastrophe aber kommt ihr ein närrischer Einfall und macht
-sie vor Freude toll. Nicht halbe Arbeit will sie mehr leisten; diesmal soll
-das ganze Haus, der Familie rundes Ensemble, in sie untertauchen, und
-Herrschaft auf alle soll Lohn für fünfzehnjährige Sklaverei sein. Als der
-Herr wie stets in einer Ecke sie tätschelt, sprengt sie durch den ihm
-zugeschleuderten Blick seine gedämpfte Existenz und überläßt am gleichen
-Tag, da auch der junge Lehrer das ersehnte Glück findet, sich dem
-täppischen Alten.
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-Der hat durch seine Lebensstellung gefällige Umgangsformen mit der Frau.
-Meta nahm ohne Eifer mit Befriedigung, was er bieten konnte. Aus immer
-lebendiger Phantasie machte sie ihn abhängig; unterjochte ihn ganz. Sie
-probte und spannte ihn wie einen Handschuh, so weit er sich streckt; ersah
-an seinem Beispiel, wie weit der Mann dem Weibe wirklich folgt und stellt
-nach ihm das Bild von Franzens Männlichkeit richtig. Der Rest Bedauern, den
-sie über dessen Tod noch immer fühlte, minderte sich füglich. Als sie den
-Alten am Schnürchen hatte, er erst wie ein Pudel in ihrem Dunstkreis
-hüpfte, zwang sie auch die Hausfrau aus der Mitwisserschaft um ihr
-Verbrechen in dramatisch geführten Szenen zur Unterwerfung, allmählich zu
-striktem Gehorsam. Jetzt gab sie im Haus die Kommandos, nicht so sehr mit
-Worten als mit Blick, einer verlorenen Geste; spielte Richter und oberes
-Gesetz. Nie wollte sie, was jene wünschten, verbot, was ihnen erfreuliche
-Aussicht war und konnte nicht schlafen, gab ihr der Überblick des
-hingegangenen Tages nicht Gewißheit ihrer bewiesenen Macht. Drohten anfangs
-die Geprügelten, sich zu empören, das noch ungewohnte Joch abzuwerfen,
-dämpfte sie durch anonyme Briefe, die das Infame mit gemeinen Worten an die
-Wand malten, die Lust zum Aufstand; durch auferlegte Strafen den Wunsch,
-Widerstand zu wiederholen.
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-Sie zog in ein geräumiges Zimmer am Hauptflur, das sie mit hübschen Dingen
-schmückte, die ihr anderswo entbehrlich schienen. Setzte den Papagei im
-Bauer und einen Ledersessel ans Fenster, in dem sie regelmäßig als erste
-die Zeitung las und rückte schließlich das Grammophon im
-Mahagonischränkchen aus dem Eßzimmer zu sich herüber. Ein buschiger Kater
-hockte auf ihrem Schoß.
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-Für die Arbeit hat sie längst eine Magd genommen. Samt den übrigen
-Hausinsassen dient ihr die tagtäglich irgendwie zur Befriedigung dunkler
-Instinkte. Durch immer neue Nadelstiche, tausend gesiebte Bosheiten und
-Intriguen, gegen die sie wehrlos ist, im Mark des Lebens gelähmt, sinkt die
-ganze Sippe allmählich in so bodenlose Abhängigkeit, daß jede Reibung
-schwindet. Für den Besucher bildet die Gemeinschaft das Bild idealen
-Friedens; wie zärtliche Verwandtschaft liebenden Eifers bemüht ist, das
-Leben der verehrten Tante zu erhalten, vor Schreck und Trubel zu bewahren.
-Man buhlt mit den niedrigsten Mitteln um ihre Gunst; der Gatte verleumdet
-die Gattin, das Kind die Eltern, alle aber die Magd, die sich auf gleiche
-Weise rächt. Wo Meta auftrumpfen will, liegen die Stiche schon auf dem
-Tisch. Ihr zum Schlag gehobener Arm fällt auf Samt, zutretender Fuß taucht
-in Watte. Um sie ist schließlich Atmosphäre von Thymian und Lavendel, und
-wie sie auch immer im Einzelfall streng entscheidet, sieht sie doch nur
-verklärte Gesichter. Man ist unter allen Umständen entschlossen mit ihr,
-unbedingt für ihren Willen. Ihrer längst nicht erloschenen,
-leidenschaftlichen Lust am Aufruhr stellt sich in ihrer Umgebung einfach
-kein Gegner.
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-Sie muß ihren Groll künstlich päppeln, sich aufsagen, wie sie von Gott und
-den Menschen tödlich beleidigt ist um etwas, das ihr lange sehr deutlich
-war. Während sie im Genuß ertrinkt, betet sie sich vor, sie sei gemartert
-und grausam gehöhnt; aber die Sühne des Himmels stehe noch aus. Sie fühlt,
-verliert sie Aufstand und Empörung erst völlig aus dem Blut, muß in ihr ein
-Vakuum entstehen, das sie in Abgründe schleudert. Aber die vier Menschen um
-sie, die den Schlüssel ihrer Natur gefunden, singen ihr Hymnen, überstürzen
-die geringste Forderung an sie von sich her und entkräften immer mehr Metas
-einst lodernden Haß.
-
-Schon, wenn am Jahresersten die Familie mit dem Frühesten an ihr Bett tritt
--- sie aber liegt in schleifenverzierter Haube, kostbarem Hemd mit
-gefalteten Händen unbeweglich auf dem Rücken wie ein sehr kostbarer
-Gegenstand -- und das erdenklich Gute wünscht, oder an ihrem Namenstag das
-Haus mit brennenden Lichtern und Kränzen ein Tempel der Freude ist, Likör
-und edler Wein in Römern herschwebt, der die Geister verzaubert, schwindet
-ihr Erinnerung alles Gewesenen. Aber an ihrem vierzigsten Geburtstag, da
-Segenswunsch und Musik, als Enthusiasmus mit frohen Toasten prasselt, und
-in allen Blicken die Träne der Rührung hängt, fühlt sie aus sich das
-Heftige gerissen; sitzt im Kreis der Feiernden betäubt und gestäupt als
-leere Attrappe.
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-Alle Arbeit ist ihr aus dem Weg geräumt, den Finger darf sie schließlich
-nicht mehr rühren, und die geringste Handreichung wird mit stürmischer
-Abwehr nicht geduldet. Aber Überraschung bringt man ihr von draußen,
-freundliche Grüße der Bekannten, nur gute Nachrichten. Jeder Eintretende
-stellt strahlenden Augs mit lachendem Mund vor ihr ein lebendes Bild. Alle
-haben die zierlichsten Bewegungen, holde Sprache, Händedruck und
-Herzbeteuerung. So ist ihr jeder Anlaß zu Scheltworten genommen. Wie sie
-auch Argwohn und zänkische Erwartung spannt, immer endet jeder Vorgang über
-Erwarten glücklich in Sonnenschein. Man schmeichelt dem Vogel im Bauer,
-bringt ihm Biskuits und fragt mit schmelzender Besorgnis: »wen liebst du am
-meisten auf der Welt?«, und kreischt der bunte Bursche: »Meta! Meta!«,
-scheint man gerührt, entzückt, sogar erschüttert. Vom ewigen Sitzen und
-Gefüttertwerden wird die Verwöhnte von neuem unförmig fett. Ihre gefräßige
-Natur widersteht den Leckerbissen nicht, die man ihr reicht, und aller Welt
-macht es gehässigen Spaß, die Anschwellende nach Kräften zu mästen.
-
-Ißt sie reichlich zu Tisch, schlürft viele Tassen Kaffee und mummelt
-Kuchen, dösen die Augen träg ins Leere. Nicht Feuer mit Blitz steht in
-ihnen, kaum mehr Strahl des Lebens. Bei Zeitungstratsch und
-Phonographengeplärr läppert sie Tage. Ihrer Umgebung achtet sie nicht mehr,
-läßt die beherrschte Welt immer weiter aus den Zügeln und kümmert sich
-ängstlich nur um die Gemäßheit der Verdauung.
-
-Doch die vom Leitseil Entspannten schweifen in ein freies, früheres, durch
-sie nur unterbrochenes Sein fort. Mit vorgeschrittenem Alter hat man eine
-gewisse Höhe des Lebens erreicht. Vom Hügel herab sieht man Jugend, Torheit
-und Tollheit, und sicher vor ihnen, betrachtet man sie kritisch und
-belächelt sie. Ohne treibende, innere Flamme sind die Gatten aus der
-Häuslichkeit nicht mehr fortgerissen, sondern, der schwachen eigenen
-Kräfte, der Kämpfe im Dasein bewußt, aufeinander zu schmalem, letztem
-Lebensgenuß angewiesen. Und was man nie vermocht hat: da man das Gleiche
-will, traut man einander, nähert sich und lernt sich wirklich kennen. Der
-silbernen Hochzeit steuert man zu, geht das Vergangene im Geist durch,
-macht entschuldigende und begreifende Anmerkungen und ist mit Hin- und
-Widerrede eines Tages so weit, daß man spürt, wäre es nötig, könnte man
-auch einen Fehltritt, der weit zurückliegt, dem andern ohne Gefahr getrost
-gestehen.
-
-Als aber diese Wahrheit erkannt und eingesehen war, begann man, die
-Gehätschelte im Lehnstuhl mit neuen Augen zu sehen. Noch ließ man es an der
-Anrichtung der Speisen nicht merken, wie sich die Lage schlimm für sie
-geändert hatte, doch sparte man mit Besuch und machte für sie keinerlei
-Anstrengung mehr. Meta nahm die mangelnde Teilnahme entweder garnicht wahr
-oder empfand sie als erhöhte Rücksicht, die ihrer Bequemlichkeit erwiesen
-wurde. Immer mehr dämmerte sie in den Zustand zufriedener Gleichgültigkeit
-hinüber.
-
-Doch wollte sie eines Morgens Dienstleistung und hatte dreimal den
-Klingelknopf gedrückt. Als niemand kam und ohne Erregung sie mechanisch
-weiterschellte, öffnete endlich die Hausfrau die Tür und fragte
-schnippisch, was ihr denn einfiele. Ganz verdutzt, blieb Meta glotzenden
-Blicks die Antwort schuldig. Da erhob die Scheltende schreiend die Stimme,
-sie verbitte sich Art und Weise. Was denn im Werk sei, und ob sie sich, was
-sie brauche, nicht gütigst selbst holen wolle und ob überhaupt . . . und da
-höre alles auf! Und je weniger die Gescholtene zu entgegnen vermochte, um
-so mehr tobte der Frau entfesselte Wut. Zischend spie sie Wortschlangen auf
-die Vertatterte, berauschte sich an deren demütiger Stille so unmäßig, daß
-sie Stühle vom Platz, Gegenstände durchs Zimmer schleuderte. Mehr von der
-Dynamik der Stürmenden als vom eigenen Trieb bewegt, richtete sich Meta
-schließlich auf, nach bewährtem Rezept zum Angriff überzugehen. Sah aber
-beim ersten Blick dem Gegner ins Auge; der hatte alle Angst vor ihr
-verloren, und ihr Spiel sei unwiederbringlich und gründlich verspielt.
-Trotzdem machte sie eine fürchterliche Bewegung, zeigte plötzlich das alte,
-von tödlichem Haß entstellte Gesicht so drohend, daß die von neuem
-Geängstigte gellend den Gatten zu Hilfe rief. Der übersieht, im Schlafrock
-herbeieilend, mit einem Blick nach rückwärts und vorwärts die Lage und nie
-wiederkehrende Gelegenheit, fuchtelt die Arme wuchtig aufwärts, dröhnt mit
-riesiger Stimme Löwentöne, daß alles zusammenläuft, und die Nachbarn an die
-offenen Fenster eilen. Da er fühlt, ihn verlassen die Kräfte, es müsse aber
-zum Schluß noch die entscheidende Granate einschlagen, kreischt er mit
-schneidendem Schrei, sie solle nicht vergessen, daß sie Dienstbote und
-gelitten sei. Der Satz tat dämonische Wirkung. In die Brust flog die
-Familie. Wie vom Blitz zerschmettert aber knickte Meta in den Wirbeln und
-fiel wie Plunder ins Dunkle. Dann flog Bann und Fluch auf sie, und eh' ihr
-noch ein Gedanke keimte, war ihr für vierzehn Tage später gekündigt und
-zugleich anbefohlen, noch am gleichen Tag das Haus zu verlassen. Lohn und
-Kostgeld würde nach dem Gesetz bezahlt.
-
-So endgültig, spürte sie, war ihre Niederlage, daß sie keinen Versuch
-machte, den Gang der Ereignisse aufzuhalten. Aus allen Winkeln räumte sie
-ihre Habseligkeiten und Siebensachen. Beim Umkehren der Schübe fiel auch
-ein Bündel beschmutzter Lumpen vor ihre Füße. Erst begriff sie deren Sinn
-und Herkunft nicht. Dann, während Ekel sie schnürt, erkennt sie Franzens
-irdische Hinterlassenschaft. Sie kneift die Mundwinkel und stößt den Packen
-zum Kehricht.
-
-Wenige Stunden später sitzt sie im Gasthof allein, aus dem sie nach ein
-paar Tagen, noch halb im Traum, zu einer Verwandten aufs Land übersiedelt.
-
- * * * * *
-
-Von dort wollte sie anfangs, das letzte Wort im Streit zu behalten, einen
-Brief der ehemaligen Herrschaft schicken, in dem Verachtung und
-Überlegenheit maßlosen Ausdruck hätten. Da sie das Schreiben aber trotz
-Mahnung des Verstandes von Tag zu Tag aufschob, merkte sie endlich, wie
-gleichgültig im Grund die Katastrophe sei, und wie sie eher mit diesen
-Leuten als die mit ihr fertig gewesen. Sie findet jetzt, die letzten Monate
-seien durch innere Teilnahmslosigkeit als einzige ihrem Leben verloren. Aus
-eigenem Antrieb hätte sie eher aus einem Haus aufbrechen müssen, das längst
-von ihr mit Stumpf und Stiel gefressen sei. Aus welchen Quellen hätte sie
-dort ihr Lebensgefühl speisen sollen? Welche Gewißheit der Gegenwart und
-Aussicht für die Zukunft konnte sie da noch beschwingen? Ein grämlich
-bequemes Alter sei ihr gewiß gewesen. Halber Tod im Leben. Hier aber war
-vor allem die Landschaft, zu der sie aus Vergangenheit keine Beziehung
-hatte, ihr Phänomen, und sie hoffte, befeuernd werde die auf sie einwirken.
-Mit der menschlichen Umgebung, die sie ihrer Erfahrung gemäß fand, trat sie
-am neuen Ort nicht mehr in Wettkampf. Wo Wucht des Fühlens und der
-Instinkte entschied, wußte sie sich ein für allemal auserwählt und der
-Menge gründlich überlegen. Auf dem Gebiet geistiger Kräfte aber suchte sie
-keinen Anschluß, der ihr aus Begabung und Erziehung verwehrt war. Hochmut,
-Neid, Zorn fielen als überflüssig fort, als sie merkte, das simple
-Bauernvolk stand an Geltungswillen noch hinter den besiegten Städtern
-zurück. Unter Unbewaffneten aber im Harnisch zu gehen, erschien ihr
-sinnlos. Hübsche Ersparnisse gaben ihr zudem in diesen bescheidenen
-Verhältnissen auch die äußere Sicherheit, die ihre kurzen Gesten, knappen
-Anmerkungen von innenher bezeugten.
-
-Da sie aber spürte, noch immer wende sie zuviel Kraft an den täglichen
-Umgang mit belanglosen Menschen, nutzte sie vor allem weiteren ihr Geld
-dazu, einen Mann zu fesseln, der Mittler zwischen ihr und den anderen sein,
-die Unkosten des von der Welt geforderten Entgegenkommens tragen sollte.
-Jakob war Kriegsinvalide, ein rüstiger Fünfziger mit Stelzfuß. Medaillen
-und Schnallen auf der Brust bezeugten seinen Sinn für Gemeinschaftsideale,
-den Willen, sich in bürgerlichem Verein bemerkbar zu machen und die
-Fähigkeit dazu. Sie heiratete ihn und setzte ihn vor ihre eigene Person als
-Damm gegen die kleinliche Zudringlichkeit der Nachbarn. Es wirkte nicht
-störend, ein brillanter Hans in allen Gassen hatte eine schweigsame,
-zugeknöpfte Frau. Es ließ sich im Gegenteil versöhnend an. Jede Satzrakete
-ihres Gatten, seine Schwärmer und Leuchtkugeln, die verständnisvolle
-Bewunderer fanden, sicherten ihr Stille und innere Abgeschiedenheit auch
-dann, saß sie mitten im aufgeräumten Kreis, der bei der Erzählung von
-Jakobs Kriegsanekdoten lärmend vaterländisch begeistert war. Sie stützte
-seine einfache, seelische Mechanik, ölte die Maschine, drehte die Kurbeln
-und stellte sie auf Jahrestage beliebter Schlachten, auf Kaisers Geburtstag
-oder sonst ein Jubiläum, um ihn, rasender Brisanz mit Lampions und
-Feuerwerk, auf die Zeitgenossen loszulassen.
-
-Sie selbst aber ging heimliche Wege in die Landschaft. Am überraschenden
-Wirken sprühender Natur wollte sie das eigene, kräftige Leben messen.
-Morgenröte, Sonne im Zenith und die Sternbilder am Firmament, Wind, Regen,
-Hagel und Schnee stellte sie als wechselnde Erscheinungsformen fest, von
-denen sie den jedesmal gewollten Effekt zu erkennen suchte. Sie mochte
-nicht einsehen, Regelmäßigkeit sei das Prinzip, aus dem Natur sich rege und
-sträubte sich, zu glauben, Sonne gehe ohne besonderen, heutigen Zweck auf,
-um zu sterben und morgen wieder pünktlich am Platz zu sein. Am
-Wiederkehrenden wollte sie durchaus das einmalig Notwendige erkennen, das
-es erst legitimiere.
-
-Doch je tiefer sie in den Plan der Schöpfung eindrang, sah sie
-Gleichförmigkeit und Gegebenheit als letztes Gesetz ein. In noch höherem
-Maß als der Mensch waren Pflanze und Tier artmäßig übereinstimmend; es ging
-im weiten Umkreis der Natur gattungsgemäß nach ewigen Formeln von der
-Geburt zum Tod ohne den Aufschwung, den für sich selbst der niedrigste
-Mensch einmal im Dasein beweist. Was aber mit Gewißheit vorauszubestimmen
-war, langweilte sie nicht nur am Menschen; und so langweilte sie bald erst
-recht Natur. Was man den Reihen des aus gleichem Stoff Gewesenen in
-gleicher Absicht nachtat, könne als eigentliches Sein nicht rechnen, dachte
-Meta. Denn es entkleide des Selbstgefühls und noch Erhabeneren, das sie
-nicht zu nennen wußte, aber mit allen Fasern ihrer Seele immer anstrebte.
-Sie mochte nicht aus fremden Zungen reden, nicht aus fremder Gewißheit
-handeln. Von sich selbst mußte sie fortwährend zeugen, und im Haus und
-draußen wollte sie nur mit Organismen umgehen, die, die Form sprengend,
-eine andere eigentümliche Form bildend, sich bewiesen.
-
-In des Hauses entlegene Stube zog sie und saß im Halbdunkel. Da die
-Gegenwart ihrem Erlebnisdrang nicht günstig ist, lebt sie von Erinnerung,
-während sie wie eine Spinne im Netz auf Anlaß lauert, sich zur Höhe ihres
-Gefühls von neuem aufzurichten. Sie zaubert den Abglanz aller Stationen
-ihres weiblichen Blühens und Welkens her. Franz tritt mit vollkommener
-Sensation zu ihr, und erst jetzt kennt sie ihn in seinem ganzen Verein: Er
-war absonderlich jung und so wenig eigene Person, daß sie ihren ganzen
-Traum vom Mann mit ihm hat austräumen können. Je eindringlicher sie ihn
-gliedert, eine Zukunft bildet, die er gelebt hätte, wäre er vom Krieg
-heimgekehrt, um so deutlicher wird er das Ebenbild Jakobs. Derselben
-Begabung, des gleichen seelischen Gewichts, hätten Sprüche in seinem eitlen
-Maul den Mangel an Tatkraft stets ersetzen müssen. Wie Jakob hätten auch
-ihn Schnallen und Medaillen auf der Brust in seiner Welt beglaubigt;
-hinreichende Betätigung seiner selbst hätte auch er in Prost und Toast
-gefunden.
-
-Zehn Jahre früher würde sie ihn damit aus dem Herzen verloren haben, und
-die Zeit ihres höchsten Aufschwungs mit ihm wäre nie gewesen.
-
-Mild stimmte sie die Erkenntnis mit Gott, und aufmerksam sah sie ins
-treibende Gewölk, als läge hinter ihm vielleicht noch Überraschung und
-neuer Aufruf zu tätigem Leben. Ihre inneren Bestände von jeher musterte sie
-und stellte fest: nie habe gegen den Höchsten sie sich vergangen, hätte
-sie, ein menschliches Weib und nach den Worten der Schrift sein Abbild, vom
-ersten Lebenstag das Recht auf eigene Person und volle Verantwortung für
-sich gefordert. Denn nie, wohin immer die Sucht persönlichen Erlebnisses
-sie geführt, sei sie noch so schrecklichen Folgen ausgewichen. Sie hielt es
-sogar des Menschen als des göttlichen Gleichnisses für unwürdig, lebte er
-im Hinblick auf die Allgegenwart und Allkraft Gottes träge im Bett der
-Gewohnheiten, ohne mit seinem Blut die überkommenen Begriffe zu füllen und
-für sich selbst lebendig zu machen. Ihr ganzes Leben hindurch hatte sie nur
-gegen Sattheit, Ruhe und Stillstand in sich und anderen gemeutert, sich
-empört gegen den Tod in jederlei Gestalt, als gegen den grimmigsten Gegner
-des allebendigen Gottes. In Menschen, die ein nutzloses Sein nach Schema
-und Klischee hinbrachten, war sie wie Flamme gefahren und hatte sie zu
-eigener Äußerung endlich gebracht.
-
-Wo sie weilte, hatte Gefühl in Marsch und Aufruhr gestanden. Niemand habe
-mit ihrer Bewilligung einfach geschlafen, gegessen oder von beiden
-ausgeruht.
-
-Als mit dieser Einsicht alle Bedenken über Vergangenheit in ihr
-ausgeglichen waren, regte sie sich, nach dem Tod des Gatten Jakob, wieder
-rüstiger und richtete von sich fort den Sinn unmittelbarer auf die Mitwelt.
-Es reizte sie mächtig, nicht mehr aus dunklem Drang, sondern mit
-vollkommener Erkenntnis manchen schwächeren Weltkinds Bürde auf ihre
-Schultern zu nehmen, seine Bedenklichkeit, sich zu sich selbst zu bekennen,
-in alle Winde zu zerstreuen. Eine alte Eva war sie, gebraucht und in den
-Kesseln des Geschlechts gesotten. Aber unter weißem Haar stand das
-Menschliche ihr frisch und unversehrt. Nicht weniger als die Jungfrau
-einst, im Fenster auf Ausschau hängend, war sie für sich und andere keck
-und zukunftssicher.
-
-Ihre Kraft in abgestecktem Raum aufs beste noch zu nützen, trat sie in das
-Altfrauenhaus ihrer ländlichen Gemeinde ein. Zwanzig in durchschnittlichem
-Leben abgeblaßte Seelen traf sie dort, erloschene Flämmchen, die sich
-schämten, noch zu schwelen. In verschlissenen Kleidern, das weibliche
-Aussehen arg vernachlässigt, schlichen diese menschlichen Trümmer unsicher
-im Dämmerlicht.
-
-Meta wie Jugend, Sturm und himmlische Überredung fuhr in sie. Rollte ihnen
-den Film des Lebens zurück, wies die häufigen Höhen und zeigte einer jeden
-an der entsprechenden Stelle ihre ganz unvergleichliche, irdische
-Wirksamkeit. In welken Brüsten entzündete sie eine späte aber vollkommene
-Überzeugung von der einzigen Bedeutung dessen, wofür sie geblüht hatten.
-
-Und jede dieser Kreaturen setzte einige schüchterne Schößlinge an. Das
-kahle Holz begann zu treiben in der Gewißheit, solange es lebte, am neuen
-Morgen noch immer den ersten Tag zu haben. Es wurde das Licht der Augen
-wieder hell; die Hauben gebügelt und gewaschen, bekamen Rüschen; Spitzen
-und gefälteltes Weiß sahen aus den Ärmeln. Finger, Ohren und das gepflegte
-Tuch der dunklen Kleider waren plötzlich goldgeschmückt.
-
-Nach vollbrachtem Tagwerk findet man die Runde der Weiber allabendlich um
-die gewaltige Tafel: aus den Hälsen die Häupter steif gehoben, die Hände
-wie bewiesene und bedeutende Einheiten breit auf die Platte des Tisches
-gestreckt, lauschen sie andächtig Metas Rede. In allen Antlitzen aber
-brennen zinnoberrot hektische Flecken, und manchmal klopft zu dem
-Gesprochenen ein Fuß mit hohem Bewußtsein den Boden.
-
-Als vom benachbarten Kloster die Nonne Äbtissin, die von Metas
-Hochgemutsein in der strengen Abgeschiedenheit gehört hatte, sie aufsuchte
-und, mit ihr plaudernd, meinte, vielleicht sei das Kloster auch für den
-Rest _ihrer_ Tage der rechte Ort, gab die alte Magd bescheiden doch gewiß
-dies zurück:
-
-Ihr seid nicht stolz genug auf euch, ihr klösterlichen Weiber. Mir gefällt
-nicht die Demut, das Bedauern eigener Unzulänglichkeit und nicht
-Unterwerfung unter hohe, unumstößliche Vorschrift. Schönste, irdische
-Wirklichkeit bin ich mir selbst, und auch vor meinen Herrn will ich einst
-so treten, daß er mich als das Höchstpersönliche erkennt, welches er, von
-aller Menschheit streng unterschieden, einst schuf, und das er »Meta«
-nannte.
-
-ENDE
-
-CARL STERNHEIM
-
-Insel-Verlag zu Leipzig
-
-_Don Juan_, Eine Tragödie · Geh. 5 M., Halbleder 8 M.
-
-_Ulrich und Brigitte_, Ein dramatisches Gedicht · Geh. 3 M., Leinen 4 M.
-
-Aus dem bürgerlichen Heldenleben 1. _Die Hose_ · Lustspiel 2. _Die
-Kassette_ · Komödie 3. _Bürger Schippel_ · Komödie 4. _Der Snob_ · Komödie
-
-Jeder Band geheftet 3 M., in Leinen 4 M.
-
-Kurt Wolff Verlag zu Leipzig
-
-5. _Der Kandidat_ · Politische Komödie 6. _1913_ · Schauspiel 7. _Tabula
-rasa_ · Schauspiel (Auf Subskript.)
-
-_Das leidende Weib_ Drama nach F. M. Klinger
-
-_Die drei Erzählungen_ Reich illustriert mit Original-Lithographien von
-_Ottomar Starke_
-
-Kurt Wolff Verlag zu Leipzig
-
-Neue Dichtungen
-
-In einheitlicher Ausstattung fest brosch. M. 2.50; in Halbleder geb. M.
-4.50; in Pappband geb. M. 3.50
-
-_Franz Kafka_ · Betrachtung. 2. Auflage
-
-_Oskar Kokoschka_. Dramen und Bilder. Mit einer Einleitung von Paul Stefan
-
-_Rabindranath Tagore_ · Chitra. Ein Drama. -- Der zunehmende Mond. (Mutter
-und Kind) -- Gitanjali. (Sangesopfer.) -- Der Gärtner. (Liebeslieder)
-
-_Franz Werfel_ · Einander. Oden -- Lieder -- Gestalten -- Die Troerinnen
-des Euripides. In deutscher Bearbeitung. Wir sind. Neue Gedichte. 3.
-Auflage.
-
-In meinen Verlag ging über und erschien in neuer Ausgabe:
-
-_Franz Werfel_ · Der Weltfreund. Gedichte.
-
-Kurt Wolff Verlag zu Leipzig
-
-Der neue Roman
-
-Sammlung zeitgenössischer Erzähler
-
-Jeder Band geh. M. 3.50. geb. M. 4.50. kart. M. 4.--
-
-Der große Erfolg, den die mitreißende Gewalt neuer Erzähler in den
-weitesten Kreisen der Lesewelt gefunden hat, und die begeisterte Aufnahme,
-die beispielsweise Sternheims »Napoleon« bereitet ward, läßt klar erkennen,
-daß das Publikum endlich den seichten Unterhaltungsroman der vielen
-Gartenlauben satt hat. Es sehnt sich nach einer literarisch gehaltvolleren
-Kost mit Durchdringung von hoher Geistigkeit und innigstem Gefühl wie in
-Max Brods Roman »Tycho Brahes Weg zu Gott«. Vom Jahrhundert des Aeroplans
-und der Untergrundbahn verlangen wir auch eine kongenialere Kunst, furios
-im Tempo und im Monumentalstil wie Flaubert und Heinrich Mann, atemraubend
-wie Meyrinks »Golem«. Einem solchen Verlangen soll diese neue Sammlung
-zeitgenössischer Erzähler versuchen gerecht zu werden, deren vornehmstes
-Ziel sein wird: den neuen Dichtern Raum zu schaffen, die -- wenn sie auch
-noch so verschieden an Kraft und Wesensart sein mögen -- uns den starken
-Atem unserer Tage spüren lassen.
-
-Als erste Bände erschienen:
-
-_Gustav Meyrink_, Der Golem _Max Brod_, Tycho Brahes Weg zu Gott _Heinrich
-Mann_, Schlaraffenland
-
-In Vorbereitung befinden sich neue Bücher von Kasimir Edschmid -- Arnold
-Zweig -- Flaubert -- Anatole France -- Heinrich Mann u. A.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
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-End of the Project Gutenberg EBook of Meta, by Carl Sternheim
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK META ***
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-This and all associated files of various formats will be found in:
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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<title>The Project Gutenberg eBook of Meta, by Carl Sternheim</title>
<!-- TITLE="Meta" -->
<!-- AUTHOR="Carl Sternheim" -->
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<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Meta, by Carl Sternheim
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Meta
- Eine Erzählung
-
-Author: Carl Sternheim
-
-Release Date: December 28, 2012 [EBook #41724]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK META ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-</pre>
-
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41724 ***</div>
<div style="margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:25em;">
<h1 style="line-height:1em; font-weight:normal; letter-spacing:0.1em; margin-bottom:0.5em;">
<span style="font-size:1.2em;">META</span><br />
<br />
-<span style="font-size:0.6em;">EINE ERZÄHLUNG</span><br />
+<span style="font-size:0.6em;">EINE ERZÄHLUNG</span><br />
<span style="font-size:0.5em;">VON</span><br />
<span style="font-size:0.8em;">CARL STERNHEIM</span>
</h1>
@@ -188,8 +153,8 @@ KURT WOLFF VERLAG<br />
</p>
<p class="center" style="page-break-before:always; font-size:0.8em; margin-bottom:8em; margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:25em;">
-Sechsundzwanzigster Band der Bücherei<br />
-»Der jüngste Tag«.
+Sechsundzwanzigster Band der Bücherei<br />
+»Der jüngste Tag«.
</p>
<p class="center" style="font-size:0.8em;">
@@ -201,113 +166,113 @@ GEDRUCKT BEI E. HABERLAND IN LEIPZIG-R.
<p class="first">
<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
<span class="firstchar">M</span>ETA war ein dienender Geist, geboren im
-gleichen Städtchen, in dem sie bei bürgerlicher
+gleichen Städtchen, in dem sie bei bürgerlicher
Herrschaft Stellung hatte. Siebenzehn
Jahr alt, schien sie klein, fest und hatte zu mittleren
Formen den vollen Busen der Frau, auf den sie stolz
war, den sie herausstrich und mit Brosche und Blume
-garnierte. Ihr Haar, das aufgelöst mit blonder Welle
+garnierte. Ihr Haar, das aufgelöst mit blonder Welle
ins Knie hing, wusch sie mit Branntwein und Kamille.
-Der dünne Sopran sang Volks- und Kirchenlied; warm
-wie ein Öfchen war die ganze Person.
+Der dünne Sopran sang Volks- und Kirchenlied; warm
+wie ein Öfchen war die ganze Person.
</p>
<p>
Sprang sie morgens aus den Kissen in die Kammer,
-verschlug ihres Körpers Hitze gleich des Nordzimmers
-Kühle angenehm. Bei jeder Bewegung, warf sie die
+verschlug ihres Körpers Hitze gleich des Nordzimmers
+Kühle angenehm. Bei jeder Bewegung, warf sie die
Arme ins Waschbecken, fuhr mit dem Bein in Hose und
-Rock, hob es zum Schuhknöpfen auf den Stuhl, ging ein
-molliger Hauch in die Atmosphäre, und alle Umgebung
-war immer behaglich für sie angewärmt.
+Rock, hob es zum Schuhknöpfen auf den Stuhl, ging ein
+molliger Hauch in die Atmosphäre, und alle Umgebung
+war immer behaglich für sie angewärmt.
</p>
<p>
So fand sie, von Frost und Schauern nie zur Eile
getrieben, Zeit, sich beim Anziehen im Spiegel reichlich
-zu sehen, unter das Haar, in den Rachen zu spähen und
-die Zähne tüchtig zu bürsten. Mit billigen Pasten salbte
+zu sehen, unter das Haar, in den Rachen zu spähen und
+die Zähne tüchtig zu bürsten. Mit billigen Pasten salbte
sie die Haut.
</p>
<p>
Da sie aber ihrer Arbeit gewissenhaft hingegeben
-war, blieben die Hände, die in Soda und Lauge tagsüber
-schwollen, Risse und Borken bekamen, ihre ständige
+war, blieben die Hände, die in Soda und Lauge tagsüber
+schwollen, Risse und Borken bekamen, ihre ständige
Sorge. Unter dem Zeug war sie blank wie Porzellan,
-aus den Ärmeln aber schauten breit und blau
+aus den Ärmeln aber schauten breit und blau
die Flossen.
</p>
<p>
-Kleider von glattem Tuch standen ihr zum Entzücken,
-beim Schaffen schien die Schürze darüber angegossen.
+Kleider von glattem Tuch standen ihr zum Entzücken,
+beim Schaffen schien die Schürze darüber angegossen.
<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-Stand sie hoch und auf Leitern, sah man die Säume der
-Wäsche weiß, und aus fester Wolle schwarze Strümpfe.
+Stand sie hoch und auf Leitern, sah man die Säume der
+Wäsche weiß, und aus fester Wolle schwarze Strümpfe.
In der Bewegung spielten die Glieder rund und im
Rhythmus.
</p>
<p>
Der Herr, erwischte er sie in einer Ecke, patschte ihr
-leutselig aufs Hinterteil. Sie lächelte und nahm&rsquo;s als
-Herzensbeifall. Schon hundertmal hatte er sie getätschelt,
-und es sprang aus ihr kein Flämmchen. Noch
-war sie niedlich nur für sich selbst, und Blicke der Männer
-machten sie nur in der Selbstschätzung sicher. Im
-Sommer schwitzte sie, im Winter wünschte sie&rsquo;s zu tun.
-Der Frühling sagte ihr Besonderes. Da wurde ihr Tun
-gemessen. Sie verhielt sich, den Kräften, die sie spannten,
+leutselig aufs Hinterteil. Sie lächelte und nahm&rsquo;s als
+Herzensbeifall. Schon hundertmal hatte er sie getätschelt,
+und es sprang aus ihr kein Flämmchen. Noch
+war sie niedlich nur für sich selbst, und Blicke der Männer
+machten sie nur in der Selbstschätzung sicher. Im
+Sommer schwitzte sie, im Winter wünschte sie&rsquo;s zu tun.
+Der Frühling sagte ihr Besonderes. Da wurde ihr Tun
+gemessen. Sie verhielt sich, den Kräften, die sie spannten,
begegnend. Sie flog ein wenig von innen heraus,
-und ihre wie zum Gebet gefalteten Hände drückten die
-bewegte Brust, das drängende Leibchen nieder.
+und ihre wie zum Gebet gefalteten Hände drückten die
+bewegte Brust, das drängende Leibchen nieder.
</p>
<p>
Im Spiegel sah sie sich ins Auge und fand alles weit
-und blau. Ein großer Reiz stellte ihr das Gefieder der
+und blau. Ein großer Reiz stellte ihr das Gefieder der
Haut auf; sie schnurrte. Oft fiel sie verloren in den
-Sitz und staunte. Befühlte Gegenstände und sich selbst
-und mußte, Tränen im Blick, den zierlichen Kopf schütteln.
-Abends aber im Bett, dem geöffneten Fenster
-entgegen, lächelte sie verschmitzt ins Himmelslicht und
+Sitz und staunte. Befühlte Gegenstände und sich selbst
+und mußte, Tränen im Blick, den zierlichen Kopf schütteln.
+Abends aber im Bett, dem geöffneten Fenster
+entgegen, lächelte sie verschmitzt ins Himmelslicht und
dachte ihr Teil.
</p>
<p>
-Plättete sie Wäsche der hübschen Hausfrau, hatte
-sie gerührte Vorstellungen. Zärtlich strichen die Hände
-Spitzen und Rüsche. Armes, dachte sie von ihr, &mdash; glückseliges
-Weib dann wieder, und aus ihr hüpfte Mitgefühl.
+Plättete sie Wäsche der hübschen Hausfrau, hatte
+sie gerührte Vorstellungen. Zärtlich strichen die Hände
+Spitzen und Rüsche. Armes, dachte sie von ihr, &mdash; glückseliges
+Weib dann wieder, und aus ihr hüpfte Mitgefühl.
Hemd, Kragen und Beinkleid des Mannes weckten
-ihr gutmütigen Spott. Die Männer, Himmel, das war
-eine Sache für sich; doch immer zum Kichern.
+ihr gutmütigen Spott. Die Männer, Himmel, das war
+eine Sache für sich; doch immer zum Kichern.
</p>
<p>
-Sie lächelte jeden an, dem sie Rede stand, und spürte,
+Sie lächelte jeden an, dem sie Rede stand, und spürte,
es ist nicht ernst mit ihm. Nur ein wenig Blitz brauchst
-du in den Blick zu stellen, das Mäulchen zu schürzen,
+du in den Blick zu stellen, das Mäulchen zu schürzen,
<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
und mit seiner Gewalt, dem festen Auftritt ist&rsquo;s vorbei.
-Den Beamten, die behördliche Mahnung brachten,
+Den Beamten, die behördliche Mahnung brachten,
entgegnete sie auf ihr &bdquo;endlich!&ldquo; und &bdquo;unwiderruflich!&ldquo;
-mit stiller Heiterkeit, daß die das Auge schlugen und
-gleich fröhlich von der Sache wegzureden begannen.
+mit stiller Heiterkeit, daß die das Auge schlugen und
+gleich fröhlich von der Sache wegzureden begannen.
Einem Polizisten hatte sie sogar den Arm gestreichelt.
-Waren die Männer schon in die Treppe zurückgetreten,
-schmetterte sie ihnen helle Triller nach, daß die draußen
+Waren die Männer schon in die Treppe zurückgetreten,
+schmetterte sie ihnen helle Triller nach, daß die draußen
lachten und dachten: welch&rsquo; niedlicher Vogel, welch&rsquo;
frecher! Und ihnen noch einmal wohl wurde. An allen
-Straßenecken grüßte sie die Obrigkeit. Die Wagenführer
+Straßenecken grüßte sie die Obrigkeit. Die Wagenführer
waren ihr gewogen. Milchmann und Schornsteinfeger
grinsten bei ihrer Begegnung, und zum Dank hatte
-sie für alle einen Blick, irgendwie Duft ihrer Frische.
-Regnete es, hob sie die Röcke an die Wade, und trippelnd
-fing sie aus Blinzeln und Geschmunzel bärtiger
+sie für alle einen Blick, irgendwie Duft ihrer Frische.
+Regnete es, hob sie die Röcke an die Wade, und trippelnd
+fing sie aus Blinzeln und Geschmunzel bärtiger
Gesichter sich eigenen Sonnenschein. Hochgestimmt war
-sie an Sonntagen, an hohen Festen überirdisch bewegt.
+sie an Sonntagen, an hohen Festen überirdisch bewegt.
</p>
<p>
@@ -316,94 +281,94 @@ leeres Heft, auf dem in goldenen Lettern &bdquo;Tagebuch&ldquo;
stand. Dazu ein gedrucktes Buch, einen Roman des
Titels &bdquo;Der Zug des Herzens&ldquo;. Mit der Spende des
Tagebuches war von den Gebern nicht beabsichtigt, ihre
-Magd zur Selbsteinkehr zu führen. Irgendwann hatte
+Magd zur Selbsteinkehr zu führen. Irgendwann hatte
es die Frau geschenkt bekommen und gab es weiter,
andere Gabe zu sparen. Der Roman aber war in einer
-Buchhandlung eigens für Meta gekauft.
+Buchhandlung eigens für Meta gekauft.
</p>
<p>
Es war die erste Liebesgeschichte, die das Kind erfuhr,
-und sie vermittelte ihm stürmischen Eindruck. Held
+und sie vermittelte ihm stürmischen Eindruck. Held
und Heldin des Buches liebten sich auf vorbildliche Art;
-das Mädchen schien leiblich und seelisch wie aus dem
+das Mädchen schien leiblich und seelisch wie aus dem
Ei gepellt und machte dazu mit Rede und Geste heldische
Anstrengung, stand sie bei dem Geliebten. Ihre
-braunen Flechten waren gelöst, es blitzten die Augen,
+braunen Flechten waren gelöst, es blitzten die Augen,
<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-die Brust hob sich regelmäßig stürmisch. Auf ihrem
-Antlitz lag Güte, sie lispelte hold, und abwechselnd ließ
+die Brust hob sich regelmäßig stürmisch. Auf ihrem
+Antlitz lag Güte, sie lispelte hold, und abwechselnd ließ
sie das Haupt dem Mann an die Schulter und in den
eigenen Nacken sinken. Der Liebende aber war ein
Standbild aus Bronze. Er sprach Gold und schwieg Erhabenheit.
-Es ließen sich die Situationen himmlisch an
-trotz einiger böser Menschen, die zum Schluß ihr Unrecht
-bekannten. Küsse knallten auf jeder Seite, und
+Es ließen sich die Situationen himmlisch an
+trotz einiger böser Menschen, die zum Schluß ihr Unrecht
+bekannten. Küsse knallten auf jeder Seite, und
einmal war sogar von etwas die Rede, das Metas Blut
zum Wallen brachte.
</p>
<p>
-Sie war hinterher mit Dichtung gefüllt, schickte mit
-jedem Gedanken Übersinnliches in die Welt, verband
+Sie war hinterher mit Dichtung gefüllt, schickte mit
+jedem Gedanken Übersinnliches in die Welt, verband
aller Handlung fortan dunklen Zweck. Zittern befiel sie
-jetzt beim Bügeln der Wäsche, und es schwindelte sie,
-räumte sie des Ehepaars Schlafzimmer nach; ein Geheimnis
+jetzt beim Bügeln der Wäsche, und es schwindelte sie,
+räumte sie des Ehepaars Schlafzimmer nach; ein Geheimnis
wuchs in der Brust, und sie neigte ein wenig
zur Angst. Auch legte sie wohl den geschwungenen Arm
-an einen Türpfosten und seufzte verzaubert. Schwäche
-saß in den Schenkeln; von der Küche sah sie zum Hof
+an einen Türpfosten und seufzte verzaubert. Schwäche
+saß in den Schenkeln; von der Küche sah sie zum Hof
auf die Tiere, die sich berochen.
</p>
<p>
-Erst wälzte sie heftig Gedanken, dann saß sie eines
+Erst wälzte sie heftig Gedanken, dann saß sie eines
Abends bei Papier und Feder und stach entschlossen
-ins Faß. Doch flossen Tränen vor der Tinte auf die
+ins Faß. Doch flossen Tränen vor der Tinte auf die
Seiten, und ihr entfuhr ein &bdquo;Jesus!&ldquo; nach dem andern.
</p>
<p>
Fedor, der Held des Romanes, wuchs stracks in ihr
Leben. Aus den Armen Leonores, der sie auf manche
-Schliche kam, riß sie ihn und zog ihn zu sich hinüber.
+Schliche kam, riß sie ihn und zog ihn zu sich hinüber.
Eine Vollkommenheit ihrer Seele nach der andern entschleierte
-sie dem Entzückten, der mit &bdquo;geliebtes, himmlisches
-Weib&ldquo; respondierte und segnende Gebärden auf
-sie schwenkte. Dazu murmelte Meta innerlich ein erlöstes:
+sie dem Entzückten, der mit &bdquo;geliebtes, himmlisches
+Weib&ldquo; respondierte und segnende Gebärden auf
+sie schwenkte. Dazu murmelte Meta innerlich ein erlöstes:
ach! Einmal, als sie ihm eine Tugend, die ihr eignete,
zuraunte, wollte der Hingerissene flink ihre Lippen. Da
-aber richteten sich Trotz und Person des Mädchens noch
+aber richteten sich Trotz und Person des Mädchens noch
<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
einmal hoch, bis sie durch Glut der Blicke versengt,
-schmelzend in den Wirbel seiner Küsse einging.
+schmelzend in den Wirbel seiner Küsse einging.
</p>
<p>
Nun hockte sie, von der Arbeit fort, oft in den
-Winkel und ließ sich von ihm umschließen. Die Lippen
+Winkel und ließ sich von ihm umschließen. Die Lippen
schmiegte sie zwischen die eigenen Finger, die sie geschlossenen
Augs besog. Fedors Atem blies sie aus
ihnen an, sein Wunsch und Wille mit ihr lag wie
Faust auf ihrem Haupt. Er wuchs sich aus, ward bald
-ein Schlimmer. Dem Schluß ihrer Arbeit lauerte er auf,
-trieb sie, die Hände wie Hämmer über sie gehoben,
-flugs in die Kammer hinauf. Dort preßte er den Rücken
-gegen die Tür, breitete Arme und Beine und sperrte
-gänzlich den Weg. Dann stellte er die schreckliche Forderung:
-ihr Kleid solle sie abwerfen, Wäsche zeigen.
-Sie aber schlug ihr purpurnes Antlitz in die Hände, und
-während Fieber sie quirlten, stieß ihr Stimmchen das
-noch gerade hörbare Nein als Hilfeschrei heraus, der
+ein Schlimmer. Dem Schluß ihrer Arbeit lauerte er auf,
+trieb sie, die Hände wie Hämmer über sie gehoben,
+flugs in die Kammer hinauf. Dort preßte er den Rücken
+gegen die Tür, breitete Arme und Beine und sperrte
+gänzlich den Weg. Dann stellte er die schreckliche Forderung:
+ihr Kleid solle sie abwerfen, Wäsche zeigen.
+Sie aber schlug ihr purpurnes Antlitz in die Hände, und
+während Fieber sie quirlten, stieß ihr Stimmchen das
+noch gerade hörbare Nein als Hilfeschrei heraus, der
ihn verjagte.
</p>
<p>
-Das ging nun Abend für Abend. Schon beim Einbruch
+Das ging nun Abend für Abend. Schon beim Einbruch
der Dunkelheit sprang seine Tatze aus der Wand
-und trieb sie. Wo sie stand, hatte sie das Gefühl, der
-Zugriff blieb hinter ihr. Sie lief mit vorgestoßenem Schoß
-und legte die Hände schützend unter das Gesäß. Das
+und trieb sie. Wo sie stand, hatte sie das Gefühl, der
+Zugriff blieb hinter ihr. Sie lief mit vorgestoßenem Schoß
+und legte die Hände schützend unter das Gesäß. Das
war ihres jungen Lebens Zustand, bis Franz erschien.
</p>
@@ -414,61 +379,61 @@ war ihres jungen Lebens Zustand, bis Franz erschien.
<p class="noindent">
Er brachte eines Morgens ein Telegramm, und als
er&rsquo;s gab, sah er in die Luft. Da er auf Antwort wartete,
-blieb er in der Küche. Meta suchte, seinen Blick aus
+blieb er in der Küche. Meta suchte, seinen Blick aus
dem Nichts zu fangen, doch wich er aus. Endlich gelang
ihr&rsquo;s, sich ihm in den Sehwinkel zu haken, und nun
-zog sie des Jungen Haupt gegen ihr Antlitz, ließ es
+zog sie des Jungen Haupt gegen ihr Antlitz, ließ es
Kreise beschreiben, und als er es recht geradeaus hielt
-und die Augen gleich zwei Tassen aufriß, blies ihm das
+und die Augen gleich zwei Tassen aufriß, blies ihm das
<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-Mädchen mit Stichflamme ihren Glanz bis zur Herzgrube.
+Mädchen mit Stichflamme ihren Glanz bis zur Herzgrube.
Sofort war er mit Licht innen tapeziert. In Magen
-und Eingeweide, an des Leibes Wänden, &mdash; überall verzehrten
-ihn ihre Feuer. Er stand gelähmt, und erst, als
+und Eingeweide, an des Leibes Wänden, &mdash; überall verzehrten
+ihn ihre Feuer. Er stand gelähmt, und erst, als
sie ihn anredete, schlenkerte er weg. Doch wurden die
-Depeschen im Städtchen hinfort nicht schnell bestellt,
-denn er verweilte auf Brücken, in öffentlichen Gärten.
-Bog die Zweige der Büsche nieder, ließ sie schnellen,
-und ihm war&rsquo;s süßer Schreck. Im Tritt mied er Ritzen
-der Trottoirplatten und alle Schatten; ließ den Finger
+Depeschen im Städtchen hinfort nicht schnell bestellt,
+denn er verweilte auf Brücken, in öffentlichen Gärten.
+Bog die Zweige der Büsche nieder, ließ sie schnellen,
+und ihm war&rsquo;s süßer Schreck. Im Tritt mied er Ritzen
+der Trottoirplatten und alle Schatten; ließ den Finger
an Gittern spielen. Sonntags sackte er in eine Bank im
-Park und trank Erinnerung des unvergeßlichen Morgens.
+Park und trank Erinnerung des unvergeßlichen Morgens.
</p>
<p>
-Meta aber putzte die Scheiben zur Straße, nach ihm
-zu spähen. Erschien er, hing sie den Rumpf, die halbe
-Brust ins Freie und flatterte, Tuch in Händen, wie eine
+Meta aber putzte die Scheiben zur Straße, nach ihm
+zu spähen. Erschien er, hing sie den Rumpf, die halbe
+Brust ins Freie und flatterte, Tuch in Händen, wie eine
Fahne am Fenster. Den Kopf in die fortstehende Sohle,
das offene Loch ihres Rockes gereckt, marschierte Franz
unten vorbei. Einmal doch wurde er flach hingenagelt,
als sie ihn anrief. Er sperrte Mund und Auge wie ein
-Karpfen, und ohne daß er sie verstanden hätte war
+Karpfen, und ohne daß er sie verstanden hätte war
er verhimmelt. Nun begann, was Regeldetri ist: eine
-einfache, dumme Liebe in dem Jungen, der träumte, was
-das Zeug hielt, mit keuschen Symbolen. Engel war für
-die Angeschwärmte das mindeste Gleichnis. Er gab ihr
+einfache, dumme Liebe in dem Jungen, der träumte, was
+das Zeug hielt, mit keuschen Symbolen. Engel war für
+die Angeschwärmte das mindeste Gleichnis. Er gab ihr
Krone, Kelch und Dorn und alle Vollkommenheit im
Voraus. Sie empfand&rsquo;s auch, als sie das erstemal mit
ihm in die Felder ging. Ganz anders als in ihrem
-einstigen Verhältnis zu Fedor mußte sie sich nicht brüsten.
+einstigen Verhältnis zu Fedor mußte sie sich nicht brüsten.
Wort aus ihrem Mund war ihm Allegorie, Silbe schon
Botschaft. An ihrer Seite ging er, Andacht und Glaube.
-Sie schwatzte Blasen ins Blaue und spürte gleichviel,
+Sie schwatzte Blasen ins Blaue und spürte gleichviel,
wie Basalt fiel ihre Rede auf sein lauschendes Herz.
Die blasseste Geste von ihr blieb ihm denkmalhaft in
-der Vorstellung; schloß er die Lider, rauschte sie großflügelig
+der Vorstellung; schloß er die Lider, rauschte sie großflügelig
<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
daher mit Schwung und Faltenwurf des Gewandes.
Auch Natur, die sie einmal bezeichnet, verharrte
-für ihn endgiltig. Als sie bei einer Promenade den
+für ihn endgiltig. Als sie bei einer Promenade den
sinkenden Sonnenball zeigte, stand der fortan Tag und
Nacht seinem Auge an der gleichen Stelle. Silhouette
der Berge, an einem regnichten Morgen von ihr mit dem
-Finger an den Himmel gerändert, blieb dort, fest in die
-Wolken gemeißelt. Überglücklich fand sich Meta und
+Finger an den Himmel gerändert, blieb dort, fest in die
+Wolken gemeißelt. Überglücklich fand sich Meta und
diese Anbetung wie ein Wunder, das den Sinn ihres
-Lebens erhellte. Was galt Arbeit und Abhängigkeit,
+Lebens erhellte. Was galt Arbeit und Abhängigkeit,
stand am Haustor abends der Trabant mit dem Tronhimmel
seiner Liebe, unter dem sie als Kaiserin schritt?
Maskerade war ihr Dienst; Wirklichkeit begann an der
@@ -476,61 +441,61 @@ Seite des Verliebten.
</p>
<p>
-Das Mädchen sah der Gottesmutter Bildnis oft und
-dringend an und nahm aus Haltung und Gebärde viel
-für sich wahr. Denn sie meinte, des Jünglings Sinn
-allmählich mit Wirklichkeit stützen zu müssen; doch
-erfuhr sie nicht, daß der Eindruck ausblieb, weil die
-männliche Seele sie ewig strahlender sah, als sie es
+Das Mädchen sah der Gottesmutter Bildnis oft und
+dringend an und nahm aus Haltung und Gebärde viel
+für sich wahr. Denn sie meinte, des Jünglings Sinn
+allmählich mit Wirklichkeit stützen zu müssen; doch
+erfuhr sie nicht, daß der Eindruck ausblieb, weil die
+männliche Seele sie ewig strahlender sah, als sie es
darstellen konnte. Ihm war sie nicht nur Maria aber
-Meta dazu. Und die war ihm ursprünglich herrlicher.
+Meta dazu. Und die war ihm ursprünglich herrlicher.
</p>
<p>
-Flitzte auf gelbem Rad er vorüber &mdash; stand sie im
-Fenster &mdash;, riß er die Mütze in die Wagerechte und
+Flitzte auf gelbem Rad er vorüber &mdash; stand sie im
+Fenster &mdash;, riß er die Mütze in die Wagerechte und
schickte mit gedoppeltem Blick ihr ewige Treue. Lob
-für sein forsches Fahren spendete sie ihm und bat,
+für sein forsches Fahren spendete sie ihm und bat,
sie&rsquo;s auch zu lehren. Doch als er bei Dunkelheit kam
-und sie in den Sattel hob, saß sie schlecht und bewegte
-sich unkundig. Fürchtend aber, seine Erwartung sei,
-schnell müsse sie die Lenkstange greifen und, die Maschine
+und sie in den Sattel hob, saß sie schlecht und bewegte
+sich unkundig. Fürchtend aber, seine Erwartung sei,
+schnell müsse sie die Lenkstange greifen und, die Maschine
beherrschend, sie mit Schwung aus sich selbst in Gang
-setzen und lächelnd entschweben, stieg sie gleich zur
+setzen und lächelnd entschweben, stieg sie gleich zur
Erde nieder, behauptend, dies zieme ihr durchaus nicht.
</p>
<p>
-Überall und immer, weil sie infolge seiner grenzenlosen
+Überall und immer, weil sie infolge seiner grenzenlosen
<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Anbetung eine Formel der Vollkommenheit erfüllen
-wollte, bemühte sie sich jetzt, die Schöpfung
-abhängig von ihr zu zeigen. Hatten sie auf Märschen
+Anbetung eine Formel der Vollkommenheit erfüllen
+wollte, bemühte sie sich jetzt, die Schöpfung
+abhängig von ihr zu zeigen. Hatten sie auf Märschen
den Gipfel des Berges bei schlimmer Hitze erstiegen
und starrten, Atem ausbrausend, den Rausch der Freiheit
oben an, wollte sie Wasser, sonst nichts, wohl wissend,
-anderes möchte am Ende nicht zu finden sein; Göttern
+anderes möchte am Ende nicht zu finden sein; Göttern
aber versage sich nichts. Oder sie sprach, wenn schon
-die Tropfen fielen: daß es doch regnen möchte! Und
+die Tropfen fielen: daß es doch regnen möchte! Und
stellte den Sturm der Elemente mit dem Hinweis auf
die Pracht des Regenbogens ab, doch so ein wenig,
-als hätte der auf ihren Ruf erst sich illuminiert.
+als hätte der auf ihren Ruf erst sich illuminiert.
</p>
<p>
-Sie war sich nun bewußt, unvergleichliches Leben
-mit Franz zu machen. Keine Nebenbuhlerin könne
-gefährlich werden, denn an goldenen Fäden lenkte sie
-für ihn die Welt und zog mit sphärischer Landschaft,
+Sie war sich nun bewußt, unvergleichliches Leben
+mit Franz zu machen. Keine Nebenbuhlerin könne
+gefährlich werden, denn an goldenen Fäden lenkte sie
+für ihn die Welt und zog mit sphärischer Landschaft,
englischen Freuden, mit sich selbst immer das Paradies
auf die Szene.
</p>
<p>
-Ihr Lohn war sein staunender Beifall. Ausgleich für
-Gefühle, die sie irgendwie schon heimsuchten. Einen
-Frühling hindurch liefen sie in Freistunden durch umhuschte
-Wege Höhen hinan. Saßen oben im Moos,
+Ihr Lohn war sein staunender Beifall. Ausgleich für
+Gefühle, die sie irgendwie schon heimsuchten. Einen
+Frühling hindurch liefen sie in Freistunden durch umhuschte
+Wege Höhen hinan. Saßen oben im Moos,
das Bild der Heimat vor sich ausgebreitet, in dem Meta
die gestellte Sonne blieb.
</p>
@@ -538,164 +503,164 @@ die gestellte Sonne blieb.
<p>
Sie lebte Dogma. In seinen Glauben geschient, war
ihr Wille seiner Demut unterworfen. Seine herrische
-Andachtsforderung ließ ihr im einzelnen Spielraum,
+Andachtsforderung ließ ihr im einzelnen Spielraum,
zwang aber unbedingt die Richtung ihres Lebens. Herzlich
liebte sie ihn, bewunderte die entfesselte Hingabe,
-und mählich, mehr und mehr, begann sie, ihm diese
+und mählich, mehr und mehr, begann sie, ihm diese
zu neiden.
</p>
<p>
Baute er sie steil vor sich auf und machte Kniefall,
-sie aber mußte irgendwie mit seelischer Verzierung
-stehen, hätte sie neben ihn hinsinken und auch anschmachten,
+sie aber mußte irgendwie mit seelischer Verzierung
+stehen, hätte sie neben ihn hinsinken und auch anschmachten,
<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-anbeten wollen. Ihre gezwungene Stärke
-trieb ihr schließlich Tränen ins Auge. Das gefügte Erz
-der Gesten begann zu reißen, ihrer Stimme Metall zerbrach.
-Brüchig ward das eherne Standbild, und Fleisch
+anbeten wollen. Ihre gezwungene Stärke
+trieb ihr schließlich Tränen ins Auge. Das gefügte Erz
+der Gesten begann zu reißen, ihrer Stimme Metall zerbrach.
+Brüchig ward das eherne Standbild, und Fleisch
begann, allenthalben in die Furchen zu wuchern. Stand
er jung, stark und gerade als Mann gewachsen vor ihr,
senkte das Haupt an ihre Brust, auf das sie dem Ritus
-zufolge die gekreuzten Handflächen legen mußte, konnte
-sie Aufwallung nicht mehr unterdrücken. Oft schüttelte
-sie an seiner Seite der Reiz so mächtig, daß die Zähne
+zufolge die gekreuzten Handflächen legen mußte, konnte
+sie Aufwallung nicht mehr unterdrücken. Oft schüttelte
+sie an seiner Seite der Reiz so mächtig, daß die Zähne
schlugen und Gebein klappte. Er aber, knabenhaft frei,
sang das Marschlied in die Luft.
</p>
<p>
Sie betete zu allen Heiligen, den Sinn ihm von Grund
-auf zu ändern; seiner Kraft und Gewalt möchte er sich
-bewußt werden. Sie wünschte die ins Fenster geschmetterte
-Faust, daß Scherbe vom Kitt klirre. Vorm
+auf zu ändern; seiner Kraft und Gewalt möchte er sich
+bewußt werden. Sie wünschte die ins Fenster geschmetterte
+Faust, daß Scherbe vom Kitt klirre. Vorm
Schlafengehen brach sie ins Knie und senkte der Seele
-unbezähmbare Sehnsucht nach Hingabe in selbstvergessenes
-Gebet. Wollte sie aber sanft und mit gütiger
-Schonung Anfall ihrer weiblichen Schwäche von weitem
-ankünden, schob er unwiderstehlich doppelte Riegel vor.
+unbezähmbare Sehnsucht nach Hingabe in selbstvergessenes
+Gebet. Wollte sie aber sanft und mit gütiger
+Schonung Anfall ihrer weiblichen Schwäche von weitem
+ankünden, schob er unwiderstehlich doppelte Riegel vor.
Er wollte seine Andacht bis an die Sterne spreizen,
-doch müsse sie das unzerreißbare, sich immer weitende
-Gefäß für sie bleiben. Dazu flatterten seine Worte
-ekstatisch, und die Arme ruderten wie mystische Mühlen.
-So blieb sie Heilige weiter, aber der Wurm fraß in
-ihrem Blut. Sie duldete seinen Kult und spürte nur
+doch müsse sie das unzerreißbare, sich immer weitende
+Gefäß für sie bleiben. Dazu flatterten seine Worte
+ekstatisch, und die Arme ruderten wie mystische Mühlen.
+So blieb sie Heilige weiter, aber der Wurm fraß in
+ihrem Blut. Sie duldete seinen Kult und spürte nur
immer mit allen Sinnen, durch welche Mittel sie ihn
zerschlagen, wie sie Franz vergotten und in der Rolle
-der demütigsten Magd sich selbst mit natürlichem Glück
-bis an den Rand füllen könnte.
+der demütigsten Magd sich selbst mit natürlichem Glück
+bis an den Rand füllen könnte.
</p>
<p>
Eines Abends, als sie zum Bad in flacher Schale
-Wasser stand und das Gesicht über die Schulter in den
-Spiegel legte, sah sie sich rückwärts so: von mittlerer
+Wasser stand und das Gesicht über die Schulter in den
+Spiegel legte, sah sie sich rückwärts so: von mittlerer
<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-Größe, schien die Gestalt in der Hüfte edel geteilt.
-War auch das Postament der Beine höher, saß der Rumpf
-mit gutem Verhältnis darauf. Leuchtendes Weiß des
-Fleisches war durch der Flechten Blond getönt, die von
+Größe, schien die Gestalt in der Hüfte edel geteilt.
+War auch das Postament der Beine höher, saß der Rumpf
+mit gutem Verhältnis darauf. Leuchtendes Weiß des
+Fleisches war durch der Flechten Blond getönt, die von
der Hand im Nacken zusammengepackt, von dort in
-zwei Flüssen mit spitzer Mündung zu jenem Taillenschwung
+zwei Flüssen mit spitzer Mündung zu jenem Taillenschwung
liefen, der Meta das geheimnisvolle Mittel
-ihres Körpers schien. Sie bleibt von Reiz gefangen, als
-sie die geschnürte Betonung der Hüfte in Linien, die
-das Kissen des Gesäßes vom Schenkel, das Knie von
+ihres Körpers schien. Sie bleibt von Reiz gefangen, als
+sie die geschnürte Betonung der Hüfte in Linien, die
+das Kissen des Gesäßes vom Schenkel, das Knie von
der Wade trennen, sich wiederholen sieht. Ihr heller
-gewordenes Auge stellt schließlich den vierten Ton dazu
+gewordenes Auge stellt schließlich den vierten Ton dazu
fest: die Schulterlinie, die durch den hochgenommenen
Arm noch deutlicher wird. Mit dieser Vierteilung Hilfe
-geht ihres Leibes Sinn ihr völlig auf: Zum Denken
+geht ihres Leibes Sinn ihr völlig auf: Zum Denken
der Kopf, die Beine zum Schreiten. Zwischen Hals und
-Hüfte ist der Rumpf, Sitz der Organe, die uns das
+Hüfte ist der Rumpf, Sitz der Organe, die uns das
Himmlische vermitteln: durch Lungen und Herz den
Odem Gottes, aus dem wir leben.
</p>
<p>
Aber dahin, wo wie ein geschwellter Kessel der Leib
-zwischen Schenkel und Hüfte eingelassen ist, hat ihr
-kindischer Sinn, hat Franz nie gedacht. Dort, während
-Blutsturm sie purpert, die Arme zur Höhe fliegen, fühlt
-sie plötzlich die entscheidenden Gewalten sitzen.
+zwischen Schenkel und Hüfte eingelassen ist, hat ihr
+kindischer Sinn, hat Franz nie gedacht. Dort, während
+Blutsturm sie purpert, die Arme zur Höhe fliegen, fühlt
+sie plötzlich die entscheidenden Gewalten sitzen.
</p>
<p>
-Die Folgen ihrer Erkenntnis waren beim nächsten
+Die Folgen ihrer Erkenntnis waren beim nächsten
Beisammensein deutlich. Kopf und Oberteil hatten die
Schwere verloren; aber die Schritte setzte sie gewichtig,
-als liefen die Beine in Scharnieren, und sie müsse, Reibung
+als liefen die Beine in Scharnieren, und sie müsse, Reibung
und Kreischen der Teile in den Gelenken zu vermeiden,
-die Hüftknochen emsig drehen und das Rückgrat unten
-pendeln lassen. So kam es, daß beim Gehen ihr Rock
-des Mannes Schenkel schlug, während Metas Blick auf
+die Hüftknochen emsig drehen und das Rückgrat unten
+pendeln lassen. So kam es, daß beim Gehen ihr Rock
+des Mannes Schenkel schlug, während Metas Blick auf
seltsame Art sich verglaste. Aber schnell merkte sie
von seinen Gliedern Widerstand, der ihr die Knochen
<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-bog und sie in das lustige Trippeln zurückzwang, mit
-dem sie bisher neben ihm gegangen war. Auch im Gespräch
-duldete er die Einführung solcher Vokabeln nicht,
+bog und sie in das lustige Trippeln zurückzwang, mit
+dem sie bisher neben ihm gegangen war. Auch im Gespräch
+duldete er die Einführung solcher Vokabeln nicht,
die irgendwie ein Fallenlassen der strengen zwischen
ihnen geltenden Regeln andeuten wollten.
</p>
<p>
So griff sie zu Listen, ihr Gleiten aus Franzens
-Himmel zur Erde zu ermöglichen. Den Hut ließ sie
+Himmel zur Erde zu ermöglichen. Den Hut ließ sie
fort, ihr Haar vor ihm in Verwirrung spielen. Sie ging
-leicht gekleidet, daß Wind die Musseline blähte und
+leicht gekleidet, daß Wind die Musseline blähte und
Sonne sie durchsichtig mache und zeigte an Hals und
Armen Streifen rosiger, gepelzter Haut. Auch hob sie
-sitzend das Bein übers Knie, gelöstes Schuhband zu
-knüpfen und war seinen Blicken nirgends geizig. Die
+sitzend das Bein übers Knie, gelöstes Schuhband zu
+knüpfen und war seinen Blicken nirgends geizig. Die
aber schienen in solchen Augenblicken mit milchigem
Horn gepanzert und schossen hinterher Drohungen auf,
-die das Mädchen rührten und endlich, als sie einmal
+die das Mädchen rührten und endlich, als sie einmal
gewagt, den gesunkenen Strumpf in seiner Gegenwart
-aufzunehmen, durch ihre lodernde Gewalt vollends erschütterten.
+aufzunehmen, durch ihre lodernde Gewalt vollends erschütterten.
</p>
<p>
-So riß sie die Kräfte zusammen und gelobte mit
-zusammengebissenen Zähnen, ein für allemal auf ein
-anderes Glück zu verzichten und ihm weiterhin entschieden
-die himmlische Liebe zu sein. Für ihren Verzicht
+So riß sie die Kräfte zusammen und gelobte mit
+zusammengebissenen Zähnen, ein für allemal auf ein
+anderes Glück zu verzichten und ihm weiterhin entschieden
+die himmlische Liebe zu sein. Für ihren Verzicht
aber wollte sie ihn auch wirklich an den Grenzen
-der Hingabe sehen, damit, könne schon sie selbst sie
-nicht betätigen, sie in seiner Seele das süßeste Bild demütiger
-Liebe entzündet finde. Er müsse in ihrem
-Dienst seine gesamte Leiblichkeit ändern, verlangte sie,
-die Lebenswärme für sie beleben, Geschmeidigkeit und
-Beweglichkeit ausbilden. Das Zerrissene möge er in
-sich binden, das Gebundene in sie auflösen. Höher
-solle er jubilieren, und die Gabe der Träne müsse ihm
+der Hingabe sehen, damit, könne schon sie selbst sie
+nicht betätigen, sie in seiner Seele das süßeste Bild demütiger
+Liebe entzündet finde. Er müsse in ihrem
+Dienst seine gesamte Leiblichkeit ändern, verlangte sie,
+die Lebenswärme für sie beleben, Geschmeidigkeit und
+Beweglichkeit ausbilden. Das Zerrissene möge er in
+sich binden, das Gebundene in sie auflösen. Höher
+solle er jubilieren, und die Gabe der Träne müsse ihm
immer eignen. Sie fordere den Gesamtsinn verfeinert,
Einbildungskraft gesteigert; Poesie wollte sie in ihn eingegossen,
<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-kurz überall stürmische Bewegung der Willenskräfte.
+kurz überall stürmische Bewegung der Willenskräfte.
Sie sei nicht eine vollkommene Heilige, ohne
-daß ein im stärkeren Maß ergriffener Gläubiger zu sein,
-er sich inständig bemühe.
+daß ein im stärkeren Maß ergriffener Gläubiger zu sein,
+er sich inständig bemühe.
</p>
<p>
-Durch solche Worte über den statischen Zustand
+Durch solche Worte über den statischen Zustand
seiner Jugend in eine seiner Natur genehme Entwicklung
-geführt, brach Franz in die Ekstasen der Liebe
-unverzüglich auf. In seinen tiefen, mittleren und obersten
+geführt, brach Franz in die Ekstasen der Liebe
+unverzüglich auf. In seinen tiefen, mittleren und obersten
Gebieten wandelte er Leiblichkeit in reinen Geist
und war alsbald zu jeder von ihr gewollten Vision
-bereit. Während Meta tagsüber Arbeit als simples
-Stubenmädchen verrichtete, erblickte Franz sie, wo sie
-vor ihm erschien, in höhere Erscheinung transformiert.
-Sah erst ihr Antlitz, dann die Hände, Haare, Atem
-leuchtend werden. Und erlebte sie schließlich aus leerer
-Luft strahlend und figürlich.
+bereit. Während Meta tagsüber Arbeit als simples
+Stubenmädchen verrichtete, erblickte Franz sie, wo sie
+vor ihm erschien, in höhere Erscheinung transformiert.
+Sah erst ihr Antlitz, dann die Hände, Haare, Atem
+leuchtend werden. Und erlebte sie schließlich aus leerer
+Luft strahlend und figürlich.
</p>
<p>
Ihr blieb auf diesem Gebiet von ihm nichts mehr zu
-hoffen übrig.
+hoffen übrig.
</p>
<p class="tb">
@@ -703,53 +668,53 @@ hoffen übrig.
</p>
<p class="noindent">
-Da wurde die Nation in einen Krieg gestürzt. Die
-Männer verließen die Familie, das Vaterland zu verteidigen,
+Da wurde die Nation in einen Krieg gestürzt. Die
+Männer verließen die Familie, das Vaterland zu verteidigen,
wie sie, in Schritt und Tritt marschierend,
durch die Gassen sangen. Franz, der das zwanzigste
Jahr nicht erreicht hatte, blieb daheim. Doch lag auch
-auf den Bleibenden der Druck, und es schien unmöglich,
+auf den Bleibenden der Druck, und es schien unmöglich,
ihr Schicksal von denen, die im Feld standen, zu trennen.
Jeder war von sich fort zu fremdem Los gerissen. Als
im Fortschreiten des Feldzuges immer neue Scharen
hinauszogen, war es den beiden offenbar, auch ihre
-Trennung stünde bevor. Wehmut legte sich auf alles
+Trennung stünde bevor. Wehmut legte sich auf alles
Erleben, und die Welt schien die gewohnte Weite verloren,
-die Brücken zum Himmel zerstört zu haben. Jede
+die Brücken zum Himmel zerstört zu haben. Jede
Frage wurde praktisch, Antwort lautete aus irdischen
<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-Begriffen. Maßnahmen des Feindes zwangen, an Notdurft,
+Begriffen. Maßnahmen des Feindes zwangen, an Notdurft,
Beschaffung von Essen und Trinken zu denken.
-Die ersten zusammengeschossenen Krüppel traten auf,
-und es galt, ihre künftige Versorgung vorzubereiten.
-Überall stand plötzlich das Allgemeinmenschliche für das
+Die ersten zusammengeschossenen Krüppel traten auf,
+und es galt, ihre künftige Versorgung vorzubereiten.
+Überall stand plötzlich das Allgemeinmenschliche für das
menschlich Besondere. Auch Franz und Meta sprachen
von geschlagener Schlacht, Gefahr und Verwundung
der Freunde und Verwandten. Sie lernten Artillerie
-und Infanterie, spickten ihre Sätze mit kriegerischem Begriff
+und Infanterie, spickten ihre Sätze mit kriegerischem Begriff
und unterlagen dem Eindruck von Sieg und Niederlage.
-Die Zeitungen bestätigten die märchenhafte Niedertracht
-der Gegner, bravuröse Tapferkeit der eigenen
+Die Zeitungen bestätigten die märchenhafte Niedertracht
+der Gegner, bravuröse Tapferkeit der eigenen
Truppen immer von neuem. Bei jeder Begegnung rief
nun einer dem andern schon von weitem zu: &bdquo;Hast du
-gehört&ldquo; und &bdquo;weißt du auch&ldquo;. Vom eigenen Schicksal
-war täglich weniger die Rede.
+gehört&ldquo; und &bdquo;weißt du auch&ldquo;. Vom eigenen Schicksal
+war täglich weniger die Rede.
</p>
<p>
-Als aber erst kräftiger neue Welt sich in Franzens
+Als aber erst kräftiger neue Welt sich in Franzens
Vorstellung schob, aus den Kampfberichten eine herrliche
Erscheinung um die andere vor ihn trat, ward Meta aus
-dem Zenith seines Denkens gedrängt und führte in ihm
+dem Zenith seines Denkens gedrängt und führte in ihm
fortan ein wenn auch verehrtes doch peripherisches Dasein.
-Das Übermenschliche hatte für ihn den Sinn geändert.
-Die passive Entrücktheit des Weibes nicht mehr
+Das Übermenschliche hatte für ihn den Sinn geändert.
+Die passive Entrücktheit des Weibes nicht mehr
war anzubeten, aber des Mannes heldischer Griff.
</p>
<p>
-So hob sich der Jüngling aus dem Gewinde geübter
-Riten und gruppierte nach veränderten Trieben innere
+So hob sich der Jüngling aus dem Gewinde geübter
+Riten und gruppierte nach veränderten Trieben innere
Natur um. Religion war das Vaterland, Vorbild der
tapfere Soldat. Ein anderer Gott, kriegerisch geschient,
erschien in einem Himmel geschwungener Fahnen und
@@ -757,72 +722,72 @@ Lanzen.
</p>
<p>
-Meta, mit den vergilbten Emblemen friedlicher Güte,
-war als Ideal in gründlich geänderten Verhältnissen unbrauchbar.
+Meta, mit den vergilbten Emblemen friedlicher Güte,
+war als Ideal in gründlich geänderten Verhältnissen unbrauchbar.
Handgreifliches Verlangen konnte sich an sie
-nicht klirrend klammern. Zwar gab sie ihrem Umriß
+nicht klirrend klammern. Zwar gab sie ihrem Umriß
<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
herbere Kontur, der Erscheinung Strenge, den Worten
Kommandoton, aber vor Prall und Knall der Armeerlasse,
dem Alarm der Katastrophen und Verlustlisten
konnte sie nicht bestehen. In Haltung und Ausdruck
-ließ Franz Respekt nicht im mindesten missen. Innerlich
+ließ Franz Respekt nicht im mindesten missen. Innerlich
aber schaltete er mit ihr nach neuen Begriffen und
-Gutdünken. Er fand sie, in Waffenglanz nicht denkbar,
-vor dem schwächsten Manne schwach. Sah ihren
-zärteren Aufbau, ihrer Stimme dünne Resonanz ein,
-und daß sie oft zu schonen war. Er stellte sie der mit
-Standarte stürmenden Angriffslust des männlichen Prinzips,
-das plötzlich aus allen Kulissen der Welt wetterleuchtete,
-richtig als ein anderes gegenüber, das ruhend
+Gutdünken. Er fand sie, in Waffenglanz nicht denkbar,
+vor dem schwächsten Manne schwach. Sah ihren
+zärteren Aufbau, ihrer Stimme dünne Resonanz ein,
+und daß sie oft zu schonen war. Er stellte sie der mit
+Standarte stürmenden Angriffslust des männlichen Prinzips,
+das plötzlich aus allen Kulissen der Welt wetterleuchtete,
+richtig als ein anderes gegenüber, das ruhend
ergriffen sein wollte.
</p>
<p>
-Als ihm die Einsicht das erstemal sprang, bäumte
+Als ihm die Einsicht das erstemal sprang, bäumte
mit Lust herrischer Wille nach ihr auf, und er reckte
sich in alle Winde. Den Gestellungsbefehl trug er in
der Tasche &mdash; da war das Knabenalter hin, und sein
-Blick lenkte keck zu des Mädchens Brust, die unter Kattun
+Blick lenkte keck zu des Mädchens Brust, die unter Kattun
doppelt gerundet stand.
</p>
<p>
-Meta aber, als sie Franz&rsquo; geänderte Absicht sah,
-stürzte in harten Kampf, die gräßlichsten Zweifel. Aus
-unaussprechlichen Ahnungen spürte sie die augenblicklichen
-Verhältnisse nicht beständig und daß alles, was
-in ihnen sich ereigne, dem Wechsel und vielleicht späterer
-Verdammung unterliege. Aus allen Lüften sah sie
+Meta aber, als sie Franz&rsquo; geänderte Absicht sah,
+stürzte in harten Kampf, die gräßlichsten Zweifel. Aus
+unaussprechlichen Ahnungen spürte sie die augenblicklichen
+Verhältnisse nicht beständig und daß alles, was
+in ihnen sich ereigne, dem Wechsel und vielleicht späterer
+Verdammung unterliege. Aus allen Lüften sah sie
Gebraus, Geschmetter der Kraft in des Geliebten eindrucksvolle
Seele geblasen und glaubte dennoch nicht,
-es fände dort ursprünglicher Gefühle Begegnung. Sie
-zitterte, vom süßen Moment hingerissen, möchte sie, fallend,
-ihm seine ewige Neigung trüben, und sich selbst
-ihm gründlich zerstören.
+es fände dort ursprünglicher Gefühle Begegnung. Sie
+zitterte, vom süßen Moment hingerissen, möchte sie, fallend,
+ihm seine ewige Neigung trüben, und sich selbst
+ihm gründlich zerstören.
</p>
<p>
-Da sich in Wirklichkeit erfüllte, was einst sie <a id="corr-0"></a>geträumt:
+Da sich in Wirklichkeit erfüllte, was einst sie <a id="corr-0"></a>geträumt:
Jung, stark und gerade als Mann gewachsen,
<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
hat sie ihn vor sich, er senkt das Haupt an ihre Brust,
-stößt in die Falten der Taille die Spitzen des Gesichts
-und schlürft ihre Wärme, bis Blut sich entzündet und
-im Kessel des geschwollenen Leibes Überschwang an
+stößt in die Falten der Taille die Spitzen des Gesichts
+und schlürft ihre Wärme, bis Blut sich entzündet und
+im Kessel des geschwollenen Leibes Überschwang an
den Ventilen siedet &mdash; zwingen sie Rufe der Not und
-mörderische Furcht, der ersehnten, vorzeitigen Hingabe
+mörderische Furcht, der ersehnten, vorzeitigen Hingabe
mit schleunigem Aufbruch und schmerzlichem Aufschwung
der Seele zu entfliehen.
</p>
<p>
-Es weiß der Mann aus seines Leibes Verlangen
+Es weiß der Mann aus seines Leibes Verlangen
immer unsinnigere Schmeichelei, Natur und alle Kreatur
zaubert er vor ihre begeisterten Augen in taumelnden
Aufruhr, und kaum weicht das Weib, von
-eigenem Verlangen gefesselt, noch aus. Schon wird über
-dem blanken Boden in einer Mondnacht des Mädchens
+eigenem Verlangen gefesselt, noch aus. Schon wird über
+dem blanken Boden in einer Mondnacht des Mädchens
Kehle und Schulter nackt, da ruft am anderen Morgen
Befehl Franz zu seinem Truppenteil, und in der Hast
der notwendigen Besorgungen gibt es kaum einen Abschied.
@@ -831,66 +796,66 @@ der notwendigen Besorgungen gibt es kaum einen Abschied.
<p>
Erst aus der Garnison, dann vom Lager her, versichert
er sie einer Leidenschaft, die hinter schneller
-Heirat fröhliche Wollust in völliger Vereinigung will.
-Zart fängt er zu bitten an, doch zum Schluß des Geschriebenen
+Heirat fröhliche Wollust in völliger Vereinigung will.
+Zart fängt er zu bitten an, doch zum Schluß des Geschriebenen
blitzt Mannesmut, und trumpft jedesmal die
-geballte Faust auf. Ihr aber beginnt, nach häufiger Wendung
+geballte Faust auf. Ihr aber beginnt, nach häufiger Wendung
des Geschicks, aus seinen Worten die Ahndung
-eines vollkommen natürlichen Glücks, von Gott und
-den Menschen gesegnet, zu dämmern, und mit gefaßtem
+eines vollkommen natürlichen Glücks, von Gott und
+den Menschen gesegnet, zu dämmern, und mit gefaßtem
Wandel bereitet sie einfach und fromm in sich das
Wesen seines Weibes vor.
</p>
<p>
-Nun herrscht der Allmächtige und &bdquo;Urlaub&ldquo; in ihr.
-Mit häufigem Kirchengehen, inbrünstigem Gebet bekräftigt
+Nun herrscht der Allmächtige und &bdquo;Urlaub&ldquo; in ihr.
+Mit häufigem Kirchengehen, inbrünstigem Gebet bekräftigt
sie die innere Sammlung. Aufs Wiedersehen
ist sie ganz gestellt, und nur manch Weibliches leuchtet
-ihr daneben ein. Es kam um diese Zeit die hübsche
+ihr daneben ein. Es kam um diese Zeit die hübsche
<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Hausfrau mit einem Knaben nieder, und Meta ist für
-alle Vorgänge bei der Geburt Feuer und Flamme. Als
-aber das Kind aus zitterndem Schoß entbunden war,
-und den von Qual erlösten Leib der Wöchnerin in
-frischen Kissen Jubel des Mutterglücks rührten, lag
-Meta an der Bettkante in den Knien und küßte die
-hängenden Hände der glückselig Erschöpften. Sie reicht
-ihr durch des Zimmers Sonne auch das Bündel Windeln,
-aus dem es quäkt und winselt, an die Brust und
+Hausfrau mit einem Knaben nieder, und Meta ist für
+alle Vorgänge bei der Geburt Feuer und Flamme. Als
+aber das Kind aus zitterndem Schoß entbunden war,
+und den von Qual erlösten Leib der Wöchnerin in
+frischen Kissen Jubel des Mutterglücks rührten, lag
+Meta an der Bettkante in den Knien und küßte die
+hängenden Hände der glückselig Erschöpften. Sie reicht
+ihr durch des Zimmers Sonne auch das Bündel Windeln,
+aus dem es quäkt und winselt, an die Brust und
staunt auf all das Saugende und Gesaugte, die Spitzen
-Rot an den getürmten Brüsten und das in Milch verwandelte
-Blut. Sie fühlt sich königlich erhöht im Hinblick
-auf die eigene mütterliche Zukunft und hegt für
-das aus ihr noch nicht Geborene schon die zärtlichsten
-Gefühle. An Franz schreibt sie: mach schnell, komm
-bald. Es ist für dich alles bereit. In ihrer Seele steht
-das Häuschen, das mit dem kaiserlichen Briefträger sie
+Rot an den getürmten Brüsten und das in Milch verwandelte
+Blut. Sie fühlt sich königlich erhöht im Hinblick
+auf die eigene mütterliche Zukunft und hegt für
+das aus ihr noch nicht Geborene schon die zärtlichsten
+Gefühle. An Franz schreibt sie: mach schnell, komm
+bald. Es ist für dich alles bereit. In ihrer Seele steht
+das Häuschen, das mit dem kaiserlichen Briefträger sie
bis ans Ende ihrer Tage bewohnen will, fix und fertig:
-zwei Räume und die Küche in einem Garten mit tüchtig
-Gemüse. In den Stuben rumoren die Kinder; im Stall
+zwei Räume und die Küche in einem Garten mit tüchtig
+Gemüse. In den Stuben rumoren die Kinder; im Stall
ein Schwein. Am ersehnten Tag kommt statt seiner
die Nachricht, der Urlaub sei verweigert; er selbst,
-näher den Ereignissen, ins Quartier eines hohen Stabes
-geholt. Ist Metas Enttäuschung schon groß, verbirgt sie
+näher den Ereignissen, ins Quartier eines hohen Stabes
+geholt. Ist Metas Enttäuschung schon groß, verbirgt sie
sich nicht, ihr sei auf dem neuen Posten das Leben des
Geliebten sichergestellt, und Ordensschmuck unter den
-Augen der oberen Gewalten für ihn wahrscheinlicher
-als in der trüben Masse an der Front. Was bedeute
-die Trennung, könne sie seiner endlichen, ruhmvollen
-Heimkehr gewiß sein? Wie er auch schilt, man habe
+Augen der oberen Gewalten für ihn wahrscheinlicher
+als in der trüben Masse an der Front. Was bedeute
+die Trennung, könne sie seiner endlichen, ruhmvollen
+Heimkehr gewiß sein? Wie er auch schilt, man habe
ihm den Auszug ins Feld verwehrt, ihn vor allen Kameraden
benachteiligt, lacht sie bei sich und sitzt den
-Winter über geschnittener Leinwand, aus der sie das
+Winter über geschnittener Leinwand, aus der sie das
Notwendige schafft zu baldigem Gebrauch. Brennt in
<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
der Kammer die Lampe, schnurrt eifrig der Ofen mit
-dem Kätzchen um die Wette, setzt sie Stich zu Stich
-mit lustigen Gedanken, und ist mit der Gewißheit, in
+dem Kätzchen um die Wette, setzt sie Stich zu Stich
+mit lustigen Gedanken, und ist mit der Gewißheit, in
ihrer Liebe hat sie manches gelitten, oft geschwankt,
-doch schließlich sich bezwungen, und nun steht ihr in
+doch schließlich sich bezwungen, und nun steht ihr in
einem braven Mann richtiges Frauenschicksal bevor, das
-beglückteste Mädchen.
+beglückteste Mädchen.
</p>
<p class="tb">
@@ -899,156 +864,156 @@ beglückteste Mädchen.
<p class="noindent">
Franz, der im Haushalt des Stabsquartiers die gleichen
-Obliegenheiten erfüllt wie Meta für ihre Herrschaft
-&mdash; er ist dort das Mädchen für alles, putzt, wäscht
-und wichst zu täglichem Gebrauch, was irgend vor seine
-Griffe kommt &mdash; fällt nach einigen Monaten treuer
-Pflichterfüllung in ein hastiges Leiden, das ihm die
-Därme immer von neuem kehrt und entleert, bis seine
-gemarterte Seele kläglich durch diesen Weg aus dem
-kaum angebrochenen Leben entweicht. Mit rühmlicher
+Obliegenheiten erfüllt wie Meta für ihre Herrschaft
+&mdash; er ist dort das Mädchen für alles, putzt, wäscht
+und wichst zu täglichem Gebrauch, was irgend vor seine
+Griffe kommt &mdash; fällt nach einigen Monaten treuer
+Pflichterfüllung in ein hastiges Leiden, das ihm die
+Därme immer von neuem kehrt und entleert, bis seine
+gemarterte Seele kläglich durch diesen Weg aus dem
+kaum angebrochenen Leben entweicht. Mit rühmlicher
Gefallenen verschwindet ohne Sang und Klang sein
Kadaver schnell in fremde Erde.
</p>
<p>
-Frei durch den Himmel ihrer Zukunft schweifend, erhält
-Meta die Nachricht am Abend; fällt in Ohnmacht
-des Begreifens und bleibt zeitlich lange genug ohne Bewußtsein,
-um vor selbstmörderischer Torheit bewahrt
+Frei durch den Himmel ihrer Zukunft schweifend, erhält
+Meta die Nachricht am Abend; fällt in Ohnmacht
+des Begreifens und bleibt zeitlich lange genug ohne Bewußtsein,
+um vor selbstmörderischer Torheit bewahrt
zu sein. Doch scheint Starre des eingebrochenen Winters
-sie miterfaßt zu haben, und geraume Weile wandelt sie,
+sie miterfaßt zu haben, und geraume Weile wandelt sie,
vor Besinnung gefeit, in Stummheit und Taubheit eingeschneit,
huscht wie ein wundes Tier vom Bett durch
-die Stuben zu Bett; nicht einen Seufzer hört man von
-ihr. Manchmal steht groß ein Schweißtropfen an ihrer
+die Stuben zu Bett; nicht einen Seufzer hört man von
+ihr. Manchmal steht groß ein Schweißtropfen an ihrer
Stirn, wie aus dem Knochen herausgefroren.
</p>
<p>
Eines Tages sprach sie der Hausherr freundlich und
-mit väterlichem Tätscheln an. Sie solle zu sich selbst erwachen.
+mit väterlichem Tätscheln an. Sie solle zu sich selbst erwachen.
Jung sei sie, mannigfach liege Leben vor ihr,
<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-und der Männer gäbe es viele. Auch litte mit ihrer
-Zerrissenheit die Qualität der Arbeit. Gott sei gnädig,
-die Sache des Vaterlandes stünde dank siegreicher
+und der Männer gäbe es viele. Auch litte mit ihrer
+Zerrissenheit die Qualität der Arbeit. Gott sei gnädig,
+die Sache des Vaterlandes stünde dank siegreicher
Schlachten gut, und im Grund sei mehr gewonnen als
verloren.
</p>
<p>
-Oben aber sah Meta plötzlich die genähten Hemden
-und Herrlichkeiten, daß es sie an den Elementen packte
-und über den weiblichen Kram in einen Jammer warf,
-der Tage hindurch sie selbst und Zeug und Wäsche
-näßte. Auf Bett und Stuhl, wohin sie blickte, saß Franz;
-an Tor und Tür erschien er wieder, lachend und vertraut
-zu ihr aufschauend. Dann hurtig enteilend, Mütze
+Oben aber sah Meta plötzlich die genähten Hemden
+und Herrlichkeiten, daß es sie an den Elementen packte
+und über den weiblichen Kram in einen Jammer warf,
+der Tage hindurch sie selbst und Zeug und Wäsche
+näßte. Auf Bett und Stuhl, wohin sie blickte, saß Franz;
+an Tor und Tür erschien er wieder, lachend und vertraut
+zu ihr aufschauend. Dann hurtig enteilend, Mütze
schwingend, aufs Rad flatternd. Oder es sahen seine
Augen vorwurfsvoll aus dem Dunkel; doch bei ihrem
-zartesten Laut strahlte sein Glaube. Und er läge ihr
-gestorben? Wo wäre da Sinn? War im Plan ihres gemeinsamen
+zartesten Laut strahlte sein Glaube. Und er läge ihr
+gestorben? Wo wäre da Sinn? War im Plan ihres gemeinsamen
Lebens ein Fehler, das geringste Unreine
im Zusammenklang der Seelen, und stimmt Gott der
Harmonie nicht bis in die verborgenen Winkel der
-Schöpfung zu? Halb entkleidet steht sie zur Nacht im
+Schöpfung zu? Halb entkleidet steht sie zur Nacht im
Loch des Fensters in feuchtem Aufruhr und sucht dem
-Himmel, des Busens Hügel aufnehmend, den Weg zum
-Herzen frei zu machen, daß er es ganz einfältig mit
-Franz erfüllt schaue. Wär wirklich das Unfaßbare wahr,
-wo in der Verkettung der Umstände sei der gräßliche
+Himmel, des Busens Hügel aufnehmend, den Weg zum
+Herzen frei zu machen, daß er es ganz einfältig mit
+Franz erfüllt schaue. Wär wirklich das Unfaßbare wahr,
+wo in der Verkettung der Umstände sei der gräßliche
Irrtum des Geschehens als Schuld anzurechnen, auf ihrer
-demütig irdischen oder der allmächtig himmlischen Seite?
+demütig irdischen oder der allmächtig himmlischen Seite?
Aber die Sterne erblassen nicht vor der geheulten Anklage.
-Kraß und klar leuchten sie die täglichen Bilder.
+Kraß und klar leuchten sie die täglichen Bilder.
</p>
<p>
Noch wartet Meta und schiebt den Tag der Abrechnung
-mit Gott fort, und während das Ohr auf Nachricht
-aus dem Feld gespannt bleibt &mdash; sie ist gewiß, auf
-einmal kommt Alarm seines Lebens, und bebändert und
+mit Gott fort, und während das Ohr auf Nachricht
+aus dem Feld gespannt bleibt &mdash; sie ist gewiß, auf
+einmal kommt Alarm seines Lebens, und bebändert und
besternt steht er vor ihr und wirft verhaltenen Lebenssturm
<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-wie Gewitter und Blitz in sie &mdash; prüft sie innerlich
-von neuem ihre bisherige Führung nach den strengen
-Vorschriften der Religion, um nicht im geringsten über
-berechtigte Enttäuschung des Gläubigen hinaus sich anklagend
-zu empören. Sie bekommt auch günstige Zeichen.
-Ein Sergeant beim gleichen Stab, den der unverhüllte
-Jammer ihrer Briefe rühren mochte, antwortet in
-geschraubten Reden so Unterschiedliches, daß höhere
+wie Gewitter und Blitz in sie &mdash; prüft sie innerlich
+von neuem ihre bisherige Führung nach den strengen
+Vorschriften der Religion, um nicht im geringsten über
+berechtigte Enttäuschung des Gläubigen hinaus sich anklagend
+zu empören. Sie bekommt auch günstige Zeichen.
+Ein Sergeant beim gleichen Stab, den der unverhüllte
+Jammer ihrer Briefe rühren mochte, antwortet in
+geschraubten Reden so Unterschiedliches, daß höhere
Hoffnung allerhand in ihnen finden kann. Aus hundert
-Zeitungen erhält sie Bestätigung, daß Totgeglaubte,
-Totgewußte in die Arme der Liebenden zurückkehrten.
+Zeitungen erhält sie Bestätigung, daß Totgeglaubte,
+Totgewußte in die Arme der Liebenden zurückkehrten.
Franz aber, von Fibern jugendlichen Willens hingerissen,
-sei ganz gewiß aus eintönigem Tagdienst in die Hitze
+sei ganz gewiß aus eintönigem Tagdienst in die Hitze
der Gefechte geeilt und werde sich in den Berichten
-schließlich als ein Held und lebend wiederfinden.
+schließlich als ein Held und lebend wiederfinden.
</p>
<p>
-Bis sie ein Bündel mit der Post erhält, das der gleiche
-Kamerad, ihrer Beschwörungen überdrüssig, an sie
-sandte: Lumpen von seinem entseelten Körper geschält,
-in beschämendem, kläglichem Zustand.
+Bis sie ein Bündel mit der Post erhält, das der gleiche
+Kamerad, ihrer Beschwörungen überdrüssig, an sie
+sandte: Lumpen von seinem entseelten Körper geschält,
+in beschämendem, kläglichem Zustand.
</p>
<p>
-Ihr entgeht nicht die hämische Geste des Schicksals,
-die obendrein das Andenken des Verblichenen schänden
+Ihr entgeht nicht die hämische Geste des Schicksals,
+die obendrein das Andenken des Verblichenen schänden
will. Doch ist ihr der endliche Fall je tiefer umso lieber,
da sie schon merkt, wie viel herrlicher sie sich von ihm
-erheben wird. Inmitten verwüsteter Hoffnungen, der
-jämmerlichen Trophäen seines Erdenwandels bleibt sie
+erheben wird. Inmitten verwüsteter Hoffnungen, der
+jämmerlichen Trophäen seines Erdenwandels bleibt sie
trauernd liegen und saugt aus tausend Erinnerungen
-Haß, allmählich rasenden Zorn gegen ein sinnloses Geschick
+Haß, allmählich rasenden Zorn gegen ein sinnloses Geschick
und seinen oberen Lenker. Als sie endlich jeden
-Ort des Leibes mit gleicher Überzeugung angefüllt fühlt,
+Ort des Leibes mit gleicher Überzeugung angefüllt fühlt,
erhebt sich ein neuer Mensch zu gewandeltem Leben.
Mit Gott macht sie nicht mehr viel Worte. Sie sieht
ihm frei ins Gesicht und zeigt ihre Meinung: Seine Entscheidung
-in ihren Sachen hat sie verurteilt und hängt
-nicht länger von ihm ab. Zum zweitenmal nimmt sie
+in ihren Sachen hat sie verurteilt und hängt
+nicht länger von ihm ab. Zum zweitenmal nimmt sie
<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
vom Dasein Besitz, belebt jetzt von sich selbst her ihre
Welt. Aus deren Mitte sie alles bisher Verehrte hebt,
-es durch einen Götzen zu ersetzen: Franz, den sie mit
-jeglichem Tand der Phantasie schmückt. Je weiter sein
-irdisches Leben zurücksinkt, um so frischer macht sie ihn
-sich lebendig. Alle Kräfte müssen fortan für den einzigen
-Zweck sich regen, den toten Freund ihr fortwährend
-seiend zu erschaffen. Sie hat unaufhörliche Gesichte, Begegnungen
+es durch einen Götzen zu ersetzen: Franz, den sie mit
+jeglichem Tand der Phantasie schmückt. Je weiter sein
+irdisches Leben zurücksinkt, um so frischer macht sie ihn
+sich lebendig. Alle Kräfte müssen fortan für den einzigen
+Zweck sich regen, den toten Freund ihr fortwährend
+seiend zu erschaffen. Sie hat unaufhörliche Gesichte, Begegnungen
und vertraute Zwiesprache mit ihm und
riecht und schmeckt den ganzen angebeteten Mann. Ist
-sie aber mit ihm im innigen Verein der Gemüter, fliegt
-ihr Blick durch die Scheiben höhnisch zum Firmament,
+sie aber mit ihm im innigen Verein der Gemüter, fliegt
+ihr Blick durch die Scheiben höhnisch zum Firmament,
und Trotz spottet hell auf.
</p>
<p>
Sie wird wie eine Nonne schlicht und eindeutig. Dem
-einmal gewählten Bräutigam treu, geht sie wie mit Zäunen
+einmal gewählten Bräutigam treu, geht sie wie mit Zäunen
umstellt dahin. In ihre Bestimmung mit sich selbst
-ist von außen her kein Pfeil, kein anderes Verlangen zu
-senken. Sie weiß zu gut, wie der Geliebte sie wollte;
-nicht kleinmütig und verzagt, aber hoch über dem Los
-der Sterblichen. Die selbstherrlichen, keuschen Gebärden
-muß sie bewahren, daß beim endlichen Wiederfinden
-seine Erwartung von ihr sich vollauf bestätigt. So wandelt
-sie in Stahl gepanzert. Schicken ihr die Frühlinge
-Begierden, blühend erwachte Natur Versuchung, zwingt
-sie das Fleisch in kühle Richtlinien und lacht zum Schluß
-über der Geister Blendwerk. Männer, die ihr nahen,
-wollüstig und aufgeschwänzt, erledigt sie mit dem Blick
-eines für sie zu gewaltigen Maßes, in das sie wie Erbsen
+ist von außen her kein Pfeil, kein anderes Verlangen zu
+senken. Sie weiß zu gut, wie der Geliebte sie wollte;
+nicht kleinmütig und verzagt, aber hoch über dem Los
+der Sterblichen. Die selbstherrlichen, keuschen Gebärden
+muß sie bewahren, daß beim endlichen Wiederfinden
+seine Erwartung von ihr sich vollauf bestätigt. So wandelt
+sie in Stahl gepanzert. Schicken ihr die Frühlinge
+Begierden, blühend erwachte Natur Versuchung, zwingt
+sie das Fleisch in kühle Richtlinien und lacht zum Schluß
+über der Geister Blendwerk. Männer, die ihr nahen,
+wollüstig und aufgeschwänzt, erledigt sie mit dem Blick
+eines für sie zu gewaltigen Maßes, in das sie wie Erbsen
in riesigen Topf fallen. Je mehr das Leben sie versuchen
will, um so freudiger wirft sich Meta ihm furchtlos
-entgegen, gewiß, mit ihrem Liebesbegriff jeder Wirklichkeit
-überlegen zu sein, und daß der verschmitzten
-Himmel lockere Absichten an ihrem Willen schließlich
-zerbrechen müssen.
+entgegen, gewiß, mit ihrem Liebesbegriff jeder Wirklichkeit
+überlegen zu sein, und daß der verschmitzten
+Himmel lockere Absichten an ihrem Willen schließlich
+zerbrechen müssen.
</p>
<p class="tb">
@@ -1058,155 +1023,155 @@ zerbrechen müssen.
<p class="noindent">
<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
Der Friede, den das Land erlangt, schwemmt die
-Menge der Männer in die Arme der Jungfrauen, Bräute
-und jungen Frauen zurück. Es hebt eine allgemeine, gewaltige
+Menge der Männer in die Arme der Jungfrauen, Bräute
+und jungen Frauen zurück. Es hebt eine allgemeine, gewaltige
Hochzeit an, und die Demut des Weibes ist an
-sich schon groß vor dem heimgekehrten Helden. Als
+sich schon groß vor dem heimgekehrten Helden. Als
aber sein Arm in der verwahrlosten Heimat richtend
-und regelnd überall fühlbar wird, die Jugend den zu
+und regelnd überall fühlbar wird, die Jugend den zu
Haus gebliebenen Greisen und irgendwie Verschnittenen
-die willkürliche Leitung der Ämter und Geschäfte scheltend
-entreißt, bricht befreiter Dank aus allen Herzen so
-stürmisch hervor, daß Verehrung männlicher Kraft und
+die willkürliche Leitung der Ämter und Geschäfte scheltend
+entreißt, bricht befreiter Dank aus allen Herzen so
+stürmisch hervor, daß Verehrung männlicher Kraft und
Vernunft allenthalben oberstes Gesetz ist. Auch Meta,
-der es einfällt, wie in letzter Spanne ihres Beisammenseins
+der es einfällt, wie in letzter Spanne ihres Beisammenseins
Franz sich zu eigenem Willen gereckt,
-Herrschaft und Gewalt über sie gefordert hat, formt den
+Herrschaft und Gewalt über sie gefordert hat, formt den
Geliebten dem allgemeinen Ideal nicht nur, sondern eigenem,
-ursprünglichem Wunsch nun unbedenklich nach.
-Macht ihn zum unbeschränkten Gebieter ihres Gewissens
-und ihrer Glieder; endlich stürzen die inneren Gewalten
+ursprünglichem Wunsch nun unbedenklich nach.
+Macht ihn zum unbeschränkten Gebieter ihres Gewissens
+und ihrer Glieder; endlich stürzen die inneren Gewalten
in das Bett einer einzigen Leidenschaft: schrankenloser
-Hingabe des Leibes und der Seele an den Vergötterten.
+Hingabe des Leibes und der Seele an den Vergötterten.
Alle Organe werden, von Besessenheit ergriffen, Eingangspforten
-für den Atem seines Wesens. Der männliche
-Geist fährt wie Schwert in das Weib und reitet es mit
-Windsbraut in alle Abgründe des Empfindens, peitscht es
-durch Hohlwege und Schluchten sinnlicher Wünsche. Man
-hört sie aufschreien unter seiner würgenden Faust, sieht
-sie bäumen, stürzen, wieder stehend, halb sich heben und
+für den Atem seines Wesens. Der männliche
+Geist fährt wie Schwert in das Weib und reitet es mit
+Windsbraut in alle Abgründe des Empfindens, peitscht es
+durch Hohlwege und Schluchten sinnlicher Wünsche. Man
+hört sie aufschreien unter seiner würgenden Faust, sieht
+sie bäumen, stürzen, wieder stehend, halb sich heben und
zum andernmal mit Wucht in die Furche der Bettstatt
-schlagen. Sie fühlt sich von ihm in die Wälder an alle
-jene Örter entführt, an denen sie einst gemeinsam scheues
-Gespräch geflüstert. Dort packt er sie, und während
-keusches Andenken sie rührt, bricht und knickt er sie
-in ein Bündel keuchender Wollust nach seinem Willen.
+schlagen. Sie fühlt sich von ihm in die Wälder an alle
+jene Örter entführt, an denen sie einst gemeinsam scheues
+Gespräch geflüstert. Dort packt er sie, und während
+keusches Andenken sie rührt, bricht und knickt er sie
+in ein Bündel keuchender Wollust nach seinem Willen.
</p>
<p>
<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Tagsüber, mit geschundenen Gliedern, erfüllt sie dennoch
-die Pflichten dienender Stellung. Aus der Stärke
-der sie schüttelnden Empfindungen fühlt sie sich stolz
-von eigenen Gnaden Überwinderin des von Gott ursprünglich
-mit ihr gewollten Schicksals, Urschöpferin
-ihrer Lust und nimmt aus diesem Bewußtsein düstere
+Tagsüber, mit geschundenen Gliedern, erfüllt sie dennoch
+die Pflichten dienender Stellung. Aus der Stärke
+der sie schüttelnden Empfindungen fühlt sie sich stolz
+von eigenen Gnaden Überwinderin des von Gott ursprünglich
+mit ihr gewollten Schicksals, Urschöpferin
+ihrer Lust und nimmt aus diesem Bewußtsein düstere
Kraft. Doch immer ist es ihr Beweises eigener Person
nicht genug. Rings horcht sie die Frauen nach dem
-Maß des natürlichen Glücks mit ihren Männern aus
-und jubelt, hört sie laue Anerkennung, meistens Enttäuschung.
-Im Verein mit ihrem süßen Mann hat Sturm
+Maß des natürlichen Glücks mit ihren Männern aus
+und jubelt, hört sie laue Anerkennung, meistens Enttäuschung.
+Im Verein mit ihrem süßen Mann hat Sturm
und Schwelgerei kein Ende, sie unterliegt seinen Launen,
-Bedenken, Schwächen nicht. Jahre hindurch steigert sich
-noch das Maß des Entzückens, das von ihm kommt.
+Bedenken, Schwächen nicht. Jahre hindurch steigert sich
+noch das Maß des Entzückens, das von ihm kommt.
In alle Blut- und Nervenbahnen ist sie von ihm schon
-besessen; aber immer noch findet Begierde neuen Genuß
-und blendende Überraschung.
+besessen; aber immer noch findet Begierde neuen Genuß
+und blendende Überraschung.
</p>
<p>
-Bald sieht Meta Folgen ihres unbändigen Glücks mit
-dem Mann. Der Leib, aus einem Teil einst, regelmäßig
-praller Formen, brach die Bünde gehügelter
-Üppigkeit und hat strengen Rhythmus schon gesprengt.
-Entzückt sieht sie ihre Schönheit für ihn, wie bei Weibern
-mit lebendigen Gatten, zerfließen. Nicht weniger scheint
-sie gestülpt, brüchig und gerupft. Mit Triumpf hängt
+Bald sieht Meta Folgen ihres unbändigen Glücks mit
+dem Mann. Der Leib, aus einem Teil einst, regelmäßig
+praller Formen, brach die Bünde gehügelter
+Üppigkeit und hat strengen Rhythmus schon gesprengt.
+Entzückt sieht sie ihre Schönheit für ihn, wie bei Weibern
+mit lebendigen Gatten, zerfließen. Nicht weniger scheint
+sie gestülpt, brüchig und gerupft. Mit Triumpf hängt
sie in den gleichen Spiegel, der einst ihrer Jugend Knappheit
-faßte, die zerfallenen Kuchen der Brüste, des Bauches
+faßte, die zerfallenen Kuchen der Brüste, des Bauches
schleppende Fettguirlande. Sie meckert sich Beifall,
-schlägt die entstellten Lenden, um sie mit Inbrunst neuen
+schlägt die entstellten Lenden, um sie mit Inbrunst neuen
Visionen auszuliefern. Aber zu allen Freuden ekstatischer
-Liebe leidet sie alsbald Schmerzen und täglich
-andere. Erst ist es Freßgier, die sie befällt und unzähmbar
-quält. Mit tierischem Hunger schlingt sie alles
+Liebe leidet sie alsbald Schmerzen und täglich
+andere. Erst ist es Freßgier, die sie befällt und unzähmbar
+quält. Mit tierischem Hunger schlingt sie alles
Erreichbare wahllos in den offenen Schlund, bis Ekel
vor sich selbst sie packt, der aufgetriebene Magen sich
<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-brüsk erleichtert. Dann quillt Speichel in Wellen aus
-den Häuten des Mundes und der Nase, schäumt auf
+brüsk erleichtert. Dann quillt Speichel in Wellen aus
+den Häuten des Mundes und der Nase, schäumt auf
den Lippen und wechselt dort in vielen Farben. Oder
-es preßt eine Hand den Hals zusammen, daß sie zu
+es preßt eine Hand den Hals zusammen, daß sie zu
ersticken meint; eine gespenstische Kugel steigt aus
der Gurgel in die Eingeweide nieder, wobei kalter
Wind den Leib durchweht. Tiefer, traumloser Schlaf
-wechselt mit anhaltender Schlaflosigkeit, die sie völlig
-erschöpft, und wüster Halluzination. Doch immer gelingt
+wechselt mit anhaltender Schlaflosigkeit, die sie völlig
+erschöpft, und wüster Halluzination. Doch immer gelingt
es noch trotziger Energie, Franz, zur Umarmung
bereit, vor sich aufzuzaubern. Als aber Materie fast
-vom Knochen geschabt ist, das Fett verlebt, die Säfte,
-nicht ergänzt, träg geworden, kann sie die erlangten
+vom Knochen geschabt ist, das Fett verlebt, die Säfte,
+nicht ergänzt, träg geworden, kann sie die erlangten
Ohnmachten und Zerschmetterungen mit neuem Aufschwung
-nicht mehr regelmäßig ausgleichen. Nur hier
-und da erfaßt sie noch des Mannes feste Gestalt. Meist
-muß sie sich mit einem Schatten begnügen. Und wie
-sie auch die Augen aus den Höhlen dreht, die mageren
-Hände sehnend reckt, &mdash; bei sich fühlt sie nur mehr etwas
-unwirklich Zerschlissenes. Dann stöhnt sie große Seufzer
-und fällt durstend in die Kissengrube; aber der ausgemergelte
-Körper stürmt in Schlaf, und die Sehnsucht
+nicht mehr regelmäßig ausgleichen. Nur hier
+und da erfaßt sie noch des Mannes feste Gestalt. Meist
+muß sie sich mit einem Schatten begnügen. Und wie
+sie auch die Augen aus den Höhlen dreht, die mageren
+Hände sehnend reckt, &mdash; bei sich fühlt sie nur mehr etwas
+unwirklich Zerschlissenes. Dann stöhnt sie große Seufzer
+und fällt durstend in die Kissengrube; aber der ausgemergelte
+Körper stürmt in Schlaf, und die Sehnsucht
der Halbentseelten flieht vom Gift des Sichzerfleischens
-häufiger zu Bildern guter Ruh.
+häufiger zu Bildern guter Ruh.
</p>
<p>
-Das angetrümmerte Gebein, dicht vor seiner Vernichtung,
+Das angetrümmerte Gebein, dicht vor seiner Vernichtung,
schreit nach Befreiung. Mit dem Mut der
-Verzweiflung wehrt es sich, bereit, alle anderen Möglichkeiten
-des Seins gutzuheißen, ihnen zu dienen,
+Verzweiflung wehrt es sich, bereit, alle anderen Möglichkeiten
+des Seins gutzuheißen, ihnen zu dienen,
nimmt man von ihm die Zentnerlast der durch Jahre
getragenen Qualen.
</p>
<p>
Alsbald tritt in das erfrischte Gehirn Bild der Umwelt
-zögernd wieder ein. Sie nimmt des Stübchens Einrichtung
+zögernd wieder ein. Sie nimmt des Stübchens Einrichtung
deutlich wahr: den Teppich vorm Bett, dessen
Mitte vertreten ist; bunte Gardinen gegen das Licht.
<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
Erstaunt sieht sie ihren Fenstern das Dach eines Hauses
-gegenüber, das die frühere Aussicht ins Grüne und die
-angrenzenden Gärten sperrt. In der Küche glänzt Kupfer
+gegenüber, das die frühere Aussicht ins Grüne und die
+angrenzenden Gärten sperrt. In der Küche glänzt Kupfer
mit Zinn, und bemerkenswert scheint ihr der Ausdruck
in Menschenaugen. Da kommt morgens ein Mann ins
-Haus, der Zeitungen trägt. Blond, greller Rede, drängt
-er sich kräftig in Metas Wirklichkeit, stellt sich quer
-vor das blasse Bild ihres Schattenmännchens. Gaukelt
-sie das noch manchmal her und bringt seine Züge nicht
-bündig zusammen, ist quick der Stellvertreter vollkommen
-da, zu allem Möglichen bereit. Sie dreht sich
+Haus, der Zeitungen trägt. Blond, greller Rede, drängt
+er sich kräftig in Metas Wirklichkeit, stellt sich quer
+vor das blasse Bild ihres Schattenmännchens. Gaukelt
+sie das noch manchmal her und bringt seine Züge nicht
+bündig zusammen, ist quick der Stellvertreter vollkommen
+da, zu allem Möglichen bereit. Sie dreht sich
also, nur vager Absicht, in seine Bahn und hat ihn
-plötzlich unmittelbar, Aug in Auge vor sich. Gespannt
+plötzlich unmittelbar, Aug in Auge vor sich. Gespannt
sieht sie sein vorbereitendes Gebahren, schluckt seine
-bis zu den Haaren steigende Röte, die Wasserperlen
-auf der Stirn, zitternde Hände. Auch leises Knirschen
+bis zu den Haaren steigende Röte, die Wasserperlen
+auf der Stirn, zitternde Hände. Auch leises Knirschen
der Kaumuskeln belustigt sie sehr. Als er aber,
-männlich perfekt, in die Horizontale schwenkt, macht
+männlich perfekt, in die Horizontale schwenkt, macht
sie der Schwitzende lachen, und sie springt von ihm
fort. Zu albern wirkte sein strikter Angriff, es mangelt
gewohnter, phantastischer Hinschwung; sie hat die Fanfare
-nicht gehört, unwiderstehliches Muß völlig vermißt.
+nicht gehört, unwiderstehliches Muß völlig vermißt.
</p>
<p>
Aus halber Anschauung und vollendeter Ahnung
-sah sie der hingegangenen Liebe unvergleichliche Höhe
+sah sie der hingegangenen Liebe unvergleichliche Höhe
ein. Und wie vorher Natur, sind Trotz und Eitelkeit
-in ihr befriedigt. Reste von Zärtlichkeit und Schwärmerei
-schwinden schnell aus dem Herzen, und dreißigjährig
-stellt sich Meta, immer noch Dienstmagd in des Färbereibesitzers
-Familie, mit gänzlich veränderten Begriffen zu
-weiterem Dasein kräftig gewillt fest.
+in ihr befriedigt. Reste von Zärtlichkeit und Schwärmerei
+schwinden schnell aus dem Herzen, und dreißigjährig
+stellt sich Meta, immer noch Dienstmagd in des Färbereibesitzers
+Familie, mit gänzlich veränderten Begriffen zu
+weiterem Dasein kräftig gewillt fest.
</p>
<p class="tb">
@@ -1214,51 +1179,51 @@ weiterem Dasein kräftig gewillt fest.
</p>
<p class="noindent">
-Bedient sie jetzt Gäste bei Tisch, die regelmäßig
+Bedient sie jetzt Gäste bei Tisch, die regelmäßig
einmal in der Woche kommen, reicht ihnen Teller und
<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Schüsseln, sieht sie die Speisenden eindringlich an. Sie
-merkt ihre Gespräche und kennt nach kurzer Zeit die
-Verhältnisse der Geladenen. Doch, was sie erzählen
-oder mit Zwinkern und Blinzeln von ihren Gefühlen
-ausdrücken, ihr menschlicher Inhalt scheint Meta armselig
+Schüsseln, sieht sie die Speisenden eindringlich an. Sie
+merkt ihre Gespräche und kennt nach kurzer Zeit die
+Verhältnisse der Geladenen. Doch, was sie erzählen
+oder mit Zwinkern und Blinzeln von ihren Gefühlen
+ausdrücken, ihr menschlicher Inhalt scheint Meta armselig
und flach. Sie, die gemeiner Herkunft wegen vor
-diesen Bürgern alle Schauer des Respekts gefühlt, merkt
-aus der Überlegenheit selbstgewollten und überwundenen
-großen Schicksals, Hochmut in sich wachsen. Die da
+diesen Bürgern alle Schauer des Respekts gefühlt, merkt
+aus der Überlegenheit selbstgewollten und überwundenen
+großen Schicksals, Hochmut in sich wachsen. Die da
sitzen, scheinen geschlagene Leute, denen das Menschliche
zu karg gemessen ist. Ihre Begierden bleiben weit
-hinter Metas Sehnsucht zurück. Um kleine Vorteile
-treibt ihr Ehrgeiz, aus der Größe des Vermögens sind
+hinter Metas Sehnsucht zurück. Um kleine Vorteile
+treibt ihr Ehrgeiz, aus der Größe des Vermögens sind
sie sich wichtig. Dem Unbemittelten dienen Fabeln
-seiner geschäftlichen Verschlagenheit, sich zur Geltung
+seiner geschäftlichen Verschlagenheit, sich zur Geltung
zu bringen. Da ist ein Herr mittlerer Jahre in kaffeebraunem
Rock, der von seinen Spekulationen Wesens
-macht. Zum Schluß seiner Vorträge, die er mit trüben
-Witzworten krönt, pflanzt er, beifallheischend, der Hausfrau
-jüngerer Schwester, die seit kurzem zu Besuch da
+macht. Zum Schluß seiner Vorträge, die er mit trüben
+Witzworten krönt, pflanzt er, beifallheischend, der Hausfrau
+jüngerer Schwester, die seit kurzem zu Besuch da
ist, einen runden Blick mitten ins Gesicht. Meta kennt
-die Stelle, wo auf des Mädchens Backe antwortend
+die Stelle, wo auf des Mädchens Backe antwortend
jedesmal der rote Fleck aufbrennt, sieht aber geschwind
-zum Erzähler zurück, um noch wahrzunehmen, wie
+zum Erzähler zurück, um noch wahrzunehmen, wie
der mit dem Mundtuch herausfordernd sich die Schnurrbartspitzen
-wichst. Sie findet diese Spießbürger Würmer,
-die man bodenlos gering zu achten und nach dem Maß
+wichst. Sie findet diese Spießbürger Würmer,
+die man bodenlos gering zu achten und nach dem Maß
der Verachtung zu behandeln das Recht hat. Mit dieser
-Feststellung begnügt sie sich nicht, sondern beginnt,
+Feststellung begnügt sie sich nicht, sondern beginnt,
sich in die Schicksale der Lendenlahmen sofort zu mischen
-und sie zu treiben. Erst springt sie das Mädchen an,
-das nach unabänderlich trägen Gesetzen die Tage verschleißt,
+und sie zu treiben. Erst springt sie das Mädchen an,
+das nach unabänderlich trägen Gesetzen die Tage verschleißt,
indem sie Gedrucktes aus des Hausherrn
-Bücherei ihm in den Weg legt, das durch gewagten
+Bücherei ihm in den Weg legt, das durch gewagten
<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Inhalt es erregen soll. Durchs Schlüsselloch sieht sie
+Inhalt es erregen soll. Durchs Schlüsselloch sieht sie
der sich Entkleidenden zu und wartet auf den Effekt.
-Aber die klassisch Nackte, deren ebenmäßige Schönheit
-Meta gehässig bewegt, hält lesend das Buch mit der
-gemarkten Stelle, und kein Hauch rührt ihr Gesicht.
-Sie gähnt nur ein wenig, nestelt, kämmt, dreht die
-Lampe und schläft.
+Aber die klassisch Nackte, deren ebenmäßige Schönheit
+Meta gehässig bewegt, hält lesend das Buch mit der
+gemarkten Stelle, und kein Hauch rührt ihr Gesicht.
+Sie gähnt nur ein wenig, nestelt, kämmt, dreht die
+Lampe und schläft.
</p>
<p>
@@ -1266,156 +1231,156 @@ Und doch steckt sie seit Wochen, glaubt sie sich
unbemerkt, dem kaffeebraunen Herrn die Finger schnell
in die seinen. Sieht ihn geschwungener Braue an, senkt
den Kopf und entschwebt. Als eines Abends die Herrschaft
-ins Städtchen fort ist, die Jungfrau vorm Spiegel
-mit gelöstem Haar und blanken Beinen zur Nacht sich
+ins Städtchen fort ist, die Jungfrau vorm Spiegel
+mit gelöstem Haar und blanken Beinen zur Nacht sich
schickt, schiebt Meta den scheuen Verehrer, der vorbeigehend
nach der Anwesenheit der Freunde obenhin
-gefragt hatte, ohne weiteres der Überraschten in die
-Kammer und wartet verhaltenen Atems vor der Tür.
+gefragt hatte, ohne weiteres der Überraschten in die
+Kammer und wartet verhaltenen Atems vor der Tür.
Da es innen still bleibt, bringt sie den Blick an die
-Öffnung und sieht Mädchen und Mann beieinander,
+Öffnung und sieht Mädchen und Mann beieinander,
Hand in Hand und Aug in Auge. Dazu atmen beide
-kräftig aus geblähten Nüstern. Ein Weilchen, während
+kräftig aus geblähten Nüstern. Ein Weilchen, während
das Herz vor Erwartung steht, sieht Meta ihnen zu;
-als aber die Haltung der Aufrechten sich nicht verändert,
-öffnet sie erbost die Tür und zwingt das monumentale
+als aber die Haltung der Aufrechten sich nicht verändert,
+öffnet sie erbost die Tür und zwingt das monumentale
Paar zum Aufbruch.
</p>
<p>
-Doch gibt sie sich nicht zufrieden. Nach ihren höheren
+Doch gibt sie sich nicht zufrieden. Nach ihren höheren
Absichten sollen sich dennoch die Geschicke der Armseligen
-erfüllen. In stärkerem Feuer will sie die Seelen
-glühen sehen, gewiß, noch immer wird sich dort ihr
-eigener Wert über dem der anderen erhärten, und sie
+erfüllen. In stärkerem Feuer will sie die Seelen
+glühen sehen, gewiß, noch immer wird sich dort ihr
+eigener Wert über dem der anderen erhärten, und sie
kann an ihrer salamanderhaften Unbrennbarkeit von
-neuem vergleichend sich berauschen. Engeren Anschluß
+neuem vergleichend sich berauschen. Engeren Anschluß
sucht sie an die Ahnungslose, ist beim Anzug behilflich,
-streift ihr die Strümpfe schmeichelnd an die Beine,
+streift ihr die Strümpfe schmeichelnd an die Beine,
<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-das Hemd über die zarte Haut. In Kürze vollendet
-sie mit sympathischen Strichen jeder Nerve zärtliches
-Verständnis, und als sie ihr Opfer zu eigener Regung
-flügge glaubt, weiß sie es bald wieder einzurichten, daß
+das Hemd über die zarte Haut. In Kürze vollendet
+sie mit sympathischen Strichen jeder Nerve zärtliches
+Verständnis, und als sie ihr Opfer zu eigener Regung
+flügge glaubt, weiß sie es bald wieder einzurichten, daß
der lau Temperierte das junge Weib allein im Aufruhr
-der Gefühle findet.
+der Gefühle findet.
</p>
<p>
-Von der völlig Entzündeten fängt der schwer zu Entflammende
-Feuer. Nun girren hinter der Tür die
-Stimmen, es fordert Verlangen und seufzt die Schwäche.
+Von der völlig Entzündeten fängt der schwer zu Entflammende
+Feuer. Nun girren hinter der Tür die
+Stimmen, es fordert Verlangen und seufzt die Schwäche.
Das Mal des Sieges leuchtet auf Metas Stirn.
</p>
<p>
-Allem, was folgt, widmet sie sich inständig; vermittelt
+Allem, was folgt, widmet sie sich inständig; vermittelt
den Liebenden Bequemlichkeit. Je dringlicher er Halt
-will, um so stürmischer wird der Mann geliebt, und
-das schleunige Ergebnis ist des Mädchens vollendete
+will, um so stürmischer wird der Mann geliebt, und
+das schleunige Ergebnis ist des Mädchens vollendete
Schwangerschaft. Da aber ist die Mittlerin erst vollends
-selig. Für des Hauses Ruh, die nur durch banalen Anlaß
-bislang gestört wurde, hofft sie gründlichen Sturm
-und Raserei. Sie reibt sich die Hände und schneidet
-dem Himmel Grimassen. Und als sich das Unglück
-den Verwandten nicht länger verheimlichen läßt, mit
-einemmal im grünen Salon Aufschrei und Verwünschung
+selig. Für des Hauses Ruh, die nur durch banalen Anlaß
+bislang gestört wurde, hofft sie gründlichen Sturm
+und Raserei. Sie reibt sich die Hände und schneidet
+dem Himmel Grimassen. Und als sich das Unglück
+den Verwandten nicht länger verheimlichen läßt, mit
+einemmal im grünen Salon Aufschrei und Verwünschung
schallt, als zweier Frauen Ohnmachten zu enden
-sind, und Nasenbluten des erschütterten Färbereibesitzers
+sind, und Nasenbluten des erschütterten Färbereibesitzers
ihre Pflege und Essig fordert, schwebt Meta,
-überlegene Zuschauerin der Blamage und Verlegenheit,
+überlegene Zuschauerin der Blamage und Verlegenheit,
in sieben Himmeln.
</p>
<p>
-Jede Stunde ist ihr nun höchster Erwartung voll. Sie
-glaubt an zerschelltes Geschirr, eingetretene Türfüllungen,
+Jede Stunde ist ihr nun höchster Erwartung voll. Sie
+glaubt an zerschelltes Geschirr, eingetretene Türfüllungen,
den aus dem Fenster in den Hof zerschmetterten
-Leib. Auf den Pistolenschuß wartet sie, der plötzlich
-die Nachbarschaft alarmieren soll, hört Feuerwehr und
-Polizei schon die Treppe stürmen. Doch steigt das allgemeine
-Elend nicht über ein finsteres Schweigen und
-Tränen in Strömen. Eines Morgens aber erscheint der
+Leib. Auf den Pistolenschuß wartet sie, der plötzlich
+die Nachbarschaft alarmieren soll, hört Feuerwehr und
+Polizei schon die Treppe stürmen. Doch steigt das allgemeine
+Elend nicht über ein finsteres Schweigen und
+Tränen in Strömen. Eines Morgens aber erscheint der
<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-Verführer im schwarzen Rock mit hohem Hut; Verbeugungen,
+Verführer im schwarzen Rock mit hohem Hut; Verbeugungen,
Komplimente, dann heftige Umarmungen
werden getauscht, und bald kleidet Meta die Braut in
-Batist, Schleier und steifen Atlas. Während das erlöste,
-ausgelassene Mädchen lockende Kapriolen in den Spiegel
-stellt, fühlt sich die Bedienende von den himmlischen
+Batist, Schleier und steifen Atlas. Während das erlöste,
+ausgelassene Mädchen lockende Kapriolen in den Spiegel
+stellt, fühlt sich die Bedienende von den himmlischen
Gewalten aufs neue geneckt und um jeden Erfolg gebracht.
</p>
<p>
Aber sie will, nachdem ihr der Weg zu eigener, bedeutender
-Fühlung einmal gesperrt ist, aus von ihr aufgeregtem,
+Fühlung einmal gesperrt ist, aus von ihr aufgeregtem,
fremden Schicksal unbedingt die fortdauernde
-Bestätigung nicht gewöhnlicher Natur. In Gestalt eines
-alternden Mädchens, durchschnittlicher Dienstmagd zum
+Bestätigung nicht gewöhnlicher Natur. In Gestalt eines
+alternden Mädchens, durchschnittlicher Dienstmagd zum
Kehricht geworfen zu werden, diesen Ausgang ihres
-Lebens ertrüge sie nicht. Sie weiß nicht, wie der Dämon
-in sie kam, aber daß sie vor jedem Atemzug gelten, vor
-sich selbst bestehen muß, und daß, diese Voraussetzung
+Lebens ertrüge sie nicht. Sie weiß nicht, wie der Dämon
+in sie kam, aber daß sie vor jedem Atemzug gelten, vor
+sich selbst bestehen muß, und daß, diese Voraussetzung
ihres Lebens zu schaffen, ihr jedes Mittel gilt.
</p>
<p>
-Als mit dem in gesetzlicher Ehe geborenen Sprößling
+Als mit dem in gesetzlicher Ehe geborenen Sprößling
die jung Verheiratete alsbald aus ihrer Macht und
-ihrem Gesichtskreis entschwunden ist, spürt sie der
+ihrem Gesichtskreis entschwunden ist, spürt sie der
Hausfrau Launen auf und wo bei ihr der Eingriff ins
Leben zu wagen sei. Sie sieht die noch Begehrenswerte
in simplem Haushaltskram befangen, und lange Zeit
-weiß sie nicht, wie ihr beizukommen wäre. Da springt
-ihr Zufall zu Hilfe, als sie den Erzieher des nun zwölfjährigen
-Knaben im Unterricht über ein samtenes Band
-der Prinzipalin träumend findet. Der Brennpunkt ist
+weiß sie nicht, wie ihr beizukommen wäre. Da springt
+ihr Zufall zu Hilfe, als sie den Erzieher des nun zwölfjährigen
+Knaben im Unterricht über ein samtenes Band
+der Prinzipalin träumend findet. Der Brennpunkt ist
entdeckt, und mit unwiderstehlichem Drang facht sie
Feuer unter den Primitiven, kocht sie durch Monate in
ununterbrochener Hitze gar, bis der Boden des Topfes,
-in dem sie schmoren, wie Papier mürbe ist, und die
-Minute sich ankündigt, wo die Siedenden und Gesottenen
+in dem sie schmoren, wie Papier mürbe ist, und die
+Minute sich ankündigt, wo die Siedenden und Gesottenen
ins offene Feuer fliegen.
</p>
<p>
<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Dicht vor der Katastrophe aber kommt ihr ein närrischer
+Dicht vor der Katastrophe aber kommt ihr ein närrischer
Einfall und macht sie vor Freude toll. Nicht
halbe Arbeit will sie mehr leisten; diesmal soll das
ganze Haus, der Familie rundes Ensemble, in sie untertauchen,
-und Herrschaft auf alle soll Lohn für fünfzehnjährige
+und Herrschaft auf alle soll Lohn für fünfzehnjährige
Sklaverei sein. Als der Herr wie stets in einer
-Ecke sie tätschelt, sprengt sie durch den ihm zugeschleuderten
-Blick seine gedämpfte Existenz und überläßt
+Ecke sie tätschelt, sprengt sie durch den ihm zugeschleuderten
+Blick seine gedämpfte Existenz und überläßt
am gleichen Tag, da auch der junge Lehrer das ersehnte
-Glück findet, sich dem täppischen Alten.
+Glück findet, sich dem täppischen Alten.
</p>
<p>
-Der hat durch seine Lebensstellung gefällige Umgangsformen
+Der hat durch seine Lebensstellung gefällige Umgangsformen
mit der Frau. Meta nahm ohne Eifer mit Befriedigung,
was er bieten konnte. Aus immer lebendiger
-Phantasie machte sie ihn abhängig; unterjochte ihn
+Phantasie machte sie ihn abhängig; unterjochte ihn
ganz. Sie probte und spannte ihn wie einen Handschuh,
so weit er sich streckt; ersah an seinem Beispiel, wie
weit der Mann dem Weibe wirklich folgt und stellt
-nach ihm das Bild von Franzens Männlichkeit richtig.
-Der Rest Bedauern, den sie über dessen Tod noch
-immer fühlte, minderte sich füglich. Als sie den Alten
-am Schnürchen hatte, er erst wie ein Pudel in ihrem
-Dunstkreis hüpfte, zwang sie auch die Hausfrau aus
+nach ihm das Bild von Franzens Männlichkeit richtig.
+Der Rest Bedauern, den sie über dessen Tod noch
+immer fühlte, minderte sich füglich. Als sie den Alten
+am Schnürchen hatte, er erst wie ein Pudel in ihrem
+Dunstkreis hüpfte, zwang sie auch die Hausfrau aus
der Mitwisserschaft um ihr Verbrechen in dramatisch
-geführten Szenen zur Unterwerfung, allmählich zu striktem
+geführten Szenen zur Unterwerfung, allmählich zu striktem
Gehorsam. Jetzt gab sie im Haus die Kommandos,
nicht so sehr mit Worten als mit Blick, einer verlorenen
Geste; spielte Richter und oberes Gesetz. Nie wollte
-sie, was jene wünschten, verbot, was ihnen erfreuliche
+sie, was jene wünschten, verbot, was ihnen erfreuliche
Aussicht war und konnte nicht schlafen, gab ihr der
-Überblick des hingegangenen Tages nicht Gewißheit ihrer
-bewiesenen Macht. Drohten anfangs die Geprügelten,
-sich zu empören, das noch ungewohnte Joch abzuwerfen,
-dämpfte sie durch anonyme Briefe, die das Infame mit
+Überblick des hingegangenen Tages nicht Gewißheit ihrer
+bewiesenen Macht. Drohten anfangs die Geprügelten,
+sich zu empören, das noch ungewohnte Joch abzuwerfen,
+dämpfte sie durch anonyme Briefe, die das Infame mit
gemeinen Worten an die Wand malten, die Lust zum
<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
Aufstand; durch auferlegte Strafen den Wunsch, Widerstand
@@ -1423,207 +1388,207 @@ zu wiederholen.
</p>
<p>
-Sie zog in ein geräumiges Zimmer am Hauptflur,
-das sie mit hübschen Dingen schmückte, die ihr anderswo
+Sie zog in ein geräumiges Zimmer am Hauptflur,
+das sie mit hübschen Dingen schmückte, die ihr anderswo
entbehrlich schienen. Setzte den Papagei im Bauer und
-einen Ledersessel ans Fenster, in dem sie regelmäßig
-als erste die Zeitung las und rückte schließlich das
-Grammophon im Mahagonischränkchen aus dem Eßzimmer
-zu sich herüber. Ein buschiger Kater hockte
-auf ihrem Schoß.
+einen Ledersessel ans Fenster, in dem sie regelmäßig
+als erste die Zeitung las und rückte schließlich das
+Grammophon im Mahagonischränkchen aus dem Eßzimmer
+zu sich herüber. Ein buschiger Kater hockte
+auf ihrem Schoß.
</p>
<p>
-Für die Arbeit hat sie längst eine Magd genommen.
-Samt den übrigen Hausinsassen dient ihr die tagtäglich
+Für die Arbeit hat sie längst eine Magd genommen.
+Samt den übrigen Hausinsassen dient ihr die tagtäglich
irgendwie zur Befriedigung dunkler Instinkte. Durch
immer neue Nadelstiche, tausend gesiebte Bosheiten und
Intriguen, gegen die sie wehrlos ist, im Mark des Lebens
-gelähmt, sinkt die ganze Sippe allmählich in so bodenlose
-Abhängigkeit, daß jede Reibung schwindet. Für
+gelähmt, sinkt die ganze Sippe allmählich in so bodenlose
+Abhängigkeit, daß jede Reibung schwindet. Für
den Besucher bildet die Gemeinschaft das Bild idealen
-Friedens; wie zärtliche Verwandtschaft liebenden Eifers
-bemüht ist, das Leben der verehrten Tante zu erhalten,
+Friedens; wie zärtliche Verwandtschaft liebenden Eifers
+bemüht ist, das Leben der verehrten Tante zu erhalten,
vor Schreck und Trubel zu bewahren. Man buhlt mit
den niedrigsten Mitteln um ihre Gunst; der Gatte verleumdet
die Gattin, das Kind die Eltern, alle aber die
-Magd, die sich auf gleiche Weise rächt. Wo Meta auftrumpfen
+Magd, die sich auf gleiche Weise rächt. Wo Meta auftrumpfen
will, liegen die Stiche schon auf dem Tisch.
-Ihr zum Schlag gehobener Arm fällt auf Samt, zutretender
-Fuß taucht in Watte. Um sie ist schließlich Atmosphäre
+Ihr zum Schlag gehobener Arm fällt auf Samt, zutretender
+Fuß taucht in Watte. Um sie ist schließlich Atmosphäre
von Thymian und Lavendel, und wie sie auch
immer im Einzelfall streng entscheidet, sieht sie doch
-nur verklärte Gesichter. Man ist unter allen Umständen
-entschlossen mit ihr, unbedingt für ihren Willen. Ihrer
-längst nicht erloschenen, leidenschaftlichen Lust am Aufruhr
+nur verklärte Gesichter. Man ist unter allen Umständen
+entschlossen mit ihr, unbedingt für ihren Willen. Ihrer
+längst nicht erloschenen, leidenschaftlichen Lust am Aufruhr
stellt sich in ihrer Umgebung einfach kein Gegner.
</p>
<p>
-Sie muß ihren Groll künstlich päppeln, sich aufsagen,
+Sie muß ihren Groll künstlich päppeln, sich aufsagen,
<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-wie sie von Gott und den Menschen tödlich beleidigt
-ist um etwas, das ihr lange sehr deutlich war. Während
-sie im Genuß ertrinkt, betet sie sich vor, sie sei gemartert
-und grausam gehöhnt; aber die Sühne des Himmels
-stehe noch aus. Sie fühlt, verliert sie Aufstand
-und Empörung erst völlig aus dem Blut, muß in ihr
-ein Vakuum entstehen, das sie in Abgründe schleudert.
-Aber die vier Menschen um sie, die den Schlüssel ihrer
-Natur gefunden, singen ihr Hymnen, überstürzen die
-geringste Forderung an sie von sich her und entkräften
-immer mehr Metas einst lodernden Haß.
+wie sie von Gott und den Menschen tödlich beleidigt
+ist um etwas, das ihr lange sehr deutlich war. Während
+sie im Genuß ertrinkt, betet sie sich vor, sie sei gemartert
+und grausam gehöhnt; aber die Sühne des Himmels
+stehe noch aus. Sie fühlt, verliert sie Aufstand
+und Empörung erst völlig aus dem Blut, muß in ihr
+ein Vakuum entstehen, das sie in Abgründe schleudert.
+Aber die vier Menschen um sie, die den Schlüssel ihrer
+Natur gefunden, singen ihr Hymnen, überstürzen die
+geringste Forderung an sie von sich her und entkräften
+immer mehr Metas einst lodernden Haß.
</p>
<p>
Schon, wenn am Jahresersten die Familie mit dem
-Frühesten an ihr Bett tritt &mdash; sie aber liegt in schleifenverzierter
-Haube, kostbarem Hemd mit gefalteten Händen
-unbeweglich auf dem Rücken wie ein sehr kostbarer
-Gegenstand &mdash; und das erdenklich Gute wünscht,
+Frühesten an ihr Bett tritt &mdash; sie aber liegt in schleifenverzierter
+Haube, kostbarem Hemd mit gefalteten Händen
+unbeweglich auf dem Rücken wie ein sehr kostbarer
+Gegenstand &mdash; und das erdenklich Gute wünscht,
oder an ihrem Namenstag das Haus mit brennenden
-Lichtern und Kränzen ein Tempel der Freude ist, Likör
-und edler Wein in Römern herschwebt, der die Geister
+Lichtern und Kränzen ein Tempel der Freude ist, Likör
+und edler Wein in Römern herschwebt, der die Geister
verzaubert, schwindet ihr Erinnerung alles Gewesenen.
Aber an ihrem vierzigsten Geburtstag, da Segenswunsch
und Musik, als Enthusiasmus mit frohen Toasten prasselt,
-und in allen Blicken die Träne der Rührung hängt,
-fühlt sie aus sich das Heftige gerissen; sitzt im Kreis
-der Feiernden betäubt und gestäupt als leere Attrappe.
+und in allen Blicken die Träne der Rührung hängt,
+fühlt sie aus sich das Heftige gerissen; sitzt im Kreis
+der Feiernden betäubt und gestäupt als leere Attrappe.
</p>
<p>
-Alle Arbeit ist ihr aus dem Weg geräumt, den Finger
-darf sie schließlich nicht mehr rühren, und die geringste
-Handreichung wird mit stürmischer Abwehr nicht geduldet.
-Aber Überraschung bringt man ihr von draußen,
-freundliche Grüße der Bekannten, nur gute Nachrichten.
+Alle Arbeit ist ihr aus dem Weg geräumt, den Finger
+darf sie schließlich nicht mehr rühren, und die geringste
+Handreichung wird mit stürmischer Abwehr nicht geduldet.
+Aber Überraschung bringt man ihr von draußen,
+freundliche Grüße der Bekannten, nur gute Nachrichten.
Jeder Eintretende stellt strahlenden Augs mit lachendem
Mund vor ihr ein lebendes Bild. Alle haben die zierlichsten
-Bewegungen, holde Sprache, Händedruck und
-Herzbeteuerung. So ist ihr jeder Anlaß zu Scheltworten
+Bewegungen, holde Sprache, Händedruck und
+Herzbeteuerung. So ist ihr jeder Anlaß zu Scheltworten
<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-genommen. Wie sie auch Argwohn und zänkische Erwartung
-spannt, immer endet jeder Vorgang über Erwarten
-glücklich in Sonnenschein. Man schmeichelt dem
+genommen. Wie sie auch Argwohn und zänkische Erwartung
+spannt, immer endet jeder Vorgang über Erwarten
+glücklich in Sonnenschein. Man schmeichelt dem
Vogel im Bauer, bringt ihm Biskuits und fragt mit
schmelzender Besorgnis: &bdquo;wen liebst du am meisten auf
der Welt?&ldquo;, und kreischt der bunte Bursche: &bdquo;Meta!
-Meta!&ldquo;, scheint man gerührt, entzückt, sogar erschüttert.
-Vom ewigen Sitzen und Gefüttertwerden wird die Verwöhnte
-von neuem unförmig fett. Ihre gefräßige Natur
+Meta!&ldquo;, scheint man gerührt, entzückt, sogar erschüttert.
+Vom ewigen Sitzen und Gefüttertwerden wird die Verwöhnte
+von neuem unförmig fett. Ihre gefräßige Natur
widersteht den Leckerbissen nicht, die man ihr reicht,
-und aller Welt macht es gehässigen Spaß, die Anschwellende
-nach Kräften zu mästen.
+und aller Welt macht es gehässigen Spaß, die Anschwellende
+nach Kräften zu mästen.
</p>
<p>
-Ißt sie reichlich zu Tisch, schlürft viele Tassen Kaffee
-und mummelt Kuchen, dösen die Augen träg ins Leere.
+Ißt sie reichlich zu Tisch, schlürft viele Tassen Kaffee
+und mummelt Kuchen, dösen die Augen träg ins Leere.
Nicht Feuer mit Blitz steht in ihnen, kaum mehr Strahl
-des Lebens. Bei Zeitungstratsch und Phonographengeplärr
-läppert sie Tage. Ihrer Umgebung achtet sie nicht
-mehr, läßt die beherrschte Welt immer weiter aus den
-Zügeln und kümmert sich ängstlich nur um die Gemäßheit
+des Lebens. Bei Zeitungstratsch und Phonographengeplärr
+läppert sie Tage. Ihrer Umgebung achtet sie nicht
+mehr, läßt die beherrschte Welt immer weiter aus den
+Zügeln und kümmert sich ängstlich nur um die Gemäßheit
der Verdauung.
</p>
<p>
Doch die vom Leitseil Entspannten schweifen in ein
-freies, früheres, durch sie nur unterbrochenes Sein fort.
-Mit vorgeschrittenem Alter hat man eine gewisse Höhe
-des Lebens erreicht. Vom Hügel herab sieht man
+freies, früheres, durch sie nur unterbrochenes Sein fort.
+Mit vorgeschrittenem Alter hat man eine gewisse Höhe
+des Lebens erreicht. Vom Hügel herab sieht man
Jugend, Torheit und Tollheit, und sicher vor ihnen,
-betrachtet man sie kritisch und belächelt sie. Ohne treibende,
-innere Flamme sind die Gatten aus der Häuslichkeit
+betrachtet man sie kritisch und belächelt sie. Ohne treibende,
+innere Flamme sind die Gatten aus der Häuslichkeit
nicht mehr fortgerissen, sondern, der schwachen
-eigenen Kräfte, der Kämpfe im Dasein bewußt, aufeinander
-zu schmalem, letztem Lebensgenuß angewiesen.
+eigenen Kräfte, der Kämpfe im Dasein bewußt, aufeinander
+zu schmalem, letztem Lebensgenuß angewiesen.
Und was man nie vermocht hat: da man das Gleiche
-will, traut man einander, nähert sich und lernt sich wirklich
+will, traut man einander, nähert sich und lernt sich wirklich
kennen. Der silbernen Hochzeit steuert man zu,
geht das Vergangene im Geist durch, macht entschuldigende
<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
und begreifende Anmerkungen und ist mit Hin- und
-Widerrede eines Tages so weit, daß man spürt, wäre
-es nötig, könnte man auch einen Fehltritt, der weit zurückliegt,
+Widerrede eines Tages so weit, daß man spürt, wäre
+es nötig, könnte man auch einen Fehltritt, der weit zurückliegt,
dem andern ohne Gefahr getrost gestehen.
</p>
<p>
Als aber diese Wahrheit erkannt und eingesehen war,
-begann man, die Gehätschelte im Lehnstuhl mit neuen
-Augen zu sehen. Noch ließ man es an der Anrichtung
+begann man, die Gehätschelte im Lehnstuhl mit neuen
+Augen zu sehen. Noch ließ man es an der Anrichtung
der Speisen nicht merken, wie sich die Lage schlimm
-für sie geändert hatte, doch sparte man mit Besuch und
-machte für sie keinerlei Anstrengung mehr. Meta nahm
+für sie geändert hatte, doch sparte man mit Besuch und
+machte für sie keinerlei Anstrengung mehr. Meta nahm
die mangelnde Teilnahme entweder garnicht wahr oder
-empfand sie als erhöhte Rücksicht, die ihrer Bequemlichkeit
-erwiesen wurde. Immer mehr dämmerte sie in
-den Zustand zufriedener Gleichgültigkeit hinüber.
+empfand sie als erhöhte Rücksicht, die ihrer Bequemlichkeit
+erwiesen wurde. Immer mehr dämmerte sie in
+den Zustand zufriedener Gleichgültigkeit hinüber.
</p>
<p>
Doch wollte sie eines Morgens Dienstleistung und
-hatte dreimal den Klingelknopf gedrückt. Als niemand
+hatte dreimal den Klingelknopf gedrückt. Als niemand
kam und ohne Erregung sie mechanisch weiterschellte,
-öffnete endlich die Hausfrau die Tür und fragte schnippisch,
+öffnete endlich die Hausfrau die Tür und fragte schnippisch,
was ihr denn einfiele. Ganz verdutzt, blieb Meta
glotzenden Blicks die Antwort schuldig. Da erhob die
Scheltende schreiend die Stimme, sie verbitte sich Art
und Weise. Was denn im Werk sei, und ob sie sich,
-was sie brauche, nicht gütigst selbst holen wolle und
-ob überhaupt .&nbsp;.&nbsp;. und da höre alles auf! Und je weniger
+was sie brauche, nicht gütigst selbst holen wolle und
+ob überhaupt .&nbsp;.&nbsp;. und da höre alles auf! Und je weniger
die Gescholtene zu entgegnen vermochte, um so mehr
tobte der Frau entfesselte Wut. Zischend spie sie Wortschlangen
auf die Vertatterte, berauschte sich an deren
-demütiger Stille so unmäßig, daß sie Stühle vom Platz,
-Gegenstände durchs Zimmer schleuderte. Mehr von der
-Dynamik der Stürmenden als vom eigenen Trieb bewegt,
-richtete sich Meta schließlich auf, nach bewährtem
-Rezept zum Angriff überzugehen. Sah aber beim ersten
+demütiger Stille so unmäßig, daß sie Stühle vom Platz,
+Gegenstände durchs Zimmer schleuderte. Mehr von der
+Dynamik der Stürmenden als vom eigenen Trieb bewegt,
+richtete sich Meta schließlich auf, nach bewährtem
+Rezept zum Angriff überzugehen. Sah aber beim ersten
Blick dem Gegner ins Auge; der hatte alle Angst vor
ihr verloren, und ihr Spiel sei unwiederbringlich und
<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-gründlich verspielt. Trotzdem machte sie eine fürchterliche
-Bewegung, zeigte plötzlich das alte, von tödlichem
-Haß entstellte Gesicht so drohend, daß die von neuem
-Geängstigte gellend den Gatten zu Hilfe rief. Der
-übersieht, im Schlafrock herbeieilend, mit einem Blick
-nach rückwärts und vorwärts die Lage und nie wiederkehrende
-Gelegenheit, fuchtelt die Arme wuchtig aufwärts,
-dröhnt mit riesiger Stimme Löwentöne, daß alles
-zusammenläuft, und die Nachbarn an die offenen Fenster
-eilen. Da er fühlt, ihn verlassen die Kräfte, es
-müsse aber zum Schluß noch die entscheidende Granate
+gründlich verspielt. Trotzdem machte sie eine fürchterliche
+Bewegung, zeigte plötzlich das alte, von tödlichem
+Haß entstellte Gesicht so drohend, daß die von neuem
+Geängstigte gellend den Gatten zu Hilfe rief. Der
+übersieht, im Schlafrock herbeieilend, mit einem Blick
+nach rückwärts und vorwärts die Lage und nie wiederkehrende
+Gelegenheit, fuchtelt die Arme wuchtig aufwärts,
+dröhnt mit riesiger Stimme Löwentöne, daß alles
+zusammenläuft, und die Nachbarn an die offenen Fenster
+eilen. Da er fühlt, ihn verlassen die Kräfte, es
+müsse aber zum Schluß noch die entscheidende Granate
einschlagen, kreischt er mit schneidendem Schrei, sie solle
-nicht vergessen, daß sie Dienstbote und gelitten sei. Der
-Satz tat dämonische Wirkung. In die Brust flog die
+nicht vergessen, daß sie Dienstbote und gelitten sei. Der
+Satz tat dämonische Wirkung. In die Brust flog die
Familie. Wie vom Blitz zerschmettert aber knickte Meta
in den Wirbeln und fiel wie Plunder ins Dunkle. Dann
flog Bann und Fluch auf sie, und eh&rsquo; ihr noch ein Gedanke
-keimte, war ihr für vierzehn Tage später gekündigt
+keimte, war ihr für vierzehn Tage später gekündigt
und zugleich anbefohlen, noch am gleichen Tag
-das Haus zu verlassen. Lohn und Kostgeld würde nach
+das Haus zu verlassen. Lohn und Kostgeld würde nach
dem Gesetz bezahlt.
</p>
<p>
-So endgültig, spürte sie, war ihre Niederlage, daß
+So endgültig, spürte sie, war ihre Niederlage, daß
sie keinen Versuch machte, den Gang der Ereignisse
-aufzuhalten. Aus allen Winkeln räumte sie ihre Habseligkeiten
-und Siebensachen. Beim Umkehren der Schübe
-fiel auch ein Bündel beschmutzter Lumpen vor ihre Füße.
+aufzuhalten. Aus allen Winkeln räumte sie ihre Habseligkeiten
+und Siebensachen. Beim Umkehren der Schübe
+fiel auch ein Bündel beschmutzter Lumpen vor ihre Füße.
Erst begriff sie deren Sinn und Herkunft nicht. Dann,
-während Ekel sie schnürt, erkennt sie Franzens irdische
-Hinterlassenschaft. Sie kneift die Mundwinkel und stößt
+während Ekel sie schnürt, erkennt sie Franzens irdische
+Hinterlassenschaft. Sie kneift die Mundwinkel und stößt
den Packen zum Kehricht.
</p>
<p>
-Wenige Stunden später sitzt sie im Gasthof allein,
+Wenige Stunden später sitzt sie im Gasthof allein,
aus dem sie nach ein paar Tagen, noch halb im Traum,
-zu einer Verwandten aufs Land übersiedelt.
+zu einer Verwandten aufs Land übersiedelt.
</p>
<p class="tb">
@@ -1634,250 +1599,250 @@ zu einer Verwandten aufs Land übersiedelt.
<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
Von dort wollte sie anfangs, das letzte Wort im
Streit zu behalten, einen Brief der ehemaligen Herrschaft
-schicken, in dem Verachtung und Überlegenheit
-maßlosen Ausdruck hätten. Da sie das Schreiben aber
+schicken, in dem Verachtung und Überlegenheit
+maßlosen Ausdruck hätten. Da sie das Schreiben aber
trotz Mahnung des Verstandes von Tag zu Tag aufschob,
-merkte sie endlich, wie gleichgültig im Grund
+merkte sie endlich, wie gleichgültig im Grund
die Katastrophe sei, und wie sie eher mit diesen Leuten
als die mit ihr fertig gewesen. Sie findet jetzt, die letzten
Monate seien durch innere Teilnahmslosigkeit als einzige
-ihrem Leben verloren. Aus eigenem Antrieb hätte
-sie eher aus einem Haus aufbrechen müssen, das längst
+ihrem Leben verloren. Aus eigenem Antrieb hätte
+sie eher aus einem Haus aufbrechen müssen, das längst
von ihr mit Stumpf und Stiel gefressen sei. Aus welchen
-Quellen hätte sie dort ihr Lebensgefühl speisen
-sollen? Welche Gewißheit der Gegenwart und Aussicht
-für die Zukunft konnte sie da noch beschwingen?
-Ein grämlich bequemes Alter sei ihr gewiß gewesen.
+Quellen hätte sie dort ihr Lebensgefühl speisen
+sollen? Welche Gewißheit der Gegenwart und Aussicht
+für die Zukunft konnte sie da noch beschwingen?
+Ein grämlich bequemes Alter sei ihr gewiß gewesen.
Halber Tod im Leben. Hier aber war vor allem die
Landschaft, zu der sie aus Vergangenheit keine Beziehung
-hatte, ihr Phänomen, und sie hoffte, befeuernd
+hatte, ihr Phänomen, und sie hoffte, befeuernd
werde die auf sie einwirken. Mit der menschlichen Umgebung,
-die sie ihrer Erfahrung gemäß fand, trat sie
+die sie ihrer Erfahrung gemäß fand, trat sie
am neuen Ort nicht mehr in Wettkampf. Wo Wucht
-des Fühlens und der Instinkte entschied, wußte sie sich
-ein für allemal auserwählt und der Menge gründlich
-überlegen. Auf dem Gebiet geistiger Kräfte aber suchte
-sie keinen Anschluß, der ihr aus Begabung und Erziehung
+des Fühlens und der Instinkte entschied, wußte sie sich
+ein für allemal auserwählt und der Menge gründlich
+überlegen. Auf dem Gebiet geistiger Kräfte aber suchte
+sie keinen Anschluß, der ihr aus Begabung und Erziehung
verwehrt war. Hochmut, Neid, Zorn fielen als
-überflüssig fort, als sie merkte, das simple Bauernvolk
+überflüssig fort, als sie merkte, das simple Bauernvolk
stand an Geltungswillen noch hinter den besiegten
-Städtern zurück. Unter Unbewaffneten aber im Harnisch
-zu gehen, erschien ihr sinnlos. Hübsche Ersparnisse
-gaben ihr zudem in diesen bescheidenen Verhältnissen
-auch die äußere Sicherheit, die ihre kurzen Gesten,
+Städtern zurück. Unter Unbewaffneten aber im Harnisch
+zu gehen, erschien ihr sinnlos. Hübsche Ersparnisse
+gaben ihr zudem in diesen bescheidenen Verhältnissen
+auch die äußere Sicherheit, die ihre kurzen Gesten,
knappen Anmerkungen von innenher bezeugten.
</p>
<p>
<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Da sie aber spürte, noch immer wende sie zuviel
-Kraft an den täglichen Umgang mit belanglosen Menschen,
+Da sie aber spürte, noch immer wende sie zuviel
+Kraft an den täglichen Umgang mit belanglosen Menschen,
nutzte sie vor allem weiteren ihr Geld dazu, einen Mann
zu fesseln, der Mittler zwischen ihr und den anderen
sein, die Unkosten des von der Welt geforderten Entgegenkommens
tragen sollte. Jakob war Kriegsinvalide,
-ein rüstiger Fünfziger mit Stelzfuß. Medaillen und
-Schnallen auf der Brust bezeugten seinen Sinn für
-Gemeinschaftsideale, den Willen, sich in bürgerlichem
-Verein bemerkbar zu machen und die Fähigkeit dazu.
+ein rüstiger Fünfziger mit Stelzfuß. Medaillen und
+Schnallen auf der Brust bezeugten seinen Sinn für
+Gemeinschaftsideale, den Willen, sich in bürgerlichem
+Verein bemerkbar zu machen und die Fähigkeit dazu.
Sie heiratete ihn und setzte ihn vor ihre eigene Person
als Damm gegen die kleinliche Zudringlichkeit der Nachbarn.
-Es wirkte nicht störend, ein brillanter Hans in
-allen Gassen hatte eine schweigsame, zugeknöpfte Frau.
-Es ließ sich im Gegenteil versöhnend an. Jede Satzrakete
-ihres Gatten, seine Schwärmer und Leuchtkugeln,
-die verständnisvolle Bewunderer fanden, sicherten ihr
-Stille und innere Abgeschiedenheit auch dann, saß sie
-mitten im aufgeräumten Kreis, der bei der Erzählung
-von Jakobs Kriegsanekdoten lärmend vaterländisch begeistert
-war. Sie stützte seine einfache, seelische Mechanik,
-ölte die Maschine, drehte die Kurbeln und stellte sie
+Es wirkte nicht störend, ein brillanter Hans in
+allen Gassen hatte eine schweigsame, zugeknöpfte Frau.
+Es ließ sich im Gegenteil versöhnend an. Jede Satzrakete
+ihres Gatten, seine Schwärmer und Leuchtkugeln,
+die verständnisvolle Bewunderer fanden, sicherten ihr
+Stille und innere Abgeschiedenheit auch dann, saß sie
+mitten im aufgeräumten Kreis, der bei der Erzählung
+von Jakobs Kriegsanekdoten lärmend vaterländisch begeistert
+war. Sie stützte seine einfache, seelische Mechanik,
+ölte die Maschine, drehte die Kurbeln und stellte sie
auf Jahrestage beliebter Schlachten, auf Kaisers Geburtstag
-oder sonst ein Jubiläum, um ihn, rasender Brisanz
+oder sonst ein Jubiläum, um ihn, rasender Brisanz
mit Lampions und Feuerwerk, auf die Zeitgenossen
loszulassen.
</p>
<p>
Sie selbst aber ging heimliche Wege in die Landschaft.
-Am überraschenden Wirken sprühender Natur wollte
-sie das eigene, kräftige Leben messen. Morgenröte,
+Am überraschenden Wirken sprühender Natur wollte
+sie das eigene, kräftige Leben messen. Morgenröte,
Sonne im Zenith und die Sternbilder am Firmament,
Wind, Regen, Hagel und Schnee stellte sie als wechselnde
Erscheinungsformen fest, von denen sie den jedesmal
gewollten Effekt zu erkennen suchte. Sie mochte nicht
-einsehen, Regelmäßigkeit sei das Prinzip, aus dem
+einsehen, Regelmäßigkeit sei das Prinzip, aus dem
<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Natur sich rege und sträubte sich, zu glauben, Sonne
+Natur sich rege und sträubte sich, zu glauben, Sonne
gehe ohne besonderen, heutigen Zweck auf, um zu
-sterben und morgen wieder pünktlich am Platz zu sein.
+sterben und morgen wieder pünktlich am Platz zu sein.
Am Wiederkehrenden wollte sie durchaus das einmalig
Notwendige erkennen, das es erst legitimiere.
</p>
<p>
-Doch je tiefer sie in den Plan der Schöpfung eindrang,
-sah sie Gleichförmigkeit und Gegebenheit als
-letztes Gesetz ein. In noch höherem Maß als der Mensch
-waren Pflanze und Tier artmäßig übereinstimmend; es
-ging im weiten Umkreis der Natur gattungsgemäß nach
+Doch je tiefer sie in den Plan der Schöpfung eindrang,
+sah sie Gleichförmigkeit und Gegebenheit als
+letztes Gesetz ein. In noch höherem Maß als der Mensch
+waren Pflanze und Tier artmäßig übereinstimmend; es
+ging im weiten Umkreis der Natur gattungsgemäß nach
ewigen Formeln von der Geburt zum Tod ohne den
-Aufschwung, den für sich selbst der niedrigste Mensch
-einmal im Dasein beweist. Was aber mit Gewißheit
+Aufschwung, den für sich selbst der niedrigste Mensch
+einmal im Dasein beweist. Was aber mit Gewißheit
vorauszubestimmen war, langweilte sie nicht nur am
Menschen; und so langweilte sie bald erst recht Natur.
Was man den Reihen des aus gleichem Stoff Gewesenen
-in gleicher Absicht nachtat, könne als eigentliches Sein
+in gleicher Absicht nachtat, könne als eigentliches Sein
nicht rechnen, dachte Meta. Denn es entkleide des
-Selbstgefühls und noch Erhabeneren, das sie nicht zu
-nennen wußte, aber mit allen Fasern ihrer Seele immer
+Selbstgefühls und noch Erhabeneren, das sie nicht zu
+nennen wußte, aber mit allen Fasern ihrer Seele immer
anstrebte. Sie mochte nicht aus fremden Zungen reden,
-nicht aus fremder Gewißheit handeln. Von sich selbst
-mußte sie fortwährend zeugen, und im Haus und draußen
+nicht aus fremder Gewißheit handeln. Von sich selbst
+mußte sie fortwährend zeugen, und im Haus und draußen
wollte sie nur mit Organismen umgehen, die, die Form
-sprengend, eine andere eigentümliche Form bildend, sich
+sprengend, eine andere eigentümliche Form bildend, sich
bewiesen.
</p>
<p>
-In des Hauses entlegene Stube zog sie und saß im
+In des Hauses entlegene Stube zog sie und saß im
Halbdunkel. Da die Gegenwart ihrem Erlebnisdrang
-nicht günstig ist, lebt sie von Erinnerung, während sie
-wie eine Spinne im Netz auf Anlaß lauert, sich zur
-Höhe ihres Gefühls von neuem aufzurichten. Sie zaubert
-den Abglanz aller Stationen ihres weiblichen Blühens
+nicht günstig ist, lebt sie von Erinnerung, während sie
+wie eine Spinne im Netz auf Anlaß lauert, sich zur
+Höhe ihres Gefühls von neuem aufzurichten. Sie zaubert
+den Abglanz aller Stationen ihres weiblichen Blühens
und Welkens her. Franz tritt mit vollkommener Sensation
zu ihr, und erst jetzt kennt sie ihn in seinem ganzen
<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
Verein: Er war absonderlich jung und so wenig eigene
-Person, daß sie ihren ganzen Traum vom Mann mit
-ihm hat austräumen können. Je eindringlicher sie ihn
-gliedert, eine Zukunft bildet, die er gelebt hätte, wäre
+Person, daß sie ihren ganzen Traum vom Mann mit
+ihm hat austräumen können. Je eindringlicher sie ihn
+gliedert, eine Zukunft bildet, die er gelebt hätte, wäre
er vom Krieg heimgekehrt, um so deutlicher wird er
das Ebenbild Jakobs. Derselben Begabung, des gleichen
-seelischen Gewichts, hätten Sprüche in seinem eitlen
-Maul den Mangel an Tatkraft stets ersetzen müssen.
-Wie Jakob hätten auch ihn Schnallen und Medaillen
+seelischen Gewichts, hätten Sprüche in seinem eitlen
+Maul den Mangel an Tatkraft stets ersetzen müssen.
+Wie Jakob hätten auch ihn Schnallen und Medaillen
auf der Brust in seiner Welt beglaubigt; hinreichende
-Betätigung seiner selbst hätte auch er in Prost und
+Betätigung seiner selbst hätte auch er in Prost und
Toast gefunden.
</p>
<p>
-Zehn Jahre früher würde sie ihn damit aus dem
-Herzen verloren haben, und die Zeit ihres höchsten
-Aufschwungs mit ihm wäre nie gewesen.
+Zehn Jahre früher würde sie ihn damit aus dem
+Herzen verloren haben, und die Zeit ihres höchsten
+Aufschwungs mit ihm wäre nie gewesen.
</p>
<p>
Mild stimmte sie die Erkenntnis mit Gott, und aufmerksam
-sah sie ins treibende Gewölk, als läge hinter
-ihm vielleicht noch Überraschung und neuer Aufruf zu
-tätigem Leben. Ihre inneren Bestände von jeher musterte
-sie und stellte fest: nie habe gegen den Höchsten sie
-sich vergangen, hätte sie, ein menschliches Weib und
+sah sie ins treibende Gewölk, als läge hinter
+ihm vielleicht noch Überraschung und neuer Aufruf zu
+tätigem Leben. Ihre inneren Bestände von jeher musterte
+sie und stellte fest: nie habe gegen den Höchsten sie
+sich vergangen, hätte sie, ein menschliches Weib und
nach den Worten der Schrift sein Abbild, vom ersten
Lebenstag das Recht auf eigene Person und volle Verantwortung
-für sich gefordert. Denn nie, wohin immer
-die Sucht persönlichen Erlebnisses sie geführt, sei sie
+für sich gefordert. Denn nie, wohin immer
+die Sucht persönlichen Erlebnisses sie geführt, sei sie
noch so schrecklichen Folgen ausgewichen. Sie hielt es
-sogar des Menschen als des göttlichen Gleichnisses für
-unwürdig, lebte er im Hinblick auf die Allgegenwart
-und Allkraft Gottes träge im Bett der Gewohnheiten,
-ohne mit seinem Blut die überkommenen Begriffe zu
-füllen und für sich selbst lebendig zu machen. Ihr ganzes
+sogar des Menschen als des göttlichen Gleichnisses für
+unwürdig, lebte er im Hinblick auf die Allgegenwart
+und Allkraft Gottes träge im Bett der Gewohnheiten,
+ohne mit seinem Blut die überkommenen Begriffe zu
+füllen und für sich selbst lebendig zu machen. Ihr ganzes
Leben hindurch hatte sie nur gegen Sattheit, Ruhe und
-Stillstand in sich und anderen gemeutert, sich empört
+Stillstand in sich und anderen gemeutert, sich empört
gegen den Tod in jederlei Gestalt, als gegen den
<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
grimmigsten Gegner des allebendigen Gottes. In Menschen,
die ein nutzloses Sein nach Schema und Klischee
hinbrachten, war sie wie Flamme gefahren und hatte sie
-zu eigener Äußerung endlich gebracht.
+zu eigener Äußerung endlich gebracht.
</p>
<p>
-Wo sie weilte, hatte Gefühl in Marsch und Aufruhr
+Wo sie weilte, hatte Gefühl in Marsch und Aufruhr
gestanden. Niemand habe mit ihrer Bewilligung einfach
geschlafen, gegessen oder von beiden ausgeruht.
</p>
<p>
-Als mit dieser Einsicht alle Bedenken über Vergangenheit
+Als mit dieser Einsicht alle Bedenken über Vergangenheit
in ihr ausgeglichen waren, regte sie sich, nach dem
-Tod des Gatten Jakob, wieder rüstiger und richtete von
+Tod des Gatten Jakob, wieder rüstiger und richtete von
sich fort den Sinn unmittelbarer auf die Mitwelt. Es
-reizte sie mächtig, nicht mehr aus dunklem Drang, sondern
-mit vollkommener Erkenntnis manchen schwächeren
-Weltkinds Bürde auf ihre Schultern zu nehmen, seine
+reizte sie mächtig, nicht mehr aus dunklem Drang, sondern
+mit vollkommener Erkenntnis manchen schwächeren
+Weltkinds Bürde auf ihre Schultern zu nehmen, seine
Bedenklichkeit, sich zu sich selbst zu bekennen, in alle
Winde zu zerstreuen. Eine alte Eva war sie, gebraucht
und in den Kesseln des Geschlechts gesotten. Aber
-unter weißem Haar stand das Menschliche ihr frisch und
+unter weißem Haar stand das Menschliche ihr frisch und
unversehrt. Nicht weniger als die Jungfrau einst, im
-Fenster auf Ausschau hängend, war sie für sich und
+Fenster auf Ausschau hängend, war sie für sich und
andere keck und zukunftssicher.
</p>
<p>
Ihre Kraft in abgestecktem Raum aufs beste noch zu
-nützen, trat sie in das Altfrauenhaus ihrer ländlichen
-Gemeinde ein. Zwanzig in durchschnittlichem Leben abgeblaßte
-Seelen traf sie dort, erloschene Flämmchen,
-die sich schämten, noch zu schwelen. In verschlissenen
-Kleidern, das weibliche Aussehen arg vernachlässigt,
-schlichen diese menschlichen Trümmer unsicher im Dämmerlicht.
+nützen, trat sie in das Altfrauenhaus ihrer ländlichen
+Gemeinde ein. Zwanzig in durchschnittlichem Leben abgeblaßte
+Seelen traf sie dort, erloschene Flämmchen,
+die sich schämten, noch zu schwelen. In verschlissenen
+Kleidern, das weibliche Aussehen arg vernachlässigt,
+schlichen diese menschlichen Trümmer unsicher im Dämmerlicht.
</p>
<p>
-Meta wie Jugend, Sturm und himmlische Überredung
-fuhr in sie. Rollte ihnen den Film des Lebens zurück,
-wies die häufigen Höhen und zeigte einer jeden an der
+Meta wie Jugend, Sturm und himmlische Überredung
+fuhr in sie. Rollte ihnen den Film des Lebens zurück,
+wies die häufigen Höhen und zeigte einer jeden an der
entsprechenden Stelle ihre ganz unvergleichliche, irdische
-Wirksamkeit. In welken Brüsten entzündete sie eine späte
+Wirksamkeit. In welken Brüsten entzündete sie eine späte
<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-aber vollkommene Überzeugung von der einzigen Bedeutung
-dessen, wofür sie geblüht hatten.
+aber vollkommene Überzeugung von der einzigen Bedeutung
+dessen, wofür sie geblüht hatten.
</p>
<p>
-Und jede dieser Kreaturen setzte einige schüchterne
-Schößlinge an. Das kahle Holz begann zu treiben in der
-Gewißheit, solange es lebte, am neuen Morgen noch
+Und jede dieser Kreaturen setzte einige schüchterne
+Schößlinge an. Das kahle Holz begann zu treiben in der
+Gewißheit, solange es lebte, am neuen Morgen noch
immer den ersten Tag zu haben. Es wurde das Licht
-der Augen wieder hell; die Hauben gebügelt und gewaschen,
-bekamen Rüschen; Spitzen und gefälteltes Weiß
-sahen aus den Ärmeln. Finger, Ohren und das gepflegte
-Tuch der dunklen Kleider waren plötzlich goldgeschmückt.
+der Augen wieder hell; die Hauben gebügelt und gewaschen,
+bekamen Rüschen; Spitzen und gefälteltes Weiß
+sahen aus den Ärmeln. Finger, Ohren und das gepflegte
+Tuch der dunklen Kleider waren plötzlich goldgeschmückt.
</p>
<p>
Nach vollbrachtem Tagwerk findet man die Runde
der Weiber allabendlich um die gewaltige Tafel: aus
-den Hälsen die Häupter steif gehoben, die Hände wie
+den Hälsen die Häupter steif gehoben, die Hände wie
bewiesene und bedeutende Einheiten breit auf die Platte
-des Tisches gestreckt, lauschen sie andächtig Metas Rede.
+des Tisches gestreckt, lauschen sie andächtig Metas Rede.
In allen Antlitzen aber brennen zinnoberrot hektische
Flecken, und manchmal klopft zu dem Gesprochenen ein
-Fuß mit hohem Bewußtsein den Boden.
+Fuß mit hohem Bewußtsein den Boden.
</p>
<p>
-Als vom benachbarten Kloster die Nonne Äbtissin,
+Als vom benachbarten Kloster die Nonne Äbtissin,
die von Metas Hochgemutsein in der strengen Abgeschiedenheit
-gehört hatte, sie aufsuchte und, mit ihr plaudernd,
-meinte, vielleicht sei das Kloster auch für den
+gehört hatte, sie aufsuchte und, mit ihr plaudernd,
+meinte, vielleicht sei das Kloster auch für den
Rest <span class="em">ihrer</span> Tage der rechte Ort, gab die alte Magd bescheiden
-doch gewiß dies zurück:
+doch gewiß dies zurück:
</p>
<p>
-Ihr seid nicht stolz genug auf euch, ihr klösterlichen
-Weiber. Mir gefällt nicht die Demut, das Bedauern
-eigener Unzulänglichkeit und nicht Unterwerfung unter
-hohe, unumstößliche Vorschrift. Schönste, irdische Wirklichkeit
+Ihr seid nicht stolz genug auf euch, ihr klösterlichen
+Weiber. Mir gefällt nicht die Demut, das Bedauern
+eigener Unzulänglichkeit und nicht Unterwerfung unter
+hohe, unumstößliche Vorschrift. Schönste, irdische Wirklichkeit
bin ich mir selbst, und auch vor meinen Herrn
-will ich einst so treten, daß er mich als das Höchstpersönliche
+will ich einst so treten, daß er mich als das Höchstpersönliche
erkennt, welches er, von aller Menschheit
streng unterschieden, einst schuf, und das er &bdquo;Meta&ldquo;
nannte.
@@ -1914,21 +1879,21 @@ Insel-Verlag zu Leipzig
</p>
<p class="noindent">
-<span class="em">Don Juan</span>, Eine Tragödie · Geh. 5 M.,
+<span class="em">Don Juan</span>, Eine Tragödie · Geh. 5 M.,
Halbleder 8 M.
</p>
<p>
<span class="em">Ulrich und Brigitte</span>, Ein dramatisches
-Gedicht · Geh. 3 M., Leinen 4 M.
+Gedicht · Geh. 3 M., Leinen 4 M.
</p>
<p class="left">
-Aus dem bürgerlichen Heldenleben<br />
-1. <span class="em">Die Hose</span> · Lustspiel<br />
-2. <span class="em">Die Kassette</span> · Komödie<br />
-3. <span class="em">Bürger Schippel</span> · Komödie<br />
-4. <span class="em">Der Snob</span> · Komödie
+Aus dem bürgerlichen Heldenleben<br />
+1. <span class="em">Die Hose</span> · Lustspiel<br />
+2. <span class="em">Die Kassette</span> · Komödie<br />
+3. <span class="em">Bürger Schippel</span> · Komödie<br />
+4. <span class="em">Der Snob</span> · Komödie
</p>
<p class="center">
@@ -1942,9 +1907,9 @@ Kurt Wolff Verlag zu Leipzig
</p>
<p class="left">
-5. <span class="em">Der Kandidat</span> · Politische Komödie<br />
-6. <span class="em">1913</span> · Schauspiel<br />
-7. <span class="em">Tabula rasa</span> · Schauspiel (Auf Subskript.)
+5. <span class="em">Der Kandidat</span> · Politische Komödie<br />
+6. <span class="em">1913</span> · Schauspiel<br />
+7. <span class="em">Tabula rasa</span> · Schauspiel (Auf Subskript.)
</p>
<p class="center">
@@ -1953,7 +1918,7 @@ Drama nach F. M. Klinger
</p>
<p class="center">
-<span class="em">Die drei Erzählungen</span><br />
+<span class="em">Die drei Erzählungen</span><br />
Reich illustriert mit Original-Lithographien von<br />
<span class="em">Ottomar Starke</span>
</p>
@@ -1976,7 +1941,7 @@ in Pappband geb. M. 3.50
</p>
<p class="left2">
-<span class="em">Franz Kafka</span> · Betrachtung. 2. Auflage
+<span class="em">Franz Kafka</span> · Betrachtung. 2. Auflage
</p>
<p class="left2">
@@ -1985,14 +1950,14 @@ Mit einer Einleitung von Paul Stefan
</p>
<p class="left2">
-<span class="em">Rabindranath Tagore</span> · Chitra. Ein
+<span class="em">Rabindranath Tagore</span> · Chitra. Ein
Drama. &mdash; Der zunehmende Mond.
(Mutter und Kind) &mdash; Gitanjali. (Sangesopfer.)
-&mdash; Der Gärtner. (Liebeslieder)
+&mdash; Der Gärtner. (Liebeslieder)
</p>
<p class="left2">
-<span class="em">Franz Werfel</span> · Einander. Oden &mdash; Lieder
+<span class="em">Franz Werfel</span> · Einander. Oden &mdash; Lieder
&mdash; Gestalten &mdash; Die Troerinnen
des Euripides. In deutscher Bearbeitung.
Wir sind. Neue Gedichte. 3. Auflage.
@@ -2001,12 +1966,12 @@ Wir sind. Neue Gedichte. 3. Auflage.
<hr />
<p class="center">
-In meinen Verlag ging über und erschien in<br />
+In meinen Verlag ging über und erschien in<br />
neuer Ausgabe:
</p>
<p class="left2">
-<span class="em">Franz Werfel</span> · Der Weltfreund. Gedichte.
+<span class="em">Franz Werfel</span> · Der Weltfreund. Gedichte.
</p>
<hr class="double" />
@@ -2021,7 +1986,7 @@ Der neue Roman
</p>
<p class="center">
-Sammlung zeitgenössischer Erzähler
+Sammlung zeitgenössischer Erzähler
</p>
<p class="center">
@@ -2030,29 +1995,29 @@ geb. M. 4.50. kart. M. 4.&mdash;
</p>
<p class="noindent">
-Der große Erfolg, den die mitreißende Gewalt neuer Erzähler
+Der große Erfolg, den die mitreißende Gewalt neuer Erzähler
in den weitesten Kreisen der Lesewelt gefunden
hat, und die begeisterte Aufnahme, die beispielsweise
-Sternheims &bdquo;Napoleon&ldquo; bereitet ward, läßt klar erkennen,
-daß das Publikum endlich den seichten Unterhaltungsroman
+Sternheims &bdquo;Napoleon&ldquo; bereitet ward, läßt klar erkennen,
+daß das Publikum endlich den seichten Unterhaltungsroman
der vielen Gartenlauben satt hat. Es sehnt sich
nach einer literarisch gehaltvolleren Kost mit Durchdringung
-von hoher Geistigkeit und innigstem Gefühl
+von hoher Geistigkeit und innigstem Gefühl
wie in Max Brods Roman &bdquo;Tycho Brahes Weg zu Gott&ldquo;.
Vom Jahrhundert des Aeroplans und der Untergrundbahn
verlangen wir auch eine kongenialere Kunst, furios
im Tempo und im Monumentalstil wie Flaubert und
Heinrich Mann, atemraubend wie Meyrinks &bdquo;Golem&ldquo;.
-Einem solchen Verlangen soll diese neue Sammlung zeitgenössischer
-Erzähler versuchen gerecht zu werden, deren
+Einem solchen Verlangen soll diese neue Sammlung zeitgenössischer
+Erzähler versuchen gerecht zu werden, deren
vornehmstes Ziel sein wird: den neuen Dichtern Raum
zu schaffen, die &mdash; wenn sie auch noch so verschieden an
-Kraft und Wesensart sein mögen &mdash; uns den starken
-Atem unserer Tage spüren lassen.
+Kraft und Wesensart sein mögen &mdash; uns den starken
+Atem unserer Tage spüren lassen.
</p>
<p class="center">
-Als erste Bände erschienen:
+Als erste Bände erschienen:
</p>
<p class="left">
@@ -2062,7 +2027,7 @@ Als erste Bände erschienen:
</p>
<p class="noindent">
-In Vorbereitung befinden sich neue Bücher von Kasimir
+In Vorbereitung befinden sich neue Bücher von Kasimir
Edschmid &mdash; Arnold Zweig &mdash; Flaubert &mdash; Anatole
France &mdash; Heinrich Mann u. A.
</p>
@@ -2079,392 +2044,18 @@ France &mdash; Heinrich Mann u. A.
<p id="trnote"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
<p>
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
</p>
<ul>
<li>
-... Da sich in Wirklichkeit erfüllte, was einst sie <span class="underline">gege</span>träumt: ...<br />
-... Da sich in Wirklichkeit erfüllte, was einst sie <a href="#corr-0"><span class="underline">ge</span></a>träumt: ...<br />
+... Da sich in Wirklichkeit erfüllte, was einst sie <span class="underline">gege</span>träumt: ...<br />
+... Da sich in Wirklichkeit erfüllte, was einst sie <a href="#corr-0"><span class="underline">ge</span></a>träumt: ...<br />
</li>
</ul>
</div>
-
-
-
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-
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-
-
-<pre>
-
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-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Meta, by Carl Sternheim
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK META ***
-
-***** This file should be named 41724-h.htm or 41724-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/4/1/7/2/41724/
-
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-
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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-
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