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-The Project Gutenberg EBook of Amerikanische Wald- und Strombilder.
-Zweiter Band., by Friedrich Gerstäcker
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Amerikanische Wald- und Strombilder. Zweiter Band.
-
-Author: Friedrich Gerstäcker
-
-Release Date: December 9, 2012 [EBook #41585]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AMERIKANISCHE WALD- UND STROMBILDER ***
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-
-Produced by richyfourtytwo and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- Amerikanische Wald- und Strombilder
-
-
- Von
-
- Friedrich Gerstäcker.
-
-
- Dritte Auflage.
-
- Zweiter Band.
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-
- Leipzig,
- Arnoldische Buchhandlung.
- 1862.
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- Inhalt des zweiten Bandes.
-
-
- Seite
- Ein Versuch zur Ansiedlung, oder, wie's
- dem Herrn von Sechingen im Urwald gefiel 219
- Cincinnati 292
- Der wunderbare Traum 327
- Eine Pantherjagd 369
- Wandernde Krämer 380
- Der amerikanische Urwald 405
- Die Bärenjagd am Bayou Meter in Arkansas 430
-
-
-
-
-Ein Versuch zur Ansiedlung,
-
-oder
-
-wie's dem Herrn von Sechingen im Urwald gefiel.
-
-
-Amerika -- Urwald -- Indianer -- Tomahawk -- Scalpiren --
-Schlingpflanzen -- Panther -- »Oh, wer doch einmal im Urwald sein und
-das Alles so recht in der Nähe mit ansehen könnte« -- ruft der entzückte
-Leser, während vor seinem inneren Auge eine wunderliebliche =Camera
-obscura= ihm all die obenerwähnten Sachen klein und zierlich, aber mit
-dem vollen Zauber reicher Phantasie übergossen, vorspiegelt.
-
-»Da muß ich hin!« hatte auch »_von Sechingen_,« ein junger unabhängiger
-deutscher Edelmann gesagt, als er Coopers »Ansiedler« auf's Sopha warf,
-emporsprang, die an der Wand hängende Büchse ergriff und auf einen, im
-Geist heraufbeschworenen Panther schnell und sicher anlegte.
-
-Er nahm sich kaum Zeit, das Buch auszulesen; noch in demselben Monat
-ordnete er seine Geschäfte, und acht Wochen später trug ihn die wogende,
-blaue See hinüber zu dem Lande seiner Hoffnungen und Träume. Dort, im
-stillen Wald -- im rauschenden Schwanken der Urbäume, wollte er
-sich seine Hütte bauen, den Bär und Panther jagen und mit den rothen
-Eingeborenen verkehren; dort von allen Sorgen und Ärgernissen des alten
-Vaterlandes entfernt, hoffte er die Ruhe zu finden, nach der er sich
-gesehnt, und die Oberlippe warf er stolz und verächtlich empor, als
-er jetzt an all das Complimenten- und Etikettenwesen der alten Welt
-zurückdachte, was Gott sei Dank nun hinter ihm lag.
-
-Die Reise war höchst glücklich -- nach schneller Fahrt erreichte er
-New-Orleans, hielt sich aber hier kaum lange genug auf, die Stadt
-flüchtig anzusehen, sondern nahm, als am nächsten Morgen ein für den
-Arkansas bestimmtes Dampfboot stromauf lief, auf diesem Passage, und
-erreichte neun Tage später Little Rock, die Hauptstadt des Staates.
-
-Hier nun strömten, wie das stets bei ankommenden Booten der Fall
-ist, eine Masse von Menschen an Bord, um vielleicht hie und da einen
-Bekannten zu treffen oder Zeitungen und Briefe in Empfang zu nehmen, und
-_von Sechingen_, dem das Treiben noch ganz neu und ungewohnt war, konnte
-nicht umhin, einen kleinen freundlichen Mann zu bemerken, der, etwa
-ein Achtunddreißiger, einen grauen, verschossenen Überrock mit
-Messingknöpfen, ein paar dunkelfarbige Sommerbeinkleider, grobe Schuh,
-ein hellblaues Halstuch und einen ziemlich mitgenommenen schwarzen
-Seidenhut trug.
-
-Der kleine Mann trat nämlich mit einer unbeschreiblichen,
-wohlbehaglichen Sicherheit auf, schien dabei Jeden auf dem Boot zu
-kennen, und war auch wirklich von Allen gekannt, denn des Zunickens und
-Handdrückens wurde gar kein Ende und »wie gehts Charley -- noch immer
-munter, Charley? -- =bless me= Charley, wie dick Ihr geworden seid!«
-tönte fast von jeder Lippe. -- Es war Charles Fischer, dessen Name bei
-allen dort gewesenen oder reisenden Deutschen fast unzertrennlich von
-dem Namen der Stadt selbst geworden, denn schon seit langen Jahren
-wohnhaft in der Stadt, die er, wie er gern erzählte, »noch als ein Dorf
-gekannt,« hatte er durch Fleiß und Sparsamkeit (er war ein Tischler)
-und besonders durch Glück, bei allen seinen Unternehmungen eine hübsche
-Summe gespart, später ein paar kleine Häuser gebaut, dann eine Art
-Wirthshaus und Schenkstand angelegt und jetzt steigerte sich mehr und
-mehr sein Verdienst, da er Alles, was er brauchte, von New-Orleans oder
-Cincinnati -- wo Provisionen wie Getränke sehr billig sind -- bezog, und
-dieses dann in Little Rock zu einem enormen Preis wieder verkaufte. Dazu
-als eine gute, harmlose Seele beliebt, und schon so lange an jenem Ort
-wohnend, daß ihn Hin- und Herreisende immer wieder auf derselben Stelle,
-der Erste an Bord jedes anlangenden Bootes, und eine halbe Stunde später
-hinter seinem Schenktisch fanden, wurde Charles Fischer gewissermaßen
-die Hausnummer, die man auf alle nach Little Rock oder auch ganz
-Arkansas addressirten Briefe setzte, wenn man nicht den Ort, wohin Brief
-oder Passagier bestimmt war, ganz genau angeben konnte.
-
-Charles Fischer war also, und ist selbst jetzt noch, das Policeibüreau
-für sämmtliche nach Little Rock kommende Deutsche, auf dem sie sich nach
-jedem Interessanten erkundigen können, das aber dafür auch Alles, was
-den Fragenden angeht, wissen will. Selbst übrigens selten oder nie,
-seit er in Amerika ist, aus Little Rock herausgekommen, wechselt er auch
-seine Ansichten nicht besonders, und wenn Jemand von ihm wissen will, wo
-in Arkansas gutes Land liegt, so schickt er ihn seit funfzehn Jahren an
-den =Fourche la fave=; wünscht man von ihm zu erfahren, wie die »Zeiten«
-sind, so schimpft er und holt ein Paketchen kleiner Banknoten, die er
-mit einem starken Bindfaden in einem Westenknopfloch befestigt hat, aus
-der Tasche und sagt »man müsse in Little Rock das Geld anbinden, sonst
-liefe es fort;« erkundigt man sich nach seiner politischen Meinung,
-so ist er Demokrat mit Leib und Seele -- er ließe sich, behauptet er,
-lieber todtschlagen, ehe er zu den Whigs überginge, läßt sich aber nie
-auf nähere Erörterungen ein, da ihm der Unterschied zwischen Whigs und
-Demokraten noch selbst in vielen Stücken sehr dunkel ist; fragt man ihn
-aber, was seine Frau macht, so stößt er Einem den Zeigefinger in die
-Rippen, blinzt das linke Auge zu, was verschmitzt aussehen soll, und
-lacht.
-
-Außer Little Rock existirt weiter keine Welt für ihn, er verschmäht
-jede Einladung, einmal auf das Land zu seinen Freunden zu kommen, und
-behauptet bei solchen Gelegenheiten stets, sich mit innigem Behagen die
-Hände reibend, »es gäbe doch nur _ein_ Little Rock,« und darin hat er
-vollkommen recht, denn es wäre fürchterlich, wenn auf der Welt noch
-solch ein zweiter Platz existirte.
-
-Eben hatte _Charley_, wie er von Allen freundschaftlich genannt wurde,
-mehre Briefe vom Buchhalter in Empfang genommen, die zwar an ihn
-adressirt, keineswegs aber für ihn bestimmt waren und wollte das Boot
-wieder verlassen, als von Sechingen, der jetzt genug von ihm gesehn und
-auch den Namen so oft gehört hatte, um ziemlich sicher zu sein, wer vor
-ihm stehe, auf ihn zutrat, und freundlich grüßend fragte, ob er »das
-Vergnügen habe, mit Herrn Carl Fischer zu sprechen?«
-
-»Charley -- =of course= -- gewiß --« sagte der Kleine, »eben von
-Deutschland gekommen, eh? haben Sie dort auch letztes Jahr so nasses
-Wetter gehabt, wie wir hier? aber apropos, was ich Sie fragen wollte,
-wie weit sind Sie denn bei Stuttgart mit der Eisenbahn?«
-
-»Es thut mir leid, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu können,«
-lächelte der Fremde »ich komme aber mit einer Bitte um Rath zu Ihnen,
-Herr Fischer, indem ich von New-Orleans aus durch einen dort zufällig
-getroffenen Freund an Sie gewiesen bin, mir die beste Gegend für Land
-hier in Arkansas zu nennen. Ich beabsichtige mich anzukaufen und weiß
-selbst noch nicht recht, ob ich meine Nachforschungen von hier aus
-beginnen, oder mit dem Boot bis Fort Gibson hinauf gehen soll.«
-
-»Land kaufen?« sagte Charley, wie er sich selber nannte, »Land kaufen?
-keine bessere Gegend in der Welt, als am =Fourche la fave= --
-_Land_ nicht _todt_ zu machen -- _Weide_, unverwüstlich -- _Wild_
-unmenschlich.«
-
-»Viel Wild? so?« frug der Fremde, und wurde aufmerksamer -- »und wo
-liegt dieses paradiesische Land?«
-
-»Etwa vierzig Meilen von hier, über die Berge fort, Sie gehen jedoch am
-Besten mit dem Boot bis an die Mündung des kleinen Flusses selbst,
-und dann soll es noch etwa zwanzig Meilen von da bis zu der deutschen
-Ansiedlung sein, Sie können nicht fehlen, immer am Fluß hinauf.«
-
-»Was fang ich aber indessen mit meinen Sachen an? denn wenn ich eine
-Fußtour unternehmen soll, muß ich _die_ auf jeden Fall zurücklassen.«
-
-»Können Sie zu mir hinstellen,« sagte Charley, »ich habe ein kapitales
-Lokal -- unten ein großes Barzimmer mit einem Schlafkabinet.«
-
-»Barzimmer?« frug der Fremde.
-
-»Nun ja -- Barzimmer, ach so, Sie wissen nicht was _Bar_ ist, nun
-_Schenk_zimmer, das ist ja wohl deutsch -- eine Treppe hoch habe
-ich einen Tanzsaal, sollen einmal den Tanzsaal sehen, wie ich den
-herausgeputzt habe -- und auch ein Schlafkabinet, und oben unter dem
-Dach noch zwei Schlafkammern, wo, wenn es ordentlich eingetheilt wird,
-an die vierzehn Betten stehen können.«
-
-»Aber wo wohnen Sie denn da?« sagte erstaunt der Fremde.
-
-»Im Sommer wohn' ich im Tanzsaal und im Winter unten, neben dem
-Barzimmer.«
-
-»Und vierzehn Betten in zwei Dachkammern?«
-
-»Ja, und wie viel meinen Sie, daß im letzten Winter, wo ich den großen
-Ball hatte, dort oben in eilf Betten Menschen gelegen haben?«
-
-»Nun vielleicht gar zwei und zwanzig Personen?« lachte der Deutsche.
-
-»Zwei und zwanzig?« rief Charley die Nase rümpfend, »wegen denen wären
-_die_ Umstände nicht nöthig gewesen -- _sieben und dreißig_.«
-
-»Aber wie ist das möglich?«
-
-»Möglich? in Amerika ist Alles möglich, das werden Sie auch wohl noch
-erfahren, ehe Sie sechs Monate im Lande sind.«
-
-»Dann kann ich also Alles zu Ihnen in's Haus schaffen lassen?«
-
-»Ja wohl -- versteht sich, wollen gleich einen Mann rufen, hey -- Sam!
-oh Sam! hierher!«
-
-Der Zuruf galt einem großen, breitschultrigen Mulatten, der neben seinem
-zweirädrigen Güterkarren am Ufer stand und mit der Peitsche knallte --
-»hier ist ein Gentleman, der Sachen nach meinem Hause zu schaffen hat.«
-
-»Ay, ay, Mr. Charley,« rief der Mulatte, freundlich grinsend, während
-er über die Planke an Bord lief, und in wenigen Augenblicken oben neben
-ihnen stand, »soll richtig besorgt werden,« fuhr er fort, indem er den
-getheerten Matrosenhut neben die Peitsche auf das Verdeck legte, »aber
-_Mister_ Charley, nicht wahr, Sam bekommt dann auch einen Schluck von
-dem =Peach brandy=.«
-
-»Ist der schwarze Teufel schon wieder durstig,« rief Charley erstaunt,
-»hat er nicht erst vorgestern eine halbe Flasch voll ausgetrunken?«
-
-»Aber Mister Charley --«
-
-»Nun schon gut, schaff nur die Sachen ordentlich und schnell hinauf --
-ich komme gleich mit und da wollen wir sehen.«
-
-Drei Koffer, zwei Hutschachteln, mehrere Gewehrfutterale, ein Reisesack
-und noch verschiedene andere kleine Kistchen und Kasten wurden jetzt von
-dem geschäftigen Mulatten in fast unglaublich kurzer Zeit an's Ufer,
-zu dem nur wenige hundert Schritt vom Wasserrande entfernten Hause Carl
-Fischers befördert, und der Fremde, nachdem er das Fuhrlohn wie einen
-Trunk für den Karrenführer bezahlt hatte, und Alles besorgt sah, wandte
-sich hier zu seinem freundlichen Wirth und sagte:
-
-»Wenn es Ihnen recht ist, so möchte ich jetzt ein wenig Toilette machen,
-denn in diesem Aufzug kann ich doch auf keinen Fall in den Urwald
-dringen. Haben Sie Bären hier in der Nähe?«
-
-»Bären?« frug Charley verwundert, »die Leute da oben leben von weiter
-Nichts als Bärenfleisch; wie die Schweine laufen sie im Walde herum,
-nach den Hirschen schießen sie gar nicht mehr.«
-
-»Die Bären?«
-
-»Die Jäger, =of course=!«
-
-»Nun« rief der Fremde, »dann werde ich ja auch wohl noch heute Abend zum
-Schuß kommen, will also doppelte Kugeln einladen.«
-
-Sie waren unterdessen in die Wohnung oder vielmehr das »Barzimmer«
-des kleinen Charley, wie es dieser nannte, getreten, und in dem
-daranstoßenden Kämmerchen verwandelte sich der junge Mann bald, was
-wenigstens das Äußere betraf, aus einem Stutzer in einen Jäger,
-mit grüner Pikesche, ledernen Beinkleidern, hohen Wasserstiefeln,
-umgeschnalltem Hirschfänger, gewaltiger lederner Waidtasche, und
-schöner Suhler Büchsflinte, dabei wohl ausgerüstet, was Schrotbeutel,
-Pulverhorn, Zündhütchenaufsetzer, Messer, kurz Alles das betraf, was er
-nach deutscher, richtiger Waidmannsart »fertig gerüstet« nennen konnte.
-
-»Nun kann's losgehen!« jubelte Charley und schlug vor Freuden in die
-Hände, als er den Jäger erblickte. »Da sieht man' s doch auch, daß
-es ein Jäger ist; -- hier zu Lande laufen sie mit ihren langen
-Schießprügeln auf der Schulter, den Kolben nach hinten, in alten
-ledernen Jacken und wollenen Fracks im Wald herum und haben dünne
-hirschlederne Lappen an den Füßen, durch die man jedes Sandkorn fühlt.
-Ich habe selbst einmal so ein paar Dinger angehabt, bin aber beinah lahm
-geworden; weiß der Böse nur, wie sie noch 'was schießen, es muß aber
-wohl so viel draußen sein, daß sie's selbst nicht ändern können.«
-
-»Gehen _Sie_ denn nie auf die Jagd?« frug der Fremde.
-
-»Ich? nein -- bewahre --« lachte Charley, »ich müßte mich auch gut mit
-einer Flinte ausnehmen; ne, da draußen im nassen Walde herumzukriechen,
-den ganzen Tag ein schweres Stück Eisen auf der Schulter zu schleppen
-und dann auch noch d'raus zu schießen -- ne -- das ist meine Passion
-nicht. Ich habe gern Alles in der gehörigen Ordnung, Abends mein gutes
-Essen und ein warmes Bett, und am Tag -- aber sie läuten schon wieder
-auf dem Boot -- daß Sie's nur nicht versäumen. Was mir aber noch
-einfällt, es wäre doch eine Möglichkeit, daß Sie sich verliefen, denn
-im Walde sieht ein Baum wie der andere aus, und hier neben an wohnt ein
-Indianer, wenn Sie dem einen Dollar und einen Schluck Whiskey geben so
-geht er mit Ihnen durch's Feuer.«
-
-»Ein Indianer?« rief der Fremde entzückt, »o rufen Sie ihn her, ich
-will ihm geben was er haben will, der muß mit mir gehen, das ist zu
-romantisch.«
-
-»Wie heißen Sie denn eigentlich?« frug Charley jetzt, dem der letzte
-Ausdruck wahrscheinlich auffallen mochte.
-
-»Mein Name ist von Sechingen,« erwiederte der Fremde.
-
-»Ach Herr von Sechingen, ist mir sehr angenehm Ihre werthe Bekanntschaft
--- aber der Teufel soll mich holen, wenn's da nicht schon zum zweiten
-Male läutet -- laufen Sie auf's Boot, ich bringe den Indianer.«
-
-»Ja -- aber er muß sich doch erst zurecht machen.«
-
-»Ist immer zurecht gemacht,« erwiederte Charley, »nur fort, sonst
-werden Sie noch zurückgelassen. Also wohl gemerkt -- an der Mündung
-des =Fourche la fave= lassen Sie sich aussetzen, und wenn Sie Alles in
-Richtigkeit haben, so kommen Sie nur her, und holen sich Ihre Sachen --
-apropos -- grüßen Sie mir die Deutschen oben.«
-
-Herr von Sechingen eilte jetzt auf das Boot, es dauerte jedoch gar nicht
-lange, bis Charley mit dem versprochenen Indianer nachkam und ihn auch
-kaum noch abliefern konnte, denn eben schellte die Glocke zum dritten
-und letzten Mal, die Taue wurden eingenommen, ein flüchtiges Lebewohl
-den am Ufer Bleibenden zurückgerufen, und fort schoß der Koloß, das
-»schwimmende Gasthaus« gegen den Strom an, dem fernen, fernen Westen zu.
-
-Der Deutsche versuchte indessen mit dem Indianer ein Gespräch
-anzuknüpfen, fand diesen aber zu einer langen Unterhaltung keineswegs
-aufgelegt, und konnte auf seine Fragen, da dieser noch dazu sehr
-gebrochen englisch sprach, nur kurze, und meistens unbefriedigende
-Antworten erhalten, so daß er seine Erkundigungen endlich einstellte
-und bei sich dachte, im Walde würde der rothe Sohn der Wälder auch wohl
-gesprächiger werden.
-
-Dieser rothe Sohn der Wälder sah übrigens ganz anders aus, als
-sich Sechingen eigentlich die Indianer, jene stolzen, kriegerischen
-Häuptlinge gedacht hatte. Ein früher einmal blau gewesenes, baumwollenes
-Jagdhemd hing ihm lose um die Schultern, die Beine staken in grau
-wollenen Beinkleidern, die Füße in mächtigen groben Schuhen, auf dem
-Kopf saß ihm, bis tief in die Augen hinein, ein alter zusammengedrückter
-Strohhut, unter dem die langen, schwarzen Haare wild und unordentlich
-hervorquollen, und im Gürtel, der sein Jagdhemd zusammenhielt, stak ein
-kurzes, schmales Messer, während an seiner rechten Seite eine kleine
-lederne Tasche, auf seiner linken Schulter eine zusammengewickelte
-wollene Decke hing und eine lange, keineswegs prachtvoll aussehende
-Büchse mit Feuerschloß, die Bewaffnung und Ausrüstung dieses sonderbaren
-Wesens beendete.
-
-Dem jungen Sechingen blieb jedoch kaum Zeit, dieß Alles an seinem neuen
-Reisegefährten und Begleiter zu bemerken, denn fast sämmtliche, sich
-auf dem Dampfboot befindenden Amerikaner drängten sich um ihn her und
-begannen mit der liebenswürdigsten Unbefangenheit von der Welt seine
-Waffen und ganze Ausrüstung anzustaunen und zu betrachten. Einer nahm
-ihm, mit einem freundlichen »=if you please=« (wenn Sie erlauben)
-die Büchse aus der Hand und knackte unzählige Male die Schlösser, ein
-Anderer zog, _ohne_ zu sagen »=if you please,=« den Hirschfänger aus der
-Scheide und untersuchte die Schärfe desselben, ein Dritter zupfte an dem
-Patentschrotbeutel, bis er die Kapsel glücklich herausbrachte und eine
-ganze Ladung Schrot auf's Deck streute, kurz es fehlte nicht viel, so
-hätten sie ihn wie eine Puppe aus- und wieder angezogen.
-
-Von Sechingen ließ sich im Anfang wirklich Alles mit vieler
-Gutmüthigkeit gefallen, es schien sogar seiner Eitelkeit etwas zu
-schmeicheln, von Jedem so bewundert zu werden; nach und nach ward ihm
-die Sache aber doch ein wenig lästig und er nahm, ohne viele Umstände,
-sein verschiedenes Eigenthum wieder an sich. Die Amerikaner frugen ihn
-jedoch fast bei jedem Stück, wie er es verkaufen wolle und wunderten
-sich sehr, als er ihnen sagte, daß er Nichts von alle dem veräußern
-würde. Einer wünschte sogar zu wissen, wie er seine Stiefeln gegen ein
-paar andere, erst wenige Wochen getragene vertauschen, d. h. ob er noch
-Aufgeld haben wolle, denn daß er sie, wenn ihm der Handel gut schiene,
-überhaupt vertauschen würde, verstände sich, glaubten die Leute, von
-selbst.
-
-Sechingen bekam die Gesellschaft schon recht überdrüssig, als er endlich
-zu seiner Freude den Ausruf des Indianers vernahm, der, mit dem Finger
-vorwärts deutend, auf einen Anwuchs niederer Baumwollenholzschößlinge
-hinwies.
-
-»Ist das die Mündung des Flusses,« rief er freudig -- »nun Gott sei Dank
--- aber werden wir auch halten?«
-
-Die Bootsglocke beantwortete seine Frage, der Ruf des Lootsen sandte die
-»Deckhands« oder Matrosen nach der, hinten am Boot befestigten Schaluppe
--- der Deutsche und Indianer sprangen hinein und fanden sich, wenige
-Minuten darauf, an der Spitze einer Sandbank, welche gerade überhalb
-des Flusses Mündung eine kurze Strecke in den Arkansas hineinlief.
-Das leichte Fahrzeug, was sie hierher gebracht, war indeß zum Boot
-zurückgekehrt -- das Zeichen wurde gegeben, puffend und schnaubend
-brauste der schöne Dampfer stromauf, und die beiden Männer standen
-allein auf der kleinen, sandigen Landzunge.
-
-Sechingen blickte entzückt um sich her -- Alles -- Alles mahnte ihn
-daran, daß er jetzt im Begriff sei, zum ersten Mal die Amerikanische
-Wildniß, den _Urwald_ zu betreten, und von wonnigen Schauern durchbebt,
-wandte er sich gegen den dunklen Wald. Zu seiner Linken, am andern Ufer
-des kleinen Flusses, thürmten sich schroffe, mit Kiefern und Eichen
-bedeckte Hügel empor, rechts von diesen, in der Richtung, die er
-einzuschlagen gedachte, lag eine dichte grüne Baum- und Laubmasse und
-hinter ihm wälzte sich der gewaltige Arkansas dem »Vater der Wasser«,
-dem Mississippi zu, während der schmale Sandstreifen, auf dem sie
-standen, etwa eine Meile lang bis zu dem wieder steiler werdenden Ufer
-hinauflief.
-
-Noch war der Deutsche in staunender Bewunderung des Heiligthums
-versunken, das er kaum zu betreten wagte, als der Indianer, dessen
-christlicher »Robert« in den bequemeren »Bob« umgetauscht worden, das
-Schweigen brach und dem jungen Mann mit wenigen Worten andeutete, wie er
-nicht gesonnen sei, hier die ganze Nacht auf offener Sandbank halten zu
-bleiben.
-
-»Wollen gehn --« sagte er, und drehte dabei den Kopf nach allen
-vier Himmelsgegenden, um Wolken, Sonne und Luft genau und prüfend zu
-betrachten -- »kaum noch eine Stunde Tag, besser an einen trockenen
-Platz vor Abend -- Feuer anmachen -- groß.«
-
-»Und welchen Weg nehmen wir jetzt?« frug Sechingen.
-
-»Weg?« sagte der Indianer verwundert, »kein _Weg_ von hier -- lauter
-Wald.«
-
-»Ha, desto besser!« rief der Deutsche, »das ist herrlich; lauter
-dichter, finsterer Wald, und dann das Nachtlager, -- o das muß köstlich
-werden.«
-
-»Will der Weiße die nächste Richtung, ganz durch den Wald gehen, oder
-fünf Meilen um, über die Hügel -- weit oben läuft ein gebahnter Weg!«
-sagte Bob.
-
-»Oh unbedingt den nächsten Weg durch den Wald, wie weit ist es wohl?«
-
-»Funfzehn Meilen -- aber viel naß,« sagte der Indianer, und zeigte mit
-dem Finger gerade auf den Wald.
-
-»Ich habe große Stiefeln an,« lachte Sechingen, »und wenn _Sie_ sich
-nichts daraus machen« --
-
-»Bob kann schwimmen,« erwiederte dieser lakonisch, schritt jetzt, ohne
-ein Wort weiter zu verlieren und die dünnen Baumwollenholzbäumchen
-auseinander biegend, durch diese hinweg und betrat, von dem Deutschen
-gefolgt, während sie die sandige, angewaschene Landzunge hinter sich
-ließen, den eigentlichen dunklen Wald.
-
-Sechingen hatte vom ersten Augenblicke an, als er festen Grund und Boden
-unter den Füßen fühlte, die Doppelbüchse von der Schulter genommen und
-zum großen Ärgerniß Bob's, der fortwährend nach ihm hinschielte, beide
-Hähne aufgezogen, ging auch jetzt, stets im Anschlag, vorsichtig und
-aufmerksam umherspähend, hinter dem Indianer her, bis dieser endlich,
-trotz dem ihm angeborenen stoischen Gleichmuth, das Gefühl nicht
-länger ertragen konnte, in dem dichten Gewirre von Schlingpflanzen eine
-gespannte Büchse hinter sich zu haben, und von nun an neben dem jungen
-Mann blieb.
-
-Die Sonne sank indessen mehr und mehr und verschwand eben hinter den
-gewaltigen Bäumen, nur noch hie und da einen der höchsten Wipfel mit
-ihrem rosigen Schein übergießend. Im Walde herrschte tiefe Stille, die
-nur selten durch das Quaken eines Frosches oder das Gezirpe einer
-Grille unterbrochen wurde; es war ein wunderlieblicher, entzückender
-Frühlingsabend, dem schönen Wald von Arkansas so eigenthümlich; dennoch
-aber schien sich der Herr von Sechingen dieses langersehnten Genusses
-nicht so recht zu erfreuen, oder wenigstens keine Zeit dafür zu haben,
-denn bald schlug er sich mit der flachen Hand auf die Stirn, bald in den
-Nacken, bald auf die andere Hand; oder nahm die Mütze ab, mit der er um
-sich herumschlug, und endlich blieb er gar in allem Unmuth stehen und
-rief aus:
-
-»Wo kommen denn nur um Gotteswillen alle diese verwünschten Mücken her?
-das ist ja zum Rasendwerden.«
-
-»Mücken?« sagte Bob, »was das? _Mosquitos_ meint Ihr; nicht viele hier!
-mehr davon weiter vorne; aber lagern jetzt -- gleich dunkel.«
-
-Damit, ohne weiter eine Antwort seines Begleiters abzuwarten, warf er
-seine Decke und Kugeltasche ab, lehnte die Büchse an einen Baum und
-schlug Feuer, das er bald mit Hülfe des dürren Laubes zu einer Flamme
-anfachte, die, von trockenem Holz genährt, in wenigen Minuten zur hohen
-Gluth emporloderte.
-
-»Hier also sollen wir bleiben?« sagte Sechingen etwas kleinlaut, indem
-er sich an dem Orte, auf welchem sie sich befanden, umsah, »ja -- es
-wäre recht hübsch hier, wenn die verdammten Mücken nur nicht wären.
-Also _das_ sind Mosquitos?« -- fuhr er fort, als er eben wieder vier mit
-einem Schlage auf dem Rücken seiner Hand vernichtet hatte -- »nun Gott
-sei Dank, es sind doch wenigstens genug von ihnen da, um sich abzulösen,
-wenn ein Theil satt oder müde werden sollte.«
-
-»Fremder legt sich auf diese Seite vom Feuer, unter den Rauch -- keine
-Mosquitos!« -- bedeutete ihn Bob. Sechingen befolgte auch schnell den
-guten Rath, und fand sich hier, in dem weichen, gelben Laub, das mehrere
-Zoll hoch den Boden bedeckte, bald von seinen Quälgeistern verlassen,
-die durch den über ihm hinweggehenden Rauch verscheucht wurden. Bob
-schien sie gar nicht zu achten.
-
-»Lieber ein Dach machen -- kann regnen die Nacht,« sagte der Indianer
-jetzt.
-
-»Regnen?« lachte Sechingen, »wo soll denn der Regen herkommen? es ist ja
-keine Wolke am Himmel?«
-
-»Schadet Nichts,« meinte Bob -- »Regenfrosch gutes Zeichen.«
-
-»Ach nein -- hier ist's herrlich,« betheuerte Jener, der, von seinen
-Plagegeistern für den Augenblick befreit, wieder das so lang gehegte und
-genährte romantisch wilde Sehnen in sich erwachen fühlte -- »hier
-ist's so wundervoll, mit dem grünen Laubdach über uns, dem blauen
-sternbesäeten Himmel als Decke, und dem dunkelen, rauschenden Wald
-um uns her; wozu da noch ein Dach, was uns doch nur den Anblick des
-prachtvollen Firmamentes entziehen würde; kommen Sie hierher, Bob, legen
-Sie sich neben mich und erzählen Sie mir etwas aus Ihrem Leben.«
-
-»Bob ist hungrig,« war die lakonische Antwort.
-
-»Nun ja, da es einmal erwähnt wird,« meinte der Deutsche, »so wäre
-mir auch ein Bissen Warmes nicht so unerwünscht, ein Tasse Thee könnte
-besonders gar Nichts schaden.«
-
-»Viel Thee im Wald,« sagte Bob.
-
-»Thee? grüner Thee?«
-
-»Gewiß grüner Thee -- will der Weiße Thee haben?«
-
-»Das wäre nicht so übel,« erwiederte Sechingen, »auf alle Fälle können
-wir es versuchen.«
-
-Bob riß hierauf einen kleinen, neben ihm wachsenden grünen Strauch aus
-der Erde, wischte die Wurzel so rein als möglich mit seinem Jagdhemd
-ab, schnitt sie in dünne Spähne, that sie in den Blechbecher, den er an
-seiner wollenen Decke hängend trug, füllte diesen dann voll Wasser und
-setzte ihn auf die Kohlen.
-
-»Und das wird Thee?« frug Sechingen ungläubig.
-
-»Ahem,« war Bob's Antwort, der nur mit dem Kopfe nickte.
-
-»Es ist aber doch sonderbar,« sagte der Deutsche nach einer wohl
-viertelstündigen Pause, in der er träumend zu den funkelnden Sternen
-hinaufgeschaut hatte, »daß wir jetzt schon über eine Stunde durch
-den dichtesten Wald gegangen sind, ohne eine Spur von Wild gesehen zu
-haben.«
-
-»Sonderbar?« entgegnete die Rothhaut, »Bob hat drei Tage hier gejagt und
-keine Klaue gefunden.«
-
-Das stimmte nun freilich nicht mit Charles Fischers Aussagen überein,
-doch blieb ihm für den Augenblick keine weitere Zeit zu ferneren
-Erörterungen, denn der Thee war fertig und wurde Sechingen dargereicht.
-
-»Etwas Zucker und Milch wäre jetzt sehr an seinem Platz,« meinte dieser
--- »aber halt -- ich habe ja Rum bei mir; der mag den Dienst versehen,«
-und aus einem kleinen Fläschchen, das er aus dem Jagdranzen nahm, goß er
-etwa ein Spitzglas voll in den Becher, und reichte die Flasche dann an
-Bob hinüber, der sie schon mit gierigen, verlangenden Blicken betrachtet
-hatte und jetzt einen langen, langen Zug that. Mit augenscheinlichem
-Widerwillen mußte er zuletzt absetzen, um Athem zu holen und Sechingen
-schob sie wieder in den Ranzen zurück. Der Thee war indessen etwas kühl
-geworden, -- aber welch entsetzliches Gebräu.
-
-»Pfui Teufel!« rief der junge Deutsche aus, indem er den Becher
-zurückschob und aufsprang. »Bob, das können Sie allein trinken, das
-schmeckt ja abscheulich.«
-
-»Indianer trinkt nur Thee, wenn krank ist.«
-
-»Ich bin aber nicht krank,« rief Sechingen.
-
-»Ich auch nicht,« sagte Bob und begann mit großer Ruhe die Lederriemen
-aufzubinden, die seine Decke zusammenhielten.
-
-»Daß mich auch der Böse plagen mußte, mit keiner Sylbe an Lebensmittel
-zu denken,« murmelte Sechingen ärgerlich vor sich hin, -- »ich glaubte
-aber sicher, noch vor Dunkelwerden irgend ein Stück Wild erlegen zu
-können.«
-
-»Bob kann warten,« brummte dieser und rollte die jetzt gelöste Decke
-auf.
-
-»Nun so erzählen Sie mir wenigstens etwas,« bat ihn der Deutsche, »ich
-möchte gar so gerne einige Skizzen aus dem Leben der Indianer, von den
-Lippen eines Indianers hören, und da wir doch nun einmal im Wald sind,
-so lassen Sie mich auch einige Anekdoten von Ihren Jagden mit Büffeln
-oder Bären, von den Kämpfen mit anderen Stämmen, dem nächtlichen
-Überfall, dem Schlachtschrei und den genommenen Scalpen hören -- was
-hilft mir denn der Wald und der Indianer, wenn wir schlafen wollen?«
-
-»Weiß Nichts zu erzählen,« sagte Bob, indem er seine Decke nahe zum
-Feuer ausbreitete und dieses dann wieder von Frischem aufschürte --
-»habe nie einen Büffel gesehen und noch keinen Bären geschossen; -- kam
-vor sechs Jahren von Georgien mit ganzem Stamm.«
-
-»Und was haben Sie in den sechs Jahren getrieben? -- Jagd?«
-
-»Nein -- Schuhmachen!«
-
-»_Schuhmachen_?« frug Sechingen entsetzt -- »Schuhmachen? ein Indianer
--- in Arkansas? aber Ihr Vater war doch ein Jäger und Krieger? fiel
-vielleicht in der Schlacht -- in einem nächtlichen Überfall.«
-
-»Mein Vater starb in Georgien an den Blattern -- war ein Korbmacher.«
-
-Bob schien jetzt zu glauben, daß er über sich und seine
-Familienangelegenheiten hinlängliche Auskunft gegeben habe, denn er
-rollte sich in die Decke, und war wenige Minuten später, wie sein
-lautes, regelmäßiges Athmen bewies, sanft eingeschlafen. Sechingen aber
-spießte, auf den linken Ellbogen gelehnt, mit seinem Genickfänger höchst
-mißvergnügt die vor ihm liegenden, gelben Blätter auf.
-
-Er hatte sich Alles so romantisch gedacht -- das Heulen der Wölfe, das
-Geschrei des Panthers, die Erzählungen eines rothhäutigen Kriegers von
-Jagden und Kriegszügen, und dazu das Rauschen des mächtigen Urwaldes
--- Ja! Der Urwald umgab ihn, in all seiner Pracht und Herrlichkeit,
-mit seinen Riesenstämmen und wild durchwachsenen Dickichten, mit den
-gigantischen Weinreben, die sich von Stamm zu Stamm schlangen, und im
-unzerreißbaren Netze die gewaltigen verbanden, den einzigen Laut aber,
-den er vernehmen konnte, war das Summen der Mosquitos, die, von der
-kühlen Nacht nicht eingeschüchtert, nach dem warmen Blute des Fremdlings
-lüstern, dessen Lager umschwirrten.
-
-Höchst verdrießlich schob er sich endlich die Jagdtasche unter den Kopf,
-und wollte ebenfalls schlafen, als er, wie von einer Natter gestochen,
-wieder emporsprang, und nach der Büchse griff, denn dicht neben ihm
--- es konnte kaum zwanzig Schritte entfernt sein -- vernahm er den
-sonderbarsten, wildesten Laut, den sich seine Phantasie nur je gedacht,
-nur je geträumt hatte.
-
-»Huhu, huhu -- -- huhu, huhu -- a -- h!« tönte es so klagend, so
-schauerlich, daß er, sprachlos vor Jagdeifer und innerem Entsetzen, den
-Arm seines schläfrigen Gefährten ergriff, und den Ruhenden mit aller
-Macht schüttelte, während er dabei in der Rechten die schnell gespannte
-Büchse fertig zum Schuß hielt.
-
-»Bob, -- Bob, -- Bob!« -- flüsterte er dabei mit unterdrückter Stimme --
-»ein Panther -- _Bob_!«
-
-»Ein was?« rief dieser, und sprang schnell auf die Füße, ergriff seine
-Büchse und sah den Fremden groß an. »Wo? wo Panther?«
-
-»Pst!« winkte Sechingen -- »dort war's -- gleich in dem Busch da -- er
-muß auf einen Baum geklettert sein, mir kam es hoch vor.«
-
-»Huhu, huhu -- -- huhu, huhu -- a -- h!« riefen die schauerlichen Töne
-auf's Neue, diesmal aber auf der entgegengesetzten Seite.
-
-»Horch -- horch -- er hat uns umschlichen -- erst war er hier.«
-
-»Das der Panther?« frug Bob.
-
-»Nun? was soll es sonst sein? ein Wolf steigt doch nicht auf die Bäume?«
-
-»Eule!« sagte Bob, und legte sich wieder, ohne ein Wort zu verlieren,
-nieder.
-
-»Teufel!« murmelte Sechingen ärgerlich vor sich hin, indem er den Hahn
-seiner Büchse in Ruhe setzte, »das nur eine Eule, und hat eine Stimme
-wie das stärkste, gewaltigste Thier.« Bob hatte aber ganz recht, es war
-wirklich eine Eule, die ihr einsames Nachtlied krächzte, und unwillig
-warf sich der in seinen schönsten Erwartungen Getäuschte in das gelbe
-Laub zurück.
-
-Durch die ungewohnten Anstrengungen ermattet, schlief er lang und fest,
-sein Erwachen war aber ein sehr trauriges, unbehagliches, denn, als er
-von kalten Schauern durchschüttelt die Augen aufschlug, strömte von
-dem dunkelen, nur dann und wann durch einzelne grelle Blitze erhellten
-Nachthimmel der Regen in Fluthen hernieder, und fern grollender Donner
-murmelte seinen gewaltigen Segen dazu. Das Feuer war niedergebrannt und
-ausgelöscht, und tiefe Nacht umgab ihn.
-
-»Bob?« rief er -- »Bob! -- Bob!« wiederholte er stärker und ängstlicher,
-als ihn auf einmal der Gedanke durchzuckte, sein rother Führer könne ihn
-im Stiche gelassen haben -- »_Bob_!« -- kein Bob antwortete und »_Bob_«
-schrie er jetzt in die Höhe springend aus Leibeskräften, daß er selbst
-vor dem dumpfverhallenden Nothruf zurückbebte, der gar so schauerlich in
-dem öden Walde wiederklang.
-
-»Ja!« sagte der Wilde, der, nur wenige Schritte von ihm entfernt und in
-seine Decke gewickelt, unter demselben Baume mit ihm stand -- »wir werden
-nassen Morgen bekommen.«
-
-»Warum antworten Sie denn gar nicht? ich glaubte Sie wären fort. --«
-
-»Und wohin!« frug Bob, »ein Baum so gut wie der andere -- ich schlief!«
-
-»Im Stehen?«
-
-»Bob kann überall schlafen.«
-
-»Was fangen wir denn jetzt um Gotteswillen an? ich bin durch und durch
-naß, und muß mich erkälten -- wenn ich nur wenigstens eine Decke hätte.«
-
-»Wenn der Weiße Bob's Decke haben will,« sagte gutmüthig der Indianer,
--- »so mag er sie nehmen, Bob kann ohne Decke naß werden.«
-
-Sechingen schämte sich im Anfang, den armen Burschen seines fast
-einzigen Schutzes zu berauben, da der dünne Kattunlappen, den jener noch
-darunter trug, sicherlich als kein wärmendes Kleidungsstück angesehen
-werden konnte, doch überwog bald die Sorge um die eigene Gesundheit jede
-andere Bedenklichkeit, und fest in die, wenn auch etwas feuchte doch
-warme Umhüllung eingeschlagen, warf er sich wieder, die Waidtasche unter
-dem Kopf, an der Wurzel der alten Eiche nieder, deren Blätter ihnen,
-wenigstens jetzt noch, einigen Schutz gegen die immer stärker und
-stürmischer niedertobenden Schauer gewährten.
-
-Bob kauerte sich dicht daneben, einen möglichst kleinen Raum einnehmend,
-zusammen und ließ den Kopf auf die Brust hinuntersinken, wachte aber,
-denn dann und wann lauschte er aufmerksam den Athemzügen des Weißen,
-ob dieser schlafe oder nicht, bis er sich endlich von dessen
-Bewußtlosigkeit hinlänglich überzeugt zu haben schien, und nun leise an
-ihn hinkroch.
-
-Immer tobender raste indessen der Sturm, darum aber ganz unbekümmert,
-befühlte Bob mit vorsichtiger Hand und geräuschlosen Bewegungen die
-Waidtasche, und nach und nach, fast unmerklich seine Finger unter des
-Schlummernden Kopf bringend, gelang es ihm nach mehreren Minuten, die
-Flasche der Ledertasche zu entrücken.
-
-Wäre es Tageshelle gewesen, so hätte man des Indianers Gesicht wohl ein
-triumphirendes Lächeln überfliegen sehen können, als er geräuschlos
-und mit geübter Hand den Kork abzog, so aber ward nur gleich darauf der
-leise, gluckende Laut gehört, wie der heiße erquickende Trank die Kehle
-des Durstigen hinunterglitt, und lange, lange sogen seine Lippen an dem
-engen Hals der Korbflasche. Endlich war auch der letzte Tropfen geleert,
-und Bob setzte, tief Athem holend, ab, versuchte dann zwar noch einmal,
-dem Boden einen vielleicht zurückgehaltenen Rest zu entziehen, die
-Nachlese fiel aber wenig ergiebig aus, und er bemühte sich jetzt, die
-entwendete Flasche wieder an ihren früheren Platz zurück zu schaffen.
-Um jedoch keinen unnützen Verdacht zu erregen, schob er sie vorsichtiger
-Weise verkehrt, mit der Öffnung nach unten, in die Tasche und ließ
-den Kork daneben in das Laub fallen, dann kroch er auf seinen alten
-Standpunkt zurück, und war bald ebenfalls, trotz stürmenden Unwetters
-und heulender Windsbraut, sanft und ruhig eingeschlafen.
-
-Kalt und schaurig brach der Morgen an, die Gewitter hatten sich
-verzogen, aber schwere, dunkele Wolkenschichten schienen in an einander
-gepreßten Massen auf den Wipfeln der Bäume zu ruhen; ein feiner, dünner
-Regen stäubte nieder und einzelne Windstöße schüttelten in Schauern
-die großen Tropfen auf das fest an den Boden geschmiegte gelbe Laub
-hernieder.
-
-Sechingen, obgleich schon seit längerer Zeit erwacht, fürchtete fast,
-sich in den naßkalten Falten der Decke zu bewegen, und lag regungslos in
-einander gekrümmt, bis es heller Tag geworden war; endlich ermannte er
-sich, sprang, die Hülle von sich werfend, auf die Füße, und schaute mit
-trostlosem, mattem Blick auf die ihn umgebende, keineswegs lächelnde
-Natur.
-
-»Das also ist Urwald!« seufzte er leise vor sich hin, indem er einige
-der, trotz der kühlen Morgenluft auf ihn einstürmenden Mosquitos von
-sich abzuwehren suchte -- »das ist Urwald? -- eine sehr schöne Gegend --
-daß mich der Böse auch plagen mußte, dem Rath des Narren in Little-Rock
-zu folgen; der Indianer schläft dabei in seinem dünnen, baumwollenen
-Jagdhemd, als ob er im weichsten Federbett läge.«
-
-Die Wahrheit zu gestehen, schlief Bob aber eigentlich nicht, sondern
-war schon, um sich zu erwärmen, seit einer Stunde hin- und hergelaufen,
-hatte sich aber, um wegen der Flasche nicht befragt zu werden, schnell
-wieder unter den Baum geworfen, sobald er das Munterwerden seines
-Marschgefährten bemerkte.
-
-»Bob!« wollte dieser jetzt rufen, aber Du lieber Gott, keinen Ton
-brachte er aus der Kehle, der Hals war ihm wie zugeschnürt und er konnte
-sich selbst kaum vor Heiserkeit reden hören; nochmals versuchte er
-»Bob!« zu sagen, aber vergebens und seine Worte wurden zu einem kaum
-hörbaren Hauch. Er trat daher dicht neben den Indianer, und schüttelte
-diesen, bis er auf die Füße sprang und sich nun langsam, wie eben erst
-aus tiefem Schlaf erwacht, nach den Bäumen und Wolken umschaute.
-
-»Wie weit haben wir noch bis zum nächsten Haus?« frug Sechingen jetzt
-mit seiner leisen, röchelnden Stimme.
-
-»Könnt laut reden,« sagte der Indianer, das Schloß seiner Büchse
-abtrocknend und frisches Pulver auf die Pfanne streuend, »kein Wild
-hier, finden aber welches; dieser Morgen guter Jagdtag.«
-
-»Ich _kann_ nicht laut reden -- ich habe mich ja erkältet,« flüsterte
-Sechingen ärgerlich.
-
-»Erkältet!« rief verwundert die abgehärtete Rothhaut -- »erkältet? was
-ist das?«
-
-»Wie weit haben wir noch bis zum nächsten Haus?«
-
-»Fünf Meilen!« sagte Bob.
-
-»So lassen Sie uns wenigstens eilen, daß wir dort hinkommen, ich bin
-halb todt vor Hunger und Erschöpfung -- Pest!« rief er aber zu gleicher
-Zeit, mit dem Fuße stampfend, aus, als er bei diesen Worten in die
-Jagdtasche gegriffen hatte, und die jetzt leere Flasche hervorzog, »auch
-das noch -- ausgelaufen -- bis auf den letzten Tropfen -- die einzige,
-letzte Stärkung fort.«
-
-»Wie schade!« sagte Bob, und sah traurig die Flasche an. Doch hier half
-kein weiteres Besinnen, beide Männer schulterten also ihre Gewehre, Bob
-hing seine alte, nasse Decke, die er jedoch vorher so gut wie möglich
-ausgerungen hatte, wieder auf den Rücken, und fort ging's auf's Neue
-in den Wald hinein, oder eigentlich, besser gesagt, im Walde fort, denn
-unbestreitbar waren sie darinnen.
-
-Hier zeigte sich übrigens der Nutzen, den des Indianers Ortssinn, ein
-gewisser ihm angeborener Instinkt, dem Deutschen gewährte, denn ohne
-Jenen hätte er sich im Leben nicht wieder aus den Dickichten und Sümpfen
-herausgefunden, die, einander so ganz ähnlich, ihn nicht begreifen
-ließen, wie man in einem solchen Labyrinth eine wirklich gerade Richtung
-beibehalten konnte, ohne bei jeder Wendung irre zu werden. Immer
-unwegsamer wurde hier der Wald, häufiger und häufiger kreuzten sie
-schmale, kleine tiefe Bäche, und standen plötzlich an einem kleinen
-Flusse (oder einer _Slew_, wie es der Indianer nannte), der seine
-schlammigen Fluthen dem Fourche la fave zudrängte.
-
-»Bob!« sagte Sechingen erschrocken, als dieser ohne weiter eine Sylbe zu
-äußern, hineintrat und durchwaten wollte, wobei ihm das Wasser bis unter
-die Arme reichte -- »ist denn keine Fähre hier? wir sollen doch nicht
-mitten durch?«
-
-»Ist der Weiße hungrig?« frug Bob, stehen bleibend.
-
-»Sehr!«
-
-»Und naß?«
-
-»Durch und durch!«
-
-Bob erwiederte nichts weiter, sondern badete gerade durch, während ihm
-die Fluth bis zu den Schultern stieg, und war in wenigen Minuten am
-anderen Ufer. Wehmüthig schaute ihm Sechingen nach, überzeugte sich aber
-bald, daß hier nichts Anderes zu thun übrig bliebe als zu folgen, denn
-allein zurück zu bleiben, ging doch auch nicht an. Das also, was er
-nicht zu durchnässen wünschte, als Brieftasche, Zündhütchen, Pulverhorn
-und Uhr in die Jagdtasche steckend und diese, nebst der Flinte, über
-dem Kopf haltend, trat er seine unfreiwillige Wasserfahrt an, kam
-auch glücklich hinüber, schüttelte sich hier, ließ das Wasser aus den
-Wasserstiefeln laufen, indem er sich auf den Rücken legte und die Beine
-an einem Baum in die Höhe reckte (im Anfang freilich etwas zu hoch) und
-folgte dann dem Führer, der schweigend voranschritt.
-
-So großen Jagdeifer Sechingen aber beim Anfang ihrer Wanderung gezeigt
-hatte, so abgestumpft war er jetzt gegen alles ihn Umgebende geworden
-und schaute kaum vom Boden auf, um nicht fortwährend über die
-unzähligen, überall umhergestreuten Äste und Stämme zu stolpern und zu
-stürzen; die Flinte hing ihm, Hahn in Ruh und Sicherheit aufgesetzt,
-über die Schulter, die Mütze saß ihm tief in der Stirne und der einzige
-Laut, den er von sich gab, war dann und wann ein leise gemurmelter
-Fluch, wenn ihm die nassen Zweige in's Gesicht schlugen, oder sich
-sein Fuß, trotz aller Vorsicht und Aufmerksamkeit, in dem dichten
-Schlingpflanzengewebe fing, das an vielen Stellen den Boden wie mit
-einem festen Netze überzog.
-
-Da blieb Bob plötzlich stehen und hob schnell und lautlos die Büchse
-an den Backen, und wie mit einem magischen Feuer durchgoß diese einzige
-Bewegung den Körper des bis jetzt in fast gänzlicher Apathie versunkenen
-Deutschen; blitzschnell riß er das eigene Gewehr von der Schulter
-und schaute, hochaufgerichtet, die Augen in dem alten, keineswegs
-erstorbenen Jagdeifer erglühend, spähend umher, das Wild zu entdecken,
-das der Indianer auf's Korn genommen. Aber erst, als er der Richtung
-von Bob's Büchse folgte, von deren Pfanne das Pulver schon zweimal
-abgeblitzt war, sah er einen stattlichen Hirsch, der ruhig äste und
-die Nähe zweier menschlichen Wesen gar nicht zu ahnen schien. Vor Eifer
-zitternd, hob Sechingen das Doppelrohr, das, noch mit guten, deutschen
-Zündhütchen versehen, dem Wetter Trotz geboten, und der Schuß krachte
-dröhnend durch den stillen Wald.
-
-Hochauf sprang der Hirsch und setzte über einen, vor ihm liegenden
-Baumstamm, blieb dann aber augenblicklich wieder stehen, äugte
-verwundert umher, witterte zu gleicher Zeit die Feinde und sprang eben
-in ein benachbartes Dickicht, als ihm Sechingens Rehposten nachsausten.
-Wohl schüttelte er den schönen Kopf ein wenig, als ihm das Blei um's
-Gehör pfiff, unverletzt aber warf er den Wedel in die Höhe und war mit
-wenigen Sätzen verschwunden.
-
-»Ich muß ihn getroffen haben,« rief Sechingen, der dem Anschuß in wilder
-Jagdlust zusprang; Bob folgte ihm jedoch sehr ruhig und bemerkte, die
-Fährten keines Blickes würdigend:
-
-»Hirsch merkwürdig wohl, wenn er den weißen Fleck zeigt -- weiße Mann
-Bockfieber!«
-
-Gar sehr wider Willen mußte es sich Sechingen zuletzt selbst gestehen,
-daß er, auf kaum funfzig Schritt, mit beiden Läufen das Wild gefehlt
-habe, denn auch nicht ein einziger Tropfen Schweiß war auf dem Laube zu
-sehen. In hierdurch nicht gerade verbesserter Laune setzten also Beide,
-nachdem der Deutsche zuerst wieder geladen, ihren Weg weiter fort, und
-erreichten, nach etwa zweistündigem Marschiren, das Haus, von dem Bob
-gesprochen, und Sechingen mehr todt als lebendig, begrüßte mit freudigem
-Herzklopfen das trauliche, Schutz und Wärme versprechende Dach, aus
-dessen Lehmschornstein eine dünne, blaue Rauchsäule emporwirbelte.
-
-Nachdem die beiden Männer zuerst noch eine niedere, die Wohnung
-umgebende Fenz überklettert hatten, näherten sie sich dem Gebäude,
-dessen Thür, nach Art all der andern fensterlosen Blockhäuser, offen
-stand, um Licht und Luft zu gleicher Zeit einzulassen, und betraten den
-inneren Raum, vor dessen breiten Kamin sie eine, dem Auge Sechingens
-wenigstens, sehr sonderbar erscheinende Gruppe versammelt fanden.
-
-Es waren zwei Frauen und drei Kinder, die in malerischen Stellungen
-das Feuer umsaßen und umlagerten, und durch den Eintritt der Fremden in
-ihren verschiedenen Beschäftigungen weiter nicht gestört wurden, als daß
-die eine der Frauen, wahrscheinlich die Wirthin, mit ihrem Sessel ein
-wenig zur Seite rückte und sagte:
-
-»Nehmt einen Stuhl!«
-
-Nun wäre das zwar an und für sich schon eine recht freundliche Einladung
-gewesen, denn das Feuer flackerte mächtig und erwärmend mit rother Zunge
-die schwarz geräucherte Esse empor, wenn -- nur ein Stuhl dagewesen
-wäre, vergebens schaute sich aber der Deutsche nach einem derartigen
-Möbel in dem kleinen Raume um, lehnte daher vor allen Dingen die
-Büchsflinte in die Ecke, legte die Jagdtasche daneben, welchem Beispiel
-der Indianer ohne weitere besondere Einladung folgte, und trat dann in
-den für sie freigemachten Raum an die linke Kaminecke.
-
-»Nehmt den Stuhl!« sagte die Frau zum zweiten Male, und winkte dabei mit
-dem Kopf nach der gegenüber liegenden Ecke, aber kein Gegenstand,
-der auch nur die entferntere Familienähnlichkeit mit einem derartigen
-Hausgeräth gehabt, oder zu solchem hätte benutzt werden können, zeigte
-sich dem Auge; die Ecke war, ein schmales, langes Bret was darin lehnte
-ausgenommen, leer. Bob schien jedoch mit den Gelegenheiten der Wohnung
-und ihren Gebräuchen schon etwas besser bekannt, oder ein gewisser
-Instinkt mußte ihn leiten, denn kaum hatte er sich seiner nassen Decke
-entledigt, als er eben jenes Bret vorholte, dieses dann, dicht neben
-dem Kamin, zwischen zweien der die Wand bildenden Stämme hindurch, und
-auswendig unter den, zu diesem Zweck in einen Pfirsichbaum geschlagenen
-Pflock schob, und dem Deutschen mit der Hand zuwinkte, darauf Platz zu
-nehmen, was dieser denn auch nach einigen, etwas ängstlichen Versuchen
-zwar, befolgte, während Bob neben ihm stehen blieb und sich wie ein am
-Spieße steckender Braten, langsam vor der Gluth im Kreise herumdrehte,
-um seinem ganzen Körper einen gleichen Antheil von Wärme zukommen zu
-lassen. Bald stieg von ihren nassen Kleidern der feuchte Dampf wie
-eine Wolke zur Decke hinauf und drängte sich dort, durch aufgehangene
-Schinken und Speckseiten, in's Freie.
-
-Die Beschäftigung der beiden Frauen zog jetzt, als das erste frostige
-Schütteln vorüber war, was Jeden erfaßt, der naß und kalt zu einem
-erwärmenden Feuer tritt, Sechingens neugierige Blicke auf sich. Die
-Herrin des Hauses saß nämlich auf einem kleinen Sessel, dem Feuer gerade
-gegenüber, hatte zwei Karden oder Wollkämme in der Hand, mit welchen sie
-die klargezupfte Baumwolle spinngerecht in lange Streifen rollte und nur
-dann und wann ihre Arbeit unterbrach, um eine kleine, kurze Pfeife aus
-dem Mund zu nehmen und den Kopf derselben, diese am Stiel fassend, durch
-die glühende Asche zu ziehen, wonach sie die dadurch herausgehobene
-kleine Kohle in die Höhe hielt, und in langen Zügen den verlöschten
-Tabak wieder zu entzünden suchte. In ihrem ganzen Wesen lag aber eine
-gewisse Reinlichkeit und Ordnung, die, mit dem freundlichen, offenen
-Gesicht der Matrone, einen höchst wohlthuenden Eindruck auf den jungen
-Deutschen machte, denn er war durch seine letzte Wanderung besonders
-empfänglich für alles Das geworden, was Behaglichkeit und häuslichen
-Sinn verrieth. Sie war sehr einfach, aber höchst sauber in selbstgewebte
-Stoffe gekleidet, und die größte Ordnung schien auch in dem kleinen,
-wenn gleich ärmlich ausgestatteten Raume zu herrschen, den sie bewohnte.
-
-Keineswegs so günstig sprach ihn die Erscheinung der zweiten Gestalt an,
-deren Haar, nach Art der irländischen Frauen, in einem breiten Scheitel
-von dem rechten nach dem linken Ohr, quer über die Stirn hinüber gelegt
-war, und die durch ihre, nichts weniger als reinliche Kleidung auf
-eine um so auffallendere Art gegen die neben ihr sitzende Amerikanerin
-abstach. Ihr Anzug bestand aus grell buntem Kattun, der seine besten
-Tage schon gesehen hatte, und dessen große Pfauenaugen wehmüthig nach
-einer Stange Seife hinüber zu blinzen schienen, die auf einem kleinen
-Bretchen in der rechten Ecke des Zimmers ruhte. Sie kreuzte den einen
-Fuß über den andern und stützte sich mit dem linken Arm auf das rechte
-Knie, mit dem rechten Ellenbogen wieder auf den linken Arm, und paffte,
-ohne die eben Angekommenen weiter viel zu beachten, den Rauch aus ihrer
-kurzen Pfeife nach Herzenslust in den Kamin hinein.
-
-Desto aufmerksamer wurden aber dafür die beiden feuchten Gäste von den
-drei Kindern beobachtet, deren ganzes, verwildertes, unsauberes Aussehen
-sie als der Irländerin (denn eine solche war der Gast) zugehörig
-bezeichnet hätten, wäre nicht diese stille Vermuthung Sechingens noch
-durch den unwiderlegbaren Beweis eines eben solchen Stückes Kattun,
-als Madame zum Kleid verwandt, bestärkt worden, das in verschiedenen
-spitzwinkeligen und dreieckigen Stücken die Kehrseite des jüngsten
-Kindes zusammenhielt.
-
-Mit weit aufgerissenen Augen und Sprech- oder Schreiwerkzeugen starrten
-diese, nicht den Indianer, -- denn dergleichen hatten sie schon
-genug gesehen, -- sondern den, ihrer Meinung nach, viel wunderbarer
-bekleideten Deutschen an, und nur durch verschiedene Ermahnungen der
-Wirthin des Hauses -- denn die eigene Mutter schien sich wenig oder gar
-nicht um sie zu kümmern -- konnten sie zurückgehalten werden, sich
-immer wieder auf's Neue zwischen den Fremden und das diesem so höchst
-wohlthuende Feuer zu drängen.
-
-Auf Sechingens Bitte um etwas Warmes zu essen und zu trinken, ließ die
-Amerikanerin jedoch augenblicklich mit freundlichem Eifer ihre beiden
-Beschäftigungen, Rauchen und Karden, im Stich und es dauerte gar nicht
-lange, bis ein Paar heiße Tassen Kaffee, nebst gebratenem Speck und
-schnell gebackenem Maisbrod auf dem rohen, aber blank gescheuerten
-Holztisch dampften, zu dem sich auch die Zwei nicht lange nöthigen
-ließen, sondern mit wahrem Heißhunger über die so lang und schmerzlich
-entbehrten Lebensmittel herfielen.
-
-Sechingens verwöhnter Gaumen möchte freilich, unter anderen
-Verhältnissen, mit den vorgesetzten Gerichten schwerlich zufrieden
-gewesen sein; er befand sich aber gegenwärtig nicht in der Laune, lange
-zu betrachten und zu kosten, _was_ er aß, so er nur überhaupt etwas zu
-verzehren hatte, und bald waren Teller und Schüssel leer und blank.
-
-Während der Mahlzeit hatten die Frauen sich nicht weiter um die
-hungrigen Gäste bekümmert, als daß die Wirthin ihnen noch zweimal die
-schnell geleerten Tassen mit dem heißen, erquickenden Trank füllte; da
-sie aber jetzt gesättigt vom Tische aufstanden und wieder an's Feuer
-traten, fingen sie an, die mit Schnüren und Troddeln besetzte Pikesche
-des Deutschen zu bewundern, der, ihnen darin gern gefällig, sich von
-allen Seiten genau betrachten und die Arbeit daran untersuchen ließ.
-
-Nun hatte aber Sechingen durch diese Aufmerksamkeit die moralische
-Überzeugung gewonnen, daß die beiden Damen von dem zierlichen
-Kleidungsstück ganz entzückt seien, und frug daher die Irländerin mit
-freundlicher Stimme, ob sie vielleicht im Sinne habe, ihrem Ehegemahl
-eine dieser ähnliche anzufertigen; die Frau rief aber verwundert:
-
-»Meinem Manne, Sir? Gott segne Euch, für eine erwachsene Person eine
-solche Jacke? nein, aber ein hübsches Röckchen für das Jüngste gäb' es.«
-
-Sechingen biß sich auf die Lippen und sah von der Seite den Indianer an;
-dieser schien jedoch in der Bemerkung nichts Auffallendes gefunden
-oder sie gar nicht beachtet zu haben, sondern nahm, als Zeichen des
-Aufbruchs, die Büchse wieder zur Hand, und nickte dem Deutschen zu.
-
-»Was sind wir Ihnen für Ihre Güte schuldig?« frug also Sechingen jetzt,
-da es ihm nach dieser Äußerung nicht mehr so recht wohnlich bei den
-Leuten war.
-
-»Oh ich weiß nicht« -- entgegnete die Amerikanerin, »das Wenige, was
-ich Euch vorsetzen konnte, war gern gegeben und keiner Bezahlung werth.
-Wohnten wir hier an der Straße, dann wär' es etwas anderes, man kann
-nicht _alle_ Reisende umsonst beherbergen, wenn man selbst arm ist und
-sich seine Lebensmittel schwer verdienen und erziehen muß, so aber
-mag's gehen. Wir sitzen hier mitten im Wald, und in Alabama, von wo wir
-herkommen, ist es auch nur an wenigen Stellen Sitte, daß man Bezahlung
-von Reisenden nimmt, also geht mit Gott, Ihr seid Nichts schuldig.«
-
-Herzlich dankte ihr Sechingen, nicht allein für die gegebene Stärkung,
-sondern auch für die freundlichen Worte, und bedeutend gekräftigt und
-erfrischt, obgleich immer noch sehr durch die nassen Kleider belästigt,
-folgte der Deutsche seinem rothen Führer einen schmalen Pfad entlang,
-der sich von hier aus am Fuße einer jetzt erreichten niederen Hügelreihe
-hinwand und die Wanderer wenigstens dem niederen Sumpflande entzog,
-durch das sie bis dahin ihre Bahn hatten suchen müssen. Nicht viel Worte
-wurden zwischen Ihnen gewechselt, denn Sechingen spähte, da sie den
-etwas offeneren Wald betraten, scharf nach Wild umher, das der Führer
-jedoch wenig zu beachten schien, denn er schritt mit gesenkten und fest
-auf den Pfad gerichteten Blicken voran. Übrigens blieb des Deutschen
-Aufmerksamkeit höchst nutzlos verschwendet, denn kein einziger Hirsch,
-nicht einmal ein Truthahn, ließ sich sehen, und höchst mißmuthig und
-unzufrieden mit der ganzen amerikanischen Jagd warf er sich endlich
-die Büchsflinte wieder über die Schulter und schwur, daß -- undankbarer
-Mensch -- Charley Fischer ein -- Aufschneider sei.
-
-Nicht mehr weit hatten sie von da aus zu gehen, bis sie zu der kleinen
-Lichtung und Blockhütte kamen, die ihm von dem Indianer als die
-»deutsche Niederlassung« bezeichnet wurde, und hier lag wieder, wo
-Sechingen allerdings etwas ganz anderes erwartet hatte, ein solches
-unausweichbares Blockhaus vor ihm, das keineswegs dem von einer
-»_deutschen Niederlassung_« entworfenen Bilde glich; dennoch eilte er
-mit freudigen und lebhafteren Schritten darauf zu, denn er sollte ja
-jetzt Landsleute wiederfinden und durfte hoffen, nach der ausgestandenen
-Schreckensnacht seine Glieder in etwas stärken und erfrischen zu können.
-
-Es ist aber eine eigene Sache mit den Deutschen in Amerika; in Arkansas,
-und überhaupt im fernen Westen, mag es noch angehen; selten bekommen sie
-hier einen Landsmann zu sehen, und freuen sich wirklich, wenn sie Einmal
-einem begegnen, der ihnen etwas Neues aus der Heimath erzählen kann.
-Anders, ach weit anders und weit trauriger ist es dagegen in den
-östlichen Städten, wo alle neue Einwanderer von den, sich schon
-dort befindenden Landsleuten als »Preisverderber und Eindringlinge«
-betrachtet werden, wo der schon etwas Amerikanisirte zu stolz ist, den
-früheren Freund _deutsch_ anzureden, weil ein zufällig daneben stehender
-Amerikaner sonst sogleich wissen würde, daß er ebenfalls ein »Dutchman«
-wäre, und wo sich der Deutsche wirklich nur _deßhalb_ mit dem Deutschen
-einläßt, um ihn, sobald sich eine Gelegenheit dazu finden sollte,
-tüchtig über's Ohr zu hauen und hinterher auszulachen. Das kannte v.
-Sechingen freilich noch nicht, ein ganz anderer Empfang wartete aber
-auch hier seiner, und mit offenen Armen und herzlichem, treugemeintem
-Gruß wurde er von dem biedern Deutschen Klingelhöffer, der in der
-einsamen Wildniß seine Wohnung aufgeschlagen hatte, empfangen.
-
-Er war gerade beschäftigt gewesen Feuerholz zum Haus zu fahren, spannte
-jedoch augenblicklich aus und führte seine beiden Gäste in die kleine
-Hütte, um ihnen dort nach den ausgestandenen Strapatzen jede mögliche
-Bequemlichkeit gewähren zu können. Der Indianer war auch bald
-entschlossen, wenigstens für diese Nacht sein Quartier hier
-aufzuschlagen, und hing deshalb seine Decke ausgebreitet über die Fenz,
-damit sie der Wind, der jetzt recht scharf aus Nordwest zu blasen anfing
-abtrocknen könne, während Klingelhöffer, von Sechingen gefolgt, das
-Haus betrat, in welchem ihnen des ersteren wackere Hausfrau, freundlich
-grüßend, entgegen kam.
-
-Vor allen Dingen mußte er nun seine nassen Kleidungsstücke ab und
-trockene anlegen, und bald vergaß er bei guter, nahrhafter Kost und
-neben einem erquickenden Feuer die überstandenen Mühseligkeiten und
-Entbehrungen.
-
-Jetzt bekam er aber auch Zeit, das Innere der einfachen Hütte, in
-welcher die kleine Familie hauste, zu betrachten, und begriff in der
-That nicht, wie Menschen, die früher schon einmal an mehr und größere
-Bequemlichkeiten gewöhnt gewesen waren, hier und unter solchen
-Verhältnissen existiren konnten. Das Haus bestand, nach der gewöhnlichen
-Bauart des Landes, aus unbehauenen Stämmen, und die Spalten zwischen
-diesen waren, um den rauhen Nordwind abzuhalten, an dieser und an der
-Westseite mit lang gespaltenen Stücken Holz und Lehm ausgefüllt, dadurch
-eine feste und ziemlich warme, dem Klima wenigstens angemessene Wand
-bildend; die beiden anderen Wände jedoch ließen Licht und Luft ein,
-soviel nur durch die oft handbreiten Ritzen und Spalten einströmen
-konnten. In einer Ecke des Hauses standen zwei Betten, über denen
-ein langes Bret mit -- einem seltenen Artikel in Arkansas -- Büchern
-befestigt war, und an der gegenüber stehenden Wand befand sich ein
-anderer Gegenstand, den der Deutsche hier im Walde am wenigsten gesucht
-hätte und der auch von dem Indianer mit neugierig staunenden Augen
-betrachtet wurde: nämlich ein Fortepiano. Drei oder vier rohgearbeitete
-Holz- und Rohrstühle, der Tisch, dessen Platte ein früherer Kistendeckel
-bildete, und mehrere Kasten mit Schlössern und Fächern, auf denen das
-wenige Küchengeräth aufgestellt war, füllten den übrigen Raum, und
-Sechingen, als er das Alles eine Zeitlang betrachtet hatte, wandte sich
-endlich zu seinem Wirth, der eben wieder einen tüchtigen, lang gehauenen
-Hickoryklotz in's Feuer trug, und fragte, noch immer etwas schüchtern:
-
-»Ist denn dieses wirklich der einzige Raum, den Sie mit Ihrer ganzen
-Familie bewohnen?«
-
-»Nein,« sagte Klingelhöffer, »hier neben an steht noch ein kleines,
-sogenanntes Rauchhaus, wo wir unser Fleisch und Fett, die Kartoffeln,
-etwas zu Brod ausgesuchten Mais und andere zum Hausstand nöthige Sachen
-aufbewahren.«
-
-»Und hier in diesem einzigen Zimmer wohnen und schlafen Sie?«
-
-»Nun, ist das nicht genug?« lachte der Farmer, »da sollten Sie einmal
-hier sein, wenn Gerichtstag ist, und wir noch zwei oder drei Nachbarn
-und ein paar Advokaten zu bewirthen und unterzubringen haben, dann
-geht's freilich eng her.«
-
-»Die schlafen doch nicht mit in diesem Hause?«
-
-»Wo denn sonst? Alle mit einander.«
-
-»Das ist ja aber ganz unmöglich!«
-
-»Unmöglich?« lachte der Farmer, »unmöglich?« wiederholte er
-kopfschüttelnd -- »das ist ein Wort, was wir hier in Arkansas nicht
-kennen; _unmöglich_ ist gar Nichts auf der Welt, sobald es nur uns
-selbst und unser eigenen Bedürfnisse betrifft.«
-
-»Sie Beide, mit Ihren drei Kindern (und die beiden Mädchen da draußen
-können kaum noch Kinder genannt werden), schlafen und wohnen wirklich
-fortwährend in diesem Zimmer? entbehren alle Bequemlichkeiten, die man
-sich sonst bei einem Wohn- und Schlafzimmer als _un_entbehrlich denkt,
-und existiren so gewissermaßen im Freien, auf offener Straße?«
-
-»Ja, ja,« lachte Klingelhöffer, »und das ist noch gar nichts, jetzt
-haben wir doch Dach und Fach, werden nicht naß, wenn es draußen regnet,
-und können, wenn es kalt wird, ein Feuer anmachen, ohne dabei fürchten
-zu müssen, daß uns der Wind die Funken und Kohlen über das Bettzeug
-wegtreibt, wie das im ersten Winter der Fall war, wo wir hierher zogen
-und ich das Haus erst aufbauen mußte. Meine arme Frau war noch dazu
-damals krank und mußte viel, sehr viel ausstehen. Doch was man gern
-thut, wird Einem auch leicht, und wenn wir viel, ja fast Alles von dem
-entbehren müssen, an das wir im alten Vaterlande gewöhnt oder durch das
-wir _ver_wöhnt waren, so drückten uns auch keine von den Sorgen, die
-wir dort kannten; wir arbeiten Beide, und dafür vermehrt sich auch
-unser Wohlstand und ich bin jetzt schon im Stande, das nächste Jahr ein
-bequemeres und geräumigeres Wohnhaus aufzuführen; bis dahin muß dies
-freilich noch ausreichen.«
-
-»Ja, daß _Sie_ das Alles mit leichtem Muth ertragen können,« rief
-Sechingen »finde ich sehr begreiflich! des drückenden europäischen
-Zwanges enthoben, fühlt sich der Mann, auch wohl unter schlimmeren
-Verhältnissen, kräftig genug, Alles zu bestehen und zu überwinden, was
-ihm hemmend in den Weg tritt. Die schwache Frau aber, zarte Kinder, in
-solcher Wildniß, den rauhen Stürmen der Jahreszeit, all den Entbehrungen
-eines Lebens auszusetzen, das doch nur eigentlich für einen Indianer
-passend scheint, da -- da weiß ich denn doch nicht, ob ich so etwas
-über's Herz bringen könnte. Wenn nun die Frau krank wird und das Heimweh
-bekommt, und sich ewig und ewig fortsehnt, zurück nach den verlassenen,
-glücklicheren Verhältnissen?«
-
-»Lieber Herr von Sechingen,« entgegnete ihm freundlich Klingelhöffer,
-indem er seine Hand ergriff, »wenn die Frau ihren Mann recht herzlich
-lieb hat, dann wird sie sich schon nicht von ihm fortsehnen, weil
-sie Bequemlichkeiten entbehren muß, an die sie früher gewöhnt war,
-im Gegentheil wird sie bei ihm bleiben wollen und alles das, was er
-ertragen muß, Freude wie Leid, _mit_ ihm tragen, wie es _meine_ Frau
-gethan; hat sie ihn aber _nicht_ so recht von Herzen lieb, dann bleibt
-sich's auch ziemlich gleich, wo er seinen Leidenskelch leert, in der
-Stadt, oder im Walde. Mein liebes Weib hier ist nun einmal an mich und
-meine Laune gewöhnt, Gewohnheit thut viel, sie möchte mich nicht mehr
-entbehren, nicht wahr, Alte? und da harren wir denn schon hier im Walde
-zusammen aus.«
-
-Er reichte bei diesen Worten der lächelnden, jungen Frau die Hand
-hinüber, und diese erwiederte den herzlichen Druck und lehnte sich
-vertrauend mit ihrem Köpfchen an seine Schulter.
-
-»Ja, das ist Alles recht gut,« meinte Sechingen kopfschüttelnd -- »Sie
-Beide haben sich lieb, wie sich Eheleute haben sollten, und können durch
-Sparsamkeit und Fleiß leicht ihr Auskommen, selbst in den widerwärtigen
-Verhältnissen finden; _warum aber?_ ich bin fest überzeugt, daß Sie
-das auch im alten Vaterlande ermöglichen würden, und viele Genüsse des
-Lebens kennen Sie hier nur dem Namen nach, die dort eine natürliche
-Folge Ihres ganzen Wirkens wären.«
-
-»Noch kennen Sie unser _Land_ nicht,« erwiederte ihm der Farmer
-freundlich -- »Sie sind gewissermaßen erst _eine_ Nacht in Amerika, denn
-den kurzen Aufenthalt in einem der besten Hotels von New-Orleans, wie
-die kurze Reise auf bequemem, selbst mit jedem Luxus ausgestatteten
-Dampfboot, dürfen Sie gar nicht rechnen; lernen Sie also das Land erst
-ordentlich kennen, und ist das geschehen, dann wollen wir weiter über
-dieses Kapitel reden; davon aber sein Sie überzeugt, daß es gewaltige
-Vortheile sein müssen, die im Stande waren, einen Deutschen zu bewegen,
-seinem Vaterlande für immer zu entsagen.
-
-Nicht alle Menschen lernen übrigens diese Vorzüge einsehen, und viele
-von diesen schleppen dann entweder ein unglückliches Leben in dem
-fremden, freundlosen Lande hin, oder sie kehren in die alte, aus Unmuth
-oder Veränderungssucht verlassene Heimath zurück; keiner aber, der Sinn
-für Freiheit und Unabhängigkeit in sich trägt, wird, wenn ihn nicht
-Familienbande unaufhaltsam dorthin ziehen, weniger erbärmlicher, leicht
-zu entbehrender Bequemlichkeiten und Luxusartikel wegen den freien Wald
-wieder mit den Ketten des alten Vaterlandes vertauschen. Thät' er es
-aber doch, schmiegte er sich bloß deshalb wieder unter das, einmal
-gemiedene Joch, flög' er wieder in den goldenen Käfig zurück, weil er
-sich nicht gern im Walde, in Sturm und Regen sein Futter selbst sucht,
-nun dann ist das kein Verlust für Amerika, solche Leute gehören auch
-nicht in den Wald, sie sind Futter für Bälle und Theater.«
-
-»Ich weiß nicht,« meinte Sechingen kopfschüttelnd, »man braucht gerade
-kein Anhänger von Üppigkeit und Wohlleben zu sein, und mag doch die
-Überzeugung haben, seine Zeit nützlicher und angenehmer verbringen zu
-können, als im Walde bei einem Gewitterschauer. Mir zum Beispiel ist
-die Kehle wie zugeschnürt, und ich werde die Erkältung in vierzehn Tagen
-nicht wieder los.«
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-»Glaub's wohl,« lachte Klingelhöffer, »Sie sind aber auch gleich mit
-dem Kopf zuerst in das Schlimmste hineingefahren; was uns hier im Walde
-passiren kann: Kälte, Hunger und Nässe auszustehen, ist ein freilich
-etwas großer Abstand gegen die reich besetzte Tafel und das warme Bett
-eines Dampfbootes. Doch jetzt sollen Sie, wie ich hoffe, auch einige von
-den Annehmlichkeiten unseres Wald- und Farmerlebens kennen lernen, und
-wenn diese Sie dann nicht ganz mit unserer rauhen Heimath aussöhnen, so
-werden sie wenigstens viel dazu beitragen, Ihnen das Leben hier nicht
-allein von seiner Schatten-, sondern auch von seiner Lichtseite zu
-zeigen. Es giebt auch im Urwald glückliche Menschen.«
-
-»Der Urwald verliert aber doch sehr in der Nähe,« erwiederte Sechingen,
-als er durch eine Spalte der Wohnung hinaus auf die, von grauen,
-nassen Regenwolken überhangenen Baummassen blickte, während der Wind,
-unheimlich pfeifend, durch ihre Wipfel brauste und ihnen die großen,
-klaren Tropfen aus den schwankenden Häuptern schüttelte, »ich hatte mir
-in mancher Hinsicht ein anderes Bild davon entworfen.«
-
-»Sie hatten nicht daran gedacht,« fiel ihm sein freundlicher Wirth
-lachend in's Wort, »daß die gewaltigen, stattlichen Bäume auch im Sumpfe
-stehen, oder gar quer über den Weg hin liegen könnten, und dann
-die Passage eher versperren, als verschönern, daß nicht allein das
-romantische Geheul der wilden Thiere, sondern auch das sehr prosaische
-Gesumme der Mosquitos den Wald erfüllt, und daß sich eine Landschaft, wo
-der Sturm auf den Flügeln der Windsbraut die Fläche durchsaust, wo tolle
-Regengüsse aus den Wolken niederfluthen und trockene Wege zu Bächen und
-Bäche zu Strömen werden, sehr hübsch und interessant auf der Leinwand,
-keineswegs angenehm aber im wirklichen Leben, in der nüchternen
-hausbackenen Wirklichkeit ausnehmen. Ja, das geht Manchem so, das giebt
-sich aber, und zuletzt lernen wir selbst die Unannehmlichkeiten eines
-wilden Lebens lieb gewinnen. Sehen Sie aber, wie sich der Indianer das
-Fortepiano betrachtet, eine solche Maschine hat er im Leben noch nicht
-gesehen, ich werde ihm etwas vorspielen.«
-
-Damit trat der Farmer zu dem Clavier, öffnete es, und präludirte ein
-wenig; gar wunderbarer Weise hatte sich auch das Instrument, einige Töne
-abgerechnet, noch ziemlich gut in Stimmung erhalten, trotz der feuchten
-Luft, der es fortwährend ausgesetzt war. Der Deutsche ging also nach
-einigen schnell gegriffenen Akkorden zu einem leichten Walzer über, und
-das Erstaunen Bob's, der vom Öffnen des Instrumentes an bis jetzt, starr
-von Überraschung und Verwunderung gestanden hatte, erreichte nun seinen
-höchsten Grad. Bei den immer schneller und munterer folgenden Tönen
-heiterten sich aber auch seine dunklen, bis jetzt fast ausdruckslos
-gewesenen Gesichtszüge auf, und ein Paar Reihen Zähne wurden sichtbar,
-die an Weiße dem frischgefallenen Schnee nichts nachgaben. Endlich
-schloß Klingelhöffer, und vom Stuhle aufstehend, klopfte er dem Indianer
-auf die Schulter und frug: »wie das klänge?«
-
-»=Bless my soul=,« sagte dieser, noch immer das früher nie gesehene,
-wunderbare Gestell betrachtend -- »eine große Violine mit Zähnen und
-Beinen wie ein Bär, die das Maul aufmachen kann -- Bob hat noch nie so
-ein Ding gesehen!«
-
-»Und wie gefällt es Dir?«
-
-»Gut -- unmenschlich gut!« sagte Bob, indem er den Mund von einem Ohr
-bis zum andern zog.
-
-»Sehen Sie, hier haben Sie gleich eine Naturbeschreibung des
-Fortepianos,« lachte der Farmer, »der Bursche wird Wunderdinge davon
-erzählen, wenn er wieder nach Little Rock kommt; aber apropos, da wir
-von Little Rock reden, wo haben Sie denn Ihre Sachen gelassen, etwa
-dort?«
-
-»Ja, bei Charles Fischer.«
-
-»Nun da stehn sie ziemlich sicher, sonst ist dem Neste gerade nicht viel
-zu trauen; ich habe allen Respekt vor dieser Hauptstadt von Arkansas.«
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-»Haben Sie von dem Staat eine eben solche Meinung, als von der Stadt?«
-
-»Dann blieb ich hier nicht wohnen, nein, ich halte Arkansas für den
-besten Staat der Union, das heißt, er ist mir der liebste, ich möchte in
-keinem anderen wohnen, und hoffentlich werden Sie dasselbe sagen, wenn
-Sie erst einmal im Lande umhergestreift sind und die verschiedenen
-Gegenden selbst besucht haben. Wohin gedenken Sie sich von hier aus zu
-wenden?«
-
-»Aufrichtig gesagt,« erwiederte ihm Sechingen, »so hatte ich nach dem,
-was ich von Herrn Fischer in Little Rock gehört, große Lust, mir
-irgend ein Stück Land in dieser Gegend auszusuchen, und mich darauf
-niederzulassen. Es ist dieß die Ursache, weßhalb ich nach Amerika
-ausgewandert bin, ich -- ich hatte ein so gewaltiges Sehnen nach dem
--- nach dem Urwald; seit letzter Nacht hat sich das freilich bedeutend
-gegeben, und ich möchte doch nun erst die hiesigen Verhältnisse ein
-wenig genauer kennen lernen, ehe ich mich bleibend festsetze. Ist es
-Ihnen also recht, mein bester Herr Klingelhöffer, und fall' ich Ihnen
-nicht zur Last, so bleib ich ein paar Tage bei Ihnen, wir durchziehen
-dann die Nachbarschaft ein wenig, und ich kann mich im Laufe dieser
-Woche fester und genauer bestimmen.«
-
-»Von Herzen gern,« sagte der wackere Farmer, ihm die Hand reichend, »Sie
-sind mir so willkommen, wie die Blumen im Mai, und sehen Sie sich das
-Land erst einmal an, dann gefällt es Ihnen auch. Wie wär's, wenn wir
-Ihre Sachen indessen von Little Rock heraufkommen ließen? Das nächste
-Dampfboot kann sie bis Bakers Landung am Arkansas bringen, und dort
-holen wir sie in nächster Woche mit meinem Canoe ab.«
-
-»Wo aber soll ich bei Ihnen schlafen?« frug Sechingen mit komischem
-Ernst, indem er sich überall im Hause umsah -- »wenn Ihre Frau und
-Töchter --«
-
-»Thorheiten,« lachte Klingelhöffer -- »das fällt hier alle Tage vor, wir
-machen Ihnen ein Lager auf der Erde -- ein wenig hart wird's sein, doch
-daran müssen Sie sich gewöhnen; ein Jäger darf überhaupt nicht so sehr
-viele Bedürfnisse haben.«
-
-»Jagen Sie viel?«
-
-»Nein, sehr selten, ich bin kein großer Freund mehr davon.«
-
-»Es ist wohl viel Wild in der Gegend?«
-
-»Ja, ziemlich viel Hirsche und Truthühner!«
-
-»Auch Bären, nich wahr?«
-
-»Dann und wann kommt uns einmal so ein alter Bursche zwischen die
-Schweine, doch sind wir in solchem Falle schnell mit den Hunden dahinter
-her, und fangen ihn entweder, oder treiben ihn doch wenigstens aus der
-Nachbarschaft.«
-
-»Dann und wann?« frug Sechingen sehr erstaunt, »aber Charles Fischer hat
-mir ja gesagt, daß sie hier fast nur von Bärenfleisch lebten.«
-
-»Dann müßten wir bald genug verhungern,« lachte der Farmer. --
-»Speck und Maisbrod, das ist die Kost, selten einmal Hirsch- oder
-Truthahnfleisch, denn Bären fangen an zu den Seltenheiten zu gehören --
-ich habe in den sechs Jahren, die ich hier bin, erst drei geschossen.«
-
-»So hat Fischer also wohl auch mit dem Anpreisen des Landes nicht die
-Wahrheit gesagt?« meinte schon etwas kleinlaut der junge Deutsche.
-
-»Das steht auf einem anderen Blatt!« rief der Farmer -- »davon sollen
-Sie sich auch selbst überzeugen, denn wenn er nicht fürchterlich
-aufgeschnitten hat, so werden Sie Ihre Erwartungen eher noch übertroffen
-finden. Außerdem ist dieß eine Erfahrung, die Sie ebenfalls in Amerika
-machen müssen: jeder Farmer preist _die_ Gegend, in der er selbst
-lebt, am meisten, und ich sehe nicht ein, warum ich mich allein davon
-ausschließen sollte, da ich noch dazu das gute Recht und vollkommene
-Ursache auf meiner Seite habe. Aber wie ist's? wollen wir an Charles
-nach Little Rock schreiben, daß er die Sachen heraufschicken soll? Der
-Indianer könnte den Brief mitnehmen?«
-
-Sechingen blickte unentschlossen vor sich nieder; er hatte sich das
-Leben im Walde doch ganz anders gedacht -- sollte er hier -- in
-einer solchen Wildniß von jedem Verkehr mit civilisirten Menschen
-abgeschnitten (ein oder zwei Nachbarn höchstens ausgenommen) förmlich
-versauern? -- sein Geld an todtes, mit ungeheueren Bäumen bewachsenes
-Land wenden, das er vielleicht nachher nicht einmal bebauen konnte? --
-
-»Hm« -- sagte er nach ziemlich langer Pause -- »ich weiß doch nicht --
-wenn ich nun wieder zurückginge nach Little Rock, so« --
-
-»Ja, wenn Sie darüber noch nicht mit sich im Reinen sind,« unterbrach
-ihn schnell der Farmer, »dann lassen Sie's lieber beim Alten -- ich sehe
-schon wie's steht -- die Sachen mögen also unten bleiben und gefällt
-Ihnen unsere Gegend gut genug, ei nun, dann wird auch Rath werden, die
-paar Habseligkeiten mit Allem, was ein Farmer hier sonst noch im Walde
-brauchen könnte, heraufzuschaffen. Morgen sollen Sie ein Stück von
-unserer Gegend kennen lernen, und daß ich Ihnen nicht das schlechteste
-zeigen werde, darauf mögen Sie sich ebenfalls verlassen.«
-
-Der Indianer, der indessen mit Speise und Trank und einem tüchtigen
-Glase Whiskey hinlänglich gestärkt war, von Sechingen auch die Bezahlung
-für seine Mühe empfangen hatte, rollte nun die an dem Feuer getrocknete
-wollene Decke wieder zusammen, in deren Falten er vorher noch ein paar,
-nicht unansehnliche Stücke Maisbrod und Speck barg, warf einen letzten,
-sehnsüchtigen Blick nach der, wieder auf das Wandbret gestellten grünen
-Flasche hinauf, murmelte einen kurzen Abschiedsgruß und schlug bald
-darauf den schmalen, an der Fenz hin führenden Fußpfad ein, der der
-Countystraße zulief. Über die Berge hin war er so im Stande, Little Rock
-trockenen Fußes zu erreichen.
-
-Sechingen sah sich bald häuslich eingerichtet, und wider alles Erwarten
-wurde sein, wenn auch etwas hartes Nachtlager, so vortheilhaft, und
-selbst dem verwöhnten Körper des Europäers genügend hergestellt, daß er
--- vielleicht auch noch durch die ungewohnten Anstrengungen mehr als je
-ermüdet -- sanft und ruhig bis zum nächsten Morgen schlief, und sich bei
-seinem Erwachen zum ersten Male gestehen mußte, es sei doch eigentlich
-recht wenig, mit dem ein Mensch glücklich und zufrieden leben könne,
-wenn er nur mit sich selbst im Reinen und ein freier Mann, seinem freien
-Willen auch frisch und fröhlich folgen dürfe.
-
-Ein nach amerikanischer Art zubereitetes Frühstück wurde jetzt verzehrt,
-und Sechingen glaubte, daß sie gleich nach Beendigung desselben
-aufbrechen wollten; Klingelhöffer hatte aber die Absicht, seinem Gast,
-ehe er ihn auf das Land selbst führe, auch die Schwierigkeiten zu
-zeigen, die eine Urbarmachung desselben mit sich bringe. Unter dem
-Vorwande also, noch Feuerholz schlagen zu müssen, nahm er den jungen
-Mann etwa hundert Schritte mit in den Wald, zeigte ihm eine, hier unter
-jenen Stämmen keineswegs stark aussehende Eiche von circa drei Fuß im
-Durchmesser, und bat ihn, »den kleinen Stamm,« da er das doch Alles
-lernen müsse, einmal zu fällen, er wolle dann in einem Viertelstündchen
-wiederkommen, um ihn abzuholen.
-
-Von Sechingen, der sich lange danach gesehnt, einmal seine Kraft an den
-Riesen des Waldes zu versuchen, griff freudig nach der schweren Axt,
-und seine Schläge -- als ihm der Farmer erst gezeigt hatte, wie er das
-Werkzeug am vortheilhaftesten halten müsse -- suchten sich bald ihr Echo
-in den nahen Hügeln.
-
-Klingelhöffer, der wohl gemerkt, daß dem jungen Mann die Romantik des
-Waldlebens noch zu sehr im Kopfe lag, und der ihn daher gern zu der
-derben, hausbackenen Wirklichkeit zurück führen wollte, schritt,
-still vor sich hinlächelnd, dem eigenen Hause wieder zu. Was er aber
-vorausgesehen, traf auch und zwar in sehr kurzer Zeit ein; Sechingen
-hackte allerdings eine ziemliche Weile an dem gewaltigen Baum herum, das
-zähe Holz wollte jedoch seinen ungleich geführten Hieben nicht weichen,
-nur hie und da sprang ein, durch einen Kreuzhieb gelöstes Spänchen ab
-und er mußte sich endlich -- todesmüde und die Hände voller Blasen --
-gestehen, das Wort _urbarmachen_ klänge wohl ausgezeichnet und
-nehme sich auch sehr schön auf dem Papiere aus, passe jedoch in der
-Wirklichkeit ganz und gar nicht für ihn. So viel sah er ein, und wenn
-er den ganzen Tag hier stehen geblieben wäre -- den Baum hätte er doch
-nicht umgebracht.
-
-Klingelhöffer fand ihn ziemlich verstimmt am Fuß der Eiche sitzen, und
-so versunken schien er im Anblick seiner Blut unterlaufenen Hände, das
-er den Kommenden gar nicht hörte, bis er dicht neben ihm stand.
-Dieser aber suchte ihn nun auch über das noch nicht Glücken und
-Vorwärtsschreiten der Arbeit zu trösten und meinte, »es fiele kein
-Meister vom Himmel und gut Ding wolle Weile haben -- solche Arbeit fände
-ein Jeder schwer, der erst in den Wald zöge, und selbst Leute, die ihr
-Lebelang Nichts gethan hätten als schwere Werkzeuge geführt, müßten
-sich an die Führung der Axt gewöhnen, ehe sie im Stande wären, etwas
-Tüchtiges zu leisten -- er solle deshalb auch ja nicht muthlos werden,
-denn Lust zur Sache sei halb gewonnen Spiel, und wenn ein Mann einmal
-recht ernstlich _wolle_, so könne er es auch durchführen, trotz allen
-Schwierigkeiten und Hindernissen.«
-
-Das waren eine Menge Thatsachen und unbestreitbare Wahrheiten, die
-Sechingen nicht gut wegläugnen konnte, das harte Eichenholz stand aber
-auch wieder auf seiner Seite als ein _unfällbarer_ Beweis, und nur froh,
-für jetzt durch eine gute Ausrede der fatalen Arbeit enthoben zu sein,
-folgte er seinem freundlichen Wirth zum Haus, bestieg eines von den
-Pferden und ritt nun mit ihm in den Wald hinein.
-
-Jetzt aber hatte auch das heitere Sonnenlicht all die dunklen, trüben
-Regenschatten verscheucht und seine behebenden Strahlen fielen frisch
-und fröhlich durch die glänzenden, glizernden Blätter der leise
-rauschenden Wipfel zur Erde nieder -- der ganze Wald duftete so
-lieblich, der klare Himmel hing so rein und lächelnd über der
-wunderschönen Welt, daß Sechingen schon fast die überstandenen
-Mühseligkeiten vergaß und endlich auch seinem Begleiter nicht länger
-verschweigen konnte, welchen so ganz verschiedenen Eindruck der Urwald
-_gestern_ und _heute_ auf ihn gemacht habe.
-
-»Das alte Lied,« lachte dieser, »bei trübem Wetter sehn wir auch die
-ganze Welt mit trüben Gläsern an, und scheint dann die liebe Sonne und
-zwitschern die muntern Vögel ihr Lied dazu, dann hängt der Himmel gleich
-wieder voller Geigen. Wir wollen die Mittelstraße wählen -- ja -- es ist
-schön hier im freien Wald, so schön, daß ich glaube, das Herz würde mir
-brechen, müßt ich ihm einmal wieder ade sagen, aber -- er hat auch seine
-großen Schattenseiten, von denen Sie bis dahin allerdings erst _sehr_
-wenige kennen gelernt haben. Vollkommen ist jedoch Nichts auf der Welt,
-und so lange die guten Eigenschaften nicht von den bösen überdeckt
-werden, ei nun, so lange dürfen wir uns dann auch nicht sonderlich
-beklagen. Jetzt sehen Sie sich das Land erst einmal ordentlich von allen
-Seiten an, und dann können Sie sich nach bestem Urtheil frisch und frei
-entschließen, was Sie zu thun beabsichtigen.« --
-
-Mehrere Stunden lang ritten die Beiden im Wald umher und Klingelhöffer
-gab sich besondere Mühe, dem neuen Ankömmling die verschiedenen
-Landarten und die Vegetation, durch welche sie sich unterscheiden, zu
-zeigen; dieser aber, der sich in seinem ganzen Leben noch nicht um Land
-oder Ackerbau bekümmert hatte, widmete dem Gegenstand keineswegs die
-Aufmerksamkeit, die er verdiente, und die jener zu finden erwartete,
-sondern sah sich jetzt vielmehr fortwährend nach Wild um und kam dadurch
-nicht selten in die unangenehmsten Berührungen mit vorstehenden Ästen
-und niederhängenden Schlingpflanzen. Dabei übersprang sein kleines
-muthiges Pferd alle Augenblicke vor ihnen liegende Stämme und Äste, oder
-Wassergräben und Sumpflöcher, und brachte den Reiter mehrere Male
-sogar aus allem Gleichgewicht, daß er sich kaum noch im Sattel erhalten
-konnte.
-
-Die Mittagszeit rückte so heran, noch immer aber machte Klingelhöffer
-keine Anstalt heimzukehren, denn er behauptete, und auch ganz mit Recht,
-sie wären nun doch einmal draußen im Wald und es sei nicht allein für
-den Fremden gut, das Land und die Vegetation kennen zu lernen, sondern
-er selbst wolle auch die Gelegenheit gleich benutzen, nach seinem Vieh
-zu sehen, das hier in der Nähe seine Weideplätze hätte, denn apart
-deswegen hierherzureiten, nähme ihm zu viel Zeit weg.
-
-Sechingen hatte nach und nach einen merkwürdigen Hunger bekommen, und
-die Glieder schmerzten ihn ebenfalls von der so ganz ungewöhnlichen
-Bewegung, Klingelhöffer schien aber von dem Allen Nichts zu spüren,
-ritt durch tiefe Gräben, die steilen Ufer hinab und herauf, wich keinem
-Dickicht aus, gallopirte an Stellen, wo Sechingen lieber abgestiegen
-wäre und das Pferd geführt hätte und zeigte sich hier in dem wilden
-pfadlosen Walde so zu Hause, als ob er in seiner eigenen Stube
-umherginge.
-
-Da -- er hatte eben davon gesprochen, den Heimweg anzutreten, und der
-müde Reiter athmete schon hoch auf -- schlugen nicht weit von ihnen
-entfernt die Hunde an und der Farmer, sich hoch dabei im Sattel
-emporrichtend, horchte den, ihm so wohl bekannten Tönen mit der
-gespanntesten Aufmerksamkeit. -- Mehre Secunden lang war jetzt Alles
-still -- da plötzlich ertönte der Lärm auf's Neue und der Farmer,
-der jetzt wußte, daß seine Hunde irgend etwas im Walde gestellt oder
-wenigstens aufgejagt hatten, fühlte im Nu den alten Jagdeifer in sich
-erwachen.
-
-»Hurrah!« rief er, und wandte sich im Sattel nach seinem Begleiter um --
-»die Hunde sind fleißig, wir wollen die Pferde einmal laufen lassen,
-das Bischen Bewegung wird ihnen Nichts schaden.« Und ohne weiter eine
-Antwort abzuwarten, drückte er dem eigenen Thiere die Sporen in die
-Seite und dieses, der Aufforderung nur zu gern Folge leistend, flog in
-muthigen Sätzen der Richtung zu, aus der das Bellen und Toben der Hunde
-jetzt immer deutlicher zu ihnen herüberschallte. Sechingen mußte, wollte
-er hier nicht allein im fremden Wald zurückbleiben, folgen und sein
-eigenes Pferd, das schon ungeduldig den Kameraden hatte davon gallopiren
-sehen, fühlte kaum den leichten, fast unwillkührlichen Schenkeldruck,
-als es fröhlich wiehernd hinten ausschlug und nun in tollen,
-unaufhaltsamen Sätzen den Spuren des Vorangegangenen folgte.
-
-Nun war Sechingen zwar ein geübter Reiter, und saß besonders schön und
-kunstgerecht im Sattel, verstand auch die Behandlung eines zugerittenen
-Pferdes aus dem Grunde, durch solch wildverwachsenen Wald aber zu
-gallopiren und noch dazu mit allem möglichen Schieß- und Jagdgeräth
-behangen, das war mehr als er je versucht hatte, und bald blieb er
-mit dem locker befestigten Pulverhorn, bald mit dem Griff seines
-Hirschfängers, bald mit dem Gewehrriemen in den Zweigen und
-Schlinggewächsen hängen, und endlich wurde er gar bei einem schnellen
-Seitensprung des Pferdes, das einer vor ihm liegenden Schlange
-auszuweichen suchte, unter einen vorragenden Ast gerissen und -- mit
-Blitzesschnelle aus dem Sattel gestreift. »Das Roß, des Reiters ledig,«
-schien weiter gar keine Notiz von ihm zu nehmen, und von Sechingen
-befand sich bald darauf, als auch das Bellen der noch fernen Hunde
-nachgelassen hatte, mitten im Wald, ohne Weg, ohne Steg -- jeder
-Richtung, jeder Himmelsgegend unkundig -- allein.
-
-Eine volle Stunde wohl irrte er jetzt, mit immer steigender Angst und
-jenem entsetzlichen beengenden Gefühl, das sich stets des Verirrten
-bemächtigt, in der Wildniß umher -- seine feine Tuchpikesche war in den
-scharfen Dornen zerrissen, die Pulverhornschnure abgesprengt und das
-Pulverhorn verloren, den Hirschfänger hatte ebenfalls wahrscheinlich
-irgend eine Ranke erfaßt und herausgerissen -- die Scheide hing ihm leer
-an der Seite -- die Mütze mochte Gott weiß wo sein, Gesicht und Hände
-bluteten ihm und die Rippen thaten ihm alle mit einander im Leibe weh.
-Erschöpft warf er sich endlich unter einer alten Eiche nieder -- er
-konnte nicht mehr vorwärts, er _mußte_ erst ausruhen.
-
-»Und hier soll man den Urwald sehen?« rief er endlich in vollem Unmuth
-aus -- »hier wo man den Kopf nicht heben darf, ohne mit dem Gesicht in
-irgend einem verwünschten Dornenbusch hängen zu bleiben -- und die Bäume
--- großer Gott, es nähme ja ein Lebensalter, um nur ein halbes Dutzend
-von diesen Kolossen umzuwerfen; und dann ist die Erde hier so mit
-Wurzeln verwachsen, daß man kaum einen Stock hineinstoßen, geschweige
-denn einen Pflug hindurchziehen könnte. Nein -- ich passe nicht
-zu solchem Geschäft -- ich habe mir das viel romantischer gedacht.
-Blüthenbäume -- blumige Ranken -- duftenden Wald -- zum Himmel strebende
-Riesenstämme -- hol' sie alle mit einander der Teufel -- ich will Gott
-danken, wenn ich erst wieder an einem gedeckten Tisch sitze, und eine
-heiße Tasse Kaffee trinken kann -- und jetzt gar verirrt -- in dieser
-fürchterlichen Wildniß. --«
-
-Er sprang in aller Verzweiflung wieder auf, um nur wenigstens einen
-gangbaren Pfad zu finden, der ihn zu einer menschlichen Wohnung führe;
-da hörte er plötzlich, nicht weit von sich entfernt, das laute »Hallo«
-Klingelhöffers. Vor lauter Freude schoß er rasch die Büchse ab, das
-verhinderte ihn aber nicht auch seiner, leider schon sehr angegriffenen
-Kehle, noch eine letzte, außerordentliche Anstrengung zuzumuthen, um ja
-die Stelle anzudeuten, wo er sich befinde.
-
-Klingelhöffer stand bald an seiner Seite, und wenn er auch im ersten
-Augenblick nicht umhin konnte, recht herzlich über das tragikomische
-Aussehen seines etwas arg mitgenommenen Gastfreundes zu lachen, so that
-ihm dieser doch auch wieder, da er ja fremd und ein Neuling im Walde
-war, leid, und er bot nun Alles, was in seinen Kräften stand, auf, um
-ihn zu trösten und ihm Muth einzureden.
-
-Es war ein erster, wenn auch etwas böser Anfang, wie er sagte, und
-hatte wenigstens das Gute, ihn alles Nachkommende so viel leichter und
-bequemer ertragen zu lassen. Von Sechingen schien übrigens gar nicht
-geneigt, irgend etwas _Nachkommendes_ abzuwarten, und zum Tode matt
-ließ er fast willenlos mit sich geschehen, daß ihn der Farmer auf sein
-eigenes Pferd setzte. Er hatte, seiner Versicherung nach, keinen ganzen
-Knochen mehr im Leibe, dafür aber Hunger wie ein Wehrwolf, Kopf- und
-Zahnschmerzen und noch außerdem verloren, was an seinem Körper nicht
-niet- und nagelfest gewesen.
-
-In Klingelhöffers Wohnung endlich angelangt, stärkte er seinen
-ermatteten Körper durch Speise, Trank und Ruhe. Nichts in der Welt
-hätte ihn aber am nächsten Morgen vermögen können, eine zweite Tour zu
-unternehmen, um erstlich die verlorenen Sachen wieder zu suchen und
-dann auch, wie der Farmer lächelnd bemerkte, »das Land noch etwas besser
-kennen zu lernen.« Er verschwor sich hoch und theuer, vom Lande mehr
-zu wissen, als ihm lieb sei, und war, als der Morgen graute, fest
-entschlossen nach Little Rock zurückzukehren. Als Ausrede meinte er
-zwar, er wünsche erst die östlichen Städte und den Osten überhaupt
-zu bereisen, ehe er sich ganz fest im Walde niederlasse; was aber die
-Ursache dieser schnellen Sinnesänderung gewesen, ließ sich wohl leicht
-genug erkennen.
-
-Weiteres Zureden blieb auch nutzlos, und Klingelhöffer erbot sich also,
-ihn wenigstens mit einem Handpferd eine Strecke auf der Countystraße
-hin zu begleiten, damit er nicht die ganze Strecke, etwa 44 englische
-Meilen, zu marschiren hätte. Nach Mittag, als sich sein Gast von den
-erduldeten Strapatzen ein wenig erholt, brachen sie auf, und der wackere
-Farmer ritt so weit mit ihm, daß er eine, am Wege liegende deutsche
-Ansiedelung noch bequem vor Dunkelwerden erreichen konnte, und nahm erst
-dann, den Dank des Fremden für die ihm gewordene so freundliche Aufnahme
-und Gastfreundschaft leicht übergehend, herzlichen Abschied von diesem.
-
-»Leid thut mir's nur,« sagte er, als er ihm noch vom Pferde herunter
-derb und gutmüthig die Hand schüttelte, »daß Ihre Lust zur Ansiedelung
-gleich beim ersten Anlauf einen solchen Stoß erhalten hat, aber --
-ich gebe noch nicht Alles verloren, suchen Sie den schönen Westen doch
-später einmal wieder auf. Von Deutschland gleich ohne weiteres nach
-Arkansas hineinzufallen, ist allerdings ein etwas zu großer Abstand,
-haben Sie sich aber erst einmal eine Zeitlang in den östlichen Städten
-herumgetrieben, so wird Sie's schon wieder in die gesunde Waldluft
-zurückziehen. Vergessen Sie dann nicht, daß Sie in meiner Hütte immer
-herzlich willkommen sind. So leben Sie denn wohl -- grüßen Sie mir die
-Deutschen in Little Rock, und halten Sie sich nicht länger dort auf als
-Sie müssen -- es giebt bessere Plätze in den Vereinigten Staaten.«
-
-Damit hatte er den Zügel des Handpferds um seinen Arm geschlungen,
-winkte noch einmal einen letzten Gruß herüber, stieß dem eigenen Thiere
-die Hacken in die Seite, und trabte pfeifend waldeinwärts.
-
-Von Sechingen blieb aber noch lange sinnend auf dem Wege stehen und sein
-Auge ruhte schweigend auf den grünen Waldesschatten, hinter denen sein
-Gastfreund soeben verschwunden war. Kopfschüttelnd dachte er dabei an
-Alles, was er in so kurzer Zeit erlebt, zurück.
-
-»Das also,« sagte er endlich tief aufseufzend, »das ist das
-stille freundliche Farmerleben -- _das_ ist die patriarchalische
-Zurückgezogenheit der Wälder. Kaum zweimal vier und zwanzig Stunden bin
-ich drin, und wie seh ich aus? Meine Kleider sind zerfetzt, den alten
-Hut, den mir Klingelhöffer zum Nothbehelf gegeben hat, würde bei uns zu
-Hause kein Lumpensammler aufheben, und ich muß noch froh sein, daß ich
-ihn nur habe und nicht im bloßen Kopfe zu rennen brauche; Hirschfänger
--- Taschentuch, Pulverhorn, Zündhütchenaufsetzer -- Alles bin ich
-losgeworden, im Gesicht und an den Händen sehe ich so zerkratzt aus, als
-ob ich die Nacht in einer Dornenhecke geschlafen hätte. Dazu schmerzen
-mich alle Knochen -- ich habe einen fürchterlichen Schnupfen, und von
-dem harten Lager Hühneraugen am ganzen Leibe. Nein, guter Sechingen, so
-viel merk' ich, für den Wald paßt Du nicht -- ja, der Urwald sieht sich
-recht gut an -- wenn man sich nicht gerade Bäume zum Umhacken aussucht
--- es liest sich auch recht gut darüber, schläft sich aber nur höchst
-mittelmäßig darin, und was das Reiten anbelangt, so soll mich Gott vor
-einem zweiten Versuch bewahren. Nein, Du _mußt_ ja kein Farmer werden --
-Du kannst Coopers Romane lesen, für Indianer schwärmen -- wenn Dir Dein
-_Schuster_ nicht die Ideale verdirbt -- und kannst auch meinetwegen --
-heißt das im Geist -- den wilden Bär und Büffel verfolgen -- so lange es
-aber keine Chausseeen und Hotels hier giebt, gehe ich nach New-York oder
-Philadelphia.«
-
-»Und meine jetzige Reise?« fuhr er leise murmelnd in seinem
-Selbstgespräch fort, als er sich langsam dabei wandte und auf der
-Countystraße hinschritt -- »ih nun -- es war doch immer eine ganz gute
-Erfahrung und -- wenn weiter Nichts -- ein _Versuch_ zur _Ansiedelung_.«
-
-
-
-
-Cincinnati.
-
-
-Cincinnati, »die Königin des Westens,« wie sie in den Vereinigten
-Staaten von Nordamerika allgemein genannt wird, liegt in der
-südwestlichen Ecke Ohio's, dessen schönste und bedeutendste Stadt
-sie ist. Erst seit einigen sechzig Jahren entstanden (denn noch leben
-Männer, welche 1791 die erste Blockhütte dort bauen halfen), zählt sie
-jetzt schon über 100,000 Einwohner und hat im Westen dieselbe Bedeutung
-erlangt, deren sich New-Orleans im Süden und New-York im Osten rühmt.
-Da Ohio selbst schon seit etwa 30 Jahren besonders von deutschen
-Auswanderern angebaut wurde, so breitete sich auch Cincinnati immer mehr
-und mehr aus, vertheilte nicht allein von dort die den Mississippi
-und Ohio heraufkommenden Fremden in dem Staat, sondern ward auch zum
-Mittelpunkt des Binnenhandels, der die Producte des Nordens, als Mais,
-Mehl, Whiskey, eingepöckeltes Schweinefleisch, getrocknete Früchte,
-Kartoffeln etc., nach dem Süden versandte und dafür die Erzeugnisse der
-wärmeren Landstriche, als Zucker, Baumwolle, Tabak, Seesalz, Kaffee und
-die übrigen Früchte der Tropenländer in Empfang nahm. Zur Erleichterung
-dieses Zweckes stand es nicht allein durch den Ohio, einem großen,
-schönen Strom, mit dem Osten, sondern auch durch den westlichen Canal
-mit Buffalo und den nördlichen Seen, Erie, Michigan und Ontario in
-Verbindung, und gute, nach europäischer Art angelegte Chausseen zweigten
-sich durch das ganze Land. Durch die Erbauung eben dieser Wege und
-Canäle, wie durch die gesunde Lage des Ortes selbst, wurde eine sehr
-große Menge von Deutschen, meistens aus den ärmern Classen, veranlaßt,
-die blühende Stadt aufzusuchen und sich in ihr oder wenigstens in der
-Nähe derselben eine Existenz zu gründen.
-
-Besonders strömten von Norddeutschland, Oldenburg und Hannover dem
-Eldorado des Westens Schiffsladungen voll Auswanderer zu. Die natürliche
-Folge aber war, daß, wo so viele zusammentrafen, die den Platz nur
-in der Hoffnung aufgesucht hatten, nicht allein »Geld zu verdienen,«
-sondern auch »reich zu werden,« der größte Theil derselben sich
-getäuscht sehen und entweder unter nicht gerade glänzenden Verhältnissen
-ausharren, oder weiter westlich einen geeigneteren Wirkungskreis suchen
-mußte.
-
-Natürlich war ein solcher Zusammenfluß von Menschen, die meistentheils
-von allen Hülfsmitteln entblößt in Cincinnati eintrafen und nun, da sie
-ihre Hoffnungen nicht realisirt, sich selbst obdach- und hülflos fanden,
-sehr wenig dazu geeignet, den Amerikanern einen guten Begriff von
-Deutschen und durch diese von Deutschland selbst zu geben, daher denn
-auch wohl mancher, der mit dem schönen Glauben das fremde Land betritt,
-schon durch sein Vaterland allein, wenn nicht freundlich angenommen,
-doch geachtet zu werden, seinen Irrthum einsehen wird, wenn er findet,
-daß der Name »Dutchman« nicht bloß bei den niedern Classen ein Spott-,
-ja oft Schimpfname geworden. Das kann übrigens nur von den Städten
-gelten, wo sich die rohe Hefe des Volkes concentrirte, im Lande selbst
-ist der deutsche Landmann wegen seines eisernen, unermüdeten Fleißes
-geschätzt und geachtet, wie denn auch die deutschen Ansiedlungen in den
-nördlichen Staaten fast stets die bessern sind. Und doch muß eben der
-Deutsche, selbst wenn er im alten Vaterlande den Ackerbau getrieben hat,
-in Amerika wieder von vorn zu lernen anfangen, indem nicht allein Boden
-und Erzeugnisse, sondern auch Ackergeräthschaften, wie die in jenem
-Lande nöthigen Behandlungsarten der Felder ganz verschieden von den
-unsern sind. Da die Arbeit dort aber leichter, der Humus selbst,
-besonders in den westlichen Staaten so viel vorzüglicher als in den
-alten, seit langen Jahren angebauten Landstrichen ist, so unterzieht
-sich der Deutsche auch stets mit Lust und Liebe einer Lehrzeit, die
-einen so reichhaltigen Erfolg verspricht, und sieht seinen Fleiß und
-seine Ausdauer, welche letztere dem Amerikaner gänzlich fehlt, in kurzer
-Zeit durch blühende Felder und üppige Vegetation belohnt.
-
-Der Amerikaner, d. h. der nördliche Amerikaner (denn der südliche
-Pflanzer in den Sklavenstaaten ist wieder ein ganz anderer Mensch), ist
-auch fleißig, und arbeitet mit einer Schnelle und Gewandtheit, in der
-ihm der Ausländer vergebens gleichzukommen sucht, aber nur kurze Zeit
-hält er aus, das Gleichförmige ermüdet ihn, eine schlechte Ernte macht
-ihn gegen sein Land mißtrauisch; er hört von fruchtbarerem, ergiebigerem
-Boden, von besserer Weide, üppigerer Vegetation und augenblicklich führt
-er den schnell entworfenen Plan aus. Gerade in dem Zeitpunkt, in welchem
-der ruhige Deutsche anfängt, die Früchte seines Fleißes zu ernten,
-verkauft der Amerikaner den Platz, der seine Heimath war, packt sein
-bewegliches Eigenthum auf Karren und Wägen, treibt sein Vieh zusammen
-und zieht gen Westen.
-
-Etwas aber ist, was so vielen, ja man könnte sagen fast _allen_
-Deutschen den Anfang einer zu gründenden Existenz erschwert: die
-zu großen Erwartungen, mit denen sie gewöhnlich das neue Vaterland
-betreten. Durch Briefe oder Reisebeschreibungen von dem schnellen, fast
-fabelhaften Glückswechsel Einzelner in Kenntniß gesetzt, malt sich ihre
-Phantasie die dortigen Verhältnisse mit den buntesten, heitersten Farben
-aus; das Wenige, was von Noth und Sorgen, von getäuschten Erwartungen
-und vernichteten Hoffnungen zu ihnen herüberdringt, verliert durch die
-große Entfernung die scharfen, schroffen Conturen, wird gemildert oder
-tritt vielleicht ganz in den Schatten zurück; kein Wunder denn, daß
-Viele, nach kurzem Aufenthalt in Amerika, von dem sie oft nur eine der
-östlichen Städte gesehen haben, das erste heimwärts segelnde Schiff
-benutzen, in ihr altes Vaterland zurückkehren, und nun nicht sich
-selbst, sondern das Land anklagen, das so war, wie es einmal ist und
-nicht wie sie es sich dachten.
-
-Von den Tausenden aber, die dort zurückbleiben, und hierzu nur zu
-oft durch den Mangel an Mitteln, die zweite Seefahrt zu bestreiten,
-gezwungen werden, sind doch auch, zur Ehre der Deutschen, recht Viele,
-die mit männlichem Muthe das ertragen, was ihnen ihr Schicksal oder sie
-vielmehr sich selbst aufgebürdet. Der englischen Sprache nicht mächtig
-oder wenigstens nicht vertraut genug damit, um ihre Geistesfähigkeiten
-geltend zu machen, sehen sie sich gezwungen zu Handarbeiten ihre
-Zuflucht zu nehmen, und daher kommt es, daß man oft an Canälen,
-Chausseen und Eisenbahnen, in Kohlengruben und auf Dampfbooten,
-Doctoren und Geistliche, Offiziere und Kaufleute mit Hacken, Spaten
-oder Schürstange, mit Schiebkarren und Handtrage beschäftigt findet, ihr
-»tägliches Brod« zu verdienen.
-
-In Pennsylvanien hatten sich z. B. in frühern Jahren in einer der
-dortigen einträglichen Kohlengruben viele wissenschaftlich gebildete
-Männer zusammengefunden und duldeten, um die gewöhnliche Classe der
-Handarbeiter von ihrer Gesellschaft und Unterhaltung fern zu halten,
-keinen zwischen sich, _der nicht lateinisch sprach_ oder wenigstens
-einige zu diesem Zweck an ihn gerichtete Fragen befriedigend beantworten
-konnte. Jene Grube hieß in damaliger Zeit »die lateinische Kohlengrube!«
-
-Sehr natürlich findet sich am leichtesten jene Classe in die neuen
-Verhältnisse, die schon im alten Vaterlande durch harte Arbeit ihr Brod
-verdienen mußte, und nun in den Vereinigten Staaten einen etwas höhern
-Lohn so wie bessere Nahrung erhält und doch freier und selbstständiger
-dasteht. Diese Leute sammeln sich durch Fleiß und Sparsamkeit einige
-hundert Dollars, kaufen nachher entweder ein Stückchen Land oder
-gerathen in eine der größern Städte und beginnen hier ihre Carriere als
-»Schenkwirth und Gastgeber;« daher die ungeheuere Menge dieser Trink-
-und Wirths-, oder sogenannten Boarding-Häuser, von denen man, besonders
-in Cincinnati, fast in jeder Straße einige findet, und die, ohne dem
-Reisenden oder Fremden die geringste Bequemlichkeit zu bieten, ihm
-eigentlich nur des Nachts in einem harten Bett ein Obdach gewähren und
-ihn dreimal des Tages zu bestimmten Stunden abfüttern.
-
-Da diese Leute nun hauptsächlich auf deutsche Einwanderer angewiesen
-sind, die, der englischen Sprache nicht mächtig, durch das deutsche
-Wirthshausschild angezogen bei ihnen einkehren, so verlieren sie auch
-gar bald das Mitgefühl, das sie vielleicht noch für ihre Landsleute
-gehegt hatten; sie fragen nicht darnach, was der Neuangekommene treibt,
-was er anzufangen gedenkt, sie wollen nur wissen, ob er noch
-genug Eigenthum besitzt, für die nächste Woche das »Boarding-Geld«
-pränumerando bezahlen zu können oder an dessen Statt wenigstens einen
-Koffer in Versatz zu geben vermag.
-
-Überhaupt irrt man sich in Deutschland gewaltig, wenn man glaubt, der
-Deutsche freue sich, im Ausland einen Landsmann zu finden. Im
-Anfang, ja; noch nicht an die fremdtönenden Laute gewöhnt, klingt die
-Muttersprache dem Ohre wie Musik; das verliert sich aber, man lernt
-durch einen langen Aufenthalt unter den Fremden mit deren Augen sehen,
-mit deren Gefühlen empfinden und legt nur zu oft mit den vaterländischen
-Sitten auch das Gefühl für die ab, die diesen noch anhängen.
-
-Nirgends zeigt sich aber diese Entfremdung unter Landsleuten stärker,
-als gerade in Cincinnati, wo der Parteigeist oft in die bittersten
-Feindseligkeiten ausartet; und doch sollten sich gerade hier die
-Deutschen durch Einigkeit und festes Zusammenhalten enger an einander
-anschließen, da ihnen in jener Stadt die arbeitende Classe der
-Amerikaner besonders gram ist, und in ihrer Art und Weise auch wohl
-nicht so ganz Unrecht hat, denn die das Land überströmenden Deutschen,
-von denen in jedem Jahre Tausende nach Cincinnati kamen, um dort Arbeit
-und Beschäftigung zu finden, waren zuletzt genöthigt jedes Anerbieten,
-das sich ihnen darbot, zu ergreifen, um nur Obdach und Nahrung zu
-erhalten, und arbeiteten um einen Lohn, der ihnen zwar, noch mit den
-deutschen Preisen im Gedächtniß, hoch schien, in der That aber die
-bisher gegebenen »=wages=« oft auf ein Drittel herabsetzte. Statt also
-nun in der fremden, sie umgebenden Welt unter Leuten, von denen sie
-nicht geliebt werden, brüderlich bei einander zu stehen, spalten sie
-sich nicht allein in politischer, sondern auch in religiöser Hinsicht in
-vier Hauptparteien, die selbst wieder unter sich ihre eigenen Zwiste und
-Streitigkeiten haben.
-
-Vor allen Dingen trennen sie sich in Katholiken und Protestanten,
-und Nord- und Süd-, oder den dortigen Ausdrücken gemäß, »Hoch- und
-Plattdeutsche,« die dann wieder als Whigs und Demokraten einander
-feindlich gegenüberstehen, wobei die Protestanten noch ihre besondere
-Malice als Lutheraner und Reformierte und Methodisten auf einander
-haben, und sich aus diesen allen als letzter Kern ein Häufchen
-Rationalisten aussondert. Als Organe dieser verschiedenen Parteien dient
-den Katholiken der »Wahrheitsfreund,« ein ächt ultramontanes Blatt, den
-Methodisten dagegen der »Christliche Apologete,« der mit schwärmerischem
-Eifer seine Blitze gegen die Anhänger des Papstes, aber auch zu gleicher
-Zeit gegen die Protestanten schleudert, aus deren Mitte im Jahre 1840
-»der Lichtfreund,« dem Rationalismus Bahn brechend entstand, und nun
-die Zornausbrüche des Wahrheitsfreundes sowohl als des christlichen
-Apologeten auf sich concentrirte. Selten oder nie religiöse Gegenstände
-berührend, vertheidigte indessen das »Volksblatt« die Sache der
-Demokraten und warb mit regem Eifer für den demokratischen Präsidenten,
-bis nahe vor der Wahl die deutschen Whigs, von den amerikanischen dabei
-unterstützt, den »deutschen Amerikaner« herausgaben und augenblicklich
-als die erbittertsten Feinde des Volksblattes auftraten. Zu jener Zeit
-hatte also Cincinnati fünf sich einander feindlich gegenüberstehende
-deutsche Zeitungen, doch ging der »deutsche Amerikaner« nach der Wahl,
-die bekanntlich zu Gunsten des Whigpräsidenten, General William
-Harrison ausfiel, wieder ein. Später wurde auch der »Lichtfreund«
-wegen Übersiedlung des Redacteurs, Herrn Eduard Mühls, nach Hermann in
-Missouri verlegt, dafür entstand aber, als Opposition des Volksblattes
-»der deutsche Republikaner.«
-
-Feinden sich aber in Cincinnati die Deutschen gar oft an und schimpfen
-und schmähen sie einander, so existiren doch wenigstens nicht jene
-Blutsauger unter ihnen, denen der eben von Deutschland Kommende in den
-Seestädten nur zu oft in die Hände fällt. Ich selbst habe während eines
-sehr kurzen Aufenthalts in New-York mehrere Deutsche kennen gelernt,
-welche davon lebten, sich freundschaftlich an die in der fremden
-Stadt unbekannten Landsleute anzuschließen, bis sie entweder den
-letztmöglichen Cent aus ihnen herausgepreßt, oder von den wiederholt
-Getäuschten durchschaut und gemieden worden waren. In Cincinnati gehen
-sie offener und ehrlicher zu Werke, entweder mit der Feder oder -- geht
-das nicht -- mit dem Munde, denn der Deutsche hat gewöhnlich noch vom
-alten Vaterlande her eine Aversion gegen das »Zuschlagen.«
-
-Der später angelegte Theil Cincinnati's, welchen der westliche Canal
-von der eigentlichen Stadt und dem Ohiofluß trennt, ist größtenteils
-von Deutschen bewohnt und wird auch von den Amerikanern »Little Germany«
-genannt. Fast über jeder Thür hängen Schilde deutscher Wirthshäuser,
-Schuster, Schneider und anderer Handwerker, die, wenn sie auch wirklich
-dann und wann englisch geschrieben sind, den deutschen Meister doch
-stets verrathen. Besonders können sich die vaterländischen Schuster mit
-ihrem gemalten Stiefel in der Mitte und einem rothen Schuh an der einen,
-einem schwarzen Schuh an der andern Seite nimmermehr verläugnen, eben so
-wenig die Leute selbst mit ihren langen, blauen, schmalkragigen Röcken
-und den weißleinenen Taschen, mit dem hochausgeschweiften Hut und dem
-rothgeblümten Halstuch.
-
-Das Elend aber, welches leider so oft unter jenen armen Familien
-herrscht, die eben eingewandert, von allen Hülfsmitteln entblößt,
-in kleinen, nackten, Kämmerchen mit großen Familien zusammengepreßt,
-hungern und frieren, und vergebens nach Arbeit und dem verheißenen hohen
-Lohn jammern, ist fürchterlich. Glücklich noch die, denen ein Freund
-oder Verwandter im Anfang das Nothwendigste reichte, da nur zu oft schon
-gerade _jene_ Stadt und Staat verlassen mußten, um irgendwo anders ein
-Unterkommen zu suchen, die solch lockende, einladende Briefe, häufig nur
-um zu prahlen, in die Heimath schrieben; der arme Einwanderer, welcher
-fest auf die versprochene Hülfe baute, sieht sich nachher in dem fremden
-Lande schutz- und freundlos, und ist nicht vermögend, sich selbst, viel
-weniger seine zahlreiche Familie vor Mangel und Elend zu bewahren.
-
-Schwere und drückende Noth herrscht dann oft unter den armen Leuten, und
-dieß mag wohl auch die Ursache sein, daß die wohlhabenderen Landsleute
-endlich abgestumpft gegen ein mit jedem Jahre wiederkehrendes Elend
-werden, dem sie doch nun einmal nicht abhelfen können. Durch diese
-übergroße Anzahl von arbeitsfähigen Männern verringert sich natürlich
-auch mehr und mehr der Lohn, den die dortigen Ansiedler in früheren
-Zeiten gezwungen waren zu geben, weil sie nicht Leute genug bekommen
-konnten. Im Jahre 1840 bezahlten die Farmer fünf bis sechs Dollar den
-Monat für einen kräftigen Mann, was, wenn man die dortigen Verhältnisse
-bedenkt, entsetzlich wenig ist; und dennoch boten sich ihnen viele, sehr
-viele an, welche nur um die Kost zu erhalten bei ihnen arbeiten wollten.
-Mit dem Kaufmannsstande ist es dasselbe, und am allerschlimmsten
-befinden sich Gelehrte, die, vielleicht mit tüchtigen Kenntnissen
-ausgestattet, geglaubt haben, dort verstanden oder anerkannt zu werden.
-Die armen Leute finden sich, besonders in Cincinnati, arg getäuscht.
-
-Für die heimatliche Literatur sterben die Deutschen in Amerika ab. Die
-gebildeteren Klassen lernen das Englische, und vernachlässigen schon
-aus dem Grunde die Muttersprache, da sie zu selten Gelegenheit bekommen,
-deutsche Schriften zu erhalten; die arbeitenden Classen aber lesen
-einzig und allein Zeitungen, und nichts ist leichter, als eine solche
-Zeitung zu redigiren. Der Redacteur muß nur dann und wann einen
-Aufsatz schreiben, in welchem er aus Leibeskräften gegen die politische
-Opposition zu Felde zieht; dabei dürfen natürlich die Wörter »deutscher
-Freiheitssinn,« »deutsche Treue und Biederkeit« u. s. w. nicht fehlen.
-Um das Blatt nachher zu füllen, erscheint im Anfang irgend ein Gedicht,
-sei es von Goethe oder Schiller oder eignes Fabrikat, -- selbst
-eingesandte werden mit Dank angenommen, -- dann eine kleine Novelle oder
-Erzählung aus einer alten, vorsündfluthlichen Didascalia, hierauf einige
-aus englischen, oder, ist es möglich, auch deutschen Blättern entnommene
-Notizen, dann die Marktpreise und Ankündigungen, und die Nummer ist
-versehen. Honorar ist nie zu fürchten.
-
-Nun ist das Blatt freilich gedruckt, muß aber auch noch an die
-verschiedenen Subscribenten herumgetragen werden; zu diesem Zwecke
-schließt der Redacteur einen Contract mit irgend einem Mann ab, dem er
-wenigstens die einzucassirenden Wochengelder anvertrauen kann, und der
-von jeder Zeitung, die er austrägt, etwas Bestimmtes per Woche erhält,
-dessen Vortheil es also neben dem Austragen auch ist, noch so viel neue
-Abonnenten als möglich zu seinen alten zu bekommen, indem sich durch
-eine Vermehrung des Absatzes auch sein Gehalt oder Einkommen vermehrt,
-wobei er für die täglichen Blätter an jedem Sonnabend, für die
-wöchentlichen jeden Monat das Geld eincassirt, weil überhaupt in Amerika
-nichtansässige Leute selten lange an einem Platze bleiben, und ein
-Verfolgen der Schuldner, da keine Controle weder über Fremde noch
-Reisende geführt wird, unmöglich ist.
-
-Cincinnati selbst liegt am nördlichen Ufer des Ohio, der von Pittsburg
-aus, wo dieser durch den Zusammenfluß des Alleghany und Monongahela
-seinen Namen erhält, sich östlich nach einem Lauf von circa 1000
-englischen Meilen in den Mississippi ergießt. Es ist ein stattlicher
-Strom, dessen malerische Ufer ihm den Namen des »amerikanischen Rheines«
-gewonnen haben; bei Cincinnati mag er etwa eine englische Meile breit
-sein und trägt im Winter und Frühjahr die größten Dampfboote, wird
-jedoch im Sommer und Herbst, nicht mehr durch die Bergströme der
-Alleghany-Gebirge genährt, an mehreren Stellen sehr seicht und die
-Schifffahrt hört dann für die größern Boote auf. Durch diesen »schönen
-Strom« aber (der indianische Name der Senecas ist Oh-ey-o oder der
-schöne Strom) erhielt Cincinnati seine Bedeutung und wuchs schnell zu
-einer der größten Städte der Union an; zwar versuchten Speculanten
-am gegenüberliegenden Ufer in Kentucky am Ausfluß des Licking,
-Oppositionsstädte zu erbauen, und New-Port wie Covington entstanden:
-Cincinnati aber überflügelte sie schnell und wurde die »Königin des
-Westens.«
-
-Die eigentliche Stadt, -- denn sie zählt außer dem Städtchen Mohawk
-noch mehrere Anbaue, -- liegt am Fuß einer Hügelreihe, die das Thal
-des kleinen Miami einschließt, und hat mehrere Eisengießereien; dabei
-versorgt sie fast die ganzen Vereinigten Staaten mit geschnittenen
-eisernen Nägeln, die überall statt der geschmiedeten gebräuchlich sind.
-In und um Cincinnati befinden sich auch die bedeutendsten Brauereien und
-Whiskeybrennereien Amerika's, besonders aber Schlachthäuser, wie sie
-auf keinem zweiten Platz in der Welt existiren; denn von hier aus
-werden nicht allein die Vereinigten, sondern auch die südlich gelegenen
-Staaten, Texas und Mexico, mit eingepökeltem Schweinefleisch versehen,
-das sogar bis nach Südamerika verschifft wird.
-
-Nichts schildert den Charakter eines Menschen deutlicher als kleine
-Anekdoten und Angewohnheiten aus seinem Leben; eben so ist es mit einer
-Stadt, die man wohl am leichtesten durch kleinere Züge ihres innern
-Treibens und Verkehrs kennen lernt und von denen ich versuchen will, dem
-Leser einige, wie sie mir noch frisch im Gedächtniß sind, mitzutheilen.
-
-
-Der Markt.
-
-Durch ganz Nordamerika haben die Marktplätze ein ziemlich ähnliches
-Aussehen; ein sogenanntes »Markthaus« bildet den Mittelpunkt und besteht
-aus einem auf einer doppelten Säulenreihe ruhenden Dach, unter dessen
-Schutz die Fleischhauer oder Metzger den innern Raum einnehmen; um
-diesen reihen sich die ein höheres Standgeld bezahlenden Gärtner an der
-Außenseite, aber ebenfalls noch unter dem Schutz des Vorbaues an. In
-Cincinnati sind drei solcher Marktplätze: der obere oder Flymarket,
-der mittlere und der untere Markt; Montag und Donnerstag wird auf dem
-ersten, Dienstag und Freitag auf dem zweiten und Mittwoch und Sonnabend
-auf dem dritten Markt gehalten. Dort prädominiren die Deutschen
-besonders, denn sie bilden nicht allein die Mehrzahl der Fleischer,
-sondern haben auch mit wenigen Ausnahmen den alleinigen Verkauf der
-Gartenfrüchte, und zwar schon aus dem Grunde, weil der Amerikaner in
-dieser Hinsicht nun einmal ein Vorurtheil zu Gunsten der Deutschen hat,
-die, wie er glaubt, Alle geborene Gärtner sind. Will ein Amerikaner im
-Frühjahr seinen Garten herstellen lassen, so ruft er den ersten besten
-Deutschen dazu und überträgt ihm die Arbeit, er fragt aber nie: »weißt
-du mit einem Garten umzugehen?« sondern denkt, das verstehe sich von
-selbst. Dabei haben unsere Landsleute das Monopol des Sauerkrautes, mit
-dem es ihnen wie den Creolen mit ihrem Lieblingsgericht Gumbo geht: es
-ist zum Spottnamen und zur Bezeichnung der Nation geworden, und nicht
-selten hört man unter den niedern Classen der Amerikaner, wenn jemand
-eine gemischte Versammlung bezeichnen will, den Ausdruck: »Es waren
-Amerikaner, Gumbos und Sauerkrauts dort.«
-
-Da übrigens die meisten der zu Markte Kommenden ihre Producte von
-meilenweit entfernten Farmen herbeischaffen, so lassen sie dieselben
-auf ihren kleinen einspännigen, mit Leinwand überzogenen Fuhrwerken,
-und fahren diese auf beiden Seiten des Marktplatzes so auf, daß die
-Einkäufer an der Außenseite umhergehend den im Hintertheil des Wagens
-ausgelegten Inhalt sehen und prüfen können. Oft stehen Hunderte
-derselben in langer, die Straßen weit hinausreichender Reihe beisammen
-und geben dem Ganzen ein eigenthümliches Ansehen; was aber dem Europäer
-besonders auffällt, sind die Einkäufer selbst. Wie ich zum erstenmal auf
-einen amerikanischen Markt kam, traute ich meinen Augen kaum, als ich
-nicht allein anständige, sondern sogar elegant gekleidete Männer, oft
-in schwarzem Frack, mit Ringen an den Fingern, goldenen Uhrketten und
-blendend feiner Wäsche großmächtige Körbe am Arm tragend zu Markte gehen
-oder gar reiten sah; es war etwas unsern deutschen Sitten und Gebräuchen
-so ganz entgegengesetztes, daß ich nur mit vieler Mühe das Lachen
-verbeißen konnte. Nichts macht sich dann komischer, als wenn es anfängt
-zu regnen und der »Gentleman« den schon zur Vorsorge mitgenommenen
-Regenschirm aufspannt, dem kleinen Poney die Hacken in die Seiten setzt
-und mit kurzen Steigbügeln, daß die Knie fast den Sattelknopf berühren,
-zu Hause galoppirt.
-
-Die Fleischer schmücken besonders bei feierlichen Gelegenheiten, als
-am 4. July, dem Tage der Unabhängigkeitserklärung, an Washingtons
-Geburtstag, an verschiedenen Dank- oder Bußtagen etc., ihre Stände und
-das ausgeschlachtete Vieh auf das zierlichste, wobei sie etwas darin
-suchen, alle möglichen Fleischarten zum Verkauf auszustellen; daher
-findet man nicht selten bei einem Einzelnen neben den gewöhnlichen
-Thierarten ganze Bären, Hirsche, Waschbären, Opossums und Eichhörnchen,
-die durch Blumenguirlanden auf das freundschaftlichste mit einander
-verbunden sind.
-
-Den Gemüseverkauf besorgen, wie schon gesagt, fast ausschließlich die
-Deutschen, denen auch die besten und einträglichsten Farmen in der Nähe
-von Cincinnati gehören und von welchen sogar schon Einige Weinberge
-angelegt und einen erträglich guten Wein gekeltert haben. Die Amerikaner
-schaffen hingegen mehr Käse, Eier, Butter und Geflügel zu Markt,
-während die farbige Bevölkerung von Cincinnati meistens gedörrtes Obst,
-Pfirsiche und Äpfel feil hält. Im Ganzen ist Cincinnati die billigste
-Stadt des Westens, und ein einzelner Mann kann mit 400 Dollars (1 Dollar
-1 Thlr. 10 Ngr.) das Jahr anständig leben.
-
-
-Boardinghäuser.
-
-Das Wort »=boarding-house=« ist fast das erste, welches der Einwanderer
-in Amerika lernt -- er muß ein Obdach und Nahrung haben, und dieß alles
-findet er für einen verhältnißmäßig billigen Preis in solchen Kost-
-oder Boardinghäusern. Ich rede hier nicht von den besser eingerichteten
-Wirthschaften und Hotels, die dem Reisenden alle möglichen
-Bequemlichkeiten bieten, und von denen, in Cincinnati besonders, eine
-große Anzahl existirt, sondern von den Häusern, in welchen der Fremde,
-dessen finanzielle Umstände ihm nicht erlauben sechs, acht, ja zwölf
-Dollar die Woche für Kostgeld zu bezahlen, einkehrt, und wo er, wie der
-deutsch-amerikanische Ausdruck ist, »boardet!«
-
-Diese Anstalten werden fast ausschließlich von Deutschen gehalten, sind
-sich im Ganzen ziemlich ähnlich, und wir wollen dem Leser eines dieser
-»Kaffeehäuser,« wie sie sich fast alle nennen, näher vorführen. Es ist
-ein schmales, zweistöckiges, grün angestrichenes Brettergebäude,
-das, selbst etwas windschief, zwischen zwei große Backsteinhäuser
-hineingepreßt, scheinbar von diesen aufrecht gehalten wird. Ein breites
-Glasfenster zeigt drei über einander angebrachte Reihen von Flaschen
-mit Liqueur oder wenigstens einer liqueurfarbigen Flüssigkeit gefüllt,
-zwischen denen, um den sonst etwas zu leeren Raum auszufüllen, einzelne
-Citronen liegen, während in der unteren Reihe mehrere Glasgefäße mit
-Candiszucker und anderen Näschereien prangen. Über der mit einer rothen
-Gardine verhangenen Thür steht auf einem grünlackirten Schild mit
-grellrothen Buchstaben, daß die Augen kaum das Verschwimmen der Farben
-ertragen können, »=Battle of Bunkershill Coffee house=,« und darunter
-»Deutsches Kosthaus von N. N.«
-
-Doch wir wollen hineingehen und das Innere des Heiligthums betrachten.
-Es ist ein kleines, wahrscheinlich früher zum Vorsaal bestimmt gewesenes
-Zimmer, das jetzt aber zur Schenkstube benutzt wird und zugleich das
-Entrée des Hauses bildet. Rechts sind bis zur Decke hinauf Regale
-angebracht, die mit Flaschen, Caraffen, Gläsern, Apfelsinen und
-Zuckerwerk ausgeschmückt, die eine Wand verdecken, während Thür und
-Fenster die zweite einnimmt, und riesenhafte Zettel, Ankündigungen von
-Seiltänzern und Kunstreitern, mit Abbildungen der merkwürdigen Sachen,
-welche diese auszuführen gedenken, die andern beiden überziehen.
-Besonders hervorstechend zeigt sich noch, gerade am mittelsten Regale
-befestigt, ein kleines Schild, auf dem mit größtmöglichen Buchstaben
-die Worte »=No Credit!=« »Kein Credit!« zu lesen sind, und mit dem eine
-zweite unter Glas und Rahmen gebrachte Tafel correspondirt, durch
-welche dem Eintretenden in zierlichen Versen kund gethan wird, daß der
-Eigenthümer seine Weine und Liqueure, seine Flaschen und Gläser, ferner
-Hausrente und Taxen _bezahlen_ müsse, und deßwegen unendlich bedaure,
-seinen geehrten Gästen unter keiner Bedingung borgen zu können. Eine Art
-Ladentisch trennt den Ausschenker oder »Barkeeper« von den Gästen, zu
-deren Bequemlichkeit nur eine kurze, grünlackirte Gartenbank an der
-gegenüberstehenden Wand angebracht ist, die aber für den Augenblick
-leider nicht benutzt werden kann, da ein Irländer, der ein wenig zu
-schwer geladen, langgestreckt darauf liegt.
-
-»Wer tractirt?« ruft jetzt der Barkeeper, welcher sich schon fast eine
-Viertelstunde lang die Anwesenden ungeduldig betrachtete. »Wer tractirt?
-Boy's -- ihr steht ja so trocken da, wie die Pulverfässer -- wollen wir
-drum würfeln?«
-
-Er hat bei den letzten Worten einen kleinen Lederbecher unter dem
-Ladentisch vorgeholt und schüttelt denselben ein wenig; der Klang wirkt
-wie bezaubernd, alle treten hinzu, und die drei niedrigsten Würfe
-müssen den Trunk à Person mit einem Picayune (6¼ Cent. oder 2 gGr.)
-bezahlen. Obgleich der Barkeeper selbst mitspielt, so ist es doch eher
-zu erwarten, daß der niedrigste Wurf leicht einen der Gäste, von denen
-sechse gegenwärtig sind, als ihn treffen wird, und schon auf solche Art
-und Weise verdienen die Wirthe manchen Dollar. Jetzt öffnet sich aber
-die Thür, und ein anständig gekleideter Mann tritt herein und erkundigt
-sich bei dem Ausschenker, ob er hier eine oder mehrere Wochen »boarden«
-könne.
-
-Dieser beschaut ihn zuerst sehr aufmerksam vom Kopf bis zum Fuß, und
-fragt ihn dann vor allen Dingen, »ob er Gepäck bei sich habe?«
-
-»Nichts als dieses!« antwortete der Fremde und zeigt auf ein kleines, in
-ein rothseidenes Schnupftuch eingeschlagenes Päckchen.
-
-»Hm,« sagt der Ausschenker, »dann müssen Sie pränumerando bezahlen, ich
-kann Ihnen nicht helfen!«
-
-»Und wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich das nicht werde,« entgegnete
-pikirt der Fremde.
-
-»=Oh well!=« sagt der Ausschenker, keineswegs dadurch außer Fassung
-gebracht, »dann ist alles in Richtigkeit.«
-
-»Und der Preis?« fragt der Fremde.
-
-»Drei Dollar die Woche!«
-
-Der Mann bezahlt und bittet den Barkeeper nun, ihm sein Zimmer zu
-zeigen; dieser steigt mit ihm eine kleine, schmale Treppe hinauf, öffnet
-die sich fast an der obersten Stufe befindende Thür, und weist den
-Ebengekommenen hinein.
-
-Es ist ein ziemlich großer Raum, der die ganze Breite des Hauses
-einnimmt, mit drei Fenstern und einem gewaltigen Kamin an der Seite,
-das Ganze hat aber ein unfreundlich kaltes Aussehen, denn in dem Kamin
-liegen Stiefeln, Stöcke, Hutschachteln, Pfeifen etc. etc., und beweisen
-zur Genüge, wie wenig von dieser Seite auf ein gutes, erquickendes Feuer
-zu hoffen sei. Des Fremden, den Raum schnell durchfliegende Augen zählen
-fünfzehn zweischläfrige Betten, die eines neben dem andern an den
-Wänden hin und in der Mitte stehen, und eine ziemlich zahlreiche
-Schlafgenossenschaft versprechen. Nur ein Tisch und etwa acht oder
-neun Stühle dienen dem Worte »Mobilien« zur Entschuldigung, und die
-umherhängenden verschiedenartigen Kleidungsstücke sind nicht gerade
-geeignet, dem Ganzen ein freundlicheres Aussehen zu geben.
-
-»Und hier soll ich schlafen?« fragt mit gerade nicht freudiger
-Überraschung der Fremde.
-
-»Ja!« ist die Antwort -- »in diesem Bette hier, mit einem Amerikaner --
-es ist ein ganz ordentlicher Mann!«
-
-»Und kann ich kein Bett für mich allein bekommen?«
-
-»Unmöglich, wir haben jetzt kaum Platz für unsere Gäste -- alle
-Boardinghäuser sind überfüllt.«
-
-Noch steht der Fremde unschlüssig am Eingang, er weiß aber, daß wenn er
-auch zu einem andern Hause gehen wollte, sich die Verhältnisse ziemlich
-gleich bleiben, wirft sein Päckchen auf das ihm angewiesene Bett und --
-ist eingezogen.
-
-»Haben Sie denn wohl einen ruhigen Platz, wo ich einen Brief schreiben
-könnte?« fragt er jetzt nochmals den Barkeeper, der eben im Begriff ist
-die steile Treppe wieder hinunter zu klettern.
-
-»Unten im Zimmer, wo die Übrigen sind!« sagt dieser, »das ist der
-einzige Platz im ganzen Haus.« In jenes Zimmer führt er jetzt seinen
-Gast und zeigt ihm in der einen Ecke einen Tisch, an welchem eben ein
-freundlicher Oldenburger emsig beschäftigt ist, zu dem morgenden Sonntag
-seine Stiefeln zu wichsen.
-
-»Du mußt damit hinausgehen!« fährt er diesen an, »das gehört sich nicht
-in der Stube! wir sind nicht mehr auf dem Schiffe!« Schweigend räumt der
-also Abgefertigte seinen Platz ein und der Fremde sieht sich vergebens
-nach irgend einem Gegenstand um, mit welchem er den staubigen Tisch
-abwischen könne!
-
-»Warten Sie, ich will Ihnen etwas bringen,« sagt der Barkeeper und geht
-in das Schenkzimmer zurück; unterdessen hat jener aber vollkommen Zeit
-den Raum zu betrachten, in welchem er sich jetzt befindet.
-
-Es ist ein geräumiges Zimmer mit einem großen, gußeisernen Gestell in
-der Mitte, das ein Mittelding zwischen Ofen und Kamin zu sein scheint,
-denn es hat wohl die Gestalt des erstern, entspricht aber ganz dem Zweck
-des letztern, da es die Hitze nicht erst durch Röhren, sondern gleich
-durch die vorn im Rost sichtbaren Kohlen verbreitet. Um dieses haben
-sich in allen möglichen Stellungen und Lagen die verschiedenen Gäste
-des »Kaffeehauses zur Schlacht am Bunkers Hill« versammelt, und befinden
-sich alle in einer sehr heitern Stimmung, lachen und erzählen und machen
-einen Lärm, daß die Gläser auf dem zweiten Tische zittern. Einige, die
-im Anfang gekommen sein mochten, hatten noch Stühle gefunden, die später
-Eintreffenden schon mit zwei grünlackirten Holzbänken, denen ähnlich,
-die in der Schenkstube standen, vorlieb nehmen müssen, und die letzten
-konnten einzig und allein stehend an der Gesellschaft und zu gleicher
-Zeit am Ofen Theil nehmen. Unser Gast war gezwungen, sich auf irgend
-eine Art einen Stuhl zu verschaffen, und mit den Sitten solcher Häuser
-schon ziemlich vertraut, blieb er einige Minuten am Feuer, bis einer
-der Sitzenden aufstand, welchem er dann ohne weitere Umstände den kaum
-verlassenen Stuhl entführte und an seinen Tisch trug. Diesen mußte
-er übrigens, da der Barkeeper nicht wiederkehrte, mit seinem eigenen
-Taschentuche abstäuben.
-
-Jetzt klingelt es plötzlich im nächsten Zimmer, und der lang ersehnte
-Ruf »=supper, supper!=« (Abendessen) übertönt und erstickt bald den
-frühern Lärm; alles strömt in das Speisezimmer und der Barkeeper trägt
-den Davondrängenden die zurückgelassenen Stühle nach, da an der Table
-d'hote noch einige fehlen. Eine lange Tafel steht dort gedeckt,
-an welcher etwa 30 Personen Raum und die mit mehrern Fleischarten,
-Kartoffeln, Eiern, Butter und Käse besetzt ist. Jeder Gast findet neben
-seinem Teller eine eingeschenkte Tasse Thee, die er, wenn geleert, bloß
-empor zu heben braucht, um sie augenblicklich wieder von einem jungen
-Mädchen, das die Aufwartung besorgt, gefüllt zu bekommen; doch sieht es
-der Wirth nicht gern, wenn das öfter als zweimal geschieht.
-
-Das Essen ist gut und schmackhaft zubereitet, und nach der Mahlzeit,
-von der jeder, sobald er fertig ist, aufsteht, ohne sich weiter mit Wort
-oder Blick um seinen Nebenmann zu bekümmern, versammeln sich die Gäste
-wieder um den kaum verlassenen Ofen, an welchem jene jetzt die besten
-Plätze einnehmen, die am schnellsten essen konnten.
-
-Die Gesellschaft ist übrigens keineswegs uninteressant, denn nicht
-allein verschiedene Nationen, sondern auch verschiedene Stände treffen
-sich hier, und die gebildetere Classe der Deutschen, als Advocaten,
-Ärzte, Theologen, Kaufleute etc., die größtentheils wenigstens für den
-Augenblick noch gezwungen waren, eine ihren frühern Beschäftigungen
-gerade nicht entsprechende Arbeit zu übernehmen, um ehrlich und
-ordentlich in der neuen Welt durchzukommen, findet sich bald zusammen
-und verplaudert die langen Abende.
-
-Die Zeit des Schlafengehens naht aber jetzt, und hie und da schleichen
-einzelne mit abgebrannten Lichtendchen in der Hand die Treppe hinauf,
-denen die übrigen ebenfalls bald folgen und ermüdet das harte Lager
-suchen, welches nur aus einer Seegras-Matratze und zwei oder drei
-wollenenen Decken besteht. Die Lichter verlöschen nach und nach, und
-sobald sich die einzelnen Paare und Bettgenossenschaften verständigt
-haben, ob sie »doppelt-Adler« oder »löffel-artig« liegen wollen,
-herrscht für wenige Minuten tiefes Schweigen, das aber bald einem von
-allen Seiten hertönenden Schnarchen weicht, bei dem sich der daran nicht
-Gewöhnte oft stundenlang unruhig auf seinem Lager umherwälzt.
-
-Es existiren übrigens auch mehrere amerikanische Boarding-Houses in
-Cincinnati, wo der Gast für 5 Dollars per Woche eine reinlichere und
-freundlichere Umgebung hat, das Unangenehme des Zusammenschlafens mit
-Mehrern findet sich in den meisten.
-
-
-Money-Brokers.
-
-Die Geldwechsler spielen in allen Städten Amerika's eine bedeutende
-Rolle, denn wo solch' unzählige Banken und Tausende von verschiedenen
-Banknoten und Münzsorten circuliren, ist es unbedingt nöthig, Leute
-zu haben, welche nicht allein die ächten von den nachgemachten
-unterscheiden können, sondern auch den Reisenden mit den für ihn
-brauchbarsten Münzsorten oder Tresorscheinen versehen.
-
-Hunderte von Banken streuen jährlich ihre Noten unter die Bevölkerung
-der Vereinigten Staaten aus; viele bestehen fort und lösen später das
-ausgegebene Papiergeld wieder mit Silber ein, die meisten aber machen
-bankerott oder thun wenigstens was gleichbedeutend ist: sie nehmen nicht
-einmal mehr ihr eigenes Geld für den vollen Werth an, so daß es 20, 30,
-ja bei dem Mississippi-, Arkansas-, Atchafalaya- und Texas-Geld schon
-bis zu 70 und 80 Procent gefallen ist. Am schlimmsten stehen sich bei
-diesem fortwährenden Schwanken des Geldcurses die armen Leute, die
-Arbeiter und Tagelöhner, welche am Ende des Monats ihre paar Thaler in
-irgend einem Papiergeld ausbezahlt bekommen, das, wie ihnen der Broker
-sagt, »gut« ist -- und wofür sie auch ihre Bedürfnisse an Kleidern und
-Schuhwerk kaufen können; morgen aber vielleicht schon heißt es -- »die
-und die Bank hat ihre Zahlungen eingestellt.« Niemand nimmt die Noten
-mehr zu dem vollen Werth, und der Mann, welcher sich schwer und hart für
-die wenigen Dollars geplagt hat, verliert noch 15 bis 20 Procent daran,
-während die Bank von ihren eigenen Noten, so viel sie bekommen kann,
-schnell zu dem gefallenen Preis aufkauft und nach ein paar Monaten,
-nach deren Verlauf sie sich wieder für zahlungsfähig erklärt, Tausende
-verdient hat.
-
-Ein fürchterlicher Mißbrauch wird mit diesem Papierwesen getrieben,
-und daneben existirt fast keine Bank, von der nicht Verfälschungen
-circuliren, zu deren Entdeckung wöchentlich Broschüren ausgegeben
-werden, welche die Namen der sogenannten »=counterfeits=« und den
-Werth der verfälschten Noten angeben. Auch hier ist es wieder der Arme,
-welcher durch diese den meisten Schaden leidet, da er die ächten selten
-von den unächten zu unterscheiden vermag.
-
-Das wenige Silber und Gold hat übrigens durch die ganze Union denselben
-Werth und dasselbe Gepräge, wenn auch hie und da andere Namen, nur
-ist Cincinnati die westlichste Stadt, in welcher Kupfergeld circulirt
-(Cente, hundert auf einen Dollar); schon in Louisville, 150 Meilen
-westlich, kennt man als kleinste Münzsorte nur Picayunes oder =half
-dimes= (6¼ und 5 Centstücke), die von dort an einen andern Werth
-haben, und mit denen gegen die aus den östlichen Staaten ein bedeutender
-Handel getrieben wird, indem die =half dimes= dort, selbst noch
-theilweise in Cincinnati, nur 5 Cent gelten, und weiter den Ohio
-hinunter und am ganzen Mississippi für 6¼ angenommen werden.
-
-Die Broker haben ihre kleinen, zierlich ausgeputzten Locale gewöhnlich
-an Straßenecken, um recht in die Augen zu fallen, und suchen etwas
-darin, durch in den Fenstern ausgelegte Packete Banknoten und kleine
-Haufen von Goldstücken die Augen der Vorübergehenden auf sich zu ziehen.
-
-
-Auctionen.
-
-In einem Lande, wo so viel und so großartig speculirt wird, wie in
-Amerika, ist es eine sehr natürliche Folge, daß sich auch Tausende in
-ihren Erwartungen und Hoffnungen betrogen finden, deren Eigenthum und
-Waare dann den Weg in die zahlreichen, durch die ganze Stadt zerstreuten
-Auctionslocale findet, und hier auf eine oft unglaubliche Art unter dem
-Werth verschleudert wird.
-
-Eine kleine hellrothe Fahne, über der Thür aufgesteckt, zeigt am Tage
-den Ort an, wo Abends mit dem Glockenschlag sieben der Ausverkauf
-beginnen wird, und Kauflustige oder Neugierige treiben sich, einander
-ablösend, fortwährend vor und in diesen Localen herum, um die am Abend
-vorkommenden Waaren zu betrachten und zu prüfen; mit einbrechender
-Dämmerung jedoch, wo die blutrothe Flagge übersehen werden könnte,
-stellt sich irgend ein Mann oder Knabe, sehr häufig ein besonders hierzu
-gemietheter Neger, mit einer Handglocke vor das Auctionslocal, und
-läutet pausenlos auf eine ohrenzerreißende Art, um die Bevölkerung
-von Cincinnati darauf aufmerksam zu machen, daß die Versteigerung bald
-beginnen werde. Es sind wohl zwölf bis funfzehn verschiedene Auctionen
-an jedem Abend, und hier kaufen besonders die umherziehenden Krämer
-ihre Waaren ein, mit denen sie später die Farmer im Innern des Landes
-beglücken.
-
-Der Auctionator steht auf einer von dem Platz, welchen die Käufer
-einnehmen, getrennten hohen Bühne, die es ihm möglich macht, alle
-zu sehen, wie von allen gesehen zu werden, und die zu versteigernden
-Gegenstände werden ihm durch einen zweiten von innen hinausgereicht. Von
-dem Mittelpunkt dieser Bühne aus läuft ein schmaler, langer Tisch
-bis fast zur Thür hin, um auf diesem vorkommende Ausschnittwaaren
-aufzurollen und den Kauflustigen besehen zu lassen. Die Waaren selbst
-sind übrigens sehr gemischter Art -- Tuche und Steingut, Bijouterien
-und Glaswaaren, Kattune und Bücher, eiserne Geräthschaften und Porzellan,
-Schuhe und Hüte, Weine, Liqueure, eingemachte Früchte und Austern, alles
-wird wild durcheinander feil geboten, wobei sich der Auctionator durch
-eine fast fabelhafte Zungenfertigkeit auszeichnet, mit welcher er das
-ausbietende und aufmunternde =going, going, going, going=, ruft, daß das
-Ohr dem Klange kaum zu folgen vermag, bis ein entscheidendes »=gone!=«
-den Bietenden entweder erschreckt oder erfreut.
-
-Allerdings hat man öfters die Gelegenheit auf diesen Auctionen Waaren
-zu einem Spottpreis einzukaufen, im Ganzen ist es aber doch sehr
-gefährlich, denn entweder wird der mit den Gebräuchen nicht Bekannte
-angeführt, oder kauft, durch den anscheinend billigen Preis bestochen,
-eine Masse von Sachen, die er mit gutem Gelde bezahlen muß und nachher
-nicht gebrauchen kann.
-
-
-Kleiderladen
-
-sind in Amerika, wo alles so zauberhaft schnell geht und die Menschen
-sich fast stets unterwegs befinden, unentbehrlich -- wie hätte der
-Amerikaner Zeit, sich einen Rock anmessen und nachher machen zu lassen.
-Oft Hunderte von Meilen verreisend, nimmt er gewöhnlich als einziges
-Gepäck ein kleines Felleisen mit, in welchem er ein Hemd und mehrere
-reine Vorhemdchen und Kragen führt, das ist das einzige, was er
-waschen läßt, alles übrige wird, sobald getragen oder zerrissen,
-neu angeschafft. Kleiderläden, in denen man jedes zum Anzug Nöthige
-antrifft, findet man daher auch in jeder Stadt und besonders gleich an
-den Dampfboot-Landungen in großer Anzahl, die fast alle, sei es nun im
-Norden oder Süden, New-York oder New-Orleans, St. Louis, Cincinnati,
-Buffalo oder Charlestown, von deutschen Juden gehalten werden. Wie
-die Yankees den fast alleinigen Uhrenhandel an sich gerissen haben, so
-verhält es sich mit den Israeliten und Kleiderläden, in keiner Stadt
-aber mehr als in Cincinnati, das gewissermaßen den Mittelpunkt bildet,
-von welchem sie sich in die ganzen westlichen Staaten zerstreuen, um
-als wandernde Krämer mit Tragekasten oder Lastpferd ihre Waaren
-feilzubieten, oder auch in der Stadt selbst bleiben und am Werft wie in
-den Hauptstraßen vor ihren Läden förmlich auf die Vorbeigehenden lauern.
-Gnade Gott dem armen Teufel, der mit etwas schäbigen Kleidern und einem
-sehnsüchtigen Blick auf die zur Schau ausgehängten Anzüge vorüber
-geht, er ist unrettbar verloren; der Verkäufer, ein auf das Eleganteste
-angezogener Jüngling, der nie deutsch spricht, außer da, wo er sieht,
-daß der, mit dem er es zu thun hat, auch kein Wort englisch versteht,
-stürzt auf ihn zu, faßt ihn um die Taille, und zieht ihn unter den
-zärtlichsten Vorwürfen, daß »so ein hübscher Mensch solch abgerissenes
-Zeug trage,« in den Laden; hat dieser dann noch hinlänglich baares Geld,
-und sei es nur genug, um ein Taschentuch zu kaufen, bei sich, so kommt
-er selten ohne irgend einen aufgedrungenen Artikel fort.
-
-Freilich laufen diese Ladenjünglinge auch manchmal der unrechten
-Person in den Weg und ernten Grobheiten oder gar Ohrfeigen für ihre
-Zudringlichkeit; was thut's aber, sie leiden ja für die heilige Sache,
-und der nächste Vorüberwandernde entgeht darum seinem Schicksal doch
-nicht.
-
-Durch die in den Zuchthäusern gefertigten Schuhe und Kleidungsstücke,
-wie durch den geringen, wahrhaft grausamen Preis, welchen arme
-Nähmädchen für eine Tagesarbeit bekommen, sind Kleidungsstücke, was
-nicht Seide oder Tuch ist, erstaunlich billig geworden, so daß man jetzt
-selbst in New-Orleans ein baumwollenes Hemd mit leinenem Vorhemd und
-Kragen für Einen Dollar kauft, ebenso recht gut aussehende Schuhe
-und Beinkleider, Jacken und Westen für Einen Dollar das Stück. Wie
-nachlässig übrigens diese Sachen gefertigt sind, kann man sich denken;
-es soll aber alles schnell gehen, die Dauer und Solidität der Arbeit
-kommt nicht in Betracht. So z. B. kündigte eine Wäscherin (Mulattin) vor
-mehreren Jahren in Cincinnati, in Mainstreet, durch ihr Aushängeschild
-an, daß sie jedes ihr anvertraute Kleidungsstück »in _einer_ Stunde
-wasche und trockne;« auf welche Art der Stoff dabei behandelt wurde,
-läßt sich denken.
-
-
-
-
-Der wunderbare Traum.
-
-
-Im Staat Pensylvanien, dicht am nordwestlichen Fuß der Alleghanies,
-liegt oder lag vielmehr das kleine Städtchen Seneka, das damals, als man
-es gründete, von Ansiedlern fast überschwemmt ward; denn jeder Einzelne
-hoffte goldene Berge in dem neu entdeckten Eldorado zu finden und
-Seneka bald als den Brennpunkt des Staates zu sehen, nach dem sich aller
-Verkehr, wie die Blumen zur Sonne, hinwenden müsse.
-
-Jetzt sind freilich diese schönen Träume größtentheils in ihr
-ursprüngliches Element _Luft_ zurückverschwommen, und ein allein
-und einsam stehendes Farmhaus kündet die Wohnung des »_Letzten der
-Senekaner_,« der hier, allen früheren Plänen und Hoffnungen von
-gepflasterten Straßen und Gaßbeleuchtung entsagend, gar ehrsam Ackerbau
-und Viehzucht treibt.
-
-Noch vor zwölf Jahren aber, und in derselben Zeit, von der ich hier
-erzählen will, befand sich Alles in seiner Blüthe; mehre Wirthshäuser
-waren angelegt, ein Gerichtshaus und ein Gefängniß standen fertig
-aufgerichtet und wurden auch schon benutzt, denn es fehlte nur noch das
-Dach zu beiden, mehre kleine Stores oder Läden waren etablirt, in denen
-der fleißige Städter Whiskey beim Quart und Kaffee, Zucker und Kattun,
-wie Schuh und Stiefel, Ackergeräth, Kochgeschirr etc. etc. etc.,
-kaufen konnte, und zwei Schul- und Kirchengebäude, das eine den
-Presbyterianern, das andere den Baptisten gehörig, standen zum frommen
-Dienst bereit und wurden von der gottesfürchtigen Gemeinde gar häufig
-benutzt.
-
-Wie es nun aber stets bei so neuerrichteten und gegründeten Städtchen
-geht, so sammelte sich auch dort ein buntes Gemisch von allerlei oft
-recht wunderlichen Leuten, und wo viel gute und ordentliche Menschen
-sind, da bleibt es fast nie aus, daß sich auch ein parr rauhe, wilde
-und nichtsnutzige Gesellen mit einschwärzen, die dann so lange mit der
-übrigen Bevölkerung auf einem Fuß stehen und mit ihr gleiche Achtung
-und gleiche Rechte genießen, bis sie entweder selbst sehen, daß die Zeit
-naht, wo sich jeder brave Mann von ihnen fern hält und sie ihr
-Wesen nicht länger treiben können, oder die Gemeinde auch fest und
-entschlossen auftritt und sie ausstößt.
-
-Ein solcher Bursche, zu allem Schlechten fähig und zu nichts Gutem zu
-gebrauchen, war ein junger Kentuckier, Hills, der sich eine Zeitlang
-auf dem Monongahelafluß als Flatbootmann herumgetrieben hatte, und nun
-einmal versuchen wollte, ob er's nicht schneller und bequemer »in der
-Stadt« zu etwas bringen könne.
-
-Er lebte oder »boardete« wie man dort sagt, im Hause eines Irländers,
-eines braven fleißigen Mannes, der mit seiner jungen Frau erst kürzlich
-aus dem alten Vaterlande herüber gekommen, und von einem der sogenannten
-Landhaye in New-York auch gleich beredet worden war, sich hier in
-Seneka, der künftigen Königin aller westlichen Städte anzukaufen und
-niederzulassen. Hills aber, der an nichts Heiliges, weder im Himmel noch
-auf Erden glaubte, fand Gefallen an der jungen Irländerin und suchte
-sich ihr, wenn ihr fleißiger Mann sein kleines Grundstück bearbeitete,
-zu nähern und sie sich geneigt zu machen. Diese aber wies ihn ernst und
-strenge zurück und drohte endlich, als Alles das nichts half, ihren
-Mann von dem nichtswürdigen Betragen seines Hausgenossen in Kenntniß zu
-setzen.
-
-Eine Zeit lang schüchterte das den Kentuckier ein, denn der Irländer
-war ein kräftiger Gesell und verstand sicherlich, was seine Hausrechte
-betraf, keinen Spaß; eines Abends aber, als er der jungen Frau im Walde
-begegnete, die gerade eine kranke, nicht sehr entfernt wohnende Freundin
-besucht hatte, und nun zu Hause zurückkehren wollte, schloß er sich ihr
-an und wurde nach wenigen miteinander gewechselten Worten so frech und
-zudringlich, daß sie ihm mit lauter Stimme drohte, um Hülfe zu rufen,
-wenn er sich nicht gleich entferne, als plötzlich mit zorngerötheten
-Wangen und finster zusammengezogenen Braunen ihr Mann aus den
-benachbarten Büschen sprang und im nächsten Augenblick neben dem
-erbleichenden Kentuckier stand.
-
-Was an jenem Abend weiter vorgefallen hat nie ein Mensch erfahren,
-am nächsten Morgen aber fand man, durch Blut in der Straße aufmerksam
-gemacht, den Kentuckier mit zerschmettertem Schädel im Gebüsch liegen.
-Er schien schon mehrere Stunden todt, und jede Hülfe kam zu spät. Noch
-an demselben Abend wurde er begraben.
-
-Wüthend durchtobten aber indessen die Freunde des Ermordeten die kleine
-Ansiedlung und forschten nach dem Mörder; ja selbst der stillere Theil
-der Bevölkerung, die Baptisten und Presbyterianer, waren entrüstet, daß
-in ihrer ruhigen und frommen Gemeinde so etwas vorgefallen war. Durch
-einen kleinen Knaben ward endlich der Verdacht auf den Irländer gelenkt,
-denn dieser hatte ihn noch spät Abends mit seiner Frau zu Hause kommen
-gesehen, und zwar gerade aus jenem Weg, neben welchem die Leiche lag
-und der kleine Bursche behauptete dabei steif und fest, der Irländer sei
-blutig im Gesicht gewesen.
-
-Man forschte jetzt genauer nach, durchsuchte das Haus und fand --
-sorgfältig hinter einer großen Kiste versteckt, eine baumwollene Jacke,
-an welcher noch frische Blutflecken nicht zu verkennen waren. Zwar
-behauptete Mac Ferson (der Name des Iren), einen Hirsch erst an dem
-Nachmittag erlegt und den Kentuckier wohl gesehen, aber keinen Streit
-mit ihm gehabt zu haben; in seinem ganzen Wesen ließ sich aber dabei
-eine gewisse Verlegenheit nicht verkennen, und weder seine Betheuerungen
-»er sei unschuldig,« noch die Bitten seiner Frau halfen ihm etwas; er
-wurde gebunden und in das Gefängniß -- ebenfalls ein aus starken Stämmen
-errichtetes Blockhaus -- abgeführt.
-
-Dort blieb er den Tag seinen einsamen Betrachtungen überlassen, und
-wurde am nächsten Morgen, da gerade Gerichtstag im Städtchen war, vor
-seine Richter, vor die Geschworenen gestellt. Hier aber schien leider
-Zeugniß auf Zeugniß _gegen_ den armen Teufel auftauchen zu wollen, denn
-außer dem blutigen Kleidungsstück hatte man noch ganz nahe bei seiner
-Wohnung einen ebenfalls mit Blut befleckten schweren Knittel gefunden,
-und mehrere Einwohner sagten dabei aus, Mac Ferson habe sich mehre Male
-gegen sie geäußert, er glaube, seine Frau gefalle dem Kentuckier, und er
-wolle sich nur erst Beweise verschaffen, ehe er ihn fühlen lasse, was
-es heiße, den Rechten eines Irländers zu nahe zu treten. Mac Ferson
-leugnete dies auch nicht, blieb aber bei seiner Behauptung, an dem
-Nachmittag keinen Streit mit dem Kentuckier gehabt, ja kein einziges
-Wort mit ihm gewechselt zu haben und betheuerte nur in einem fort seine
-Unschuld.
-
-Der Staatsanwalt versuchte jetzt ihn durch Kreuzfragen zu verwirren, Mac
-Ferson war aber nicht der Mann, der sich, wenn wirklich schuldig, durch
-einen Advokaten außer Fassung bringen ließ -- er blieb dabei, das an der
-Jacke gefundene Blut sei von einem Hirsch, und man sah sich gezwungen,
-ihn aufzufordern, die Männer zu der Stelle hinzuführen, wo er den Hirsch
-geschossen habe. Der Ire war auch gern bereit dazu, aber erst seit
-kurzer Zeit in Amerika, behauptete er mit dem Wandern im Walde nicht
-recht vertraut zu sein, indem er nie genau wisse, nach welcher Richtung
-er sich wenden solle, sobald er einmal mitten zwischen den Bäumen sei,
-den Ort also auch nicht wiederfinden könne, wo er das Wild erlegt und
-aufgebrochen hätte. Er bat daher die Richter nur, in dieser Gegend herum
-mehrere Männer zu postiren, die dann bald aus dem Flug der Aasgeier
-erkennen könnten, nach welcher Richtung zu die im Walde zurückgelassene
-Beute läge.
-
-Er war dabei so ernst und ruhig, blieb sich in allen seinen Antworten so
-gleich, und widersprach sich nicht ein einziges Mal, so daß die Männer,
-die sein Urtheil sprechen sollten, wirklich anfingen, trotz allen
-vorliegenden und fast unumstoßbaren Beweisen, an seine so fest
-betheuerte Unschuld zu glauben und den Bitten des Gefangenen
-willfahrten. Vergebens aber blieb ihr Suchen; alle Bussards und Adler
-schienen die Gegend verlassen zu haben, und erst am dritten Tag, als
-man auch noch ein kleines Scalpiermesser bei ihm gefunden hatte, was der
-Ermordete an demselben Abend, wo er erschlagen worden, in dem nächsten
-kleinen Laden aus der Scheide gezogen, um Brod damit abzuschneiden,
-glaubte man hinlängliche Beweise (=circumstantial proofs=) zu besitzen,
-ihn auch ohne sein Eingeständniß zum _Tode durch den Strang_ zu
-verurtheilen.
-
-Er lauschte dem Spruch ruhig und ohne eine Miene zu verziehen, nur nahm
-sein Gesicht eine fast noch bleichere, leichenähnlichere Farbe an und er
-sagte dann, sich mit leiser aber doch deutlich klingender Stimme an die
-Geschworenen wendend, »daß er sie nicht tadeln könne, sie haben ihre
-Schuldigkeit gethan, Alles scheine gegen ihn zu sprechen und die
-Menschen müßten ihn wohl für schuldig halten, Gott aber wisse, wie
-er schuldlos sei, und wenn es mit seinen weisen Rathschlüssen
-übereinstimme, so werde er ihn auch wohl noch zu retten und seine
-Unschuld dazuthun wissen.«
-
-So rückte der letzte Abend heran, und seine Frau, der man den Zutrit
-zu ihm natürlich gestattete, blieb mehrere Stunden in der engen Zelle,
-hielt sich aber sehr gefaßt und ruhig und sprach ihm sogar Muth ein --
-Gott werde ihn schon nicht in dem fremden Lande verlassen -- er solle
-nur auf ihn bauen. Mac Ferson verlangte dann nach dem Priester; es war
-aber in der ganzen Ansiedelung kein katholischer Geistlicher, und der
-Ire bat dann, ihm einen Prediger der Baptisten zu senden, da er sich
-nach dem Trost der Religion sehne, wenn dieser auch aus einem nicht
-katholischen Munde käme.
-
-Das freute die Baptisten ungemein und machte ihm ihre Herzen sehr
-geneigt. Der Prediger der kleinen Schaar, ein kleiner hagerer Mann, mit
-einem etwas abgetragenen blauwollenen Frack, sehr eingefallenen Wangen
-und etwas stieren gläsernen Augen, auf der scharfgebogenen Nase eine
-gewaltige Brille, säumte denn auch nicht lange, und versicherte ihm
-nach kurzer Unterredung, daß er, sei er nun des angeklagten Verbrechens
-schuldig oder nicht, in wenigen Stunden am Throne des Höchsten
-Verzeihung für seine Sünden und Gnade in den Augen des Allerbarmers
-finden würde.
-
-Mac Ferson betete wohl bis zwölf Uhr in dieser Nacht mit dem frommen
-Manne, beichtete ihm alle seine Sünden, gestand auch, wie er schon,
-seit er das freie Land Amerika betreten, gewünscht habe dem katholischen
-Glauben zu entsagen und sich den Baptisten anzuschließen, deren einfache
-Formen ihm stets am meisten zugesagt, und bewies sich so zerknirscht, so
-weich und religiös, daß der Prediger diesen Augenblick nicht ungenützt
-vorüber lassen zu dürfen glaubte, und dem Verurtheilten noch einmal
-dringend an's Herz legte, das letztverübte Verbrechen zu gestehen, damit
-er vor Gott Nichts habe, was noch einen schwarzen Schatten auf seine
-Seele werfen könne. Hier blieb der Unglückliche aber verstockt und
-behauptete nur, der liebe Gott wollte ihn durch diesen unverschuldeten
-Tod für all' seine früheren Sünden und Laster strafen, an dem
-vergossenen Blute sei er jedoch unschuldig und der Kentuckier müsse von
-einem Anderen erschlagen sein.
-
-»Ich habe einen Verdacht,« sagte er dann wie überlegend nach kurzer
-Pause, »aber er ist zu weit hergeholt, zu unwahrscheinlich, als daß
-ich es gewagt hätte, ihn vor den Geschworenen zu äußern; es würde meine
-Sache vielleicht noch verschlimmert haben.«
-
-»Aber _mir_ könnt Ihr ihn entdecken, armer Mann,« sagte der Prediger --
-»meinem Herzen könnt Ihr ihn vertrauen; wer weiß, ob nicht vielleicht
-dadurch noch Rettung für Euch möglich ist.«
-
-»Ach nein, ehrwürdiger Herr,« erwiederte der Ire -- »der Verdacht ist
-zu wild, zu oberflächlich, doch _Ihr_ sollt ihn hören. Erst vorgestern
-äußerte der Kentuckier -- wie auch allenfalls meine Frau bezeugen
-könnte, denn wir saßen zusammen am Tisch -- daß er glaube einen Menschen
-hier in der Gegend gesehen zu haben, der seinen Wohnort umschliche, und
-dessen Anwesenheit er eigentlich fürchten solle, da er ihn früher einmal
-tödtlich beleidigt habe. Damals achteten wir nicht sonderlich auf die
-Worte, jetzt aber, da der Unglückliche erschlagen ist, kann ich kaum
-umhin zu glauben, daß jener Fremde die That verübt hat.«
-
-»Aber weshalb erwähntet Ihr diesen so wichtigen Umstand nicht bei Euerem
-ersten Verhör?« rief der Prediger aus. »Man hätte in der benachbarten
-Gegend nachforschen und den Mörder, wenn es wirklich jener Fremde war,
-vielleicht auffinden können.«
-
-»Ich wußte nicht gewiß, ob Jener der Thäter sei,« sagte der Ire mit
-frommen zum Himmel gerichteten Blicken, »und wollte keinen Unschuldigen
-in's Verderben bringen.«
-
-So lange blieben die beiden Männer nun noch im Gespräch und Gebet
-zusammen, bis der Diener des Herrn fast wirklich von der Unschuld des
-armen Irländers überzeugt war; das einmal gesprochene Urtheil ließ sich
-aber einer solchen oberflächlichen Vermuthung nach nicht abändern, und
-die Stunde rückte heran, in welcher der zum Tode Verdammte die Strafe
-für ein Verbrechen erleiden sollte, das er, wie jetzt ein großer Theil
-der Bewohner von Seneka zu glauben anfing, gar nicht begangen. Der
-Baptist hatte nämlich seiner ganzen Gemeinde am nächsten Morgen das
-in der Nacht erhaltene Geständniß des armen Iren mitgetheilt, wobei
-er nicht zu erwähnen vergaß, mit welch frommem Herzen er sich ihrer
-Religion zugeneigt und dem Papstthum entsagt habe, und wer weiß, ob
-nicht schon aus diesem Grunde eine Art Gnadenakt zu seinen Gunsten
-ausgeübt wäre, hätten sich die Presbyterianer dabei nicht in's Mittel
-geschlagen, die schon das mit neidischen Augen betrachtet hatten, daß
-der Katholik die Religion der Baptisten der ihren vorgezogen.
-
-Der Baptistenprediger suchte etwa zwei Stunden vor der Execution den
-Verurtheilten wieder auf und frug ihn, ob er vielleicht noch wünsche,
-seine Frau vor seinem Tode zum letzten Mal zu sehen; Mac Ferson
-verneinte das aber, indem er sagte, er habe schon Abschied von ihr
-genommen, und wolle sich das Sterben nicht durch eine zweite solche
-Scene erschweren. Sein ganzes Benehmen war aber an diesem Morgen so
-sonderbar, so eigenthümlich, daß es nicht umhin konnte, dem frommen
-Manne aufzufallen, der dann natürlich gar eifrig in ihn drang, ihm das
-zu entdecken, was seine Seele noch belaste, damit er rein und sündenfrei
-vor den Thron des Höchsten treten könne. Der Baptist glaubte nicht
-anders, als Mac Ferson fange an, durch die Nähe seiner letzten Stunde
-geängstigt, sein bisheriges verstocktes Leugnen zu bereuen, und wolle
-nun bekennen, daß er das Verbrechen doch begangen habe.
-
-Mac Fersons ganzes Benehmen schien ihn auch darin zu bestärken, denn
-erst war er unruhig, ging mit etwas verstörten Blicken in dem engen
-Raume auf und ab, und beantwortete fast alle an ihn gerichteten Fragen
-zerstreut und wie mit ganz andern Dingen beschäftigt. Der Mann Gottes
-bat ihn zwar mehrere Male, seine Blicke nun der Ewigkeit zuzuwenden, an
-deren Pforten er in wenigen Minuten stehen würde; der Ire schien jedoch
-das Alles nicht zu beachten, preßte aber oft die Hände gegen die Stirn,
-als ob ihn ein wilder Traum schrecke oder irgend ein, vor seiner Seele
-ansteigendes Bild ängstige, bis endlich die Stunde schlug, die zu seiner
-Hinrichtung bestimmt war, und erst als er den nahenden Sheriff hörte, da
-warf er sich auf die Kniee nieder, betete mit leiser flüsternder Stimme
-ein kurzes Gebet, und gestand nun dem Prediger, er habe einen Traum
-gehabt, von dem er nicht wisse, ob er ihm von Gott, oder von dem
-Erzfeind, dem Teufel, gesandt sei.
-
-Der Prediger drang jetzt in ihn, ihm den Traum mitzutheilen, der
-Gefangene wies aber auf den eben eintretenden Sheriff, der mit zwei
-Constablen in der Thür erschien, und flüsterte leise:
-
-»Es ist zu spät!«
-
-»Nein Mann -- nein -- es ist _nicht_ zu spät,« rief der fromme
-Geistliche entsetzt, »das wolle Gott verhüten, daß Ihr in Euerem letzten
-Augenblick daran verhindert werden solltet mir mitzutheilen, was Euere
-Seele peinigt -- nein -- der Sheriff ist ein braver Christ und wird
-sicherlich nicht solche Verantwortung vor Gott auf sich nehmen wollen.«
-
-Dieser versicherte auch dem Geistlichen augenblicklich, daß er gern
-bereit sei, noch eine Viertelstunde zu warten, die Zuschauer wären
-aber versammelt, und länger dürfe er den Ausspruch des Gesetzes nicht
-verzögern. Er zog sich dann nebst seinen Begleitern zurück und mehre
-Sekunden sah ihm Mac Ferson sinnend und ernst nach; dann aber wandte er
-sich an den frommen Mann und sagte mit fester, ruhiger Stimme:
-
-»Ich sehe, ich darf nicht länger zögern; der Augenblick, der mich mit
-meinem Gott vereinen soll, ist gekommen. Vorher, ehrwürdiger Herr,
-erfahren Sie aber noch einen Traum, den ich in letzter Nacht geträumt
-und der mir in diesem Moment fast mehr als Traum scheint -- ich habe den
-Mörder des Kentuckiers gesehen!«
-
-»Großer Gott -- wär' es möglich!« rief der Prediger, überrascht von
-seinem Stuhle aufspringend, »hätte Euch Gott in seiner unendlichen Güte
-den wahren Mörder gezeigt und wäret Ihr wirklich unschuldig? Wer war
-es?«
-
-»Ich kenne ihn nicht.«
-
-»Keiner aus dieser Stadt?«
-
-»Nein!«
-
-»Und Ihr habt ihn früher nie gesehen?«
-
-»Nie!«
-
-»Aber was, um des Heilandes willen, soll Euch das nützen? wer wird Euch
-glauben? wie wollt Ihr den Mann zur Stelle schaffen?«
-
-»Ich kenne seinen Aufenthalt« --
-
-»Ihr? aber woher?«
-
-»Ich sah ihn im Traum -- doch hört mich und sagt mir nachher, was ich
-thun, ob ich schweigen oder dem Volk den Traum bekannt machen soll.
-Mir war, als ob ich langsam, mit meiner Axt auf der Schulter, durch
-den Wald, und zwar auf demselben Fahrweg, auf dem der Mord geschehen,
-hinschlenderte, als ich plötzlich um eine Ecke bog, die hier durch
-dichtes Gestrüpp und einige umgestürzte Fichten gebildet wurde. Was ich
-dort wollte, weiß ich nicht mehr, denn ich bin nie so weit mit der Axt
-in dem Walde gewesen, aber mir war wunderbar leicht zu Muthe und ich
-hätte von der Erde auffliegen und über die Baumwipfel dahinstreichen
-mögen. Es kommt Einem ja manchmal im Traum ein ähnliches Gefühl. Da, wie
-gesagt, bog ich um jenes Dickicht herum und sah ein Schauspiel vor mir,
-das mir das Blut in den Adern zu Eis erstarren machte. Mitten im
-Fahrweg lag die große, kräftige Gestalt des Kentuckiers, und über
-sie hingebeugt, eben wieder zu erneutem Schlage ausholend, stand ein
-schlanker, schmächtig gebauter Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer
-breiten Binde um das linke Auge, die sein halbes Gesicht verdeckte, und
-einem gelben, breiträndigen Strohhut auf dem Kopfe. Er trug ebenfalls
-einen hellen Rock, und wenn ich nicht irre, blaue Beinkleider und
-Schuhe.«
-
-»Sie erstaunen vielleicht, daß ich das Alles so deutlich und genau
-behalten konnte, aber als ich den Mörder gewahr wurde, stand er, wie aus
-Stein gehauen, mit der gehobenen Waffe über seinem Opfer, und mehrere
-Minuten lang verharrten wir Beide so, starr und regungslos, wie die uns
-umgebenden Riesenstämme des Waldes.«
-
-»Da fand _ich_ zuerst Leben und Bewegung wieder und stieß einen lauten,
-durchdringenden Hülferuf aus, denn jetzt durchzuckte mich wie mit
-Blitzesschnelle der Gedanke: _dort_ steht der wirkliche Mörder und
-_Dich_ wird man dafür bestrafen, wenn _Du_ ihn nicht ergreifst und
-festhältst. In demselben Augenblick aber begann auch der finstere Fremde
-sich zu regen; der schwere, keulenartige Stock fiel noch einmal mit
-dumpfem Schall auf den schon zerschmetterten Schädel des unglücklichen
-jungen Mannes nieder, und eilenden Laufes entfloh dann der feige Mörder
-in das Dickicht. Mir aber ward es in diesem Augenblicke klar. »_Er oder
-Du!_« rief ich mir zu, und mit einer Schnelle, die ich damals selber
-nicht begreifen konnte, folgte ich dem Flüchtling in das wildeste
-Dickicht der Niederung.«
-
-»Wohl erinnere ich mich, wie ich dabei über meine eigene Kenntniß der
-Waldpfade erstaunte, ich, der ich sonst kaum zwanzig Schritte weit den
-gebahnten Weg zu verlassen wagen durfte, aus Furcht, mich zu verirren.
-So folgte ich dem Mörder, dessen leichte Gestalt immer in gleicher
-Entfernung vor mir blieb, den ich aber nicht zu erreichen vermochte, bis
-es mir endlich vorkam, als ob ich ihm, zwar langsam, aber doch sicher,
-näher und näher rücke.«
-
-»Eine Stunde waren wir auf diese Art, wie mir träumte, gerannt, als wir
-eine Gegend erreichten, die mir bekannt schien, und ich sah bald, daß
-wir in einem weiten Bogen Seneka umlaufen hatten. Wir befanden uns nicht
-weit von der großen Straße nach Pittsburg, gerade da, wo die beiden
-tiefen Höhlen in den Berg hineingehen, und der Verfolgte mußte wohl in
-einer derselben Schutz suchen wollen, denn ich war ihm jetzt dicht auf
-den Fersen und hatte schon die Axt erhoben, um ihn vielleicht zu treffen
-und nieder zu werfen -- -- als Sie, ehrwürdiger Herr, an die Thüre
-klopften. Ich fuhr erschreckt empor und -- erwachte. Der Traum war
-verschwunden und anstatt frei im Walde, auf der Spur des wirklichen
-Thäters, fand ich mich wieder gebunden und eingekerkert, wie ein zur
-Schlachtbank bereit gehaltenes Opferthier.«
-
-Mac Ferson warf sich stöhnend auf sein Lager zurück und der Prediger
-stand tief erschüttert neben dem Unglücklichen, den er nicht einmal zu
-trösten vermochte. Da mahnte ihn das wiederholte Klopfen des Sheriffs an
-die ihres Opfers harrende Gerechtigkeit und er schritt schnell zur Thür,
-diese zu öffnen. Rasch hatte er aber auch seinen Entschluß gefaßt, und
-dem eintretenden Beamten den Gefangenen überlassend, rief er diesem nur
-mit wenigen Worten zu, noch nicht zu verzagen, der alte Gott lebe noch,
-und eilte dann flüchtigen Schrittes dem Executionsplatz zu, wo schon die
-ungeduldig harrende Menge an zu murren, ja an zu toben fing, daß man die
-versprochene Hinrichtung so lange -- verschiebe. -- Dieselben Männer,
-die noch nicht einmal recht von der Schuld des Verurtheilten überzeugt
-waren, murrten, daß sie eine Viertelstunde länger seinen _Tod_ erwarten
-sollten.
-
-Da kam schnellen Schrittes der Prediger herbei -- er bestieg das
-Schaffot, mit kurzgefaßten aber klaren und zum Herzen dringenden Worten
-rief er von dem todmahnenden Gerüst seine Überzeugung herab, daß der
-Angeschuldigte das Verbrechen _nicht_ begangen, Gott selbst aber ihm
-durch einen wunderbaren Traum den Mann gezeigt, ja offenbaret habe, der
-schuldig und zum Tode reif sei.
-
-Mit wenigen Worten erzählte er nun den ganzen Traum Mac Fersons, und
-wenn auch zwei gerade anwesende presbyterianische Geistliche sehr
-mitleidig darüber mit den Köpfen schüttelten, so war doch das Volk
-selbst nur zu gern bereit, einer so geheimnißvollen Enthüllung eines
-Verbrechens Glauben zu schenken und mit Jubelruf wurde der jetzt
-herbeigeführte Gefangene empfangen. Zwar hielten die Constabel die Masse
-zurück und ließen sich den ihnen Überlieferten nicht entreißen, aber dem
-ganzen Andrang der Menge konnten sie nicht widerstehen. Alles tobte und
-schrie:
-
-»Nach den Höhlen! -- nach dem Schlupfwinkel des Mörders! Gott selber
-hat seinen Versteck dem rächenden Arme des Gerichts verrathen! nach den
-Höhlen -- fort nach den Höhlen!«
-
-Und den Gefangenen in der Mitte, von dem Baptistenprediger angeführt,
-wogte die Menge dem etwa drei Meilen entfernten Gebirgszweig zu, an
-dessen Fuß sich jene, in der Ansiedlung genugsam bekannten Höhlen
-befanden, in die, wie der Traum gesagt, der Verbrecher geflohen war. Die
-breitausgehauene Countystraße führte auch in kaum fünfhundert Schritten
-daran vorüber und auf dieser hin wälzte sich der Zug in unaufhaltsamer
-Eile. Dort aber angelangt, wo die Männer die befahrene Straße
-verlassen und die pfadlose Wildniß betreten mußten, hielt sie ein alter
-Backwoodsman, ein Freund des erschlagenen Kentuckiers, auf und erklärte,
-daß sie, wenn sie auf solche Art noch weiter vorrückten, den Flüchtling
-im Leben nicht einholen würden, der ja schon eine halbe Stunde vor ihrer
-Ankunft den Lärm hören mußte, den sie machten, und dann natürlich nicht
-warten werde, bis sie herankämen und ihn einfingen. Er schlage daher
-vor, daß man sechs oder acht Jäger voranschicke, die sich anschleichen
-und das Terrain vorher recognosciren sollten; bemerkten diese dann vor
-den Höhlen und in der Nachbarschaft derselben nichts Verdächtiges, dann
-war es ja noch Zeit, die ganze Masse herbeizurufen.
-
-»Haben wir nachher den Raum umzingelt,« fuhr der rauhe Backwoodsman
-in seiner Rede fort, »so kann uns nichts Lebendes, was in den Höhlen
-steckt, entgehen, denn die mitgebrachten Fackeln werden Licht genug
-geben; und finden wir ein solches Subject, wie unser Gefangener hier im
-Traum gesehen haben will, nun gut, so mag der seine Stelle einnehmen,
-denn wenn er ein gutes Gewissen hätte, triebe er sich nicht in den
-Schluchten und Felsecken herum. Finden wir aber _Nichts_, wie es mir
-fast am wahrscheinlichsten vorkommt, so schlag' ich vor, daß wir dann
-mit dem Wunder sehenden Mosje keine weiteren Umstände machen, sondern
-ihn an die erste beste Eiche aufhängen, denn umsonst soll er uns doch,
-beim Teufel, nicht in den April geschickt haben.«
-
-Dieser Plan schien allgemein anzusprechen, schnell und geräuschlos
-wurden die Männer ausgewählt, die den Grund und Boden vorher
-recognosciren sollten, und der Sprecher, zum Führer ernannt, ordnete
-systematisch, wie bei einer Treibjagd, den Plan zum Vordringen.
-
-Nach einigen, mit dem Gefangenen gewechselten Worten, hielt aber der
-Baptist die eben aufbrechenden Männer noch zurück, und schärfte ihnen
-besonders ein, den, den sie da treffen würden, lebendig einzufangen,
-da sie sich ja sonst gar nicht von der Unschuld des Verurtheilten
-überzeugen könnten; das sahen denn die einfachen Hinterwäldler auch
-recht gut ein und versprachen, ihr Blei zurückzuhalten, so lange es
-ginge. »Will er aber =in spite= auskratzen,« rief Einer, indem er seine
-Büchse schulterte, »nun dann will ich von Grashüpfern zu Tode getreten
-werden, wenn ich ihm nicht eins mit meiner langen Betsy auf den Pelz
-brenne; fort kommt er nicht, wenn er Knochen genug zeigt, um darnach
-zielen zu können.«
-
-Im nächsten Augenblick waren die Männer im Walde verschwunden und Mac
-Ferson warf sich auf die Kniee nieder, preßte das Angesicht gegen die
-Wurzel einer alten hochstämmigen Eiche und betete inbrünstig. Sein
-Antlitz hatte eine wirklich unheimliche Leichenfarbe angenommen und
-seine blutunterlaufenen Augen starrten, ehe er sich zum Gebet niederbog,
-wild von einem der Zurückbleibenden zum andern.
-
-Doch wir wollen indessen den Kundschaftern folgen, die, ihre Büchsen
-vorher untersuchend und die Messer in den Scheiden lockernd, langsam
-vorrückten, um sich nicht vor der Zeit zu verrathen. Leslie, der Führer
-der Schaar, gab endlich, an einer kleinen Waldblöße angelangt, das
-Zeichen zum Halten, um seine Leute zu vertheilen, und versammelte diese
-nun leise um sich, während er, erst nach allen Seiten einen scheuen
-Blick hinüber werfend, flüsternd sagte:
-
-»Hört, Ihr Burschen, mir wird's ganz unheimlich und schauerlich zu
-Muthe. -- Hol' mich Dieser und Jener, 's ist doch curios, einem Menschen
-nachzujagen, den ein anderer im Traum gesehen hat -- es wird Einem ganz
-grauslich dabei.«
-
-»Der Prediger hat aber doch auch gesagt, daß wir gehen sollten,«
-bemerkte ein Anderer.
-
-»O der Prediger mag zu -- Grase gehn!« rief Leslie, »deshalb thu'
-ich's beim Teufel nicht -- ich will nur sehen, ob so ein Schuft noch
-da herumkriecht, der heimtückischer Weise einen Mann wie Hills zu
-erschlagen gewagt. -- Oder ich will mich wenigstens selber überzeugen,
-daß _Keiner_ da ist,« fuhr er, ärgerlich mit dem Fuße stampfend, fort,
-»denn -- Tod und gelbes Fieber -- verdammt will ich sein, wenn ich ein
-Wort von dem ganzen Unsinn glaube.«
-
-Der alte ehrliche Backwoodsman suchte durch halbunterdrücktes Fluchen
-das unheimliche Gefühl zu ertödten, das sich ihm unwillkürlich aufdrang;
-er selbst aber zweifelte keinen Augenblick, daß hier irgend ein böser
-Geist, vielleicht gar der Teufel, sein Spiel treibe, und begriff nur
-nicht recht, was die Prediger dabei zu thun hätten.
-
-So beschränkt aber auch seine Ideen in geistiger Hinsicht sein mochten,
-so ganz war er am Platz, wo es galt, einen Feind zu beschleichen oder
-irgend einen vermutheten Lagerplatz, wie es hier der Fall war, zu
-umzingeln. Schnell und umsichtig traf er seine Maßregeln. Er kannte auch
-das Terrain genau und wußte, nach welcher Richtung hin ein Mensch, der
-sich hier wirklich verborgen halten wolle, entfliehen könne, sobald er
-Gefahr ahne, und nur Einen deshalb auf einem Umwege dem steilen Bergkamm
-zusendend, in dessen Fuß die Höhlen hineinliefen, postirte er die
-Übrigen in einen weiten Halbkreis und gab, durch täuschend nachgemachten
-Eulenruf, das Zeichen zum gemeinschaftlichen Vorrücken.
-
-Er selbst aber glitt, von einem jungen Hinterwäldler allein gefolgt, auf
-einem schmalen Fußpfade, der gerade zu den Höhlen hinführte, weiter,
-und eine kleine Anhöhe übersteigend, sah er plötzlich Rauch von dorther
-durch die hohen Kiefernwipfel emporwirbeln.
-
-Ein zweiter Eulenruf fesselte Jeden an die Stelle, auf der er sich
-befand, und Leslie kroch nun auf beiden Knieen und auf den linken
-Ellbogen gestützt, während er die treue Büchse mit der Rechten fest auf
-der rechten Schulter hielt, jenem Orte zu, von woher der Rauch zu kommen
-schien.
-
-Der Wald bestand hier größtenteils aus Nadelholz, mit sehr wenig
-Unterholz vermischt, der Boden war deshalb auch fast einzig und
-allein mit Fichtennadeln bedeckt, und geräuschlos -- hier und da die
-niedergebrochenen, trockenen kleinen Äste und Zweige vermeidend, um sich
-nicht durch das Knacken derselben zu verrathen -- schlich der geübte
-Jäger dem Eingang der ersten Höhle näher und immer näher. Gerade auf dem
-Kamm der ziemlich flachen Anhöhe lag jedoch eine umgestürzte Fichte, mit
-der Wurzel der verdächtigen Stelle zu, und sich vorsichtig um den Wipfel
-herumbiegend, glitt er am Stamme hin und befand sich nun hinter dem
-Erdwall, der in den durch den Sturz der Riesin mit ausgerissenen Wurzeln
-hängen geblieben war. Hier aber kauerte er mehrere Sekunden lang laut-
-und regungslos nieder -- das Herz schlug ihm schwer und ängstlich in der
-Brust, und er getraute sich kaum den Kopf zu heben, um über das niedere
-Bollwerk hinwegzuschauen. Dort sollte er ja das Wesen sehen, das er, er
-wußte selbst nicht weshalb, zu den Überirdischen rechnete, weil seine
-Existenz einem Sterblichen durch ihm unbegreifliche Mittel verrathen
-war, und lange konnte er sich nicht entschließen, das mit eigenen Augen
-zu erblicken, was zu glauben sein Verstand sich sträubte. Endlich faßte
-er ein Herz, hob leise den Kopf empor und -- hätte vor Überraschung fast
-laut aufgeschrieen, denn in kaum zweihundert Schritten Entfernung --
-das Gesicht ihm zugewandt -- saß -- Zug um Zug -- die von dem Gefangenen
-beschriebene Gestalt.
-
-Ein schmächtiger, bleicher junger Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer
-breiten Binde um das linke Auge, die das halbe Gesicht verdeckte, und
-mit einem gelben, breitrandigen Strohhut auf den dunkeln Locken --
-dazu der helle Rock und die blauen Beinkleider -- es war der im Traum
-gesehene Mörder, bis auf das Kleinste, Unbedeutendste der Beschreibung
-herab. Selbst seine Stellung verrieth die That, die er begangen, denn
-ängstlich, halb vorgebeugt saß er, wie zum Sprunge bereit, neben dem
-Feuer, und schien die Gegend, in welcher sich Leslie gerade befand, mit
-seinem Blick zu überfliegen, als ob er von dorther Jemanden erwarte oder
-zu sehen fürchte.
-
-»Weshalb, um aller guten Geister Willen, lagert das Menschenkind
-hier?« frug sich Leslie unwillkürlich -- »und ist es überhaupt ein
-Menschenkind?« fuhr er dann leise schaudernd fort. »Doch Alles eins --
-Mensch oder Teufel -- Du bist der, welcher meinen Freund erschlagen hat,
-und fort kommst Du nicht mehr.«
-
-Mit dem Adlerblick des Jägers überflog er die ganze Gegend und sah bald,
-daß der Flüchtling, nach dem wie er seine eigenen Leute postirt hatte,
-ihnen nicht mehr entgehen konnte. Auf der einen Seite starrte steil
-und kahl der nackte Felsenkamm empor, in dessen Fuß sich die
-Höhlen befanden; zur Linken tobte der kleine, durch die Bergwasser
-angeschwellte Strom; und hätte er diesen auch durchschwimmen wollen,
-so erwarteten ihn doch drüben die wackeren Männer von Seneka, die bei
-solchen Gelegenheiten gerade nicht mit sich spaßen ließen. Alle andern
-Schluchten und Anhöhen waren ebenfalls von den Jägern und Backwoodsmen
-besetzt, und Leslie, darüber beruhigt, schlich nun eben so leise zurück
-als er gekommen, ließ den jungen Mann, der ihn begleitet hatte, die
-Übrigen von seinem Plane in Kenntniß setzen, und auf sein gegebenes
-Zeichen brachen von allen Seiten zugleich die in dunkles Hirschleder
-gekleideten Gestalten aus dem Dickicht hervor und sprangen, flüchtigen
-Panthern gleich, mit vorgehaltenen Büchsen auf den Fremden ein. Dieser
-aber, durch das Plötzliche des Überfalls betäubt, stieß einen gellenden
-Angstschrei aus und warf sich dann, ohne weiter einen Versuch zur Flucht
-oder zum Widerstand zu machen, mit dem Antlitz auf die Erde nieder. Er
-schien jeder Hoffnung auf Rettung entsagt zu haben und die Männer,
-die ihn zuerst erfaßten und vom Boden emporrissen, fühlten, wie seine
-Glieder zitterten und seine ganze Gestalt erbebte.
-
-»Hund!« schrie der kräftige Leslie aber jetzt, und hob die eiserne Faust
-zum Schlage auf -- »Hund -- feiger -- nichtswürdiger Hund, der Du bist
--- Du also hast es gewagt, die Hand an den kräftigsten Burschen zu
-legen, den je Kentucky's Boden getragen? Du -- Gedanke von einem Manne,
-den man erst _träumen_ muß, um seiner habhaft zu werden.«
-
-Der Fremde hob die Arme flehend empor und wimmerte »Gnade!« Leslie
-aber schien wenig geneigt, ihm diese angedeihen zu lassen; denn seine
-hammerartige Faust sollte eben auf seinen Schädel niederfallen, und
-wer weiß, ob der Sheriff dann nicht bei der ganzen Verhandlung unnütz
-gewesen wäre; der eine Constabel aber lenkte den Schlag des Erzürnten
-zur Seite, daß er machtlos an der Schulter des Knieenden niederglitt,
-und rief:
-
-»Schämt Euch, Leslie -- wollt uns Leute vom Gericht um das Unsrige
-bringen -- der ist dem Strick verfallen -- so gönnt ihm den auch.«
-
-Ehe aber noch Leslie ein Wort darauf zu erwidern vermochte, drängte
-sich die übrige Masse der Männer und Frauen herbei, die es nicht
-länger ausgehalten hatten, das Resultat in Ungewißheit zu erwarten.
-Den Gefangenen führten sie in ihrer Mitte und schon von weitem riefen
-einzelne Stimmen:
-
-»Ist er es? ist es der Mörder, den Mac Ferson im Traum gesehen?« Kaum
-aber hörten sie das antwortende »_Ja_« -- das »kommt schnell -- wir
-haben ihn -- er fleht um Gnade!« da stieg ein wildes Jubelgeschrei in
-die Luft und Alles drängte jetzt in wilder Eile vor, den zu sehen,
-der durch Gott selbst den Gerichten überliefert worden. Den bisherigen
-Gefangenen beachtete Keiner mehr; nur ein Knabe von zehn oder eilf
-Jahren, auch ein Irländer, der mit Mac Ferson auf einem Schiff
-herübergekommen war, hatte sich bis jetzt dicht zu ihm gehalten, und als
-er nun, von Allen zurückgelassen, allein stehen blieb, da ihm seine
-auf den Rücken zusammengebundenen Hände nicht verstatteten, so schnell
-fortzukommen, glitt er schnell hinter ihn, schnitt ihm mit einem
-haarscharfen Messer die Bande durch, drückte ihm in der nächsten Secunde
-den Griff des Stahls in die Hand und folgte dann in flüchtigen Sätzen
-den Übrigen. Mac Ferson aber, ohne die mindeste Neugierde zu bezeigen,
-wie der Mann im wirklichen Leben aussähe, den er schon einmal im Traum
-erblickt, warf sich, als er kaum seine Hände frei und zugleich bewaffnet
-fühlte, hinter einem umgestürzten Baumstamm, der ihn den Blicken der
-Übrigen entzog, lief gebückt, aber so schnell er konnte, hinter diesem
-hin, kroch über den Kamm der Anhöhe hinweg, bis er diese zwischen sich
-und seinen bisherigen Feinden wußte, rannte dann, so schnell ihn seine
-Füße trugen, den Abhang hinunter in das angrenzende Dickicht, sah sich
-hier einen Augenblick etwas ängstlich um, schien aber bald das, was
-er suchte, gefunden zu haben -- ein Pferd, das hier gesattelt und
-aufgezäumt, wie des Reiters harrend, stand, schwang sich auf dessen
-Rücken und sprengte, ihm die Hacken in die Seiten bohrend, in vollem
-Carriere gen Süden.
-
-Wie eine zürnende Fluth ergoß sich jetzt die wogende Menschenmasse der
-Stelle zu, wo der so wunderbar Entdeckte noch immer wie in gräßlichster
-Angst und Verzweiflung auf den Knieen lag. Man riß ihn vom Boden auf
-und aus den wildverworrenen Fragen, die fast von jeder Lippe an ihn
-gerichtet wurden, schien er nicht eine einzige verstehen zu können oder
-zu wollen, denn er warf zuerst einen scheuen Blick im Kreis umher, und
-barg dann auf's Neue das Antlitz in den Händen.
-
-Der Sheriff drängte die ihm zunächst Stehenden ein wenig zurück, bat
-sie ihm Raum zu machen, um den Gefangenen zu examiniren, und das Volk,
-willig gehorchend, beobachtete tiefes Schweigen.
-
-»Hast Du den Kentuckier erschlagen?« war jetzt des Sheriffs erste Frage,
-der es nach all dem Vergangenen für ganz unmöglich hielt, daß der, den
-sie hier so mitten im Walde gefunden, vielleicht gar Nichts von der
-Sache wisse. »Hast Du den Kentuckier erschlagen? Gestehe es, und
-vielleicht kann Dir noch Gnade werden!«
-
-»Gnade?« unterbrach ihn Leslie entrüstet, ehe der Gefangene auch nur
-eine Sylbe zu erwidern vermochte -- »Gnade? den möcht' ich sehen, der
-Hills Mörder begnadigen wollte. Tod und --«
-
-»Ruhe!« tönte es von allen Seiten. »Stört den Sheriff nicht und laßt ihn
-thun, was seines Amtes ist -- Ruhe!«
-
-Eine augenblickliche Todtenstille folgte dem früheren Lärmen, und der
-Sheriff berührte auf's Neue die Schulter des Unglücklichen und sagte mit
-ernster und doch milder Stimme:
-
-»Hast Du den Kentuckier erschlagen, so gestehe es -- nur durch ein
-offenes Geständniß kannst Du noch auf Gnade oder Mitleiden hoffen. Bist
-Du der Mörder?«
-
-»Gnade -- Gnade!« schrie der Knieende und umklammerte die Knie des
-Sheriffs -- »Gnade -- ich will Alles gestehen.«
-
-»Ein Wunder -- ein Wunder!« riefen die Baptisten im jubelnden Chor, und
-der Prediger stimmte mit voller, lauttönender Stimme ein Loblied
-des Herrn an, in das sämmtliche Mitglieder seiner Gemeinde jauchzend
-einfielen.
-
-»Wo ist Mac Ferson?« sagte jetzt der Sheriff -- -- »bringt ihn her, daß
-wir sehen, ob dies derselbe ist, der ihm im Traum erschienen.«
-
-Die Constabel sahen sich etwas verblüfft einander an, denn Keiner von
-ihnen hatte mehr an Mac Ferson gedacht. Der war ja unschuldig, der in
-Erfüllung gegangene Traum bewies das so sonnenklar wie nur möglich.
-Schnell durcheilten sie jedoch die Menge, den Verlangten aufzufinden
-und ihn, eigentlich im Triumph, zu dem hinzuführen, für dessen Schuld
-er beinah hätte büßen müssen; aber vergebens schauten sie sich zu
-ihrem Erstaunen nach dem bisherigen Gefangenen um, der war und blieb
-verschwunden und sie sahen sich endlich genöthigt, dem Sheriff Anzeige
-davon zu machen, der dann augenblicklich nach allen Richtungen hin
-Botschafter ausschickte, den vermuthlichen Flüchtling zurückzubringen,
-ihm aber zu sagen, daß er ohne Furcht folgen möge -- er sei frei; der,
-den ihm Gott im Traum gezeigt, habe die Schuld schon gestanden.
-
-»Alle Wetter!« rief da der ehrliche Leslie aus, »jetzt läuft der fort,
-weil er dem Frieden doch nicht so recht traut, und ist ein ehrlicher
-Mann und ich habe ihm Unrecht gethan. Nein, Sheriff, der soll nicht
-lange in der Welt umherirren und sich fürchten, einem ordentlichen Kerl
-in's Auge zu schauen -- den müssen wir wieder finden, und mein bestes
-Pferd soll er haben, wenn er's annehmen will, nur deshalb, weil ich ihn
-für einen Schurken und Mörder gehalten. Gebt Ihr aber indessen wohl auf
-den zitternden Hallunken acht -- gnade Gott dem, der ihn entspringen
-läßt. Nun fort, Ihr Leute, laßt uns Mac Ferson wiederfinden -- er kann
-noch nicht weit sein, und drüben an der Straße stehen ja alle unsere
-Pferde.«
-
-Der ehrliche Backwoodsman suchte jetzt, von seinen Freunden gefolgt, den
-ganzen Bezirk ab, und bald entdeckten auch ihre scharfen geübten Augen
-die Fährten des Entflohenen; Andere waren indessen nach den Pferden
-abgesandt, und Leslie schwang sich bald auf seinen feurigen Rappen und
-sprengte mit verhängten Zügeln dem nach, dem er so entsetzliches Unrecht
-gethan zu haben glaubte. Die Übrigen folgten zwar noch ebenfalls eine
-Strecke, gaben aber die Jagd bald auf, da sie einsahen, daß sie mit dem
-besser berittenen Leslie nicht Schritt halten konnten.
-
-Indessen hatte sich um den auf so wunderbare Art gefangenen jungen Mann
-eine ganz eigene Gruppe gebildet; noch immer barg dieser nämlich sein
-Gesicht in den Händen und die Frauen, die gar zu gern gewußt hätten, was
-er denn eigentlich für Augen habe und wie er überhaupt aussähe, drängten
-immer näher und näher herzu und hielten den Sheriff und den zitternden
-Mörder fast allein umzingelt, während die kräftigen Gestalten der
-zurückgebliebenen Hinterwäldler den äußeren Kreis um diesen Zirkel
-bildeten. Der Sheriff aber winkte jetzt dem einen Constabel, den
-Verbrecher aufzuheben, um ihn in die Stadt und seinem richterlichen
-Verhör zuzuführen; erst nach langem Sträuben gehorchte der Unglückliche
-aber seinen Wächtern, und mehre Male mußte ihm der Baptistenprediger
-zureden, sich zu ermannen, seine Sünden zu bereuen und Gott wenigstens
-mit seinem entsetzlichen Verbrechen auszusöhnen.
-
-»Wo ist Mac Ferson?« flüsterte dieser endlich mit leiser, kaum hörbarer
-Stimme.
-
-»Hol' mich der Henker -- ob er den Namen nicht kennt,« sagte der
-Constabel -- »der ist fort, sie werden ihn aber wohl wieder holen!«
-
-»Fort?« rief der Gefangene mit lauter freudiger Stimme und richtete sich
-schnell und plötzlich hoch auf -- »fort? ist er wirklich fort?«
-
-»Jesus von Nazareth!« schrie die Frau des Presbyterianischen
-Geistlichen, die dicht neben dem jungen Manne stand, und sich bis jetzt
-vergeblich bemüht hatte, sein Gesicht zu sehen, während ihr dieser jetzt
-starr in's Antlitz sah -- »Jesus von Nazareth, das ist ja Missis Mac
-Ferson.« --
-
-»Missis Ferson?« rief Alles erstaunt durcheinander; »die Frau des Iren?
-seine eigene Frau? und das der Mörder?«
-
-Judith Mac Ferson aber, denn es war in der That die Frau des jetzt
-glücklich Befreiten, sank wieder thränenden Auges auf ihre Kniee nieder
-und sandte zu dem Allerbarmer ein heißes Dankgebet empor, daß ihr die
-Rettung ihres Mannes so glücklich gelungen sei.
-
-Der Sheriff sammelte sich zuerst wieder, denn die Übrigen standen
-wirklich alle so stumm und starr vor Überraschung, als ob sie der Schlag
-getroffen habe; mit blitzenden Augen trat er der schönen jungen Frau,
-die jetzt die entstellende Binde und den Strohhut von der dunklen
-Lockenfülle abwarf, entgegen und rief mit finsterem Blick und drohender
-Stimme:
-
-»Unglückliche, Du hast einem Verbrecher zur Flucht verholfen und mußt
-nun selbst dafür seine Strafe leiden -- Du kanntest die Gesetze des
-Landes nicht und bist in Dein eigenes Verderben gegangen. Ich verhafte
-Dich hiermit im Namen der Gesetze -- Mrs. Mac Ferson,« fuhr er dann mit
-ernster, tiefer Stimme fort, indem er seine Hand nach ihrer Schulter
-ausstreckte -- »Mrs. Mac Ferson -- Sie sind meine Gefangene!«
-
-Judith Mac Ferson hatte aber, wenn auch erst kurze Zeit in Amerika,
-die Charaktere der Frauen kennen gelernt, unter denen sie lebte und auf
-deren Schutz vertrauend sie das gefährliche Spiel gewagt. Mit schnellem
-Druck des Constabels Arm zurückschiebend, trat sie zwischen die erstaunt
-zu ihr aufblickenden Frauen und rief:
-
-»Weg von mir, Sir -- weg von mir! Ihr habt keinen Theil an mir. Habe ich
-ein Verbrechen begangen? Es war mein Mann -- der Vater meines Kindes,
-den ich befreite; ist eine hier unter den Frauen von Pensylvanien, die
-nicht unter gleichen Verhältnissen ein Gleiches gethan hätte? Ist Eine
-hier von Müttern oder Weibern, die nicht willig ihr Leben daran setzen
-würde, den Geliebten zu befreien? _Keine_ -- ich weiß es, und kein
-Gericht des Landes wird mich deshalb strafen können. Werden aber die
-Frauen von Pensylvanien zugeben, daß ich einem Gericht ausgeliefert
-werde?«
-
-»Nein -- nimmermehr -- den wollen wir sehen, der ihr etwas zu Leide zu
-thun sollte,« rief es von allen Seiten, und um das junge, heldenmüthige
-Weib schaarten sich besonders die Presbyterianischen Frauen, voller
-Freude, daß den Baptisten ein solcher Sieg mißlungen sei.
-
-»Ladies -- auf Ihre Verantwortung,« rief der Sheriff -- »Sie müssen
-mir für die Dame haften, übrigens wird ihre Gefangennehmung wohl nicht
-nöthig sein, denn Leslie ist mit seinem Rappen auf Mac Fersons Fährten,
-und wir kennen Alle miteinander Leslie genug, um nicht zu wissen, daß
-der nimmer zurückkehrt, ehe er den Flüchtigen eingeholt hat. Einen
-besseren Renner giebt's in ganz Pensylvanien nicht, als sein Rappe.«
-
-Judith erbleichte, die Frauen aber ließen ihr gar keine Zeit sich zu
-besinnen, nahmen sie in ihre Mitte und führten sie im Triumphe fort. So
-eifrig sie früher die Hinrichtung Mac Fersons gewünscht hatten, so
-sehr interessirten sie sich jetzt für seine Flucht, und selbst die
-Baptistinnen konnten die Frau nicht tadeln, die ihren Mann befreit habe.
-
-Um so mehr eiferte der Baptisten_prediger_, der jetzt mit mehren
-Anderen, mit denen er Mac Fersons Spuren aufgesucht, zurückkehrte,
-dagegen. Er sah in dieser lügenhaften Eingebung eines rettenden Traumes,
-zu dem sich die beiden Eheleute verabredet hatten, eine Blasphemie
-des Göttlichen und forderte ernst und bestimmt die Auslieferung beider
-Gotteslästerer. Der eine war aber, Niemand wußte wo, und die Andere
-wurde, nun sich der Baptist so fest dagegen erklärte, von den
-Presbyterianerinnen nur um so mehr vertheidigt und in Schutz
-genommen. Bald erreichte man die Stadt wieder, und hier erboten sich
-augenblicklich drei junge Leute, Mrs. Ferson mit ihrem Kinde, das
-indessen bei einer Landsmännin geblieben war, hinzubegleiten, wohin
-sie gebracht zu sein wünsche. Das nahm Judith mit herzlichem Danke an,
-verschwieg aber natürlich den verabredeten Ort, wo sie ihren Mann wieder
-zu treffen hoffte, denn der kleine Irländer, der Mac Fersons Bande
-durchschnitten, hatte ihr ebenfalls zugeflüstert, wie dieser auf
-schnellem Roß seine Flucht bewerkstelligt, und sie verlangte nur an den
-Ohiofluß gebracht zu werden, von wo aus sie ihre Bahn selbst verfolgen
-wolle. Das geschah denn auch noch an demselben Nachmittage, und während
-der Sheriff mit den zwei Constabeln und dem Baptistenprediger berieth,
-was in diesem Falle zu thun sei, und ob man erst die Rückkunft Leslie's
-mit dem Entflohenen abwarten solle, sprengte Judith Mac Ferson, auf
-einem schlanken Zelter, das Kind im Arm, die Begleiter an ihrer Seite,
-die Fahrstraße hinunter, die dem schönen Ohioflusse zuführte.
-
-Doch jetzt wollen wir Mac Ferson folgen, der, sobald er das Pferd
-erreicht und sich hinaufgeschwungen hatte, mit kaum unterdrücktem
-Jubelschrei einen kleinen Holzpfad entlang flog, welcher ihn endlich
-zu der Hauptstraße führen mußte. Er ritt ein wackeres Thier, und hatte
-gegründete Ursache zu glauben, daß der von seinem treuen Weibe so
-glücklich erdachte Plan gelingen müßte. Einige Meilen vom Ohio noch
-entfernt, wollte er nämlich absteigen, das Pferd laufen lassen, um
-etwaige Verfolger irre zu führen, und dann seinen eigenen Weg bis zu
-einer Stelle am Ohiofluß fortsetzen, wo er früher schon einmal zwei
-Nächte mit seiner kleinen Familie gelagert hatte. Dort sollte er Judith
-erwarten, und dann konnten sie von da aus leicht eine neue Heimath im
-fernen Westen aufsuchen, wohin ihre Verfolger schwerlich vordringen
-würden, selbst wenn sie den Aufenthaltsort erfahren sollten.
-
-Fröhlich gallopirte daher Mac Ferson, von diesen Gedanken erfüllt,
-die Straße entlang, und mochte etwa sechs oder sieben englische Meilen
-zurückgelegt haben, als sein Pferd, das über einen im Wege liegenden,
-umgestürzten Baumstamm wegsetzen wollte, in einer trockenen aber noch
-zähen Schlingpflanze hängen blieb, stürzte, den Reiter weit ab gegen
-einen Baum schleuderte und dann, unfähig sich wieder zu erheben, liegen
-blieb.
-
-Wie lange diese Bewußtlosigkeit Mac Fersons gedauert haben konnte, wußte
-er selber nicht, als er aber nach ziemlich langer Zeit wieder zu sich
-kam, fühlte er, wie ihm Jemand die Schläfe mit kaltem Wasser wusch und
-erkannte, als er die Augen aufschlug, _den_ Mann, der, wie er wußte,
-sein grimmigster Feind war.
-
-Mit einem leisen Schmerzensruf sank er wieder zurück, Leslie aber,
-der wohl ahnen mochte, was den Armen erschreckt habe, bog sich zu ihm
-nieder, faßte seine Hand und sagte:
-
-»Fürchtet Nichts, Mac Ferson -- wir haben Euch Alle Unrecht gethan; der,
-den Euch Gott im Traum gezeigt, hat das Verbrechen gestanden; Ihr
-könnt frei zurückkehren, ich selbst bin Euch aber nachgeritten, um Euch
-abzubitten, daß _ich_, vor allen Anderen, Euch so feindlich gesinnt war;
-aber seht, Hills war mein Freund, und wenn auch sonst ein etwas roher
-Gesell und vielleicht in manchen Stücken tadelnswerth genug, so mußt'
-ich mich doch seiner im Tode annehmen, da er ja sonst fast Niemanden in
-Seneka hatte, der seinen Mord rächen konnte. Kommt -- steht auf -- gebt
-mir Euere Hand und laßt uns Freunde sein. Ihr habt Euch doch keinen
-Schaden gethan?«
-
-Mac Ferson wußte kaum, ob er seinen eigenen Ohren trauen sollte. War
-dies vielleicht ein Traum, der ihn befangen hielt, oder hatte er den
-früheren wirklich geträumt? Die durch den Sturz angegriffenen Sinne
-vermochten nicht gleich klar und deutlich seine jetzige Lage zu fassen,
-und er schloß wieder auf mehrere Sekunden die Augen, um sich erst ganz
-zu sammeln. Mac Ferson war übrigens nicht der Mann, einen sich ihm
-bietenden Vortheil leicht hintanzusetzen. Leslie wußte augenscheinlich
-noch nicht, daß der vermeintliche, von ihm im Traum gesehene Verbrecher
-sein eigenes Weib, und das ganze ein abgekarteter Plan gewesen war;
-dieser mußte ihn daher auch für unschuldig halten, und er beschloß nun,
-seine Maßregeln darnach zu ergreifen.
-
-Er öffnete die Augen, richtete sich mit des Amerikaners Hülfe, indem
-er sich schwächer stellte, als er wirklich war, vom Boden auf, und
-ließ sich nun mit kurzen Worten erzählen, wie sie den von ihm so genau
-bezeichneten Fremden gefunden hätten. Ehe er sich aber noch selbst über
-seine eigene Flucht entschuldigen konnte, trat Leslie, der darauf weiter
-gar nicht einging, zu Mac Fersons Pferd und fand, daß dieses das linke
-Vorderbein gebrochen hatte. Jetzt war guter Rath theuer. Der Irländer
-erklärte, er könne keine hundert Schritte weit gehen, alle seine Glieder
-seien ihm wie zerschlagen, und ein Haus war ebenfalls nicht in der
-Nachbarschaft, wo man vielleicht ein Pferd hätte borgen können; hier
-blieb also keine andere Wahl, Leslie bot dem Irländer sein Pferd zum
-Reiten an, versicherte ihm dabei nochmals, er könne unbesorgt mit ihm
-zurückkehren, er würde von Allen auf das Freundlichste empfangen werden,
-und half ihm dann selbst in den Sattel. Ob er aber dem Erschöpften doch
-noch nicht so recht trauen mochte, oder ob ihm der scheue Blick mißfiel,
-mit dem sich dieser nach der Straße umsah, als ihm Leslie den Sattel
-und Zaum seines eigenen Thieres hinaufreichte, kurz, der Amerikaner nahm
-eine lange Leine, die er in der Tasche trug, hervor, befestigte sie in
-einer Schlinge um den Hals des Pferdes und trieb dieses nun langsam den
-Weg zurück, den er eben gekommen war.
-
-Mac Ferson wußte aber, daß seine List jetzt entdeckt sein mußte --
-jeden Augenblick konnte ihnen ein neuer Bote begegnen, der den wahren
-Sachbestand verkündete und ihm dann _jede_ Aussicht auf Rettung
-abschnitt; sein Entschluß war also auch deshalb schnell und ohne
-weiteres Zögern gefaßt, und eben, als sie auf die oben beschriebene Art
-vielleicht eine Meile zurückgelegt hatten und an eine Stelle kamen, wo
-der Pfad so schmal wurde, daß Leslie nicht mehr nebenher gehen konnte,
-sondern voraus mußte, wobei er jedoch das Seil nicht losließ, zog Mac
-Ferson schnell aber vorsichtig das von dem Knaben erhaltene Messer aus
-dem Gürtel -- trennte mit raschem Schnitt die hänfene Schnur, die ihn
-bis jetzt noch immer zum Gefangenen gemacht, riß in demselben Augenblick
-den Rappen auf den Hinterfüßen herum, und ehe sich der bestürzte
-Amerikaner nur besinnen konnte, ob er seine Büchse gebrauchen sollte
-oder nicht, war der auf's Neue Befreite schon im dichten Gebüsch seinen
-Blicken entschwunden.
-
-Acht Tage später erhielt Leslie, der vergebens den Räuber seines
-Eigenthums zu Fuß verfolgt hatte und die Fährte gegen Abend, da ein
-ziemlich starker Regen fiel, nicht mehr erkennen konnte, sein Pferd
-durch einen, etwa zwanzig Meilen von Seneka wohnenden Farmer zurück, der
-ihm auch zugleich einen kleinen Brief von Mac Ferson einhändigte, worin
-ihm dieser für die geleistete Hülfe herzlich dankte, sich aber nochmals
-entschuldigte, daß er zu einem frommen Betruge seine Zuflucht habe
-nehmen müssen.
-
-»Da er jedoch,« so schloß er seine Zeilen, »bei weitem lieber in dem
-kühlen Schatten der stolzen Eichen des Westens lagere, als -- mit
-zugeschnürter Kehle an einem Chestnutast in Pensylvanien hänge -- so sei
-ihm das wohl nicht so sehr zu verdenken gewesen.« Über den Mord sagte er
-weiter Nichts. Sein wirklicher Aufenthaltsort wurde nie näher bekannt,
-doch hieß es allgemein und vielleicht nicht unrichtig -- Mac Ferson ist
-nach _Texas_.
-
-
-
-
-Eine Pantherjagd.
-
-
-Heulend und bellend liefen und sprangen drei kräftige, schlankgebaute
-Hunde vom Geschlecht der Bracken, die Nasen im eifrigen Suchen dicht am
-Boden haltend, durch den dicht verwachsenen Wald, oft die Spur in
-den dürren Blättern verlassend und auf umgestürzten Bäumen und alten,
-halbverfaulten Stämmen schnoppernd, auf denen sie hinliefen und von da
-wieder kläffend ihre Verfolgung erneuerten; ein sicheres Zeichen, daß
-ihre Jagd einem wilden Thier, sei es nun Bär oder Panther, und nicht
-dem schnellfüßigen Hirsch galt, der sie wohl, wenn er ihre Bahn
-durchschnitt, auf kurze Zeit von ihrer Fährte ablocken, nie aber ganz
-der einmal aufgenommenen Spur untreu machen konnte.
-
-Jetzt hatten sie einen Platz erreicht, auf dem ihr Feind offenbar eine
-Zeitlang verweilt, und seine Fährten gekreuzt haben mußte, denn heulend
-standen sie oft einen Augenblick still und durchsuchten dann, mit
-wildem Winseln hin und herspringend, desto eifriger den, von dicht
-herabhängenden Schlingpflanzen fast wie mit einer lebendigen Mauer
-umgebenen Raum, immer wieder zum Mittelpunkt zurückkehrend, um ihr
-Heulen und Wehklagen dort wie früher zu beginnen.
-
-Plötzlich theilten sich die Büsche, und ein junger Mann auf einem
-kleinen, schwarzen, indianischen Pony setzte, mit seinem breiten
-Jagdmesser, das er bloß in der Hand trug, ein paar Schlingpflanzen in
-kräftigem Zuge durchhauend, die ihn vom Pferde zu reißen drohten, gerade
-zwischen die Hunde hinein, die bei seinem plötzlichen Erscheinen ihn
-für einen Augenblick freundlich wedelnd umgaben, und dann wieder, mit
-erneutem, durch die Nähe ihres Herrn belebten Eifer in ihrem Suchen
-fortfuhren.
-
-»So recht, meine braven Thiere,« rief der junge Jäger, indem er sein
-Pferd anhielt, das Messer in die Scheide zurücksteckte und die
-lange Büchse, die er auf der linken Schulter trug, vor sich auf den
-Sattelknopf legte, »so recht, -- sucht, sucht -- ihr seid einmal auf der
-Fährte, und ich denke doch, daß wir dießmal den Ferkeldieb erwischen,
-der mir schon so oft entgangen ist!«
-
-»Huhpih!« rief er, sich hoch im Sattel aufrichtend und seinen Jagdruf
-ausstoßend, als er sah, daß der älteste der Hunde plötzlich die wieder
-gefundene Fährte aufnahm und von den andern gefolgt, augenblicklich im
-Dickicht verschwand.
-
-»Huhpih!« und die Büchse zurück auf die Schulter werfend, ergriff er
-jetzt mit der rechten den Zügel, rannte dem hochaufbäumenden Pony die
-Hacken in die Seite, und flog in wilden Sprüngen seinen dahineilenden
-Hunden nach.
-
-Im Wege liegende Stämme, dicht verwachsenes Gebüsch, Sumpflöcher und
-schlammige Canäle, Nichts konnte ihrem Eifer Schranken setzen, vorwärts
-ging's, und schnaubend und schäumend folgte der Rappe mit seinem in
-freudiger Lust hochaufjauchzenden Herrn.
-
-Da hielten die Hunde aufs Neue; dießmal hemmte aber nicht Ungewißheit
-über die Richtung des Weges, den der verfolgte Feind eingeschlagen haben
-konnte, die Wüthenden, nein, bellend und heulend sprangen sie an einer
-starken Eiche in die Höhe, und bissen vor Grimm in die Wurzeln und die
-rauhe Rinde des mächtigen Baumes, daß er ihrem Feinde Schutz verlieh,
-und ihn seinen Verfolgern vorenthielt.
-
-Jetzt erschien auch der Jäger auf dem Wahlplatz, und sprang, ohne nur
-das Anhalten seines feurigen Thieres abzuwarten, mit einem Satz aus dem
-Sattel, das seiner Last enthobene Thier sich selbst überlassend; mit
-spähendem Blick aber untersuchte er den dichtbelaubten Baum, an dem die
-Hunde jetzt wieder jauchzend emporsprangen, und erkannte bald, zwischen
-ein paar Ästen eingeschmiegt, die Gestalt eines lebendigen Wesens, das
-dort sich, fest an einen der Äste angedrückt, versteckt und unbemerkt
-glauben mochte.
-
-Zwar war es im Schatten des dichten Laubes ziemlich dunkel, und ein
-weniger geübtes Auge als das unseres jungen Waldbewohners möchte wohl
-lange über den Namen und die Art des Thieres, das sich so angelegentlich
-den Blicken der Untenstehenden zu entziehen suchte, in Ungewißheit
-geblieben sein; _Wistons_ scharfer Blick erkannte aber bald in der
-zusammengepreßten Gestalt das Junge eines Panthers, das der lange
-Schweif, den es nicht ganz verbergen konnte, leicht verrieth.
-
-Schon hob er die Büchse, um das sich sicher Glaubende aus seiner Höhe
-herabzuholen, und athem- und lautlos schauten die Hunde ängstlich
-und erwartend bald nach dem Lauf der Büchse, aus dem sie mit jedem
-Augenblick den Feuerstrahl herausblitzen zu sehen hofften, bald nach dem
-Gipfel der Eiche, in deren Laub sie ihren Feind wußten.
-
-Doch vergebens war dießmal ihr leises, flehendes Winseln, mit dem sie
-den Schuß ihres Herrn zu beeilen glaubten; dieser schien sich plötzlich
-anders besonnen zu haben, setzte die Büchse ab, und begann auf's
-Neue den Baum, fast mit noch größerer Aufmerksamkeit als vorher, zu
-untersuchen.
-
-Nach langem, bedächtigen Ausblicken schien er sich endlich von dem, was
-er wissen wollte, überzeugt zu haben, stellte seine Büchse gegen einen
-umgestürzten Stamm, der nicht weit vom Baume lag, schnallte seinen
-Gürtel ab, in welchem Messer und Tomahawk staken, zog sein Jagdhemd
-aus und kehrte dann mit dem Gürtel, den er in der Hand hielt, zur Eiche
-zurück, welche die Hunde, die zwar aufmerksam allen Bewegungen ihres
-Herrn gefolgt waren, dennoch nicht aus den Augen ließen.
-
-»Ich versuchs,« murmelte er endlich vor sich hin, »ich versuch's und
-fang ihn lebendig; bringe ich den jungen Panther nach Little Rock, so
-bekomme ich dort mit Leichtigkeit meine 10-15 Dollars für ihn, schieß
-ich ihn dagegen, so ist das Fell keinen Bit werth. Die Alte muß überdieß
-geflohen sein, denn ich kann sie nirgends im Baume sehen, und für
-10 Dollars läßt man sich schon einmal von solch einem jungen Teufel
-kratzen; also Pantherchen, paß auf, ich komme!«
-
-Mit diesen Worten ging er zu seinem Pferde, das ruhig graste, schlang
-einen Strick, der um dessen Hals gewunden war, von demselben ab,
-schnallte seinen eigenen Gürtel wieder um, in den er das Messer steckte,
-den Tomahawk aber zurückließ, und begann den starken Baum, den er nicht
-umklammern konnte, zu ersteigen, indem er das Seil, dreifach genommen,
-um den Stamm warf, die beiden Enden desselben, und zwar so kurz, als er
-sie fassen konnte, ergriff, und dann mit deren Hülfe, indem er bald mit
-dem rechten, bald wieder mit dem linken Arme sich bedächtig am Baume in
-die Höhe zog, denselben erstieg.
-
-Die Hunde verstanden augenblicklich, was er beabsichtige und umsprangen
-winselnd und jauchzend die Wurzeln der Eiche.
-
-Langsam zwar, aber sicher klomm er an dem geraden, schlanken Stamm, wohl
-40 Fuß empor, ehe er an die ersten Äste kam und dort einen Augenblick
-Athem schöpfen und sich ausruhen konnte; hier fühlte er auch nach seinem
-Messer, ob das noch fest stak, blickte zum jungen Panther, der noch
-bewegungslos an demselben Ast wie früher angeschmiegt lag, empor,
-schlang sich jetzt das Seil, dessen er nun, da er die Äste zum Anhalten
-hatte, nicht mehr bedurfte, um die Schultern, und stieg, gewandt die
-Zweige als Sprossen seiner natürlichen Leiter benutzend, schnell und
-leicht zu dem jungen Panther hinauf, der zwar, ohne sich zu regen,
-liegen blieb, aber dennoch die glühenden Blicke fest auf den nahenden
-Feind geheftet hielt.
-
-Aber noch andere und wildere Blicke beobachteten und bewachten das
-Fortschreiten des Jägers, der von solch grimmiger, gefährlicher Nähe
-keine Ahnung hatte, und zwar Niemand anders als die Mutter des Jungen,
-die auf einem dicht danebenstehenden verdorrten Baume, dessen Zweige in
-die des andern hineinragten, auf einen Ast niedergeduckt, zum Sprunge
-fertig da lag und mit dem Schwanze leise wedelnd nur die noch weitere
-Annäherung des Jägers zu erwarten schien, um mit gewaltigem Satze sich
-auf den Kühnen, der ihre Brut greifen wollte, zu werfen, und ihn mit
-Zahn und Tatze zu vernichten.
-
-Sorglos schwang sich _Wiston_ von Ast zu Ast, und war schon dicht unter
-dem Jungen, das sich jetzt leise erhob und nach Art der Katzen den
-Rücken biegend auf dem Aste stand und nach dem Jäger herunterschaute,
-die Gefahr, welche dessen Nähe mit sich brachte, noch nicht so recht
-begreifend; da hielt der Jäger, wand das Seil von seinen Schultern,
-machte schnell eine Schlinge daraus, um sie über den Kopf des Jungen zu
-werfen, und schaute, sich auf zwei anderen Ästen feststellend, eben
-zu diesem empor, um den rechten Zeitpunct abzuwarten, als er, gerade
-gegenüber, kaum zehn Schritte von sich entfernt, in die glühenden
-Augen der Pantherin blickte, die sich eben zum entscheidenden Sprunge
-niederbog.
-
-Von Kindheit auf im Walde erzogen und mit den Gefahren, die den
-einsamen Jäger so oft bedrohen, bekannt und vertraut, behielt er in
-dem fürchterlichen Augenblick Besinnung genug, schnell und ehe der ihm
-gegenüber liegende Feind seine Absicht errathen konnte, den Stamm der
-Eiche, auf dem er stand, zwischen sich und die Bestie zu bringen, was
-ihm durch eine rasche Bewegung gelang; es war aber die höchste Zeit
-gewesen, denn in demselben Momente schnellte auch die dunkle Gestalt des
-Panthers auf den Platz, den er eben verlassen hatte, herüber, und seine
-glühenden Augen schauten in die des unerschrockenen Jägers, der den
-linken Arm um einen Zweig gewunden, in der Rechten das blanke Messer,
-mit jedem Athemzuge erwartete, das gereizte Thier auf sich herabspringen
-zu sehen.
-
-Die Pantherin jedoch, durch das Auge, das Jener fest auf sie geheftet
-hielt, eingeschüchtert, begnügte sich damit ihr Junges beschützt
-zu wissen, und jede Bewegung ihres Feindes auf das Aufmerksamste zu
-beobachten, während sie, kaum sechs Fuß von ihm entfernt, mit dem
-Schweife wedelnd da lag.
-
-Zuerst glaubte sich _Wiston_ verloren, denn wenn auch sein Messer eine
-gute und starke Waffe selbst gegen den grimmigsten Feind sein konnte, so
-war doch schon der Platz allein, wo er stand, und wo ihn der geringste
-Fehltritt zerschmettert in die Tiefe gesandt haben würde, nicht zu einem
-Kampf mit solchem Feinde geeignet; kaum fand er daher, daß sein Gegner
-sich damit begnügte, ihn zu bewachen, als er schnell, aber vorsichtig
-und ohne irgend eine rasche Bewegung zu machen, die das Ungethüm hätte
-reizen können, das Messer in die Scheide schob und langsam seinen
-Rückzug antrat.
-
-Der Panther, als er sah, daß Jener sich mehr und mehr von ihm entfernte,
-folgte ihm langsam, und mehreremal zuckte _Wiston's_ Hand nach dem
-Stahl, wenn sich die schlanke Gestalt der Katze zum Sprung niederbog,
-immer aber konnte sich diese nicht zu einem offenen Angriff, Aug' in
-Aug, entschließen.
-
-So erreichte er den untersten Ast wieder, schlang das Seil um den Stamm,
-erfaßte beide Ende desselben, und glitt bedächtig, aber doch so schnell
-als möglich hinab. Die Hunde hatten aber indessen ihren Feind in den
-Ästen bemerkt, wie er ihrem Herrn folgte, und in toller Wuth, fast zur
-Verzweiflung getrieben, daß sie ihn nicht erreichen konnten, sprangen
-sie empor und bellten und heulten auf eine herzbrechende Art.
-
-Endlich gewann _Wiston_ wieder den festen sicheren Boden; seine Kleider
-waren zerrissen, das Blut tropfte von seinen Armen, denn die rauhe Rinde
-des Stammes hatte sie zerschnitten, seine Kräfte waren erschöpft und
-seine Kniee zitterten; aber nicht einen Augenblick vergönnte er sich
-zum Ausruhen, sondern sprang zu dem Ort, wo seine Büchse lehnte, ergriff
-diese und hob sie, um den Panther aus seiner sicher geträumten Höhe
-herabzuholen; aber vergebens bemühte er sich das schwere Rohr auch
-nur eine Secunde lang still und unbeweglich zu halten, seine Glieder
-zitterten, und er war genöthigt sich niederzuwerfen, um auszuruhen. Aber
-kein Auge wandte er von der, jetzt dicht an den Stamm angeschmiegten
-Gestalt der Bestie, neben der das Junge, keine Gefahr weiter fürchtend,
-mit emporgehobenem Schweife, auf einem etwas vortretenden Aste stand,
-und sich behaglich an der Mutter strich.
-
-_Wiston_ erholte sich bald, faßte noch einmal seine Büchse, zielte lange
-und sicher, und donnernd schallte das Echo von fernen Hügeln herüber.
-
-Die Bestie, vom tödtlichen Blei durchbohrt, zuckte zusammen, sprang
-empor und kletterte in wilder Eile von Zweig zu Zweig in den Gipfel
-des Baumes; die dünnen Äste schwankten unter ihr; jetzt hatte sie
-den höchsten Punct erreicht -- höher hinauf wollte sie; das schwache
-Laubwerk gab nach -- sie stürzte, faßte noch mit den gewaltigen Tatzen
-im Herunterfallen nach den Blättern und Ranken und schmetterte, von den
-Hunden heulend erwartet, verendet zu den Füßen _Wiston's_ nieder.
-
-Zwar stand diesem jetzt kein weiteres Hinderniß entgegen, das Junge
-lebendig zu fangen, das ängstlich bis zu den niedrigsten Ästen des
-Baumes der Mutter gefolgt war, doch hatte er das erste Mal seine Kräfte
-zu sehr angestrengt, und vermochte nicht auf's Neue den beschwerlichen
-Weg anzutreten; er lud daher seine Büchse wieder und brachte es mit
-sicherem Schusse in den Bereich der Hunde, die mit grimmiger Wuth über
-dasselbe herfielen.
-
-In wenigen Minuten waren die Felle abgestreift und auf den Pony
-geworfen, und von den Hunden gefolgt, trabte der kühne Jäger neuer Beute
-und neuen Gefahren entgegen.
-
-
-
-
-Wandernde Krämer.
-
-
-In den Vereinigten Staaten, wo die Farmer und Pflanzer nicht, wie in
-Europa, in Dörfern und Marktflecken zusammen, sondern vereinzelt auf
-ihrem eigenen Lande und von diesem umgeben wohnen, ist natürlich der
-Handel und Verkehr zwischen den verschiedenen, isolirt liegenden und
-oft meilenweit von einander getrennten Besitzungen, wenn auch nicht
-gehindert, doch sehr erschwert, und feststehende Kaufläden könnten nur
-denen zum Nutzen und zur Bequemlichkeit gereichen, deren Ansiedelung
-sich gerade in ihrer Nähe befänden.
-
-Da nun aber der Farmer nicht gern sein Land verläßt, an das ihn
-dringende Arbeiten fesseln, um irgend einen kleinen unbedeutenden
-Gegenstand, den er vielleicht auch entbehren kann, einzukaufen, und
-sich lieber einmal eine Zeitlang ohne solche Gegenstände behilft, die er
-sich, wenn er sie eben bei der Hand hätte, wirklich anschaffen würde, so
-fanden es die Handelsleute bald für nöthig, anstatt auf seinen Besuch zu
-warten, ihn selbst aufzusuchen, und durchzogen nun entweder in eigener
-Person mit ihren Waarenpäcken das Land oder schickten ihre Leute aus,
-während sie dem Laden zu Hause vorstanden.
-
-Vorzüglich fanden die Deutschen an dieser Beschäftigung Geschmack,
-besonders unter diesen die Israeliten, (denn von all den wandernden
-_deutschen_ Krämern in ganz Amerika sind kaum ein Hundertstel
-Christen) und von New-York und New-Orleans, später von Cincinnati aus
-durchstreiften sie mit unermüdlicher Ausdauer jeden Winkel der Union.
-
-Der Handel ist das Lebensprincip der Israeliten, davon liefert Amerika
-den unläugbaren Beweis; dort wird ihnen keine Schranke gesteckt, in der
-sie sich bewegen müssen; dort sind sie durch Vorurtheile oder Gesetze an
-keine Beschäftigung, an kein Gewerbe gebunden, sie stehen mit der ganzen
-übrigen Bevölkerung auf Einer Stufe; was sie aber auch im Vaterlande
-getrieben haben mögen, welches Handwerk, welche Kunst, es bleibt sich
-gleich, in Amerika, wo sie wählen dürfen, greifen sie nach dem Handel
-und werden mit sehr wenigen Ausnahmen Kaufleute, oder geht das nicht,
-Krämer und Hausirer, wie man sie dort nennt, »Pedlars.« Zwar ist ein
-kleiner Theil dieser Pedlar, wie schon gesagt, Christen; doch dieser
-sind so wenige und sie verlieren sich so sehr unter der Masse, daß sie
-kaum einer Erwähnung verdienen, und nur die wirklichen Yankees (die
-Bewohner der nordöstlichen Staaten der Union) concurriren bedeutend mit
-ihnen, und nehmen auch wirklich in diesem Geschäftszweig, selbst den
-Juden gegenüber, den ersten Rang ein. Wir aber haben es hier erst
-vor allen Dingen mit den Deutschen zu thun. -- In einem der Seehäfen
-angekommen besteht die Baarschaft der wandernden Krämer, wenigstens die
-der ärmern Classe, gewöhnlich noch aus wenigen Dollars, mit denen sie
-denn auch nicht säumen, ohne weiteren Zeitverlust ein »Geschäft zu
-beginnen.« Ein schmaler Korb (zum Umhängen) wird vor allen Dingen
-angeschafft, dahinein ein kleiner Vorrath von etwas Band und Zwirn,
-einige Kämme und Zahnbürsten, Hosenträger und Zahnstocher, wunderbar
-schimmernde Hemdknöpfchen und Näh- und Stecknadeln und andere derartige
-Sachen gekauft, und der Weg zu ihrem Glück ist gebahnt.
-
-Noch versteht der angehende Kaufmann keine Sylbe von der Sprache des
-Landes, das er jetzt zu seiner Heimath gemacht hat, =yes= und =no= und
-noch ein paar kleine Hülfswörter, wie =very cheap= (sehr billig)
-und =very good= (sehr gut) ausgenommen, mit einer liebenswürdigen
-Dreistigkeit aber sucht er vorzüglich die amerikanischen Häuser auf
-(denn die Deutschen selbst sind schlechte Kunden), und knüpft hier
-mit der Hülfe von solch barbarischen Wörtern und lebensgefährlichen
-Gesticulationen ein Gespräch an, daß die Leute, wenn sie nicht den ohne
-alles weitere Eintretenden beim ersten Anlauf aus der Thüre werfen, sehr
-häufig geneigt sind eine Kleinigkeit zu kaufen, die sie natürlich im
-Leben nicht benutzen können, blos um das Mienen- und Gebärdenspiel wie
-die außerordentliche Unterhaltung des »jungen Amerikaners« eine kurze
-Zeit zu genießen.
-
-Das dauert aber nur wenige Monate; in fast unglaublich kurzer Zeit
-lernt der Pedlar die Landessprache wenigstens so weit, daß er sich
-verständlich ausdrücken kann, und nun beginnt das eigentliche Leben
-desselben.
-
-Wie der Schmetterling aus der Puppe, so kriecht er mit seinem mächtigen
-Packen und einem tüchtigen Wanderstab versehen aus den Straßen der engen
-Stadt hervor und flattert, wenn man überhaupt mit einem Waarenballen von
-einigen 60 Pfund auf den Schultern flattern kann, hinaus ins Weite, den
-fernwohnenden Farmern das an Herrlichkeiten zuzutragen, was er entweder
-auf Auctionen mit baarem Gelde eingekauft, oder von bekannten Kaufleuten
-auf Credit erhalten hat.
-
-In dem Staat, in welchem er Handel treibt, muß er freilich eine
-bestimmte Taxe, sogenannte Licence entrichten, weiter ist er aber auch
-in nichts gebunden, und kann an Waaren ausbieten, was ihm nur immer
-und wo es ihm beliebt; deshalb haben sie sich auch über die ganzen
-östlichen, südlichen und mittlern Staaten ausgebreitet, und nur die ganz
-westlich liegenden größtentheils den Amerikanern überlassen, da dort die
-Gegend noch zu unbebaut ist und ihnen der Anblick von wilden Thieren,
-die, wenn auch einzeln, doch dann und wann umherstreifen, keineswegs zu
-behagen scheint.
-
-Natürlich wählt sich der Pedlar stets _den_ Strich Landes, auf welchem
-die meisten Ansiedlungen liegen und der noch am wenigsten von seinen
-Collegen heimgesucht ist; dort geht er dann von Farm zu Farm und fragt,
-ob die Inwohnenden etwas von Waaren nöthig haben. Gewöhnlich lautet
-die Antwort »nein.« Da aber der Mann selten zu Hause ist und die Frauen
-stets gerne sehen möchten, was der Krämer denn eigentlich in dem großen,
-schweren Packen für Kostbarkeiten verborgen trägt, so erhält dieser
-leicht die Erlaubniß seinen Ballen zu öffnen und seine Waaren
-auszubreiten. Erhält er die übrigens auch nicht, so bleibt sich das im
-Grunde gleich, denn öffnen thut er ihn doch, und seine Sachen zeigt
-er auch vor, ehe er geht, Stück für Stück, ob er nun freundliche oder
-mürrische Zuschauer um sich sieht.
-
-Das Ausbreiten der Waaren in einsamer, den Städten fernliegender Hütte,
-hat aber seinen doppelten Nutzen; erstlich sehen die Bewohner derselben
-so viele Sachen, welche sie gut gebrauchen können, ja deren sie wohl gar
-nothwendig bedürfen, vor sich und werden dadurch an manche Kleinigkeit
-erinnert, die sie sonst vergessen hätten; und dann gewinnt auch
-die Waare selbst, in der unscheinbaren niedern Hütte, auf dem rohen
-Holztisch, in der ganzen hausbackenen Umgebung zur Schau gestellt, ein
-ganz anderes Ansehen. Wie verführerisch glänzen die schildpattähnlich
-gemalten Hornkämme von dem schlauen Krämer gegen den dunkeln Scheitel
-des neben ihm stehenden erröthenden Mägdeleins gehalten; wie feenhaft
-zauberisch glitzern die mächtig großen Vorstecknadeln und Ohrgehänge
-auf den sauber gebürsteten, schwarzen sammtmanchesternen Kissen und die
-goldenen Ringe mit den Brillanten und Rubinen auf der schwarzen Rolle
-aufgereiht wie Bretzeln am Fenster eines Bäckerladens; welche kaum
-geahnte Pracht eröffnet sich nicht in den jetzt aufgeschlagenen Stücken
-Kattun, dessen wunderliche Muster, mit den blitzähnlichen Zickzacks und
-unzähligen Monden und Sternen selbst der ältern Farmersfrau ein
-lautes »Ach« der Bewunderung entlocken; und dann erst gar die seidenen
-Halstücher und Bänder, die Perlmutterknöpfe und Haarnadeln mit den
-kleinen farbigen Glaskugeln oben drauf, die Haarschleifen und Armbänder,
-die Ketten und feuerstrahlenden Ohrringe, das alles muß in einem solchen
-Blockhaus, mitten im Walde gesehen werden, um ganz den, wenigstens für
-den Verkäufer wünschenswerthen und günstigen Eindruck hervorzubringen.
-
-Der Pedlar läßt seine Waaren gewöhnlich nur für baar Geld aus den
-Händen; kennt er aber seine Leute oder sieht er an der ganzen Umgebung,
-daß er gerade nicht viel zu fürchten hat, so creditirt er wenigstens
-einen Theil derselben, was ihm zu gleicher Zeit Entschuldigung für einen
-zweiten Besuch gewährt. Ein anderes ist es mit den »Jewelry pedlars«
-oder denen, die nur goldene Schmuckwaaren, einige Taschenuhren und
-_silberne_ Löffel führen. Diese geben _nie_ Credit, weil sie aus sehr
-vernünftigen Gründen nie ein und denselben Ort zweimal besuchen: sie
-trauen dem Frieden nicht recht und sind selten geneigt, dem Mann wieder
-unter die Augen zu treten, dem sie früher von ihren Waaren verkauft
-haben.
-
-Der größte Betrug wird in dieser Hinsicht mit den Argentan-Löffeln
-getrieben, die in den Städten unter dem Namen =german silver=
-oder deutsches Silber bekannt sind und wo, besonders in Ohio, den
-leichtgläubigen Farmern unter dem Vorwande, daß _deutsches_ Silber nur
-eine andere Art, aber sonst eben so gut sei, das Dutzend Eßlöffel zu
-18 und 20 Dollars verkauft wurde. Hätten die Gesetze in diesen Fällen
-wirklich einschreiten wollen, so würden sie nichts haben ausrichten
-können, denn die Waare war unter dem rechten Namen, »deutsches Silber,«
-wenn auch zu einem übermäßigen Preise, verkauft, die Landleute selbst
-aber, welche mit der Zeit, obgleich erst durch Schaden, klug wurden,
-schwuren nachher freilich dem Pedlar, sobald er sich wieder blicken
-lassen würde, furchtbare Strafe zu. Dieser jedoch trieb dann schon
-in einem anderen Staat, entweder weiter westlich oder südlich, -- wer
-konnte sagen wohin er gezogen, -- sein Wesen, und nur wenige Jahre
-bedurfte es, so hatte sich der arme Packträger ein Pferd oder gar einen
-kleinen Wagen angeschafft, auf dem er jetzt seine Waaren, in bedeutend
-größerer und besserer Auswahl, durch das Land fuhr.
-
-Louisiana besonders wimmelt von diesen Leuten und es kommt dort vor,
-daß mehrere derselben zusammenlegen und sich ein Pferd gemeinschaftlich
-kaufen, um ihre Waarenballen fortzuschaffen; das arme Thier ist aber
-dann wahrlich zu bedauern, denn erstens muß es die sicherlich übermäßige
-Last, und gewöhnlich auch noch abwechselnd einen der hoffnungsvollen
-Jünger Mercurs schleppen, und nicht selten geschieht es dann, daß solch
-ein gequältes Geschöpf zusammenbricht und nicht weiter kann.
-
-In Louisiana besteht der Hauptnutzen des Pedlars in dem Verkehr mit den
-Negern und besonders den Negerinnen, welche, da sie die Plantagen nicht
-verlassen dürfen, für alles das, was sie gebrauchen, einzig und allein
-auf diese wandernden Krämer angewiesen sind. Den jungen Mulattinnen und
-Mestizen fehlt es dabei nicht an Geld, besonders wenn sie schön
-sind, und sie wissen den Minnesold natürlich auf keine andere Art zu
-verwenden, als daß sie Putz und Kleider dafür einkaufen, die ihnen
-von den geschäftigen Deutschen in reicher Auswahl zugeführt werden.
-Grellrothe Tücher, Glasperlen, auffallend bunte Kattune und alle Arten
-von Schmuck finden hier einen ausgezeichneten Markt, und der Nutzen an
-diesen Gegenständen, die spottbillig auf den Auctionen in New-Orleans
-eingekauft werden, ist bedeutend. Am meisten verdienen diese Leute aber
-mit dem verbotenen Handel, wie das fast stets der Fall ist.
-
-Den Negern dürfen sie nämlich keinen Whiskey verkaufen, wie überhaupt
-kein Kaufmann in den Sklavenstaaten; und die Strafen, welche für
-Übertretung dieses Gesetzes bestimmt sind, werden sehr streng
-beobachtet; der Krämer weiß aber der Gefahr entdeckt zu werden, sehr gut
-zu entgehen; Verrath ist von den Negern selbst nicht zu befürchten und
-eine mittlere, doppelte Wand im Wagen birgt den geheimen Schatz, aus dem
-sie heimlich die Flaschen der durstigen Sklaven füllen.
-
-Viel bedeutendere Geschäfte machen übrigens in diesem Artikel die großen
-Flat- und Kielboote, welche für den heimlich ausgeschenkten Whiskey,
-wenn sie einmal eine kurze Zeit am Ufer anlegen, Landesproducte
-annehmen, als Hühner, Ferkel, Truthühner, Mais und was die Sklaven
-sonst selber ziehen oder in der Geschwindigkeit stehlen können, welche
-Gegenstände der wandernde Krämer freilich nicht im Handel annehmen kann,
-da er keinen Ort hat, an dem es möglich wäre, diese Sachen zu verbergen,
-auch bliebe ihm, im Fall es entdeckt würde, kein Weg zur Flucht
-offen, während die Bootsleute weiter nichts zu thun haben, als ihr Tau
-loszubinden, wo sie in wenigen Stunden mit dem Strome hinabtreibend
-unter der Masse ähnlicher Fahrzeuge verschwinden und vielleicht zehn
-Meilen weit unten denselben Handel auf's neue beginnen.
-
-Wunderbar ist es übrigens in der That, wie diese Pedlars, besonders in
-einigen Staaten noch, ihren Lebensunterhalt verdienen können, denn
-z. B. Louisiana, Ohio, Pennsylvanien und selbst Kentucky sind mit ihnen
-ordentlich überschwemmt; die Amerikaner kennen sie aber schon, wissen,
-daß es wirklich positive Unmöglichkeit ist, einen derselben loszuwerden,
-ohne ihm eine Kleinigkeit abzukaufen und fügen sich dann auch meistens
-mit vieler Ruhe in das doch einmal unvermeidliche Schicksal.
-
-Hat sich der Pedlar nun endlich nach langen, mühsam und auf der
-Landstraße durchlebten Jahren etwas erspart, so giebt er das wandernde
-Leben auf und wird »Storekeeper,« d. h. er miethet sich irgendwo an der
-Dampfboot-Landung eines kleinen Städtchens oder einer Stadt, und ist das
-nicht möglich, im Innern des Ortes selbst einen Laden, und beginnt ein
-Geschäft mit fertigen Kleidungsstücken, inclusive Hüten, Mützen, Schuhen
-und Stiefeln, Messern, Pistolen, goldenen Ringen und Vorstecknadeln.
-Die sämmtlichen Kleiderläden der Vereinigten Staaten (es bestehen deren
-Tausende) gehören auf diese Art, mit nur sehr wenig Ausnahmen, deutschen
-Israeliten, von denen viele in kurzen Jahren ein recht anständiges
-Vermögen zusammengescharrt haben, und sämmtliche Städte eben dieser
-Staaten, die an einem Fluß oder sonstigen Wassercours liegen, sind
-auf diese Art im wahren Sinne des Wortes mit wehenden und flatternden
-Kleidungsstücken garnirt, zwischen denen unter jeder Thür ein mit vieler
-Aufmerksamkeit frisirter, sehr elegant gekleideter, und die rothen
-Finger mit Ringen, die scheinende Weste mit Ketten und Vorstecknadeln
-überladener junger Mann steht und die Vorübergehenden fortwährend
-mit lauter Stimme einladet, sein »wohlassortirtes Lager« etc. etc.
-in Augenschein zu nehmen; ja oft _sogar_ mit wahrer Todesverachtung
-besonders ärmlich Gekleidete gewaltsam in das Heiligthum seines
-Verkaufslocals hineinzerrt, wo er im düstern Schatten einer Unzahl
-flatternder Beinkleider das unglückliche Opfer förmlich zu irgend einem
-Handel zwingt.
-
-Diese Kaufleute übrigens, die einst wandernde Krämer gewesen, geben
-ihren ärmern, noch umherstreifenden Collegen selten oder nie Credit; sie
-mögen wohl wissen, wie sie es selbst in früheren Zeiten getrieben,
-und wie oft ein solcher nomadischer Händler, wenn er eine Zeitlang
-Kleinigkeiten im Vertrauen auf seine Redlichkeit erhalten und verkauft,
-auch stets richtig bezahlt hat, mit dem ersten größeren Waarenballen
-spurlos verschwindet, und erst wieder in einem andern Staat, wo möglich
-5 bis 600 Meilen von dem ersten entfernt, auftaucht. Ihn durch die
-Gesetze zu verfolgen, ist kaum möglich, der angeführte Kaufmann erfährt
-vielleicht auch den neuen Aufenthaltsort seines Schuldners erst nach
-geraumer Zeit, wenn die Schuld selbst schon lange verjährt ist.
-
-Ich war übrigens selbst einst Zeuge, wie mehrere Kleiderhändler in
-New-Orleans eine wenn auch komische Art Lynchgesetz in Anwendung
-brachten, um einen Pedlar zu bestrafen, der fünfe von ihnen, die sich
-später alle zufällig in New-Orleans zusammengefunden und festgesetzt
-hatten, in verschiedenen Städten der vereinigten Staaten um eine nicht
-unbeträchtliche Summe in Waaren betrogen. Die Schuld war verjährt und
-in einer Versammlung vor die er berufen, wurde ihm als Strafe von jeder
-Hand (es hatten sich etwa 18 eingefunden, und ich war eigentlich nur ein
-zufälliger Zeuge) zwanzig Stockschläge zuerkannt, denen er sich auch im
-Gefühle seiner Schuld, geduldig unterwarf. Als aber der vierte, an dem
-er vorzüglich gesündigt, seinen größern Verlust auch durch stärkere
-Schläge, als sie der Delinquent wohl erwartet, wieder einzubringen
-gedachte, lehnte sich dieser höchst unvorhergesehenermaßen gegen die
-Gewalt auf, und faßte den Strafenden mit so schlauem Griff, daß dieser
-erschreckt aufschrie, den Stock fallen ließ und froh war, dem kräftigen
-Schuldner wieder entrissen zu werden. Das schreckte die andern ab,
-und der Pedlar ward in Gnaden, aber mit entsetzlichen Schimpfworten
-entlassen.
-
-Zwei Arten von Waaren giebt es übrigens, mit denen sich die Deutschen
-nie oder wenigstens sehr selten befassen: es ist dies der Verkauf von
-Wand- oder Standuhren und Medicinen. Zum ersten Geschäft sind sie nicht
-gewandt, zum zweiten nicht unverschämt genug. Diesen Handel haben also
-die Amerikaner fast allein an sich gerissen, vorzüglich die Yankees,
-d. h. die Bewohner der nordöstlichen Staaten, als Maine, New-Hampshire,
-Connecticut, Vermont, Massachusetts und Rhode-Island, deren »Clock
-pedlar« oder Uhrenkrämer in der ganzen Welt berühmt sind.
-
-Sam Slick hat einen tiefen Blick in ihre Verhältnisse thun lassen und
-ich will sie, da sie doch einmal in diese Rubrik gehören, nur kurz
-erwähnen.
-
-Mit einem kleinen Wägelchen, vor das ein ziemlich gut aussehendes, sonst
-aber gewöhnlich höchst nichtsnutziges Pferd gespannt ist, zieht der
-Uhrenhändler oder Clockpedlar in die weite Welt, und zwar am liebsten
-in die westlichen und süd-westlichen Staaten hinein; sein Zweck und Ziel
-ist Uhren zu verkaufen und er verkauft sie auch, mag er nun willige oder
-zähe Käufer finden. Leute, die früher nie auch nur an die Möglichkeit
-gedacht haben, je eine Summe, die für sie ein Capital ist, an die
-Anschaffung eines so leicht entbehrlichen Gegenstandes zu wenden, finden
-sich plötzlich als Eigenthümer eines solchen Werkes, von dem es ihnen
-fast wie Zauberei und schwarze Kunst erscheint, wie sie eigentlich und
-so ganz gegen ihren positiv ausgesprochenen Willen zum Besitz
-desselben gelangt sind. Da steht es aber jetzt, oben auf einem
-groben, unbehobelten Bret zwischen dort aufgehangenen Hirsch-
-und Waschbärenfällen so ruhig und gemüthlich mit seinem stillen,
-selbstzufriedenen Ticktack, als sei es etwa 1500 Meilen von dort ganz
-besonders zu dem Zweck angefertigt worden, in möglichst kurzer Zeit
-hierher geschafft zu werden, und durch die Augen einer holdselig
-lächelnden Dame in wunderbar schimmerndem, feuerfarbenem Kleid, die, auf
-der Klappe der Uhr befindlich, in der einen Hand eine außergewöhnlich
-große Rose, in der andern einen chinesischen Fächer hält, dem wirklich
-verblüfften Farmer seine volle Zufriedenheit mit dessen trefflicher Wahl
-zu erkennen zu geben.
-
-Der Yankee, eine stets sehr lange und sehr sorgfältig bis hoch hinauf
-an die Schläfe rasirte Gestalt mit glatt gestrichenen Haaren und
-grauen, lebhaften Augen, etwas vorstehenden Backenknochen und etwas
-schiefgezogenen Gesichtszügen, wovon jedoch größtentheils ein in der
-linken Backe ruhendes entsetzliches Stück Kautaback die Schuld trägt,
-versichert indessen den Farmer schon zum drittenmal, daß er ihn erst
-binnen Jahresfrist und vielleicht selbst dann noch nicht wiedersehen
-solle, läßt sich jedoch »um Lebens oder Sterbens willen« einen kleinen
-Wechsel nach Sicht schreiben, setzt sich am nächsten Morgen in sein
-kleines, grün lackirtes Wägelchen, nickt noch einmal einen freundlichen
-Gruß herüber und verschwindet in den Biegungen der durch den dichten
-Wald führenden Straße. Er hält Wort -- er selbst kommt weder in
-Jahresfrist noch jemals wieder in dieselbe Gegend, aber nach zwei
-Monaten erscheint sein »Partner« oder Compagnon, präsentirt den Wechsel
-und dringt auf die Bezahlung. Von jähriger Frist weiß er nichts,
-sein College »hat ihm nichts davon gesagt,« der Wechsel lautet auf
-augenblickliche Bezahlung und muß, wenn er unter 50 Dollar ist, dem
-Vorzeiger bezahlt werden. Der arme Backwoodsman weiß das und schafft
-seufzend Rath, der Pedlar aber, oder Einkassirer vielmehr, zieht
-heimlich lachend von dannen.
-
-Die Hinterwäldler sind sonst so schlau und gewandt, im Geschäft sowohl
-wie im wirklichen Leben; in den Händen eines Yankees aber ist es
-ordentlich, als ob sie ihre bisherige That- und Denkkraft verlieren;
-sie erkennen seine geistige Überlegenheit an und geben sich rettungslos
-verloren. Kehrt der Händler in seine eigene Heimath zurück, so hat
-er auch stets ein ausgezeichnet gutes Pferd vor dem Wagen, denn das
-vortheilhafte Vertauschen desselben gehörte mit zu seinem Geschäft.
-
-Nur ein Beispiel weiß ich, wo ein Yankee und noch dazu einer der
-pfiffigsten, von einem Backwoodsman mit seinen eigenen Waffen geschlagen
-wurde und sehr betrübt abziehen mußte. Es war in Arkansas, und Jackson,
-ein Ansiedler, der erst kürzlich von Tenessee herübergekommen, sein
-letztes baares Geld für 40 Acker Land, zwei Milchkühe und ein Pferd,
-da ihm das alte krank geworden und gestürzt war, ausgegeben hatte, saß
-Abends in der ärmlichen Blockhütte beim frugalen Nachtmahl von Speck,
-Maisbrod und Milch, als das kleine Fuhrwerk eines solchen Clockpedlars
-vor seiner Thür hielt.
-
-Freundlich lud er den Krämer ein, bei ihm die Nacht und mit seinem
-Mahl vorlieb zu nehmen, und dieser ließ sich auch nicht lange bitten,
-besorgte sein Pferd selbst, trug, wobei ihm Jackson half, die Uhren
-unter Dach und Fach und begann hier nun auf den Verkauf einer derselben
-hinzuarbeiten; Jackson war aber »=an old hand=,« wie sie in Amerika
-sagen, und durchschaute nicht allein seinen Plan, sondern hatte ihn
-schon von dem ersten Anblick an vorausgesehen, sagte daher dem Pedlar
-ganz freundlich, er sei zu arm eine Uhr zu kaufen, denn wenn er sie
-wirklich kaufen wolle, könne er sie nicht bezahlen. Dies war übrigens
-eine zu alltägliche Ausflucht, als daß sich der Yankee dadurch hätte
-sollen abschrecken lassen; im Gegentheil gab ihm das ruhige Betragen
-des Mannes die besten Hoffnungen zu einem guten Geschäft, und nicht eher
-ruhte er, bis sämmtliche Uhren in Reih und Glied vor dem still vor sich
-hin lächelnden Backwoodsman aufmarschirt standen, und jetzt handelte
-es sich nach des Krämers Meinung nicht mehr darum, ob er eines der
-herrlichen Kunstwerke, sondern nur _welches_ er kaufen solle. Vergebens
-erwähnte der Arkansaner, daß er arm sei und keine Uhr kaufen könne, der
-Pedlar ließ nicht locker, und jener richtete sich endlich entschlossen
-auf und sagte:
-
-»Gut -- ich nehme eine -- Ihr bekommt aber kein Geld.«
-
-»Im ersten Jahr nicht,« lächelte der Krämer, »habt die Uhr nur einmal
-ein Jahr, Ihr laßt sie nicht wieder fort.«
-
-»So will ich diese wählen -- was ist der Preis?«
-
-»Achtundvierzig Dollar.« (Er wußte recht gut, daß er bei einer Klage auf
-mehr als 50 Dollar Jahre lang hinausgehalten werden konnte.)
-
-Jacksons Frau sah ängstlich zu ihm empor, er winkte ihr aber
-lächelnd zu, ruhig zu sein, und ließ es, behaglich auf ein Bärenfell
-ausgestreckt, geschehen, daß der Fremde die aufgedrungene Uhr über dem
-Kamin auf einem durch hölzerne Pflöcke gehaltenen Bret befestigte und
-aufzog.
-
-»Ihr bekommt aber kein Geld dafür,« sagte er dem Yankee.
-
-»Ich weiß es wohl,« erwiederte dieser, »aber doch Euern Wechsel, Ihr
-wißt wohl, das ist so Sitte.«
-
-»Gut, dagegen habe ich nichts, den sollt Ihr haben,« sagte der Farmer,
-und unterschrieb das schnell ausgestellte Papier.
-
-Der Pedlar zog am nächsten Morgen weiter, aber ehe sein Collecteur
-mit dem fälligen, natürlich nach Sicht ausgefüllten Wechsel erscheinen
-konnte, hatte Jackson die Uhr auf sein Pferd genommen, nach der nächsten
-Stadt gebracht und dort verkauft.
-
-Der Compagnon des Yankees kam endlich nach drei Monaten, und erstaunte
-zwar, keine Uhr in der Hütte des Farmers zu finden, äußerte jedoch
-hierüber nichts, sondern präsentirte nur seinen Wechsel. Der Farmer
-bedeutete ihn aber sehr kaltblütig, daß er dem Uhrenhändler aufrichtig
-gesagt habe, er bekäme nie sein Geld und das wäre in der That wahr, denn
-er sei nicht allein nicht gesonnen, sondern auch nicht im Stande, die 48
-Dollars jetzt oder jemals zu bezahlen; er hätte die Uhr nehmen müssen,
-um den Krämer nur loszuwerden, und der Collecteur möge ihn jetzt, wenn
-er sonst glaubte, etwas dabei verdienen zu können, verklagen.
-
-Als dieser endlich wirklich sah, der Farmer sei fest entschlossen, sein
-Wort zu halten, so ging er zum nächsten Friedensrichter und klagte; der
-gute Mann war jedoch zum erstenmal in Arkansas -- er hatte gut klagen,
-das Erlangen seiner Schuld stand aber auf einem anderen Blatt, denn der
-Farmer war -- nicht zahlungsfähig.
-
-Vergebens warf der Yankee ein, daß er eine Menge Hausgeräth, eine
-Büchse, ein Pferd und zwei Kühe habe, es half ihm nichts; in Arkansas
-kann einem Farmer weder die Büchse noch Handwerkszeug, weder zwei Kühe
-noch zwei Pferde, noch alles nöthige Hausgeräth als Pfand weggenommen
-werden, denn es giebt ein gewisses Eigenthum, welches er besitzen muß,
-ehe das Gesetz ein Recht auf das übrige erhält, und da er das, was ihm
-der Staat als unantastbar zugestand, noch nicht einmal alles besaß,
-denn er hatte nur _ein_ Pferd und kaum die Hälfte des ihm verstatteten
-Hausgeräthes, so war natürlich an eine gewaltsame Bezahlung gar nicht zu
-denken. Als dies dem Yankee endlich in all seiner entsetzlichen Wahrheit
-einleuchtete, versuchte er die Uhr zurückzuerhalten, aber auch das war
-zu spät, und seit jener Zeit ist Jackson nie wieder eine Uhr zum Verkauf
-angeboten worden.
-
-Ein anderer Handelszweig und keineswegs der unbedeutendste, mit dem die
-Yankees fast gänzlich Monopol treiben, ist der Medicin-Handel. Ein alter
-Yankee, der seine Söhne in die Welt schickt, damit sie Erfahrungen --
-die wichtigste Schule im menschlichen Leben -- sammeln, und einmal
-von den Zwiebelbeeten erlöst werden, an die sie bis zu ihrem
-einundzwanzigsten Jahr gefesselt gewesen, stellt ihnen die Wahl frei,
-ob sie Clockpedlar oder -- _Doctor_ werden wollen, und wählen sie
-das letztere, so bedarf es noch nicht einmal so vieler Warnungen und
-Ermahnungen, als bei dem ersten Geschäft, um den jungen Mediciner mit
-der Wirkung seiner Heilkräfte, die er in einem kleinen Felleisen bei
-sich führt, bekannt zu machen.
-
-Die Mittel, deren er sich bedient, sind sehr einfach. Calomel ist die
-Hauptcur, und macht, nebst irgend einer großnamigen Patentmedicin, den
-Mittelpunkt, um den sich alles übrige dreht; sonst gebraucht er noch
-etwas Opium (aufgelöst), Ricinusöl, Glaubersalz, etwas Ipecacuanha,
-Chinarinde und Brechweinstein, und er hat alles, was er zu einer
-ausgebreiteten Praxis bedarf.
-
-Schon fünf Meilen von seinem Heimathsort, wo er dem ersten fremden
-Menschen begegnet, erhält er den Namen »Doctor,« und die können von
-Glück sagen, die noch mit Salz oder andern unschädlichen Medicinen
-abgefertigt werden, denn wo der junge Doctor Geld wittert, da müssen die
-Leute von seiner Patent-Medicin kaufen, und Gnade ihnen Gott, wenn sie
-das rothe, zusammengeknetete Zeug verschlucken. Sind sie vollkommen
-gesund, so kommen sie vielleicht mit einer heilbaren Kolik oder einigen
-gelinden Krämpfen und einem schwachen Anfall von Apoplexie davon; sind
-sie aber ohnedies kränklich, dann ist ihnen selten mehr zu helfen,
-und sie vermehren die Zahl der Schlachtopfer, die jährlich dem so
-scheußlichen Götzen »Quacksalberei« geopfert werden.
-
-Manchmal betreiben auch diese wandernden Krämer oder »Doctoren,« wie sie
-sich am liebsten genannt hören, ihr Geschäft humoristisch, im Fall sie
-entweder zu gewissenhaft sind, den Farmern ihre Latwergen aufzudringen
-oder darin eine leichtere und schnellere Art sehen, Geld zu verdienen;
-so durchzogen z. B. im Jahre 1843 zwei Yankees die nördlichen oder
-nordwestlichen Staaten mit solchem Glück, daß sie in wenigen Monaten
-eine bedeutende Summe Geldes erübrigt hatten. Ihr Plan, oder vielmehr
-ihre List, war die folgende gewesen.
-
-Der Eine von ihnen, ohne Waaren oder Gepäck, mit nur einer gewöhnlichen
-amerikanischen Satteltasche von seinem kleinen, feurigen Pferde
-getragen, war der erste auf der unter ihnen ausgemachten Marschroute,
-und hielt bei jedem Haus, das auf seinem Wege lag, an, stieg ab,
-schüttelte den Bewohnern desselben sehr freundlich und lang die Hand,
-ging an den Wassereimer und trank aus dem langstieligen Flaschenkürbis,
-der neben demselben an einem Haken aufgehangen war, unterhielt sich dann
-noch eine Weile mit den Leuten, sprach über dies und jenes, schüttelte
-ihnen noch einmal zum Abschied die Hand, kehrte wieder um und entdeckte
-nun irgend einem der Männer, den er bei Seite nahm und um Verschweigen
-des ihm Anvertrauten bat, daß er -- an einer sehr bösartigen
-Hautkrankheit leide und frug ihn, ob er nicht irgend eine dieser
-abhelfenden Salbe habe. Er hielt dabei die Hand des Farmers fest in der
-seinen und sah ihm bittend in's Auge, bis dieser plötzlich den Sinn
-der Worte begriff und schnell zurücktrat. Gewöhnlich wurde er hierauf
-schnell und mit einigen kurzen, nicht besonders freundlichen Worten
-abgefertigt; das that aber nichts, er hatte seinen Zweck erreicht,
-schwang sich in den Sattel und trabte, wehmüthig zurückgrüßend, langsam
-der nächsten Ansiedlung zu, um hier seine List zu wiederholen.
-
-Die Farmerfamilie blieb aber in größter Aufregung zurück -- was mußten
-hiervon die Folgen sein? Der Mann mit der ekelhaften Krankheit hatte
-allen und höchst warm und freundschaftlich die Hand gedrückt, hatte
-aus demselben Trinkgeschirr mit ihnen getrunken und es war jetzt fast
-unvermeidlich, daß sie angesteckt werden mußten. Da nähert sich auf
-hohem, starkknochigem Roß ein Fremder, hält und steigt ab; die Familie
-ist noch so bestürzt, daß sie kaum seiner achtet, er nimmt aber ohne
-weiteres das kleine Felleisen, welches er hinter sich am Sattel trägt,
-geht in's Haus und fragt, ob niemand etwas von seinen Medicinen bedürfe.
-
-Medicin? das war ein Wink des Himmels -- der Mann kam wie von Gott
-gesandt, und welch ein Glück, daß er auch eine solche gerade für diese
-Art Hautkrankheiten nützliche Salbe bei sich führte. Es ist seiner
-Aussage nach das letzte, und wenn auch etwas viel für die _eine_
-Familie, so kann man ja doch nicht wissen, ob die Krankheit nicht
-wirklich zum Ausbruch kommt und wie sie sich zeigen wird, gut oder
-bösartig. Auch ist der Preis gerade für diesen Artikel sehr hoch, aber
-was schadet das, beugt man denn nicht damit dem Unangenehmsten vor? Der
-schlaue Krämer hat aber in der That seinen Mantelsack _nur_ mit dieser
-Arznei gefüllt, welcher blos oben darauf zum Schein noch einige andere
-beigefügt sind; er streicht daher fröhlich das Geld ein und folgt
-schnell dem Compagnon, der indessen auf seiner Schrecken verbreitenden
-Bahn weiter gegangen ist und neue Opfer gesammelt hat. Da sie ihren Weg
-natürlich immer weiter und stets durch fremde Gegenden fortsetzten, so
-war auch eine Entdeckung gar nicht zu befürchten, und nie haben wohl
-zwei Yankees in so kurzer Zeit solche brillante Geschäfte gemacht, als
-diese beiden wandernden Medicinkrämer.
-
-Zu dieser Menschenclasse gehören auch noch eigentlich streng genommen
-die unzähligen Kiel- und Flatboote, welche mit den größeren Strömen
-hinabtreiben; nur eine gewisse Art derselben legt aber an den einzelnen
-Farmen und Plantagen an, die Mehrzahl schwimmt dem großen Markt des
-Südens, dem gewaltigen New-Orleans zu. Diese Krämerboote zeichnen
-sich vor den ersteren Kameraden durch eine kleine Stange und einen
-flatternden Wimpel aus; sie landen an jeder größeren Ansiedlung und
-führen theils Producte des Nordens, theils Ausschnitt- oder Blechwaaren,
-ja manchmal sogar Schaubuden und Theater mit sich. Ist an dem einen Ort
-ihr Geschäft beendet, so lösen sie das Tau und treiben weiter hinunter
-zum nächsten Platz, wobei sie, wie schon oben erwähnt, besonders in den
-südlichen Staaten vorzüglich gute Geschäfte machen, indem sie heimlich
-an die Negersklaven Whiskey ausschenken und dafür von diesen Feldfrüchte
-und selbstgezogenes oder gestohlenes Vieh eintauschen.
-
-
-
-
-Der amerikanische Urwald.
-
-
-Der deutsche Jäger, der Abends seine Jagdgeräthschaften für den nächsten
-Tag in der freundlich-gemüthlichen Stube zurechtlegt, Pulverhorn wie
-Korbflasche füllt und nun mit Tagesgrauen nichts weiter zu thun hat,
-als den Hund zu füttern und für sich selbst ein Paar Butterbröde zu
-schneiden, wenn nicht auch das die Frau schon besorgte; der dann sein
-Schießzeug umhängt und mit dem klugen Ponto durch offene Felder sucht,
-oder durch lichte Waldung pürscht, Nachts aber wieder ruhig in seinem
-warmen, weichen Bette liegt: der weiß freilich nicht, wie es einem armen
-Streifschützen zu Muthe ist, der, weit von jeder menschlichen Wohnung
-entfernt, in Regen und Sturm, vielleicht in Schnee und Eis draußen im
-Walde campirt, und hungert und friert.
-
-Das Leben in den amerikanischen Urwäldern hat aber stets einen
-geheimnißvollen Reiz für den Europäer gehabt; schon der Name klingt
-romantisch, man denkt dabei an die gewaltigen, riesigen Bäume, an das
-schaurige Rauschen der mächtigen Wipfel, an die Schlingpflanzen und
-an den wilden Wein, der in schweren, dunklen Trauben von den Ästen
-herniederhängt, an das Wild, das leisen, bedächtigen Schrittes
-hindurchzieht, an den finstern Bären, den stattlichen Hirsch, die
-zahlreichen Völker wilder Truthühner, vielleicht gar an einen in den
-Zweigen lauernden Panther; ja das ist Alles sehr schön und gut --
-existirt auch wirklich, nur ist es schlimm, daß die Sache, so recht in
-der Nähe, aus der Mitte heraus, betrachtet, sehr, sehr viel an Reiz und
-romantischem Zauber verliert. -- Es ist damit gerade so, wie mit einer
-weidenden Heerde.
-
-Welch einen lieblichen Anblick gewährt es, wenn man, auf einem Hügel
-gelagert, in der Ferne, auf grüner blumiger Wiese eine Heerde weiden
-sieht, wo die einzelnen buntscheckigen Kühe nach dem duftigen Futter
-umhersuchen, wo der Hirt, dessen Hund ihn spielend umspringt, an seinem
-Hirtenstabe lehnt; wenn man das melodische Läuten der Glocken, das
-weiche Blöken des Viehes selbst, das freundliche Klaffen des Hundes hört
--- ein unendlicher Zauber liegt über dem anmuthigen Bilde; -- steigt
-man aber von dem Hügel herunter und kommt in die Nähe, so wird aus der
-blumigen Wiese ein mit ganz anderen Gegenständen als Blumen bedecktes
-Brachfeld, die Glocken klingen nicht rein, die eine besonders, die einen
-Sprung hat, und die man in der Ferne nicht hören konnte, vernichtet
-den ganzen günstigen Eindruck. Der Hund läuft Einem schon von weitem
-entgegen und weist knurrend die Zähne -- und kommt man nun gar noch
-näher -- riecht erst die Heerde -- und den Hirten -- ja dann ist's mit
-dem idyllischen Wesen vorbei -- der Zauber schwindet und wir haben eine
-Heerde Rindvieh, mit Jürges Gottlieb, der daneben steht und an einem
-außergewöhnlich schmutzigen Strumpfe strickt.
-
-Nun ist es freilich nicht ganz so arg mit dem Urwald; das einzelne
-Schöne, aus dem er besteht, bleibt immer, ja gewinnt sogar noch in der
-Nähe an Großartigkeit, wenn man es nämlich blos anzusehen brauchte; muß
-sich aber der Jäger durch die Schlingpflanzen mit Messer und Tomahawk
-Bahn brechen, dann findet er zu seinem Schrecken, daß jene malerischen
-Geflechte voll Dornen und giftiger Blätter sind, die, wenn ihr Saft die
-Haut berührt, Blasen ziehen und das Fleisch entzünden; der mit Blumen
-und Kräutern bedeckte Boden giebt nach, und zäher Schlamm umschließt
-Fuß und Knöchel, umgestürzte Riesenstämme versperren den Weg und sie
-zu umgehen, ist unmöglich, denn in ihrem Sturz haben sie alles
-Danebenstehende mit niedergerissen und undurchsichtige Brombeerhecken
-sind aus den Wurzellöchern aufgewachsen; -- Schaaren von Mosquitos
-stürmen auf den Geplagten ein, zahllose Holzböcke peinigen ihn auf eine
-fast unerträgliche Art, und ist er im flachen Lande -- (denn nur dort
-findet er den Urwald noch in seiner ganzen Majestät, da in den Hügeln
-das dürre, trockene Laub zu oft angezündet wird, was die jungen Bäume
-tödtet und die älteren im Wachsthum hindert), so darf er den Blick kaum
-zu den herrlichen Stämmen aufheben, weil er fortwährend fürchten muß,
-auf eine der zahlreichen Schlangen zu treten, die überall dort, wo die
-Sonne durch's dichte Laubdach bricht, zusammengerollt liegen und dem
-Unvorsichtigen leicht gefährlich werden können.
-
-Im Winter fallen nun allerdings eine Menge dieser Übelstände weg,
-die giftigen Schlingpflanzen sind unschädlich, die Insekten fort, die
-Schlangen liegen in Erdlöchern und hohlen Bäumen; -- das ist etwas;
--- damit aber der deutsche Jäger einen Begriff davon bekommt, wie ein
-amerikanischer Urwald im Winter beschaffen ist, so will ich hier ein
-Paar Tage, freilich nicht die angenehmsten, aus meinem Jagdleben, aus
-den Niederungen von Arkansas, beschreiben.
-
- * * * * *
-
-Im Januar 1840 hatte ich den Theil dieses Staates wieder aufgesucht,
-der östlich vom Mississippi und westlich vom Whiteriver, zwischen diesen
-beiden Strömen einen wohl hundert englische Meilen breiten und viele
-hundert langen Landstrich einschließt und von zahlreichen anderen, aber
-kleineren Flüssen durchschnitten wird. Wild gab es in den mächtigen
-Wäldern genug, das entsetzlich ungesunde Klima aber hatte mich im Sommer
-aus den Sümpfen getrieben, wo ich das kalte Fieber nicht los wurde,
-jetzt jedoch, bei Frost und Schnee, war das nicht mehr, wenigstens nicht
-anhaltend, zu befürchten, und ich beschloß, wo möglich eine Büffeljagd
-auf meine eigne Hand anzustellen, denn dort ist der einzige Platz in den
-vereinigten Staaten, wo sich noch Büffel aufhalten.
-
-Nun waren die Aussichten zur Jagd freilich nicht die lockendsten, denn
-ich bekam die letzten Tage des Januar gar Nichts zu schießen und mußte
-halb verhungert, als ich endlich nach einer glücklichen Schneenacht
-einen Hirsch erlegte, den mich von meiner Beute trennenden, schmalen
-Fluß durchschwimmen um diese zu erreichen, wo ich dann ein paar Tage
-krank oder wenigstens unwohl im Schnee liegen blieb; das ist aber immer
-noch nicht das Schlimmste aus jener Zeit, ich hatte wenigstens ein gutes
-Feuer, eine wollene Decke und Hirschwildpret -- was will ein Jäger mehr?
-
-Am 2. Februar endlich brach ich auf, warf meine Decke zusammengerollt,
-über den Rücken, und schritt südlich in den mächtigen Wald hinein,
-oder besser gesagt, darin fort, denn ich war schon recht eigentlich
-im strengsten Sinne des Worts darin. Bald kreuzte ich mehrere
-Hirschfährten; das war aber das Wild nicht, dem ich zu begegnen
-wünschte, und ich verfolgte meinen Weg.
-
-Der Wald war in dieser Gegend wahrhaft großartig, die gewaltigen
-Riesenstämme, größtentheils sechzig bis achtzig Fuß vom Boden gerade
-emporsteigend, ehe sie auszweigten, boten mit den schneebedeckten
-Wipfeln einen wundervollen Anblick. Es hatte zu schneien aufgehört, und
-eine heilige Stille herrschte rings umher, die nur dann und wann durch
-das Herunterbrechen irgend eines zu schwer mit Schnee beladenen Astes,
-oder das heisere Krächzen eines Raben unterbrochen wurde. Es ließ sich
-auch sehr gut marschiren; lange schmale Streifen hohen Landes liefen
-zwischen den zahlreichen Bächen und dem überschwemmten Boden der
-Niederung hin, und auf diesem standen die meisten Schlingpflanzen und
-Dornen; da es aber jetzt stark gefroren und geschneit hatte, so hielt
-ich mich fortwährend auf dem Eis und wanderte so leicht und ungehindert
-wie auf einer geebneten Landstraße darauf fort, denn der Schnee hinderte
-mich wenig, da ich damals noch meine alten, deutschen Wasserstiefeln
-trug. Mehre Male kreuzte ich auch die Spur von Wölfen, sah mich jedoch
-nicht einmal darnach um, denn ich würde keinen Wolf geschossen haben,
-selbst wenn er mich darum gebeten hätte, weil ich Pulver und Blei mehr
-zusammen halten mußte. In einer Gegend, wo man seine Ammunition nicht
-wieder ersetzen kann, geht man gewiß haushälterisch damit um; ich
-verließ mich daher auch auf meine Stücken Hirschwildpret und zog an ein
-paar Völker Truthühner ruhig vorüber, wobei diese ebenfalls sehr wenig
-Notiz von mir zu nehmen schienen.
-
-Nach einigen Stunden vorsichtigen Pürschens jedoch, wobei ich immer noch
-nicht die stille Hoffnung aufgab, einem alten Bären zu begegnen,
-der seine Winterwohnung einmal verlassen haben konnte, obgleich dazu
-eigentlich wenig Hoffnung war, erreichte ich plötzlich einen Platz,
-wo in der vorigen Nacht etwa zwanzig Büffel gelagert haben mußten.
-Die Betten waren vom Schnee entblößt, die Zweige der Büsche ringsumher
-abgenagt und die Fährten sahen noch so frisch aus, als ob sie eben erst
-der weißen Schneedecke eingepreßt worden wären.
-
-Das war Alles, was ich wollte -- Büffel -- und welche Fährten fand ich?
-ein alter Bull besonders mußte ein unmenschlich starker Bursche sein.
-Natürlich hoffte ich die Heerde, die, meiner Ansicht nach, nicht weit
-konnte gewandert sein, in kurzer Zeit beim Äsen zu erwischen, und
-schnell, aber so geräuschlos als möglich, folgte ich den breit
-ausgetretenen Fährten eine Strecke am Fluß hinunter, und dann wieder,
-westlich von diesem ab, als ob sie nach ihrem gewöhnlichen Sammelplatz,
-den »=Cash=-« Sümpfen, hinüber gewollt hätten; auf einmal aber änderte
-sich ihre ganze Richtung und sie waren wieder nordwestlich hinaufgerannt
-und zwar diesmal, wie es schien, in wilder Eile.
-
-Erst konnte ich mir dieses schnelle Wenden nicht erklären, fand aber
-bald die Auflösung in einer Masse Wolfsfährten, die wahrscheinlich die
-Heerde, in der Hoffnung, ein Junges zu fangen, angefallen und zerstreut
-hatten, obgleich sich der Büffel sonst nicht besonders vor dem Wolf
-fürchtet. Jetzt ging auch für mich ein viel beschwerlicherer Marsch an,
-denn da sich die schweren Thiere vereinzelt hatten, mußte ich mir
-selbst meinen Weg hinter ihnen her bahnen. Unglücklicher Weise war
-ein Schilfdickicht von ihnen durchbrochen worden und die Folge daher
-erschrecklich beschwerlich gemacht, denn nichts ist dem Bärenjäger
-hinderlicher, als eben diese Schilf- oder Rohrbrüche, in die sich
-besonders der Bär augenblicklich flüchtet und nur zu oft dadurch
-gerettet wird; denn wer einen solchen Bruch nie gesehen hat, kann sich
-unmöglich einen richtigen Begriff davon machen. Das Schilf selbst ist
-hart wie Holz, wird bis anderthalb und zwei Zoll im Durchmesser stark,
-und oft dreißig und vierzig Fuß hoch, steht auch in dem fruchtbaren
-und sumpfigen Thalland so dicht, daß man sich kaum dazwischen
-hindurchdrängen kann; ein Fortschreiten in diesen Dickichten wird aber
-nur zu häufig durch die Unmasse dorniger Schlingpflanzen, die mit einem
-festen Gewebe ganze Strecken eng verbinden, fast unmöglich gemacht, wenn
-der Jäger sich nicht, in der Rechten das schwere, breite Jagdmesser,
-Bahn haut; kommt er aber zu einem in diesem Gewirre umgestürzten Baum
-(und die umgestürzten Bäume liegen nicht etwa selten darin), so ist an
-ein Weiterdringen in gerader Richtung gar nicht zu denken; junge Bäume,
-Schlingpflanzen, Rohr und Dornen bilden dann eine Masse, durch die man
-sich nicht einmal Bahn hauen kann, und man muß den Platz umgehen.
-
-Wie langsam aber in einem solchen Schilfbruch ein Vorrücken möglich
-ist, habe ich einst im Mississippi-Thal erfahren, wo ich drei Stunden zu
-einer Strecke von etwa 500 Schritt brauchte. Hier ging es jedoch etwas
-besser, die Büffel hatten mir, wenigstens ein wenig, Bahn gebrochen, und
-mit dem Messer nachhelfend folgte ich erträglich rasch. Der Tag war
-aber auch jetzt sehr weit vorgerückt und die hereinbrechende Dämmerung
-überraschte mich keineswegs angenehm. Das Schilf wollte gar kein Ende
-nehmen; wenn ich daher auch, beim hellen Schein des Schnees, der Spur
-in der Nacht hätte folgen wollen, so wäre dies schon wegen des dicken
-Rohres nicht möglich gewesen, das, nach allen Richtungen hinaus stehend,
-die ganze Aufmerksamkeit des Hindurchdringenden am hellen Tage in
-Anspruch nahm, indem man sich bei jedem Schritt die Augen aus dem
-Kopfe stoßen konnte; daher zündete ich ein Feuer an, was mit Hülfe des
-Tomahawks und etwas trockenen Schwammes sehr bald gelang, reinigte einen
-Platz vom Schnee und hatte mich bald behaglich genug eingerichtet.
-
-Ich lag gerade auf einer kleinen Erhöhung, mitten im Schilf, so daß ich
-gegen den kalten Nordwind ziemlich geschützt war; der Platz hatte aber
-das Unangenehme, auch nicht die mindeste Aussicht zu gewähren, nicht
-zwei Schritte weit konnte ich sehen und fühlte mich durch die Nähe des
-Dickichts, von dem ich förmlich umschlossen lag, beengt; die Sache ließ
-sich jedoch nicht ändern, eine offene Stelle auszuhauen, dazu fühlte ich
-mich zu ermüdet, Wirthshäuser waren auch nicht in der Nähe, also machte
-ich gute Miene zum bösen Spiel und bekümmerte mich mehr um mein Feuer
-als um das Dickicht.
-
-Weil ich doch noch nicht recht schläfrig war, holte ich, nachdem ich
-mein frugales Abendbrod verzehrt hatte, den Compaß vor, und denselben
-gerade in eine der Büffelfährten an meiner Seite stellend, vertrieb ich
-mir damit die Zeit, zu rathen, auf welchem ganz genauen Strich nun die
-Heimath läge, und dabei zu überlegen, wie mich hier, von diesem Punkt
-aus, das Abweichen eines 32stel Zolles zur Rechten oder Linken, entweder
-in die Wüste Sahara oder nach Sibirien hinaufbringen könnte. Diesem
-Gedanken gesellten sich andere zu -- was sie jetzt wohl zu Hause
-machten, ob sie auch an mich hierher dächten und noch viele, viele Dinge
--- so daß ich endlich vom vielen Denken müde wurde und einnicken wollte.
--- Da krachte ein kleiner Zweig -- dicht neben mir; -- zwar war der Laut
-gedämpft -- der Zweig mußte unter dem Schnee gelegen haben, ich hatte es
-aber deutlich gehört und hob schnell den Kopf, um wenigstens den kleinen
-Raum, in dem ich lag, übersehen zu können; auch war ich in der Richtung
-noch ungewiß, instinktartig hatte ich aber das Messer aus der Scheide
-gezogen.
-
-Eine Weile blieb Alles ruhig und ich konnte das Schlagen meines Herzens
-hören -- da krachte es wieder, ganz nahe; -- was es auch immer sein
-mochte, es konnte sich keine zwölf Fuß von mir befinden; deutlich
-vernahm ich auch jetzt die leisen Schritte im Schnee, wie das Thier trap
--- trap -- trap -- trap -- mich langsam umschlich. O wie ich mir damals
-einen Hund wünschte.
-
-Eine Zeit lang schien es still zu stehen, dann hörte ich es wieder in
-der anderen Richtung, deutlicher noch als vorher. All' meine Sinne waren
-aber jetzt auf das Peinlichste gespannt, denn jeden Augenblick erwartete
-ich irgend eine Bestie, ob Panther oder Wolf konnte ich nicht wissen,
-aus dem Dunkel hervorblinzen und mich anschnüffeln zu sehen. In
-dieser angenehmen Hoffnung hatte ich nun freilich den Hahn der Büchse
-aufgezogen, aber auch diesmal starb das Geräusch hinweg und das frühere,
-lautlose Schweigen herrschte.
-
-Aus allem Vorhergegangenen mußte ich nun nach wohl Stunden langem Harren
-vermuthen, daß mich mein Nachtbesuch verlassen habe, doch war ich zu
-aufgeregt, um gleich einschlafen zu können und blieb noch lange wachend
-liegen, indem ich einen vor mir stehenden alten Baum betrachtete,
-der ein gar eigenthümliches Aussehen hatte. Es war ein ungeheuerer
-Sassafrasstamm, der, von einem dichten Gewebe von Schlingpflanzen
-umgeben, seiner Äste und Zweige beraubt, wie eine riesenmäßige
-Säule gegen den dunkeln Nachthimmel emporstarrte. Eine hohe, breite
-Schneekappe krönte den Gipfel. Im Sommer, wenn die Schlingpflanzen ihre
-grünen Blätter bekommen, sehen diese Baumleichen herrlich aus, denn
-dann ist von der alten, vertrockneten Rinde auch nicht die Spur mehr
-zu erkennen, und nur die grüne, lebendige Säule steht wie ein Denkmal
-vergangener Zeiten da, wo noch der Indianer die Wildniß durchzog, die
-jetzt nur sein Grab umschließt. -- Ich schlief bald darauf ein und der
-Morgenruf der Eulen weckte mich erst wieder.
-
-Vor allen Dingen untersuchte ich aber jetzt, wer mein nächtlicher Besuch
-gewesen war, und fand auch dicht am Lager, einmal sogar bis auf drei
-Schritte, die Spuren eines ziemlich starken Wolfes, was mich um so mehr
-befremdete, da der Wolf sonst sehr menschenscheu ist und einem Lager
-selten gern naht; -- später übrigens habe ich oft Beweise vom Gegentheil
-erhalten, denn einmal, zwei Jahre darauf, holte mir eine solche
-Bestie das Jagdmesser fort, das dicht neben mir lag und zerkaute den
-schweißigen Griff; ich hatte erst an demselben Nachmittag einen Hirsch
-damit aufgebrochen.
-
-Mit neuen Kräften verfolgte ich nun die jetzt wieder vereinigten
-Fährten, die an manchen Stellen, wo kein besonderes Futter sie aus der
-Bahn lockte, eine förmliche Straße bildeten; aber wie ich auch spähte,
-immer noch konnte ich nicht das ersehnte Wild selbst entdecken,
-hundertmal wohl ließ mich ein niederbrechender Ast, oder ein
-aufgescheuchter Hirsch ihre Nähe hoffen, stets sah ich mich aber
-getäuscht. Meine einzige Hoffnung blieb jetzt, als die Sonne wieder
-blutigroth am Horizont verschwand, die Nacht; der Wald war offener als
-am vorigen Abend, ich gedachte daher meinen Weg fortzusetzen, da die
-Büffel auf keinen Fall nach einbrechender Dämmerung weiter wandern
-würden. Das wäre auch recht gut gegangen, denn hell genug leuchtete der
-Schnee, um die Fährten zu verfolgen, wieder aber stellte sich mir ein
-solch unglückseliges Schilfdickicht in den Weg, dazu umwölkte sich der
-Himmel und ich wurde auf's Neue gezwungen »beizulegen.«
-
-Mein Nachtlager war ausgezeichnet, denn durch einen umgestürzten Stamm
-gegen den kalten Luftzug geschützt, bei einem herrlichen Feuer, an dem
-ein ansehnliches Stück Hirschwildpret schmorte, hätte ich mich sehr wohl
-fühlen können, aber -- aber -- die aufsteigenden Wolken machten mich
-besorgt, dazu wurde es merklich wärmer, und mir bangte vor Thauwetter.
-Ich war viele Meilen in den Sumpf eingedrungen und die ganze Zeit fast
-nur auf Eis marschirt, durfte daher wenig trockenen Boden hoffen, wenn
-diese Schneemasse jetzt flüssig werden sollte. Doch was konnte ich thun?
-ich mußte es abwarten, hüllte mich also in meine Decke und schlief bald
-ein. Die Sonne mochte aber schon lange aufgegangen sein, als ich endlich
-erwachte und zu meinem Entsetzen das, was für mich das Schrecklichste
-war, bestätigt fand -- es regnete und die Luft war mild und warm wie im
-Mai -- o wie ich mich jetzt nach einem tüchtigen Nord-Ostwind sehnte.
-
-Mit welchen Gefühlen ich übrigens meine nasse Decke zusammenrollte und
-mich marschfertig machte, läßt sich denken; dabei kamen mir bedeutend
-starke Gedanken an Umkehren und Büffel Büffel sein lassen; die Fährten
-sahen aber gar zu lockend aus, noch blieb mir die Hoffnung, sie einholen
-zu können, ja sogar die Wahrscheinlichkeit war vorhanden, daß sie bei
-solchem Wetter nicht weiter ziehen, sondern ruhig äsen würden; fest
-entschlossen also, da es jetzt doch auf eine Meile mehr oder weniger
-nicht ankam, folgte ich auf's Neue den Fährten und trotzte dem Himmel,
-der mir eine Wolke voll Wassers nach der andern auf den Pelz goß. Die
-Büffel schienen auch ganz in der Nähe zu sein; in den Fährten stand das
-schlammige Wasser, das ihre Tritte aufgerührt hatten, Losung sogar,
-die ich fand, war noch warm -- ich mußte sie finden; -- da kam es mir
-plötzlich vor, als ob der liebe Gott alle Zapfen aus den Schleußen dort
-oben herausgezogen habe -- es regnete nicht mehr, es wasserfallte und
-der Erdboden glich einer ungeheuern Eislimonade, nur fehlten Zucker und
-Citronen.
-
-Es ist jedoch ein eigenes Ding um das Menschenherz; vor kleinen
-Beschwerden und Gefahren bebt es zurück, stürmt aber alles wild und toll
-darauf ein, kommt ein Schlag nach dem andern; dann wird es verstockt
-und störrisch, wie ein wilder Stier, macht die Augen zu und stürmt
-blindlings gegen Jedes an, was sich ihm in den Weg stellt.
-
-Etwas besser macht ich's doch, die Bäume umging ich, aber so erbittert
-hatte mich dieser, für mich wahrhaft fürchterliche Witterungswechsel
-gemacht, daß ich das Äußerste zu wagen beschloß. Der ganze Wald stand
-unter Wasser, d. h. unter geschmolzenem Schnee, und ich mußte jetzt
-schon auf das höhere, mit Dornen und Schlingpflanzen bewachsene Land, da
-sich erstlich die Büffel hierher gewandt hatten und dann auch das Gehen
-auf dem Eis fast zur Unmöglichkeit wurde, indem es unter dem Schnee
-geschmolzen, wenigstens weich geworden war und beim zweiten oder dritten
-Schritte stets einbrach. Noch konnte ich die Fährten erkennen und
-folgte, oft bis an den Gürtel im Wasser, dem Wild -- ich war gegen Alles
-gleichgültig geworden und hatte nur den einen Gedanken noch -- Büffel --
-ich wollte Büffel sehen -- ich wollte einen schießen und wäre dann mit
-dem größtmöglichen Vergnügen gestorben, um nur nicht wieder den ganzen
-Weg, den ich gekommen war, zurück machen zu müssen.
-
-Da wurde der Wald plötzlich licht und nach wenigen hundert Schritten
-dehnte sich eine weite, öde Fläche vor mir aus -- es war ein See --
-wenigstens jetzt, er konnte aber nicht gefroren gewesen sein, denn es
-lag nur eine dünne Decke geschmolzenen Schnees auf der Oberfläche, und
-hier -- hier waren die Büffel hindurch. Deutlich konnte ich die langen,
-dunkeln Streifen, die sich quer durch zum anderen Ufer zogen, erkennen;
-vergebens aber spähte ich nach den Thieren selbst -- eine räthselhafte
-Wanderlust trieb sie vorwärts und ich unglückseliges Menschenkind hatte
-gerade diesen Zeitpunkt wählen müssen, um Jagd auf sie zu machen; doch
-das Überlegen brachte mich nicht weiter; auf einem etwas trockenen Fleck
-band ich alle meine Habseligkeiten in die Decke zusammen, nahm diese auf
-die Schulter und -- folgte den Fährten.
-
-Noch jetzt, wenn ich an diese Jagd zurückdenke, kann ich nicht anders
-glauben, als daß ich damals einen gelinden Anfall von Wahnsinn haben
-mußte, denn wenn ich die Büffel wirklich überholte, so konnte
-ich höchstens ein paar Pfund Fleisch und vielleicht ein Horn, als
-Siegestrophäe, mitnehmen; ich fühlte aber jetzt nur den einen Trieb in
-mir, hatte nur das eine Ziel im Auge und fand mich sehr bald bis unter
-die Arme im Schneewasser, mitten im See. Als mir das Wasser über die
-Brust stieg, verging mir der Athem, doch war der Boden glücklicherweise
-fest, nicht schlammig, wie ich im Anfang gefürchtet hatte, und ich
-erreichte das andere Ufer, -- oder, besser gesagt, das höhere Land, denn
-von Ufer war keine Rede, -- ohne unterwegs erstarrt zu sein. Hier fand
-ich das Wasser doch wenigstens nur knietief und athmete etwas freier.
-Zu meiner großen Verwunderung schien es aber Abend zu werden, und kaum
-konnte es, wie ich wenigstens glaubte, Mittagszeit sein. Sollten wir
-eine Sonnenfinsterniß haben? dacht' ich einmal -- das war möglich, aber
-immer dunkler wurde es, immer stiller im Wald -- in der Ferne ließ sich
-ein einzelner Wolf hören -- es war kein Zweifel mehr, die Nacht brach
-schon wieder herein, und noch ist es mir unbegreiflich, wie mir die Zeit
-an jenem Tage verschwunden sein konnte.
-
-Der Regen, der am Nachmittag etwas nachgelassen hatte, fing wieder von
-frischem an zu gießen, und als ich mich, mit gerade keinen freundlichen
-Gefühlen, nach einem Platz zum Lager umsah, regnete es, wie man sagt,
-Bindfaden; trotzdem gab ich die Fährten nicht auf -- an Feuermachen war
-jedoch gar nicht zu denken; auf dem trockensten Platz, den ich finden
-konnte, stand das Wasser anderthalb bis zwei Zoll, und Jedermann wird
-eingestehen müssen, daß das immer noch _feucht_ war; ich kauerte mich
-daher unter einem halbumgestürzten, schräg liegenden Baumstamm, der
-wenigstens die fürchterlichsten Regengüsse von mir abhielt, nieder,
-obgleich ich auch schon bessere Dächer, als er war, gesehen habe, und
-versuchte zu schlafen. -- Zu schlafen? ja, wenn ich das einen Versuch
-nennen will, daß ich einige Male die Augen zumachte; an wirkliches
-Schlafen war aber natürlich unter solchen Verhältnissen nicht zu denken;
-zwar trug ich noch ein Stück gebratenes Hirschwildpret bei mir, fühlte
-aber nicht den mindesten Appetit, es zu verzehren, und erwartete sehnend
-und vor Frost schüttelnd den anbrechenden Morgen.
-
-Mitternacht mochte es sein, als ich, seit der Dämmerung, die ersten
-Wölfe wieder hörte -- sie schienen ganz in der Nähe zu sein und heulten
-jämmerlich; die armen Bestien mochten wohl auch nasse Füße haben; so
-gleichgültig war ich aber gegen ihre Nachbarschaft, so abgestumpft gegen
-jede, nur erdenkliche Gefahr geworden, daß ich es nicht einmal der Mühe
-werth hielt, das Messer aus der Scheide zu ziehen, sondern ruhig sitzen
-blieb und abwartete, was sie thun würden, denn schon der Gedanke, mich
-zu bewegen, war mir gräßlich. Es mochten sechs oder sieben Wölfe sein --
-so viel verschiedene Solosänger konnte ich wenigstens unterscheiden und
-ich erinnere mich sogar noch recht deutlich, daß ich einmal _gelacht_
-habe, als ein junger Wolf, mit einer besonders dünnen Stimme, so gar
-klägliche Töne ausstieß. Immer näher kamen sie, aber, und da es nicht
-anders möglich sein konnte, als daß sie mich wittern mußten, denn der
-Wolf wittert, wie bekannt, ungemein scharf, so begreife ich eigentlich
-jetzt noch nicht, was sie, wenn es nicht ihre grenzenlose Feigheit war,
-abhielt, über mich herzufallen, da ich ihre dunklen Gestalten deutlich
-erkennen konnte, wie sie im Wasser hin und her wateten.
-
-Weil mir ihre Nähe aber doch jetzt fast etwas zu freundschaftlich wurde,
-beschloß ich, der Sache auf einmal ein Ende zu machen, nahm die Büchse
-an den Backen, zielte auf den größten Körper und drückte ab. -- Ja ich
-hatte gut drücken -- es war Alles naß geworden; da blieb mir denn weiter
-nichts übrig, ich lehnte die Büchse neben mich, und schloß die Augen;
-die ganze Sache um mich her kam mir so ekelhaft und fatal vor, daß ich
-sie gar nicht mehr sehen mochte.
-
-Endlich brach der so heiß ersehnte Morgen an -- aber wie -- grau und
-feucht; der Regen hatte freilich nachgelassen, doch schien das Wetter
-noch viel wärmer geworden zu sein -- der Schnee war jetzt vollkommen
-geschmolzen und der ganze Wald eine flüssige Masse, in der jede Fußspur
-zusammenlief -- Büffelfährten existirten nur noch in der Erinnerung. Da
-stand ich nun, mit meiner Büffeljagd -- Gott weiß, wie viele Meilen von
-irgend einer menschlichen Wohnung entfernt, in einem Wald, in dem sich
-ein Frosch hätte erkälten müssen, mit einem Stückchen kalten, gebratenen
-Hirschfleisch und einer Büchse, die nicht losgehen wollte; ich verzehrte
-jedoch vor allen Dingen das erstere, wobei ich Pulver statt Salz
-gebrauchen mußte, und stand dann auf, um meine Marschroute für diesen
-Tag zu beschließen.
-
-Wie ich damals das Alles ausgehalten habe, ist mir jetzt noch ein
-Räthsel; naß zum Ausringen, die ganze Nacht im Schneewasser, gekrümmt
-unter einem Baumstamm gesessen, von Wölfen umheult, fühlte ich mich
-jetzt so wohl und kräftig, als ob ich in einem warmen Bette geschlafen
-hätte, nur waren mir die Kniegelenke etwas steif.
-
-Wenn ich aber auch, zu meiner Zeit, ein so eifriger Jäger gewesen
-bin, als sich selten findet, so hatte meine Jagdlust durch die letzten
-Begebenheiten dennoch einen bedeutenden Stoß erhalten, ich sehnte mich
-nach Menschen -- nach Brod, nach Bergen -- denn ohne Berge konnte ich
-mir gar keine Erlösung aus dieser Wasserwüste denken: schnell faßte ich
-daher meinen Entschluß. -- Ich hatte mein Möglichstes gethan, hatte
-bis auf den letzten Augenblick ausgeharrt, und brauchte mir nichts
-vorzuwerfen; den Büffeln sagte ich also, mit einem halb traurigen,
-halb ärgerlichen Blick nach Südwesten Lebewohl, und schlug die gerade
-Richtung nach Nordost ein, um an den S. Francis-Fluß, an die breite
-Fahrstraße, zu kommen und von dort den Mississippi zu erreichen, auf dem
-ich in den Ohio und auf diesem nach Cincinnati zurückkehren wollte.
-
-Meiner Lust nach dem Urwald war für eine Zeit lang genügt, und ich
-kann mit gutem Gewissen fragen, _wer_ hätte den Wald, unter solchen
-Umständen, nicht satt bekommen? Das »Sattbekommen« allein half mir aber
-noch nicht heraus und der vor mir liegende Weg erfüllte mich mit Grausen
-und Schauder. -- Tagelang mußte ich noch in dem kalten Wasser fortwaten
-und eine einzige Nacht Frost konnte meinen Untergang herbeiführen, denn
-wenn sich jetzt auf dem Wasser eine dünne, scharfe Eisrinde sammelte, so
-wär' ich verloren gewesen; glücklicher Weise blieb es aber warm und ich
-trat meinen Marsch, wenn auch nicht mit Singen und Jubeln, aber doch
-mit dem festen Entschluß an, Alles, auch das Schlimmste, ohne Murren, zu
-ertragen.
-
-Unmöglich wäre es jedoch, den Weg zu beschreiben, den ich zu
-durchwandern hatte. Nur wenige Streifen trockenen Landes fand ich, und
-hielt auf dem ersten, um meine Büchse wieder in Stand zu setzen. Dann
-aber durch Sumpf und Moor, durch Fluß und seegleiche Wasserstrecken
-meine Bahn verfolgend, oft bis unter die Arme im Eiswasser (einige
-Male mußte ich sogar schwimmen) erreichte ich gegen Abend einen hohen
-indianischen Grabhügel und erquickte mich in dieser Nacht wieder bei
-einem lodernden Feuer und einem am Spieß steckenden Truthahn, den
-ich, wenige hundert Schritt von meinem Lager, von einem Baum herunter
-geschossen hatte.
-
-Am nächsten Tage blieb mein Marsch nun zwar derselbe -- dieselbe öde
-Wasserwüste, derselbe kalte, nasse Wald, mit seinen ungeheueren Bäumen;
-doch interessirte mich an diesen jetzt nur noch das Moos, nach dem ich
-meine Richtung beibehielt, denn in dem flachen Lande, an den geraden
-Stämmen, ist das Moos an der Nordseite (ein klein wenig mehr westlich
-als östlich) am stärksten, und man kann ziemlich sicher darnach gehen;
-ich wenigstens habe meinen Weg stets sehr gut mit der Beobachtung
-desselben gefunden. Wer beschreibt aber meine freudige Überraschung, als
-ich gegen Mittag Spuren eines menschlichen Wesens fand und bald darauf
-einen Schuß hörte; ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wie ich eilte,
-um mich diesem anzuschließen; nach nicht gar langem Marsch holte ich den
-Jäger auch ein, wie er eben einen erlegten Hirsch aufgehangen hatte; er
-war aber ebenfalls nicht wenig erstaunt, _mich_ und zwar an solchem
-Ort und in solchem Aufzuge zu sehen. Wäre er nur ein Bischen mit
-europäischer Civilisation bekannt gewesen, so würde er mich unbezweifelt
-für einen Weinreisenden gehalten haben, so konnte ich ihm nur
-versichern, daß ich ein »Pech-Reisender« sei und mich in den Sümpfen
-hier zu meinem Vergnügen aufhalte; mein Aussehen mußte das auch
-bestätigen.
-
-Ich hatte jedoch nun den schlimmsten Weg überstanden und erreichte
-einige Tage darauf die Ansiedelungen; es bedurfte aber langer Monate,
-ehe ich diese Jagd vergessen, wenigstens verschmerzen konnte; doch
-durfte ich mich gar nicht beklagen; ich lernte dadurch nur _eine_ der
-_vielen_ Schattenseiten kennen, die eine jede Sache haben muß, um nicht
-durch Einförmigkeit allen Reiz zu verlieren; fand aber auch zu gleicher
-Zeit, daß der _Urwald_ trotz all dem Zauber, der schon allein in dem
-Worte liegt, recht sehr prosaisch, ja sogar recht sehr langweilig sein
-konnte. Sind daher die deutschen Jagden auch weniger gefahrvoll, also
-auch weniger interessant, als die amerikanischen, so ist der Jäger hier
-doch auch nicht solchen erschrecklichen Lagen ausgesetzt, als es nur zu
-oft dort der Fall ist, und wo einmal eine Sache Zwang wird, wo der im
-Walde Lebende schießen _muß_, wenn er nicht verhungern will, hört sie
-auf Vergnügen zu sein.
-
-Drum, -- haben wir auch hier in Deutschland keine Bären- und
-Pantherjagden, so sind die Hasentreiben doch äußerst gemüthlich; und
-liefern fette Bärrippen und Honig ein sehr leckeres Mahl, so schmeckt
-ein gespickter Rehziemer auch nicht so übel.
-
-
-
-
-Die Bärenjagd am Bayou Meter in Arkansas.
-
-
-Eine reine, klare Julisonne sandte ihre glühenden Strahlen auf die
-Sümpfe herab, welche die Bayou Meter am nördlichen Ufer des Arkansas
-umgeben. Selbst die Frösche schwiegen, wie erdrückt von der schweren
-Atmosphäre, und nur dann und wann unterbrach ein einzelner Ruf
-derselben, oder das Zwitschern eines kleinen Waldvogels, die Stille, die
-grabesähnlich auf der Wildniß lagerte.
-
-Da schallte aus weiter Ferne das Geheul einer Meute Hunde herüber,
-schwieg wieder einen Augenblick, und erklang dann lauter und näher als
-vorher. Jetzt konnte man schon die verschiedenen, tieferen und höheren
-Töne einzelner Braken erkennen, und reißend schnell näherte sich die
-Jagd der noch vor wenigen Augenblicken geräuschlosen Einsamkeit. -- Ein
-Hirsch, der, um den Fliegen und Mosquito's zu entgehen, dicht versteckt
-in einem kleinen Schilfdickicht gelegen hatte, sprang auf, streckte und
-dehnte sich, horchte einige Sekunden lang dem näher und näher kommenden
-Getos der Meute, und sprang dann mit langsamen aber weit gestreckten
-graziösen Sätzen in's Gebüsch, einen stilleren, ungestörten Platz zu
-seiner Ruhe zu wählen.
-
-Jetzt schallte das Gebell klar und deutlich, wie nur wenige Schritte
-entfernt aus den, mit dornigen Schlingpflanzen dicht durchflochtenen
-und durchwachsenen Büschen; dürre Äste krachten, das trockene Laub
-raschelte, das ganze Gewirr von Schlinggewächsen kam in Bewegung,
-und heraus stürzte mit offenem, dampfenden Rachen, aus dem die rothe,
-lechzende Zunge hing, mit zurückgelegten Ohren, mit gesträubtem Haar,
-ein gewaltiger Bär, und versuchte über die kleine offene Fläche hinweg
-das gegenüber liegende Dickicht zu erreichen. Ihm auf den Fersen aber
-folgten fünf mächtige Hunde, und kaum hatte er die Hälfte der kleinen
-Waldprairie durchrannt, als der schnellste und kräftigste von ihnen,
-ein schwarz und grau gestreifter Bursche mit rothen, glühenden Augen und
-fürchterlichem Gebiß, an seiner Seite war und ihn faßte.
-
-Mit Blitzesschnelle wandte sich der Bär und versuchte seinen Verfolger
-mit der Tatze zu erreichen und zu vernichten. Das kluge Thier aber, mit
-dieser Jagd vertraut und die Gefahr kennend die in der, mit furchtbarer
-Kraft geführten Tatze seines Feindes lag, entging durch einen gewandten
-Seitensprung dem wohlgeführten Schlage. Ehe aber der Bär, der sich
-augenblicklich wieder zur Flucht wandte, das Zurückprallen seines
-Feindes benutzen konnte, das schützende Waldesdunkel zu erreichen, in
-welchem wild über einander gestürzte Bäume der verfolgten Bestie den
-größten Vorsprung gegeben haben würden, überholten die vier anderen
-Rüden jetzt den Verfolgten und umzingelten im Nu das zur äußersten Wuth
-gereizte Thier. Vergebens war's, daß sich dieses zur Wehr stellte, und
-mit einer Gewandtheit, die Niemand dem anscheinend plumpen Geschöpfe
-zugetraut haben würde, nach allen Seiten hin gegen die angreifenden
-Hunde Front machte und sie zurückschlug; vergebens, daß schon drei der
-kühnsten und unvorsichtigsten ihre Kampflust mit dem Tode gebüßt, und
-erschlagen oder schwer verwundet am Boden zuckten; andere, die der Jagd
-nicht so schnell hatten folgen können, nahmen die Plätze der Getödteten
-ein, und griffen mit immer erneuerter Wuth den vom langen Lauf
-erschöpften Bären an.
-
-Durch einige wohlgeführte und todbringende Schläge jedoch, die
-wieder zweien der Meute das Leben kosteten, verschaffte er sich einen
-Augenblick Luft und stand schnaufend, mit glühendroth unterlaufenen
-Augen, die weißen Zähne bis über das Zahnfleisch hinauf entblößt, einen
-frischen Angriff erwartend, da, während die Hunde bellend und heulend
-ihn umsprangen. Oft aber, indem sie schon einen raschen Anlauf
-versuchten, wurden sie nur durch eine schnelle zuckende Bewegung, ein
-Drehen des Kopfes, ein Blinzeln des Auges ihres gefürchteten Feindes
-zurückgescheucht, daß sie winselnd zur Seite sprangen, gleich darauf so
-viel eifriger ihre Angriffe zu wiederholen.
-
-Da erscholl nahe und laut der Jagdruf ihres Herrn, des jungen Lobston.
--- Sie horchten; noch einmal ertönte der ermunternde Zuruf des jungen
-Mannes, der seinem Vater, mit dem er die Jagd begonnen, voraus geeilt
-war. Sobald er die Hunde hörte, trieb er sie zu neuen Anstrengungen, den
-Feind aufzuhalten, bis er selbst mit Kugel und Messer den Gefährlichen
-abfangen und das Land von ihm befreien könne. Schweren Schaden hatte der
-Gefräßige nämlich den Heerden der Nachbarschaft zugefügt, und mancher
-Hund war schon in seiner Verfolgung geopfert worden, wobei er sich bis
-jetzt jedesmal durch seine ungemeine Schnelle und fürchterliche Kraft
-den Feinden entzogen und gewisse, sichere Dickichte erreicht hatte, in
-die ihm weder Hund noch Pferd folgen konnte und wollte.
-
-Dießmal schien aber sein Schicksal besiegelt zu sein, denn mit Tigerwuth
-und alle Gefahr verachtend, warfen sich jetzt die Hunde, von der Stimme
-ihres Herrn gestachelt, auf den gemeinsamen Feind. Umsonst wüthete er
-gegen sie mit Zahn und Tatze, umsonst erfaßte er den Lieblingshund des
-jungen Lobston, gerade als dieser auf dem Kampfplatz erschien, in seine
-tödtliche Umarmung, daß das gequälte Thier laut aufheulte und seinem
-Herrn, den es schon dreimal aus Todesnoth gerettet hatte, wie Hilfe
-rufend, entgegen schrie. Fang und Klaue verachtend, bedeckte die jetzt
-zu rasender Wuth gereizte Meute den Bär, daß er mit ihnen, kämpfend und
-um sich hauend, zu Boden stürzte.
-
-Der junge Lobston war nahe bei dem rollenden, wogenden Knäuel, den die
-wüthenden Thiere bildeten, vom Pferde gesprungen, und hatte mehrere
-Augenblicke vergebens gesucht, dem Bären eine Kugel beizubringen. Kaum
-hie und da konnte er auf Augenblicke ein Stück von dessen Fell sehen,
-so hielten ihn die Hunde bedeckt, und die Büchse hinwerfend, das Messer
-herausreißend, stürzte er sich gegen den Niedergeworfenen.
-
-In demselben Augenblicke sprang dieser, wie durch Zauberei von den
-Hunden befreit, die nach allen Himmelsrichtungen geschleudert von ihm
-weg flogen, empor, und das erste, was sich seinen vernichtenden Blicken
-zeigte, war sein grimmigster Feind, der mit geschwungenem Messer auf ihn
-zustürzen wollte.
-
-Der Anblick des mit Schaum und Blut fast überzogenen Thieres war
-fürchterlich, und mit solcher schrecklichen Mordgier im Blick sprang es
-auf den erschrockenen Jäger zu, daß dieser, der noch nie einen gereizten
-Bären in seiner ganzen Furchtbarkeit geschaut hatte, sich entsetzt
-wandte und zu fliehen versuchte.
-
-Nur einen Angstschrei konnte er ausstoßen, als ihn die Bestie erreichte
-und niederschlug; in demselben Augenblicke aber hatten sich auch die
-Hunde wieder gesammelt, kamen ihrem jungen Herrn zu Hilfe, zwangen den
-Bären, ihn loszulassen und folgten dem sich langsam Zurückziehenden in
-den dichteren Wald.
-
-Da krachten wieder die Büsche und dürren Äste desselben Dickichts, aus
-welchem vor wenigen Minuten der junge Lobston herauskam, und dessen
-Vater, ein alter, weißhaariger Greis, sprengte auf den Wahlplatz.
-
-Sein Jagdhemd hing in Fetzen an ihm herunter, sein Gesicht war blutig
-und zerrissen, und lang flatterten ihm die weißen Locken beim scharfen
-Ritt um die Stirn. Auf der Hetze hatte er seine Mütze verloren, als
-er im rasenden Sprung, bei dem Roß und Reiter in den unzerreißbaren
-Schlingpflanzen hängen geblieben, über eine umgestürzte Eiche
-hinweggesetzt, gestürzt und gegen einen Baum geschleudert war. Eben
-wollte er, seinem Pferde die Hacken in die Seite setzend, über den
-blutigen Fleck hinübersprengen, der Jagd zu folgen, als er seinen Sohn
-ohnmächtig, das Gesicht der Erde zugekehrt, am Boden liegen sah, und
-mit krampfhaftem Zucken das Pferd zurückriß, daß es hochaufbäumend sich
-beinah mit dem wilden Reiter überschlagen hätte.
-
-»William!« rief er mit vor Angst erstickter Stimme, »William -- um
-Gotteswillen antworte, bist Du verwundet?« und alles Andere vergessend,
-sprang er vom Pferd, das schnaubend und keuchend stehen blieb, und
-versuchte den Sohn aufzurichten.
-
-Dieser holte nur schwach Athem und schlug mit Mühe die Augen auf, den
-Vater zu bewillkommnen. Sein Gesicht war todtenbleich und, wie seine
-vorn ganz aufgerissenen Kleider, mit Blut überzogen.
-
-Der alte Mann kniete neben ihm und legte den Kopf des Kindes auf sein
-Knie, während der Verwundete zu lächeln versuchte. Da schlugen, nicht
-sehr weit entfernt, die Hunde wieder wie rasend an, und heulten und
-jauchzten, daß der alte Jäger unwillkürlich seinen Kopf hob und den
-bekannten Tönen lauschte.
-
-»Sie haben ihn auf einem Baume,« murmelte William leise.
-
-»Ich weiß wohl, ich weiß wohl,« sagte der Alte, »aber laß ihn da sitzen
-und laß die Hunde darunter verhungern; ich kann Dich nicht verlassen.«
-
-»Geh -- geh,« bat der Sohn -- »o laß ihn dießmal nicht entkommen.«
-
-»Aber, William, Du liegst schwer verwundet hier, ich weiß nicht einmal
-wie schwer und ich sollte Dich jetzt verlassen? nicht um alle Bären in
-Arkansas -- laß mich lieber sehen, wo Dich die Bestie getroffen hat,«
-und mit vorsichtiger Hand versuchte er die Kleider zu entfernen, um die
-Wunde zu entdecken; aber ein Schmerzensschrei des Kindes hinderte ihn,
-und besorgt zog er die helfende Hand zurück.
-
-»Es thut wohl recht weh?« fragte er ängstlich.
-
-»Vater -- schieß den Bär,« bat der Sohn, »ich sterbe hier vor Ungeduld
--- höre nur, wie uns die Hunde rufen -- der alte Wolf ruft mich!«
-
-»Aber soll ich Dich hier allein lassen?« fragte der Alte, noch
-unschlüssig.
-
-»Du bist in zehn Minuten wieder zurück, und wenn ich den Knall der
-Büchse und den Sturz des Bären höre, werde ich wieder gesund!«
-
-Die Hunde heulten jetzt wirklich auf eine herzzerreißende Art, und der
-alte Jäger, von den Bitten des Sohnes und seinem eignen Wunsche, ein
-schwerverwundetes Kind zu rächen, gedrängt, winkte dem ihm freudig
-Zulächelnden noch ein kurzes Lebewohl, sprang auf sein Pferd und seinen
-Jagdruf ausstoßend, der von der Meute jubelnd beantwortet wurde, war er
-in wenigen Sekunden im Waldesdunkel verschwunden.
-
-Bald darauf ließ das Bellen der Hunde nach, ein Augenblick ängstlichen
-Stillschweigens, der früheren Todtenstille ähnlich, herrschte, und der
-Verwundete hob sich mit unendlicher Mühe etwas auf seinem Ellbogen in
-die Höhe, um sein Gesicht nach der Seite hin zu kehren, von welcher
-her er den Schuß zu hören erwartete. Da krachte der scharfe Knall der
-Büchse; die Hunde stießen einen Schrei aus, und gleich darauf schallte
-der dumpfe Fall des schweren Thieres, das von seiner erklommenen Höhe
-herabstürzte, zu dem jungen Mann herüber. Hochauf athmete der, und sank
-zufrieden lächelnd auf die Wurzel des Baumes zurück, unter dem er lag.
-
-Wenige Minuten darauf aber sprengte auch schon in vollem Carriere sein
-Vater wieder zurück, warf sich vom Pferde und kniete an der Seite des
-todtmatten jungen Mannes nieder, der bleich, mit geschlossenen Augen,
-aber leise athmend da lag.
-
-»William,« sagte er, leise seinen Arm berührend, »William -- schläfst
-Du?«
-
-»Nein, Vater,« hauchte der Kranke, die Augen aufschlagend und ihn
-freundlich anblickend -- »hast Du den Bär?«
-
-»Hier ist seine Tatze,« sagte der Alte, indem er dem Sohne die blutige,
-abgeschnittene Tatze des Ungethüms hinhielt -- »der ist nicht mehr
-schädlich.«
-
-»Nun sterb' ich gern,« hauchte der Jüngling, und erfaßte seines Vaters
-Hand.
-
-»Sterben, William? Thorheit -- komm, sei ein Mann; steh' auf, komm, ich
-helfe Dir,« und mit Todesangst im Blick, versuchte er den Verwundeten zu
-unterstützen.
-
-»Vater, Du thust mir weh!« seufzte dieser.
-
-»Um Gotteswillen, wo fehlt es Dir denn?« fragte der alte Mann, jetzt
-wirklich zum ersten Mal die Möglichkeit vor Augen sehend, daß sein Sohn
-zum Tode verwundet sein könne.
-
-»Hier,« sagte dieser, indem er auf seine rechte Brust zeigte -- »hier --
-es ist Alles aufgerissen, im Rücken sticht es auch recht -- und -- die
-Mosquito's sind so bös.«
-
-»William,« fragte der Vater in seiner Herzensangst, »kannst Du reiten?«
-
-Der Sohn schüttelte traurig den Kopf.
-
-In Todesangst rang der Vater die Hände und stöhnte endlich mit leiser,
-drängender Stimme:
-
-»Aber hier kannst Du nicht liegen bleiben, William; die Insekten
-brächten Dich um, kein Mensch könnte Dich pflegen und Du müßtest
-verschmachten, wenn die Sonne morgen wieder so heiß wie heute brennt.
-Wir sind aber kaum vier Meilen von unserem Haus, Du weißt, der Bär
-wandte sich ganz wieder dem Flusse zu und es kann kaum 200 Schritt bis
-zur Bayou sein. Ich will Dich aufnehmen und tragen; ich thue es gewiß
-vorsichtig!«
-
-»Ach, ich bin zu schwer für Dich, Vater!« seufzte der junge Mann.
-
-»Nein, nein, William, ich habe Dich zu tausendmal getragen. Damals warst
-Du freilich noch kleiner und ich war stärker, Du bist aber jetzt krank
-und ich will Dich schon vorsichtig fortbringen.«
-
-Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, beugte er sich nieder, hob leise
-und sanft den Verwundeten auf, nahm ihn in seine Arme und wanderte mit
-starken Schritten heimwärts, fortwährend in das bleiche Antlitz
-seines Sohnes schauend, das bei jedem Fehltritt, bei der geringsten
-Erschütterung schmerzhaft zusammenzuckte und dessen Farbe mit jedem
-Augenblicke fahler und bleicher wurde. Zwei Meilen mochte der alte
-Lobston den Sohn wie ein krankes Kind also getragen haben, als dieser
-flehend bat ihn nieder zu legen und ruhen zu lassen, er könne es nicht
-mehr aushalten. Der Vater willfahrte der Bitte und legte ihn in's
-Gras, und brachte ihm in seinem Blechbecher, den er am Gürtel trug, zu
-trinken; dann aber trieb er auch um so mehr, das schützende Obdach
-des Hauses zu erreichen, aus der Nachbarschaft dort weibliche Pflege
-herbeizuholen.
-
-Sanft nahm er den Verwundeten wieder auf und trug ihn mit unendlicher
-Mühe durch die Unzahl hochaufwachsender Cypressenwurzeln, die den Weg
-überall unterbrachen. Ängstlich vermied er dabei auch die kleinste
-Erschütterung, während keiner von ihnen weiter ein Wort sprach, bis der
-Vater endlich das, ihm peinlich werdende Schweigen brach und, sich zum
-Sohne niederbeugend, lispelte:
-
-»Nur noch eine Viertelstunde, mein William, nur noch eine Viertelstunde,
-dann lege ich Dich sanft auf Dein Bett und rufe Nachbar Spellens Anna.
-Die soll Dich pflegen und dann wird Dir bald wieder besser werden. Zu
-Hause nehmen wir auch die blutigen Kleider ab und -- aber William,«
-unterbrach er sich ängstlich, indem er still stand.
-
-Der Sohn schlug noch einmal die Augen zu ihm auf, öffnete den Mund, als
-wenn er reden wollte, streckte sich und athmete tief auf, während ein
-tiefer Schmerz ihm durch das Antlitz zuckte.
-
-»William!« rief der Greis entsetzt, »William! so antworte doch -- thue
-ich Dir weh? --«
-
-Der Sohn antwortete nicht mehr -- er war todt.
-
-Der Vater legte den Körper in's Gras, rieb ihm die Schläfe, nahm seinen
-Kopf auf den Schooß, erfaßte seine Hände; es war nutzlos, sein Kind war
-todt.
-
-Da übermannte ihn einen Augenblick sein Gefühl; er warf sich auf den
-Leichnam und schluchzte laut; dann aber, sich gewaltsam sammelnd, stand
-er ruhig auf, nahm die Leiche wieder in seine Arme, und trug sie, so
-sorgfältig als er das verwundete Kind gehalten hatte, dem jetzt nur noch
-wenige hundert Schritte entfernten Hause zu. Dort angekommen, legte er
-die Leiche auf das Bett, rückte einen Sessel daneben und des Kindes Hand
-in die seinige nehmend, legte er seinen Finger auf dessen Pulsader, um
-den leisesten Schlag derselben zu vernehmen, das unbedeutendste Zucken
-seiner Augenlider zu bemerken. Es war die letzte Hoffnung des Vaters,
-dem starren unerbittlichen Tode gegenüber.
-
-Ruhig und geduldig, ja vielleicht ohne sie zu bemerken, hielt der Greis
-die Stiche von ganzen Schaaren Mosquito's aus, die ihn umschwärmten,
-beobachtete sogar mit fieberhafter Spannung die einzelnen der kleinen
-Blutsauger, wenn sie sich auf das Gesicht der Leiche niederließen, zu
-entdecken, ob noch nicht aller Lebenssaft aus den Adern des einzigen
-Kindes gewichen sei. Die Mosquito's aber senkten ihren Stachel in die
-Haut und tauchten umsonst mit der langen Spitze desselben nach der
-warmen Nahrung, zogen ihn wieder heraus, versuchten an einer anderen
-Stelle und verließen dann, summend und unmuthig, den blutlosen Leichnam.
-
-So kam die Nacht; der alte Mann stand auf und zündete ein Licht, von
-Hirschtalg und Bienenwachs gegossen, an, das er auf den Tisch stellte
-und denselben nahe zum Bett rückte. Dann setzte er sich selbst wieder
-auf seine alte Stelle, und die Hand des Kindes in der seinigen,
-erwartete er das erste Tageslicht. Als nun endlich der Morgen dämmerte,
-die Sonne hinter den Baumwipfeln emportauchte, da stand er auf,
-ging hinaus, nahm eine Hacke und fing an das Grab seines Erst- und
-Einzig-Geborenen zu bereiten.
-
-Als die Grube tief genug war, wickelte er die Leiche in die wollene
-Jagddecke, küßte noch einmal Lippe und Stirn des Kindes, senkte ihn
-sanft hinab, legte dachartig lange Schindeln über ihn hinweg, daß ihn
-die Erdschollen nicht berühren konnten und füllte das Grab aus.
-
-Das beendet, rollte er mit unsäglicher Mühe einen abgehauenen, zu
-Fenzstangen bestimmten Eichenstamm auf das Grab, schlug die Rinde
-oben ab, und grub mit seinem schweren Jagdmesser, das er meiselartig
-gebrauchte, den Namen seines Sohnes in rohen Buchstaben auf den Stamm.
-
-An demselben Tag noch fing er die beiden Pferde wieder auf, die er an
-dem gestrigen Unglücksabend im Walde verlassen hatte, bepackte sie mit
-dem Nöthigsten, was er bei einer neuen Ansiedelung zunächst zu brauchen
-glaubte, und zog über den Arkansas hinüber nach den Masserne-Gebirgen,
-dort ungestört den Tod seines geliebten Kindes beweinen zu können.
-
-Das Haus stand verlassen und öde, der Stamm aber, der auf dem Grab des
-Jägers lag, war jeden Sonntag Morgen mit frischen, bunten Waldblumen
-geschmückt. Ein junges Mädchen kniete dann wohl eine Stunde lang, die
-Stirne auf die rauhe Rinde gepreßt, still daneben und netzte mit ihren
-Thränen die rauhe Decke des jungen Backwoodsman.
-
-
-Druck von _Alexander Wiede_ in Leipzig.
-
-
-
-
-[
-Hinweise zur Transkription
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene
-Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch
-Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Wortfehler wurden korrigiert, bei
-Zweifeln der Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen
-Änderungen befindet sich hier am Buchende, Änderungen in der Zeichensetzung
-sind dort nicht aufgeführt.
-
-Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:
- Sperrung: _gesperrter Text_
- Antiquaschrift: =Antiquatext=
-
-
-
-
-Änderungen
-
- Seitenangabe
- originaler Text
- geänderter Text
-
- im Inhaltsverzeichnis
- Herrn von Sechingen im Urwald gefiel 1
- Herrn von Sechingen im Urwald gefiel 219
-
- Seite 261
- undankbarer Mensch -- Charleh Fischer ein -- Aufschneider sei.
- undankbarer Mensch -- Charley Fischer ein -- Aufschneider sei.
-
- Seite 274
- Sie sind mir so wilkommen, wie die Blumen im Mai
- Sie sind mir so willkommen, wie die Blumen im Mai
-
- Seite 281
- scheint dann die liebe Sonne und zwischern die muntern Vögel
- scheint dann die liebe Sonne und zwitschern die muntern Vögel
-
- Seite 284
- mit allem möglichen Schies- und Jagdgeräth behangen
- mit allem möglichen Schieß- und Jagdgeräth behangen
-
- Seite 293
- den Ohio, einen großen, schönen Strom
- den Ohio, einem großen, schönen Strom
-
- Seite 315
- sich die Verhältnisse ziemlich gleich leiben,
- sich die Verhältnisse ziemlich gleich bleiben,
-
- Seite 317
- bis einer der Sitzenden aufstand, welchen er dann
- bis einer der Sitzenden aufstand, welchem er dann
-
- Seite 335
- an's Herz legte, das letzverübte Verbrechen zu gestehen,
- an's Herz legte, das letztverübte Verbrechen zu gestehen,
-
- Seite 336
- das er glaube einen Menschen hier in der Gegend gesehen zu haben
- daß er glaube einen Menschen hier in der Gegend gesehen zu haben
-
- Seite 366
- Der Irländer erkläre, er könne keine hundert Schritte
- Der Irländer erklärte, er könne keine hundert Schritte
-
- Seite 368
- mit zugeschnürter Kehle an einem Chesnutast in Pensylvanien
- mit zugeschnürter Kehle an einem Chestnutast in Pensylvanien
-
- Seite 388
- In Louisiana besteht der Haupnutzen des Pedlars
- In Louisiana besteht der Hauptnutzen des Pedlars
-
- Seite 403
- Aus ist der Preis gerade für diesen Artikel
- Auch ist der Preis gerade für diesen Artikel
-
- Seite 404
- Diese Krämerboote zeichnen sich vor den ernsteren Kameraden
- Diese Krämerboote zeichnen sich vor den ersteren Kameraden
-]
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Amerikanische Wald- und Strombilder.
-Zweiter Band., by Friedrich Gerstäcker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AMERIKANISCHE WALD- UND STROMBILDER ***
-
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-the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
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-
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-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
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-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
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-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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-the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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-Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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-the copyright status of any work in any country outside the United
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-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
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-work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.
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-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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-electronic work, or any part of this electronic work, without
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-active links or immediate access to the full terms of the Project
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- of receipt of the work.
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-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
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-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation information page at www.gutenberg.org
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
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-Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
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- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
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-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
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