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diff --git a/41585-0.txt b/41585-0.txt new file mode 100644 index 0000000..584d42c --- /dev/null +++ b/41585-0.txt @@ -0,0 +1,5033 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41585 *** + + Amerikanische Wald- und Strombilder + + + Von + + Friedrich Gerstäcker. + + + Dritte Auflage. + + Zweiter Band. + + + Leipzig, + Arnoldische Buchhandlung. + 1862. + + + + + Inhalt des zweiten Bandes. + + + Seite + Ein Versuch zur Ansiedlung, oder, wie's + dem Herrn von Sechingen im Urwald gefiel 219 + Cincinnati 292 + Der wunderbare Traum 327 + Eine Pantherjagd 369 + Wandernde Krämer 380 + Der amerikanische Urwald 405 + Die Bärenjagd am Bayou Meter in Arkansas 430 + + + + +Ein Versuch zur Ansiedlung, + +oder + +wie's dem Herrn von Sechingen im Urwald gefiel. + + +Amerika -- Urwald -- Indianer -- Tomahawk -- Scalpiren -- +Schlingpflanzen -- Panther -- »Oh, wer doch einmal im Urwald sein und +das Alles so recht in der Nähe mit ansehen könnte« -- ruft der entzückte +Leser, während vor seinem inneren Auge eine wunderliebliche =Camera +obscura= ihm all die obenerwähnten Sachen klein und zierlich, aber mit +dem vollen Zauber reicher Phantasie übergossen, vorspiegelt. + +»Da muß ich hin!« hatte auch »_von Sechingen_,« ein junger unabhängiger +deutscher Edelmann gesagt, als er Coopers »Ansiedler« auf's Sopha warf, +emporsprang, die an der Wand hängende Büchse ergriff und auf einen, im +Geist heraufbeschworenen Panther schnell und sicher anlegte. + +Er nahm sich kaum Zeit, das Buch auszulesen; noch in demselben Monat +ordnete er seine Geschäfte, und acht Wochen später trug ihn die wogende, +blaue See hinüber zu dem Lande seiner Hoffnungen und Träume. Dort, im +stillen Wald -- im rauschenden Schwanken der Urbäume, wollte er +sich seine Hütte bauen, den Bär und Panther jagen und mit den rothen +Eingeborenen verkehren; dort von allen Sorgen und Ärgernissen des alten +Vaterlandes entfernt, hoffte er die Ruhe zu finden, nach der er sich +gesehnt, und die Oberlippe warf er stolz und verächtlich empor, als +er jetzt an all das Complimenten- und Etikettenwesen der alten Welt +zurückdachte, was Gott sei Dank nun hinter ihm lag. + +Die Reise war höchst glücklich -- nach schneller Fahrt erreichte er +New-Orleans, hielt sich aber hier kaum lange genug auf, die Stadt +flüchtig anzusehen, sondern nahm, als am nächsten Morgen ein für den +Arkansas bestimmtes Dampfboot stromauf lief, auf diesem Passage, und +erreichte neun Tage später Little Rock, die Hauptstadt des Staates. + +Hier nun strömten, wie das stets bei ankommenden Booten der Fall +ist, eine Masse von Menschen an Bord, um vielleicht hie und da einen +Bekannten zu treffen oder Zeitungen und Briefe in Empfang zu nehmen, und +_von Sechingen_, dem das Treiben noch ganz neu und ungewohnt war, konnte +nicht umhin, einen kleinen freundlichen Mann zu bemerken, der, etwa +ein Achtunddreißiger, einen grauen, verschossenen Überrock mit +Messingknöpfen, ein paar dunkelfarbige Sommerbeinkleider, grobe Schuh, +ein hellblaues Halstuch und einen ziemlich mitgenommenen schwarzen +Seidenhut trug. + +Der kleine Mann trat nämlich mit einer unbeschreiblichen, +wohlbehaglichen Sicherheit auf, schien dabei Jeden auf dem Boot zu +kennen, und war auch wirklich von Allen gekannt, denn des Zunickens und +Handdrückens wurde gar kein Ende und »wie gehts Charley -- noch immer +munter, Charley? -- =bless me= Charley, wie dick Ihr geworden seid!« +tönte fast von jeder Lippe. -- Es war Charles Fischer, dessen Name bei +allen dort gewesenen oder reisenden Deutschen fast unzertrennlich von +dem Namen der Stadt selbst geworden, denn schon seit langen Jahren +wohnhaft in der Stadt, die er, wie er gern erzählte, »noch als ein Dorf +gekannt,« hatte er durch Fleiß und Sparsamkeit (er war ein Tischler) +und besonders durch Glück, bei allen seinen Unternehmungen eine hübsche +Summe gespart, später ein paar kleine Häuser gebaut, dann eine Art +Wirthshaus und Schenkstand angelegt und jetzt steigerte sich mehr und +mehr sein Verdienst, da er Alles, was er brauchte, von New-Orleans oder +Cincinnati -- wo Provisionen wie Getränke sehr billig sind -- bezog, und +dieses dann in Little Rock zu einem enormen Preis wieder verkaufte. Dazu +als eine gute, harmlose Seele beliebt, und schon so lange an jenem Ort +wohnend, daß ihn Hin- und Herreisende immer wieder auf derselben Stelle, +der Erste an Bord jedes anlangenden Bootes, und eine halbe Stunde später +hinter seinem Schenktisch fanden, wurde Charles Fischer gewissermaßen +die Hausnummer, die man auf alle nach Little Rock oder auch ganz +Arkansas addressirten Briefe setzte, wenn man nicht den Ort, wohin Brief +oder Passagier bestimmt war, ganz genau angeben konnte. + +Charles Fischer war also, und ist selbst jetzt noch, das Policeibüreau +für sämmtliche nach Little Rock kommende Deutsche, auf dem sie sich nach +jedem Interessanten erkundigen können, das aber dafür auch Alles, was +den Fragenden angeht, wissen will. Selbst übrigens selten oder nie, +seit er in Amerika ist, aus Little Rock herausgekommen, wechselt er auch +seine Ansichten nicht besonders, und wenn Jemand von ihm wissen will, wo +in Arkansas gutes Land liegt, so schickt er ihn seit funfzehn Jahren an +den =Fourche la fave=; wünscht man von ihm zu erfahren, wie die »Zeiten« +sind, so schimpft er und holt ein Paketchen kleiner Banknoten, die er +mit einem starken Bindfaden in einem Westenknopfloch befestigt hat, aus +der Tasche und sagt »man müsse in Little Rock das Geld anbinden, sonst +liefe es fort;« erkundigt man sich nach seiner politischen Meinung, +so ist er Demokrat mit Leib und Seele -- er ließe sich, behauptet er, +lieber todtschlagen, ehe er zu den Whigs überginge, läßt sich aber nie +auf nähere Erörterungen ein, da ihm der Unterschied zwischen Whigs und +Demokraten noch selbst in vielen Stücken sehr dunkel ist; fragt man ihn +aber, was seine Frau macht, so stößt er Einem den Zeigefinger in die +Rippen, blinzt das linke Auge zu, was verschmitzt aussehen soll, und +lacht. + +Außer Little Rock existirt weiter keine Welt für ihn, er verschmäht +jede Einladung, einmal auf das Land zu seinen Freunden zu kommen, und +behauptet bei solchen Gelegenheiten stets, sich mit innigem Behagen die +Hände reibend, »es gäbe doch nur _ein_ Little Rock,« und darin hat er +vollkommen recht, denn es wäre fürchterlich, wenn auf der Welt noch +solch ein zweiter Platz existirte. + +Eben hatte _Charley_, wie er von Allen freundschaftlich genannt wurde, +mehre Briefe vom Buchhalter in Empfang genommen, die zwar an ihn +adressirt, keineswegs aber für ihn bestimmt waren und wollte das Boot +wieder verlassen, als von Sechingen, der jetzt genug von ihm gesehn und +auch den Namen so oft gehört hatte, um ziemlich sicher zu sein, wer vor +ihm stehe, auf ihn zutrat, und freundlich grüßend fragte, ob er »das +Vergnügen habe, mit Herrn Carl Fischer zu sprechen?« + +»Charley -- =of course= -- gewiß --« sagte der Kleine, »eben von +Deutschland gekommen, eh? haben Sie dort auch letztes Jahr so nasses +Wetter gehabt, wie wir hier? aber apropos, was ich Sie fragen wollte, +wie weit sind Sie denn bei Stuttgart mit der Eisenbahn?« + +»Es thut mir leid, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu können,« +lächelte der Fremde »ich komme aber mit einer Bitte um Rath zu Ihnen, +Herr Fischer, indem ich von New-Orleans aus durch einen dort zufällig +getroffenen Freund an Sie gewiesen bin, mir die beste Gegend für Land +hier in Arkansas zu nennen. Ich beabsichtige mich anzukaufen und weiß +selbst noch nicht recht, ob ich meine Nachforschungen von hier aus +beginnen, oder mit dem Boot bis Fort Gibson hinauf gehen soll.« + +»Land kaufen?« sagte Charley, wie er sich selber nannte, »Land kaufen? +keine bessere Gegend in der Welt, als am =Fourche la fave= -- +_Land_ nicht _todt_ zu machen -- _Weide_, unverwüstlich -- _Wild_ +unmenschlich.« + +»Viel Wild? so?« frug der Fremde, und wurde aufmerksamer -- »und wo +liegt dieses paradiesische Land?« + +»Etwa vierzig Meilen von hier, über die Berge fort, Sie gehen jedoch am +Besten mit dem Boot bis an die Mündung des kleinen Flusses selbst, +und dann soll es noch etwa zwanzig Meilen von da bis zu der deutschen +Ansiedlung sein, Sie können nicht fehlen, immer am Fluß hinauf.« + +»Was fang ich aber indessen mit meinen Sachen an? denn wenn ich eine +Fußtour unternehmen soll, muß ich _die_ auf jeden Fall zurücklassen.« + +»Können Sie zu mir hinstellen,« sagte Charley, »ich habe ein kapitales +Lokal -- unten ein großes Barzimmer mit einem Schlafkabinet.« + +»Barzimmer?« frug der Fremde. + +»Nun ja -- Barzimmer, ach so, Sie wissen nicht was _Bar_ ist, nun +_Schenk_zimmer, das ist ja wohl deutsch -- eine Treppe hoch habe +ich einen Tanzsaal, sollen einmal den Tanzsaal sehen, wie ich den +herausgeputzt habe -- und auch ein Schlafkabinet, und oben unter dem +Dach noch zwei Schlafkammern, wo, wenn es ordentlich eingetheilt wird, +an die vierzehn Betten stehen können.« + +»Aber wo wohnen Sie denn da?« sagte erstaunt der Fremde. + +»Im Sommer wohn' ich im Tanzsaal und im Winter unten, neben dem +Barzimmer.« + +»Und vierzehn Betten in zwei Dachkammern?« + +»Ja, und wie viel meinen Sie, daß im letzten Winter, wo ich den großen +Ball hatte, dort oben in eilf Betten Menschen gelegen haben?« + +»Nun vielleicht gar zwei und zwanzig Personen?« lachte der Deutsche. + +»Zwei und zwanzig?« rief Charley die Nase rümpfend, »wegen denen wären +_die_ Umstände nicht nöthig gewesen -- _sieben und dreißig_.« + +»Aber wie ist das möglich?« + +»Möglich? in Amerika ist Alles möglich, das werden Sie auch wohl noch +erfahren, ehe Sie sechs Monate im Lande sind.« + +»Dann kann ich also Alles zu Ihnen in's Haus schaffen lassen?« + +»Ja wohl -- versteht sich, wollen gleich einen Mann rufen, hey -- Sam! +oh Sam! hierher!« + +Der Zuruf galt einem großen, breitschultrigen Mulatten, der neben seinem +zweirädrigen Güterkarren am Ufer stand und mit der Peitsche knallte -- +»hier ist ein Gentleman, der Sachen nach meinem Hause zu schaffen hat.« + +»Ay, ay, Mr. Charley,« rief der Mulatte, freundlich grinsend, während +er über die Planke an Bord lief, und in wenigen Augenblicken oben neben +ihnen stand, »soll richtig besorgt werden,« fuhr er fort, indem er den +getheerten Matrosenhut neben die Peitsche auf das Verdeck legte, »aber +_Mister_ Charley, nicht wahr, Sam bekommt dann auch einen Schluck von +dem =Peach brandy=.« + +»Ist der schwarze Teufel schon wieder durstig,« rief Charley erstaunt, +»hat er nicht erst vorgestern eine halbe Flasch voll ausgetrunken?« + +»Aber Mister Charley --« + +»Nun schon gut, schaff nur die Sachen ordentlich und schnell hinauf -- +ich komme gleich mit und da wollen wir sehen.« + +Drei Koffer, zwei Hutschachteln, mehrere Gewehrfutterale, ein Reisesack +und noch verschiedene andere kleine Kistchen und Kasten wurden jetzt von +dem geschäftigen Mulatten in fast unglaublich kurzer Zeit an's Ufer, +zu dem nur wenige hundert Schritt vom Wasserrande entfernten Hause Carl +Fischers befördert, und der Fremde, nachdem er das Fuhrlohn wie einen +Trunk für den Karrenführer bezahlt hatte, und Alles besorgt sah, wandte +sich hier zu seinem freundlichen Wirth und sagte: + +»Wenn es Ihnen recht ist, so möchte ich jetzt ein wenig Toilette machen, +denn in diesem Aufzug kann ich doch auf keinen Fall in den Urwald +dringen. Haben Sie Bären hier in der Nähe?« + +»Bären?« frug Charley verwundert, »die Leute da oben leben von weiter +Nichts als Bärenfleisch; wie die Schweine laufen sie im Walde herum, +nach den Hirschen schießen sie gar nicht mehr.« + +»Die Bären?« + +»Die Jäger, =of course=!« + +»Nun« rief der Fremde, »dann werde ich ja auch wohl noch heute Abend zum +Schuß kommen, will also doppelte Kugeln einladen.« + +Sie waren unterdessen in die Wohnung oder vielmehr das »Barzimmer« +des kleinen Charley, wie es dieser nannte, getreten, und in dem +daranstoßenden Kämmerchen verwandelte sich der junge Mann bald, was +wenigstens das Äußere betraf, aus einem Stutzer in einen Jäger, +mit grüner Pikesche, ledernen Beinkleidern, hohen Wasserstiefeln, +umgeschnalltem Hirschfänger, gewaltiger lederner Waidtasche, und +schöner Suhler Büchsflinte, dabei wohl ausgerüstet, was Schrotbeutel, +Pulverhorn, Zündhütchenaufsetzer, Messer, kurz Alles das betraf, was er +nach deutscher, richtiger Waidmannsart »fertig gerüstet« nennen konnte. + +»Nun kann's losgehen!« jubelte Charley und schlug vor Freuden in die +Hände, als er den Jäger erblickte. »Da sieht man' s doch auch, daß +es ein Jäger ist; -- hier zu Lande laufen sie mit ihren langen +Schießprügeln auf der Schulter, den Kolben nach hinten, in alten +ledernen Jacken und wollenen Fracks im Wald herum und haben dünne +hirschlederne Lappen an den Füßen, durch die man jedes Sandkorn fühlt. +Ich habe selbst einmal so ein paar Dinger angehabt, bin aber beinah lahm +geworden; weiß der Böse nur, wie sie noch 'was schießen, es muß aber +wohl so viel draußen sein, daß sie's selbst nicht ändern können.« + +»Gehen _Sie_ denn nie auf die Jagd?« frug der Fremde. + +»Ich? nein -- bewahre --« lachte Charley, »ich müßte mich auch gut mit +einer Flinte ausnehmen; ne, da draußen im nassen Walde herumzukriechen, +den ganzen Tag ein schweres Stück Eisen auf der Schulter zu schleppen +und dann auch noch d'raus zu schießen -- ne -- das ist meine Passion +nicht. Ich habe gern Alles in der gehörigen Ordnung, Abends mein gutes +Essen und ein warmes Bett, und am Tag -- aber sie läuten schon wieder +auf dem Boot -- daß Sie's nur nicht versäumen. Was mir aber noch +einfällt, es wäre doch eine Möglichkeit, daß Sie sich verliefen, denn +im Walde sieht ein Baum wie der andere aus, und hier neben an wohnt ein +Indianer, wenn Sie dem einen Dollar und einen Schluck Whiskey geben so +geht er mit Ihnen durch's Feuer.« + +»Ein Indianer?« rief der Fremde entzückt, »o rufen Sie ihn her, ich +will ihm geben was er haben will, der muß mit mir gehen, das ist zu +romantisch.« + +»Wie heißen Sie denn eigentlich?« frug Charley jetzt, dem der letzte +Ausdruck wahrscheinlich auffallen mochte. + +»Mein Name ist von Sechingen,« erwiederte der Fremde. + +»Ach Herr von Sechingen, ist mir sehr angenehm Ihre werthe Bekanntschaft +-- aber der Teufel soll mich holen, wenn's da nicht schon zum zweiten +Male läutet -- laufen Sie auf's Boot, ich bringe den Indianer.« + +»Ja -- aber er muß sich doch erst zurecht machen.« + +»Ist immer zurecht gemacht,« erwiederte Charley, »nur fort, sonst +werden Sie noch zurückgelassen. Also wohl gemerkt -- an der Mündung +des =Fourche la fave= lassen Sie sich aussetzen, und wenn Sie Alles in +Richtigkeit haben, so kommen Sie nur her, und holen sich Ihre Sachen -- +apropos -- grüßen Sie mir die Deutschen oben.« + +Herr von Sechingen eilte jetzt auf das Boot, es dauerte jedoch gar nicht +lange, bis Charley mit dem versprochenen Indianer nachkam und ihn auch +kaum noch abliefern konnte, denn eben schellte die Glocke zum dritten +und letzten Mal, die Taue wurden eingenommen, ein flüchtiges Lebewohl +den am Ufer Bleibenden zurückgerufen, und fort schoß der Koloß, das +»schwimmende Gasthaus« gegen den Strom an, dem fernen, fernen Westen zu. + +Der Deutsche versuchte indessen mit dem Indianer ein Gespräch +anzuknüpfen, fand diesen aber zu einer langen Unterhaltung keineswegs +aufgelegt, und konnte auf seine Fragen, da dieser noch dazu sehr +gebrochen englisch sprach, nur kurze, und meistens unbefriedigende +Antworten erhalten, so daß er seine Erkundigungen endlich einstellte +und bei sich dachte, im Walde würde der rothe Sohn der Wälder auch wohl +gesprächiger werden. + +Dieser rothe Sohn der Wälder sah übrigens ganz anders aus, als +sich Sechingen eigentlich die Indianer, jene stolzen, kriegerischen +Häuptlinge gedacht hatte. Ein früher einmal blau gewesenes, baumwollenes +Jagdhemd hing ihm lose um die Schultern, die Beine staken in grau +wollenen Beinkleidern, die Füße in mächtigen groben Schuhen, auf dem +Kopf saß ihm, bis tief in die Augen hinein, ein alter zusammengedrückter +Strohhut, unter dem die langen, schwarzen Haare wild und unordentlich +hervorquollen, und im Gürtel, der sein Jagdhemd zusammenhielt, stak ein +kurzes, schmales Messer, während an seiner rechten Seite eine kleine +lederne Tasche, auf seiner linken Schulter eine zusammengewickelte +wollene Decke hing und eine lange, keineswegs prachtvoll aussehende +Büchse mit Feuerschloß, die Bewaffnung und Ausrüstung dieses sonderbaren +Wesens beendete. + +Dem jungen Sechingen blieb jedoch kaum Zeit, dieß Alles an seinem neuen +Reisegefährten und Begleiter zu bemerken, denn fast sämmtliche, sich +auf dem Dampfboot befindenden Amerikaner drängten sich um ihn her und +begannen mit der liebenswürdigsten Unbefangenheit von der Welt seine +Waffen und ganze Ausrüstung anzustaunen und zu betrachten. Einer nahm +ihm, mit einem freundlichen »=if you please=« (wenn Sie erlauben) +die Büchse aus der Hand und knackte unzählige Male die Schlösser, ein +Anderer zog, _ohne_ zu sagen »=if you please,=« den Hirschfänger aus der +Scheide und untersuchte die Schärfe desselben, ein Dritter zupfte an dem +Patentschrotbeutel, bis er die Kapsel glücklich herausbrachte und eine +ganze Ladung Schrot auf's Deck streute, kurz es fehlte nicht viel, so +hätten sie ihn wie eine Puppe aus- und wieder angezogen. + +Von Sechingen ließ sich im Anfang wirklich Alles mit vieler +Gutmüthigkeit gefallen, es schien sogar seiner Eitelkeit etwas zu +schmeicheln, von Jedem so bewundert zu werden; nach und nach ward ihm +die Sache aber doch ein wenig lästig und er nahm, ohne viele Umstände, +sein verschiedenes Eigenthum wieder an sich. Die Amerikaner frugen ihn +jedoch fast bei jedem Stück, wie er es verkaufen wolle und wunderten +sich sehr, als er ihnen sagte, daß er Nichts von alle dem veräußern +würde. Einer wünschte sogar zu wissen, wie er seine Stiefeln gegen ein +paar andere, erst wenige Wochen getragene vertauschen, d. h. ob er noch +Aufgeld haben wolle, denn daß er sie, wenn ihm der Handel gut schiene, +überhaupt vertauschen würde, verstände sich, glaubten die Leute, von +selbst. + +Sechingen bekam die Gesellschaft schon recht überdrüssig, als er endlich +zu seiner Freude den Ausruf des Indianers vernahm, der, mit dem Finger +vorwärts deutend, auf einen Anwuchs niederer Baumwollenholzschößlinge +hinwies. + +»Ist das die Mündung des Flusses,« rief er freudig -- »nun Gott sei Dank +-- aber werden wir auch halten?« + +Die Bootsglocke beantwortete seine Frage, der Ruf des Lootsen sandte die +»Deckhands« oder Matrosen nach der, hinten am Boot befestigten Schaluppe +-- der Deutsche und Indianer sprangen hinein und fanden sich, wenige +Minuten darauf, an der Spitze einer Sandbank, welche gerade überhalb +des Flusses Mündung eine kurze Strecke in den Arkansas hineinlief. +Das leichte Fahrzeug, was sie hierher gebracht, war indeß zum Boot +zurückgekehrt -- das Zeichen wurde gegeben, puffend und schnaubend +brauste der schöne Dampfer stromauf, und die beiden Männer standen +allein auf der kleinen, sandigen Landzunge. + +Sechingen blickte entzückt um sich her -- Alles -- Alles mahnte ihn +daran, daß er jetzt im Begriff sei, zum ersten Mal die Amerikanische +Wildniß, den _Urwald_ zu betreten, und von wonnigen Schauern durchbebt, +wandte er sich gegen den dunklen Wald. Zu seiner Linken, am andern Ufer +des kleinen Flusses, thürmten sich schroffe, mit Kiefern und Eichen +bedeckte Hügel empor, rechts von diesen, in der Richtung, die er +einzuschlagen gedachte, lag eine dichte grüne Baum- und Laubmasse und +hinter ihm wälzte sich der gewaltige Arkansas dem »Vater der Wasser«, +dem Mississippi zu, während der schmale Sandstreifen, auf dem sie +standen, etwa eine Meile lang bis zu dem wieder steiler werdenden Ufer +hinauflief. + +Noch war der Deutsche in staunender Bewunderung des Heiligthums +versunken, das er kaum zu betreten wagte, als der Indianer, dessen +christlicher »Robert« in den bequemeren »Bob« umgetauscht worden, das +Schweigen brach und dem jungen Mann mit wenigen Worten andeutete, wie er +nicht gesonnen sei, hier die ganze Nacht auf offener Sandbank halten zu +bleiben. + +»Wollen gehn --« sagte er, und drehte dabei den Kopf nach allen +vier Himmelsgegenden, um Wolken, Sonne und Luft genau und prüfend zu +betrachten -- »kaum noch eine Stunde Tag, besser an einen trockenen +Platz vor Abend -- Feuer anmachen -- groß.« + +»Und welchen Weg nehmen wir jetzt?« frug Sechingen. + +»Weg?« sagte der Indianer verwundert, »kein _Weg_ von hier -- lauter +Wald.« + +»Ha, desto besser!« rief der Deutsche, »das ist herrlich; lauter +dichter, finsterer Wald, und dann das Nachtlager, -- o das muß köstlich +werden.« + +»Will der Weiße die nächste Richtung, ganz durch den Wald gehen, oder +fünf Meilen um, über die Hügel -- weit oben läuft ein gebahnter Weg!« +sagte Bob. + +»Oh unbedingt den nächsten Weg durch den Wald, wie weit ist es wohl?« + +»Funfzehn Meilen -- aber viel naß,« sagte der Indianer, und zeigte mit +dem Finger gerade auf den Wald. + +»Ich habe große Stiefeln an,« lachte Sechingen, »und wenn _Sie_ sich +nichts daraus machen« -- + +»Bob kann schwimmen,« erwiederte dieser lakonisch, schritt jetzt, ohne +ein Wort weiter zu verlieren und die dünnen Baumwollenholzbäumchen +auseinander biegend, durch diese hinweg und betrat, von dem Deutschen +gefolgt, während sie die sandige, angewaschene Landzunge hinter sich +ließen, den eigentlichen dunklen Wald. + +Sechingen hatte vom ersten Augenblicke an, als er festen Grund und Boden +unter den Füßen fühlte, die Doppelbüchse von der Schulter genommen und +zum großen Ärgerniß Bob's, der fortwährend nach ihm hinschielte, beide +Hähne aufgezogen, ging auch jetzt, stets im Anschlag, vorsichtig und +aufmerksam umherspähend, hinter dem Indianer her, bis dieser endlich, +trotz dem ihm angeborenen stoischen Gleichmuth, das Gefühl nicht +länger ertragen konnte, in dem dichten Gewirre von Schlingpflanzen eine +gespannte Büchse hinter sich zu haben, und von nun an neben dem jungen +Mann blieb. + +Die Sonne sank indessen mehr und mehr und verschwand eben hinter den +gewaltigen Bäumen, nur noch hie und da einen der höchsten Wipfel mit +ihrem rosigen Schein übergießend. Im Walde herrschte tiefe Stille, die +nur selten durch das Quaken eines Frosches oder das Gezirpe einer +Grille unterbrochen wurde; es war ein wunderlieblicher, entzückender +Frühlingsabend, dem schönen Wald von Arkansas so eigenthümlich; dennoch +aber schien sich der Herr von Sechingen dieses langersehnten Genusses +nicht so recht zu erfreuen, oder wenigstens keine Zeit dafür zu haben, +denn bald schlug er sich mit der flachen Hand auf die Stirn, bald in den +Nacken, bald auf die andere Hand; oder nahm die Mütze ab, mit der er um +sich herumschlug, und endlich blieb er gar in allem Unmuth stehen und +rief aus: + +»Wo kommen denn nur um Gotteswillen alle diese verwünschten Mücken her? +das ist ja zum Rasendwerden.« + +»Mücken?« sagte Bob, »was das? _Mosquitos_ meint Ihr; nicht viele hier! +mehr davon weiter vorne; aber lagern jetzt -- gleich dunkel.« + +Damit, ohne weiter eine Antwort seines Begleiters abzuwarten, warf er +seine Decke und Kugeltasche ab, lehnte die Büchse an einen Baum und +schlug Feuer, das er bald mit Hülfe des dürren Laubes zu einer Flamme +anfachte, die, von trockenem Holz genährt, in wenigen Minuten zur hohen +Gluth emporloderte. + +»Hier also sollen wir bleiben?« sagte Sechingen etwas kleinlaut, indem +er sich an dem Orte, auf welchem sie sich befanden, umsah, »ja -- es +wäre recht hübsch hier, wenn die verdammten Mücken nur nicht wären. +Also _das_ sind Mosquitos?« -- fuhr er fort, als er eben wieder vier mit +einem Schlage auf dem Rücken seiner Hand vernichtet hatte -- »nun Gott +sei Dank, es sind doch wenigstens genug von ihnen da, um sich abzulösen, +wenn ein Theil satt oder müde werden sollte.« + +»Fremder legt sich auf diese Seite vom Feuer, unter den Rauch -- keine +Mosquitos!« -- bedeutete ihn Bob. Sechingen befolgte auch schnell den +guten Rath, und fand sich hier, in dem weichen, gelben Laub, das mehrere +Zoll hoch den Boden bedeckte, bald von seinen Quälgeistern verlassen, +die durch den über ihm hinweggehenden Rauch verscheucht wurden. Bob +schien sie gar nicht zu achten. + +»Lieber ein Dach machen -- kann regnen die Nacht,« sagte der Indianer +jetzt. + +»Regnen?« lachte Sechingen, »wo soll denn der Regen herkommen? es ist ja +keine Wolke am Himmel?« + +»Schadet Nichts,« meinte Bob -- »Regenfrosch gutes Zeichen.« + +»Ach nein -- hier ist's herrlich,« betheuerte Jener, der, von seinen +Plagegeistern für den Augenblick befreit, wieder das so lang gehegte und +genährte romantisch wilde Sehnen in sich erwachen fühlte -- »hier +ist's so wundervoll, mit dem grünen Laubdach über uns, dem blauen +sternbesäeten Himmel als Decke, und dem dunkelen, rauschenden Wald +um uns her; wozu da noch ein Dach, was uns doch nur den Anblick des +prachtvollen Firmamentes entziehen würde; kommen Sie hierher, Bob, legen +Sie sich neben mich und erzählen Sie mir etwas aus Ihrem Leben.« + +»Bob ist hungrig,« war die lakonische Antwort. + +»Nun ja, da es einmal erwähnt wird,« meinte der Deutsche, »so wäre +mir auch ein Bissen Warmes nicht so unerwünscht, ein Tasse Thee könnte +besonders gar Nichts schaden.« + +»Viel Thee im Wald,« sagte Bob. + +»Thee? grüner Thee?« + +»Gewiß grüner Thee -- will der Weiße Thee haben?« + +»Das wäre nicht so übel,« erwiederte Sechingen, »auf alle Fälle können +wir es versuchen.« + +Bob riß hierauf einen kleinen, neben ihm wachsenden grünen Strauch aus +der Erde, wischte die Wurzel so rein als möglich mit seinem Jagdhemd +ab, schnitt sie in dünne Spähne, that sie in den Blechbecher, den er an +seiner wollenen Decke hängend trug, füllte diesen dann voll Wasser und +setzte ihn auf die Kohlen. + +»Und das wird Thee?« frug Sechingen ungläubig. + +»Ahem,« war Bob's Antwort, der nur mit dem Kopfe nickte. + +»Es ist aber doch sonderbar,« sagte der Deutsche nach einer wohl +viertelstündigen Pause, in der er träumend zu den funkelnden Sternen +hinaufgeschaut hatte, »daß wir jetzt schon über eine Stunde durch +den dichtesten Wald gegangen sind, ohne eine Spur von Wild gesehen zu +haben.« + +»Sonderbar?« entgegnete die Rothhaut, »Bob hat drei Tage hier gejagt und +keine Klaue gefunden.« + +Das stimmte nun freilich nicht mit Charles Fischers Aussagen überein, +doch blieb ihm für den Augenblick keine weitere Zeit zu ferneren +Erörterungen, denn der Thee war fertig und wurde Sechingen dargereicht. + +»Etwas Zucker und Milch wäre jetzt sehr an seinem Platz,« meinte dieser +-- »aber halt -- ich habe ja Rum bei mir; der mag den Dienst versehen,« +und aus einem kleinen Fläschchen, das er aus dem Jagdranzen nahm, goß er +etwa ein Spitzglas voll in den Becher, und reichte die Flasche dann an +Bob hinüber, der sie schon mit gierigen, verlangenden Blicken betrachtet +hatte und jetzt einen langen, langen Zug that. Mit augenscheinlichem +Widerwillen mußte er zuletzt absetzen, um Athem zu holen und Sechingen +schob sie wieder in den Ranzen zurück. Der Thee war indessen etwas kühl +geworden, -- aber welch entsetzliches Gebräu. + +»Pfui Teufel!« rief der junge Deutsche aus, indem er den Becher +zurückschob und aufsprang. »Bob, das können Sie allein trinken, das +schmeckt ja abscheulich.« + +»Indianer trinkt nur Thee, wenn krank ist.« + +»Ich bin aber nicht krank,« rief Sechingen. + +»Ich auch nicht,« sagte Bob und begann mit großer Ruhe die Lederriemen +aufzubinden, die seine Decke zusammenhielten. + +»Daß mich auch der Böse plagen mußte, mit keiner Sylbe an Lebensmittel +zu denken,« murmelte Sechingen ärgerlich vor sich hin, -- »ich glaubte +aber sicher, noch vor Dunkelwerden irgend ein Stück Wild erlegen zu +können.« + +»Bob kann warten,« brummte dieser und rollte die jetzt gelöste Decke +auf. + +»Nun so erzählen Sie mir wenigstens etwas,« bat ihn der Deutsche, »ich +möchte gar so gerne einige Skizzen aus dem Leben der Indianer, von den +Lippen eines Indianers hören, und da wir doch nun einmal im Wald sind, +so lassen Sie mich auch einige Anekdoten von Ihren Jagden mit Büffeln +oder Bären, von den Kämpfen mit anderen Stämmen, dem nächtlichen +Überfall, dem Schlachtschrei und den genommenen Scalpen hören -- was +hilft mir denn der Wald und der Indianer, wenn wir schlafen wollen?« + +»Weiß Nichts zu erzählen,« sagte Bob, indem er seine Decke nahe zum +Feuer ausbreitete und dieses dann wieder von Frischem aufschürte -- +»habe nie einen Büffel gesehen und noch keinen Bären geschossen; -- kam +vor sechs Jahren von Georgien mit ganzem Stamm.« + +»Und was haben Sie in den sechs Jahren getrieben? -- Jagd?« + +»Nein -- Schuhmachen!« + +»_Schuhmachen_?« frug Sechingen entsetzt -- »Schuhmachen? ein Indianer +-- in Arkansas? aber Ihr Vater war doch ein Jäger und Krieger? fiel +vielleicht in der Schlacht -- in einem nächtlichen Überfall.« + +»Mein Vater starb in Georgien an den Blattern -- war ein Korbmacher.« + +Bob schien jetzt zu glauben, daß er über sich und seine +Familienangelegenheiten hinlängliche Auskunft gegeben habe, denn er +rollte sich in die Decke, und war wenige Minuten später, wie sein +lautes, regelmäßiges Athmen bewies, sanft eingeschlafen. Sechingen aber +spießte, auf den linken Ellbogen gelehnt, mit seinem Genickfänger höchst +mißvergnügt die vor ihm liegenden, gelben Blätter auf. + +Er hatte sich Alles so romantisch gedacht -- das Heulen der Wölfe, das +Geschrei des Panthers, die Erzählungen eines rothhäutigen Kriegers von +Jagden und Kriegszügen, und dazu das Rauschen des mächtigen Urwaldes +-- Ja! Der Urwald umgab ihn, in all seiner Pracht und Herrlichkeit, +mit seinen Riesenstämmen und wild durchwachsenen Dickichten, mit den +gigantischen Weinreben, die sich von Stamm zu Stamm schlangen, und im +unzerreißbaren Netze die gewaltigen verbanden, den einzigen Laut aber, +den er vernehmen konnte, war das Summen der Mosquitos, die, von der +kühlen Nacht nicht eingeschüchtert, nach dem warmen Blute des Fremdlings +lüstern, dessen Lager umschwirrten. + +Höchst verdrießlich schob er sich endlich die Jagdtasche unter den Kopf, +und wollte ebenfalls schlafen, als er, wie von einer Natter gestochen, +wieder emporsprang, und nach der Büchse griff, denn dicht neben ihm +-- es konnte kaum zwanzig Schritte entfernt sein -- vernahm er den +sonderbarsten, wildesten Laut, den sich seine Phantasie nur je gedacht, +nur je geträumt hatte. + +»Huhu, huhu -- -- huhu, huhu -- a -- h!« tönte es so klagend, so +schauerlich, daß er, sprachlos vor Jagdeifer und innerem Entsetzen, den +Arm seines schläfrigen Gefährten ergriff, und den Ruhenden mit aller +Macht schüttelte, während er dabei in der Rechten die schnell gespannte +Büchse fertig zum Schuß hielt. + +»Bob, -- Bob, -- Bob!« -- flüsterte er dabei mit unterdrückter Stimme -- +»ein Panther -- _Bob_!« + +»Ein was?« rief dieser, und sprang schnell auf die Füße, ergriff seine +Büchse und sah den Fremden groß an. »Wo? wo Panther?« + +»Pst!« winkte Sechingen -- »dort war's -- gleich in dem Busch da -- er +muß auf einen Baum geklettert sein, mir kam es hoch vor.« + +»Huhu, huhu -- -- huhu, huhu -- a -- h!« riefen die schauerlichen Töne +auf's Neue, diesmal aber auf der entgegengesetzten Seite. + +»Horch -- horch -- er hat uns umschlichen -- erst war er hier.« + +»Das der Panther?« frug Bob. + +»Nun? was soll es sonst sein? ein Wolf steigt doch nicht auf die Bäume?« + +»Eule!« sagte Bob, und legte sich wieder, ohne ein Wort zu verlieren, +nieder. + +»Teufel!« murmelte Sechingen ärgerlich vor sich hin, indem er den Hahn +seiner Büchse in Ruhe setzte, »das nur eine Eule, und hat eine Stimme +wie das stärkste, gewaltigste Thier.« Bob hatte aber ganz recht, es war +wirklich eine Eule, die ihr einsames Nachtlied krächzte, und unwillig +warf sich der in seinen schönsten Erwartungen Getäuschte in das gelbe +Laub zurück. + +Durch die ungewohnten Anstrengungen ermattet, schlief er lang und fest, +sein Erwachen war aber ein sehr trauriges, unbehagliches, denn, als er +von kalten Schauern durchschüttelt die Augen aufschlug, strömte von +dem dunkelen, nur dann und wann durch einzelne grelle Blitze erhellten +Nachthimmel der Regen in Fluthen hernieder, und fern grollender Donner +murmelte seinen gewaltigen Segen dazu. Das Feuer war niedergebrannt und +ausgelöscht, und tiefe Nacht umgab ihn. + +»Bob?« rief er -- »Bob! -- Bob!« wiederholte er stärker und ängstlicher, +als ihn auf einmal der Gedanke durchzuckte, sein rother Führer könne ihn +im Stiche gelassen haben -- »_Bob_!« -- kein Bob antwortete und »_Bob_« +schrie er jetzt in die Höhe springend aus Leibeskräften, daß er selbst +vor dem dumpfverhallenden Nothruf zurückbebte, der gar so schauerlich in +dem öden Walde wiederklang. + +»Ja!« sagte der Wilde, der, nur wenige Schritte von ihm entfernt und in +seine Decke gewickelt, unter demselben Baume mit ihm stand -- »wir werden +nassen Morgen bekommen.« + +»Warum antworten Sie denn gar nicht? ich glaubte Sie wären fort. --« + +»Und wohin!« frug Bob, »ein Baum so gut wie der andere -- ich schlief!« + +»Im Stehen?« + +»Bob kann überall schlafen.« + +»Was fangen wir denn jetzt um Gotteswillen an? ich bin durch und durch +naß, und muß mich erkälten -- wenn ich nur wenigstens eine Decke hätte.« + +»Wenn der Weiße Bob's Decke haben will,« sagte gutmüthig der Indianer, +-- »so mag er sie nehmen, Bob kann ohne Decke naß werden.« + +Sechingen schämte sich im Anfang, den armen Burschen seines fast +einzigen Schutzes zu berauben, da der dünne Kattunlappen, den jener noch +darunter trug, sicherlich als kein wärmendes Kleidungsstück angesehen +werden konnte, doch überwog bald die Sorge um die eigene Gesundheit jede +andere Bedenklichkeit, und fest in die, wenn auch etwas feuchte doch +warme Umhüllung eingeschlagen, warf er sich wieder, die Waidtasche unter +dem Kopf, an der Wurzel der alten Eiche nieder, deren Blätter ihnen, +wenigstens jetzt noch, einigen Schutz gegen die immer stärker und +stürmischer niedertobenden Schauer gewährten. + +Bob kauerte sich dicht daneben, einen möglichst kleinen Raum einnehmend, +zusammen und ließ den Kopf auf die Brust hinuntersinken, wachte aber, +denn dann und wann lauschte er aufmerksam den Athemzügen des Weißen, +ob dieser schlafe oder nicht, bis er sich endlich von dessen +Bewußtlosigkeit hinlänglich überzeugt zu haben schien, und nun leise an +ihn hinkroch. + +Immer tobender raste indessen der Sturm, darum aber ganz unbekümmert, +befühlte Bob mit vorsichtiger Hand und geräuschlosen Bewegungen die +Waidtasche, und nach und nach, fast unmerklich seine Finger unter des +Schlummernden Kopf bringend, gelang es ihm nach mehreren Minuten, die +Flasche der Ledertasche zu entrücken. + +Wäre es Tageshelle gewesen, so hätte man des Indianers Gesicht wohl ein +triumphirendes Lächeln überfliegen sehen können, als er geräuschlos +und mit geübter Hand den Kork abzog, so aber ward nur gleich darauf der +leise, gluckende Laut gehört, wie der heiße erquickende Trank die Kehle +des Durstigen hinunterglitt, und lange, lange sogen seine Lippen an dem +engen Hals der Korbflasche. Endlich war auch der letzte Tropfen geleert, +und Bob setzte, tief Athem holend, ab, versuchte dann zwar noch einmal, +dem Boden einen vielleicht zurückgehaltenen Rest zu entziehen, die +Nachlese fiel aber wenig ergiebig aus, und er bemühte sich jetzt, die +entwendete Flasche wieder an ihren früheren Platz zurück zu schaffen. +Um jedoch keinen unnützen Verdacht zu erregen, schob er sie vorsichtiger +Weise verkehrt, mit der Öffnung nach unten, in die Tasche und ließ +den Kork daneben in das Laub fallen, dann kroch er auf seinen alten +Standpunkt zurück, und war bald ebenfalls, trotz stürmenden Unwetters +und heulender Windsbraut, sanft und ruhig eingeschlafen. + +Kalt und schaurig brach der Morgen an, die Gewitter hatten sich +verzogen, aber schwere, dunkele Wolkenschichten schienen in an einander +gepreßten Massen auf den Wipfeln der Bäume zu ruhen; ein feiner, dünner +Regen stäubte nieder und einzelne Windstöße schüttelten in Schauern +die großen Tropfen auf das fest an den Boden geschmiegte gelbe Laub +hernieder. + +Sechingen, obgleich schon seit längerer Zeit erwacht, fürchtete fast, +sich in den naßkalten Falten der Decke zu bewegen, und lag regungslos in +einander gekrümmt, bis es heller Tag geworden war; endlich ermannte er +sich, sprang, die Hülle von sich werfend, auf die Füße, und schaute mit +trostlosem, mattem Blick auf die ihn umgebende, keineswegs lächelnde +Natur. + +»Das also ist Urwald!« seufzte er leise vor sich hin, indem er einige +der, trotz der kühlen Morgenluft auf ihn einstürmenden Mosquitos von +sich abzuwehren suchte -- »das ist Urwald? -- eine sehr schöne Gegend -- +daß mich der Böse auch plagen mußte, dem Rath des Narren in Little-Rock +zu folgen; der Indianer schläft dabei in seinem dünnen, baumwollenen +Jagdhemd, als ob er im weichsten Federbett läge.« + +Die Wahrheit zu gestehen, schlief Bob aber eigentlich nicht, sondern +war schon, um sich zu erwärmen, seit einer Stunde hin- und hergelaufen, +hatte sich aber, um wegen der Flasche nicht befragt zu werden, schnell +wieder unter den Baum geworfen, sobald er das Munterwerden seines +Marschgefährten bemerkte. + +»Bob!« wollte dieser jetzt rufen, aber Du lieber Gott, keinen Ton +brachte er aus der Kehle, der Hals war ihm wie zugeschnürt und er konnte +sich selbst kaum vor Heiserkeit reden hören; nochmals versuchte er +»Bob!« zu sagen, aber vergebens und seine Worte wurden zu einem kaum +hörbaren Hauch. Er trat daher dicht neben den Indianer, und schüttelte +diesen, bis er auf die Füße sprang und sich nun langsam, wie eben erst +aus tiefem Schlaf erwacht, nach den Bäumen und Wolken umschaute. + +»Wie weit haben wir noch bis zum nächsten Haus?« frug Sechingen jetzt +mit seiner leisen, röchelnden Stimme. + +»Könnt laut reden,« sagte der Indianer, das Schloß seiner Büchse +abtrocknend und frisches Pulver auf die Pfanne streuend, »kein Wild +hier, finden aber welches; dieser Morgen guter Jagdtag.« + +»Ich _kann_ nicht laut reden -- ich habe mich ja erkältet,« flüsterte +Sechingen ärgerlich. + +»Erkältet!« rief verwundert die abgehärtete Rothhaut -- »erkältet? was +ist das?« + +»Wie weit haben wir noch bis zum nächsten Haus?« + +»Fünf Meilen!« sagte Bob. + +»So lassen Sie uns wenigstens eilen, daß wir dort hinkommen, ich bin +halb todt vor Hunger und Erschöpfung -- Pest!« rief er aber zu gleicher +Zeit, mit dem Fuße stampfend, aus, als er bei diesen Worten in die +Jagdtasche gegriffen hatte, und die jetzt leere Flasche hervorzog, »auch +das noch -- ausgelaufen -- bis auf den letzten Tropfen -- die einzige, +letzte Stärkung fort.« + +»Wie schade!« sagte Bob, und sah traurig die Flasche an. Doch hier half +kein weiteres Besinnen, beide Männer schulterten also ihre Gewehre, Bob +hing seine alte, nasse Decke, die er jedoch vorher so gut wie möglich +ausgerungen hatte, wieder auf den Rücken, und fort ging's auf's Neue +in den Wald hinein, oder eigentlich, besser gesagt, im Walde fort, denn +unbestreitbar waren sie darinnen. + +Hier zeigte sich übrigens der Nutzen, den des Indianers Ortssinn, ein +gewisser ihm angeborener Instinkt, dem Deutschen gewährte, denn ohne +Jenen hätte er sich im Leben nicht wieder aus den Dickichten und Sümpfen +herausgefunden, die, einander so ganz ähnlich, ihn nicht begreifen +ließen, wie man in einem solchen Labyrinth eine wirklich gerade Richtung +beibehalten konnte, ohne bei jeder Wendung irre zu werden. Immer +unwegsamer wurde hier der Wald, häufiger und häufiger kreuzten sie +schmale, kleine tiefe Bäche, und standen plötzlich an einem kleinen +Flusse (oder einer _Slew_, wie es der Indianer nannte), der seine +schlammigen Fluthen dem Fourche la fave zudrängte. + +»Bob!« sagte Sechingen erschrocken, als dieser ohne weiter eine Sylbe zu +äußern, hineintrat und durchwaten wollte, wobei ihm das Wasser bis unter +die Arme reichte -- »ist denn keine Fähre hier? wir sollen doch nicht +mitten durch?« + +»Ist der Weiße hungrig?« frug Bob, stehen bleibend. + +»Sehr!« + +»Und naß?« + +»Durch und durch!« + +Bob erwiederte nichts weiter, sondern badete gerade durch, während ihm +die Fluth bis zu den Schultern stieg, und war in wenigen Minuten am +anderen Ufer. Wehmüthig schaute ihm Sechingen nach, überzeugte sich aber +bald, daß hier nichts Anderes zu thun übrig bliebe als zu folgen, denn +allein zurück zu bleiben, ging doch auch nicht an. Das also, was er +nicht zu durchnässen wünschte, als Brieftasche, Zündhütchen, Pulverhorn +und Uhr in die Jagdtasche steckend und diese, nebst der Flinte, über +dem Kopf haltend, trat er seine unfreiwillige Wasserfahrt an, kam +auch glücklich hinüber, schüttelte sich hier, ließ das Wasser aus den +Wasserstiefeln laufen, indem er sich auf den Rücken legte und die Beine +an einem Baum in die Höhe reckte (im Anfang freilich etwas zu hoch) und +folgte dann dem Führer, der schweigend voranschritt. + +So großen Jagdeifer Sechingen aber beim Anfang ihrer Wanderung gezeigt +hatte, so abgestumpft war er jetzt gegen alles ihn Umgebende geworden +und schaute kaum vom Boden auf, um nicht fortwährend über die +unzähligen, überall umhergestreuten Äste und Stämme zu stolpern und zu +stürzen; die Flinte hing ihm, Hahn in Ruh und Sicherheit aufgesetzt, +über die Schulter, die Mütze saß ihm tief in der Stirne und der einzige +Laut, den er von sich gab, war dann und wann ein leise gemurmelter +Fluch, wenn ihm die nassen Zweige in's Gesicht schlugen, oder sich +sein Fuß, trotz aller Vorsicht und Aufmerksamkeit, in dem dichten +Schlingpflanzengewebe fing, das an vielen Stellen den Boden wie mit +einem festen Netze überzog. + +Da blieb Bob plötzlich stehen und hob schnell und lautlos die Büchse +an den Backen, und wie mit einem magischen Feuer durchgoß diese einzige +Bewegung den Körper des bis jetzt in fast gänzlicher Apathie versunkenen +Deutschen; blitzschnell riß er das eigene Gewehr von der Schulter +und schaute, hochaufgerichtet, die Augen in dem alten, keineswegs +erstorbenen Jagdeifer erglühend, spähend umher, das Wild zu entdecken, +das der Indianer auf's Korn genommen. Aber erst, als er der Richtung +von Bob's Büchse folgte, von deren Pfanne das Pulver schon zweimal +abgeblitzt war, sah er einen stattlichen Hirsch, der ruhig äste und +die Nähe zweier menschlichen Wesen gar nicht zu ahnen schien. Vor Eifer +zitternd, hob Sechingen das Doppelrohr, das, noch mit guten, deutschen +Zündhütchen versehen, dem Wetter Trotz geboten, und der Schuß krachte +dröhnend durch den stillen Wald. + +Hochauf sprang der Hirsch und setzte über einen, vor ihm liegenden +Baumstamm, blieb dann aber augenblicklich wieder stehen, äugte +verwundert umher, witterte zu gleicher Zeit die Feinde und sprang eben +in ein benachbartes Dickicht, als ihm Sechingens Rehposten nachsausten. +Wohl schüttelte er den schönen Kopf ein wenig, als ihm das Blei um's +Gehör pfiff, unverletzt aber warf er den Wedel in die Höhe und war mit +wenigen Sätzen verschwunden. + +»Ich muß ihn getroffen haben,« rief Sechingen, der dem Anschuß in wilder +Jagdlust zusprang; Bob folgte ihm jedoch sehr ruhig und bemerkte, die +Fährten keines Blickes würdigend: + +»Hirsch merkwürdig wohl, wenn er den weißen Fleck zeigt -- weiße Mann +Bockfieber!« + +Gar sehr wider Willen mußte es sich Sechingen zuletzt selbst gestehen, +daß er, auf kaum funfzig Schritt, mit beiden Läufen das Wild gefehlt +habe, denn auch nicht ein einziger Tropfen Schweiß war auf dem Laube zu +sehen. In hierdurch nicht gerade verbesserter Laune setzten also Beide, +nachdem der Deutsche zuerst wieder geladen, ihren Weg weiter fort, und +erreichten, nach etwa zweistündigem Marschiren, das Haus, von dem Bob +gesprochen, und Sechingen mehr todt als lebendig, begrüßte mit freudigem +Herzklopfen das trauliche, Schutz und Wärme versprechende Dach, aus +dessen Lehmschornstein eine dünne, blaue Rauchsäule emporwirbelte. + +Nachdem die beiden Männer zuerst noch eine niedere, die Wohnung +umgebende Fenz überklettert hatten, näherten sie sich dem Gebäude, +dessen Thür, nach Art all der andern fensterlosen Blockhäuser, offen +stand, um Licht und Luft zu gleicher Zeit einzulassen, und betraten den +inneren Raum, vor dessen breiten Kamin sie eine, dem Auge Sechingens +wenigstens, sehr sonderbar erscheinende Gruppe versammelt fanden. + +Es waren zwei Frauen und drei Kinder, die in malerischen Stellungen +das Feuer umsaßen und umlagerten, und durch den Eintritt der Fremden in +ihren verschiedenen Beschäftigungen weiter nicht gestört wurden, als daß +die eine der Frauen, wahrscheinlich die Wirthin, mit ihrem Sessel ein +wenig zur Seite rückte und sagte: + +»Nehmt einen Stuhl!« + +Nun wäre das zwar an und für sich schon eine recht freundliche Einladung +gewesen, denn das Feuer flackerte mächtig und erwärmend mit rother Zunge +die schwarz geräucherte Esse empor, wenn -- nur ein Stuhl dagewesen +wäre, vergebens schaute sich aber der Deutsche nach einem derartigen +Möbel in dem kleinen Raume um, lehnte daher vor allen Dingen die +Büchsflinte in die Ecke, legte die Jagdtasche daneben, welchem Beispiel +der Indianer ohne weitere besondere Einladung folgte, und trat dann in +den für sie freigemachten Raum an die linke Kaminecke. + +»Nehmt den Stuhl!« sagte die Frau zum zweiten Male, und winkte dabei mit +dem Kopf nach der gegenüber liegenden Ecke, aber kein Gegenstand, +der auch nur die entferntere Familienähnlichkeit mit einem derartigen +Hausgeräth gehabt, oder zu solchem hätte benutzt werden können, zeigte +sich dem Auge; die Ecke war, ein schmales, langes Bret was darin lehnte +ausgenommen, leer. Bob schien jedoch mit den Gelegenheiten der Wohnung +und ihren Gebräuchen schon etwas besser bekannt, oder ein gewisser +Instinkt mußte ihn leiten, denn kaum hatte er sich seiner nassen Decke +entledigt, als er eben jenes Bret vorholte, dieses dann, dicht neben +dem Kamin, zwischen zweien der die Wand bildenden Stämme hindurch, und +auswendig unter den, zu diesem Zweck in einen Pfirsichbaum geschlagenen +Pflock schob, und dem Deutschen mit der Hand zuwinkte, darauf Platz zu +nehmen, was dieser denn auch nach einigen, etwas ängstlichen Versuchen +zwar, befolgte, während Bob neben ihm stehen blieb und sich wie ein am +Spieße steckender Braten, langsam vor der Gluth im Kreise herumdrehte, +um seinem ganzen Körper einen gleichen Antheil von Wärme zukommen zu +lassen. Bald stieg von ihren nassen Kleidern der feuchte Dampf wie +eine Wolke zur Decke hinauf und drängte sich dort, durch aufgehangene +Schinken und Speckseiten, in's Freie. + +Die Beschäftigung der beiden Frauen zog jetzt, als das erste frostige +Schütteln vorüber war, was Jeden erfaßt, der naß und kalt zu einem +erwärmenden Feuer tritt, Sechingens neugierige Blicke auf sich. Die +Herrin des Hauses saß nämlich auf einem kleinen Sessel, dem Feuer gerade +gegenüber, hatte zwei Karden oder Wollkämme in der Hand, mit welchen sie +die klargezupfte Baumwolle spinngerecht in lange Streifen rollte und nur +dann und wann ihre Arbeit unterbrach, um eine kleine, kurze Pfeife aus +dem Mund zu nehmen und den Kopf derselben, diese am Stiel fassend, durch +die glühende Asche zu ziehen, wonach sie die dadurch herausgehobene +kleine Kohle in die Höhe hielt, und in langen Zügen den verlöschten +Tabak wieder zu entzünden suchte. In ihrem ganzen Wesen lag aber eine +gewisse Reinlichkeit und Ordnung, die, mit dem freundlichen, offenen +Gesicht der Matrone, einen höchst wohlthuenden Eindruck auf den jungen +Deutschen machte, denn er war durch seine letzte Wanderung besonders +empfänglich für alles Das geworden, was Behaglichkeit und häuslichen +Sinn verrieth. Sie war sehr einfach, aber höchst sauber in selbstgewebte +Stoffe gekleidet, und die größte Ordnung schien auch in dem kleinen, +wenn gleich ärmlich ausgestatteten Raume zu herrschen, den sie bewohnte. + +Keineswegs so günstig sprach ihn die Erscheinung der zweiten Gestalt an, +deren Haar, nach Art der irländischen Frauen, in einem breiten Scheitel +von dem rechten nach dem linken Ohr, quer über die Stirn hinüber gelegt +war, und die durch ihre, nichts weniger als reinliche Kleidung auf +eine um so auffallendere Art gegen die neben ihr sitzende Amerikanerin +abstach. Ihr Anzug bestand aus grell buntem Kattun, der seine besten +Tage schon gesehen hatte, und dessen große Pfauenaugen wehmüthig nach +einer Stange Seife hinüber zu blinzen schienen, die auf einem kleinen +Bretchen in der rechten Ecke des Zimmers ruhte. Sie kreuzte den einen +Fuß über den andern und stützte sich mit dem linken Arm auf das rechte +Knie, mit dem rechten Ellenbogen wieder auf den linken Arm, und paffte, +ohne die eben Angekommenen weiter viel zu beachten, den Rauch aus ihrer +kurzen Pfeife nach Herzenslust in den Kamin hinein. + +Desto aufmerksamer wurden aber dafür die beiden feuchten Gäste von den +drei Kindern beobachtet, deren ganzes, verwildertes, unsauberes Aussehen +sie als der Irländerin (denn eine solche war der Gast) zugehörig +bezeichnet hätten, wäre nicht diese stille Vermuthung Sechingens noch +durch den unwiderlegbaren Beweis eines eben solchen Stückes Kattun, +als Madame zum Kleid verwandt, bestärkt worden, das in verschiedenen +spitzwinkeligen und dreieckigen Stücken die Kehrseite des jüngsten +Kindes zusammenhielt. + +Mit weit aufgerissenen Augen und Sprech- oder Schreiwerkzeugen starrten +diese, nicht den Indianer, -- denn dergleichen hatten sie schon +genug gesehen, -- sondern den, ihrer Meinung nach, viel wunderbarer +bekleideten Deutschen an, und nur durch verschiedene Ermahnungen der +Wirthin des Hauses -- denn die eigene Mutter schien sich wenig oder gar +nicht um sie zu kümmern -- konnten sie zurückgehalten werden, sich +immer wieder auf's Neue zwischen den Fremden und das diesem so höchst +wohlthuende Feuer zu drängen. + +Auf Sechingens Bitte um etwas Warmes zu essen und zu trinken, ließ die +Amerikanerin jedoch augenblicklich mit freundlichem Eifer ihre beiden +Beschäftigungen, Rauchen und Karden, im Stich und es dauerte gar nicht +lange, bis ein Paar heiße Tassen Kaffee, nebst gebratenem Speck und +schnell gebackenem Maisbrod auf dem rohen, aber blank gescheuerten +Holztisch dampften, zu dem sich auch die Zwei nicht lange nöthigen +ließen, sondern mit wahrem Heißhunger über die so lang und schmerzlich +entbehrten Lebensmittel herfielen. + +Sechingens verwöhnter Gaumen möchte freilich, unter anderen +Verhältnissen, mit den vorgesetzten Gerichten schwerlich zufrieden +gewesen sein; er befand sich aber gegenwärtig nicht in der Laune, lange +zu betrachten und zu kosten, _was_ er aß, so er nur überhaupt etwas zu +verzehren hatte, und bald waren Teller und Schüssel leer und blank. + +Während der Mahlzeit hatten die Frauen sich nicht weiter um die +hungrigen Gäste bekümmert, als daß die Wirthin ihnen noch zweimal die +schnell geleerten Tassen mit dem heißen, erquickenden Trank füllte; da +sie aber jetzt gesättigt vom Tische aufstanden und wieder an's Feuer +traten, fingen sie an, die mit Schnüren und Troddeln besetzte Pikesche +des Deutschen zu bewundern, der, ihnen darin gern gefällig, sich von +allen Seiten genau betrachten und die Arbeit daran untersuchen ließ. + +Nun hatte aber Sechingen durch diese Aufmerksamkeit die moralische +Überzeugung gewonnen, daß die beiden Damen von dem zierlichen +Kleidungsstück ganz entzückt seien, und frug daher die Irländerin mit +freundlicher Stimme, ob sie vielleicht im Sinne habe, ihrem Ehegemahl +eine dieser ähnliche anzufertigen; die Frau rief aber verwundert: + +»Meinem Manne, Sir? Gott segne Euch, für eine erwachsene Person eine +solche Jacke? nein, aber ein hübsches Röckchen für das Jüngste gäb' es.« + +Sechingen biß sich auf die Lippen und sah von der Seite den Indianer an; +dieser schien jedoch in der Bemerkung nichts Auffallendes gefunden +oder sie gar nicht beachtet zu haben, sondern nahm, als Zeichen des +Aufbruchs, die Büchse wieder zur Hand, und nickte dem Deutschen zu. + +»Was sind wir Ihnen für Ihre Güte schuldig?« frug also Sechingen jetzt, +da es ihm nach dieser Äußerung nicht mehr so recht wohnlich bei den +Leuten war. + +»Oh ich weiß nicht« -- entgegnete die Amerikanerin, »das Wenige, was +ich Euch vorsetzen konnte, war gern gegeben und keiner Bezahlung werth. +Wohnten wir hier an der Straße, dann wär' es etwas anderes, man kann +nicht _alle_ Reisende umsonst beherbergen, wenn man selbst arm ist und +sich seine Lebensmittel schwer verdienen und erziehen muß, so aber +mag's gehen. Wir sitzen hier mitten im Wald, und in Alabama, von wo wir +herkommen, ist es auch nur an wenigen Stellen Sitte, daß man Bezahlung +von Reisenden nimmt, also geht mit Gott, Ihr seid Nichts schuldig.« + +Herzlich dankte ihr Sechingen, nicht allein für die gegebene Stärkung, +sondern auch für die freundlichen Worte, und bedeutend gekräftigt und +erfrischt, obgleich immer noch sehr durch die nassen Kleider belästigt, +folgte der Deutsche seinem rothen Führer einen schmalen Pfad entlang, +der sich von hier aus am Fuße einer jetzt erreichten niederen Hügelreihe +hinwand und die Wanderer wenigstens dem niederen Sumpflande entzog, +durch das sie bis dahin ihre Bahn hatten suchen müssen. Nicht viel Worte +wurden zwischen Ihnen gewechselt, denn Sechingen spähte, da sie den +etwas offeneren Wald betraten, scharf nach Wild umher, das der Führer +jedoch wenig zu beachten schien, denn er schritt mit gesenkten und fest +auf den Pfad gerichteten Blicken voran. Übrigens blieb des Deutschen +Aufmerksamkeit höchst nutzlos verschwendet, denn kein einziger Hirsch, +nicht einmal ein Truthahn, ließ sich sehen, und höchst mißmuthig und +unzufrieden mit der ganzen amerikanischen Jagd warf er sich endlich +die Büchsflinte wieder über die Schulter und schwur, daß -- undankbarer +Mensch -- Charley Fischer ein -- Aufschneider sei. + +Nicht mehr weit hatten sie von da aus zu gehen, bis sie zu der kleinen +Lichtung und Blockhütte kamen, die ihm von dem Indianer als die +»deutsche Niederlassung« bezeichnet wurde, und hier lag wieder, wo +Sechingen allerdings etwas ganz anderes erwartet hatte, ein solches +unausweichbares Blockhaus vor ihm, das keineswegs dem von einer +»_deutschen Niederlassung_« entworfenen Bilde glich; dennoch eilte er +mit freudigen und lebhafteren Schritten darauf zu, denn er sollte ja +jetzt Landsleute wiederfinden und durfte hoffen, nach der ausgestandenen +Schreckensnacht seine Glieder in etwas stärken und erfrischen zu können. + +Es ist aber eine eigene Sache mit den Deutschen in Amerika; in Arkansas, +und überhaupt im fernen Westen, mag es noch angehen; selten bekommen sie +hier einen Landsmann zu sehen, und freuen sich wirklich, wenn sie Einmal +einem begegnen, der ihnen etwas Neues aus der Heimath erzählen kann. +Anders, ach weit anders und weit trauriger ist es dagegen in den +östlichen Städten, wo alle neue Einwanderer von den, sich schon +dort befindenden Landsleuten als »Preisverderber und Eindringlinge« +betrachtet werden, wo der schon etwas Amerikanisirte zu stolz ist, den +früheren Freund _deutsch_ anzureden, weil ein zufällig daneben stehender +Amerikaner sonst sogleich wissen würde, daß er ebenfalls ein »Dutchman« +wäre, und wo sich der Deutsche wirklich nur _deßhalb_ mit dem Deutschen +einläßt, um ihn, sobald sich eine Gelegenheit dazu finden sollte, +tüchtig über's Ohr zu hauen und hinterher auszulachen. Das kannte v. +Sechingen freilich noch nicht, ein ganz anderer Empfang wartete aber +auch hier seiner, und mit offenen Armen und herzlichem, treugemeintem +Gruß wurde er von dem biedern Deutschen Klingelhöffer, der in der +einsamen Wildniß seine Wohnung aufgeschlagen hatte, empfangen. + +Er war gerade beschäftigt gewesen Feuerholz zum Haus zu fahren, spannte +jedoch augenblicklich aus und führte seine beiden Gäste in die kleine +Hütte, um ihnen dort nach den ausgestandenen Strapatzen jede mögliche +Bequemlichkeit gewähren zu können. Der Indianer war auch bald +entschlossen, wenigstens für diese Nacht sein Quartier hier +aufzuschlagen, und hing deshalb seine Decke ausgebreitet über die Fenz, +damit sie der Wind, der jetzt recht scharf aus Nordwest zu blasen anfing +abtrocknen könne, während Klingelhöffer, von Sechingen gefolgt, das +Haus betrat, in welchem ihnen des ersteren wackere Hausfrau, freundlich +grüßend, entgegen kam. + +Vor allen Dingen mußte er nun seine nassen Kleidungsstücke ab und +trockene anlegen, und bald vergaß er bei guter, nahrhafter Kost und +neben einem erquickenden Feuer die überstandenen Mühseligkeiten und +Entbehrungen. + +Jetzt bekam er aber auch Zeit, das Innere der einfachen Hütte, in +welcher die kleine Familie hauste, zu betrachten, und begriff in der +That nicht, wie Menschen, die früher schon einmal an mehr und größere +Bequemlichkeiten gewöhnt gewesen waren, hier und unter solchen +Verhältnissen existiren konnten. Das Haus bestand, nach der gewöhnlichen +Bauart des Landes, aus unbehauenen Stämmen, und die Spalten zwischen +diesen waren, um den rauhen Nordwind abzuhalten, an dieser und an der +Westseite mit lang gespaltenen Stücken Holz und Lehm ausgefüllt, dadurch +eine feste und ziemlich warme, dem Klima wenigstens angemessene Wand +bildend; die beiden anderen Wände jedoch ließen Licht und Luft ein, +soviel nur durch die oft handbreiten Ritzen und Spalten einströmen +konnten. In einer Ecke des Hauses standen zwei Betten, über denen +ein langes Bret mit -- einem seltenen Artikel in Arkansas -- Büchern +befestigt war, und an der gegenüber stehenden Wand befand sich ein +anderer Gegenstand, den der Deutsche hier im Walde am wenigsten gesucht +hätte und der auch von dem Indianer mit neugierig staunenden Augen +betrachtet wurde: nämlich ein Fortepiano. Drei oder vier rohgearbeitete +Holz- und Rohrstühle, der Tisch, dessen Platte ein früherer Kistendeckel +bildete, und mehrere Kasten mit Schlössern und Fächern, auf denen das +wenige Küchengeräth aufgestellt war, füllten den übrigen Raum, und +Sechingen, als er das Alles eine Zeitlang betrachtet hatte, wandte sich +endlich zu seinem Wirth, der eben wieder einen tüchtigen, lang gehauenen +Hickoryklotz in's Feuer trug, und fragte, noch immer etwas schüchtern: + +»Ist denn dieses wirklich der einzige Raum, den Sie mit Ihrer ganzen +Familie bewohnen?« + +»Nein,« sagte Klingelhöffer, »hier neben an steht noch ein kleines, +sogenanntes Rauchhaus, wo wir unser Fleisch und Fett, die Kartoffeln, +etwas zu Brod ausgesuchten Mais und andere zum Hausstand nöthige Sachen +aufbewahren.« + +»Und hier in diesem einzigen Zimmer wohnen und schlafen Sie?« + +»Nun, ist das nicht genug?« lachte der Farmer, »da sollten Sie einmal +hier sein, wenn Gerichtstag ist, und wir noch zwei oder drei Nachbarn +und ein paar Advokaten zu bewirthen und unterzubringen haben, dann +geht's freilich eng her.« + +»Die schlafen doch nicht mit in diesem Hause?« + +»Wo denn sonst? Alle mit einander.« + +»Das ist ja aber ganz unmöglich!« + +»Unmöglich?« lachte der Farmer, »unmöglich?« wiederholte er +kopfschüttelnd -- »das ist ein Wort, was wir hier in Arkansas nicht +kennen; _unmöglich_ ist gar Nichts auf der Welt, sobald es nur uns +selbst und unser eigenen Bedürfnisse betrifft.« + +»Sie Beide, mit Ihren drei Kindern (und die beiden Mädchen da draußen +können kaum noch Kinder genannt werden), schlafen und wohnen wirklich +fortwährend in diesem Zimmer? entbehren alle Bequemlichkeiten, die man +sich sonst bei einem Wohn- und Schlafzimmer als _un_entbehrlich denkt, +und existiren so gewissermaßen im Freien, auf offener Straße?« + +»Ja, ja,« lachte Klingelhöffer, »und das ist noch gar nichts, jetzt +haben wir doch Dach und Fach, werden nicht naß, wenn es draußen regnet, +und können, wenn es kalt wird, ein Feuer anmachen, ohne dabei fürchten +zu müssen, daß uns der Wind die Funken und Kohlen über das Bettzeug +wegtreibt, wie das im ersten Winter der Fall war, wo wir hierher zogen +und ich das Haus erst aufbauen mußte. Meine arme Frau war noch dazu +damals krank und mußte viel, sehr viel ausstehen. Doch was man gern +thut, wird Einem auch leicht, und wenn wir viel, ja fast Alles von dem +entbehren müssen, an das wir im alten Vaterlande gewöhnt oder durch das +wir _ver_wöhnt waren, so drückten uns auch keine von den Sorgen, die +wir dort kannten; wir arbeiten Beide, und dafür vermehrt sich auch +unser Wohlstand und ich bin jetzt schon im Stande, das nächste Jahr ein +bequemeres und geräumigeres Wohnhaus aufzuführen; bis dahin muß dies +freilich noch ausreichen.« + +»Ja, daß _Sie_ das Alles mit leichtem Muth ertragen können,« rief +Sechingen »finde ich sehr begreiflich! des drückenden europäischen +Zwanges enthoben, fühlt sich der Mann, auch wohl unter schlimmeren +Verhältnissen, kräftig genug, Alles zu bestehen und zu überwinden, was +ihm hemmend in den Weg tritt. Die schwache Frau aber, zarte Kinder, in +solcher Wildniß, den rauhen Stürmen der Jahreszeit, all den Entbehrungen +eines Lebens auszusetzen, das doch nur eigentlich für einen Indianer +passend scheint, da -- da weiß ich denn doch nicht, ob ich so etwas +über's Herz bringen könnte. Wenn nun die Frau krank wird und das Heimweh +bekommt, und sich ewig und ewig fortsehnt, zurück nach den verlassenen, +glücklicheren Verhältnissen?« + +»Lieber Herr von Sechingen,« entgegnete ihm freundlich Klingelhöffer, +indem er seine Hand ergriff, »wenn die Frau ihren Mann recht herzlich +lieb hat, dann wird sie sich schon nicht von ihm fortsehnen, weil +sie Bequemlichkeiten entbehren muß, an die sie früher gewöhnt war, +im Gegentheil wird sie bei ihm bleiben wollen und alles das, was er +ertragen muß, Freude wie Leid, _mit_ ihm tragen, wie es _meine_ Frau +gethan; hat sie ihn aber _nicht_ so recht von Herzen lieb, dann bleibt +sich's auch ziemlich gleich, wo er seinen Leidenskelch leert, in der +Stadt, oder im Walde. Mein liebes Weib hier ist nun einmal an mich und +meine Laune gewöhnt, Gewohnheit thut viel, sie möchte mich nicht mehr +entbehren, nicht wahr, Alte? und da harren wir denn schon hier im Walde +zusammen aus.« + +Er reichte bei diesen Worten der lächelnden, jungen Frau die Hand +hinüber, und diese erwiederte den herzlichen Druck und lehnte sich +vertrauend mit ihrem Köpfchen an seine Schulter. + +»Ja, das ist Alles recht gut,« meinte Sechingen kopfschüttelnd -- »Sie +Beide haben sich lieb, wie sich Eheleute haben sollten, und können durch +Sparsamkeit und Fleiß leicht ihr Auskommen, selbst in den widerwärtigen +Verhältnissen finden; _warum aber?_ ich bin fest überzeugt, daß Sie +das auch im alten Vaterlande ermöglichen würden, und viele Genüsse des +Lebens kennen Sie hier nur dem Namen nach, die dort eine natürliche +Folge Ihres ganzen Wirkens wären.« + +»Noch kennen Sie unser _Land_ nicht,« erwiederte ihm der Farmer +freundlich -- »Sie sind gewissermaßen erst _eine_ Nacht in Amerika, denn +den kurzen Aufenthalt in einem der besten Hotels von New-Orleans, wie +die kurze Reise auf bequemem, selbst mit jedem Luxus ausgestatteten +Dampfboot, dürfen Sie gar nicht rechnen; lernen Sie also das Land erst +ordentlich kennen, und ist das geschehen, dann wollen wir weiter über +dieses Kapitel reden; davon aber sein Sie überzeugt, daß es gewaltige +Vortheile sein müssen, die im Stande waren, einen Deutschen zu bewegen, +seinem Vaterlande für immer zu entsagen. + +Nicht alle Menschen lernen übrigens diese Vorzüge einsehen, und viele +von diesen schleppen dann entweder ein unglückliches Leben in dem +fremden, freundlosen Lande hin, oder sie kehren in die alte, aus Unmuth +oder Veränderungssucht verlassene Heimath zurück; keiner aber, der Sinn +für Freiheit und Unabhängigkeit in sich trägt, wird, wenn ihn nicht +Familienbande unaufhaltsam dorthin ziehen, weniger erbärmlicher, leicht +zu entbehrender Bequemlichkeiten und Luxusartikel wegen den freien Wald +wieder mit den Ketten des alten Vaterlandes vertauschen. Thät' er es +aber doch, schmiegte er sich bloß deshalb wieder unter das, einmal +gemiedene Joch, flög' er wieder in den goldenen Käfig zurück, weil er +sich nicht gern im Walde, in Sturm und Regen sein Futter selbst sucht, +nun dann ist das kein Verlust für Amerika, solche Leute gehören auch +nicht in den Wald, sie sind Futter für Bälle und Theater.« + +»Ich weiß nicht,« meinte Sechingen kopfschüttelnd, »man braucht gerade +kein Anhänger von Üppigkeit und Wohlleben zu sein, und mag doch die +Überzeugung haben, seine Zeit nützlicher und angenehmer verbringen zu +können, als im Walde bei einem Gewitterschauer. Mir zum Beispiel ist +die Kehle wie zugeschnürt, und ich werde die Erkältung in vierzehn Tagen +nicht wieder los.« + +»Glaub's wohl,« lachte Klingelhöffer, »Sie sind aber auch gleich mit +dem Kopf zuerst in das Schlimmste hineingefahren; was uns hier im Walde +passiren kann: Kälte, Hunger und Nässe auszustehen, ist ein freilich +etwas großer Abstand gegen die reich besetzte Tafel und das warme Bett +eines Dampfbootes. Doch jetzt sollen Sie, wie ich hoffe, auch einige von +den Annehmlichkeiten unseres Wald- und Farmerlebens kennen lernen, und +wenn diese Sie dann nicht ganz mit unserer rauhen Heimath aussöhnen, so +werden sie wenigstens viel dazu beitragen, Ihnen das Leben hier nicht +allein von seiner Schatten-, sondern auch von seiner Lichtseite zu +zeigen. Es giebt auch im Urwald glückliche Menschen.« + +»Der Urwald verliert aber doch sehr in der Nähe,« erwiederte Sechingen, +als er durch eine Spalte der Wohnung hinaus auf die, von grauen, +nassen Regenwolken überhangenen Baummassen blickte, während der Wind, +unheimlich pfeifend, durch ihre Wipfel brauste und ihnen die großen, +klaren Tropfen aus den schwankenden Häuptern schüttelte, »ich hatte mir +in mancher Hinsicht ein anderes Bild davon entworfen.« + +»Sie hatten nicht daran gedacht,« fiel ihm sein freundlicher Wirth +lachend in's Wort, »daß die gewaltigen, stattlichen Bäume auch im Sumpfe +stehen, oder gar quer über den Weg hin liegen könnten, und dann +die Passage eher versperren, als verschönern, daß nicht allein das +romantische Geheul der wilden Thiere, sondern auch das sehr prosaische +Gesumme der Mosquitos den Wald erfüllt, und daß sich eine Landschaft, wo +der Sturm auf den Flügeln der Windsbraut die Fläche durchsaust, wo tolle +Regengüsse aus den Wolken niederfluthen und trockene Wege zu Bächen und +Bäche zu Strömen werden, sehr hübsch und interessant auf der Leinwand, +keineswegs angenehm aber im wirklichen Leben, in der nüchternen +hausbackenen Wirklichkeit ausnehmen. Ja, das geht Manchem so, das giebt +sich aber, und zuletzt lernen wir selbst die Unannehmlichkeiten eines +wilden Lebens lieb gewinnen. Sehen Sie aber, wie sich der Indianer das +Fortepiano betrachtet, eine solche Maschine hat er im Leben noch nicht +gesehen, ich werde ihm etwas vorspielen.« + +Damit trat der Farmer zu dem Clavier, öffnete es, und präludirte ein +wenig; gar wunderbarer Weise hatte sich auch das Instrument, einige Töne +abgerechnet, noch ziemlich gut in Stimmung erhalten, trotz der feuchten +Luft, der es fortwährend ausgesetzt war. Der Deutsche ging also nach +einigen schnell gegriffenen Akkorden zu einem leichten Walzer über, und +das Erstaunen Bob's, der vom Öffnen des Instrumentes an bis jetzt, starr +von Überraschung und Verwunderung gestanden hatte, erreichte nun seinen +höchsten Grad. Bei den immer schneller und munterer folgenden Tönen +heiterten sich aber auch seine dunklen, bis jetzt fast ausdruckslos +gewesenen Gesichtszüge auf, und ein Paar Reihen Zähne wurden sichtbar, +die an Weiße dem frischgefallenen Schnee nichts nachgaben. Endlich +schloß Klingelhöffer, und vom Stuhle aufstehend, klopfte er dem Indianer +auf die Schulter und frug: »wie das klänge?« + +»=Bless my soul=,« sagte dieser, noch immer das früher nie gesehene, +wunderbare Gestell betrachtend -- »eine große Violine mit Zähnen und +Beinen wie ein Bär, die das Maul aufmachen kann -- Bob hat noch nie so +ein Ding gesehen!« + +»Und wie gefällt es Dir?« + +»Gut -- unmenschlich gut!« sagte Bob, indem er den Mund von einem Ohr +bis zum andern zog. + +»Sehen Sie, hier haben Sie gleich eine Naturbeschreibung des +Fortepianos,« lachte der Farmer, »der Bursche wird Wunderdinge davon +erzählen, wenn er wieder nach Little Rock kommt; aber apropos, da wir +von Little Rock reden, wo haben Sie denn Ihre Sachen gelassen, etwa +dort?« + +»Ja, bei Charles Fischer.« + +»Nun da stehn sie ziemlich sicher, sonst ist dem Neste gerade nicht viel +zu trauen; ich habe allen Respekt vor dieser Hauptstadt von Arkansas.« + +»Haben Sie von dem Staat eine eben solche Meinung, als von der Stadt?« + +»Dann blieb ich hier nicht wohnen, nein, ich halte Arkansas für den +besten Staat der Union, das heißt, er ist mir der liebste, ich möchte in +keinem anderen wohnen, und hoffentlich werden Sie dasselbe sagen, wenn +Sie erst einmal im Lande umhergestreift sind und die verschiedenen +Gegenden selbst besucht haben. Wohin gedenken Sie sich von hier aus zu +wenden?« + +»Aufrichtig gesagt,« erwiederte ihm Sechingen, »so hatte ich nach dem, +was ich von Herrn Fischer in Little Rock gehört, große Lust, mir +irgend ein Stück Land in dieser Gegend auszusuchen, und mich darauf +niederzulassen. Es ist dieß die Ursache, weßhalb ich nach Amerika +ausgewandert bin, ich -- ich hatte ein so gewaltiges Sehnen nach dem +-- nach dem Urwald; seit letzter Nacht hat sich das freilich bedeutend +gegeben, und ich möchte doch nun erst die hiesigen Verhältnisse ein +wenig genauer kennen lernen, ehe ich mich bleibend festsetze. Ist es +Ihnen also recht, mein bester Herr Klingelhöffer, und fall' ich Ihnen +nicht zur Last, so bleib ich ein paar Tage bei Ihnen, wir durchziehen +dann die Nachbarschaft ein wenig, und ich kann mich im Laufe dieser +Woche fester und genauer bestimmen.« + +»Von Herzen gern,« sagte der wackere Farmer, ihm die Hand reichend, »Sie +sind mir so willkommen, wie die Blumen im Mai, und sehen Sie sich das +Land erst einmal an, dann gefällt es Ihnen auch. Wie wär's, wenn wir +Ihre Sachen indessen von Little Rock heraufkommen ließen? Das nächste +Dampfboot kann sie bis Bakers Landung am Arkansas bringen, und dort +holen wir sie in nächster Woche mit meinem Canoe ab.« + +»Wo aber soll ich bei Ihnen schlafen?« frug Sechingen mit komischem +Ernst, indem er sich überall im Hause umsah -- »wenn Ihre Frau und +Töchter --« + +»Thorheiten,« lachte Klingelhöffer -- »das fällt hier alle Tage vor, wir +machen Ihnen ein Lager auf der Erde -- ein wenig hart wird's sein, doch +daran müssen Sie sich gewöhnen; ein Jäger darf überhaupt nicht so sehr +viele Bedürfnisse haben.« + +»Jagen Sie viel?« + +»Nein, sehr selten, ich bin kein großer Freund mehr davon.« + +»Es ist wohl viel Wild in der Gegend?« + +»Ja, ziemlich viel Hirsche und Truthühner!« + +»Auch Bären, nich wahr?« + +»Dann und wann kommt uns einmal so ein alter Bursche zwischen die +Schweine, doch sind wir in solchem Falle schnell mit den Hunden dahinter +her, und fangen ihn entweder, oder treiben ihn doch wenigstens aus der +Nachbarschaft.« + +»Dann und wann?« frug Sechingen sehr erstaunt, »aber Charles Fischer hat +mir ja gesagt, daß sie hier fast nur von Bärenfleisch lebten.« + +»Dann müßten wir bald genug verhungern,« lachte der Farmer. -- +»Speck und Maisbrod, das ist die Kost, selten einmal Hirsch- oder +Truthahnfleisch, denn Bären fangen an zu den Seltenheiten zu gehören -- +ich habe in den sechs Jahren, die ich hier bin, erst drei geschossen.« + +»So hat Fischer also wohl auch mit dem Anpreisen des Landes nicht die +Wahrheit gesagt?« meinte schon etwas kleinlaut der junge Deutsche. + +»Das steht auf einem anderen Blatt!« rief der Farmer -- »davon sollen +Sie sich auch selbst überzeugen, denn wenn er nicht fürchterlich +aufgeschnitten hat, so werden Sie Ihre Erwartungen eher noch übertroffen +finden. Außerdem ist dieß eine Erfahrung, die Sie ebenfalls in Amerika +machen müssen: jeder Farmer preist _die_ Gegend, in der er selbst +lebt, am meisten, und ich sehe nicht ein, warum ich mich allein davon +ausschließen sollte, da ich noch dazu das gute Recht und vollkommene +Ursache auf meiner Seite habe. Aber wie ist's? wollen wir an Charles +nach Little Rock schreiben, daß er die Sachen heraufschicken soll? Der +Indianer könnte den Brief mitnehmen?« + +Sechingen blickte unentschlossen vor sich nieder; er hatte sich das +Leben im Walde doch ganz anders gedacht -- sollte er hier -- in +einer solchen Wildniß von jedem Verkehr mit civilisirten Menschen +abgeschnitten (ein oder zwei Nachbarn höchstens ausgenommen) förmlich +versauern? -- sein Geld an todtes, mit ungeheueren Bäumen bewachsenes +Land wenden, das er vielleicht nachher nicht einmal bebauen konnte? -- + +»Hm« -- sagte er nach ziemlich langer Pause -- »ich weiß doch nicht -- +wenn ich nun wieder zurückginge nach Little Rock, so« -- + +»Ja, wenn Sie darüber noch nicht mit sich im Reinen sind,« unterbrach +ihn schnell der Farmer, »dann lassen Sie's lieber beim Alten -- ich sehe +schon wie's steht -- die Sachen mögen also unten bleiben und gefällt +Ihnen unsere Gegend gut genug, ei nun, dann wird auch Rath werden, die +paar Habseligkeiten mit Allem, was ein Farmer hier sonst noch im Walde +brauchen könnte, heraufzuschaffen. Morgen sollen Sie ein Stück von +unserer Gegend kennen lernen, und daß ich Ihnen nicht das schlechteste +zeigen werde, darauf mögen Sie sich ebenfalls verlassen.« + +Der Indianer, der indessen mit Speise und Trank und einem tüchtigen +Glase Whiskey hinlänglich gestärkt war, von Sechingen auch die Bezahlung +für seine Mühe empfangen hatte, rollte nun die an dem Feuer getrocknete +wollene Decke wieder zusammen, in deren Falten er vorher noch ein paar, +nicht unansehnliche Stücke Maisbrod und Speck barg, warf einen letzten, +sehnsüchtigen Blick nach der, wieder auf das Wandbret gestellten grünen +Flasche hinauf, murmelte einen kurzen Abschiedsgruß und schlug bald +darauf den schmalen, an der Fenz hin führenden Fußpfad ein, der der +Countystraße zulief. Über die Berge hin war er so im Stande, Little Rock +trockenen Fußes zu erreichen. + +Sechingen sah sich bald häuslich eingerichtet, und wider alles Erwarten +wurde sein, wenn auch etwas hartes Nachtlager, so vortheilhaft, und +selbst dem verwöhnten Körper des Europäers genügend hergestellt, daß er +-- vielleicht auch noch durch die ungewohnten Anstrengungen mehr als je +ermüdet -- sanft und ruhig bis zum nächsten Morgen schlief, und sich bei +seinem Erwachen zum ersten Male gestehen mußte, es sei doch eigentlich +recht wenig, mit dem ein Mensch glücklich und zufrieden leben könne, +wenn er nur mit sich selbst im Reinen und ein freier Mann, seinem freien +Willen auch frisch und fröhlich folgen dürfe. + +Ein nach amerikanischer Art zubereitetes Frühstück wurde jetzt verzehrt, +und Sechingen glaubte, daß sie gleich nach Beendigung desselben +aufbrechen wollten; Klingelhöffer hatte aber die Absicht, seinem Gast, +ehe er ihn auf das Land selbst führe, auch die Schwierigkeiten zu +zeigen, die eine Urbarmachung desselben mit sich bringe. Unter dem +Vorwande also, noch Feuerholz schlagen zu müssen, nahm er den jungen +Mann etwa hundert Schritte mit in den Wald, zeigte ihm eine, hier unter +jenen Stämmen keineswegs stark aussehende Eiche von circa drei Fuß im +Durchmesser, und bat ihn, »den kleinen Stamm,« da er das doch Alles +lernen müsse, einmal zu fällen, er wolle dann in einem Viertelstündchen +wiederkommen, um ihn abzuholen. + +Von Sechingen, der sich lange danach gesehnt, einmal seine Kraft an den +Riesen des Waldes zu versuchen, griff freudig nach der schweren Axt, +und seine Schläge -- als ihm der Farmer erst gezeigt hatte, wie er das +Werkzeug am vortheilhaftesten halten müsse -- suchten sich bald ihr Echo +in den nahen Hügeln. + +Klingelhöffer, der wohl gemerkt, daß dem jungen Mann die Romantik des +Waldlebens noch zu sehr im Kopfe lag, und der ihn daher gern zu der +derben, hausbackenen Wirklichkeit zurück führen wollte, schritt, +still vor sich hinlächelnd, dem eigenen Hause wieder zu. Was er aber +vorausgesehen, traf auch und zwar in sehr kurzer Zeit ein; Sechingen +hackte allerdings eine ziemliche Weile an dem gewaltigen Baum herum, das +zähe Holz wollte jedoch seinen ungleich geführten Hieben nicht weichen, +nur hie und da sprang ein, durch einen Kreuzhieb gelöstes Spänchen ab +und er mußte sich endlich -- todesmüde und die Hände voller Blasen -- +gestehen, das Wort _urbarmachen_ klänge wohl ausgezeichnet und +nehme sich auch sehr schön auf dem Papiere aus, passe jedoch in der +Wirklichkeit ganz und gar nicht für ihn. So viel sah er ein, und wenn +er den ganzen Tag hier stehen geblieben wäre -- den Baum hätte er doch +nicht umgebracht. + +Klingelhöffer fand ihn ziemlich verstimmt am Fuß der Eiche sitzen, und +so versunken schien er im Anblick seiner Blut unterlaufenen Hände, das +er den Kommenden gar nicht hörte, bis er dicht neben ihm stand. +Dieser aber suchte ihn nun auch über das noch nicht Glücken und +Vorwärtsschreiten der Arbeit zu trösten und meinte, »es fiele kein +Meister vom Himmel und gut Ding wolle Weile haben -- solche Arbeit fände +ein Jeder schwer, der erst in den Wald zöge, und selbst Leute, die ihr +Lebelang Nichts gethan hätten als schwere Werkzeuge geführt, müßten +sich an die Führung der Axt gewöhnen, ehe sie im Stande wären, etwas +Tüchtiges zu leisten -- er solle deshalb auch ja nicht muthlos werden, +denn Lust zur Sache sei halb gewonnen Spiel, und wenn ein Mann einmal +recht ernstlich _wolle_, so könne er es auch durchführen, trotz allen +Schwierigkeiten und Hindernissen.« + +Das waren eine Menge Thatsachen und unbestreitbare Wahrheiten, die +Sechingen nicht gut wegläugnen konnte, das harte Eichenholz stand aber +auch wieder auf seiner Seite als ein _unfällbarer_ Beweis, und nur froh, +für jetzt durch eine gute Ausrede der fatalen Arbeit enthoben zu sein, +folgte er seinem freundlichen Wirth zum Haus, bestieg eines von den +Pferden und ritt nun mit ihm in den Wald hinein. + +Jetzt aber hatte auch das heitere Sonnenlicht all die dunklen, trüben +Regenschatten verscheucht und seine behebenden Strahlen fielen frisch +und fröhlich durch die glänzenden, glizernden Blätter der leise +rauschenden Wipfel zur Erde nieder -- der ganze Wald duftete so +lieblich, der klare Himmel hing so rein und lächelnd über der +wunderschönen Welt, daß Sechingen schon fast die überstandenen +Mühseligkeiten vergaß und endlich auch seinem Begleiter nicht länger +verschweigen konnte, welchen so ganz verschiedenen Eindruck der Urwald +_gestern_ und _heute_ auf ihn gemacht habe. + +»Das alte Lied,« lachte dieser, »bei trübem Wetter sehn wir auch die +ganze Welt mit trüben Gläsern an, und scheint dann die liebe Sonne und +zwitschern die muntern Vögel ihr Lied dazu, dann hängt der Himmel gleich +wieder voller Geigen. Wir wollen die Mittelstraße wählen -- ja -- es ist +schön hier im freien Wald, so schön, daß ich glaube, das Herz würde mir +brechen, müßt ich ihm einmal wieder ade sagen, aber -- er hat auch seine +großen Schattenseiten, von denen Sie bis dahin allerdings erst _sehr_ +wenige kennen gelernt haben. Vollkommen ist jedoch Nichts auf der Welt, +und so lange die guten Eigenschaften nicht von den bösen überdeckt +werden, ei nun, so lange dürfen wir uns dann auch nicht sonderlich +beklagen. Jetzt sehen Sie sich das Land erst einmal ordentlich von allen +Seiten an, und dann können Sie sich nach bestem Urtheil frisch und frei +entschließen, was Sie zu thun beabsichtigen.« -- + +Mehrere Stunden lang ritten die Beiden im Wald umher und Klingelhöffer +gab sich besondere Mühe, dem neuen Ankömmling die verschiedenen +Landarten und die Vegetation, durch welche sie sich unterscheiden, zu +zeigen; dieser aber, der sich in seinem ganzen Leben noch nicht um Land +oder Ackerbau bekümmert hatte, widmete dem Gegenstand keineswegs die +Aufmerksamkeit, die er verdiente, und die jener zu finden erwartete, +sondern sah sich jetzt vielmehr fortwährend nach Wild um und kam dadurch +nicht selten in die unangenehmsten Berührungen mit vorstehenden Ästen +und niederhängenden Schlingpflanzen. Dabei übersprang sein kleines +muthiges Pferd alle Augenblicke vor ihnen liegende Stämme und Äste, oder +Wassergräben und Sumpflöcher, und brachte den Reiter mehrere Male +sogar aus allem Gleichgewicht, daß er sich kaum noch im Sattel erhalten +konnte. + +Die Mittagszeit rückte so heran, noch immer aber machte Klingelhöffer +keine Anstalt heimzukehren, denn er behauptete, und auch ganz mit Recht, +sie wären nun doch einmal draußen im Wald und es sei nicht allein für +den Fremden gut, das Land und die Vegetation kennen zu lernen, sondern +er selbst wolle auch die Gelegenheit gleich benutzen, nach seinem Vieh +zu sehen, das hier in der Nähe seine Weideplätze hätte, denn apart +deswegen hierherzureiten, nähme ihm zu viel Zeit weg. + +Sechingen hatte nach und nach einen merkwürdigen Hunger bekommen, und +die Glieder schmerzten ihn ebenfalls von der so ganz ungewöhnlichen +Bewegung, Klingelhöffer schien aber von dem Allen Nichts zu spüren, +ritt durch tiefe Gräben, die steilen Ufer hinab und herauf, wich keinem +Dickicht aus, gallopirte an Stellen, wo Sechingen lieber abgestiegen +wäre und das Pferd geführt hätte und zeigte sich hier in dem wilden +pfadlosen Walde so zu Hause, als ob er in seiner eigenen Stube +umherginge. + +Da -- er hatte eben davon gesprochen, den Heimweg anzutreten, und der +müde Reiter athmete schon hoch auf -- schlugen nicht weit von ihnen +entfernt die Hunde an und der Farmer, sich hoch dabei im Sattel +emporrichtend, horchte den, ihm so wohl bekannten Tönen mit der +gespanntesten Aufmerksamkeit. -- Mehre Secunden lang war jetzt Alles +still -- da plötzlich ertönte der Lärm auf's Neue und der Farmer, +der jetzt wußte, daß seine Hunde irgend etwas im Walde gestellt oder +wenigstens aufgejagt hatten, fühlte im Nu den alten Jagdeifer in sich +erwachen. + +»Hurrah!« rief er, und wandte sich im Sattel nach seinem Begleiter um -- +»die Hunde sind fleißig, wir wollen die Pferde einmal laufen lassen, +das Bischen Bewegung wird ihnen Nichts schaden.« Und ohne weiter eine +Antwort abzuwarten, drückte er dem eigenen Thiere die Sporen in die +Seite und dieses, der Aufforderung nur zu gern Folge leistend, flog in +muthigen Sätzen der Richtung zu, aus der das Bellen und Toben der Hunde +jetzt immer deutlicher zu ihnen herüberschallte. Sechingen mußte, wollte +er hier nicht allein im fremden Wald zurückbleiben, folgen und sein +eigenes Pferd, das schon ungeduldig den Kameraden hatte davon gallopiren +sehen, fühlte kaum den leichten, fast unwillkührlichen Schenkeldruck, +als es fröhlich wiehernd hinten ausschlug und nun in tollen, +unaufhaltsamen Sätzen den Spuren des Vorangegangenen folgte. + +Nun war Sechingen zwar ein geübter Reiter, und saß besonders schön und +kunstgerecht im Sattel, verstand auch die Behandlung eines zugerittenen +Pferdes aus dem Grunde, durch solch wildverwachsenen Wald aber zu +gallopiren und noch dazu mit allem möglichen Schieß- und Jagdgeräth +behangen, das war mehr als er je versucht hatte, und bald blieb er +mit dem locker befestigten Pulverhorn, bald mit dem Griff seines +Hirschfängers, bald mit dem Gewehrriemen in den Zweigen und +Schlinggewächsen hängen, und endlich wurde er gar bei einem schnellen +Seitensprung des Pferdes, das einer vor ihm liegenden Schlange +auszuweichen suchte, unter einen vorragenden Ast gerissen und -- mit +Blitzesschnelle aus dem Sattel gestreift. »Das Roß, des Reiters ledig,« +schien weiter gar keine Notiz von ihm zu nehmen, und von Sechingen +befand sich bald darauf, als auch das Bellen der noch fernen Hunde +nachgelassen hatte, mitten im Wald, ohne Weg, ohne Steg -- jeder +Richtung, jeder Himmelsgegend unkundig -- allein. + +Eine volle Stunde wohl irrte er jetzt, mit immer steigender Angst und +jenem entsetzlichen beengenden Gefühl, das sich stets des Verirrten +bemächtigt, in der Wildniß umher -- seine feine Tuchpikesche war in den +scharfen Dornen zerrissen, die Pulverhornschnure abgesprengt und das +Pulverhorn verloren, den Hirschfänger hatte ebenfalls wahrscheinlich +irgend eine Ranke erfaßt und herausgerissen -- die Scheide hing ihm leer +an der Seite -- die Mütze mochte Gott weiß wo sein, Gesicht und Hände +bluteten ihm und die Rippen thaten ihm alle mit einander im Leibe weh. +Erschöpft warf er sich endlich unter einer alten Eiche nieder -- er +konnte nicht mehr vorwärts, er _mußte_ erst ausruhen. + +»Und hier soll man den Urwald sehen?« rief er endlich in vollem Unmuth +aus -- »hier wo man den Kopf nicht heben darf, ohne mit dem Gesicht in +irgend einem verwünschten Dornenbusch hängen zu bleiben -- und die Bäume +-- großer Gott, es nähme ja ein Lebensalter, um nur ein halbes Dutzend +von diesen Kolossen umzuwerfen; und dann ist die Erde hier so mit +Wurzeln verwachsen, daß man kaum einen Stock hineinstoßen, geschweige +denn einen Pflug hindurchziehen könnte. Nein -- ich passe nicht +zu solchem Geschäft -- ich habe mir das viel romantischer gedacht. +Blüthenbäume -- blumige Ranken -- duftenden Wald -- zum Himmel strebende +Riesenstämme -- hol' sie alle mit einander der Teufel -- ich will Gott +danken, wenn ich erst wieder an einem gedeckten Tisch sitze, und eine +heiße Tasse Kaffee trinken kann -- und jetzt gar verirrt -- in dieser +fürchterlichen Wildniß. --« + +Er sprang in aller Verzweiflung wieder auf, um nur wenigstens einen +gangbaren Pfad zu finden, der ihn zu einer menschlichen Wohnung führe; +da hörte er plötzlich, nicht weit von sich entfernt, das laute »Hallo« +Klingelhöffers. Vor lauter Freude schoß er rasch die Büchse ab, das +verhinderte ihn aber nicht auch seiner, leider schon sehr angegriffenen +Kehle, noch eine letzte, außerordentliche Anstrengung zuzumuthen, um ja +die Stelle anzudeuten, wo er sich befinde. + +Klingelhöffer stand bald an seiner Seite, und wenn er auch im ersten +Augenblick nicht umhin konnte, recht herzlich über das tragikomische +Aussehen seines etwas arg mitgenommenen Gastfreundes zu lachen, so that +ihm dieser doch auch wieder, da er ja fremd und ein Neuling im Walde +war, leid, und er bot nun Alles, was in seinen Kräften stand, auf, um +ihn zu trösten und ihm Muth einzureden. + +Es war ein erster, wenn auch etwas böser Anfang, wie er sagte, und +hatte wenigstens das Gute, ihn alles Nachkommende so viel leichter und +bequemer ertragen zu lassen. Von Sechingen schien übrigens gar nicht +geneigt, irgend etwas _Nachkommendes_ abzuwarten, und zum Tode matt +ließ er fast willenlos mit sich geschehen, daß ihn der Farmer auf sein +eigenes Pferd setzte. Er hatte, seiner Versicherung nach, keinen ganzen +Knochen mehr im Leibe, dafür aber Hunger wie ein Wehrwolf, Kopf- und +Zahnschmerzen und noch außerdem verloren, was an seinem Körper nicht +niet- und nagelfest gewesen. + +In Klingelhöffers Wohnung endlich angelangt, stärkte er seinen +ermatteten Körper durch Speise, Trank und Ruhe. Nichts in der Welt +hätte ihn aber am nächsten Morgen vermögen können, eine zweite Tour zu +unternehmen, um erstlich die verlorenen Sachen wieder zu suchen und +dann auch, wie der Farmer lächelnd bemerkte, »das Land noch etwas besser +kennen zu lernen.« Er verschwor sich hoch und theuer, vom Lande mehr +zu wissen, als ihm lieb sei, und war, als der Morgen graute, fest +entschlossen nach Little Rock zurückzukehren. Als Ausrede meinte er +zwar, er wünsche erst die östlichen Städte und den Osten überhaupt +zu bereisen, ehe er sich ganz fest im Walde niederlasse; was aber die +Ursache dieser schnellen Sinnesänderung gewesen, ließ sich wohl leicht +genug erkennen. + +Weiteres Zureden blieb auch nutzlos, und Klingelhöffer erbot sich also, +ihn wenigstens mit einem Handpferd eine Strecke auf der Countystraße +hin zu begleiten, damit er nicht die ganze Strecke, etwa 44 englische +Meilen, zu marschiren hätte. Nach Mittag, als sich sein Gast von den +erduldeten Strapatzen ein wenig erholt, brachen sie auf, und der wackere +Farmer ritt so weit mit ihm, daß er eine, am Wege liegende deutsche +Ansiedelung noch bequem vor Dunkelwerden erreichen konnte, und nahm erst +dann, den Dank des Fremden für die ihm gewordene so freundliche Aufnahme +und Gastfreundschaft leicht übergehend, herzlichen Abschied von diesem. + +»Leid thut mir's nur,« sagte er, als er ihm noch vom Pferde herunter +derb und gutmüthig die Hand schüttelte, »daß Ihre Lust zur Ansiedelung +gleich beim ersten Anlauf einen solchen Stoß erhalten hat, aber -- +ich gebe noch nicht Alles verloren, suchen Sie den schönen Westen doch +später einmal wieder auf. Von Deutschland gleich ohne weiteres nach +Arkansas hineinzufallen, ist allerdings ein etwas zu großer Abstand, +haben Sie sich aber erst einmal eine Zeitlang in den östlichen Städten +herumgetrieben, so wird Sie's schon wieder in die gesunde Waldluft +zurückziehen. Vergessen Sie dann nicht, daß Sie in meiner Hütte immer +herzlich willkommen sind. So leben Sie denn wohl -- grüßen Sie mir die +Deutschen in Little Rock, und halten Sie sich nicht länger dort auf als +Sie müssen -- es giebt bessere Plätze in den Vereinigten Staaten.« + +Damit hatte er den Zügel des Handpferds um seinen Arm geschlungen, +winkte noch einmal einen letzten Gruß herüber, stieß dem eigenen Thiere +die Hacken in die Seite, und trabte pfeifend waldeinwärts. + +Von Sechingen blieb aber noch lange sinnend auf dem Wege stehen und sein +Auge ruhte schweigend auf den grünen Waldesschatten, hinter denen sein +Gastfreund soeben verschwunden war. Kopfschüttelnd dachte er dabei an +Alles, was er in so kurzer Zeit erlebt, zurück. + +»Das also,« sagte er endlich tief aufseufzend, »das ist das +stille freundliche Farmerleben -- _das_ ist die patriarchalische +Zurückgezogenheit der Wälder. Kaum zweimal vier und zwanzig Stunden bin +ich drin, und wie seh ich aus? Meine Kleider sind zerfetzt, den alten +Hut, den mir Klingelhöffer zum Nothbehelf gegeben hat, würde bei uns zu +Hause kein Lumpensammler aufheben, und ich muß noch froh sein, daß ich +ihn nur habe und nicht im bloßen Kopfe zu rennen brauche; Hirschfänger +-- Taschentuch, Pulverhorn, Zündhütchenaufsetzer -- Alles bin ich +losgeworden, im Gesicht und an den Händen sehe ich so zerkratzt aus, als +ob ich die Nacht in einer Dornenhecke geschlafen hätte. Dazu schmerzen +mich alle Knochen -- ich habe einen fürchterlichen Schnupfen, und von +dem harten Lager Hühneraugen am ganzen Leibe. Nein, guter Sechingen, so +viel merk' ich, für den Wald paßt Du nicht -- ja, der Urwald sieht sich +recht gut an -- wenn man sich nicht gerade Bäume zum Umhacken aussucht +-- es liest sich auch recht gut darüber, schläft sich aber nur höchst +mittelmäßig darin, und was das Reiten anbelangt, so soll mich Gott vor +einem zweiten Versuch bewahren. Nein, Du _mußt_ ja kein Farmer werden -- +Du kannst Coopers Romane lesen, für Indianer schwärmen -- wenn Dir Dein +_Schuster_ nicht die Ideale verdirbt -- und kannst auch meinetwegen -- +heißt das im Geist -- den wilden Bär und Büffel verfolgen -- so lange es +aber keine Chausseeen und Hotels hier giebt, gehe ich nach New-York oder +Philadelphia.« + +»Und meine jetzige Reise?« fuhr er leise murmelnd in seinem +Selbstgespräch fort, als er sich langsam dabei wandte und auf der +Countystraße hinschritt -- »ih nun -- es war doch immer eine ganz gute +Erfahrung und -- wenn weiter Nichts -- ein _Versuch_ zur _Ansiedelung_.« + + + + +Cincinnati. + + +Cincinnati, »die Königin des Westens,« wie sie in den Vereinigten +Staaten von Nordamerika allgemein genannt wird, liegt in der +südwestlichen Ecke Ohio's, dessen schönste und bedeutendste Stadt +sie ist. Erst seit einigen sechzig Jahren entstanden (denn noch leben +Männer, welche 1791 die erste Blockhütte dort bauen halfen), zählt sie +jetzt schon über 100,000 Einwohner und hat im Westen dieselbe Bedeutung +erlangt, deren sich New-Orleans im Süden und New-York im Osten rühmt. +Da Ohio selbst schon seit etwa 30 Jahren besonders von deutschen +Auswanderern angebaut wurde, so breitete sich auch Cincinnati immer mehr +und mehr aus, vertheilte nicht allein von dort die den Mississippi +und Ohio heraufkommenden Fremden in dem Staat, sondern ward auch zum +Mittelpunkt des Binnenhandels, der die Producte des Nordens, als Mais, +Mehl, Whiskey, eingepöckeltes Schweinefleisch, getrocknete Früchte, +Kartoffeln etc., nach dem Süden versandte und dafür die Erzeugnisse der +wärmeren Landstriche, als Zucker, Baumwolle, Tabak, Seesalz, Kaffee und +die übrigen Früchte der Tropenländer in Empfang nahm. Zur Erleichterung +dieses Zweckes stand es nicht allein durch den Ohio, einem großen, +schönen Strom, mit dem Osten, sondern auch durch den westlichen Canal +mit Buffalo und den nördlichen Seen, Erie, Michigan und Ontario in +Verbindung, und gute, nach europäischer Art angelegte Chausseen zweigten +sich durch das ganze Land. Durch die Erbauung eben dieser Wege und +Canäle, wie durch die gesunde Lage des Ortes selbst, wurde eine sehr +große Menge von Deutschen, meistens aus den ärmern Classen, veranlaßt, +die blühende Stadt aufzusuchen und sich in ihr oder wenigstens in der +Nähe derselben eine Existenz zu gründen. + +Besonders strömten von Norddeutschland, Oldenburg und Hannover dem +Eldorado des Westens Schiffsladungen voll Auswanderer zu. Die natürliche +Folge aber war, daß, wo so viele zusammentrafen, die den Platz nur +in der Hoffnung aufgesucht hatten, nicht allein »Geld zu verdienen,« +sondern auch »reich zu werden,« der größte Theil derselben sich +getäuscht sehen und entweder unter nicht gerade glänzenden Verhältnissen +ausharren, oder weiter westlich einen geeigneteren Wirkungskreis suchen +mußte. + +Natürlich war ein solcher Zusammenfluß von Menschen, die meistentheils +von allen Hülfsmitteln entblößt in Cincinnati eintrafen und nun, da sie +ihre Hoffnungen nicht realisirt, sich selbst obdach- und hülflos fanden, +sehr wenig dazu geeignet, den Amerikanern einen guten Begriff von +Deutschen und durch diese von Deutschland selbst zu geben, daher denn +auch wohl mancher, der mit dem schönen Glauben das fremde Land betritt, +schon durch sein Vaterland allein, wenn nicht freundlich angenommen, +doch geachtet zu werden, seinen Irrthum einsehen wird, wenn er findet, +daß der Name »Dutchman« nicht bloß bei den niedern Classen ein Spott-, +ja oft Schimpfname geworden. Das kann übrigens nur von den Städten +gelten, wo sich die rohe Hefe des Volkes concentrirte, im Lande selbst +ist der deutsche Landmann wegen seines eisernen, unermüdeten Fleißes +geschätzt und geachtet, wie denn auch die deutschen Ansiedlungen in den +nördlichen Staaten fast stets die bessern sind. Und doch muß eben der +Deutsche, selbst wenn er im alten Vaterlande den Ackerbau getrieben hat, +in Amerika wieder von vorn zu lernen anfangen, indem nicht allein Boden +und Erzeugnisse, sondern auch Ackergeräthschaften, wie die in jenem +Lande nöthigen Behandlungsarten der Felder ganz verschieden von den +unsern sind. Da die Arbeit dort aber leichter, der Humus selbst, +besonders in den westlichen Staaten so viel vorzüglicher als in den +alten, seit langen Jahren angebauten Landstrichen ist, so unterzieht +sich der Deutsche auch stets mit Lust und Liebe einer Lehrzeit, die +einen so reichhaltigen Erfolg verspricht, und sieht seinen Fleiß und +seine Ausdauer, welche letztere dem Amerikaner gänzlich fehlt, in kurzer +Zeit durch blühende Felder und üppige Vegetation belohnt. + +Der Amerikaner, d. h. der nördliche Amerikaner (denn der südliche +Pflanzer in den Sklavenstaaten ist wieder ein ganz anderer Mensch), ist +auch fleißig, und arbeitet mit einer Schnelle und Gewandtheit, in der +ihm der Ausländer vergebens gleichzukommen sucht, aber nur kurze Zeit +hält er aus, das Gleichförmige ermüdet ihn, eine schlechte Ernte macht +ihn gegen sein Land mißtrauisch; er hört von fruchtbarerem, ergiebigerem +Boden, von besserer Weide, üppigerer Vegetation und augenblicklich führt +er den schnell entworfenen Plan aus. Gerade in dem Zeitpunkt, in welchem +der ruhige Deutsche anfängt, die Früchte seines Fleißes zu ernten, +verkauft der Amerikaner den Platz, der seine Heimath war, packt sein +bewegliches Eigenthum auf Karren und Wägen, treibt sein Vieh zusammen +und zieht gen Westen. + +Etwas aber ist, was so vielen, ja man könnte sagen fast _allen_ +Deutschen den Anfang einer zu gründenden Existenz erschwert: die +zu großen Erwartungen, mit denen sie gewöhnlich das neue Vaterland +betreten. Durch Briefe oder Reisebeschreibungen von dem schnellen, fast +fabelhaften Glückswechsel Einzelner in Kenntniß gesetzt, malt sich ihre +Phantasie die dortigen Verhältnisse mit den buntesten, heitersten Farben +aus; das Wenige, was von Noth und Sorgen, von getäuschten Erwartungen +und vernichteten Hoffnungen zu ihnen herüberdringt, verliert durch die +große Entfernung die scharfen, schroffen Conturen, wird gemildert oder +tritt vielleicht ganz in den Schatten zurück; kein Wunder denn, daß +Viele, nach kurzem Aufenthalt in Amerika, von dem sie oft nur eine der +östlichen Städte gesehen haben, das erste heimwärts segelnde Schiff +benutzen, in ihr altes Vaterland zurückkehren, und nun nicht sich +selbst, sondern das Land anklagen, das so war, wie es einmal ist und +nicht wie sie es sich dachten. + +Von den Tausenden aber, die dort zurückbleiben, und hierzu nur zu +oft durch den Mangel an Mitteln, die zweite Seefahrt zu bestreiten, +gezwungen werden, sind doch auch, zur Ehre der Deutschen, recht Viele, +die mit männlichem Muthe das ertragen, was ihnen ihr Schicksal oder sie +vielmehr sich selbst aufgebürdet. Der englischen Sprache nicht mächtig +oder wenigstens nicht vertraut genug damit, um ihre Geistesfähigkeiten +geltend zu machen, sehen sie sich gezwungen zu Handarbeiten ihre +Zuflucht zu nehmen, und daher kommt es, daß man oft an Canälen, +Chausseen und Eisenbahnen, in Kohlengruben und auf Dampfbooten, +Doctoren und Geistliche, Offiziere und Kaufleute mit Hacken, Spaten +oder Schürstange, mit Schiebkarren und Handtrage beschäftigt findet, ihr +»tägliches Brod« zu verdienen. + +In Pennsylvanien hatten sich z. B. in frühern Jahren in einer der +dortigen einträglichen Kohlengruben viele wissenschaftlich gebildete +Männer zusammengefunden und duldeten, um die gewöhnliche Classe der +Handarbeiter von ihrer Gesellschaft und Unterhaltung fern zu halten, +keinen zwischen sich, _der nicht lateinisch sprach_ oder wenigstens +einige zu diesem Zweck an ihn gerichtete Fragen befriedigend beantworten +konnte. Jene Grube hieß in damaliger Zeit »die lateinische Kohlengrube!« + +Sehr natürlich findet sich am leichtesten jene Classe in die neuen +Verhältnisse, die schon im alten Vaterlande durch harte Arbeit ihr Brod +verdienen mußte, und nun in den Vereinigten Staaten einen etwas höhern +Lohn so wie bessere Nahrung erhält und doch freier und selbstständiger +dasteht. Diese Leute sammeln sich durch Fleiß und Sparsamkeit einige +hundert Dollars, kaufen nachher entweder ein Stückchen Land oder +gerathen in eine der größern Städte und beginnen hier ihre Carriere als +»Schenkwirth und Gastgeber;« daher die ungeheuere Menge dieser Trink- +und Wirths-, oder sogenannten Boarding-Häuser, von denen man, besonders +in Cincinnati, fast in jeder Straße einige findet, und die, ohne dem +Reisenden oder Fremden die geringste Bequemlichkeit zu bieten, ihm +eigentlich nur des Nachts in einem harten Bett ein Obdach gewähren und +ihn dreimal des Tages zu bestimmten Stunden abfüttern. + +Da diese Leute nun hauptsächlich auf deutsche Einwanderer angewiesen +sind, die, der englischen Sprache nicht mächtig, durch das deutsche +Wirthshausschild angezogen bei ihnen einkehren, so verlieren sie auch +gar bald das Mitgefühl, das sie vielleicht noch für ihre Landsleute +gehegt hatten; sie fragen nicht darnach, was der Neuangekommene treibt, +was er anzufangen gedenkt, sie wollen nur wissen, ob er noch +genug Eigenthum besitzt, für die nächste Woche das »Boarding-Geld« +pränumerando bezahlen zu können oder an dessen Statt wenigstens einen +Koffer in Versatz zu geben vermag. + +Überhaupt irrt man sich in Deutschland gewaltig, wenn man glaubt, der +Deutsche freue sich, im Ausland einen Landsmann zu finden. Im +Anfang, ja; noch nicht an die fremdtönenden Laute gewöhnt, klingt die +Muttersprache dem Ohre wie Musik; das verliert sich aber, man lernt +durch einen langen Aufenthalt unter den Fremden mit deren Augen sehen, +mit deren Gefühlen empfinden und legt nur zu oft mit den vaterländischen +Sitten auch das Gefühl für die ab, die diesen noch anhängen. + +Nirgends zeigt sich aber diese Entfremdung unter Landsleuten stärker, +als gerade in Cincinnati, wo der Parteigeist oft in die bittersten +Feindseligkeiten ausartet; und doch sollten sich gerade hier die +Deutschen durch Einigkeit und festes Zusammenhalten enger an einander +anschließen, da ihnen in jener Stadt die arbeitende Classe der +Amerikaner besonders gram ist, und in ihrer Art und Weise auch wohl +nicht so ganz Unrecht hat, denn die das Land überströmenden Deutschen, +von denen in jedem Jahre Tausende nach Cincinnati kamen, um dort Arbeit +und Beschäftigung zu finden, waren zuletzt genöthigt jedes Anerbieten, +das sich ihnen darbot, zu ergreifen, um nur Obdach und Nahrung zu +erhalten, und arbeiteten um einen Lohn, der ihnen zwar, noch mit den +deutschen Preisen im Gedächtniß, hoch schien, in der That aber die +bisher gegebenen »=wages=« oft auf ein Drittel herabsetzte. Statt also +nun in der fremden, sie umgebenden Welt unter Leuten, von denen sie +nicht geliebt werden, brüderlich bei einander zu stehen, spalten sie +sich nicht allein in politischer, sondern auch in religiöser Hinsicht in +vier Hauptparteien, die selbst wieder unter sich ihre eigenen Zwiste und +Streitigkeiten haben. + +Vor allen Dingen trennen sie sich in Katholiken und Protestanten, +und Nord- und Süd-, oder den dortigen Ausdrücken gemäß, »Hoch- und +Plattdeutsche,« die dann wieder als Whigs und Demokraten einander +feindlich gegenüberstehen, wobei die Protestanten noch ihre besondere +Malice als Lutheraner und Reformierte und Methodisten auf einander +haben, und sich aus diesen allen als letzter Kern ein Häufchen +Rationalisten aussondert. Als Organe dieser verschiedenen Parteien dient +den Katholiken der »Wahrheitsfreund,« ein ächt ultramontanes Blatt, den +Methodisten dagegen der »Christliche Apologete,« der mit schwärmerischem +Eifer seine Blitze gegen die Anhänger des Papstes, aber auch zu gleicher +Zeit gegen die Protestanten schleudert, aus deren Mitte im Jahre 1840 +»der Lichtfreund,« dem Rationalismus Bahn brechend entstand, und nun +die Zornausbrüche des Wahrheitsfreundes sowohl als des christlichen +Apologeten auf sich concentrirte. Selten oder nie religiöse Gegenstände +berührend, vertheidigte indessen das »Volksblatt« die Sache der +Demokraten und warb mit regem Eifer für den demokratischen Präsidenten, +bis nahe vor der Wahl die deutschen Whigs, von den amerikanischen dabei +unterstützt, den »deutschen Amerikaner« herausgaben und augenblicklich +als die erbittertsten Feinde des Volksblattes auftraten. Zu jener Zeit +hatte also Cincinnati fünf sich einander feindlich gegenüberstehende +deutsche Zeitungen, doch ging der »deutsche Amerikaner« nach der Wahl, +die bekanntlich zu Gunsten des Whigpräsidenten, General William +Harrison ausfiel, wieder ein. Später wurde auch der »Lichtfreund« +wegen Übersiedlung des Redacteurs, Herrn Eduard Mühls, nach Hermann in +Missouri verlegt, dafür entstand aber, als Opposition des Volksblattes +»der deutsche Republikaner.« + +Feinden sich aber in Cincinnati die Deutschen gar oft an und schimpfen +und schmähen sie einander, so existiren doch wenigstens nicht jene +Blutsauger unter ihnen, denen der eben von Deutschland Kommende in den +Seestädten nur zu oft in die Hände fällt. Ich selbst habe während eines +sehr kurzen Aufenthalts in New-York mehrere Deutsche kennen gelernt, +welche davon lebten, sich freundschaftlich an die in der fremden +Stadt unbekannten Landsleute anzuschließen, bis sie entweder den +letztmöglichen Cent aus ihnen herausgepreßt, oder von den wiederholt +Getäuschten durchschaut und gemieden worden waren. In Cincinnati gehen +sie offener und ehrlicher zu Werke, entweder mit der Feder oder -- geht +das nicht -- mit dem Munde, denn der Deutsche hat gewöhnlich noch vom +alten Vaterlande her eine Aversion gegen das »Zuschlagen.« + +Der später angelegte Theil Cincinnati's, welchen der westliche Canal +von der eigentlichen Stadt und dem Ohiofluß trennt, ist größtenteils +von Deutschen bewohnt und wird auch von den Amerikanern »Little Germany« +genannt. Fast über jeder Thür hängen Schilde deutscher Wirthshäuser, +Schuster, Schneider und anderer Handwerker, die, wenn sie auch wirklich +dann und wann englisch geschrieben sind, den deutschen Meister doch +stets verrathen. Besonders können sich die vaterländischen Schuster mit +ihrem gemalten Stiefel in der Mitte und einem rothen Schuh an der einen, +einem schwarzen Schuh an der andern Seite nimmermehr verläugnen, eben so +wenig die Leute selbst mit ihren langen, blauen, schmalkragigen Röcken +und den weißleinenen Taschen, mit dem hochausgeschweiften Hut und dem +rothgeblümten Halstuch. + +Das Elend aber, welches leider so oft unter jenen armen Familien +herrscht, die eben eingewandert, von allen Hülfsmitteln entblößt, +in kleinen, nackten, Kämmerchen mit großen Familien zusammengepreßt, +hungern und frieren, und vergebens nach Arbeit und dem verheißenen hohen +Lohn jammern, ist fürchterlich. Glücklich noch die, denen ein Freund +oder Verwandter im Anfang das Nothwendigste reichte, da nur zu oft schon +gerade _jene_ Stadt und Staat verlassen mußten, um irgendwo anders ein +Unterkommen zu suchen, die solch lockende, einladende Briefe, häufig nur +um zu prahlen, in die Heimath schrieben; der arme Einwanderer, welcher +fest auf die versprochene Hülfe baute, sieht sich nachher in dem fremden +Lande schutz- und freundlos, und ist nicht vermögend, sich selbst, viel +weniger seine zahlreiche Familie vor Mangel und Elend zu bewahren. + +Schwere und drückende Noth herrscht dann oft unter den armen Leuten, und +dieß mag wohl auch die Ursache sein, daß die wohlhabenderen Landsleute +endlich abgestumpft gegen ein mit jedem Jahre wiederkehrendes Elend +werden, dem sie doch nun einmal nicht abhelfen können. Durch diese +übergroße Anzahl von arbeitsfähigen Männern verringert sich natürlich +auch mehr und mehr der Lohn, den die dortigen Ansiedler in früheren +Zeiten gezwungen waren zu geben, weil sie nicht Leute genug bekommen +konnten. Im Jahre 1840 bezahlten die Farmer fünf bis sechs Dollar den +Monat für einen kräftigen Mann, was, wenn man die dortigen Verhältnisse +bedenkt, entsetzlich wenig ist; und dennoch boten sich ihnen viele, sehr +viele an, welche nur um die Kost zu erhalten bei ihnen arbeiten wollten. +Mit dem Kaufmannsstande ist es dasselbe, und am allerschlimmsten +befinden sich Gelehrte, die, vielleicht mit tüchtigen Kenntnissen +ausgestattet, geglaubt haben, dort verstanden oder anerkannt zu werden. +Die armen Leute finden sich, besonders in Cincinnati, arg getäuscht. + +Für die heimatliche Literatur sterben die Deutschen in Amerika ab. Die +gebildeteren Klassen lernen das Englische, und vernachlässigen schon +aus dem Grunde die Muttersprache, da sie zu selten Gelegenheit bekommen, +deutsche Schriften zu erhalten; die arbeitenden Classen aber lesen +einzig und allein Zeitungen, und nichts ist leichter, als eine solche +Zeitung zu redigiren. Der Redacteur muß nur dann und wann einen +Aufsatz schreiben, in welchem er aus Leibeskräften gegen die politische +Opposition zu Felde zieht; dabei dürfen natürlich die Wörter »deutscher +Freiheitssinn,« »deutsche Treue und Biederkeit« u. s. w. nicht fehlen. +Um das Blatt nachher zu füllen, erscheint im Anfang irgend ein Gedicht, +sei es von Goethe oder Schiller oder eignes Fabrikat, -- selbst +eingesandte werden mit Dank angenommen, -- dann eine kleine Novelle oder +Erzählung aus einer alten, vorsündfluthlichen Didascalia, hierauf einige +aus englischen, oder, ist es möglich, auch deutschen Blättern entnommene +Notizen, dann die Marktpreise und Ankündigungen, und die Nummer ist +versehen. Honorar ist nie zu fürchten. + +Nun ist das Blatt freilich gedruckt, muß aber auch noch an die +verschiedenen Subscribenten herumgetragen werden; zu diesem Zwecke +schließt der Redacteur einen Contract mit irgend einem Mann ab, dem er +wenigstens die einzucassirenden Wochengelder anvertrauen kann, und der +von jeder Zeitung, die er austrägt, etwas Bestimmtes per Woche erhält, +dessen Vortheil es also neben dem Austragen auch ist, noch so viel neue +Abonnenten als möglich zu seinen alten zu bekommen, indem sich durch +eine Vermehrung des Absatzes auch sein Gehalt oder Einkommen vermehrt, +wobei er für die täglichen Blätter an jedem Sonnabend, für die +wöchentlichen jeden Monat das Geld eincassirt, weil überhaupt in Amerika +nichtansässige Leute selten lange an einem Platze bleiben, und ein +Verfolgen der Schuldner, da keine Controle weder über Fremde noch +Reisende geführt wird, unmöglich ist. + +Cincinnati selbst liegt am nördlichen Ufer des Ohio, der von Pittsburg +aus, wo dieser durch den Zusammenfluß des Alleghany und Monongahela +seinen Namen erhält, sich östlich nach einem Lauf von circa 1000 +englischen Meilen in den Mississippi ergießt. Es ist ein stattlicher +Strom, dessen malerische Ufer ihm den Namen des »amerikanischen Rheines« +gewonnen haben; bei Cincinnati mag er etwa eine englische Meile breit +sein und trägt im Winter und Frühjahr die größten Dampfboote, wird +jedoch im Sommer und Herbst, nicht mehr durch die Bergströme der +Alleghany-Gebirge genährt, an mehreren Stellen sehr seicht und die +Schifffahrt hört dann für die größern Boote auf. Durch diesen »schönen +Strom« aber (der indianische Name der Senecas ist Oh-ey-o oder der +schöne Strom) erhielt Cincinnati seine Bedeutung und wuchs schnell zu +einer der größten Städte der Union an; zwar versuchten Speculanten +am gegenüberliegenden Ufer in Kentucky am Ausfluß des Licking, +Oppositionsstädte zu erbauen, und New-Port wie Covington entstanden: +Cincinnati aber überflügelte sie schnell und wurde die »Königin des +Westens.« + +Die eigentliche Stadt, -- denn sie zählt außer dem Städtchen Mohawk +noch mehrere Anbaue, -- liegt am Fuß einer Hügelreihe, die das Thal +des kleinen Miami einschließt, und hat mehrere Eisengießereien; dabei +versorgt sie fast die ganzen Vereinigten Staaten mit geschnittenen +eisernen Nägeln, die überall statt der geschmiedeten gebräuchlich sind. +In und um Cincinnati befinden sich auch die bedeutendsten Brauereien und +Whiskeybrennereien Amerika's, besonders aber Schlachthäuser, wie sie +auf keinem zweiten Platz in der Welt existiren; denn von hier aus +werden nicht allein die Vereinigten, sondern auch die südlich gelegenen +Staaten, Texas und Mexico, mit eingepökeltem Schweinefleisch versehen, +das sogar bis nach Südamerika verschifft wird. + +Nichts schildert den Charakter eines Menschen deutlicher als kleine +Anekdoten und Angewohnheiten aus seinem Leben; eben so ist es mit einer +Stadt, die man wohl am leichtesten durch kleinere Züge ihres innern +Treibens und Verkehrs kennen lernt und von denen ich versuchen will, dem +Leser einige, wie sie mir noch frisch im Gedächtniß sind, mitzutheilen. + + +Der Markt. + +Durch ganz Nordamerika haben die Marktplätze ein ziemlich ähnliches +Aussehen; ein sogenanntes »Markthaus« bildet den Mittelpunkt und besteht +aus einem auf einer doppelten Säulenreihe ruhenden Dach, unter dessen +Schutz die Fleischhauer oder Metzger den innern Raum einnehmen; um +diesen reihen sich die ein höheres Standgeld bezahlenden Gärtner an der +Außenseite, aber ebenfalls noch unter dem Schutz des Vorbaues an. In +Cincinnati sind drei solcher Marktplätze: der obere oder Flymarket, +der mittlere und der untere Markt; Montag und Donnerstag wird auf dem +ersten, Dienstag und Freitag auf dem zweiten und Mittwoch und Sonnabend +auf dem dritten Markt gehalten. Dort prädominiren die Deutschen +besonders, denn sie bilden nicht allein die Mehrzahl der Fleischer, +sondern haben auch mit wenigen Ausnahmen den alleinigen Verkauf der +Gartenfrüchte, und zwar schon aus dem Grunde, weil der Amerikaner in +dieser Hinsicht nun einmal ein Vorurtheil zu Gunsten der Deutschen hat, +die, wie er glaubt, Alle geborene Gärtner sind. Will ein Amerikaner im +Frühjahr seinen Garten herstellen lassen, so ruft er den ersten besten +Deutschen dazu und überträgt ihm die Arbeit, er fragt aber nie: »weißt +du mit einem Garten umzugehen?« sondern denkt, das verstehe sich von +selbst. Dabei haben unsere Landsleute das Monopol des Sauerkrautes, mit +dem es ihnen wie den Creolen mit ihrem Lieblingsgericht Gumbo geht: es +ist zum Spottnamen und zur Bezeichnung der Nation geworden, und nicht +selten hört man unter den niedern Classen der Amerikaner, wenn jemand +eine gemischte Versammlung bezeichnen will, den Ausdruck: »Es waren +Amerikaner, Gumbos und Sauerkrauts dort.« + +Da übrigens die meisten der zu Markte Kommenden ihre Producte von +meilenweit entfernten Farmen herbeischaffen, so lassen sie dieselben +auf ihren kleinen einspännigen, mit Leinwand überzogenen Fuhrwerken, +und fahren diese auf beiden Seiten des Marktplatzes so auf, daß die +Einkäufer an der Außenseite umhergehend den im Hintertheil des Wagens +ausgelegten Inhalt sehen und prüfen können. Oft stehen Hunderte +derselben in langer, die Straßen weit hinausreichender Reihe beisammen +und geben dem Ganzen ein eigenthümliches Ansehen; was aber dem Europäer +besonders auffällt, sind die Einkäufer selbst. Wie ich zum erstenmal auf +einen amerikanischen Markt kam, traute ich meinen Augen kaum, als ich +nicht allein anständige, sondern sogar elegant gekleidete Männer, oft +in schwarzem Frack, mit Ringen an den Fingern, goldenen Uhrketten und +blendend feiner Wäsche großmächtige Körbe am Arm tragend zu Markte gehen +oder gar reiten sah; es war etwas unsern deutschen Sitten und Gebräuchen +so ganz entgegengesetztes, daß ich nur mit vieler Mühe das Lachen +verbeißen konnte. Nichts macht sich dann komischer, als wenn es anfängt +zu regnen und der »Gentleman« den schon zur Vorsorge mitgenommenen +Regenschirm aufspannt, dem kleinen Poney die Hacken in die Seiten setzt +und mit kurzen Steigbügeln, daß die Knie fast den Sattelknopf berühren, +zu Hause galoppirt. + +Die Fleischer schmücken besonders bei feierlichen Gelegenheiten, als +am 4. July, dem Tage der Unabhängigkeitserklärung, an Washingtons +Geburtstag, an verschiedenen Dank- oder Bußtagen etc., ihre Stände und +das ausgeschlachtete Vieh auf das zierlichste, wobei sie etwas darin +suchen, alle möglichen Fleischarten zum Verkauf auszustellen; daher +findet man nicht selten bei einem Einzelnen neben den gewöhnlichen +Thierarten ganze Bären, Hirsche, Waschbären, Opossums und Eichhörnchen, +die durch Blumenguirlanden auf das freundschaftlichste mit einander +verbunden sind. + +Den Gemüseverkauf besorgen, wie schon gesagt, fast ausschließlich die +Deutschen, denen auch die besten und einträglichsten Farmen in der Nähe +von Cincinnati gehören und von welchen sogar schon Einige Weinberge +angelegt und einen erträglich guten Wein gekeltert haben. Die Amerikaner +schaffen hingegen mehr Käse, Eier, Butter und Geflügel zu Markt, +während die farbige Bevölkerung von Cincinnati meistens gedörrtes Obst, +Pfirsiche und Äpfel feil hält. Im Ganzen ist Cincinnati die billigste +Stadt des Westens, und ein einzelner Mann kann mit 400 Dollars (1 Dollar +1 Thlr. 10 Ngr.) das Jahr anständig leben. + + +Boardinghäuser. + +Das Wort »=boarding-house=« ist fast das erste, welches der Einwanderer +in Amerika lernt -- er muß ein Obdach und Nahrung haben, und dieß alles +findet er für einen verhältnißmäßig billigen Preis in solchen Kost- +oder Boardinghäusern. Ich rede hier nicht von den besser eingerichteten +Wirthschaften und Hotels, die dem Reisenden alle möglichen +Bequemlichkeiten bieten, und von denen, in Cincinnati besonders, eine +große Anzahl existirt, sondern von den Häusern, in welchen der Fremde, +dessen finanzielle Umstände ihm nicht erlauben sechs, acht, ja zwölf +Dollar die Woche für Kostgeld zu bezahlen, einkehrt, und wo er, wie der +deutsch-amerikanische Ausdruck ist, »boardet!« + +Diese Anstalten werden fast ausschließlich von Deutschen gehalten, sind +sich im Ganzen ziemlich ähnlich, und wir wollen dem Leser eines dieser +»Kaffeehäuser,« wie sie sich fast alle nennen, näher vorführen. Es ist +ein schmales, zweistöckiges, grün angestrichenes Brettergebäude, +das, selbst etwas windschief, zwischen zwei große Backsteinhäuser +hineingepreßt, scheinbar von diesen aufrecht gehalten wird. Ein breites +Glasfenster zeigt drei über einander angebrachte Reihen von Flaschen +mit Liqueur oder wenigstens einer liqueurfarbigen Flüssigkeit gefüllt, +zwischen denen, um den sonst etwas zu leeren Raum auszufüllen, einzelne +Citronen liegen, während in der unteren Reihe mehrere Glasgefäße mit +Candiszucker und anderen Näschereien prangen. Über der mit einer rothen +Gardine verhangenen Thür steht auf einem grünlackirten Schild mit +grellrothen Buchstaben, daß die Augen kaum das Verschwimmen der Farben +ertragen können, »=Battle of Bunkershill Coffee house=,« und darunter +»Deutsches Kosthaus von N. N.« + +Doch wir wollen hineingehen und das Innere des Heiligthums betrachten. +Es ist ein kleines, wahrscheinlich früher zum Vorsaal bestimmt gewesenes +Zimmer, das jetzt aber zur Schenkstube benutzt wird und zugleich das +Entrée des Hauses bildet. Rechts sind bis zur Decke hinauf Regale +angebracht, die mit Flaschen, Caraffen, Gläsern, Apfelsinen und +Zuckerwerk ausgeschmückt, die eine Wand verdecken, während Thür und +Fenster die zweite einnimmt, und riesenhafte Zettel, Ankündigungen von +Seiltänzern und Kunstreitern, mit Abbildungen der merkwürdigen Sachen, +welche diese auszuführen gedenken, die andern beiden überziehen. +Besonders hervorstechend zeigt sich noch, gerade am mittelsten Regale +befestigt, ein kleines Schild, auf dem mit größtmöglichen Buchstaben +die Worte »=No Credit!=« »Kein Credit!« zu lesen sind, und mit dem eine +zweite unter Glas und Rahmen gebrachte Tafel correspondirt, durch +welche dem Eintretenden in zierlichen Versen kund gethan wird, daß der +Eigenthümer seine Weine und Liqueure, seine Flaschen und Gläser, ferner +Hausrente und Taxen _bezahlen_ müsse, und deßwegen unendlich bedaure, +seinen geehrten Gästen unter keiner Bedingung borgen zu können. Eine Art +Ladentisch trennt den Ausschenker oder »Barkeeper« von den Gästen, zu +deren Bequemlichkeit nur eine kurze, grünlackirte Gartenbank an der +gegenüberstehenden Wand angebracht ist, die aber für den Augenblick +leider nicht benutzt werden kann, da ein Irländer, der ein wenig zu +schwer geladen, langgestreckt darauf liegt. + +»Wer tractirt?« ruft jetzt der Barkeeper, welcher sich schon fast eine +Viertelstunde lang die Anwesenden ungeduldig betrachtete. »Wer tractirt? +Boy's -- ihr steht ja so trocken da, wie die Pulverfässer -- wollen wir +drum würfeln?« + +Er hat bei den letzten Worten einen kleinen Lederbecher unter dem +Ladentisch vorgeholt und schüttelt denselben ein wenig; der Klang wirkt +wie bezaubernd, alle treten hinzu, und die drei niedrigsten Würfe +müssen den Trunk à Person mit einem Picayune (6¼ Cent. oder 2 gGr.) +bezahlen. Obgleich der Barkeeper selbst mitspielt, so ist es doch eher +zu erwarten, daß der niedrigste Wurf leicht einen der Gäste, von denen +sechse gegenwärtig sind, als ihn treffen wird, und schon auf solche Art +und Weise verdienen die Wirthe manchen Dollar. Jetzt öffnet sich aber +die Thür, und ein anständig gekleideter Mann tritt herein und erkundigt +sich bei dem Ausschenker, ob er hier eine oder mehrere Wochen »boarden« +könne. + +Dieser beschaut ihn zuerst sehr aufmerksam vom Kopf bis zum Fuß, und +fragt ihn dann vor allen Dingen, »ob er Gepäck bei sich habe?« + +»Nichts als dieses!« antwortete der Fremde und zeigt auf ein kleines, in +ein rothseidenes Schnupftuch eingeschlagenes Päckchen. + +»Hm,« sagt der Ausschenker, »dann müssen Sie pränumerando bezahlen, ich +kann Ihnen nicht helfen!« + +»Und wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich das nicht werde,« entgegnete +pikirt der Fremde. + +»=Oh well!=« sagt der Ausschenker, keineswegs dadurch außer Fassung +gebracht, »dann ist alles in Richtigkeit.« + +»Und der Preis?« fragt der Fremde. + +»Drei Dollar die Woche!« + +Der Mann bezahlt und bittet den Barkeeper nun, ihm sein Zimmer zu +zeigen; dieser steigt mit ihm eine kleine, schmale Treppe hinauf, öffnet +die sich fast an der obersten Stufe befindende Thür, und weist den +Ebengekommenen hinein. + +Es ist ein ziemlich großer Raum, der die ganze Breite des Hauses +einnimmt, mit drei Fenstern und einem gewaltigen Kamin an der Seite, +das Ganze hat aber ein unfreundlich kaltes Aussehen, denn in dem Kamin +liegen Stiefeln, Stöcke, Hutschachteln, Pfeifen etc. etc., und beweisen +zur Genüge, wie wenig von dieser Seite auf ein gutes, erquickendes Feuer +zu hoffen sei. Des Fremden, den Raum schnell durchfliegende Augen zählen +fünfzehn zweischläfrige Betten, die eines neben dem andern an den +Wänden hin und in der Mitte stehen, und eine ziemlich zahlreiche +Schlafgenossenschaft versprechen. Nur ein Tisch und etwa acht oder +neun Stühle dienen dem Worte »Mobilien« zur Entschuldigung, und die +umherhängenden verschiedenartigen Kleidungsstücke sind nicht gerade +geeignet, dem Ganzen ein freundlicheres Aussehen zu geben. + +»Und hier soll ich schlafen?« fragt mit gerade nicht freudiger +Überraschung der Fremde. + +»Ja!« ist die Antwort -- »in diesem Bette hier, mit einem Amerikaner -- +es ist ein ganz ordentlicher Mann!« + +»Und kann ich kein Bett für mich allein bekommen?« + +»Unmöglich, wir haben jetzt kaum Platz für unsere Gäste -- alle +Boardinghäuser sind überfüllt.« + +Noch steht der Fremde unschlüssig am Eingang, er weiß aber, daß wenn er +auch zu einem andern Hause gehen wollte, sich die Verhältnisse ziemlich +gleich bleiben, wirft sein Päckchen auf das ihm angewiesene Bett und -- +ist eingezogen. + +»Haben Sie denn wohl einen ruhigen Platz, wo ich einen Brief schreiben +könnte?« fragt er jetzt nochmals den Barkeeper, der eben im Begriff ist +die steile Treppe wieder hinunter zu klettern. + +»Unten im Zimmer, wo die Übrigen sind!« sagt dieser, »das ist der +einzige Platz im ganzen Haus.« In jenes Zimmer führt er jetzt seinen +Gast und zeigt ihm in der einen Ecke einen Tisch, an welchem eben ein +freundlicher Oldenburger emsig beschäftigt ist, zu dem morgenden Sonntag +seine Stiefeln zu wichsen. + +»Du mußt damit hinausgehen!« fährt er diesen an, »das gehört sich nicht +in der Stube! wir sind nicht mehr auf dem Schiffe!« Schweigend räumt der +also Abgefertigte seinen Platz ein und der Fremde sieht sich vergebens +nach irgend einem Gegenstand um, mit welchem er den staubigen Tisch +abwischen könne! + +»Warten Sie, ich will Ihnen etwas bringen,« sagt der Barkeeper und geht +in das Schenkzimmer zurück; unterdessen hat jener aber vollkommen Zeit +den Raum zu betrachten, in welchem er sich jetzt befindet. + +Es ist ein geräumiges Zimmer mit einem großen, gußeisernen Gestell in +der Mitte, das ein Mittelding zwischen Ofen und Kamin zu sein scheint, +denn es hat wohl die Gestalt des erstern, entspricht aber ganz dem Zweck +des letztern, da es die Hitze nicht erst durch Röhren, sondern gleich +durch die vorn im Rost sichtbaren Kohlen verbreitet. Um dieses haben +sich in allen möglichen Stellungen und Lagen die verschiedenen Gäste +des »Kaffeehauses zur Schlacht am Bunkers Hill« versammelt, und befinden +sich alle in einer sehr heitern Stimmung, lachen und erzählen und machen +einen Lärm, daß die Gläser auf dem zweiten Tische zittern. Einige, die +im Anfang gekommen sein mochten, hatten noch Stühle gefunden, die später +Eintreffenden schon mit zwei grünlackirten Holzbänken, denen ähnlich, +die in der Schenkstube standen, vorlieb nehmen müssen, und die letzten +konnten einzig und allein stehend an der Gesellschaft und zu gleicher +Zeit am Ofen Theil nehmen. Unser Gast war gezwungen, sich auf irgend +eine Art einen Stuhl zu verschaffen, und mit den Sitten solcher Häuser +schon ziemlich vertraut, blieb er einige Minuten am Feuer, bis einer +der Sitzenden aufstand, welchem er dann ohne weitere Umstände den kaum +verlassenen Stuhl entführte und an seinen Tisch trug. Diesen mußte +er übrigens, da der Barkeeper nicht wiederkehrte, mit seinem eigenen +Taschentuche abstäuben. + +Jetzt klingelt es plötzlich im nächsten Zimmer, und der lang ersehnte +Ruf »=supper, supper!=« (Abendessen) übertönt und erstickt bald den +frühern Lärm; alles strömt in das Speisezimmer und der Barkeeper trägt +den Davondrängenden die zurückgelassenen Stühle nach, da an der Table +d'hote noch einige fehlen. Eine lange Tafel steht dort gedeckt, +an welcher etwa 30 Personen Raum und die mit mehrern Fleischarten, +Kartoffeln, Eiern, Butter und Käse besetzt ist. Jeder Gast findet neben +seinem Teller eine eingeschenkte Tasse Thee, die er, wenn geleert, bloß +empor zu heben braucht, um sie augenblicklich wieder von einem jungen +Mädchen, das die Aufwartung besorgt, gefüllt zu bekommen; doch sieht es +der Wirth nicht gern, wenn das öfter als zweimal geschieht. + +Das Essen ist gut und schmackhaft zubereitet, und nach der Mahlzeit, +von der jeder, sobald er fertig ist, aufsteht, ohne sich weiter mit Wort +oder Blick um seinen Nebenmann zu bekümmern, versammeln sich die Gäste +wieder um den kaum verlassenen Ofen, an welchem jene jetzt die besten +Plätze einnehmen, die am schnellsten essen konnten. + +Die Gesellschaft ist übrigens keineswegs uninteressant, denn nicht +allein verschiedene Nationen, sondern auch verschiedene Stände treffen +sich hier, und die gebildetere Classe der Deutschen, als Advocaten, +Ärzte, Theologen, Kaufleute etc., die größtentheils wenigstens für den +Augenblick noch gezwungen waren, eine ihren frühern Beschäftigungen +gerade nicht entsprechende Arbeit zu übernehmen, um ehrlich und +ordentlich in der neuen Welt durchzukommen, findet sich bald zusammen +und verplaudert die langen Abende. + +Die Zeit des Schlafengehens naht aber jetzt, und hie und da schleichen +einzelne mit abgebrannten Lichtendchen in der Hand die Treppe hinauf, +denen die übrigen ebenfalls bald folgen und ermüdet das harte Lager +suchen, welches nur aus einer Seegras-Matratze und zwei oder drei +wollenenen Decken besteht. Die Lichter verlöschen nach und nach, und +sobald sich die einzelnen Paare und Bettgenossenschaften verständigt +haben, ob sie »doppelt-Adler« oder »löffel-artig« liegen wollen, +herrscht für wenige Minuten tiefes Schweigen, das aber bald einem von +allen Seiten hertönenden Schnarchen weicht, bei dem sich der daran nicht +Gewöhnte oft stundenlang unruhig auf seinem Lager umherwälzt. + +Es existiren übrigens auch mehrere amerikanische Boarding-Houses in +Cincinnati, wo der Gast für 5 Dollars per Woche eine reinlichere und +freundlichere Umgebung hat, das Unangenehme des Zusammenschlafens mit +Mehrern findet sich in den meisten. + + +Money-Brokers. + +Die Geldwechsler spielen in allen Städten Amerika's eine bedeutende +Rolle, denn wo solch' unzählige Banken und Tausende von verschiedenen +Banknoten und Münzsorten circuliren, ist es unbedingt nöthig, Leute +zu haben, welche nicht allein die ächten von den nachgemachten +unterscheiden können, sondern auch den Reisenden mit den für ihn +brauchbarsten Münzsorten oder Tresorscheinen versehen. + +Hunderte von Banken streuen jährlich ihre Noten unter die Bevölkerung +der Vereinigten Staaten aus; viele bestehen fort und lösen später das +ausgegebene Papiergeld wieder mit Silber ein, die meisten aber machen +bankerott oder thun wenigstens was gleichbedeutend ist: sie nehmen nicht +einmal mehr ihr eigenes Geld für den vollen Werth an, so daß es 20, 30, +ja bei dem Mississippi-, Arkansas-, Atchafalaya- und Texas-Geld schon +bis zu 70 und 80 Procent gefallen ist. Am schlimmsten stehen sich bei +diesem fortwährenden Schwanken des Geldcurses die armen Leute, die +Arbeiter und Tagelöhner, welche am Ende des Monats ihre paar Thaler in +irgend einem Papiergeld ausbezahlt bekommen, das, wie ihnen der Broker +sagt, »gut« ist -- und wofür sie auch ihre Bedürfnisse an Kleidern und +Schuhwerk kaufen können; morgen aber vielleicht schon heißt es -- »die +und die Bank hat ihre Zahlungen eingestellt.« Niemand nimmt die Noten +mehr zu dem vollen Werth, und der Mann, welcher sich schwer und hart für +die wenigen Dollars geplagt hat, verliert noch 15 bis 20 Procent daran, +während die Bank von ihren eigenen Noten, so viel sie bekommen kann, +schnell zu dem gefallenen Preis aufkauft und nach ein paar Monaten, +nach deren Verlauf sie sich wieder für zahlungsfähig erklärt, Tausende +verdient hat. + +Ein fürchterlicher Mißbrauch wird mit diesem Papierwesen getrieben, +und daneben existirt fast keine Bank, von der nicht Verfälschungen +circuliren, zu deren Entdeckung wöchentlich Broschüren ausgegeben +werden, welche die Namen der sogenannten »=counterfeits=« und den +Werth der verfälschten Noten angeben. Auch hier ist es wieder der Arme, +welcher durch diese den meisten Schaden leidet, da er die ächten selten +von den unächten zu unterscheiden vermag. + +Das wenige Silber und Gold hat übrigens durch die ganze Union denselben +Werth und dasselbe Gepräge, wenn auch hie und da andere Namen, nur +ist Cincinnati die westlichste Stadt, in welcher Kupfergeld circulirt +(Cente, hundert auf einen Dollar); schon in Louisville, 150 Meilen +westlich, kennt man als kleinste Münzsorte nur Picayunes oder =half +dimes= (6¼ und 5 Centstücke), die von dort an einen andern Werth +haben, und mit denen gegen die aus den östlichen Staaten ein bedeutender +Handel getrieben wird, indem die =half dimes= dort, selbst noch +theilweise in Cincinnati, nur 5 Cent gelten, und weiter den Ohio +hinunter und am ganzen Mississippi für 6¼ angenommen werden. + +Die Broker haben ihre kleinen, zierlich ausgeputzten Locale gewöhnlich +an Straßenecken, um recht in die Augen zu fallen, und suchen etwas +darin, durch in den Fenstern ausgelegte Packete Banknoten und kleine +Haufen von Goldstücken die Augen der Vorübergehenden auf sich zu ziehen. + + +Auctionen. + +In einem Lande, wo so viel und so großartig speculirt wird, wie in +Amerika, ist es eine sehr natürliche Folge, daß sich auch Tausende in +ihren Erwartungen und Hoffnungen betrogen finden, deren Eigenthum und +Waare dann den Weg in die zahlreichen, durch die ganze Stadt zerstreuten +Auctionslocale findet, und hier auf eine oft unglaubliche Art unter dem +Werth verschleudert wird. + +Eine kleine hellrothe Fahne, über der Thür aufgesteckt, zeigt am Tage +den Ort an, wo Abends mit dem Glockenschlag sieben der Ausverkauf +beginnen wird, und Kauflustige oder Neugierige treiben sich, einander +ablösend, fortwährend vor und in diesen Localen herum, um die am Abend +vorkommenden Waaren zu betrachten und zu prüfen; mit einbrechender +Dämmerung jedoch, wo die blutrothe Flagge übersehen werden könnte, +stellt sich irgend ein Mann oder Knabe, sehr häufig ein besonders hierzu +gemietheter Neger, mit einer Handglocke vor das Auctionslocal, und +läutet pausenlos auf eine ohrenzerreißende Art, um die Bevölkerung +von Cincinnati darauf aufmerksam zu machen, daß die Versteigerung bald +beginnen werde. Es sind wohl zwölf bis funfzehn verschiedene Auctionen +an jedem Abend, und hier kaufen besonders die umherziehenden Krämer +ihre Waaren ein, mit denen sie später die Farmer im Innern des Landes +beglücken. + +Der Auctionator steht auf einer von dem Platz, welchen die Käufer +einnehmen, getrennten hohen Bühne, die es ihm möglich macht, alle +zu sehen, wie von allen gesehen zu werden, und die zu versteigernden +Gegenstände werden ihm durch einen zweiten von innen hinausgereicht. Von +dem Mittelpunkt dieser Bühne aus läuft ein schmaler, langer Tisch +bis fast zur Thür hin, um auf diesem vorkommende Ausschnittwaaren +aufzurollen und den Kauflustigen besehen zu lassen. Die Waaren selbst +sind übrigens sehr gemischter Art -- Tuche und Steingut, Bijouterien +und Glaswaaren, Kattune und Bücher, eiserne Geräthschaften und Porzellan, +Schuhe und Hüte, Weine, Liqueure, eingemachte Früchte und Austern, alles +wird wild durcheinander feil geboten, wobei sich der Auctionator durch +eine fast fabelhafte Zungenfertigkeit auszeichnet, mit welcher er das +ausbietende und aufmunternde =going, going, going, going=, ruft, daß das +Ohr dem Klange kaum zu folgen vermag, bis ein entscheidendes »=gone!=« +den Bietenden entweder erschreckt oder erfreut. + +Allerdings hat man öfters die Gelegenheit auf diesen Auctionen Waaren +zu einem Spottpreis einzukaufen, im Ganzen ist es aber doch sehr +gefährlich, denn entweder wird der mit den Gebräuchen nicht Bekannte +angeführt, oder kauft, durch den anscheinend billigen Preis bestochen, +eine Masse von Sachen, die er mit gutem Gelde bezahlen muß und nachher +nicht gebrauchen kann. + + +Kleiderladen + +sind in Amerika, wo alles so zauberhaft schnell geht und die Menschen +sich fast stets unterwegs befinden, unentbehrlich -- wie hätte der +Amerikaner Zeit, sich einen Rock anmessen und nachher machen zu lassen. +Oft Hunderte von Meilen verreisend, nimmt er gewöhnlich als einziges +Gepäck ein kleines Felleisen mit, in welchem er ein Hemd und mehrere +reine Vorhemdchen und Kragen führt, das ist das einzige, was er +waschen läßt, alles übrige wird, sobald getragen oder zerrissen, +neu angeschafft. Kleiderläden, in denen man jedes zum Anzug Nöthige +antrifft, findet man daher auch in jeder Stadt und besonders gleich an +den Dampfboot-Landungen in großer Anzahl, die fast alle, sei es nun im +Norden oder Süden, New-York oder New-Orleans, St. Louis, Cincinnati, +Buffalo oder Charlestown, von deutschen Juden gehalten werden. Wie +die Yankees den fast alleinigen Uhrenhandel an sich gerissen haben, so +verhält es sich mit den Israeliten und Kleiderläden, in keiner Stadt +aber mehr als in Cincinnati, das gewissermaßen den Mittelpunkt bildet, +von welchem sie sich in die ganzen westlichen Staaten zerstreuen, um +als wandernde Krämer mit Tragekasten oder Lastpferd ihre Waaren +feilzubieten, oder auch in der Stadt selbst bleiben und am Werft wie in +den Hauptstraßen vor ihren Läden förmlich auf die Vorbeigehenden lauern. +Gnade Gott dem armen Teufel, der mit etwas schäbigen Kleidern und einem +sehnsüchtigen Blick auf die zur Schau ausgehängten Anzüge vorüber +geht, er ist unrettbar verloren; der Verkäufer, ein auf das Eleganteste +angezogener Jüngling, der nie deutsch spricht, außer da, wo er sieht, +daß der, mit dem er es zu thun hat, auch kein Wort englisch versteht, +stürzt auf ihn zu, faßt ihn um die Taille, und zieht ihn unter den +zärtlichsten Vorwürfen, daß »so ein hübscher Mensch solch abgerissenes +Zeug trage,« in den Laden; hat dieser dann noch hinlänglich baares Geld, +und sei es nur genug, um ein Taschentuch zu kaufen, bei sich, so kommt +er selten ohne irgend einen aufgedrungenen Artikel fort. + +Freilich laufen diese Ladenjünglinge auch manchmal der unrechten +Person in den Weg und ernten Grobheiten oder gar Ohrfeigen für ihre +Zudringlichkeit; was thut's aber, sie leiden ja für die heilige Sache, +und der nächste Vorüberwandernde entgeht darum seinem Schicksal doch +nicht. + +Durch die in den Zuchthäusern gefertigten Schuhe und Kleidungsstücke, +wie durch den geringen, wahrhaft grausamen Preis, welchen arme +Nähmädchen für eine Tagesarbeit bekommen, sind Kleidungsstücke, was +nicht Seide oder Tuch ist, erstaunlich billig geworden, so daß man jetzt +selbst in New-Orleans ein baumwollenes Hemd mit leinenem Vorhemd und +Kragen für Einen Dollar kauft, ebenso recht gut aussehende Schuhe +und Beinkleider, Jacken und Westen für Einen Dollar das Stück. Wie +nachlässig übrigens diese Sachen gefertigt sind, kann man sich denken; +es soll aber alles schnell gehen, die Dauer und Solidität der Arbeit +kommt nicht in Betracht. So z. B. kündigte eine Wäscherin (Mulattin) vor +mehreren Jahren in Cincinnati, in Mainstreet, durch ihr Aushängeschild +an, daß sie jedes ihr anvertraute Kleidungsstück »in _einer_ Stunde +wasche und trockne;« auf welche Art der Stoff dabei behandelt wurde, +läßt sich denken. + + + + +Der wunderbare Traum. + + +Im Staat Pensylvanien, dicht am nordwestlichen Fuß der Alleghanies, +liegt oder lag vielmehr das kleine Städtchen Seneka, das damals, als man +es gründete, von Ansiedlern fast überschwemmt ward; denn jeder Einzelne +hoffte goldene Berge in dem neu entdeckten Eldorado zu finden und +Seneka bald als den Brennpunkt des Staates zu sehen, nach dem sich aller +Verkehr, wie die Blumen zur Sonne, hinwenden müsse. + +Jetzt sind freilich diese schönen Träume größtentheils in ihr +ursprüngliches Element _Luft_ zurückverschwommen, und ein allein +und einsam stehendes Farmhaus kündet die Wohnung des »_Letzten der +Senekaner_,« der hier, allen früheren Plänen und Hoffnungen von +gepflasterten Straßen und Gaßbeleuchtung entsagend, gar ehrsam Ackerbau +und Viehzucht treibt. + +Noch vor zwölf Jahren aber, und in derselben Zeit, von der ich hier +erzählen will, befand sich Alles in seiner Blüthe; mehre Wirthshäuser +waren angelegt, ein Gerichtshaus und ein Gefängniß standen fertig +aufgerichtet und wurden auch schon benutzt, denn es fehlte nur noch das +Dach zu beiden, mehre kleine Stores oder Läden waren etablirt, in denen +der fleißige Städter Whiskey beim Quart und Kaffee, Zucker und Kattun, +wie Schuh und Stiefel, Ackergeräth, Kochgeschirr etc. etc. etc., +kaufen konnte, und zwei Schul- und Kirchengebäude, das eine den +Presbyterianern, das andere den Baptisten gehörig, standen zum frommen +Dienst bereit und wurden von der gottesfürchtigen Gemeinde gar häufig +benutzt. + +Wie es nun aber stets bei so neuerrichteten und gegründeten Städtchen +geht, so sammelte sich auch dort ein buntes Gemisch von allerlei oft +recht wunderlichen Leuten, und wo viel gute und ordentliche Menschen +sind, da bleibt es fast nie aus, daß sich auch ein parr rauhe, wilde +und nichtsnutzige Gesellen mit einschwärzen, die dann so lange mit der +übrigen Bevölkerung auf einem Fuß stehen und mit ihr gleiche Achtung +und gleiche Rechte genießen, bis sie entweder selbst sehen, daß die Zeit +naht, wo sich jeder brave Mann von ihnen fern hält und sie ihr +Wesen nicht länger treiben können, oder die Gemeinde auch fest und +entschlossen auftritt und sie ausstößt. + +Ein solcher Bursche, zu allem Schlechten fähig und zu nichts Gutem zu +gebrauchen, war ein junger Kentuckier, Hills, der sich eine Zeitlang +auf dem Monongahelafluß als Flatbootmann herumgetrieben hatte, und nun +einmal versuchen wollte, ob er's nicht schneller und bequemer »in der +Stadt« zu etwas bringen könne. + +Er lebte oder »boardete« wie man dort sagt, im Hause eines Irländers, +eines braven fleißigen Mannes, der mit seiner jungen Frau erst kürzlich +aus dem alten Vaterlande herüber gekommen, und von einem der sogenannten +Landhaye in New-York auch gleich beredet worden war, sich hier in +Seneka, der künftigen Königin aller westlichen Städte anzukaufen und +niederzulassen. Hills aber, der an nichts Heiliges, weder im Himmel noch +auf Erden glaubte, fand Gefallen an der jungen Irländerin und suchte +sich ihr, wenn ihr fleißiger Mann sein kleines Grundstück bearbeitete, +zu nähern und sie sich geneigt zu machen. Diese aber wies ihn ernst und +strenge zurück und drohte endlich, als Alles das nichts half, ihren +Mann von dem nichtswürdigen Betragen seines Hausgenossen in Kenntniß zu +setzen. + +Eine Zeit lang schüchterte das den Kentuckier ein, denn der Irländer +war ein kräftiger Gesell und verstand sicherlich, was seine Hausrechte +betraf, keinen Spaß; eines Abends aber, als er der jungen Frau im Walde +begegnete, die gerade eine kranke, nicht sehr entfernt wohnende Freundin +besucht hatte, und nun zu Hause zurückkehren wollte, schloß er sich ihr +an und wurde nach wenigen miteinander gewechselten Worten so frech und +zudringlich, daß sie ihm mit lauter Stimme drohte, um Hülfe zu rufen, +wenn er sich nicht gleich entferne, als plötzlich mit zorngerötheten +Wangen und finster zusammengezogenen Braunen ihr Mann aus den +benachbarten Büschen sprang und im nächsten Augenblick neben dem +erbleichenden Kentuckier stand. + +Was an jenem Abend weiter vorgefallen hat nie ein Mensch erfahren, +am nächsten Morgen aber fand man, durch Blut in der Straße aufmerksam +gemacht, den Kentuckier mit zerschmettertem Schädel im Gebüsch liegen. +Er schien schon mehrere Stunden todt, und jede Hülfe kam zu spät. Noch +an demselben Abend wurde er begraben. + +Wüthend durchtobten aber indessen die Freunde des Ermordeten die kleine +Ansiedlung und forschten nach dem Mörder; ja selbst der stillere Theil +der Bevölkerung, die Baptisten und Presbyterianer, waren entrüstet, daß +in ihrer ruhigen und frommen Gemeinde so etwas vorgefallen war. Durch +einen kleinen Knaben ward endlich der Verdacht auf den Irländer gelenkt, +denn dieser hatte ihn noch spät Abends mit seiner Frau zu Hause kommen +gesehen, und zwar gerade aus jenem Weg, neben welchem die Leiche lag +und der kleine Bursche behauptete dabei steif und fest, der Irländer sei +blutig im Gesicht gewesen. + +Man forschte jetzt genauer nach, durchsuchte das Haus und fand -- +sorgfältig hinter einer großen Kiste versteckt, eine baumwollene Jacke, +an welcher noch frische Blutflecken nicht zu verkennen waren. Zwar +behauptete Mac Ferson (der Name des Iren), einen Hirsch erst an dem +Nachmittag erlegt und den Kentuckier wohl gesehen, aber keinen Streit +mit ihm gehabt zu haben; in seinem ganzen Wesen ließ sich aber dabei +eine gewisse Verlegenheit nicht verkennen, und weder seine Betheuerungen +»er sei unschuldig,« noch die Bitten seiner Frau halfen ihm etwas; er +wurde gebunden und in das Gefängniß -- ebenfalls ein aus starken Stämmen +errichtetes Blockhaus -- abgeführt. + +Dort blieb er den Tag seinen einsamen Betrachtungen überlassen, und +wurde am nächsten Morgen, da gerade Gerichtstag im Städtchen war, vor +seine Richter, vor die Geschworenen gestellt. Hier aber schien leider +Zeugniß auf Zeugniß _gegen_ den armen Teufel auftauchen zu wollen, denn +außer dem blutigen Kleidungsstück hatte man noch ganz nahe bei seiner +Wohnung einen ebenfalls mit Blut befleckten schweren Knittel gefunden, +und mehrere Einwohner sagten dabei aus, Mac Ferson habe sich mehre Male +gegen sie geäußert, er glaube, seine Frau gefalle dem Kentuckier, und er +wolle sich nur erst Beweise verschaffen, ehe er ihn fühlen lasse, was +es heiße, den Rechten eines Irländers zu nahe zu treten. Mac Ferson +leugnete dies auch nicht, blieb aber bei seiner Behauptung, an dem +Nachmittag keinen Streit mit dem Kentuckier gehabt, ja kein einziges +Wort mit ihm gewechselt zu haben und betheuerte nur in einem fort seine +Unschuld. + +Der Staatsanwalt versuchte jetzt ihn durch Kreuzfragen zu verwirren, Mac +Ferson war aber nicht der Mann, der sich, wenn wirklich schuldig, durch +einen Advokaten außer Fassung bringen ließ -- er blieb dabei, das an der +Jacke gefundene Blut sei von einem Hirsch, und man sah sich gezwungen, +ihn aufzufordern, die Männer zu der Stelle hinzuführen, wo er den Hirsch +geschossen habe. Der Ire war auch gern bereit dazu, aber erst seit +kurzer Zeit in Amerika, behauptete er mit dem Wandern im Walde nicht +recht vertraut zu sein, indem er nie genau wisse, nach welcher Richtung +er sich wenden solle, sobald er einmal mitten zwischen den Bäumen sei, +den Ort also auch nicht wiederfinden könne, wo er das Wild erlegt und +aufgebrochen hätte. Er bat daher die Richter nur, in dieser Gegend herum +mehrere Männer zu postiren, die dann bald aus dem Flug der Aasgeier +erkennen könnten, nach welcher Richtung zu die im Walde zurückgelassene +Beute läge. + +Er war dabei so ernst und ruhig, blieb sich in allen seinen Antworten so +gleich, und widersprach sich nicht ein einziges Mal, so daß die Männer, +die sein Urtheil sprechen sollten, wirklich anfingen, trotz allen +vorliegenden und fast unumstoßbaren Beweisen, an seine so fest +betheuerte Unschuld zu glauben und den Bitten des Gefangenen +willfahrten. Vergebens aber blieb ihr Suchen; alle Bussards und Adler +schienen die Gegend verlassen zu haben, und erst am dritten Tag, als +man auch noch ein kleines Scalpiermesser bei ihm gefunden hatte, was der +Ermordete an demselben Abend, wo er erschlagen worden, in dem nächsten +kleinen Laden aus der Scheide gezogen, um Brod damit abzuschneiden, +glaubte man hinlängliche Beweise (=circumstantial proofs=) zu besitzen, +ihn auch ohne sein Eingeständniß zum _Tode durch den Strang_ zu +verurtheilen. + +Er lauschte dem Spruch ruhig und ohne eine Miene zu verziehen, nur nahm +sein Gesicht eine fast noch bleichere, leichenähnlichere Farbe an und er +sagte dann, sich mit leiser aber doch deutlich klingender Stimme an die +Geschworenen wendend, »daß er sie nicht tadeln könne, sie haben ihre +Schuldigkeit gethan, Alles scheine gegen ihn zu sprechen und die +Menschen müßten ihn wohl für schuldig halten, Gott aber wisse, wie +er schuldlos sei, und wenn es mit seinen weisen Rathschlüssen +übereinstimme, so werde er ihn auch wohl noch zu retten und seine +Unschuld dazuthun wissen.« + +So rückte der letzte Abend heran, und seine Frau, der man den Zutrit +zu ihm natürlich gestattete, blieb mehrere Stunden in der engen Zelle, +hielt sich aber sehr gefaßt und ruhig und sprach ihm sogar Muth ein -- +Gott werde ihn schon nicht in dem fremden Lande verlassen -- er solle +nur auf ihn bauen. Mac Ferson verlangte dann nach dem Priester; es war +aber in der ganzen Ansiedelung kein katholischer Geistlicher, und der +Ire bat dann, ihm einen Prediger der Baptisten zu senden, da er sich +nach dem Trost der Religion sehne, wenn dieser auch aus einem nicht +katholischen Munde käme. + +Das freute die Baptisten ungemein und machte ihm ihre Herzen sehr +geneigt. Der Prediger der kleinen Schaar, ein kleiner hagerer Mann, mit +einem etwas abgetragenen blauwollenen Frack, sehr eingefallenen Wangen +und etwas stieren gläsernen Augen, auf der scharfgebogenen Nase eine +gewaltige Brille, säumte denn auch nicht lange, und versicherte ihm +nach kurzer Unterredung, daß er, sei er nun des angeklagten Verbrechens +schuldig oder nicht, in wenigen Stunden am Throne des Höchsten +Verzeihung für seine Sünden und Gnade in den Augen des Allerbarmers +finden würde. + +Mac Ferson betete wohl bis zwölf Uhr in dieser Nacht mit dem frommen +Manne, beichtete ihm alle seine Sünden, gestand auch, wie er schon, +seit er das freie Land Amerika betreten, gewünscht habe dem katholischen +Glauben zu entsagen und sich den Baptisten anzuschließen, deren einfache +Formen ihm stets am meisten zugesagt, und bewies sich so zerknirscht, so +weich und religiös, daß der Prediger diesen Augenblick nicht ungenützt +vorüber lassen zu dürfen glaubte, und dem Verurtheilten noch einmal +dringend an's Herz legte, das letztverübte Verbrechen zu gestehen, damit +er vor Gott Nichts habe, was noch einen schwarzen Schatten auf seine +Seele werfen könne. Hier blieb der Unglückliche aber verstockt und +behauptete nur, der liebe Gott wollte ihn durch diesen unverschuldeten +Tod für all' seine früheren Sünden und Laster strafen, an dem +vergossenen Blute sei er jedoch unschuldig und der Kentuckier müsse von +einem Anderen erschlagen sein. + +»Ich habe einen Verdacht,« sagte er dann wie überlegend nach kurzer +Pause, »aber er ist zu weit hergeholt, zu unwahrscheinlich, als daß +ich es gewagt hätte, ihn vor den Geschworenen zu äußern; es würde meine +Sache vielleicht noch verschlimmert haben.« + +»Aber _mir_ könnt Ihr ihn entdecken, armer Mann,« sagte der Prediger -- +»meinem Herzen könnt Ihr ihn vertrauen; wer weiß, ob nicht vielleicht +dadurch noch Rettung für Euch möglich ist.« + +»Ach nein, ehrwürdiger Herr,« erwiederte der Ire -- »der Verdacht ist +zu wild, zu oberflächlich, doch _Ihr_ sollt ihn hören. Erst vorgestern +äußerte der Kentuckier -- wie auch allenfalls meine Frau bezeugen +könnte, denn wir saßen zusammen am Tisch -- daß er glaube einen Menschen +hier in der Gegend gesehen zu haben, der seinen Wohnort umschliche, und +dessen Anwesenheit er eigentlich fürchten solle, da er ihn früher einmal +tödtlich beleidigt habe. Damals achteten wir nicht sonderlich auf die +Worte, jetzt aber, da der Unglückliche erschlagen ist, kann ich kaum +umhin zu glauben, daß jener Fremde die That verübt hat.« + +»Aber weshalb erwähntet Ihr diesen so wichtigen Umstand nicht bei Euerem +ersten Verhör?« rief der Prediger aus. »Man hätte in der benachbarten +Gegend nachforschen und den Mörder, wenn es wirklich jener Fremde war, +vielleicht auffinden können.« + +»Ich wußte nicht gewiß, ob Jener der Thäter sei,« sagte der Ire mit +frommen zum Himmel gerichteten Blicken, »und wollte keinen Unschuldigen +in's Verderben bringen.« + +So lange blieben die beiden Männer nun noch im Gespräch und Gebet +zusammen, bis der Diener des Herrn fast wirklich von der Unschuld des +armen Irländers überzeugt war; das einmal gesprochene Urtheil ließ sich +aber einer solchen oberflächlichen Vermuthung nach nicht abändern, und +die Stunde rückte heran, in welcher der zum Tode Verdammte die Strafe +für ein Verbrechen erleiden sollte, das er, wie jetzt ein großer Theil +der Bewohner von Seneka zu glauben anfing, gar nicht begangen. Der +Baptist hatte nämlich seiner ganzen Gemeinde am nächsten Morgen das +in der Nacht erhaltene Geständniß des armen Iren mitgetheilt, wobei +er nicht zu erwähnen vergaß, mit welch frommem Herzen er sich ihrer +Religion zugeneigt und dem Papstthum entsagt habe, und wer weiß, ob +nicht schon aus diesem Grunde eine Art Gnadenakt zu seinen Gunsten +ausgeübt wäre, hätten sich die Presbyterianer dabei nicht in's Mittel +geschlagen, die schon das mit neidischen Augen betrachtet hatten, daß +der Katholik die Religion der Baptisten der ihren vorgezogen. + +Der Baptistenprediger suchte etwa zwei Stunden vor der Execution den +Verurtheilten wieder auf und frug ihn, ob er vielleicht noch wünsche, +seine Frau vor seinem Tode zum letzten Mal zu sehen; Mac Ferson +verneinte das aber, indem er sagte, er habe schon Abschied von ihr +genommen, und wolle sich das Sterben nicht durch eine zweite solche +Scene erschweren. Sein ganzes Benehmen war aber an diesem Morgen so +sonderbar, so eigenthümlich, daß es nicht umhin konnte, dem frommen +Manne aufzufallen, der dann natürlich gar eifrig in ihn drang, ihm das +zu entdecken, was seine Seele noch belaste, damit er rein und sündenfrei +vor den Thron des Höchsten treten könne. Der Baptist glaubte nicht +anders, als Mac Ferson fange an, durch die Nähe seiner letzten Stunde +geängstigt, sein bisheriges verstocktes Leugnen zu bereuen, und wolle +nun bekennen, daß er das Verbrechen doch begangen habe. + +Mac Fersons ganzes Benehmen schien ihn auch darin zu bestärken, denn +erst war er unruhig, ging mit etwas verstörten Blicken in dem engen +Raume auf und ab, und beantwortete fast alle an ihn gerichteten Fragen +zerstreut und wie mit ganz andern Dingen beschäftigt. Der Mann Gottes +bat ihn zwar mehrere Male, seine Blicke nun der Ewigkeit zuzuwenden, an +deren Pforten er in wenigen Minuten stehen würde; der Ire schien jedoch +das Alles nicht zu beachten, preßte aber oft die Hände gegen die Stirn, +als ob ihn ein wilder Traum schrecke oder irgend ein, vor seiner Seele +ansteigendes Bild ängstige, bis endlich die Stunde schlug, die zu seiner +Hinrichtung bestimmt war, und erst als er den nahenden Sheriff hörte, da +warf er sich auf die Kniee nieder, betete mit leiser flüsternder Stimme +ein kurzes Gebet, und gestand nun dem Prediger, er habe einen Traum +gehabt, von dem er nicht wisse, ob er ihm von Gott, oder von dem +Erzfeind, dem Teufel, gesandt sei. + +Der Prediger drang jetzt in ihn, ihm den Traum mitzutheilen, der +Gefangene wies aber auf den eben eintretenden Sheriff, der mit zwei +Constablen in der Thür erschien, und flüsterte leise: + +»Es ist zu spät!« + +»Nein Mann -- nein -- es ist _nicht_ zu spät,« rief der fromme +Geistliche entsetzt, »das wolle Gott verhüten, daß Ihr in Euerem letzten +Augenblick daran verhindert werden solltet mir mitzutheilen, was Euere +Seele peinigt -- nein -- der Sheriff ist ein braver Christ und wird +sicherlich nicht solche Verantwortung vor Gott auf sich nehmen wollen.« + +Dieser versicherte auch dem Geistlichen augenblicklich, daß er gern +bereit sei, noch eine Viertelstunde zu warten, die Zuschauer wären +aber versammelt, und länger dürfe er den Ausspruch des Gesetzes nicht +verzögern. Er zog sich dann nebst seinen Begleitern zurück und mehre +Sekunden sah ihm Mac Ferson sinnend und ernst nach; dann aber wandte er +sich an den frommen Mann und sagte mit fester, ruhiger Stimme: + +»Ich sehe, ich darf nicht länger zögern; der Augenblick, der mich mit +meinem Gott vereinen soll, ist gekommen. Vorher, ehrwürdiger Herr, +erfahren Sie aber noch einen Traum, den ich in letzter Nacht geträumt +und der mir in diesem Moment fast mehr als Traum scheint -- ich habe den +Mörder des Kentuckiers gesehen!« + +»Großer Gott -- wär' es möglich!« rief der Prediger, überrascht von +seinem Stuhle aufspringend, »hätte Euch Gott in seiner unendlichen Güte +den wahren Mörder gezeigt und wäret Ihr wirklich unschuldig? Wer war +es?« + +»Ich kenne ihn nicht.« + +»Keiner aus dieser Stadt?« + +»Nein!« + +»Und Ihr habt ihn früher nie gesehen?« + +»Nie!« + +»Aber was, um des Heilandes willen, soll Euch das nützen? wer wird Euch +glauben? wie wollt Ihr den Mann zur Stelle schaffen?« + +»Ich kenne seinen Aufenthalt« -- + +»Ihr? aber woher?« + +»Ich sah ihn im Traum -- doch hört mich und sagt mir nachher, was ich +thun, ob ich schweigen oder dem Volk den Traum bekannt machen soll. +Mir war, als ob ich langsam, mit meiner Axt auf der Schulter, durch +den Wald, und zwar auf demselben Fahrweg, auf dem der Mord geschehen, +hinschlenderte, als ich plötzlich um eine Ecke bog, die hier durch +dichtes Gestrüpp und einige umgestürzte Fichten gebildet wurde. Was ich +dort wollte, weiß ich nicht mehr, denn ich bin nie so weit mit der Axt +in dem Walde gewesen, aber mir war wunderbar leicht zu Muthe und ich +hätte von der Erde auffliegen und über die Baumwipfel dahinstreichen +mögen. Es kommt Einem ja manchmal im Traum ein ähnliches Gefühl. Da, wie +gesagt, bog ich um jenes Dickicht herum und sah ein Schauspiel vor mir, +das mir das Blut in den Adern zu Eis erstarren machte. Mitten im +Fahrweg lag die große, kräftige Gestalt des Kentuckiers, und über +sie hingebeugt, eben wieder zu erneutem Schlage ausholend, stand ein +schlanker, schmächtig gebauter Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer +breiten Binde um das linke Auge, die sein halbes Gesicht verdeckte, und +einem gelben, breiträndigen Strohhut auf dem Kopfe. Er trug ebenfalls +einen hellen Rock, und wenn ich nicht irre, blaue Beinkleider und +Schuhe.« + +»Sie erstaunen vielleicht, daß ich das Alles so deutlich und genau +behalten konnte, aber als ich den Mörder gewahr wurde, stand er, wie aus +Stein gehauen, mit der gehobenen Waffe über seinem Opfer, und mehrere +Minuten lang verharrten wir Beide so, starr und regungslos, wie die uns +umgebenden Riesenstämme des Waldes.« + +»Da fand _ich_ zuerst Leben und Bewegung wieder und stieß einen lauten, +durchdringenden Hülferuf aus, denn jetzt durchzuckte mich wie mit +Blitzesschnelle der Gedanke: _dort_ steht der wirkliche Mörder und +_Dich_ wird man dafür bestrafen, wenn _Du_ ihn nicht ergreifst und +festhältst. In demselben Augenblick aber begann auch der finstere Fremde +sich zu regen; der schwere, keulenartige Stock fiel noch einmal mit +dumpfem Schall auf den schon zerschmetterten Schädel des unglücklichen +jungen Mannes nieder, und eilenden Laufes entfloh dann der feige Mörder +in das Dickicht. Mir aber ward es in diesem Augenblicke klar. »_Er oder +Du!_« rief ich mir zu, und mit einer Schnelle, die ich damals selber +nicht begreifen konnte, folgte ich dem Flüchtling in das wildeste +Dickicht der Niederung.« + +»Wohl erinnere ich mich, wie ich dabei über meine eigene Kenntniß der +Waldpfade erstaunte, ich, der ich sonst kaum zwanzig Schritte weit den +gebahnten Weg zu verlassen wagen durfte, aus Furcht, mich zu verirren. +So folgte ich dem Mörder, dessen leichte Gestalt immer in gleicher +Entfernung vor mir blieb, den ich aber nicht zu erreichen vermochte, bis +es mir endlich vorkam, als ob ich ihm, zwar langsam, aber doch sicher, +näher und näher rücke.« + +»Eine Stunde waren wir auf diese Art, wie mir träumte, gerannt, als wir +eine Gegend erreichten, die mir bekannt schien, und ich sah bald, daß +wir in einem weiten Bogen Seneka umlaufen hatten. Wir befanden uns nicht +weit von der großen Straße nach Pittsburg, gerade da, wo die beiden +tiefen Höhlen in den Berg hineingehen, und der Verfolgte mußte wohl in +einer derselben Schutz suchen wollen, denn ich war ihm jetzt dicht auf +den Fersen und hatte schon die Axt erhoben, um ihn vielleicht zu treffen +und nieder zu werfen -- -- als Sie, ehrwürdiger Herr, an die Thüre +klopften. Ich fuhr erschreckt empor und -- erwachte. Der Traum war +verschwunden und anstatt frei im Walde, auf der Spur des wirklichen +Thäters, fand ich mich wieder gebunden und eingekerkert, wie ein zur +Schlachtbank bereit gehaltenes Opferthier.« + +Mac Ferson warf sich stöhnend auf sein Lager zurück und der Prediger +stand tief erschüttert neben dem Unglücklichen, den er nicht einmal zu +trösten vermochte. Da mahnte ihn das wiederholte Klopfen des Sheriffs an +die ihres Opfers harrende Gerechtigkeit und er schritt schnell zur Thür, +diese zu öffnen. Rasch hatte er aber auch seinen Entschluß gefaßt, und +dem eintretenden Beamten den Gefangenen überlassend, rief er diesem nur +mit wenigen Worten zu, noch nicht zu verzagen, der alte Gott lebe noch, +und eilte dann flüchtigen Schrittes dem Executionsplatz zu, wo schon die +ungeduldig harrende Menge an zu murren, ja an zu toben fing, daß man die +versprochene Hinrichtung so lange -- verschiebe. -- Dieselben Männer, +die noch nicht einmal recht von der Schuld des Verurtheilten überzeugt +waren, murrten, daß sie eine Viertelstunde länger seinen _Tod_ erwarten +sollten. + +Da kam schnellen Schrittes der Prediger herbei -- er bestieg das +Schaffot, mit kurzgefaßten aber klaren und zum Herzen dringenden Worten +rief er von dem todmahnenden Gerüst seine Überzeugung herab, daß der +Angeschuldigte das Verbrechen _nicht_ begangen, Gott selbst aber ihm +durch einen wunderbaren Traum den Mann gezeigt, ja offenbaret habe, der +schuldig und zum Tode reif sei. + +Mit wenigen Worten erzählte er nun den ganzen Traum Mac Fersons, und +wenn auch zwei gerade anwesende presbyterianische Geistliche sehr +mitleidig darüber mit den Köpfen schüttelten, so war doch das Volk +selbst nur zu gern bereit, einer so geheimnißvollen Enthüllung eines +Verbrechens Glauben zu schenken und mit Jubelruf wurde der jetzt +herbeigeführte Gefangene empfangen. Zwar hielten die Constabel die Masse +zurück und ließen sich den ihnen Überlieferten nicht entreißen, aber dem +ganzen Andrang der Menge konnten sie nicht widerstehen. Alles tobte und +schrie: + +»Nach den Höhlen! -- nach dem Schlupfwinkel des Mörders! Gott selber +hat seinen Versteck dem rächenden Arme des Gerichts verrathen! nach den +Höhlen -- fort nach den Höhlen!« + +Und den Gefangenen in der Mitte, von dem Baptistenprediger angeführt, +wogte die Menge dem etwa drei Meilen entfernten Gebirgszweig zu, an +dessen Fuß sich jene, in der Ansiedlung genugsam bekannten Höhlen +befanden, in die, wie der Traum gesagt, der Verbrecher geflohen war. Die +breitausgehauene Countystraße führte auch in kaum fünfhundert Schritten +daran vorüber und auf dieser hin wälzte sich der Zug in unaufhaltsamer +Eile. Dort aber angelangt, wo die Männer die befahrene Straße +verlassen und die pfadlose Wildniß betreten mußten, hielt sie ein alter +Backwoodsman, ein Freund des erschlagenen Kentuckiers, auf und erklärte, +daß sie, wenn sie auf solche Art noch weiter vorrückten, den Flüchtling +im Leben nicht einholen würden, der ja schon eine halbe Stunde vor ihrer +Ankunft den Lärm hören mußte, den sie machten, und dann natürlich nicht +warten werde, bis sie herankämen und ihn einfingen. Er schlage daher +vor, daß man sechs oder acht Jäger voranschicke, die sich anschleichen +und das Terrain vorher recognosciren sollten; bemerkten diese dann vor +den Höhlen und in der Nachbarschaft derselben nichts Verdächtiges, dann +war es ja noch Zeit, die ganze Masse herbeizurufen. + +»Haben wir nachher den Raum umzingelt,« fuhr der rauhe Backwoodsman +in seiner Rede fort, »so kann uns nichts Lebendes, was in den Höhlen +steckt, entgehen, denn die mitgebrachten Fackeln werden Licht genug +geben; und finden wir ein solches Subject, wie unser Gefangener hier im +Traum gesehen haben will, nun gut, so mag der seine Stelle einnehmen, +denn wenn er ein gutes Gewissen hätte, triebe er sich nicht in den +Schluchten und Felsecken herum. Finden wir aber _Nichts_, wie es mir +fast am wahrscheinlichsten vorkommt, so schlag' ich vor, daß wir dann +mit dem Wunder sehenden Mosje keine weiteren Umstände machen, sondern +ihn an die erste beste Eiche aufhängen, denn umsonst soll er uns doch, +beim Teufel, nicht in den April geschickt haben.« + +Dieser Plan schien allgemein anzusprechen, schnell und geräuschlos +wurden die Männer ausgewählt, die den Grund und Boden vorher +recognosciren sollten, und der Sprecher, zum Führer ernannt, ordnete +systematisch, wie bei einer Treibjagd, den Plan zum Vordringen. + +Nach einigen, mit dem Gefangenen gewechselten Worten, hielt aber der +Baptist die eben aufbrechenden Männer noch zurück, und schärfte ihnen +besonders ein, den, den sie da treffen würden, lebendig einzufangen, +da sie sich ja sonst gar nicht von der Unschuld des Verurtheilten +überzeugen könnten; das sahen denn die einfachen Hinterwäldler auch +recht gut ein und versprachen, ihr Blei zurückzuhalten, so lange es +ginge. »Will er aber =in spite= auskratzen,« rief Einer, indem er seine +Büchse schulterte, »nun dann will ich von Grashüpfern zu Tode getreten +werden, wenn ich ihm nicht eins mit meiner langen Betsy auf den Pelz +brenne; fort kommt er nicht, wenn er Knochen genug zeigt, um darnach +zielen zu können.« + +Im nächsten Augenblick waren die Männer im Walde verschwunden und Mac +Ferson warf sich auf die Kniee nieder, preßte das Angesicht gegen die +Wurzel einer alten hochstämmigen Eiche und betete inbrünstig. Sein +Antlitz hatte eine wirklich unheimliche Leichenfarbe angenommen und +seine blutunterlaufenen Augen starrten, ehe er sich zum Gebet niederbog, +wild von einem der Zurückbleibenden zum andern. + +Doch wir wollen indessen den Kundschaftern folgen, die, ihre Büchsen +vorher untersuchend und die Messer in den Scheiden lockernd, langsam +vorrückten, um sich nicht vor der Zeit zu verrathen. Leslie, der Führer +der Schaar, gab endlich, an einer kleinen Waldblöße angelangt, das +Zeichen zum Halten, um seine Leute zu vertheilen, und versammelte diese +nun leise um sich, während er, erst nach allen Seiten einen scheuen +Blick hinüber werfend, flüsternd sagte: + +»Hört, Ihr Burschen, mir wird's ganz unheimlich und schauerlich zu +Muthe. -- Hol' mich Dieser und Jener, 's ist doch curios, einem Menschen +nachzujagen, den ein anderer im Traum gesehen hat -- es wird Einem ganz +grauslich dabei.« + +»Der Prediger hat aber doch auch gesagt, daß wir gehen sollten,« +bemerkte ein Anderer. + +»O der Prediger mag zu -- Grase gehn!« rief Leslie, »deshalb thu' +ich's beim Teufel nicht -- ich will nur sehen, ob so ein Schuft noch +da herumkriecht, der heimtückischer Weise einen Mann wie Hills zu +erschlagen gewagt. -- Oder ich will mich wenigstens selber überzeugen, +daß _Keiner_ da ist,« fuhr er, ärgerlich mit dem Fuße stampfend, fort, +»denn -- Tod und gelbes Fieber -- verdammt will ich sein, wenn ich ein +Wort von dem ganzen Unsinn glaube.« + +Der alte ehrliche Backwoodsman suchte durch halbunterdrücktes Fluchen +das unheimliche Gefühl zu ertödten, das sich ihm unwillkürlich aufdrang; +er selbst aber zweifelte keinen Augenblick, daß hier irgend ein böser +Geist, vielleicht gar der Teufel, sein Spiel treibe, und begriff nur +nicht recht, was die Prediger dabei zu thun hätten. + +So beschränkt aber auch seine Ideen in geistiger Hinsicht sein mochten, +so ganz war er am Platz, wo es galt, einen Feind zu beschleichen oder +irgend einen vermutheten Lagerplatz, wie es hier der Fall war, zu +umzingeln. Schnell und umsichtig traf er seine Maßregeln. Er kannte auch +das Terrain genau und wußte, nach welcher Richtung hin ein Mensch, der +sich hier wirklich verborgen halten wolle, entfliehen könne, sobald er +Gefahr ahne, und nur Einen deshalb auf einem Umwege dem steilen Bergkamm +zusendend, in dessen Fuß die Höhlen hineinliefen, postirte er die +Übrigen in einen weiten Halbkreis und gab, durch täuschend nachgemachten +Eulenruf, das Zeichen zum gemeinschaftlichen Vorrücken. + +Er selbst aber glitt, von einem jungen Hinterwäldler allein gefolgt, auf +einem schmalen Fußpfade, der gerade zu den Höhlen hinführte, weiter, +und eine kleine Anhöhe übersteigend, sah er plötzlich Rauch von dorther +durch die hohen Kiefernwipfel emporwirbeln. + +Ein zweiter Eulenruf fesselte Jeden an die Stelle, auf der er sich +befand, und Leslie kroch nun auf beiden Knieen und auf den linken +Ellbogen gestützt, während er die treue Büchse mit der Rechten fest auf +der rechten Schulter hielt, jenem Orte zu, von woher der Rauch zu kommen +schien. + +Der Wald bestand hier größtenteils aus Nadelholz, mit sehr wenig +Unterholz vermischt, der Boden war deshalb auch fast einzig und +allein mit Fichtennadeln bedeckt, und geräuschlos -- hier und da die +niedergebrochenen, trockenen kleinen Äste und Zweige vermeidend, um sich +nicht durch das Knacken derselben zu verrathen -- schlich der geübte +Jäger dem Eingang der ersten Höhle näher und immer näher. Gerade auf dem +Kamm der ziemlich flachen Anhöhe lag jedoch eine umgestürzte Fichte, mit +der Wurzel der verdächtigen Stelle zu, und sich vorsichtig um den Wipfel +herumbiegend, glitt er am Stamme hin und befand sich nun hinter dem +Erdwall, der in den durch den Sturz der Riesin mit ausgerissenen Wurzeln +hängen geblieben war. Hier aber kauerte er mehrere Sekunden lang laut- +und regungslos nieder -- das Herz schlug ihm schwer und ängstlich in der +Brust, und er getraute sich kaum den Kopf zu heben, um über das niedere +Bollwerk hinwegzuschauen. Dort sollte er ja das Wesen sehen, das er, er +wußte selbst nicht weshalb, zu den Überirdischen rechnete, weil seine +Existenz einem Sterblichen durch ihm unbegreifliche Mittel verrathen +war, und lange konnte er sich nicht entschließen, das mit eigenen Augen +zu erblicken, was zu glauben sein Verstand sich sträubte. Endlich faßte +er ein Herz, hob leise den Kopf empor und -- hätte vor Überraschung fast +laut aufgeschrieen, denn in kaum zweihundert Schritten Entfernung -- +das Gesicht ihm zugewandt -- saß -- Zug um Zug -- die von dem Gefangenen +beschriebene Gestalt. + +Ein schmächtiger, bleicher junger Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer +breiten Binde um das linke Auge, die das halbe Gesicht verdeckte, und +mit einem gelben, breitrandigen Strohhut auf den dunkeln Locken -- +dazu der helle Rock und die blauen Beinkleider -- es war der im Traum +gesehene Mörder, bis auf das Kleinste, Unbedeutendste der Beschreibung +herab. Selbst seine Stellung verrieth die That, die er begangen, denn +ängstlich, halb vorgebeugt saß er, wie zum Sprunge bereit, neben dem +Feuer, und schien die Gegend, in welcher sich Leslie gerade befand, mit +seinem Blick zu überfliegen, als ob er von dorther Jemanden erwarte oder +zu sehen fürchte. + +»Weshalb, um aller guten Geister Willen, lagert das Menschenkind +hier?« frug sich Leslie unwillkürlich -- »und ist es überhaupt ein +Menschenkind?« fuhr er dann leise schaudernd fort. »Doch Alles eins -- +Mensch oder Teufel -- Du bist der, welcher meinen Freund erschlagen hat, +und fort kommst Du nicht mehr.« + +Mit dem Adlerblick des Jägers überflog er die ganze Gegend und sah bald, +daß der Flüchtling, nach dem wie er seine eigenen Leute postirt hatte, +ihnen nicht mehr entgehen konnte. Auf der einen Seite starrte steil +und kahl der nackte Felsenkamm empor, in dessen Fuß sich die +Höhlen befanden; zur Linken tobte der kleine, durch die Bergwasser +angeschwellte Strom; und hätte er diesen auch durchschwimmen wollen, +so erwarteten ihn doch drüben die wackeren Männer von Seneka, die bei +solchen Gelegenheiten gerade nicht mit sich spaßen ließen. Alle andern +Schluchten und Anhöhen waren ebenfalls von den Jägern und Backwoodsmen +besetzt, und Leslie, darüber beruhigt, schlich nun eben so leise zurück +als er gekommen, ließ den jungen Mann, der ihn begleitet hatte, die +Übrigen von seinem Plane in Kenntniß setzen, und auf sein gegebenes +Zeichen brachen von allen Seiten zugleich die in dunkles Hirschleder +gekleideten Gestalten aus dem Dickicht hervor und sprangen, flüchtigen +Panthern gleich, mit vorgehaltenen Büchsen auf den Fremden ein. Dieser +aber, durch das Plötzliche des Überfalls betäubt, stieß einen gellenden +Angstschrei aus und warf sich dann, ohne weiter einen Versuch zur Flucht +oder zum Widerstand zu machen, mit dem Antlitz auf die Erde nieder. Er +schien jeder Hoffnung auf Rettung entsagt zu haben und die Männer, +die ihn zuerst erfaßten und vom Boden emporrissen, fühlten, wie seine +Glieder zitterten und seine ganze Gestalt erbebte. + +»Hund!« schrie der kräftige Leslie aber jetzt, und hob die eiserne Faust +zum Schlage auf -- »Hund -- feiger -- nichtswürdiger Hund, der Du bist +-- Du also hast es gewagt, die Hand an den kräftigsten Burschen zu +legen, den je Kentucky's Boden getragen? Du -- Gedanke von einem Manne, +den man erst _träumen_ muß, um seiner habhaft zu werden.« + +Der Fremde hob die Arme flehend empor und wimmerte »Gnade!« Leslie +aber schien wenig geneigt, ihm diese angedeihen zu lassen; denn seine +hammerartige Faust sollte eben auf seinen Schädel niederfallen, und +wer weiß, ob der Sheriff dann nicht bei der ganzen Verhandlung unnütz +gewesen wäre; der eine Constabel aber lenkte den Schlag des Erzürnten +zur Seite, daß er machtlos an der Schulter des Knieenden niederglitt, +und rief: + +»Schämt Euch, Leslie -- wollt uns Leute vom Gericht um das Unsrige +bringen -- der ist dem Strick verfallen -- so gönnt ihm den auch.« + +Ehe aber noch Leslie ein Wort darauf zu erwidern vermochte, drängte +sich die übrige Masse der Männer und Frauen herbei, die es nicht +länger ausgehalten hatten, das Resultat in Ungewißheit zu erwarten. +Den Gefangenen führten sie in ihrer Mitte und schon von weitem riefen +einzelne Stimmen: + +»Ist er es? ist es der Mörder, den Mac Ferson im Traum gesehen?« Kaum +aber hörten sie das antwortende »_Ja_« -- das »kommt schnell -- wir +haben ihn -- er fleht um Gnade!« da stieg ein wildes Jubelgeschrei in +die Luft und Alles drängte jetzt in wilder Eile vor, den zu sehen, +der durch Gott selbst den Gerichten überliefert worden. Den bisherigen +Gefangenen beachtete Keiner mehr; nur ein Knabe von zehn oder eilf +Jahren, auch ein Irländer, der mit Mac Ferson auf einem Schiff +herübergekommen war, hatte sich bis jetzt dicht zu ihm gehalten, und als +er nun, von Allen zurückgelassen, allein stehen blieb, da ihm seine +auf den Rücken zusammengebundenen Hände nicht verstatteten, so schnell +fortzukommen, glitt er schnell hinter ihn, schnitt ihm mit einem +haarscharfen Messer die Bande durch, drückte ihm in der nächsten Secunde +den Griff des Stahls in die Hand und folgte dann in flüchtigen Sätzen +den Übrigen. Mac Ferson aber, ohne die mindeste Neugierde zu bezeigen, +wie der Mann im wirklichen Leben aussähe, den er schon einmal im Traum +erblickt, warf sich, als er kaum seine Hände frei und zugleich bewaffnet +fühlte, hinter einem umgestürzten Baumstamm, der ihn den Blicken der +Übrigen entzog, lief gebückt, aber so schnell er konnte, hinter diesem +hin, kroch über den Kamm der Anhöhe hinweg, bis er diese zwischen sich +und seinen bisherigen Feinden wußte, rannte dann, so schnell ihn seine +Füße trugen, den Abhang hinunter in das angrenzende Dickicht, sah sich +hier einen Augenblick etwas ängstlich um, schien aber bald das, was +er suchte, gefunden zu haben -- ein Pferd, das hier gesattelt und +aufgezäumt, wie des Reiters harrend, stand, schwang sich auf dessen +Rücken und sprengte, ihm die Hacken in die Seiten bohrend, in vollem +Carriere gen Süden. + +Wie eine zürnende Fluth ergoß sich jetzt die wogende Menschenmasse der +Stelle zu, wo der so wunderbar Entdeckte noch immer wie in gräßlichster +Angst und Verzweiflung auf den Knieen lag. Man riß ihn vom Boden auf +und aus den wildverworrenen Fragen, die fast von jeder Lippe an ihn +gerichtet wurden, schien er nicht eine einzige verstehen zu können oder +zu wollen, denn er warf zuerst einen scheuen Blick im Kreis umher, und +barg dann auf's Neue das Antlitz in den Händen. + +Der Sheriff drängte die ihm zunächst Stehenden ein wenig zurück, bat +sie ihm Raum zu machen, um den Gefangenen zu examiniren, und das Volk, +willig gehorchend, beobachtete tiefes Schweigen. + +»Hast Du den Kentuckier erschlagen?« war jetzt des Sheriffs erste Frage, +der es nach all dem Vergangenen für ganz unmöglich hielt, daß der, den +sie hier so mitten im Walde gefunden, vielleicht gar Nichts von der +Sache wisse. »Hast Du den Kentuckier erschlagen? Gestehe es, und +vielleicht kann Dir noch Gnade werden!« + +»Gnade?« unterbrach ihn Leslie entrüstet, ehe der Gefangene auch nur +eine Sylbe zu erwidern vermochte -- »Gnade? den möcht' ich sehen, der +Hills Mörder begnadigen wollte. Tod und --« + +»Ruhe!« tönte es von allen Seiten. »Stört den Sheriff nicht und laßt ihn +thun, was seines Amtes ist -- Ruhe!« + +Eine augenblickliche Todtenstille folgte dem früheren Lärmen, und der +Sheriff berührte auf's Neue die Schulter des Unglücklichen und sagte mit +ernster und doch milder Stimme: + +»Hast Du den Kentuckier erschlagen, so gestehe es -- nur durch ein +offenes Geständniß kannst Du noch auf Gnade oder Mitleiden hoffen. Bist +Du der Mörder?« + +»Gnade -- Gnade!« schrie der Knieende und umklammerte die Knie des +Sheriffs -- »Gnade -- ich will Alles gestehen.« + +»Ein Wunder -- ein Wunder!« riefen die Baptisten im jubelnden Chor, und +der Prediger stimmte mit voller, lauttönender Stimme ein Loblied +des Herrn an, in das sämmtliche Mitglieder seiner Gemeinde jauchzend +einfielen. + +»Wo ist Mac Ferson?« sagte jetzt der Sheriff -- -- »bringt ihn her, daß +wir sehen, ob dies derselbe ist, der ihm im Traum erschienen.« + +Die Constabel sahen sich etwas verblüfft einander an, denn Keiner von +ihnen hatte mehr an Mac Ferson gedacht. Der war ja unschuldig, der in +Erfüllung gegangene Traum bewies das so sonnenklar wie nur möglich. +Schnell durcheilten sie jedoch die Menge, den Verlangten aufzufinden +und ihn, eigentlich im Triumph, zu dem hinzuführen, für dessen Schuld +er beinah hätte büßen müssen; aber vergebens schauten sie sich zu +ihrem Erstaunen nach dem bisherigen Gefangenen um, der war und blieb +verschwunden und sie sahen sich endlich genöthigt, dem Sheriff Anzeige +davon zu machen, der dann augenblicklich nach allen Richtungen hin +Botschafter ausschickte, den vermuthlichen Flüchtling zurückzubringen, +ihm aber zu sagen, daß er ohne Furcht folgen möge -- er sei frei; der, +den ihm Gott im Traum gezeigt, habe die Schuld schon gestanden. + +»Alle Wetter!« rief da der ehrliche Leslie aus, »jetzt läuft der fort, +weil er dem Frieden doch nicht so recht traut, und ist ein ehrlicher +Mann und ich habe ihm Unrecht gethan. Nein, Sheriff, der soll nicht +lange in der Welt umherirren und sich fürchten, einem ordentlichen Kerl +in's Auge zu schauen -- den müssen wir wieder finden, und mein bestes +Pferd soll er haben, wenn er's annehmen will, nur deshalb, weil ich ihn +für einen Schurken und Mörder gehalten. Gebt Ihr aber indessen wohl auf +den zitternden Hallunken acht -- gnade Gott dem, der ihn entspringen +läßt. Nun fort, Ihr Leute, laßt uns Mac Ferson wiederfinden -- er kann +noch nicht weit sein, und drüben an der Straße stehen ja alle unsere +Pferde.« + +Der ehrliche Backwoodsman suchte jetzt, von seinen Freunden gefolgt, den +ganzen Bezirk ab, und bald entdeckten auch ihre scharfen geübten Augen +die Fährten des Entflohenen; Andere waren indessen nach den Pferden +abgesandt, und Leslie schwang sich bald auf seinen feurigen Rappen und +sprengte mit verhängten Zügeln dem nach, dem er so entsetzliches Unrecht +gethan zu haben glaubte. Die Übrigen folgten zwar noch ebenfalls eine +Strecke, gaben aber die Jagd bald auf, da sie einsahen, daß sie mit dem +besser berittenen Leslie nicht Schritt halten konnten. + +Indessen hatte sich um den auf so wunderbare Art gefangenen jungen Mann +eine ganz eigene Gruppe gebildet; noch immer barg dieser nämlich sein +Gesicht in den Händen und die Frauen, die gar zu gern gewußt hätten, was +er denn eigentlich für Augen habe und wie er überhaupt aussähe, drängten +immer näher und näher herzu und hielten den Sheriff und den zitternden +Mörder fast allein umzingelt, während die kräftigen Gestalten der +zurückgebliebenen Hinterwäldler den äußeren Kreis um diesen Zirkel +bildeten. Der Sheriff aber winkte jetzt dem einen Constabel, den +Verbrecher aufzuheben, um ihn in die Stadt und seinem richterlichen +Verhör zuzuführen; erst nach langem Sträuben gehorchte der Unglückliche +aber seinen Wächtern, und mehre Male mußte ihm der Baptistenprediger +zureden, sich zu ermannen, seine Sünden zu bereuen und Gott wenigstens +mit seinem entsetzlichen Verbrechen auszusöhnen. + +»Wo ist Mac Ferson?« flüsterte dieser endlich mit leiser, kaum hörbarer +Stimme. + +»Hol' mich der Henker -- ob er den Namen nicht kennt,« sagte der +Constabel -- »der ist fort, sie werden ihn aber wohl wieder holen!« + +»Fort?« rief der Gefangene mit lauter freudiger Stimme und richtete sich +schnell und plötzlich hoch auf -- »fort? ist er wirklich fort?« + +»Jesus von Nazareth!« schrie die Frau des Presbyterianischen +Geistlichen, die dicht neben dem jungen Manne stand, und sich bis jetzt +vergeblich bemüht hatte, sein Gesicht zu sehen, während ihr dieser jetzt +starr in's Antlitz sah -- »Jesus von Nazareth, das ist ja Missis Mac +Ferson.« -- + +»Missis Ferson?« rief Alles erstaunt durcheinander; »die Frau des Iren? +seine eigene Frau? und das der Mörder?« + +Judith Mac Ferson aber, denn es war in der That die Frau des jetzt +glücklich Befreiten, sank wieder thränenden Auges auf ihre Kniee nieder +und sandte zu dem Allerbarmer ein heißes Dankgebet empor, daß ihr die +Rettung ihres Mannes so glücklich gelungen sei. + +Der Sheriff sammelte sich zuerst wieder, denn die Übrigen standen +wirklich alle so stumm und starr vor Überraschung, als ob sie der Schlag +getroffen habe; mit blitzenden Augen trat er der schönen jungen Frau, +die jetzt die entstellende Binde und den Strohhut von der dunklen +Lockenfülle abwarf, entgegen und rief mit finsterem Blick und drohender +Stimme: + +»Unglückliche, Du hast einem Verbrecher zur Flucht verholfen und mußt +nun selbst dafür seine Strafe leiden -- Du kanntest die Gesetze des +Landes nicht und bist in Dein eigenes Verderben gegangen. Ich verhafte +Dich hiermit im Namen der Gesetze -- Mrs. Mac Ferson,« fuhr er dann mit +ernster, tiefer Stimme fort, indem er seine Hand nach ihrer Schulter +ausstreckte -- »Mrs. Mac Ferson -- Sie sind meine Gefangene!« + +Judith Mac Ferson hatte aber, wenn auch erst kurze Zeit in Amerika, +die Charaktere der Frauen kennen gelernt, unter denen sie lebte und auf +deren Schutz vertrauend sie das gefährliche Spiel gewagt. Mit schnellem +Druck des Constabels Arm zurückschiebend, trat sie zwischen die erstaunt +zu ihr aufblickenden Frauen und rief: + +»Weg von mir, Sir -- weg von mir! Ihr habt keinen Theil an mir. Habe ich +ein Verbrechen begangen? Es war mein Mann -- der Vater meines Kindes, +den ich befreite; ist eine hier unter den Frauen von Pensylvanien, die +nicht unter gleichen Verhältnissen ein Gleiches gethan hätte? Ist Eine +hier von Müttern oder Weibern, die nicht willig ihr Leben daran setzen +würde, den Geliebten zu befreien? _Keine_ -- ich weiß es, und kein +Gericht des Landes wird mich deshalb strafen können. Werden aber die +Frauen von Pensylvanien zugeben, daß ich einem Gericht ausgeliefert +werde?« + +»Nein -- nimmermehr -- den wollen wir sehen, der ihr etwas zu Leide zu +thun sollte,« rief es von allen Seiten, und um das junge, heldenmüthige +Weib schaarten sich besonders die Presbyterianischen Frauen, voller +Freude, daß den Baptisten ein solcher Sieg mißlungen sei. + +»Ladies -- auf Ihre Verantwortung,« rief der Sheriff -- »Sie müssen +mir für die Dame haften, übrigens wird ihre Gefangennehmung wohl nicht +nöthig sein, denn Leslie ist mit seinem Rappen auf Mac Fersons Fährten, +und wir kennen Alle miteinander Leslie genug, um nicht zu wissen, daß +der nimmer zurückkehrt, ehe er den Flüchtigen eingeholt hat. Einen +besseren Renner giebt's in ganz Pensylvanien nicht, als sein Rappe.« + +Judith erbleichte, die Frauen aber ließen ihr gar keine Zeit sich zu +besinnen, nahmen sie in ihre Mitte und führten sie im Triumphe fort. So +eifrig sie früher die Hinrichtung Mac Fersons gewünscht hatten, so +sehr interessirten sie sich jetzt für seine Flucht, und selbst die +Baptistinnen konnten die Frau nicht tadeln, die ihren Mann befreit habe. + +Um so mehr eiferte der Baptisten_prediger_, der jetzt mit mehren +Anderen, mit denen er Mac Fersons Spuren aufgesucht, zurückkehrte, +dagegen. Er sah in dieser lügenhaften Eingebung eines rettenden Traumes, +zu dem sich die beiden Eheleute verabredet hatten, eine Blasphemie +des Göttlichen und forderte ernst und bestimmt die Auslieferung beider +Gotteslästerer. Der eine war aber, Niemand wußte wo, und die Andere +wurde, nun sich der Baptist so fest dagegen erklärte, von den +Presbyterianerinnen nur um so mehr vertheidigt und in Schutz +genommen. Bald erreichte man die Stadt wieder, und hier erboten sich +augenblicklich drei junge Leute, Mrs. Ferson mit ihrem Kinde, das +indessen bei einer Landsmännin geblieben war, hinzubegleiten, wohin +sie gebracht zu sein wünsche. Das nahm Judith mit herzlichem Danke an, +verschwieg aber natürlich den verabredeten Ort, wo sie ihren Mann wieder +zu treffen hoffte, denn der kleine Irländer, der Mac Fersons Bande +durchschnitten, hatte ihr ebenfalls zugeflüstert, wie dieser auf +schnellem Roß seine Flucht bewerkstelligt, und sie verlangte nur an den +Ohiofluß gebracht zu werden, von wo aus sie ihre Bahn selbst verfolgen +wolle. Das geschah denn auch noch an demselben Nachmittage, und während +der Sheriff mit den zwei Constabeln und dem Baptistenprediger berieth, +was in diesem Falle zu thun sei, und ob man erst die Rückkunft Leslie's +mit dem Entflohenen abwarten solle, sprengte Judith Mac Ferson, auf +einem schlanken Zelter, das Kind im Arm, die Begleiter an ihrer Seite, +die Fahrstraße hinunter, die dem schönen Ohioflusse zuführte. + +Doch jetzt wollen wir Mac Ferson folgen, der, sobald er das Pferd +erreicht und sich hinaufgeschwungen hatte, mit kaum unterdrücktem +Jubelschrei einen kleinen Holzpfad entlang flog, welcher ihn endlich +zu der Hauptstraße führen mußte. Er ritt ein wackeres Thier, und hatte +gegründete Ursache zu glauben, daß der von seinem treuen Weibe so +glücklich erdachte Plan gelingen müßte. Einige Meilen vom Ohio noch +entfernt, wollte er nämlich absteigen, das Pferd laufen lassen, um +etwaige Verfolger irre zu führen, und dann seinen eigenen Weg bis zu +einer Stelle am Ohiofluß fortsetzen, wo er früher schon einmal zwei +Nächte mit seiner kleinen Familie gelagert hatte. Dort sollte er Judith +erwarten, und dann konnten sie von da aus leicht eine neue Heimath im +fernen Westen aufsuchen, wohin ihre Verfolger schwerlich vordringen +würden, selbst wenn sie den Aufenthaltsort erfahren sollten. + +Fröhlich gallopirte daher Mac Ferson, von diesen Gedanken erfüllt, +die Straße entlang, und mochte etwa sechs oder sieben englische Meilen +zurückgelegt haben, als sein Pferd, das über einen im Wege liegenden, +umgestürzten Baumstamm wegsetzen wollte, in einer trockenen aber noch +zähen Schlingpflanze hängen blieb, stürzte, den Reiter weit ab gegen +einen Baum schleuderte und dann, unfähig sich wieder zu erheben, liegen +blieb. + +Wie lange diese Bewußtlosigkeit Mac Fersons gedauert haben konnte, wußte +er selber nicht, als er aber nach ziemlich langer Zeit wieder zu sich +kam, fühlte er, wie ihm Jemand die Schläfe mit kaltem Wasser wusch und +erkannte, als er die Augen aufschlug, _den_ Mann, der, wie er wußte, +sein grimmigster Feind war. + +Mit einem leisen Schmerzensruf sank er wieder zurück, Leslie aber, +der wohl ahnen mochte, was den Armen erschreckt habe, bog sich zu ihm +nieder, faßte seine Hand und sagte: + +»Fürchtet Nichts, Mac Ferson -- wir haben Euch Alle Unrecht gethan; der, +den Euch Gott im Traum gezeigt, hat das Verbrechen gestanden; Ihr +könnt frei zurückkehren, ich selbst bin Euch aber nachgeritten, um Euch +abzubitten, daß _ich_, vor allen Anderen, Euch so feindlich gesinnt war; +aber seht, Hills war mein Freund, und wenn auch sonst ein etwas roher +Gesell und vielleicht in manchen Stücken tadelnswerth genug, so mußt' +ich mich doch seiner im Tode annehmen, da er ja sonst fast Niemanden in +Seneka hatte, der seinen Mord rächen konnte. Kommt -- steht auf -- gebt +mir Euere Hand und laßt uns Freunde sein. Ihr habt Euch doch keinen +Schaden gethan?« + +Mac Ferson wußte kaum, ob er seinen eigenen Ohren trauen sollte. War +dies vielleicht ein Traum, der ihn befangen hielt, oder hatte er den +früheren wirklich geträumt? Die durch den Sturz angegriffenen Sinne +vermochten nicht gleich klar und deutlich seine jetzige Lage zu fassen, +und er schloß wieder auf mehrere Sekunden die Augen, um sich erst ganz +zu sammeln. Mac Ferson war übrigens nicht der Mann, einen sich ihm +bietenden Vortheil leicht hintanzusetzen. Leslie wußte augenscheinlich +noch nicht, daß der vermeintliche, von ihm im Traum gesehene Verbrecher +sein eigenes Weib, und das ganze ein abgekarteter Plan gewesen war; +dieser mußte ihn daher auch für unschuldig halten, und er beschloß nun, +seine Maßregeln darnach zu ergreifen. + +Er öffnete die Augen, richtete sich mit des Amerikaners Hülfe, indem +er sich schwächer stellte, als er wirklich war, vom Boden auf, und +ließ sich nun mit kurzen Worten erzählen, wie sie den von ihm so genau +bezeichneten Fremden gefunden hätten. Ehe er sich aber noch selbst über +seine eigene Flucht entschuldigen konnte, trat Leslie, der darauf weiter +gar nicht einging, zu Mac Fersons Pferd und fand, daß dieses das linke +Vorderbein gebrochen hatte. Jetzt war guter Rath theuer. Der Irländer +erklärte, er könne keine hundert Schritte weit gehen, alle seine Glieder +seien ihm wie zerschlagen, und ein Haus war ebenfalls nicht in der +Nachbarschaft, wo man vielleicht ein Pferd hätte borgen können; hier +blieb also keine andere Wahl, Leslie bot dem Irländer sein Pferd zum +Reiten an, versicherte ihm dabei nochmals, er könne unbesorgt mit ihm +zurückkehren, er würde von Allen auf das Freundlichste empfangen werden, +und half ihm dann selbst in den Sattel. Ob er aber dem Erschöpften doch +noch nicht so recht trauen mochte, oder ob ihm der scheue Blick mißfiel, +mit dem sich dieser nach der Straße umsah, als ihm Leslie den Sattel +und Zaum seines eigenen Thieres hinaufreichte, kurz, der Amerikaner nahm +eine lange Leine, die er in der Tasche trug, hervor, befestigte sie in +einer Schlinge um den Hals des Pferdes und trieb dieses nun langsam den +Weg zurück, den er eben gekommen war. + +Mac Ferson wußte aber, daß seine List jetzt entdeckt sein mußte -- +jeden Augenblick konnte ihnen ein neuer Bote begegnen, der den wahren +Sachbestand verkündete und ihm dann _jede_ Aussicht auf Rettung +abschnitt; sein Entschluß war also auch deshalb schnell und ohne +weiteres Zögern gefaßt, und eben, als sie auf die oben beschriebene Art +vielleicht eine Meile zurückgelegt hatten und an eine Stelle kamen, wo +der Pfad so schmal wurde, daß Leslie nicht mehr nebenher gehen konnte, +sondern voraus mußte, wobei er jedoch das Seil nicht losließ, zog Mac +Ferson schnell aber vorsichtig das von dem Knaben erhaltene Messer aus +dem Gürtel -- trennte mit raschem Schnitt die hänfene Schnur, die ihn +bis jetzt noch immer zum Gefangenen gemacht, riß in demselben Augenblick +den Rappen auf den Hinterfüßen herum, und ehe sich der bestürzte +Amerikaner nur besinnen konnte, ob er seine Büchse gebrauchen sollte +oder nicht, war der auf's Neue Befreite schon im dichten Gebüsch seinen +Blicken entschwunden. + +Acht Tage später erhielt Leslie, der vergebens den Räuber seines +Eigenthums zu Fuß verfolgt hatte und die Fährte gegen Abend, da ein +ziemlich starker Regen fiel, nicht mehr erkennen konnte, sein Pferd +durch einen, etwa zwanzig Meilen von Seneka wohnenden Farmer zurück, der +ihm auch zugleich einen kleinen Brief von Mac Ferson einhändigte, worin +ihm dieser für die geleistete Hülfe herzlich dankte, sich aber nochmals +entschuldigte, daß er zu einem frommen Betruge seine Zuflucht habe +nehmen müssen. + +»Da er jedoch,« so schloß er seine Zeilen, »bei weitem lieber in dem +kühlen Schatten der stolzen Eichen des Westens lagere, als -- mit +zugeschnürter Kehle an einem Chestnutast in Pensylvanien hänge -- so sei +ihm das wohl nicht so sehr zu verdenken gewesen.« Über den Mord sagte er +weiter Nichts. Sein wirklicher Aufenthaltsort wurde nie näher bekannt, +doch hieß es allgemein und vielleicht nicht unrichtig -- Mac Ferson ist +nach _Texas_. + + + + +Eine Pantherjagd. + + +Heulend und bellend liefen und sprangen drei kräftige, schlankgebaute +Hunde vom Geschlecht der Bracken, die Nasen im eifrigen Suchen dicht am +Boden haltend, durch den dicht verwachsenen Wald, oft die Spur in +den dürren Blättern verlassend und auf umgestürzten Bäumen und alten, +halbverfaulten Stämmen schnoppernd, auf denen sie hinliefen und von da +wieder kläffend ihre Verfolgung erneuerten; ein sicheres Zeichen, daß +ihre Jagd einem wilden Thier, sei es nun Bär oder Panther, und nicht +dem schnellfüßigen Hirsch galt, der sie wohl, wenn er ihre Bahn +durchschnitt, auf kurze Zeit von ihrer Fährte ablocken, nie aber ganz +der einmal aufgenommenen Spur untreu machen konnte. + +Jetzt hatten sie einen Platz erreicht, auf dem ihr Feind offenbar eine +Zeitlang verweilt, und seine Fährten gekreuzt haben mußte, denn heulend +standen sie oft einen Augenblick still und durchsuchten dann, mit +wildem Winseln hin und herspringend, desto eifriger den, von dicht +herabhängenden Schlingpflanzen fast wie mit einer lebendigen Mauer +umgebenen Raum, immer wieder zum Mittelpunkt zurückkehrend, um ihr +Heulen und Wehklagen dort wie früher zu beginnen. + +Plötzlich theilten sich die Büsche, und ein junger Mann auf einem +kleinen, schwarzen, indianischen Pony setzte, mit seinem breiten +Jagdmesser, das er bloß in der Hand trug, ein paar Schlingpflanzen in +kräftigem Zuge durchhauend, die ihn vom Pferde zu reißen drohten, gerade +zwischen die Hunde hinein, die bei seinem plötzlichen Erscheinen ihn +für einen Augenblick freundlich wedelnd umgaben, und dann wieder, mit +erneutem, durch die Nähe ihres Herrn belebten Eifer in ihrem Suchen +fortfuhren. + +»So recht, meine braven Thiere,« rief der junge Jäger, indem er sein +Pferd anhielt, das Messer in die Scheide zurücksteckte und die +lange Büchse, die er auf der linken Schulter trug, vor sich auf den +Sattelknopf legte, »so recht, -- sucht, sucht -- ihr seid einmal auf der +Fährte, und ich denke doch, daß wir dießmal den Ferkeldieb erwischen, +der mir schon so oft entgangen ist!« + +»Huhpih!« rief er, sich hoch im Sattel aufrichtend und seinen Jagdruf +ausstoßend, als er sah, daß der älteste der Hunde plötzlich die wieder +gefundene Fährte aufnahm und von den andern gefolgt, augenblicklich im +Dickicht verschwand. + +»Huhpih!« und die Büchse zurück auf die Schulter werfend, ergriff er +jetzt mit der rechten den Zügel, rannte dem hochaufbäumenden Pony die +Hacken in die Seite, und flog in wilden Sprüngen seinen dahineilenden +Hunden nach. + +Im Wege liegende Stämme, dicht verwachsenes Gebüsch, Sumpflöcher und +schlammige Canäle, Nichts konnte ihrem Eifer Schranken setzen, vorwärts +ging's, und schnaubend und schäumend folgte der Rappe mit seinem in +freudiger Lust hochaufjauchzenden Herrn. + +Da hielten die Hunde aufs Neue; dießmal hemmte aber nicht Ungewißheit +über die Richtung des Weges, den der verfolgte Feind eingeschlagen haben +konnte, die Wüthenden, nein, bellend und heulend sprangen sie an einer +starken Eiche in die Höhe, und bissen vor Grimm in die Wurzeln und die +rauhe Rinde des mächtigen Baumes, daß er ihrem Feinde Schutz verlieh, +und ihn seinen Verfolgern vorenthielt. + +Jetzt erschien auch der Jäger auf dem Wahlplatz, und sprang, ohne nur +das Anhalten seines feurigen Thieres abzuwarten, mit einem Satz aus dem +Sattel, das seiner Last enthobene Thier sich selbst überlassend; mit +spähendem Blick aber untersuchte er den dichtbelaubten Baum, an dem die +Hunde jetzt wieder jauchzend emporsprangen, und erkannte bald, zwischen +ein paar Ästen eingeschmiegt, die Gestalt eines lebendigen Wesens, das +dort sich, fest an einen der Äste angedrückt, versteckt und unbemerkt +glauben mochte. + +Zwar war es im Schatten des dichten Laubes ziemlich dunkel, und ein +weniger geübtes Auge als das unseres jungen Waldbewohners möchte wohl +lange über den Namen und die Art des Thieres, das sich so angelegentlich +den Blicken der Untenstehenden zu entziehen suchte, in Ungewißheit +geblieben sein; _Wistons_ scharfer Blick erkannte aber bald in der +zusammengepreßten Gestalt das Junge eines Panthers, das der lange +Schweif, den es nicht ganz verbergen konnte, leicht verrieth. + +Schon hob er die Büchse, um das sich sicher Glaubende aus seiner Höhe +herabzuholen, und athem- und lautlos schauten die Hunde ängstlich +und erwartend bald nach dem Lauf der Büchse, aus dem sie mit jedem +Augenblick den Feuerstrahl herausblitzen zu sehen hofften, bald nach dem +Gipfel der Eiche, in deren Laub sie ihren Feind wußten. + +Doch vergebens war dießmal ihr leises, flehendes Winseln, mit dem sie +den Schuß ihres Herrn zu beeilen glaubten; dieser schien sich plötzlich +anders besonnen zu haben, setzte die Büchse ab, und begann auf's +Neue den Baum, fast mit noch größerer Aufmerksamkeit als vorher, zu +untersuchen. + +Nach langem, bedächtigen Ausblicken schien er sich endlich von dem, was +er wissen wollte, überzeugt zu haben, stellte seine Büchse gegen einen +umgestürzten Stamm, der nicht weit vom Baume lag, schnallte seinen +Gürtel ab, in welchem Messer und Tomahawk staken, zog sein Jagdhemd +aus und kehrte dann mit dem Gürtel, den er in der Hand hielt, zur Eiche +zurück, welche die Hunde, die zwar aufmerksam allen Bewegungen ihres +Herrn gefolgt waren, dennoch nicht aus den Augen ließen. + +»Ich versuchs,« murmelte er endlich vor sich hin, »ich versuch's und +fang ihn lebendig; bringe ich den jungen Panther nach Little Rock, so +bekomme ich dort mit Leichtigkeit meine 10-15 Dollars für ihn, schieß +ich ihn dagegen, so ist das Fell keinen Bit werth. Die Alte muß überdieß +geflohen sein, denn ich kann sie nirgends im Baume sehen, und für +10 Dollars läßt man sich schon einmal von solch einem jungen Teufel +kratzen; also Pantherchen, paß auf, ich komme!« + +Mit diesen Worten ging er zu seinem Pferde, das ruhig graste, schlang +einen Strick, der um dessen Hals gewunden war, von demselben ab, +schnallte seinen eigenen Gürtel wieder um, in den er das Messer steckte, +den Tomahawk aber zurückließ, und begann den starken Baum, den er nicht +umklammern konnte, zu ersteigen, indem er das Seil, dreifach genommen, +um den Stamm warf, die beiden Enden desselben, und zwar so kurz, als er +sie fassen konnte, ergriff, und dann mit deren Hülfe, indem er bald mit +dem rechten, bald wieder mit dem linken Arme sich bedächtig am Baume in +die Höhe zog, denselben erstieg. + +Die Hunde verstanden augenblicklich, was er beabsichtige und umsprangen +winselnd und jauchzend die Wurzeln der Eiche. + +Langsam zwar, aber sicher klomm er an dem geraden, schlanken Stamm, wohl +40 Fuß empor, ehe er an die ersten Äste kam und dort einen Augenblick +Athem schöpfen und sich ausruhen konnte; hier fühlte er auch nach seinem +Messer, ob das noch fest stak, blickte zum jungen Panther, der noch +bewegungslos an demselben Ast wie früher angeschmiegt lag, empor, +schlang sich jetzt das Seil, dessen er nun, da er die Äste zum Anhalten +hatte, nicht mehr bedurfte, um die Schultern, und stieg, gewandt die +Zweige als Sprossen seiner natürlichen Leiter benutzend, schnell und +leicht zu dem jungen Panther hinauf, der zwar, ohne sich zu regen, +liegen blieb, aber dennoch die glühenden Blicke fest auf den nahenden +Feind geheftet hielt. + +Aber noch andere und wildere Blicke beobachteten und bewachten das +Fortschreiten des Jägers, der von solch grimmiger, gefährlicher Nähe +keine Ahnung hatte, und zwar Niemand anders als die Mutter des Jungen, +die auf einem dicht danebenstehenden verdorrten Baume, dessen Zweige in +die des andern hineinragten, auf einen Ast niedergeduckt, zum Sprunge +fertig da lag und mit dem Schwanze leise wedelnd nur die noch weitere +Annäherung des Jägers zu erwarten schien, um mit gewaltigem Satze sich +auf den Kühnen, der ihre Brut greifen wollte, zu werfen, und ihn mit +Zahn und Tatze zu vernichten. + +Sorglos schwang sich _Wiston_ von Ast zu Ast, und war schon dicht unter +dem Jungen, das sich jetzt leise erhob und nach Art der Katzen den +Rücken biegend auf dem Aste stand und nach dem Jäger herunterschaute, +die Gefahr, welche dessen Nähe mit sich brachte, noch nicht so recht +begreifend; da hielt der Jäger, wand das Seil von seinen Schultern, +machte schnell eine Schlinge daraus, um sie über den Kopf des Jungen zu +werfen, und schaute, sich auf zwei anderen Ästen feststellend, eben +zu diesem empor, um den rechten Zeitpunct abzuwarten, als er, gerade +gegenüber, kaum zehn Schritte von sich entfernt, in die glühenden +Augen der Pantherin blickte, die sich eben zum entscheidenden Sprunge +niederbog. + +Von Kindheit auf im Walde erzogen und mit den Gefahren, die den +einsamen Jäger so oft bedrohen, bekannt und vertraut, behielt er in +dem fürchterlichen Augenblick Besinnung genug, schnell und ehe der ihm +gegenüber liegende Feind seine Absicht errathen konnte, den Stamm der +Eiche, auf dem er stand, zwischen sich und die Bestie zu bringen, was +ihm durch eine rasche Bewegung gelang; es war aber die höchste Zeit +gewesen, denn in demselben Momente schnellte auch die dunkle Gestalt des +Panthers auf den Platz, den er eben verlassen hatte, herüber, und seine +glühenden Augen schauten in die des unerschrockenen Jägers, der den +linken Arm um einen Zweig gewunden, in der Rechten das blanke Messer, +mit jedem Athemzuge erwartete, das gereizte Thier auf sich herabspringen +zu sehen. + +Die Pantherin jedoch, durch das Auge, das Jener fest auf sie geheftet +hielt, eingeschüchtert, begnügte sich damit ihr Junges beschützt +zu wissen, und jede Bewegung ihres Feindes auf das Aufmerksamste zu +beobachten, während sie, kaum sechs Fuß von ihm entfernt, mit dem +Schweife wedelnd da lag. + +Zuerst glaubte sich _Wiston_ verloren, denn wenn auch sein Messer eine +gute und starke Waffe selbst gegen den grimmigsten Feind sein konnte, so +war doch schon der Platz allein, wo er stand, und wo ihn der geringste +Fehltritt zerschmettert in die Tiefe gesandt haben würde, nicht zu einem +Kampf mit solchem Feinde geeignet; kaum fand er daher, daß sein Gegner +sich damit begnügte, ihn zu bewachen, als er schnell, aber vorsichtig +und ohne irgend eine rasche Bewegung zu machen, die das Ungethüm hätte +reizen können, das Messer in die Scheide schob und langsam seinen +Rückzug antrat. + +Der Panther, als er sah, daß Jener sich mehr und mehr von ihm entfernte, +folgte ihm langsam, und mehreremal zuckte _Wiston's_ Hand nach dem +Stahl, wenn sich die schlanke Gestalt der Katze zum Sprung niederbog, +immer aber konnte sich diese nicht zu einem offenen Angriff, Aug' in +Aug, entschließen. + +So erreichte er den untersten Ast wieder, schlang das Seil um den Stamm, +erfaßte beide Ende desselben, und glitt bedächtig, aber doch so schnell +als möglich hinab. Die Hunde hatten aber indessen ihren Feind in den +Ästen bemerkt, wie er ihrem Herrn folgte, und in toller Wuth, fast zur +Verzweiflung getrieben, daß sie ihn nicht erreichen konnten, sprangen +sie empor und bellten und heulten auf eine herzbrechende Art. + +Endlich gewann _Wiston_ wieder den festen sicheren Boden; seine Kleider +waren zerrissen, das Blut tropfte von seinen Armen, denn die rauhe Rinde +des Stammes hatte sie zerschnitten, seine Kräfte waren erschöpft und +seine Kniee zitterten; aber nicht einen Augenblick vergönnte er sich +zum Ausruhen, sondern sprang zu dem Ort, wo seine Büchse lehnte, ergriff +diese und hob sie, um den Panther aus seiner sicher geträumten Höhe +herabzuholen; aber vergebens bemühte er sich das schwere Rohr auch +nur eine Secunde lang still und unbeweglich zu halten, seine Glieder +zitterten, und er war genöthigt sich niederzuwerfen, um auszuruhen. Aber +kein Auge wandte er von der, jetzt dicht an den Stamm angeschmiegten +Gestalt der Bestie, neben der das Junge, keine Gefahr weiter fürchtend, +mit emporgehobenem Schweife, auf einem etwas vortretenden Aste stand, +und sich behaglich an der Mutter strich. + +_Wiston_ erholte sich bald, faßte noch einmal seine Büchse, zielte lange +und sicher, und donnernd schallte das Echo von fernen Hügeln herüber. + +Die Bestie, vom tödtlichen Blei durchbohrt, zuckte zusammen, sprang +empor und kletterte in wilder Eile von Zweig zu Zweig in den Gipfel +des Baumes; die dünnen Äste schwankten unter ihr; jetzt hatte sie +den höchsten Punct erreicht -- höher hinauf wollte sie; das schwache +Laubwerk gab nach -- sie stürzte, faßte noch mit den gewaltigen Tatzen +im Herunterfallen nach den Blättern und Ranken und schmetterte, von den +Hunden heulend erwartet, verendet zu den Füßen _Wiston's_ nieder. + +Zwar stand diesem jetzt kein weiteres Hinderniß entgegen, das Junge +lebendig zu fangen, das ängstlich bis zu den niedrigsten Ästen des +Baumes der Mutter gefolgt war, doch hatte er das erste Mal seine Kräfte +zu sehr angestrengt, und vermochte nicht auf's Neue den beschwerlichen +Weg anzutreten; er lud daher seine Büchse wieder und brachte es mit +sicherem Schusse in den Bereich der Hunde, die mit grimmiger Wuth über +dasselbe herfielen. + +In wenigen Minuten waren die Felle abgestreift und auf den Pony +geworfen, und von den Hunden gefolgt, trabte der kühne Jäger neuer Beute +und neuen Gefahren entgegen. + + + + +Wandernde Krämer. + + +In den Vereinigten Staaten, wo die Farmer und Pflanzer nicht, wie in +Europa, in Dörfern und Marktflecken zusammen, sondern vereinzelt auf +ihrem eigenen Lande und von diesem umgeben wohnen, ist natürlich der +Handel und Verkehr zwischen den verschiedenen, isolirt liegenden und +oft meilenweit von einander getrennten Besitzungen, wenn auch nicht +gehindert, doch sehr erschwert, und feststehende Kaufläden könnten nur +denen zum Nutzen und zur Bequemlichkeit gereichen, deren Ansiedelung +sich gerade in ihrer Nähe befänden. + +Da nun aber der Farmer nicht gern sein Land verläßt, an das ihn +dringende Arbeiten fesseln, um irgend einen kleinen unbedeutenden +Gegenstand, den er vielleicht auch entbehren kann, einzukaufen, und +sich lieber einmal eine Zeitlang ohne solche Gegenstände behilft, die er +sich, wenn er sie eben bei der Hand hätte, wirklich anschaffen würde, so +fanden es die Handelsleute bald für nöthig, anstatt auf seinen Besuch zu +warten, ihn selbst aufzusuchen, und durchzogen nun entweder in eigener +Person mit ihren Waarenpäcken das Land oder schickten ihre Leute aus, +während sie dem Laden zu Hause vorstanden. + +Vorzüglich fanden die Deutschen an dieser Beschäftigung Geschmack, +besonders unter diesen die Israeliten, (denn von all den wandernden +_deutschen_ Krämern in ganz Amerika sind kaum ein Hundertstel +Christen) und von New-York und New-Orleans, später von Cincinnati aus +durchstreiften sie mit unermüdlicher Ausdauer jeden Winkel der Union. + +Der Handel ist das Lebensprincip der Israeliten, davon liefert Amerika +den unläugbaren Beweis; dort wird ihnen keine Schranke gesteckt, in der +sie sich bewegen müssen; dort sind sie durch Vorurtheile oder Gesetze an +keine Beschäftigung, an kein Gewerbe gebunden, sie stehen mit der ganzen +übrigen Bevölkerung auf Einer Stufe; was sie aber auch im Vaterlande +getrieben haben mögen, welches Handwerk, welche Kunst, es bleibt sich +gleich, in Amerika, wo sie wählen dürfen, greifen sie nach dem Handel +und werden mit sehr wenigen Ausnahmen Kaufleute, oder geht das nicht, +Krämer und Hausirer, wie man sie dort nennt, »Pedlars.« Zwar ist ein +kleiner Theil dieser Pedlar, wie schon gesagt, Christen; doch dieser +sind so wenige und sie verlieren sich so sehr unter der Masse, daß sie +kaum einer Erwähnung verdienen, und nur die wirklichen Yankees (die +Bewohner der nordöstlichen Staaten der Union) concurriren bedeutend mit +ihnen, und nehmen auch wirklich in diesem Geschäftszweig, selbst den +Juden gegenüber, den ersten Rang ein. Wir aber haben es hier erst +vor allen Dingen mit den Deutschen zu thun. -- In einem der Seehäfen +angekommen besteht die Baarschaft der wandernden Krämer, wenigstens die +der ärmern Classe, gewöhnlich noch aus wenigen Dollars, mit denen sie +denn auch nicht säumen, ohne weiteren Zeitverlust ein »Geschäft zu +beginnen.« Ein schmaler Korb (zum Umhängen) wird vor allen Dingen +angeschafft, dahinein ein kleiner Vorrath von etwas Band und Zwirn, +einige Kämme und Zahnbürsten, Hosenträger und Zahnstocher, wunderbar +schimmernde Hemdknöpfchen und Näh- und Stecknadeln und andere derartige +Sachen gekauft, und der Weg zu ihrem Glück ist gebahnt. + +Noch versteht der angehende Kaufmann keine Sylbe von der Sprache des +Landes, das er jetzt zu seiner Heimath gemacht hat, =yes= und =no= und +noch ein paar kleine Hülfswörter, wie =very cheap= (sehr billig) +und =very good= (sehr gut) ausgenommen, mit einer liebenswürdigen +Dreistigkeit aber sucht er vorzüglich die amerikanischen Häuser auf +(denn die Deutschen selbst sind schlechte Kunden), und knüpft hier +mit der Hülfe von solch barbarischen Wörtern und lebensgefährlichen +Gesticulationen ein Gespräch an, daß die Leute, wenn sie nicht den ohne +alles weitere Eintretenden beim ersten Anlauf aus der Thüre werfen, sehr +häufig geneigt sind eine Kleinigkeit zu kaufen, die sie natürlich im +Leben nicht benutzen können, blos um das Mienen- und Gebärdenspiel wie +die außerordentliche Unterhaltung des »jungen Amerikaners« eine kurze +Zeit zu genießen. + +Das dauert aber nur wenige Monate; in fast unglaublich kurzer Zeit +lernt der Pedlar die Landessprache wenigstens so weit, daß er sich +verständlich ausdrücken kann, und nun beginnt das eigentliche Leben +desselben. + +Wie der Schmetterling aus der Puppe, so kriecht er mit seinem mächtigen +Packen und einem tüchtigen Wanderstab versehen aus den Straßen der engen +Stadt hervor und flattert, wenn man überhaupt mit einem Waarenballen von +einigen 60 Pfund auf den Schultern flattern kann, hinaus ins Weite, den +fernwohnenden Farmern das an Herrlichkeiten zuzutragen, was er entweder +auf Auctionen mit baarem Gelde eingekauft, oder von bekannten Kaufleuten +auf Credit erhalten hat. + +In dem Staat, in welchem er Handel treibt, muß er freilich eine +bestimmte Taxe, sogenannte Licence entrichten, weiter ist er aber auch +in nichts gebunden, und kann an Waaren ausbieten, was ihm nur immer +und wo es ihm beliebt; deshalb haben sie sich auch über die ganzen +östlichen, südlichen und mittlern Staaten ausgebreitet, und nur die ganz +westlich liegenden größtentheils den Amerikanern überlassen, da dort die +Gegend noch zu unbebaut ist und ihnen der Anblick von wilden Thieren, +die, wenn auch einzeln, doch dann und wann umherstreifen, keineswegs zu +behagen scheint. + +Natürlich wählt sich der Pedlar stets _den_ Strich Landes, auf welchem +die meisten Ansiedlungen liegen und der noch am wenigsten von seinen +Collegen heimgesucht ist; dort geht er dann von Farm zu Farm und fragt, +ob die Inwohnenden etwas von Waaren nöthig haben. Gewöhnlich lautet +die Antwort »nein.« Da aber der Mann selten zu Hause ist und die Frauen +stets gerne sehen möchten, was der Krämer denn eigentlich in dem großen, +schweren Packen für Kostbarkeiten verborgen trägt, so erhält dieser +leicht die Erlaubniß seinen Ballen zu öffnen und seine Waaren +auszubreiten. Erhält er die übrigens auch nicht, so bleibt sich das im +Grunde gleich, denn öffnen thut er ihn doch, und seine Sachen zeigt +er auch vor, ehe er geht, Stück für Stück, ob er nun freundliche oder +mürrische Zuschauer um sich sieht. + +Das Ausbreiten der Waaren in einsamer, den Städten fernliegender Hütte, +hat aber seinen doppelten Nutzen; erstlich sehen die Bewohner derselben +so viele Sachen, welche sie gut gebrauchen können, ja deren sie wohl gar +nothwendig bedürfen, vor sich und werden dadurch an manche Kleinigkeit +erinnert, die sie sonst vergessen hätten; und dann gewinnt auch +die Waare selbst, in der unscheinbaren niedern Hütte, auf dem rohen +Holztisch, in der ganzen hausbackenen Umgebung zur Schau gestellt, ein +ganz anderes Ansehen. Wie verführerisch glänzen die schildpattähnlich +gemalten Hornkämme von dem schlauen Krämer gegen den dunkeln Scheitel +des neben ihm stehenden erröthenden Mägdeleins gehalten; wie feenhaft +zauberisch glitzern die mächtig großen Vorstecknadeln und Ohrgehänge +auf den sauber gebürsteten, schwarzen sammtmanchesternen Kissen und die +goldenen Ringe mit den Brillanten und Rubinen auf der schwarzen Rolle +aufgereiht wie Bretzeln am Fenster eines Bäckerladens; welche kaum +geahnte Pracht eröffnet sich nicht in den jetzt aufgeschlagenen Stücken +Kattun, dessen wunderliche Muster, mit den blitzähnlichen Zickzacks und +unzähligen Monden und Sternen selbst der ältern Farmersfrau ein +lautes »Ach« der Bewunderung entlocken; und dann erst gar die seidenen +Halstücher und Bänder, die Perlmutterknöpfe und Haarnadeln mit den +kleinen farbigen Glaskugeln oben drauf, die Haarschleifen und Armbänder, +die Ketten und feuerstrahlenden Ohrringe, das alles muß in einem solchen +Blockhaus, mitten im Walde gesehen werden, um ganz den, wenigstens für +den Verkäufer wünschenswerthen und günstigen Eindruck hervorzubringen. + +Der Pedlar läßt seine Waaren gewöhnlich nur für baar Geld aus den +Händen; kennt er aber seine Leute oder sieht er an der ganzen Umgebung, +daß er gerade nicht viel zu fürchten hat, so creditirt er wenigstens +einen Theil derselben, was ihm zu gleicher Zeit Entschuldigung für einen +zweiten Besuch gewährt. Ein anderes ist es mit den »Jewelry pedlars« +oder denen, die nur goldene Schmuckwaaren, einige Taschenuhren und +_silberne_ Löffel führen. Diese geben _nie_ Credit, weil sie aus sehr +vernünftigen Gründen nie ein und denselben Ort zweimal besuchen: sie +trauen dem Frieden nicht recht und sind selten geneigt, dem Mann wieder +unter die Augen zu treten, dem sie früher von ihren Waaren verkauft +haben. + +Der größte Betrug wird in dieser Hinsicht mit den Argentan-Löffeln +getrieben, die in den Städten unter dem Namen =german silver= +oder deutsches Silber bekannt sind und wo, besonders in Ohio, den +leichtgläubigen Farmern unter dem Vorwande, daß _deutsches_ Silber nur +eine andere Art, aber sonst eben so gut sei, das Dutzend Eßlöffel zu +18 und 20 Dollars verkauft wurde. Hätten die Gesetze in diesen Fällen +wirklich einschreiten wollen, so würden sie nichts haben ausrichten +können, denn die Waare war unter dem rechten Namen, »deutsches Silber,« +wenn auch zu einem übermäßigen Preise, verkauft, die Landleute selbst +aber, welche mit der Zeit, obgleich erst durch Schaden, klug wurden, +schwuren nachher freilich dem Pedlar, sobald er sich wieder blicken +lassen würde, furchtbare Strafe zu. Dieser jedoch trieb dann schon +in einem anderen Staat, entweder weiter westlich oder südlich, -- wer +konnte sagen wohin er gezogen, -- sein Wesen, und nur wenige Jahre +bedurfte es, so hatte sich der arme Packträger ein Pferd oder gar einen +kleinen Wagen angeschafft, auf dem er jetzt seine Waaren, in bedeutend +größerer und besserer Auswahl, durch das Land fuhr. + +Louisiana besonders wimmelt von diesen Leuten und es kommt dort vor, +daß mehrere derselben zusammenlegen und sich ein Pferd gemeinschaftlich +kaufen, um ihre Waarenballen fortzuschaffen; das arme Thier ist aber +dann wahrlich zu bedauern, denn erstens muß es die sicherlich übermäßige +Last, und gewöhnlich auch noch abwechselnd einen der hoffnungsvollen +Jünger Mercurs schleppen, und nicht selten geschieht es dann, daß solch +ein gequältes Geschöpf zusammenbricht und nicht weiter kann. + +In Louisiana besteht der Hauptnutzen des Pedlars in dem Verkehr mit den +Negern und besonders den Negerinnen, welche, da sie die Plantagen nicht +verlassen dürfen, für alles das, was sie gebrauchen, einzig und allein +auf diese wandernden Krämer angewiesen sind. Den jungen Mulattinnen und +Mestizen fehlt es dabei nicht an Geld, besonders wenn sie schön +sind, und sie wissen den Minnesold natürlich auf keine andere Art zu +verwenden, als daß sie Putz und Kleider dafür einkaufen, die ihnen +von den geschäftigen Deutschen in reicher Auswahl zugeführt werden. +Grellrothe Tücher, Glasperlen, auffallend bunte Kattune und alle Arten +von Schmuck finden hier einen ausgezeichneten Markt, und der Nutzen an +diesen Gegenständen, die spottbillig auf den Auctionen in New-Orleans +eingekauft werden, ist bedeutend. Am meisten verdienen diese Leute aber +mit dem verbotenen Handel, wie das fast stets der Fall ist. + +Den Negern dürfen sie nämlich keinen Whiskey verkaufen, wie überhaupt +kein Kaufmann in den Sklavenstaaten; und die Strafen, welche für +Übertretung dieses Gesetzes bestimmt sind, werden sehr streng +beobachtet; der Krämer weiß aber der Gefahr entdeckt zu werden, sehr gut +zu entgehen; Verrath ist von den Negern selbst nicht zu befürchten und +eine mittlere, doppelte Wand im Wagen birgt den geheimen Schatz, aus dem +sie heimlich die Flaschen der durstigen Sklaven füllen. + +Viel bedeutendere Geschäfte machen übrigens in diesem Artikel die großen +Flat- und Kielboote, welche für den heimlich ausgeschenkten Whiskey, +wenn sie einmal eine kurze Zeit am Ufer anlegen, Landesproducte +annehmen, als Hühner, Ferkel, Truthühner, Mais und was die Sklaven +sonst selber ziehen oder in der Geschwindigkeit stehlen können, welche +Gegenstände der wandernde Krämer freilich nicht im Handel annehmen kann, +da er keinen Ort hat, an dem es möglich wäre, diese Sachen zu verbergen, +auch bliebe ihm, im Fall es entdeckt würde, kein Weg zur Flucht +offen, während die Bootsleute weiter nichts zu thun haben, als ihr Tau +loszubinden, wo sie in wenigen Stunden mit dem Strome hinabtreibend +unter der Masse ähnlicher Fahrzeuge verschwinden und vielleicht zehn +Meilen weit unten denselben Handel auf's neue beginnen. + +Wunderbar ist es übrigens in der That, wie diese Pedlars, besonders in +einigen Staaten noch, ihren Lebensunterhalt verdienen können, denn +z. B. Louisiana, Ohio, Pennsylvanien und selbst Kentucky sind mit ihnen +ordentlich überschwemmt; die Amerikaner kennen sie aber schon, wissen, +daß es wirklich positive Unmöglichkeit ist, einen derselben loszuwerden, +ohne ihm eine Kleinigkeit abzukaufen und fügen sich dann auch meistens +mit vieler Ruhe in das doch einmal unvermeidliche Schicksal. + +Hat sich der Pedlar nun endlich nach langen, mühsam und auf der +Landstraße durchlebten Jahren etwas erspart, so giebt er das wandernde +Leben auf und wird »Storekeeper,« d. h. er miethet sich irgendwo an der +Dampfboot-Landung eines kleinen Städtchens oder einer Stadt, und ist das +nicht möglich, im Innern des Ortes selbst einen Laden, und beginnt ein +Geschäft mit fertigen Kleidungsstücken, inclusive Hüten, Mützen, Schuhen +und Stiefeln, Messern, Pistolen, goldenen Ringen und Vorstecknadeln. +Die sämmtlichen Kleiderläden der Vereinigten Staaten (es bestehen deren +Tausende) gehören auf diese Art, mit nur sehr wenig Ausnahmen, deutschen +Israeliten, von denen viele in kurzen Jahren ein recht anständiges +Vermögen zusammengescharrt haben, und sämmtliche Städte eben dieser +Staaten, die an einem Fluß oder sonstigen Wassercours liegen, sind +auf diese Art im wahren Sinne des Wortes mit wehenden und flatternden +Kleidungsstücken garnirt, zwischen denen unter jeder Thür ein mit vieler +Aufmerksamkeit frisirter, sehr elegant gekleideter, und die rothen +Finger mit Ringen, die scheinende Weste mit Ketten und Vorstecknadeln +überladener junger Mann steht und die Vorübergehenden fortwährend +mit lauter Stimme einladet, sein »wohlassortirtes Lager« etc. etc. +in Augenschein zu nehmen; ja oft _sogar_ mit wahrer Todesverachtung +besonders ärmlich Gekleidete gewaltsam in das Heiligthum seines +Verkaufslocals hineinzerrt, wo er im düstern Schatten einer Unzahl +flatternder Beinkleider das unglückliche Opfer förmlich zu irgend einem +Handel zwingt. + +Diese Kaufleute übrigens, die einst wandernde Krämer gewesen, geben +ihren ärmern, noch umherstreifenden Collegen selten oder nie Credit; sie +mögen wohl wissen, wie sie es selbst in früheren Zeiten getrieben, +und wie oft ein solcher nomadischer Händler, wenn er eine Zeitlang +Kleinigkeiten im Vertrauen auf seine Redlichkeit erhalten und verkauft, +auch stets richtig bezahlt hat, mit dem ersten größeren Waarenballen +spurlos verschwindet, und erst wieder in einem andern Staat, wo möglich +5 bis 600 Meilen von dem ersten entfernt, auftaucht. Ihn durch die +Gesetze zu verfolgen, ist kaum möglich, der angeführte Kaufmann erfährt +vielleicht auch den neuen Aufenthaltsort seines Schuldners erst nach +geraumer Zeit, wenn die Schuld selbst schon lange verjährt ist. + +Ich war übrigens selbst einst Zeuge, wie mehrere Kleiderhändler in +New-Orleans eine wenn auch komische Art Lynchgesetz in Anwendung +brachten, um einen Pedlar zu bestrafen, der fünfe von ihnen, die sich +später alle zufällig in New-Orleans zusammengefunden und festgesetzt +hatten, in verschiedenen Städten der vereinigten Staaten um eine nicht +unbeträchtliche Summe in Waaren betrogen. Die Schuld war verjährt und +in einer Versammlung vor die er berufen, wurde ihm als Strafe von jeder +Hand (es hatten sich etwa 18 eingefunden, und ich war eigentlich nur ein +zufälliger Zeuge) zwanzig Stockschläge zuerkannt, denen er sich auch im +Gefühle seiner Schuld, geduldig unterwarf. Als aber der vierte, an dem +er vorzüglich gesündigt, seinen größern Verlust auch durch stärkere +Schläge, als sie der Delinquent wohl erwartet, wieder einzubringen +gedachte, lehnte sich dieser höchst unvorhergesehenermaßen gegen die +Gewalt auf, und faßte den Strafenden mit so schlauem Griff, daß dieser +erschreckt aufschrie, den Stock fallen ließ und froh war, dem kräftigen +Schuldner wieder entrissen zu werden. Das schreckte die andern ab, +und der Pedlar ward in Gnaden, aber mit entsetzlichen Schimpfworten +entlassen. + +Zwei Arten von Waaren giebt es übrigens, mit denen sich die Deutschen +nie oder wenigstens sehr selten befassen: es ist dies der Verkauf von +Wand- oder Standuhren und Medicinen. Zum ersten Geschäft sind sie nicht +gewandt, zum zweiten nicht unverschämt genug. Diesen Handel haben also +die Amerikaner fast allein an sich gerissen, vorzüglich die Yankees, +d. h. die Bewohner der nordöstlichen Staaten, als Maine, New-Hampshire, +Connecticut, Vermont, Massachusetts und Rhode-Island, deren »Clock +pedlar« oder Uhrenkrämer in der ganzen Welt berühmt sind. + +Sam Slick hat einen tiefen Blick in ihre Verhältnisse thun lassen und +ich will sie, da sie doch einmal in diese Rubrik gehören, nur kurz +erwähnen. + +Mit einem kleinen Wägelchen, vor das ein ziemlich gut aussehendes, sonst +aber gewöhnlich höchst nichtsnutziges Pferd gespannt ist, zieht der +Uhrenhändler oder Clockpedlar in die weite Welt, und zwar am liebsten +in die westlichen und süd-westlichen Staaten hinein; sein Zweck und Ziel +ist Uhren zu verkaufen und er verkauft sie auch, mag er nun willige oder +zähe Käufer finden. Leute, die früher nie auch nur an die Möglichkeit +gedacht haben, je eine Summe, die für sie ein Capital ist, an die +Anschaffung eines so leicht entbehrlichen Gegenstandes zu wenden, finden +sich plötzlich als Eigenthümer eines solchen Werkes, von dem es ihnen +fast wie Zauberei und schwarze Kunst erscheint, wie sie eigentlich und +so ganz gegen ihren positiv ausgesprochenen Willen zum Besitz +desselben gelangt sind. Da steht es aber jetzt, oben auf einem +groben, unbehobelten Bret zwischen dort aufgehangenen Hirsch- +und Waschbärenfällen so ruhig und gemüthlich mit seinem stillen, +selbstzufriedenen Ticktack, als sei es etwa 1500 Meilen von dort ganz +besonders zu dem Zweck angefertigt worden, in möglichst kurzer Zeit +hierher geschafft zu werden, und durch die Augen einer holdselig +lächelnden Dame in wunderbar schimmerndem, feuerfarbenem Kleid, die, auf +der Klappe der Uhr befindlich, in der einen Hand eine außergewöhnlich +große Rose, in der andern einen chinesischen Fächer hält, dem wirklich +verblüfften Farmer seine volle Zufriedenheit mit dessen trefflicher Wahl +zu erkennen zu geben. + +Der Yankee, eine stets sehr lange und sehr sorgfältig bis hoch hinauf +an die Schläfe rasirte Gestalt mit glatt gestrichenen Haaren und +grauen, lebhaften Augen, etwas vorstehenden Backenknochen und etwas +schiefgezogenen Gesichtszügen, wovon jedoch größtentheils ein in der +linken Backe ruhendes entsetzliches Stück Kautaback die Schuld trägt, +versichert indessen den Farmer schon zum drittenmal, daß er ihn erst +binnen Jahresfrist und vielleicht selbst dann noch nicht wiedersehen +solle, läßt sich jedoch »um Lebens oder Sterbens willen« einen kleinen +Wechsel nach Sicht schreiben, setzt sich am nächsten Morgen in sein +kleines, grün lackirtes Wägelchen, nickt noch einmal einen freundlichen +Gruß herüber und verschwindet in den Biegungen der durch den dichten +Wald führenden Straße. Er hält Wort -- er selbst kommt weder in +Jahresfrist noch jemals wieder in dieselbe Gegend, aber nach zwei +Monaten erscheint sein »Partner« oder Compagnon, präsentirt den Wechsel +und dringt auf die Bezahlung. Von jähriger Frist weiß er nichts, +sein College »hat ihm nichts davon gesagt,« der Wechsel lautet auf +augenblickliche Bezahlung und muß, wenn er unter 50 Dollar ist, dem +Vorzeiger bezahlt werden. Der arme Backwoodsman weiß das und schafft +seufzend Rath, der Pedlar aber, oder Einkassirer vielmehr, zieht +heimlich lachend von dannen. + +Die Hinterwäldler sind sonst so schlau und gewandt, im Geschäft sowohl +wie im wirklichen Leben; in den Händen eines Yankees aber ist es +ordentlich, als ob sie ihre bisherige That- und Denkkraft verlieren; +sie erkennen seine geistige Überlegenheit an und geben sich rettungslos +verloren. Kehrt der Händler in seine eigene Heimath zurück, so hat +er auch stets ein ausgezeichnet gutes Pferd vor dem Wagen, denn das +vortheilhafte Vertauschen desselben gehörte mit zu seinem Geschäft. + +Nur ein Beispiel weiß ich, wo ein Yankee und noch dazu einer der +pfiffigsten, von einem Backwoodsman mit seinen eigenen Waffen geschlagen +wurde und sehr betrübt abziehen mußte. Es war in Arkansas, und Jackson, +ein Ansiedler, der erst kürzlich von Tenessee herübergekommen, sein +letztes baares Geld für 40 Acker Land, zwei Milchkühe und ein Pferd, +da ihm das alte krank geworden und gestürzt war, ausgegeben hatte, saß +Abends in der ärmlichen Blockhütte beim frugalen Nachtmahl von Speck, +Maisbrod und Milch, als das kleine Fuhrwerk eines solchen Clockpedlars +vor seiner Thür hielt. + +Freundlich lud er den Krämer ein, bei ihm die Nacht und mit seinem +Mahl vorlieb zu nehmen, und dieser ließ sich auch nicht lange bitten, +besorgte sein Pferd selbst, trug, wobei ihm Jackson half, die Uhren +unter Dach und Fach und begann hier nun auf den Verkauf einer derselben +hinzuarbeiten; Jackson war aber »=an old hand=,« wie sie in Amerika +sagen, und durchschaute nicht allein seinen Plan, sondern hatte ihn +schon von dem ersten Anblick an vorausgesehen, sagte daher dem Pedlar +ganz freundlich, er sei zu arm eine Uhr zu kaufen, denn wenn er sie +wirklich kaufen wolle, könne er sie nicht bezahlen. Dies war übrigens +eine zu alltägliche Ausflucht, als daß sich der Yankee dadurch hätte +sollen abschrecken lassen; im Gegentheil gab ihm das ruhige Betragen +des Mannes die besten Hoffnungen zu einem guten Geschäft, und nicht eher +ruhte er, bis sämmtliche Uhren in Reih und Glied vor dem still vor sich +hin lächelnden Backwoodsman aufmarschirt standen, und jetzt handelte +es sich nach des Krämers Meinung nicht mehr darum, ob er eines der +herrlichen Kunstwerke, sondern nur _welches_ er kaufen solle. Vergebens +erwähnte der Arkansaner, daß er arm sei und keine Uhr kaufen könne, der +Pedlar ließ nicht locker, und jener richtete sich endlich entschlossen +auf und sagte: + +»Gut -- ich nehme eine -- Ihr bekommt aber kein Geld.« + +»Im ersten Jahr nicht,« lächelte der Krämer, »habt die Uhr nur einmal +ein Jahr, Ihr laßt sie nicht wieder fort.« + +»So will ich diese wählen -- was ist der Preis?« + +»Achtundvierzig Dollar.« (Er wußte recht gut, daß er bei einer Klage auf +mehr als 50 Dollar Jahre lang hinausgehalten werden konnte.) + +Jacksons Frau sah ängstlich zu ihm empor, er winkte ihr aber +lächelnd zu, ruhig zu sein, und ließ es, behaglich auf ein Bärenfell +ausgestreckt, geschehen, daß der Fremde die aufgedrungene Uhr über dem +Kamin auf einem durch hölzerne Pflöcke gehaltenen Bret befestigte und +aufzog. + +»Ihr bekommt aber kein Geld dafür,« sagte er dem Yankee. + +»Ich weiß es wohl,« erwiederte dieser, »aber doch Euern Wechsel, Ihr +wißt wohl, das ist so Sitte.« + +»Gut, dagegen habe ich nichts, den sollt Ihr haben,« sagte der Farmer, +und unterschrieb das schnell ausgestellte Papier. + +Der Pedlar zog am nächsten Morgen weiter, aber ehe sein Collecteur +mit dem fälligen, natürlich nach Sicht ausgefüllten Wechsel erscheinen +konnte, hatte Jackson die Uhr auf sein Pferd genommen, nach der nächsten +Stadt gebracht und dort verkauft. + +Der Compagnon des Yankees kam endlich nach drei Monaten, und erstaunte +zwar, keine Uhr in der Hütte des Farmers zu finden, äußerte jedoch +hierüber nichts, sondern präsentirte nur seinen Wechsel. Der Farmer +bedeutete ihn aber sehr kaltblütig, daß er dem Uhrenhändler aufrichtig +gesagt habe, er bekäme nie sein Geld und das wäre in der That wahr, denn +er sei nicht allein nicht gesonnen, sondern auch nicht im Stande, die 48 +Dollars jetzt oder jemals zu bezahlen; er hätte die Uhr nehmen müssen, +um den Krämer nur loszuwerden, und der Collecteur möge ihn jetzt, wenn +er sonst glaubte, etwas dabei verdienen zu können, verklagen. + +Als dieser endlich wirklich sah, der Farmer sei fest entschlossen, sein +Wort zu halten, so ging er zum nächsten Friedensrichter und klagte; der +gute Mann war jedoch zum erstenmal in Arkansas -- er hatte gut klagen, +das Erlangen seiner Schuld stand aber auf einem anderen Blatt, denn der +Farmer war -- nicht zahlungsfähig. + +Vergebens warf der Yankee ein, daß er eine Menge Hausgeräth, eine +Büchse, ein Pferd und zwei Kühe habe, es half ihm nichts; in Arkansas +kann einem Farmer weder die Büchse noch Handwerkszeug, weder zwei Kühe +noch zwei Pferde, noch alles nöthige Hausgeräth als Pfand weggenommen +werden, denn es giebt ein gewisses Eigenthum, welches er besitzen muß, +ehe das Gesetz ein Recht auf das übrige erhält, und da er das, was ihm +der Staat als unantastbar zugestand, noch nicht einmal alles besaß, +denn er hatte nur _ein_ Pferd und kaum die Hälfte des ihm verstatteten +Hausgeräthes, so war natürlich an eine gewaltsame Bezahlung gar nicht zu +denken. Als dies dem Yankee endlich in all seiner entsetzlichen Wahrheit +einleuchtete, versuchte er die Uhr zurückzuerhalten, aber auch das war +zu spät, und seit jener Zeit ist Jackson nie wieder eine Uhr zum Verkauf +angeboten worden. + +Ein anderer Handelszweig und keineswegs der unbedeutendste, mit dem die +Yankees fast gänzlich Monopol treiben, ist der Medicin-Handel. Ein alter +Yankee, der seine Söhne in die Welt schickt, damit sie Erfahrungen -- +die wichtigste Schule im menschlichen Leben -- sammeln, und einmal +von den Zwiebelbeeten erlöst werden, an die sie bis zu ihrem +einundzwanzigsten Jahr gefesselt gewesen, stellt ihnen die Wahl frei, +ob sie Clockpedlar oder -- _Doctor_ werden wollen, und wählen sie +das letztere, so bedarf es noch nicht einmal so vieler Warnungen und +Ermahnungen, als bei dem ersten Geschäft, um den jungen Mediciner mit +der Wirkung seiner Heilkräfte, die er in einem kleinen Felleisen bei +sich führt, bekannt zu machen. + +Die Mittel, deren er sich bedient, sind sehr einfach. Calomel ist die +Hauptcur, und macht, nebst irgend einer großnamigen Patentmedicin, den +Mittelpunkt, um den sich alles übrige dreht; sonst gebraucht er noch +etwas Opium (aufgelöst), Ricinusöl, Glaubersalz, etwas Ipecacuanha, +Chinarinde und Brechweinstein, und er hat alles, was er zu einer +ausgebreiteten Praxis bedarf. + +Schon fünf Meilen von seinem Heimathsort, wo er dem ersten fremden +Menschen begegnet, erhält er den Namen »Doctor,« und die können von +Glück sagen, die noch mit Salz oder andern unschädlichen Medicinen +abgefertigt werden, denn wo der junge Doctor Geld wittert, da müssen die +Leute von seiner Patent-Medicin kaufen, und Gnade ihnen Gott, wenn sie +das rothe, zusammengeknetete Zeug verschlucken. Sind sie vollkommen +gesund, so kommen sie vielleicht mit einer heilbaren Kolik oder einigen +gelinden Krämpfen und einem schwachen Anfall von Apoplexie davon; sind +sie aber ohnedies kränklich, dann ist ihnen selten mehr zu helfen, +und sie vermehren die Zahl der Schlachtopfer, die jährlich dem so +scheußlichen Götzen »Quacksalberei« geopfert werden. + +Manchmal betreiben auch diese wandernden Krämer oder »Doctoren,« wie sie +sich am liebsten genannt hören, ihr Geschäft humoristisch, im Fall sie +entweder zu gewissenhaft sind, den Farmern ihre Latwergen aufzudringen +oder darin eine leichtere und schnellere Art sehen, Geld zu verdienen; +so durchzogen z. B. im Jahre 1843 zwei Yankees die nördlichen oder +nordwestlichen Staaten mit solchem Glück, daß sie in wenigen Monaten +eine bedeutende Summe Geldes erübrigt hatten. Ihr Plan, oder vielmehr +ihre List, war die folgende gewesen. + +Der Eine von ihnen, ohne Waaren oder Gepäck, mit nur einer gewöhnlichen +amerikanischen Satteltasche von seinem kleinen, feurigen Pferde +getragen, war der erste auf der unter ihnen ausgemachten Marschroute, +und hielt bei jedem Haus, das auf seinem Wege lag, an, stieg ab, +schüttelte den Bewohnern desselben sehr freundlich und lang die Hand, +ging an den Wassereimer und trank aus dem langstieligen Flaschenkürbis, +der neben demselben an einem Haken aufgehangen war, unterhielt sich dann +noch eine Weile mit den Leuten, sprach über dies und jenes, schüttelte +ihnen noch einmal zum Abschied die Hand, kehrte wieder um und entdeckte +nun irgend einem der Männer, den er bei Seite nahm und um Verschweigen +des ihm Anvertrauten bat, daß er -- an einer sehr bösartigen +Hautkrankheit leide und frug ihn, ob er nicht irgend eine dieser +abhelfenden Salbe habe. Er hielt dabei die Hand des Farmers fest in der +seinen und sah ihm bittend in's Auge, bis dieser plötzlich den Sinn +der Worte begriff und schnell zurücktrat. Gewöhnlich wurde er hierauf +schnell und mit einigen kurzen, nicht besonders freundlichen Worten +abgefertigt; das that aber nichts, er hatte seinen Zweck erreicht, +schwang sich in den Sattel und trabte, wehmüthig zurückgrüßend, langsam +der nächsten Ansiedlung zu, um hier seine List zu wiederholen. + +Die Farmerfamilie blieb aber in größter Aufregung zurück -- was mußten +hiervon die Folgen sein? Der Mann mit der ekelhaften Krankheit hatte +allen und höchst warm und freundschaftlich die Hand gedrückt, hatte +aus demselben Trinkgeschirr mit ihnen getrunken und es war jetzt fast +unvermeidlich, daß sie angesteckt werden mußten. Da nähert sich auf +hohem, starkknochigem Roß ein Fremder, hält und steigt ab; die Familie +ist noch so bestürzt, daß sie kaum seiner achtet, er nimmt aber ohne +weiteres das kleine Felleisen, welches er hinter sich am Sattel trägt, +geht in's Haus und fragt, ob niemand etwas von seinen Medicinen bedürfe. + +Medicin? das war ein Wink des Himmels -- der Mann kam wie von Gott +gesandt, und welch ein Glück, daß er auch eine solche gerade für diese +Art Hautkrankheiten nützliche Salbe bei sich führte. Es ist seiner +Aussage nach das letzte, und wenn auch etwas viel für die _eine_ +Familie, so kann man ja doch nicht wissen, ob die Krankheit nicht +wirklich zum Ausbruch kommt und wie sie sich zeigen wird, gut oder +bösartig. Auch ist der Preis gerade für diesen Artikel sehr hoch, aber +was schadet das, beugt man denn nicht damit dem Unangenehmsten vor? Der +schlaue Krämer hat aber in der That seinen Mantelsack _nur_ mit dieser +Arznei gefüllt, welcher blos oben darauf zum Schein noch einige andere +beigefügt sind; er streicht daher fröhlich das Geld ein und folgt +schnell dem Compagnon, der indessen auf seiner Schrecken verbreitenden +Bahn weiter gegangen ist und neue Opfer gesammelt hat. Da sie ihren Weg +natürlich immer weiter und stets durch fremde Gegenden fortsetzten, so +war auch eine Entdeckung gar nicht zu befürchten, und nie haben wohl +zwei Yankees in so kurzer Zeit solche brillante Geschäfte gemacht, als +diese beiden wandernden Medicinkrämer. + +Zu dieser Menschenclasse gehören auch noch eigentlich streng genommen +die unzähligen Kiel- und Flatboote, welche mit den größeren Strömen +hinabtreiben; nur eine gewisse Art derselben legt aber an den einzelnen +Farmen und Plantagen an, die Mehrzahl schwimmt dem großen Markt des +Südens, dem gewaltigen New-Orleans zu. Diese Krämerboote zeichnen +sich vor den ersteren Kameraden durch eine kleine Stange und einen +flatternden Wimpel aus; sie landen an jeder größeren Ansiedlung und +führen theils Producte des Nordens, theils Ausschnitt- oder Blechwaaren, +ja manchmal sogar Schaubuden und Theater mit sich. Ist an dem einen Ort +ihr Geschäft beendet, so lösen sie das Tau und treiben weiter hinunter +zum nächsten Platz, wobei sie, wie schon oben erwähnt, besonders in den +südlichen Staaten vorzüglich gute Geschäfte machen, indem sie heimlich +an die Negersklaven Whiskey ausschenken und dafür von diesen Feldfrüchte +und selbstgezogenes oder gestohlenes Vieh eintauschen. + + + + +Der amerikanische Urwald. + + +Der deutsche Jäger, der Abends seine Jagdgeräthschaften für den nächsten +Tag in der freundlich-gemüthlichen Stube zurechtlegt, Pulverhorn wie +Korbflasche füllt und nun mit Tagesgrauen nichts weiter zu thun hat, +als den Hund zu füttern und für sich selbst ein Paar Butterbröde zu +schneiden, wenn nicht auch das die Frau schon besorgte; der dann sein +Schießzeug umhängt und mit dem klugen Ponto durch offene Felder sucht, +oder durch lichte Waldung pürscht, Nachts aber wieder ruhig in seinem +warmen, weichen Bette liegt: der weiß freilich nicht, wie es einem armen +Streifschützen zu Muthe ist, der, weit von jeder menschlichen Wohnung +entfernt, in Regen und Sturm, vielleicht in Schnee und Eis draußen im +Walde campirt, und hungert und friert. + +Das Leben in den amerikanischen Urwäldern hat aber stets einen +geheimnißvollen Reiz für den Europäer gehabt; schon der Name klingt +romantisch, man denkt dabei an die gewaltigen, riesigen Bäume, an das +schaurige Rauschen der mächtigen Wipfel, an die Schlingpflanzen und +an den wilden Wein, der in schweren, dunklen Trauben von den Ästen +herniederhängt, an das Wild, das leisen, bedächtigen Schrittes +hindurchzieht, an den finstern Bären, den stattlichen Hirsch, die +zahlreichen Völker wilder Truthühner, vielleicht gar an einen in den +Zweigen lauernden Panther; ja das ist Alles sehr schön und gut -- +existirt auch wirklich, nur ist es schlimm, daß die Sache, so recht in +der Nähe, aus der Mitte heraus, betrachtet, sehr, sehr viel an Reiz und +romantischem Zauber verliert. -- Es ist damit gerade so, wie mit einer +weidenden Heerde. + +Welch einen lieblichen Anblick gewährt es, wenn man, auf einem Hügel +gelagert, in der Ferne, auf grüner blumiger Wiese eine Heerde weiden +sieht, wo die einzelnen buntscheckigen Kühe nach dem duftigen Futter +umhersuchen, wo der Hirt, dessen Hund ihn spielend umspringt, an seinem +Hirtenstabe lehnt; wenn man das melodische Läuten der Glocken, das +weiche Blöken des Viehes selbst, das freundliche Klaffen des Hundes hört +-- ein unendlicher Zauber liegt über dem anmuthigen Bilde; -- steigt +man aber von dem Hügel herunter und kommt in die Nähe, so wird aus der +blumigen Wiese ein mit ganz anderen Gegenständen als Blumen bedecktes +Brachfeld, die Glocken klingen nicht rein, die eine besonders, die einen +Sprung hat, und die man in der Ferne nicht hören konnte, vernichtet +den ganzen günstigen Eindruck. Der Hund läuft Einem schon von weitem +entgegen und weist knurrend die Zähne -- und kommt man nun gar noch +näher -- riecht erst die Heerde -- und den Hirten -- ja dann ist's mit +dem idyllischen Wesen vorbei -- der Zauber schwindet und wir haben eine +Heerde Rindvieh, mit Jürges Gottlieb, der daneben steht und an einem +außergewöhnlich schmutzigen Strumpfe strickt. + +Nun ist es freilich nicht ganz so arg mit dem Urwald; das einzelne +Schöne, aus dem er besteht, bleibt immer, ja gewinnt sogar noch in der +Nähe an Großartigkeit, wenn man es nämlich blos anzusehen brauchte; muß +sich aber der Jäger durch die Schlingpflanzen mit Messer und Tomahawk +Bahn brechen, dann findet er zu seinem Schrecken, daß jene malerischen +Geflechte voll Dornen und giftiger Blätter sind, die, wenn ihr Saft die +Haut berührt, Blasen ziehen und das Fleisch entzünden; der mit Blumen +und Kräutern bedeckte Boden giebt nach, und zäher Schlamm umschließt +Fuß und Knöchel, umgestürzte Riesenstämme versperren den Weg und sie +zu umgehen, ist unmöglich, denn in ihrem Sturz haben sie alles +Danebenstehende mit niedergerissen und undurchsichtige Brombeerhecken +sind aus den Wurzellöchern aufgewachsen; -- Schaaren von Mosquitos +stürmen auf den Geplagten ein, zahllose Holzböcke peinigen ihn auf eine +fast unerträgliche Art, und ist er im flachen Lande -- (denn nur dort +findet er den Urwald noch in seiner ganzen Majestät, da in den Hügeln +das dürre, trockene Laub zu oft angezündet wird, was die jungen Bäume +tödtet und die älteren im Wachsthum hindert), so darf er den Blick kaum +zu den herrlichen Stämmen aufheben, weil er fortwährend fürchten muß, +auf eine der zahlreichen Schlangen zu treten, die überall dort, wo die +Sonne durch's dichte Laubdach bricht, zusammengerollt liegen und dem +Unvorsichtigen leicht gefährlich werden können. + +Im Winter fallen nun allerdings eine Menge dieser Übelstände weg, +die giftigen Schlingpflanzen sind unschädlich, die Insekten fort, die +Schlangen liegen in Erdlöchern und hohlen Bäumen; -- das ist etwas; +-- damit aber der deutsche Jäger einen Begriff davon bekommt, wie ein +amerikanischer Urwald im Winter beschaffen ist, so will ich hier ein +Paar Tage, freilich nicht die angenehmsten, aus meinem Jagdleben, aus +den Niederungen von Arkansas, beschreiben. + + * * * * * + +Im Januar 1840 hatte ich den Theil dieses Staates wieder aufgesucht, +der östlich vom Mississippi und westlich vom Whiteriver, zwischen diesen +beiden Strömen einen wohl hundert englische Meilen breiten und viele +hundert langen Landstrich einschließt und von zahlreichen anderen, aber +kleineren Flüssen durchschnitten wird. Wild gab es in den mächtigen +Wäldern genug, das entsetzlich ungesunde Klima aber hatte mich im Sommer +aus den Sümpfen getrieben, wo ich das kalte Fieber nicht los wurde, +jetzt jedoch, bei Frost und Schnee, war das nicht mehr, wenigstens nicht +anhaltend, zu befürchten, und ich beschloß, wo möglich eine Büffeljagd +auf meine eigne Hand anzustellen, denn dort ist der einzige Platz in den +vereinigten Staaten, wo sich noch Büffel aufhalten. + +Nun waren die Aussichten zur Jagd freilich nicht die lockendsten, denn +ich bekam die letzten Tage des Januar gar Nichts zu schießen und mußte +halb verhungert, als ich endlich nach einer glücklichen Schneenacht +einen Hirsch erlegte, den mich von meiner Beute trennenden, schmalen +Fluß durchschwimmen um diese zu erreichen, wo ich dann ein paar Tage +krank oder wenigstens unwohl im Schnee liegen blieb; das ist aber immer +noch nicht das Schlimmste aus jener Zeit, ich hatte wenigstens ein gutes +Feuer, eine wollene Decke und Hirschwildpret -- was will ein Jäger mehr? + +Am 2. Februar endlich brach ich auf, warf meine Decke zusammengerollt, +über den Rücken, und schritt südlich in den mächtigen Wald hinein, +oder besser gesagt, darin fort, denn ich war schon recht eigentlich +im strengsten Sinne des Worts darin. Bald kreuzte ich mehrere +Hirschfährten; das war aber das Wild nicht, dem ich zu begegnen +wünschte, und ich verfolgte meinen Weg. + +Der Wald war in dieser Gegend wahrhaft großartig, die gewaltigen +Riesenstämme, größtentheils sechzig bis achtzig Fuß vom Boden gerade +emporsteigend, ehe sie auszweigten, boten mit den schneebedeckten +Wipfeln einen wundervollen Anblick. Es hatte zu schneien aufgehört, und +eine heilige Stille herrschte rings umher, die nur dann und wann durch +das Herunterbrechen irgend eines zu schwer mit Schnee beladenen Astes, +oder das heisere Krächzen eines Raben unterbrochen wurde. Es ließ sich +auch sehr gut marschiren; lange schmale Streifen hohen Landes liefen +zwischen den zahlreichen Bächen und dem überschwemmten Boden der +Niederung hin, und auf diesem standen die meisten Schlingpflanzen und +Dornen; da es aber jetzt stark gefroren und geschneit hatte, so hielt +ich mich fortwährend auf dem Eis und wanderte so leicht und ungehindert +wie auf einer geebneten Landstraße darauf fort, denn der Schnee hinderte +mich wenig, da ich damals noch meine alten, deutschen Wasserstiefeln +trug. Mehre Male kreuzte ich auch die Spur von Wölfen, sah mich jedoch +nicht einmal darnach um, denn ich würde keinen Wolf geschossen haben, +selbst wenn er mich darum gebeten hätte, weil ich Pulver und Blei mehr +zusammen halten mußte. In einer Gegend, wo man seine Ammunition nicht +wieder ersetzen kann, geht man gewiß haushälterisch damit um; ich +verließ mich daher auch auf meine Stücken Hirschwildpret und zog an ein +paar Völker Truthühner ruhig vorüber, wobei diese ebenfalls sehr wenig +Notiz von mir zu nehmen schienen. + +Nach einigen Stunden vorsichtigen Pürschens jedoch, wobei ich immer noch +nicht die stille Hoffnung aufgab, einem alten Bären zu begegnen, +der seine Winterwohnung einmal verlassen haben konnte, obgleich dazu +eigentlich wenig Hoffnung war, erreichte ich plötzlich einen Platz, +wo in der vorigen Nacht etwa zwanzig Büffel gelagert haben mußten. +Die Betten waren vom Schnee entblößt, die Zweige der Büsche ringsumher +abgenagt und die Fährten sahen noch so frisch aus, als ob sie eben erst +der weißen Schneedecke eingepreßt worden wären. + +Das war Alles, was ich wollte -- Büffel -- und welche Fährten fand ich? +ein alter Bull besonders mußte ein unmenschlich starker Bursche sein. +Natürlich hoffte ich die Heerde, die, meiner Ansicht nach, nicht weit +konnte gewandert sein, in kurzer Zeit beim Äsen zu erwischen, und +schnell, aber so geräuschlos als möglich, folgte ich den breit +ausgetretenen Fährten eine Strecke am Fluß hinunter, und dann wieder, +westlich von diesem ab, als ob sie nach ihrem gewöhnlichen Sammelplatz, +den »=Cash=-« Sümpfen, hinüber gewollt hätten; auf einmal aber änderte +sich ihre ganze Richtung und sie waren wieder nordwestlich hinaufgerannt +und zwar diesmal, wie es schien, in wilder Eile. + +Erst konnte ich mir dieses schnelle Wenden nicht erklären, fand aber +bald die Auflösung in einer Masse Wolfsfährten, die wahrscheinlich die +Heerde, in der Hoffnung, ein Junges zu fangen, angefallen und zerstreut +hatten, obgleich sich der Büffel sonst nicht besonders vor dem Wolf +fürchtet. Jetzt ging auch für mich ein viel beschwerlicherer Marsch an, +denn da sich die schweren Thiere vereinzelt hatten, mußte ich mir +selbst meinen Weg hinter ihnen her bahnen. Unglücklicher Weise war +ein Schilfdickicht von ihnen durchbrochen worden und die Folge daher +erschrecklich beschwerlich gemacht, denn nichts ist dem Bärenjäger +hinderlicher, als eben diese Schilf- oder Rohrbrüche, in die sich +besonders der Bär augenblicklich flüchtet und nur zu oft dadurch +gerettet wird; denn wer einen solchen Bruch nie gesehen hat, kann sich +unmöglich einen richtigen Begriff davon machen. Das Schilf selbst ist +hart wie Holz, wird bis anderthalb und zwei Zoll im Durchmesser stark, +und oft dreißig und vierzig Fuß hoch, steht auch in dem fruchtbaren +und sumpfigen Thalland so dicht, daß man sich kaum dazwischen +hindurchdrängen kann; ein Fortschreiten in diesen Dickichten wird aber +nur zu häufig durch die Unmasse dorniger Schlingpflanzen, die mit einem +festen Gewebe ganze Strecken eng verbinden, fast unmöglich gemacht, wenn +der Jäger sich nicht, in der Rechten das schwere, breite Jagdmesser, +Bahn haut; kommt er aber zu einem in diesem Gewirre umgestürzten Baum +(und die umgestürzten Bäume liegen nicht etwa selten darin), so ist an +ein Weiterdringen in gerader Richtung gar nicht zu denken; junge Bäume, +Schlingpflanzen, Rohr und Dornen bilden dann eine Masse, durch die man +sich nicht einmal Bahn hauen kann, und man muß den Platz umgehen. + +Wie langsam aber in einem solchen Schilfbruch ein Vorrücken möglich +ist, habe ich einst im Mississippi-Thal erfahren, wo ich drei Stunden zu +einer Strecke von etwa 500 Schritt brauchte. Hier ging es jedoch etwas +besser, die Büffel hatten mir, wenigstens ein wenig, Bahn gebrochen, und +mit dem Messer nachhelfend folgte ich erträglich rasch. Der Tag war +aber auch jetzt sehr weit vorgerückt und die hereinbrechende Dämmerung +überraschte mich keineswegs angenehm. Das Schilf wollte gar kein Ende +nehmen; wenn ich daher auch, beim hellen Schein des Schnees, der Spur +in der Nacht hätte folgen wollen, so wäre dies schon wegen des dicken +Rohres nicht möglich gewesen, das, nach allen Richtungen hinaus stehend, +die ganze Aufmerksamkeit des Hindurchdringenden am hellen Tage in +Anspruch nahm, indem man sich bei jedem Schritt die Augen aus dem +Kopfe stoßen konnte; daher zündete ich ein Feuer an, was mit Hülfe des +Tomahawks und etwas trockenen Schwammes sehr bald gelang, reinigte einen +Platz vom Schnee und hatte mich bald behaglich genug eingerichtet. + +Ich lag gerade auf einer kleinen Erhöhung, mitten im Schilf, so daß ich +gegen den kalten Nordwind ziemlich geschützt war; der Platz hatte aber +das Unangenehme, auch nicht die mindeste Aussicht zu gewähren, nicht +zwei Schritte weit konnte ich sehen und fühlte mich durch die Nähe des +Dickichts, von dem ich förmlich umschlossen lag, beengt; die Sache ließ +sich jedoch nicht ändern, eine offene Stelle auszuhauen, dazu fühlte ich +mich zu ermüdet, Wirthshäuser waren auch nicht in der Nähe, also machte +ich gute Miene zum bösen Spiel und bekümmerte mich mehr um mein Feuer +als um das Dickicht. + +Weil ich doch noch nicht recht schläfrig war, holte ich, nachdem ich +mein frugales Abendbrod verzehrt hatte, den Compaß vor, und denselben +gerade in eine der Büffelfährten an meiner Seite stellend, vertrieb ich +mir damit die Zeit, zu rathen, auf welchem ganz genauen Strich nun die +Heimath läge, und dabei zu überlegen, wie mich hier, von diesem Punkt +aus, das Abweichen eines 32stel Zolles zur Rechten oder Linken, entweder +in die Wüste Sahara oder nach Sibirien hinaufbringen könnte. Diesem +Gedanken gesellten sich andere zu -- was sie jetzt wohl zu Hause +machten, ob sie auch an mich hierher dächten und noch viele, viele Dinge +-- so daß ich endlich vom vielen Denken müde wurde und einnicken wollte. +-- Da krachte ein kleiner Zweig -- dicht neben mir; -- zwar war der Laut +gedämpft -- der Zweig mußte unter dem Schnee gelegen haben, ich hatte es +aber deutlich gehört und hob schnell den Kopf, um wenigstens den kleinen +Raum, in dem ich lag, übersehen zu können; auch war ich in der Richtung +noch ungewiß, instinktartig hatte ich aber das Messer aus der Scheide +gezogen. + +Eine Weile blieb Alles ruhig und ich konnte das Schlagen meines Herzens +hören -- da krachte es wieder, ganz nahe; -- was es auch immer sein +mochte, es konnte sich keine zwölf Fuß von mir befinden; deutlich +vernahm ich auch jetzt die leisen Schritte im Schnee, wie das Thier trap +-- trap -- trap -- trap -- mich langsam umschlich. O wie ich mir damals +einen Hund wünschte. + +Eine Zeit lang schien es still zu stehen, dann hörte ich es wieder in +der anderen Richtung, deutlicher noch als vorher. All' meine Sinne waren +aber jetzt auf das Peinlichste gespannt, denn jeden Augenblick erwartete +ich irgend eine Bestie, ob Panther oder Wolf konnte ich nicht wissen, +aus dem Dunkel hervorblinzen und mich anschnüffeln zu sehen. In +dieser angenehmen Hoffnung hatte ich nun freilich den Hahn der Büchse +aufgezogen, aber auch diesmal starb das Geräusch hinweg und das frühere, +lautlose Schweigen herrschte. + +Aus allem Vorhergegangenen mußte ich nun nach wohl Stunden langem Harren +vermuthen, daß mich mein Nachtbesuch verlassen habe, doch war ich zu +aufgeregt, um gleich einschlafen zu können und blieb noch lange wachend +liegen, indem ich einen vor mir stehenden alten Baum betrachtete, +der ein gar eigenthümliches Aussehen hatte. Es war ein ungeheuerer +Sassafrasstamm, der, von einem dichten Gewebe von Schlingpflanzen +umgeben, seiner Äste und Zweige beraubt, wie eine riesenmäßige +Säule gegen den dunkeln Nachthimmel emporstarrte. Eine hohe, breite +Schneekappe krönte den Gipfel. Im Sommer, wenn die Schlingpflanzen ihre +grünen Blätter bekommen, sehen diese Baumleichen herrlich aus, denn +dann ist von der alten, vertrockneten Rinde auch nicht die Spur mehr +zu erkennen, und nur die grüne, lebendige Säule steht wie ein Denkmal +vergangener Zeiten da, wo noch der Indianer die Wildniß durchzog, die +jetzt nur sein Grab umschließt. -- Ich schlief bald darauf ein und der +Morgenruf der Eulen weckte mich erst wieder. + +Vor allen Dingen untersuchte ich aber jetzt, wer mein nächtlicher Besuch +gewesen war, und fand auch dicht am Lager, einmal sogar bis auf drei +Schritte, die Spuren eines ziemlich starken Wolfes, was mich um so mehr +befremdete, da der Wolf sonst sehr menschenscheu ist und einem Lager +selten gern naht; -- später übrigens habe ich oft Beweise vom Gegentheil +erhalten, denn einmal, zwei Jahre darauf, holte mir eine solche +Bestie das Jagdmesser fort, das dicht neben mir lag und zerkaute den +schweißigen Griff; ich hatte erst an demselben Nachmittag einen Hirsch +damit aufgebrochen. + +Mit neuen Kräften verfolgte ich nun die jetzt wieder vereinigten +Fährten, die an manchen Stellen, wo kein besonderes Futter sie aus der +Bahn lockte, eine förmliche Straße bildeten; aber wie ich auch spähte, +immer noch konnte ich nicht das ersehnte Wild selbst entdecken, +hundertmal wohl ließ mich ein niederbrechender Ast, oder ein +aufgescheuchter Hirsch ihre Nähe hoffen, stets sah ich mich aber +getäuscht. Meine einzige Hoffnung blieb jetzt, als die Sonne wieder +blutigroth am Horizont verschwand, die Nacht; der Wald war offener als +am vorigen Abend, ich gedachte daher meinen Weg fortzusetzen, da die +Büffel auf keinen Fall nach einbrechender Dämmerung weiter wandern +würden. Das wäre auch recht gut gegangen, denn hell genug leuchtete der +Schnee, um die Fährten zu verfolgen, wieder aber stellte sich mir ein +solch unglückseliges Schilfdickicht in den Weg, dazu umwölkte sich der +Himmel und ich wurde auf's Neue gezwungen »beizulegen.« + +Mein Nachtlager war ausgezeichnet, denn durch einen umgestürzten Stamm +gegen den kalten Luftzug geschützt, bei einem herrlichen Feuer, an dem +ein ansehnliches Stück Hirschwildpret schmorte, hätte ich mich sehr wohl +fühlen können, aber -- aber -- die aufsteigenden Wolken machten mich +besorgt, dazu wurde es merklich wärmer, und mir bangte vor Thauwetter. +Ich war viele Meilen in den Sumpf eingedrungen und die ganze Zeit fast +nur auf Eis marschirt, durfte daher wenig trockenen Boden hoffen, wenn +diese Schneemasse jetzt flüssig werden sollte. Doch was konnte ich thun? +ich mußte es abwarten, hüllte mich also in meine Decke und schlief bald +ein. Die Sonne mochte aber schon lange aufgegangen sein, als ich endlich +erwachte und zu meinem Entsetzen das, was für mich das Schrecklichste +war, bestätigt fand -- es regnete und die Luft war mild und warm wie im +Mai -- o wie ich mich jetzt nach einem tüchtigen Nord-Ostwind sehnte. + +Mit welchen Gefühlen ich übrigens meine nasse Decke zusammenrollte und +mich marschfertig machte, läßt sich denken; dabei kamen mir bedeutend +starke Gedanken an Umkehren und Büffel Büffel sein lassen; die Fährten +sahen aber gar zu lockend aus, noch blieb mir die Hoffnung, sie einholen +zu können, ja sogar die Wahrscheinlichkeit war vorhanden, daß sie bei +solchem Wetter nicht weiter ziehen, sondern ruhig äsen würden; fest +entschlossen also, da es jetzt doch auf eine Meile mehr oder weniger +nicht ankam, folgte ich auf's Neue den Fährten und trotzte dem Himmel, +der mir eine Wolke voll Wassers nach der andern auf den Pelz goß. Die +Büffel schienen auch ganz in der Nähe zu sein; in den Fährten stand das +schlammige Wasser, das ihre Tritte aufgerührt hatten, Losung sogar, +die ich fand, war noch warm -- ich mußte sie finden; -- da kam es mir +plötzlich vor, als ob der liebe Gott alle Zapfen aus den Schleußen dort +oben herausgezogen habe -- es regnete nicht mehr, es wasserfallte und +der Erdboden glich einer ungeheuern Eislimonade, nur fehlten Zucker und +Citronen. + +Es ist jedoch ein eigenes Ding um das Menschenherz; vor kleinen +Beschwerden und Gefahren bebt es zurück, stürmt aber alles wild und toll +darauf ein, kommt ein Schlag nach dem andern; dann wird es verstockt +und störrisch, wie ein wilder Stier, macht die Augen zu und stürmt +blindlings gegen Jedes an, was sich ihm in den Weg stellt. + +Etwas besser macht ich's doch, die Bäume umging ich, aber so erbittert +hatte mich dieser, für mich wahrhaft fürchterliche Witterungswechsel +gemacht, daß ich das Äußerste zu wagen beschloß. Der ganze Wald stand +unter Wasser, d. h. unter geschmolzenem Schnee, und ich mußte jetzt +schon auf das höhere, mit Dornen und Schlingpflanzen bewachsene Land, da +sich erstlich die Büffel hierher gewandt hatten und dann auch das Gehen +auf dem Eis fast zur Unmöglichkeit wurde, indem es unter dem Schnee +geschmolzen, wenigstens weich geworden war und beim zweiten oder dritten +Schritte stets einbrach. Noch konnte ich die Fährten erkennen und +folgte, oft bis an den Gürtel im Wasser, dem Wild -- ich war gegen Alles +gleichgültig geworden und hatte nur den einen Gedanken noch -- Büffel -- +ich wollte Büffel sehen -- ich wollte einen schießen und wäre dann mit +dem größtmöglichen Vergnügen gestorben, um nur nicht wieder den ganzen +Weg, den ich gekommen war, zurück machen zu müssen. + +Da wurde der Wald plötzlich licht und nach wenigen hundert Schritten +dehnte sich eine weite, öde Fläche vor mir aus -- es war ein See -- +wenigstens jetzt, er konnte aber nicht gefroren gewesen sein, denn es +lag nur eine dünne Decke geschmolzenen Schnees auf der Oberfläche, und +hier -- hier waren die Büffel hindurch. Deutlich konnte ich die langen, +dunkeln Streifen, die sich quer durch zum anderen Ufer zogen, erkennen; +vergebens aber spähte ich nach den Thieren selbst -- eine räthselhafte +Wanderlust trieb sie vorwärts und ich unglückseliges Menschenkind hatte +gerade diesen Zeitpunkt wählen müssen, um Jagd auf sie zu machen; doch +das Überlegen brachte mich nicht weiter; auf einem etwas trockenen Fleck +band ich alle meine Habseligkeiten in die Decke zusammen, nahm diese auf +die Schulter und -- folgte den Fährten. + +Noch jetzt, wenn ich an diese Jagd zurückdenke, kann ich nicht anders +glauben, als daß ich damals einen gelinden Anfall von Wahnsinn haben +mußte, denn wenn ich die Büffel wirklich überholte, so konnte +ich höchstens ein paar Pfund Fleisch und vielleicht ein Horn, als +Siegestrophäe, mitnehmen; ich fühlte aber jetzt nur den einen Trieb in +mir, hatte nur das eine Ziel im Auge und fand mich sehr bald bis unter +die Arme im Schneewasser, mitten im See. Als mir das Wasser über die +Brust stieg, verging mir der Athem, doch war der Boden glücklicherweise +fest, nicht schlammig, wie ich im Anfang gefürchtet hatte, und ich +erreichte das andere Ufer, -- oder, besser gesagt, das höhere Land, denn +von Ufer war keine Rede, -- ohne unterwegs erstarrt zu sein. Hier fand +ich das Wasser doch wenigstens nur knietief und athmete etwas freier. +Zu meiner großen Verwunderung schien es aber Abend zu werden, und kaum +konnte es, wie ich wenigstens glaubte, Mittagszeit sein. Sollten wir +eine Sonnenfinsterniß haben? dacht' ich einmal -- das war möglich, aber +immer dunkler wurde es, immer stiller im Wald -- in der Ferne ließ sich +ein einzelner Wolf hören -- es war kein Zweifel mehr, die Nacht brach +schon wieder herein, und noch ist es mir unbegreiflich, wie mir die Zeit +an jenem Tage verschwunden sein konnte. + +Der Regen, der am Nachmittag etwas nachgelassen hatte, fing wieder von +frischem an zu gießen, und als ich mich, mit gerade keinen freundlichen +Gefühlen, nach einem Platz zum Lager umsah, regnete es, wie man sagt, +Bindfaden; trotzdem gab ich die Fährten nicht auf -- an Feuermachen war +jedoch gar nicht zu denken; auf dem trockensten Platz, den ich finden +konnte, stand das Wasser anderthalb bis zwei Zoll, und Jedermann wird +eingestehen müssen, daß das immer noch _feucht_ war; ich kauerte mich +daher unter einem halbumgestürzten, schräg liegenden Baumstamm, der +wenigstens die fürchterlichsten Regengüsse von mir abhielt, nieder, +obgleich ich auch schon bessere Dächer, als er war, gesehen habe, und +versuchte zu schlafen. -- Zu schlafen? ja, wenn ich das einen Versuch +nennen will, daß ich einige Male die Augen zumachte; an wirkliches +Schlafen war aber natürlich unter solchen Verhältnissen nicht zu denken; +zwar trug ich noch ein Stück gebratenes Hirschwildpret bei mir, fühlte +aber nicht den mindesten Appetit, es zu verzehren, und erwartete sehnend +und vor Frost schüttelnd den anbrechenden Morgen. + +Mitternacht mochte es sein, als ich, seit der Dämmerung, die ersten +Wölfe wieder hörte -- sie schienen ganz in der Nähe zu sein und heulten +jämmerlich; die armen Bestien mochten wohl auch nasse Füße haben; so +gleichgültig war ich aber gegen ihre Nachbarschaft, so abgestumpft gegen +jede, nur erdenkliche Gefahr geworden, daß ich es nicht einmal der Mühe +werth hielt, das Messer aus der Scheide zu ziehen, sondern ruhig sitzen +blieb und abwartete, was sie thun würden, denn schon der Gedanke, mich +zu bewegen, war mir gräßlich. Es mochten sechs oder sieben Wölfe sein -- +so viel verschiedene Solosänger konnte ich wenigstens unterscheiden und +ich erinnere mich sogar noch recht deutlich, daß ich einmal _gelacht_ +habe, als ein junger Wolf, mit einer besonders dünnen Stimme, so gar +klägliche Töne ausstieß. Immer näher kamen sie, aber, und da es nicht +anders möglich sein konnte, als daß sie mich wittern mußten, denn der +Wolf wittert, wie bekannt, ungemein scharf, so begreife ich eigentlich +jetzt noch nicht, was sie, wenn es nicht ihre grenzenlose Feigheit war, +abhielt, über mich herzufallen, da ich ihre dunklen Gestalten deutlich +erkennen konnte, wie sie im Wasser hin und her wateten. + +Weil mir ihre Nähe aber doch jetzt fast etwas zu freundschaftlich wurde, +beschloß ich, der Sache auf einmal ein Ende zu machen, nahm die Büchse +an den Backen, zielte auf den größten Körper und drückte ab. -- Ja ich +hatte gut drücken -- es war Alles naß geworden; da blieb mir denn weiter +nichts übrig, ich lehnte die Büchse neben mich, und schloß die Augen; +die ganze Sache um mich her kam mir so ekelhaft und fatal vor, daß ich +sie gar nicht mehr sehen mochte. + +Endlich brach der so heiß ersehnte Morgen an -- aber wie -- grau und +feucht; der Regen hatte freilich nachgelassen, doch schien das Wetter +noch viel wärmer geworden zu sein -- der Schnee war jetzt vollkommen +geschmolzen und der ganze Wald eine flüssige Masse, in der jede Fußspur +zusammenlief -- Büffelfährten existirten nur noch in der Erinnerung. Da +stand ich nun, mit meiner Büffeljagd -- Gott weiß, wie viele Meilen von +irgend einer menschlichen Wohnung entfernt, in einem Wald, in dem sich +ein Frosch hätte erkälten müssen, mit einem Stückchen kalten, gebratenen +Hirschfleisch und einer Büchse, die nicht losgehen wollte; ich verzehrte +jedoch vor allen Dingen das erstere, wobei ich Pulver statt Salz +gebrauchen mußte, und stand dann auf, um meine Marschroute für diesen +Tag zu beschließen. + +Wie ich damals das Alles ausgehalten habe, ist mir jetzt noch ein +Räthsel; naß zum Ausringen, die ganze Nacht im Schneewasser, gekrümmt +unter einem Baumstamm gesessen, von Wölfen umheult, fühlte ich mich +jetzt so wohl und kräftig, als ob ich in einem warmen Bette geschlafen +hätte, nur waren mir die Kniegelenke etwas steif. + +Wenn ich aber auch, zu meiner Zeit, ein so eifriger Jäger gewesen +bin, als sich selten findet, so hatte meine Jagdlust durch die letzten +Begebenheiten dennoch einen bedeutenden Stoß erhalten, ich sehnte mich +nach Menschen -- nach Brod, nach Bergen -- denn ohne Berge konnte ich +mir gar keine Erlösung aus dieser Wasserwüste denken: schnell faßte ich +daher meinen Entschluß. -- Ich hatte mein Möglichstes gethan, hatte +bis auf den letzten Augenblick ausgeharrt, und brauchte mir nichts +vorzuwerfen; den Büffeln sagte ich also, mit einem halb traurigen, +halb ärgerlichen Blick nach Südwesten Lebewohl, und schlug die gerade +Richtung nach Nordost ein, um an den S. Francis-Fluß, an die breite +Fahrstraße, zu kommen und von dort den Mississippi zu erreichen, auf dem +ich in den Ohio und auf diesem nach Cincinnati zurückkehren wollte. + +Meiner Lust nach dem Urwald war für eine Zeit lang genügt, und ich +kann mit gutem Gewissen fragen, _wer_ hätte den Wald, unter solchen +Umständen, nicht satt bekommen? Das »Sattbekommen« allein half mir aber +noch nicht heraus und der vor mir liegende Weg erfüllte mich mit Grausen +und Schauder. -- Tagelang mußte ich noch in dem kalten Wasser fortwaten +und eine einzige Nacht Frost konnte meinen Untergang herbeiführen, denn +wenn sich jetzt auf dem Wasser eine dünne, scharfe Eisrinde sammelte, so +wär' ich verloren gewesen; glücklicher Weise blieb es aber warm und ich +trat meinen Marsch, wenn auch nicht mit Singen und Jubeln, aber doch +mit dem festen Entschluß an, Alles, auch das Schlimmste, ohne Murren, zu +ertragen. + +Unmöglich wäre es jedoch, den Weg zu beschreiben, den ich zu +durchwandern hatte. Nur wenige Streifen trockenen Landes fand ich, und +hielt auf dem ersten, um meine Büchse wieder in Stand zu setzen. Dann +aber durch Sumpf und Moor, durch Fluß und seegleiche Wasserstrecken +meine Bahn verfolgend, oft bis unter die Arme im Eiswasser (einige +Male mußte ich sogar schwimmen) erreichte ich gegen Abend einen hohen +indianischen Grabhügel und erquickte mich in dieser Nacht wieder bei +einem lodernden Feuer und einem am Spieß steckenden Truthahn, den +ich, wenige hundert Schritt von meinem Lager, von einem Baum herunter +geschossen hatte. + +Am nächsten Tage blieb mein Marsch nun zwar derselbe -- dieselbe öde +Wasserwüste, derselbe kalte, nasse Wald, mit seinen ungeheueren Bäumen; +doch interessirte mich an diesen jetzt nur noch das Moos, nach dem ich +meine Richtung beibehielt, denn in dem flachen Lande, an den geraden +Stämmen, ist das Moos an der Nordseite (ein klein wenig mehr westlich +als östlich) am stärksten, und man kann ziemlich sicher darnach gehen; +ich wenigstens habe meinen Weg stets sehr gut mit der Beobachtung +desselben gefunden. Wer beschreibt aber meine freudige Überraschung, als +ich gegen Mittag Spuren eines menschlichen Wesens fand und bald darauf +einen Schuß hörte; ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wie ich eilte, +um mich diesem anzuschließen; nach nicht gar langem Marsch holte ich den +Jäger auch ein, wie er eben einen erlegten Hirsch aufgehangen hatte; er +war aber ebenfalls nicht wenig erstaunt, _mich_ und zwar an solchem +Ort und in solchem Aufzuge zu sehen. Wäre er nur ein Bischen mit +europäischer Civilisation bekannt gewesen, so würde er mich unbezweifelt +für einen Weinreisenden gehalten haben, so konnte ich ihm nur +versichern, daß ich ein »Pech-Reisender« sei und mich in den Sümpfen +hier zu meinem Vergnügen aufhalte; mein Aussehen mußte das auch +bestätigen. + +Ich hatte jedoch nun den schlimmsten Weg überstanden und erreichte +einige Tage darauf die Ansiedelungen; es bedurfte aber langer Monate, +ehe ich diese Jagd vergessen, wenigstens verschmerzen konnte; doch +durfte ich mich gar nicht beklagen; ich lernte dadurch nur _eine_ der +_vielen_ Schattenseiten kennen, die eine jede Sache haben muß, um nicht +durch Einförmigkeit allen Reiz zu verlieren; fand aber auch zu gleicher +Zeit, daß der _Urwald_ trotz all dem Zauber, der schon allein in dem +Worte liegt, recht sehr prosaisch, ja sogar recht sehr langweilig sein +konnte. Sind daher die deutschen Jagden auch weniger gefahrvoll, also +auch weniger interessant, als die amerikanischen, so ist der Jäger hier +doch auch nicht solchen erschrecklichen Lagen ausgesetzt, als es nur zu +oft dort der Fall ist, und wo einmal eine Sache Zwang wird, wo der im +Walde Lebende schießen _muß_, wenn er nicht verhungern will, hört sie +auf Vergnügen zu sein. + +Drum, -- haben wir auch hier in Deutschland keine Bären- und +Pantherjagden, so sind die Hasentreiben doch äußerst gemüthlich; und +liefern fette Bärrippen und Honig ein sehr leckeres Mahl, so schmeckt +ein gespickter Rehziemer auch nicht so übel. + + + + +Die Bärenjagd am Bayou Meter in Arkansas. + + +Eine reine, klare Julisonne sandte ihre glühenden Strahlen auf die +Sümpfe herab, welche die Bayou Meter am nördlichen Ufer des Arkansas +umgeben. Selbst die Frösche schwiegen, wie erdrückt von der schweren +Atmosphäre, und nur dann und wann unterbrach ein einzelner Ruf +derselben, oder das Zwitschern eines kleinen Waldvogels, die Stille, die +grabesähnlich auf der Wildniß lagerte. + +Da schallte aus weiter Ferne das Geheul einer Meute Hunde herüber, +schwieg wieder einen Augenblick, und erklang dann lauter und näher als +vorher. Jetzt konnte man schon die verschiedenen, tieferen und höheren +Töne einzelner Braken erkennen, und reißend schnell näherte sich die +Jagd der noch vor wenigen Augenblicken geräuschlosen Einsamkeit. -- Ein +Hirsch, der, um den Fliegen und Mosquito's zu entgehen, dicht versteckt +in einem kleinen Schilfdickicht gelegen hatte, sprang auf, streckte und +dehnte sich, horchte einige Sekunden lang dem näher und näher kommenden +Getos der Meute, und sprang dann mit langsamen aber weit gestreckten +graziösen Sätzen in's Gebüsch, einen stilleren, ungestörten Platz zu +seiner Ruhe zu wählen. + +Jetzt schallte das Gebell klar und deutlich, wie nur wenige Schritte +entfernt aus den, mit dornigen Schlingpflanzen dicht durchflochtenen +und durchwachsenen Büschen; dürre Äste krachten, das trockene Laub +raschelte, das ganze Gewirr von Schlinggewächsen kam in Bewegung, +und heraus stürzte mit offenem, dampfenden Rachen, aus dem die rothe, +lechzende Zunge hing, mit zurückgelegten Ohren, mit gesträubtem Haar, +ein gewaltiger Bär, und versuchte über die kleine offene Fläche hinweg +das gegenüber liegende Dickicht zu erreichen. Ihm auf den Fersen aber +folgten fünf mächtige Hunde, und kaum hatte er die Hälfte der kleinen +Waldprairie durchrannt, als der schnellste und kräftigste von ihnen, +ein schwarz und grau gestreifter Bursche mit rothen, glühenden Augen und +fürchterlichem Gebiß, an seiner Seite war und ihn faßte. + +Mit Blitzesschnelle wandte sich der Bär und versuchte seinen Verfolger +mit der Tatze zu erreichen und zu vernichten. Das kluge Thier aber, mit +dieser Jagd vertraut und die Gefahr kennend die in der, mit furchtbarer +Kraft geführten Tatze seines Feindes lag, entging durch einen gewandten +Seitensprung dem wohlgeführten Schlage. Ehe aber der Bär, der sich +augenblicklich wieder zur Flucht wandte, das Zurückprallen seines +Feindes benutzen konnte, das schützende Waldesdunkel zu erreichen, in +welchem wild über einander gestürzte Bäume der verfolgten Bestie den +größten Vorsprung gegeben haben würden, überholten die vier anderen +Rüden jetzt den Verfolgten und umzingelten im Nu das zur äußersten Wuth +gereizte Thier. Vergebens war's, daß sich dieses zur Wehr stellte, und +mit einer Gewandtheit, die Niemand dem anscheinend plumpen Geschöpfe +zugetraut haben würde, nach allen Seiten hin gegen die angreifenden +Hunde Front machte und sie zurückschlug; vergebens, daß schon drei der +kühnsten und unvorsichtigsten ihre Kampflust mit dem Tode gebüßt, und +erschlagen oder schwer verwundet am Boden zuckten; andere, die der Jagd +nicht so schnell hatten folgen können, nahmen die Plätze der Getödteten +ein, und griffen mit immer erneuerter Wuth den vom langen Lauf +erschöpften Bären an. + +Durch einige wohlgeführte und todbringende Schläge jedoch, die +wieder zweien der Meute das Leben kosteten, verschaffte er sich einen +Augenblick Luft und stand schnaufend, mit glühendroth unterlaufenen +Augen, die weißen Zähne bis über das Zahnfleisch hinauf entblößt, einen +frischen Angriff erwartend, da, während die Hunde bellend und heulend +ihn umsprangen. Oft aber, indem sie schon einen raschen Anlauf +versuchten, wurden sie nur durch eine schnelle zuckende Bewegung, ein +Drehen des Kopfes, ein Blinzeln des Auges ihres gefürchteten Feindes +zurückgescheucht, daß sie winselnd zur Seite sprangen, gleich darauf so +viel eifriger ihre Angriffe zu wiederholen. + +Da erscholl nahe und laut der Jagdruf ihres Herrn, des jungen Lobston. +-- Sie horchten; noch einmal ertönte der ermunternde Zuruf des jungen +Mannes, der seinem Vater, mit dem er die Jagd begonnen, voraus geeilt +war. Sobald er die Hunde hörte, trieb er sie zu neuen Anstrengungen, den +Feind aufzuhalten, bis er selbst mit Kugel und Messer den Gefährlichen +abfangen und das Land von ihm befreien könne. Schweren Schaden hatte der +Gefräßige nämlich den Heerden der Nachbarschaft zugefügt, und mancher +Hund war schon in seiner Verfolgung geopfert worden, wobei er sich bis +jetzt jedesmal durch seine ungemeine Schnelle und fürchterliche Kraft +den Feinden entzogen und gewisse, sichere Dickichte erreicht hatte, in +die ihm weder Hund noch Pferd folgen konnte und wollte. + +Dießmal schien aber sein Schicksal besiegelt zu sein, denn mit Tigerwuth +und alle Gefahr verachtend, warfen sich jetzt die Hunde, von der Stimme +ihres Herrn gestachelt, auf den gemeinsamen Feind. Umsonst wüthete er +gegen sie mit Zahn und Tatze, umsonst erfaßte er den Lieblingshund des +jungen Lobston, gerade als dieser auf dem Kampfplatz erschien, in seine +tödtliche Umarmung, daß das gequälte Thier laut aufheulte und seinem +Herrn, den es schon dreimal aus Todesnoth gerettet hatte, wie Hilfe +rufend, entgegen schrie. Fang und Klaue verachtend, bedeckte die jetzt +zu rasender Wuth gereizte Meute den Bär, daß er mit ihnen, kämpfend und +um sich hauend, zu Boden stürzte. + +Der junge Lobston war nahe bei dem rollenden, wogenden Knäuel, den die +wüthenden Thiere bildeten, vom Pferde gesprungen, und hatte mehrere +Augenblicke vergebens gesucht, dem Bären eine Kugel beizubringen. Kaum +hie und da konnte er auf Augenblicke ein Stück von dessen Fell sehen, +so hielten ihn die Hunde bedeckt, und die Büchse hinwerfend, das Messer +herausreißend, stürzte er sich gegen den Niedergeworfenen. + +In demselben Augenblicke sprang dieser, wie durch Zauberei von den +Hunden befreit, die nach allen Himmelsrichtungen geschleudert von ihm +weg flogen, empor, und das erste, was sich seinen vernichtenden Blicken +zeigte, war sein grimmigster Feind, der mit geschwungenem Messer auf ihn +zustürzen wollte. + +Der Anblick des mit Schaum und Blut fast überzogenen Thieres war +fürchterlich, und mit solcher schrecklichen Mordgier im Blick sprang es +auf den erschrockenen Jäger zu, daß dieser, der noch nie einen gereizten +Bären in seiner ganzen Furchtbarkeit geschaut hatte, sich entsetzt +wandte und zu fliehen versuchte. + +Nur einen Angstschrei konnte er ausstoßen, als ihn die Bestie erreichte +und niederschlug; in demselben Augenblicke aber hatten sich auch die +Hunde wieder gesammelt, kamen ihrem jungen Herrn zu Hilfe, zwangen den +Bären, ihn loszulassen und folgten dem sich langsam Zurückziehenden in +den dichteren Wald. + +Da krachten wieder die Büsche und dürren Äste desselben Dickichts, aus +welchem vor wenigen Minuten der junge Lobston herauskam, und dessen +Vater, ein alter, weißhaariger Greis, sprengte auf den Wahlplatz. + +Sein Jagdhemd hing in Fetzen an ihm herunter, sein Gesicht war blutig +und zerrissen, und lang flatterten ihm die weißen Locken beim scharfen +Ritt um die Stirn. Auf der Hetze hatte er seine Mütze verloren, als +er im rasenden Sprung, bei dem Roß und Reiter in den unzerreißbaren +Schlingpflanzen hängen geblieben, über eine umgestürzte Eiche +hinweggesetzt, gestürzt und gegen einen Baum geschleudert war. Eben +wollte er, seinem Pferde die Hacken in die Seite setzend, über den +blutigen Fleck hinübersprengen, der Jagd zu folgen, als er seinen Sohn +ohnmächtig, das Gesicht der Erde zugekehrt, am Boden liegen sah, und +mit krampfhaftem Zucken das Pferd zurückriß, daß es hochaufbäumend sich +beinah mit dem wilden Reiter überschlagen hätte. + +»William!« rief er mit vor Angst erstickter Stimme, »William -- um +Gotteswillen antworte, bist Du verwundet?« und alles Andere vergessend, +sprang er vom Pferd, das schnaubend und keuchend stehen blieb, und +versuchte den Sohn aufzurichten. + +Dieser holte nur schwach Athem und schlug mit Mühe die Augen auf, den +Vater zu bewillkommnen. Sein Gesicht war todtenbleich und, wie seine +vorn ganz aufgerissenen Kleider, mit Blut überzogen. + +Der alte Mann kniete neben ihm und legte den Kopf des Kindes auf sein +Knie, während der Verwundete zu lächeln versuchte. Da schlugen, nicht +sehr weit entfernt, die Hunde wieder wie rasend an, und heulten und +jauchzten, daß der alte Jäger unwillkürlich seinen Kopf hob und den +bekannten Tönen lauschte. + +»Sie haben ihn auf einem Baume,« murmelte William leise. + +»Ich weiß wohl, ich weiß wohl,« sagte der Alte, »aber laß ihn da sitzen +und laß die Hunde darunter verhungern; ich kann Dich nicht verlassen.« + +»Geh -- geh,« bat der Sohn -- »o laß ihn dießmal nicht entkommen.« + +»Aber, William, Du liegst schwer verwundet hier, ich weiß nicht einmal +wie schwer und ich sollte Dich jetzt verlassen? nicht um alle Bären in +Arkansas -- laß mich lieber sehen, wo Dich die Bestie getroffen hat,« +und mit vorsichtiger Hand versuchte er die Kleider zu entfernen, um die +Wunde zu entdecken; aber ein Schmerzensschrei des Kindes hinderte ihn, +und besorgt zog er die helfende Hand zurück. + +»Es thut wohl recht weh?« fragte er ängstlich. + +»Vater -- schieß den Bär,« bat der Sohn, »ich sterbe hier vor Ungeduld +-- höre nur, wie uns die Hunde rufen -- der alte Wolf ruft mich!« + +»Aber soll ich Dich hier allein lassen?« fragte der Alte, noch +unschlüssig. + +»Du bist in zehn Minuten wieder zurück, und wenn ich den Knall der +Büchse und den Sturz des Bären höre, werde ich wieder gesund!« + +Die Hunde heulten jetzt wirklich auf eine herzzerreißende Art, und der +alte Jäger, von den Bitten des Sohnes und seinem eignen Wunsche, ein +schwerverwundetes Kind zu rächen, gedrängt, winkte dem ihm freudig +Zulächelnden noch ein kurzes Lebewohl, sprang auf sein Pferd und seinen +Jagdruf ausstoßend, der von der Meute jubelnd beantwortet wurde, war er +in wenigen Sekunden im Waldesdunkel verschwunden. + +Bald darauf ließ das Bellen der Hunde nach, ein Augenblick ängstlichen +Stillschweigens, der früheren Todtenstille ähnlich, herrschte, und der +Verwundete hob sich mit unendlicher Mühe etwas auf seinem Ellbogen in +die Höhe, um sein Gesicht nach der Seite hin zu kehren, von welcher +her er den Schuß zu hören erwartete. Da krachte der scharfe Knall der +Büchse; die Hunde stießen einen Schrei aus, und gleich darauf schallte +der dumpfe Fall des schweren Thieres, das von seiner erklommenen Höhe +herabstürzte, zu dem jungen Mann herüber. Hochauf athmete der, und sank +zufrieden lächelnd auf die Wurzel des Baumes zurück, unter dem er lag. + +Wenige Minuten darauf aber sprengte auch schon in vollem Carriere sein +Vater wieder zurück, warf sich vom Pferde und kniete an der Seite des +todtmatten jungen Mannes nieder, der bleich, mit geschlossenen Augen, +aber leise athmend da lag. + +»William,« sagte er, leise seinen Arm berührend, »William -- schläfst +Du?« + +»Nein, Vater,« hauchte der Kranke, die Augen aufschlagend und ihn +freundlich anblickend -- »hast Du den Bär?« + +»Hier ist seine Tatze,« sagte der Alte, indem er dem Sohne die blutige, +abgeschnittene Tatze des Ungethüms hinhielt -- »der ist nicht mehr +schädlich.« + +»Nun sterb' ich gern,« hauchte der Jüngling, und erfaßte seines Vaters +Hand. + +»Sterben, William? Thorheit -- komm, sei ein Mann; steh' auf, komm, ich +helfe Dir,« und mit Todesangst im Blick, versuchte er den Verwundeten zu +unterstützen. + +»Vater, Du thust mir weh!« seufzte dieser. + +»Um Gotteswillen, wo fehlt es Dir denn?« fragte der alte Mann, jetzt +wirklich zum ersten Mal die Möglichkeit vor Augen sehend, daß sein Sohn +zum Tode verwundet sein könne. + +»Hier,« sagte dieser, indem er auf seine rechte Brust zeigte -- »hier -- +es ist Alles aufgerissen, im Rücken sticht es auch recht -- und -- die +Mosquito's sind so bös.« + +»William,« fragte der Vater in seiner Herzensangst, »kannst Du reiten?« + +Der Sohn schüttelte traurig den Kopf. + +In Todesangst rang der Vater die Hände und stöhnte endlich mit leiser, +drängender Stimme: + +»Aber hier kannst Du nicht liegen bleiben, William; die Insekten +brächten Dich um, kein Mensch könnte Dich pflegen und Du müßtest +verschmachten, wenn die Sonne morgen wieder so heiß wie heute brennt. +Wir sind aber kaum vier Meilen von unserem Haus, Du weißt, der Bär +wandte sich ganz wieder dem Flusse zu und es kann kaum 200 Schritt bis +zur Bayou sein. Ich will Dich aufnehmen und tragen; ich thue es gewiß +vorsichtig!« + +»Ach, ich bin zu schwer für Dich, Vater!« seufzte der junge Mann. + +»Nein, nein, William, ich habe Dich zu tausendmal getragen. Damals warst +Du freilich noch kleiner und ich war stärker, Du bist aber jetzt krank +und ich will Dich schon vorsichtig fortbringen.« + +Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, beugte er sich nieder, hob leise +und sanft den Verwundeten auf, nahm ihn in seine Arme und wanderte mit +starken Schritten heimwärts, fortwährend in das bleiche Antlitz +seines Sohnes schauend, das bei jedem Fehltritt, bei der geringsten +Erschütterung schmerzhaft zusammenzuckte und dessen Farbe mit jedem +Augenblicke fahler und bleicher wurde. Zwei Meilen mochte der alte +Lobston den Sohn wie ein krankes Kind also getragen haben, als dieser +flehend bat ihn nieder zu legen und ruhen zu lassen, er könne es nicht +mehr aushalten. Der Vater willfahrte der Bitte und legte ihn in's +Gras, und brachte ihm in seinem Blechbecher, den er am Gürtel trug, zu +trinken; dann aber trieb er auch um so mehr, das schützende Obdach +des Hauses zu erreichen, aus der Nachbarschaft dort weibliche Pflege +herbeizuholen. + +Sanft nahm er den Verwundeten wieder auf und trug ihn mit unendlicher +Mühe durch die Unzahl hochaufwachsender Cypressenwurzeln, die den Weg +überall unterbrachen. Ängstlich vermied er dabei auch die kleinste +Erschütterung, während keiner von ihnen weiter ein Wort sprach, bis der +Vater endlich das, ihm peinlich werdende Schweigen brach und, sich zum +Sohne niederbeugend, lispelte: + +»Nur noch eine Viertelstunde, mein William, nur noch eine Viertelstunde, +dann lege ich Dich sanft auf Dein Bett und rufe Nachbar Spellens Anna. +Die soll Dich pflegen und dann wird Dir bald wieder besser werden. Zu +Hause nehmen wir auch die blutigen Kleider ab und -- aber William,« +unterbrach er sich ängstlich, indem er still stand. + +Der Sohn schlug noch einmal die Augen zu ihm auf, öffnete den Mund, als +wenn er reden wollte, streckte sich und athmete tief auf, während ein +tiefer Schmerz ihm durch das Antlitz zuckte. + +»William!« rief der Greis entsetzt, »William! so antworte doch -- thue +ich Dir weh? --« + +Der Sohn antwortete nicht mehr -- er war todt. + +Der Vater legte den Körper in's Gras, rieb ihm die Schläfe, nahm seinen +Kopf auf den Schooß, erfaßte seine Hände; es war nutzlos, sein Kind war +todt. + +Da übermannte ihn einen Augenblick sein Gefühl; er warf sich auf den +Leichnam und schluchzte laut; dann aber, sich gewaltsam sammelnd, stand +er ruhig auf, nahm die Leiche wieder in seine Arme, und trug sie, so +sorgfältig als er das verwundete Kind gehalten hatte, dem jetzt nur noch +wenige hundert Schritte entfernten Hause zu. Dort angekommen, legte er +die Leiche auf das Bett, rückte einen Sessel daneben und des Kindes Hand +in die seinige nehmend, legte er seinen Finger auf dessen Pulsader, um +den leisesten Schlag derselben zu vernehmen, das unbedeutendste Zucken +seiner Augenlider zu bemerken. Es war die letzte Hoffnung des Vaters, +dem starren unerbittlichen Tode gegenüber. + +Ruhig und geduldig, ja vielleicht ohne sie zu bemerken, hielt der Greis +die Stiche von ganzen Schaaren Mosquito's aus, die ihn umschwärmten, +beobachtete sogar mit fieberhafter Spannung die einzelnen der kleinen +Blutsauger, wenn sie sich auf das Gesicht der Leiche niederließen, zu +entdecken, ob noch nicht aller Lebenssaft aus den Adern des einzigen +Kindes gewichen sei. Die Mosquito's aber senkten ihren Stachel in die +Haut und tauchten umsonst mit der langen Spitze desselben nach der +warmen Nahrung, zogen ihn wieder heraus, versuchten an einer anderen +Stelle und verließen dann, summend und unmuthig, den blutlosen Leichnam. + +So kam die Nacht; der alte Mann stand auf und zündete ein Licht, von +Hirschtalg und Bienenwachs gegossen, an, das er auf den Tisch stellte +und denselben nahe zum Bett rückte. Dann setzte er sich selbst wieder +auf seine alte Stelle, und die Hand des Kindes in der seinigen, +erwartete er das erste Tageslicht. Als nun endlich der Morgen dämmerte, +die Sonne hinter den Baumwipfeln emportauchte, da stand er auf, +ging hinaus, nahm eine Hacke und fing an das Grab seines Erst- und +Einzig-Geborenen zu bereiten. + +Als die Grube tief genug war, wickelte er die Leiche in die wollene +Jagddecke, küßte noch einmal Lippe und Stirn des Kindes, senkte ihn +sanft hinab, legte dachartig lange Schindeln über ihn hinweg, daß ihn +die Erdschollen nicht berühren konnten und füllte das Grab aus. + +Das beendet, rollte er mit unsäglicher Mühe einen abgehauenen, zu +Fenzstangen bestimmten Eichenstamm auf das Grab, schlug die Rinde +oben ab, und grub mit seinem schweren Jagdmesser, das er meiselartig +gebrauchte, den Namen seines Sohnes in rohen Buchstaben auf den Stamm. + +An demselben Tag noch fing er die beiden Pferde wieder auf, die er an +dem gestrigen Unglücksabend im Walde verlassen hatte, bepackte sie mit +dem Nöthigsten, was er bei einer neuen Ansiedelung zunächst zu brauchen +glaubte, und zog über den Arkansas hinüber nach den Masserne-Gebirgen, +dort ungestört den Tod seines geliebten Kindes beweinen zu können. + +Das Haus stand verlassen und öde, der Stamm aber, der auf dem Grab des +Jägers lag, war jeden Sonntag Morgen mit frischen, bunten Waldblumen +geschmückt. Ein junges Mädchen kniete dann wohl eine Stunde lang, die +Stirne auf die rauhe Rinde gepreßt, still daneben und netzte mit ihren +Thränen die rauhe Decke des jungen Backwoodsman. + + +Druck von _Alexander Wiede_ in Leipzig. + + + + +[ +Hinweise zur Transkription + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene +Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch +Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Wortfehler wurden korrigiert, bei +Zweifeln der Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen +Änderungen befindet sich hier am Buchende, Änderungen in der Zeichensetzung +sind dort nicht aufgeführt. + +Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt: + Sperrung: _gesperrter Text_ + Antiquaschrift: =Antiquatext= + + + + +Änderungen + + Seitenangabe + originaler Text + geänderter Text + + im Inhaltsverzeichnis + Herrn von Sechingen im Urwald gefiel 1 + Herrn von Sechingen im Urwald gefiel 219 + + Seite 261 + undankbarer Mensch -- Charleh Fischer ein -- Aufschneider sei. + undankbarer Mensch -- Charley Fischer ein -- Aufschneider sei. + + Seite 274 + Sie sind mir so wilkommen, wie die Blumen im Mai + Sie sind mir so willkommen, wie die Blumen im Mai + + Seite 281 + scheint dann die liebe Sonne und zwischern die muntern Vögel + scheint dann die liebe Sonne und zwitschern die muntern Vögel + + Seite 284 + mit allem möglichen Schies- und Jagdgeräth behangen + mit allem möglichen Schieß- und Jagdgeräth behangen + + Seite 293 + den Ohio, einen großen, schönen Strom + den Ohio, einem großen, schönen Strom + + Seite 315 + sich die Verhältnisse ziemlich gleich leiben, + sich die Verhältnisse ziemlich gleich bleiben, + + Seite 317 + bis einer der Sitzenden aufstand, welchen er dann + bis einer der Sitzenden aufstand, welchem er dann + + Seite 335 + an's Herz legte, das letzverübte Verbrechen zu gestehen, + an's Herz legte, das letztverübte Verbrechen zu gestehen, + + Seite 336 + das er glaube einen Menschen hier in der Gegend gesehen zu haben + daß er glaube einen Menschen hier in der Gegend gesehen zu haben + + Seite 366 + Der Irländer erkläre, er könne keine hundert Schritte + Der Irländer erklärte, er könne keine hundert Schritte + + Seite 368 + mit zugeschnürter Kehle an einem Chesnutast in Pensylvanien + mit zugeschnürter Kehle an einem Chestnutast in Pensylvanien + + Seite 388 + In Louisiana besteht der Haupnutzen des Pedlars + In Louisiana besteht der Hauptnutzen des Pedlars + + Seite 403 + Aus ist der Preis gerade für diesen Artikel + Auch ist der Preis gerade für diesen Artikel + + Seite 404 + Diese Krämerboote zeichnen sich vor den ernsteren Kameraden + Diese Krämerboote zeichnen sich vor den ersteren Kameraden +] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Amerikanische Wald- und Strombilder. +Zweiter Band., by Friedrich Gerstäcker + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41585 *** |
