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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41585 ***
+
+ Amerikanische Wald- und Strombilder
+
+
+ Von
+
+ Friedrich Gerstäcker.
+
+
+ Dritte Auflage.
+
+ Zweiter Band.
+
+
+ Leipzig,
+ Arnoldische Buchhandlung.
+ 1862.
+
+
+
+
+ Inhalt des zweiten Bandes.
+
+
+ Seite
+ Ein Versuch zur Ansiedlung, oder, wie's
+ dem Herrn von Sechingen im Urwald gefiel 219
+ Cincinnati 292
+ Der wunderbare Traum 327
+ Eine Pantherjagd 369
+ Wandernde Krämer 380
+ Der amerikanische Urwald 405
+ Die Bärenjagd am Bayou Meter in Arkansas 430
+
+
+
+
+Ein Versuch zur Ansiedlung,
+
+oder
+
+wie's dem Herrn von Sechingen im Urwald gefiel.
+
+
+Amerika -- Urwald -- Indianer -- Tomahawk -- Scalpiren --
+Schlingpflanzen -- Panther -- »Oh, wer doch einmal im Urwald sein und
+das Alles so recht in der Nähe mit ansehen könnte« -- ruft der entzückte
+Leser, während vor seinem inneren Auge eine wunderliebliche =Camera
+obscura= ihm all die obenerwähnten Sachen klein und zierlich, aber mit
+dem vollen Zauber reicher Phantasie übergossen, vorspiegelt.
+
+»Da muß ich hin!« hatte auch »_von Sechingen_,« ein junger unabhängiger
+deutscher Edelmann gesagt, als er Coopers »Ansiedler« auf's Sopha warf,
+emporsprang, die an der Wand hängende Büchse ergriff und auf einen, im
+Geist heraufbeschworenen Panther schnell und sicher anlegte.
+
+Er nahm sich kaum Zeit, das Buch auszulesen; noch in demselben Monat
+ordnete er seine Geschäfte, und acht Wochen später trug ihn die wogende,
+blaue See hinüber zu dem Lande seiner Hoffnungen und Träume. Dort, im
+stillen Wald -- im rauschenden Schwanken der Urbäume, wollte er
+sich seine Hütte bauen, den Bär und Panther jagen und mit den rothen
+Eingeborenen verkehren; dort von allen Sorgen und Ärgernissen des alten
+Vaterlandes entfernt, hoffte er die Ruhe zu finden, nach der er sich
+gesehnt, und die Oberlippe warf er stolz und verächtlich empor, als
+er jetzt an all das Complimenten- und Etikettenwesen der alten Welt
+zurückdachte, was Gott sei Dank nun hinter ihm lag.
+
+Die Reise war höchst glücklich -- nach schneller Fahrt erreichte er
+New-Orleans, hielt sich aber hier kaum lange genug auf, die Stadt
+flüchtig anzusehen, sondern nahm, als am nächsten Morgen ein für den
+Arkansas bestimmtes Dampfboot stromauf lief, auf diesem Passage, und
+erreichte neun Tage später Little Rock, die Hauptstadt des Staates.
+
+Hier nun strömten, wie das stets bei ankommenden Booten der Fall
+ist, eine Masse von Menschen an Bord, um vielleicht hie und da einen
+Bekannten zu treffen oder Zeitungen und Briefe in Empfang zu nehmen, und
+_von Sechingen_, dem das Treiben noch ganz neu und ungewohnt war, konnte
+nicht umhin, einen kleinen freundlichen Mann zu bemerken, der, etwa
+ein Achtunddreißiger, einen grauen, verschossenen Überrock mit
+Messingknöpfen, ein paar dunkelfarbige Sommerbeinkleider, grobe Schuh,
+ein hellblaues Halstuch und einen ziemlich mitgenommenen schwarzen
+Seidenhut trug.
+
+Der kleine Mann trat nämlich mit einer unbeschreiblichen,
+wohlbehaglichen Sicherheit auf, schien dabei Jeden auf dem Boot zu
+kennen, und war auch wirklich von Allen gekannt, denn des Zunickens und
+Handdrückens wurde gar kein Ende und »wie gehts Charley -- noch immer
+munter, Charley? -- =bless me= Charley, wie dick Ihr geworden seid!«
+tönte fast von jeder Lippe. -- Es war Charles Fischer, dessen Name bei
+allen dort gewesenen oder reisenden Deutschen fast unzertrennlich von
+dem Namen der Stadt selbst geworden, denn schon seit langen Jahren
+wohnhaft in der Stadt, die er, wie er gern erzählte, »noch als ein Dorf
+gekannt,« hatte er durch Fleiß und Sparsamkeit (er war ein Tischler)
+und besonders durch Glück, bei allen seinen Unternehmungen eine hübsche
+Summe gespart, später ein paar kleine Häuser gebaut, dann eine Art
+Wirthshaus und Schenkstand angelegt und jetzt steigerte sich mehr und
+mehr sein Verdienst, da er Alles, was er brauchte, von New-Orleans oder
+Cincinnati -- wo Provisionen wie Getränke sehr billig sind -- bezog, und
+dieses dann in Little Rock zu einem enormen Preis wieder verkaufte. Dazu
+als eine gute, harmlose Seele beliebt, und schon so lange an jenem Ort
+wohnend, daß ihn Hin- und Herreisende immer wieder auf derselben Stelle,
+der Erste an Bord jedes anlangenden Bootes, und eine halbe Stunde später
+hinter seinem Schenktisch fanden, wurde Charles Fischer gewissermaßen
+die Hausnummer, die man auf alle nach Little Rock oder auch ganz
+Arkansas addressirten Briefe setzte, wenn man nicht den Ort, wohin Brief
+oder Passagier bestimmt war, ganz genau angeben konnte.
+
+Charles Fischer war also, und ist selbst jetzt noch, das Policeibüreau
+für sämmtliche nach Little Rock kommende Deutsche, auf dem sie sich nach
+jedem Interessanten erkundigen können, das aber dafür auch Alles, was
+den Fragenden angeht, wissen will. Selbst übrigens selten oder nie,
+seit er in Amerika ist, aus Little Rock herausgekommen, wechselt er auch
+seine Ansichten nicht besonders, und wenn Jemand von ihm wissen will, wo
+in Arkansas gutes Land liegt, so schickt er ihn seit funfzehn Jahren an
+den =Fourche la fave=; wünscht man von ihm zu erfahren, wie die »Zeiten«
+sind, so schimpft er und holt ein Paketchen kleiner Banknoten, die er
+mit einem starken Bindfaden in einem Westenknopfloch befestigt hat, aus
+der Tasche und sagt »man müsse in Little Rock das Geld anbinden, sonst
+liefe es fort;« erkundigt man sich nach seiner politischen Meinung,
+so ist er Demokrat mit Leib und Seele -- er ließe sich, behauptet er,
+lieber todtschlagen, ehe er zu den Whigs überginge, läßt sich aber nie
+auf nähere Erörterungen ein, da ihm der Unterschied zwischen Whigs und
+Demokraten noch selbst in vielen Stücken sehr dunkel ist; fragt man ihn
+aber, was seine Frau macht, so stößt er Einem den Zeigefinger in die
+Rippen, blinzt das linke Auge zu, was verschmitzt aussehen soll, und
+lacht.
+
+Außer Little Rock existirt weiter keine Welt für ihn, er verschmäht
+jede Einladung, einmal auf das Land zu seinen Freunden zu kommen, und
+behauptet bei solchen Gelegenheiten stets, sich mit innigem Behagen die
+Hände reibend, »es gäbe doch nur _ein_ Little Rock,« und darin hat er
+vollkommen recht, denn es wäre fürchterlich, wenn auf der Welt noch
+solch ein zweiter Platz existirte.
+
+Eben hatte _Charley_, wie er von Allen freundschaftlich genannt wurde,
+mehre Briefe vom Buchhalter in Empfang genommen, die zwar an ihn
+adressirt, keineswegs aber für ihn bestimmt waren und wollte das Boot
+wieder verlassen, als von Sechingen, der jetzt genug von ihm gesehn und
+auch den Namen so oft gehört hatte, um ziemlich sicher zu sein, wer vor
+ihm stehe, auf ihn zutrat, und freundlich grüßend fragte, ob er »das
+Vergnügen habe, mit Herrn Carl Fischer zu sprechen?«
+
+»Charley -- =of course= -- gewiß --« sagte der Kleine, »eben von
+Deutschland gekommen, eh? haben Sie dort auch letztes Jahr so nasses
+Wetter gehabt, wie wir hier? aber apropos, was ich Sie fragen wollte,
+wie weit sind Sie denn bei Stuttgart mit der Eisenbahn?«
+
+»Es thut mir leid, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu können,«
+lächelte der Fremde »ich komme aber mit einer Bitte um Rath zu Ihnen,
+Herr Fischer, indem ich von New-Orleans aus durch einen dort zufällig
+getroffenen Freund an Sie gewiesen bin, mir die beste Gegend für Land
+hier in Arkansas zu nennen. Ich beabsichtige mich anzukaufen und weiß
+selbst noch nicht recht, ob ich meine Nachforschungen von hier aus
+beginnen, oder mit dem Boot bis Fort Gibson hinauf gehen soll.«
+
+»Land kaufen?« sagte Charley, wie er sich selber nannte, »Land kaufen?
+keine bessere Gegend in der Welt, als am =Fourche la fave= --
+_Land_ nicht _todt_ zu machen -- _Weide_, unverwüstlich -- _Wild_
+unmenschlich.«
+
+»Viel Wild? so?« frug der Fremde, und wurde aufmerksamer -- »und wo
+liegt dieses paradiesische Land?«
+
+»Etwa vierzig Meilen von hier, über die Berge fort, Sie gehen jedoch am
+Besten mit dem Boot bis an die Mündung des kleinen Flusses selbst,
+und dann soll es noch etwa zwanzig Meilen von da bis zu der deutschen
+Ansiedlung sein, Sie können nicht fehlen, immer am Fluß hinauf.«
+
+»Was fang ich aber indessen mit meinen Sachen an? denn wenn ich eine
+Fußtour unternehmen soll, muß ich _die_ auf jeden Fall zurücklassen.«
+
+»Können Sie zu mir hinstellen,« sagte Charley, »ich habe ein kapitales
+Lokal -- unten ein großes Barzimmer mit einem Schlafkabinet.«
+
+»Barzimmer?« frug der Fremde.
+
+»Nun ja -- Barzimmer, ach so, Sie wissen nicht was _Bar_ ist, nun
+_Schenk_zimmer, das ist ja wohl deutsch -- eine Treppe hoch habe
+ich einen Tanzsaal, sollen einmal den Tanzsaal sehen, wie ich den
+herausgeputzt habe -- und auch ein Schlafkabinet, und oben unter dem
+Dach noch zwei Schlafkammern, wo, wenn es ordentlich eingetheilt wird,
+an die vierzehn Betten stehen können.«
+
+»Aber wo wohnen Sie denn da?« sagte erstaunt der Fremde.
+
+»Im Sommer wohn' ich im Tanzsaal und im Winter unten, neben dem
+Barzimmer.«
+
+»Und vierzehn Betten in zwei Dachkammern?«
+
+»Ja, und wie viel meinen Sie, daß im letzten Winter, wo ich den großen
+Ball hatte, dort oben in eilf Betten Menschen gelegen haben?«
+
+»Nun vielleicht gar zwei und zwanzig Personen?« lachte der Deutsche.
+
+»Zwei und zwanzig?« rief Charley die Nase rümpfend, »wegen denen wären
+_die_ Umstände nicht nöthig gewesen -- _sieben und dreißig_.«
+
+»Aber wie ist das möglich?«
+
+»Möglich? in Amerika ist Alles möglich, das werden Sie auch wohl noch
+erfahren, ehe Sie sechs Monate im Lande sind.«
+
+»Dann kann ich also Alles zu Ihnen in's Haus schaffen lassen?«
+
+»Ja wohl -- versteht sich, wollen gleich einen Mann rufen, hey -- Sam!
+oh Sam! hierher!«
+
+Der Zuruf galt einem großen, breitschultrigen Mulatten, der neben seinem
+zweirädrigen Güterkarren am Ufer stand und mit der Peitsche knallte --
+»hier ist ein Gentleman, der Sachen nach meinem Hause zu schaffen hat.«
+
+»Ay, ay, Mr. Charley,« rief der Mulatte, freundlich grinsend, während
+er über die Planke an Bord lief, und in wenigen Augenblicken oben neben
+ihnen stand, »soll richtig besorgt werden,« fuhr er fort, indem er den
+getheerten Matrosenhut neben die Peitsche auf das Verdeck legte, »aber
+_Mister_ Charley, nicht wahr, Sam bekommt dann auch einen Schluck von
+dem =Peach brandy=.«
+
+»Ist der schwarze Teufel schon wieder durstig,« rief Charley erstaunt,
+»hat er nicht erst vorgestern eine halbe Flasch voll ausgetrunken?«
+
+»Aber Mister Charley --«
+
+»Nun schon gut, schaff nur die Sachen ordentlich und schnell hinauf --
+ich komme gleich mit und da wollen wir sehen.«
+
+Drei Koffer, zwei Hutschachteln, mehrere Gewehrfutterale, ein Reisesack
+und noch verschiedene andere kleine Kistchen und Kasten wurden jetzt von
+dem geschäftigen Mulatten in fast unglaublich kurzer Zeit an's Ufer,
+zu dem nur wenige hundert Schritt vom Wasserrande entfernten Hause Carl
+Fischers befördert, und der Fremde, nachdem er das Fuhrlohn wie einen
+Trunk für den Karrenführer bezahlt hatte, und Alles besorgt sah, wandte
+sich hier zu seinem freundlichen Wirth und sagte:
+
+»Wenn es Ihnen recht ist, so möchte ich jetzt ein wenig Toilette machen,
+denn in diesem Aufzug kann ich doch auf keinen Fall in den Urwald
+dringen. Haben Sie Bären hier in der Nähe?«
+
+»Bären?« frug Charley verwundert, »die Leute da oben leben von weiter
+Nichts als Bärenfleisch; wie die Schweine laufen sie im Walde herum,
+nach den Hirschen schießen sie gar nicht mehr.«
+
+»Die Bären?«
+
+»Die Jäger, =of course=!«
+
+»Nun« rief der Fremde, »dann werde ich ja auch wohl noch heute Abend zum
+Schuß kommen, will also doppelte Kugeln einladen.«
+
+Sie waren unterdessen in die Wohnung oder vielmehr das »Barzimmer«
+des kleinen Charley, wie es dieser nannte, getreten, und in dem
+daranstoßenden Kämmerchen verwandelte sich der junge Mann bald, was
+wenigstens das Äußere betraf, aus einem Stutzer in einen Jäger,
+mit grüner Pikesche, ledernen Beinkleidern, hohen Wasserstiefeln,
+umgeschnalltem Hirschfänger, gewaltiger lederner Waidtasche, und
+schöner Suhler Büchsflinte, dabei wohl ausgerüstet, was Schrotbeutel,
+Pulverhorn, Zündhütchenaufsetzer, Messer, kurz Alles das betraf, was er
+nach deutscher, richtiger Waidmannsart »fertig gerüstet« nennen konnte.
+
+»Nun kann's losgehen!« jubelte Charley und schlug vor Freuden in die
+Hände, als er den Jäger erblickte. »Da sieht man' s doch auch, daß
+es ein Jäger ist; -- hier zu Lande laufen sie mit ihren langen
+Schießprügeln auf der Schulter, den Kolben nach hinten, in alten
+ledernen Jacken und wollenen Fracks im Wald herum und haben dünne
+hirschlederne Lappen an den Füßen, durch die man jedes Sandkorn fühlt.
+Ich habe selbst einmal so ein paar Dinger angehabt, bin aber beinah lahm
+geworden; weiß der Böse nur, wie sie noch 'was schießen, es muß aber
+wohl so viel draußen sein, daß sie's selbst nicht ändern können.«
+
+»Gehen _Sie_ denn nie auf die Jagd?« frug der Fremde.
+
+»Ich? nein -- bewahre --« lachte Charley, »ich müßte mich auch gut mit
+einer Flinte ausnehmen; ne, da draußen im nassen Walde herumzukriechen,
+den ganzen Tag ein schweres Stück Eisen auf der Schulter zu schleppen
+und dann auch noch d'raus zu schießen -- ne -- das ist meine Passion
+nicht. Ich habe gern Alles in der gehörigen Ordnung, Abends mein gutes
+Essen und ein warmes Bett, und am Tag -- aber sie läuten schon wieder
+auf dem Boot -- daß Sie's nur nicht versäumen. Was mir aber noch
+einfällt, es wäre doch eine Möglichkeit, daß Sie sich verliefen, denn
+im Walde sieht ein Baum wie der andere aus, und hier neben an wohnt ein
+Indianer, wenn Sie dem einen Dollar und einen Schluck Whiskey geben so
+geht er mit Ihnen durch's Feuer.«
+
+»Ein Indianer?« rief der Fremde entzückt, »o rufen Sie ihn her, ich
+will ihm geben was er haben will, der muß mit mir gehen, das ist zu
+romantisch.«
+
+»Wie heißen Sie denn eigentlich?« frug Charley jetzt, dem der letzte
+Ausdruck wahrscheinlich auffallen mochte.
+
+»Mein Name ist von Sechingen,« erwiederte der Fremde.
+
+»Ach Herr von Sechingen, ist mir sehr angenehm Ihre werthe Bekanntschaft
+-- aber der Teufel soll mich holen, wenn's da nicht schon zum zweiten
+Male läutet -- laufen Sie auf's Boot, ich bringe den Indianer.«
+
+»Ja -- aber er muß sich doch erst zurecht machen.«
+
+»Ist immer zurecht gemacht,« erwiederte Charley, »nur fort, sonst
+werden Sie noch zurückgelassen. Also wohl gemerkt -- an der Mündung
+des =Fourche la fave= lassen Sie sich aussetzen, und wenn Sie Alles in
+Richtigkeit haben, so kommen Sie nur her, und holen sich Ihre Sachen --
+apropos -- grüßen Sie mir die Deutschen oben.«
+
+Herr von Sechingen eilte jetzt auf das Boot, es dauerte jedoch gar nicht
+lange, bis Charley mit dem versprochenen Indianer nachkam und ihn auch
+kaum noch abliefern konnte, denn eben schellte die Glocke zum dritten
+und letzten Mal, die Taue wurden eingenommen, ein flüchtiges Lebewohl
+den am Ufer Bleibenden zurückgerufen, und fort schoß der Koloß, das
+»schwimmende Gasthaus« gegen den Strom an, dem fernen, fernen Westen zu.
+
+Der Deutsche versuchte indessen mit dem Indianer ein Gespräch
+anzuknüpfen, fand diesen aber zu einer langen Unterhaltung keineswegs
+aufgelegt, und konnte auf seine Fragen, da dieser noch dazu sehr
+gebrochen englisch sprach, nur kurze, und meistens unbefriedigende
+Antworten erhalten, so daß er seine Erkundigungen endlich einstellte
+und bei sich dachte, im Walde würde der rothe Sohn der Wälder auch wohl
+gesprächiger werden.
+
+Dieser rothe Sohn der Wälder sah übrigens ganz anders aus, als
+sich Sechingen eigentlich die Indianer, jene stolzen, kriegerischen
+Häuptlinge gedacht hatte. Ein früher einmal blau gewesenes, baumwollenes
+Jagdhemd hing ihm lose um die Schultern, die Beine staken in grau
+wollenen Beinkleidern, die Füße in mächtigen groben Schuhen, auf dem
+Kopf saß ihm, bis tief in die Augen hinein, ein alter zusammengedrückter
+Strohhut, unter dem die langen, schwarzen Haare wild und unordentlich
+hervorquollen, und im Gürtel, der sein Jagdhemd zusammenhielt, stak ein
+kurzes, schmales Messer, während an seiner rechten Seite eine kleine
+lederne Tasche, auf seiner linken Schulter eine zusammengewickelte
+wollene Decke hing und eine lange, keineswegs prachtvoll aussehende
+Büchse mit Feuerschloß, die Bewaffnung und Ausrüstung dieses sonderbaren
+Wesens beendete.
+
+Dem jungen Sechingen blieb jedoch kaum Zeit, dieß Alles an seinem neuen
+Reisegefährten und Begleiter zu bemerken, denn fast sämmtliche, sich
+auf dem Dampfboot befindenden Amerikaner drängten sich um ihn her und
+begannen mit der liebenswürdigsten Unbefangenheit von der Welt seine
+Waffen und ganze Ausrüstung anzustaunen und zu betrachten. Einer nahm
+ihm, mit einem freundlichen »=if you please=« (wenn Sie erlauben)
+die Büchse aus der Hand und knackte unzählige Male die Schlösser, ein
+Anderer zog, _ohne_ zu sagen »=if you please,=« den Hirschfänger aus der
+Scheide und untersuchte die Schärfe desselben, ein Dritter zupfte an dem
+Patentschrotbeutel, bis er die Kapsel glücklich herausbrachte und eine
+ganze Ladung Schrot auf's Deck streute, kurz es fehlte nicht viel, so
+hätten sie ihn wie eine Puppe aus- und wieder angezogen.
+
+Von Sechingen ließ sich im Anfang wirklich Alles mit vieler
+Gutmüthigkeit gefallen, es schien sogar seiner Eitelkeit etwas zu
+schmeicheln, von Jedem so bewundert zu werden; nach und nach ward ihm
+die Sache aber doch ein wenig lästig und er nahm, ohne viele Umstände,
+sein verschiedenes Eigenthum wieder an sich. Die Amerikaner frugen ihn
+jedoch fast bei jedem Stück, wie er es verkaufen wolle und wunderten
+sich sehr, als er ihnen sagte, daß er Nichts von alle dem veräußern
+würde. Einer wünschte sogar zu wissen, wie er seine Stiefeln gegen ein
+paar andere, erst wenige Wochen getragene vertauschen, d. h. ob er noch
+Aufgeld haben wolle, denn daß er sie, wenn ihm der Handel gut schiene,
+überhaupt vertauschen würde, verstände sich, glaubten die Leute, von
+selbst.
+
+Sechingen bekam die Gesellschaft schon recht überdrüssig, als er endlich
+zu seiner Freude den Ausruf des Indianers vernahm, der, mit dem Finger
+vorwärts deutend, auf einen Anwuchs niederer Baumwollenholzschößlinge
+hinwies.
+
+»Ist das die Mündung des Flusses,« rief er freudig -- »nun Gott sei Dank
+-- aber werden wir auch halten?«
+
+Die Bootsglocke beantwortete seine Frage, der Ruf des Lootsen sandte die
+»Deckhands« oder Matrosen nach der, hinten am Boot befestigten Schaluppe
+-- der Deutsche und Indianer sprangen hinein und fanden sich, wenige
+Minuten darauf, an der Spitze einer Sandbank, welche gerade überhalb
+des Flusses Mündung eine kurze Strecke in den Arkansas hineinlief.
+Das leichte Fahrzeug, was sie hierher gebracht, war indeß zum Boot
+zurückgekehrt -- das Zeichen wurde gegeben, puffend und schnaubend
+brauste der schöne Dampfer stromauf, und die beiden Männer standen
+allein auf der kleinen, sandigen Landzunge.
+
+Sechingen blickte entzückt um sich her -- Alles -- Alles mahnte ihn
+daran, daß er jetzt im Begriff sei, zum ersten Mal die Amerikanische
+Wildniß, den _Urwald_ zu betreten, und von wonnigen Schauern durchbebt,
+wandte er sich gegen den dunklen Wald. Zu seiner Linken, am andern Ufer
+des kleinen Flusses, thürmten sich schroffe, mit Kiefern und Eichen
+bedeckte Hügel empor, rechts von diesen, in der Richtung, die er
+einzuschlagen gedachte, lag eine dichte grüne Baum- und Laubmasse und
+hinter ihm wälzte sich der gewaltige Arkansas dem »Vater der Wasser«,
+dem Mississippi zu, während der schmale Sandstreifen, auf dem sie
+standen, etwa eine Meile lang bis zu dem wieder steiler werdenden Ufer
+hinauflief.
+
+Noch war der Deutsche in staunender Bewunderung des Heiligthums
+versunken, das er kaum zu betreten wagte, als der Indianer, dessen
+christlicher »Robert« in den bequemeren »Bob« umgetauscht worden, das
+Schweigen brach und dem jungen Mann mit wenigen Worten andeutete, wie er
+nicht gesonnen sei, hier die ganze Nacht auf offener Sandbank halten zu
+bleiben.
+
+»Wollen gehn --« sagte er, und drehte dabei den Kopf nach allen
+vier Himmelsgegenden, um Wolken, Sonne und Luft genau und prüfend zu
+betrachten -- »kaum noch eine Stunde Tag, besser an einen trockenen
+Platz vor Abend -- Feuer anmachen -- groß.«
+
+»Und welchen Weg nehmen wir jetzt?« frug Sechingen.
+
+»Weg?« sagte der Indianer verwundert, »kein _Weg_ von hier -- lauter
+Wald.«
+
+»Ha, desto besser!« rief der Deutsche, »das ist herrlich; lauter
+dichter, finsterer Wald, und dann das Nachtlager, -- o das muß köstlich
+werden.«
+
+»Will der Weiße die nächste Richtung, ganz durch den Wald gehen, oder
+fünf Meilen um, über die Hügel -- weit oben läuft ein gebahnter Weg!«
+sagte Bob.
+
+»Oh unbedingt den nächsten Weg durch den Wald, wie weit ist es wohl?«
+
+»Funfzehn Meilen -- aber viel naß,« sagte der Indianer, und zeigte mit
+dem Finger gerade auf den Wald.
+
+»Ich habe große Stiefeln an,« lachte Sechingen, »und wenn _Sie_ sich
+nichts daraus machen« --
+
+»Bob kann schwimmen,« erwiederte dieser lakonisch, schritt jetzt, ohne
+ein Wort weiter zu verlieren und die dünnen Baumwollenholzbäumchen
+auseinander biegend, durch diese hinweg und betrat, von dem Deutschen
+gefolgt, während sie die sandige, angewaschene Landzunge hinter sich
+ließen, den eigentlichen dunklen Wald.
+
+Sechingen hatte vom ersten Augenblicke an, als er festen Grund und Boden
+unter den Füßen fühlte, die Doppelbüchse von der Schulter genommen und
+zum großen Ärgerniß Bob's, der fortwährend nach ihm hinschielte, beide
+Hähne aufgezogen, ging auch jetzt, stets im Anschlag, vorsichtig und
+aufmerksam umherspähend, hinter dem Indianer her, bis dieser endlich,
+trotz dem ihm angeborenen stoischen Gleichmuth, das Gefühl nicht
+länger ertragen konnte, in dem dichten Gewirre von Schlingpflanzen eine
+gespannte Büchse hinter sich zu haben, und von nun an neben dem jungen
+Mann blieb.
+
+Die Sonne sank indessen mehr und mehr und verschwand eben hinter den
+gewaltigen Bäumen, nur noch hie und da einen der höchsten Wipfel mit
+ihrem rosigen Schein übergießend. Im Walde herrschte tiefe Stille, die
+nur selten durch das Quaken eines Frosches oder das Gezirpe einer
+Grille unterbrochen wurde; es war ein wunderlieblicher, entzückender
+Frühlingsabend, dem schönen Wald von Arkansas so eigenthümlich; dennoch
+aber schien sich der Herr von Sechingen dieses langersehnten Genusses
+nicht so recht zu erfreuen, oder wenigstens keine Zeit dafür zu haben,
+denn bald schlug er sich mit der flachen Hand auf die Stirn, bald in den
+Nacken, bald auf die andere Hand; oder nahm die Mütze ab, mit der er um
+sich herumschlug, und endlich blieb er gar in allem Unmuth stehen und
+rief aus:
+
+»Wo kommen denn nur um Gotteswillen alle diese verwünschten Mücken her?
+das ist ja zum Rasendwerden.«
+
+»Mücken?« sagte Bob, »was das? _Mosquitos_ meint Ihr; nicht viele hier!
+mehr davon weiter vorne; aber lagern jetzt -- gleich dunkel.«
+
+Damit, ohne weiter eine Antwort seines Begleiters abzuwarten, warf er
+seine Decke und Kugeltasche ab, lehnte die Büchse an einen Baum und
+schlug Feuer, das er bald mit Hülfe des dürren Laubes zu einer Flamme
+anfachte, die, von trockenem Holz genährt, in wenigen Minuten zur hohen
+Gluth emporloderte.
+
+»Hier also sollen wir bleiben?« sagte Sechingen etwas kleinlaut, indem
+er sich an dem Orte, auf welchem sie sich befanden, umsah, »ja -- es
+wäre recht hübsch hier, wenn die verdammten Mücken nur nicht wären.
+Also _das_ sind Mosquitos?« -- fuhr er fort, als er eben wieder vier mit
+einem Schlage auf dem Rücken seiner Hand vernichtet hatte -- »nun Gott
+sei Dank, es sind doch wenigstens genug von ihnen da, um sich abzulösen,
+wenn ein Theil satt oder müde werden sollte.«
+
+»Fremder legt sich auf diese Seite vom Feuer, unter den Rauch -- keine
+Mosquitos!« -- bedeutete ihn Bob. Sechingen befolgte auch schnell den
+guten Rath, und fand sich hier, in dem weichen, gelben Laub, das mehrere
+Zoll hoch den Boden bedeckte, bald von seinen Quälgeistern verlassen,
+die durch den über ihm hinweggehenden Rauch verscheucht wurden. Bob
+schien sie gar nicht zu achten.
+
+»Lieber ein Dach machen -- kann regnen die Nacht,« sagte der Indianer
+jetzt.
+
+»Regnen?« lachte Sechingen, »wo soll denn der Regen herkommen? es ist ja
+keine Wolke am Himmel?«
+
+»Schadet Nichts,« meinte Bob -- »Regenfrosch gutes Zeichen.«
+
+»Ach nein -- hier ist's herrlich,« betheuerte Jener, der, von seinen
+Plagegeistern für den Augenblick befreit, wieder das so lang gehegte und
+genährte romantisch wilde Sehnen in sich erwachen fühlte -- »hier
+ist's so wundervoll, mit dem grünen Laubdach über uns, dem blauen
+sternbesäeten Himmel als Decke, und dem dunkelen, rauschenden Wald
+um uns her; wozu da noch ein Dach, was uns doch nur den Anblick des
+prachtvollen Firmamentes entziehen würde; kommen Sie hierher, Bob, legen
+Sie sich neben mich und erzählen Sie mir etwas aus Ihrem Leben.«
+
+»Bob ist hungrig,« war die lakonische Antwort.
+
+»Nun ja, da es einmal erwähnt wird,« meinte der Deutsche, »so wäre
+mir auch ein Bissen Warmes nicht so unerwünscht, ein Tasse Thee könnte
+besonders gar Nichts schaden.«
+
+»Viel Thee im Wald,« sagte Bob.
+
+»Thee? grüner Thee?«
+
+»Gewiß grüner Thee -- will der Weiße Thee haben?«
+
+»Das wäre nicht so übel,« erwiederte Sechingen, »auf alle Fälle können
+wir es versuchen.«
+
+Bob riß hierauf einen kleinen, neben ihm wachsenden grünen Strauch aus
+der Erde, wischte die Wurzel so rein als möglich mit seinem Jagdhemd
+ab, schnitt sie in dünne Spähne, that sie in den Blechbecher, den er an
+seiner wollenen Decke hängend trug, füllte diesen dann voll Wasser und
+setzte ihn auf die Kohlen.
+
+»Und das wird Thee?« frug Sechingen ungläubig.
+
+»Ahem,« war Bob's Antwort, der nur mit dem Kopfe nickte.
+
+»Es ist aber doch sonderbar,« sagte der Deutsche nach einer wohl
+viertelstündigen Pause, in der er träumend zu den funkelnden Sternen
+hinaufgeschaut hatte, »daß wir jetzt schon über eine Stunde durch
+den dichtesten Wald gegangen sind, ohne eine Spur von Wild gesehen zu
+haben.«
+
+»Sonderbar?« entgegnete die Rothhaut, »Bob hat drei Tage hier gejagt und
+keine Klaue gefunden.«
+
+Das stimmte nun freilich nicht mit Charles Fischers Aussagen überein,
+doch blieb ihm für den Augenblick keine weitere Zeit zu ferneren
+Erörterungen, denn der Thee war fertig und wurde Sechingen dargereicht.
+
+»Etwas Zucker und Milch wäre jetzt sehr an seinem Platz,« meinte dieser
+-- »aber halt -- ich habe ja Rum bei mir; der mag den Dienst versehen,«
+und aus einem kleinen Fläschchen, das er aus dem Jagdranzen nahm, goß er
+etwa ein Spitzglas voll in den Becher, und reichte die Flasche dann an
+Bob hinüber, der sie schon mit gierigen, verlangenden Blicken betrachtet
+hatte und jetzt einen langen, langen Zug that. Mit augenscheinlichem
+Widerwillen mußte er zuletzt absetzen, um Athem zu holen und Sechingen
+schob sie wieder in den Ranzen zurück. Der Thee war indessen etwas kühl
+geworden, -- aber welch entsetzliches Gebräu.
+
+»Pfui Teufel!« rief der junge Deutsche aus, indem er den Becher
+zurückschob und aufsprang. »Bob, das können Sie allein trinken, das
+schmeckt ja abscheulich.«
+
+»Indianer trinkt nur Thee, wenn krank ist.«
+
+»Ich bin aber nicht krank,« rief Sechingen.
+
+»Ich auch nicht,« sagte Bob und begann mit großer Ruhe die Lederriemen
+aufzubinden, die seine Decke zusammenhielten.
+
+»Daß mich auch der Böse plagen mußte, mit keiner Sylbe an Lebensmittel
+zu denken,« murmelte Sechingen ärgerlich vor sich hin, -- »ich glaubte
+aber sicher, noch vor Dunkelwerden irgend ein Stück Wild erlegen zu
+können.«
+
+»Bob kann warten,« brummte dieser und rollte die jetzt gelöste Decke
+auf.
+
+»Nun so erzählen Sie mir wenigstens etwas,« bat ihn der Deutsche, »ich
+möchte gar so gerne einige Skizzen aus dem Leben der Indianer, von den
+Lippen eines Indianers hören, und da wir doch nun einmal im Wald sind,
+so lassen Sie mich auch einige Anekdoten von Ihren Jagden mit Büffeln
+oder Bären, von den Kämpfen mit anderen Stämmen, dem nächtlichen
+Überfall, dem Schlachtschrei und den genommenen Scalpen hören -- was
+hilft mir denn der Wald und der Indianer, wenn wir schlafen wollen?«
+
+»Weiß Nichts zu erzählen,« sagte Bob, indem er seine Decke nahe zum
+Feuer ausbreitete und dieses dann wieder von Frischem aufschürte --
+»habe nie einen Büffel gesehen und noch keinen Bären geschossen; -- kam
+vor sechs Jahren von Georgien mit ganzem Stamm.«
+
+»Und was haben Sie in den sechs Jahren getrieben? -- Jagd?«
+
+»Nein -- Schuhmachen!«
+
+»_Schuhmachen_?« frug Sechingen entsetzt -- »Schuhmachen? ein Indianer
+-- in Arkansas? aber Ihr Vater war doch ein Jäger und Krieger? fiel
+vielleicht in der Schlacht -- in einem nächtlichen Überfall.«
+
+»Mein Vater starb in Georgien an den Blattern -- war ein Korbmacher.«
+
+Bob schien jetzt zu glauben, daß er über sich und seine
+Familienangelegenheiten hinlängliche Auskunft gegeben habe, denn er
+rollte sich in die Decke, und war wenige Minuten später, wie sein
+lautes, regelmäßiges Athmen bewies, sanft eingeschlafen. Sechingen aber
+spießte, auf den linken Ellbogen gelehnt, mit seinem Genickfänger höchst
+mißvergnügt die vor ihm liegenden, gelben Blätter auf.
+
+Er hatte sich Alles so romantisch gedacht -- das Heulen der Wölfe, das
+Geschrei des Panthers, die Erzählungen eines rothhäutigen Kriegers von
+Jagden und Kriegszügen, und dazu das Rauschen des mächtigen Urwaldes
+-- Ja! Der Urwald umgab ihn, in all seiner Pracht und Herrlichkeit,
+mit seinen Riesenstämmen und wild durchwachsenen Dickichten, mit den
+gigantischen Weinreben, die sich von Stamm zu Stamm schlangen, und im
+unzerreißbaren Netze die gewaltigen verbanden, den einzigen Laut aber,
+den er vernehmen konnte, war das Summen der Mosquitos, die, von der
+kühlen Nacht nicht eingeschüchtert, nach dem warmen Blute des Fremdlings
+lüstern, dessen Lager umschwirrten.
+
+Höchst verdrießlich schob er sich endlich die Jagdtasche unter den Kopf,
+und wollte ebenfalls schlafen, als er, wie von einer Natter gestochen,
+wieder emporsprang, und nach der Büchse griff, denn dicht neben ihm
+-- es konnte kaum zwanzig Schritte entfernt sein -- vernahm er den
+sonderbarsten, wildesten Laut, den sich seine Phantasie nur je gedacht,
+nur je geträumt hatte.
+
+»Huhu, huhu -- -- huhu, huhu -- a -- h!« tönte es so klagend, so
+schauerlich, daß er, sprachlos vor Jagdeifer und innerem Entsetzen, den
+Arm seines schläfrigen Gefährten ergriff, und den Ruhenden mit aller
+Macht schüttelte, während er dabei in der Rechten die schnell gespannte
+Büchse fertig zum Schuß hielt.
+
+»Bob, -- Bob, -- Bob!« -- flüsterte er dabei mit unterdrückter Stimme --
+»ein Panther -- _Bob_!«
+
+»Ein was?« rief dieser, und sprang schnell auf die Füße, ergriff seine
+Büchse und sah den Fremden groß an. »Wo? wo Panther?«
+
+»Pst!« winkte Sechingen -- »dort war's -- gleich in dem Busch da -- er
+muß auf einen Baum geklettert sein, mir kam es hoch vor.«
+
+»Huhu, huhu -- -- huhu, huhu -- a -- h!« riefen die schauerlichen Töne
+auf's Neue, diesmal aber auf der entgegengesetzten Seite.
+
+»Horch -- horch -- er hat uns umschlichen -- erst war er hier.«
+
+»Das der Panther?« frug Bob.
+
+»Nun? was soll es sonst sein? ein Wolf steigt doch nicht auf die Bäume?«
+
+»Eule!« sagte Bob, und legte sich wieder, ohne ein Wort zu verlieren,
+nieder.
+
+»Teufel!« murmelte Sechingen ärgerlich vor sich hin, indem er den Hahn
+seiner Büchse in Ruhe setzte, »das nur eine Eule, und hat eine Stimme
+wie das stärkste, gewaltigste Thier.« Bob hatte aber ganz recht, es war
+wirklich eine Eule, die ihr einsames Nachtlied krächzte, und unwillig
+warf sich der in seinen schönsten Erwartungen Getäuschte in das gelbe
+Laub zurück.
+
+Durch die ungewohnten Anstrengungen ermattet, schlief er lang und fest,
+sein Erwachen war aber ein sehr trauriges, unbehagliches, denn, als er
+von kalten Schauern durchschüttelt die Augen aufschlug, strömte von
+dem dunkelen, nur dann und wann durch einzelne grelle Blitze erhellten
+Nachthimmel der Regen in Fluthen hernieder, und fern grollender Donner
+murmelte seinen gewaltigen Segen dazu. Das Feuer war niedergebrannt und
+ausgelöscht, und tiefe Nacht umgab ihn.
+
+»Bob?« rief er -- »Bob! -- Bob!« wiederholte er stärker und ängstlicher,
+als ihn auf einmal der Gedanke durchzuckte, sein rother Führer könne ihn
+im Stiche gelassen haben -- »_Bob_!« -- kein Bob antwortete und »_Bob_«
+schrie er jetzt in die Höhe springend aus Leibeskräften, daß er selbst
+vor dem dumpfverhallenden Nothruf zurückbebte, der gar so schauerlich in
+dem öden Walde wiederklang.
+
+»Ja!« sagte der Wilde, der, nur wenige Schritte von ihm entfernt und in
+seine Decke gewickelt, unter demselben Baume mit ihm stand -- »wir werden
+nassen Morgen bekommen.«
+
+»Warum antworten Sie denn gar nicht? ich glaubte Sie wären fort. --«
+
+»Und wohin!« frug Bob, »ein Baum so gut wie der andere -- ich schlief!«
+
+»Im Stehen?«
+
+»Bob kann überall schlafen.«
+
+»Was fangen wir denn jetzt um Gotteswillen an? ich bin durch und durch
+naß, und muß mich erkälten -- wenn ich nur wenigstens eine Decke hätte.«
+
+»Wenn der Weiße Bob's Decke haben will,« sagte gutmüthig der Indianer,
+-- »so mag er sie nehmen, Bob kann ohne Decke naß werden.«
+
+Sechingen schämte sich im Anfang, den armen Burschen seines fast
+einzigen Schutzes zu berauben, da der dünne Kattunlappen, den jener noch
+darunter trug, sicherlich als kein wärmendes Kleidungsstück angesehen
+werden konnte, doch überwog bald die Sorge um die eigene Gesundheit jede
+andere Bedenklichkeit, und fest in die, wenn auch etwas feuchte doch
+warme Umhüllung eingeschlagen, warf er sich wieder, die Waidtasche unter
+dem Kopf, an der Wurzel der alten Eiche nieder, deren Blätter ihnen,
+wenigstens jetzt noch, einigen Schutz gegen die immer stärker und
+stürmischer niedertobenden Schauer gewährten.
+
+Bob kauerte sich dicht daneben, einen möglichst kleinen Raum einnehmend,
+zusammen und ließ den Kopf auf die Brust hinuntersinken, wachte aber,
+denn dann und wann lauschte er aufmerksam den Athemzügen des Weißen,
+ob dieser schlafe oder nicht, bis er sich endlich von dessen
+Bewußtlosigkeit hinlänglich überzeugt zu haben schien, und nun leise an
+ihn hinkroch.
+
+Immer tobender raste indessen der Sturm, darum aber ganz unbekümmert,
+befühlte Bob mit vorsichtiger Hand und geräuschlosen Bewegungen die
+Waidtasche, und nach und nach, fast unmerklich seine Finger unter des
+Schlummernden Kopf bringend, gelang es ihm nach mehreren Minuten, die
+Flasche der Ledertasche zu entrücken.
+
+Wäre es Tageshelle gewesen, so hätte man des Indianers Gesicht wohl ein
+triumphirendes Lächeln überfliegen sehen können, als er geräuschlos
+und mit geübter Hand den Kork abzog, so aber ward nur gleich darauf der
+leise, gluckende Laut gehört, wie der heiße erquickende Trank die Kehle
+des Durstigen hinunterglitt, und lange, lange sogen seine Lippen an dem
+engen Hals der Korbflasche. Endlich war auch der letzte Tropfen geleert,
+und Bob setzte, tief Athem holend, ab, versuchte dann zwar noch einmal,
+dem Boden einen vielleicht zurückgehaltenen Rest zu entziehen, die
+Nachlese fiel aber wenig ergiebig aus, und er bemühte sich jetzt, die
+entwendete Flasche wieder an ihren früheren Platz zurück zu schaffen.
+Um jedoch keinen unnützen Verdacht zu erregen, schob er sie vorsichtiger
+Weise verkehrt, mit der Öffnung nach unten, in die Tasche und ließ
+den Kork daneben in das Laub fallen, dann kroch er auf seinen alten
+Standpunkt zurück, und war bald ebenfalls, trotz stürmenden Unwetters
+und heulender Windsbraut, sanft und ruhig eingeschlafen.
+
+Kalt und schaurig brach der Morgen an, die Gewitter hatten sich
+verzogen, aber schwere, dunkele Wolkenschichten schienen in an einander
+gepreßten Massen auf den Wipfeln der Bäume zu ruhen; ein feiner, dünner
+Regen stäubte nieder und einzelne Windstöße schüttelten in Schauern
+die großen Tropfen auf das fest an den Boden geschmiegte gelbe Laub
+hernieder.
+
+Sechingen, obgleich schon seit längerer Zeit erwacht, fürchtete fast,
+sich in den naßkalten Falten der Decke zu bewegen, und lag regungslos in
+einander gekrümmt, bis es heller Tag geworden war; endlich ermannte er
+sich, sprang, die Hülle von sich werfend, auf die Füße, und schaute mit
+trostlosem, mattem Blick auf die ihn umgebende, keineswegs lächelnde
+Natur.
+
+»Das also ist Urwald!« seufzte er leise vor sich hin, indem er einige
+der, trotz der kühlen Morgenluft auf ihn einstürmenden Mosquitos von
+sich abzuwehren suchte -- »das ist Urwald? -- eine sehr schöne Gegend --
+daß mich der Böse auch plagen mußte, dem Rath des Narren in Little-Rock
+zu folgen; der Indianer schläft dabei in seinem dünnen, baumwollenen
+Jagdhemd, als ob er im weichsten Federbett läge.«
+
+Die Wahrheit zu gestehen, schlief Bob aber eigentlich nicht, sondern
+war schon, um sich zu erwärmen, seit einer Stunde hin- und hergelaufen,
+hatte sich aber, um wegen der Flasche nicht befragt zu werden, schnell
+wieder unter den Baum geworfen, sobald er das Munterwerden seines
+Marschgefährten bemerkte.
+
+»Bob!« wollte dieser jetzt rufen, aber Du lieber Gott, keinen Ton
+brachte er aus der Kehle, der Hals war ihm wie zugeschnürt und er konnte
+sich selbst kaum vor Heiserkeit reden hören; nochmals versuchte er
+»Bob!« zu sagen, aber vergebens und seine Worte wurden zu einem kaum
+hörbaren Hauch. Er trat daher dicht neben den Indianer, und schüttelte
+diesen, bis er auf die Füße sprang und sich nun langsam, wie eben erst
+aus tiefem Schlaf erwacht, nach den Bäumen und Wolken umschaute.
+
+»Wie weit haben wir noch bis zum nächsten Haus?« frug Sechingen jetzt
+mit seiner leisen, röchelnden Stimme.
+
+»Könnt laut reden,« sagte der Indianer, das Schloß seiner Büchse
+abtrocknend und frisches Pulver auf die Pfanne streuend, »kein Wild
+hier, finden aber welches; dieser Morgen guter Jagdtag.«
+
+»Ich _kann_ nicht laut reden -- ich habe mich ja erkältet,« flüsterte
+Sechingen ärgerlich.
+
+»Erkältet!« rief verwundert die abgehärtete Rothhaut -- »erkältet? was
+ist das?«
+
+»Wie weit haben wir noch bis zum nächsten Haus?«
+
+»Fünf Meilen!« sagte Bob.
+
+»So lassen Sie uns wenigstens eilen, daß wir dort hinkommen, ich bin
+halb todt vor Hunger und Erschöpfung -- Pest!« rief er aber zu gleicher
+Zeit, mit dem Fuße stampfend, aus, als er bei diesen Worten in die
+Jagdtasche gegriffen hatte, und die jetzt leere Flasche hervorzog, »auch
+das noch -- ausgelaufen -- bis auf den letzten Tropfen -- die einzige,
+letzte Stärkung fort.«
+
+»Wie schade!« sagte Bob, und sah traurig die Flasche an. Doch hier half
+kein weiteres Besinnen, beide Männer schulterten also ihre Gewehre, Bob
+hing seine alte, nasse Decke, die er jedoch vorher so gut wie möglich
+ausgerungen hatte, wieder auf den Rücken, und fort ging's auf's Neue
+in den Wald hinein, oder eigentlich, besser gesagt, im Walde fort, denn
+unbestreitbar waren sie darinnen.
+
+Hier zeigte sich übrigens der Nutzen, den des Indianers Ortssinn, ein
+gewisser ihm angeborener Instinkt, dem Deutschen gewährte, denn ohne
+Jenen hätte er sich im Leben nicht wieder aus den Dickichten und Sümpfen
+herausgefunden, die, einander so ganz ähnlich, ihn nicht begreifen
+ließen, wie man in einem solchen Labyrinth eine wirklich gerade Richtung
+beibehalten konnte, ohne bei jeder Wendung irre zu werden. Immer
+unwegsamer wurde hier der Wald, häufiger und häufiger kreuzten sie
+schmale, kleine tiefe Bäche, und standen plötzlich an einem kleinen
+Flusse (oder einer _Slew_, wie es der Indianer nannte), der seine
+schlammigen Fluthen dem Fourche la fave zudrängte.
+
+»Bob!« sagte Sechingen erschrocken, als dieser ohne weiter eine Sylbe zu
+äußern, hineintrat und durchwaten wollte, wobei ihm das Wasser bis unter
+die Arme reichte -- »ist denn keine Fähre hier? wir sollen doch nicht
+mitten durch?«
+
+»Ist der Weiße hungrig?« frug Bob, stehen bleibend.
+
+»Sehr!«
+
+»Und naß?«
+
+»Durch und durch!«
+
+Bob erwiederte nichts weiter, sondern badete gerade durch, während ihm
+die Fluth bis zu den Schultern stieg, und war in wenigen Minuten am
+anderen Ufer. Wehmüthig schaute ihm Sechingen nach, überzeugte sich aber
+bald, daß hier nichts Anderes zu thun übrig bliebe als zu folgen, denn
+allein zurück zu bleiben, ging doch auch nicht an. Das also, was er
+nicht zu durchnässen wünschte, als Brieftasche, Zündhütchen, Pulverhorn
+und Uhr in die Jagdtasche steckend und diese, nebst der Flinte, über
+dem Kopf haltend, trat er seine unfreiwillige Wasserfahrt an, kam
+auch glücklich hinüber, schüttelte sich hier, ließ das Wasser aus den
+Wasserstiefeln laufen, indem er sich auf den Rücken legte und die Beine
+an einem Baum in die Höhe reckte (im Anfang freilich etwas zu hoch) und
+folgte dann dem Führer, der schweigend voranschritt.
+
+So großen Jagdeifer Sechingen aber beim Anfang ihrer Wanderung gezeigt
+hatte, so abgestumpft war er jetzt gegen alles ihn Umgebende geworden
+und schaute kaum vom Boden auf, um nicht fortwährend über die
+unzähligen, überall umhergestreuten Äste und Stämme zu stolpern und zu
+stürzen; die Flinte hing ihm, Hahn in Ruh und Sicherheit aufgesetzt,
+über die Schulter, die Mütze saß ihm tief in der Stirne und der einzige
+Laut, den er von sich gab, war dann und wann ein leise gemurmelter
+Fluch, wenn ihm die nassen Zweige in's Gesicht schlugen, oder sich
+sein Fuß, trotz aller Vorsicht und Aufmerksamkeit, in dem dichten
+Schlingpflanzengewebe fing, das an vielen Stellen den Boden wie mit
+einem festen Netze überzog.
+
+Da blieb Bob plötzlich stehen und hob schnell und lautlos die Büchse
+an den Backen, und wie mit einem magischen Feuer durchgoß diese einzige
+Bewegung den Körper des bis jetzt in fast gänzlicher Apathie versunkenen
+Deutschen; blitzschnell riß er das eigene Gewehr von der Schulter
+und schaute, hochaufgerichtet, die Augen in dem alten, keineswegs
+erstorbenen Jagdeifer erglühend, spähend umher, das Wild zu entdecken,
+das der Indianer auf's Korn genommen. Aber erst, als er der Richtung
+von Bob's Büchse folgte, von deren Pfanne das Pulver schon zweimal
+abgeblitzt war, sah er einen stattlichen Hirsch, der ruhig äste und
+die Nähe zweier menschlichen Wesen gar nicht zu ahnen schien. Vor Eifer
+zitternd, hob Sechingen das Doppelrohr, das, noch mit guten, deutschen
+Zündhütchen versehen, dem Wetter Trotz geboten, und der Schuß krachte
+dröhnend durch den stillen Wald.
+
+Hochauf sprang der Hirsch und setzte über einen, vor ihm liegenden
+Baumstamm, blieb dann aber augenblicklich wieder stehen, äugte
+verwundert umher, witterte zu gleicher Zeit die Feinde und sprang eben
+in ein benachbartes Dickicht, als ihm Sechingens Rehposten nachsausten.
+Wohl schüttelte er den schönen Kopf ein wenig, als ihm das Blei um's
+Gehör pfiff, unverletzt aber warf er den Wedel in die Höhe und war mit
+wenigen Sätzen verschwunden.
+
+»Ich muß ihn getroffen haben,« rief Sechingen, der dem Anschuß in wilder
+Jagdlust zusprang; Bob folgte ihm jedoch sehr ruhig und bemerkte, die
+Fährten keines Blickes würdigend:
+
+»Hirsch merkwürdig wohl, wenn er den weißen Fleck zeigt -- weiße Mann
+Bockfieber!«
+
+Gar sehr wider Willen mußte es sich Sechingen zuletzt selbst gestehen,
+daß er, auf kaum funfzig Schritt, mit beiden Läufen das Wild gefehlt
+habe, denn auch nicht ein einziger Tropfen Schweiß war auf dem Laube zu
+sehen. In hierdurch nicht gerade verbesserter Laune setzten also Beide,
+nachdem der Deutsche zuerst wieder geladen, ihren Weg weiter fort, und
+erreichten, nach etwa zweistündigem Marschiren, das Haus, von dem Bob
+gesprochen, und Sechingen mehr todt als lebendig, begrüßte mit freudigem
+Herzklopfen das trauliche, Schutz und Wärme versprechende Dach, aus
+dessen Lehmschornstein eine dünne, blaue Rauchsäule emporwirbelte.
+
+Nachdem die beiden Männer zuerst noch eine niedere, die Wohnung
+umgebende Fenz überklettert hatten, näherten sie sich dem Gebäude,
+dessen Thür, nach Art all der andern fensterlosen Blockhäuser, offen
+stand, um Licht und Luft zu gleicher Zeit einzulassen, und betraten den
+inneren Raum, vor dessen breiten Kamin sie eine, dem Auge Sechingens
+wenigstens, sehr sonderbar erscheinende Gruppe versammelt fanden.
+
+Es waren zwei Frauen und drei Kinder, die in malerischen Stellungen
+das Feuer umsaßen und umlagerten, und durch den Eintritt der Fremden in
+ihren verschiedenen Beschäftigungen weiter nicht gestört wurden, als daß
+die eine der Frauen, wahrscheinlich die Wirthin, mit ihrem Sessel ein
+wenig zur Seite rückte und sagte:
+
+»Nehmt einen Stuhl!«
+
+Nun wäre das zwar an und für sich schon eine recht freundliche Einladung
+gewesen, denn das Feuer flackerte mächtig und erwärmend mit rother Zunge
+die schwarz geräucherte Esse empor, wenn -- nur ein Stuhl dagewesen
+wäre, vergebens schaute sich aber der Deutsche nach einem derartigen
+Möbel in dem kleinen Raume um, lehnte daher vor allen Dingen die
+Büchsflinte in die Ecke, legte die Jagdtasche daneben, welchem Beispiel
+der Indianer ohne weitere besondere Einladung folgte, und trat dann in
+den für sie freigemachten Raum an die linke Kaminecke.
+
+»Nehmt den Stuhl!« sagte die Frau zum zweiten Male, und winkte dabei mit
+dem Kopf nach der gegenüber liegenden Ecke, aber kein Gegenstand,
+der auch nur die entferntere Familienähnlichkeit mit einem derartigen
+Hausgeräth gehabt, oder zu solchem hätte benutzt werden können, zeigte
+sich dem Auge; die Ecke war, ein schmales, langes Bret was darin lehnte
+ausgenommen, leer. Bob schien jedoch mit den Gelegenheiten der Wohnung
+und ihren Gebräuchen schon etwas besser bekannt, oder ein gewisser
+Instinkt mußte ihn leiten, denn kaum hatte er sich seiner nassen Decke
+entledigt, als er eben jenes Bret vorholte, dieses dann, dicht neben
+dem Kamin, zwischen zweien der die Wand bildenden Stämme hindurch, und
+auswendig unter den, zu diesem Zweck in einen Pfirsichbaum geschlagenen
+Pflock schob, und dem Deutschen mit der Hand zuwinkte, darauf Platz zu
+nehmen, was dieser denn auch nach einigen, etwas ängstlichen Versuchen
+zwar, befolgte, während Bob neben ihm stehen blieb und sich wie ein am
+Spieße steckender Braten, langsam vor der Gluth im Kreise herumdrehte,
+um seinem ganzen Körper einen gleichen Antheil von Wärme zukommen zu
+lassen. Bald stieg von ihren nassen Kleidern der feuchte Dampf wie
+eine Wolke zur Decke hinauf und drängte sich dort, durch aufgehangene
+Schinken und Speckseiten, in's Freie.
+
+Die Beschäftigung der beiden Frauen zog jetzt, als das erste frostige
+Schütteln vorüber war, was Jeden erfaßt, der naß und kalt zu einem
+erwärmenden Feuer tritt, Sechingens neugierige Blicke auf sich. Die
+Herrin des Hauses saß nämlich auf einem kleinen Sessel, dem Feuer gerade
+gegenüber, hatte zwei Karden oder Wollkämme in der Hand, mit welchen sie
+die klargezupfte Baumwolle spinngerecht in lange Streifen rollte und nur
+dann und wann ihre Arbeit unterbrach, um eine kleine, kurze Pfeife aus
+dem Mund zu nehmen und den Kopf derselben, diese am Stiel fassend, durch
+die glühende Asche zu ziehen, wonach sie die dadurch herausgehobene
+kleine Kohle in die Höhe hielt, und in langen Zügen den verlöschten
+Tabak wieder zu entzünden suchte. In ihrem ganzen Wesen lag aber eine
+gewisse Reinlichkeit und Ordnung, die, mit dem freundlichen, offenen
+Gesicht der Matrone, einen höchst wohlthuenden Eindruck auf den jungen
+Deutschen machte, denn er war durch seine letzte Wanderung besonders
+empfänglich für alles Das geworden, was Behaglichkeit und häuslichen
+Sinn verrieth. Sie war sehr einfach, aber höchst sauber in selbstgewebte
+Stoffe gekleidet, und die größte Ordnung schien auch in dem kleinen,
+wenn gleich ärmlich ausgestatteten Raume zu herrschen, den sie bewohnte.
+
+Keineswegs so günstig sprach ihn die Erscheinung der zweiten Gestalt an,
+deren Haar, nach Art der irländischen Frauen, in einem breiten Scheitel
+von dem rechten nach dem linken Ohr, quer über die Stirn hinüber gelegt
+war, und die durch ihre, nichts weniger als reinliche Kleidung auf
+eine um so auffallendere Art gegen die neben ihr sitzende Amerikanerin
+abstach. Ihr Anzug bestand aus grell buntem Kattun, der seine besten
+Tage schon gesehen hatte, und dessen große Pfauenaugen wehmüthig nach
+einer Stange Seife hinüber zu blinzen schienen, die auf einem kleinen
+Bretchen in der rechten Ecke des Zimmers ruhte. Sie kreuzte den einen
+Fuß über den andern und stützte sich mit dem linken Arm auf das rechte
+Knie, mit dem rechten Ellenbogen wieder auf den linken Arm, und paffte,
+ohne die eben Angekommenen weiter viel zu beachten, den Rauch aus ihrer
+kurzen Pfeife nach Herzenslust in den Kamin hinein.
+
+Desto aufmerksamer wurden aber dafür die beiden feuchten Gäste von den
+drei Kindern beobachtet, deren ganzes, verwildertes, unsauberes Aussehen
+sie als der Irländerin (denn eine solche war der Gast) zugehörig
+bezeichnet hätten, wäre nicht diese stille Vermuthung Sechingens noch
+durch den unwiderlegbaren Beweis eines eben solchen Stückes Kattun,
+als Madame zum Kleid verwandt, bestärkt worden, das in verschiedenen
+spitzwinkeligen und dreieckigen Stücken die Kehrseite des jüngsten
+Kindes zusammenhielt.
+
+Mit weit aufgerissenen Augen und Sprech- oder Schreiwerkzeugen starrten
+diese, nicht den Indianer, -- denn dergleichen hatten sie schon
+genug gesehen, -- sondern den, ihrer Meinung nach, viel wunderbarer
+bekleideten Deutschen an, und nur durch verschiedene Ermahnungen der
+Wirthin des Hauses -- denn die eigene Mutter schien sich wenig oder gar
+nicht um sie zu kümmern -- konnten sie zurückgehalten werden, sich
+immer wieder auf's Neue zwischen den Fremden und das diesem so höchst
+wohlthuende Feuer zu drängen.
+
+Auf Sechingens Bitte um etwas Warmes zu essen und zu trinken, ließ die
+Amerikanerin jedoch augenblicklich mit freundlichem Eifer ihre beiden
+Beschäftigungen, Rauchen und Karden, im Stich und es dauerte gar nicht
+lange, bis ein Paar heiße Tassen Kaffee, nebst gebratenem Speck und
+schnell gebackenem Maisbrod auf dem rohen, aber blank gescheuerten
+Holztisch dampften, zu dem sich auch die Zwei nicht lange nöthigen
+ließen, sondern mit wahrem Heißhunger über die so lang und schmerzlich
+entbehrten Lebensmittel herfielen.
+
+Sechingens verwöhnter Gaumen möchte freilich, unter anderen
+Verhältnissen, mit den vorgesetzten Gerichten schwerlich zufrieden
+gewesen sein; er befand sich aber gegenwärtig nicht in der Laune, lange
+zu betrachten und zu kosten, _was_ er aß, so er nur überhaupt etwas zu
+verzehren hatte, und bald waren Teller und Schüssel leer und blank.
+
+Während der Mahlzeit hatten die Frauen sich nicht weiter um die
+hungrigen Gäste bekümmert, als daß die Wirthin ihnen noch zweimal die
+schnell geleerten Tassen mit dem heißen, erquickenden Trank füllte; da
+sie aber jetzt gesättigt vom Tische aufstanden und wieder an's Feuer
+traten, fingen sie an, die mit Schnüren und Troddeln besetzte Pikesche
+des Deutschen zu bewundern, der, ihnen darin gern gefällig, sich von
+allen Seiten genau betrachten und die Arbeit daran untersuchen ließ.
+
+Nun hatte aber Sechingen durch diese Aufmerksamkeit die moralische
+Überzeugung gewonnen, daß die beiden Damen von dem zierlichen
+Kleidungsstück ganz entzückt seien, und frug daher die Irländerin mit
+freundlicher Stimme, ob sie vielleicht im Sinne habe, ihrem Ehegemahl
+eine dieser ähnliche anzufertigen; die Frau rief aber verwundert:
+
+»Meinem Manne, Sir? Gott segne Euch, für eine erwachsene Person eine
+solche Jacke? nein, aber ein hübsches Röckchen für das Jüngste gäb' es.«
+
+Sechingen biß sich auf die Lippen und sah von der Seite den Indianer an;
+dieser schien jedoch in der Bemerkung nichts Auffallendes gefunden
+oder sie gar nicht beachtet zu haben, sondern nahm, als Zeichen des
+Aufbruchs, die Büchse wieder zur Hand, und nickte dem Deutschen zu.
+
+»Was sind wir Ihnen für Ihre Güte schuldig?« frug also Sechingen jetzt,
+da es ihm nach dieser Äußerung nicht mehr so recht wohnlich bei den
+Leuten war.
+
+»Oh ich weiß nicht« -- entgegnete die Amerikanerin, »das Wenige, was
+ich Euch vorsetzen konnte, war gern gegeben und keiner Bezahlung werth.
+Wohnten wir hier an der Straße, dann wär' es etwas anderes, man kann
+nicht _alle_ Reisende umsonst beherbergen, wenn man selbst arm ist und
+sich seine Lebensmittel schwer verdienen und erziehen muß, so aber
+mag's gehen. Wir sitzen hier mitten im Wald, und in Alabama, von wo wir
+herkommen, ist es auch nur an wenigen Stellen Sitte, daß man Bezahlung
+von Reisenden nimmt, also geht mit Gott, Ihr seid Nichts schuldig.«
+
+Herzlich dankte ihr Sechingen, nicht allein für die gegebene Stärkung,
+sondern auch für die freundlichen Worte, und bedeutend gekräftigt und
+erfrischt, obgleich immer noch sehr durch die nassen Kleider belästigt,
+folgte der Deutsche seinem rothen Führer einen schmalen Pfad entlang,
+der sich von hier aus am Fuße einer jetzt erreichten niederen Hügelreihe
+hinwand und die Wanderer wenigstens dem niederen Sumpflande entzog,
+durch das sie bis dahin ihre Bahn hatten suchen müssen. Nicht viel Worte
+wurden zwischen Ihnen gewechselt, denn Sechingen spähte, da sie den
+etwas offeneren Wald betraten, scharf nach Wild umher, das der Führer
+jedoch wenig zu beachten schien, denn er schritt mit gesenkten und fest
+auf den Pfad gerichteten Blicken voran. Übrigens blieb des Deutschen
+Aufmerksamkeit höchst nutzlos verschwendet, denn kein einziger Hirsch,
+nicht einmal ein Truthahn, ließ sich sehen, und höchst mißmuthig und
+unzufrieden mit der ganzen amerikanischen Jagd warf er sich endlich
+die Büchsflinte wieder über die Schulter und schwur, daß -- undankbarer
+Mensch -- Charley Fischer ein -- Aufschneider sei.
+
+Nicht mehr weit hatten sie von da aus zu gehen, bis sie zu der kleinen
+Lichtung und Blockhütte kamen, die ihm von dem Indianer als die
+»deutsche Niederlassung« bezeichnet wurde, und hier lag wieder, wo
+Sechingen allerdings etwas ganz anderes erwartet hatte, ein solches
+unausweichbares Blockhaus vor ihm, das keineswegs dem von einer
+»_deutschen Niederlassung_« entworfenen Bilde glich; dennoch eilte er
+mit freudigen und lebhafteren Schritten darauf zu, denn er sollte ja
+jetzt Landsleute wiederfinden und durfte hoffen, nach der ausgestandenen
+Schreckensnacht seine Glieder in etwas stärken und erfrischen zu können.
+
+Es ist aber eine eigene Sache mit den Deutschen in Amerika; in Arkansas,
+und überhaupt im fernen Westen, mag es noch angehen; selten bekommen sie
+hier einen Landsmann zu sehen, und freuen sich wirklich, wenn sie Einmal
+einem begegnen, der ihnen etwas Neues aus der Heimath erzählen kann.
+Anders, ach weit anders und weit trauriger ist es dagegen in den
+östlichen Städten, wo alle neue Einwanderer von den, sich schon
+dort befindenden Landsleuten als »Preisverderber und Eindringlinge«
+betrachtet werden, wo der schon etwas Amerikanisirte zu stolz ist, den
+früheren Freund _deutsch_ anzureden, weil ein zufällig daneben stehender
+Amerikaner sonst sogleich wissen würde, daß er ebenfalls ein »Dutchman«
+wäre, und wo sich der Deutsche wirklich nur _deßhalb_ mit dem Deutschen
+einläßt, um ihn, sobald sich eine Gelegenheit dazu finden sollte,
+tüchtig über's Ohr zu hauen und hinterher auszulachen. Das kannte v.
+Sechingen freilich noch nicht, ein ganz anderer Empfang wartete aber
+auch hier seiner, und mit offenen Armen und herzlichem, treugemeintem
+Gruß wurde er von dem biedern Deutschen Klingelhöffer, der in der
+einsamen Wildniß seine Wohnung aufgeschlagen hatte, empfangen.
+
+Er war gerade beschäftigt gewesen Feuerholz zum Haus zu fahren, spannte
+jedoch augenblicklich aus und führte seine beiden Gäste in die kleine
+Hütte, um ihnen dort nach den ausgestandenen Strapatzen jede mögliche
+Bequemlichkeit gewähren zu können. Der Indianer war auch bald
+entschlossen, wenigstens für diese Nacht sein Quartier hier
+aufzuschlagen, und hing deshalb seine Decke ausgebreitet über die Fenz,
+damit sie der Wind, der jetzt recht scharf aus Nordwest zu blasen anfing
+abtrocknen könne, während Klingelhöffer, von Sechingen gefolgt, das
+Haus betrat, in welchem ihnen des ersteren wackere Hausfrau, freundlich
+grüßend, entgegen kam.
+
+Vor allen Dingen mußte er nun seine nassen Kleidungsstücke ab und
+trockene anlegen, und bald vergaß er bei guter, nahrhafter Kost und
+neben einem erquickenden Feuer die überstandenen Mühseligkeiten und
+Entbehrungen.
+
+Jetzt bekam er aber auch Zeit, das Innere der einfachen Hütte, in
+welcher die kleine Familie hauste, zu betrachten, und begriff in der
+That nicht, wie Menschen, die früher schon einmal an mehr und größere
+Bequemlichkeiten gewöhnt gewesen waren, hier und unter solchen
+Verhältnissen existiren konnten. Das Haus bestand, nach der gewöhnlichen
+Bauart des Landes, aus unbehauenen Stämmen, und die Spalten zwischen
+diesen waren, um den rauhen Nordwind abzuhalten, an dieser und an der
+Westseite mit lang gespaltenen Stücken Holz und Lehm ausgefüllt, dadurch
+eine feste und ziemlich warme, dem Klima wenigstens angemessene Wand
+bildend; die beiden anderen Wände jedoch ließen Licht und Luft ein,
+soviel nur durch die oft handbreiten Ritzen und Spalten einströmen
+konnten. In einer Ecke des Hauses standen zwei Betten, über denen
+ein langes Bret mit -- einem seltenen Artikel in Arkansas -- Büchern
+befestigt war, und an der gegenüber stehenden Wand befand sich ein
+anderer Gegenstand, den der Deutsche hier im Walde am wenigsten gesucht
+hätte und der auch von dem Indianer mit neugierig staunenden Augen
+betrachtet wurde: nämlich ein Fortepiano. Drei oder vier rohgearbeitete
+Holz- und Rohrstühle, der Tisch, dessen Platte ein früherer Kistendeckel
+bildete, und mehrere Kasten mit Schlössern und Fächern, auf denen das
+wenige Küchengeräth aufgestellt war, füllten den übrigen Raum, und
+Sechingen, als er das Alles eine Zeitlang betrachtet hatte, wandte sich
+endlich zu seinem Wirth, der eben wieder einen tüchtigen, lang gehauenen
+Hickoryklotz in's Feuer trug, und fragte, noch immer etwas schüchtern:
+
+»Ist denn dieses wirklich der einzige Raum, den Sie mit Ihrer ganzen
+Familie bewohnen?«
+
+»Nein,« sagte Klingelhöffer, »hier neben an steht noch ein kleines,
+sogenanntes Rauchhaus, wo wir unser Fleisch und Fett, die Kartoffeln,
+etwas zu Brod ausgesuchten Mais und andere zum Hausstand nöthige Sachen
+aufbewahren.«
+
+»Und hier in diesem einzigen Zimmer wohnen und schlafen Sie?«
+
+»Nun, ist das nicht genug?« lachte der Farmer, »da sollten Sie einmal
+hier sein, wenn Gerichtstag ist, und wir noch zwei oder drei Nachbarn
+und ein paar Advokaten zu bewirthen und unterzubringen haben, dann
+geht's freilich eng her.«
+
+»Die schlafen doch nicht mit in diesem Hause?«
+
+»Wo denn sonst? Alle mit einander.«
+
+»Das ist ja aber ganz unmöglich!«
+
+»Unmöglich?« lachte der Farmer, »unmöglich?« wiederholte er
+kopfschüttelnd -- »das ist ein Wort, was wir hier in Arkansas nicht
+kennen; _unmöglich_ ist gar Nichts auf der Welt, sobald es nur uns
+selbst und unser eigenen Bedürfnisse betrifft.«
+
+»Sie Beide, mit Ihren drei Kindern (und die beiden Mädchen da draußen
+können kaum noch Kinder genannt werden), schlafen und wohnen wirklich
+fortwährend in diesem Zimmer? entbehren alle Bequemlichkeiten, die man
+sich sonst bei einem Wohn- und Schlafzimmer als _un_entbehrlich denkt,
+und existiren so gewissermaßen im Freien, auf offener Straße?«
+
+»Ja, ja,« lachte Klingelhöffer, »und das ist noch gar nichts, jetzt
+haben wir doch Dach und Fach, werden nicht naß, wenn es draußen regnet,
+und können, wenn es kalt wird, ein Feuer anmachen, ohne dabei fürchten
+zu müssen, daß uns der Wind die Funken und Kohlen über das Bettzeug
+wegtreibt, wie das im ersten Winter der Fall war, wo wir hierher zogen
+und ich das Haus erst aufbauen mußte. Meine arme Frau war noch dazu
+damals krank und mußte viel, sehr viel ausstehen. Doch was man gern
+thut, wird Einem auch leicht, und wenn wir viel, ja fast Alles von dem
+entbehren müssen, an das wir im alten Vaterlande gewöhnt oder durch das
+wir _ver_wöhnt waren, so drückten uns auch keine von den Sorgen, die
+wir dort kannten; wir arbeiten Beide, und dafür vermehrt sich auch
+unser Wohlstand und ich bin jetzt schon im Stande, das nächste Jahr ein
+bequemeres und geräumigeres Wohnhaus aufzuführen; bis dahin muß dies
+freilich noch ausreichen.«
+
+»Ja, daß _Sie_ das Alles mit leichtem Muth ertragen können,« rief
+Sechingen »finde ich sehr begreiflich! des drückenden europäischen
+Zwanges enthoben, fühlt sich der Mann, auch wohl unter schlimmeren
+Verhältnissen, kräftig genug, Alles zu bestehen und zu überwinden, was
+ihm hemmend in den Weg tritt. Die schwache Frau aber, zarte Kinder, in
+solcher Wildniß, den rauhen Stürmen der Jahreszeit, all den Entbehrungen
+eines Lebens auszusetzen, das doch nur eigentlich für einen Indianer
+passend scheint, da -- da weiß ich denn doch nicht, ob ich so etwas
+über's Herz bringen könnte. Wenn nun die Frau krank wird und das Heimweh
+bekommt, und sich ewig und ewig fortsehnt, zurück nach den verlassenen,
+glücklicheren Verhältnissen?«
+
+»Lieber Herr von Sechingen,« entgegnete ihm freundlich Klingelhöffer,
+indem er seine Hand ergriff, »wenn die Frau ihren Mann recht herzlich
+lieb hat, dann wird sie sich schon nicht von ihm fortsehnen, weil
+sie Bequemlichkeiten entbehren muß, an die sie früher gewöhnt war,
+im Gegentheil wird sie bei ihm bleiben wollen und alles das, was er
+ertragen muß, Freude wie Leid, _mit_ ihm tragen, wie es _meine_ Frau
+gethan; hat sie ihn aber _nicht_ so recht von Herzen lieb, dann bleibt
+sich's auch ziemlich gleich, wo er seinen Leidenskelch leert, in der
+Stadt, oder im Walde. Mein liebes Weib hier ist nun einmal an mich und
+meine Laune gewöhnt, Gewohnheit thut viel, sie möchte mich nicht mehr
+entbehren, nicht wahr, Alte? und da harren wir denn schon hier im Walde
+zusammen aus.«
+
+Er reichte bei diesen Worten der lächelnden, jungen Frau die Hand
+hinüber, und diese erwiederte den herzlichen Druck und lehnte sich
+vertrauend mit ihrem Köpfchen an seine Schulter.
+
+»Ja, das ist Alles recht gut,« meinte Sechingen kopfschüttelnd -- »Sie
+Beide haben sich lieb, wie sich Eheleute haben sollten, und können durch
+Sparsamkeit und Fleiß leicht ihr Auskommen, selbst in den widerwärtigen
+Verhältnissen finden; _warum aber?_ ich bin fest überzeugt, daß Sie
+das auch im alten Vaterlande ermöglichen würden, und viele Genüsse des
+Lebens kennen Sie hier nur dem Namen nach, die dort eine natürliche
+Folge Ihres ganzen Wirkens wären.«
+
+»Noch kennen Sie unser _Land_ nicht,« erwiederte ihm der Farmer
+freundlich -- »Sie sind gewissermaßen erst _eine_ Nacht in Amerika, denn
+den kurzen Aufenthalt in einem der besten Hotels von New-Orleans, wie
+die kurze Reise auf bequemem, selbst mit jedem Luxus ausgestatteten
+Dampfboot, dürfen Sie gar nicht rechnen; lernen Sie also das Land erst
+ordentlich kennen, und ist das geschehen, dann wollen wir weiter über
+dieses Kapitel reden; davon aber sein Sie überzeugt, daß es gewaltige
+Vortheile sein müssen, die im Stande waren, einen Deutschen zu bewegen,
+seinem Vaterlande für immer zu entsagen.
+
+Nicht alle Menschen lernen übrigens diese Vorzüge einsehen, und viele
+von diesen schleppen dann entweder ein unglückliches Leben in dem
+fremden, freundlosen Lande hin, oder sie kehren in die alte, aus Unmuth
+oder Veränderungssucht verlassene Heimath zurück; keiner aber, der Sinn
+für Freiheit und Unabhängigkeit in sich trägt, wird, wenn ihn nicht
+Familienbande unaufhaltsam dorthin ziehen, weniger erbärmlicher, leicht
+zu entbehrender Bequemlichkeiten und Luxusartikel wegen den freien Wald
+wieder mit den Ketten des alten Vaterlandes vertauschen. Thät' er es
+aber doch, schmiegte er sich bloß deshalb wieder unter das, einmal
+gemiedene Joch, flög' er wieder in den goldenen Käfig zurück, weil er
+sich nicht gern im Walde, in Sturm und Regen sein Futter selbst sucht,
+nun dann ist das kein Verlust für Amerika, solche Leute gehören auch
+nicht in den Wald, sie sind Futter für Bälle und Theater.«
+
+»Ich weiß nicht,« meinte Sechingen kopfschüttelnd, »man braucht gerade
+kein Anhänger von Üppigkeit und Wohlleben zu sein, und mag doch die
+Überzeugung haben, seine Zeit nützlicher und angenehmer verbringen zu
+können, als im Walde bei einem Gewitterschauer. Mir zum Beispiel ist
+die Kehle wie zugeschnürt, und ich werde die Erkältung in vierzehn Tagen
+nicht wieder los.«
+
+»Glaub's wohl,« lachte Klingelhöffer, »Sie sind aber auch gleich mit
+dem Kopf zuerst in das Schlimmste hineingefahren; was uns hier im Walde
+passiren kann: Kälte, Hunger und Nässe auszustehen, ist ein freilich
+etwas großer Abstand gegen die reich besetzte Tafel und das warme Bett
+eines Dampfbootes. Doch jetzt sollen Sie, wie ich hoffe, auch einige von
+den Annehmlichkeiten unseres Wald- und Farmerlebens kennen lernen, und
+wenn diese Sie dann nicht ganz mit unserer rauhen Heimath aussöhnen, so
+werden sie wenigstens viel dazu beitragen, Ihnen das Leben hier nicht
+allein von seiner Schatten-, sondern auch von seiner Lichtseite zu
+zeigen. Es giebt auch im Urwald glückliche Menschen.«
+
+»Der Urwald verliert aber doch sehr in der Nähe,« erwiederte Sechingen,
+als er durch eine Spalte der Wohnung hinaus auf die, von grauen,
+nassen Regenwolken überhangenen Baummassen blickte, während der Wind,
+unheimlich pfeifend, durch ihre Wipfel brauste und ihnen die großen,
+klaren Tropfen aus den schwankenden Häuptern schüttelte, »ich hatte mir
+in mancher Hinsicht ein anderes Bild davon entworfen.«
+
+»Sie hatten nicht daran gedacht,« fiel ihm sein freundlicher Wirth
+lachend in's Wort, »daß die gewaltigen, stattlichen Bäume auch im Sumpfe
+stehen, oder gar quer über den Weg hin liegen könnten, und dann
+die Passage eher versperren, als verschönern, daß nicht allein das
+romantische Geheul der wilden Thiere, sondern auch das sehr prosaische
+Gesumme der Mosquitos den Wald erfüllt, und daß sich eine Landschaft, wo
+der Sturm auf den Flügeln der Windsbraut die Fläche durchsaust, wo tolle
+Regengüsse aus den Wolken niederfluthen und trockene Wege zu Bächen und
+Bäche zu Strömen werden, sehr hübsch und interessant auf der Leinwand,
+keineswegs angenehm aber im wirklichen Leben, in der nüchternen
+hausbackenen Wirklichkeit ausnehmen. Ja, das geht Manchem so, das giebt
+sich aber, und zuletzt lernen wir selbst die Unannehmlichkeiten eines
+wilden Lebens lieb gewinnen. Sehen Sie aber, wie sich der Indianer das
+Fortepiano betrachtet, eine solche Maschine hat er im Leben noch nicht
+gesehen, ich werde ihm etwas vorspielen.«
+
+Damit trat der Farmer zu dem Clavier, öffnete es, und präludirte ein
+wenig; gar wunderbarer Weise hatte sich auch das Instrument, einige Töne
+abgerechnet, noch ziemlich gut in Stimmung erhalten, trotz der feuchten
+Luft, der es fortwährend ausgesetzt war. Der Deutsche ging also nach
+einigen schnell gegriffenen Akkorden zu einem leichten Walzer über, und
+das Erstaunen Bob's, der vom Öffnen des Instrumentes an bis jetzt, starr
+von Überraschung und Verwunderung gestanden hatte, erreichte nun seinen
+höchsten Grad. Bei den immer schneller und munterer folgenden Tönen
+heiterten sich aber auch seine dunklen, bis jetzt fast ausdruckslos
+gewesenen Gesichtszüge auf, und ein Paar Reihen Zähne wurden sichtbar,
+die an Weiße dem frischgefallenen Schnee nichts nachgaben. Endlich
+schloß Klingelhöffer, und vom Stuhle aufstehend, klopfte er dem Indianer
+auf die Schulter und frug: »wie das klänge?«
+
+»=Bless my soul=,« sagte dieser, noch immer das früher nie gesehene,
+wunderbare Gestell betrachtend -- »eine große Violine mit Zähnen und
+Beinen wie ein Bär, die das Maul aufmachen kann -- Bob hat noch nie so
+ein Ding gesehen!«
+
+»Und wie gefällt es Dir?«
+
+»Gut -- unmenschlich gut!« sagte Bob, indem er den Mund von einem Ohr
+bis zum andern zog.
+
+»Sehen Sie, hier haben Sie gleich eine Naturbeschreibung des
+Fortepianos,« lachte der Farmer, »der Bursche wird Wunderdinge davon
+erzählen, wenn er wieder nach Little Rock kommt; aber apropos, da wir
+von Little Rock reden, wo haben Sie denn Ihre Sachen gelassen, etwa
+dort?«
+
+»Ja, bei Charles Fischer.«
+
+»Nun da stehn sie ziemlich sicher, sonst ist dem Neste gerade nicht viel
+zu trauen; ich habe allen Respekt vor dieser Hauptstadt von Arkansas.«
+
+»Haben Sie von dem Staat eine eben solche Meinung, als von der Stadt?«
+
+»Dann blieb ich hier nicht wohnen, nein, ich halte Arkansas für den
+besten Staat der Union, das heißt, er ist mir der liebste, ich möchte in
+keinem anderen wohnen, und hoffentlich werden Sie dasselbe sagen, wenn
+Sie erst einmal im Lande umhergestreift sind und die verschiedenen
+Gegenden selbst besucht haben. Wohin gedenken Sie sich von hier aus zu
+wenden?«
+
+»Aufrichtig gesagt,« erwiederte ihm Sechingen, »so hatte ich nach dem,
+was ich von Herrn Fischer in Little Rock gehört, große Lust, mir
+irgend ein Stück Land in dieser Gegend auszusuchen, und mich darauf
+niederzulassen. Es ist dieß die Ursache, weßhalb ich nach Amerika
+ausgewandert bin, ich -- ich hatte ein so gewaltiges Sehnen nach dem
+-- nach dem Urwald; seit letzter Nacht hat sich das freilich bedeutend
+gegeben, und ich möchte doch nun erst die hiesigen Verhältnisse ein
+wenig genauer kennen lernen, ehe ich mich bleibend festsetze. Ist es
+Ihnen also recht, mein bester Herr Klingelhöffer, und fall' ich Ihnen
+nicht zur Last, so bleib ich ein paar Tage bei Ihnen, wir durchziehen
+dann die Nachbarschaft ein wenig, und ich kann mich im Laufe dieser
+Woche fester und genauer bestimmen.«
+
+»Von Herzen gern,« sagte der wackere Farmer, ihm die Hand reichend, »Sie
+sind mir so willkommen, wie die Blumen im Mai, und sehen Sie sich das
+Land erst einmal an, dann gefällt es Ihnen auch. Wie wär's, wenn wir
+Ihre Sachen indessen von Little Rock heraufkommen ließen? Das nächste
+Dampfboot kann sie bis Bakers Landung am Arkansas bringen, und dort
+holen wir sie in nächster Woche mit meinem Canoe ab.«
+
+»Wo aber soll ich bei Ihnen schlafen?« frug Sechingen mit komischem
+Ernst, indem er sich überall im Hause umsah -- »wenn Ihre Frau und
+Töchter --«
+
+»Thorheiten,« lachte Klingelhöffer -- »das fällt hier alle Tage vor, wir
+machen Ihnen ein Lager auf der Erde -- ein wenig hart wird's sein, doch
+daran müssen Sie sich gewöhnen; ein Jäger darf überhaupt nicht so sehr
+viele Bedürfnisse haben.«
+
+»Jagen Sie viel?«
+
+»Nein, sehr selten, ich bin kein großer Freund mehr davon.«
+
+»Es ist wohl viel Wild in der Gegend?«
+
+»Ja, ziemlich viel Hirsche und Truthühner!«
+
+»Auch Bären, nich wahr?«
+
+»Dann und wann kommt uns einmal so ein alter Bursche zwischen die
+Schweine, doch sind wir in solchem Falle schnell mit den Hunden dahinter
+her, und fangen ihn entweder, oder treiben ihn doch wenigstens aus der
+Nachbarschaft.«
+
+»Dann und wann?« frug Sechingen sehr erstaunt, »aber Charles Fischer hat
+mir ja gesagt, daß sie hier fast nur von Bärenfleisch lebten.«
+
+»Dann müßten wir bald genug verhungern,« lachte der Farmer. --
+»Speck und Maisbrod, das ist die Kost, selten einmal Hirsch- oder
+Truthahnfleisch, denn Bären fangen an zu den Seltenheiten zu gehören --
+ich habe in den sechs Jahren, die ich hier bin, erst drei geschossen.«
+
+»So hat Fischer also wohl auch mit dem Anpreisen des Landes nicht die
+Wahrheit gesagt?« meinte schon etwas kleinlaut der junge Deutsche.
+
+»Das steht auf einem anderen Blatt!« rief der Farmer -- »davon sollen
+Sie sich auch selbst überzeugen, denn wenn er nicht fürchterlich
+aufgeschnitten hat, so werden Sie Ihre Erwartungen eher noch übertroffen
+finden. Außerdem ist dieß eine Erfahrung, die Sie ebenfalls in Amerika
+machen müssen: jeder Farmer preist _die_ Gegend, in der er selbst
+lebt, am meisten, und ich sehe nicht ein, warum ich mich allein davon
+ausschließen sollte, da ich noch dazu das gute Recht und vollkommene
+Ursache auf meiner Seite habe. Aber wie ist's? wollen wir an Charles
+nach Little Rock schreiben, daß er die Sachen heraufschicken soll? Der
+Indianer könnte den Brief mitnehmen?«
+
+Sechingen blickte unentschlossen vor sich nieder; er hatte sich das
+Leben im Walde doch ganz anders gedacht -- sollte er hier -- in
+einer solchen Wildniß von jedem Verkehr mit civilisirten Menschen
+abgeschnitten (ein oder zwei Nachbarn höchstens ausgenommen) förmlich
+versauern? -- sein Geld an todtes, mit ungeheueren Bäumen bewachsenes
+Land wenden, das er vielleicht nachher nicht einmal bebauen konnte? --
+
+»Hm« -- sagte er nach ziemlich langer Pause -- »ich weiß doch nicht --
+wenn ich nun wieder zurückginge nach Little Rock, so« --
+
+»Ja, wenn Sie darüber noch nicht mit sich im Reinen sind,« unterbrach
+ihn schnell der Farmer, »dann lassen Sie's lieber beim Alten -- ich sehe
+schon wie's steht -- die Sachen mögen also unten bleiben und gefällt
+Ihnen unsere Gegend gut genug, ei nun, dann wird auch Rath werden, die
+paar Habseligkeiten mit Allem, was ein Farmer hier sonst noch im Walde
+brauchen könnte, heraufzuschaffen. Morgen sollen Sie ein Stück von
+unserer Gegend kennen lernen, und daß ich Ihnen nicht das schlechteste
+zeigen werde, darauf mögen Sie sich ebenfalls verlassen.«
+
+Der Indianer, der indessen mit Speise und Trank und einem tüchtigen
+Glase Whiskey hinlänglich gestärkt war, von Sechingen auch die Bezahlung
+für seine Mühe empfangen hatte, rollte nun die an dem Feuer getrocknete
+wollene Decke wieder zusammen, in deren Falten er vorher noch ein paar,
+nicht unansehnliche Stücke Maisbrod und Speck barg, warf einen letzten,
+sehnsüchtigen Blick nach der, wieder auf das Wandbret gestellten grünen
+Flasche hinauf, murmelte einen kurzen Abschiedsgruß und schlug bald
+darauf den schmalen, an der Fenz hin führenden Fußpfad ein, der der
+Countystraße zulief. Über die Berge hin war er so im Stande, Little Rock
+trockenen Fußes zu erreichen.
+
+Sechingen sah sich bald häuslich eingerichtet, und wider alles Erwarten
+wurde sein, wenn auch etwas hartes Nachtlager, so vortheilhaft, und
+selbst dem verwöhnten Körper des Europäers genügend hergestellt, daß er
+-- vielleicht auch noch durch die ungewohnten Anstrengungen mehr als je
+ermüdet -- sanft und ruhig bis zum nächsten Morgen schlief, und sich bei
+seinem Erwachen zum ersten Male gestehen mußte, es sei doch eigentlich
+recht wenig, mit dem ein Mensch glücklich und zufrieden leben könne,
+wenn er nur mit sich selbst im Reinen und ein freier Mann, seinem freien
+Willen auch frisch und fröhlich folgen dürfe.
+
+Ein nach amerikanischer Art zubereitetes Frühstück wurde jetzt verzehrt,
+und Sechingen glaubte, daß sie gleich nach Beendigung desselben
+aufbrechen wollten; Klingelhöffer hatte aber die Absicht, seinem Gast,
+ehe er ihn auf das Land selbst führe, auch die Schwierigkeiten zu
+zeigen, die eine Urbarmachung desselben mit sich bringe. Unter dem
+Vorwande also, noch Feuerholz schlagen zu müssen, nahm er den jungen
+Mann etwa hundert Schritte mit in den Wald, zeigte ihm eine, hier unter
+jenen Stämmen keineswegs stark aussehende Eiche von circa drei Fuß im
+Durchmesser, und bat ihn, »den kleinen Stamm,« da er das doch Alles
+lernen müsse, einmal zu fällen, er wolle dann in einem Viertelstündchen
+wiederkommen, um ihn abzuholen.
+
+Von Sechingen, der sich lange danach gesehnt, einmal seine Kraft an den
+Riesen des Waldes zu versuchen, griff freudig nach der schweren Axt,
+und seine Schläge -- als ihm der Farmer erst gezeigt hatte, wie er das
+Werkzeug am vortheilhaftesten halten müsse -- suchten sich bald ihr Echo
+in den nahen Hügeln.
+
+Klingelhöffer, der wohl gemerkt, daß dem jungen Mann die Romantik des
+Waldlebens noch zu sehr im Kopfe lag, und der ihn daher gern zu der
+derben, hausbackenen Wirklichkeit zurück führen wollte, schritt,
+still vor sich hinlächelnd, dem eigenen Hause wieder zu. Was er aber
+vorausgesehen, traf auch und zwar in sehr kurzer Zeit ein; Sechingen
+hackte allerdings eine ziemliche Weile an dem gewaltigen Baum herum, das
+zähe Holz wollte jedoch seinen ungleich geführten Hieben nicht weichen,
+nur hie und da sprang ein, durch einen Kreuzhieb gelöstes Spänchen ab
+und er mußte sich endlich -- todesmüde und die Hände voller Blasen --
+gestehen, das Wort _urbarmachen_ klänge wohl ausgezeichnet und
+nehme sich auch sehr schön auf dem Papiere aus, passe jedoch in der
+Wirklichkeit ganz und gar nicht für ihn. So viel sah er ein, und wenn
+er den ganzen Tag hier stehen geblieben wäre -- den Baum hätte er doch
+nicht umgebracht.
+
+Klingelhöffer fand ihn ziemlich verstimmt am Fuß der Eiche sitzen, und
+so versunken schien er im Anblick seiner Blut unterlaufenen Hände, das
+er den Kommenden gar nicht hörte, bis er dicht neben ihm stand.
+Dieser aber suchte ihn nun auch über das noch nicht Glücken und
+Vorwärtsschreiten der Arbeit zu trösten und meinte, »es fiele kein
+Meister vom Himmel und gut Ding wolle Weile haben -- solche Arbeit fände
+ein Jeder schwer, der erst in den Wald zöge, und selbst Leute, die ihr
+Lebelang Nichts gethan hätten als schwere Werkzeuge geführt, müßten
+sich an die Führung der Axt gewöhnen, ehe sie im Stande wären, etwas
+Tüchtiges zu leisten -- er solle deshalb auch ja nicht muthlos werden,
+denn Lust zur Sache sei halb gewonnen Spiel, und wenn ein Mann einmal
+recht ernstlich _wolle_, so könne er es auch durchführen, trotz allen
+Schwierigkeiten und Hindernissen.«
+
+Das waren eine Menge Thatsachen und unbestreitbare Wahrheiten, die
+Sechingen nicht gut wegläugnen konnte, das harte Eichenholz stand aber
+auch wieder auf seiner Seite als ein _unfällbarer_ Beweis, und nur froh,
+für jetzt durch eine gute Ausrede der fatalen Arbeit enthoben zu sein,
+folgte er seinem freundlichen Wirth zum Haus, bestieg eines von den
+Pferden und ritt nun mit ihm in den Wald hinein.
+
+Jetzt aber hatte auch das heitere Sonnenlicht all die dunklen, trüben
+Regenschatten verscheucht und seine behebenden Strahlen fielen frisch
+und fröhlich durch die glänzenden, glizernden Blätter der leise
+rauschenden Wipfel zur Erde nieder -- der ganze Wald duftete so
+lieblich, der klare Himmel hing so rein und lächelnd über der
+wunderschönen Welt, daß Sechingen schon fast die überstandenen
+Mühseligkeiten vergaß und endlich auch seinem Begleiter nicht länger
+verschweigen konnte, welchen so ganz verschiedenen Eindruck der Urwald
+_gestern_ und _heute_ auf ihn gemacht habe.
+
+»Das alte Lied,« lachte dieser, »bei trübem Wetter sehn wir auch die
+ganze Welt mit trüben Gläsern an, und scheint dann die liebe Sonne und
+zwitschern die muntern Vögel ihr Lied dazu, dann hängt der Himmel gleich
+wieder voller Geigen. Wir wollen die Mittelstraße wählen -- ja -- es ist
+schön hier im freien Wald, so schön, daß ich glaube, das Herz würde mir
+brechen, müßt ich ihm einmal wieder ade sagen, aber -- er hat auch seine
+großen Schattenseiten, von denen Sie bis dahin allerdings erst _sehr_
+wenige kennen gelernt haben. Vollkommen ist jedoch Nichts auf der Welt,
+und so lange die guten Eigenschaften nicht von den bösen überdeckt
+werden, ei nun, so lange dürfen wir uns dann auch nicht sonderlich
+beklagen. Jetzt sehen Sie sich das Land erst einmal ordentlich von allen
+Seiten an, und dann können Sie sich nach bestem Urtheil frisch und frei
+entschließen, was Sie zu thun beabsichtigen.« --
+
+Mehrere Stunden lang ritten die Beiden im Wald umher und Klingelhöffer
+gab sich besondere Mühe, dem neuen Ankömmling die verschiedenen
+Landarten und die Vegetation, durch welche sie sich unterscheiden, zu
+zeigen; dieser aber, der sich in seinem ganzen Leben noch nicht um Land
+oder Ackerbau bekümmert hatte, widmete dem Gegenstand keineswegs die
+Aufmerksamkeit, die er verdiente, und die jener zu finden erwartete,
+sondern sah sich jetzt vielmehr fortwährend nach Wild um und kam dadurch
+nicht selten in die unangenehmsten Berührungen mit vorstehenden Ästen
+und niederhängenden Schlingpflanzen. Dabei übersprang sein kleines
+muthiges Pferd alle Augenblicke vor ihnen liegende Stämme und Äste, oder
+Wassergräben und Sumpflöcher, und brachte den Reiter mehrere Male
+sogar aus allem Gleichgewicht, daß er sich kaum noch im Sattel erhalten
+konnte.
+
+Die Mittagszeit rückte so heran, noch immer aber machte Klingelhöffer
+keine Anstalt heimzukehren, denn er behauptete, und auch ganz mit Recht,
+sie wären nun doch einmal draußen im Wald und es sei nicht allein für
+den Fremden gut, das Land und die Vegetation kennen zu lernen, sondern
+er selbst wolle auch die Gelegenheit gleich benutzen, nach seinem Vieh
+zu sehen, das hier in der Nähe seine Weideplätze hätte, denn apart
+deswegen hierherzureiten, nähme ihm zu viel Zeit weg.
+
+Sechingen hatte nach und nach einen merkwürdigen Hunger bekommen, und
+die Glieder schmerzten ihn ebenfalls von der so ganz ungewöhnlichen
+Bewegung, Klingelhöffer schien aber von dem Allen Nichts zu spüren,
+ritt durch tiefe Gräben, die steilen Ufer hinab und herauf, wich keinem
+Dickicht aus, gallopirte an Stellen, wo Sechingen lieber abgestiegen
+wäre und das Pferd geführt hätte und zeigte sich hier in dem wilden
+pfadlosen Walde so zu Hause, als ob er in seiner eigenen Stube
+umherginge.
+
+Da -- er hatte eben davon gesprochen, den Heimweg anzutreten, und der
+müde Reiter athmete schon hoch auf -- schlugen nicht weit von ihnen
+entfernt die Hunde an und der Farmer, sich hoch dabei im Sattel
+emporrichtend, horchte den, ihm so wohl bekannten Tönen mit der
+gespanntesten Aufmerksamkeit. -- Mehre Secunden lang war jetzt Alles
+still -- da plötzlich ertönte der Lärm auf's Neue und der Farmer,
+der jetzt wußte, daß seine Hunde irgend etwas im Walde gestellt oder
+wenigstens aufgejagt hatten, fühlte im Nu den alten Jagdeifer in sich
+erwachen.
+
+»Hurrah!« rief er, und wandte sich im Sattel nach seinem Begleiter um --
+»die Hunde sind fleißig, wir wollen die Pferde einmal laufen lassen,
+das Bischen Bewegung wird ihnen Nichts schaden.« Und ohne weiter eine
+Antwort abzuwarten, drückte er dem eigenen Thiere die Sporen in die
+Seite und dieses, der Aufforderung nur zu gern Folge leistend, flog in
+muthigen Sätzen der Richtung zu, aus der das Bellen und Toben der Hunde
+jetzt immer deutlicher zu ihnen herüberschallte. Sechingen mußte, wollte
+er hier nicht allein im fremden Wald zurückbleiben, folgen und sein
+eigenes Pferd, das schon ungeduldig den Kameraden hatte davon gallopiren
+sehen, fühlte kaum den leichten, fast unwillkührlichen Schenkeldruck,
+als es fröhlich wiehernd hinten ausschlug und nun in tollen,
+unaufhaltsamen Sätzen den Spuren des Vorangegangenen folgte.
+
+Nun war Sechingen zwar ein geübter Reiter, und saß besonders schön und
+kunstgerecht im Sattel, verstand auch die Behandlung eines zugerittenen
+Pferdes aus dem Grunde, durch solch wildverwachsenen Wald aber zu
+gallopiren und noch dazu mit allem möglichen Schieß- und Jagdgeräth
+behangen, das war mehr als er je versucht hatte, und bald blieb er
+mit dem locker befestigten Pulverhorn, bald mit dem Griff seines
+Hirschfängers, bald mit dem Gewehrriemen in den Zweigen und
+Schlinggewächsen hängen, und endlich wurde er gar bei einem schnellen
+Seitensprung des Pferdes, das einer vor ihm liegenden Schlange
+auszuweichen suchte, unter einen vorragenden Ast gerissen und -- mit
+Blitzesschnelle aus dem Sattel gestreift. »Das Roß, des Reiters ledig,«
+schien weiter gar keine Notiz von ihm zu nehmen, und von Sechingen
+befand sich bald darauf, als auch das Bellen der noch fernen Hunde
+nachgelassen hatte, mitten im Wald, ohne Weg, ohne Steg -- jeder
+Richtung, jeder Himmelsgegend unkundig -- allein.
+
+Eine volle Stunde wohl irrte er jetzt, mit immer steigender Angst und
+jenem entsetzlichen beengenden Gefühl, das sich stets des Verirrten
+bemächtigt, in der Wildniß umher -- seine feine Tuchpikesche war in den
+scharfen Dornen zerrissen, die Pulverhornschnure abgesprengt und das
+Pulverhorn verloren, den Hirschfänger hatte ebenfalls wahrscheinlich
+irgend eine Ranke erfaßt und herausgerissen -- die Scheide hing ihm leer
+an der Seite -- die Mütze mochte Gott weiß wo sein, Gesicht und Hände
+bluteten ihm und die Rippen thaten ihm alle mit einander im Leibe weh.
+Erschöpft warf er sich endlich unter einer alten Eiche nieder -- er
+konnte nicht mehr vorwärts, er _mußte_ erst ausruhen.
+
+»Und hier soll man den Urwald sehen?« rief er endlich in vollem Unmuth
+aus -- »hier wo man den Kopf nicht heben darf, ohne mit dem Gesicht in
+irgend einem verwünschten Dornenbusch hängen zu bleiben -- und die Bäume
+-- großer Gott, es nähme ja ein Lebensalter, um nur ein halbes Dutzend
+von diesen Kolossen umzuwerfen; und dann ist die Erde hier so mit
+Wurzeln verwachsen, daß man kaum einen Stock hineinstoßen, geschweige
+denn einen Pflug hindurchziehen könnte. Nein -- ich passe nicht
+zu solchem Geschäft -- ich habe mir das viel romantischer gedacht.
+Blüthenbäume -- blumige Ranken -- duftenden Wald -- zum Himmel strebende
+Riesenstämme -- hol' sie alle mit einander der Teufel -- ich will Gott
+danken, wenn ich erst wieder an einem gedeckten Tisch sitze, und eine
+heiße Tasse Kaffee trinken kann -- und jetzt gar verirrt -- in dieser
+fürchterlichen Wildniß. --«
+
+Er sprang in aller Verzweiflung wieder auf, um nur wenigstens einen
+gangbaren Pfad zu finden, der ihn zu einer menschlichen Wohnung führe;
+da hörte er plötzlich, nicht weit von sich entfernt, das laute »Hallo«
+Klingelhöffers. Vor lauter Freude schoß er rasch die Büchse ab, das
+verhinderte ihn aber nicht auch seiner, leider schon sehr angegriffenen
+Kehle, noch eine letzte, außerordentliche Anstrengung zuzumuthen, um ja
+die Stelle anzudeuten, wo er sich befinde.
+
+Klingelhöffer stand bald an seiner Seite, und wenn er auch im ersten
+Augenblick nicht umhin konnte, recht herzlich über das tragikomische
+Aussehen seines etwas arg mitgenommenen Gastfreundes zu lachen, so that
+ihm dieser doch auch wieder, da er ja fremd und ein Neuling im Walde
+war, leid, und er bot nun Alles, was in seinen Kräften stand, auf, um
+ihn zu trösten und ihm Muth einzureden.
+
+Es war ein erster, wenn auch etwas böser Anfang, wie er sagte, und
+hatte wenigstens das Gute, ihn alles Nachkommende so viel leichter und
+bequemer ertragen zu lassen. Von Sechingen schien übrigens gar nicht
+geneigt, irgend etwas _Nachkommendes_ abzuwarten, und zum Tode matt
+ließ er fast willenlos mit sich geschehen, daß ihn der Farmer auf sein
+eigenes Pferd setzte. Er hatte, seiner Versicherung nach, keinen ganzen
+Knochen mehr im Leibe, dafür aber Hunger wie ein Wehrwolf, Kopf- und
+Zahnschmerzen und noch außerdem verloren, was an seinem Körper nicht
+niet- und nagelfest gewesen.
+
+In Klingelhöffers Wohnung endlich angelangt, stärkte er seinen
+ermatteten Körper durch Speise, Trank und Ruhe. Nichts in der Welt
+hätte ihn aber am nächsten Morgen vermögen können, eine zweite Tour zu
+unternehmen, um erstlich die verlorenen Sachen wieder zu suchen und
+dann auch, wie der Farmer lächelnd bemerkte, »das Land noch etwas besser
+kennen zu lernen.« Er verschwor sich hoch und theuer, vom Lande mehr
+zu wissen, als ihm lieb sei, und war, als der Morgen graute, fest
+entschlossen nach Little Rock zurückzukehren. Als Ausrede meinte er
+zwar, er wünsche erst die östlichen Städte und den Osten überhaupt
+zu bereisen, ehe er sich ganz fest im Walde niederlasse; was aber die
+Ursache dieser schnellen Sinnesänderung gewesen, ließ sich wohl leicht
+genug erkennen.
+
+Weiteres Zureden blieb auch nutzlos, und Klingelhöffer erbot sich also,
+ihn wenigstens mit einem Handpferd eine Strecke auf der Countystraße
+hin zu begleiten, damit er nicht die ganze Strecke, etwa 44 englische
+Meilen, zu marschiren hätte. Nach Mittag, als sich sein Gast von den
+erduldeten Strapatzen ein wenig erholt, brachen sie auf, und der wackere
+Farmer ritt so weit mit ihm, daß er eine, am Wege liegende deutsche
+Ansiedelung noch bequem vor Dunkelwerden erreichen konnte, und nahm erst
+dann, den Dank des Fremden für die ihm gewordene so freundliche Aufnahme
+und Gastfreundschaft leicht übergehend, herzlichen Abschied von diesem.
+
+»Leid thut mir's nur,« sagte er, als er ihm noch vom Pferde herunter
+derb und gutmüthig die Hand schüttelte, »daß Ihre Lust zur Ansiedelung
+gleich beim ersten Anlauf einen solchen Stoß erhalten hat, aber --
+ich gebe noch nicht Alles verloren, suchen Sie den schönen Westen doch
+später einmal wieder auf. Von Deutschland gleich ohne weiteres nach
+Arkansas hineinzufallen, ist allerdings ein etwas zu großer Abstand,
+haben Sie sich aber erst einmal eine Zeitlang in den östlichen Städten
+herumgetrieben, so wird Sie's schon wieder in die gesunde Waldluft
+zurückziehen. Vergessen Sie dann nicht, daß Sie in meiner Hütte immer
+herzlich willkommen sind. So leben Sie denn wohl -- grüßen Sie mir die
+Deutschen in Little Rock, und halten Sie sich nicht länger dort auf als
+Sie müssen -- es giebt bessere Plätze in den Vereinigten Staaten.«
+
+Damit hatte er den Zügel des Handpferds um seinen Arm geschlungen,
+winkte noch einmal einen letzten Gruß herüber, stieß dem eigenen Thiere
+die Hacken in die Seite, und trabte pfeifend waldeinwärts.
+
+Von Sechingen blieb aber noch lange sinnend auf dem Wege stehen und sein
+Auge ruhte schweigend auf den grünen Waldesschatten, hinter denen sein
+Gastfreund soeben verschwunden war. Kopfschüttelnd dachte er dabei an
+Alles, was er in so kurzer Zeit erlebt, zurück.
+
+»Das also,« sagte er endlich tief aufseufzend, »das ist das
+stille freundliche Farmerleben -- _das_ ist die patriarchalische
+Zurückgezogenheit der Wälder. Kaum zweimal vier und zwanzig Stunden bin
+ich drin, und wie seh ich aus? Meine Kleider sind zerfetzt, den alten
+Hut, den mir Klingelhöffer zum Nothbehelf gegeben hat, würde bei uns zu
+Hause kein Lumpensammler aufheben, und ich muß noch froh sein, daß ich
+ihn nur habe und nicht im bloßen Kopfe zu rennen brauche; Hirschfänger
+-- Taschentuch, Pulverhorn, Zündhütchenaufsetzer -- Alles bin ich
+losgeworden, im Gesicht und an den Händen sehe ich so zerkratzt aus, als
+ob ich die Nacht in einer Dornenhecke geschlafen hätte. Dazu schmerzen
+mich alle Knochen -- ich habe einen fürchterlichen Schnupfen, und von
+dem harten Lager Hühneraugen am ganzen Leibe. Nein, guter Sechingen, so
+viel merk' ich, für den Wald paßt Du nicht -- ja, der Urwald sieht sich
+recht gut an -- wenn man sich nicht gerade Bäume zum Umhacken aussucht
+-- es liest sich auch recht gut darüber, schläft sich aber nur höchst
+mittelmäßig darin, und was das Reiten anbelangt, so soll mich Gott vor
+einem zweiten Versuch bewahren. Nein, Du _mußt_ ja kein Farmer werden --
+Du kannst Coopers Romane lesen, für Indianer schwärmen -- wenn Dir Dein
+_Schuster_ nicht die Ideale verdirbt -- und kannst auch meinetwegen --
+heißt das im Geist -- den wilden Bär und Büffel verfolgen -- so lange es
+aber keine Chausseeen und Hotels hier giebt, gehe ich nach New-York oder
+Philadelphia.«
+
+»Und meine jetzige Reise?« fuhr er leise murmelnd in seinem
+Selbstgespräch fort, als er sich langsam dabei wandte und auf der
+Countystraße hinschritt -- »ih nun -- es war doch immer eine ganz gute
+Erfahrung und -- wenn weiter Nichts -- ein _Versuch_ zur _Ansiedelung_.«
+
+
+
+
+Cincinnati.
+
+
+Cincinnati, »die Königin des Westens,« wie sie in den Vereinigten
+Staaten von Nordamerika allgemein genannt wird, liegt in der
+südwestlichen Ecke Ohio's, dessen schönste und bedeutendste Stadt
+sie ist. Erst seit einigen sechzig Jahren entstanden (denn noch leben
+Männer, welche 1791 die erste Blockhütte dort bauen halfen), zählt sie
+jetzt schon über 100,000 Einwohner und hat im Westen dieselbe Bedeutung
+erlangt, deren sich New-Orleans im Süden und New-York im Osten rühmt.
+Da Ohio selbst schon seit etwa 30 Jahren besonders von deutschen
+Auswanderern angebaut wurde, so breitete sich auch Cincinnati immer mehr
+und mehr aus, vertheilte nicht allein von dort die den Mississippi
+und Ohio heraufkommenden Fremden in dem Staat, sondern ward auch zum
+Mittelpunkt des Binnenhandels, der die Producte des Nordens, als Mais,
+Mehl, Whiskey, eingepöckeltes Schweinefleisch, getrocknete Früchte,
+Kartoffeln etc., nach dem Süden versandte und dafür die Erzeugnisse der
+wärmeren Landstriche, als Zucker, Baumwolle, Tabak, Seesalz, Kaffee und
+die übrigen Früchte der Tropenländer in Empfang nahm. Zur Erleichterung
+dieses Zweckes stand es nicht allein durch den Ohio, einem großen,
+schönen Strom, mit dem Osten, sondern auch durch den westlichen Canal
+mit Buffalo und den nördlichen Seen, Erie, Michigan und Ontario in
+Verbindung, und gute, nach europäischer Art angelegte Chausseen zweigten
+sich durch das ganze Land. Durch die Erbauung eben dieser Wege und
+Canäle, wie durch die gesunde Lage des Ortes selbst, wurde eine sehr
+große Menge von Deutschen, meistens aus den ärmern Classen, veranlaßt,
+die blühende Stadt aufzusuchen und sich in ihr oder wenigstens in der
+Nähe derselben eine Existenz zu gründen.
+
+Besonders strömten von Norddeutschland, Oldenburg und Hannover dem
+Eldorado des Westens Schiffsladungen voll Auswanderer zu. Die natürliche
+Folge aber war, daß, wo so viele zusammentrafen, die den Platz nur
+in der Hoffnung aufgesucht hatten, nicht allein »Geld zu verdienen,«
+sondern auch »reich zu werden,« der größte Theil derselben sich
+getäuscht sehen und entweder unter nicht gerade glänzenden Verhältnissen
+ausharren, oder weiter westlich einen geeigneteren Wirkungskreis suchen
+mußte.
+
+Natürlich war ein solcher Zusammenfluß von Menschen, die meistentheils
+von allen Hülfsmitteln entblößt in Cincinnati eintrafen und nun, da sie
+ihre Hoffnungen nicht realisirt, sich selbst obdach- und hülflos fanden,
+sehr wenig dazu geeignet, den Amerikanern einen guten Begriff von
+Deutschen und durch diese von Deutschland selbst zu geben, daher denn
+auch wohl mancher, der mit dem schönen Glauben das fremde Land betritt,
+schon durch sein Vaterland allein, wenn nicht freundlich angenommen,
+doch geachtet zu werden, seinen Irrthum einsehen wird, wenn er findet,
+daß der Name »Dutchman« nicht bloß bei den niedern Classen ein Spott-,
+ja oft Schimpfname geworden. Das kann übrigens nur von den Städten
+gelten, wo sich die rohe Hefe des Volkes concentrirte, im Lande selbst
+ist der deutsche Landmann wegen seines eisernen, unermüdeten Fleißes
+geschätzt und geachtet, wie denn auch die deutschen Ansiedlungen in den
+nördlichen Staaten fast stets die bessern sind. Und doch muß eben der
+Deutsche, selbst wenn er im alten Vaterlande den Ackerbau getrieben hat,
+in Amerika wieder von vorn zu lernen anfangen, indem nicht allein Boden
+und Erzeugnisse, sondern auch Ackergeräthschaften, wie die in jenem
+Lande nöthigen Behandlungsarten der Felder ganz verschieden von den
+unsern sind. Da die Arbeit dort aber leichter, der Humus selbst,
+besonders in den westlichen Staaten so viel vorzüglicher als in den
+alten, seit langen Jahren angebauten Landstrichen ist, so unterzieht
+sich der Deutsche auch stets mit Lust und Liebe einer Lehrzeit, die
+einen so reichhaltigen Erfolg verspricht, und sieht seinen Fleiß und
+seine Ausdauer, welche letztere dem Amerikaner gänzlich fehlt, in kurzer
+Zeit durch blühende Felder und üppige Vegetation belohnt.
+
+Der Amerikaner, d. h. der nördliche Amerikaner (denn der südliche
+Pflanzer in den Sklavenstaaten ist wieder ein ganz anderer Mensch), ist
+auch fleißig, und arbeitet mit einer Schnelle und Gewandtheit, in der
+ihm der Ausländer vergebens gleichzukommen sucht, aber nur kurze Zeit
+hält er aus, das Gleichförmige ermüdet ihn, eine schlechte Ernte macht
+ihn gegen sein Land mißtrauisch; er hört von fruchtbarerem, ergiebigerem
+Boden, von besserer Weide, üppigerer Vegetation und augenblicklich führt
+er den schnell entworfenen Plan aus. Gerade in dem Zeitpunkt, in welchem
+der ruhige Deutsche anfängt, die Früchte seines Fleißes zu ernten,
+verkauft der Amerikaner den Platz, der seine Heimath war, packt sein
+bewegliches Eigenthum auf Karren und Wägen, treibt sein Vieh zusammen
+und zieht gen Westen.
+
+Etwas aber ist, was so vielen, ja man könnte sagen fast _allen_
+Deutschen den Anfang einer zu gründenden Existenz erschwert: die
+zu großen Erwartungen, mit denen sie gewöhnlich das neue Vaterland
+betreten. Durch Briefe oder Reisebeschreibungen von dem schnellen, fast
+fabelhaften Glückswechsel Einzelner in Kenntniß gesetzt, malt sich ihre
+Phantasie die dortigen Verhältnisse mit den buntesten, heitersten Farben
+aus; das Wenige, was von Noth und Sorgen, von getäuschten Erwartungen
+und vernichteten Hoffnungen zu ihnen herüberdringt, verliert durch die
+große Entfernung die scharfen, schroffen Conturen, wird gemildert oder
+tritt vielleicht ganz in den Schatten zurück; kein Wunder denn, daß
+Viele, nach kurzem Aufenthalt in Amerika, von dem sie oft nur eine der
+östlichen Städte gesehen haben, das erste heimwärts segelnde Schiff
+benutzen, in ihr altes Vaterland zurückkehren, und nun nicht sich
+selbst, sondern das Land anklagen, das so war, wie es einmal ist und
+nicht wie sie es sich dachten.
+
+Von den Tausenden aber, die dort zurückbleiben, und hierzu nur zu
+oft durch den Mangel an Mitteln, die zweite Seefahrt zu bestreiten,
+gezwungen werden, sind doch auch, zur Ehre der Deutschen, recht Viele,
+die mit männlichem Muthe das ertragen, was ihnen ihr Schicksal oder sie
+vielmehr sich selbst aufgebürdet. Der englischen Sprache nicht mächtig
+oder wenigstens nicht vertraut genug damit, um ihre Geistesfähigkeiten
+geltend zu machen, sehen sie sich gezwungen zu Handarbeiten ihre
+Zuflucht zu nehmen, und daher kommt es, daß man oft an Canälen,
+Chausseen und Eisenbahnen, in Kohlengruben und auf Dampfbooten,
+Doctoren und Geistliche, Offiziere und Kaufleute mit Hacken, Spaten
+oder Schürstange, mit Schiebkarren und Handtrage beschäftigt findet, ihr
+»tägliches Brod« zu verdienen.
+
+In Pennsylvanien hatten sich z. B. in frühern Jahren in einer der
+dortigen einträglichen Kohlengruben viele wissenschaftlich gebildete
+Männer zusammengefunden und duldeten, um die gewöhnliche Classe der
+Handarbeiter von ihrer Gesellschaft und Unterhaltung fern zu halten,
+keinen zwischen sich, _der nicht lateinisch sprach_ oder wenigstens
+einige zu diesem Zweck an ihn gerichtete Fragen befriedigend beantworten
+konnte. Jene Grube hieß in damaliger Zeit »die lateinische Kohlengrube!«
+
+Sehr natürlich findet sich am leichtesten jene Classe in die neuen
+Verhältnisse, die schon im alten Vaterlande durch harte Arbeit ihr Brod
+verdienen mußte, und nun in den Vereinigten Staaten einen etwas höhern
+Lohn so wie bessere Nahrung erhält und doch freier und selbstständiger
+dasteht. Diese Leute sammeln sich durch Fleiß und Sparsamkeit einige
+hundert Dollars, kaufen nachher entweder ein Stückchen Land oder
+gerathen in eine der größern Städte und beginnen hier ihre Carriere als
+»Schenkwirth und Gastgeber;« daher die ungeheuere Menge dieser Trink-
+und Wirths-, oder sogenannten Boarding-Häuser, von denen man, besonders
+in Cincinnati, fast in jeder Straße einige findet, und die, ohne dem
+Reisenden oder Fremden die geringste Bequemlichkeit zu bieten, ihm
+eigentlich nur des Nachts in einem harten Bett ein Obdach gewähren und
+ihn dreimal des Tages zu bestimmten Stunden abfüttern.
+
+Da diese Leute nun hauptsächlich auf deutsche Einwanderer angewiesen
+sind, die, der englischen Sprache nicht mächtig, durch das deutsche
+Wirthshausschild angezogen bei ihnen einkehren, so verlieren sie auch
+gar bald das Mitgefühl, das sie vielleicht noch für ihre Landsleute
+gehegt hatten; sie fragen nicht darnach, was der Neuangekommene treibt,
+was er anzufangen gedenkt, sie wollen nur wissen, ob er noch
+genug Eigenthum besitzt, für die nächste Woche das »Boarding-Geld«
+pränumerando bezahlen zu können oder an dessen Statt wenigstens einen
+Koffer in Versatz zu geben vermag.
+
+Überhaupt irrt man sich in Deutschland gewaltig, wenn man glaubt, der
+Deutsche freue sich, im Ausland einen Landsmann zu finden. Im
+Anfang, ja; noch nicht an die fremdtönenden Laute gewöhnt, klingt die
+Muttersprache dem Ohre wie Musik; das verliert sich aber, man lernt
+durch einen langen Aufenthalt unter den Fremden mit deren Augen sehen,
+mit deren Gefühlen empfinden und legt nur zu oft mit den vaterländischen
+Sitten auch das Gefühl für die ab, die diesen noch anhängen.
+
+Nirgends zeigt sich aber diese Entfremdung unter Landsleuten stärker,
+als gerade in Cincinnati, wo der Parteigeist oft in die bittersten
+Feindseligkeiten ausartet; und doch sollten sich gerade hier die
+Deutschen durch Einigkeit und festes Zusammenhalten enger an einander
+anschließen, da ihnen in jener Stadt die arbeitende Classe der
+Amerikaner besonders gram ist, und in ihrer Art und Weise auch wohl
+nicht so ganz Unrecht hat, denn die das Land überströmenden Deutschen,
+von denen in jedem Jahre Tausende nach Cincinnati kamen, um dort Arbeit
+und Beschäftigung zu finden, waren zuletzt genöthigt jedes Anerbieten,
+das sich ihnen darbot, zu ergreifen, um nur Obdach und Nahrung zu
+erhalten, und arbeiteten um einen Lohn, der ihnen zwar, noch mit den
+deutschen Preisen im Gedächtniß, hoch schien, in der That aber die
+bisher gegebenen »=wages=« oft auf ein Drittel herabsetzte. Statt also
+nun in der fremden, sie umgebenden Welt unter Leuten, von denen sie
+nicht geliebt werden, brüderlich bei einander zu stehen, spalten sie
+sich nicht allein in politischer, sondern auch in religiöser Hinsicht in
+vier Hauptparteien, die selbst wieder unter sich ihre eigenen Zwiste und
+Streitigkeiten haben.
+
+Vor allen Dingen trennen sie sich in Katholiken und Protestanten,
+und Nord- und Süd-, oder den dortigen Ausdrücken gemäß, »Hoch- und
+Plattdeutsche,« die dann wieder als Whigs und Demokraten einander
+feindlich gegenüberstehen, wobei die Protestanten noch ihre besondere
+Malice als Lutheraner und Reformierte und Methodisten auf einander
+haben, und sich aus diesen allen als letzter Kern ein Häufchen
+Rationalisten aussondert. Als Organe dieser verschiedenen Parteien dient
+den Katholiken der »Wahrheitsfreund,« ein ächt ultramontanes Blatt, den
+Methodisten dagegen der »Christliche Apologete,« der mit schwärmerischem
+Eifer seine Blitze gegen die Anhänger des Papstes, aber auch zu gleicher
+Zeit gegen die Protestanten schleudert, aus deren Mitte im Jahre 1840
+»der Lichtfreund,« dem Rationalismus Bahn brechend entstand, und nun
+die Zornausbrüche des Wahrheitsfreundes sowohl als des christlichen
+Apologeten auf sich concentrirte. Selten oder nie religiöse Gegenstände
+berührend, vertheidigte indessen das »Volksblatt« die Sache der
+Demokraten und warb mit regem Eifer für den demokratischen Präsidenten,
+bis nahe vor der Wahl die deutschen Whigs, von den amerikanischen dabei
+unterstützt, den »deutschen Amerikaner« herausgaben und augenblicklich
+als die erbittertsten Feinde des Volksblattes auftraten. Zu jener Zeit
+hatte also Cincinnati fünf sich einander feindlich gegenüberstehende
+deutsche Zeitungen, doch ging der »deutsche Amerikaner« nach der Wahl,
+die bekanntlich zu Gunsten des Whigpräsidenten, General William
+Harrison ausfiel, wieder ein. Später wurde auch der »Lichtfreund«
+wegen Übersiedlung des Redacteurs, Herrn Eduard Mühls, nach Hermann in
+Missouri verlegt, dafür entstand aber, als Opposition des Volksblattes
+»der deutsche Republikaner.«
+
+Feinden sich aber in Cincinnati die Deutschen gar oft an und schimpfen
+und schmähen sie einander, so existiren doch wenigstens nicht jene
+Blutsauger unter ihnen, denen der eben von Deutschland Kommende in den
+Seestädten nur zu oft in die Hände fällt. Ich selbst habe während eines
+sehr kurzen Aufenthalts in New-York mehrere Deutsche kennen gelernt,
+welche davon lebten, sich freundschaftlich an die in der fremden
+Stadt unbekannten Landsleute anzuschließen, bis sie entweder den
+letztmöglichen Cent aus ihnen herausgepreßt, oder von den wiederholt
+Getäuschten durchschaut und gemieden worden waren. In Cincinnati gehen
+sie offener und ehrlicher zu Werke, entweder mit der Feder oder -- geht
+das nicht -- mit dem Munde, denn der Deutsche hat gewöhnlich noch vom
+alten Vaterlande her eine Aversion gegen das »Zuschlagen.«
+
+Der später angelegte Theil Cincinnati's, welchen der westliche Canal
+von der eigentlichen Stadt und dem Ohiofluß trennt, ist größtenteils
+von Deutschen bewohnt und wird auch von den Amerikanern »Little Germany«
+genannt. Fast über jeder Thür hängen Schilde deutscher Wirthshäuser,
+Schuster, Schneider und anderer Handwerker, die, wenn sie auch wirklich
+dann und wann englisch geschrieben sind, den deutschen Meister doch
+stets verrathen. Besonders können sich die vaterländischen Schuster mit
+ihrem gemalten Stiefel in der Mitte und einem rothen Schuh an der einen,
+einem schwarzen Schuh an der andern Seite nimmermehr verläugnen, eben so
+wenig die Leute selbst mit ihren langen, blauen, schmalkragigen Röcken
+und den weißleinenen Taschen, mit dem hochausgeschweiften Hut und dem
+rothgeblümten Halstuch.
+
+Das Elend aber, welches leider so oft unter jenen armen Familien
+herrscht, die eben eingewandert, von allen Hülfsmitteln entblößt,
+in kleinen, nackten, Kämmerchen mit großen Familien zusammengepreßt,
+hungern und frieren, und vergebens nach Arbeit und dem verheißenen hohen
+Lohn jammern, ist fürchterlich. Glücklich noch die, denen ein Freund
+oder Verwandter im Anfang das Nothwendigste reichte, da nur zu oft schon
+gerade _jene_ Stadt und Staat verlassen mußten, um irgendwo anders ein
+Unterkommen zu suchen, die solch lockende, einladende Briefe, häufig nur
+um zu prahlen, in die Heimath schrieben; der arme Einwanderer, welcher
+fest auf die versprochene Hülfe baute, sieht sich nachher in dem fremden
+Lande schutz- und freundlos, und ist nicht vermögend, sich selbst, viel
+weniger seine zahlreiche Familie vor Mangel und Elend zu bewahren.
+
+Schwere und drückende Noth herrscht dann oft unter den armen Leuten, und
+dieß mag wohl auch die Ursache sein, daß die wohlhabenderen Landsleute
+endlich abgestumpft gegen ein mit jedem Jahre wiederkehrendes Elend
+werden, dem sie doch nun einmal nicht abhelfen können. Durch diese
+übergroße Anzahl von arbeitsfähigen Männern verringert sich natürlich
+auch mehr und mehr der Lohn, den die dortigen Ansiedler in früheren
+Zeiten gezwungen waren zu geben, weil sie nicht Leute genug bekommen
+konnten. Im Jahre 1840 bezahlten die Farmer fünf bis sechs Dollar den
+Monat für einen kräftigen Mann, was, wenn man die dortigen Verhältnisse
+bedenkt, entsetzlich wenig ist; und dennoch boten sich ihnen viele, sehr
+viele an, welche nur um die Kost zu erhalten bei ihnen arbeiten wollten.
+Mit dem Kaufmannsstande ist es dasselbe, und am allerschlimmsten
+befinden sich Gelehrte, die, vielleicht mit tüchtigen Kenntnissen
+ausgestattet, geglaubt haben, dort verstanden oder anerkannt zu werden.
+Die armen Leute finden sich, besonders in Cincinnati, arg getäuscht.
+
+Für die heimatliche Literatur sterben die Deutschen in Amerika ab. Die
+gebildeteren Klassen lernen das Englische, und vernachlässigen schon
+aus dem Grunde die Muttersprache, da sie zu selten Gelegenheit bekommen,
+deutsche Schriften zu erhalten; die arbeitenden Classen aber lesen
+einzig und allein Zeitungen, und nichts ist leichter, als eine solche
+Zeitung zu redigiren. Der Redacteur muß nur dann und wann einen
+Aufsatz schreiben, in welchem er aus Leibeskräften gegen die politische
+Opposition zu Felde zieht; dabei dürfen natürlich die Wörter »deutscher
+Freiheitssinn,« »deutsche Treue und Biederkeit« u. s. w. nicht fehlen.
+Um das Blatt nachher zu füllen, erscheint im Anfang irgend ein Gedicht,
+sei es von Goethe oder Schiller oder eignes Fabrikat, -- selbst
+eingesandte werden mit Dank angenommen, -- dann eine kleine Novelle oder
+Erzählung aus einer alten, vorsündfluthlichen Didascalia, hierauf einige
+aus englischen, oder, ist es möglich, auch deutschen Blättern entnommene
+Notizen, dann die Marktpreise und Ankündigungen, und die Nummer ist
+versehen. Honorar ist nie zu fürchten.
+
+Nun ist das Blatt freilich gedruckt, muß aber auch noch an die
+verschiedenen Subscribenten herumgetragen werden; zu diesem Zwecke
+schließt der Redacteur einen Contract mit irgend einem Mann ab, dem er
+wenigstens die einzucassirenden Wochengelder anvertrauen kann, und der
+von jeder Zeitung, die er austrägt, etwas Bestimmtes per Woche erhält,
+dessen Vortheil es also neben dem Austragen auch ist, noch so viel neue
+Abonnenten als möglich zu seinen alten zu bekommen, indem sich durch
+eine Vermehrung des Absatzes auch sein Gehalt oder Einkommen vermehrt,
+wobei er für die täglichen Blätter an jedem Sonnabend, für die
+wöchentlichen jeden Monat das Geld eincassirt, weil überhaupt in Amerika
+nichtansässige Leute selten lange an einem Platze bleiben, und ein
+Verfolgen der Schuldner, da keine Controle weder über Fremde noch
+Reisende geführt wird, unmöglich ist.
+
+Cincinnati selbst liegt am nördlichen Ufer des Ohio, der von Pittsburg
+aus, wo dieser durch den Zusammenfluß des Alleghany und Monongahela
+seinen Namen erhält, sich östlich nach einem Lauf von circa 1000
+englischen Meilen in den Mississippi ergießt. Es ist ein stattlicher
+Strom, dessen malerische Ufer ihm den Namen des »amerikanischen Rheines«
+gewonnen haben; bei Cincinnati mag er etwa eine englische Meile breit
+sein und trägt im Winter und Frühjahr die größten Dampfboote, wird
+jedoch im Sommer und Herbst, nicht mehr durch die Bergströme der
+Alleghany-Gebirge genährt, an mehreren Stellen sehr seicht und die
+Schifffahrt hört dann für die größern Boote auf. Durch diesen »schönen
+Strom« aber (der indianische Name der Senecas ist Oh-ey-o oder der
+schöne Strom) erhielt Cincinnati seine Bedeutung und wuchs schnell zu
+einer der größten Städte der Union an; zwar versuchten Speculanten
+am gegenüberliegenden Ufer in Kentucky am Ausfluß des Licking,
+Oppositionsstädte zu erbauen, und New-Port wie Covington entstanden:
+Cincinnati aber überflügelte sie schnell und wurde die »Königin des
+Westens.«
+
+Die eigentliche Stadt, -- denn sie zählt außer dem Städtchen Mohawk
+noch mehrere Anbaue, -- liegt am Fuß einer Hügelreihe, die das Thal
+des kleinen Miami einschließt, und hat mehrere Eisengießereien; dabei
+versorgt sie fast die ganzen Vereinigten Staaten mit geschnittenen
+eisernen Nägeln, die überall statt der geschmiedeten gebräuchlich sind.
+In und um Cincinnati befinden sich auch die bedeutendsten Brauereien und
+Whiskeybrennereien Amerika's, besonders aber Schlachthäuser, wie sie
+auf keinem zweiten Platz in der Welt existiren; denn von hier aus
+werden nicht allein die Vereinigten, sondern auch die südlich gelegenen
+Staaten, Texas und Mexico, mit eingepökeltem Schweinefleisch versehen,
+das sogar bis nach Südamerika verschifft wird.
+
+Nichts schildert den Charakter eines Menschen deutlicher als kleine
+Anekdoten und Angewohnheiten aus seinem Leben; eben so ist es mit einer
+Stadt, die man wohl am leichtesten durch kleinere Züge ihres innern
+Treibens und Verkehrs kennen lernt und von denen ich versuchen will, dem
+Leser einige, wie sie mir noch frisch im Gedächtniß sind, mitzutheilen.
+
+
+Der Markt.
+
+Durch ganz Nordamerika haben die Marktplätze ein ziemlich ähnliches
+Aussehen; ein sogenanntes »Markthaus« bildet den Mittelpunkt und besteht
+aus einem auf einer doppelten Säulenreihe ruhenden Dach, unter dessen
+Schutz die Fleischhauer oder Metzger den innern Raum einnehmen; um
+diesen reihen sich die ein höheres Standgeld bezahlenden Gärtner an der
+Außenseite, aber ebenfalls noch unter dem Schutz des Vorbaues an. In
+Cincinnati sind drei solcher Marktplätze: der obere oder Flymarket,
+der mittlere und der untere Markt; Montag und Donnerstag wird auf dem
+ersten, Dienstag und Freitag auf dem zweiten und Mittwoch und Sonnabend
+auf dem dritten Markt gehalten. Dort prädominiren die Deutschen
+besonders, denn sie bilden nicht allein die Mehrzahl der Fleischer,
+sondern haben auch mit wenigen Ausnahmen den alleinigen Verkauf der
+Gartenfrüchte, und zwar schon aus dem Grunde, weil der Amerikaner in
+dieser Hinsicht nun einmal ein Vorurtheil zu Gunsten der Deutschen hat,
+die, wie er glaubt, Alle geborene Gärtner sind. Will ein Amerikaner im
+Frühjahr seinen Garten herstellen lassen, so ruft er den ersten besten
+Deutschen dazu und überträgt ihm die Arbeit, er fragt aber nie: »weißt
+du mit einem Garten umzugehen?« sondern denkt, das verstehe sich von
+selbst. Dabei haben unsere Landsleute das Monopol des Sauerkrautes, mit
+dem es ihnen wie den Creolen mit ihrem Lieblingsgericht Gumbo geht: es
+ist zum Spottnamen und zur Bezeichnung der Nation geworden, und nicht
+selten hört man unter den niedern Classen der Amerikaner, wenn jemand
+eine gemischte Versammlung bezeichnen will, den Ausdruck: »Es waren
+Amerikaner, Gumbos und Sauerkrauts dort.«
+
+Da übrigens die meisten der zu Markte Kommenden ihre Producte von
+meilenweit entfernten Farmen herbeischaffen, so lassen sie dieselben
+auf ihren kleinen einspännigen, mit Leinwand überzogenen Fuhrwerken,
+und fahren diese auf beiden Seiten des Marktplatzes so auf, daß die
+Einkäufer an der Außenseite umhergehend den im Hintertheil des Wagens
+ausgelegten Inhalt sehen und prüfen können. Oft stehen Hunderte
+derselben in langer, die Straßen weit hinausreichender Reihe beisammen
+und geben dem Ganzen ein eigenthümliches Ansehen; was aber dem Europäer
+besonders auffällt, sind die Einkäufer selbst. Wie ich zum erstenmal auf
+einen amerikanischen Markt kam, traute ich meinen Augen kaum, als ich
+nicht allein anständige, sondern sogar elegant gekleidete Männer, oft
+in schwarzem Frack, mit Ringen an den Fingern, goldenen Uhrketten und
+blendend feiner Wäsche großmächtige Körbe am Arm tragend zu Markte gehen
+oder gar reiten sah; es war etwas unsern deutschen Sitten und Gebräuchen
+so ganz entgegengesetztes, daß ich nur mit vieler Mühe das Lachen
+verbeißen konnte. Nichts macht sich dann komischer, als wenn es anfängt
+zu regnen und der »Gentleman« den schon zur Vorsorge mitgenommenen
+Regenschirm aufspannt, dem kleinen Poney die Hacken in die Seiten setzt
+und mit kurzen Steigbügeln, daß die Knie fast den Sattelknopf berühren,
+zu Hause galoppirt.
+
+Die Fleischer schmücken besonders bei feierlichen Gelegenheiten, als
+am 4. July, dem Tage der Unabhängigkeitserklärung, an Washingtons
+Geburtstag, an verschiedenen Dank- oder Bußtagen etc., ihre Stände und
+das ausgeschlachtete Vieh auf das zierlichste, wobei sie etwas darin
+suchen, alle möglichen Fleischarten zum Verkauf auszustellen; daher
+findet man nicht selten bei einem Einzelnen neben den gewöhnlichen
+Thierarten ganze Bären, Hirsche, Waschbären, Opossums und Eichhörnchen,
+die durch Blumenguirlanden auf das freundschaftlichste mit einander
+verbunden sind.
+
+Den Gemüseverkauf besorgen, wie schon gesagt, fast ausschließlich die
+Deutschen, denen auch die besten und einträglichsten Farmen in der Nähe
+von Cincinnati gehören und von welchen sogar schon Einige Weinberge
+angelegt und einen erträglich guten Wein gekeltert haben. Die Amerikaner
+schaffen hingegen mehr Käse, Eier, Butter und Geflügel zu Markt,
+während die farbige Bevölkerung von Cincinnati meistens gedörrtes Obst,
+Pfirsiche und Äpfel feil hält. Im Ganzen ist Cincinnati die billigste
+Stadt des Westens, und ein einzelner Mann kann mit 400 Dollars (1 Dollar
+1 Thlr. 10 Ngr.) das Jahr anständig leben.
+
+
+Boardinghäuser.
+
+Das Wort »=boarding-house=« ist fast das erste, welches der Einwanderer
+in Amerika lernt -- er muß ein Obdach und Nahrung haben, und dieß alles
+findet er für einen verhältnißmäßig billigen Preis in solchen Kost-
+oder Boardinghäusern. Ich rede hier nicht von den besser eingerichteten
+Wirthschaften und Hotels, die dem Reisenden alle möglichen
+Bequemlichkeiten bieten, und von denen, in Cincinnati besonders, eine
+große Anzahl existirt, sondern von den Häusern, in welchen der Fremde,
+dessen finanzielle Umstände ihm nicht erlauben sechs, acht, ja zwölf
+Dollar die Woche für Kostgeld zu bezahlen, einkehrt, und wo er, wie der
+deutsch-amerikanische Ausdruck ist, »boardet!«
+
+Diese Anstalten werden fast ausschließlich von Deutschen gehalten, sind
+sich im Ganzen ziemlich ähnlich, und wir wollen dem Leser eines dieser
+»Kaffeehäuser,« wie sie sich fast alle nennen, näher vorführen. Es ist
+ein schmales, zweistöckiges, grün angestrichenes Brettergebäude,
+das, selbst etwas windschief, zwischen zwei große Backsteinhäuser
+hineingepreßt, scheinbar von diesen aufrecht gehalten wird. Ein breites
+Glasfenster zeigt drei über einander angebrachte Reihen von Flaschen
+mit Liqueur oder wenigstens einer liqueurfarbigen Flüssigkeit gefüllt,
+zwischen denen, um den sonst etwas zu leeren Raum auszufüllen, einzelne
+Citronen liegen, während in der unteren Reihe mehrere Glasgefäße mit
+Candiszucker und anderen Näschereien prangen. Über der mit einer rothen
+Gardine verhangenen Thür steht auf einem grünlackirten Schild mit
+grellrothen Buchstaben, daß die Augen kaum das Verschwimmen der Farben
+ertragen können, »=Battle of Bunkershill Coffee house=,« und darunter
+»Deutsches Kosthaus von N. N.«
+
+Doch wir wollen hineingehen und das Innere des Heiligthums betrachten.
+Es ist ein kleines, wahrscheinlich früher zum Vorsaal bestimmt gewesenes
+Zimmer, das jetzt aber zur Schenkstube benutzt wird und zugleich das
+Entrée des Hauses bildet. Rechts sind bis zur Decke hinauf Regale
+angebracht, die mit Flaschen, Caraffen, Gläsern, Apfelsinen und
+Zuckerwerk ausgeschmückt, die eine Wand verdecken, während Thür und
+Fenster die zweite einnimmt, und riesenhafte Zettel, Ankündigungen von
+Seiltänzern und Kunstreitern, mit Abbildungen der merkwürdigen Sachen,
+welche diese auszuführen gedenken, die andern beiden überziehen.
+Besonders hervorstechend zeigt sich noch, gerade am mittelsten Regale
+befestigt, ein kleines Schild, auf dem mit größtmöglichen Buchstaben
+die Worte »=No Credit!=« »Kein Credit!« zu lesen sind, und mit dem eine
+zweite unter Glas und Rahmen gebrachte Tafel correspondirt, durch
+welche dem Eintretenden in zierlichen Versen kund gethan wird, daß der
+Eigenthümer seine Weine und Liqueure, seine Flaschen und Gläser, ferner
+Hausrente und Taxen _bezahlen_ müsse, und deßwegen unendlich bedaure,
+seinen geehrten Gästen unter keiner Bedingung borgen zu können. Eine Art
+Ladentisch trennt den Ausschenker oder »Barkeeper« von den Gästen, zu
+deren Bequemlichkeit nur eine kurze, grünlackirte Gartenbank an der
+gegenüberstehenden Wand angebracht ist, die aber für den Augenblick
+leider nicht benutzt werden kann, da ein Irländer, der ein wenig zu
+schwer geladen, langgestreckt darauf liegt.
+
+»Wer tractirt?« ruft jetzt der Barkeeper, welcher sich schon fast eine
+Viertelstunde lang die Anwesenden ungeduldig betrachtete. »Wer tractirt?
+Boy's -- ihr steht ja so trocken da, wie die Pulverfässer -- wollen wir
+drum würfeln?«
+
+Er hat bei den letzten Worten einen kleinen Lederbecher unter dem
+Ladentisch vorgeholt und schüttelt denselben ein wenig; der Klang wirkt
+wie bezaubernd, alle treten hinzu, und die drei niedrigsten Würfe
+müssen den Trunk à Person mit einem Picayune (6¼ Cent. oder 2 gGr.)
+bezahlen. Obgleich der Barkeeper selbst mitspielt, so ist es doch eher
+zu erwarten, daß der niedrigste Wurf leicht einen der Gäste, von denen
+sechse gegenwärtig sind, als ihn treffen wird, und schon auf solche Art
+und Weise verdienen die Wirthe manchen Dollar. Jetzt öffnet sich aber
+die Thür, und ein anständig gekleideter Mann tritt herein und erkundigt
+sich bei dem Ausschenker, ob er hier eine oder mehrere Wochen »boarden«
+könne.
+
+Dieser beschaut ihn zuerst sehr aufmerksam vom Kopf bis zum Fuß, und
+fragt ihn dann vor allen Dingen, »ob er Gepäck bei sich habe?«
+
+»Nichts als dieses!« antwortete der Fremde und zeigt auf ein kleines, in
+ein rothseidenes Schnupftuch eingeschlagenes Päckchen.
+
+»Hm,« sagt der Ausschenker, »dann müssen Sie pränumerando bezahlen, ich
+kann Ihnen nicht helfen!«
+
+»Und wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich das nicht werde,« entgegnete
+pikirt der Fremde.
+
+»=Oh well!=« sagt der Ausschenker, keineswegs dadurch außer Fassung
+gebracht, »dann ist alles in Richtigkeit.«
+
+»Und der Preis?« fragt der Fremde.
+
+»Drei Dollar die Woche!«
+
+Der Mann bezahlt und bittet den Barkeeper nun, ihm sein Zimmer zu
+zeigen; dieser steigt mit ihm eine kleine, schmale Treppe hinauf, öffnet
+die sich fast an der obersten Stufe befindende Thür, und weist den
+Ebengekommenen hinein.
+
+Es ist ein ziemlich großer Raum, der die ganze Breite des Hauses
+einnimmt, mit drei Fenstern und einem gewaltigen Kamin an der Seite,
+das Ganze hat aber ein unfreundlich kaltes Aussehen, denn in dem Kamin
+liegen Stiefeln, Stöcke, Hutschachteln, Pfeifen etc. etc., und beweisen
+zur Genüge, wie wenig von dieser Seite auf ein gutes, erquickendes Feuer
+zu hoffen sei. Des Fremden, den Raum schnell durchfliegende Augen zählen
+fünfzehn zweischläfrige Betten, die eines neben dem andern an den
+Wänden hin und in der Mitte stehen, und eine ziemlich zahlreiche
+Schlafgenossenschaft versprechen. Nur ein Tisch und etwa acht oder
+neun Stühle dienen dem Worte »Mobilien« zur Entschuldigung, und die
+umherhängenden verschiedenartigen Kleidungsstücke sind nicht gerade
+geeignet, dem Ganzen ein freundlicheres Aussehen zu geben.
+
+»Und hier soll ich schlafen?« fragt mit gerade nicht freudiger
+Überraschung der Fremde.
+
+»Ja!« ist die Antwort -- »in diesem Bette hier, mit einem Amerikaner --
+es ist ein ganz ordentlicher Mann!«
+
+»Und kann ich kein Bett für mich allein bekommen?«
+
+»Unmöglich, wir haben jetzt kaum Platz für unsere Gäste -- alle
+Boardinghäuser sind überfüllt.«
+
+Noch steht der Fremde unschlüssig am Eingang, er weiß aber, daß wenn er
+auch zu einem andern Hause gehen wollte, sich die Verhältnisse ziemlich
+gleich bleiben, wirft sein Päckchen auf das ihm angewiesene Bett und --
+ist eingezogen.
+
+»Haben Sie denn wohl einen ruhigen Platz, wo ich einen Brief schreiben
+könnte?« fragt er jetzt nochmals den Barkeeper, der eben im Begriff ist
+die steile Treppe wieder hinunter zu klettern.
+
+»Unten im Zimmer, wo die Übrigen sind!« sagt dieser, »das ist der
+einzige Platz im ganzen Haus.« In jenes Zimmer führt er jetzt seinen
+Gast und zeigt ihm in der einen Ecke einen Tisch, an welchem eben ein
+freundlicher Oldenburger emsig beschäftigt ist, zu dem morgenden Sonntag
+seine Stiefeln zu wichsen.
+
+»Du mußt damit hinausgehen!« fährt er diesen an, »das gehört sich nicht
+in der Stube! wir sind nicht mehr auf dem Schiffe!« Schweigend räumt der
+also Abgefertigte seinen Platz ein und der Fremde sieht sich vergebens
+nach irgend einem Gegenstand um, mit welchem er den staubigen Tisch
+abwischen könne!
+
+»Warten Sie, ich will Ihnen etwas bringen,« sagt der Barkeeper und geht
+in das Schenkzimmer zurück; unterdessen hat jener aber vollkommen Zeit
+den Raum zu betrachten, in welchem er sich jetzt befindet.
+
+Es ist ein geräumiges Zimmer mit einem großen, gußeisernen Gestell in
+der Mitte, das ein Mittelding zwischen Ofen und Kamin zu sein scheint,
+denn es hat wohl die Gestalt des erstern, entspricht aber ganz dem Zweck
+des letztern, da es die Hitze nicht erst durch Röhren, sondern gleich
+durch die vorn im Rost sichtbaren Kohlen verbreitet. Um dieses haben
+sich in allen möglichen Stellungen und Lagen die verschiedenen Gäste
+des »Kaffeehauses zur Schlacht am Bunkers Hill« versammelt, und befinden
+sich alle in einer sehr heitern Stimmung, lachen und erzählen und machen
+einen Lärm, daß die Gläser auf dem zweiten Tische zittern. Einige, die
+im Anfang gekommen sein mochten, hatten noch Stühle gefunden, die später
+Eintreffenden schon mit zwei grünlackirten Holzbänken, denen ähnlich,
+die in der Schenkstube standen, vorlieb nehmen müssen, und die letzten
+konnten einzig und allein stehend an der Gesellschaft und zu gleicher
+Zeit am Ofen Theil nehmen. Unser Gast war gezwungen, sich auf irgend
+eine Art einen Stuhl zu verschaffen, und mit den Sitten solcher Häuser
+schon ziemlich vertraut, blieb er einige Minuten am Feuer, bis einer
+der Sitzenden aufstand, welchem er dann ohne weitere Umstände den kaum
+verlassenen Stuhl entführte und an seinen Tisch trug. Diesen mußte
+er übrigens, da der Barkeeper nicht wiederkehrte, mit seinem eigenen
+Taschentuche abstäuben.
+
+Jetzt klingelt es plötzlich im nächsten Zimmer, und der lang ersehnte
+Ruf »=supper, supper!=« (Abendessen) übertönt und erstickt bald den
+frühern Lärm; alles strömt in das Speisezimmer und der Barkeeper trägt
+den Davondrängenden die zurückgelassenen Stühle nach, da an der Table
+d'hote noch einige fehlen. Eine lange Tafel steht dort gedeckt,
+an welcher etwa 30 Personen Raum und die mit mehrern Fleischarten,
+Kartoffeln, Eiern, Butter und Käse besetzt ist. Jeder Gast findet neben
+seinem Teller eine eingeschenkte Tasse Thee, die er, wenn geleert, bloß
+empor zu heben braucht, um sie augenblicklich wieder von einem jungen
+Mädchen, das die Aufwartung besorgt, gefüllt zu bekommen; doch sieht es
+der Wirth nicht gern, wenn das öfter als zweimal geschieht.
+
+Das Essen ist gut und schmackhaft zubereitet, und nach der Mahlzeit,
+von der jeder, sobald er fertig ist, aufsteht, ohne sich weiter mit Wort
+oder Blick um seinen Nebenmann zu bekümmern, versammeln sich die Gäste
+wieder um den kaum verlassenen Ofen, an welchem jene jetzt die besten
+Plätze einnehmen, die am schnellsten essen konnten.
+
+Die Gesellschaft ist übrigens keineswegs uninteressant, denn nicht
+allein verschiedene Nationen, sondern auch verschiedene Stände treffen
+sich hier, und die gebildetere Classe der Deutschen, als Advocaten,
+Ärzte, Theologen, Kaufleute etc., die größtentheils wenigstens für den
+Augenblick noch gezwungen waren, eine ihren frühern Beschäftigungen
+gerade nicht entsprechende Arbeit zu übernehmen, um ehrlich und
+ordentlich in der neuen Welt durchzukommen, findet sich bald zusammen
+und verplaudert die langen Abende.
+
+Die Zeit des Schlafengehens naht aber jetzt, und hie und da schleichen
+einzelne mit abgebrannten Lichtendchen in der Hand die Treppe hinauf,
+denen die übrigen ebenfalls bald folgen und ermüdet das harte Lager
+suchen, welches nur aus einer Seegras-Matratze und zwei oder drei
+wollenenen Decken besteht. Die Lichter verlöschen nach und nach, und
+sobald sich die einzelnen Paare und Bettgenossenschaften verständigt
+haben, ob sie »doppelt-Adler« oder »löffel-artig« liegen wollen,
+herrscht für wenige Minuten tiefes Schweigen, das aber bald einem von
+allen Seiten hertönenden Schnarchen weicht, bei dem sich der daran nicht
+Gewöhnte oft stundenlang unruhig auf seinem Lager umherwälzt.
+
+Es existiren übrigens auch mehrere amerikanische Boarding-Houses in
+Cincinnati, wo der Gast für 5 Dollars per Woche eine reinlichere und
+freundlichere Umgebung hat, das Unangenehme des Zusammenschlafens mit
+Mehrern findet sich in den meisten.
+
+
+Money-Brokers.
+
+Die Geldwechsler spielen in allen Städten Amerika's eine bedeutende
+Rolle, denn wo solch' unzählige Banken und Tausende von verschiedenen
+Banknoten und Münzsorten circuliren, ist es unbedingt nöthig, Leute
+zu haben, welche nicht allein die ächten von den nachgemachten
+unterscheiden können, sondern auch den Reisenden mit den für ihn
+brauchbarsten Münzsorten oder Tresorscheinen versehen.
+
+Hunderte von Banken streuen jährlich ihre Noten unter die Bevölkerung
+der Vereinigten Staaten aus; viele bestehen fort und lösen später das
+ausgegebene Papiergeld wieder mit Silber ein, die meisten aber machen
+bankerott oder thun wenigstens was gleichbedeutend ist: sie nehmen nicht
+einmal mehr ihr eigenes Geld für den vollen Werth an, so daß es 20, 30,
+ja bei dem Mississippi-, Arkansas-, Atchafalaya- und Texas-Geld schon
+bis zu 70 und 80 Procent gefallen ist. Am schlimmsten stehen sich bei
+diesem fortwährenden Schwanken des Geldcurses die armen Leute, die
+Arbeiter und Tagelöhner, welche am Ende des Monats ihre paar Thaler in
+irgend einem Papiergeld ausbezahlt bekommen, das, wie ihnen der Broker
+sagt, »gut« ist -- und wofür sie auch ihre Bedürfnisse an Kleidern und
+Schuhwerk kaufen können; morgen aber vielleicht schon heißt es -- »die
+und die Bank hat ihre Zahlungen eingestellt.« Niemand nimmt die Noten
+mehr zu dem vollen Werth, und der Mann, welcher sich schwer und hart für
+die wenigen Dollars geplagt hat, verliert noch 15 bis 20 Procent daran,
+während die Bank von ihren eigenen Noten, so viel sie bekommen kann,
+schnell zu dem gefallenen Preis aufkauft und nach ein paar Monaten,
+nach deren Verlauf sie sich wieder für zahlungsfähig erklärt, Tausende
+verdient hat.
+
+Ein fürchterlicher Mißbrauch wird mit diesem Papierwesen getrieben,
+und daneben existirt fast keine Bank, von der nicht Verfälschungen
+circuliren, zu deren Entdeckung wöchentlich Broschüren ausgegeben
+werden, welche die Namen der sogenannten »=counterfeits=« und den
+Werth der verfälschten Noten angeben. Auch hier ist es wieder der Arme,
+welcher durch diese den meisten Schaden leidet, da er die ächten selten
+von den unächten zu unterscheiden vermag.
+
+Das wenige Silber und Gold hat übrigens durch die ganze Union denselben
+Werth und dasselbe Gepräge, wenn auch hie und da andere Namen, nur
+ist Cincinnati die westlichste Stadt, in welcher Kupfergeld circulirt
+(Cente, hundert auf einen Dollar); schon in Louisville, 150 Meilen
+westlich, kennt man als kleinste Münzsorte nur Picayunes oder =half
+dimes= (6¼ und 5 Centstücke), die von dort an einen andern Werth
+haben, und mit denen gegen die aus den östlichen Staaten ein bedeutender
+Handel getrieben wird, indem die =half dimes= dort, selbst noch
+theilweise in Cincinnati, nur 5 Cent gelten, und weiter den Ohio
+hinunter und am ganzen Mississippi für 6¼ angenommen werden.
+
+Die Broker haben ihre kleinen, zierlich ausgeputzten Locale gewöhnlich
+an Straßenecken, um recht in die Augen zu fallen, und suchen etwas
+darin, durch in den Fenstern ausgelegte Packete Banknoten und kleine
+Haufen von Goldstücken die Augen der Vorübergehenden auf sich zu ziehen.
+
+
+Auctionen.
+
+In einem Lande, wo so viel und so großartig speculirt wird, wie in
+Amerika, ist es eine sehr natürliche Folge, daß sich auch Tausende in
+ihren Erwartungen und Hoffnungen betrogen finden, deren Eigenthum und
+Waare dann den Weg in die zahlreichen, durch die ganze Stadt zerstreuten
+Auctionslocale findet, und hier auf eine oft unglaubliche Art unter dem
+Werth verschleudert wird.
+
+Eine kleine hellrothe Fahne, über der Thür aufgesteckt, zeigt am Tage
+den Ort an, wo Abends mit dem Glockenschlag sieben der Ausverkauf
+beginnen wird, und Kauflustige oder Neugierige treiben sich, einander
+ablösend, fortwährend vor und in diesen Localen herum, um die am Abend
+vorkommenden Waaren zu betrachten und zu prüfen; mit einbrechender
+Dämmerung jedoch, wo die blutrothe Flagge übersehen werden könnte,
+stellt sich irgend ein Mann oder Knabe, sehr häufig ein besonders hierzu
+gemietheter Neger, mit einer Handglocke vor das Auctionslocal, und
+läutet pausenlos auf eine ohrenzerreißende Art, um die Bevölkerung
+von Cincinnati darauf aufmerksam zu machen, daß die Versteigerung bald
+beginnen werde. Es sind wohl zwölf bis funfzehn verschiedene Auctionen
+an jedem Abend, und hier kaufen besonders die umherziehenden Krämer
+ihre Waaren ein, mit denen sie später die Farmer im Innern des Landes
+beglücken.
+
+Der Auctionator steht auf einer von dem Platz, welchen die Käufer
+einnehmen, getrennten hohen Bühne, die es ihm möglich macht, alle
+zu sehen, wie von allen gesehen zu werden, und die zu versteigernden
+Gegenstände werden ihm durch einen zweiten von innen hinausgereicht. Von
+dem Mittelpunkt dieser Bühne aus läuft ein schmaler, langer Tisch
+bis fast zur Thür hin, um auf diesem vorkommende Ausschnittwaaren
+aufzurollen und den Kauflustigen besehen zu lassen. Die Waaren selbst
+sind übrigens sehr gemischter Art -- Tuche und Steingut, Bijouterien
+und Glaswaaren, Kattune und Bücher, eiserne Geräthschaften und Porzellan,
+Schuhe und Hüte, Weine, Liqueure, eingemachte Früchte und Austern, alles
+wird wild durcheinander feil geboten, wobei sich der Auctionator durch
+eine fast fabelhafte Zungenfertigkeit auszeichnet, mit welcher er das
+ausbietende und aufmunternde =going, going, going, going=, ruft, daß das
+Ohr dem Klange kaum zu folgen vermag, bis ein entscheidendes »=gone!=«
+den Bietenden entweder erschreckt oder erfreut.
+
+Allerdings hat man öfters die Gelegenheit auf diesen Auctionen Waaren
+zu einem Spottpreis einzukaufen, im Ganzen ist es aber doch sehr
+gefährlich, denn entweder wird der mit den Gebräuchen nicht Bekannte
+angeführt, oder kauft, durch den anscheinend billigen Preis bestochen,
+eine Masse von Sachen, die er mit gutem Gelde bezahlen muß und nachher
+nicht gebrauchen kann.
+
+
+Kleiderladen
+
+sind in Amerika, wo alles so zauberhaft schnell geht und die Menschen
+sich fast stets unterwegs befinden, unentbehrlich -- wie hätte der
+Amerikaner Zeit, sich einen Rock anmessen und nachher machen zu lassen.
+Oft Hunderte von Meilen verreisend, nimmt er gewöhnlich als einziges
+Gepäck ein kleines Felleisen mit, in welchem er ein Hemd und mehrere
+reine Vorhemdchen und Kragen führt, das ist das einzige, was er
+waschen läßt, alles übrige wird, sobald getragen oder zerrissen,
+neu angeschafft. Kleiderläden, in denen man jedes zum Anzug Nöthige
+antrifft, findet man daher auch in jeder Stadt und besonders gleich an
+den Dampfboot-Landungen in großer Anzahl, die fast alle, sei es nun im
+Norden oder Süden, New-York oder New-Orleans, St. Louis, Cincinnati,
+Buffalo oder Charlestown, von deutschen Juden gehalten werden. Wie
+die Yankees den fast alleinigen Uhrenhandel an sich gerissen haben, so
+verhält es sich mit den Israeliten und Kleiderläden, in keiner Stadt
+aber mehr als in Cincinnati, das gewissermaßen den Mittelpunkt bildet,
+von welchem sie sich in die ganzen westlichen Staaten zerstreuen, um
+als wandernde Krämer mit Tragekasten oder Lastpferd ihre Waaren
+feilzubieten, oder auch in der Stadt selbst bleiben und am Werft wie in
+den Hauptstraßen vor ihren Läden förmlich auf die Vorbeigehenden lauern.
+Gnade Gott dem armen Teufel, der mit etwas schäbigen Kleidern und einem
+sehnsüchtigen Blick auf die zur Schau ausgehängten Anzüge vorüber
+geht, er ist unrettbar verloren; der Verkäufer, ein auf das Eleganteste
+angezogener Jüngling, der nie deutsch spricht, außer da, wo er sieht,
+daß der, mit dem er es zu thun hat, auch kein Wort englisch versteht,
+stürzt auf ihn zu, faßt ihn um die Taille, und zieht ihn unter den
+zärtlichsten Vorwürfen, daß »so ein hübscher Mensch solch abgerissenes
+Zeug trage,« in den Laden; hat dieser dann noch hinlänglich baares Geld,
+und sei es nur genug, um ein Taschentuch zu kaufen, bei sich, so kommt
+er selten ohne irgend einen aufgedrungenen Artikel fort.
+
+Freilich laufen diese Ladenjünglinge auch manchmal der unrechten
+Person in den Weg und ernten Grobheiten oder gar Ohrfeigen für ihre
+Zudringlichkeit; was thut's aber, sie leiden ja für die heilige Sache,
+und der nächste Vorüberwandernde entgeht darum seinem Schicksal doch
+nicht.
+
+Durch die in den Zuchthäusern gefertigten Schuhe und Kleidungsstücke,
+wie durch den geringen, wahrhaft grausamen Preis, welchen arme
+Nähmädchen für eine Tagesarbeit bekommen, sind Kleidungsstücke, was
+nicht Seide oder Tuch ist, erstaunlich billig geworden, so daß man jetzt
+selbst in New-Orleans ein baumwollenes Hemd mit leinenem Vorhemd und
+Kragen für Einen Dollar kauft, ebenso recht gut aussehende Schuhe
+und Beinkleider, Jacken und Westen für Einen Dollar das Stück. Wie
+nachlässig übrigens diese Sachen gefertigt sind, kann man sich denken;
+es soll aber alles schnell gehen, die Dauer und Solidität der Arbeit
+kommt nicht in Betracht. So z. B. kündigte eine Wäscherin (Mulattin) vor
+mehreren Jahren in Cincinnati, in Mainstreet, durch ihr Aushängeschild
+an, daß sie jedes ihr anvertraute Kleidungsstück »in _einer_ Stunde
+wasche und trockne;« auf welche Art der Stoff dabei behandelt wurde,
+läßt sich denken.
+
+
+
+
+Der wunderbare Traum.
+
+
+Im Staat Pensylvanien, dicht am nordwestlichen Fuß der Alleghanies,
+liegt oder lag vielmehr das kleine Städtchen Seneka, das damals, als man
+es gründete, von Ansiedlern fast überschwemmt ward; denn jeder Einzelne
+hoffte goldene Berge in dem neu entdeckten Eldorado zu finden und
+Seneka bald als den Brennpunkt des Staates zu sehen, nach dem sich aller
+Verkehr, wie die Blumen zur Sonne, hinwenden müsse.
+
+Jetzt sind freilich diese schönen Träume größtentheils in ihr
+ursprüngliches Element _Luft_ zurückverschwommen, und ein allein
+und einsam stehendes Farmhaus kündet die Wohnung des »_Letzten der
+Senekaner_,« der hier, allen früheren Plänen und Hoffnungen von
+gepflasterten Straßen und Gaßbeleuchtung entsagend, gar ehrsam Ackerbau
+und Viehzucht treibt.
+
+Noch vor zwölf Jahren aber, und in derselben Zeit, von der ich hier
+erzählen will, befand sich Alles in seiner Blüthe; mehre Wirthshäuser
+waren angelegt, ein Gerichtshaus und ein Gefängniß standen fertig
+aufgerichtet und wurden auch schon benutzt, denn es fehlte nur noch das
+Dach zu beiden, mehre kleine Stores oder Läden waren etablirt, in denen
+der fleißige Städter Whiskey beim Quart und Kaffee, Zucker und Kattun,
+wie Schuh und Stiefel, Ackergeräth, Kochgeschirr etc. etc. etc.,
+kaufen konnte, und zwei Schul- und Kirchengebäude, das eine den
+Presbyterianern, das andere den Baptisten gehörig, standen zum frommen
+Dienst bereit und wurden von der gottesfürchtigen Gemeinde gar häufig
+benutzt.
+
+Wie es nun aber stets bei so neuerrichteten und gegründeten Städtchen
+geht, so sammelte sich auch dort ein buntes Gemisch von allerlei oft
+recht wunderlichen Leuten, und wo viel gute und ordentliche Menschen
+sind, da bleibt es fast nie aus, daß sich auch ein parr rauhe, wilde
+und nichtsnutzige Gesellen mit einschwärzen, die dann so lange mit der
+übrigen Bevölkerung auf einem Fuß stehen und mit ihr gleiche Achtung
+und gleiche Rechte genießen, bis sie entweder selbst sehen, daß die Zeit
+naht, wo sich jeder brave Mann von ihnen fern hält und sie ihr
+Wesen nicht länger treiben können, oder die Gemeinde auch fest und
+entschlossen auftritt und sie ausstößt.
+
+Ein solcher Bursche, zu allem Schlechten fähig und zu nichts Gutem zu
+gebrauchen, war ein junger Kentuckier, Hills, der sich eine Zeitlang
+auf dem Monongahelafluß als Flatbootmann herumgetrieben hatte, und nun
+einmal versuchen wollte, ob er's nicht schneller und bequemer »in der
+Stadt« zu etwas bringen könne.
+
+Er lebte oder »boardete« wie man dort sagt, im Hause eines Irländers,
+eines braven fleißigen Mannes, der mit seiner jungen Frau erst kürzlich
+aus dem alten Vaterlande herüber gekommen, und von einem der sogenannten
+Landhaye in New-York auch gleich beredet worden war, sich hier in
+Seneka, der künftigen Königin aller westlichen Städte anzukaufen und
+niederzulassen. Hills aber, der an nichts Heiliges, weder im Himmel noch
+auf Erden glaubte, fand Gefallen an der jungen Irländerin und suchte
+sich ihr, wenn ihr fleißiger Mann sein kleines Grundstück bearbeitete,
+zu nähern und sie sich geneigt zu machen. Diese aber wies ihn ernst und
+strenge zurück und drohte endlich, als Alles das nichts half, ihren
+Mann von dem nichtswürdigen Betragen seines Hausgenossen in Kenntniß zu
+setzen.
+
+Eine Zeit lang schüchterte das den Kentuckier ein, denn der Irländer
+war ein kräftiger Gesell und verstand sicherlich, was seine Hausrechte
+betraf, keinen Spaß; eines Abends aber, als er der jungen Frau im Walde
+begegnete, die gerade eine kranke, nicht sehr entfernt wohnende Freundin
+besucht hatte, und nun zu Hause zurückkehren wollte, schloß er sich ihr
+an und wurde nach wenigen miteinander gewechselten Worten so frech und
+zudringlich, daß sie ihm mit lauter Stimme drohte, um Hülfe zu rufen,
+wenn er sich nicht gleich entferne, als plötzlich mit zorngerötheten
+Wangen und finster zusammengezogenen Braunen ihr Mann aus den
+benachbarten Büschen sprang und im nächsten Augenblick neben dem
+erbleichenden Kentuckier stand.
+
+Was an jenem Abend weiter vorgefallen hat nie ein Mensch erfahren,
+am nächsten Morgen aber fand man, durch Blut in der Straße aufmerksam
+gemacht, den Kentuckier mit zerschmettertem Schädel im Gebüsch liegen.
+Er schien schon mehrere Stunden todt, und jede Hülfe kam zu spät. Noch
+an demselben Abend wurde er begraben.
+
+Wüthend durchtobten aber indessen die Freunde des Ermordeten die kleine
+Ansiedlung und forschten nach dem Mörder; ja selbst der stillere Theil
+der Bevölkerung, die Baptisten und Presbyterianer, waren entrüstet, daß
+in ihrer ruhigen und frommen Gemeinde so etwas vorgefallen war. Durch
+einen kleinen Knaben ward endlich der Verdacht auf den Irländer gelenkt,
+denn dieser hatte ihn noch spät Abends mit seiner Frau zu Hause kommen
+gesehen, und zwar gerade aus jenem Weg, neben welchem die Leiche lag
+und der kleine Bursche behauptete dabei steif und fest, der Irländer sei
+blutig im Gesicht gewesen.
+
+Man forschte jetzt genauer nach, durchsuchte das Haus und fand --
+sorgfältig hinter einer großen Kiste versteckt, eine baumwollene Jacke,
+an welcher noch frische Blutflecken nicht zu verkennen waren. Zwar
+behauptete Mac Ferson (der Name des Iren), einen Hirsch erst an dem
+Nachmittag erlegt und den Kentuckier wohl gesehen, aber keinen Streit
+mit ihm gehabt zu haben; in seinem ganzen Wesen ließ sich aber dabei
+eine gewisse Verlegenheit nicht verkennen, und weder seine Betheuerungen
+»er sei unschuldig,« noch die Bitten seiner Frau halfen ihm etwas; er
+wurde gebunden und in das Gefängniß -- ebenfalls ein aus starken Stämmen
+errichtetes Blockhaus -- abgeführt.
+
+Dort blieb er den Tag seinen einsamen Betrachtungen überlassen, und
+wurde am nächsten Morgen, da gerade Gerichtstag im Städtchen war, vor
+seine Richter, vor die Geschworenen gestellt. Hier aber schien leider
+Zeugniß auf Zeugniß _gegen_ den armen Teufel auftauchen zu wollen, denn
+außer dem blutigen Kleidungsstück hatte man noch ganz nahe bei seiner
+Wohnung einen ebenfalls mit Blut befleckten schweren Knittel gefunden,
+und mehrere Einwohner sagten dabei aus, Mac Ferson habe sich mehre Male
+gegen sie geäußert, er glaube, seine Frau gefalle dem Kentuckier, und er
+wolle sich nur erst Beweise verschaffen, ehe er ihn fühlen lasse, was
+es heiße, den Rechten eines Irländers zu nahe zu treten. Mac Ferson
+leugnete dies auch nicht, blieb aber bei seiner Behauptung, an dem
+Nachmittag keinen Streit mit dem Kentuckier gehabt, ja kein einziges
+Wort mit ihm gewechselt zu haben und betheuerte nur in einem fort seine
+Unschuld.
+
+Der Staatsanwalt versuchte jetzt ihn durch Kreuzfragen zu verwirren, Mac
+Ferson war aber nicht der Mann, der sich, wenn wirklich schuldig, durch
+einen Advokaten außer Fassung bringen ließ -- er blieb dabei, das an der
+Jacke gefundene Blut sei von einem Hirsch, und man sah sich gezwungen,
+ihn aufzufordern, die Männer zu der Stelle hinzuführen, wo er den Hirsch
+geschossen habe. Der Ire war auch gern bereit dazu, aber erst seit
+kurzer Zeit in Amerika, behauptete er mit dem Wandern im Walde nicht
+recht vertraut zu sein, indem er nie genau wisse, nach welcher Richtung
+er sich wenden solle, sobald er einmal mitten zwischen den Bäumen sei,
+den Ort also auch nicht wiederfinden könne, wo er das Wild erlegt und
+aufgebrochen hätte. Er bat daher die Richter nur, in dieser Gegend herum
+mehrere Männer zu postiren, die dann bald aus dem Flug der Aasgeier
+erkennen könnten, nach welcher Richtung zu die im Walde zurückgelassene
+Beute läge.
+
+Er war dabei so ernst und ruhig, blieb sich in allen seinen Antworten so
+gleich, und widersprach sich nicht ein einziges Mal, so daß die Männer,
+die sein Urtheil sprechen sollten, wirklich anfingen, trotz allen
+vorliegenden und fast unumstoßbaren Beweisen, an seine so fest
+betheuerte Unschuld zu glauben und den Bitten des Gefangenen
+willfahrten. Vergebens aber blieb ihr Suchen; alle Bussards und Adler
+schienen die Gegend verlassen zu haben, und erst am dritten Tag, als
+man auch noch ein kleines Scalpiermesser bei ihm gefunden hatte, was der
+Ermordete an demselben Abend, wo er erschlagen worden, in dem nächsten
+kleinen Laden aus der Scheide gezogen, um Brod damit abzuschneiden,
+glaubte man hinlängliche Beweise (=circumstantial proofs=) zu besitzen,
+ihn auch ohne sein Eingeständniß zum _Tode durch den Strang_ zu
+verurtheilen.
+
+Er lauschte dem Spruch ruhig und ohne eine Miene zu verziehen, nur nahm
+sein Gesicht eine fast noch bleichere, leichenähnlichere Farbe an und er
+sagte dann, sich mit leiser aber doch deutlich klingender Stimme an die
+Geschworenen wendend, »daß er sie nicht tadeln könne, sie haben ihre
+Schuldigkeit gethan, Alles scheine gegen ihn zu sprechen und die
+Menschen müßten ihn wohl für schuldig halten, Gott aber wisse, wie
+er schuldlos sei, und wenn es mit seinen weisen Rathschlüssen
+übereinstimme, so werde er ihn auch wohl noch zu retten und seine
+Unschuld dazuthun wissen.«
+
+So rückte der letzte Abend heran, und seine Frau, der man den Zutrit
+zu ihm natürlich gestattete, blieb mehrere Stunden in der engen Zelle,
+hielt sich aber sehr gefaßt und ruhig und sprach ihm sogar Muth ein --
+Gott werde ihn schon nicht in dem fremden Lande verlassen -- er solle
+nur auf ihn bauen. Mac Ferson verlangte dann nach dem Priester; es war
+aber in der ganzen Ansiedelung kein katholischer Geistlicher, und der
+Ire bat dann, ihm einen Prediger der Baptisten zu senden, da er sich
+nach dem Trost der Religion sehne, wenn dieser auch aus einem nicht
+katholischen Munde käme.
+
+Das freute die Baptisten ungemein und machte ihm ihre Herzen sehr
+geneigt. Der Prediger der kleinen Schaar, ein kleiner hagerer Mann, mit
+einem etwas abgetragenen blauwollenen Frack, sehr eingefallenen Wangen
+und etwas stieren gläsernen Augen, auf der scharfgebogenen Nase eine
+gewaltige Brille, säumte denn auch nicht lange, und versicherte ihm
+nach kurzer Unterredung, daß er, sei er nun des angeklagten Verbrechens
+schuldig oder nicht, in wenigen Stunden am Throne des Höchsten
+Verzeihung für seine Sünden und Gnade in den Augen des Allerbarmers
+finden würde.
+
+Mac Ferson betete wohl bis zwölf Uhr in dieser Nacht mit dem frommen
+Manne, beichtete ihm alle seine Sünden, gestand auch, wie er schon,
+seit er das freie Land Amerika betreten, gewünscht habe dem katholischen
+Glauben zu entsagen und sich den Baptisten anzuschließen, deren einfache
+Formen ihm stets am meisten zugesagt, und bewies sich so zerknirscht, so
+weich und religiös, daß der Prediger diesen Augenblick nicht ungenützt
+vorüber lassen zu dürfen glaubte, und dem Verurtheilten noch einmal
+dringend an's Herz legte, das letztverübte Verbrechen zu gestehen, damit
+er vor Gott Nichts habe, was noch einen schwarzen Schatten auf seine
+Seele werfen könne. Hier blieb der Unglückliche aber verstockt und
+behauptete nur, der liebe Gott wollte ihn durch diesen unverschuldeten
+Tod für all' seine früheren Sünden und Laster strafen, an dem
+vergossenen Blute sei er jedoch unschuldig und der Kentuckier müsse von
+einem Anderen erschlagen sein.
+
+»Ich habe einen Verdacht,« sagte er dann wie überlegend nach kurzer
+Pause, »aber er ist zu weit hergeholt, zu unwahrscheinlich, als daß
+ich es gewagt hätte, ihn vor den Geschworenen zu äußern; es würde meine
+Sache vielleicht noch verschlimmert haben.«
+
+»Aber _mir_ könnt Ihr ihn entdecken, armer Mann,« sagte der Prediger --
+»meinem Herzen könnt Ihr ihn vertrauen; wer weiß, ob nicht vielleicht
+dadurch noch Rettung für Euch möglich ist.«
+
+»Ach nein, ehrwürdiger Herr,« erwiederte der Ire -- »der Verdacht ist
+zu wild, zu oberflächlich, doch _Ihr_ sollt ihn hören. Erst vorgestern
+äußerte der Kentuckier -- wie auch allenfalls meine Frau bezeugen
+könnte, denn wir saßen zusammen am Tisch -- daß er glaube einen Menschen
+hier in der Gegend gesehen zu haben, der seinen Wohnort umschliche, und
+dessen Anwesenheit er eigentlich fürchten solle, da er ihn früher einmal
+tödtlich beleidigt habe. Damals achteten wir nicht sonderlich auf die
+Worte, jetzt aber, da der Unglückliche erschlagen ist, kann ich kaum
+umhin zu glauben, daß jener Fremde die That verübt hat.«
+
+»Aber weshalb erwähntet Ihr diesen so wichtigen Umstand nicht bei Euerem
+ersten Verhör?« rief der Prediger aus. »Man hätte in der benachbarten
+Gegend nachforschen und den Mörder, wenn es wirklich jener Fremde war,
+vielleicht auffinden können.«
+
+»Ich wußte nicht gewiß, ob Jener der Thäter sei,« sagte der Ire mit
+frommen zum Himmel gerichteten Blicken, »und wollte keinen Unschuldigen
+in's Verderben bringen.«
+
+So lange blieben die beiden Männer nun noch im Gespräch und Gebet
+zusammen, bis der Diener des Herrn fast wirklich von der Unschuld des
+armen Irländers überzeugt war; das einmal gesprochene Urtheil ließ sich
+aber einer solchen oberflächlichen Vermuthung nach nicht abändern, und
+die Stunde rückte heran, in welcher der zum Tode Verdammte die Strafe
+für ein Verbrechen erleiden sollte, das er, wie jetzt ein großer Theil
+der Bewohner von Seneka zu glauben anfing, gar nicht begangen. Der
+Baptist hatte nämlich seiner ganzen Gemeinde am nächsten Morgen das
+in der Nacht erhaltene Geständniß des armen Iren mitgetheilt, wobei
+er nicht zu erwähnen vergaß, mit welch frommem Herzen er sich ihrer
+Religion zugeneigt und dem Papstthum entsagt habe, und wer weiß, ob
+nicht schon aus diesem Grunde eine Art Gnadenakt zu seinen Gunsten
+ausgeübt wäre, hätten sich die Presbyterianer dabei nicht in's Mittel
+geschlagen, die schon das mit neidischen Augen betrachtet hatten, daß
+der Katholik die Religion der Baptisten der ihren vorgezogen.
+
+Der Baptistenprediger suchte etwa zwei Stunden vor der Execution den
+Verurtheilten wieder auf und frug ihn, ob er vielleicht noch wünsche,
+seine Frau vor seinem Tode zum letzten Mal zu sehen; Mac Ferson
+verneinte das aber, indem er sagte, er habe schon Abschied von ihr
+genommen, und wolle sich das Sterben nicht durch eine zweite solche
+Scene erschweren. Sein ganzes Benehmen war aber an diesem Morgen so
+sonderbar, so eigenthümlich, daß es nicht umhin konnte, dem frommen
+Manne aufzufallen, der dann natürlich gar eifrig in ihn drang, ihm das
+zu entdecken, was seine Seele noch belaste, damit er rein und sündenfrei
+vor den Thron des Höchsten treten könne. Der Baptist glaubte nicht
+anders, als Mac Ferson fange an, durch die Nähe seiner letzten Stunde
+geängstigt, sein bisheriges verstocktes Leugnen zu bereuen, und wolle
+nun bekennen, daß er das Verbrechen doch begangen habe.
+
+Mac Fersons ganzes Benehmen schien ihn auch darin zu bestärken, denn
+erst war er unruhig, ging mit etwas verstörten Blicken in dem engen
+Raume auf und ab, und beantwortete fast alle an ihn gerichteten Fragen
+zerstreut und wie mit ganz andern Dingen beschäftigt. Der Mann Gottes
+bat ihn zwar mehrere Male, seine Blicke nun der Ewigkeit zuzuwenden, an
+deren Pforten er in wenigen Minuten stehen würde; der Ire schien jedoch
+das Alles nicht zu beachten, preßte aber oft die Hände gegen die Stirn,
+als ob ihn ein wilder Traum schrecke oder irgend ein, vor seiner Seele
+ansteigendes Bild ängstige, bis endlich die Stunde schlug, die zu seiner
+Hinrichtung bestimmt war, und erst als er den nahenden Sheriff hörte, da
+warf er sich auf die Kniee nieder, betete mit leiser flüsternder Stimme
+ein kurzes Gebet, und gestand nun dem Prediger, er habe einen Traum
+gehabt, von dem er nicht wisse, ob er ihm von Gott, oder von dem
+Erzfeind, dem Teufel, gesandt sei.
+
+Der Prediger drang jetzt in ihn, ihm den Traum mitzutheilen, der
+Gefangene wies aber auf den eben eintretenden Sheriff, der mit zwei
+Constablen in der Thür erschien, und flüsterte leise:
+
+»Es ist zu spät!«
+
+»Nein Mann -- nein -- es ist _nicht_ zu spät,« rief der fromme
+Geistliche entsetzt, »das wolle Gott verhüten, daß Ihr in Euerem letzten
+Augenblick daran verhindert werden solltet mir mitzutheilen, was Euere
+Seele peinigt -- nein -- der Sheriff ist ein braver Christ und wird
+sicherlich nicht solche Verantwortung vor Gott auf sich nehmen wollen.«
+
+Dieser versicherte auch dem Geistlichen augenblicklich, daß er gern
+bereit sei, noch eine Viertelstunde zu warten, die Zuschauer wären
+aber versammelt, und länger dürfe er den Ausspruch des Gesetzes nicht
+verzögern. Er zog sich dann nebst seinen Begleitern zurück und mehre
+Sekunden sah ihm Mac Ferson sinnend und ernst nach; dann aber wandte er
+sich an den frommen Mann und sagte mit fester, ruhiger Stimme:
+
+»Ich sehe, ich darf nicht länger zögern; der Augenblick, der mich mit
+meinem Gott vereinen soll, ist gekommen. Vorher, ehrwürdiger Herr,
+erfahren Sie aber noch einen Traum, den ich in letzter Nacht geträumt
+und der mir in diesem Moment fast mehr als Traum scheint -- ich habe den
+Mörder des Kentuckiers gesehen!«
+
+»Großer Gott -- wär' es möglich!« rief der Prediger, überrascht von
+seinem Stuhle aufspringend, »hätte Euch Gott in seiner unendlichen Güte
+den wahren Mörder gezeigt und wäret Ihr wirklich unschuldig? Wer war
+es?«
+
+»Ich kenne ihn nicht.«
+
+»Keiner aus dieser Stadt?«
+
+»Nein!«
+
+»Und Ihr habt ihn früher nie gesehen?«
+
+»Nie!«
+
+»Aber was, um des Heilandes willen, soll Euch das nützen? wer wird Euch
+glauben? wie wollt Ihr den Mann zur Stelle schaffen?«
+
+»Ich kenne seinen Aufenthalt« --
+
+»Ihr? aber woher?«
+
+»Ich sah ihn im Traum -- doch hört mich und sagt mir nachher, was ich
+thun, ob ich schweigen oder dem Volk den Traum bekannt machen soll.
+Mir war, als ob ich langsam, mit meiner Axt auf der Schulter, durch
+den Wald, und zwar auf demselben Fahrweg, auf dem der Mord geschehen,
+hinschlenderte, als ich plötzlich um eine Ecke bog, die hier durch
+dichtes Gestrüpp und einige umgestürzte Fichten gebildet wurde. Was ich
+dort wollte, weiß ich nicht mehr, denn ich bin nie so weit mit der Axt
+in dem Walde gewesen, aber mir war wunderbar leicht zu Muthe und ich
+hätte von der Erde auffliegen und über die Baumwipfel dahinstreichen
+mögen. Es kommt Einem ja manchmal im Traum ein ähnliches Gefühl. Da, wie
+gesagt, bog ich um jenes Dickicht herum und sah ein Schauspiel vor mir,
+das mir das Blut in den Adern zu Eis erstarren machte. Mitten im
+Fahrweg lag die große, kräftige Gestalt des Kentuckiers, und über
+sie hingebeugt, eben wieder zu erneutem Schlage ausholend, stand ein
+schlanker, schmächtig gebauter Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer
+breiten Binde um das linke Auge, die sein halbes Gesicht verdeckte, und
+einem gelben, breiträndigen Strohhut auf dem Kopfe. Er trug ebenfalls
+einen hellen Rock, und wenn ich nicht irre, blaue Beinkleider und
+Schuhe.«
+
+»Sie erstaunen vielleicht, daß ich das Alles so deutlich und genau
+behalten konnte, aber als ich den Mörder gewahr wurde, stand er, wie aus
+Stein gehauen, mit der gehobenen Waffe über seinem Opfer, und mehrere
+Minuten lang verharrten wir Beide so, starr und regungslos, wie die uns
+umgebenden Riesenstämme des Waldes.«
+
+»Da fand _ich_ zuerst Leben und Bewegung wieder und stieß einen lauten,
+durchdringenden Hülferuf aus, denn jetzt durchzuckte mich wie mit
+Blitzesschnelle der Gedanke: _dort_ steht der wirkliche Mörder und
+_Dich_ wird man dafür bestrafen, wenn _Du_ ihn nicht ergreifst und
+festhältst. In demselben Augenblick aber begann auch der finstere Fremde
+sich zu regen; der schwere, keulenartige Stock fiel noch einmal mit
+dumpfem Schall auf den schon zerschmetterten Schädel des unglücklichen
+jungen Mannes nieder, und eilenden Laufes entfloh dann der feige Mörder
+in das Dickicht. Mir aber ward es in diesem Augenblicke klar. »_Er oder
+Du!_« rief ich mir zu, und mit einer Schnelle, die ich damals selber
+nicht begreifen konnte, folgte ich dem Flüchtling in das wildeste
+Dickicht der Niederung.«
+
+»Wohl erinnere ich mich, wie ich dabei über meine eigene Kenntniß der
+Waldpfade erstaunte, ich, der ich sonst kaum zwanzig Schritte weit den
+gebahnten Weg zu verlassen wagen durfte, aus Furcht, mich zu verirren.
+So folgte ich dem Mörder, dessen leichte Gestalt immer in gleicher
+Entfernung vor mir blieb, den ich aber nicht zu erreichen vermochte, bis
+es mir endlich vorkam, als ob ich ihm, zwar langsam, aber doch sicher,
+näher und näher rücke.«
+
+»Eine Stunde waren wir auf diese Art, wie mir träumte, gerannt, als wir
+eine Gegend erreichten, die mir bekannt schien, und ich sah bald, daß
+wir in einem weiten Bogen Seneka umlaufen hatten. Wir befanden uns nicht
+weit von der großen Straße nach Pittsburg, gerade da, wo die beiden
+tiefen Höhlen in den Berg hineingehen, und der Verfolgte mußte wohl in
+einer derselben Schutz suchen wollen, denn ich war ihm jetzt dicht auf
+den Fersen und hatte schon die Axt erhoben, um ihn vielleicht zu treffen
+und nieder zu werfen -- -- als Sie, ehrwürdiger Herr, an die Thüre
+klopften. Ich fuhr erschreckt empor und -- erwachte. Der Traum war
+verschwunden und anstatt frei im Walde, auf der Spur des wirklichen
+Thäters, fand ich mich wieder gebunden und eingekerkert, wie ein zur
+Schlachtbank bereit gehaltenes Opferthier.«
+
+Mac Ferson warf sich stöhnend auf sein Lager zurück und der Prediger
+stand tief erschüttert neben dem Unglücklichen, den er nicht einmal zu
+trösten vermochte. Da mahnte ihn das wiederholte Klopfen des Sheriffs an
+die ihres Opfers harrende Gerechtigkeit und er schritt schnell zur Thür,
+diese zu öffnen. Rasch hatte er aber auch seinen Entschluß gefaßt, und
+dem eintretenden Beamten den Gefangenen überlassend, rief er diesem nur
+mit wenigen Worten zu, noch nicht zu verzagen, der alte Gott lebe noch,
+und eilte dann flüchtigen Schrittes dem Executionsplatz zu, wo schon die
+ungeduldig harrende Menge an zu murren, ja an zu toben fing, daß man die
+versprochene Hinrichtung so lange -- verschiebe. -- Dieselben Männer,
+die noch nicht einmal recht von der Schuld des Verurtheilten überzeugt
+waren, murrten, daß sie eine Viertelstunde länger seinen _Tod_ erwarten
+sollten.
+
+Da kam schnellen Schrittes der Prediger herbei -- er bestieg das
+Schaffot, mit kurzgefaßten aber klaren und zum Herzen dringenden Worten
+rief er von dem todmahnenden Gerüst seine Überzeugung herab, daß der
+Angeschuldigte das Verbrechen _nicht_ begangen, Gott selbst aber ihm
+durch einen wunderbaren Traum den Mann gezeigt, ja offenbaret habe, der
+schuldig und zum Tode reif sei.
+
+Mit wenigen Worten erzählte er nun den ganzen Traum Mac Fersons, und
+wenn auch zwei gerade anwesende presbyterianische Geistliche sehr
+mitleidig darüber mit den Köpfen schüttelten, so war doch das Volk
+selbst nur zu gern bereit, einer so geheimnißvollen Enthüllung eines
+Verbrechens Glauben zu schenken und mit Jubelruf wurde der jetzt
+herbeigeführte Gefangene empfangen. Zwar hielten die Constabel die Masse
+zurück und ließen sich den ihnen Überlieferten nicht entreißen, aber dem
+ganzen Andrang der Menge konnten sie nicht widerstehen. Alles tobte und
+schrie:
+
+»Nach den Höhlen! -- nach dem Schlupfwinkel des Mörders! Gott selber
+hat seinen Versteck dem rächenden Arme des Gerichts verrathen! nach den
+Höhlen -- fort nach den Höhlen!«
+
+Und den Gefangenen in der Mitte, von dem Baptistenprediger angeführt,
+wogte die Menge dem etwa drei Meilen entfernten Gebirgszweig zu, an
+dessen Fuß sich jene, in der Ansiedlung genugsam bekannten Höhlen
+befanden, in die, wie der Traum gesagt, der Verbrecher geflohen war. Die
+breitausgehauene Countystraße führte auch in kaum fünfhundert Schritten
+daran vorüber und auf dieser hin wälzte sich der Zug in unaufhaltsamer
+Eile. Dort aber angelangt, wo die Männer die befahrene Straße
+verlassen und die pfadlose Wildniß betreten mußten, hielt sie ein alter
+Backwoodsman, ein Freund des erschlagenen Kentuckiers, auf und erklärte,
+daß sie, wenn sie auf solche Art noch weiter vorrückten, den Flüchtling
+im Leben nicht einholen würden, der ja schon eine halbe Stunde vor ihrer
+Ankunft den Lärm hören mußte, den sie machten, und dann natürlich nicht
+warten werde, bis sie herankämen und ihn einfingen. Er schlage daher
+vor, daß man sechs oder acht Jäger voranschicke, die sich anschleichen
+und das Terrain vorher recognosciren sollten; bemerkten diese dann vor
+den Höhlen und in der Nachbarschaft derselben nichts Verdächtiges, dann
+war es ja noch Zeit, die ganze Masse herbeizurufen.
+
+»Haben wir nachher den Raum umzingelt,« fuhr der rauhe Backwoodsman
+in seiner Rede fort, »so kann uns nichts Lebendes, was in den Höhlen
+steckt, entgehen, denn die mitgebrachten Fackeln werden Licht genug
+geben; und finden wir ein solches Subject, wie unser Gefangener hier im
+Traum gesehen haben will, nun gut, so mag der seine Stelle einnehmen,
+denn wenn er ein gutes Gewissen hätte, triebe er sich nicht in den
+Schluchten und Felsecken herum. Finden wir aber _Nichts_, wie es mir
+fast am wahrscheinlichsten vorkommt, so schlag' ich vor, daß wir dann
+mit dem Wunder sehenden Mosje keine weiteren Umstände machen, sondern
+ihn an die erste beste Eiche aufhängen, denn umsonst soll er uns doch,
+beim Teufel, nicht in den April geschickt haben.«
+
+Dieser Plan schien allgemein anzusprechen, schnell und geräuschlos
+wurden die Männer ausgewählt, die den Grund und Boden vorher
+recognosciren sollten, und der Sprecher, zum Führer ernannt, ordnete
+systematisch, wie bei einer Treibjagd, den Plan zum Vordringen.
+
+Nach einigen, mit dem Gefangenen gewechselten Worten, hielt aber der
+Baptist die eben aufbrechenden Männer noch zurück, und schärfte ihnen
+besonders ein, den, den sie da treffen würden, lebendig einzufangen,
+da sie sich ja sonst gar nicht von der Unschuld des Verurtheilten
+überzeugen könnten; das sahen denn die einfachen Hinterwäldler auch
+recht gut ein und versprachen, ihr Blei zurückzuhalten, so lange es
+ginge. »Will er aber =in spite= auskratzen,« rief Einer, indem er seine
+Büchse schulterte, »nun dann will ich von Grashüpfern zu Tode getreten
+werden, wenn ich ihm nicht eins mit meiner langen Betsy auf den Pelz
+brenne; fort kommt er nicht, wenn er Knochen genug zeigt, um darnach
+zielen zu können.«
+
+Im nächsten Augenblick waren die Männer im Walde verschwunden und Mac
+Ferson warf sich auf die Kniee nieder, preßte das Angesicht gegen die
+Wurzel einer alten hochstämmigen Eiche und betete inbrünstig. Sein
+Antlitz hatte eine wirklich unheimliche Leichenfarbe angenommen und
+seine blutunterlaufenen Augen starrten, ehe er sich zum Gebet niederbog,
+wild von einem der Zurückbleibenden zum andern.
+
+Doch wir wollen indessen den Kundschaftern folgen, die, ihre Büchsen
+vorher untersuchend und die Messer in den Scheiden lockernd, langsam
+vorrückten, um sich nicht vor der Zeit zu verrathen. Leslie, der Führer
+der Schaar, gab endlich, an einer kleinen Waldblöße angelangt, das
+Zeichen zum Halten, um seine Leute zu vertheilen, und versammelte diese
+nun leise um sich, während er, erst nach allen Seiten einen scheuen
+Blick hinüber werfend, flüsternd sagte:
+
+»Hört, Ihr Burschen, mir wird's ganz unheimlich und schauerlich zu
+Muthe. -- Hol' mich Dieser und Jener, 's ist doch curios, einem Menschen
+nachzujagen, den ein anderer im Traum gesehen hat -- es wird Einem ganz
+grauslich dabei.«
+
+»Der Prediger hat aber doch auch gesagt, daß wir gehen sollten,«
+bemerkte ein Anderer.
+
+»O der Prediger mag zu -- Grase gehn!« rief Leslie, »deshalb thu'
+ich's beim Teufel nicht -- ich will nur sehen, ob so ein Schuft noch
+da herumkriecht, der heimtückischer Weise einen Mann wie Hills zu
+erschlagen gewagt. -- Oder ich will mich wenigstens selber überzeugen,
+daß _Keiner_ da ist,« fuhr er, ärgerlich mit dem Fuße stampfend, fort,
+»denn -- Tod und gelbes Fieber -- verdammt will ich sein, wenn ich ein
+Wort von dem ganzen Unsinn glaube.«
+
+Der alte ehrliche Backwoodsman suchte durch halbunterdrücktes Fluchen
+das unheimliche Gefühl zu ertödten, das sich ihm unwillkürlich aufdrang;
+er selbst aber zweifelte keinen Augenblick, daß hier irgend ein böser
+Geist, vielleicht gar der Teufel, sein Spiel treibe, und begriff nur
+nicht recht, was die Prediger dabei zu thun hätten.
+
+So beschränkt aber auch seine Ideen in geistiger Hinsicht sein mochten,
+so ganz war er am Platz, wo es galt, einen Feind zu beschleichen oder
+irgend einen vermutheten Lagerplatz, wie es hier der Fall war, zu
+umzingeln. Schnell und umsichtig traf er seine Maßregeln. Er kannte auch
+das Terrain genau und wußte, nach welcher Richtung hin ein Mensch, der
+sich hier wirklich verborgen halten wolle, entfliehen könne, sobald er
+Gefahr ahne, und nur Einen deshalb auf einem Umwege dem steilen Bergkamm
+zusendend, in dessen Fuß die Höhlen hineinliefen, postirte er die
+Übrigen in einen weiten Halbkreis und gab, durch täuschend nachgemachten
+Eulenruf, das Zeichen zum gemeinschaftlichen Vorrücken.
+
+Er selbst aber glitt, von einem jungen Hinterwäldler allein gefolgt, auf
+einem schmalen Fußpfade, der gerade zu den Höhlen hinführte, weiter,
+und eine kleine Anhöhe übersteigend, sah er plötzlich Rauch von dorther
+durch die hohen Kiefernwipfel emporwirbeln.
+
+Ein zweiter Eulenruf fesselte Jeden an die Stelle, auf der er sich
+befand, und Leslie kroch nun auf beiden Knieen und auf den linken
+Ellbogen gestützt, während er die treue Büchse mit der Rechten fest auf
+der rechten Schulter hielt, jenem Orte zu, von woher der Rauch zu kommen
+schien.
+
+Der Wald bestand hier größtenteils aus Nadelholz, mit sehr wenig
+Unterholz vermischt, der Boden war deshalb auch fast einzig und
+allein mit Fichtennadeln bedeckt, und geräuschlos -- hier und da die
+niedergebrochenen, trockenen kleinen Äste und Zweige vermeidend, um sich
+nicht durch das Knacken derselben zu verrathen -- schlich der geübte
+Jäger dem Eingang der ersten Höhle näher und immer näher. Gerade auf dem
+Kamm der ziemlich flachen Anhöhe lag jedoch eine umgestürzte Fichte, mit
+der Wurzel der verdächtigen Stelle zu, und sich vorsichtig um den Wipfel
+herumbiegend, glitt er am Stamme hin und befand sich nun hinter dem
+Erdwall, der in den durch den Sturz der Riesin mit ausgerissenen Wurzeln
+hängen geblieben war. Hier aber kauerte er mehrere Sekunden lang laut-
+und regungslos nieder -- das Herz schlug ihm schwer und ängstlich in der
+Brust, und er getraute sich kaum den Kopf zu heben, um über das niedere
+Bollwerk hinwegzuschauen. Dort sollte er ja das Wesen sehen, das er, er
+wußte selbst nicht weshalb, zu den Überirdischen rechnete, weil seine
+Existenz einem Sterblichen durch ihm unbegreifliche Mittel verrathen
+war, und lange konnte er sich nicht entschließen, das mit eigenen Augen
+zu erblicken, was zu glauben sein Verstand sich sträubte. Endlich faßte
+er ein Herz, hob leise den Kopf empor und -- hätte vor Überraschung fast
+laut aufgeschrieen, denn in kaum zweihundert Schritten Entfernung --
+das Gesicht ihm zugewandt -- saß -- Zug um Zug -- die von dem Gefangenen
+beschriebene Gestalt.
+
+Ein schmächtiger, bleicher junger Mann, mit rabenschwarzem Haar, einer
+breiten Binde um das linke Auge, die das halbe Gesicht verdeckte, und
+mit einem gelben, breitrandigen Strohhut auf den dunkeln Locken --
+dazu der helle Rock und die blauen Beinkleider -- es war der im Traum
+gesehene Mörder, bis auf das Kleinste, Unbedeutendste der Beschreibung
+herab. Selbst seine Stellung verrieth die That, die er begangen, denn
+ängstlich, halb vorgebeugt saß er, wie zum Sprunge bereit, neben dem
+Feuer, und schien die Gegend, in welcher sich Leslie gerade befand, mit
+seinem Blick zu überfliegen, als ob er von dorther Jemanden erwarte oder
+zu sehen fürchte.
+
+»Weshalb, um aller guten Geister Willen, lagert das Menschenkind
+hier?« frug sich Leslie unwillkürlich -- »und ist es überhaupt ein
+Menschenkind?« fuhr er dann leise schaudernd fort. »Doch Alles eins --
+Mensch oder Teufel -- Du bist der, welcher meinen Freund erschlagen hat,
+und fort kommst Du nicht mehr.«
+
+Mit dem Adlerblick des Jägers überflog er die ganze Gegend und sah bald,
+daß der Flüchtling, nach dem wie er seine eigenen Leute postirt hatte,
+ihnen nicht mehr entgehen konnte. Auf der einen Seite starrte steil
+und kahl der nackte Felsenkamm empor, in dessen Fuß sich die
+Höhlen befanden; zur Linken tobte der kleine, durch die Bergwasser
+angeschwellte Strom; und hätte er diesen auch durchschwimmen wollen,
+so erwarteten ihn doch drüben die wackeren Männer von Seneka, die bei
+solchen Gelegenheiten gerade nicht mit sich spaßen ließen. Alle andern
+Schluchten und Anhöhen waren ebenfalls von den Jägern und Backwoodsmen
+besetzt, und Leslie, darüber beruhigt, schlich nun eben so leise zurück
+als er gekommen, ließ den jungen Mann, der ihn begleitet hatte, die
+Übrigen von seinem Plane in Kenntniß setzen, und auf sein gegebenes
+Zeichen brachen von allen Seiten zugleich die in dunkles Hirschleder
+gekleideten Gestalten aus dem Dickicht hervor und sprangen, flüchtigen
+Panthern gleich, mit vorgehaltenen Büchsen auf den Fremden ein. Dieser
+aber, durch das Plötzliche des Überfalls betäubt, stieß einen gellenden
+Angstschrei aus und warf sich dann, ohne weiter einen Versuch zur Flucht
+oder zum Widerstand zu machen, mit dem Antlitz auf die Erde nieder. Er
+schien jeder Hoffnung auf Rettung entsagt zu haben und die Männer,
+die ihn zuerst erfaßten und vom Boden emporrissen, fühlten, wie seine
+Glieder zitterten und seine ganze Gestalt erbebte.
+
+»Hund!« schrie der kräftige Leslie aber jetzt, und hob die eiserne Faust
+zum Schlage auf -- »Hund -- feiger -- nichtswürdiger Hund, der Du bist
+-- Du also hast es gewagt, die Hand an den kräftigsten Burschen zu
+legen, den je Kentucky's Boden getragen? Du -- Gedanke von einem Manne,
+den man erst _träumen_ muß, um seiner habhaft zu werden.«
+
+Der Fremde hob die Arme flehend empor und wimmerte »Gnade!« Leslie
+aber schien wenig geneigt, ihm diese angedeihen zu lassen; denn seine
+hammerartige Faust sollte eben auf seinen Schädel niederfallen, und
+wer weiß, ob der Sheriff dann nicht bei der ganzen Verhandlung unnütz
+gewesen wäre; der eine Constabel aber lenkte den Schlag des Erzürnten
+zur Seite, daß er machtlos an der Schulter des Knieenden niederglitt,
+und rief:
+
+»Schämt Euch, Leslie -- wollt uns Leute vom Gericht um das Unsrige
+bringen -- der ist dem Strick verfallen -- so gönnt ihm den auch.«
+
+Ehe aber noch Leslie ein Wort darauf zu erwidern vermochte, drängte
+sich die übrige Masse der Männer und Frauen herbei, die es nicht
+länger ausgehalten hatten, das Resultat in Ungewißheit zu erwarten.
+Den Gefangenen führten sie in ihrer Mitte und schon von weitem riefen
+einzelne Stimmen:
+
+»Ist er es? ist es der Mörder, den Mac Ferson im Traum gesehen?« Kaum
+aber hörten sie das antwortende »_Ja_« -- das »kommt schnell -- wir
+haben ihn -- er fleht um Gnade!« da stieg ein wildes Jubelgeschrei in
+die Luft und Alles drängte jetzt in wilder Eile vor, den zu sehen,
+der durch Gott selbst den Gerichten überliefert worden. Den bisherigen
+Gefangenen beachtete Keiner mehr; nur ein Knabe von zehn oder eilf
+Jahren, auch ein Irländer, der mit Mac Ferson auf einem Schiff
+herübergekommen war, hatte sich bis jetzt dicht zu ihm gehalten, und als
+er nun, von Allen zurückgelassen, allein stehen blieb, da ihm seine
+auf den Rücken zusammengebundenen Hände nicht verstatteten, so schnell
+fortzukommen, glitt er schnell hinter ihn, schnitt ihm mit einem
+haarscharfen Messer die Bande durch, drückte ihm in der nächsten Secunde
+den Griff des Stahls in die Hand und folgte dann in flüchtigen Sätzen
+den Übrigen. Mac Ferson aber, ohne die mindeste Neugierde zu bezeigen,
+wie der Mann im wirklichen Leben aussähe, den er schon einmal im Traum
+erblickt, warf sich, als er kaum seine Hände frei und zugleich bewaffnet
+fühlte, hinter einem umgestürzten Baumstamm, der ihn den Blicken der
+Übrigen entzog, lief gebückt, aber so schnell er konnte, hinter diesem
+hin, kroch über den Kamm der Anhöhe hinweg, bis er diese zwischen sich
+und seinen bisherigen Feinden wußte, rannte dann, so schnell ihn seine
+Füße trugen, den Abhang hinunter in das angrenzende Dickicht, sah sich
+hier einen Augenblick etwas ängstlich um, schien aber bald das, was
+er suchte, gefunden zu haben -- ein Pferd, das hier gesattelt und
+aufgezäumt, wie des Reiters harrend, stand, schwang sich auf dessen
+Rücken und sprengte, ihm die Hacken in die Seiten bohrend, in vollem
+Carriere gen Süden.
+
+Wie eine zürnende Fluth ergoß sich jetzt die wogende Menschenmasse der
+Stelle zu, wo der so wunderbar Entdeckte noch immer wie in gräßlichster
+Angst und Verzweiflung auf den Knieen lag. Man riß ihn vom Boden auf
+und aus den wildverworrenen Fragen, die fast von jeder Lippe an ihn
+gerichtet wurden, schien er nicht eine einzige verstehen zu können oder
+zu wollen, denn er warf zuerst einen scheuen Blick im Kreis umher, und
+barg dann auf's Neue das Antlitz in den Händen.
+
+Der Sheriff drängte die ihm zunächst Stehenden ein wenig zurück, bat
+sie ihm Raum zu machen, um den Gefangenen zu examiniren, und das Volk,
+willig gehorchend, beobachtete tiefes Schweigen.
+
+»Hast Du den Kentuckier erschlagen?« war jetzt des Sheriffs erste Frage,
+der es nach all dem Vergangenen für ganz unmöglich hielt, daß der, den
+sie hier so mitten im Walde gefunden, vielleicht gar Nichts von der
+Sache wisse. »Hast Du den Kentuckier erschlagen? Gestehe es, und
+vielleicht kann Dir noch Gnade werden!«
+
+»Gnade?« unterbrach ihn Leslie entrüstet, ehe der Gefangene auch nur
+eine Sylbe zu erwidern vermochte -- »Gnade? den möcht' ich sehen, der
+Hills Mörder begnadigen wollte. Tod und --«
+
+»Ruhe!« tönte es von allen Seiten. »Stört den Sheriff nicht und laßt ihn
+thun, was seines Amtes ist -- Ruhe!«
+
+Eine augenblickliche Todtenstille folgte dem früheren Lärmen, und der
+Sheriff berührte auf's Neue die Schulter des Unglücklichen und sagte mit
+ernster und doch milder Stimme:
+
+»Hast Du den Kentuckier erschlagen, so gestehe es -- nur durch ein
+offenes Geständniß kannst Du noch auf Gnade oder Mitleiden hoffen. Bist
+Du der Mörder?«
+
+»Gnade -- Gnade!« schrie der Knieende und umklammerte die Knie des
+Sheriffs -- »Gnade -- ich will Alles gestehen.«
+
+»Ein Wunder -- ein Wunder!« riefen die Baptisten im jubelnden Chor, und
+der Prediger stimmte mit voller, lauttönender Stimme ein Loblied
+des Herrn an, in das sämmtliche Mitglieder seiner Gemeinde jauchzend
+einfielen.
+
+»Wo ist Mac Ferson?« sagte jetzt der Sheriff -- -- »bringt ihn her, daß
+wir sehen, ob dies derselbe ist, der ihm im Traum erschienen.«
+
+Die Constabel sahen sich etwas verblüfft einander an, denn Keiner von
+ihnen hatte mehr an Mac Ferson gedacht. Der war ja unschuldig, der in
+Erfüllung gegangene Traum bewies das so sonnenklar wie nur möglich.
+Schnell durcheilten sie jedoch die Menge, den Verlangten aufzufinden
+und ihn, eigentlich im Triumph, zu dem hinzuführen, für dessen Schuld
+er beinah hätte büßen müssen; aber vergebens schauten sie sich zu
+ihrem Erstaunen nach dem bisherigen Gefangenen um, der war und blieb
+verschwunden und sie sahen sich endlich genöthigt, dem Sheriff Anzeige
+davon zu machen, der dann augenblicklich nach allen Richtungen hin
+Botschafter ausschickte, den vermuthlichen Flüchtling zurückzubringen,
+ihm aber zu sagen, daß er ohne Furcht folgen möge -- er sei frei; der,
+den ihm Gott im Traum gezeigt, habe die Schuld schon gestanden.
+
+»Alle Wetter!« rief da der ehrliche Leslie aus, »jetzt läuft der fort,
+weil er dem Frieden doch nicht so recht traut, und ist ein ehrlicher
+Mann und ich habe ihm Unrecht gethan. Nein, Sheriff, der soll nicht
+lange in der Welt umherirren und sich fürchten, einem ordentlichen Kerl
+in's Auge zu schauen -- den müssen wir wieder finden, und mein bestes
+Pferd soll er haben, wenn er's annehmen will, nur deshalb, weil ich ihn
+für einen Schurken und Mörder gehalten. Gebt Ihr aber indessen wohl auf
+den zitternden Hallunken acht -- gnade Gott dem, der ihn entspringen
+läßt. Nun fort, Ihr Leute, laßt uns Mac Ferson wiederfinden -- er kann
+noch nicht weit sein, und drüben an der Straße stehen ja alle unsere
+Pferde.«
+
+Der ehrliche Backwoodsman suchte jetzt, von seinen Freunden gefolgt, den
+ganzen Bezirk ab, und bald entdeckten auch ihre scharfen geübten Augen
+die Fährten des Entflohenen; Andere waren indessen nach den Pferden
+abgesandt, und Leslie schwang sich bald auf seinen feurigen Rappen und
+sprengte mit verhängten Zügeln dem nach, dem er so entsetzliches Unrecht
+gethan zu haben glaubte. Die Übrigen folgten zwar noch ebenfalls eine
+Strecke, gaben aber die Jagd bald auf, da sie einsahen, daß sie mit dem
+besser berittenen Leslie nicht Schritt halten konnten.
+
+Indessen hatte sich um den auf so wunderbare Art gefangenen jungen Mann
+eine ganz eigene Gruppe gebildet; noch immer barg dieser nämlich sein
+Gesicht in den Händen und die Frauen, die gar zu gern gewußt hätten, was
+er denn eigentlich für Augen habe und wie er überhaupt aussähe, drängten
+immer näher und näher herzu und hielten den Sheriff und den zitternden
+Mörder fast allein umzingelt, während die kräftigen Gestalten der
+zurückgebliebenen Hinterwäldler den äußeren Kreis um diesen Zirkel
+bildeten. Der Sheriff aber winkte jetzt dem einen Constabel, den
+Verbrecher aufzuheben, um ihn in die Stadt und seinem richterlichen
+Verhör zuzuführen; erst nach langem Sträuben gehorchte der Unglückliche
+aber seinen Wächtern, und mehre Male mußte ihm der Baptistenprediger
+zureden, sich zu ermannen, seine Sünden zu bereuen und Gott wenigstens
+mit seinem entsetzlichen Verbrechen auszusöhnen.
+
+»Wo ist Mac Ferson?« flüsterte dieser endlich mit leiser, kaum hörbarer
+Stimme.
+
+»Hol' mich der Henker -- ob er den Namen nicht kennt,« sagte der
+Constabel -- »der ist fort, sie werden ihn aber wohl wieder holen!«
+
+»Fort?« rief der Gefangene mit lauter freudiger Stimme und richtete sich
+schnell und plötzlich hoch auf -- »fort? ist er wirklich fort?«
+
+»Jesus von Nazareth!« schrie die Frau des Presbyterianischen
+Geistlichen, die dicht neben dem jungen Manne stand, und sich bis jetzt
+vergeblich bemüht hatte, sein Gesicht zu sehen, während ihr dieser jetzt
+starr in's Antlitz sah -- »Jesus von Nazareth, das ist ja Missis Mac
+Ferson.« --
+
+»Missis Ferson?« rief Alles erstaunt durcheinander; »die Frau des Iren?
+seine eigene Frau? und das der Mörder?«
+
+Judith Mac Ferson aber, denn es war in der That die Frau des jetzt
+glücklich Befreiten, sank wieder thränenden Auges auf ihre Kniee nieder
+und sandte zu dem Allerbarmer ein heißes Dankgebet empor, daß ihr die
+Rettung ihres Mannes so glücklich gelungen sei.
+
+Der Sheriff sammelte sich zuerst wieder, denn die Übrigen standen
+wirklich alle so stumm und starr vor Überraschung, als ob sie der Schlag
+getroffen habe; mit blitzenden Augen trat er der schönen jungen Frau,
+die jetzt die entstellende Binde und den Strohhut von der dunklen
+Lockenfülle abwarf, entgegen und rief mit finsterem Blick und drohender
+Stimme:
+
+»Unglückliche, Du hast einem Verbrecher zur Flucht verholfen und mußt
+nun selbst dafür seine Strafe leiden -- Du kanntest die Gesetze des
+Landes nicht und bist in Dein eigenes Verderben gegangen. Ich verhafte
+Dich hiermit im Namen der Gesetze -- Mrs. Mac Ferson,« fuhr er dann mit
+ernster, tiefer Stimme fort, indem er seine Hand nach ihrer Schulter
+ausstreckte -- »Mrs. Mac Ferson -- Sie sind meine Gefangene!«
+
+Judith Mac Ferson hatte aber, wenn auch erst kurze Zeit in Amerika,
+die Charaktere der Frauen kennen gelernt, unter denen sie lebte und auf
+deren Schutz vertrauend sie das gefährliche Spiel gewagt. Mit schnellem
+Druck des Constabels Arm zurückschiebend, trat sie zwischen die erstaunt
+zu ihr aufblickenden Frauen und rief:
+
+»Weg von mir, Sir -- weg von mir! Ihr habt keinen Theil an mir. Habe ich
+ein Verbrechen begangen? Es war mein Mann -- der Vater meines Kindes,
+den ich befreite; ist eine hier unter den Frauen von Pensylvanien, die
+nicht unter gleichen Verhältnissen ein Gleiches gethan hätte? Ist Eine
+hier von Müttern oder Weibern, die nicht willig ihr Leben daran setzen
+würde, den Geliebten zu befreien? _Keine_ -- ich weiß es, und kein
+Gericht des Landes wird mich deshalb strafen können. Werden aber die
+Frauen von Pensylvanien zugeben, daß ich einem Gericht ausgeliefert
+werde?«
+
+»Nein -- nimmermehr -- den wollen wir sehen, der ihr etwas zu Leide zu
+thun sollte,« rief es von allen Seiten, und um das junge, heldenmüthige
+Weib schaarten sich besonders die Presbyterianischen Frauen, voller
+Freude, daß den Baptisten ein solcher Sieg mißlungen sei.
+
+»Ladies -- auf Ihre Verantwortung,« rief der Sheriff -- »Sie müssen
+mir für die Dame haften, übrigens wird ihre Gefangennehmung wohl nicht
+nöthig sein, denn Leslie ist mit seinem Rappen auf Mac Fersons Fährten,
+und wir kennen Alle miteinander Leslie genug, um nicht zu wissen, daß
+der nimmer zurückkehrt, ehe er den Flüchtigen eingeholt hat. Einen
+besseren Renner giebt's in ganz Pensylvanien nicht, als sein Rappe.«
+
+Judith erbleichte, die Frauen aber ließen ihr gar keine Zeit sich zu
+besinnen, nahmen sie in ihre Mitte und führten sie im Triumphe fort. So
+eifrig sie früher die Hinrichtung Mac Fersons gewünscht hatten, so
+sehr interessirten sie sich jetzt für seine Flucht, und selbst die
+Baptistinnen konnten die Frau nicht tadeln, die ihren Mann befreit habe.
+
+Um so mehr eiferte der Baptisten_prediger_, der jetzt mit mehren
+Anderen, mit denen er Mac Fersons Spuren aufgesucht, zurückkehrte,
+dagegen. Er sah in dieser lügenhaften Eingebung eines rettenden Traumes,
+zu dem sich die beiden Eheleute verabredet hatten, eine Blasphemie
+des Göttlichen und forderte ernst und bestimmt die Auslieferung beider
+Gotteslästerer. Der eine war aber, Niemand wußte wo, und die Andere
+wurde, nun sich der Baptist so fest dagegen erklärte, von den
+Presbyterianerinnen nur um so mehr vertheidigt und in Schutz
+genommen. Bald erreichte man die Stadt wieder, und hier erboten sich
+augenblicklich drei junge Leute, Mrs. Ferson mit ihrem Kinde, das
+indessen bei einer Landsmännin geblieben war, hinzubegleiten, wohin
+sie gebracht zu sein wünsche. Das nahm Judith mit herzlichem Danke an,
+verschwieg aber natürlich den verabredeten Ort, wo sie ihren Mann wieder
+zu treffen hoffte, denn der kleine Irländer, der Mac Fersons Bande
+durchschnitten, hatte ihr ebenfalls zugeflüstert, wie dieser auf
+schnellem Roß seine Flucht bewerkstelligt, und sie verlangte nur an den
+Ohiofluß gebracht zu werden, von wo aus sie ihre Bahn selbst verfolgen
+wolle. Das geschah denn auch noch an demselben Nachmittage, und während
+der Sheriff mit den zwei Constabeln und dem Baptistenprediger berieth,
+was in diesem Falle zu thun sei, und ob man erst die Rückkunft Leslie's
+mit dem Entflohenen abwarten solle, sprengte Judith Mac Ferson, auf
+einem schlanken Zelter, das Kind im Arm, die Begleiter an ihrer Seite,
+die Fahrstraße hinunter, die dem schönen Ohioflusse zuführte.
+
+Doch jetzt wollen wir Mac Ferson folgen, der, sobald er das Pferd
+erreicht und sich hinaufgeschwungen hatte, mit kaum unterdrücktem
+Jubelschrei einen kleinen Holzpfad entlang flog, welcher ihn endlich
+zu der Hauptstraße führen mußte. Er ritt ein wackeres Thier, und hatte
+gegründete Ursache zu glauben, daß der von seinem treuen Weibe so
+glücklich erdachte Plan gelingen müßte. Einige Meilen vom Ohio noch
+entfernt, wollte er nämlich absteigen, das Pferd laufen lassen, um
+etwaige Verfolger irre zu führen, und dann seinen eigenen Weg bis zu
+einer Stelle am Ohiofluß fortsetzen, wo er früher schon einmal zwei
+Nächte mit seiner kleinen Familie gelagert hatte. Dort sollte er Judith
+erwarten, und dann konnten sie von da aus leicht eine neue Heimath im
+fernen Westen aufsuchen, wohin ihre Verfolger schwerlich vordringen
+würden, selbst wenn sie den Aufenthaltsort erfahren sollten.
+
+Fröhlich gallopirte daher Mac Ferson, von diesen Gedanken erfüllt,
+die Straße entlang, und mochte etwa sechs oder sieben englische Meilen
+zurückgelegt haben, als sein Pferd, das über einen im Wege liegenden,
+umgestürzten Baumstamm wegsetzen wollte, in einer trockenen aber noch
+zähen Schlingpflanze hängen blieb, stürzte, den Reiter weit ab gegen
+einen Baum schleuderte und dann, unfähig sich wieder zu erheben, liegen
+blieb.
+
+Wie lange diese Bewußtlosigkeit Mac Fersons gedauert haben konnte, wußte
+er selber nicht, als er aber nach ziemlich langer Zeit wieder zu sich
+kam, fühlte er, wie ihm Jemand die Schläfe mit kaltem Wasser wusch und
+erkannte, als er die Augen aufschlug, _den_ Mann, der, wie er wußte,
+sein grimmigster Feind war.
+
+Mit einem leisen Schmerzensruf sank er wieder zurück, Leslie aber,
+der wohl ahnen mochte, was den Armen erschreckt habe, bog sich zu ihm
+nieder, faßte seine Hand und sagte:
+
+»Fürchtet Nichts, Mac Ferson -- wir haben Euch Alle Unrecht gethan; der,
+den Euch Gott im Traum gezeigt, hat das Verbrechen gestanden; Ihr
+könnt frei zurückkehren, ich selbst bin Euch aber nachgeritten, um Euch
+abzubitten, daß _ich_, vor allen Anderen, Euch so feindlich gesinnt war;
+aber seht, Hills war mein Freund, und wenn auch sonst ein etwas roher
+Gesell und vielleicht in manchen Stücken tadelnswerth genug, so mußt'
+ich mich doch seiner im Tode annehmen, da er ja sonst fast Niemanden in
+Seneka hatte, der seinen Mord rächen konnte. Kommt -- steht auf -- gebt
+mir Euere Hand und laßt uns Freunde sein. Ihr habt Euch doch keinen
+Schaden gethan?«
+
+Mac Ferson wußte kaum, ob er seinen eigenen Ohren trauen sollte. War
+dies vielleicht ein Traum, der ihn befangen hielt, oder hatte er den
+früheren wirklich geträumt? Die durch den Sturz angegriffenen Sinne
+vermochten nicht gleich klar und deutlich seine jetzige Lage zu fassen,
+und er schloß wieder auf mehrere Sekunden die Augen, um sich erst ganz
+zu sammeln. Mac Ferson war übrigens nicht der Mann, einen sich ihm
+bietenden Vortheil leicht hintanzusetzen. Leslie wußte augenscheinlich
+noch nicht, daß der vermeintliche, von ihm im Traum gesehene Verbrecher
+sein eigenes Weib, und das ganze ein abgekarteter Plan gewesen war;
+dieser mußte ihn daher auch für unschuldig halten, und er beschloß nun,
+seine Maßregeln darnach zu ergreifen.
+
+Er öffnete die Augen, richtete sich mit des Amerikaners Hülfe, indem
+er sich schwächer stellte, als er wirklich war, vom Boden auf, und
+ließ sich nun mit kurzen Worten erzählen, wie sie den von ihm so genau
+bezeichneten Fremden gefunden hätten. Ehe er sich aber noch selbst über
+seine eigene Flucht entschuldigen konnte, trat Leslie, der darauf weiter
+gar nicht einging, zu Mac Fersons Pferd und fand, daß dieses das linke
+Vorderbein gebrochen hatte. Jetzt war guter Rath theuer. Der Irländer
+erklärte, er könne keine hundert Schritte weit gehen, alle seine Glieder
+seien ihm wie zerschlagen, und ein Haus war ebenfalls nicht in der
+Nachbarschaft, wo man vielleicht ein Pferd hätte borgen können; hier
+blieb also keine andere Wahl, Leslie bot dem Irländer sein Pferd zum
+Reiten an, versicherte ihm dabei nochmals, er könne unbesorgt mit ihm
+zurückkehren, er würde von Allen auf das Freundlichste empfangen werden,
+und half ihm dann selbst in den Sattel. Ob er aber dem Erschöpften doch
+noch nicht so recht trauen mochte, oder ob ihm der scheue Blick mißfiel,
+mit dem sich dieser nach der Straße umsah, als ihm Leslie den Sattel
+und Zaum seines eigenen Thieres hinaufreichte, kurz, der Amerikaner nahm
+eine lange Leine, die er in der Tasche trug, hervor, befestigte sie in
+einer Schlinge um den Hals des Pferdes und trieb dieses nun langsam den
+Weg zurück, den er eben gekommen war.
+
+Mac Ferson wußte aber, daß seine List jetzt entdeckt sein mußte --
+jeden Augenblick konnte ihnen ein neuer Bote begegnen, der den wahren
+Sachbestand verkündete und ihm dann _jede_ Aussicht auf Rettung
+abschnitt; sein Entschluß war also auch deshalb schnell und ohne
+weiteres Zögern gefaßt, und eben, als sie auf die oben beschriebene Art
+vielleicht eine Meile zurückgelegt hatten und an eine Stelle kamen, wo
+der Pfad so schmal wurde, daß Leslie nicht mehr nebenher gehen konnte,
+sondern voraus mußte, wobei er jedoch das Seil nicht losließ, zog Mac
+Ferson schnell aber vorsichtig das von dem Knaben erhaltene Messer aus
+dem Gürtel -- trennte mit raschem Schnitt die hänfene Schnur, die ihn
+bis jetzt noch immer zum Gefangenen gemacht, riß in demselben Augenblick
+den Rappen auf den Hinterfüßen herum, und ehe sich der bestürzte
+Amerikaner nur besinnen konnte, ob er seine Büchse gebrauchen sollte
+oder nicht, war der auf's Neue Befreite schon im dichten Gebüsch seinen
+Blicken entschwunden.
+
+Acht Tage später erhielt Leslie, der vergebens den Räuber seines
+Eigenthums zu Fuß verfolgt hatte und die Fährte gegen Abend, da ein
+ziemlich starker Regen fiel, nicht mehr erkennen konnte, sein Pferd
+durch einen, etwa zwanzig Meilen von Seneka wohnenden Farmer zurück, der
+ihm auch zugleich einen kleinen Brief von Mac Ferson einhändigte, worin
+ihm dieser für die geleistete Hülfe herzlich dankte, sich aber nochmals
+entschuldigte, daß er zu einem frommen Betruge seine Zuflucht habe
+nehmen müssen.
+
+»Da er jedoch,« so schloß er seine Zeilen, »bei weitem lieber in dem
+kühlen Schatten der stolzen Eichen des Westens lagere, als -- mit
+zugeschnürter Kehle an einem Chestnutast in Pensylvanien hänge -- so sei
+ihm das wohl nicht so sehr zu verdenken gewesen.« Über den Mord sagte er
+weiter Nichts. Sein wirklicher Aufenthaltsort wurde nie näher bekannt,
+doch hieß es allgemein und vielleicht nicht unrichtig -- Mac Ferson ist
+nach _Texas_.
+
+
+
+
+Eine Pantherjagd.
+
+
+Heulend und bellend liefen und sprangen drei kräftige, schlankgebaute
+Hunde vom Geschlecht der Bracken, die Nasen im eifrigen Suchen dicht am
+Boden haltend, durch den dicht verwachsenen Wald, oft die Spur in
+den dürren Blättern verlassend und auf umgestürzten Bäumen und alten,
+halbverfaulten Stämmen schnoppernd, auf denen sie hinliefen und von da
+wieder kläffend ihre Verfolgung erneuerten; ein sicheres Zeichen, daß
+ihre Jagd einem wilden Thier, sei es nun Bär oder Panther, und nicht
+dem schnellfüßigen Hirsch galt, der sie wohl, wenn er ihre Bahn
+durchschnitt, auf kurze Zeit von ihrer Fährte ablocken, nie aber ganz
+der einmal aufgenommenen Spur untreu machen konnte.
+
+Jetzt hatten sie einen Platz erreicht, auf dem ihr Feind offenbar eine
+Zeitlang verweilt, und seine Fährten gekreuzt haben mußte, denn heulend
+standen sie oft einen Augenblick still und durchsuchten dann, mit
+wildem Winseln hin und herspringend, desto eifriger den, von dicht
+herabhängenden Schlingpflanzen fast wie mit einer lebendigen Mauer
+umgebenen Raum, immer wieder zum Mittelpunkt zurückkehrend, um ihr
+Heulen und Wehklagen dort wie früher zu beginnen.
+
+Plötzlich theilten sich die Büsche, und ein junger Mann auf einem
+kleinen, schwarzen, indianischen Pony setzte, mit seinem breiten
+Jagdmesser, das er bloß in der Hand trug, ein paar Schlingpflanzen in
+kräftigem Zuge durchhauend, die ihn vom Pferde zu reißen drohten, gerade
+zwischen die Hunde hinein, die bei seinem plötzlichen Erscheinen ihn
+für einen Augenblick freundlich wedelnd umgaben, und dann wieder, mit
+erneutem, durch die Nähe ihres Herrn belebten Eifer in ihrem Suchen
+fortfuhren.
+
+»So recht, meine braven Thiere,« rief der junge Jäger, indem er sein
+Pferd anhielt, das Messer in die Scheide zurücksteckte und die
+lange Büchse, die er auf der linken Schulter trug, vor sich auf den
+Sattelknopf legte, »so recht, -- sucht, sucht -- ihr seid einmal auf der
+Fährte, und ich denke doch, daß wir dießmal den Ferkeldieb erwischen,
+der mir schon so oft entgangen ist!«
+
+»Huhpih!« rief er, sich hoch im Sattel aufrichtend und seinen Jagdruf
+ausstoßend, als er sah, daß der älteste der Hunde plötzlich die wieder
+gefundene Fährte aufnahm und von den andern gefolgt, augenblicklich im
+Dickicht verschwand.
+
+»Huhpih!« und die Büchse zurück auf die Schulter werfend, ergriff er
+jetzt mit der rechten den Zügel, rannte dem hochaufbäumenden Pony die
+Hacken in die Seite, und flog in wilden Sprüngen seinen dahineilenden
+Hunden nach.
+
+Im Wege liegende Stämme, dicht verwachsenes Gebüsch, Sumpflöcher und
+schlammige Canäle, Nichts konnte ihrem Eifer Schranken setzen, vorwärts
+ging's, und schnaubend und schäumend folgte der Rappe mit seinem in
+freudiger Lust hochaufjauchzenden Herrn.
+
+Da hielten die Hunde aufs Neue; dießmal hemmte aber nicht Ungewißheit
+über die Richtung des Weges, den der verfolgte Feind eingeschlagen haben
+konnte, die Wüthenden, nein, bellend und heulend sprangen sie an einer
+starken Eiche in die Höhe, und bissen vor Grimm in die Wurzeln und die
+rauhe Rinde des mächtigen Baumes, daß er ihrem Feinde Schutz verlieh,
+und ihn seinen Verfolgern vorenthielt.
+
+Jetzt erschien auch der Jäger auf dem Wahlplatz, und sprang, ohne nur
+das Anhalten seines feurigen Thieres abzuwarten, mit einem Satz aus dem
+Sattel, das seiner Last enthobene Thier sich selbst überlassend; mit
+spähendem Blick aber untersuchte er den dichtbelaubten Baum, an dem die
+Hunde jetzt wieder jauchzend emporsprangen, und erkannte bald, zwischen
+ein paar Ästen eingeschmiegt, die Gestalt eines lebendigen Wesens, das
+dort sich, fest an einen der Äste angedrückt, versteckt und unbemerkt
+glauben mochte.
+
+Zwar war es im Schatten des dichten Laubes ziemlich dunkel, und ein
+weniger geübtes Auge als das unseres jungen Waldbewohners möchte wohl
+lange über den Namen und die Art des Thieres, das sich so angelegentlich
+den Blicken der Untenstehenden zu entziehen suchte, in Ungewißheit
+geblieben sein; _Wistons_ scharfer Blick erkannte aber bald in der
+zusammengepreßten Gestalt das Junge eines Panthers, das der lange
+Schweif, den es nicht ganz verbergen konnte, leicht verrieth.
+
+Schon hob er die Büchse, um das sich sicher Glaubende aus seiner Höhe
+herabzuholen, und athem- und lautlos schauten die Hunde ängstlich
+und erwartend bald nach dem Lauf der Büchse, aus dem sie mit jedem
+Augenblick den Feuerstrahl herausblitzen zu sehen hofften, bald nach dem
+Gipfel der Eiche, in deren Laub sie ihren Feind wußten.
+
+Doch vergebens war dießmal ihr leises, flehendes Winseln, mit dem sie
+den Schuß ihres Herrn zu beeilen glaubten; dieser schien sich plötzlich
+anders besonnen zu haben, setzte die Büchse ab, und begann auf's
+Neue den Baum, fast mit noch größerer Aufmerksamkeit als vorher, zu
+untersuchen.
+
+Nach langem, bedächtigen Ausblicken schien er sich endlich von dem, was
+er wissen wollte, überzeugt zu haben, stellte seine Büchse gegen einen
+umgestürzten Stamm, der nicht weit vom Baume lag, schnallte seinen
+Gürtel ab, in welchem Messer und Tomahawk staken, zog sein Jagdhemd
+aus und kehrte dann mit dem Gürtel, den er in der Hand hielt, zur Eiche
+zurück, welche die Hunde, die zwar aufmerksam allen Bewegungen ihres
+Herrn gefolgt waren, dennoch nicht aus den Augen ließen.
+
+»Ich versuchs,« murmelte er endlich vor sich hin, »ich versuch's und
+fang ihn lebendig; bringe ich den jungen Panther nach Little Rock, so
+bekomme ich dort mit Leichtigkeit meine 10-15 Dollars für ihn, schieß
+ich ihn dagegen, so ist das Fell keinen Bit werth. Die Alte muß überdieß
+geflohen sein, denn ich kann sie nirgends im Baume sehen, und für
+10 Dollars läßt man sich schon einmal von solch einem jungen Teufel
+kratzen; also Pantherchen, paß auf, ich komme!«
+
+Mit diesen Worten ging er zu seinem Pferde, das ruhig graste, schlang
+einen Strick, der um dessen Hals gewunden war, von demselben ab,
+schnallte seinen eigenen Gürtel wieder um, in den er das Messer steckte,
+den Tomahawk aber zurückließ, und begann den starken Baum, den er nicht
+umklammern konnte, zu ersteigen, indem er das Seil, dreifach genommen,
+um den Stamm warf, die beiden Enden desselben, und zwar so kurz, als er
+sie fassen konnte, ergriff, und dann mit deren Hülfe, indem er bald mit
+dem rechten, bald wieder mit dem linken Arme sich bedächtig am Baume in
+die Höhe zog, denselben erstieg.
+
+Die Hunde verstanden augenblicklich, was er beabsichtige und umsprangen
+winselnd und jauchzend die Wurzeln der Eiche.
+
+Langsam zwar, aber sicher klomm er an dem geraden, schlanken Stamm, wohl
+40 Fuß empor, ehe er an die ersten Äste kam und dort einen Augenblick
+Athem schöpfen und sich ausruhen konnte; hier fühlte er auch nach seinem
+Messer, ob das noch fest stak, blickte zum jungen Panther, der noch
+bewegungslos an demselben Ast wie früher angeschmiegt lag, empor,
+schlang sich jetzt das Seil, dessen er nun, da er die Äste zum Anhalten
+hatte, nicht mehr bedurfte, um die Schultern, und stieg, gewandt die
+Zweige als Sprossen seiner natürlichen Leiter benutzend, schnell und
+leicht zu dem jungen Panther hinauf, der zwar, ohne sich zu regen,
+liegen blieb, aber dennoch die glühenden Blicke fest auf den nahenden
+Feind geheftet hielt.
+
+Aber noch andere und wildere Blicke beobachteten und bewachten das
+Fortschreiten des Jägers, der von solch grimmiger, gefährlicher Nähe
+keine Ahnung hatte, und zwar Niemand anders als die Mutter des Jungen,
+die auf einem dicht danebenstehenden verdorrten Baume, dessen Zweige in
+die des andern hineinragten, auf einen Ast niedergeduckt, zum Sprunge
+fertig da lag und mit dem Schwanze leise wedelnd nur die noch weitere
+Annäherung des Jägers zu erwarten schien, um mit gewaltigem Satze sich
+auf den Kühnen, der ihre Brut greifen wollte, zu werfen, und ihn mit
+Zahn und Tatze zu vernichten.
+
+Sorglos schwang sich _Wiston_ von Ast zu Ast, und war schon dicht unter
+dem Jungen, das sich jetzt leise erhob und nach Art der Katzen den
+Rücken biegend auf dem Aste stand und nach dem Jäger herunterschaute,
+die Gefahr, welche dessen Nähe mit sich brachte, noch nicht so recht
+begreifend; da hielt der Jäger, wand das Seil von seinen Schultern,
+machte schnell eine Schlinge daraus, um sie über den Kopf des Jungen zu
+werfen, und schaute, sich auf zwei anderen Ästen feststellend, eben
+zu diesem empor, um den rechten Zeitpunct abzuwarten, als er, gerade
+gegenüber, kaum zehn Schritte von sich entfernt, in die glühenden
+Augen der Pantherin blickte, die sich eben zum entscheidenden Sprunge
+niederbog.
+
+Von Kindheit auf im Walde erzogen und mit den Gefahren, die den
+einsamen Jäger so oft bedrohen, bekannt und vertraut, behielt er in
+dem fürchterlichen Augenblick Besinnung genug, schnell und ehe der ihm
+gegenüber liegende Feind seine Absicht errathen konnte, den Stamm der
+Eiche, auf dem er stand, zwischen sich und die Bestie zu bringen, was
+ihm durch eine rasche Bewegung gelang; es war aber die höchste Zeit
+gewesen, denn in demselben Momente schnellte auch die dunkle Gestalt des
+Panthers auf den Platz, den er eben verlassen hatte, herüber, und seine
+glühenden Augen schauten in die des unerschrockenen Jägers, der den
+linken Arm um einen Zweig gewunden, in der Rechten das blanke Messer,
+mit jedem Athemzuge erwartete, das gereizte Thier auf sich herabspringen
+zu sehen.
+
+Die Pantherin jedoch, durch das Auge, das Jener fest auf sie geheftet
+hielt, eingeschüchtert, begnügte sich damit ihr Junges beschützt
+zu wissen, und jede Bewegung ihres Feindes auf das Aufmerksamste zu
+beobachten, während sie, kaum sechs Fuß von ihm entfernt, mit dem
+Schweife wedelnd da lag.
+
+Zuerst glaubte sich _Wiston_ verloren, denn wenn auch sein Messer eine
+gute und starke Waffe selbst gegen den grimmigsten Feind sein konnte, so
+war doch schon der Platz allein, wo er stand, und wo ihn der geringste
+Fehltritt zerschmettert in die Tiefe gesandt haben würde, nicht zu einem
+Kampf mit solchem Feinde geeignet; kaum fand er daher, daß sein Gegner
+sich damit begnügte, ihn zu bewachen, als er schnell, aber vorsichtig
+und ohne irgend eine rasche Bewegung zu machen, die das Ungethüm hätte
+reizen können, das Messer in die Scheide schob und langsam seinen
+Rückzug antrat.
+
+Der Panther, als er sah, daß Jener sich mehr und mehr von ihm entfernte,
+folgte ihm langsam, und mehreremal zuckte _Wiston's_ Hand nach dem
+Stahl, wenn sich die schlanke Gestalt der Katze zum Sprung niederbog,
+immer aber konnte sich diese nicht zu einem offenen Angriff, Aug' in
+Aug, entschließen.
+
+So erreichte er den untersten Ast wieder, schlang das Seil um den Stamm,
+erfaßte beide Ende desselben, und glitt bedächtig, aber doch so schnell
+als möglich hinab. Die Hunde hatten aber indessen ihren Feind in den
+Ästen bemerkt, wie er ihrem Herrn folgte, und in toller Wuth, fast zur
+Verzweiflung getrieben, daß sie ihn nicht erreichen konnten, sprangen
+sie empor und bellten und heulten auf eine herzbrechende Art.
+
+Endlich gewann _Wiston_ wieder den festen sicheren Boden; seine Kleider
+waren zerrissen, das Blut tropfte von seinen Armen, denn die rauhe Rinde
+des Stammes hatte sie zerschnitten, seine Kräfte waren erschöpft und
+seine Kniee zitterten; aber nicht einen Augenblick vergönnte er sich
+zum Ausruhen, sondern sprang zu dem Ort, wo seine Büchse lehnte, ergriff
+diese und hob sie, um den Panther aus seiner sicher geträumten Höhe
+herabzuholen; aber vergebens bemühte er sich das schwere Rohr auch
+nur eine Secunde lang still und unbeweglich zu halten, seine Glieder
+zitterten, und er war genöthigt sich niederzuwerfen, um auszuruhen. Aber
+kein Auge wandte er von der, jetzt dicht an den Stamm angeschmiegten
+Gestalt der Bestie, neben der das Junge, keine Gefahr weiter fürchtend,
+mit emporgehobenem Schweife, auf einem etwas vortretenden Aste stand,
+und sich behaglich an der Mutter strich.
+
+_Wiston_ erholte sich bald, faßte noch einmal seine Büchse, zielte lange
+und sicher, und donnernd schallte das Echo von fernen Hügeln herüber.
+
+Die Bestie, vom tödtlichen Blei durchbohrt, zuckte zusammen, sprang
+empor und kletterte in wilder Eile von Zweig zu Zweig in den Gipfel
+des Baumes; die dünnen Äste schwankten unter ihr; jetzt hatte sie
+den höchsten Punct erreicht -- höher hinauf wollte sie; das schwache
+Laubwerk gab nach -- sie stürzte, faßte noch mit den gewaltigen Tatzen
+im Herunterfallen nach den Blättern und Ranken und schmetterte, von den
+Hunden heulend erwartet, verendet zu den Füßen _Wiston's_ nieder.
+
+Zwar stand diesem jetzt kein weiteres Hinderniß entgegen, das Junge
+lebendig zu fangen, das ängstlich bis zu den niedrigsten Ästen des
+Baumes der Mutter gefolgt war, doch hatte er das erste Mal seine Kräfte
+zu sehr angestrengt, und vermochte nicht auf's Neue den beschwerlichen
+Weg anzutreten; er lud daher seine Büchse wieder und brachte es mit
+sicherem Schusse in den Bereich der Hunde, die mit grimmiger Wuth über
+dasselbe herfielen.
+
+In wenigen Minuten waren die Felle abgestreift und auf den Pony
+geworfen, und von den Hunden gefolgt, trabte der kühne Jäger neuer Beute
+und neuen Gefahren entgegen.
+
+
+
+
+Wandernde Krämer.
+
+
+In den Vereinigten Staaten, wo die Farmer und Pflanzer nicht, wie in
+Europa, in Dörfern und Marktflecken zusammen, sondern vereinzelt auf
+ihrem eigenen Lande und von diesem umgeben wohnen, ist natürlich der
+Handel und Verkehr zwischen den verschiedenen, isolirt liegenden und
+oft meilenweit von einander getrennten Besitzungen, wenn auch nicht
+gehindert, doch sehr erschwert, und feststehende Kaufläden könnten nur
+denen zum Nutzen und zur Bequemlichkeit gereichen, deren Ansiedelung
+sich gerade in ihrer Nähe befänden.
+
+Da nun aber der Farmer nicht gern sein Land verläßt, an das ihn
+dringende Arbeiten fesseln, um irgend einen kleinen unbedeutenden
+Gegenstand, den er vielleicht auch entbehren kann, einzukaufen, und
+sich lieber einmal eine Zeitlang ohne solche Gegenstände behilft, die er
+sich, wenn er sie eben bei der Hand hätte, wirklich anschaffen würde, so
+fanden es die Handelsleute bald für nöthig, anstatt auf seinen Besuch zu
+warten, ihn selbst aufzusuchen, und durchzogen nun entweder in eigener
+Person mit ihren Waarenpäcken das Land oder schickten ihre Leute aus,
+während sie dem Laden zu Hause vorstanden.
+
+Vorzüglich fanden die Deutschen an dieser Beschäftigung Geschmack,
+besonders unter diesen die Israeliten, (denn von all den wandernden
+_deutschen_ Krämern in ganz Amerika sind kaum ein Hundertstel
+Christen) und von New-York und New-Orleans, später von Cincinnati aus
+durchstreiften sie mit unermüdlicher Ausdauer jeden Winkel der Union.
+
+Der Handel ist das Lebensprincip der Israeliten, davon liefert Amerika
+den unläugbaren Beweis; dort wird ihnen keine Schranke gesteckt, in der
+sie sich bewegen müssen; dort sind sie durch Vorurtheile oder Gesetze an
+keine Beschäftigung, an kein Gewerbe gebunden, sie stehen mit der ganzen
+übrigen Bevölkerung auf Einer Stufe; was sie aber auch im Vaterlande
+getrieben haben mögen, welches Handwerk, welche Kunst, es bleibt sich
+gleich, in Amerika, wo sie wählen dürfen, greifen sie nach dem Handel
+und werden mit sehr wenigen Ausnahmen Kaufleute, oder geht das nicht,
+Krämer und Hausirer, wie man sie dort nennt, »Pedlars.« Zwar ist ein
+kleiner Theil dieser Pedlar, wie schon gesagt, Christen; doch dieser
+sind so wenige und sie verlieren sich so sehr unter der Masse, daß sie
+kaum einer Erwähnung verdienen, und nur die wirklichen Yankees (die
+Bewohner der nordöstlichen Staaten der Union) concurriren bedeutend mit
+ihnen, und nehmen auch wirklich in diesem Geschäftszweig, selbst den
+Juden gegenüber, den ersten Rang ein. Wir aber haben es hier erst
+vor allen Dingen mit den Deutschen zu thun. -- In einem der Seehäfen
+angekommen besteht die Baarschaft der wandernden Krämer, wenigstens die
+der ärmern Classe, gewöhnlich noch aus wenigen Dollars, mit denen sie
+denn auch nicht säumen, ohne weiteren Zeitverlust ein »Geschäft zu
+beginnen.« Ein schmaler Korb (zum Umhängen) wird vor allen Dingen
+angeschafft, dahinein ein kleiner Vorrath von etwas Band und Zwirn,
+einige Kämme und Zahnbürsten, Hosenträger und Zahnstocher, wunderbar
+schimmernde Hemdknöpfchen und Näh- und Stecknadeln und andere derartige
+Sachen gekauft, und der Weg zu ihrem Glück ist gebahnt.
+
+Noch versteht der angehende Kaufmann keine Sylbe von der Sprache des
+Landes, das er jetzt zu seiner Heimath gemacht hat, =yes= und =no= und
+noch ein paar kleine Hülfswörter, wie =very cheap= (sehr billig)
+und =very good= (sehr gut) ausgenommen, mit einer liebenswürdigen
+Dreistigkeit aber sucht er vorzüglich die amerikanischen Häuser auf
+(denn die Deutschen selbst sind schlechte Kunden), und knüpft hier
+mit der Hülfe von solch barbarischen Wörtern und lebensgefährlichen
+Gesticulationen ein Gespräch an, daß die Leute, wenn sie nicht den ohne
+alles weitere Eintretenden beim ersten Anlauf aus der Thüre werfen, sehr
+häufig geneigt sind eine Kleinigkeit zu kaufen, die sie natürlich im
+Leben nicht benutzen können, blos um das Mienen- und Gebärdenspiel wie
+die außerordentliche Unterhaltung des »jungen Amerikaners« eine kurze
+Zeit zu genießen.
+
+Das dauert aber nur wenige Monate; in fast unglaublich kurzer Zeit
+lernt der Pedlar die Landessprache wenigstens so weit, daß er sich
+verständlich ausdrücken kann, und nun beginnt das eigentliche Leben
+desselben.
+
+Wie der Schmetterling aus der Puppe, so kriecht er mit seinem mächtigen
+Packen und einem tüchtigen Wanderstab versehen aus den Straßen der engen
+Stadt hervor und flattert, wenn man überhaupt mit einem Waarenballen von
+einigen 60 Pfund auf den Schultern flattern kann, hinaus ins Weite, den
+fernwohnenden Farmern das an Herrlichkeiten zuzutragen, was er entweder
+auf Auctionen mit baarem Gelde eingekauft, oder von bekannten Kaufleuten
+auf Credit erhalten hat.
+
+In dem Staat, in welchem er Handel treibt, muß er freilich eine
+bestimmte Taxe, sogenannte Licence entrichten, weiter ist er aber auch
+in nichts gebunden, und kann an Waaren ausbieten, was ihm nur immer
+und wo es ihm beliebt; deshalb haben sie sich auch über die ganzen
+östlichen, südlichen und mittlern Staaten ausgebreitet, und nur die ganz
+westlich liegenden größtentheils den Amerikanern überlassen, da dort die
+Gegend noch zu unbebaut ist und ihnen der Anblick von wilden Thieren,
+die, wenn auch einzeln, doch dann und wann umherstreifen, keineswegs zu
+behagen scheint.
+
+Natürlich wählt sich der Pedlar stets _den_ Strich Landes, auf welchem
+die meisten Ansiedlungen liegen und der noch am wenigsten von seinen
+Collegen heimgesucht ist; dort geht er dann von Farm zu Farm und fragt,
+ob die Inwohnenden etwas von Waaren nöthig haben. Gewöhnlich lautet
+die Antwort »nein.« Da aber der Mann selten zu Hause ist und die Frauen
+stets gerne sehen möchten, was der Krämer denn eigentlich in dem großen,
+schweren Packen für Kostbarkeiten verborgen trägt, so erhält dieser
+leicht die Erlaubniß seinen Ballen zu öffnen und seine Waaren
+auszubreiten. Erhält er die übrigens auch nicht, so bleibt sich das im
+Grunde gleich, denn öffnen thut er ihn doch, und seine Sachen zeigt
+er auch vor, ehe er geht, Stück für Stück, ob er nun freundliche oder
+mürrische Zuschauer um sich sieht.
+
+Das Ausbreiten der Waaren in einsamer, den Städten fernliegender Hütte,
+hat aber seinen doppelten Nutzen; erstlich sehen die Bewohner derselben
+so viele Sachen, welche sie gut gebrauchen können, ja deren sie wohl gar
+nothwendig bedürfen, vor sich und werden dadurch an manche Kleinigkeit
+erinnert, die sie sonst vergessen hätten; und dann gewinnt auch
+die Waare selbst, in der unscheinbaren niedern Hütte, auf dem rohen
+Holztisch, in der ganzen hausbackenen Umgebung zur Schau gestellt, ein
+ganz anderes Ansehen. Wie verführerisch glänzen die schildpattähnlich
+gemalten Hornkämme von dem schlauen Krämer gegen den dunkeln Scheitel
+des neben ihm stehenden erröthenden Mägdeleins gehalten; wie feenhaft
+zauberisch glitzern die mächtig großen Vorstecknadeln und Ohrgehänge
+auf den sauber gebürsteten, schwarzen sammtmanchesternen Kissen und die
+goldenen Ringe mit den Brillanten und Rubinen auf der schwarzen Rolle
+aufgereiht wie Bretzeln am Fenster eines Bäckerladens; welche kaum
+geahnte Pracht eröffnet sich nicht in den jetzt aufgeschlagenen Stücken
+Kattun, dessen wunderliche Muster, mit den blitzähnlichen Zickzacks und
+unzähligen Monden und Sternen selbst der ältern Farmersfrau ein
+lautes »Ach« der Bewunderung entlocken; und dann erst gar die seidenen
+Halstücher und Bänder, die Perlmutterknöpfe und Haarnadeln mit den
+kleinen farbigen Glaskugeln oben drauf, die Haarschleifen und Armbänder,
+die Ketten und feuerstrahlenden Ohrringe, das alles muß in einem solchen
+Blockhaus, mitten im Walde gesehen werden, um ganz den, wenigstens für
+den Verkäufer wünschenswerthen und günstigen Eindruck hervorzubringen.
+
+Der Pedlar läßt seine Waaren gewöhnlich nur für baar Geld aus den
+Händen; kennt er aber seine Leute oder sieht er an der ganzen Umgebung,
+daß er gerade nicht viel zu fürchten hat, so creditirt er wenigstens
+einen Theil derselben, was ihm zu gleicher Zeit Entschuldigung für einen
+zweiten Besuch gewährt. Ein anderes ist es mit den »Jewelry pedlars«
+oder denen, die nur goldene Schmuckwaaren, einige Taschenuhren und
+_silberne_ Löffel führen. Diese geben _nie_ Credit, weil sie aus sehr
+vernünftigen Gründen nie ein und denselben Ort zweimal besuchen: sie
+trauen dem Frieden nicht recht und sind selten geneigt, dem Mann wieder
+unter die Augen zu treten, dem sie früher von ihren Waaren verkauft
+haben.
+
+Der größte Betrug wird in dieser Hinsicht mit den Argentan-Löffeln
+getrieben, die in den Städten unter dem Namen =german silver=
+oder deutsches Silber bekannt sind und wo, besonders in Ohio, den
+leichtgläubigen Farmern unter dem Vorwande, daß _deutsches_ Silber nur
+eine andere Art, aber sonst eben so gut sei, das Dutzend Eßlöffel zu
+18 und 20 Dollars verkauft wurde. Hätten die Gesetze in diesen Fällen
+wirklich einschreiten wollen, so würden sie nichts haben ausrichten
+können, denn die Waare war unter dem rechten Namen, »deutsches Silber,«
+wenn auch zu einem übermäßigen Preise, verkauft, die Landleute selbst
+aber, welche mit der Zeit, obgleich erst durch Schaden, klug wurden,
+schwuren nachher freilich dem Pedlar, sobald er sich wieder blicken
+lassen würde, furchtbare Strafe zu. Dieser jedoch trieb dann schon
+in einem anderen Staat, entweder weiter westlich oder südlich, -- wer
+konnte sagen wohin er gezogen, -- sein Wesen, und nur wenige Jahre
+bedurfte es, so hatte sich der arme Packträger ein Pferd oder gar einen
+kleinen Wagen angeschafft, auf dem er jetzt seine Waaren, in bedeutend
+größerer und besserer Auswahl, durch das Land fuhr.
+
+Louisiana besonders wimmelt von diesen Leuten und es kommt dort vor,
+daß mehrere derselben zusammenlegen und sich ein Pferd gemeinschaftlich
+kaufen, um ihre Waarenballen fortzuschaffen; das arme Thier ist aber
+dann wahrlich zu bedauern, denn erstens muß es die sicherlich übermäßige
+Last, und gewöhnlich auch noch abwechselnd einen der hoffnungsvollen
+Jünger Mercurs schleppen, und nicht selten geschieht es dann, daß solch
+ein gequältes Geschöpf zusammenbricht und nicht weiter kann.
+
+In Louisiana besteht der Hauptnutzen des Pedlars in dem Verkehr mit den
+Negern und besonders den Negerinnen, welche, da sie die Plantagen nicht
+verlassen dürfen, für alles das, was sie gebrauchen, einzig und allein
+auf diese wandernden Krämer angewiesen sind. Den jungen Mulattinnen und
+Mestizen fehlt es dabei nicht an Geld, besonders wenn sie schön
+sind, und sie wissen den Minnesold natürlich auf keine andere Art zu
+verwenden, als daß sie Putz und Kleider dafür einkaufen, die ihnen
+von den geschäftigen Deutschen in reicher Auswahl zugeführt werden.
+Grellrothe Tücher, Glasperlen, auffallend bunte Kattune und alle Arten
+von Schmuck finden hier einen ausgezeichneten Markt, und der Nutzen an
+diesen Gegenständen, die spottbillig auf den Auctionen in New-Orleans
+eingekauft werden, ist bedeutend. Am meisten verdienen diese Leute aber
+mit dem verbotenen Handel, wie das fast stets der Fall ist.
+
+Den Negern dürfen sie nämlich keinen Whiskey verkaufen, wie überhaupt
+kein Kaufmann in den Sklavenstaaten; und die Strafen, welche für
+Übertretung dieses Gesetzes bestimmt sind, werden sehr streng
+beobachtet; der Krämer weiß aber der Gefahr entdeckt zu werden, sehr gut
+zu entgehen; Verrath ist von den Negern selbst nicht zu befürchten und
+eine mittlere, doppelte Wand im Wagen birgt den geheimen Schatz, aus dem
+sie heimlich die Flaschen der durstigen Sklaven füllen.
+
+Viel bedeutendere Geschäfte machen übrigens in diesem Artikel die großen
+Flat- und Kielboote, welche für den heimlich ausgeschenkten Whiskey,
+wenn sie einmal eine kurze Zeit am Ufer anlegen, Landesproducte
+annehmen, als Hühner, Ferkel, Truthühner, Mais und was die Sklaven
+sonst selber ziehen oder in der Geschwindigkeit stehlen können, welche
+Gegenstände der wandernde Krämer freilich nicht im Handel annehmen kann,
+da er keinen Ort hat, an dem es möglich wäre, diese Sachen zu verbergen,
+auch bliebe ihm, im Fall es entdeckt würde, kein Weg zur Flucht
+offen, während die Bootsleute weiter nichts zu thun haben, als ihr Tau
+loszubinden, wo sie in wenigen Stunden mit dem Strome hinabtreibend
+unter der Masse ähnlicher Fahrzeuge verschwinden und vielleicht zehn
+Meilen weit unten denselben Handel auf's neue beginnen.
+
+Wunderbar ist es übrigens in der That, wie diese Pedlars, besonders in
+einigen Staaten noch, ihren Lebensunterhalt verdienen können, denn
+z. B. Louisiana, Ohio, Pennsylvanien und selbst Kentucky sind mit ihnen
+ordentlich überschwemmt; die Amerikaner kennen sie aber schon, wissen,
+daß es wirklich positive Unmöglichkeit ist, einen derselben loszuwerden,
+ohne ihm eine Kleinigkeit abzukaufen und fügen sich dann auch meistens
+mit vieler Ruhe in das doch einmal unvermeidliche Schicksal.
+
+Hat sich der Pedlar nun endlich nach langen, mühsam und auf der
+Landstraße durchlebten Jahren etwas erspart, so giebt er das wandernde
+Leben auf und wird »Storekeeper,« d. h. er miethet sich irgendwo an der
+Dampfboot-Landung eines kleinen Städtchens oder einer Stadt, und ist das
+nicht möglich, im Innern des Ortes selbst einen Laden, und beginnt ein
+Geschäft mit fertigen Kleidungsstücken, inclusive Hüten, Mützen, Schuhen
+und Stiefeln, Messern, Pistolen, goldenen Ringen und Vorstecknadeln.
+Die sämmtlichen Kleiderläden der Vereinigten Staaten (es bestehen deren
+Tausende) gehören auf diese Art, mit nur sehr wenig Ausnahmen, deutschen
+Israeliten, von denen viele in kurzen Jahren ein recht anständiges
+Vermögen zusammengescharrt haben, und sämmtliche Städte eben dieser
+Staaten, die an einem Fluß oder sonstigen Wassercours liegen, sind
+auf diese Art im wahren Sinne des Wortes mit wehenden und flatternden
+Kleidungsstücken garnirt, zwischen denen unter jeder Thür ein mit vieler
+Aufmerksamkeit frisirter, sehr elegant gekleideter, und die rothen
+Finger mit Ringen, die scheinende Weste mit Ketten und Vorstecknadeln
+überladener junger Mann steht und die Vorübergehenden fortwährend
+mit lauter Stimme einladet, sein »wohlassortirtes Lager« etc. etc.
+in Augenschein zu nehmen; ja oft _sogar_ mit wahrer Todesverachtung
+besonders ärmlich Gekleidete gewaltsam in das Heiligthum seines
+Verkaufslocals hineinzerrt, wo er im düstern Schatten einer Unzahl
+flatternder Beinkleider das unglückliche Opfer förmlich zu irgend einem
+Handel zwingt.
+
+Diese Kaufleute übrigens, die einst wandernde Krämer gewesen, geben
+ihren ärmern, noch umherstreifenden Collegen selten oder nie Credit; sie
+mögen wohl wissen, wie sie es selbst in früheren Zeiten getrieben,
+und wie oft ein solcher nomadischer Händler, wenn er eine Zeitlang
+Kleinigkeiten im Vertrauen auf seine Redlichkeit erhalten und verkauft,
+auch stets richtig bezahlt hat, mit dem ersten größeren Waarenballen
+spurlos verschwindet, und erst wieder in einem andern Staat, wo möglich
+5 bis 600 Meilen von dem ersten entfernt, auftaucht. Ihn durch die
+Gesetze zu verfolgen, ist kaum möglich, der angeführte Kaufmann erfährt
+vielleicht auch den neuen Aufenthaltsort seines Schuldners erst nach
+geraumer Zeit, wenn die Schuld selbst schon lange verjährt ist.
+
+Ich war übrigens selbst einst Zeuge, wie mehrere Kleiderhändler in
+New-Orleans eine wenn auch komische Art Lynchgesetz in Anwendung
+brachten, um einen Pedlar zu bestrafen, der fünfe von ihnen, die sich
+später alle zufällig in New-Orleans zusammengefunden und festgesetzt
+hatten, in verschiedenen Städten der vereinigten Staaten um eine nicht
+unbeträchtliche Summe in Waaren betrogen. Die Schuld war verjährt und
+in einer Versammlung vor die er berufen, wurde ihm als Strafe von jeder
+Hand (es hatten sich etwa 18 eingefunden, und ich war eigentlich nur ein
+zufälliger Zeuge) zwanzig Stockschläge zuerkannt, denen er sich auch im
+Gefühle seiner Schuld, geduldig unterwarf. Als aber der vierte, an dem
+er vorzüglich gesündigt, seinen größern Verlust auch durch stärkere
+Schläge, als sie der Delinquent wohl erwartet, wieder einzubringen
+gedachte, lehnte sich dieser höchst unvorhergesehenermaßen gegen die
+Gewalt auf, und faßte den Strafenden mit so schlauem Griff, daß dieser
+erschreckt aufschrie, den Stock fallen ließ und froh war, dem kräftigen
+Schuldner wieder entrissen zu werden. Das schreckte die andern ab,
+und der Pedlar ward in Gnaden, aber mit entsetzlichen Schimpfworten
+entlassen.
+
+Zwei Arten von Waaren giebt es übrigens, mit denen sich die Deutschen
+nie oder wenigstens sehr selten befassen: es ist dies der Verkauf von
+Wand- oder Standuhren und Medicinen. Zum ersten Geschäft sind sie nicht
+gewandt, zum zweiten nicht unverschämt genug. Diesen Handel haben also
+die Amerikaner fast allein an sich gerissen, vorzüglich die Yankees,
+d. h. die Bewohner der nordöstlichen Staaten, als Maine, New-Hampshire,
+Connecticut, Vermont, Massachusetts und Rhode-Island, deren »Clock
+pedlar« oder Uhrenkrämer in der ganzen Welt berühmt sind.
+
+Sam Slick hat einen tiefen Blick in ihre Verhältnisse thun lassen und
+ich will sie, da sie doch einmal in diese Rubrik gehören, nur kurz
+erwähnen.
+
+Mit einem kleinen Wägelchen, vor das ein ziemlich gut aussehendes, sonst
+aber gewöhnlich höchst nichtsnutziges Pferd gespannt ist, zieht der
+Uhrenhändler oder Clockpedlar in die weite Welt, und zwar am liebsten
+in die westlichen und süd-westlichen Staaten hinein; sein Zweck und Ziel
+ist Uhren zu verkaufen und er verkauft sie auch, mag er nun willige oder
+zähe Käufer finden. Leute, die früher nie auch nur an die Möglichkeit
+gedacht haben, je eine Summe, die für sie ein Capital ist, an die
+Anschaffung eines so leicht entbehrlichen Gegenstandes zu wenden, finden
+sich plötzlich als Eigenthümer eines solchen Werkes, von dem es ihnen
+fast wie Zauberei und schwarze Kunst erscheint, wie sie eigentlich und
+so ganz gegen ihren positiv ausgesprochenen Willen zum Besitz
+desselben gelangt sind. Da steht es aber jetzt, oben auf einem
+groben, unbehobelten Bret zwischen dort aufgehangenen Hirsch-
+und Waschbärenfällen so ruhig und gemüthlich mit seinem stillen,
+selbstzufriedenen Ticktack, als sei es etwa 1500 Meilen von dort ganz
+besonders zu dem Zweck angefertigt worden, in möglichst kurzer Zeit
+hierher geschafft zu werden, und durch die Augen einer holdselig
+lächelnden Dame in wunderbar schimmerndem, feuerfarbenem Kleid, die, auf
+der Klappe der Uhr befindlich, in der einen Hand eine außergewöhnlich
+große Rose, in der andern einen chinesischen Fächer hält, dem wirklich
+verblüfften Farmer seine volle Zufriedenheit mit dessen trefflicher Wahl
+zu erkennen zu geben.
+
+Der Yankee, eine stets sehr lange und sehr sorgfältig bis hoch hinauf
+an die Schläfe rasirte Gestalt mit glatt gestrichenen Haaren und
+grauen, lebhaften Augen, etwas vorstehenden Backenknochen und etwas
+schiefgezogenen Gesichtszügen, wovon jedoch größtentheils ein in der
+linken Backe ruhendes entsetzliches Stück Kautaback die Schuld trägt,
+versichert indessen den Farmer schon zum drittenmal, daß er ihn erst
+binnen Jahresfrist und vielleicht selbst dann noch nicht wiedersehen
+solle, läßt sich jedoch »um Lebens oder Sterbens willen« einen kleinen
+Wechsel nach Sicht schreiben, setzt sich am nächsten Morgen in sein
+kleines, grün lackirtes Wägelchen, nickt noch einmal einen freundlichen
+Gruß herüber und verschwindet in den Biegungen der durch den dichten
+Wald führenden Straße. Er hält Wort -- er selbst kommt weder in
+Jahresfrist noch jemals wieder in dieselbe Gegend, aber nach zwei
+Monaten erscheint sein »Partner« oder Compagnon, präsentirt den Wechsel
+und dringt auf die Bezahlung. Von jähriger Frist weiß er nichts,
+sein College »hat ihm nichts davon gesagt,« der Wechsel lautet auf
+augenblickliche Bezahlung und muß, wenn er unter 50 Dollar ist, dem
+Vorzeiger bezahlt werden. Der arme Backwoodsman weiß das und schafft
+seufzend Rath, der Pedlar aber, oder Einkassirer vielmehr, zieht
+heimlich lachend von dannen.
+
+Die Hinterwäldler sind sonst so schlau und gewandt, im Geschäft sowohl
+wie im wirklichen Leben; in den Händen eines Yankees aber ist es
+ordentlich, als ob sie ihre bisherige That- und Denkkraft verlieren;
+sie erkennen seine geistige Überlegenheit an und geben sich rettungslos
+verloren. Kehrt der Händler in seine eigene Heimath zurück, so hat
+er auch stets ein ausgezeichnet gutes Pferd vor dem Wagen, denn das
+vortheilhafte Vertauschen desselben gehörte mit zu seinem Geschäft.
+
+Nur ein Beispiel weiß ich, wo ein Yankee und noch dazu einer der
+pfiffigsten, von einem Backwoodsman mit seinen eigenen Waffen geschlagen
+wurde und sehr betrübt abziehen mußte. Es war in Arkansas, und Jackson,
+ein Ansiedler, der erst kürzlich von Tenessee herübergekommen, sein
+letztes baares Geld für 40 Acker Land, zwei Milchkühe und ein Pferd,
+da ihm das alte krank geworden und gestürzt war, ausgegeben hatte, saß
+Abends in der ärmlichen Blockhütte beim frugalen Nachtmahl von Speck,
+Maisbrod und Milch, als das kleine Fuhrwerk eines solchen Clockpedlars
+vor seiner Thür hielt.
+
+Freundlich lud er den Krämer ein, bei ihm die Nacht und mit seinem
+Mahl vorlieb zu nehmen, und dieser ließ sich auch nicht lange bitten,
+besorgte sein Pferd selbst, trug, wobei ihm Jackson half, die Uhren
+unter Dach und Fach und begann hier nun auf den Verkauf einer derselben
+hinzuarbeiten; Jackson war aber »=an old hand=,« wie sie in Amerika
+sagen, und durchschaute nicht allein seinen Plan, sondern hatte ihn
+schon von dem ersten Anblick an vorausgesehen, sagte daher dem Pedlar
+ganz freundlich, er sei zu arm eine Uhr zu kaufen, denn wenn er sie
+wirklich kaufen wolle, könne er sie nicht bezahlen. Dies war übrigens
+eine zu alltägliche Ausflucht, als daß sich der Yankee dadurch hätte
+sollen abschrecken lassen; im Gegentheil gab ihm das ruhige Betragen
+des Mannes die besten Hoffnungen zu einem guten Geschäft, und nicht eher
+ruhte er, bis sämmtliche Uhren in Reih und Glied vor dem still vor sich
+hin lächelnden Backwoodsman aufmarschirt standen, und jetzt handelte
+es sich nach des Krämers Meinung nicht mehr darum, ob er eines der
+herrlichen Kunstwerke, sondern nur _welches_ er kaufen solle. Vergebens
+erwähnte der Arkansaner, daß er arm sei und keine Uhr kaufen könne, der
+Pedlar ließ nicht locker, und jener richtete sich endlich entschlossen
+auf und sagte:
+
+»Gut -- ich nehme eine -- Ihr bekommt aber kein Geld.«
+
+»Im ersten Jahr nicht,« lächelte der Krämer, »habt die Uhr nur einmal
+ein Jahr, Ihr laßt sie nicht wieder fort.«
+
+»So will ich diese wählen -- was ist der Preis?«
+
+»Achtundvierzig Dollar.« (Er wußte recht gut, daß er bei einer Klage auf
+mehr als 50 Dollar Jahre lang hinausgehalten werden konnte.)
+
+Jacksons Frau sah ängstlich zu ihm empor, er winkte ihr aber
+lächelnd zu, ruhig zu sein, und ließ es, behaglich auf ein Bärenfell
+ausgestreckt, geschehen, daß der Fremde die aufgedrungene Uhr über dem
+Kamin auf einem durch hölzerne Pflöcke gehaltenen Bret befestigte und
+aufzog.
+
+»Ihr bekommt aber kein Geld dafür,« sagte er dem Yankee.
+
+»Ich weiß es wohl,« erwiederte dieser, »aber doch Euern Wechsel, Ihr
+wißt wohl, das ist so Sitte.«
+
+»Gut, dagegen habe ich nichts, den sollt Ihr haben,« sagte der Farmer,
+und unterschrieb das schnell ausgestellte Papier.
+
+Der Pedlar zog am nächsten Morgen weiter, aber ehe sein Collecteur
+mit dem fälligen, natürlich nach Sicht ausgefüllten Wechsel erscheinen
+konnte, hatte Jackson die Uhr auf sein Pferd genommen, nach der nächsten
+Stadt gebracht und dort verkauft.
+
+Der Compagnon des Yankees kam endlich nach drei Monaten, und erstaunte
+zwar, keine Uhr in der Hütte des Farmers zu finden, äußerte jedoch
+hierüber nichts, sondern präsentirte nur seinen Wechsel. Der Farmer
+bedeutete ihn aber sehr kaltblütig, daß er dem Uhrenhändler aufrichtig
+gesagt habe, er bekäme nie sein Geld und das wäre in der That wahr, denn
+er sei nicht allein nicht gesonnen, sondern auch nicht im Stande, die 48
+Dollars jetzt oder jemals zu bezahlen; er hätte die Uhr nehmen müssen,
+um den Krämer nur loszuwerden, und der Collecteur möge ihn jetzt, wenn
+er sonst glaubte, etwas dabei verdienen zu können, verklagen.
+
+Als dieser endlich wirklich sah, der Farmer sei fest entschlossen, sein
+Wort zu halten, so ging er zum nächsten Friedensrichter und klagte; der
+gute Mann war jedoch zum erstenmal in Arkansas -- er hatte gut klagen,
+das Erlangen seiner Schuld stand aber auf einem anderen Blatt, denn der
+Farmer war -- nicht zahlungsfähig.
+
+Vergebens warf der Yankee ein, daß er eine Menge Hausgeräth, eine
+Büchse, ein Pferd und zwei Kühe habe, es half ihm nichts; in Arkansas
+kann einem Farmer weder die Büchse noch Handwerkszeug, weder zwei Kühe
+noch zwei Pferde, noch alles nöthige Hausgeräth als Pfand weggenommen
+werden, denn es giebt ein gewisses Eigenthum, welches er besitzen muß,
+ehe das Gesetz ein Recht auf das übrige erhält, und da er das, was ihm
+der Staat als unantastbar zugestand, noch nicht einmal alles besaß,
+denn er hatte nur _ein_ Pferd und kaum die Hälfte des ihm verstatteten
+Hausgeräthes, so war natürlich an eine gewaltsame Bezahlung gar nicht zu
+denken. Als dies dem Yankee endlich in all seiner entsetzlichen Wahrheit
+einleuchtete, versuchte er die Uhr zurückzuerhalten, aber auch das war
+zu spät, und seit jener Zeit ist Jackson nie wieder eine Uhr zum Verkauf
+angeboten worden.
+
+Ein anderer Handelszweig und keineswegs der unbedeutendste, mit dem die
+Yankees fast gänzlich Monopol treiben, ist der Medicin-Handel. Ein alter
+Yankee, der seine Söhne in die Welt schickt, damit sie Erfahrungen --
+die wichtigste Schule im menschlichen Leben -- sammeln, und einmal
+von den Zwiebelbeeten erlöst werden, an die sie bis zu ihrem
+einundzwanzigsten Jahr gefesselt gewesen, stellt ihnen die Wahl frei,
+ob sie Clockpedlar oder -- _Doctor_ werden wollen, und wählen sie
+das letztere, so bedarf es noch nicht einmal so vieler Warnungen und
+Ermahnungen, als bei dem ersten Geschäft, um den jungen Mediciner mit
+der Wirkung seiner Heilkräfte, die er in einem kleinen Felleisen bei
+sich führt, bekannt zu machen.
+
+Die Mittel, deren er sich bedient, sind sehr einfach. Calomel ist die
+Hauptcur, und macht, nebst irgend einer großnamigen Patentmedicin, den
+Mittelpunkt, um den sich alles übrige dreht; sonst gebraucht er noch
+etwas Opium (aufgelöst), Ricinusöl, Glaubersalz, etwas Ipecacuanha,
+Chinarinde und Brechweinstein, und er hat alles, was er zu einer
+ausgebreiteten Praxis bedarf.
+
+Schon fünf Meilen von seinem Heimathsort, wo er dem ersten fremden
+Menschen begegnet, erhält er den Namen »Doctor,« und die können von
+Glück sagen, die noch mit Salz oder andern unschädlichen Medicinen
+abgefertigt werden, denn wo der junge Doctor Geld wittert, da müssen die
+Leute von seiner Patent-Medicin kaufen, und Gnade ihnen Gott, wenn sie
+das rothe, zusammengeknetete Zeug verschlucken. Sind sie vollkommen
+gesund, so kommen sie vielleicht mit einer heilbaren Kolik oder einigen
+gelinden Krämpfen und einem schwachen Anfall von Apoplexie davon; sind
+sie aber ohnedies kränklich, dann ist ihnen selten mehr zu helfen,
+und sie vermehren die Zahl der Schlachtopfer, die jährlich dem so
+scheußlichen Götzen »Quacksalberei« geopfert werden.
+
+Manchmal betreiben auch diese wandernden Krämer oder »Doctoren,« wie sie
+sich am liebsten genannt hören, ihr Geschäft humoristisch, im Fall sie
+entweder zu gewissenhaft sind, den Farmern ihre Latwergen aufzudringen
+oder darin eine leichtere und schnellere Art sehen, Geld zu verdienen;
+so durchzogen z. B. im Jahre 1843 zwei Yankees die nördlichen oder
+nordwestlichen Staaten mit solchem Glück, daß sie in wenigen Monaten
+eine bedeutende Summe Geldes erübrigt hatten. Ihr Plan, oder vielmehr
+ihre List, war die folgende gewesen.
+
+Der Eine von ihnen, ohne Waaren oder Gepäck, mit nur einer gewöhnlichen
+amerikanischen Satteltasche von seinem kleinen, feurigen Pferde
+getragen, war der erste auf der unter ihnen ausgemachten Marschroute,
+und hielt bei jedem Haus, das auf seinem Wege lag, an, stieg ab,
+schüttelte den Bewohnern desselben sehr freundlich und lang die Hand,
+ging an den Wassereimer und trank aus dem langstieligen Flaschenkürbis,
+der neben demselben an einem Haken aufgehangen war, unterhielt sich dann
+noch eine Weile mit den Leuten, sprach über dies und jenes, schüttelte
+ihnen noch einmal zum Abschied die Hand, kehrte wieder um und entdeckte
+nun irgend einem der Männer, den er bei Seite nahm und um Verschweigen
+des ihm Anvertrauten bat, daß er -- an einer sehr bösartigen
+Hautkrankheit leide und frug ihn, ob er nicht irgend eine dieser
+abhelfenden Salbe habe. Er hielt dabei die Hand des Farmers fest in der
+seinen und sah ihm bittend in's Auge, bis dieser plötzlich den Sinn
+der Worte begriff und schnell zurücktrat. Gewöhnlich wurde er hierauf
+schnell und mit einigen kurzen, nicht besonders freundlichen Worten
+abgefertigt; das that aber nichts, er hatte seinen Zweck erreicht,
+schwang sich in den Sattel und trabte, wehmüthig zurückgrüßend, langsam
+der nächsten Ansiedlung zu, um hier seine List zu wiederholen.
+
+Die Farmerfamilie blieb aber in größter Aufregung zurück -- was mußten
+hiervon die Folgen sein? Der Mann mit der ekelhaften Krankheit hatte
+allen und höchst warm und freundschaftlich die Hand gedrückt, hatte
+aus demselben Trinkgeschirr mit ihnen getrunken und es war jetzt fast
+unvermeidlich, daß sie angesteckt werden mußten. Da nähert sich auf
+hohem, starkknochigem Roß ein Fremder, hält und steigt ab; die Familie
+ist noch so bestürzt, daß sie kaum seiner achtet, er nimmt aber ohne
+weiteres das kleine Felleisen, welches er hinter sich am Sattel trägt,
+geht in's Haus und fragt, ob niemand etwas von seinen Medicinen bedürfe.
+
+Medicin? das war ein Wink des Himmels -- der Mann kam wie von Gott
+gesandt, und welch ein Glück, daß er auch eine solche gerade für diese
+Art Hautkrankheiten nützliche Salbe bei sich führte. Es ist seiner
+Aussage nach das letzte, und wenn auch etwas viel für die _eine_
+Familie, so kann man ja doch nicht wissen, ob die Krankheit nicht
+wirklich zum Ausbruch kommt und wie sie sich zeigen wird, gut oder
+bösartig. Auch ist der Preis gerade für diesen Artikel sehr hoch, aber
+was schadet das, beugt man denn nicht damit dem Unangenehmsten vor? Der
+schlaue Krämer hat aber in der That seinen Mantelsack _nur_ mit dieser
+Arznei gefüllt, welcher blos oben darauf zum Schein noch einige andere
+beigefügt sind; er streicht daher fröhlich das Geld ein und folgt
+schnell dem Compagnon, der indessen auf seiner Schrecken verbreitenden
+Bahn weiter gegangen ist und neue Opfer gesammelt hat. Da sie ihren Weg
+natürlich immer weiter und stets durch fremde Gegenden fortsetzten, so
+war auch eine Entdeckung gar nicht zu befürchten, und nie haben wohl
+zwei Yankees in so kurzer Zeit solche brillante Geschäfte gemacht, als
+diese beiden wandernden Medicinkrämer.
+
+Zu dieser Menschenclasse gehören auch noch eigentlich streng genommen
+die unzähligen Kiel- und Flatboote, welche mit den größeren Strömen
+hinabtreiben; nur eine gewisse Art derselben legt aber an den einzelnen
+Farmen und Plantagen an, die Mehrzahl schwimmt dem großen Markt des
+Südens, dem gewaltigen New-Orleans zu. Diese Krämerboote zeichnen
+sich vor den ersteren Kameraden durch eine kleine Stange und einen
+flatternden Wimpel aus; sie landen an jeder größeren Ansiedlung und
+führen theils Producte des Nordens, theils Ausschnitt- oder Blechwaaren,
+ja manchmal sogar Schaubuden und Theater mit sich. Ist an dem einen Ort
+ihr Geschäft beendet, so lösen sie das Tau und treiben weiter hinunter
+zum nächsten Platz, wobei sie, wie schon oben erwähnt, besonders in den
+südlichen Staaten vorzüglich gute Geschäfte machen, indem sie heimlich
+an die Negersklaven Whiskey ausschenken und dafür von diesen Feldfrüchte
+und selbstgezogenes oder gestohlenes Vieh eintauschen.
+
+
+
+
+Der amerikanische Urwald.
+
+
+Der deutsche Jäger, der Abends seine Jagdgeräthschaften für den nächsten
+Tag in der freundlich-gemüthlichen Stube zurechtlegt, Pulverhorn wie
+Korbflasche füllt und nun mit Tagesgrauen nichts weiter zu thun hat,
+als den Hund zu füttern und für sich selbst ein Paar Butterbröde zu
+schneiden, wenn nicht auch das die Frau schon besorgte; der dann sein
+Schießzeug umhängt und mit dem klugen Ponto durch offene Felder sucht,
+oder durch lichte Waldung pürscht, Nachts aber wieder ruhig in seinem
+warmen, weichen Bette liegt: der weiß freilich nicht, wie es einem armen
+Streifschützen zu Muthe ist, der, weit von jeder menschlichen Wohnung
+entfernt, in Regen und Sturm, vielleicht in Schnee und Eis draußen im
+Walde campirt, und hungert und friert.
+
+Das Leben in den amerikanischen Urwäldern hat aber stets einen
+geheimnißvollen Reiz für den Europäer gehabt; schon der Name klingt
+romantisch, man denkt dabei an die gewaltigen, riesigen Bäume, an das
+schaurige Rauschen der mächtigen Wipfel, an die Schlingpflanzen und
+an den wilden Wein, der in schweren, dunklen Trauben von den Ästen
+herniederhängt, an das Wild, das leisen, bedächtigen Schrittes
+hindurchzieht, an den finstern Bären, den stattlichen Hirsch, die
+zahlreichen Völker wilder Truthühner, vielleicht gar an einen in den
+Zweigen lauernden Panther; ja das ist Alles sehr schön und gut --
+existirt auch wirklich, nur ist es schlimm, daß die Sache, so recht in
+der Nähe, aus der Mitte heraus, betrachtet, sehr, sehr viel an Reiz und
+romantischem Zauber verliert. -- Es ist damit gerade so, wie mit einer
+weidenden Heerde.
+
+Welch einen lieblichen Anblick gewährt es, wenn man, auf einem Hügel
+gelagert, in der Ferne, auf grüner blumiger Wiese eine Heerde weiden
+sieht, wo die einzelnen buntscheckigen Kühe nach dem duftigen Futter
+umhersuchen, wo der Hirt, dessen Hund ihn spielend umspringt, an seinem
+Hirtenstabe lehnt; wenn man das melodische Läuten der Glocken, das
+weiche Blöken des Viehes selbst, das freundliche Klaffen des Hundes hört
+-- ein unendlicher Zauber liegt über dem anmuthigen Bilde; -- steigt
+man aber von dem Hügel herunter und kommt in die Nähe, so wird aus der
+blumigen Wiese ein mit ganz anderen Gegenständen als Blumen bedecktes
+Brachfeld, die Glocken klingen nicht rein, die eine besonders, die einen
+Sprung hat, und die man in der Ferne nicht hören konnte, vernichtet
+den ganzen günstigen Eindruck. Der Hund läuft Einem schon von weitem
+entgegen und weist knurrend die Zähne -- und kommt man nun gar noch
+näher -- riecht erst die Heerde -- und den Hirten -- ja dann ist's mit
+dem idyllischen Wesen vorbei -- der Zauber schwindet und wir haben eine
+Heerde Rindvieh, mit Jürges Gottlieb, der daneben steht und an einem
+außergewöhnlich schmutzigen Strumpfe strickt.
+
+Nun ist es freilich nicht ganz so arg mit dem Urwald; das einzelne
+Schöne, aus dem er besteht, bleibt immer, ja gewinnt sogar noch in der
+Nähe an Großartigkeit, wenn man es nämlich blos anzusehen brauchte; muß
+sich aber der Jäger durch die Schlingpflanzen mit Messer und Tomahawk
+Bahn brechen, dann findet er zu seinem Schrecken, daß jene malerischen
+Geflechte voll Dornen und giftiger Blätter sind, die, wenn ihr Saft die
+Haut berührt, Blasen ziehen und das Fleisch entzünden; der mit Blumen
+und Kräutern bedeckte Boden giebt nach, und zäher Schlamm umschließt
+Fuß und Knöchel, umgestürzte Riesenstämme versperren den Weg und sie
+zu umgehen, ist unmöglich, denn in ihrem Sturz haben sie alles
+Danebenstehende mit niedergerissen und undurchsichtige Brombeerhecken
+sind aus den Wurzellöchern aufgewachsen; -- Schaaren von Mosquitos
+stürmen auf den Geplagten ein, zahllose Holzböcke peinigen ihn auf eine
+fast unerträgliche Art, und ist er im flachen Lande -- (denn nur dort
+findet er den Urwald noch in seiner ganzen Majestät, da in den Hügeln
+das dürre, trockene Laub zu oft angezündet wird, was die jungen Bäume
+tödtet und die älteren im Wachsthum hindert), so darf er den Blick kaum
+zu den herrlichen Stämmen aufheben, weil er fortwährend fürchten muß,
+auf eine der zahlreichen Schlangen zu treten, die überall dort, wo die
+Sonne durch's dichte Laubdach bricht, zusammengerollt liegen und dem
+Unvorsichtigen leicht gefährlich werden können.
+
+Im Winter fallen nun allerdings eine Menge dieser Übelstände weg,
+die giftigen Schlingpflanzen sind unschädlich, die Insekten fort, die
+Schlangen liegen in Erdlöchern und hohlen Bäumen; -- das ist etwas;
+-- damit aber der deutsche Jäger einen Begriff davon bekommt, wie ein
+amerikanischer Urwald im Winter beschaffen ist, so will ich hier ein
+Paar Tage, freilich nicht die angenehmsten, aus meinem Jagdleben, aus
+den Niederungen von Arkansas, beschreiben.
+
+ * * * * *
+
+Im Januar 1840 hatte ich den Theil dieses Staates wieder aufgesucht,
+der östlich vom Mississippi und westlich vom Whiteriver, zwischen diesen
+beiden Strömen einen wohl hundert englische Meilen breiten und viele
+hundert langen Landstrich einschließt und von zahlreichen anderen, aber
+kleineren Flüssen durchschnitten wird. Wild gab es in den mächtigen
+Wäldern genug, das entsetzlich ungesunde Klima aber hatte mich im Sommer
+aus den Sümpfen getrieben, wo ich das kalte Fieber nicht los wurde,
+jetzt jedoch, bei Frost und Schnee, war das nicht mehr, wenigstens nicht
+anhaltend, zu befürchten, und ich beschloß, wo möglich eine Büffeljagd
+auf meine eigne Hand anzustellen, denn dort ist der einzige Platz in den
+vereinigten Staaten, wo sich noch Büffel aufhalten.
+
+Nun waren die Aussichten zur Jagd freilich nicht die lockendsten, denn
+ich bekam die letzten Tage des Januar gar Nichts zu schießen und mußte
+halb verhungert, als ich endlich nach einer glücklichen Schneenacht
+einen Hirsch erlegte, den mich von meiner Beute trennenden, schmalen
+Fluß durchschwimmen um diese zu erreichen, wo ich dann ein paar Tage
+krank oder wenigstens unwohl im Schnee liegen blieb; das ist aber immer
+noch nicht das Schlimmste aus jener Zeit, ich hatte wenigstens ein gutes
+Feuer, eine wollene Decke und Hirschwildpret -- was will ein Jäger mehr?
+
+Am 2. Februar endlich brach ich auf, warf meine Decke zusammengerollt,
+über den Rücken, und schritt südlich in den mächtigen Wald hinein,
+oder besser gesagt, darin fort, denn ich war schon recht eigentlich
+im strengsten Sinne des Worts darin. Bald kreuzte ich mehrere
+Hirschfährten; das war aber das Wild nicht, dem ich zu begegnen
+wünschte, und ich verfolgte meinen Weg.
+
+Der Wald war in dieser Gegend wahrhaft großartig, die gewaltigen
+Riesenstämme, größtentheils sechzig bis achtzig Fuß vom Boden gerade
+emporsteigend, ehe sie auszweigten, boten mit den schneebedeckten
+Wipfeln einen wundervollen Anblick. Es hatte zu schneien aufgehört, und
+eine heilige Stille herrschte rings umher, die nur dann und wann durch
+das Herunterbrechen irgend eines zu schwer mit Schnee beladenen Astes,
+oder das heisere Krächzen eines Raben unterbrochen wurde. Es ließ sich
+auch sehr gut marschiren; lange schmale Streifen hohen Landes liefen
+zwischen den zahlreichen Bächen und dem überschwemmten Boden der
+Niederung hin, und auf diesem standen die meisten Schlingpflanzen und
+Dornen; da es aber jetzt stark gefroren und geschneit hatte, so hielt
+ich mich fortwährend auf dem Eis und wanderte so leicht und ungehindert
+wie auf einer geebneten Landstraße darauf fort, denn der Schnee hinderte
+mich wenig, da ich damals noch meine alten, deutschen Wasserstiefeln
+trug. Mehre Male kreuzte ich auch die Spur von Wölfen, sah mich jedoch
+nicht einmal darnach um, denn ich würde keinen Wolf geschossen haben,
+selbst wenn er mich darum gebeten hätte, weil ich Pulver und Blei mehr
+zusammen halten mußte. In einer Gegend, wo man seine Ammunition nicht
+wieder ersetzen kann, geht man gewiß haushälterisch damit um; ich
+verließ mich daher auch auf meine Stücken Hirschwildpret und zog an ein
+paar Völker Truthühner ruhig vorüber, wobei diese ebenfalls sehr wenig
+Notiz von mir zu nehmen schienen.
+
+Nach einigen Stunden vorsichtigen Pürschens jedoch, wobei ich immer noch
+nicht die stille Hoffnung aufgab, einem alten Bären zu begegnen,
+der seine Winterwohnung einmal verlassen haben konnte, obgleich dazu
+eigentlich wenig Hoffnung war, erreichte ich plötzlich einen Platz,
+wo in der vorigen Nacht etwa zwanzig Büffel gelagert haben mußten.
+Die Betten waren vom Schnee entblößt, die Zweige der Büsche ringsumher
+abgenagt und die Fährten sahen noch so frisch aus, als ob sie eben erst
+der weißen Schneedecke eingepreßt worden wären.
+
+Das war Alles, was ich wollte -- Büffel -- und welche Fährten fand ich?
+ein alter Bull besonders mußte ein unmenschlich starker Bursche sein.
+Natürlich hoffte ich die Heerde, die, meiner Ansicht nach, nicht weit
+konnte gewandert sein, in kurzer Zeit beim Äsen zu erwischen, und
+schnell, aber so geräuschlos als möglich, folgte ich den breit
+ausgetretenen Fährten eine Strecke am Fluß hinunter, und dann wieder,
+westlich von diesem ab, als ob sie nach ihrem gewöhnlichen Sammelplatz,
+den »=Cash=-« Sümpfen, hinüber gewollt hätten; auf einmal aber änderte
+sich ihre ganze Richtung und sie waren wieder nordwestlich hinaufgerannt
+und zwar diesmal, wie es schien, in wilder Eile.
+
+Erst konnte ich mir dieses schnelle Wenden nicht erklären, fand aber
+bald die Auflösung in einer Masse Wolfsfährten, die wahrscheinlich die
+Heerde, in der Hoffnung, ein Junges zu fangen, angefallen und zerstreut
+hatten, obgleich sich der Büffel sonst nicht besonders vor dem Wolf
+fürchtet. Jetzt ging auch für mich ein viel beschwerlicherer Marsch an,
+denn da sich die schweren Thiere vereinzelt hatten, mußte ich mir
+selbst meinen Weg hinter ihnen her bahnen. Unglücklicher Weise war
+ein Schilfdickicht von ihnen durchbrochen worden und die Folge daher
+erschrecklich beschwerlich gemacht, denn nichts ist dem Bärenjäger
+hinderlicher, als eben diese Schilf- oder Rohrbrüche, in die sich
+besonders der Bär augenblicklich flüchtet und nur zu oft dadurch
+gerettet wird; denn wer einen solchen Bruch nie gesehen hat, kann sich
+unmöglich einen richtigen Begriff davon machen. Das Schilf selbst ist
+hart wie Holz, wird bis anderthalb und zwei Zoll im Durchmesser stark,
+und oft dreißig und vierzig Fuß hoch, steht auch in dem fruchtbaren
+und sumpfigen Thalland so dicht, daß man sich kaum dazwischen
+hindurchdrängen kann; ein Fortschreiten in diesen Dickichten wird aber
+nur zu häufig durch die Unmasse dorniger Schlingpflanzen, die mit einem
+festen Gewebe ganze Strecken eng verbinden, fast unmöglich gemacht, wenn
+der Jäger sich nicht, in der Rechten das schwere, breite Jagdmesser,
+Bahn haut; kommt er aber zu einem in diesem Gewirre umgestürzten Baum
+(und die umgestürzten Bäume liegen nicht etwa selten darin), so ist an
+ein Weiterdringen in gerader Richtung gar nicht zu denken; junge Bäume,
+Schlingpflanzen, Rohr und Dornen bilden dann eine Masse, durch die man
+sich nicht einmal Bahn hauen kann, und man muß den Platz umgehen.
+
+Wie langsam aber in einem solchen Schilfbruch ein Vorrücken möglich
+ist, habe ich einst im Mississippi-Thal erfahren, wo ich drei Stunden zu
+einer Strecke von etwa 500 Schritt brauchte. Hier ging es jedoch etwas
+besser, die Büffel hatten mir, wenigstens ein wenig, Bahn gebrochen, und
+mit dem Messer nachhelfend folgte ich erträglich rasch. Der Tag war
+aber auch jetzt sehr weit vorgerückt und die hereinbrechende Dämmerung
+überraschte mich keineswegs angenehm. Das Schilf wollte gar kein Ende
+nehmen; wenn ich daher auch, beim hellen Schein des Schnees, der Spur
+in der Nacht hätte folgen wollen, so wäre dies schon wegen des dicken
+Rohres nicht möglich gewesen, das, nach allen Richtungen hinaus stehend,
+die ganze Aufmerksamkeit des Hindurchdringenden am hellen Tage in
+Anspruch nahm, indem man sich bei jedem Schritt die Augen aus dem
+Kopfe stoßen konnte; daher zündete ich ein Feuer an, was mit Hülfe des
+Tomahawks und etwas trockenen Schwammes sehr bald gelang, reinigte einen
+Platz vom Schnee und hatte mich bald behaglich genug eingerichtet.
+
+Ich lag gerade auf einer kleinen Erhöhung, mitten im Schilf, so daß ich
+gegen den kalten Nordwind ziemlich geschützt war; der Platz hatte aber
+das Unangenehme, auch nicht die mindeste Aussicht zu gewähren, nicht
+zwei Schritte weit konnte ich sehen und fühlte mich durch die Nähe des
+Dickichts, von dem ich förmlich umschlossen lag, beengt; die Sache ließ
+sich jedoch nicht ändern, eine offene Stelle auszuhauen, dazu fühlte ich
+mich zu ermüdet, Wirthshäuser waren auch nicht in der Nähe, also machte
+ich gute Miene zum bösen Spiel und bekümmerte mich mehr um mein Feuer
+als um das Dickicht.
+
+Weil ich doch noch nicht recht schläfrig war, holte ich, nachdem ich
+mein frugales Abendbrod verzehrt hatte, den Compaß vor, und denselben
+gerade in eine der Büffelfährten an meiner Seite stellend, vertrieb ich
+mir damit die Zeit, zu rathen, auf welchem ganz genauen Strich nun die
+Heimath läge, und dabei zu überlegen, wie mich hier, von diesem Punkt
+aus, das Abweichen eines 32stel Zolles zur Rechten oder Linken, entweder
+in die Wüste Sahara oder nach Sibirien hinaufbringen könnte. Diesem
+Gedanken gesellten sich andere zu -- was sie jetzt wohl zu Hause
+machten, ob sie auch an mich hierher dächten und noch viele, viele Dinge
+-- so daß ich endlich vom vielen Denken müde wurde und einnicken wollte.
+-- Da krachte ein kleiner Zweig -- dicht neben mir; -- zwar war der Laut
+gedämpft -- der Zweig mußte unter dem Schnee gelegen haben, ich hatte es
+aber deutlich gehört und hob schnell den Kopf, um wenigstens den kleinen
+Raum, in dem ich lag, übersehen zu können; auch war ich in der Richtung
+noch ungewiß, instinktartig hatte ich aber das Messer aus der Scheide
+gezogen.
+
+Eine Weile blieb Alles ruhig und ich konnte das Schlagen meines Herzens
+hören -- da krachte es wieder, ganz nahe; -- was es auch immer sein
+mochte, es konnte sich keine zwölf Fuß von mir befinden; deutlich
+vernahm ich auch jetzt die leisen Schritte im Schnee, wie das Thier trap
+-- trap -- trap -- trap -- mich langsam umschlich. O wie ich mir damals
+einen Hund wünschte.
+
+Eine Zeit lang schien es still zu stehen, dann hörte ich es wieder in
+der anderen Richtung, deutlicher noch als vorher. All' meine Sinne waren
+aber jetzt auf das Peinlichste gespannt, denn jeden Augenblick erwartete
+ich irgend eine Bestie, ob Panther oder Wolf konnte ich nicht wissen,
+aus dem Dunkel hervorblinzen und mich anschnüffeln zu sehen. In
+dieser angenehmen Hoffnung hatte ich nun freilich den Hahn der Büchse
+aufgezogen, aber auch diesmal starb das Geräusch hinweg und das frühere,
+lautlose Schweigen herrschte.
+
+Aus allem Vorhergegangenen mußte ich nun nach wohl Stunden langem Harren
+vermuthen, daß mich mein Nachtbesuch verlassen habe, doch war ich zu
+aufgeregt, um gleich einschlafen zu können und blieb noch lange wachend
+liegen, indem ich einen vor mir stehenden alten Baum betrachtete,
+der ein gar eigenthümliches Aussehen hatte. Es war ein ungeheuerer
+Sassafrasstamm, der, von einem dichten Gewebe von Schlingpflanzen
+umgeben, seiner Äste und Zweige beraubt, wie eine riesenmäßige
+Säule gegen den dunkeln Nachthimmel emporstarrte. Eine hohe, breite
+Schneekappe krönte den Gipfel. Im Sommer, wenn die Schlingpflanzen ihre
+grünen Blätter bekommen, sehen diese Baumleichen herrlich aus, denn
+dann ist von der alten, vertrockneten Rinde auch nicht die Spur mehr
+zu erkennen, und nur die grüne, lebendige Säule steht wie ein Denkmal
+vergangener Zeiten da, wo noch der Indianer die Wildniß durchzog, die
+jetzt nur sein Grab umschließt. -- Ich schlief bald darauf ein und der
+Morgenruf der Eulen weckte mich erst wieder.
+
+Vor allen Dingen untersuchte ich aber jetzt, wer mein nächtlicher Besuch
+gewesen war, und fand auch dicht am Lager, einmal sogar bis auf drei
+Schritte, die Spuren eines ziemlich starken Wolfes, was mich um so mehr
+befremdete, da der Wolf sonst sehr menschenscheu ist und einem Lager
+selten gern naht; -- später übrigens habe ich oft Beweise vom Gegentheil
+erhalten, denn einmal, zwei Jahre darauf, holte mir eine solche
+Bestie das Jagdmesser fort, das dicht neben mir lag und zerkaute den
+schweißigen Griff; ich hatte erst an demselben Nachmittag einen Hirsch
+damit aufgebrochen.
+
+Mit neuen Kräften verfolgte ich nun die jetzt wieder vereinigten
+Fährten, die an manchen Stellen, wo kein besonderes Futter sie aus der
+Bahn lockte, eine förmliche Straße bildeten; aber wie ich auch spähte,
+immer noch konnte ich nicht das ersehnte Wild selbst entdecken,
+hundertmal wohl ließ mich ein niederbrechender Ast, oder ein
+aufgescheuchter Hirsch ihre Nähe hoffen, stets sah ich mich aber
+getäuscht. Meine einzige Hoffnung blieb jetzt, als die Sonne wieder
+blutigroth am Horizont verschwand, die Nacht; der Wald war offener als
+am vorigen Abend, ich gedachte daher meinen Weg fortzusetzen, da die
+Büffel auf keinen Fall nach einbrechender Dämmerung weiter wandern
+würden. Das wäre auch recht gut gegangen, denn hell genug leuchtete der
+Schnee, um die Fährten zu verfolgen, wieder aber stellte sich mir ein
+solch unglückseliges Schilfdickicht in den Weg, dazu umwölkte sich der
+Himmel und ich wurde auf's Neue gezwungen »beizulegen.«
+
+Mein Nachtlager war ausgezeichnet, denn durch einen umgestürzten Stamm
+gegen den kalten Luftzug geschützt, bei einem herrlichen Feuer, an dem
+ein ansehnliches Stück Hirschwildpret schmorte, hätte ich mich sehr wohl
+fühlen können, aber -- aber -- die aufsteigenden Wolken machten mich
+besorgt, dazu wurde es merklich wärmer, und mir bangte vor Thauwetter.
+Ich war viele Meilen in den Sumpf eingedrungen und die ganze Zeit fast
+nur auf Eis marschirt, durfte daher wenig trockenen Boden hoffen, wenn
+diese Schneemasse jetzt flüssig werden sollte. Doch was konnte ich thun?
+ich mußte es abwarten, hüllte mich also in meine Decke und schlief bald
+ein. Die Sonne mochte aber schon lange aufgegangen sein, als ich endlich
+erwachte und zu meinem Entsetzen das, was für mich das Schrecklichste
+war, bestätigt fand -- es regnete und die Luft war mild und warm wie im
+Mai -- o wie ich mich jetzt nach einem tüchtigen Nord-Ostwind sehnte.
+
+Mit welchen Gefühlen ich übrigens meine nasse Decke zusammenrollte und
+mich marschfertig machte, läßt sich denken; dabei kamen mir bedeutend
+starke Gedanken an Umkehren und Büffel Büffel sein lassen; die Fährten
+sahen aber gar zu lockend aus, noch blieb mir die Hoffnung, sie einholen
+zu können, ja sogar die Wahrscheinlichkeit war vorhanden, daß sie bei
+solchem Wetter nicht weiter ziehen, sondern ruhig äsen würden; fest
+entschlossen also, da es jetzt doch auf eine Meile mehr oder weniger
+nicht ankam, folgte ich auf's Neue den Fährten und trotzte dem Himmel,
+der mir eine Wolke voll Wassers nach der andern auf den Pelz goß. Die
+Büffel schienen auch ganz in der Nähe zu sein; in den Fährten stand das
+schlammige Wasser, das ihre Tritte aufgerührt hatten, Losung sogar,
+die ich fand, war noch warm -- ich mußte sie finden; -- da kam es mir
+plötzlich vor, als ob der liebe Gott alle Zapfen aus den Schleußen dort
+oben herausgezogen habe -- es regnete nicht mehr, es wasserfallte und
+der Erdboden glich einer ungeheuern Eislimonade, nur fehlten Zucker und
+Citronen.
+
+Es ist jedoch ein eigenes Ding um das Menschenherz; vor kleinen
+Beschwerden und Gefahren bebt es zurück, stürmt aber alles wild und toll
+darauf ein, kommt ein Schlag nach dem andern; dann wird es verstockt
+und störrisch, wie ein wilder Stier, macht die Augen zu und stürmt
+blindlings gegen Jedes an, was sich ihm in den Weg stellt.
+
+Etwas besser macht ich's doch, die Bäume umging ich, aber so erbittert
+hatte mich dieser, für mich wahrhaft fürchterliche Witterungswechsel
+gemacht, daß ich das Äußerste zu wagen beschloß. Der ganze Wald stand
+unter Wasser, d. h. unter geschmolzenem Schnee, und ich mußte jetzt
+schon auf das höhere, mit Dornen und Schlingpflanzen bewachsene Land, da
+sich erstlich die Büffel hierher gewandt hatten und dann auch das Gehen
+auf dem Eis fast zur Unmöglichkeit wurde, indem es unter dem Schnee
+geschmolzen, wenigstens weich geworden war und beim zweiten oder dritten
+Schritte stets einbrach. Noch konnte ich die Fährten erkennen und
+folgte, oft bis an den Gürtel im Wasser, dem Wild -- ich war gegen Alles
+gleichgültig geworden und hatte nur den einen Gedanken noch -- Büffel --
+ich wollte Büffel sehen -- ich wollte einen schießen und wäre dann mit
+dem größtmöglichen Vergnügen gestorben, um nur nicht wieder den ganzen
+Weg, den ich gekommen war, zurück machen zu müssen.
+
+Da wurde der Wald plötzlich licht und nach wenigen hundert Schritten
+dehnte sich eine weite, öde Fläche vor mir aus -- es war ein See --
+wenigstens jetzt, er konnte aber nicht gefroren gewesen sein, denn es
+lag nur eine dünne Decke geschmolzenen Schnees auf der Oberfläche, und
+hier -- hier waren die Büffel hindurch. Deutlich konnte ich die langen,
+dunkeln Streifen, die sich quer durch zum anderen Ufer zogen, erkennen;
+vergebens aber spähte ich nach den Thieren selbst -- eine räthselhafte
+Wanderlust trieb sie vorwärts und ich unglückseliges Menschenkind hatte
+gerade diesen Zeitpunkt wählen müssen, um Jagd auf sie zu machen; doch
+das Überlegen brachte mich nicht weiter; auf einem etwas trockenen Fleck
+band ich alle meine Habseligkeiten in die Decke zusammen, nahm diese auf
+die Schulter und -- folgte den Fährten.
+
+Noch jetzt, wenn ich an diese Jagd zurückdenke, kann ich nicht anders
+glauben, als daß ich damals einen gelinden Anfall von Wahnsinn haben
+mußte, denn wenn ich die Büffel wirklich überholte, so konnte
+ich höchstens ein paar Pfund Fleisch und vielleicht ein Horn, als
+Siegestrophäe, mitnehmen; ich fühlte aber jetzt nur den einen Trieb in
+mir, hatte nur das eine Ziel im Auge und fand mich sehr bald bis unter
+die Arme im Schneewasser, mitten im See. Als mir das Wasser über die
+Brust stieg, verging mir der Athem, doch war der Boden glücklicherweise
+fest, nicht schlammig, wie ich im Anfang gefürchtet hatte, und ich
+erreichte das andere Ufer, -- oder, besser gesagt, das höhere Land, denn
+von Ufer war keine Rede, -- ohne unterwegs erstarrt zu sein. Hier fand
+ich das Wasser doch wenigstens nur knietief und athmete etwas freier.
+Zu meiner großen Verwunderung schien es aber Abend zu werden, und kaum
+konnte es, wie ich wenigstens glaubte, Mittagszeit sein. Sollten wir
+eine Sonnenfinsterniß haben? dacht' ich einmal -- das war möglich, aber
+immer dunkler wurde es, immer stiller im Wald -- in der Ferne ließ sich
+ein einzelner Wolf hören -- es war kein Zweifel mehr, die Nacht brach
+schon wieder herein, und noch ist es mir unbegreiflich, wie mir die Zeit
+an jenem Tage verschwunden sein konnte.
+
+Der Regen, der am Nachmittag etwas nachgelassen hatte, fing wieder von
+frischem an zu gießen, und als ich mich, mit gerade keinen freundlichen
+Gefühlen, nach einem Platz zum Lager umsah, regnete es, wie man sagt,
+Bindfaden; trotzdem gab ich die Fährten nicht auf -- an Feuermachen war
+jedoch gar nicht zu denken; auf dem trockensten Platz, den ich finden
+konnte, stand das Wasser anderthalb bis zwei Zoll, und Jedermann wird
+eingestehen müssen, daß das immer noch _feucht_ war; ich kauerte mich
+daher unter einem halbumgestürzten, schräg liegenden Baumstamm, der
+wenigstens die fürchterlichsten Regengüsse von mir abhielt, nieder,
+obgleich ich auch schon bessere Dächer, als er war, gesehen habe, und
+versuchte zu schlafen. -- Zu schlafen? ja, wenn ich das einen Versuch
+nennen will, daß ich einige Male die Augen zumachte; an wirkliches
+Schlafen war aber natürlich unter solchen Verhältnissen nicht zu denken;
+zwar trug ich noch ein Stück gebratenes Hirschwildpret bei mir, fühlte
+aber nicht den mindesten Appetit, es zu verzehren, und erwartete sehnend
+und vor Frost schüttelnd den anbrechenden Morgen.
+
+Mitternacht mochte es sein, als ich, seit der Dämmerung, die ersten
+Wölfe wieder hörte -- sie schienen ganz in der Nähe zu sein und heulten
+jämmerlich; die armen Bestien mochten wohl auch nasse Füße haben; so
+gleichgültig war ich aber gegen ihre Nachbarschaft, so abgestumpft gegen
+jede, nur erdenkliche Gefahr geworden, daß ich es nicht einmal der Mühe
+werth hielt, das Messer aus der Scheide zu ziehen, sondern ruhig sitzen
+blieb und abwartete, was sie thun würden, denn schon der Gedanke, mich
+zu bewegen, war mir gräßlich. Es mochten sechs oder sieben Wölfe sein --
+so viel verschiedene Solosänger konnte ich wenigstens unterscheiden und
+ich erinnere mich sogar noch recht deutlich, daß ich einmal _gelacht_
+habe, als ein junger Wolf, mit einer besonders dünnen Stimme, so gar
+klägliche Töne ausstieß. Immer näher kamen sie, aber, und da es nicht
+anders möglich sein konnte, als daß sie mich wittern mußten, denn der
+Wolf wittert, wie bekannt, ungemein scharf, so begreife ich eigentlich
+jetzt noch nicht, was sie, wenn es nicht ihre grenzenlose Feigheit war,
+abhielt, über mich herzufallen, da ich ihre dunklen Gestalten deutlich
+erkennen konnte, wie sie im Wasser hin und her wateten.
+
+Weil mir ihre Nähe aber doch jetzt fast etwas zu freundschaftlich wurde,
+beschloß ich, der Sache auf einmal ein Ende zu machen, nahm die Büchse
+an den Backen, zielte auf den größten Körper und drückte ab. -- Ja ich
+hatte gut drücken -- es war Alles naß geworden; da blieb mir denn weiter
+nichts übrig, ich lehnte die Büchse neben mich, und schloß die Augen;
+die ganze Sache um mich her kam mir so ekelhaft und fatal vor, daß ich
+sie gar nicht mehr sehen mochte.
+
+Endlich brach der so heiß ersehnte Morgen an -- aber wie -- grau und
+feucht; der Regen hatte freilich nachgelassen, doch schien das Wetter
+noch viel wärmer geworden zu sein -- der Schnee war jetzt vollkommen
+geschmolzen und der ganze Wald eine flüssige Masse, in der jede Fußspur
+zusammenlief -- Büffelfährten existirten nur noch in der Erinnerung. Da
+stand ich nun, mit meiner Büffeljagd -- Gott weiß, wie viele Meilen von
+irgend einer menschlichen Wohnung entfernt, in einem Wald, in dem sich
+ein Frosch hätte erkälten müssen, mit einem Stückchen kalten, gebratenen
+Hirschfleisch und einer Büchse, die nicht losgehen wollte; ich verzehrte
+jedoch vor allen Dingen das erstere, wobei ich Pulver statt Salz
+gebrauchen mußte, und stand dann auf, um meine Marschroute für diesen
+Tag zu beschließen.
+
+Wie ich damals das Alles ausgehalten habe, ist mir jetzt noch ein
+Räthsel; naß zum Ausringen, die ganze Nacht im Schneewasser, gekrümmt
+unter einem Baumstamm gesessen, von Wölfen umheult, fühlte ich mich
+jetzt so wohl und kräftig, als ob ich in einem warmen Bette geschlafen
+hätte, nur waren mir die Kniegelenke etwas steif.
+
+Wenn ich aber auch, zu meiner Zeit, ein so eifriger Jäger gewesen
+bin, als sich selten findet, so hatte meine Jagdlust durch die letzten
+Begebenheiten dennoch einen bedeutenden Stoß erhalten, ich sehnte mich
+nach Menschen -- nach Brod, nach Bergen -- denn ohne Berge konnte ich
+mir gar keine Erlösung aus dieser Wasserwüste denken: schnell faßte ich
+daher meinen Entschluß. -- Ich hatte mein Möglichstes gethan, hatte
+bis auf den letzten Augenblick ausgeharrt, und brauchte mir nichts
+vorzuwerfen; den Büffeln sagte ich also, mit einem halb traurigen,
+halb ärgerlichen Blick nach Südwesten Lebewohl, und schlug die gerade
+Richtung nach Nordost ein, um an den S. Francis-Fluß, an die breite
+Fahrstraße, zu kommen und von dort den Mississippi zu erreichen, auf dem
+ich in den Ohio und auf diesem nach Cincinnati zurückkehren wollte.
+
+Meiner Lust nach dem Urwald war für eine Zeit lang genügt, und ich
+kann mit gutem Gewissen fragen, _wer_ hätte den Wald, unter solchen
+Umständen, nicht satt bekommen? Das »Sattbekommen« allein half mir aber
+noch nicht heraus und der vor mir liegende Weg erfüllte mich mit Grausen
+und Schauder. -- Tagelang mußte ich noch in dem kalten Wasser fortwaten
+und eine einzige Nacht Frost konnte meinen Untergang herbeiführen, denn
+wenn sich jetzt auf dem Wasser eine dünne, scharfe Eisrinde sammelte, so
+wär' ich verloren gewesen; glücklicher Weise blieb es aber warm und ich
+trat meinen Marsch, wenn auch nicht mit Singen und Jubeln, aber doch
+mit dem festen Entschluß an, Alles, auch das Schlimmste, ohne Murren, zu
+ertragen.
+
+Unmöglich wäre es jedoch, den Weg zu beschreiben, den ich zu
+durchwandern hatte. Nur wenige Streifen trockenen Landes fand ich, und
+hielt auf dem ersten, um meine Büchse wieder in Stand zu setzen. Dann
+aber durch Sumpf und Moor, durch Fluß und seegleiche Wasserstrecken
+meine Bahn verfolgend, oft bis unter die Arme im Eiswasser (einige
+Male mußte ich sogar schwimmen) erreichte ich gegen Abend einen hohen
+indianischen Grabhügel und erquickte mich in dieser Nacht wieder bei
+einem lodernden Feuer und einem am Spieß steckenden Truthahn, den
+ich, wenige hundert Schritt von meinem Lager, von einem Baum herunter
+geschossen hatte.
+
+Am nächsten Tage blieb mein Marsch nun zwar derselbe -- dieselbe öde
+Wasserwüste, derselbe kalte, nasse Wald, mit seinen ungeheueren Bäumen;
+doch interessirte mich an diesen jetzt nur noch das Moos, nach dem ich
+meine Richtung beibehielt, denn in dem flachen Lande, an den geraden
+Stämmen, ist das Moos an der Nordseite (ein klein wenig mehr westlich
+als östlich) am stärksten, und man kann ziemlich sicher darnach gehen;
+ich wenigstens habe meinen Weg stets sehr gut mit der Beobachtung
+desselben gefunden. Wer beschreibt aber meine freudige Überraschung, als
+ich gegen Mittag Spuren eines menschlichen Wesens fand und bald darauf
+einen Schuß hörte; ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wie ich eilte,
+um mich diesem anzuschließen; nach nicht gar langem Marsch holte ich den
+Jäger auch ein, wie er eben einen erlegten Hirsch aufgehangen hatte; er
+war aber ebenfalls nicht wenig erstaunt, _mich_ und zwar an solchem
+Ort und in solchem Aufzuge zu sehen. Wäre er nur ein Bischen mit
+europäischer Civilisation bekannt gewesen, so würde er mich unbezweifelt
+für einen Weinreisenden gehalten haben, so konnte ich ihm nur
+versichern, daß ich ein »Pech-Reisender« sei und mich in den Sümpfen
+hier zu meinem Vergnügen aufhalte; mein Aussehen mußte das auch
+bestätigen.
+
+Ich hatte jedoch nun den schlimmsten Weg überstanden und erreichte
+einige Tage darauf die Ansiedelungen; es bedurfte aber langer Monate,
+ehe ich diese Jagd vergessen, wenigstens verschmerzen konnte; doch
+durfte ich mich gar nicht beklagen; ich lernte dadurch nur _eine_ der
+_vielen_ Schattenseiten kennen, die eine jede Sache haben muß, um nicht
+durch Einförmigkeit allen Reiz zu verlieren; fand aber auch zu gleicher
+Zeit, daß der _Urwald_ trotz all dem Zauber, der schon allein in dem
+Worte liegt, recht sehr prosaisch, ja sogar recht sehr langweilig sein
+konnte. Sind daher die deutschen Jagden auch weniger gefahrvoll, also
+auch weniger interessant, als die amerikanischen, so ist der Jäger hier
+doch auch nicht solchen erschrecklichen Lagen ausgesetzt, als es nur zu
+oft dort der Fall ist, und wo einmal eine Sache Zwang wird, wo der im
+Walde Lebende schießen _muß_, wenn er nicht verhungern will, hört sie
+auf Vergnügen zu sein.
+
+Drum, -- haben wir auch hier in Deutschland keine Bären- und
+Pantherjagden, so sind die Hasentreiben doch äußerst gemüthlich; und
+liefern fette Bärrippen und Honig ein sehr leckeres Mahl, so schmeckt
+ein gespickter Rehziemer auch nicht so übel.
+
+
+
+
+Die Bärenjagd am Bayou Meter in Arkansas.
+
+
+Eine reine, klare Julisonne sandte ihre glühenden Strahlen auf die
+Sümpfe herab, welche die Bayou Meter am nördlichen Ufer des Arkansas
+umgeben. Selbst die Frösche schwiegen, wie erdrückt von der schweren
+Atmosphäre, und nur dann und wann unterbrach ein einzelner Ruf
+derselben, oder das Zwitschern eines kleinen Waldvogels, die Stille, die
+grabesähnlich auf der Wildniß lagerte.
+
+Da schallte aus weiter Ferne das Geheul einer Meute Hunde herüber,
+schwieg wieder einen Augenblick, und erklang dann lauter und näher als
+vorher. Jetzt konnte man schon die verschiedenen, tieferen und höheren
+Töne einzelner Braken erkennen, und reißend schnell näherte sich die
+Jagd der noch vor wenigen Augenblicken geräuschlosen Einsamkeit. -- Ein
+Hirsch, der, um den Fliegen und Mosquito's zu entgehen, dicht versteckt
+in einem kleinen Schilfdickicht gelegen hatte, sprang auf, streckte und
+dehnte sich, horchte einige Sekunden lang dem näher und näher kommenden
+Getos der Meute, und sprang dann mit langsamen aber weit gestreckten
+graziösen Sätzen in's Gebüsch, einen stilleren, ungestörten Platz zu
+seiner Ruhe zu wählen.
+
+Jetzt schallte das Gebell klar und deutlich, wie nur wenige Schritte
+entfernt aus den, mit dornigen Schlingpflanzen dicht durchflochtenen
+und durchwachsenen Büschen; dürre Äste krachten, das trockene Laub
+raschelte, das ganze Gewirr von Schlinggewächsen kam in Bewegung,
+und heraus stürzte mit offenem, dampfenden Rachen, aus dem die rothe,
+lechzende Zunge hing, mit zurückgelegten Ohren, mit gesträubtem Haar,
+ein gewaltiger Bär, und versuchte über die kleine offene Fläche hinweg
+das gegenüber liegende Dickicht zu erreichen. Ihm auf den Fersen aber
+folgten fünf mächtige Hunde, und kaum hatte er die Hälfte der kleinen
+Waldprairie durchrannt, als der schnellste und kräftigste von ihnen,
+ein schwarz und grau gestreifter Bursche mit rothen, glühenden Augen und
+fürchterlichem Gebiß, an seiner Seite war und ihn faßte.
+
+Mit Blitzesschnelle wandte sich der Bär und versuchte seinen Verfolger
+mit der Tatze zu erreichen und zu vernichten. Das kluge Thier aber, mit
+dieser Jagd vertraut und die Gefahr kennend die in der, mit furchtbarer
+Kraft geführten Tatze seines Feindes lag, entging durch einen gewandten
+Seitensprung dem wohlgeführten Schlage. Ehe aber der Bär, der sich
+augenblicklich wieder zur Flucht wandte, das Zurückprallen seines
+Feindes benutzen konnte, das schützende Waldesdunkel zu erreichen, in
+welchem wild über einander gestürzte Bäume der verfolgten Bestie den
+größten Vorsprung gegeben haben würden, überholten die vier anderen
+Rüden jetzt den Verfolgten und umzingelten im Nu das zur äußersten Wuth
+gereizte Thier. Vergebens war's, daß sich dieses zur Wehr stellte, und
+mit einer Gewandtheit, die Niemand dem anscheinend plumpen Geschöpfe
+zugetraut haben würde, nach allen Seiten hin gegen die angreifenden
+Hunde Front machte und sie zurückschlug; vergebens, daß schon drei der
+kühnsten und unvorsichtigsten ihre Kampflust mit dem Tode gebüßt, und
+erschlagen oder schwer verwundet am Boden zuckten; andere, die der Jagd
+nicht so schnell hatten folgen können, nahmen die Plätze der Getödteten
+ein, und griffen mit immer erneuerter Wuth den vom langen Lauf
+erschöpften Bären an.
+
+Durch einige wohlgeführte und todbringende Schläge jedoch, die
+wieder zweien der Meute das Leben kosteten, verschaffte er sich einen
+Augenblick Luft und stand schnaufend, mit glühendroth unterlaufenen
+Augen, die weißen Zähne bis über das Zahnfleisch hinauf entblößt, einen
+frischen Angriff erwartend, da, während die Hunde bellend und heulend
+ihn umsprangen. Oft aber, indem sie schon einen raschen Anlauf
+versuchten, wurden sie nur durch eine schnelle zuckende Bewegung, ein
+Drehen des Kopfes, ein Blinzeln des Auges ihres gefürchteten Feindes
+zurückgescheucht, daß sie winselnd zur Seite sprangen, gleich darauf so
+viel eifriger ihre Angriffe zu wiederholen.
+
+Da erscholl nahe und laut der Jagdruf ihres Herrn, des jungen Lobston.
+-- Sie horchten; noch einmal ertönte der ermunternde Zuruf des jungen
+Mannes, der seinem Vater, mit dem er die Jagd begonnen, voraus geeilt
+war. Sobald er die Hunde hörte, trieb er sie zu neuen Anstrengungen, den
+Feind aufzuhalten, bis er selbst mit Kugel und Messer den Gefährlichen
+abfangen und das Land von ihm befreien könne. Schweren Schaden hatte der
+Gefräßige nämlich den Heerden der Nachbarschaft zugefügt, und mancher
+Hund war schon in seiner Verfolgung geopfert worden, wobei er sich bis
+jetzt jedesmal durch seine ungemeine Schnelle und fürchterliche Kraft
+den Feinden entzogen und gewisse, sichere Dickichte erreicht hatte, in
+die ihm weder Hund noch Pferd folgen konnte und wollte.
+
+Dießmal schien aber sein Schicksal besiegelt zu sein, denn mit Tigerwuth
+und alle Gefahr verachtend, warfen sich jetzt die Hunde, von der Stimme
+ihres Herrn gestachelt, auf den gemeinsamen Feind. Umsonst wüthete er
+gegen sie mit Zahn und Tatze, umsonst erfaßte er den Lieblingshund des
+jungen Lobston, gerade als dieser auf dem Kampfplatz erschien, in seine
+tödtliche Umarmung, daß das gequälte Thier laut aufheulte und seinem
+Herrn, den es schon dreimal aus Todesnoth gerettet hatte, wie Hilfe
+rufend, entgegen schrie. Fang und Klaue verachtend, bedeckte die jetzt
+zu rasender Wuth gereizte Meute den Bär, daß er mit ihnen, kämpfend und
+um sich hauend, zu Boden stürzte.
+
+Der junge Lobston war nahe bei dem rollenden, wogenden Knäuel, den die
+wüthenden Thiere bildeten, vom Pferde gesprungen, und hatte mehrere
+Augenblicke vergebens gesucht, dem Bären eine Kugel beizubringen. Kaum
+hie und da konnte er auf Augenblicke ein Stück von dessen Fell sehen,
+so hielten ihn die Hunde bedeckt, und die Büchse hinwerfend, das Messer
+herausreißend, stürzte er sich gegen den Niedergeworfenen.
+
+In demselben Augenblicke sprang dieser, wie durch Zauberei von den
+Hunden befreit, die nach allen Himmelsrichtungen geschleudert von ihm
+weg flogen, empor, und das erste, was sich seinen vernichtenden Blicken
+zeigte, war sein grimmigster Feind, der mit geschwungenem Messer auf ihn
+zustürzen wollte.
+
+Der Anblick des mit Schaum und Blut fast überzogenen Thieres war
+fürchterlich, und mit solcher schrecklichen Mordgier im Blick sprang es
+auf den erschrockenen Jäger zu, daß dieser, der noch nie einen gereizten
+Bären in seiner ganzen Furchtbarkeit geschaut hatte, sich entsetzt
+wandte und zu fliehen versuchte.
+
+Nur einen Angstschrei konnte er ausstoßen, als ihn die Bestie erreichte
+und niederschlug; in demselben Augenblicke aber hatten sich auch die
+Hunde wieder gesammelt, kamen ihrem jungen Herrn zu Hilfe, zwangen den
+Bären, ihn loszulassen und folgten dem sich langsam Zurückziehenden in
+den dichteren Wald.
+
+Da krachten wieder die Büsche und dürren Äste desselben Dickichts, aus
+welchem vor wenigen Minuten der junge Lobston herauskam, und dessen
+Vater, ein alter, weißhaariger Greis, sprengte auf den Wahlplatz.
+
+Sein Jagdhemd hing in Fetzen an ihm herunter, sein Gesicht war blutig
+und zerrissen, und lang flatterten ihm die weißen Locken beim scharfen
+Ritt um die Stirn. Auf der Hetze hatte er seine Mütze verloren, als
+er im rasenden Sprung, bei dem Roß und Reiter in den unzerreißbaren
+Schlingpflanzen hängen geblieben, über eine umgestürzte Eiche
+hinweggesetzt, gestürzt und gegen einen Baum geschleudert war. Eben
+wollte er, seinem Pferde die Hacken in die Seite setzend, über den
+blutigen Fleck hinübersprengen, der Jagd zu folgen, als er seinen Sohn
+ohnmächtig, das Gesicht der Erde zugekehrt, am Boden liegen sah, und
+mit krampfhaftem Zucken das Pferd zurückriß, daß es hochaufbäumend sich
+beinah mit dem wilden Reiter überschlagen hätte.
+
+»William!« rief er mit vor Angst erstickter Stimme, »William -- um
+Gotteswillen antworte, bist Du verwundet?« und alles Andere vergessend,
+sprang er vom Pferd, das schnaubend und keuchend stehen blieb, und
+versuchte den Sohn aufzurichten.
+
+Dieser holte nur schwach Athem und schlug mit Mühe die Augen auf, den
+Vater zu bewillkommnen. Sein Gesicht war todtenbleich und, wie seine
+vorn ganz aufgerissenen Kleider, mit Blut überzogen.
+
+Der alte Mann kniete neben ihm und legte den Kopf des Kindes auf sein
+Knie, während der Verwundete zu lächeln versuchte. Da schlugen, nicht
+sehr weit entfernt, die Hunde wieder wie rasend an, und heulten und
+jauchzten, daß der alte Jäger unwillkürlich seinen Kopf hob und den
+bekannten Tönen lauschte.
+
+»Sie haben ihn auf einem Baume,« murmelte William leise.
+
+»Ich weiß wohl, ich weiß wohl,« sagte der Alte, »aber laß ihn da sitzen
+und laß die Hunde darunter verhungern; ich kann Dich nicht verlassen.«
+
+»Geh -- geh,« bat der Sohn -- »o laß ihn dießmal nicht entkommen.«
+
+»Aber, William, Du liegst schwer verwundet hier, ich weiß nicht einmal
+wie schwer und ich sollte Dich jetzt verlassen? nicht um alle Bären in
+Arkansas -- laß mich lieber sehen, wo Dich die Bestie getroffen hat,«
+und mit vorsichtiger Hand versuchte er die Kleider zu entfernen, um die
+Wunde zu entdecken; aber ein Schmerzensschrei des Kindes hinderte ihn,
+und besorgt zog er die helfende Hand zurück.
+
+»Es thut wohl recht weh?« fragte er ängstlich.
+
+»Vater -- schieß den Bär,« bat der Sohn, »ich sterbe hier vor Ungeduld
+-- höre nur, wie uns die Hunde rufen -- der alte Wolf ruft mich!«
+
+»Aber soll ich Dich hier allein lassen?« fragte der Alte, noch
+unschlüssig.
+
+»Du bist in zehn Minuten wieder zurück, und wenn ich den Knall der
+Büchse und den Sturz des Bären höre, werde ich wieder gesund!«
+
+Die Hunde heulten jetzt wirklich auf eine herzzerreißende Art, und der
+alte Jäger, von den Bitten des Sohnes und seinem eignen Wunsche, ein
+schwerverwundetes Kind zu rächen, gedrängt, winkte dem ihm freudig
+Zulächelnden noch ein kurzes Lebewohl, sprang auf sein Pferd und seinen
+Jagdruf ausstoßend, der von der Meute jubelnd beantwortet wurde, war er
+in wenigen Sekunden im Waldesdunkel verschwunden.
+
+Bald darauf ließ das Bellen der Hunde nach, ein Augenblick ängstlichen
+Stillschweigens, der früheren Todtenstille ähnlich, herrschte, und der
+Verwundete hob sich mit unendlicher Mühe etwas auf seinem Ellbogen in
+die Höhe, um sein Gesicht nach der Seite hin zu kehren, von welcher
+her er den Schuß zu hören erwartete. Da krachte der scharfe Knall der
+Büchse; die Hunde stießen einen Schrei aus, und gleich darauf schallte
+der dumpfe Fall des schweren Thieres, das von seiner erklommenen Höhe
+herabstürzte, zu dem jungen Mann herüber. Hochauf athmete der, und sank
+zufrieden lächelnd auf die Wurzel des Baumes zurück, unter dem er lag.
+
+Wenige Minuten darauf aber sprengte auch schon in vollem Carriere sein
+Vater wieder zurück, warf sich vom Pferde und kniete an der Seite des
+todtmatten jungen Mannes nieder, der bleich, mit geschlossenen Augen,
+aber leise athmend da lag.
+
+»William,« sagte er, leise seinen Arm berührend, »William -- schläfst
+Du?«
+
+»Nein, Vater,« hauchte der Kranke, die Augen aufschlagend und ihn
+freundlich anblickend -- »hast Du den Bär?«
+
+»Hier ist seine Tatze,« sagte der Alte, indem er dem Sohne die blutige,
+abgeschnittene Tatze des Ungethüms hinhielt -- »der ist nicht mehr
+schädlich.«
+
+»Nun sterb' ich gern,« hauchte der Jüngling, und erfaßte seines Vaters
+Hand.
+
+»Sterben, William? Thorheit -- komm, sei ein Mann; steh' auf, komm, ich
+helfe Dir,« und mit Todesangst im Blick, versuchte er den Verwundeten zu
+unterstützen.
+
+»Vater, Du thust mir weh!« seufzte dieser.
+
+»Um Gotteswillen, wo fehlt es Dir denn?« fragte der alte Mann, jetzt
+wirklich zum ersten Mal die Möglichkeit vor Augen sehend, daß sein Sohn
+zum Tode verwundet sein könne.
+
+»Hier,« sagte dieser, indem er auf seine rechte Brust zeigte -- »hier --
+es ist Alles aufgerissen, im Rücken sticht es auch recht -- und -- die
+Mosquito's sind so bös.«
+
+»William,« fragte der Vater in seiner Herzensangst, »kannst Du reiten?«
+
+Der Sohn schüttelte traurig den Kopf.
+
+In Todesangst rang der Vater die Hände und stöhnte endlich mit leiser,
+drängender Stimme:
+
+»Aber hier kannst Du nicht liegen bleiben, William; die Insekten
+brächten Dich um, kein Mensch könnte Dich pflegen und Du müßtest
+verschmachten, wenn die Sonne morgen wieder so heiß wie heute brennt.
+Wir sind aber kaum vier Meilen von unserem Haus, Du weißt, der Bär
+wandte sich ganz wieder dem Flusse zu und es kann kaum 200 Schritt bis
+zur Bayou sein. Ich will Dich aufnehmen und tragen; ich thue es gewiß
+vorsichtig!«
+
+»Ach, ich bin zu schwer für Dich, Vater!« seufzte der junge Mann.
+
+»Nein, nein, William, ich habe Dich zu tausendmal getragen. Damals warst
+Du freilich noch kleiner und ich war stärker, Du bist aber jetzt krank
+und ich will Dich schon vorsichtig fortbringen.«
+
+Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, beugte er sich nieder, hob leise
+und sanft den Verwundeten auf, nahm ihn in seine Arme und wanderte mit
+starken Schritten heimwärts, fortwährend in das bleiche Antlitz
+seines Sohnes schauend, das bei jedem Fehltritt, bei der geringsten
+Erschütterung schmerzhaft zusammenzuckte und dessen Farbe mit jedem
+Augenblicke fahler und bleicher wurde. Zwei Meilen mochte der alte
+Lobston den Sohn wie ein krankes Kind also getragen haben, als dieser
+flehend bat ihn nieder zu legen und ruhen zu lassen, er könne es nicht
+mehr aushalten. Der Vater willfahrte der Bitte und legte ihn in's
+Gras, und brachte ihm in seinem Blechbecher, den er am Gürtel trug, zu
+trinken; dann aber trieb er auch um so mehr, das schützende Obdach
+des Hauses zu erreichen, aus der Nachbarschaft dort weibliche Pflege
+herbeizuholen.
+
+Sanft nahm er den Verwundeten wieder auf und trug ihn mit unendlicher
+Mühe durch die Unzahl hochaufwachsender Cypressenwurzeln, die den Weg
+überall unterbrachen. Ängstlich vermied er dabei auch die kleinste
+Erschütterung, während keiner von ihnen weiter ein Wort sprach, bis der
+Vater endlich das, ihm peinlich werdende Schweigen brach und, sich zum
+Sohne niederbeugend, lispelte:
+
+»Nur noch eine Viertelstunde, mein William, nur noch eine Viertelstunde,
+dann lege ich Dich sanft auf Dein Bett und rufe Nachbar Spellens Anna.
+Die soll Dich pflegen und dann wird Dir bald wieder besser werden. Zu
+Hause nehmen wir auch die blutigen Kleider ab und -- aber William,«
+unterbrach er sich ängstlich, indem er still stand.
+
+Der Sohn schlug noch einmal die Augen zu ihm auf, öffnete den Mund, als
+wenn er reden wollte, streckte sich und athmete tief auf, während ein
+tiefer Schmerz ihm durch das Antlitz zuckte.
+
+»William!« rief der Greis entsetzt, »William! so antworte doch -- thue
+ich Dir weh? --«
+
+Der Sohn antwortete nicht mehr -- er war todt.
+
+Der Vater legte den Körper in's Gras, rieb ihm die Schläfe, nahm seinen
+Kopf auf den Schooß, erfaßte seine Hände; es war nutzlos, sein Kind war
+todt.
+
+Da übermannte ihn einen Augenblick sein Gefühl; er warf sich auf den
+Leichnam und schluchzte laut; dann aber, sich gewaltsam sammelnd, stand
+er ruhig auf, nahm die Leiche wieder in seine Arme, und trug sie, so
+sorgfältig als er das verwundete Kind gehalten hatte, dem jetzt nur noch
+wenige hundert Schritte entfernten Hause zu. Dort angekommen, legte er
+die Leiche auf das Bett, rückte einen Sessel daneben und des Kindes Hand
+in die seinige nehmend, legte er seinen Finger auf dessen Pulsader, um
+den leisesten Schlag derselben zu vernehmen, das unbedeutendste Zucken
+seiner Augenlider zu bemerken. Es war die letzte Hoffnung des Vaters,
+dem starren unerbittlichen Tode gegenüber.
+
+Ruhig und geduldig, ja vielleicht ohne sie zu bemerken, hielt der Greis
+die Stiche von ganzen Schaaren Mosquito's aus, die ihn umschwärmten,
+beobachtete sogar mit fieberhafter Spannung die einzelnen der kleinen
+Blutsauger, wenn sie sich auf das Gesicht der Leiche niederließen, zu
+entdecken, ob noch nicht aller Lebenssaft aus den Adern des einzigen
+Kindes gewichen sei. Die Mosquito's aber senkten ihren Stachel in die
+Haut und tauchten umsonst mit der langen Spitze desselben nach der
+warmen Nahrung, zogen ihn wieder heraus, versuchten an einer anderen
+Stelle und verließen dann, summend und unmuthig, den blutlosen Leichnam.
+
+So kam die Nacht; der alte Mann stand auf und zündete ein Licht, von
+Hirschtalg und Bienenwachs gegossen, an, das er auf den Tisch stellte
+und denselben nahe zum Bett rückte. Dann setzte er sich selbst wieder
+auf seine alte Stelle, und die Hand des Kindes in der seinigen,
+erwartete er das erste Tageslicht. Als nun endlich der Morgen dämmerte,
+die Sonne hinter den Baumwipfeln emportauchte, da stand er auf,
+ging hinaus, nahm eine Hacke und fing an das Grab seines Erst- und
+Einzig-Geborenen zu bereiten.
+
+Als die Grube tief genug war, wickelte er die Leiche in die wollene
+Jagddecke, küßte noch einmal Lippe und Stirn des Kindes, senkte ihn
+sanft hinab, legte dachartig lange Schindeln über ihn hinweg, daß ihn
+die Erdschollen nicht berühren konnten und füllte das Grab aus.
+
+Das beendet, rollte er mit unsäglicher Mühe einen abgehauenen, zu
+Fenzstangen bestimmten Eichenstamm auf das Grab, schlug die Rinde
+oben ab, und grub mit seinem schweren Jagdmesser, das er meiselartig
+gebrauchte, den Namen seines Sohnes in rohen Buchstaben auf den Stamm.
+
+An demselben Tag noch fing er die beiden Pferde wieder auf, die er an
+dem gestrigen Unglücksabend im Walde verlassen hatte, bepackte sie mit
+dem Nöthigsten, was er bei einer neuen Ansiedelung zunächst zu brauchen
+glaubte, und zog über den Arkansas hinüber nach den Masserne-Gebirgen,
+dort ungestört den Tod seines geliebten Kindes beweinen zu können.
+
+Das Haus stand verlassen und öde, der Stamm aber, der auf dem Grab des
+Jägers lag, war jeden Sonntag Morgen mit frischen, bunten Waldblumen
+geschmückt. Ein junges Mädchen kniete dann wohl eine Stunde lang, die
+Stirne auf die rauhe Rinde gepreßt, still daneben und netzte mit ihren
+Thränen die rauhe Decke des jungen Backwoodsman.
+
+
+Druck von _Alexander Wiede_ in Leipzig.
+
+
+
+
+[
+Hinweise zur Transkription
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene
+Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch
+Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Wortfehler wurden korrigiert, bei
+Zweifeln der Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen
+Änderungen befindet sich hier am Buchende, Änderungen in der Zeichensetzung
+sind dort nicht aufgeführt.
+
+Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:
+ Sperrung: _gesperrter Text_
+ Antiquaschrift: =Antiquatext=
+
+
+
+
+Änderungen
+
+ Seitenangabe
+ originaler Text
+ geänderter Text
+
+ im Inhaltsverzeichnis
+ Herrn von Sechingen im Urwald gefiel 1
+ Herrn von Sechingen im Urwald gefiel 219
+
+ Seite 261
+ undankbarer Mensch -- Charleh Fischer ein -- Aufschneider sei.
+ undankbarer Mensch -- Charley Fischer ein -- Aufschneider sei.
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+ Seite 274
+ Sie sind mir so wilkommen, wie die Blumen im Mai
+ Sie sind mir so willkommen, wie die Blumen im Mai
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+ Seite 281
+ scheint dann die liebe Sonne und zwischern die muntern Vögel
+ scheint dann die liebe Sonne und zwitschern die muntern Vögel
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+ Seite 284
+ mit allem möglichen Schies- und Jagdgeräth behangen
+ mit allem möglichen Schieß- und Jagdgeräth behangen
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+ Seite 293
+ den Ohio, einen großen, schönen Strom
+ den Ohio, einem großen, schönen Strom
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+ Seite 315
+ sich die Verhältnisse ziemlich gleich leiben,
+ sich die Verhältnisse ziemlich gleich bleiben,
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+ Seite 317
+ bis einer der Sitzenden aufstand, welchen er dann
+ bis einer der Sitzenden aufstand, welchem er dann
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+ Seite 335
+ an's Herz legte, das letzverübte Verbrechen zu gestehen,
+ an's Herz legte, das letztverübte Verbrechen zu gestehen,
+
+ Seite 336
+ das er glaube einen Menschen hier in der Gegend gesehen zu haben
+ daß er glaube einen Menschen hier in der Gegend gesehen zu haben
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+ Seite 366
+ Der Irländer erkläre, er könne keine hundert Schritte
+ Der Irländer erklärte, er könne keine hundert Schritte
+
+ Seite 368
+ mit zugeschnürter Kehle an einem Chesnutast in Pensylvanien
+ mit zugeschnürter Kehle an einem Chestnutast in Pensylvanien
+
+ Seite 388
+ In Louisiana besteht der Haupnutzen des Pedlars
+ In Louisiana besteht der Hauptnutzen des Pedlars
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+ Seite 403
+ Aus ist der Preis gerade für diesen Artikel
+ Auch ist der Preis gerade für diesen Artikel
+
+ Seite 404
+ Diese Krämerboote zeichnen sich vor den ernsteren Kameraden
+ Diese Krämerboote zeichnen sich vor den ersteren Kameraden
+]
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+End of the Project Gutenberg EBook of Amerikanische Wald- und Strombilder.
+Zweiter Band., by Friedrich Gerstäcker
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41585 ***