diff options
Diffstat (limited to '41522-8.txt')
| -rw-r--r-- | 41522-8.txt | 4783 |
1 files changed, 0 insertions, 4783 deletions
diff --git a/41522-8.txt b/41522-8.txt deleted file mode 100644 index fbcd891..0000000 --- a/41522-8.txt +++ /dev/null @@ -1,4783 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars., by -Albert Daiber - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars. - -Author: Albert Daiber - -Illustrator: Fritz Bergen - -Release Date: December 1, 2012 [EBook #41522] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELTENSEGLER. DREI JAHRE *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - - - -Die Weltensegler - - -Drei Jahre -auf dem Mars - - -Erzählung für die Jugend -von -Albert Daiber - - -Mit vier Vollbildern von Fritz Bergen - -Dritte Auflage - - -Verlag von Levy & Müller in Stuttgart - - -Nachdruck verboten -Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten -Druck: Christl. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart - - - - -Inhalt - - -Erstes Kapitel -Vorbereitungen 1 - -Zweites Kapitel -Die Abreise der Weltensegler 16 - -Drittes Kapitel -Zwischen Himmel und Erde 28 - -Viertes Kapitel -Auf dem Mars 53 - -Fünftes Kapitel -Lumata und Angola 78 - -Sechstes Kapitel -Im Reiche der Vergessenen 101 - -Siebentes Kapitel -Der Abschied 113 - -Achtes Kapitel -Ein Abtrünniger 122 - -Neuntes Kapitel -Wieder auf der Erde 128 - -Zehntes Kapitel -In der Heimat 142 - - - - -Erstes Kapitel -Vorbereitungen - - -Der glänzende Abendstern, die Venus, war im Westen untergegangen. Über -Groß-Stuttgart und das Neckartal begann sich eine durchsichtig klare, aber -etwas kalte Winternacht zu breiten. Nach und nach flammten Tausende und -Abertausende von hellen Sternen am Firmamente auf, und als weißlich -schimmernder Gürtel hob sich aus der Menge jener fernen, selbstleuchtenden -Weltkörper scharf und deutlich die Milchstraße ab. Aus ihr heraus blickte -das funkelnde Sternbild der Kassiopeia herab auf die alte, immer noch mit -so viel Torheit erfüllte Mutter Erde, und der Große Bär mit seinen sieben -hellen Sternen, jener geheimnisvollen, im menschlichen Leben eine so -merkwürdige Rolle spielenden Zahl, leistete ihr auf der andern Seite des -gewaltigen Himmelsgewölbes die aus der Urzeit stammende, treubewährte -Gesellschaft. Kunterbunt, in ungleichmäßiger Verteilung, in -verschiedenartiger Helligkeit und Größe lagen die übrigen Sterne -dazwischen, scheinbar noch an ihrem alten, gewohnten Platze. - -Langsam schritt die Nacht vor. Im Süden stieg das prachtvolle Sternbild des -Orion über dem Horizont empor, und bald darauf erschien auch der Sirius, -der glänzendste unter den glänzenden Sternen des Himmels. Für all diese -Schönheit der Nacht, für all diese Großartigkeit jener fernen, -selbstleuchtenden Sonnen schien augenblicklich derjenige am wenigsten -zugänglich zu sein, dessen berufliche Aufgabe gerade die Erforschung des -Sternenhimmels war. Professor Stiller, der berühmte Astronom, Lehrer an der -durch Alter wie Überlieferung gleich ehrwürdigen Universität Tübingen, -ruhte in seinem Lehnstuhl, mit den Fingern der Rechten ärgerlich auf dessen -Seitenlehne trommelnd. Er saß in einem großen, mit einer Kuppel bedeckten -Raum, der auf den ersten Blick als Observatorium oder Sternwarte zu -erkennen war. Ein mächtiges Fernrohr auf massiven Pfeilern ragte aus einer -Öffnung der drehbaren Kuppel hinaus in die klare Winternacht. - -Professor Stiller hatte sich vor Jahren schon auf der ruhigen Bopserhöhe -bei Stuttgart eine Privatsternwarte erbaut, um sich in ihr, fern vom lauten -studentischen Leben und Treiben der Universitätsstadt, um so ungestörter -der Planetenforschung zu widmen. Ganz besonders hatte der Mars, jener -geheimnisvolle Planet, dessen Bahn die der Erde zunächst umschließt, -Professor Stillers Interesse geweckt. Dieses Interesse wurde mehr und mehr -zu einem Privatstudium, und aus diesem heraus wuchs eine so große Liebe zu -dem fernen Planeten, daß in Professor Stiller der Gedanke immer festere -Wurzeln faßte, mit dem Mars in unmittelbare Verbindung zu treten, mit -andern Worten -- ihn zu besuchen. - -Gerade gegenwärtig stand Mars wieder in Erdnähe, und seine augenblickliche -Entfernung von der Erde betrug nur 59 Millionen Kilometer. In der jetzigen -Zeit der großartigsten Erfindungen, der gewaltigen, geradezu fabelhaften -Fortschritte auf technischem Gebiete, der tieferen Erkenntnis der -elektromagnetischen Strömungen im Universum und ihrer Ausnützung, vor allem -aber der so hoch entwickelten Luftschiffahrt hatte der Gedanke eines -Besuches des Mars, einer Reise dahin, durchaus nichts Befremdendes mehr. Im -Gegenteil, so wie die Dinge heute lagen, bestand tatsächlich die -Möglichkeit, die kühne Reise mit Aussicht auf Erfolg ausführen zu können. - -Und Reisegedanken waren es auch, die des Professors Geist augenblicklich -beschäftigten. Aber zu ihnen waren auch ärgerliche Vorkommnisse getreten -und hatten den Gelehrten in eine gewisse zornige Unruhe versetzt. Vor dem -Stuhle des Professors warf eine zierliche elektrische Lampe ihr Licht auf -einen Stoß von Papieren, die, mit Zahlen und Zeichnungen bedeckt, bunt -durcheinander geworfen, auf einem kleinen Tische seitwärts lagen. -Aufseufzend strich sich Professor Stiller mit der Linken über die hohe, -gedankenschwere Stirn. - -»Diese lächerlichen Menschen, diese Blieder und Schnabel, die da in -eigensinniger Weise meinen Anordnungen nicht Folge leisteten und mir -dadurch schon oft den Bau meines Luftschiffes erschwerten, sind wahrlich -nicht wert, daß ich mich noch länger über sie ärgere! Dem Himmel Dank, daß -ich die folgenschwersten Dummheiten dieser beiden Erbauer meines -Luftschiffes immer noch rechtzeitig ausgleichen konnte! Weg also mit allem -Kleinlichen, Ärgerlichen! Diese Stunde soll Mars allein gewidmet sein!« Der -Gelehrte stand auf. »Ja, ja,« fuhr er nach kurzer Pause zu sprechen fort, -»ja, jetzt ist er in der Erdnähe, mein alter, rötlich strahlender Freund. -Für meine Ungeduld, ihn heute abend noch zu sprechen, stille Zwiesprache -mit ihm zu halten, erscheint er ziemlich spät. Und doch ist er der -Pünktliche, nie Fehlende!« - -Professor Stiller sah auf seine Uhr. »11 Uhr 42 Minuten! Noch 55 Sekunden, -und Mars taucht im Osten auf. Rasch hinauf auf die Galerie und an das -Instrument!« Bald stand letzteres gerichtet. Einer kleinen Feuerkugel -gleich zeigte sich dem Auge des Beobachters der über dem östlichen -Horizonte langsam emporkommende Mars. Voll Entzücken betrachtete Professor -Stiller die ihm zugewandte Fläche des Planeten, auf der sich scharf und -deutlich schmale, schnurgerade Linien zeigten. - -»Gerade diese schnurgeraden, vielfach in gemeinsamen Punkten sich -schneidenden Kanäle sind es, die in ihrer Künstlichkeit am deutlichsten und -unzweideutigsten für das Vorhandensein vernunftbegabter Wesen dort oben -sprechen,« kam es laut über die Lippen des Gelehrten. »Der Mars besitzt -trotz seiner Atmosphäre verhältnismäßig geringe Wassermengen. Daher sind -die Marsbewohner gezwungen, diesem Mangel durch künstliche Veranstaltungen -nach Möglichkeit abzuhelfen, die geringen Wassermengen derartig -auszunützen, daß, wenn ein Distrikt bewässert ist, die kostbare Flüssigkeit -einem andern zugeführt wird. Wie oft habe ich nicht schon diese Tatsachen -als Erklärung des zeitweisen Auftauchens und Verschwindens der Marskanäle -in Tübingen vom Katheder herunter verkündigt!« rief Professor Stiller voll -Begeisterung. »Ja, ein Volk mit hoher Kultur muß auf dem Mars wohnen, denn -nur ein solches vermag so wunderbar geniale, dem allgemeinen Wohl dienende -Bauten auszuführen,« fuhr der Professor in seinem lauten Monologe fort. -»Die Jahreszeiten auf dem Mars scheinen mir in erster Linie von dem -Schmelzen der Eismassen an seinem Süd- und Nordpole beeinflußt. Und dieses -aus den polaren Eiszonen abschmelzende Wasser leiten jene Wesen dort oben -zum Zweck der Befruchtung in die uns sogar von hier aus sichtbaren Kanäle. -Welch herrlicher, üppiger Pflanzenwuchs muß sich da längs der Kanäle, an -ihren Ufern entwickeln! Welch starke Vegetationsprozesse mögen sich dort -oben abspielen, wo das Wasser in richtiger Verteilung überallhin geführt -wird! Und was das wohl für ein Menschenschlag sein mag, der den Mars -bewohnt? Uns vielleicht um Jahrtausende an allgemeiner Bildung voraus! -Unmöglich wäre dies nicht. Ich muß sie kennenlernen wie den Boden selbst, -auf dem sich das Leben dieser Wesen abspielt.« - -Voll Erregung trat Professor Stiller vom Teleskop zurück. Aber das lebhafte -Interesse an dem Gegenstande seiner Beobachtung trieb den Gelehrten rasch -wieder an das Instrument. So verfloß Stunde auf Stunde mit astronomischen -Forschungen und Berechnungen. Die funkelnden Sterne am Himmel verblaßten -allmählich, und der Wintermorgen begann langsam heraufzudämmern, als der -Professor endlich seinen Posten verließ und sich in sein warmes Heim -zurückzog, das sich in unmittelbarer Nähe der Sternwarte befand. - -Ein leichter Nebel zog über das Neckartal herauf und lagerte sich über -Groß-Stuttgart. Vor der strahlenden Morgensonne aber zerfloß der dünne -Schleier rasch und ließ die Stadt, die sich im Laufe ihrer Entwicklung aus -dem Tale des Nesenbaches rechts und links am Ufer des Neckars vorgeschoben -hatte, in vorteilhaftestem Lichte erscheinen. Der Winter hatte seinen -Einzug noch nicht gehalten, und die bewaldeten Höhen des Neckartales trugen -daher noch kein Schneegewand. In der reinen, frischen Luft des -Dezembermorgens hoben sich klar und scharf die Türme und villenartigen -Bauten ab, die da und dort von höher gelegenen Punkten auf die zu ihren -Füßen liegende große Stadt herabschauten. Auch die alte Kapelle auf dem -Rotenberge paßte prächtig zu dem gesamten Bilde voll landschaftlicher -Anmut, durch das der Neckar, einem silbernen Bande ähnlich, seine Wasser -strömen ließ. - -Ein großer, freier und ebener Platz mit kurzer Grasnarbe, der durch die -Abhaltung des schwäbischen Volksfestes von alters her weltberühmte -Cannstatter Wasen, unterbrach in angenehmer Weise das Häusermeer und war -von diesem nur auf einer Seite durch den Fluß scharf abgegrenzt. Am oberen -Ende dieses mehrere Kilometer langen Geländes erhob sich ein gewaltiger -Bretterbau. - -»Luftschiff für die Mars-Expedition« - -stand in Riesenbuchstaben an dem rotundenartigen Bau. Und darunter die -üblichen Worte: - -»Unberechtigten ist der Zutritt strengstens verboten!« - -Aus dem Innern des Gebäudes ließ sich augenblicklich nichts vernehmen, ein -Zeichen, daß die Arbeit an dem Werke entweder eingestellt oder vielleicht -schon beendet war. - -Der Bau des Luftschiffes, das zum ersten Male, seitdem es überhaupt eine -Welt- und Völkergeschichte gibt, das schwierige Problem der Fahrt außerhalb -der Erdatmosphäre durch den unendlichen Ätherraum hindurch nach einem ganz -bestimmten Ziele hin lösen sollte, war den Herren Blieder und Schnabel -übertragen. Ersterer war Architekt, dem, allerdings nur in Stuttgart, viel -Erfahrung und Phantasie in der Ausführung kühner Projekte nachgerühmt -wurde, letzterer Professor der Mathematik an einer höheren Schule. Als -solcher war Herr Schnabel berufen, den Bau des Luftschiffes auf Grund -mathematischer Berechnungen zu überwachen und im übrigen als -wissenschaftlicher Beirat Herrn Blieder zur Seite zu stehen. Form und -Schwere, die in sinnreichster Art gebundenen elektrischen Energiemengen, -die zur Vorwärtsbewegung und Steuerung des Schiffes wie auch zur -Beleuchtung und Heizung der geschlossenen Gondel dienen sollten, all die -zahlreichen, äußerst wichtigen Bedingungen und Einzelheiten der Maschinerie -waren von Professor Stiller zusammen mit andern bedeutenden Kollegen der -Tübinger Universität bestimmt und genannten beiden Herren zur Ausführung -übertragen worden. - -Nur zögernd, fast widerwillig hatte Professor Stiller sich zu dieser -Übergabe verstehen können. Blieder und Schnabel waren alte Bekannte von -ihm. Aus der Vorstadt Cannstatt stammend, waren sie mit ihm aufgewachsen, -doch hatten die späteren Jahre und die so ganz verschiedenen Interessen und -Bestrebungen Professor Stiller mehr und mehr von den beiden Jugendgenossen -getrennt. Die entstandene Kluft wurde in dem Maße größer, als Professor -Stiller auf dem steilen Wege der Forschung immer höher emporstieg. Als es -aber bekannt wurde, daß ein Professorenkollegium der Tübinger Universität -auf Grund eines lichtvollen Vortrages von Professor Stiller beschlossen -habe, auf Kosten des staatlichen Universitätsvermögens ein eigenartiges -Luftschiff zur Expedition nach dem Mars bauen zu lassen, da waren die -beiden Genossen ehemaliger Jugendstreiche schleunigst zu Herrn Stiller -geeilt. - -Beide kitzelte der Ehrgeiz, ihre Namen weltberühmt zu machen, sie für ewig -mit dem »Weltensegler«, so sollte das Luftschiff heißen, verbunden zu -sehen. Ihren unermüdlichen Bitten um besondere Berücksichtigung unter -Anrufung der alten Jugendfreundschaft gab Professor Stiller endlich nach. -Er tröstete sich damit, daß von den übrigen für den Bau des Weltenseglers -in Frage kommenden Wettbewerbern schließlich keiner eine bessere Gewähr für -das Gelingen der Arbeit hätte bieten können als Blieder und Schnabel. Und -am Ende, ja, am Ende waren es doch auch Söhne des lieben Schwabenlandes wie -er selbst. - -So war der anfängliche Widerwille des Gelehrten gegen die zwei »engeren -Stuttgarter« zurückgedämmt worden, um jedoch gegen das Ende des Baues desto -lebhafter wieder zu erwachen. Die Herren Blieder und Schnabel waren zwei -richtige Dickköpfe. Jeder glaubte für sich allein den Stein der Weisen -gefunden zu haben und hielt sich daher für berechtigt, den Plan des -Schiffes nach eigenem Gutdünken zu ändern. Nur der Wachsamkeit und der -rücksichtslosen Tatkraft Professor Stillers war es zuzuschreiben, daß sich -nach endlosen Kämpfen, schwerstem Ärger und Verdruß mit Blieder und -Schnabel der Bau des Weltenseglers im großen und ganzen in den Formen -hielt, die ihm der Gelehrte selbst gegeben. - -Aber gestern mittag, als Professor Stiller die Baustätte besuchte, um sich -von der endlichen richtigen Fertigstellung des Ganzen zu überzeugen, an dem -seit vielen Monaten eifrig gearbeitet, und dessen Vollendung bereits in die -Welt hinausposaunt worden war (Blieder und Schnabel waren die Trompeter), -da hatte Professor Stiller in hellem Zorne wahrnehmen müssen, wie gerade -einige seiner wichtigsten Anordnungen von den Erbauern übersehen worden -waren. Die Arbeit, die bereits ruhte, mußte wieder von neuem aufgenommen -werden, und von neuem flickte man am Weltensegler herum. Dadurch verzögerte -sich natürlich der Aufstieg, unter Umständen stand sogar das Gelingen der -Expedition in Frage. Es war einfach, um aus der Haut und nicht nach dem -Mars zu fahren! - -Wütend kam Professor Stiller nach Hause. Er brauchte mehrere Stunden, um -seinen Grimm zu meistern und sein gestörtes seelisches Gleichgewicht -wiederzuerlangen. Unmittelbar am Ziele seiner schon so lange gehegten -Wünsche, und nun von neuem auf die Geduldsprobe gestellt, das ertrage, wer -vermag! Professor Stiller konnte es nicht, und so kam es, daß er, unfähig -zu ernster Arbeit, mehrere Stunden in seinem Observatorium damit zubrachte, -sein etwas rasches, feuriges Blut zu beruhigen und den Ärger zu überwinden. - -Jetzt saß der Gelehrte, eingehüllt in einen bequemen, molligen Schlafrock, -in seinem von der Sonne durchfluteten, geräumigen Studierzimmer, die -Beobachtungen der Nacht verarbeitend. Das Ergebnis war sehr günstig. Jetzt, -oder für lange Zeit, vielleicht für viele Jahre nicht mehr, war es möglich, -von der Erde aus den Mars zu erreichen. Es ist ein großer Unterschied, ob -ein Gestirn von der Erde nur 59 oder 400 Millionen Kilometer entfernt ist. -Der Mars hatte augenblicklich das Maximum seiner Erdnähe erreicht und -befand sich genau 59 Millionen Kilometer von seinem Nachbar entfernt. Die -langen Berechnungen des Professors hatten dies ergeben. Mit der Expedition -durfte daher nicht mehr lange gesäumt werden; jeder beträchtliche -Zeitverlust mußte auf das peinlichste vermieden werden. Wollte man den sich -rasch von der Erde wieder entfernenden Planeten unter vollster Ausnützung -der gerade bestehenden günstigen Gravitationsverhältnisse, der natürlichen, -gesteigerten Anziehungskraft überhaupt erreichen, so mußte mit jeder Stunde -gerechnet werden. - -»Und da müssen gerade in diesem so überaus günstigen Augenblick die beiden -Langohre da unten« -- Professor Stiller schaute bei diesen Worten von -seinem Studierzimmer hinab gen Cannstatt -- »einen kleinen Strich durch -meine Rechnung machen!« Eine Blutwelle neu sich regenden Zornes stieg dem -Professor gegen den Kopf. - -Da wurde an die Tür des Zimmers geklopft. Auf das laute Herein des -Gelehrten erschien dessen Diener und meldete die Herren Blieder und -Schnabel. »Lupus in fabula!« lächelte Professor Stiller vor sich hin, -erinnerte sich aber plötzlich, daß er gestern auf dem Wasen die beiden -Herren zu sich bestellt hatte und zwar für heute auf zwölf Uhr mittags. Ein -Blick auf die Uhr bewies die Pünktlichkeit der Besucher. Der Professor -erhob sich von seinem Stuhle und gab den Befehl, die Herren hereinzuführen. - -»Pünktlichkeit ist Höflichkeit!« Mit diesen Worten begrüßte Professor -Stiller die Eintretenden. »Nehmt Platz,« fuhr er fort, »und sagt mir -sofort, ob binnen vier Tagen die von mir gestern gerügten Ausstände am -Weltensegler in Ordnung gebracht werden können; denn nächste Woche müssen -wir unbedingt hinauf, koste es, was es wolle.« - -»Ich wüßte wirklich von keinem nennenswerten Fehler meinerseits, der den -Aufstieg des Luftschiffes hindern könnte,« meckerte Blieder mit seiner -blechernen Stimme. - -»Was?« schrie der Professor erbost, »muß ich dir altem Baumeister, dem vor -lauter Genialität allerdings nichts einfällt, nochmals das wiederholen, was -ich dir gestern tadelnd sagte?« - -An Stelle der Antwort begnügte sich Blieder, mit den Achseln zu zucken. - -»In der geschlossenen Gondel kann ich keine Glasfenster brauchen, das -könntest du wissen, um so mehr, als ich dieses wichtigen Umstandes bereits -am Anfange, beim Entwurf des Planes gedachte,« entgegnete der Gelehrte. - -»Ja, aber warum? Ich sehe wirklich nicht ein . . .« - -»Mein lieber Blieder, du siehst allerdings weder ein noch aus. Deine in die -Gondel eingesetzten Spiegelgläser sind hart und spröde, den gewaltigen -niederen Temperaturen im Ätherraum gegenüber völlig widerstandslos. Also -hinaus mit den Gläsern, weg mit ihnen und ersetze sie durch elastischen, -widerstandsfähigen Glimmer. Der hält alle Temperaturen über und unter Null -gleich gut aus. Zwei Tage Zeit hast du dazu, und in diesen muß die Änderung -gemacht sein.« - -»Aber wenn . . .« begann Blieder, wurde aber heftig durch den Professor -unterbrochen. - -»Es gibt weder ein Wenn noch ein Aber. Sei froh, daß ich dir in Anbetracht -der Kürze der Zeit die mancherlei andern Unebenheiten hingehen lasse, deren -du dich bei der Konstruktion schuldig gemacht hast. Aber eine wichtige -Sache muß noch verbessert werden. Du dachtest nämlich nicht mehr daran, -obgleich du auch darauf aufmerksam gemacht wurdest, daß eine Gondel, die -während einer bestimmten Zeit der Aufenthaltsraum für eine mehrköpfige -Gesellschaft sein soll, auch eine Klappe für allerlei Abfallstoffe haben -muß. Wir benötigen ein paar solcher doppelten, auf das dichteste -schließenden Klappen, und zwar rechts- und linksseitig, beileibe nicht am -Boden.« - -»Dort wären sie aber am einfachsten anzubringen.« - -»Glaube ich,« erwiderte spöttisch lächelnd Professor Stiller, »wir wünschen -aber nicht unterwegs aus der Gondel zu fallen, sondern wollen womöglich -heil und gesund den Mars erreichen.« - -»Aber im Innern längs der Gondelwand sind die Provianträume, unter diesen -die Akkumulatoren und . . .« - -»So teile sie entsprechend ein, und die Sache ist geordnet. Sela! Nun zu -dir, Schnabel! Wovon meinst du, daß unsere Expedition unterwegs leben -soll?« - -»Natürlich von den mitzuführenden Nahrungsmitteln, von Konserven und andern -guten Sachen, auch besten Neckarwein nicht zu vergessen,« antwortete -schmunzelnd der mit einem hübschen Bäuchlein ausgestattete, eß- und -trinkfeste Mathematiker. - -»Den Wein vergessen wir auch nicht, sei unbesorgt, Schnabel. Aber von was -lebt denn sonst noch der Mensch außer von Speise und Trank?« - -»Nun, von Luft!« entgegnete Schnabel etwas gereizt über diese Frage. - -»Gewiß! Nur sage mir, woher wir denn die Luft auf unserer Reise beziehen -sollen. Im Ätherraume gibt es bekanntlich keine, und die vom Cannstatter -Wasen in der Gondel mitgenommene Heimatluft hält leider auch nicht lange -vor.« - -»O zum Kuckuck! Es ist die Anlage für die feste Luft, die ich vergaß -anbringen zu lassen.« - -»So ist es! Mache deinen Fehler so rasch als möglich gut. Blieder soll dir -dabei helfen. Ob die Anlage feste Luft enthält, werde ich dann selbst noch -prüfen; denn du wärest imstande, sogar die Füllung zu vergessen. Wie ich -dir gestern mittag schon sagte, ist auch die ganze Steuerungsanlage -fehlerhaft. An Stelle der Vermittlung durch die Welle hast du -unbegreiflicherweise die lebendige Kraft des elektrischen Stromes -unmittelbar auf die Aluminiumschraube übertragen.« - -»Laut mathematischer Berechnung das einzig Richtige!« brummte Schnabel. - -»Bleib mir hier mit deiner Mathematik vom Leibe, wenn sie solch -offenkundigen Unsinn zeitigt!« entgegnete zornig Professor Stiller. »Ich -trage die Verantwortung für die gewagte Expedition. Alles, was ihre Gefahr -irgendwie vermehren kann, muß ich nachdrücklich zurückweisen, alles dagegen -willkommen heißen, was zu ihrer Sicherheit und zum möglichen Gelingen -beizutragen vermag.« - -»Als ob wir, Blieder und ich, nicht alles getan hätten, was du von uns -verlangtest! Aber natürlich, euch Allerhöchsten von der Universität ist -selten etwas recht zu machen.« - -»So scheint es wirklich zu sein,« bestätigte seufzend Blieder. - -»Darüber will ich mich mit euch nicht streiten, denn dies wäre eine höchst -zwecklose Sache. Sorgt lieber dafür, daß der Weltensegler nächste Woche -segelfertig ist. Höchste Zeit dafür ist es, soll die Reise überhaupt -gelingen. Seit Tagen schon drängen mich deshalb meine Kollegen in Tübingen, -denen ich als Zeit des Aufstieges die ersten Tage des Dezembers angegeben -hatte, und zwar als äußersten Zeitpunkt. Nun entsteht wieder eine -Verzögerung. Die Sache muß rasch zu Ende gebracht werden. Abgesehen von der -allgemeinen Lächerlichkeit, der wir uns aussetzen würden, wenn die Abreise -immer von neuem wieder verschoben wird, laufen wir überhaupt Gefahr, die -uns gebotenen günstigen Konjunkturen nicht voll und ganz ausnützen zu -können. Also sputet euch! Ich bitte dringend darum.« - -»Wie lange wird die Reise dauern?« fragte Schnabel neugierig und bestrebt, -der ihm unangenehmen Unterhaltung eine freundlichere Wendung zu geben. - -»Das hängt von jedem Tage, ja von jeder Stunde ab, die wir früher fahren -können,« entgegnete Professor Stiller. »Die für die Verbesserung der -gerügten Fehler eingeräumten weiteren vier Tage bedeuten für uns eine -höchst unliebsame Verlängerung der Reise. Mars hat jetzt das Maximum seiner -Annäherung an die Erde erreicht und entfernt sich nun von ihr wieder mit -jeder Minute. Wie lange unter diesen Umständen die Reise im Ätherraume -dauern wird, läßt sich nur ahnen, genau aber nicht sagen. Sobald wir -glücklich aus dem Anziehungskreise der Erde und des Mondes herausgekommen -und in den des Mars gelangt sind, wird die Reise außerordentlich rasch -vonstatten gehen trotz der gewaltigen Entfernungen, die wir zurückzulegen -haben. Dank der mächtigen, vom Mars ausgehenden elektromagnetischen -Strömungen der Anziehung werden wir diesem Planeten mit ganz fabelhafter -Schnelligkeit zufliegen, mit einer Schnelligkeit, die mindestens täglich -auf zwei Millionen Kilometer einzuschätzen ist. Immerhin rechne ich auch im -günstigsten Falle auf eine Reisedauer von mehreren Wochen. Der Vorsicht -halber nehmen wir aber für drei Monate Proviant mit uns.« - -»Und wenn ihr den Mars nicht erreicht, wenn die ganze Reise mißlingt, was -dann?« forschte Schnabel. - -»Dann, mein Lieber, geht es uns, wie es schon so manchem Forscher vor uns -gegangen ist und nach uns noch gehen wird: wir sind die Opfer, die Märtyrer -der Wissenschaft. Mit diesem Fall haben wir aber auch schon gerechnet, als -wir beschlossen, die kühne Fahrt zu unternehmen. Glücklicherweise sind -sämtliche übrigen Teilnehmer gleich mir keine Familienväter, sondern der -Mehrzahl nach jüngere Männer, die diesen Schritt in das Ungewisse, -Geheimnisvolle wagen und vor ihrem Gewissen verantworten können. Ich -persönlich rechne mit aller Sicherheit auf das Gelingen der Reise, auf den -Triumph der Wissenschaft.« - -»Mit staunender Bewunderung sieht heute die ganze Kulturwelt auf uns und -unser Neckartal, wo so kühne Pläne vor ihrer Verwirklichung stehen, und -kommt ihr einst mit dem Weltensegler glücklich wieder zurück, so werdet ihr -in einer Weise empfangen und gefeiert werden, wie es noch niemals Menschen -vor euch geschah,« warf Blieder ein. - -»Zuerst müssen wir nach dem Mars gekommen sein, bevor wir überhaupt an eine -Rückkehr denken können,« entgegnete Professor Stiller lächelnd. »Einige -Jahre dürfte unsere Abwesenheit von hier schon dauern; denn eine solche -ungeheure Reise erfordert begreiflicherweise auch außergewöhnliche -Zeitdauer. Und das interessanteste Studienobjekt ist der Mensch selbst, der -auf jenem fernen Weltkörper haust. Wie ihr wißt, beweisen uns unsere -teleskopischen Beobachtungen, daß es ganz besonders hochstehende Wesen sein -müssen, die dort wohnen. Wer weiß, ob sie uns nicht geistig wie körperlich -weit überragen.« - -»Oder uns gegenüber noch sehr minderwertig sind, was auch nicht unmöglich -wäre,« bemerkte Schnabel hochmütig. »Auf keinen Fall möchte ich mit.« - -»Du bleibst auch besser unten auf der Erde,« entgegnete Professor Stiller. -»Und nun haben wir genug geschwatzt. Eilt an eure Arbeit! In vier Tagen -werde ich auf den Wasen kommen und mich überzeugen, ob die gerügten -Anstände in Ordnung gebracht sind. Nächste Woche muß die Abreise des -Weltenseglers unbedingt stattfinden; ich betone dies nochmals mit allem -Nachdruck. Jeder weitere Tag des Wartens bedeutet für mich und mein an sich -schon aufgeregtes Nervensystem eine fürchterliche Qual. Sie zu vermindern, -liegt in eurer Hand. Ihr habt mir oft und viel Verdruß bereitet, macht -also, daß ich ohne allzu großen Groll von euch und dieser Erde scheiden -kann.« Mit diesen Worten entließ der Professor seine Besucher. - - - - -Zweites Kapitel -Die Abreise der Weltensegler - - -Für Professor Stiller und seine Gefährten vergingen die folgenden Tage in -fieberhafter Tätigkeit mit den Vorbereitungen zur Reise. Auch auf dem -Cannstatter Wasen in der Werkstätte des Weltenseglers herrschte wieder -regste Tätigkeit. Das Luftschiff war aus der gewaltigen Halle heraus auf -den großen, freien Platz davor gebracht und hier fest verankert worden. Nun -erst konnte man die riesigen Formen des Ballons richtig erkennen. Er hatte -eine länglich ovale Gestalt, ebenso die an ihm befestigte geschlossene -Gondel. Infolge dieser Ähnlichkeit machte die Gondel den Eindruck, als -befinde sich ein zweiter kleinerer Ballon unterhalb des großen, -gewissermaßen wie Mutter und Kind. - -Die Länge des Luftschiffes betrug, von einer Spitze zur andern gemessen, -zweihundert Meter, die mittlere Höhe zwanzig Meter. - -Das innere Gerippe des Ballons bestand aus einem Netzwerk von luftleer -gemachten, sehr dünnen, aber außerordentlich starken Metallblechröhren. -Darüber legte sich ein zweites, gleich konstruiertes Gerippe und über -dieses ein drittes. Wohl waren die drei Lagen unter sich verbunden, aber -doch so, daß auch jede einzelne für sich allein tätig sein und die Gondel -tragen konnte. Es war sozusagen ein dreifach übereinander gestülpter -Ballon. - -Zur Anfertigung der Metallröhren wurde die von Professor Samuel Schwab in -Tübingen neu entdeckte Metallmischung, Suevit genannt, verwendet. Diese -Mischung zeichnete sich durch außerordentliche Leichtigkeit, fabelhafte -Widerstandsfähigkeit und gewaltige Tragkraft aus und stellte alle bis jetzt -in dieser Richtung bekannten Metallpräparate in den Schatten. Suevit -bestand der Hauptsache nach aus Aluminium, dem aber in bestimmtem -prozentualem Verhältnisse Wolfram neben etwas Kupfer und Vanadium -beigegeben war. Diese Legierung ließ sich zu feinstem Blech auswalzen, ohne -dabei von ihrer Widerstandskraft auch nur das geringste einzubüßen. Aus -diesem Blech nun wurden die Röhren geformt, die zur Anfertigung der drei -Ballongerippe dienten. Die Röhren waren nahtlos und wurden, nachdem sie auf -das sorgfältigste luftleer gemacht worden waren, mit dem neuen merkwürdigen -Gase Argonauton gefüllt. - -Zur Umhüllung der einzelnen Metallgerippe diente das von dem leider zu früh -verstorbenen Eßlinger Großindustriellen Wilhelm Weckerle erfundene Gewebe -aus Seide und Leinen, das das Staunen und die Vewunderung der gesamten -Textilbranche erregte. Die Fäden dieses Gewebes wurden auf eigens dazu -gebauten Webstühlen mittels neuer Maschinen auf geistreiche Weise so -miteinander verknüpft, daß sie nahezu unzerreißbar und von wunderbarer -Glätte wurden. Jeder einzelne der drei Ballons wurde mit dem Stoff umhüllt, -dann erst wurde dieser so lange mit Kautschuklösung getränkt, als er -aufnahmefähig war. Durch dieses Verfahren wurde der Stoff für das Gas -vollständig undurchdringlich gemacht. Nichtsdestoweniger wurde der Vorsicht -wegen das Ganze noch mit einer dünnen Kautschukmasse umgeben und auf diese -endlich die Pillerinlösung aufgetragen, eine von Professor Piller in -Tübingen zu diesem Zwecke hergestellte Eisensilikatflüssigkeit. Sie gab dem -Überzuge eine einer Panzerung ähnliche Widerstandskraft, die selbst durch -Anwendung größter äußerer Gewalt kaum überwunden werden konnte. Der Ballon -stellte so das Ideal des starren Systems des Luftschiffes dar. - -In dieser peinlich genauen Art wurden auch die einzelnen Bestandteile des -Ballons behandelt. Die Berechnung war so getroffen, daß auch nach einem -etwaigen Verlust der ersten, äußersten Hülle oder, was kaum anzunehmen war, -auch der zweiten mittleren, die innerste immer noch als selbständiges -Ganzes zu funktionieren und die Gondel zu tragen vermochte. - -Auf diese Weise suchte Professor Stiller allen nur möglichen Gefahren im -Weltraum erfolgreich zu trotzen. Jede Ballonhülle war mit einer besonderen -Klappe versehen, die vom Gondelinnern aus dirigiert werden konnte. - -Der Ballon war, wie bereits gesagt, mit dem neu entdeckten, spezifisch -unendlich leichten Gase Argonauton gefüllt. Kaum noch wägbar (0,01), besaß -das Argonauton die unschätzbare Eigenschaft, weder durch enorme Hitze -(+1350 Grad), noch durch größte Kälte (-500 Grad) irgendwie in seinem -Aggregatzustande beeinflußt oder gar verändert zu werden. Es war zur Zeit -noch das einzige wirklich beständige oder permanente Gas, das Rätsel der -Gelehrtenwelt. - -Das Gerippe der Gondel bestand aus derselben Art von Röhren und einem -Überzuge aus Weckerleschem Gewebe, das in ähnlicher Weise wie der Ballon -mit Kautschuk überzogen und mit Pillerinlösung widerstandsfähig gemacht -worden war; Außerdem trug die Gondel noch eine dicke Isolierschicht aus -Asbest. Im Innern aber war sie dicht mit Pelzwerk ausgeschlagen; galt es -doch, dem Wärmeverlust im ungeheuer kalten Ätherraume, dessen Temperatur -auf 120 bis 150 Grad Celsius unter Null geschätzt wurde, nach Möglichkeit -vorzubeugen. An Sitz- wie Liegegelegenheit fehlte es in der Gondel nicht. -Ihr Inneres machte sogar einen äußerst wohnlichen und behaglichen Eindruck. -An den Längsseiten der zehn Meter langen und fünf Meter breiten Gondel -befanden sich in einer Art von Schränken die Vorräte von den -verschiedenartigsten Nahrungsmitteln. - -Unterhalb der Vorratsräume liefen die Leitungen der elektrischen Apparate -für Heizung und Beleuchtung des Gondelinnern und diejenigen für die -Erneuerung der Luft. Die Fortschritte der technischen Wissenschaften hatten -es möglich gemacht, ganz gewaltige Mengen elektrischer Kraft auf einem -verhältnismäßig kleinen Raume festzulegen. Auf diese Weise nur war es dem -Weltensegler möglich, ohne nennenswerte Mehrbelastung diejenigen -Energiemengen an elektrischer Kraft mit sich zu führen, die in ihrer -umgesetzten Form als Licht und Wärme nicht nur die Existenz der -Gondelbewohner ermöglichen, sondern auch zur Vorwärtsbewegung und Lenkung -des Luftschiffes selbst dienen sollten. Für letztere Zwecke waren am -Ballonkörper selbst seitwärts, rechts und links, Luftschrauben angebracht, -die durch die elektrische Kraft von der Gondel aus in Tätigkeit gesetzt -werden konnten. Zur ebenfalls elektrisch betriebenen Steuerung dienten mit -dem imprägnierten Weckerleschen Stoffe bespannte, wagrecht wie senkrecht -einstellbare große, mit Suevitröhren eingefaßte Flächen. Dadurch war eine -Steuerung nach zwei Richtungen hin möglich, horizontal sowohl wie auch -vertikal. - -Die in metallene Behälter eingeschlossene feste, kristallinische Luft, im -Augenblicke ihres Kontaktes mit äußerer, gasförmiger Luft sofort sich -verflüssigend und fein zerstäubend, nahm, trotz großer Vorratsmenge, -ebenfalls nicht allzuviel Raum und Gewicht in Anspruch. - -So waren die wichtigsten, elementarsten Bedingungen erfüllt, die das -großartige Unternehmen zu einem erfolgreichen Ergebnis führen konnten. Seit -sich der Weltensegler im Freien befand, allen Augen sichtbar, strömte eine -Menge neugieriger Besucher herbei, um ihn zu bewundern, die Erbauer mit -Fragen zu bestürmen und sie um allerlei Auskunft zu bitten. Die Herren -Blieder und Schnabel befanden sich nun endlich in dem ihnen am meisten -zusagenden Elemente. Sie schwammen förmlich in Stolz, Wonne und erhöhtem -Selbstgefühl, waren sie doch in diesem Augenblick die wichtigsten und dank -ihrer Intelligenz als Erbauer auch die angesehensten Persönlichkeiten nicht -allein Groß-Stuttgarts, sondern sogar der gesamten Welt. Ihre Namen waren -in aller Munde. Was konnten sie mehr verlangen? Selten wird einem Irdischen -das große Los zuteil, allgemein mit Hochachtung genannt zu werden. Unter -den staunenden Besuchern des Cannstatter Wasens waren Vertreter aller -möglichen Völker erschienen, Gelehrte und Ungelehrte, Hochkultivierte und -Halbwilde, Männer, Frauen und Kinder, war es ja doch seit Monaten schon -durch Zeitungen und Spezialberichte überall, diesseits und jenseits der -Ozeane, bekannt geworden, daß das große, unerhört verwegene Wagnis einer -Reise nach dem fernen Mars anfangs Dezember vom Herzen des Schwabenlandes -aus zur Ausführung kommen sollte. Die Namen Blieder und Schnabel waren -daher in den fernsten Winkel des Erdballes getragen worden als die kühnen -Schöpfer des Luftschiffes, das als erstes die unendlichen Räume des -Weltenäthers durchschnitt. - -Mit der Zunahme der Besucher stieg die allgemeine Erregung, als der Tag des -Aufstieges des Weltenseglers langsam näher rückte. Nach Hunderttausenden -wurden die Fremden geschätzt, die nach Groß-Stuttgart geströmt waren, um -das in seiner Art einzige Schauspiel zu sehen, ein Schauspiel, von dem noch -in den fernsten Zeiten als von einer wunderbaren Begebenheit gesprochen -werden mußte. Nur persönlich dabei zu sein, den Augenblick des Aufstieges -in seiner ganzen Wucht der Eigenart auf sich einwirken zu lassen, von -diesem einzigen Wunsche waren alle Besucher beseelt. Sie zahlten gewaltige -Preise für ihre Unterkunft. Wer mit dem Geld nicht verschwenderisch um sich -werfen konnte, fand weit und breit in und um Stuttgart herum keine -Unterkunft. Nicht nur waren die Gasthäuser bis unter das Dach hinauf -besetzt, nein, auch die Häuser von Privaten waren gefüllt. Noch niemals -hatte Stuttgart mit seiner Umgebung einen so ungeheuren Fremdenstrom -erlebt, wie in diesen Tagen. - -Auf dem Wasen selbst war das Leben und Treiben der Menschenmenge nachgerade -lebensgefährlich geworden. Man stieß und drängte sich förmlich. Überall war -ein fürchterliches Pressen und Schieben, dazwischen ein Lachen und -Schimpfen und Wettern in allen Sprachen der Völker. Jeder und jede wollte -so nahe als möglich an den Weltensegler gelangen, an dieses Wunder der -Technik, dieses stolze Erzeugnis wissenschaftlicher Berechnung. Alle -wollten das Werk möglichst genau sehen und betrachten, womöglich auch -befühlen und einen Blick in die merkwürdig eingerichtete Gondel werfen; -sollte diese doch für viele Wochen der Aufenthaltsort der berühmten sieben -Gelehrten sein, die ohne Rücksicht auf ihr Leben die einem Märchen gleiche -Reise nach einer andern Welt unternahmen, einer Welt, die in -schwindelerregend weiter Ferne von der Erde sich befand. - -Die Meinungen über das Gelingen oder Mißlingen der Expedition waren beim -Publikum noch immer geteilt. Darüber aber waren sich alle einig, daß das -Unternehmen an Kühnheit und Großartigkeit alles in den Schatten stellte, -was die Welt bisher gesehen, und daß die Männer der Expedition an Mut und -Entschlossenheit nicht ihresgleichen fanden. - -So war der 7. Dezember herangekommen, der ewig denkwürdige Tag, an dem -nachmittags punkt vier Uhr der Aufstieg des Weltenseglers stattfinden -sollte. Kurz nach Tagesanbruch war Professor Stiller auf der Baustelle -erschienen. Die Herren Blieder und Schnabel befanden sich bereits auf dem -Platze und erwarteten den Professor. Ebenso waren sämtliche am Weltensegler -beschäftigte Arbeiter angetreten. Der Ballon wie die Gondel wurden einer -scharfen, eingehenden Besichtigung unterworfen. Die von Professor Stiller -gerügten Ausstände waren beseitigt. Einige kleinere Anstände, die der -Professor da und dort noch entdeckte, verbesserten die Arbeiter sehr rasch. -Nachdem auch das Kleinste geordnet war, stieg Professor Stiller in die -Gondel. Ihm folgten die Herren Blieder und Schnabel sowie einige der ersten -Arbeiter. - -Die Taue, mit denen das Riesenluftschiff am Boden befestigt war, wurden -vorsichtig gelöst. Langsam, in stolzer Sicherheit erhob sich der -Weltensegler gen Himmel. Unterdessen hatte sich trotz der frühen -Morgenstunde eine Menge von Neugierigen auf dem Wasen eingefunden, die mit -Staunen und lauter Bewunderung den Bewegungen des Luftschiffes folgten. -Hoch oben in der Luft, kaum noch erkennbar, bald rückwärts, bald vorwärts -flog der Weltensegler, willig der Steuerung gehorchend wie das flinkste -Schiff im Wasser. In raschem Fluge und weitem Bogen zog das Luftschiff über -Stuttgart hin, kehrte wieder über den Ort des Aufstieges zurück und ließ -sich langsam und majestätisch genau auf dem Punkt nieder, von dem es -ausgegangen war. - -Ein tausendstimmiges Bravo der Zuschauer, wie ein Donner klingend, belohnte -die gelungene Probefahrt. Nun konnte es tatsächlich keinem Zweifel mehr -unterliegen, daß ein so wunderbar schnell fliegendes und leicht lenkbares -Luftschiff wie der Weltensegler den höchsten aeronautischen Anforderungen -genügen, daß die Reise wirklich zu einem befriedigenden Ziele, zu einem -günstigen Ergebnis führen mußte. - -Mit Befriedigung verließ Professor Stiller die Gondel. Die Sache war besser -ausgefallen, als er vor wenigen Tagen selbst noch geglaubt hatte. Sein so -lange genährter und auch berechtigter Unmut gegen die Herren Blieder und -Schnabel wich freundlicheren Gefühlen, als er sich von ihnen -verabschiedete. Gern übersah er deshalb auch, daß die Erbauer des -Weltenseglers eigentlich nur die Handlanger bei der Ausführung des -Erzeugnisses seiner eigenen Geistesarbeit gewesen waren, und gönnte ihnen -den leicht und billig verdienten Ruhm. Neidlos überließ er seine alten -Schulgenossen dem herbeiströmenden Publikum, das diese mit Glückwünschen zu -dem genialen Bau und der gelungenen Probefahrt des Weltenseglers -überschüttete. - -Es ging auf ein halb vier Uhr nachmittags. Ein Meer von Menschen wogte auf -dem Wasen. Von Minute zu Minute stieg die Erwartung, denn bald sollten die -kühnen Weltensegler, die sieben berühmten Gelehrten, Deutschlands und -Schwabens Stolz und Zier, auf dem Wasen eintreffen, um in dem Luftschiff -mit dem so treffenden Namen die ungeheuerliche Reise anzutreten. Punkt ein -halb vier Uhr begannen die Glocken aller Türme von Groß-Stuttgart zu -läuten. Es war ein harmonisches, feierliches Konzert, würdig des -bevorstehenden ernsten und zugleich so großartigen Augenblicks. Aus dem -Tale des Nesenbachs heraus wie aus dem des Neckars verkündete der laute, -eherne Mund der Glocken das Hohelied von Mut, von Kühnheit und dem -Menschengeist, der sich über den einengenden Erdenkreis hinaus erhob und -sich einen Verkehr mit jenen fernen, geheimnisvollen Welten anzubahnen -anschickte, der seit Beginn der menschlichen Kultur bis zur heutigen Stunde -das hoffnungslose Sehnen und Wünschen der Edelsten und Besten gewesen war. -Jetzt endlich, nach Jahrtausenden, sollte dieses Sehnen Erfüllung finden, -der Verwirklichung entgegengehen. Kein Wunder, daß die gesamte Welt mit -atemloser Spannung nach der Hauptstadt des Schwabenlandes blickte, wo eine -solche Großtat vollbracht werden sollte. - -Nach allen Richtungen der Windrose flogen von dem Cannstatter Wasen die -Telegramme der Berichterstatter. Ein großes Depeschenbureau war für diesen -Zweck in unmittelbarer Nähe des Weltenseglers errichtet worden. Auf dem -Wasen selbst war die Erregung der Massen nachgerade aufs höchste gestiegen. -Die feierlichen Akkorde der Glocken hatten bei der Menschenmenge ein -erhebendes, sonntägliches Gefühl erweckt, und als fünf Minuten vor vier Uhr -die Glocken plötzlich mit einem Schlage verstummten, da herrschte auf dem -weiten Platze die ernste, erwartungsvolle Stille der Kirche. - -Die Sonne stand schon tief im Westen. Ihre rotgoldenen Strahlen spielten -wie Abschied nehmend an dem Weltensegler und ließen das gewaltige, kaum -sich bewegende Luftschiff wie mit einem Heiligenschein umgeben erscheinen. -Da ertönten von der Neckarbrücke her Hurrarufe. Sie pflanzten sich fort und -wurden zu einem betäubenden Willkommen. Aus Hunderttausenden von Kehlen -stieg brausender Begrüßungsruf, als die Menge der sieben Gelehrten -ansichtig wurde, deren Namen von Mund zu Mund gingen, und deren Bildnisse -in ungezählten Exemplaren gekauft worden waren. Die Herren vertraten -folgende Fächer: - -Prof. Dr. Siegfried Stiller, Astronomie, Physik und Chemie, - -Prof. Dr. Paracelsus Piller, Medizin und allgemeine Naturwissenschaft, - -Prof. Dr. David Dubelmeier, Jurisprudenz, - -Prof. Dr. Bombastus Brummhuber, Philosophie, - -Prof. Dr. Hieronymus Hämmerle, Philologie, - -Prof. Dr. Theobald Thudium, Nationalökonomie, - -Prof. Dr. Friedolin Frommherz, Ethik und Theologie. - -In einem Autoelektrik sitzend, fuhren die Herren langsam durch die sich vor -ihnen öffnende Menschenmauer der Baustelle des Weltenseglers zu. Ernst und -voll Würde grüßten die kühnen Reisenden die ihnen zujubelnde Menge. Am -Weltensegler angelangt, verließen sie den Wagen, und Professor Stiller -bestieg die in aller Eile und in letzter Stunde noch aufgerichtete -Rednertribüne, um von da aus einige Worte des Abschiedes an die nächste -Umgebung zu richten. - -»Verehrte Damen und Herren, werte Freunde und Kollegen von nah und fern -dieses kleinen Erdenballes! Die Geschichte unseres Planes ist Ihnen ja -allen bekannt. Heute ist er verwirklicht insofern, als es uns gelungen ist, -ein Luftschiff zu konstruieren, das nicht nur die Atmosphäre unserer Erde -mit Leichtigkeit durchschneiden, sondern auch -- und dies ist der -springende Punkt -- den Ätherraum selbständig durchfliegen soll. Alle hier -in Frage kommenden, ungeheuer verwickelten wissenschaftlichen Bedingungen, -die vorher erfüllt werden mußten, um unsere Reise nach dem Mars zu -ermöglichen, will ich nicht weiter erwähnen. Dies würde mich auch viel zu -weit führen. Aber für meine heilige Pflicht halte ich es, in dieser Stunde -des Abschiedes laut und offen zu erklären, daß möglicherweise unsere Reise -von manchen Faktoren ungünstig beeinflußt, durch diese »Unbekannten«, die -wir hier auf unserm Planeten nicht in den Kreis unserer Berechnung zu -ziehen vermochten, vielleicht auch zum Scheitern gebracht werden kann. -Diese Erkenntnis schützt uns vor Selbstüberhebung, sie zeigt uns aber auch -klar die Gefahren unserer Expedition. Nicht Leichtfertigkeit, sondern die -vorwärts treibende Wissenschaft, der Durst nach Aufklärung ist es, der uns -unser eigenes Leben nicht achten, sondern in den Dienst der allgemeinen -Forschung stellen läßt. - -Ob und wann wir uns je in diesem Leben wiedersehen werden, kann heute -niemand von uns sagen. Kommen wir in einer Reihe von Jahren nicht mehr -zurück, so weihen Sie unserm Andenken eine stille Träne. (Allgemeine -Rührung.) Wir sind eben dann die Opfer unseres Berufes geworden. Aber -ebensogut ist es möglich, daß wir Ihnen einmal später von den Wundern einer -andern Welt berichten können. Leben Sie daher alle, alle wohl, und nehmen -Sie zum Abschiede meinen und meiner Kollegen herzlichen Dank für Ihr -Erscheinen hier, für Ihre Anteilnahme an unserm Unternehmen.« - -Beifallsstürme brachen los, als Professor Stiller seine Rede beendigt hatte -und nun gemessenen Schrittes von der Tribüne herabstieg. Wieder trat eine -lautlose Stille ein, als die Gelehrten einer nach dem andern in die Gondel -stiegen. Professor Stiller war der letzte, der die Strickleiter zur Gondel -hinaufkletterte. Er winkte noch mit der Hand, dann schloß sich die kleine -Tür. Das Klingeln einer elektrischen Glocke war das Signal zum Lösen der -Taue. Der Weltensegler hob sich. Ruhig, gerade stieg er hinauf in den mehr -und mehr heraufziehenden Winterabend. Kleiner und kleiner wurde der -mächtige Ballon, größer und größer die Entfernung zwischen ihm und der -Erde, dann verschwand er vor den Augen der Zurückgebliebenen, die sich -schweigend unter dem machtvollen Eindruck des Geschehenen nach und nach -zerstreuten. - -Am Abend dieses bedeutungsvollen Tages gab der hohe Rat der Stadt Stuttgart -zu Ehren der Herren Blieder und Schnabel, der Erbauer des Weltenseglers, in -dem glänzend erleuchteten, prachtvoll geschmückten Cannstatter Kursaal ein -prunkvolles Festmahl. In mancherlei Reden wurden die Herren als die im -Augenblick berühmtesten Männer und hervorragendsten Leuchten ihrer -Vaterstadt gefeiert. Tränen der Freude liefen den beiden Herren über die -gut genährten Wangen, als sie so offen ihr Loblied aus dem Munde der -hochwürdigen Stadtväter singen hörten. Allerdings behaupteten böse Zungen -später, Blieder und Schnabel hätten nur deshalb geweint und nicht mit -Worten zu danken vermocht, weil sie schon zu viel des guten Weines -getrunken und den Zungenschlag bekommen hätten. Aber böse Zungen sind ja -immer dabei, wenn es gilt, die Verdienste anderer zu schmälern. - -Beim Festmahle erreichte die allgemeine Rührung ihren Höhepunkt, als den -Herren Blieder und Schnabel auf ihre etwas großen Köpfe je ein mächtiger -Lorbeerkranz gepreßt wurde. Am Schlusse des Mahles verkündete der Herr -Oberbürgermeister der Haupt- und Residenzstadt, daß Herr Architekt Adolf -Blieder und Herr Professor Julius Schnabel auf Grund ihrer Leistungen bei -dem kühnen Bau des Weltenseglers aus dem Stande der gewöhnlichen Bürger der -Stadt herausgehoben und in die kleine Gemeinde der Ehrenbürger versetzt -seien. Die Überreichung der Ehrendiplome unter den rauschenden Klängen des -Stuttgarter Stadtmarsches schloß die erhebende Feier erst um die -mitternächtliche Stunde. - - - - -Drittes Kapitel -Zwischen Himmel und Erde - - -Keine nennenswerte Luftströmung störte den fast senkrechten Aufstieg des -Weltenseglers. Noch befand sich das Luftschiff im Bereich der -Erdatmosphäre. Allerdings machte sich die erreichte Höhe durch den -verminderten Luftdruck und das Sinken der Temperatur auch im Innern der -Gondel fühlbar. Professor Stiller, als Leiter des Ganzen, schlug daher vor, -zunächst einen bescheidenen Abendimbiß einzunehmen, wohl den letzten in der -Nähe der Mutter Erde, von der die Expedition nach dem Stand des Barometers -schon siebentausend Meter entfernt war. Der Vorschlag fand allseitige -Billigung. Die Herren ließen sich die ausgezeichneten Stuttgarter Fleisch- -und Backwaren vortrefflich schmecken, und dem an den sonnigen Halden des -Neckartales bei Cannstatt gewachsenen Zuckerle, so hieß der mitgenommene -gute Rotwein, wurde wacker zugesprochen, soweit eben die Herren Gelehrten -keine Abstinenzler waren. - -Nach dem Mahle wurde die Aufmerksamkeit wieder den Instrumenten zugewandt. -Diese zeigten an, daß die Grenze der Erdatmosphäre erreicht sei, mithin der -Eintritt in den unermeßlichen Ätherraum bevorstehe. Die mit Xylol gefüllten -Thermometer zeigten außerhalb der Gondel bereits 42 Grad unter Null an, und -die Barometer registrierten eine Höhe von 19950 Meter. In der Gondel wurden -die elektrischen Glühkörper in Tätigkeit gesetzt, nachdem schon vorher der -Zerstäubungsapparat für die feste Luft in Funktion getreten war. Eine -erträgliche Temperatur und eine angenehme, gut atembare Luft herrschte in -der Gondel. Der Dienst in dem Raum wurde in der Weise geordnet, daß jeder -der Gelehrten während vierundzwanzig Stunden abwechselnd drei Stunden -zweiundvierzig Minuten die Instrumente zu überwachen hatte. Auf diese Art -war für den einzelnen der Dienst nicht anstrengend. Nur Professor Stiller -hatte sich vorbehalten, im Falle der Notwendigkeit die Dienstleistung für -gewisse Zeit allein zu übernehmen. - -Ruhig und gut ging die erste Nacht in der Gondel hoch oben im Ätherraume -vorüber. Unterdessen war der Ballon äußerst schnell gestiegen. Morgens um 7 -Uhr, am 8. Dezember, war die Höhe von 90723 Meter erreicht. Die Thermometer -an den Glimmerfenstern der Gondel zeigten die fürchterliche Kälte von 120 -Grad. Tiefe Dunkelheit umgab den Weltensegler. Kein einziger Sonnenstrahl -fiel in diese pechschwarze Nacht des Tages. Rascher und rascher stieg das -Luftschiff, seinen Kurs genau der Steuerung gemäß nach Osten haltend. Gegen -Mittag wurde durch den Geschwindigkeitsmesser die gewaltige Entfernung von -220000 Meter von der Erde angezeigt. Sollte das Steigen in diesem -schnellen, progressiv sich steigernden Tempo fortgehen, so mußte der -Weltensegler im Laufe weniger Tage in die Nähe des Mondes gelangen, der bis -dahin, um 90 Grad nach Osten vorgerückt, gerade sein erstes Viertel bilden -würde. - -Mit der Annäherung an den Mond erhielt der Weltensegler dann wieder das -Licht der Sonne, konnten die Gondelbewohner sich wieder an den leuchtenden -Strahlen der Urquelle aller Kraft erfreuen. Obgleich noch keine -vierundzwanzig Stunden unterwegs, empfanden die Herren die Dunkelheit des -sie umgebenden Weltraumes wie eine allzulange Nacht. Sie begannen sich -darüber zu äußern. - -»Wir sind eben Kinder des Lichtes, der Sonne und empfinden sofort deren -Mangel,« sprach Professor Dubelmeier. - -»Das ist wohl wahr,« bestätigte Friedolin Frommherz, »alles Licht, auch das -unserer Seelen, kommt von oben.« - -»Umgesetztes Sonnenlicht, mein Lieber,« ergänzte Professor Hämmerle. - -»Nennen Sie es, wie Sie wollen, das letzte aller Rätsel, die wirkliche -Ursache alles Seins bleibt uns Sterblichen eben doch für immer verborgen, -und wer weiß, ob dies nicht sehr gut ist,« entgegnete Frommherz. - -»Darüber wollen wir uns hier in unserer Gondel nicht streiten, sondern uns -über die Aussicht freuen, in kürzester Zeit aus dem Dunkel des Ätherraumes -heraus wieder in das volle Licht der Sonne eintauchen zu dürfen, allerdings -um sehr rasch wieder in die Finsternis zurückzukehren, wohl dann für -längere Zeit,« warf Professor Stiller ein. - -Doch plötzlich wurde der Unterhaltung ein unerwartetes Ende bereitet. Der -Weltensegler begann zu zittern und schien einen Augenblick still zu stehen. -Das Zittern des mächtigen Ballons übertrug sich auf die Gondel. - -»Was ist los, um des Himmels willen, was hat sich ereignet?« Diese Fragen -kamen über die Lippen von mehreren der erregten Gelehrten. - -»Zunächst nur Ruhe, keine Aufregung, die ja doch zu nichts führen würde, -liebe Freunde!« besänftigte Professor Stiller seine erschrockenen -Gefährten. »Es scheint, daß wir in den breiten elektrischen Anziehungsstrom -des Mondes gelangt sind, auf den der Weltensegler mit seiner eigenen -elektrischen Strömung sofort reagiert hat, daher sein plötzliches -Erzittern,« fuhr Herr Stiller fort. »Nun seht, er beruhigt sich und treibt -wieder und zwar bedeutend schneller vorwärts, ein Beweis für die -Richtigkeit meiner Vermutungen.« Mit diesen Worten trat Stiller von seinem -Beobachtungsposten zurück, um ihn aber bald nachher wieder einzunehmen. - -Von der Geschwindigkeit der rasenden Vorwärtsbewegung spürten die Insassen -der Gondel nichts oder nur sehr wenig. Mit größter Aufmerksamkeit -beobachtete Professor Stiller wieder den Geschwindigkeitsmesser. Nach einer -Stunde konstatierte der Gelehrte kopfschüttelnd eine zurückgelegte Strecke -von 4500 Kilometern. - -»Warum schütteln Sie den Kopf, Stiller?« fragte Professor Piller den -Kollegen. - -»Es geht langsamer vorwärts, als ich mir vorstellte und nach meinen -Berechnungen erwartet hatte.« - -»Nanu, ich denke, 4500 Kilometer in einer Stunde fliegend zurückzulegen, -macht uns so leicht niemand nach. Eine solche Geschwindigkeit übersteigt -alles, selbst die kühnste Rechnung,« warf Brummhuber ein. - -»Sie übersehen dabei die ungeheuren Entfernungen, die wir zurückzulegen -haben, um unser Ziel zu erreichen,« entgegnete Professor Stiller. »Doch ich -hoffe, daß es in diesem Tempo nicht weitergehen wird; wir kämen sonst,« -fügte er etwas gezwungen lächelnd hinzu, »mit allzu großer Verspätung auf -dem Mars an.« - -»Ein paar Tage mehr oder weniger spielen bei unserer Reise keine Rolle,« -antwortete Thudium. - -Doch Herr Stiller gab keine Antwort mehr. Ernste Gedanken zogen in sein -Gehirn und begannen ihn zu quälen. Diese Gedanken wollte er einstweilen für -sich behalten. Wozu die Ruhe, das Vertrauen der Gefährten schon jetzt -erschüttern? Die Zeit brachte von selbst Rat und vielleicht auch -- Hilfe. - -So verstrichen der zweite und der dritte Tag der Reise. - - -Am Ende des letzteren betrug die zurückgelegte Entfernung 324000 Kilometer. -Die Geschwindigkeit des Weltenseglers hatte also doch etwas zugenommen, -dank der von ihm aus seinen Apparaten nach außen hin abgegebenen -elektrischen Kraft, die von Professor Stiller im Vereine mit Piller und -Hämmerle einer sorgfältigen Messung unterlag. So vergingen die Stunden. -Keiner der Herren vermochte zu schlafen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach -mußte der Weltensegler noch diese Nacht in die unmittelbare Nähe des Mondes -gelangen. - -Eine plötzliche, von außen her in die Gondel dringende Helle ließ sofort -Professor Stiller den elektrischen Strom schließen. Das Luftschiff begann -langsamer zu fahren und stoppte endlich. Die Herren stürzten nach den -Fenstern der Gondel, um den ganz unbegreiflichen Stillstand zu ergründen. -Staunende Bewunderung über das, was sich ihren Augen bot, wirkte im ersten -Augenblick so lähmend auf die Insassen der Gondel, daß sie minutenlang wie -gebannt in stummem Entzücken dastanden. Dann aber brach sich eine laute -Begeisterung Bahn. - -»Großartig! Einzig schön! Allein die Reise wert! Ein Bild ohnegleichen! Der -Mond, der Mond!« so kam es über die Lippen der Beschauer. Unmittelbar unter -ihnen zeigten sich, hell beschienen von der Sonne, gewaltige, oft -zerrissene, wild zerklüftete, trotzig emporstrebende Berge, die Schatten -von wunderbarer, ungekannter Schärfe warfen. Zwischen ihnen gähnten -Tausende von Metern tiefe Abgründe, und eine Unmasse ausgebrannter Krater -schob sich zwischen die Abgründe und die Felsenmauern. Ziemlich ebene -Landschaften waren wiederum von wallartigen Ringen ehemaliger gewaltiger -Vulkane umkränzt. Dieses so umschlossene Land lag bedeutend höher als das -außerhalb der Wälle sichtbare, aus dem sich wiederum da und dort -kegelförmige Berge, die Reste einstiger Vulkane, scharf abhoben. Die -merkwürdige Beleuchtung mit ihren einzig schönen Schattenbildern, überhaupt -der ganze Eindruck war so eigenartig, in dieser Form so völlig verschieden -von dem, was die Herren von der Erde her kannten, daß sie einen Vergleich -damit gar nicht zu ziehen vermochten. - -Wohin sie auch ihre Blicke richteten, nirgends, aber auch nirgends konnten -sie Spuren von Pflanzenwuchs oder Wasser entdecken. Kein See, kein Strom, -kein wogender Ozean, kein grünender Rasen, Strauch oder Baum, nichts, rein -nichts zeigte sich. Das stumme, ergreifende Bild des starren Todes, das -sich hier den Reisenden offenbarte, verfehlte auf diese seine Wirkung -nicht. Die erste laute Begeisterung war rasch einer großen Stille gewichen, -dem tiefen Ernste, den der Tod bei jedem denkenden und empfindenden -Menschen hervorbringt. Nur kurze Zeit hatte man sich der Betrachtung -desjenigen Teiles des Mondes hingeben können, der von der Gondel aus -sichtbar war. Der Weltensegler fing an langsam zu fallen. - -»Auf dem Monde können wir uns weder braten lassen, noch wollen wir auf ihm -erfrieren,« rief Professor Stiller. »Wir müssen also schleunigst aus seiner -wegen der Anziehung für uns gefährlichen Nähe weg und wieder hinaus in den -Weltäther.« - -Rasch wurde die elektrische Kraft wieder in Tätigkeit gebracht; die Flügel -der Schraube drehten sich, und der Weltensegler entfernte sich schneller -und immer schneller vom toten Kinde der noch lebendigen Mutter Erde. - -Die Berechnungen von Professor Stiller gingen dahin, daß nach Kreuzung der -Mondbahn und glücklicher Überwindung der Anziehungskraft des Mondes der -Weltensegler bald selbst in die eigentliche Anziehungssphäre des Mars -gelangen müsse, als desjenigen großen Gestirns, das sich augenblicklich der -Erde noch am meisten genähert hatte. Diese Erdnähe mußte begreiflicherweise -die natürliche, auf elektromagnetischen Strömungen beruhende Gravitation -zwischen Mars und Erde ganz bedeutend beeinflussen. Daraus folgte, daß, -wenn ein den Gesetzen der Anziehungskraft unterworfener Körper, wie ihn -beispielsweise der Weltensegler darstellte, in den Bereich dieser Anziehung -gelangte, er in dem Maße vom Mars angezogen wurde, als er ihm näher stand -als der Erde. - -Von der Erde war nun der Weltensegler jetzt genau -- nach Passage der -Mondbahn -- 386492 Kilometer entfernt. Es konnte daher keinem Zweifel -unterliegen, daß der Weltensegler bereits unter der Anziehungskraft des -Mars stand, die Stillersche Rechnung somit stimmte, denn das Luftschiff -flog mit gleichmäßiger Geschwindigkeit und in derselben steten östlichen -Richtung weiter. Die anfänglich gefürchtete Einwirkung der Anziehungskraft -der Sonne konnte nun endgültig ausgeschaltet werden. Der Weltensegler -befand sich auf dem richtigen und unmittelbaren Wege zu seinem Ziele. - -Schon längst war es wieder dunkle Nacht außerhalb der Gondel, und die -furchtbare Kälte des Weltraumes umgab den Ballon. Trotz des hermetischen -Abschlusses und der dicken Pelzlager der Gondel vermochten sich die -Reisenden gegen die Kälte nur durch elektrische Beleuchtung und Heizung zu -schützen. - -Ein Tag verging so nach dem andern. Aus der ersten Woche wurde die zweite, -aus der zweiten die dritte, aus der dritten die vierte, und noch immer -wollte der Flug des Weltenseglers kein Ende nehmen. - -Eines Tages -- es war in der vierten Woche der Reise -- begann die Stille -des Gondelinnern ein eigenartiges Geräusch zu unterbrechen. - -»Was ist denn los?« fragten die Gelehrten erstaunt Professor Stiller. - -»Ich kann es mir nicht erklären,« entgegnete dieser. »Weder unsere Uhren -noch der Geschwindigkeitsmesser können die Ursache dieses auffallenden -Rasselns sein. Und doch muß diese hier innen zu suchen sein, da der -Weltäther bekanntlich keine Schallwellen vermittelt.« - -Während Herr Stiller so sprach, forschte er nach der Ursache des sich mehr -und mehr verstärkenden Lärmes. - -»Ich kann wirklich nichts finden. Alle unsere Apparate für Luft und -elektrische Kraft sind in Ordnung und funktionieren ruhig und tadellos. -Aber halt, da fällt mir ein, es ist ja die Luft in unserer Gondel selbst, -die den Schall überträgt, dessen Ursache draußen im Weltenraume liegen -muß.« - -»Dann ist es vielleicht irgendein Weltkörper, in dessen Nähe wir gelangt -sind,« warf Professor Hämmerle besorgt ein. - -In der Gondel surrte und schwirrte es nachgerade wie in einem -Uhrmacherladen. Es schien, als ob Hunderte von Weckern losgegangen wären. - -»Das ist ja ein Höllenlärm, bei dem einem Hören und Sehen vergeht!« brüllte -Professor Thudium wütend. Aber in dem allgemeinen, betäubenden Rasseln -erstarb seine Stimme. - -Da erschreckte eine plötzliche Helligkeit, loderndem Feuer gleich, die -sieben Insassen der Gondel. Eine Verständigung war des Lärmes wegen -unmöglich geworden. Vor dem blitzenden Lichte, das durch die Fenster drang, -schlossen die Reisenden unwillkürlich die schmerzenden Augen. Jeder -Versuch, sie zu öffnen, erhöhte das fürchterliche Schmerzgefühl. In diesem -kritischen Augenblick erinnerte sich Professor Dubelmeier glücklicherweise -seiner Gletscherbrille, die er als leidenschaftlicher Bergsteiger in den -Universitätsferien stets bei sich trug, und die er wohlverpackt in einem -Futterale mitgenommen und in irgendeine Tasche seines Rockes gesteckt haben -mußte. Vorsichtig tastete er den Rock von außen ab. Richtig, da fühlte er -einen länglichen Gegenstand in der oberen rechten Seitentasche. Es war die -Brille, dem Himmel sei Dank! Endlich hatte er sie auf die Nase gebracht. -Geschützt durch die dunklen Gläser, vermochte er nun seine Augen zu öffnen. -Zunächst ließ er seine Blicke in der Gondel herumwandern. Stumm, mit -geschlossenen Augen lagen seine Gefährten da. Der Ausdruck ihrer Gesichter -trug den Stempel in ihr unabwendbares Schicksal ergebener Männer. - -Mit zitternden Knien und klopfendem Herzen schlich sich Professor -Dubelmeier zu dem ihm zunächst liegenden Glimmerfenster. Er wollte den -Versuch machen, die Schutzvorrichtung an ihm herabzulassen, an die in dem -wahnsinnigen Lärm merkwürdigerweise keiner der Herren bis jetzt gedacht -hatte. Behutsam spähte er dabei hinaus in den unermeßlichen Weltraum. Aber -welch überwältigendes Schauspiel bot sich ihm hier! Vor Aufregung hierüber -vergaß er die Schutzvorrichtung. Sein Sinnen und Denken war von dem -Naturschauspiele da draußen völlig gefangengenommen. - -Aus Millionen von Leuchtkugeln, die ähnlich der Milchstraße am nächtlichen -Himmel einen breiten Strahlengürtel bildeten, funkelte und blitzte es in -märchenhafter Pracht herüber aus der Ferne. Was mochte das wohl sein? Da -mußte sofort Kollege Stiller gefragt werden, denn möglicherweise konnte -durch ihn noch eine dem Weltensegler drohende Gefahr abgewendet werden. -Professor Dubelmeier ließ zunächst die Schutzvorrichtung an den Fenstern -herab, trat dann auf Stiller zu, stülpte ihm die Schutzbrille auf die Nase -und rüttelte ihn aus seiner Betäubung wach. Erstaunt über sein so plötzlich -wiedergekehrtes Sehvermögen erhob sich Professor Stiller mit der Brille -seines Freundes und folgte dessen stummer Gebärde. Er zog die -Schutzvorrichtung des Fensters weg und blickte hinaus. Gebannt von dem sich -ihm bietenden Schauspiel blieb auch er einige Minuten am Fenster stehen, -versunken in den Zauber des Anblicks. Nun war ihm die Ursache des tollen -Rasselns, der Erscheinung überhaupt, klar. Der Weltensegler war auf seiner -Bahn nach dem Mars in die Nähe eines durch den Weltäther dahinsausenden -Kometen gekommen, der eben diese Bahn kreuzte. Eine unmittelbare Gefahr für -den Weltensegler war bei der immerhin noch großen Entfernung und der -ungeheuren Geschwindigkeit der Kometenbewegung nicht vorhanden, wenigstens -nicht für die nächsten Stunden. Beruhigt, aber doch halb berauscht von der -einzigartigen Erscheinung, verließ Herr Stiller das Fenster. - -Wie es Professor Dubelmeier mit ihm gemacht, so machte es Stiller mit -seinem Kollegen Piller, dieser wiederum mit Hämmerle und so weiter, so daß -jeder der Reisenden sich das großartige Schauspiel ohne Gefahr für sein -Sehvermögen betrachten konnte. Zu einer Aussprache aber kam es erst nach -einigen Stunden, als das Geräusch des vorbeiziehenden Kometen nach und nach -abzunehmen begann. - -Dann erklärte Professor Stiller seinen Gefährten die Ursache der -Erscheinung und pries laut Dubelmeiers Schutzbrille. - -»An so vieles dachte ich bei der Auswahl der mitzunehmenden Sachen, und ich -glaubte auch, wirklich nichts vergessen zu haben. Ich gestehe aber, daß ich -auf den praktischen, so naheliegenden Gedanken einer Schutzbrille nicht -gekommen bin. Da sieht man wieder die eigene Unzulänglichkeit, den Mangel -an Verlaß auf sich selbst. Freund Dubelmeiers Sorgfalt hat uns einen großen -Dienst geleistet.« - -»Na, nun aber sagen Sie, Mann, wie kamen denn gerade Sie auf den Einfall, -eine Gletscherbrille in das Luftschiff mitzunehmen?« fragte Professor -Piller neugierig. - -Dubelmeier wurde verlegen und wollte zuerst nicht recht mit der Sprache -heraus. Auf allseitiges Fragen und Drängen hin gestand er endlich, daß er -sich nicht hätte mit dem Gedanken befreunden können, jahrelang seinen -geliebten Bergtouren zu entsagen. Da habe er, in der stillen Hoffnung, -solche auch auf dem Mars ausführen zu können, wenigstens seine -Gletscherbrille eingesteckt. - -»Und wo steckt denn Ihr Eispickel und die sonstige Ausrüstung? Davon sehe -ich nichts,« forschte Professor Brummhuber. - -»Mit Ausnahme meiner genagelten Schuhe habe ich alles andere seufzend in -Tübingen gelassen,« antwortete Herr Dubelmeier. - -»Ein weises Verfahren, fürwahr, denn für die Mitnahme derartigen Gepäckes -wäre das Innere unserer Gondel doch etwas ungeeignet,« lachte Professor -Stiller. »Aber Ihre Brille in Ehren, die hat uns gute Dienste geleistet.« - -Der Durchgang des Kometen durch die Anziehungssphäre des Mars hatte aber -auf die Vorwärtsbewegung des Weltenseglers selbst ungünstig eingewirkt. Bei -genauer Kontrolle des Geschwindigkeitsmessers bemerkte Professor Stiller -mit Schrecken, daß sich der Ballon in den soeben verflossenen ernsten -Stunden nur mit dem zehnten Teil der bisherigen Schnelligkeit nach dem Mars -zu bewegt habe. Erst nach und nach schien der Weltensegler wieder in die -frühere Geschwindigkeit übergehen zu wollen. Das aber bedeutete eine -unliebsame Verlängerung der an sich schon so mühseligen Reise, die unter -Umständen noch recht unangenehme Nachwirkungen haben konnte. - -An die Stelle der früheren Lebhaftigkeit der Unterhaltung, des körperlichen -und geistigen Wohlbefindens war nach und nach eine gewisse Mattigkeit, eine -mehr oder weniger große Abspannung getreten, die die Kometenerscheinung nur -vorübergehend zu unterbrechen vermocht hatte. Bei diesem und jenem der -Herren erschien bereits als drohendes Gespenst die beginnende Langeweile, -der Anfang zur Lethargie. Die Reise in dem verhältnismäßig doch engen, -eingeschlossenen Raume fing an, zu lange zu dauern. Dazu kam auch noch der -Mangel körperlicher Bewegung und der gewohnten geistigen Beschäftigung. - -Alle allgemein wie im besonderen interessierenden wissenschaftlichen -Fragen, die Einzelheiten des bisherigen Verlaufes der Reise waren schon so -vielseitig und so oft besprochen worden, daß sie längst ihren Reiz verloren -hatten. Still, stumm, fast apathisch saßen oder lagen jetzt, in ihre -Pelzmäntel gewickelt, die meisten Herren, die bis vor kurzem noch so heiter -und lebensfroh gewesen waren, in der Gondel herum. Nur nicht zum zweitenmal -eine so entsetzlich lange Fahrt mehr machen, die nicht einmal einen guten, -warmen Imbiß oder freie Bewegung der nahezu steif gewordenen Gliedmaßen -gestattete! Und war man denn so sicher, das Ziel zu erreichen? Wenn nicht, -was dann? Ja, was dann? Das waren die Gedanken und die bangen Fragen, die -die Herren bewegten, die sie in ihrem Gehirn, das zu schmerzen anfing, -herumwälzten. - -Diese verdammte Marsreise! Wie verlockend, geradezu verführerisch, ja -berauschend, die gesunden, klaren Sinne umnebelnd, war sie ihnen zuerst -erschienen! Wie sehr hatte man diese lange Kerkerhaft in dem engen, -schmalen Raume, die lange Entbehrung des natürlichen Lichtes der Sonne in -ihrer Wirkung unterschätzt! Professor Piller schimpfte wohl in der ersten -Zeit der Reise über eintretende Blutarmut, Störungen im Stoffwechsel trotz -ausgezeichneter Eßlust und dergleichen, jetzt aber lag auch er halb -stumpfsinnig in einer Ecke der Gondel, verwünschte im stillen sich, seine -Genossen, den Weltensegler, das ganze Universum, besonders aber den -Verführer Mars. So empfanden und dachten auch mehr oder weniger die übrigen -Herren. Und erinnerten sie sich daran, wie bequem und angenehm sie einst in -Tübingens Mauern gelebt, wie sie jeden Abend nach getaner Arbeit an ihrem -Stammtisch in anregender Gesellschaft und bei kühlem, frischem Trunke -gesessen, so erfüllte sie aufrichtiges Bedauern, diese verrückte Reise -überhaupt unternommen zu haben. - -»Hol' der Teufel den Mars!« kam es einmal laut über die Lippen von -Professor Piller. Es war genau das, was er soeben gedacht hatte. - -»Das wollen wir nicht wünschen,« erwiderte in etwas herbem Tone Herr -Stiller. »Daß die Expedition mit allerlei Gefahren und auch materiellen -Entbehrungen verschiedenster Art zu rechnen haben würde, war von vornherein -für jeden von uns klar. Wir können uns also hinterher nicht beschweren. -Solche Beschwerden sind unser nicht würdig. Schweig und dulde! heißt es für -uns.« - -»Wahr gesprochen!« bestätigte Bombastus Brummhuber. »Aber schließlich muß -auch das Schweigen und Dulden ein Ende nehmen.« - -»So warten Sie doch erst ab, was kommt!« rief Professor Stiller zornig. - -»Aber Sie sagten doch, daß die Reise nicht länger als einige Wochen dauern -werde,« warf Frommherz ein, »und nun ist diese Zeit herum und . . .« - -»Sie sollten am allerwenigsten die Geduld verlieren, Frommherz,« unterbrach -Stiller den Gefährten. »Im übrigen habe ich niemals eine genaue Angabe -darüber gemacht, wie lange die Reise dauern werde, aus dem ganz einfachen -Grunde, weil ich dies auch nicht gekonnt hätte. Ich sprach von mehreren -Wochen im allergünstigsten Falle. Lassen Sie sich nicht entmutigen dadurch, -daß die Reise sich länger hinauszieht, als mir selbst lieb ist. Im -Gegenteil, fassen Sie Mut! Wir haben ihn dringend nötig.« - -»Was heißt das? Drücken Sie sich klarer aus, Stiller!« tönte es von -verschiedenen Seiten. - -»Nun, ich denke, daß es deutlich genug war, was ich mit meinen Worten sagen -wollte: wir haben erst einen Bruchteil der Reise hinter uns. Vor uns liegt -noch eine riesige Strecke, die an unsern Mut und an unsere Widerstandskraft -alle Anforderungen stellt.« - -»Wie groß ist die Entfernung noch?« - -»Noch etwa dreißig Millionen Kilometer!« - -»Dreißig Millionen Kilometer? Kaum die Hälfte! Einfach entsetzlich!« -stöhnte Professor Dubelmeier. - -»Wie soll das enden!« seufzte Frommherz. - -»Hoffen wir, gut, sonst würden Sie, lieber Frommherz, eben schneller gen -Himmel fahren, als Sie vielleicht wollen,« spottete Professor Stiller, über -den nachgerade eine Art von Galgenhumor kam. - -Doch diese Stimmung hielt bei Professor Stiller nicht lange an. Sie wurde -nur allzu rasch durch die Sorge um das Wohl und Wehe der Expedition -zurückgedrängt. Er war der eigentliche Urheber, der Vater dieses kühnen -Unternehmens. Mithin trug auch er allein die volle Verantwortung für das -Leben seiner Gefährten, die sich im Vertrauen auf seine Angaben ohne Zögern -zur Mitreise entschlossen hatten. Professor Stiller war bei aller nervösen -Hast, bei aller Neigung, überall nur das Beste zu sehen und die kühnsten, -schwierigsten Probleme mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln, und -trotz seines leicht erregbaren Charakters ein viel zu biederer und -ehrlicher Mann, um sein eigenes Tun und Lassen nicht immer wieder einer -strengen Selbstkritik zu unterziehen. - -Mehr als einmal schon hatte er es im stillen verwünscht, diese Reise nicht -allein oder wenigstens nur in Begleitung eines erprobten Dieners -unternommen und nicht von vornherein auf die Teilnahme seiner Kollegen -verzichtet zu haben. Noch hatte er bis zur Stunde von den Gefährten keine -umittelbaren Vorwürfe zu hören bekommen. Die kurze Unterhaltung von vorhin -aber, die körperliche und geistige Verfassung seiner Genossen bewiesen ihm -nur allzu deutlich, daß das bisherige gute und friedliche Zusammenleben in -der Gondel die erste schwere Erschütterung erfahren hatte. Gleich in den -ersten Tagen der Reise hatten ihn schon gewisse Zweifel und trübe Gedanken -gequält, die er zuerst noch leicht abzuschütteln vermochte, die aber immer -wieder und stärker auftauchten und sich nun nicht mehr so rasch bannen -ließen wie im Anfange. - -Was Professor Stiller am meisten beschäftigte, das war der verhältnismäßig -langsame Flug des Weltenseglers. Er hatte ganz bestimmt darauf gerechnet, -daß das Luftschiff, kaum in den Anziehungskreis des fernen Weltkörpers -gelangt, diesem selbst mit blitzartiger Geschwindigkeit zufliegen werde, -und nun mußte er sich eingestehen, daß er sich hierin ganz gehörig -getäuscht habe. Zu diesem großen Irrtum gesellten sich zwei weitere: die -Vorräte an fester Luft und an elektrischen Energiemengen waren auf eine -kürzere Reise, das heißt auf einen rascheren Flug, berechnet gewesen und -mußten bereits in wenigen Wochen zu Ende gehen. - -Am das Maß der Sorgen voll zu machen, nahmen auch die Nahrungsmittel -überaus schnell ab. Es war zwar ein großer Vorrat an Speisen und Getränken -für eine Reisedauer von drei Monaten mitgenommen worden, aber Herr Stiller -hatte nicht mit dem gesunden Appetit seiner Gefährten gerechnet. Anfangs -hatte er sich über ihre Eßlust gefreut, in dem sichern Bewußtsein, der -Weltensegler werde in weniger als der Hälfte der Zeit, für die die -Lebensmittel bestimmt waren, sein Ziel erreichen, jetzt aber, als er sich -in dieser Erwartung getäuscht sah, kam zu den andern schweren Kümmernissen -auch noch die Sorge um die Ernährung. - -Wohl oder übel mußte schon jetzt, von heute ab eine Kürzung der täglichen -Nahrungsrationen eintreten, wollte man mit den Vorräten noch längere Zeit -auskommen. Ganz besonders waren es die Getränke, die stark abgenommen -hatten, und der Vorrat an dem so beliebten Göppinger Wasser wies geradezu -erschreckende Lücken auf. - -So entstand aus dem ersten großen Irrtum eine ganze Reihe unangenehmster, -in ihren Wirkungen gar nicht übersehbarer Folgen. Das Gemüt Herrn Stillers -verdüsterte sich in dem Maße, als er sich dies alles klar zu machen suchte. -Zunächst trat an ihn die Frage heran, wie er es am besten anfangen sollte, -seinen Kollegen die Zweckmäßigkeit einer Beschränkung ihrer täglichen -Speisen und Getränke vor Augen zu führen. Diese Aufgabe richtig zu lösen, -ohne die Gefährten zu verletzen und ihre an sich schon gereizte Stimmung -noch schlimmer zu gestalten, erschien Professor Stiller kaum lösbar. - -»Wenn doch ein Wunder geschehen und die Geschwindigkeit der -Vorwärtsbewegung des Weltenseglers sich verdoppeln möchte, dann wäre ich -mit einem Schlage alle diese heillosen Schwierigkeiten los!« dachte -Professor Stiller. Aber kein Wunder geschah. Der Weltensegler bewegte sich -gleichmäßig wie bisher weiter, trotz eifrigster Beobachtung des -Geschwindigkeitsmessers durch den Professor. - -»Ersticken, erfrieren, verhungern, bevor wir den Mars erreichen -- -wahrhaftig wir haben die Auswahl unter den schlimmsten aller Todesarten! -Was nützt es schließlich, meinen Gefährten durch Verringerung ihrer Nahrung -das bißchen Freude zu verderben, das ihnen der Genuß von Speise und Trank -noch bereitet, wenn uns der Tod sowieso in sicherer Aussicht steht? Am -besten ist, ich lasse die Sache beim alten. Punktum!« Zu diesem Entschluß -kämpfte sich nach langem, trübem Sinnen der Professor endlich durch. - -Die Woche ging zu Ende. Mit ihr waren die Marsreisenden in das neue Jahr -eingetreten. Keiner von ihnen hatte sich um den Jahreswechsel gekümmert, -der früher von ihnen unten auf der Erde in lauter Fröhlichkeit begangen -worden war. Eine dumpfe Gleichgültigkeit hatte sich der Gesellschaft -bemächtigt und benahm ihr auch mehr und mehr die frühere Lust am Essen. - -»Gelange ich glücklich aus dieser Gondel heraus auf den Mars und finde dort -auch nur einigermaßen annehmbare Lebensbedingungen vor, so haben mich -Schwabenland und Erde für immer gesehen. Keine Gewalt des Himmels soll mich -dann je wieder zu einer solchen Reise verleiten,« äußerte sich eines Tages -Professor Friedolin Frommherz, und ihm stimmten mehrere der Herren -kopfnickend bei. - -Professor Stiller entgegnete nichts auf diese Äußerung, die so offen die -Empfindung seiner Gefährten wiedergab. Angesichts der außerordentlich -kritischen, täglich sich mehr verschärfenden Lage des Weltenseglers -erschienen ihm alle diesbezüglichen Meinungsäußerungen seiner Kollegen als -höchst überflüssig. Er hüllte sich daher in düsteres Schweigen und begann -über die möglichen Mittel und Wege einer Beschleunigung der Reise -nachzusinnen. - -»Wer sich selbst aufgibt, ist überhaupt von vornherein schon verloren. Wo -sich nur immer ein Schimmer von Hoffnung zeigt, und wäre er noch so klein -und schwach, da sieht der mutige Mensch noch die Möglichkeit eines Ausweges -und einer Rettung, während der Mutlose der Verzweiflung anheimfällt. War -ich denn schwach und feige, oder bin ich es wirklich?« fragte Professor -Stiller sich. »Wovor fürchte ich mich eigentlich? Vor dem Tode, vor dem -Verlust meines Lebens, das im Dienste der Forschung, der Allgemeinheit -allerdings wertvoll war, von mir persönlich aber niemals hoch eingeschätzt -wurde?« - -Der großartige Gedanke dieser Reise, der sinnreiche Bau des Weltenseglers, -der sich bis zur Stunde so ausgezeichnet bewährt hatte, das alles war doch -schließlich sein ureigenstes Werk, dem er in jeder Beziehung so viele Opfer -gebracht hatte. Schon vor Ausführung der Reise hatte er ja mit der -Möglichkeit eines Scheiterns der Expedition gerechnet. Trotzdem war er voll -Mut und Hoffnung auf Überwindung aller Gefahren von der Heimat abgefahren. -Und nun, wo die Sache anfing kritisch zu werden, da sollte ihm wie einem -Schwächlinge der Mut sinken? Wie stand er eigentlich vor sich selbst da? -Eine Röte der Scham stieg bei diesem Gedankengange in sein Gesicht. Weg mit -allem, was nach Schwäche, nach Feigheit aussah! War es ihm wirklich vom -Schicksal bestimmt, schon jetzt sterben zu müssen, in der Blüte und -Vollkraft der Jahre, nun dann in Gottes Namen! Aber dann war auch die Art -des Unterganges seiner würdig: sie war ebenso groß wie eigenartig. Sein und -seiner Gefährten Namen würden, wenn sie selbst schon längst im Weltraume -verschollen waren, für immer achtungsvoll unten auf der Erde genannt -werden. Mit goldenen Lettern waren sie in den Annalen der Weltgeschichte -und der Wissenschaft als kühne, wenn auch unglückliche Weltensegler -eingetragen. Der Gedanke daran war auch ein Trost und zwar ein großer, -stolzer und zugleich erhebender. Da gelobte sich Professor Stiller von -neuem, mit Entschlossenheit und offenen Auges der Zukunft entgegenzugehen, -mochte sie bringen, was sie wollte. Eine wunderbare Ruhe kam allmählich -über ihn. Sie ließ ihn wieder klarer denken und überlegen. Zunächst begann -er, den noch vorhandenen Vorrat an elektrischer Kraft auf das sorgfältigste -festzustellen. Tagelang rechnete er hin und her. Die Entfernung des -Weltenseglers vom Mars betrug noch rund achtzehn Millionen Kilometer. Die -Wirkung der Anziehungskraft des Planeten auf den Weltensegler konnte von -diesem aus gesteigert werden, wenn man sich entschloß, einen Teil der -gebannten, festgelegten elektrischen Kraft zu opfern, hinaus in den -Weltraum, dem Mars entgegen zu senden. Allerdings war dieser Versuch, wie -Professor Stiller sich selbst gestand, sehr gewagt: es verringerte den für -die Beleuchtung und Erwärmung des Gondelinnern so notwendigen Energievorrat -außerordentlich rasch. Aber es konnte kein Schwanken mehr für ihn geben, -nachdem er sich zu der Erkenntnis durchgerungen hatte, daß die Opferung -eines großen Teiles der elektrischen Energiemengen noch die einzige -Möglichkeit der Rettung des Lebens und des Gelingens der Expedition in sich -schließe. Es war ein Va-banque-Spiel, aber es mußte unter diesen -Verhältnissen gespielt werden. Es blieb keine andere Wahl. - -Professor Stiller machte sich sofort an die Arbeit. Anfangs schauten die -Herren der neu erwachten, energischen Tätigkeit ihres Genossen stumm, -nahezu gleichgültig zu. Nach und nach aber erwachte in ihnen doch wieder -die Neugier und damit das eingeschlafene Interesse an der Wissenschaft. - -»Stiller, was machen Sie da?« fragte man den Professor aus den -verschiedenen Ecken der Gondel heraus, in denen die Herren herumlagen. - -»Ich arbeite an unserer Rettung,« entgegnete kurz der Gefragte. - -»Fürwahr, ein löbliches Werk!« bemerkte Frommherz mit schwacher Stimme. - -»Erklären Sie uns Ihr Unternehmen!« bat Professor Dubelmeier. - -»Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, werteste Freunde! Meine -Auseinandersetzungen müßte ich mit so vielen Zahlen belegen, daß Ihnen der -Kopf brummen würde, und der bedarf bei uns allen jetzt ganz besonderer -Schonung.« - -»Stiller hat recht!« entschied Professor Piller. »Reichen Sie mir lieber -aus dem Schrank, an dem Sie sitzen, eine Flasche unseres heimischen Weines. -Ich will wieder Lethe trinken, Lethe!« - -»Piller, Sie trinken entschieden zuviel,« mahnte Dubelmeier, entsprach aber -doch der Bitte des Freundes, indem er ihm eine Flasche mit dem hellroten -»Zuckerle« hinüberreichte »Der Alkohol ist ein Feind des Gehirns, das -sollten Sie doch als Medizinmann am besten wissen.« - -»Meinetwegen!« gähnte Professor Piller. Dann verriet ein lauter, gurgelnder -Ton aus der Ecke den kräftigen Zug des Trinkenden. »So, das hat geschmeckt. -Es geht eben doch nichts über einen guten Tropfen,« brummte Piller. »Und -nun, Dubelmeier, rate ich Ihnen dringend, mit dieser Art von Gehirnfeind -ebenfalls nähere Bekanntschaft zu machen. Göppinger Wasser allein tut's -freilich nicht, uns und unsern Denkkasten auf dieser vermaledeiten Reise -mobil zu erhalten.« Nach diesen Worten schloß Professor Piller wieder die -Augen und schlief ruhig ein. Auch die andern Herren sanken rasch wieder in -den alten lethargischen Zustand zurück. - -Unterdessen hatte Professor Stiller die Wirkung seines Versuchs beobachtet. -Der Schnelligkeitsmesser notierte tatsächlich eine nennenswerte Vermehrung -der Geschwindigkeit gegenüber der bisherigen. Bereits wiegte sich der -Professor in der Hoffnung auf das Gelingen des Experimentes, -- da trat ein -neues Ereignis ein. - -»Was, Teufel, ist denn wieder los?« fragte Piller, plötzlich aus seiner -Lethargie auffahrend, als sich ein seltsames, donnerähnliches Rauschen in -der Gondel hören ließ. - -»Das klingt ja wie das Brausen eines Bergstromes, der ungezählte Trümmer -mit sich führt!« warf der bergkundige Dubelmeier ein. - -Kaum war das Wort gesprochen, als ein schwerer Gegenstand die Gondel traf. -Erregt sprang Professor Stiller auf. - -»Schnell, Freunde, helft die Fenster schützen! Trügt mich nicht alles, so -ist ein kosmischer Regen im Anzuge.« - -Die Herren stürzten nach den vier Fenstern der Gondel und ließen -blitzschnell die Schutzvorrichtung herunterklappen. Ein von der Seite -kommender, kurzer, prasselnder Regen ging über den Weltensegler, mehr noch -über die Gondel nieder. Schon glaubte Herr Stiller jede Gefahr abgewendet, -als wiederum ein neuer, aber gewaltigerer Schlag, als es der erste war, die -Gondel traf. Ihm folgte ein Klirren und ein lauter Schmerzensschrei. Der -Ort, an dem sich der Geschwindigkeitsmesser in der Gondel befand, war durch -einen kleinen Meteoriten getroffen worden. Durch die furchtbare -Erschütterung war das Instrument verletzt und seine innere Glaseinfassung -zersplittert worden. Einer der Splitter hatte Professor Frommherz -getroffen, der nun stöhnend und blutüberströmt auf dem Boden der Gondel -lag. - -Durch den Schlag war die Gondel so heftig auf die Seite geworfen worden, -daß eine heillose Verwirrung im Innern entstand. Erst nach einiger Zeit -hörte die schaukelnde Bewegung der Gondel auf und machte wieder der alten, -ruhigen Lage Platz. Weitere Schläge erfolgten nicht mehr, und Professor -Stiller konnte annehmen, daß der Weltensegler auch aus dieser Gefahr -unerwartet glücklich hervorgegangen sei. - -Erst jetzt konnte Piller den Verwundeten untersuchen. Er stellte fest, daß -die Verletzung zum Glück nicht so schlimm war, wie sie den Anschein hatte. - -»Sie jammern im umgekehrten Verhältnis zu Ihrer Wunde, Frommherz,« spottete -Piller, nachdem er die Wunde untersucht hatte. - -»O Himmel, das fehlte gerade noch!« stöhnte der Verwundete, als Piller die -Nadel durch die Wundränder stieß. »Haben Sie Unmensch denn gar kein Gefühl -für mein Leiden?« - -»Bah,« entgegnete Herr Piller trocken, »Unmensch hin, Unmensch her! Danken -Sie Ihrem Schöpfer, daß Sie noch mit einem solchen Schmisse weggekommen -sind! Er wird sich auf Ihrer Stirn recht kühn ausnehmen, dieser länglich -rote Streifen.« - -»Was wird man dann von mir denken?« - -»Was man will! So, nun schneiden Sie kein solches Jammergesicht mehr. Die -Wunde ist genäht, der Verband befestigt. Watte, mit Göppinger Wasser -getränkt, entfernt aus Ihrem Antlitze die Blutspuren. Dann sehen Sie -reinlicher aus als wir. Nach einigen Tagen entferne ich die Fäden, und die -Sache hat ein Ende.« - -»Ach, wäre es nur erst vorüber!« - -»Wenn Sie damit die Reise meinen, so bin ich ganz Ihrer Ansicht. Einmal -aber muß diese vermaledeite Fahrt ihr Ende nehmen, so oder so,« brummte der -Medizinmann unmutig in den Bart. - -Das Schlimme war, daß der Geschwindigkeitsmesser unbrauchbar, -funktionsunfähig gemacht worden war. An eine Reparatur des Werkes während -der Fahrt war gar nicht zu denken. Dieses peinliche Ereignis zog einen -bösen Strich durch alle Berechnungen Professor Stillers und raubte ihm jede -Möglichkeit der Kontrolle. Nun war alles dem blinden Zufall ausgeliefert. -An die Stelle genauer Berechnung trat jetzt ausschließlich die Vermutung. -Diese aber öffnete wieder allen trüben Gedanken Tür und Tor. - -Weiter rollte die Zeit und weiter der Ballon auf seinem Wege. Die -Lebensmittel waren schon derart zusammengeschmolzen, daß trotz der geringen -Eßlust der Gondelbewohner in kürzester Zeit Nahrungsmangel eintreten mußte. -Auch der Vorrat an elektrischer Energie nahm in schreckenerregender Weise -ab. Wollte also Professor Stiller sich und seinen Gefährten nur noch für -wenige Tage Licht und Wärme erhalten, so mußte sofort mit der Abgabe der -elektrischen Kraft in den Ätherraum hinaus aufgehört werden. Schweren -Herzens stellte daher der Gelehrte die Verbindung nach außen hin ab. - -Was werden die nächsten Tage bringen? In ihrem dunklen Schoße lag das -Schicksal, das Glück oder der Untergang der Expedition. Das elektrische -Licht in der Gondel fing an schwächer zu werden; eine empfindliche Kälte, -die sich trotz der Pelzkleidung der Männer nicht länger mehr bannen ließ, -machte sich mehr und mehr geltend. Ein dumpfer, gleichgültiger Zustand -hatte sich aller Gondelinsassen bemächtigt, der nach und nach in eine Art -von Bewußtlosigkeit überzugehen begann. Langsam schien das Ende für die -Dulder heranzukommen. Lange, bange Stunden verstrichen so; kein Laut ließ -sich mehr in der Gondel vernehmen. Da auf einmal ein gewaltiger Stoß. -Ballon und Gondel flogen zur Seite und schienen sich zu überschlagen. Die -armen Männer in der Gondel flogen übereinander, schlugen gegenseitig -aufeinander auf und begannen aus ihrem todesartigen Schlummer aufzuwachen. - -Furchtbar erschrocken über die heftige Erschütterung, gelang es den Herren -nach langen Anstrengungen sich endlich aufzurichten. Als sie schließlich -mühsam die Augen zu öffnen vermochten, da fiel durch die zertrümmerten -Fenster der Gondel helles, strahlendes Sonnenlicht herein. Es bedurfte -einiger Zeit, bis die schmerzenden Augen der Reisenden sich an das so lange -entbehrte Licht der Sonne wieder gewöhnt hatten. Dann aber war plötzlich -alle Lethargie von ihnen gewichen. - - -Professor Stiller war der erste auf den Füßen. Unbekümmert um eine mögliche -Gefahr, streckte er mutig den Kopf zu einem Fenster hinaus, um die Ursache -des Zusammenstoßes des Weltenseglers mit einem andern, fremden Körper zu -erforschen; denn daß ein solcher stattgefunden haben mußte, war dem -Gelehrten sofort klar. - -»Hurra! Hurra!« rief er, aufgeregt vom Fenster zurücktretend, seinen -Gefährten zu. »Hurra! Wir sind gerettet! Wir haben den kleinen Marsmond -Phobus, glücklicherweise nur sehr leicht, gestreift. Die äußerste Hülle -unseres Ballons ist allerdings gerissen und auch sonst ist, wie ich sehe, -vielerlei Schaden entstanden, aber das ist gleichgültig! Seht hier hinab, -da unten, da unten liegt der Mars! Gerettet, ge . . . .« Professor Stiller -fiel zurück. Eine tiefe Ohnmacht umfing ihn. - -Professor Pillers energischen Anstrengungen gelang es endlich, den -Bewußtlosen dem Leben zurückzugeben. - -»Wo sind wir?« fragte Professor Stiller mit schwacher, kaum vernehmbarer -Stimme. - -»Das wissen wir selbst nicht recht. Jedenfalls noch immer in der Luft und -noch nicht auf festem Boden,« antwortete Professor Piller. - -»So müssen wir die Ventile öffnen und den Weltensegler langsam und -vorsichtig zum Fallen bringen,« entschied Stiller. - -»Aber fühlen Sie sich auch wieder so kräftig, die Leitung des Ganzen -übernehmen zu können?« - -»Es muß einfach sein!« Mit diesen Worten erhob sich Professor Stiller, um -sich zunächst durch einen Blick aus dem Fenster über die örtliche Lage des -Ballons zu orientieren. - -Richtig, da unten, nur wenige Kilometer vom Weltensegler entfernt, hob sich -scharf und deutlich eine breite, mächtige Wasserstraße ab, eine -dunkelgrüne, subtropische Vegetation umrahmte den Flußlauf. Dazwischen -eingestreut zeigten sich, vom warmen Sonnenschein übergossen, wohlbebaute -Felder und Gärten. Eigenartige, von weitem blendend weiß erscheinende -Bauten bewiesen die Nähe belebter Wesen. Die laute Begeisterung, die die -kühnen Weltfahrer einst bei der Passage des Erdmondes erfaßt hatte, machte -hier einer stummen Bewunderung Platz, als sie dankerfüllten Herzens gegen -das Geschick, das sie im letzten Augenblicke noch vor dem Äußersten bewahrt -hatte, von ihrer Gondel auf die märchenhaft schöne Landschaft -hinabschauten, der sie nun in raschem Fluge näherkamen. - - - - -Viertes Kapitel -Auf dem Mars - - -Vom Mars aus -- denn er war es wirklich -- hatte man das Luftschiff schon -längst bemerkt. Als es sich nun dem Boden näherte, strömte eine Anzahl von -Menschen, die hier herum wohnten, dem Orte zu, an dem das Luftschiff -niederging. Der Weltensegler hielt auf eine große, grüne Wiese zu, auf der -Gruppen edelster Viehrassen weideten. Professor Stiller warf das Kabel mit -dem Anker in weitem Bogen von der Gondel ab und deutete durch Zeichen und -Gebärden den untenstehenden Menschen an, was sie ungefähr tun sollten, um -das Luftschiff festzumachen. Die Marsleute begriffen auch sofort, was der -fremde Mann in seiner stummen Sprache von ihnen begehrte. Ohne jede Hast, -aber doch rasch und auffallend gewandt, war dem Wunsche des Professors -entsprochen worden. Nun lag das Fahrzeug fest und sicher vor Anker. - -Die Strickleiter wurde aus der Gondel herabgelassen und an den hiezu -bestimmten Metallklammern befestigt. Die sieben Männer aus dem fernen -Schwabenlande stiegen nacheinander an ihr herab, um als die ersten -Erdgeborenen den Boden des Mars zu betreten. Eine weiche, balsamische, von -Wohlgerüchen erfüllte Luft umfing die kühnen Reisenden, als sie aus ihrer -Gondel herabgeklettert waren. Ein Gefühl der Wonne, des Geborgenseins, -unsäglicher Befriedigung zog in die Brust der armen, halbtoten Männer, als -sie nach so vielen Wochen zum erstenmal wieder festen Boden unter ihren -Füßen spürten. Ja, sie mußten sich selbst erst überzeugen, daß es wirkliche -Erde sei, auf der sie standen. Mit den Händen griffen sie nach dem Boden, -um sich von seiner erdigen Beschaffenheit zu überzeugen. Nein, es war kein -Traum, es war Wirklichkeit: sie standen auf richtigem Boden. Tausend-, -abertausendmal Dank dem Himmel, der sie ihr Ziel erreichen ließ! Tränen des -Glückes, der reinsten Freude liefen den hartgeprüften Männern über die -bärtigen Wangen, die seit langer Zeit nicht mehr gepflegt worden waren. - -»Donnerwetter, wie sehen wir aus!« rief voll Entsetzen Professor Piller, -als er seine Genossen genauer im Lichte der Sonne betrachtete. - -Dann aber brachen die Herren in lautes Lachen über die Komik ihres eigenen -Äußern aus. Professor Stiller begann nun, die ihn und seine Genossen -umgebenden Menschen zu mustern. In der Tat, das waren Menschen von Fleisch -und Blut, die hier herumstanden und mit freundlichem Lächeln die Erdensöhne -betrachteten. - -»Sauberer, großer und schöner als wir sind sie entschieden. Oder sollten -wir am Ende gar zu den Göttern des Olymps und nicht nach dem Mars gekommen -sein?« bemerkte Professor Hämmerle, nachdem er seine Brillengläser geputzt -und die Brille auf die Nase gesetzt hatte. - -»Warum das?« fragte Professor Dubelmeier. - -»Eine Gesellschaft von Göttern scheinen mir diese Wesen hier zu sein. Sehen -Sie nur einmal diese geradezu klassisch schönen Gesichter, diese -prachtvollen Körperformen und die sie nur schwach verhüllenden antiken -Gewänder!« - -»Der Vergleich hat entschieden viel für sich,« antwortete Professor -Stiller, »aber nach dem Olymp hätten wir viel näher gehabt als nach dem -Mars; diese eine Tatsache schon mag Sie aus Ihrem Wahn reißen, lieber -Hämmerle.« - -Dabei zog er seinen Chronometer. Er wies auf die achte Stunde. - -»Es ist noch früh am Morgen. Wir wollen sehen, was uns dieser erste Tag auf -dem Mars an merkwürdigen Erlebnissen bringen wird. Versuchen wir einmal -eine sprachliche Verständigung mit unsern neuen Freunden; denn daß sie das -sind, zeigt mir ihre freundliche und wohlwollende Haltung.« Mit diesen -Worten trat Professor Stiller zu den vordersten Marsmenschen vor, die ihn -in vornehmer Ruhe, ohne die geringste Furcht und ohne irgendein Zeichen des -Erstaunens an sich herankommen ließen. - -»Wir sind doch auf dem Mars, nicht wahr?« Diese etwas banale Frage richtete -er in deutscher Sprache an die Leute. Aber diese schüttelten den Kopf und -erwiderten in wohllautender Sprache etwas, das Stiller wiederum nicht -verstand, das aber klang, als ob sie bedauerten, den Fremden nicht -begriffen zu haben. - -»Die können nicht deutsch, natürlich. Das hätten Sie sich doch von -vornherein selbst sagen müssen, Stiller,« warf Professor Hämmerle tadelnd -ein. - -»Nun, so examinieren Sie einmal, Hämmerle! Vielleicht gelingt es Ihnen mit -Ihren vielseitigen Sprachkenntnissen festzustellen, in welchem Idiom mit -den Leuten hier eine Verständigung möglich ist.« - -Mit kraftvoller Stimme hub Hämmerle auf Altgriechisch an: »Freunde, wir -grüßen euch in herzlichster Art, wir, die von der fernen Erde hergeflogen -sind, um euch zu besuchen.« Keine Antwort, nur ein eigentümliches Lächeln -als Zeichen des Nichtverstehens. Jetzt deklamierte Hämmerle seine -Begrüßungsformel in lateinischer Sprache. Wiederum dieselbe Stille und -dasselbe Lächeln als Antwort. - -»Vielleicht gelangen wir mit einer unserer modernen Sprachen eher zum -Ziele, da klassische Bildung diesen Wesen völlig abzugehen scheint,« sprach -Hämmerle, ärgerlich geworden über die Ergebnislosigkeit seiner ersten -Versuche. Aber auch Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch, -schließlich sogar Arabisch und Hebräisch führten zu keinem Ziele. - -»Das fängt gut an!« murrte Professor Brummhuber. - -»Wir müssen allem Anscheine nach die Marssprache erlernen,« bemerkte -Thudium. - -»Wahr gesprochen!« bestätigte Frommherz. - -»Aber siehe da, was kommt denn da für ein altes Haus?« rief Dubelmeier. - -Ein älterer Mann von achtunggebietender Gestalt, mit weißem Haar und Bart, -ohne jegliche Kopfbedeckung, durchbrach die Reihe seiner Gefährten und -schritt stolz auf die sieben Schwaben zu. Gekleidet war der Alte wie seine -übrigen Genossen. Ein blusenartiges, schneeweißes Hemd aus feinster Wolle -mit purpurfarbenem Besatze hüllte den hohen, edlen Körper ein. Um die -Hüften war es durch ein breites Band von purpurner Farbe gehalten. An den -nackten Füßen trug er Sandalen aus feinem, gelbem Leder. Voll Ehrfurcht -machten ihm seine Gefährten Platz, und die Herren aus dem Schwabenlande -erkannten daraus sofort, daß ihnen in dem Alten ein Mann von hoher sozialer -Stellung entgegentrat. - -Sie entblößten nun als Zeichen der Hochachtung das Haupt und erwarteten -voll Spannung die weitere Entwicklung der Szene. Der Alte ließ zuerst seine -Blicke über den Weltensegler gleiten, dann richteten sich seine klaren, -dunkelblauen Augen, aus denen ebensoviel Geist als Herzensgüte sprach, auf -die sieben Fremden, die er in einer harmonischen Sprache anredete, wobei er -hin und wieder auf das mächtige Luftschiff deutete und schließlich ihnen -durch eine freundliche Gebärde zu verstehen gab, ihm zu folgen. - -Die Herren zogen nun mit dem Alten als Führer an der Spitze von dannen. -Ihnen schlossen sich in ruhiger, würdevoller Haltung die Marsbewohner an, -die beim Niedergange des Weltenseglers so bereitwillig hilfreiche Hand -geleistet hatten. Den Professoren schien es, als ob ein Märchen aus Tausend -und einer Nacht lebendig geworden wäre. Sie konnten sich nicht satt sehen -an all dem Schönen und Eigenartigen, das ihnen hier auf Schritt und Tritt -begegnete. Von der Wiese kamen sie auf einen mit feinem, weißem Sande -bestreuten, mit prächtigen, früchtebehangenen Bäumen eingefaßten schattigen -Pfad. Dieser führte auf eine große Anzahl von Gebäuden zu, die voneinander -getrennt und von prächtigen Gärten umgeben waren. Ihrer stattlichen Größe -nach zu urteilen, schienen es öffentliche Bauten zu sein, die sich da in -ihrem reinlichen Weiß aus dem Grün ihrer Umgebung abhoben. - -Überall wuchsen hochstämmige Palmen, dazwischen prächtige, hellgrüne -Bananen und Farnbäume, vermischt mit einer Blumenpracht, wie sie die -Tübinger Professoren in dieser üppigen Entfaltung noch nie zuvor gesehen -hatten. Rosen-, lilien-, myrten- und lorbeerartige Gewächse, Orchideen und -eine Menge anderer Blumen wetteiferten miteinander an Glanz und Schönheit -der Farben und an Wohlgeruch. Schmetterlinge in allen Größen und Farben -wiegten sich in der warmen, herrlich zu atmenden Luft, und buntschillernde -Vögel ließen von den Bäumen herab ihr schmetterndes Morgenlied ertönen. - -»Ein Paradies, in das wir gelangt sind,« sprach Professor Stiller leise zu -dem neben ihm schreitenden Professor Piller. »Ich muß meinen Gefühlen Luft -machen, meiner Bewunderung Worte verleihen. Sagen Sie, Piller, ist es Ihnen -nicht auch so wunderbar, so feierlich zumute wie mir, haben Sie nicht auch -ein Gefühl ungefähr so, wie es unser unsterblicher Uhland in seinem -Sonntagsliede zu so ergreifendem Ausdruck gebracht hat?« - -»Na, na!« entgegnete Piller trocken. »Auch mir gefällt ja dieser Einzug auf -dem Mars gar nicht übel. Im übrigen aber haben wir heute zufällig Sonntag. -Wußten Sie das nicht, Stiller?« - -»Nein! Mir entfiel die Zeitrechnung in den letzten Wochen vollständig. -Woher aber wissen Sie das?« - -»Nun, als Sie heute früh in tiefer Ohnmacht lagen, da habe ich mit der Uhr -in der Hand Ihre Herztätigkeit kontrolliert. Meine Uhr zeigt aber zufällig -außer den üblichen Stunden, Minuten und Sekunden auch noch Monate und Tage. -Wir haben heute Sonntag, den 7. März.« - -»Sonntag, den 7. März! Die heilige Siebenzahl in allem. Möge sie uns auch -weiter schirmend und schützend umgeben!« rief Professor Stiller. - -»Vor allem wünsche ich mir ein gutes Essen nebst solidem Trunk; das frischt -die Lebensgeister besser auf und schützt sie gründlicher vor Verbrauch als -Ihre Siebenzahl. Wir haben in unserer Gondel zuletzt ein heilloses Leben an -Entsagung geführt; es ist höchste Zeit, wieder in einen guten Hausstand und -an einen richtigen Herd zu gelangen.« - -»O Sie ewig Prosaischer!« erwiderte lächelnd Professor Stiller. »Hungern -und dürsten werden Sie hier oben nicht. Da sehen Sie einmal nach den -Früchten da drüben!« - -Professor Piller folgte mit den Blicken der angegebenen Richtung. -»Donnerwetter!« entfuhr es seinen Lippen. »Sollen diese kolossalen Beeren, -die da herunterhängen, am Ende gar zu einer Weintraube gehören?« - -»Nichts anderes! Das, was Sie sehen, ist eine Weintraube, wie sie in dieser -Größe eben nur dem subtropischen Klima eigen ist.« - -»Dann leb' wohl, Zuckerle, Trank meiner Heimat!« rief Herr Piller so laut, -daß ihn die andern Kollegen hörten. »Leb' wohl, Zuckerle, denn den Tropfen, -den man hier aus diesen Ungeheuern von Beeren preßt, der muß ja einem wie -flüssiges Feuer durch die Adern rinnen, Halbtote, wie wir sind, wieder zu -freudigstem Lebensgenuß erwecken. Auf diesen Trunk freue ich mich.« - -»Nektar und Ambrosia scheinen wir hier zu finden,« flötete Frommherz. - -»Wollen gerne auf dieses griechische Götterzeug verzichten, wenn es nur -sonst hier was menschlich Anständiges für unsern Magen gibt,« antwortete -Piller. - -Unter solchen Gesprächen gelangten die Herren mit ihrer Begleitung zu den -ersten Häusern. Zu ihrem Erstaunen mußten sie sich überzeugen, daß die -Gebäude, die sie aus der Ferne für öffentliche Bauten gehalten hatten, -nichts anderes waren als großartige Einfamilienhäuser oder Villen. Aus -weißen, sorgfältig behauenen Steinen ausgeführt, hatten sie vorn hohe, -säulengetragene Hallen, die einen überaus einladenden Eindruck machten und -von der Vorliebe der Bewohner für frische Luft und für freie und -uneingeengte Räume Zeugnis ablegten. Für das warme Klima waren solche -offene Hallen das einzig Richtige und Zweckmäßige. Breite Marmorstufen -führten zu ihnen empor und dienten blühenden Kindern, die nur mit einem -hellfarbenen, leichten, durch einen Gürtel um die Lenden festgehaltenen -Hemde bekleidet waren, als Spielplatz. Marmorfiguren hoben sich -stimmungsvoll zwischen den Bogen der Hallen ab. Alles atmete ruhige -Schönheit und Freude und verfehlte nicht seine tiefe Wirkung auf die -Reisenden. - -Der Alte geleitete seine Gäste zu einem zweistockigen, palastartigen -Gebäude, das rings von üppigstem Pflanzenwuchs umgeben war und in seiner -Pracht einem Fürstensitz glich. Es war aber das Haus des Alten selbst, das -dieser den Fremdlingen zur ausschließlichen Benützung anwies. Auf breiten -Marmorstufen gelangten die Professoren in einen von Säulen getragenen, -offenen, großen Hof, in dessen Mitte ein mächtiger Springbrunnen sein -Wasser rauschen ließ. Rings um den Hallenhof lagen saalartige Zimmer, deren -Türen auf den Hof hinausführten. Rechts an der Halle befand sich die -Haupttreppe. Sie bestand aus zwanzig breiten Stufen, jede aus einem Stein -von vier Meter Länge. Sie führte zu einem Absatze mit einem großen Fenster. -Von diesem Absatze führten weitere zwanzig Stufen in die obere, -geschlossene Galerie, die durch große Fenster erhellt wurde und mit einer -prächtigen Kassettendecke geschmückt war. Von der Galerie aus gelangte man -in eine Reihe von Prunkgemächern, an die sich die Schlafzimmer und -Baderäume anschlossen. Der ganze Bau war voll Licht und Bequemlichkeit. - -Auf ein Händeklatschen des Alten eilten einige jüngere Männer herbei, die -wahrscheinlich die dienenden Geister dieses Palastes waren. Der Alte sprach -mit den jungen Männern lange und eindringlich und bedeutete endlich seinen -Gästen durch Zeichen und Gebärden, sich hier häuslich niederzulassen. -Darauf verließ er sie nach einer freundlichen Verbeugung. Auch die Diener -verschwanden, erschienen aber bald wieder und brachten duftende, reine -Kleider und Sandalen, ähnlich denen, die sie trugen. In stummer, aber -zuvorkommender Art wiesen sie den Fremden den Weg zum Bade. - -»Ich bin wirklich neugierig, was da noch alles kommen wird!« sprach Piller -lachend zu Professor Stiller. »Würde ich nicht wachen, wäre ich nicht -nüchtern wie ein Pudel und bei klarstem Verstande, ich würde glauben, daß -alles, was ich hier bis jetzt erlebt und, gesehen habe, nichts anderes als -ein tolles Spiel meiner Einbildungskraft ist.« - -»Warten wir ab, Piller! Schlecht aufgehoben sind wir für den Anfang nicht, -im Gegenteil. Ich höre bereits in unserer Nähe Tische rücken. -Wahrscheinlich wird für unser Mahl gedeckt. Baden wir zuerst, reinigen wir -uns vom letzten Erdenstaube und den Schlacken der Reise, und beginnen wir -dann unser neues, so viel Interessantes versprechendes Leben auf dem Mars!« - -»Mit Speise und Trank,« ergänzte Piller den Freund. »Jawohl, Stiller, wenn -Sie Idealist es auch nicht gern hören, ewig wahr bleibt es doch: Speise und -Trank bedarf der Sterbliche zuerst und vor allem, will er etwas leisten und -fest auf seinen Füßen stehen. Hoffentlich munden uns Kost und Trank auf dem -Mars. Also bis nachher!« Mit diesen Worten verschwand Piller in seinem -Badezimmer. Stiller sowie die übrigen Herren folgten diesem Beispiele und -plätscherten wenige Augenblicke später in dem angenehm erwärmten Wasser -ihrer geräumigen marmornen Badewanne. - -Wunderbar gestärkt durch das Bad und eingehüllt in ihre frischen, bequemen -Kleider, fanden sich die Gelehrten eine halbe Stunde später in dem hohen, -luftigen Speisesaale des Hauses zusammen. Die Decke dieses Saales trug -farbenprächtige Gemälde in Medaillenform, die Fenster wiesen edle -Glasgemälde auf, und der Boden bestand aus Platten von verschiedenfarbigem -Marmor. In der Mitte des Saales stand der Tisch, gedeckt mit blankem -Silbergerät. Auch Teller und Pokale waren aus demselben kunstvoll -verarbeiteten Edelmetalle hergestellt. Auf Fruchtschalen aus feinstem -Kristallglas lagen die herrlichsten Früchte, und aus geschliffenen Karaffen -funkelte verlockend eine klare, goldgelbe Flüssigkeit. Schwere Armstühle -aus schwarzem, eigenartigem Holze mit vergoldeten Lehnen standen um den -Tisch. - -»Das nenne ich fürstliche Pracht,« rief entzückt Frommherz, nachdem er im -Saale und auf dem Tische Umschau gehalten hatte. »Hier, Freunde, wollen wir -uns niederlassen, hier ist es gut sein! Der Erde fern und doch dem -Paradiese nahe.« - -»Nun, Sie scheinen mir ganz in Verzückung geraten zu sein,« meinte lächelnd -Hämmerle. - -»Lassen Sie unsern Frommherz phantasieren! Ich meinerseits bin auf das -Essen gespannt,« sprach, sich am Tische niederlassend, der nüchterne -Piller. »Sechzig Millionen Kilometer von unserer Erde entfernt, wird man -wohl hier oben einen andern Speisezettel haben als bei uns unten am Strande -des Neckars.« - -»Stiller, Sie setzen sich als Präses oben hin,« entschied Brummhuber, als -Professor Stiller in gewohnter bescheidener Weise sich zwischen den andern -Kollegen niederlassen wollte. - -»Natürlich!« pflichtete Professor Piller bei. »Ehre, wem Ehre gebührt! -Unser Freund Stiller hat seine Sache bis jetzt ganz ordentlich gemacht, er -stehe deshalb auch ferner unserer Korona vor!« Mit diesen Worten goß er -sich von dem Inhalt der vor ihm stehenden Karaffe etwas in seinen Pokal ein -und hielt ihn prüfend an die Nase. - -»Hm . . . hm! Der Trank riecht wirklich nicht übel . . . hat feines -Bouquet.« Vorsichtig nahm er einen Schluck. - -»Es ist Wein, tatsächlich Wein und zwar so eine Art Trockenwein, beinahe -wie Sherry, nur noch bedeutend feiner und milder,« entschied Piller, -nachdem er getrunken. »Von schlechten Eltern stammt er nicht, aber mein -Zuckerle ist entschieden süffiger als dieser Marstropfen. Immerhin, er kann -bleiben, wie er ist; lieber solchen Wein als gar keinen!« - -»Seien Sie froh, Piller, Sie Alkoholiker, daß Sie überhaupt etwas zu -trinken haben! Wir sind doch wahrlich nicht des Weines wegen nach dem -fernen Mars gekommen!« warf Professor Dubelmeier ein. »Ihr ewiger Durst und -Ihre unstillbare Sehnsucht nach dem Zuckerle hätten Sie eigentlich da unten -auf der Erde festhalten sollen.« - -»Schweigen Sie, Sie fanatischer Anhänger des Göppinger Wassers!« rief -Piller voll Grimm. »Was verstehen Sie denn von . . .« - -Aber Professor Stiller ließ den Zornigen nicht ausreden. Er erhob sich. -»Meine lieben Freunde! Ich bitte um Ruhe und Frieden und wünsche Ihnen -allerseits einen recht gesegneten Appetit zu dem bevorstehenden Mahle. -Weihen wir unserer glücklichen Ankunft auf dem Mars den ersten Schluck! Der -zweite soll dem Gedenken an unsere engere und weitere Heimat, dem lieben -Schwabenlande und Deutschland, gelten. Bitte, füllen Sie ihre Pokale und -tun Sie mir Bescheid!« - -»So, das laß ich mir gefallen,« brummte Piller; »Stiller ist wirklich ein -vernünftiger Knabe.« - -»Und nun, meine Freunde, setzen wir uns zum Mahle!« Nach dem Beispiele des -Alten von vorhin klatschte Herr Stiller in die Hände, und herein traten -sieben Diener, für jeden Herrn einer. Sie trugen Platten in den Händen, auf -denen wohlriechende Fische lagen. Herrn Pillers Zorn verrauchte schnell -angesichts der warmen, so einladenden Speise. Er und die übrigen Herren -langten tüchtig zu. Alle waren darüber des Lobes voll, daß die Fischspeise -ausgezeichnet geschmeckt habe. - -Auf den Fisch folgten einige eigenartige, aber äußerst schmackhaft -zubereitete Mehlspeisen, dann Gemüse, Obst und Backwerk. - -Als das Frühstück beendet war, füllte Piller seinen Pokal mit dem -goldschillernden Wein, rückte seinen Stuhl etwas vom Tische zurück und -stand auf. - -»Silentium, meine Herren!« Die laute, anregende Unterhaltung der Herren -verstummte und machte einer aufmerksamen Stille Platz. »Meine lieben -Freunde und Genossen! Ich erfülle nur einen Akt der Pflicht,« hub Piller -an, wurde aber plötzlich von seiner Rede abgelenkt, als sich von außen her -zuerst unendlich zarte, wundervolle Töne hören ließen, die nach und nach in -mächtige Akkorde übergingen. Es war Musik, ein Spiel, so feierlich und -schön, daß die Herren unter dessen Banne ruhig, fast unbeweglich an ihren -Plätzen verharrten, um durch kein auch noch so leises Geräusch die -ergreifenden Töne zu stören, die mit ihren Klängen aus der Gegenwart -emporzuheben schienen zu jenen blauen, seligen Gefilden der unbegrenzten -Freude. Leise, einem Flüstern gleich, erstarben nach und nach die Akkorde. - -»So empfängt uns der Mars!« rief in heller Begeisterung Professor Stiller, -als die Musik geendet hatte. »Kann es einen schöneren und zugleich -erhebenderen Willkommen für uns hier oben geben als dieses göttergleiche -Saitenspiel?« - -»Nein, gewiß nicht!« erwiderten die Gefährten einstimmig und voll -Begeisterung. Dann eilten sie an die Fenster des Saales, um nach den -Veranstaltern des hohen Genusses Umschau zu halten. Ein Dutzend -Harfenspieler waren es, die sich da langsam und würdevoll mit ihren -Instrumenten von der Terrasse des Hauses entfernten. - -»Piller, das war entschieden ein schönerer und edlerer Ohrenschmaus, als es -die Rede gewesen wäre, die Sie im Begriffe waren, uns zum besten zu geben,« -foppte Dubelmeier den Freund. - -»Was wissen Sie denn, was ich zu sagen hatte! Die Rede bekommen Sie -übrigens über kurz oder lang doch einmal zu hören. Aber danken Sie es der -eben gehörten Musik, die mein Gemüt so friedlich gestimmt hat, daß ich auf -Ihre Herausforderungen nicht so antworte, wie Sie es verdienen, Sie -- Sie -unverbesserlicher Wasserphilister.« - -Die Herren lachten über den Disput der beiden Gefährten, die sich im Grunde -ihres Herzens trotz allen Reibereien sehr zugetan waren. - -Von mehreren ehrwürdigen Männern begleitet, erschien der Greis wieder im -Rahmen der großen Türe des Saales. Ein Lächeln huschte über das ernste, -ausdrucksvolle Gesicht des alten Mannes, als er die sieben Fremden wieder -erblickte, die da, ähnlich gekleidet wie er, achtungsvoll vor ihm standen. -Der Greis neigte leicht den Kopf zum Zeichen des Grußes und lud die Herren -durch eine Handbewegung ein, ihm zu folgen. Es ging den Weg zurück, den sie -diesen Morgen gekommen waren. - -»Am Ende werden wir gleich wieder dahin abgeschoben, wo wir hergekommen -sind,« bemerkte besorgt Professor Frommherz. - -»Darüber brauchen Sie sich nicht zu ängstigen,« erwiderte Professor -Stiller. »In diesem Falle wären wir nicht so liebenswürdig aufgenommen -worden.« - -Die Gesellschaft war nun auf der Wiese angelangt, auf der sich der -Weltensegler kaum merkbar am Ankerkabel bewegte. Der Alte gab den Herren zu -verstehen, daß sie ihr Eigentum aus der Gondel herausnehmen sollten. Zu -diesem Zwecke und der besseren Verständigung wegen stieg der Greis mit -seiner Begleitung die Strickleiter zur Gondel hinauf und brachte aus ihr -verschiedene Dinge herab, die den Erdmenschen gehörten. Nun begriffen diese -den Greis. - -»Sehen Sie, daß ich recht hatte?« Mit diesen Worten wandte sich Stiller an -seinen Kollegen Frommherz. »Man kommt doch nicht von der Erde zu so -freundlichen, gastfreien Menschen, wie es die Marsbewohner zu sein -scheinen, um gleich wieder kehrtmachen zu müssen. Übrigens könnten wir in -unserer jetzigen Verfassung an eine sofortige Rückkehr überhaupt nicht -denken.« - -»Vor dieser bewahre uns für immer der Himmel in Gnaden!« antwortete -Frommherz, emsig damit beschäftigt, seine Habseligkeiten zusammenzupacken. - -Bald nachher war das bescheidene Gepäck der Marsreisenden unten auf dem -Boden. Mit Aufmerksamkeit betrachtete der Greis die verschiedenen -Instrumente, die da zum Vorschein kamen. Ganz besonderes Interesse erregte -bei ihm das Fernrohr. Stiller suchte ihm dessen Gebrauch klarzumachen. Aber -der Greis schüttelte zu diesen stummen Auseinandersetzungen nur den Kopf -und wies endlich mit der Rechten nach einem fernen Bau, dessen -kuppelförmiges Dach der Professor jetzt zum erstenmal erblickte. - -»Beim Zeus, die haben ja hier oben auch eine Sternwarte und zwar in -nächster Nähe!« rief Stiller erfreut. »Freunde, da müssen wir noch heute -abend hingehen, um von dort aus unsere Mutter Erde in weiter Ferne als -leuchtenden Stern erster Größe betrachten und bewundern zu können.« - -Stiller machte dem Greise diesen Wunsch sofort begreiflich. Er deutete -zuerst nach dem Himmel, dann auf sein Fernrohr und schließlich auf die -Kuppel des Gebäudes. Endlich entnahm er seinem Gepäck eine große -Himmelskarte, die er entfaltete. Mit dem Zeigefinger der Rechten wies er -auf die Planeten hin, deren Bahnen um die Sonne auf einem besonderen -Abschnitt der Karte verzeichnet waren. Nun verstand ihn der Greis sofort -und nickte bejahend mit dem Kopfe. Jetzt suchte ihm auch der Professor -begreiflich zu machen, woher er und seine Gefährten gekommen seien. Er -zeigte auf die eingezeichnete Erde, dann auf die sie umschließende Bahn des -Mars, auf diesen selbst, endlich auf das Luftschiff. Ein lauter Ton des -Erstaunens kam über die Lippen des Greises. Er hatte Professor Stiller -vollkommen verstanden und reichte ihm zum erstenmal mit Worten, die wie ein -herzliches Willkommen klangen, die Hand, die dieser warm, drückte. - -Der Greis übersetzte seinen Begleitern, was der Fremde ihm da in seiner -stummen Zeichensprache erklärt hatte, und auf den offenen, ehrlichen -Gesichtern trat ein gewisser Ausdruck der Achtung vor den kühnen Fremden, -die so weit hergekommen waren, hervor. Die Weltensegler wurden wieder in -ihr Heim zurückgeführt, in dem sie sich mit den aus ihrer Heimat -mitgebrachten Sachen häuslich einzurichten begannen. Darüber war es spät am -Mittag geworden. Keine lästige Neugier hatte die Herren bei ihrer -Einrichtung gestört. Mit unendlichem Behagen streckten sie sich nach -Beendigung dieser Arbeit auf die weichen Ruhebetten in ihren Zimmern, um in -dem so lange entbehrten Genusse eines ausgezeichneten Lagers kurze Zeit zu -schwelgen. - -Inzwischen war die Tischzeit herangekommen. Das Mittagsmahl verlief ähnlich -wie das Frühstück, nur war es reichlicher. Voll Befriedigung über die ihnen -gebotenen Tafelfreuden wollten sich die Herren gerade erheben, als sie eine -neue Überraschung an ihre Plätze bannte. Draußen, vom Hallenhofe des Hauses -her, erschallte a capella der Gesang menschlicher Stimmen. Es war ein Lied -voll Innigkeit und Tiefe. Die tongewordene Barmherzigkeit selbst schien es -zu sein, die da an die Herzen der Gelehrten so mächtig pochte, daß sie ihre -große Ergriffenheit nur schlecht zu bemeistern vermochten. Als das Lied -verklungen war, wischten sich einige der Herren verstohlen die Tränen aus -den Augen. - -»Darauf muß ich noch einen Schluck nehmen,« erklärte Piller, seinen Pokal -füllend. »Seelische Erregungen rufen bei mir das Bedürfnis nach materieller -Stärkung hervor. Dubelmeier, schneiden Sie kein so sonderbares Gesicht; tun -Sie mir lieber Bescheid!« - -»Bewahre mich der Himmel davor, diesen hehren Augenblick durch Alkohol zu -entweihen!« - -»Ganz wie Sie wollen, lieber Dubelmeier!« erwiderte Piller gegen seine -sonstige Gewohnheit milde. - -Die Gelehrten verließen das Haus, um den schönen Abend zu einem Spaziergang -zu benützen und die Gegend etwas näher kennenzulernen, die voraussichtlich -längere Zeit ihren Wohnort bilden würde. Auf diesem Spaziergange wurde es -ihnen mehr und mehr klar, daß ihr Luftschiff in der Nähe einer viel -größeren Niederlassung gelandet war, als sie anfänglich geglaubt hatten. Es -mußte eine Art von Stadt sein; denn trotz des garten- oder parkartigen -Charakters des Ganzen bewiesen die vielen Häuser, die stets allein für sich -standen, daß hier eine verhältnismäßig dichte Bevölkerung vorhanden sein -müsse. - -In dieser Auffassung wurden die Herren auch durch die zahlreichen Menschen -unterstützt, die sie noch mit den verschiedensten Arbeiten beschäftigt -antrafen. Niemand war hier untätig. Die Hast aber schien ein unbekannter -Begriff zu sein, denn bei aller Arbeit trat ein gewisses Maß vornehmer Ruhe -hervor. Wie wohltuend stach diese gegen das lärmende Treiben der Menschen -auf der Erde ab! Überall, wohin auch die Gelehrten ihre Blicke richteten, -erschien ein gleichmäßig verteilter Wohlstand; selbst die relative Armut -mußte hier unbekannt sein. Nicht nur in den Häusern, deren offene Hallen -dem neugierigen Auge ungehinderten Einblick gestatteten, nein, auch um die -Wohnungen herum, auf allen Wegen und Stegen herrschte eine geradezu -peinliche Sauberkeit. - -Ihr Spaziergang führte die Herren auch an den breiten Strom, den sie heute -in der Frühe des Tages vom Luftschiff aus gesehen hatten. Es mußte einer -der berühmten Marskanäle sein; denn soweit sie sehen konnten, war der Strom -kunstvoll eingedämmt, schnurgerade seine Ufer. Eine kühn geschwungene -steinerne Brücke, auf vielen Pfeilern ruhend, ein architektonisches -Meisterwerk, führte hinüber an das andere Ufer. Auf dem Mars schien alles -unter dem Zeichen gemessener Ruhe zu stehen: auch die klaren, hellgrünen -Gewässer des mächtigen Kanales flossen still und ruhig dahin und trugen auf -ihrem Rücken eine Menge geschmackvoll gebauter Schiffe. - -An der Brücke lag ein Schiff, aus dem einige Männer Platten verschieden -gefärbten Marmors, Blöcke von Granit und Syenit ans Ufer schafften und zwar -mit einer Leichtigkeit, die auf die sieben Schwaben geradezu verblüffend -wirkte. Sollten diese Marsbewohner über ungewöhnliche Körperkräfte -verfügen, eine Art Athleten sein? - -»Welch großartig entwickelten Brustkorb diese Leute haben! Sehen Sie einmal -genauer hin!« Mit diesen Worten zeigte Piller auf die Arbeiter. »Es ist mir -heute früh schon aufgefallen, wie herrlich gebaut und wie breitschultrig -diese Menschen hier sind. Auch die Kinder zeichnen sich in dieser Beziehung -gegenüber den unsern auf der Erde vorteilhaft aus. Die reinste Züchtung -einer lungenstarken Rasse, die der Schwindsucht kaum zugänglich sein -dürfte,« fuhr Piller fort. - -Unterdessen war Brummhuber zu den arbeitenden Marsiten getreten und -versuchte, eine der Steinplatten zu heben. - -»Mir kommt dieser Marmor merkwürdig leicht vor. Sollte es vielleicht eine -andere Art von Stein sein als bei uns?« rief er fragend seinen Gefährten -zu. - -Diese kamen, neugierig geworden, näher und untersuchten die Steine. - -»Nein, es ist tadellos schöner Marmor. Betrachten Sie nur das feine Korn -und die zartgefärbten Adern, die ihn durchziehen!« entgegnete Piller nach -eingehender Prüfung. - -»Und dieser prächtige rote Stein hier ist bester Syenit, oder ich müßte -geradezu kein mineralogisches Unterscheidungsvermögen mehr besitzen,« warf -Herr Hämmerle ein, der an dem Steine herumgeklopft hatte. - -»Versuchen wir einmal, die Steine zu heben!« entschied Piller. - -»Richtig, die scheinen hier oben ein geringeres spezifisches Gewicht zu -haben als unten bei uns. Nun begreife ich, warum diese Leute die Lasten so -leicht zu heben vermögen. Woher das wohl kommen mag? Wissen Sie vielleicht -die Ursache, Stiller?« - -»Der Grund dieser Erscheinung liegt meines Erachtens in der Dichtigkeit des -Mars, die nur o,7 von der der Erde beträgt,« antwortete Herr Stiller. - -»Nun geht mir auch ein Licht auf, warum mir heute bei unserm Mahle die -Pokale, unsere Silbergeräte überhaupt, so eigentümlich leicht vorkamen,« -fügte Thudium bei. »Ich hatte aber keine Zeit, über diese auffallende -Erscheinung nachzudenken, denn die Musik nahm mich zu sehr gefangen.« - -»So ging es auch mir,« bestätigte Stiller. - -»Und wie steht es mit der Dichtigkeit der Marsatmosphäre?« forschte -Frommherz. »In dieser Beziehung finde ich keinen Unterschied gegenüber -unserer Heimatluft im Sommer. Im Gegenteil, ich atme leichter, freudiger -hier oben als unten.« - -»Der Luftkreis, der diesen Planeten umgibt, ist von bedeutend geringerer -Höhe als der unserer Erde. Denken Sie sich bei uns auf einen Berg von -mäßiger Höhe gestellt, so wird die etwas dünnere Luft dort ungefähr der -hier entsprechen. Unsere Erdbarometer sind leider nicht für den Mars so -verwendbar, daß wir zu ganz sichern Vergleichen und Schlüssen kommen -könnten,« entgegnete Stiller. - -»Sei dem wie ihm wolle! Aus Ihren Worten kann ich mir auch ganz ungezwungen -die wunderbare Entwicklung des Brustkorbes unserer Marsfreunde erklären: -Anpassung der Lungen an die äußeren Lebensbedingungen. So werden sich auch -in derselben einfachen Weise andere Eigentümlichkeiten der Marsleute -erklären lassen, die uns noch da und dort entgegentreten werden,« erwiderte -Piller, sich in Marsch setzend, während die übrigen Herren seinem Beispiele -folgten. - -»Übrigens, meine Freunde, haben Sie noch nicht die auffallend schönen Augen -unserer Marsmenschen bewundert?« fragte Piller im Weiterschreiten. - -»Ihre Größe und ihr schöner Glanz stechen allerdings stark gegen Größe und -Glanz der unsern ab. Ein merkwürdiges Leuchten geht aus diesen Spiegeln der -Seele bei unsern Marsleuten hervor.« - -»Ganz richtig beobachtet, Stiller! Das satte Blau der Iris habe ich in -dieser vollendeten Schönheit früher noch niemals gesehen. Es ist die -Idealfarbe des edeln Auges. Und dieses lockige, reiche Haar! Wahre Zeus- -und Junogestalten! Frommherz hatte heute recht mit seinem Vergleiche.« - -»Nicht wahr?« rief dieser erfreut über Pillers laute Anerkennung. -»Körperlich wie geistig gleich hochstehende Menschen scheinen mir die -Marsbewohner zu sein.« - -»Für diese Gegend wenigstens scheint Ihr Urteil zu stimmen nach dem, was -wir heute erfahren haben,« erwiderte Stiller. - -Da die Sonne untergegangen war, so beschlossen die Herren aus dem -Schwabenlande, für heute den Spaziergang zu beenden und in ihr Heim -zurückzukehren. Dort wollten sie den Besuch des würdigen Greises erwarten, -um von ihm auf die Sternwarte geführt zu werden. Sie befanden sich noch -unterwegs, als die Nacht ihre dunklen Schwingen über die Landschaft -auszubreiten begann. Im Osten wurde es hell und heller. Der Mond tauchte -auf und warf sein klares Licht auf die stille, friedvolle Gegend. - -»Das ist der große Marsmond, Deimos genannt, der uns da leuchtet,« erklärte -Professor Stiller seinen Gefährten. »Wenige Augenblicke nur, und Sie werden -den zweiten Trabanten des Mars sehen, mit dem wir, wenn auch -glücklicherweise höchst oberflächlich, letzte Nacht in peinliche Berührung -gekommen sind.« - -Richtig, da kam auch der kleine Phobos über den Horizont gestiegen. - -»Welch prachtvolles Schauspiel!« rief voll Entzücken Stiller. »Wahrlich, -die Marsbewohner brauchen keine künstliche Beleuchtung ihrer Nächte! Sie -haben nicht nur jede Nacht vollen Mondschein, sondern sie besitzen auch -gleich zwei Himmelsleuchten.« - -»Ein merkwürdiger Weltkörper, dieser Mars, fürwahr!« entgegnete Piller, -einen Augenblick stehen bleibend und die beiden Monde betrachtend, deren -fast taghelles Licht eigenartige, reizvolle Schattenbilder hervorbrachte. - -»Ein lebendig gewordenes Märchen. Das wäre wieder ein neuer Anlaß für Sie -zu trinken, Piller,« spottete Dubelmeier. - -»Warum denn nicht, alter Freund, warum denn nicht? Es scheint mir aber nach -dem, was wir heute schon erlebt haben, auf dem Mars so viel -Bewunderungswürdiges zu geben, daß die Anlässe zum Trinken sich denn doch -zu bedenklich mehren dürften. Mein Wahlspruch aber ist gleich dem des alten -griechischen Weisen: Nichts zuviel!« - -Dubelmeier lachte laut auf. - -»Lachen Sie nicht so töricht, altes Wasserhuhn, und folgen Sie selbst -lieber diesem Beispiele in Ihrer übertriebenen Wassertrinkerei! Das rate -ich Ihnen schon vom Standpunkte der modernen Heilkunde aus.« - -»Die Monde kommen mir hier oben bedeutend größer vor als z. B. unten unser -Trabant,« bemerkte Frommherz, die eingetretene Stille unterbrechend. - -»Nur Täuschung, mein Lieber!« erklärte Stiller. »Die Monde des Mars sind -beträchtlich kleiner als der Mond unserer Erde, sie sind aber bedeutend -näher am Hauptplaneten, als dies bei unserm Monde der Fall ist. Phobos hier -ist vom Mars nur etwas über 9000 Kilometer, der große Deimos nicht mehr als -etwa 23500 Kilometer entfernt. Daher kommt es, daß diese Trabanten des Mars -so übermäßig groß erscheinen.« - -Unter diesen Gesprächen gelangten die Herren vor ihr stattliches Heim. Dort -erwartete sie bereits ihr aufmerksamer Gastgeber, der ihnen heute schon so -viel Gutes erwiesen hatte. Im Mondschein erschien den Herren die hohe -Gestalt des Alten womöglich noch feierlicher als im Lichte des Tages, das -lange, wallende weiße Haar noch silberner, glänzender. - -»Sieht er nicht aus wie ein Patriarch aus der alten jüdischen Zeit, in der -Sittenreinheit und Einfachheit des Volkes herrlichste Tugenden waren?« -fragte Professor Stiller leise seinen Kollegen Frommherz. - -»Wahrhaftig, Sie haben recht!« entgegnete dieser. »Nennen wir unsern Alten, -dessen Namen uns noch unbekannt ist, einfach Patriarch. Diese Bezeichnung -paßt prächtig auf ihn, hat er uns doch heute unter seinen väterlich milden -Schutz genommen.« - -Nach einer kurzen, stummen Begrüßung geleitete der Alte die Erdensöhne nach -dem mit einem Kuppelbau versehenen Hause. Der Weg dahin führte durch eine -Art von Wald voll großer wohlgepflegter Bäume, auf deren dunkelgrünen, -glänzenden Blättern die zitternden Strahlen der Monde ihr neckisches Spiel -trieben. Millionen von Leuchtkäfern schwirrten in der weichen Nachtluft -unter den Bäumen, und das bläulich schillernde Licht der lautlos -dahinhuschenden Tiere machte den Eindruck kleiner, in rascher Bewegung -begriffener Sternchen. Muntere Bächlein, über die zierliche Brücken -führten, kreuzten oft den Weg. - -Der eigenartig schöne Weg hatte ungefähr eine Stunde Zeit in Anspruch -genommen. Das in Form eines Rundbaus angelegte Gebäude trug in seinem -Erdgeschoß eine Reihe von Büsten auf roten Marmorsockeln. Sie schienen die -Männer darzustellen, die hier am Observatorium gewirkt hatten. Breite -Stufen führten in den eigentlichen Beobachtungsraum hinauf, in dem einige -Männer bereits an ihrer stillen Arbeit saßen. Der Patriarch mußte mit ihnen -bereits Rücksprache genommen haben, denn sie erhoben sich sofort beim -Eintritt der Fremden und luden diese durch freundliche Handbewegung ein, -ihre Plätze einzunehmen. - -Stiller war von der gediegenen Pracht und Großartigkeit der gesamten -Einrichtung überrascht. Wie gering erschien ihm dagegen seine Sternwarte da -unten auf Stuttgarts Bopserhöhe! Er trat auf eines der Riesenteleskope zu, -prüfte es kurz und gestand sich, daß dessen Linsen an Schärfe nichts zu -wünschen übrig ließen, ja sogar alles übertrafen, was er in dieser -Beziehung überhaupt bis jetzt kennengelernt hatte. Welch eine Summe von -Intelligenz mußte auf dem Mars vorhanden sein, die so feine, auf genauester -wissenschaftlicher Berechnung beruhende optische Arbeit auszuführen -ermöglichte! - -Der Professor betrachtete aufmerksam den Himmel. Da und dort flammten -Sternbilder und einzelne Sterne auf, die ihm bekannt waren. Ein auffallend -großer, rotleuchtender Stern stand tief im Westen und erregte die vollste -Aufmerksamkeit des Gelehrten. Es konnte nur ein Planet sein, der da -funkelnd im unermeßlichen Weltraum hing, und möglicherweise war es der -auffallenden Nähe wegen gar die Erde. Das Riesenfernrohr wurde daraufhin -sorgfältig eingestellt. Die Vermutung Professor Stillers war richtig. Dank -den unübertrefflich scharfen Linsen und der Reinheit der Marsatmosphäre -erkannte er deutlich die Mutter Erde. Gut konnte er auf ihr die -verschiedenen Meere und Kontinente unterscheiden. Vom Nordpol abwärts -ließen sich sogar die Umrisse der einzelnen Länder gegen das Eismeer sowie -gegen den Atlantischen Ozean hin feststellen, und das da, -- ja, jetzt -hatte er es -- was sich jetzt zeigte, im Fernrohr scharf abzeichnete, mußte -die Heimat, mußte dem ganzen Aussehen nach Deutschland sein. - -Voll freudiger Aufregung teilte Stiller seinen Gefährten die gemachte -Beobachtung mit und lud sie ein, einen Blick auf das ferne teure Vaterland -hinunterzuwerfen. Einer nach dem andern folgte dieser Aufforderung. - -»Unglaublich, aber wahr! Diese Fernsicht ist wirklich einzig in ihrer Art! -Zum ersten Male sehen wir aus weiter, weiter Ferne die Erde und die -Heimat,« rief Hämmerle begeistert. - -»Die Großartigkeit dieses Bildes wirkt geradezu feierlich,« äußerte -Thudium. - -»So ist es auch,« bestätigte Piller. - -Die Astronomen vom Mars und der Patriarch, warfen nun ebenfalls -nacheinander einen Blick durch das Teleskop. Sie wußten ja schon, woher die -sonderbaren Fremden heute früh gekommen waren, und konnten aus ihrer -Aufregung bei der Beobachtung eines bestimmten Teiles des fernen Gestirnes -leicht schließen, daß dieser Teil, der sich augenblicklich im Gesichtsfelde -des Fernrohres befand, die engere Heimat ihrer Gäste sein müsse. - -»Es ist jammerschade, daß wir uns mit den Kollegen hier nicht unterhalten -können! Welch interessanter, gewinnbringender Meinungsaustausch käme dabei -heraus!« sprach Stiller zu seinen Gefährten, als sie nach stummem Abschiede -das Observatorium verließen. - -»Wir müssen in erster Linie so rasch wie möglich die Sprache der -Marsbewohner erlernen. Ihre Kenntnis ist die unumgängliche Voraussetzung -für unsere Forscherzwecke,« antwortete Hämmerle. - -»Wahr gesprochen, Meister der Sprachforschung!« erwiderte Piller, und auch -die andern Herren nickten zustimmend mit dem Kopfe. - -Die beiden Trabanten des Mars standen nun als volle Monde am Himmel, als -die Herren heimwärts schritten. Gewaltigen, übereinandergestellten -Leuchtkugeln gleich, hingen sie oben am Himmel und warfen ihr -silberglänzendes Licht über die stille Landschaft. Während Phobos, der -innere, kleinere Mond, sich in rascher Bewegung von West nach Ost befand, -zog der große, äußere Deimos, weniger hastend als sein Gefährte, auf -stiller Bahn den umgekehrten Weg. Es war ein Anblick, so wunderbar und -einzig in seiner Art, daß die Erdensöhne in lautes Entzücken über diese -bezaubernde Mondnacht ausbrachen. Langsam schlenderten sie nach Hause und -genossen in vollen Zügen die Wunder einer Marsnacht. - - - - -Fünftes Kapitel -Lumata und Angola - - -Die folgenden Wochen verflossen für die Gäste des Patriarchen in angenehmem -Verkehr mit diesem selbst und den Bewohnern der Marskolonie. Die Fremden -waren aufs eifrigste bestrebt, sich mit ihren neuen Freunden sprachlich zu -verständigen. Sie schrieben zunächst alle Bezeichnungen für die -verschiedensten Dinge nieder, wie sie eben ihr Ohr vernahm. Hierauf -brachten sie die Dinge mit ihrer Tätigkeit und ihren Eigenschaften in -Verbindung und erhielten so auf diese einfache Weise nach und nach den -Schlüssel zur Sprache selbst. Ging auch die Verständigung anfänglich sehr -langsam und mühsam von statten, so gewährte ihnen doch das allmähliche -Begreifen der klangvollen Sprache viel Freude und lohnte ihnen dadurch die -große Mühe wieder, die sie für ihr Studium aufwenden mußten. - -Alles geht in der Welt der Menschen nur schrittweise vorwärts; nirgends -marschiert der wahre Fortschritt mit Siebenmeilenstiefeln. Die Wahrheit -dieses Satzes erfuhren die sieben gelehrten Schwaben nicht nur an sich -selbst bei ihren Studien, sondern konnten sie auch bei den Marsbewohnern -beobachten. Waren sie auch erst kurze Zeit da und in ihren Bewegungen auf -einen verhältnismäßig kleinen Raum beschränkt gewesen, so konnten sie sich -doch unschwer davon überzeugen, daß die Bewohner des Mars eine ganz -bedeutende Höhe in der Kultur erreicht hatten, die nur das Ergebnis einer -jahrtausendelangen geistigen Entwicklung sein konnte. - -In dem Maße, wie die Herren im Verstehen ihrer Umgebung vorwärts schritten, -wuchs auch ihre Bewunderung und Wertschätzung dieser in jeder Beziehung so -hochstehenden Menschen. Immer mehr drängte sich ihnen die Überzeugung auf, -daß die Masse der Marsbewohner, wenigstens die, deren Gäste sie waren, in -idealster Weise als Menschen das erfüllte, was auf der Erde nur die Besten -und Edelsten, also immer nur vereinzelte Individuen, leisteten. - -Was sie selbst vom Schönen, Wahren und Guten unten auf der Erde geträumt -hatten, hier oben fanden sie alles in die Wirklichkeit umgesetzt; denn -überall und in allem offenbarte sich ihnen die wunderbarste Harmonie, alles -atmete Schönheit, Güte und Wahrhaftigkeit, und das ganze Leben trug den -Stempel vornehmer, ruhiger Tätigkeit. Zweifellos mußte eine weise Regierung -dieses große Staatswesen leiten, obwohl die Herren von Behörden, wie sie -sich unten in der Heimat breit machten, hier oben nicht das geringste -wahrnahmen. - -Ob dieses Lebensbild voll Licht und Schönheit wohl auch seine Schatten, -seine dunkle Seite hatte? Diese Frage wurde von den Herren am Abend bei der -gemeinsamen Unterhaltung im großen Bibliotheksaale ihres Heims wiederholt -aufgeworfen. Ihre endgültige Beantwortung mußte aber immer wieder -verschoben werden, denn die Meinungen liefen schließlich stets darauf -hinaus, daß man erst die Sprache vollständig beherrschen müsse, bevor man -sich ein abschließendes Urteil bilden könne. Hier oben auf dem Mars lag -eben alles anders als auf der Erde. - -Die sieben Schwaben fühlten sich in ihrem neuen Wohnorte außerordentlich -wohl, so wohl, daß sie an die Möglichkeit einer Rückkehr gar nicht mehr zu -denken schienen. Wenigstens äußerte sich keiner der Herren mehr darüber. -Von den Marsiten, wie sie die Marsbewohner nannten, wurden sie wie liebe, -alte Freunde, ganz wie ihresgleichen behandelt, und die Gastfreundschaft -wurde ihnen gegenüber in so zartfühlender Weise geübt, daß sie die -Empfindung von etwas Drückendem gar nicht aufkommen ließ, im Gegenteil zu -frohem Genusse förmlich einlud. - -Auch der Weltensegler hatte unterdessen zweckmäßige Unterkunft gefunden. -Eine geräumige, mit Glas bedeckte, aus Eisen luftig konstruierte Halle war -in aller Stille auf der Wiese errichtet worden, auf der das Luftschiff -niedergegangen war. In dieser Halle war das Fahrzeug untergebracht worden. -Die verschiedenen großen und kleinen Schäden am Ballon wie an der Gondel -hatten die Marsiten in so meisterhafter Weise ausgebessert, daß Herr -Stiller zuerst sprachlos vor Erstaunen darüber war. Die Leute hier oben -kamen ihm in ihrer Geschicklichkeit und Erfahrung in den schwierigsten -Dingen der Aeronautik wie Zauberer vor. Wenn schon die Techniker auf dem -Mars so viel Wissen und Können offenbarten, wie es die schwierigen -Reparaturen des Weltenseglers erforderten, um wieviel verblüffender mußten -die Ergebnisse der forschenden Wissenschaft sein! Wie viel konnten sie -selbst hier noch lernen! Diese Aussicht enthielt so viel Verführerisches, -daß Stiller kaum die Zeit erwarten konnte, die ihm und seinen Gefährten den -näheren Verkehr mit den Männern der Wissenschaft, mit ihren Marskollegen, -bringen sollte. - -Die Frage, wie sie die ihnen erwiesene Gastfreundschaft ausgleichen -könnten, beschäftigte Schwabens Söhne oft; denn das war den Herren klar, -daß sie sie auf die Dauer nicht ohne Gegenleistung genießen durften. Sie -beschlossen daher, sich später in irgendeiner Weise, jeder nach seinem -Berufe, den Marsiten nützlich zu machen, ihre dankbare Anerkennung in einer -passenden Form zum Ausdruck zu bringen. Das einstweilen noch unklare Wie -würde sich möglicherweise eines Tages von selbst ergeben. - -Die Zeit verging. Sie brachte ihnen mancherlei weitere Erfahrungen und -Einblicke in die eigenartig neue Welt, die sie umgab. Zunächst konnten sie -feststellen, daß ihr Wohnort auf der nördlichen Halbkugel des Mars lag, und -zwar auf dem fünfzehnten Breitengrade. Da der eigentliche Tropengürtel des -Mars gegenüber dem der Erde nur die Hälfte beträgt, so lag der fünfzehnte -Grad nördlicher Breite hier bereits in der subtropischen Zone. Die -gemäßigte Zone des Mars reichte nördlich wie südlich nur bis zum -fünfunddreißigsten Breitengrade. Über diesen Grad hinaus begann die kühle -Region. Während diese nur spärlich und nur von einer bestimmten Klasse von -Marsbewohnern bevölkert war, wie den Gelehrten mitgeteilt wurde, lebte die -Hauptmasse der Marsiten innerhalb der fünfunddreißig Breitengrade nördlich -und südlich vom Äquator. Es war also ein verhältnismäßig kleiner Raum des -Planeten, der bewohnt und wirklich kultiviert wurde, er genügte aber -vollständig, um der auf nur zweihundertundfünfzig Millionen geschätzten -Bewohnerzahl des Mars eine gute Existenz zu gewähren. - -Daß diese Existenz an die Riesenkanäle gebunden sein müsse, hatten die von -Professor Stiller und andern Forschern schon früher angestellten -Marsbeobachtungen vermuten lassen. Diese Vermutungen wurden jetzt zur -Gewißheit, als Professor Stiller in der Lage war, die elementarsten -Lebensbedingungen des Mars persönlich zu erforschen. - -Die Atmosphäre des Mars war der der Erde ähnlich. Da es aber auf dem Mars -nur kleinere Ozeane und Binnenmeere gab, so enthielt der Luftkreis, der -diesen Planeten umschloß, im allgemeinen weniger Wasserdampf oder -Feuchtigkeit als die Erdatmosphäre. Eine wunderbar klare, durchsichtige -Luft, die die fernsten Gegenstände nähergerückt erscheinen ließ, ein tief -dunkelblauer Himmel waren die natürlichen Folgen dieser Tatsache, -gleichzeitig aber auch ein gewisser Mangel an starkem Regen. Wohl taute es -in den herrlich kühlen Nächten so reichlich, daß dadurch die Pflanzenwelt -in schönster Frische erhalten wurde, aber dieser Niederschlag allein -genügte nicht den Ansprüchen der Pflanzen an Wasser. So waren die -Marsbewohner im Kampfe um ihre Existenz gezwungen, diesen natürlichen -Mangel durch die Kunst auszugleichen. Auf diese Weise entstanden die -Kanäle, die sich bis zu den polaren Zonen hinzogen und von diesen das im -Sommer abschmelzende Wasser der dort abgelagerten gewaltigen Eismassen nach -allen Richtungen hin leiteten. - -Schon die ganze großartige Ausführung dieser uralten, Tausende von -Kilometer langen Wasserstraßen, die da und dort in Riesenseen, künstlichen -Zentralsammelbecken, zusammenflossen, die Art und Weise ihrer sorgfältigen -Instandhaltung zeigte allein schon den hohen Grad von Intelligenz und den -Gemeinsinn der Marsbewohner. - -Die Regelung des Wasserstands war genau dem Bedarf und der Jahreszeit -angepaßt. Dank dieser Einrichtung und der Unmasse kleiner Wasseradern, die -sich überallhin abzweigten, herrschte nie Wassermangel auf dem Mars. Die -Folge davon war jener üppige, prachtvolle Pflanzenwuchs, den die Schwaben -immer und immer wieder bewundern mußten. Dazu kam das völlige Fehlen wilder -Tiere, giftiger Reptile und gefährlicher Insekten. Es war ein Eldorado, in -das die Erdensöhne geraten waren, und auf das die Worte Homers trefflich -paßten: - - »Wo in behaglicher Ruhe den Menschen das Leben dahinfließt: - Dort ist kein Schnee, kein schneidender Sturm, kein strömender Regen, - Sondern der Ozean sendet empor zur Erquickung der Menschen - Immer den luftigen Hauch des frisch hinwehenden Zephyrs.« - -Und diese zahlreichen Wasserstraßen waren zugleich auch die besten und -einfachsten Verbindungswege der Marsbewohner untereinander. Kein Wunder -daher, daß sich auf den Kanälen ein lebhafter Schiffsverkehr abwickelte. -Aber die auf den klaren Fluten der tiefen Wasserläufe dahinziehenden -Schiffe verdarben die köstliche Luft nicht durch qualmende Schornsteine. -Sämtliche Fahrzeuge, mochten sie nun für Personen- oder Lastenbeförderung -bestimmt sein, wurden durch Elektrizität in Bewegung gesetzt und -vermittelten den Verkehr in ruhiger und rascher Weise. - -Auf diesen ebenso zweckmäßig wie bequem und gefällig eingerichteten -Fahrzeugen hatten die sieben Schwaben schon so manche weite Reise -ausgeführt. Sie hatten dabei aber das übrige Land und seine Bewohner nur -flüchtig kennengelernt, weil diese Fahrten eben hauptsächlich zur -allgemeinen Orientierung unternommen worden waren. Was sie aber sahen, das -verstärkte nur ihre ersten guten Eindrücke und befestigte ihre Überzeugung, -sich in einem großangelegten Staatswesen von tadelloser Verwaltung zu -befinden. Nicht nur waren die Marsbewohner trotz der Verschiedenheit der -Zonen überall gleichartig, d. h. sie sprachen dieselbe Sprache und schienen -auch unter ähnlichen sozialen Lebensbedingungen zu stehen wie ihre Brüder -in Lumata, -- so hieß die Kolonie, in der die Herren aus dem Schwabenlande -angesiedelt waren, -- sondern an all den vielen verschiedenen Orten, die -die Fremden besuchten, fiel diesen auch eine gewisse Gleichmäßigkeit des -Besitzes auf, und sie empfanden das völlige Fehlen wirklicher Dürftigkeit -oder Armut sehr angenehm. - -Die geologische Beschaffenheit des Mars glich der der Erde. Den -kristallinischen Massengesteinen standen die Sedimentformationen gegenüber, -die in ähnlicher Weise übereinander gelagert waren wie auf der Erde. Die -geologische Entwicklungsgeschichte des Mars schien also mit der Erde -übereinzustimmen, nur hatte der Mars seine Entwicklungsphasen offenbar -schneller und früher durchgemacht als diese. Dafür sprach auch das Fehlen -von aktiven Vulkanen. Dagegen war der Mars reich an heißen Quellen aller -Art; an Fumarolen (d. h. Bodenöffnungen auf vulkanischem Gesteine, aus -denen Wasserdämpfe ausströmen, die oft mit chemischen Verbindungen beladen -sind) und an Mofetten (Kohlensäure ausströmenden Gasquellen) war auch kein -Mangel. - -Große Städte, wie sie in den sogenannten Kulturstaaten der Erde zu finden -sind, gab es auf dem Mars nicht. Es bestanden lediglich kleinere oder -größere Gruppierungen von Häusern, die aber überall frei für sich im Grünen -lagen. Nur an einem großen See, zwei Tagereisen von Lumata nach Süden zu, -hatten die Schwaben den einzigen Anklang an eine Stadt gefunden. Dort war -eine größere Kolonie mit zahlreichen architektonisch hervorragenden Bauten, -die sich an regelmäßig angelegten Straßenzügen erhoben. Eine Stadt von -Palästen, wirkte sie namentlich durch die vornehme Ruhe, die in ihr -herrschte, durch ihre peinliche Sauberkeit und den Glanz und die Pracht -ihrer öffentlichen Gärten. - -Die Erdensöhne konnten mit ihren noch mangelhaften Sprachkenntnissen nur so -viel herausbekommen, daß dieser Ort, Angola mit Namen, der Zentralsitz der -Stämme der Weisen, der Heitern und der Ernsten sei. Was waren aber das für -Stämme? Nach Hause zurückgekehrt, befragten sie hierüber Eran, den -Patriarchen. Dieser lächelte eigentümlich bei der Frage und erwiderte den -neugierigen Herren, daß er sie später selbst einmal nach Angola führen -werde, um sie mit seinen Brüdern dort bekannt zu machen, die übrigens von -ihrer Anwesenheit in Lumata sowie von ihrer Herkunft und ihrer Reise nach -dem Mars längst unterrichtet seien. - -Anfangs waren die Tübinger Herren von ihren Ausflügen, dem Niederschreiben -ihrer täglichen Beobachtungen und gewonnenen neuen Eindrücke und dem -Erlernen der Sprache vollständig in Anspruch genommen. Aber nach und nach -begann in ihnen doch eine gewisse Sehnsucht nach dem alten, trauten, ihnen -zur zweiten Gewohnheit gewordenen Berufe zu erwachen, den sie mit so großem -Erfolge in ihrer Heimat ausgeübt hatten. An ernste, rege Tätigkeit gewöhnt, -kam ihnen das angenehme und ideal schöne Leben auf dem Mars mehr und mehr -wie eine Art Schlaraffentum vor. Die Mühseligkeiten der Herreise verblaßten -immer mehr in der Erinnerung, je länger sie sich auf dem Mars befanden. - -Schon war ein ganzes Jahr vergangen, seit sie vom Cannstatter Wasen aus -ihre Marsfahrt angetreten hatten. Aber während unten auf der heimatlichen -Erde der Winter mit Schnee und Kälte vor der Türe stand, herrschte hier -oben in Lumata ein ewiger Frühling, obgleich die Marsiten die Jahreszeit, -in der sie sich gerade befanden, ebenfalls als die vorgerücktere -bezeichneten. - -War es nur Zufall, daß die sieben Schwaben auch auf dem Mars in den -wichtigsten Einteilungen der Siebenzahl begegneten? Herr Stiller konnte -sich diese auffallende Tatsache nicht erklären und begnügte sich damit, sie -festgestellt zu haben. - -Auf dem Mars wurde das Jahr in sieben Abschnitte geteilt, die die Tätigkeit -wie auch die Ruhe der Natur zum Ausdruck brachten. Nach Erdenmaß gerechnet -umfaßte ein solcher Zeitabschnitt die ungefähre Zahl von zweiundfünfzig -Tagen. Die einzelnen Perioden hießen: - -1. Die Zeit des Erwachens. - -2. Die Zeit der Saaten. - -3. Die Zeit des Knospens und der Blüten. - -4. Die Zeit der Früchte. - -5. Die Zeit der Garben. - -6. Die Zeit der Ernten oder Freuden. - -7. Die Zeit der Ruhe. - -Nach und nach hatten die Erdensöhne so bedeutende Fortschritte in der -Marssprache gemacht, daß sie nun auch gründliche Einblicke in die -staatliche Organisation des Marsvolkes tun konnten. Vor ihren Augen -enthüllte sich immer mehr ein großangelegtes, riesiges demokratisches -Gemeinwesen, das nicht auf die Gewalt gestützt war, sondern ausschließlich -durch den freien Willen des Volkes und durch das Band gemeinschaftlicher -Interessen zusammengehalten wurde. Jedes einzelne Individuum ordnete sich -hier dem Gemeinwohl unter und leistete ihm nach seinen Fähigkeiten Dienste. -So stellte sich das Staatswesen als eine zwar große, aber doch wieder -engverbundene Familie voll schönster Eintracht dar. An der Spitze des -gesamten Staatswesens stand der Stamm der Weisen oder der Hüter des -Gesetzes. - -Die Bevölkerung des Mars schied sich in folgende sieben Stämme: - -1. Stamm der Weisen oder der Hüter des Gesetzes. - -2. Stamm der Heitern (Bildende Künste: Maler, Bildhauer, Komponisten). - -3. Stamm der Ernsten (Gelehrte aller Richtungen). - -4. Stamm der Frohmütigen (Darstellende Künste: Musiker, Schauspieler). - -5. Stamm der Sorgenden (Acker- und Gartenbauer und Dienende). - -6. Stamm der Flinken (Handel- und Verkehrtreibende). - -7. Stamm der Findigen (Industrielle). - -Die sechs letzten Stämme standen einander im Ansehen völlig gleich. Der -erste Stamm rekrutierte sich aus den erfahrensten, ältesten, vor allem aber -den geachtetsten und durch ihre Lebensführung hervorragenden Individuen -männlichen wie weiblichen Geschlechts der übrigen sechs Stämme. - -Der größte Stamm, der an Zahl seiner Angehörigen alle andern Stämme -zusammen weit übertraf, war der der Sorgenden. - -Die Zulassung zu den einzelnen Stämmen, den der Weisen allein ausgenommen, -wurde lediglich durch die Neigung und den Nachweis der Fähigkeit -entschieden. Ein Übertritt von dem einen Stamm in den andern konnte auf -Grund einer Prüfung jederzeit an einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden. -Fest gebunden war niemand, und gerade dieser völlige Mangel an Zwang schien -hier oben eine der Hauptursachen für die Entwicklung der verschiedenen -Berufsarten zu sein. - -Ein natürlicher, vernünftiger Ehrgeiz, das Bestmögliche zu leisten, -beherrschte die Marsbewohner und hielt nicht nur das Streben des Einzelnen -wach, sondern regelte es auch in gesunder Weise. - -Da auf dem Mars kein Geld in Umlauf war, so gab es auch nicht das -widerliche, Geist wie Körper gleichmäßig aufreibende Hasten und Jagen nach -dessen Besitz wie unten auf der Erde. Geldsorgen waren auf dem Mars -unbekannt. Die verschiedenartigsten Leistungen des einzelnen wurden durch -Anweisungen auf seine sämtlichen Lebensbedürfnisse aufgewogen. Zu diesen -Bedürfnissen wurde aber auch eine gewisse Summe von Lebensfreude gerechnet, -wie sie die bildenden und darstellenden Künste und dergl. zu bieten -vermögen. - -Der höchste Ruhm und die größte Ehre bestand in der allgemeinen Anerkennung -und Wertschätzung. Diese konnte sich aber jeder durch treue Erfüllung -seiner Pflichten und Obliegenheiten erringen. Für die Leistungen, die über -die allgemeine Pflichtarbeit hinausgingen, also da, wo das wirkliche -Verdienst um das große Ganze beginnt, erhielten die Marsiten durch den -Stamm der Weisen Auszeichnungen in Form öffentlicher Belobungen, die den -Inhaber in vorgeschrittenerem Lebensalter zum Eintritt in diesen allgemein -hoch verehrten Stamm berechtigten. - -Das gesamte Leben auf dem Mars war in seiner so eigenartigen Form nur -dadurch möglich, daß es unter dem ausschließlichen Zeichen des -Zusammenhalts stand. Der allgemeine Grundsatz, daß das einzelne Individuum -alles tun muß, was das Gesamtwohl fördert, alles zu unterlassen hat, was -dem Nebenmenschen Schaden und Schmerzen bereitet, war hier oben schon seit -undenklicher Zeit in die Praxis umgesetzt. Dabei wurde die Eigenliebe, ein -gesunder, berechtigter Egoismus, nicht vernichtet. Der natürliche -Selbsterhaltungstrieb des einzelnen wurde durch die einfache Erkenntnis -machtvoll gefördert, daß vom Wohl und Wehe des Nächsten auch das eigene -Wohl und Wehe abhänge, daß das Blühen und Gedeihen der andern das eigene -Blühen und Gedeihen mit einschließe, und daß ihr Elend gleichbedeutend mit -dem eigenen sei. - -Diese klare, natürliche Moral, die zu reiner Nächstenliebe (Altruismus) -führt, und die jeden geistig normalen Menschen instinktiv das Gute tun und -das Schlechte meiden läßt, bestand in vollster Anwendung auf dem Mars. Die -Quelle aller Übel auf der Erde, die rohe Selbstsucht, die die Unsumme von -Gesetzesparagraphen nötig machte, bestand beim Marsvolke nicht. -Nächstenliebe, Wahrheit, ein gewisser Frohmut schlossen den niederen -Egoismus völlig aus. - -Ein Bund von Brüdern und Schwestern schien das Volk hier oben zu sein, -wissend, wahr, frei und gut, das Ideal reinen Menschentums verwirklichend. -Wie klein kamen sich die Söhne der Erde vor, als sie nach und nach die -Pfeiler kennenlernten, auf denen das Staatswesen sowie das öffentliche und -private Leben der Marsiten so fest ruhte! Und diese festen Pfeiler waren -hervorgegangen, herausgebaut aus einer großartig organisierten, allgemeinen -und freien Schulung der Marsjugend. Die ideale Schule der Zukunft, von der -Professor Hämmerle in Tübingen so viel schon geträumt, -- hier auf dem Mars -begegnete er ihr als einer alten, bewährten Einrichtung. - -Der leitende Grundsatz der Marsschulen war, die Jugend geistig und -körperlich gleich gut zu bilden; denn je gebildeter und körperlich -kräftiger zugleich ein Individuum ist, desto fähiger ist es, seine -Lebensaufgaben und seine Pflichten als Mitglied des Staates zu erfüllen. -Der Unterricht beschränkte sich daher nicht nur auf die einfacheren, -elementaren Kenntnisse, sondern er erstreckte sich auch auf die Geschichte -und die Kenntnis der Einrichtungen des Staatswesens, auf die Einführung in -die Gesetze der Natur und auf die Bekanntschaft mit den poetischen und -prosaischen Meisterwerken der Marsliteratur. Hand in Hand damit ging der -Unterricht in der allgemeinen Körperpflege und in der Gesundheitslehre, der -den Altersstufen der Jugend entsprechend angepaßt war. - -Gymnastische Spiele aller Art füllten die Nachmittage aus, an denen der -Unterricht wegfiel. Am Ende einer bestimmten Schulzeit wurden Wettprüfungen -vorgenommen. Wer aus ihnen als Sieger hervorging, rückte zu den höheren -Unterrichtsklassen vor. Auf diese einfache Weise war eine klare Scheidung -zwischen den wirklich talentierten und den weniger begabten Schülern -durchgeführt. Den ersteren stand dann der Weg zu den Kunstschulen oder zu -den verschiedenartigen höheren wissenschaftlichen Lehranstalten offen. Die -höhere Bildung war Gemeingut des ganzen Volkes, und keine anmaßende -Mittelmäßigkeit konnte sich auf dem Mars breitmachen. - -»Wir Erdgeborene sind die reinen Stümper gegen diese Prachtkerle hier oben. -Was für ein Leben hier im Verhältnis zu dem da unten auf der Erde! Hier -hellster Sonnenschein, dort trüber Nebel. Wie unendlich weit zurück steht -die so gepriesene Kultur unserer führenden Nationen gegen die des -Marsvolkes!« äußerte sich eines Tages Brummhuber, als die Herren gerade -beim Mahle saßen. - -»Ich vermutete schon unten auf unserm Planeten, daß wir hier oben Wesen von -hoher Vollkommenheit antreffen würden, ich gestehe aber, daß meine -Erwartungen in jeder Richtung weit übertroffen worden sind,« antwortete -Stiller. - -»Freilich, bieten können wir den Menschen hier nichts, aber auch rein gar -nichts. Und das drückt mich persönlich schwer,« warf Thudium ein. - -»Was sollten wir ihnen auch bieten? Vielleicht von unserm Pessimismus, von -der widerlichen Selbstsucht, von der unser Leben vergiftenden Unwahrheit? -Alles Kennzeichen unserer Zivilisation!« rief in ehrlicher Entrüstung -Professor Piller. - -»Sie haben recht, Piller, leider nur zu recht,« bestätigte Professor -Stiller. »Mars bietet entschieden heute schon das, was den Geschlechtern -auf der Erde vielleicht erst im Laufe der kommenden Jahrhunderte zuteil -werden wird.« - -»Ob es wohl je dazu kommen wird?« seufzte Frommherz. - -»Daran ist nicht zu zweifeln,« entgegnete Hämmerle. »Mars hat ohne Zweifel -einst dieselben oder wenigstens ähnliche Stufen in seiner zivilisatorischen -Entwicklung durchgemacht wie die Völker der Erde. Seine Kultur ist nur -bedeutend älter.« - -»Jawohl, um Tausende und Abertausende von Jahren. Die Frage ist nur die, ob -wir überhaupt die Fähigkeit haben, bei der Entartung unserer Rassen -- ich -betone das Wort Entartung nochmals ganz besonders! -- die Höhe der -Marskultur zu erklimmen. Ich möchte es bezweifeln!« schrie Piller und -suchte seine zornige Erregung durch einen Schluck Wein zu besänftigen. - -»Piller, Sie sind ja selbst Pessimist und ungerecht wie immer,« tadelte -Dubelmeier. - -»Ich Pessimist? Und ungerecht? Was verstehen Sie denn darunter?« - -»Darüber lasse ich mich mit Ihnen in keine Aussprache ein!« - -»Oho! Also beleidigen wollen Sie mich, wie es scheint?« - -»Fällt mir gar nicht ein; dazu sind Sie mir viel zu lieb und wert, Sie -alter Alkoholikus! Aber ungerecht und pessimistisch ist es meines -Erachtens, wenn Sie so schroff unsern Völkern auf der Erde die Fähigkeit -einer gesunden Weiterentwicklung absprechen.« - -»Ich möchte Freund Dubelmeier beistimmen,« warf hier Stiller ein. »Piller, -nehmen Sie doch uns zum Beispiel als Modelle an!« - -»Schöne Modelle, fürwahr!« brummte Piller, sichtlich besänftigt durch den -genommenen Schluck Wein. - -»Freilich, Modelle von Erdensöhnen, wie ich ohne allzu große -Selbstüberhebung sagen darf; vertreten wir doch bis zu einem gewissen Grade -die Zukunft. Was wir heute auf dem Gebiete der allgemeinen Bildung und der -Entwicklung des moralischen Gefühles vertreten, wird später mehr und mehr -das Gemeingut der Massen der Kulturvölker auf unserer Erde.« - -»Wer's glauben mag!« - -»Es ist nicht allein mein Glaube, nein, es ist, auch meine felsenfeste -Überzeugung, gestützt auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit.« - -»Stiller, ich will Ihnen nicht widersprechen, denn ich möchte mich nicht -noch mehr ärgern, sondern im Gegenteil froh darüber sein, daß ich hier oben -in dem reizenden Lumata sitzen darf.« - -»Ein vernünftiger Ausspruch, der aller Ehren wert ist. Und nun Friede, -meine lieben Freunde!« rief Frommherz. - -»Einverstanden!« fügte Brummhuber bei. - -Einige Tage waren seit dieser Unterhaltung verflossen. Da erschien Eran, -der Patriarch aus dem Stamme der Alten, wieder einmal im Heim seiner Gäste -und lud die Herren ein, mit ihm für kurze Zeit nach Angola zu reisen. -Freudig stimmten die Herren bei. Diesmal wurden in Angola Schwabens würdige -Söhne von dem Stamme der Weisen förmlich empfangen. Vollzählig hatten sie -sich hier versammelt, um nebenbei auch noch über eine Reihe wichtiger -innerer Fragen zu entscheiden. Gleichzeitig tagte auch noch der Stamm der -Ernsten, um in einer Versammlung, wie sie von Zeit zu Zeit stattfand, -Gedanken und Beobachtungen wissenschaftlicher Art untereinander -auszutauschen. - -Die Aufnahme der Erdensöhne in Angola ließ an Herzlichkeit nichts zu -wünschen übrig. Ihre so wunderbare und schnelle Fahrt von der Erde her -durch den ungeheuren Weltraum nach dem »Lichtentsprossenen«, wie die -Marsiten ihren schönen Planeten nannten, war begreiflicherweise zuerst der -Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung und des lebhaftesten Interesses. - -Bei der ersten Sitzung des Stammes der Ernsten, die in einem großartig -ausgestatteten Saale eines Marmorpalastes stattfand, erklärte Professor -Stiller die verschiedenen Umstände, die ihn zur Konstruktion des -Weltenseglers und zu der kühnen, mit so großem Erfolge gekrönten Fahrt -bestimmt hätten. Er erzählte ihnen ferner von seiner engeren und weiteren -Heimat, von den Völkern Europas und von der Erde überhaupt. Letztere war -den Ernsten wohl bekannt. Die Begriffe, die sie sich von ihr dank ihren -außerordentlich scharfen Instrumenten und ihrer Vorstellungskraft zu machen -verstanden, kamen der Wirklichkeit verblüffend nahe. So wußten die -Marsgelehrten, daß das dritte Kind des Lichtes (als Kinder des Lichtes -bezeichneten die Marsiten alle Planeten), die Erde, Eismassen an ihren -Polen führe, die einen ansehnlichen Bruchteil des Meerwassers in feste -Bande geschlagen haben, und daß die Oberfläche der Erde von über siebzig -Prozent Meerwasser bedeckt sei. Auch daß die Erdatmosphäre reich an -Wasserdampf sein müsse, schlossen sie aus dem Verhältnis des Festlandes zu -den Meeren. Die Dichtigkeit der Erde war ihnen genau bekannt, ebenso ihr -Polar- und Äquatorialdurchmesser, ferner die Geschwindigkeit ihrer Bewegung -um sich selbst wie um das »ewige Licht«, die Sonne, und dergleichen mehr. - -Ja, auch von den einzelnen Erdteilen hatten sie richtige Vorstellungen, und -diese gingen sogar so weit, daß sie eine Reihe einzelner größerer Länder -oder Gebiete zu unterscheiden vermochten. Um so weniger schwer war es daher -den gelehrten Fremden, die Marsiten gewissermaßen, auf der Erde -spazierenzuführen, von der sie bereits so achtungswerte Kenntnisse besaßen. -Und so entwarfen sie ihnen ein genaues Bild ihres Vaterlandes und -berichteten von dem Ort am Neckar, von dem sie nach dem Mars abgefahren -waren. - -Allen diesen Schilderungen brachten die Weisen sowie die Ernsten das -lebhafteste Interesse entgegen. Dieses Interesse steigerte sich noch, als -sie vernahmen, daß die sieben Schwaben ebenfalls zu einer Art Stamm der -Ernsten unten auf der Erde gehörten. Die Herren wurden daher eingeladen, -vor der versammelten Elite der Marsiten ihre Berufsarten näher zu -beleuchten, das heißt die Zustände zu schildern, unter denen sie auf der -Erde und bei ihrem Volke ausgeübt würden. Gleichzeitig wurde der allgemeine -Wunsch ausgedrückt, die Fremden möchten ein genaues Bild von dem Leben und -Treiben der Bewohner der Erde entwerfen, das dann zu einem Vergleiche mit -den bestehenden Verhältnissen auf dem Mars herangezogen werden sollte. - -Es wurde ausgemacht, daß jeder der Professoren an einem bestimmten Tage -abwechselnd zwei Vorträge halten solle, den einen fachlich und den andern -über das allgemein interessierende Thema der Erdbewohner und deren -kulturelle Zustände. Die Professoren entledigten sich ihrer Aufgabe in -meisterhafter Weise. Sie erzählten von dem derzeitigen Stande der -verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in den Kulturländern der Erde, -besonders in Deutschland, beleuchteten ehrlich und rückhaltlos offen die -politischen und sozialen Gegensätze unter den wenigen um die führende Rolle -im Leben der übrigen Völker kämpfenden Nationen. Sie schilderten all die -Mittel der List, der Gewalt und Verschlagenheit, die dabei angewendet -würden, und erklärten den Marsiten, was unten auf der Erde unter der -Bezeichnung »Diplomatie« alles verstanden werde. - -Sie verschwiegen auch die trüben Erscheinungen nicht, die der mehr und mehr -sich zuspitzende Kampf um das Dasein, der Wettstreit bei der Beschaffung -der notwendigsten Lebensbedürfnisse für die große Mehrzahl der Menschen, -sowohl der einfachen als auch der gebildeten Erdbewohner, mit sich bringe. -Unumwunden räumten sie ein, daß dem Fortschrittsdrange der Kulturvölker -leider überall auf der Erde alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt -würden durch allerlei einengende Einrichtungen und kleinliche Bestimmungen, -daß die Massen der sogenannten gebildeten Völker trotz gewaltiger -Fortschritte in der Technik und in den Naturwissenschaften immer noch weit -entfernt von dem Ideale einer reinen Weltanschauung seien. - -Letztere werde nur von einem verhältnismäßig kleinen Bruchteile der -wirklich Hochgebildeten vertreten, und auch diese kleine Schar der -Auserlesenen sei mit geringen Ausnahmen von der schwersten und schlimmsten -Krankheit der Zeit angesteckt: der Feigheit. Man wage unten auf der Erde -bei den Kulturnationen -- von den weniger zivilisierten Völkern ganz zu -schweigen -- nicht, offen und klar das zu sagen, was man denke, aus Furcht, -bei mächtigeren Personen anzustoßen und dadurch seine Existenz zu -gefährden. Die Empfindungen würden daher auch selten mit den Handlungen in -Einklang gebracht. Infolgedessen herrsche überall ein mehr oder weniger -großer Mangel an Mut und Ehrlichkeit der Überzeugung, und die aus der -Heuchelei geborene Lüge hindere den Sieg der Wahrheit und lasse immer noch -sehr viele auf die Dauer doch als völlig unhaltbar erkannte Einrichtungen, -ungesunde, unvernünftige, der reinen Weltanschauung und dem Volkswohle -geradezu feindlich gegenüberstehende Zustände weiter bestehen. - -Mit freudigem Staunen hätten sie auf dem Mars Verhältnisse angetroffen, die -dem Ideal des Lebens und des reinen Menschentums, das sie sich gebildet, -und dessen Verwirklichung von den Besten der Nationen unten auf der Erde so -heiß angestrebt werde, in der schönsten Weise entsprächen. - -In dieser Art äußerte sich mehr oder weniger jeder der Herren. Frommherz -fügte diesen Berichten noch einige Bemerkungen über die religiösen -Anschauungen und die kirchlichen Einrichtungen Deutschlands hinzu. - -Voll Aufmerksamkeit hatten die Weisen und die Ernsten diese -Auseinandersetzungen der Erdensöhne angehört. Die wissenschaftlichen -Darlegungen der Fremden brachten den Marsiten nichts Neues, die sozialen -und übrigen Bilder, die ihnen von ihren Gästen so lebhaft vor Augen geführt -worden waren, hatten ihr Interesse am meisten erregt. Mit keinem Laute -waren die langen Vorträge unterbrochen worden. - -Als Stiller den Schluß der Vorträge verkündet hatte, zogen sich die Weisen -und die Ernsten zu einer gemeinsamen Beratung zurück, von der die sieben -Schwaben ausgeschlossen waren. Das Ergebnis dieser Beratung aber sollte -ihnen später bekannt gegeben werden. - -»Was die nur vorhaben?« fragte besorgt Frommherz. - -»Nun, ich denke, sie werden scharfe Kritik an unsern Schilderungen üben, -wozu sie ja auch vollkommen berechtigt sind,« antwortete Stiller. - -»Und uns dann den Laufpaß geben, passen Sie auf,« fügte Brummhuber bei. - -»Dies zu tun, sind unsere Wirte viel zu anständig,« entgegnete Piller, -»obwohl ich nicht bestreiten will, daß die Marsiten zu einer Einladung, -unsere Abreise endlich einmal in den Kreis unserer Überlegung zu ziehen, -ein gewisses Recht hätten.« - -»Warten wir ab, was kommt!« entschied Dubelmeier. - -»Bleibt uns auch nichts anderes übrig,« seufzte Frommherz, der seiner -religiös-kirchlichen Darstellungen wegen ein etwas bedrücktes Gewissen -hatte. - -Aber es war doch eine gewisse Unruhe, die die Erdensöhne beherrschte, als -sie miteinander durch die paradiesisch schönen Parkanlagen von Angola -spazierten, während die Beratung der Marsiten stattfand. - -Am nächsten Tage, dem zehnten ihres Aufenthaltes in Angola, wurden die -Schwaben wiederum in feierlicher Weise in den großen Sitzungssaal geführt, -in dem sie ihre Vorträge gehalten hatten. Der Älteste unter den Alten, eine -Hüne von Gestalt, Anan mit Namen, erhob sich und begrüßte zunächst wieder -in herzlichen Worten die Eingeführten. - -»Meine lieben Freunde!« sprach er weiter zu ihnen. »Wir alle haben gestern -mit lebhaftester Teilnahme eure Schilderungen vernommen, die ihr von den -allgemeinen und besonderen Verhältnissen eures Weltkörpers entworfen habt. -Diese Schilderungen haben in uns merkwürdige Gefühle und Empfindungen -ausgelöst, so daß wir uns über sie zuerst in aller Ruhe klar werden -wollten, bevor wir euch mit unserem schuldigen Danke zugleich auch eine -Antwort auf das Gehörte geben. Dies war der Grund, warum wir uns zu einer -Beratung unter uns zurückgezogen haben. Vor allem danken wir euch für die -anerkennenswerte Offenheit, mit der ihr uns das Leben eurer Kulturvölker -geschildert habt. Uns muteten eure Berichte im ersten Augenblicke wie -Märchen an. Wir würden sie auch als solche auffassen, wären wir nicht von -dem Ernste eurer Lebensauffassung, von eurer Rechtschaffenheit und -Ehrlichkeit vollkommen überzeugt. Nicht vergeblich haben wir euer Leben in -Lumata beobachtet. Das Ergebnis dieser Beobachtung war unsere Einladung -hieher, das Zeichen unserer Achtung und unseres Vertrauens. Und nun wende -ich mich zu euren Auseinandersetzungen. Umsonst haben wir in der Geschichte -unserer Vergangenheit geblättert; solch barbarische, von der Unwahrheit -beherrschte Zustände im Leben der einzelnen wie der Völker, wie sie bei -euch noch bestehen, haben wir in diesem Umfange glücklicherweise nie -gekannt. Gewiß, es fehlte auch uns nicht an inneren Kämpfen, an schweren -Enttäuschungen aller Art, bis wir uns endlich im Laufe der Zeit zu den -Lebensverhältnissen und Lebensauffassungen durchgerungen haben, die ihr bei -uns heute bewundert. Aber unsere Entwicklung vollzog sich weniger mühselig, -weniger schmerzhaft als die eure. Schon vor Urzeiten hatte sich bei uns in -der breiten Masse des Volkes die Erkenntnis durchgerungen, daß unsere erste -Aufgabe unsere Erhebung, nicht aber das Verharren in unserer Niedrigkeit -sei, aus der wir hervorgegangen sind. Diese unsere Erhebung und Entwicklung -zur reinen Freiheit konnte nur durch eine vernünftige, naturgemäße -Aufklärung kommen, die uns für das hehre Licht der Wahrheit empfänglich -machte. - -Ihr, liebe Freunde, habt während eures längeren Aufenthaltes bei uns nach -und nach die Wege kennengelernt, die wir eingeschlagen haben, um dieses -hohe Ziel zu erreichen, Wege, die wir, weil sie sich bewährt haben, auch -heute noch wandeln und fernerhin wandeln werden. Darüber will ich kein Wort -mehr verlieren. Gerne wollen wir auch zugeben, daß wir es mit unserem -Entwicklungsgange ungleich leichter gehabt haben, als ihr es in dieser -Beziehung unten auf der Erde noch habt. Hier bei uns haben wir ein ziemlich -gleichmäßiges, in Sprache, Denken und Empfinden übereinstimmendes Volk, -während dies auf eurem Planeten nicht der Fall ist. Wir konnten uns daher -mit viel weniger Schwierigkeiten und ohne den von euch geschilderten -furchtbaren Massenmord, Krieg genannt, zu der Höhe unserer Kultur erheben, -die eurem Ideale nahe kommt. Wir hatten also diese entsetzlichen -Verwirrungen nicht zu überwinden, die eurem Glücke und Fortschritte so -fürchterlich hemmend entgegentraten und noch drohend entgegenstehen. - -Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, ein brüderlicher Gemeinsinn besteht bei -uns seit Äonen. Es bildet den fundamentalsten Bestandteil unseres -Bewußtseins und die Triebkraft unseres Handelns. Bedauerlicherweise fehlt -bei euch dieses mächtige Gefühl der Zusammengehörigkeit oder ist zum -mindesten noch nicht in dem Maße vorhanden, als zum Wohle des Ganzen so -dringend nötig wäre. Der Grund eures Tiefstandes liegt meines Erachtens -nach in dem Mangel an jener einfachen, natürlichen Moral, die unser Leben -so vorteilhaft beeinflußt. - -Für uns war es schmerzlich zu hören, wie bei euch jeder Fortschritt, auch -der kleinste, durch ein Meer von Tränen, von Blut und zertrümmerten -Existenzen führt. Und doch, -- ihr selbst sagtet es ja -- es muß und wird -einst besser bei euch auf der Erde werden. Ihr selbst seid dafür die -lebendigen Zeugen, denn ihr stellt heute schon das vor, was die Masse bei -euch nach eurem eigenen Ausspruche in späterer Zeit sein wird. Wackere, -brave Männer von der geistigen Bedeutung wie ihr müssen daher unten auf der -Erde wirken, an der Weiterentwicklung ihrer Brüder arbeiten. Wenn auch der -einzelne von euch bei dieser schwierigen Arbeit keine volle Befriedigung -empfindet, -- dies gilt ja von allem Streben nach noch nicht Erreichtem! -- -so bedenkt, daß die Folgen der Arbeiten an dem Werke der Vervollkommnung -eurer Mitmenschen zwar nicht euch, so doch euren Nachkommen zugute kommen -werden. - -Unser Rat lautet dahin: Kehrt zurück auf eure Erde!« -- »O Himmel, ahnte -ich es doch!« klagte bei diesen Worten Anans Professor Frommherz leise vor -sich hin. -- »Schweigen Sie, Jammerseele!« herrschte ihn unsanft Piller an. --- »Kehrt zurück in euer Schwabenland, zu dem biedern Volke, aus dessen -Mitte ihr stammt, und widmet euch dort wieder dem erhabenen Werke der -Vervollkommnungsarbeit. Ferne sei es von uns, euch von hier wegdrängen zu -wollen, ihr seid und bleibt uns werte Gäste.« -- »Dem Himmel Dank!« -murmelte hier Frommherz. -- »Aber ich gestehe es aufrichtig, und ich -spreche hier die Ansicht von allen meinen Brüdern und Schwestern aus: Ihr -seid die ersten und zugleich die letzten fremden Wesen, die von einem der -fernen Kinder des Lichtes zu uns gelangen durften. Denn dies ist der -Hauptpunkt, das Endergebnis unserer Verhandlung. Im Interesse unseres -Volkes lehnen wir weiteren Verkehr ab. Nicht mit euch, -- ich betone -nochmals ausdrücklich, daß ihr uns werte, liebe Gäste und Freunde seid, -- -nein, überhaupt; denn wir haben keine Gewähr dafür, daß nicht auch einmal -Fremde zu uns gelangen könnten, die nicht auf der Höhe der Anschauung -stehen wie ihr und deren Benehmen bei längerem Aufenthalte wahrscheinlich -dann nur zu unerquicklichen Auseinandersetzungen und schließlich zu einer -gewaltsamen Entfernung von hier führen müßte. Das wollen wir uns aber -ersparen. - -Eure kühne Reise wird zwar so bald nicht wieder Nachahmer finden. Doch kann -man dies nicht wissen, und so haben wir bereits die bestimmte Weisung -gegeben, künftig und für alle Zeiten auf unserem Lichtentsprossenen kein -Luftschiff mehr landen zu lassen, woher es auch kommen möge, und wäre es -auch aus dem uns durch euch so sympathisch gewordenen Schwabenlande. Bleibt -bei uns, wenn ihr wollt, oder fliegt über kurz oder lang wieder heimwärts. -Wir stellen dies ganz in euer Belieben und sind und bleiben stets eure -aufrichtigen, treuen Freunde. Ich bitte euch, liebe Brüder und Schwestern,« --- mit diesen Worten wandte sich Anan an die Marsiten -- »ruft mit mir: -Glück und Heil den sieben Schwaben, unsern lieben ersten und einzigen -Gästen!« - - - - -Sechstes Kapitel -Im Reiche der Vergessenen - - -Mit gemischten Gefühlen kehrten die Herren von Angola nach Lumata zurück. -Sollten sie auf dem Mars bleiben oder sollten sie gehen? Das war die -ernste, schwerwiegende Frage, die sie in den folgenden Monaten -beschäftigte. - -»Wenn uns die Marsiten in Angola auch nicht geradezu den Stuhl vor die Tür -gesetzt haben, so haben sie uns doch deutlich genug zu verstehen gegeben, -daß wir unsere sieben Sachen zusammenpacken sollen,« äußerte sich eines -Tages Piller zu seinem Kollegen Stiller. - -»Sie haben recht! Und ich muß Ihnen auch aufrichtig erklären, daß mir -dieses unproduktive Leben, diese an uns geübte weitgehende -Gastfreundschaft, für die wir uns auch nicht im geringsten erkenntlich zu -zeigen vermögen, zuwider zu werden anfängt. Einmal müssen wir doch an das -Fortgehen denken, denn bis ans Ende unserer Tage können wir wohl nicht hier -oben sitzen bleiben.« - -»Hm, hm, gerne gehe ich von Lumata nicht fort; es wird mir wirklich sehr -schwer! Denke ich nur an unsere Herreise mit allen ihren Beschwerden, so -graut es mir förmlich vor einer Rückkehr. Aber diese muß stattfinden, -darüber kann und darf kein Zweifel bestehen. Es handelt sich nur um den -Zeitpunkt. Warten wir's noch ab!« antwortete Piller. - -»In ähnlicher Weise wie Sie sprechen sich auch die andern Freunde aus, -lieber Piller. Nur Frommherz macht eine Ausnahme. Der weicht soviel wie -möglich jeder Erörterung aus, die die Rückkehr zum Gegenstand hat.« - -»Glaub's wohl!« lachte Piller laut auf. »Unser lieber Freund Friedolin ist -überglücklich, hier oben weilen zu dürfen, und bekommt stets -Herzbeklemmungen, wenn wir von einer Heimreise zu reden beginnen. Im Grunde -genommen kann ich es ihm nicht verübeln, wenn er dauernd hierbleiben -möchte. Aber aufhören muß einmal diese Art von Schlaraffenleben, das ist -klar. Darin stimme ich Ihnen also völlig bei, Stiller.« - -»So bleiben wir einstweilen noch hier und nützen unsere Zeit möglichst gut -aus. Inzwischen sorge ich für die tadellose Ausbesserung unseres -Weltenseglers, für Bereitstellung des geeigneten Proviantes usw. Langsam, -aber gründlich werde ich die Vorbereitungen zu unserer Abreise treffen.« - -»Und vergessen Sie mir nicht den feinen goldenen Tropfen! Nehmen Sie nur -gleich, bitte, einen anständigen Vorrat davon mit in die Gondel!« - -»Soll geschehen, Sie ewig Durstiger,« sagte lächelnd Stiller. - -In freundlichem, angenehmem Verkehr mit dem liebenswürdigen Marsvolke, in -kleinen und größeren Ausflügen und Reisen verfloß die Zeit nur zu rasch. -Auf einem ihrer Streifzüge waren sie auch weiter hinaus aus der -eigentlichen Bevölkerungszone in die nördliche, kühlere Region des Planeten -gelangt. Es mutete die Forscher ordentlich heimatlich an, als sie hier -wohlgepflegte Nadel- und Laubholzwaldungen neben saftigen, grünen Wiesen -und schönen, dunkelblauen Seen fanden. Hohe Gebirgszüge schoben sich -dazwischen, und ihre mit Schnee bedeckten höheren Gipfel verstärkten noch -den Eindruck einer alpinen Landschaft. - -Hier stießen sie auch auf zerstreute, weit auseinander liegende kleine -Kolonien von Marsiten, deren ernstes, wortkarges Wesen und Auftreten -merkwürdig von der heiteren und frohen Lebensauffassung ihrer übrigen -Brüder abstach. Auf ihr Befragen erfuhren die Gelehrten, daß ähnliche -kleine Kolonien auch in der südlichen kühlen Zone des Mars beständen. Die -Kolonisten hießen die »Vergessenen«, weil ihre Namen vorübergehend oder -auch dauernd von den Tafeln der Marsstämme gestrichen worden seien. - -»Dann sind es somit Verbrecher, die, von der Gemeinschaft der übrigen -ausgestoßen, hier oben ihre Strafe abzubüßen haben?« fragte Dubelmeier. - -»Wir kennen nur Gesetzesübertreter, keine andern Missetäter,« wurde dem -Frager erklärt. - -»Nun, schließlich kommt dies ja auf das gleiche heraus,« antwortete -Dubelmeier. »Worin besteht denn bei euch die Gesetzesübertretung, die die -Strafe der Verbannung in diese Gegenden nach sich zieht?« - -»In mangelhafter Erfüllung der allgemeinen Pflichten und Obliegenheiten.« - -»Da müßte man bei uns auf der Erde neun Zehntel aller Menschen verbannen, -und wir kämen des Platzes wegen für diese Menge von Verbannten in die -größte Verlegenheit,« rief Piller voll Erstaunen. - -»Wir sind auch nicht auf eurem Planeten,« antwortete mit überlegenem -Lächeln Varan, der Führer der Reisebegleitung. - -»Aber es ist doch grausam, kleinerer Verstöße wegen einen Mitmenschen aus -seiner ihm trauten und gewohnten Umgebung zu reißen,« warf Hämmerle ein. - -»Über die Art der Verstöße gegen unsere Lebensvorschriften zu richten, sind -nur wir allein maßgebend,« entgegnete Varan ernst. - -»Ohne Zweifel!« gab Stiller zu. - -»Aber Verzeihung ist die Krone der Liebe! Verzeiht ihr nicht auch?« -forschte Frommherz. - -»Gewiß! Aber es gibt Vergehen, für die niemals Verzeihung gewährt werden -kann. Sie sind zwar äußerst selten, diese Fälle, aber sie kommen bei uns -doch noch hier und da vor. Die Vergessenen erhalten nach einer gewissen -Zeit der Prüfung meist ihre Namen wieder. Es steht ihnen dann die Rückkehr -in die engere Heimat und der Wiedereintritt in ihren Stamm frei. Aber nur -wenige machen von dieser Erlaubnis Gebrauch. Einmal ausgestoßen, zieht -unser Bruder ohne Namen es für gewöhnlich, vor, da zu bleiben, wo er -hingebracht wurde, und sein Leben in strenger Arbeit dem Wohle der übrigen -zu widmen.« - -»Worin besteht diese Arbeit?« fragten die Herren. - -»In tadelloser Instandhaltung der hier ihren Ursprung nehmenden Kanäle: -eine ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe, von deren gewissenhafter -Erfüllung unsere Gesamtexistenz abhängt.« - -»Und wer sorgt für den Unterhalt der Vergessenen?« - -»Sie selbst. Sie treiben nebenbei Viehzucht, Ackerbau und dergleichen mehr. -Kommt einmal die Zeit, wo es keine Vergessenen mehr bei uns gibt, so müssen -wir eben selbst diese Arbeiten ausführen. Darüber liegen bereits genaue -Bestimmungen vor, denn unsere Vergessenen vermindern sich mehr und mehr,« -schloß Varan seine Auseinandersetzungen. - -»Wunderbar glücklicher Planet, dieser Mars! Sogar die Missetäter hier oben, -wenn man sie nach unseren Begriffen so bezeichnen darf, werden wieder -Wohltäter durch ihre Leistung für das große Ganze,« rief Stiller voll -Enthusiasmus. »Und doch erfüllt es mich mit einer gewissen, wenn auch -höchst bescheidenen, Genugtuung, daß auf dem Mars dieses Lebensbild voll -Glanz und Licht einen kleinen Schatten hat, daß es auch nicht rein -vollkommen ist.« - -»Vollkommen oder unvollkommen sind Begriffe, die wir uns selbst unten auf -der Erde geformt haben, und die wir im Sinne ihrer Bedeutung für uns auf -die Zustände hier oben nicht anwenden dürfen,« antwortete Dubelmeier. - -»Sehr richtig!« bestätigte Frommherz. »Mir persönlich kommt hier oben alles -vollkommen, alles ganz wunderschön vor. Hier habe ich das Paradies -gefunden, von dem man bei uns träumt.« - -»Sie Schwärmer!« erwiderte lachend Piller. »Besser ist die Marswelt -entschieden als die unsere, und unsere Erde die beste der Welten zu nennen, -wie es allgemein geschieht, ist daher nichts als platter Unsinn. Aber, -lieber Frommherz, bald müssen Sie aus Ihrem Paradiese heraus und wieder -hinunter nach Tübingen.« - -»Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Piller,« stotterte Frommherz -erbleichend. - -»Bitterer Ernst, mein Freund! Die schönen Marstage gehen nun bald zu Ende, -nicht nur für Sie, nein, auch für uns, leider, leider!« Professor Piller -mußte sich nach diesen Worten heftig schneuzen. - -»Aber die entsetzliche Reise!« jammerte Frommherz. »Haben Sie denn schon so -vollständig die ungeheuren Mühseligkeiten unserer Herreise vergessen?« - -»Lieber Frommherz, es _muß_ sein,« entgegnete Stiller. »Wir sind nun bald -zwei Jahre Gäste hier, und auch die Gastfreundschaft hat ihre Grenzen. -Übrigens wissen Sie auch ganz genau, daß die Marsbewohner mit unserer -Abreise rechnen. Ich glaube, die Worte, die damals Anan in Angola an uns -richtete, enthielten deutlich genug den Wink zum Fortgehen. Unser Ehrgefühl -und auch unsere Dankbarkeit erfordern, daß wir den Mars verlassen und zwar -bald. Gewiß, die Rückreise ist mühselig, sie wird möglicherweise noch -anstrengender für uns werden als die Herfahrt, aber -- es muß sein!« - -»Aber -- aber könnte nicht ich wenigstens zurückbleiben?« - -»Es geht nicht! Es ist nicht gut möglich! Wir sind miteinander gekommen, -und wir müssen daher auch wieder miteinander gehen. Das ist klar. Wir alle, -Sie leider ausgenommen, sind darüber einig, daß wir gehen müssen, obgleich -uns der Abschied von diesem herrlichen Planeten wahrlich schwer genug wird, -denn wir haben ohne Zweifel auf ihm die schönste und an Genuß reinste Zeit -unseres Lebens zugebracht. Einen Drückeberger darf es nicht geben,« -entschied Stiller. - -Etwas beschämt über diese wie eine Zurechtweisung klingende herbe Antwort, -ließ Frommherz nichts mehr über die ihn bewegenden Gefühle verlauten; er -verschloß sie von jetzt ab fest in seiner Brust. - -In dem landschaftlichen Bilde, das sich hier den Augen bot, fiel Herrn -Dubelmeier ein stattlicher Berg auf, der isoliert in stolzer Einsamkeit -seine schneebedeckten Gipfel gen Himmel streckte. Der ganze pyramidenartige -Aufbau des Berges verriet seinen vulkanischen Ursprung. Von seiner etwas -abgestumpften Spitze aus mußte man eine großartige Fernsicht genießen. Bei -diesem Gedanken war in Herrn Dubelmeier die alte Leidenschaft des -Bergsteigers wieder geweckt. - -»Wie wäre es, wenn wir zum Schlusse unseres Aufenthaltes auf dem Mars jenem -prächtigen Berge da drüben einen Besuch abstatten würden? Bei der -Beschaffenheit der Marsatmosphäre dürften wir dort oben eine -außerordentlich schöne Aussicht haben,« sprach Dubelmeier zu seinen -Gefährten. - -»Ich komme mit,« entschied Stiller kurz entschlossen. - -»Ich auch!« erklärte Piller. »Wie heißt der Berg, Varan?« - -»Der Berg des Schweigens.« - -»Ein merkwürdiger Name!« meinte Stiller. »Wer kommt sonst noch mit?« - -Aber die vier übrigen Schwabensöhne konnten sich zu der Tour nicht -entschließen. Eine gewisse Mattigkeit und Abspannung hielt sie davon -zurück. Man kam überein, daß sie hier die Rückkehr der drei Freunde -abwarten sollten. Varan sorgte für alle Bedürfnisse der kleinen Karawane -und vergaß auch nicht die passenden Kleidungsstücke und die sonstigen -erforderlichen Gegenstände. In Begleitung von drei Marsiten reisten die -Herren ab. Ein Motorboot brachte sie auf einem der Kanäle rasch bis zum Fuß -des Berges, der sich beim Näherkommen immer mehr als ein Riese entpuppte. -Dubelmeier schätzte seine Höhe über der Talsohle auf ungefähr dreitausend -Meter. - -Steil fiel er von allen Seiten ab, und es war nur in langen Zickzacklinien -möglich, zu ihm emporzuklimmen. Es war dies ein beschwerliches Stück -Arbeit. Bei jedem Schritt sank der Fuß bis über den Knöchel in den -schwarzen Sand des verwitterten Lavafeldes ein. Stunden vergingen in -ermüdendem Steigen, bis die Herren endlich in die Nähe der Schneegrenze -gelangten. Hier wurde Halt gemacht. Einige Stunden der Ruhe sollten die -gesunkenen Kräfte der Bergsteiger wieder heben. Erst jetzt konnten die -Herren erkennen, wie hoch sie schon gekommen waren, denn bei dem mühsamen -Stampfen durch den lockern Boden hatten sie keine Zeit gehabt, Umschau zu -halten. - -Während die Marsiten einen Imbiß herrichteten, betrachteten die drei -Schwaben das zu ihren Füßen sich ausbreitende parkartige Panorama, das sich -im Lichte der untergehenden Sonne golden spiegelte. Kein Laut, kein Ton, -der die Anwesenheit noch anderer belebter Wesen verraten hätte, ließ sich -vernehmen, nicht einmal das Rauschen eines talwärts strebenden Baches. -Alles schien an diesem Berge in die starren Fesseln völliger Stille -geschlagen zu sein, und der Berg trug daher seinen Namen mit Recht. Auch -die Erdensöhne waren schweigsam. Still mit den eigenen Gedanken -beschäftigt, starrte jeder der Männer vor sich hin. - -»Ich besinne mich vergeblich, mit welcher Landschaft auf der Erde ich das -Panorama da unten vergleichen soll,« unterbrach Stiller das Schweigen. - -»Mich erinnert es in etwas an den Vulkan Villa rica im südlichen Chile. -Hier wie dort ragt ein gleicher Bergkegel aus der Ebene hervor. Ganz -ähnlich ist der Ausblick auf dunkelgrüne Waldungen und hellglitzernde Seen -und Wasserstraßen. - -Dazu kommt noch hier wie dort die durchsichtige Luft, die satte Bläue des -Himmels und die geheimnisvolle Stille der Natur,« entgegnete der -vielgereiste Dubelmeier. - -»Das kann ich nicht beurteilen. Aber ein Bild voll tiefen Friedens, voll -wohltuender Anmut und Schönheit bleibt das Marsland auch von hoher Warte -aus. Von wo aus man es auch betrachten mag, überall tritt es uns wie eine -hehre Offenbarung entgegen,« rief Stiller begeistert. - -Bei diesen Worten seines Kollegen schneuzte sich Piller wieder einmal sehr -kräftig. - -»Recht haben Sie, Stiller! Doch hier kommt Speise und Trank, gute Mittel -gegen -- na, sagen wir Gemütsattacken.« Damit ergriff Piller eine Flasche, -schenkte sich von dem edlen Marsweine ein und trank das Glas mit einem -Schluck leer. - -Die Nacht war herangekommen. Phobos und Deimos zogen ihre stille, -leuchtende Bahn, als die Karawane aufbrach, um auf dem festgefrorenen -Schnee langsam den Weg zur Spitze des Berges emporzuklettern. Tiefe -Rubintinten am östlichen Himmel kündigten den Aufgang der Sonne an, als -Schwabens Söhne endlich glücklich den Gipfel des Berges erreicht hatten. -Einem Glutballe gleich stieg bald darauf die Sonne empor und warf ihre -Strahlen über Berge und Täler. Ein Rundblick von überwältigender -Großartigkeit lohnte die Männer für ihre Anstrengungen des Aufstiegs. - -Der Berg des Schweigens überragte die übrigen Höhenzüge ganz bedeutend. Er -war die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre. Weithin schweiften -die Blicke völlig frei und unbehindert. Selbst die fernsten Gegenstände -schienen, dank der dünnen, klaren Luft, dem Auge greifbar nahe gerückt. In -weiter, weiter Ferne nach Norden zu konnten die drei Gelehrten mit Hilfe -der scharfen Marsteleskope, die sie mit sich führten, eine weiße, -bogenförmige Linie erkennen. Diese grenzte scharf und deutlich den bläulich -schimmernden Horizont ab. Die Herren wußten zunächst nicht, wofür sie diese -eigenartige Linie, die ein erstarrtes Eismeer einschloß, halten sollten. - -»Das ist ja der Nordpol des Mars!« entfuhr es plötzlich den Lippen -Stillers. - -Eine große Erregung bemächtigte sich der Beobachter: der Hauch der -Unendlichkeit wehte ihnen hier entgegen. Ein solches Ergebnis der Fernsicht -hatten sie nicht erwartet. Immer und immer wieder betrachteten sie die -deutlich wahrnehmbare Abrundung. - -»Kein, Zweifel, es ist der Nordpol. Wie wunderbar, daß unsere Augen auf -einem andern Planeten das schauen dürfen, was auf der Erde bis jetzt, allen -Versuchen zum Trotz, niemandem gelang!« sprach Herr Stiller. »Wie wird -dieses Bild erst bei Nacht sein!« - -»Wie meinen Sie das?« forschte Dubelmeier. - -»Nun, ich denke an die feurigen elektro-magnetischen Polausströmungen,« -erwiderte Stiller. - -»So bleiben wir so lange hier!« entschied Piller. »Aber sehen sie einmal, -meine Freunde, was ist denn da unten?« - -Stiller und Dubelmeier drehten sich um. Etwa zweihundert Meter unter ihnen -lag, hell beschienen vom Lichte des Tages, im Krater des früheren Vulkans -ein See von heller, smaragdgrüner Farbe. Blühende Blumen umsäumten seine -Ufer. - -»Blumen und Wasser, Eis und Schnee, merkwürdige Kontraste! Wie verträgt -sich das?« fragte Piller. »Wir scheinen ja hier oben von einem Wunder ins -andere zu fallen!« - -»Auf dem Mars hat das Merkwürdige überhaupt kein Ende!« entgegnete Stiller -lächelnd. »Doch untersuchen wir die Sache, und steigen wir hinab in den -Krater, der nebenbei noch ein ausgezeichneter Lagerplatz sein dürfte!« - -Bald waren die Herren unten am See. Da, wo der Schnee aufhörte und der -Pflanzenwuchs einsetzte, fühlte sich der Boden warm an, ein Beweis, daß der -Vulkan noch nicht gänzlich erloschen war. Das Wasser des Sees war -gleichfalls warm und zeigte eine Temperatur von dreißig Grad Celsius. Das -wunderbar klare, nahezu durchsichtige Wasser von etwas salzigem Geschmack -ließ den Boden des tiefen Sees deutlich erkennen, der wie mit einem -tiefroten Teppich bedeckt erschien. - -»Das sieht ja aus, als ob ein schwerer mineralischer Farbstoff hier -hineingeschüttet worden wäre,« äußerte sich Piller zu seinem Kollegen -Stiller. - -»Es scheint Eisenoxyd zu sein, das sich auf dem Boden des Sees -niedergeschlagen hat. Wahrscheinlich war das Wasser einst stark -eisenhaltig,« entgegnete Stiller. - -»Das mag sein. Dadurch ist auch das Fehlen jeglichen Tierlebens in dem -Wasser erklärlich.« - -Die Herren betrachteten nun die in Fülle am Uferrande wachsenden blühenden -Pflanzen. Es war ein bunter, duftender Blumenteppich, der einen anmutigen -Eindruck auf die Erdensöhne machte. Alle möglichen Arten von Pflanzen waren -vertreten, die mit denen der alpinen Regionen der Erde verwandt waren. - -Mit Behagen genossen die Herren die Stunden des Tages hoch oben im Krater -und bedauerten nur, daß die andern Freunde nicht auch anwesend waren. Als -der Abend gekommen war, stiegen sie, wohl eingehüllt in ihre Pelze, wieder -hinauf zur Spitze. Tiefes Dunkel lag bereits über dem Marsland, als die -Forscher den Rand des Kraters erreichten. Die Marsmonde waren noch nicht -aufgegangen. Aber in der Richtung des Nordpoles, den die Freunde diesen -Morgen gesehen, begann es aufzublitzen, zuerst langsam, dann immer stärker. -Schließlich fuhren feurige Strahlen empor, bildeten über dem polaren -Horizonte einen Halbkreis und verschwanden wieder. Ein herrlicher Wechsel -der Farben vom blendenden Rotgold bis zum leuchtenden Saphirblau, verbunden -mit dem Wachsen und Schwinden der zuckenden Strahlen, erzeugten ein Bild -von vollendeter Schönheit. - -»Diese glänzende Naturerscheinung ist ein würdiger Abschluß unserer -Expedition nach dem Berge des Schweigens,« sprach Stiller zu seinen -Freunden, als das Polarlicht durch die inzwischen emporgestiegenen -helleuchtenden Monde des Mars mehr und mehr zurückgedrängt wurde. - -»Ja, hier oben auf dem Mars ist alles lichtvoll, voll freundlicher Helle, -selbst die Nacht. Welch zauberhaft schöne Reflexe bringt das Licht der -Monde da unten hervor!« - -Mit diesen Worten wies Piller hinunter auf den stillen Kratersee, auf -dessen Wasser die zitternden Strahlen der beiden Monde tausendfach -gebrochen tanzten. Es war, als ob mit Leuchtkraft begabte Wesen aus der -Tiefe des Berges emporgestiegen wären und nun an der Oberfläche des Wassers -ihr neckisches Spiel trieben. - -Im Mondschein traten die drei wackeren Schwaben, um eine wertvolle -Marserinnerung reicher, einige Stunden später den Abstieg an, um vereint -mit ihren vier Kollegen wieder nach Lumata zurückzukehren. - - - - -Siebentes Kapitel -Der Abschied - - -Nach der Rückkehr aus dem Gebiete der Vergessenen begann Frommherz den -Verkehr mit seinen Gefährten mehr und mehr einzuschränken. Er nahm mit -ihnen allerdings noch die gemeinsamen Mahlzeiten ein, zog sich aber, sooft -es sich ohne Aufsehen machen ließ, von der Gesellschaft seiner Freunde -zurück. An den Abenden, die sonst der allgemeinen Unterhaltung und dem -Gedankenaustausch im schönen Heim von Lumata gewidmet waren, ging er für -sich allein spazieren und genoß in stillem Entzücken den eigenartigen -Zauber der Mondnächte. Und von hier oben sollte er fort, von diesem Eden, -und wieder hinunter auf die kalte Erde? An diesem Gedanken krankte -Frommherz förmlich. Die Herren waren viel zu sehr mit sich selbst -beschäftigt, um dem eigentümlichen Benehmen ihres Genossen allzugroße -Bedeutung beizulegen. - -Durch Eran hatte Stiller dem Zentralsitze des Stammes der Weisen in Angola -mitteilen lassen, daß er und seine Gefährten sich endgültig entschlossen -hätten, nach der Erde zurückzukehren. Die Abreise beabsichtigten sie am -zweiten Jahrestage ihrer Landung auf dem Mars anzutreten. - -Darauf war eine Einladung, wieder nach Angola zu kommen, als Antwort -eingetroffen. Ihr Empfang dort ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen -übrig. Eine Reihe glänzender Feste wurde zu ihren Ehren und als Feier des -bevorstehenden Abschiedes veranstaltet. Das Beste und Schönste, was die -darstellenden und bildenden Künste auf dem Mars zu leisten vermochten, -wurde bei diesen Festen den Erdensöhnen geboten. Aber die Schatten des -Abschiedes von dem wundervollen Planeten und seinen so idealen Bewohnern -begannen bereits auf den Herren Schwaben zu lagern und ließen sie das -Gebotene nicht mehr mit voller Freude genießen. - -In der gewaltigen Spiegelgalerie des Palastes der Weisen fand das letzte -Essen statt. Zu ihm waren von allen Seiten des Mars Eingeladene erschienen -und von allen Stämmen offizielle Vertreter. Draußen im Westen begann das -ewige Licht, die Sonne, niederzusteigen. Ihre milden, goldenen Strahlen -warfen die großen Spiegel des Saales unzähligemal gebrochen zurück. Es war -im Saale ein Wogen und Fluten des Lichtes, das die Augen förmlich blendete. -Durch die offenen Fenster drang der Duft der Blumen herauf in den Saal. Im -leichten Abendwinde ließen die schlanken Palmen des Parkes ihre Kronen -leise rauschen. Ruhig und still grüßte der tiefblaue See durch den grünen -Dom der Bäume herüber, zwischen denen noch in geschäftiger Eile -zwitschernde Vögel flogen und Lianen ihre farbenprächtigen Blütenschnüre -warfen. Ferne, sanfte Höhenzüge, rosig angehaucht von der Abschied -nehmenden Sonne, rahmten das köstliche Landschaftsbild ein, das die -Erdgeborenen heute zum letzten Male sehen sollten. Diese waren als die -ersten im Saale erschienen und standen nun an den hohen Fenstern versunken -in die traumhaft schöne Szenerie. - -»Uns wird der Abschied wahrhaftig schwer gemacht,« sprach leise Piller zu -dem neben ihm stehenden Kollegen Stiller. »Frommherz hat recht. Ist dies -hier nicht ein Land, das die Bezeichnung eines Paradieses verdient?« - -»Ohne Zweifel!« antwortete Stiller. »Es, ist ein Eden, so recht geschaffen -für die Betrübten, für die Heimatlosen, wie wir es nun sein werden.« - -»Heimatlos? Wie meinen Sie das, Stiller?« - -»Heimatlos, jawohl!« erwiderte Stiller, und seine Lippen zuckten -schmerzlich, als er nach kurzer Pause fortfuhr: »Glauben Sie denn, wir -würden, nachdem wir zwei volle Jahre hier oben inmitten einer wunderbar -schönen Natur, eines geradezu paradiesischen Landes unter stolzen, freien -und edlen Menschen gelebt haben, uns in der Heimat wieder wohlfühlen -können? Niemals! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren worden sind, -wo wir früher gelebt, gerungen, für unsere Überzeugung gestritten haben.« - -»Stiller, machen Sie mir den Abschied nicht zur Unmöglichkeit!« Piller -mußte sich, wie stets nach heftiger seelischer Erregung, mehrmals stark -schneuzen. Dann trat er rasch an die Tafel, schenkte sich ein Gläschen Wein -ein und leerte es auf einen Zug. - -»Fern sei es von mir, Ihnen den Abschied zur Unmöglichkeit zu machen, denn -wir _müssen_ ja fort. Aber« -- ein Leuchten erhellte dabei das Gesicht des -Sprechenden -- »ausstreuen wollen wir, ohne Wortgeklingel, unten auf der -Erde die Keime jener großen Zukunft, die wir hier oben in so herrlicher -Weise verwirklicht angetroffen haben.« - -Als Zeichen des Einverständnisses drückte Piller seinem Kollegen stumm die -Hand. - -Allmählich füllte sich der Saal mit den Geladenen. Alle kamen auf die -Erdensöhne zu und schüttelten ihnen die Hände. Nachdem Anan erschienen war, -begann das Essen. Neben dem Ältesten der Alten saßen die sieben Schwaben. -Die Kronleuchter des Saales erstrahlten im Lichte elektrischer Lampen. Sie -beleuchteten die glänzende Tafel und die große, feierlich gestimmte -Gesellschaft. Unten, vor der Spiegelgalerie, auf der großen Terrasse, waren -die Chöre der Sänger und Musiker aufgestellt, die während des Mahles -abwechselnd ihre entzückenden Weisen ertönen ließen. - -Als das Essen beendigt war, erhob sich Anan. »Meine Brüder und Schwestern,« -hub er zu sprechen an, »die Stunde des Abschiedes von Angola ist gekommen. -Unsere Gäste aus dem fernen Schwabenlande kehren demnächst wieder dahin -zurück. Mögen sie heil, und gesund den trauten Boden ihrer Heimat wieder -erreichen! Sie selbst werden in unserm Andenken für immer fortleben. Wir -haben beschlossen, ihre Namen in goldenen Buchstaben auf Marmortafeln hier -in diesem Saale neben ihren Bildern anzubringen, unsern spätern Nachkommen -zur Erinnerung an diese kühne Reise zu uns und an ihren langen, durch -keinen Mißton getrübten Aufenthalt in unserer Mitte. Ferner haben wir -beschlossen, als weiteres Zeugnis dieses ersten und letzten Besuches von -Erdgeborenen auf unserm Lichtentsprossenen all die verschiedenen -Mitteilungen, die sie uns über das Leben und Treiben der Völker der Erde -gemacht haben, in einem Buche niederzulegen, das hier in unserm Heim einen -besondern Ehrenplatz erhalten soll. Für ewig soll neben den Namen unserer -Gäste auch das festgehalten werden, was sie uns in feierlichen Augenblicken -verkündet haben. So soll ihr Besuch im Andenken bei uns geehrt werden bis -in die fernsten Zeiten. - -Und nun, meine lieben Freunde,« Anan wandte sich mit diesen Worten an die -sieben Schwaben, »haben wir für euch eine Reihe von Andenken bestimmt, wie -sie Kunst und Wissenschaft vereint auf unserm Lichtentsprossenen -hervorgebracht haben. Nehmet diese Erzeugnisse, die dort auf jenem Tische -liegen, mit euch zur Erinnerung an den Aufenthalt unter uns. Hier übergebe -ich euch ein goldenes Buch. Es enthält die Entwicklungsgeschichte unseres -Volkes. Mit der allgemeinen fortschreitenden Bildung und Urteilsfähigkeit -vereinfachte sich bei uns auch mehr und mehr die Gesetzgebung. Sie gipfelt -eigentlich nur in dem einen fundamentalen Satze: Tue nicht, was du nicht -willst, daß dir getan werde! Ihr werdet also in dieser Beziehung in dem -Buche wenig mehr finden, denn die Menge der Gesetze eines Volkes ist nur -der Beweis für dessen Handlungsunfähigkeit. Das Buch enthält aber noch -unsere Ansichten und Begriffe über die natürliche Moral, über die -unverwüstlichen Grundsätze, die bei uns das Werk der Reinigung vollendet -haben. Möge dieses sich auch einst auf der Erde in ähnlicher Weise -vollziehen wie bei uns, mögen einst auch bei euch die Hüllen und -Verkleidungen fallen, die leider unten auf der Erde noch den wahren, an -sich so einfachen Kern der natürlichen Moral umschließen! Möge, von diesem -Gesichtspunkte aus betrachtet, eure gefahrvolle und beschwerliche Reise -nach unserer fernen Himmelsleuchte und euer Aufenthalt unter uns von Nutzen -gewesen sein!« Anan setzte sich. - -Eine tiefe Stille herrschte, als der ehrwürdige Greis gesprochen hatte. -Jetzt erhob sich Stiller. In bewegten Worten dankte er zunächst in seinem -und seiner Gefährten Namen für all das Gute, das ihnen hier oben erwiesen -worden sei. Er habe hier eine Reife der Entwicklung angetroffen, die er -früher nur zu ahnen gewagt, in Wirklichkeit aber nicht für möglich gehalten -habe. Er und seine Gefährten hätten hier oben viel gelernt, und von manchem -Irrtum seien sie befreit worden. - -»So habe ich unter anderem auch geglaubt, daß ohne den rohen Kampf ums -Dasein eine Entwicklung des Menschen zu Höherem nicht denkbar sei, daß der -rücksichtslose Kampf um die Existenz die notwendige Erhebung des Menschen -für dessen Klärung und Läuterung vorstelle. Von dieser Ansicht bin ich -durch meine Beobachtungen hier oben abgekommen. Der rohe Kampf ist nur das -Kennzeichen der Selbstsucht, die wahre Nächstenliebe mildert ihn, und diese -fehlt bei uns leider noch in hohem Maße. - -Auch bei euch hier oben herrscht ein Wettkampf, aber wie sehr ist er von -dem verschieden, was wir unten auf der Erde darunter verstehen! Jeder -einzelne von euch ist bestrebt, in edlem, selbstlosem Wettbewerbe nur das -Beste zu bieten unter peinlichster Berücksichtigung der berechtigten -Interessen seines Nebenmenschen und Bruders. Jeder lebt bei euch das große -Leben der Gesamtheit mit, weil er sich als einen wesentlichen Bestandteil -des Gesamtorganismus fühlt; denn gedeiht der einzelne, so gedeiht auch das -Ganze, ist dagegen der einzelne krank, so leidet auch die Gesamtheit. Und -wie gesund, kraftstrotzend ist diese bei euch! - -Wie weit sind wir dagegen auf unserer Erde von dem Ideale des Lebens und -seiner Auffassung überhaupt entfernt! Wie klein stehen wir euch gegenüber -da! Und doch, es muß und wird auch bei uns einst tagen. Wir, die wir bei -euch gewesen, wir wollen, soweit es in unsern Kräften steht, den Samen zu -jenem schönen und großen Leben der Zukunft ausstreuen, das wir bei euch -hier in so prächtiger Blüte verwirklicht kennengelernt haben. Unsere Reise -zu euch war nicht vergeblich. Was wollen ihre Mühseligkeiten und Gefahren -bedeuten im Verhältnis zu dem Reinen und Schönen, das wir hier genießen -durften! Schweren Herzens, mit dem Bewußtsein, hier bei euch unsern -inhaltreichsten Lebensabschnitt zugebracht zu haben, unendlich reich in der -Erinnerung, treten wir unsere Heimreise an. Die Mutter Erde verlangt -zurück, was ihr entsprossen. - -Niemals bis zu unserm letzten Atemzuge werden wir vergessen, was ihr uns -geboten habt, was ihr uns gewesen seid, und wie ihr uns geehrt habt. Wenn -wir einst später unten in unserer Heimat in nächtlichen Stunden aus weiter -Ferne euren Mars, den Lichtentsprossenen, herüberleuchten sehen, so werden -wir in treuem Gedenken stets bei euch weilen und mit stiller Sehnsucht an -die schönste Zeit unseres Lebens zurückdenken. Lebt wohl, teure Freunde! -Ich umarme Anan für euch alle und drücke ihm für euch alle den Bruderkuß -des Erdgeborenen auf seine reine Stirn. Denn Brüder sind wir ja alle, die -sich Menschen nennen, hier oben wie unten auf der Erde.« - -Stillers Worte hatten auf alle Anwesenden gewaltigen Eindruck gemacht, und -als er nun auf Anan, den erhabenen Greis, zutrat, ihn umarmte und küßte, da -ertönte im Saale ein Sturm des Beifalles. - -»Mein Bruder, edler Sohn deines Landes,« antwortete Anan, »habe Dank für -das, was du eben gesagt hast. Nimm auch von mir, dem alten Sohne des -Lichtentsprossenen, den Bruderkuß und ziehe glücklich heim mit deinen -Gefährten. Mit ihnen wirst du am Werke der Menschenvervollkommnung -erfolgreich arbeiten, das weiß ich. Meine Augen werden sich bald schließen -zu jenem Schlummer, von dem es kein Erwachen mehr gibt, aber auch ich -werde, solange ich hier noch wandern darf, mit Freuden an die Stunden -denken, die ich in deiner Gesellschaft in unserm Angola zugebracht habe.« - -Nach dem stimmungsvollen Abschiede in Angola befanden sich die sieben -Schwaben einige Tage später wieder in Lumata. Stiller war mit der Sorge um -das Luftschiff beschäftigt. In dieser Beziehung fand er bei den Marsiten -alle Unterstützung und konnte nun die auf der Herfahrt gemachten schlimmen -Erfahrungen durch Verbesserungen aller Art verwerten. Er machte sich auf -eine lange Zeitdauer der Rückfahrt gefaßt, trotz der stärkeren -elektromagnetischen Anziehungskraft der Erde, des im Verhältnis zum Mars um -nahezu das Doppelte größeren Planeten. - -Seit dem Aufstieg an jenem denkwürdigen Dezemberabend auf dem Cannstatter -Wasen waren nahezu dritthalb Jahre vergangen. Unterdessen hatte sich der -Mars wieder um eine ganz gewaltige, viele Millionen von Kilometer -betragende Entfernung von der Erde wegbewegt und war von dieser heute -nahezu doppelt so weit entfernt als zur Zeit der Abreise. Stiller rechnete -aus, daß sie, nach Erdenzeit gemessen, mindestens fünf volle Monate in der -Gondel zuzubringen hätten und auch dies nur unter der Voraussetzung, daß -kein unvorhergesehenes Ereignis den Flug des Weltenseglers störe. Waren er -und seine Gefährten einst in befriedigender körperlicher Verfassung und -ohne nennenswerte Störungen nach dem Mars gelangt, warum sollte die -Rückkehr nach der Erde schließlich nicht auch erträglich vonstatten gehen? - -Allerdings erschreckte die Länge der bevorstehenden Reise den sonst so -mutigen Mann doch etwas. Fünf volle Monate in der Gondel eingeschlossen -zuzubringen, die vielerlei damit verknüpften Entbehrungen wieder auf sich -zu nehmen, den Mangel des natürlichen Lichtes, der Bewegung zu ertragen, -das mußte auch auf das tapferste Gemüt niederdrückend wirken; Aber Stiller -schüttelte alle trüben Gedanken nachdrücklich ab und freute sich über die -großartigen technischen Kenntnisse der »Findigen«, die ihm nicht nur ein -ähnliches Gas zur Füllung seines Luftschiffes bereiteten, wie es das -Argonauton war, sondern die auch durch die Kunst der Haltbarmachung der -wichtigsten Nahrungsmittel für die Reise meisterhaft zu sorgen verstanden. -An elektrischer Kraft, fester Luft und dergleichen, deren Herstellung den -Findigen schon seit alten Zeiten bekannt war, fehlte es auch nicht, und der -Weltensegler führte jetzt ganz andere Mengen dieser Kräfte und -Existenzmittel mit sich als zur Zeit seines Aufstieges. Ohne Lärm, ohne den -geringsten Verdruß war die Instandsetzung des Luftschiffs vor sich -gegangen. Wie vorteilhaft stach diese Art der Arbeit hier gegen die auf dem -Cannstatter Wasen vor mehr als zwei Jahre ab! Dank der hohen Intelligenz, -der Bereitwilligkeit und dem Eifer der Findigen befand sich der -Weltensegler in so vortrefflichem Zustande, daß die gefahrvolle Reise -jederzeit angetreten werden konnte. - -Stiller hielt es für seine Pflicht, seine Gefährten über den Gang der -Vorbereitungen zur Abfahrt auf dem laufenden zu halten. Er verschwieg den -Freunden auch nicht die ungefähre Dauer der Rückreise. Anfangs waren die -Kollegen über die Aussicht, so viele Monate in der Gondel zubringen zu -müssen, sehr erschrocken gewesen, hatten sich dann aber rasch wieder gefaßt -und sahen der Zukunft mit Mut und Vertrauen entgegen. Nur Frommherz äußerte -sich nicht. Still und scheu schlich er herum, während die übrigen Herren -ihre bescheidenen Habseligkeiten zu packen und in die Gondel zu schaffen -anfingen. - -Der Weltensegler war aus seinem Unterkunftshause herausgenommen worden und -schaukelte sich, sorgfältig verankert, an dem Orte, an dem er einst -niedergegangen war. Der letzte Tag des Aufenthaltes auf dem Mars war nur zu -schnell herangekommen. Morgen in aller Frühe sollte die Abfahrt von Lumata -erfolgen. Eran, der gastfreie, würdige Alte, hatte es sich nicht nehmen -lassen, seinen Gästen noch ein reiches Abschiedsmahl zu bieten, zu dessen -Verschönerung und Weihe die Harfenspieler und Sänger von Lumata wieder das -Ihrige beitrugen. Ganz Lumata war auf den Füßen. Die Arbeit ruhte überall. -Allerorts hatten sich die biedern Schwaben beliebt zu machen verstanden. -Niemand war da, der den Fortgang der wackeren Männer nicht aufrichtig -bedauerte. Aber sie hatten Familie, hatten Väter, Mütter, Brüder und -Schwestern unten auf der Erde. Eine Rückkehr dahin erschien den Marsiten -mit ihrem so hoch entwickelten Familien- und Gemeinsinn nur als ein Gebot -der Pflicht. - - - - -Achtes Kapitel -Ein Abtrünniger - - -Während des Essens und der allgemein herrschenden bewegten Stimmung war es -niemand besonders aufgefallen, daß Frommherz verschwand. Als nach dem -Schlusse des Mahles, das sich bis in die ersten Morgenstunden des neuen -Tages hineingezogen hatte, die Erdensöhne aufstanden und im Begriffe waren, -das Haus Erans, das sie zwei Jahre lang beherbergt hatte, zu verlassen, -entdeckte man das Fehlen des Freundes. Man suchte ihn überall im Hause, -fand ihn aber nicht. Dagegen entdeckte man einen Brief, der auf dem Tische -seines Zimmers lag. »An meine Freunde und Gefährten!« lautete die Adresse. - -Stiller öffnete das Schreiben und überflog dessen Inhalt. »Wir haben es -leider mit einem Abtrünnigen zu tun,« erklärte er den besorgten Genossen. -»Hören Sie, was Frommherz schreibt. Aber setzen wir uns zunächst wieder, -und beratschlagen wir nachher, was zu tun ist.« - -Die Herren entsprachen der Bitte, und Stiller ersuchte Eran und die übrigen -Marsiten unter Hinweis auf das Fehlen des siebenten und letzten -Reisegenossen um einen kurzen Augenblick Geduld. Eran zog sich sofort mit -den Seinen zurück und ließ die Herren allein. - -»Zum Kuckuck, dacht' ich mir's doch so halb und halb, daß Frommherz -fahnenflüchtig werden würde!« begann Piller zornig. »Lesen Sie einmal die -Epistel vor, Stiller!« - -»Verzeiht mir, teure Freunde und Gefährten, daß ich Euch eine schmerzhafte -Enttäuschung bereite. Ich kann es nicht über mich bringen, mit Euch nach -der Erde und nach unserer alten Heimat zurückzukehren. Aufs schwerste habe -ich deshalb mit mir gekämpft und gerungen. Ich vermag den Mars nicht zu -verlassen, es würde mein sicherer Tod sein, und den wollt Ihr doch auch -nicht. Hier oben habe ich alles verwirklicht gefunden, was ich unten in -ahnender Sehnsucht geträumt. Und nun soll ich ein Eden verlassen und in -enge, unaufrichtige Verhältnisse und Lebensanschauungen wieder -zurückkehren, nachdem ich so lange das reine Licht der Wahrheit geschaut -habe? Nein, es kann nicht sein! Hat uns nicht der ehrwürdige Anan selbst in -Angola das Bleiben hier oben freigestellt? Gut, so will wenigstens ich von -diesem Anerbieten Gebrauch machen und Euch allein heimwärts ziehen lassen. - -Wohl weiß ich, daß ich Euch durch meinen Entschluß kränke, aber ich kann -wirklich nicht anders handeln. Richtet nicht zu strenge über mich und -verzeiht mir, wenn möglich, in Liebe! Freiwillig bleibe ich hier oben. Es -kann Euch somit keine Verantwortung dafür treffen, daß Ihr allein, ohne -mich, nach der Heimat zurückkehrt. Möget Ihr sie glücklich erreichen! Dies -ist mein innigster, aufrichtigster Wunsch. Grüßt mir mein Tübingen, grüßt -mir mein liebes Schwabenland und meine Verwandten dort! Sagt ihnen, daß ich -mich hier oben überglücklich, wie im Paradiese fühle und deshalb nicht mehr -zur Erde mit ihrer Qual zurückgekehrt sei. Macht keine Anstrengungen, mich -zu suchen. Ihr würdet mich doch nicht in meinem sichern Versteck finden, in -dem ich so lange bleiben werde, bis Ihr abgefahren seid. Lebt wohl! In -treuem Gedenken bin und bleibe ich Euer Friedolin Frommherz.« - -In finsterem Schweigen verharrten die Herren einen Augenblick, nachdem -Stiller den Brief vorgelesen hatte. - -»Der elende Drückeberger!« hob Dubelmeier zu knurren an. »Jetzt fällt es -mir wie Schuppen von den Augen, warum er sich in den letzten Wochen so -sonderbar benommen hat.« - -»Blamiert sind wir, heillos blamiert!« schrie Piller. »Wie stehen wir nun -da? Wo bleibt unsere gerühmte Ehrenhaftigkeit?« - -»Beauftragen wir Eran, Frommherz zu suchen! Der findet den Ausreißer -gewiß,« riet Hämmerle. - -»Diesem Vorschlage möchte ich beistimmen,« fügte Thudium bei. - -»Es geht doch nicht an, daß wir Frommherz hier zurücklassen. Entweder wir -bleiben alle, oder wir gehen alle zusammen. Das ist klar!« fügte Brummhuber -bei. - -»Meine lieben Freunde, schenken Sie mir ein wenig Gehör,« bat Stiller die -aufgeregten Gefährten. »Ich begreife und billige ja völlig Ihre Entrüstung -über das Benehmen Frommherz' und teile es. Aber wir haben durchaus kein -Recht, ihm unsern Willen aufzuzwingen. Er ist seinerzeit freiwillig -mitgegangen und mag freiwillig zurückbleiben. Aber er hätte klar und offen -handeln sollen. Mag er diese Handlungsweise vor seinem eigenen Gewissen -verantworten! Nehmen wir die Sache, wie sie einmal ist. Unserm Andenken und -unserer persönlichen Ehrenhaftigkeit kann das Bleiben Frommherz' hier oben -nicht das geringste anhaben. Im Gegenteil! Wir stehen immer als das da, -wofür man uns nahm und hielt. Frommherz dürfte in dieser Beziehung bei den -strengen Moralbegriffen der Marsiten nicht gut wegkommen. Ziehen wir also -allein, ohne ihn! Ja, ich rate sogar zur Nachsicht und Milde. Seien wir -aufrichtig! Ziehen wir vielleicht gern, leichten Herzens von hier fort?« - -»Nein, gewiß nicht!« ertönte es fünfstimmig. - -»Nun wohl! So wollen wir die Lage, in die sich unser Frommherz freiwillig -begeben, wenigstens zum Guten zu wenden suchen: wir empfehlen den -Zurückbleibenden der Güte und Nachsicht unseres lieben, ehrwürdigen Eran.« - -»Das fehlte noch!« wetterte Piller. - -»Warum nicht?« - -»Ich verstehe Sie einfach nicht, Stiller!« - -»Nun, so lassen Sie mich ruhig fortfahren. Während des Lesens von -Frommherz' Brief ist mir der Gedanke gekommen, daß unser Freund nach unsrer -Abreise zur Strafe für sein eigenmächtiges Zurückbleiben und den dadurch -bewiesenen Mangel an Gemeinschaftsgefühl möglicherweise nach den Gefilden -der Vergessenen verbannt werden könnte.« - -»Was ihm ganz recht geschehen würde!« warf hier Brummhuber ein. - -»Nein, das wollen wir ihm eben zu ersparen suchen. Möge er unter ähnlichen -Bedingungen wie bisher hier weiter leben! Dieses Bewußtsein läßt uns später -mit reineren Gefühlen an den Freund zurückdenken und wirft keinen Schatten -auf die Erinnerung an unsere schöne Aufenthaltszeit hier oben. Nun wohl, so -lassen Sie mich, bitte, gewähren! Ich rede nachher mit Eran und suche mit -ihm zusammen das Unangenehme möglichst gut zu ordnen.« - -»Stiller, Sie beschämen uns, Sie sind ein braver Kerl -- der Beste von -uns!« Piller schneuzte sich sehr kräftig nach diesen Worten . . . - -»O nein, mein Lieber! Ich war nur nicht umsonst hier oben unter diesen -prächtigen, hoch denkenden und handelnden Menschen. Sie sehen nur, daß ich -von ihnen etwas gelernt habe.« - -»Wenn einer oben zu bleiben wirklich würdig wäre, so wären Sie es, -Stiller!« rief begeistert Hämmerle. - -»Lassen wir das!« wehrte Stiller ab. »Und nun will ich mit Eran Rücksprache -nehmen.« Ohne das geringste Zeichen des Erstaunens zu zeigen oder einen -Laut der Verwunderung hören zu lassen, vernahm der ehrwürdige Alte den -Bericht Stillers. - -»Auch ich finde, daß du wohl daran tust, deinen Bruder nicht zu zwingen, -die Rückreise mit euch anzutreten. Ein jeder Mensch hat bis zu einem -gewissen Grade das Recht der Selbstbestimmung. Aber dieses Recht schließt -nicht das Unrecht eures flüchtigen Bruders aus, das ich in der Art und -Weise erblicke, wie er sein Hierbleiben durchsetzen will. Laß ihn aber nur -hier und zieh mit deinen Brüdern hinab auf die Erde! Wir werden mit -Friedolin nicht allzu scharf ins Gericht gehen.« - -»Darüber möchte ich eben beruhigt werden, ehrwürdiger Eran.« - -»Sei deshalb ohne Sorge! Taucht er nach eurer Abreise auf, so werde ich ihn -persönlich nach Angola bringen und bei Anan Fürsprache für den Sünder -einlegen. Aber eine kleine Strafe muß sein. Ich habe bereits über ihre Art -nachgedacht.« - -»Worin soll sie bestehen?« fragte neugierig geworden Stiller. - -»Friedolin soll uns ein Wörterbuch eurer Sprache schreiben. Ihr habt uns ja -als Andenken einige Werke eurer hervorragendsten heimischen Dichter und -Denker geschenkt. Nun gut, wir wollen diese Werke in der Originalsprache -lesen, um uns ein klares Bild von euren Meistern machen zu können. Dazu -brauchen wir aber ein Wörterbuch.« - -»Diese Strafe lasse ich mir gefallen. Freund Friedolin wird die ihm -gestellte Aufgabe zu eurer Zufriedenheit lösen, davon bin ich überzeugt.« - -Damit war der Fall Frommherz erledigt. Stiller setzte seine Gefährten von -dem Ergebnis der Besprechung in Kenntnis, und die Herren priesen von neuem -die Güte und Nachsicht Erans, des wackern Patriarchen. - -Nach der Zeitrechnung der Erde, die Stiller auch auf dem Mars unter -genauester Berücksichtigung der Unterschiede in den täglichen -Umdrehungszeiten von Mars und Erde weitergeführt hatte, war heute der -siebente März herangekommen und mit ihm die Stunde der Abfahrt. - -Eran hatte darauf bestanden, die sechs Erdensöhne zum Weltensegler zu -begleiten. Auch Lumatas erwachsene Bevölkerung zog mit. Ernstes Schweigen, -der Ausdruck ehrlichen Schmerzes über die Trennung, herrschte in der ganzen -Schar. So schritten sie wortlos dahin zu der Wiese, auf der sich der -Weltensegler in der klaren und reinen Luft des heraufziehenden Tages -schaukelte. - -»Nehmen wir kurz und rasch Abschied, vergrößern wir nicht das Weh der -Trennung durch weitere Worte!« sprach Eran, einen der Schwaben nach dem -andern umarmend. »Möge ein gutes Geschick eure Heimreise begleiten! Kommt -glücklich in eurer Heimat an.« - -Ein Händedruck noch, ein Winken von allen Seiten, und die kühnen -Weltensegler stiegen in die Gondel. Die Taue wurden gelöst, langsam und -stolz, begrüßt von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, begann sich -der Ballon zu heben. Da kam eilenden Laufes Friedolin Frommherz daher. Die -Menge machte ihm Platz. - -»Lebt wohl, Freunde!« rief er mit lauter Stimme. »Nochmals: verzeiht mir, -daß ich bleibe und nicht mit euch zurückkehre! Reist glücklich und grüßt, -mir mein teures Schwabenland!« - -Aber die Herren in der Gondel hörten nur noch schwach, was ihnen Frommherz -nachrief. Zu antworten vermochten sie nicht mehr. In immer rascherem Fluge -entfernte sich der Weltensegler von dem wunderbaren Planeten und schwebte -bald im dunkeln, kalten Weltenraum. - - - - -Neuntes Kapitel -Wieder auf der Erde - - -Der Zeiger der Zeituhr war auch in Stuttgart nach der so ungeheures -Aufsehen erregenden Abfahrt der sieben Söhne des Schwabenlandes um Jahr und -Tag vorgerückt. Wo mochten sie wohl stecken, die wagemutigen Landsleute? Ob -sie wirklich den Mars erreicht hatten? Möglicherweise waren sie gar nicht -nach diesem Planeten gelangt, sondern vielleicht auf einem der zahlreichen -Planetoiden abgestiegen, oder die Expedition war verunglückt und die arme -Forscherschar dann für immer verschollen im ungeheuren Weltenraume. -Letztere Ansicht wurde allgemein als die richtige angenommen und geglaubt. - -Nach dem Aufstieg des Weltenseglers unterhielt man sich anfänglich in -Stuttgart noch viel und lebhaft über die Reise der Forscher, und Fragen -aller Art waren aufgeworfen worden; nach und nach aber schlief das früher -so lebhafte Interesse für die Marsexpedition ein. Neue Zeitfragen, aktuelle -Ereignisse waren aufgetaucht und verdrängten schließlich die Erinnerung an -das märchenhafte Unternehmen. - -Da, plötzlich wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel schlug an einem -Septembertage die Nachricht in Stuttgart ein, die Herren Professoren, die -vor bald drei Jahren vom Cannstatter Wasen aus nach dem Mars abgefahren -waren, seien auf einer Insel in der fernen Südsee niedergegangen, und zwar -mit ihrem Luftschiff, dem Weltensegler. Im ersten Augenblick wollte kein -Mensch an diese Nachricht glauben; man hielt sie für einen schlechten -Scherz. Als sie aber unter den amtlichen Mitteilungen im »Staatsanzeiger« -erschien und durch Tausende von Extrablättern sofort weiter verbreitet -wurde, da wurden schließlich auch die hartnäckigsten Zweifler von der -Wahrheit der Nachricht überzeugt. - -In lakonischer Kürze lautete der telegraphische Bericht: - -Matupi, 31. August, nachts. - -Weltensegler vom Mars zurück, hier niedergegangen. Stiller, Piller, -Brummhuber, Hämmerle, Dubelmeier, Thudium. Befinden relativ wohl. - -In der ersten großen Überraschung fiel es vielen gar nicht auf, daß in dem -Telegramm nur von sechs Teilnehmern die Rede war. Erst nach und nach wurde -des fehlenden siebenten Mitgliedes der Expedition gedacht. Die Meinung -hierüber war rasch gefaßt: Frommherz mußte während der Reise zweifellos -gestorben sein. - -Mit größter Ungeduld sah die engere wie die weitere Heimat, die gesamte -Kulturwelt näheren Nachrichten entgegen. Welch interessante, spannende -Berichte standen von den schon verloren geglaubten Forschern zu erwarten! - - * * * * * - -Die erste Zeit nach der Abreise vom Mars verstrich den Insassen der Gondel -ganz erträglich. Nach Professor Stillers Ausspruch befand sich der -Weltensegler auf der richtigen Bahn und in der Anziehungssphäre der Erde. -Die Reise stellte an die Herren wieder die höchsten Anforderungen in Bezug -auf ihre Gesundheit, Geduld und Ausdauer. Monate waren seitdem schon -vergangen, und das Ziel, die Erde, wollte noch immer nicht auftauchen. Die -Dulder fingen an, sich mehr und mehr erschöpft zu fühlen und beneideten in -Gedanken oft den zurückgebliebenen Freund Frommherz. - -Aber schließlich muß ja auch die längste, dunkelste Nacht dem hellen Tag -weichen. Es ging gegen Ende August. Über fünf Monate schon zog der -Weltensegler durch den Ätherraum. Stiller erwartete von einem Tage zum -andern den Eintritt des Luftschiffes in die Atmosphäre der Erde. Richtig! -Eine beginnende Dämmerung zeigte ihre Nähe an. - -Wie einst bei der Annäherung an den Mars alle Drangsale der Reise im -Handumdrehen aus der Erinnerung verschwanden, so war es auch diesmal wieder -der Fall. Als Herr Stiller seinen Gefährten mitteilte, daß sie soeben in -die Erdatmosphäre eingefahren und wahrscheinlich heute noch unten auf der -Erde irgendwo landen würden, falls die Freunde nicht vorzögen, mit dem -Weltensegler unmittelbar nach Deutschland zu steuern, da erhob sich heller -Jubel in der Gondel. Vergessen waren plötzlich alle Mühe und Drangsal, -alles körperliche Unbehagen. - -»Wo es auch ist, nur herunter und heraus aus diesem verdammten Kasten!« -erklärte Piller. »Wahrhaftig, wir sind jetzt lange genug eingesperrt -gewesen!« - -»Piller hat recht,« stimmte Thudium bei - -»Keine Stunde länger als unumgänglich notwendig bleibe ich in diesem -fürchterlichen Käfig,« entschied Hämmerle, und ihm pflichteten Dubelmeier -und Brummhuber bei. - -»Nun, wenn es so mit Ihnen steht, so landen wir, wo es eben möglich ist,« -antwortete in gewohnter Ruhe Stiller. »Wir müssen aber Sorge dafür tragen, -daß wir in zivilisierter Gegend absteigen und nicht aus Versehen in den -offenen Ozean geraten.« - -»Das recht zu machen, ist Ihre Sache, Stiller,« entschied Piller. »Und nun, -Gefährten, nehmen wir einen Schluck des herrlichen Marsweines als Ausdruck -unserer Freude über die glücklich vollendete Reise! Dubelmeier, zu meiner -innigen Freude und aufrichtigen Genugtuung haben Sie sich auf dieser Fahrt -vom Saulus in einen Paulus verwandelt und an Stelle des Wassers den edlen -Wein gesetzt. Also trinken wir!« - -Während die übrigen Herren den Pokal, eine wunderbare Marsarbeit und ein -Geschenk von Angola her, kreisen ließen, hatte Herr Stiller die Ventile des -Luftschiffs gelockert und eines der Gondelfenster geöffnet. Der -Weltensegler fiel rasch abwärts. - -»Täuscht mich nicht alles, so schweben wir gerade über der australischen -Ostküste,« sprach Herr Stiller, nachdem er einen raschen Blick aus dem -Gondelfenster geworfen hatte. »Wir werden bei Brisbane in Queensland -landen.« - -»Prächtig, Stiller, alter Knabe! Prosit! Da, nehmen Sie auch einen -Schluck!« - -Piller wollte gerade seinem Kollegen den Pokal mit dem Weine reichen, als -plötzlich ein furchtbarer Windstoß die Gondel traf und mitsamt dem -Luftschiff in eine drehende, wirbelnde Bewegung versetzte. Der Pokal fiel -zu Boden, und die Herren selbst mußten sich an den nächsten festen -Gegenständen in der Gondel festhalten, um nicht wie Bälle herumgeschleudert -zu werden. - -»Wir sind im letzten Augenblick in einen Zyklon geraten, wie sie hier herum -häufig sind,« schrie Stiller seinen erschrockenen Gefährten zu. »Nun heißt -es, allen Mut zusammennehmen. Der blinde Zufall ist jetzt unser Führer.« - -In unverminderter Stärke und Heftigkeit wütete der Orkan während der -folgenden bangen Stunden. Der Wind pfiff heulend durch das offene, -zerschmetterte Fenster der Gondel und wirbelte in ihr alles herum, was -nicht befestigt war. In dem fürchterlichen Toben des Orkanes war jede -Verständigung ausgeschlossen. Die Insassen der Gondel mußten sich -schließlich der größeren Sicherheit wegen auf den Boden legen. Hilflos -trieb das Luftschiff dahin, wohin es der rasende Sturmwind trug. Es war ein -tragisches Verhängnis, das im letzten Augenblick der Reise, kurz vor der -Landung auf der Erde, die Reisenden traf. Und dabei bestand noch die große -Gefahr, daß der Weltensegler ins offene Meer treiben, und die Expedition, -die die ungeheure Reise nach und von dem Mars bisher so glücklich -überwunden hatte, zum Schlusse noch ertrinken werde. - -Traurige, trübe Gedanken bewegten die Männer. So war eine Reihe von Stunden -vergangen. Der Tag, der so vielversprechend begonnen hatte, neigte sich -seinem Ende zu. Die Gewalt des Sturmes schien nachzulassen. Möglich auch, -daß der Weltensegler gegen die Peripherie des Wirbelsturmes hinausgetrieben -worden war, kurz, die tolle Fahrt durch die Luft verringerte sich -zusehends, und die Herren konnten endlich ihre unbequeme Lage verlassen und -Ausschau halten. Zu ihrer Freude nahmen sie wahr, daß der Ballon in eine -weite, geräumige Bucht eintrieb, deren Hintergrund ein Wald von grünen -Kokospalmen bildete, umsäumt von freundlichen, kleinen Häusern. - -Rasch entschlossen öffnete Stiller die Ventile des Weltenseglers, als er -gerade über dem Palmenwalde schwebte. Einem Riesengewichte gleich fiel der -Ballon in die hohen Palmbäume, die krachend unter der merkwürdigen Last -zusammenbrachen. Weißgekleidete Männer eilten an den Ort des Niederganges -herbei. Ihnen gesellten sich die fast nackten, dunkeln Gestalten der -Eingeborenen bei, die schreiend und gestikulierend um den Platz -herumstanden, den sich der Weltensegler in ihrem Palmenwalde geschaffen -hatte. - -Bald lag der übel zugerichtete Weltensegler fest verankert im Palmenwalde. - -»Wo sind wir denn?« fragte Piller zum Gondelfenster heraus. - -»Auf Matupi, im Südseearchipel,« lautete die Antwort. - -»Wahrlich, das war noch Glück! Beinahe wären wir ertrunken; viel fehlte -nicht mehr,« meinte Dubelmeier. - -»Nun, dann hätten Sie eben im Wasser, Ihrem Element, geendet,« brummte -Piller. - -»Heraus, Freunde, heraus aus der Gondel und endlich hinab auf festen -Boden!« drängte Stiller. - -Als die Herren ausgestiegen waren, stellte sich der Führer der Weißen als -Gouverneur der Insel vor. - -»Wir sind aus Schwaben,« entgegnete Stiller lächelnd, »Professoren an der -Universität in Tübingen, und sind seinerzeit von Deutschland aus mit dem -Luftschiff aufgestiegen. Schwaben kennt man ja überall in der Welt. Sollten -Sie je einmal nach dem fernen Mars kommen, so werden Sie selbst da einen -zurückgebliebenen engeren Landsmann von uns antreffen.« - -Der Gouverneur starrte etwas verwirrt den Sprecher, an, den er nicht recht -begriffen hatte. - -»Sie kommen mit Ihrem Luftschiff aus Deutschland her?« - -»Direkt nicht, indirekt ja, direkt vom Mars! Haben Sie niemals von der -Expedition nach dem Mars gehört? Es sind allerdings jetzt ungefähr zwei und -drei viertel Jahre her, seit wir vom Cannstatter Wasen abgereist sind.« - -»Ah -- ja, jetzt erinnere ich mich, von dieser ganz ungeheuerlich -klingenden Reise einst gelesen zu haben. Und Sie wären wirklich die kühnen -Reisenden . . .?« - -»Ja,« unterbrach Piller den Zweifelnden, »glauben Sie denn, daß sechs -ehrenhafte schwäbische Professoren Ihnen etwas Unwahres vordunsten wollen? -Wir sind die sieben Schwaben, die nach dem Mars fuhren. Wir waren zwei -Jahre oben und kommen nur deshalb zu sechst zurück, weil der siebente oben -geblieben ist. Verstehen Sie nun? Im übrigen heiße ich Professor Paracelsus -Piller.« - -»Entschuldigen Sie,« erwiderte, der Gouverneur, »ich glaube Ihnen aufs -Wort. Ich war nur furchtbar verwirrt, und meine Gedanken jagten sich -förmlich unter dem Eindrucke des Gehörten. -- Darf ich Sie nun zu einem -Mahl und einem guten Trunk einladen?« - -»Aber natürlich! Gewiß! Mit größtem Vergnügen!« erklärten die Herren, die -seit bald einem halben Jahr keine warme Suppe mehr gesehen hatten. - -»Das Gehen wird uns etwas schwer. Unsere Gliedmaßen sind ziemlich steif -geworden,« erklärte Stiller dem Gouverneur, als er etwas mühsam neben ihm -dessen naher Behausung zuschritt. »Wir sind am 7. März von oben abgefahren. -Heute haben wir, irr' ich mich nicht, den 31. August. Mithin sind wir -nahezu sechs Monate in der Gondel gewesen. Eine lange, bange Zeit!« - -»Wie stolz bin ich darauf, daß Sie gerade hier bei uns landen mußten!« - -»Na, um ein Haar wäre unsere Expedition in letzter Stunde noch verunglückt, -und niemand hätte dann die Ergebnisse unserer Reise erfahren. Doch -einstweilen genug davon! Wir scheinen hier zur Stelle zu sein.« - -»Treten Sie ein in mein Haus, das nun das Ihre ist, und lassen Sie mich der -erste sein, der Ihnen, den kühnsten Reisenden, die je gelebt, den Willkomm -auf unserer Mutter Erde bietet. Entschuldigen Sie, daß ich diese -Begrüßungsformel erst jetzt ausspreche. Allein ich war durch Ihre -überraschende Ankunft hier tatsächlich ganz verblüfft.« Der Gouverneur -schüttelte jedem der Professoren herzlich die Hand und stellte sie den -übrigen Herren vor, die voll Hochachtung auf die vom Himmel -heruntergefallenen Gäste blickten. - -Die Weltensegler entledigten sich zunächst ihrer Pelzmäntel und nahmen gern -das freundliche Anerbieten an, die schwere Reisekleidung gegen leichte, -weiße Tropenanzüge zu vertauschen, die den Herren in einem Nebenzimmer -bereitgelegt wurden. Rasch war dieser Wechsel vollzogen, und bald lagen die -Herren in ihrer bequemen Tropentracht auf der luftigen Veranda in großen -Korbstühlen. Draußen strömte der Regen nieder, und sein prasselndes -Geräusch auf dem Dache erhöhte noch das Gefühl der Behaglichkeit. - -Unterdessen sorgte der Gouverneur für einen stärkenden Trank. Gekühlter -Champagner wurde durch die lautlos herumhuschende schwarze Dienerschaft den -Herren kredenzt. - -»Sie müssen morgen unsere Marstropfen versuchen,« sprach Piller zum -Gouverneur, als er sein Glas mit einem Zuge ausgetrunken hatte und es zum -zweiten Male füllen ließ. - -»Was, Sie haben sogar Wein von oben mitgebracht?« antwortete der erstaunt. - -»Und was für einen guten!« schmunzelte Piller. »Sogar mein sonst nur -wassertrinkender Kollege hier, Herr Professor Dubelmeier, ist durch diesen -Göttertropfen besiegt worden.« - -»Nur durch die Gewalt der Umstände,« wehrte sich Dubelmeier. - -»Streiten wir nicht darüber, Dubelmeierchen! Lassen Sie uns alle anstoßen -und rufen: Hoch Deutschland und das Schwabenland!« Die Gläser klangen -zusammen. - -»Ein Hoch unsern hochverehrten Gästen!« lud der Gouverneur die Beamten von -Matupi ein. Nachdem dieser Ruf verklungen war, wurde das Essen als -angerichtet gemeldet, und die Gesellschaft begab sich in das Speisezimmer. -Mit gutem Appetit langten die Herren zu, und bald herrschte eine allgemeine -rege Unterhaltung. - -»Wollen Sie nicht Ihre Ankunft nach Stuttgart kabeln?« fragte der -Gouverneur. »Welch ungeheure Überraschung wird diese Mitteilung in Ihrer -Heimat erregen!« - -»Ja, das werden wir,« entgegnete Stiller. »Ich denke übrigens, daß wir mit -dem nächsten Schiffe von hier nach Deutschland abreisen.« - -»Wir haben vierzehntägige Dampferverbindung zwischen hier und Singapore. -Dort können Sie dann sofort Anschluß nach Europa finden. Aber ich bin -glücklich darüber, daß vor einer Woche der letzte Dampfer von hier abfuhr -und Sie daher, meine verehrten Herren, noch volle sieben Tage unsere -willkommenen Gäste sein müssen,« sprach der Gouverneur lächelnd. »Sie haben -wohl Wunderbares auf Ihrer Reise und oben auf dem Mars erlebt?« - -»Darüber wollen wir einige Bücher veröffentlichen, denn unsere Berichte -werden Bände füllen,« erwiderte Stiller. - -»Und Sie sollen das Werk später erhalten als Zeichen unseres Dankes für -Ihre gastliche Aufnahme,« fügte Piller bei, »denn wenn wir Ihnen alles -mündlich erzählen wollten, was wir erlebt haben, so müßten wir manchen -Dampfer versäumen. Das geht aber nicht. Es drängt uns, endlich wieder -heimzukommen.« - -»Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Sie werden wohl allerlei interessante -Sachen vom Mars mitgebracht haben?« - -»Gewiß! Morgen sollen Sie verschiedenes sehen, und daraus können Sie dann -leicht erkennen, auf welch hoher Stufe der Kultur die Bewohner jenes -prächtigen Planeten stehen, die das Menschentum in seinem erhabensten -Begriffe verwirklichen,« erwiderte Stiller. »Zum zweiten Male möchten wir -aber die Reise nicht mehr machen. Nicht nur ist sie voller Gefahren, sie -ist auch fürchterlich anstrengend. Es war nicht unser eigenes Verdienst, -sondern lediglich ein Spiel des Zufalles, daß wir die Reise hin und her im -Weltraum unter verhältnismäßig guten Bedingungen ausführen konnten. Und -heute morgen, als wir über Queensland schwebten und gerade im Begriffe -waren, auf Brisbane zuzusteuern, da packte uns plötzlich der Orkan und warf -uns hierher.« - -»Das ist allerdings sehr zu bedauern, daß Sie zum Schluß Ihrer ungeheuren -Reise noch in den Zyklon geraten mußten. Wie ich vernahm, hat der Sturm auf -den andern Inseln des Archipels schwer gehaust. Aber ich preise ihn doch -ein wenig, diesen Wirbelwind, hat er uns doch Sie, die berühmten Söhne des -Schwabenlandes, als Gäste zugeführt.« - -Nach Beendigung des Begrüßungsmahls wurden die Reisenden in den Häusern der -verschiedenen Beamten auf Matupi untergebracht, und bald lagen sie in -tiefem, traumlosem Schlafe. Noch in der gleichen Nacht ging das Telegramm -nach Stuttgart ab. - -Als sich die Reisenden am andern Morgen durch ein Bad in dem klaren Wasser -der Bucht erquickt hatten, traf bereits die Antwort von Stuttgart ein: -Staatsregierung und Stadtrat hatten den ersten warmen Willkomm aus der -Heimat gesandt und zugleich um Auskunft über Herrn Frommherz gebeten, da er -nicht auf der Liste der Zurückgekehrten angeführt war. Die Antwort lautete: - -»Frommherz freiwillig auf Mars zurückgeblieben. Expedition dahin geglückt. -Zwei Jahre oben gewesen. Hoffen, in etwa vier Wochen in Stuttgart -einzutreffen. - -Stiller.« - -Mit Staunen betrachteten der Gouverneur und die Beamten von Matupi die -geniale Einrichtung der Gondel, die ihnen von Stiller gezeigt und erklärt -wurde. Noch mehr aber staunten sie über die Kunsterzeugnisse aus Silber und -Gold und über die mannigfachen und wertvollen Geschenke der Marsiten. -Leider fand sich das goldene Buch nicht mehr vor. Da die Gondel -abgeschlossen war, so konnte an einen Diebstahl während der Nacht um so -weniger gedacht werden, als auch die Eingeborenen für den Wert des -Gegenstandes kein Verständnis gehabt hätten. So mußte angenommen werden, -daß das Buch durch eine der Gondelklappen hinaus in den Weltenraum gefallen -sei, ein unersetzlicher Verlust, der auf das Gemüt der Professoren recht -niederdrückend wirkte. Schließlich aber siegte die Freude der Rückkehr über -alle trüben Gedanken. - -Piller ließ es sich nicht nehmen, die Herren von Matupi in der Gondel mit -dem kleinen Reste von Wein zu bewirten, der noch vom Mars her vorhanden -war. Sie alle erklärten, einen so feinen und feurigen Wein noch nie zuvor -im Leben getrunken zu haben. - -Die Tage auf Matupi waren dem Packen der mitgenommenen Habe und dem Bergen -der Instrumente gewidmet. Ballon und Gondel sollten später zerlegt und nach -Hause gesandt werden. Pünktlich am 7. September morgens lief der Dampfer -»Venus« in die Bucht ein und ging der Faktorei von Matupi gegenüber vor -Anker. Nach herzlichem Abschiede fuhren die Herren noch am Abend des -gleichen Tages von Matupi ab. - -»Ein merkwürdiges Zusammentreffen von Namen!« sprach Stiller zu seinen -Gefährten, als sie sich an Bord des Schiffes behaglich eingerichtet hatten. -»Vom Mars kommen wir, auf der Venus fahren wir durch die blauen Wogen der -Südsee, und die »Stuttgart« erwartet uns, wie der Gouverneur sagte, in -Singapore, um uns nach Genua zu bringen.« - -Eine Woche später traf der Dampfer in Singapore ein. Schon bei der Einfahrt -in den geräumigen Hafen war die »Venus« mit ihren berühmten schwäbischen -Fahrgästen der Gegenstand allseitiger Ehrung. Die zahlreichen im Hafen -liegenden Schiffe aller möglichen Nationen trugen Flaggengala, und bis auf -die malaiischen Prauws und chinesischen Dschunken herunter war alles -festlich gekleidet. Von den Festungswerken wurde Ehrensalut gefeuert, als -die »Venus« langsam ihrem Anlegeplatz zufuhr. - -In feierlicher Weise wurden die kühnen Marsreisenden von den Behörden und -Konsuln Singapores begrüßt. Dann fand im festlich geschmückten Hause des -deutschen Klubs das unvermeidliche Festessen mit den üblichen Reden statt. -Die sechs Herren waren froh, als sie nach all dem Festtrubel und der -glühenden Tropenhitze Singapores glücklich auf Deck der »Stuttgart« saßen, -die nach dem Eintreffen ihrer Ehrenpassagiere sofort die Anker lichtete und -die Straße von Malakka hinaufdampfte. - -»Empfinden Sie nicht auch wieder den alten, starken Widerwillen gegen diese -Art offizieller Huldigungen, die im Grunde genommen doch meist den Stempel -der Unwahrheit tragen?« fragte Piller seinen Freund Stiller. - -»Es geht mir wie Ihnen,« erwiderte Stiller. »Mit der würdigen und -harmonischen Weise, mit der in Angola Feste gefeiert wurden, stehen diese -lauten Bankette, bei denen jeder sein liebes Ich möglichst vorzudrängen -sucht, in grellem Gegensatz. Im Verkehre mit den Marsiten hatten wir sofort -die Empfindung des Behagens. Hier unten erwacht sofort wieder das alte -Unbehagen in der Berührung mit der Menge. Wir fühlen eben instinktiv, daß -all die Worte lauter Anerkennung, die sündflutartig immer auf den -niederprasseln, der einen nennenswerten äußern Erfolg gehabt hat, vielfach -wenigstens gar nicht ernst gemeint sind.« - -»Sie sprechen genau meine Meinung aus!« bestätigte Dubelmeier, der dem -Gespräch der beiden Gefährten aufmerksam gefolgt war. »Auch ich gestehe, -daß mir diese Festessen und Festreden schon jetzt zuwider geworden sind, -nachdem sie kaum begonnen haben.« - -»Na, wir werden uns noch durch eine ganze Reihe solcher öffentlichen -Veranstaltungen durchwinden müssen, bis wir endlich ungestört in der Stille -unseres Studierzimmers arbeiten dürfen,« antwortete Piller. - -»Dem entgehen wir leider nicht. Ein Glück, daß wir auf dem Meere noch eine -Ruhepause haben, bevor der Haupttrubel in der Heimat beginnt!« entgegnete -Dubelmeier. - -Aber schon in Colombo begann in vermehrter Auflage das Feiern der berühmten -Schwabensöhne, und als die »Stuttgart« in Suez eintraf, bat die ägyptische -Regierung um die Ehre ihres Besuches in Kairo. Endlich nach zweitägigen -Festlichkeiten waren die Marsfahrer wieder auf dem Schiffe, das nun seinen -Kurs direkt nach Genua nahm. Dort trafen die Reisenden Anfang Oktober ein. -Nach fast dreijähriger Abwesenheit betraten sie hier zum erstenmal wieder -den Boden Europas. - - - - -Zehntes Kapitel -In der Heimat - - -Die Reise der Herren durch Italien glich einem Triumphzuge. Halb betäubt -von all dem Lärm der letzten Tage langten die Professoren auf der Station -Hasenberg an, zu deren Füßen sich Schwabens Hauptstadt malerisch schön -ausbreitet. Obgleich es Herbst war, prangte hier alles im reichsten -Blumenschmuck. Vertreter des Staats, der Tübinger Universität, die Väter -der Stadt, weißgekleidete Ehrenjungfrauen, Musikkapellen und eine -tausendköpfige Menschenmenge erwarteten hier die Heimkehrenden. - -Schon während der Fahrt durch Schwaben läuteten alle Glocken, nicht nur der -Stationen, die der Zug berührte, sondern auch aller Dörfer in der Nähe des -Bahnkörpers. Ein brausendes Hoch empfing den blumenbekränzten Zug, als er -am 7. Oktober mittags vier Uhr aus dem Hasenbergtunnel herausfuhr. Die -vereinigten Musikkapellen von Stuttgart spielten eine Begrüßungshymne, die -eigens für diesen Zweck von Musikdirektor Klingle komponiert worden war. -Alsdann begann unten in der Stadt das feierliche Spiel der Glocken. Es -pflanzte sich fort auf die Vorstädte und erinnerte an die Stunde jenes -Dezemberabends vor bald drei Jahren, an dem die Herren die kühne Fahrt nach -dem fernen Planeten angetreten hatten. - -Die Begrüßungs- und Bewillkommungsreden verhallten im Lärm der allgemeinen -Festesfreude. Die Autoelektrikwagen wurden bestiegen. Im ersten saßen die -sechs Zurückgekehrten, Riesensträuße in den Händen. Langsam ging es durch -die sich drängende, jubelnde Menschenmenge hinab in die reichbeflaggte -Stadt. Eine kurze Rast in Marquardts Hotel wurde den so wunderbar wieder -heimgekehrten, aber sichtlich erschöpften Gelehrten gestattet, dann aber -mußten sie weitere Opfer der gesellschaftlichen Ordnung bringen. - -In feierlichem Zuge, unter den betäubenden Hochrufen der in den Straßen -flutenden Menschmenge wurden die Gelehrten nach der Liederhalle geleitet. -In ihr sollte der offizielle Akt der Begrüßung vor sich gehen. Im großen -Festsaale erwartete eine auserlesene Gesellschaft aus allen Kreisen der -Hauptstadt die Professoren. Mit jubelndem Zurufe wurden diese begrüßt, als -sie in den Saal traten. - -Ein Vertreter der Regierung begrüßte als Vorsitzender in warmen Worten die -kühnen Weltensegler, die durch die einzig dastehende Fahrt nach dem Mars -ihre Namen nicht nur unsterblich gemacht, sondern dadurch auch das Ansehen -und die Ehre der engeren Heimat in der gesamten Kulturwelt gefördert -hatten. Schwaben sei stolz auf so würdige Söhne und wolle sie zunächst -dadurch ehren, daß an dem Orte ihres Aufstieges auf dem Cannstatter Wasen -ein Obelisk aus heimischem Granit errichtet werde, der die Namen der -Teilnehmer an der Expedition und die allgemeinen Daten über sie -eingemeißelt in den Stein tragen solle. Weitere äußere Ehrungen seien -vorgesehen; denn eine solche Tat, wie sie Schwabens Söhne ausgeführt, könne -überhaupt nicht gebührend genug anerkannt werden. Zunächst überreiche er im -Namen der Regierung jedem der Herren einen goldenen Lorbeerkranz, auf -dessen Blättern der Name des Trägers und die Daten der Marsreise -eingraviert seien. - -Nachdem die Übergabe der goldenen Kränze unter rauschender Musikbegleitung -vor sich gegangen war, begann das Bankett. Klugerweise war vorher bestimmt -worden, daß während des Essens keinerlei Reden gehalten werden sollten. Als -das Essen beendigt war, bestieg Stiller das Podium des Saales, um von hier -aus zu der glänzenden Versammlung zu sprechen. - -»Verehrte Anwesende! In meiner und meiner treuen Gefährten Namen danke ich -Ihnen zunächst für die Herzlichkeit des Willkomms, den Sie uns zuteil -werden ließen. Er hat uns sehr gerührt. Nehmen Sie es uns aber nicht übel, -wenn wir Sie bitten, von jeder weiteren äußeren Ehrung unserer bescheidenen -Persönlichkeiten Abstand nehmen zu wollen. Was wir ausgeführt, was wir -getan, war ja nur dadurch möglich, daß uns ein seltenes Glück zur Seite -stand. Wo aber der Mensch nur durch die Gunst äußerer Umstände sein Ziel -erreicht, da ist es mit seiner eigenen Leistung doch viel weniger weit her, -als Sie selbst vielleicht annehmen. - -Gerade auf dem Mars, bei einem Volke von idealster Lebensauffassung, -rückhaltslosester Wahrheitsliebe und tiefster Erkenntnis des eigenen Ichs, -da haben wir erst gelernt, uns nach dem wirklichen Werte richtig -einzuschätzen, wahr und streng gegen uns zu sein. Mit einer gewissen -Selbstüberhebung reisten wir einst ab, mit ruhiger, nüchterner Schätzung -unserer eigenen Person kommen wir zurück. Daraus entspringt also unsere -Bitte. - -Und nun lassen Sie mich Ihnen in kurzen Zügen ein Bild jener wunderbaren -Welt entwerfen, in der es uns vergönnt war, zwei volle Jahre leben zu -dürfen. Vorausgreifend will ich gleich bemerken, daß wir unsere Erlebnisse -in einem Sammelwerke niederlegen werden, in dem Sie dann später alles -Wünschenswerte selbst nachlesen können. -- Nach der Abfahrt von Cannstatts -Wasen langten wir nach dreimonatlichem Fluge durch den Ätherraum ziemlich -wohlbehalten auf dem Mars an. Dort trafen wir Menschen an, die uns mit -großer Gastfreundschaft aufnahmen. In dem Maße, als wir die Sprache der -Marsbewohner erlernten, gewannen wir auch mehr und mehr Einblick in deren -Leben, in ihre Sitten und Gebräuche. Voll staunender Bewunderung sahen wir -dort oben eine Lebensführung, die wir in dieser Vollkommenheit niemals für -möglich gehalten hätten. Das, was wir hier unten auf der Erde früher als -Ideal des Lebens geträumt, -- dort oben auf jenem Sterne ist es in die -schönste Wirklichkeit übersetzt. - -Was soll ich Ihnen in dieser Stunde von den Einzelheiten erzählen, die zu -der wunderbar entfalteten, natürlichen Moral jener prächtigen Menschen da -oben geführt haben! Ich fürchte dadurch nicht allein zu ermüden, sondern -auch Ihre freudige Stimmung anläßlich unserer Rückkehr zu vermindern. Dies -möchte ich aber nicht. Sie werden, wie gesagt, die Ergebnisse unserer -Expedition durch unsere Bücher genau erfahren. Nun aber können Sie mich mit -Recht fragen: >Ja, warum sind Sie denn wieder zurückgekommen aus einem Eden -nach einem Tale des Jammers, wie es unsere Erde nun einmal vorstellen -soll?< Darauf antworte ich auch offen: Wir sind schweren Herzens von oben -fortgegangen. Nicht daß man uns geradezu fortwies, nein, man stellte uns -Bleiben oder Gehen zur freiwilligen Entscheidung anheim. Nachdem wir aber -sahen, daß wir dem so hochstehenden Marsvolke doch keine Dienste leisten -konnten, die als Ausgleich für die uns gebotene Gastfreundschaft hätten -dienen können, so verlangte es schon das einfachste Anstandsgefühl, daß wir -zur Erde zurückkehrten. - -Nur Herr Friedolin Frommherz konnte sich nicht entschließen, die Rückreise -anzutreten. Er blieb oben zurück als der einzige lebendige Zeuge unseres -Aufenthaltes auf dem Mars. Unsere Ankunft auf Matupi kennen Sie. Zum -Schlusse wollen wir dem Schwäbischen Landesmuseum diejenigen Geschenke und -Andenken überweisen, die wir oben auf dem Mars, in dem herrlichen Angola, -in der Stunde des Abschiedes mit auf den Weg bekommen haben. Wir selbst -bedürfen der Sachen nicht. Wie ein Märchen voll Schönheit, voll Zauber und -strahlenden Lichtes wird jener Aufenthalt auf dem Planeten in unserer -Erinnerung weiterleben, solange wir atmen, und gäbe es eine Seelenwanderung -nach fernen Sternen, so würde ich nichts sehnlicher wünschen, als dort oben -wieder erwachen zu dürfen, wenn ich hienieden nicht mehr bin.« - -Herr Stiller trat ab. Lautlos hatte die Versammlung seinen Worten -gelauscht. Manches Gesicht der Anwesenden drückte tiefe Ergriffenheit aus, -als Herr Stiller geendet. So hatte man sich die Sache doch nicht -vorgestellt. Wohin war die Festesfreude plötzlich gekommen? Herr Klingle -griff in die beklemmende Stille, die sich der Versammlung bemächtigt hatte, -als rettender Engel ein. Er erhob den Taktstock, und die leichten Töne -einer einschmeichelnden Musik gaben der Versammlung ihre alte Fröhlichkeit -wieder zurück. Es ließ sich auch hier auf der Erde ganz gut leben. Wozu -also nach dem Mars reisen? Eine Fahrt wie die der sieben Schwaben sollte -keine Nachahmung mehr finden. Die früher so heitern Männer waren als -offenkundige Menschenfeinde zurückgekehrt. Sie wären somit besser im Lande -geblieben. Das war die Ansicht vieler, die in später Nachtstunde von dem -Bankette nach Hause gingen. - - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem -Mars., by Albert Daiber - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELTENSEGLER. DREI JAHRE *** - -***** This file should be named 41522-8.txt or 41522-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/1/5/2/41522/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License available with this file or online at - www.gutenberg.org/license. - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation information page at www.gutenberg.org - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at 809 -North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email -contact links and up to date contact information can be found at the -Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For forty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
