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-The Project Gutenberg EBook of Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars., by
-Albert Daiber
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
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-
-Title: Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars.
-
-Author: Albert Daiber
-
-Illustrator: Fritz Bergen
-
-Release Date: December 1, 2012 [EBook #41522]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELTENSEGLER. DREI JAHRE ***
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-Produced by Jens Sadowski
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-Die Weltensegler
-
-
-Drei Jahre
-auf dem Mars
-
-
-Erzählung für die Jugend
-von
-Albert Daiber
-
-
-Mit vier Vollbildern von Fritz Bergen
-
-Dritte Auflage
-
-
-Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
-
-
-Nachdruck verboten
-Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
-Druck: Christl. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart
-
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-Inhalt
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-
-Erstes Kapitel
-Vorbereitungen 1
-
-Zweites Kapitel
-Die Abreise der Weltensegler 16
-
-Drittes Kapitel
-Zwischen Himmel und Erde 28
-
-Viertes Kapitel
-Auf dem Mars 53
-
-Fünftes Kapitel
-Lumata und Angola 78
-
-Sechstes Kapitel
-Im Reiche der Vergessenen 101
-
-Siebentes Kapitel
-Der Abschied 113
-
-Achtes Kapitel
-Ein Abtrünniger 122
-
-Neuntes Kapitel
-Wieder auf der Erde 128
-
-Zehntes Kapitel
-In der Heimat 142
-
-
-
-
-Erstes Kapitel
-Vorbereitungen
-
-
-Der glänzende Abendstern, die Venus, war im Westen untergegangen. Über
-Groß-Stuttgart und das Neckartal begann sich eine durchsichtig klare, aber
-etwas kalte Winternacht zu breiten. Nach und nach flammten Tausende und
-Abertausende von hellen Sternen am Firmamente auf, und als weißlich
-schimmernder Gürtel hob sich aus der Menge jener fernen, selbstleuchtenden
-Weltkörper scharf und deutlich die Milchstraße ab. Aus ihr heraus blickte
-das funkelnde Sternbild der Kassiopeia herab auf die alte, immer noch mit
-so viel Torheit erfüllte Mutter Erde, und der Große Bär mit seinen sieben
-hellen Sternen, jener geheimnisvollen, im menschlichen Leben eine so
-merkwürdige Rolle spielenden Zahl, leistete ihr auf der andern Seite des
-gewaltigen Himmelsgewölbes die aus der Urzeit stammende, treubewährte
-Gesellschaft. Kunterbunt, in ungleichmäßiger Verteilung, in
-verschiedenartiger Helligkeit und Größe lagen die übrigen Sterne
-dazwischen, scheinbar noch an ihrem alten, gewohnten Platze.
-
-Langsam schritt die Nacht vor. Im Süden stieg das prachtvolle Sternbild des
-Orion über dem Horizont empor, und bald darauf erschien auch der Sirius,
-der glänzendste unter den glänzenden Sternen des Himmels. Für all diese
-Schönheit der Nacht, für all diese Großartigkeit jener fernen,
-selbstleuchtenden Sonnen schien augenblicklich derjenige am wenigsten
-zugänglich zu sein, dessen berufliche Aufgabe gerade die Erforschung des
-Sternenhimmels war. Professor Stiller, der berühmte Astronom, Lehrer an der
-durch Alter wie Überlieferung gleich ehrwürdigen Universität Tübingen,
-ruhte in seinem Lehnstuhl, mit den Fingern der Rechten ärgerlich auf dessen
-Seitenlehne trommelnd. Er saß in einem großen, mit einer Kuppel bedeckten
-Raum, der auf den ersten Blick als Observatorium oder Sternwarte zu
-erkennen war. Ein mächtiges Fernrohr auf massiven Pfeilern ragte aus einer
-Öffnung der drehbaren Kuppel hinaus in die klare Winternacht.
-
-Professor Stiller hatte sich vor Jahren schon auf der ruhigen Bopserhöhe
-bei Stuttgart eine Privatsternwarte erbaut, um sich in ihr, fern vom lauten
-studentischen Leben und Treiben der Universitätsstadt, um so ungestörter
-der Planetenforschung zu widmen. Ganz besonders hatte der Mars, jener
-geheimnisvolle Planet, dessen Bahn die der Erde zunächst umschließt,
-Professor Stillers Interesse geweckt. Dieses Interesse wurde mehr und mehr
-zu einem Privatstudium, und aus diesem heraus wuchs eine so große Liebe zu
-dem fernen Planeten, daß in Professor Stiller der Gedanke immer festere
-Wurzeln faßte, mit dem Mars in unmittelbare Verbindung zu treten, mit
-andern Worten -- ihn zu besuchen.
-
-Gerade gegenwärtig stand Mars wieder in Erdnähe, und seine augenblickliche
-Entfernung von der Erde betrug nur 59 Millionen Kilometer. In der jetzigen
-Zeit der großartigsten Erfindungen, der gewaltigen, geradezu fabelhaften
-Fortschritte auf technischem Gebiete, der tieferen Erkenntnis der
-elektromagnetischen Strömungen im Universum und ihrer Ausnützung, vor allem
-aber der so hoch entwickelten Luftschiffahrt hatte der Gedanke eines
-Besuches des Mars, einer Reise dahin, durchaus nichts Befremdendes mehr. Im
-Gegenteil, so wie die Dinge heute lagen, bestand tatsächlich die
-Möglichkeit, die kühne Reise mit Aussicht auf Erfolg ausführen zu können.
-
-Und Reisegedanken waren es auch, die des Professors Geist augenblicklich
-beschäftigten. Aber zu ihnen waren auch ärgerliche Vorkommnisse getreten
-und hatten den Gelehrten in eine gewisse zornige Unruhe versetzt. Vor dem
-Stuhle des Professors warf eine zierliche elektrische Lampe ihr Licht auf
-einen Stoß von Papieren, die, mit Zahlen und Zeichnungen bedeckt, bunt
-durcheinander geworfen, auf einem kleinen Tische seitwärts lagen.
-Aufseufzend strich sich Professor Stiller mit der Linken über die hohe,
-gedankenschwere Stirn.
-
-»Diese lächerlichen Menschen, diese Blieder und Schnabel, die da in
-eigensinniger Weise meinen Anordnungen nicht Folge leisteten und mir
-dadurch schon oft den Bau meines Luftschiffes erschwerten, sind wahrlich
-nicht wert, daß ich mich noch länger über sie ärgere! Dem Himmel Dank, daß
-ich die folgenschwersten Dummheiten dieser beiden Erbauer meines
-Luftschiffes immer noch rechtzeitig ausgleichen konnte! Weg also mit allem
-Kleinlichen, Ärgerlichen! Diese Stunde soll Mars allein gewidmet sein!« Der
-Gelehrte stand auf. »Ja, ja,« fuhr er nach kurzer Pause zu sprechen fort,
-»ja, jetzt ist er in der Erdnähe, mein alter, rötlich strahlender Freund.
-Für meine Ungeduld, ihn heute abend noch zu sprechen, stille Zwiesprache
-mit ihm zu halten, erscheint er ziemlich spät. Und doch ist er der
-Pünktliche, nie Fehlende!«
-
-Professor Stiller sah auf seine Uhr. »11 Uhr 42 Minuten! Noch 55 Sekunden,
-und Mars taucht im Osten auf. Rasch hinauf auf die Galerie und an das
-Instrument!« Bald stand letzteres gerichtet. Einer kleinen Feuerkugel
-gleich zeigte sich dem Auge des Beobachters der über dem östlichen
-Horizonte langsam emporkommende Mars. Voll Entzücken betrachtete Professor
-Stiller die ihm zugewandte Fläche des Planeten, auf der sich scharf und
-deutlich schmale, schnurgerade Linien zeigten.
-
-»Gerade diese schnurgeraden, vielfach in gemeinsamen Punkten sich
-schneidenden Kanäle sind es, die in ihrer Künstlichkeit am deutlichsten und
-unzweideutigsten für das Vorhandensein vernunftbegabter Wesen dort oben
-sprechen,« kam es laut über die Lippen des Gelehrten. »Der Mars besitzt
-trotz seiner Atmosphäre verhältnismäßig geringe Wassermengen. Daher sind
-die Marsbewohner gezwungen, diesem Mangel durch künstliche Veranstaltungen
-nach Möglichkeit abzuhelfen, die geringen Wassermengen derartig
-auszunützen, daß, wenn ein Distrikt bewässert ist, die kostbare Flüssigkeit
-einem andern zugeführt wird. Wie oft habe ich nicht schon diese Tatsachen
-als Erklärung des zeitweisen Auftauchens und Verschwindens der Marskanäle
-in Tübingen vom Katheder herunter verkündigt!« rief Professor Stiller voll
-Begeisterung. »Ja, ein Volk mit hoher Kultur muß auf dem Mars wohnen, denn
-nur ein solches vermag so wunderbar geniale, dem allgemeinen Wohl dienende
-Bauten auszuführen,« fuhr der Professor in seinem lauten Monologe fort.
-»Die Jahreszeiten auf dem Mars scheinen mir in erster Linie von dem
-Schmelzen der Eismassen an seinem Süd- und Nordpole beeinflußt. Und dieses
-aus den polaren Eiszonen abschmelzende Wasser leiten jene Wesen dort oben
-zum Zweck der Befruchtung in die uns sogar von hier aus sichtbaren Kanäle.
-Welch herrlicher, üppiger Pflanzenwuchs muß sich da längs der Kanäle, an
-ihren Ufern entwickeln! Welch starke Vegetationsprozesse mögen sich dort
-oben abspielen, wo das Wasser in richtiger Verteilung überallhin geführt
-wird! Und was das wohl für ein Menschenschlag sein mag, der den Mars
-bewohnt? Uns vielleicht um Jahrtausende an allgemeiner Bildung voraus!
-Unmöglich wäre dies nicht. Ich muß sie kennenlernen wie den Boden selbst,
-auf dem sich das Leben dieser Wesen abspielt.«
-
-Voll Erregung trat Professor Stiller vom Teleskop zurück. Aber das lebhafte
-Interesse an dem Gegenstande seiner Beobachtung trieb den Gelehrten rasch
-wieder an das Instrument. So verfloß Stunde auf Stunde mit astronomischen
-Forschungen und Berechnungen. Die funkelnden Sterne am Himmel verblaßten
-allmählich, und der Wintermorgen begann langsam heraufzudämmern, als der
-Professor endlich seinen Posten verließ und sich in sein warmes Heim
-zurückzog, das sich in unmittelbarer Nähe der Sternwarte befand.
-
-Ein leichter Nebel zog über das Neckartal herauf und lagerte sich über
-Groß-Stuttgart. Vor der strahlenden Morgensonne aber zerfloß der dünne
-Schleier rasch und ließ die Stadt, die sich im Laufe ihrer Entwicklung aus
-dem Tale des Nesenbaches rechts und links am Ufer des Neckars vorgeschoben
-hatte, in vorteilhaftestem Lichte erscheinen. Der Winter hatte seinen
-Einzug noch nicht gehalten, und die bewaldeten Höhen des Neckartales trugen
-daher noch kein Schneegewand. In der reinen, frischen Luft des
-Dezembermorgens hoben sich klar und scharf die Türme und villenartigen
-Bauten ab, die da und dort von höher gelegenen Punkten auf die zu ihren
-Füßen liegende große Stadt herabschauten. Auch die alte Kapelle auf dem
-Rotenberge paßte prächtig zu dem gesamten Bilde voll landschaftlicher
-Anmut, durch das der Neckar, einem silbernen Bande ähnlich, seine Wasser
-strömen ließ.
-
-Ein großer, freier und ebener Platz mit kurzer Grasnarbe, der durch die
-Abhaltung des schwäbischen Volksfestes von alters her weltberühmte
-Cannstatter Wasen, unterbrach in angenehmer Weise das Häusermeer und war
-von diesem nur auf einer Seite durch den Fluß scharf abgegrenzt. Am oberen
-Ende dieses mehrere Kilometer langen Geländes erhob sich ein gewaltiger
-Bretterbau.
-
-»Luftschiff für die Mars-Expedition«
-
-stand in Riesenbuchstaben an dem rotundenartigen Bau. Und darunter die
-üblichen Worte:
-
-»Unberechtigten ist der Zutritt strengstens verboten!«
-
-Aus dem Innern des Gebäudes ließ sich augenblicklich nichts vernehmen, ein
-Zeichen, daß die Arbeit an dem Werke entweder eingestellt oder vielleicht
-schon beendet war.
-
-Der Bau des Luftschiffes, das zum ersten Male, seitdem es überhaupt eine
-Welt- und Völkergeschichte gibt, das schwierige Problem der Fahrt außerhalb
-der Erdatmosphäre durch den unendlichen Ätherraum hindurch nach einem ganz
-bestimmten Ziele hin lösen sollte, war den Herren Blieder und Schnabel
-übertragen. Ersterer war Architekt, dem, allerdings nur in Stuttgart, viel
-Erfahrung und Phantasie in der Ausführung kühner Projekte nachgerühmt
-wurde, letzterer Professor der Mathematik an einer höheren Schule. Als
-solcher war Herr Schnabel berufen, den Bau des Luftschiffes auf Grund
-mathematischer Berechnungen zu überwachen und im übrigen als
-wissenschaftlicher Beirat Herrn Blieder zur Seite zu stehen. Form und
-Schwere, die in sinnreichster Art gebundenen elektrischen Energiemengen,
-die zur Vorwärtsbewegung und Steuerung des Schiffes wie auch zur
-Beleuchtung und Heizung der geschlossenen Gondel dienen sollten, all die
-zahlreichen, äußerst wichtigen Bedingungen und Einzelheiten der Maschinerie
-waren von Professor Stiller zusammen mit andern bedeutenden Kollegen der
-Tübinger Universität bestimmt und genannten beiden Herren zur Ausführung
-übertragen worden.
-
-Nur zögernd, fast widerwillig hatte Professor Stiller sich zu dieser
-Übergabe verstehen können. Blieder und Schnabel waren alte Bekannte von
-ihm. Aus der Vorstadt Cannstatt stammend, waren sie mit ihm aufgewachsen,
-doch hatten die späteren Jahre und die so ganz verschiedenen Interessen und
-Bestrebungen Professor Stiller mehr und mehr von den beiden Jugendgenossen
-getrennt. Die entstandene Kluft wurde in dem Maße größer, als Professor
-Stiller auf dem steilen Wege der Forschung immer höher emporstieg. Als es
-aber bekannt wurde, daß ein Professorenkollegium der Tübinger Universität
-auf Grund eines lichtvollen Vortrages von Professor Stiller beschlossen
-habe, auf Kosten des staatlichen Universitätsvermögens ein eigenartiges
-Luftschiff zur Expedition nach dem Mars bauen zu lassen, da waren die
-beiden Genossen ehemaliger Jugendstreiche schleunigst zu Herrn Stiller
-geeilt.
-
-Beide kitzelte der Ehrgeiz, ihre Namen weltberühmt zu machen, sie für ewig
-mit dem »Weltensegler«, so sollte das Luftschiff heißen, verbunden zu
-sehen. Ihren unermüdlichen Bitten um besondere Berücksichtigung unter
-Anrufung der alten Jugendfreundschaft gab Professor Stiller endlich nach.
-Er tröstete sich damit, daß von den übrigen für den Bau des Weltenseglers
-in Frage kommenden Wettbewerbern schließlich keiner eine bessere Gewähr für
-das Gelingen der Arbeit hätte bieten können als Blieder und Schnabel. Und
-am Ende, ja, am Ende waren es doch auch Söhne des lieben Schwabenlandes wie
-er selbst.
-
-So war der anfängliche Widerwille des Gelehrten gegen die zwei »engeren
-Stuttgarter« zurückgedämmt worden, um jedoch gegen das Ende des Baues desto
-lebhafter wieder zu erwachen. Die Herren Blieder und Schnabel waren zwei
-richtige Dickköpfe. Jeder glaubte für sich allein den Stein der Weisen
-gefunden zu haben und hielt sich daher für berechtigt, den Plan des
-Schiffes nach eigenem Gutdünken zu ändern. Nur der Wachsamkeit und der
-rücksichtslosen Tatkraft Professor Stillers war es zuzuschreiben, daß sich
-nach endlosen Kämpfen, schwerstem Ärger und Verdruß mit Blieder und
-Schnabel der Bau des Weltenseglers im großen und ganzen in den Formen
-hielt, die ihm der Gelehrte selbst gegeben.
-
-Aber gestern mittag, als Professor Stiller die Baustätte besuchte, um sich
-von der endlichen richtigen Fertigstellung des Ganzen zu überzeugen, an dem
-seit vielen Monaten eifrig gearbeitet, und dessen Vollendung bereits in die
-Welt hinausposaunt worden war (Blieder und Schnabel waren die Trompeter),
-da hatte Professor Stiller in hellem Zorne wahrnehmen müssen, wie gerade
-einige seiner wichtigsten Anordnungen von den Erbauern übersehen worden
-waren. Die Arbeit, die bereits ruhte, mußte wieder von neuem aufgenommen
-werden, und von neuem flickte man am Weltensegler herum. Dadurch verzögerte
-sich natürlich der Aufstieg, unter Umständen stand sogar das Gelingen der
-Expedition in Frage. Es war einfach, um aus der Haut und nicht nach dem
-Mars zu fahren!
-
-Wütend kam Professor Stiller nach Hause. Er brauchte mehrere Stunden, um
-seinen Grimm zu meistern und sein gestörtes seelisches Gleichgewicht
-wiederzuerlangen. Unmittelbar am Ziele seiner schon so lange gehegten
-Wünsche, und nun von neuem auf die Geduldsprobe gestellt, das ertrage, wer
-vermag! Professor Stiller konnte es nicht, und so kam es, daß er, unfähig
-zu ernster Arbeit, mehrere Stunden in seinem Observatorium damit zubrachte,
-sein etwas rasches, feuriges Blut zu beruhigen und den Ärger zu überwinden.
-
-Jetzt saß der Gelehrte, eingehüllt in einen bequemen, molligen Schlafrock,
-in seinem von der Sonne durchfluteten, geräumigen Studierzimmer, die
-Beobachtungen der Nacht verarbeitend. Das Ergebnis war sehr günstig. Jetzt,
-oder für lange Zeit, vielleicht für viele Jahre nicht mehr, war es möglich,
-von der Erde aus den Mars zu erreichen. Es ist ein großer Unterschied, ob
-ein Gestirn von der Erde nur 59 oder 400 Millionen Kilometer entfernt ist.
-Der Mars hatte augenblicklich das Maximum seiner Erdnähe erreicht und
-befand sich genau 59 Millionen Kilometer von seinem Nachbar entfernt. Die
-langen Berechnungen des Professors hatten dies ergeben. Mit der Expedition
-durfte daher nicht mehr lange gesäumt werden; jeder beträchtliche
-Zeitverlust mußte auf das peinlichste vermieden werden. Wollte man den sich
-rasch von der Erde wieder entfernenden Planeten unter vollster Ausnützung
-der gerade bestehenden günstigen Gravitationsverhältnisse, der natürlichen,
-gesteigerten Anziehungskraft überhaupt erreichen, so mußte mit jeder Stunde
-gerechnet werden.
-
-»Und da müssen gerade in diesem so überaus günstigen Augenblick die beiden
-Langohre da unten« -- Professor Stiller schaute bei diesen Worten von
-seinem Studierzimmer hinab gen Cannstatt -- »einen kleinen Strich durch
-meine Rechnung machen!« Eine Blutwelle neu sich regenden Zornes stieg dem
-Professor gegen den Kopf.
-
-Da wurde an die Tür des Zimmers geklopft. Auf das laute Herein des
-Gelehrten erschien dessen Diener und meldete die Herren Blieder und
-Schnabel. »Lupus in fabula!« lächelte Professor Stiller vor sich hin,
-erinnerte sich aber plötzlich, daß er gestern auf dem Wasen die beiden
-Herren zu sich bestellt hatte und zwar für heute auf zwölf Uhr mittags. Ein
-Blick auf die Uhr bewies die Pünktlichkeit der Besucher. Der Professor
-erhob sich von seinem Stuhle und gab den Befehl, die Herren hereinzuführen.
-
-»Pünktlichkeit ist Höflichkeit!« Mit diesen Worten begrüßte Professor
-Stiller die Eintretenden. »Nehmt Platz,« fuhr er fort, »und sagt mir
-sofort, ob binnen vier Tagen die von mir gestern gerügten Ausstände am
-Weltensegler in Ordnung gebracht werden können; denn nächste Woche müssen
-wir unbedingt hinauf, koste es, was es wolle.«
-
-»Ich wüßte wirklich von keinem nennenswerten Fehler meinerseits, der den
-Aufstieg des Luftschiffes hindern könnte,« meckerte Blieder mit seiner
-blechernen Stimme.
-
-»Was?« schrie der Professor erbost, »muß ich dir altem Baumeister, dem vor
-lauter Genialität allerdings nichts einfällt, nochmals das wiederholen, was
-ich dir gestern tadelnd sagte?«
-
-An Stelle der Antwort begnügte sich Blieder, mit den Achseln zu zucken.
-
-»In der geschlossenen Gondel kann ich keine Glasfenster brauchen, das
-könntest du wissen, um so mehr, als ich dieses wichtigen Umstandes bereits
-am Anfange, beim Entwurf des Planes gedachte,« entgegnete der Gelehrte.
-
-»Ja, aber warum? Ich sehe wirklich nicht ein . . .«
-
-»Mein lieber Blieder, du siehst allerdings weder ein noch aus. Deine in die
-Gondel eingesetzten Spiegelgläser sind hart und spröde, den gewaltigen
-niederen Temperaturen im Ätherraum gegenüber völlig widerstandslos. Also
-hinaus mit den Gläsern, weg mit ihnen und ersetze sie durch elastischen,
-widerstandsfähigen Glimmer. Der hält alle Temperaturen über und unter Null
-gleich gut aus. Zwei Tage Zeit hast du dazu, und in diesen muß die Änderung
-gemacht sein.«
-
-»Aber wenn . . .« begann Blieder, wurde aber heftig durch den Professor
-unterbrochen.
-
-»Es gibt weder ein Wenn noch ein Aber. Sei froh, daß ich dir in Anbetracht
-der Kürze der Zeit die mancherlei andern Unebenheiten hingehen lasse, deren
-du dich bei der Konstruktion schuldig gemacht hast. Aber eine wichtige
-Sache muß noch verbessert werden. Du dachtest nämlich nicht mehr daran,
-obgleich du auch darauf aufmerksam gemacht wurdest, daß eine Gondel, die
-während einer bestimmten Zeit der Aufenthaltsraum für eine mehrköpfige
-Gesellschaft sein soll, auch eine Klappe für allerlei Abfallstoffe haben
-muß. Wir benötigen ein paar solcher doppelten, auf das dichteste
-schließenden Klappen, und zwar rechts- und linksseitig, beileibe nicht am
-Boden.«
-
-»Dort wären sie aber am einfachsten anzubringen.«
-
-»Glaube ich,« erwiderte spöttisch lächelnd Professor Stiller, »wir wünschen
-aber nicht unterwegs aus der Gondel zu fallen, sondern wollen womöglich
-heil und gesund den Mars erreichen.«
-
-»Aber im Innern längs der Gondelwand sind die Provianträume, unter diesen
-die Akkumulatoren und . . .«
-
-»So teile sie entsprechend ein, und die Sache ist geordnet. Sela! Nun zu
-dir, Schnabel! Wovon meinst du, daß unsere Expedition unterwegs leben
-soll?«
-
-»Natürlich von den mitzuführenden Nahrungsmitteln, von Konserven und andern
-guten Sachen, auch besten Neckarwein nicht zu vergessen,« antwortete
-schmunzelnd der mit einem hübschen Bäuchlein ausgestattete, eß- und
-trinkfeste Mathematiker.
-
-»Den Wein vergessen wir auch nicht, sei unbesorgt, Schnabel. Aber von was
-lebt denn sonst noch der Mensch außer von Speise und Trank?«
-
-»Nun, von Luft!« entgegnete Schnabel etwas gereizt über diese Frage.
-
-»Gewiß! Nur sage mir, woher wir denn die Luft auf unserer Reise beziehen
-sollen. Im Ätherraume gibt es bekanntlich keine, und die vom Cannstatter
-Wasen in der Gondel mitgenommene Heimatluft hält leider auch nicht lange
-vor.«
-
-»O zum Kuckuck! Es ist die Anlage für die feste Luft, die ich vergaß
-anbringen zu lassen.«
-
-»So ist es! Mache deinen Fehler so rasch als möglich gut. Blieder soll dir
-dabei helfen. Ob die Anlage feste Luft enthält, werde ich dann selbst noch
-prüfen; denn du wärest imstande, sogar die Füllung zu vergessen. Wie ich
-dir gestern mittag schon sagte, ist auch die ganze Steuerungsanlage
-fehlerhaft. An Stelle der Vermittlung durch die Welle hast du
-unbegreiflicherweise die lebendige Kraft des elektrischen Stromes
-unmittelbar auf die Aluminiumschraube übertragen.«
-
-»Laut mathematischer Berechnung das einzig Richtige!« brummte Schnabel.
-
-»Bleib mir hier mit deiner Mathematik vom Leibe, wenn sie solch
-offenkundigen Unsinn zeitigt!« entgegnete zornig Professor Stiller. »Ich
-trage die Verantwortung für die gewagte Expedition. Alles, was ihre Gefahr
-irgendwie vermehren kann, muß ich nachdrücklich zurückweisen, alles dagegen
-willkommen heißen, was zu ihrer Sicherheit und zum möglichen Gelingen
-beizutragen vermag.«
-
-»Als ob wir, Blieder und ich, nicht alles getan hätten, was du von uns
-verlangtest! Aber natürlich, euch Allerhöchsten von der Universität ist
-selten etwas recht zu machen.«
-
-»So scheint es wirklich zu sein,« bestätigte seufzend Blieder.
-
-»Darüber will ich mich mit euch nicht streiten, denn dies wäre eine höchst
-zwecklose Sache. Sorgt lieber dafür, daß der Weltensegler nächste Woche
-segelfertig ist. Höchste Zeit dafür ist es, soll die Reise überhaupt
-gelingen. Seit Tagen schon drängen mich deshalb meine Kollegen in Tübingen,
-denen ich als Zeit des Aufstieges die ersten Tage des Dezembers angegeben
-hatte, und zwar als äußersten Zeitpunkt. Nun entsteht wieder eine
-Verzögerung. Die Sache muß rasch zu Ende gebracht werden. Abgesehen von der
-allgemeinen Lächerlichkeit, der wir uns aussetzen würden, wenn die Abreise
-immer von neuem wieder verschoben wird, laufen wir überhaupt Gefahr, die
-uns gebotenen günstigen Konjunkturen nicht voll und ganz ausnützen zu
-können. Also sputet euch! Ich bitte dringend darum.«
-
-»Wie lange wird die Reise dauern?« fragte Schnabel neugierig und bestrebt,
-der ihm unangenehmen Unterhaltung eine freundlichere Wendung zu geben.
-
-»Das hängt von jedem Tage, ja von jeder Stunde ab, die wir früher fahren
-können,« entgegnete Professor Stiller. »Die für die Verbesserung der
-gerügten Fehler eingeräumten weiteren vier Tage bedeuten für uns eine
-höchst unliebsame Verlängerung der Reise. Mars hat jetzt das Maximum seiner
-Annäherung an die Erde erreicht und entfernt sich nun von ihr wieder mit
-jeder Minute. Wie lange unter diesen Umständen die Reise im Ätherraume
-dauern wird, läßt sich nur ahnen, genau aber nicht sagen. Sobald wir
-glücklich aus dem Anziehungskreise der Erde und des Mondes herausgekommen
-und in den des Mars gelangt sind, wird die Reise außerordentlich rasch
-vonstatten gehen trotz der gewaltigen Entfernungen, die wir zurückzulegen
-haben. Dank der mächtigen, vom Mars ausgehenden elektromagnetischen
-Strömungen der Anziehung werden wir diesem Planeten mit ganz fabelhafter
-Schnelligkeit zufliegen, mit einer Schnelligkeit, die mindestens täglich
-auf zwei Millionen Kilometer einzuschätzen ist. Immerhin rechne ich auch im
-günstigsten Falle auf eine Reisedauer von mehreren Wochen. Der Vorsicht
-halber nehmen wir aber für drei Monate Proviant mit uns.«
-
-»Und wenn ihr den Mars nicht erreicht, wenn die ganze Reise mißlingt, was
-dann?« forschte Schnabel.
-
-»Dann, mein Lieber, geht es uns, wie es schon so manchem Forscher vor uns
-gegangen ist und nach uns noch gehen wird: wir sind die Opfer, die Märtyrer
-der Wissenschaft. Mit diesem Fall haben wir aber auch schon gerechnet, als
-wir beschlossen, die kühne Fahrt zu unternehmen. Glücklicherweise sind
-sämtliche übrigen Teilnehmer gleich mir keine Familienväter, sondern der
-Mehrzahl nach jüngere Männer, die diesen Schritt in das Ungewisse,
-Geheimnisvolle wagen und vor ihrem Gewissen verantworten können. Ich
-persönlich rechne mit aller Sicherheit auf das Gelingen der Reise, auf den
-Triumph der Wissenschaft.«
-
-»Mit staunender Bewunderung sieht heute die ganze Kulturwelt auf uns und
-unser Neckartal, wo so kühne Pläne vor ihrer Verwirklichung stehen, und
-kommt ihr einst mit dem Weltensegler glücklich wieder zurück, so werdet ihr
-in einer Weise empfangen und gefeiert werden, wie es noch niemals Menschen
-vor euch geschah,« warf Blieder ein.
-
-»Zuerst müssen wir nach dem Mars gekommen sein, bevor wir überhaupt an eine
-Rückkehr denken können,« entgegnete Professor Stiller lächelnd. »Einige
-Jahre dürfte unsere Abwesenheit von hier schon dauern; denn eine solche
-ungeheure Reise erfordert begreiflicherweise auch außergewöhnliche
-Zeitdauer. Und das interessanteste Studienobjekt ist der Mensch selbst, der
-auf jenem fernen Weltkörper haust. Wie ihr wißt, beweisen uns unsere
-teleskopischen Beobachtungen, daß es ganz besonders hochstehende Wesen sein
-müssen, die dort wohnen. Wer weiß, ob sie uns nicht geistig wie körperlich
-weit überragen.«
-
-»Oder uns gegenüber noch sehr minderwertig sind, was auch nicht unmöglich
-wäre,« bemerkte Schnabel hochmütig. »Auf keinen Fall möchte ich mit.«
-
-»Du bleibst auch besser unten auf der Erde,« entgegnete Professor Stiller.
-»Und nun haben wir genug geschwatzt. Eilt an eure Arbeit! In vier Tagen
-werde ich auf den Wasen kommen und mich überzeugen, ob die gerügten
-Anstände in Ordnung gebracht sind. Nächste Woche muß die Abreise des
-Weltenseglers unbedingt stattfinden; ich betone dies nochmals mit allem
-Nachdruck. Jeder weitere Tag des Wartens bedeutet für mich und mein an sich
-schon aufgeregtes Nervensystem eine fürchterliche Qual. Sie zu vermindern,
-liegt in eurer Hand. Ihr habt mir oft und viel Verdruß bereitet, macht
-also, daß ich ohne allzu großen Groll von euch und dieser Erde scheiden
-kann.« Mit diesen Worten entließ der Professor seine Besucher.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-Die Abreise der Weltensegler
-
-
-Für Professor Stiller und seine Gefährten vergingen die folgenden Tage in
-fieberhafter Tätigkeit mit den Vorbereitungen zur Reise. Auch auf dem
-Cannstatter Wasen in der Werkstätte des Weltenseglers herrschte wieder
-regste Tätigkeit. Das Luftschiff war aus der gewaltigen Halle heraus auf
-den großen, freien Platz davor gebracht und hier fest verankert worden. Nun
-erst konnte man die riesigen Formen des Ballons richtig erkennen. Er hatte
-eine länglich ovale Gestalt, ebenso die an ihm befestigte geschlossene
-Gondel. Infolge dieser Ähnlichkeit machte die Gondel den Eindruck, als
-befinde sich ein zweiter kleinerer Ballon unterhalb des großen,
-gewissermaßen wie Mutter und Kind.
-
-Die Länge des Luftschiffes betrug, von einer Spitze zur andern gemessen,
-zweihundert Meter, die mittlere Höhe zwanzig Meter.
-
-Das innere Gerippe des Ballons bestand aus einem Netzwerk von luftleer
-gemachten, sehr dünnen, aber außerordentlich starken Metallblechröhren.
-Darüber legte sich ein zweites, gleich konstruiertes Gerippe und über
-dieses ein drittes. Wohl waren die drei Lagen unter sich verbunden, aber
-doch so, daß auch jede einzelne für sich allein tätig sein und die Gondel
-tragen konnte. Es war sozusagen ein dreifach übereinander gestülpter
-Ballon.
-
-Zur Anfertigung der Metallröhren wurde die von Professor Samuel Schwab in
-Tübingen neu entdeckte Metallmischung, Suevit genannt, verwendet. Diese
-Mischung zeichnete sich durch außerordentliche Leichtigkeit, fabelhafte
-Widerstandsfähigkeit und gewaltige Tragkraft aus und stellte alle bis jetzt
-in dieser Richtung bekannten Metallpräparate in den Schatten. Suevit
-bestand der Hauptsache nach aus Aluminium, dem aber in bestimmtem
-prozentualem Verhältnisse Wolfram neben etwas Kupfer und Vanadium
-beigegeben war. Diese Legierung ließ sich zu feinstem Blech auswalzen, ohne
-dabei von ihrer Widerstandskraft auch nur das geringste einzubüßen. Aus
-diesem Blech nun wurden die Röhren geformt, die zur Anfertigung der drei
-Ballongerippe dienten. Die Röhren waren nahtlos und wurden, nachdem sie auf
-das sorgfältigste luftleer gemacht worden waren, mit dem neuen merkwürdigen
-Gase Argonauton gefüllt.
-
-Zur Umhüllung der einzelnen Metallgerippe diente das von dem leider zu früh
-verstorbenen Eßlinger Großindustriellen Wilhelm Weckerle erfundene Gewebe
-aus Seide und Leinen, das das Staunen und die Vewunderung der gesamten
-Textilbranche erregte. Die Fäden dieses Gewebes wurden auf eigens dazu
-gebauten Webstühlen mittels neuer Maschinen auf geistreiche Weise so
-miteinander verknüpft, daß sie nahezu unzerreißbar und von wunderbarer
-Glätte wurden. Jeder einzelne der drei Ballons wurde mit dem Stoff umhüllt,
-dann erst wurde dieser so lange mit Kautschuklösung getränkt, als er
-aufnahmefähig war. Durch dieses Verfahren wurde der Stoff für das Gas
-vollständig undurchdringlich gemacht. Nichtsdestoweniger wurde der Vorsicht
-wegen das Ganze noch mit einer dünnen Kautschukmasse umgeben und auf diese
-endlich die Pillerinlösung aufgetragen, eine von Professor Piller in
-Tübingen zu diesem Zwecke hergestellte Eisensilikatflüssigkeit. Sie gab dem
-Überzuge eine einer Panzerung ähnliche Widerstandskraft, die selbst durch
-Anwendung größter äußerer Gewalt kaum überwunden werden konnte. Der Ballon
-stellte so das Ideal des starren Systems des Luftschiffes dar.
-
-In dieser peinlich genauen Art wurden auch die einzelnen Bestandteile des
-Ballons behandelt. Die Berechnung war so getroffen, daß auch nach einem
-etwaigen Verlust der ersten, äußersten Hülle oder, was kaum anzunehmen war,
-auch der zweiten mittleren, die innerste immer noch als selbständiges
-Ganzes zu funktionieren und die Gondel zu tragen vermochte.
-
-Auf diese Weise suchte Professor Stiller allen nur möglichen Gefahren im
-Weltraum erfolgreich zu trotzen. Jede Ballonhülle war mit einer besonderen
-Klappe versehen, die vom Gondelinnern aus dirigiert werden konnte.
-
-Der Ballon war, wie bereits gesagt, mit dem neu entdeckten, spezifisch
-unendlich leichten Gase Argonauton gefüllt. Kaum noch wägbar (0,01), besaß
-das Argonauton die unschätzbare Eigenschaft, weder durch enorme Hitze
-(+1350 Grad), noch durch größte Kälte (-500 Grad) irgendwie in seinem
-Aggregatzustande beeinflußt oder gar verändert zu werden. Es war zur Zeit
-noch das einzige wirklich beständige oder permanente Gas, das Rätsel der
-Gelehrtenwelt.
-
-Das Gerippe der Gondel bestand aus derselben Art von Röhren und einem
-Überzuge aus Weckerleschem Gewebe, das in ähnlicher Weise wie der Ballon
-mit Kautschuk überzogen und mit Pillerinlösung widerstandsfähig gemacht
-worden war; Außerdem trug die Gondel noch eine dicke Isolierschicht aus
-Asbest. Im Innern aber war sie dicht mit Pelzwerk ausgeschlagen; galt es
-doch, dem Wärmeverlust im ungeheuer kalten Ätherraume, dessen Temperatur
-auf 120 bis 150 Grad Celsius unter Null geschätzt wurde, nach Möglichkeit
-vorzubeugen. An Sitz- wie Liegegelegenheit fehlte es in der Gondel nicht.
-Ihr Inneres machte sogar einen äußerst wohnlichen und behaglichen Eindruck.
-An den Längsseiten der zehn Meter langen und fünf Meter breiten Gondel
-befanden sich in einer Art von Schränken die Vorräte von den
-verschiedenartigsten Nahrungsmitteln.
-
-Unterhalb der Vorratsräume liefen die Leitungen der elektrischen Apparate
-für Heizung und Beleuchtung des Gondelinnern und diejenigen für die
-Erneuerung der Luft. Die Fortschritte der technischen Wissenschaften hatten
-es möglich gemacht, ganz gewaltige Mengen elektrischer Kraft auf einem
-verhältnismäßig kleinen Raume festzulegen. Auf diese Weise nur war es dem
-Weltensegler möglich, ohne nennenswerte Mehrbelastung diejenigen
-Energiemengen an elektrischer Kraft mit sich zu führen, die in ihrer
-umgesetzten Form als Licht und Wärme nicht nur die Existenz der
-Gondelbewohner ermöglichen, sondern auch zur Vorwärtsbewegung und Lenkung
-des Luftschiffes selbst dienen sollten. Für letztere Zwecke waren am
-Ballonkörper selbst seitwärts, rechts und links, Luftschrauben angebracht,
-die durch die elektrische Kraft von der Gondel aus in Tätigkeit gesetzt
-werden konnten. Zur ebenfalls elektrisch betriebenen Steuerung dienten mit
-dem imprägnierten Weckerleschen Stoffe bespannte, wagrecht wie senkrecht
-einstellbare große, mit Suevitröhren eingefaßte Flächen. Dadurch war eine
-Steuerung nach zwei Richtungen hin möglich, horizontal sowohl wie auch
-vertikal.
-
-Die in metallene Behälter eingeschlossene feste, kristallinische Luft, im
-Augenblicke ihres Kontaktes mit äußerer, gasförmiger Luft sofort sich
-verflüssigend und fein zerstäubend, nahm, trotz großer Vorratsmenge,
-ebenfalls nicht allzuviel Raum und Gewicht in Anspruch.
-
-So waren die wichtigsten, elementarsten Bedingungen erfüllt, die das
-großartige Unternehmen zu einem erfolgreichen Ergebnis führen konnten. Seit
-sich der Weltensegler im Freien befand, allen Augen sichtbar, strömte eine
-Menge neugieriger Besucher herbei, um ihn zu bewundern, die Erbauer mit
-Fragen zu bestürmen und sie um allerlei Auskunft zu bitten. Die Herren
-Blieder und Schnabel befanden sich nun endlich in dem ihnen am meisten
-zusagenden Elemente. Sie schwammen förmlich in Stolz, Wonne und erhöhtem
-Selbstgefühl, waren sie doch in diesem Augenblick die wichtigsten und dank
-ihrer Intelligenz als Erbauer auch die angesehensten Persönlichkeiten nicht
-allein Groß-Stuttgarts, sondern sogar der gesamten Welt. Ihre Namen waren
-in aller Munde. Was konnten sie mehr verlangen? Selten wird einem Irdischen
-das große Los zuteil, allgemein mit Hochachtung genannt zu werden. Unter
-den staunenden Besuchern des Cannstatter Wasens waren Vertreter aller
-möglichen Völker erschienen, Gelehrte und Ungelehrte, Hochkultivierte und
-Halbwilde, Männer, Frauen und Kinder, war es ja doch seit Monaten schon
-durch Zeitungen und Spezialberichte überall, diesseits und jenseits der
-Ozeane, bekannt geworden, daß das große, unerhört verwegene Wagnis einer
-Reise nach dem fernen Mars anfangs Dezember vom Herzen des Schwabenlandes
-aus zur Ausführung kommen sollte. Die Namen Blieder und Schnabel waren
-daher in den fernsten Winkel des Erdballes getragen worden als die kühnen
-Schöpfer des Luftschiffes, das als erstes die unendlichen Räume des
-Weltenäthers durchschnitt.
-
-Mit der Zunahme der Besucher stieg die allgemeine Erregung, als der Tag des
-Aufstieges des Weltenseglers langsam näher rückte. Nach Hunderttausenden
-wurden die Fremden geschätzt, die nach Groß-Stuttgart geströmt waren, um
-das in seiner Art einzige Schauspiel zu sehen, ein Schauspiel, von dem noch
-in den fernsten Zeiten als von einer wunderbaren Begebenheit gesprochen
-werden mußte. Nur persönlich dabei zu sein, den Augenblick des Aufstieges
-in seiner ganzen Wucht der Eigenart auf sich einwirken zu lassen, von
-diesem einzigen Wunsche waren alle Besucher beseelt. Sie zahlten gewaltige
-Preise für ihre Unterkunft. Wer mit dem Geld nicht verschwenderisch um sich
-werfen konnte, fand weit und breit in und um Stuttgart herum keine
-Unterkunft. Nicht nur waren die Gasthäuser bis unter das Dach hinauf
-besetzt, nein, auch die Häuser von Privaten waren gefüllt. Noch niemals
-hatte Stuttgart mit seiner Umgebung einen so ungeheuren Fremdenstrom
-erlebt, wie in diesen Tagen.
-
-Auf dem Wasen selbst war das Leben und Treiben der Menschenmenge nachgerade
-lebensgefährlich geworden. Man stieß und drängte sich förmlich. Überall war
-ein fürchterliches Pressen und Schieben, dazwischen ein Lachen und
-Schimpfen und Wettern in allen Sprachen der Völker. Jeder und jede wollte
-so nahe als möglich an den Weltensegler gelangen, an dieses Wunder der
-Technik, dieses stolze Erzeugnis wissenschaftlicher Berechnung. Alle
-wollten das Werk möglichst genau sehen und betrachten, womöglich auch
-befühlen und einen Blick in die merkwürdig eingerichtete Gondel werfen;
-sollte diese doch für viele Wochen der Aufenthaltsort der berühmten sieben
-Gelehrten sein, die ohne Rücksicht auf ihr Leben die einem Märchen gleiche
-Reise nach einer andern Welt unternahmen, einer Welt, die in
-schwindelerregend weiter Ferne von der Erde sich befand.
-
-Die Meinungen über das Gelingen oder Mißlingen der Expedition waren beim
-Publikum noch immer geteilt. Darüber aber waren sich alle einig, daß das
-Unternehmen an Kühnheit und Großartigkeit alles in den Schatten stellte,
-was die Welt bisher gesehen, und daß die Männer der Expedition an Mut und
-Entschlossenheit nicht ihresgleichen fanden.
-
-So war der 7. Dezember herangekommen, der ewig denkwürdige Tag, an dem
-nachmittags punkt vier Uhr der Aufstieg des Weltenseglers stattfinden
-sollte. Kurz nach Tagesanbruch war Professor Stiller auf der Baustelle
-erschienen. Die Herren Blieder und Schnabel befanden sich bereits auf dem
-Platze und erwarteten den Professor. Ebenso waren sämtliche am Weltensegler
-beschäftigte Arbeiter angetreten. Der Ballon wie die Gondel wurden einer
-scharfen, eingehenden Besichtigung unterworfen. Die von Professor Stiller
-gerügten Ausstände waren beseitigt. Einige kleinere Anstände, die der
-Professor da und dort noch entdeckte, verbesserten die Arbeiter sehr rasch.
-Nachdem auch das Kleinste geordnet war, stieg Professor Stiller in die
-Gondel. Ihm folgten die Herren Blieder und Schnabel sowie einige der ersten
-Arbeiter.
-
-Die Taue, mit denen das Riesenluftschiff am Boden befestigt war, wurden
-vorsichtig gelöst. Langsam, in stolzer Sicherheit erhob sich der
-Weltensegler gen Himmel. Unterdessen hatte sich trotz der frühen
-Morgenstunde eine Menge von Neugierigen auf dem Wasen eingefunden, die mit
-Staunen und lauter Bewunderung den Bewegungen des Luftschiffes folgten.
-Hoch oben in der Luft, kaum noch erkennbar, bald rückwärts, bald vorwärts
-flog der Weltensegler, willig der Steuerung gehorchend wie das flinkste
-Schiff im Wasser. In raschem Fluge und weitem Bogen zog das Luftschiff über
-Stuttgart hin, kehrte wieder über den Ort des Aufstieges zurück und ließ
-sich langsam und majestätisch genau auf dem Punkt nieder, von dem es
-ausgegangen war.
-
-Ein tausendstimmiges Bravo der Zuschauer, wie ein Donner klingend, belohnte
-die gelungene Probefahrt. Nun konnte es tatsächlich keinem Zweifel mehr
-unterliegen, daß ein so wunderbar schnell fliegendes und leicht lenkbares
-Luftschiff wie der Weltensegler den höchsten aeronautischen Anforderungen
-genügen, daß die Reise wirklich zu einem befriedigenden Ziele, zu einem
-günstigen Ergebnis führen mußte.
-
-Mit Befriedigung verließ Professor Stiller die Gondel. Die Sache war besser
-ausgefallen, als er vor wenigen Tagen selbst noch geglaubt hatte. Sein so
-lange genährter und auch berechtigter Unmut gegen die Herren Blieder und
-Schnabel wich freundlicheren Gefühlen, als er sich von ihnen
-verabschiedete. Gern übersah er deshalb auch, daß die Erbauer des
-Weltenseglers eigentlich nur die Handlanger bei der Ausführung des
-Erzeugnisses seiner eigenen Geistesarbeit gewesen waren, und gönnte ihnen
-den leicht und billig verdienten Ruhm. Neidlos überließ er seine alten
-Schulgenossen dem herbeiströmenden Publikum, das diese mit Glückwünschen zu
-dem genialen Bau und der gelungenen Probefahrt des Weltenseglers
-überschüttete.
-
-Es ging auf ein halb vier Uhr nachmittags. Ein Meer von Menschen wogte auf
-dem Wasen. Von Minute zu Minute stieg die Erwartung, denn bald sollten die
-kühnen Weltensegler, die sieben berühmten Gelehrten, Deutschlands und
-Schwabens Stolz und Zier, auf dem Wasen eintreffen, um in dem Luftschiff
-mit dem so treffenden Namen die ungeheuerliche Reise anzutreten. Punkt ein
-halb vier Uhr begannen die Glocken aller Türme von Groß-Stuttgart zu
-läuten. Es war ein harmonisches, feierliches Konzert, würdig des
-bevorstehenden ernsten und zugleich so großartigen Augenblicks. Aus dem
-Tale des Nesenbachs heraus wie aus dem des Neckars verkündete der laute,
-eherne Mund der Glocken das Hohelied von Mut, von Kühnheit und dem
-Menschengeist, der sich über den einengenden Erdenkreis hinaus erhob und
-sich einen Verkehr mit jenen fernen, geheimnisvollen Welten anzubahnen
-anschickte, der seit Beginn der menschlichen Kultur bis zur heutigen Stunde
-das hoffnungslose Sehnen und Wünschen der Edelsten und Besten gewesen war.
-Jetzt endlich, nach Jahrtausenden, sollte dieses Sehnen Erfüllung finden,
-der Verwirklichung entgegengehen. Kein Wunder, daß die gesamte Welt mit
-atemloser Spannung nach der Hauptstadt des Schwabenlandes blickte, wo eine
-solche Großtat vollbracht werden sollte.
-
-Nach allen Richtungen der Windrose flogen von dem Cannstatter Wasen die
-Telegramme der Berichterstatter. Ein großes Depeschenbureau war für diesen
-Zweck in unmittelbarer Nähe des Weltenseglers errichtet worden. Auf dem
-Wasen selbst war die Erregung der Massen nachgerade aufs höchste gestiegen.
-Die feierlichen Akkorde der Glocken hatten bei der Menschenmenge ein
-erhebendes, sonntägliches Gefühl erweckt, und als fünf Minuten vor vier Uhr
-die Glocken plötzlich mit einem Schlage verstummten, da herrschte auf dem
-weiten Platze die ernste, erwartungsvolle Stille der Kirche.
-
-Die Sonne stand schon tief im Westen. Ihre rotgoldenen Strahlen spielten
-wie Abschied nehmend an dem Weltensegler und ließen das gewaltige, kaum
-sich bewegende Luftschiff wie mit einem Heiligenschein umgeben erscheinen.
-Da ertönten von der Neckarbrücke her Hurrarufe. Sie pflanzten sich fort und
-wurden zu einem betäubenden Willkommen. Aus Hunderttausenden von Kehlen
-stieg brausender Begrüßungsruf, als die Menge der sieben Gelehrten
-ansichtig wurde, deren Namen von Mund zu Mund gingen, und deren Bildnisse
-in ungezählten Exemplaren gekauft worden waren. Die Herren vertraten
-folgende Fächer:
-
-Prof. Dr. Siegfried Stiller, Astronomie, Physik und Chemie,
-
-Prof. Dr. Paracelsus Piller, Medizin und allgemeine Naturwissenschaft,
-
-Prof. Dr. David Dubelmeier, Jurisprudenz,
-
-Prof. Dr. Bombastus Brummhuber, Philosophie,
-
-Prof. Dr. Hieronymus Hämmerle, Philologie,
-
-Prof. Dr. Theobald Thudium, Nationalökonomie,
-
-Prof. Dr. Friedolin Frommherz, Ethik und Theologie.
-
-In einem Autoelektrik sitzend, fuhren die Herren langsam durch die sich vor
-ihnen öffnende Menschenmauer der Baustelle des Weltenseglers zu. Ernst und
-voll Würde grüßten die kühnen Reisenden die ihnen zujubelnde Menge. Am
-Weltensegler angelangt, verließen sie den Wagen, und Professor Stiller
-bestieg die in aller Eile und in letzter Stunde noch aufgerichtete
-Rednertribüne, um von da aus einige Worte des Abschiedes an die nächste
-Umgebung zu richten.
-
-»Verehrte Damen und Herren, werte Freunde und Kollegen von nah und fern
-dieses kleinen Erdenballes! Die Geschichte unseres Planes ist Ihnen ja
-allen bekannt. Heute ist er verwirklicht insofern, als es uns gelungen ist,
-ein Luftschiff zu konstruieren, das nicht nur die Atmosphäre unserer Erde
-mit Leichtigkeit durchschneiden, sondern auch -- und dies ist der
-springende Punkt -- den Ätherraum selbständig durchfliegen soll. Alle hier
-in Frage kommenden, ungeheuer verwickelten wissenschaftlichen Bedingungen,
-die vorher erfüllt werden mußten, um unsere Reise nach dem Mars zu
-ermöglichen, will ich nicht weiter erwähnen. Dies würde mich auch viel zu
-weit führen. Aber für meine heilige Pflicht halte ich es, in dieser Stunde
-des Abschiedes laut und offen zu erklären, daß möglicherweise unsere Reise
-von manchen Faktoren ungünstig beeinflußt, durch diese »Unbekannten«, die
-wir hier auf unserm Planeten nicht in den Kreis unserer Berechnung zu
-ziehen vermochten, vielleicht auch zum Scheitern gebracht werden kann.
-Diese Erkenntnis schützt uns vor Selbstüberhebung, sie zeigt uns aber auch
-klar die Gefahren unserer Expedition. Nicht Leichtfertigkeit, sondern die
-vorwärts treibende Wissenschaft, der Durst nach Aufklärung ist es, der uns
-unser eigenes Leben nicht achten, sondern in den Dienst der allgemeinen
-Forschung stellen läßt.
-
-Ob und wann wir uns je in diesem Leben wiedersehen werden, kann heute
-niemand von uns sagen. Kommen wir in einer Reihe von Jahren nicht mehr
-zurück, so weihen Sie unserm Andenken eine stille Träne. (Allgemeine
-Rührung.) Wir sind eben dann die Opfer unseres Berufes geworden. Aber
-ebensogut ist es möglich, daß wir Ihnen einmal später von den Wundern einer
-andern Welt berichten können. Leben Sie daher alle, alle wohl, und nehmen
-Sie zum Abschiede meinen und meiner Kollegen herzlichen Dank für Ihr
-Erscheinen hier, für Ihre Anteilnahme an unserm Unternehmen.«
-
-Beifallsstürme brachen los, als Professor Stiller seine Rede beendigt hatte
-und nun gemessenen Schrittes von der Tribüne herabstieg. Wieder trat eine
-lautlose Stille ein, als die Gelehrten einer nach dem andern in die Gondel
-stiegen. Professor Stiller war der letzte, der die Strickleiter zur Gondel
-hinaufkletterte. Er winkte noch mit der Hand, dann schloß sich die kleine
-Tür. Das Klingeln einer elektrischen Glocke war das Signal zum Lösen der
-Taue. Der Weltensegler hob sich. Ruhig, gerade stieg er hinauf in den mehr
-und mehr heraufziehenden Winterabend. Kleiner und kleiner wurde der
-mächtige Ballon, größer und größer die Entfernung zwischen ihm und der
-Erde, dann verschwand er vor den Augen der Zurückgebliebenen, die sich
-schweigend unter dem machtvollen Eindruck des Geschehenen nach und nach
-zerstreuten.
-
-Am Abend dieses bedeutungsvollen Tages gab der hohe Rat der Stadt Stuttgart
-zu Ehren der Herren Blieder und Schnabel, der Erbauer des Weltenseglers, in
-dem glänzend erleuchteten, prachtvoll geschmückten Cannstatter Kursaal ein
-prunkvolles Festmahl. In mancherlei Reden wurden die Herren als die im
-Augenblick berühmtesten Männer und hervorragendsten Leuchten ihrer
-Vaterstadt gefeiert. Tränen der Freude liefen den beiden Herren über die
-gut genährten Wangen, als sie so offen ihr Loblied aus dem Munde der
-hochwürdigen Stadtväter singen hörten. Allerdings behaupteten böse Zungen
-später, Blieder und Schnabel hätten nur deshalb geweint und nicht mit
-Worten zu danken vermocht, weil sie schon zu viel des guten Weines
-getrunken und den Zungenschlag bekommen hätten. Aber böse Zungen sind ja
-immer dabei, wenn es gilt, die Verdienste anderer zu schmälern.
-
-Beim Festmahle erreichte die allgemeine Rührung ihren Höhepunkt, als den
-Herren Blieder und Schnabel auf ihre etwas großen Köpfe je ein mächtiger
-Lorbeerkranz gepreßt wurde. Am Schlusse des Mahles verkündete der Herr
-Oberbürgermeister der Haupt- und Residenzstadt, daß Herr Architekt Adolf
-Blieder und Herr Professor Julius Schnabel auf Grund ihrer Leistungen bei
-dem kühnen Bau des Weltenseglers aus dem Stande der gewöhnlichen Bürger der
-Stadt herausgehoben und in die kleine Gemeinde der Ehrenbürger versetzt
-seien. Die Überreichung der Ehrendiplome unter den rauschenden Klängen des
-Stuttgarter Stadtmarsches schloß die erhebende Feier erst um die
-mitternächtliche Stunde.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-Zwischen Himmel und Erde
-
-
-Keine nennenswerte Luftströmung störte den fast senkrechten Aufstieg des
-Weltenseglers. Noch befand sich das Luftschiff im Bereich der
-Erdatmosphäre. Allerdings machte sich die erreichte Höhe durch den
-verminderten Luftdruck und das Sinken der Temperatur auch im Innern der
-Gondel fühlbar. Professor Stiller, als Leiter des Ganzen, schlug daher vor,
-zunächst einen bescheidenen Abendimbiß einzunehmen, wohl den letzten in der
-Nähe der Mutter Erde, von der die Expedition nach dem Stand des Barometers
-schon siebentausend Meter entfernt war. Der Vorschlag fand allseitige
-Billigung. Die Herren ließen sich die ausgezeichneten Stuttgarter Fleisch-
-und Backwaren vortrefflich schmecken, und dem an den sonnigen Halden des
-Neckartales bei Cannstatt gewachsenen Zuckerle, so hieß der mitgenommene
-gute Rotwein, wurde wacker zugesprochen, soweit eben die Herren Gelehrten
-keine Abstinenzler waren.
-
-Nach dem Mahle wurde die Aufmerksamkeit wieder den Instrumenten zugewandt.
-Diese zeigten an, daß die Grenze der Erdatmosphäre erreicht sei, mithin der
-Eintritt in den unermeßlichen Ätherraum bevorstehe. Die mit Xylol gefüllten
-Thermometer zeigten außerhalb der Gondel bereits 42 Grad unter Null an, und
-die Barometer registrierten eine Höhe von 19950 Meter. In der Gondel wurden
-die elektrischen Glühkörper in Tätigkeit gesetzt, nachdem schon vorher der
-Zerstäubungsapparat für die feste Luft in Funktion getreten war. Eine
-erträgliche Temperatur und eine angenehme, gut atembare Luft herrschte in
-der Gondel. Der Dienst in dem Raum wurde in der Weise geordnet, daß jeder
-der Gelehrten während vierundzwanzig Stunden abwechselnd drei Stunden
-zweiundvierzig Minuten die Instrumente zu überwachen hatte. Auf diese Art
-war für den einzelnen der Dienst nicht anstrengend. Nur Professor Stiller
-hatte sich vorbehalten, im Falle der Notwendigkeit die Dienstleistung für
-gewisse Zeit allein zu übernehmen.
-
-Ruhig und gut ging die erste Nacht in der Gondel hoch oben im Ätherraume
-vorüber. Unterdessen war der Ballon äußerst schnell gestiegen. Morgens um 7
-Uhr, am 8. Dezember, war die Höhe von 90723 Meter erreicht. Die Thermometer
-an den Glimmerfenstern der Gondel zeigten die fürchterliche Kälte von 120
-Grad. Tiefe Dunkelheit umgab den Weltensegler. Kein einziger Sonnenstrahl
-fiel in diese pechschwarze Nacht des Tages. Rascher und rascher stieg das
-Luftschiff, seinen Kurs genau der Steuerung gemäß nach Osten haltend. Gegen
-Mittag wurde durch den Geschwindigkeitsmesser die gewaltige Entfernung von
-220000 Meter von der Erde angezeigt. Sollte das Steigen in diesem
-schnellen, progressiv sich steigernden Tempo fortgehen, so mußte der
-Weltensegler im Laufe weniger Tage in die Nähe des Mondes gelangen, der bis
-dahin, um 90 Grad nach Osten vorgerückt, gerade sein erstes Viertel bilden
-würde.
-
-Mit der Annäherung an den Mond erhielt der Weltensegler dann wieder das
-Licht der Sonne, konnten die Gondelbewohner sich wieder an den leuchtenden
-Strahlen der Urquelle aller Kraft erfreuen. Obgleich noch keine
-vierundzwanzig Stunden unterwegs, empfanden die Herren die Dunkelheit des
-sie umgebenden Weltraumes wie eine allzulange Nacht. Sie begannen sich
-darüber zu äußern.
-
-»Wir sind eben Kinder des Lichtes, der Sonne und empfinden sofort deren
-Mangel,« sprach Professor Dubelmeier.
-
-»Das ist wohl wahr,« bestätigte Friedolin Frommherz, »alles Licht, auch das
-unserer Seelen, kommt von oben.«
-
-»Umgesetztes Sonnenlicht, mein Lieber,« ergänzte Professor Hämmerle.
-
-»Nennen Sie es, wie Sie wollen, das letzte aller Rätsel, die wirkliche
-Ursache alles Seins bleibt uns Sterblichen eben doch für immer verborgen,
-und wer weiß, ob dies nicht sehr gut ist,« entgegnete Frommherz.
-
-»Darüber wollen wir uns hier in unserer Gondel nicht streiten, sondern uns
-über die Aussicht freuen, in kürzester Zeit aus dem Dunkel des Ätherraumes
-heraus wieder in das volle Licht der Sonne eintauchen zu dürfen, allerdings
-um sehr rasch wieder in die Finsternis zurückzukehren, wohl dann für
-längere Zeit,« warf Professor Stiller ein.
-
-Doch plötzlich wurde der Unterhaltung ein unerwartetes Ende bereitet. Der
-Weltensegler begann zu zittern und schien einen Augenblick still zu stehen.
-Das Zittern des mächtigen Ballons übertrug sich auf die Gondel.
-
-»Was ist los, um des Himmels willen, was hat sich ereignet?« Diese Fragen
-kamen über die Lippen von mehreren der erregten Gelehrten.
-
-»Zunächst nur Ruhe, keine Aufregung, die ja doch zu nichts führen würde,
-liebe Freunde!« besänftigte Professor Stiller seine erschrockenen
-Gefährten. »Es scheint, daß wir in den breiten elektrischen Anziehungsstrom
-des Mondes gelangt sind, auf den der Weltensegler mit seiner eigenen
-elektrischen Strömung sofort reagiert hat, daher sein plötzliches
-Erzittern,« fuhr Herr Stiller fort. »Nun seht, er beruhigt sich und treibt
-wieder und zwar bedeutend schneller vorwärts, ein Beweis für die
-Richtigkeit meiner Vermutungen.« Mit diesen Worten trat Stiller von seinem
-Beobachtungsposten zurück, um ihn aber bald nachher wieder einzunehmen.
-
-Von der Geschwindigkeit der rasenden Vorwärtsbewegung spürten die Insassen
-der Gondel nichts oder nur sehr wenig. Mit größter Aufmerksamkeit
-beobachtete Professor Stiller wieder den Geschwindigkeitsmesser. Nach einer
-Stunde konstatierte der Gelehrte kopfschüttelnd eine zurückgelegte Strecke
-von 4500 Kilometern.
-
-»Warum schütteln Sie den Kopf, Stiller?« fragte Professor Piller den
-Kollegen.
-
-»Es geht langsamer vorwärts, als ich mir vorstellte und nach meinen
-Berechnungen erwartet hatte.«
-
-»Nanu, ich denke, 4500 Kilometer in einer Stunde fliegend zurückzulegen,
-macht uns so leicht niemand nach. Eine solche Geschwindigkeit übersteigt
-alles, selbst die kühnste Rechnung,« warf Brummhuber ein.
-
-»Sie übersehen dabei die ungeheuren Entfernungen, die wir zurückzulegen
-haben, um unser Ziel zu erreichen,« entgegnete Professor Stiller. »Doch ich
-hoffe, daß es in diesem Tempo nicht weitergehen wird; wir kämen sonst,«
-fügte er etwas gezwungen lächelnd hinzu, »mit allzu großer Verspätung auf
-dem Mars an.«
-
-»Ein paar Tage mehr oder weniger spielen bei unserer Reise keine Rolle,«
-antwortete Thudium.
-
-Doch Herr Stiller gab keine Antwort mehr. Ernste Gedanken zogen in sein
-Gehirn und begannen ihn zu quälen. Diese Gedanken wollte er einstweilen für
-sich behalten. Wozu die Ruhe, das Vertrauen der Gefährten schon jetzt
-erschüttern? Die Zeit brachte von selbst Rat und vielleicht auch -- Hilfe.
-
-So verstrichen der zweite und der dritte Tag der Reise.
-
-
-Am Ende des letzteren betrug die zurückgelegte Entfernung 324000 Kilometer.
-Die Geschwindigkeit des Weltenseglers hatte also doch etwas zugenommen,
-dank der von ihm aus seinen Apparaten nach außen hin abgegebenen
-elektrischen Kraft, die von Professor Stiller im Vereine mit Piller und
-Hämmerle einer sorgfältigen Messung unterlag. So vergingen die Stunden.
-Keiner der Herren vermochte zu schlafen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach
-mußte der Weltensegler noch diese Nacht in die unmittelbare Nähe des Mondes
-gelangen.
-
-Eine plötzliche, von außen her in die Gondel dringende Helle ließ sofort
-Professor Stiller den elektrischen Strom schließen. Das Luftschiff begann
-langsamer zu fahren und stoppte endlich. Die Herren stürzten nach den
-Fenstern der Gondel, um den ganz unbegreiflichen Stillstand zu ergründen.
-Staunende Bewunderung über das, was sich ihren Augen bot, wirkte im ersten
-Augenblick so lähmend auf die Insassen der Gondel, daß sie minutenlang wie
-gebannt in stummem Entzücken dastanden. Dann aber brach sich eine laute
-Begeisterung Bahn.
-
-»Großartig! Einzig schön! Allein die Reise wert! Ein Bild ohnegleichen! Der
-Mond, der Mond!« so kam es über die Lippen der Beschauer. Unmittelbar unter
-ihnen zeigten sich, hell beschienen von der Sonne, gewaltige, oft
-zerrissene, wild zerklüftete, trotzig emporstrebende Berge, die Schatten
-von wunderbarer, ungekannter Schärfe warfen. Zwischen ihnen gähnten
-Tausende von Metern tiefe Abgründe, und eine Unmasse ausgebrannter Krater
-schob sich zwischen die Abgründe und die Felsenmauern. Ziemlich ebene
-Landschaften waren wiederum von wallartigen Ringen ehemaliger gewaltiger
-Vulkane umkränzt. Dieses so umschlossene Land lag bedeutend höher als das
-außerhalb der Wälle sichtbare, aus dem sich wiederum da und dort
-kegelförmige Berge, die Reste einstiger Vulkane, scharf abhoben. Die
-merkwürdige Beleuchtung mit ihren einzig schönen Schattenbildern, überhaupt
-der ganze Eindruck war so eigenartig, in dieser Form so völlig verschieden
-von dem, was die Herren von der Erde her kannten, daß sie einen Vergleich
-damit gar nicht zu ziehen vermochten.
-
-Wohin sie auch ihre Blicke richteten, nirgends, aber auch nirgends konnten
-sie Spuren von Pflanzenwuchs oder Wasser entdecken. Kein See, kein Strom,
-kein wogender Ozean, kein grünender Rasen, Strauch oder Baum, nichts, rein
-nichts zeigte sich. Das stumme, ergreifende Bild des starren Todes, das
-sich hier den Reisenden offenbarte, verfehlte auf diese seine Wirkung
-nicht. Die erste laute Begeisterung war rasch einer großen Stille gewichen,
-dem tiefen Ernste, den der Tod bei jedem denkenden und empfindenden
-Menschen hervorbringt. Nur kurze Zeit hatte man sich der Betrachtung
-desjenigen Teiles des Mondes hingeben können, der von der Gondel aus
-sichtbar war. Der Weltensegler fing an langsam zu fallen.
-
-»Auf dem Monde können wir uns weder braten lassen, noch wollen wir auf ihm
-erfrieren,« rief Professor Stiller. »Wir müssen also schleunigst aus seiner
-wegen der Anziehung für uns gefährlichen Nähe weg und wieder hinaus in den
-Weltäther.«
-
-Rasch wurde die elektrische Kraft wieder in Tätigkeit gebracht; die Flügel
-der Schraube drehten sich, und der Weltensegler entfernte sich schneller
-und immer schneller vom toten Kinde der noch lebendigen Mutter Erde.
-
-Die Berechnungen von Professor Stiller gingen dahin, daß nach Kreuzung der
-Mondbahn und glücklicher Überwindung der Anziehungskraft des Mondes der
-Weltensegler bald selbst in die eigentliche Anziehungssphäre des Mars
-gelangen müsse, als desjenigen großen Gestirns, das sich augenblicklich der
-Erde noch am meisten genähert hatte. Diese Erdnähe mußte begreiflicherweise
-die natürliche, auf elektromagnetischen Strömungen beruhende Gravitation
-zwischen Mars und Erde ganz bedeutend beeinflussen. Daraus folgte, daß,
-wenn ein den Gesetzen der Anziehungskraft unterworfener Körper, wie ihn
-beispielsweise der Weltensegler darstellte, in den Bereich dieser Anziehung
-gelangte, er in dem Maße vom Mars angezogen wurde, als er ihm näher stand
-als der Erde.
-
-Von der Erde war nun der Weltensegler jetzt genau -- nach Passage der
-Mondbahn -- 386492 Kilometer entfernt. Es konnte daher keinem Zweifel
-unterliegen, daß der Weltensegler bereits unter der Anziehungskraft des
-Mars stand, die Stillersche Rechnung somit stimmte, denn das Luftschiff
-flog mit gleichmäßiger Geschwindigkeit und in derselben steten östlichen
-Richtung weiter. Die anfänglich gefürchtete Einwirkung der Anziehungskraft
-der Sonne konnte nun endgültig ausgeschaltet werden. Der Weltensegler
-befand sich auf dem richtigen und unmittelbaren Wege zu seinem Ziele.
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-Schon längst war es wieder dunkle Nacht außerhalb der Gondel, und die
-furchtbare Kälte des Weltraumes umgab den Ballon. Trotz des hermetischen
-Abschlusses und der dicken Pelzlager der Gondel vermochten sich die
-Reisenden gegen die Kälte nur durch elektrische Beleuchtung und Heizung zu
-schützen.
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-Ein Tag verging so nach dem andern. Aus der ersten Woche wurde die zweite,
-aus der zweiten die dritte, aus der dritten die vierte, und noch immer
-wollte der Flug des Weltenseglers kein Ende nehmen.
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-Eines Tages -- es war in der vierten Woche der Reise -- begann die Stille
-des Gondelinnern ein eigenartiges Geräusch zu unterbrechen.
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-»Was ist denn los?« fragten die Gelehrten erstaunt Professor Stiller.
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-»Ich kann es mir nicht erklären,« entgegnete dieser. »Weder unsere Uhren
-noch der Geschwindigkeitsmesser können die Ursache dieses auffallenden
-Rasselns sein. Und doch muß diese hier innen zu suchen sein, da der
-Weltäther bekanntlich keine Schallwellen vermittelt.«
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-Während Herr Stiller so sprach, forschte er nach der Ursache des sich mehr
-und mehr verstärkenden Lärmes.
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-»Ich kann wirklich nichts finden. Alle unsere Apparate für Luft und
-elektrische Kraft sind in Ordnung und funktionieren ruhig und tadellos.
-Aber halt, da fällt mir ein, es ist ja die Luft in unserer Gondel selbst,
-die den Schall überträgt, dessen Ursache draußen im Weltenraume liegen
-muß.«
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-»Dann ist es vielleicht irgendein Weltkörper, in dessen Nähe wir gelangt
-sind,« warf Professor Hämmerle besorgt ein.
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-In der Gondel surrte und schwirrte es nachgerade wie in einem
-Uhrmacherladen. Es schien, als ob Hunderte von Weckern losgegangen wären.
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-»Das ist ja ein Höllenlärm, bei dem einem Hören und Sehen vergeht!« brüllte
-Professor Thudium wütend. Aber in dem allgemeinen, betäubenden Rasseln
-erstarb seine Stimme.
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-Da erschreckte eine plötzliche Helligkeit, loderndem Feuer gleich, die
-sieben Insassen der Gondel. Eine Verständigung war des Lärmes wegen
-unmöglich geworden. Vor dem blitzenden Lichte, das durch die Fenster drang,
-schlossen die Reisenden unwillkürlich die schmerzenden Augen. Jeder
-Versuch, sie zu öffnen, erhöhte das fürchterliche Schmerzgefühl. In diesem
-kritischen Augenblick erinnerte sich Professor Dubelmeier glücklicherweise
-seiner Gletscherbrille, die er als leidenschaftlicher Bergsteiger in den
-Universitätsferien stets bei sich trug, und die er wohlverpackt in einem
-Futterale mitgenommen und in irgendeine Tasche seines Rockes gesteckt haben
-mußte. Vorsichtig tastete er den Rock von außen ab. Richtig, da fühlte er
-einen länglichen Gegenstand in der oberen rechten Seitentasche. Es war die
-Brille, dem Himmel sei Dank! Endlich hatte er sie auf die Nase gebracht.
-Geschützt durch die dunklen Gläser, vermochte er nun seine Augen zu öffnen.
-Zunächst ließ er seine Blicke in der Gondel herumwandern. Stumm, mit
-geschlossenen Augen lagen seine Gefährten da. Der Ausdruck ihrer Gesichter
-trug den Stempel in ihr unabwendbares Schicksal ergebener Männer.
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-Mit zitternden Knien und klopfendem Herzen schlich sich Professor
-Dubelmeier zu dem ihm zunächst liegenden Glimmerfenster. Er wollte den
-Versuch machen, die Schutzvorrichtung an ihm herabzulassen, an die in dem
-wahnsinnigen Lärm merkwürdigerweise keiner der Herren bis jetzt gedacht
-hatte. Behutsam spähte er dabei hinaus in den unermeßlichen Weltraum. Aber
-welch überwältigendes Schauspiel bot sich ihm hier! Vor Aufregung hierüber
-vergaß er die Schutzvorrichtung. Sein Sinnen und Denken war von dem
-Naturschauspiele da draußen völlig gefangengenommen.
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-Aus Millionen von Leuchtkugeln, die ähnlich der Milchstraße am nächtlichen
-Himmel einen breiten Strahlengürtel bildeten, funkelte und blitzte es in
-märchenhafter Pracht herüber aus der Ferne. Was mochte das wohl sein? Da
-mußte sofort Kollege Stiller gefragt werden, denn möglicherweise konnte
-durch ihn noch eine dem Weltensegler drohende Gefahr abgewendet werden.
-Professor Dubelmeier ließ zunächst die Schutzvorrichtung an den Fenstern
-herab, trat dann auf Stiller zu, stülpte ihm die Schutzbrille auf die Nase
-und rüttelte ihn aus seiner Betäubung wach. Erstaunt über sein so plötzlich
-wiedergekehrtes Sehvermögen erhob sich Professor Stiller mit der Brille
-seines Freundes und folgte dessen stummer Gebärde. Er zog die
-Schutzvorrichtung des Fensters weg und blickte hinaus. Gebannt von dem sich
-ihm bietenden Schauspiel blieb auch er einige Minuten am Fenster stehen,
-versunken in den Zauber des Anblicks. Nun war ihm die Ursache des tollen
-Rasselns, der Erscheinung überhaupt, klar. Der Weltensegler war auf seiner
-Bahn nach dem Mars in die Nähe eines durch den Weltäther dahinsausenden
-Kometen gekommen, der eben diese Bahn kreuzte. Eine unmittelbare Gefahr für
-den Weltensegler war bei der immerhin noch großen Entfernung und der
-ungeheuren Geschwindigkeit der Kometenbewegung nicht vorhanden, wenigstens
-nicht für die nächsten Stunden. Beruhigt, aber doch halb berauscht von der
-einzigartigen Erscheinung, verließ Herr Stiller das Fenster.
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-Wie es Professor Dubelmeier mit ihm gemacht, so machte es Stiller mit
-seinem Kollegen Piller, dieser wiederum mit Hämmerle und so weiter, so daß
-jeder der Reisenden sich das großartige Schauspiel ohne Gefahr für sein
-Sehvermögen betrachten konnte. Zu einer Aussprache aber kam es erst nach
-einigen Stunden, als das Geräusch des vorbeiziehenden Kometen nach und nach
-abzunehmen begann.
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-Dann erklärte Professor Stiller seinen Gefährten die Ursache der
-Erscheinung und pries laut Dubelmeiers Schutzbrille.
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-»An so vieles dachte ich bei der Auswahl der mitzunehmenden Sachen, und ich
-glaubte auch, wirklich nichts vergessen zu haben. Ich gestehe aber, daß ich
-auf den praktischen, so naheliegenden Gedanken einer Schutzbrille nicht
-gekommen bin. Da sieht man wieder die eigene Unzulänglichkeit, den Mangel
-an Verlaß auf sich selbst. Freund Dubelmeiers Sorgfalt hat uns einen großen
-Dienst geleistet.«
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-»Na, nun aber sagen Sie, Mann, wie kamen denn gerade Sie auf den Einfall,
-eine Gletscherbrille in das Luftschiff mitzunehmen?« fragte Professor
-Piller neugierig.
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-Dubelmeier wurde verlegen und wollte zuerst nicht recht mit der Sprache
-heraus. Auf allseitiges Fragen und Drängen hin gestand er endlich, daß er
-sich nicht hätte mit dem Gedanken befreunden können, jahrelang seinen
-geliebten Bergtouren zu entsagen. Da habe er, in der stillen Hoffnung,
-solche auch auf dem Mars ausführen zu können, wenigstens seine
-Gletscherbrille eingesteckt.
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-»Und wo steckt denn Ihr Eispickel und die sonstige Ausrüstung? Davon sehe
-ich nichts,« forschte Professor Brummhuber.
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-»Mit Ausnahme meiner genagelten Schuhe habe ich alles andere seufzend in
-Tübingen gelassen,« antwortete Herr Dubelmeier.
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-»Ein weises Verfahren, fürwahr, denn für die Mitnahme derartigen Gepäckes
-wäre das Innere unserer Gondel doch etwas ungeeignet,« lachte Professor
-Stiller. »Aber Ihre Brille in Ehren, die hat uns gute Dienste geleistet.«
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-Der Durchgang des Kometen durch die Anziehungssphäre des Mars hatte aber
-auf die Vorwärtsbewegung des Weltenseglers selbst ungünstig eingewirkt. Bei
-genauer Kontrolle des Geschwindigkeitsmessers bemerkte Professor Stiller
-mit Schrecken, daß sich der Ballon in den soeben verflossenen ernsten
-Stunden nur mit dem zehnten Teil der bisherigen Schnelligkeit nach dem Mars
-zu bewegt habe. Erst nach und nach schien der Weltensegler wieder in die
-frühere Geschwindigkeit übergehen zu wollen. Das aber bedeutete eine
-unliebsame Verlängerung der an sich schon so mühseligen Reise, die unter
-Umständen noch recht unangenehme Nachwirkungen haben konnte.
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-An die Stelle der früheren Lebhaftigkeit der Unterhaltung, des körperlichen
-und geistigen Wohlbefindens war nach und nach eine gewisse Mattigkeit, eine
-mehr oder weniger große Abspannung getreten, die die Kometenerscheinung nur
-vorübergehend zu unterbrechen vermocht hatte. Bei diesem und jenem der
-Herren erschien bereits als drohendes Gespenst die beginnende Langeweile,
-der Anfang zur Lethargie. Die Reise in dem verhältnismäßig doch engen,
-eingeschlossenen Raume fing an, zu lange zu dauern. Dazu kam auch noch der
-Mangel körperlicher Bewegung und der gewohnten geistigen Beschäftigung.
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-Alle allgemein wie im besonderen interessierenden wissenschaftlichen
-Fragen, die Einzelheiten des bisherigen Verlaufes der Reise waren schon so
-vielseitig und so oft besprochen worden, daß sie längst ihren Reiz verloren
-hatten. Still, stumm, fast apathisch saßen oder lagen jetzt, in ihre
-Pelzmäntel gewickelt, die meisten Herren, die bis vor kurzem noch so heiter
-und lebensfroh gewesen waren, in der Gondel herum. Nur nicht zum zweitenmal
-eine so entsetzlich lange Fahrt mehr machen, die nicht einmal einen guten,
-warmen Imbiß oder freie Bewegung der nahezu steif gewordenen Gliedmaßen
-gestattete! Und war man denn so sicher, das Ziel zu erreichen? Wenn nicht,
-was dann? Ja, was dann? Das waren die Gedanken und die bangen Fragen, die
-die Herren bewegten, die sie in ihrem Gehirn, das zu schmerzen anfing,
-herumwälzten.
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-Diese verdammte Marsreise! Wie verlockend, geradezu verführerisch, ja
-berauschend, die gesunden, klaren Sinne umnebelnd, war sie ihnen zuerst
-erschienen! Wie sehr hatte man diese lange Kerkerhaft in dem engen,
-schmalen Raume, die lange Entbehrung des natürlichen Lichtes der Sonne in
-ihrer Wirkung unterschätzt! Professor Piller schimpfte wohl in der ersten
-Zeit der Reise über eintretende Blutarmut, Störungen im Stoffwechsel trotz
-ausgezeichneter Eßlust und dergleichen, jetzt aber lag auch er halb
-stumpfsinnig in einer Ecke der Gondel, verwünschte im stillen sich, seine
-Genossen, den Weltensegler, das ganze Universum, besonders aber den
-Verführer Mars. So empfanden und dachten auch mehr oder weniger die übrigen
-Herren. Und erinnerten sie sich daran, wie bequem und angenehm sie einst in
-Tübingens Mauern gelebt, wie sie jeden Abend nach getaner Arbeit an ihrem
-Stammtisch in anregender Gesellschaft und bei kühlem, frischem Trunke
-gesessen, so erfüllte sie aufrichtiges Bedauern, diese verrückte Reise
-überhaupt unternommen zu haben.
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-»Hol' der Teufel den Mars!« kam es einmal laut über die Lippen von
-Professor Piller. Es war genau das, was er soeben gedacht hatte.
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-»Das wollen wir nicht wünschen,« erwiderte in etwas herbem Tone Herr
-Stiller. »Daß die Expedition mit allerlei Gefahren und auch materiellen
-Entbehrungen verschiedenster Art zu rechnen haben würde, war von vornherein
-für jeden von uns klar. Wir können uns also hinterher nicht beschweren.
-Solche Beschwerden sind unser nicht würdig. Schweig und dulde! heißt es für
-uns.«
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-»Wahr gesprochen!« bestätigte Bombastus Brummhuber. »Aber schließlich muß
-auch das Schweigen und Dulden ein Ende nehmen.«
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-»So warten Sie doch erst ab, was kommt!« rief Professor Stiller zornig.
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-»Aber Sie sagten doch, daß die Reise nicht länger als einige Wochen dauern
-werde,« warf Frommherz ein, »und nun ist diese Zeit herum und . . .«
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-»Sie sollten am allerwenigsten die Geduld verlieren, Frommherz,« unterbrach
-Stiller den Gefährten. »Im übrigen habe ich niemals eine genaue Angabe
-darüber gemacht, wie lange die Reise dauern werde, aus dem ganz einfachen
-Grunde, weil ich dies auch nicht gekonnt hätte. Ich sprach von mehreren
-Wochen im allergünstigsten Falle. Lassen Sie sich nicht entmutigen dadurch,
-daß die Reise sich länger hinauszieht, als mir selbst lieb ist. Im
-Gegenteil, fassen Sie Mut! Wir haben ihn dringend nötig.«
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-»Was heißt das? Drücken Sie sich klarer aus, Stiller!« tönte es von
-verschiedenen Seiten.
-
-»Nun, ich denke, daß es deutlich genug war, was ich mit meinen Worten sagen
-wollte: wir haben erst einen Bruchteil der Reise hinter uns. Vor uns liegt
-noch eine riesige Strecke, die an unsern Mut und an unsere Widerstandskraft
-alle Anforderungen stellt.«
-
-»Wie groß ist die Entfernung noch?«
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-»Noch etwa dreißig Millionen Kilometer!«
-
-»Dreißig Millionen Kilometer? Kaum die Hälfte! Einfach entsetzlich!«
-stöhnte Professor Dubelmeier.
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-»Wie soll das enden!« seufzte Frommherz.
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-»Hoffen wir, gut, sonst würden Sie, lieber Frommherz, eben schneller gen
-Himmel fahren, als Sie vielleicht wollen,« spottete Professor Stiller, über
-den nachgerade eine Art von Galgenhumor kam.
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-Doch diese Stimmung hielt bei Professor Stiller nicht lange an. Sie wurde
-nur allzu rasch durch die Sorge um das Wohl und Wehe der Expedition
-zurückgedrängt. Er war der eigentliche Urheber, der Vater dieses kühnen
-Unternehmens. Mithin trug auch er allein die volle Verantwortung für das
-Leben seiner Gefährten, die sich im Vertrauen auf seine Angaben ohne Zögern
-zur Mitreise entschlossen hatten. Professor Stiller war bei aller nervösen
-Hast, bei aller Neigung, überall nur das Beste zu sehen und die kühnsten,
-schwierigsten Probleme mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln, und
-trotz seines leicht erregbaren Charakters ein viel zu biederer und
-ehrlicher Mann, um sein eigenes Tun und Lassen nicht immer wieder einer
-strengen Selbstkritik zu unterziehen.
-
-Mehr als einmal schon hatte er es im stillen verwünscht, diese Reise nicht
-allein oder wenigstens nur in Begleitung eines erprobten Dieners
-unternommen und nicht von vornherein auf die Teilnahme seiner Kollegen
-verzichtet zu haben. Noch hatte er bis zur Stunde von den Gefährten keine
-umittelbaren Vorwürfe zu hören bekommen. Die kurze Unterhaltung von vorhin
-aber, die körperliche und geistige Verfassung seiner Genossen bewiesen ihm
-nur allzu deutlich, daß das bisherige gute und friedliche Zusammenleben in
-der Gondel die erste schwere Erschütterung erfahren hatte. Gleich in den
-ersten Tagen der Reise hatten ihn schon gewisse Zweifel und trübe Gedanken
-gequält, die er zuerst noch leicht abzuschütteln vermochte, die aber immer
-wieder und stärker auftauchten und sich nun nicht mehr so rasch bannen
-ließen wie im Anfange.
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-Was Professor Stiller am meisten beschäftigte, das war der verhältnismäßig
-langsame Flug des Weltenseglers. Er hatte ganz bestimmt darauf gerechnet,
-daß das Luftschiff, kaum in den Anziehungskreis des fernen Weltkörpers
-gelangt, diesem selbst mit blitzartiger Geschwindigkeit zufliegen werde,
-und nun mußte er sich eingestehen, daß er sich hierin ganz gehörig
-getäuscht habe. Zu diesem großen Irrtum gesellten sich zwei weitere: die
-Vorräte an fester Luft und an elektrischen Energiemengen waren auf eine
-kürzere Reise, das heißt auf einen rascheren Flug, berechnet gewesen und
-mußten bereits in wenigen Wochen zu Ende gehen.
-
-Am das Maß der Sorgen voll zu machen, nahmen auch die Nahrungsmittel
-überaus schnell ab. Es war zwar ein großer Vorrat an Speisen und Getränken
-für eine Reisedauer von drei Monaten mitgenommen worden, aber Herr Stiller
-hatte nicht mit dem gesunden Appetit seiner Gefährten gerechnet. Anfangs
-hatte er sich über ihre Eßlust gefreut, in dem sichern Bewußtsein, der
-Weltensegler werde in weniger als der Hälfte der Zeit, für die die
-Lebensmittel bestimmt waren, sein Ziel erreichen, jetzt aber, als er sich
-in dieser Erwartung getäuscht sah, kam zu den andern schweren Kümmernissen
-auch noch die Sorge um die Ernährung.
-
-Wohl oder übel mußte schon jetzt, von heute ab eine Kürzung der täglichen
-Nahrungsrationen eintreten, wollte man mit den Vorräten noch längere Zeit
-auskommen. Ganz besonders waren es die Getränke, die stark abgenommen
-hatten, und der Vorrat an dem so beliebten Göppinger Wasser wies geradezu
-erschreckende Lücken auf.
-
-So entstand aus dem ersten großen Irrtum eine ganze Reihe unangenehmster,
-in ihren Wirkungen gar nicht übersehbarer Folgen. Das Gemüt Herrn Stillers
-verdüsterte sich in dem Maße, als er sich dies alles klar zu machen suchte.
-Zunächst trat an ihn die Frage heran, wie er es am besten anfangen sollte,
-seinen Kollegen die Zweckmäßigkeit einer Beschränkung ihrer täglichen
-Speisen und Getränke vor Augen zu führen. Diese Aufgabe richtig zu lösen,
-ohne die Gefährten zu verletzen und ihre an sich schon gereizte Stimmung
-noch schlimmer zu gestalten, erschien Professor Stiller kaum lösbar.
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-»Wenn doch ein Wunder geschehen und die Geschwindigkeit der
-Vorwärtsbewegung des Weltenseglers sich verdoppeln möchte, dann wäre ich
-mit einem Schlage alle diese heillosen Schwierigkeiten los!« dachte
-Professor Stiller. Aber kein Wunder geschah. Der Weltensegler bewegte sich
-gleichmäßig wie bisher weiter, trotz eifrigster Beobachtung des
-Geschwindigkeitsmessers durch den Professor.
-
-»Ersticken, erfrieren, verhungern, bevor wir den Mars erreichen --
-wahrhaftig wir haben die Auswahl unter den schlimmsten aller Todesarten!
-Was nützt es schließlich, meinen Gefährten durch Verringerung ihrer Nahrung
-das bißchen Freude zu verderben, das ihnen der Genuß von Speise und Trank
-noch bereitet, wenn uns der Tod sowieso in sicherer Aussicht steht? Am
-besten ist, ich lasse die Sache beim alten. Punktum!« Zu diesem Entschluß
-kämpfte sich nach langem, trübem Sinnen der Professor endlich durch.
-
-Die Woche ging zu Ende. Mit ihr waren die Marsreisenden in das neue Jahr
-eingetreten. Keiner von ihnen hatte sich um den Jahreswechsel gekümmert,
-der früher von ihnen unten auf der Erde in lauter Fröhlichkeit begangen
-worden war. Eine dumpfe Gleichgültigkeit hatte sich der Gesellschaft
-bemächtigt und benahm ihr auch mehr und mehr die frühere Lust am Essen.
-
-»Gelange ich glücklich aus dieser Gondel heraus auf den Mars und finde dort
-auch nur einigermaßen annehmbare Lebensbedingungen vor, so haben mich
-Schwabenland und Erde für immer gesehen. Keine Gewalt des Himmels soll mich
-dann je wieder zu einer solchen Reise verleiten,« äußerte sich eines Tages
-Professor Friedolin Frommherz, und ihm stimmten mehrere der Herren
-kopfnickend bei.
-
-Professor Stiller entgegnete nichts auf diese Äußerung, die so offen die
-Empfindung seiner Gefährten wiedergab. Angesichts der außerordentlich
-kritischen, täglich sich mehr verschärfenden Lage des Weltenseglers
-erschienen ihm alle diesbezüglichen Meinungsäußerungen seiner Kollegen als
-höchst überflüssig. Er hüllte sich daher in düsteres Schweigen und begann
-über die möglichen Mittel und Wege einer Beschleunigung der Reise
-nachzusinnen.
-
-»Wer sich selbst aufgibt, ist überhaupt von vornherein schon verloren. Wo
-sich nur immer ein Schimmer von Hoffnung zeigt, und wäre er noch so klein
-und schwach, da sieht der mutige Mensch noch die Möglichkeit eines Ausweges
-und einer Rettung, während der Mutlose der Verzweiflung anheimfällt. War
-ich denn schwach und feige, oder bin ich es wirklich?« fragte Professor
-Stiller sich. »Wovor fürchte ich mich eigentlich? Vor dem Tode, vor dem
-Verlust meines Lebens, das im Dienste der Forschung, der Allgemeinheit
-allerdings wertvoll war, von mir persönlich aber niemals hoch eingeschätzt
-wurde?«
-
-Der großartige Gedanke dieser Reise, der sinnreiche Bau des Weltenseglers,
-der sich bis zur Stunde so ausgezeichnet bewährt hatte, das alles war doch
-schließlich sein ureigenstes Werk, dem er in jeder Beziehung so viele Opfer
-gebracht hatte. Schon vor Ausführung der Reise hatte er ja mit der
-Möglichkeit eines Scheiterns der Expedition gerechnet. Trotzdem war er voll
-Mut und Hoffnung auf Überwindung aller Gefahren von der Heimat abgefahren.
-Und nun, wo die Sache anfing kritisch zu werden, da sollte ihm wie einem
-Schwächlinge der Mut sinken? Wie stand er eigentlich vor sich selbst da?
-Eine Röte der Scham stieg bei diesem Gedankengange in sein Gesicht. Weg mit
-allem, was nach Schwäche, nach Feigheit aussah! War es ihm wirklich vom
-Schicksal bestimmt, schon jetzt sterben zu müssen, in der Blüte und
-Vollkraft der Jahre, nun dann in Gottes Namen! Aber dann war auch die Art
-des Unterganges seiner würdig: sie war ebenso groß wie eigenartig. Sein und
-seiner Gefährten Namen würden, wenn sie selbst schon längst im Weltraume
-verschollen waren, für immer achtungsvoll unten auf der Erde genannt
-werden. Mit goldenen Lettern waren sie in den Annalen der Weltgeschichte
-und der Wissenschaft als kühne, wenn auch unglückliche Weltensegler
-eingetragen. Der Gedanke daran war auch ein Trost und zwar ein großer,
-stolzer und zugleich erhebender. Da gelobte sich Professor Stiller von
-neuem, mit Entschlossenheit und offenen Auges der Zukunft entgegenzugehen,
-mochte sie bringen, was sie wollte. Eine wunderbare Ruhe kam allmählich
-über ihn. Sie ließ ihn wieder klarer denken und überlegen. Zunächst begann
-er, den noch vorhandenen Vorrat an elektrischer Kraft auf das sorgfältigste
-festzustellen. Tagelang rechnete er hin und her. Die Entfernung des
-Weltenseglers vom Mars betrug noch rund achtzehn Millionen Kilometer. Die
-Wirkung der Anziehungskraft des Planeten auf den Weltensegler konnte von
-diesem aus gesteigert werden, wenn man sich entschloß, einen Teil der
-gebannten, festgelegten elektrischen Kraft zu opfern, hinaus in den
-Weltraum, dem Mars entgegen zu senden. Allerdings war dieser Versuch, wie
-Professor Stiller sich selbst gestand, sehr gewagt: es verringerte den für
-die Beleuchtung und Erwärmung des Gondelinnern so notwendigen Energievorrat
-außerordentlich rasch. Aber es konnte kein Schwanken mehr für ihn geben,
-nachdem er sich zu der Erkenntnis durchgerungen hatte, daß die Opferung
-eines großen Teiles der elektrischen Energiemengen noch die einzige
-Möglichkeit der Rettung des Lebens und des Gelingens der Expedition in sich
-schließe. Es war ein Va-banque-Spiel, aber es mußte unter diesen
-Verhältnissen gespielt werden. Es blieb keine andere Wahl.
-
-Professor Stiller machte sich sofort an die Arbeit. Anfangs schauten die
-Herren der neu erwachten, energischen Tätigkeit ihres Genossen stumm,
-nahezu gleichgültig zu. Nach und nach aber erwachte in ihnen doch wieder
-die Neugier und damit das eingeschlafene Interesse an der Wissenschaft.
-
-»Stiller, was machen Sie da?« fragte man den Professor aus den
-verschiedenen Ecken der Gondel heraus, in denen die Herren herumlagen.
-
-»Ich arbeite an unserer Rettung,« entgegnete kurz der Gefragte.
-
-»Fürwahr, ein löbliches Werk!« bemerkte Frommherz mit schwacher Stimme.
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-»Erklären Sie uns Ihr Unternehmen!« bat Professor Dubelmeier.
-
-»Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, werteste Freunde! Meine
-Auseinandersetzungen müßte ich mit so vielen Zahlen belegen, daß Ihnen der
-Kopf brummen würde, und der bedarf bei uns allen jetzt ganz besonderer
-Schonung.«
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-»Stiller hat recht!« entschied Professor Piller. »Reichen Sie mir lieber
-aus dem Schrank, an dem Sie sitzen, eine Flasche unseres heimischen Weines.
-Ich will wieder Lethe trinken, Lethe!«
-
-»Piller, Sie trinken entschieden zuviel,« mahnte Dubelmeier, entsprach aber
-doch der Bitte des Freundes, indem er ihm eine Flasche mit dem hellroten
-»Zuckerle« hinüberreichte »Der Alkohol ist ein Feind des Gehirns, das
-sollten Sie doch als Medizinmann am besten wissen.«
-
-»Meinetwegen!« gähnte Professor Piller. Dann verriet ein lauter, gurgelnder
-Ton aus der Ecke den kräftigen Zug des Trinkenden. »So, das hat geschmeckt.
-Es geht eben doch nichts über einen guten Tropfen,« brummte Piller. »Und
-nun, Dubelmeier, rate ich Ihnen dringend, mit dieser Art von Gehirnfeind
-ebenfalls nähere Bekanntschaft zu machen. Göppinger Wasser allein tut's
-freilich nicht, uns und unsern Denkkasten auf dieser vermaledeiten Reise
-mobil zu erhalten.« Nach diesen Worten schloß Professor Piller wieder die
-Augen und schlief ruhig ein. Auch die andern Herren sanken rasch wieder in
-den alten lethargischen Zustand zurück.
-
-Unterdessen hatte Professor Stiller die Wirkung seines Versuchs beobachtet.
-Der Schnelligkeitsmesser notierte tatsächlich eine nennenswerte Vermehrung
-der Geschwindigkeit gegenüber der bisherigen. Bereits wiegte sich der
-Professor in der Hoffnung auf das Gelingen des Experimentes, -- da trat ein
-neues Ereignis ein.
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-»Was, Teufel, ist denn wieder los?« fragte Piller, plötzlich aus seiner
-Lethargie auffahrend, als sich ein seltsames, donnerähnliches Rauschen in
-der Gondel hören ließ.
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-»Das klingt ja wie das Brausen eines Bergstromes, der ungezählte Trümmer
-mit sich führt!« warf der bergkundige Dubelmeier ein.
-
-Kaum war das Wort gesprochen, als ein schwerer Gegenstand die Gondel traf.
-Erregt sprang Professor Stiller auf.
-
-»Schnell, Freunde, helft die Fenster schützen! Trügt mich nicht alles, so
-ist ein kosmischer Regen im Anzuge.«
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-Die Herren stürzten nach den vier Fenstern der Gondel und ließen
-blitzschnell die Schutzvorrichtung herunterklappen. Ein von der Seite
-kommender, kurzer, prasselnder Regen ging über den Weltensegler, mehr noch
-über die Gondel nieder. Schon glaubte Herr Stiller jede Gefahr abgewendet,
-als wiederum ein neuer, aber gewaltigerer Schlag, als es der erste war, die
-Gondel traf. Ihm folgte ein Klirren und ein lauter Schmerzensschrei. Der
-Ort, an dem sich der Geschwindigkeitsmesser in der Gondel befand, war durch
-einen kleinen Meteoriten getroffen worden. Durch die furchtbare
-Erschütterung war das Instrument verletzt und seine innere Glaseinfassung
-zersplittert worden. Einer der Splitter hatte Professor Frommherz
-getroffen, der nun stöhnend und blutüberströmt auf dem Boden der Gondel
-lag.
-
-Durch den Schlag war die Gondel so heftig auf die Seite geworfen worden,
-daß eine heillose Verwirrung im Innern entstand. Erst nach einiger Zeit
-hörte die schaukelnde Bewegung der Gondel auf und machte wieder der alten,
-ruhigen Lage Platz. Weitere Schläge erfolgten nicht mehr, und Professor
-Stiller konnte annehmen, daß der Weltensegler auch aus dieser Gefahr
-unerwartet glücklich hervorgegangen sei.
-
-Erst jetzt konnte Piller den Verwundeten untersuchen. Er stellte fest, daß
-die Verletzung zum Glück nicht so schlimm war, wie sie den Anschein hatte.
-
-»Sie jammern im umgekehrten Verhältnis zu Ihrer Wunde, Frommherz,« spottete
-Piller, nachdem er die Wunde untersucht hatte.
-
-»O Himmel, das fehlte gerade noch!« stöhnte der Verwundete, als Piller die
-Nadel durch die Wundränder stieß. »Haben Sie Unmensch denn gar kein Gefühl
-für mein Leiden?«
-
-»Bah,« entgegnete Herr Piller trocken, »Unmensch hin, Unmensch her! Danken
-Sie Ihrem Schöpfer, daß Sie noch mit einem solchen Schmisse weggekommen
-sind! Er wird sich auf Ihrer Stirn recht kühn ausnehmen, dieser länglich
-rote Streifen.«
-
-»Was wird man dann von mir denken?«
-
-»Was man will! So, nun schneiden Sie kein solches Jammergesicht mehr. Die
-Wunde ist genäht, der Verband befestigt. Watte, mit Göppinger Wasser
-getränkt, entfernt aus Ihrem Antlitze die Blutspuren. Dann sehen Sie
-reinlicher aus als wir. Nach einigen Tagen entferne ich die Fäden, und die
-Sache hat ein Ende.«
-
-»Ach, wäre es nur erst vorüber!«
-
-»Wenn Sie damit die Reise meinen, so bin ich ganz Ihrer Ansicht. Einmal
-aber muß diese vermaledeite Fahrt ihr Ende nehmen, so oder so,« brummte der
-Medizinmann unmutig in den Bart.
-
-Das Schlimme war, daß der Geschwindigkeitsmesser unbrauchbar,
-funktionsunfähig gemacht worden war. An eine Reparatur des Werkes während
-der Fahrt war gar nicht zu denken. Dieses peinliche Ereignis zog einen
-bösen Strich durch alle Berechnungen Professor Stillers und raubte ihm jede
-Möglichkeit der Kontrolle. Nun war alles dem blinden Zufall ausgeliefert.
-An die Stelle genauer Berechnung trat jetzt ausschließlich die Vermutung.
-Diese aber öffnete wieder allen trüben Gedanken Tür und Tor.
-
-Weiter rollte die Zeit und weiter der Ballon auf seinem Wege. Die
-Lebensmittel waren schon derart zusammengeschmolzen, daß trotz der geringen
-Eßlust der Gondelbewohner in kürzester Zeit Nahrungsmangel eintreten mußte.
-Auch der Vorrat an elektrischer Energie nahm in schreckenerregender Weise
-ab. Wollte also Professor Stiller sich und seinen Gefährten nur noch für
-wenige Tage Licht und Wärme erhalten, so mußte sofort mit der Abgabe der
-elektrischen Kraft in den Ätherraum hinaus aufgehört werden. Schweren
-Herzens stellte daher der Gelehrte die Verbindung nach außen hin ab.
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-Was werden die nächsten Tage bringen? In ihrem dunklen Schoße lag das
-Schicksal, das Glück oder der Untergang der Expedition. Das elektrische
-Licht in der Gondel fing an schwächer zu werden; eine empfindliche Kälte,
-die sich trotz der Pelzkleidung der Männer nicht länger mehr bannen ließ,
-machte sich mehr und mehr geltend. Ein dumpfer, gleichgültiger Zustand
-hatte sich aller Gondelinsassen bemächtigt, der nach und nach in eine Art
-von Bewußtlosigkeit überzugehen begann. Langsam schien das Ende für die
-Dulder heranzukommen. Lange, bange Stunden verstrichen so; kein Laut ließ
-sich mehr in der Gondel vernehmen. Da auf einmal ein gewaltiger Stoß.
-Ballon und Gondel flogen zur Seite und schienen sich zu überschlagen. Die
-armen Männer in der Gondel flogen übereinander, schlugen gegenseitig
-aufeinander auf und begannen aus ihrem todesartigen Schlummer aufzuwachen.
-
-Furchtbar erschrocken über die heftige Erschütterung, gelang es den Herren
-nach langen Anstrengungen sich endlich aufzurichten. Als sie schließlich
-mühsam die Augen zu öffnen vermochten, da fiel durch die zertrümmerten
-Fenster der Gondel helles, strahlendes Sonnenlicht herein. Es bedurfte
-einiger Zeit, bis die schmerzenden Augen der Reisenden sich an das so lange
-entbehrte Licht der Sonne wieder gewöhnt hatten. Dann aber war plötzlich
-alle Lethargie von ihnen gewichen.
-
-
-Professor Stiller war der erste auf den Füßen. Unbekümmert um eine mögliche
-Gefahr, streckte er mutig den Kopf zu einem Fenster hinaus, um die Ursache
-des Zusammenstoßes des Weltenseglers mit einem andern, fremden Körper zu
-erforschen; denn daß ein solcher stattgefunden haben mußte, war dem
-Gelehrten sofort klar.
-
-»Hurra! Hurra!« rief er, aufgeregt vom Fenster zurücktretend, seinen
-Gefährten zu. »Hurra! Wir sind gerettet! Wir haben den kleinen Marsmond
-Phobus, glücklicherweise nur sehr leicht, gestreift. Die äußerste Hülle
-unseres Ballons ist allerdings gerissen und auch sonst ist, wie ich sehe,
-vielerlei Schaden entstanden, aber das ist gleichgültig! Seht hier hinab,
-da unten, da unten liegt der Mars! Gerettet, ge . . . .« Professor Stiller
-fiel zurück. Eine tiefe Ohnmacht umfing ihn.
-
-Professor Pillers energischen Anstrengungen gelang es endlich, den
-Bewußtlosen dem Leben zurückzugeben.
-
-»Wo sind wir?« fragte Professor Stiller mit schwacher, kaum vernehmbarer
-Stimme.
-
-»Das wissen wir selbst nicht recht. Jedenfalls noch immer in der Luft und
-noch nicht auf festem Boden,« antwortete Professor Piller.
-
-»So müssen wir die Ventile öffnen und den Weltensegler langsam und
-vorsichtig zum Fallen bringen,« entschied Stiller.
-
-»Aber fühlen Sie sich auch wieder so kräftig, die Leitung des Ganzen
-übernehmen zu können?«
-
-»Es muß einfach sein!« Mit diesen Worten erhob sich Professor Stiller, um
-sich zunächst durch einen Blick aus dem Fenster über die örtliche Lage des
-Ballons zu orientieren.
-
-Richtig, da unten, nur wenige Kilometer vom Weltensegler entfernt, hob sich
-scharf und deutlich eine breite, mächtige Wasserstraße ab, eine
-dunkelgrüne, subtropische Vegetation umrahmte den Flußlauf. Dazwischen
-eingestreut zeigten sich, vom warmen Sonnenschein übergossen, wohlbebaute
-Felder und Gärten. Eigenartige, von weitem blendend weiß erscheinende
-Bauten bewiesen die Nähe belebter Wesen. Die laute Begeisterung, die die
-kühnen Weltfahrer einst bei der Passage des Erdmondes erfaßt hatte, machte
-hier einer stummen Bewunderung Platz, als sie dankerfüllten Herzens gegen
-das Geschick, das sie im letzten Augenblicke noch vor dem Äußersten bewahrt
-hatte, von ihrer Gondel auf die märchenhaft schöne Landschaft
-hinabschauten, der sie nun in raschem Fluge näherkamen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-Auf dem Mars
-
-
-Vom Mars aus -- denn er war es wirklich -- hatte man das Luftschiff schon
-längst bemerkt. Als es sich nun dem Boden näherte, strömte eine Anzahl von
-Menschen, die hier herum wohnten, dem Orte zu, an dem das Luftschiff
-niederging. Der Weltensegler hielt auf eine große, grüne Wiese zu, auf der
-Gruppen edelster Viehrassen weideten. Professor Stiller warf das Kabel mit
-dem Anker in weitem Bogen von der Gondel ab und deutete durch Zeichen und
-Gebärden den untenstehenden Menschen an, was sie ungefähr tun sollten, um
-das Luftschiff festzumachen. Die Marsleute begriffen auch sofort, was der
-fremde Mann in seiner stummen Sprache von ihnen begehrte. Ohne jede Hast,
-aber doch rasch und auffallend gewandt, war dem Wunsche des Professors
-entsprochen worden. Nun lag das Fahrzeug fest und sicher vor Anker.
-
-Die Strickleiter wurde aus der Gondel herabgelassen und an den hiezu
-bestimmten Metallklammern befestigt. Die sieben Männer aus dem fernen
-Schwabenlande stiegen nacheinander an ihr herab, um als die ersten
-Erdgeborenen den Boden des Mars zu betreten. Eine weiche, balsamische, von
-Wohlgerüchen erfüllte Luft umfing die kühnen Reisenden, als sie aus ihrer
-Gondel herabgeklettert waren. Ein Gefühl der Wonne, des Geborgenseins,
-unsäglicher Befriedigung zog in die Brust der armen, halbtoten Männer, als
-sie nach so vielen Wochen zum erstenmal wieder festen Boden unter ihren
-Füßen spürten. Ja, sie mußten sich selbst erst überzeugen, daß es wirkliche
-Erde sei, auf der sie standen. Mit den Händen griffen sie nach dem Boden,
-um sich von seiner erdigen Beschaffenheit zu überzeugen. Nein, es war kein
-Traum, es war Wirklichkeit: sie standen auf richtigem Boden. Tausend-,
-abertausendmal Dank dem Himmel, der sie ihr Ziel erreichen ließ! Tränen des
-Glückes, der reinsten Freude liefen den hartgeprüften Männern über die
-bärtigen Wangen, die seit langer Zeit nicht mehr gepflegt worden waren.
-
-»Donnerwetter, wie sehen wir aus!« rief voll Entsetzen Professor Piller,
-als er seine Genossen genauer im Lichte der Sonne betrachtete.
-
-Dann aber brachen die Herren in lautes Lachen über die Komik ihres eigenen
-Äußern aus. Professor Stiller begann nun, die ihn und seine Genossen
-umgebenden Menschen zu mustern. In der Tat, das waren Menschen von Fleisch
-und Blut, die hier herumstanden und mit freundlichem Lächeln die Erdensöhne
-betrachteten.
-
-»Sauberer, großer und schöner als wir sind sie entschieden. Oder sollten
-wir am Ende gar zu den Göttern des Olymps und nicht nach dem Mars gekommen
-sein?« bemerkte Professor Hämmerle, nachdem er seine Brillengläser geputzt
-und die Brille auf die Nase gesetzt hatte.
-
-»Warum das?« fragte Professor Dubelmeier.
-
-»Eine Gesellschaft von Göttern scheinen mir diese Wesen hier zu sein. Sehen
-Sie nur einmal diese geradezu klassisch schönen Gesichter, diese
-prachtvollen Körperformen und die sie nur schwach verhüllenden antiken
-Gewänder!«
-
-»Der Vergleich hat entschieden viel für sich,« antwortete Professor
-Stiller, »aber nach dem Olymp hätten wir viel näher gehabt als nach dem
-Mars; diese eine Tatsache schon mag Sie aus Ihrem Wahn reißen, lieber
-Hämmerle.«
-
-Dabei zog er seinen Chronometer. Er wies auf die achte Stunde.
-
-»Es ist noch früh am Morgen. Wir wollen sehen, was uns dieser erste Tag auf
-dem Mars an merkwürdigen Erlebnissen bringen wird. Versuchen wir einmal
-eine sprachliche Verständigung mit unsern neuen Freunden; denn daß sie das
-sind, zeigt mir ihre freundliche und wohlwollende Haltung.« Mit diesen
-Worten trat Professor Stiller zu den vordersten Marsmenschen vor, die ihn
-in vornehmer Ruhe, ohne die geringste Furcht und ohne irgendein Zeichen des
-Erstaunens an sich herankommen ließen.
-
-»Wir sind doch auf dem Mars, nicht wahr?« Diese etwas banale Frage richtete
-er in deutscher Sprache an die Leute. Aber diese schüttelten den Kopf und
-erwiderten in wohllautender Sprache etwas, das Stiller wiederum nicht
-verstand, das aber klang, als ob sie bedauerten, den Fremden nicht
-begriffen zu haben.
-
-»Die können nicht deutsch, natürlich. Das hätten Sie sich doch von
-vornherein selbst sagen müssen, Stiller,« warf Professor Hämmerle tadelnd
-ein.
-
-»Nun, so examinieren Sie einmal, Hämmerle! Vielleicht gelingt es Ihnen mit
-Ihren vielseitigen Sprachkenntnissen festzustellen, in welchem Idiom mit
-den Leuten hier eine Verständigung möglich ist.«
-
-Mit kraftvoller Stimme hub Hämmerle auf Altgriechisch an: »Freunde, wir
-grüßen euch in herzlichster Art, wir, die von der fernen Erde hergeflogen
-sind, um euch zu besuchen.« Keine Antwort, nur ein eigentümliches Lächeln
-als Zeichen des Nichtverstehens. Jetzt deklamierte Hämmerle seine
-Begrüßungsformel in lateinischer Sprache. Wiederum dieselbe Stille und
-dasselbe Lächeln als Antwort.
-
-»Vielleicht gelangen wir mit einer unserer modernen Sprachen eher zum
-Ziele, da klassische Bildung diesen Wesen völlig abzugehen scheint,« sprach
-Hämmerle, ärgerlich geworden über die Ergebnislosigkeit seiner ersten
-Versuche. Aber auch Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch,
-schließlich sogar Arabisch und Hebräisch führten zu keinem Ziele.
-
-»Das fängt gut an!« murrte Professor Brummhuber.
-
-»Wir müssen allem Anscheine nach die Marssprache erlernen,« bemerkte
-Thudium.
-
-»Wahr gesprochen!« bestätigte Frommherz.
-
-»Aber siehe da, was kommt denn da für ein altes Haus?« rief Dubelmeier.
-
-Ein älterer Mann von achtunggebietender Gestalt, mit weißem Haar und Bart,
-ohne jegliche Kopfbedeckung, durchbrach die Reihe seiner Gefährten und
-schritt stolz auf die sieben Schwaben zu. Gekleidet war der Alte wie seine
-übrigen Genossen. Ein blusenartiges, schneeweißes Hemd aus feinster Wolle
-mit purpurfarbenem Besatze hüllte den hohen, edlen Körper ein. Um die
-Hüften war es durch ein breites Band von purpurner Farbe gehalten. An den
-nackten Füßen trug er Sandalen aus feinem, gelbem Leder. Voll Ehrfurcht
-machten ihm seine Gefährten Platz, und die Herren aus dem Schwabenlande
-erkannten daraus sofort, daß ihnen in dem Alten ein Mann von hoher sozialer
-Stellung entgegentrat.
-
-Sie entblößten nun als Zeichen der Hochachtung das Haupt und erwarteten
-voll Spannung die weitere Entwicklung der Szene. Der Alte ließ zuerst seine
-Blicke über den Weltensegler gleiten, dann richteten sich seine klaren,
-dunkelblauen Augen, aus denen ebensoviel Geist als Herzensgüte sprach, auf
-die sieben Fremden, die er in einer harmonischen Sprache anredete, wobei er
-hin und wieder auf das mächtige Luftschiff deutete und schließlich ihnen
-durch eine freundliche Gebärde zu verstehen gab, ihm zu folgen.
-
-Die Herren zogen nun mit dem Alten als Führer an der Spitze von dannen.
-Ihnen schlossen sich in ruhiger, würdevoller Haltung die Marsbewohner an,
-die beim Niedergange des Weltenseglers so bereitwillig hilfreiche Hand
-geleistet hatten. Den Professoren schien es, als ob ein Märchen aus Tausend
-und einer Nacht lebendig geworden wäre. Sie konnten sich nicht satt sehen
-an all dem Schönen und Eigenartigen, das ihnen hier auf Schritt und Tritt
-begegnete. Von der Wiese kamen sie auf einen mit feinem, weißem Sande
-bestreuten, mit prächtigen, früchtebehangenen Bäumen eingefaßten schattigen
-Pfad. Dieser führte auf eine große Anzahl von Gebäuden zu, die voneinander
-getrennt und von prächtigen Gärten umgeben waren. Ihrer stattlichen Größe
-nach zu urteilen, schienen es öffentliche Bauten zu sein, die sich da in
-ihrem reinlichen Weiß aus dem Grün ihrer Umgebung abhoben.
-
-Überall wuchsen hochstämmige Palmen, dazwischen prächtige, hellgrüne
-Bananen und Farnbäume, vermischt mit einer Blumenpracht, wie sie die
-Tübinger Professoren in dieser üppigen Entfaltung noch nie zuvor gesehen
-hatten. Rosen-, lilien-, myrten- und lorbeerartige Gewächse, Orchideen und
-eine Menge anderer Blumen wetteiferten miteinander an Glanz und Schönheit
-der Farben und an Wohlgeruch. Schmetterlinge in allen Größen und Farben
-wiegten sich in der warmen, herrlich zu atmenden Luft, und buntschillernde
-Vögel ließen von den Bäumen herab ihr schmetterndes Morgenlied ertönen.
-
-»Ein Paradies, in das wir gelangt sind,« sprach Professor Stiller leise zu
-dem neben ihm schreitenden Professor Piller. »Ich muß meinen Gefühlen Luft
-machen, meiner Bewunderung Worte verleihen. Sagen Sie, Piller, ist es Ihnen
-nicht auch so wunderbar, so feierlich zumute wie mir, haben Sie nicht auch
-ein Gefühl ungefähr so, wie es unser unsterblicher Uhland in seinem
-Sonntagsliede zu so ergreifendem Ausdruck gebracht hat?«
-
-»Na, na!« entgegnete Piller trocken. »Auch mir gefällt ja dieser Einzug auf
-dem Mars gar nicht übel. Im übrigen aber haben wir heute zufällig Sonntag.
-Wußten Sie das nicht, Stiller?«
-
-»Nein! Mir entfiel die Zeitrechnung in den letzten Wochen vollständig.
-Woher aber wissen Sie das?«
-
-»Nun, als Sie heute früh in tiefer Ohnmacht lagen, da habe ich mit der Uhr
-in der Hand Ihre Herztätigkeit kontrolliert. Meine Uhr zeigt aber zufällig
-außer den üblichen Stunden, Minuten und Sekunden auch noch Monate und Tage.
-Wir haben heute Sonntag, den 7. März.«
-
-»Sonntag, den 7. März! Die heilige Siebenzahl in allem. Möge sie uns auch
-weiter schirmend und schützend umgeben!« rief Professor Stiller.
-
-»Vor allem wünsche ich mir ein gutes Essen nebst solidem Trunk; das frischt
-die Lebensgeister besser auf und schützt sie gründlicher vor Verbrauch als
-Ihre Siebenzahl. Wir haben in unserer Gondel zuletzt ein heilloses Leben an
-Entsagung geführt; es ist höchste Zeit, wieder in einen guten Hausstand und
-an einen richtigen Herd zu gelangen.«
-
-»O Sie ewig Prosaischer!« erwiderte lächelnd Professor Stiller. »Hungern
-und dürsten werden Sie hier oben nicht. Da sehen Sie einmal nach den
-Früchten da drüben!«
-
-Professor Piller folgte mit den Blicken der angegebenen Richtung.
-»Donnerwetter!« entfuhr es seinen Lippen. »Sollen diese kolossalen Beeren,
-die da herunterhängen, am Ende gar zu einer Weintraube gehören?«
-
-»Nichts anderes! Das, was Sie sehen, ist eine Weintraube, wie sie in dieser
-Größe eben nur dem subtropischen Klima eigen ist.«
-
-»Dann leb' wohl, Zuckerle, Trank meiner Heimat!« rief Herr Piller so laut,
-daß ihn die andern Kollegen hörten. »Leb' wohl, Zuckerle, denn den Tropfen,
-den man hier aus diesen Ungeheuern von Beeren preßt, der muß ja einem wie
-flüssiges Feuer durch die Adern rinnen, Halbtote, wie wir sind, wieder zu
-freudigstem Lebensgenuß erwecken. Auf diesen Trunk freue ich mich.«
-
-»Nektar und Ambrosia scheinen wir hier zu finden,« flötete Frommherz.
-
-»Wollen gerne auf dieses griechische Götterzeug verzichten, wenn es nur
-sonst hier was menschlich Anständiges für unsern Magen gibt,« antwortete
-Piller.
-
-Unter solchen Gesprächen gelangten die Herren mit ihrer Begleitung zu den
-ersten Häusern. Zu ihrem Erstaunen mußten sie sich überzeugen, daß die
-Gebäude, die sie aus der Ferne für öffentliche Bauten gehalten hatten,
-nichts anderes waren als großartige Einfamilienhäuser oder Villen. Aus
-weißen, sorgfältig behauenen Steinen ausgeführt, hatten sie vorn hohe,
-säulengetragene Hallen, die einen überaus einladenden Eindruck machten und
-von der Vorliebe der Bewohner für frische Luft und für freie und
-uneingeengte Räume Zeugnis ablegten. Für das warme Klima waren solche
-offene Hallen das einzig Richtige und Zweckmäßige. Breite Marmorstufen
-führten zu ihnen empor und dienten blühenden Kindern, die nur mit einem
-hellfarbenen, leichten, durch einen Gürtel um die Lenden festgehaltenen
-Hemde bekleidet waren, als Spielplatz. Marmorfiguren hoben sich
-stimmungsvoll zwischen den Bogen der Hallen ab. Alles atmete ruhige
-Schönheit und Freude und verfehlte nicht seine tiefe Wirkung auf die
-Reisenden.
-
-Der Alte geleitete seine Gäste zu einem zweistockigen, palastartigen
-Gebäude, das rings von üppigstem Pflanzenwuchs umgeben war und in seiner
-Pracht einem Fürstensitz glich. Es war aber das Haus des Alten selbst, das
-dieser den Fremdlingen zur ausschließlichen Benützung anwies. Auf breiten
-Marmorstufen gelangten die Professoren in einen von Säulen getragenen,
-offenen, großen Hof, in dessen Mitte ein mächtiger Springbrunnen sein
-Wasser rauschen ließ. Rings um den Hallenhof lagen saalartige Zimmer, deren
-Türen auf den Hof hinausführten. Rechts an der Halle befand sich die
-Haupttreppe. Sie bestand aus zwanzig breiten Stufen, jede aus einem Stein
-von vier Meter Länge. Sie führte zu einem Absatze mit einem großen Fenster.
-Von diesem Absatze führten weitere zwanzig Stufen in die obere,
-geschlossene Galerie, die durch große Fenster erhellt wurde und mit einer
-prächtigen Kassettendecke geschmückt war. Von der Galerie aus gelangte man
-in eine Reihe von Prunkgemächern, an die sich die Schlafzimmer und
-Baderäume anschlossen. Der ganze Bau war voll Licht und Bequemlichkeit.
-
-Auf ein Händeklatschen des Alten eilten einige jüngere Männer herbei, die
-wahrscheinlich die dienenden Geister dieses Palastes waren. Der Alte sprach
-mit den jungen Männern lange und eindringlich und bedeutete endlich seinen
-Gästen durch Zeichen und Gebärden, sich hier häuslich niederzulassen.
-Darauf verließ er sie nach einer freundlichen Verbeugung. Auch die Diener
-verschwanden, erschienen aber bald wieder und brachten duftende, reine
-Kleider und Sandalen, ähnlich denen, die sie trugen. In stummer, aber
-zuvorkommender Art wiesen sie den Fremden den Weg zum Bade.
-
-»Ich bin wirklich neugierig, was da noch alles kommen wird!« sprach Piller
-lachend zu Professor Stiller. »Würde ich nicht wachen, wäre ich nicht
-nüchtern wie ein Pudel und bei klarstem Verstande, ich würde glauben, daß
-alles, was ich hier bis jetzt erlebt und, gesehen habe, nichts anderes als
-ein tolles Spiel meiner Einbildungskraft ist.«
-
-»Warten wir ab, Piller! Schlecht aufgehoben sind wir für den Anfang nicht,
-im Gegenteil. Ich höre bereits in unserer Nähe Tische rücken.
-Wahrscheinlich wird für unser Mahl gedeckt. Baden wir zuerst, reinigen wir
-uns vom letzten Erdenstaube und den Schlacken der Reise, und beginnen wir
-dann unser neues, so viel Interessantes versprechendes Leben auf dem Mars!«
-
-»Mit Speise und Trank,« ergänzte Piller den Freund. »Jawohl, Stiller, wenn
-Sie Idealist es auch nicht gern hören, ewig wahr bleibt es doch: Speise und
-Trank bedarf der Sterbliche zuerst und vor allem, will er etwas leisten und
-fest auf seinen Füßen stehen. Hoffentlich munden uns Kost und Trank auf dem
-Mars. Also bis nachher!« Mit diesen Worten verschwand Piller in seinem
-Badezimmer. Stiller sowie die übrigen Herren folgten diesem Beispiele und
-plätscherten wenige Augenblicke später in dem angenehm erwärmten Wasser
-ihrer geräumigen marmornen Badewanne.
-
-Wunderbar gestärkt durch das Bad und eingehüllt in ihre frischen, bequemen
-Kleider, fanden sich die Gelehrten eine halbe Stunde später in dem hohen,
-luftigen Speisesaale des Hauses zusammen. Die Decke dieses Saales trug
-farbenprächtige Gemälde in Medaillenform, die Fenster wiesen edle
-Glasgemälde auf, und der Boden bestand aus Platten von verschiedenfarbigem
-Marmor. In der Mitte des Saales stand der Tisch, gedeckt mit blankem
-Silbergerät. Auch Teller und Pokale waren aus demselben kunstvoll
-verarbeiteten Edelmetalle hergestellt. Auf Fruchtschalen aus feinstem
-Kristallglas lagen die herrlichsten Früchte, und aus geschliffenen Karaffen
-funkelte verlockend eine klare, goldgelbe Flüssigkeit. Schwere Armstühle
-aus schwarzem, eigenartigem Holze mit vergoldeten Lehnen standen um den
-Tisch.
-
-»Das nenne ich fürstliche Pracht,« rief entzückt Frommherz, nachdem er im
-Saale und auf dem Tische Umschau gehalten hatte. »Hier, Freunde, wollen wir
-uns niederlassen, hier ist es gut sein! Der Erde fern und doch dem
-Paradiese nahe.«
-
-»Nun, Sie scheinen mir ganz in Verzückung geraten zu sein,« meinte lächelnd
-Hämmerle.
-
-»Lassen Sie unsern Frommherz phantasieren! Ich meinerseits bin auf das
-Essen gespannt,« sprach, sich am Tische niederlassend, der nüchterne
-Piller. »Sechzig Millionen Kilometer von unserer Erde entfernt, wird man
-wohl hier oben einen andern Speisezettel haben als bei uns unten am Strande
-des Neckars.«
-
-»Stiller, Sie setzen sich als Präses oben hin,« entschied Brummhuber, als
-Professor Stiller in gewohnter bescheidener Weise sich zwischen den andern
-Kollegen niederlassen wollte.
-
-»Natürlich!« pflichtete Professor Piller bei. »Ehre, wem Ehre gebührt!
-Unser Freund Stiller hat seine Sache bis jetzt ganz ordentlich gemacht, er
-stehe deshalb auch ferner unserer Korona vor!« Mit diesen Worten goß er
-sich von dem Inhalt der vor ihm stehenden Karaffe etwas in seinen Pokal ein
-und hielt ihn prüfend an die Nase.
-
-»Hm . . . hm! Der Trank riecht wirklich nicht übel . . . hat feines
-Bouquet.« Vorsichtig nahm er einen Schluck.
-
-»Es ist Wein, tatsächlich Wein und zwar so eine Art Trockenwein, beinahe
-wie Sherry, nur noch bedeutend feiner und milder,« entschied Piller,
-nachdem er getrunken. »Von schlechten Eltern stammt er nicht, aber mein
-Zuckerle ist entschieden süffiger als dieser Marstropfen. Immerhin, er kann
-bleiben, wie er ist; lieber solchen Wein als gar keinen!«
-
-»Seien Sie froh, Piller, Sie Alkoholiker, daß Sie überhaupt etwas zu
-trinken haben! Wir sind doch wahrlich nicht des Weines wegen nach dem
-fernen Mars gekommen!« warf Professor Dubelmeier ein. »Ihr ewiger Durst und
-Ihre unstillbare Sehnsucht nach dem Zuckerle hätten Sie eigentlich da unten
-auf der Erde festhalten sollen.«
-
-»Schweigen Sie, Sie fanatischer Anhänger des Göppinger Wassers!« rief
-Piller voll Grimm. »Was verstehen Sie denn von . . .«
-
-Aber Professor Stiller ließ den Zornigen nicht ausreden. Er erhob sich.
-»Meine lieben Freunde! Ich bitte um Ruhe und Frieden und wünsche Ihnen
-allerseits einen recht gesegneten Appetit zu dem bevorstehenden Mahle.
-Weihen wir unserer glücklichen Ankunft auf dem Mars den ersten Schluck! Der
-zweite soll dem Gedenken an unsere engere und weitere Heimat, dem lieben
-Schwabenlande und Deutschland, gelten. Bitte, füllen Sie ihre Pokale und
-tun Sie mir Bescheid!«
-
-»So, das laß ich mir gefallen,« brummte Piller; »Stiller ist wirklich ein
-vernünftiger Knabe.«
-
-»Und nun, meine Freunde, setzen wir uns zum Mahle!« Nach dem Beispiele des
-Alten von vorhin klatschte Herr Stiller in die Hände, und herein traten
-sieben Diener, für jeden Herrn einer. Sie trugen Platten in den Händen, auf
-denen wohlriechende Fische lagen. Herrn Pillers Zorn verrauchte schnell
-angesichts der warmen, so einladenden Speise. Er und die übrigen Herren
-langten tüchtig zu. Alle waren darüber des Lobes voll, daß die Fischspeise
-ausgezeichnet geschmeckt habe.
-
-Auf den Fisch folgten einige eigenartige, aber äußerst schmackhaft
-zubereitete Mehlspeisen, dann Gemüse, Obst und Backwerk.
-
-Als das Frühstück beendet war, füllte Piller seinen Pokal mit dem
-goldschillernden Wein, rückte seinen Stuhl etwas vom Tische zurück und
-stand auf.
-
-»Silentium, meine Herren!« Die laute, anregende Unterhaltung der Herren
-verstummte und machte einer aufmerksamen Stille Platz. »Meine lieben
-Freunde und Genossen! Ich erfülle nur einen Akt der Pflicht,« hub Piller
-an, wurde aber plötzlich von seiner Rede abgelenkt, als sich von außen her
-zuerst unendlich zarte, wundervolle Töne hören ließen, die nach und nach in
-mächtige Akkorde übergingen. Es war Musik, ein Spiel, so feierlich und
-schön, daß die Herren unter dessen Banne ruhig, fast unbeweglich an ihren
-Plätzen verharrten, um durch kein auch noch so leises Geräusch die
-ergreifenden Töne zu stören, die mit ihren Klängen aus der Gegenwart
-emporzuheben schienen zu jenen blauen, seligen Gefilden der unbegrenzten
-Freude. Leise, einem Flüstern gleich, erstarben nach und nach die Akkorde.
-
-»So empfängt uns der Mars!« rief in heller Begeisterung Professor Stiller,
-als die Musik geendet hatte. »Kann es einen schöneren und zugleich
-erhebenderen Willkommen für uns hier oben geben als dieses göttergleiche
-Saitenspiel?«
-
-»Nein, gewiß nicht!« erwiderten die Gefährten einstimmig und voll
-Begeisterung. Dann eilten sie an die Fenster des Saales, um nach den
-Veranstaltern des hohen Genusses Umschau zu halten. Ein Dutzend
-Harfenspieler waren es, die sich da langsam und würdevoll mit ihren
-Instrumenten von der Terrasse des Hauses entfernten.
-
-»Piller, das war entschieden ein schönerer und edlerer Ohrenschmaus, als es
-die Rede gewesen wäre, die Sie im Begriffe waren, uns zum besten zu geben,«
-foppte Dubelmeier den Freund.
-
-»Was wissen Sie denn, was ich zu sagen hatte! Die Rede bekommen Sie
-übrigens über kurz oder lang doch einmal zu hören. Aber danken Sie es der
-eben gehörten Musik, die mein Gemüt so friedlich gestimmt hat, daß ich auf
-Ihre Herausforderungen nicht so antworte, wie Sie es verdienen, Sie -- Sie
-unverbesserlicher Wasserphilister.«
-
-Die Herren lachten über den Disput der beiden Gefährten, die sich im Grunde
-ihres Herzens trotz allen Reibereien sehr zugetan waren.
-
-Von mehreren ehrwürdigen Männern begleitet, erschien der Greis wieder im
-Rahmen der großen Türe des Saales. Ein Lächeln huschte über das ernste,
-ausdrucksvolle Gesicht des alten Mannes, als er die sieben Fremden wieder
-erblickte, die da, ähnlich gekleidet wie er, achtungsvoll vor ihm standen.
-Der Greis neigte leicht den Kopf zum Zeichen des Grußes und lud die Herren
-durch eine Handbewegung ein, ihm zu folgen. Es ging den Weg zurück, den sie
-diesen Morgen gekommen waren.
-
-»Am Ende werden wir gleich wieder dahin abgeschoben, wo wir hergekommen
-sind,« bemerkte besorgt Professor Frommherz.
-
-»Darüber brauchen Sie sich nicht zu ängstigen,« erwiderte Professor
-Stiller. »In diesem Falle wären wir nicht so liebenswürdig aufgenommen
-worden.«
-
-Die Gesellschaft war nun auf der Wiese angelangt, auf der sich der
-Weltensegler kaum merkbar am Ankerkabel bewegte. Der Alte gab den Herren zu
-verstehen, daß sie ihr Eigentum aus der Gondel herausnehmen sollten. Zu
-diesem Zwecke und der besseren Verständigung wegen stieg der Greis mit
-seiner Begleitung die Strickleiter zur Gondel hinauf und brachte aus ihr
-verschiedene Dinge herab, die den Erdmenschen gehörten. Nun begriffen diese
-den Greis.
-
-»Sehen Sie, daß ich recht hatte?« Mit diesen Worten wandte sich Stiller an
-seinen Kollegen Frommherz. »Man kommt doch nicht von der Erde zu so
-freundlichen, gastfreien Menschen, wie es die Marsbewohner zu sein
-scheinen, um gleich wieder kehrtmachen zu müssen. Übrigens könnten wir in
-unserer jetzigen Verfassung an eine sofortige Rückkehr überhaupt nicht
-denken.«
-
-»Vor dieser bewahre uns für immer der Himmel in Gnaden!« antwortete
-Frommherz, emsig damit beschäftigt, seine Habseligkeiten zusammenzupacken.
-
-Bald nachher war das bescheidene Gepäck der Marsreisenden unten auf dem
-Boden. Mit Aufmerksamkeit betrachtete der Greis die verschiedenen
-Instrumente, die da zum Vorschein kamen. Ganz besonderes Interesse erregte
-bei ihm das Fernrohr. Stiller suchte ihm dessen Gebrauch klarzumachen. Aber
-der Greis schüttelte zu diesen stummen Auseinandersetzungen nur den Kopf
-und wies endlich mit der Rechten nach einem fernen Bau, dessen
-kuppelförmiges Dach der Professor jetzt zum erstenmal erblickte.
-
-»Beim Zeus, die haben ja hier oben auch eine Sternwarte und zwar in
-nächster Nähe!« rief Stiller erfreut. »Freunde, da müssen wir noch heute
-abend hingehen, um von dort aus unsere Mutter Erde in weiter Ferne als
-leuchtenden Stern erster Größe betrachten und bewundern zu können.«
-
-Stiller machte dem Greise diesen Wunsch sofort begreiflich. Er deutete
-zuerst nach dem Himmel, dann auf sein Fernrohr und schließlich auf die
-Kuppel des Gebäudes. Endlich entnahm er seinem Gepäck eine große
-Himmelskarte, die er entfaltete. Mit dem Zeigefinger der Rechten wies er
-auf die Planeten hin, deren Bahnen um die Sonne auf einem besonderen
-Abschnitt der Karte verzeichnet waren. Nun verstand ihn der Greis sofort
-und nickte bejahend mit dem Kopfe. Jetzt suchte ihm auch der Professor
-begreiflich zu machen, woher er und seine Gefährten gekommen seien. Er
-zeigte auf die eingezeichnete Erde, dann auf die sie umschließende Bahn des
-Mars, auf diesen selbst, endlich auf das Luftschiff. Ein lauter Ton des
-Erstaunens kam über die Lippen des Greises. Er hatte Professor Stiller
-vollkommen verstanden und reichte ihm zum erstenmal mit Worten, die wie ein
-herzliches Willkommen klangen, die Hand, die dieser warm, drückte.
-
-Der Greis übersetzte seinen Begleitern, was der Fremde ihm da in seiner
-stummen Zeichensprache erklärt hatte, und auf den offenen, ehrlichen
-Gesichtern trat ein gewisser Ausdruck der Achtung vor den kühnen Fremden,
-die so weit hergekommen waren, hervor. Die Weltensegler wurden wieder in
-ihr Heim zurückgeführt, in dem sie sich mit den aus ihrer Heimat
-mitgebrachten Sachen häuslich einzurichten begannen. Darüber war es spät am
-Mittag geworden. Keine lästige Neugier hatte die Herren bei ihrer
-Einrichtung gestört. Mit unendlichem Behagen streckten sie sich nach
-Beendigung dieser Arbeit auf die weichen Ruhebetten in ihren Zimmern, um in
-dem so lange entbehrten Genusse eines ausgezeichneten Lagers kurze Zeit zu
-schwelgen.
-
-Inzwischen war die Tischzeit herangekommen. Das Mittagsmahl verlief ähnlich
-wie das Frühstück, nur war es reichlicher. Voll Befriedigung über die ihnen
-gebotenen Tafelfreuden wollten sich die Herren gerade erheben, als sie eine
-neue Überraschung an ihre Plätze bannte. Draußen, vom Hallenhofe des Hauses
-her, erschallte a capella der Gesang menschlicher Stimmen. Es war ein Lied
-voll Innigkeit und Tiefe. Die tongewordene Barmherzigkeit selbst schien es
-zu sein, die da an die Herzen der Gelehrten so mächtig pochte, daß sie ihre
-große Ergriffenheit nur schlecht zu bemeistern vermochten. Als das Lied
-verklungen war, wischten sich einige der Herren verstohlen die Tränen aus
-den Augen.
-
-»Darauf muß ich noch einen Schluck nehmen,« erklärte Piller, seinen Pokal
-füllend. »Seelische Erregungen rufen bei mir das Bedürfnis nach materieller
-Stärkung hervor. Dubelmeier, schneiden Sie kein so sonderbares Gesicht; tun
-Sie mir lieber Bescheid!«
-
-»Bewahre mich der Himmel davor, diesen hehren Augenblick durch Alkohol zu
-entweihen!«
-
-»Ganz wie Sie wollen, lieber Dubelmeier!« erwiderte Piller gegen seine
-sonstige Gewohnheit milde.
-
-Die Gelehrten verließen das Haus, um den schönen Abend zu einem Spaziergang
-zu benützen und die Gegend etwas näher kennenzulernen, die voraussichtlich
-längere Zeit ihren Wohnort bilden würde. Auf diesem Spaziergange wurde es
-ihnen mehr und mehr klar, daß ihr Luftschiff in der Nähe einer viel
-größeren Niederlassung gelandet war, als sie anfänglich geglaubt hatten. Es
-mußte eine Art von Stadt sein; denn trotz des garten- oder parkartigen
-Charakters des Ganzen bewiesen die vielen Häuser, die stets allein für sich
-standen, daß hier eine verhältnismäßig dichte Bevölkerung vorhanden sein
-müsse.
-
-In dieser Auffassung wurden die Herren auch durch die zahlreichen Menschen
-unterstützt, die sie noch mit den verschiedensten Arbeiten beschäftigt
-antrafen. Niemand war hier untätig. Die Hast aber schien ein unbekannter
-Begriff zu sein, denn bei aller Arbeit trat ein gewisses Maß vornehmer Ruhe
-hervor. Wie wohltuend stach diese gegen das lärmende Treiben der Menschen
-auf der Erde ab! Überall, wohin auch die Gelehrten ihre Blicke richteten,
-erschien ein gleichmäßig verteilter Wohlstand; selbst die relative Armut
-mußte hier unbekannt sein. Nicht nur in den Häusern, deren offene Hallen
-dem neugierigen Auge ungehinderten Einblick gestatteten, nein, auch um die
-Wohnungen herum, auf allen Wegen und Stegen herrschte eine geradezu
-peinliche Sauberkeit.
-
-Ihr Spaziergang führte die Herren auch an den breiten Strom, den sie heute
-in der Frühe des Tages vom Luftschiff aus gesehen hatten. Es mußte einer
-der berühmten Marskanäle sein; denn soweit sie sehen konnten, war der Strom
-kunstvoll eingedämmt, schnurgerade seine Ufer. Eine kühn geschwungene
-steinerne Brücke, auf vielen Pfeilern ruhend, ein architektonisches
-Meisterwerk, führte hinüber an das andere Ufer. Auf dem Mars schien alles
-unter dem Zeichen gemessener Ruhe zu stehen: auch die klaren, hellgrünen
-Gewässer des mächtigen Kanales flossen still und ruhig dahin und trugen auf
-ihrem Rücken eine Menge geschmackvoll gebauter Schiffe.
-
-An der Brücke lag ein Schiff, aus dem einige Männer Platten verschieden
-gefärbten Marmors, Blöcke von Granit und Syenit ans Ufer schafften und zwar
-mit einer Leichtigkeit, die auf die sieben Schwaben geradezu verblüffend
-wirkte. Sollten diese Marsbewohner über ungewöhnliche Körperkräfte
-verfügen, eine Art Athleten sein?
-
-»Welch großartig entwickelten Brustkorb diese Leute haben! Sehen Sie einmal
-genauer hin!« Mit diesen Worten zeigte Piller auf die Arbeiter. »Es ist mir
-heute früh schon aufgefallen, wie herrlich gebaut und wie breitschultrig
-diese Menschen hier sind. Auch die Kinder zeichnen sich in dieser Beziehung
-gegenüber den unsern auf der Erde vorteilhaft aus. Die reinste Züchtung
-einer lungenstarken Rasse, die der Schwindsucht kaum zugänglich sein
-dürfte,« fuhr Piller fort.
-
-Unterdessen war Brummhuber zu den arbeitenden Marsiten getreten und
-versuchte, eine der Steinplatten zu heben.
-
-»Mir kommt dieser Marmor merkwürdig leicht vor. Sollte es vielleicht eine
-andere Art von Stein sein als bei uns?« rief er fragend seinen Gefährten
-zu.
-
-Diese kamen, neugierig geworden, näher und untersuchten die Steine.
-
-»Nein, es ist tadellos schöner Marmor. Betrachten Sie nur das feine Korn
-und die zartgefärbten Adern, die ihn durchziehen!« entgegnete Piller nach
-eingehender Prüfung.
-
-»Und dieser prächtige rote Stein hier ist bester Syenit, oder ich müßte
-geradezu kein mineralogisches Unterscheidungsvermögen mehr besitzen,« warf
-Herr Hämmerle ein, der an dem Steine herumgeklopft hatte.
-
-»Versuchen wir einmal, die Steine zu heben!« entschied Piller.
-
-»Richtig, die scheinen hier oben ein geringeres spezifisches Gewicht zu
-haben als unten bei uns. Nun begreife ich, warum diese Leute die Lasten so
-leicht zu heben vermögen. Woher das wohl kommen mag? Wissen Sie vielleicht
-die Ursache, Stiller?«
-
-»Der Grund dieser Erscheinung liegt meines Erachtens in der Dichtigkeit des
-Mars, die nur o,7 von der der Erde beträgt,« antwortete Herr Stiller.
-
-»Nun geht mir auch ein Licht auf, warum mir heute bei unserm Mahle die
-Pokale, unsere Silbergeräte überhaupt, so eigentümlich leicht vorkamen,«
-fügte Thudium bei. »Ich hatte aber keine Zeit, über diese auffallende
-Erscheinung nachzudenken, denn die Musik nahm mich zu sehr gefangen.«
-
-»So ging es auch mir,« bestätigte Stiller.
-
-»Und wie steht es mit der Dichtigkeit der Marsatmosphäre?« forschte
-Frommherz. »In dieser Beziehung finde ich keinen Unterschied gegenüber
-unserer Heimatluft im Sommer. Im Gegenteil, ich atme leichter, freudiger
-hier oben als unten.«
-
-»Der Luftkreis, der diesen Planeten umgibt, ist von bedeutend geringerer
-Höhe als der unserer Erde. Denken Sie sich bei uns auf einen Berg von
-mäßiger Höhe gestellt, so wird die etwas dünnere Luft dort ungefähr der
-hier entsprechen. Unsere Erdbarometer sind leider nicht für den Mars so
-verwendbar, daß wir zu ganz sichern Vergleichen und Schlüssen kommen
-könnten,« entgegnete Stiller.
-
-»Sei dem wie ihm wolle! Aus Ihren Worten kann ich mir auch ganz ungezwungen
-die wunderbare Entwicklung des Brustkorbes unserer Marsfreunde erklären:
-Anpassung der Lungen an die äußeren Lebensbedingungen. So werden sich auch
-in derselben einfachen Weise andere Eigentümlichkeiten der Marsleute
-erklären lassen, die uns noch da und dort entgegentreten werden,« erwiderte
-Piller, sich in Marsch setzend, während die übrigen Herren seinem Beispiele
-folgten.
-
-»Übrigens, meine Freunde, haben Sie noch nicht die auffallend schönen Augen
-unserer Marsmenschen bewundert?« fragte Piller im Weiterschreiten.
-
-»Ihre Größe und ihr schöner Glanz stechen allerdings stark gegen Größe und
-Glanz der unsern ab. Ein merkwürdiges Leuchten geht aus diesen Spiegeln der
-Seele bei unsern Marsleuten hervor.«
-
-»Ganz richtig beobachtet, Stiller! Das satte Blau der Iris habe ich in
-dieser vollendeten Schönheit früher noch niemals gesehen. Es ist die
-Idealfarbe des edeln Auges. Und dieses lockige, reiche Haar! Wahre Zeus-
-und Junogestalten! Frommherz hatte heute recht mit seinem Vergleiche.«
-
-»Nicht wahr?« rief dieser erfreut über Pillers laute Anerkennung.
-»Körperlich wie geistig gleich hochstehende Menschen scheinen mir die
-Marsbewohner zu sein.«
-
-»Für diese Gegend wenigstens scheint Ihr Urteil zu stimmen nach dem, was
-wir heute erfahren haben,« erwiderte Stiller.
-
-Da die Sonne untergegangen war, so beschlossen die Herren aus dem
-Schwabenlande, für heute den Spaziergang zu beenden und in ihr Heim
-zurückzukehren. Dort wollten sie den Besuch des würdigen Greises erwarten,
-um von ihm auf die Sternwarte geführt zu werden. Sie befanden sich noch
-unterwegs, als die Nacht ihre dunklen Schwingen über die Landschaft
-auszubreiten begann. Im Osten wurde es hell und heller. Der Mond tauchte
-auf und warf sein klares Licht auf die stille, friedvolle Gegend.
-
-»Das ist der große Marsmond, Deimos genannt, der uns da leuchtet,« erklärte
-Professor Stiller seinen Gefährten. »Wenige Augenblicke nur, und Sie werden
-den zweiten Trabanten des Mars sehen, mit dem wir, wenn auch
-glücklicherweise höchst oberflächlich, letzte Nacht in peinliche Berührung
-gekommen sind.«
-
-Richtig, da kam auch der kleine Phobos über den Horizont gestiegen.
-
-»Welch prachtvolles Schauspiel!« rief voll Entzücken Stiller. »Wahrlich,
-die Marsbewohner brauchen keine künstliche Beleuchtung ihrer Nächte! Sie
-haben nicht nur jede Nacht vollen Mondschein, sondern sie besitzen auch
-gleich zwei Himmelsleuchten.«
-
-»Ein merkwürdiger Weltkörper, dieser Mars, fürwahr!« entgegnete Piller,
-einen Augenblick stehen bleibend und die beiden Monde betrachtend, deren
-fast taghelles Licht eigenartige, reizvolle Schattenbilder hervorbrachte.
-
-»Ein lebendig gewordenes Märchen. Das wäre wieder ein neuer Anlaß für Sie
-zu trinken, Piller,« spottete Dubelmeier.
-
-»Warum denn nicht, alter Freund, warum denn nicht? Es scheint mir aber nach
-dem, was wir heute schon erlebt haben, auf dem Mars so viel
-Bewunderungswürdiges zu geben, daß die Anlässe zum Trinken sich denn doch
-zu bedenklich mehren dürften. Mein Wahlspruch aber ist gleich dem des alten
-griechischen Weisen: Nichts zuviel!«
-
-Dubelmeier lachte laut auf.
-
-»Lachen Sie nicht so töricht, altes Wasserhuhn, und folgen Sie selbst
-lieber diesem Beispiele in Ihrer übertriebenen Wassertrinkerei! Das rate
-ich Ihnen schon vom Standpunkte der modernen Heilkunde aus.«
-
-»Die Monde kommen mir hier oben bedeutend größer vor als z. B. unten unser
-Trabant,« bemerkte Frommherz, die eingetretene Stille unterbrechend.
-
-»Nur Täuschung, mein Lieber!« erklärte Stiller. »Die Monde des Mars sind
-beträchtlich kleiner als der Mond unserer Erde, sie sind aber bedeutend
-näher am Hauptplaneten, als dies bei unserm Monde der Fall ist. Phobos hier
-ist vom Mars nur etwas über 9000 Kilometer, der große Deimos nicht mehr als
-etwa 23500 Kilometer entfernt. Daher kommt es, daß diese Trabanten des Mars
-so übermäßig groß erscheinen.«
-
-Unter diesen Gesprächen gelangten die Herren vor ihr stattliches Heim. Dort
-erwartete sie bereits ihr aufmerksamer Gastgeber, der ihnen heute schon so
-viel Gutes erwiesen hatte. Im Mondschein erschien den Herren die hohe
-Gestalt des Alten womöglich noch feierlicher als im Lichte des Tages, das
-lange, wallende weiße Haar noch silberner, glänzender.
-
-»Sieht er nicht aus wie ein Patriarch aus der alten jüdischen Zeit, in der
-Sittenreinheit und Einfachheit des Volkes herrlichste Tugenden waren?«
-fragte Professor Stiller leise seinen Kollegen Frommherz.
-
-»Wahrhaftig, Sie haben recht!« entgegnete dieser. »Nennen wir unsern Alten,
-dessen Namen uns noch unbekannt ist, einfach Patriarch. Diese Bezeichnung
-paßt prächtig auf ihn, hat er uns doch heute unter seinen väterlich milden
-Schutz genommen.«
-
-Nach einer kurzen, stummen Begrüßung geleitete der Alte die Erdensöhne nach
-dem mit einem Kuppelbau versehenen Hause. Der Weg dahin führte durch eine
-Art von Wald voll großer wohlgepflegter Bäume, auf deren dunkelgrünen,
-glänzenden Blättern die zitternden Strahlen der Monde ihr neckisches Spiel
-trieben. Millionen von Leuchtkäfern schwirrten in der weichen Nachtluft
-unter den Bäumen, und das bläulich schillernde Licht der lautlos
-dahinhuschenden Tiere machte den Eindruck kleiner, in rascher Bewegung
-begriffener Sternchen. Muntere Bächlein, über die zierliche Brücken
-führten, kreuzten oft den Weg.
-
-Der eigenartig schöne Weg hatte ungefähr eine Stunde Zeit in Anspruch
-genommen. Das in Form eines Rundbaus angelegte Gebäude trug in seinem
-Erdgeschoß eine Reihe von Büsten auf roten Marmorsockeln. Sie schienen die
-Männer darzustellen, die hier am Observatorium gewirkt hatten. Breite
-Stufen führten in den eigentlichen Beobachtungsraum hinauf, in dem einige
-Männer bereits an ihrer stillen Arbeit saßen. Der Patriarch mußte mit ihnen
-bereits Rücksprache genommen haben, denn sie erhoben sich sofort beim
-Eintritt der Fremden und luden diese durch freundliche Handbewegung ein,
-ihre Plätze einzunehmen.
-
-Stiller war von der gediegenen Pracht und Großartigkeit der gesamten
-Einrichtung überrascht. Wie gering erschien ihm dagegen seine Sternwarte da
-unten auf Stuttgarts Bopserhöhe! Er trat auf eines der Riesenteleskope zu,
-prüfte es kurz und gestand sich, daß dessen Linsen an Schärfe nichts zu
-wünschen übrig ließen, ja sogar alles übertrafen, was er in dieser
-Beziehung überhaupt bis jetzt kennengelernt hatte. Welch eine Summe von
-Intelligenz mußte auf dem Mars vorhanden sein, die so feine, auf genauester
-wissenschaftlicher Berechnung beruhende optische Arbeit auszuführen
-ermöglichte!
-
-Der Professor betrachtete aufmerksam den Himmel. Da und dort flammten
-Sternbilder und einzelne Sterne auf, die ihm bekannt waren. Ein auffallend
-großer, rotleuchtender Stern stand tief im Westen und erregte die vollste
-Aufmerksamkeit des Gelehrten. Es konnte nur ein Planet sein, der da
-funkelnd im unermeßlichen Weltraum hing, und möglicherweise war es der
-auffallenden Nähe wegen gar die Erde. Das Riesenfernrohr wurde daraufhin
-sorgfältig eingestellt. Die Vermutung Professor Stillers war richtig. Dank
-den unübertrefflich scharfen Linsen und der Reinheit der Marsatmosphäre
-erkannte er deutlich die Mutter Erde. Gut konnte er auf ihr die
-verschiedenen Meere und Kontinente unterscheiden. Vom Nordpol abwärts
-ließen sich sogar die Umrisse der einzelnen Länder gegen das Eismeer sowie
-gegen den Atlantischen Ozean hin feststellen, und das da, -- ja, jetzt
-hatte er es -- was sich jetzt zeigte, im Fernrohr scharf abzeichnete, mußte
-die Heimat, mußte dem ganzen Aussehen nach Deutschland sein.
-
-Voll freudiger Aufregung teilte Stiller seinen Gefährten die gemachte
-Beobachtung mit und lud sie ein, einen Blick auf das ferne teure Vaterland
-hinunterzuwerfen. Einer nach dem andern folgte dieser Aufforderung.
-
-»Unglaublich, aber wahr! Diese Fernsicht ist wirklich einzig in ihrer Art!
-Zum ersten Male sehen wir aus weiter, weiter Ferne die Erde und die
-Heimat,« rief Hämmerle begeistert.
-
-»Die Großartigkeit dieses Bildes wirkt geradezu feierlich,« äußerte
-Thudium.
-
-»So ist es auch,« bestätigte Piller.
-
-Die Astronomen vom Mars und der Patriarch, warfen nun ebenfalls
-nacheinander einen Blick durch das Teleskop. Sie wußten ja schon, woher die
-sonderbaren Fremden heute früh gekommen waren, und konnten aus ihrer
-Aufregung bei der Beobachtung eines bestimmten Teiles des fernen Gestirnes
-leicht schließen, daß dieser Teil, der sich augenblicklich im Gesichtsfelde
-des Fernrohres befand, die engere Heimat ihrer Gäste sein müsse.
-
-»Es ist jammerschade, daß wir uns mit den Kollegen hier nicht unterhalten
-können! Welch interessanter, gewinnbringender Meinungsaustausch käme dabei
-heraus!« sprach Stiller zu seinen Gefährten, als sie nach stummem Abschiede
-das Observatorium verließen.
-
-»Wir müssen in erster Linie so rasch wie möglich die Sprache der
-Marsbewohner erlernen. Ihre Kenntnis ist die unumgängliche Voraussetzung
-für unsere Forscherzwecke,« antwortete Hämmerle.
-
-»Wahr gesprochen, Meister der Sprachforschung!« erwiderte Piller, und auch
-die andern Herren nickten zustimmend mit dem Kopfe.
-
-Die beiden Trabanten des Mars standen nun als volle Monde am Himmel, als
-die Herren heimwärts schritten. Gewaltigen, übereinandergestellten
-Leuchtkugeln gleich, hingen sie oben am Himmel und warfen ihr
-silberglänzendes Licht über die stille Landschaft. Während Phobos, der
-innere, kleinere Mond, sich in rascher Bewegung von West nach Ost befand,
-zog der große, äußere Deimos, weniger hastend als sein Gefährte, auf
-stiller Bahn den umgekehrten Weg. Es war ein Anblick, so wunderbar und
-einzig in seiner Art, daß die Erdensöhne in lautes Entzücken über diese
-bezaubernde Mondnacht ausbrachen. Langsam schlenderten sie nach Hause und
-genossen in vollen Zügen die Wunder einer Marsnacht.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-Lumata und Angola
-
-
-Die folgenden Wochen verflossen für die Gäste des Patriarchen in angenehmem
-Verkehr mit diesem selbst und den Bewohnern der Marskolonie. Die Fremden
-waren aufs eifrigste bestrebt, sich mit ihren neuen Freunden sprachlich zu
-verständigen. Sie schrieben zunächst alle Bezeichnungen für die
-verschiedensten Dinge nieder, wie sie eben ihr Ohr vernahm. Hierauf
-brachten sie die Dinge mit ihrer Tätigkeit und ihren Eigenschaften in
-Verbindung und erhielten so auf diese einfache Weise nach und nach den
-Schlüssel zur Sprache selbst. Ging auch die Verständigung anfänglich sehr
-langsam und mühsam von statten, so gewährte ihnen doch das allmähliche
-Begreifen der klangvollen Sprache viel Freude und lohnte ihnen dadurch die
-große Mühe wieder, die sie für ihr Studium aufwenden mußten.
-
-Alles geht in der Welt der Menschen nur schrittweise vorwärts; nirgends
-marschiert der wahre Fortschritt mit Siebenmeilenstiefeln. Die Wahrheit
-dieses Satzes erfuhren die sieben gelehrten Schwaben nicht nur an sich
-selbst bei ihren Studien, sondern konnten sie auch bei den Marsbewohnern
-beobachten. Waren sie auch erst kurze Zeit da und in ihren Bewegungen auf
-einen verhältnismäßig kleinen Raum beschränkt gewesen, so konnten sie sich
-doch unschwer davon überzeugen, daß die Bewohner des Mars eine ganz
-bedeutende Höhe in der Kultur erreicht hatten, die nur das Ergebnis einer
-jahrtausendelangen geistigen Entwicklung sein konnte.
-
-In dem Maße, wie die Herren im Verstehen ihrer Umgebung vorwärts schritten,
-wuchs auch ihre Bewunderung und Wertschätzung dieser in jeder Beziehung so
-hochstehenden Menschen. Immer mehr drängte sich ihnen die Überzeugung auf,
-daß die Masse der Marsbewohner, wenigstens die, deren Gäste sie waren, in
-idealster Weise als Menschen das erfüllte, was auf der Erde nur die Besten
-und Edelsten, also immer nur vereinzelte Individuen, leisteten.
-
-Was sie selbst vom Schönen, Wahren und Guten unten auf der Erde geträumt
-hatten, hier oben fanden sie alles in die Wirklichkeit umgesetzt; denn
-überall und in allem offenbarte sich ihnen die wunderbarste Harmonie, alles
-atmete Schönheit, Güte und Wahrhaftigkeit, und das ganze Leben trug den
-Stempel vornehmer, ruhiger Tätigkeit. Zweifellos mußte eine weise Regierung
-dieses große Staatswesen leiten, obwohl die Herren von Behörden, wie sie
-sich unten in der Heimat breit machten, hier oben nicht das geringste
-wahrnahmen.
-
-Ob dieses Lebensbild voll Licht und Schönheit wohl auch seine Schatten,
-seine dunkle Seite hatte? Diese Frage wurde von den Herren am Abend bei der
-gemeinsamen Unterhaltung im großen Bibliotheksaale ihres Heims wiederholt
-aufgeworfen. Ihre endgültige Beantwortung mußte aber immer wieder
-verschoben werden, denn die Meinungen liefen schließlich stets darauf
-hinaus, daß man erst die Sprache vollständig beherrschen müsse, bevor man
-sich ein abschließendes Urteil bilden könne. Hier oben auf dem Mars lag
-eben alles anders als auf der Erde.
-
-Die sieben Schwaben fühlten sich in ihrem neuen Wohnorte außerordentlich
-wohl, so wohl, daß sie an die Möglichkeit einer Rückkehr gar nicht mehr zu
-denken schienen. Wenigstens äußerte sich keiner der Herren mehr darüber.
-Von den Marsiten, wie sie die Marsbewohner nannten, wurden sie wie liebe,
-alte Freunde, ganz wie ihresgleichen behandelt, und die Gastfreundschaft
-wurde ihnen gegenüber in so zartfühlender Weise geübt, daß sie die
-Empfindung von etwas Drückendem gar nicht aufkommen ließ, im Gegenteil zu
-frohem Genusse förmlich einlud.
-
-Auch der Weltensegler hatte unterdessen zweckmäßige Unterkunft gefunden.
-Eine geräumige, mit Glas bedeckte, aus Eisen luftig konstruierte Halle war
-in aller Stille auf der Wiese errichtet worden, auf der das Luftschiff
-niedergegangen war. In dieser Halle war das Fahrzeug untergebracht worden.
-Die verschiedenen großen und kleinen Schäden am Ballon wie an der Gondel
-hatten die Marsiten in so meisterhafter Weise ausgebessert, daß Herr
-Stiller zuerst sprachlos vor Erstaunen darüber war. Die Leute hier oben
-kamen ihm in ihrer Geschicklichkeit und Erfahrung in den schwierigsten
-Dingen der Aeronautik wie Zauberer vor. Wenn schon die Techniker auf dem
-Mars so viel Wissen und Können offenbarten, wie es die schwierigen
-Reparaturen des Weltenseglers erforderten, um wieviel verblüffender mußten
-die Ergebnisse der forschenden Wissenschaft sein! Wie viel konnten sie
-selbst hier noch lernen! Diese Aussicht enthielt so viel Verführerisches,
-daß Stiller kaum die Zeit erwarten konnte, die ihm und seinen Gefährten den
-näheren Verkehr mit den Männern der Wissenschaft, mit ihren Marskollegen,
-bringen sollte.
-
-Die Frage, wie sie die ihnen erwiesene Gastfreundschaft ausgleichen
-könnten, beschäftigte Schwabens Söhne oft; denn das war den Herren klar,
-daß sie sie auf die Dauer nicht ohne Gegenleistung genießen durften. Sie
-beschlossen daher, sich später in irgendeiner Weise, jeder nach seinem
-Berufe, den Marsiten nützlich zu machen, ihre dankbare Anerkennung in einer
-passenden Form zum Ausdruck zu bringen. Das einstweilen noch unklare Wie
-würde sich möglicherweise eines Tages von selbst ergeben.
-
-Die Zeit verging. Sie brachte ihnen mancherlei weitere Erfahrungen und
-Einblicke in die eigenartig neue Welt, die sie umgab. Zunächst konnten sie
-feststellen, daß ihr Wohnort auf der nördlichen Halbkugel des Mars lag, und
-zwar auf dem fünfzehnten Breitengrade. Da der eigentliche Tropengürtel des
-Mars gegenüber dem der Erde nur die Hälfte beträgt, so lag der fünfzehnte
-Grad nördlicher Breite hier bereits in der subtropischen Zone. Die
-gemäßigte Zone des Mars reichte nördlich wie südlich nur bis zum
-fünfunddreißigsten Breitengrade. Über diesen Grad hinaus begann die kühle
-Region. Während diese nur spärlich und nur von einer bestimmten Klasse von
-Marsbewohnern bevölkert war, wie den Gelehrten mitgeteilt wurde, lebte die
-Hauptmasse der Marsiten innerhalb der fünfunddreißig Breitengrade nördlich
-und südlich vom Äquator. Es war also ein verhältnismäßig kleiner Raum des
-Planeten, der bewohnt und wirklich kultiviert wurde, er genügte aber
-vollständig, um der auf nur zweihundertundfünfzig Millionen geschätzten
-Bewohnerzahl des Mars eine gute Existenz zu gewähren.
-
-Daß diese Existenz an die Riesenkanäle gebunden sein müsse, hatten die von
-Professor Stiller und andern Forschern schon früher angestellten
-Marsbeobachtungen vermuten lassen. Diese Vermutungen wurden jetzt zur
-Gewißheit, als Professor Stiller in der Lage war, die elementarsten
-Lebensbedingungen des Mars persönlich zu erforschen.
-
-Die Atmosphäre des Mars war der der Erde ähnlich. Da es aber auf dem Mars
-nur kleinere Ozeane und Binnenmeere gab, so enthielt der Luftkreis, der
-diesen Planeten umschloß, im allgemeinen weniger Wasserdampf oder
-Feuchtigkeit als die Erdatmosphäre. Eine wunderbar klare, durchsichtige
-Luft, die die fernsten Gegenstände nähergerückt erscheinen ließ, ein tief
-dunkelblauer Himmel waren die natürlichen Folgen dieser Tatsache,
-gleichzeitig aber auch ein gewisser Mangel an starkem Regen. Wohl taute es
-in den herrlich kühlen Nächten so reichlich, daß dadurch die Pflanzenwelt
-in schönster Frische erhalten wurde, aber dieser Niederschlag allein
-genügte nicht den Ansprüchen der Pflanzen an Wasser. So waren die
-Marsbewohner im Kampfe um ihre Existenz gezwungen, diesen natürlichen
-Mangel durch die Kunst auszugleichen. Auf diese Weise entstanden die
-Kanäle, die sich bis zu den polaren Zonen hinzogen und von diesen das im
-Sommer abschmelzende Wasser der dort abgelagerten gewaltigen Eismassen nach
-allen Richtungen hin leiteten.
-
-Schon die ganze großartige Ausführung dieser uralten, Tausende von
-Kilometer langen Wasserstraßen, die da und dort in Riesenseen, künstlichen
-Zentralsammelbecken, zusammenflossen, die Art und Weise ihrer sorgfältigen
-Instandhaltung zeigte allein schon den hohen Grad von Intelligenz und den
-Gemeinsinn der Marsbewohner.
-
-Die Regelung des Wasserstands war genau dem Bedarf und der Jahreszeit
-angepaßt. Dank dieser Einrichtung und der Unmasse kleiner Wasseradern, die
-sich überallhin abzweigten, herrschte nie Wassermangel auf dem Mars. Die
-Folge davon war jener üppige, prachtvolle Pflanzenwuchs, den die Schwaben
-immer und immer wieder bewundern mußten. Dazu kam das völlige Fehlen wilder
-Tiere, giftiger Reptile und gefährlicher Insekten. Es war ein Eldorado, in
-das die Erdensöhne geraten waren, und auf das die Worte Homers trefflich
-paßten:
-
- »Wo in behaglicher Ruhe den Menschen das Leben dahinfließt:
- Dort ist kein Schnee, kein schneidender Sturm, kein strömender Regen,
- Sondern der Ozean sendet empor zur Erquickung der Menschen
- Immer den luftigen Hauch des frisch hinwehenden Zephyrs.«
-
-Und diese zahlreichen Wasserstraßen waren zugleich auch die besten und
-einfachsten Verbindungswege der Marsbewohner untereinander. Kein Wunder
-daher, daß sich auf den Kanälen ein lebhafter Schiffsverkehr abwickelte.
-Aber die auf den klaren Fluten der tiefen Wasserläufe dahinziehenden
-Schiffe verdarben die köstliche Luft nicht durch qualmende Schornsteine.
-Sämtliche Fahrzeuge, mochten sie nun für Personen- oder Lastenbeförderung
-bestimmt sein, wurden durch Elektrizität in Bewegung gesetzt und
-vermittelten den Verkehr in ruhiger und rascher Weise.
-
-Auf diesen ebenso zweckmäßig wie bequem und gefällig eingerichteten
-Fahrzeugen hatten die sieben Schwaben schon so manche weite Reise
-ausgeführt. Sie hatten dabei aber das übrige Land und seine Bewohner nur
-flüchtig kennengelernt, weil diese Fahrten eben hauptsächlich zur
-allgemeinen Orientierung unternommen worden waren. Was sie aber sahen, das
-verstärkte nur ihre ersten guten Eindrücke und befestigte ihre Überzeugung,
-sich in einem großangelegten Staatswesen von tadelloser Verwaltung zu
-befinden. Nicht nur waren die Marsbewohner trotz der Verschiedenheit der
-Zonen überall gleichartig, d. h. sie sprachen dieselbe Sprache und schienen
-auch unter ähnlichen sozialen Lebensbedingungen zu stehen wie ihre Brüder
-in Lumata, -- so hieß die Kolonie, in der die Herren aus dem Schwabenlande
-angesiedelt waren, -- sondern an all den vielen verschiedenen Orten, die
-die Fremden besuchten, fiel diesen auch eine gewisse Gleichmäßigkeit des
-Besitzes auf, und sie empfanden das völlige Fehlen wirklicher Dürftigkeit
-oder Armut sehr angenehm.
-
-Die geologische Beschaffenheit des Mars glich der der Erde. Den
-kristallinischen Massengesteinen standen die Sedimentformationen gegenüber,
-die in ähnlicher Weise übereinander gelagert waren wie auf der Erde. Die
-geologische Entwicklungsgeschichte des Mars schien also mit der Erde
-übereinzustimmen, nur hatte der Mars seine Entwicklungsphasen offenbar
-schneller und früher durchgemacht als diese. Dafür sprach auch das Fehlen
-von aktiven Vulkanen. Dagegen war der Mars reich an heißen Quellen aller
-Art; an Fumarolen (d. h. Bodenöffnungen auf vulkanischem Gesteine, aus
-denen Wasserdämpfe ausströmen, die oft mit chemischen Verbindungen beladen
-sind) und an Mofetten (Kohlensäure ausströmenden Gasquellen) war auch kein
-Mangel.
-
-Große Städte, wie sie in den sogenannten Kulturstaaten der Erde zu finden
-sind, gab es auf dem Mars nicht. Es bestanden lediglich kleinere oder
-größere Gruppierungen von Häusern, die aber überall frei für sich im Grünen
-lagen. Nur an einem großen See, zwei Tagereisen von Lumata nach Süden zu,
-hatten die Schwaben den einzigen Anklang an eine Stadt gefunden. Dort war
-eine größere Kolonie mit zahlreichen architektonisch hervorragenden Bauten,
-die sich an regelmäßig angelegten Straßenzügen erhoben. Eine Stadt von
-Palästen, wirkte sie namentlich durch die vornehme Ruhe, die in ihr
-herrschte, durch ihre peinliche Sauberkeit und den Glanz und die Pracht
-ihrer öffentlichen Gärten.
-
-Die Erdensöhne konnten mit ihren noch mangelhaften Sprachkenntnissen nur so
-viel herausbekommen, daß dieser Ort, Angola mit Namen, der Zentralsitz der
-Stämme der Weisen, der Heitern und der Ernsten sei. Was waren aber das für
-Stämme? Nach Hause zurückgekehrt, befragten sie hierüber Eran, den
-Patriarchen. Dieser lächelte eigentümlich bei der Frage und erwiderte den
-neugierigen Herren, daß er sie später selbst einmal nach Angola führen
-werde, um sie mit seinen Brüdern dort bekannt zu machen, die übrigens von
-ihrer Anwesenheit in Lumata sowie von ihrer Herkunft und ihrer Reise nach
-dem Mars längst unterrichtet seien.
-
-Anfangs waren die Tübinger Herren von ihren Ausflügen, dem Niederschreiben
-ihrer täglichen Beobachtungen und gewonnenen neuen Eindrücke und dem
-Erlernen der Sprache vollständig in Anspruch genommen. Aber nach und nach
-begann in ihnen doch eine gewisse Sehnsucht nach dem alten, trauten, ihnen
-zur zweiten Gewohnheit gewordenen Berufe zu erwachen, den sie mit so großem
-Erfolge in ihrer Heimat ausgeübt hatten. An ernste, rege Tätigkeit gewöhnt,
-kam ihnen das angenehme und ideal schöne Leben auf dem Mars mehr und mehr
-wie eine Art Schlaraffentum vor. Die Mühseligkeiten der Herreise verblaßten
-immer mehr in der Erinnerung, je länger sie sich auf dem Mars befanden.
-
-Schon war ein ganzes Jahr vergangen, seit sie vom Cannstatter Wasen aus
-ihre Marsfahrt angetreten hatten. Aber während unten auf der heimatlichen
-Erde der Winter mit Schnee und Kälte vor der Türe stand, herrschte hier
-oben in Lumata ein ewiger Frühling, obgleich die Marsiten die Jahreszeit,
-in der sie sich gerade befanden, ebenfalls als die vorgerücktere
-bezeichneten.
-
-War es nur Zufall, daß die sieben Schwaben auch auf dem Mars in den
-wichtigsten Einteilungen der Siebenzahl begegneten? Herr Stiller konnte
-sich diese auffallende Tatsache nicht erklären und begnügte sich damit, sie
-festgestellt zu haben.
-
-Auf dem Mars wurde das Jahr in sieben Abschnitte geteilt, die die Tätigkeit
-wie auch die Ruhe der Natur zum Ausdruck brachten. Nach Erdenmaß gerechnet
-umfaßte ein solcher Zeitabschnitt die ungefähre Zahl von zweiundfünfzig
-Tagen. Die einzelnen Perioden hießen:
-
-1. Die Zeit des Erwachens.
-
-2. Die Zeit der Saaten.
-
-3. Die Zeit des Knospens und der Blüten.
-
-4. Die Zeit der Früchte.
-
-5. Die Zeit der Garben.
-
-6. Die Zeit der Ernten oder Freuden.
-
-7. Die Zeit der Ruhe.
-
-Nach und nach hatten die Erdensöhne so bedeutende Fortschritte in der
-Marssprache gemacht, daß sie nun auch gründliche Einblicke in die
-staatliche Organisation des Marsvolkes tun konnten. Vor ihren Augen
-enthüllte sich immer mehr ein großangelegtes, riesiges demokratisches
-Gemeinwesen, das nicht auf die Gewalt gestützt war, sondern ausschließlich
-durch den freien Willen des Volkes und durch das Band gemeinschaftlicher
-Interessen zusammengehalten wurde. Jedes einzelne Individuum ordnete sich
-hier dem Gemeinwohl unter und leistete ihm nach seinen Fähigkeiten Dienste.
-So stellte sich das Staatswesen als eine zwar große, aber doch wieder
-engverbundene Familie voll schönster Eintracht dar. An der Spitze des
-gesamten Staatswesens stand der Stamm der Weisen oder der Hüter des
-Gesetzes.
-
-Die Bevölkerung des Mars schied sich in folgende sieben Stämme:
-
-1. Stamm der Weisen oder der Hüter des Gesetzes.
-
-2. Stamm der Heitern (Bildende Künste: Maler, Bildhauer, Komponisten).
-
-3. Stamm der Ernsten (Gelehrte aller Richtungen).
-
-4. Stamm der Frohmütigen (Darstellende Künste: Musiker, Schauspieler).
-
-5. Stamm der Sorgenden (Acker- und Gartenbauer und Dienende).
-
-6. Stamm der Flinken (Handel- und Verkehrtreibende).
-
-7. Stamm der Findigen (Industrielle).
-
-Die sechs letzten Stämme standen einander im Ansehen völlig gleich. Der
-erste Stamm rekrutierte sich aus den erfahrensten, ältesten, vor allem aber
-den geachtetsten und durch ihre Lebensführung hervorragenden Individuen
-männlichen wie weiblichen Geschlechts der übrigen sechs Stämme.
-
-Der größte Stamm, der an Zahl seiner Angehörigen alle andern Stämme
-zusammen weit übertraf, war der der Sorgenden.
-
-Die Zulassung zu den einzelnen Stämmen, den der Weisen allein ausgenommen,
-wurde lediglich durch die Neigung und den Nachweis der Fähigkeit
-entschieden. Ein Übertritt von dem einen Stamm in den andern konnte auf
-Grund einer Prüfung jederzeit an einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden.
-Fest gebunden war niemand, und gerade dieser völlige Mangel an Zwang schien
-hier oben eine der Hauptursachen für die Entwicklung der verschiedenen
-Berufsarten zu sein.
-
-Ein natürlicher, vernünftiger Ehrgeiz, das Bestmögliche zu leisten,
-beherrschte die Marsbewohner und hielt nicht nur das Streben des Einzelnen
-wach, sondern regelte es auch in gesunder Weise.
-
-Da auf dem Mars kein Geld in Umlauf war, so gab es auch nicht das
-widerliche, Geist wie Körper gleichmäßig aufreibende Hasten und Jagen nach
-dessen Besitz wie unten auf der Erde. Geldsorgen waren auf dem Mars
-unbekannt. Die verschiedenartigsten Leistungen des einzelnen wurden durch
-Anweisungen auf seine sämtlichen Lebensbedürfnisse aufgewogen. Zu diesen
-Bedürfnissen wurde aber auch eine gewisse Summe von Lebensfreude gerechnet,
-wie sie die bildenden und darstellenden Künste und dergl. zu bieten
-vermögen.
-
-Der höchste Ruhm und die größte Ehre bestand in der allgemeinen Anerkennung
-und Wertschätzung. Diese konnte sich aber jeder durch treue Erfüllung
-seiner Pflichten und Obliegenheiten erringen. Für die Leistungen, die über
-die allgemeine Pflichtarbeit hinausgingen, also da, wo das wirkliche
-Verdienst um das große Ganze beginnt, erhielten die Marsiten durch den
-Stamm der Weisen Auszeichnungen in Form öffentlicher Belobungen, die den
-Inhaber in vorgeschrittenerem Lebensalter zum Eintritt in diesen allgemein
-hoch verehrten Stamm berechtigten.
-
-Das gesamte Leben auf dem Mars war in seiner so eigenartigen Form nur
-dadurch möglich, daß es unter dem ausschließlichen Zeichen des
-Zusammenhalts stand. Der allgemeine Grundsatz, daß das einzelne Individuum
-alles tun muß, was das Gesamtwohl fördert, alles zu unterlassen hat, was
-dem Nebenmenschen Schaden und Schmerzen bereitet, war hier oben schon seit
-undenklicher Zeit in die Praxis umgesetzt. Dabei wurde die Eigenliebe, ein
-gesunder, berechtigter Egoismus, nicht vernichtet. Der natürliche
-Selbsterhaltungstrieb des einzelnen wurde durch die einfache Erkenntnis
-machtvoll gefördert, daß vom Wohl und Wehe des Nächsten auch das eigene
-Wohl und Wehe abhänge, daß das Blühen und Gedeihen der andern das eigene
-Blühen und Gedeihen mit einschließe, und daß ihr Elend gleichbedeutend mit
-dem eigenen sei.
-
-Diese klare, natürliche Moral, die zu reiner Nächstenliebe (Altruismus)
-führt, und die jeden geistig normalen Menschen instinktiv das Gute tun und
-das Schlechte meiden läßt, bestand in vollster Anwendung auf dem Mars. Die
-Quelle aller Übel auf der Erde, die rohe Selbstsucht, die die Unsumme von
-Gesetzesparagraphen nötig machte, bestand beim Marsvolke nicht.
-Nächstenliebe, Wahrheit, ein gewisser Frohmut schlossen den niederen
-Egoismus völlig aus.
-
-Ein Bund von Brüdern und Schwestern schien das Volk hier oben zu sein,
-wissend, wahr, frei und gut, das Ideal reinen Menschentums verwirklichend.
-Wie klein kamen sich die Söhne der Erde vor, als sie nach und nach die
-Pfeiler kennenlernten, auf denen das Staatswesen sowie das öffentliche und
-private Leben der Marsiten so fest ruhte! Und diese festen Pfeiler waren
-hervorgegangen, herausgebaut aus einer großartig organisierten, allgemeinen
-und freien Schulung der Marsjugend. Die ideale Schule der Zukunft, von der
-Professor Hämmerle in Tübingen so viel schon geträumt, -- hier auf dem Mars
-begegnete er ihr als einer alten, bewährten Einrichtung.
-
-Der leitende Grundsatz der Marsschulen war, die Jugend geistig und
-körperlich gleich gut zu bilden; denn je gebildeter und körperlich
-kräftiger zugleich ein Individuum ist, desto fähiger ist es, seine
-Lebensaufgaben und seine Pflichten als Mitglied des Staates zu erfüllen.
-Der Unterricht beschränkte sich daher nicht nur auf die einfacheren,
-elementaren Kenntnisse, sondern er erstreckte sich auch auf die Geschichte
-und die Kenntnis der Einrichtungen des Staatswesens, auf die Einführung in
-die Gesetze der Natur und auf die Bekanntschaft mit den poetischen und
-prosaischen Meisterwerken der Marsliteratur. Hand in Hand damit ging der
-Unterricht in der allgemeinen Körperpflege und in der Gesundheitslehre, der
-den Altersstufen der Jugend entsprechend angepaßt war.
-
-Gymnastische Spiele aller Art füllten die Nachmittage aus, an denen der
-Unterricht wegfiel. Am Ende einer bestimmten Schulzeit wurden Wettprüfungen
-vorgenommen. Wer aus ihnen als Sieger hervorging, rückte zu den höheren
-Unterrichtsklassen vor. Auf diese einfache Weise war eine klare Scheidung
-zwischen den wirklich talentierten und den weniger begabten Schülern
-durchgeführt. Den ersteren stand dann der Weg zu den Kunstschulen oder zu
-den verschiedenartigen höheren wissenschaftlichen Lehranstalten offen. Die
-höhere Bildung war Gemeingut des ganzen Volkes, und keine anmaßende
-Mittelmäßigkeit konnte sich auf dem Mars breitmachen.
-
-»Wir Erdgeborene sind die reinen Stümper gegen diese Prachtkerle hier oben.
-Was für ein Leben hier im Verhältnis zu dem da unten auf der Erde! Hier
-hellster Sonnenschein, dort trüber Nebel. Wie unendlich weit zurück steht
-die so gepriesene Kultur unserer führenden Nationen gegen die des
-Marsvolkes!« äußerte sich eines Tages Brummhuber, als die Herren gerade
-beim Mahle saßen.
-
-»Ich vermutete schon unten auf unserm Planeten, daß wir hier oben Wesen von
-hoher Vollkommenheit antreffen würden, ich gestehe aber, daß meine
-Erwartungen in jeder Richtung weit übertroffen worden sind,« antwortete
-Stiller.
-
-»Freilich, bieten können wir den Menschen hier nichts, aber auch rein gar
-nichts. Und das drückt mich persönlich schwer,« warf Thudium ein.
-
-»Was sollten wir ihnen auch bieten? Vielleicht von unserm Pessimismus, von
-der widerlichen Selbstsucht, von der unser Leben vergiftenden Unwahrheit?
-Alles Kennzeichen unserer Zivilisation!« rief in ehrlicher Entrüstung
-Professor Piller.
-
-»Sie haben recht, Piller, leider nur zu recht,« bestätigte Professor
-Stiller. »Mars bietet entschieden heute schon das, was den Geschlechtern
-auf der Erde vielleicht erst im Laufe der kommenden Jahrhunderte zuteil
-werden wird.«
-
-»Ob es wohl je dazu kommen wird?« seufzte Frommherz.
-
-»Daran ist nicht zu zweifeln,« entgegnete Hämmerle. »Mars hat ohne Zweifel
-einst dieselben oder wenigstens ähnliche Stufen in seiner zivilisatorischen
-Entwicklung durchgemacht wie die Völker der Erde. Seine Kultur ist nur
-bedeutend älter.«
-
-»Jawohl, um Tausende und Abertausende von Jahren. Die Frage ist nur die, ob
-wir überhaupt die Fähigkeit haben, bei der Entartung unserer Rassen -- ich
-betone das Wort Entartung nochmals ganz besonders! -- die Höhe der
-Marskultur zu erklimmen. Ich möchte es bezweifeln!« schrie Piller und
-suchte seine zornige Erregung durch einen Schluck Wein zu besänftigen.
-
-»Piller, Sie sind ja selbst Pessimist und ungerecht wie immer,« tadelte
-Dubelmeier.
-
-»Ich Pessimist? Und ungerecht? Was verstehen Sie denn darunter?«
-
-»Darüber lasse ich mich mit Ihnen in keine Aussprache ein!«
-
-»Oho! Also beleidigen wollen Sie mich, wie es scheint?«
-
-»Fällt mir gar nicht ein; dazu sind Sie mir viel zu lieb und wert, Sie
-alter Alkoholikus! Aber ungerecht und pessimistisch ist es meines
-Erachtens, wenn Sie so schroff unsern Völkern auf der Erde die Fähigkeit
-einer gesunden Weiterentwicklung absprechen.«
-
-»Ich möchte Freund Dubelmeier beistimmen,« warf hier Stiller ein. »Piller,
-nehmen Sie doch uns zum Beispiel als Modelle an!«
-
-»Schöne Modelle, fürwahr!« brummte Piller, sichtlich besänftigt durch den
-genommenen Schluck Wein.
-
-»Freilich, Modelle von Erdensöhnen, wie ich ohne allzu große
-Selbstüberhebung sagen darf; vertreten wir doch bis zu einem gewissen Grade
-die Zukunft. Was wir heute auf dem Gebiete der allgemeinen Bildung und der
-Entwicklung des moralischen Gefühles vertreten, wird später mehr und mehr
-das Gemeingut der Massen der Kulturvölker auf unserer Erde.«
-
-»Wer's glauben mag!«
-
-»Es ist nicht allein mein Glaube, nein, es ist, auch meine felsenfeste
-Überzeugung, gestützt auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit.«
-
-»Stiller, ich will Ihnen nicht widersprechen, denn ich möchte mich nicht
-noch mehr ärgern, sondern im Gegenteil froh darüber sein, daß ich hier oben
-in dem reizenden Lumata sitzen darf.«
-
-»Ein vernünftiger Ausspruch, der aller Ehren wert ist. Und nun Friede,
-meine lieben Freunde!« rief Frommherz.
-
-»Einverstanden!« fügte Brummhuber bei.
-
-Einige Tage waren seit dieser Unterhaltung verflossen. Da erschien Eran,
-der Patriarch aus dem Stamme der Alten, wieder einmal im Heim seiner Gäste
-und lud die Herren ein, mit ihm für kurze Zeit nach Angola zu reisen.
-Freudig stimmten die Herren bei. Diesmal wurden in Angola Schwabens würdige
-Söhne von dem Stamme der Weisen förmlich empfangen. Vollzählig hatten sie
-sich hier versammelt, um nebenbei auch noch über eine Reihe wichtiger
-innerer Fragen zu entscheiden. Gleichzeitig tagte auch noch der Stamm der
-Ernsten, um in einer Versammlung, wie sie von Zeit zu Zeit stattfand,
-Gedanken und Beobachtungen wissenschaftlicher Art untereinander
-auszutauschen.
-
-Die Aufnahme der Erdensöhne in Angola ließ an Herzlichkeit nichts zu
-wünschen übrig. Ihre so wunderbare und schnelle Fahrt von der Erde her
-durch den ungeheuren Weltraum nach dem »Lichtentsprossenen«, wie die
-Marsiten ihren schönen Planeten nannten, war begreiflicherweise zuerst der
-Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung und des lebhaftesten Interesses.
-
-Bei der ersten Sitzung des Stammes der Ernsten, die in einem großartig
-ausgestatteten Saale eines Marmorpalastes stattfand, erklärte Professor
-Stiller die verschiedenen Umstände, die ihn zur Konstruktion des
-Weltenseglers und zu der kühnen, mit so großem Erfolge gekrönten Fahrt
-bestimmt hätten. Er erzählte ihnen ferner von seiner engeren und weiteren
-Heimat, von den Völkern Europas und von der Erde überhaupt. Letztere war
-den Ernsten wohl bekannt. Die Begriffe, die sie sich von ihr dank ihren
-außerordentlich scharfen Instrumenten und ihrer Vorstellungskraft zu machen
-verstanden, kamen der Wirklichkeit verblüffend nahe. So wußten die
-Marsgelehrten, daß das dritte Kind des Lichtes (als Kinder des Lichtes
-bezeichneten die Marsiten alle Planeten), die Erde, Eismassen an ihren
-Polen führe, die einen ansehnlichen Bruchteil des Meerwassers in feste
-Bande geschlagen haben, und daß die Oberfläche der Erde von über siebzig
-Prozent Meerwasser bedeckt sei. Auch daß die Erdatmosphäre reich an
-Wasserdampf sein müsse, schlossen sie aus dem Verhältnis des Festlandes zu
-den Meeren. Die Dichtigkeit der Erde war ihnen genau bekannt, ebenso ihr
-Polar- und Äquatorialdurchmesser, ferner die Geschwindigkeit ihrer Bewegung
-um sich selbst wie um das »ewige Licht«, die Sonne, und dergleichen mehr.
-
-Ja, auch von den einzelnen Erdteilen hatten sie richtige Vorstellungen, und
-diese gingen sogar so weit, daß sie eine Reihe einzelner größerer Länder
-oder Gebiete zu unterscheiden vermochten. Um so weniger schwer war es daher
-den gelehrten Fremden, die Marsiten gewissermaßen, auf der Erde
-spazierenzuführen, von der sie bereits so achtungswerte Kenntnisse besaßen.
-Und so entwarfen sie ihnen ein genaues Bild ihres Vaterlandes und
-berichteten von dem Ort am Neckar, von dem sie nach dem Mars abgefahren
-waren.
-
-Allen diesen Schilderungen brachten die Weisen sowie die Ernsten das
-lebhafteste Interesse entgegen. Dieses Interesse steigerte sich noch, als
-sie vernahmen, daß die sieben Schwaben ebenfalls zu einer Art Stamm der
-Ernsten unten auf der Erde gehörten. Die Herren wurden daher eingeladen,
-vor der versammelten Elite der Marsiten ihre Berufsarten näher zu
-beleuchten, das heißt die Zustände zu schildern, unter denen sie auf der
-Erde und bei ihrem Volke ausgeübt würden. Gleichzeitig wurde der allgemeine
-Wunsch ausgedrückt, die Fremden möchten ein genaues Bild von dem Leben und
-Treiben der Bewohner der Erde entwerfen, das dann zu einem Vergleiche mit
-den bestehenden Verhältnissen auf dem Mars herangezogen werden sollte.
-
-Es wurde ausgemacht, daß jeder der Professoren an einem bestimmten Tage
-abwechselnd zwei Vorträge halten solle, den einen fachlich und den andern
-über das allgemein interessierende Thema der Erdbewohner und deren
-kulturelle Zustände. Die Professoren entledigten sich ihrer Aufgabe in
-meisterhafter Weise. Sie erzählten von dem derzeitigen Stande der
-verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in den Kulturländern der Erde,
-besonders in Deutschland, beleuchteten ehrlich und rückhaltlos offen die
-politischen und sozialen Gegensätze unter den wenigen um die führende Rolle
-im Leben der übrigen Völker kämpfenden Nationen. Sie schilderten all die
-Mittel der List, der Gewalt und Verschlagenheit, die dabei angewendet
-würden, und erklärten den Marsiten, was unten auf der Erde unter der
-Bezeichnung »Diplomatie« alles verstanden werde.
-
-Sie verschwiegen auch die trüben Erscheinungen nicht, die der mehr und mehr
-sich zuspitzende Kampf um das Dasein, der Wettstreit bei der Beschaffung
-der notwendigsten Lebensbedürfnisse für die große Mehrzahl der Menschen,
-sowohl der einfachen als auch der gebildeten Erdbewohner, mit sich bringe.
-Unumwunden räumten sie ein, daß dem Fortschrittsdrange der Kulturvölker
-leider überall auf der Erde alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt
-würden durch allerlei einengende Einrichtungen und kleinliche Bestimmungen,
-daß die Massen der sogenannten gebildeten Völker trotz gewaltiger
-Fortschritte in der Technik und in den Naturwissenschaften immer noch weit
-entfernt von dem Ideale einer reinen Weltanschauung seien.
-
-Letztere werde nur von einem verhältnismäßig kleinen Bruchteile der
-wirklich Hochgebildeten vertreten, und auch diese kleine Schar der
-Auserlesenen sei mit geringen Ausnahmen von der schwersten und schlimmsten
-Krankheit der Zeit angesteckt: der Feigheit. Man wage unten auf der Erde
-bei den Kulturnationen -- von den weniger zivilisierten Völkern ganz zu
-schweigen -- nicht, offen und klar das zu sagen, was man denke, aus Furcht,
-bei mächtigeren Personen anzustoßen und dadurch seine Existenz zu
-gefährden. Die Empfindungen würden daher auch selten mit den Handlungen in
-Einklang gebracht. Infolgedessen herrsche überall ein mehr oder weniger
-großer Mangel an Mut und Ehrlichkeit der Überzeugung, und die aus der
-Heuchelei geborene Lüge hindere den Sieg der Wahrheit und lasse immer noch
-sehr viele auf die Dauer doch als völlig unhaltbar erkannte Einrichtungen,
-ungesunde, unvernünftige, der reinen Weltanschauung und dem Volkswohle
-geradezu feindlich gegenüberstehende Zustände weiter bestehen.
-
-Mit freudigem Staunen hätten sie auf dem Mars Verhältnisse angetroffen, die
-dem Ideal des Lebens und des reinen Menschentums, das sie sich gebildet,
-und dessen Verwirklichung von den Besten der Nationen unten auf der Erde so
-heiß angestrebt werde, in der schönsten Weise entsprächen.
-
-In dieser Art äußerte sich mehr oder weniger jeder der Herren. Frommherz
-fügte diesen Berichten noch einige Bemerkungen über die religiösen
-Anschauungen und die kirchlichen Einrichtungen Deutschlands hinzu.
-
-Voll Aufmerksamkeit hatten die Weisen und die Ernsten diese
-Auseinandersetzungen der Erdensöhne angehört. Die wissenschaftlichen
-Darlegungen der Fremden brachten den Marsiten nichts Neues, die sozialen
-und übrigen Bilder, die ihnen von ihren Gästen so lebhaft vor Augen geführt
-worden waren, hatten ihr Interesse am meisten erregt. Mit keinem Laute
-waren die langen Vorträge unterbrochen worden.
-
-Als Stiller den Schluß der Vorträge verkündet hatte, zogen sich die Weisen
-und die Ernsten zu einer gemeinsamen Beratung zurück, von der die sieben
-Schwaben ausgeschlossen waren. Das Ergebnis dieser Beratung aber sollte
-ihnen später bekannt gegeben werden.
-
-»Was die nur vorhaben?« fragte besorgt Frommherz.
-
-»Nun, ich denke, sie werden scharfe Kritik an unsern Schilderungen üben,
-wozu sie ja auch vollkommen berechtigt sind,« antwortete Stiller.
-
-»Und uns dann den Laufpaß geben, passen Sie auf,« fügte Brummhuber bei.
-
-»Dies zu tun, sind unsere Wirte viel zu anständig,« entgegnete Piller,
-»obwohl ich nicht bestreiten will, daß die Marsiten zu einer Einladung,
-unsere Abreise endlich einmal in den Kreis unserer Überlegung zu ziehen,
-ein gewisses Recht hätten.«
-
-»Warten wir ab, was kommt!« entschied Dubelmeier.
-
-»Bleibt uns auch nichts anderes übrig,« seufzte Frommherz, der seiner
-religiös-kirchlichen Darstellungen wegen ein etwas bedrücktes Gewissen
-hatte.
-
-Aber es war doch eine gewisse Unruhe, die die Erdensöhne beherrschte, als
-sie miteinander durch die paradiesisch schönen Parkanlagen von Angola
-spazierten, während die Beratung der Marsiten stattfand.
-
-Am nächsten Tage, dem zehnten ihres Aufenthaltes in Angola, wurden die
-Schwaben wiederum in feierlicher Weise in den großen Sitzungssaal geführt,
-in dem sie ihre Vorträge gehalten hatten. Der Älteste unter den Alten, eine
-Hüne von Gestalt, Anan mit Namen, erhob sich und begrüßte zunächst wieder
-in herzlichen Worten die Eingeführten.
-
-»Meine lieben Freunde!« sprach er weiter zu ihnen. »Wir alle haben gestern
-mit lebhaftester Teilnahme eure Schilderungen vernommen, die ihr von den
-allgemeinen und besonderen Verhältnissen eures Weltkörpers entworfen habt.
-Diese Schilderungen haben in uns merkwürdige Gefühle und Empfindungen
-ausgelöst, so daß wir uns über sie zuerst in aller Ruhe klar werden
-wollten, bevor wir euch mit unserem schuldigen Danke zugleich auch eine
-Antwort auf das Gehörte geben. Dies war der Grund, warum wir uns zu einer
-Beratung unter uns zurückgezogen haben. Vor allem danken wir euch für die
-anerkennenswerte Offenheit, mit der ihr uns das Leben eurer Kulturvölker
-geschildert habt. Uns muteten eure Berichte im ersten Augenblicke wie
-Märchen an. Wir würden sie auch als solche auffassen, wären wir nicht von
-dem Ernste eurer Lebensauffassung, von eurer Rechtschaffenheit und
-Ehrlichkeit vollkommen überzeugt. Nicht vergeblich haben wir euer Leben in
-Lumata beobachtet. Das Ergebnis dieser Beobachtung war unsere Einladung
-hieher, das Zeichen unserer Achtung und unseres Vertrauens. Und nun wende
-ich mich zu euren Auseinandersetzungen. Umsonst haben wir in der Geschichte
-unserer Vergangenheit geblättert; solch barbarische, von der Unwahrheit
-beherrschte Zustände im Leben der einzelnen wie der Völker, wie sie bei
-euch noch bestehen, haben wir in diesem Umfange glücklicherweise nie
-gekannt. Gewiß, es fehlte auch uns nicht an inneren Kämpfen, an schweren
-Enttäuschungen aller Art, bis wir uns endlich im Laufe der Zeit zu den
-Lebensverhältnissen und Lebensauffassungen durchgerungen haben, die ihr bei
-uns heute bewundert. Aber unsere Entwicklung vollzog sich weniger mühselig,
-weniger schmerzhaft als die eure. Schon vor Urzeiten hatte sich bei uns in
-der breiten Masse des Volkes die Erkenntnis durchgerungen, daß unsere erste
-Aufgabe unsere Erhebung, nicht aber das Verharren in unserer Niedrigkeit
-sei, aus der wir hervorgegangen sind. Diese unsere Erhebung und Entwicklung
-zur reinen Freiheit konnte nur durch eine vernünftige, naturgemäße
-Aufklärung kommen, die uns für das hehre Licht der Wahrheit empfänglich
-machte.
-
-Ihr, liebe Freunde, habt während eures längeren Aufenthaltes bei uns nach
-und nach die Wege kennengelernt, die wir eingeschlagen haben, um dieses
-hohe Ziel zu erreichen, Wege, die wir, weil sie sich bewährt haben, auch
-heute noch wandeln und fernerhin wandeln werden. Darüber will ich kein Wort
-mehr verlieren. Gerne wollen wir auch zugeben, daß wir es mit unserem
-Entwicklungsgange ungleich leichter gehabt haben, als ihr es in dieser
-Beziehung unten auf der Erde noch habt. Hier bei uns haben wir ein ziemlich
-gleichmäßiges, in Sprache, Denken und Empfinden übereinstimmendes Volk,
-während dies auf eurem Planeten nicht der Fall ist. Wir konnten uns daher
-mit viel weniger Schwierigkeiten und ohne den von euch geschilderten
-furchtbaren Massenmord, Krieg genannt, zu der Höhe unserer Kultur erheben,
-die eurem Ideale nahe kommt. Wir hatten also diese entsetzlichen
-Verwirrungen nicht zu überwinden, die eurem Glücke und Fortschritte so
-fürchterlich hemmend entgegentraten und noch drohend entgegenstehen.
-
-Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, ein brüderlicher Gemeinsinn besteht bei
-uns seit Äonen. Es bildet den fundamentalsten Bestandteil unseres
-Bewußtseins und die Triebkraft unseres Handelns. Bedauerlicherweise fehlt
-bei euch dieses mächtige Gefühl der Zusammengehörigkeit oder ist zum
-mindesten noch nicht in dem Maße vorhanden, als zum Wohle des Ganzen so
-dringend nötig wäre. Der Grund eures Tiefstandes liegt meines Erachtens
-nach in dem Mangel an jener einfachen, natürlichen Moral, die unser Leben
-so vorteilhaft beeinflußt.
-
-Für uns war es schmerzlich zu hören, wie bei euch jeder Fortschritt, auch
-der kleinste, durch ein Meer von Tränen, von Blut und zertrümmerten
-Existenzen führt. Und doch, -- ihr selbst sagtet es ja -- es muß und wird
-einst besser bei euch auf der Erde werden. Ihr selbst seid dafür die
-lebendigen Zeugen, denn ihr stellt heute schon das vor, was die Masse bei
-euch nach eurem eigenen Ausspruche in späterer Zeit sein wird. Wackere,
-brave Männer von der geistigen Bedeutung wie ihr müssen daher unten auf der
-Erde wirken, an der Weiterentwicklung ihrer Brüder arbeiten. Wenn auch der
-einzelne von euch bei dieser schwierigen Arbeit keine volle Befriedigung
-empfindet, -- dies gilt ja von allem Streben nach noch nicht Erreichtem! --
-so bedenkt, daß die Folgen der Arbeiten an dem Werke der Vervollkommnung
-eurer Mitmenschen zwar nicht euch, so doch euren Nachkommen zugute kommen
-werden.
-
-Unser Rat lautet dahin: Kehrt zurück auf eure Erde!« -- »O Himmel, ahnte
-ich es doch!« klagte bei diesen Worten Anans Professor Frommherz leise vor
-sich hin. -- »Schweigen Sie, Jammerseele!« herrschte ihn unsanft Piller an.
--- »Kehrt zurück in euer Schwabenland, zu dem biedern Volke, aus dessen
-Mitte ihr stammt, und widmet euch dort wieder dem erhabenen Werke der
-Vervollkommnungsarbeit. Ferne sei es von uns, euch von hier wegdrängen zu
-wollen, ihr seid und bleibt uns werte Gäste.« -- »Dem Himmel Dank!«
-murmelte hier Frommherz. -- »Aber ich gestehe es aufrichtig, und ich
-spreche hier die Ansicht von allen meinen Brüdern und Schwestern aus: Ihr
-seid die ersten und zugleich die letzten fremden Wesen, die von einem der
-fernen Kinder des Lichtes zu uns gelangen durften. Denn dies ist der
-Hauptpunkt, das Endergebnis unserer Verhandlung. Im Interesse unseres
-Volkes lehnen wir weiteren Verkehr ab. Nicht mit euch, -- ich betone
-nochmals ausdrücklich, daß ihr uns werte, liebe Gäste und Freunde seid, --
-nein, überhaupt; denn wir haben keine Gewähr dafür, daß nicht auch einmal
-Fremde zu uns gelangen könnten, die nicht auf der Höhe der Anschauung
-stehen wie ihr und deren Benehmen bei längerem Aufenthalte wahrscheinlich
-dann nur zu unerquicklichen Auseinandersetzungen und schließlich zu einer
-gewaltsamen Entfernung von hier führen müßte. Das wollen wir uns aber
-ersparen.
-
-Eure kühne Reise wird zwar so bald nicht wieder Nachahmer finden. Doch kann
-man dies nicht wissen, und so haben wir bereits die bestimmte Weisung
-gegeben, künftig und für alle Zeiten auf unserem Lichtentsprossenen kein
-Luftschiff mehr landen zu lassen, woher es auch kommen möge, und wäre es
-auch aus dem uns durch euch so sympathisch gewordenen Schwabenlande. Bleibt
-bei uns, wenn ihr wollt, oder fliegt über kurz oder lang wieder heimwärts.
-Wir stellen dies ganz in euer Belieben und sind und bleiben stets eure
-aufrichtigen, treuen Freunde. Ich bitte euch, liebe Brüder und Schwestern,«
--- mit diesen Worten wandte sich Anan an die Marsiten -- »ruft mit mir:
-Glück und Heil den sieben Schwaben, unsern lieben ersten und einzigen
-Gästen!«
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-Im Reiche der Vergessenen
-
-
-Mit gemischten Gefühlen kehrten die Herren von Angola nach Lumata zurück.
-Sollten sie auf dem Mars bleiben oder sollten sie gehen? Das war die
-ernste, schwerwiegende Frage, die sie in den folgenden Monaten
-beschäftigte.
-
-»Wenn uns die Marsiten in Angola auch nicht geradezu den Stuhl vor die Tür
-gesetzt haben, so haben sie uns doch deutlich genug zu verstehen gegeben,
-daß wir unsere sieben Sachen zusammenpacken sollen,« äußerte sich eines
-Tages Piller zu seinem Kollegen Stiller.
-
-»Sie haben recht! Und ich muß Ihnen auch aufrichtig erklären, daß mir
-dieses unproduktive Leben, diese an uns geübte weitgehende
-Gastfreundschaft, für die wir uns auch nicht im geringsten erkenntlich zu
-zeigen vermögen, zuwider zu werden anfängt. Einmal müssen wir doch an das
-Fortgehen denken, denn bis ans Ende unserer Tage können wir wohl nicht hier
-oben sitzen bleiben.«
-
-»Hm, hm, gerne gehe ich von Lumata nicht fort; es wird mir wirklich sehr
-schwer! Denke ich nur an unsere Herreise mit allen ihren Beschwerden, so
-graut es mir förmlich vor einer Rückkehr. Aber diese muß stattfinden,
-darüber kann und darf kein Zweifel bestehen. Es handelt sich nur um den
-Zeitpunkt. Warten wir's noch ab!« antwortete Piller.
-
-»In ähnlicher Weise wie Sie sprechen sich auch die andern Freunde aus,
-lieber Piller. Nur Frommherz macht eine Ausnahme. Der weicht soviel wie
-möglich jeder Erörterung aus, die die Rückkehr zum Gegenstand hat.«
-
-»Glaub's wohl!« lachte Piller laut auf. »Unser lieber Freund Friedolin ist
-überglücklich, hier oben weilen zu dürfen, und bekommt stets
-Herzbeklemmungen, wenn wir von einer Heimreise zu reden beginnen. Im Grunde
-genommen kann ich es ihm nicht verübeln, wenn er dauernd hierbleiben
-möchte. Aber aufhören muß einmal diese Art von Schlaraffenleben, das ist
-klar. Darin stimme ich Ihnen also völlig bei, Stiller.«
-
-»So bleiben wir einstweilen noch hier und nützen unsere Zeit möglichst gut
-aus. Inzwischen sorge ich für die tadellose Ausbesserung unseres
-Weltenseglers, für Bereitstellung des geeigneten Proviantes usw. Langsam,
-aber gründlich werde ich die Vorbereitungen zu unserer Abreise treffen.«
-
-»Und vergessen Sie mir nicht den feinen goldenen Tropfen! Nehmen Sie nur
-gleich, bitte, einen anständigen Vorrat davon mit in die Gondel!«
-
-»Soll geschehen, Sie ewig Durstiger,« sagte lächelnd Stiller.
-
-In freundlichem, angenehmem Verkehr mit dem liebenswürdigen Marsvolke, in
-kleinen und größeren Ausflügen und Reisen verfloß die Zeit nur zu rasch.
-Auf einem ihrer Streifzüge waren sie auch weiter hinaus aus der
-eigentlichen Bevölkerungszone in die nördliche, kühlere Region des Planeten
-gelangt. Es mutete die Forscher ordentlich heimatlich an, als sie hier
-wohlgepflegte Nadel- und Laubholzwaldungen neben saftigen, grünen Wiesen
-und schönen, dunkelblauen Seen fanden. Hohe Gebirgszüge schoben sich
-dazwischen, und ihre mit Schnee bedeckten höheren Gipfel verstärkten noch
-den Eindruck einer alpinen Landschaft.
-
-Hier stießen sie auch auf zerstreute, weit auseinander liegende kleine
-Kolonien von Marsiten, deren ernstes, wortkarges Wesen und Auftreten
-merkwürdig von der heiteren und frohen Lebensauffassung ihrer übrigen
-Brüder abstach. Auf ihr Befragen erfuhren die Gelehrten, daß ähnliche
-kleine Kolonien auch in der südlichen kühlen Zone des Mars beständen. Die
-Kolonisten hießen die »Vergessenen«, weil ihre Namen vorübergehend oder
-auch dauernd von den Tafeln der Marsstämme gestrichen worden seien.
-
-»Dann sind es somit Verbrecher, die, von der Gemeinschaft der übrigen
-ausgestoßen, hier oben ihre Strafe abzubüßen haben?« fragte Dubelmeier.
-
-»Wir kennen nur Gesetzesübertreter, keine andern Missetäter,« wurde dem
-Frager erklärt.
-
-»Nun, schließlich kommt dies ja auf das gleiche heraus,« antwortete
-Dubelmeier. »Worin besteht denn bei euch die Gesetzesübertretung, die die
-Strafe der Verbannung in diese Gegenden nach sich zieht?«
-
-»In mangelhafter Erfüllung der allgemeinen Pflichten und Obliegenheiten.«
-
-»Da müßte man bei uns auf der Erde neun Zehntel aller Menschen verbannen,
-und wir kämen des Platzes wegen für diese Menge von Verbannten in die
-größte Verlegenheit,« rief Piller voll Erstaunen.
-
-»Wir sind auch nicht auf eurem Planeten,« antwortete mit überlegenem
-Lächeln Varan, der Führer der Reisebegleitung.
-
-»Aber es ist doch grausam, kleinerer Verstöße wegen einen Mitmenschen aus
-seiner ihm trauten und gewohnten Umgebung zu reißen,« warf Hämmerle ein.
-
-»Über die Art der Verstöße gegen unsere Lebensvorschriften zu richten, sind
-nur wir allein maßgebend,« entgegnete Varan ernst.
-
-»Ohne Zweifel!« gab Stiller zu.
-
-»Aber Verzeihung ist die Krone der Liebe! Verzeiht ihr nicht auch?«
-forschte Frommherz.
-
-»Gewiß! Aber es gibt Vergehen, für die niemals Verzeihung gewährt werden
-kann. Sie sind zwar äußerst selten, diese Fälle, aber sie kommen bei uns
-doch noch hier und da vor. Die Vergessenen erhalten nach einer gewissen
-Zeit der Prüfung meist ihre Namen wieder. Es steht ihnen dann die Rückkehr
-in die engere Heimat und der Wiedereintritt in ihren Stamm frei. Aber nur
-wenige machen von dieser Erlaubnis Gebrauch. Einmal ausgestoßen, zieht
-unser Bruder ohne Namen es für gewöhnlich, vor, da zu bleiben, wo er
-hingebracht wurde, und sein Leben in strenger Arbeit dem Wohle der übrigen
-zu widmen.«
-
-»Worin besteht diese Arbeit?« fragten die Herren.
-
-»In tadelloser Instandhaltung der hier ihren Ursprung nehmenden Kanäle:
-eine ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe, von deren gewissenhafter
-Erfüllung unsere Gesamtexistenz abhängt.«
-
-»Und wer sorgt für den Unterhalt der Vergessenen?«
-
-»Sie selbst. Sie treiben nebenbei Viehzucht, Ackerbau und dergleichen mehr.
-Kommt einmal die Zeit, wo es keine Vergessenen mehr bei uns gibt, so müssen
-wir eben selbst diese Arbeiten ausführen. Darüber liegen bereits genaue
-Bestimmungen vor, denn unsere Vergessenen vermindern sich mehr und mehr,«
-schloß Varan seine Auseinandersetzungen.
-
-»Wunderbar glücklicher Planet, dieser Mars! Sogar die Missetäter hier oben,
-wenn man sie nach unseren Begriffen so bezeichnen darf, werden wieder
-Wohltäter durch ihre Leistung für das große Ganze,« rief Stiller voll
-Enthusiasmus. »Und doch erfüllt es mich mit einer gewissen, wenn auch
-höchst bescheidenen, Genugtuung, daß auf dem Mars dieses Lebensbild voll
-Glanz und Licht einen kleinen Schatten hat, daß es auch nicht rein
-vollkommen ist.«
-
-»Vollkommen oder unvollkommen sind Begriffe, die wir uns selbst unten auf
-der Erde geformt haben, und die wir im Sinne ihrer Bedeutung für uns auf
-die Zustände hier oben nicht anwenden dürfen,« antwortete Dubelmeier.
-
-»Sehr richtig!« bestätigte Frommherz. »Mir persönlich kommt hier oben alles
-vollkommen, alles ganz wunderschön vor. Hier habe ich das Paradies
-gefunden, von dem man bei uns träumt.«
-
-»Sie Schwärmer!« erwiderte lachend Piller. »Besser ist die Marswelt
-entschieden als die unsere, und unsere Erde die beste der Welten zu nennen,
-wie es allgemein geschieht, ist daher nichts als platter Unsinn. Aber,
-lieber Frommherz, bald müssen Sie aus Ihrem Paradiese heraus und wieder
-hinunter nach Tübingen.«
-
-»Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Piller,« stotterte Frommherz
-erbleichend.
-
-»Bitterer Ernst, mein Freund! Die schönen Marstage gehen nun bald zu Ende,
-nicht nur für Sie, nein, auch für uns, leider, leider!« Professor Piller
-mußte sich nach diesen Worten heftig schneuzen.
-
-»Aber die entsetzliche Reise!« jammerte Frommherz. »Haben Sie denn schon so
-vollständig die ungeheuren Mühseligkeiten unserer Herreise vergessen?«
-
-»Lieber Frommherz, es _muß_ sein,« entgegnete Stiller. »Wir sind nun bald
-zwei Jahre Gäste hier, und auch die Gastfreundschaft hat ihre Grenzen.
-Übrigens wissen Sie auch ganz genau, daß die Marsbewohner mit unserer
-Abreise rechnen. Ich glaube, die Worte, die damals Anan in Angola an uns
-richtete, enthielten deutlich genug den Wink zum Fortgehen. Unser Ehrgefühl
-und auch unsere Dankbarkeit erfordern, daß wir den Mars verlassen und zwar
-bald. Gewiß, die Rückreise ist mühselig, sie wird möglicherweise noch
-anstrengender für uns werden als die Herfahrt, aber -- es muß sein!«
-
-»Aber -- aber könnte nicht ich wenigstens zurückbleiben?«
-
-»Es geht nicht! Es ist nicht gut möglich! Wir sind miteinander gekommen,
-und wir müssen daher auch wieder miteinander gehen. Das ist klar. Wir alle,
-Sie leider ausgenommen, sind darüber einig, daß wir gehen müssen, obgleich
-uns der Abschied von diesem herrlichen Planeten wahrlich schwer genug wird,
-denn wir haben ohne Zweifel auf ihm die schönste und an Genuß reinste Zeit
-unseres Lebens zugebracht. Einen Drückeberger darf es nicht geben,«
-entschied Stiller.
-
-Etwas beschämt über diese wie eine Zurechtweisung klingende herbe Antwort,
-ließ Frommherz nichts mehr über die ihn bewegenden Gefühle verlauten; er
-verschloß sie von jetzt ab fest in seiner Brust.
-
-In dem landschaftlichen Bilde, das sich hier den Augen bot, fiel Herrn
-Dubelmeier ein stattlicher Berg auf, der isoliert in stolzer Einsamkeit
-seine schneebedeckten Gipfel gen Himmel streckte. Der ganze pyramidenartige
-Aufbau des Berges verriet seinen vulkanischen Ursprung. Von seiner etwas
-abgestumpften Spitze aus mußte man eine großartige Fernsicht genießen. Bei
-diesem Gedanken war in Herrn Dubelmeier die alte Leidenschaft des
-Bergsteigers wieder geweckt.
-
-»Wie wäre es, wenn wir zum Schlusse unseres Aufenthaltes auf dem Mars jenem
-prächtigen Berge da drüben einen Besuch abstatten würden? Bei der
-Beschaffenheit der Marsatmosphäre dürften wir dort oben eine
-außerordentlich schöne Aussicht haben,« sprach Dubelmeier zu seinen
-Gefährten.
-
-»Ich komme mit,« entschied Stiller kurz entschlossen.
-
-»Ich auch!« erklärte Piller. »Wie heißt der Berg, Varan?«
-
-»Der Berg des Schweigens.«
-
-»Ein merkwürdiger Name!« meinte Stiller. »Wer kommt sonst noch mit?«
-
-Aber die vier übrigen Schwabensöhne konnten sich zu der Tour nicht
-entschließen. Eine gewisse Mattigkeit und Abspannung hielt sie davon
-zurück. Man kam überein, daß sie hier die Rückkehr der drei Freunde
-abwarten sollten. Varan sorgte für alle Bedürfnisse der kleinen Karawane
-und vergaß auch nicht die passenden Kleidungsstücke und die sonstigen
-erforderlichen Gegenstände. In Begleitung von drei Marsiten reisten die
-Herren ab. Ein Motorboot brachte sie auf einem der Kanäle rasch bis zum Fuß
-des Berges, der sich beim Näherkommen immer mehr als ein Riese entpuppte.
-Dubelmeier schätzte seine Höhe über der Talsohle auf ungefähr dreitausend
-Meter.
-
-Steil fiel er von allen Seiten ab, und es war nur in langen Zickzacklinien
-möglich, zu ihm emporzuklimmen. Es war dies ein beschwerliches Stück
-Arbeit. Bei jedem Schritt sank der Fuß bis über den Knöchel in den
-schwarzen Sand des verwitterten Lavafeldes ein. Stunden vergingen in
-ermüdendem Steigen, bis die Herren endlich in die Nähe der Schneegrenze
-gelangten. Hier wurde Halt gemacht. Einige Stunden der Ruhe sollten die
-gesunkenen Kräfte der Bergsteiger wieder heben. Erst jetzt konnten die
-Herren erkennen, wie hoch sie schon gekommen waren, denn bei dem mühsamen
-Stampfen durch den lockern Boden hatten sie keine Zeit gehabt, Umschau zu
-halten.
-
-Während die Marsiten einen Imbiß herrichteten, betrachteten die drei
-Schwaben das zu ihren Füßen sich ausbreitende parkartige Panorama, das sich
-im Lichte der untergehenden Sonne golden spiegelte. Kein Laut, kein Ton,
-der die Anwesenheit noch anderer belebter Wesen verraten hätte, ließ sich
-vernehmen, nicht einmal das Rauschen eines talwärts strebenden Baches.
-Alles schien an diesem Berge in die starren Fesseln völliger Stille
-geschlagen zu sein, und der Berg trug daher seinen Namen mit Recht. Auch
-die Erdensöhne waren schweigsam. Still mit den eigenen Gedanken
-beschäftigt, starrte jeder der Männer vor sich hin.
-
-»Ich besinne mich vergeblich, mit welcher Landschaft auf der Erde ich das
-Panorama da unten vergleichen soll,« unterbrach Stiller das Schweigen.
-
-»Mich erinnert es in etwas an den Vulkan Villa rica im südlichen Chile.
-Hier wie dort ragt ein gleicher Bergkegel aus der Ebene hervor. Ganz
-ähnlich ist der Ausblick auf dunkelgrüne Waldungen und hellglitzernde Seen
-und Wasserstraßen.
-
-Dazu kommt noch hier wie dort die durchsichtige Luft, die satte Bläue des
-Himmels und die geheimnisvolle Stille der Natur,« entgegnete der
-vielgereiste Dubelmeier.
-
-»Das kann ich nicht beurteilen. Aber ein Bild voll tiefen Friedens, voll
-wohltuender Anmut und Schönheit bleibt das Marsland auch von hoher Warte
-aus. Von wo aus man es auch betrachten mag, überall tritt es uns wie eine
-hehre Offenbarung entgegen,« rief Stiller begeistert.
-
-Bei diesen Worten seines Kollegen schneuzte sich Piller wieder einmal sehr
-kräftig.
-
-»Recht haben Sie, Stiller! Doch hier kommt Speise und Trank, gute Mittel
-gegen -- na, sagen wir Gemütsattacken.« Damit ergriff Piller eine Flasche,
-schenkte sich von dem edlen Marsweine ein und trank das Glas mit einem
-Schluck leer.
-
-Die Nacht war herangekommen. Phobos und Deimos zogen ihre stille,
-leuchtende Bahn, als die Karawane aufbrach, um auf dem festgefrorenen
-Schnee langsam den Weg zur Spitze des Berges emporzuklettern. Tiefe
-Rubintinten am östlichen Himmel kündigten den Aufgang der Sonne an, als
-Schwabens Söhne endlich glücklich den Gipfel des Berges erreicht hatten.
-Einem Glutballe gleich stieg bald darauf die Sonne empor und warf ihre
-Strahlen über Berge und Täler. Ein Rundblick von überwältigender
-Großartigkeit lohnte die Männer für ihre Anstrengungen des Aufstiegs.
-
-Der Berg des Schweigens überragte die übrigen Höhenzüge ganz bedeutend. Er
-war die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre. Weithin schweiften
-die Blicke völlig frei und unbehindert. Selbst die fernsten Gegenstände
-schienen, dank der dünnen, klaren Luft, dem Auge greifbar nahe gerückt. In
-weiter, weiter Ferne nach Norden zu konnten die drei Gelehrten mit Hilfe
-der scharfen Marsteleskope, die sie mit sich führten, eine weiße,
-bogenförmige Linie erkennen. Diese grenzte scharf und deutlich den bläulich
-schimmernden Horizont ab. Die Herren wußten zunächst nicht, wofür sie diese
-eigenartige Linie, die ein erstarrtes Eismeer einschloß, halten sollten.
-
-»Das ist ja der Nordpol des Mars!« entfuhr es plötzlich den Lippen
-Stillers.
-
-Eine große Erregung bemächtigte sich der Beobachter: der Hauch der
-Unendlichkeit wehte ihnen hier entgegen. Ein solches Ergebnis der Fernsicht
-hatten sie nicht erwartet. Immer und immer wieder betrachteten sie die
-deutlich wahrnehmbare Abrundung.
-
-»Kein, Zweifel, es ist der Nordpol. Wie wunderbar, daß unsere Augen auf
-einem andern Planeten das schauen dürfen, was auf der Erde bis jetzt, allen
-Versuchen zum Trotz, niemandem gelang!« sprach Herr Stiller. »Wie wird
-dieses Bild erst bei Nacht sein!«
-
-»Wie meinen Sie das?« forschte Dubelmeier.
-
-»Nun, ich denke an die feurigen elektro-magnetischen Polausströmungen,«
-erwiderte Stiller.
-
-»So bleiben wir so lange hier!« entschied Piller. »Aber sehen sie einmal,
-meine Freunde, was ist denn da unten?«
-
-Stiller und Dubelmeier drehten sich um. Etwa zweihundert Meter unter ihnen
-lag, hell beschienen vom Lichte des Tages, im Krater des früheren Vulkans
-ein See von heller, smaragdgrüner Farbe. Blühende Blumen umsäumten seine
-Ufer.
-
-»Blumen und Wasser, Eis und Schnee, merkwürdige Kontraste! Wie verträgt
-sich das?« fragte Piller. »Wir scheinen ja hier oben von einem Wunder ins
-andere zu fallen!«
-
-»Auf dem Mars hat das Merkwürdige überhaupt kein Ende!« entgegnete Stiller
-lächelnd. »Doch untersuchen wir die Sache, und steigen wir hinab in den
-Krater, der nebenbei noch ein ausgezeichneter Lagerplatz sein dürfte!«
-
-Bald waren die Herren unten am See. Da, wo der Schnee aufhörte und der
-Pflanzenwuchs einsetzte, fühlte sich der Boden warm an, ein Beweis, daß der
-Vulkan noch nicht gänzlich erloschen war. Das Wasser des Sees war
-gleichfalls warm und zeigte eine Temperatur von dreißig Grad Celsius. Das
-wunderbar klare, nahezu durchsichtige Wasser von etwas salzigem Geschmack
-ließ den Boden des tiefen Sees deutlich erkennen, der wie mit einem
-tiefroten Teppich bedeckt erschien.
-
-»Das sieht ja aus, als ob ein schwerer mineralischer Farbstoff hier
-hineingeschüttet worden wäre,« äußerte sich Piller zu seinem Kollegen
-Stiller.
-
-»Es scheint Eisenoxyd zu sein, das sich auf dem Boden des Sees
-niedergeschlagen hat. Wahrscheinlich war das Wasser einst stark
-eisenhaltig,« entgegnete Stiller.
-
-»Das mag sein. Dadurch ist auch das Fehlen jeglichen Tierlebens in dem
-Wasser erklärlich.«
-
-Die Herren betrachteten nun die in Fülle am Uferrande wachsenden blühenden
-Pflanzen. Es war ein bunter, duftender Blumenteppich, der einen anmutigen
-Eindruck auf die Erdensöhne machte. Alle möglichen Arten von Pflanzen waren
-vertreten, die mit denen der alpinen Regionen der Erde verwandt waren.
-
-Mit Behagen genossen die Herren die Stunden des Tages hoch oben im Krater
-und bedauerten nur, daß die andern Freunde nicht auch anwesend waren. Als
-der Abend gekommen war, stiegen sie, wohl eingehüllt in ihre Pelze, wieder
-hinauf zur Spitze. Tiefes Dunkel lag bereits über dem Marsland, als die
-Forscher den Rand des Kraters erreichten. Die Marsmonde waren noch nicht
-aufgegangen. Aber in der Richtung des Nordpoles, den die Freunde diesen
-Morgen gesehen, begann es aufzublitzen, zuerst langsam, dann immer stärker.
-Schließlich fuhren feurige Strahlen empor, bildeten über dem polaren
-Horizonte einen Halbkreis und verschwanden wieder. Ein herrlicher Wechsel
-der Farben vom blendenden Rotgold bis zum leuchtenden Saphirblau, verbunden
-mit dem Wachsen und Schwinden der zuckenden Strahlen, erzeugten ein Bild
-von vollendeter Schönheit.
-
-»Diese glänzende Naturerscheinung ist ein würdiger Abschluß unserer
-Expedition nach dem Berge des Schweigens,« sprach Stiller zu seinen
-Freunden, als das Polarlicht durch die inzwischen emporgestiegenen
-helleuchtenden Monde des Mars mehr und mehr zurückgedrängt wurde.
-
-»Ja, hier oben auf dem Mars ist alles lichtvoll, voll freundlicher Helle,
-selbst die Nacht. Welch zauberhaft schöne Reflexe bringt das Licht der
-Monde da unten hervor!«
-
-Mit diesen Worten wies Piller hinunter auf den stillen Kratersee, auf
-dessen Wasser die zitternden Strahlen der beiden Monde tausendfach
-gebrochen tanzten. Es war, als ob mit Leuchtkraft begabte Wesen aus der
-Tiefe des Berges emporgestiegen wären und nun an der Oberfläche des Wassers
-ihr neckisches Spiel trieben.
-
-Im Mondschein traten die drei wackeren Schwaben, um eine wertvolle
-Marserinnerung reicher, einige Stunden später den Abstieg an, um vereint
-mit ihren vier Kollegen wieder nach Lumata zurückzukehren.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-Der Abschied
-
-
-Nach der Rückkehr aus dem Gebiete der Vergessenen begann Frommherz den
-Verkehr mit seinen Gefährten mehr und mehr einzuschränken. Er nahm mit
-ihnen allerdings noch die gemeinsamen Mahlzeiten ein, zog sich aber, sooft
-es sich ohne Aufsehen machen ließ, von der Gesellschaft seiner Freunde
-zurück. An den Abenden, die sonst der allgemeinen Unterhaltung und dem
-Gedankenaustausch im schönen Heim von Lumata gewidmet waren, ging er für
-sich allein spazieren und genoß in stillem Entzücken den eigenartigen
-Zauber der Mondnächte. Und von hier oben sollte er fort, von diesem Eden,
-und wieder hinunter auf die kalte Erde? An diesem Gedanken krankte
-Frommherz förmlich. Die Herren waren viel zu sehr mit sich selbst
-beschäftigt, um dem eigentümlichen Benehmen ihres Genossen allzugroße
-Bedeutung beizulegen.
-
-Durch Eran hatte Stiller dem Zentralsitze des Stammes der Weisen in Angola
-mitteilen lassen, daß er und seine Gefährten sich endgültig entschlossen
-hätten, nach der Erde zurückzukehren. Die Abreise beabsichtigten sie am
-zweiten Jahrestage ihrer Landung auf dem Mars anzutreten.
-
-Darauf war eine Einladung, wieder nach Angola zu kommen, als Antwort
-eingetroffen. Ihr Empfang dort ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen
-übrig. Eine Reihe glänzender Feste wurde zu ihren Ehren und als Feier des
-bevorstehenden Abschiedes veranstaltet. Das Beste und Schönste, was die
-darstellenden und bildenden Künste auf dem Mars zu leisten vermochten,
-wurde bei diesen Festen den Erdensöhnen geboten. Aber die Schatten des
-Abschiedes von dem wundervollen Planeten und seinen so idealen Bewohnern
-begannen bereits auf den Herren Schwaben zu lagern und ließen sie das
-Gebotene nicht mehr mit voller Freude genießen.
-
-In der gewaltigen Spiegelgalerie des Palastes der Weisen fand das letzte
-Essen statt. Zu ihm waren von allen Seiten des Mars Eingeladene erschienen
-und von allen Stämmen offizielle Vertreter. Draußen im Westen begann das
-ewige Licht, die Sonne, niederzusteigen. Ihre milden, goldenen Strahlen
-warfen die großen Spiegel des Saales unzähligemal gebrochen zurück. Es war
-im Saale ein Wogen und Fluten des Lichtes, das die Augen förmlich blendete.
-Durch die offenen Fenster drang der Duft der Blumen herauf in den Saal. Im
-leichten Abendwinde ließen die schlanken Palmen des Parkes ihre Kronen
-leise rauschen. Ruhig und still grüßte der tiefblaue See durch den grünen
-Dom der Bäume herüber, zwischen denen noch in geschäftiger Eile
-zwitschernde Vögel flogen und Lianen ihre farbenprächtigen Blütenschnüre
-warfen. Ferne, sanfte Höhenzüge, rosig angehaucht von der Abschied
-nehmenden Sonne, rahmten das köstliche Landschaftsbild ein, das die
-Erdgeborenen heute zum letzten Male sehen sollten. Diese waren als die
-ersten im Saale erschienen und standen nun an den hohen Fenstern versunken
-in die traumhaft schöne Szenerie.
-
-»Uns wird der Abschied wahrhaftig schwer gemacht,« sprach leise Piller zu
-dem neben ihm stehenden Kollegen Stiller. »Frommherz hat recht. Ist dies
-hier nicht ein Land, das die Bezeichnung eines Paradieses verdient?«
-
-»Ohne Zweifel!« antwortete Stiller. »Es, ist ein Eden, so recht geschaffen
-für die Betrübten, für die Heimatlosen, wie wir es nun sein werden.«
-
-»Heimatlos? Wie meinen Sie das, Stiller?«
-
-»Heimatlos, jawohl!« erwiderte Stiller, und seine Lippen zuckten
-schmerzlich, als er nach kurzer Pause fortfuhr: »Glauben Sie denn, wir
-würden, nachdem wir zwei volle Jahre hier oben inmitten einer wunderbar
-schönen Natur, eines geradezu paradiesischen Landes unter stolzen, freien
-und edlen Menschen gelebt haben, uns in der Heimat wieder wohlfühlen
-können? Niemals! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren worden sind,
-wo wir früher gelebt, gerungen, für unsere Überzeugung gestritten haben.«
-
-»Stiller, machen Sie mir den Abschied nicht zur Unmöglichkeit!« Piller
-mußte sich, wie stets nach heftiger seelischer Erregung, mehrmals stark
-schneuzen. Dann trat er rasch an die Tafel, schenkte sich ein Gläschen Wein
-ein und leerte es auf einen Zug.
-
-»Fern sei es von mir, Ihnen den Abschied zur Unmöglichkeit zu machen, denn
-wir _müssen_ ja fort. Aber« -- ein Leuchten erhellte dabei das Gesicht des
-Sprechenden -- »ausstreuen wollen wir, ohne Wortgeklingel, unten auf der
-Erde die Keime jener großen Zukunft, die wir hier oben in so herrlicher
-Weise verwirklicht angetroffen haben.«
-
-Als Zeichen des Einverständnisses drückte Piller seinem Kollegen stumm die
-Hand.
-
-Allmählich füllte sich der Saal mit den Geladenen. Alle kamen auf die
-Erdensöhne zu und schüttelten ihnen die Hände. Nachdem Anan erschienen war,
-begann das Essen. Neben dem Ältesten der Alten saßen die sieben Schwaben.
-Die Kronleuchter des Saales erstrahlten im Lichte elektrischer Lampen. Sie
-beleuchteten die glänzende Tafel und die große, feierlich gestimmte
-Gesellschaft. Unten, vor der Spiegelgalerie, auf der großen Terrasse, waren
-die Chöre der Sänger und Musiker aufgestellt, die während des Mahles
-abwechselnd ihre entzückenden Weisen ertönen ließen.
-
-Als das Essen beendigt war, erhob sich Anan. »Meine Brüder und Schwestern,«
-hub er zu sprechen an, »die Stunde des Abschiedes von Angola ist gekommen.
-Unsere Gäste aus dem fernen Schwabenlande kehren demnächst wieder dahin
-zurück. Mögen sie heil, und gesund den trauten Boden ihrer Heimat wieder
-erreichen! Sie selbst werden in unserm Andenken für immer fortleben. Wir
-haben beschlossen, ihre Namen in goldenen Buchstaben auf Marmortafeln hier
-in diesem Saale neben ihren Bildern anzubringen, unsern spätern Nachkommen
-zur Erinnerung an diese kühne Reise zu uns und an ihren langen, durch
-keinen Mißton getrübten Aufenthalt in unserer Mitte. Ferner haben wir
-beschlossen, als weiteres Zeugnis dieses ersten und letzten Besuches von
-Erdgeborenen auf unserm Lichtentsprossenen all die verschiedenen
-Mitteilungen, die sie uns über das Leben und Treiben der Völker der Erde
-gemacht haben, in einem Buche niederzulegen, das hier in unserm Heim einen
-besondern Ehrenplatz erhalten soll. Für ewig soll neben den Namen unserer
-Gäste auch das festgehalten werden, was sie uns in feierlichen Augenblicken
-verkündet haben. So soll ihr Besuch im Andenken bei uns geehrt werden bis
-in die fernsten Zeiten.
-
-Und nun, meine lieben Freunde,« Anan wandte sich mit diesen Worten an die
-sieben Schwaben, »haben wir für euch eine Reihe von Andenken bestimmt, wie
-sie Kunst und Wissenschaft vereint auf unserm Lichtentsprossenen
-hervorgebracht haben. Nehmet diese Erzeugnisse, die dort auf jenem Tische
-liegen, mit euch zur Erinnerung an den Aufenthalt unter uns. Hier übergebe
-ich euch ein goldenes Buch. Es enthält die Entwicklungsgeschichte unseres
-Volkes. Mit der allgemeinen fortschreitenden Bildung und Urteilsfähigkeit
-vereinfachte sich bei uns auch mehr und mehr die Gesetzgebung. Sie gipfelt
-eigentlich nur in dem einen fundamentalen Satze: Tue nicht, was du nicht
-willst, daß dir getan werde! Ihr werdet also in dieser Beziehung in dem
-Buche wenig mehr finden, denn die Menge der Gesetze eines Volkes ist nur
-der Beweis für dessen Handlungsunfähigkeit. Das Buch enthält aber noch
-unsere Ansichten und Begriffe über die natürliche Moral, über die
-unverwüstlichen Grundsätze, die bei uns das Werk der Reinigung vollendet
-haben. Möge dieses sich auch einst auf der Erde in ähnlicher Weise
-vollziehen wie bei uns, mögen einst auch bei euch die Hüllen und
-Verkleidungen fallen, die leider unten auf der Erde noch den wahren, an
-sich so einfachen Kern der natürlichen Moral umschließen! Möge, von diesem
-Gesichtspunkte aus betrachtet, eure gefahrvolle und beschwerliche Reise
-nach unserer fernen Himmelsleuchte und euer Aufenthalt unter uns von Nutzen
-gewesen sein!« Anan setzte sich.
-
-Eine tiefe Stille herrschte, als der ehrwürdige Greis gesprochen hatte.
-Jetzt erhob sich Stiller. In bewegten Worten dankte er zunächst in seinem
-und seiner Gefährten Namen für all das Gute, das ihnen hier oben erwiesen
-worden sei. Er habe hier eine Reife der Entwicklung angetroffen, die er
-früher nur zu ahnen gewagt, in Wirklichkeit aber nicht für möglich gehalten
-habe. Er und seine Gefährten hätten hier oben viel gelernt, und von manchem
-Irrtum seien sie befreit worden.
-
-»So habe ich unter anderem auch geglaubt, daß ohne den rohen Kampf ums
-Dasein eine Entwicklung des Menschen zu Höherem nicht denkbar sei, daß der
-rücksichtslose Kampf um die Existenz die notwendige Erhebung des Menschen
-für dessen Klärung und Läuterung vorstelle. Von dieser Ansicht bin ich
-durch meine Beobachtungen hier oben abgekommen. Der rohe Kampf ist nur das
-Kennzeichen der Selbstsucht, die wahre Nächstenliebe mildert ihn, und diese
-fehlt bei uns leider noch in hohem Maße.
-
-Auch bei euch hier oben herrscht ein Wettkampf, aber wie sehr ist er von
-dem verschieden, was wir unten auf der Erde darunter verstehen! Jeder
-einzelne von euch ist bestrebt, in edlem, selbstlosem Wettbewerbe nur das
-Beste zu bieten unter peinlichster Berücksichtigung der berechtigten
-Interessen seines Nebenmenschen und Bruders. Jeder lebt bei euch das große
-Leben der Gesamtheit mit, weil er sich als einen wesentlichen Bestandteil
-des Gesamtorganismus fühlt; denn gedeiht der einzelne, so gedeiht auch das
-Ganze, ist dagegen der einzelne krank, so leidet auch die Gesamtheit. Und
-wie gesund, kraftstrotzend ist diese bei euch!
-
-Wie weit sind wir dagegen auf unserer Erde von dem Ideale des Lebens und
-seiner Auffassung überhaupt entfernt! Wie klein stehen wir euch gegenüber
-da! Und doch, es muß und wird auch bei uns einst tagen. Wir, die wir bei
-euch gewesen, wir wollen, soweit es in unsern Kräften steht, den Samen zu
-jenem schönen und großen Leben der Zukunft ausstreuen, das wir bei euch
-hier in so prächtiger Blüte verwirklicht kennengelernt haben. Unsere Reise
-zu euch war nicht vergeblich. Was wollen ihre Mühseligkeiten und Gefahren
-bedeuten im Verhältnis zu dem Reinen und Schönen, das wir hier genießen
-durften! Schweren Herzens, mit dem Bewußtsein, hier bei euch unsern
-inhaltreichsten Lebensabschnitt zugebracht zu haben, unendlich reich in der
-Erinnerung, treten wir unsere Heimreise an. Die Mutter Erde verlangt
-zurück, was ihr entsprossen.
-
-Niemals bis zu unserm letzten Atemzuge werden wir vergessen, was ihr uns
-geboten habt, was ihr uns gewesen seid, und wie ihr uns geehrt habt. Wenn
-wir einst später unten in unserer Heimat in nächtlichen Stunden aus weiter
-Ferne euren Mars, den Lichtentsprossenen, herüberleuchten sehen, so werden
-wir in treuem Gedenken stets bei euch weilen und mit stiller Sehnsucht an
-die schönste Zeit unseres Lebens zurückdenken. Lebt wohl, teure Freunde!
-Ich umarme Anan für euch alle und drücke ihm für euch alle den Bruderkuß
-des Erdgeborenen auf seine reine Stirn. Denn Brüder sind wir ja alle, die
-sich Menschen nennen, hier oben wie unten auf der Erde.«
-
-Stillers Worte hatten auf alle Anwesenden gewaltigen Eindruck gemacht, und
-als er nun auf Anan, den erhabenen Greis, zutrat, ihn umarmte und küßte, da
-ertönte im Saale ein Sturm des Beifalles.
-
-»Mein Bruder, edler Sohn deines Landes,« antwortete Anan, »habe Dank für
-das, was du eben gesagt hast. Nimm auch von mir, dem alten Sohne des
-Lichtentsprossenen, den Bruderkuß und ziehe glücklich heim mit deinen
-Gefährten. Mit ihnen wirst du am Werke der Menschenvervollkommnung
-erfolgreich arbeiten, das weiß ich. Meine Augen werden sich bald schließen
-zu jenem Schlummer, von dem es kein Erwachen mehr gibt, aber auch ich
-werde, solange ich hier noch wandern darf, mit Freuden an die Stunden
-denken, die ich in deiner Gesellschaft in unserm Angola zugebracht habe.«
-
-Nach dem stimmungsvollen Abschiede in Angola befanden sich die sieben
-Schwaben einige Tage später wieder in Lumata. Stiller war mit der Sorge um
-das Luftschiff beschäftigt. In dieser Beziehung fand er bei den Marsiten
-alle Unterstützung und konnte nun die auf der Herfahrt gemachten schlimmen
-Erfahrungen durch Verbesserungen aller Art verwerten. Er machte sich auf
-eine lange Zeitdauer der Rückfahrt gefaßt, trotz der stärkeren
-elektromagnetischen Anziehungskraft der Erde, des im Verhältnis zum Mars um
-nahezu das Doppelte größeren Planeten.
-
-Seit dem Aufstieg an jenem denkwürdigen Dezemberabend auf dem Cannstatter
-Wasen waren nahezu dritthalb Jahre vergangen. Unterdessen hatte sich der
-Mars wieder um eine ganz gewaltige, viele Millionen von Kilometer
-betragende Entfernung von der Erde wegbewegt und war von dieser heute
-nahezu doppelt so weit entfernt als zur Zeit der Abreise. Stiller rechnete
-aus, daß sie, nach Erdenzeit gemessen, mindestens fünf volle Monate in der
-Gondel zuzubringen hätten und auch dies nur unter der Voraussetzung, daß
-kein unvorhergesehenes Ereignis den Flug des Weltenseglers störe. Waren er
-und seine Gefährten einst in befriedigender körperlicher Verfassung und
-ohne nennenswerte Störungen nach dem Mars gelangt, warum sollte die
-Rückkehr nach der Erde schließlich nicht auch erträglich vonstatten gehen?
-
-Allerdings erschreckte die Länge der bevorstehenden Reise den sonst so
-mutigen Mann doch etwas. Fünf volle Monate in der Gondel eingeschlossen
-zuzubringen, die vielerlei damit verknüpften Entbehrungen wieder auf sich
-zu nehmen, den Mangel des natürlichen Lichtes, der Bewegung zu ertragen,
-das mußte auch auf das tapferste Gemüt niederdrückend wirken; Aber Stiller
-schüttelte alle trüben Gedanken nachdrücklich ab und freute sich über die
-großartigen technischen Kenntnisse der »Findigen«, die ihm nicht nur ein
-ähnliches Gas zur Füllung seines Luftschiffes bereiteten, wie es das
-Argonauton war, sondern die auch durch die Kunst der Haltbarmachung der
-wichtigsten Nahrungsmittel für die Reise meisterhaft zu sorgen verstanden.
-An elektrischer Kraft, fester Luft und dergleichen, deren Herstellung den
-Findigen schon seit alten Zeiten bekannt war, fehlte es auch nicht, und der
-Weltensegler führte jetzt ganz andere Mengen dieser Kräfte und
-Existenzmittel mit sich als zur Zeit seines Aufstieges. Ohne Lärm, ohne den
-geringsten Verdruß war die Instandsetzung des Luftschiffs vor sich
-gegangen. Wie vorteilhaft stach diese Art der Arbeit hier gegen die auf dem
-Cannstatter Wasen vor mehr als zwei Jahre ab! Dank der hohen Intelligenz,
-der Bereitwilligkeit und dem Eifer der Findigen befand sich der
-Weltensegler in so vortrefflichem Zustande, daß die gefahrvolle Reise
-jederzeit angetreten werden konnte.
-
-Stiller hielt es für seine Pflicht, seine Gefährten über den Gang der
-Vorbereitungen zur Abfahrt auf dem laufenden zu halten. Er verschwieg den
-Freunden auch nicht die ungefähre Dauer der Rückreise. Anfangs waren die
-Kollegen über die Aussicht, so viele Monate in der Gondel zubringen zu
-müssen, sehr erschrocken gewesen, hatten sich dann aber rasch wieder gefaßt
-und sahen der Zukunft mit Mut und Vertrauen entgegen. Nur Frommherz äußerte
-sich nicht. Still und scheu schlich er herum, während die übrigen Herren
-ihre bescheidenen Habseligkeiten zu packen und in die Gondel zu schaffen
-anfingen.
-
-Der Weltensegler war aus seinem Unterkunftshause herausgenommen worden und
-schaukelte sich, sorgfältig verankert, an dem Orte, an dem er einst
-niedergegangen war. Der letzte Tag des Aufenthaltes auf dem Mars war nur zu
-schnell herangekommen. Morgen in aller Frühe sollte die Abfahrt von Lumata
-erfolgen. Eran, der gastfreie, würdige Alte, hatte es sich nicht nehmen
-lassen, seinen Gästen noch ein reiches Abschiedsmahl zu bieten, zu dessen
-Verschönerung und Weihe die Harfenspieler und Sänger von Lumata wieder das
-Ihrige beitrugen. Ganz Lumata war auf den Füßen. Die Arbeit ruhte überall.
-Allerorts hatten sich die biedern Schwaben beliebt zu machen verstanden.
-Niemand war da, der den Fortgang der wackeren Männer nicht aufrichtig
-bedauerte. Aber sie hatten Familie, hatten Väter, Mütter, Brüder und
-Schwestern unten auf der Erde. Eine Rückkehr dahin erschien den Marsiten
-mit ihrem so hoch entwickelten Familien- und Gemeinsinn nur als ein Gebot
-der Pflicht.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-Ein Abtrünniger
-
-
-Während des Essens und der allgemein herrschenden bewegten Stimmung war es
-niemand besonders aufgefallen, daß Frommherz verschwand. Als nach dem
-Schlusse des Mahles, das sich bis in die ersten Morgenstunden des neuen
-Tages hineingezogen hatte, die Erdensöhne aufstanden und im Begriffe waren,
-das Haus Erans, das sie zwei Jahre lang beherbergt hatte, zu verlassen,
-entdeckte man das Fehlen des Freundes. Man suchte ihn überall im Hause,
-fand ihn aber nicht. Dagegen entdeckte man einen Brief, der auf dem Tische
-seines Zimmers lag. »An meine Freunde und Gefährten!« lautete die Adresse.
-
-Stiller öffnete das Schreiben und überflog dessen Inhalt. »Wir haben es
-leider mit einem Abtrünnigen zu tun,« erklärte er den besorgten Genossen.
-»Hören Sie, was Frommherz schreibt. Aber setzen wir uns zunächst wieder,
-und beratschlagen wir nachher, was zu tun ist.«
-
-Die Herren entsprachen der Bitte, und Stiller ersuchte Eran und die übrigen
-Marsiten unter Hinweis auf das Fehlen des siebenten und letzten
-Reisegenossen um einen kurzen Augenblick Geduld. Eran zog sich sofort mit
-den Seinen zurück und ließ die Herren allein.
-
-»Zum Kuckuck, dacht' ich mir's doch so halb und halb, daß Frommherz
-fahnenflüchtig werden würde!« begann Piller zornig. »Lesen Sie einmal die
-Epistel vor, Stiller!«
-
-»Verzeiht mir, teure Freunde und Gefährten, daß ich Euch eine schmerzhafte
-Enttäuschung bereite. Ich kann es nicht über mich bringen, mit Euch nach
-der Erde und nach unserer alten Heimat zurückzukehren. Aufs schwerste habe
-ich deshalb mit mir gekämpft und gerungen. Ich vermag den Mars nicht zu
-verlassen, es würde mein sicherer Tod sein, und den wollt Ihr doch auch
-nicht. Hier oben habe ich alles verwirklicht gefunden, was ich unten in
-ahnender Sehnsucht geträumt. Und nun soll ich ein Eden verlassen und in
-enge, unaufrichtige Verhältnisse und Lebensanschauungen wieder
-zurückkehren, nachdem ich so lange das reine Licht der Wahrheit geschaut
-habe? Nein, es kann nicht sein! Hat uns nicht der ehrwürdige Anan selbst in
-Angola das Bleiben hier oben freigestellt? Gut, so will wenigstens ich von
-diesem Anerbieten Gebrauch machen und Euch allein heimwärts ziehen lassen.
-
-Wohl weiß ich, daß ich Euch durch meinen Entschluß kränke, aber ich kann
-wirklich nicht anders handeln. Richtet nicht zu strenge über mich und
-verzeiht mir, wenn möglich, in Liebe! Freiwillig bleibe ich hier oben. Es
-kann Euch somit keine Verantwortung dafür treffen, daß Ihr allein, ohne
-mich, nach der Heimat zurückkehrt. Möget Ihr sie glücklich erreichen! Dies
-ist mein innigster, aufrichtigster Wunsch. Grüßt mir mein Tübingen, grüßt
-mir mein liebes Schwabenland und meine Verwandten dort! Sagt ihnen, daß ich
-mich hier oben überglücklich, wie im Paradiese fühle und deshalb nicht mehr
-zur Erde mit ihrer Qual zurückgekehrt sei. Macht keine Anstrengungen, mich
-zu suchen. Ihr würdet mich doch nicht in meinem sichern Versteck finden, in
-dem ich so lange bleiben werde, bis Ihr abgefahren seid. Lebt wohl! In
-treuem Gedenken bin und bleibe ich Euer Friedolin Frommherz.«
-
-In finsterem Schweigen verharrten die Herren einen Augenblick, nachdem
-Stiller den Brief vorgelesen hatte.
-
-»Der elende Drückeberger!« hob Dubelmeier zu knurren an. »Jetzt fällt es
-mir wie Schuppen von den Augen, warum er sich in den letzten Wochen so
-sonderbar benommen hat.«
-
-»Blamiert sind wir, heillos blamiert!« schrie Piller. »Wie stehen wir nun
-da? Wo bleibt unsere gerühmte Ehrenhaftigkeit?«
-
-»Beauftragen wir Eran, Frommherz zu suchen! Der findet den Ausreißer
-gewiß,« riet Hämmerle.
-
-»Diesem Vorschlage möchte ich beistimmen,« fügte Thudium bei.
-
-»Es geht doch nicht an, daß wir Frommherz hier zurücklassen. Entweder wir
-bleiben alle, oder wir gehen alle zusammen. Das ist klar!« fügte Brummhuber
-bei.
-
-»Meine lieben Freunde, schenken Sie mir ein wenig Gehör,« bat Stiller die
-aufgeregten Gefährten. »Ich begreife und billige ja völlig Ihre Entrüstung
-über das Benehmen Frommherz' und teile es. Aber wir haben durchaus kein
-Recht, ihm unsern Willen aufzuzwingen. Er ist seinerzeit freiwillig
-mitgegangen und mag freiwillig zurückbleiben. Aber er hätte klar und offen
-handeln sollen. Mag er diese Handlungsweise vor seinem eigenen Gewissen
-verantworten! Nehmen wir die Sache, wie sie einmal ist. Unserm Andenken und
-unserer persönlichen Ehrenhaftigkeit kann das Bleiben Frommherz' hier oben
-nicht das geringste anhaben. Im Gegenteil! Wir stehen immer als das da,
-wofür man uns nahm und hielt. Frommherz dürfte in dieser Beziehung bei den
-strengen Moralbegriffen der Marsiten nicht gut wegkommen. Ziehen wir also
-allein, ohne ihn! Ja, ich rate sogar zur Nachsicht und Milde. Seien wir
-aufrichtig! Ziehen wir vielleicht gern, leichten Herzens von hier fort?«
-
-»Nein, gewiß nicht!« ertönte es fünfstimmig.
-
-»Nun wohl! So wollen wir die Lage, in die sich unser Frommherz freiwillig
-begeben, wenigstens zum Guten zu wenden suchen: wir empfehlen den
-Zurückbleibenden der Güte und Nachsicht unseres lieben, ehrwürdigen Eran.«
-
-»Das fehlte noch!« wetterte Piller.
-
-»Warum nicht?«
-
-»Ich verstehe Sie einfach nicht, Stiller!«
-
-»Nun, so lassen Sie mich ruhig fortfahren. Während des Lesens von
-Frommherz' Brief ist mir der Gedanke gekommen, daß unser Freund nach unsrer
-Abreise zur Strafe für sein eigenmächtiges Zurückbleiben und den dadurch
-bewiesenen Mangel an Gemeinschaftsgefühl möglicherweise nach den Gefilden
-der Vergessenen verbannt werden könnte.«
-
-»Was ihm ganz recht geschehen würde!« warf hier Brummhuber ein.
-
-»Nein, das wollen wir ihm eben zu ersparen suchen. Möge er unter ähnlichen
-Bedingungen wie bisher hier weiter leben! Dieses Bewußtsein läßt uns später
-mit reineren Gefühlen an den Freund zurückdenken und wirft keinen Schatten
-auf die Erinnerung an unsere schöne Aufenthaltszeit hier oben. Nun wohl, so
-lassen Sie mich, bitte, gewähren! Ich rede nachher mit Eran und suche mit
-ihm zusammen das Unangenehme möglichst gut zu ordnen.«
-
-»Stiller, Sie beschämen uns, Sie sind ein braver Kerl -- der Beste von
-uns!« Piller schneuzte sich sehr kräftig nach diesen Worten . . .
-
-»O nein, mein Lieber! Ich war nur nicht umsonst hier oben unter diesen
-prächtigen, hoch denkenden und handelnden Menschen. Sie sehen nur, daß ich
-von ihnen etwas gelernt habe.«
-
-»Wenn einer oben zu bleiben wirklich würdig wäre, so wären Sie es,
-Stiller!« rief begeistert Hämmerle.
-
-»Lassen wir das!« wehrte Stiller ab. »Und nun will ich mit Eran Rücksprache
-nehmen.« Ohne das geringste Zeichen des Erstaunens zu zeigen oder einen
-Laut der Verwunderung hören zu lassen, vernahm der ehrwürdige Alte den
-Bericht Stillers.
-
-»Auch ich finde, daß du wohl daran tust, deinen Bruder nicht zu zwingen,
-die Rückreise mit euch anzutreten. Ein jeder Mensch hat bis zu einem
-gewissen Grade das Recht der Selbstbestimmung. Aber dieses Recht schließt
-nicht das Unrecht eures flüchtigen Bruders aus, das ich in der Art und
-Weise erblicke, wie er sein Hierbleiben durchsetzen will. Laß ihn aber nur
-hier und zieh mit deinen Brüdern hinab auf die Erde! Wir werden mit
-Friedolin nicht allzu scharf ins Gericht gehen.«
-
-»Darüber möchte ich eben beruhigt werden, ehrwürdiger Eran.«
-
-»Sei deshalb ohne Sorge! Taucht er nach eurer Abreise auf, so werde ich ihn
-persönlich nach Angola bringen und bei Anan Fürsprache für den Sünder
-einlegen. Aber eine kleine Strafe muß sein. Ich habe bereits über ihre Art
-nachgedacht.«
-
-»Worin soll sie bestehen?« fragte neugierig geworden Stiller.
-
-»Friedolin soll uns ein Wörterbuch eurer Sprache schreiben. Ihr habt uns ja
-als Andenken einige Werke eurer hervorragendsten heimischen Dichter und
-Denker geschenkt. Nun gut, wir wollen diese Werke in der Originalsprache
-lesen, um uns ein klares Bild von euren Meistern machen zu können. Dazu
-brauchen wir aber ein Wörterbuch.«
-
-»Diese Strafe lasse ich mir gefallen. Freund Friedolin wird die ihm
-gestellte Aufgabe zu eurer Zufriedenheit lösen, davon bin ich überzeugt.«
-
-Damit war der Fall Frommherz erledigt. Stiller setzte seine Gefährten von
-dem Ergebnis der Besprechung in Kenntnis, und die Herren priesen von neuem
-die Güte und Nachsicht Erans, des wackern Patriarchen.
-
-Nach der Zeitrechnung der Erde, die Stiller auch auf dem Mars unter
-genauester Berücksichtigung der Unterschiede in den täglichen
-Umdrehungszeiten von Mars und Erde weitergeführt hatte, war heute der
-siebente März herangekommen und mit ihm die Stunde der Abfahrt.
-
-Eran hatte darauf bestanden, die sechs Erdensöhne zum Weltensegler zu
-begleiten. Auch Lumatas erwachsene Bevölkerung zog mit. Ernstes Schweigen,
-der Ausdruck ehrlichen Schmerzes über die Trennung, herrschte in der ganzen
-Schar. So schritten sie wortlos dahin zu der Wiese, auf der sich der
-Weltensegler in der klaren und reinen Luft des heraufziehenden Tages
-schaukelte.
-
-»Nehmen wir kurz und rasch Abschied, vergrößern wir nicht das Weh der
-Trennung durch weitere Worte!« sprach Eran, einen der Schwaben nach dem
-andern umarmend. »Möge ein gutes Geschick eure Heimreise begleiten! Kommt
-glücklich in eurer Heimat an.«
-
-Ein Händedruck noch, ein Winken von allen Seiten, und die kühnen
-Weltensegler stiegen in die Gondel. Die Taue wurden gelöst, langsam und
-stolz, begrüßt von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, begann sich
-der Ballon zu heben. Da kam eilenden Laufes Friedolin Frommherz daher. Die
-Menge machte ihm Platz.
-
-»Lebt wohl, Freunde!« rief er mit lauter Stimme. »Nochmals: verzeiht mir,
-daß ich bleibe und nicht mit euch zurückkehre! Reist glücklich und grüßt,
-mir mein teures Schwabenland!«
-
-Aber die Herren in der Gondel hörten nur noch schwach, was ihnen Frommherz
-nachrief. Zu antworten vermochten sie nicht mehr. In immer rascherem Fluge
-entfernte sich der Weltensegler von dem wunderbaren Planeten und schwebte
-bald im dunkeln, kalten Weltenraum.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel
-Wieder auf der Erde
-
-
-Der Zeiger der Zeituhr war auch in Stuttgart nach der so ungeheures
-Aufsehen erregenden Abfahrt der sieben Söhne des Schwabenlandes um Jahr und
-Tag vorgerückt. Wo mochten sie wohl stecken, die wagemutigen Landsleute? Ob
-sie wirklich den Mars erreicht hatten? Möglicherweise waren sie gar nicht
-nach diesem Planeten gelangt, sondern vielleicht auf einem der zahlreichen
-Planetoiden abgestiegen, oder die Expedition war verunglückt und die arme
-Forscherschar dann für immer verschollen im ungeheuren Weltenraume.
-Letztere Ansicht wurde allgemein als die richtige angenommen und geglaubt.
-
-Nach dem Aufstieg des Weltenseglers unterhielt man sich anfänglich in
-Stuttgart noch viel und lebhaft über die Reise der Forscher, und Fragen
-aller Art waren aufgeworfen worden; nach und nach aber schlief das früher
-so lebhafte Interesse für die Marsexpedition ein. Neue Zeitfragen, aktuelle
-Ereignisse waren aufgetaucht und verdrängten schließlich die Erinnerung an
-das märchenhafte Unternehmen.
-
-Da, plötzlich wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel schlug an einem
-Septembertage die Nachricht in Stuttgart ein, die Herren Professoren, die
-vor bald drei Jahren vom Cannstatter Wasen aus nach dem Mars abgefahren
-waren, seien auf einer Insel in der fernen Südsee niedergegangen, und zwar
-mit ihrem Luftschiff, dem Weltensegler. Im ersten Augenblick wollte kein
-Mensch an diese Nachricht glauben; man hielt sie für einen schlechten
-Scherz. Als sie aber unter den amtlichen Mitteilungen im »Staatsanzeiger«
-erschien und durch Tausende von Extrablättern sofort weiter verbreitet
-wurde, da wurden schließlich auch die hartnäckigsten Zweifler von der
-Wahrheit der Nachricht überzeugt.
-
-In lakonischer Kürze lautete der telegraphische Bericht:
-
-Matupi, 31. August, nachts.
-
-Weltensegler vom Mars zurück, hier niedergegangen. Stiller, Piller,
-Brummhuber, Hämmerle, Dubelmeier, Thudium. Befinden relativ wohl.
-
-In der ersten großen Überraschung fiel es vielen gar nicht auf, daß in dem
-Telegramm nur von sechs Teilnehmern die Rede war. Erst nach und nach wurde
-des fehlenden siebenten Mitgliedes der Expedition gedacht. Die Meinung
-hierüber war rasch gefaßt: Frommherz mußte während der Reise zweifellos
-gestorben sein.
-
-Mit größter Ungeduld sah die engere wie die weitere Heimat, die gesamte
-Kulturwelt näheren Nachrichten entgegen. Welch interessante, spannende
-Berichte standen von den schon verloren geglaubten Forschern zu erwarten!
-
- * * * * *
-
-Die erste Zeit nach der Abreise vom Mars verstrich den Insassen der Gondel
-ganz erträglich. Nach Professor Stillers Ausspruch befand sich der
-Weltensegler auf der richtigen Bahn und in der Anziehungssphäre der Erde.
-Die Reise stellte an die Herren wieder die höchsten Anforderungen in Bezug
-auf ihre Gesundheit, Geduld und Ausdauer. Monate waren seitdem schon
-vergangen, und das Ziel, die Erde, wollte noch immer nicht auftauchen. Die
-Dulder fingen an, sich mehr und mehr erschöpft zu fühlen und beneideten in
-Gedanken oft den zurückgebliebenen Freund Frommherz.
-
-Aber schließlich muß ja auch die längste, dunkelste Nacht dem hellen Tag
-weichen. Es ging gegen Ende August. Über fünf Monate schon zog der
-Weltensegler durch den Ätherraum. Stiller erwartete von einem Tage zum
-andern den Eintritt des Luftschiffes in die Atmosphäre der Erde. Richtig!
-Eine beginnende Dämmerung zeigte ihre Nähe an.
-
-Wie einst bei der Annäherung an den Mars alle Drangsale der Reise im
-Handumdrehen aus der Erinnerung verschwanden, so war es auch diesmal wieder
-der Fall. Als Herr Stiller seinen Gefährten mitteilte, daß sie soeben in
-die Erdatmosphäre eingefahren und wahrscheinlich heute noch unten auf der
-Erde irgendwo landen würden, falls die Freunde nicht vorzögen, mit dem
-Weltensegler unmittelbar nach Deutschland zu steuern, da erhob sich heller
-Jubel in der Gondel. Vergessen waren plötzlich alle Mühe und Drangsal,
-alles körperliche Unbehagen.
-
-»Wo es auch ist, nur herunter und heraus aus diesem verdammten Kasten!«
-erklärte Piller. »Wahrhaftig, wir sind jetzt lange genug eingesperrt
-gewesen!«
-
-»Piller hat recht,« stimmte Thudium bei
-
-»Keine Stunde länger als unumgänglich notwendig bleibe ich in diesem
-fürchterlichen Käfig,« entschied Hämmerle, und ihm pflichteten Dubelmeier
-und Brummhuber bei.
-
-»Nun, wenn es so mit Ihnen steht, so landen wir, wo es eben möglich ist,«
-antwortete in gewohnter Ruhe Stiller. »Wir müssen aber Sorge dafür tragen,
-daß wir in zivilisierter Gegend absteigen und nicht aus Versehen in den
-offenen Ozean geraten.«
-
-»Das recht zu machen, ist Ihre Sache, Stiller,« entschied Piller. »Und nun,
-Gefährten, nehmen wir einen Schluck des herrlichen Marsweines als Ausdruck
-unserer Freude über die glücklich vollendete Reise! Dubelmeier, zu meiner
-innigen Freude und aufrichtigen Genugtuung haben Sie sich auf dieser Fahrt
-vom Saulus in einen Paulus verwandelt und an Stelle des Wassers den edlen
-Wein gesetzt. Also trinken wir!«
-
-Während die übrigen Herren den Pokal, eine wunderbare Marsarbeit und ein
-Geschenk von Angola her, kreisen ließen, hatte Herr Stiller die Ventile des
-Luftschiffs gelockert und eines der Gondelfenster geöffnet. Der
-Weltensegler fiel rasch abwärts.
-
-»Täuscht mich nicht alles, so schweben wir gerade über der australischen
-Ostküste,« sprach Herr Stiller, nachdem er einen raschen Blick aus dem
-Gondelfenster geworfen hatte. »Wir werden bei Brisbane in Queensland
-landen.«
-
-»Prächtig, Stiller, alter Knabe! Prosit! Da, nehmen Sie auch einen
-Schluck!«
-
-Piller wollte gerade seinem Kollegen den Pokal mit dem Weine reichen, als
-plötzlich ein furchtbarer Windstoß die Gondel traf und mitsamt dem
-Luftschiff in eine drehende, wirbelnde Bewegung versetzte. Der Pokal fiel
-zu Boden, und die Herren selbst mußten sich an den nächsten festen
-Gegenständen in der Gondel festhalten, um nicht wie Bälle herumgeschleudert
-zu werden.
-
-»Wir sind im letzten Augenblick in einen Zyklon geraten, wie sie hier herum
-häufig sind,« schrie Stiller seinen erschrockenen Gefährten zu. »Nun heißt
-es, allen Mut zusammennehmen. Der blinde Zufall ist jetzt unser Führer.«
-
-In unverminderter Stärke und Heftigkeit wütete der Orkan während der
-folgenden bangen Stunden. Der Wind pfiff heulend durch das offene,
-zerschmetterte Fenster der Gondel und wirbelte in ihr alles herum, was
-nicht befestigt war. In dem fürchterlichen Toben des Orkanes war jede
-Verständigung ausgeschlossen. Die Insassen der Gondel mußten sich
-schließlich der größeren Sicherheit wegen auf den Boden legen. Hilflos
-trieb das Luftschiff dahin, wohin es der rasende Sturmwind trug. Es war ein
-tragisches Verhängnis, das im letzten Augenblick der Reise, kurz vor der
-Landung auf der Erde, die Reisenden traf. Und dabei bestand noch die große
-Gefahr, daß der Weltensegler ins offene Meer treiben, und die Expedition,
-die die ungeheure Reise nach und von dem Mars bisher so glücklich
-überwunden hatte, zum Schlusse noch ertrinken werde.
-
-Traurige, trübe Gedanken bewegten die Männer. So war eine Reihe von Stunden
-vergangen. Der Tag, der so vielversprechend begonnen hatte, neigte sich
-seinem Ende zu. Die Gewalt des Sturmes schien nachzulassen. Möglich auch,
-daß der Weltensegler gegen die Peripherie des Wirbelsturmes hinausgetrieben
-worden war, kurz, die tolle Fahrt durch die Luft verringerte sich
-zusehends, und die Herren konnten endlich ihre unbequeme Lage verlassen und
-Ausschau halten. Zu ihrer Freude nahmen sie wahr, daß der Ballon in eine
-weite, geräumige Bucht eintrieb, deren Hintergrund ein Wald von grünen
-Kokospalmen bildete, umsäumt von freundlichen, kleinen Häusern.
-
-Rasch entschlossen öffnete Stiller die Ventile des Weltenseglers, als er
-gerade über dem Palmenwalde schwebte. Einem Riesengewichte gleich fiel der
-Ballon in die hohen Palmbäume, die krachend unter der merkwürdigen Last
-zusammenbrachen. Weißgekleidete Männer eilten an den Ort des Niederganges
-herbei. Ihnen gesellten sich die fast nackten, dunkeln Gestalten der
-Eingeborenen bei, die schreiend und gestikulierend um den Platz
-herumstanden, den sich der Weltensegler in ihrem Palmenwalde geschaffen
-hatte.
-
-Bald lag der übel zugerichtete Weltensegler fest verankert im Palmenwalde.
-
-»Wo sind wir denn?« fragte Piller zum Gondelfenster heraus.
-
-»Auf Matupi, im Südseearchipel,« lautete die Antwort.
-
-»Wahrlich, das war noch Glück! Beinahe wären wir ertrunken; viel fehlte
-nicht mehr,« meinte Dubelmeier.
-
-»Nun, dann hätten Sie eben im Wasser, Ihrem Element, geendet,« brummte
-Piller.
-
-»Heraus, Freunde, heraus aus der Gondel und endlich hinab auf festen
-Boden!« drängte Stiller.
-
-Als die Herren ausgestiegen waren, stellte sich der Führer der Weißen als
-Gouverneur der Insel vor.
-
-»Wir sind aus Schwaben,« entgegnete Stiller lächelnd, »Professoren an der
-Universität in Tübingen, und sind seinerzeit von Deutschland aus mit dem
-Luftschiff aufgestiegen. Schwaben kennt man ja überall in der Welt. Sollten
-Sie je einmal nach dem fernen Mars kommen, so werden Sie selbst da einen
-zurückgebliebenen engeren Landsmann von uns antreffen.«
-
-Der Gouverneur starrte etwas verwirrt den Sprecher, an, den er nicht recht
-begriffen hatte.
-
-»Sie kommen mit Ihrem Luftschiff aus Deutschland her?«
-
-»Direkt nicht, indirekt ja, direkt vom Mars! Haben Sie niemals von der
-Expedition nach dem Mars gehört? Es sind allerdings jetzt ungefähr zwei und
-drei viertel Jahre her, seit wir vom Cannstatter Wasen abgereist sind.«
-
-»Ah -- ja, jetzt erinnere ich mich, von dieser ganz ungeheuerlich
-klingenden Reise einst gelesen zu haben. Und Sie wären wirklich die kühnen
-Reisenden . . .?«
-
-»Ja,« unterbrach Piller den Zweifelnden, »glauben Sie denn, daß sechs
-ehrenhafte schwäbische Professoren Ihnen etwas Unwahres vordunsten wollen?
-Wir sind die sieben Schwaben, die nach dem Mars fuhren. Wir waren zwei
-Jahre oben und kommen nur deshalb zu sechst zurück, weil der siebente oben
-geblieben ist. Verstehen Sie nun? Im übrigen heiße ich Professor Paracelsus
-Piller.«
-
-»Entschuldigen Sie,« erwiderte, der Gouverneur, »ich glaube Ihnen aufs
-Wort. Ich war nur furchtbar verwirrt, und meine Gedanken jagten sich
-förmlich unter dem Eindrucke des Gehörten. -- Darf ich Sie nun zu einem
-Mahl und einem guten Trunk einladen?«
-
-»Aber natürlich! Gewiß! Mit größtem Vergnügen!« erklärten die Herren, die
-seit bald einem halben Jahr keine warme Suppe mehr gesehen hatten.
-
-»Das Gehen wird uns etwas schwer. Unsere Gliedmaßen sind ziemlich steif
-geworden,« erklärte Stiller dem Gouverneur, als er etwas mühsam neben ihm
-dessen naher Behausung zuschritt. »Wir sind am 7. März von oben abgefahren.
-Heute haben wir, irr' ich mich nicht, den 31. August. Mithin sind wir
-nahezu sechs Monate in der Gondel gewesen. Eine lange, bange Zeit!«
-
-»Wie stolz bin ich darauf, daß Sie gerade hier bei uns landen mußten!«
-
-»Na, um ein Haar wäre unsere Expedition in letzter Stunde noch verunglückt,
-und niemand hätte dann die Ergebnisse unserer Reise erfahren. Doch
-einstweilen genug davon! Wir scheinen hier zur Stelle zu sein.«
-
-»Treten Sie ein in mein Haus, das nun das Ihre ist, und lassen Sie mich der
-erste sein, der Ihnen, den kühnsten Reisenden, die je gelebt, den Willkomm
-auf unserer Mutter Erde bietet. Entschuldigen Sie, daß ich diese
-Begrüßungsformel erst jetzt ausspreche. Allein ich war durch Ihre
-überraschende Ankunft hier tatsächlich ganz verblüfft.« Der Gouverneur
-schüttelte jedem der Professoren herzlich die Hand und stellte sie den
-übrigen Herren vor, die voll Hochachtung auf die vom Himmel
-heruntergefallenen Gäste blickten.
-
-Die Weltensegler entledigten sich zunächst ihrer Pelzmäntel und nahmen gern
-das freundliche Anerbieten an, die schwere Reisekleidung gegen leichte,
-weiße Tropenanzüge zu vertauschen, die den Herren in einem Nebenzimmer
-bereitgelegt wurden. Rasch war dieser Wechsel vollzogen, und bald lagen die
-Herren in ihrer bequemen Tropentracht auf der luftigen Veranda in großen
-Korbstühlen. Draußen strömte der Regen nieder, und sein prasselndes
-Geräusch auf dem Dache erhöhte noch das Gefühl der Behaglichkeit.
-
-Unterdessen sorgte der Gouverneur für einen stärkenden Trank. Gekühlter
-Champagner wurde durch die lautlos herumhuschende schwarze Dienerschaft den
-Herren kredenzt.
-
-»Sie müssen morgen unsere Marstropfen versuchen,« sprach Piller zum
-Gouverneur, als er sein Glas mit einem Zuge ausgetrunken hatte und es zum
-zweiten Male füllen ließ.
-
-»Was, Sie haben sogar Wein von oben mitgebracht?« antwortete der erstaunt.
-
-»Und was für einen guten!« schmunzelte Piller. »Sogar mein sonst nur
-wassertrinkender Kollege hier, Herr Professor Dubelmeier, ist durch diesen
-Göttertropfen besiegt worden.«
-
-»Nur durch die Gewalt der Umstände,« wehrte sich Dubelmeier.
-
-»Streiten wir nicht darüber, Dubelmeierchen! Lassen Sie uns alle anstoßen
-und rufen: Hoch Deutschland und das Schwabenland!« Die Gläser klangen
-zusammen.
-
-»Ein Hoch unsern hochverehrten Gästen!« lud der Gouverneur die Beamten von
-Matupi ein. Nachdem dieser Ruf verklungen war, wurde das Essen als
-angerichtet gemeldet, und die Gesellschaft begab sich in das Speisezimmer.
-Mit gutem Appetit langten die Herren zu, und bald herrschte eine allgemeine
-rege Unterhaltung.
-
-»Wollen Sie nicht Ihre Ankunft nach Stuttgart kabeln?« fragte der
-Gouverneur. »Welch ungeheure Überraschung wird diese Mitteilung in Ihrer
-Heimat erregen!«
-
-»Ja, das werden wir,« entgegnete Stiller. »Ich denke übrigens, daß wir mit
-dem nächsten Schiffe von hier nach Deutschland abreisen.«
-
-»Wir haben vierzehntägige Dampferverbindung zwischen hier und Singapore.
-Dort können Sie dann sofort Anschluß nach Europa finden. Aber ich bin
-glücklich darüber, daß vor einer Woche der letzte Dampfer von hier abfuhr
-und Sie daher, meine verehrten Herren, noch volle sieben Tage unsere
-willkommenen Gäste sein müssen,« sprach der Gouverneur lächelnd. »Sie haben
-wohl Wunderbares auf Ihrer Reise und oben auf dem Mars erlebt?«
-
-»Darüber wollen wir einige Bücher veröffentlichen, denn unsere Berichte
-werden Bände füllen,« erwiderte Stiller.
-
-»Und Sie sollen das Werk später erhalten als Zeichen unseres Dankes für
-Ihre gastliche Aufnahme,« fügte Piller bei, »denn wenn wir Ihnen alles
-mündlich erzählen wollten, was wir erlebt haben, so müßten wir manchen
-Dampfer versäumen. Das geht aber nicht. Es drängt uns, endlich wieder
-heimzukommen.«
-
-»Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Sie werden wohl allerlei interessante
-Sachen vom Mars mitgebracht haben?«
-
-»Gewiß! Morgen sollen Sie verschiedenes sehen, und daraus können Sie dann
-leicht erkennen, auf welch hoher Stufe der Kultur die Bewohner jenes
-prächtigen Planeten stehen, die das Menschentum in seinem erhabensten
-Begriffe verwirklichen,« erwiderte Stiller. »Zum zweiten Male möchten wir
-aber die Reise nicht mehr machen. Nicht nur ist sie voller Gefahren, sie
-ist auch fürchterlich anstrengend. Es war nicht unser eigenes Verdienst,
-sondern lediglich ein Spiel des Zufalles, daß wir die Reise hin und her im
-Weltraum unter verhältnismäßig guten Bedingungen ausführen konnten. Und
-heute morgen, als wir über Queensland schwebten und gerade im Begriffe
-waren, auf Brisbane zuzusteuern, da packte uns plötzlich der Orkan und warf
-uns hierher.«
-
-»Das ist allerdings sehr zu bedauern, daß Sie zum Schluß Ihrer ungeheuren
-Reise noch in den Zyklon geraten mußten. Wie ich vernahm, hat der Sturm auf
-den andern Inseln des Archipels schwer gehaust. Aber ich preise ihn doch
-ein wenig, diesen Wirbelwind, hat er uns doch Sie, die berühmten Söhne des
-Schwabenlandes, als Gäste zugeführt.«
-
-Nach Beendigung des Begrüßungsmahls wurden die Reisenden in den Häusern der
-verschiedenen Beamten auf Matupi untergebracht, und bald lagen sie in
-tiefem, traumlosem Schlafe. Noch in der gleichen Nacht ging das Telegramm
-nach Stuttgart ab.
-
-Als sich die Reisenden am andern Morgen durch ein Bad in dem klaren Wasser
-der Bucht erquickt hatten, traf bereits die Antwort von Stuttgart ein:
-Staatsregierung und Stadtrat hatten den ersten warmen Willkomm aus der
-Heimat gesandt und zugleich um Auskunft über Herrn Frommherz gebeten, da er
-nicht auf der Liste der Zurückgekehrten angeführt war. Die Antwort lautete:
-
-»Frommherz freiwillig auf Mars zurückgeblieben. Expedition dahin geglückt.
-Zwei Jahre oben gewesen. Hoffen, in etwa vier Wochen in Stuttgart
-einzutreffen.
-
-Stiller.«
-
-Mit Staunen betrachteten der Gouverneur und die Beamten von Matupi die
-geniale Einrichtung der Gondel, die ihnen von Stiller gezeigt und erklärt
-wurde. Noch mehr aber staunten sie über die Kunsterzeugnisse aus Silber und
-Gold und über die mannigfachen und wertvollen Geschenke der Marsiten.
-Leider fand sich das goldene Buch nicht mehr vor. Da die Gondel
-abgeschlossen war, so konnte an einen Diebstahl während der Nacht um so
-weniger gedacht werden, als auch die Eingeborenen für den Wert des
-Gegenstandes kein Verständnis gehabt hätten. So mußte angenommen werden,
-daß das Buch durch eine der Gondelklappen hinaus in den Weltenraum gefallen
-sei, ein unersetzlicher Verlust, der auf das Gemüt der Professoren recht
-niederdrückend wirkte. Schließlich aber siegte die Freude der Rückkehr über
-alle trüben Gedanken.
-
-Piller ließ es sich nicht nehmen, die Herren von Matupi in der Gondel mit
-dem kleinen Reste von Wein zu bewirten, der noch vom Mars her vorhanden
-war. Sie alle erklärten, einen so feinen und feurigen Wein noch nie zuvor
-im Leben getrunken zu haben.
-
-Die Tage auf Matupi waren dem Packen der mitgenommenen Habe und dem Bergen
-der Instrumente gewidmet. Ballon und Gondel sollten später zerlegt und nach
-Hause gesandt werden. Pünktlich am 7. September morgens lief der Dampfer
-»Venus« in die Bucht ein und ging der Faktorei von Matupi gegenüber vor
-Anker. Nach herzlichem Abschiede fuhren die Herren noch am Abend des
-gleichen Tages von Matupi ab.
-
-»Ein merkwürdiges Zusammentreffen von Namen!« sprach Stiller zu seinen
-Gefährten, als sie sich an Bord des Schiffes behaglich eingerichtet hatten.
-»Vom Mars kommen wir, auf der Venus fahren wir durch die blauen Wogen der
-Südsee, und die »Stuttgart« erwartet uns, wie der Gouverneur sagte, in
-Singapore, um uns nach Genua zu bringen.«
-
-Eine Woche später traf der Dampfer in Singapore ein. Schon bei der Einfahrt
-in den geräumigen Hafen war die »Venus« mit ihren berühmten schwäbischen
-Fahrgästen der Gegenstand allseitiger Ehrung. Die zahlreichen im Hafen
-liegenden Schiffe aller möglichen Nationen trugen Flaggengala, und bis auf
-die malaiischen Prauws und chinesischen Dschunken herunter war alles
-festlich gekleidet. Von den Festungswerken wurde Ehrensalut gefeuert, als
-die »Venus« langsam ihrem Anlegeplatz zufuhr.
-
-In feierlicher Weise wurden die kühnen Marsreisenden von den Behörden und
-Konsuln Singapores begrüßt. Dann fand im festlich geschmückten Hause des
-deutschen Klubs das unvermeidliche Festessen mit den üblichen Reden statt.
-Die sechs Herren waren froh, als sie nach all dem Festtrubel und der
-glühenden Tropenhitze Singapores glücklich auf Deck der »Stuttgart« saßen,
-die nach dem Eintreffen ihrer Ehrenpassagiere sofort die Anker lichtete und
-die Straße von Malakka hinaufdampfte.
-
-»Empfinden Sie nicht auch wieder den alten, starken Widerwillen gegen diese
-Art offizieller Huldigungen, die im Grunde genommen doch meist den Stempel
-der Unwahrheit tragen?« fragte Piller seinen Freund Stiller.
-
-»Es geht mir wie Ihnen,« erwiderte Stiller. »Mit der würdigen und
-harmonischen Weise, mit der in Angola Feste gefeiert wurden, stehen diese
-lauten Bankette, bei denen jeder sein liebes Ich möglichst vorzudrängen
-sucht, in grellem Gegensatz. Im Verkehre mit den Marsiten hatten wir sofort
-die Empfindung des Behagens. Hier unten erwacht sofort wieder das alte
-Unbehagen in der Berührung mit der Menge. Wir fühlen eben instinktiv, daß
-all die Worte lauter Anerkennung, die sündflutartig immer auf den
-niederprasseln, der einen nennenswerten äußern Erfolg gehabt hat, vielfach
-wenigstens gar nicht ernst gemeint sind.«
-
-»Sie sprechen genau meine Meinung aus!« bestätigte Dubelmeier, der dem
-Gespräch der beiden Gefährten aufmerksam gefolgt war. »Auch ich gestehe,
-daß mir diese Festessen und Festreden schon jetzt zuwider geworden sind,
-nachdem sie kaum begonnen haben.«
-
-»Na, wir werden uns noch durch eine ganze Reihe solcher öffentlichen
-Veranstaltungen durchwinden müssen, bis wir endlich ungestört in der Stille
-unseres Studierzimmers arbeiten dürfen,« antwortete Piller.
-
-»Dem entgehen wir leider nicht. Ein Glück, daß wir auf dem Meere noch eine
-Ruhepause haben, bevor der Haupttrubel in der Heimat beginnt!« entgegnete
-Dubelmeier.
-
-Aber schon in Colombo begann in vermehrter Auflage das Feiern der berühmten
-Schwabensöhne, und als die »Stuttgart« in Suez eintraf, bat die ägyptische
-Regierung um die Ehre ihres Besuches in Kairo. Endlich nach zweitägigen
-Festlichkeiten waren die Marsfahrer wieder auf dem Schiffe, das nun seinen
-Kurs direkt nach Genua nahm. Dort trafen die Reisenden Anfang Oktober ein.
-Nach fast dreijähriger Abwesenheit betraten sie hier zum erstenmal wieder
-den Boden Europas.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel
-In der Heimat
-
-
-Die Reise der Herren durch Italien glich einem Triumphzuge. Halb betäubt
-von all dem Lärm der letzten Tage langten die Professoren auf der Station
-Hasenberg an, zu deren Füßen sich Schwabens Hauptstadt malerisch schön
-ausbreitet. Obgleich es Herbst war, prangte hier alles im reichsten
-Blumenschmuck. Vertreter des Staats, der Tübinger Universität, die Väter
-der Stadt, weißgekleidete Ehrenjungfrauen, Musikkapellen und eine
-tausendköpfige Menschenmenge erwarteten hier die Heimkehrenden.
-
-Schon während der Fahrt durch Schwaben läuteten alle Glocken, nicht nur der
-Stationen, die der Zug berührte, sondern auch aller Dörfer in der Nähe des
-Bahnkörpers. Ein brausendes Hoch empfing den blumenbekränzten Zug, als er
-am 7. Oktober mittags vier Uhr aus dem Hasenbergtunnel herausfuhr. Die
-vereinigten Musikkapellen von Stuttgart spielten eine Begrüßungshymne, die
-eigens für diesen Zweck von Musikdirektor Klingle komponiert worden war.
-Alsdann begann unten in der Stadt das feierliche Spiel der Glocken. Es
-pflanzte sich fort auf die Vorstädte und erinnerte an die Stunde jenes
-Dezemberabends vor bald drei Jahren, an dem die Herren die kühne Fahrt nach
-dem fernen Planeten angetreten hatten.
-
-Die Begrüßungs- und Bewillkommungsreden verhallten im Lärm der allgemeinen
-Festesfreude. Die Autoelektrikwagen wurden bestiegen. Im ersten saßen die
-sechs Zurückgekehrten, Riesensträuße in den Händen. Langsam ging es durch
-die sich drängende, jubelnde Menschenmenge hinab in die reichbeflaggte
-Stadt. Eine kurze Rast in Marquardts Hotel wurde den so wunderbar wieder
-heimgekehrten, aber sichtlich erschöpften Gelehrten gestattet, dann aber
-mußten sie weitere Opfer der gesellschaftlichen Ordnung bringen.
-
-In feierlichem Zuge, unter den betäubenden Hochrufen der in den Straßen
-flutenden Menschmenge wurden die Gelehrten nach der Liederhalle geleitet.
-In ihr sollte der offizielle Akt der Begrüßung vor sich gehen. Im großen
-Festsaale erwartete eine auserlesene Gesellschaft aus allen Kreisen der
-Hauptstadt die Professoren. Mit jubelndem Zurufe wurden diese begrüßt, als
-sie in den Saal traten.
-
-Ein Vertreter der Regierung begrüßte als Vorsitzender in warmen Worten die
-kühnen Weltensegler, die durch die einzig dastehende Fahrt nach dem Mars
-ihre Namen nicht nur unsterblich gemacht, sondern dadurch auch das Ansehen
-und die Ehre der engeren Heimat in der gesamten Kulturwelt gefördert
-hatten. Schwaben sei stolz auf so würdige Söhne und wolle sie zunächst
-dadurch ehren, daß an dem Orte ihres Aufstieges auf dem Cannstatter Wasen
-ein Obelisk aus heimischem Granit errichtet werde, der die Namen der
-Teilnehmer an der Expedition und die allgemeinen Daten über sie
-eingemeißelt in den Stein tragen solle. Weitere äußere Ehrungen seien
-vorgesehen; denn eine solche Tat, wie sie Schwabens Söhne ausgeführt, könne
-überhaupt nicht gebührend genug anerkannt werden. Zunächst überreiche er im
-Namen der Regierung jedem der Herren einen goldenen Lorbeerkranz, auf
-dessen Blättern der Name des Trägers und die Daten der Marsreise
-eingraviert seien.
-
-Nachdem die Übergabe der goldenen Kränze unter rauschender Musikbegleitung
-vor sich gegangen war, begann das Bankett. Klugerweise war vorher bestimmt
-worden, daß während des Essens keinerlei Reden gehalten werden sollten. Als
-das Essen beendigt war, bestieg Stiller das Podium des Saales, um von hier
-aus zu der glänzenden Versammlung zu sprechen.
-
-»Verehrte Anwesende! In meiner und meiner treuen Gefährten Namen danke ich
-Ihnen zunächst für die Herzlichkeit des Willkomms, den Sie uns zuteil
-werden ließen. Er hat uns sehr gerührt. Nehmen Sie es uns aber nicht übel,
-wenn wir Sie bitten, von jeder weiteren äußeren Ehrung unserer bescheidenen
-Persönlichkeiten Abstand nehmen zu wollen. Was wir ausgeführt, was wir
-getan, war ja nur dadurch möglich, daß uns ein seltenes Glück zur Seite
-stand. Wo aber der Mensch nur durch die Gunst äußerer Umstände sein Ziel
-erreicht, da ist es mit seiner eigenen Leistung doch viel weniger weit her,
-als Sie selbst vielleicht annehmen.
-
-Gerade auf dem Mars, bei einem Volke von idealster Lebensauffassung,
-rückhaltslosester Wahrheitsliebe und tiefster Erkenntnis des eigenen Ichs,
-da haben wir erst gelernt, uns nach dem wirklichen Werte richtig
-einzuschätzen, wahr und streng gegen uns zu sein. Mit einer gewissen
-Selbstüberhebung reisten wir einst ab, mit ruhiger, nüchterner Schätzung
-unserer eigenen Person kommen wir zurück. Daraus entspringt also unsere
-Bitte.
-
-Und nun lassen Sie mich Ihnen in kurzen Zügen ein Bild jener wunderbaren
-Welt entwerfen, in der es uns vergönnt war, zwei volle Jahre leben zu
-dürfen. Vorausgreifend will ich gleich bemerken, daß wir unsere Erlebnisse
-in einem Sammelwerke niederlegen werden, in dem Sie dann später alles
-Wünschenswerte selbst nachlesen können. -- Nach der Abfahrt von Cannstatts
-Wasen langten wir nach dreimonatlichem Fluge durch den Ätherraum ziemlich
-wohlbehalten auf dem Mars an. Dort trafen wir Menschen an, die uns mit
-großer Gastfreundschaft aufnahmen. In dem Maße, als wir die Sprache der
-Marsbewohner erlernten, gewannen wir auch mehr und mehr Einblick in deren
-Leben, in ihre Sitten und Gebräuche. Voll staunender Bewunderung sahen wir
-dort oben eine Lebensführung, die wir in dieser Vollkommenheit niemals für
-möglich gehalten hätten. Das, was wir hier unten auf der Erde früher als
-Ideal des Lebens geträumt, -- dort oben auf jenem Sterne ist es in die
-schönste Wirklichkeit übersetzt.
-
-Was soll ich Ihnen in dieser Stunde von den Einzelheiten erzählen, die zu
-der wunderbar entfalteten, natürlichen Moral jener prächtigen Menschen da
-oben geführt haben! Ich fürchte dadurch nicht allein zu ermüden, sondern
-auch Ihre freudige Stimmung anläßlich unserer Rückkehr zu vermindern. Dies
-möchte ich aber nicht. Sie werden, wie gesagt, die Ergebnisse unserer
-Expedition durch unsere Bücher genau erfahren. Nun aber können Sie mich mit
-Recht fragen: >Ja, warum sind Sie denn wieder zurückgekommen aus einem Eden
-nach einem Tale des Jammers, wie es unsere Erde nun einmal vorstellen
-soll?< Darauf antworte ich auch offen: Wir sind schweren Herzens von oben
-fortgegangen. Nicht daß man uns geradezu fortwies, nein, man stellte uns
-Bleiben oder Gehen zur freiwilligen Entscheidung anheim. Nachdem wir aber
-sahen, daß wir dem so hochstehenden Marsvolke doch keine Dienste leisten
-konnten, die als Ausgleich für die uns gebotene Gastfreundschaft hätten
-dienen können, so verlangte es schon das einfachste Anstandsgefühl, daß wir
-zur Erde zurückkehrten.
-
-Nur Herr Friedolin Frommherz konnte sich nicht entschließen, die Rückreise
-anzutreten. Er blieb oben zurück als der einzige lebendige Zeuge unseres
-Aufenthaltes auf dem Mars. Unsere Ankunft auf Matupi kennen Sie. Zum
-Schlusse wollen wir dem Schwäbischen Landesmuseum diejenigen Geschenke und
-Andenken überweisen, die wir oben auf dem Mars, in dem herrlichen Angola,
-in der Stunde des Abschiedes mit auf den Weg bekommen haben. Wir selbst
-bedürfen der Sachen nicht. Wie ein Märchen voll Schönheit, voll Zauber und
-strahlenden Lichtes wird jener Aufenthalt auf dem Planeten in unserer
-Erinnerung weiterleben, solange wir atmen, und gäbe es eine Seelenwanderung
-nach fernen Sternen, so würde ich nichts sehnlicher wünschen, als dort oben
-wieder erwachen zu dürfen, wenn ich hienieden nicht mehr bin.«
-
-Herr Stiller trat ab. Lautlos hatte die Versammlung seinen Worten
-gelauscht. Manches Gesicht der Anwesenden drückte tiefe Ergriffenheit aus,
-als Herr Stiller geendet. So hatte man sich die Sache doch nicht
-vorgestellt. Wohin war die Festesfreude plötzlich gekommen? Herr Klingle
-griff in die beklemmende Stille, die sich der Versammlung bemächtigt hatte,
-als rettender Engel ein. Er erhob den Taktstock, und die leichten Töne
-einer einschmeichelnden Musik gaben der Versammlung ihre alte Fröhlichkeit
-wieder zurück. Es ließ sich auch hier auf der Erde ganz gut leben. Wozu
-also nach dem Mars reisen? Eine Fahrt wie die der sieben Schwaben sollte
-keine Nachahmung mehr finden. Die früher so heitern Männer waren als
-offenkundige Menschenfeinde zurückgekehrt. Sie wären somit besser im Lande
-geblieben. Das war die Ansicht vieler, die in später Nachtstunde von dem
-Bankette nach Hause gingen.
-
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
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-
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-Mars., by Albert Daiber
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WELTENSEGLER. DREI JAHRE ***
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-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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- www.gutenberg.org
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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