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diff --git a/41522-0.txt b/41522-0.txt new file mode 100644 index 0000000..32bd4f6 --- /dev/null +++ b/41522-0.txt @@ -0,0 +1,4397 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41522 *** + +Die Weltensegler + + +Drei Jahre +auf dem Mars + + +Erzählung für die Jugend +von +Albert Daiber + + +Mit vier Vollbildern von Fritz Bergen + +Dritte Auflage + + +Verlag von Levy & Müller in Stuttgart + + +Nachdruck verboten +Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten +Druck: Christl. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart + + + + +Inhalt + + +Erstes Kapitel +Vorbereitungen 1 + +Zweites Kapitel +Die Abreise der Weltensegler 16 + +Drittes Kapitel +Zwischen Himmel und Erde 28 + +Viertes Kapitel +Auf dem Mars 53 + +Fünftes Kapitel +Lumata und Angola 78 + +Sechstes Kapitel +Im Reiche der Vergessenen 101 + +Siebentes Kapitel +Der Abschied 113 + +Achtes Kapitel +Ein Abtrünniger 122 + +Neuntes Kapitel +Wieder auf der Erde 128 + +Zehntes Kapitel +In der Heimat 142 + + + + +Erstes Kapitel +Vorbereitungen + + +Der glänzende Abendstern, die Venus, war im Westen untergegangen. Über +Groß-Stuttgart und das Neckartal begann sich eine durchsichtig klare, aber +etwas kalte Winternacht zu breiten. Nach und nach flammten Tausende und +Abertausende von hellen Sternen am Firmamente auf, und als weißlich +schimmernder Gürtel hob sich aus der Menge jener fernen, selbstleuchtenden +Weltkörper scharf und deutlich die Milchstraße ab. Aus ihr heraus blickte +das funkelnde Sternbild der Kassiopeia herab auf die alte, immer noch mit +so viel Torheit erfüllte Mutter Erde, und der Große Bär mit seinen sieben +hellen Sternen, jener geheimnisvollen, im menschlichen Leben eine so +merkwürdige Rolle spielenden Zahl, leistete ihr auf der andern Seite des +gewaltigen Himmelsgewölbes die aus der Urzeit stammende, treubewährte +Gesellschaft. Kunterbunt, in ungleichmäßiger Verteilung, in +verschiedenartiger Helligkeit und Größe lagen die übrigen Sterne +dazwischen, scheinbar noch an ihrem alten, gewohnten Platze. + +Langsam schritt die Nacht vor. Im Süden stieg das prachtvolle Sternbild des +Orion über dem Horizont empor, und bald darauf erschien auch der Sirius, +der glänzendste unter den glänzenden Sternen des Himmels. Für all diese +Schönheit der Nacht, für all diese Großartigkeit jener fernen, +selbstleuchtenden Sonnen schien augenblicklich derjenige am wenigsten +zugänglich zu sein, dessen berufliche Aufgabe gerade die Erforschung des +Sternenhimmels war. Professor Stiller, der berühmte Astronom, Lehrer an der +durch Alter wie Überlieferung gleich ehrwürdigen Universität Tübingen, +ruhte in seinem Lehnstuhl, mit den Fingern der Rechten ärgerlich auf dessen +Seitenlehne trommelnd. Er saß in einem großen, mit einer Kuppel bedeckten +Raum, der auf den ersten Blick als Observatorium oder Sternwarte zu +erkennen war. Ein mächtiges Fernrohr auf massiven Pfeilern ragte aus einer +Öffnung der drehbaren Kuppel hinaus in die klare Winternacht. + +Professor Stiller hatte sich vor Jahren schon auf der ruhigen Bopserhöhe +bei Stuttgart eine Privatsternwarte erbaut, um sich in ihr, fern vom lauten +studentischen Leben und Treiben der Universitätsstadt, um so ungestörter +der Planetenforschung zu widmen. Ganz besonders hatte der Mars, jener +geheimnisvolle Planet, dessen Bahn die der Erde zunächst umschließt, +Professor Stillers Interesse geweckt. Dieses Interesse wurde mehr und mehr +zu einem Privatstudium, und aus diesem heraus wuchs eine so große Liebe zu +dem fernen Planeten, daß in Professor Stiller der Gedanke immer festere +Wurzeln faßte, mit dem Mars in unmittelbare Verbindung zu treten, mit +andern Worten -- ihn zu besuchen. + +Gerade gegenwärtig stand Mars wieder in Erdnähe, und seine augenblickliche +Entfernung von der Erde betrug nur 59 Millionen Kilometer. In der jetzigen +Zeit der großartigsten Erfindungen, der gewaltigen, geradezu fabelhaften +Fortschritte auf technischem Gebiete, der tieferen Erkenntnis der +elektromagnetischen Strömungen im Universum und ihrer Ausnützung, vor allem +aber der so hoch entwickelten Luftschiffahrt hatte der Gedanke eines +Besuches des Mars, einer Reise dahin, durchaus nichts Befremdendes mehr. Im +Gegenteil, so wie die Dinge heute lagen, bestand tatsächlich die +Möglichkeit, die kühne Reise mit Aussicht auf Erfolg ausführen zu können. + +Und Reisegedanken waren es auch, die des Professors Geist augenblicklich +beschäftigten. Aber zu ihnen waren auch ärgerliche Vorkommnisse getreten +und hatten den Gelehrten in eine gewisse zornige Unruhe versetzt. Vor dem +Stuhle des Professors warf eine zierliche elektrische Lampe ihr Licht auf +einen Stoß von Papieren, die, mit Zahlen und Zeichnungen bedeckt, bunt +durcheinander geworfen, auf einem kleinen Tische seitwärts lagen. +Aufseufzend strich sich Professor Stiller mit der Linken über die hohe, +gedankenschwere Stirn. + +»Diese lächerlichen Menschen, diese Blieder und Schnabel, die da in +eigensinniger Weise meinen Anordnungen nicht Folge leisteten und mir +dadurch schon oft den Bau meines Luftschiffes erschwerten, sind wahrlich +nicht wert, daß ich mich noch länger über sie ärgere! Dem Himmel Dank, daß +ich die folgenschwersten Dummheiten dieser beiden Erbauer meines +Luftschiffes immer noch rechtzeitig ausgleichen konnte! Weg also mit allem +Kleinlichen, Ärgerlichen! Diese Stunde soll Mars allein gewidmet sein!« Der +Gelehrte stand auf. »Ja, ja,« fuhr er nach kurzer Pause zu sprechen fort, +»ja, jetzt ist er in der Erdnähe, mein alter, rötlich strahlender Freund. +Für meine Ungeduld, ihn heute abend noch zu sprechen, stille Zwiesprache +mit ihm zu halten, erscheint er ziemlich spät. Und doch ist er der +Pünktliche, nie Fehlende!« + +Professor Stiller sah auf seine Uhr. »11 Uhr 42 Minuten! Noch 55 Sekunden, +und Mars taucht im Osten auf. Rasch hinauf auf die Galerie und an das +Instrument!« Bald stand letzteres gerichtet. Einer kleinen Feuerkugel +gleich zeigte sich dem Auge des Beobachters der über dem östlichen +Horizonte langsam emporkommende Mars. Voll Entzücken betrachtete Professor +Stiller die ihm zugewandte Fläche des Planeten, auf der sich scharf und +deutlich schmale, schnurgerade Linien zeigten. + +»Gerade diese schnurgeraden, vielfach in gemeinsamen Punkten sich +schneidenden Kanäle sind es, die in ihrer Künstlichkeit am deutlichsten und +unzweideutigsten für das Vorhandensein vernunftbegabter Wesen dort oben +sprechen,« kam es laut über die Lippen des Gelehrten. »Der Mars besitzt +trotz seiner Atmosphäre verhältnismäßig geringe Wassermengen. Daher sind +die Marsbewohner gezwungen, diesem Mangel durch künstliche Veranstaltungen +nach Möglichkeit abzuhelfen, die geringen Wassermengen derartig +auszunützen, daß, wenn ein Distrikt bewässert ist, die kostbare Flüssigkeit +einem andern zugeführt wird. Wie oft habe ich nicht schon diese Tatsachen +als Erklärung des zeitweisen Auftauchens und Verschwindens der Marskanäle +in Tübingen vom Katheder herunter verkündigt!« rief Professor Stiller voll +Begeisterung. »Ja, ein Volk mit hoher Kultur muß auf dem Mars wohnen, denn +nur ein solches vermag so wunderbar geniale, dem allgemeinen Wohl dienende +Bauten auszuführen,« fuhr der Professor in seinem lauten Monologe fort. +»Die Jahreszeiten auf dem Mars scheinen mir in erster Linie von dem +Schmelzen der Eismassen an seinem Süd- und Nordpole beeinflußt. Und dieses +aus den polaren Eiszonen abschmelzende Wasser leiten jene Wesen dort oben +zum Zweck der Befruchtung in die uns sogar von hier aus sichtbaren Kanäle. +Welch herrlicher, üppiger Pflanzenwuchs muß sich da längs der Kanäle, an +ihren Ufern entwickeln! Welch starke Vegetationsprozesse mögen sich dort +oben abspielen, wo das Wasser in richtiger Verteilung überallhin geführt +wird! Und was das wohl für ein Menschenschlag sein mag, der den Mars +bewohnt? Uns vielleicht um Jahrtausende an allgemeiner Bildung voraus! +Unmöglich wäre dies nicht. Ich muß sie kennenlernen wie den Boden selbst, +auf dem sich das Leben dieser Wesen abspielt.« + +Voll Erregung trat Professor Stiller vom Teleskop zurück. Aber das lebhafte +Interesse an dem Gegenstande seiner Beobachtung trieb den Gelehrten rasch +wieder an das Instrument. So verfloß Stunde auf Stunde mit astronomischen +Forschungen und Berechnungen. Die funkelnden Sterne am Himmel verblaßten +allmählich, und der Wintermorgen begann langsam heraufzudämmern, als der +Professor endlich seinen Posten verließ und sich in sein warmes Heim +zurückzog, das sich in unmittelbarer Nähe der Sternwarte befand. + +Ein leichter Nebel zog über das Neckartal herauf und lagerte sich über +Groß-Stuttgart. Vor der strahlenden Morgensonne aber zerfloß der dünne +Schleier rasch und ließ die Stadt, die sich im Laufe ihrer Entwicklung aus +dem Tale des Nesenbaches rechts und links am Ufer des Neckars vorgeschoben +hatte, in vorteilhaftestem Lichte erscheinen. Der Winter hatte seinen +Einzug noch nicht gehalten, und die bewaldeten Höhen des Neckartales trugen +daher noch kein Schneegewand. In der reinen, frischen Luft des +Dezembermorgens hoben sich klar und scharf die Türme und villenartigen +Bauten ab, die da und dort von höher gelegenen Punkten auf die zu ihren +Füßen liegende große Stadt herabschauten. Auch die alte Kapelle auf dem +Rotenberge paßte prächtig zu dem gesamten Bilde voll landschaftlicher +Anmut, durch das der Neckar, einem silbernen Bande ähnlich, seine Wasser +strömen ließ. + +Ein großer, freier und ebener Platz mit kurzer Grasnarbe, der durch die +Abhaltung des schwäbischen Volksfestes von alters her weltberühmte +Cannstatter Wasen, unterbrach in angenehmer Weise das Häusermeer und war +von diesem nur auf einer Seite durch den Fluß scharf abgegrenzt. Am oberen +Ende dieses mehrere Kilometer langen Geländes erhob sich ein gewaltiger +Bretterbau. + +»Luftschiff für die Mars-Expedition« + +stand in Riesenbuchstaben an dem rotundenartigen Bau. Und darunter die +üblichen Worte: + +»Unberechtigten ist der Zutritt strengstens verboten!« + +Aus dem Innern des Gebäudes ließ sich augenblicklich nichts vernehmen, ein +Zeichen, daß die Arbeit an dem Werke entweder eingestellt oder vielleicht +schon beendet war. + +Der Bau des Luftschiffes, das zum ersten Male, seitdem es überhaupt eine +Welt- und Völkergeschichte gibt, das schwierige Problem der Fahrt außerhalb +der Erdatmosphäre durch den unendlichen Ätherraum hindurch nach einem ganz +bestimmten Ziele hin lösen sollte, war den Herren Blieder und Schnabel +übertragen. Ersterer war Architekt, dem, allerdings nur in Stuttgart, viel +Erfahrung und Phantasie in der Ausführung kühner Projekte nachgerühmt +wurde, letzterer Professor der Mathematik an einer höheren Schule. Als +solcher war Herr Schnabel berufen, den Bau des Luftschiffes auf Grund +mathematischer Berechnungen zu überwachen und im übrigen als +wissenschaftlicher Beirat Herrn Blieder zur Seite zu stehen. Form und +Schwere, die in sinnreichster Art gebundenen elektrischen Energiemengen, +die zur Vorwärtsbewegung und Steuerung des Schiffes wie auch zur +Beleuchtung und Heizung der geschlossenen Gondel dienen sollten, all die +zahlreichen, äußerst wichtigen Bedingungen und Einzelheiten der Maschinerie +waren von Professor Stiller zusammen mit andern bedeutenden Kollegen der +Tübinger Universität bestimmt und genannten beiden Herren zur Ausführung +übertragen worden. + +Nur zögernd, fast widerwillig hatte Professor Stiller sich zu dieser +Übergabe verstehen können. Blieder und Schnabel waren alte Bekannte von +ihm. Aus der Vorstadt Cannstatt stammend, waren sie mit ihm aufgewachsen, +doch hatten die späteren Jahre und die so ganz verschiedenen Interessen und +Bestrebungen Professor Stiller mehr und mehr von den beiden Jugendgenossen +getrennt. Die entstandene Kluft wurde in dem Maße größer, als Professor +Stiller auf dem steilen Wege der Forschung immer höher emporstieg. Als es +aber bekannt wurde, daß ein Professorenkollegium der Tübinger Universität +auf Grund eines lichtvollen Vortrages von Professor Stiller beschlossen +habe, auf Kosten des staatlichen Universitätsvermögens ein eigenartiges +Luftschiff zur Expedition nach dem Mars bauen zu lassen, da waren die +beiden Genossen ehemaliger Jugendstreiche schleunigst zu Herrn Stiller +geeilt. + +Beide kitzelte der Ehrgeiz, ihre Namen weltberühmt zu machen, sie für ewig +mit dem »Weltensegler«, so sollte das Luftschiff heißen, verbunden zu +sehen. Ihren unermüdlichen Bitten um besondere Berücksichtigung unter +Anrufung der alten Jugendfreundschaft gab Professor Stiller endlich nach. +Er tröstete sich damit, daß von den übrigen für den Bau des Weltenseglers +in Frage kommenden Wettbewerbern schließlich keiner eine bessere Gewähr für +das Gelingen der Arbeit hätte bieten können als Blieder und Schnabel. Und +am Ende, ja, am Ende waren es doch auch Söhne des lieben Schwabenlandes wie +er selbst. + +So war der anfängliche Widerwille des Gelehrten gegen die zwei »engeren +Stuttgarter« zurückgedämmt worden, um jedoch gegen das Ende des Baues desto +lebhafter wieder zu erwachen. Die Herren Blieder und Schnabel waren zwei +richtige Dickköpfe. Jeder glaubte für sich allein den Stein der Weisen +gefunden zu haben und hielt sich daher für berechtigt, den Plan des +Schiffes nach eigenem Gutdünken zu ändern. Nur der Wachsamkeit und der +rücksichtslosen Tatkraft Professor Stillers war es zuzuschreiben, daß sich +nach endlosen Kämpfen, schwerstem Ärger und Verdruß mit Blieder und +Schnabel der Bau des Weltenseglers im großen und ganzen in den Formen +hielt, die ihm der Gelehrte selbst gegeben. + +Aber gestern mittag, als Professor Stiller die Baustätte besuchte, um sich +von der endlichen richtigen Fertigstellung des Ganzen zu überzeugen, an dem +seit vielen Monaten eifrig gearbeitet, und dessen Vollendung bereits in die +Welt hinausposaunt worden war (Blieder und Schnabel waren die Trompeter), +da hatte Professor Stiller in hellem Zorne wahrnehmen müssen, wie gerade +einige seiner wichtigsten Anordnungen von den Erbauern übersehen worden +waren. Die Arbeit, die bereits ruhte, mußte wieder von neuem aufgenommen +werden, und von neuem flickte man am Weltensegler herum. Dadurch verzögerte +sich natürlich der Aufstieg, unter Umständen stand sogar das Gelingen der +Expedition in Frage. Es war einfach, um aus der Haut und nicht nach dem +Mars zu fahren! + +Wütend kam Professor Stiller nach Hause. Er brauchte mehrere Stunden, um +seinen Grimm zu meistern und sein gestörtes seelisches Gleichgewicht +wiederzuerlangen. Unmittelbar am Ziele seiner schon so lange gehegten +Wünsche, und nun von neuem auf die Geduldsprobe gestellt, das ertrage, wer +vermag! Professor Stiller konnte es nicht, und so kam es, daß er, unfähig +zu ernster Arbeit, mehrere Stunden in seinem Observatorium damit zubrachte, +sein etwas rasches, feuriges Blut zu beruhigen und den Ärger zu überwinden. + +Jetzt saß der Gelehrte, eingehüllt in einen bequemen, molligen Schlafrock, +in seinem von der Sonne durchfluteten, geräumigen Studierzimmer, die +Beobachtungen der Nacht verarbeitend. Das Ergebnis war sehr günstig. Jetzt, +oder für lange Zeit, vielleicht für viele Jahre nicht mehr, war es möglich, +von der Erde aus den Mars zu erreichen. Es ist ein großer Unterschied, ob +ein Gestirn von der Erde nur 59 oder 400 Millionen Kilometer entfernt ist. +Der Mars hatte augenblicklich das Maximum seiner Erdnähe erreicht und +befand sich genau 59 Millionen Kilometer von seinem Nachbar entfernt. Die +langen Berechnungen des Professors hatten dies ergeben. Mit der Expedition +durfte daher nicht mehr lange gesäumt werden; jeder beträchtliche +Zeitverlust mußte auf das peinlichste vermieden werden. Wollte man den sich +rasch von der Erde wieder entfernenden Planeten unter vollster Ausnützung +der gerade bestehenden günstigen Gravitationsverhältnisse, der natürlichen, +gesteigerten Anziehungskraft überhaupt erreichen, so mußte mit jeder Stunde +gerechnet werden. + +»Und da müssen gerade in diesem so überaus günstigen Augenblick die beiden +Langohre da unten« -- Professor Stiller schaute bei diesen Worten von +seinem Studierzimmer hinab gen Cannstatt -- »einen kleinen Strich durch +meine Rechnung machen!« Eine Blutwelle neu sich regenden Zornes stieg dem +Professor gegen den Kopf. + +Da wurde an die Tür des Zimmers geklopft. Auf das laute Herein des +Gelehrten erschien dessen Diener und meldete die Herren Blieder und +Schnabel. »Lupus in fabula!« lächelte Professor Stiller vor sich hin, +erinnerte sich aber plötzlich, daß er gestern auf dem Wasen die beiden +Herren zu sich bestellt hatte und zwar für heute auf zwölf Uhr mittags. Ein +Blick auf die Uhr bewies die Pünktlichkeit der Besucher. Der Professor +erhob sich von seinem Stuhle und gab den Befehl, die Herren hereinzuführen. + +»Pünktlichkeit ist Höflichkeit!« Mit diesen Worten begrüßte Professor +Stiller die Eintretenden. »Nehmt Platz,« fuhr er fort, »und sagt mir +sofort, ob binnen vier Tagen die von mir gestern gerügten Ausstände am +Weltensegler in Ordnung gebracht werden können; denn nächste Woche müssen +wir unbedingt hinauf, koste es, was es wolle.« + +»Ich wüßte wirklich von keinem nennenswerten Fehler meinerseits, der den +Aufstieg des Luftschiffes hindern könnte,« meckerte Blieder mit seiner +blechernen Stimme. + +»Was?« schrie der Professor erbost, »muß ich dir altem Baumeister, dem vor +lauter Genialität allerdings nichts einfällt, nochmals das wiederholen, was +ich dir gestern tadelnd sagte?« + +An Stelle der Antwort begnügte sich Blieder, mit den Achseln zu zucken. + +»In der geschlossenen Gondel kann ich keine Glasfenster brauchen, das +könntest du wissen, um so mehr, als ich dieses wichtigen Umstandes bereits +am Anfange, beim Entwurf des Planes gedachte,« entgegnete der Gelehrte. + +»Ja, aber warum? Ich sehe wirklich nicht ein . . .« + +»Mein lieber Blieder, du siehst allerdings weder ein noch aus. Deine in die +Gondel eingesetzten Spiegelgläser sind hart und spröde, den gewaltigen +niederen Temperaturen im Ätherraum gegenüber völlig widerstandslos. Also +hinaus mit den Gläsern, weg mit ihnen und ersetze sie durch elastischen, +widerstandsfähigen Glimmer. Der hält alle Temperaturen über und unter Null +gleich gut aus. Zwei Tage Zeit hast du dazu, und in diesen muß die Änderung +gemacht sein.« + +»Aber wenn . . .« begann Blieder, wurde aber heftig durch den Professor +unterbrochen. + +»Es gibt weder ein Wenn noch ein Aber. Sei froh, daß ich dir in Anbetracht +der Kürze der Zeit die mancherlei andern Unebenheiten hingehen lasse, deren +du dich bei der Konstruktion schuldig gemacht hast. Aber eine wichtige +Sache muß noch verbessert werden. Du dachtest nämlich nicht mehr daran, +obgleich du auch darauf aufmerksam gemacht wurdest, daß eine Gondel, die +während einer bestimmten Zeit der Aufenthaltsraum für eine mehrköpfige +Gesellschaft sein soll, auch eine Klappe für allerlei Abfallstoffe haben +muß. Wir benötigen ein paar solcher doppelten, auf das dichteste +schließenden Klappen, und zwar rechts- und linksseitig, beileibe nicht am +Boden.« + +»Dort wären sie aber am einfachsten anzubringen.« + +»Glaube ich,« erwiderte spöttisch lächelnd Professor Stiller, »wir wünschen +aber nicht unterwegs aus der Gondel zu fallen, sondern wollen womöglich +heil und gesund den Mars erreichen.« + +»Aber im Innern längs der Gondelwand sind die Provianträume, unter diesen +die Akkumulatoren und . . .« + +»So teile sie entsprechend ein, und die Sache ist geordnet. Sela! Nun zu +dir, Schnabel! Wovon meinst du, daß unsere Expedition unterwegs leben +soll?« + +»Natürlich von den mitzuführenden Nahrungsmitteln, von Konserven und andern +guten Sachen, auch besten Neckarwein nicht zu vergessen,« antwortete +schmunzelnd der mit einem hübschen Bäuchlein ausgestattete, eß- und +trinkfeste Mathematiker. + +»Den Wein vergessen wir auch nicht, sei unbesorgt, Schnabel. Aber von was +lebt denn sonst noch der Mensch außer von Speise und Trank?« + +»Nun, von Luft!« entgegnete Schnabel etwas gereizt über diese Frage. + +»Gewiß! Nur sage mir, woher wir denn die Luft auf unserer Reise beziehen +sollen. Im Ätherraume gibt es bekanntlich keine, und die vom Cannstatter +Wasen in der Gondel mitgenommene Heimatluft hält leider auch nicht lange +vor.« + +»O zum Kuckuck! Es ist die Anlage für die feste Luft, die ich vergaß +anbringen zu lassen.« + +»So ist es! Mache deinen Fehler so rasch als möglich gut. Blieder soll dir +dabei helfen. Ob die Anlage feste Luft enthält, werde ich dann selbst noch +prüfen; denn du wärest imstande, sogar die Füllung zu vergessen. Wie ich +dir gestern mittag schon sagte, ist auch die ganze Steuerungsanlage +fehlerhaft. An Stelle der Vermittlung durch die Welle hast du +unbegreiflicherweise die lebendige Kraft des elektrischen Stromes +unmittelbar auf die Aluminiumschraube übertragen.« + +»Laut mathematischer Berechnung das einzig Richtige!« brummte Schnabel. + +»Bleib mir hier mit deiner Mathematik vom Leibe, wenn sie solch +offenkundigen Unsinn zeitigt!« entgegnete zornig Professor Stiller. »Ich +trage die Verantwortung für die gewagte Expedition. Alles, was ihre Gefahr +irgendwie vermehren kann, muß ich nachdrücklich zurückweisen, alles dagegen +willkommen heißen, was zu ihrer Sicherheit und zum möglichen Gelingen +beizutragen vermag.« + +»Als ob wir, Blieder und ich, nicht alles getan hätten, was du von uns +verlangtest! Aber natürlich, euch Allerhöchsten von der Universität ist +selten etwas recht zu machen.« + +»So scheint es wirklich zu sein,« bestätigte seufzend Blieder. + +»Darüber will ich mich mit euch nicht streiten, denn dies wäre eine höchst +zwecklose Sache. Sorgt lieber dafür, daß der Weltensegler nächste Woche +segelfertig ist. Höchste Zeit dafür ist es, soll die Reise überhaupt +gelingen. Seit Tagen schon drängen mich deshalb meine Kollegen in Tübingen, +denen ich als Zeit des Aufstieges die ersten Tage des Dezembers angegeben +hatte, und zwar als äußersten Zeitpunkt. Nun entsteht wieder eine +Verzögerung. Die Sache muß rasch zu Ende gebracht werden. Abgesehen von der +allgemeinen Lächerlichkeit, der wir uns aussetzen würden, wenn die Abreise +immer von neuem wieder verschoben wird, laufen wir überhaupt Gefahr, die +uns gebotenen günstigen Konjunkturen nicht voll und ganz ausnützen zu +können. Also sputet euch! Ich bitte dringend darum.« + +»Wie lange wird die Reise dauern?« fragte Schnabel neugierig und bestrebt, +der ihm unangenehmen Unterhaltung eine freundlichere Wendung zu geben. + +»Das hängt von jedem Tage, ja von jeder Stunde ab, die wir früher fahren +können,« entgegnete Professor Stiller. »Die für die Verbesserung der +gerügten Fehler eingeräumten weiteren vier Tage bedeuten für uns eine +höchst unliebsame Verlängerung der Reise. Mars hat jetzt das Maximum seiner +Annäherung an die Erde erreicht und entfernt sich nun von ihr wieder mit +jeder Minute. Wie lange unter diesen Umständen die Reise im Ätherraume +dauern wird, läßt sich nur ahnen, genau aber nicht sagen. Sobald wir +glücklich aus dem Anziehungskreise der Erde und des Mondes herausgekommen +und in den des Mars gelangt sind, wird die Reise außerordentlich rasch +vonstatten gehen trotz der gewaltigen Entfernungen, die wir zurückzulegen +haben. Dank der mächtigen, vom Mars ausgehenden elektromagnetischen +Strömungen der Anziehung werden wir diesem Planeten mit ganz fabelhafter +Schnelligkeit zufliegen, mit einer Schnelligkeit, die mindestens täglich +auf zwei Millionen Kilometer einzuschätzen ist. Immerhin rechne ich auch im +günstigsten Falle auf eine Reisedauer von mehreren Wochen. Der Vorsicht +halber nehmen wir aber für drei Monate Proviant mit uns.« + +»Und wenn ihr den Mars nicht erreicht, wenn die ganze Reise mißlingt, was +dann?« forschte Schnabel. + +»Dann, mein Lieber, geht es uns, wie es schon so manchem Forscher vor uns +gegangen ist und nach uns noch gehen wird: wir sind die Opfer, die Märtyrer +der Wissenschaft. Mit diesem Fall haben wir aber auch schon gerechnet, als +wir beschlossen, die kühne Fahrt zu unternehmen. Glücklicherweise sind +sämtliche übrigen Teilnehmer gleich mir keine Familienväter, sondern der +Mehrzahl nach jüngere Männer, die diesen Schritt in das Ungewisse, +Geheimnisvolle wagen und vor ihrem Gewissen verantworten können. Ich +persönlich rechne mit aller Sicherheit auf das Gelingen der Reise, auf den +Triumph der Wissenschaft.« + +»Mit staunender Bewunderung sieht heute die ganze Kulturwelt auf uns und +unser Neckartal, wo so kühne Pläne vor ihrer Verwirklichung stehen, und +kommt ihr einst mit dem Weltensegler glücklich wieder zurück, so werdet ihr +in einer Weise empfangen und gefeiert werden, wie es noch niemals Menschen +vor euch geschah,« warf Blieder ein. + +»Zuerst müssen wir nach dem Mars gekommen sein, bevor wir überhaupt an eine +Rückkehr denken können,« entgegnete Professor Stiller lächelnd. »Einige +Jahre dürfte unsere Abwesenheit von hier schon dauern; denn eine solche +ungeheure Reise erfordert begreiflicherweise auch außergewöhnliche +Zeitdauer. Und das interessanteste Studienobjekt ist der Mensch selbst, der +auf jenem fernen Weltkörper haust. Wie ihr wißt, beweisen uns unsere +teleskopischen Beobachtungen, daß es ganz besonders hochstehende Wesen sein +müssen, die dort wohnen. Wer weiß, ob sie uns nicht geistig wie körperlich +weit überragen.« + +»Oder uns gegenüber noch sehr minderwertig sind, was auch nicht unmöglich +wäre,« bemerkte Schnabel hochmütig. »Auf keinen Fall möchte ich mit.« + +»Du bleibst auch besser unten auf der Erde,« entgegnete Professor Stiller. +»Und nun haben wir genug geschwatzt. Eilt an eure Arbeit! In vier Tagen +werde ich auf den Wasen kommen und mich überzeugen, ob die gerügten +Anstände in Ordnung gebracht sind. Nächste Woche muß die Abreise des +Weltenseglers unbedingt stattfinden; ich betone dies nochmals mit allem +Nachdruck. Jeder weitere Tag des Wartens bedeutet für mich und mein an sich +schon aufgeregtes Nervensystem eine fürchterliche Qual. Sie zu vermindern, +liegt in eurer Hand. Ihr habt mir oft und viel Verdruß bereitet, macht +also, daß ich ohne allzu großen Groll von euch und dieser Erde scheiden +kann.« Mit diesen Worten entließ der Professor seine Besucher. + + + + +Zweites Kapitel +Die Abreise der Weltensegler + + +Für Professor Stiller und seine Gefährten vergingen die folgenden Tage in +fieberhafter Tätigkeit mit den Vorbereitungen zur Reise. Auch auf dem +Cannstatter Wasen in der Werkstätte des Weltenseglers herrschte wieder +regste Tätigkeit. Das Luftschiff war aus der gewaltigen Halle heraus auf +den großen, freien Platz davor gebracht und hier fest verankert worden. Nun +erst konnte man die riesigen Formen des Ballons richtig erkennen. Er hatte +eine länglich ovale Gestalt, ebenso die an ihm befestigte geschlossene +Gondel. Infolge dieser Ähnlichkeit machte die Gondel den Eindruck, als +befinde sich ein zweiter kleinerer Ballon unterhalb des großen, +gewissermaßen wie Mutter und Kind. + +Die Länge des Luftschiffes betrug, von einer Spitze zur andern gemessen, +zweihundert Meter, die mittlere Höhe zwanzig Meter. + +Das innere Gerippe des Ballons bestand aus einem Netzwerk von luftleer +gemachten, sehr dünnen, aber außerordentlich starken Metallblechröhren. +Darüber legte sich ein zweites, gleich konstruiertes Gerippe und über +dieses ein drittes. Wohl waren die drei Lagen unter sich verbunden, aber +doch so, daß auch jede einzelne für sich allein tätig sein und die Gondel +tragen konnte. Es war sozusagen ein dreifach übereinander gestülpter +Ballon. + +Zur Anfertigung der Metallröhren wurde die von Professor Samuel Schwab in +Tübingen neu entdeckte Metallmischung, Suevit genannt, verwendet. Diese +Mischung zeichnete sich durch außerordentliche Leichtigkeit, fabelhafte +Widerstandsfähigkeit und gewaltige Tragkraft aus und stellte alle bis jetzt +in dieser Richtung bekannten Metallpräparate in den Schatten. Suevit +bestand der Hauptsache nach aus Aluminium, dem aber in bestimmtem +prozentualem Verhältnisse Wolfram neben etwas Kupfer und Vanadium +beigegeben war. Diese Legierung ließ sich zu feinstem Blech auswalzen, ohne +dabei von ihrer Widerstandskraft auch nur das geringste einzubüßen. Aus +diesem Blech nun wurden die Röhren geformt, die zur Anfertigung der drei +Ballongerippe dienten. Die Röhren waren nahtlos und wurden, nachdem sie auf +das sorgfältigste luftleer gemacht worden waren, mit dem neuen merkwürdigen +Gase Argonauton gefüllt. + +Zur Umhüllung der einzelnen Metallgerippe diente das von dem leider zu früh +verstorbenen Eßlinger Großindustriellen Wilhelm Weckerle erfundene Gewebe +aus Seide und Leinen, das das Staunen und die Vewunderung der gesamten +Textilbranche erregte. Die Fäden dieses Gewebes wurden auf eigens dazu +gebauten Webstühlen mittels neuer Maschinen auf geistreiche Weise so +miteinander verknüpft, daß sie nahezu unzerreißbar und von wunderbarer +Glätte wurden. Jeder einzelne der drei Ballons wurde mit dem Stoff umhüllt, +dann erst wurde dieser so lange mit Kautschuklösung getränkt, als er +aufnahmefähig war. Durch dieses Verfahren wurde der Stoff für das Gas +vollständig undurchdringlich gemacht. Nichtsdestoweniger wurde der Vorsicht +wegen das Ganze noch mit einer dünnen Kautschukmasse umgeben und auf diese +endlich die Pillerinlösung aufgetragen, eine von Professor Piller in +Tübingen zu diesem Zwecke hergestellte Eisensilikatflüssigkeit. Sie gab dem +Überzuge eine einer Panzerung ähnliche Widerstandskraft, die selbst durch +Anwendung größter äußerer Gewalt kaum überwunden werden konnte. Der Ballon +stellte so das Ideal des starren Systems des Luftschiffes dar. + +In dieser peinlich genauen Art wurden auch die einzelnen Bestandteile des +Ballons behandelt. Die Berechnung war so getroffen, daß auch nach einem +etwaigen Verlust der ersten, äußersten Hülle oder, was kaum anzunehmen war, +auch der zweiten mittleren, die innerste immer noch als selbständiges +Ganzes zu funktionieren und die Gondel zu tragen vermochte. + +Auf diese Weise suchte Professor Stiller allen nur möglichen Gefahren im +Weltraum erfolgreich zu trotzen. Jede Ballonhülle war mit einer besonderen +Klappe versehen, die vom Gondelinnern aus dirigiert werden konnte. + +Der Ballon war, wie bereits gesagt, mit dem neu entdeckten, spezifisch +unendlich leichten Gase Argonauton gefüllt. Kaum noch wägbar (0,01), besaß +das Argonauton die unschätzbare Eigenschaft, weder durch enorme Hitze +(+1350 Grad), noch durch größte Kälte (-500 Grad) irgendwie in seinem +Aggregatzustande beeinflußt oder gar verändert zu werden. Es war zur Zeit +noch das einzige wirklich beständige oder permanente Gas, das Rätsel der +Gelehrtenwelt. + +Das Gerippe der Gondel bestand aus derselben Art von Röhren und einem +Überzuge aus Weckerleschem Gewebe, das in ähnlicher Weise wie der Ballon +mit Kautschuk überzogen und mit Pillerinlösung widerstandsfähig gemacht +worden war; Außerdem trug die Gondel noch eine dicke Isolierschicht aus +Asbest. Im Innern aber war sie dicht mit Pelzwerk ausgeschlagen; galt es +doch, dem Wärmeverlust im ungeheuer kalten Ätherraume, dessen Temperatur +auf 120 bis 150 Grad Celsius unter Null geschätzt wurde, nach Möglichkeit +vorzubeugen. An Sitz- wie Liegegelegenheit fehlte es in der Gondel nicht. +Ihr Inneres machte sogar einen äußerst wohnlichen und behaglichen Eindruck. +An den Längsseiten der zehn Meter langen und fünf Meter breiten Gondel +befanden sich in einer Art von Schränken die Vorräte von den +verschiedenartigsten Nahrungsmitteln. + +Unterhalb der Vorratsräume liefen die Leitungen der elektrischen Apparate +für Heizung und Beleuchtung des Gondelinnern und diejenigen für die +Erneuerung der Luft. Die Fortschritte der technischen Wissenschaften hatten +es möglich gemacht, ganz gewaltige Mengen elektrischer Kraft auf einem +verhältnismäßig kleinen Raume festzulegen. Auf diese Weise nur war es dem +Weltensegler möglich, ohne nennenswerte Mehrbelastung diejenigen +Energiemengen an elektrischer Kraft mit sich zu führen, die in ihrer +umgesetzten Form als Licht und Wärme nicht nur die Existenz der +Gondelbewohner ermöglichen, sondern auch zur Vorwärtsbewegung und Lenkung +des Luftschiffes selbst dienen sollten. Für letztere Zwecke waren am +Ballonkörper selbst seitwärts, rechts und links, Luftschrauben angebracht, +die durch die elektrische Kraft von der Gondel aus in Tätigkeit gesetzt +werden konnten. Zur ebenfalls elektrisch betriebenen Steuerung dienten mit +dem imprägnierten Weckerleschen Stoffe bespannte, wagrecht wie senkrecht +einstellbare große, mit Suevitröhren eingefaßte Flächen. Dadurch war eine +Steuerung nach zwei Richtungen hin möglich, horizontal sowohl wie auch +vertikal. + +Die in metallene Behälter eingeschlossene feste, kristallinische Luft, im +Augenblicke ihres Kontaktes mit äußerer, gasförmiger Luft sofort sich +verflüssigend und fein zerstäubend, nahm, trotz großer Vorratsmenge, +ebenfalls nicht allzuviel Raum und Gewicht in Anspruch. + +So waren die wichtigsten, elementarsten Bedingungen erfüllt, die das +großartige Unternehmen zu einem erfolgreichen Ergebnis führen konnten. Seit +sich der Weltensegler im Freien befand, allen Augen sichtbar, strömte eine +Menge neugieriger Besucher herbei, um ihn zu bewundern, die Erbauer mit +Fragen zu bestürmen und sie um allerlei Auskunft zu bitten. Die Herren +Blieder und Schnabel befanden sich nun endlich in dem ihnen am meisten +zusagenden Elemente. Sie schwammen förmlich in Stolz, Wonne und erhöhtem +Selbstgefühl, waren sie doch in diesem Augenblick die wichtigsten und dank +ihrer Intelligenz als Erbauer auch die angesehensten Persönlichkeiten nicht +allein Groß-Stuttgarts, sondern sogar der gesamten Welt. Ihre Namen waren +in aller Munde. Was konnten sie mehr verlangen? Selten wird einem Irdischen +das große Los zuteil, allgemein mit Hochachtung genannt zu werden. Unter +den staunenden Besuchern des Cannstatter Wasens waren Vertreter aller +möglichen Völker erschienen, Gelehrte und Ungelehrte, Hochkultivierte und +Halbwilde, Männer, Frauen und Kinder, war es ja doch seit Monaten schon +durch Zeitungen und Spezialberichte überall, diesseits und jenseits der +Ozeane, bekannt geworden, daß das große, unerhört verwegene Wagnis einer +Reise nach dem fernen Mars anfangs Dezember vom Herzen des Schwabenlandes +aus zur Ausführung kommen sollte. Die Namen Blieder und Schnabel waren +daher in den fernsten Winkel des Erdballes getragen worden als die kühnen +Schöpfer des Luftschiffes, das als erstes die unendlichen Räume des +Weltenäthers durchschnitt. + +Mit der Zunahme der Besucher stieg die allgemeine Erregung, als der Tag des +Aufstieges des Weltenseglers langsam näher rückte. Nach Hunderttausenden +wurden die Fremden geschätzt, die nach Groß-Stuttgart geströmt waren, um +das in seiner Art einzige Schauspiel zu sehen, ein Schauspiel, von dem noch +in den fernsten Zeiten als von einer wunderbaren Begebenheit gesprochen +werden mußte. Nur persönlich dabei zu sein, den Augenblick des Aufstieges +in seiner ganzen Wucht der Eigenart auf sich einwirken zu lassen, von +diesem einzigen Wunsche waren alle Besucher beseelt. Sie zahlten gewaltige +Preise für ihre Unterkunft. Wer mit dem Geld nicht verschwenderisch um sich +werfen konnte, fand weit und breit in und um Stuttgart herum keine +Unterkunft. Nicht nur waren die Gasthäuser bis unter das Dach hinauf +besetzt, nein, auch die Häuser von Privaten waren gefüllt. Noch niemals +hatte Stuttgart mit seiner Umgebung einen so ungeheuren Fremdenstrom +erlebt, wie in diesen Tagen. + +Auf dem Wasen selbst war das Leben und Treiben der Menschenmenge nachgerade +lebensgefährlich geworden. Man stieß und drängte sich förmlich. Überall war +ein fürchterliches Pressen und Schieben, dazwischen ein Lachen und +Schimpfen und Wettern in allen Sprachen der Völker. Jeder und jede wollte +so nahe als möglich an den Weltensegler gelangen, an dieses Wunder der +Technik, dieses stolze Erzeugnis wissenschaftlicher Berechnung. Alle +wollten das Werk möglichst genau sehen und betrachten, womöglich auch +befühlen und einen Blick in die merkwürdig eingerichtete Gondel werfen; +sollte diese doch für viele Wochen der Aufenthaltsort der berühmten sieben +Gelehrten sein, die ohne Rücksicht auf ihr Leben die einem Märchen gleiche +Reise nach einer andern Welt unternahmen, einer Welt, die in +schwindelerregend weiter Ferne von der Erde sich befand. + +Die Meinungen über das Gelingen oder Mißlingen der Expedition waren beim +Publikum noch immer geteilt. Darüber aber waren sich alle einig, daß das +Unternehmen an Kühnheit und Großartigkeit alles in den Schatten stellte, +was die Welt bisher gesehen, und daß die Männer der Expedition an Mut und +Entschlossenheit nicht ihresgleichen fanden. + +So war der 7. Dezember herangekommen, der ewig denkwürdige Tag, an dem +nachmittags punkt vier Uhr der Aufstieg des Weltenseglers stattfinden +sollte. Kurz nach Tagesanbruch war Professor Stiller auf der Baustelle +erschienen. Die Herren Blieder und Schnabel befanden sich bereits auf dem +Platze und erwarteten den Professor. Ebenso waren sämtliche am Weltensegler +beschäftigte Arbeiter angetreten. Der Ballon wie die Gondel wurden einer +scharfen, eingehenden Besichtigung unterworfen. Die von Professor Stiller +gerügten Ausstände waren beseitigt. Einige kleinere Anstände, die der +Professor da und dort noch entdeckte, verbesserten die Arbeiter sehr rasch. +Nachdem auch das Kleinste geordnet war, stieg Professor Stiller in die +Gondel. Ihm folgten die Herren Blieder und Schnabel sowie einige der ersten +Arbeiter. + +Die Taue, mit denen das Riesenluftschiff am Boden befestigt war, wurden +vorsichtig gelöst. Langsam, in stolzer Sicherheit erhob sich der +Weltensegler gen Himmel. Unterdessen hatte sich trotz der frühen +Morgenstunde eine Menge von Neugierigen auf dem Wasen eingefunden, die mit +Staunen und lauter Bewunderung den Bewegungen des Luftschiffes folgten. +Hoch oben in der Luft, kaum noch erkennbar, bald rückwärts, bald vorwärts +flog der Weltensegler, willig der Steuerung gehorchend wie das flinkste +Schiff im Wasser. In raschem Fluge und weitem Bogen zog das Luftschiff über +Stuttgart hin, kehrte wieder über den Ort des Aufstieges zurück und ließ +sich langsam und majestätisch genau auf dem Punkt nieder, von dem es +ausgegangen war. + +Ein tausendstimmiges Bravo der Zuschauer, wie ein Donner klingend, belohnte +die gelungene Probefahrt. Nun konnte es tatsächlich keinem Zweifel mehr +unterliegen, daß ein so wunderbar schnell fliegendes und leicht lenkbares +Luftschiff wie der Weltensegler den höchsten aeronautischen Anforderungen +genügen, daß die Reise wirklich zu einem befriedigenden Ziele, zu einem +günstigen Ergebnis führen mußte. + +Mit Befriedigung verließ Professor Stiller die Gondel. Die Sache war besser +ausgefallen, als er vor wenigen Tagen selbst noch geglaubt hatte. Sein so +lange genährter und auch berechtigter Unmut gegen die Herren Blieder und +Schnabel wich freundlicheren Gefühlen, als er sich von ihnen +verabschiedete. Gern übersah er deshalb auch, daß die Erbauer des +Weltenseglers eigentlich nur die Handlanger bei der Ausführung des +Erzeugnisses seiner eigenen Geistesarbeit gewesen waren, und gönnte ihnen +den leicht und billig verdienten Ruhm. Neidlos überließ er seine alten +Schulgenossen dem herbeiströmenden Publikum, das diese mit Glückwünschen zu +dem genialen Bau und der gelungenen Probefahrt des Weltenseglers +überschüttete. + +Es ging auf ein halb vier Uhr nachmittags. Ein Meer von Menschen wogte auf +dem Wasen. Von Minute zu Minute stieg die Erwartung, denn bald sollten die +kühnen Weltensegler, die sieben berühmten Gelehrten, Deutschlands und +Schwabens Stolz und Zier, auf dem Wasen eintreffen, um in dem Luftschiff +mit dem so treffenden Namen die ungeheuerliche Reise anzutreten. Punkt ein +halb vier Uhr begannen die Glocken aller Türme von Groß-Stuttgart zu +läuten. Es war ein harmonisches, feierliches Konzert, würdig des +bevorstehenden ernsten und zugleich so großartigen Augenblicks. Aus dem +Tale des Nesenbachs heraus wie aus dem des Neckars verkündete der laute, +eherne Mund der Glocken das Hohelied von Mut, von Kühnheit und dem +Menschengeist, der sich über den einengenden Erdenkreis hinaus erhob und +sich einen Verkehr mit jenen fernen, geheimnisvollen Welten anzubahnen +anschickte, der seit Beginn der menschlichen Kultur bis zur heutigen Stunde +das hoffnungslose Sehnen und Wünschen der Edelsten und Besten gewesen war. +Jetzt endlich, nach Jahrtausenden, sollte dieses Sehnen Erfüllung finden, +der Verwirklichung entgegengehen. Kein Wunder, daß die gesamte Welt mit +atemloser Spannung nach der Hauptstadt des Schwabenlandes blickte, wo eine +solche Großtat vollbracht werden sollte. + +Nach allen Richtungen der Windrose flogen von dem Cannstatter Wasen die +Telegramme der Berichterstatter. Ein großes Depeschenbureau war für diesen +Zweck in unmittelbarer Nähe des Weltenseglers errichtet worden. Auf dem +Wasen selbst war die Erregung der Massen nachgerade aufs höchste gestiegen. +Die feierlichen Akkorde der Glocken hatten bei der Menschenmenge ein +erhebendes, sonntägliches Gefühl erweckt, und als fünf Minuten vor vier Uhr +die Glocken plötzlich mit einem Schlage verstummten, da herrschte auf dem +weiten Platze die ernste, erwartungsvolle Stille der Kirche. + +Die Sonne stand schon tief im Westen. Ihre rotgoldenen Strahlen spielten +wie Abschied nehmend an dem Weltensegler und ließen das gewaltige, kaum +sich bewegende Luftschiff wie mit einem Heiligenschein umgeben erscheinen. +Da ertönten von der Neckarbrücke her Hurrarufe. Sie pflanzten sich fort und +wurden zu einem betäubenden Willkommen. Aus Hunderttausenden von Kehlen +stieg brausender Begrüßungsruf, als die Menge der sieben Gelehrten +ansichtig wurde, deren Namen von Mund zu Mund gingen, und deren Bildnisse +in ungezählten Exemplaren gekauft worden waren. Die Herren vertraten +folgende Fächer: + +Prof. Dr. Siegfried Stiller, Astronomie, Physik und Chemie, + +Prof. Dr. Paracelsus Piller, Medizin und allgemeine Naturwissenschaft, + +Prof. Dr. David Dubelmeier, Jurisprudenz, + +Prof. Dr. Bombastus Brummhuber, Philosophie, + +Prof. Dr. Hieronymus Hämmerle, Philologie, + +Prof. Dr. Theobald Thudium, Nationalökonomie, + +Prof. Dr. Friedolin Frommherz, Ethik und Theologie. + +In einem Autoelektrik sitzend, fuhren die Herren langsam durch die sich vor +ihnen öffnende Menschenmauer der Baustelle des Weltenseglers zu. Ernst und +voll Würde grüßten die kühnen Reisenden die ihnen zujubelnde Menge. Am +Weltensegler angelangt, verließen sie den Wagen, und Professor Stiller +bestieg die in aller Eile und in letzter Stunde noch aufgerichtete +Rednertribüne, um von da aus einige Worte des Abschiedes an die nächste +Umgebung zu richten. + +»Verehrte Damen und Herren, werte Freunde und Kollegen von nah und fern +dieses kleinen Erdenballes! Die Geschichte unseres Planes ist Ihnen ja +allen bekannt. Heute ist er verwirklicht insofern, als es uns gelungen ist, +ein Luftschiff zu konstruieren, das nicht nur die Atmosphäre unserer Erde +mit Leichtigkeit durchschneiden, sondern auch -- und dies ist der +springende Punkt -- den Ätherraum selbständig durchfliegen soll. Alle hier +in Frage kommenden, ungeheuer verwickelten wissenschaftlichen Bedingungen, +die vorher erfüllt werden mußten, um unsere Reise nach dem Mars zu +ermöglichen, will ich nicht weiter erwähnen. Dies würde mich auch viel zu +weit führen. Aber für meine heilige Pflicht halte ich es, in dieser Stunde +des Abschiedes laut und offen zu erklären, daß möglicherweise unsere Reise +von manchen Faktoren ungünstig beeinflußt, durch diese »Unbekannten«, die +wir hier auf unserm Planeten nicht in den Kreis unserer Berechnung zu +ziehen vermochten, vielleicht auch zum Scheitern gebracht werden kann. +Diese Erkenntnis schützt uns vor Selbstüberhebung, sie zeigt uns aber auch +klar die Gefahren unserer Expedition. Nicht Leichtfertigkeit, sondern die +vorwärts treibende Wissenschaft, der Durst nach Aufklärung ist es, der uns +unser eigenes Leben nicht achten, sondern in den Dienst der allgemeinen +Forschung stellen läßt. + +Ob und wann wir uns je in diesem Leben wiedersehen werden, kann heute +niemand von uns sagen. Kommen wir in einer Reihe von Jahren nicht mehr +zurück, so weihen Sie unserm Andenken eine stille Träne. (Allgemeine +Rührung.) Wir sind eben dann die Opfer unseres Berufes geworden. Aber +ebensogut ist es möglich, daß wir Ihnen einmal später von den Wundern einer +andern Welt berichten können. Leben Sie daher alle, alle wohl, und nehmen +Sie zum Abschiede meinen und meiner Kollegen herzlichen Dank für Ihr +Erscheinen hier, für Ihre Anteilnahme an unserm Unternehmen.« + +Beifallsstürme brachen los, als Professor Stiller seine Rede beendigt hatte +und nun gemessenen Schrittes von der Tribüne herabstieg. Wieder trat eine +lautlose Stille ein, als die Gelehrten einer nach dem andern in die Gondel +stiegen. Professor Stiller war der letzte, der die Strickleiter zur Gondel +hinaufkletterte. Er winkte noch mit der Hand, dann schloß sich die kleine +Tür. Das Klingeln einer elektrischen Glocke war das Signal zum Lösen der +Taue. Der Weltensegler hob sich. Ruhig, gerade stieg er hinauf in den mehr +und mehr heraufziehenden Winterabend. Kleiner und kleiner wurde der +mächtige Ballon, größer und größer die Entfernung zwischen ihm und der +Erde, dann verschwand er vor den Augen der Zurückgebliebenen, die sich +schweigend unter dem machtvollen Eindruck des Geschehenen nach und nach +zerstreuten. + +Am Abend dieses bedeutungsvollen Tages gab der hohe Rat der Stadt Stuttgart +zu Ehren der Herren Blieder und Schnabel, der Erbauer des Weltenseglers, in +dem glänzend erleuchteten, prachtvoll geschmückten Cannstatter Kursaal ein +prunkvolles Festmahl. In mancherlei Reden wurden die Herren als die im +Augenblick berühmtesten Männer und hervorragendsten Leuchten ihrer +Vaterstadt gefeiert. Tränen der Freude liefen den beiden Herren über die +gut genährten Wangen, als sie so offen ihr Loblied aus dem Munde der +hochwürdigen Stadtväter singen hörten. Allerdings behaupteten böse Zungen +später, Blieder und Schnabel hätten nur deshalb geweint und nicht mit +Worten zu danken vermocht, weil sie schon zu viel des guten Weines +getrunken und den Zungenschlag bekommen hätten. Aber böse Zungen sind ja +immer dabei, wenn es gilt, die Verdienste anderer zu schmälern. + +Beim Festmahle erreichte die allgemeine Rührung ihren Höhepunkt, als den +Herren Blieder und Schnabel auf ihre etwas großen Köpfe je ein mächtiger +Lorbeerkranz gepreßt wurde. Am Schlusse des Mahles verkündete der Herr +Oberbürgermeister der Haupt- und Residenzstadt, daß Herr Architekt Adolf +Blieder und Herr Professor Julius Schnabel auf Grund ihrer Leistungen bei +dem kühnen Bau des Weltenseglers aus dem Stande der gewöhnlichen Bürger der +Stadt herausgehoben und in die kleine Gemeinde der Ehrenbürger versetzt +seien. Die Überreichung der Ehrendiplome unter den rauschenden Klängen des +Stuttgarter Stadtmarsches schloß die erhebende Feier erst um die +mitternächtliche Stunde. + + + + +Drittes Kapitel +Zwischen Himmel und Erde + + +Keine nennenswerte Luftströmung störte den fast senkrechten Aufstieg des +Weltenseglers. Noch befand sich das Luftschiff im Bereich der +Erdatmosphäre. Allerdings machte sich die erreichte Höhe durch den +verminderten Luftdruck und das Sinken der Temperatur auch im Innern der +Gondel fühlbar. Professor Stiller, als Leiter des Ganzen, schlug daher vor, +zunächst einen bescheidenen Abendimbiß einzunehmen, wohl den letzten in der +Nähe der Mutter Erde, von der die Expedition nach dem Stand des Barometers +schon siebentausend Meter entfernt war. Der Vorschlag fand allseitige +Billigung. Die Herren ließen sich die ausgezeichneten Stuttgarter Fleisch- +und Backwaren vortrefflich schmecken, und dem an den sonnigen Halden des +Neckartales bei Cannstatt gewachsenen Zuckerle, so hieß der mitgenommene +gute Rotwein, wurde wacker zugesprochen, soweit eben die Herren Gelehrten +keine Abstinenzler waren. + +Nach dem Mahle wurde die Aufmerksamkeit wieder den Instrumenten zugewandt. +Diese zeigten an, daß die Grenze der Erdatmosphäre erreicht sei, mithin der +Eintritt in den unermeßlichen Ätherraum bevorstehe. Die mit Xylol gefüllten +Thermometer zeigten außerhalb der Gondel bereits 42 Grad unter Null an, und +die Barometer registrierten eine Höhe von 19950 Meter. In der Gondel wurden +die elektrischen Glühkörper in Tätigkeit gesetzt, nachdem schon vorher der +Zerstäubungsapparat für die feste Luft in Funktion getreten war. Eine +erträgliche Temperatur und eine angenehme, gut atembare Luft herrschte in +der Gondel. Der Dienst in dem Raum wurde in der Weise geordnet, daß jeder +der Gelehrten während vierundzwanzig Stunden abwechselnd drei Stunden +zweiundvierzig Minuten die Instrumente zu überwachen hatte. Auf diese Art +war für den einzelnen der Dienst nicht anstrengend. Nur Professor Stiller +hatte sich vorbehalten, im Falle der Notwendigkeit die Dienstleistung für +gewisse Zeit allein zu übernehmen. + +Ruhig und gut ging die erste Nacht in der Gondel hoch oben im Ätherraume +vorüber. Unterdessen war der Ballon äußerst schnell gestiegen. Morgens um 7 +Uhr, am 8. Dezember, war die Höhe von 90723 Meter erreicht. Die Thermometer +an den Glimmerfenstern der Gondel zeigten die fürchterliche Kälte von 120 +Grad. Tiefe Dunkelheit umgab den Weltensegler. Kein einziger Sonnenstrahl +fiel in diese pechschwarze Nacht des Tages. Rascher und rascher stieg das +Luftschiff, seinen Kurs genau der Steuerung gemäß nach Osten haltend. Gegen +Mittag wurde durch den Geschwindigkeitsmesser die gewaltige Entfernung von +220000 Meter von der Erde angezeigt. Sollte das Steigen in diesem +schnellen, progressiv sich steigernden Tempo fortgehen, so mußte der +Weltensegler im Laufe weniger Tage in die Nähe des Mondes gelangen, der bis +dahin, um 90 Grad nach Osten vorgerückt, gerade sein erstes Viertel bilden +würde. + +Mit der Annäherung an den Mond erhielt der Weltensegler dann wieder das +Licht der Sonne, konnten die Gondelbewohner sich wieder an den leuchtenden +Strahlen der Urquelle aller Kraft erfreuen. Obgleich noch keine +vierundzwanzig Stunden unterwegs, empfanden die Herren die Dunkelheit des +sie umgebenden Weltraumes wie eine allzulange Nacht. Sie begannen sich +darüber zu äußern. + +»Wir sind eben Kinder des Lichtes, der Sonne und empfinden sofort deren +Mangel,« sprach Professor Dubelmeier. + +»Das ist wohl wahr,« bestätigte Friedolin Frommherz, »alles Licht, auch das +unserer Seelen, kommt von oben.« + +»Umgesetztes Sonnenlicht, mein Lieber,« ergänzte Professor Hämmerle. + +»Nennen Sie es, wie Sie wollen, das letzte aller Rätsel, die wirkliche +Ursache alles Seins bleibt uns Sterblichen eben doch für immer verborgen, +und wer weiß, ob dies nicht sehr gut ist,« entgegnete Frommherz. + +»Darüber wollen wir uns hier in unserer Gondel nicht streiten, sondern uns +über die Aussicht freuen, in kürzester Zeit aus dem Dunkel des Ätherraumes +heraus wieder in das volle Licht der Sonne eintauchen zu dürfen, allerdings +um sehr rasch wieder in die Finsternis zurückzukehren, wohl dann für +längere Zeit,« warf Professor Stiller ein. + +Doch plötzlich wurde der Unterhaltung ein unerwartetes Ende bereitet. Der +Weltensegler begann zu zittern und schien einen Augenblick still zu stehen. +Das Zittern des mächtigen Ballons übertrug sich auf die Gondel. + +»Was ist los, um des Himmels willen, was hat sich ereignet?« Diese Fragen +kamen über die Lippen von mehreren der erregten Gelehrten. + +»Zunächst nur Ruhe, keine Aufregung, die ja doch zu nichts führen würde, +liebe Freunde!« besänftigte Professor Stiller seine erschrockenen +Gefährten. »Es scheint, daß wir in den breiten elektrischen Anziehungsstrom +des Mondes gelangt sind, auf den der Weltensegler mit seiner eigenen +elektrischen Strömung sofort reagiert hat, daher sein plötzliches +Erzittern,« fuhr Herr Stiller fort. »Nun seht, er beruhigt sich und treibt +wieder und zwar bedeutend schneller vorwärts, ein Beweis für die +Richtigkeit meiner Vermutungen.« Mit diesen Worten trat Stiller von seinem +Beobachtungsposten zurück, um ihn aber bald nachher wieder einzunehmen. + +Von der Geschwindigkeit der rasenden Vorwärtsbewegung spürten die Insassen +der Gondel nichts oder nur sehr wenig. Mit größter Aufmerksamkeit +beobachtete Professor Stiller wieder den Geschwindigkeitsmesser. Nach einer +Stunde konstatierte der Gelehrte kopfschüttelnd eine zurückgelegte Strecke +von 4500 Kilometern. + +»Warum schütteln Sie den Kopf, Stiller?« fragte Professor Piller den +Kollegen. + +»Es geht langsamer vorwärts, als ich mir vorstellte und nach meinen +Berechnungen erwartet hatte.« + +»Nanu, ich denke, 4500 Kilometer in einer Stunde fliegend zurückzulegen, +macht uns so leicht niemand nach. Eine solche Geschwindigkeit übersteigt +alles, selbst die kühnste Rechnung,« warf Brummhuber ein. + +»Sie übersehen dabei die ungeheuren Entfernungen, die wir zurückzulegen +haben, um unser Ziel zu erreichen,« entgegnete Professor Stiller. »Doch ich +hoffe, daß es in diesem Tempo nicht weitergehen wird; wir kämen sonst,« +fügte er etwas gezwungen lächelnd hinzu, »mit allzu großer Verspätung auf +dem Mars an.« + +»Ein paar Tage mehr oder weniger spielen bei unserer Reise keine Rolle,« +antwortete Thudium. + +Doch Herr Stiller gab keine Antwort mehr. Ernste Gedanken zogen in sein +Gehirn und begannen ihn zu quälen. Diese Gedanken wollte er einstweilen für +sich behalten. Wozu die Ruhe, das Vertrauen der Gefährten schon jetzt +erschüttern? Die Zeit brachte von selbst Rat und vielleicht auch -- Hilfe. + +So verstrichen der zweite und der dritte Tag der Reise. + + +Am Ende des letzteren betrug die zurückgelegte Entfernung 324000 Kilometer. +Die Geschwindigkeit des Weltenseglers hatte also doch etwas zugenommen, +dank der von ihm aus seinen Apparaten nach außen hin abgegebenen +elektrischen Kraft, die von Professor Stiller im Vereine mit Piller und +Hämmerle einer sorgfältigen Messung unterlag. So vergingen die Stunden. +Keiner der Herren vermochte zu schlafen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach +mußte der Weltensegler noch diese Nacht in die unmittelbare Nähe des Mondes +gelangen. + +Eine plötzliche, von außen her in die Gondel dringende Helle ließ sofort +Professor Stiller den elektrischen Strom schließen. Das Luftschiff begann +langsamer zu fahren und stoppte endlich. Die Herren stürzten nach den +Fenstern der Gondel, um den ganz unbegreiflichen Stillstand zu ergründen. +Staunende Bewunderung über das, was sich ihren Augen bot, wirkte im ersten +Augenblick so lähmend auf die Insassen der Gondel, daß sie minutenlang wie +gebannt in stummem Entzücken dastanden. Dann aber brach sich eine laute +Begeisterung Bahn. + +»Großartig! Einzig schön! Allein die Reise wert! Ein Bild ohnegleichen! Der +Mond, der Mond!« so kam es über die Lippen der Beschauer. Unmittelbar unter +ihnen zeigten sich, hell beschienen von der Sonne, gewaltige, oft +zerrissene, wild zerklüftete, trotzig emporstrebende Berge, die Schatten +von wunderbarer, ungekannter Schärfe warfen. Zwischen ihnen gähnten +Tausende von Metern tiefe Abgründe, und eine Unmasse ausgebrannter Krater +schob sich zwischen die Abgründe und die Felsenmauern. Ziemlich ebene +Landschaften waren wiederum von wallartigen Ringen ehemaliger gewaltiger +Vulkane umkränzt. Dieses so umschlossene Land lag bedeutend höher als das +außerhalb der Wälle sichtbare, aus dem sich wiederum da und dort +kegelförmige Berge, die Reste einstiger Vulkane, scharf abhoben. Die +merkwürdige Beleuchtung mit ihren einzig schönen Schattenbildern, überhaupt +der ganze Eindruck war so eigenartig, in dieser Form so völlig verschieden +von dem, was die Herren von der Erde her kannten, daß sie einen Vergleich +damit gar nicht zu ziehen vermochten. + +Wohin sie auch ihre Blicke richteten, nirgends, aber auch nirgends konnten +sie Spuren von Pflanzenwuchs oder Wasser entdecken. Kein See, kein Strom, +kein wogender Ozean, kein grünender Rasen, Strauch oder Baum, nichts, rein +nichts zeigte sich. Das stumme, ergreifende Bild des starren Todes, das +sich hier den Reisenden offenbarte, verfehlte auf diese seine Wirkung +nicht. Die erste laute Begeisterung war rasch einer großen Stille gewichen, +dem tiefen Ernste, den der Tod bei jedem denkenden und empfindenden +Menschen hervorbringt. Nur kurze Zeit hatte man sich der Betrachtung +desjenigen Teiles des Mondes hingeben können, der von der Gondel aus +sichtbar war. Der Weltensegler fing an langsam zu fallen. + +»Auf dem Monde können wir uns weder braten lassen, noch wollen wir auf ihm +erfrieren,« rief Professor Stiller. »Wir müssen also schleunigst aus seiner +wegen der Anziehung für uns gefährlichen Nähe weg und wieder hinaus in den +Weltäther.« + +Rasch wurde die elektrische Kraft wieder in Tätigkeit gebracht; die Flügel +der Schraube drehten sich, und der Weltensegler entfernte sich schneller +und immer schneller vom toten Kinde der noch lebendigen Mutter Erde. + +Die Berechnungen von Professor Stiller gingen dahin, daß nach Kreuzung der +Mondbahn und glücklicher Überwindung der Anziehungskraft des Mondes der +Weltensegler bald selbst in die eigentliche Anziehungssphäre des Mars +gelangen müsse, als desjenigen großen Gestirns, das sich augenblicklich der +Erde noch am meisten genähert hatte. Diese Erdnähe mußte begreiflicherweise +die natürliche, auf elektromagnetischen Strömungen beruhende Gravitation +zwischen Mars und Erde ganz bedeutend beeinflussen. Daraus folgte, daß, +wenn ein den Gesetzen der Anziehungskraft unterworfener Körper, wie ihn +beispielsweise der Weltensegler darstellte, in den Bereich dieser Anziehung +gelangte, er in dem Maße vom Mars angezogen wurde, als er ihm näher stand +als der Erde. + +Von der Erde war nun der Weltensegler jetzt genau -- nach Passage der +Mondbahn -- 386492 Kilometer entfernt. Es konnte daher keinem Zweifel +unterliegen, daß der Weltensegler bereits unter der Anziehungskraft des +Mars stand, die Stillersche Rechnung somit stimmte, denn das Luftschiff +flog mit gleichmäßiger Geschwindigkeit und in derselben steten östlichen +Richtung weiter. Die anfänglich gefürchtete Einwirkung der Anziehungskraft +der Sonne konnte nun endgültig ausgeschaltet werden. Der Weltensegler +befand sich auf dem richtigen und unmittelbaren Wege zu seinem Ziele. + +Schon längst war es wieder dunkle Nacht außerhalb der Gondel, und die +furchtbare Kälte des Weltraumes umgab den Ballon. Trotz des hermetischen +Abschlusses und der dicken Pelzlager der Gondel vermochten sich die +Reisenden gegen die Kälte nur durch elektrische Beleuchtung und Heizung zu +schützen. + +Ein Tag verging so nach dem andern. Aus der ersten Woche wurde die zweite, +aus der zweiten die dritte, aus der dritten die vierte, und noch immer +wollte der Flug des Weltenseglers kein Ende nehmen. + +Eines Tages -- es war in der vierten Woche der Reise -- begann die Stille +des Gondelinnern ein eigenartiges Geräusch zu unterbrechen. + +»Was ist denn los?« fragten die Gelehrten erstaunt Professor Stiller. + +»Ich kann es mir nicht erklären,« entgegnete dieser. »Weder unsere Uhren +noch der Geschwindigkeitsmesser können die Ursache dieses auffallenden +Rasselns sein. Und doch muß diese hier innen zu suchen sein, da der +Weltäther bekanntlich keine Schallwellen vermittelt.« + +Während Herr Stiller so sprach, forschte er nach der Ursache des sich mehr +und mehr verstärkenden Lärmes. + +»Ich kann wirklich nichts finden. Alle unsere Apparate für Luft und +elektrische Kraft sind in Ordnung und funktionieren ruhig und tadellos. +Aber halt, da fällt mir ein, es ist ja die Luft in unserer Gondel selbst, +die den Schall überträgt, dessen Ursache draußen im Weltenraume liegen +muß.« + +»Dann ist es vielleicht irgendein Weltkörper, in dessen Nähe wir gelangt +sind,« warf Professor Hämmerle besorgt ein. + +In der Gondel surrte und schwirrte es nachgerade wie in einem +Uhrmacherladen. Es schien, als ob Hunderte von Weckern losgegangen wären. + +»Das ist ja ein Höllenlärm, bei dem einem Hören und Sehen vergeht!« brüllte +Professor Thudium wütend. Aber in dem allgemeinen, betäubenden Rasseln +erstarb seine Stimme. + +Da erschreckte eine plötzliche Helligkeit, loderndem Feuer gleich, die +sieben Insassen der Gondel. Eine Verständigung war des Lärmes wegen +unmöglich geworden. Vor dem blitzenden Lichte, das durch die Fenster drang, +schlossen die Reisenden unwillkürlich die schmerzenden Augen. Jeder +Versuch, sie zu öffnen, erhöhte das fürchterliche Schmerzgefühl. In diesem +kritischen Augenblick erinnerte sich Professor Dubelmeier glücklicherweise +seiner Gletscherbrille, die er als leidenschaftlicher Bergsteiger in den +Universitätsferien stets bei sich trug, und die er wohlverpackt in einem +Futterale mitgenommen und in irgendeine Tasche seines Rockes gesteckt haben +mußte. Vorsichtig tastete er den Rock von außen ab. Richtig, da fühlte er +einen länglichen Gegenstand in der oberen rechten Seitentasche. Es war die +Brille, dem Himmel sei Dank! Endlich hatte er sie auf die Nase gebracht. +Geschützt durch die dunklen Gläser, vermochte er nun seine Augen zu öffnen. +Zunächst ließ er seine Blicke in der Gondel herumwandern. Stumm, mit +geschlossenen Augen lagen seine Gefährten da. Der Ausdruck ihrer Gesichter +trug den Stempel in ihr unabwendbares Schicksal ergebener Männer. + +Mit zitternden Knien und klopfendem Herzen schlich sich Professor +Dubelmeier zu dem ihm zunächst liegenden Glimmerfenster. Er wollte den +Versuch machen, die Schutzvorrichtung an ihm herabzulassen, an die in dem +wahnsinnigen Lärm merkwürdigerweise keiner der Herren bis jetzt gedacht +hatte. Behutsam spähte er dabei hinaus in den unermeßlichen Weltraum. Aber +welch überwältigendes Schauspiel bot sich ihm hier! Vor Aufregung hierüber +vergaß er die Schutzvorrichtung. Sein Sinnen und Denken war von dem +Naturschauspiele da draußen völlig gefangengenommen. + +Aus Millionen von Leuchtkugeln, die ähnlich der Milchstraße am nächtlichen +Himmel einen breiten Strahlengürtel bildeten, funkelte und blitzte es in +märchenhafter Pracht herüber aus der Ferne. Was mochte das wohl sein? Da +mußte sofort Kollege Stiller gefragt werden, denn möglicherweise konnte +durch ihn noch eine dem Weltensegler drohende Gefahr abgewendet werden. +Professor Dubelmeier ließ zunächst die Schutzvorrichtung an den Fenstern +herab, trat dann auf Stiller zu, stülpte ihm die Schutzbrille auf die Nase +und rüttelte ihn aus seiner Betäubung wach. Erstaunt über sein so plötzlich +wiedergekehrtes Sehvermögen erhob sich Professor Stiller mit der Brille +seines Freundes und folgte dessen stummer Gebärde. Er zog die +Schutzvorrichtung des Fensters weg und blickte hinaus. Gebannt von dem sich +ihm bietenden Schauspiel blieb auch er einige Minuten am Fenster stehen, +versunken in den Zauber des Anblicks. Nun war ihm die Ursache des tollen +Rasselns, der Erscheinung überhaupt, klar. Der Weltensegler war auf seiner +Bahn nach dem Mars in die Nähe eines durch den Weltäther dahinsausenden +Kometen gekommen, der eben diese Bahn kreuzte. Eine unmittelbare Gefahr für +den Weltensegler war bei der immerhin noch großen Entfernung und der +ungeheuren Geschwindigkeit der Kometenbewegung nicht vorhanden, wenigstens +nicht für die nächsten Stunden. Beruhigt, aber doch halb berauscht von der +einzigartigen Erscheinung, verließ Herr Stiller das Fenster. + +Wie es Professor Dubelmeier mit ihm gemacht, so machte es Stiller mit +seinem Kollegen Piller, dieser wiederum mit Hämmerle und so weiter, so daß +jeder der Reisenden sich das großartige Schauspiel ohne Gefahr für sein +Sehvermögen betrachten konnte. Zu einer Aussprache aber kam es erst nach +einigen Stunden, als das Geräusch des vorbeiziehenden Kometen nach und nach +abzunehmen begann. + +Dann erklärte Professor Stiller seinen Gefährten die Ursache der +Erscheinung und pries laut Dubelmeiers Schutzbrille. + +»An so vieles dachte ich bei der Auswahl der mitzunehmenden Sachen, und ich +glaubte auch, wirklich nichts vergessen zu haben. Ich gestehe aber, daß ich +auf den praktischen, so naheliegenden Gedanken einer Schutzbrille nicht +gekommen bin. Da sieht man wieder die eigene Unzulänglichkeit, den Mangel +an Verlaß auf sich selbst. Freund Dubelmeiers Sorgfalt hat uns einen großen +Dienst geleistet.« + +»Na, nun aber sagen Sie, Mann, wie kamen denn gerade Sie auf den Einfall, +eine Gletscherbrille in das Luftschiff mitzunehmen?« fragte Professor +Piller neugierig. + +Dubelmeier wurde verlegen und wollte zuerst nicht recht mit der Sprache +heraus. Auf allseitiges Fragen und Drängen hin gestand er endlich, daß er +sich nicht hätte mit dem Gedanken befreunden können, jahrelang seinen +geliebten Bergtouren zu entsagen. Da habe er, in der stillen Hoffnung, +solche auch auf dem Mars ausführen zu können, wenigstens seine +Gletscherbrille eingesteckt. + +»Und wo steckt denn Ihr Eispickel und die sonstige Ausrüstung? Davon sehe +ich nichts,« forschte Professor Brummhuber. + +»Mit Ausnahme meiner genagelten Schuhe habe ich alles andere seufzend in +Tübingen gelassen,« antwortete Herr Dubelmeier. + +»Ein weises Verfahren, fürwahr, denn für die Mitnahme derartigen Gepäckes +wäre das Innere unserer Gondel doch etwas ungeeignet,« lachte Professor +Stiller. »Aber Ihre Brille in Ehren, die hat uns gute Dienste geleistet.« + +Der Durchgang des Kometen durch die Anziehungssphäre des Mars hatte aber +auf die Vorwärtsbewegung des Weltenseglers selbst ungünstig eingewirkt. Bei +genauer Kontrolle des Geschwindigkeitsmessers bemerkte Professor Stiller +mit Schrecken, daß sich der Ballon in den soeben verflossenen ernsten +Stunden nur mit dem zehnten Teil der bisherigen Schnelligkeit nach dem Mars +zu bewegt habe. Erst nach und nach schien der Weltensegler wieder in die +frühere Geschwindigkeit übergehen zu wollen. Das aber bedeutete eine +unliebsame Verlängerung der an sich schon so mühseligen Reise, die unter +Umständen noch recht unangenehme Nachwirkungen haben konnte. + +An die Stelle der früheren Lebhaftigkeit der Unterhaltung, des körperlichen +und geistigen Wohlbefindens war nach und nach eine gewisse Mattigkeit, eine +mehr oder weniger große Abspannung getreten, die die Kometenerscheinung nur +vorübergehend zu unterbrechen vermocht hatte. Bei diesem und jenem der +Herren erschien bereits als drohendes Gespenst die beginnende Langeweile, +der Anfang zur Lethargie. Die Reise in dem verhältnismäßig doch engen, +eingeschlossenen Raume fing an, zu lange zu dauern. Dazu kam auch noch der +Mangel körperlicher Bewegung und der gewohnten geistigen Beschäftigung. + +Alle allgemein wie im besonderen interessierenden wissenschaftlichen +Fragen, die Einzelheiten des bisherigen Verlaufes der Reise waren schon so +vielseitig und so oft besprochen worden, daß sie längst ihren Reiz verloren +hatten. Still, stumm, fast apathisch saßen oder lagen jetzt, in ihre +Pelzmäntel gewickelt, die meisten Herren, die bis vor kurzem noch so heiter +und lebensfroh gewesen waren, in der Gondel herum. Nur nicht zum zweitenmal +eine so entsetzlich lange Fahrt mehr machen, die nicht einmal einen guten, +warmen Imbiß oder freie Bewegung der nahezu steif gewordenen Gliedmaßen +gestattete! Und war man denn so sicher, das Ziel zu erreichen? Wenn nicht, +was dann? Ja, was dann? Das waren die Gedanken und die bangen Fragen, die +die Herren bewegten, die sie in ihrem Gehirn, das zu schmerzen anfing, +herumwälzten. + +Diese verdammte Marsreise! Wie verlockend, geradezu verführerisch, ja +berauschend, die gesunden, klaren Sinne umnebelnd, war sie ihnen zuerst +erschienen! Wie sehr hatte man diese lange Kerkerhaft in dem engen, +schmalen Raume, die lange Entbehrung des natürlichen Lichtes der Sonne in +ihrer Wirkung unterschätzt! Professor Piller schimpfte wohl in der ersten +Zeit der Reise über eintretende Blutarmut, Störungen im Stoffwechsel trotz +ausgezeichneter Eßlust und dergleichen, jetzt aber lag auch er halb +stumpfsinnig in einer Ecke der Gondel, verwünschte im stillen sich, seine +Genossen, den Weltensegler, das ganze Universum, besonders aber den +Verführer Mars. So empfanden und dachten auch mehr oder weniger die übrigen +Herren. Und erinnerten sie sich daran, wie bequem und angenehm sie einst in +Tübingens Mauern gelebt, wie sie jeden Abend nach getaner Arbeit an ihrem +Stammtisch in anregender Gesellschaft und bei kühlem, frischem Trunke +gesessen, so erfüllte sie aufrichtiges Bedauern, diese verrückte Reise +überhaupt unternommen zu haben. + +»Hol' der Teufel den Mars!« kam es einmal laut über die Lippen von +Professor Piller. Es war genau das, was er soeben gedacht hatte. + +»Das wollen wir nicht wünschen,« erwiderte in etwas herbem Tone Herr +Stiller. »Daß die Expedition mit allerlei Gefahren und auch materiellen +Entbehrungen verschiedenster Art zu rechnen haben würde, war von vornherein +für jeden von uns klar. Wir können uns also hinterher nicht beschweren. +Solche Beschwerden sind unser nicht würdig. Schweig und dulde! heißt es für +uns.« + +»Wahr gesprochen!« bestätigte Bombastus Brummhuber. »Aber schließlich muß +auch das Schweigen und Dulden ein Ende nehmen.« + +»So warten Sie doch erst ab, was kommt!« rief Professor Stiller zornig. + +»Aber Sie sagten doch, daß die Reise nicht länger als einige Wochen dauern +werde,« warf Frommherz ein, »und nun ist diese Zeit herum und . . .« + +»Sie sollten am allerwenigsten die Geduld verlieren, Frommherz,« unterbrach +Stiller den Gefährten. »Im übrigen habe ich niemals eine genaue Angabe +darüber gemacht, wie lange die Reise dauern werde, aus dem ganz einfachen +Grunde, weil ich dies auch nicht gekonnt hätte. Ich sprach von mehreren +Wochen im allergünstigsten Falle. Lassen Sie sich nicht entmutigen dadurch, +daß die Reise sich länger hinauszieht, als mir selbst lieb ist. Im +Gegenteil, fassen Sie Mut! Wir haben ihn dringend nötig.« + +»Was heißt das? Drücken Sie sich klarer aus, Stiller!« tönte es von +verschiedenen Seiten. + +»Nun, ich denke, daß es deutlich genug war, was ich mit meinen Worten sagen +wollte: wir haben erst einen Bruchteil der Reise hinter uns. Vor uns liegt +noch eine riesige Strecke, die an unsern Mut und an unsere Widerstandskraft +alle Anforderungen stellt.« + +»Wie groß ist die Entfernung noch?« + +»Noch etwa dreißig Millionen Kilometer!« + +»Dreißig Millionen Kilometer? Kaum die Hälfte! Einfach entsetzlich!« +stöhnte Professor Dubelmeier. + +»Wie soll das enden!« seufzte Frommherz. + +»Hoffen wir, gut, sonst würden Sie, lieber Frommherz, eben schneller gen +Himmel fahren, als Sie vielleicht wollen,« spottete Professor Stiller, über +den nachgerade eine Art von Galgenhumor kam. + +Doch diese Stimmung hielt bei Professor Stiller nicht lange an. Sie wurde +nur allzu rasch durch die Sorge um das Wohl und Wehe der Expedition +zurückgedrängt. Er war der eigentliche Urheber, der Vater dieses kühnen +Unternehmens. Mithin trug auch er allein die volle Verantwortung für das +Leben seiner Gefährten, die sich im Vertrauen auf seine Angaben ohne Zögern +zur Mitreise entschlossen hatten. Professor Stiller war bei aller nervösen +Hast, bei aller Neigung, überall nur das Beste zu sehen und die kühnsten, +schwierigsten Probleme mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln, und +trotz seines leicht erregbaren Charakters ein viel zu biederer und +ehrlicher Mann, um sein eigenes Tun und Lassen nicht immer wieder einer +strengen Selbstkritik zu unterziehen. + +Mehr als einmal schon hatte er es im stillen verwünscht, diese Reise nicht +allein oder wenigstens nur in Begleitung eines erprobten Dieners +unternommen und nicht von vornherein auf die Teilnahme seiner Kollegen +verzichtet zu haben. Noch hatte er bis zur Stunde von den Gefährten keine +umittelbaren Vorwürfe zu hören bekommen. Die kurze Unterhaltung von vorhin +aber, die körperliche und geistige Verfassung seiner Genossen bewiesen ihm +nur allzu deutlich, daß das bisherige gute und friedliche Zusammenleben in +der Gondel die erste schwere Erschütterung erfahren hatte. Gleich in den +ersten Tagen der Reise hatten ihn schon gewisse Zweifel und trübe Gedanken +gequält, die er zuerst noch leicht abzuschütteln vermochte, die aber immer +wieder und stärker auftauchten und sich nun nicht mehr so rasch bannen +ließen wie im Anfange. + +Was Professor Stiller am meisten beschäftigte, das war der verhältnismäßig +langsame Flug des Weltenseglers. Er hatte ganz bestimmt darauf gerechnet, +daß das Luftschiff, kaum in den Anziehungskreis des fernen Weltkörpers +gelangt, diesem selbst mit blitzartiger Geschwindigkeit zufliegen werde, +und nun mußte er sich eingestehen, daß er sich hierin ganz gehörig +getäuscht habe. Zu diesem großen Irrtum gesellten sich zwei weitere: die +Vorräte an fester Luft und an elektrischen Energiemengen waren auf eine +kürzere Reise, das heißt auf einen rascheren Flug, berechnet gewesen und +mußten bereits in wenigen Wochen zu Ende gehen. + +Am das Maß der Sorgen voll zu machen, nahmen auch die Nahrungsmittel +überaus schnell ab. Es war zwar ein großer Vorrat an Speisen und Getränken +für eine Reisedauer von drei Monaten mitgenommen worden, aber Herr Stiller +hatte nicht mit dem gesunden Appetit seiner Gefährten gerechnet. Anfangs +hatte er sich über ihre Eßlust gefreut, in dem sichern Bewußtsein, der +Weltensegler werde in weniger als der Hälfte der Zeit, für die die +Lebensmittel bestimmt waren, sein Ziel erreichen, jetzt aber, als er sich +in dieser Erwartung getäuscht sah, kam zu den andern schweren Kümmernissen +auch noch die Sorge um die Ernährung. + +Wohl oder übel mußte schon jetzt, von heute ab eine Kürzung der täglichen +Nahrungsrationen eintreten, wollte man mit den Vorräten noch längere Zeit +auskommen. Ganz besonders waren es die Getränke, die stark abgenommen +hatten, und der Vorrat an dem so beliebten Göppinger Wasser wies geradezu +erschreckende Lücken auf. + +So entstand aus dem ersten großen Irrtum eine ganze Reihe unangenehmster, +in ihren Wirkungen gar nicht übersehbarer Folgen. Das Gemüt Herrn Stillers +verdüsterte sich in dem Maße, als er sich dies alles klar zu machen suchte. +Zunächst trat an ihn die Frage heran, wie er es am besten anfangen sollte, +seinen Kollegen die Zweckmäßigkeit einer Beschränkung ihrer täglichen +Speisen und Getränke vor Augen zu führen. Diese Aufgabe richtig zu lösen, +ohne die Gefährten zu verletzen und ihre an sich schon gereizte Stimmung +noch schlimmer zu gestalten, erschien Professor Stiller kaum lösbar. + +»Wenn doch ein Wunder geschehen und die Geschwindigkeit der +Vorwärtsbewegung des Weltenseglers sich verdoppeln möchte, dann wäre ich +mit einem Schlage alle diese heillosen Schwierigkeiten los!« dachte +Professor Stiller. Aber kein Wunder geschah. Der Weltensegler bewegte sich +gleichmäßig wie bisher weiter, trotz eifrigster Beobachtung des +Geschwindigkeitsmessers durch den Professor. + +»Ersticken, erfrieren, verhungern, bevor wir den Mars erreichen -- +wahrhaftig wir haben die Auswahl unter den schlimmsten aller Todesarten! +Was nützt es schließlich, meinen Gefährten durch Verringerung ihrer Nahrung +das bißchen Freude zu verderben, das ihnen der Genuß von Speise und Trank +noch bereitet, wenn uns der Tod sowieso in sicherer Aussicht steht? Am +besten ist, ich lasse die Sache beim alten. Punktum!« Zu diesem Entschluß +kämpfte sich nach langem, trübem Sinnen der Professor endlich durch. + +Die Woche ging zu Ende. Mit ihr waren die Marsreisenden in das neue Jahr +eingetreten. Keiner von ihnen hatte sich um den Jahreswechsel gekümmert, +der früher von ihnen unten auf der Erde in lauter Fröhlichkeit begangen +worden war. Eine dumpfe Gleichgültigkeit hatte sich der Gesellschaft +bemächtigt und benahm ihr auch mehr und mehr die frühere Lust am Essen. + +»Gelange ich glücklich aus dieser Gondel heraus auf den Mars und finde dort +auch nur einigermaßen annehmbare Lebensbedingungen vor, so haben mich +Schwabenland und Erde für immer gesehen. Keine Gewalt des Himmels soll mich +dann je wieder zu einer solchen Reise verleiten,« äußerte sich eines Tages +Professor Friedolin Frommherz, und ihm stimmten mehrere der Herren +kopfnickend bei. + +Professor Stiller entgegnete nichts auf diese Äußerung, die so offen die +Empfindung seiner Gefährten wiedergab. Angesichts der außerordentlich +kritischen, täglich sich mehr verschärfenden Lage des Weltenseglers +erschienen ihm alle diesbezüglichen Meinungsäußerungen seiner Kollegen als +höchst überflüssig. Er hüllte sich daher in düsteres Schweigen und begann +über die möglichen Mittel und Wege einer Beschleunigung der Reise +nachzusinnen. + +»Wer sich selbst aufgibt, ist überhaupt von vornherein schon verloren. Wo +sich nur immer ein Schimmer von Hoffnung zeigt, und wäre er noch so klein +und schwach, da sieht der mutige Mensch noch die Möglichkeit eines Ausweges +und einer Rettung, während der Mutlose der Verzweiflung anheimfällt. War +ich denn schwach und feige, oder bin ich es wirklich?« fragte Professor +Stiller sich. »Wovor fürchte ich mich eigentlich? Vor dem Tode, vor dem +Verlust meines Lebens, das im Dienste der Forschung, der Allgemeinheit +allerdings wertvoll war, von mir persönlich aber niemals hoch eingeschätzt +wurde?« + +Der großartige Gedanke dieser Reise, der sinnreiche Bau des Weltenseglers, +der sich bis zur Stunde so ausgezeichnet bewährt hatte, das alles war doch +schließlich sein ureigenstes Werk, dem er in jeder Beziehung so viele Opfer +gebracht hatte. Schon vor Ausführung der Reise hatte er ja mit der +Möglichkeit eines Scheiterns der Expedition gerechnet. Trotzdem war er voll +Mut und Hoffnung auf Überwindung aller Gefahren von der Heimat abgefahren. +Und nun, wo die Sache anfing kritisch zu werden, da sollte ihm wie einem +Schwächlinge der Mut sinken? Wie stand er eigentlich vor sich selbst da? +Eine Röte der Scham stieg bei diesem Gedankengange in sein Gesicht. Weg mit +allem, was nach Schwäche, nach Feigheit aussah! War es ihm wirklich vom +Schicksal bestimmt, schon jetzt sterben zu müssen, in der Blüte und +Vollkraft der Jahre, nun dann in Gottes Namen! Aber dann war auch die Art +des Unterganges seiner würdig: sie war ebenso groß wie eigenartig. Sein und +seiner Gefährten Namen würden, wenn sie selbst schon längst im Weltraume +verschollen waren, für immer achtungsvoll unten auf der Erde genannt +werden. Mit goldenen Lettern waren sie in den Annalen der Weltgeschichte +und der Wissenschaft als kühne, wenn auch unglückliche Weltensegler +eingetragen. Der Gedanke daran war auch ein Trost und zwar ein großer, +stolzer und zugleich erhebender. Da gelobte sich Professor Stiller von +neuem, mit Entschlossenheit und offenen Auges der Zukunft entgegenzugehen, +mochte sie bringen, was sie wollte. Eine wunderbare Ruhe kam allmählich +über ihn. Sie ließ ihn wieder klarer denken und überlegen. Zunächst begann +er, den noch vorhandenen Vorrat an elektrischer Kraft auf das sorgfältigste +festzustellen. Tagelang rechnete er hin und her. Die Entfernung des +Weltenseglers vom Mars betrug noch rund achtzehn Millionen Kilometer. Die +Wirkung der Anziehungskraft des Planeten auf den Weltensegler konnte von +diesem aus gesteigert werden, wenn man sich entschloß, einen Teil der +gebannten, festgelegten elektrischen Kraft zu opfern, hinaus in den +Weltraum, dem Mars entgegen zu senden. Allerdings war dieser Versuch, wie +Professor Stiller sich selbst gestand, sehr gewagt: es verringerte den für +die Beleuchtung und Erwärmung des Gondelinnern so notwendigen Energievorrat +außerordentlich rasch. Aber es konnte kein Schwanken mehr für ihn geben, +nachdem er sich zu der Erkenntnis durchgerungen hatte, daß die Opferung +eines großen Teiles der elektrischen Energiemengen noch die einzige +Möglichkeit der Rettung des Lebens und des Gelingens der Expedition in sich +schließe. Es war ein Va-banque-Spiel, aber es mußte unter diesen +Verhältnissen gespielt werden. Es blieb keine andere Wahl. + +Professor Stiller machte sich sofort an die Arbeit. Anfangs schauten die +Herren der neu erwachten, energischen Tätigkeit ihres Genossen stumm, +nahezu gleichgültig zu. Nach und nach aber erwachte in ihnen doch wieder +die Neugier und damit das eingeschlafene Interesse an der Wissenschaft. + +»Stiller, was machen Sie da?« fragte man den Professor aus den +verschiedenen Ecken der Gondel heraus, in denen die Herren herumlagen. + +»Ich arbeite an unserer Rettung,« entgegnete kurz der Gefragte. + +»Fürwahr, ein löbliches Werk!« bemerkte Frommherz mit schwacher Stimme. + +»Erklären Sie uns Ihr Unternehmen!« bat Professor Dubelmeier. + +»Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, werteste Freunde! Meine +Auseinandersetzungen müßte ich mit so vielen Zahlen belegen, daß Ihnen der +Kopf brummen würde, und der bedarf bei uns allen jetzt ganz besonderer +Schonung.« + +»Stiller hat recht!« entschied Professor Piller. »Reichen Sie mir lieber +aus dem Schrank, an dem Sie sitzen, eine Flasche unseres heimischen Weines. +Ich will wieder Lethe trinken, Lethe!« + +»Piller, Sie trinken entschieden zuviel,« mahnte Dubelmeier, entsprach aber +doch der Bitte des Freundes, indem er ihm eine Flasche mit dem hellroten +»Zuckerle« hinüberreichte »Der Alkohol ist ein Feind des Gehirns, das +sollten Sie doch als Medizinmann am besten wissen.« + +»Meinetwegen!« gähnte Professor Piller. Dann verriet ein lauter, gurgelnder +Ton aus der Ecke den kräftigen Zug des Trinkenden. »So, das hat geschmeckt. +Es geht eben doch nichts über einen guten Tropfen,« brummte Piller. »Und +nun, Dubelmeier, rate ich Ihnen dringend, mit dieser Art von Gehirnfeind +ebenfalls nähere Bekanntschaft zu machen. Göppinger Wasser allein tut's +freilich nicht, uns und unsern Denkkasten auf dieser vermaledeiten Reise +mobil zu erhalten.« Nach diesen Worten schloß Professor Piller wieder die +Augen und schlief ruhig ein. Auch die andern Herren sanken rasch wieder in +den alten lethargischen Zustand zurück. + +Unterdessen hatte Professor Stiller die Wirkung seines Versuchs beobachtet. +Der Schnelligkeitsmesser notierte tatsächlich eine nennenswerte Vermehrung +der Geschwindigkeit gegenüber der bisherigen. Bereits wiegte sich der +Professor in der Hoffnung auf das Gelingen des Experimentes, -- da trat ein +neues Ereignis ein. + +»Was, Teufel, ist denn wieder los?« fragte Piller, plötzlich aus seiner +Lethargie auffahrend, als sich ein seltsames, donnerähnliches Rauschen in +der Gondel hören ließ. + +»Das klingt ja wie das Brausen eines Bergstromes, der ungezählte Trümmer +mit sich führt!« warf der bergkundige Dubelmeier ein. + +Kaum war das Wort gesprochen, als ein schwerer Gegenstand die Gondel traf. +Erregt sprang Professor Stiller auf. + +»Schnell, Freunde, helft die Fenster schützen! Trügt mich nicht alles, so +ist ein kosmischer Regen im Anzuge.« + +Die Herren stürzten nach den vier Fenstern der Gondel und ließen +blitzschnell die Schutzvorrichtung herunterklappen. Ein von der Seite +kommender, kurzer, prasselnder Regen ging über den Weltensegler, mehr noch +über die Gondel nieder. Schon glaubte Herr Stiller jede Gefahr abgewendet, +als wiederum ein neuer, aber gewaltigerer Schlag, als es der erste war, die +Gondel traf. Ihm folgte ein Klirren und ein lauter Schmerzensschrei. Der +Ort, an dem sich der Geschwindigkeitsmesser in der Gondel befand, war durch +einen kleinen Meteoriten getroffen worden. Durch die furchtbare +Erschütterung war das Instrument verletzt und seine innere Glaseinfassung +zersplittert worden. Einer der Splitter hatte Professor Frommherz +getroffen, der nun stöhnend und blutüberströmt auf dem Boden der Gondel +lag. + +Durch den Schlag war die Gondel so heftig auf die Seite geworfen worden, +daß eine heillose Verwirrung im Innern entstand. Erst nach einiger Zeit +hörte die schaukelnde Bewegung der Gondel auf und machte wieder der alten, +ruhigen Lage Platz. Weitere Schläge erfolgten nicht mehr, und Professor +Stiller konnte annehmen, daß der Weltensegler auch aus dieser Gefahr +unerwartet glücklich hervorgegangen sei. + +Erst jetzt konnte Piller den Verwundeten untersuchen. Er stellte fest, daß +die Verletzung zum Glück nicht so schlimm war, wie sie den Anschein hatte. + +»Sie jammern im umgekehrten Verhältnis zu Ihrer Wunde, Frommherz,« spottete +Piller, nachdem er die Wunde untersucht hatte. + +»O Himmel, das fehlte gerade noch!« stöhnte der Verwundete, als Piller die +Nadel durch die Wundränder stieß. »Haben Sie Unmensch denn gar kein Gefühl +für mein Leiden?« + +»Bah,« entgegnete Herr Piller trocken, »Unmensch hin, Unmensch her! Danken +Sie Ihrem Schöpfer, daß Sie noch mit einem solchen Schmisse weggekommen +sind! Er wird sich auf Ihrer Stirn recht kühn ausnehmen, dieser länglich +rote Streifen.« + +»Was wird man dann von mir denken?« + +»Was man will! So, nun schneiden Sie kein solches Jammergesicht mehr. Die +Wunde ist genäht, der Verband befestigt. Watte, mit Göppinger Wasser +getränkt, entfernt aus Ihrem Antlitze die Blutspuren. Dann sehen Sie +reinlicher aus als wir. Nach einigen Tagen entferne ich die Fäden, und die +Sache hat ein Ende.« + +»Ach, wäre es nur erst vorüber!« + +»Wenn Sie damit die Reise meinen, so bin ich ganz Ihrer Ansicht. Einmal +aber muß diese vermaledeite Fahrt ihr Ende nehmen, so oder so,« brummte der +Medizinmann unmutig in den Bart. + +Das Schlimme war, daß der Geschwindigkeitsmesser unbrauchbar, +funktionsunfähig gemacht worden war. An eine Reparatur des Werkes während +der Fahrt war gar nicht zu denken. Dieses peinliche Ereignis zog einen +bösen Strich durch alle Berechnungen Professor Stillers und raubte ihm jede +Möglichkeit der Kontrolle. Nun war alles dem blinden Zufall ausgeliefert. +An die Stelle genauer Berechnung trat jetzt ausschließlich die Vermutung. +Diese aber öffnete wieder allen trüben Gedanken Tür und Tor. + +Weiter rollte die Zeit und weiter der Ballon auf seinem Wege. Die +Lebensmittel waren schon derart zusammengeschmolzen, daß trotz der geringen +Eßlust der Gondelbewohner in kürzester Zeit Nahrungsmangel eintreten mußte. +Auch der Vorrat an elektrischer Energie nahm in schreckenerregender Weise +ab. Wollte also Professor Stiller sich und seinen Gefährten nur noch für +wenige Tage Licht und Wärme erhalten, so mußte sofort mit der Abgabe der +elektrischen Kraft in den Ätherraum hinaus aufgehört werden. Schweren +Herzens stellte daher der Gelehrte die Verbindung nach außen hin ab. + +Was werden die nächsten Tage bringen? In ihrem dunklen Schoße lag das +Schicksal, das Glück oder der Untergang der Expedition. Das elektrische +Licht in der Gondel fing an schwächer zu werden; eine empfindliche Kälte, +die sich trotz der Pelzkleidung der Männer nicht länger mehr bannen ließ, +machte sich mehr und mehr geltend. Ein dumpfer, gleichgültiger Zustand +hatte sich aller Gondelinsassen bemächtigt, der nach und nach in eine Art +von Bewußtlosigkeit überzugehen begann. Langsam schien das Ende für die +Dulder heranzukommen. Lange, bange Stunden verstrichen so; kein Laut ließ +sich mehr in der Gondel vernehmen. Da auf einmal ein gewaltiger Stoß. +Ballon und Gondel flogen zur Seite und schienen sich zu überschlagen. Die +armen Männer in der Gondel flogen übereinander, schlugen gegenseitig +aufeinander auf und begannen aus ihrem todesartigen Schlummer aufzuwachen. + +Furchtbar erschrocken über die heftige Erschütterung, gelang es den Herren +nach langen Anstrengungen sich endlich aufzurichten. Als sie schließlich +mühsam die Augen zu öffnen vermochten, da fiel durch die zertrümmerten +Fenster der Gondel helles, strahlendes Sonnenlicht herein. Es bedurfte +einiger Zeit, bis die schmerzenden Augen der Reisenden sich an das so lange +entbehrte Licht der Sonne wieder gewöhnt hatten. Dann aber war plötzlich +alle Lethargie von ihnen gewichen. + + +Professor Stiller war der erste auf den Füßen. Unbekümmert um eine mögliche +Gefahr, streckte er mutig den Kopf zu einem Fenster hinaus, um die Ursache +des Zusammenstoßes des Weltenseglers mit einem andern, fremden Körper zu +erforschen; denn daß ein solcher stattgefunden haben mußte, war dem +Gelehrten sofort klar. + +»Hurra! Hurra!« rief er, aufgeregt vom Fenster zurücktretend, seinen +Gefährten zu. »Hurra! Wir sind gerettet! Wir haben den kleinen Marsmond +Phobus, glücklicherweise nur sehr leicht, gestreift. Die äußerste Hülle +unseres Ballons ist allerdings gerissen und auch sonst ist, wie ich sehe, +vielerlei Schaden entstanden, aber das ist gleichgültig! Seht hier hinab, +da unten, da unten liegt der Mars! Gerettet, ge . . . .« Professor Stiller +fiel zurück. Eine tiefe Ohnmacht umfing ihn. + +Professor Pillers energischen Anstrengungen gelang es endlich, den +Bewußtlosen dem Leben zurückzugeben. + +»Wo sind wir?« fragte Professor Stiller mit schwacher, kaum vernehmbarer +Stimme. + +»Das wissen wir selbst nicht recht. Jedenfalls noch immer in der Luft und +noch nicht auf festem Boden,« antwortete Professor Piller. + +»So müssen wir die Ventile öffnen und den Weltensegler langsam und +vorsichtig zum Fallen bringen,« entschied Stiller. + +»Aber fühlen Sie sich auch wieder so kräftig, die Leitung des Ganzen +übernehmen zu können?« + +»Es muß einfach sein!« Mit diesen Worten erhob sich Professor Stiller, um +sich zunächst durch einen Blick aus dem Fenster über die örtliche Lage des +Ballons zu orientieren. + +Richtig, da unten, nur wenige Kilometer vom Weltensegler entfernt, hob sich +scharf und deutlich eine breite, mächtige Wasserstraße ab, eine +dunkelgrüne, subtropische Vegetation umrahmte den Flußlauf. Dazwischen +eingestreut zeigten sich, vom warmen Sonnenschein übergossen, wohlbebaute +Felder und Gärten. Eigenartige, von weitem blendend weiß erscheinende +Bauten bewiesen die Nähe belebter Wesen. Die laute Begeisterung, die die +kühnen Weltfahrer einst bei der Passage des Erdmondes erfaßt hatte, machte +hier einer stummen Bewunderung Platz, als sie dankerfüllten Herzens gegen +das Geschick, das sie im letzten Augenblicke noch vor dem Äußersten bewahrt +hatte, von ihrer Gondel auf die märchenhaft schöne Landschaft +hinabschauten, der sie nun in raschem Fluge näherkamen. + + + + +Viertes Kapitel +Auf dem Mars + + +Vom Mars aus -- denn er war es wirklich -- hatte man das Luftschiff schon +längst bemerkt. Als es sich nun dem Boden näherte, strömte eine Anzahl von +Menschen, die hier herum wohnten, dem Orte zu, an dem das Luftschiff +niederging. Der Weltensegler hielt auf eine große, grüne Wiese zu, auf der +Gruppen edelster Viehrassen weideten. Professor Stiller warf das Kabel mit +dem Anker in weitem Bogen von der Gondel ab und deutete durch Zeichen und +Gebärden den untenstehenden Menschen an, was sie ungefähr tun sollten, um +das Luftschiff festzumachen. Die Marsleute begriffen auch sofort, was der +fremde Mann in seiner stummen Sprache von ihnen begehrte. Ohne jede Hast, +aber doch rasch und auffallend gewandt, war dem Wunsche des Professors +entsprochen worden. Nun lag das Fahrzeug fest und sicher vor Anker. + +Die Strickleiter wurde aus der Gondel herabgelassen und an den hiezu +bestimmten Metallklammern befestigt. Die sieben Männer aus dem fernen +Schwabenlande stiegen nacheinander an ihr herab, um als die ersten +Erdgeborenen den Boden des Mars zu betreten. Eine weiche, balsamische, von +Wohlgerüchen erfüllte Luft umfing die kühnen Reisenden, als sie aus ihrer +Gondel herabgeklettert waren. Ein Gefühl der Wonne, des Geborgenseins, +unsäglicher Befriedigung zog in die Brust der armen, halbtoten Männer, als +sie nach so vielen Wochen zum erstenmal wieder festen Boden unter ihren +Füßen spürten. Ja, sie mußten sich selbst erst überzeugen, daß es wirkliche +Erde sei, auf der sie standen. Mit den Händen griffen sie nach dem Boden, +um sich von seiner erdigen Beschaffenheit zu überzeugen. Nein, es war kein +Traum, es war Wirklichkeit: sie standen auf richtigem Boden. Tausend-, +abertausendmal Dank dem Himmel, der sie ihr Ziel erreichen ließ! Tränen des +Glückes, der reinsten Freude liefen den hartgeprüften Männern über die +bärtigen Wangen, die seit langer Zeit nicht mehr gepflegt worden waren. + +»Donnerwetter, wie sehen wir aus!« rief voll Entsetzen Professor Piller, +als er seine Genossen genauer im Lichte der Sonne betrachtete. + +Dann aber brachen die Herren in lautes Lachen über die Komik ihres eigenen +Äußern aus. Professor Stiller begann nun, die ihn und seine Genossen +umgebenden Menschen zu mustern. In der Tat, das waren Menschen von Fleisch +und Blut, die hier herumstanden und mit freundlichem Lächeln die Erdensöhne +betrachteten. + +»Sauberer, großer und schöner als wir sind sie entschieden. Oder sollten +wir am Ende gar zu den Göttern des Olymps und nicht nach dem Mars gekommen +sein?« bemerkte Professor Hämmerle, nachdem er seine Brillengläser geputzt +und die Brille auf die Nase gesetzt hatte. + +»Warum das?« fragte Professor Dubelmeier. + +»Eine Gesellschaft von Göttern scheinen mir diese Wesen hier zu sein. Sehen +Sie nur einmal diese geradezu klassisch schönen Gesichter, diese +prachtvollen Körperformen und die sie nur schwach verhüllenden antiken +Gewänder!« + +»Der Vergleich hat entschieden viel für sich,« antwortete Professor +Stiller, »aber nach dem Olymp hätten wir viel näher gehabt als nach dem +Mars; diese eine Tatsache schon mag Sie aus Ihrem Wahn reißen, lieber +Hämmerle.« + +Dabei zog er seinen Chronometer. Er wies auf die achte Stunde. + +»Es ist noch früh am Morgen. Wir wollen sehen, was uns dieser erste Tag auf +dem Mars an merkwürdigen Erlebnissen bringen wird. Versuchen wir einmal +eine sprachliche Verständigung mit unsern neuen Freunden; denn daß sie das +sind, zeigt mir ihre freundliche und wohlwollende Haltung.« Mit diesen +Worten trat Professor Stiller zu den vordersten Marsmenschen vor, die ihn +in vornehmer Ruhe, ohne die geringste Furcht und ohne irgendein Zeichen des +Erstaunens an sich herankommen ließen. + +»Wir sind doch auf dem Mars, nicht wahr?« Diese etwas banale Frage richtete +er in deutscher Sprache an die Leute. Aber diese schüttelten den Kopf und +erwiderten in wohllautender Sprache etwas, das Stiller wiederum nicht +verstand, das aber klang, als ob sie bedauerten, den Fremden nicht +begriffen zu haben. + +»Die können nicht deutsch, natürlich. Das hätten Sie sich doch von +vornherein selbst sagen müssen, Stiller,« warf Professor Hämmerle tadelnd +ein. + +»Nun, so examinieren Sie einmal, Hämmerle! Vielleicht gelingt es Ihnen mit +Ihren vielseitigen Sprachkenntnissen festzustellen, in welchem Idiom mit +den Leuten hier eine Verständigung möglich ist.« + +Mit kraftvoller Stimme hub Hämmerle auf Altgriechisch an: »Freunde, wir +grüßen euch in herzlichster Art, wir, die von der fernen Erde hergeflogen +sind, um euch zu besuchen.« Keine Antwort, nur ein eigentümliches Lächeln +als Zeichen des Nichtverstehens. Jetzt deklamierte Hämmerle seine +Begrüßungsformel in lateinischer Sprache. Wiederum dieselbe Stille und +dasselbe Lächeln als Antwort. + +»Vielleicht gelangen wir mit einer unserer modernen Sprachen eher zum +Ziele, da klassische Bildung diesen Wesen völlig abzugehen scheint,« sprach +Hämmerle, ärgerlich geworden über die Ergebnislosigkeit seiner ersten +Versuche. Aber auch Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch, +schließlich sogar Arabisch und Hebräisch führten zu keinem Ziele. + +»Das fängt gut an!« murrte Professor Brummhuber. + +»Wir müssen allem Anscheine nach die Marssprache erlernen,« bemerkte +Thudium. + +»Wahr gesprochen!« bestätigte Frommherz. + +»Aber siehe da, was kommt denn da für ein altes Haus?« rief Dubelmeier. + +Ein älterer Mann von achtunggebietender Gestalt, mit weißem Haar und Bart, +ohne jegliche Kopfbedeckung, durchbrach die Reihe seiner Gefährten und +schritt stolz auf die sieben Schwaben zu. Gekleidet war der Alte wie seine +übrigen Genossen. Ein blusenartiges, schneeweißes Hemd aus feinster Wolle +mit purpurfarbenem Besatze hüllte den hohen, edlen Körper ein. Um die +Hüften war es durch ein breites Band von purpurner Farbe gehalten. An den +nackten Füßen trug er Sandalen aus feinem, gelbem Leder. Voll Ehrfurcht +machten ihm seine Gefährten Platz, und die Herren aus dem Schwabenlande +erkannten daraus sofort, daß ihnen in dem Alten ein Mann von hoher sozialer +Stellung entgegentrat. + +Sie entblößten nun als Zeichen der Hochachtung das Haupt und erwarteten +voll Spannung die weitere Entwicklung der Szene. Der Alte ließ zuerst seine +Blicke über den Weltensegler gleiten, dann richteten sich seine klaren, +dunkelblauen Augen, aus denen ebensoviel Geist als Herzensgüte sprach, auf +die sieben Fremden, die er in einer harmonischen Sprache anredete, wobei er +hin und wieder auf das mächtige Luftschiff deutete und schließlich ihnen +durch eine freundliche Gebärde zu verstehen gab, ihm zu folgen. + +Die Herren zogen nun mit dem Alten als Führer an der Spitze von dannen. +Ihnen schlossen sich in ruhiger, würdevoller Haltung die Marsbewohner an, +die beim Niedergange des Weltenseglers so bereitwillig hilfreiche Hand +geleistet hatten. Den Professoren schien es, als ob ein Märchen aus Tausend +und einer Nacht lebendig geworden wäre. Sie konnten sich nicht satt sehen +an all dem Schönen und Eigenartigen, das ihnen hier auf Schritt und Tritt +begegnete. Von der Wiese kamen sie auf einen mit feinem, weißem Sande +bestreuten, mit prächtigen, früchtebehangenen Bäumen eingefaßten schattigen +Pfad. Dieser führte auf eine große Anzahl von Gebäuden zu, die voneinander +getrennt und von prächtigen Gärten umgeben waren. Ihrer stattlichen Größe +nach zu urteilen, schienen es öffentliche Bauten zu sein, die sich da in +ihrem reinlichen Weiß aus dem Grün ihrer Umgebung abhoben. + +Überall wuchsen hochstämmige Palmen, dazwischen prächtige, hellgrüne +Bananen und Farnbäume, vermischt mit einer Blumenpracht, wie sie die +Tübinger Professoren in dieser üppigen Entfaltung noch nie zuvor gesehen +hatten. Rosen-, lilien-, myrten- und lorbeerartige Gewächse, Orchideen und +eine Menge anderer Blumen wetteiferten miteinander an Glanz und Schönheit +der Farben und an Wohlgeruch. Schmetterlinge in allen Größen und Farben +wiegten sich in der warmen, herrlich zu atmenden Luft, und buntschillernde +Vögel ließen von den Bäumen herab ihr schmetterndes Morgenlied ertönen. + +»Ein Paradies, in das wir gelangt sind,« sprach Professor Stiller leise zu +dem neben ihm schreitenden Professor Piller. »Ich muß meinen Gefühlen Luft +machen, meiner Bewunderung Worte verleihen. Sagen Sie, Piller, ist es Ihnen +nicht auch so wunderbar, so feierlich zumute wie mir, haben Sie nicht auch +ein Gefühl ungefähr so, wie es unser unsterblicher Uhland in seinem +Sonntagsliede zu so ergreifendem Ausdruck gebracht hat?« + +»Na, na!« entgegnete Piller trocken. »Auch mir gefällt ja dieser Einzug auf +dem Mars gar nicht übel. Im übrigen aber haben wir heute zufällig Sonntag. +Wußten Sie das nicht, Stiller?« + +»Nein! Mir entfiel die Zeitrechnung in den letzten Wochen vollständig. +Woher aber wissen Sie das?« + +»Nun, als Sie heute früh in tiefer Ohnmacht lagen, da habe ich mit der Uhr +in der Hand Ihre Herztätigkeit kontrolliert. Meine Uhr zeigt aber zufällig +außer den üblichen Stunden, Minuten und Sekunden auch noch Monate und Tage. +Wir haben heute Sonntag, den 7. März.« + +»Sonntag, den 7. März! Die heilige Siebenzahl in allem. Möge sie uns auch +weiter schirmend und schützend umgeben!« rief Professor Stiller. + +»Vor allem wünsche ich mir ein gutes Essen nebst solidem Trunk; das frischt +die Lebensgeister besser auf und schützt sie gründlicher vor Verbrauch als +Ihre Siebenzahl. Wir haben in unserer Gondel zuletzt ein heilloses Leben an +Entsagung geführt; es ist höchste Zeit, wieder in einen guten Hausstand und +an einen richtigen Herd zu gelangen.« + +»O Sie ewig Prosaischer!« erwiderte lächelnd Professor Stiller. »Hungern +und dürsten werden Sie hier oben nicht. Da sehen Sie einmal nach den +Früchten da drüben!« + +Professor Piller folgte mit den Blicken der angegebenen Richtung. +»Donnerwetter!« entfuhr es seinen Lippen. »Sollen diese kolossalen Beeren, +die da herunterhängen, am Ende gar zu einer Weintraube gehören?« + +»Nichts anderes! Das, was Sie sehen, ist eine Weintraube, wie sie in dieser +Größe eben nur dem subtropischen Klima eigen ist.« + +»Dann leb' wohl, Zuckerle, Trank meiner Heimat!« rief Herr Piller so laut, +daß ihn die andern Kollegen hörten. »Leb' wohl, Zuckerle, denn den Tropfen, +den man hier aus diesen Ungeheuern von Beeren preßt, der muß ja einem wie +flüssiges Feuer durch die Adern rinnen, Halbtote, wie wir sind, wieder zu +freudigstem Lebensgenuß erwecken. Auf diesen Trunk freue ich mich.« + +»Nektar und Ambrosia scheinen wir hier zu finden,« flötete Frommherz. + +»Wollen gerne auf dieses griechische Götterzeug verzichten, wenn es nur +sonst hier was menschlich Anständiges für unsern Magen gibt,« antwortete +Piller. + +Unter solchen Gesprächen gelangten die Herren mit ihrer Begleitung zu den +ersten Häusern. Zu ihrem Erstaunen mußten sie sich überzeugen, daß die +Gebäude, die sie aus der Ferne für öffentliche Bauten gehalten hatten, +nichts anderes waren als großartige Einfamilienhäuser oder Villen. Aus +weißen, sorgfältig behauenen Steinen ausgeführt, hatten sie vorn hohe, +säulengetragene Hallen, die einen überaus einladenden Eindruck machten und +von der Vorliebe der Bewohner für frische Luft und für freie und +uneingeengte Räume Zeugnis ablegten. Für das warme Klima waren solche +offene Hallen das einzig Richtige und Zweckmäßige. Breite Marmorstufen +führten zu ihnen empor und dienten blühenden Kindern, die nur mit einem +hellfarbenen, leichten, durch einen Gürtel um die Lenden festgehaltenen +Hemde bekleidet waren, als Spielplatz. Marmorfiguren hoben sich +stimmungsvoll zwischen den Bogen der Hallen ab. Alles atmete ruhige +Schönheit und Freude und verfehlte nicht seine tiefe Wirkung auf die +Reisenden. + +Der Alte geleitete seine Gäste zu einem zweistockigen, palastartigen +Gebäude, das rings von üppigstem Pflanzenwuchs umgeben war und in seiner +Pracht einem Fürstensitz glich. Es war aber das Haus des Alten selbst, das +dieser den Fremdlingen zur ausschließlichen Benützung anwies. Auf breiten +Marmorstufen gelangten die Professoren in einen von Säulen getragenen, +offenen, großen Hof, in dessen Mitte ein mächtiger Springbrunnen sein +Wasser rauschen ließ. Rings um den Hallenhof lagen saalartige Zimmer, deren +Türen auf den Hof hinausführten. Rechts an der Halle befand sich die +Haupttreppe. Sie bestand aus zwanzig breiten Stufen, jede aus einem Stein +von vier Meter Länge. Sie führte zu einem Absatze mit einem großen Fenster. +Von diesem Absatze führten weitere zwanzig Stufen in die obere, +geschlossene Galerie, die durch große Fenster erhellt wurde und mit einer +prächtigen Kassettendecke geschmückt war. Von der Galerie aus gelangte man +in eine Reihe von Prunkgemächern, an die sich die Schlafzimmer und +Baderäume anschlossen. Der ganze Bau war voll Licht und Bequemlichkeit. + +Auf ein Händeklatschen des Alten eilten einige jüngere Männer herbei, die +wahrscheinlich die dienenden Geister dieses Palastes waren. Der Alte sprach +mit den jungen Männern lange und eindringlich und bedeutete endlich seinen +Gästen durch Zeichen und Gebärden, sich hier häuslich niederzulassen. +Darauf verließ er sie nach einer freundlichen Verbeugung. Auch die Diener +verschwanden, erschienen aber bald wieder und brachten duftende, reine +Kleider und Sandalen, ähnlich denen, die sie trugen. In stummer, aber +zuvorkommender Art wiesen sie den Fremden den Weg zum Bade. + +»Ich bin wirklich neugierig, was da noch alles kommen wird!« sprach Piller +lachend zu Professor Stiller. »Würde ich nicht wachen, wäre ich nicht +nüchtern wie ein Pudel und bei klarstem Verstande, ich würde glauben, daß +alles, was ich hier bis jetzt erlebt und, gesehen habe, nichts anderes als +ein tolles Spiel meiner Einbildungskraft ist.« + +»Warten wir ab, Piller! Schlecht aufgehoben sind wir für den Anfang nicht, +im Gegenteil. Ich höre bereits in unserer Nähe Tische rücken. +Wahrscheinlich wird für unser Mahl gedeckt. Baden wir zuerst, reinigen wir +uns vom letzten Erdenstaube und den Schlacken der Reise, und beginnen wir +dann unser neues, so viel Interessantes versprechendes Leben auf dem Mars!« + +»Mit Speise und Trank,« ergänzte Piller den Freund. »Jawohl, Stiller, wenn +Sie Idealist es auch nicht gern hören, ewig wahr bleibt es doch: Speise und +Trank bedarf der Sterbliche zuerst und vor allem, will er etwas leisten und +fest auf seinen Füßen stehen. Hoffentlich munden uns Kost und Trank auf dem +Mars. Also bis nachher!« Mit diesen Worten verschwand Piller in seinem +Badezimmer. Stiller sowie die übrigen Herren folgten diesem Beispiele und +plätscherten wenige Augenblicke später in dem angenehm erwärmten Wasser +ihrer geräumigen marmornen Badewanne. + +Wunderbar gestärkt durch das Bad und eingehüllt in ihre frischen, bequemen +Kleider, fanden sich die Gelehrten eine halbe Stunde später in dem hohen, +luftigen Speisesaale des Hauses zusammen. Die Decke dieses Saales trug +farbenprächtige Gemälde in Medaillenform, die Fenster wiesen edle +Glasgemälde auf, und der Boden bestand aus Platten von verschiedenfarbigem +Marmor. In der Mitte des Saales stand der Tisch, gedeckt mit blankem +Silbergerät. Auch Teller und Pokale waren aus demselben kunstvoll +verarbeiteten Edelmetalle hergestellt. Auf Fruchtschalen aus feinstem +Kristallglas lagen die herrlichsten Früchte, und aus geschliffenen Karaffen +funkelte verlockend eine klare, goldgelbe Flüssigkeit. Schwere Armstühle +aus schwarzem, eigenartigem Holze mit vergoldeten Lehnen standen um den +Tisch. + +»Das nenne ich fürstliche Pracht,« rief entzückt Frommherz, nachdem er im +Saale und auf dem Tische Umschau gehalten hatte. »Hier, Freunde, wollen wir +uns niederlassen, hier ist es gut sein! Der Erde fern und doch dem +Paradiese nahe.« + +»Nun, Sie scheinen mir ganz in Verzückung geraten zu sein,« meinte lächelnd +Hämmerle. + +»Lassen Sie unsern Frommherz phantasieren! Ich meinerseits bin auf das +Essen gespannt,« sprach, sich am Tische niederlassend, der nüchterne +Piller. »Sechzig Millionen Kilometer von unserer Erde entfernt, wird man +wohl hier oben einen andern Speisezettel haben als bei uns unten am Strande +des Neckars.« + +»Stiller, Sie setzen sich als Präses oben hin,« entschied Brummhuber, als +Professor Stiller in gewohnter bescheidener Weise sich zwischen den andern +Kollegen niederlassen wollte. + +»Natürlich!« pflichtete Professor Piller bei. »Ehre, wem Ehre gebührt! +Unser Freund Stiller hat seine Sache bis jetzt ganz ordentlich gemacht, er +stehe deshalb auch ferner unserer Korona vor!« Mit diesen Worten goß er +sich von dem Inhalt der vor ihm stehenden Karaffe etwas in seinen Pokal ein +und hielt ihn prüfend an die Nase. + +»Hm . . . hm! Der Trank riecht wirklich nicht übel . . . hat feines +Bouquet.« Vorsichtig nahm er einen Schluck. + +»Es ist Wein, tatsächlich Wein und zwar so eine Art Trockenwein, beinahe +wie Sherry, nur noch bedeutend feiner und milder,« entschied Piller, +nachdem er getrunken. »Von schlechten Eltern stammt er nicht, aber mein +Zuckerle ist entschieden süffiger als dieser Marstropfen. Immerhin, er kann +bleiben, wie er ist; lieber solchen Wein als gar keinen!« + +»Seien Sie froh, Piller, Sie Alkoholiker, daß Sie überhaupt etwas zu +trinken haben! Wir sind doch wahrlich nicht des Weines wegen nach dem +fernen Mars gekommen!« warf Professor Dubelmeier ein. »Ihr ewiger Durst und +Ihre unstillbare Sehnsucht nach dem Zuckerle hätten Sie eigentlich da unten +auf der Erde festhalten sollen.« + +»Schweigen Sie, Sie fanatischer Anhänger des Göppinger Wassers!« rief +Piller voll Grimm. »Was verstehen Sie denn von . . .« + +Aber Professor Stiller ließ den Zornigen nicht ausreden. Er erhob sich. +»Meine lieben Freunde! Ich bitte um Ruhe und Frieden und wünsche Ihnen +allerseits einen recht gesegneten Appetit zu dem bevorstehenden Mahle. +Weihen wir unserer glücklichen Ankunft auf dem Mars den ersten Schluck! Der +zweite soll dem Gedenken an unsere engere und weitere Heimat, dem lieben +Schwabenlande und Deutschland, gelten. Bitte, füllen Sie ihre Pokale und +tun Sie mir Bescheid!« + +»So, das laß ich mir gefallen,« brummte Piller; »Stiller ist wirklich ein +vernünftiger Knabe.« + +»Und nun, meine Freunde, setzen wir uns zum Mahle!« Nach dem Beispiele des +Alten von vorhin klatschte Herr Stiller in die Hände, und herein traten +sieben Diener, für jeden Herrn einer. Sie trugen Platten in den Händen, auf +denen wohlriechende Fische lagen. Herrn Pillers Zorn verrauchte schnell +angesichts der warmen, so einladenden Speise. Er und die übrigen Herren +langten tüchtig zu. Alle waren darüber des Lobes voll, daß die Fischspeise +ausgezeichnet geschmeckt habe. + +Auf den Fisch folgten einige eigenartige, aber äußerst schmackhaft +zubereitete Mehlspeisen, dann Gemüse, Obst und Backwerk. + +Als das Frühstück beendet war, füllte Piller seinen Pokal mit dem +goldschillernden Wein, rückte seinen Stuhl etwas vom Tische zurück und +stand auf. + +»Silentium, meine Herren!« Die laute, anregende Unterhaltung der Herren +verstummte und machte einer aufmerksamen Stille Platz. »Meine lieben +Freunde und Genossen! Ich erfülle nur einen Akt der Pflicht,« hub Piller +an, wurde aber plötzlich von seiner Rede abgelenkt, als sich von außen her +zuerst unendlich zarte, wundervolle Töne hören ließen, die nach und nach in +mächtige Akkorde übergingen. Es war Musik, ein Spiel, so feierlich und +schön, daß die Herren unter dessen Banne ruhig, fast unbeweglich an ihren +Plätzen verharrten, um durch kein auch noch so leises Geräusch die +ergreifenden Töne zu stören, die mit ihren Klängen aus der Gegenwart +emporzuheben schienen zu jenen blauen, seligen Gefilden der unbegrenzten +Freude. Leise, einem Flüstern gleich, erstarben nach und nach die Akkorde. + +»So empfängt uns der Mars!« rief in heller Begeisterung Professor Stiller, +als die Musik geendet hatte. »Kann es einen schöneren und zugleich +erhebenderen Willkommen für uns hier oben geben als dieses göttergleiche +Saitenspiel?« + +»Nein, gewiß nicht!« erwiderten die Gefährten einstimmig und voll +Begeisterung. Dann eilten sie an die Fenster des Saales, um nach den +Veranstaltern des hohen Genusses Umschau zu halten. Ein Dutzend +Harfenspieler waren es, die sich da langsam und würdevoll mit ihren +Instrumenten von der Terrasse des Hauses entfernten. + +»Piller, das war entschieden ein schönerer und edlerer Ohrenschmaus, als es +die Rede gewesen wäre, die Sie im Begriffe waren, uns zum besten zu geben,« +foppte Dubelmeier den Freund. + +»Was wissen Sie denn, was ich zu sagen hatte! Die Rede bekommen Sie +übrigens über kurz oder lang doch einmal zu hören. Aber danken Sie es der +eben gehörten Musik, die mein Gemüt so friedlich gestimmt hat, daß ich auf +Ihre Herausforderungen nicht so antworte, wie Sie es verdienen, Sie -- Sie +unverbesserlicher Wasserphilister.« + +Die Herren lachten über den Disput der beiden Gefährten, die sich im Grunde +ihres Herzens trotz allen Reibereien sehr zugetan waren. + +Von mehreren ehrwürdigen Männern begleitet, erschien der Greis wieder im +Rahmen der großen Türe des Saales. Ein Lächeln huschte über das ernste, +ausdrucksvolle Gesicht des alten Mannes, als er die sieben Fremden wieder +erblickte, die da, ähnlich gekleidet wie er, achtungsvoll vor ihm standen. +Der Greis neigte leicht den Kopf zum Zeichen des Grußes und lud die Herren +durch eine Handbewegung ein, ihm zu folgen. Es ging den Weg zurück, den sie +diesen Morgen gekommen waren. + +»Am Ende werden wir gleich wieder dahin abgeschoben, wo wir hergekommen +sind,« bemerkte besorgt Professor Frommherz. + +»Darüber brauchen Sie sich nicht zu ängstigen,« erwiderte Professor +Stiller. »In diesem Falle wären wir nicht so liebenswürdig aufgenommen +worden.« + +Die Gesellschaft war nun auf der Wiese angelangt, auf der sich der +Weltensegler kaum merkbar am Ankerkabel bewegte. Der Alte gab den Herren zu +verstehen, daß sie ihr Eigentum aus der Gondel herausnehmen sollten. Zu +diesem Zwecke und der besseren Verständigung wegen stieg der Greis mit +seiner Begleitung die Strickleiter zur Gondel hinauf und brachte aus ihr +verschiedene Dinge herab, die den Erdmenschen gehörten. Nun begriffen diese +den Greis. + +»Sehen Sie, daß ich recht hatte?« Mit diesen Worten wandte sich Stiller an +seinen Kollegen Frommherz. »Man kommt doch nicht von der Erde zu so +freundlichen, gastfreien Menschen, wie es die Marsbewohner zu sein +scheinen, um gleich wieder kehrtmachen zu müssen. Übrigens könnten wir in +unserer jetzigen Verfassung an eine sofortige Rückkehr überhaupt nicht +denken.« + +»Vor dieser bewahre uns für immer der Himmel in Gnaden!« antwortete +Frommherz, emsig damit beschäftigt, seine Habseligkeiten zusammenzupacken. + +Bald nachher war das bescheidene Gepäck der Marsreisenden unten auf dem +Boden. Mit Aufmerksamkeit betrachtete der Greis die verschiedenen +Instrumente, die da zum Vorschein kamen. Ganz besonderes Interesse erregte +bei ihm das Fernrohr. Stiller suchte ihm dessen Gebrauch klarzumachen. Aber +der Greis schüttelte zu diesen stummen Auseinandersetzungen nur den Kopf +und wies endlich mit der Rechten nach einem fernen Bau, dessen +kuppelförmiges Dach der Professor jetzt zum erstenmal erblickte. + +»Beim Zeus, die haben ja hier oben auch eine Sternwarte und zwar in +nächster Nähe!« rief Stiller erfreut. »Freunde, da müssen wir noch heute +abend hingehen, um von dort aus unsere Mutter Erde in weiter Ferne als +leuchtenden Stern erster Größe betrachten und bewundern zu können.« + +Stiller machte dem Greise diesen Wunsch sofort begreiflich. Er deutete +zuerst nach dem Himmel, dann auf sein Fernrohr und schließlich auf die +Kuppel des Gebäudes. Endlich entnahm er seinem Gepäck eine große +Himmelskarte, die er entfaltete. Mit dem Zeigefinger der Rechten wies er +auf die Planeten hin, deren Bahnen um die Sonne auf einem besonderen +Abschnitt der Karte verzeichnet waren. Nun verstand ihn der Greis sofort +und nickte bejahend mit dem Kopfe. Jetzt suchte ihm auch der Professor +begreiflich zu machen, woher er und seine Gefährten gekommen seien. Er +zeigte auf die eingezeichnete Erde, dann auf die sie umschließende Bahn des +Mars, auf diesen selbst, endlich auf das Luftschiff. Ein lauter Ton des +Erstaunens kam über die Lippen des Greises. Er hatte Professor Stiller +vollkommen verstanden und reichte ihm zum erstenmal mit Worten, die wie ein +herzliches Willkommen klangen, die Hand, die dieser warm, drückte. + +Der Greis übersetzte seinen Begleitern, was der Fremde ihm da in seiner +stummen Zeichensprache erklärt hatte, und auf den offenen, ehrlichen +Gesichtern trat ein gewisser Ausdruck der Achtung vor den kühnen Fremden, +die so weit hergekommen waren, hervor. Die Weltensegler wurden wieder in +ihr Heim zurückgeführt, in dem sie sich mit den aus ihrer Heimat +mitgebrachten Sachen häuslich einzurichten begannen. Darüber war es spät am +Mittag geworden. Keine lästige Neugier hatte die Herren bei ihrer +Einrichtung gestört. Mit unendlichem Behagen streckten sie sich nach +Beendigung dieser Arbeit auf die weichen Ruhebetten in ihren Zimmern, um in +dem so lange entbehrten Genusse eines ausgezeichneten Lagers kurze Zeit zu +schwelgen. + +Inzwischen war die Tischzeit herangekommen. Das Mittagsmahl verlief ähnlich +wie das Frühstück, nur war es reichlicher. Voll Befriedigung über die ihnen +gebotenen Tafelfreuden wollten sich die Herren gerade erheben, als sie eine +neue Überraschung an ihre Plätze bannte. Draußen, vom Hallenhofe des Hauses +her, erschallte a capella der Gesang menschlicher Stimmen. Es war ein Lied +voll Innigkeit und Tiefe. Die tongewordene Barmherzigkeit selbst schien es +zu sein, die da an die Herzen der Gelehrten so mächtig pochte, daß sie ihre +große Ergriffenheit nur schlecht zu bemeistern vermochten. Als das Lied +verklungen war, wischten sich einige der Herren verstohlen die Tränen aus +den Augen. + +»Darauf muß ich noch einen Schluck nehmen,« erklärte Piller, seinen Pokal +füllend. »Seelische Erregungen rufen bei mir das Bedürfnis nach materieller +Stärkung hervor. Dubelmeier, schneiden Sie kein so sonderbares Gesicht; tun +Sie mir lieber Bescheid!« + +»Bewahre mich der Himmel davor, diesen hehren Augenblick durch Alkohol zu +entweihen!« + +»Ganz wie Sie wollen, lieber Dubelmeier!« erwiderte Piller gegen seine +sonstige Gewohnheit milde. + +Die Gelehrten verließen das Haus, um den schönen Abend zu einem Spaziergang +zu benützen und die Gegend etwas näher kennenzulernen, die voraussichtlich +längere Zeit ihren Wohnort bilden würde. Auf diesem Spaziergange wurde es +ihnen mehr und mehr klar, daß ihr Luftschiff in der Nähe einer viel +größeren Niederlassung gelandet war, als sie anfänglich geglaubt hatten. Es +mußte eine Art von Stadt sein; denn trotz des garten- oder parkartigen +Charakters des Ganzen bewiesen die vielen Häuser, die stets allein für sich +standen, daß hier eine verhältnismäßig dichte Bevölkerung vorhanden sein +müsse. + +In dieser Auffassung wurden die Herren auch durch die zahlreichen Menschen +unterstützt, die sie noch mit den verschiedensten Arbeiten beschäftigt +antrafen. Niemand war hier untätig. Die Hast aber schien ein unbekannter +Begriff zu sein, denn bei aller Arbeit trat ein gewisses Maß vornehmer Ruhe +hervor. Wie wohltuend stach diese gegen das lärmende Treiben der Menschen +auf der Erde ab! Überall, wohin auch die Gelehrten ihre Blicke richteten, +erschien ein gleichmäßig verteilter Wohlstand; selbst die relative Armut +mußte hier unbekannt sein. Nicht nur in den Häusern, deren offene Hallen +dem neugierigen Auge ungehinderten Einblick gestatteten, nein, auch um die +Wohnungen herum, auf allen Wegen und Stegen herrschte eine geradezu +peinliche Sauberkeit. + +Ihr Spaziergang führte die Herren auch an den breiten Strom, den sie heute +in der Frühe des Tages vom Luftschiff aus gesehen hatten. Es mußte einer +der berühmten Marskanäle sein; denn soweit sie sehen konnten, war der Strom +kunstvoll eingedämmt, schnurgerade seine Ufer. Eine kühn geschwungene +steinerne Brücke, auf vielen Pfeilern ruhend, ein architektonisches +Meisterwerk, führte hinüber an das andere Ufer. Auf dem Mars schien alles +unter dem Zeichen gemessener Ruhe zu stehen: auch die klaren, hellgrünen +Gewässer des mächtigen Kanales flossen still und ruhig dahin und trugen auf +ihrem Rücken eine Menge geschmackvoll gebauter Schiffe. + +An der Brücke lag ein Schiff, aus dem einige Männer Platten verschieden +gefärbten Marmors, Blöcke von Granit und Syenit ans Ufer schafften und zwar +mit einer Leichtigkeit, die auf die sieben Schwaben geradezu verblüffend +wirkte. Sollten diese Marsbewohner über ungewöhnliche Körperkräfte +verfügen, eine Art Athleten sein? + +»Welch großartig entwickelten Brustkorb diese Leute haben! Sehen Sie einmal +genauer hin!« Mit diesen Worten zeigte Piller auf die Arbeiter. »Es ist mir +heute früh schon aufgefallen, wie herrlich gebaut und wie breitschultrig +diese Menschen hier sind. Auch die Kinder zeichnen sich in dieser Beziehung +gegenüber den unsern auf der Erde vorteilhaft aus. Die reinste Züchtung +einer lungenstarken Rasse, die der Schwindsucht kaum zugänglich sein +dürfte,« fuhr Piller fort. + +Unterdessen war Brummhuber zu den arbeitenden Marsiten getreten und +versuchte, eine der Steinplatten zu heben. + +»Mir kommt dieser Marmor merkwürdig leicht vor. Sollte es vielleicht eine +andere Art von Stein sein als bei uns?« rief er fragend seinen Gefährten +zu. + +Diese kamen, neugierig geworden, näher und untersuchten die Steine. + +»Nein, es ist tadellos schöner Marmor. Betrachten Sie nur das feine Korn +und die zartgefärbten Adern, die ihn durchziehen!« entgegnete Piller nach +eingehender Prüfung. + +»Und dieser prächtige rote Stein hier ist bester Syenit, oder ich müßte +geradezu kein mineralogisches Unterscheidungsvermögen mehr besitzen,« warf +Herr Hämmerle ein, der an dem Steine herumgeklopft hatte. + +»Versuchen wir einmal, die Steine zu heben!« entschied Piller. + +»Richtig, die scheinen hier oben ein geringeres spezifisches Gewicht zu +haben als unten bei uns. Nun begreife ich, warum diese Leute die Lasten so +leicht zu heben vermögen. Woher das wohl kommen mag? Wissen Sie vielleicht +die Ursache, Stiller?« + +»Der Grund dieser Erscheinung liegt meines Erachtens in der Dichtigkeit des +Mars, die nur o,7 von der der Erde beträgt,« antwortete Herr Stiller. + +»Nun geht mir auch ein Licht auf, warum mir heute bei unserm Mahle die +Pokale, unsere Silbergeräte überhaupt, so eigentümlich leicht vorkamen,« +fügte Thudium bei. »Ich hatte aber keine Zeit, über diese auffallende +Erscheinung nachzudenken, denn die Musik nahm mich zu sehr gefangen.« + +»So ging es auch mir,« bestätigte Stiller. + +»Und wie steht es mit der Dichtigkeit der Marsatmosphäre?« forschte +Frommherz. »In dieser Beziehung finde ich keinen Unterschied gegenüber +unserer Heimatluft im Sommer. Im Gegenteil, ich atme leichter, freudiger +hier oben als unten.« + +»Der Luftkreis, der diesen Planeten umgibt, ist von bedeutend geringerer +Höhe als der unserer Erde. Denken Sie sich bei uns auf einen Berg von +mäßiger Höhe gestellt, so wird die etwas dünnere Luft dort ungefähr der +hier entsprechen. Unsere Erdbarometer sind leider nicht für den Mars so +verwendbar, daß wir zu ganz sichern Vergleichen und Schlüssen kommen +könnten,« entgegnete Stiller. + +»Sei dem wie ihm wolle! Aus Ihren Worten kann ich mir auch ganz ungezwungen +die wunderbare Entwicklung des Brustkorbes unserer Marsfreunde erklären: +Anpassung der Lungen an die äußeren Lebensbedingungen. So werden sich auch +in derselben einfachen Weise andere Eigentümlichkeiten der Marsleute +erklären lassen, die uns noch da und dort entgegentreten werden,« erwiderte +Piller, sich in Marsch setzend, während die übrigen Herren seinem Beispiele +folgten. + +»Übrigens, meine Freunde, haben Sie noch nicht die auffallend schönen Augen +unserer Marsmenschen bewundert?« fragte Piller im Weiterschreiten. + +»Ihre Größe und ihr schöner Glanz stechen allerdings stark gegen Größe und +Glanz der unsern ab. Ein merkwürdiges Leuchten geht aus diesen Spiegeln der +Seele bei unsern Marsleuten hervor.« + +»Ganz richtig beobachtet, Stiller! Das satte Blau der Iris habe ich in +dieser vollendeten Schönheit früher noch niemals gesehen. Es ist die +Idealfarbe des edeln Auges. Und dieses lockige, reiche Haar! Wahre Zeus- +und Junogestalten! Frommherz hatte heute recht mit seinem Vergleiche.« + +»Nicht wahr?« rief dieser erfreut über Pillers laute Anerkennung. +»Körperlich wie geistig gleich hochstehende Menschen scheinen mir die +Marsbewohner zu sein.« + +»Für diese Gegend wenigstens scheint Ihr Urteil zu stimmen nach dem, was +wir heute erfahren haben,« erwiderte Stiller. + +Da die Sonne untergegangen war, so beschlossen die Herren aus dem +Schwabenlande, für heute den Spaziergang zu beenden und in ihr Heim +zurückzukehren. Dort wollten sie den Besuch des würdigen Greises erwarten, +um von ihm auf die Sternwarte geführt zu werden. Sie befanden sich noch +unterwegs, als die Nacht ihre dunklen Schwingen über die Landschaft +auszubreiten begann. Im Osten wurde es hell und heller. Der Mond tauchte +auf und warf sein klares Licht auf die stille, friedvolle Gegend. + +»Das ist der große Marsmond, Deimos genannt, der uns da leuchtet,« erklärte +Professor Stiller seinen Gefährten. »Wenige Augenblicke nur, und Sie werden +den zweiten Trabanten des Mars sehen, mit dem wir, wenn auch +glücklicherweise höchst oberflächlich, letzte Nacht in peinliche Berührung +gekommen sind.« + +Richtig, da kam auch der kleine Phobos über den Horizont gestiegen. + +»Welch prachtvolles Schauspiel!« rief voll Entzücken Stiller. »Wahrlich, +die Marsbewohner brauchen keine künstliche Beleuchtung ihrer Nächte! Sie +haben nicht nur jede Nacht vollen Mondschein, sondern sie besitzen auch +gleich zwei Himmelsleuchten.« + +»Ein merkwürdiger Weltkörper, dieser Mars, fürwahr!« entgegnete Piller, +einen Augenblick stehen bleibend und die beiden Monde betrachtend, deren +fast taghelles Licht eigenartige, reizvolle Schattenbilder hervorbrachte. + +»Ein lebendig gewordenes Märchen. Das wäre wieder ein neuer Anlaß für Sie +zu trinken, Piller,« spottete Dubelmeier. + +»Warum denn nicht, alter Freund, warum denn nicht? Es scheint mir aber nach +dem, was wir heute schon erlebt haben, auf dem Mars so viel +Bewunderungswürdiges zu geben, daß die Anlässe zum Trinken sich denn doch +zu bedenklich mehren dürften. Mein Wahlspruch aber ist gleich dem des alten +griechischen Weisen: Nichts zuviel!« + +Dubelmeier lachte laut auf. + +»Lachen Sie nicht so töricht, altes Wasserhuhn, und folgen Sie selbst +lieber diesem Beispiele in Ihrer übertriebenen Wassertrinkerei! Das rate +ich Ihnen schon vom Standpunkte der modernen Heilkunde aus.« + +»Die Monde kommen mir hier oben bedeutend größer vor als z. B. unten unser +Trabant,« bemerkte Frommherz, die eingetretene Stille unterbrechend. + +»Nur Täuschung, mein Lieber!« erklärte Stiller. »Die Monde des Mars sind +beträchtlich kleiner als der Mond unserer Erde, sie sind aber bedeutend +näher am Hauptplaneten, als dies bei unserm Monde der Fall ist. Phobos hier +ist vom Mars nur etwas über 9000 Kilometer, der große Deimos nicht mehr als +etwa 23500 Kilometer entfernt. Daher kommt es, daß diese Trabanten des Mars +so übermäßig groß erscheinen.« + +Unter diesen Gesprächen gelangten die Herren vor ihr stattliches Heim. Dort +erwartete sie bereits ihr aufmerksamer Gastgeber, der ihnen heute schon so +viel Gutes erwiesen hatte. Im Mondschein erschien den Herren die hohe +Gestalt des Alten womöglich noch feierlicher als im Lichte des Tages, das +lange, wallende weiße Haar noch silberner, glänzender. + +»Sieht er nicht aus wie ein Patriarch aus der alten jüdischen Zeit, in der +Sittenreinheit und Einfachheit des Volkes herrlichste Tugenden waren?« +fragte Professor Stiller leise seinen Kollegen Frommherz. + +»Wahrhaftig, Sie haben recht!« entgegnete dieser. »Nennen wir unsern Alten, +dessen Namen uns noch unbekannt ist, einfach Patriarch. Diese Bezeichnung +paßt prächtig auf ihn, hat er uns doch heute unter seinen väterlich milden +Schutz genommen.« + +Nach einer kurzen, stummen Begrüßung geleitete der Alte die Erdensöhne nach +dem mit einem Kuppelbau versehenen Hause. Der Weg dahin führte durch eine +Art von Wald voll großer wohlgepflegter Bäume, auf deren dunkelgrünen, +glänzenden Blättern die zitternden Strahlen der Monde ihr neckisches Spiel +trieben. Millionen von Leuchtkäfern schwirrten in der weichen Nachtluft +unter den Bäumen, und das bläulich schillernde Licht der lautlos +dahinhuschenden Tiere machte den Eindruck kleiner, in rascher Bewegung +begriffener Sternchen. Muntere Bächlein, über die zierliche Brücken +führten, kreuzten oft den Weg. + +Der eigenartig schöne Weg hatte ungefähr eine Stunde Zeit in Anspruch +genommen. Das in Form eines Rundbaus angelegte Gebäude trug in seinem +Erdgeschoß eine Reihe von Büsten auf roten Marmorsockeln. Sie schienen die +Männer darzustellen, die hier am Observatorium gewirkt hatten. Breite +Stufen führten in den eigentlichen Beobachtungsraum hinauf, in dem einige +Männer bereits an ihrer stillen Arbeit saßen. Der Patriarch mußte mit ihnen +bereits Rücksprache genommen haben, denn sie erhoben sich sofort beim +Eintritt der Fremden und luden diese durch freundliche Handbewegung ein, +ihre Plätze einzunehmen. + +Stiller war von der gediegenen Pracht und Großartigkeit der gesamten +Einrichtung überrascht. Wie gering erschien ihm dagegen seine Sternwarte da +unten auf Stuttgarts Bopserhöhe! Er trat auf eines der Riesenteleskope zu, +prüfte es kurz und gestand sich, daß dessen Linsen an Schärfe nichts zu +wünschen übrig ließen, ja sogar alles übertrafen, was er in dieser +Beziehung überhaupt bis jetzt kennengelernt hatte. Welch eine Summe von +Intelligenz mußte auf dem Mars vorhanden sein, die so feine, auf genauester +wissenschaftlicher Berechnung beruhende optische Arbeit auszuführen +ermöglichte! + +Der Professor betrachtete aufmerksam den Himmel. Da und dort flammten +Sternbilder und einzelne Sterne auf, die ihm bekannt waren. Ein auffallend +großer, rotleuchtender Stern stand tief im Westen und erregte die vollste +Aufmerksamkeit des Gelehrten. Es konnte nur ein Planet sein, der da +funkelnd im unermeßlichen Weltraum hing, und möglicherweise war es der +auffallenden Nähe wegen gar die Erde. Das Riesenfernrohr wurde daraufhin +sorgfältig eingestellt. Die Vermutung Professor Stillers war richtig. Dank +den unübertrefflich scharfen Linsen und der Reinheit der Marsatmosphäre +erkannte er deutlich die Mutter Erde. Gut konnte er auf ihr die +verschiedenen Meere und Kontinente unterscheiden. Vom Nordpol abwärts +ließen sich sogar die Umrisse der einzelnen Länder gegen das Eismeer sowie +gegen den Atlantischen Ozean hin feststellen, und das da, -- ja, jetzt +hatte er es -- was sich jetzt zeigte, im Fernrohr scharf abzeichnete, mußte +die Heimat, mußte dem ganzen Aussehen nach Deutschland sein. + +Voll freudiger Aufregung teilte Stiller seinen Gefährten die gemachte +Beobachtung mit und lud sie ein, einen Blick auf das ferne teure Vaterland +hinunterzuwerfen. Einer nach dem andern folgte dieser Aufforderung. + +»Unglaublich, aber wahr! Diese Fernsicht ist wirklich einzig in ihrer Art! +Zum ersten Male sehen wir aus weiter, weiter Ferne die Erde und die +Heimat,« rief Hämmerle begeistert. + +»Die Großartigkeit dieses Bildes wirkt geradezu feierlich,« äußerte +Thudium. + +»So ist es auch,« bestätigte Piller. + +Die Astronomen vom Mars und der Patriarch, warfen nun ebenfalls +nacheinander einen Blick durch das Teleskop. Sie wußten ja schon, woher die +sonderbaren Fremden heute früh gekommen waren, und konnten aus ihrer +Aufregung bei der Beobachtung eines bestimmten Teiles des fernen Gestirnes +leicht schließen, daß dieser Teil, der sich augenblicklich im Gesichtsfelde +des Fernrohres befand, die engere Heimat ihrer Gäste sein müsse. + +»Es ist jammerschade, daß wir uns mit den Kollegen hier nicht unterhalten +können! Welch interessanter, gewinnbringender Meinungsaustausch käme dabei +heraus!« sprach Stiller zu seinen Gefährten, als sie nach stummem Abschiede +das Observatorium verließen. + +»Wir müssen in erster Linie so rasch wie möglich die Sprache der +Marsbewohner erlernen. Ihre Kenntnis ist die unumgängliche Voraussetzung +für unsere Forscherzwecke,« antwortete Hämmerle. + +»Wahr gesprochen, Meister der Sprachforschung!« erwiderte Piller, und auch +die andern Herren nickten zustimmend mit dem Kopfe. + +Die beiden Trabanten des Mars standen nun als volle Monde am Himmel, als +die Herren heimwärts schritten. Gewaltigen, übereinandergestellten +Leuchtkugeln gleich, hingen sie oben am Himmel und warfen ihr +silberglänzendes Licht über die stille Landschaft. Während Phobos, der +innere, kleinere Mond, sich in rascher Bewegung von West nach Ost befand, +zog der große, äußere Deimos, weniger hastend als sein Gefährte, auf +stiller Bahn den umgekehrten Weg. Es war ein Anblick, so wunderbar und +einzig in seiner Art, daß die Erdensöhne in lautes Entzücken über diese +bezaubernde Mondnacht ausbrachen. Langsam schlenderten sie nach Hause und +genossen in vollen Zügen die Wunder einer Marsnacht. + + + + +Fünftes Kapitel +Lumata und Angola + + +Die folgenden Wochen verflossen für die Gäste des Patriarchen in angenehmem +Verkehr mit diesem selbst und den Bewohnern der Marskolonie. Die Fremden +waren aufs eifrigste bestrebt, sich mit ihren neuen Freunden sprachlich zu +verständigen. Sie schrieben zunächst alle Bezeichnungen für die +verschiedensten Dinge nieder, wie sie eben ihr Ohr vernahm. Hierauf +brachten sie die Dinge mit ihrer Tätigkeit und ihren Eigenschaften in +Verbindung und erhielten so auf diese einfache Weise nach und nach den +Schlüssel zur Sprache selbst. Ging auch die Verständigung anfänglich sehr +langsam und mühsam von statten, so gewährte ihnen doch das allmähliche +Begreifen der klangvollen Sprache viel Freude und lohnte ihnen dadurch die +große Mühe wieder, die sie für ihr Studium aufwenden mußten. + +Alles geht in der Welt der Menschen nur schrittweise vorwärts; nirgends +marschiert der wahre Fortschritt mit Siebenmeilenstiefeln. Die Wahrheit +dieses Satzes erfuhren die sieben gelehrten Schwaben nicht nur an sich +selbst bei ihren Studien, sondern konnten sie auch bei den Marsbewohnern +beobachten. Waren sie auch erst kurze Zeit da und in ihren Bewegungen auf +einen verhältnismäßig kleinen Raum beschränkt gewesen, so konnten sie sich +doch unschwer davon überzeugen, daß die Bewohner des Mars eine ganz +bedeutende Höhe in der Kultur erreicht hatten, die nur das Ergebnis einer +jahrtausendelangen geistigen Entwicklung sein konnte. + +In dem Maße, wie die Herren im Verstehen ihrer Umgebung vorwärts schritten, +wuchs auch ihre Bewunderung und Wertschätzung dieser in jeder Beziehung so +hochstehenden Menschen. Immer mehr drängte sich ihnen die Überzeugung auf, +daß die Masse der Marsbewohner, wenigstens die, deren Gäste sie waren, in +idealster Weise als Menschen das erfüllte, was auf der Erde nur die Besten +und Edelsten, also immer nur vereinzelte Individuen, leisteten. + +Was sie selbst vom Schönen, Wahren und Guten unten auf der Erde geträumt +hatten, hier oben fanden sie alles in die Wirklichkeit umgesetzt; denn +überall und in allem offenbarte sich ihnen die wunderbarste Harmonie, alles +atmete Schönheit, Güte und Wahrhaftigkeit, und das ganze Leben trug den +Stempel vornehmer, ruhiger Tätigkeit. Zweifellos mußte eine weise Regierung +dieses große Staatswesen leiten, obwohl die Herren von Behörden, wie sie +sich unten in der Heimat breit machten, hier oben nicht das geringste +wahrnahmen. + +Ob dieses Lebensbild voll Licht und Schönheit wohl auch seine Schatten, +seine dunkle Seite hatte? Diese Frage wurde von den Herren am Abend bei der +gemeinsamen Unterhaltung im großen Bibliotheksaale ihres Heims wiederholt +aufgeworfen. Ihre endgültige Beantwortung mußte aber immer wieder +verschoben werden, denn die Meinungen liefen schließlich stets darauf +hinaus, daß man erst die Sprache vollständig beherrschen müsse, bevor man +sich ein abschließendes Urteil bilden könne. Hier oben auf dem Mars lag +eben alles anders als auf der Erde. + +Die sieben Schwaben fühlten sich in ihrem neuen Wohnorte außerordentlich +wohl, so wohl, daß sie an die Möglichkeit einer Rückkehr gar nicht mehr zu +denken schienen. Wenigstens äußerte sich keiner der Herren mehr darüber. +Von den Marsiten, wie sie die Marsbewohner nannten, wurden sie wie liebe, +alte Freunde, ganz wie ihresgleichen behandelt, und die Gastfreundschaft +wurde ihnen gegenüber in so zartfühlender Weise geübt, daß sie die +Empfindung von etwas Drückendem gar nicht aufkommen ließ, im Gegenteil zu +frohem Genusse förmlich einlud. + +Auch der Weltensegler hatte unterdessen zweckmäßige Unterkunft gefunden. +Eine geräumige, mit Glas bedeckte, aus Eisen luftig konstruierte Halle war +in aller Stille auf der Wiese errichtet worden, auf der das Luftschiff +niedergegangen war. In dieser Halle war das Fahrzeug untergebracht worden. +Die verschiedenen großen und kleinen Schäden am Ballon wie an der Gondel +hatten die Marsiten in so meisterhafter Weise ausgebessert, daß Herr +Stiller zuerst sprachlos vor Erstaunen darüber war. Die Leute hier oben +kamen ihm in ihrer Geschicklichkeit und Erfahrung in den schwierigsten +Dingen der Aeronautik wie Zauberer vor. Wenn schon die Techniker auf dem +Mars so viel Wissen und Können offenbarten, wie es die schwierigen +Reparaturen des Weltenseglers erforderten, um wieviel verblüffender mußten +die Ergebnisse der forschenden Wissenschaft sein! Wie viel konnten sie +selbst hier noch lernen! Diese Aussicht enthielt so viel Verführerisches, +daß Stiller kaum die Zeit erwarten konnte, die ihm und seinen Gefährten den +näheren Verkehr mit den Männern der Wissenschaft, mit ihren Marskollegen, +bringen sollte. + +Die Frage, wie sie die ihnen erwiesene Gastfreundschaft ausgleichen +könnten, beschäftigte Schwabens Söhne oft; denn das war den Herren klar, +daß sie sie auf die Dauer nicht ohne Gegenleistung genießen durften. Sie +beschlossen daher, sich später in irgendeiner Weise, jeder nach seinem +Berufe, den Marsiten nützlich zu machen, ihre dankbare Anerkennung in einer +passenden Form zum Ausdruck zu bringen. Das einstweilen noch unklare Wie +würde sich möglicherweise eines Tages von selbst ergeben. + +Die Zeit verging. Sie brachte ihnen mancherlei weitere Erfahrungen und +Einblicke in die eigenartig neue Welt, die sie umgab. Zunächst konnten sie +feststellen, daß ihr Wohnort auf der nördlichen Halbkugel des Mars lag, und +zwar auf dem fünfzehnten Breitengrade. Da der eigentliche Tropengürtel des +Mars gegenüber dem der Erde nur die Hälfte beträgt, so lag der fünfzehnte +Grad nördlicher Breite hier bereits in der subtropischen Zone. Die +gemäßigte Zone des Mars reichte nördlich wie südlich nur bis zum +fünfunddreißigsten Breitengrade. Über diesen Grad hinaus begann die kühle +Region. Während diese nur spärlich und nur von einer bestimmten Klasse von +Marsbewohnern bevölkert war, wie den Gelehrten mitgeteilt wurde, lebte die +Hauptmasse der Marsiten innerhalb der fünfunddreißig Breitengrade nördlich +und südlich vom Äquator. Es war also ein verhältnismäßig kleiner Raum des +Planeten, der bewohnt und wirklich kultiviert wurde, er genügte aber +vollständig, um der auf nur zweihundertundfünfzig Millionen geschätzten +Bewohnerzahl des Mars eine gute Existenz zu gewähren. + +Daß diese Existenz an die Riesenkanäle gebunden sein müsse, hatten die von +Professor Stiller und andern Forschern schon früher angestellten +Marsbeobachtungen vermuten lassen. Diese Vermutungen wurden jetzt zur +Gewißheit, als Professor Stiller in der Lage war, die elementarsten +Lebensbedingungen des Mars persönlich zu erforschen. + +Die Atmosphäre des Mars war der der Erde ähnlich. Da es aber auf dem Mars +nur kleinere Ozeane und Binnenmeere gab, so enthielt der Luftkreis, der +diesen Planeten umschloß, im allgemeinen weniger Wasserdampf oder +Feuchtigkeit als die Erdatmosphäre. Eine wunderbar klare, durchsichtige +Luft, die die fernsten Gegenstände nähergerückt erscheinen ließ, ein tief +dunkelblauer Himmel waren die natürlichen Folgen dieser Tatsache, +gleichzeitig aber auch ein gewisser Mangel an starkem Regen. Wohl taute es +in den herrlich kühlen Nächten so reichlich, daß dadurch die Pflanzenwelt +in schönster Frische erhalten wurde, aber dieser Niederschlag allein +genügte nicht den Ansprüchen der Pflanzen an Wasser. So waren die +Marsbewohner im Kampfe um ihre Existenz gezwungen, diesen natürlichen +Mangel durch die Kunst auszugleichen. Auf diese Weise entstanden die +Kanäle, die sich bis zu den polaren Zonen hinzogen und von diesen das im +Sommer abschmelzende Wasser der dort abgelagerten gewaltigen Eismassen nach +allen Richtungen hin leiteten. + +Schon die ganze großartige Ausführung dieser uralten, Tausende von +Kilometer langen Wasserstraßen, die da und dort in Riesenseen, künstlichen +Zentralsammelbecken, zusammenflossen, die Art und Weise ihrer sorgfältigen +Instandhaltung zeigte allein schon den hohen Grad von Intelligenz und den +Gemeinsinn der Marsbewohner. + +Die Regelung des Wasserstands war genau dem Bedarf und der Jahreszeit +angepaßt. Dank dieser Einrichtung und der Unmasse kleiner Wasseradern, die +sich überallhin abzweigten, herrschte nie Wassermangel auf dem Mars. Die +Folge davon war jener üppige, prachtvolle Pflanzenwuchs, den die Schwaben +immer und immer wieder bewundern mußten. Dazu kam das völlige Fehlen wilder +Tiere, giftiger Reptile und gefährlicher Insekten. Es war ein Eldorado, in +das die Erdensöhne geraten waren, und auf das die Worte Homers trefflich +paßten: + + »Wo in behaglicher Ruhe den Menschen das Leben dahinfließt: + Dort ist kein Schnee, kein schneidender Sturm, kein strömender Regen, + Sondern der Ozean sendet empor zur Erquickung der Menschen + Immer den luftigen Hauch des frisch hinwehenden Zephyrs.« + +Und diese zahlreichen Wasserstraßen waren zugleich auch die besten und +einfachsten Verbindungswege der Marsbewohner untereinander. Kein Wunder +daher, daß sich auf den Kanälen ein lebhafter Schiffsverkehr abwickelte. +Aber die auf den klaren Fluten der tiefen Wasserläufe dahinziehenden +Schiffe verdarben die köstliche Luft nicht durch qualmende Schornsteine. +Sämtliche Fahrzeuge, mochten sie nun für Personen- oder Lastenbeförderung +bestimmt sein, wurden durch Elektrizität in Bewegung gesetzt und +vermittelten den Verkehr in ruhiger und rascher Weise. + +Auf diesen ebenso zweckmäßig wie bequem und gefällig eingerichteten +Fahrzeugen hatten die sieben Schwaben schon so manche weite Reise +ausgeführt. Sie hatten dabei aber das übrige Land und seine Bewohner nur +flüchtig kennengelernt, weil diese Fahrten eben hauptsächlich zur +allgemeinen Orientierung unternommen worden waren. Was sie aber sahen, das +verstärkte nur ihre ersten guten Eindrücke und befestigte ihre Überzeugung, +sich in einem großangelegten Staatswesen von tadelloser Verwaltung zu +befinden. Nicht nur waren die Marsbewohner trotz der Verschiedenheit der +Zonen überall gleichartig, d. h. sie sprachen dieselbe Sprache und schienen +auch unter ähnlichen sozialen Lebensbedingungen zu stehen wie ihre Brüder +in Lumata, -- so hieß die Kolonie, in der die Herren aus dem Schwabenlande +angesiedelt waren, -- sondern an all den vielen verschiedenen Orten, die +die Fremden besuchten, fiel diesen auch eine gewisse Gleichmäßigkeit des +Besitzes auf, und sie empfanden das völlige Fehlen wirklicher Dürftigkeit +oder Armut sehr angenehm. + +Die geologische Beschaffenheit des Mars glich der der Erde. Den +kristallinischen Massengesteinen standen die Sedimentformationen gegenüber, +die in ähnlicher Weise übereinander gelagert waren wie auf der Erde. Die +geologische Entwicklungsgeschichte des Mars schien also mit der Erde +übereinzustimmen, nur hatte der Mars seine Entwicklungsphasen offenbar +schneller und früher durchgemacht als diese. Dafür sprach auch das Fehlen +von aktiven Vulkanen. Dagegen war der Mars reich an heißen Quellen aller +Art; an Fumarolen (d. h. Bodenöffnungen auf vulkanischem Gesteine, aus +denen Wasserdämpfe ausströmen, die oft mit chemischen Verbindungen beladen +sind) und an Mofetten (Kohlensäure ausströmenden Gasquellen) war auch kein +Mangel. + +Große Städte, wie sie in den sogenannten Kulturstaaten der Erde zu finden +sind, gab es auf dem Mars nicht. Es bestanden lediglich kleinere oder +größere Gruppierungen von Häusern, die aber überall frei für sich im Grünen +lagen. Nur an einem großen See, zwei Tagereisen von Lumata nach Süden zu, +hatten die Schwaben den einzigen Anklang an eine Stadt gefunden. Dort war +eine größere Kolonie mit zahlreichen architektonisch hervorragenden Bauten, +die sich an regelmäßig angelegten Straßenzügen erhoben. Eine Stadt von +Palästen, wirkte sie namentlich durch die vornehme Ruhe, die in ihr +herrschte, durch ihre peinliche Sauberkeit und den Glanz und die Pracht +ihrer öffentlichen Gärten. + +Die Erdensöhne konnten mit ihren noch mangelhaften Sprachkenntnissen nur so +viel herausbekommen, daß dieser Ort, Angola mit Namen, der Zentralsitz der +Stämme der Weisen, der Heitern und der Ernsten sei. Was waren aber das für +Stämme? Nach Hause zurückgekehrt, befragten sie hierüber Eran, den +Patriarchen. Dieser lächelte eigentümlich bei der Frage und erwiderte den +neugierigen Herren, daß er sie später selbst einmal nach Angola führen +werde, um sie mit seinen Brüdern dort bekannt zu machen, die übrigens von +ihrer Anwesenheit in Lumata sowie von ihrer Herkunft und ihrer Reise nach +dem Mars längst unterrichtet seien. + +Anfangs waren die Tübinger Herren von ihren Ausflügen, dem Niederschreiben +ihrer täglichen Beobachtungen und gewonnenen neuen Eindrücke und dem +Erlernen der Sprache vollständig in Anspruch genommen. Aber nach und nach +begann in ihnen doch eine gewisse Sehnsucht nach dem alten, trauten, ihnen +zur zweiten Gewohnheit gewordenen Berufe zu erwachen, den sie mit so großem +Erfolge in ihrer Heimat ausgeübt hatten. An ernste, rege Tätigkeit gewöhnt, +kam ihnen das angenehme und ideal schöne Leben auf dem Mars mehr und mehr +wie eine Art Schlaraffentum vor. Die Mühseligkeiten der Herreise verblaßten +immer mehr in der Erinnerung, je länger sie sich auf dem Mars befanden. + +Schon war ein ganzes Jahr vergangen, seit sie vom Cannstatter Wasen aus +ihre Marsfahrt angetreten hatten. Aber während unten auf der heimatlichen +Erde der Winter mit Schnee und Kälte vor der Türe stand, herrschte hier +oben in Lumata ein ewiger Frühling, obgleich die Marsiten die Jahreszeit, +in der sie sich gerade befanden, ebenfalls als die vorgerücktere +bezeichneten. + +War es nur Zufall, daß die sieben Schwaben auch auf dem Mars in den +wichtigsten Einteilungen der Siebenzahl begegneten? Herr Stiller konnte +sich diese auffallende Tatsache nicht erklären und begnügte sich damit, sie +festgestellt zu haben. + +Auf dem Mars wurde das Jahr in sieben Abschnitte geteilt, die die Tätigkeit +wie auch die Ruhe der Natur zum Ausdruck brachten. Nach Erdenmaß gerechnet +umfaßte ein solcher Zeitabschnitt die ungefähre Zahl von zweiundfünfzig +Tagen. Die einzelnen Perioden hießen: + +1. Die Zeit des Erwachens. + +2. Die Zeit der Saaten. + +3. Die Zeit des Knospens und der Blüten. + +4. Die Zeit der Früchte. + +5. Die Zeit der Garben. + +6. Die Zeit der Ernten oder Freuden. + +7. Die Zeit der Ruhe. + +Nach und nach hatten die Erdensöhne so bedeutende Fortschritte in der +Marssprache gemacht, daß sie nun auch gründliche Einblicke in die +staatliche Organisation des Marsvolkes tun konnten. Vor ihren Augen +enthüllte sich immer mehr ein großangelegtes, riesiges demokratisches +Gemeinwesen, das nicht auf die Gewalt gestützt war, sondern ausschließlich +durch den freien Willen des Volkes und durch das Band gemeinschaftlicher +Interessen zusammengehalten wurde. Jedes einzelne Individuum ordnete sich +hier dem Gemeinwohl unter und leistete ihm nach seinen Fähigkeiten Dienste. +So stellte sich das Staatswesen als eine zwar große, aber doch wieder +engverbundene Familie voll schönster Eintracht dar. An der Spitze des +gesamten Staatswesens stand der Stamm der Weisen oder der Hüter des +Gesetzes. + +Die Bevölkerung des Mars schied sich in folgende sieben Stämme: + +1. Stamm der Weisen oder der Hüter des Gesetzes. + +2. Stamm der Heitern (Bildende Künste: Maler, Bildhauer, Komponisten). + +3. Stamm der Ernsten (Gelehrte aller Richtungen). + +4. Stamm der Frohmütigen (Darstellende Künste: Musiker, Schauspieler). + +5. Stamm der Sorgenden (Acker- und Gartenbauer und Dienende). + +6. Stamm der Flinken (Handel- und Verkehrtreibende). + +7. Stamm der Findigen (Industrielle). + +Die sechs letzten Stämme standen einander im Ansehen völlig gleich. Der +erste Stamm rekrutierte sich aus den erfahrensten, ältesten, vor allem aber +den geachtetsten und durch ihre Lebensführung hervorragenden Individuen +männlichen wie weiblichen Geschlechts der übrigen sechs Stämme. + +Der größte Stamm, der an Zahl seiner Angehörigen alle andern Stämme +zusammen weit übertraf, war der der Sorgenden. + +Die Zulassung zu den einzelnen Stämmen, den der Weisen allein ausgenommen, +wurde lediglich durch die Neigung und den Nachweis der Fähigkeit +entschieden. Ein Übertritt von dem einen Stamm in den andern konnte auf +Grund einer Prüfung jederzeit an einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden. +Fest gebunden war niemand, und gerade dieser völlige Mangel an Zwang schien +hier oben eine der Hauptursachen für die Entwicklung der verschiedenen +Berufsarten zu sein. + +Ein natürlicher, vernünftiger Ehrgeiz, das Bestmögliche zu leisten, +beherrschte die Marsbewohner und hielt nicht nur das Streben des Einzelnen +wach, sondern regelte es auch in gesunder Weise. + +Da auf dem Mars kein Geld in Umlauf war, so gab es auch nicht das +widerliche, Geist wie Körper gleichmäßig aufreibende Hasten und Jagen nach +dessen Besitz wie unten auf der Erde. Geldsorgen waren auf dem Mars +unbekannt. Die verschiedenartigsten Leistungen des einzelnen wurden durch +Anweisungen auf seine sämtlichen Lebensbedürfnisse aufgewogen. Zu diesen +Bedürfnissen wurde aber auch eine gewisse Summe von Lebensfreude gerechnet, +wie sie die bildenden und darstellenden Künste und dergl. zu bieten +vermögen. + +Der höchste Ruhm und die größte Ehre bestand in der allgemeinen Anerkennung +und Wertschätzung. Diese konnte sich aber jeder durch treue Erfüllung +seiner Pflichten und Obliegenheiten erringen. Für die Leistungen, die über +die allgemeine Pflichtarbeit hinausgingen, also da, wo das wirkliche +Verdienst um das große Ganze beginnt, erhielten die Marsiten durch den +Stamm der Weisen Auszeichnungen in Form öffentlicher Belobungen, die den +Inhaber in vorgeschrittenerem Lebensalter zum Eintritt in diesen allgemein +hoch verehrten Stamm berechtigten. + +Das gesamte Leben auf dem Mars war in seiner so eigenartigen Form nur +dadurch möglich, daß es unter dem ausschließlichen Zeichen des +Zusammenhalts stand. Der allgemeine Grundsatz, daß das einzelne Individuum +alles tun muß, was das Gesamtwohl fördert, alles zu unterlassen hat, was +dem Nebenmenschen Schaden und Schmerzen bereitet, war hier oben schon seit +undenklicher Zeit in die Praxis umgesetzt. Dabei wurde die Eigenliebe, ein +gesunder, berechtigter Egoismus, nicht vernichtet. Der natürliche +Selbsterhaltungstrieb des einzelnen wurde durch die einfache Erkenntnis +machtvoll gefördert, daß vom Wohl und Wehe des Nächsten auch das eigene +Wohl und Wehe abhänge, daß das Blühen und Gedeihen der andern das eigene +Blühen und Gedeihen mit einschließe, und daß ihr Elend gleichbedeutend mit +dem eigenen sei. + +Diese klare, natürliche Moral, die zu reiner Nächstenliebe (Altruismus) +führt, und die jeden geistig normalen Menschen instinktiv das Gute tun und +das Schlechte meiden läßt, bestand in vollster Anwendung auf dem Mars. Die +Quelle aller Übel auf der Erde, die rohe Selbstsucht, die die Unsumme von +Gesetzesparagraphen nötig machte, bestand beim Marsvolke nicht. +Nächstenliebe, Wahrheit, ein gewisser Frohmut schlossen den niederen +Egoismus völlig aus. + +Ein Bund von Brüdern und Schwestern schien das Volk hier oben zu sein, +wissend, wahr, frei und gut, das Ideal reinen Menschentums verwirklichend. +Wie klein kamen sich die Söhne der Erde vor, als sie nach und nach die +Pfeiler kennenlernten, auf denen das Staatswesen sowie das öffentliche und +private Leben der Marsiten so fest ruhte! Und diese festen Pfeiler waren +hervorgegangen, herausgebaut aus einer großartig organisierten, allgemeinen +und freien Schulung der Marsjugend. Die ideale Schule der Zukunft, von der +Professor Hämmerle in Tübingen so viel schon geträumt, -- hier auf dem Mars +begegnete er ihr als einer alten, bewährten Einrichtung. + +Der leitende Grundsatz der Marsschulen war, die Jugend geistig und +körperlich gleich gut zu bilden; denn je gebildeter und körperlich +kräftiger zugleich ein Individuum ist, desto fähiger ist es, seine +Lebensaufgaben und seine Pflichten als Mitglied des Staates zu erfüllen. +Der Unterricht beschränkte sich daher nicht nur auf die einfacheren, +elementaren Kenntnisse, sondern er erstreckte sich auch auf die Geschichte +und die Kenntnis der Einrichtungen des Staatswesens, auf die Einführung in +die Gesetze der Natur und auf die Bekanntschaft mit den poetischen und +prosaischen Meisterwerken der Marsliteratur. Hand in Hand damit ging der +Unterricht in der allgemeinen Körperpflege und in der Gesundheitslehre, der +den Altersstufen der Jugend entsprechend angepaßt war. + +Gymnastische Spiele aller Art füllten die Nachmittage aus, an denen der +Unterricht wegfiel. Am Ende einer bestimmten Schulzeit wurden Wettprüfungen +vorgenommen. Wer aus ihnen als Sieger hervorging, rückte zu den höheren +Unterrichtsklassen vor. Auf diese einfache Weise war eine klare Scheidung +zwischen den wirklich talentierten und den weniger begabten Schülern +durchgeführt. Den ersteren stand dann der Weg zu den Kunstschulen oder zu +den verschiedenartigen höheren wissenschaftlichen Lehranstalten offen. Die +höhere Bildung war Gemeingut des ganzen Volkes, und keine anmaßende +Mittelmäßigkeit konnte sich auf dem Mars breitmachen. + +»Wir Erdgeborene sind die reinen Stümper gegen diese Prachtkerle hier oben. +Was für ein Leben hier im Verhältnis zu dem da unten auf der Erde! Hier +hellster Sonnenschein, dort trüber Nebel. Wie unendlich weit zurück steht +die so gepriesene Kultur unserer führenden Nationen gegen die des +Marsvolkes!« äußerte sich eines Tages Brummhuber, als die Herren gerade +beim Mahle saßen. + +»Ich vermutete schon unten auf unserm Planeten, daß wir hier oben Wesen von +hoher Vollkommenheit antreffen würden, ich gestehe aber, daß meine +Erwartungen in jeder Richtung weit übertroffen worden sind,« antwortete +Stiller. + +»Freilich, bieten können wir den Menschen hier nichts, aber auch rein gar +nichts. Und das drückt mich persönlich schwer,« warf Thudium ein. + +»Was sollten wir ihnen auch bieten? Vielleicht von unserm Pessimismus, von +der widerlichen Selbstsucht, von der unser Leben vergiftenden Unwahrheit? +Alles Kennzeichen unserer Zivilisation!« rief in ehrlicher Entrüstung +Professor Piller. + +»Sie haben recht, Piller, leider nur zu recht,« bestätigte Professor +Stiller. »Mars bietet entschieden heute schon das, was den Geschlechtern +auf der Erde vielleicht erst im Laufe der kommenden Jahrhunderte zuteil +werden wird.« + +»Ob es wohl je dazu kommen wird?« seufzte Frommherz. + +»Daran ist nicht zu zweifeln,« entgegnete Hämmerle. »Mars hat ohne Zweifel +einst dieselben oder wenigstens ähnliche Stufen in seiner zivilisatorischen +Entwicklung durchgemacht wie die Völker der Erde. Seine Kultur ist nur +bedeutend älter.« + +»Jawohl, um Tausende und Abertausende von Jahren. Die Frage ist nur die, ob +wir überhaupt die Fähigkeit haben, bei der Entartung unserer Rassen -- ich +betone das Wort Entartung nochmals ganz besonders! -- die Höhe der +Marskultur zu erklimmen. Ich möchte es bezweifeln!« schrie Piller und +suchte seine zornige Erregung durch einen Schluck Wein zu besänftigen. + +»Piller, Sie sind ja selbst Pessimist und ungerecht wie immer,« tadelte +Dubelmeier. + +»Ich Pessimist? Und ungerecht? Was verstehen Sie denn darunter?« + +»Darüber lasse ich mich mit Ihnen in keine Aussprache ein!« + +»Oho! Also beleidigen wollen Sie mich, wie es scheint?« + +»Fällt mir gar nicht ein; dazu sind Sie mir viel zu lieb und wert, Sie +alter Alkoholikus! Aber ungerecht und pessimistisch ist es meines +Erachtens, wenn Sie so schroff unsern Völkern auf der Erde die Fähigkeit +einer gesunden Weiterentwicklung absprechen.« + +»Ich möchte Freund Dubelmeier beistimmen,« warf hier Stiller ein. »Piller, +nehmen Sie doch uns zum Beispiel als Modelle an!« + +»Schöne Modelle, fürwahr!« brummte Piller, sichtlich besänftigt durch den +genommenen Schluck Wein. + +»Freilich, Modelle von Erdensöhnen, wie ich ohne allzu große +Selbstüberhebung sagen darf; vertreten wir doch bis zu einem gewissen Grade +die Zukunft. Was wir heute auf dem Gebiete der allgemeinen Bildung und der +Entwicklung des moralischen Gefühles vertreten, wird später mehr und mehr +das Gemeingut der Massen der Kulturvölker auf unserer Erde.« + +»Wer's glauben mag!« + +»Es ist nicht allein mein Glaube, nein, es ist, auch meine felsenfeste +Überzeugung, gestützt auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit.« + +»Stiller, ich will Ihnen nicht widersprechen, denn ich möchte mich nicht +noch mehr ärgern, sondern im Gegenteil froh darüber sein, daß ich hier oben +in dem reizenden Lumata sitzen darf.« + +»Ein vernünftiger Ausspruch, der aller Ehren wert ist. Und nun Friede, +meine lieben Freunde!« rief Frommherz. + +»Einverstanden!« fügte Brummhuber bei. + +Einige Tage waren seit dieser Unterhaltung verflossen. Da erschien Eran, +der Patriarch aus dem Stamme der Alten, wieder einmal im Heim seiner Gäste +und lud die Herren ein, mit ihm für kurze Zeit nach Angola zu reisen. +Freudig stimmten die Herren bei. Diesmal wurden in Angola Schwabens würdige +Söhne von dem Stamme der Weisen förmlich empfangen. Vollzählig hatten sie +sich hier versammelt, um nebenbei auch noch über eine Reihe wichtiger +innerer Fragen zu entscheiden. Gleichzeitig tagte auch noch der Stamm der +Ernsten, um in einer Versammlung, wie sie von Zeit zu Zeit stattfand, +Gedanken und Beobachtungen wissenschaftlicher Art untereinander +auszutauschen. + +Die Aufnahme der Erdensöhne in Angola ließ an Herzlichkeit nichts zu +wünschen übrig. Ihre so wunderbare und schnelle Fahrt von der Erde her +durch den ungeheuren Weltraum nach dem »Lichtentsprossenen«, wie die +Marsiten ihren schönen Planeten nannten, war begreiflicherweise zuerst der +Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung und des lebhaftesten Interesses. + +Bei der ersten Sitzung des Stammes der Ernsten, die in einem großartig +ausgestatteten Saale eines Marmorpalastes stattfand, erklärte Professor +Stiller die verschiedenen Umstände, die ihn zur Konstruktion des +Weltenseglers und zu der kühnen, mit so großem Erfolge gekrönten Fahrt +bestimmt hätten. Er erzählte ihnen ferner von seiner engeren und weiteren +Heimat, von den Völkern Europas und von der Erde überhaupt. Letztere war +den Ernsten wohl bekannt. Die Begriffe, die sie sich von ihr dank ihren +außerordentlich scharfen Instrumenten und ihrer Vorstellungskraft zu machen +verstanden, kamen der Wirklichkeit verblüffend nahe. So wußten die +Marsgelehrten, daß das dritte Kind des Lichtes (als Kinder des Lichtes +bezeichneten die Marsiten alle Planeten), die Erde, Eismassen an ihren +Polen führe, die einen ansehnlichen Bruchteil des Meerwassers in feste +Bande geschlagen haben, und daß die Oberfläche der Erde von über siebzig +Prozent Meerwasser bedeckt sei. Auch daß die Erdatmosphäre reich an +Wasserdampf sein müsse, schlossen sie aus dem Verhältnis des Festlandes zu +den Meeren. Die Dichtigkeit der Erde war ihnen genau bekannt, ebenso ihr +Polar- und Äquatorialdurchmesser, ferner die Geschwindigkeit ihrer Bewegung +um sich selbst wie um das »ewige Licht«, die Sonne, und dergleichen mehr. + +Ja, auch von den einzelnen Erdteilen hatten sie richtige Vorstellungen, und +diese gingen sogar so weit, daß sie eine Reihe einzelner größerer Länder +oder Gebiete zu unterscheiden vermochten. Um so weniger schwer war es daher +den gelehrten Fremden, die Marsiten gewissermaßen, auf der Erde +spazierenzuführen, von der sie bereits so achtungswerte Kenntnisse besaßen. +Und so entwarfen sie ihnen ein genaues Bild ihres Vaterlandes und +berichteten von dem Ort am Neckar, von dem sie nach dem Mars abgefahren +waren. + +Allen diesen Schilderungen brachten die Weisen sowie die Ernsten das +lebhafteste Interesse entgegen. Dieses Interesse steigerte sich noch, als +sie vernahmen, daß die sieben Schwaben ebenfalls zu einer Art Stamm der +Ernsten unten auf der Erde gehörten. Die Herren wurden daher eingeladen, +vor der versammelten Elite der Marsiten ihre Berufsarten näher zu +beleuchten, das heißt die Zustände zu schildern, unter denen sie auf der +Erde und bei ihrem Volke ausgeübt würden. Gleichzeitig wurde der allgemeine +Wunsch ausgedrückt, die Fremden möchten ein genaues Bild von dem Leben und +Treiben der Bewohner der Erde entwerfen, das dann zu einem Vergleiche mit +den bestehenden Verhältnissen auf dem Mars herangezogen werden sollte. + +Es wurde ausgemacht, daß jeder der Professoren an einem bestimmten Tage +abwechselnd zwei Vorträge halten solle, den einen fachlich und den andern +über das allgemein interessierende Thema der Erdbewohner und deren +kulturelle Zustände. Die Professoren entledigten sich ihrer Aufgabe in +meisterhafter Weise. Sie erzählten von dem derzeitigen Stande der +verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in den Kulturländern der Erde, +besonders in Deutschland, beleuchteten ehrlich und rückhaltlos offen die +politischen und sozialen Gegensätze unter den wenigen um die führende Rolle +im Leben der übrigen Völker kämpfenden Nationen. Sie schilderten all die +Mittel der List, der Gewalt und Verschlagenheit, die dabei angewendet +würden, und erklärten den Marsiten, was unten auf der Erde unter der +Bezeichnung »Diplomatie« alles verstanden werde. + +Sie verschwiegen auch die trüben Erscheinungen nicht, die der mehr und mehr +sich zuspitzende Kampf um das Dasein, der Wettstreit bei der Beschaffung +der notwendigsten Lebensbedürfnisse für die große Mehrzahl der Menschen, +sowohl der einfachen als auch der gebildeten Erdbewohner, mit sich bringe. +Unumwunden räumten sie ein, daß dem Fortschrittsdrange der Kulturvölker +leider überall auf der Erde alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt +würden durch allerlei einengende Einrichtungen und kleinliche Bestimmungen, +daß die Massen der sogenannten gebildeten Völker trotz gewaltiger +Fortschritte in der Technik und in den Naturwissenschaften immer noch weit +entfernt von dem Ideale einer reinen Weltanschauung seien. + +Letztere werde nur von einem verhältnismäßig kleinen Bruchteile der +wirklich Hochgebildeten vertreten, und auch diese kleine Schar der +Auserlesenen sei mit geringen Ausnahmen von der schwersten und schlimmsten +Krankheit der Zeit angesteckt: der Feigheit. Man wage unten auf der Erde +bei den Kulturnationen -- von den weniger zivilisierten Völkern ganz zu +schweigen -- nicht, offen und klar das zu sagen, was man denke, aus Furcht, +bei mächtigeren Personen anzustoßen und dadurch seine Existenz zu +gefährden. Die Empfindungen würden daher auch selten mit den Handlungen in +Einklang gebracht. Infolgedessen herrsche überall ein mehr oder weniger +großer Mangel an Mut und Ehrlichkeit der Überzeugung, und die aus der +Heuchelei geborene Lüge hindere den Sieg der Wahrheit und lasse immer noch +sehr viele auf die Dauer doch als völlig unhaltbar erkannte Einrichtungen, +ungesunde, unvernünftige, der reinen Weltanschauung und dem Volkswohle +geradezu feindlich gegenüberstehende Zustände weiter bestehen. + +Mit freudigem Staunen hätten sie auf dem Mars Verhältnisse angetroffen, die +dem Ideal des Lebens und des reinen Menschentums, das sie sich gebildet, +und dessen Verwirklichung von den Besten der Nationen unten auf der Erde so +heiß angestrebt werde, in der schönsten Weise entsprächen. + +In dieser Art äußerte sich mehr oder weniger jeder der Herren. Frommherz +fügte diesen Berichten noch einige Bemerkungen über die religiösen +Anschauungen und die kirchlichen Einrichtungen Deutschlands hinzu. + +Voll Aufmerksamkeit hatten die Weisen und die Ernsten diese +Auseinandersetzungen der Erdensöhne angehört. Die wissenschaftlichen +Darlegungen der Fremden brachten den Marsiten nichts Neues, die sozialen +und übrigen Bilder, die ihnen von ihren Gästen so lebhaft vor Augen geführt +worden waren, hatten ihr Interesse am meisten erregt. Mit keinem Laute +waren die langen Vorträge unterbrochen worden. + +Als Stiller den Schluß der Vorträge verkündet hatte, zogen sich die Weisen +und die Ernsten zu einer gemeinsamen Beratung zurück, von der die sieben +Schwaben ausgeschlossen waren. Das Ergebnis dieser Beratung aber sollte +ihnen später bekannt gegeben werden. + +»Was die nur vorhaben?« fragte besorgt Frommherz. + +»Nun, ich denke, sie werden scharfe Kritik an unsern Schilderungen üben, +wozu sie ja auch vollkommen berechtigt sind,« antwortete Stiller. + +»Und uns dann den Laufpaß geben, passen Sie auf,« fügte Brummhuber bei. + +»Dies zu tun, sind unsere Wirte viel zu anständig,« entgegnete Piller, +»obwohl ich nicht bestreiten will, daß die Marsiten zu einer Einladung, +unsere Abreise endlich einmal in den Kreis unserer Überlegung zu ziehen, +ein gewisses Recht hätten.« + +»Warten wir ab, was kommt!« entschied Dubelmeier. + +»Bleibt uns auch nichts anderes übrig,« seufzte Frommherz, der seiner +religiös-kirchlichen Darstellungen wegen ein etwas bedrücktes Gewissen +hatte. + +Aber es war doch eine gewisse Unruhe, die die Erdensöhne beherrschte, als +sie miteinander durch die paradiesisch schönen Parkanlagen von Angola +spazierten, während die Beratung der Marsiten stattfand. + +Am nächsten Tage, dem zehnten ihres Aufenthaltes in Angola, wurden die +Schwaben wiederum in feierlicher Weise in den großen Sitzungssaal geführt, +in dem sie ihre Vorträge gehalten hatten. Der Älteste unter den Alten, eine +Hüne von Gestalt, Anan mit Namen, erhob sich und begrüßte zunächst wieder +in herzlichen Worten die Eingeführten. + +»Meine lieben Freunde!« sprach er weiter zu ihnen. »Wir alle haben gestern +mit lebhaftester Teilnahme eure Schilderungen vernommen, die ihr von den +allgemeinen und besonderen Verhältnissen eures Weltkörpers entworfen habt. +Diese Schilderungen haben in uns merkwürdige Gefühle und Empfindungen +ausgelöst, so daß wir uns über sie zuerst in aller Ruhe klar werden +wollten, bevor wir euch mit unserem schuldigen Danke zugleich auch eine +Antwort auf das Gehörte geben. Dies war der Grund, warum wir uns zu einer +Beratung unter uns zurückgezogen haben. Vor allem danken wir euch für die +anerkennenswerte Offenheit, mit der ihr uns das Leben eurer Kulturvölker +geschildert habt. Uns muteten eure Berichte im ersten Augenblicke wie +Märchen an. Wir würden sie auch als solche auffassen, wären wir nicht von +dem Ernste eurer Lebensauffassung, von eurer Rechtschaffenheit und +Ehrlichkeit vollkommen überzeugt. Nicht vergeblich haben wir euer Leben in +Lumata beobachtet. Das Ergebnis dieser Beobachtung war unsere Einladung +hieher, das Zeichen unserer Achtung und unseres Vertrauens. Und nun wende +ich mich zu euren Auseinandersetzungen. Umsonst haben wir in der Geschichte +unserer Vergangenheit geblättert; solch barbarische, von der Unwahrheit +beherrschte Zustände im Leben der einzelnen wie der Völker, wie sie bei +euch noch bestehen, haben wir in diesem Umfange glücklicherweise nie +gekannt. Gewiß, es fehlte auch uns nicht an inneren Kämpfen, an schweren +Enttäuschungen aller Art, bis wir uns endlich im Laufe der Zeit zu den +Lebensverhältnissen und Lebensauffassungen durchgerungen haben, die ihr bei +uns heute bewundert. Aber unsere Entwicklung vollzog sich weniger mühselig, +weniger schmerzhaft als die eure. Schon vor Urzeiten hatte sich bei uns in +der breiten Masse des Volkes die Erkenntnis durchgerungen, daß unsere erste +Aufgabe unsere Erhebung, nicht aber das Verharren in unserer Niedrigkeit +sei, aus der wir hervorgegangen sind. Diese unsere Erhebung und Entwicklung +zur reinen Freiheit konnte nur durch eine vernünftige, naturgemäße +Aufklärung kommen, die uns für das hehre Licht der Wahrheit empfänglich +machte. + +Ihr, liebe Freunde, habt während eures längeren Aufenthaltes bei uns nach +und nach die Wege kennengelernt, die wir eingeschlagen haben, um dieses +hohe Ziel zu erreichen, Wege, die wir, weil sie sich bewährt haben, auch +heute noch wandeln und fernerhin wandeln werden. Darüber will ich kein Wort +mehr verlieren. Gerne wollen wir auch zugeben, daß wir es mit unserem +Entwicklungsgange ungleich leichter gehabt haben, als ihr es in dieser +Beziehung unten auf der Erde noch habt. Hier bei uns haben wir ein ziemlich +gleichmäßiges, in Sprache, Denken und Empfinden übereinstimmendes Volk, +während dies auf eurem Planeten nicht der Fall ist. Wir konnten uns daher +mit viel weniger Schwierigkeiten und ohne den von euch geschilderten +furchtbaren Massenmord, Krieg genannt, zu der Höhe unserer Kultur erheben, +die eurem Ideale nahe kommt. Wir hatten also diese entsetzlichen +Verwirrungen nicht zu überwinden, die eurem Glücke und Fortschritte so +fürchterlich hemmend entgegentraten und noch drohend entgegenstehen. + +Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, ein brüderlicher Gemeinsinn besteht bei +uns seit Äonen. Es bildet den fundamentalsten Bestandteil unseres +Bewußtseins und die Triebkraft unseres Handelns. Bedauerlicherweise fehlt +bei euch dieses mächtige Gefühl der Zusammengehörigkeit oder ist zum +mindesten noch nicht in dem Maße vorhanden, als zum Wohle des Ganzen so +dringend nötig wäre. Der Grund eures Tiefstandes liegt meines Erachtens +nach in dem Mangel an jener einfachen, natürlichen Moral, die unser Leben +so vorteilhaft beeinflußt. + +Für uns war es schmerzlich zu hören, wie bei euch jeder Fortschritt, auch +der kleinste, durch ein Meer von Tränen, von Blut und zertrümmerten +Existenzen führt. Und doch, -- ihr selbst sagtet es ja -- es muß und wird +einst besser bei euch auf der Erde werden. Ihr selbst seid dafür die +lebendigen Zeugen, denn ihr stellt heute schon das vor, was die Masse bei +euch nach eurem eigenen Ausspruche in späterer Zeit sein wird. Wackere, +brave Männer von der geistigen Bedeutung wie ihr müssen daher unten auf der +Erde wirken, an der Weiterentwicklung ihrer Brüder arbeiten. Wenn auch der +einzelne von euch bei dieser schwierigen Arbeit keine volle Befriedigung +empfindet, -- dies gilt ja von allem Streben nach noch nicht Erreichtem! -- +so bedenkt, daß die Folgen der Arbeiten an dem Werke der Vervollkommnung +eurer Mitmenschen zwar nicht euch, so doch euren Nachkommen zugute kommen +werden. + +Unser Rat lautet dahin: Kehrt zurück auf eure Erde!« -- »O Himmel, ahnte +ich es doch!« klagte bei diesen Worten Anans Professor Frommherz leise vor +sich hin. -- »Schweigen Sie, Jammerseele!« herrschte ihn unsanft Piller an. +-- »Kehrt zurück in euer Schwabenland, zu dem biedern Volke, aus dessen +Mitte ihr stammt, und widmet euch dort wieder dem erhabenen Werke der +Vervollkommnungsarbeit. Ferne sei es von uns, euch von hier wegdrängen zu +wollen, ihr seid und bleibt uns werte Gäste.« -- »Dem Himmel Dank!« +murmelte hier Frommherz. -- »Aber ich gestehe es aufrichtig, und ich +spreche hier die Ansicht von allen meinen Brüdern und Schwestern aus: Ihr +seid die ersten und zugleich die letzten fremden Wesen, die von einem der +fernen Kinder des Lichtes zu uns gelangen durften. Denn dies ist der +Hauptpunkt, das Endergebnis unserer Verhandlung. Im Interesse unseres +Volkes lehnen wir weiteren Verkehr ab. Nicht mit euch, -- ich betone +nochmals ausdrücklich, daß ihr uns werte, liebe Gäste und Freunde seid, -- +nein, überhaupt; denn wir haben keine Gewähr dafür, daß nicht auch einmal +Fremde zu uns gelangen könnten, die nicht auf der Höhe der Anschauung +stehen wie ihr und deren Benehmen bei längerem Aufenthalte wahrscheinlich +dann nur zu unerquicklichen Auseinandersetzungen und schließlich zu einer +gewaltsamen Entfernung von hier führen müßte. Das wollen wir uns aber +ersparen. + +Eure kühne Reise wird zwar so bald nicht wieder Nachahmer finden. Doch kann +man dies nicht wissen, und so haben wir bereits die bestimmte Weisung +gegeben, künftig und für alle Zeiten auf unserem Lichtentsprossenen kein +Luftschiff mehr landen zu lassen, woher es auch kommen möge, und wäre es +auch aus dem uns durch euch so sympathisch gewordenen Schwabenlande. Bleibt +bei uns, wenn ihr wollt, oder fliegt über kurz oder lang wieder heimwärts. +Wir stellen dies ganz in euer Belieben und sind und bleiben stets eure +aufrichtigen, treuen Freunde. Ich bitte euch, liebe Brüder und Schwestern,« +-- mit diesen Worten wandte sich Anan an die Marsiten -- »ruft mit mir: +Glück und Heil den sieben Schwaben, unsern lieben ersten und einzigen +Gästen!« + + + + +Sechstes Kapitel +Im Reiche der Vergessenen + + +Mit gemischten Gefühlen kehrten die Herren von Angola nach Lumata zurück. +Sollten sie auf dem Mars bleiben oder sollten sie gehen? Das war die +ernste, schwerwiegende Frage, die sie in den folgenden Monaten +beschäftigte. + +»Wenn uns die Marsiten in Angola auch nicht geradezu den Stuhl vor die Tür +gesetzt haben, so haben sie uns doch deutlich genug zu verstehen gegeben, +daß wir unsere sieben Sachen zusammenpacken sollen,« äußerte sich eines +Tages Piller zu seinem Kollegen Stiller. + +»Sie haben recht! Und ich muß Ihnen auch aufrichtig erklären, daß mir +dieses unproduktive Leben, diese an uns geübte weitgehende +Gastfreundschaft, für die wir uns auch nicht im geringsten erkenntlich zu +zeigen vermögen, zuwider zu werden anfängt. Einmal müssen wir doch an das +Fortgehen denken, denn bis ans Ende unserer Tage können wir wohl nicht hier +oben sitzen bleiben.« + +»Hm, hm, gerne gehe ich von Lumata nicht fort; es wird mir wirklich sehr +schwer! Denke ich nur an unsere Herreise mit allen ihren Beschwerden, so +graut es mir förmlich vor einer Rückkehr. Aber diese muß stattfinden, +darüber kann und darf kein Zweifel bestehen. Es handelt sich nur um den +Zeitpunkt. Warten wir's noch ab!« antwortete Piller. + +»In ähnlicher Weise wie Sie sprechen sich auch die andern Freunde aus, +lieber Piller. Nur Frommherz macht eine Ausnahme. Der weicht soviel wie +möglich jeder Erörterung aus, die die Rückkehr zum Gegenstand hat.« + +»Glaub's wohl!« lachte Piller laut auf. »Unser lieber Freund Friedolin ist +überglücklich, hier oben weilen zu dürfen, und bekommt stets +Herzbeklemmungen, wenn wir von einer Heimreise zu reden beginnen. Im Grunde +genommen kann ich es ihm nicht verübeln, wenn er dauernd hierbleiben +möchte. Aber aufhören muß einmal diese Art von Schlaraffenleben, das ist +klar. Darin stimme ich Ihnen also völlig bei, Stiller.« + +»So bleiben wir einstweilen noch hier und nützen unsere Zeit möglichst gut +aus. Inzwischen sorge ich für die tadellose Ausbesserung unseres +Weltenseglers, für Bereitstellung des geeigneten Proviantes usw. Langsam, +aber gründlich werde ich die Vorbereitungen zu unserer Abreise treffen.« + +»Und vergessen Sie mir nicht den feinen goldenen Tropfen! Nehmen Sie nur +gleich, bitte, einen anständigen Vorrat davon mit in die Gondel!« + +»Soll geschehen, Sie ewig Durstiger,« sagte lächelnd Stiller. + +In freundlichem, angenehmem Verkehr mit dem liebenswürdigen Marsvolke, in +kleinen und größeren Ausflügen und Reisen verfloß die Zeit nur zu rasch. +Auf einem ihrer Streifzüge waren sie auch weiter hinaus aus der +eigentlichen Bevölkerungszone in die nördliche, kühlere Region des Planeten +gelangt. Es mutete die Forscher ordentlich heimatlich an, als sie hier +wohlgepflegte Nadel- und Laubholzwaldungen neben saftigen, grünen Wiesen +und schönen, dunkelblauen Seen fanden. Hohe Gebirgszüge schoben sich +dazwischen, und ihre mit Schnee bedeckten höheren Gipfel verstärkten noch +den Eindruck einer alpinen Landschaft. + +Hier stießen sie auch auf zerstreute, weit auseinander liegende kleine +Kolonien von Marsiten, deren ernstes, wortkarges Wesen und Auftreten +merkwürdig von der heiteren und frohen Lebensauffassung ihrer übrigen +Brüder abstach. Auf ihr Befragen erfuhren die Gelehrten, daß ähnliche +kleine Kolonien auch in der südlichen kühlen Zone des Mars beständen. Die +Kolonisten hießen die »Vergessenen«, weil ihre Namen vorübergehend oder +auch dauernd von den Tafeln der Marsstämme gestrichen worden seien. + +»Dann sind es somit Verbrecher, die, von der Gemeinschaft der übrigen +ausgestoßen, hier oben ihre Strafe abzubüßen haben?« fragte Dubelmeier. + +»Wir kennen nur Gesetzesübertreter, keine andern Missetäter,« wurde dem +Frager erklärt. + +»Nun, schließlich kommt dies ja auf das gleiche heraus,« antwortete +Dubelmeier. »Worin besteht denn bei euch die Gesetzesübertretung, die die +Strafe der Verbannung in diese Gegenden nach sich zieht?« + +»In mangelhafter Erfüllung der allgemeinen Pflichten und Obliegenheiten.« + +»Da müßte man bei uns auf der Erde neun Zehntel aller Menschen verbannen, +und wir kämen des Platzes wegen für diese Menge von Verbannten in die +größte Verlegenheit,« rief Piller voll Erstaunen. + +»Wir sind auch nicht auf eurem Planeten,« antwortete mit überlegenem +Lächeln Varan, der Führer der Reisebegleitung. + +»Aber es ist doch grausam, kleinerer Verstöße wegen einen Mitmenschen aus +seiner ihm trauten und gewohnten Umgebung zu reißen,« warf Hämmerle ein. + +»Über die Art der Verstöße gegen unsere Lebensvorschriften zu richten, sind +nur wir allein maßgebend,« entgegnete Varan ernst. + +»Ohne Zweifel!« gab Stiller zu. + +»Aber Verzeihung ist die Krone der Liebe! Verzeiht ihr nicht auch?« +forschte Frommherz. + +»Gewiß! Aber es gibt Vergehen, für die niemals Verzeihung gewährt werden +kann. Sie sind zwar äußerst selten, diese Fälle, aber sie kommen bei uns +doch noch hier und da vor. Die Vergessenen erhalten nach einer gewissen +Zeit der Prüfung meist ihre Namen wieder. Es steht ihnen dann die Rückkehr +in die engere Heimat und der Wiedereintritt in ihren Stamm frei. Aber nur +wenige machen von dieser Erlaubnis Gebrauch. Einmal ausgestoßen, zieht +unser Bruder ohne Namen es für gewöhnlich, vor, da zu bleiben, wo er +hingebracht wurde, und sein Leben in strenger Arbeit dem Wohle der übrigen +zu widmen.« + +»Worin besteht diese Arbeit?« fragten die Herren. + +»In tadelloser Instandhaltung der hier ihren Ursprung nehmenden Kanäle: +eine ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe, von deren gewissenhafter +Erfüllung unsere Gesamtexistenz abhängt.« + +»Und wer sorgt für den Unterhalt der Vergessenen?« + +»Sie selbst. Sie treiben nebenbei Viehzucht, Ackerbau und dergleichen mehr. +Kommt einmal die Zeit, wo es keine Vergessenen mehr bei uns gibt, so müssen +wir eben selbst diese Arbeiten ausführen. Darüber liegen bereits genaue +Bestimmungen vor, denn unsere Vergessenen vermindern sich mehr und mehr,« +schloß Varan seine Auseinandersetzungen. + +»Wunderbar glücklicher Planet, dieser Mars! Sogar die Missetäter hier oben, +wenn man sie nach unseren Begriffen so bezeichnen darf, werden wieder +Wohltäter durch ihre Leistung für das große Ganze,« rief Stiller voll +Enthusiasmus. »Und doch erfüllt es mich mit einer gewissen, wenn auch +höchst bescheidenen, Genugtuung, daß auf dem Mars dieses Lebensbild voll +Glanz und Licht einen kleinen Schatten hat, daß es auch nicht rein +vollkommen ist.« + +»Vollkommen oder unvollkommen sind Begriffe, die wir uns selbst unten auf +der Erde geformt haben, und die wir im Sinne ihrer Bedeutung für uns auf +die Zustände hier oben nicht anwenden dürfen,« antwortete Dubelmeier. + +»Sehr richtig!« bestätigte Frommherz. »Mir persönlich kommt hier oben alles +vollkommen, alles ganz wunderschön vor. Hier habe ich das Paradies +gefunden, von dem man bei uns träumt.« + +»Sie Schwärmer!« erwiderte lachend Piller. »Besser ist die Marswelt +entschieden als die unsere, und unsere Erde die beste der Welten zu nennen, +wie es allgemein geschieht, ist daher nichts als platter Unsinn. Aber, +lieber Frommherz, bald müssen Sie aus Ihrem Paradiese heraus und wieder +hinunter nach Tübingen.« + +»Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Piller,« stotterte Frommherz +erbleichend. + +»Bitterer Ernst, mein Freund! Die schönen Marstage gehen nun bald zu Ende, +nicht nur für Sie, nein, auch für uns, leider, leider!« Professor Piller +mußte sich nach diesen Worten heftig schneuzen. + +»Aber die entsetzliche Reise!« jammerte Frommherz. »Haben Sie denn schon so +vollständig die ungeheuren Mühseligkeiten unserer Herreise vergessen?« + +»Lieber Frommherz, es _muß_ sein,« entgegnete Stiller. »Wir sind nun bald +zwei Jahre Gäste hier, und auch die Gastfreundschaft hat ihre Grenzen. +Übrigens wissen Sie auch ganz genau, daß die Marsbewohner mit unserer +Abreise rechnen. Ich glaube, die Worte, die damals Anan in Angola an uns +richtete, enthielten deutlich genug den Wink zum Fortgehen. Unser Ehrgefühl +und auch unsere Dankbarkeit erfordern, daß wir den Mars verlassen und zwar +bald. Gewiß, die Rückreise ist mühselig, sie wird möglicherweise noch +anstrengender für uns werden als die Herfahrt, aber -- es muß sein!« + +»Aber -- aber könnte nicht ich wenigstens zurückbleiben?« + +»Es geht nicht! Es ist nicht gut möglich! Wir sind miteinander gekommen, +und wir müssen daher auch wieder miteinander gehen. Das ist klar. Wir alle, +Sie leider ausgenommen, sind darüber einig, daß wir gehen müssen, obgleich +uns der Abschied von diesem herrlichen Planeten wahrlich schwer genug wird, +denn wir haben ohne Zweifel auf ihm die schönste und an Genuß reinste Zeit +unseres Lebens zugebracht. Einen Drückeberger darf es nicht geben,« +entschied Stiller. + +Etwas beschämt über diese wie eine Zurechtweisung klingende herbe Antwort, +ließ Frommherz nichts mehr über die ihn bewegenden Gefühle verlauten; er +verschloß sie von jetzt ab fest in seiner Brust. + +In dem landschaftlichen Bilde, das sich hier den Augen bot, fiel Herrn +Dubelmeier ein stattlicher Berg auf, der isoliert in stolzer Einsamkeit +seine schneebedeckten Gipfel gen Himmel streckte. Der ganze pyramidenartige +Aufbau des Berges verriet seinen vulkanischen Ursprung. Von seiner etwas +abgestumpften Spitze aus mußte man eine großartige Fernsicht genießen. Bei +diesem Gedanken war in Herrn Dubelmeier die alte Leidenschaft des +Bergsteigers wieder geweckt. + +»Wie wäre es, wenn wir zum Schlusse unseres Aufenthaltes auf dem Mars jenem +prächtigen Berge da drüben einen Besuch abstatten würden? Bei der +Beschaffenheit der Marsatmosphäre dürften wir dort oben eine +außerordentlich schöne Aussicht haben,« sprach Dubelmeier zu seinen +Gefährten. + +»Ich komme mit,« entschied Stiller kurz entschlossen. + +»Ich auch!« erklärte Piller. »Wie heißt der Berg, Varan?« + +»Der Berg des Schweigens.« + +»Ein merkwürdiger Name!« meinte Stiller. »Wer kommt sonst noch mit?« + +Aber die vier übrigen Schwabensöhne konnten sich zu der Tour nicht +entschließen. Eine gewisse Mattigkeit und Abspannung hielt sie davon +zurück. Man kam überein, daß sie hier die Rückkehr der drei Freunde +abwarten sollten. Varan sorgte für alle Bedürfnisse der kleinen Karawane +und vergaß auch nicht die passenden Kleidungsstücke und die sonstigen +erforderlichen Gegenstände. In Begleitung von drei Marsiten reisten die +Herren ab. Ein Motorboot brachte sie auf einem der Kanäle rasch bis zum Fuß +des Berges, der sich beim Näherkommen immer mehr als ein Riese entpuppte. +Dubelmeier schätzte seine Höhe über der Talsohle auf ungefähr dreitausend +Meter. + +Steil fiel er von allen Seiten ab, und es war nur in langen Zickzacklinien +möglich, zu ihm emporzuklimmen. Es war dies ein beschwerliches Stück +Arbeit. Bei jedem Schritt sank der Fuß bis über den Knöchel in den +schwarzen Sand des verwitterten Lavafeldes ein. Stunden vergingen in +ermüdendem Steigen, bis die Herren endlich in die Nähe der Schneegrenze +gelangten. Hier wurde Halt gemacht. Einige Stunden der Ruhe sollten die +gesunkenen Kräfte der Bergsteiger wieder heben. Erst jetzt konnten die +Herren erkennen, wie hoch sie schon gekommen waren, denn bei dem mühsamen +Stampfen durch den lockern Boden hatten sie keine Zeit gehabt, Umschau zu +halten. + +Während die Marsiten einen Imbiß herrichteten, betrachteten die drei +Schwaben das zu ihren Füßen sich ausbreitende parkartige Panorama, das sich +im Lichte der untergehenden Sonne golden spiegelte. Kein Laut, kein Ton, +der die Anwesenheit noch anderer belebter Wesen verraten hätte, ließ sich +vernehmen, nicht einmal das Rauschen eines talwärts strebenden Baches. +Alles schien an diesem Berge in die starren Fesseln völliger Stille +geschlagen zu sein, und der Berg trug daher seinen Namen mit Recht. Auch +die Erdensöhne waren schweigsam. Still mit den eigenen Gedanken +beschäftigt, starrte jeder der Männer vor sich hin. + +»Ich besinne mich vergeblich, mit welcher Landschaft auf der Erde ich das +Panorama da unten vergleichen soll,« unterbrach Stiller das Schweigen. + +»Mich erinnert es in etwas an den Vulkan Villa rica im südlichen Chile. +Hier wie dort ragt ein gleicher Bergkegel aus der Ebene hervor. Ganz +ähnlich ist der Ausblick auf dunkelgrüne Waldungen und hellglitzernde Seen +und Wasserstraßen. + +Dazu kommt noch hier wie dort die durchsichtige Luft, die satte Bläue des +Himmels und die geheimnisvolle Stille der Natur,« entgegnete der +vielgereiste Dubelmeier. + +»Das kann ich nicht beurteilen. Aber ein Bild voll tiefen Friedens, voll +wohltuender Anmut und Schönheit bleibt das Marsland auch von hoher Warte +aus. Von wo aus man es auch betrachten mag, überall tritt es uns wie eine +hehre Offenbarung entgegen,« rief Stiller begeistert. + +Bei diesen Worten seines Kollegen schneuzte sich Piller wieder einmal sehr +kräftig. + +»Recht haben Sie, Stiller! Doch hier kommt Speise und Trank, gute Mittel +gegen -- na, sagen wir Gemütsattacken.« Damit ergriff Piller eine Flasche, +schenkte sich von dem edlen Marsweine ein und trank das Glas mit einem +Schluck leer. + +Die Nacht war herangekommen. Phobos und Deimos zogen ihre stille, +leuchtende Bahn, als die Karawane aufbrach, um auf dem festgefrorenen +Schnee langsam den Weg zur Spitze des Berges emporzuklettern. Tiefe +Rubintinten am östlichen Himmel kündigten den Aufgang der Sonne an, als +Schwabens Söhne endlich glücklich den Gipfel des Berges erreicht hatten. +Einem Glutballe gleich stieg bald darauf die Sonne empor und warf ihre +Strahlen über Berge und Täler. Ein Rundblick von überwältigender +Großartigkeit lohnte die Männer für ihre Anstrengungen des Aufstiegs. + +Der Berg des Schweigens überragte die übrigen Höhenzüge ganz bedeutend. Er +war die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre. Weithin schweiften +die Blicke völlig frei und unbehindert. Selbst die fernsten Gegenstände +schienen, dank der dünnen, klaren Luft, dem Auge greifbar nahe gerückt. In +weiter, weiter Ferne nach Norden zu konnten die drei Gelehrten mit Hilfe +der scharfen Marsteleskope, die sie mit sich führten, eine weiße, +bogenförmige Linie erkennen. Diese grenzte scharf und deutlich den bläulich +schimmernden Horizont ab. Die Herren wußten zunächst nicht, wofür sie diese +eigenartige Linie, die ein erstarrtes Eismeer einschloß, halten sollten. + +»Das ist ja der Nordpol des Mars!« entfuhr es plötzlich den Lippen +Stillers. + +Eine große Erregung bemächtigte sich der Beobachter: der Hauch der +Unendlichkeit wehte ihnen hier entgegen. Ein solches Ergebnis der Fernsicht +hatten sie nicht erwartet. Immer und immer wieder betrachteten sie die +deutlich wahrnehmbare Abrundung. + +»Kein, Zweifel, es ist der Nordpol. Wie wunderbar, daß unsere Augen auf +einem andern Planeten das schauen dürfen, was auf der Erde bis jetzt, allen +Versuchen zum Trotz, niemandem gelang!« sprach Herr Stiller. »Wie wird +dieses Bild erst bei Nacht sein!« + +»Wie meinen Sie das?« forschte Dubelmeier. + +»Nun, ich denke an die feurigen elektro-magnetischen Polausströmungen,« +erwiderte Stiller. + +»So bleiben wir so lange hier!« entschied Piller. »Aber sehen sie einmal, +meine Freunde, was ist denn da unten?« + +Stiller und Dubelmeier drehten sich um. Etwa zweihundert Meter unter ihnen +lag, hell beschienen vom Lichte des Tages, im Krater des früheren Vulkans +ein See von heller, smaragdgrüner Farbe. Blühende Blumen umsäumten seine +Ufer. + +»Blumen und Wasser, Eis und Schnee, merkwürdige Kontraste! Wie verträgt +sich das?« fragte Piller. »Wir scheinen ja hier oben von einem Wunder ins +andere zu fallen!« + +»Auf dem Mars hat das Merkwürdige überhaupt kein Ende!« entgegnete Stiller +lächelnd. »Doch untersuchen wir die Sache, und steigen wir hinab in den +Krater, der nebenbei noch ein ausgezeichneter Lagerplatz sein dürfte!« + +Bald waren die Herren unten am See. Da, wo der Schnee aufhörte und der +Pflanzenwuchs einsetzte, fühlte sich der Boden warm an, ein Beweis, daß der +Vulkan noch nicht gänzlich erloschen war. Das Wasser des Sees war +gleichfalls warm und zeigte eine Temperatur von dreißig Grad Celsius. Das +wunderbar klare, nahezu durchsichtige Wasser von etwas salzigem Geschmack +ließ den Boden des tiefen Sees deutlich erkennen, der wie mit einem +tiefroten Teppich bedeckt erschien. + +»Das sieht ja aus, als ob ein schwerer mineralischer Farbstoff hier +hineingeschüttet worden wäre,« äußerte sich Piller zu seinem Kollegen +Stiller. + +»Es scheint Eisenoxyd zu sein, das sich auf dem Boden des Sees +niedergeschlagen hat. Wahrscheinlich war das Wasser einst stark +eisenhaltig,« entgegnete Stiller. + +»Das mag sein. Dadurch ist auch das Fehlen jeglichen Tierlebens in dem +Wasser erklärlich.« + +Die Herren betrachteten nun die in Fülle am Uferrande wachsenden blühenden +Pflanzen. Es war ein bunter, duftender Blumenteppich, der einen anmutigen +Eindruck auf die Erdensöhne machte. Alle möglichen Arten von Pflanzen waren +vertreten, die mit denen der alpinen Regionen der Erde verwandt waren. + +Mit Behagen genossen die Herren die Stunden des Tages hoch oben im Krater +und bedauerten nur, daß die andern Freunde nicht auch anwesend waren. Als +der Abend gekommen war, stiegen sie, wohl eingehüllt in ihre Pelze, wieder +hinauf zur Spitze. Tiefes Dunkel lag bereits über dem Marsland, als die +Forscher den Rand des Kraters erreichten. Die Marsmonde waren noch nicht +aufgegangen. Aber in der Richtung des Nordpoles, den die Freunde diesen +Morgen gesehen, begann es aufzublitzen, zuerst langsam, dann immer stärker. +Schließlich fuhren feurige Strahlen empor, bildeten über dem polaren +Horizonte einen Halbkreis und verschwanden wieder. Ein herrlicher Wechsel +der Farben vom blendenden Rotgold bis zum leuchtenden Saphirblau, verbunden +mit dem Wachsen und Schwinden der zuckenden Strahlen, erzeugten ein Bild +von vollendeter Schönheit. + +»Diese glänzende Naturerscheinung ist ein würdiger Abschluß unserer +Expedition nach dem Berge des Schweigens,« sprach Stiller zu seinen +Freunden, als das Polarlicht durch die inzwischen emporgestiegenen +helleuchtenden Monde des Mars mehr und mehr zurückgedrängt wurde. + +»Ja, hier oben auf dem Mars ist alles lichtvoll, voll freundlicher Helle, +selbst die Nacht. Welch zauberhaft schöne Reflexe bringt das Licht der +Monde da unten hervor!« + +Mit diesen Worten wies Piller hinunter auf den stillen Kratersee, auf +dessen Wasser die zitternden Strahlen der beiden Monde tausendfach +gebrochen tanzten. Es war, als ob mit Leuchtkraft begabte Wesen aus der +Tiefe des Berges emporgestiegen wären und nun an der Oberfläche des Wassers +ihr neckisches Spiel trieben. + +Im Mondschein traten die drei wackeren Schwaben, um eine wertvolle +Marserinnerung reicher, einige Stunden später den Abstieg an, um vereint +mit ihren vier Kollegen wieder nach Lumata zurückzukehren. + + + + +Siebentes Kapitel +Der Abschied + + +Nach der Rückkehr aus dem Gebiete der Vergessenen begann Frommherz den +Verkehr mit seinen Gefährten mehr und mehr einzuschränken. Er nahm mit +ihnen allerdings noch die gemeinsamen Mahlzeiten ein, zog sich aber, sooft +es sich ohne Aufsehen machen ließ, von der Gesellschaft seiner Freunde +zurück. An den Abenden, die sonst der allgemeinen Unterhaltung und dem +Gedankenaustausch im schönen Heim von Lumata gewidmet waren, ging er für +sich allein spazieren und genoß in stillem Entzücken den eigenartigen +Zauber der Mondnächte. Und von hier oben sollte er fort, von diesem Eden, +und wieder hinunter auf die kalte Erde? An diesem Gedanken krankte +Frommherz förmlich. Die Herren waren viel zu sehr mit sich selbst +beschäftigt, um dem eigentümlichen Benehmen ihres Genossen allzugroße +Bedeutung beizulegen. + +Durch Eran hatte Stiller dem Zentralsitze des Stammes der Weisen in Angola +mitteilen lassen, daß er und seine Gefährten sich endgültig entschlossen +hätten, nach der Erde zurückzukehren. Die Abreise beabsichtigten sie am +zweiten Jahrestage ihrer Landung auf dem Mars anzutreten. + +Darauf war eine Einladung, wieder nach Angola zu kommen, als Antwort +eingetroffen. Ihr Empfang dort ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen +übrig. Eine Reihe glänzender Feste wurde zu ihren Ehren und als Feier des +bevorstehenden Abschiedes veranstaltet. Das Beste und Schönste, was die +darstellenden und bildenden Künste auf dem Mars zu leisten vermochten, +wurde bei diesen Festen den Erdensöhnen geboten. Aber die Schatten des +Abschiedes von dem wundervollen Planeten und seinen so idealen Bewohnern +begannen bereits auf den Herren Schwaben zu lagern und ließen sie das +Gebotene nicht mehr mit voller Freude genießen. + +In der gewaltigen Spiegelgalerie des Palastes der Weisen fand das letzte +Essen statt. Zu ihm waren von allen Seiten des Mars Eingeladene erschienen +und von allen Stämmen offizielle Vertreter. Draußen im Westen begann das +ewige Licht, die Sonne, niederzusteigen. Ihre milden, goldenen Strahlen +warfen die großen Spiegel des Saales unzähligemal gebrochen zurück. Es war +im Saale ein Wogen und Fluten des Lichtes, das die Augen förmlich blendete. +Durch die offenen Fenster drang der Duft der Blumen herauf in den Saal. Im +leichten Abendwinde ließen die schlanken Palmen des Parkes ihre Kronen +leise rauschen. Ruhig und still grüßte der tiefblaue See durch den grünen +Dom der Bäume herüber, zwischen denen noch in geschäftiger Eile +zwitschernde Vögel flogen und Lianen ihre farbenprächtigen Blütenschnüre +warfen. Ferne, sanfte Höhenzüge, rosig angehaucht von der Abschied +nehmenden Sonne, rahmten das köstliche Landschaftsbild ein, das die +Erdgeborenen heute zum letzten Male sehen sollten. Diese waren als die +ersten im Saale erschienen und standen nun an den hohen Fenstern versunken +in die traumhaft schöne Szenerie. + +»Uns wird der Abschied wahrhaftig schwer gemacht,« sprach leise Piller zu +dem neben ihm stehenden Kollegen Stiller. »Frommherz hat recht. Ist dies +hier nicht ein Land, das die Bezeichnung eines Paradieses verdient?« + +»Ohne Zweifel!« antwortete Stiller. »Es, ist ein Eden, so recht geschaffen +für die Betrübten, für die Heimatlosen, wie wir es nun sein werden.« + +»Heimatlos? Wie meinen Sie das, Stiller?« + +»Heimatlos, jawohl!« erwiderte Stiller, und seine Lippen zuckten +schmerzlich, als er nach kurzer Pause fortfuhr: »Glauben Sie denn, wir +würden, nachdem wir zwei volle Jahre hier oben inmitten einer wunderbar +schönen Natur, eines geradezu paradiesischen Landes unter stolzen, freien +und edlen Menschen gelebt haben, uns in der Heimat wieder wohlfühlen +können? Niemals! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren worden sind, +wo wir früher gelebt, gerungen, für unsere Überzeugung gestritten haben.« + +»Stiller, machen Sie mir den Abschied nicht zur Unmöglichkeit!« Piller +mußte sich, wie stets nach heftiger seelischer Erregung, mehrmals stark +schneuzen. Dann trat er rasch an die Tafel, schenkte sich ein Gläschen Wein +ein und leerte es auf einen Zug. + +»Fern sei es von mir, Ihnen den Abschied zur Unmöglichkeit zu machen, denn +wir _müssen_ ja fort. Aber« -- ein Leuchten erhellte dabei das Gesicht des +Sprechenden -- »ausstreuen wollen wir, ohne Wortgeklingel, unten auf der +Erde die Keime jener großen Zukunft, die wir hier oben in so herrlicher +Weise verwirklicht angetroffen haben.« + +Als Zeichen des Einverständnisses drückte Piller seinem Kollegen stumm die +Hand. + +Allmählich füllte sich der Saal mit den Geladenen. Alle kamen auf die +Erdensöhne zu und schüttelten ihnen die Hände. Nachdem Anan erschienen war, +begann das Essen. Neben dem Ältesten der Alten saßen die sieben Schwaben. +Die Kronleuchter des Saales erstrahlten im Lichte elektrischer Lampen. Sie +beleuchteten die glänzende Tafel und die große, feierlich gestimmte +Gesellschaft. Unten, vor der Spiegelgalerie, auf der großen Terrasse, waren +die Chöre der Sänger und Musiker aufgestellt, die während des Mahles +abwechselnd ihre entzückenden Weisen ertönen ließen. + +Als das Essen beendigt war, erhob sich Anan. »Meine Brüder und Schwestern,« +hub er zu sprechen an, »die Stunde des Abschiedes von Angola ist gekommen. +Unsere Gäste aus dem fernen Schwabenlande kehren demnächst wieder dahin +zurück. Mögen sie heil, und gesund den trauten Boden ihrer Heimat wieder +erreichen! Sie selbst werden in unserm Andenken für immer fortleben. Wir +haben beschlossen, ihre Namen in goldenen Buchstaben auf Marmortafeln hier +in diesem Saale neben ihren Bildern anzubringen, unsern spätern Nachkommen +zur Erinnerung an diese kühne Reise zu uns und an ihren langen, durch +keinen Mißton getrübten Aufenthalt in unserer Mitte. Ferner haben wir +beschlossen, als weiteres Zeugnis dieses ersten und letzten Besuches von +Erdgeborenen auf unserm Lichtentsprossenen all die verschiedenen +Mitteilungen, die sie uns über das Leben und Treiben der Völker der Erde +gemacht haben, in einem Buche niederzulegen, das hier in unserm Heim einen +besondern Ehrenplatz erhalten soll. Für ewig soll neben den Namen unserer +Gäste auch das festgehalten werden, was sie uns in feierlichen Augenblicken +verkündet haben. So soll ihr Besuch im Andenken bei uns geehrt werden bis +in die fernsten Zeiten. + +Und nun, meine lieben Freunde,« Anan wandte sich mit diesen Worten an die +sieben Schwaben, »haben wir für euch eine Reihe von Andenken bestimmt, wie +sie Kunst und Wissenschaft vereint auf unserm Lichtentsprossenen +hervorgebracht haben. Nehmet diese Erzeugnisse, die dort auf jenem Tische +liegen, mit euch zur Erinnerung an den Aufenthalt unter uns. Hier übergebe +ich euch ein goldenes Buch. Es enthält die Entwicklungsgeschichte unseres +Volkes. Mit der allgemeinen fortschreitenden Bildung und Urteilsfähigkeit +vereinfachte sich bei uns auch mehr und mehr die Gesetzgebung. Sie gipfelt +eigentlich nur in dem einen fundamentalen Satze: Tue nicht, was du nicht +willst, daß dir getan werde! Ihr werdet also in dieser Beziehung in dem +Buche wenig mehr finden, denn die Menge der Gesetze eines Volkes ist nur +der Beweis für dessen Handlungsunfähigkeit. Das Buch enthält aber noch +unsere Ansichten und Begriffe über die natürliche Moral, über die +unverwüstlichen Grundsätze, die bei uns das Werk der Reinigung vollendet +haben. Möge dieses sich auch einst auf der Erde in ähnlicher Weise +vollziehen wie bei uns, mögen einst auch bei euch die Hüllen und +Verkleidungen fallen, die leider unten auf der Erde noch den wahren, an +sich so einfachen Kern der natürlichen Moral umschließen! Möge, von diesem +Gesichtspunkte aus betrachtet, eure gefahrvolle und beschwerliche Reise +nach unserer fernen Himmelsleuchte und euer Aufenthalt unter uns von Nutzen +gewesen sein!« Anan setzte sich. + +Eine tiefe Stille herrschte, als der ehrwürdige Greis gesprochen hatte. +Jetzt erhob sich Stiller. In bewegten Worten dankte er zunächst in seinem +und seiner Gefährten Namen für all das Gute, das ihnen hier oben erwiesen +worden sei. Er habe hier eine Reife der Entwicklung angetroffen, die er +früher nur zu ahnen gewagt, in Wirklichkeit aber nicht für möglich gehalten +habe. Er und seine Gefährten hätten hier oben viel gelernt, und von manchem +Irrtum seien sie befreit worden. + +»So habe ich unter anderem auch geglaubt, daß ohne den rohen Kampf ums +Dasein eine Entwicklung des Menschen zu Höherem nicht denkbar sei, daß der +rücksichtslose Kampf um die Existenz die notwendige Erhebung des Menschen +für dessen Klärung und Läuterung vorstelle. Von dieser Ansicht bin ich +durch meine Beobachtungen hier oben abgekommen. Der rohe Kampf ist nur das +Kennzeichen der Selbstsucht, die wahre Nächstenliebe mildert ihn, und diese +fehlt bei uns leider noch in hohem Maße. + +Auch bei euch hier oben herrscht ein Wettkampf, aber wie sehr ist er von +dem verschieden, was wir unten auf der Erde darunter verstehen! Jeder +einzelne von euch ist bestrebt, in edlem, selbstlosem Wettbewerbe nur das +Beste zu bieten unter peinlichster Berücksichtigung der berechtigten +Interessen seines Nebenmenschen und Bruders. Jeder lebt bei euch das große +Leben der Gesamtheit mit, weil er sich als einen wesentlichen Bestandteil +des Gesamtorganismus fühlt; denn gedeiht der einzelne, so gedeiht auch das +Ganze, ist dagegen der einzelne krank, so leidet auch die Gesamtheit. Und +wie gesund, kraftstrotzend ist diese bei euch! + +Wie weit sind wir dagegen auf unserer Erde von dem Ideale des Lebens und +seiner Auffassung überhaupt entfernt! Wie klein stehen wir euch gegenüber +da! Und doch, es muß und wird auch bei uns einst tagen. Wir, die wir bei +euch gewesen, wir wollen, soweit es in unsern Kräften steht, den Samen zu +jenem schönen und großen Leben der Zukunft ausstreuen, das wir bei euch +hier in so prächtiger Blüte verwirklicht kennengelernt haben. Unsere Reise +zu euch war nicht vergeblich. Was wollen ihre Mühseligkeiten und Gefahren +bedeuten im Verhältnis zu dem Reinen und Schönen, das wir hier genießen +durften! Schweren Herzens, mit dem Bewußtsein, hier bei euch unsern +inhaltreichsten Lebensabschnitt zugebracht zu haben, unendlich reich in der +Erinnerung, treten wir unsere Heimreise an. Die Mutter Erde verlangt +zurück, was ihr entsprossen. + +Niemals bis zu unserm letzten Atemzuge werden wir vergessen, was ihr uns +geboten habt, was ihr uns gewesen seid, und wie ihr uns geehrt habt. Wenn +wir einst später unten in unserer Heimat in nächtlichen Stunden aus weiter +Ferne euren Mars, den Lichtentsprossenen, herüberleuchten sehen, so werden +wir in treuem Gedenken stets bei euch weilen und mit stiller Sehnsucht an +die schönste Zeit unseres Lebens zurückdenken. Lebt wohl, teure Freunde! +Ich umarme Anan für euch alle und drücke ihm für euch alle den Bruderkuß +des Erdgeborenen auf seine reine Stirn. Denn Brüder sind wir ja alle, die +sich Menschen nennen, hier oben wie unten auf der Erde.« + +Stillers Worte hatten auf alle Anwesenden gewaltigen Eindruck gemacht, und +als er nun auf Anan, den erhabenen Greis, zutrat, ihn umarmte und küßte, da +ertönte im Saale ein Sturm des Beifalles. + +»Mein Bruder, edler Sohn deines Landes,« antwortete Anan, »habe Dank für +das, was du eben gesagt hast. Nimm auch von mir, dem alten Sohne des +Lichtentsprossenen, den Bruderkuß und ziehe glücklich heim mit deinen +Gefährten. Mit ihnen wirst du am Werke der Menschenvervollkommnung +erfolgreich arbeiten, das weiß ich. Meine Augen werden sich bald schließen +zu jenem Schlummer, von dem es kein Erwachen mehr gibt, aber auch ich +werde, solange ich hier noch wandern darf, mit Freuden an die Stunden +denken, die ich in deiner Gesellschaft in unserm Angola zugebracht habe.« + +Nach dem stimmungsvollen Abschiede in Angola befanden sich die sieben +Schwaben einige Tage später wieder in Lumata. Stiller war mit der Sorge um +das Luftschiff beschäftigt. In dieser Beziehung fand er bei den Marsiten +alle Unterstützung und konnte nun die auf der Herfahrt gemachten schlimmen +Erfahrungen durch Verbesserungen aller Art verwerten. Er machte sich auf +eine lange Zeitdauer der Rückfahrt gefaßt, trotz der stärkeren +elektromagnetischen Anziehungskraft der Erde, des im Verhältnis zum Mars um +nahezu das Doppelte größeren Planeten. + +Seit dem Aufstieg an jenem denkwürdigen Dezemberabend auf dem Cannstatter +Wasen waren nahezu dritthalb Jahre vergangen. Unterdessen hatte sich der +Mars wieder um eine ganz gewaltige, viele Millionen von Kilometer +betragende Entfernung von der Erde wegbewegt und war von dieser heute +nahezu doppelt so weit entfernt als zur Zeit der Abreise. Stiller rechnete +aus, daß sie, nach Erdenzeit gemessen, mindestens fünf volle Monate in der +Gondel zuzubringen hätten und auch dies nur unter der Voraussetzung, daß +kein unvorhergesehenes Ereignis den Flug des Weltenseglers störe. Waren er +und seine Gefährten einst in befriedigender körperlicher Verfassung und +ohne nennenswerte Störungen nach dem Mars gelangt, warum sollte die +Rückkehr nach der Erde schließlich nicht auch erträglich vonstatten gehen? + +Allerdings erschreckte die Länge der bevorstehenden Reise den sonst so +mutigen Mann doch etwas. Fünf volle Monate in der Gondel eingeschlossen +zuzubringen, die vielerlei damit verknüpften Entbehrungen wieder auf sich +zu nehmen, den Mangel des natürlichen Lichtes, der Bewegung zu ertragen, +das mußte auch auf das tapferste Gemüt niederdrückend wirken; Aber Stiller +schüttelte alle trüben Gedanken nachdrücklich ab und freute sich über die +großartigen technischen Kenntnisse der »Findigen«, die ihm nicht nur ein +ähnliches Gas zur Füllung seines Luftschiffes bereiteten, wie es das +Argonauton war, sondern die auch durch die Kunst der Haltbarmachung der +wichtigsten Nahrungsmittel für die Reise meisterhaft zu sorgen verstanden. +An elektrischer Kraft, fester Luft und dergleichen, deren Herstellung den +Findigen schon seit alten Zeiten bekannt war, fehlte es auch nicht, und der +Weltensegler führte jetzt ganz andere Mengen dieser Kräfte und +Existenzmittel mit sich als zur Zeit seines Aufstieges. Ohne Lärm, ohne den +geringsten Verdruß war die Instandsetzung des Luftschiffs vor sich +gegangen. Wie vorteilhaft stach diese Art der Arbeit hier gegen die auf dem +Cannstatter Wasen vor mehr als zwei Jahre ab! Dank der hohen Intelligenz, +der Bereitwilligkeit und dem Eifer der Findigen befand sich der +Weltensegler in so vortrefflichem Zustande, daß die gefahrvolle Reise +jederzeit angetreten werden konnte. + +Stiller hielt es für seine Pflicht, seine Gefährten über den Gang der +Vorbereitungen zur Abfahrt auf dem laufenden zu halten. Er verschwieg den +Freunden auch nicht die ungefähre Dauer der Rückreise. Anfangs waren die +Kollegen über die Aussicht, so viele Monate in der Gondel zubringen zu +müssen, sehr erschrocken gewesen, hatten sich dann aber rasch wieder gefaßt +und sahen der Zukunft mit Mut und Vertrauen entgegen. Nur Frommherz äußerte +sich nicht. Still und scheu schlich er herum, während die übrigen Herren +ihre bescheidenen Habseligkeiten zu packen und in die Gondel zu schaffen +anfingen. + +Der Weltensegler war aus seinem Unterkunftshause herausgenommen worden und +schaukelte sich, sorgfältig verankert, an dem Orte, an dem er einst +niedergegangen war. Der letzte Tag des Aufenthaltes auf dem Mars war nur zu +schnell herangekommen. Morgen in aller Frühe sollte die Abfahrt von Lumata +erfolgen. Eran, der gastfreie, würdige Alte, hatte es sich nicht nehmen +lassen, seinen Gästen noch ein reiches Abschiedsmahl zu bieten, zu dessen +Verschönerung und Weihe die Harfenspieler und Sänger von Lumata wieder das +Ihrige beitrugen. Ganz Lumata war auf den Füßen. Die Arbeit ruhte überall. +Allerorts hatten sich die biedern Schwaben beliebt zu machen verstanden. +Niemand war da, der den Fortgang der wackeren Männer nicht aufrichtig +bedauerte. Aber sie hatten Familie, hatten Väter, Mütter, Brüder und +Schwestern unten auf der Erde. Eine Rückkehr dahin erschien den Marsiten +mit ihrem so hoch entwickelten Familien- und Gemeinsinn nur als ein Gebot +der Pflicht. + + + + +Achtes Kapitel +Ein Abtrünniger + + +Während des Essens und der allgemein herrschenden bewegten Stimmung war es +niemand besonders aufgefallen, daß Frommherz verschwand. Als nach dem +Schlusse des Mahles, das sich bis in die ersten Morgenstunden des neuen +Tages hineingezogen hatte, die Erdensöhne aufstanden und im Begriffe waren, +das Haus Erans, das sie zwei Jahre lang beherbergt hatte, zu verlassen, +entdeckte man das Fehlen des Freundes. Man suchte ihn überall im Hause, +fand ihn aber nicht. Dagegen entdeckte man einen Brief, der auf dem Tische +seines Zimmers lag. »An meine Freunde und Gefährten!« lautete die Adresse. + +Stiller öffnete das Schreiben und überflog dessen Inhalt. »Wir haben es +leider mit einem Abtrünnigen zu tun,« erklärte er den besorgten Genossen. +»Hören Sie, was Frommherz schreibt. Aber setzen wir uns zunächst wieder, +und beratschlagen wir nachher, was zu tun ist.« + +Die Herren entsprachen der Bitte, und Stiller ersuchte Eran und die übrigen +Marsiten unter Hinweis auf das Fehlen des siebenten und letzten +Reisegenossen um einen kurzen Augenblick Geduld. Eran zog sich sofort mit +den Seinen zurück und ließ die Herren allein. + +»Zum Kuckuck, dacht' ich mir's doch so halb und halb, daß Frommherz +fahnenflüchtig werden würde!« begann Piller zornig. »Lesen Sie einmal die +Epistel vor, Stiller!« + +»Verzeiht mir, teure Freunde und Gefährten, daß ich Euch eine schmerzhafte +Enttäuschung bereite. Ich kann es nicht über mich bringen, mit Euch nach +der Erde und nach unserer alten Heimat zurückzukehren. Aufs schwerste habe +ich deshalb mit mir gekämpft und gerungen. Ich vermag den Mars nicht zu +verlassen, es würde mein sicherer Tod sein, und den wollt Ihr doch auch +nicht. Hier oben habe ich alles verwirklicht gefunden, was ich unten in +ahnender Sehnsucht geträumt. Und nun soll ich ein Eden verlassen und in +enge, unaufrichtige Verhältnisse und Lebensanschauungen wieder +zurückkehren, nachdem ich so lange das reine Licht der Wahrheit geschaut +habe? Nein, es kann nicht sein! Hat uns nicht der ehrwürdige Anan selbst in +Angola das Bleiben hier oben freigestellt? Gut, so will wenigstens ich von +diesem Anerbieten Gebrauch machen und Euch allein heimwärts ziehen lassen. + +Wohl weiß ich, daß ich Euch durch meinen Entschluß kränke, aber ich kann +wirklich nicht anders handeln. Richtet nicht zu strenge über mich und +verzeiht mir, wenn möglich, in Liebe! Freiwillig bleibe ich hier oben. Es +kann Euch somit keine Verantwortung dafür treffen, daß Ihr allein, ohne +mich, nach der Heimat zurückkehrt. Möget Ihr sie glücklich erreichen! Dies +ist mein innigster, aufrichtigster Wunsch. Grüßt mir mein Tübingen, grüßt +mir mein liebes Schwabenland und meine Verwandten dort! Sagt ihnen, daß ich +mich hier oben überglücklich, wie im Paradiese fühle und deshalb nicht mehr +zur Erde mit ihrer Qual zurückgekehrt sei. Macht keine Anstrengungen, mich +zu suchen. Ihr würdet mich doch nicht in meinem sichern Versteck finden, in +dem ich so lange bleiben werde, bis Ihr abgefahren seid. Lebt wohl! In +treuem Gedenken bin und bleibe ich Euer Friedolin Frommherz.« + +In finsterem Schweigen verharrten die Herren einen Augenblick, nachdem +Stiller den Brief vorgelesen hatte. + +»Der elende Drückeberger!« hob Dubelmeier zu knurren an. »Jetzt fällt es +mir wie Schuppen von den Augen, warum er sich in den letzten Wochen so +sonderbar benommen hat.« + +»Blamiert sind wir, heillos blamiert!« schrie Piller. »Wie stehen wir nun +da? Wo bleibt unsere gerühmte Ehrenhaftigkeit?« + +»Beauftragen wir Eran, Frommherz zu suchen! Der findet den Ausreißer +gewiß,« riet Hämmerle. + +»Diesem Vorschlage möchte ich beistimmen,« fügte Thudium bei. + +»Es geht doch nicht an, daß wir Frommherz hier zurücklassen. Entweder wir +bleiben alle, oder wir gehen alle zusammen. Das ist klar!« fügte Brummhuber +bei. + +»Meine lieben Freunde, schenken Sie mir ein wenig Gehör,« bat Stiller die +aufgeregten Gefährten. »Ich begreife und billige ja völlig Ihre Entrüstung +über das Benehmen Frommherz' und teile es. Aber wir haben durchaus kein +Recht, ihm unsern Willen aufzuzwingen. Er ist seinerzeit freiwillig +mitgegangen und mag freiwillig zurückbleiben. Aber er hätte klar und offen +handeln sollen. Mag er diese Handlungsweise vor seinem eigenen Gewissen +verantworten! Nehmen wir die Sache, wie sie einmal ist. Unserm Andenken und +unserer persönlichen Ehrenhaftigkeit kann das Bleiben Frommherz' hier oben +nicht das geringste anhaben. Im Gegenteil! Wir stehen immer als das da, +wofür man uns nahm und hielt. Frommherz dürfte in dieser Beziehung bei den +strengen Moralbegriffen der Marsiten nicht gut wegkommen. Ziehen wir also +allein, ohne ihn! Ja, ich rate sogar zur Nachsicht und Milde. Seien wir +aufrichtig! Ziehen wir vielleicht gern, leichten Herzens von hier fort?« + +»Nein, gewiß nicht!« ertönte es fünfstimmig. + +»Nun wohl! So wollen wir die Lage, in die sich unser Frommherz freiwillig +begeben, wenigstens zum Guten zu wenden suchen: wir empfehlen den +Zurückbleibenden der Güte und Nachsicht unseres lieben, ehrwürdigen Eran.« + +»Das fehlte noch!« wetterte Piller. + +»Warum nicht?« + +»Ich verstehe Sie einfach nicht, Stiller!« + +»Nun, so lassen Sie mich ruhig fortfahren. Während des Lesens von +Frommherz' Brief ist mir der Gedanke gekommen, daß unser Freund nach unsrer +Abreise zur Strafe für sein eigenmächtiges Zurückbleiben und den dadurch +bewiesenen Mangel an Gemeinschaftsgefühl möglicherweise nach den Gefilden +der Vergessenen verbannt werden könnte.« + +»Was ihm ganz recht geschehen würde!« warf hier Brummhuber ein. + +»Nein, das wollen wir ihm eben zu ersparen suchen. Möge er unter ähnlichen +Bedingungen wie bisher hier weiter leben! Dieses Bewußtsein läßt uns später +mit reineren Gefühlen an den Freund zurückdenken und wirft keinen Schatten +auf die Erinnerung an unsere schöne Aufenthaltszeit hier oben. Nun wohl, so +lassen Sie mich, bitte, gewähren! Ich rede nachher mit Eran und suche mit +ihm zusammen das Unangenehme möglichst gut zu ordnen.« + +»Stiller, Sie beschämen uns, Sie sind ein braver Kerl -- der Beste von +uns!« Piller schneuzte sich sehr kräftig nach diesen Worten . . . + +»O nein, mein Lieber! Ich war nur nicht umsonst hier oben unter diesen +prächtigen, hoch denkenden und handelnden Menschen. Sie sehen nur, daß ich +von ihnen etwas gelernt habe.« + +»Wenn einer oben zu bleiben wirklich würdig wäre, so wären Sie es, +Stiller!« rief begeistert Hämmerle. + +»Lassen wir das!« wehrte Stiller ab. »Und nun will ich mit Eran Rücksprache +nehmen.« Ohne das geringste Zeichen des Erstaunens zu zeigen oder einen +Laut der Verwunderung hören zu lassen, vernahm der ehrwürdige Alte den +Bericht Stillers. + +»Auch ich finde, daß du wohl daran tust, deinen Bruder nicht zu zwingen, +die Rückreise mit euch anzutreten. Ein jeder Mensch hat bis zu einem +gewissen Grade das Recht der Selbstbestimmung. Aber dieses Recht schließt +nicht das Unrecht eures flüchtigen Bruders aus, das ich in der Art und +Weise erblicke, wie er sein Hierbleiben durchsetzen will. Laß ihn aber nur +hier und zieh mit deinen Brüdern hinab auf die Erde! Wir werden mit +Friedolin nicht allzu scharf ins Gericht gehen.« + +»Darüber möchte ich eben beruhigt werden, ehrwürdiger Eran.« + +»Sei deshalb ohne Sorge! Taucht er nach eurer Abreise auf, so werde ich ihn +persönlich nach Angola bringen und bei Anan Fürsprache für den Sünder +einlegen. Aber eine kleine Strafe muß sein. Ich habe bereits über ihre Art +nachgedacht.« + +»Worin soll sie bestehen?« fragte neugierig geworden Stiller. + +»Friedolin soll uns ein Wörterbuch eurer Sprache schreiben. Ihr habt uns ja +als Andenken einige Werke eurer hervorragendsten heimischen Dichter und +Denker geschenkt. Nun gut, wir wollen diese Werke in der Originalsprache +lesen, um uns ein klares Bild von euren Meistern machen zu können. Dazu +brauchen wir aber ein Wörterbuch.« + +»Diese Strafe lasse ich mir gefallen. Freund Friedolin wird die ihm +gestellte Aufgabe zu eurer Zufriedenheit lösen, davon bin ich überzeugt.« + +Damit war der Fall Frommherz erledigt. Stiller setzte seine Gefährten von +dem Ergebnis der Besprechung in Kenntnis, und die Herren priesen von neuem +die Güte und Nachsicht Erans, des wackern Patriarchen. + +Nach der Zeitrechnung der Erde, die Stiller auch auf dem Mars unter +genauester Berücksichtigung der Unterschiede in den täglichen +Umdrehungszeiten von Mars und Erde weitergeführt hatte, war heute der +siebente März herangekommen und mit ihm die Stunde der Abfahrt. + +Eran hatte darauf bestanden, die sechs Erdensöhne zum Weltensegler zu +begleiten. Auch Lumatas erwachsene Bevölkerung zog mit. Ernstes Schweigen, +der Ausdruck ehrlichen Schmerzes über die Trennung, herrschte in der ganzen +Schar. So schritten sie wortlos dahin zu der Wiese, auf der sich der +Weltensegler in der klaren und reinen Luft des heraufziehenden Tages +schaukelte. + +»Nehmen wir kurz und rasch Abschied, vergrößern wir nicht das Weh der +Trennung durch weitere Worte!« sprach Eran, einen der Schwaben nach dem +andern umarmend. »Möge ein gutes Geschick eure Heimreise begleiten! Kommt +glücklich in eurer Heimat an.« + +Ein Händedruck noch, ein Winken von allen Seiten, und die kühnen +Weltensegler stiegen in die Gondel. Die Taue wurden gelöst, langsam und +stolz, begrüßt von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, begann sich +der Ballon zu heben. Da kam eilenden Laufes Friedolin Frommherz daher. Die +Menge machte ihm Platz. + +»Lebt wohl, Freunde!« rief er mit lauter Stimme. »Nochmals: verzeiht mir, +daß ich bleibe und nicht mit euch zurückkehre! Reist glücklich und grüßt, +mir mein teures Schwabenland!« + +Aber die Herren in der Gondel hörten nur noch schwach, was ihnen Frommherz +nachrief. Zu antworten vermochten sie nicht mehr. In immer rascherem Fluge +entfernte sich der Weltensegler von dem wunderbaren Planeten und schwebte +bald im dunkeln, kalten Weltenraum. + + + + +Neuntes Kapitel +Wieder auf der Erde + + +Der Zeiger der Zeituhr war auch in Stuttgart nach der so ungeheures +Aufsehen erregenden Abfahrt der sieben Söhne des Schwabenlandes um Jahr und +Tag vorgerückt. Wo mochten sie wohl stecken, die wagemutigen Landsleute? Ob +sie wirklich den Mars erreicht hatten? Möglicherweise waren sie gar nicht +nach diesem Planeten gelangt, sondern vielleicht auf einem der zahlreichen +Planetoiden abgestiegen, oder die Expedition war verunglückt und die arme +Forscherschar dann für immer verschollen im ungeheuren Weltenraume. +Letztere Ansicht wurde allgemein als die richtige angenommen und geglaubt. + +Nach dem Aufstieg des Weltenseglers unterhielt man sich anfänglich in +Stuttgart noch viel und lebhaft über die Reise der Forscher, und Fragen +aller Art waren aufgeworfen worden; nach und nach aber schlief das früher +so lebhafte Interesse für die Marsexpedition ein. Neue Zeitfragen, aktuelle +Ereignisse waren aufgetaucht und verdrängten schließlich die Erinnerung an +das märchenhafte Unternehmen. + +Da, plötzlich wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel schlug an einem +Septembertage die Nachricht in Stuttgart ein, die Herren Professoren, die +vor bald drei Jahren vom Cannstatter Wasen aus nach dem Mars abgefahren +waren, seien auf einer Insel in der fernen Südsee niedergegangen, und zwar +mit ihrem Luftschiff, dem Weltensegler. Im ersten Augenblick wollte kein +Mensch an diese Nachricht glauben; man hielt sie für einen schlechten +Scherz. Als sie aber unter den amtlichen Mitteilungen im »Staatsanzeiger« +erschien und durch Tausende von Extrablättern sofort weiter verbreitet +wurde, da wurden schließlich auch die hartnäckigsten Zweifler von der +Wahrheit der Nachricht überzeugt. + +In lakonischer Kürze lautete der telegraphische Bericht: + +Matupi, 31. August, nachts. + +Weltensegler vom Mars zurück, hier niedergegangen. Stiller, Piller, +Brummhuber, Hämmerle, Dubelmeier, Thudium. Befinden relativ wohl. + +In der ersten großen Überraschung fiel es vielen gar nicht auf, daß in dem +Telegramm nur von sechs Teilnehmern die Rede war. Erst nach und nach wurde +des fehlenden siebenten Mitgliedes der Expedition gedacht. Die Meinung +hierüber war rasch gefaßt: Frommherz mußte während der Reise zweifellos +gestorben sein. + +Mit größter Ungeduld sah die engere wie die weitere Heimat, die gesamte +Kulturwelt näheren Nachrichten entgegen. Welch interessante, spannende +Berichte standen von den schon verloren geglaubten Forschern zu erwarten! + + * * * * * + +Die erste Zeit nach der Abreise vom Mars verstrich den Insassen der Gondel +ganz erträglich. Nach Professor Stillers Ausspruch befand sich der +Weltensegler auf der richtigen Bahn und in der Anziehungssphäre der Erde. +Die Reise stellte an die Herren wieder die höchsten Anforderungen in Bezug +auf ihre Gesundheit, Geduld und Ausdauer. Monate waren seitdem schon +vergangen, und das Ziel, die Erde, wollte noch immer nicht auftauchen. Die +Dulder fingen an, sich mehr und mehr erschöpft zu fühlen und beneideten in +Gedanken oft den zurückgebliebenen Freund Frommherz. + +Aber schließlich muß ja auch die längste, dunkelste Nacht dem hellen Tag +weichen. Es ging gegen Ende August. Über fünf Monate schon zog der +Weltensegler durch den Ätherraum. Stiller erwartete von einem Tage zum +andern den Eintritt des Luftschiffes in die Atmosphäre der Erde. Richtig! +Eine beginnende Dämmerung zeigte ihre Nähe an. + +Wie einst bei der Annäherung an den Mars alle Drangsale der Reise im +Handumdrehen aus der Erinnerung verschwanden, so war es auch diesmal wieder +der Fall. Als Herr Stiller seinen Gefährten mitteilte, daß sie soeben in +die Erdatmosphäre eingefahren und wahrscheinlich heute noch unten auf der +Erde irgendwo landen würden, falls die Freunde nicht vorzögen, mit dem +Weltensegler unmittelbar nach Deutschland zu steuern, da erhob sich heller +Jubel in der Gondel. Vergessen waren plötzlich alle Mühe und Drangsal, +alles körperliche Unbehagen. + +»Wo es auch ist, nur herunter und heraus aus diesem verdammten Kasten!« +erklärte Piller. »Wahrhaftig, wir sind jetzt lange genug eingesperrt +gewesen!« + +»Piller hat recht,« stimmte Thudium bei + +»Keine Stunde länger als unumgänglich notwendig bleibe ich in diesem +fürchterlichen Käfig,« entschied Hämmerle, und ihm pflichteten Dubelmeier +und Brummhuber bei. + +»Nun, wenn es so mit Ihnen steht, so landen wir, wo es eben möglich ist,« +antwortete in gewohnter Ruhe Stiller. »Wir müssen aber Sorge dafür tragen, +daß wir in zivilisierter Gegend absteigen und nicht aus Versehen in den +offenen Ozean geraten.« + +»Das recht zu machen, ist Ihre Sache, Stiller,« entschied Piller. »Und nun, +Gefährten, nehmen wir einen Schluck des herrlichen Marsweines als Ausdruck +unserer Freude über die glücklich vollendete Reise! Dubelmeier, zu meiner +innigen Freude und aufrichtigen Genugtuung haben Sie sich auf dieser Fahrt +vom Saulus in einen Paulus verwandelt und an Stelle des Wassers den edlen +Wein gesetzt. Also trinken wir!« + +Während die übrigen Herren den Pokal, eine wunderbare Marsarbeit und ein +Geschenk von Angola her, kreisen ließen, hatte Herr Stiller die Ventile des +Luftschiffs gelockert und eines der Gondelfenster geöffnet. Der +Weltensegler fiel rasch abwärts. + +»Täuscht mich nicht alles, so schweben wir gerade über der australischen +Ostküste,« sprach Herr Stiller, nachdem er einen raschen Blick aus dem +Gondelfenster geworfen hatte. »Wir werden bei Brisbane in Queensland +landen.« + +»Prächtig, Stiller, alter Knabe! Prosit! Da, nehmen Sie auch einen +Schluck!« + +Piller wollte gerade seinem Kollegen den Pokal mit dem Weine reichen, als +plötzlich ein furchtbarer Windstoß die Gondel traf und mitsamt dem +Luftschiff in eine drehende, wirbelnde Bewegung versetzte. Der Pokal fiel +zu Boden, und die Herren selbst mußten sich an den nächsten festen +Gegenständen in der Gondel festhalten, um nicht wie Bälle herumgeschleudert +zu werden. + +»Wir sind im letzten Augenblick in einen Zyklon geraten, wie sie hier herum +häufig sind,« schrie Stiller seinen erschrockenen Gefährten zu. »Nun heißt +es, allen Mut zusammennehmen. Der blinde Zufall ist jetzt unser Führer.« + +In unverminderter Stärke und Heftigkeit wütete der Orkan während der +folgenden bangen Stunden. Der Wind pfiff heulend durch das offene, +zerschmetterte Fenster der Gondel und wirbelte in ihr alles herum, was +nicht befestigt war. In dem fürchterlichen Toben des Orkanes war jede +Verständigung ausgeschlossen. Die Insassen der Gondel mußten sich +schließlich der größeren Sicherheit wegen auf den Boden legen. Hilflos +trieb das Luftschiff dahin, wohin es der rasende Sturmwind trug. Es war ein +tragisches Verhängnis, das im letzten Augenblick der Reise, kurz vor der +Landung auf der Erde, die Reisenden traf. Und dabei bestand noch die große +Gefahr, daß der Weltensegler ins offene Meer treiben, und die Expedition, +die die ungeheure Reise nach und von dem Mars bisher so glücklich +überwunden hatte, zum Schlusse noch ertrinken werde. + +Traurige, trübe Gedanken bewegten die Männer. So war eine Reihe von Stunden +vergangen. Der Tag, der so vielversprechend begonnen hatte, neigte sich +seinem Ende zu. Die Gewalt des Sturmes schien nachzulassen. Möglich auch, +daß der Weltensegler gegen die Peripherie des Wirbelsturmes hinausgetrieben +worden war, kurz, die tolle Fahrt durch die Luft verringerte sich +zusehends, und die Herren konnten endlich ihre unbequeme Lage verlassen und +Ausschau halten. Zu ihrer Freude nahmen sie wahr, daß der Ballon in eine +weite, geräumige Bucht eintrieb, deren Hintergrund ein Wald von grünen +Kokospalmen bildete, umsäumt von freundlichen, kleinen Häusern. + +Rasch entschlossen öffnete Stiller die Ventile des Weltenseglers, als er +gerade über dem Palmenwalde schwebte. Einem Riesengewichte gleich fiel der +Ballon in die hohen Palmbäume, die krachend unter der merkwürdigen Last +zusammenbrachen. Weißgekleidete Männer eilten an den Ort des Niederganges +herbei. Ihnen gesellten sich die fast nackten, dunkeln Gestalten der +Eingeborenen bei, die schreiend und gestikulierend um den Platz +herumstanden, den sich der Weltensegler in ihrem Palmenwalde geschaffen +hatte. + +Bald lag der übel zugerichtete Weltensegler fest verankert im Palmenwalde. + +»Wo sind wir denn?« fragte Piller zum Gondelfenster heraus. + +»Auf Matupi, im Südseearchipel,« lautete die Antwort. + +»Wahrlich, das war noch Glück! Beinahe wären wir ertrunken; viel fehlte +nicht mehr,« meinte Dubelmeier. + +»Nun, dann hätten Sie eben im Wasser, Ihrem Element, geendet,« brummte +Piller. + +»Heraus, Freunde, heraus aus der Gondel und endlich hinab auf festen +Boden!« drängte Stiller. + +Als die Herren ausgestiegen waren, stellte sich der Führer der Weißen als +Gouverneur der Insel vor. + +»Wir sind aus Schwaben,« entgegnete Stiller lächelnd, »Professoren an der +Universität in Tübingen, und sind seinerzeit von Deutschland aus mit dem +Luftschiff aufgestiegen. Schwaben kennt man ja überall in der Welt. Sollten +Sie je einmal nach dem fernen Mars kommen, so werden Sie selbst da einen +zurückgebliebenen engeren Landsmann von uns antreffen.« + +Der Gouverneur starrte etwas verwirrt den Sprecher, an, den er nicht recht +begriffen hatte. + +»Sie kommen mit Ihrem Luftschiff aus Deutschland her?« + +»Direkt nicht, indirekt ja, direkt vom Mars! Haben Sie niemals von der +Expedition nach dem Mars gehört? Es sind allerdings jetzt ungefähr zwei und +drei viertel Jahre her, seit wir vom Cannstatter Wasen abgereist sind.« + +»Ah -- ja, jetzt erinnere ich mich, von dieser ganz ungeheuerlich +klingenden Reise einst gelesen zu haben. Und Sie wären wirklich die kühnen +Reisenden . . .?« + +»Ja,« unterbrach Piller den Zweifelnden, »glauben Sie denn, daß sechs +ehrenhafte schwäbische Professoren Ihnen etwas Unwahres vordunsten wollen? +Wir sind die sieben Schwaben, die nach dem Mars fuhren. Wir waren zwei +Jahre oben und kommen nur deshalb zu sechst zurück, weil der siebente oben +geblieben ist. Verstehen Sie nun? Im übrigen heiße ich Professor Paracelsus +Piller.« + +»Entschuldigen Sie,« erwiderte, der Gouverneur, »ich glaube Ihnen aufs +Wort. Ich war nur furchtbar verwirrt, und meine Gedanken jagten sich +förmlich unter dem Eindrucke des Gehörten. -- Darf ich Sie nun zu einem +Mahl und einem guten Trunk einladen?« + +»Aber natürlich! Gewiß! Mit größtem Vergnügen!« erklärten die Herren, die +seit bald einem halben Jahr keine warme Suppe mehr gesehen hatten. + +»Das Gehen wird uns etwas schwer. Unsere Gliedmaßen sind ziemlich steif +geworden,« erklärte Stiller dem Gouverneur, als er etwas mühsam neben ihm +dessen naher Behausung zuschritt. »Wir sind am 7. März von oben abgefahren. +Heute haben wir, irr' ich mich nicht, den 31. August. Mithin sind wir +nahezu sechs Monate in der Gondel gewesen. Eine lange, bange Zeit!« + +»Wie stolz bin ich darauf, daß Sie gerade hier bei uns landen mußten!« + +»Na, um ein Haar wäre unsere Expedition in letzter Stunde noch verunglückt, +und niemand hätte dann die Ergebnisse unserer Reise erfahren. Doch +einstweilen genug davon! Wir scheinen hier zur Stelle zu sein.« + +»Treten Sie ein in mein Haus, das nun das Ihre ist, und lassen Sie mich der +erste sein, der Ihnen, den kühnsten Reisenden, die je gelebt, den Willkomm +auf unserer Mutter Erde bietet. Entschuldigen Sie, daß ich diese +Begrüßungsformel erst jetzt ausspreche. Allein ich war durch Ihre +überraschende Ankunft hier tatsächlich ganz verblüfft.« Der Gouverneur +schüttelte jedem der Professoren herzlich die Hand und stellte sie den +übrigen Herren vor, die voll Hochachtung auf die vom Himmel +heruntergefallenen Gäste blickten. + +Die Weltensegler entledigten sich zunächst ihrer Pelzmäntel und nahmen gern +das freundliche Anerbieten an, die schwere Reisekleidung gegen leichte, +weiße Tropenanzüge zu vertauschen, die den Herren in einem Nebenzimmer +bereitgelegt wurden. Rasch war dieser Wechsel vollzogen, und bald lagen die +Herren in ihrer bequemen Tropentracht auf der luftigen Veranda in großen +Korbstühlen. Draußen strömte der Regen nieder, und sein prasselndes +Geräusch auf dem Dache erhöhte noch das Gefühl der Behaglichkeit. + +Unterdessen sorgte der Gouverneur für einen stärkenden Trank. Gekühlter +Champagner wurde durch die lautlos herumhuschende schwarze Dienerschaft den +Herren kredenzt. + +»Sie müssen morgen unsere Marstropfen versuchen,« sprach Piller zum +Gouverneur, als er sein Glas mit einem Zuge ausgetrunken hatte und es zum +zweiten Male füllen ließ. + +»Was, Sie haben sogar Wein von oben mitgebracht?« antwortete der erstaunt. + +»Und was für einen guten!« schmunzelte Piller. »Sogar mein sonst nur +wassertrinkender Kollege hier, Herr Professor Dubelmeier, ist durch diesen +Göttertropfen besiegt worden.« + +»Nur durch die Gewalt der Umstände,« wehrte sich Dubelmeier. + +»Streiten wir nicht darüber, Dubelmeierchen! Lassen Sie uns alle anstoßen +und rufen: Hoch Deutschland und das Schwabenland!« Die Gläser klangen +zusammen. + +»Ein Hoch unsern hochverehrten Gästen!« lud der Gouverneur die Beamten von +Matupi ein. Nachdem dieser Ruf verklungen war, wurde das Essen als +angerichtet gemeldet, und die Gesellschaft begab sich in das Speisezimmer. +Mit gutem Appetit langten die Herren zu, und bald herrschte eine allgemeine +rege Unterhaltung. + +»Wollen Sie nicht Ihre Ankunft nach Stuttgart kabeln?« fragte der +Gouverneur. »Welch ungeheure Überraschung wird diese Mitteilung in Ihrer +Heimat erregen!« + +»Ja, das werden wir,« entgegnete Stiller. »Ich denke übrigens, daß wir mit +dem nächsten Schiffe von hier nach Deutschland abreisen.« + +»Wir haben vierzehntägige Dampferverbindung zwischen hier und Singapore. +Dort können Sie dann sofort Anschluß nach Europa finden. Aber ich bin +glücklich darüber, daß vor einer Woche der letzte Dampfer von hier abfuhr +und Sie daher, meine verehrten Herren, noch volle sieben Tage unsere +willkommenen Gäste sein müssen,« sprach der Gouverneur lächelnd. »Sie haben +wohl Wunderbares auf Ihrer Reise und oben auf dem Mars erlebt?« + +»Darüber wollen wir einige Bücher veröffentlichen, denn unsere Berichte +werden Bände füllen,« erwiderte Stiller. + +»Und Sie sollen das Werk später erhalten als Zeichen unseres Dankes für +Ihre gastliche Aufnahme,« fügte Piller bei, »denn wenn wir Ihnen alles +mündlich erzählen wollten, was wir erlebt haben, so müßten wir manchen +Dampfer versäumen. Das geht aber nicht. Es drängt uns, endlich wieder +heimzukommen.« + +»Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Sie werden wohl allerlei interessante +Sachen vom Mars mitgebracht haben?« + +»Gewiß! Morgen sollen Sie verschiedenes sehen, und daraus können Sie dann +leicht erkennen, auf welch hoher Stufe der Kultur die Bewohner jenes +prächtigen Planeten stehen, die das Menschentum in seinem erhabensten +Begriffe verwirklichen,« erwiderte Stiller. »Zum zweiten Male möchten wir +aber die Reise nicht mehr machen. Nicht nur ist sie voller Gefahren, sie +ist auch fürchterlich anstrengend. Es war nicht unser eigenes Verdienst, +sondern lediglich ein Spiel des Zufalles, daß wir die Reise hin und her im +Weltraum unter verhältnismäßig guten Bedingungen ausführen konnten. Und +heute morgen, als wir über Queensland schwebten und gerade im Begriffe +waren, auf Brisbane zuzusteuern, da packte uns plötzlich der Orkan und warf +uns hierher.« + +»Das ist allerdings sehr zu bedauern, daß Sie zum Schluß Ihrer ungeheuren +Reise noch in den Zyklon geraten mußten. Wie ich vernahm, hat der Sturm auf +den andern Inseln des Archipels schwer gehaust. Aber ich preise ihn doch +ein wenig, diesen Wirbelwind, hat er uns doch Sie, die berühmten Söhne des +Schwabenlandes, als Gäste zugeführt.« + +Nach Beendigung des Begrüßungsmahls wurden die Reisenden in den Häusern der +verschiedenen Beamten auf Matupi untergebracht, und bald lagen sie in +tiefem, traumlosem Schlafe. Noch in der gleichen Nacht ging das Telegramm +nach Stuttgart ab. + +Als sich die Reisenden am andern Morgen durch ein Bad in dem klaren Wasser +der Bucht erquickt hatten, traf bereits die Antwort von Stuttgart ein: +Staatsregierung und Stadtrat hatten den ersten warmen Willkomm aus der +Heimat gesandt und zugleich um Auskunft über Herrn Frommherz gebeten, da er +nicht auf der Liste der Zurückgekehrten angeführt war. Die Antwort lautete: + +»Frommherz freiwillig auf Mars zurückgeblieben. Expedition dahin geglückt. +Zwei Jahre oben gewesen. Hoffen, in etwa vier Wochen in Stuttgart +einzutreffen. + +Stiller.« + +Mit Staunen betrachteten der Gouverneur und die Beamten von Matupi die +geniale Einrichtung der Gondel, die ihnen von Stiller gezeigt und erklärt +wurde. Noch mehr aber staunten sie über die Kunsterzeugnisse aus Silber und +Gold und über die mannigfachen und wertvollen Geschenke der Marsiten. +Leider fand sich das goldene Buch nicht mehr vor. Da die Gondel +abgeschlossen war, so konnte an einen Diebstahl während der Nacht um so +weniger gedacht werden, als auch die Eingeborenen für den Wert des +Gegenstandes kein Verständnis gehabt hätten. So mußte angenommen werden, +daß das Buch durch eine der Gondelklappen hinaus in den Weltenraum gefallen +sei, ein unersetzlicher Verlust, der auf das Gemüt der Professoren recht +niederdrückend wirkte. Schließlich aber siegte die Freude der Rückkehr über +alle trüben Gedanken. + +Piller ließ es sich nicht nehmen, die Herren von Matupi in der Gondel mit +dem kleinen Reste von Wein zu bewirten, der noch vom Mars her vorhanden +war. Sie alle erklärten, einen so feinen und feurigen Wein noch nie zuvor +im Leben getrunken zu haben. + +Die Tage auf Matupi waren dem Packen der mitgenommenen Habe und dem Bergen +der Instrumente gewidmet. Ballon und Gondel sollten später zerlegt und nach +Hause gesandt werden. Pünktlich am 7. September morgens lief der Dampfer +»Venus« in die Bucht ein und ging der Faktorei von Matupi gegenüber vor +Anker. Nach herzlichem Abschiede fuhren die Herren noch am Abend des +gleichen Tages von Matupi ab. + +»Ein merkwürdiges Zusammentreffen von Namen!« sprach Stiller zu seinen +Gefährten, als sie sich an Bord des Schiffes behaglich eingerichtet hatten. +»Vom Mars kommen wir, auf der Venus fahren wir durch die blauen Wogen der +Südsee, und die »Stuttgart« erwartet uns, wie der Gouverneur sagte, in +Singapore, um uns nach Genua zu bringen.« + +Eine Woche später traf der Dampfer in Singapore ein. Schon bei der Einfahrt +in den geräumigen Hafen war die »Venus« mit ihren berühmten schwäbischen +Fahrgästen der Gegenstand allseitiger Ehrung. Die zahlreichen im Hafen +liegenden Schiffe aller möglichen Nationen trugen Flaggengala, und bis auf +die malaiischen Prauws und chinesischen Dschunken herunter war alles +festlich gekleidet. Von den Festungswerken wurde Ehrensalut gefeuert, als +die »Venus« langsam ihrem Anlegeplatz zufuhr. + +In feierlicher Weise wurden die kühnen Marsreisenden von den Behörden und +Konsuln Singapores begrüßt. Dann fand im festlich geschmückten Hause des +deutschen Klubs das unvermeidliche Festessen mit den üblichen Reden statt. +Die sechs Herren waren froh, als sie nach all dem Festtrubel und der +glühenden Tropenhitze Singapores glücklich auf Deck der »Stuttgart« saßen, +die nach dem Eintreffen ihrer Ehrenpassagiere sofort die Anker lichtete und +die Straße von Malakka hinaufdampfte. + +»Empfinden Sie nicht auch wieder den alten, starken Widerwillen gegen diese +Art offizieller Huldigungen, die im Grunde genommen doch meist den Stempel +der Unwahrheit tragen?« fragte Piller seinen Freund Stiller. + +»Es geht mir wie Ihnen,« erwiderte Stiller. »Mit der würdigen und +harmonischen Weise, mit der in Angola Feste gefeiert wurden, stehen diese +lauten Bankette, bei denen jeder sein liebes Ich möglichst vorzudrängen +sucht, in grellem Gegensatz. Im Verkehre mit den Marsiten hatten wir sofort +die Empfindung des Behagens. Hier unten erwacht sofort wieder das alte +Unbehagen in der Berührung mit der Menge. Wir fühlen eben instinktiv, daß +all die Worte lauter Anerkennung, die sündflutartig immer auf den +niederprasseln, der einen nennenswerten äußern Erfolg gehabt hat, vielfach +wenigstens gar nicht ernst gemeint sind.« + +»Sie sprechen genau meine Meinung aus!« bestätigte Dubelmeier, der dem +Gespräch der beiden Gefährten aufmerksam gefolgt war. »Auch ich gestehe, +daß mir diese Festessen und Festreden schon jetzt zuwider geworden sind, +nachdem sie kaum begonnen haben.« + +»Na, wir werden uns noch durch eine ganze Reihe solcher öffentlichen +Veranstaltungen durchwinden müssen, bis wir endlich ungestört in der Stille +unseres Studierzimmers arbeiten dürfen,« antwortete Piller. + +»Dem entgehen wir leider nicht. Ein Glück, daß wir auf dem Meere noch eine +Ruhepause haben, bevor der Haupttrubel in der Heimat beginnt!« entgegnete +Dubelmeier. + +Aber schon in Colombo begann in vermehrter Auflage das Feiern der berühmten +Schwabensöhne, und als die »Stuttgart« in Suez eintraf, bat die ägyptische +Regierung um die Ehre ihres Besuches in Kairo. Endlich nach zweitägigen +Festlichkeiten waren die Marsfahrer wieder auf dem Schiffe, das nun seinen +Kurs direkt nach Genua nahm. Dort trafen die Reisenden Anfang Oktober ein. +Nach fast dreijähriger Abwesenheit betraten sie hier zum erstenmal wieder +den Boden Europas. + + + + +Zehntes Kapitel +In der Heimat + + +Die Reise der Herren durch Italien glich einem Triumphzuge. Halb betäubt +von all dem Lärm der letzten Tage langten die Professoren auf der Station +Hasenberg an, zu deren Füßen sich Schwabens Hauptstadt malerisch schön +ausbreitet. Obgleich es Herbst war, prangte hier alles im reichsten +Blumenschmuck. Vertreter des Staats, der Tübinger Universität, die Väter +der Stadt, weißgekleidete Ehrenjungfrauen, Musikkapellen und eine +tausendköpfige Menschenmenge erwarteten hier die Heimkehrenden. + +Schon während der Fahrt durch Schwaben läuteten alle Glocken, nicht nur der +Stationen, die der Zug berührte, sondern auch aller Dörfer in der Nähe des +Bahnkörpers. Ein brausendes Hoch empfing den blumenbekränzten Zug, als er +am 7. Oktober mittags vier Uhr aus dem Hasenbergtunnel herausfuhr. Die +vereinigten Musikkapellen von Stuttgart spielten eine Begrüßungshymne, die +eigens für diesen Zweck von Musikdirektor Klingle komponiert worden war. +Alsdann begann unten in der Stadt das feierliche Spiel der Glocken. Es +pflanzte sich fort auf die Vorstädte und erinnerte an die Stunde jenes +Dezemberabends vor bald drei Jahren, an dem die Herren die kühne Fahrt nach +dem fernen Planeten angetreten hatten. + +Die Begrüßungs- und Bewillkommungsreden verhallten im Lärm der allgemeinen +Festesfreude. Die Autoelektrikwagen wurden bestiegen. Im ersten saßen die +sechs Zurückgekehrten, Riesensträuße in den Händen. Langsam ging es durch +die sich drängende, jubelnde Menschenmenge hinab in die reichbeflaggte +Stadt. Eine kurze Rast in Marquardts Hotel wurde den so wunderbar wieder +heimgekehrten, aber sichtlich erschöpften Gelehrten gestattet, dann aber +mußten sie weitere Opfer der gesellschaftlichen Ordnung bringen. + +In feierlichem Zuge, unter den betäubenden Hochrufen der in den Straßen +flutenden Menschmenge wurden die Gelehrten nach der Liederhalle geleitet. +In ihr sollte der offizielle Akt der Begrüßung vor sich gehen. Im großen +Festsaale erwartete eine auserlesene Gesellschaft aus allen Kreisen der +Hauptstadt die Professoren. Mit jubelndem Zurufe wurden diese begrüßt, als +sie in den Saal traten. + +Ein Vertreter der Regierung begrüßte als Vorsitzender in warmen Worten die +kühnen Weltensegler, die durch die einzig dastehende Fahrt nach dem Mars +ihre Namen nicht nur unsterblich gemacht, sondern dadurch auch das Ansehen +und die Ehre der engeren Heimat in der gesamten Kulturwelt gefördert +hatten. Schwaben sei stolz auf so würdige Söhne und wolle sie zunächst +dadurch ehren, daß an dem Orte ihres Aufstieges auf dem Cannstatter Wasen +ein Obelisk aus heimischem Granit errichtet werde, der die Namen der +Teilnehmer an der Expedition und die allgemeinen Daten über sie +eingemeißelt in den Stein tragen solle. Weitere äußere Ehrungen seien +vorgesehen; denn eine solche Tat, wie sie Schwabens Söhne ausgeführt, könne +überhaupt nicht gebührend genug anerkannt werden. Zunächst überreiche er im +Namen der Regierung jedem der Herren einen goldenen Lorbeerkranz, auf +dessen Blättern der Name des Trägers und die Daten der Marsreise +eingraviert seien. + +Nachdem die Übergabe der goldenen Kränze unter rauschender Musikbegleitung +vor sich gegangen war, begann das Bankett. Klugerweise war vorher bestimmt +worden, daß während des Essens keinerlei Reden gehalten werden sollten. Als +das Essen beendigt war, bestieg Stiller das Podium des Saales, um von hier +aus zu der glänzenden Versammlung zu sprechen. + +»Verehrte Anwesende! In meiner und meiner treuen Gefährten Namen danke ich +Ihnen zunächst für die Herzlichkeit des Willkomms, den Sie uns zuteil +werden ließen. Er hat uns sehr gerührt. Nehmen Sie es uns aber nicht übel, +wenn wir Sie bitten, von jeder weiteren äußeren Ehrung unserer bescheidenen +Persönlichkeiten Abstand nehmen zu wollen. Was wir ausgeführt, was wir +getan, war ja nur dadurch möglich, daß uns ein seltenes Glück zur Seite +stand. Wo aber der Mensch nur durch die Gunst äußerer Umstände sein Ziel +erreicht, da ist es mit seiner eigenen Leistung doch viel weniger weit her, +als Sie selbst vielleicht annehmen. + +Gerade auf dem Mars, bei einem Volke von idealster Lebensauffassung, +rückhaltslosester Wahrheitsliebe und tiefster Erkenntnis des eigenen Ichs, +da haben wir erst gelernt, uns nach dem wirklichen Werte richtig +einzuschätzen, wahr und streng gegen uns zu sein. Mit einer gewissen +Selbstüberhebung reisten wir einst ab, mit ruhiger, nüchterner Schätzung +unserer eigenen Person kommen wir zurück. Daraus entspringt also unsere +Bitte. + +Und nun lassen Sie mich Ihnen in kurzen Zügen ein Bild jener wunderbaren +Welt entwerfen, in der es uns vergönnt war, zwei volle Jahre leben zu +dürfen. Vorausgreifend will ich gleich bemerken, daß wir unsere Erlebnisse +in einem Sammelwerke niederlegen werden, in dem Sie dann später alles +Wünschenswerte selbst nachlesen können. -- Nach der Abfahrt von Cannstatts +Wasen langten wir nach dreimonatlichem Fluge durch den Ätherraum ziemlich +wohlbehalten auf dem Mars an. Dort trafen wir Menschen an, die uns mit +großer Gastfreundschaft aufnahmen. In dem Maße, als wir die Sprache der +Marsbewohner erlernten, gewannen wir auch mehr und mehr Einblick in deren +Leben, in ihre Sitten und Gebräuche. Voll staunender Bewunderung sahen wir +dort oben eine Lebensführung, die wir in dieser Vollkommenheit niemals für +möglich gehalten hätten. Das, was wir hier unten auf der Erde früher als +Ideal des Lebens geträumt, -- dort oben auf jenem Sterne ist es in die +schönste Wirklichkeit übersetzt. + +Was soll ich Ihnen in dieser Stunde von den Einzelheiten erzählen, die zu +der wunderbar entfalteten, natürlichen Moral jener prächtigen Menschen da +oben geführt haben! Ich fürchte dadurch nicht allein zu ermüden, sondern +auch Ihre freudige Stimmung anläßlich unserer Rückkehr zu vermindern. Dies +möchte ich aber nicht. Sie werden, wie gesagt, die Ergebnisse unserer +Expedition durch unsere Bücher genau erfahren. Nun aber können Sie mich mit +Recht fragen: >Ja, warum sind Sie denn wieder zurückgekommen aus einem Eden +nach einem Tale des Jammers, wie es unsere Erde nun einmal vorstellen +soll?< Darauf antworte ich auch offen: Wir sind schweren Herzens von oben +fortgegangen. Nicht daß man uns geradezu fortwies, nein, man stellte uns +Bleiben oder Gehen zur freiwilligen Entscheidung anheim. Nachdem wir aber +sahen, daß wir dem so hochstehenden Marsvolke doch keine Dienste leisten +konnten, die als Ausgleich für die uns gebotene Gastfreundschaft hätten +dienen können, so verlangte es schon das einfachste Anstandsgefühl, daß wir +zur Erde zurückkehrten. + +Nur Herr Friedolin Frommherz konnte sich nicht entschließen, die Rückreise +anzutreten. Er blieb oben zurück als der einzige lebendige Zeuge unseres +Aufenthaltes auf dem Mars. Unsere Ankunft auf Matupi kennen Sie. Zum +Schlusse wollen wir dem Schwäbischen Landesmuseum diejenigen Geschenke und +Andenken überweisen, die wir oben auf dem Mars, in dem herrlichen Angola, +in der Stunde des Abschiedes mit auf den Weg bekommen haben. Wir selbst +bedürfen der Sachen nicht. Wie ein Märchen voll Schönheit, voll Zauber und +strahlenden Lichtes wird jener Aufenthalt auf dem Planeten in unserer +Erinnerung weiterleben, solange wir atmen, und gäbe es eine Seelenwanderung +nach fernen Sternen, so würde ich nichts sehnlicher wünschen, als dort oben +wieder erwachen zu dürfen, wenn ich hienieden nicht mehr bin.« + +Herr Stiller trat ab. Lautlos hatte die Versammlung seinen Worten +gelauscht. Manches Gesicht der Anwesenden drückte tiefe Ergriffenheit aus, +als Herr Stiller geendet. So hatte man sich die Sache doch nicht +vorgestellt. Wohin war die Festesfreude plötzlich gekommen? Herr Klingle +griff in die beklemmende Stille, die sich der Versammlung bemächtigt hatte, +als rettender Engel ein. Er erhob den Taktstock, und die leichten Töne +einer einschmeichelnden Musik gaben der Versammlung ihre alte Fröhlichkeit +wieder zurück. Es ließ sich auch hier auf der Erde ganz gut leben. Wozu +also nach dem Mars reisen? Eine Fahrt wie die der sieben Schwaben sollte +keine Nachahmung mehr finden. Die früher so heitern Männer waren als +offenkundige Menschenfeinde zurückgekehrt. Sie wären somit besser im Lande +geblieben. Das war die Ansicht vieler, die in später Nachtstunde von dem +Bankette nach Hause gingen. + + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem +Mars., by Albert Daiber + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41522 *** |
