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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41522 ***
+
+Die Weltensegler
+
+
+Drei Jahre
+auf dem Mars
+
+
+Erzählung für die Jugend
+von
+Albert Daiber
+
+
+Mit vier Vollbildern von Fritz Bergen
+
+Dritte Auflage
+
+
+Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
+
+
+Nachdruck verboten
+Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
+Druck: Christl. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+Erstes Kapitel
+Vorbereitungen 1
+
+Zweites Kapitel
+Die Abreise der Weltensegler 16
+
+Drittes Kapitel
+Zwischen Himmel und Erde 28
+
+Viertes Kapitel
+Auf dem Mars 53
+
+Fünftes Kapitel
+Lumata und Angola 78
+
+Sechstes Kapitel
+Im Reiche der Vergessenen 101
+
+Siebentes Kapitel
+Der Abschied 113
+
+Achtes Kapitel
+Ein Abtrünniger 122
+
+Neuntes Kapitel
+Wieder auf der Erde 128
+
+Zehntes Kapitel
+In der Heimat 142
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+Vorbereitungen
+
+
+Der glänzende Abendstern, die Venus, war im Westen untergegangen. Über
+Groß-Stuttgart und das Neckartal begann sich eine durchsichtig klare, aber
+etwas kalte Winternacht zu breiten. Nach und nach flammten Tausende und
+Abertausende von hellen Sternen am Firmamente auf, und als weißlich
+schimmernder Gürtel hob sich aus der Menge jener fernen, selbstleuchtenden
+Weltkörper scharf und deutlich die Milchstraße ab. Aus ihr heraus blickte
+das funkelnde Sternbild der Kassiopeia herab auf die alte, immer noch mit
+so viel Torheit erfüllte Mutter Erde, und der Große Bär mit seinen sieben
+hellen Sternen, jener geheimnisvollen, im menschlichen Leben eine so
+merkwürdige Rolle spielenden Zahl, leistete ihr auf der andern Seite des
+gewaltigen Himmelsgewölbes die aus der Urzeit stammende, treubewährte
+Gesellschaft. Kunterbunt, in ungleichmäßiger Verteilung, in
+verschiedenartiger Helligkeit und Größe lagen die übrigen Sterne
+dazwischen, scheinbar noch an ihrem alten, gewohnten Platze.
+
+Langsam schritt die Nacht vor. Im Süden stieg das prachtvolle Sternbild des
+Orion über dem Horizont empor, und bald darauf erschien auch der Sirius,
+der glänzendste unter den glänzenden Sternen des Himmels. Für all diese
+Schönheit der Nacht, für all diese Großartigkeit jener fernen,
+selbstleuchtenden Sonnen schien augenblicklich derjenige am wenigsten
+zugänglich zu sein, dessen berufliche Aufgabe gerade die Erforschung des
+Sternenhimmels war. Professor Stiller, der berühmte Astronom, Lehrer an der
+durch Alter wie Überlieferung gleich ehrwürdigen Universität Tübingen,
+ruhte in seinem Lehnstuhl, mit den Fingern der Rechten ärgerlich auf dessen
+Seitenlehne trommelnd. Er saß in einem großen, mit einer Kuppel bedeckten
+Raum, der auf den ersten Blick als Observatorium oder Sternwarte zu
+erkennen war. Ein mächtiges Fernrohr auf massiven Pfeilern ragte aus einer
+Öffnung der drehbaren Kuppel hinaus in die klare Winternacht.
+
+Professor Stiller hatte sich vor Jahren schon auf der ruhigen Bopserhöhe
+bei Stuttgart eine Privatsternwarte erbaut, um sich in ihr, fern vom lauten
+studentischen Leben und Treiben der Universitätsstadt, um so ungestörter
+der Planetenforschung zu widmen. Ganz besonders hatte der Mars, jener
+geheimnisvolle Planet, dessen Bahn die der Erde zunächst umschließt,
+Professor Stillers Interesse geweckt. Dieses Interesse wurde mehr und mehr
+zu einem Privatstudium, und aus diesem heraus wuchs eine so große Liebe zu
+dem fernen Planeten, daß in Professor Stiller der Gedanke immer festere
+Wurzeln faßte, mit dem Mars in unmittelbare Verbindung zu treten, mit
+andern Worten -- ihn zu besuchen.
+
+Gerade gegenwärtig stand Mars wieder in Erdnähe, und seine augenblickliche
+Entfernung von der Erde betrug nur 59 Millionen Kilometer. In der jetzigen
+Zeit der großartigsten Erfindungen, der gewaltigen, geradezu fabelhaften
+Fortschritte auf technischem Gebiete, der tieferen Erkenntnis der
+elektromagnetischen Strömungen im Universum und ihrer Ausnützung, vor allem
+aber der so hoch entwickelten Luftschiffahrt hatte der Gedanke eines
+Besuches des Mars, einer Reise dahin, durchaus nichts Befremdendes mehr. Im
+Gegenteil, so wie die Dinge heute lagen, bestand tatsächlich die
+Möglichkeit, die kühne Reise mit Aussicht auf Erfolg ausführen zu können.
+
+Und Reisegedanken waren es auch, die des Professors Geist augenblicklich
+beschäftigten. Aber zu ihnen waren auch ärgerliche Vorkommnisse getreten
+und hatten den Gelehrten in eine gewisse zornige Unruhe versetzt. Vor dem
+Stuhle des Professors warf eine zierliche elektrische Lampe ihr Licht auf
+einen Stoß von Papieren, die, mit Zahlen und Zeichnungen bedeckt, bunt
+durcheinander geworfen, auf einem kleinen Tische seitwärts lagen.
+Aufseufzend strich sich Professor Stiller mit der Linken über die hohe,
+gedankenschwere Stirn.
+
+»Diese lächerlichen Menschen, diese Blieder und Schnabel, die da in
+eigensinniger Weise meinen Anordnungen nicht Folge leisteten und mir
+dadurch schon oft den Bau meines Luftschiffes erschwerten, sind wahrlich
+nicht wert, daß ich mich noch länger über sie ärgere! Dem Himmel Dank, daß
+ich die folgenschwersten Dummheiten dieser beiden Erbauer meines
+Luftschiffes immer noch rechtzeitig ausgleichen konnte! Weg also mit allem
+Kleinlichen, Ärgerlichen! Diese Stunde soll Mars allein gewidmet sein!« Der
+Gelehrte stand auf. »Ja, ja,« fuhr er nach kurzer Pause zu sprechen fort,
+»ja, jetzt ist er in der Erdnähe, mein alter, rötlich strahlender Freund.
+Für meine Ungeduld, ihn heute abend noch zu sprechen, stille Zwiesprache
+mit ihm zu halten, erscheint er ziemlich spät. Und doch ist er der
+Pünktliche, nie Fehlende!«
+
+Professor Stiller sah auf seine Uhr. »11 Uhr 42 Minuten! Noch 55 Sekunden,
+und Mars taucht im Osten auf. Rasch hinauf auf die Galerie und an das
+Instrument!« Bald stand letzteres gerichtet. Einer kleinen Feuerkugel
+gleich zeigte sich dem Auge des Beobachters der über dem östlichen
+Horizonte langsam emporkommende Mars. Voll Entzücken betrachtete Professor
+Stiller die ihm zugewandte Fläche des Planeten, auf der sich scharf und
+deutlich schmale, schnurgerade Linien zeigten.
+
+»Gerade diese schnurgeraden, vielfach in gemeinsamen Punkten sich
+schneidenden Kanäle sind es, die in ihrer Künstlichkeit am deutlichsten und
+unzweideutigsten für das Vorhandensein vernunftbegabter Wesen dort oben
+sprechen,« kam es laut über die Lippen des Gelehrten. »Der Mars besitzt
+trotz seiner Atmosphäre verhältnismäßig geringe Wassermengen. Daher sind
+die Marsbewohner gezwungen, diesem Mangel durch künstliche Veranstaltungen
+nach Möglichkeit abzuhelfen, die geringen Wassermengen derartig
+auszunützen, daß, wenn ein Distrikt bewässert ist, die kostbare Flüssigkeit
+einem andern zugeführt wird. Wie oft habe ich nicht schon diese Tatsachen
+als Erklärung des zeitweisen Auftauchens und Verschwindens der Marskanäle
+in Tübingen vom Katheder herunter verkündigt!« rief Professor Stiller voll
+Begeisterung. »Ja, ein Volk mit hoher Kultur muß auf dem Mars wohnen, denn
+nur ein solches vermag so wunderbar geniale, dem allgemeinen Wohl dienende
+Bauten auszuführen,« fuhr der Professor in seinem lauten Monologe fort.
+»Die Jahreszeiten auf dem Mars scheinen mir in erster Linie von dem
+Schmelzen der Eismassen an seinem Süd- und Nordpole beeinflußt. Und dieses
+aus den polaren Eiszonen abschmelzende Wasser leiten jene Wesen dort oben
+zum Zweck der Befruchtung in die uns sogar von hier aus sichtbaren Kanäle.
+Welch herrlicher, üppiger Pflanzenwuchs muß sich da längs der Kanäle, an
+ihren Ufern entwickeln! Welch starke Vegetationsprozesse mögen sich dort
+oben abspielen, wo das Wasser in richtiger Verteilung überallhin geführt
+wird! Und was das wohl für ein Menschenschlag sein mag, der den Mars
+bewohnt? Uns vielleicht um Jahrtausende an allgemeiner Bildung voraus!
+Unmöglich wäre dies nicht. Ich muß sie kennenlernen wie den Boden selbst,
+auf dem sich das Leben dieser Wesen abspielt.«
+
+Voll Erregung trat Professor Stiller vom Teleskop zurück. Aber das lebhafte
+Interesse an dem Gegenstande seiner Beobachtung trieb den Gelehrten rasch
+wieder an das Instrument. So verfloß Stunde auf Stunde mit astronomischen
+Forschungen und Berechnungen. Die funkelnden Sterne am Himmel verblaßten
+allmählich, und der Wintermorgen begann langsam heraufzudämmern, als der
+Professor endlich seinen Posten verließ und sich in sein warmes Heim
+zurückzog, das sich in unmittelbarer Nähe der Sternwarte befand.
+
+Ein leichter Nebel zog über das Neckartal herauf und lagerte sich über
+Groß-Stuttgart. Vor der strahlenden Morgensonne aber zerfloß der dünne
+Schleier rasch und ließ die Stadt, die sich im Laufe ihrer Entwicklung aus
+dem Tale des Nesenbaches rechts und links am Ufer des Neckars vorgeschoben
+hatte, in vorteilhaftestem Lichte erscheinen. Der Winter hatte seinen
+Einzug noch nicht gehalten, und die bewaldeten Höhen des Neckartales trugen
+daher noch kein Schneegewand. In der reinen, frischen Luft des
+Dezembermorgens hoben sich klar und scharf die Türme und villenartigen
+Bauten ab, die da und dort von höher gelegenen Punkten auf die zu ihren
+Füßen liegende große Stadt herabschauten. Auch die alte Kapelle auf dem
+Rotenberge paßte prächtig zu dem gesamten Bilde voll landschaftlicher
+Anmut, durch das der Neckar, einem silbernen Bande ähnlich, seine Wasser
+strömen ließ.
+
+Ein großer, freier und ebener Platz mit kurzer Grasnarbe, der durch die
+Abhaltung des schwäbischen Volksfestes von alters her weltberühmte
+Cannstatter Wasen, unterbrach in angenehmer Weise das Häusermeer und war
+von diesem nur auf einer Seite durch den Fluß scharf abgegrenzt. Am oberen
+Ende dieses mehrere Kilometer langen Geländes erhob sich ein gewaltiger
+Bretterbau.
+
+»Luftschiff für die Mars-Expedition«
+
+stand in Riesenbuchstaben an dem rotundenartigen Bau. Und darunter die
+üblichen Worte:
+
+»Unberechtigten ist der Zutritt strengstens verboten!«
+
+Aus dem Innern des Gebäudes ließ sich augenblicklich nichts vernehmen, ein
+Zeichen, daß die Arbeit an dem Werke entweder eingestellt oder vielleicht
+schon beendet war.
+
+Der Bau des Luftschiffes, das zum ersten Male, seitdem es überhaupt eine
+Welt- und Völkergeschichte gibt, das schwierige Problem der Fahrt außerhalb
+der Erdatmosphäre durch den unendlichen Ätherraum hindurch nach einem ganz
+bestimmten Ziele hin lösen sollte, war den Herren Blieder und Schnabel
+übertragen. Ersterer war Architekt, dem, allerdings nur in Stuttgart, viel
+Erfahrung und Phantasie in der Ausführung kühner Projekte nachgerühmt
+wurde, letzterer Professor der Mathematik an einer höheren Schule. Als
+solcher war Herr Schnabel berufen, den Bau des Luftschiffes auf Grund
+mathematischer Berechnungen zu überwachen und im übrigen als
+wissenschaftlicher Beirat Herrn Blieder zur Seite zu stehen. Form und
+Schwere, die in sinnreichster Art gebundenen elektrischen Energiemengen,
+die zur Vorwärtsbewegung und Steuerung des Schiffes wie auch zur
+Beleuchtung und Heizung der geschlossenen Gondel dienen sollten, all die
+zahlreichen, äußerst wichtigen Bedingungen und Einzelheiten der Maschinerie
+waren von Professor Stiller zusammen mit andern bedeutenden Kollegen der
+Tübinger Universität bestimmt und genannten beiden Herren zur Ausführung
+übertragen worden.
+
+Nur zögernd, fast widerwillig hatte Professor Stiller sich zu dieser
+Übergabe verstehen können. Blieder und Schnabel waren alte Bekannte von
+ihm. Aus der Vorstadt Cannstatt stammend, waren sie mit ihm aufgewachsen,
+doch hatten die späteren Jahre und die so ganz verschiedenen Interessen und
+Bestrebungen Professor Stiller mehr und mehr von den beiden Jugendgenossen
+getrennt. Die entstandene Kluft wurde in dem Maße größer, als Professor
+Stiller auf dem steilen Wege der Forschung immer höher emporstieg. Als es
+aber bekannt wurde, daß ein Professorenkollegium der Tübinger Universität
+auf Grund eines lichtvollen Vortrages von Professor Stiller beschlossen
+habe, auf Kosten des staatlichen Universitätsvermögens ein eigenartiges
+Luftschiff zur Expedition nach dem Mars bauen zu lassen, da waren die
+beiden Genossen ehemaliger Jugendstreiche schleunigst zu Herrn Stiller
+geeilt.
+
+Beide kitzelte der Ehrgeiz, ihre Namen weltberühmt zu machen, sie für ewig
+mit dem »Weltensegler«, so sollte das Luftschiff heißen, verbunden zu
+sehen. Ihren unermüdlichen Bitten um besondere Berücksichtigung unter
+Anrufung der alten Jugendfreundschaft gab Professor Stiller endlich nach.
+Er tröstete sich damit, daß von den übrigen für den Bau des Weltenseglers
+in Frage kommenden Wettbewerbern schließlich keiner eine bessere Gewähr für
+das Gelingen der Arbeit hätte bieten können als Blieder und Schnabel. Und
+am Ende, ja, am Ende waren es doch auch Söhne des lieben Schwabenlandes wie
+er selbst.
+
+So war der anfängliche Widerwille des Gelehrten gegen die zwei »engeren
+Stuttgarter« zurückgedämmt worden, um jedoch gegen das Ende des Baues desto
+lebhafter wieder zu erwachen. Die Herren Blieder und Schnabel waren zwei
+richtige Dickköpfe. Jeder glaubte für sich allein den Stein der Weisen
+gefunden zu haben und hielt sich daher für berechtigt, den Plan des
+Schiffes nach eigenem Gutdünken zu ändern. Nur der Wachsamkeit und der
+rücksichtslosen Tatkraft Professor Stillers war es zuzuschreiben, daß sich
+nach endlosen Kämpfen, schwerstem Ärger und Verdruß mit Blieder und
+Schnabel der Bau des Weltenseglers im großen und ganzen in den Formen
+hielt, die ihm der Gelehrte selbst gegeben.
+
+Aber gestern mittag, als Professor Stiller die Baustätte besuchte, um sich
+von der endlichen richtigen Fertigstellung des Ganzen zu überzeugen, an dem
+seit vielen Monaten eifrig gearbeitet, und dessen Vollendung bereits in die
+Welt hinausposaunt worden war (Blieder und Schnabel waren die Trompeter),
+da hatte Professor Stiller in hellem Zorne wahrnehmen müssen, wie gerade
+einige seiner wichtigsten Anordnungen von den Erbauern übersehen worden
+waren. Die Arbeit, die bereits ruhte, mußte wieder von neuem aufgenommen
+werden, und von neuem flickte man am Weltensegler herum. Dadurch verzögerte
+sich natürlich der Aufstieg, unter Umständen stand sogar das Gelingen der
+Expedition in Frage. Es war einfach, um aus der Haut und nicht nach dem
+Mars zu fahren!
+
+Wütend kam Professor Stiller nach Hause. Er brauchte mehrere Stunden, um
+seinen Grimm zu meistern und sein gestörtes seelisches Gleichgewicht
+wiederzuerlangen. Unmittelbar am Ziele seiner schon so lange gehegten
+Wünsche, und nun von neuem auf die Geduldsprobe gestellt, das ertrage, wer
+vermag! Professor Stiller konnte es nicht, und so kam es, daß er, unfähig
+zu ernster Arbeit, mehrere Stunden in seinem Observatorium damit zubrachte,
+sein etwas rasches, feuriges Blut zu beruhigen und den Ärger zu überwinden.
+
+Jetzt saß der Gelehrte, eingehüllt in einen bequemen, molligen Schlafrock,
+in seinem von der Sonne durchfluteten, geräumigen Studierzimmer, die
+Beobachtungen der Nacht verarbeitend. Das Ergebnis war sehr günstig. Jetzt,
+oder für lange Zeit, vielleicht für viele Jahre nicht mehr, war es möglich,
+von der Erde aus den Mars zu erreichen. Es ist ein großer Unterschied, ob
+ein Gestirn von der Erde nur 59 oder 400 Millionen Kilometer entfernt ist.
+Der Mars hatte augenblicklich das Maximum seiner Erdnähe erreicht und
+befand sich genau 59 Millionen Kilometer von seinem Nachbar entfernt. Die
+langen Berechnungen des Professors hatten dies ergeben. Mit der Expedition
+durfte daher nicht mehr lange gesäumt werden; jeder beträchtliche
+Zeitverlust mußte auf das peinlichste vermieden werden. Wollte man den sich
+rasch von der Erde wieder entfernenden Planeten unter vollster Ausnützung
+der gerade bestehenden günstigen Gravitationsverhältnisse, der natürlichen,
+gesteigerten Anziehungskraft überhaupt erreichen, so mußte mit jeder Stunde
+gerechnet werden.
+
+»Und da müssen gerade in diesem so überaus günstigen Augenblick die beiden
+Langohre da unten« -- Professor Stiller schaute bei diesen Worten von
+seinem Studierzimmer hinab gen Cannstatt -- »einen kleinen Strich durch
+meine Rechnung machen!« Eine Blutwelle neu sich regenden Zornes stieg dem
+Professor gegen den Kopf.
+
+Da wurde an die Tür des Zimmers geklopft. Auf das laute Herein des
+Gelehrten erschien dessen Diener und meldete die Herren Blieder und
+Schnabel. »Lupus in fabula!« lächelte Professor Stiller vor sich hin,
+erinnerte sich aber plötzlich, daß er gestern auf dem Wasen die beiden
+Herren zu sich bestellt hatte und zwar für heute auf zwölf Uhr mittags. Ein
+Blick auf die Uhr bewies die Pünktlichkeit der Besucher. Der Professor
+erhob sich von seinem Stuhle und gab den Befehl, die Herren hereinzuführen.
+
+»Pünktlichkeit ist Höflichkeit!« Mit diesen Worten begrüßte Professor
+Stiller die Eintretenden. »Nehmt Platz,« fuhr er fort, »und sagt mir
+sofort, ob binnen vier Tagen die von mir gestern gerügten Ausstände am
+Weltensegler in Ordnung gebracht werden können; denn nächste Woche müssen
+wir unbedingt hinauf, koste es, was es wolle.«
+
+»Ich wüßte wirklich von keinem nennenswerten Fehler meinerseits, der den
+Aufstieg des Luftschiffes hindern könnte,« meckerte Blieder mit seiner
+blechernen Stimme.
+
+»Was?« schrie der Professor erbost, »muß ich dir altem Baumeister, dem vor
+lauter Genialität allerdings nichts einfällt, nochmals das wiederholen, was
+ich dir gestern tadelnd sagte?«
+
+An Stelle der Antwort begnügte sich Blieder, mit den Achseln zu zucken.
+
+»In der geschlossenen Gondel kann ich keine Glasfenster brauchen, das
+könntest du wissen, um so mehr, als ich dieses wichtigen Umstandes bereits
+am Anfange, beim Entwurf des Planes gedachte,« entgegnete der Gelehrte.
+
+»Ja, aber warum? Ich sehe wirklich nicht ein . . .«
+
+»Mein lieber Blieder, du siehst allerdings weder ein noch aus. Deine in die
+Gondel eingesetzten Spiegelgläser sind hart und spröde, den gewaltigen
+niederen Temperaturen im Ätherraum gegenüber völlig widerstandslos. Also
+hinaus mit den Gläsern, weg mit ihnen und ersetze sie durch elastischen,
+widerstandsfähigen Glimmer. Der hält alle Temperaturen über und unter Null
+gleich gut aus. Zwei Tage Zeit hast du dazu, und in diesen muß die Änderung
+gemacht sein.«
+
+»Aber wenn . . .« begann Blieder, wurde aber heftig durch den Professor
+unterbrochen.
+
+»Es gibt weder ein Wenn noch ein Aber. Sei froh, daß ich dir in Anbetracht
+der Kürze der Zeit die mancherlei andern Unebenheiten hingehen lasse, deren
+du dich bei der Konstruktion schuldig gemacht hast. Aber eine wichtige
+Sache muß noch verbessert werden. Du dachtest nämlich nicht mehr daran,
+obgleich du auch darauf aufmerksam gemacht wurdest, daß eine Gondel, die
+während einer bestimmten Zeit der Aufenthaltsraum für eine mehrköpfige
+Gesellschaft sein soll, auch eine Klappe für allerlei Abfallstoffe haben
+muß. Wir benötigen ein paar solcher doppelten, auf das dichteste
+schließenden Klappen, und zwar rechts- und linksseitig, beileibe nicht am
+Boden.«
+
+»Dort wären sie aber am einfachsten anzubringen.«
+
+»Glaube ich,« erwiderte spöttisch lächelnd Professor Stiller, »wir wünschen
+aber nicht unterwegs aus der Gondel zu fallen, sondern wollen womöglich
+heil und gesund den Mars erreichen.«
+
+»Aber im Innern längs der Gondelwand sind die Provianträume, unter diesen
+die Akkumulatoren und . . .«
+
+»So teile sie entsprechend ein, und die Sache ist geordnet. Sela! Nun zu
+dir, Schnabel! Wovon meinst du, daß unsere Expedition unterwegs leben
+soll?«
+
+»Natürlich von den mitzuführenden Nahrungsmitteln, von Konserven und andern
+guten Sachen, auch besten Neckarwein nicht zu vergessen,« antwortete
+schmunzelnd der mit einem hübschen Bäuchlein ausgestattete, eß- und
+trinkfeste Mathematiker.
+
+»Den Wein vergessen wir auch nicht, sei unbesorgt, Schnabel. Aber von was
+lebt denn sonst noch der Mensch außer von Speise und Trank?«
+
+»Nun, von Luft!« entgegnete Schnabel etwas gereizt über diese Frage.
+
+»Gewiß! Nur sage mir, woher wir denn die Luft auf unserer Reise beziehen
+sollen. Im Ätherraume gibt es bekanntlich keine, und die vom Cannstatter
+Wasen in der Gondel mitgenommene Heimatluft hält leider auch nicht lange
+vor.«
+
+»O zum Kuckuck! Es ist die Anlage für die feste Luft, die ich vergaß
+anbringen zu lassen.«
+
+»So ist es! Mache deinen Fehler so rasch als möglich gut. Blieder soll dir
+dabei helfen. Ob die Anlage feste Luft enthält, werde ich dann selbst noch
+prüfen; denn du wärest imstande, sogar die Füllung zu vergessen. Wie ich
+dir gestern mittag schon sagte, ist auch die ganze Steuerungsanlage
+fehlerhaft. An Stelle der Vermittlung durch die Welle hast du
+unbegreiflicherweise die lebendige Kraft des elektrischen Stromes
+unmittelbar auf die Aluminiumschraube übertragen.«
+
+»Laut mathematischer Berechnung das einzig Richtige!« brummte Schnabel.
+
+»Bleib mir hier mit deiner Mathematik vom Leibe, wenn sie solch
+offenkundigen Unsinn zeitigt!« entgegnete zornig Professor Stiller. »Ich
+trage die Verantwortung für die gewagte Expedition. Alles, was ihre Gefahr
+irgendwie vermehren kann, muß ich nachdrücklich zurückweisen, alles dagegen
+willkommen heißen, was zu ihrer Sicherheit und zum möglichen Gelingen
+beizutragen vermag.«
+
+»Als ob wir, Blieder und ich, nicht alles getan hätten, was du von uns
+verlangtest! Aber natürlich, euch Allerhöchsten von der Universität ist
+selten etwas recht zu machen.«
+
+»So scheint es wirklich zu sein,« bestätigte seufzend Blieder.
+
+»Darüber will ich mich mit euch nicht streiten, denn dies wäre eine höchst
+zwecklose Sache. Sorgt lieber dafür, daß der Weltensegler nächste Woche
+segelfertig ist. Höchste Zeit dafür ist es, soll die Reise überhaupt
+gelingen. Seit Tagen schon drängen mich deshalb meine Kollegen in Tübingen,
+denen ich als Zeit des Aufstieges die ersten Tage des Dezembers angegeben
+hatte, und zwar als äußersten Zeitpunkt. Nun entsteht wieder eine
+Verzögerung. Die Sache muß rasch zu Ende gebracht werden. Abgesehen von der
+allgemeinen Lächerlichkeit, der wir uns aussetzen würden, wenn die Abreise
+immer von neuem wieder verschoben wird, laufen wir überhaupt Gefahr, die
+uns gebotenen günstigen Konjunkturen nicht voll und ganz ausnützen zu
+können. Also sputet euch! Ich bitte dringend darum.«
+
+»Wie lange wird die Reise dauern?« fragte Schnabel neugierig und bestrebt,
+der ihm unangenehmen Unterhaltung eine freundlichere Wendung zu geben.
+
+»Das hängt von jedem Tage, ja von jeder Stunde ab, die wir früher fahren
+können,« entgegnete Professor Stiller. »Die für die Verbesserung der
+gerügten Fehler eingeräumten weiteren vier Tage bedeuten für uns eine
+höchst unliebsame Verlängerung der Reise. Mars hat jetzt das Maximum seiner
+Annäherung an die Erde erreicht und entfernt sich nun von ihr wieder mit
+jeder Minute. Wie lange unter diesen Umständen die Reise im Ätherraume
+dauern wird, läßt sich nur ahnen, genau aber nicht sagen. Sobald wir
+glücklich aus dem Anziehungskreise der Erde und des Mondes herausgekommen
+und in den des Mars gelangt sind, wird die Reise außerordentlich rasch
+vonstatten gehen trotz der gewaltigen Entfernungen, die wir zurückzulegen
+haben. Dank der mächtigen, vom Mars ausgehenden elektromagnetischen
+Strömungen der Anziehung werden wir diesem Planeten mit ganz fabelhafter
+Schnelligkeit zufliegen, mit einer Schnelligkeit, die mindestens täglich
+auf zwei Millionen Kilometer einzuschätzen ist. Immerhin rechne ich auch im
+günstigsten Falle auf eine Reisedauer von mehreren Wochen. Der Vorsicht
+halber nehmen wir aber für drei Monate Proviant mit uns.«
+
+»Und wenn ihr den Mars nicht erreicht, wenn die ganze Reise mißlingt, was
+dann?« forschte Schnabel.
+
+»Dann, mein Lieber, geht es uns, wie es schon so manchem Forscher vor uns
+gegangen ist und nach uns noch gehen wird: wir sind die Opfer, die Märtyrer
+der Wissenschaft. Mit diesem Fall haben wir aber auch schon gerechnet, als
+wir beschlossen, die kühne Fahrt zu unternehmen. Glücklicherweise sind
+sämtliche übrigen Teilnehmer gleich mir keine Familienväter, sondern der
+Mehrzahl nach jüngere Männer, die diesen Schritt in das Ungewisse,
+Geheimnisvolle wagen und vor ihrem Gewissen verantworten können. Ich
+persönlich rechne mit aller Sicherheit auf das Gelingen der Reise, auf den
+Triumph der Wissenschaft.«
+
+»Mit staunender Bewunderung sieht heute die ganze Kulturwelt auf uns und
+unser Neckartal, wo so kühne Pläne vor ihrer Verwirklichung stehen, und
+kommt ihr einst mit dem Weltensegler glücklich wieder zurück, so werdet ihr
+in einer Weise empfangen und gefeiert werden, wie es noch niemals Menschen
+vor euch geschah,« warf Blieder ein.
+
+»Zuerst müssen wir nach dem Mars gekommen sein, bevor wir überhaupt an eine
+Rückkehr denken können,« entgegnete Professor Stiller lächelnd. »Einige
+Jahre dürfte unsere Abwesenheit von hier schon dauern; denn eine solche
+ungeheure Reise erfordert begreiflicherweise auch außergewöhnliche
+Zeitdauer. Und das interessanteste Studienobjekt ist der Mensch selbst, der
+auf jenem fernen Weltkörper haust. Wie ihr wißt, beweisen uns unsere
+teleskopischen Beobachtungen, daß es ganz besonders hochstehende Wesen sein
+müssen, die dort wohnen. Wer weiß, ob sie uns nicht geistig wie körperlich
+weit überragen.«
+
+»Oder uns gegenüber noch sehr minderwertig sind, was auch nicht unmöglich
+wäre,« bemerkte Schnabel hochmütig. »Auf keinen Fall möchte ich mit.«
+
+»Du bleibst auch besser unten auf der Erde,« entgegnete Professor Stiller.
+»Und nun haben wir genug geschwatzt. Eilt an eure Arbeit! In vier Tagen
+werde ich auf den Wasen kommen und mich überzeugen, ob die gerügten
+Anstände in Ordnung gebracht sind. Nächste Woche muß die Abreise des
+Weltenseglers unbedingt stattfinden; ich betone dies nochmals mit allem
+Nachdruck. Jeder weitere Tag des Wartens bedeutet für mich und mein an sich
+schon aufgeregtes Nervensystem eine fürchterliche Qual. Sie zu vermindern,
+liegt in eurer Hand. Ihr habt mir oft und viel Verdruß bereitet, macht
+also, daß ich ohne allzu großen Groll von euch und dieser Erde scheiden
+kann.« Mit diesen Worten entließ der Professor seine Besucher.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+Die Abreise der Weltensegler
+
+
+Für Professor Stiller und seine Gefährten vergingen die folgenden Tage in
+fieberhafter Tätigkeit mit den Vorbereitungen zur Reise. Auch auf dem
+Cannstatter Wasen in der Werkstätte des Weltenseglers herrschte wieder
+regste Tätigkeit. Das Luftschiff war aus der gewaltigen Halle heraus auf
+den großen, freien Platz davor gebracht und hier fest verankert worden. Nun
+erst konnte man die riesigen Formen des Ballons richtig erkennen. Er hatte
+eine länglich ovale Gestalt, ebenso die an ihm befestigte geschlossene
+Gondel. Infolge dieser Ähnlichkeit machte die Gondel den Eindruck, als
+befinde sich ein zweiter kleinerer Ballon unterhalb des großen,
+gewissermaßen wie Mutter und Kind.
+
+Die Länge des Luftschiffes betrug, von einer Spitze zur andern gemessen,
+zweihundert Meter, die mittlere Höhe zwanzig Meter.
+
+Das innere Gerippe des Ballons bestand aus einem Netzwerk von luftleer
+gemachten, sehr dünnen, aber außerordentlich starken Metallblechröhren.
+Darüber legte sich ein zweites, gleich konstruiertes Gerippe und über
+dieses ein drittes. Wohl waren die drei Lagen unter sich verbunden, aber
+doch so, daß auch jede einzelne für sich allein tätig sein und die Gondel
+tragen konnte. Es war sozusagen ein dreifach übereinander gestülpter
+Ballon.
+
+Zur Anfertigung der Metallröhren wurde die von Professor Samuel Schwab in
+Tübingen neu entdeckte Metallmischung, Suevit genannt, verwendet. Diese
+Mischung zeichnete sich durch außerordentliche Leichtigkeit, fabelhafte
+Widerstandsfähigkeit und gewaltige Tragkraft aus und stellte alle bis jetzt
+in dieser Richtung bekannten Metallpräparate in den Schatten. Suevit
+bestand der Hauptsache nach aus Aluminium, dem aber in bestimmtem
+prozentualem Verhältnisse Wolfram neben etwas Kupfer und Vanadium
+beigegeben war. Diese Legierung ließ sich zu feinstem Blech auswalzen, ohne
+dabei von ihrer Widerstandskraft auch nur das geringste einzubüßen. Aus
+diesem Blech nun wurden die Röhren geformt, die zur Anfertigung der drei
+Ballongerippe dienten. Die Röhren waren nahtlos und wurden, nachdem sie auf
+das sorgfältigste luftleer gemacht worden waren, mit dem neuen merkwürdigen
+Gase Argonauton gefüllt.
+
+Zur Umhüllung der einzelnen Metallgerippe diente das von dem leider zu früh
+verstorbenen Eßlinger Großindustriellen Wilhelm Weckerle erfundene Gewebe
+aus Seide und Leinen, das das Staunen und die Vewunderung der gesamten
+Textilbranche erregte. Die Fäden dieses Gewebes wurden auf eigens dazu
+gebauten Webstühlen mittels neuer Maschinen auf geistreiche Weise so
+miteinander verknüpft, daß sie nahezu unzerreißbar und von wunderbarer
+Glätte wurden. Jeder einzelne der drei Ballons wurde mit dem Stoff umhüllt,
+dann erst wurde dieser so lange mit Kautschuklösung getränkt, als er
+aufnahmefähig war. Durch dieses Verfahren wurde der Stoff für das Gas
+vollständig undurchdringlich gemacht. Nichtsdestoweniger wurde der Vorsicht
+wegen das Ganze noch mit einer dünnen Kautschukmasse umgeben und auf diese
+endlich die Pillerinlösung aufgetragen, eine von Professor Piller in
+Tübingen zu diesem Zwecke hergestellte Eisensilikatflüssigkeit. Sie gab dem
+Überzuge eine einer Panzerung ähnliche Widerstandskraft, die selbst durch
+Anwendung größter äußerer Gewalt kaum überwunden werden konnte. Der Ballon
+stellte so das Ideal des starren Systems des Luftschiffes dar.
+
+In dieser peinlich genauen Art wurden auch die einzelnen Bestandteile des
+Ballons behandelt. Die Berechnung war so getroffen, daß auch nach einem
+etwaigen Verlust der ersten, äußersten Hülle oder, was kaum anzunehmen war,
+auch der zweiten mittleren, die innerste immer noch als selbständiges
+Ganzes zu funktionieren und die Gondel zu tragen vermochte.
+
+Auf diese Weise suchte Professor Stiller allen nur möglichen Gefahren im
+Weltraum erfolgreich zu trotzen. Jede Ballonhülle war mit einer besonderen
+Klappe versehen, die vom Gondelinnern aus dirigiert werden konnte.
+
+Der Ballon war, wie bereits gesagt, mit dem neu entdeckten, spezifisch
+unendlich leichten Gase Argonauton gefüllt. Kaum noch wägbar (0,01), besaß
+das Argonauton die unschätzbare Eigenschaft, weder durch enorme Hitze
+(+1350 Grad), noch durch größte Kälte (-500 Grad) irgendwie in seinem
+Aggregatzustande beeinflußt oder gar verändert zu werden. Es war zur Zeit
+noch das einzige wirklich beständige oder permanente Gas, das Rätsel der
+Gelehrtenwelt.
+
+Das Gerippe der Gondel bestand aus derselben Art von Röhren und einem
+Überzuge aus Weckerleschem Gewebe, das in ähnlicher Weise wie der Ballon
+mit Kautschuk überzogen und mit Pillerinlösung widerstandsfähig gemacht
+worden war; Außerdem trug die Gondel noch eine dicke Isolierschicht aus
+Asbest. Im Innern aber war sie dicht mit Pelzwerk ausgeschlagen; galt es
+doch, dem Wärmeverlust im ungeheuer kalten Ätherraume, dessen Temperatur
+auf 120 bis 150 Grad Celsius unter Null geschätzt wurde, nach Möglichkeit
+vorzubeugen. An Sitz- wie Liegegelegenheit fehlte es in der Gondel nicht.
+Ihr Inneres machte sogar einen äußerst wohnlichen und behaglichen Eindruck.
+An den Längsseiten der zehn Meter langen und fünf Meter breiten Gondel
+befanden sich in einer Art von Schränken die Vorräte von den
+verschiedenartigsten Nahrungsmitteln.
+
+Unterhalb der Vorratsräume liefen die Leitungen der elektrischen Apparate
+für Heizung und Beleuchtung des Gondelinnern und diejenigen für die
+Erneuerung der Luft. Die Fortschritte der technischen Wissenschaften hatten
+es möglich gemacht, ganz gewaltige Mengen elektrischer Kraft auf einem
+verhältnismäßig kleinen Raume festzulegen. Auf diese Weise nur war es dem
+Weltensegler möglich, ohne nennenswerte Mehrbelastung diejenigen
+Energiemengen an elektrischer Kraft mit sich zu führen, die in ihrer
+umgesetzten Form als Licht und Wärme nicht nur die Existenz der
+Gondelbewohner ermöglichen, sondern auch zur Vorwärtsbewegung und Lenkung
+des Luftschiffes selbst dienen sollten. Für letztere Zwecke waren am
+Ballonkörper selbst seitwärts, rechts und links, Luftschrauben angebracht,
+die durch die elektrische Kraft von der Gondel aus in Tätigkeit gesetzt
+werden konnten. Zur ebenfalls elektrisch betriebenen Steuerung dienten mit
+dem imprägnierten Weckerleschen Stoffe bespannte, wagrecht wie senkrecht
+einstellbare große, mit Suevitröhren eingefaßte Flächen. Dadurch war eine
+Steuerung nach zwei Richtungen hin möglich, horizontal sowohl wie auch
+vertikal.
+
+Die in metallene Behälter eingeschlossene feste, kristallinische Luft, im
+Augenblicke ihres Kontaktes mit äußerer, gasförmiger Luft sofort sich
+verflüssigend und fein zerstäubend, nahm, trotz großer Vorratsmenge,
+ebenfalls nicht allzuviel Raum und Gewicht in Anspruch.
+
+So waren die wichtigsten, elementarsten Bedingungen erfüllt, die das
+großartige Unternehmen zu einem erfolgreichen Ergebnis führen konnten. Seit
+sich der Weltensegler im Freien befand, allen Augen sichtbar, strömte eine
+Menge neugieriger Besucher herbei, um ihn zu bewundern, die Erbauer mit
+Fragen zu bestürmen und sie um allerlei Auskunft zu bitten. Die Herren
+Blieder und Schnabel befanden sich nun endlich in dem ihnen am meisten
+zusagenden Elemente. Sie schwammen förmlich in Stolz, Wonne und erhöhtem
+Selbstgefühl, waren sie doch in diesem Augenblick die wichtigsten und dank
+ihrer Intelligenz als Erbauer auch die angesehensten Persönlichkeiten nicht
+allein Groß-Stuttgarts, sondern sogar der gesamten Welt. Ihre Namen waren
+in aller Munde. Was konnten sie mehr verlangen? Selten wird einem Irdischen
+das große Los zuteil, allgemein mit Hochachtung genannt zu werden. Unter
+den staunenden Besuchern des Cannstatter Wasens waren Vertreter aller
+möglichen Völker erschienen, Gelehrte und Ungelehrte, Hochkultivierte und
+Halbwilde, Männer, Frauen und Kinder, war es ja doch seit Monaten schon
+durch Zeitungen und Spezialberichte überall, diesseits und jenseits der
+Ozeane, bekannt geworden, daß das große, unerhört verwegene Wagnis einer
+Reise nach dem fernen Mars anfangs Dezember vom Herzen des Schwabenlandes
+aus zur Ausführung kommen sollte. Die Namen Blieder und Schnabel waren
+daher in den fernsten Winkel des Erdballes getragen worden als die kühnen
+Schöpfer des Luftschiffes, das als erstes die unendlichen Räume des
+Weltenäthers durchschnitt.
+
+Mit der Zunahme der Besucher stieg die allgemeine Erregung, als der Tag des
+Aufstieges des Weltenseglers langsam näher rückte. Nach Hunderttausenden
+wurden die Fremden geschätzt, die nach Groß-Stuttgart geströmt waren, um
+das in seiner Art einzige Schauspiel zu sehen, ein Schauspiel, von dem noch
+in den fernsten Zeiten als von einer wunderbaren Begebenheit gesprochen
+werden mußte. Nur persönlich dabei zu sein, den Augenblick des Aufstieges
+in seiner ganzen Wucht der Eigenart auf sich einwirken zu lassen, von
+diesem einzigen Wunsche waren alle Besucher beseelt. Sie zahlten gewaltige
+Preise für ihre Unterkunft. Wer mit dem Geld nicht verschwenderisch um sich
+werfen konnte, fand weit und breit in und um Stuttgart herum keine
+Unterkunft. Nicht nur waren die Gasthäuser bis unter das Dach hinauf
+besetzt, nein, auch die Häuser von Privaten waren gefüllt. Noch niemals
+hatte Stuttgart mit seiner Umgebung einen so ungeheuren Fremdenstrom
+erlebt, wie in diesen Tagen.
+
+Auf dem Wasen selbst war das Leben und Treiben der Menschenmenge nachgerade
+lebensgefährlich geworden. Man stieß und drängte sich förmlich. Überall war
+ein fürchterliches Pressen und Schieben, dazwischen ein Lachen und
+Schimpfen und Wettern in allen Sprachen der Völker. Jeder und jede wollte
+so nahe als möglich an den Weltensegler gelangen, an dieses Wunder der
+Technik, dieses stolze Erzeugnis wissenschaftlicher Berechnung. Alle
+wollten das Werk möglichst genau sehen und betrachten, womöglich auch
+befühlen und einen Blick in die merkwürdig eingerichtete Gondel werfen;
+sollte diese doch für viele Wochen der Aufenthaltsort der berühmten sieben
+Gelehrten sein, die ohne Rücksicht auf ihr Leben die einem Märchen gleiche
+Reise nach einer andern Welt unternahmen, einer Welt, die in
+schwindelerregend weiter Ferne von der Erde sich befand.
+
+Die Meinungen über das Gelingen oder Mißlingen der Expedition waren beim
+Publikum noch immer geteilt. Darüber aber waren sich alle einig, daß das
+Unternehmen an Kühnheit und Großartigkeit alles in den Schatten stellte,
+was die Welt bisher gesehen, und daß die Männer der Expedition an Mut und
+Entschlossenheit nicht ihresgleichen fanden.
+
+So war der 7. Dezember herangekommen, der ewig denkwürdige Tag, an dem
+nachmittags punkt vier Uhr der Aufstieg des Weltenseglers stattfinden
+sollte. Kurz nach Tagesanbruch war Professor Stiller auf der Baustelle
+erschienen. Die Herren Blieder und Schnabel befanden sich bereits auf dem
+Platze und erwarteten den Professor. Ebenso waren sämtliche am Weltensegler
+beschäftigte Arbeiter angetreten. Der Ballon wie die Gondel wurden einer
+scharfen, eingehenden Besichtigung unterworfen. Die von Professor Stiller
+gerügten Ausstände waren beseitigt. Einige kleinere Anstände, die der
+Professor da und dort noch entdeckte, verbesserten die Arbeiter sehr rasch.
+Nachdem auch das Kleinste geordnet war, stieg Professor Stiller in die
+Gondel. Ihm folgten die Herren Blieder und Schnabel sowie einige der ersten
+Arbeiter.
+
+Die Taue, mit denen das Riesenluftschiff am Boden befestigt war, wurden
+vorsichtig gelöst. Langsam, in stolzer Sicherheit erhob sich der
+Weltensegler gen Himmel. Unterdessen hatte sich trotz der frühen
+Morgenstunde eine Menge von Neugierigen auf dem Wasen eingefunden, die mit
+Staunen und lauter Bewunderung den Bewegungen des Luftschiffes folgten.
+Hoch oben in der Luft, kaum noch erkennbar, bald rückwärts, bald vorwärts
+flog der Weltensegler, willig der Steuerung gehorchend wie das flinkste
+Schiff im Wasser. In raschem Fluge und weitem Bogen zog das Luftschiff über
+Stuttgart hin, kehrte wieder über den Ort des Aufstieges zurück und ließ
+sich langsam und majestätisch genau auf dem Punkt nieder, von dem es
+ausgegangen war.
+
+Ein tausendstimmiges Bravo der Zuschauer, wie ein Donner klingend, belohnte
+die gelungene Probefahrt. Nun konnte es tatsächlich keinem Zweifel mehr
+unterliegen, daß ein so wunderbar schnell fliegendes und leicht lenkbares
+Luftschiff wie der Weltensegler den höchsten aeronautischen Anforderungen
+genügen, daß die Reise wirklich zu einem befriedigenden Ziele, zu einem
+günstigen Ergebnis führen mußte.
+
+Mit Befriedigung verließ Professor Stiller die Gondel. Die Sache war besser
+ausgefallen, als er vor wenigen Tagen selbst noch geglaubt hatte. Sein so
+lange genährter und auch berechtigter Unmut gegen die Herren Blieder und
+Schnabel wich freundlicheren Gefühlen, als er sich von ihnen
+verabschiedete. Gern übersah er deshalb auch, daß die Erbauer des
+Weltenseglers eigentlich nur die Handlanger bei der Ausführung des
+Erzeugnisses seiner eigenen Geistesarbeit gewesen waren, und gönnte ihnen
+den leicht und billig verdienten Ruhm. Neidlos überließ er seine alten
+Schulgenossen dem herbeiströmenden Publikum, das diese mit Glückwünschen zu
+dem genialen Bau und der gelungenen Probefahrt des Weltenseglers
+überschüttete.
+
+Es ging auf ein halb vier Uhr nachmittags. Ein Meer von Menschen wogte auf
+dem Wasen. Von Minute zu Minute stieg die Erwartung, denn bald sollten die
+kühnen Weltensegler, die sieben berühmten Gelehrten, Deutschlands und
+Schwabens Stolz und Zier, auf dem Wasen eintreffen, um in dem Luftschiff
+mit dem so treffenden Namen die ungeheuerliche Reise anzutreten. Punkt ein
+halb vier Uhr begannen die Glocken aller Türme von Groß-Stuttgart zu
+läuten. Es war ein harmonisches, feierliches Konzert, würdig des
+bevorstehenden ernsten und zugleich so großartigen Augenblicks. Aus dem
+Tale des Nesenbachs heraus wie aus dem des Neckars verkündete der laute,
+eherne Mund der Glocken das Hohelied von Mut, von Kühnheit und dem
+Menschengeist, der sich über den einengenden Erdenkreis hinaus erhob und
+sich einen Verkehr mit jenen fernen, geheimnisvollen Welten anzubahnen
+anschickte, der seit Beginn der menschlichen Kultur bis zur heutigen Stunde
+das hoffnungslose Sehnen und Wünschen der Edelsten und Besten gewesen war.
+Jetzt endlich, nach Jahrtausenden, sollte dieses Sehnen Erfüllung finden,
+der Verwirklichung entgegengehen. Kein Wunder, daß die gesamte Welt mit
+atemloser Spannung nach der Hauptstadt des Schwabenlandes blickte, wo eine
+solche Großtat vollbracht werden sollte.
+
+Nach allen Richtungen der Windrose flogen von dem Cannstatter Wasen die
+Telegramme der Berichterstatter. Ein großes Depeschenbureau war für diesen
+Zweck in unmittelbarer Nähe des Weltenseglers errichtet worden. Auf dem
+Wasen selbst war die Erregung der Massen nachgerade aufs höchste gestiegen.
+Die feierlichen Akkorde der Glocken hatten bei der Menschenmenge ein
+erhebendes, sonntägliches Gefühl erweckt, und als fünf Minuten vor vier Uhr
+die Glocken plötzlich mit einem Schlage verstummten, da herrschte auf dem
+weiten Platze die ernste, erwartungsvolle Stille der Kirche.
+
+Die Sonne stand schon tief im Westen. Ihre rotgoldenen Strahlen spielten
+wie Abschied nehmend an dem Weltensegler und ließen das gewaltige, kaum
+sich bewegende Luftschiff wie mit einem Heiligenschein umgeben erscheinen.
+Da ertönten von der Neckarbrücke her Hurrarufe. Sie pflanzten sich fort und
+wurden zu einem betäubenden Willkommen. Aus Hunderttausenden von Kehlen
+stieg brausender Begrüßungsruf, als die Menge der sieben Gelehrten
+ansichtig wurde, deren Namen von Mund zu Mund gingen, und deren Bildnisse
+in ungezählten Exemplaren gekauft worden waren. Die Herren vertraten
+folgende Fächer:
+
+Prof. Dr. Siegfried Stiller, Astronomie, Physik und Chemie,
+
+Prof. Dr. Paracelsus Piller, Medizin und allgemeine Naturwissenschaft,
+
+Prof. Dr. David Dubelmeier, Jurisprudenz,
+
+Prof. Dr. Bombastus Brummhuber, Philosophie,
+
+Prof. Dr. Hieronymus Hämmerle, Philologie,
+
+Prof. Dr. Theobald Thudium, Nationalökonomie,
+
+Prof. Dr. Friedolin Frommherz, Ethik und Theologie.
+
+In einem Autoelektrik sitzend, fuhren die Herren langsam durch die sich vor
+ihnen öffnende Menschenmauer der Baustelle des Weltenseglers zu. Ernst und
+voll Würde grüßten die kühnen Reisenden die ihnen zujubelnde Menge. Am
+Weltensegler angelangt, verließen sie den Wagen, und Professor Stiller
+bestieg die in aller Eile und in letzter Stunde noch aufgerichtete
+Rednertribüne, um von da aus einige Worte des Abschiedes an die nächste
+Umgebung zu richten.
+
+»Verehrte Damen und Herren, werte Freunde und Kollegen von nah und fern
+dieses kleinen Erdenballes! Die Geschichte unseres Planes ist Ihnen ja
+allen bekannt. Heute ist er verwirklicht insofern, als es uns gelungen ist,
+ein Luftschiff zu konstruieren, das nicht nur die Atmosphäre unserer Erde
+mit Leichtigkeit durchschneiden, sondern auch -- und dies ist der
+springende Punkt -- den Ätherraum selbständig durchfliegen soll. Alle hier
+in Frage kommenden, ungeheuer verwickelten wissenschaftlichen Bedingungen,
+die vorher erfüllt werden mußten, um unsere Reise nach dem Mars zu
+ermöglichen, will ich nicht weiter erwähnen. Dies würde mich auch viel zu
+weit führen. Aber für meine heilige Pflicht halte ich es, in dieser Stunde
+des Abschiedes laut und offen zu erklären, daß möglicherweise unsere Reise
+von manchen Faktoren ungünstig beeinflußt, durch diese »Unbekannten«, die
+wir hier auf unserm Planeten nicht in den Kreis unserer Berechnung zu
+ziehen vermochten, vielleicht auch zum Scheitern gebracht werden kann.
+Diese Erkenntnis schützt uns vor Selbstüberhebung, sie zeigt uns aber auch
+klar die Gefahren unserer Expedition. Nicht Leichtfertigkeit, sondern die
+vorwärts treibende Wissenschaft, der Durst nach Aufklärung ist es, der uns
+unser eigenes Leben nicht achten, sondern in den Dienst der allgemeinen
+Forschung stellen läßt.
+
+Ob und wann wir uns je in diesem Leben wiedersehen werden, kann heute
+niemand von uns sagen. Kommen wir in einer Reihe von Jahren nicht mehr
+zurück, so weihen Sie unserm Andenken eine stille Träne. (Allgemeine
+Rührung.) Wir sind eben dann die Opfer unseres Berufes geworden. Aber
+ebensogut ist es möglich, daß wir Ihnen einmal später von den Wundern einer
+andern Welt berichten können. Leben Sie daher alle, alle wohl, und nehmen
+Sie zum Abschiede meinen und meiner Kollegen herzlichen Dank für Ihr
+Erscheinen hier, für Ihre Anteilnahme an unserm Unternehmen.«
+
+Beifallsstürme brachen los, als Professor Stiller seine Rede beendigt hatte
+und nun gemessenen Schrittes von der Tribüne herabstieg. Wieder trat eine
+lautlose Stille ein, als die Gelehrten einer nach dem andern in die Gondel
+stiegen. Professor Stiller war der letzte, der die Strickleiter zur Gondel
+hinaufkletterte. Er winkte noch mit der Hand, dann schloß sich die kleine
+Tür. Das Klingeln einer elektrischen Glocke war das Signal zum Lösen der
+Taue. Der Weltensegler hob sich. Ruhig, gerade stieg er hinauf in den mehr
+und mehr heraufziehenden Winterabend. Kleiner und kleiner wurde der
+mächtige Ballon, größer und größer die Entfernung zwischen ihm und der
+Erde, dann verschwand er vor den Augen der Zurückgebliebenen, die sich
+schweigend unter dem machtvollen Eindruck des Geschehenen nach und nach
+zerstreuten.
+
+Am Abend dieses bedeutungsvollen Tages gab der hohe Rat der Stadt Stuttgart
+zu Ehren der Herren Blieder und Schnabel, der Erbauer des Weltenseglers, in
+dem glänzend erleuchteten, prachtvoll geschmückten Cannstatter Kursaal ein
+prunkvolles Festmahl. In mancherlei Reden wurden die Herren als die im
+Augenblick berühmtesten Männer und hervorragendsten Leuchten ihrer
+Vaterstadt gefeiert. Tränen der Freude liefen den beiden Herren über die
+gut genährten Wangen, als sie so offen ihr Loblied aus dem Munde der
+hochwürdigen Stadtväter singen hörten. Allerdings behaupteten böse Zungen
+später, Blieder und Schnabel hätten nur deshalb geweint und nicht mit
+Worten zu danken vermocht, weil sie schon zu viel des guten Weines
+getrunken und den Zungenschlag bekommen hätten. Aber böse Zungen sind ja
+immer dabei, wenn es gilt, die Verdienste anderer zu schmälern.
+
+Beim Festmahle erreichte die allgemeine Rührung ihren Höhepunkt, als den
+Herren Blieder und Schnabel auf ihre etwas großen Köpfe je ein mächtiger
+Lorbeerkranz gepreßt wurde. Am Schlusse des Mahles verkündete der Herr
+Oberbürgermeister der Haupt- und Residenzstadt, daß Herr Architekt Adolf
+Blieder und Herr Professor Julius Schnabel auf Grund ihrer Leistungen bei
+dem kühnen Bau des Weltenseglers aus dem Stande der gewöhnlichen Bürger der
+Stadt herausgehoben und in die kleine Gemeinde der Ehrenbürger versetzt
+seien. Die Überreichung der Ehrendiplome unter den rauschenden Klängen des
+Stuttgarter Stadtmarsches schloß die erhebende Feier erst um die
+mitternächtliche Stunde.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+Zwischen Himmel und Erde
+
+
+Keine nennenswerte Luftströmung störte den fast senkrechten Aufstieg des
+Weltenseglers. Noch befand sich das Luftschiff im Bereich der
+Erdatmosphäre. Allerdings machte sich die erreichte Höhe durch den
+verminderten Luftdruck und das Sinken der Temperatur auch im Innern der
+Gondel fühlbar. Professor Stiller, als Leiter des Ganzen, schlug daher vor,
+zunächst einen bescheidenen Abendimbiß einzunehmen, wohl den letzten in der
+Nähe der Mutter Erde, von der die Expedition nach dem Stand des Barometers
+schon siebentausend Meter entfernt war. Der Vorschlag fand allseitige
+Billigung. Die Herren ließen sich die ausgezeichneten Stuttgarter Fleisch-
+und Backwaren vortrefflich schmecken, und dem an den sonnigen Halden des
+Neckartales bei Cannstatt gewachsenen Zuckerle, so hieß der mitgenommene
+gute Rotwein, wurde wacker zugesprochen, soweit eben die Herren Gelehrten
+keine Abstinenzler waren.
+
+Nach dem Mahle wurde die Aufmerksamkeit wieder den Instrumenten zugewandt.
+Diese zeigten an, daß die Grenze der Erdatmosphäre erreicht sei, mithin der
+Eintritt in den unermeßlichen Ätherraum bevorstehe. Die mit Xylol gefüllten
+Thermometer zeigten außerhalb der Gondel bereits 42 Grad unter Null an, und
+die Barometer registrierten eine Höhe von 19950 Meter. In der Gondel wurden
+die elektrischen Glühkörper in Tätigkeit gesetzt, nachdem schon vorher der
+Zerstäubungsapparat für die feste Luft in Funktion getreten war. Eine
+erträgliche Temperatur und eine angenehme, gut atembare Luft herrschte in
+der Gondel. Der Dienst in dem Raum wurde in der Weise geordnet, daß jeder
+der Gelehrten während vierundzwanzig Stunden abwechselnd drei Stunden
+zweiundvierzig Minuten die Instrumente zu überwachen hatte. Auf diese Art
+war für den einzelnen der Dienst nicht anstrengend. Nur Professor Stiller
+hatte sich vorbehalten, im Falle der Notwendigkeit die Dienstleistung für
+gewisse Zeit allein zu übernehmen.
+
+Ruhig und gut ging die erste Nacht in der Gondel hoch oben im Ätherraume
+vorüber. Unterdessen war der Ballon äußerst schnell gestiegen. Morgens um 7
+Uhr, am 8. Dezember, war die Höhe von 90723 Meter erreicht. Die Thermometer
+an den Glimmerfenstern der Gondel zeigten die fürchterliche Kälte von 120
+Grad. Tiefe Dunkelheit umgab den Weltensegler. Kein einziger Sonnenstrahl
+fiel in diese pechschwarze Nacht des Tages. Rascher und rascher stieg das
+Luftschiff, seinen Kurs genau der Steuerung gemäß nach Osten haltend. Gegen
+Mittag wurde durch den Geschwindigkeitsmesser die gewaltige Entfernung von
+220000 Meter von der Erde angezeigt. Sollte das Steigen in diesem
+schnellen, progressiv sich steigernden Tempo fortgehen, so mußte der
+Weltensegler im Laufe weniger Tage in die Nähe des Mondes gelangen, der bis
+dahin, um 90 Grad nach Osten vorgerückt, gerade sein erstes Viertel bilden
+würde.
+
+Mit der Annäherung an den Mond erhielt der Weltensegler dann wieder das
+Licht der Sonne, konnten die Gondelbewohner sich wieder an den leuchtenden
+Strahlen der Urquelle aller Kraft erfreuen. Obgleich noch keine
+vierundzwanzig Stunden unterwegs, empfanden die Herren die Dunkelheit des
+sie umgebenden Weltraumes wie eine allzulange Nacht. Sie begannen sich
+darüber zu äußern.
+
+»Wir sind eben Kinder des Lichtes, der Sonne und empfinden sofort deren
+Mangel,« sprach Professor Dubelmeier.
+
+»Das ist wohl wahr,« bestätigte Friedolin Frommherz, »alles Licht, auch das
+unserer Seelen, kommt von oben.«
+
+»Umgesetztes Sonnenlicht, mein Lieber,« ergänzte Professor Hämmerle.
+
+»Nennen Sie es, wie Sie wollen, das letzte aller Rätsel, die wirkliche
+Ursache alles Seins bleibt uns Sterblichen eben doch für immer verborgen,
+und wer weiß, ob dies nicht sehr gut ist,« entgegnete Frommherz.
+
+»Darüber wollen wir uns hier in unserer Gondel nicht streiten, sondern uns
+über die Aussicht freuen, in kürzester Zeit aus dem Dunkel des Ätherraumes
+heraus wieder in das volle Licht der Sonne eintauchen zu dürfen, allerdings
+um sehr rasch wieder in die Finsternis zurückzukehren, wohl dann für
+längere Zeit,« warf Professor Stiller ein.
+
+Doch plötzlich wurde der Unterhaltung ein unerwartetes Ende bereitet. Der
+Weltensegler begann zu zittern und schien einen Augenblick still zu stehen.
+Das Zittern des mächtigen Ballons übertrug sich auf die Gondel.
+
+»Was ist los, um des Himmels willen, was hat sich ereignet?« Diese Fragen
+kamen über die Lippen von mehreren der erregten Gelehrten.
+
+»Zunächst nur Ruhe, keine Aufregung, die ja doch zu nichts führen würde,
+liebe Freunde!« besänftigte Professor Stiller seine erschrockenen
+Gefährten. »Es scheint, daß wir in den breiten elektrischen Anziehungsstrom
+des Mondes gelangt sind, auf den der Weltensegler mit seiner eigenen
+elektrischen Strömung sofort reagiert hat, daher sein plötzliches
+Erzittern,« fuhr Herr Stiller fort. »Nun seht, er beruhigt sich und treibt
+wieder und zwar bedeutend schneller vorwärts, ein Beweis für die
+Richtigkeit meiner Vermutungen.« Mit diesen Worten trat Stiller von seinem
+Beobachtungsposten zurück, um ihn aber bald nachher wieder einzunehmen.
+
+Von der Geschwindigkeit der rasenden Vorwärtsbewegung spürten die Insassen
+der Gondel nichts oder nur sehr wenig. Mit größter Aufmerksamkeit
+beobachtete Professor Stiller wieder den Geschwindigkeitsmesser. Nach einer
+Stunde konstatierte der Gelehrte kopfschüttelnd eine zurückgelegte Strecke
+von 4500 Kilometern.
+
+»Warum schütteln Sie den Kopf, Stiller?« fragte Professor Piller den
+Kollegen.
+
+»Es geht langsamer vorwärts, als ich mir vorstellte und nach meinen
+Berechnungen erwartet hatte.«
+
+»Nanu, ich denke, 4500 Kilometer in einer Stunde fliegend zurückzulegen,
+macht uns so leicht niemand nach. Eine solche Geschwindigkeit übersteigt
+alles, selbst die kühnste Rechnung,« warf Brummhuber ein.
+
+»Sie übersehen dabei die ungeheuren Entfernungen, die wir zurückzulegen
+haben, um unser Ziel zu erreichen,« entgegnete Professor Stiller. »Doch ich
+hoffe, daß es in diesem Tempo nicht weitergehen wird; wir kämen sonst,«
+fügte er etwas gezwungen lächelnd hinzu, »mit allzu großer Verspätung auf
+dem Mars an.«
+
+»Ein paar Tage mehr oder weniger spielen bei unserer Reise keine Rolle,«
+antwortete Thudium.
+
+Doch Herr Stiller gab keine Antwort mehr. Ernste Gedanken zogen in sein
+Gehirn und begannen ihn zu quälen. Diese Gedanken wollte er einstweilen für
+sich behalten. Wozu die Ruhe, das Vertrauen der Gefährten schon jetzt
+erschüttern? Die Zeit brachte von selbst Rat und vielleicht auch -- Hilfe.
+
+So verstrichen der zweite und der dritte Tag der Reise.
+
+
+Am Ende des letzteren betrug die zurückgelegte Entfernung 324000 Kilometer.
+Die Geschwindigkeit des Weltenseglers hatte also doch etwas zugenommen,
+dank der von ihm aus seinen Apparaten nach außen hin abgegebenen
+elektrischen Kraft, die von Professor Stiller im Vereine mit Piller und
+Hämmerle einer sorgfältigen Messung unterlag. So vergingen die Stunden.
+Keiner der Herren vermochte zu schlafen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach
+mußte der Weltensegler noch diese Nacht in die unmittelbare Nähe des Mondes
+gelangen.
+
+Eine plötzliche, von außen her in die Gondel dringende Helle ließ sofort
+Professor Stiller den elektrischen Strom schließen. Das Luftschiff begann
+langsamer zu fahren und stoppte endlich. Die Herren stürzten nach den
+Fenstern der Gondel, um den ganz unbegreiflichen Stillstand zu ergründen.
+Staunende Bewunderung über das, was sich ihren Augen bot, wirkte im ersten
+Augenblick so lähmend auf die Insassen der Gondel, daß sie minutenlang wie
+gebannt in stummem Entzücken dastanden. Dann aber brach sich eine laute
+Begeisterung Bahn.
+
+»Großartig! Einzig schön! Allein die Reise wert! Ein Bild ohnegleichen! Der
+Mond, der Mond!« so kam es über die Lippen der Beschauer. Unmittelbar unter
+ihnen zeigten sich, hell beschienen von der Sonne, gewaltige, oft
+zerrissene, wild zerklüftete, trotzig emporstrebende Berge, die Schatten
+von wunderbarer, ungekannter Schärfe warfen. Zwischen ihnen gähnten
+Tausende von Metern tiefe Abgründe, und eine Unmasse ausgebrannter Krater
+schob sich zwischen die Abgründe und die Felsenmauern. Ziemlich ebene
+Landschaften waren wiederum von wallartigen Ringen ehemaliger gewaltiger
+Vulkane umkränzt. Dieses so umschlossene Land lag bedeutend höher als das
+außerhalb der Wälle sichtbare, aus dem sich wiederum da und dort
+kegelförmige Berge, die Reste einstiger Vulkane, scharf abhoben. Die
+merkwürdige Beleuchtung mit ihren einzig schönen Schattenbildern, überhaupt
+der ganze Eindruck war so eigenartig, in dieser Form so völlig verschieden
+von dem, was die Herren von der Erde her kannten, daß sie einen Vergleich
+damit gar nicht zu ziehen vermochten.
+
+Wohin sie auch ihre Blicke richteten, nirgends, aber auch nirgends konnten
+sie Spuren von Pflanzenwuchs oder Wasser entdecken. Kein See, kein Strom,
+kein wogender Ozean, kein grünender Rasen, Strauch oder Baum, nichts, rein
+nichts zeigte sich. Das stumme, ergreifende Bild des starren Todes, das
+sich hier den Reisenden offenbarte, verfehlte auf diese seine Wirkung
+nicht. Die erste laute Begeisterung war rasch einer großen Stille gewichen,
+dem tiefen Ernste, den der Tod bei jedem denkenden und empfindenden
+Menschen hervorbringt. Nur kurze Zeit hatte man sich der Betrachtung
+desjenigen Teiles des Mondes hingeben können, der von der Gondel aus
+sichtbar war. Der Weltensegler fing an langsam zu fallen.
+
+»Auf dem Monde können wir uns weder braten lassen, noch wollen wir auf ihm
+erfrieren,« rief Professor Stiller. »Wir müssen also schleunigst aus seiner
+wegen der Anziehung für uns gefährlichen Nähe weg und wieder hinaus in den
+Weltäther.«
+
+Rasch wurde die elektrische Kraft wieder in Tätigkeit gebracht; die Flügel
+der Schraube drehten sich, und der Weltensegler entfernte sich schneller
+und immer schneller vom toten Kinde der noch lebendigen Mutter Erde.
+
+Die Berechnungen von Professor Stiller gingen dahin, daß nach Kreuzung der
+Mondbahn und glücklicher Überwindung der Anziehungskraft des Mondes der
+Weltensegler bald selbst in die eigentliche Anziehungssphäre des Mars
+gelangen müsse, als desjenigen großen Gestirns, das sich augenblicklich der
+Erde noch am meisten genähert hatte. Diese Erdnähe mußte begreiflicherweise
+die natürliche, auf elektromagnetischen Strömungen beruhende Gravitation
+zwischen Mars und Erde ganz bedeutend beeinflussen. Daraus folgte, daß,
+wenn ein den Gesetzen der Anziehungskraft unterworfener Körper, wie ihn
+beispielsweise der Weltensegler darstellte, in den Bereich dieser Anziehung
+gelangte, er in dem Maße vom Mars angezogen wurde, als er ihm näher stand
+als der Erde.
+
+Von der Erde war nun der Weltensegler jetzt genau -- nach Passage der
+Mondbahn -- 386492 Kilometer entfernt. Es konnte daher keinem Zweifel
+unterliegen, daß der Weltensegler bereits unter der Anziehungskraft des
+Mars stand, die Stillersche Rechnung somit stimmte, denn das Luftschiff
+flog mit gleichmäßiger Geschwindigkeit und in derselben steten östlichen
+Richtung weiter. Die anfänglich gefürchtete Einwirkung der Anziehungskraft
+der Sonne konnte nun endgültig ausgeschaltet werden. Der Weltensegler
+befand sich auf dem richtigen und unmittelbaren Wege zu seinem Ziele.
+
+Schon längst war es wieder dunkle Nacht außerhalb der Gondel, und die
+furchtbare Kälte des Weltraumes umgab den Ballon. Trotz des hermetischen
+Abschlusses und der dicken Pelzlager der Gondel vermochten sich die
+Reisenden gegen die Kälte nur durch elektrische Beleuchtung und Heizung zu
+schützen.
+
+Ein Tag verging so nach dem andern. Aus der ersten Woche wurde die zweite,
+aus der zweiten die dritte, aus der dritten die vierte, und noch immer
+wollte der Flug des Weltenseglers kein Ende nehmen.
+
+Eines Tages -- es war in der vierten Woche der Reise -- begann die Stille
+des Gondelinnern ein eigenartiges Geräusch zu unterbrechen.
+
+»Was ist denn los?« fragten die Gelehrten erstaunt Professor Stiller.
+
+»Ich kann es mir nicht erklären,« entgegnete dieser. »Weder unsere Uhren
+noch der Geschwindigkeitsmesser können die Ursache dieses auffallenden
+Rasselns sein. Und doch muß diese hier innen zu suchen sein, da der
+Weltäther bekanntlich keine Schallwellen vermittelt.«
+
+Während Herr Stiller so sprach, forschte er nach der Ursache des sich mehr
+und mehr verstärkenden Lärmes.
+
+»Ich kann wirklich nichts finden. Alle unsere Apparate für Luft und
+elektrische Kraft sind in Ordnung und funktionieren ruhig und tadellos.
+Aber halt, da fällt mir ein, es ist ja die Luft in unserer Gondel selbst,
+die den Schall überträgt, dessen Ursache draußen im Weltenraume liegen
+muß.«
+
+»Dann ist es vielleicht irgendein Weltkörper, in dessen Nähe wir gelangt
+sind,« warf Professor Hämmerle besorgt ein.
+
+In der Gondel surrte und schwirrte es nachgerade wie in einem
+Uhrmacherladen. Es schien, als ob Hunderte von Weckern losgegangen wären.
+
+»Das ist ja ein Höllenlärm, bei dem einem Hören und Sehen vergeht!« brüllte
+Professor Thudium wütend. Aber in dem allgemeinen, betäubenden Rasseln
+erstarb seine Stimme.
+
+Da erschreckte eine plötzliche Helligkeit, loderndem Feuer gleich, die
+sieben Insassen der Gondel. Eine Verständigung war des Lärmes wegen
+unmöglich geworden. Vor dem blitzenden Lichte, das durch die Fenster drang,
+schlossen die Reisenden unwillkürlich die schmerzenden Augen. Jeder
+Versuch, sie zu öffnen, erhöhte das fürchterliche Schmerzgefühl. In diesem
+kritischen Augenblick erinnerte sich Professor Dubelmeier glücklicherweise
+seiner Gletscherbrille, die er als leidenschaftlicher Bergsteiger in den
+Universitätsferien stets bei sich trug, und die er wohlverpackt in einem
+Futterale mitgenommen und in irgendeine Tasche seines Rockes gesteckt haben
+mußte. Vorsichtig tastete er den Rock von außen ab. Richtig, da fühlte er
+einen länglichen Gegenstand in der oberen rechten Seitentasche. Es war die
+Brille, dem Himmel sei Dank! Endlich hatte er sie auf die Nase gebracht.
+Geschützt durch die dunklen Gläser, vermochte er nun seine Augen zu öffnen.
+Zunächst ließ er seine Blicke in der Gondel herumwandern. Stumm, mit
+geschlossenen Augen lagen seine Gefährten da. Der Ausdruck ihrer Gesichter
+trug den Stempel in ihr unabwendbares Schicksal ergebener Männer.
+
+Mit zitternden Knien und klopfendem Herzen schlich sich Professor
+Dubelmeier zu dem ihm zunächst liegenden Glimmerfenster. Er wollte den
+Versuch machen, die Schutzvorrichtung an ihm herabzulassen, an die in dem
+wahnsinnigen Lärm merkwürdigerweise keiner der Herren bis jetzt gedacht
+hatte. Behutsam spähte er dabei hinaus in den unermeßlichen Weltraum. Aber
+welch überwältigendes Schauspiel bot sich ihm hier! Vor Aufregung hierüber
+vergaß er die Schutzvorrichtung. Sein Sinnen und Denken war von dem
+Naturschauspiele da draußen völlig gefangengenommen.
+
+Aus Millionen von Leuchtkugeln, die ähnlich der Milchstraße am nächtlichen
+Himmel einen breiten Strahlengürtel bildeten, funkelte und blitzte es in
+märchenhafter Pracht herüber aus der Ferne. Was mochte das wohl sein? Da
+mußte sofort Kollege Stiller gefragt werden, denn möglicherweise konnte
+durch ihn noch eine dem Weltensegler drohende Gefahr abgewendet werden.
+Professor Dubelmeier ließ zunächst die Schutzvorrichtung an den Fenstern
+herab, trat dann auf Stiller zu, stülpte ihm die Schutzbrille auf die Nase
+und rüttelte ihn aus seiner Betäubung wach. Erstaunt über sein so plötzlich
+wiedergekehrtes Sehvermögen erhob sich Professor Stiller mit der Brille
+seines Freundes und folgte dessen stummer Gebärde. Er zog die
+Schutzvorrichtung des Fensters weg und blickte hinaus. Gebannt von dem sich
+ihm bietenden Schauspiel blieb auch er einige Minuten am Fenster stehen,
+versunken in den Zauber des Anblicks. Nun war ihm die Ursache des tollen
+Rasselns, der Erscheinung überhaupt, klar. Der Weltensegler war auf seiner
+Bahn nach dem Mars in die Nähe eines durch den Weltäther dahinsausenden
+Kometen gekommen, der eben diese Bahn kreuzte. Eine unmittelbare Gefahr für
+den Weltensegler war bei der immerhin noch großen Entfernung und der
+ungeheuren Geschwindigkeit der Kometenbewegung nicht vorhanden, wenigstens
+nicht für die nächsten Stunden. Beruhigt, aber doch halb berauscht von der
+einzigartigen Erscheinung, verließ Herr Stiller das Fenster.
+
+Wie es Professor Dubelmeier mit ihm gemacht, so machte es Stiller mit
+seinem Kollegen Piller, dieser wiederum mit Hämmerle und so weiter, so daß
+jeder der Reisenden sich das großartige Schauspiel ohne Gefahr für sein
+Sehvermögen betrachten konnte. Zu einer Aussprache aber kam es erst nach
+einigen Stunden, als das Geräusch des vorbeiziehenden Kometen nach und nach
+abzunehmen begann.
+
+Dann erklärte Professor Stiller seinen Gefährten die Ursache der
+Erscheinung und pries laut Dubelmeiers Schutzbrille.
+
+»An so vieles dachte ich bei der Auswahl der mitzunehmenden Sachen, und ich
+glaubte auch, wirklich nichts vergessen zu haben. Ich gestehe aber, daß ich
+auf den praktischen, so naheliegenden Gedanken einer Schutzbrille nicht
+gekommen bin. Da sieht man wieder die eigene Unzulänglichkeit, den Mangel
+an Verlaß auf sich selbst. Freund Dubelmeiers Sorgfalt hat uns einen großen
+Dienst geleistet.«
+
+»Na, nun aber sagen Sie, Mann, wie kamen denn gerade Sie auf den Einfall,
+eine Gletscherbrille in das Luftschiff mitzunehmen?« fragte Professor
+Piller neugierig.
+
+Dubelmeier wurde verlegen und wollte zuerst nicht recht mit der Sprache
+heraus. Auf allseitiges Fragen und Drängen hin gestand er endlich, daß er
+sich nicht hätte mit dem Gedanken befreunden können, jahrelang seinen
+geliebten Bergtouren zu entsagen. Da habe er, in der stillen Hoffnung,
+solche auch auf dem Mars ausführen zu können, wenigstens seine
+Gletscherbrille eingesteckt.
+
+»Und wo steckt denn Ihr Eispickel und die sonstige Ausrüstung? Davon sehe
+ich nichts,« forschte Professor Brummhuber.
+
+»Mit Ausnahme meiner genagelten Schuhe habe ich alles andere seufzend in
+Tübingen gelassen,« antwortete Herr Dubelmeier.
+
+»Ein weises Verfahren, fürwahr, denn für die Mitnahme derartigen Gepäckes
+wäre das Innere unserer Gondel doch etwas ungeeignet,« lachte Professor
+Stiller. »Aber Ihre Brille in Ehren, die hat uns gute Dienste geleistet.«
+
+Der Durchgang des Kometen durch die Anziehungssphäre des Mars hatte aber
+auf die Vorwärtsbewegung des Weltenseglers selbst ungünstig eingewirkt. Bei
+genauer Kontrolle des Geschwindigkeitsmessers bemerkte Professor Stiller
+mit Schrecken, daß sich der Ballon in den soeben verflossenen ernsten
+Stunden nur mit dem zehnten Teil der bisherigen Schnelligkeit nach dem Mars
+zu bewegt habe. Erst nach und nach schien der Weltensegler wieder in die
+frühere Geschwindigkeit übergehen zu wollen. Das aber bedeutete eine
+unliebsame Verlängerung der an sich schon so mühseligen Reise, die unter
+Umständen noch recht unangenehme Nachwirkungen haben konnte.
+
+An die Stelle der früheren Lebhaftigkeit der Unterhaltung, des körperlichen
+und geistigen Wohlbefindens war nach und nach eine gewisse Mattigkeit, eine
+mehr oder weniger große Abspannung getreten, die die Kometenerscheinung nur
+vorübergehend zu unterbrechen vermocht hatte. Bei diesem und jenem der
+Herren erschien bereits als drohendes Gespenst die beginnende Langeweile,
+der Anfang zur Lethargie. Die Reise in dem verhältnismäßig doch engen,
+eingeschlossenen Raume fing an, zu lange zu dauern. Dazu kam auch noch der
+Mangel körperlicher Bewegung und der gewohnten geistigen Beschäftigung.
+
+Alle allgemein wie im besonderen interessierenden wissenschaftlichen
+Fragen, die Einzelheiten des bisherigen Verlaufes der Reise waren schon so
+vielseitig und so oft besprochen worden, daß sie längst ihren Reiz verloren
+hatten. Still, stumm, fast apathisch saßen oder lagen jetzt, in ihre
+Pelzmäntel gewickelt, die meisten Herren, die bis vor kurzem noch so heiter
+und lebensfroh gewesen waren, in der Gondel herum. Nur nicht zum zweitenmal
+eine so entsetzlich lange Fahrt mehr machen, die nicht einmal einen guten,
+warmen Imbiß oder freie Bewegung der nahezu steif gewordenen Gliedmaßen
+gestattete! Und war man denn so sicher, das Ziel zu erreichen? Wenn nicht,
+was dann? Ja, was dann? Das waren die Gedanken und die bangen Fragen, die
+die Herren bewegten, die sie in ihrem Gehirn, das zu schmerzen anfing,
+herumwälzten.
+
+Diese verdammte Marsreise! Wie verlockend, geradezu verführerisch, ja
+berauschend, die gesunden, klaren Sinne umnebelnd, war sie ihnen zuerst
+erschienen! Wie sehr hatte man diese lange Kerkerhaft in dem engen,
+schmalen Raume, die lange Entbehrung des natürlichen Lichtes der Sonne in
+ihrer Wirkung unterschätzt! Professor Piller schimpfte wohl in der ersten
+Zeit der Reise über eintretende Blutarmut, Störungen im Stoffwechsel trotz
+ausgezeichneter Eßlust und dergleichen, jetzt aber lag auch er halb
+stumpfsinnig in einer Ecke der Gondel, verwünschte im stillen sich, seine
+Genossen, den Weltensegler, das ganze Universum, besonders aber den
+Verführer Mars. So empfanden und dachten auch mehr oder weniger die übrigen
+Herren. Und erinnerten sie sich daran, wie bequem und angenehm sie einst in
+Tübingens Mauern gelebt, wie sie jeden Abend nach getaner Arbeit an ihrem
+Stammtisch in anregender Gesellschaft und bei kühlem, frischem Trunke
+gesessen, so erfüllte sie aufrichtiges Bedauern, diese verrückte Reise
+überhaupt unternommen zu haben.
+
+»Hol' der Teufel den Mars!« kam es einmal laut über die Lippen von
+Professor Piller. Es war genau das, was er soeben gedacht hatte.
+
+»Das wollen wir nicht wünschen,« erwiderte in etwas herbem Tone Herr
+Stiller. »Daß die Expedition mit allerlei Gefahren und auch materiellen
+Entbehrungen verschiedenster Art zu rechnen haben würde, war von vornherein
+für jeden von uns klar. Wir können uns also hinterher nicht beschweren.
+Solche Beschwerden sind unser nicht würdig. Schweig und dulde! heißt es für
+uns.«
+
+»Wahr gesprochen!« bestätigte Bombastus Brummhuber. »Aber schließlich muß
+auch das Schweigen und Dulden ein Ende nehmen.«
+
+»So warten Sie doch erst ab, was kommt!« rief Professor Stiller zornig.
+
+»Aber Sie sagten doch, daß die Reise nicht länger als einige Wochen dauern
+werde,« warf Frommherz ein, »und nun ist diese Zeit herum und . . .«
+
+»Sie sollten am allerwenigsten die Geduld verlieren, Frommherz,« unterbrach
+Stiller den Gefährten. »Im übrigen habe ich niemals eine genaue Angabe
+darüber gemacht, wie lange die Reise dauern werde, aus dem ganz einfachen
+Grunde, weil ich dies auch nicht gekonnt hätte. Ich sprach von mehreren
+Wochen im allergünstigsten Falle. Lassen Sie sich nicht entmutigen dadurch,
+daß die Reise sich länger hinauszieht, als mir selbst lieb ist. Im
+Gegenteil, fassen Sie Mut! Wir haben ihn dringend nötig.«
+
+»Was heißt das? Drücken Sie sich klarer aus, Stiller!« tönte es von
+verschiedenen Seiten.
+
+»Nun, ich denke, daß es deutlich genug war, was ich mit meinen Worten sagen
+wollte: wir haben erst einen Bruchteil der Reise hinter uns. Vor uns liegt
+noch eine riesige Strecke, die an unsern Mut und an unsere Widerstandskraft
+alle Anforderungen stellt.«
+
+»Wie groß ist die Entfernung noch?«
+
+»Noch etwa dreißig Millionen Kilometer!«
+
+»Dreißig Millionen Kilometer? Kaum die Hälfte! Einfach entsetzlich!«
+stöhnte Professor Dubelmeier.
+
+»Wie soll das enden!« seufzte Frommherz.
+
+»Hoffen wir, gut, sonst würden Sie, lieber Frommherz, eben schneller gen
+Himmel fahren, als Sie vielleicht wollen,« spottete Professor Stiller, über
+den nachgerade eine Art von Galgenhumor kam.
+
+Doch diese Stimmung hielt bei Professor Stiller nicht lange an. Sie wurde
+nur allzu rasch durch die Sorge um das Wohl und Wehe der Expedition
+zurückgedrängt. Er war der eigentliche Urheber, der Vater dieses kühnen
+Unternehmens. Mithin trug auch er allein die volle Verantwortung für das
+Leben seiner Gefährten, die sich im Vertrauen auf seine Angaben ohne Zögern
+zur Mitreise entschlossen hatten. Professor Stiller war bei aller nervösen
+Hast, bei aller Neigung, überall nur das Beste zu sehen und die kühnsten,
+schwierigsten Probleme mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln, und
+trotz seines leicht erregbaren Charakters ein viel zu biederer und
+ehrlicher Mann, um sein eigenes Tun und Lassen nicht immer wieder einer
+strengen Selbstkritik zu unterziehen.
+
+Mehr als einmal schon hatte er es im stillen verwünscht, diese Reise nicht
+allein oder wenigstens nur in Begleitung eines erprobten Dieners
+unternommen und nicht von vornherein auf die Teilnahme seiner Kollegen
+verzichtet zu haben. Noch hatte er bis zur Stunde von den Gefährten keine
+umittelbaren Vorwürfe zu hören bekommen. Die kurze Unterhaltung von vorhin
+aber, die körperliche und geistige Verfassung seiner Genossen bewiesen ihm
+nur allzu deutlich, daß das bisherige gute und friedliche Zusammenleben in
+der Gondel die erste schwere Erschütterung erfahren hatte. Gleich in den
+ersten Tagen der Reise hatten ihn schon gewisse Zweifel und trübe Gedanken
+gequält, die er zuerst noch leicht abzuschütteln vermochte, die aber immer
+wieder und stärker auftauchten und sich nun nicht mehr so rasch bannen
+ließen wie im Anfange.
+
+Was Professor Stiller am meisten beschäftigte, das war der verhältnismäßig
+langsame Flug des Weltenseglers. Er hatte ganz bestimmt darauf gerechnet,
+daß das Luftschiff, kaum in den Anziehungskreis des fernen Weltkörpers
+gelangt, diesem selbst mit blitzartiger Geschwindigkeit zufliegen werde,
+und nun mußte er sich eingestehen, daß er sich hierin ganz gehörig
+getäuscht habe. Zu diesem großen Irrtum gesellten sich zwei weitere: die
+Vorräte an fester Luft und an elektrischen Energiemengen waren auf eine
+kürzere Reise, das heißt auf einen rascheren Flug, berechnet gewesen und
+mußten bereits in wenigen Wochen zu Ende gehen.
+
+Am das Maß der Sorgen voll zu machen, nahmen auch die Nahrungsmittel
+überaus schnell ab. Es war zwar ein großer Vorrat an Speisen und Getränken
+für eine Reisedauer von drei Monaten mitgenommen worden, aber Herr Stiller
+hatte nicht mit dem gesunden Appetit seiner Gefährten gerechnet. Anfangs
+hatte er sich über ihre Eßlust gefreut, in dem sichern Bewußtsein, der
+Weltensegler werde in weniger als der Hälfte der Zeit, für die die
+Lebensmittel bestimmt waren, sein Ziel erreichen, jetzt aber, als er sich
+in dieser Erwartung getäuscht sah, kam zu den andern schweren Kümmernissen
+auch noch die Sorge um die Ernährung.
+
+Wohl oder übel mußte schon jetzt, von heute ab eine Kürzung der täglichen
+Nahrungsrationen eintreten, wollte man mit den Vorräten noch längere Zeit
+auskommen. Ganz besonders waren es die Getränke, die stark abgenommen
+hatten, und der Vorrat an dem so beliebten Göppinger Wasser wies geradezu
+erschreckende Lücken auf.
+
+So entstand aus dem ersten großen Irrtum eine ganze Reihe unangenehmster,
+in ihren Wirkungen gar nicht übersehbarer Folgen. Das Gemüt Herrn Stillers
+verdüsterte sich in dem Maße, als er sich dies alles klar zu machen suchte.
+Zunächst trat an ihn die Frage heran, wie er es am besten anfangen sollte,
+seinen Kollegen die Zweckmäßigkeit einer Beschränkung ihrer täglichen
+Speisen und Getränke vor Augen zu führen. Diese Aufgabe richtig zu lösen,
+ohne die Gefährten zu verletzen und ihre an sich schon gereizte Stimmung
+noch schlimmer zu gestalten, erschien Professor Stiller kaum lösbar.
+
+»Wenn doch ein Wunder geschehen und die Geschwindigkeit der
+Vorwärtsbewegung des Weltenseglers sich verdoppeln möchte, dann wäre ich
+mit einem Schlage alle diese heillosen Schwierigkeiten los!« dachte
+Professor Stiller. Aber kein Wunder geschah. Der Weltensegler bewegte sich
+gleichmäßig wie bisher weiter, trotz eifrigster Beobachtung des
+Geschwindigkeitsmessers durch den Professor.
+
+»Ersticken, erfrieren, verhungern, bevor wir den Mars erreichen --
+wahrhaftig wir haben die Auswahl unter den schlimmsten aller Todesarten!
+Was nützt es schließlich, meinen Gefährten durch Verringerung ihrer Nahrung
+das bißchen Freude zu verderben, das ihnen der Genuß von Speise und Trank
+noch bereitet, wenn uns der Tod sowieso in sicherer Aussicht steht? Am
+besten ist, ich lasse die Sache beim alten. Punktum!« Zu diesem Entschluß
+kämpfte sich nach langem, trübem Sinnen der Professor endlich durch.
+
+Die Woche ging zu Ende. Mit ihr waren die Marsreisenden in das neue Jahr
+eingetreten. Keiner von ihnen hatte sich um den Jahreswechsel gekümmert,
+der früher von ihnen unten auf der Erde in lauter Fröhlichkeit begangen
+worden war. Eine dumpfe Gleichgültigkeit hatte sich der Gesellschaft
+bemächtigt und benahm ihr auch mehr und mehr die frühere Lust am Essen.
+
+»Gelange ich glücklich aus dieser Gondel heraus auf den Mars und finde dort
+auch nur einigermaßen annehmbare Lebensbedingungen vor, so haben mich
+Schwabenland und Erde für immer gesehen. Keine Gewalt des Himmels soll mich
+dann je wieder zu einer solchen Reise verleiten,« äußerte sich eines Tages
+Professor Friedolin Frommherz, und ihm stimmten mehrere der Herren
+kopfnickend bei.
+
+Professor Stiller entgegnete nichts auf diese Äußerung, die so offen die
+Empfindung seiner Gefährten wiedergab. Angesichts der außerordentlich
+kritischen, täglich sich mehr verschärfenden Lage des Weltenseglers
+erschienen ihm alle diesbezüglichen Meinungsäußerungen seiner Kollegen als
+höchst überflüssig. Er hüllte sich daher in düsteres Schweigen und begann
+über die möglichen Mittel und Wege einer Beschleunigung der Reise
+nachzusinnen.
+
+»Wer sich selbst aufgibt, ist überhaupt von vornherein schon verloren. Wo
+sich nur immer ein Schimmer von Hoffnung zeigt, und wäre er noch so klein
+und schwach, da sieht der mutige Mensch noch die Möglichkeit eines Ausweges
+und einer Rettung, während der Mutlose der Verzweiflung anheimfällt. War
+ich denn schwach und feige, oder bin ich es wirklich?« fragte Professor
+Stiller sich. »Wovor fürchte ich mich eigentlich? Vor dem Tode, vor dem
+Verlust meines Lebens, das im Dienste der Forschung, der Allgemeinheit
+allerdings wertvoll war, von mir persönlich aber niemals hoch eingeschätzt
+wurde?«
+
+Der großartige Gedanke dieser Reise, der sinnreiche Bau des Weltenseglers,
+der sich bis zur Stunde so ausgezeichnet bewährt hatte, das alles war doch
+schließlich sein ureigenstes Werk, dem er in jeder Beziehung so viele Opfer
+gebracht hatte. Schon vor Ausführung der Reise hatte er ja mit der
+Möglichkeit eines Scheiterns der Expedition gerechnet. Trotzdem war er voll
+Mut und Hoffnung auf Überwindung aller Gefahren von der Heimat abgefahren.
+Und nun, wo die Sache anfing kritisch zu werden, da sollte ihm wie einem
+Schwächlinge der Mut sinken? Wie stand er eigentlich vor sich selbst da?
+Eine Röte der Scham stieg bei diesem Gedankengange in sein Gesicht. Weg mit
+allem, was nach Schwäche, nach Feigheit aussah! War es ihm wirklich vom
+Schicksal bestimmt, schon jetzt sterben zu müssen, in der Blüte und
+Vollkraft der Jahre, nun dann in Gottes Namen! Aber dann war auch die Art
+des Unterganges seiner würdig: sie war ebenso groß wie eigenartig. Sein und
+seiner Gefährten Namen würden, wenn sie selbst schon längst im Weltraume
+verschollen waren, für immer achtungsvoll unten auf der Erde genannt
+werden. Mit goldenen Lettern waren sie in den Annalen der Weltgeschichte
+und der Wissenschaft als kühne, wenn auch unglückliche Weltensegler
+eingetragen. Der Gedanke daran war auch ein Trost und zwar ein großer,
+stolzer und zugleich erhebender. Da gelobte sich Professor Stiller von
+neuem, mit Entschlossenheit und offenen Auges der Zukunft entgegenzugehen,
+mochte sie bringen, was sie wollte. Eine wunderbare Ruhe kam allmählich
+über ihn. Sie ließ ihn wieder klarer denken und überlegen. Zunächst begann
+er, den noch vorhandenen Vorrat an elektrischer Kraft auf das sorgfältigste
+festzustellen. Tagelang rechnete er hin und her. Die Entfernung des
+Weltenseglers vom Mars betrug noch rund achtzehn Millionen Kilometer. Die
+Wirkung der Anziehungskraft des Planeten auf den Weltensegler konnte von
+diesem aus gesteigert werden, wenn man sich entschloß, einen Teil der
+gebannten, festgelegten elektrischen Kraft zu opfern, hinaus in den
+Weltraum, dem Mars entgegen zu senden. Allerdings war dieser Versuch, wie
+Professor Stiller sich selbst gestand, sehr gewagt: es verringerte den für
+die Beleuchtung und Erwärmung des Gondelinnern so notwendigen Energievorrat
+außerordentlich rasch. Aber es konnte kein Schwanken mehr für ihn geben,
+nachdem er sich zu der Erkenntnis durchgerungen hatte, daß die Opferung
+eines großen Teiles der elektrischen Energiemengen noch die einzige
+Möglichkeit der Rettung des Lebens und des Gelingens der Expedition in sich
+schließe. Es war ein Va-banque-Spiel, aber es mußte unter diesen
+Verhältnissen gespielt werden. Es blieb keine andere Wahl.
+
+Professor Stiller machte sich sofort an die Arbeit. Anfangs schauten die
+Herren der neu erwachten, energischen Tätigkeit ihres Genossen stumm,
+nahezu gleichgültig zu. Nach und nach aber erwachte in ihnen doch wieder
+die Neugier und damit das eingeschlafene Interesse an der Wissenschaft.
+
+»Stiller, was machen Sie da?« fragte man den Professor aus den
+verschiedenen Ecken der Gondel heraus, in denen die Herren herumlagen.
+
+»Ich arbeite an unserer Rettung,« entgegnete kurz der Gefragte.
+
+»Fürwahr, ein löbliches Werk!« bemerkte Frommherz mit schwacher Stimme.
+
+»Erklären Sie uns Ihr Unternehmen!« bat Professor Dubelmeier.
+
+»Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, werteste Freunde! Meine
+Auseinandersetzungen müßte ich mit so vielen Zahlen belegen, daß Ihnen der
+Kopf brummen würde, und der bedarf bei uns allen jetzt ganz besonderer
+Schonung.«
+
+»Stiller hat recht!« entschied Professor Piller. »Reichen Sie mir lieber
+aus dem Schrank, an dem Sie sitzen, eine Flasche unseres heimischen Weines.
+Ich will wieder Lethe trinken, Lethe!«
+
+»Piller, Sie trinken entschieden zuviel,« mahnte Dubelmeier, entsprach aber
+doch der Bitte des Freundes, indem er ihm eine Flasche mit dem hellroten
+»Zuckerle« hinüberreichte »Der Alkohol ist ein Feind des Gehirns, das
+sollten Sie doch als Medizinmann am besten wissen.«
+
+»Meinetwegen!« gähnte Professor Piller. Dann verriet ein lauter, gurgelnder
+Ton aus der Ecke den kräftigen Zug des Trinkenden. »So, das hat geschmeckt.
+Es geht eben doch nichts über einen guten Tropfen,« brummte Piller. »Und
+nun, Dubelmeier, rate ich Ihnen dringend, mit dieser Art von Gehirnfeind
+ebenfalls nähere Bekanntschaft zu machen. Göppinger Wasser allein tut's
+freilich nicht, uns und unsern Denkkasten auf dieser vermaledeiten Reise
+mobil zu erhalten.« Nach diesen Worten schloß Professor Piller wieder die
+Augen und schlief ruhig ein. Auch die andern Herren sanken rasch wieder in
+den alten lethargischen Zustand zurück.
+
+Unterdessen hatte Professor Stiller die Wirkung seines Versuchs beobachtet.
+Der Schnelligkeitsmesser notierte tatsächlich eine nennenswerte Vermehrung
+der Geschwindigkeit gegenüber der bisherigen. Bereits wiegte sich der
+Professor in der Hoffnung auf das Gelingen des Experimentes, -- da trat ein
+neues Ereignis ein.
+
+»Was, Teufel, ist denn wieder los?« fragte Piller, plötzlich aus seiner
+Lethargie auffahrend, als sich ein seltsames, donnerähnliches Rauschen in
+der Gondel hören ließ.
+
+»Das klingt ja wie das Brausen eines Bergstromes, der ungezählte Trümmer
+mit sich führt!« warf der bergkundige Dubelmeier ein.
+
+Kaum war das Wort gesprochen, als ein schwerer Gegenstand die Gondel traf.
+Erregt sprang Professor Stiller auf.
+
+»Schnell, Freunde, helft die Fenster schützen! Trügt mich nicht alles, so
+ist ein kosmischer Regen im Anzuge.«
+
+Die Herren stürzten nach den vier Fenstern der Gondel und ließen
+blitzschnell die Schutzvorrichtung herunterklappen. Ein von der Seite
+kommender, kurzer, prasselnder Regen ging über den Weltensegler, mehr noch
+über die Gondel nieder. Schon glaubte Herr Stiller jede Gefahr abgewendet,
+als wiederum ein neuer, aber gewaltigerer Schlag, als es der erste war, die
+Gondel traf. Ihm folgte ein Klirren und ein lauter Schmerzensschrei. Der
+Ort, an dem sich der Geschwindigkeitsmesser in der Gondel befand, war durch
+einen kleinen Meteoriten getroffen worden. Durch die furchtbare
+Erschütterung war das Instrument verletzt und seine innere Glaseinfassung
+zersplittert worden. Einer der Splitter hatte Professor Frommherz
+getroffen, der nun stöhnend und blutüberströmt auf dem Boden der Gondel
+lag.
+
+Durch den Schlag war die Gondel so heftig auf die Seite geworfen worden,
+daß eine heillose Verwirrung im Innern entstand. Erst nach einiger Zeit
+hörte die schaukelnde Bewegung der Gondel auf und machte wieder der alten,
+ruhigen Lage Platz. Weitere Schläge erfolgten nicht mehr, und Professor
+Stiller konnte annehmen, daß der Weltensegler auch aus dieser Gefahr
+unerwartet glücklich hervorgegangen sei.
+
+Erst jetzt konnte Piller den Verwundeten untersuchen. Er stellte fest, daß
+die Verletzung zum Glück nicht so schlimm war, wie sie den Anschein hatte.
+
+»Sie jammern im umgekehrten Verhältnis zu Ihrer Wunde, Frommherz,« spottete
+Piller, nachdem er die Wunde untersucht hatte.
+
+»O Himmel, das fehlte gerade noch!« stöhnte der Verwundete, als Piller die
+Nadel durch die Wundränder stieß. »Haben Sie Unmensch denn gar kein Gefühl
+für mein Leiden?«
+
+»Bah,« entgegnete Herr Piller trocken, »Unmensch hin, Unmensch her! Danken
+Sie Ihrem Schöpfer, daß Sie noch mit einem solchen Schmisse weggekommen
+sind! Er wird sich auf Ihrer Stirn recht kühn ausnehmen, dieser länglich
+rote Streifen.«
+
+»Was wird man dann von mir denken?«
+
+»Was man will! So, nun schneiden Sie kein solches Jammergesicht mehr. Die
+Wunde ist genäht, der Verband befestigt. Watte, mit Göppinger Wasser
+getränkt, entfernt aus Ihrem Antlitze die Blutspuren. Dann sehen Sie
+reinlicher aus als wir. Nach einigen Tagen entferne ich die Fäden, und die
+Sache hat ein Ende.«
+
+»Ach, wäre es nur erst vorüber!«
+
+»Wenn Sie damit die Reise meinen, so bin ich ganz Ihrer Ansicht. Einmal
+aber muß diese vermaledeite Fahrt ihr Ende nehmen, so oder so,« brummte der
+Medizinmann unmutig in den Bart.
+
+Das Schlimme war, daß der Geschwindigkeitsmesser unbrauchbar,
+funktionsunfähig gemacht worden war. An eine Reparatur des Werkes während
+der Fahrt war gar nicht zu denken. Dieses peinliche Ereignis zog einen
+bösen Strich durch alle Berechnungen Professor Stillers und raubte ihm jede
+Möglichkeit der Kontrolle. Nun war alles dem blinden Zufall ausgeliefert.
+An die Stelle genauer Berechnung trat jetzt ausschließlich die Vermutung.
+Diese aber öffnete wieder allen trüben Gedanken Tür und Tor.
+
+Weiter rollte die Zeit und weiter der Ballon auf seinem Wege. Die
+Lebensmittel waren schon derart zusammengeschmolzen, daß trotz der geringen
+Eßlust der Gondelbewohner in kürzester Zeit Nahrungsmangel eintreten mußte.
+Auch der Vorrat an elektrischer Energie nahm in schreckenerregender Weise
+ab. Wollte also Professor Stiller sich und seinen Gefährten nur noch für
+wenige Tage Licht und Wärme erhalten, so mußte sofort mit der Abgabe der
+elektrischen Kraft in den Ätherraum hinaus aufgehört werden. Schweren
+Herzens stellte daher der Gelehrte die Verbindung nach außen hin ab.
+
+Was werden die nächsten Tage bringen? In ihrem dunklen Schoße lag das
+Schicksal, das Glück oder der Untergang der Expedition. Das elektrische
+Licht in der Gondel fing an schwächer zu werden; eine empfindliche Kälte,
+die sich trotz der Pelzkleidung der Männer nicht länger mehr bannen ließ,
+machte sich mehr und mehr geltend. Ein dumpfer, gleichgültiger Zustand
+hatte sich aller Gondelinsassen bemächtigt, der nach und nach in eine Art
+von Bewußtlosigkeit überzugehen begann. Langsam schien das Ende für die
+Dulder heranzukommen. Lange, bange Stunden verstrichen so; kein Laut ließ
+sich mehr in der Gondel vernehmen. Da auf einmal ein gewaltiger Stoß.
+Ballon und Gondel flogen zur Seite und schienen sich zu überschlagen. Die
+armen Männer in der Gondel flogen übereinander, schlugen gegenseitig
+aufeinander auf und begannen aus ihrem todesartigen Schlummer aufzuwachen.
+
+Furchtbar erschrocken über die heftige Erschütterung, gelang es den Herren
+nach langen Anstrengungen sich endlich aufzurichten. Als sie schließlich
+mühsam die Augen zu öffnen vermochten, da fiel durch die zertrümmerten
+Fenster der Gondel helles, strahlendes Sonnenlicht herein. Es bedurfte
+einiger Zeit, bis die schmerzenden Augen der Reisenden sich an das so lange
+entbehrte Licht der Sonne wieder gewöhnt hatten. Dann aber war plötzlich
+alle Lethargie von ihnen gewichen.
+
+
+Professor Stiller war der erste auf den Füßen. Unbekümmert um eine mögliche
+Gefahr, streckte er mutig den Kopf zu einem Fenster hinaus, um die Ursache
+des Zusammenstoßes des Weltenseglers mit einem andern, fremden Körper zu
+erforschen; denn daß ein solcher stattgefunden haben mußte, war dem
+Gelehrten sofort klar.
+
+»Hurra! Hurra!« rief er, aufgeregt vom Fenster zurücktretend, seinen
+Gefährten zu. »Hurra! Wir sind gerettet! Wir haben den kleinen Marsmond
+Phobus, glücklicherweise nur sehr leicht, gestreift. Die äußerste Hülle
+unseres Ballons ist allerdings gerissen und auch sonst ist, wie ich sehe,
+vielerlei Schaden entstanden, aber das ist gleichgültig! Seht hier hinab,
+da unten, da unten liegt der Mars! Gerettet, ge . . . .« Professor Stiller
+fiel zurück. Eine tiefe Ohnmacht umfing ihn.
+
+Professor Pillers energischen Anstrengungen gelang es endlich, den
+Bewußtlosen dem Leben zurückzugeben.
+
+»Wo sind wir?« fragte Professor Stiller mit schwacher, kaum vernehmbarer
+Stimme.
+
+»Das wissen wir selbst nicht recht. Jedenfalls noch immer in der Luft und
+noch nicht auf festem Boden,« antwortete Professor Piller.
+
+»So müssen wir die Ventile öffnen und den Weltensegler langsam und
+vorsichtig zum Fallen bringen,« entschied Stiller.
+
+»Aber fühlen Sie sich auch wieder so kräftig, die Leitung des Ganzen
+übernehmen zu können?«
+
+»Es muß einfach sein!« Mit diesen Worten erhob sich Professor Stiller, um
+sich zunächst durch einen Blick aus dem Fenster über die örtliche Lage des
+Ballons zu orientieren.
+
+Richtig, da unten, nur wenige Kilometer vom Weltensegler entfernt, hob sich
+scharf und deutlich eine breite, mächtige Wasserstraße ab, eine
+dunkelgrüne, subtropische Vegetation umrahmte den Flußlauf. Dazwischen
+eingestreut zeigten sich, vom warmen Sonnenschein übergossen, wohlbebaute
+Felder und Gärten. Eigenartige, von weitem blendend weiß erscheinende
+Bauten bewiesen die Nähe belebter Wesen. Die laute Begeisterung, die die
+kühnen Weltfahrer einst bei der Passage des Erdmondes erfaßt hatte, machte
+hier einer stummen Bewunderung Platz, als sie dankerfüllten Herzens gegen
+das Geschick, das sie im letzten Augenblicke noch vor dem Äußersten bewahrt
+hatte, von ihrer Gondel auf die märchenhaft schöne Landschaft
+hinabschauten, der sie nun in raschem Fluge näherkamen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+Auf dem Mars
+
+
+Vom Mars aus -- denn er war es wirklich -- hatte man das Luftschiff schon
+längst bemerkt. Als es sich nun dem Boden näherte, strömte eine Anzahl von
+Menschen, die hier herum wohnten, dem Orte zu, an dem das Luftschiff
+niederging. Der Weltensegler hielt auf eine große, grüne Wiese zu, auf der
+Gruppen edelster Viehrassen weideten. Professor Stiller warf das Kabel mit
+dem Anker in weitem Bogen von der Gondel ab und deutete durch Zeichen und
+Gebärden den untenstehenden Menschen an, was sie ungefähr tun sollten, um
+das Luftschiff festzumachen. Die Marsleute begriffen auch sofort, was der
+fremde Mann in seiner stummen Sprache von ihnen begehrte. Ohne jede Hast,
+aber doch rasch und auffallend gewandt, war dem Wunsche des Professors
+entsprochen worden. Nun lag das Fahrzeug fest und sicher vor Anker.
+
+Die Strickleiter wurde aus der Gondel herabgelassen und an den hiezu
+bestimmten Metallklammern befestigt. Die sieben Männer aus dem fernen
+Schwabenlande stiegen nacheinander an ihr herab, um als die ersten
+Erdgeborenen den Boden des Mars zu betreten. Eine weiche, balsamische, von
+Wohlgerüchen erfüllte Luft umfing die kühnen Reisenden, als sie aus ihrer
+Gondel herabgeklettert waren. Ein Gefühl der Wonne, des Geborgenseins,
+unsäglicher Befriedigung zog in die Brust der armen, halbtoten Männer, als
+sie nach so vielen Wochen zum erstenmal wieder festen Boden unter ihren
+Füßen spürten. Ja, sie mußten sich selbst erst überzeugen, daß es wirkliche
+Erde sei, auf der sie standen. Mit den Händen griffen sie nach dem Boden,
+um sich von seiner erdigen Beschaffenheit zu überzeugen. Nein, es war kein
+Traum, es war Wirklichkeit: sie standen auf richtigem Boden. Tausend-,
+abertausendmal Dank dem Himmel, der sie ihr Ziel erreichen ließ! Tränen des
+Glückes, der reinsten Freude liefen den hartgeprüften Männern über die
+bärtigen Wangen, die seit langer Zeit nicht mehr gepflegt worden waren.
+
+»Donnerwetter, wie sehen wir aus!« rief voll Entsetzen Professor Piller,
+als er seine Genossen genauer im Lichte der Sonne betrachtete.
+
+Dann aber brachen die Herren in lautes Lachen über die Komik ihres eigenen
+Äußern aus. Professor Stiller begann nun, die ihn und seine Genossen
+umgebenden Menschen zu mustern. In der Tat, das waren Menschen von Fleisch
+und Blut, die hier herumstanden und mit freundlichem Lächeln die Erdensöhne
+betrachteten.
+
+»Sauberer, großer und schöner als wir sind sie entschieden. Oder sollten
+wir am Ende gar zu den Göttern des Olymps und nicht nach dem Mars gekommen
+sein?« bemerkte Professor Hämmerle, nachdem er seine Brillengläser geputzt
+und die Brille auf die Nase gesetzt hatte.
+
+»Warum das?« fragte Professor Dubelmeier.
+
+»Eine Gesellschaft von Göttern scheinen mir diese Wesen hier zu sein. Sehen
+Sie nur einmal diese geradezu klassisch schönen Gesichter, diese
+prachtvollen Körperformen und die sie nur schwach verhüllenden antiken
+Gewänder!«
+
+»Der Vergleich hat entschieden viel für sich,« antwortete Professor
+Stiller, »aber nach dem Olymp hätten wir viel näher gehabt als nach dem
+Mars; diese eine Tatsache schon mag Sie aus Ihrem Wahn reißen, lieber
+Hämmerle.«
+
+Dabei zog er seinen Chronometer. Er wies auf die achte Stunde.
+
+»Es ist noch früh am Morgen. Wir wollen sehen, was uns dieser erste Tag auf
+dem Mars an merkwürdigen Erlebnissen bringen wird. Versuchen wir einmal
+eine sprachliche Verständigung mit unsern neuen Freunden; denn daß sie das
+sind, zeigt mir ihre freundliche und wohlwollende Haltung.« Mit diesen
+Worten trat Professor Stiller zu den vordersten Marsmenschen vor, die ihn
+in vornehmer Ruhe, ohne die geringste Furcht und ohne irgendein Zeichen des
+Erstaunens an sich herankommen ließen.
+
+»Wir sind doch auf dem Mars, nicht wahr?« Diese etwas banale Frage richtete
+er in deutscher Sprache an die Leute. Aber diese schüttelten den Kopf und
+erwiderten in wohllautender Sprache etwas, das Stiller wiederum nicht
+verstand, das aber klang, als ob sie bedauerten, den Fremden nicht
+begriffen zu haben.
+
+»Die können nicht deutsch, natürlich. Das hätten Sie sich doch von
+vornherein selbst sagen müssen, Stiller,« warf Professor Hämmerle tadelnd
+ein.
+
+»Nun, so examinieren Sie einmal, Hämmerle! Vielleicht gelingt es Ihnen mit
+Ihren vielseitigen Sprachkenntnissen festzustellen, in welchem Idiom mit
+den Leuten hier eine Verständigung möglich ist.«
+
+Mit kraftvoller Stimme hub Hämmerle auf Altgriechisch an: »Freunde, wir
+grüßen euch in herzlichster Art, wir, die von der fernen Erde hergeflogen
+sind, um euch zu besuchen.« Keine Antwort, nur ein eigentümliches Lächeln
+als Zeichen des Nichtverstehens. Jetzt deklamierte Hämmerle seine
+Begrüßungsformel in lateinischer Sprache. Wiederum dieselbe Stille und
+dasselbe Lächeln als Antwort.
+
+»Vielleicht gelangen wir mit einer unserer modernen Sprachen eher zum
+Ziele, da klassische Bildung diesen Wesen völlig abzugehen scheint,« sprach
+Hämmerle, ärgerlich geworden über die Ergebnislosigkeit seiner ersten
+Versuche. Aber auch Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch,
+schließlich sogar Arabisch und Hebräisch führten zu keinem Ziele.
+
+»Das fängt gut an!« murrte Professor Brummhuber.
+
+»Wir müssen allem Anscheine nach die Marssprache erlernen,« bemerkte
+Thudium.
+
+»Wahr gesprochen!« bestätigte Frommherz.
+
+»Aber siehe da, was kommt denn da für ein altes Haus?« rief Dubelmeier.
+
+Ein älterer Mann von achtunggebietender Gestalt, mit weißem Haar und Bart,
+ohne jegliche Kopfbedeckung, durchbrach die Reihe seiner Gefährten und
+schritt stolz auf die sieben Schwaben zu. Gekleidet war der Alte wie seine
+übrigen Genossen. Ein blusenartiges, schneeweißes Hemd aus feinster Wolle
+mit purpurfarbenem Besatze hüllte den hohen, edlen Körper ein. Um die
+Hüften war es durch ein breites Band von purpurner Farbe gehalten. An den
+nackten Füßen trug er Sandalen aus feinem, gelbem Leder. Voll Ehrfurcht
+machten ihm seine Gefährten Platz, und die Herren aus dem Schwabenlande
+erkannten daraus sofort, daß ihnen in dem Alten ein Mann von hoher sozialer
+Stellung entgegentrat.
+
+Sie entblößten nun als Zeichen der Hochachtung das Haupt und erwarteten
+voll Spannung die weitere Entwicklung der Szene. Der Alte ließ zuerst seine
+Blicke über den Weltensegler gleiten, dann richteten sich seine klaren,
+dunkelblauen Augen, aus denen ebensoviel Geist als Herzensgüte sprach, auf
+die sieben Fremden, die er in einer harmonischen Sprache anredete, wobei er
+hin und wieder auf das mächtige Luftschiff deutete und schließlich ihnen
+durch eine freundliche Gebärde zu verstehen gab, ihm zu folgen.
+
+Die Herren zogen nun mit dem Alten als Führer an der Spitze von dannen.
+Ihnen schlossen sich in ruhiger, würdevoller Haltung die Marsbewohner an,
+die beim Niedergange des Weltenseglers so bereitwillig hilfreiche Hand
+geleistet hatten. Den Professoren schien es, als ob ein Märchen aus Tausend
+und einer Nacht lebendig geworden wäre. Sie konnten sich nicht satt sehen
+an all dem Schönen und Eigenartigen, das ihnen hier auf Schritt und Tritt
+begegnete. Von der Wiese kamen sie auf einen mit feinem, weißem Sande
+bestreuten, mit prächtigen, früchtebehangenen Bäumen eingefaßten schattigen
+Pfad. Dieser führte auf eine große Anzahl von Gebäuden zu, die voneinander
+getrennt und von prächtigen Gärten umgeben waren. Ihrer stattlichen Größe
+nach zu urteilen, schienen es öffentliche Bauten zu sein, die sich da in
+ihrem reinlichen Weiß aus dem Grün ihrer Umgebung abhoben.
+
+Überall wuchsen hochstämmige Palmen, dazwischen prächtige, hellgrüne
+Bananen und Farnbäume, vermischt mit einer Blumenpracht, wie sie die
+Tübinger Professoren in dieser üppigen Entfaltung noch nie zuvor gesehen
+hatten. Rosen-, lilien-, myrten- und lorbeerartige Gewächse, Orchideen und
+eine Menge anderer Blumen wetteiferten miteinander an Glanz und Schönheit
+der Farben und an Wohlgeruch. Schmetterlinge in allen Größen und Farben
+wiegten sich in der warmen, herrlich zu atmenden Luft, und buntschillernde
+Vögel ließen von den Bäumen herab ihr schmetterndes Morgenlied ertönen.
+
+»Ein Paradies, in das wir gelangt sind,« sprach Professor Stiller leise zu
+dem neben ihm schreitenden Professor Piller. »Ich muß meinen Gefühlen Luft
+machen, meiner Bewunderung Worte verleihen. Sagen Sie, Piller, ist es Ihnen
+nicht auch so wunderbar, so feierlich zumute wie mir, haben Sie nicht auch
+ein Gefühl ungefähr so, wie es unser unsterblicher Uhland in seinem
+Sonntagsliede zu so ergreifendem Ausdruck gebracht hat?«
+
+»Na, na!« entgegnete Piller trocken. »Auch mir gefällt ja dieser Einzug auf
+dem Mars gar nicht übel. Im übrigen aber haben wir heute zufällig Sonntag.
+Wußten Sie das nicht, Stiller?«
+
+»Nein! Mir entfiel die Zeitrechnung in den letzten Wochen vollständig.
+Woher aber wissen Sie das?«
+
+»Nun, als Sie heute früh in tiefer Ohnmacht lagen, da habe ich mit der Uhr
+in der Hand Ihre Herztätigkeit kontrolliert. Meine Uhr zeigt aber zufällig
+außer den üblichen Stunden, Minuten und Sekunden auch noch Monate und Tage.
+Wir haben heute Sonntag, den 7. März.«
+
+»Sonntag, den 7. März! Die heilige Siebenzahl in allem. Möge sie uns auch
+weiter schirmend und schützend umgeben!« rief Professor Stiller.
+
+»Vor allem wünsche ich mir ein gutes Essen nebst solidem Trunk; das frischt
+die Lebensgeister besser auf und schützt sie gründlicher vor Verbrauch als
+Ihre Siebenzahl. Wir haben in unserer Gondel zuletzt ein heilloses Leben an
+Entsagung geführt; es ist höchste Zeit, wieder in einen guten Hausstand und
+an einen richtigen Herd zu gelangen.«
+
+»O Sie ewig Prosaischer!« erwiderte lächelnd Professor Stiller. »Hungern
+und dürsten werden Sie hier oben nicht. Da sehen Sie einmal nach den
+Früchten da drüben!«
+
+Professor Piller folgte mit den Blicken der angegebenen Richtung.
+»Donnerwetter!« entfuhr es seinen Lippen. »Sollen diese kolossalen Beeren,
+die da herunterhängen, am Ende gar zu einer Weintraube gehören?«
+
+»Nichts anderes! Das, was Sie sehen, ist eine Weintraube, wie sie in dieser
+Größe eben nur dem subtropischen Klima eigen ist.«
+
+»Dann leb' wohl, Zuckerle, Trank meiner Heimat!« rief Herr Piller so laut,
+daß ihn die andern Kollegen hörten. »Leb' wohl, Zuckerle, denn den Tropfen,
+den man hier aus diesen Ungeheuern von Beeren preßt, der muß ja einem wie
+flüssiges Feuer durch die Adern rinnen, Halbtote, wie wir sind, wieder zu
+freudigstem Lebensgenuß erwecken. Auf diesen Trunk freue ich mich.«
+
+»Nektar und Ambrosia scheinen wir hier zu finden,« flötete Frommherz.
+
+»Wollen gerne auf dieses griechische Götterzeug verzichten, wenn es nur
+sonst hier was menschlich Anständiges für unsern Magen gibt,« antwortete
+Piller.
+
+Unter solchen Gesprächen gelangten die Herren mit ihrer Begleitung zu den
+ersten Häusern. Zu ihrem Erstaunen mußten sie sich überzeugen, daß die
+Gebäude, die sie aus der Ferne für öffentliche Bauten gehalten hatten,
+nichts anderes waren als großartige Einfamilienhäuser oder Villen. Aus
+weißen, sorgfältig behauenen Steinen ausgeführt, hatten sie vorn hohe,
+säulengetragene Hallen, die einen überaus einladenden Eindruck machten und
+von der Vorliebe der Bewohner für frische Luft und für freie und
+uneingeengte Räume Zeugnis ablegten. Für das warme Klima waren solche
+offene Hallen das einzig Richtige und Zweckmäßige. Breite Marmorstufen
+führten zu ihnen empor und dienten blühenden Kindern, die nur mit einem
+hellfarbenen, leichten, durch einen Gürtel um die Lenden festgehaltenen
+Hemde bekleidet waren, als Spielplatz. Marmorfiguren hoben sich
+stimmungsvoll zwischen den Bogen der Hallen ab. Alles atmete ruhige
+Schönheit und Freude und verfehlte nicht seine tiefe Wirkung auf die
+Reisenden.
+
+Der Alte geleitete seine Gäste zu einem zweistockigen, palastartigen
+Gebäude, das rings von üppigstem Pflanzenwuchs umgeben war und in seiner
+Pracht einem Fürstensitz glich. Es war aber das Haus des Alten selbst, das
+dieser den Fremdlingen zur ausschließlichen Benützung anwies. Auf breiten
+Marmorstufen gelangten die Professoren in einen von Säulen getragenen,
+offenen, großen Hof, in dessen Mitte ein mächtiger Springbrunnen sein
+Wasser rauschen ließ. Rings um den Hallenhof lagen saalartige Zimmer, deren
+Türen auf den Hof hinausführten. Rechts an der Halle befand sich die
+Haupttreppe. Sie bestand aus zwanzig breiten Stufen, jede aus einem Stein
+von vier Meter Länge. Sie führte zu einem Absatze mit einem großen Fenster.
+Von diesem Absatze führten weitere zwanzig Stufen in die obere,
+geschlossene Galerie, die durch große Fenster erhellt wurde und mit einer
+prächtigen Kassettendecke geschmückt war. Von der Galerie aus gelangte man
+in eine Reihe von Prunkgemächern, an die sich die Schlafzimmer und
+Baderäume anschlossen. Der ganze Bau war voll Licht und Bequemlichkeit.
+
+Auf ein Händeklatschen des Alten eilten einige jüngere Männer herbei, die
+wahrscheinlich die dienenden Geister dieses Palastes waren. Der Alte sprach
+mit den jungen Männern lange und eindringlich und bedeutete endlich seinen
+Gästen durch Zeichen und Gebärden, sich hier häuslich niederzulassen.
+Darauf verließ er sie nach einer freundlichen Verbeugung. Auch die Diener
+verschwanden, erschienen aber bald wieder und brachten duftende, reine
+Kleider und Sandalen, ähnlich denen, die sie trugen. In stummer, aber
+zuvorkommender Art wiesen sie den Fremden den Weg zum Bade.
+
+»Ich bin wirklich neugierig, was da noch alles kommen wird!« sprach Piller
+lachend zu Professor Stiller. »Würde ich nicht wachen, wäre ich nicht
+nüchtern wie ein Pudel und bei klarstem Verstande, ich würde glauben, daß
+alles, was ich hier bis jetzt erlebt und, gesehen habe, nichts anderes als
+ein tolles Spiel meiner Einbildungskraft ist.«
+
+»Warten wir ab, Piller! Schlecht aufgehoben sind wir für den Anfang nicht,
+im Gegenteil. Ich höre bereits in unserer Nähe Tische rücken.
+Wahrscheinlich wird für unser Mahl gedeckt. Baden wir zuerst, reinigen wir
+uns vom letzten Erdenstaube und den Schlacken der Reise, und beginnen wir
+dann unser neues, so viel Interessantes versprechendes Leben auf dem Mars!«
+
+»Mit Speise und Trank,« ergänzte Piller den Freund. »Jawohl, Stiller, wenn
+Sie Idealist es auch nicht gern hören, ewig wahr bleibt es doch: Speise und
+Trank bedarf der Sterbliche zuerst und vor allem, will er etwas leisten und
+fest auf seinen Füßen stehen. Hoffentlich munden uns Kost und Trank auf dem
+Mars. Also bis nachher!« Mit diesen Worten verschwand Piller in seinem
+Badezimmer. Stiller sowie die übrigen Herren folgten diesem Beispiele und
+plätscherten wenige Augenblicke später in dem angenehm erwärmten Wasser
+ihrer geräumigen marmornen Badewanne.
+
+Wunderbar gestärkt durch das Bad und eingehüllt in ihre frischen, bequemen
+Kleider, fanden sich die Gelehrten eine halbe Stunde später in dem hohen,
+luftigen Speisesaale des Hauses zusammen. Die Decke dieses Saales trug
+farbenprächtige Gemälde in Medaillenform, die Fenster wiesen edle
+Glasgemälde auf, und der Boden bestand aus Platten von verschiedenfarbigem
+Marmor. In der Mitte des Saales stand der Tisch, gedeckt mit blankem
+Silbergerät. Auch Teller und Pokale waren aus demselben kunstvoll
+verarbeiteten Edelmetalle hergestellt. Auf Fruchtschalen aus feinstem
+Kristallglas lagen die herrlichsten Früchte, und aus geschliffenen Karaffen
+funkelte verlockend eine klare, goldgelbe Flüssigkeit. Schwere Armstühle
+aus schwarzem, eigenartigem Holze mit vergoldeten Lehnen standen um den
+Tisch.
+
+»Das nenne ich fürstliche Pracht,« rief entzückt Frommherz, nachdem er im
+Saale und auf dem Tische Umschau gehalten hatte. »Hier, Freunde, wollen wir
+uns niederlassen, hier ist es gut sein! Der Erde fern und doch dem
+Paradiese nahe.«
+
+»Nun, Sie scheinen mir ganz in Verzückung geraten zu sein,« meinte lächelnd
+Hämmerle.
+
+»Lassen Sie unsern Frommherz phantasieren! Ich meinerseits bin auf das
+Essen gespannt,« sprach, sich am Tische niederlassend, der nüchterne
+Piller. »Sechzig Millionen Kilometer von unserer Erde entfernt, wird man
+wohl hier oben einen andern Speisezettel haben als bei uns unten am Strande
+des Neckars.«
+
+»Stiller, Sie setzen sich als Präses oben hin,« entschied Brummhuber, als
+Professor Stiller in gewohnter bescheidener Weise sich zwischen den andern
+Kollegen niederlassen wollte.
+
+»Natürlich!« pflichtete Professor Piller bei. »Ehre, wem Ehre gebührt!
+Unser Freund Stiller hat seine Sache bis jetzt ganz ordentlich gemacht, er
+stehe deshalb auch ferner unserer Korona vor!« Mit diesen Worten goß er
+sich von dem Inhalt der vor ihm stehenden Karaffe etwas in seinen Pokal ein
+und hielt ihn prüfend an die Nase.
+
+»Hm . . . hm! Der Trank riecht wirklich nicht übel . . . hat feines
+Bouquet.« Vorsichtig nahm er einen Schluck.
+
+»Es ist Wein, tatsächlich Wein und zwar so eine Art Trockenwein, beinahe
+wie Sherry, nur noch bedeutend feiner und milder,« entschied Piller,
+nachdem er getrunken. »Von schlechten Eltern stammt er nicht, aber mein
+Zuckerle ist entschieden süffiger als dieser Marstropfen. Immerhin, er kann
+bleiben, wie er ist; lieber solchen Wein als gar keinen!«
+
+»Seien Sie froh, Piller, Sie Alkoholiker, daß Sie überhaupt etwas zu
+trinken haben! Wir sind doch wahrlich nicht des Weines wegen nach dem
+fernen Mars gekommen!« warf Professor Dubelmeier ein. »Ihr ewiger Durst und
+Ihre unstillbare Sehnsucht nach dem Zuckerle hätten Sie eigentlich da unten
+auf der Erde festhalten sollen.«
+
+»Schweigen Sie, Sie fanatischer Anhänger des Göppinger Wassers!« rief
+Piller voll Grimm. »Was verstehen Sie denn von . . .«
+
+Aber Professor Stiller ließ den Zornigen nicht ausreden. Er erhob sich.
+»Meine lieben Freunde! Ich bitte um Ruhe und Frieden und wünsche Ihnen
+allerseits einen recht gesegneten Appetit zu dem bevorstehenden Mahle.
+Weihen wir unserer glücklichen Ankunft auf dem Mars den ersten Schluck! Der
+zweite soll dem Gedenken an unsere engere und weitere Heimat, dem lieben
+Schwabenlande und Deutschland, gelten. Bitte, füllen Sie ihre Pokale und
+tun Sie mir Bescheid!«
+
+»So, das laß ich mir gefallen,« brummte Piller; »Stiller ist wirklich ein
+vernünftiger Knabe.«
+
+»Und nun, meine Freunde, setzen wir uns zum Mahle!« Nach dem Beispiele des
+Alten von vorhin klatschte Herr Stiller in die Hände, und herein traten
+sieben Diener, für jeden Herrn einer. Sie trugen Platten in den Händen, auf
+denen wohlriechende Fische lagen. Herrn Pillers Zorn verrauchte schnell
+angesichts der warmen, so einladenden Speise. Er und die übrigen Herren
+langten tüchtig zu. Alle waren darüber des Lobes voll, daß die Fischspeise
+ausgezeichnet geschmeckt habe.
+
+Auf den Fisch folgten einige eigenartige, aber äußerst schmackhaft
+zubereitete Mehlspeisen, dann Gemüse, Obst und Backwerk.
+
+Als das Frühstück beendet war, füllte Piller seinen Pokal mit dem
+goldschillernden Wein, rückte seinen Stuhl etwas vom Tische zurück und
+stand auf.
+
+»Silentium, meine Herren!« Die laute, anregende Unterhaltung der Herren
+verstummte und machte einer aufmerksamen Stille Platz. »Meine lieben
+Freunde und Genossen! Ich erfülle nur einen Akt der Pflicht,« hub Piller
+an, wurde aber plötzlich von seiner Rede abgelenkt, als sich von außen her
+zuerst unendlich zarte, wundervolle Töne hören ließen, die nach und nach in
+mächtige Akkorde übergingen. Es war Musik, ein Spiel, so feierlich und
+schön, daß die Herren unter dessen Banne ruhig, fast unbeweglich an ihren
+Plätzen verharrten, um durch kein auch noch so leises Geräusch die
+ergreifenden Töne zu stören, die mit ihren Klängen aus der Gegenwart
+emporzuheben schienen zu jenen blauen, seligen Gefilden der unbegrenzten
+Freude. Leise, einem Flüstern gleich, erstarben nach und nach die Akkorde.
+
+»So empfängt uns der Mars!« rief in heller Begeisterung Professor Stiller,
+als die Musik geendet hatte. »Kann es einen schöneren und zugleich
+erhebenderen Willkommen für uns hier oben geben als dieses göttergleiche
+Saitenspiel?«
+
+»Nein, gewiß nicht!« erwiderten die Gefährten einstimmig und voll
+Begeisterung. Dann eilten sie an die Fenster des Saales, um nach den
+Veranstaltern des hohen Genusses Umschau zu halten. Ein Dutzend
+Harfenspieler waren es, die sich da langsam und würdevoll mit ihren
+Instrumenten von der Terrasse des Hauses entfernten.
+
+»Piller, das war entschieden ein schönerer und edlerer Ohrenschmaus, als es
+die Rede gewesen wäre, die Sie im Begriffe waren, uns zum besten zu geben,«
+foppte Dubelmeier den Freund.
+
+»Was wissen Sie denn, was ich zu sagen hatte! Die Rede bekommen Sie
+übrigens über kurz oder lang doch einmal zu hören. Aber danken Sie es der
+eben gehörten Musik, die mein Gemüt so friedlich gestimmt hat, daß ich auf
+Ihre Herausforderungen nicht so antworte, wie Sie es verdienen, Sie -- Sie
+unverbesserlicher Wasserphilister.«
+
+Die Herren lachten über den Disput der beiden Gefährten, die sich im Grunde
+ihres Herzens trotz allen Reibereien sehr zugetan waren.
+
+Von mehreren ehrwürdigen Männern begleitet, erschien der Greis wieder im
+Rahmen der großen Türe des Saales. Ein Lächeln huschte über das ernste,
+ausdrucksvolle Gesicht des alten Mannes, als er die sieben Fremden wieder
+erblickte, die da, ähnlich gekleidet wie er, achtungsvoll vor ihm standen.
+Der Greis neigte leicht den Kopf zum Zeichen des Grußes und lud die Herren
+durch eine Handbewegung ein, ihm zu folgen. Es ging den Weg zurück, den sie
+diesen Morgen gekommen waren.
+
+»Am Ende werden wir gleich wieder dahin abgeschoben, wo wir hergekommen
+sind,« bemerkte besorgt Professor Frommherz.
+
+»Darüber brauchen Sie sich nicht zu ängstigen,« erwiderte Professor
+Stiller. »In diesem Falle wären wir nicht so liebenswürdig aufgenommen
+worden.«
+
+Die Gesellschaft war nun auf der Wiese angelangt, auf der sich der
+Weltensegler kaum merkbar am Ankerkabel bewegte. Der Alte gab den Herren zu
+verstehen, daß sie ihr Eigentum aus der Gondel herausnehmen sollten. Zu
+diesem Zwecke und der besseren Verständigung wegen stieg der Greis mit
+seiner Begleitung die Strickleiter zur Gondel hinauf und brachte aus ihr
+verschiedene Dinge herab, die den Erdmenschen gehörten. Nun begriffen diese
+den Greis.
+
+»Sehen Sie, daß ich recht hatte?« Mit diesen Worten wandte sich Stiller an
+seinen Kollegen Frommherz. »Man kommt doch nicht von der Erde zu so
+freundlichen, gastfreien Menschen, wie es die Marsbewohner zu sein
+scheinen, um gleich wieder kehrtmachen zu müssen. Übrigens könnten wir in
+unserer jetzigen Verfassung an eine sofortige Rückkehr überhaupt nicht
+denken.«
+
+»Vor dieser bewahre uns für immer der Himmel in Gnaden!« antwortete
+Frommherz, emsig damit beschäftigt, seine Habseligkeiten zusammenzupacken.
+
+Bald nachher war das bescheidene Gepäck der Marsreisenden unten auf dem
+Boden. Mit Aufmerksamkeit betrachtete der Greis die verschiedenen
+Instrumente, die da zum Vorschein kamen. Ganz besonderes Interesse erregte
+bei ihm das Fernrohr. Stiller suchte ihm dessen Gebrauch klarzumachen. Aber
+der Greis schüttelte zu diesen stummen Auseinandersetzungen nur den Kopf
+und wies endlich mit der Rechten nach einem fernen Bau, dessen
+kuppelförmiges Dach der Professor jetzt zum erstenmal erblickte.
+
+»Beim Zeus, die haben ja hier oben auch eine Sternwarte und zwar in
+nächster Nähe!« rief Stiller erfreut. »Freunde, da müssen wir noch heute
+abend hingehen, um von dort aus unsere Mutter Erde in weiter Ferne als
+leuchtenden Stern erster Größe betrachten und bewundern zu können.«
+
+Stiller machte dem Greise diesen Wunsch sofort begreiflich. Er deutete
+zuerst nach dem Himmel, dann auf sein Fernrohr und schließlich auf die
+Kuppel des Gebäudes. Endlich entnahm er seinem Gepäck eine große
+Himmelskarte, die er entfaltete. Mit dem Zeigefinger der Rechten wies er
+auf die Planeten hin, deren Bahnen um die Sonne auf einem besonderen
+Abschnitt der Karte verzeichnet waren. Nun verstand ihn der Greis sofort
+und nickte bejahend mit dem Kopfe. Jetzt suchte ihm auch der Professor
+begreiflich zu machen, woher er und seine Gefährten gekommen seien. Er
+zeigte auf die eingezeichnete Erde, dann auf die sie umschließende Bahn des
+Mars, auf diesen selbst, endlich auf das Luftschiff. Ein lauter Ton des
+Erstaunens kam über die Lippen des Greises. Er hatte Professor Stiller
+vollkommen verstanden und reichte ihm zum erstenmal mit Worten, die wie ein
+herzliches Willkommen klangen, die Hand, die dieser warm, drückte.
+
+Der Greis übersetzte seinen Begleitern, was der Fremde ihm da in seiner
+stummen Zeichensprache erklärt hatte, und auf den offenen, ehrlichen
+Gesichtern trat ein gewisser Ausdruck der Achtung vor den kühnen Fremden,
+die so weit hergekommen waren, hervor. Die Weltensegler wurden wieder in
+ihr Heim zurückgeführt, in dem sie sich mit den aus ihrer Heimat
+mitgebrachten Sachen häuslich einzurichten begannen. Darüber war es spät am
+Mittag geworden. Keine lästige Neugier hatte die Herren bei ihrer
+Einrichtung gestört. Mit unendlichem Behagen streckten sie sich nach
+Beendigung dieser Arbeit auf die weichen Ruhebetten in ihren Zimmern, um in
+dem so lange entbehrten Genusse eines ausgezeichneten Lagers kurze Zeit zu
+schwelgen.
+
+Inzwischen war die Tischzeit herangekommen. Das Mittagsmahl verlief ähnlich
+wie das Frühstück, nur war es reichlicher. Voll Befriedigung über die ihnen
+gebotenen Tafelfreuden wollten sich die Herren gerade erheben, als sie eine
+neue Überraschung an ihre Plätze bannte. Draußen, vom Hallenhofe des Hauses
+her, erschallte a capella der Gesang menschlicher Stimmen. Es war ein Lied
+voll Innigkeit und Tiefe. Die tongewordene Barmherzigkeit selbst schien es
+zu sein, die da an die Herzen der Gelehrten so mächtig pochte, daß sie ihre
+große Ergriffenheit nur schlecht zu bemeistern vermochten. Als das Lied
+verklungen war, wischten sich einige der Herren verstohlen die Tränen aus
+den Augen.
+
+»Darauf muß ich noch einen Schluck nehmen,« erklärte Piller, seinen Pokal
+füllend. »Seelische Erregungen rufen bei mir das Bedürfnis nach materieller
+Stärkung hervor. Dubelmeier, schneiden Sie kein so sonderbares Gesicht; tun
+Sie mir lieber Bescheid!«
+
+»Bewahre mich der Himmel davor, diesen hehren Augenblick durch Alkohol zu
+entweihen!«
+
+»Ganz wie Sie wollen, lieber Dubelmeier!« erwiderte Piller gegen seine
+sonstige Gewohnheit milde.
+
+Die Gelehrten verließen das Haus, um den schönen Abend zu einem Spaziergang
+zu benützen und die Gegend etwas näher kennenzulernen, die voraussichtlich
+längere Zeit ihren Wohnort bilden würde. Auf diesem Spaziergange wurde es
+ihnen mehr und mehr klar, daß ihr Luftschiff in der Nähe einer viel
+größeren Niederlassung gelandet war, als sie anfänglich geglaubt hatten. Es
+mußte eine Art von Stadt sein; denn trotz des garten- oder parkartigen
+Charakters des Ganzen bewiesen die vielen Häuser, die stets allein für sich
+standen, daß hier eine verhältnismäßig dichte Bevölkerung vorhanden sein
+müsse.
+
+In dieser Auffassung wurden die Herren auch durch die zahlreichen Menschen
+unterstützt, die sie noch mit den verschiedensten Arbeiten beschäftigt
+antrafen. Niemand war hier untätig. Die Hast aber schien ein unbekannter
+Begriff zu sein, denn bei aller Arbeit trat ein gewisses Maß vornehmer Ruhe
+hervor. Wie wohltuend stach diese gegen das lärmende Treiben der Menschen
+auf der Erde ab! Überall, wohin auch die Gelehrten ihre Blicke richteten,
+erschien ein gleichmäßig verteilter Wohlstand; selbst die relative Armut
+mußte hier unbekannt sein. Nicht nur in den Häusern, deren offene Hallen
+dem neugierigen Auge ungehinderten Einblick gestatteten, nein, auch um die
+Wohnungen herum, auf allen Wegen und Stegen herrschte eine geradezu
+peinliche Sauberkeit.
+
+Ihr Spaziergang führte die Herren auch an den breiten Strom, den sie heute
+in der Frühe des Tages vom Luftschiff aus gesehen hatten. Es mußte einer
+der berühmten Marskanäle sein; denn soweit sie sehen konnten, war der Strom
+kunstvoll eingedämmt, schnurgerade seine Ufer. Eine kühn geschwungene
+steinerne Brücke, auf vielen Pfeilern ruhend, ein architektonisches
+Meisterwerk, führte hinüber an das andere Ufer. Auf dem Mars schien alles
+unter dem Zeichen gemessener Ruhe zu stehen: auch die klaren, hellgrünen
+Gewässer des mächtigen Kanales flossen still und ruhig dahin und trugen auf
+ihrem Rücken eine Menge geschmackvoll gebauter Schiffe.
+
+An der Brücke lag ein Schiff, aus dem einige Männer Platten verschieden
+gefärbten Marmors, Blöcke von Granit und Syenit ans Ufer schafften und zwar
+mit einer Leichtigkeit, die auf die sieben Schwaben geradezu verblüffend
+wirkte. Sollten diese Marsbewohner über ungewöhnliche Körperkräfte
+verfügen, eine Art Athleten sein?
+
+»Welch großartig entwickelten Brustkorb diese Leute haben! Sehen Sie einmal
+genauer hin!« Mit diesen Worten zeigte Piller auf die Arbeiter. »Es ist mir
+heute früh schon aufgefallen, wie herrlich gebaut und wie breitschultrig
+diese Menschen hier sind. Auch die Kinder zeichnen sich in dieser Beziehung
+gegenüber den unsern auf der Erde vorteilhaft aus. Die reinste Züchtung
+einer lungenstarken Rasse, die der Schwindsucht kaum zugänglich sein
+dürfte,« fuhr Piller fort.
+
+Unterdessen war Brummhuber zu den arbeitenden Marsiten getreten und
+versuchte, eine der Steinplatten zu heben.
+
+»Mir kommt dieser Marmor merkwürdig leicht vor. Sollte es vielleicht eine
+andere Art von Stein sein als bei uns?« rief er fragend seinen Gefährten
+zu.
+
+Diese kamen, neugierig geworden, näher und untersuchten die Steine.
+
+»Nein, es ist tadellos schöner Marmor. Betrachten Sie nur das feine Korn
+und die zartgefärbten Adern, die ihn durchziehen!« entgegnete Piller nach
+eingehender Prüfung.
+
+»Und dieser prächtige rote Stein hier ist bester Syenit, oder ich müßte
+geradezu kein mineralogisches Unterscheidungsvermögen mehr besitzen,« warf
+Herr Hämmerle ein, der an dem Steine herumgeklopft hatte.
+
+»Versuchen wir einmal, die Steine zu heben!« entschied Piller.
+
+»Richtig, die scheinen hier oben ein geringeres spezifisches Gewicht zu
+haben als unten bei uns. Nun begreife ich, warum diese Leute die Lasten so
+leicht zu heben vermögen. Woher das wohl kommen mag? Wissen Sie vielleicht
+die Ursache, Stiller?«
+
+»Der Grund dieser Erscheinung liegt meines Erachtens in der Dichtigkeit des
+Mars, die nur o,7 von der der Erde beträgt,« antwortete Herr Stiller.
+
+»Nun geht mir auch ein Licht auf, warum mir heute bei unserm Mahle die
+Pokale, unsere Silbergeräte überhaupt, so eigentümlich leicht vorkamen,«
+fügte Thudium bei. »Ich hatte aber keine Zeit, über diese auffallende
+Erscheinung nachzudenken, denn die Musik nahm mich zu sehr gefangen.«
+
+»So ging es auch mir,« bestätigte Stiller.
+
+»Und wie steht es mit der Dichtigkeit der Marsatmosphäre?« forschte
+Frommherz. »In dieser Beziehung finde ich keinen Unterschied gegenüber
+unserer Heimatluft im Sommer. Im Gegenteil, ich atme leichter, freudiger
+hier oben als unten.«
+
+»Der Luftkreis, der diesen Planeten umgibt, ist von bedeutend geringerer
+Höhe als der unserer Erde. Denken Sie sich bei uns auf einen Berg von
+mäßiger Höhe gestellt, so wird die etwas dünnere Luft dort ungefähr der
+hier entsprechen. Unsere Erdbarometer sind leider nicht für den Mars so
+verwendbar, daß wir zu ganz sichern Vergleichen und Schlüssen kommen
+könnten,« entgegnete Stiller.
+
+»Sei dem wie ihm wolle! Aus Ihren Worten kann ich mir auch ganz ungezwungen
+die wunderbare Entwicklung des Brustkorbes unserer Marsfreunde erklären:
+Anpassung der Lungen an die äußeren Lebensbedingungen. So werden sich auch
+in derselben einfachen Weise andere Eigentümlichkeiten der Marsleute
+erklären lassen, die uns noch da und dort entgegentreten werden,« erwiderte
+Piller, sich in Marsch setzend, während die übrigen Herren seinem Beispiele
+folgten.
+
+»Übrigens, meine Freunde, haben Sie noch nicht die auffallend schönen Augen
+unserer Marsmenschen bewundert?« fragte Piller im Weiterschreiten.
+
+»Ihre Größe und ihr schöner Glanz stechen allerdings stark gegen Größe und
+Glanz der unsern ab. Ein merkwürdiges Leuchten geht aus diesen Spiegeln der
+Seele bei unsern Marsleuten hervor.«
+
+»Ganz richtig beobachtet, Stiller! Das satte Blau der Iris habe ich in
+dieser vollendeten Schönheit früher noch niemals gesehen. Es ist die
+Idealfarbe des edeln Auges. Und dieses lockige, reiche Haar! Wahre Zeus-
+und Junogestalten! Frommherz hatte heute recht mit seinem Vergleiche.«
+
+»Nicht wahr?« rief dieser erfreut über Pillers laute Anerkennung.
+»Körperlich wie geistig gleich hochstehende Menschen scheinen mir die
+Marsbewohner zu sein.«
+
+»Für diese Gegend wenigstens scheint Ihr Urteil zu stimmen nach dem, was
+wir heute erfahren haben,« erwiderte Stiller.
+
+Da die Sonne untergegangen war, so beschlossen die Herren aus dem
+Schwabenlande, für heute den Spaziergang zu beenden und in ihr Heim
+zurückzukehren. Dort wollten sie den Besuch des würdigen Greises erwarten,
+um von ihm auf die Sternwarte geführt zu werden. Sie befanden sich noch
+unterwegs, als die Nacht ihre dunklen Schwingen über die Landschaft
+auszubreiten begann. Im Osten wurde es hell und heller. Der Mond tauchte
+auf und warf sein klares Licht auf die stille, friedvolle Gegend.
+
+»Das ist der große Marsmond, Deimos genannt, der uns da leuchtet,« erklärte
+Professor Stiller seinen Gefährten. »Wenige Augenblicke nur, und Sie werden
+den zweiten Trabanten des Mars sehen, mit dem wir, wenn auch
+glücklicherweise höchst oberflächlich, letzte Nacht in peinliche Berührung
+gekommen sind.«
+
+Richtig, da kam auch der kleine Phobos über den Horizont gestiegen.
+
+»Welch prachtvolles Schauspiel!« rief voll Entzücken Stiller. »Wahrlich,
+die Marsbewohner brauchen keine künstliche Beleuchtung ihrer Nächte! Sie
+haben nicht nur jede Nacht vollen Mondschein, sondern sie besitzen auch
+gleich zwei Himmelsleuchten.«
+
+»Ein merkwürdiger Weltkörper, dieser Mars, fürwahr!« entgegnete Piller,
+einen Augenblick stehen bleibend und die beiden Monde betrachtend, deren
+fast taghelles Licht eigenartige, reizvolle Schattenbilder hervorbrachte.
+
+»Ein lebendig gewordenes Märchen. Das wäre wieder ein neuer Anlaß für Sie
+zu trinken, Piller,« spottete Dubelmeier.
+
+»Warum denn nicht, alter Freund, warum denn nicht? Es scheint mir aber nach
+dem, was wir heute schon erlebt haben, auf dem Mars so viel
+Bewunderungswürdiges zu geben, daß die Anlässe zum Trinken sich denn doch
+zu bedenklich mehren dürften. Mein Wahlspruch aber ist gleich dem des alten
+griechischen Weisen: Nichts zuviel!«
+
+Dubelmeier lachte laut auf.
+
+»Lachen Sie nicht so töricht, altes Wasserhuhn, und folgen Sie selbst
+lieber diesem Beispiele in Ihrer übertriebenen Wassertrinkerei! Das rate
+ich Ihnen schon vom Standpunkte der modernen Heilkunde aus.«
+
+»Die Monde kommen mir hier oben bedeutend größer vor als z. B. unten unser
+Trabant,« bemerkte Frommherz, die eingetretene Stille unterbrechend.
+
+»Nur Täuschung, mein Lieber!« erklärte Stiller. »Die Monde des Mars sind
+beträchtlich kleiner als der Mond unserer Erde, sie sind aber bedeutend
+näher am Hauptplaneten, als dies bei unserm Monde der Fall ist. Phobos hier
+ist vom Mars nur etwas über 9000 Kilometer, der große Deimos nicht mehr als
+etwa 23500 Kilometer entfernt. Daher kommt es, daß diese Trabanten des Mars
+so übermäßig groß erscheinen.«
+
+Unter diesen Gesprächen gelangten die Herren vor ihr stattliches Heim. Dort
+erwartete sie bereits ihr aufmerksamer Gastgeber, der ihnen heute schon so
+viel Gutes erwiesen hatte. Im Mondschein erschien den Herren die hohe
+Gestalt des Alten womöglich noch feierlicher als im Lichte des Tages, das
+lange, wallende weiße Haar noch silberner, glänzender.
+
+»Sieht er nicht aus wie ein Patriarch aus der alten jüdischen Zeit, in der
+Sittenreinheit und Einfachheit des Volkes herrlichste Tugenden waren?«
+fragte Professor Stiller leise seinen Kollegen Frommherz.
+
+»Wahrhaftig, Sie haben recht!« entgegnete dieser. »Nennen wir unsern Alten,
+dessen Namen uns noch unbekannt ist, einfach Patriarch. Diese Bezeichnung
+paßt prächtig auf ihn, hat er uns doch heute unter seinen väterlich milden
+Schutz genommen.«
+
+Nach einer kurzen, stummen Begrüßung geleitete der Alte die Erdensöhne nach
+dem mit einem Kuppelbau versehenen Hause. Der Weg dahin führte durch eine
+Art von Wald voll großer wohlgepflegter Bäume, auf deren dunkelgrünen,
+glänzenden Blättern die zitternden Strahlen der Monde ihr neckisches Spiel
+trieben. Millionen von Leuchtkäfern schwirrten in der weichen Nachtluft
+unter den Bäumen, und das bläulich schillernde Licht der lautlos
+dahinhuschenden Tiere machte den Eindruck kleiner, in rascher Bewegung
+begriffener Sternchen. Muntere Bächlein, über die zierliche Brücken
+führten, kreuzten oft den Weg.
+
+Der eigenartig schöne Weg hatte ungefähr eine Stunde Zeit in Anspruch
+genommen. Das in Form eines Rundbaus angelegte Gebäude trug in seinem
+Erdgeschoß eine Reihe von Büsten auf roten Marmorsockeln. Sie schienen die
+Männer darzustellen, die hier am Observatorium gewirkt hatten. Breite
+Stufen führten in den eigentlichen Beobachtungsraum hinauf, in dem einige
+Männer bereits an ihrer stillen Arbeit saßen. Der Patriarch mußte mit ihnen
+bereits Rücksprache genommen haben, denn sie erhoben sich sofort beim
+Eintritt der Fremden und luden diese durch freundliche Handbewegung ein,
+ihre Plätze einzunehmen.
+
+Stiller war von der gediegenen Pracht und Großartigkeit der gesamten
+Einrichtung überrascht. Wie gering erschien ihm dagegen seine Sternwarte da
+unten auf Stuttgarts Bopserhöhe! Er trat auf eines der Riesenteleskope zu,
+prüfte es kurz und gestand sich, daß dessen Linsen an Schärfe nichts zu
+wünschen übrig ließen, ja sogar alles übertrafen, was er in dieser
+Beziehung überhaupt bis jetzt kennengelernt hatte. Welch eine Summe von
+Intelligenz mußte auf dem Mars vorhanden sein, die so feine, auf genauester
+wissenschaftlicher Berechnung beruhende optische Arbeit auszuführen
+ermöglichte!
+
+Der Professor betrachtete aufmerksam den Himmel. Da und dort flammten
+Sternbilder und einzelne Sterne auf, die ihm bekannt waren. Ein auffallend
+großer, rotleuchtender Stern stand tief im Westen und erregte die vollste
+Aufmerksamkeit des Gelehrten. Es konnte nur ein Planet sein, der da
+funkelnd im unermeßlichen Weltraum hing, und möglicherweise war es der
+auffallenden Nähe wegen gar die Erde. Das Riesenfernrohr wurde daraufhin
+sorgfältig eingestellt. Die Vermutung Professor Stillers war richtig. Dank
+den unübertrefflich scharfen Linsen und der Reinheit der Marsatmosphäre
+erkannte er deutlich die Mutter Erde. Gut konnte er auf ihr die
+verschiedenen Meere und Kontinente unterscheiden. Vom Nordpol abwärts
+ließen sich sogar die Umrisse der einzelnen Länder gegen das Eismeer sowie
+gegen den Atlantischen Ozean hin feststellen, und das da, -- ja, jetzt
+hatte er es -- was sich jetzt zeigte, im Fernrohr scharf abzeichnete, mußte
+die Heimat, mußte dem ganzen Aussehen nach Deutschland sein.
+
+Voll freudiger Aufregung teilte Stiller seinen Gefährten die gemachte
+Beobachtung mit und lud sie ein, einen Blick auf das ferne teure Vaterland
+hinunterzuwerfen. Einer nach dem andern folgte dieser Aufforderung.
+
+»Unglaublich, aber wahr! Diese Fernsicht ist wirklich einzig in ihrer Art!
+Zum ersten Male sehen wir aus weiter, weiter Ferne die Erde und die
+Heimat,« rief Hämmerle begeistert.
+
+»Die Großartigkeit dieses Bildes wirkt geradezu feierlich,« äußerte
+Thudium.
+
+»So ist es auch,« bestätigte Piller.
+
+Die Astronomen vom Mars und der Patriarch, warfen nun ebenfalls
+nacheinander einen Blick durch das Teleskop. Sie wußten ja schon, woher die
+sonderbaren Fremden heute früh gekommen waren, und konnten aus ihrer
+Aufregung bei der Beobachtung eines bestimmten Teiles des fernen Gestirnes
+leicht schließen, daß dieser Teil, der sich augenblicklich im Gesichtsfelde
+des Fernrohres befand, die engere Heimat ihrer Gäste sein müsse.
+
+»Es ist jammerschade, daß wir uns mit den Kollegen hier nicht unterhalten
+können! Welch interessanter, gewinnbringender Meinungsaustausch käme dabei
+heraus!« sprach Stiller zu seinen Gefährten, als sie nach stummem Abschiede
+das Observatorium verließen.
+
+»Wir müssen in erster Linie so rasch wie möglich die Sprache der
+Marsbewohner erlernen. Ihre Kenntnis ist die unumgängliche Voraussetzung
+für unsere Forscherzwecke,« antwortete Hämmerle.
+
+»Wahr gesprochen, Meister der Sprachforschung!« erwiderte Piller, und auch
+die andern Herren nickten zustimmend mit dem Kopfe.
+
+Die beiden Trabanten des Mars standen nun als volle Monde am Himmel, als
+die Herren heimwärts schritten. Gewaltigen, übereinandergestellten
+Leuchtkugeln gleich, hingen sie oben am Himmel und warfen ihr
+silberglänzendes Licht über die stille Landschaft. Während Phobos, der
+innere, kleinere Mond, sich in rascher Bewegung von West nach Ost befand,
+zog der große, äußere Deimos, weniger hastend als sein Gefährte, auf
+stiller Bahn den umgekehrten Weg. Es war ein Anblick, so wunderbar und
+einzig in seiner Art, daß die Erdensöhne in lautes Entzücken über diese
+bezaubernde Mondnacht ausbrachen. Langsam schlenderten sie nach Hause und
+genossen in vollen Zügen die Wunder einer Marsnacht.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+Lumata und Angola
+
+
+Die folgenden Wochen verflossen für die Gäste des Patriarchen in angenehmem
+Verkehr mit diesem selbst und den Bewohnern der Marskolonie. Die Fremden
+waren aufs eifrigste bestrebt, sich mit ihren neuen Freunden sprachlich zu
+verständigen. Sie schrieben zunächst alle Bezeichnungen für die
+verschiedensten Dinge nieder, wie sie eben ihr Ohr vernahm. Hierauf
+brachten sie die Dinge mit ihrer Tätigkeit und ihren Eigenschaften in
+Verbindung und erhielten so auf diese einfache Weise nach und nach den
+Schlüssel zur Sprache selbst. Ging auch die Verständigung anfänglich sehr
+langsam und mühsam von statten, so gewährte ihnen doch das allmähliche
+Begreifen der klangvollen Sprache viel Freude und lohnte ihnen dadurch die
+große Mühe wieder, die sie für ihr Studium aufwenden mußten.
+
+Alles geht in der Welt der Menschen nur schrittweise vorwärts; nirgends
+marschiert der wahre Fortschritt mit Siebenmeilenstiefeln. Die Wahrheit
+dieses Satzes erfuhren die sieben gelehrten Schwaben nicht nur an sich
+selbst bei ihren Studien, sondern konnten sie auch bei den Marsbewohnern
+beobachten. Waren sie auch erst kurze Zeit da und in ihren Bewegungen auf
+einen verhältnismäßig kleinen Raum beschränkt gewesen, so konnten sie sich
+doch unschwer davon überzeugen, daß die Bewohner des Mars eine ganz
+bedeutende Höhe in der Kultur erreicht hatten, die nur das Ergebnis einer
+jahrtausendelangen geistigen Entwicklung sein konnte.
+
+In dem Maße, wie die Herren im Verstehen ihrer Umgebung vorwärts schritten,
+wuchs auch ihre Bewunderung und Wertschätzung dieser in jeder Beziehung so
+hochstehenden Menschen. Immer mehr drängte sich ihnen die Überzeugung auf,
+daß die Masse der Marsbewohner, wenigstens die, deren Gäste sie waren, in
+idealster Weise als Menschen das erfüllte, was auf der Erde nur die Besten
+und Edelsten, also immer nur vereinzelte Individuen, leisteten.
+
+Was sie selbst vom Schönen, Wahren und Guten unten auf der Erde geträumt
+hatten, hier oben fanden sie alles in die Wirklichkeit umgesetzt; denn
+überall und in allem offenbarte sich ihnen die wunderbarste Harmonie, alles
+atmete Schönheit, Güte und Wahrhaftigkeit, und das ganze Leben trug den
+Stempel vornehmer, ruhiger Tätigkeit. Zweifellos mußte eine weise Regierung
+dieses große Staatswesen leiten, obwohl die Herren von Behörden, wie sie
+sich unten in der Heimat breit machten, hier oben nicht das geringste
+wahrnahmen.
+
+Ob dieses Lebensbild voll Licht und Schönheit wohl auch seine Schatten,
+seine dunkle Seite hatte? Diese Frage wurde von den Herren am Abend bei der
+gemeinsamen Unterhaltung im großen Bibliotheksaale ihres Heims wiederholt
+aufgeworfen. Ihre endgültige Beantwortung mußte aber immer wieder
+verschoben werden, denn die Meinungen liefen schließlich stets darauf
+hinaus, daß man erst die Sprache vollständig beherrschen müsse, bevor man
+sich ein abschließendes Urteil bilden könne. Hier oben auf dem Mars lag
+eben alles anders als auf der Erde.
+
+Die sieben Schwaben fühlten sich in ihrem neuen Wohnorte außerordentlich
+wohl, so wohl, daß sie an die Möglichkeit einer Rückkehr gar nicht mehr zu
+denken schienen. Wenigstens äußerte sich keiner der Herren mehr darüber.
+Von den Marsiten, wie sie die Marsbewohner nannten, wurden sie wie liebe,
+alte Freunde, ganz wie ihresgleichen behandelt, und die Gastfreundschaft
+wurde ihnen gegenüber in so zartfühlender Weise geübt, daß sie die
+Empfindung von etwas Drückendem gar nicht aufkommen ließ, im Gegenteil zu
+frohem Genusse förmlich einlud.
+
+Auch der Weltensegler hatte unterdessen zweckmäßige Unterkunft gefunden.
+Eine geräumige, mit Glas bedeckte, aus Eisen luftig konstruierte Halle war
+in aller Stille auf der Wiese errichtet worden, auf der das Luftschiff
+niedergegangen war. In dieser Halle war das Fahrzeug untergebracht worden.
+Die verschiedenen großen und kleinen Schäden am Ballon wie an der Gondel
+hatten die Marsiten in so meisterhafter Weise ausgebessert, daß Herr
+Stiller zuerst sprachlos vor Erstaunen darüber war. Die Leute hier oben
+kamen ihm in ihrer Geschicklichkeit und Erfahrung in den schwierigsten
+Dingen der Aeronautik wie Zauberer vor. Wenn schon die Techniker auf dem
+Mars so viel Wissen und Können offenbarten, wie es die schwierigen
+Reparaturen des Weltenseglers erforderten, um wieviel verblüffender mußten
+die Ergebnisse der forschenden Wissenschaft sein! Wie viel konnten sie
+selbst hier noch lernen! Diese Aussicht enthielt so viel Verführerisches,
+daß Stiller kaum die Zeit erwarten konnte, die ihm und seinen Gefährten den
+näheren Verkehr mit den Männern der Wissenschaft, mit ihren Marskollegen,
+bringen sollte.
+
+Die Frage, wie sie die ihnen erwiesene Gastfreundschaft ausgleichen
+könnten, beschäftigte Schwabens Söhne oft; denn das war den Herren klar,
+daß sie sie auf die Dauer nicht ohne Gegenleistung genießen durften. Sie
+beschlossen daher, sich später in irgendeiner Weise, jeder nach seinem
+Berufe, den Marsiten nützlich zu machen, ihre dankbare Anerkennung in einer
+passenden Form zum Ausdruck zu bringen. Das einstweilen noch unklare Wie
+würde sich möglicherweise eines Tages von selbst ergeben.
+
+Die Zeit verging. Sie brachte ihnen mancherlei weitere Erfahrungen und
+Einblicke in die eigenartig neue Welt, die sie umgab. Zunächst konnten sie
+feststellen, daß ihr Wohnort auf der nördlichen Halbkugel des Mars lag, und
+zwar auf dem fünfzehnten Breitengrade. Da der eigentliche Tropengürtel des
+Mars gegenüber dem der Erde nur die Hälfte beträgt, so lag der fünfzehnte
+Grad nördlicher Breite hier bereits in der subtropischen Zone. Die
+gemäßigte Zone des Mars reichte nördlich wie südlich nur bis zum
+fünfunddreißigsten Breitengrade. Über diesen Grad hinaus begann die kühle
+Region. Während diese nur spärlich und nur von einer bestimmten Klasse von
+Marsbewohnern bevölkert war, wie den Gelehrten mitgeteilt wurde, lebte die
+Hauptmasse der Marsiten innerhalb der fünfunddreißig Breitengrade nördlich
+und südlich vom Äquator. Es war also ein verhältnismäßig kleiner Raum des
+Planeten, der bewohnt und wirklich kultiviert wurde, er genügte aber
+vollständig, um der auf nur zweihundertundfünfzig Millionen geschätzten
+Bewohnerzahl des Mars eine gute Existenz zu gewähren.
+
+Daß diese Existenz an die Riesenkanäle gebunden sein müsse, hatten die von
+Professor Stiller und andern Forschern schon früher angestellten
+Marsbeobachtungen vermuten lassen. Diese Vermutungen wurden jetzt zur
+Gewißheit, als Professor Stiller in der Lage war, die elementarsten
+Lebensbedingungen des Mars persönlich zu erforschen.
+
+Die Atmosphäre des Mars war der der Erde ähnlich. Da es aber auf dem Mars
+nur kleinere Ozeane und Binnenmeere gab, so enthielt der Luftkreis, der
+diesen Planeten umschloß, im allgemeinen weniger Wasserdampf oder
+Feuchtigkeit als die Erdatmosphäre. Eine wunderbar klare, durchsichtige
+Luft, die die fernsten Gegenstände nähergerückt erscheinen ließ, ein tief
+dunkelblauer Himmel waren die natürlichen Folgen dieser Tatsache,
+gleichzeitig aber auch ein gewisser Mangel an starkem Regen. Wohl taute es
+in den herrlich kühlen Nächten so reichlich, daß dadurch die Pflanzenwelt
+in schönster Frische erhalten wurde, aber dieser Niederschlag allein
+genügte nicht den Ansprüchen der Pflanzen an Wasser. So waren die
+Marsbewohner im Kampfe um ihre Existenz gezwungen, diesen natürlichen
+Mangel durch die Kunst auszugleichen. Auf diese Weise entstanden die
+Kanäle, die sich bis zu den polaren Zonen hinzogen und von diesen das im
+Sommer abschmelzende Wasser der dort abgelagerten gewaltigen Eismassen nach
+allen Richtungen hin leiteten.
+
+Schon die ganze großartige Ausführung dieser uralten, Tausende von
+Kilometer langen Wasserstraßen, die da und dort in Riesenseen, künstlichen
+Zentralsammelbecken, zusammenflossen, die Art und Weise ihrer sorgfältigen
+Instandhaltung zeigte allein schon den hohen Grad von Intelligenz und den
+Gemeinsinn der Marsbewohner.
+
+Die Regelung des Wasserstands war genau dem Bedarf und der Jahreszeit
+angepaßt. Dank dieser Einrichtung und der Unmasse kleiner Wasseradern, die
+sich überallhin abzweigten, herrschte nie Wassermangel auf dem Mars. Die
+Folge davon war jener üppige, prachtvolle Pflanzenwuchs, den die Schwaben
+immer und immer wieder bewundern mußten. Dazu kam das völlige Fehlen wilder
+Tiere, giftiger Reptile und gefährlicher Insekten. Es war ein Eldorado, in
+das die Erdensöhne geraten waren, und auf das die Worte Homers trefflich
+paßten:
+
+ »Wo in behaglicher Ruhe den Menschen das Leben dahinfließt:
+ Dort ist kein Schnee, kein schneidender Sturm, kein strömender Regen,
+ Sondern der Ozean sendet empor zur Erquickung der Menschen
+ Immer den luftigen Hauch des frisch hinwehenden Zephyrs.«
+
+Und diese zahlreichen Wasserstraßen waren zugleich auch die besten und
+einfachsten Verbindungswege der Marsbewohner untereinander. Kein Wunder
+daher, daß sich auf den Kanälen ein lebhafter Schiffsverkehr abwickelte.
+Aber die auf den klaren Fluten der tiefen Wasserläufe dahinziehenden
+Schiffe verdarben die köstliche Luft nicht durch qualmende Schornsteine.
+Sämtliche Fahrzeuge, mochten sie nun für Personen- oder Lastenbeförderung
+bestimmt sein, wurden durch Elektrizität in Bewegung gesetzt und
+vermittelten den Verkehr in ruhiger und rascher Weise.
+
+Auf diesen ebenso zweckmäßig wie bequem und gefällig eingerichteten
+Fahrzeugen hatten die sieben Schwaben schon so manche weite Reise
+ausgeführt. Sie hatten dabei aber das übrige Land und seine Bewohner nur
+flüchtig kennengelernt, weil diese Fahrten eben hauptsächlich zur
+allgemeinen Orientierung unternommen worden waren. Was sie aber sahen, das
+verstärkte nur ihre ersten guten Eindrücke und befestigte ihre Überzeugung,
+sich in einem großangelegten Staatswesen von tadelloser Verwaltung zu
+befinden. Nicht nur waren die Marsbewohner trotz der Verschiedenheit der
+Zonen überall gleichartig, d. h. sie sprachen dieselbe Sprache und schienen
+auch unter ähnlichen sozialen Lebensbedingungen zu stehen wie ihre Brüder
+in Lumata, -- so hieß die Kolonie, in der die Herren aus dem Schwabenlande
+angesiedelt waren, -- sondern an all den vielen verschiedenen Orten, die
+die Fremden besuchten, fiel diesen auch eine gewisse Gleichmäßigkeit des
+Besitzes auf, und sie empfanden das völlige Fehlen wirklicher Dürftigkeit
+oder Armut sehr angenehm.
+
+Die geologische Beschaffenheit des Mars glich der der Erde. Den
+kristallinischen Massengesteinen standen die Sedimentformationen gegenüber,
+die in ähnlicher Weise übereinander gelagert waren wie auf der Erde. Die
+geologische Entwicklungsgeschichte des Mars schien also mit der Erde
+übereinzustimmen, nur hatte der Mars seine Entwicklungsphasen offenbar
+schneller und früher durchgemacht als diese. Dafür sprach auch das Fehlen
+von aktiven Vulkanen. Dagegen war der Mars reich an heißen Quellen aller
+Art; an Fumarolen (d. h. Bodenöffnungen auf vulkanischem Gesteine, aus
+denen Wasserdämpfe ausströmen, die oft mit chemischen Verbindungen beladen
+sind) und an Mofetten (Kohlensäure ausströmenden Gasquellen) war auch kein
+Mangel.
+
+Große Städte, wie sie in den sogenannten Kulturstaaten der Erde zu finden
+sind, gab es auf dem Mars nicht. Es bestanden lediglich kleinere oder
+größere Gruppierungen von Häusern, die aber überall frei für sich im Grünen
+lagen. Nur an einem großen See, zwei Tagereisen von Lumata nach Süden zu,
+hatten die Schwaben den einzigen Anklang an eine Stadt gefunden. Dort war
+eine größere Kolonie mit zahlreichen architektonisch hervorragenden Bauten,
+die sich an regelmäßig angelegten Straßenzügen erhoben. Eine Stadt von
+Palästen, wirkte sie namentlich durch die vornehme Ruhe, die in ihr
+herrschte, durch ihre peinliche Sauberkeit und den Glanz und die Pracht
+ihrer öffentlichen Gärten.
+
+Die Erdensöhne konnten mit ihren noch mangelhaften Sprachkenntnissen nur so
+viel herausbekommen, daß dieser Ort, Angola mit Namen, der Zentralsitz der
+Stämme der Weisen, der Heitern und der Ernsten sei. Was waren aber das für
+Stämme? Nach Hause zurückgekehrt, befragten sie hierüber Eran, den
+Patriarchen. Dieser lächelte eigentümlich bei der Frage und erwiderte den
+neugierigen Herren, daß er sie später selbst einmal nach Angola führen
+werde, um sie mit seinen Brüdern dort bekannt zu machen, die übrigens von
+ihrer Anwesenheit in Lumata sowie von ihrer Herkunft und ihrer Reise nach
+dem Mars längst unterrichtet seien.
+
+Anfangs waren die Tübinger Herren von ihren Ausflügen, dem Niederschreiben
+ihrer täglichen Beobachtungen und gewonnenen neuen Eindrücke und dem
+Erlernen der Sprache vollständig in Anspruch genommen. Aber nach und nach
+begann in ihnen doch eine gewisse Sehnsucht nach dem alten, trauten, ihnen
+zur zweiten Gewohnheit gewordenen Berufe zu erwachen, den sie mit so großem
+Erfolge in ihrer Heimat ausgeübt hatten. An ernste, rege Tätigkeit gewöhnt,
+kam ihnen das angenehme und ideal schöne Leben auf dem Mars mehr und mehr
+wie eine Art Schlaraffentum vor. Die Mühseligkeiten der Herreise verblaßten
+immer mehr in der Erinnerung, je länger sie sich auf dem Mars befanden.
+
+Schon war ein ganzes Jahr vergangen, seit sie vom Cannstatter Wasen aus
+ihre Marsfahrt angetreten hatten. Aber während unten auf der heimatlichen
+Erde der Winter mit Schnee und Kälte vor der Türe stand, herrschte hier
+oben in Lumata ein ewiger Frühling, obgleich die Marsiten die Jahreszeit,
+in der sie sich gerade befanden, ebenfalls als die vorgerücktere
+bezeichneten.
+
+War es nur Zufall, daß die sieben Schwaben auch auf dem Mars in den
+wichtigsten Einteilungen der Siebenzahl begegneten? Herr Stiller konnte
+sich diese auffallende Tatsache nicht erklären und begnügte sich damit, sie
+festgestellt zu haben.
+
+Auf dem Mars wurde das Jahr in sieben Abschnitte geteilt, die die Tätigkeit
+wie auch die Ruhe der Natur zum Ausdruck brachten. Nach Erdenmaß gerechnet
+umfaßte ein solcher Zeitabschnitt die ungefähre Zahl von zweiundfünfzig
+Tagen. Die einzelnen Perioden hießen:
+
+1. Die Zeit des Erwachens.
+
+2. Die Zeit der Saaten.
+
+3. Die Zeit des Knospens und der Blüten.
+
+4. Die Zeit der Früchte.
+
+5. Die Zeit der Garben.
+
+6. Die Zeit der Ernten oder Freuden.
+
+7. Die Zeit der Ruhe.
+
+Nach und nach hatten die Erdensöhne so bedeutende Fortschritte in der
+Marssprache gemacht, daß sie nun auch gründliche Einblicke in die
+staatliche Organisation des Marsvolkes tun konnten. Vor ihren Augen
+enthüllte sich immer mehr ein großangelegtes, riesiges demokratisches
+Gemeinwesen, das nicht auf die Gewalt gestützt war, sondern ausschließlich
+durch den freien Willen des Volkes und durch das Band gemeinschaftlicher
+Interessen zusammengehalten wurde. Jedes einzelne Individuum ordnete sich
+hier dem Gemeinwohl unter und leistete ihm nach seinen Fähigkeiten Dienste.
+So stellte sich das Staatswesen als eine zwar große, aber doch wieder
+engverbundene Familie voll schönster Eintracht dar. An der Spitze des
+gesamten Staatswesens stand der Stamm der Weisen oder der Hüter des
+Gesetzes.
+
+Die Bevölkerung des Mars schied sich in folgende sieben Stämme:
+
+1. Stamm der Weisen oder der Hüter des Gesetzes.
+
+2. Stamm der Heitern (Bildende Künste: Maler, Bildhauer, Komponisten).
+
+3. Stamm der Ernsten (Gelehrte aller Richtungen).
+
+4. Stamm der Frohmütigen (Darstellende Künste: Musiker, Schauspieler).
+
+5. Stamm der Sorgenden (Acker- und Gartenbauer und Dienende).
+
+6. Stamm der Flinken (Handel- und Verkehrtreibende).
+
+7. Stamm der Findigen (Industrielle).
+
+Die sechs letzten Stämme standen einander im Ansehen völlig gleich. Der
+erste Stamm rekrutierte sich aus den erfahrensten, ältesten, vor allem aber
+den geachtetsten und durch ihre Lebensführung hervorragenden Individuen
+männlichen wie weiblichen Geschlechts der übrigen sechs Stämme.
+
+Der größte Stamm, der an Zahl seiner Angehörigen alle andern Stämme
+zusammen weit übertraf, war der der Sorgenden.
+
+Die Zulassung zu den einzelnen Stämmen, den der Weisen allein ausgenommen,
+wurde lediglich durch die Neigung und den Nachweis der Fähigkeit
+entschieden. Ein Übertritt von dem einen Stamm in den andern konnte auf
+Grund einer Prüfung jederzeit an einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden.
+Fest gebunden war niemand, und gerade dieser völlige Mangel an Zwang schien
+hier oben eine der Hauptursachen für die Entwicklung der verschiedenen
+Berufsarten zu sein.
+
+Ein natürlicher, vernünftiger Ehrgeiz, das Bestmögliche zu leisten,
+beherrschte die Marsbewohner und hielt nicht nur das Streben des Einzelnen
+wach, sondern regelte es auch in gesunder Weise.
+
+Da auf dem Mars kein Geld in Umlauf war, so gab es auch nicht das
+widerliche, Geist wie Körper gleichmäßig aufreibende Hasten und Jagen nach
+dessen Besitz wie unten auf der Erde. Geldsorgen waren auf dem Mars
+unbekannt. Die verschiedenartigsten Leistungen des einzelnen wurden durch
+Anweisungen auf seine sämtlichen Lebensbedürfnisse aufgewogen. Zu diesen
+Bedürfnissen wurde aber auch eine gewisse Summe von Lebensfreude gerechnet,
+wie sie die bildenden und darstellenden Künste und dergl. zu bieten
+vermögen.
+
+Der höchste Ruhm und die größte Ehre bestand in der allgemeinen Anerkennung
+und Wertschätzung. Diese konnte sich aber jeder durch treue Erfüllung
+seiner Pflichten und Obliegenheiten erringen. Für die Leistungen, die über
+die allgemeine Pflichtarbeit hinausgingen, also da, wo das wirkliche
+Verdienst um das große Ganze beginnt, erhielten die Marsiten durch den
+Stamm der Weisen Auszeichnungen in Form öffentlicher Belobungen, die den
+Inhaber in vorgeschrittenerem Lebensalter zum Eintritt in diesen allgemein
+hoch verehrten Stamm berechtigten.
+
+Das gesamte Leben auf dem Mars war in seiner so eigenartigen Form nur
+dadurch möglich, daß es unter dem ausschließlichen Zeichen des
+Zusammenhalts stand. Der allgemeine Grundsatz, daß das einzelne Individuum
+alles tun muß, was das Gesamtwohl fördert, alles zu unterlassen hat, was
+dem Nebenmenschen Schaden und Schmerzen bereitet, war hier oben schon seit
+undenklicher Zeit in die Praxis umgesetzt. Dabei wurde die Eigenliebe, ein
+gesunder, berechtigter Egoismus, nicht vernichtet. Der natürliche
+Selbsterhaltungstrieb des einzelnen wurde durch die einfache Erkenntnis
+machtvoll gefördert, daß vom Wohl und Wehe des Nächsten auch das eigene
+Wohl und Wehe abhänge, daß das Blühen und Gedeihen der andern das eigene
+Blühen und Gedeihen mit einschließe, und daß ihr Elend gleichbedeutend mit
+dem eigenen sei.
+
+Diese klare, natürliche Moral, die zu reiner Nächstenliebe (Altruismus)
+führt, und die jeden geistig normalen Menschen instinktiv das Gute tun und
+das Schlechte meiden läßt, bestand in vollster Anwendung auf dem Mars. Die
+Quelle aller Übel auf der Erde, die rohe Selbstsucht, die die Unsumme von
+Gesetzesparagraphen nötig machte, bestand beim Marsvolke nicht.
+Nächstenliebe, Wahrheit, ein gewisser Frohmut schlossen den niederen
+Egoismus völlig aus.
+
+Ein Bund von Brüdern und Schwestern schien das Volk hier oben zu sein,
+wissend, wahr, frei und gut, das Ideal reinen Menschentums verwirklichend.
+Wie klein kamen sich die Söhne der Erde vor, als sie nach und nach die
+Pfeiler kennenlernten, auf denen das Staatswesen sowie das öffentliche und
+private Leben der Marsiten so fest ruhte! Und diese festen Pfeiler waren
+hervorgegangen, herausgebaut aus einer großartig organisierten, allgemeinen
+und freien Schulung der Marsjugend. Die ideale Schule der Zukunft, von der
+Professor Hämmerle in Tübingen so viel schon geträumt, -- hier auf dem Mars
+begegnete er ihr als einer alten, bewährten Einrichtung.
+
+Der leitende Grundsatz der Marsschulen war, die Jugend geistig und
+körperlich gleich gut zu bilden; denn je gebildeter und körperlich
+kräftiger zugleich ein Individuum ist, desto fähiger ist es, seine
+Lebensaufgaben und seine Pflichten als Mitglied des Staates zu erfüllen.
+Der Unterricht beschränkte sich daher nicht nur auf die einfacheren,
+elementaren Kenntnisse, sondern er erstreckte sich auch auf die Geschichte
+und die Kenntnis der Einrichtungen des Staatswesens, auf die Einführung in
+die Gesetze der Natur und auf die Bekanntschaft mit den poetischen und
+prosaischen Meisterwerken der Marsliteratur. Hand in Hand damit ging der
+Unterricht in der allgemeinen Körperpflege und in der Gesundheitslehre, der
+den Altersstufen der Jugend entsprechend angepaßt war.
+
+Gymnastische Spiele aller Art füllten die Nachmittage aus, an denen der
+Unterricht wegfiel. Am Ende einer bestimmten Schulzeit wurden Wettprüfungen
+vorgenommen. Wer aus ihnen als Sieger hervorging, rückte zu den höheren
+Unterrichtsklassen vor. Auf diese einfache Weise war eine klare Scheidung
+zwischen den wirklich talentierten und den weniger begabten Schülern
+durchgeführt. Den ersteren stand dann der Weg zu den Kunstschulen oder zu
+den verschiedenartigen höheren wissenschaftlichen Lehranstalten offen. Die
+höhere Bildung war Gemeingut des ganzen Volkes, und keine anmaßende
+Mittelmäßigkeit konnte sich auf dem Mars breitmachen.
+
+»Wir Erdgeborene sind die reinen Stümper gegen diese Prachtkerle hier oben.
+Was für ein Leben hier im Verhältnis zu dem da unten auf der Erde! Hier
+hellster Sonnenschein, dort trüber Nebel. Wie unendlich weit zurück steht
+die so gepriesene Kultur unserer führenden Nationen gegen die des
+Marsvolkes!« äußerte sich eines Tages Brummhuber, als die Herren gerade
+beim Mahle saßen.
+
+»Ich vermutete schon unten auf unserm Planeten, daß wir hier oben Wesen von
+hoher Vollkommenheit antreffen würden, ich gestehe aber, daß meine
+Erwartungen in jeder Richtung weit übertroffen worden sind,« antwortete
+Stiller.
+
+»Freilich, bieten können wir den Menschen hier nichts, aber auch rein gar
+nichts. Und das drückt mich persönlich schwer,« warf Thudium ein.
+
+»Was sollten wir ihnen auch bieten? Vielleicht von unserm Pessimismus, von
+der widerlichen Selbstsucht, von der unser Leben vergiftenden Unwahrheit?
+Alles Kennzeichen unserer Zivilisation!« rief in ehrlicher Entrüstung
+Professor Piller.
+
+»Sie haben recht, Piller, leider nur zu recht,« bestätigte Professor
+Stiller. »Mars bietet entschieden heute schon das, was den Geschlechtern
+auf der Erde vielleicht erst im Laufe der kommenden Jahrhunderte zuteil
+werden wird.«
+
+»Ob es wohl je dazu kommen wird?« seufzte Frommherz.
+
+»Daran ist nicht zu zweifeln,« entgegnete Hämmerle. »Mars hat ohne Zweifel
+einst dieselben oder wenigstens ähnliche Stufen in seiner zivilisatorischen
+Entwicklung durchgemacht wie die Völker der Erde. Seine Kultur ist nur
+bedeutend älter.«
+
+»Jawohl, um Tausende und Abertausende von Jahren. Die Frage ist nur die, ob
+wir überhaupt die Fähigkeit haben, bei der Entartung unserer Rassen -- ich
+betone das Wort Entartung nochmals ganz besonders! -- die Höhe der
+Marskultur zu erklimmen. Ich möchte es bezweifeln!« schrie Piller und
+suchte seine zornige Erregung durch einen Schluck Wein zu besänftigen.
+
+»Piller, Sie sind ja selbst Pessimist und ungerecht wie immer,« tadelte
+Dubelmeier.
+
+»Ich Pessimist? Und ungerecht? Was verstehen Sie denn darunter?«
+
+»Darüber lasse ich mich mit Ihnen in keine Aussprache ein!«
+
+»Oho! Also beleidigen wollen Sie mich, wie es scheint?«
+
+»Fällt mir gar nicht ein; dazu sind Sie mir viel zu lieb und wert, Sie
+alter Alkoholikus! Aber ungerecht und pessimistisch ist es meines
+Erachtens, wenn Sie so schroff unsern Völkern auf der Erde die Fähigkeit
+einer gesunden Weiterentwicklung absprechen.«
+
+»Ich möchte Freund Dubelmeier beistimmen,« warf hier Stiller ein. »Piller,
+nehmen Sie doch uns zum Beispiel als Modelle an!«
+
+»Schöne Modelle, fürwahr!« brummte Piller, sichtlich besänftigt durch den
+genommenen Schluck Wein.
+
+»Freilich, Modelle von Erdensöhnen, wie ich ohne allzu große
+Selbstüberhebung sagen darf; vertreten wir doch bis zu einem gewissen Grade
+die Zukunft. Was wir heute auf dem Gebiete der allgemeinen Bildung und der
+Entwicklung des moralischen Gefühles vertreten, wird später mehr und mehr
+das Gemeingut der Massen der Kulturvölker auf unserer Erde.«
+
+»Wer's glauben mag!«
+
+»Es ist nicht allein mein Glaube, nein, es ist, auch meine felsenfeste
+Überzeugung, gestützt auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit.«
+
+»Stiller, ich will Ihnen nicht widersprechen, denn ich möchte mich nicht
+noch mehr ärgern, sondern im Gegenteil froh darüber sein, daß ich hier oben
+in dem reizenden Lumata sitzen darf.«
+
+»Ein vernünftiger Ausspruch, der aller Ehren wert ist. Und nun Friede,
+meine lieben Freunde!« rief Frommherz.
+
+»Einverstanden!« fügte Brummhuber bei.
+
+Einige Tage waren seit dieser Unterhaltung verflossen. Da erschien Eran,
+der Patriarch aus dem Stamme der Alten, wieder einmal im Heim seiner Gäste
+und lud die Herren ein, mit ihm für kurze Zeit nach Angola zu reisen.
+Freudig stimmten die Herren bei. Diesmal wurden in Angola Schwabens würdige
+Söhne von dem Stamme der Weisen förmlich empfangen. Vollzählig hatten sie
+sich hier versammelt, um nebenbei auch noch über eine Reihe wichtiger
+innerer Fragen zu entscheiden. Gleichzeitig tagte auch noch der Stamm der
+Ernsten, um in einer Versammlung, wie sie von Zeit zu Zeit stattfand,
+Gedanken und Beobachtungen wissenschaftlicher Art untereinander
+auszutauschen.
+
+Die Aufnahme der Erdensöhne in Angola ließ an Herzlichkeit nichts zu
+wünschen übrig. Ihre so wunderbare und schnelle Fahrt von der Erde her
+durch den ungeheuren Weltraum nach dem »Lichtentsprossenen«, wie die
+Marsiten ihren schönen Planeten nannten, war begreiflicherweise zuerst der
+Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung und des lebhaftesten Interesses.
+
+Bei der ersten Sitzung des Stammes der Ernsten, die in einem großartig
+ausgestatteten Saale eines Marmorpalastes stattfand, erklärte Professor
+Stiller die verschiedenen Umstände, die ihn zur Konstruktion des
+Weltenseglers und zu der kühnen, mit so großem Erfolge gekrönten Fahrt
+bestimmt hätten. Er erzählte ihnen ferner von seiner engeren und weiteren
+Heimat, von den Völkern Europas und von der Erde überhaupt. Letztere war
+den Ernsten wohl bekannt. Die Begriffe, die sie sich von ihr dank ihren
+außerordentlich scharfen Instrumenten und ihrer Vorstellungskraft zu machen
+verstanden, kamen der Wirklichkeit verblüffend nahe. So wußten die
+Marsgelehrten, daß das dritte Kind des Lichtes (als Kinder des Lichtes
+bezeichneten die Marsiten alle Planeten), die Erde, Eismassen an ihren
+Polen führe, die einen ansehnlichen Bruchteil des Meerwassers in feste
+Bande geschlagen haben, und daß die Oberfläche der Erde von über siebzig
+Prozent Meerwasser bedeckt sei. Auch daß die Erdatmosphäre reich an
+Wasserdampf sein müsse, schlossen sie aus dem Verhältnis des Festlandes zu
+den Meeren. Die Dichtigkeit der Erde war ihnen genau bekannt, ebenso ihr
+Polar- und Äquatorialdurchmesser, ferner die Geschwindigkeit ihrer Bewegung
+um sich selbst wie um das »ewige Licht«, die Sonne, und dergleichen mehr.
+
+Ja, auch von den einzelnen Erdteilen hatten sie richtige Vorstellungen, und
+diese gingen sogar so weit, daß sie eine Reihe einzelner größerer Länder
+oder Gebiete zu unterscheiden vermochten. Um so weniger schwer war es daher
+den gelehrten Fremden, die Marsiten gewissermaßen, auf der Erde
+spazierenzuführen, von der sie bereits so achtungswerte Kenntnisse besaßen.
+Und so entwarfen sie ihnen ein genaues Bild ihres Vaterlandes und
+berichteten von dem Ort am Neckar, von dem sie nach dem Mars abgefahren
+waren.
+
+Allen diesen Schilderungen brachten die Weisen sowie die Ernsten das
+lebhafteste Interesse entgegen. Dieses Interesse steigerte sich noch, als
+sie vernahmen, daß die sieben Schwaben ebenfalls zu einer Art Stamm der
+Ernsten unten auf der Erde gehörten. Die Herren wurden daher eingeladen,
+vor der versammelten Elite der Marsiten ihre Berufsarten näher zu
+beleuchten, das heißt die Zustände zu schildern, unter denen sie auf der
+Erde und bei ihrem Volke ausgeübt würden. Gleichzeitig wurde der allgemeine
+Wunsch ausgedrückt, die Fremden möchten ein genaues Bild von dem Leben und
+Treiben der Bewohner der Erde entwerfen, das dann zu einem Vergleiche mit
+den bestehenden Verhältnissen auf dem Mars herangezogen werden sollte.
+
+Es wurde ausgemacht, daß jeder der Professoren an einem bestimmten Tage
+abwechselnd zwei Vorträge halten solle, den einen fachlich und den andern
+über das allgemein interessierende Thema der Erdbewohner und deren
+kulturelle Zustände. Die Professoren entledigten sich ihrer Aufgabe in
+meisterhafter Weise. Sie erzählten von dem derzeitigen Stande der
+verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in den Kulturländern der Erde,
+besonders in Deutschland, beleuchteten ehrlich und rückhaltlos offen die
+politischen und sozialen Gegensätze unter den wenigen um die führende Rolle
+im Leben der übrigen Völker kämpfenden Nationen. Sie schilderten all die
+Mittel der List, der Gewalt und Verschlagenheit, die dabei angewendet
+würden, und erklärten den Marsiten, was unten auf der Erde unter der
+Bezeichnung »Diplomatie« alles verstanden werde.
+
+Sie verschwiegen auch die trüben Erscheinungen nicht, die der mehr und mehr
+sich zuspitzende Kampf um das Dasein, der Wettstreit bei der Beschaffung
+der notwendigsten Lebensbedürfnisse für die große Mehrzahl der Menschen,
+sowohl der einfachen als auch der gebildeten Erdbewohner, mit sich bringe.
+Unumwunden räumten sie ein, daß dem Fortschrittsdrange der Kulturvölker
+leider überall auf der Erde alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt
+würden durch allerlei einengende Einrichtungen und kleinliche Bestimmungen,
+daß die Massen der sogenannten gebildeten Völker trotz gewaltiger
+Fortschritte in der Technik und in den Naturwissenschaften immer noch weit
+entfernt von dem Ideale einer reinen Weltanschauung seien.
+
+Letztere werde nur von einem verhältnismäßig kleinen Bruchteile der
+wirklich Hochgebildeten vertreten, und auch diese kleine Schar der
+Auserlesenen sei mit geringen Ausnahmen von der schwersten und schlimmsten
+Krankheit der Zeit angesteckt: der Feigheit. Man wage unten auf der Erde
+bei den Kulturnationen -- von den weniger zivilisierten Völkern ganz zu
+schweigen -- nicht, offen und klar das zu sagen, was man denke, aus Furcht,
+bei mächtigeren Personen anzustoßen und dadurch seine Existenz zu
+gefährden. Die Empfindungen würden daher auch selten mit den Handlungen in
+Einklang gebracht. Infolgedessen herrsche überall ein mehr oder weniger
+großer Mangel an Mut und Ehrlichkeit der Überzeugung, und die aus der
+Heuchelei geborene Lüge hindere den Sieg der Wahrheit und lasse immer noch
+sehr viele auf die Dauer doch als völlig unhaltbar erkannte Einrichtungen,
+ungesunde, unvernünftige, der reinen Weltanschauung und dem Volkswohle
+geradezu feindlich gegenüberstehende Zustände weiter bestehen.
+
+Mit freudigem Staunen hätten sie auf dem Mars Verhältnisse angetroffen, die
+dem Ideal des Lebens und des reinen Menschentums, das sie sich gebildet,
+und dessen Verwirklichung von den Besten der Nationen unten auf der Erde so
+heiß angestrebt werde, in der schönsten Weise entsprächen.
+
+In dieser Art äußerte sich mehr oder weniger jeder der Herren. Frommherz
+fügte diesen Berichten noch einige Bemerkungen über die religiösen
+Anschauungen und die kirchlichen Einrichtungen Deutschlands hinzu.
+
+Voll Aufmerksamkeit hatten die Weisen und die Ernsten diese
+Auseinandersetzungen der Erdensöhne angehört. Die wissenschaftlichen
+Darlegungen der Fremden brachten den Marsiten nichts Neues, die sozialen
+und übrigen Bilder, die ihnen von ihren Gästen so lebhaft vor Augen geführt
+worden waren, hatten ihr Interesse am meisten erregt. Mit keinem Laute
+waren die langen Vorträge unterbrochen worden.
+
+Als Stiller den Schluß der Vorträge verkündet hatte, zogen sich die Weisen
+und die Ernsten zu einer gemeinsamen Beratung zurück, von der die sieben
+Schwaben ausgeschlossen waren. Das Ergebnis dieser Beratung aber sollte
+ihnen später bekannt gegeben werden.
+
+»Was die nur vorhaben?« fragte besorgt Frommherz.
+
+»Nun, ich denke, sie werden scharfe Kritik an unsern Schilderungen üben,
+wozu sie ja auch vollkommen berechtigt sind,« antwortete Stiller.
+
+»Und uns dann den Laufpaß geben, passen Sie auf,« fügte Brummhuber bei.
+
+»Dies zu tun, sind unsere Wirte viel zu anständig,« entgegnete Piller,
+»obwohl ich nicht bestreiten will, daß die Marsiten zu einer Einladung,
+unsere Abreise endlich einmal in den Kreis unserer Überlegung zu ziehen,
+ein gewisses Recht hätten.«
+
+»Warten wir ab, was kommt!« entschied Dubelmeier.
+
+»Bleibt uns auch nichts anderes übrig,« seufzte Frommherz, der seiner
+religiös-kirchlichen Darstellungen wegen ein etwas bedrücktes Gewissen
+hatte.
+
+Aber es war doch eine gewisse Unruhe, die die Erdensöhne beherrschte, als
+sie miteinander durch die paradiesisch schönen Parkanlagen von Angola
+spazierten, während die Beratung der Marsiten stattfand.
+
+Am nächsten Tage, dem zehnten ihres Aufenthaltes in Angola, wurden die
+Schwaben wiederum in feierlicher Weise in den großen Sitzungssaal geführt,
+in dem sie ihre Vorträge gehalten hatten. Der Älteste unter den Alten, eine
+Hüne von Gestalt, Anan mit Namen, erhob sich und begrüßte zunächst wieder
+in herzlichen Worten die Eingeführten.
+
+»Meine lieben Freunde!« sprach er weiter zu ihnen. »Wir alle haben gestern
+mit lebhaftester Teilnahme eure Schilderungen vernommen, die ihr von den
+allgemeinen und besonderen Verhältnissen eures Weltkörpers entworfen habt.
+Diese Schilderungen haben in uns merkwürdige Gefühle und Empfindungen
+ausgelöst, so daß wir uns über sie zuerst in aller Ruhe klar werden
+wollten, bevor wir euch mit unserem schuldigen Danke zugleich auch eine
+Antwort auf das Gehörte geben. Dies war der Grund, warum wir uns zu einer
+Beratung unter uns zurückgezogen haben. Vor allem danken wir euch für die
+anerkennenswerte Offenheit, mit der ihr uns das Leben eurer Kulturvölker
+geschildert habt. Uns muteten eure Berichte im ersten Augenblicke wie
+Märchen an. Wir würden sie auch als solche auffassen, wären wir nicht von
+dem Ernste eurer Lebensauffassung, von eurer Rechtschaffenheit und
+Ehrlichkeit vollkommen überzeugt. Nicht vergeblich haben wir euer Leben in
+Lumata beobachtet. Das Ergebnis dieser Beobachtung war unsere Einladung
+hieher, das Zeichen unserer Achtung und unseres Vertrauens. Und nun wende
+ich mich zu euren Auseinandersetzungen. Umsonst haben wir in der Geschichte
+unserer Vergangenheit geblättert; solch barbarische, von der Unwahrheit
+beherrschte Zustände im Leben der einzelnen wie der Völker, wie sie bei
+euch noch bestehen, haben wir in diesem Umfange glücklicherweise nie
+gekannt. Gewiß, es fehlte auch uns nicht an inneren Kämpfen, an schweren
+Enttäuschungen aller Art, bis wir uns endlich im Laufe der Zeit zu den
+Lebensverhältnissen und Lebensauffassungen durchgerungen haben, die ihr bei
+uns heute bewundert. Aber unsere Entwicklung vollzog sich weniger mühselig,
+weniger schmerzhaft als die eure. Schon vor Urzeiten hatte sich bei uns in
+der breiten Masse des Volkes die Erkenntnis durchgerungen, daß unsere erste
+Aufgabe unsere Erhebung, nicht aber das Verharren in unserer Niedrigkeit
+sei, aus der wir hervorgegangen sind. Diese unsere Erhebung und Entwicklung
+zur reinen Freiheit konnte nur durch eine vernünftige, naturgemäße
+Aufklärung kommen, die uns für das hehre Licht der Wahrheit empfänglich
+machte.
+
+Ihr, liebe Freunde, habt während eures längeren Aufenthaltes bei uns nach
+und nach die Wege kennengelernt, die wir eingeschlagen haben, um dieses
+hohe Ziel zu erreichen, Wege, die wir, weil sie sich bewährt haben, auch
+heute noch wandeln und fernerhin wandeln werden. Darüber will ich kein Wort
+mehr verlieren. Gerne wollen wir auch zugeben, daß wir es mit unserem
+Entwicklungsgange ungleich leichter gehabt haben, als ihr es in dieser
+Beziehung unten auf der Erde noch habt. Hier bei uns haben wir ein ziemlich
+gleichmäßiges, in Sprache, Denken und Empfinden übereinstimmendes Volk,
+während dies auf eurem Planeten nicht der Fall ist. Wir konnten uns daher
+mit viel weniger Schwierigkeiten und ohne den von euch geschilderten
+furchtbaren Massenmord, Krieg genannt, zu der Höhe unserer Kultur erheben,
+die eurem Ideale nahe kommt. Wir hatten also diese entsetzlichen
+Verwirrungen nicht zu überwinden, die eurem Glücke und Fortschritte so
+fürchterlich hemmend entgegentraten und noch drohend entgegenstehen.
+
+Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, ein brüderlicher Gemeinsinn besteht bei
+uns seit Äonen. Es bildet den fundamentalsten Bestandteil unseres
+Bewußtseins und die Triebkraft unseres Handelns. Bedauerlicherweise fehlt
+bei euch dieses mächtige Gefühl der Zusammengehörigkeit oder ist zum
+mindesten noch nicht in dem Maße vorhanden, als zum Wohle des Ganzen so
+dringend nötig wäre. Der Grund eures Tiefstandes liegt meines Erachtens
+nach in dem Mangel an jener einfachen, natürlichen Moral, die unser Leben
+so vorteilhaft beeinflußt.
+
+Für uns war es schmerzlich zu hören, wie bei euch jeder Fortschritt, auch
+der kleinste, durch ein Meer von Tränen, von Blut und zertrümmerten
+Existenzen führt. Und doch, -- ihr selbst sagtet es ja -- es muß und wird
+einst besser bei euch auf der Erde werden. Ihr selbst seid dafür die
+lebendigen Zeugen, denn ihr stellt heute schon das vor, was die Masse bei
+euch nach eurem eigenen Ausspruche in späterer Zeit sein wird. Wackere,
+brave Männer von der geistigen Bedeutung wie ihr müssen daher unten auf der
+Erde wirken, an der Weiterentwicklung ihrer Brüder arbeiten. Wenn auch der
+einzelne von euch bei dieser schwierigen Arbeit keine volle Befriedigung
+empfindet, -- dies gilt ja von allem Streben nach noch nicht Erreichtem! --
+so bedenkt, daß die Folgen der Arbeiten an dem Werke der Vervollkommnung
+eurer Mitmenschen zwar nicht euch, so doch euren Nachkommen zugute kommen
+werden.
+
+Unser Rat lautet dahin: Kehrt zurück auf eure Erde!« -- »O Himmel, ahnte
+ich es doch!« klagte bei diesen Worten Anans Professor Frommherz leise vor
+sich hin. -- »Schweigen Sie, Jammerseele!« herrschte ihn unsanft Piller an.
+-- »Kehrt zurück in euer Schwabenland, zu dem biedern Volke, aus dessen
+Mitte ihr stammt, und widmet euch dort wieder dem erhabenen Werke der
+Vervollkommnungsarbeit. Ferne sei es von uns, euch von hier wegdrängen zu
+wollen, ihr seid und bleibt uns werte Gäste.« -- »Dem Himmel Dank!«
+murmelte hier Frommherz. -- »Aber ich gestehe es aufrichtig, und ich
+spreche hier die Ansicht von allen meinen Brüdern und Schwestern aus: Ihr
+seid die ersten und zugleich die letzten fremden Wesen, die von einem der
+fernen Kinder des Lichtes zu uns gelangen durften. Denn dies ist der
+Hauptpunkt, das Endergebnis unserer Verhandlung. Im Interesse unseres
+Volkes lehnen wir weiteren Verkehr ab. Nicht mit euch, -- ich betone
+nochmals ausdrücklich, daß ihr uns werte, liebe Gäste und Freunde seid, --
+nein, überhaupt; denn wir haben keine Gewähr dafür, daß nicht auch einmal
+Fremde zu uns gelangen könnten, die nicht auf der Höhe der Anschauung
+stehen wie ihr und deren Benehmen bei längerem Aufenthalte wahrscheinlich
+dann nur zu unerquicklichen Auseinandersetzungen und schließlich zu einer
+gewaltsamen Entfernung von hier führen müßte. Das wollen wir uns aber
+ersparen.
+
+Eure kühne Reise wird zwar so bald nicht wieder Nachahmer finden. Doch kann
+man dies nicht wissen, und so haben wir bereits die bestimmte Weisung
+gegeben, künftig und für alle Zeiten auf unserem Lichtentsprossenen kein
+Luftschiff mehr landen zu lassen, woher es auch kommen möge, und wäre es
+auch aus dem uns durch euch so sympathisch gewordenen Schwabenlande. Bleibt
+bei uns, wenn ihr wollt, oder fliegt über kurz oder lang wieder heimwärts.
+Wir stellen dies ganz in euer Belieben und sind und bleiben stets eure
+aufrichtigen, treuen Freunde. Ich bitte euch, liebe Brüder und Schwestern,«
+-- mit diesen Worten wandte sich Anan an die Marsiten -- »ruft mit mir:
+Glück und Heil den sieben Schwaben, unsern lieben ersten und einzigen
+Gästen!«
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+Im Reiche der Vergessenen
+
+
+Mit gemischten Gefühlen kehrten die Herren von Angola nach Lumata zurück.
+Sollten sie auf dem Mars bleiben oder sollten sie gehen? Das war die
+ernste, schwerwiegende Frage, die sie in den folgenden Monaten
+beschäftigte.
+
+»Wenn uns die Marsiten in Angola auch nicht geradezu den Stuhl vor die Tür
+gesetzt haben, so haben sie uns doch deutlich genug zu verstehen gegeben,
+daß wir unsere sieben Sachen zusammenpacken sollen,« äußerte sich eines
+Tages Piller zu seinem Kollegen Stiller.
+
+»Sie haben recht! Und ich muß Ihnen auch aufrichtig erklären, daß mir
+dieses unproduktive Leben, diese an uns geübte weitgehende
+Gastfreundschaft, für die wir uns auch nicht im geringsten erkenntlich zu
+zeigen vermögen, zuwider zu werden anfängt. Einmal müssen wir doch an das
+Fortgehen denken, denn bis ans Ende unserer Tage können wir wohl nicht hier
+oben sitzen bleiben.«
+
+»Hm, hm, gerne gehe ich von Lumata nicht fort; es wird mir wirklich sehr
+schwer! Denke ich nur an unsere Herreise mit allen ihren Beschwerden, so
+graut es mir förmlich vor einer Rückkehr. Aber diese muß stattfinden,
+darüber kann und darf kein Zweifel bestehen. Es handelt sich nur um den
+Zeitpunkt. Warten wir's noch ab!« antwortete Piller.
+
+»In ähnlicher Weise wie Sie sprechen sich auch die andern Freunde aus,
+lieber Piller. Nur Frommherz macht eine Ausnahme. Der weicht soviel wie
+möglich jeder Erörterung aus, die die Rückkehr zum Gegenstand hat.«
+
+»Glaub's wohl!« lachte Piller laut auf. »Unser lieber Freund Friedolin ist
+überglücklich, hier oben weilen zu dürfen, und bekommt stets
+Herzbeklemmungen, wenn wir von einer Heimreise zu reden beginnen. Im Grunde
+genommen kann ich es ihm nicht verübeln, wenn er dauernd hierbleiben
+möchte. Aber aufhören muß einmal diese Art von Schlaraffenleben, das ist
+klar. Darin stimme ich Ihnen also völlig bei, Stiller.«
+
+»So bleiben wir einstweilen noch hier und nützen unsere Zeit möglichst gut
+aus. Inzwischen sorge ich für die tadellose Ausbesserung unseres
+Weltenseglers, für Bereitstellung des geeigneten Proviantes usw. Langsam,
+aber gründlich werde ich die Vorbereitungen zu unserer Abreise treffen.«
+
+»Und vergessen Sie mir nicht den feinen goldenen Tropfen! Nehmen Sie nur
+gleich, bitte, einen anständigen Vorrat davon mit in die Gondel!«
+
+»Soll geschehen, Sie ewig Durstiger,« sagte lächelnd Stiller.
+
+In freundlichem, angenehmem Verkehr mit dem liebenswürdigen Marsvolke, in
+kleinen und größeren Ausflügen und Reisen verfloß die Zeit nur zu rasch.
+Auf einem ihrer Streifzüge waren sie auch weiter hinaus aus der
+eigentlichen Bevölkerungszone in die nördliche, kühlere Region des Planeten
+gelangt. Es mutete die Forscher ordentlich heimatlich an, als sie hier
+wohlgepflegte Nadel- und Laubholzwaldungen neben saftigen, grünen Wiesen
+und schönen, dunkelblauen Seen fanden. Hohe Gebirgszüge schoben sich
+dazwischen, und ihre mit Schnee bedeckten höheren Gipfel verstärkten noch
+den Eindruck einer alpinen Landschaft.
+
+Hier stießen sie auch auf zerstreute, weit auseinander liegende kleine
+Kolonien von Marsiten, deren ernstes, wortkarges Wesen und Auftreten
+merkwürdig von der heiteren und frohen Lebensauffassung ihrer übrigen
+Brüder abstach. Auf ihr Befragen erfuhren die Gelehrten, daß ähnliche
+kleine Kolonien auch in der südlichen kühlen Zone des Mars beständen. Die
+Kolonisten hießen die »Vergessenen«, weil ihre Namen vorübergehend oder
+auch dauernd von den Tafeln der Marsstämme gestrichen worden seien.
+
+»Dann sind es somit Verbrecher, die, von der Gemeinschaft der übrigen
+ausgestoßen, hier oben ihre Strafe abzubüßen haben?« fragte Dubelmeier.
+
+»Wir kennen nur Gesetzesübertreter, keine andern Missetäter,« wurde dem
+Frager erklärt.
+
+»Nun, schließlich kommt dies ja auf das gleiche heraus,« antwortete
+Dubelmeier. »Worin besteht denn bei euch die Gesetzesübertretung, die die
+Strafe der Verbannung in diese Gegenden nach sich zieht?«
+
+»In mangelhafter Erfüllung der allgemeinen Pflichten und Obliegenheiten.«
+
+»Da müßte man bei uns auf der Erde neun Zehntel aller Menschen verbannen,
+und wir kämen des Platzes wegen für diese Menge von Verbannten in die
+größte Verlegenheit,« rief Piller voll Erstaunen.
+
+»Wir sind auch nicht auf eurem Planeten,« antwortete mit überlegenem
+Lächeln Varan, der Führer der Reisebegleitung.
+
+»Aber es ist doch grausam, kleinerer Verstöße wegen einen Mitmenschen aus
+seiner ihm trauten und gewohnten Umgebung zu reißen,« warf Hämmerle ein.
+
+»Über die Art der Verstöße gegen unsere Lebensvorschriften zu richten, sind
+nur wir allein maßgebend,« entgegnete Varan ernst.
+
+»Ohne Zweifel!« gab Stiller zu.
+
+»Aber Verzeihung ist die Krone der Liebe! Verzeiht ihr nicht auch?«
+forschte Frommherz.
+
+»Gewiß! Aber es gibt Vergehen, für die niemals Verzeihung gewährt werden
+kann. Sie sind zwar äußerst selten, diese Fälle, aber sie kommen bei uns
+doch noch hier und da vor. Die Vergessenen erhalten nach einer gewissen
+Zeit der Prüfung meist ihre Namen wieder. Es steht ihnen dann die Rückkehr
+in die engere Heimat und der Wiedereintritt in ihren Stamm frei. Aber nur
+wenige machen von dieser Erlaubnis Gebrauch. Einmal ausgestoßen, zieht
+unser Bruder ohne Namen es für gewöhnlich, vor, da zu bleiben, wo er
+hingebracht wurde, und sein Leben in strenger Arbeit dem Wohle der übrigen
+zu widmen.«
+
+»Worin besteht diese Arbeit?« fragten die Herren.
+
+»In tadelloser Instandhaltung der hier ihren Ursprung nehmenden Kanäle:
+eine ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe, von deren gewissenhafter
+Erfüllung unsere Gesamtexistenz abhängt.«
+
+»Und wer sorgt für den Unterhalt der Vergessenen?«
+
+»Sie selbst. Sie treiben nebenbei Viehzucht, Ackerbau und dergleichen mehr.
+Kommt einmal die Zeit, wo es keine Vergessenen mehr bei uns gibt, so müssen
+wir eben selbst diese Arbeiten ausführen. Darüber liegen bereits genaue
+Bestimmungen vor, denn unsere Vergessenen vermindern sich mehr und mehr,«
+schloß Varan seine Auseinandersetzungen.
+
+»Wunderbar glücklicher Planet, dieser Mars! Sogar die Missetäter hier oben,
+wenn man sie nach unseren Begriffen so bezeichnen darf, werden wieder
+Wohltäter durch ihre Leistung für das große Ganze,« rief Stiller voll
+Enthusiasmus. »Und doch erfüllt es mich mit einer gewissen, wenn auch
+höchst bescheidenen, Genugtuung, daß auf dem Mars dieses Lebensbild voll
+Glanz und Licht einen kleinen Schatten hat, daß es auch nicht rein
+vollkommen ist.«
+
+»Vollkommen oder unvollkommen sind Begriffe, die wir uns selbst unten auf
+der Erde geformt haben, und die wir im Sinne ihrer Bedeutung für uns auf
+die Zustände hier oben nicht anwenden dürfen,« antwortete Dubelmeier.
+
+»Sehr richtig!« bestätigte Frommherz. »Mir persönlich kommt hier oben alles
+vollkommen, alles ganz wunderschön vor. Hier habe ich das Paradies
+gefunden, von dem man bei uns träumt.«
+
+»Sie Schwärmer!« erwiderte lachend Piller. »Besser ist die Marswelt
+entschieden als die unsere, und unsere Erde die beste der Welten zu nennen,
+wie es allgemein geschieht, ist daher nichts als platter Unsinn. Aber,
+lieber Frommherz, bald müssen Sie aus Ihrem Paradiese heraus und wieder
+hinunter nach Tübingen.«
+
+»Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Piller,« stotterte Frommherz
+erbleichend.
+
+»Bitterer Ernst, mein Freund! Die schönen Marstage gehen nun bald zu Ende,
+nicht nur für Sie, nein, auch für uns, leider, leider!« Professor Piller
+mußte sich nach diesen Worten heftig schneuzen.
+
+»Aber die entsetzliche Reise!« jammerte Frommherz. »Haben Sie denn schon so
+vollständig die ungeheuren Mühseligkeiten unserer Herreise vergessen?«
+
+»Lieber Frommherz, es _muß_ sein,« entgegnete Stiller. »Wir sind nun bald
+zwei Jahre Gäste hier, und auch die Gastfreundschaft hat ihre Grenzen.
+Übrigens wissen Sie auch ganz genau, daß die Marsbewohner mit unserer
+Abreise rechnen. Ich glaube, die Worte, die damals Anan in Angola an uns
+richtete, enthielten deutlich genug den Wink zum Fortgehen. Unser Ehrgefühl
+und auch unsere Dankbarkeit erfordern, daß wir den Mars verlassen und zwar
+bald. Gewiß, die Rückreise ist mühselig, sie wird möglicherweise noch
+anstrengender für uns werden als die Herfahrt, aber -- es muß sein!«
+
+»Aber -- aber könnte nicht ich wenigstens zurückbleiben?«
+
+»Es geht nicht! Es ist nicht gut möglich! Wir sind miteinander gekommen,
+und wir müssen daher auch wieder miteinander gehen. Das ist klar. Wir alle,
+Sie leider ausgenommen, sind darüber einig, daß wir gehen müssen, obgleich
+uns der Abschied von diesem herrlichen Planeten wahrlich schwer genug wird,
+denn wir haben ohne Zweifel auf ihm die schönste und an Genuß reinste Zeit
+unseres Lebens zugebracht. Einen Drückeberger darf es nicht geben,«
+entschied Stiller.
+
+Etwas beschämt über diese wie eine Zurechtweisung klingende herbe Antwort,
+ließ Frommherz nichts mehr über die ihn bewegenden Gefühle verlauten; er
+verschloß sie von jetzt ab fest in seiner Brust.
+
+In dem landschaftlichen Bilde, das sich hier den Augen bot, fiel Herrn
+Dubelmeier ein stattlicher Berg auf, der isoliert in stolzer Einsamkeit
+seine schneebedeckten Gipfel gen Himmel streckte. Der ganze pyramidenartige
+Aufbau des Berges verriet seinen vulkanischen Ursprung. Von seiner etwas
+abgestumpften Spitze aus mußte man eine großartige Fernsicht genießen. Bei
+diesem Gedanken war in Herrn Dubelmeier die alte Leidenschaft des
+Bergsteigers wieder geweckt.
+
+»Wie wäre es, wenn wir zum Schlusse unseres Aufenthaltes auf dem Mars jenem
+prächtigen Berge da drüben einen Besuch abstatten würden? Bei der
+Beschaffenheit der Marsatmosphäre dürften wir dort oben eine
+außerordentlich schöne Aussicht haben,« sprach Dubelmeier zu seinen
+Gefährten.
+
+»Ich komme mit,« entschied Stiller kurz entschlossen.
+
+»Ich auch!« erklärte Piller. »Wie heißt der Berg, Varan?«
+
+»Der Berg des Schweigens.«
+
+»Ein merkwürdiger Name!« meinte Stiller. »Wer kommt sonst noch mit?«
+
+Aber die vier übrigen Schwabensöhne konnten sich zu der Tour nicht
+entschließen. Eine gewisse Mattigkeit und Abspannung hielt sie davon
+zurück. Man kam überein, daß sie hier die Rückkehr der drei Freunde
+abwarten sollten. Varan sorgte für alle Bedürfnisse der kleinen Karawane
+und vergaß auch nicht die passenden Kleidungsstücke und die sonstigen
+erforderlichen Gegenstände. In Begleitung von drei Marsiten reisten die
+Herren ab. Ein Motorboot brachte sie auf einem der Kanäle rasch bis zum Fuß
+des Berges, der sich beim Näherkommen immer mehr als ein Riese entpuppte.
+Dubelmeier schätzte seine Höhe über der Talsohle auf ungefähr dreitausend
+Meter.
+
+Steil fiel er von allen Seiten ab, und es war nur in langen Zickzacklinien
+möglich, zu ihm emporzuklimmen. Es war dies ein beschwerliches Stück
+Arbeit. Bei jedem Schritt sank der Fuß bis über den Knöchel in den
+schwarzen Sand des verwitterten Lavafeldes ein. Stunden vergingen in
+ermüdendem Steigen, bis die Herren endlich in die Nähe der Schneegrenze
+gelangten. Hier wurde Halt gemacht. Einige Stunden der Ruhe sollten die
+gesunkenen Kräfte der Bergsteiger wieder heben. Erst jetzt konnten die
+Herren erkennen, wie hoch sie schon gekommen waren, denn bei dem mühsamen
+Stampfen durch den lockern Boden hatten sie keine Zeit gehabt, Umschau zu
+halten.
+
+Während die Marsiten einen Imbiß herrichteten, betrachteten die drei
+Schwaben das zu ihren Füßen sich ausbreitende parkartige Panorama, das sich
+im Lichte der untergehenden Sonne golden spiegelte. Kein Laut, kein Ton,
+der die Anwesenheit noch anderer belebter Wesen verraten hätte, ließ sich
+vernehmen, nicht einmal das Rauschen eines talwärts strebenden Baches.
+Alles schien an diesem Berge in die starren Fesseln völliger Stille
+geschlagen zu sein, und der Berg trug daher seinen Namen mit Recht. Auch
+die Erdensöhne waren schweigsam. Still mit den eigenen Gedanken
+beschäftigt, starrte jeder der Männer vor sich hin.
+
+»Ich besinne mich vergeblich, mit welcher Landschaft auf der Erde ich das
+Panorama da unten vergleichen soll,« unterbrach Stiller das Schweigen.
+
+»Mich erinnert es in etwas an den Vulkan Villa rica im südlichen Chile.
+Hier wie dort ragt ein gleicher Bergkegel aus der Ebene hervor. Ganz
+ähnlich ist der Ausblick auf dunkelgrüne Waldungen und hellglitzernde Seen
+und Wasserstraßen.
+
+Dazu kommt noch hier wie dort die durchsichtige Luft, die satte Bläue des
+Himmels und die geheimnisvolle Stille der Natur,« entgegnete der
+vielgereiste Dubelmeier.
+
+»Das kann ich nicht beurteilen. Aber ein Bild voll tiefen Friedens, voll
+wohltuender Anmut und Schönheit bleibt das Marsland auch von hoher Warte
+aus. Von wo aus man es auch betrachten mag, überall tritt es uns wie eine
+hehre Offenbarung entgegen,« rief Stiller begeistert.
+
+Bei diesen Worten seines Kollegen schneuzte sich Piller wieder einmal sehr
+kräftig.
+
+»Recht haben Sie, Stiller! Doch hier kommt Speise und Trank, gute Mittel
+gegen -- na, sagen wir Gemütsattacken.« Damit ergriff Piller eine Flasche,
+schenkte sich von dem edlen Marsweine ein und trank das Glas mit einem
+Schluck leer.
+
+Die Nacht war herangekommen. Phobos und Deimos zogen ihre stille,
+leuchtende Bahn, als die Karawane aufbrach, um auf dem festgefrorenen
+Schnee langsam den Weg zur Spitze des Berges emporzuklettern. Tiefe
+Rubintinten am östlichen Himmel kündigten den Aufgang der Sonne an, als
+Schwabens Söhne endlich glücklich den Gipfel des Berges erreicht hatten.
+Einem Glutballe gleich stieg bald darauf die Sonne empor und warf ihre
+Strahlen über Berge und Täler. Ein Rundblick von überwältigender
+Großartigkeit lohnte die Männer für ihre Anstrengungen des Aufstiegs.
+
+Der Berg des Schweigens überragte die übrigen Höhenzüge ganz bedeutend. Er
+war die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre. Weithin schweiften
+die Blicke völlig frei und unbehindert. Selbst die fernsten Gegenstände
+schienen, dank der dünnen, klaren Luft, dem Auge greifbar nahe gerückt. In
+weiter, weiter Ferne nach Norden zu konnten die drei Gelehrten mit Hilfe
+der scharfen Marsteleskope, die sie mit sich führten, eine weiße,
+bogenförmige Linie erkennen. Diese grenzte scharf und deutlich den bläulich
+schimmernden Horizont ab. Die Herren wußten zunächst nicht, wofür sie diese
+eigenartige Linie, die ein erstarrtes Eismeer einschloß, halten sollten.
+
+»Das ist ja der Nordpol des Mars!« entfuhr es plötzlich den Lippen
+Stillers.
+
+Eine große Erregung bemächtigte sich der Beobachter: der Hauch der
+Unendlichkeit wehte ihnen hier entgegen. Ein solches Ergebnis der Fernsicht
+hatten sie nicht erwartet. Immer und immer wieder betrachteten sie die
+deutlich wahrnehmbare Abrundung.
+
+»Kein, Zweifel, es ist der Nordpol. Wie wunderbar, daß unsere Augen auf
+einem andern Planeten das schauen dürfen, was auf der Erde bis jetzt, allen
+Versuchen zum Trotz, niemandem gelang!« sprach Herr Stiller. »Wie wird
+dieses Bild erst bei Nacht sein!«
+
+»Wie meinen Sie das?« forschte Dubelmeier.
+
+»Nun, ich denke an die feurigen elektro-magnetischen Polausströmungen,«
+erwiderte Stiller.
+
+»So bleiben wir so lange hier!« entschied Piller. »Aber sehen sie einmal,
+meine Freunde, was ist denn da unten?«
+
+Stiller und Dubelmeier drehten sich um. Etwa zweihundert Meter unter ihnen
+lag, hell beschienen vom Lichte des Tages, im Krater des früheren Vulkans
+ein See von heller, smaragdgrüner Farbe. Blühende Blumen umsäumten seine
+Ufer.
+
+»Blumen und Wasser, Eis und Schnee, merkwürdige Kontraste! Wie verträgt
+sich das?« fragte Piller. »Wir scheinen ja hier oben von einem Wunder ins
+andere zu fallen!«
+
+»Auf dem Mars hat das Merkwürdige überhaupt kein Ende!« entgegnete Stiller
+lächelnd. »Doch untersuchen wir die Sache, und steigen wir hinab in den
+Krater, der nebenbei noch ein ausgezeichneter Lagerplatz sein dürfte!«
+
+Bald waren die Herren unten am See. Da, wo der Schnee aufhörte und der
+Pflanzenwuchs einsetzte, fühlte sich der Boden warm an, ein Beweis, daß der
+Vulkan noch nicht gänzlich erloschen war. Das Wasser des Sees war
+gleichfalls warm und zeigte eine Temperatur von dreißig Grad Celsius. Das
+wunderbar klare, nahezu durchsichtige Wasser von etwas salzigem Geschmack
+ließ den Boden des tiefen Sees deutlich erkennen, der wie mit einem
+tiefroten Teppich bedeckt erschien.
+
+»Das sieht ja aus, als ob ein schwerer mineralischer Farbstoff hier
+hineingeschüttet worden wäre,« äußerte sich Piller zu seinem Kollegen
+Stiller.
+
+»Es scheint Eisenoxyd zu sein, das sich auf dem Boden des Sees
+niedergeschlagen hat. Wahrscheinlich war das Wasser einst stark
+eisenhaltig,« entgegnete Stiller.
+
+»Das mag sein. Dadurch ist auch das Fehlen jeglichen Tierlebens in dem
+Wasser erklärlich.«
+
+Die Herren betrachteten nun die in Fülle am Uferrande wachsenden blühenden
+Pflanzen. Es war ein bunter, duftender Blumenteppich, der einen anmutigen
+Eindruck auf die Erdensöhne machte. Alle möglichen Arten von Pflanzen waren
+vertreten, die mit denen der alpinen Regionen der Erde verwandt waren.
+
+Mit Behagen genossen die Herren die Stunden des Tages hoch oben im Krater
+und bedauerten nur, daß die andern Freunde nicht auch anwesend waren. Als
+der Abend gekommen war, stiegen sie, wohl eingehüllt in ihre Pelze, wieder
+hinauf zur Spitze. Tiefes Dunkel lag bereits über dem Marsland, als die
+Forscher den Rand des Kraters erreichten. Die Marsmonde waren noch nicht
+aufgegangen. Aber in der Richtung des Nordpoles, den die Freunde diesen
+Morgen gesehen, begann es aufzublitzen, zuerst langsam, dann immer stärker.
+Schließlich fuhren feurige Strahlen empor, bildeten über dem polaren
+Horizonte einen Halbkreis und verschwanden wieder. Ein herrlicher Wechsel
+der Farben vom blendenden Rotgold bis zum leuchtenden Saphirblau, verbunden
+mit dem Wachsen und Schwinden der zuckenden Strahlen, erzeugten ein Bild
+von vollendeter Schönheit.
+
+»Diese glänzende Naturerscheinung ist ein würdiger Abschluß unserer
+Expedition nach dem Berge des Schweigens,« sprach Stiller zu seinen
+Freunden, als das Polarlicht durch die inzwischen emporgestiegenen
+helleuchtenden Monde des Mars mehr und mehr zurückgedrängt wurde.
+
+»Ja, hier oben auf dem Mars ist alles lichtvoll, voll freundlicher Helle,
+selbst die Nacht. Welch zauberhaft schöne Reflexe bringt das Licht der
+Monde da unten hervor!«
+
+Mit diesen Worten wies Piller hinunter auf den stillen Kratersee, auf
+dessen Wasser die zitternden Strahlen der beiden Monde tausendfach
+gebrochen tanzten. Es war, als ob mit Leuchtkraft begabte Wesen aus der
+Tiefe des Berges emporgestiegen wären und nun an der Oberfläche des Wassers
+ihr neckisches Spiel trieben.
+
+Im Mondschein traten die drei wackeren Schwaben, um eine wertvolle
+Marserinnerung reicher, einige Stunden später den Abstieg an, um vereint
+mit ihren vier Kollegen wieder nach Lumata zurückzukehren.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+Der Abschied
+
+
+Nach der Rückkehr aus dem Gebiete der Vergessenen begann Frommherz den
+Verkehr mit seinen Gefährten mehr und mehr einzuschränken. Er nahm mit
+ihnen allerdings noch die gemeinsamen Mahlzeiten ein, zog sich aber, sooft
+es sich ohne Aufsehen machen ließ, von der Gesellschaft seiner Freunde
+zurück. An den Abenden, die sonst der allgemeinen Unterhaltung und dem
+Gedankenaustausch im schönen Heim von Lumata gewidmet waren, ging er für
+sich allein spazieren und genoß in stillem Entzücken den eigenartigen
+Zauber der Mondnächte. Und von hier oben sollte er fort, von diesem Eden,
+und wieder hinunter auf die kalte Erde? An diesem Gedanken krankte
+Frommherz förmlich. Die Herren waren viel zu sehr mit sich selbst
+beschäftigt, um dem eigentümlichen Benehmen ihres Genossen allzugroße
+Bedeutung beizulegen.
+
+Durch Eran hatte Stiller dem Zentralsitze des Stammes der Weisen in Angola
+mitteilen lassen, daß er und seine Gefährten sich endgültig entschlossen
+hätten, nach der Erde zurückzukehren. Die Abreise beabsichtigten sie am
+zweiten Jahrestage ihrer Landung auf dem Mars anzutreten.
+
+Darauf war eine Einladung, wieder nach Angola zu kommen, als Antwort
+eingetroffen. Ihr Empfang dort ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen
+übrig. Eine Reihe glänzender Feste wurde zu ihren Ehren und als Feier des
+bevorstehenden Abschiedes veranstaltet. Das Beste und Schönste, was die
+darstellenden und bildenden Künste auf dem Mars zu leisten vermochten,
+wurde bei diesen Festen den Erdensöhnen geboten. Aber die Schatten des
+Abschiedes von dem wundervollen Planeten und seinen so idealen Bewohnern
+begannen bereits auf den Herren Schwaben zu lagern und ließen sie das
+Gebotene nicht mehr mit voller Freude genießen.
+
+In der gewaltigen Spiegelgalerie des Palastes der Weisen fand das letzte
+Essen statt. Zu ihm waren von allen Seiten des Mars Eingeladene erschienen
+und von allen Stämmen offizielle Vertreter. Draußen im Westen begann das
+ewige Licht, die Sonne, niederzusteigen. Ihre milden, goldenen Strahlen
+warfen die großen Spiegel des Saales unzähligemal gebrochen zurück. Es war
+im Saale ein Wogen und Fluten des Lichtes, das die Augen förmlich blendete.
+Durch die offenen Fenster drang der Duft der Blumen herauf in den Saal. Im
+leichten Abendwinde ließen die schlanken Palmen des Parkes ihre Kronen
+leise rauschen. Ruhig und still grüßte der tiefblaue See durch den grünen
+Dom der Bäume herüber, zwischen denen noch in geschäftiger Eile
+zwitschernde Vögel flogen und Lianen ihre farbenprächtigen Blütenschnüre
+warfen. Ferne, sanfte Höhenzüge, rosig angehaucht von der Abschied
+nehmenden Sonne, rahmten das köstliche Landschaftsbild ein, das die
+Erdgeborenen heute zum letzten Male sehen sollten. Diese waren als die
+ersten im Saale erschienen und standen nun an den hohen Fenstern versunken
+in die traumhaft schöne Szenerie.
+
+»Uns wird der Abschied wahrhaftig schwer gemacht,« sprach leise Piller zu
+dem neben ihm stehenden Kollegen Stiller. »Frommherz hat recht. Ist dies
+hier nicht ein Land, das die Bezeichnung eines Paradieses verdient?«
+
+»Ohne Zweifel!« antwortete Stiller. »Es, ist ein Eden, so recht geschaffen
+für die Betrübten, für die Heimatlosen, wie wir es nun sein werden.«
+
+»Heimatlos? Wie meinen Sie das, Stiller?«
+
+»Heimatlos, jawohl!« erwiderte Stiller, und seine Lippen zuckten
+schmerzlich, als er nach kurzer Pause fortfuhr: »Glauben Sie denn, wir
+würden, nachdem wir zwei volle Jahre hier oben inmitten einer wunderbar
+schönen Natur, eines geradezu paradiesischen Landes unter stolzen, freien
+und edlen Menschen gelebt haben, uns in der Heimat wieder wohlfühlen
+können? Niemals! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren worden sind,
+wo wir früher gelebt, gerungen, für unsere Überzeugung gestritten haben.«
+
+»Stiller, machen Sie mir den Abschied nicht zur Unmöglichkeit!« Piller
+mußte sich, wie stets nach heftiger seelischer Erregung, mehrmals stark
+schneuzen. Dann trat er rasch an die Tafel, schenkte sich ein Gläschen Wein
+ein und leerte es auf einen Zug.
+
+»Fern sei es von mir, Ihnen den Abschied zur Unmöglichkeit zu machen, denn
+wir _müssen_ ja fort. Aber« -- ein Leuchten erhellte dabei das Gesicht des
+Sprechenden -- »ausstreuen wollen wir, ohne Wortgeklingel, unten auf der
+Erde die Keime jener großen Zukunft, die wir hier oben in so herrlicher
+Weise verwirklicht angetroffen haben.«
+
+Als Zeichen des Einverständnisses drückte Piller seinem Kollegen stumm die
+Hand.
+
+Allmählich füllte sich der Saal mit den Geladenen. Alle kamen auf die
+Erdensöhne zu und schüttelten ihnen die Hände. Nachdem Anan erschienen war,
+begann das Essen. Neben dem Ältesten der Alten saßen die sieben Schwaben.
+Die Kronleuchter des Saales erstrahlten im Lichte elektrischer Lampen. Sie
+beleuchteten die glänzende Tafel und die große, feierlich gestimmte
+Gesellschaft. Unten, vor der Spiegelgalerie, auf der großen Terrasse, waren
+die Chöre der Sänger und Musiker aufgestellt, die während des Mahles
+abwechselnd ihre entzückenden Weisen ertönen ließen.
+
+Als das Essen beendigt war, erhob sich Anan. »Meine Brüder und Schwestern,«
+hub er zu sprechen an, »die Stunde des Abschiedes von Angola ist gekommen.
+Unsere Gäste aus dem fernen Schwabenlande kehren demnächst wieder dahin
+zurück. Mögen sie heil, und gesund den trauten Boden ihrer Heimat wieder
+erreichen! Sie selbst werden in unserm Andenken für immer fortleben. Wir
+haben beschlossen, ihre Namen in goldenen Buchstaben auf Marmortafeln hier
+in diesem Saale neben ihren Bildern anzubringen, unsern spätern Nachkommen
+zur Erinnerung an diese kühne Reise zu uns und an ihren langen, durch
+keinen Mißton getrübten Aufenthalt in unserer Mitte. Ferner haben wir
+beschlossen, als weiteres Zeugnis dieses ersten und letzten Besuches von
+Erdgeborenen auf unserm Lichtentsprossenen all die verschiedenen
+Mitteilungen, die sie uns über das Leben und Treiben der Völker der Erde
+gemacht haben, in einem Buche niederzulegen, das hier in unserm Heim einen
+besondern Ehrenplatz erhalten soll. Für ewig soll neben den Namen unserer
+Gäste auch das festgehalten werden, was sie uns in feierlichen Augenblicken
+verkündet haben. So soll ihr Besuch im Andenken bei uns geehrt werden bis
+in die fernsten Zeiten.
+
+Und nun, meine lieben Freunde,« Anan wandte sich mit diesen Worten an die
+sieben Schwaben, »haben wir für euch eine Reihe von Andenken bestimmt, wie
+sie Kunst und Wissenschaft vereint auf unserm Lichtentsprossenen
+hervorgebracht haben. Nehmet diese Erzeugnisse, die dort auf jenem Tische
+liegen, mit euch zur Erinnerung an den Aufenthalt unter uns. Hier übergebe
+ich euch ein goldenes Buch. Es enthält die Entwicklungsgeschichte unseres
+Volkes. Mit der allgemeinen fortschreitenden Bildung und Urteilsfähigkeit
+vereinfachte sich bei uns auch mehr und mehr die Gesetzgebung. Sie gipfelt
+eigentlich nur in dem einen fundamentalen Satze: Tue nicht, was du nicht
+willst, daß dir getan werde! Ihr werdet also in dieser Beziehung in dem
+Buche wenig mehr finden, denn die Menge der Gesetze eines Volkes ist nur
+der Beweis für dessen Handlungsunfähigkeit. Das Buch enthält aber noch
+unsere Ansichten und Begriffe über die natürliche Moral, über die
+unverwüstlichen Grundsätze, die bei uns das Werk der Reinigung vollendet
+haben. Möge dieses sich auch einst auf der Erde in ähnlicher Weise
+vollziehen wie bei uns, mögen einst auch bei euch die Hüllen und
+Verkleidungen fallen, die leider unten auf der Erde noch den wahren, an
+sich so einfachen Kern der natürlichen Moral umschließen! Möge, von diesem
+Gesichtspunkte aus betrachtet, eure gefahrvolle und beschwerliche Reise
+nach unserer fernen Himmelsleuchte und euer Aufenthalt unter uns von Nutzen
+gewesen sein!« Anan setzte sich.
+
+Eine tiefe Stille herrschte, als der ehrwürdige Greis gesprochen hatte.
+Jetzt erhob sich Stiller. In bewegten Worten dankte er zunächst in seinem
+und seiner Gefährten Namen für all das Gute, das ihnen hier oben erwiesen
+worden sei. Er habe hier eine Reife der Entwicklung angetroffen, die er
+früher nur zu ahnen gewagt, in Wirklichkeit aber nicht für möglich gehalten
+habe. Er und seine Gefährten hätten hier oben viel gelernt, und von manchem
+Irrtum seien sie befreit worden.
+
+»So habe ich unter anderem auch geglaubt, daß ohne den rohen Kampf ums
+Dasein eine Entwicklung des Menschen zu Höherem nicht denkbar sei, daß der
+rücksichtslose Kampf um die Existenz die notwendige Erhebung des Menschen
+für dessen Klärung und Läuterung vorstelle. Von dieser Ansicht bin ich
+durch meine Beobachtungen hier oben abgekommen. Der rohe Kampf ist nur das
+Kennzeichen der Selbstsucht, die wahre Nächstenliebe mildert ihn, und diese
+fehlt bei uns leider noch in hohem Maße.
+
+Auch bei euch hier oben herrscht ein Wettkampf, aber wie sehr ist er von
+dem verschieden, was wir unten auf der Erde darunter verstehen! Jeder
+einzelne von euch ist bestrebt, in edlem, selbstlosem Wettbewerbe nur das
+Beste zu bieten unter peinlichster Berücksichtigung der berechtigten
+Interessen seines Nebenmenschen und Bruders. Jeder lebt bei euch das große
+Leben der Gesamtheit mit, weil er sich als einen wesentlichen Bestandteil
+des Gesamtorganismus fühlt; denn gedeiht der einzelne, so gedeiht auch das
+Ganze, ist dagegen der einzelne krank, so leidet auch die Gesamtheit. Und
+wie gesund, kraftstrotzend ist diese bei euch!
+
+Wie weit sind wir dagegen auf unserer Erde von dem Ideale des Lebens und
+seiner Auffassung überhaupt entfernt! Wie klein stehen wir euch gegenüber
+da! Und doch, es muß und wird auch bei uns einst tagen. Wir, die wir bei
+euch gewesen, wir wollen, soweit es in unsern Kräften steht, den Samen zu
+jenem schönen und großen Leben der Zukunft ausstreuen, das wir bei euch
+hier in so prächtiger Blüte verwirklicht kennengelernt haben. Unsere Reise
+zu euch war nicht vergeblich. Was wollen ihre Mühseligkeiten und Gefahren
+bedeuten im Verhältnis zu dem Reinen und Schönen, das wir hier genießen
+durften! Schweren Herzens, mit dem Bewußtsein, hier bei euch unsern
+inhaltreichsten Lebensabschnitt zugebracht zu haben, unendlich reich in der
+Erinnerung, treten wir unsere Heimreise an. Die Mutter Erde verlangt
+zurück, was ihr entsprossen.
+
+Niemals bis zu unserm letzten Atemzuge werden wir vergessen, was ihr uns
+geboten habt, was ihr uns gewesen seid, und wie ihr uns geehrt habt. Wenn
+wir einst später unten in unserer Heimat in nächtlichen Stunden aus weiter
+Ferne euren Mars, den Lichtentsprossenen, herüberleuchten sehen, so werden
+wir in treuem Gedenken stets bei euch weilen und mit stiller Sehnsucht an
+die schönste Zeit unseres Lebens zurückdenken. Lebt wohl, teure Freunde!
+Ich umarme Anan für euch alle und drücke ihm für euch alle den Bruderkuß
+des Erdgeborenen auf seine reine Stirn. Denn Brüder sind wir ja alle, die
+sich Menschen nennen, hier oben wie unten auf der Erde.«
+
+Stillers Worte hatten auf alle Anwesenden gewaltigen Eindruck gemacht, und
+als er nun auf Anan, den erhabenen Greis, zutrat, ihn umarmte und küßte, da
+ertönte im Saale ein Sturm des Beifalles.
+
+»Mein Bruder, edler Sohn deines Landes,« antwortete Anan, »habe Dank für
+das, was du eben gesagt hast. Nimm auch von mir, dem alten Sohne des
+Lichtentsprossenen, den Bruderkuß und ziehe glücklich heim mit deinen
+Gefährten. Mit ihnen wirst du am Werke der Menschenvervollkommnung
+erfolgreich arbeiten, das weiß ich. Meine Augen werden sich bald schließen
+zu jenem Schlummer, von dem es kein Erwachen mehr gibt, aber auch ich
+werde, solange ich hier noch wandern darf, mit Freuden an die Stunden
+denken, die ich in deiner Gesellschaft in unserm Angola zugebracht habe.«
+
+Nach dem stimmungsvollen Abschiede in Angola befanden sich die sieben
+Schwaben einige Tage später wieder in Lumata. Stiller war mit der Sorge um
+das Luftschiff beschäftigt. In dieser Beziehung fand er bei den Marsiten
+alle Unterstützung und konnte nun die auf der Herfahrt gemachten schlimmen
+Erfahrungen durch Verbesserungen aller Art verwerten. Er machte sich auf
+eine lange Zeitdauer der Rückfahrt gefaßt, trotz der stärkeren
+elektromagnetischen Anziehungskraft der Erde, des im Verhältnis zum Mars um
+nahezu das Doppelte größeren Planeten.
+
+Seit dem Aufstieg an jenem denkwürdigen Dezemberabend auf dem Cannstatter
+Wasen waren nahezu dritthalb Jahre vergangen. Unterdessen hatte sich der
+Mars wieder um eine ganz gewaltige, viele Millionen von Kilometer
+betragende Entfernung von der Erde wegbewegt und war von dieser heute
+nahezu doppelt so weit entfernt als zur Zeit der Abreise. Stiller rechnete
+aus, daß sie, nach Erdenzeit gemessen, mindestens fünf volle Monate in der
+Gondel zuzubringen hätten und auch dies nur unter der Voraussetzung, daß
+kein unvorhergesehenes Ereignis den Flug des Weltenseglers störe. Waren er
+und seine Gefährten einst in befriedigender körperlicher Verfassung und
+ohne nennenswerte Störungen nach dem Mars gelangt, warum sollte die
+Rückkehr nach der Erde schließlich nicht auch erträglich vonstatten gehen?
+
+Allerdings erschreckte die Länge der bevorstehenden Reise den sonst so
+mutigen Mann doch etwas. Fünf volle Monate in der Gondel eingeschlossen
+zuzubringen, die vielerlei damit verknüpften Entbehrungen wieder auf sich
+zu nehmen, den Mangel des natürlichen Lichtes, der Bewegung zu ertragen,
+das mußte auch auf das tapferste Gemüt niederdrückend wirken; Aber Stiller
+schüttelte alle trüben Gedanken nachdrücklich ab und freute sich über die
+großartigen technischen Kenntnisse der »Findigen«, die ihm nicht nur ein
+ähnliches Gas zur Füllung seines Luftschiffes bereiteten, wie es das
+Argonauton war, sondern die auch durch die Kunst der Haltbarmachung der
+wichtigsten Nahrungsmittel für die Reise meisterhaft zu sorgen verstanden.
+An elektrischer Kraft, fester Luft und dergleichen, deren Herstellung den
+Findigen schon seit alten Zeiten bekannt war, fehlte es auch nicht, und der
+Weltensegler führte jetzt ganz andere Mengen dieser Kräfte und
+Existenzmittel mit sich als zur Zeit seines Aufstieges. Ohne Lärm, ohne den
+geringsten Verdruß war die Instandsetzung des Luftschiffs vor sich
+gegangen. Wie vorteilhaft stach diese Art der Arbeit hier gegen die auf dem
+Cannstatter Wasen vor mehr als zwei Jahre ab! Dank der hohen Intelligenz,
+der Bereitwilligkeit und dem Eifer der Findigen befand sich der
+Weltensegler in so vortrefflichem Zustande, daß die gefahrvolle Reise
+jederzeit angetreten werden konnte.
+
+Stiller hielt es für seine Pflicht, seine Gefährten über den Gang der
+Vorbereitungen zur Abfahrt auf dem laufenden zu halten. Er verschwieg den
+Freunden auch nicht die ungefähre Dauer der Rückreise. Anfangs waren die
+Kollegen über die Aussicht, so viele Monate in der Gondel zubringen zu
+müssen, sehr erschrocken gewesen, hatten sich dann aber rasch wieder gefaßt
+und sahen der Zukunft mit Mut und Vertrauen entgegen. Nur Frommherz äußerte
+sich nicht. Still und scheu schlich er herum, während die übrigen Herren
+ihre bescheidenen Habseligkeiten zu packen und in die Gondel zu schaffen
+anfingen.
+
+Der Weltensegler war aus seinem Unterkunftshause herausgenommen worden und
+schaukelte sich, sorgfältig verankert, an dem Orte, an dem er einst
+niedergegangen war. Der letzte Tag des Aufenthaltes auf dem Mars war nur zu
+schnell herangekommen. Morgen in aller Frühe sollte die Abfahrt von Lumata
+erfolgen. Eran, der gastfreie, würdige Alte, hatte es sich nicht nehmen
+lassen, seinen Gästen noch ein reiches Abschiedsmahl zu bieten, zu dessen
+Verschönerung und Weihe die Harfenspieler und Sänger von Lumata wieder das
+Ihrige beitrugen. Ganz Lumata war auf den Füßen. Die Arbeit ruhte überall.
+Allerorts hatten sich die biedern Schwaben beliebt zu machen verstanden.
+Niemand war da, der den Fortgang der wackeren Männer nicht aufrichtig
+bedauerte. Aber sie hatten Familie, hatten Väter, Mütter, Brüder und
+Schwestern unten auf der Erde. Eine Rückkehr dahin erschien den Marsiten
+mit ihrem so hoch entwickelten Familien- und Gemeinsinn nur als ein Gebot
+der Pflicht.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+Ein Abtrünniger
+
+
+Während des Essens und der allgemein herrschenden bewegten Stimmung war es
+niemand besonders aufgefallen, daß Frommherz verschwand. Als nach dem
+Schlusse des Mahles, das sich bis in die ersten Morgenstunden des neuen
+Tages hineingezogen hatte, die Erdensöhne aufstanden und im Begriffe waren,
+das Haus Erans, das sie zwei Jahre lang beherbergt hatte, zu verlassen,
+entdeckte man das Fehlen des Freundes. Man suchte ihn überall im Hause,
+fand ihn aber nicht. Dagegen entdeckte man einen Brief, der auf dem Tische
+seines Zimmers lag. »An meine Freunde und Gefährten!« lautete die Adresse.
+
+Stiller öffnete das Schreiben und überflog dessen Inhalt. »Wir haben es
+leider mit einem Abtrünnigen zu tun,« erklärte er den besorgten Genossen.
+»Hören Sie, was Frommherz schreibt. Aber setzen wir uns zunächst wieder,
+und beratschlagen wir nachher, was zu tun ist.«
+
+Die Herren entsprachen der Bitte, und Stiller ersuchte Eran und die übrigen
+Marsiten unter Hinweis auf das Fehlen des siebenten und letzten
+Reisegenossen um einen kurzen Augenblick Geduld. Eran zog sich sofort mit
+den Seinen zurück und ließ die Herren allein.
+
+»Zum Kuckuck, dacht' ich mir's doch so halb und halb, daß Frommherz
+fahnenflüchtig werden würde!« begann Piller zornig. »Lesen Sie einmal die
+Epistel vor, Stiller!«
+
+»Verzeiht mir, teure Freunde und Gefährten, daß ich Euch eine schmerzhafte
+Enttäuschung bereite. Ich kann es nicht über mich bringen, mit Euch nach
+der Erde und nach unserer alten Heimat zurückzukehren. Aufs schwerste habe
+ich deshalb mit mir gekämpft und gerungen. Ich vermag den Mars nicht zu
+verlassen, es würde mein sicherer Tod sein, und den wollt Ihr doch auch
+nicht. Hier oben habe ich alles verwirklicht gefunden, was ich unten in
+ahnender Sehnsucht geträumt. Und nun soll ich ein Eden verlassen und in
+enge, unaufrichtige Verhältnisse und Lebensanschauungen wieder
+zurückkehren, nachdem ich so lange das reine Licht der Wahrheit geschaut
+habe? Nein, es kann nicht sein! Hat uns nicht der ehrwürdige Anan selbst in
+Angola das Bleiben hier oben freigestellt? Gut, so will wenigstens ich von
+diesem Anerbieten Gebrauch machen und Euch allein heimwärts ziehen lassen.
+
+Wohl weiß ich, daß ich Euch durch meinen Entschluß kränke, aber ich kann
+wirklich nicht anders handeln. Richtet nicht zu strenge über mich und
+verzeiht mir, wenn möglich, in Liebe! Freiwillig bleibe ich hier oben. Es
+kann Euch somit keine Verantwortung dafür treffen, daß Ihr allein, ohne
+mich, nach der Heimat zurückkehrt. Möget Ihr sie glücklich erreichen! Dies
+ist mein innigster, aufrichtigster Wunsch. Grüßt mir mein Tübingen, grüßt
+mir mein liebes Schwabenland und meine Verwandten dort! Sagt ihnen, daß ich
+mich hier oben überglücklich, wie im Paradiese fühle und deshalb nicht mehr
+zur Erde mit ihrer Qual zurückgekehrt sei. Macht keine Anstrengungen, mich
+zu suchen. Ihr würdet mich doch nicht in meinem sichern Versteck finden, in
+dem ich so lange bleiben werde, bis Ihr abgefahren seid. Lebt wohl! In
+treuem Gedenken bin und bleibe ich Euer Friedolin Frommherz.«
+
+In finsterem Schweigen verharrten die Herren einen Augenblick, nachdem
+Stiller den Brief vorgelesen hatte.
+
+»Der elende Drückeberger!« hob Dubelmeier zu knurren an. »Jetzt fällt es
+mir wie Schuppen von den Augen, warum er sich in den letzten Wochen so
+sonderbar benommen hat.«
+
+»Blamiert sind wir, heillos blamiert!« schrie Piller. »Wie stehen wir nun
+da? Wo bleibt unsere gerühmte Ehrenhaftigkeit?«
+
+»Beauftragen wir Eran, Frommherz zu suchen! Der findet den Ausreißer
+gewiß,« riet Hämmerle.
+
+»Diesem Vorschlage möchte ich beistimmen,« fügte Thudium bei.
+
+»Es geht doch nicht an, daß wir Frommherz hier zurücklassen. Entweder wir
+bleiben alle, oder wir gehen alle zusammen. Das ist klar!« fügte Brummhuber
+bei.
+
+»Meine lieben Freunde, schenken Sie mir ein wenig Gehör,« bat Stiller die
+aufgeregten Gefährten. »Ich begreife und billige ja völlig Ihre Entrüstung
+über das Benehmen Frommherz' und teile es. Aber wir haben durchaus kein
+Recht, ihm unsern Willen aufzuzwingen. Er ist seinerzeit freiwillig
+mitgegangen und mag freiwillig zurückbleiben. Aber er hätte klar und offen
+handeln sollen. Mag er diese Handlungsweise vor seinem eigenen Gewissen
+verantworten! Nehmen wir die Sache, wie sie einmal ist. Unserm Andenken und
+unserer persönlichen Ehrenhaftigkeit kann das Bleiben Frommherz' hier oben
+nicht das geringste anhaben. Im Gegenteil! Wir stehen immer als das da,
+wofür man uns nahm und hielt. Frommherz dürfte in dieser Beziehung bei den
+strengen Moralbegriffen der Marsiten nicht gut wegkommen. Ziehen wir also
+allein, ohne ihn! Ja, ich rate sogar zur Nachsicht und Milde. Seien wir
+aufrichtig! Ziehen wir vielleicht gern, leichten Herzens von hier fort?«
+
+»Nein, gewiß nicht!« ertönte es fünfstimmig.
+
+»Nun wohl! So wollen wir die Lage, in die sich unser Frommherz freiwillig
+begeben, wenigstens zum Guten zu wenden suchen: wir empfehlen den
+Zurückbleibenden der Güte und Nachsicht unseres lieben, ehrwürdigen Eran.«
+
+»Das fehlte noch!« wetterte Piller.
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich verstehe Sie einfach nicht, Stiller!«
+
+»Nun, so lassen Sie mich ruhig fortfahren. Während des Lesens von
+Frommherz' Brief ist mir der Gedanke gekommen, daß unser Freund nach unsrer
+Abreise zur Strafe für sein eigenmächtiges Zurückbleiben und den dadurch
+bewiesenen Mangel an Gemeinschaftsgefühl möglicherweise nach den Gefilden
+der Vergessenen verbannt werden könnte.«
+
+»Was ihm ganz recht geschehen würde!« warf hier Brummhuber ein.
+
+»Nein, das wollen wir ihm eben zu ersparen suchen. Möge er unter ähnlichen
+Bedingungen wie bisher hier weiter leben! Dieses Bewußtsein läßt uns später
+mit reineren Gefühlen an den Freund zurückdenken und wirft keinen Schatten
+auf die Erinnerung an unsere schöne Aufenthaltszeit hier oben. Nun wohl, so
+lassen Sie mich, bitte, gewähren! Ich rede nachher mit Eran und suche mit
+ihm zusammen das Unangenehme möglichst gut zu ordnen.«
+
+»Stiller, Sie beschämen uns, Sie sind ein braver Kerl -- der Beste von
+uns!« Piller schneuzte sich sehr kräftig nach diesen Worten . . .
+
+»O nein, mein Lieber! Ich war nur nicht umsonst hier oben unter diesen
+prächtigen, hoch denkenden und handelnden Menschen. Sie sehen nur, daß ich
+von ihnen etwas gelernt habe.«
+
+»Wenn einer oben zu bleiben wirklich würdig wäre, so wären Sie es,
+Stiller!« rief begeistert Hämmerle.
+
+»Lassen wir das!« wehrte Stiller ab. »Und nun will ich mit Eran Rücksprache
+nehmen.« Ohne das geringste Zeichen des Erstaunens zu zeigen oder einen
+Laut der Verwunderung hören zu lassen, vernahm der ehrwürdige Alte den
+Bericht Stillers.
+
+»Auch ich finde, daß du wohl daran tust, deinen Bruder nicht zu zwingen,
+die Rückreise mit euch anzutreten. Ein jeder Mensch hat bis zu einem
+gewissen Grade das Recht der Selbstbestimmung. Aber dieses Recht schließt
+nicht das Unrecht eures flüchtigen Bruders aus, das ich in der Art und
+Weise erblicke, wie er sein Hierbleiben durchsetzen will. Laß ihn aber nur
+hier und zieh mit deinen Brüdern hinab auf die Erde! Wir werden mit
+Friedolin nicht allzu scharf ins Gericht gehen.«
+
+»Darüber möchte ich eben beruhigt werden, ehrwürdiger Eran.«
+
+»Sei deshalb ohne Sorge! Taucht er nach eurer Abreise auf, so werde ich ihn
+persönlich nach Angola bringen und bei Anan Fürsprache für den Sünder
+einlegen. Aber eine kleine Strafe muß sein. Ich habe bereits über ihre Art
+nachgedacht.«
+
+»Worin soll sie bestehen?« fragte neugierig geworden Stiller.
+
+»Friedolin soll uns ein Wörterbuch eurer Sprache schreiben. Ihr habt uns ja
+als Andenken einige Werke eurer hervorragendsten heimischen Dichter und
+Denker geschenkt. Nun gut, wir wollen diese Werke in der Originalsprache
+lesen, um uns ein klares Bild von euren Meistern machen zu können. Dazu
+brauchen wir aber ein Wörterbuch.«
+
+»Diese Strafe lasse ich mir gefallen. Freund Friedolin wird die ihm
+gestellte Aufgabe zu eurer Zufriedenheit lösen, davon bin ich überzeugt.«
+
+Damit war der Fall Frommherz erledigt. Stiller setzte seine Gefährten von
+dem Ergebnis der Besprechung in Kenntnis, und die Herren priesen von neuem
+die Güte und Nachsicht Erans, des wackern Patriarchen.
+
+Nach der Zeitrechnung der Erde, die Stiller auch auf dem Mars unter
+genauester Berücksichtigung der Unterschiede in den täglichen
+Umdrehungszeiten von Mars und Erde weitergeführt hatte, war heute der
+siebente März herangekommen und mit ihm die Stunde der Abfahrt.
+
+Eran hatte darauf bestanden, die sechs Erdensöhne zum Weltensegler zu
+begleiten. Auch Lumatas erwachsene Bevölkerung zog mit. Ernstes Schweigen,
+der Ausdruck ehrlichen Schmerzes über die Trennung, herrschte in der ganzen
+Schar. So schritten sie wortlos dahin zu der Wiese, auf der sich der
+Weltensegler in der klaren und reinen Luft des heraufziehenden Tages
+schaukelte.
+
+»Nehmen wir kurz und rasch Abschied, vergrößern wir nicht das Weh der
+Trennung durch weitere Worte!« sprach Eran, einen der Schwaben nach dem
+andern umarmend. »Möge ein gutes Geschick eure Heimreise begleiten! Kommt
+glücklich in eurer Heimat an.«
+
+Ein Händedruck noch, ein Winken von allen Seiten, und die kühnen
+Weltensegler stiegen in die Gondel. Die Taue wurden gelöst, langsam und
+stolz, begrüßt von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, begann sich
+der Ballon zu heben. Da kam eilenden Laufes Friedolin Frommherz daher. Die
+Menge machte ihm Platz.
+
+»Lebt wohl, Freunde!« rief er mit lauter Stimme. »Nochmals: verzeiht mir,
+daß ich bleibe und nicht mit euch zurückkehre! Reist glücklich und grüßt,
+mir mein teures Schwabenland!«
+
+Aber die Herren in der Gondel hörten nur noch schwach, was ihnen Frommherz
+nachrief. Zu antworten vermochten sie nicht mehr. In immer rascherem Fluge
+entfernte sich der Weltensegler von dem wunderbaren Planeten und schwebte
+bald im dunkeln, kalten Weltenraum.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+Wieder auf der Erde
+
+
+Der Zeiger der Zeituhr war auch in Stuttgart nach der so ungeheures
+Aufsehen erregenden Abfahrt der sieben Söhne des Schwabenlandes um Jahr und
+Tag vorgerückt. Wo mochten sie wohl stecken, die wagemutigen Landsleute? Ob
+sie wirklich den Mars erreicht hatten? Möglicherweise waren sie gar nicht
+nach diesem Planeten gelangt, sondern vielleicht auf einem der zahlreichen
+Planetoiden abgestiegen, oder die Expedition war verunglückt und die arme
+Forscherschar dann für immer verschollen im ungeheuren Weltenraume.
+Letztere Ansicht wurde allgemein als die richtige angenommen und geglaubt.
+
+Nach dem Aufstieg des Weltenseglers unterhielt man sich anfänglich in
+Stuttgart noch viel und lebhaft über die Reise der Forscher, und Fragen
+aller Art waren aufgeworfen worden; nach und nach aber schlief das früher
+so lebhafte Interesse für die Marsexpedition ein. Neue Zeitfragen, aktuelle
+Ereignisse waren aufgetaucht und verdrängten schließlich die Erinnerung an
+das märchenhafte Unternehmen.
+
+Da, plötzlich wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel schlug an einem
+Septembertage die Nachricht in Stuttgart ein, die Herren Professoren, die
+vor bald drei Jahren vom Cannstatter Wasen aus nach dem Mars abgefahren
+waren, seien auf einer Insel in der fernen Südsee niedergegangen, und zwar
+mit ihrem Luftschiff, dem Weltensegler. Im ersten Augenblick wollte kein
+Mensch an diese Nachricht glauben; man hielt sie für einen schlechten
+Scherz. Als sie aber unter den amtlichen Mitteilungen im »Staatsanzeiger«
+erschien und durch Tausende von Extrablättern sofort weiter verbreitet
+wurde, da wurden schließlich auch die hartnäckigsten Zweifler von der
+Wahrheit der Nachricht überzeugt.
+
+In lakonischer Kürze lautete der telegraphische Bericht:
+
+Matupi, 31. August, nachts.
+
+Weltensegler vom Mars zurück, hier niedergegangen. Stiller, Piller,
+Brummhuber, Hämmerle, Dubelmeier, Thudium. Befinden relativ wohl.
+
+In der ersten großen Überraschung fiel es vielen gar nicht auf, daß in dem
+Telegramm nur von sechs Teilnehmern die Rede war. Erst nach und nach wurde
+des fehlenden siebenten Mitgliedes der Expedition gedacht. Die Meinung
+hierüber war rasch gefaßt: Frommherz mußte während der Reise zweifellos
+gestorben sein.
+
+Mit größter Ungeduld sah die engere wie die weitere Heimat, die gesamte
+Kulturwelt näheren Nachrichten entgegen. Welch interessante, spannende
+Berichte standen von den schon verloren geglaubten Forschern zu erwarten!
+
+ * * * * *
+
+Die erste Zeit nach der Abreise vom Mars verstrich den Insassen der Gondel
+ganz erträglich. Nach Professor Stillers Ausspruch befand sich der
+Weltensegler auf der richtigen Bahn und in der Anziehungssphäre der Erde.
+Die Reise stellte an die Herren wieder die höchsten Anforderungen in Bezug
+auf ihre Gesundheit, Geduld und Ausdauer. Monate waren seitdem schon
+vergangen, und das Ziel, die Erde, wollte noch immer nicht auftauchen. Die
+Dulder fingen an, sich mehr und mehr erschöpft zu fühlen und beneideten in
+Gedanken oft den zurückgebliebenen Freund Frommherz.
+
+Aber schließlich muß ja auch die längste, dunkelste Nacht dem hellen Tag
+weichen. Es ging gegen Ende August. Über fünf Monate schon zog der
+Weltensegler durch den Ätherraum. Stiller erwartete von einem Tage zum
+andern den Eintritt des Luftschiffes in die Atmosphäre der Erde. Richtig!
+Eine beginnende Dämmerung zeigte ihre Nähe an.
+
+Wie einst bei der Annäherung an den Mars alle Drangsale der Reise im
+Handumdrehen aus der Erinnerung verschwanden, so war es auch diesmal wieder
+der Fall. Als Herr Stiller seinen Gefährten mitteilte, daß sie soeben in
+die Erdatmosphäre eingefahren und wahrscheinlich heute noch unten auf der
+Erde irgendwo landen würden, falls die Freunde nicht vorzögen, mit dem
+Weltensegler unmittelbar nach Deutschland zu steuern, da erhob sich heller
+Jubel in der Gondel. Vergessen waren plötzlich alle Mühe und Drangsal,
+alles körperliche Unbehagen.
+
+»Wo es auch ist, nur herunter und heraus aus diesem verdammten Kasten!«
+erklärte Piller. »Wahrhaftig, wir sind jetzt lange genug eingesperrt
+gewesen!«
+
+»Piller hat recht,« stimmte Thudium bei
+
+»Keine Stunde länger als unumgänglich notwendig bleibe ich in diesem
+fürchterlichen Käfig,« entschied Hämmerle, und ihm pflichteten Dubelmeier
+und Brummhuber bei.
+
+»Nun, wenn es so mit Ihnen steht, so landen wir, wo es eben möglich ist,«
+antwortete in gewohnter Ruhe Stiller. »Wir müssen aber Sorge dafür tragen,
+daß wir in zivilisierter Gegend absteigen und nicht aus Versehen in den
+offenen Ozean geraten.«
+
+»Das recht zu machen, ist Ihre Sache, Stiller,« entschied Piller. »Und nun,
+Gefährten, nehmen wir einen Schluck des herrlichen Marsweines als Ausdruck
+unserer Freude über die glücklich vollendete Reise! Dubelmeier, zu meiner
+innigen Freude und aufrichtigen Genugtuung haben Sie sich auf dieser Fahrt
+vom Saulus in einen Paulus verwandelt und an Stelle des Wassers den edlen
+Wein gesetzt. Also trinken wir!«
+
+Während die übrigen Herren den Pokal, eine wunderbare Marsarbeit und ein
+Geschenk von Angola her, kreisen ließen, hatte Herr Stiller die Ventile des
+Luftschiffs gelockert und eines der Gondelfenster geöffnet. Der
+Weltensegler fiel rasch abwärts.
+
+»Täuscht mich nicht alles, so schweben wir gerade über der australischen
+Ostküste,« sprach Herr Stiller, nachdem er einen raschen Blick aus dem
+Gondelfenster geworfen hatte. »Wir werden bei Brisbane in Queensland
+landen.«
+
+»Prächtig, Stiller, alter Knabe! Prosit! Da, nehmen Sie auch einen
+Schluck!«
+
+Piller wollte gerade seinem Kollegen den Pokal mit dem Weine reichen, als
+plötzlich ein furchtbarer Windstoß die Gondel traf und mitsamt dem
+Luftschiff in eine drehende, wirbelnde Bewegung versetzte. Der Pokal fiel
+zu Boden, und die Herren selbst mußten sich an den nächsten festen
+Gegenständen in der Gondel festhalten, um nicht wie Bälle herumgeschleudert
+zu werden.
+
+»Wir sind im letzten Augenblick in einen Zyklon geraten, wie sie hier herum
+häufig sind,« schrie Stiller seinen erschrockenen Gefährten zu. »Nun heißt
+es, allen Mut zusammennehmen. Der blinde Zufall ist jetzt unser Führer.«
+
+In unverminderter Stärke und Heftigkeit wütete der Orkan während der
+folgenden bangen Stunden. Der Wind pfiff heulend durch das offene,
+zerschmetterte Fenster der Gondel und wirbelte in ihr alles herum, was
+nicht befestigt war. In dem fürchterlichen Toben des Orkanes war jede
+Verständigung ausgeschlossen. Die Insassen der Gondel mußten sich
+schließlich der größeren Sicherheit wegen auf den Boden legen. Hilflos
+trieb das Luftschiff dahin, wohin es der rasende Sturmwind trug. Es war ein
+tragisches Verhängnis, das im letzten Augenblick der Reise, kurz vor der
+Landung auf der Erde, die Reisenden traf. Und dabei bestand noch die große
+Gefahr, daß der Weltensegler ins offene Meer treiben, und die Expedition,
+die die ungeheure Reise nach und von dem Mars bisher so glücklich
+überwunden hatte, zum Schlusse noch ertrinken werde.
+
+Traurige, trübe Gedanken bewegten die Männer. So war eine Reihe von Stunden
+vergangen. Der Tag, der so vielversprechend begonnen hatte, neigte sich
+seinem Ende zu. Die Gewalt des Sturmes schien nachzulassen. Möglich auch,
+daß der Weltensegler gegen die Peripherie des Wirbelsturmes hinausgetrieben
+worden war, kurz, die tolle Fahrt durch die Luft verringerte sich
+zusehends, und die Herren konnten endlich ihre unbequeme Lage verlassen und
+Ausschau halten. Zu ihrer Freude nahmen sie wahr, daß der Ballon in eine
+weite, geräumige Bucht eintrieb, deren Hintergrund ein Wald von grünen
+Kokospalmen bildete, umsäumt von freundlichen, kleinen Häusern.
+
+Rasch entschlossen öffnete Stiller die Ventile des Weltenseglers, als er
+gerade über dem Palmenwalde schwebte. Einem Riesengewichte gleich fiel der
+Ballon in die hohen Palmbäume, die krachend unter der merkwürdigen Last
+zusammenbrachen. Weißgekleidete Männer eilten an den Ort des Niederganges
+herbei. Ihnen gesellten sich die fast nackten, dunkeln Gestalten der
+Eingeborenen bei, die schreiend und gestikulierend um den Platz
+herumstanden, den sich der Weltensegler in ihrem Palmenwalde geschaffen
+hatte.
+
+Bald lag der übel zugerichtete Weltensegler fest verankert im Palmenwalde.
+
+»Wo sind wir denn?« fragte Piller zum Gondelfenster heraus.
+
+»Auf Matupi, im Südseearchipel,« lautete die Antwort.
+
+»Wahrlich, das war noch Glück! Beinahe wären wir ertrunken; viel fehlte
+nicht mehr,« meinte Dubelmeier.
+
+»Nun, dann hätten Sie eben im Wasser, Ihrem Element, geendet,« brummte
+Piller.
+
+»Heraus, Freunde, heraus aus der Gondel und endlich hinab auf festen
+Boden!« drängte Stiller.
+
+Als die Herren ausgestiegen waren, stellte sich der Führer der Weißen als
+Gouverneur der Insel vor.
+
+»Wir sind aus Schwaben,« entgegnete Stiller lächelnd, »Professoren an der
+Universität in Tübingen, und sind seinerzeit von Deutschland aus mit dem
+Luftschiff aufgestiegen. Schwaben kennt man ja überall in der Welt. Sollten
+Sie je einmal nach dem fernen Mars kommen, so werden Sie selbst da einen
+zurückgebliebenen engeren Landsmann von uns antreffen.«
+
+Der Gouverneur starrte etwas verwirrt den Sprecher, an, den er nicht recht
+begriffen hatte.
+
+»Sie kommen mit Ihrem Luftschiff aus Deutschland her?«
+
+»Direkt nicht, indirekt ja, direkt vom Mars! Haben Sie niemals von der
+Expedition nach dem Mars gehört? Es sind allerdings jetzt ungefähr zwei und
+drei viertel Jahre her, seit wir vom Cannstatter Wasen abgereist sind.«
+
+»Ah -- ja, jetzt erinnere ich mich, von dieser ganz ungeheuerlich
+klingenden Reise einst gelesen zu haben. Und Sie wären wirklich die kühnen
+Reisenden . . .?«
+
+»Ja,« unterbrach Piller den Zweifelnden, »glauben Sie denn, daß sechs
+ehrenhafte schwäbische Professoren Ihnen etwas Unwahres vordunsten wollen?
+Wir sind die sieben Schwaben, die nach dem Mars fuhren. Wir waren zwei
+Jahre oben und kommen nur deshalb zu sechst zurück, weil der siebente oben
+geblieben ist. Verstehen Sie nun? Im übrigen heiße ich Professor Paracelsus
+Piller.«
+
+»Entschuldigen Sie,« erwiderte, der Gouverneur, »ich glaube Ihnen aufs
+Wort. Ich war nur furchtbar verwirrt, und meine Gedanken jagten sich
+förmlich unter dem Eindrucke des Gehörten. -- Darf ich Sie nun zu einem
+Mahl und einem guten Trunk einladen?«
+
+»Aber natürlich! Gewiß! Mit größtem Vergnügen!« erklärten die Herren, die
+seit bald einem halben Jahr keine warme Suppe mehr gesehen hatten.
+
+»Das Gehen wird uns etwas schwer. Unsere Gliedmaßen sind ziemlich steif
+geworden,« erklärte Stiller dem Gouverneur, als er etwas mühsam neben ihm
+dessen naher Behausung zuschritt. »Wir sind am 7. März von oben abgefahren.
+Heute haben wir, irr' ich mich nicht, den 31. August. Mithin sind wir
+nahezu sechs Monate in der Gondel gewesen. Eine lange, bange Zeit!«
+
+»Wie stolz bin ich darauf, daß Sie gerade hier bei uns landen mußten!«
+
+»Na, um ein Haar wäre unsere Expedition in letzter Stunde noch verunglückt,
+und niemand hätte dann die Ergebnisse unserer Reise erfahren. Doch
+einstweilen genug davon! Wir scheinen hier zur Stelle zu sein.«
+
+»Treten Sie ein in mein Haus, das nun das Ihre ist, und lassen Sie mich der
+erste sein, der Ihnen, den kühnsten Reisenden, die je gelebt, den Willkomm
+auf unserer Mutter Erde bietet. Entschuldigen Sie, daß ich diese
+Begrüßungsformel erst jetzt ausspreche. Allein ich war durch Ihre
+überraschende Ankunft hier tatsächlich ganz verblüfft.« Der Gouverneur
+schüttelte jedem der Professoren herzlich die Hand und stellte sie den
+übrigen Herren vor, die voll Hochachtung auf die vom Himmel
+heruntergefallenen Gäste blickten.
+
+Die Weltensegler entledigten sich zunächst ihrer Pelzmäntel und nahmen gern
+das freundliche Anerbieten an, die schwere Reisekleidung gegen leichte,
+weiße Tropenanzüge zu vertauschen, die den Herren in einem Nebenzimmer
+bereitgelegt wurden. Rasch war dieser Wechsel vollzogen, und bald lagen die
+Herren in ihrer bequemen Tropentracht auf der luftigen Veranda in großen
+Korbstühlen. Draußen strömte der Regen nieder, und sein prasselndes
+Geräusch auf dem Dache erhöhte noch das Gefühl der Behaglichkeit.
+
+Unterdessen sorgte der Gouverneur für einen stärkenden Trank. Gekühlter
+Champagner wurde durch die lautlos herumhuschende schwarze Dienerschaft den
+Herren kredenzt.
+
+»Sie müssen morgen unsere Marstropfen versuchen,« sprach Piller zum
+Gouverneur, als er sein Glas mit einem Zuge ausgetrunken hatte und es zum
+zweiten Male füllen ließ.
+
+»Was, Sie haben sogar Wein von oben mitgebracht?« antwortete der erstaunt.
+
+»Und was für einen guten!« schmunzelte Piller. »Sogar mein sonst nur
+wassertrinkender Kollege hier, Herr Professor Dubelmeier, ist durch diesen
+Göttertropfen besiegt worden.«
+
+»Nur durch die Gewalt der Umstände,« wehrte sich Dubelmeier.
+
+»Streiten wir nicht darüber, Dubelmeierchen! Lassen Sie uns alle anstoßen
+und rufen: Hoch Deutschland und das Schwabenland!« Die Gläser klangen
+zusammen.
+
+»Ein Hoch unsern hochverehrten Gästen!« lud der Gouverneur die Beamten von
+Matupi ein. Nachdem dieser Ruf verklungen war, wurde das Essen als
+angerichtet gemeldet, und die Gesellschaft begab sich in das Speisezimmer.
+Mit gutem Appetit langten die Herren zu, und bald herrschte eine allgemeine
+rege Unterhaltung.
+
+»Wollen Sie nicht Ihre Ankunft nach Stuttgart kabeln?« fragte der
+Gouverneur. »Welch ungeheure Überraschung wird diese Mitteilung in Ihrer
+Heimat erregen!«
+
+»Ja, das werden wir,« entgegnete Stiller. »Ich denke übrigens, daß wir mit
+dem nächsten Schiffe von hier nach Deutschland abreisen.«
+
+»Wir haben vierzehntägige Dampferverbindung zwischen hier und Singapore.
+Dort können Sie dann sofort Anschluß nach Europa finden. Aber ich bin
+glücklich darüber, daß vor einer Woche der letzte Dampfer von hier abfuhr
+und Sie daher, meine verehrten Herren, noch volle sieben Tage unsere
+willkommenen Gäste sein müssen,« sprach der Gouverneur lächelnd. »Sie haben
+wohl Wunderbares auf Ihrer Reise und oben auf dem Mars erlebt?«
+
+»Darüber wollen wir einige Bücher veröffentlichen, denn unsere Berichte
+werden Bände füllen,« erwiderte Stiller.
+
+»Und Sie sollen das Werk später erhalten als Zeichen unseres Dankes für
+Ihre gastliche Aufnahme,« fügte Piller bei, »denn wenn wir Ihnen alles
+mündlich erzählen wollten, was wir erlebt haben, so müßten wir manchen
+Dampfer versäumen. Das geht aber nicht. Es drängt uns, endlich wieder
+heimzukommen.«
+
+»Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Sie werden wohl allerlei interessante
+Sachen vom Mars mitgebracht haben?«
+
+»Gewiß! Morgen sollen Sie verschiedenes sehen, und daraus können Sie dann
+leicht erkennen, auf welch hoher Stufe der Kultur die Bewohner jenes
+prächtigen Planeten stehen, die das Menschentum in seinem erhabensten
+Begriffe verwirklichen,« erwiderte Stiller. »Zum zweiten Male möchten wir
+aber die Reise nicht mehr machen. Nicht nur ist sie voller Gefahren, sie
+ist auch fürchterlich anstrengend. Es war nicht unser eigenes Verdienst,
+sondern lediglich ein Spiel des Zufalles, daß wir die Reise hin und her im
+Weltraum unter verhältnismäßig guten Bedingungen ausführen konnten. Und
+heute morgen, als wir über Queensland schwebten und gerade im Begriffe
+waren, auf Brisbane zuzusteuern, da packte uns plötzlich der Orkan und warf
+uns hierher.«
+
+»Das ist allerdings sehr zu bedauern, daß Sie zum Schluß Ihrer ungeheuren
+Reise noch in den Zyklon geraten mußten. Wie ich vernahm, hat der Sturm auf
+den andern Inseln des Archipels schwer gehaust. Aber ich preise ihn doch
+ein wenig, diesen Wirbelwind, hat er uns doch Sie, die berühmten Söhne des
+Schwabenlandes, als Gäste zugeführt.«
+
+Nach Beendigung des Begrüßungsmahls wurden die Reisenden in den Häusern der
+verschiedenen Beamten auf Matupi untergebracht, und bald lagen sie in
+tiefem, traumlosem Schlafe. Noch in der gleichen Nacht ging das Telegramm
+nach Stuttgart ab.
+
+Als sich die Reisenden am andern Morgen durch ein Bad in dem klaren Wasser
+der Bucht erquickt hatten, traf bereits die Antwort von Stuttgart ein:
+Staatsregierung und Stadtrat hatten den ersten warmen Willkomm aus der
+Heimat gesandt und zugleich um Auskunft über Herrn Frommherz gebeten, da er
+nicht auf der Liste der Zurückgekehrten angeführt war. Die Antwort lautete:
+
+»Frommherz freiwillig auf Mars zurückgeblieben. Expedition dahin geglückt.
+Zwei Jahre oben gewesen. Hoffen, in etwa vier Wochen in Stuttgart
+einzutreffen.
+
+Stiller.«
+
+Mit Staunen betrachteten der Gouverneur und die Beamten von Matupi die
+geniale Einrichtung der Gondel, die ihnen von Stiller gezeigt und erklärt
+wurde. Noch mehr aber staunten sie über die Kunsterzeugnisse aus Silber und
+Gold und über die mannigfachen und wertvollen Geschenke der Marsiten.
+Leider fand sich das goldene Buch nicht mehr vor. Da die Gondel
+abgeschlossen war, so konnte an einen Diebstahl während der Nacht um so
+weniger gedacht werden, als auch die Eingeborenen für den Wert des
+Gegenstandes kein Verständnis gehabt hätten. So mußte angenommen werden,
+daß das Buch durch eine der Gondelklappen hinaus in den Weltenraum gefallen
+sei, ein unersetzlicher Verlust, der auf das Gemüt der Professoren recht
+niederdrückend wirkte. Schließlich aber siegte die Freude der Rückkehr über
+alle trüben Gedanken.
+
+Piller ließ es sich nicht nehmen, die Herren von Matupi in der Gondel mit
+dem kleinen Reste von Wein zu bewirten, der noch vom Mars her vorhanden
+war. Sie alle erklärten, einen so feinen und feurigen Wein noch nie zuvor
+im Leben getrunken zu haben.
+
+Die Tage auf Matupi waren dem Packen der mitgenommenen Habe und dem Bergen
+der Instrumente gewidmet. Ballon und Gondel sollten später zerlegt und nach
+Hause gesandt werden. Pünktlich am 7. September morgens lief der Dampfer
+»Venus« in die Bucht ein und ging der Faktorei von Matupi gegenüber vor
+Anker. Nach herzlichem Abschiede fuhren die Herren noch am Abend des
+gleichen Tages von Matupi ab.
+
+»Ein merkwürdiges Zusammentreffen von Namen!« sprach Stiller zu seinen
+Gefährten, als sie sich an Bord des Schiffes behaglich eingerichtet hatten.
+»Vom Mars kommen wir, auf der Venus fahren wir durch die blauen Wogen der
+Südsee, und die »Stuttgart« erwartet uns, wie der Gouverneur sagte, in
+Singapore, um uns nach Genua zu bringen.«
+
+Eine Woche später traf der Dampfer in Singapore ein. Schon bei der Einfahrt
+in den geräumigen Hafen war die »Venus« mit ihren berühmten schwäbischen
+Fahrgästen der Gegenstand allseitiger Ehrung. Die zahlreichen im Hafen
+liegenden Schiffe aller möglichen Nationen trugen Flaggengala, und bis auf
+die malaiischen Prauws und chinesischen Dschunken herunter war alles
+festlich gekleidet. Von den Festungswerken wurde Ehrensalut gefeuert, als
+die »Venus« langsam ihrem Anlegeplatz zufuhr.
+
+In feierlicher Weise wurden die kühnen Marsreisenden von den Behörden und
+Konsuln Singapores begrüßt. Dann fand im festlich geschmückten Hause des
+deutschen Klubs das unvermeidliche Festessen mit den üblichen Reden statt.
+Die sechs Herren waren froh, als sie nach all dem Festtrubel und der
+glühenden Tropenhitze Singapores glücklich auf Deck der »Stuttgart« saßen,
+die nach dem Eintreffen ihrer Ehrenpassagiere sofort die Anker lichtete und
+die Straße von Malakka hinaufdampfte.
+
+»Empfinden Sie nicht auch wieder den alten, starken Widerwillen gegen diese
+Art offizieller Huldigungen, die im Grunde genommen doch meist den Stempel
+der Unwahrheit tragen?« fragte Piller seinen Freund Stiller.
+
+»Es geht mir wie Ihnen,« erwiderte Stiller. »Mit der würdigen und
+harmonischen Weise, mit der in Angola Feste gefeiert wurden, stehen diese
+lauten Bankette, bei denen jeder sein liebes Ich möglichst vorzudrängen
+sucht, in grellem Gegensatz. Im Verkehre mit den Marsiten hatten wir sofort
+die Empfindung des Behagens. Hier unten erwacht sofort wieder das alte
+Unbehagen in der Berührung mit der Menge. Wir fühlen eben instinktiv, daß
+all die Worte lauter Anerkennung, die sündflutartig immer auf den
+niederprasseln, der einen nennenswerten äußern Erfolg gehabt hat, vielfach
+wenigstens gar nicht ernst gemeint sind.«
+
+»Sie sprechen genau meine Meinung aus!« bestätigte Dubelmeier, der dem
+Gespräch der beiden Gefährten aufmerksam gefolgt war. »Auch ich gestehe,
+daß mir diese Festessen und Festreden schon jetzt zuwider geworden sind,
+nachdem sie kaum begonnen haben.«
+
+»Na, wir werden uns noch durch eine ganze Reihe solcher öffentlichen
+Veranstaltungen durchwinden müssen, bis wir endlich ungestört in der Stille
+unseres Studierzimmers arbeiten dürfen,« antwortete Piller.
+
+»Dem entgehen wir leider nicht. Ein Glück, daß wir auf dem Meere noch eine
+Ruhepause haben, bevor der Haupttrubel in der Heimat beginnt!« entgegnete
+Dubelmeier.
+
+Aber schon in Colombo begann in vermehrter Auflage das Feiern der berühmten
+Schwabensöhne, und als die »Stuttgart« in Suez eintraf, bat die ägyptische
+Regierung um die Ehre ihres Besuches in Kairo. Endlich nach zweitägigen
+Festlichkeiten waren die Marsfahrer wieder auf dem Schiffe, das nun seinen
+Kurs direkt nach Genua nahm. Dort trafen die Reisenden Anfang Oktober ein.
+Nach fast dreijähriger Abwesenheit betraten sie hier zum erstenmal wieder
+den Boden Europas.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+In der Heimat
+
+
+Die Reise der Herren durch Italien glich einem Triumphzuge. Halb betäubt
+von all dem Lärm der letzten Tage langten die Professoren auf der Station
+Hasenberg an, zu deren Füßen sich Schwabens Hauptstadt malerisch schön
+ausbreitet. Obgleich es Herbst war, prangte hier alles im reichsten
+Blumenschmuck. Vertreter des Staats, der Tübinger Universität, die Väter
+der Stadt, weißgekleidete Ehrenjungfrauen, Musikkapellen und eine
+tausendköpfige Menschenmenge erwarteten hier die Heimkehrenden.
+
+Schon während der Fahrt durch Schwaben läuteten alle Glocken, nicht nur der
+Stationen, die der Zug berührte, sondern auch aller Dörfer in der Nähe des
+Bahnkörpers. Ein brausendes Hoch empfing den blumenbekränzten Zug, als er
+am 7. Oktober mittags vier Uhr aus dem Hasenbergtunnel herausfuhr. Die
+vereinigten Musikkapellen von Stuttgart spielten eine Begrüßungshymne, die
+eigens für diesen Zweck von Musikdirektor Klingle komponiert worden war.
+Alsdann begann unten in der Stadt das feierliche Spiel der Glocken. Es
+pflanzte sich fort auf die Vorstädte und erinnerte an die Stunde jenes
+Dezemberabends vor bald drei Jahren, an dem die Herren die kühne Fahrt nach
+dem fernen Planeten angetreten hatten.
+
+Die Begrüßungs- und Bewillkommungsreden verhallten im Lärm der allgemeinen
+Festesfreude. Die Autoelektrikwagen wurden bestiegen. Im ersten saßen die
+sechs Zurückgekehrten, Riesensträuße in den Händen. Langsam ging es durch
+die sich drängende, jubelnde Menschenmenge hinab in die reichbeflaggte
+Stadt. Eine kurze Rast in Marquardts Hotel wurde den so wunderbar wieder
+heimgekehrten, aber sichtlich erschöpften Gelehrten gestattet, dann aber
+mußten sie weitere Opfer der gesellschaftlichen Ordnung bringen.
+
+In feierlichem Zuge, unter den betäubenden Hochrufen der in den Straßen
+flutenden Menschmenge wurden die Gelehrten nach der Liederhalle geleitet.
+In ihr sollte der offizielle Akt der Begrüßung vor sich gehen. Im großen
+Festsaale erwartete eine auserlesene Gesellschaft aus allen Kreisen der
+Hauptstadt die Professoren. Mit jubelndem Zurufe wurden diese begrüßt, als
+sie in den Saal traten.
+
+Ein Vertreter der Regierung begrüßte als Vorsitzender in warmen Worten die
+kühnen Weltensegler, die durch die einzig dastehende Fahrt nach dem Mars
+ihre Namen nicht nur unsterblich gemacht, sondern dadurch auch das Ansehen
+und die Ehre der engeren Heimat in der gesamten Kulturwelt gefördert
+hatten. Schwaben sei stolz auf so würdige Söhne und wolle sie zunächst
+dadurch ehren, daß an dem Orte ihres Aufstieges auf dem Cannstatter Wasen
+ein Obelisk aus heimischem Granit errichtet werde, der die Namen der
+Teilnehmer an der Expedition und die allgemeinen Daten über sie
+eingemeißelt in den Stein tragen solle. Weitere äußere Ehrungen seien
+vorgesehen; denn eine solche Tat, wie sie Schwabens Söhne ausgeführt, könne
+überhaupt nicht gebührend genug anerkannt werden. Zunächst überreiche er im
+Namen der Regierung jedem der Herren einen goldenen Lorbeerkranz, auf
+dessen Blättern der Name des Trägers und die Daten der Marsreise
+eingraviert seien.
+
+Nachdem die Übergabe der goldenen Kränze unter rauschender Musikbegleitung
+vor sich gegangen war, begann das Bankett. Klugerweise war vorher bestimmt
+worden, daß während des Essens keinerlei Reden gehalten werden sollten. Als
+das Essen beendigt war, bestieg Stiller das Podium des Saales, um von hier
+aus zu der glänzenden Versammlung zu sprechen.
+
+»Verehrte Anwesende! In meiner und meiner treuen Gefährten Namen danke ich
+Ihnen zunächst für die Herzlichkeit des Willkomms, den Sie uns zuteil
+werden ließen. Er hat uns sehr gerührt. Nehmen Sie es uns aber nicht übel,
+wenn wir Sie bitten, von jeder weiteren äußeren Ehrung unserer bescheidenen
+Persönlichkeiten Abstand nehmen zu wollen. Was wir ausgeführt, was wir
+getan, war ja nur dadurch möglich, daß uns ein seltenes Glück zur Seite
+stand. Wo aber der Mensch nur durch die Gunst äußerer Umstände sein Ziel
+erreicht, da ist es mit seiner eigenen Leistung doch viel weniger weit her,
+als Sie selbst vielleicht annehmen.
+
+Gerade auf dem Mars, bei einem Volke von idealster Lebensauffassung,
+rückhaltslosester Wahrheitsliebe und tiefster Erkenntnis des eigenen Ichs,
+da haben wir erst gelernt, uns nach dem wirklichen Werte richtig
+einzuschätzen, wahr und streng gegen uns zu sein. Mit einer gewissen
+Selbstüberhebung reisten wir einst ab, mit ruhiger, nüchterner Schätzung
+unserer eigenen Person kommen wir zurück. Daraus entspringt also unsere
+Bitte.
+
+Und nun lassen Sie mich Ihnen in kurzen Zügen ein Bild jener wunderbaren
+Welt entwerfen, in der es uns vergönnt war, zwei volle Jahre leben zu
+dürfen. Vorausgreifend will ich gleich bemerken, daß wir unsere Erlebnisse
+in einem Sammelwerke niederlegen werden, in dem Sie dann später alles
+Wünschenswerte selbst nachlesen können. -- Nach der Abfahrt von Cannstatts
+Wasen langten wir nach dreimonatlichem Fluge durch den Ätherraum ziemlich
+wohlbehalten auf dem Mars an. Dort trafen wir Menschen an, die uns mit
+großer Gastfreundschaft aufnahmen. In dem Maße, als wir die Sprache der
+Marsbewohner erlernten, gewannen wir auch mehr und mehr Einblick in deren
+Leben, in ihre Sitten und Gebräuche. Voll staunender Bewunderung sahen wir
+dort oben eine Lebensführung, die wir in dieser Vollkommenheit niemals für
+möglich gehalten hätten. Das, was wir hier unten auf der Erde früher als
+Ideal des Lebens geträumt, -- dort oben auf jenem Sterne ist es in die
+schönste Wirklichkeit übersetzt.
+
+Was soll ich Ihnen in dieser Stunde von den Einzelheiten erzählen, die zu
+der wunderbar entfalteten, natürlichen Moral jener prächtigen Menschen da
+oben geführt haben! Ich fürchte dadurch nicht allein zu ermüden, sondern
+auch Ihre freudige Stimmung anläßlich unserer Rückkehr zu vermindern. Dies
+möchte ich aber nicht. Sie werden, wie gesagt, die Ergebnisse unserer
+Expedition durch unsere Bücher genau erfahren. Nun aber können Sie mich mit
+Recht fragen: >Ja, warum sind Sie denn wieder zurückgekommen aus einem Eden
+nach einem Tale des Jammers, wie es unsere Erde nun einmal vorstellen
+soll?< Darauf antworte ich auch offen: Wir sind schweren Herzens von oben
+fortgegangen. Nicht daß man uns geradezu fortwies, nein, man stellte uns
+Bleiben oder Gehen zur freiwilligen Entscheidung anheim. Nachdem wir aber
+sahen, daß wir dem so hochstehenden Marsvolke doch keine Dienste leisten
+konnten, die als Ausgleich für die uns gebotene Gastfreundschaft hätten
+dienen können, so verlangte es schon das einfachste Anstandsgefühl, daß wir
+zur Erde zurückkehrten.
+
+Nur Herr Friedolin Frommherz konnte sich nicht entschließen, die Rückreise
+anzutreten. Er blieb oben zurück als der einzige lebendige Zeuge unseres
+Aufenthaltes auf dem Mars. Unsere Ankunft auf Matupi kennen Sie. Zum
+Schlusse wollen wir dem Schwäbischen Landesmuseum diejenigen Geschenke und
+Andenken überweisen, die wir oben auf dem Mars, in dem herrlichen Angola,
+in der Stunde des Abschiedes mit auf den Weg bekommen haben. Wir selbst
+bedürfen der Sachen nicht. Wie ein Märchen voll Schönheit, voll Zauber und
+strahlenden Lichtes wird jener Aufenthalt auf dem Planeten in unserer
+Erinnerung weiterleben, solange wir atmen, und gäbe es eine Seelenwanderung
+nach fernen Sternen, so würde ich nichts sehnlicher wünschen, als dort oben
+wieder erwachen zu dürfen, wenn ich hienieden nicht mehr bin.«
+
+Herr Stiller trat ab. Lautlos hatte die Versammlung seinen Worten
+gelauscht. Manches Gesicht der Anwesenden drückte tiefe Ergriffenheit aus,
+als Herr Stiller geendet. So hatte man sich die Sache doch nicht
+vorgestellt. Wohin war die Festesfreude plötzlich gekommen? Herr Klingle
+griff in die beklemmende Stille, die sich der Versammlung bemächtigt hatte,
+als rettender Engel ein. Er erhob den Taktstock, und die leichten Töne
+einer einschmeichelnden Musik gaben der Versammlung ihre alte Fröhlichkeit
+wieder zurück. Es ließ sich auch hier auf der Erde ganz gut leben. Wozu
+also nach dem Mars reisen? Eine Fahrt wie die der sieben Schwaben sollte
+keine Nachahmung mehr finden. Die früher so heitern Männer waren als
+offenkundige Menschenfeinde zurückgekehrt. Sie wären somit besser im Lande
+geblieben. Das war die Ansicht vieler, die in später Nachtstunde von dem
+Bankette nach Hause gingen.
+
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+Anmerkungen zur Transkription
+
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+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
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+End of the Project Gutenberg EBook of Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem
+Mars., by Albert Daiber
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41522 ***