summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/41051-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '41051-8.txt')
-rw-r--r--41051-8.txt5379
1 files changed, 0 insertions, 5379 deletions
diff --git a/41051-8.txt b/41051-8.txt
deleted file mode 100644
index 066993c..0000000
--- a/41051-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,5379 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Peter Camenzind, by Hermann Hesse
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Peter Camenzind
-
-Author: Hermann Hesse
-
-Release Date: October 14, 2012 [EBook #41051]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER CAMENZIND ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-
-
-
-Peter Camenzind
-von
-Hermann Hesse
-
-
-Achtundfünfzigste Auflage
-
-
-
-
-S. Fischer, Verlag, Berlin
-1911
-
-
-Alle Rechte vorbehalten
-
-
-Meinem Freund Ludwig Finckh
-
-
-
-
-Peter Camenzind
-
-
-
-
-I.
-
-
-Im Anfang war der Mythus. Wie der große Gott in den Seelen der Inder,
-Griechen und Germanen dichtete und nach Ausdruck rang, so dichtet er in
-jedes Kindes Seele täglich wieder.
-
-Wie der See und die Berge und die Bäche meiner Heimat hießen, wußte ich
-noch nicht. Aber ich sah die blaugrüne glatte Seebreite, mit kleinen
-Lichtern durchwirkt, in der Sonne liegen und im dichten Kranz um sie die
-jähen Berge, und in ihren höchsten Ritzen die blanken Schneescharten und
-kleinen, winzigen Wasserfälle, und an ihrem Fuß die schrägen, lichten
-Matten, mit Obstbäumen, Hütten und grauen Alpkühen besetzt. Und da meine
-arme, kleine Seele so leer und still und wartend lag, schrieben die Geister
-des Sees und der Berge ihre schönen kühnen Taten auf sie. Die starren Wände
-und Flühen sprachen trotzig und ehrfürchtig von Zeiten, deren Söhne sie
-sind und deren Wundmale sie tragen. Sie sprachen von damals, da die Erde
-barst und sich bog und aus ihrem gequälten Leibe in stöhnender Werdenot
-Gipfel und Grate hervortrieb. Felsberge drängten sich brüllend und krachend
-empor, bis sie ziellos vergipfelnd knickten, Zwillingsberge rangen in
-verzweifelter Not um Raum, bis einer siegte und stieg und den Bruder
-beiseite warf und zerbrach. Noch immer hingen von jenen Zeiten her da und
-dort hoch in den Schlüften abgebrochene Gipfel, weggedrängte und gespaltene
-Felsen, und in jeder Schneeschmelze führte der Wassersturz hausgroße Blöcke
-nieder, zersplitterte sie wie Glas oder rannte sie mit mächtigem Schlage
-tief in weiche Matten ein.
-
-Sie sagten immer dasselbe, diese Felsberge. Und es war leicht sie zu
-verstehen, wenn man ihre jähen Wände sah, Schicht um Schicht geknickt,
-verbogen, geborsten, jede voll von klaffenden Wunden. »Wir haben
-Schauerliches gelitten,« sagten sie, »und wir leiden noch.« Aber sie sagten
-es stolz, streng und verbissen, wie alte unverwüstliche Kriegsleute.
-
-Jawohl, Kriegsleute. Ich sah sie kämpfen, mit Wasser und Sturm, in den
-schauerlichen Vorfrühlingsnächten, wenn der erbitterte Föhn um ihre alten
-Häupter brüllte und wenn die Bachstürze frische, rohe Stücke aus ihren
-Flanken rissen. Sie standen mit trotzig gestemmten Wurzeln in diesen
-Nächten, finster, atemlos und verbissen, streckten dem Sturm die
-zerspaltenen Wetterwände und Hörner entgegen und spannten alle Kraft in
-trotzig geduckter Sammlung zusammen. Und bei jeder Wunde ließen sie das
-grausige Rollen der Wut und Angst vernehmen, und durch alle fernsten
-Rüfenen klang gebrochen und zornig ihr schreckliches Stöhnen wieder.
-
-Und ich sah Matten und Hänge und erdige Felsritzen mit Gräsern, Blumen,
-Farnen und Moosen bedeckt, denen die alte Volkssprache merkwürdige,
-ahnungsvolle Namen gegeben hatte. Sie lebten, Kinder und Enkel der Berge,
-farbig und harmlos an ihren Stätten. Ich befühlte sie, betrachtete sie,
-roch ihren Duft und lernte ihre Namen. Ernster und tiefer berührte mich der
-Anblick der Bäume. Ich sah jeden von ihnen sein abgesondertes Leben führen,
-seine besondere Form und Krone bilden und seinen eigenartigen Schatten
-werfen. Sie schienen mir, als Einsiedler und Kämpfer, den Bergen näher
-verwandt, denn jeder von ihnen, zumal die höher am Berge stehenden, hatte
-seinen stillen, zähen Kampf um Bestand und Wachstum, mit Wind, Wetter und
-Gestein. Jeder hatte seine Last zu tragen und sich festzuklammern, und
-davon trug jeder seine eigene Gestalt und besondere Wunden. Es gab Föhren,
-denen der Sturm nur auf einer einzigen Seite Äste zu haben erlaubte, und
-solche, deren rote Stämme sich wie Schlangen um überhängende Felsen gebogen
-hatten, sodaß Baum und Fels eins das andere an sich drückte und erhielt.
-Sie sahen mich wie kriegerische Männer an und erweckten Scheu und Ehrfurcht
-in meinem Herzen.
-
-Unsere Männer und Frauen aber glichen ihnen, waren hart, streng gefaltet
-und wenig redend, die besten am wenigsten. Daher lernte ich die Menschen
-gleich Bäumen oder Felsen anschauen, mir Gedanken über sie zu machen und
-sie nicht weniger zu ehren und nicht mehr zu lieben als die stillen Föhren.
-
-Unser Dörflein Nimikon liegt auf einer dreieckigen, zwischen zwei
-Bergvorsprünge geklemmten schrägen Fläche am See. Ein Weg führt nach dem
-nahen Kloster, ein zweiter nach einem viereinhalb Stunden entfernten
-Nachbarort, die übrigen am See gelegenen Dörfer erreicht man zu Wasser.
-Unsere Häuser sind im alten Holzstil erbaut und haben kein bestimmtes
-Alter, es kommen fast niemals Neubauten vor und die alten Häuslein werden
-je nach Bedürfnis stückweise repariert, dies Jahr die Diele, ein andermal
-ein Stück am Dach, und mancher halbe Balken und manche Latte, die früher
-einmal etwa zur Stubenwand gehört haben, findet man jetzt als Sparren im
-Dach und wenn sie auch dazu nimmer dienen und doch noch zu gut zum
-Verbrennen sind, so kommen sie das nächste mal beim Flicken des Stalls oder
-Heubodens oder als Querlatte an der Haustüre zur Verwendung. Ähnlich ist es
-mit den darin Wohnenden selber; jeder spielt so lang er kann seine Rolle
-mit, tritt dann zögernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht
-schließlich ins Dunkel unter, ohne daß viel Aufsehens davon gemacht würde.
-Wer nach jahrelanger Fremde zu uns heimkehrt, findet nichts verändert, als
-daß ein paar alte Dächer erneuert und ein paar neuere alt geworden sind;
-die Greise von ehemals sind zwar dahin, aber es sind andere Greise da,
-welche die gleichen Hütten bewohnen, die gleichen Namen tragen, dasselbe
-dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und Gebahren sich von den
-indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden.
-
-Unsrer Gemeinde mangelte eine häufigere Zufuhr frischen Blutes und Lebens
-von außen her. Die Bewohner, ein leidlich rüstiges Geschlecht, sind fast
-alle untereinander aufs engste verschwägert und reichlich drei Viertel
-tragen den Namen Camenzind. Er füllt die Seiten des Kirchenbuchs und steht
-auf den Kirchhofkreuzen, prangt an den Häusern in Ölfarbe oder in derber
-Schnitzarbeit und ist auf den Wagen des Fuhrhalters, auf den Stalleimern
-und auf den Seebooten zu lesen. Auch über meines Vaters Haustür stand
-gemalt: »Dieses Haus haben gebauen Jost und Franziska Camenzind,« doch ging
-das nicht meinen Vater, sondern dessen Ahn, meinen Urgroßvater an; und wenn
-ich auch vermutlich einmal sterben werde ohne Kinder dazulassen, so weiß
-ich doch, daß wieder ein Camenzind das alte Nest besiedeln wird, wenn
-anders es bis dorthin noch steht und ein Dach über hat.
-
-Ungeachtet der scheinbaren Eintönigkeit gab es dennoch in unsrer
-Bürgerschaft Böse und Gute, Vornehme und Geringe, Mächtige und Niedrige und
-neben manchen Klugen eine ergötzliche kleine Sammlung von Narren, die
-Kretins gar nicht mitgerechnet. Es war wie überall ein kleines Abbild der
-großen Welt und da Große und Kleine, Schlaumeier und Narren unlöslich
-untereinander verwandt und vervettert waren, traten sich strenger Hochmut
-und bornierter Leichtsinn oft genug unter demselben Dach auf die Zehen, so
-daß unser Leben für die Tiefe und Komik des Menschlichen hinreichenden Raum
-bot. Nur lag ein ewiger Schleier von verheimlichter oder unbewußter
-Bedrücktheit darüber. Das Abhängigsein von den Naturmächten und die
-Kümmerlichkeit eines arbeitsvollen Daseins hatten im Verlauf der Zeiten
-unsrem ohnehin alternden Geschlecht eine Neigung zum Tiefsinn eingegeben,
-der zu den scharfen, schroffen Gesichtern zwar nicht übel paßte, sonst aber
-keinerlei Früchte zeitigte, wenigstens keine erfreulichen. Eben darum war
-man froh an den paar Narren, welche zwar noch still und ernsthaft genug
-waren, aber doch einige Farbe und einige Gelegenheit zu Gelächter und Spott
-hereinbrachten. Wenn einer von ihnen durch einen neuen Streich von sich
-reden machte, ging ein frohes Wetterleuchten über die faltigen, braunen
-Gesichter der Söhne Nimikons und zur Lust am Spaße selber kam noch als
-feine pharisäische Würze der Genuß der eigenen Überlegenheit, welche vor
-Vergnügen schnalzte im Gefühl, vor solchen Irrungen oder Fehltritten sicher
-zu sein. Zu jenen Vielen, die in der Mitte zwischen Gerechten und Sündern
-standen und von beiden gern das Annehmliche mitgenossen hätten, gehörte
-auch mein Vater. Es wurde kein Narrenstreich reif, der ihn nicht mit
-seliger Unruhe erfüllt hätte, und er schwankte alsdann zwischen der
-teilnehmenden Bewunderung für den Anstifter und dem feisten Bewußtsein der
-eigenen Makellosigkeit possierlich hin und wider.
-
-Zu den Narren selbst gehörte mein Oheim Konrad, ohne daß er deshalb etwa
-meinem Vater und anderen Helden an Verstand etwas nachgegeben hätte.
-Vielmehr war er ein Schlaukopf und ward von einem ruhelosen Erfindungsgeist
-umgetrieben, um den die andern ihn ruhig hätten beneiden dürfen. Aber
-freilich glückte ihm nichts. Daß er, statt darüber den Kopf hängen zu
-lassen und tatlos tiefsinnig zu werden, immer wieder Neues begann und dabei
-ein merkwürdig lebhaftes Gefühl für das Tragikomische seiner eigenen
-Unternehmungen hatte, war gewiß ein Vorzug, wurde ihm aber als lächerliche
-Sonderbarkeit angeschrieben, kraft welcher man ihn zu den unbesoldeten
-Hanswürsten der Gemeinde zählte. Meines Vaters Verhältnis zu ihm war ein
-dauerndes hin und her zwischen Bewunderung und Verachtung. Jedes neue
-Projekt seines Schwagers versetzte ihn in eine gewaltige Neugierde und
-Aufregung, die er vergebens hinter lauernd ironischen Fragen und
-Anspielungen zu verstecken trachtete. Wenn dann der Oheim seines Erfolges
-sicher zu sein glaubte und den Großartigen zu spielen begann, ließ er sich
-jedesmal hinreißen und schloß sich dem Genialen in spekulierender
-Brüderlichkeit an, bis der unvermeidliche Mißerfolg da war, über den der
-Oheim die Achseln zuckte, während der Vater im Zorn ihn mit Hohn und
-Beleidigung übergoß und monatelang keines Blickes und Wortes mehr würdigte.
-
-Konrad war es, dem unser Dorf den ersten Anblick eines Segelboots
-verdankte, und meines Vaters Nachen hat dazu herhalten müssen. Das Segel-
-und Seilwerk war vom Oheim nach Kalenderholzschnitten sauber ausgeführt und
-daß unser Schifflein für ein Segelboot zu schmal gebaut war, ist am Ende
-nicht Konrads Schuld gewesen. Die Vorbereitungen dauerten wochenlang, mein
-Vater wurde vor Spannung, Hoffnung und Angst schier zu Quecksilber und auch
-das übrige Dorf sprach von nichts soviel wie von Konrad Camenzinds neuestem
-Vorhaben. Es war ein denkwürdiger Tag für uns, als das Boot an einem
-windigen Spätsommermorgen zum erstenmal in See gehen sollte. Mein Vater, in
-scheuer Ahnung einer möglichen Katastrophe, hielt sich fern und hatte auch
-mir zu meiner großen Betrübnis das Mitfahren verboten. Der Sohn des Bäckers
-Füßli begleitete den Segelkünstler allein. Aber das ganze Dorf stand auf
-unserem Kiesplatz und in den Gärtchen und wohnte dem unerhörten Spektakel
-bei. Seeabwärts blies ein flotter Ostwind. Zu Anfang mußte der Beck rudern,
-bis das Boot in die Bise geriet, sein Segel blähte und stolz davonjagte.
-Wir sahen es bewundernd um den nächsten Bergvorsprung entschwinden und
-richteten uns darauf ein, den schlauen Oheim bei seiner Heimkehr als Sieger
-zu begrüßen und uns unserer höhnischen Aftergedanken zu schämen. Als jedoch
-in der Nacht das Boot zurückkehrte, hatte es kein Segel mehr, die Schiffer
-waren mehr tot als lebendig und der Bäckerssohn hustete und meinte: »Ihr
-seid um ein Hauptvergnügen gekommen, leichtlich hätte es auf den Sonntag
-zwei Leichenschmäuse geben können.« Mein Vater mußte zwei neue Planken in
-den Nachen basteln, und seither hat sich nie wieder ein Segel in der blauen
-Fläche gespiegelt. Dem Konrad rief man noch lange, so oft er irgend etwas
-eilig hatte, nach: »Mußt Segel nehmen, Konrad!« Mein Vater fraß den Ärger
-in sich hinein und lange Zeit, so oft der arme Schwager ihm begegnete, sah
-er beiseite und spuckte in großen Bogen aus, zum Zeichen unaussprechlicher
-Verachtung. Das dauerte so lang, bis Konrad eines Tags mit seinem
-feuersicheren Backofenprojekt bei ihm vorsprach, welches dem Erfinder
-unendlichen Spott auf den Hals brachte und meinen Vater auf vier bare Taler
-zu stehen kam. Wehe dem, der ihn an diese Viertalergeschichte zu erinnern
-wagte! Lange später, als einmal wieder Not im Hause war, sagte die Mutter
-einmal so beiläufig, es wäre doch gut wenn jetzt das sündlich verdubelte
-Geld noch da wäre. Der Vater wurde dunkelrot bis an den Hals, aber er
-bezwang sich und sagte nur: »Ich wollt', ich hätt' es an einem einzigen
-Sonntag versoffen.«
-
-Am Ende jedes Winters kam der Föhn mit seinem tieftönigen Gebrause, das der
-Älpler mit Zittern und Entsetzen hört und nach welchem er in der Fremde mit
-verzehrendem Heimweh dürstet.
-
-Wenn der Föhn nahe ist, spüren ihn viele Stunden voraus Männer und Weiber,
-Berge, Wild und Vieh. Sein Kommen, welchem fast immer kühle Gegenwinde
-vorausgehen, verkündigt ein warmes, tiefes Sausen. Der blaugrüne See wird
-in ein paar Augenblicken tinteschwarz und setzt plötzlich hastige, weiße
-Schaumkronen auf. Und bald darauf donnert er, der noch vor Minuten unhörbar
-friedlich lag, mit erbitterter Brandung wie ein Meer ans Ufer. Zugleich
-rückt die ganze Landschaft ängstlich nah zusammen. Auf Gipfeln, die sonst
-in entrückter Ferne brüteten, kann man jetzt die Felsen zählen und von
-Dörfern, die sonst nur als braune Flecken im Weiten lagen, unterscheidet
-man jetzt Dächer, Giebel und Fenster. Alles rückt zusammen, Berge, Matten
-und Häuser, wie eine furchtsame Herde. Und dann beginnt das grollende
-Sausen, das Zittern im Boden. Aufgepeitschte Seewellen werden streckenweit
-wie Rauch durch die Luft dahingetrieben, und fortwährend, zumal in den
-Nächten, hört man den verzweifelten Kampf des Sturmes mit den Bergen. Eine
-kleine Zeit später redet sich dann die Nachricht von verschütteten Bächen,
-zerschlagenen Häusern, zerbrochenen Kähnen und vermißten Vätern und Brüdern
-durch die Dörfer.
-
-In Kinderzeiten fürchtete ich den Föhn und haßte ihn sogar. Mit dem
-Erwachen der Knabenwildheit aber bekam ich ihn lieb, den Empörer, den
-Ewigjungen, den frechen Streiter und Bringer des Frühlings. Es war so
-herrlich, wie er voll Leben, Überschwang und Hoffnung seinen wilden Kampf
-begann, stürmend, lachend und stöhnend, wie er heulend durch die Schluchten
-hetzte, den Schnee von den Bergen fraß und die zähen alten Föhren mit
-rauhen Händen bog und zum Seufzen brachte. Später vertiefte ich meine Liebe
-und begrüßte nun im Föhn den süßen, schönen, allzureichen Süden, welchem
-immer wieder Ströme von Lust, Wärme und Schönheit entquellen, um sich an
-den Bergen zu zersprengen und endlich im flachen, kühlen Norden ermüdet zu
-verbluten. Es gibt nichts Seltsameres und Köstlicheres als das süße
-Föhnfieber, das in der Föhnzeit die Menschen der Bergländer und namentlich
-die Frauen überfällt, den Schlaf raubt und alle Sinne streichelnd reizt.
-Das ist der Süden, der sich dem spröden, ärmeren Norden immer wieder
-stürmisch und lodernd an die Brust wirft und den verschneiten Alpendörfern
-verkündigt, daß jetzt an den nahen, purpurnen Seen Welschlands schon wieder
-Primeln, Narzissen und Mandelzweige blühen.
-
-Alsdann, wenn der Föhn verblasen hat und die letzten schmutzigen Lawinen
-zerlaufen sind, dann kommt das Schönste. Dann recken sich berghinan auf
-allen Seiten die beblümten gelblichen Matten, rein und selig stehen die
-Schneegipfel und Gletscher in ihren Höhen und der See wird blau und warm
-und spiegelt Sonne und Wolkenzüge wieder.
-
-Alles dieses kann schon eine Kindheit und zur Not auch ein Leben erfüllen.
-Denn alles dieses redet laut und ungebrochen die Sprache Gottes, wie sie
-nie über eines Menschen Lippen kam. Wer sie so in seiner Kindheit vernommen
-hat, dem tönt sie sein Leben lang nach, süß und stark und furchtbar, und
-ihrem Bann entflieht er nie. Wenn einer in den Bergen heimisch ist, der
-kann jahrelang Philosophie oder historia naturalis studieren und mit dem
-alten Herrgott aufräumen, -- wenn er den Föhn wieder einmal spürt oder hört
-eine Laue durch's Holz brechen, so zittert ihm das Herz in der Brust und er
-denkt an Gott und ans Sterben.
-
-An meines Vaters Häuschen grenzte ein umzäunter, winziger Garten. Es gedieh
-dort ein herber Salat, Rüben und Kohl, außerdem hatte die Mutter eine
-rührend schmale, dürftige Rabatte für Blumen angelegt, in welcher zwei
-Monatrosenstöcke, ein Georginenbusch und eine Handvoll Reseden hoffnungslos
-und kümmerlich verschmachteten. An den Garten stieß ein noch kleinerer,
-kiesiger Platz, welcher bis zum See reichte. Dort standen zwei beschädigte
-Fässer, einige Bretter und Pfähle, und unten im Wasser lag unser Weidling
-angebunden, welcher damals noch alle paar Jahre neu geflickt und geteert
-wurde. Die Tage, an denen dies geschah, sind mir fest im Gedächtnis
-geblieben. Es waren warme Nachmittage im Vorsommer, über dem Gärtchen
-taumelten die schwefelgelben Citronenfalter in der Sonne, der See war
-ölglatt, blau und still und leise schillernd, die Berggipfel dünn
-umdünstet, und auf dem kleinen Kiesplatz roch es gewaltig nach Pech und
-Ölfarbe. Auch nachher duftete der Nachen noch den ganzen Sommer hindurch
-nach Teer. So oft ich, viele Jahre später, irgendwo am Meere den
-eigentümlich aus Wassergeruch und Teerbrodem gemischten Duft in die Nase
-bekam, trat mir sogleich unser Seeplätzlein vor's Auge, und ich sah wieder
-den Vater in Hemdärmeln mit dem Pinsel hantieren, sah die bläulichen
-Wölkchen aus seiner Pfeife in die stillen Sommerlüfte steigen und die
-blitzgelben Falter ihre unsicheren, scheuen Flüge tun. An solchen Tagen
-zeigte mein Vater eine ungewöhnlich behagliche Laune, pfiff Triller, was er
-vortrefflich konnte, und gab vielleicht sogar einen einzelnen kurzen Jodler
-von sich, diesen jedoch nur halblaut. Die Mutter kochte alsdann etwas Gutes
-auf den Abend und ich denke mir jetzt, sie tat es in der stillen Hoffnung,
-Camenzind möchte diesen Abend nicht ins Wirtshaus gehen. Er ging aber doch.
-
-Daß die Eltern die Entwicklung meines jungen Gemütes sonderlich gefördert
-oder gestört hätten, kann ich nicht sagen. Die Mutter hatte immer beide
-Hände voll Arbeit und mein Vater hatte sich gewiß mit nichts auf der Welt
-so wenig beschäftigt als mit Erziehungsfragen. Er hatte genug zu tun, seine
-paar Obstbäume kümmerlich im Stand zu halten, das Kartoffeläckerlein zu
-bestellen und nach dem Heu zu sehen. Ungefähr alle paar Wochen aber nahm er
-mich abends, ehe er ausging, bei der Hand und verschwand stillschweigend
-mit mir auf den über dem Stall gelegenen Heuboden. Dort vollzog sich
-alsdann ein seltsamer Straf- und Sühneakt: ich bekam eine Tracht Prügel,
-ohne daß der Vater oder ich selbst genauer gewußt hätte wofür. Es waren
-stille Opfer am Altar der Nemesis und sie wurden ohne Schelten seinerseits
-oder Geschrei meinerseits dargebracht, als schuldiger Tribut an eine
-geheimnisvolle Macht. Immer wenn ich in späteren Jahren einmal vom »blinden
-Schicksal« reden hörte, fielen diese mysteriösen Szenen mir wieder ein und
-schienen mir eine überaus plastische Darstellung jenes Begriffs zu sein.
-Ohne es zu wissen, befolgte mein guter Vater dabei die schlichte Pädagogik,
-die das Leben selbst an uns zu üben pflegt, indem es uns hie und da aus
-heiteren Lüften ein Donnerwetter sendet, wobei es uns überlassen bleibt
-nachzusinnen, durch was für Missetaten wir eigentlich die oberen Mächte
-herausgefordert haben. Leider stellte dies Nachsinnen bei mir sich nie oder
-nur selten ein, vielmehr nahm ich jene ratenweise Züchtigung ohne die
-wünschenswerte Selbstprüfung gelassen oder auch trotzig hin und freute mich
-an solchen Abenden stets, nun wieder meinen Zoll entrichtet und ein paar
-Wochen Strafpause vor mir zu haben. Viel selbständiger trat ich den
-Versuchen meines Alten, mich zur Arbeit anzuleiten, entgegen. Die
-unbegreifliche und verschwenderische Natur hatte in mir zwei widerstrebende
-Gaben vereinigt: eine ungewöhnliche Körperkraft und eine leider nicht
-geringere Arbeitsscheu. Der Vater gab sich alle Mühe einen brauchbaren Sohn
-und Mithelfer aus mir zu machen, ich aber drückte mich mit allen Chikanen
-um die mir auferlegten Arbeiten und noch als Gymnasiast hatte ich für
-keinen der antiken Heroen so viel Mitgefühl wie für Herakles, da er zu
-jenen berühmten, lästigen Arbeiten gezwungen ward. Einstweilen kannte ich
-nichts Schöneres als mich auf Felsen und Matten oder am Wasser
-müßiggängerisch herumzutreiben.
-
-Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erzählten mir und erzogen
-mich und waren mir lange Zeit lieber und bekannter als irgend Menschen und
-Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die ich dem glänzenden See und
-den traurigen Föhren und sonnigen Felsen vorzog, waren die Wolken.
-
-Zeigt mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr
-lieb hat als ich! Oder zeigt mit das Ding in der Welt, das schöner ist als
-Wolken sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe,
-sie sind Zorn und Todesmacht. Sie sind zart, weich und friedlich wie die
-Seelen von Neugeborenen, sie sind schön, reich und spendend wie gute Engel,
-sie sind dunkel, unentrinnbar und schonungslos wie die Sendboten des Todes.
-Sie schweben silbern in dünner Schicht, sie segeln lachend weiß mit
-goldenem Rand, sie stehen rastend in gelben, roten und bläulichen Farben.
-Sie schleichen finster und langsam wie Mörder, sie jagen sausend kopfüber
-wie rasende Reiter, sie hängen traurig und träumend in bleichen Höhen wie
-schwermütige Einsiedler. Sie haben die Formen von seligen Inseln und die
-Formen von segnenden Engeln, sie gleichen drohenden Händen, flatternden
-Segeln, wandernden Kranichen. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der
-armen Erde als schöne Gleichnisse aller Menschensehnsucht, beiden angehörig
--- Träume der Erde, in welchen sie ihre befleckte Seele an den reinen
-Himmel schmiegt. Sie sind das ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens,
-Verlangens und Heimbegehrens. Und so wie sie zwischen Erde und Himmel zag
-und sehnend und trotzig hängen, so hängen zag und sehnend und trotzig die
-Seelen der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit.
-
-O, die Wolken, die schönen, schwebenden, rastlosen! Ich war ein unwissendes
-Kind und liebte sie, schaute sie an und wußte nicht, daß auch ich als eine
-Wolke durch's Leben gehen würde -- wandernd, überall fremd, schwebend
-zwischen Zeit und Ewigkeit. Von Kinderzeiten her sind sie mir liebe
-Freundinnen und Schwestern gewesen. Ich kann nicht über die Gasse gehen, so
-nicken wir einander zu, grüßen uns und verweilen einen Augenblick Aug' in
-Auge. Auch vergaß ich nicht, was ich damals von ihnen lernte: ihre Formen,
-ihre Farben, ihre Züge, ihre Spiele, Reigen, Tänze und Rasten, und ihre
-seltsam irdisch-himmlischen Geschichten.
-
-Namentlich die Geschichte der Schneeprinzessin. Ihr Schauplatz ist das
-mittlere Gebirg, im Vorwinter, bei warmem Unterwind. Die Schneeprinzessin
-erscheint mit kleinem Gefolge, aus gewaltiger Höhe kommend, und sucht sich
-einen Rastort in weiten Bergmulden oder auf einer breiten Kuppe aus.
-Neidisch sieht die falsche Bise die Arglose sich lagern, leckt heimlich
-gierend am Berg empor und überfällt sie plötzlich wütend und tosend. Sie
-wirft der schönen Prinzessin zerfetzte schwarze Wolkenlappen entgegen,
-höhnt sie, krakehlt sie an, möchte sie verjagen. Eine Weile ist die
-Prinzessin unruhig, wartet, duldet, und manchmal steigt sie kopfschüttelnd,
-leise und höhnisch wieder in ihre Höhe zurück. Manchmal aber sammelt sie
-plötzlich ihre geängsteten Freundinnen um sich her, enthüllt ihr blendend
-fürstliches Angesicht und weist den Kobold mit kühler Hand zurück. Er
-zaudert, heult, flieht. Und sie lagert sich still, hüllt ihren Sitz weitum
-in blassen Nebel, und wenn der Nebel sich verzogen hat, liegen Mulden und
-Kuppel klar und glänzend mit reinem, weichem Neuschnee bedeckt.
-
-In dieser Geschichte war so etwas Nobles, etwas von Seele und Triumph der
-Schönheit, das mich entzückte und mein kleines Herz wie ein frohes
-Geheimnis bewegte.
-
-Bald kam auch die Zeit, daß ich mich den Wolken nähern, zwischen sie treten
-und manche aus ihrer Schaar von oben betrachten durfte. Ich war zehn Jahr
-alt, als ich den ersten Gipfel erstieg, den Sennalpstock, an dessen Fuß
-unser Dörflein Nimikon liegt. Da sah ich denn zum erstenmal die Schrecken
-und die Schönheiten der Berge. Tiefgerissene Schluchten, voll von Eis und
-Schneewasser, grüngläserne Gletscher, scheußliche Muränen, und über allem
-wie ein Glocke hoch und rund der Himmel. Wenn einer zehn Jahre lang
-zwischen Berg und See geklemmt gelebt hat und rings von nahen Höhen eng
-umdrängt war, dann vergißt er den Tag nicht, an dem zum erstenmal ein
-großer, breiter Himmel über ihm und vor ihm ein unbegrenzter Horizont lag.
-Schon beim Aufstieg war ich erstaunt, die mir von unten her wohlbekannten
-Schroffen und Felswände so überwältigend groß zu finden. Und nun sah ich,
-vom Augenblick ganz bezwungen, mit Angst und Jubel plötzlich die ungeheure
-Weite auf mich herein dringen. So fabelhaft groß war also die Welt! Unser
-ganzes Dorf, tief unten verloren liegend, war nur noch ein kleiner heller
-Fleck. Gipfel, die man vom Tale aus für eng benachbart hielt, lagen viele
-Stunden weit auseinander.
-
-Da fing ich an zu ahnen, daß ich nur erst ein schmales Blinzeln, noch kein
-gediegenes Schauen von der Welt gehabt hatte und daß da draußen Berge
-stehen und fallen und große Dinge geschehen konnten, von denen auch nicht
-die leiseste Kunde je in unser abgetrenntes Bergloch kam. Zugleich aber
-zitterte etwas in mir gleich dem Zeiger des Kompasses mit unbewußtem
-Streben mächtig jener großen Ferne entgegen. Und nun verstand ich auch die
-Schönheit und Schwermut der Wolken erst ganz, da ich sah, in was für
-endlose Fernen sie wanderten.
-
-Meine beiden erwachsenen Begleiter lobten mein gutes Steigen, rasteten ein
-wenig auf der eiskalten Kuppe und lachten über meine fassungslose Freude.
-Ich aber, nachdem ich mit dem ersten großen Staunen fertig war, brüllte vor
-Lust und Erregung laut wie ein Stier in die klaren Lüfte hinaus. Das war
-mein erstes, unartikuliertes Lied an die Schönheit. Ich war auf einen
-dröhnenden Widerhall gefaßt, aber mein Geschrei verklang in die ruhigen
-Höhen spurlos wie ein schwacher Vogelpfiff. Da war ich sehr beschämt und
-hielt mich still.
-
-Dieser Tag hatte irgend ein Eis in meinem Leben gebrochen. Denn nun kam ein
-Ereignis um das andere. Zunächst nahm man mich des öfteren auf Bergfahrten
-mit, auch auf schwierigere, und ich drang mit sonderbar beklommener Wollust
-in die großen Geheimnisse der Höhen ein. Darauf ward ich zum Gaishirten
-ernannt. An einer von den Halden, wohin ich gewöhnlich meine Tiere trieb,
-gab es einen windgeschützten Winkel, von kobaltblauem Enzian und hellrotem
-Steinbrech überwuchert, das war mir der liebste Platz in der Welt. Das Dorf
-war von dort aus unsichtbar und auch vom See war nur über Felsen weg ein
-schmaler, blanker Streifen zu erblicken, dafür brannten die Blumen in
-lachend frischen Farben, der blaue Himmel lag wie ein Zeltdach auf den
-spitzigen Schneegipfeln und neben dem feinen Geläut der Ziegenglocken tönte
-ununterbrochen der nicht weit entfernte Wasserfall. Dort lag ich in der
-Wärme, staunte den weißen Wölklein nach und jodelte halblaut vor mich hin,
-bis die Gaisen meine Trägheit bemerkten und sich allerlei verbotene
-Streiche und Lustbarkeiten leisten wollten. Es gab dabei gleich in den
-ersten Wochen einen herben Riß in meine Phäakenherrlichkeit, als ich mit
-einer verlaufenen Gais zusammen in eine Klamm abstürzte. Die Gais war tot
-und mir tat der Schädel weh, außerdem ward ich jämmerlich geprügelt, lief
-meinen Alten davon und ward unter Beschwörungen und Wehklagen wieder
-eingebracht.
-
-Leichtlich hätten diese Abenteuer meine ersten und letzten sein können.
-Dann wäre dies Büchlein ungeschrieben und manche andere Mühe und Torheit
-ungeschehen geblieben. Ich hätte vermutlich irgend eine Base geheiratet
-oder läge vielleicht auch irgendwo beiseit ins Gletscherwasser gefroren. Es
-wäre auch nicht übel. Aber alles kam anders und es steht mir nicht zu das
-Geschehene mit Ungeschehenem zu vergleichen.
-
-Mein Vater tat jeweils ein wenig kleinen Dienst im Welsdörfer Kloster. Nun
-war er einstmals krank und befahl mir ihn dort abzusagen. Das tat ich
-indessen nicht, sondern entlehnte beim Nachbar Papier und Feder und schrieb
-einen manierlichen Brief an die Klosterbrüder, gab den der Botenfrau mit
-und ging auf eigene Faust in den Berg.
-
-Nächste Woche komme ich eines Tags nach hause, da sitzt ein Pater und
-wartet auf denjenigen, der den schönen Brief geschrieben hat. Mir ward
-etwas bänglich, aber er lobte mich und suchte meinen Alten zu bereden, daß
-er mich bei ihm lernen lasse. Der Oheim Konrad war dazumal gerade wieder in
-Gunst und wurde befragt. Natürlich war er sofort dafür entflammt, daß ich
-lernen und später studieren und ein Gelehrter und Herr werden müsse. Der
-Vater ließ sich überzeugen, und so gehörte nun auch meine Zukunft zu den
-gefährlichen Oheimsprojekten, gleich dem feuersicheren Backofen, dem
-Segelschiff und den vielen ähnlichen Phantastereien.
-
-Es ging sogleich an ein gewaltiges Lernen, zumal in Lateinisch, biblischer
-Geschichte, Botanik und Geographie. Mir machte das alles vielen Spaß und
-ich dachte nicht daran, daß das welsche Zeug mich vielleicht Heimat und
-schöne Jahre kosten könne. Das Lateinische allein tats auch nicht. Mein
-Vater hätte mich zum Bauer gemacht, wenn ich auch die ganzen viri illustres
-vorwärts und rückwärts auswendig gekonnt hätte. Aber der kluge Mann hatte
-mir auf den Grund meines Wesens gesehen, wo als Schwerpunkt und
-Kardinaluntugend meine unbesiegbare Trägheit hauste. Ich entrann, wo es nur
-gehen wollte, der Arbeit und lief statt dessen den Bergen oder dem See nach
-oder lag seitwärts versteckt an der Halde, las, träumte und faulenzte. In
-dieser Erkenntnis gab er mich schließlich weg.
-
-Dies ist eine Gelegenheit, ein kurzes Wort über meine Eltern zu sagen. Die
-Mutter war ehedem schön gewesen, davon war aber nur der feste, grade Wuchs
-und die anmutigen, dunklen Augen übrig geblieben. Sie war groß, überaus
-kräftig, fleißig und still. Obwohl sie reichlich so klug wie der Vater und
-an Körperkraft ihm überlegen war, herrschte sie doch nicht im Hause,
-sondern ließ das Regiment ihrem Manne. Er war mittelgroß, hatte dünne und
-fast zarte Glieder und einen hartnäckigen, schlauen Kopf mit einem Gesicht,
-das von heller Farbe und ganz voll von kleinen, ungemein beweglichen Falten
-war. Dazu kam eine kurze, senkrechte Stirnfalte. Sie verdunkelte sich, so
-oft er die Brauen bewegte, und gab ihm ein grämlich leidendes Aussehen; es
-schien dann, als versuche er sich auf etwas sehr Wichtiges zu besinnen und
-sei selber ohne Hoffnung je darauf zu kommen. Man hätte eine gewisse
-Melancholie an ihm wahrnehmen können, aber niemand achtete darauf, denn die
-Bewohner unsrer Gegend sind fast alle von einer stetigen, leichten Trübe
-des Gemüts befangen, dessen Ursache die langen Winter, die Gefahren, das
-mühselige Sichdurchschlagen und die Abgeschlossenheit vom Weltleben sind.
-
-Von beiden Eltern habe ich wichtige Stücke meines Wesens übernommen. Von
-der Mutter eine bescheidene Lebensklugheit, ein Stück Gottvertrauen und ein
-stilles, wenig redendes Wesen. Vom Vater hingegen eine Ängstlichkeit vor
-festen Entschließungen, die Unfähigkeit mit Geld zu wirtschaften und die
-Kunst viel und mit Überlegung zu trinken. Letzteres zeigte sich aber an mir
-in jenem zarten Alter noch nicht. Äußerlich hab ich vom Vater die Augen und
-den Mund, von der Mutter den schweren, dauerhaften Gang und Körperbau und
-die zähe Muskelkraft. Vom Vater und von unserer Rasse überhaupt bekam ich
-ins Leben zwar einen bauernschlauen Verstand, aber auch das trübe Wesen und
-den Hang zu grundloser Schwermut mit. Da mir bestimmt war mich lange
-außerhalb der Heimat bei Fremden herumzuschlagen, wäre es schon besser
-gewesen, statt dessen einige Beweglichkeit und etlichen frohen Leichtsinn
-mitzubringen.
-
-So ausgestattet und mit einem neuen Kleide versorgt trat ich die Reise ins
-Leben an. Die elterlichen Gaben haben sich bewährt, denn ich ging und stand
-in der Welt seither auf eigenen Füßen. Dennoch muß irgend etwas gefehlt
-haben, das auch die Wissenschaft und das Weltleben mir nimmer einbrachte.
-Denn ich kann heute noch wie je einen Berg zwingen, zehn Stunden
-marschieren oder rudern und nötigenfalls einen Mann freihändig erschlagen,
-zum Lebenskünstler aber fehlt mir heute noch so viel wie damals. Der frühe
-einseitige Umgang mit der Erde und ihren Pflanzen und Tieren hatte wenig
-soziale Fähigkeiten in mir aufkommen lassen und noch jetzt sind meine
-Träume ein merkwürdiger Beweis dafür, wie sehr ich leider einem rein
-animalischen Leben zuneige. Ich träume nämlich sehr oft, ich liege am
-Meeresstrand als Tier, zumeist als Seehund, und empfinde dabei ein so
-gewaltiges Wohlbehagen, daß ich beim Erwachen den Wiederbesitz meiner
-Menschenwürde keineswegs freudig oder mit Stolz, sondern lediglich mit
-Bedauern wahrnehme.
-
-Ich ward in üblicher Weise mit Freiplatz und Freitisch an einem Gymnasium
-erzogen und war zum Philologen bestimmt. Niemand weiß, warum. Es gibt kein
-unnützeres und langweiligeres Fach und keines, das mir ferner lag.
-
-Die Schülerjahre gingen mir rasch dahin. Zwischen Balgereien und Schule
-kamen Stunden voll Heimweh, Stunden voll frecher Zukunftsträume, Stunden
-voll ehrfürchtiger Anbetung der Wissenschaft. Zwischenein trat auch hier
-meine angeborene Trägheit hervor, trug mir allerlei Ärger und Strafen ein
-und wich dann irgend einem neuen Enthusiasmus.
-
-»Peter Camenzind,« sprach mein Griechischlehrer, »du bist ein Trotzkopf und
-Einspänner und wirst dir noch einmal den harten Schädel einrennen.« Ich
-betrachtete den feisten Brillenträger, hörte seine Rede an und fand ihn
-komisch.
-
-»Peter Camenzind,« sprach der Mathematiklehrer, »du bist ein Genie im
-Faullenzen und ich bedaure, daß es kein niedrigeres Zeugnis gibt als Null.
-Ich schätze deine heutige Leistung auf minus zweieinhalb.« Ich sah ihn an,
-bedauerte ihn da er schielte, und fand ihn sehr langweilig.
-
-»Peter Camenzind,« sagte einmal der Geschichtsprofessor, »du bist kein
-guter Schüler, aber du wirst trotzdem einmal ein guter Historiker werden.
-Du bist faul, aber du weißt Großes und Kleines zu unterscheiden.«
-
-Auch das war mir nicht extra wichtig. Dennoch hatte ich vor den Lehrern
-Respekt, denn ich dachte sie seien im Besitze der Wissenschaft, und vor der
-Wissenschaft empfand ich eine dunkle, gewaltige Ehrfurcht. Und obschon über
-meine Faulheit alle Lehrer einig waren, kam ich doch vorwärts und hatte
-meinen Platz über der Mitte. Daß die Schule und die Schulwissenschaft ein
-unzulängliches Stückwerk war, merkte ich wohl; aber ich wartete auf später.
-Hinter diesen Vorbereitungen und Schulfuchsereien vermutete ich das reine
-Geistige, eine zweifellose, sichere Wissenschaft des Wahren. Dort würde ich
-erfahren, was die dunkle Wirrnis der Geschichte, die Kämpfe der Völker und
-die bange Frage in jeder einzelnen Seele bedeute.
-
-Noch stärker und lebendiger war eine andere Sehnsucht in mir. Ich wollte
-gern einen Freund haben.
-
-Da war ein braunhaariger, ernsthafter Knabe, zwei Jahre älter als ich,
-namens Kaspar Hauri. Er hatte eine sichere und stille Art zu gehen und
-dazusein, trug den Kopf männlich fest und ernst und sprach nicht viel mit
-seinen Kameraden. An ihm blickte ich monatelang mit großer Verehrung empor,
-hielt mich auf der Straße hinter ihm her und hoffte sehnlich von ihm
-bemerkt zu werden. Ich war auf jeden Spießbürger eifersüchtig, den er
-grüßte, und auf jedes Haus, in das ich ihn eintreten oder aus dem ich ihn
-kommen sah. Aber ich war zwei Klassen hinter ihm zurück und er fühlte sich
-vermutlich der seinigen schon überlegen. Es ist nie ein Wort zwischen uns
-gewechselt worden. Statt seiner schloß sich ohne mein Zutun ein kleiner,
-kränklicher Knabe an mich an. Er war jünger als ich, schüchtern und
-unbegabt, hatte aber schöne, leidende Augen und Gesichtszüge. Weil er
-schwächlich und ein wenig verwachsen war, stand er in seiner Klasse viel
-Unbilden aus und suchte an mir, der ich stark und angesehen war, einen
-Beschützer. Bald ward er so krank, daß er die Schule nicht mehr besuchen
-konnte. Er fehlte mir nicht und ich vergaß ihn rasch.
-
-Nun war in unserer Klasse ein ausgelassener Blondkopf, ein Tausendkünstler,
-Musiker, Mime und Hanswurst. Ich gewann seine Freundschaft nicht ohne Mühe
-und der flotte kleine Altersgenosse benahm sich stets ein klein wenig
-gönnerhaft gegen mich. Immerhin hatte ich nun einen Freund. Ich suchte ihn
-in seinem Stüblein auf, las ein paar Bücher mit ihm, machte ihm die
-griechischen Aufgaben und ließ mir dafür im Rechnen helfen. Auch gingen wir
-manchmal miteinander spazieren und müssen dann wie Bär und Wiesel
-ausgesehen haben. Er war immer der Sprecher, der Lustige, Witzige, nie
-Verlegene, und ich hörte zu, lachte und war froh einen so burschikosen
-Freund zu haben.
-
-Eines Nachmittags aber kam ich unversehens dazu, wie der kleine Charlatan
-im Schulhausgang einigen Kameraden eine von seinen beliebten komischen
-Aufführungen zum Besten gab. Soeben hatte er einen Lehrer nachgemacht, nun
-rief er: »Ratet wer das ist!« und begann laut ein paar Homerverse zu lesen.
-Dabei kopierte er mich sehr getreu, meine verlegene Haltung, mein
-ängstliches Lesen, meine oberländisch rauhe Aussprache, und auch meine
-ständige Geberde der Aufmerksamkeit, das Blinzeln und das Schließen des
-linken Auges. Es sah sich sehr komisch an und war so witzig und lieblos als
-möglich gemacht.
-
-Als er das Buch schloß und den verdienten Beifall einstrich, trat ich von
-hinten an ihn her und nahm Rache. Worte fand ich nicht, aber ich brachte
-meine ganze Entrüstung, Scham und Wut in einer einzigen, riesigen Ohrfeige
-prägnant zum Ausdruck. Gleich darauf begann die Lektion und der Lehrer
-bemerkte das Wimmern und die rotgeschwollene Backe meines ehemaligen
-Freundes, welcher obendrein sein Liebling war.
-
-»Wer hat dich so zugerichtet?«
-
-»Der Camenzind.«
-
-»Camenzind vortreten! Ist das wahr?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Warum hast du ihn geschlagen?«
-
-Keine Antwort.
-
-»Hast du keinen Grund dazu gehabt?«
-
-»Nein.«
-
-Also wurde ich energisch bestraft und schwelgte stoisch in der Wonne des
-unschuldig Gemarterten. Da ich aber kein Stoiker noch Heiliger, sondern ein
-Schulbub war, streckte ich nach erlittener Strafe meinem Feind die Zunge
-heraus so lang sie war. Entsetzt fuhr der Lehrer auf mich los.
-
-»Schämst du dich nicht? Was soll das heißen?«
-
-»Das soll heißen, daß der dort ein gemeiner Kerl ist und daß ich ihn
-verachte. Und ein Feigling ist er auch noch.«
-
-So endete meine Freundschaft mit dem Mimen. Er fand keinen Nachfolger und
-ich habe die Jahre der reifenden Knabenzeit ohne Freund verbringen müssen.
-Aber ob auch meine Anschauung des Lebens und der Menschen seither sich
-einige mal verändert hat, jener Ohrfeige erinnere ich mich nie ohne tiefe
-Befriedigung. Hoffentlich hat auch der Blonde sie nicht vergessen.
-
-Mit siebzehn Jahren verliebte ich mich in eine Advokatentochter. Sie war
-schön und ich bin stolz darauf, daß ich mein Leben lang immer nur in sehr
-schöne Frauenbilder verliebt war. Was ich um sie und um andere litt,
-erzähle ich ein andermal. Sie hieß Rösi Girtanner und ist heute noch der
-Liebe ganz anderer Männer, als ich bin, würdig.
-
-Damals brauste mir die ungebrauchte Jugendkraft in allen Gliedern. Ich ließ
-mich mit meinen Kameraden in tolle Raufhändel ein, fühlte mich stolz als
-besten Ringer, Ballschläger, Wettläufer und Ruderer, und war nebenher
-beständig schwermütig. Das hing kaum mit der Liebesgeschichte zusammen. Es
-war einfach die süße Schwermut des Vorfrühlings, die mich stärker als
-andere anfaßte, so daß ich Freude an traurigen Vorstellungen, an
-Todesgedanken und an pessimistischen Ideen hatte. Natürlich fand sich auch
-der Kamerad, der mir Heines Buch der Lieder in einer billigen Ausgabe zu
-lesen gab. Es war eigentlich kein Lesen mehr, -- ich goß in die leeren
-Verse mein volles Herz, ich litt mit, dichtete mit und geriet in ein
-lyrisches Schwärmen hinein, das mir vermutlich zu Gesichte stand wie dem
-Ferkel die Chemisette. Bis dahin hatte ich von aller »schönen Literatur«
-keine Ahnung gehabt. Nun folgte Lenau, Schiller, dann Goethe und
-Shakespeare, und plötzlich war mir der blasse Schemen Literatur zu einer
-großen Gottheit geworden.
-
-Mit süßem Schauder fühlte ich aus diesen Büchern mir die würzig kühle Luft
-eines Lebens entgegen strömen, das nie auf Erden gewesen und doch
-wahrhaftig war und nun in meinem ergriffenen Herzen seine Wellen schlagen
-und seine Schicksale erleben wollte. In meinem Lesewinkel auf der
-Dachbodenkammer, wohin nur das Stundenschlagen vom nahen Turmgestühl und
-das trockene Klappern der daneben nistenden Störche drang, gingen die
-Menschen Goethes und Shakespeares bei mir ein und aus. Das Göttliche und
-Lächerliche alles Menschenwesens ging mir auf: das Rätsel unseres
-zwiespältigen, unbändigen Herzens, die tiefe Wesenheit der Weltgeschichte
-und das mächtige Wunder des Geistes, der unsre kurzen Tage verklärt und
-durch die Kraft des Erkennens unser kleines Dasein in den Kreis des
-Notwendigen und Ewigen erhebt. Wenn ich den Kopf durch die schmale
-Fensterluke steckte, sah ich die Sonne auf Dächer und schmale Gassen
-scheinen, hörte verwundert die kleinen Geräusche der Arbeit und
-Alltäglichkeit verworren heraufrauschen und fühlte das Einsame und
-Geheimnisvolle meines von großen Geistern erfüllten Dachwinkels wie ein
-sonderbar schönes Märchen mich umgeben. Und allmählich, je mehr ich las und
-je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf Dächer, Gassen und
-Alltag ergriff, tauchte des öfteren zaghaft und beklemmend das Gefühl in
-mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete
-Welt warte auf mich, daß ich einen Teil ihrer Schätze höbe, den Schleier
-des Zufälligen und Gemeinen davon löse und das Entdeckte durch Dichterkraft
-dem Untergang entreiße und verewige.
-
-Schamhaft fing ich an ein wenig zu dichten und es füllten sich allmählich
-einige Hefte mit Versen, Entwürfen und kleinen Erzählungen an. Sie sind
-untergegangen und waren vermutlich wenig wert, bereiteten mir aber
-Herzklopfen und heimliche Wonne genug. Nur langsam folgte diesen Versuchen
-Kritik und Selbstprüfung nach, und erst im letzten Schuljahr trat die
-notwendige erste, große Enttäuschung ein. Ich hatte schon begonnen mit
-meinen Erstlingsgedichten aufzuräumen und meine Schreiberei überhaupt mit
-Mißtrauen zu betrachten, als mir durch Zufall ein paar Bände Gottfried
-Keller in die Hände fielen, die ich sogleich zweimal und dreimal
-hintereinander las. Da sah ich in plötzlicher Erkenntnis, wie fern meine
-unreifen Träumereien der echten, herben, wahrhaftigen Kunst gewesen waren,
-verbrannte meine Gedichte und Novellen und blickte nüchtern und traurig mit
-peinlichen Katzenjammergefühlen in die Welt.
-
-
-
-
-II.
-
-
-Um von der Liebe zu reden, -- darin bin ich zeitlebens ein Knabe geblieben.
-Für mich ist die Liebe zu Frauen immer ein reinigendes Anbeten gewesen,
-eine steile Flamme meiner Trübe entlodert, Beterhände zu blauen Himmeln
-emporgestreckt. Von der Mutter her und auch aus eigenem, undeutlichem
-Gefühl verehrte ich die Frauen insgesamt als ein fremdes, schönes und
-rätselhaftes Geschlecht, das uns durch eine angeborene Schönheit und
-Einheitlichkeit des Wesens überlegen ist und das wir heilig halten müssen,
-weil es gleich Sternen und blauen Berghöhen uns ferne ist und Gott näher zu
-sein scheint. Da das rauhe Leben seinen reichlichen Senf dazu gab, hat die
-Frauenliebe mir soviel Bitteres als Süßes eingebracht; zwar blieben die
-Frauen auf dem hohen Sockel stehen, mir aber verwandelte sich die
-feierliche Rolle des anbetenden Priesters allzuleicht in die
-peinlich-komische des genarrten Narren.
-
-Rösi Girtanner begegnete mir fast jeden Tag, wenn ich zu Tische ging. Eine
-Jungfer von siebzehn Jahren, fest und biegsam gewachsen. Aus dem schmalen,
-bräunlich frischen Gesicht sprach die stille beseelte Schönheit, welche
-ihre Mutter zur Stunde noch besaß und welche vor ihr Ahne und Urahne gehabt
-hatte. Aus diesem alten, vornehmen und gesegneten Haus war von Geschlecht
-zu Geschlecht eine große, schmucke Reihe von Frauen ausgegangen, jede still
-und vornehm, jede frisch, adlig und von fehlerloser Schönheit. Es gibt von
-einem unbekannten Meister ein Mädchenbildnis aus der Familie der Fugger, im
-sechzehnten Jahrhundert gemalt und eines der köstlichsten Bilder, die meine
-Augen gesehen haben. So ähnlich waren die Girtannerschen Frauen und so war
-auch Rösi.
-
-Das alles wußte ich damals freilich nicht. Ich sah sie nur in ihrer
-stillen, heiteren Würde schreiten und fühlte das Adelige ihres schlichten
-Wesens. Dann saß ich Abends nachsinnend in der Dämmerung, bis es mir
-gelang, ihre Erscheinung mir klar und gegenwärtig vorzustellen, und dann
-lief ein süßes heimliches Grausen über meine knabenhafte Seele. In Bälde
-kam es aber, daß diese Augenblicke der Lust sich trübten und mir bittere
-Schmerzen machten. Ich empfand plötzlich, wie fremd sie mir sei, mich nicht
-kenne noch mir nachfrage, und daß mein schönes Traumbild ein Diebstahl an
-ihrem seligen Wesen sei. Und eben wenn ich das so scharf und peinigend
-fühlte, sah ich ihr Bild immer für Augenblicke so wahr und atmend lebendig
-vor Augen, daß eine dunkle, warme Woge mein Herz überflutete und mir bis in
-die fernsten Pulse seltsam wehe tat.
-
-Bei Tage geschah es mitten in einer Lehrstunde oder mitten in einem
-heftigen Raufen, daß die Woge wiederkam. Dann schloß ich die Augen, ließ
-die Hände sinken und fühlte mich in einen lauen Abgrund gleiten, bis mich
-der Aufruf des Lehrers oder der Faustschlag eines Kameraden erweckte. Ich
-entzog mich, lief ins Freie und staunte mit wunderlicher Träumerei in die
-Welt. Nun sah ich plötzlich, wie schön und farbig alles war, wie Licht und
-Atem durch alle Dinge floß, wie klargrün der Fluß und wie rot die Dächer
-und wie blau die Berge waren. Diese mich umgebende Schönheit zerstreute
-mich aber nicht, sondern ich genoß sie still und traurig. Je schöner alles
-war, desto fremder schien es mir, der ich keinen Teil daran hatte und
-außerhalb stand. Darüber fanden meine dumpfen Gedanken den Weg zu Rösi
-zurück: Wenn ich in dieser Stunde stürbe, sie würde es nicht wissen, nicht
-danach fragen, nicht darüber betrübt sein!
-
-Dennoch verlangte mich nicht danach von ihr bemerkt zu werden. Ich hätte
-gern etwas Unerhörtes für sie getan oder ihr geschenkt, ohne daß sie gewußt
-hätte von wem es kam.
-
-Und ich tat auch vieles für sie. Es kam eben eine kurze Ferienzeit und ich
-ward nach Hause geschickt. Dort leistete ich täglich allerlei Kraftstücke,
-alles in meiner Meinung Rösi zu Ehren. Einen schwierigen Gipfel erstieg ich
-von der steilsten Seite. Auf dem See machte ich übertriebene Fahrten im
-Weidling, große Entfernungen in knapper Zeit. Nach einer solchen Fahrt, da
-ich ausgebrannt und verhungert zurück kam, fiel mir ein, bis zum Abend ohne
-Speise und Trank zu bleiben. Alles für Rösi Girtanner. Ich trug ihren Namen
-und Lobpreis auf entlegene Grate und in nie besuchte Klüfte.
-
-Zugleich büßte dabei meine in der Schulstube verhockte Jugend ihre Lust.
-Die Schultern gingen mir mächtig auseinander, Gesicht und Nacken ward braun
-und überall dehnten sich und schwollen die Muskeln.
-
-Am vorletzten Ferientag brachte ich meiner Liebe ein mühseliges
-Blumenopfer. Zwar wußte ich an mehreren verlockenden Hängen auf schmalen
-Erdbändern Edelweiß stehen, aber diese duft- und farblose, krankhafte
-Silberblüte war mit stets seelenlos und wenig schön erschienen. Dafür
-kannte ich ein paar vereinsamte Alpenrosenbüsche, in die Furche einer
-kühnen Fluh verweht, spätblühend und verlockend schwer zu erreichen. Nun,
-es mußte gehen. Und da denn der Jugend und Liebe nichts unmöglich ist,
-gelangte ich mit zerschundenen Händen und krampfigen Schenkeln schließlich
-zum Ziel. Juchezen konnte ich in meiner bangen Lage nicht, aber das Herz
-jodelte und lärmte mir vor Lust, als ich vorsichtig die zähen Zweige
-durchschnitt und die Beute in den Händen hielt. Zurück mußte ich, die
-Blumen im Mund, rücklings klettern und Gott allein weiß, wie ich frecher
-Knabe heil den Fuß der Wand erreichte. Am ganzen Berg war die Blüte der
-Alpenrosen lang vorüber, ich hatte die letzten Zweige des Jahres knospend
-und zarterblühend in der Hand.
-
-Andern Tags hielt ich die Blumen während der ganzen fünfstündigen Reise in
-den Händen. Anfangs schlug das Herz mir mächtig der Stadt der schönen Rösi
-entgegen; je ferner aber das Hochgebirge ward, desto stärker zog die
-eingeborene Liebe mich zurück. Ich erinnere mich so gut an jene
-Eisenbahnfahrt! Der Sennalpstock war schon lange unsichtbar, nun sanken
-aber auch die zackigen Vorberge einer um den andern hinab und jeder löste
-sich mit feinem Wehgefühl von meinem Herzen. Nun waren alle heimischen
-Berge versunken und eine breite, niedere, hellgrüne Landschaft drängte sich
-hervor. Das hatte mich bei meiner ersten Reise gar nicht berührt. Diesmal
-aber ergriff mich Unruhe, Angst und Trauer, als wäre ich verurteilt weiter
-in immer flachere Länder hinein zu fahren und die Berge und das Bürgerrecht
-der Heimat unwiderbringlich zu verlieren. Zugleich sah ich immer das
-schöne, schmale Gesicht der Rösi vor mir stehen, so fein und fremd und kühl
-und meiner unbekümmert, daß mir Erbitterung und Schmerz den Atem verhielt.
-Vor den Fenstern glitten hintereinander die frohen, sauberen Ortschaften
-mit schlanken Türmen und weißen Giebeln vorüber und Menschen stiegen aus
-und ein, redeten, grüßten, lachten, rauchten und machten Witze, -- lauter
-fröhliche Unterländer, gewandte, freimütige und polierte Leute, und ich
-schwerer Bursch vom Oberland saß stumm und traurig und verbissen damitten.
-Ich fühlte, daß ich nicht mehr heimisch war. Ich empfand, daß ich den
-Bergen für immer entrissen war und doch nie werden würde wie ein
-Unterländer, nie so froh, so gewandt, so glatt und sicher. So einer wie
-diese würde sich immer über mich lustig machen, so einer würde die
-Girtanner einmal heiraten und so einer würde mir immer im Weg und um einen
-Schritt voraus sein.
-
-Solche Gedanken brachte ich mit zur Stadt. Dort stieg ich nach der ersten
-Begrüßung auf den Dachboden, öffnete meine Kiste und entnahm ihr einen
-großen Bogen Papier. Es war nicht vom feinsten und als ich meine Alpenrosen
-darein gewickelt und das Paket mit einem extra von Hause mitgebrachten
-Bindfaden verschnürt hatte, sah es gar nicht wie eine Liebesgabe aus.
-Ernsthaft trug ich es in die Straße, wo der Advokat Girtanner wohnte, und
-im ersten günstigen Augenblick trat ich durchs offene Tor, sah mich in der
-abendlich halblichten Hausflur ein wenig um und legte mein unförmliches
-Bündel auf der breiten, herrschaftlichen Treppe ab.
-
-Niemand sah mich und ich erfuhr nie, ob Rösi meinen Gruß zu sehen bekommen
-habe. Aber ich war an Flühen geklettert und hatte mein Leben gewagt, um
-einen Zweig Rosen auf die Treppe ihres Hauses zu legen, und darin lag etwas
-Süßes, Traurigfrohes, Poetisches, das mir wohltat und das ich noch heut
-empfinde. Nur in gottlosen Stunden scheint es mir zuweilen, als sei jenes
-Rosenabenteuer so gut wie alle meine späteren Liebesgeschichten eine
-Donquichotterie gewesen.
-
-Diese meine erste Liebe fand nie einen Abschluß, sondern verklang fragend
-und unerlöst in meine Jugendjahre und lief neben meinen späteren
-Verliebtheiten wie eine stille ältere Schwester mit. Immer noch kann ich
-mir nichts nobleres, reineres und schöneres vorstellen als jene junge,
-wohlgeborene und stillblickende Patrizierin. Und als ich manche Jahre
-später auf einer historischen Ausstellung in München jenes namenlose,
-rätselhaft liebliche Bildnis der Fuggertochter sah, erschien mir, es stehe
-meine ganze schwärmerische, traurige Jugend vor mir und schaue mich aus
-unergründlichen Augen tief und verloren an.
-
-Indessen häutete ich mich langsam und bedächtig und ward allmählich
-vollends zum Jüngling. Meine damals angefertigte Photographie zeigt einen
-knochigen, hochgewachsenen Bauernbuben in schlechten Schülerkleidern, mit
-etwas matten Augen und unfertigen, lümmelhaften Gliedmaßen. Nur der Kopf
-hat etwas Frühfertiges und Festes. Mit einer Art von Erstaunen sah ich mich
-die Manieren der Knabenzeit ablegen und erwartete mit dunkler Vorfreude die
-Studentenzeit.
-
-Ich sollte in Zürich studieren und für den Fall besonderer Leistungen
-hatten meine Gönner die Möglichkeit einer Studienreise erwähnt. All das
-erschien mir wie ein schönes, klassisches Bild: Eine ernst freundliche
-Laube mit den Büsten Homers und Platos, ich darin sitzend über Folianten
-gebückt, und auf allen Seiten ein weiter, klarer Blick auf Stadt, See,
-Berge und schöne Fernen. Mein Wesen war nüchterner und doch schwungvoller
-geworden und ich freute mich des zukünftigen Glückes mit der festen
-Zuversicht seiner würdig befunden zu werden.
-
-Im letzten Schuljahr fesselte mich das Studium des Italienischen und die
-erste Bekanntschaft mit den alten Novellisten, deren gründlicheres
-Kennenlernen ich mir als erste Liebhaberarbeit für die Zürcher Semester
-vorbehielt. Dann kam der Tag, da ich meinen Lehrern und dem Hausvater Adieu
-sagte, meine kleine Kiste packte und vernagelte und mit wohliger Wehmut
-abschiednehmend um das Haus der Rösi strich.
-
-Die Ferienzeit, die nun folgte, gab mir einen bitteren Vorschmack vom Leben
-und zerriß mir die schönen Traumflügel schnell und rauh. Zunächst fand ich
-die Mutter krank. Sie lag zu Bett, redete fast gar nichts und machte auch
-von meinem Kommen kein Aufhebens. Wehleidig war ich nicht, aber es
-schmerzte mich doch, meiner Freude und meinem jungen Stolz gar kein Echo zu
-finden. Alsdann erklärte mir mein Vater, daß er zwar nichts dagegen habe,
-wenn ich nun studieren wolle, daß er aber nicht vermöge mir Geld dazu zu
-geben. Wenn das kleine Stipendium nicht reiche, müsse ich eben sehen mir
-das Nötige zu verdienen. In meinem Alter habe er schon längst eigenes Brot
-gegessen u. s. w.
-
-Auch mit Wandern, Rudern und Bergsteigen war es diesmal nicht viel, denn
-ich mußte in Haus und Feld mitarbeiten und an den freien halben Tagen hatte
-ich zu nichts Lust, nicht einmal zum Lesen. Es empörte und ermüdete mich zu
-sehen, wie das gemeine tägliche Leben breitmäulig sein Recht forderte und
-alles fraß, was ich von Überfluß und Übermut mitgebracht hatte. Übrigens
-war mein Vater, als er die Geldfrage einmal vom Herzen hatte, nach seiner
-Art zwar rauh und kurz, aber nicht unfreundlich gegen mich, doch hatte ich
-keine Freude daran. Auch daß meine Schulbildung und meine Bücher ihm einen
-stillen, halbverächtlichen Respekt einflößten, störte mich und tat mir
-leid. Und dann dachte ich auch oft an Rösi und hatte wieder das böse,
-rechthaberische Gefühl meines bauernhaften Unvermögens, je in der »Welt«
-einen sicheren und beweglichen Mann abzugeben. Ich besann mich sogar
-tagelang, ob es nicht besser sei dazubleiben und mein Latein und meine
-Hoffnungen im zähen, trüben Zwang des armseligen heimischen Lebens zu
-vergessen. Gequält und verdrossen ging ich umher und fand auch am Bett der
-kranken Mutter nicht Trost noch Ruhe. Das Bild jener Traumlaube mit der
-Homerbüste erschien höhnisch wieder und ich zerstörte es und goß allen
-Grimm und alle Feindseligkeit meines zerplagten Wesens darüber. Die Wochen
-wurden unausstehlich lang, als sollte ich an diese hoffnungslose Zeit des
-Ärgers und Zwiespalts meine ganze Jugend verlieren.
-
-War ich erstaunt und empört gewesen, das Leben meine glückliche Träumerei
-so rasch und gründlich zerstören zu sehen, so kam ich nun in die Lage zu
-erstaunen, wie plötzlich und mächtig auch der jetzigen Quälerei ein
-Überwinder erwuchs. Das Leben hatte mir seine graue Werktagsseite gezeigt,
-nun trat es plötzlich mit seinen ewigen Tiefen vor mein befangenes Auge und
-belud meine Jugend mit einer schlichten, mächtigen Erfahrung.
-
-Früh am Morgen eines heißen Sommertags litt ich im Bette Durst und stand
-auf, um in die Küche zu gehen, wo stets eine Kufe frischen Wassers stand.
-Dabei mußte ich durchs Schlafzimmer der Eltern gehen, wo mir das sonderbare
-Stöhnen der Mutter auffiel. Ich trat an ihr Bett, doch sah sie mich nicht
-und gab keine Antwort, sondern stöhnte trocken und angstvoll vor sich hin,
-zuckte mit den Lidern und war bläulich blaß im Gesicht. Dies erschreckte
-mich nicht sonderlich, obwohl mir etwas ängstlich wurde. Aber dann sah ich
-ihre beiden Hände auf den Laken liegen, still und wie schlafende
-Geschwister. An diesen Händen sah ich, daß meine Mutter im Sterben lag,
-denn sie waren schon so seltsam todmüde und willenlos, wie sie kein
-Lebender hat. Ich vergaß meinen Durst, kniete neben dem Lager nieder, legte
-der Kranken die Hand auf die Stirn und suchte ihren Blick. Da er mich traf,
-war er gut und ohne Qual, aber nahe am Erlöschen. Es fiel mir nicht ein,
-daß ich den Vater wecken müsse, der nebenan mit hartem Atmen schlief. So
-kniete ich denn nahezu zwei Stunden und sah meine Mutter den Tod erleiden.
-Sie litt ihn stille, ernst und tapfer, wie es ihrer Art zukam, und hat mir
-ein gutes Vorbild gegeben.
-
-Das Stüblein war stille und füllte sich langsam mit der Helle des
-heraufsteigenden Morgens; Haus und Dorf lag schlafend und ich hatte Muße,
-in Gedanken die Seele eines Sterbenden zu begleiten, über Haus und Dorf und
-See und Schneegipfel hinweg in die kühle Freiheit eines reinen
-Frühmorgenhimmels hinein. Schmerz fühlte ich wenig, denn ich war voll
-Staunen und Ehrfurcht zusehen zu dürfen, wie ein großes Rätsel sich löste
-und wie der Ring eines Lebens sich mit leisem Erzittern schloß. Auch war
-die klaglose Tapferkeit der Scheidenden so erhaben, daß von ihrer herben
-Glorie ein kühlend klarer Strahl auch in meine Seele fiel. Daß der Vater
-daneben schlief, daß kein Priester da war, daß weder Sakrament noch Gebet
-die heimkehrende Seele heiligend begleitete, empfand ich nicht. Ich spürte
-nur einen schauernden Hauch der Ewigkeit durch die dämmernde Stube fluten
-und sich mit meinem Wesen vermischen.
-
-Im letzten Augenblick, die Augen waren schon erloschen, küßte ich zum
-ersten mal in meinem Leben meiner Mutter kühlen, welken Mund. Dann überlief
-die fremde Kühle der Berührung mich mit plötzlichem Grausen, ich setzte
-mich auf den Rand des Bettes und fühlte, daß mir langsam und zögernd eine
-große Träne um die andere über Wangen, Kinn und Hände lief.
-
-Bald darauf erwachte der Vater, sah mich dasitzen und rief mich
-schlaftrunken an, was es gäbe. Ich wollte ihm Antwort geben, konnte aber
-nichts sagen, sondern ging aus der Stube, kam wie im Traum in meine Kammer
-und zog langsam und unbewußt meine Kleider an. Bald erschien der Alte bei
-mir.
-
-»Die Mutter ist tot,« sagte er. »Hast du's gewußt?«
-
-Ich nickte.
-
-»Warum hast du mich schlafen lassen? Und kein Priester ist dagewesen! Dich
-soll doch --« er tat einen schweren Fluch.
-
-Da tat irgend etwas in meinem Kopf mir weh, wie wenn eine Ader gesprungen
-wäre. Ich trat auf ihn zu und nahm ihn fest bei beiden Händen -- er war an
-Stärke ein Knabe gegen mich, und sah ihm ins Gesicht. Sagen konnte ich
-nichts, aber er ward still und beklommen und als wir darauf beide zur
-Mutter hinüber gingen, ergriff auch ihn die Gewalt des Todes und machte
-sein Gesicht fremd und feierlich. Dann bückte er sich über die Tote und
-begann ganz leise und kindlich zu klagen, fast wie ein Vogel, in hohen
-schwachen Tönen. Ich ging weg und brachte den Nachbarn die Nachricht. Sie
-hörten mich an, stellten keine Fragen, sondern gaben mir die Hand und boten
-unsrem verwaisten Haushalt ihre Hilfe an. Einer lief den Weg ins Kloster,
-um einen Pater zu holen, und da ich heimkehrte, war schon eine Nachbarin in
-unsrem Stall und versorgte die Kuh.
-
-Der Hochwürdige kam, und fast alle Frauen des Orts kamen, alles geschah
-pünktlich und richtig wie von selber, sogar der Sarg ward ohne unser Zutun
-besorgt und ich konnte zum erstenmal deutlich sehen, wie gut es in schweren
-Lagen ist, heimisch zu sein und einer kleinen, sicheren Gemeinschaft
-anzugehören. Am andern Tage hätte ich mir das vielleicht noch tiefer
-überlegen sollen
-
-Als nämlich der Sarg gesegnet und versenkt und die wunderliche Schar
-wehmütig altmodischer, borstiger Cylinderhüte verschwunden war, auch der
-meines Alten, jeder in seine Schachtel und seinen Schrank, da wandelte
-meinen armen Vater eine Schwäche an. Er begann plötzlich sich selbst zu
-bemitleiden und hielt mir in sonderbaren, großenteils biblischen
-Redewendungen sein Elend vor, daß er nun, da sein Weib begraben sei, auch
-noch seinen Sohn verlieren und in die Fremde fahren sehen müsse. Es nahm
-kein Ende, ich hörte erschrocken zu und war beinahe bereit, ihm das
-Dableiben zu versprechen.
-
-In diesem Augenblick, ich hatte schon zur Antwort angesetzt, geschah mir
-etwas Merkwürdiges. Es erschien mir plötzlich, in einer einzigen Sekunde,
-alles das, was ich von klein auf gedacht und erwünscht und sehnlich erhofft
-hatte, zusammengedrängt vor einem plötzlich aufgetanen innerlichen Auge.
-Ich sah große, schöne Arbeiten auf mich warten, zu lesende Bücher und zu
-schreibende Bücher. Ich hörte den Föhn gehen und sah ferne, selige Seeen
-und Ufer in südlichen Farben erglänzend liegen. Ich sah Menschen mit
-klugen, geistigen Gesichtern wandeln und schöne, feine Frauen, sah Straßen
-laufen und Pässe über Alpen führen und Eisenbahnen durch Länder hasten,
-alles zugleich und jedes doch für sich und deutlich, und hinter allem die
-unbegrenzte Ferne eines klaren Horizontes, von treibenden Flugwolken
-durchschnitten. Lernen, schaffen, schauen, wandern -- die ganze Fülle des
-Lebens glänzte in flüchtigem Silberblick vor meinem Auge auf, und wieder
-wie in Knabenzeiten zitterte etwas in mir mit unbewußt mächtigem Zwang der
-großen Weite der Welt entgegen.
-
-Ich schwieg und ließ den Vater reden, schüttelte nur den Kopf und wartete,
-bis sein Ungestüm ermüdete. Das geschah erst am Abend. Nun erklärte ich ihm
-meinen festen Entschluß zu studieren und meine künftige Heimat im Reich des
-Geistes zu suchen, von ihm aber keine Unterstützungen zu begehren. Er drang
-denn auch nicht weiter in mich und sah mich nur wehleidig und
-kopfschüttelnd an. Denn auch er begriff, daß ich von jetzt an eigene Wege
-gehen und seinem Leben schnell vollends fremd werden würde. Als ich heute
-beim Schreiben mich des Tages erinnerte, sah ich meinen Vater wieder so wie
-er an jenem Abend im Stuhl beim Fenster saß. Sein scharfer, kluger
-Bauernkopf steht unbeweglich auf dem dünnen Hals, das kurze Haar beginnt zu
-grauen und in den harten, strengen Zügen kämpft mit der zähen Männlichkeit
-das Leid und das hereinbrechende Alter.
-
-Von ihm und von meinem damaligen Aufenthalt unter seinem Dach bleibt mir
-noch ein kleines, nicht unwichtiges Ereignis zu erzählen. In der letzten
-Woche vor meiner Abreise setzte eines Abends mein Vater seine Mütze auf und
-nahm den Türgriff in die Hand. »Wo gehst du hin?« fragte ich. »Geht's dich
-was an?« sagte er. »Könntest mir's auch sagen, wenn's nichts Unrechtes
-ist,« meinte ich. Da lachte er und rief: »Kannst auch mitkommen, bist ja
-keiner von den Kleinsten mehr.« So ging ich denn mit. Ins Wirtshaus. Ein
-paar Bauern saßen da vor einem Krug Hallauer, zwei fremde Fuhrleute tranken
-Absinth, ein Tisch voll junger Burschen spielte Jaß und spektakelte
-mächtig.
-
-Ich war gewohnt zuweilen ein Glas Wein zu trinken, doch war es nun zum
-ersten Mal daß ich ohne Not ein Schankhaus betrat. Daß mein Vater ein
-gediegener Zecher sei, wußte ich vom Hörensagen. Er trank viel und gut und
-dadurch blieb sein Hauswesen, ohne daß er es sonst ernstlich vernachlässigt
-hätte, immer in einer hoffnungslosen Kümmerlichkeit stecken. Es fiel mir
-auf, wie viel Achtung ihm von Wirt und Gästen gezeigt wurde. Er ließ einen
-Liter Waadtländer bringen, hieß mich einschenken und belehrte mich darüber,
-wie das zu machen sei. Man müsse niedrig einschenken, dann den Strahl mäßig
-verlängern und zum Schluß die Flasche wieder so tief als möglich senken.
-Darauf begann er von verschiedenen Weinen zu erzählen, die er kannte und
-die er bei seltenen Gelegenheiten, wenn er etwa einmal zur Stadt oder ins
-Welsche hinüber kam, zu genießen pflegte. Er sprach mit ernster Achtung vom
-tiefroten Veltliner, von welchem er drei Arten unterschied. Hierauf kam er
-mit leiserer, eindringender Stimme auf gewisse Waadtländer Flaschenweine zu
-sprechen. Fast flüsternd und mit der Miene eines Märchenerzählers
-berichtete er zuletzt vom Wein von Neuchâtel. Von diesem gäbe es Jahrgänge,
-deren Schaum beim Einschenken im Glase einen Stern bilde. Und er zeichnete
-den Stern mit angefeuchtetem Zeigefinger auf den Tisch. Dann versank er in
-ungeheuerliche Mutmaßungen über das Wesen und den Geschmack des
-Champagners, den er nie getrunken hatte und von welchem er glaubte, daß
-eine Flasche davon zwei Mann stocksternhagelbetrunken mache.
-
-Verstummend und nachdenklich zündete er sich eine Pfeife an. Dabei bemerkte
-er, daß ich nichts zu rauchen habe, und gab mir zehn Rappen für Cigarren.
-Und dann saßen wir einander gegenüber, bliesen uns den Rauch ins Gesicht
-und tranken langsam schlürfend den ersten Liter leer. Der gelbe, pikante
-Waadtländer schmeckte mir vorzüglich. Allmählich wagten die Bauern am
-Nebentisch sich mit ins Gespräch und schließlich siedelte einer nach dem
-andern räuspernd und vorsichtig zu uns über. Bald kam auch ich in den
-Mittelpunkt und es zeigte sich, daß mein Ruf als Bergsteiger noch nicht
-vergessen war. Allerlei verwegene Aufstiege und tolle Abstürze, in
-mythische Nebel gehüllt, wurden erzählt, bestritten und verteidigt.
-Mittlerweile waren wir schon fast mit dem zweiten Liter fertig und mir
-sauste das Blut in den Augen. Ganz gegen meine Natur begann ich laut zu
-prahlen und erzählte auch die freche Kletterei an der oberen
-Sennalpstockwand, wo ich die Alpenrosen für Rösi Girtanner geholt hatte.
-Man glaubte mir nicht, ich beteuerte, man lachte, ich ward zornig. Ich
-forderte jeden der mir nicht glaubte, zum Ringen heraus und ließ merken,
-daß ich zur Not sie alle miteinander zu zwingen denke. Da ging ein altes,
-krummes Bäuerlein in die Kredenz, brachte einen großen Steingutkrug und
-legte ihn der Länge nach auf den Tisch.
-
-»Ich will dir was sagen,« lachte er. »Wenn du so stark bist, so hau den
-Krug mit der Faust zusammen. Dann zahlen wir dir so viel Wein, als er faßt.
-Wenn du es nicht kannst, zahlst aber du den Wein.«
-
-Mein Vater stimmte sogleich zu. Also stand ich auf, wickelte mein
-Taschentuch um die Hand und schlug. Die zwei ersten Schläge taten keine
-Wirkung. Beim dritten ging der Krug in Stücke. »Zahlen!« rief mein Vater
-und glänzte vor Wonne, der Alte schien einverstanden. »Gut,« sagte er, »ich
-zahl' Wein, soviel in den Krug geht. Wird aber nimmer viel sein.« Freilich
-faßte der Scherben keinen Schoppen mehr und ich hatte zum Schmerz im Arm
-noch den Spott. Auch mein Vater lachte mich jetzt aus.
-
-»Nun, so hast du gewonnen,« schrie ich, schenkte den Scherben aus unsrer
-Flasche voll und goß ihn dem Alten über den Kopf. Nun waren wir wieder die
-Sieger und hatten den Beifall der Gäste.
-
-Derlei starke Scherze wurden noch mehr getrieben. Dann schleppte mein Vater
-mich nach Hause und wir polterten aufgeregt und unwirsch durch die Stube,
-in welcher vor noch nicht drei Wochen der Sarg der Mutter gestanden hatte.
-Ich schlief wie ein Toter und war am Morgen ganz verwüstet und zerbrochen.
-Der Vater spottete, war munter und heiter und freute sich sichtlich seiner
-Überlegenheit. Ich aber schwor im stillen, nie mehr zu zechen, und wartete
-sehnlichst auf den Tag der Abreise.
-
-Der Tag kam und ich reiste ab, den Schwur aber habe ich nicht gehalten. Der
-gelbe Waadtländer, der tiefrote Veltliner, der Neuenburger Sternwein und
-viele andere Weine sind mir seither bekannt und gute Freunde geworden.
-
-
-
-
-III.
-
-
-Aus der nüchternen und drückenden Luft der Heimat herausgekommen, tat ich
-große Flügelschläge der Wonne und Freiheit. Wenn ich sonst im Leben je und
-je zu kurz gekommen bin, so habe ich doch die absonderliche, schwärmerische
-Lust der Jugendzeit reich und rein genossen. Gleich einem jungen Krieger,
-der am blühenden Waldrand rastet, lebte ich in seliger Unruhe zwischen
-Kampf und Getändel; und wie ein ahnungsvoller Seher stand ich an dunkeln
-Abgründen, dem Brausen großer Ströme und Stürme lauschend und die Seele
-gerüstet den Zusammenklang der Dinge und die Harmonie alles Lebens zu
-vernehmen. Tief und beglückt trank ich aus den vollen Bechern der Jugend,
-litt in der Stille süße Leiden um schöne, scheu verehrte Frauen und kostete
-das edelste Jugendglück einer männlich frohen, reinen Freundschaft bis zum
-Grunde.
-
-In einem neuen Bukskinanzug und mit einer kleinen Kiste voll Bücher und
-sonstiger Habe kam ich angefahren, bereit mir ein Stück Welt zu erobern und
-so bald als möglich den Rauhbeinen daheim zu beweisen, daß ich aus einem
-anderen Holze als die übrigen Camenzinde geschnitten sei. Drei wundervolle
-Jahre wohnte ich in derselben weithinblickenden, windigen Mansarde, lernte,
-dichtete, sehnte mich und fühlte alle Schönheit der Erde mich mit warmer
-Nähe umgeben. Nicht jeden Tag hatte ich etwas Warmes zu essen, aber jeden
-Tag und jede Nacht und jede Stunde sang und lachte und weinte mir das Herz,
-einer starken Freude voll, und hielt das liebe Leben heiß und sehnlich an
-sich gedrückt.
-
-Zürich war die erste große Stadt, die ich grüner Peter zu sehen bekam, und
-ein paar Wochen lang machte ich beständig große Augen. Das städtische Leben
-aufrichtig zu bewundern oder zu beneiden, fiel mir zwar nicht ein -- darin
-war ich eben ein Bauer; aber ich hatte Freude an dem Vielerlei der Straßen,
-Häuser und Menschen. Ich beschaute die von Wagen belebten Gassen, die
-Schifflände, Plätze, Gärten, Prunkbauten und Kirchen; ich sah fleißige
-Leute in Scharen zur Arbeit laufen, sah Studenten bummeln, Vornehme
-ausfahren, Gecken sich brüsten, Fremde umherschlendern. Die modisch
-eleganten, hoffärtigen Weiber der Reichen kamen mir wie Pfauen im
-Hühnerhofe vor, hübsch, stolz und ein wenig lächerlich. Schüchtern war ich
-eigentlich nicht, nur steif und trotzig, und ich zweifelte nicht, daß ich
-ganz der Kerl dazu sei, dies rege Leben der Städte gründlich kennen zu
-lernen und später selber einmal meinen sicheren Platz darin zu finden.
-
-Die Jugend traf mich an in der Gestalt eines schönen, jungen Menschen, der
-in derselben Stadt studierte und im ersten Stockwerk meines Hauses zwei
-hübsche Zimmer gemietet hatte. Jeden Tag hörte ich ihn unten Klavier
-spielen und spürte dabei zum erstenmal etwas vom Zauber der Musik, der
-weiblichsten und süßesten Kunst. Dann sah ich den hübschen Jungen das Haus
-verlassen, ein Buch oder Notenheft in der Linken, in der Rechten die
-Cigarette, deren Rauch hinter seinem biegsam schlanken Gang verwirbelte.
-Mich zog eine scheue Liebe zu ihm hin, doch blieb ich abgesondert und
-fürchtete mich mit einem Menschen Umgang zu haben, neben dessen leichtem,
-freiem und wohlhabendem Wesen meine Armut und mein Mangel an Lebensart mich
-nur demütigen würde. Da kam er selber zu mir. Eines Abends klopfte es an
-meiner Tür und ich erschrak ein wenig; denn ich hatte noch nie Besuch bei
-mir gesehen. Der schöne Student trat ein, gab mir die Hand, nannte seinen
-Namen und tat so frei und fröhlich, als wären wir alte Bekannte.
-
-»Ich wollte fragen ob Sie nicht Lust hätten ein wenig mit mir zu
-musizieren,« sagte er freundlich. Aber ich hatte in meinem Leben nie ein
-Instrument berührt. Ich sagte ihm das und fügte hinzu, daß ich außer Jodeln
-keinerlei Künste verstehe, doch habe mir sein Klavierspiel oft schön und
-verlockend heraufgeklungen.
-
-»Wie man sich täuschen kann!« rief er lustig. »Ihrem Äußeren nach hätte ich
-geschworen, Sie seien Musiker. Merkwürdig! Aber Sie können jodeln? O bitte,
-jodeln Sie doch einmal! Ich höre es ums Leben gern.«
-
-Ich war ganz bestürzt und erklärte ihm, daß ich so auf Verlangen und in der
-Stube drin durchaus nicht jodeln könne. Das müsse auf einem Berge oder
-mindestens im Freien und ganz aus eigener Lust geschehen.
-
-»Dann jodeln Sie also auf einem Berge! Vielleicht morgen? Ich bitte Sie
-sehr darum. Wir könnten etwa gegen Abend miteinander ausfliegen. Wir
-bummeln und plaudern ein wenig, droben jodeln Sie dann, und nachher essen
-wir in irgend einem Dorf zu Nacht. Sie haben doch Zeit?«
-
-O ja, Zeit genug. Ich sagte eilig zu. Und dann bat ich ihn, mir etwas
-vorzuspielen, und stieg mit ihm in seine schöne, große Wohnung hinunter.
-Ein paar modern eingerahmte Bilder, das Klavier, eine gewisse zierliche
-Unordnung und ein feiner Cigarettenduft erzeugten in dem hübschen Raum eine
-Art von freier und behaglicher Eleganz und wohnlicher Stimmung, die mir
-ganz neu war. Richard setzte sich ans Klavier und spielte ein paar Takte.
-
-»Sie kennen das, nicht wahr?« nickte er herüber und sah prachtvoll aus, wie
-er so vom Spielen weg den hübschen Kopf herüberbog und mich glänzend ansah.
-
-»Nein,« sagte ich, »ich kenne nichts.«
-
-»Es ist Wagner,« rief er zurück, »aus den Meistersingern,« und spielte
-weiter. Es klang leicht und kräftig, sehnsüchtig und heiter, und umfloß
-mich wie ein laues, erregendes Bad. Zugleich betrachtete ich mit heimlicher
-Lust den schlanken Nacken und Rücken des Spielers und seine weißen
-Musikerhände, und dabei überlief mich dasselbe scheue und bewundernde
-Gefühl von Zärtlichkeit und Achtung, mit dem ich früher jenen
-dunkelhaarigen Schüler betrachtet hatte, zusammen mit der schüchternen
-Ahnung, dieser schöne vornehme Mensch würde vielleicht wirklich mein Freund
-werden und meine alten, nicht vergessenen Wünsche nach einer solchen
-Freundschaft wahr machen.
-
-Tags darauf holte ich ihn ab. Langsam und plaudernd erstiegen wir einen
-mäßigen Hügel, überschauten Stadt, See und Gärten und genossen die satte
-Schönheit des Vorabends.
-
-»Und nun jodeln Sie!« rief Richard. »Wenn Sie sich immer noch genieren, so
-drehen Sie mir den Rücken zu. Aber bitte, laut!«
-
-Er konnte zufrieden sein. Ich jodelte wütend und frohlockend in die rosige
-Abendweite hinein, in allen Tonarten und Brechungen. Als ich aufhörte,
-wollte er etwas sagen, hielt aber sogleich wieder inne und deutete horchend
-gegen die Berge. Von einer fernen Höhe her kam Antwort, leise, langgezogen
-und schwellend, der Gruß eines Hirten oder Wanderers, und wir hörten still
-und freudig zu. Während dieses gemeinsamen Stehens und Lauschens überrann
-mich mit köstlichem Schauer die Empfindung, zum erstenmal neben einem
-Freunde zu stehen und so zu zweien in schöne, rosig verwölkte Lebensweiten
-zu blicken. Der abendliche See begann sein weiches Farbenspiel und kurz vor
-Sonnenuntergang sah ich aus zerfließendem Gedünste ein paar trotzige, frech
-gezackte Alpengipfel hervortreten.
-
-»Dort ist meine Heimat,« sagte ich. »Die mittlere Schroffe ist die rote
-Fluh, rechts das Geishorn, links und weiter entfernt der runde
-Sennalpstock. Ich war zehn Jahr und drei Wochen alt, als ich zum erstenmal
-auf dieser breiten Kuppe stand.«
-
-Ich strengte die Augen an, um etwa noch einen der südlicheren Gipfel zu
-erspähen. Nach einer Weile sagte Richard etwas, das ich nicht verstand.
-
-»Was sagten Sie?« fragte ich.
-
-»Ich sage, daß ich nun weiß, welche Kunst Sie treiben.«
-
-»Welche denn?«
-
-»Sie sind Dichter.«
-
-Da wurde ich rot und ärgerlich und war zugleich erstaunt, wie er das
-erraten habe.
-
-»Nein,« rief ich, »ein Dichter bin ich nicht. Ich habe zwar auf der Schule
-Verse gemacht, aber nun schon lang keine mehr.«
-
-»Darf ich die einmal sehen?«
-
-»Sie sind verbrannt. Aber Sie dürften sie doch nicht sehen, auch wenn ich
-sie noch hätte.«
-
-»Es waren gewiß sehr moderne Sachen, mit viel Nietzsche drin?«
-
-»Was ist das?«
-
-»Nietzsche? Ja großer Gott, kennen Sie den nicht?«
-
-»Nein. Woher soll ich ihn kennen?«
-
-Nun war er entzückt, daß ich Nietzsche nicht kannte. Ich aber wurde
-ärgerlich und fragte, über wieviel Gletscher er schon gegangen sei. Als er
-sagte über keinen, tat ich darüber ebenso spöttisch erstaunt wie er vorher
-über mich. Da legte er mir die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst: »Sie
-sind empfindlich. Aber Sie wissen ja selber gar nicht, was für ein
-beneidenswert unverdorbener Mensch Sie sind und wie wenig solche es gibt.
-Sehen Sie, in einem Jahr oder zwei werden Sie Nietzsche und all den Kram ja
-auch kennen, viel besser als ich, da Sie gründlicher und gescheiter sind.
-Aber gerade so, wie Sie jetzt sind, hab ich Sie gern. Sie kennen Nietzsche
-nicht und Wagner nicht, aber Sie sind viel auf Schneebergen gewesen und
-haben so ein tüchtiges Oberländergesicht. Und ganz gewiß sind Sie auch ein
-Dichter. Ich kann das am Blick und an der Stirn sehen.«
-
-Auch das, daß er so freimütig und ungeniert mich betrachtete und seine
-Meinung herausplauderte, erstaunte mich und kam mir ungewöhnlich vor.
-
-Noch viel erstaunter und glücklicher war ich aber, als er acht Tage später
-in einem vielbesuchten Biergarten Brüderschaft mit mir schloß, vor allen
-Leuten aufsprang, mich küßte und umfaßte und mit mir wie verrückt um den
-Tisch herum tanzte.
-
-»Was werden die Leute denken!« warnte ich ihn schüchtern.
-
-»Sie werden denken: die zwei sind außerordentlich glücklich oder ganz
-außerordentlich besoffen; die meisten aber werden gar nichts denken.«
-
-Überhaupt schien Richard mir oft, obwohl er älter, klüger, besser erzogen
-und in allem beschlagener und raffinierter war als ich, doch im Vergleich
-mit mir das reine Kind zu sein. Auf der Straße machte er halbwüchsigen
-Schulmädchen feierlich-spöttisch den Hof, die ernsthaftesten Klavierstücke
-unterbrach er unerwartet mit völlig kindischen Witzen, und als wir einmal
-Spaßes halber in eine Kirche gegangen waren, sagte er plötzlich mitten
-während der Predigt nachdenklich und wichtig zu mir: »Du, findest du nicht,
-der Pfarrer sieht aus wie ein Kaninchengreis?« Der Vergleich traf zu, ich
-fand aber, er hätte mir das auch nachher mitteilen können, und sagte ihm
-das.
-
-»Wenn es doch richtig war!« schmollte er. »Bis nachher hätte ich es
-wahrscheinlich wieder vergessen.«
-
-Daß seine Witze keineswegs immer geistreich waren, häufig sogar nur auf das
-Citieren eines Buschverses hinausliefen, störte weder mich noch andere,
-denn was wir an ihm liebten und bewunderten, war nicht Witz und Geist,
-sondern die unbezwingliche Heiterkeit seines lichten, kindlichen Wesens,
-welche jeden Augenblick hervorbrach und ihn mit einer leichten, fröhlichen
-Atmosphäre umgab. Sie konnte sich in einer Geberde, in einem leisen Lachen,
-in einem fidelen Blicke äußern, aber lange sich verbergen konnte sie nicht.
-Ich bin überzeugt, daß er auch im Schlaf zuweilen lachen oder eine Geste
-der Heiterkeit machen mußte.
-
-Richard brachte mich häufig mit andern jungen Leuten zusammen, Studenten,
-Musikanten, Malern, Literaten, allerlei Ausländern, denn was an
-interessanten, kunstliebenden und aparten Personen in der Stadt herumlief,
-geriet in seinen Umgang. Es waren manche ernste und heftig ringende Geister
-dabei, Philosophen, Ästhetiker und Sozialisten, und von vielen konnte ich
-ein gutes Stück lernen. Kenntnisse aus den verschiedensten Gebieten flogen
-mir stückweise an, ich ergänzte und las viel nebenher, und so gewann ich
-allmählich eine gewisse Vorstellung von dem, was die regsamsten Köpfe der
-Zeit plagte und bannte, und bekam einen wohltätig anspornenden Einblick in
-die geistige Internationale. Ihre Wünsche, Ahnungen, Arbeiten und Ideale
-waren mir anziehend und verständlich, ohne daß ein starker eigener Trieb
-mich genötigt hätte, für oder wider mitzustreiten. Bei den meisten fand ich
-alle Energie des Gedankens und der Leidenschaft auf Zustände und
-Einrichtungen der Gesellschaft, des Staates, der Wissenschaften, der
-Künste, der Lehrmethoden gerichtet, die wenigsten aber schienen mir das
-Bedürfnis zu kennen, ohne äußeren Zweck an sich selber zu bauen und ihr
-persönliches Verhältnis zur Zeit und Ewigkeit zu klären. Auch in mir selber
-lag dieser Trieb noch zumeist im Halbschlummer.
-
-Freundschaften schloß ich keine mehr, da ich Richard ausschließlich und mit
-Eifersucht liebte. Auch den Frauen, mit denen er viel und vertraut umging,
-suchte ich ihn zu entziehen. Die kleinsten mit ihm getroffenen
-Verabredungen hielt ich peinlich genau und war empfindlich, wenn er mich
-warten ließ. Einmal bat er mich, ihn zu einer bestimmten Stunde zum Rudern
-abzuholen. Ich kam, fand ihn aber nicht zuhause und wartete drei Stunden
-vergebens auf sein Kommen. Tags darauf warf ich ihm seine Nachlässigkeit
-heftig vor.
-
-»Warum bist du denn nicht einfach allein rudern gegangen?« lachte er
-verwundert. »Ich hatte die Sache ganz vergessen; das ist doch schließlich
-kein Unglück.«
-
-»Ich bin gewohnt mein Wort pünktlich zu halten,« antwortete ich heftig.
-»Aber freilich bin ich auch daran gewöhnt, daß du dir wenig daraus machst,
-mich irgendwo auf dich warten zu wissen. Wenn man so viele Freunde hat wie
-du!«
-
-Er sah mich mit maßlosem Erstaunen an.
-
-»Ja, so ernst nimmst du jede Bagatelle?«
-
-»Meine Freundschaft ist mir keine Bagatelle.«
-
- »Dies Wort drang ihm in die Natur,
- So daß er schleunigst Bessrung schwur,«
-
-zitierte Richard feierlich, faßte mich um den Kopf, rieb nach
-orientalischem Liebesbrauch seine Nasenspitze an der meinen und liebkoste
-mich, bis ich ärgerlich lachend mich ihm entzog; die Freundschaft aber war
-wieder heil.
-
-In meiner Mansarde lagen in entlehnten, oft kostbaren Bänden die modernen
-Philosophen, Dichter und Kritiker, literarische Revuen aus Deutschland und
-Frankreich, neue Theaterstücke, Pariser Feuilletons und Wiener
-Modeästheten. Ernster und liebevoller als mit diesen rasch gelesenen Sachen
-beschäftigte ich mich mit meinen altitalienischen Novellisten und mit
-historischen Studien. Mein Wunsch war, baldmöglichst die Philologie
-beiseite zu legen und einzig Geschichte zu studieren. Neben Werken über
-Gesamtgeschichte und historische Methode las ich namentlich Quellen und
-Monographieen über die Zeit des Spätmittelalters in Italien und Frankreich.
-Dabei lernte ich zum erstenmal meinen Liebling unter den Menschen, Franz
-von Assisi, den seligsten und göttlichsten aller Heiligen, genauer kennen.
-Und so ward mein Traum, in dem ich die Fülle des Lebens und Geistes vor mir
-eröffnet gesehen hatte, täglich wahr und erwärmte mir das Herz mit Ehrgeiz,
-Freude und Jugendeitelkeit. Im Hörsaal nahm mich die ernste, etwas herbe
-und gelegentlich etwas langweilige Wissenschaft in Anspruch. Zuhause kehrte
-ich bei den heimelig frommen oder schauerlichen Geschichten des
-Mittelalters oder bei den behaglichen alten Novellisten ein, deren schöne
-und wohlige Welt mich wie ein schattiger, dämmernder Märchenwinkel
-umschloß, oder ich fühlte die wilde Woge moderner Ideale und Leidenschaften
-über mich weg rollen. Dazwischen hörte ich Musik, lachte mit Richard, nahm
-an den Zusammenkünften seiner Freunde Teil, verkehrte mit Franzosen,
-Deutschen, Russen, hörte sonderbare moderne Bücher vorlesen, trat da und
-dort in die Ateliers der Maler oder wohnte Abendgesellschaften bei, in
-denen eine Menge aufgeregter und unklarer junger Geister erschien und mich
-wie ein phantastischer Karneval umgab.
-
-Eines Sonntags besuchte Richard mit mir eine kleine Ausstellung neuer
-Gemälde. Mein Freund blieb vor einem Bilde stehen, das eine Alp mit ein
-paar Ziegen vorstellte. Es war fleißig und nett gemalt, aber ein wenig
-altmodisch und eigentlich ohne rechten künstlerischen Kern. Man sieht in
-jedem beliebigen Salon genug solche hübsche, wenig bedeutende Bildchen.
-Immerhin erfreute es mich als eine ziemlich treue Darstellung der
-heimatlichen Almen. Ich fragte Richard, was ihn denn an dem Bildchen
-anziehe.
-
-»Das hier,« sagte er und deutete auf den Malernamen in der Ecke. Ich konnte
-die rotbraunen Buchstaben nicht entziffern. »Das Bild,« sagte Richard, »ist
-keine große Leistung. Es gibt schönere. Aber es gibt keine schönere Malerin
-als die, die das gemacht hat. Sie heißt Erminia Aglietti und wenn du
-willst, können wir morgen zu ihr gehen und ihr sagen, sie sei eine große
-Malerin.«
-
-»Kennst du sie?«
-
-»Jawohl. Wenn ihre Bilder so schön wären wie sie selber, dann wäre sie
-schon lange reich und würde keine mehr malen. Sie tut es nämlich ohne Lust
-und nur, weil sie zufällig nichts anderes gelernt hat, wovon sie leben
-könnte.«
-
-Richard vergaß die Sache wieder und kam erst ein paar Wochen später darauf
-zurück.
-
-»Ich bin gestern der Aglietti begegnet. Wir wollten sie ja eigentlich
-neulich schon besuchen. Also komm! Du hast doch einen reinen Kragen? Sie
-sieht nämlich darauf.«
-
-Der Kragen war rein und wir gingen zusammen zur Aglietti, ich mit einigem
-inneren Widerstreben, denn der freie, etwas burschikose Verkehr Richards
-und seiner Kameraden mit Malweibern und Studentinnen hatte mir nie
-gefallen. Die Männer waren dabei ziemlich rücksichtslos, bald grob, bald
-ironisch; die Mädchen aber waren praktisch, klug und gerissen und nirgends
-war etwas von dem verklärenden Duft zu merken, in welchem ich die Frauen
-gerne sah und verehrte.
-
-Etwas befangen trat ich in das Atelier. Mit der Luft der Malerwerkstätten
-war ich zwar wohl vertraut, doch betrat ich jetzt zum erstenmal ein
-Frauenatelier. Es sah recht nüchtern und sehr ordentlich aus. Drei oder
-vier fertige Bilder hingen in Rahmen, eines stand noch kaum ganz untermalt
-auf der Staffelei. Den Rest der Wände bedeckten sehr saubere, appetitlich
-aussehende Bleistiftskizzen und ein halbleerer Bücherschrank. Die Malerin
-nahm unsre Begrüßung kühl entgegen. Sie legte den Pinsel weg und lehnte
-sich im Malschurz gegen den Schrank und es sah aus, als verlöre sie nicht
-gerne viel Zeit an uns.
-
-Richard machte ihr ungeheuerliche Komplimente über das ausgestellte Bild.
-Sie lachte ihn aus und verbat es sich.
-
-»Aber Fräulein, ich konnte ja im Sinn haben das Bild zu kaufen! Übrigens
-sind die Kühe darauf von einer Wahrheit --«
-
-»Es sind ja Ziegen,« sagte sie ruhig.
-
-»Ziegen? Natürlich Ziegen! Von einem Studium, wollte ich sagen, das mich
-verblüfft hat. Es sind Ziegen, wie sie leben, so recht ziegenmäßig. Fragen
-Sie meinen Freund Camenzind, der selbst ein Sohn der Berge ist; er wird mir
-Recht geben.«
-
-Hier fühlte ich, während ich verlegen und belustigt dem Geschwätz zuhörte,
-mich vom Blick der Malerin überflogen und gemustert. Sie sah mich lange und
-unbefangen an.
-
-»Sie sind Oberländer?«
-
-»Ja, Fräulein.«
-
-»Man sieht es. Nun, und was halten Sie von meinen Ziegen?«
-
-»O, sie sind gewiß sehr gut. Wenigstens hab' ich sie nicht für Kühe
-gehalten wie Richard.«
-
-»Sehr gütig. Sie sind Musiker?«
-
-»Nein, Student.«
-
-Weiter sprach sie kein Wort mit mir und ich fand nun Ruhe, sie zu
-betrachten. Die Gestalt war durch den langen Schurz verdeckt und entstellt,
-und das Gesicht erschien mir nicht schön. Der Schnitt war scharf und knapp,
-die Augen ein wenig streng, das Haar reich, schwarz und weich; was mich
-störte und fast abstieß, war die Farbe des Gesichts. Sie erinnerte mich
-schlechterdings an Gorgonzola und ich wäre nicht erstaunt gewesen, grüne
-Ritzen darin zu finden. Ich hatte noch nie diese welsche Blässe gesehen und
-jetzt, im ungünstigen morgendlichen Atelierlicht, sah sie erschreckend
-steinern aus -- nicht wie Marmor, sondern wie ein verwitternder, sehr
-gebleichter Stein. Ich war auch nicht gewohnt, ein Frauengesicht auf seine
-Formen zu prüfen, sondern pflegte in solchen noch in etwas knabenhafter
-Weise mehr nach Schmelz, nach Rosigem, nach Liebreiz zu suchen.
-
-Auch Richard war vom heutigen Besuch verstimmt. Desto mehr war ich erstaunt
-oder eigentlich erschrocken, als er mir nach einiger Zeit mitteilte, die
-Aglietti wäre froh mich zeichnen zu dürfen. Es handle sich nur um ein paar
-Skizzen, das Gesicht brauche sie nicht, aber meine breite Figur habe etwas
-Typisches.
-
-Ehe weiter hiervon die Rede war, kam ein anderes kleines Ereignis, das mein
-ganzes Leben geändert und für Jahre meine Zukunft bestimmt hat. Eines
-Morgens, da ich erwachte, war ich Schriftsteller geworden.
-
-Auf das Drängen Richards hatte ich, rein als Stilübungen, gelegentlich
-Typen aus unsrem Kreis, kleine Erlebnisse, Gespräche und anderes
-skizzenhaft und möglichst treu dargestellt, auch einige Essays über
-Literarisches und Historisches geschrieben.
-
-Eines Morgens nun, ich lag noch im Bette, trat Richard bei mir ein und
-legte fünfunddreißig Franken auf meine Bettdecke. »Das gehört dir,« sagte
-er im Geschäftston. Endlich, als ich im Fragen alle Vermutungen erschöpft
-hatte, zog er ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte mir darin eine
-meiner kleinen Novellen abgedruckt. Er hatte mehrere meiner Manuskripte
-abgeschrieben, einem ihm befreundeten Redakteur gebracht und in aller
-Stille für mich verkauft. Das erste, was gedruckt war, samt dem Honorar
-dafür hielt ich nun in Händen.
-
-Mir war nie so sonderbar zu mut. Eigentlich ärgerte ich mich über Richards
-Vorsehungspielen, aber der süße erste Schreiberstolz und das schöne Geld
-und der Gedanke an einen etwaigen kleinen Literatenruhm war doch stärker
-und überwog schließlich.
-
-In einem Café brachte mich mein Freund mit dem Redakteur zusammen. Er bat,
-die ihm von Richard gezeigten anderen Arbeiten behalten zu dürfen und lud
-mich ein, ihm je und je neue zu schicken. Es sei ein eigener Ton in meinen
-Sachen, besonders in den historischen, deren er gerne mehr bekomme und die
-er mir ordentlich bezahlen wolle. Nun sah ich erst die Wichtigkeit der
-Sache. Ich würde nicht nur täglich ordentlich essen und meine kleinen
-Schulden bezahlen, sondern auch das Zwangsstudium wegwerfen und vielleicht
-in Bälde, auf meinem Lieblingsfelde arbeitend, ganz vom eigenen Erwerbe
-leben können.
-
-Einstweilen bekam ich von jenem Redakteur einen Stoß neuer Bücher zum
-Rezensieren ins Haus geschickt. Ich fraß mich durch und hatte wochenlang
-damit zu tun; da aber die Honorare erst zu Ende des Quartals fällig waren
-und ich in Aussicht auf dieselben besser als sonst gelebt hatte, sah ich
-mich eines Tages der letzten Rappen ledig und konnte wieder einmal eine
-Hungerkur antreten. Ein paar Tage hielt ich bei Brot und Kaffee in meiner
-Bude aus, dann trieb mich der Hunger in eine Speisehalle. Ich nahm drei von
-den Rezensionsbänden mit, um sie als Pfand für die Zeche dortzulassen. Beim
-Antiquar hatte ich sie schon vergeblich anzubringen versucht. Das Essen war
-vorzüglich, beim schwarzen Kaffee aber ward mir etwas ängstlich ums Herz.
-Zaghaft gestand ich der Kellnerin, ich hätte kein Geld, wolle aber die
-Bücher als Pfand dalassen. Sie nahm eines davon, einen Band Gedichte, in
-die Hand, blätterte neugierig darin herum und fragte, ob sie das lesen
-dürfe. Sie lese so gern, könne aber nie zu Büchern kommen. Ich fühlte, daß
-ich gerettet sei und schlug ihr vor, die drei Bändchen an Zahlungsstatt für
-das Essen zu behalten. Sie ging darauf ein und hat mir nach und nach für
-siebzehn Franken Bücher auf diese Weise abgenommen. Für kleinere
-Gedichtbände beanspruchte ich etwa einen Käse mit Brot, für Romane dasselbe
-mit Wein, einzelne Novellen galten nur eine Tasse Kaffee mit Brot. Soweit
-ich mich erinnere, waren es meist geringe Sachen in krampfhaft neumodischem
-Stil und das gutmütige Mädchen mag von der modernen deutschen Literatur
-einen sonderbaren Eindruck erhalten haben. Ich erinnere mich mit Vergnügen
-an jene Vormittage, da ich im Schweiß meines Angesichts schnell noch einen
-Band im Galopp zu Ende las und ein paar Zeilen darüber schrieb, um ihn zur
-Mittagszeit fertig zu haben und etwas Eßbares dafür erhalten zu können. Vor
-Richard suchte ich meine Geldnöte sorgfältig zu verbergen, da ich mich
-unnötiger Weise ihrer schämte und seine Hilfe nur ungern und stets nur für
-ganz kurze Fristen annehmen mochte.
-
-Für einen Dichter hielt ich mich nicht. Was ich gelegentlich schrieb, war
-Feuilleton, nicht Dichtung. Im stillen trug ich aber die geheimgehaltene
-Hoffnung, es werde mir eines Tages gegeben werden eine Dichtung zu
-schaffen, ein großes, kühnes Lied der Sehnsucht und des Lebens.
-
-Der fröhlich klare Spiegel meiner Seele wurde zuweilen von einer Art von
-Schwermut verschattet, doch einstweilen nicht ernstlich gestört. Sie kam
-zuweilen für einen Tag oder eine Nacht, als eine träumende, einsiedlerische
-Trauer, verschwand wieder spurlos und kehrte nach Wochen oder Monaten
-zurück. Ich ward an sie allmählich wie an eine vertraute Freundin gewöhnt
-und empfand sie nicht quälend, sondern nur als ein unruhiges Müdesein, das
-seine eigene Süßigkeit hatte. Wenn sie mich nachts befiel, lag ich statt zu
-schlafen stundenlang im Fenster, sah den schwarzen See, die auf den
-bleichen Himmel gezeichneten Silhouetten der Berge und darüber die schönen
-Sterne. Dann ergriff mich oft ein ängstlich süßes, starkes Gefühl, als sähe
-all diese nächtige Schönheit mich mit einem gerechten Vorwurf an. Als
-sehnten sich Sterne, Berge und See nach Einem, der ihre Schönheit und das
-Leiden ihres stummen Daseins verstünde und ausspräche, und als wäre ich
-dieser Eine und als wäre dies mein wahrer Beruf, der stummen Natur in
-Dichtungen Ausdruck zu gewähren. Auf welche Weise das möglich wäre darüber
-dachte ich niemals nach, sondern fühlte nur die schöne, ernste Nacht
-ungeduldig in stummem Verlangen auf mich warten. Auch schrieb ich nie etwas
-in solcher Stimmung. Doch spürte ich gegen diese dunkeln Stimmen ein Gefühl
-der Verantwortung und trat gewöhnlich nach solchen Nächten mehrtägige
-einsame Fußwanderungen an. Es schien mir, ich könnte damit der Erde, die
-sich in stummem Flehen mir anbot, ein wenig Liebe erweisen, über welche
-Vorstellung ich dann selbst wieder lachte. Diese Wanderungen wurden eine
-Grundlage meines späteren Lebens; einen großen Teil der seitherigen Jahre
-habe ich als Wanderer verbracht, auf wochen- und monatelangen Touren durch
-mehrere Länder. Ich gewöhnte mich daran, mit wenig Geld und einem Stück
-Brot in der Tasche weit zu marschieren, tagelang einsam unterwegs zu sein
-und häufig im Freien zu nächtigen.
-
-Die Malerin hatte ich über der Schriftstellerei ganz vergessen. Da kam ein
-Zettel von ihr: »Ein paar Freunde und Freundinnen werden am Donnerstag zum
-Tee bei mir sein. Bitte kommen Sie auch und bringen Sie Ihren Freund mit.«
-
-Wir gingen hin und fanden eine kleine Künstlerkolonie beisammen. Es waren
-fast lauter Unberühmte, Vergessene, Erfolglose, was für mich etwas
-Rührendes hatte, obwohl alle ganz zufrieden und fidel schienen. Man bekam
-Tee, Butterbrot, Schinken und Salat. Da ich keine Bekannten dort fand und
-ohnehin nicht gesprächig war, gab ich meinem Hunger nach und aß etwa eine
-halbe Stunde lang still und ausdauernd, während die andern nur erst Tee
-nippten und schwatzten. Als diese nun, einer um den andern, auch ein wenig
-zugreifen wollten, zeigte es sich, daß ich fast den ganzen Schinkenvorrat
-allein verzehrt hatte. Ich war des trüglichen Glaubens gewesen, es stehe
-mindestens noch eine zweite Platte in Reserve. Da man nun leise lachte und
-ich einige ironische Blicke einheimste, wurde ich wütend und verwünschte
-die Italienerin samt ihrem Schinken. Ich stand auf und entschuldigte mich
-kurz bei ihr, erklärte ein andermal mein Abendessen selber mitbringen zu
-wollen, und griff nach meinem Hütlein.
-
-Da nahm die Aglietti mir den Hut aus der Hand, sah mich erstaunt und ruhig
-an und bat mich ernstlich, dazubleiben. Auf ihr Gesicht fiel das Licht
-einer Stehlampe, durch den Florschirm gemäßigt, und da sah ich mitten in
-meinem Ärger mit plötzlich begreifendem Auge die wunderbare, reife
-Schönheit dieser Frau. Ich erschien mir auf einmal sehr unartig und dumm
-und nahm wie ein gemaßregelter Schuljunge in einer abseitigen Ecke Platz.
-Dort blieb ich sitzen und blätterte in einem Album vom Comersee. Die andern
-tranken Tee, gingen hin und her, lachten und redeten durcheinander, und
-irgendwo im Hintergrund hörte man Geigen und ein Cello stimmen. Ein Vorhang
-wurde zurückgeschlagen und man sah vier junge Leute vor improvisierten
-Pulten sitzen, bereit ein Streichquartett aufzuführen. In diesem
-Augenblicke trat die Malerin zu mir, stellte eine Tasse Tee vor mir aufs
-Tischchen, nickte mir gütig zu und nahm neben mir Platz. Das Quartett
-begann und dauerte lang, aber ich hörte nichts davon, sondern staunte mit
-runden Augen die schlanke, feine, schöngekleidete Dame an, an deren
-Schönheit ich gezweifelt und deren Vorräte ich aufgegessen hatte. Mit
-Freude und Angst erinnerte ich mich daran, daß sie mich hatte zeichnen
-wollen. Dann dachte ich an Rösi Girtanner, an die Besteigung der
-Alpenrosenwand, an die Geschichte der Schneekönigin, die mir jetzt alle nur
-wie eine Vorbereitung auf diesen heutigen Augenblick erschienen.
-
-Als die Musik zu Ende war, ging die Malerin nicht, wie ich gefürchtet
-hatte, wieder weg, sondern blieb ruhig sitzen und fing mit mir zu plaudern
-an. Sie gratulierte mir zu einer Novelle, die sie in der Zeitung gesehen
-hatte. Sie scherzte über Richard, um den sich ein paar junge Mädchen
-drängten und dessen sorgloses Gelächter zuweilen alle anderen Stimmen
-überklang. Dann bat sie wieder, mich zeichnen zu dürfen. Da hatte ich einen
-Einfall. Unvermittelt führte ich das Gespräch italienisch fort und erntete
-dafür nicht nur einen fröhlich überraschten Blick ihrer lebhaften
-Südländeraugen, sondern hatte den köstlichen Genuß sie ihre Sprache reden
-zu hören, die Sprache, die ihrem Mund und ihren Augen und ihrer Gestalt
-entsprach, die wohllaute, elegante, raschfließende lingua Toscana mit einem
-entzückenden leichten Anflug von Tessinerwelsch. Ich selbst sprach weder
-schön noch fließend, doch störte es mich nicht. Andern Tags sollte ich
-kommen, um von ihr gezeichnet zu werden.
-
-»A rivederla,« sagte ich beim Abschied und verbeugte mich so tief ich
-konnte.
-
-»A rivederci domani,« lächelte sie und nickte.
-
-Von ihrem Hause weg schritt ich immerzu weiter, bis die Straße einen
-Hügelkamm erreichte und plötzlich das dunkle Land schön und nächtig vor mit
-ruhte. Ein einzelnes Boot mit roter Laterne strich über den See und warf
-ein paar flackernde Scharlachstreifen auf das schwarze Wasser, aus welchem
-sonst nur da und dort ein vereinzelter schmaler Wellenkamm mit dünnem,
-silberfahlem Umriß hervortrat. In einem nahen Garten war Mandolinenspiel
-und Gelächter. Der Himmel war fast zur Hälfte verhangen und über die Hügel
-lief ein starker, warmer Wind.
-
-Und wie der Wind die Äste der Obstbäume und die schwarzen Kronen der
-Kastanien liebkoste, bestürmte und beugte, daß sie stöhnten und lachten und
-zitterten, so spielte mit mir die Leidenschaft. Auf dem Kamm des Hügels
-kniete ich, legte mich auf die Erde, sprang auf und stöhnte, stampfte den
-Boden, warf den Hut von mir, wühlte mit dem Gesicht im Gras, rüttelte an
-den Baumstämmen, weinte, lachte, schluchzte, tobte, schämte mich, war selig
-und todbeklommen. Nach einer Stunde war alles in mir abgespannt und in
-einer trüben Schwüle erstickt. Ich dachte nichts, beschloß nichts, fühlte
-nichts; traumwandelnd stieg ich den Hügel hinab, schweifte durch die halbe
-Stadt, sah in einer abgelegenen Straße noch eine späte kleine Schenke
-offen, trat willenlos ein, trank zwei Liter Waadtländer und kam gegen
-Morgen schauderhaft betrunken nach Hause.
-
-Am folgenden Nachmittag war Fräulein Aglietti ganz erschrocken, als ich zu
-ihr kam.
-
-»Was ist mit Ihnen? Sind Sie krank? Sie sehen ja ganz zerstört aus.«
-
-»Nichts von Belang,« sagte ich. »Mir scheint, ich war heute Nacht sehr
-betrunken, das ist alles. Bitte beginnen Sie nur!«
-
-Ich ward auf einen Stuhl gesetzt und gebeten, mich ruhig zu halten. Das tat
-ich auch, denn ich schlummerte in Bälde ein und habe jenen ganzen
-Nachmittag im Atelier verschlafen. Es kam vermutlich vom Terpentingeruch
-der Malerwerkstätte, daß ich träumte, unser Nachen zuhaus werde
-frischgestrichen. Ich lag im Kies daneben und sah meinen Vater mit Topf und
-Pinsel hantieren; auch die Mutter war da und als ich sie fragte, ob sie
-denn nicht gestorben sei, sagte sie leise: »Nein, denn wenn ich nicht
-dawäre, würdest du am Ende der gleiche Lump werden wie dein Papa.«
-
-Als ich erwachte, fiel ich vom Stuhl und fand mich mit Erstaunen in die
-Werkstatt der Erminia Aglietti versetzt. Sie selbst sah ich nicht, hörte
-sie aber im Nebenstüblein mit Tassen und Besteck klappern und schloß
-daraus, daß es Abendessenszeit sein müsse.
-
-»Sind Sie wach?« rief sie herüber.
-
-»Jawohl. Hab' ich lang geschlafen?«
-
-»Vier Stunden. Schämen Sie sich nicht?«
-
-»O doch. Aber ich hatte einen so schönen Traum.«
-
-»Erzählen Sie!«
-
-»Ja, wenn Sie herauskommen und mir verzeihen.«
-
-Sie kam heraus, doch wollte sie mit der Verzeihung noch warten, bis ich
-meinen Traum erzählt hätte. Also erzählte ich, und über dem Traumerzählen
-geriet ich tief in die vergessene Kinderzeit hinein, und als ich schwieg
-und es schon völlig dunkel geworden war, hatte ich ihr und mir selber meine
-ganze Kindheitsgeschichte erzählt. Sie gab mir die Hand, strich mir den
-zerknitterten Rock zurecht, lud mich ein morgen wieder zum Zeichnen zu
-kommen und ich fühlte, daß sie auch meine heutige Unart begriffen und
-verziehen habe.
-
-In den nächsten Tagen saß ich ihr Stunde um Stunde. Es wurde dabei fast gar
-nichts gesprochen, ich saß oder stand ruhig und wie verzaubert da, hörte
-den weichen Strich der Zeichenkohle, sog den leichten Ölfarbegeruch ein und
-hatte keine andere Empfindung als daß ich in der Nähe der von mir geliebten
-Frau war und ihren Blick beständig auf mir ruhen wußte. Das weiße
-Atelierlicht floß an den Wänden hin, ein paar schläfrige Fliegen sumsten an
-den Scheiben und nebenan im Stübchen sang die Spiritusflamme, denn ich
-bekam nach jeder Sitzung eine Tasse Kaffee serviert.
-
-Zuhause dachte ich oft über Erminia nach. Es berührte oder verminderte
-meine Leidenschaft gar nicht, daß ich ihre Kunst nicht verehren konnte. Sie
-selbst war so schön, gütig, klar und sicher; was gingen mich ihre Bilder
-an? Ich fand vielmehr in ihrer fleißigen Arbeit etwas Heroisches. Die Frau
-im Kampf ums Leben, eine stille, duldende und tapfere Heldin. Übrigens gibt
-es nichts Erfolgloseres als das Nachdenken über jemand, den man liebt.
-Solche Gedankengänge sind wie gewisse Volks- und Soldatenlieder, worin
-tausenderlei Dinge vorkommen, der Refrain aber hartnäckig wiederkehrt, auch
-wo er durchaus nicht paßt.
-
-So ist denn auch das Bild der schönen Italienerin, das ich im Gedächtnis
-trage, zwar nicht unklar, aber doch ohne die vielen kleinen Linien und
-Züge, die man an Fremden oft viel besser sieht als an Nahestehenden. Ich
-weiß nicht mehr, welche Frisur sie trug, wie sie sich kleidete u. s. w.,
-nicht einmal ob sie eigentlich groß oder klein von Gestalt war. Wenn ich an
-sie denke, sehe ich einen dunkelhaarigen, edel geformten Frauenkopf, ein
-paar scharfblickende, nicht sehr große Augen in einem bleichen, lebendigen
-Gesicht und einen vollendet schön geschwungenen, schmalen Mund von herber
-Reife. Wenn ich an sie denke und an jene ganze verliebte Zeit, dann
-erinnere ich mich stets nur jenes Abends auf dem Hügel, wo der warme Wind
-seeüber wogte und wo ich weinte, jubelte und berserkerte. Und eines anderen
-Abends, von dem ich nun erzählen will.
-
-Mir war klar geworden, daß ich der Malerin irgendwie Geständnisse machen
-und um sie werben müsse. Wäre sie mir fern gestanden, so hätte ich sie
-ruhig weiterhin verehrt und verschwiegene Schmerzen um sie gelitten. Aber
-sie fast täglich zu sehen, mit ihr zu reden, ihr die Hand zu geben und ihr
-Haus zu betreten, stets mit dem Stachel im Herzen, hielt ich nicht lange
-aus.
-
-Es ward ein kleines Sommerfest von Künstlern und ihren Freunden
-veranstaltet. Es war am See, in einem hübschen Garten, ein reifer,
-weichlich lauer Hochsommerabend. Wir tranken Wein und Eiswasser, hörten der
-Musik zu und betrachteten die roten Papierlampen, die in langen Guirlanden
-zwischen den Bäumen hingen. Es wurde geplaudert, gespottet, gelacht und
-schließlich gesungen. Irgend ein lausiger Malerjüngling spielte den
-Romantischen, trug ein kühnes Barett, lag rücklings am Geländer
-hingestreckt und tändelte mit einer langhalsigen Guitarre. Die paar
-bedeutenderen Künstler fehlten entweder oder saßen ungesehen im Kreis der
-Älteren beiseite. Von den Frauenzimmern waren ein paar jüngere in lichten
-Sommerkleidern erschienen, die andern trieben sich in den gewohnten
-saloppen Kostümen herum. Namentlich fiel mir eine ältere, häßliche
-Studentin widerlich auf, sie trug einen Männerstrohhut auf den
-verschnittenen Haaren, rauchte Cigarren, trank tüchtig Wein und sprach laut
-und viel. Richard war wie gewöhnlich bei den jungen Mädchen. Ich war trotz
-aller Erregung kühl, trank wenig und wartete auf die Aglietti, die mir
-versprochen hatte sich heute von mir rudern zu lassen. Sie kam denn auch,
-schenkte mir ein paar Blumen und stieg mit mir in den kleinen Nachen.
-
-Der See war glatt wie Öl und nächtig farblos. Ich trieb den leichten Nachen
-rasch in die stille Seebreite weit hinaus, und sah immerfort mir gegenüber
-die schlanke Frau bequem und zufrieden im Steuersitz lehnen. Der hohe
-Himmel war noch blau und trieb langsam einen matten Stern um den andern
-hervor, am Ufer war da und dort Musik und Gartenlustbarkeit. Mit leisem
-Gurgeln nahm das träge Wasser die Ruder auf, andere Boote schwammen da und
-dort dunkel und kaum mehr sichtbar auf der stillen Fläche, ich achtete aber
-wenig darauf, sondern hing mit unverwandten Blicken an der Steurerin und
-trug meine geplante Liebeserklärung wie einen schweren Eisenring um's bange
-Herz. Das Schöne und Poetische der ganzen abendlichen Szenerie, das Sitzen
-im Kahn, die Sterne, der laue ruhige See und alles das beängstigte mich,
-denn es kam mir vor wie eine schöne Theaterdekoration, in deren Mitte ich
-eine sentimentale Szene agieren müsse. In meiner Angst und beklemmt durch
-die tiefe Stille, denn wir schwiegen beide, ruderte ich mit Macht drauf
-los.
-
-»Wie stark Sie sind!« sagte die Malerin nachdenklich.
-
-»Meinen Sie dick?« fragte ich.
-
-»Nein, ich meine die Muskeln,« lachte sie.
-
-»Ja, stark bin ich schon.«
-
-Dies war kein geeigneter Anfang. Traurig und ärgerlich ruderte ich weiter.
-Nach einer Weile bat ich sie, mir etwas aus ihrem Leben zu erzählen.
-
-»Was möchten Sie denn hören?«
-
-»Alles,« sagte ich. »Am liebsten eine Liebesgeschichte. Dann erzähle ich
-Ihnen nachher auch eine von mir, meine einzige. Sie ist sehr kurz und schön
-und wird Sie amüsieren.«
-
-»Was Sie sagen! Erzählen Sie doch!«
-
-»Nein, erst Sie! Sie wissen ohnehin schon viel mehr von mir als ich von
-Ihnen. Ich möchte wissen, ob Sie jemals richtig verliebt waren oder ob Sie,
-wie ich fürchte, dafür viel zu klug und hochmütig sind.«
-
-Erminia besann sich eine Weile.
-
-»Das ist wieder eine von Ihren romantischen Ideen,« sagte sie, »sich hier
-in der Nacht auf dem schwarzen Wasser von einer Frau Geschichten erzählen
-zu lassen. Ich kann das aber leider nicht. Ihr Dichter seid gewöhnt, für
-alles hübsche Worte zu haben und denen, die weniger von ihren Empfindungen
-reden, gleich gar kein Herz zuzutrauen. In mir haben Sie sich getäuscht,
-denn ich glaube nicht, daß man heftiger und stärker lieben kann als ich es
-tue. Ich liebe einen Mann, der an eine andere Frau gebunden ist, und er
-liebt mich nicht weniger; doch wissen wir beide nicht, ob es je möglich
-sein wird, daß wir zusammenkommen. Wir schreiben uns und wir treffen uns
-auch zuweilen . . . .«
-
-»Darf ich Sie fragen, ob diese Liebe Sie glücklich macht, oder elend, oder
-beides?«
-
-»Ach, die Liebe ist nicht da um uns glücklich zu machen. Ich glaube sie ist
-da, um uns zu zeigen, wie stark wir im Leiden und Tragen sein können.«
-
-Das verstand ich und konnte nicht hindern, daß mir etwas wie ein leises
-Stöhnen statt der Antwort vom Munde kam.
-
-Sie hörte es.
-
-»Ah,« sagte sie, »kennen Sie das auch schon? Sie sind noch so jung! Wollen
-Sie mir nun auch beichten? Aber nur wenn Sie wirklich wollen --.«
-
-»Ein andermal vielleicht, Fräulein Aglietti. Mir ist heute ohnehin windig
-zu mut, und es tut mir leid, daß ich vielleicht auch Ihnen die Stimmung
-getrübt habe. Wollen wir umkehren?«
-
-»Wie Sie wollen. Wie weit sind wir eigentlich?«
-
-Ich gab keine Antwort mehr, sondern stemmte die Ruder rauschend gegen das
-Wasser, wendete und zog an, als wäre die Bise im Anzug. Das Boot strich
-eilig über die Fläche und mitten in dem Wirbel von Jammer und Scham, der in
-mir kochte, fühlte ich wie mir der Schweiß in großen Tropfen übers Gesicht
-lief, und fror zugleich. Wenn ich vollends daran dachte, wie nahe ich daran
-gewesen war den knieenden Bittsteller und mütterlich-freundlich
-abgewiesenen Liebhaber zu spielen, lief mir ein Schaudern durchs Mark. Das
-wenigstens war mir erspart geblieben, mit dem übrigen Jammer galt es nun
-sich abzufinden. Ich ruderte wie besessen heimwärts.
-
-Das schöne Fräulein war einigermaßen befremdet, als ich am Ufer kurzen
-Abschied nahm und sie allein ließ.
-
-Der See war so glatt, die Musik so fröhlich und die Papierlaternen so
-festlich rot wie zuvor, mir aber schien das alles jetzt dumm und
-lächerlich. Namentlich die Musik. Den Sammetrock, der noch immer seine
-Guitarre prahlerisch am breiten Seidenbande trug, hätte ich am liebsten zu
-Brei geschlagen. Und Feuerwerk stand auch noch bevor. Es war so kindisch!
-
-Ich entlehnte von Richard ein paar Franken, setzte den Hut ins Genick und
-begann zu marschieren, vor die Stadt hinaus und weiter, eine Stunde um die
-andere, bis mich schläferte. Ich legte mich in eine Wiese, wachte aber nach
-einer Stunde taunaß, steif und fröstelnd wieder auf und ging ins nächste
-Dorf. Es war früh am Morgen. Kleeschnitter zogen durch die staubige Gasse,
-verschlafene Knechte glotzten aus den Stalltüren, bäuerliche
-Sommerarbeitsamkeit gab sich allerorten kund. Du hättest Bauer bleiben
-sollen, sagte ich mir, strich beschämt durchs Dorf und lief ermüdet weiter,
-bis die erste Sonnenwärme mir eine Rast erlaubte. Am Rand eines jungen
-Buchenstandes warf ich mich ins dürre Raingras und schlief in der warmen
-Sonne bis tief in den Spätnachmittag hinein. Als ich erwachte, den Kopf
-voll Wiesenduft und die Glieder so wohlig schwer wie sie nur nach langem
-Liegen auf Gottes lieber Erde sind, da kam mir das Fest und die Bootfahrt
-und alles das fern, traurig und halbverklungen vor wie ein vor Monaten
-gelesener Roman.
-
-Ich blieb drei Tage fort, ließ mir die Sonne auf den Pelz brennen und
-überlegte mir, ob ich nicht in einem Strich heimwärts wandern und meinem
-Vater beim Öhmden helfen sollte.
-
-Freilich war damit der Schmerz noch lange nicht abgetan. Nach meiner
-Rückkehr in die Stadt floh ich anfangs den Anblick der Malerin wie die
-Pest, doch ging das nicht lange an, und so oft sie mich später ansah und
-anredete, stieg mir das Elend in die Kehle.
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Was meinem Vater seinerzeit nicht gelungen war, das gelang nun diesem
-Liebeselend. Es erzog mich zum Zecher.
-
-Für mein Leben und Wesen war das wichtiger als irgend etwas von dem, was
-ich bisher erzählte. Der starke, süße Gott ward mir ein treuer Freund und
-ist es heute noch. Wer ist so mächtig wie er? Wer ist so schön, so
-phantastisch, schwärmerisch, fröhlich und schwermütig? Er ist ein Held und
-Zauberer. Er ist ein Verführer und Bruder des Eros. Er vermag Unmögliches;
-arme Menschenherzen füllt er mit schönen und wunderlichen Dichtungen. Er
-hat mich Einsiedler und Bauern zum König, Dichter und Weisen gemacht. Leer
-gewordene Lebenskähne belastet er mit neuen Schicksalen und treibt
-Gestrandete in die eilige Strömung des großen Lebens zurück.
-
-So ist der Wein. Doch ist es mit ihm wie mit allen köstlichen Gaben und
-Künsten. Er will geliebt, gesucht, verstanden und mit Mühen gewonnen sein.
-Das können nicht Viele, und er bringt tausend und tausend um. Er macht sie
-alt, er tötet sie oder löscht die Flamme des Geistes in ihnen aus. Seine
-Lieblinge aber lädt er zu Festen ein und baut ihnen Regenbogenbrücken zu
-seligen Inseln. Er legt, wenn sie müde sind, Kissen unter ihr Haupt und
-umfaßt sie, wenn sie der Traurigkeit zur Beute fallen, mit leiser und
-gütiger Umarmung wie ein Freund und wie eine tröstende Mutter. Er
-verwandelt die Wirrnis des Lebens in große Mythen und spielt auf mächtiger
-Harfe das Lied der Schöpfung.
-
-Und wieder ist er ein Kind, hat lange seidige Locken und schmale Schultern
-und feine Glieder. Er lehnt sich dir ans Herz und reckt das schmale Gesicht
-zu deinem empor und sieht dich erstaunt und traumhaft aus lieben großen
-Augen an, in deren Tiefe Paradieserinnerung und unverlorene
-Gotteskindschaft feucht und glänzend wogt wie eine neugeborene Quelle im
-Wald.
-
-Und der süße Gott gleicht auch einem Strom, der tief und rauschend eine
-Frühlingsnacht durchwandert. Und gleicht einem Meere, welches Sonne und
-Sturm auf kühler Woge wiegt.
-
-Wenn er mit seinen Lieblingen redet, dann überrauscht sie schauernd und
-flutend die stürmende See der Geheimnisse, der Erinnerung, der Dichtung,
-der Ahnungen. Die bekannte Welt wird klein und geht verloren und in banger
-Freude wirft sich die Seele in die straßenlose Weite des Unbekannten, wo
-alles fremd und alles vertraut ist und wo die Sprache der Musik, der
-Dichter und des Traumes gesprochen wird.
-
-Nun, ich muß erst erzählen.
-
-Es geschah, daß ich stundenlang selbstvergessen heiter sein konnte,
-studierte, schrieb und Richards Musik anhörte. Aber kein Tag ging ganz ohne
-Leid vorbei. Manchmal überfiel es mich erst nachts im Bette, daß ich
-stöhnte und mich bäumte und spät in Tränen entschlief. Oder erwachte es,
-wenn ich der Aglietti begegnet war. Meistens aber kam es am Spätnachmittag,
-wenn die schönen, lauen, müdemachenden Sommerabende begannen. Dann ging ich
-an den See, nahm ein Boot, ruderte mich heiß und müde und fand es dann
-unmöglich, nach hause zu gehen. Also in eine Kneipe oder in einen
-Wirtsgarten. Da probierte ich verschiedene Weine, trank und brütete und war
-manchmal am andern Tage halbkrank Dutzendemal überfiel mich dabei ein so
-schauderhaftes Elend und Ekelgefühl, daß ich beschloß nie mehr zu trinken.
-Und dann ging ich wieder und trank. Allmählich unterschied ich die Weine
-und ihre Wirkung und genoß sie mit einer Art von Bewußtsein, im ganzen
-freilich noch naiv und roh genug. Schließlich fand ich am dunkelroten
-Veltliner einen Halt. Er schmeckte mir beim ersten Glas herb und erregend,
-dann verschleierte er mir die Gedanken bis zu einer stillen, stetigen
-Träumerei, und dann begann er zu zaubern, zu schaffen, selber zu dichten.
-Dann sah ich alle Landschaften, die mir je gefallen hatten, in köstlichen
-Beleuchtungen mich umgeben und ich selbst wanderte darin, sang, träumte und
-fühlte ein erhöhtes, warmes Leben in mir kreisen. Und es endete mit einer
-überaus angenehmen Traurigkeit, als hörte ich Volkslieder geigen und als
-wüßte ich irgendwo ein großes Glück, dem ich vorbeigewandert wäre und das
-ich versäumt hätte.
-
-Es kam von selbst so, daß ich allmählich selten mehr allein kneipte,
-sondern allerlei Gesellschaft fand. Sobald ich von Menschen umgeben war,
-wirkte der Wein anders auf mich. Dann wurde ich gesprächig, aber nicht
-erregt, sondern fühlte ein kühles sonderbares Fieber. Eine mir selbst
-bisher kaum bekannte Seite meines Wesens blühte über Nacht empor, doch
-gehörte sie weniger zu den Garten- und Zierblumen, als in die Gattung der
-Disteln und Nesseln. Zugleich nämlich mit der Beredtsamkeit kam ein
-scharfer, kühler Geist über mich, machte mich sicher, überlegen, kritisch
-und witzig. Waren Leute da, deren Gegenwart mich störte, so wurden sie bald
-fein und listig, bald grob und hartnäckig so lange aufgezogen und geärgert,
-bis sie gingen. Die Menschen überhaupt waren mir ja von Kind auf weder
-sonderlich lieb noch notwendig gewesen, nun begann ich sie kritisch und
-ironisch zu betrachten. Mit Vorliebe erfand und erzählte ich kleine
-Geschichten, in welchen die Verhältnisse der Menschen untereinander lieblos
-und mit scheinbarer Sachlichkeit satirisch dargestellt und bitter verhöhnt
-wurden. Woher dieser verächtliche Ton mir kam, wußte ich selber nicht, er
-brach wie eine reifende Schwäre aus meinem Wesen hervor, die ich lange
-Jahre nicht wieder los ward.
-
-Saß ich dazwischen einmal einen Abend allein, dann träumte ich wieder von
-Bergen, Sternen und trauriger Musik.
-
-In diesen Wochen schrieb ich eine Folge von Betrachtungen über
-Gesellschaft, Kultur und Kunst unserer Zeit, ein kleines giftiges Büchlein,
-dessen Wiege meine Wirtshausgespräche waren. Aus meinen ziemlich fleißig
-weiterbetriebenen historischen Studien kam mancherlei geschichtliches
-Material hinzu, welches meinen Satiren eine Art von solidem Hintergrunde
-gab.
-
-Auf Grund dieser Arbeit erhielt ich bei einer größeren Zeitung den Rang
-eines ständigen Mitarbeiters, wovon ich nahezu leben konnte. Gleich darauf
-erschienen jene Skizzen auch als selbständiges Büchlein und hatten einigen
-Erfolg. Nun warf ich die Philologie vollends über Bord. Ich war nun schon
-in höheren Semestern, Beziehungen zu deutschen Zeitschriften knüpften sich
-an und hoben mich aus der bisherigen Verborgenheit und Armseligkeit in den
-Kreis der Anerkannten empor. Ich verdiente mein Brot, verzichtete auf das
-lästige Stipendium und trieb mit vollen Segeln dem verächtlichen Leben
-eines kleinen Berufsliteraten entgegen.
-
-Und trotz des Erfolgs und meiner Eitelkeit, und trotz der Satiren und trotz
-meiner Liebesleiden lag über mir in Fröhlichkeit und Schwermut der warme
-Glanz der Jugend. Trotz aller Ironie und einer kleinen, harmlosen
-Blasiertheit sah ich in Träumen doch stets ein Ziel, ein Glück, eine
-Vollendung vor mir. Was es sein sollte, wußte ich nicht. Ich fühlte nur,
-das Leben müsse mir irgend einmal ein besonders lachendes Glück vor die
-Füße spülen, einen Ruhm, eine Liebe vielleicht, eine Befriedigung meiner
-Sehnsucht und eine Erhöhung meines Wesens. Ich war noch der Page, der von
-Edeldamen und Ritterschlag und großen Ehren träumt.
-
-Ich glaubte im Beginn einer emporstrebenden Bahn zu stehen. Ich wußte
-nicht, daß alles bis jetzt Erlebte nur Zufälle waren und daß meinem Wesen
-und Leben noch der tiefe, eigene Grundton fehle. Ich wußte noch nicht, daß
-ich an einer Sehnsucht litt, welcher nicht Liebe noch Ruhm Grenze und
-Erfüllung sind.
-
-Und so genoß ich meinen kleinen, etwas herben Ruhm mit aller Jugendlust. Es
-tat mir wohl, bei gutem Wein unter klugen und geistigen Menschen zu sitzen
-und, wenn ich zu reden begann, ihre Gesichter begierig und aufmerksam mir
-zugewendet zu sehen.
-
-Zuweilen fiel mir auf, eine wie große Sehnsucht in allen diesen Seelen von
-heute nach Erlösung schrie und was für wunderliche Wege sie sie führte. An
-Gott zu glauben, galt für dumm und fast für unanständig, sonst aber wurde
-an vielerlei Lehren und Namen geglaubt, an Schopenhauer, an Buddha, an
-Zarathustra und viele andere. Es gab junge, namenlose Dichter, welche in
-stilvollen Wohnungen feierliche Andachten vor Statuen und Gemälden
-begingen. Sie hätten sich geschämt sich vor Gott zu beugen, aber sie lagen
-auf Knieen vor dem Zeus von Otrikoli. Es gab Asketen, die sich mit
-Enthaltsamkeit quälten und deren Toilette zum Himmel schrie. Ihr Gott hieß
-Tolstoi oder Buddha. Es gab Künstler, die sich durch wohlerwogene und
-abgestimmte Tapeten, Musik, Speisen, Weine, Parfüme oder Cigarren zu
-aparten Stimmungen anregten. Sie sprachen geläufig und mit erkünstelter
-Selbstverständlichkeit von musikalischen Linien, Farbenakkorden und
-ähnlichem und waren überall auf der Lauer nach der »persönlichen Note,«
-welche meist in irgend einer kleinen, harmlosen Selbsttäuschung oder
-Verrücktheit bestand. Im Grunde war mir die ganze krampfhafte Komödie
-amüsant und lächerlich, doch fühlte ich oft mit sonderbarem Schauder, wie
-viel ernste Sehnsucht und echte Seelenkraft darin flammte und verloderte.
-
-Von all den phantastisch einherschreitenden neumodischen Dichtern,
-Künstlern und Philosophen, die ich damals mit Erstaunen und Ergötzen kennen
-lernte, weiß ich keinen, aus dem etwas Notables geworden wäre. Es war unter
-ihnen ein mir gleichaltriger Norddeutscher, ein gefälliges Figürchen und
-ein zarter, lieber Mensch, delikat und sensibel in allem, was irgend
-künstlerische Dinge betraf. Er galt für einen der zukünftigen großen
-Dichter und ich hörte ein paar mal Gedichte von ihm vorlesen, die meiner
-Erinnerung noch immer als etwas ungemein Duftiges, seelenvoll Schönes
-vorschweben. Vielleicht war er der einzige von uns allen, aus dem ein
-wirklicher Dichter hätte werden können. Zufällig erfuhr ich später einmal
-seine kurze Geschichte. Durch einen literarischen Mißerfolg scheu geworden,
-entzog sich der Überempfindliche aller Öffentlichkeit und fiel einem Lumpen
-von Mäcen in die Hände, der ihn, statt ihn anzuspornen und zur Vernunft zu
-bringen, schnell vollends zu Grunde richtete. Auf den Villen des reichen
-Herrn trieb er mit dessen nervösen Damen ein fades Aesthetengeflunker,
-stieg in seiner Einbildung zum verkannten Heros und brachte sich,
-jämmerlich mißleitet, durch lauter Chopinmusik und präraphaelitische
-Ekstasen systematisch um den Verstand.
-
-An dies halbflügge Volk seltsam gekleideter und frisierter Dichter und
-schöner Seelen kann ich mich nur mit Grauen und Mitleid erinnern, da ich
-erst nachträglich das Gefährliche dieses Umganges einsah. Nun, mich
-bewahrte mein Oberländer Bauerntum davor, an dem Tummel teilzunehmen.
-
-Edler und beglückender aber als der Ruhm und der Wein und die Liebe und die
-Weisheit war meine Freundschaft. Sie war's schließlich allein, die meiner
-angebotenen Schwerlebigkeit aufhalf und meine Jugendjahre unverdorben
-frisch und morgenrot erhielt. Ich weiß auch heute in der Welt nichts
-Köstlicheres als eine ehrliche und tüchtige Freundschaft zwischen Männern
-und wenn mich einmal an nachdenklichen Tagen etwas wie ein Jugendheimweh
-befällt, so ist es allein um meine Studentenfreundschaft.
-
-Seit meiner Verliebtheit in Erminia hatte ich Richard ein wenig
-vernachlässigt. Es geschah im Anfang unbewußt, nach einigen Wochen aber
-schlug mir das Gewissen. Ich beichtete ihm, er entdeckte mir daß er das
-ganze Unglück mit Bedauern habe kommen und wachsen sehen, und ich schloß
-mich ihm aufs neue herzlich und eifersüchtig an. Was ich damals etwa an
-heiteren und freien kleinen Lebenskünsten mir erwarb, kam alles von ihm. Er
-war schön und heiter an Leib und Seele und das Leben schien für ihn keine
-Schatten zu haben. Die Leidenschaften und Irrungen der Zeit kannte er als
-kluger und beweglicher Mensch wohl, aber sie glitten ohne Schaden an ihm
-ab. Sein Gang und seine Sprache und sein ganzes Wesen war geschmeidig,
-wohllaut und liebenswert. O wie er lachen konnte!
-
-Für meine Weinstudien hatte er wenig Verständnis. Er ging gelegentlich mit,
-hatte jedoch nach zwei Gläsern genug und betrachtete meinen wesentlich
-größeren Konsum mit naivem Erstaunen. Aber wenn er sah, daß ich litt und
-hilflos meiner Schwermut unterlag, musizierte er mir, las mir vor oder
-führte mich spazieren. Auf unsern kleinen Ausflügen waren wir oft
-ausgelassen wie zwei kleine Knaben. Einmal lagen wir auf warmer Mittagsrast
-in einem waldigen Tal, warfen uns mit Tannenzapfen und sangen Verse aus der
-frommen Helene auf gefühlvolle Melodieen. Der rasche klare Bach plätscherte
-uns so lange kühl verlockend ins Ohr, bis wir uns entkleideten und uns ins
-kalte Wasser legten. Da kam er auf die Idee Komödie zu spielen. Er setzte
-sich auf einen moosigen Felsen und war die Lorelei, und ich segelte unten
-als Schiffer im kleinen Schiffe vorüber. Dabei sah er so jungferlich
-schamhaft aus und schnitt solche Grimassen, daß ich, der ich das wilde Weh
-hätte markieren sollen, mich vor Lachen kaum halten konnte. Plötzlich
-wurden Stimmen laut, eine Touristengesellschaft erschien auf dem Fußweg und
-wir mußten uns in unsrer Blöße eiligst unter dem ausgewaschenen,
-überhängenden Ufer verbergen. Als die ahnungslose Gesellschaft an uns
-vorüberschritt, stieß Richard allerlei seltsame Töne aus, grunzte,
-quietschte und fauchte. Die Leute stutzten, schauten um sich, stierten ins
-Wasser und waren nahe daran uns zu entdecken. Da tauchte mein Freund mit
-halbem Leibe aus seinem Schlupfwinkel auf, blickte die indignierte
-Gesellschaft an und sprach mit tiefer Stimme und priesterlicher Geberde:
-»Ziehet hin in Frieden!« Sogleich verschwand er wieder, zwickte mich in den
-Arm und sagte: »Auch das war eine Charade.«
-
-»Was für eine?« fragte ich.
-
-»Pan erschreckt einige Hirten,« lachte er. »Es waren aber leider auch
-Frauenzimmer dabei.«
-
-Von meinen geschichtlichen Studien nahm er wenig Notiz. Meine fast
-verliebte Vorliebe für den heiligen Franz von Assisi aber teilte er bald,
-obschon er gelegentlich auch über ihn Witze machen konnte, die mich
-entrüsteten. Wir sahen den seligen Dulder freundlich begeistert und heiter
-wie ein liebes großes Kind durch die umbrische Landschaft wandern, seines
-Gottes froh und voll demütiger Liebe zu allen Menschen. Wir lasen zusammen
-seinen Unsterblichen Sonnengesang und kannten ihn fast auswendig. Einst, da
-wir im Dampfboot über den See von einer Spazierfahrt zurückkehrten und der
-abendliche Wind das goldige Wasser bewegte, fragte er leise: »Du, wie sagt
-hier der Heilige?« Und ich zitierte:
-
-Laudato si, mi Signore, per frate vento e per aere e nubilo et sereno et
-onne tempo!
-
-Wenn wir Streit bekamen und uns Schnödigkeiten sagten, warf er mir, immer
-halb im Scherz, nach Art der Schuljungen eine solche Menge von drolligen
-Übernamen an den Kopf, daß ich bald lachen mußte und dem Ärgernis der
-Stachel genommen war. Verhältnismäßig ernst war mein lieber Freund nur,
-wenn er seine Lieblingsmusiker hörte oder spielte. Auch dann konnte er sich
-unterbrechen, um irgend einen Spaß zu machen. Dennoch war seine Liebe zur
-Kunst voll reiner, herzlicher Hingabe und sein Gefühl für das Echte und
-Bedeutende schien mir untrüglich.
-
-Wunderbar verstand er die feine, zarte Kunst des Tröstens, des
-teilnehmenden Dabeiseins oder des Erheiterns, wenn einer seiner Freunde in
-Nöten war. Er konnte mir, wenn er mich übellaunig fand, ganze Mengen
-kleiner anekdotischer Geschichten von grotesker Nettigkeit erzählen und
-hatte dann etwas Beruhigendes und Erheiterndes im Ton, dem ich selten
-widerstand.
-
-Vor mir hatte er ein wenig Respekt, weil ich ernster war als er; noch mehr
-imponierte ihm meine Körperkraft. Vor andern renommierte er damit und war
-stolz einen Freund zu haben, der ihn einhändig hätte erdrücken können. Er
-gab viel auf körperliche Fähigkeiten und Gewandtheit, er lehrte mich
-Tennis, ruderte und schwamm mit mir, nahm mich zum Reiten mit und ruhte
-nicht, bis ich fast eben so gut Billard spielte wie er selbst. Es war sein
-Lieblingsspiel und er betrieb es nicht nur künstlerisch und meisterhaft,
-sondern pflegte am Billard auch immer besonders lebhaft, witzig und
-fröhlich zu sein. Häufig gab er den drei Bällen die Namen von Leuten unsrer
-Bekanntschaft und konstruierte bei jedem Stoß aus Stellung, Annäherung und
-Entfernung der Bälle ganze Romane voll von Witzen, Anzüglichkeiten und
-karikierenden Vergleichen. Dabei spielte er ruhig, leicht und überaus
-elegant und es war eine Lust ihn dabei zu betrachten.
-
-Meine Schriftstellerei schätzte er nicht höher als ich selbst. Einmal sagte
-er mir: »Sieh, ich hielt dich immer für einen Dichter und halte dich noch
-dafür, aber nicht deiner Feuilletons wegen, sondern weil ich fühle daß du
-etwas Schönes und Tiefes in dir leben hast, das früher oder später einmal
-hervorbrechen wird. Und das wird dann eine wirkliche Dichtung sein.«
-
-Indessen glitten uns die Semester wie kleine Münze durch die Finger und die
-Zeit kam unverhofft, da Richard an die Rückkehr nach seiner Heimat denken
-mußte. Mit einer etwas künstlichen Ausgelassenheit genossen wir die
-schwindenden Wochen und kamen am Ende überein, daß vor dem bitteren
-Abschied noch irgend eine glänzende und festliche Unternehmung diese
-schönen Jahre heiter und verheißungsvoll beschließen sollte. Ich schlug
-eine Ferientour in die Berner Alpen vor, doch war es freilich noch
-Vorfrühling und für die Berge eigentlich viel zu früh. Während ich mir den
-Kopf nach anderen Vorschlägen zerbrach, schrieb Richard seinem Vater und
-bereitete mir in der Stille eine große und freudige Überraschung vor. Eines
-Tages kam er mit einem stattlichen Wechsel angerückt und lud mich ein, ihn
-als Führer nach Oberitalien zu begleiten.
-
-Mir schlug bang und frohlockend das Herz. Ein seit Knabenzeiten gehegter,
-tausendmal durchgeträumter, sehnlicher Lieblingswunsch sollte sich mir
-erfüllen. Wie im Fieber besorgte ich meine kleinen Vorbereitungen, brachte
-meinem Freund noch ein paar Worte Italienisch bei und fürchtete bis zum
-letzten Tag, es möchte doch nichts daraus werden.
-
-Unser Gepäck war vorausgeschickt, wir saßen im Wagen, die grünen Felder und
-Hügel flirrten vorüber, der Urnersee und der Gotthard kam, dann die
-Bergnester und Bäche und Geröllhalden und Schneegipfel des Tessin, und dann
-die ersten schwärzlichen Steinhäuser in ebenen Weinbergen und die
-erwartungsvolle Fahrt an den Seen hin und durch die fruchtbare Lombardei
-dem lärmend lebhaften, sonderbar anziehenden und abstoßenden Mailand
-entgegen.
-
-Richard hatte sich vom Milaneser Dom nie eine Vorstellung gemacht, sondern
-von ihm nur als von einem berühmten großen Bauwerk gewußt. Es war
-ergötzlich, seine entrüstete Enttäuschung zu sehen. Als er den ersten
-Schreck überwunden und seinen Humor wiedergefunden hatte, schlug er selber
-vor, das Dach zu besteigen und sich in dem tollen Wirrsal von Steinfiguren
-dort oben umherzutreiben. Wir stellten mit einiger Befriedigung fest, daß
-es um die Hunderte von unseligen Heiligenstatuen auf den Fialen nicht so
-sehr schade sei, denn sie erwiesen sich zumeist, wenigstens sämtliche
-neuern, als Fabrikarbeit gewöhnlicher Art. Wir lagen fast zwei Stunden auf
-den breiten, schrägen Marmorplatten, die ein sonniger Apriltag leise
-durchglüht hatte. Behaglich gestand mir Richard: »Weißt du, im Grunde hab'
-ich nichts dagegen, noch mehr solche Enttäuschungen zu erleben wie mit dem
-verrückten Dom da. Auf der ganzen Reise hatte ich eine kleine Angst vor
-alle den Großartigkeiten, die wir sehen und die uns erdrücken würden. Und
-nun fängt die Sache so freundlich und menschlich-lächerlich an!« Dann
-reizte ihn das wirre steinerne Figurenvolk, in dessen Mitte wir lagerten,
-zu allerlei barocken Phantasieen.
-
-»Vermutlich,« sagte er, »wird dort auf dem Chorturm, als der höchsten
-Spitze, wohl auch der höchste und vornehmste Heilige stehen. Da es nun
-keineswegs ein Vergnügen sein muß, ewig als steinerner Seiltänzer auf
-diesen spitzen Türmchen zu balancieren, ist es billig, daß von Zeit zu Zeit
-der oberste Heilige erlöst und in den Himmel entrückt wird. Nun denke dir,
-was das jedesmal für ein Spektakel absetzt! Denn natürlich rücken nun
-sämtliche übrige Heilige genau nach der Rangordnung je um einen Platz vor
-und jeder muß mit einem großen Satz auf die Fiale des Vorgängers hüpfen,
-jeder in großer Eile und jeder jaloux auf alle, die noch vor ihm kommen.«
-
-So oft ich seither durch Mailand kam, fiel jener Nachmittag mir wieder ein
-und ich sah mit wehmütigem Lachen die hunderte von Marmorheiligen ihre
-kühnen Sprünge tun.
-
-In Genua ward ich um eine große Liebe reicher. Es war ein heller, windiger
-Tag, kurz nach der Mittagsstunde. Ich hatte die Arme auf eine breite
-Mauerbrüstung gestützt, hinter mir lag das farbige Genua, und unter mir
-schwoll und lebte die große blaue Flut. Das Meer. Mit dunklem Tosen und
-unverstandenem Verlangen warf sich mir das Ewige und Unwandelbare entgegen
-und ich fühlte, daß etwas in mir sich mit dieser blauen, schäumigen Flut
-für Leben und Tod befreundete.
-
-Ebenso mächtig ergriff mich der weite Meerhorizont. Wieder sah ich wie in
-Kinderzeiten die duftblaue Ferne wie ein geöffnetes Tor auf mich warten.
-Und wieder faßte mich das Gefühl, ich sei nicht zum stetig heimischen Leben
-unter Menschen und in Städten und Wohnungen, sondern zum Schweifen durch
-fremde Gebiete und zu Irrfahrten auf Meeren geboren. Mit dunklem Trieb
-stieg das alte, traurigmachende Verlangen in mir empor, mich an Gottes
-Brust zu werfen und mein kleines Leben mit dem Unendlichen und Zeitlosen zu
-verbrüdern.
-
-Bei Rapallo rang ich schwimmend zum erstenmal mit der Flut, schmeckte das
-herbe Salzwasser und fühlte die Gewalt der Wogen. Ringsum blaue, klare
-Wellen, braungelbe Strandfelsen, tiefer stiller Himmel und das ewige, große
-Rauschen. Stets von neuem ergriff mich der Anblick der ferne gleitenden
-Schiffe, schwarzer Masten und blanker Segel oder die kleine Rauchfahne
-eines entfernt dahinfahrenden Dampfers. Nächst meinen Lieblingen, den
-rastlosen Wolken, weiß ich kein schöneres und ernsteres Bild der Sehnsucht
-und des Wanderns als solch ein Schiff, das in großer Ferne fährt, kleiner
-wird und in den geöffneten Horizont hinein verschwindet.
-
-Und wir kamen nach Florenz. Die Stadt lag da wie ich sie aus hundert
-Bildern und tausend Träumen kannte -- licht, geräumig, gastlich, vom
-grünen, überbrückten Strom durchzogen und von klaren Hügeln umgürtet. Der
-kecke Turm des palazzo vecchio stach kühn in den lichten Himmel, in seiner
-Höhe lag weiß und warmsonnig das schöne Fiesole und alle Hügel standen weiß
-und rosenrot im Flor der Obstblüte. Das beweglich freudige, harmlose
-toskanische Leben ging mir wie ein Wunder auf und ich war bald heimischer
-als ich je zu Hause gewesen war. Die Tage wurden in Kirchen, auf Plätzen,
-in Gassen, Loggien und Märkten verbummelt, die Abende in Hügelgärten
-verträumt, wo schon die Limonen reiften, oder in kleinen naiven
-Chiantischenken vertrunken und verplaudert. Dazwischen die beglückend
-reichen Stunden in den Bildersälen und im Bargello, in Klöstern,
-Bibliotheken und Sakristeien, die Nachmittage in Fiesole, San Miniato,
-Settignano, Prato.
-
-Nach einer schon zu Hause getroffenen Verabredung ließ ich nun Richard für
-eine Woche allein und genoß die edelste und köstlichste Wanderung meiner
-Jugendzeit, durch das reiche, grüne umbrische Hügelland. Ich ging die
-Straßen des heiligen Franz und fühlte ihn in manchen Stunden neben mir
-wandern, das Gemüt voll unergründlicher Liebe, jeden Vogel und jede Quelle
-und jeden Hagrosenstrauch mit Dankbarkeit und Freude begrüßend. Ich
-pflückte und verzehrte Limonen an sonnig glänzenden Hängen, nächtigte in
-kleinen Dörfern, sang und dichtete in mich hinein und feierte die Ostern in
-Assisi, in der Kirche meines Heiligen.
-
-Mir ist immer, als seien diese acht Wandertage in Umbrien die Krone und das
-schöne Abendrot meiner Jugendzeit gewesen. Jeden Tag sprangen Quellen in
-mir auf und ich sah in die lichte, festliche Frühlingslandschaft wie in
-Gottes gütige Augen.
-
-In Umbrien war ich Franz, dem »Spielmann Gottes«, verehrend nachgegangen;
-in Florenz genoß ich die beständige Vorstellung vom Leben des Quattrocento.
-Ich hatte ja schon zu Hause Satiren auf die Formen unsres heutigen Lebens
-geschrieben. In Florenz aber fühlte ich zum erstenmal die ganze schäbige
-Lächerlichkeit der modernen Kultur. Dort überfiel mich zuerst die Ahnung,
-daß ich in unsrer Gesellschaft ewig ein Fremdling sein würde, und dort
-erwachte zuerst der Wunsch in mir, mein Leben außerhalb dieser Gesellschaft
-und womöglich im Süden weiter zu führen. Hier konnte ich mit den Menschen
-verkehren, hier erfreute mich auf Schritt und Tritt eine freimütige
-Natürlichkeit des Lebens, über welcher adelnd und verfeinernd die Tradition
-einer klassischen Kultur und Geschichte lag.
-
-Glänzend und beglückend rannen uns die schönen Wochen hin; auch Richard
-hatte ich nie so schwärmerisch entzückt gesehen. Übermütig und freudig
-leerten wir die Becher der Schönheit und des Genusses. Wir erwanderten
-abseitige, heiß gelegene Hügeldörfer, befreundeten uns mit Gastwirten,
-Mönchen, Landmädchen und kleinen zufriedenen Dorfpfarrern, belauschten
-naive Ständchen, fütterten bräunliche, hübsche Kinder mit Brot und Obst und
-sahen von sonnigen Berghöhen Toskana im Glanz des Frühlings und fern das
-schimmernde ligurische Meer liegen. Und wir hatten beide das kräftige
-Gefühl, unseres Glückes würdig einem reichen, neuen Leben entgegen zu
-gehen. Arbeit, Kampf, Genuß und Ruhm lagen so nah und glänzend und sicher
-vor uns, daß wir ohne Hast uns der glücklichen Tagen freuten. Auch die nahe
-Trennung schien leicht und vorübergehend, denn wir wußten fester als je,
-daß wir einer dem andern notwendig und einer des andern für's Leben sicher
-waren.
-
- * * * * *
-
-Das war die Geschichte meiner Jugend. Es scheint mir, wenn ich es
-überdenke, als sei sie kurz wie eine Sommernacht gewesen. Ein wenig Musik,
-ein wenig Geist, ein wenig Liebe, ein wenig Eitelkeit -- aber es war schön,
-reich und farbig wie ein eleusisches Fest.
-
-Und erlosch schnell und armselig wie ein Licht im Wind.
-
-In Zürich nahm Richard Abschied. Zweimal stieg er wieder aus dem
-Eisenbahnwagen, um mich zu küssen, und nickte mir noch, so lange es ging,
-vom Fenster aus zärtlich zu.
-
-Zwei Wochen später ertrank er beim Baden in einem lächerlich kleinen
-süddeutschen Flüßchen. Ich sah ihn nicht mehr, ich war nicht dabei als er
-begraben wurde, ich hörte alles erst ein paar Tage später, als er schon im
-Sarge und in der Erde lag. Da lag ich in meinem Stüblein auf den Boden
-hingestreckt, fluchte Gott und dem Leben in gemeinen und scheußlichen
-Lästerworten, weinte und tobte. Ich hatte bis dahin nie bedacht, daß mein
-einziger sicherer Besitz in diesen Jahren meine Freundschaft gewesen war.
-Das war nun vorüber.
-
-Es litt mich nicht länger in der Stadt, wo täglich eine Menge von
-Erinnerungen sich an mich hängte und mir die Lust raubte. Was nun käme, war
-mir einerlei; ich war im Kern der Seele krank und hatte ein Grauen vor
-allem Lebendigen. Einstweilen schien die Aussicht gering, daß mein
-zerstörtes Wesen sich wieder aufrichte und mit neu gespannten Segeln dem
-herberen Glück der Mannesjahre entgegen treibe. Gott hatte gewollt, daß ich
-das Beste meines Wesens einer reinen und fröhlichen Freundschaft hingäbe.
-Wie zwei rasche Nachen waren wir miteinander vorangestürmt, und Richards
-Nachen war der bunte, leichte, glückliche, geliebte, an dem mein Auge hing
-und dem ich vertraute, er würde mich zu schönen Zielen mitreißen. Nun war
-er mit kurzem Schrei versunken und ich trieb steuerlos auf plötzlich
-verdunkelten Wassern umher.
-
-Es wäre an mir gewesen, die harte Probe zu bestehen, mich nach den Sternen
-zu richten und auf neuer Fahrt um den Kranz des Lebens zu kämpfen und zu
-irren. Ich hatte an die Freundschaft, an die Frauenliebe, an die Jugend
-geglaubt. Nun sie eine um die andere mich verlassen hatten, warum glaubte
-ich nicht an Gott und gab mich in seine stärkere Hand? Aber ich war
-zeitlebens zag und trotzig wie ein Kind und wartete immer auf das
-eigentliche Leben, daß es im Sturme über mich käme, mich verständig und
-reich machte und auf großen Flügeln einem reifen Glück entgegen trüge.
-
-Das weise und sparsame Leben aber schwieg und ließ mich treiben. Es
-schickte mir weder Stürme noch Sterne, sondern wartete, bis ich wieder
-klein und geduldig und mein Trotz gebrochen wäre. Es ließ mich meine
-Komödie des Stolzes und Besserwissens spielen, sah daran vorbei und
-wartete, bis das verlaufene Kind die Mutter wieder finden würde.
-
-
-
-
-V.
-
-
-Es kommt nun diejenige Zeit meines Lebens, welche scheinbar bewegter und
-bunter war als das bisherige und allenfalls einen kleinen Moderoman abgäbe.
-Ich müßte erzählen, wie ich von einer deutschen Zeitung zum Redakteur
-berufen wurde. Wie ich meiner Feder und meinem bösen Maul zu viel Freiheit
-gönnte und dafür schikaniert und geschulmeistert wurde. Wie ich darauf den
-Ruf eines Säufers errang und schließlich, nach giftigen Händeln, das Amt
-niederlegte und mich als Korrespondenten nach Paris schicken ließ. Wie ich
-in diesem verfluchten Nest zigeunerte, verbummelte und auf verschiedenen
-Gebieten einen starken Tobak rauchte.
-
-Es ist nicht Feigheit, wenn ich den etwaigen Schweinigeln unter meinen
-Lesern hier eine Nase drehe und diese kurze Zeit übergehe. Ich bekenne, daß
-ich einen Irrweg um den andern ging, allerlei Schmutz gesehen habe und
-darin gesteckt bin. Der Sinn für die Romantik der Bohème ist mir seither
-abhanden gekommen und ihr müßt mir erlauben, daß ich mich an das Reinliche
-und Gute halte, das doch auch in meinem Leben war, und jene verlorene Zeit
-verloren und abgetan sein lasse.
-
-Namentlich Paris war schauderhaft: Nichts als Kunst, Politik, Literatur und
-Dirnengewäsch, nichts als Künstler, Literaten, Politiker und gemeine
-Weiber. Die Künstler waren so eitel und aufdringlich wie die Politiker, die
-Literaten noch eitler und aufdringlicher, und am eitelsten und
-aufdringlichsten waren die Weiber.
-
-Eines Abends saß ich allein im Bois und überlegte mir, ob ich nur Paris
-oder lieber gleich das Leben überhaupt verlassen sollte. Darüber ging ich,
-seit langer Zeit zum erstenmal, in Gedanken mein Leben durch und
-berechnete, daß ich nicht viel daran zu verlieren habe.
-
-Aber da sah ich plötzlich in scharfer Erinnerung einen längst vergangenen
-und vergessenen Tag -- einen frühen Sommermorgen, daheim in den Bergen, und
-sah mich an einem Bette knieen und darauf lag meine Mutter und litt den
-Tod.
-
-Ich erschrak und schämte mich, daß ich so lange jenes Morgens nicht mehr
-hatte denken können. Die dummen Mordgedanken waren vorbei. Denn ich glaube,
-daß kein ernster und nicht völlig entgleister Mensch fähig ist, sich das
-Leben zu nehmen, wenn er je einmal das Erlöschen eines gesunden und guten
-Lebens angesehen hat. Ich sah meine Mutter wieder sterben. Ich sah wieder
-auf ihrem Gesicht die stille, ernste Arbeit des Todes, der es adelte. Er
-sah herb aus, der Tod, aber so mächtig und auch gütig wie ein behutsamer
-Vater, der ein irregegangenes Kind heimholt.
-
-Ich wußte plötzlich wieder, daß der Tod unser kluger und guter Bruder ist,
-der die rechte Stunde weiß und dessen wir mit Zuversicht gewärtig sein
-dürfen. Und ich begann auch zu verstehen, daß das Leid und die
-Enttäuschungen und die Schwermut nicht da sind, um uns verdrossen und
-wertlos und würdelos zu machen, sondern um uns zu reifen und zu verklären.
-
-Acht Tage später waren meine Kisten nach Basel abgeschickt und ich wanderte
-zu Fuß durch ein schönes Stück Südfrankreich und fühlte von Tag zu Tag die
-unseligen Pariser Zeiten, deren Erinnerung mich wie ein Gestank verfolgte,
-verblassen und zu Nebel werden. Ich wohnte einer cour d'amour bei. Ich
-übernachtete in Schlössern, in Mühlen, in Scheunen, und trank mit den
-dunkeln, gesprächigen Burschen ihren warmen, sonnigen Wein.
-
-Abgerissen, mager, braungebrannt und im Innern verändert kam ich nach zwei
-Monaten in Basel an. Es war meine erste so große Wanderung, die erste von
-vielen. Zwischen Locarno und Verona, zwischen Basel und Brieg, zwischen
-Florenz und Perugia sind wenig Orte, durch die ich nicht zwei und dreimal
-mit staubigen Stiefeln gepilgert bin -- hinter Träumen her, von denen noch
-keiner sich erfüllt hat.
-
- * * * * *
-
-In Basel mietete ich eine Vorstadtbude, packte meine Habe aus und begann zu
-arbeiten; es freute mich in einer stillen Stadt zu leben, wo kein Mensch
-mich kannte. Die Beziehungen zu einigen Zeitungen und Revuen waren noch im
-Gang und ich hatte zu arbeiten und zu leben. Die ersten Wochen waren gut
-und ruhig, dann kam allmählich die alte Traurigkeit wieder, blieb tagelang,
-wochenlang, und verging auch bei der Arbeit nicht. Wer nicht an sich selber
-gespürt hat, was Schwermut ist, versteht das nicht. Wie soll ich es
-beschreiben? Ich hatte das Gefühl einer schauerlichen Einsamkeit. Zwischen
-mir und den Menschen und dem Leben der Stadt, der Plätze, Häuser und
-Straßen war fortwährend eine breite Kluft. Es geschah ein großes Unglück,
-es standen wichtige Dinge in den Zeitungen -- mich ging es nichts an. Es
-wurden Feste gefeiert, Tote begraben, Märkte abgehalten, Konzerte gegeben
--- wozu? wofür? Ich lief hinaus, ich trieb mich in Wäldern, auf Hügeln und
-Landstraßen herum, und um mich her schwiegen Wiesen, Bäume, Äcker in
-klagloser Trauer, sahen mich stumm und flehentlich an und hatten das
-Verlangen mir etwas zu sagen, mir entgegen zu kommen, mich zu begrüßen.
-Aber sie lagen da und konnten nichts sagen, und ich begriff ihr Leiden und
-litt es mit, denn ich konnte sie nicht erlösen.
-
-Ich ging zu einem Arzt, brachte ihm ausführliche Aufzeichnungen, versuchte
-ihm mein Leiden zu beschreiben. Er las, fragte, untersuchte mich.
-
-»Sie sind beneidenswert gesund,« lobte er dann, »körperlich fehlt Ihnen
-nichts. Suchen Sie sich durch Lektüre oder Musik zu erheitern.«
-
-»Ich lese von Berufs wegen tagtäglich eine Menge neue Sachen.«
-
-»Jedenfalls sollten Sie sich auch einige Bewegung im Freien gönnen.«
-
-»Ich laufe täglich drei bis vier Stunden, in Ferienzeiten mindestens das
-doppelte.«
-
-»Dann müssen Sie sich zwingen, unter Menschen zu gehen. Sie sind ja in
-Gefahr ernstlich menschenscheu zu werden.«
-
-»Was liegt daran?«
-
-»Es liegt viel daran. Je größer zur Zeit Ihre Unlust am Umgang ist, desto
-mehr müssen Sie sich zwingen Menschen zu sehen. Ihr Zustand ist noch kein
-Kranksein und scheint mir nicht bedenklich; wenn Sie aber nicht aufhören so
-passiv zu bummeln, könnten Sie schließlich doch einmal die Balance
-verlieren.«
-
-Der Arzt war ein verständiger und wohlwollender Mann. Ich tat ihm leid. Er
-empfahl mich einem Gelehrten, in dessen Hause viel Verkehr und ein gewisses
-geistiges und literarisches Leben war. Ich ging hin. Man kannte meinen
-Namen, war liebenswürdig, fast herzlich, und ich kam öfters wieder.
-
-Einmal kam ich an einem kalten Spätherbstabend hin. Ich fand einen jungen
-Historiker und ein sehr schlankes, dunkles Mädchen; sonst keine Gäste. Das
-Mädchen besorgte die Teemaschine, sprach viel und war spitzig gegen den
-Historiker. Nachher spielte sie ein wenig Klavier. Dann sagte sie mir, sie
-habe meine Satiren gelesen, aber gar nicht goutiert. Sie kam mir gescheit,
-aber ein wenig allzu gescheit vor, und ich ging bald nach Hause.
-
-Inzwischen hatte man allmählich herausgebracht, ich säße viel in Kneipen
-herum und sei eigentlich ein heimlicher Säufer. Es wunderte mich kaum, denn
-der Klatsch blühte gerade in der akademischen Gesellschaft unter Männern
-und Frauen aufs üppigste. Meinem Verkehr schadete die beschämende
-Entdeckung gar nicht, machte mich vielmehr begehrt, denn man war gerade für
-die Temperenz begeistert, Herren und Damen gehörten den Komitees der
-Mäßigkeitsvereine an und freuten sich jedes Sünders, der ihnen in die Hände
-fiel. Eines Tages erfolgte der erste höfliche Angriff. Es ward mir die
-Schmach des Wirtshauslebens, der Fluch des Alkoholismus und all das vom
-sanitären, ethischen und sozialen Standpunkt zu betrachten nahe gelegt und
-ich wurde eingeladen einer Vereinsfeierlichkeit beizuwohnen. Ich war maßlos
-erstaunt, denn von allen solchen Vereinen und Bestrebungen hatte ich bisher
-kaum eine Ahnung gehabt. Die Vereinssitzung, mit Musik und religiösem
-Anstrich, war peinlich komisch und ich verhehlte diesen Eindruck nicht.
-Wochenlang wurde mir mit aufdringlicher Liebenswürdigkeit zugesetzt, die
-Sache wurde mir äußerst langweilig und eines Abends, da man mir wieder
-dasselbe Lied vorsang und sehnlich auf meine Bekehrung hoffte, ward ich
-desperat und bat mir energisch aus, man möge mich nun mit dem Geplärre
-verschonen. Das junge Mädchen war wieder da. Sie hörte mir aufmerksam zu
-und sagte dann ganz herzlich: »Bravo!« Ich war aber zu verstimmt, um darauf
-zu achten.
-
-Mit desto größerem Vergnügen sah ich ein kleines drolliges Mißgeschick mit
-an, das bei einer gewaltigen Abstinentenfestlichkeit passierte. Der große
-Verein samt zahllosen Gästen tafelte und tagte in seinem Hause, Reden
-wurden gehalten, Freundschaften geschlossen und Chöre gesungen und der
-Fortschritt der guten Sache mit großem Hosianna gefeiert. Einem als
-Fahnenträger angestellten Dienstmann dauerten die alkoholfreien Reden zu
-lange, er drückte sich in eine nahe Schenke, und als der feierliche Fest-
-und Demonstrationszug durch die Straßen seinen Anfang nahm, genossen
-schadenfrohe Sünder das ergötzliche Schauspiel, an der Spitze der
-begeisterten Scharen einen fröhlich betrunkenen Anführer und in seinen
-Armen die Fahne des blauen Kreuzes gleich einem schiffbrüchigen Mastbaum
-schwanken zu sehen.
-
-Der besoffene Dienstmann wurde entfernt; nicht entfernt aber wurde das
-Gewimmel menschlichster Eitelkeiten, Eifersüchteleien und Intriguen, das
-sich innerhalb der einzelnen Konkurrenzvereine und Komissionen erhoben
-hatte und zu immer freudigerer Blüte gedieh. Die Bewegung spaltete sich,
-ein paar Ehrgeizige wollten allen Ruhm für sich haben und schimpften über
-jeden nicht in ihrem Namen bekehrten Säufer; edle und selbstlose
-Mitarbeiter, an denen es nicht fehlte, wurden schnöde mißbraucht und in
-Bälde hatten Näherstehende Gelegenheit zu sehen, wie auch hier unter
-idealer Etikette allerlei unsaubere Menschlichkeiten zum Himmel stanken.
-Alle diese Komödien erfuhr ich so nebenher durch dritte Leute, hatte mein
-stilles Wohlgefallen daran und dachte mir auf mancher nächtlichen Heimkehr
-von Trinkereien: Seht, wir Wilde sind doch bessere Menschen.
-
-In meiner kleinen, hoch und frei gelegenen Stube über dem Rhein studierte
-und grübelte ich viel. Ich war trostlos, daß das Leben so an mir ablief,
-daß kein starker Strom mich mitriß, keine heftige Leidenschaft oder
-Teilnahme mich erhitzte und dem dumpfen Traum entzog. Zwar arbeitete ich,
-neben dem täglich Notwendigen, an den Vorbereitungen zu einem Werk, welches
-das Leben der ersten Minoriten darstellen sollte; doch war dies kein
-Schaffen, nur ein stetes bescheidenes Sammeln und genügte dem Trieb meiner
-Sehnsucht nicht. Ich begann, indem ich mich an Zürich, Berlin und Paris
-erinnerte, mir die wesentlichen Wünsche, Leidenschaften und Ideale der
-Zeitgenossen klar zu machen. Einer arbeitete daran, die bisherigen Möbel,
-Tapeten und Kostüme abzuschaffen und die Menschen an freiere, schönere
-Umgebungen zu gewöhnen. Ein anderer war bemüht, den Häckelschen Monismus in
-populären Schriften und Vorträgen zu verbreiten. Andere hielten es für
-erstrebenswert, den ewigen Weltfrieden herbeizuführen. Und wieder einer
-kämpfte für die darbenden unteren Stände, oder sammelte und redete dafür,
-daß Theater und Museen für's Volk gebaut und geöffnet würden. Und hier in
-Basel wurde der Alkohol bekämpft.
-
-In all diesen Bestrebungen war Leben, Trieb und Bewegung; aber keine davon
-war mir wichtig und notwendig und es hätte mich und mein Leben nicht
-berührt, wenn alle jene Ziele heute erreicht worden wären. Hoffnungslos
-sank ich in den Stuhl zurück, schob Bücher und Blätter von mir und sann,
-und sann. Dann hörte ich vor den Fenstern den Rhein ziehen und den Wind
-sausen und lauschte ergriffen auf diese Sprache einer großen, überall auf
-der Lauer liegenden Schwermut und Sehnsucht. Ich sah die blassen
-Nachtwolken in großen Stößen wie erschreckte Vögel durch den Himmel
-flattern, hörte den Rhein wandern und dachte an meiner Mutter Tod, an den
-heiligen Franz, an meine Heimat in den Schneebergen und an den ertrunkenen
-Richard. Ich sah mich an den Felswänden klettern, um Alpenrosen für die
-Rösi Girtanner zu brechen, ich sah mich in Zürich von Büchern und Musik und
-Gesprächen erregt, sah mich mit der Aglietti auf dem nächtlichen Wasser
-fahren, sah mich über Richards Tod verzweifeln, reisen und wiederkommen,
-genesen und wieder elend werden. Wozu? Wofür? O Gott, war alles das denn
-nur ein Spiel, ein Zufall, ein gemaltes Bild gewesen? Hatte ich nicht
-gerungen und Qualen der Begierde gelitten nach Geist, nach Freundschaft,
-nach Schönheit, Wahrheit und Liebe? Quoll nicht noch immer in mir die
-schwüle Woge der Sehnsucht und der Liebe? Und alles für nichts, mir zur
-Qual, niemand zur Lust!
-
-Dann war ich reif für die Kneipe. Ich blies die Lampe aus, tastete mich die
-steile alte Wendeltreppe hinab und erschien in einer Veltlinerhalle oder
-Waadtländer Weinstube. Dort empfing man mich als guten Gast mit Respekt,
-während ich gewöhnlich trutzig und gelegentlich sackgrob war. Ich las den
-Simplizissimus, der mich jedesmal ärgerte, trank meinen Wein und wartete,
-bis er mich trösten würde. Und der süße Gott berührte mich mit seiner
-weiblich weichen Hand, machte meine Glieder wohlig müde und führte meine
-verirrte Seele in das Land der schönen Träume zu Gast.
-
-Gelegentlich wunderte ich mich selber darüber, daß ich die Leute so borstig
-behandelte und eine Art von Spaß daran hatte sie anzuschnauzen. In
-Gasthäusern, die ich öfter besuchte, fürchteten und verwünschten mich die
-Kellnerinnen als einen Grobian und Nörgler, der ewig zu reklamieren hatte.
-Geriet ich in ein Gespräch mit anderen Gästen, so war ich höhnisch und
-grob, freilich waren auch die Leute danach. Trotzdem fanden sich ein paar
-wenige Wirtshausbrüder, sämtlich schon alternde und unheilbare Sünder, mit
-denen ich zuweilen einen Abend versaß und ein leidliches Verhältnis fand.
-Es war namentlich ein ältlicher Rauhbein unter ihnen, seines Zeichens
-Dessinateur, ein Weiberfeind, Schweinigel und geaichter Zecher erster
-Klasse. Wenn ich ihn abends in irgend einer Schenke allein antraf, setzte
-es jedesmal ein scharfes Zechen ab. Erst wurde geplaudert, gewitzelt und
-nebenher ein Fläschchen Roter gebechert, dann trat allmählich das Trinken
-in den Vordergrund, das Gespräch schlief ein und wir hockten einander
-schweigsam gegenüber, sogen jeder an seiner Brissago und leerten jeder für
-sich seine Flaschen. Dabei war einer dem andern ebenbürtig, wir ließen
-stets gleichzeitig die Flaschen wieder füllen und beobachteten einer den
-andern halb mit Achtung und halb mit Schadenfreude. Zur Zeit des Neuen, im
-Spätherbst, zogen wir einst gemeinsam durch einige Markgräfler Weindörfer
-und im Hirschen zu Kirchen erzählte mir der alte Knopf seine
-Lebensgeschichte. Ich glaube, sie war interessant und absonderlich, doch
-vergaß ich sie leider vollständig. Geblieben ist mir nur seine Schilderung
-einer Trinkerei, schon aus seinen späteren Jahren. Es war irgendwo auf dem
-Lande bei einer dörflichen Festlichkeit. Als Gast am Honoratiorentisch
-verleitete er sowohl den Pfarrer wie den Schultheiß vorzeitig zu tüchtigen
-Räuschen. Der Pfarrer hatte aber noch eine Rede zu halten. Nachdem man ihn
-mit Mühe aufs Podium geschleppt, tat er dort ungeheuerliche Sprüche und
-mußte abgeführt werden, worauf der Schultheiß in die Lücke sprang. Er
-begann gewaltig aus dem Stegreif zu reden, wurde jedoch durch die heftige
-Bewegung plötzlich unwohl und endete seine Ansprache auf eine ungewöhnliche
-und unfeine Weise.
-
-Später hätte ich diese und andere Geschichten mir gerne nochmals erzählen
-lassen. Es hatte aber bei einem Schützenfestabend unversöhnliche Händel
-zwischen uns gegeben, wir hatten einander die Bärte gerupft und waren im
-Zorn auseinander gegangen. Von da an kam es einige mal vor, daß wir als
-Feinde gleichzeitig in einer Wirtsstube saßen, jeder natürlich an einem
-anderen Tisch; aber aus alter Gewohnheit beobachteten wir einander
-schweigend, tranken im gleichen Tempo und blieben sitzen, bis wir längst
-die letzten Gäste waren und schließlich ersucht wurden abzuziehen. Zu einer
-Versöhnung ist es nie gekommen.
-
-Fruchtlos und ermüdend war das ewige Nachdenken über die Ursachen meiner
-Trauer und Lebensunfähigkeit. Ich hatte durchaus nicht das Gefühl, fertig
-und verbraucht zu sein, sondern war voll von dunklen Trieben und glaubte
-daran, daß es zur rechten Stunde mir noch gelingen würde, etwas Tiefes und
-Gutes zu schaffen und dem spröden Leben wenigstens eine Handvoll Glück zu
-entreißen. Aber würde die rechte Stunde jemals kommen? Mit Bitterkeit
-dachte ich an jene modernen, nervösen Herren, die sich durch tausend
-künstliche Anregungen zur künstlerischen Arbeit stachelten, während in mir
-starke Kräfte unverbraucht lagen und liegen blieben. Und ich grübelte
-wieder, was für ein Hemmnis oder Dämon mir in meinem strotzend starken
-Leibe die Seele stocken und immer schwerer werden lasse. Dabei hatte ich
-auch noch den sonderbaren Gedanken, mich für einen aparten, irgendwie zu
-kurz gekommenen Menschen zu halten, dessen Leiden niemand kenne, verstehe
-oder teile. Es ist das Teuflische an der Schwermut, daß sie einen nicht nur
-krank, sondern auch eingebildet und kurzsichtig, ja fast hochmütig macht.
-Man kommt sich vor wie der geschmacklose Heinesche Atlas, der allein alle
-Schmerzen und Rätsel der Welt auf den Schultern liegen hat, als ob nicht
-tausend andere dieselben Leiden duldeten und im selben Labyrinth
-herumirrten. Auch daß die Mehrzahl meiner Eigenschaften und Eigenheiten
-nicht so sehr mir gehörte als Familiengut oder Übel der Camenzinde war, kam
-mir in meiner Isolierung und Heimatferne ganz abhanden.
-
-Alle paar Wochen ging ich einmal wieder in das gastliche Gelehrtenhaus.
-Allmählich kannte ich ziemlich alle dort verkehrenden Leute. Es waren meist
-jüngere Akademiker, viele Deutsche darunter, von allen Fakultäten, außerdem
-ein paar Maler, einige Musiker, sowie ein paar Bürgersleute mit ihren
-Frauen und Mädchen. Ich sah oft mit Erstaunen diese Leute an, die mich als
-seltenen Gast begrüßten und von denen ich wußte, daß sie sich untereinander
-wöchentlich so und so viele mal sahen. Was sprachen und trieben sie nur
-immer miteinander? Die meisten hatten dieselbe stereotype Form des homo
-socialis und sie schienen mir alle ein wenig mit einander verwandt, kraft
-eines geselligen und nivellierenden Geistes, den ich allein nicht besaß. Es
-waren manche feine und bedeutende Menschen dabei, welchen die ewige
-Geselligkeit offenbar nichts oder nicht viel von ihrer Frische und
-persönlichen Kraft raubte. Mit einzelnen von ihnen konnte ich lang und mit
-Interesse sprechen. Aber von einem zum andern gehen, bei jedem eine Minute
-stehen bleiben, den Weibern auf gut Glück Artigkeiten sagen, meine
-Aufmerksamkeit auf eine Tasse Tee, zwei Gespräche und ein Klavierstück zu
-gleicher Zeit richten, dabei angeregt und vergnügt aussehen, das konnte ich
-nicht. Schrecklich war es mir, von Literatur oder Kunst reden zu müssen.
-Ich sah, daß auf diesen Gebieten sehr wenig gedacht, sehr viel gelogen und
-jedenfalls unsäglich viel geschwatzt wurde. Ich log also mit, hatte aber
-keine Freude daran und fand das viele nutzlose Gewäsche langweilig und
-entwürdigend. Viel lieber hörte ich etwa eine Frau von ihren Kindern
-sprechen oder erzählte selbst von Reisen, von kleinen Tageserlebnissen und
-anderen realen Dingen. Dabei konnte ich gelegentlich vertraulich und fast
-vergnügt werden. Meistens suchte ich aber am Schluß solcher Abende noch ein
-Weinhaus auf und schwemmte die Trockenheit im Halse und die faule
-Langeweile mit Veltliner weg.
-
-Bei einer von diesen Gesellschaften sah ich das schwarze junge Mädchen
-wieder. Es war eine Menge Leute da, sie musizierten und verführten ihr
-gewohntes Getöse, und ich saß mit einer Bildermappe in einem abseitigen
-Lampenwinkel. Es waren Ansichten von Toskana, nicht die gewöhnlichen,
-tausendmal gesehenen Effektbildchen, sondern intimere, privatim skizzierte
-Veduten, meist Geschenke von Reisegenossen und Freunden des Hausherrn. Eben
-hatte ich die Zeichnung eines steinernen, schmalfenstrigen Häuschens in dem
-einsamen Tal von San Clemente gefunden, das ich erkannte, denn ich hatte
-dort manche Spaziergänge gemacht. Das Tal liegt ganz nah bei Fiesole, aber
-die Menge der Reisenden besucht es nie, weil keine Altertümer dort sind. Es
-ist ein Tal von herber und merkwürdiger Schönheit, trocken und kaum
-bewohnt, zwischen hohe, kahle und strenge Berge geklemmt, weltferne,
-melancholisch und unbetreten.
-
-Das Mädchen trat heran und sah mir über die Schulter.
-
-»Warum sitzen Sie immer so allein, Herr Camenzind?«
-
-Es ärgerte mich. Sie fühlt sich von den Herren vernachlässigt, dachte ich,
-und nun kommt sie zu mir.
-
-»Nun, bekomme ich keine Antwort?«
-
-»Verzeihung, Fräulein; aber was soll ich denn antworten? Ich sitze allein,
-weil es mir Spaß macht!«
-
-»Dann störe ich Sie also?«
-
-»Sie sind komisch.«
-
-»Danke; ist aber ganz gegenseitig.«
-
-Und sie setzte sich. Ich hielt beharrlich mein Blatt in den Fingern.
-
-»Sie sind doch vom Oberland,« sagte sie. »Ich möchte Sie gern einmal von
-dort erzählen hören. Mein Bruder sagt, in Ihrem Dorf gebe es bloß einen
-Familiennamen, lauter Camenzinds. Ist das wahr?«
-
-»Beinah,« knurrte ich. »Es gibt aber auch einen Bäcker, der Füßli heißt.
-Und einen Gastwirt namens Nydegger.«
-
-»Und sonst nichts als Camenzind! Und die sind alle miteinander verwandt'?«
-
-»Mehr oder weniger.«
-
-Ich reichte ihr die Zeichnung hin. Sie hielt das Blatt fest und ich
-bemerkte, daß sie es verstand so etwas richtig anzufassen. Das sagte ich
-ihr.
-
-»Sie loben mich,« lachte sie, »aber wie ein Schullehrer.«
-
-»Wollen Sie das Blatt nicht auch ansehen?« fragte ich grob. »Sonst kann ich
-es zurücklegen.«
-
-»Was stellt es denn vor?«
-
-»San Clemente.«
-
-»Wo?«
-
-»Bei Fiesole.«
-
-»Sie sind dort gewesen?«
-
-»Ja, mehrmals.«
-
-»Wie sieht das Tal aus? Das hier ist ja nur ein Ausschnitt.«
-
-Ich dachte nach. Die ernste, herbschöne Landschaft trat vor meinen Blick
-und ich schloß die Augen halb, um sie festzuhalten. Es dauerte eine Weile,
-ehe ich zu sprechen begann und es tat mir wohl, daß sie still blieb und
-wartete. Sie begriff, daß ich nachdachte.
-
-Und ich schilderte San Clemente, wie es schweigend, dürr und großartig im
-Brand des Sommernachmittags liegt. Nebenan in Fiesole treibt man Industrie,
-flicht Strohhüte und Körbe, verkauft Souvenirs und Orangen, betrügt die
-Reisenden oder bettelt sie an. Weiter unten liegt Florenz und umfaßt eine
-Flut alten und neuen Lebens. Aber beide sieht man von Clemente aus nicht.
-Dort haben keine Maler gearbeitet, dort ist kein Römerbau gewesen, die
-Geschichte vergaß das arme Tal. Aber dort kämpft die Sonne und der Regen
-mit der Erde, dort erhalten sich schiefe Pinien mühsam am Leben und die
-paar Cypressen fühlen mit hageren Wipfeln in die Luft, ob nicht der
-feindliche Sturm nahe sei, der ihnen das karge Leben verkürzt, an dem sie
-mit dürstenden Wurzeln hängen. Es fährt zuweilen ein Ochsenwagen von den
-nahe liegenden großen Meierhöfen vorbei oder eine Bauernfamilie pilgert
-Fiesole entgegen, aber sie sind nur zufällige Gäste und die roten Röcke der
-Bauernweiber, die sonst so flott und lustig aussehen, stören hier und man
-vermißt sie gern.
-
-Und ich erzählte, wie ich als junger Mensch mit einem Freunde dort
-wanderte, zu Füßen der Cypressen lag und mich an ihre hageren Stämme
-lehnte; und wie der traurig schöne Einsamkeitszauber des seltsamen Tales
-mich an die heimatlichen Schluchten erinnerte.
-
-Wir schwiegen eine Weile.
-
-»Sie sind ein Dichter,« sagte das Mädchen.
-
-Ich schnitt eine Grimasse.
-
-»Ich meine es anders,« fuhr sie fort. »Nicht weil Sie Novellen und
-dergleichen schreiben. Sondern weil Sie die Natur verstehen und lieb haben.
-Was ist es anderen Leuten, wenn ein Baum rauscht oder ein Berg in der Sonne
-glüht? Aber für Sie ist ein Leben darin, das Sie mitleben können.«
-
-Ich antwortete, daß niemand »die Natur verstehe« und daß man mit allem
-Suchen und Begreifenwollen nur Rätsel findet und traurig wird. Ein in der
-Sonne stehender Baum, ein verwitternder Stein, ein Tier, ein Berg -- sie
-haben ein Leben, sie haben eine Geschichte, sie leben, leiden, trotzen,
-genießen, sterben, aber wir begreifen es nicht.
-
-Indeß ich sprach und mich ihres geduldig stillen Aufmerkens freute, begann
-ich sie zu betrachten. Ihr Blick war auf mein Gesicht gerichtet und wich
-dem meinen nicht aus. Ihr Gesicht war ganz ruhig, hingegeben und von der
-Aufmerksamkeit ein wenig gespannt. Wie wenn ein Kind mir zuhörte. Nein,
-sondern wie wenn ein Erwachsener im Zuhören sich vergißt und, ohne es zu
-wissen, Kinderaugen bekommt. Und während des Betrachtens entdeckte ich
-allmählich mit naiver Finderfreude, daß sie sehr schön war.
-
-Als ich nicht mehr sprach, blieb auch das Mädchen still. Dann schreckte sie
-auf und blinzelte ins Lampenlicht.
-
-»Wie heißen Sie eigentlich, Fräulein?« fragte ich und dachte nicht viel
-dabei.
-
-»Elisabeth.«
-
-Sie ging weg und wurde bald darauf genötigt Klavier zu spielen. Sie spielte
-gut. Aber da ich hinzutrat sah ich, daß sie nicht mehr so schön war.
-
-Als ich die behaglich altmodische Treppe hinabstieg, um nach Hause zu
-gehen, hörte ich ein paar Worte vom Gespräch zweier Maler, welche in der
-Hausflur ihre Mäntel anlegten.
-
-»Na ja, er hat sich den ganzen Abend mit der hübschen Lisbeth beschäftigt,«
-sagte einer und lachte.
-
-»Stille Wasser!« meinte der andere. »Er hat sich nicht das Schlechteste
-ausgesucht.«
-
-Also die Affen sprachen schon darüber. Es fiel mir plötzlich ein, daß ich,
-fast wider Willen, diesem fremden jungen Mädchen intime Erinnerungen und
-ein ganzes Stück meines inneren Lebens preisgegeben hatte. Wie kam ich
-dazu? Und nun schon die bösen Mäuler! -- Bande!
-
-Ich ging weg und betrat monatelang das Haus nicht mehr. Zufällig war eben
-einer von jenen zwei Malern der Erste, der mich auf der Straße darüber zur
-Rede stellte.
-
-»Warum gehen Sie denn nicht mehr hin?«
-
-»Weil ich das verdammte Klatschen nicht leiden kann,« sagte ich.
-
-»Ja, unsere Damen!« lachte der Kerl.
-
-»Nein,« antwortete ich, »ich meine die Männer, und speziell die Herren
-Maler.«
-
-Elisabeth sah ich in diesen Monaten nur ganz wenige Mal auf der Straße,
-einmal in einem Kaufladen und einmal in der Kunsthalle. Gewöhnlich war sie
-hübsch, doch nicht schön. Die Bewegungen ihrer überschlanken Gestalt hatten
-etwas Apartes, das sie meistens schmückte und auszeichnete, manchmal aber
-auch etwas übertrieben und unecht aussehen konnte. Schön, überaus schön war
-sie damals in der Kunsthalle. Sie sah mich nicht. Ich saß ausruhend
-beiseite und blätterte im Katalog. Sie stand in meiner Nähe vor einem
-großen Segantini und war ganz in das Bild versunken. Es stellte ein paar
-auf mageren Matten arbeitende Bauernmädchen dar, hinten die zackig jähen
-Berge, etwa an die Stockhorngruppe erinnernd, und darüber in einem kühlen,
-lichten Himmel eine unsäglich genial gemalte, elfenbeinfarbene Wolke. Sie
-frappierte auf den ersten Blick durch ihre seltsam geknäuelte,
-ineinandergedrehte Masse; man sah, sie war eben erst vom Winde geballt und
-geknetet und schickte sich nun an zu steigen und langsam fortzufliegen.
-Offenbar verstand Elisabeth diese Wolke, denn sie war ganz dem Anschauen
-hingegeben. Und wieder war ihre sonst verborgene Seele in ihr Gesicht
-getreten, lachte leise aus den vergrößerten Augen, machte den zu schmalen
-Mund kindlich weich und hatte die überkluge herbe Stirnfalte zwischen den
-Brauen geebnet. Die Schönheit und Wahrhaftigkeit eines großen Kunstwerkes
-zwang ihre Seele, selbst schön und wahrhaftig und unverhüllt sich
-darzustellen.
-
-Ich saß still daneben, betrachtete die schöne Segantiniwolke und das schöne
-von ihr entzückte Mädchen. Dann fürchtete ich, sie möchte sich umwenden,
-mich sehen und anreden und ihre Schönheit wieder verlieren, und ich verließ
-den Saal schnell und leise.
-
-Um jene Zeit begann meine Freude an der stummen Natur und mein Verhältnis
-zu ihr sich zu verändern. Immer wieder streifte ich durch die wundervolle
-Umgebung der Stadt, am liebsten in den Jura hinein. Ich sah immer wieder
-die Wälder und Berge, Matten, Obstbäume und Gebüsche stehen und auf irgend
-etwas warten. Vielleicht auf mich, jedenfalls aber auf Liebe.
-
-Und so begann ich diese Dinge zu lieben. Es kam ein starkes, dürstendes
-Verlangen in mir ihrer stillen Schönheit entgegen. Auch in mir drängte ein
-tiefes Leben und Sehnen dunkel empor und suchte nach Bewußtsein, nach
-Verstandenwerden, nach Liebe.
-
-Viele sagen, sie »lieben die Natur«. Das heißt, sie sind nicht abgeneigt je
-und je ihre dargebotenen Reize sich gefallen zu lassen. Sie gehen hinaus
-und freuen sich über die Schönheit der Erde, zertreten die Wiesen und
-reißen schließlich eine Menge Blumen und Zweige ab, um sie bald wieder
-wegzuwerfen oder daheim verwelken zu sehen. So lieben sie die Natur. Sie
-erinnern sich dieser Liebe am Sonntag, wenn schönes Wetter ist, und sind
-dann gerührt über ihr gutes Herz. Sie hätten es ja nicht nötig, denn »der
-Mensch ist die Krone der Natur«. Ach ja, die Krone!
-
-Also ich blickte immer begieriger in den Abgrund der Dinge. Ich hörte den
-Wind vieltönig in den Kronen der Bäume klingen, hörte Bäche durch
-Schluchten brausen und leise stille Ströme durch die Ebene ziehen, und ich
-wußte, daß diese Töne Gottes Sprache waren und daß es ein Wiederfinden des
-Paradieses wäre, diese dunkle, urschöne Sprache zu verstehen. Die Bücher
-wissen davon wenig, nur in der Bibel steht das wunderbare Wort vom
-»unaussprechlichen Seufzen« der Kreatur. Doch ahnte ich, daß zu allen
-Zeiten Menschen, gleich mir von diesem Unverstandenen ergriffen, ihr
-Tagewerk verlassen und die Stille aufgesucht hatten, um dem Liede der
-Schöpfung zu lauschen, das Ziehen der Wolken zu betrachten und in rastloser
-Sehnsucht dem Ewigen anbetende Arme entgegenzustrecken, Einsiedler, Büßer
-und Heilige.
-
-Bist du nie in Pisa gewesen, im Camposanto? Dort sind die Wände mit
-blaßgewordenen Bildern vergangener Jahrhunderte geschmückt, und eines davon
-zeigt das Leben der Einsiedler in der thebaischen Wüste. Das naive Bild
-strömt noch heute mit seinen verblaßten Farben den Zauber eines so seligen
-Friedens aus, daß du ein plötzliches Leid empfindest und daß es dich
-verlangt, deine Sünden und deine Unreinheit irgendwo in heiliger Weltferne
-von dir zu weinen und nicht wiederzukommen. Unzählige Künstler haben so
-versucht, ihr Heimweh in seligen Bildern auszusagen, und irgend ein kleines
-liebes Kinderbildchen von Ludwig Richter singt dir dasselbe Lied wie die
-Fresken von Pisa. Warum hat Tizian, der Freund des Gegenwärtigen und
-Körperlichen, seinen klaren und gegenständlichen Bildern manchmal jenen
-Hintergrund vom süßesten Ferneblau gegeben? Es ist nur ein Strich
-tiefblauer, warmer Farbe, man sieht nicht ob er ferne Gebirge oder nur den
-unbegrenzten Raum bedeuten will. Tizian, der Realist, wußte es selbst
-nicht. Er tat es nicht, wie die Kunsthistoriker wissen wollen, aus Gründen
-der Farbenharmonik, sondern es war sein Tribut an das Unstillbare, das
-verborgen auch in der Seele dieses Frohen und Glücklichen lebte. So, schien
-mir, war die Kunst zu allen Zeiten bemüht gewesen, dem stummen Verlangen
-des Göttlichen in uns eine Sprache zu schenken.
-
-Reifer, schöner und doch viel kindlicher sprach der heilige Franz das aus.
-Ihn verstand ich erst damals völlig. Indem er die ganze Erde, die Pflanzen,
-Gestirne, Tiere, Winde und Wasser in seine Liebe zu Gott inbegriff,
-übereilte er das Mittelalter und selbst Dante und fand die Sprache des
-zeitlos Menschlichen. Er nennt alle Mächte und Erscheinungen der Natur
-seine lieben Brüder und Schwestern. Als er in seinen spätern Jahren von den
-Ärzten dazu verurteilt ward, sich die Stirn mit glühendem Eisen brennen zu
-lassen, begrüßte er mitten in der Angst des gefolterten Schwerkranken in
-diesem schrecklichen Eisen »seinen lieben Bruder, das Feuer.«
-
-Indem ich nun anfing die Natur persönlich zu lieben, ihr zu lauschen wie
-einem Kameraden und Reisegefährten, der eine fremde Sprache redet, ward
-meine Schwermut zwar nicht geheilt, aber veredelt und gereinigt. Mein Ohr
-und Auge schärfte sich, ich lernte feine Tönungen und Unterschiede erfassen
-und sehnte mich, den Herzschlag alles Lebens immer näher und klarer zu
-hören und vielleicht einmal zu verstehen und vielleicht einmal der Gabe
-teilhaftig zu werden, ihm in Dichterworten Ausdruck zu gönnen, damit auch
-andere ihm näher kämen und mit besserem Verständnis die Quellen aller
-Erfrischung, Reinigung und Kindlichkeit besuchten. Einstweilen war das ein
-Wunsch, ein Traum -- --, ich wußte nicht ob er sich je erfüllen könne und
-hielt mich ans nächste, indem ich allem Sichtbaren Liebe entgegenbrachte
-und mich gewöhnte, kein Ding mehr gleichgültig oder verächtlich zu
-betrachten.
-
-Ich kann nicht sagen, wie erneuend und tröstend dies auf mein verdunkeltes
-Leben wirkte! Es ist nichts Adligeres und nichts Beglückenderes in der Welt
-als eine wortelose, stetige, leidenschaftslose Liebe und ich wünsche nichts
-herzlicher als daß von denen, die meine Worte lesen, einige oder auch nur
-zwei oder einer diese reine und selige Kunst durch meinen Antrieb zu lernen
-beginnen möchte. Manche haben sie von Natur und üben sie ihr Leben lang
-unbewußt, das sind Gottes Lieblinge, die Guten und Kinder unter den
-Menschen. Manche haben sie in schweren Leiden gelernt -- habt ihr nie unter
-Krüppeln und Elenden solche mit überlegenen, stillen, glänzenden Augen
-gesehen? Wenn ihr nicht auf mich und meine armen Worte hören möget, so
-gehet zu ihnen, in denen eine begierdelose Liebe das Leiden überwand und
-verklärte.
-
-Dieser Vollendung, die ich an manchen armen Duldern verehrt habe, stehe ich
-noch heute kläglich fern. Aber diese Jahre hindurch entbehrte ich nur
-selten des tröstenden Glaubens, den rechten Weg zu ihr zu wissen.
-
-Daß ich ihn auch immer gegangen wäre, darf ich nicht sagen, vielmehr blieb
-ich unterwegs auf allen Bänken sitzen und sparte auch manchen bösen Umweg
-nicht. Zwei selbstsüchtige und mächtige Neigungen stritten in mir wider die
-echte Liebe. Ich war Trinker und ich war menschenscheu. Zwar beschnitt ich
-mein Quantum Wein erheblich, aber alle paar Wochen überredete mich der
-schmeichlerische Gott, daß ich mich ihm in die Arme warf. Daß ich etwa auf
-der Straße liegen blieb oder ähnliche Nachtstücke verübte, ist allerdings
-kaum jemals vorgekommen, denn der Wein liebt mich, und lockt mich nur bis
-dahin, wo seine Geister mit meinem eigenen in freundschaftlichem
-Zwiegespräch verkehren. Immerhin verfolgte mich lange Zeit nach jeder
-Trinkerei das böse Gewissen. Aber schließlich konnte ich meine Liebe doch
-nicht gerade dem Wein entziehen, zu dem ich eine starke Neigung vom Vater
-ererbt hatte. Jahrelang hatte ich diese Erbschaft sorgsam und pietätvoll
-gehegt und mir gründlich zu eigen gemacht, also half ich mir nun und schloß
-zwischen Trieb und Gewissen einen halb ernsten, halb scherzhaften Vertrag.
-Ich nahm in den Lobgesang des Heiligen von Assisi »meinen lieben Bruder,
-den Wein« mit auf.
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Viel schlimmer war mein anderes Laster. Ich hatte wenig Freude an den
-Menschen, lebte als Einsiedler und war gegen menschliche Dinge stets mit
-Spott und Verachtung zur Hand.
-
-Im Beginn meines neuen Lebens dachte ich daran noch gar nicht. Ich fand es
-richtig, die Menschen einander zu überlassen und meine Zärtlichkeit,
-Hingabe und Teilnahme allein dem stummen Leben der Natur zu schenken. Auch
-erfüllte diese mich im Anfang ganz.
-
-Nachts, wenn ich zu Bett gehen wollte, fiel mir etwa plötzlich ein Hügel,
-ein Waldrand, ein einzelner Lieblingsbaum ein, den ich lange nicht mehr
-besucht hatte. Nun stand er in der Nacht im Wind, träumte, schlummerte
-vielleicht, stöhnte und regte die Zweige. Wie mochte er aussehen? Und ich
-verließ das Haus, suchte ihn auf und sah seine undeutliche Gestalt im
-Finstern stehen, betrachtete ihn mit erstaunter Zärtlichkeit und trug sein
-dämmerndes Bild in mir davon.
-
-Ihr lacht darüber. Vielleicht war diese Liebe verirrt, doch nicht
-vergeudet. Aber wie sollte ich von hier den Weg finden, der zur
-Menschenliebe führte?
-
-Nun, wo ein Anfang gemacht ist, kommt immer das Beste von selber nach.
-Immer näher und möglicher schwebte mir die Idee meiner großen Dichtung vor.
-Und wenn mein Liebhaben mich dahin bringen würde, einmal als Dichter die
-Sprache der Wälder und Ströme zu reden, für wen geschähe das dann? Nicht
-nur für meine Lieblinge, sondern doch vor allem für die Menschen, denen ich
-ein Führer und ein Lehrer der Liebe sein wollte. Und gegen diese Menschen
-war ich rauh, spöttisch und lieblos. Ich empfand den Zwiespalt und die
-Nötigung, das herbe Fremdsein zu bekämpfen und auch den Menschen
-Brüderlichkeit zu zeigen. Und das war schwer, denn Vereinsamung und
-Schicksale hatten mich gerade auf diesem Punkt hart und böse gemacht. Es
-genügte nicht, daß ich daheim und im Wirtshaus mich mühte weniger herb zu
-sein und daß ich etwa unterwegs einem Begegnenden freundlich zunickte.
-Übrigens sah ich schon hierbei, wie gründlich ich mir das Verhältnis zu den
-Leuten versalzen hatte, denn man kam meinen Freundlichkeitsversuchen
-mißtrauisch und kühl entgegen oder nahm sie für Hohn auf. Das Schlimmste
-war, daß ich das Haus jenes Gelehrten, das einzige meiner Bekanntschaft,
-fast ein Jahr lang gemieden hatte, und ich sah ein, daß ich vor allem dort
-wieder anklopfen und mir irgend einen Weg in die hiesige Art von
-Geselligkeit suchen müsse.
-
-Nun, hier half mir meine eigene verhöhnte Menschlichkeit erklecklich. Kaum
-hatte ich wieder an jenes Haus gedacht, so sah ich auch im Geist Elisabeth,
-schön wie sie vor Segantinis Wolke gewesen war, und merkte plötzlich, wie
-sehr sie an meiner Sehnsucht und Schwermut teil hatte. Und es geschah, daß
-ich zum erstenmal ernstlich daran dachte, ein Weib zu freien. Bisher war
-ich von meiner völligen Unfähigkeit zur Ehe so überzeugt gewesen, daß ich
-mich darein mit bissiger Ironie ergeben hatte. Ich war Dichter, Wanderer,
-Trinker, Einspänner! Jetzt glaubte ich mein Schicksal zu erkennen, das mir
-in der Möglichkeit einer Liebesehe die Brücke zur Menschenwelt schlagen
-wollte. Alles sah so verlockend und sicher aus! Daß Elisabeth mir Teilnahme
-schenkte, hatte ich gespürt und gesehen; auch daß sie ein empfängliches und
-edles Wesen besaß. Ich dachte daran, wie bei der Plauderei über San
-Clemente und dann vor dem Segantini ihre Schönheit lebendig geworden war.
-Ich aber hatte seit Jahren aus Kunst und Natur einen reichen inneren Besitz
-gesammelt; sie würde von mir das überall schlummernde Schöne sehen lernen
-und ich würde sie so mit Schönem und Wahrem umgeben, daß ihr Gesicht und
-ihre Seele alle Trübungen vergäße und sich zur Blüte ihrer Fähigkeiten
-entfalten könnte. Seltsamer Weise empfand ich das Komische meiner
-plötzlichen Verwandlung gar nicht. Ich Einsamer und Sonderling war über
-Nacht ein verliebter Fant geworden, der von Eheglück und von der
-Einrichtung eines eigenen Hauswesens träumt.
-
-Eiligst suchte ich denn das gastliche Haus auf und ward mit freundlichen
-Vorwürfen empfangen. Ich ging mehrmals hin und nach einigen Besuchen traf
-ich Elisabeth dort wieder. O, sie war schön! Sie sah aus wie ich sie mir
-als meine Geliebte vorgestellt hatte: schön und glücklich. Und ich genoß
-eine Stunde lang die frohe Schönheit ihrer Gegenwart. Sie begrüßte mich
-gütig, sogar herzlich und mit einer vertrauten Freundschaftlichkeit, die
-mich glücklich machte.
-
- * * * * *
-
-Erinnert ihr euch noch des Abends auf dem See, im Boot, des Abends mit den
-roten Papierlampen, mit der Musik, mit meiner im Keim erstickten
-Liebeserklärung? Es war die traurige und lächerliche Geschichte eines
-verliebten Knaben.
-
-Lächerlicher -- und trauriger ist die Geschichte des verliebten Mannes
-Peter Camenzind.
-
-Ich erfuhr so beiläufig, Elisabeth sei seit kurzem Braut. Ich gratulierte
-ihr, ich machte die Bekanntschaft ihres Verlobten, der sie abzuholen kam,
-und ich gratulierte auch ihm. Den ganzen Abend lag ein wohlwollendes
-Gönnerlächeln auf meinem Gesicht, mir selber lästig, wie eine Maske.
-Nachher lief ich weder in den Wald noch ins Wirtshaus, sondern saß auf
-meinem Bett, sah der Lampe zu, bis sie stank und erlosch, erstaunt und
-verdonnert, bis endlich mein Bewußtsein wieder erwachte. Da breiteten noch
-einmal der Schmerz und Verzweiflung ihre schwarzen Flügel über mich, daß
-ich klein und schwach und zerbrochen lag und daß ich schluchzte wie ein
-Knabe.
-
-Darauf packte ich meinen Rucksack, ging morgens zur Bahn und reiste nach
-Haus. Ich hatte Sehnsucht wieder am Sennalpstock zu klettern, an meine
-Kinderzeit zu denken und nachzusehen, ob mein Vater noch lebe.
-
-Wir waren uns fremd geworden. Der Vater sah völlig grau, ein wenig gebückt
-und ein wenig unscheinbar aus. Er behandelte mich sanft und mit Scheu,
-fragte nach nichts, wollte mir sein Bett abtreten und schien durch meinen
-Besuch nicht weniger in Verlegenheit gebracht als überrascht zu sein. Er
-hatte das Häuschen noch, die Matten und das Vieh aber verkauft, bezog einen
-kleinen Zins und tat hier und dort ein wenig leichte Arbeit.
-
-Als er mich allein ließ, trat ich an die Stelle, wo früher meiner Mutter
-Bett gestanden hatte, und das Vergangene lief wie ein breiter, ruhiger
-Strom an mir vorbei. Ich war kein Jüngling mehr und dachte daran, wie
-schnell die Jahre weitergehen würden, dann wäre auch ich ein gebücktes und
-graues Männlein und legte mich zum bittern Sterben hin. In der fast
-unveränderten, ärmlichen alten Stube, wo ich klein gewesen war, wo ich
-Latein gelernt und den Tod der Mutter gesehen hatte, hatten diese Gedanken
-eine ruhebringende Natürlichkeit. Mit Dank erinnerte ich mich an allen
-Reichtum meiner Jugend, dabei fiel der Vers des Lorenzo Medici mir ein, den
-ich in Florenz gelernt hatte:
-
- Quant' è bella giovinezza,
- Ma si fugge tuttavia.
- Chi vuol esser lieto, sia:
- Di doman non c'è certezza.
-
-und zugleich wunderte ich mich, Erinnerungen aus Italien und aus der
-Geschichte und aus dem weiten Reich des Geistes in diese alte heimatliche
-Stube zu tragen.
-
-Darauf gab ich meinem Vater etwas Geld. Am Abend gingen wir ins Wirtshaus
-und dort war alles wie damals, nur daß jetzt ich den Wein bezahlte und daß
-der Vater, als er vom Sternwein und Champagner sprach, sich auf mich
-berief, und daß ich jetzt mehr als der Alte vertragen konnte. Ich fragte
-nach dem greisen Bäuerlein, dem ich damals den Wein über seinen Kahlkopf
-gegossen hatte. Er war ein Witzbold und Kniffgenie gewesen, aber nun war er
-längst tot und über seine Schnurren begann Gras zu wachsen. Ich trank
-Waadtländer, hörte den Gesprächen zu, erzählte ein wenig, und da ich mit
-dem Vater durch den Mondschein nach Hause ging und er im Rausche weiter
-redete und gestikulierte, war mir so sonderbar verzaubert zu Mute wie noch
-nie. Fortwährend umgaben mich die Bilder der früheren Zeit, Onkel Konrad,
-Rösi Girtanner, die Mutter, Richard und die Aglietti und ich sah sie an wie
-ein schönes Bilderbuch, bei dem man sich wundert, wie schön und
-wohlbeschaffen alle Dinge darin aussehen, die in der Wirklichkeit nicht
-halb so köstlich sind. Wie war das alles an mir vorbeigerauscht, vergangen,
-fast vergessen und stand nun doch klar und reinlich in mir ausgezeichnet:
-ein halbes Leben, ohne meinen Willen vom Gedächtnis aufbewahrt.
-
-Erst als wir nach Hause kamen und als mein Vater spät verstummte und
-entschlief, dachte ich wieder an Elisabeth. Noch gestern hatte sie mich
-begrüßt, hatte ich sie bewundert und hatte ihrem Bräutigam Glück gewünscht.
-Es schien mir eine lange Zeit seither vergangen zu sein. Aber der Schmerz
-erwachte, vermischte sich mit der Flut der aufgestörten Erinnerungen und
-rüttelte an meinem selbstsüchtigen und schlecht verwahrten Herzen wie der
-Föhn an einer zitternden und baufälligen Almhütte. Ich hielt es nicht im
-Hause aus. Ich stieg durchs niedere Fenster, ging durchs Gärtchen an den
-See, machte den verwahrlosten Weidling los und ruderte leise in die blasse
-Seenacht. Feierlich schwiegen umher die silbrig umdünsteten Berge, der fast
-völlige Mond hing in der bläulichen Nacht und ward beinahe von der Spitze
-des Schwarzenstocks erreicht. Es war so still, daß ich den fernen
-Sennalpstock-Wasserfall leise brausen hören konnte. Die Geister der Heimat
-und die Geister meiner Jugendzeit berührten mich mit ihren bleichen
-Flügeln, erfüllten meinen kleinen Nachen und deuteten flehentlich mit
-ausgestreckten Händen und schmerzlichen, unverständlichen Geberden.
-
-Was hatte nun mein Leben bedeutet und wozu waren so viele Freuden und
-Schmerzen über mich hinweggegangen? Warum hatte ich Durst nach dem Wahren
-und Schönen gehabt, da ich heute noch ein Dürstender war? Warum hatte ich
-in Trotz und Tränen um jene begehrenswerten Frauen Liebe und Schmerzen
-gelitten -- ich, der ich heute wieder das Haupt in Scham und Tränen um eine
-traurige Liebe neigte? Und warum hatte der unbegreifliche Gott mir das
-brennende Heimweh nach Liebe ins Herz getan, da er mir doch das Leben eines
-Einsamen und wenig Geliebten bestimmt hatte?
-
-Das Wasser gurgelte dumpf am Bug und tröpfelte silbern von den Rudern, die
-Berge standen ringsum nahe und schweigend, über die Nebel der Schluchten
-wandelte das kühle Mondlicht. Und die Geister meiner Jugendzeit standen
-schweigsam um mich her und blickten mich aus tiefen Augen still und fragend
-an. Mir war, ich sähe unter ihnen auch die schöne Elisabeth, und sie hätte
-mich geliebt und sie wäre mein geworden, wenn ich zur rechten Zeit gekommen
-wäre.
-
-Auch war mir als wäre es am besten, ich sänke still in den bleichen See und
-es würde mir von niemand nachgefragt. Aber dennoch ruderte ich schneller,
-als ich merkte, daß der schlechte alte Nachen Wasser zog. Mich fror
-plötzlich und ich eilte, nach Haus und zu Bett zu kommen. Dort lag ich müd
-und wach und sann über mein Leben nach und suchte zu finden, was mir fehle
-und was mir nötig wäre, um glücklicher und echter zu leben und näher an das
-Herz des Daseins zu kommen.
-
-Wohl wußte ich, daß aller Güte und Freude Kern die Liebe sei und daß ich
-beginnen müsse, trotz meines frischen Schmerzes um Elisabeth die Menschen
-ernstlich liebzuhaben. Aber wie? Und wen?
-
-Da fiel mir mein alter Vater ein und ich merkte zum erstenmal, daß ich ihn
-nie in der rechten Weise lieb gehabt hatte. Als Knabe hatte ich ihm das
-Leben sauer gemacht, dann war ich fortgegangen, hatte ihn auch nach der
-Mutter Tod allein gelassen, mich oft seiner geärgert und ihn schließlich
-fast ganz vergessen. Ich mußte mir vorstellen, er läge auf dem Totenbett
-und ich stünde allein und verwaist daneben und sähe seine Seele entrinnen,
-die mir fremd geblieben war und um deren Liebe ich mich nie bemüht hatte.
-
-So begann ich denn die schwere und süße Kunst, statt an einer schönen und
-bewunderten Geliebten, an einem greisen, ruppigen Trinker zu lernen. Ich
-gab ihm keine groben Antworten mehr, beschäftigte mich nach Möglichkeit mit
-ihm, las ihm Kalendergeschichten vor und erzählte ihm von den Weinen, die
-in Frankreich und Italien wachsen und getrunken werden. Sein bischen Arbeit
-konnte ich ihm nicht abnehmen, da er ohne das verwahrlost wäre. Auch gelang
-es mir nicht ihn daran zu gewöhnen, daß er seinen Abendschoppen mit mir zu
-Hause statt in der Kneipe trank. Ein paar Abende versuchten wir es. Ich
-holte Wein und Cigarren, und gab mir Mühe dem alten Mann die Zeit zu
-vertreiben. Am vierten oder fünften Abend war er still und trotzig und
-klagte endlich, als ich ihn fragte was ihm fehle: »Ich glaube, du willst
-deinen Vater nimmer ins Wirtshaus lassen.«
-
-»Keine Rede,« sagte ich, »du bist der Vater und ich der Bub und wie's
-gehalten werden soll, ist deine Sache.«
-
-Er blinzelte mich prüfend an, dann nahm er vergnügt seine Mütze und wir
-marschierten selbander zum Wirtshaus.
-
-Es war deutlich zu sehen, daß meinem Vater ein längeres Zusammenbleiben
-zuwider gewesen wäre, obwohl er nichts darüber sagte. Auch trieb es mich,
-irgendwo in der Fremde die Beruhigung meines zwiespältigen Zustandes
-abzuwarten. »Was meinst du, wenn ich dieser Tage wieder abreiste?« fragte
-ich den Alten. Er kratzte sich den Schädel, zuckte die schmalgewordenen
-Achseln und lächelte schlau und abwartend: »Je, wie du willst!« Ehe ich
-reiste, suchte ich einige Nachbarn sowie die Klosterleute auf und bat sie,
-ein Auge auf ihn zu haben. Auch benützte ich noch einen schönen Tag zur
-Besteigung des Sennalpstocks. Von seiner halbrunden, breiten Kuppe
-überschaute ich Gebirg und grüne Tale, blanke Wasser und den Dunst
-entfernter Städte. All dies hatte mich als Knaben mit mächtigem Verlangen
-erfüllt, ich war ausgezogen mir die schöne weite Welt zu erobern, und nun
-lag sie wieder vor mir ausgebreitet, so schön und so fremd wie je, und ich
-war bereit aufs neue hinüberzugehen und noch einmal das Land des Glückes zu
-suchen.
-
-Meinen Studien zuliebe hatte ich längst beschlossen, einmal für längere
-Zeit nach Assisi zu gehen. Ich fuhr nun zunächst nach Basel zurück,
-besorgte das Nötigste, packte meine paar Sachen ein und schickte sie nach
-Perugia voraus. Ich selber fuhr nur bis Florenz und pilgerte von dort
-langsam und behaglich zu Fuße südwärts. Dort unten braucht man zum
-freundschaftlichen Verkehr mit dem Volke keinerlei Künste zu verstehen; das
-Leben dieser Leute liegt stets an der Oberfläche und ist so simpel, frei
-und naiv, daß man von Städtchen zu Städtchen sich mit einer Menge von
-Leuten harmlos befreundet. Ich fühlte mich wieder geborgen und heimisch und
-beschloß, auch später in Basel die wärmende Nähe menschlichen Lebens nicht
-wieder in der Gesellschaft, sondern unter dem schlichten Volke zu suchen.
-
-In Perugia und Assisi bekam meine historische Arbeit wieder Interesse und
-Leben. Da auch das tägliche Dasein dort eine Lust war, begann mein
-schadhaft gewordenes Wesen bald wieder zu gesunden und neue Notbrücken zum
-Leben zu schlagen. Meine Hauswirtin in Assisi, eine redselige und fromme
-Gemüsehändlerin, schloß auf Grund einiger Gespräche über den Santo eine
-innige Freundschaft mit mir und brachte mich in den Geruch eines strammen
-Katholiken. So unverdient diese Ehre war, brachte sie mir doch den Vorteil,
-mit den Leuten intimer umgehen zu können, da ich frei vom Verdacht des
-Heidentums war, der sonst jedem Fremden anhaftet. Die Frau hieß Annunziata
-Nardini, war vierunddreißig Jahr alt und Witwe, von kolossalem Körperumfang
-und sehr guten Manieren. Sonntags sah sie in einem geblümten, fröhlich
-farbigen Kleid wie der leibhaftige Festtag aus, dann trug sie außer den
-Ohrringen auch noch eine goldene Kette auf der Brust, an welcher eine Reihe
-von Medaillen aus Goldblech läutete und leuchtete. Auch schleppte sie dann
-ein silberbeschlagenes, schweres Brevier mit sich herum, dessen Gebrauch
-ihr jedenfalls schwer gefallen wäre, und einen schönen schwarzweißen
-Rosenkranz mit Silberkettchen, den sie desto gewandter handhaben konnte.
-Wenn sie dann zwischen zwei Kirchgängen in der Loggetta saß und den
-bewundernden Nachbarinnen die Sünden abwesender Freundinnen aufzählte, lag
-auf ihrem runden, frommen Gesicht der rührende Ausdruck einer mit Gott
-versöhnten Seele.
-
-Ich hieß, da mein Name den Leuten unmöglich auszusprechen war, einfach
-Signor Pietro. An den schönen, goldigen Abenden saßen wir beisammen in der
-winzigen Loggetta, Nachbarn, Kinder und Katzen dabei, oder im Laden
-zwischen den Früchten, Gemüsekörben, Samenschachteln und aufgehängten
-Rauchwürsten, erzählten einander unsre Erlebnisse, besprachen die
-Ernteaussichten, rauchten eine Cigarre oder sogen jeder an einem
-Melonenschnitz. Ich berichtete vom heiligen Franz, von der Geschichte der
-Portiunkula und der Kirche des Santo, von der heiligen Klara und von den
-ersten Brüdern. Ernsthaft hörte man zu, stellte tausend kleine Fragen,
-lobte den Heiligen und ging zur Erzählung und Erörterung neuerer und
-sensationeller Ereignisse über, unter welchen Räubergeschichten und
-politische Fehden besonders beliebt waren. Zwischen uns spielten und
-balgten sich die Katzen, Kinder und Hündlein. Aus eigener Lust und um
-meinen guten Ruf aufrecht zu erhalten, durchstöberte ich die Legende nach
-erbaulichen und rührenden Geschichten und freute mich, neben wenigen andern
-Bücher auch Arnolds »Leben der Altväter und anderer gottseliger Personen«
-mitgebracht zu haben, dessen treuherzige Anekdoten ich mit kleinen
-Variationen in ein vulgäres Italienisch übertrug. Vorübergehende blieben
-ein Weilchen stehen, hörten zu, plauderten mit, und oft wechselte so die
-Gesellschaft an einem Abend drei, vier mal, nur Frau Nardini und ich waren
-seßhaft und fehlten nie. Ich hatte meinen Rotwein im Fiasko neben mit
-stehen und imponierte dem armen und mäßig lebenden Völklein durch meinen
-stattlichen Weinverbrauch. Allmählich wurden auch die scheuen Mädchen der
-Nachbarschaft zutraulicher und beteiligten sich am Gespräch von der
-Türschwelle aus, ließen sich Bildchen schenken und begannen an meine
-Heiligkeit zu glauben, da ich weder zudringliche Scherze machte noch
-überhaupt mich um ihre Vertraulichkeit zu bemühen schien. Unter ihnen waren
-einige großäugige, träumerische Schönheiten, welche aus Bildern des
-Perugino zu stammen schienen. Ich hatte sie alle gern und freute mich ihrer
-gutmütig schalkhaften Gegenwart, doch war ich nie in eine von ihnen
-verliebt, denn die hübschen unter ihnen glichen einander so sehr, daß ihre
-Schönheit mir stets nur als Rasse und nie als persönlicher Vorzug erschien.
-Öfter stellte sich auch Mattheo Spinelli ein, ein junges Bürschchen, Sohn
-des Bäckermeisters, ein geriebener und witziger Kerl. Er konnte eine Menge
-Tiere nachahmen, wußte über jeden Skandal Bescheid und stak zum Bersten
-voll von frechen und schlauen Unternehmungen. Wenn ich Legenden erzählte,
-hörte er mit einer Frömmigkeit und Demut ohne gleichen zu, machte sich
-nachher aber über die heiligen Väter in naiv vorgebrachten boshaften
-Fragen, Vergleichen und Vermutungen lustig, zum Entsetzen der Obstfrau und
-unverhohlenen Entzücken der meisten Zuhörer.
-
-Häufig saß ich auch allein bei Frau Nardini, hörte ihre erbaulichen Reden
-an und hatte meine unheilige Freude an ihren zahlreichen Menschlichkeiten.
-Ihr entging kein Fehler und Laster an ihren Nächsten, sie wies ihnen im
-voraus peinlich abschätzend ihre Plätze im Fegefeuer an. Mich aber hatte
-sie ins Herz geschlossen und vertraute mir die kleinsten Erlebnisse und
-Beobachtungen offen und umständlich an. Sie fragte mich nach jedem kleinen
-Einkauf, wieviel ich bezahlt habe, und wachte darüber, daß ich nicht
-übervorteilt würde. Sie ließ sich die Lebensläufe der Heiligen erzählen und
-machte mich dafür mit den Geheimnissen des Obstkaufs, des Gemüsehandels und
-der Küche bekannt. Eines Abends saßen wir in der gebrechlichen Halle. Ich
-hatte zum rasenden Entzücken der Kinder und Mädchen ein Schweizerlied
-gesungen und einen Jodler losgelassen. Sie wanden sich vor Lust, imitierten
-den Klang der fremden Sprache und zeigten mir, wie komisch mein Kehlkopf
-beim Jodeln auf und nieder gestiegen sei. Da begann jemand von der Liebe zu
-sprechen. Die Mädchen kicherten, Frau Nardini verdrehte die Augen und
-seufzte sentimental, und schließlich ward ich bestürmt, meine eigenen
-Liebesgeschichten zu erzählen. Ich schwieg über Elisabeth, erzählte aber
-meine Kahnfahrt mit der Aglietti und meine verunglückte Liebeserklärung. Es
-war mir sonderbar, diese Geschichte, von der ich außer Richard niemandem je
-ein Wort anvertraut hatte, nun meiner neugierigen umbrischen Gesellschaft
-zu erzählen, angesichts der südlich schmalen steinernen Gassen und der
-Hügel, über welchen der rotgoldene Abend duftete. Ich erzählte ohne viel
-Reflexion, nach Art der alten Novellen, und doch war mein Herz dabei und
-ich hatte heimlich Furcht, die Zuhörer würden lachen und mich necken.
-
-Aber als ich zu Ende war, hingen aller Augen teilnehmend traurig an mir.
-
-»Ein so schöner Mann!« rief eines der Mädchen lebhaft aus. »Ein so schöner
-Mann, und er hat eine unglückliche Liebe!«
-
-Frau Nardini aber fuhr mir mit ihrer weichen, runden Hand vorsichtig übers
-Haar und sagte: »Poverino!«
-
-Ein anderes Mädchen schenkte mir eine große Birne und da ich sie bat, den
-ersten Biß darein zu tun, tat sie es und sah mich dabei ernsthaft an. Als
-ich aber auch die anderen beißen lassen wollte, litt sie es nicht. »Nein,
-essen Sie selbst! Ich habe sie Ihnen geschenkt, weil Sie uns Ihr Unglück
-erzählt haben.«
-
-»Aber Sie werden nun gewiß eine andere lieben,« sagte ein brauner
-Weinbauer.
-
-»Nein,« sagte ich.
-
-»O, Sie lieben immer noch diese böse Erminia?«
-
-»Ich liebe jetzt den heiligen Franz und er hat mich gelehrt, alle Menschen
-liebzuhaben, euch und die Leute von Perugia und auch alle diese Kinder
-hier, und sogar den Geliebten der Erminia.«
-
-Eine gewisse Verwicklung und Gefahr kam in dies idyllische Dasein, als ich
-entdeckte, daß die gute Signora Nardini von dem sehnlichen Wunsch beseelt
-war, ich möchte endgültig dableiben und sie heiraten. Die kleine Affäre
-bildete mich zum listigen Diplomaten aus, denn es war keineswegs leicht,
-diese Träume zu zerstören, ohne die Harmonie zu verderben und die
-behagliche Freundschaft zu verscherzen. Auch mußte ich an die Rückreise
-denken. Wäre nicht der Traum meiner zukünftigen Dichtung und die drohende
-Ebbe meiner Kasse gewesen, so wäre ich dortgeblieben. Ich hätte vielleicht
-auch, gerade der Ebbe wegen, die Nardini geheiratet. Doch nein, was mich
-abhielt, war mein noch nicht vernarbter Schmerz um Elisabeth und das
-Verlangen sie wiederzusehen.
-
-Die runde Witwe fügte sich wider Erwarten leidlich ins Unabänderliche und
-ließ mich ihre Enttäuschung nicht entgelten. Als ich abreiste, fiel mir
-vielleicht der Abschied viel schwerer als ihr. Ich verließ viel mehr als
-ich je in der Heimat verlassen hatte, und nie war mir bei einer Abreise die
-Hand so herzlich und von so vielen lieben Menschen gedrückt worden. Die
-Leute gaben mir Früchte, Wein, süßen Schnaps, Brot und eine Wurst mit in
-den Wagen und ich hatte das ungewohnte Gefühl von Freunden zu scheiden,
-denen es nicht einerlei war, ob ich ging oder blieb. Frau Annunziata
-Nardini aber gab mir beim Scheiden einen Kuß auf beide Wangen und hatte
-Tränen in den Augen.
-
-Früher hatte ich geglaubt, es müsse ein besonderer Genuß sein geliebt zu
-werden, ohne selbst zu lieben. Ich hatte jetzt erfahren, wie peinlich eine
-solche sich darbietende Liebe ist, die man nicht erwidern kann. Und doch
-war ich ein wenig stolz darauf, daß eine fremde Frau mich liebte und zum
-Manne wünschte.
-
-Schon diese kleine Eitelkeit bedeutete ein Stück Genesung für mich. Frau
-Nardini tat mir leid und doch wünschte ich die Sache nicht ungeschehen.
-Auch sah ich allmählich immer mehr ein, daß das Glück mit der Erfüllung
-äußerer Wünsche wenig zu tun habe und daß die Leiden verliebter Jünglinge,
-so peinlich sie seien, aller Tragik entbehren. Es tat ja weh, daß ich
-Elisabeth nicht haben konnte. Aber mein Leben, meine Freiheit, Arbeit und
-Denkweise blieb mir unverkürzt, und aus der Ferne liebhaben konnte ich sie
-ja nach wie vor, so viel ich wollte. Diese Gedankengänge und noch mehr die
-naive Heiterkeit meines Daseins in den umbrischen Monaten waren mir überaus
-heilsam gewesen. Von jeher hatte ich ein Auge für alles Lächerliche und
-Schnurrige gehabt und mir nur die Freude daran selber durch Ironie
-verdorben. Nun ging mir allmählich der Blick für den Humor des Lebens auf
-und es schien mir immer möglicher und leichter, mich mit meinen Sternen zu
-versöhnen und mir von der Tafel des Lebens noch den einen oder anderen
-schönen Bissen zu gönnen.
-
-Freilich, wenn man von Italien heimreist, ist es immer so. Man pfeift auf
-Prinzipien und Vorurteile, lächelt nachsichtig, trägt die Hände in den
-Hosentaschen und kommt sich als durchtriebener Lebenskünstler vor. Man ist
-eine Weile im wohlig warmen Volksleben des Südens mitgeschwommen und denkt
-nun, das müsse zu Hause so weitergehen. Auch mir war es bei jeder Rückkehr
-aus Italien so gegangen und damals am meisten. Als ich nach Basel kam und
-dort das alte steife Leben unverjüngt und unveränderlich antraf, stieg ich
-von der Höhe meiner Heiterkeit eine Stufe um die andere kleinlaut und
-ärgerlich herab. Aber etwas von dem Erworbenen keimte doch weiter und
-seither trieb mein Schifflein durch klare und trübe Wasser nie mehr ohne
-wenigstens einen kleinen farbigen Wimpel frech und zutraulich flattern zu
-lassen.
-
-Auch sonst hatten sich meine Anschauungen langsam verändert. Ich fühlte
-mich ohne großes Bedauern den Jugendjahren entwachsen und den Zeiten
-entgegenreifen, da man das eigene Leben als eine kurze Wegstrecke
-betrachten lernt und sich selbst als Wanderer, dessen Gänge und
-schließliches Verschwinden die Welt nicht groß erregen und beschäftigen.
-Man behält ein Lebensziel, einen Lieblingstraum im Auge, aber man kommt
-sich nimmer unentbehrlich vor und gönnt sich unterwegs des öfteren Muße, um
-ohne Gewissensbisse eine Tagesstrecke zu versäumen, sich ins Gras zu legen,
-einen Vers zu pfeifen und der lieben Gegenwart ohne Hintergedanken froh zu
-werden. Bisher war ich, ohne daß ich jemals zu Zarathustra gebetet hatte,
-doch eigentlich ein Herrenmensch gewesen und hatte es weder an
-Selbstverehrung noch an der Mißachtung geringerer Leute fehlen lassen. Nun
-sah ich allmählich immer besser, daß es keine festen Grenzen gibt und daß
-im Kreise der Kleinen, Bedrückten und Armen das Dasein nicht nur ebenso
-mannigfalt, sondern zumeist auch wärmer, wahrhaftiger und vorbildlicher ist
-als das der Begünstigten und Glänzenden.
-
-Übrigens kam ich gerade rechtzeitig nach Basel zurück, um an der ersten
-Abendgesellschaft im Hause der inzwischen verheirateten Elisabeth
-teilzunehmen. Ich war vergnügt, noch frisch und braun von der Reise, und
-brachte eine Menge lustiger kleiner Erinnerungen mit. Die schöne Frau
-beliebte mich durch eine feine Vertraulichkeit auszuzeichnen und ich freute
-mich den ganzen Abend meines Glückes, das mir seinerzeit die Blamage einer
-verspäteten Werbung erspart hatte. Denn trotz meiner italienischen
-Erfahrung hatte ich immer noch ein leises Mißtrauen gegen die Frauen, als
-müßten sie an den hoffnungslosen Qualen der in sie verliebten Männer ihre
-grausame Freude haben. Zur lebhaftesten Veranschaulichung eines solchen
-entehrenden und peinlichen Zustandes diente mir eine kleine Erzählung aus
-dem Kinderschulleben, die ich einst aus dem Mund eines fünfjährigen Knaben
-vernommen hatte. In der Kinderschule, die er besuchte, herrschte folgender
-merkwürdige und symbolische Brauch. Hatte ein Knabe sich einer allzu
-starken Unart schuldig gemacht und es sollten ihm dafür die Höslein
-gespannt werden, so wurden sechs kleine Mädchen beordert, den
-Widerstrebenden in der zu jener Züchtigung erforderlichen peinlichen Lage
-auf der Bank festzuhalten. Da dies Festhaltendürfen als Hochgenuß und große
-Ehre galt, wurden nur jeweils die sechs artigsten Mädchen, die zeitweiligen
-Tugendausbünde, der grausamen Wonne teilhaftig. Die spaßige
-Kindergeschichte gab mir zu denken und hat sich sogar ein paar mal in meine
-Träume geschlichen, so daß ich wenigstens aus Traumerfahrung weiß, wie
-elend einem in solcher Lage ums Herz ist.
-
-
-
-
-VII.
-
-
-Vor meiner Schriftstellerei hatte ich nach wie vor selber keinen Respekt.
-Ich konnte von meiner Arbeit leben, kleine Ersparnisse zurücklegen und
-gelegentlich auch meinem Vater etwas Geld senden. Er trug es freudig ins
-Wirtshaus, sang dort mein Lob in allen Tonarten und dachte sogar daran, mir
-einen Gegendienst zu leisten. Ich hatte ihm nämlich einmal gesagt, daß ich
-mein Brot zumeist durch Zeitungsartikel verdiene. Er hielt mich für einen
-Redakteur oder Berichterstatter wie die ländlichen Bezirksblätter sie
-haben, und nun diktierte er dreimal väterliche Briefe an mich, in welchen
-er mir Ereignisse mitteilte, die ihm wichtig schienen und von denen er
-glaubte, sie würden mir Stoff geben und Geld einbringen. Einmal war es ein
-Scheunenbrand, dann der Absturz zweier Bergtouristen und das dritte mal das
-Ergebnis einer Schulzenwahl. Diese Mitteilungen waren schon in einen
-grotesk tönenden Zeitungsstil gebracht und machten mir wirkliche Freude,
-denn es waren doch Zeichen einer freundlichen Verbindung zwischen ihm und
-mir und seit Jahren die ersten Briefe, die ich aus der Heimat erhielt. Sie
-erquickten mich auch als ungewollte Verhöhnung meiner Schreiberei; denn ich
-besprach Monat für Monat manches Buch, dessen Erscheinen hinter jenen
-ländlichen Ereignissen an Wichtigkeit und Folgen weit zurückstand.
-
-Es erschienen damals gerade zwei Bücher von Verfassern, die ich als
-extravagante lyrische Jünglinge seinerzeit in Zürich gekannt hatte. Der
-eine lebte nun in Berlin und wußte viel Schmutziges aus Cafés und Bordellen
-der Großstadt zu schildern. Der zweite hatte sich in der Umgebung von
-München eine luxuriöse Einsiedelei erbaut und taumelte zwischen
-neurasthenischen Selbstbetrachtungen und spiritistischen Anregungen
-verächtlich und hoffnungslos hin und her. Ich mußte die Bücher besprechen
-und machte mich natürlich über beide harmlos lustig. Vom Neurastheniker kam
-nur ein verachtungsvoller Brief in wahrhaft fürstlichem Stil. Der Berliner
-aber machte in einer Zeitschrift Skandal, fand sich in seinem ernsten
-Wollen verkannt, stützte sich auf Zola und machte aus meiner
-verständnislosen Kritik nicht nur mir, sondern dem eingebildeten und
-prosaischen Geist der Schweizer überhaupt einen Vorwurf. Der Mann hatte
-damals in Zürich vielleicht die einzige einigermaßen gesunde und würdige
-Zeit seines Literatenlebens gehabt.
-
-Nun war ich nie ein sonderlicher Patriot gewesen, aber das war mir doch
-etwas zu stark berlinert, und ich erwiderte dem Unzufriedenen mit einer
-langen Epistel, in der ich mit meiner Geringschätzung der aufgeblasenen
-Großstadtmoderne nicht gerade hinterm Berge hielt.
-
-Diese Zänkerei tat mir wohl und nötigte mich, wieder einmal über meine
-Auffassung des modernen Kulturlebens nachzudenken. Die Arbeit war mühsam
-und langwierig und förderte wenig erquickliche Resultate zu Tag. Mein
-Büchlein verliert nichts, wenn ich darüber schweige.
-
-Zugleich aber zwangen mich diese Betrachtungen, über mich selbst und mein
-lang geplantes Lebenswerk eindringlicher nachzudenken.
-
-Ich hatte, wie man weiß, den Wunsch, in einer größeren Dichtung den
-heutigen Menschen das großzügige, stumme Leben der Natur nahe zu bringen
-und lieb zu machen. Ich wollte sie lehren, auf den Herzschlag der Erde zu
-hören, am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen
-Geschicke nicht zu vergessen, daß wir nicht Götter und von uns selbst
-geschaffen, sondern Kinder und Teile der Erde und des kosmischen Ganzen
-sind. Ich wollte daran erinnern, daß gleich den Liedern der Dichter und
-gleich den Träumen unsrer Nächte auch Ströme, Meere, ziehende Wolken und
-Stürme Symbole und Träger der Sehnsucht sind, welche zwischen Himmel und
-Erde ihre Flügel ausspannt und deren Ziel die zweifellose Gewißheit vom
-Bürgerrecht und von der Unsterblichkeit alles Lebenden ist. Der innerste
-Kern jedes Wesens ist dieser Rechte sicher, ist Gottes Kind und ruht ohne
-Angst im Schoß der Ewigkeit. Alles Schlechte, Kranke, Verdorbene aber, das
-wir in uns tragen, widerspricht und glaubt an den Tod.
-
-Ich wollte aber auch die Menschen lehren, in der brüderlichen Liebe zur
-Natur Quellen der Freude und Ströme des Lebens zu finden; ich wollte die
-Kunst des Schauens, des Wanderns und Genießens, die Lust am Gegenwärtigen
-predigen. Gebirge, Meere und grüne Inseln wollte ich in einer verlockend
-mächtigen Sprache zu euch reden lassen und wollte euch zwingen zu sehen,
-was für ein maßlos vielfältiges, treibendes Leben außerhalb eurer Häuser
-und Städte täglich blüht und überquillt. Ich wollte erreichen, daß ihr euch
-schämet von ausländischen Kriegen, von Mode, Klatsch, Literatur und Künsten
-mehr zu wissen als vom Frühling, der vor euren Städten sein unbändiges
-Treiben entfaltet und als vom Strom, der unter euren Brücken hinfließt und
-von den Wäldern und herrlichen Wiesen, durch welche eure Eisenbahn rennt.
-Ich wollte euch erzählen, welche goldene Kette unvergeßlicher Genüsse ich
-Einsamer und Schwerlebiger in dieser Welt gefunden hatte und wollte, daß
-ihr, die ihr vielleicht glücklicher und froher seid als ich, mit noch
-größeren Freuden diese Welt entdecket.
-
-Und ich wollte vor allem das schöne Geheimnis der Liebe in eure Herzen
-legen. Ich hoffte euch zu lehren, allem Lebendigen rechte Brüder zu sein
-und so voll Liebe zu werden, daß ihr auch das Leid und auch den Tod nicht
-mehr fürchten, sondern als ernste Geschwister ernst und geschwisterlich
-empfangen würdet, wenn sie zu euch kämen.
-
-Das alles hoffte ich nicht in Hymnen und hohen Liedern, sondern schlicht,
-wahrhaftig und gegenständlich darzustellen, ernsthaft und scherzhaft, wie
-ein heimgekehrter Reisender seinen Kameraden von draußen erzählt.
-
-Ich wollte -- ich wünschte -- ich hoffte --, das klingt nun freilich
-komisch. Auf den Tag, an welchem dies viele Wollen einen Plan und Umriß
-bekäme, wartete ich noch immer. Aber ich hatte wenigstens viel gesammelt.
-Nicht nur im Kopf, sondern auch in einer Menge von schmalen Büchlein, die
-ich auf Reisen und Märschen in der Tasche trug und von denen alle paar
-Wochen eines voll wurde. Da hatte ich knapp und kurz Notizen über alles
-Sichtbare in der Welt aufgeschrieben, ohne Reflexionen und ohne
-Verbindungen. Es waren Skizzenhefte wie die eines Zeichners und sie
-enthielten in kurzen Worten lauter reale Dinge: Bilder aus Gassen und
-Landstraßen, Silhouetten von Gebirgen und Städten, erlauschte Gespräche von
-Bauern, Handwerksburschen, Marktweibern, ferner Wetterregeln, Notizen über
-Beleuchtungen, Winde, Regen, Gestein, Pflanzen, Tiere, Vogelflug,
-Wellenbildungen, Meerfarbenspiel und Wolkenformen. Gelegentlich hatte ich
-auch kurze Geschichten daraus bearbeitet und veröffentlicht, als Natur- und
-Wanderstudien, doch alles ohne Beziehungen zum Menschlichen. Mir war die
-Geschichte eines Baumes, ein Tierleben oder die Reise einer Wolke auch ohne
-menschliche Staffage interessant genug gewesen.
-
-Daß eine größere Dichtung, in welcher überhaupt keine Menschengestalten
-auftreten, ein Unding sei, war mir schon öfters durch den Kopf gegangen,
-doch hing ich jahrelang an diesem Ideal und hegte die dunkle Hoffnung, es
-möchte vielleicht einmal eine große Inspiration dies Unmögliche überwinden.
-Nun sah ich endgültig ein, daß ich meine schönen Landschaften mit Menschen
-bevölkern müsse und daß diese gar nicht natürlich und treu genug
-dargestellt werden könnten. Da war unendlich viel nachzuholen, und ich hole
-heute noch daran nach. Bis dahin waren die Menschen insgesamt ein Ganzes
-und im Grunde Fremdes für mich gewesen. Neuerdings lernte ich, wie lohnend
-es ist, statt einer abstrakten Menschheit Einzelne zu kennen und zu
-studieren, und meine Notizbüchlein und mein Gedächtnis füllte sich mit ganz
-neuen Bildern.
-
-Der Anfang dieser Studien war ganz erfreulich. Ich trat aus meiner naiven
-Gleichgültigkeit heraus und gewann Interesse an mancherlei Leuten. Ich sah,
-wie viel Selbstverständliches mir fremd geblieben war, aber ich sah auch,
-wie das viele Wandern und Schauen mir die Augen geöffnet und geschärft
-habe. Und da von jeher eine Vorliebe mich zu ihnen gezogen hatte, gab ich
-mich besonders gerne und häufig mit Kindern ab.
-
-Immerhin war das Beobachten der Wolken und Wellen erfreulicher gewesen als
-das Menschenstudieren. Mit Erstaunen nahm ich wahr, daß der Mensch von der
-übrigen Natur sich vor allem durch eine schlüpfrige Gallert von Lüge
-unterscheidet, die ihn umgibt und schützt. In Kürze beobachtete ich an
-allen meinen Bekannten dieselbe Erscheinung -- das Ergebnis des Umstandes,
-daß jeder eine Person, eine klare Figur vorzustellen genötigt wird, während
-doch keiner sein eigenstes Wesen kennt. Mit sonderbaren Gefühlen stellte
-ich an mir selber dasselbe fest und gab es nun auf, den Personen auf den
-Kern dringen zu wollen. Bei den meisten war die Gallert viel wichtiger. Ich
-fand sie überall auch schon an den Kindern, welche stets, bewußt oder
-unbewußt, lieber eine Rolle mimen als sich ganz unverhüllt und instinktiv
-kundgeben.
-
-Nach einiger Zeit kam es mir vor, ich mache keine Fortschritte mehr und
-verliere mich an spielerische Einzelheiten. Zunächst suchte ich den Fehler
-bei mir selbst, doch konnte ich mir bald nicht mehr verhehlen, daß ich
-enttäuscht war und daß meine Umgebung mir die Menschen nicht gab, die ich
-suchte. Ich brauchte nicht Interessantheiten, sondern Typen. Das bot mir
-weder das Volk der Akademiker noch der Kreis der Gesellschaftsmenschen. Mit
-Sehnsucht dachte ich an Italien, und mit Sehnsucht an die einzigen Freunde
-und Begleiter meiner vielen Fußreisen, die Handwerksburschen. Mit solchen
-war ich viel gewandert und hatte unter ihnen viele prachtvolle Burschen
-gefunden.
-
-Es war vergeblich, die Herberge zur Heimat und einige wilde Pennen
-aufzusuchen. Die Menge der unständigen Durchwanderer diente mir nicht. So
-stand ich denn wieder eine Weile ratlos, hielt mich an die Kinder und
-studierte viel in Kneipen herum, wo natürlich auch nichts zu holen war. Es
-kamen ein paar traurige Wochen, da ich mir mißtraute, meine Hoffnungen und
-Wünsche lächerlich übertrieben fand, mich viel im Freien umhertrieb und
-wieder halbe Nächte beim Wein verbrütete.
-
-Auf meinen Tischen hatten sich damals wieder ein paar Stöße von Büchern
-angesammelt, die ich gern behalten hätte, statt sie dem Antiquar zu geben;
-doch war kein Raum in meinen Schränken mehr. Um endlich abzuhelfen, suchte
-ich eine kleine Schreinerei auf und bat den Meister, zum Ausmessen eines
-Bücherschafts in meine Wohnung zu kommen.
-
-Er kam, ein kleiner langsamer Mann mit bedächtigen Manieren, er maß den
-Raum aus, kniete am Boden, streckte den Meterstab zur Decke, stank ein
-wenig nach Leim und notierte eine Zahl um die andere behutsam mit
-zollgroßen Ziffern in sein Notizbuch. Zufällig geschah es, daß er bei
-seinem Hantieren an einen mit Büchern beladenen Sessel stieß. Ein paar
-Bände fielen herunter und er bückte sich, sie aufzuheben. Unter den Büchern
-war ein kleines Handlexikon der Handwerksburschensprache. Man findet den
-kleinen Kartonband fast in allen deutschen Handwerksburschenherbergen, ein
-gut gemachtes und ergötzliches Büchlein.
-
-Der Schreiner, als er das ihm wohlbekannte Bändchen sah, blickte kurios zu
-mir herüber, halb belustigt und halb mißtrauisch.
-
-»Was gibt's?« frage ich.
-
-»Mit Verlaub, ich sehe da ein Buch, das ich auch kenne. Haben Sie das
-wirklich studiert?«
-
-»Studiert hab' ich die Kundensprache auf der Landstraße,« erwiderte ich,
-»aber man schlägt schon gern einmal einen Ausdruck nach.«
-
-»Wahrhaftig!« rief er. »Ja sind Sie denn selber einmal auf der Walze
-gewesen?«
-
-»Nicht ganz so wie Sie meinen. Aber gewandert bin ich genug und habe in
-mancher Penne übernachtet.«
-
-Er hatte unterdeß die Bücher wieder aufgeschichtet und wollte gehen.
-
-»Wo haben Sie sich denn seinerzeit herumgeschlagen?« fragte ich ihn.
-
-»Von hier bis Koblenz, und später noch auf Genf hinunter. Es war nicht
-meine schlechteste Zeit.«
-
-»Haben Sie auch ein paarmal gebrummt?«
-
-»Bloß einmal, in Durlach!«
-
-»Sie müssen mir noch erzählen, wenn Sie wollen. Sehen wir uns einmal bei
-einem Schoppen?«
-
-»Nicht gern, Herr. Aber wenn Sie einmal nach Feierabend zu mir hereinkommen
-und fragen: wie gehts? wie stehts? ist mirs schon recht. Wenn Sie nicht
-bloß Schindluder mit mir treiben wollen.«
-
-Einige Tage später, es war bei Elisabeth offener Abend, blieb ich auf der
-Straße stehen und besann mich, ob ich nicht lieber zu meinem Schreiner
-gehen sollte. Und ich kehrte um, ließ den Gehrock zu Haus und besuchte den
-Schreiner. Die Werkstatt war schon geschlossen und dunkel, ich stolperte
-durch eine finstere Hausflur und einen engen Hof, kletterte im Hinterhaus
-die Treppe auf und ab und fand schließlich an einer Türe einen
-geschriebenen Schild mit des Meisters Namen. Eintretend gelangte ich direkt
-in eine sehr kleine Küche, wo ein mageres Weib das Abendessen rüstete und
-zugleich über drei Kinder zu wachen hatte, welche den engen Raum mit Leben
-und erheblichem Getöse erfüllten. Befremdet führte mich die Frau in die
-nächste Stube, wo der Schreiner mit der Zeitung am dämmerigen Fenster saß.
-Er knurrte bedenklich, da er mich im Finstern für einen zudringlichen
-Kunden hielt, dann erkannte er mich und gab mir die Hand.
-
-Da er überrascht und verlegen war, wandte ich mich den Kindern zu; sie
-flohen vor mir in die Küche zurück und ich folgte nach. Da ich dort die
-Hausfrau eine Reisspeise bereiten sah, erwachten in mir die Erinnerungen an
-die Küche meiner umbrischen Padrona und ich beteiligte mich an der
-Kocherei. Bei uns wird meistens der schöne Reis gewissenlos zu einer Art
-Kleister verkocht, welcher nach gar nichts schmeckt und widerlich klebrig
-zu essen ist. Auch hier war das Unglück schon im Gang und ich konnte eben
-noch die Speise retten, indem ich nach Topf und Schaumlöffel langte und
-mich eiligst der Zubereitung selber annahm. Die Frau fügte sich und war
-erstaunt, der Reis gelang leidlich, wir trugen ihn auf, zündeten die Lampe
-an und auch ich erhielt meinen Teller.
-
-Die Schreinersfrau verwickelte mich an diesem Abend in so eingehende
-Gespräche über Küchenfragen, daß der Mann fast gar nicht zu Worte kam und
-wir die Erzählung seiner Wanderabenteuer auf ein andermal verschieben
-mußten. Übrigens spürten die Leutlein bald, daß ich nur äußerlich ein Herr,
-eigentlich aber ein Bauernsohn und Kind des armen Volkes war, und so wurden
-wir schon am ersten Abend befreundet und vertraulich miteinander. Denn wie
-sie in mir den Gleichbürtigen erkannten, so witterte auch ich in dem
-ärmlichen Hauswesen die Heimatlust der kleinen Leute. Die Menschen hatten
-hier keine Zeit zu Feinheiten, zu Posen, zu Komödien, ihnen war das herbe
-arme Leben auch ohne das Mäntelein der Bildung und höheren Interessen lieb
-und viel zu gut, um es mit schönen Reden zu tapezieren.
-
-Immer öfter kam ich wieder und vergaß bei dem Schreiner nicht nur den
-lumpigen Gesellschaftskram, sondern auch meine Traurigkeit und Nöte. Mir
-war, ich fände hier ein Stück Kindheit für mich aufbewahrt und setze hier
-das Leben fort, welches seinerzeit die Patres abgebrochen hatten, als sie
-mich auf Schulen schickten.
-
-Über eine rissige und schweißgelbe Landkarte veralteten Stils gebückt
-verfolgte der Schreiner mit mir seine und meine Fahrten und wir freuten uns
-über jedes Stadttor und jede Gasse, die wir beide kannten, wir frischten
-Handwerksburschenwitze auf und sangen sogar einmal mehrere von den
-ewigjungen Straubingerliedern. Wir sprachen von den Sorgen des Handwerks,
-vom Haushalt, von den Kindern, von städtischen Dingen und ganz allmählich
-geschah es, daß der Meister und ich sachte die Rollen vertauschten und ich
-der Dankbare, er der Gebende und Lehrende war. Ich fühlte aufatmend, daß
-mich hier statt der Salontöne Realitäten umgaben.
-
-Unter seinen Kindern fiel ein fünfjähriges Mädchen durch seine zarte
-Besonderheit auf. Sie hieß Agnes, doch rief man ihr Agi, war blond, blaß
-und von schmächtigen Gliedern, hatte schüchterne, weite Augen und eine
-sanfte Scheu im Wesen. Eines Sonntags, als ich die Familie zu einem
-Spaziergang abholen wollte, war Agi krank. Die Mutter blieb bei ihr, wir
-andere pilgerten langsam zur Stadt hinaus. Hinter Sankt Margreten setzten
-wir uns auf eine Bank, die Kinder liefen Steinen, Blumen und Käfern nach
-und wir Männer überschauten die sommerlichen Wiesen, den Binninger Friedhof
-und den schönen bläulichen Zug des Jura. Der Schreiner war müde, bedrückt
-und still und schien Sorgen zu haben.
-
-»Wo fehlt's, Meister?« fragte ich, als die Kinder weit genug weg waren. Er
-sah mir verloren und traurig ins Gesicht.
-
-»Sehen Sie's denn nicht?« fing er an. »Die Agi will mir sterben. Ich weiß
-es schon lang und hab mich gewundert, daß sie nur so alt geworden ist, sie
-hat ja immer den Tod in den Augen gehabt. Aber jetzt müssen wir daran
-glauben.«
-
-Ich fing zu trösten an, doch hörte ich bald von selber auf.
-
-»Sehen Sie,« lachte er traurig, »Sie glauben ja auch nicht dran, daß das
-Kind durchkommt. Ich bin kein Stündler, wissen Sie, und geh auch nur alle
-Jubeljahr einmal in die Kirche, aber das spür ich wohl, daß jetzt der
-Herrgott ein Wörtlein mit mir reden will. 's ist ja nur ein Kind, und
-gesund ist sie nie gewesen, aber weiß Gott, sie war mir lieber als die
-andern zusammen.«
-
-Mit Gejodel und tausend kleinen Fragen kamen die Kinder dahergerannt,
-umdrängten mich, ließen sich die Namen der Blumen und Gräser von mir sagen
-und wollten schließlich Geschichten erzählt haben. Da erzählte ich ihnen
-von den Blumen, Bäumen und Büschen, daß sie gleich den Kindern jedes eine
-Seele und jedes seinen Engel haben. Auch der Vater hörte zu, lächelte und
-gab je und je seine leise Bekräftigung. Wir sahen die Berge blauer werden,
-hörten Abendgeläute und gingen heim. Auf den Wiesen lag ein rötlicher
-Abendhauch, die fernen Münstertürme ragten klein und dünn in die warme
-Luft, am Himmel ging das Sommerblau in schöne grünliche und goldige Farben
-über, die Bäume hatten lange Schatten. Die Kleinen waren müd und still
-geworden. Sie dachten an die Engel der Mohnblüten, Nelken und
-Glockenblumen, indeß wir Alten an die kleine Agi dachten, deren Seele schon
-bereit war Flügel zu empfangen und uns kleine bange Schar zu verlassen.
-
-In den zwei nächsten Wochen ging es gut. Das Mädchen schien zu genesen,
-konnte für Stunden das Bett verlassen und sah in ihren kühlen Kissen
-hübscher und vergnügter aus als je. Dann kamen ein paar fieberige Nächte
-und nun sahen wir, ohne mehr davon zu reden, daß das Kind nur noch für
-Wochen oder Tage unser Gast sein würde. Nur einmal kam ihr Vater darauf zu
-sprechen. Es war in der Werkstatt. Ich sah ihn im Brettervorrat stöbern und
-wußte von selber, daß er daran ging die Stücke für einen Kindersarg
-zusammenzusuchen.
-
-»Es muß doch nächstens geschehen,« sagte er, »und da mach ich es lieber
-nach Feierabend für mich allein.«
-
-Ich saß auf einer Hobelbank, während er an der anderen arbeitete. Als die
-Bretter sauber behobelt waren, zeigte er sie mir mit einer Art von Stolz.
-Es war ein schönes, gesund gewachsenes, fehlerloses Tannenholz.
-
-»Ich will auch keinen Nagel hineinschlagen, sondern die Teile schon
-ineinanderpassen, daß es ein gutes und dauerhaftes Stück gibt. Aber für
-heute ist's genug, wir wollen zur Frau hinauf gehen.«
-
-Die Tage vergingen, heiße, wundervolle Hochsommertage, und ich saß jeden
-Tag eine Stunde oder zwei bei der kleinen Agi, erzählte ihr von den schönen
-Wiesen und Wäldern, hielt ihr leichtes schmales Kinderhändlein in meiner
-breiten Hand und sog mit ganzer Seele die liebe, lichte Anmut ein, die bis
-zum letzten Tage um sie her war.
-
-Alsdann standen wir ängstlich und traurig dabei und sahen, wie der kleine
-magere Körper noch einmal Kräfte sammelte, um mit dem starken Tode zu
-kämpfen, der sie schnell und leicht bezwang. Die Mutter war still und
-stark; der Vater lag über der Bettstatt und nahm hundertmal Abschied,
-streichelte das Blondhaar und liebkoste seinen toten Liebling.
-
-Es kam die schlichte, kurze Feier der Beerdigung, und die beklommenen
-Abende, da die Kinder nebenan in ihren Betten weinten. Es kamen die schönen
-Gänge auf den Friedhof, wo wir das frische Grab bepflanzten und ohne zu
-sprechen beieinander auf der Bank in den kühlen Anlagen saßen und an die
-Agi dachten und mit anderen Augen als sonst die Erde betrachteten, in der
-unser Liebling lag, und die Bäume und den Rasen, die darüber wuchsen, und
-die Vögel, deren Spiel ungehemmt und fröhlich durch den stillen Friedhof
-klang.
-
-Daneben ging der strenge Werktag seinen Lauf, die Kinder sangen wieder,
-balgten sich, lachten und wollten Geschichten hören, und wir alle gewöhnten
-uns unvermerkt daran, unsre Agi nimmer zu sehen und einen schönen, kleinen
-Engel im Himmel zu haben.
-
-Über alle dem hatte ich die Gesellschaften des Professors gar nicht mehr
-und das Haus Elisabeths nur wenige mal besucht, und dann war mir im lauen
-Strom der Gespräche sonderbar ratlos und beklommen zu Mut gewesen. Jetzt
-suchte ich beide Häuser auf und fand an beiden geschlossene Türen, da alles
-längst auf dem Lande war. Erst jetzt bemerkte ich mit Erstaunen, daß ich
-die heiße Jahreszeit und das Ferienmachen über der Freundschaft mit dem
-Schreinershaus und über der Krankheit des Kindes ganz vergessen hatte.
-Früher wäre es mir ganz unmöglich gewesen, den Juli und August in der Stadt
-zu bleiben.
-
-Ich nahm für kurze Zeit Abschied und unternahm eine Fußreise durch den
-Schwarzwald, die Bergstraße und den Odenwald. Unterwegs war es mir ein
-ungewohntes Vergnügen, den Basler Schreinerskindern aus schönen Orten
-Ansichtskarten zu senden und überall mir vorzustellen, wie ich ihnen und
-ihrem Vater später von der Reise erzählen würde.
-
-In Frankfurt beschloß ich, mir noch ein paar Reisetage zu gönnen. In
-Aschaffenburg, Nürnberg, München und Ulm genoß ich mit neuer Lust die Werke
-der alten Kunst und schließlich machte ich noch ganz harmlos einen Halt in
-Zürich. Bisher, in all den Jahren, hatte ich diese Stadt wie ein Grab
-gemieden, nun schlenderte ich durch die bekannten Straßen, suchte die alten
-Kneipen und Gärten wieder auf und konnte ohne Schmerz der vergangenen
-schönen Jahre denken. Die Malerin Aglietti hatte geheiratet und man sagte
-mir ihre Adresse. Gegen Abend ging ich hin, las an der Haustür ihres Mannes
-Namen, sah an den Fenstern hinauf und zögerte einzutreten. Da begannen die
-alten Zeiten mir lebendig zu werden und meine Jugendliebe erwachte halb aus
-ihrem Schlaf mit leisem Schmerz. Ich kehrte um und habe mir das schöne Bild
-der geliebten welschen Frau durch kein unnützes Wiedersehen verdorben.
-Weiterschlendernd besuchte ich den Seegarten, wo die Künstler damals ihr
-Sommernachtfest begangen hatten, schaute auch an dem Häuschen hinauf, in
-dessen Mansarde ich drei kurze, gute Jahre gehaust hatte, und über alle den
-Erinnerungen trat mir unversehens der Name Elisabeth auf die Lippen. Die
-neue Liebe war doch stärker als ihre älteren Schwestern. Sie war auch
-stiller, bescheidener und dankbarer.
-
-Um mir die gute Stimmung zu bewahren, nahm ich ein Boot und ruderte
-behaglich langsam in den warmen, lichten See. Es wollte Abend werden und am
-Himmel hing eine einzige schöne, schneeweiße Wolke. Ich hatte sie
-fortwährend im Auge und nickte ihr zu, an die Wolkenliebe meiner Kinderzeit
-denkend, und an Elisabeth, und auch an jene gemalte Wolke Segantinis, vor
-welcher ich Elisabeth einmal so schön und hingegeben hatte stehen sehen.
-Die durch kein Wort und unreines Begehren getrübte Liebe zu ihr hatte ich
-nie so beglückend und reinigend empfunden wie jetzt, da ich beim Anblick
-der Wolke ruhig und dankbar alles Gute meines Lebens übersah und statt der
-frühern Wirren und Leidenschaften nur die alte Sehnsucht der Knabenzeit in
-mir fühlte -- auch sie reifer und stiller geworden.
-
-Von jeher war ich gewohnt, zum ruhigen Takt der Ruderschläge irgend etwas
-zu summen oder zu singen. Ich sang auch jetzt leise vor mich hin und merkte
-erst im Singen, daß es Verse waren. Sie blieben mir im Gedächtnis und ich
-schrieb sie zuhause auf, als Andenken an den schönen Züricher Seeabend.
-
- Wie eine weiße Wolke
- Am hohen Himmel steht,
- So licht und schön und ferne
- Bist du, Elisabeth.
-
- Die Wolke geht und wandert,
- Kaum hast du ihrer Acht,
- Und doch durch deine Träume
- Geht sie bei dunkler Nacht.
-
- Geht und erglänzt so selig,
- Daß fortan ohne Rast
- Du nach der weißen Wolke
- Ein süßes Heimweh hast.
-
-In Basel fand ich einen Brief aus Assisi für mich daliegen. Er war von Frau
-Annunziata Nardini, und voll erfreulicher Nachrichten. Sie hatte nun doch
-einen zweiten Mann gefunden! Übrigens tue ich besser, ihn unverändert
-mitzuteilen.
-
-Hochgeehrter und sehr lieber Herr Peter!
-
-Erlauben Sie Ihrer treuen Freundin die Freiheit, Ihnen einen Brief zu
-schreiben. Es hat Gott gefallen mir ein großes Glück zu bescheren, und ich
-möchte Sie auf den zwölften Oktober zu meiner Hochzeit einladen. Er heißt
-Menotti und hat zwar wenig Geld, doch liebt er mich sehr und hat schon
-früher mit Früchten gehandelt. Er ist hübsch, aber nicht so groß und schön
-wie Sie, Herr Peter. Er wird auf der Piazza Obst verkaufen, während ich im
-Laden bleibe. Auch die schöne Marietta vom Nachbar wird heiraten, jedoch
-nur einen Maurer aus der Fremde.
-
-Ich habe jeden Tag an Sie gedacht und vielen Leuten von Ihnen erzählt. Ich
-habe Sie sehr lieb und auch den Heiligen, welchem ich vier Kerzen zu Ihrem
-Andenken gestiftet habe. Auch Menotti wird sehr froh sein, wenn Sie zur
-Hochzeit kommen. Wenn er unfreundlich gegen Sie sein sollte, werde ich es
-ihm verbieten. Leider hat sich gezeigt, daß der kleine Mattheo Spinelli
-wirklich, wie ich stets gesagt habe, ein Bösewicht ist. Er hat mir oft
-Citronen gestohlen. Jetzt ist er hinweggebracht worden, weil er seinem
-Vater, dem Bäcker, zwölf Lire stahl und weil er den Hund des Bettlers
-Giangiacomo vergiftet hat.
-
-Ich wünsche Ihnen den Segen Gottes und des Heiligen. Ich habe große
-Sehnsucht nach Ihnen.
-
-Ihre untertänige und treue Freundin
-Annunziata Nardini
-
-Nachschrift.
-
-Unsere Ernte war mäßig. Die Trauben standen sehr schlecht, auch Birnen gab
-es nicht genug, aber die Limonen waren sehr reichlich, nur mußten wir sie
-zu billig verkaufen. In Spello geschah ein schreckliches Unglück. Ein
-junger Mensch hat seinen Bruder mit einer Harke erschlagen, man weiß nicht
-weshalb, aber gewiß ist er eifersüchtig auf ihn gewesen, obwohl es sein
-eigener Bruder war.
-
- * * * * *
-
-Leider konnte ich der verlockenden Einladung nicht folgen. Ich schrieb
-meinen Glückwunsch und stellte meinen Besuch aufs nächste Frühjahr in
-Aussicht. Dann ging ich mit dem Brief und mit einem mitgebrachten
-Nürnberger Geschenk für die Kinder zu meinem Schreinermeister.
-
-Dort fand ich eine unerwartete große Veränderung. Abseits vom Tisch, gegen
-das Fenster hin, hockte eine groteske, schiefe Menschengestalt in einem
-Stuhl, der wie ein Kindersessel mit einer Brustwehr versehen war. Es war
-Boppi, der Bruder der Meistersfrau, ein armer halb gelähmter Verwachsener,
-für welchen nach dem kürzlich erfolgten Tod seiner alten Mutter nirgends
-sich ein Plätzchen gefunden hatte. Widerstrebend hatte ihn der Schreiner
-einstweilen zu sich genommen und die beständige Gegenwart des kranken
-Krüppels lag wie ein Schrecken auf dem gestörten Hauswesen. Man hatte sich
-noch nicht an ihn gewöhnt; den Kindern graute vor ihm, die Mutter war
-mitleidig, verlegen und gedrückt, der Vater offenbar verstimmt.
-
-Boppi hatte auf einem häßlichen Doppelhöcker ohne Hals einen großen,
-starkzügigen Kopf mit breiter Stirn, starker Nase und schönem leidendem
-Munde sitzen, die Augen waren klar, aber still und etwas verängstigt, und
-die merkwürdig kleinen und hübschen Hände lagen fortwährend weiß und ruhig
-auf der schmalen Brustwehr. Auch ich war befangen und verstimmt über den
-armen Eindringling, und zugleich war es mir peinlich, den Schreiner die
-kurze Geschichte des Kranken erzählen zu hören, während dieser daneben saß
-und auf seine Hände schaute, ohne von jemand angeredet zu werden. Krüppel
-war er von Geburt, doch hatte er die Volksschule durchgemacht und konnte
-jahrelang durch Strohflechten sich ein wenig nützlich machen, bis ihn
-wiederholte Gichtanfälle teilweise lähmten. Seit Jahren lag er nun entweder
-zu Bett oder saß in seinem sonderbaren Stuhl zwischen Kissen geklemmt. Die
-Frau wollte wissen, er habe früher viel und schön für sich gesungen, doch
-hatte sie ihn jahrelang nicht mehr gehört und hier im Hause hatte er noch
-nie gesungen. Und während all dies erzählt und besprochen wurde, saß er da
-und blickte vor sich hin. Mir ward nicht wohl dabei und ich ging bald
-wieder weg und blieb die nächsten Tage dem Hause fern.
-
-Mein Leben lang war ich stark und gesund gewesen, hatte nie eine ernste
-Krankheit gehabt und die Leidenden, namentlich Krüppel, mit Mitleid, aber
-auch ein wenig verächtlich betrachtet; nun paßte es mir durchaus nicht,
-mein behaglich heiteres Leben in der Handwerkerfamilie durch die
-unerquickliche Last dieser elenden Existenz gestört zu finden. Ich verschob
-darum einen zweiten Besuch von Tag zu Tag und sann vergeblich nach, wie ich
-uns den lahmen Boppi vom Halse schaffen könnte. Es mußte sich irgend eine
-Möglichkeit finden, ihn mit geringen Kosten in einem Spital oder Pfründhaus
-unterzubringen. Mehrmals wollte ich den Schreiner aufsuchen, um mit ihm
-darüber zu beraten, doch scheute ich mich, ungefragt davon anzufangen, und
-vor der Begegnung mit dem Kranken hatte ich ein kindisches Grauen. Es war
-mir widerlich, ihn immer zu sehen, ihm die Hand geben zu müssen.
-
-So ließ ich einen Sonntag verstreichen. Am zweiten Sonntag war ich schon im
-Begriff, mit einem Frühzug in den Jura auszufliegen, schämte mich dann aber
-doch meiner Feigheit, blieb da und ging nach Tisch zu dem Schreiner.
-
-Mit Widerstreben gab ich Boppi die Hand. Der Schreiner war ärgerlich und
-schlug einen Spaziergang vor; er war, wie er mir mitteilte, des ewigen
-Elends überdrüssig und ich freute mich, ihn meinen Vorschlägen zugänglich
-zu wissen. Die Frau wollte dableiben, da bat sie der Krüppel, sie möchte
-mitgehen, da er gut allein bleiben könne. Wenn er nur ein Buch und ein Glas
-Wasser neben sich habe, könne man ihn einschließen und unbesorgt
-zurücklassen.
-
-Und wir, die wir uns doch sämtlich für ganz leidliche und gutherzige Leute
-hielten, schlossen ihn ein und gingen spazieren! Und wir waren vergnügt,
-hatten unsern Spaß mit den Kindern, freuten uns der schönen goldigen
-Herbstsonne, und keiner von uns schämte sich und keinem schlug das Herz,
-daß wir den Lahmen allein im Hause hatten liegen lassen! Wir waren vielmehr
-froh, seiner für eine Weile ledig zu sein, atmeten erleichtert die klare,
-sonnenwarme Luft und boten den Anblick einer dankbaren und biederen
-Familie, die Gottes Sonntag mit Verstand und Dank genießt.
-
-Erst als wir am Grenzacher Hörnli zu einem Glas Wein eingekehrt waren und
-im Wirtsgarten um den Tisch saßen, kam der Vater auf Boppi zu sprechen. Er
-klagte über den lästigen Gast, seufzte über die Beengung und Verteuerung
-seines Haushalts und schloß lachend mit der Bemerkung: »Na, hier draußen
-kann man wenigstens noch eine Stunde vergnügt sein, ohne daß er einen
-stört!«
-
-Bei diesem unbedachten Wort sah ich plötzlich den armen Lahmen vor mir,
-flehend und leidend, ihn, den wir nicht liebten, den wir loszuwerden
-trachteten und der jetzt von uns verlassen und eingeschlossen einsam und
-traurig in der dämmernden Stube saß. Es fiel mir ein, daß es nun bald zu
-dunkeln beginnen müsse und daß er nicht im stande sein würde, Licht zu
-machen oder dem Fenster näher zu rücken. Also würde er das Buch weglegen
-und im Halbdunkel allein sitzen müssen, ohne Gespräch oder Zeitvertreib,
-indes wir hier Wein tranken, lachten und uns vergnügten. Und es fiel mir
-ein, wie ich den Nachbarn in Assisi vom heiligen Franz erzählt hatte und
-wie ich geflunkert hatte, er hätte mich gelehrt alle Menschen liebzuhaben.
-Wozu hatte ich das Leben des Heiligen studiert und seinen herrlichen Gesang
-der Liebe auswendig gelernt und seine Spuren auf den umbrischen Hügeln
-gesucht, wenn nun ein armer und hülfloser Mensch dalag und leiden mußte,
-während ich davon wußte und ihn trösten konnte?
-
-Die Hand eines mächtigen Unsichtbaren legte sich auf mein Herz, drückte es
-nieder und füllte es mit so viel Scham und Schmerz, daß ich zitterte und
-unterlag. Ich wußte, daß Gott jetzt mit mir ein Wort reden wollte.
-
-»Du Dichter!« sagte er, »du Schüler des Umbriers, du Prophet, der die
-Menschen Liebe lehren und beglücken will! Du Träumer, der in Winden und
-Wassern meine Stimme hören möchte!«
-
-»Du liebst ein Haus,« sagte er, »wo man freundlich zu dir ist, wo du
-angenehme Stunden hast! Und am selben Tag, da ich dies Haus meiner Einkehr
-würdige, läufst du davon und sinnst darauf mich zu vertreiben! Du Heiliger!
-Du Prophet! Du Dichter!«
-
-Mir war genau so zu Mute, als würde ich vor einen reinen, untrüglichen
-Spiegel gestellt und ich erblickte mich darin als einen Lügner, als einen
-Maulhelden, als einen Feigling und Wortbrüchigen. Das tut weh, das ist
-bitter, peinigend und schrecklich; aber was in diesem Augenblick in mir
-zerbrach und Qualen litt und sich verwundet bäumte, das war des Zerbrechens
-und Untergehens wert.
-
-Gewaltsam und eilig nahm ich Abschied, ließ den Wein im Glase stehen und
-das angebrochene Brot auf dem Tische liegen und ging in die Stadt zurück.
-In meiner Erregung wurde ich von unausstehlicher Angst gepeinigt, es möchte
-ein Unglück geschehen sein. Es konnte Feuer ausbrechen, der hilflose Boppi
-konnte aus dem Stuhl gefallen sein und leidend oder tot am Boden liegen.
-Ich sah ihn daliegen, ich glaubte dabei zu stehen und den stillen Vorwurf
-im Blick des Krüppels sehen zu müssen.
-
-Atemlos erreichte ich die Stadt und das Haus, stürmte die Treppe hinan und
-erst jetzt fiel mir ein, daß ich ja vor verschlossener Türe stehe und
-keinen Schlüssel besaß. Doch legte sich sogleich meine Angst. Denn ehe ich
-noch die Tür der Küche erreicht hatte, hörte ich drinnen Gesang. Es war ein
-sonderbarer Augenblick. Mit Herzklopfen und ganz außer Atem stand ich auf
-dem dunklen Absatz der Treppe und horchte, indem ich langsam wieder ruhig
-ward, auf das Singen des eingeschlossenen Krüppels. Er sang leise, weich
-und ein wenig klagend ein volkstümliches Liebeslied, vom »Blüemli wiß und
-rot.« Ich wußte, daß er lang nicht mehr gesungen hatte, nun rührte es mich
-ihn zu belauschen, wie er die stille Stunde benützte um in seiner Weise ein
-wenig froh zu sein.
-
-Es ist nun einmal so: Das Leben liebt es neben ernste Ereignisse und tiefe
-Gemütsbewegungen das Komische zu stellen. So empfand ich denn auch sogleich
-das Lächerliche und Beschämende meiner Lage. In meiner plötzlichen Angst
-war ich eine Stunde weit über Feld herbeigerannt, um nun ohne Schlüssel vor
-der Küchenpforte zu stehen. Entweder mußte ich wieder abziehen oder dem
-Lahmen meine guten Absichten durch zwei geschlossene Türen hindurch
-zuschreien. Auf der Treppe stand ich mit meinem Vorsatz, den Armen zu
-trösten, ihm Teilnahme zu zeigen und die Stunden zu verkürzen, und er saß
-ahnungslos drinnen, sang und wäre ohne Zweifel nur erschrocken, wenn ich
-mich durch Schreien oder Klopfen bemerklich gemacht hätte.
-
-Es blieb mir nichts übrig als wieder fortzugehen. Ich bummelte eine Stunde
-durch die sonntäglich belebten Gassen, dann fand ich die Familie
-heimgekehrt. Es kostete mich diesmal keine Überwindung, Boppi die Hand zu
-drücken. Ich setzte mich neben ihn, knüpfte ein Gespräch an und fragte, was
-er gelesen habe. Es lag nahe, ihm Lektüre anzubieten, und er war dankbar
-dafür. Als ich ihm Jeremias Gotthelf empfahl, zeigte es sich, daß er dessen
-Schriften fast alle kannte. Doch war ihm Gottfried Keller noch fremd und
-ich versprach ihm dessen Bücher zu leihen.
-
-Am nächsten Tag, als ich die Bücher brachte, fand ich Gelegenheit mit ihm
-allein zu sein, da die Frau eben ausgehen wollte und der Mann in der
-Werkstätte war. Da bekannte ich ihm, wie sehr ich mich schäme ihn gestern
-allein gelassen zu haben und daß ich froh wäre, manchmal bei ihm sitzen und
-sein Freund sein zu dürfen.
-
-Der kleine Krüppel wendete seinen großen Kopf ein wenig zu mir herüber, sah
-mich an und sagte »Danke schön.« Das war alles. Aber dies Wenden des Kopfes
-hatte ihm Mühe gemacht und war so viel wert als zehn Umarmungen eines
-Gesunden, und sein Blick war so hell und kindlich schön, daß mir vor
-Beschämung das Blut ins Gesicht stieg.
-
-Nun war noch das Schwerere übrig, mit dem Schreiner zu reden. Es schien mir
-am besten, ihm meine gestrige Angst und Scham geradeheraus zu beichten.
-Leider verstand er mich nicht, doch ließ er mit sich darüber reden. Er nahm
-es an, den Kranken als gemeinsamen Gast mit mir zu behalten, so daß wir die
-geringen Kosten seiner Erhaltung teilten und mir die Erlaubnis blieb, nach
-Belieben bei Boppi ein und aus zu gehen und ihn wie einen eigenen Bruder
-anzusehen.
-
-Der Herbst blieb ungewöhnlich lange schön und warm. Darum war das erste,
-was ich für Boppi tat, ihm einen Fahrstuhl zu besorgen und ihn täglich,
-meist in Begleitung der Kinder, ins Freie zu führen.
-
-
-
-
-VIII.
-
-
-Es war immer mein Schicksal, daß ich vom Leben und von meinen Freunden viel
-mehr empfing als ich geben konnte. Mit Richard, mit Elisabeth, mit Frau
-Nardini und mit dem Schreiner war es mir so gegangen, und nun erlebte ich
-es, daß ich in reifen Jahren und bei hinlänglicher Selbstschätzung der
-erstaunte und dankbare Schüler eines elenden Krummen werden sollte. Wenn es
-wirklich einmal dahin kommt, daß ich meine längst begonnene Dichtung
-vollende und weggebe, so wird wenig Gutes darin stehen, das ich nicht von
-Boppi gelernt hätte. Es begann eine gute, erfreuliche Zeit für mich, an der
-ich zeitlebens reichlich zu zehren haben werde. Es ward mir gegönnt, klar
-und tief in eine prachtvolle Menschenseele zu schauen, über welche
-Krankheit, Einsamkeit, Armut und Mißhandlung nur wie leichte lose Wolken
-hinweggeflogen waren.
-
-Alle die kleinen Laster, mit denen wir uns das schöne, kurze Leben
-versalzen und verderben, der Zorn, die Ungeduld, das Mißtrauen, die Lüge --
-all diese leidigen schmierigen Schwären, die uns entstellen, hatte ein
-langes und gründliches Leiden in diesem Menschen unter Schmerzen
-ausgebrannt. Er war kein Weiser und kein Engel, aber er war ein Mensch voll
-Verständnis und Hingabe, der über großen und schrecklichen Leiden und
-Entbehrungen gelernt hatte, sich ohne Scham schwach zu fühlen und in Gottes
-Hand zu geben.
-
-Einmal fragte ich ihn, wie es ihm gelänge sich immer mit seinem
-schmerzenden und kraftlosen Leibe abzufinden.
-
-»Das ist sehr einfach,« lachte er freundlich. »Es ist eben ein ewiger Krieg
-zwischen mir und der Krankheit. Bald gewinne ich eine Schlacht, bald
-verliere ich eine, so balgen wir uns weiter, und zuweilen halten wir uns
-auch beide still, schließen einen Waffenstillstand, passen einander auf und
-liegen auf der Lauer, bis einer von uns wieder frech wird und der Krieg
-aufs neue losgeht.«
-
-Bis dahin hatte ich stets geglaubt, ein sicheres Auge zu haben und ein
-guter Beobachter zu sein. Boppi wurde aber auch darin mein bewunderter
-Lehrmeister. Da er an der Natur und namentlich an Tieren eine große Freude
-hatte, führte ich ihn häufig in den zoologischen Garten. Dort hatten wir
-ganz köstliche Stunden. Boppi kannte nach kurzer Zeit jedes einzelne Tier
-und da wir stets Brot und Zucker mitbrachten, kannten manche Tiere auch uns
-und wir schlossen allerlei Freundschaften. Eine besondere Vorliebe hatten
-wir für den Tapir, dessen einzige Tugend eine seiner Gattung sonst nicht
-eigene Reinlichkeit ist. Im übrigen fanden wir ihn eingebildet, wenig
-intelligent, unfreundlich, undankbar und höchst gefräßig. Andere Tiere,
-namentlich der Elefant, die Rehe und Gemsen, sogar der ruppige Bison,
-zeigten für den empfangenen Zucker stets eine gewisse Dankbarkeit, indem
-sie uns entweder vertraulich anblickten oder es gerne duldeten, sich von
-mir streicheln zu lassen. Beim Tapir war keine Spur davon. Sobald wir in
-seine Nähe kamen, erschien er prompt am Gitter, fraß langsam und gründlich
-was er von uns erhielt und zog sich, wenn er sah daß nichts mehr für ihn
-abfiel, ohne Sang und Klang wieder zurück. Wir fanden darin ein Zeichen von
-Stolz und Charakter und da er das ihm Zugedachte weder erbettelte noch
-dafür dankte, sondern wie einen selbstverständlichen Tribut leutseligst
-entgegennahm, nannten wir ihn den Zolleinnehmer. Zuweilen erhob sich, da
-Boppi die Tiere meist nicht selber füttern konnte, ein Streit darüber, ob
-der Tapir nun genug habe oder ob ihm noch ein weiteres Stückchen zukäme.
-Wir erwogen das mit einer Sachlichkeit und eingehenden Prüfung, als wäre es
-eine Staatsaktion. Einst waren wir schon am Tapir vorüber, als Boppi
-meinte, wir hätten ihm doch noch ein Stück Zucker mehr geben sollen. Also
-kehrten wir wieder um, der inzwischen aufs Strohlager zurückgekehrte Tapir
-aber blinzelte hochmütig herüber und kam nicht ans Gitter. »Entschuldigen
-Sie gütigst, Herr Einnehmer,« rief Boppi ihm zu, »aber ich glaubte wir
-hätten uns um einen Zucker geirrt.« Und weiter gings zum Elefanten, der
-schon voll Erwartung hin und her watschelte und uns seinen warmen,
-beweglichen Rüssel entgegen streckte. Ihn konnte Boppi selbst füttern, und
-er sah mit kindlicher Wonne zu, wie der Riese den geschmeidigen Rüssel zu
-ihm herüber bog, das Brot aus seiner flachen Hand aufnahm und uns aus den
-fidelen, winzigen Äuglein schlau und wohlwollend anblinzelte.
-
-Mit einem Wärter kam ich überein, daß ich Boppi in seinem Fahrstuhl im
-Garten stehen lassen durfte, wenn ich nicht Zeit hatte bei ihm zu bleiben,
-so daß er auch an solchen Tagen in der Sonne sein und die Tiere sehen
-konnte. Nachher erzählte er mir von allem, was er gesehen hatte. Besonders
-imponierte es ihm zu sehen, wie höflich der Löwe seine Gattin behandelte.
-Sobald sie sich niederlegte um zu ruhen, gab er seinem rastlosen
-Hinundhergehen eine solche Richtung, daß er sie dabei weder berührte noch
-störte noch über sie hinweg schritt. Am meisten Unterhaltung fand Boppi
-beim Fischotter. Er wurde nicht müde, die biegsamen Schwimm- und Turnkünste
-des beweglichen Tieres zu betrachten und seine helle Freude daran zu haben,
-während er selbst unbeweglich in seinem Stuhle lag und zu jeder Bewegung
-des Kopfs und der Arme Mühe aufwenden mußte.
-
-Es war einer der schönsten Tage jenes Herbstes, als ich Boppi meine beiden
-Liebesgeschichten erzählte. Wir waren miteinander so vertraut geworden, daß
-ich ihm auch diese weder erfreulichen noch rühmlichen Erlebnisse nicht mehr
-verschweigen konnte. Er hörte freundlich und ernsthaft zu, ohne etwas zu
-sagen. Später aber gestand er mir sein Verlangen, Elisabeth, die weiße
-Wolke, einmal zu sehen und bat mich gewiß daran zu denken, falls wir ihr
-einmal auf der Straße begegneten.
-
-Da das sich nie ereignen wollte und die Tage kühl zu werden begannen, ging
-ich zu Elisabeth und bat sie, dem armen Buckligen diese Freude zu machen.
-Sie war gütig und tat mir den Willen und am bestimmten Tage ließ sie sich
-von mir abholen und in den Tiergarten begleiten, wo Boppi im Fahrstuhl
-wartete. Als die schöne, wohlgekleidete und feine Dame dem Krüppel die Hand
-gab und sich ein wenig zu ihm hinabbückte, und als der arme Boppi aus dem
-vor Freude glänzenden Gesicht die großen, guten Augen dankbar und fast
-zärtlich zu ihr aufschlug, hätte ich nicht entscheiden mögen, wer von den
-beiden in diesem Augenblick schöner war und meinem Herzen näher stand. Die
-Dame sprach ein paar freundliche Worte, der Krüppel wandte den glänzenden
-Blick nicht von ihr, und ich stand daneben und wunderte mich, die beiden
-Menschen, die ich am liebsten hatte und welche das Leben durch eine weite
-Kluft von einander trennte, einen Augenblick Hand in Hand vor mir zu sehen.
-Boppi sprach den ganzen Nachmittag von nichts mehr als von Elisabeth,
-rühmte ihre Schönheit, ihre Vornehmheit, ihre Güte, ihre Kleider, gelbe
-Handschuhe und grüne Schuhe, ihren Gang und Blick, ihre Stimme und ihren
-schönen Hut, während es mir schmerzlich und komisch erschien zugesehen zu
-haben, wie meine Geliebte meinem Herzensfreund ein Almosen gab.
-
-Inzwischen hatte Boppi den »grünen Heinrich« und die Seldwyler gelesen und
-war in der Welt dieser einzigen Bücher so heimisch geworden, daß wir am
-Schmoller Pankraz, am Albertus Zwiehan und an den gerechten Kammmachern
-gemeinsame liebe Freunde besaßen. Eine Weile schwankte ich, ob ich ihm auch
-etwas von C. F. Meyers Büchern geben solle, doch schien es mir
-wahrscheinlich, daß er die fast lateinische Prägnanz seiner allzu gepreßten
-Sprache nicht schätzen würde, auch trug ich Bedenken, den Abgrund der
-Geschichte vor diesem heiter stillen Auge zu öffnen. Statt dessen erzählte
-ich ihm vom heiligen Franz und gab ihm Mörikes Erzählungen zu lesen.
-Merkwürdig war mir sein Geständnis, daß er die Geschichte von der schönen
-Lau großenteils nicht hätte genießen können, wenn er nicht so oft am Bassin
-des Fischotters gestanden wäre und sich dabei allerlei fabelhaften
-Wasserphantasieen hingegeben hätte.
-
-Lustig war es, wie wir so allmählich in die Duzbrüderschaft hinein
-gerieten. Ich hatte sie ihm nie angeboten, er hätte sie auch nicht
-angenommen; so aber kam es ganz von selber, daß wir einander immer häufiger
-duzten, und als wir es eines Tages merkten, mußten wir lachen und ließen es
-nun für immer dabei.
-
-Als der anbrechende Vorwinter unsre Ausfahrten unmöglich machte und ich nun
-wieder Abende lang in der Wohnstube von Boppis Schwager saß, merkte ich
-nachträglich, daß mir meine neue Freundschaft doch nicht so ganz ohne Opfer
-in den Schoß gefallen war. Der Schreiner nämlich war fortwährend mürrisch,
-unfreundlich und wortkarg. Auf die Dauer verdroß ihn nicht nur die lästige
-Gegenwart des unnützen Mitessers, sondern ebenso sehr mein Verhältnis zu
-Boppi. Es kam vor, daß ich einen ganzen Abend vergnüglich mit dem Lahmen
-schwatzte, indes der Hausherr ärgerlich mit der Zeitung daneben saß. Auch
-mit der sonst ungemein geduldigen Frau kam er auseinander, da sie diesmal
-fest auf ihrem Willen bestand und durchaus nicht dulden wollte, daß Boppi
-anderwärts untergebracht werde. Mehrmals versuchte ich ihn versöhnlicher zu
-stimmen oder ihm neue Vorschläge zu machen, doch war nichts mit ihm
-anzufangen. Er begann sogar bissig zu werden, meine Freundschaft mit dem
-Krüppel zu verhöhnen und diesem selbst das Leben sauer zu machen. Freilich
-war der Kranke samt mir, der ich täglich viel bei ihm saß, dem ohnehin
-engen Haushalt eine lästige Bürde, aber ich hoffte noch immer, der
-Schreiner möchte sich uns anschließen und den Kranken lieb gewinnen. Mir
-war es schließlich unmöglich, irgend etwas zu tun oder zu lassen, womit ich
-nicht entweder den Schreiner verletzt oder Boppi benachteiligt hätte. Da
-ich alle raschen und zwingenden Entschlüsse hasse -- schon in der Züricher
-Zeit hatte Richard mich Petrus Cunctator getauft, -- wartete ich wochenlang
-zu und litt beständig an der Furcht, die Freundschaft des einen oder
-vielleicht beider zu verlieren.
-
-Die wachsende Unbehaglichkeit dieser unklaren Verhältnisse trieb mich
-wieder häufiger in die Kneipen. Eines Abends, nachdem die leidige
-Geschichte mich wieder besonders geärgert hatte, verfügte ich mich in eine
-kleine Waadtländer Weinschenke und rückte dem Übel mit mehreren Litern zu
-Leibe. Zum erstenmal seit zwei Jahren hatte ich wieder einmal Mühe,
-aufrecht nach Hause zu gehen. Tags darauf war ich, wie stets nach einer
-starken Zeche, bei wohlig kühler Laune, faßte Mut und suchte den Schreiner
-auf, um die Komödie endlich zum Abschluß zu bringen. Ich schlug ihm vor, er
-möge mir Boppi ganz überlassen, und er zeigte sich nicht abgeneigt, sagte
-auch nach mehrtägiger Bedenkzeit wirklich zu.
-
-Bald darauf bezog ich mit meinem armen Buckligen eine neugemietete Wohnung.
-Ich kam mir vor als hätte ich geheiratet, da ich nun statt der gewohnten
-Junggesellenbude einen ordentlichen kleinen Haushalt zu Zweien beginnen
-sollte. Aber es ging, wenn ich auch im Anfang manche unglückliche
-Wirtschaftsexperimente anstellte. Zum Ordnungmachen und Waschen kam ein
-Laufmädchen, das Essen ließen wir uns ins Haus tragen, und bald war uns
-beiden ganz warm und wohl bei diesem Zusammenleben. Die Nötigung, auf meine
-sorglosen kleinen und größern Wanderungen künftig zu verzichten,
-erschreckte mich einstweilen nicht. Beim Arbeiten empfand ich sogar das
-stille Nahesein des Freundes beruhigend und förderlich. Die kleinen
-Krankendienste waren mir neu und im Anfang wenig erquicklich, namentlich
-das Aus- und Ankleiden: aber mein Freund war so geduldig und dankbar, daß
-ich mich schämte und mir Mühe gab, ihn sorgfältig zu bedienen.
-
- * * * * *
-
-Zu meinem Professor war ich wenig mehr gekommen, öfters zu Elisabeth, deren
-Haus mich trotz allem mit stetigem Zauber anzog. Dort saß ich dann, trank
-Tee oder ein Glas Wein, sah sie die Wirtin spielen und hatte zuweilen
-sentimentale Anwandlungen dabei, obwohl ich gegen alle etwaigen
-Wertherischen Gefühle in mir mit beständigem Spott zu Felde lag. Der
-weichliche, jugendliche Liebesegoismus war allerdings endgültig von mir
-gewichen. So war ein zierlicher, vertraulicher Kriegszustand zwischen uns
-das richtige Verhältnis, und wir kamen wirklich selten zusammen, ohne uns
-freundschaftlichst zu zanken. Der bewegliche und nach Frauenart etwas
-verzogene Verstand der klugen Frau traf mit meinem zugleich verliebten und
-ruppigen Wesen nicht übel zusammen und da wir im Grunde beide einander
-hochachteten, konnten wir desto energischer über jede lausige Kleinigkeit
-in Kampf geraten. Mir war es namentlich komisch, das Junggesellentum gegen
-sie zu verteidigen -- gegen die Frau, die ich noch vor kurzem ums Leben
-gern geheiratet hätte. Ich durfte sie sogar mit ihrem Mann necken, der ein
-guter Bursche und stolz auf seine geistreiche Frau war.
-
-In der Stille brannte die alte Liebe in mir fort, nur war es nicht mehr das
-frühere anspruchsvolle Feuerwerk, sondern eine gute und dauerhafte Glut,
-die das Herz jung hält und an der sich ein hoffnungsloser Hagestolz
-gelegentlich an Winterabenden die Finger wärmen darf. Seit vollends Boppi
-mir nahe stand und mich mit dem wundervollen Wissen um ein beständiges,
-ehrliches Geliebtsein umgab, konnte ich meine Liebe ohne Gefahr als ein
-Stück Jugend und Poesie in mir leben lassen.
-
-Übrigens gab mir Elisabeth je und je durch ihre recht frauenhaften Malicen
-Gelegenheit, mich abzukühlen und mich meines Junggesellentums herzlich zu
-freuen.
-
-Seit der arme Boppi meine Wohnung teilte, vernachlässigte ich auch
-Elisabeths Haus mehr und mehr. Mit Boppi las ich Bücher, blätterte
-Reisealbums und Tagebücher durch, spielte Domino; wir schafften zu unsrer
-Erheiterung einen Pudel an, beobachteten den Winterbeginn vom Fenster aus
-und führten täglich eine Menge kluger und dummer Gespräche. Der Kranke
-hatte sich eine überlegene Weltanschauung erworben, eine von gütigem Humor
-erwärmte sachliche Betrachtung des Lebens, von der ich täglich zu lernen
-hatte. Als starke Schneefälle eintraten und der Winter vor den Fenstern
-seine reinliche Schönheit entfaltete, spannen wir uns mit knabenhafter
-Wollust beim Ofen in ein heimeliges Stubenidyll ein. Die Kunst der
-Menschenkenntnis, nach der ich mir so lang umsonst die Sohlen abgelaufen
-hatte, lernte ich bei dieser Gelegenheit so nebenher mit. Boppi stak
-nämlich, als stiller und scharfer Zuschauer, voll von Bildern aus dem Leben
-seiner früheren Umgebungen und konnte, wenn er einmal angesetzt hatte,
-wundervoll erzählen. Der Krüppel hatte in seinem Leben kaum mehr als drei
-Dutzend Menschen kennen gelernt und war nie im großen Strome
-mitgeschwommen, trotzdem kannte er das Leben viel besser als ich, denn er
-war gewohnt auch das Kleinste zu sehen und in jedem Menschen eine Quelle
-von Erlebnissen, Freude und Erkenntnis zu finden.
-
-Unser Lieblingsvergnügen war nach wie vor die Freude an der Tierwelt. Über
-die Tiere des zoologischen Gartens, die wir nicht mehr besuchen konnten,
-erfanden wir nun Geschichten und Fabeln aller Art. Die meisten davon
-erzählten wir nicht, sondern trugen sie aus dem Stegreif als Dialoge vor.
-Zum Beispiel eine Liebeserklärung zwischen zwei Papageien,
-Familienzerwürfnisse unter den Bisons, Abendunterhaltungen der
-Wildschweine.
-
-»Wie gehts Ihnen denn, Herr Marder?«
-
-»Danke schön, Herr Fuchs, so leidlich. Sie wissen ja, als ich gefangen
-ward, verlor ich meine liebe Gattin. Sie hieß Pinselschwanz, wie ich schon
-die Ehre hatte Ihnen zu sagen. Eine Perle, versichere ich Ihnen, eine --.«
-
-»Ach lassen Sie doch die alten Geschichten, Herr Nachbar, Sie haben mir das
-von der Perle, wenn ich nicht irre, schon öfters erzählt. Lieber Gott, man
-lebt schließlich nur einmal und darf sich das bißchen Vergnügen nicht noch
-verderben.«
-
-»Bitte sehr, Herr Fuchs, wenn Sie meine Gemahlin gekannt hätten, würden Sie
-mich besser verstehen.«
-
-»Aber gewiß, gewiß. Also sie hieß Pinselschwanz, nicht wahr? Ein schöner
-Name, so was zum Streicheln! Aber was ich eigentlich sagen wollte -- Sie
-haben doch bemerkt, wie sehr die leidige Sperlingsplage wieder zunimmt? Ich
-habe da so einen kleinen Plan?«
-
-»Wegen der Sperlinge?«
-
-»Wegen der Sperlinge. Sehen Sie, ich dachte mir das so: Wir legen etwas
-Brot vors Gitter, legen uns ruhig hin und warten die Kerls ab. Es müßte des
-Teufels sein, wenn wir nicht so ein Vieh erwischen könnten. Was meinen
-Sie?«
-
-»Vortrefflich, Herr Nachbar!«
-
-»Also haben Sie die Güte etwas Brot hinzulegen. -- So, schön! Aber
-vielleicht schieben Sie es etwas mehr nach rechts herüber, dann kommt es
-uns beiden zu gut. Ich bin nämlich im Augenblick leider ohne alle Mittel.
-So ist's gut. Also aufgepaßt! Wir legen uns jetzt nieder, schließen die
-Augen -- pst, da kommt schon einer geflogen!« (Pause.)
-
-»Nun, Herr Fuchs, noch nichts?«
-
-»Wie ungeduldig Sie sind! Als ob Sie zum erstenmal auf der Jagd wären! Ein
-Jäger muß warten können, warten und wieder warten. Also noch einmal!«
-
-»Ja wo ist denn das Brot hingekommen?«
-
-»Pardon?«
-
-»Das Brot ist ja gar nimmer da.«
-
-»Nicht möglich! Das Brot? Wahrhaftig -- verschwunden! Da soll doch das
-Donnerwetter! Natürlich wieder der verdammte Wind.«
-
-»Na, ich habe so meine Gedanken. Mir war doch vorher, ich hörte Sie was
-essen.«
-
-»Was? Ich etwas gegessen? Was denn?«
-
-»Das Brot vermutlich.«
-
-»Sie sind beleidigend deutlich in Ihren Vermutungen, Herr Marder. Man muß
-ja von Nachbarsleuten ein Wort vertragen können, aber das ist zu viel. Das
-ist zu viel, sage ich. Haben Sie mich verstanden? -- Nun soll ich das Brot
-gegessen haben! Was glauben Sie eigentlich? Erst soll ich die fade
-Geschichte von Ihrer Perle zum tausendstenmal anhören, dann habe ich eine
-gute Idee, wir legen das Brot hinaus --«
-
-»Das war ich! Ich habe das Brot hergegeben.«
-
-»-- wir legen das Brot hinaus, ich lege mich hin und passe auf, alles geht
-gut, da kommen Sie mit Ihrem Geschwätz dazwischen -- die Spatzen natürlich
-auf und davon, die Jagd verhunzt, und nun soll ich auch noch das Brot
-gefressen haben! Na Sie können warten, bis ich wieder mit Ihnen verkehre.«
-
-Dabei gingen Nachmittage und Abende leicht und schnell vorüber. Ich war
-bester Laune, arbeitete gern und rasch und wunderte mich, daß ich früher so
-träg und verdrossen und schwerlebig gewesen war. Die besten Zeiten mit
-Richard waren nicht schöner gewesen als diese stillen, heiteren Tage, da
-draußen die Flocken tanzten und am Ofen wir zwei samt dem Pudel es uns wohl
-sein ließen.
-
-Und da mußte mein lieber Boppi seine erste und letzte Dummheit begehen! Ich
-in meiner Zufriedenheit war natürlich blind und sah nicht, daß er mehr litt
-als sonst. Aber er, aus lauter Bescheidenheit und Liebe, tat vergnügter als
-je, klagte nicht, verbot mir nicht einmal das Rauchen, und dann lag er
-nachts und litt und hustete und stöhnte leis. Ganz zufällig, als ich einmal
-in der Stube neben ihm in die Nacht hinein schrieb und er mich längst zu
-Bett glaubte, hörte ich, wie er stöhnte. Der arme Kerl war ganz erschrocken
-und verdonnert, als ich plötzlich mit der Lampe in seine Schlafkammer trat.
-Ich stellte das Licht beiseite, setzte mich zu ihm aufs Bett und stellte
-ein Verhör an. Lange versuchte er auszukneifen, dann kam es endlich doch
-heraus.
-
-»Es ist ja nicht so schlimm,« sagte er schüchtern. »Nur bei manchen
-Bewegungen das krampfhafte Gefühl im Herzen, und manchmal auch beim Atmen.«
-
-Er entschuldigte sich geradezu, als wäre sein Kränkerwerden ein Verbrechen!
-
-Morgens ging ich zu einem Arzt. Es war ein schöner, frostklarer Tag,
-unterwegs ließ meine Beklemmung und Sorge nach, ich dachte sogar an
-Weihnachten und besann mich, mit was ich Boppi eine Freude machen könnte.
-Der Arzt war noch zu Hause und kam auf mein dringendes Bitten mit. Wir
-fuhren in seinem bequemen Wagen, wir stiegen die Treppe hinauf, wir kamen
-in die Kammer zu Boppi, es begann ein Betasten und Klopfen und Horchen, und
-während der Arzt nur ein wenig ernsthafter und seine Stimme ein bißchen
-gütiger wurde, ging in mir alle Fröhlichkeit unter.
-
-Gicht, Herzschwäche, ernster Fall -- ich hörte zu und schrieb mir auch
-alles auf und war über mich selber erstaunt, daß ich mich gar nicht wehrte,
-als der Arzt die Überführung ins Spital gebot.
-
-Nachmittags kam der Krankenwagen und als ich vom Spital zurückkam, war mir
-in der Wohnung schrecklich zu mut, wo der Pudel sich an mich drängte und
-der große Stuhl des Kranken beiseite gestellt und nebenan die leergewordene
-Kammer war.
-
-So ist es mit dem Liebhaben. Es bringt Schmerzen, und ich habe deren in der
-folgenden Zeit viel erlitten. Aber es liegt so wenig daran, ob man
-Schmerzen leidet oder keine! Wenn nur ein starkes Mitleben da ist und wenn
-man nur das enge, lebendige Band verspürt, mit dem alles Lebende an uns
-hängt, und wenn nur die Liebe nicht kühl wird! Ich gäbe alle heiteren Tage,
-die ich je gehabt, samt allen Verliebtheiten und samt meinen Dichterplänen,
-wenn ich dafür noch einmal so ins Allerheiligste hineinsehen dürfte, wie in
-jener Zeit. Es tut den Augen und dem Herzen bitter weh, und auch der schöne
-Stolz und Eigendünkel bekommt seine bösen Stiche ab, aber nachher ist man
-so still, so bescheiden, so viel reifer und im Innersten lebendiger!
-
-Schon mit der kleinen, blonden Agi war damals ein Stück von meinem alten
-Wesen gestorben. Jetzt sah ich meinen Buckligen, dem ich meine ganze Liebe
-geschenkt und mit dem ich mein ganzes Leben geteilt hatte, leiden und
-langsam, langsam sterben, und litt an jedem Tage mit und hatte meinen
-Anteil an allem Schrecklichen und Heiligen des Sterbens. Ich war noch ein
-Anfänger in der ars amandi und sollte gleich mit einem ernsten Kapitel der
-ars moriendi beginnen. Von dieser Zeit schweige ich nicht, wie ich von
-Paris geschwiegen habe. Von ihr will ich laut reden wie eine Frau von ihrer
-Brautzeit und wie ein alter Mann von seinen Knabenjahren.
-
-Ich sah einen Menschen sterben, dessen Leben nur Leiden und Liebe gewesen
-war. Ich hörte ihn scherzen wie ein Kind, während er die Arbeit des Todes
-in sich spürte. Ich sah, wie aus schweren Schmerzen heraus sein Blick mich
-suchte, nicht um bei mir zu betteln, sondern um mich aufzurichten und um
-mir zu zeigen, daß diese Krämpfe und Leiden das Beste in ihm unversehrt
-gelassen hatten. Dann waren seine Augen groß und man sah sein verwelkendes
-Gesicht nicht mehr, nur den Glanz seiner großen Augen.
-
-»Kann ich dir etwas tun, Boppi?«
-
-»Erzähl mit was. Vielleicht vom Tapir.«
-
-Ich erzählte vom Tapir, er schloß die Augen und ich hatte meine Mühe, zu
-sprechen wie sonst, denn das Weinen stand mir fortwährend nahe. Und wenn
-ich glaubte, er höre mich nicht mehr oder schlafe, dann verstummte ich
-sogleich. Da machte er wieder die Augen auf.
-
-»-- Und dann?«
-
-Und ich erzählte weiter, vom Tapir, vom Pudel, von meinem Vater, vom
-kleinen bösen Mattheo Spinelli, von Elisabeth.
-
-»Ja, sie hat einen dummen Kerl geheiratet. So geht's, Peter!«
-
-Oft fing er plötzlich an vom Sterben zu sprechen.
-
-»Es ist kein Spaß, Peter. Die allerschwerste Arbeit ist nicht so schwer wie
-Sterben. Aber man macht's doch durch.«
-
-Oder: »Wenn die Quälerei überstanden ist, kann ich schon lachen. Bei mir
-lohnt sich das Sterben doch, ich werde einen Schnitzbuckel, einen kurzen
-Fuß und eine lahme Hüfte los. Bei dir wird's einmal schad sein, mit deinen
-breiten Schultern und schönen gesunden Beinen.«
-
-Und einmal, in den letzten Tagen, wachte er aus einem kurzen Schlummer auf
-und sagte ganz laut:
-
-»Es gibt gar keinen solchen Himmel, wie der Pfarrer meint. Der Himmel ist
-viel schöner. Viel schöner.«
-
-Die Schreinersfrau kam oft und zeigte sich in kluger Weise teilnehmend und
-hülfsbereit. Der Schreiner blieb zu meinem großen Bedauern ganz aus.
-
-»Was meinst du,« fragte ich Boppi gelegentlich, »wird im Himmel auch ein
-Tapir sein?«
-
-»O ja,« sagte er und nickte noch dazu. »Es sind alle Arten Tiere dort, auch
-Gemsen.«
-
-Die Weihnachtszeit kam und wir hatten eine kleine Feier an seinem Bett. Es
-trat starker Frost ein, es taute wieder, und Neuschnee fiel auf das
-Glatteis, aber ich merkte nichts von allem. Ich hörte, Elisabeth habe einen
-Knaben geboren, und ich vergaß es wieder. Es kam ein drolliger Brief von
-Frau Nardini; ich las ihn flüchtig durch und legte ihn beiseite. Meine
-Arbeiten erledigte ich im Galopp mit dem steten Bewußtsein, jede Stunde mir
-und dem Kranken zu stehlen. Dann lief ich gehetzt und ungeduldig ins
-Krankenhaus, und dort war eine heitere Stille und ich saß halbe Tage an
-Boppis Bett, von einem traumhaft tiefen Frieden umgeben.
-
-Er hatte kurz vor dem Ende noch einige bessere Tage. Da war es merkwürdig,
-wie die kaum verflossene Zeit in seiner Erinnerung erloschen schien und er
-ganz in den früheren Jahren lebte. Zwei Tage lang sprach er von nichts als
-von seiner Mutter. Er konnte ja nicht lang reden, aber man sah auch in den
-stundenlangen Pausen, daß er an sie dachte.
-
-»Ich habe dir viel zu wenig von ihr erzählt,« klagte er, »du mußt nichts
-von dem vergessen, was sie betrifft, sonst gibt es bald niemand mehr, der
-von ihr weiß und ihr dankbar ist. Es wäre gut, Peter, wenn alle Leute so
-eine Mutter hätten. Sie hat mich nicht ins Armenhaus getan, als ich nimmer
-arbeiten konnte.«
-
-Er lag und atmete mühselig. Eine Stunde verging, da fing er wieder an:
-
-»Sie hat mich am liebsten gehabt von allen ihren Kindern und hat mich bei
-sich behalten, bis sie gestorben ist. Die Brüder sind ausgewandert und die
-Schwester hat den Schreiner geheiratet, aber ich bin zu Haus gesessen und
-so arm sie war, hat sie mich's nie entgelten lassen. Du darfst meine Mutter
-nicht vergessen, Peter. Sie war ganz klein, vielleicht noch kleiner als
-ich. Wenn sie mir die Hand gab, war es gerade so, wie wenn sich ein winzig
-kleiner Vogel draufgesetzt hätte. Es langt ein Kindersarg für sie, hat der
-Nachbar Rütimann gesagt, wie sie gestorben ist.«
-
-Auch für ihn hätte schier ein Kindersarg hingereicht. Er lag so
-verschwunden und klein in seinem sauberen Spitalbett, und seine Hände sahen
-nun wie kranke Frauenhände aus, lang, schmal, weiß und ein wenig gekrümmt.
-Als er aufhörte, von seiner Mutter zu träumen, kam ich an die Reihe. Er
-sprach von mir, als säße ich nicht dabei.
-
-»Er ist ein Pechvogel, nun freilich, aber es hat ihm nichts geschadet.
-Seine Mutter ist zu früh gestorben.«
-
-»Kennst du mich noch, Boppi?« fragte ich.
-
-»Jawohl, Herr Camenzind,« sagte er scherzhaft und lachte ganz leise.
-
-»Wenn ich nur singen könnte,« meinte er gleich darauf.
-
-Am letzten Tage fragte er noch: »Du, kostet es viel hier im Spital? Es
-könnte zu teuer werden.«
-
-Doch erwartete er keine Antwort. Eine feine Röte stieg ihm in das weiße
-Gesicht, er schloß die Augen und sah eine Weile aus wie ein überaus
-glücklicher Mensch.
-
-»Es geht zu Ende,« sagte die Schwester.
-
-Aber er öffnete die Augen noch einmal, sah mich schelmisch an und bewegte
-die Brauen so, als wollte er mir zunicken. Ich stand auf, legte die Hand
-unter seine linke Schulter und hob ihn sachte ein klein wenig, was ihm
-jedesmal wohltat. So auf meiner Hand liegend verzog er noch einmal in
-kurzem Schmerz die Lippen, dann drehte er den Kopf ein wenig und
-schauderte, als fröre ihn plötzlich. Das war die Erlösung.
-
-»Ist's gut, Boppi?« fragte ich noch. Er war aber schon seiner Leiden ledig
-und erkaltete mir in der Hand. Es war am siebenten Januar, eine Stunde nach
-Mittag. Gegen Abend machten wir alles fertig und der kleine, verwachsene
-Körper lag friedlich und sauber ohne weitere Entstellungen da bis es Zeit
-war ihn wegzubringen und zu begraben. Während dieser zwei Tage war ich
-beständig darüber verwundert, daß ich weder besonders traurig noch ratlos
-war und nicht einmal weinen mußte. Ich hatte die Trennung und den Abschied
-so gründlich während der Krankheit durchempfunden, daß nun wenig mehr davon
-überblieb und die schwankende Schale meines Schmerzes langsam und
-erleichtert wieder in die Höhe stieg.
-
-Trotzdem schien es mir jetzt an der Zeit, die Stadt in aller Stille zu
-verlassen und mich irgendwo, womöglich im Süden, auszuruhen und das nur
-erst grob angelegte Gefäde meiner Dichtung einmal ernstlich auf den
-Webstuhl zu spannen. Ein wenig Geld hatte ich übrig, also hing ich meine
-literarischen Verpflichtungen an den Nagel und richtete mich ein, beim
-ersten Frühlingsbeginn zu packen und abzureisen. Zunächst nach Assisi, wo
-die Gemüsehändlerin meinen Besuch erwartete, dann zu tüchtiger Arbeit in
-ein möglichst stilles Bergnest. Mir schien ich habe nun ein hinreichendes
-Stück Leben und Tod gesehen, um etwa andern Leuten zumuten zu dürfen, mich
-darüber ein wenig räsonnieren zu hören. In wohliger Ungeduld wartete ich
-auf den März und hatte vorempfindend schon das Ohr voll italienischer
-Kraftworte und in der Nase einen kitzelnd würzigen Duft von Risotto,
-Orangen und Chiantiwein.
-
-Der Plan war tadellos und befriedigte mich, je länger ich ihn überlegte,
-desto mehr. Indessen tat ich wohl daran, mich des Chianti im voraus zu
-freuen, denn es kam alles ganz anders.
-
-Ein beweglicher, phantastisch stilisierter Brief des Gastwirts Nydegger
-verkündigte mir im Februar, es liege sehr viel Schnee und im Dorfe sei bei
-Vieh und Menschen nicht alles in Ordnung, namentlich stehe es mit meinem
-Herrn Vater bedenklich und alles in allem wäre es gut, wenn ich Geld
-schicken oder selber kommen würde. Da das Geldschicken mir nicht paßte und
-der Alte mir wirklich Sorge machte, mußte ich eben reisen. An einem
-unwirschen Tage kam ich an, vor Schneefall und Wind waren weder Berge noch
-Häuser sichtbar und es kam mir zu gut, daß ich den Weg auch blindlings
-kannte. Der alte Camenzind lag wider meine Vermutung nicht zu Bett, sondern
-saß dürftig und kleinlaut in der Ofenecke und war von einer Nachbarin
-belagert, die ihm Milch gebracht hatte und ihm soeben über seinen schlimmen
-Lebenswandel gründlich und ausdauernd den Text las, worin auch mein
-Eintritt sie nicht störte.
-
-»Lueg', der Peter isch cho,« sagte der graue Sünder und zwinkerte mir mit
-dem linken Auge zu.
-
-Aber sie fuhr unbeirrt in ihrer Predigt fort. Ich setzte mich auf einen
-Stuhl, wartete das Versiegen ihrer Nächstenliebe ab und fand in ihrer Rede
-einige Kapitel, die auch mir nicht schadeten. Nebenher schaute ich zu, wie
-mir der Schnee von Mantel und Stiefeln schmolz und rings um meinen Stuhl
-zuerst einen feuchten Flecken und dann einen stillen Weiher bildete. Erst
-als die Frau ein Ende gefunden hatte, konnte das offizielle Wiedersehen
-stattfinden, an welchem sie ganz freundlich teilnahm.
-
-Der Vater hatte sehr an Kräften abgenommen. Mir fiel mein früherer kurzer
-Versuch, ihn zu pflegen, wieder ein. Das Abreisen damals hatte also nichts
-geholfen und ich konnte nun, da es freilich nötiger war, doch noch die
-Suppe ausfressen.
-
-Schließlich kann man von einem knorrigen alten Bauern, der auch in seinen
-besseren Zeiten kein Tugendspiegel war, nicht verlangen, daß er in den
-Tagen der Greisenkrankheiten milde werde und dem Schauspiel der Sohnesliebe
-mit Rührung beiwohne. Das tat mein Vater denn auch durchaus nicht, sondern
-war je kränker desto widerwärtiger und zahlte mir alles, womit ich ihn
-früher je gequält hatte, wenn nicht mit Zinsen so doch glatt und
-wohlgemessen heim. Mit Worten allerdings war er sparsam und vorsichtig
-gegen mich, aber er verfügte über eine Menge von drastischen Mitteln, ohne
-Worte unzufrieden, bitter und ruppig zu sein. Mich wunderte zuweilen, ob
-wohl auch aus mir einmal im Alter ein so fataler und heikler Kauz werden
-möchte. Mit dem Trinken war es für ihn so gut wie vorbei und das Glas guten
-Südweins, das ich ihm täglich zweimal einschenkte, genoß er nur mit böser
-Miene, weil ich die Flasche stets sogleich wieder in den leeren Keller
-zurückbrachte, dessen Schlüssel ich ihm nie überließ.
-
-Erst gegen Ende Februars kamen jene hellen Wochen, die den
-Hochgebirgswinter so herrlich machen. Die hohen, beschneiten Bergschroffen
-standen klar gegen den kornblumenblauen Himmel und sahen in der
-durchsichtigen Luft unwahrscheinlich nahe aus. Matten und Halden lagen
-schneebedeckt -- mit dem Schnee des Bergwinters, den man so weiß und
-kristallen und herbduftend in den Talländern niemals findet. Auf kleinen
-Erdschwellungen feiert in der Mittagszeit das Sonnenlicht glänzende Feste,
-in Mulden und an Abhängen liegen satte blaue Schatten und die Luft ist nach
-wochenlangem Schneefall so ganz gereinigt, daß in der Sonne jeder Atemzug
-ein Genuß ist. An den kleineren Halden fröhnt die Jugend der Gimmelfahrt
-und in der Stunde nach Mittag sieht man alte Leutchen auf den Gassen stehen
-und sich an der Sonne gütlich tun, während nachts die Dachsparren im Froste
-krachen. Inmitten der weißen Schneefelder liegt still und blau der niemals
-gefrierende See, schöner als er je im Sommer sein kann. Jeden Tag vor dem
-Mittagessen half ich dem Vater vor die Tür und schaute zu, wie er seine
-braunen und knotig verbogenen Finger in die schöne Sonnenwärme streckte.
-Nach einer Weile begann er alsdann zu husten und über die Kühle zu klagen.
-Das war einer seiner harmlosen Kniffe, um einen Schnaps von mir zu
-erlangen; denn weder der Husten noch die Kühle waren ernst zu nehmen. Also
-bekam er ein Gläschen Enzian oder einen kleinen Absinth, hörte in
-kunstreicher Abstufung zu husten auf und freute sich hinterrücks, mich
-überlistet zu haben. Nach Tisch ließ ich ihn allein, band die Gamaschen um
-und lief ein paar Stunden bergan, soweit es gehen wollte, und legte den
-Heimweg, auf einem mitgenommenen Fruchtsack sitzend, als Rutschpartie über
-die schrägen Schneefelder zurück.
-
-Als die Zeit herankam, in der ich etwa nach Assisi hatte reisen wollen, lag
-noch metertiefer Schnee. Erst im April begann das Frühjahr sich zu regen
-und es kam eine bösartig rasche Schneeschmelze über unser Dorf wie seit
-Jahren keine mehr gewesen war. Tag und Nacht hörte man den Föhn heulen, das
-Krachen entfernter Lauen und das erbitterte Brausen der Sturzbäche, welche
-große Felsstücke und zersplitterte Bäume mitbrachten und auf unsre armen,
-schmalen Grundstücke und Obstwiesen warfen. Das Föhnfieber ließ mich nicht
-schlafen, Nacht für Nacht hörte ich ergriffen und angstvoll den Sturm
-klagen, die Lauen donnern und den wütenden See an die Ufer branden. In
-dieser fiebernden Zeit der schrecklichen Frühlingskämpfe überfiel mich noch
-einmal die überwundene Liebeskrankheit so ungestüm, daß ich mich nachts
-erhob, mich ins Türfenster legte und unter bitteren Schmerzen Liebesworte
-an Elisabeth in das Getöse hinaus rief. Seit der lauen Züricher Nacht, in
-der ich auf dem Hügel über dem Hause der welschen Malerin vor Liebe gerast
-hatte, war die Leidenschaft nie mehr so schrecklich und unwiderstehlich
-über mich Herr geworden. Es war mir oft so, als stünde die schöne Frau ganz
-nahe vor mir und lächle mich an und wiche doch bei jedem Schritt, den ich
-ihr näher träte, zurück. Meine Gedanken, mochten sie herkommen von wo sie
-wollten, kehrten unabänderlich zu diesem Bilde zurück und ich konnte gleich
-einem Verwundeten es nicht lassen, immer wieder an der jückenden Schwäre zu
-kratzen. Ich schämte mich vor mir selber, was ebenso quälend wie nutzlos
-war, verwünschte den Föhn und hatte heimlich neben allen Qualen doch ein
-verschwiegenes, warmes Lustgefühl, ganz wie in Knabenzeiten, wenn ich an
-die hübsche Rösi dachte und die laue, dunkle Woge mich überlief.
-
-Ich begriff, daß gegen diese Krankheit kein Kraut gewachsen war, und
-versuchte wenigstens ein bißchen zu arbeiten. Ich begann den Aufbau meines
-Werkes in Angriff zu nehmen, entwarf einige Studien und sah bald ein, daß
-dafür jetzt nicht die Zeit sei. Indessen liefen von überall her die bösen
-Föhnberichte ein und im Dorfe selbst nahm die Not überhand. Die Bachdämme
-waren halb zerstört, manche Häuser, Scheunen und Ställe hatten starken
-Schaden gelitten, von der Außengemeinde trafen mehrere Obdachlose ein,
-überall war Klage und Not und nirgends Geld. In diesen Tagen war's, daß zu
-meinem Glück der Schulze mich auf sein Ratsstübchen holen ließ und mich
-fragte, ob ich willens sei, einem Ausschuß zur Abhülfe der allgemeinen Not
-beizutreten. Man traue mir zu, die Sache der Gemeinde beim Kanton zu
-vertreten und namentlich durch die Zeitungen das Land zur Teilnahme und
-Beisteuer zu bewegen. Mir kam es gelegen, gerade jetzt meine nutzlosen
-eigenen Leiden über einer ernsteren und würdigeren Sache vergessen zu
-können, und ich ging verzweifelt ins Zeug. In Basel gewann ich durch Briefe
-rasch einige Sammler. Der Kanton hatte, wie wir voraus wußten, kein Geld
-und konnte nur ein paar Hülfsarbeiter senden. Nun wandte ich mich an die
-Zeitungen mit Aufrufen und Berichten; Briefe, Beiträge und Anfragen liefen
-ein und ich hatte neben der Schreiberei noch die Gemeinderatshändel mit den
-harten Bauernschädeln durchzufechten.
-
-Die paar Wochen strenger, unentrinnbarer Arbeit taten mir gut. Als die
-Sache allmählich in eine geregelte Bahn gebracht und ich dabei minder
-notwendig geworden war, grünten ringsum die Matten und blaute der See
-harmlos und sonnig zu den vom Schnee befreiten Halden hinauf. Mein Vater
-hatte erträgliche Tage und meine Liebesnöte waren gleich den schmutzigen
-Lawinenresten verschwunden und zerlaufen. In diesen Zeiten hatte früher
-mein Vater seinen Nachen gefirnißt, die Mutter hatte vom Garten her
-zugesehen und ich hatte mein Auge auf des Alten Hantierung, auf die Wolken
-seiner Pfeife und auf die gelben Schmetterlinge gehabt. Diesmal war kein
-Nachen zum Anstreichen mehr da, die Mutter war lange tot und der Vater
-bockte verdrossen in dem verwahrlosten Hause herum. An die alten Zeiten
-erinnerte mich auch Onkel Konrad. Häufig nahm ich ihn, vom Vater ungesehen,
-zu einem Gläschen Wein mit und hörte zu, wie er erzählte und seiner vielen
-Projekte mit gutmütigem Lachen und doch nicht ohne Stolz gedachte. Neue
-machte er zur Zeit nicht mehr und das Alter hatte ihn auch sonst stark
-gezeichnet, trotzdem war in seinen Mienen und zumal in seinem Lachen etwas
-Knaben- oder Jünglinghaftes, das mir wohltat. Er war oft mein Trost und
-Zeitvertreib, wenn ich es zuhaus beim Alten nimmer aushielt. Nahm ich ihn
-zum Wein mit, so trottete er hastig neben mir her und bestrebte sich
-ängstlich, seine krummgewordenen, mageren Beine im gleichen Schritt mit
-meinen zu halten.
-
-»Mußt Segel nehmen, Onkel Konrad,« munterte ich ihn auf, und über dem Segel
-kamen wir dann jedesmal auf unsern alten Nachen zu sprechen, welcher nimmer
-da war und den er wie einen lieben Toten beklagte. Da auch mir das alte
-Stück lieb gewesen war und nun fehlte, gedachten wir seiner und aller mit
-ihm passierten Geschichten bis ins kleinste.
-
-Der See war so blau wie ehemals, die Sonne nicht minder feiertäglich und
-warm, und ich alter Bursche schaute oft den gelben Faltern zu und hatte ein
-Gefühl, als wäre seit damals im Grunde wenig anders geworden und als könnte
-ich ebensowohl mich wieder in die Matten legen und Bubenträume aushecken.
-Daß dem nicht so war und daß ich ein gutes Teil meiner Jahre auf
-Nimmerwiedersehen schon verbraucht hatte, konnte ich jeden Tag beim Waschen
-sehen, wenn aus der rostigen Blechschüssel mein Kopf mit der starken Nase
-und dem säuerlichen Mund mich anglänzte. Noch besser sorgte Camenzind
-senior dafür, daß ich nicht am Wandel der Zeiten irre ward, und wenn ich
-ganz in die Gegenwart gerückt sein wollte, brauchte ich nur die klamme
-Tischlade in meiner Stube zu öffnen, worin mein künftiges Werk lag und
-schlief, aus einem Paket verjährter Skizzen und aus sechs oder sieben
-Entwürfen auf Quartbogen bestehend. Ich öffnete die Lade aber selten.
-
-Neben der Pflege des Alten gab mir das Instandhalten unsres verlotterten
-Hauswesens reichlich zu tun. In den Dielen klafften Abgründe, Ofen und Herd
-waren defekt, rauchten und stänkerten, die Türen schlossen nicht und die
-Leitertreppe auf den Boden, den ehemaligen Schauplatz der väterlichen
-Züchtigungen, war lebensgefährlich. Ehe hieran etwas getan werden konnte,
-mußte das Beil geschliffen, die Säge geflickt, ein Hammer entlehnt und
-Nägel zusammengesucht werden, dann galt es, aus dem faulenden Rest des
-ehemaligen Holzvorrates brauchbare Stücke herzurichten. Beim Reparieren der
-Werkzeuge und des alten Schleifsteins ging mir Onkel Konrad ein wenig an
-die Hand, doch war er zu alt und krumm geworden um viel zu nützen. Also
-zerschliß ich mir meine weichen Schreiberhände am widerspenstigen Holz,
-trat den wackligen Schleifstein, kletterte auf dem allenthalben undicht
-gewordenen Dach umher, nagelte, hämmerte, schindelte und schnitzte, wobei
-mein etwas ins Feiste gediehener Adam manchen Tropfen Schweiß vergoß.
-Zuweilen hielt ich denn auch, namentlich bei der leidigen Dachflickerei,
-mitten im Hammerschlag inne, setzte mich zurecht, sog die halberloschene
-Cigarre wieder an, schaute in die tiefe Himmelsbläue und genoß meine
-Trägheit im frohen Bewußtsein, daß jetzt der Vater mich nimmer antreiben
-und schelten konnte. Kamen dann Nachbarsleute vorübergewandelt, Weiber,
-alte Männer und Schulkinder, so knüpfte ich zur Beschönigung meines
-Nichtstuns freundnachbarliche Gespräche mit ihnen an und kam allmählich in
-den Geruch eines Mannes, mit dem sich ein vernünftiges Wort reden lasse.
-
-»Macht's warm heut, Lisbeth?«
-
-»Allweg, Peter. Was schaffst?«
-
-»'s Dach flicken.«
-
-»Kann nit schaden, 's hat's allweg schon länger nötig gehabt.«
-
-»Wohl, wohl.«
-
-»Was macht denn der Alte? Er wird leicht seine siebenzig alt sein.«
-
-»Achtzig, Lisbeth, achtzig. Was meinst, wenn wir einmal so alt sind? 's ist
-kein Spaß.«
-
-»Wohl Peter, aber jetzt muß ich weiter, der Mann will's Essen haben. Mach's
-gut unterdes!«
-
-»Adie, Lisbeth.«
-
-Und während sie mit dem Napf im Tüchlein weiter pilgerte, blies ich Wolken
-in die Luft, sah ihr nach und besann mich, wie es nur käme, daß alle Leute
-so fleißig ihren Geschäften nachgingen, indes ich schon zwei volle Tage an
-der gleichen Latte herumnagelte. Schließlich aber war das Dach doch
-geflickt. Der Vater interessierte sich ausnahmsweise dafür und da ich ihn
-unmöglich aufs Dach schleppen konnte, mußte ich ihm ausführlich beschreiben
-und über jede halbe Latte Rechenschaft ablegen, wobei es mir auf einige
-Prahlereien nicht ankam.
-
-»'s ist gut,« gab er zu, »'s ist gut, aber ich hätt' nicht geglaubt, daß du
-dies Jahr noch fertig wirst.«
-
- * * * * *
-
-Wenn ich nun meine Fahrten und Lebensversuche beschaue und überdenke, freut
-und ärgert es mich, die alte Erfahrung auch an mir erlebt zu haben, daß die
-Fische ins Wasser und die Bauern aufs Land gehören und daß aus einem
-Nimikoner Camenzind trotz aller Künste kein Stadt- und Weltmensch zu machen
-ist. Ich gewöhne mich daran, das in der Ordnung zu finden und bin froh, daß
-meine ungeschickte Jagd um das Glück der Welt mich wider Willen in den
-alten Winkel zwischen See und Bergen zurückgeführt hat, wo ich hingehöre
-und wo meine Tugenden und Laster, namentlich aber die Laster, etwas
-ordinäres und hergebrachtes sind. Da draußen hatte ich die Heimat vergessen
-und war nahe daran gewesen, mir selbst als eine seltene und merkwürdige
-Pflanze vorzukommen; nun sehe ich wieder, daß es nur der Nimikoner Geist
-war, der in mir spukte und sich dem Brauch der übrigen Welt nicht fügen
-konnte. Hier fällt es niemand ein, einen Sonderling in mir zu sehen, und
-wenn ich meinen alten Papa oder den Onkel Konrad betrachte, komme ich mir
-wie ein ordentlich geratener Sohn und Neffe vor. Meine paar Zickzackflüge
-im Reich des Geistes und der sogenannten Bildung lassen sich füglich der
-berühmten Segelfahrt des Oheims vergleichen, nur daß sie an Geld und Mühe
-und schönen Jahren mich teurer zu stehen kamen. Auch äußerlich bin ich,
-seit mein Vetter Kuoni mir den Bart stutzt und seit ich wieder Gürtelhosen
-trage und in Hemdärmeln herumlaufe, wieder ganz ein Hiesiger geworden und
-werde, wenn ich einmal grau und alt bin, unvermerkt meines Vaters Platz und
-seine kleine Rolle im Dorfleben übernehmen. Die Leute wissen bloß, ich sei
-Jahre lang in der Fremde gewesen und ich hüte mich wohl, ihnen zu sagen,
-was für ein lausiges Metier ich dort betrieben und in wieviel Pfützen ich
-gesteckt habe; sonst hätte ich bald meinen Spott und Übernamen weg. So oft
-ich von Deutschland, Italien oder Paris erzähle, blase ich mich ein bißchen
-auf und komme selbst bei den ehrlichsten Stellen zuweilen in einige Zweifel
-an meiner eigenen Wahrhaftigkeit.
-
-Und was ist denn nun bei so viel Irrfahrten und verbrauchten Jahren
-herausgekommen? Die Frau, die ich liebte und immer noch liebe, erzieht in
-Basel ihre zwei hübschen Kinder. Die andere, die mich lieb hatte, hat sich
-getröstet und handelt weiterhin mit Obst, Gemüse und Sämereien. Der Vater,
-wegen dessen ich ins Nest heimgekehrt bin, ist weder gestorben noch
-genesen, sondern sitzt mir gegenüber auf seinem Faulbettlein, sieht mich an
-und beneidet mich um den Besitz des Kellerschlüssels.
-
-Aber das ist ja nicht alles. Ich habe, außer der Mutter und dem ertrunkenen
-Jugendfreund, die blonde Agi und meinen kleinen, krummen Boppi als Engel im
-Himmel wohnen. Und ich habe erlebt, daß im Dorf die Häuser wieder geflickt
-und beide Steindämme wieder aufgerichtet sind. Wenn ich wollte, säße ich
-auch im Gemeinderat. Es sind aber dort der Camenzinde schon genug.
-
-Nun hat sich mir neuestens eine andere Aussicht eröffnet. Der Gastwirt
-Nydegger, in dessen Stube mein Vater und ich so manchen Liter Veltliner,
-Walliser oder Waadtländer getrunken haben, fängt an steil bergab zu gehen
-und hat keine Freude mehr an seinem Geschäft. Er klagte mir dieser Tage
-sein Elend. Das schlimmste dabei ist, daß wenn kein Einheimischer sich dazu
-findet, eine auswärtige Brauerei das Anwesen kauft und dann ist es
-verdorben und wir haben in Nimikon keinen behaglichen Wirtstisch mehr. Es
-wird irgend ein fremder Pächter hineingesetzt werden, der natürlich lieber
-Bier als Wein verzapft und unter welchem der gute Nydeggersche Keller
-verpfuscht und vergiftet wird. Seit ich das weiß, läßt es mir keine Ruhe;
-in Basel liegt mir noch ein wenig Geld auf der Bank und der alte Nydegger
-fände an mir nicht den schlechtesten Nachfolger. Der Haken dran ist nur,
-daß ich zu Vaters Lebzeiten nicht mehr Gastwirt werden möchte. Denn einmal
-könnte ich den alten Mann dann nimmer vom Spunden fernhalten und außerdem
-würde er seinen Triumph darüber haben, daß ich mit allem Latein und
-Studieren es zum Nimikoner Weinwirt und nicht weiter gebracht habe. Das
-geht nicht an, und so beginne ich auf das Ableben des Alten allmählich ein
-wenig zu warten, nicht mit Ungeduld, sondern nur der guten Sache zulieb.
-
-Onkel Konrad ist seit kurzem wieder in einen aufgeregten Tatendurst
-hineingeraten, nach langen still verdöselten Jahren, und das gefällt mir
-nicht. Er hat beständig den Zeigefinger im Mund und eine Denkrunzel auf der
-Stirn, tut hastige kleine Schritte in seiner Stube herum und schaut bei
-hellem Wetter viel über's Wasser. »Ich mein' alleweil, er will wieder
-Schiffli bauen,« sagt seine alte Cenzine, und er sieht wirklich so lebendig
-und kühn aus wie seit Jahren nicht und hat so einen schlauen, überlegenen
-Zug im Gesicht, als wisse er jetzt genau wie er es diesmal anfangen müsse.
-Ich glaube aber, es ist nichts damit und es ist nur seine müdgewordene
-Seele, welche jetzt nach Flügeln verlangt, um bald daheim zu sein. Mußt
-Segel nehmen, alter Onkel! Wenn es aber so weit mit ihm sein wird, dann
-sollen die Herren Nimikoner etwas Unerhörtes erleben. Denn ich habe bei mir
-beschlossen, an seinem Grabe hinter dem Pater her einige Worte zu reden,
-was hierorts noch nie passiert ist. Ich werde des Oheims als eines Seligen
-und Lieblings Gottes gedenken, und diesem erbaulichen Teil wird eine mäßige
-Handvoll Salz und Pfeffer für die geliebten Leidtragenden folgen, die sie
-mir nicht so bald vergessen und verzeihen sollen. Hoffentlich erlebt es
-auch mein Vater noch.
-
-Und in der Lade liegen die Anfänge meiner großen Dichtung. »Mein
-Lebenswerk«, könnte ich sagen. Es klingt aber zu pathetisch und ich sage es
-lieber nicht, denn ich muß bekennen, daß Fortgang und Vollendung desselben
-auf schwachen Beinen stehen. Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, daß ich
-von neuem beginne, fortfahre und vollende; dann hat meine Jugendsehnsucht
-Recht gehabt und ich bin doch ein Dichter gewesen.
-
-Das wäre mir soviel oder mehr als der Gemeinderat und als die Steindämme
-wert. Das Vergangene und doch Unverlorene meines Lebens aber, samt allen
-den lieben Menschenbildern, von der schlanken Rösi Girtanner bis auf den
-armen Boppi, wöge es mir nicht auf.
-
-Ende
-
-
-
-
-Werke
-von
-Hermann Hesse
-
-
-Unterm Rad
-
-Roman. 18. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50
-
-Hier ist etwas Freies, Unkünstliches, Naturgewachsenes. Immer, wenn ich ein
-Buch von Hesse lese, habe ich die Empfindung, daß sich über mir der blaue
-Himmel wölbt, daß Bäume ringsum grünen und frische Luft weht.
-
-(Die Zeit, Wien)
-
-Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geläuterter noch als
-der »Camenzind«, von einer tüchtigen Männlichkeit durchweht, eine Wohltat
-für den, der ihn liest, treuherzig, überzeugend, von lebhaftem, heißem
-Natursinn kündend, frei von ästhetischer Kränkelei -- ein klares
-Schwabenbuch, ein durch und durch deutscher Roman.
-
-(Münchener Neueste Nachrichten)
-
-Es ist die einfache Geschichte von einem Jungen, der stolz und mit der
-Anwartschaft auf Ruhm und Glück ins Leben eintritt und unters Rad kommt und
-überfahren wird; ein Buch voll Schwermut und heimlicher, leiser Klage und
-auch ein Buch voll Anklage. Schwer und gewichtig in seiner Einfachheit, die
-um so tiefer wirkt, als sie das Resultat einer unnachahmlichen sprachlichen
-Meisterschaft und stilistischen Adels ist.
-
-(Münchener Zeitung)
-
-Man wird vielleicht fragen, ob der neue Roman einen Fortschritt gegenüber
-dem »Peter Camenzind« bedeutet. Die Frage geht verloren, bei beiden Büchern
-steht Hesse auf einem Gipfel, den mit ihm von jüngeren deutschen
-Romanschriftstellern nur noch Thomas Mann, Emil Strauß und die wunderbarste
-der Frauen, Ricarda Huch, bewohnen.
-
-(Neue Badische Landeszeitung, Mannheim)
-
-
-Diesseits
-
-Erzählungen. 16. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50
-
-Wie lange habe ich mich darauf gefreut, dieses Buch anzuzeigen! Eine
-erlesene Schar der Novellen Hesses, die verstreut in Zeitschriften lagen,
-in einem Bande gesammelt in Händen zu halten, zu eigen zu haben wie
-Hausschwalben, die ihr Nest an unserem Dache sich bauen. Es ist ein
-stilles, vornehmes und unsäglich schönes Buch geworden, das man ehrfürchtig
-in die Hand nimmt, ehrfürchtig aus der Hand legt, stillergriffen,
-nachdenklich, voll einer Liebe zu dem Menschen, der ein so starkes, reines
-Herz hat und es so lauter schenkt. Hermann Hesse bedeutet einen Gipfelpunkt
-deutscher Erzählerkunst.
-
-(Münchener Zeitung)
-
-Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen,
-schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltäglichkeit weit
-entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden Natur
-lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses neuen
-Novellenband »Diesseits« lesen.
-
-(Neue Zürcher Zeitung)
-
-
-Nachbarn
-
-Erzählungen. 12. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50
-
-Was uns das neueste Buch Hermann Hesses besonders liebwert macht, ist die
-ruhig verträumte Art seines Verfassers, zu sehen und zu schildern . . . Die
-lichtwonnige, diogenetische Eigenart des Dichters, der wahr und warm, allen
-kokettierenden Beiwerkes entratend, Menschen aus kleinen Verhältnissen,
-doch darum nicht kleine Menschen, einfach verklärt. Ungeheuchelte
-Herzlichkeit, ohne den leisesten Anflug krankhafter Sentimentalität, werden
-den »Nachbarn« Eingang weniger in die Köpfe der geschworenen
-Literaturmenschen, als in die Herzen aller Schönheitsfrohen sichern.
-
-(Berner Tagwacht)
-
-Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fünf
-Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch zusammengeschweißt
-erscheinen sie . . . Ruhig, über allen Dingen schwebend, ohne Leidenschaft
-und vollkommen abgeklärt werden uns diese Geschichten erzählt. Aber in
-einer Sprache, die ihresgleichen sucht und die den Stolz in uns aufleben
-läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei Dank, daß es eine deutsche Sprache
-gibt. Und Dichter, die sie adeln.
-
-(Württemberger Zeitung, Stuttgart)
-
-Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Peter Camenzind, by Hermann Hesse
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER CAMENZIND ***
-
-***** This file should be named 41051-8.txt or 41051-8.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/4/1/0/5/41051/
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
-
-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
-permission and without paying copyright royalties. Special rules,
-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
-copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
-protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
-Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
-charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
-do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
-rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
-practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
-subject to the trademark license, especially commercial
-redistribution.
-
-
-
-*** START: FULL LICENSE ***
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
-Gutenberg-tm License available with this file or online at
- www.gutenberg.org/license.
-
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
-electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
-all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
-If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
-terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
-entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
-copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
-Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
-freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
-this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
-the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
-keeping this work in the same format with its attached full Project
-Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
-a constant state of change. If you are outside the United States, check
-the laws of your country in addition to the terms of this agreement
-before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
-creating derivative works based on this work or any other Project
-Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
-the copyright status of any work in any country outside the United
-States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
-access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
-whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
-phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
-Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
-copied or distributed:
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
-from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
-posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
-and distributed to anyone in the United States without paying any fees
-or charges. If you are redistributing or providing access to a work
-with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
-work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
-to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
-word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
-distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
-you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
-copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
-request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
-that
-
-- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
- owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
- has agreed to donate royalties under this paragraph to the
- Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
- must be paid within 60 days following each date on which you
- prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
- returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
- sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
- address specified in Section 4, "Information about donations to
- the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
-
-- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or
- destroy all copies of the works possessed in a physical medium
- and discontinue all use of and all access to other copies of
- Project Gutenberg-tm works.
-
-- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
- money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days
- of receipt of the work.
-
-- You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
-both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
-Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
-Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
-collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
-works, and the medium on which they may be stored, may contain
-"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
-corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
-property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
-computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
-your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium with
-your written explanation. The person or entity that provided you with
-the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
-refund. If you received the work electronically, the person or entity
-providing it to you may choose to give you a second opportunity to
-receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
-is also defective, you may demand a refund in writing without further
-opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
-WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
-WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
-If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
-law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
-interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
-the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
-provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
-promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
-
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation information page at www.gutenberg.org
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at 809
-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
-contact links and up to date contact information can be found at the
-Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-
- www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-