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Wie der große Gott in den Seelen der Inder, -Griechen und Germanen dichtete und nach Ausdruck rang, so dichtet er in -jedes Kindes Seele täglich wieder. - -Wie der See und die Berge und die Bäche meiner Heimat hießen, wußte ich -noch nicht. Aber ich sah die blaugrüne glatte Seebreite, mit kleinen -Lichtern durchwirkt, in der Sonne liegen und im dichten Kranz um sie die -jähen Berge, und in ihren höchsten Ritzen die blanken Schneescharten und -kleinen, winzigen Wasserfälle, und an ihrem Fuß die schrägen, lichten -Matten, mit Obstbäumen, Hütten und grauen Alpkühen besetzt. Und da meine -arme, kleine Seele so leer und still und wartend lag, schrieben die Geister -des Sees und der Berge ihre schönen kühnen Taten auf sie. Die starren Wände -und Flühen sprachen trotzig und ehrfürchtig von Zeiten, deren Söhne sie -sind und deren Wundmale sie tragen. Sie sprachen von damals, da die Erde -barst und sich bog und aus ihrem gequälten Leibe in stöhnender Werdenot -Gipfel und Grate hervortrieb. Felsberge drängten sich brüllend und krachend -empor, bis sie ziellos vergipfelnd knickten, Zwillingsberge rangen in -verzweifelter Not um Raum, bis einer siegte und stieg und den Bruder -beiseite warf und zerbrach. Noch immer hingen von jenen Zeiten her da und -dort hoch in den Schlüften abgebrochene Gipfel, weggedrängte und gespaltene -Felsen, und in jeder Schneeschmelze führte der Wassersturz hausgroße Blöcke -nieder, zersplitterte sie wie Glas oder rannte sie mit mächtigem Schlage -tief in weiche Matten ein. - -Sie sagten immer dasselbe, diese Felsberge. Und es war leicht sie zu -verstehen, wenn man ihre jähen Wände sah, Schicht um Schicht geknickt, -verbogen, geborsten, jede voll von klaffenden Wunden. »Wir haben -Schauerliches gelitten,« sagten sie, »und wir leiden noch.« Aber sie sagten -es stolz, streng und verbissen, wie alte unverwüstliche Kriegsleute. - -Jawohl, Kriegsleute. Ich sah sie kämpfen, mit Wasser und Sturm, in den -schauerlichen Vorfrühlingsnächten, wenn der erbitterte Föhn um ihre alten -Häupter brüllte und wenn die Bachstürze frische, rohe Stücke aus ihren -Flanken rissen. Sie standen mit trotzig gestemmten Wurzeln in diesen -Nächten, finster, atemlos und verbissen, streckten dem Sturm die -zerspaltenen Wetterwände und Hörner entgegen und spannten alle Kraft in -trotzig geduckter Sammlung zusammen. Und bei jeder Wunde ließen sie das -grausige Rollen der Wut und Angst vernehmen, und durch alle fernsten -Rüfenen klang gebrochen und zornig ihr schreckliches Stöhnen wieder. - -Und ich sah Matten und Hänge und erdige Felsritzen mit Gräsern, Blumen, -Farnen und Moosen bedeckt, denen die alte Volkssprache merkwürdige, -ahnungsvolle Namen gegeben hatte. Sie lebten, Kinder und Enkel der Berge, -farbig und harmlos an ihren Stätten. Ich befühlte sie, betrachtete sie, -roch ihren Duft und lernte ihre Namen. Ernster und tiefer berührte mich der -Anblick der Bäume. Ich sah jeden von ihnen sein abgesondertes Leben führen, -seine besondere Form und Krone bilden und seinen eigenartigen Schatten -werfen. Sie schienen mir, als Einsiedler und Kämpfer, den Bergen näher -verwandt, denn jeder von ihnen, zumal die höher am Berge stehenden, hatte -seinen stillen, zähen Kampf um Bestand und Wachstum, mit Wind, Wetter und -Gestein. Jeder hatte seine Last zu tragen und sich festzuklammern, und -davon trug jeder seine eigene Gestalt und besondere Wunden. Es gab Föhren, -denen der Sturm nur auf einer einzigen Seite Äste zu haben erlaubte, und -solche, deren rote Stämme sich wie Schlangen um überhängende Felsen gebogen -hatten, sodaß Baum und Fels eins das andere an sich drückte und erhielt. -Sie sahen mich wie kriegerische Männer an und erweckten Scheu und Ehrfurcht -in meinem Herzen. - -Unsere Männer und Frauen aber glichen ihnen, waren hart, streng gefaltet -und wenig redend, die besten am wenigsten. Daher lernte ich die Menschen -gleich Bäumen oder Felsen anschauen, mir Gedanken über sie zu machen und -sie nicht weniger zu ehren und nicht mehr zu lieben als die stillen Föhren. - -Unser Dörflein Nimikon liegt auf einer dreieckigen, zwischen zwei -Bergvorsprünge geklemmten schrägen Fläche am See. Ein Weg führt nach dem -nahen Kloster, ein zweiter nach einem viereinhalb Stunden entfernten -Nachbarort, die übrigen am See gelegenen Dörfer erreicht man zu Wasser. -Unsere Häuser sind im alten Holzstil erbaut und haben kein bestimmtes -Alter, es kommen fast niemals Neubauten vor und die alten Häuslein werden -je nach Bedürfnis stückweise repariert, dies Jahr die Diele, ein andermal -ein Stück am Dach, und mancher halbe Balken und manche Latte, die früher -einmal etwa zur Stubenwand gehört haben, findet man jetzt als Sparren im -Dach und wenn sie auch dazu nimmer dienen und doch noch zu gut zum -Verbrennen sind, so kommen sie das nächste mal beim Flicken des Stalls oder -Heubodens oder als Querlatte an der Haustüre zur Verwendung. Ähnlich ist es -mit den darin Wohnenden selber; jeder spielt so lang er kann seine Rolle -mit, tritt dann zögernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht -schließlich ins Dunkel unter, ohne daß viel Aufsehens davon gemacht würde. -Wer nach jahrelanger Fremde zu uns heimkehrt, findet nichts verändert, als -daß ein paar alte Dächer erneuert und ein paar neuere alt geworden sind; -die Greise von ehemals sind zwar dahin, aber es sind andere Greise da, -welche die gleichen Hütten bewohnen, die gleichen Namen tragen, dasselbe -dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und Gebahren sich von den -indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden. - -Unsrer Gemeinde mangelte eine häufigere Zufuhr frischen Blutes und Lebens -von außen her. Die Bewohner, ein leidlich rüstiges Geschlecht, sind fast -alle untereinander aufs engste verschwägert und reichlich drei Viertel -tragen den Namen Camenzind. Er füllt die Seiten des Kirchenbuchs und steht -auf den Kirchhofkreuzen, prangt an den Häusern in Ölfarbe oder in derber -Schnitzarbeit und ist auf den Wagen des Fuhrhalters, auf den Stalleimern -und auf den Seebooten zu lesen. Auch über meines Vaters Haustür stand -gemalt: »Dieses Haus haben gebauen Jost und Franziska Camenzind,« doch ging -das nicht meinen Vater, sondern dessen Ahn, meinen Urgroßvater an; und wenn -ich auch vermutlich einmal sterben werde ohne Kinder dazulassen, so weiß -ich doch, daß wieder ein Camenzind das alte Nest besiedeln wird, wenn -anders es bis dorthin noch steht und ein Dach über hat. - -Ungeachtet der scheinbaren Eintönigkeit gab es dennoch in unsrer -Bürgerschaft Böse und Gute, Vornehme und Geringe, Mächtige und Niedrige und -neben manchen Klugen eine ergötzliche kleine Sammlung von Narren, die -Kretins gar nicht mitgerechnet. Es war wie überall ein kleines Abbild der -großen Welt und da Große und Kleine, Schlaumeier und Narren unlöslich -untereinander verwandt und vervettert waren, traten sich strenger Hochmut -und bornierter Leichtsinn oft genug unter demselben Dach auf die Zehen, so -daß unser Leben für die Tiefe und Komik des Menschlichen hinreichenden Raum -bot. Nur lag ein ewiger Schleier von verheimlichter oder unbewußter -Bedrücktheit darüber. Das Abhängigsein von den Naturmächten und die -Kümmerlichkeit eines arbeitsvollen Daseins hatten im Verlauf der Zeiten -unsrem ohnehin alternden Geschlecht eine Neigung zum Tiefsinn eingegeben, -der zu den scharfen, schroffen Gesichtern zwar nicht übel paßte, sonst aber -keinerlei Früchte zeitigte, wenigstens keine erfreulichen. Eben darum war -man froh an den paar Narren, welche zwar noch still und ernsthaft genug -waren, aber doch einige Farbe und einige Gelegenheit zu Gelächter und Spott -hereinbrachten. Wenn einer von ihnen durch einen neuen Streich von sich -reden machte, ging ein frohes Wetterleuchten über die faltigen, braunen -Gesichter der Söhne Nimikons und zur Lust am Spaße selber kam noch als -feine pharisäische Würze der Genuß der eigenen Überlegenheit, welche vor -Vergnügen schnalzte im Gefühl, vor solchen Irrungen oder Fehltritten sicher -zu sein. Zu jenen Vielen, die in der Mitte zwischen Gerechten und Sündern -standen und von beiden gern das Annehmliche mitgenossen hätten, gehörte -auch mein Vater. Es wurde kein Narrenstreich reif, der ihn nicht mit -seliger Unruhe erfüllt hätte, und er schwankte alsdann zwischen der -teilnehmenden Bewunderung für den Anstifter und dem feisten Bewußtsein der -eigenen Makellosigkeit possierlich hin und wider. - -Zu den Narren selbst gehörte mein Oheim Konrad, ohne daß er deshalb etwa -meinem Vater und anderen Helden an Verstand etwas nachgegeben hätte. -Vielmehr war er ein Schlaukopf und ward von einem ruhelosen Erfindungsgeist -umgetrieben, um den die andern ihn ruhig hätten beneiden dürfen. Aber -freilich glückte ihm nichts. Daß er, statt darüber den Kopf hängen zu -lassen und tatlos tiefsinnig zu werden, immer wieder Neues begann und dabei -ein merkwürdig lebhaftes Gefühl für das Tragikomische seiner eigenen -Unternehmungen hatte, war gewiß ein Vorzug, wurde ihm aber als lächerliche -Sonderbarkeit angeschrieben, kraft welcher man ihn zu den unbesoldeten -Hanswürsten der Gemeinde zählte. Meines Vaters Verhältnis zu ihm war ein -dauerndes hin und her zwischen Bewunderung und Verachtung. Jedes neue -Projekt seines Schwagers versetzte ihn in eine gewaltige Neugierde und -Aufregung, die er vergebens hinter lauernd ironischen Fragen und -Anspielungen zu verstecken trachtete. Wenn dann der Oheim seines Erfolges -sicher zu sein glaubte und den Großartigen zu spielen begann, ließ er sich -jedesmal hinreißen und schloß sich dem Genialen in spekulierender -Brüderlichkeit an, bis der unvermeidliche Mißerfolg da war, über den der -Oheim die Achseln zuckte, während der Vater im Zorn ihn mit Hohn und -Beleidigung übergoß und monatelang keines Blickes und Wortes mehr würdigte. - -Konrad war es, dem unser Dorf den ersten Anblick eines Segelboots -verdankte, und meines Vaters Nachen hat dazu herhalten müssen. Das Segel- -und Seilwerk war vom Oheim nach Kalenderholzschnitten sauber ausgeführt und -daß unser Schifflein für ein Segelboot zu schmal gebaut war, ist am Ende -nicht Konrads Schuld gewesen. Die Vorbereitungen dauerten wochenlang, mein -Vater wurde vor Spannung, Hoffnung und Angst schier zu Quecksilber und auch -das übrige Dorf sprach von nichts soviel wie von Konrad Camenzinds neuestem -Vorhaben. Es war ein denkwürdiger Tag für uns, als das Boot an einem -windigen Spätsommermorgen zum erstenmal in See gehen sollte. Mein Vater, in -scheuer Ahnung einer möglichen Katastrophe, hielt sich fern und hatte auch -mir zu meiner großen Betrübnis das Mitfahren verboten. Der Sohn des Bäckers -Füßli begleitete den Segelkünstler allein. Aber das ganze Dorf stand auf -unserem Kiesplatz und in den Gärtchen und wohnte dem unerhörten Spektakel -bei. Seeabwärts blies ein flotter Ostwind. Zu Anfang mußte der Beck rudern, -bis das Boot in die Bise geriet, sein Segel blähte und stolz davonjagte. -Wir sahen es bewundernd um den nächsten Bergvorsprung entschwinden und -richteten uns darauf ein, den schlauen Oheim bei seiner Heimkehr als Sieger -zu begrüßen und uns unserer höhnischen Aftergedanken zu schämen. Als jedoch -in der Nacht das Boot zurückkehrte, hatte es kein Segel mehr, die Schiffer -waren mehr tot als lebendig und der Bäckerssohn hustete und meinte: »Ihr -seid um ein Hauptvergnügen gekommen, leichtlich hätte es auf den Sonntag -zwei Leichenschmäuse geben können.« Mein Vater mußte zwei neue Planken in -den Nachen basteln, und seither hat sich nie wieder ein Segel in der blauen -Fläche gespiegelt. Dem Konrad rief man noch lange, so oft er irgend etwas -eilig hatte, nach: »Mußt Segel nehmen, Konrad!« Mein Vater fraß den Ärger -in sich hinein und lange Zeit, so oft der arme Schwager ihm begegnete, sah -er beiseite und spuckte in großen Bogen aus, zum Zeichen unaussprechlicher -Verachtung. Das dauerte so lang, bis Konrad eines Tags mit seinem -feuersicheren Backofenprojekt bei ihm vorsprach, welches dem Erfinder -unendlichen Spott auf den Hals brachte und meinen Vater auf vier bare Taler -zu stehen kam. Wehe dem, der ihn an diese Viertalergeschichte zu erinnern -wagte! Lange später, als einmal wieder Not im Hause war, sagte die Mutter -einmal so beiläufig, es wäre doch gut wenn jetzt das sündlich verdubelte -Geld noch da wäre. Der Vater wurde dunkelrot bis an den Hals, aber er -bezwang sich und sagte nur: »Ich wollt', ich hätt' es an einem einzigen -Sonntag versoffen.« - -Am Ende jedes Winters kam der Föhn mit seinem tieftönigen Gebrause, das der -Älpler mit Zittern und Entsetzen hört und nach welchem er in der Fremde mit -verzehrendem Heimweh dürstet. - -Wenn der Föhn nahe ist, spüren ihn viele Stunden voraus Männer und Weiber, -Berge, Wild und Vieh. Sein Kommen, welchem fast immer kühle Gegenwinde -vorausgehen, verkündigt ein warmes, tiefes Sausen. Der blaugrüne See wird -in ein paar Augenblicken tinteschwarz und setzt plötzlich hastige, weiße -Schaumkronen auf. Und bald darauf donnert er, der noch vor Minuten unhörbar -friedlich lag, mit erbitterter Brandung wie ein Meer ans Ufer. Zugleich -rückt die ganze Landschaft ängstlich nah zusammen. Auf Gipfeln, die sonst -in entrückter Ferne brüteten, kann man jetzt die Felsen zählen und von -Dörfern, die sonst nur als braune Flecken im Weiten lagen, unterscheidet -man jetzt Dächer, Giebel und Fenster. Alles rückt zusammen, Berge, Matten -und Häuser, wie eine furchtsame Herde. Und dann beginnt das grollende -Sausen, das Zittern im Boden. Aufgepeitschte Seewellen werden streckenweit -wie Rauch durch die Luft dahingetrieben, und fortwährend, zumal in den -Nächten, hört man den verzweifelten Kampf des Sturmes mit den Bergen. Eine -kleine Zeit später redet sich dann die Nachricht von verschütteten Bächen, -zerschlagenen Häusern, zerbrochenen Kähnen und vermißten Vätern und Brüdern -durch die Dörfer. - -In Kinderzeiten fürchtete ich den Föhn und haßte ihn sogar. Mit dem -Erwachen der Knabenwildheit aber bekam ich ihn lieb, den Empörer, den -Ewigjungen, den frechen Streiter und Bringer des Frühlings. Es war so -herrlich, wie er voll Leben, Überschwang und Hoffnung seinen wilden Kampf -begann, stürmend, lachend und stöhnend, wie er heulend durch die Schluchten -hetzte, den Schnee von den Bergen fraß und die zähen alten Föhren mit -rauhen Händen bog und zum Seufzen brachte. Später vertiefte ich meine Liebe -und begrüßte nun im Föhn den süßen, schönen, allzureichen Süden, welchem -immer wieder Ströme von Lust, Wärme und Schönheit entquellen, um sich an -den Bergen zu zersprengen und endlich im flachen, kühlen Norden ermüdet zu -verbluten. Es gibt nichts Seltsameres und Köstlicheres als das süße -Föhnfieber, das in der Föhnzeit die Menschen der Bergländer und namentlich -die Frauen überfällt, den Schlaf raubt und alle Sinne streichelnd reizt. -Das ist der Süden, der sich dem spröden, ärmeren Norden immer wieder -stürmisch und lodernd an die Brust wirft und den verschneiten Alpendörfern -verkündigt, daß jetzt an den nahen, purpurnen Seen Welschlands schon wieder -Primeln, Narzissen und Mandelzweige blühen. - -Alsdann, wenn der Föhn verblasen hat und die letzten schmutzigen Lawinen -zerlaufen sind, dann kommt das Schönste. Dann recken sich berghinan auf -allen Seiten die beblümten gelblichen Matten, rein und selig stehen die -Schneegipfel und Gletscher in ihren Höhen und der See wird blau und warm -und spiegelt Sonne und Wolkenzüge wieder. - -Alles dieses kann schon eine Kindheit und zur Not auch ein Leben erfüllen. -Denn alles dieses redet laut und ungebrochen die Sprache Gottes, wie sie -nie über eines Menschen Lippen kam. Wer sie so in seiner Kindheit vernommen -hat, dem tönt sie sein Leben lang nach, süß und stark und furchtbar, und -ihrem Bann entflieht er nie. Wenn einer in den Bergen heimisch ist, der -kann jahrelang Philosophie oder historia naturalis studieren und mit dem -alten Herrgott aufräumen, -- wenn er den Föhn wieder einmal spürt oder hört -eine Laue durch's Holz brechen, so zittert ihm das Herz in der Brust und er -denkt an Gott und ans Sterben. - -An meines Vaters Häuschen grenzte ein umzäunter, winziger Garten. Es gedieh -dort ein herber Salat, Rüben und Kohl, außerdem hatte die Mutter eine -rührend schmale, dürftige Rabatte für Blumen angelegt, in welcher zwei -Monatrosenstöcke, ein Georginenbusch und eine Handvoll Reseden hoffnungslos -und kümmerlich verschmachteten. An den Garten stieß ein noch kleinerer, -kiesiger Platz, welcher bis zum See reichte. Dort standen zwei beschädigte -Fässer, einige Bretter und Pfähle, und unten im Wasser lag unser Weidling -angebunden, welcher damals noch alle paar Jahre neu geflickt und geteert -wurde. Die Tage, an denen dies geschah, sind mir fest im Gedächtnis -geblieben. Es waren warme Nachmittage im Vorsommer, über dem Gärtchen -taumelten die schwefelgelben Citronenfalter in der Sonne, der See war -ölglatt, blau und still und leise schillernd, die Berggipfel dünn -umdünstet, und auf dem kleinen Kiesplatz roch es gewaltig nach Pech und -Ölfarbe. Auch nachher duftete der Nachen noch den ganzen Sommer hindurch -nach Teer. So oft ich, viele Jahre später, irgendwo am Meere den -eigentümlich aus Wassergeruch und Teerbrodem gemischten Duft in die Nase -bekam, trat mir sogleich unser Seeplätzlein vor's Auge, und ich sah wieder -den Vater in Hemdärmeln mit dem Pinsel hantieren, sah die bläulichen -Wölkchen aus seiner Pfeife in die stillen Sommerlüfte steigen und die -blitzgelben Falter ihre unsicheren, scheuen Flüge tun. An solchen Tagen -zeigte mein Vater eine ungewöhnlich behagliche Laune, pfiff Triller, was er -vortrefflich konnte, und gab vielleicht sogar einen einzelnen kurzen Jodler -von sich, diesen jedoch nur halblaut. Die Mutter kochte alsdann etwas Gutes -auf den Abend und ich denke mir jetzt, sie tat es in der stillen Hoffnung, -Camenzind möchte diesen Abend nicht ins Wirtshaus gehen. Er ging aber doch. - -Daß die Eltern die Entwicklung meines jungen Gemütes sonderlich gefördert -oder gestört hätten, kann ich nicht sagen. Die Mutter hatte immer beide -Hände voll Arbeit und mein Vater hatte sich gewiß mit nichts auf der Welt -so wenig beschäftigt als mit Erziehungsfragen. Er hatte genug zu tun, seine -paar Obstbäume kümmerlich im Stand zu halten, das Kartoffeläckerlein zu -bestellen und nach dem Heu zu sehen. Ungefähr alle paar Wochen aber nahm er -mich abends, ehe er ausging, bei der Hand und verschwand stillschweigend -mit mir auf den über dem Stall gelegenen Heuboden. Dort vollzog sich -alsdann ein seltsamer Straf- und Sühneakt: ich bekam eine Tracht Prügel, -ohne daß der Vater oder ich selbst genauer gewußt hätte wofür. Es waren -stille Opfer am Altar der Nemesis und sie wurden ohne Schelten seinerseits -oder Geschrei meinerseits dargebracht, als schuldiger Tribut an eine -geheimnisvolle Macht. Immer wenn ich in späteren Jahren einmal vom »blinden -Schicksal« reden hörte, fielen diese mysteriösen Szenen mir wieder ein und -schienen mir eine überaus plastische Darstellung jenes Begriffs zu sein. -Ohne es zu wissen, befolgte mein guter Vater dabei die schlichte Pädagogik, -die das Leben selbst an uns zu üben pflegt, indem es uns hie und da aus -heiteren Lüften ein Donnerwetter sendet, wobei es uns überlassen bleibt -nachzusinnen, durch was für Missetaten wir eigentlich die oberen Mächte -herausgefordert haben. Leider stellte dies Nachsinnen bei mir sich nie oder -nur selten ein, vielmehr nahm ich jene ratenweise Züchtigung ohne die -wünschenswerte Selbstprüfung gelassen oder auch trotzig hin und freute mich -an solchen Abenden stets, nun wieder meinen Zoll entrichtet und ein paar -Wochen Strafpause vor mir zu haben. Viel selbständiger trat ich den -Versuchen meines Alten, mich zur Arbeit anzuleiten, entgegen. Die -unbegreifliche und verschwenderische Natur hatte in mir zwei widerstrebende -Gaben vereinigt: eine ungewöhnliche Körperkraft und eine leider nicht -geringere Arbeitsscheu. Der Vater gab sich alle Mühe einen brauchbaren Sohn -und Mithelfer aus mir zu machen, ich aber drückte mich mit allen Chikanen -um die mir auferlegten Arbeiten und noch als Gymnasiast hatte ich für -keinen der antiken Heroen so viel Mitgefühl wie für Herakles, da er zu -jenen berühmten, lästigen Arbeiten gezwungen ward. Einstweilen kannte ich -nichts Schöneres als mich auf Felsen und Matten oder am Wasser -müßiggängerisch herumzutreiben. - -Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erzählten mir und erzogen -mich und waren mir lange Zeit lieber und bekannter als irgend Menschen und -Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die ich dem glänzenden See und -den traurigen Föhren und sonnigen Felsen vorzog, waren die Wolken. - -Zeigt mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr -lieb hat als ich! Oder zeigt mit das Ding in der Welt, das schöner ist als -Wolken sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe, -sie sind Zorn und Todesmacht. Sie sind zart, weich und friedlich wie die -Seelen von Neugeborenen, sie sind schön, reich und spendend wie gute Engel, -sie sind dunkel, unentrinnbar und schonungslos wie die Sendboten des Todes. -Sie schweben silbern in dünner Schicht, sie segeln lachend weiß mit -goldenem Rand, sie stehen rastend in gelben, roten und bläulichen Farben. -Sie schleichen finster und langsam wie Mörder, sie jagen sausend kopfüber -wie rasende Reiter, sie hängen traurig und träumend in bleichen Höhen wie -schwermütige Einsiedler. Sie haben die Formen von seligen Inseln und die -Formen von segnenden Engeln, sie gleichen drohenden Händen, flatternden -Segeln, wandernden Kranichen. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der -armen Erde als schöne Gleichnisse aller Menschensehnsucht, beiden angehörig --- Träume der Erde, in welchen sie ihre befleckte Seele an den reinen -Himmel schmiegt. Sie sind das ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens, -Verlangens und Heimbegehrens. Und so wie sie zwischen Erde und Himmel zag -und sehnend und trotzig hängen, so hängen zag und sehnend und trotzig die -Seelen der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit. - -O, die Wolken, die schönen, schwebenden, rastlosen! Ich war ein unwissendes -Kind und liebte sie, schaute sie an und wußte nicht, daß auch ich als eine -Wolke durch's Leben gehen würde -- wandernd, überall fremd, schwebend -zwischen Zeit und Ewigkeit. Von Kinderzeiten her sind sie mir liebe -Freundinnen und Schwestern gewesen. Ich kann nicht über die Gasse gehen, so -nicken wir einander zu, grüßen uns und verweilen einen Augenblick Aug' in -Auge. Auch vergaß ich nicht, was ich damals von ihnen lernte: ihre Formen, -ihre Farben, ihre Züge, ihre Spiele, Reigen, Tänze und Rasten, und ihre -seltsam irdisch-himmlischen Geschichten. - -Namentlich die Geschichte der Schneeprinzessin. Ihr Schauplatz ist das -mittlere Gebirg, im Vorwinter, bei warmem Unterwind. Die Schneeprinzessin -erscheint mit kleinem Gefolge, aus gewaltiger Höhe kommend, und sucht sich -einen Rastort in weiten Bergmulden oder auf einer breiten Kuppe aus. -Neidisch sieht die falsche Bise die Arglose sich lagern, leckt heimlich -gierend am Berg empor und überfällt sie plötzlich wütend und tosend. Sie -wirft der schönen Prinzessin zerfetzte schwarze Wolkenlappen entgegen, -höhnt sie, krakehlt sie an, möchte sie verjagen. Eine Weile ist die -Prinzessin unruhig, wartet, duldet, und manchmal steigt sie kopfschüttelnd, -leise und höhnisch wieder in ihre Höhe zurück. Manchmal aber sammelt sie -plötzlich ihre geängsteten Freundinnen um sich her, enthüllt ihr blendend -fürstliches Angesicht und weist den Kobold mit kühler Hand zurück. Er -zaudert, heult, flieht. Und sie lagert sich still, hüllt ihren Sitz weitum -in blassen Nebel, und wenn der Nebel sich verzogen hat, liegen Mulden und -Kuppel klar und glänzend mit reinem, weichem Neuschnee bedeckt. - -In dieser Geschichte war so etwas Nobles, etwas von Seele und Triumph der -Schönheit, das mich entzückte und mein kleines Herz wie ein frohes -Geheimnis bewegte. - -Bald kam auch die Zeit, daß ich mich den Wolken nähern, zwischen sie treten -und manche aus ihrer Schaar von oben betrachten durfte. Ich war zehn Jahr -alt, als ich den ersten Gipfel erstieg, den Sennalpstock, an dessen Fuß -unser Dörflein Nimikon liegt. Da sah ich denn zum erstenmal die Schrecken -und die Schönheiten der Berge. Tiefgerissene Schluchten, voll von Eis und -Schneewasser, grüngläserne Gletscher, scheußliche Muränen, und über allem -wie ein Glocke hoch und rund der Himmel. Wenn einer zehn Jahre lang -zwischen Berg und See geklemmt gelebt hat und rings von nahen Höhen eng -umdrängt war, dann vergißt er den Tag nicht, an dem zum erstenmal ein -großer, breiter Himmel über ihm und vor ihm ein unbegrenzter Horizont lag. -Schon beim Aufstieg war ich erstaunt, die mir von unten her wohlbekannten -Schroffen und Felswände so überwältigend groß zu finden. Und nun sah ich, -vom Augenblick ganz bezwungen, mit Angst und Jubel plötzlich die ungeheure -Weite auf mich herein dringen. So fabelhaft groß war also die Welt! Unser -ganzes Dorf, tief unten verloren liegend, war nur noch ein kleiner heller -Fleck. Gipfel, die man vom Tale aus für eng benachbart hielt, lagen viele -Stunden weit auseinander. - -Da fing ich an zu ahnen, daß ich nur erst ein schmales Blinzeln, noch kein -gediegenes Schauen von der Welt gehabt hatte und daß da draußen Berge -stehen und fallen und große Dinge geschehen konnten, von denen auch nicht -die leiseste Kunde je in unser abgetrenntes Bergloch kam. Zugleich aber -zitterte etwas in mir gleich dem Zeiger des Kompasses mit unbewußtem -Streben mächtig jener großen Ferne entgegen. Und nun verstand ich auch die -Schönheit und Schwermut der Wolken erst ganz, da ich sah, in was für -endlose Fernen sie wanderten. - -Meine beiden erwachsenen Begleiter lobten mein gutes Steigen, rasteten ein -wenig auf der eiskalten Kuppe und lachten über meine fassungslose Freude. -Ich aber, nachdem ich mit dem ersten großen Staunen fertig war, brüllte vor -Lust und Erregung laut wie ein Stier in die klaren Lüfte hinaus. Das war -mein erstes, unartikuliertes Lied an die Schönheit. Ich war auf einen -dröhnenden Widerhall gefaßt, aber mein Geschrei verklang in die ruhigen -Höhen spurlos wie ein schwacher Vogelpfiff. Da war ich sehr beschämt und -hielt mich still. - -Dieser Tag hatte irgend ein Eis in meinem Leben gebrochen. Denn nun kam ein -Ereignis um das andere. Zunächst nahm man mich des öfteren auf Bergfahrten -mit, auch auf schwierigere, und ich drang mit sonderbar beklommener Wollust -in die großen Geheimnisse der Höhen ein. Darauf ward ich zum Gaishirten -ernannt. An einer von den Halden, wohin ich gewöhnlich meine Tiere trieb, -gab es einen windgeschützten Winkel, von kobaltblauem Enzian und hellrotem -Steinbrech überwuchert, das war mir der liebste Platz in der Welt. Das Dorf -war von dort aus unsichtbar und auch vom See war nur über Felsen weg ein -schmaler, blanker Streifen zu erblicken, dafür brannten die Blumen in -lachend frischen Farben, der blaue Himmel lag wie ein Zeltdach auf den -spitzigen Schneegipfeln und neben dem feinen Geläut der Ziegenglocken tönte -ununterbrochen der nicht weit entfernte Wasserfall. Dort lag ich in der -Wärme, staunte den weißen Wölklein nach und jodelte halblaut vor mich hin, -bis die Gaisen meine Trägheit bemerkten und sich allerlei verbotene -Streiche und Lustbarkeiten leisten wollten. Es gab dabei gleich in den -ersten Wochen einen herben Riß in meine Phäakenherrlichkeit, als ich mit -einer verlaufenen Gais zusammen in eine Klamm abstürzte. Die Gais war tot -und mir tat der Schädel weh, außerdem ward ich jämmerlich geprügelt, lief -meinen Alten davon und ward unter Beschwörungen und Wehklagen wieder -eingebracht. - -Leichtlich hätten diese Abenteuer meine ersten und letzten sein können. -Dann wäre dies Büchlein ungeschrieben und manche andere Mühe und Torheit -ungeschehen geblieben. Ich hätte vermutlich irgend eine Base geheiratet -oder läge vielleicht auch irgendwo beiseit ins Gletscherwasser gefroren. Es -wäre auch nicht übel. Aber alles kam anders und es steht mir nicht zu das -Geschehene mit Ungeschehenem zu vergleichen. - -Mein Vater tat jeweils ein wenig kleinen Dienst im Welsdörfer Kloster. Nun -war er einstmals krank und befahl mir ihn dort abzusagen. Das tat ich -indessen nicht, sondern entlehnte beim Nachbar Papier und Feder und schrieb -einen manierlichen Brief an die Klosterbrüder, gab den der Botenfrau mit -und ging auf eigene Faust in den Berg. - -Nächste Woche komme ich eines Tags nach hause, da sitzt ein Pater und -wartet auf denjenigen, der den schönen Brief geschrieben hat. Mir ward -etwas bänglich, aber er lobte mich und suchte meinen Alten zu bereden, daß -er mich bei ihm lernen lasse. Der Oheim Konrad war dazumal gerade wieder in -Gunst und wurde befragt. Natürlich war er sofort dafür entflammt, daß ich -lernen und später studieren und ein Gelehrter und Herr werden müsse. Der -Vater ließ sich überzeugen, und so gehörte nun auch meine Zukunft zu den -gefährlichen Oheimsprojekten, gleich dem feuersicheren Backofen, dem -Segelschiff und den vielen ähnlichen Phantastereien. - -Es ging sogleich an ein gewaltiges Lernen, zumal in Lateinisch, biblischer -Geschichte, Botanik und Geographie. Mir machte das alles vielen Spaß und -ich dachte nicht daran, daß das welsche Zeug mich vielleicht Heimat und -schöne Jahre kosten könne. Das Lateinische allein tats auch nicht. Mein -Vater hätte mich zum Bauer gemacht, wenn ich auch die ganzen viri illustres -vorwärts und rückwärts auswendig gekonnt hätte. Aber der kluge Mann hatte -mir auf den Grund meines Wesens gesehen, wo als Schwerpunkt und -Kardinaluntugend meine unbesiegbare Trägheit hauste. Ich entrann, wo es nur -gehen wollte, der Arbeit und lief statt dessen den Bergen oder dem See nach -oder lag seitwärts versteckt an der Halde, las, träumte und faulenzte. In -dieser Erkenntnis gab er mich schließlich weg. - -Dies ist eine Gelegenheit, ein kurzes Wort über meine Eltern zu sagen. Die -Mutter war ehedem schön gewesen, davon war aber nur der feste, grade Wuchs -und die anmutigen, dunklen Augen übrig geblieben. Sie war groß, überaus -kräftig, fleißig und still. Obwohl sie reichlich so klug wie der Vater und -an Körperkraft ihm überlegen war, herrschte sie doch nicht im Hause, -sondern ließ das Regiment ihrem Manne. Er war mittelgroß, hatte dünne und -fast zarte Glieder und einen hartnäckigen, schlauen Kopf mit einem Gesicht, -das von heller Farbe und ganz voll von kleinen, ungemein beweglichen Falten -war. Dazu kam eine kurze, senkrechte Stirnfalte. Sie verdunkelte sich, so -oft er die Brauen bewegte, und gab ihm ein grämlich leidendes Aussehen; es -schien dann, als versuche er sich auf etwas sehr Wichtiges zu besinnen und -sei selber ohne Hoffnung je darauf zu kommen. Man hätte eine gewisse -Melancholie an ihm wahrnehmen können, aber niemand achtete darauf, denn die -Bewohner unsrer Gegend sind fast alle von einer stetigen, leichten Trübe -des Gemüts befangen, dessen Ursache die langen Winter, die Gefahren, das -mühselige Sichdurchschlagen und die Abgeschlossenheit vom Weltleben sind. - -Von beiden Eltern habe ich wichtige Stücke meines Wesens übernommen. Von -der Mutter eine bescheidene Lebensklugheit, ein Stück Gottvertrauen und ein -stilles, wenig redendes Wesen. Vom Vater hingegen eine Ängstlichkeit vor -festen Entschließungen, die Unfähigkeit mit Geld zu wirtschaften und die -Kunst viel und mit Überlegung zu trinken. Letzteres zeigte sich aber an mir -in jenem zarten Alter noch nicht. Äußerlich hab ich vom Vater die Augen und -den Mund, von der Mutter den schweren, dauerhaften Gang und Körperbau und -die zähe Muskelkraft. Vom Vater und von unserer Rasse überhaupt bekam ich -ins Leben zwar einen bauernschlauen Verstand, aber auch das trübe Wesen und -den Hang zu grundloser Schwermut mit. Da mir bestimmt war mich lange -außerhalb der Heimat bei Fremden herumzuschlagen, wäre es schon besser -gewesen, statt dessen einige Beweglichkeit und etlichen frohen Leichtsinn -mitzubringen. - -So ausgestattet und mit einem neuen Kleide versorgt trat ich die Reise ins -Leben an. Die elterlichen Gaben haben sich bewährt, denn ich ging und stand -in der Welt seither auf eigenen Füßen. Dennoch muß irgend etwas gefehlt -haben, das auch die Wissenschaft und das Weltleben mir nimmer einbrachte. -Denn ich kann heute noch wie je einen Berg zwingen, zehn Stunden -marschieren oder rudern und nötigenfalls einen Mann freihändig erschlagen, -zum Lebenskünstler aber fehlt mir heute noch so viel wie damals. Der frühe -einseitige Umgang mit der Erde und ihren Pflanzen und Tieren hatte wenig -soziale Fähigkeiten in mir aufkommen lassen und noch jetzt sind meine -Träume ein merkwürdiger Beweis dafür, wie sehr ich leider einem rein -animalischen Leben zuneige. Ich träume nämlich sehr oft, ich liege am -Meeresstrand als Tier, zumeist als Seehund, und empfinde dabei ein so -gewaltiges Wohlbehagen, daß ich beim Erwachen den Wiederbesitz meiner -Menschenwürde keineswegs freudig oder mit Stolz, sondern lediglich mit -Bedauern wahrnehme. - -Ich ward in üblicher Weise mit Freiplatz und Freitisch an einem Gymnasium -erzogen und war zum Philologen bestimmt. Niemand weiß, warum. Es gibt kein -unnützeres und langweiligeres Fach und keines, das mir ferner lag. - -Die Schülerjahre gingen mir rasch dahin. Zwischen Balgereien und Schule -kamen Stunden voll Heimweh, Stunden voll frecher Zukunftsträume, Stunden -voll ehrfürchtiger Anbetung der Wissenschaft. Zwischenein trat auch hier -meine angeborene Trägheit hervor, trug mir allerlei Ärger und Strafen ein -und wich dann irgend einem neuen Enthusiasmus. - -»Peter Camenzind,« sprach mein Griechischlehrer, »du bist ein Trotzkopf und -Einspänner und wirst dir noch einmal den harten Schädel einrennen.« Ich -betrachtete den feisten Brillenträger, hörte seine Rede an und fand ihn -komisch. - -»Peter Camenzind,« sprach der Mathematiklehrer, »du bist ein Genie im -Faullenzen und ich bedaure, daß es kein niedrigeres Zeugnis gibt als Null. -Ich schätze deine heutige Leistung auf minus zweieinhalb.« Ich sah ihn an, -bedauerte ihn da er schielte, und fand ihn sehr langweilig. - -»Peter Camenzind,« sagte einmal der Geschichtsprofessor, »du bist kein -guter Schüler, aber du wirst trotzdem einmal ein guter Historiker werden. -Du bist faul, aber du weißt Großes und Kleines zu unterscheiden.« - -Auch das war mir nicht extra wichtig. Dennoch hatte ich vor den Lehrern -Respekt, denn ich dachte sie seien im Besitze der Wissenschaft, und vor der -Wissenschaft empfand ich eine dunkle, gewaltige Ehrfurcht. Und obschon über -meine Faulheit alle Lehrer einig waren, kam ich doch vorwärts und hatte -meinen Platz über der Mitte. Daß die Schule und die Schulwissenschaft ein -unzulängliches Stückwerk war, merkte ich wohl; aber ich wartete auf später. -Hinter diesen Vorbereitungen und Schulfuchsereien vermutete ich das reine -Geistige, eine zweifellose, sichere Wissenschaft des Wahren. Dort würde ich -erfahren, was die dunkle Wirrnis der Geschichte, die Kämpfe der Völker und -die bange Frage in jeder einzelnen Seele bedeute. - -Noch stärker und lebendiger war eine andere Sehnsucht in mir. Ich wollte -gern einen Freund haben. - -Da war ein braunhaariger, ernsthafter Knabe, zwei Jahre älter als ich, -namens Kaspar Hauri. Er hatte eine sichere und stille Art zu gehen und -dazusein, trug den Kopf männlich fest und ernst und sprach nicht viel mit -seinen Kameraden. An ihm blickte ich monatelang mit großer Verehrung empor, -hielt mich auf der Straße hinter ihm her und hoffte sehnlich von ihm -bemerkt zu werden. Ich war auf jeden Spießbürger eifersüchtig, den er -grüßte, und auf jedes Haus, in das ich ihn eintreten oder aus dem ich ihn -kommen sah. Aber ich war zwei Klassen hinter ihm zurück und er fühlte sich -vermutlich der seinigen schon überlegen. Es ist nie ein Wort zwischen uns -gewechselt worden. Statt seiner schloß sich ohne mein Zutun ein kleiner, -kränklicher Knabe an mich an. Er war jünger als ich, schüchtern und -unbegabt, hatte aber schöne, leidende Augen und Gesichtszüge. Weil er -schwächlich und ein wenig verwachsen war, stand er in seiner Klasse viel -Unbilden aus und suchte an mir, der ich stark und angesehen war, einen -Beschützer. Bald ward er so krank, daß er die Schule nicht mehr besuchen -konnte. Er fehlte mir nicht und ich vergaß ihn rasch. - -Nun war in unserer Klasse ein ausgelassener Blondkopf, ein Tausendkünstler, -Musiker, Mime und Hanswurst. Ich gewann seine Freundschaft nicht ohne Mühe -und der flotte kleine Altersgenosse benahm sich stets ein klein wenig -gönnerhaft gegen mich. Immerhin hatte ich nun einen Freund. Ich suchte ihn -in seinem Stüblein auf, las ein paar Bücher mit ihm, machte ihm die -griechischen Aufgaben und ließ mir dafür im Rechnen helfen. Auch gingen wir -manchmal miteinander spazieren und müssen dann wie Bär und Wiesel -ausgesehen haben. Er war immer der Sprecher, der Lustige, Witzige, nie -Verlegene, und ich hörte zu, lachte und war froh einen so burschikosen -Freund zu haben. - -Eines Nachmittags aber kam ich unversehens dazu, wie der kleine Charlatan -im Schulhausgang einigen Kameraden eine von seinen beliebten komischen -Aufführungen zum Besten gab. Soeben hatte er einen Lehrer nachgemacht, nun -rief er: »Ratet wer das ist!« und begann laut ein paar Homerverse zu lesen. -Dabei kopierte er mich sehr getreu, meine verlegene Haltung, mein -ängstliches Lesen, meine oberländisch rauhe Aussprache, und auch meine -ständige Geberde der Aufmerksamkeit, das Blinzeln und das Schließen des -linken Auges. Es sah sich sehr komisch an und war so witzig und lieblos als -möglich gemacht. - -Als er das Buch schloß und den verdienten Beifall einstrich, trat ich von -hinten an ihn her und nahm Rache. Worte fand ich nicht, aber ich brachte -meine ganze Entrüstung, Scham und Wut in einer einzigen, riesigen Ohrfeige -prägnant zum Ausdruck. Gleich darauf begann die Lektion und der Lehrer -bemerkte das Wimmern und die rotgeschwollene Backe meines ehemaligen -Freundes, welcher obendrein sein Liebling war. - -»Wer hat dich so zugerichtet?« - -»Der Camenzind.« - -»Camenzind vortreten! Ist das wahr?« - -»Jawohl.« - -»Warum hast du ihn geschlagen?« - -Keine Antwort. - -»Hast du keinen Grund dazu gehabt?« - -»Nein.« - -Also wurde ich energisch bestraft und schwelgte stoisch in der Wonne des -unschuldig Gemarterten. Da ich aber kein Stoiker noch Heiliger, sondern ein -Schulbub war, streckte ich nach erlittener Strafe meinem Feind die Zunge -heraus so lang sie war. Entsetzt fuhr der Lehrer auf mich los. - -»Schämst du dich nicht? Was soll das heißen?« - -»Das soll heißen, daß der dort ein gemeiner Kerl ist und daß ich ihn -verachte. Und ein Feigling ist er auch noch.« - -So endete meine Freundschaft mit dem Mimen. Er fand keinen Nachfolger und -ich habe die Jahre der reifenden Knabenzeit ohne Freund verbringen müssen. -Aber ob auch meine Anschauung des Lebens und der Menschen seither sich -einige mal verändert hat, jener Ohrfeige erinnere ich mich nie ohne tiefe -Befriedigung. Hoffentlich hat auch der Blonde sie nicht vergessen. - -Mit siebzehn Jahren verliebte ich mich in eine Advokatentochter. Sie war -schön und ich bin stolz darauf, daß ich mein Leben lang immer nur in sehr -schöne Frauenbilder verliebt war. Was ich um sie und um andere litt, -erzähle ich ein andermal. Sie hieß Rösi Girtanner und ist heute noch der -Liebe ganz anderer Männer, als ich bin, würdig. - -Damals brauste mir die ungebrauchte Jugendkraft in allen Gliedern. Ich ließ -mich mit meinen Kameraden in tolle Raufhändel ein, fühlte mich stolz als -besten Ringer, Ballschläger, Wettläufer und Ruderer, und war nebenher -beständig schwermütig. Das hing kaum mit der Liebesgeschichte zusammen. Es -war einfach die süße Schwermut des Vorfrühlings, die mich stärker als -andere anfaßte, so daß ich Freude an traurigen Vorstellungen, an -Todesgedanken und an pessimistischen Ideen hatte. Natürlich fand sich auch -der Kamerad, der mir Heines Buch der Lieder in einer billigen Ausgabe zu -lesen gab. Es war eigentlich kein Lesen mehr, -- ich goß in die leeren -Verse mein volles Herz, ich litt mit, dichtete mit und geriet in ein -lyrisches Schwärmen hinein, das mir vermutlich zu Gesichte stand wie dem -Ferkel die Chemisette. Bis dahin hatte ich von aller »schönen Literatur« -keine Ahnung gehabt. Nun folgte Lenau, Schiller, dann Goethe und -Shakespeare, und plötzlich war mir der blasse Schemen Literatur zu einer -großen Gottheit geworden. - -Mit süßem Schauder fühlte ich aus diesen Büchern mir die würzig kühle Luft -eines Lebens entgegen strömen, das nie auf Erden gewesen und doch -wahrhaftig war und nun in meinem ergriffenen Herzen seine Wellen schlagen -und seine Schicksale erleben wollte. In meinem Lesewinkel auf der -Dachbodenkammer, wohin nur das Stundenschlagen vom nahen Turmgestühl und -das trockene Klappern der daneben nistenden Störche drang, gingen die -Menschen Goethes und Shakespeares bei mir ein und aus. Das Göttliche und -Lächerliche alles Menschenwesens ging mir auf: das Rätsel unseres -zwiespältigen, unbändigen Herzens, die tiefe Wesenheit der Weltgeschichte -und das mächtige Wunder des Geistes, der unsre kurzen Tage verklärt und -durch die Kraft des Erkennens unser kleines Dasein in den Kreis des -Notwendigen und Ewigen erhebt. Wenn ich den Kopf durch die schmale -Fensterluke steckte, sah ich die Sonne auf Dächer und schmale Gassen -scheinen, hörte verwundert die kleinen Geräusche der Arbeit und -Alltäglichkeit verworren heraufrauschen und fühlte das Einsame und -Geheimnisvolle meines von großen Geistern erfüllten Dachwinkels wie ein -sonderbar schönes Märchen mich umgeben. Und allmählich, je mehr ich las und -je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf Dächer, Gassen und -Alltag ergriff, tauchte des öfteren zaghaft und beklemmend das Gefühl in -mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete -Welt warte auf mich, daß ich einen Teil ihrer Schätze höbe, den Schleier -des Zufälligen und Gemeinen davon löse und das Entdeckte durch Dichterkraft -dem Untergang entreiße und verewige. - -Schamhaft fing ich an ein wenig zu dichten und es füllten sich allmählich -einige Hefte mit Versen, Entwürfen und kleinen Erzählungen an. Sie sind -untergegangen und waren vermutlich wenig wert, bereiteten mir aber -Herzklopfen und heimliche Wonne genug. Nur langsam folgte diesen Versuchen -Kritik und Selbstprüfung nach, und erst im letzten Schuljahr trat die -notwendige erste, große Enttäuschung ein. Ich hatte schon begonnen mit -meinen Erstlingsgedichten aufzuräumen und meine Schreiberei überhaupt mit -Mißtrauen zu betrachten, als mir durch Zufall ein paar Bände Gottfried -Keller in die Hände fielen, die ich sogleich zweimal und dreimal -hintereinander las. Da sah ich in plötzlicher Erkenntnis, wie fern meine -unreifen Träumereien der echten, herben, wahrhaftigen Kunst gewesen waren, -verbrannte meine Gedichte und Novellen und blickte nüchtern und traurig mit -peinlichen Katzenjammergefühlen in die Welt. - - - - -II. - - -Um von der Liebe zu reden, -- darin bin ich zeitlebens ein Knabe geblieben. -Für mich ist die Liebe zu Frauen immer ein reinigendes Anbeten gewesen, -eine steile Flamme meiner Trübe entlodert, Beterhände zu blauen Himmeln -emporgestreckt. Von der Mutter her und auch aus eigenem, undeutlichem -Gefühl verehrte ich die Frauen insgesamt als ein fremdes, schönes und -rätselhaftes Geschlecht, das uns durch eine angeborene Schönheit und -Einheitlichkeit des Wesens überlegen ist und das wir heilig halten müssen, -weil es gleich Sternen und blauen Berghöhen uns ferne ist und Gott näher zu -sein scheint. Da das rauhe Leben seinen reichlichen Senf dazu gab, hat die -Frauenliebe mir soviel Bitteres als Süßes eingebracht; zwar blieben die -Frauen auf dem hohen Sockel stehen, mir aber verwandelte sich die -feierliche Rolle des anbetenden Priesters allzuleicht in die -peinlich-komische des genarrten Narren. - -Rösi Girtanner begegnete mir fast jeden Tag, wenn ich zu Tische ging. Eine -Jungfer von siebzehn Jahren, fest und biegsam gewachsen. Aus dem schmalen, -bräunlich frischen Gesicht sprach die stille beseelte Schönheit, welche -ihre Mutter zur Stunde noch besaß und welche vor ihr Ahne und Urahne gehabt -hatte. Aus diesem alten, vornehmen und gesegneten Haus war von Geschlecht -zu Geschlecht eine große, schmucke Reihe von Frauen ausgegangen, jede still -und vornehm, jede frisch, adlig und von fehlerloser Schönheit. Es gibt von -einem unbekannten Meister ein Mädchenbildnis aus der Familie der Fugger, im -sechzehnten Jahrhundert gemalt und eines der köstlichsten Bilder, die meine -Augen gesehen haben. So ähnlich waren die Girtannerschen Frauen und so war -auch Rösi. - -Das alles wußte ich damals freilich nicht. Ich sah sie nur in ihrer -stillen, heiteren Würde schreiten und fühlte das Adelige ihres schlichten -Wesens. Dann saß ich Abends nachsinnend in der Dämmerung, bis es mir -gelang, ihre Erscheinung mir klar und gegenwärtig vorzustellen, und dann -lief ein süßes heimliches Grausen über meine knabenhafte Seele. In Bälde -kam es aber, daß diese Augenblicke der Lust sich trübten und mir bittere -Schmerzen machten. Ich empfand plötzlich, wie fremd sie mir sei, mich nicht -kenne noch mir nachfrage, und daß mein schönes Traumbild ein Diebstahl an -ihrem seligen Wesen sei. Und eben wenn ich das so scharf und peinigend -fühlte, sah ich ihr Bild immer für Augenblicke so wahr und atmend lebendig -vor Augen, daß eine dunkle, warme Woge mein Herz überflutete und mir bis in -die fernsten Pulse seltsam wehe tat. - -Bei Tage geschah es mitten in einer Lehrstunde oder mitten in einem -heftigen Raufen, daß die Woge wiederkam. Dann schloß ich die Augen, ließ -die Hände sinken und fühlte mich in einen lauen Abgrund gleiten, bis mich -der Aufruf des Lehrers oder der Faustschlag eines Kameraden erweckte. Ich -entzog mich, lief ins Freie und staunte mit wunderlicher Träumerei in die -Welt. Nun sah ich plötzlich, wie schön und farbig alles war, wie Licht und -Atem durch alle Dinge floß, wie klargrün der Fluß und wie rot die Dächer -und wie blau die Berge waren. Diese mich umgebende Schönheit zerstreute -mich aber nicht, sondern ich genoß sie still und traurig. Je schöner alles -war, desto fremder schien es mir, der ich keinen Teil daran hatte und -außerhalb stand. Darüber fanden meine dumpfen Gedanken den Weg zu Rösi -zurück: Wenn ich in dieser Stunde stürbe, sie würde es nicht wissen, nicht -danach fragen, nicht darüber betrübt sein! - -Dennoch verlangte mich nicht danach von ihr bemerkt zu werden. Ich hätte -gern etwas Unerhörtes für sie getan oder ihr geschenkt, ohne daß sie gewußt -hätte von wem es kam. - -Und ich tat auch vieles für sie. Es kam eben eine kurze Ferienzeit und ich -ward nach Hause geschickt. Dort leistete ich täglich allerlei Kraftstücke, -alles in meiner Meinung Rösi zu Ehren. Einen schwierigen Gipfel erstieg ich -von der steilsten Seite. Auf dem See machte ich übertriebene Fahrten im -Weidling, große Entfernungen in knapper Zeit. Nach einer solchen Fahrt, da -ich ausgebrannt und verhungert zurück kam, fiel mir ein, bis zum Abend ohne -Speise und Trank zu bleiben. Alles für Rösi Girtanner. Ich trug ihren Namen -und Lobpreis auf entlegene Grate und in nie besuchte Klüfte. - -Zugleich büßte dabei meine in der Schulstube verhockte Jugend ihre Lust. -Die Schultern gingen mir mächtig auseinander, Gesicht und Nacken ward braun -und überall dehnten sich und schwollen die Muskeln. - -Am vorletzten Ferientag brachte ich meiner Liebe ein mühseliges -Blumenopfer. Zwar wußte ich an mehreren verlockenden Hängen auf schmalen -Erdbändern Edelweiß stehen, aber diese duft- und farblose, krankhafte -Silberblüte war mit stets seelenlos und wenig schön erschienen. Dafür -kannte ich ein paar vereinsamte Alpenrosenbüsche, in die Furche einer -kühnen Fluh verweht, spätblühend und verlockend schwer zu erreichen. Nun, -es mußte gehen. Und da denn der Jugend und Liebe nichts unmöglich ist, -gelangte ich mit zerschundenen Händen und krampfigen Schenkeln schließlich -zum Ziel. Juchezen konnte ich in meiner bangen Lage nicht, aber das Herz -jodelte und lärmte mir vor Lust, als ich vorsichtig die zähen Zweige -durchschnitt und die Beute in den Händen hielt. Zurück mußte ich, die -Blumen im Mund, rücklings klettern und Gott allein weiß, wie ich frecher -Knabe heil den Fuß der Wand erreichte. Am ganzen Berg war die Blüte der -Alpenrosen lang vorüber, ich hatte die letzten Zweige des Jahres knospend -und zarterblühend in der Hand. - -Andern Tags hielt ich die Blumen während der ganzen fünfstündigen Reise in -den Händen. Anfangs schlug das Herz mir mächtig der Stadt der schönen Rösi -entgegen; je ferner aber das Hochgebirge ward, desto stärker zog die -eingeborene Liebe mich zurück. Ich erinnere mich so gut an jene -Eisenbahnfahrt! Der Sennalpstock war schon lange unsichtbar, nun sanken -aber auch die zackigen Vorberge einer um den andern hinab und jeder löste -sich mit feinem Wehgefühl von meinem Herzen. Nun waren alle heimischen -Berge versunken und eine breite, niedere, hellgrüne Landschaft drängte sich -hervor. Das hatte mich bei meiner ersten Reise gar nicht berührt. Diesmal -aber ergriff mich Unruhe, Angst und Trauer, als wäre ich verurteilt weiter -in immer flachere Länder hinein zu fahren und die Berge und das Bürgerrecht -der Heimat unwiderbringlich zu verlieren. Zugleich sah ich immer das -schöne, schmale Gesicht der Rösi vor mir stehen, so fein und fremd und kühl -und meiner unbekümmert, daß mir Erbitterung und Schmerz den Atem verhielt. -Vor den Fenstern glitten hintereinander die frohen, sauberen Ortschaften -mit schlanken Türmen und weißen Giebeln vorüber und Menschen stiegen aus -und ein, redeten, grüßten, lachten, rauchten und machten Witze, -- lauter -fröhliche Unterländer, gewandte, freimütige und polierte Leute, und ich -schwerer Bursch vom Oberland saß stumm und traurig und verbissen damitten. -Ich fühlte, daß ich nicht mehr heimisch war. Ich empfand, daß ich den -Bergen für immer entrissen war und doch nie werden würde wie ein -Unterländer, nie so froh, so gewandt, so glatt und sicher. So einer wie -diese würde sich immer über mich lustig machen, so einer würde die -Girtanner einmal heiraten und so einer würde mir immer im Weg und um einen -Schritt voraus sein. - -Solche Gedanken brachte ich mit zur Stadt. Dort stieg ich nach der ersten -Begrüßung auf den Dachboden, öffnete meine Kiste und entnahm ihr einen -großen Bogen Papier. Es war nicht vom feinsten und als ich meine Alpenrosen -darein gewickelt und das Paket mit einem extra von Hause mitgebrachten -Bindfaden verschnürt hatte, sah es gar nicht wie eine Liebesgabe aus. -Ernsthaft trug ich es in die Straße, wo der Advokat Girtanner wohnte, und -im ersten günstigen Augenblick trat ich durchs offene Tor, sah mich in der -abendlich halblichten Hausflur ein wenig um und legte mein unförmliches -Bündel auf der breiten, herrschaftlichen Treppe ab. - -Niemand sah mich und ich erfuhr nie, ob Rösi meinen Gruß zu sehen bekommen -habe. Aber ich war an Flühen geklettert und hatte mein Leben gewagt, um -einen Zweig Rosen auf die Treppe ihres Hauses zu legen, und darin lag etwas -Süßes, Traurigfrohes, Poetisches, das mir wohltat und das ich noch heut -empfinde. Nur in gottlosen Stunden scheint es mir zuweilen, als sei jenes -Rosenabenteuer so gut wie alle meine späteren Liebesgeschichten eine -Donquichotterie gewesen. - -Diese meine erste Liebe fand nie einen Abschluß, sondern verklang fragend -und unerlöst in meine Jugendjahre und lief neben meinen späteren -Verliebtheiten wie eine stille ältere Schwester mit. Immer noch kann ich -mir nichts nobleres, reineres und schöneres vorstellen als jene junge, -wohlgeborene und stillblickende Patrizierin. Und als ich manche Jahre -später auf einer historischen Ausstellung in München jenes namenlose, -rätselhaft liebliche Bildnis der Fuggertochter sah, erschien mir, es stehe -meine ganze schwärmerische, traurige Jugend vor mir und schaue mich aus -unergründlichen Augen tief und verloren an. - -Indessen häutete ich mich langsam und bedächtig und ward allmählich -vollends zum Jüngling. Meine damals angefertigte Photographie zeigt einen -knochigen, hochgewachsenen Bauernbuben in schlechten Schülerkleidern, mit -etwas matten Augen und unfertigen, lümmelhaften Gliedmaßen. Nur der Kopf -hat etwas Frühfertiges und Festes. Mit einer Art von Erstaunen sah ich mich -die Manieren der Knabenzeit ablegen und erwartete mit dunkler Vorfreude die -Studentenzeit. - -Ich sollte in Zürich studieren und für den Fall besonderer Leistungen -hatten meine Gönner die Möglichkeit einer Studienreise erwähnt. All das -erschien mir wie ein schönes, klassisches Bild: Eine ernst freundliche -Laube mit den Büsten Homers und Platos, ich darin sitzend über Folianten -gebückt, und auf allen Seiten ein weiter, klarer Blick auf Stadt, See, -Berge und schöne Fernen. Mein Wesen war nüchterner und doch schwungvoller -geworden und ich freute mich des zukünftigen Glückes mit der festen -Zuversicht seiner würdig befunden zu werden. - -Im letzten Schuljahr fesselte mich das Studium des Italienischen und die -erste Bekanntschaft mit den alten Novellisten, deren gründlicheres -Kennenlernen ich mir als erste Liebhaberarbeit für die Zürcher Semester -vorbehielt. Dann kam der Tag, da ich meinen Lehrern und dem Hausvater Adieu -sagte, meine kleine Kiste packte und vernagelte und mit wohliger Wehmut -abschiednehmend um das Haus der Rösi strich. - -Die Ferienzeit, die nun folgte, gab mir einen bitteren Vorschmack vom Leben -und zerriß mir die schönen Traumflügel schnell und rauh. Zunächst fand ich -die Mutter krank. Sie lag zu Bett, redete fast gar nichts und machte auch -von meinem Kommen kein Aufhebens. Wehleidig war ich nicht, aber es -schmerzte mich doch, meiner Freude und meinem jungen Stolz gar kein Echo zu -finden. Alsdann erklärte mir mein Vater, daß er zwar nichts dagegen habe, -wenn ich nun studieren wolle, daß er aber nicht vermöge mir Geld dazu zu -geben. Wenn das kleine Stipendium nicht reiche, müsse ich eben sehen mir -das Nötige zu verdienen. In meinem Alter habe er schon längst eigenes Brot -gegessen u. s. w. - -Auch mit Wandern, Rudern und Bergsteigen war es diesmal nicht viel, denn -ich mußte in Haus und Feld mitarbeiten und an den freien halben Tagen hatte -ich zu nichts Lust, nicht einmal zum Lesen. Es empörte und ermüdete mich zu -sehen, wie das gemeine tägliche Leben breitmäulig sein Recht forderte und -alles fraß, was ich von Überfluß und Übermut mitgebracht hatte. Übrigens -war mein Vater, als er die Geldfrage einmal vom Herzen hatte, nach seiner -Art zwar rauh und kurz, aber nicht unfreundlich gegen mich, doch hatte ich -keine Freude daran. Auch daß meine Schulbildung und meine Bücher ihm einen -stillen, halbverächtlichen Respekt einflößten, störte mich und tat mir -leid. Und dann dachte ich auch oft an Rösi und hatte wieder das böse, -rechthaberische Gefühl meines bauernhaften Unvermögens, je in der »Welt« -einen sicheren und beweglichen Mann abzugeben. Ich besann mich sogar -tagelang, ob es nicht besser sei dazubleiben und mein Latein und meine -Hoffnungen im zähen, trüben Zwang des armseligen heimischen Lebens zu -vergessen. Gequält und verdrossen ging ich umher und fand auch am Bett der -kranken Mutter nicht Trost noch Ruhe. Das Bild jener Traumlaube mit der -Homerbüste erschien höhnisch wieder und ich zerstörte es und goß allen -Grimm und alle Feindseligkeit meines zerplagten Wesens darüber. Die Wochen -wurden unausstehlich lang, als sollte ich an diese hoffnungslose Zeit des -Ärgers und Zwiespalts meine ganze Jugend verlieren. - -War ich erstaunt und empört gewesen, das Leben meine glückliche Träumerei -so rasch und gründlich zerstören zu sehen, so kam ich nun in die Lage zu -erstaunen, wie plötzlich und mächtig auch der jetzigen Quälerei ein -Überwinder erwuchs. Das Leben hatte mir seine graue Werktagsseite gezeigt, -nun trat es plötzlich mit seinen ewigen Tiefen vor mein befangenes Auge und -belud meine Jugend mit einer schlichten, mächtigen Erfahrung. - -Früh am Morgen eines heißen Sommertags litt ich im Bette Durst und stand -auf, um in die Küche zu gehen, wo stets eine Kufe frischen Wassers stand. -Dabei mußte ich durchs Schlafzimmer der Eltern gehen, wo mir das sonderbare -Stöhnen der Mutter auffiel. Ich trat an ihr Bett, doch sah sie mich nicht -und gab keine Antwort, sondern stöhnte trocken und angstvoll vor sich hin, -zuckte mit den Lidern und war bläulich blaß im Gesicht. Dies erschreckte -mich nicht sonderlich, obwohl mir etwas ängstlich wurde. Aber dann sah ich -ihre beiden Hände auf den Laken liegen, still und wie schlafende -Geschwister. An diesen Händen sah ich, daß meine Mutter im Sterben lag, -denn sie waren schon so seltsam todmüde und willenlos, wie sie kein -Lebender hat. Ich vergaß meinen Durst, kniete neben dem Lager nieder, legte -der Kranken die Hand auf die Stirn und suchte ihren Blick. Da er mich traf, -war er gut und ohne Qual, aber nahe am Erlöschen. Es fiel mir nicht ein, -daß ich den Vater wecken müsse, der nebenan mit hartem Atmen schlief. So -kniete ich denn nahezu zwei Stunden und sah meine Mutter den Tod erleiden. -Sie litt ihn stille, ernst und tapfer, wie es ihrer Art zukam, und hat mir -ein gutes Vorbild gegeben. - -Das Stüblein war stille und füllte sich langsam mit der Helle des -heraufsteigenden Morgens; Haus und Dorf lag schlafend und ich hatte Muße, -in Gedanken die Seele eines Sterbenden zu begleiten, über Haus und Dorf und -See und Schneegipfel hinweg in die kühle Freiheit eines reinen -Frühmorgenhimmels hinein. Schmerz fühlte ich wenig, denn ich war voll -Staunen und Ehrfurcht zusehen zu dürfen, wie ein großes Rätsel sich löste -und wie der Ring eines Lebens sich mit leisem Erzittern schloß. Auch war -die klaglose Tapferkeit der Scheidenden so erhaben, daß von ihrer herben -Glorie ein kühlend klarer Strahl auch in meine Seele fiel. Daß der Vater -daneben schlief, daß kein Priester da war, daß weder Sakrament noch Gebet -die heimkehrende Seele heiligend begleitete, empfand ich nicht. Ich spürte -nur einen schauernden Hauch der Ewigkeit durch die dämmernde Stube fluten -und sich mit meinem Wesen vermischen. - -Im letzten Augenblick, die Augen waren schon erloschen, küßte ich zum -ersten mal in meinem Leben meiner Mutter kühlen, welken Mund. Dann überlief -die fremde Kühle der Berührung mich mit plötzlichem Grausen, ich setzte -mich auf den Rand des Bettes und fühlte, daß mir langsam und zögernd eine -große Träne um die andere über Wangen, Kinn und Hände lief. - -Bald darauf erwachte der Vater, sah mich dasitzen und rief mich -schlaftrunken an, was es gäbe. Ich wollte ihm Antwort geben, konnte aber -nichts sagen, sondern ging aus der Stube, kam wie im Traum in meine Kammer -und zog langsam und unbewußt meine Kleider an. Bald erschien der Alte bei -mir. - -»Die Mutter ist tot,« sagte er. »Hast du's gewußt?« - -Ich nickte. - -»Warum hast du mich schlafen lassen? Und kein Priester ist dagewesen! Dich -soll doch --« er tat einen schweren Fluch. - -Da tat irgend etwas in meinem Kopf mir weh, wie wenn eine Ader gesprungen -wäre. Ich trat auf ihn zu und nahm ihn fest bei beiden Händen -- er war an -Stärke ein Knabe gegen mich, und sah ihm ins Gesicht. Sagen konnte ich -nichts, aber er ward still und beklommen und als wir darauf beide zur -Mutter hinüber gingen, ergriff auch ihn die Gewalt des Todes und machte -sein Gesicht fremd und feierlich. Dann bückte er sich über die Tote und -begann ganz leise und kindlich zu klagen, fast wie ein Vogel, in hohen -schwachen Tönen. Ich ging weg und brachte den Nachbarn die Nachricht. Sie -hörten mich an, stellten keine Fragen, sondern gaben mir die Hand und boten -unsrem verwaisten Haushalt ihre Hilfe an. Einer lief den Weg ins Kloster, -um einen Pater zu holen, und da ich heimkehrte, war schon eine Nachbarin in -unsrem Stall und versorgte die Kuh. - -Der Hochwürdige kam, und fast alle Frauen des Orts kamen, alles geschah -pünktlich und richtig wie von selber, sogar der Sarg ward ohne unser Zutun -besorgt und ich konnte zum erstenmal deutlich sehen, wie gut es in schweren -Lagen ist, heimisch zu sein und einer kleinen, sicheren Gemeinschaft -anzugehören. Am andern Tage hätte ich mir das vielleicht noch tiefer -überlegen sollen - -Als nämlich der Sarg gesegnet und versenkt und die wunderliche Schar -wehmütig altmodischer, borstiger Cylinderhüte verschwunden war, auch der -meines Alten, jeder in seine Schachtel und seinen Schrank, da wandelte -meinen armen Vater eine Schwäche an. Er begann plötzlich sich selbst zu -bemitleiden und hielt mir in sonderbaren, großenteils biblischen -Redewendungen sein Elend vor, daß er nun, da sein Weib begraben sei, auch -noch seinen Sohn verlieren und in die Fremde fahren sehen müsse. Es nahm -kein Ende, ich hörte erschrocken zu und war beinahe bereit, ihm das -Dableiben zu versprechen. - -In diesem Augenblick, ich hatte schon zur Antwort angesetzt, geschah mir -etwas Merkwürdiges. Es erschien mir plötzlich, in einer einzigen Sekunde, -alles das, was ich von klein auf gedacht und erwünscht und sehnlich erhofft -hatte, zusammengedrängt vor einem plötzlich aufgetanen innerlichen Auge. -Ich sah große, schöne Arbeiten auf mich warten, zu lesende Bücher und zu -schreibende Bücher. Ich hörte den Föhn gehen und sah ferne, selige Seeen -und Ufer in südlichen Farben erglänzend liegen. Ich sah Menschen mit -klugen, geistigen Gesichtern wandeln und schöne, feine Frauen, sah Straßen -laufen und Pässe über Alpen führen und Eisenbahnen durch Länder hasten, -alles zugleich und jedes doch für sich und deutlich, und hinter allem die -unbegrenzte Ferne eines klaren Horizontes, von treibenden Flugwolken -durchschnitten. Lernen, schaffen, schauen, wandern -- die ganze Fülle des -Lebens glänzte in flüchtigem Silberblick vor meinem Auge auf, und wieder -wie in Knabenzeiten zitterte etwas in mir mit unbewußt mächtigem Zwang der -großen Weite der Welt entgegen. - -Ich schwieg und ließ den Vater reden, schüttelte nur den Kopf und wartete, -bis sein Ungestüm ermüdete. Das geschah erst am Abend. Nun erklärte ich ihm -meinen festen Entschluß zu studieren und meine künftige Heimat im Reich des -Geistes zu suchen, von ihm aber keine Unterstützungen zu begehren. Er drang -denn auch nicht weiter in mich und sah mich nur wehleidig und -kopfschüttelnd an. Denn auch er begriff, daß ich von jetzt an eigene Wege -gehen und seinem Leben schnell vollends fremd werden würde. Als ich heute -beim Schreiben mich des Tages erinnerte, sah ich meinen Vater wieder so wie -er an jenem Abend im Stuhl beim Fenster saß. Sein scharfer, kluger -Bauernkopf steht unbeweglich auf dem dünnen Hals, das kurze Haar beginnt zu -grauen und in den harten, strengen Zügen kämpft mit der zähen Männlichkeit -das Leid und das hereinbrechende Alter. - -Von ihm und von meinem damaligen Aufenthalt unter seinem Dach bleibt mir -noch ein kleines, nicht unwichtiges Ereignis zu erzählen. In der letzten -Woche vor meiner Abreise setzte eines Abends mein Vater seine Mütze auf und -nahm den Türgriff in die Hand. »Wo gehst du hin?« fragte ich. »Geht's dich -was an?« sagte er. »Könntest mir's auch sagen, wenn's nichts Unrechtes -ist,« meinte ich. Da lachte er und rief: »Kannst auch mitkommen, bist ja -keiner von den Kleinsten mehr.« So ging ich denn mit. Ins Wirtshaus. Ein -paar Bauern saßen da vor einem Krug Hallauer, zwei fremde Fuhrleute tranken -Absinth, ein Tisch voll junger Burschen spielte Jaß und spektakelte -mächtig. - -Ich war gewohnt zuweilen ein Glas Wein zu trinken, doch war es nun zum -ersten Mal daß ich ohne Not ein Schankhaus betrat. Daß mein Vater ein -gediegener Zecher sei, wußte ich vom Hörensagen. Er trank viel und gut und -dadurch blieb sein Hauswesen, ohne daß er es sonst ernstlich vernachlässigt -hätte, immer in einer hoffnungslosen Kümmerlichkeit stecken. Es fiel mir -auf, wie viel Achtung ihm von Wirt und Gästen gezeigt wurde. Er ließ einen -Liter Waadtländer bringen, hieß mich einschenken und belehrte mich darüber, -wie das zu machen sei. Man müsse niedrig einschenken, dann den Strahl mäßig -verlängern und zum Schluß die Flasche wieder so tief als möglich senken. -Darauf begann er von verschiedenen Weinen zu erzählen, die er kannte und -die er bei seltenen Gelegenheiten, wenn er etwa einmal zur Stadt oder ins -Welsche hinüber kam, zu genießen pflegte. Er sprach mit ernster Achtung vom -tiefroten Veltliner, von welchem er drei Arten unterschied. Hierauf kam er -mit leiserer, eindringender Stimme auf gewisse Waadtländer Flaschenweine zu -sprechen. Fast flüsternd und mit der Miene eines Märchenerzählers -berichtete er zuletzt vom Wein von Neuchâtel. Von diesem gäbe es Jahrgänge, -deren Schaum beim Einschenken im Glase einen Stern bilde. Und er zeichnete -den Stern mit angefeuchtetem Zeigefinger auf den Tisch. Dann versank er in -ungeheuerliche Mutmaßungen über das Wesen und den Geschmack des -Champagners, den er nie getrunken hatte und von welchem er glaubte, daß -eine Flasche davon zwei Mann stocksternhagelbetrunken mache. - -Verstummend und nachdenklich zündete er sich eine Pfeife an. Dabei bemerkte -er, daß ich nichts zu rauchen habe, und gab mir zehn Rappen für Cigarren. -Und dann saßen wir einander gegenüber, bliesen uns den Rauch ins Gesicht -und tranken langsam schlürfend den ersten Liter leer. Der gelbe, pikante -Waadtländer schmeckte mir vorzüglich. Allmählich wagten die Bauern am -Nebentisch sich mit ins Gespräch und schließlich siedelte einer nach dem -andern räuspernd und vorsichtig zu uns über. Bald kam auch ich in den -Mittelpunkt und es zeigte sich, daß mein Ruf als Bergsteiger noch nicht -vergessen war. Allerlei verwegene Aufstiege und tolle Abstürze, in -mythische Nebel gehüllt, wurden erzählt, bestritten und verteidigt. -Mittlerweile waren wir schon fast mit dem zweiten Liter fertig und mir -sauste das Blut in den Augen. Ganz gegen meine Natur begann ich laut zu -prahlen und erzählte auch die freche Kletterei an der oberen -Sennalpstockwand, wo ich die Alpenrosen für Rösi Girtanner geholt hatte. -Man glaubte mir nicht, ich beteuerte, man lachte, ich ward zornig. Ich -forderte jeden der mir nicht glaubte, zum Ringen heraus und ließ merken, -daß ich zur Not sie alle miteinander zu zwingen denke. Da ging ein altes, -krummes Bäuerlein in die Kredenz, brachte einen großen Steingutkrug und -legte ihn der Länge nach auf den Tisch. - -»Ich will dir was sagen,« lachte er. »Wenn du so stark bist, so hau den -Krug mit der Faust zusammen. Dann zahlen wir dir so viel Wein, als er faßt. -Wenn du es nicht kannst, zahlst aber du den Wein.« - -Mein Vater stimmte sogleich zu. Also stand ich auf, wickelte mein -Taschentuch um die Hand und schlug. Die zwei ersten Schläge taten keine -Wirkung. Beim dritten ging der Krug in Stücke. »Zahlen!« rief mein Vater -und glänzte vor Wonne, der Alte schien einverstanden. »Gut,« sagte er, »ich -zahl' Wein, soviel in den Krug geht. Wird aber nimmer viel sein.« Freilich -faßte der Scherben keinen Schoppen mehr und ich hatte zum Schmerz im Arm -noch den Spott. Auch mein Vater lachte mich jetzt aus. - -»Nun, so hast du gewonnen,« schrie ich, schenkte den Scherben aus unsrer -Flasche voll und goß ihn dem Alten über den Kopf. Nun waren wir wieder die -Sieger und hatten den Beifall der Gäste. - -Derlei starke Scherze wurden noch mehr getrieben. Dann schleppte mein Vater -mich nach Hause und wir polterten aufgeregt und unwirsch durch die Stube, -in welcher vor noch nicht drei Wochen der Sarg der Mutter gestanden hatte. -Ich schlief wie ein Toter und war am Morgen ganz verwüstet und zerbrochen. -Der Vater spottete, war munter und heiter und freute sich sichtlich seiner -Überlegenheit. Ich aber schwor im stillen, nie mehr zu zechen, und wartete -sehnlichst auf den Tag der Abreise. - -Der Tag kam und ich reiste ab, den Schwur aber habe ich nicht gehalten. Der -gelbe Waadtländer, der tiefrote Veltliner, der Neuenburger Sternwein und -viele andere Weine sind mir seither bekannt und gute Freunde geworden. - - - - -III. - - -Aus der nüchternen und drückenden Luft der Heimat herausgekommen, tat ich -große Flügelschläge der Wonne und Freiheit. Wenn ich sonst im Leben je und -je zu kurz gekommen bin, so habe ich doch die absonderliche, schwärmerische -Lust der Jugendzeit reich und rein genossen. Gleich einem jungen Krieger, -der am blühenden Waldrand rastet, lebte ich in seliger Unruhe zwischen -Kampf und Getändel; und wie ein ahnungsvoller Seher stand ich an dunkeln -Abgründen, dem Brausen großer Ströme und Stürme lauschend und die Seele -gerüstet den Zusammenklang der Dinge und die Harmonie alles Lebens zu -vernehmen. Tief und beglückt trank ich aus den vollen Bechern der Jugend, -litt in der Stille süße Leiden um schöne, scheu verehrte Frauen und kostete -das edelste Jugendglück einer männlich frohen, reinen Freundschaft bis zum -Grunde. - -In einem neuen Bukskinanzug und mit einer kleinen Kiste voll Bücher und -sonstiger Habe kam ich angefahren, bereit mir ein Stück Welt zu erobern und -so bald als möglich den Rauhbeinen daheim zu beweisen, daß ich aus einem -anderen Holze als die übrigen Camenzinde geschnitten sei. Drei wundervolle -Jahre wohnte ich in derselben weithinblickenden, windigen Mansarde, lernte, -dichtete, sehnte mich und fühlte alle Schönheit der Erde mich mit warmer -Nähe umgeben. Nicht jeden Tag hatte ich etwas Warmes zu essen, aber jeden -Tag und jede Nacht und jede Stunde sang und lachte und weinte mir das Herz, -einer starken Freude voll, und hielt das liebe Leben heiß und sehnlich an -sich gedrückt. - -Zürich war die erste große Stadt, die ich grüner Peter zu sehen bekam, und -ein paar Wochen lang machte ich beständig große Augen. Das städtische Leben -aufrichtig zu bewundern oder zu beneiden, fiel mir zwar nicht ein -- darin -war ich eben ein Bauer; aber ich hatte Freude an dem Vielerlei der Straßen, -Häuser und Menschen. Ich beschaute die von Wagen belebten Gassen, die -Schifflände, Plätze, Gärten, Prunkbauten und Kirchen; ich sah fleißige -Leute in Scharen zur Arbeit laufen, sah Studenten bummeln, Vornehme -ausfahren, Gecken sich brüsten, Fremde umherschlendern. Die modisch -eleganten, hoffärtigen Weiber der Reichen kamen mir wie Pfauen im -Hühnerhofe vor, hübsch, stolz und ein wenig lächerlich. Schüchtern war ich -eigentlich nicht, nur steif und trotzig, und ich zweifelte nicht, daß ich -ganz der Kerl dazu sei, dies rege Leben der Städte gründlich kennen zu -lernen und später selber einmal meinen sicheren Platz darin zu finden. - -Die Jugend traf mich an in der Gestalt eines schönen, jungen Menschen, der -in derselben Stadt studierte und im ersten Stockwerk meines Hauses zwei -hübsche Zimmer gemietet hatte. Jeden Tag hörte ich ihn unten Klavier -spielen und spürte dabei zum erstenmal etwas vom Zauber der Musik, der -weiblichsten und süßesten Kunst. Dann sah ich den hübschen Jungen das Haus -verlassen, ein Buch oder Notenheft in der Linken, in der Rechten die -Cigarette, deren Rauch hinter seinem biegsam schlanken Gang verwirbelte. -Mich zog eine scheue Liebe zu ihm hin, doch blieb ich abgesondert und -fürchtete mich mit einem Menschen Umgang zu haben, neben dessen leichtem, -freiem und wohlhabendem Wesen meine Armut und mein Mangel an Lebensart mich -nur demütigen würde. Da kam er selber zu mir. Eines Abends klopfte es an -meiner Tür und ich erschrak ein wenig; denn ich hatte noch nie Besuch bei -mir gesehen. Der schöne Student trat ein, gab mir die Hand, nannte seinen -Namen und tat so frei und fröhlich, als wären wir alte Bekannte. - -»Ich wollte fragen ob Sie nicht Lust hätten ein wenig mit mir zu -musizieren,« sagte er freundlich. Aber ich hatte in meinem Leben nie ein -Instrument berührt. Ich sagte ihm das und fügte hinzu, daß ich außer Jodeln -keinerlei Künste verstehe, doch habe mir sein Klavierspiel oft schön und -verlockend heraufgeklungen. - -»Wie man sich täuschen kann!« rief er lustig. »Ihrem Äußeren nach hätte ich -geschworen, Sie seien Musiker. Merkwürdig! Aber Sie können jodeln? O bitte, -jodeln Sie doch einmal! Ich höre es ums Leben gern.« - -Ich war ganz bestürzt und erklärte ihm, daß ich so auf Verlangen und in der -Stube drin durchaus nicht jodeln könne. Das müsse auf einem Berge oder -mindestens im Freien und ganz aus eigener Lust geschehen. - -»Dann jodeln Sie also auf einem Berge! Vielleicht morgen? Ich bitte Sie -sehr darum. Wir könnten etwa gegen Abend miteinander ausfliegen. Wir -bummeln und plaudern ein wenig, droben jodeln Sie dann, und nachher essen -wir in irgend einem Dorf zu Nacht. Sie haben doch Zeit?« - -O ja, Zeit genug. Ich sagte eilig zu. Und dann bat ich ihn, mir etwas -vorzuspielen, und stieg mit ihm in seine schöne, große Wohnung hinunter. -Ein paar modern eingerahmte Bilder, das Klavier, eine gewisse zierliche -Unordnung und ein feiner Cigarettenduft erzeugten in dem hübschen Raum eine -Art von freier und behaglicher Eleganz und wohnlicher Stimmung, die mir -ganz neu war. Richard setzte sich ans Klavier und spielte ein paar Takte. - -»Sie kennen das, nicht wahr?« nickte er herüber und sah prachtvoll aus, wie -er so vom Spielen weg den hübschen Kopf herüberbog und mich glänzend ansah. - -»Nein,« sagte ich, »ich kenne nichts.« - -»Es ist Wagner,« rief er zurück, »aus den Meistersingern,« und spielte -weiter. Es klang leicht und kräftig, sehnsüchtig und heiter, und umfloß -mich wie ein laues, erregendes Bad. Zugleich betrachtete ich mit heimlicher -Lust den schlanken Nacken und Rücken des Spielers und seine weißen -Musikerhände, und dabei überlief mich dasselbe scheue und bewundernde -Gefühl von Zärtlichkeit und Achtung, mit dem ich früher jenen -dunkelhaarigen Schüler betrachtet hatte, zusammen mit der schüchternen -Ahnung, dieser schöne vornehme Mensch würde vielleicht wirklich mein Freund -werden und meine alten, nicht vergessenen Wünsche nach einer solchen -Freundschaft wahr machen. - -Tags darauf holte ich ihn ab. Langsam und plaudernd erstiegen wir einen -mäßigen Hügel, überschauten Stadt, See und Gärten und genossen die satte -Schönheit des Vorabends. - -»Und nun jodeln Sie!« rief Richard. »Wenn Sie sich immer noch genieren, so -drehen Sie mir den Rücken zu. Aber bitte, laut!« - -Er konnte zufrieden sein. Ich jodelte wütend und frohlockend in die rosige -Abendweite hinein, in allen Tonarten und Brechungen. Als ich aufhörte, -wollte er etwas sagen, hielt aber sogleich wieder inne und deutete horchend -gegen die Berge. Von einer fernen Höhe her kam Antwort, leise, langgezogen -und schwellend, der Gruß eines Hirten oder Wanderers, und wir hörten still -und freudig zu. Während dieses gemeinsamen Stehens und Lauschens überrann -mich mit köstlichem Schauer die Empfindung, zum erstenmal neben einem -Freunde zu stehen und so zu zweien in schöne, rosig verwölkte Lebensweiten -zu blicken. Der abendliche See begann sein weiches Farbenspiel und kurz vor -Sonnenuntergang sah ich aus zerfließendem Gedünste ein paar trotzige, frech -gezackte Alpengipfel hervortreten. - -»Dort ist meine Heimat,« sagte ich. »Die mittlere Schroffe ist die rote -Fluh, rechts das Geishorn, links und weiter entfernt der runde -Sennalpstock. Ich war zehn Jahr und drei Wochen alt, als ich zum erstenmal -auf dieser breiten Kuppe stand.« - -Ich strengte die Augen an, um etwa noch einen der südlicheren Gipfel zu -erspähen. Nach einer Weile sagte Richard etwas, das ich nicht verstand. - -»Was sagten Sie?« fragte ich. - -»Ich sage, daß ich nun weiß, welche Kunst Sie treiben.« - -»Welche denn?« - -»Sie sind Dichter.« - -Da wurde ich rot und ärgerlich und war zugleich erstaunt, wie er das -erraten habe. - -»Nein,« rief ich, »ein Dichter bin ich nicht. Ich habe zwar auf der Schule -Verse gemacht, aber nun schon lang keine mehr.« - -»Darf ich die einmal sehen?« - -»Sie sind verbrannt. Aber Sie dürften sie doch nicht sehen, auch wenn ich -sie noch hätte.« - -»Es waren gewiß sehr moderne Sachen, mit viel Nietzsche drin?« - -»Was ist das?« - -»Nietzsche? Ja großer Gott, kennen Sie den nicht?« - -»Nein. Woher soll ich ihn kennen?« - -Nun war er entzückt, daß ich Nietzsche nicht kannte. Ich aber wurde -ärgerlich und fragte, über wieviel Gletscher er schon gegangen sei. Als er -sagte über keinen, tat ich darüber ebenso spöttisch erstaunt wie er vorher -über mich. Da legte er mir die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst: »Sie -sind empfindlich. Aber Sie wissen ja selber gar nicht, was für ein -beneidenswert unverdorbener Mensch Sie sind und wie wenig solche es gibt. -Sehen Sie, in einem Jahr oder zwei werden Sie Nietzsche und all den Kram ja -auch kennen, viel besser als ich, da Sie gründlicher und gescheiter sind. -Aber gerade so, wie Sie jetzt sind, hab ich Sie gern. Sie kennen Nietzsche -nicht und Wagner nicht, aber Sie sind viel auf Schneebergen gewesen und -haben so ein tüchtiges Oberländergesicht. Und ganz gewiß sind Sie auch ein -Dichter. Ich kann das am Blick und an der Stirn sehen.« - -Auch das, daß er so freimütig und ungeniert mich betrachtete und seine -Meinung herausplauderte, erstaunte mich und kam mir ungewöhnlich vor. - -Noch viel erstaunter und glücklicher war ich aber, als er acht Tage später -in einem vielbesuchten Biergarten Brüderschaft mit mir schloß, vor allen -Leuten aufsprang, mich küßte und umfaßte und mit mir wie verrückt um den -Tisch herum tanzte. - -»Was werden die Leute denken!« warnte ich ihn schüchtern. - -»Sie werden denken: die zwei sind außerordentlich glücklich oder ganz -außerordentlich besoffen; die meisten aber werden gar nichts denken.« - -Überhaupt schien Richard mir oft, obwohl er älter, klüger, besser erzogen -und in allem beschlagener und raffinierter war als ich, doch im Vergleich -mit mir das reine Kind zu sein. Auf der Straße machte er halbwüchsigen -Schulmädchen feierlich-spöttisch den Hof, die ernsthaftesten Klavierstücke -unterbrach er unerwartet mit völlig kindischen Witzen, und als wir einmal -Spaßes halber in eine Kirche gegangen waren, sagte er plötzlich mitten -während der Predigt nachdenklich und wichtig zu mir: »Du, findest du nicht, -der Pfarrer sieht aus wie ein Kaninchengreis?« Der Vergleich traf zu, ich -fand aber, er hätte mir das auch nachher mitteilen können, und sagte ihm -das. - -»Wenn es doch richtig war!« schmollte er. »Bis nachher hätte ich es -wahrscheinlich wieder vergessen.« - -Daß seine Witze keineswegs immer geistreich waren, häufig sogar nur auf das -Citieren eines Buschverses hinausliefen, störte weder mich noch andere, -denn was wir an ihm liebten und bewunderten, war nicht Witz und Geist, -sondern die unbezwingliche Heiterkeit seines lichten, kindlichen Wesens, -welche jeden Augenblick hervorbrach und ihn mit einer leichten, fröhlichen -Atmosphäre umgab. Sie konnte sich in einer Geberde, in einem leisen Lachen, -in einem fidelen Blicke äußern, aber lange sich verbergen konnte sie nicht. -Ich bin überzeugt, daß er auch im Schlaf zuweilen lachen oder eine Geste -der Heiterkeit machen mußte. - -Richard brachte mich häufig mit andern jungen Leuten zusammen, Studenten, -Musikanten, Malern, Literaten, allerlei Ausländern, denn was an -interessanten, kunstliebenden und aparten Personen in der Stadt herumlief, -geriet in seinen Umgang. Es waren manche ernste und heftig ringende Geister -dabei, Philosophen, Ästhetiker und Sozialisten, und von vielen konnte ich -ein gutes Stück lernen. Kenntnisse aus den verschiedensten Gebieten flogen -mir stückweise an, ich ergänzte und las viel nebenher, und so gewann ich -allmählich eine gewisse Vorstellung von dem, was die regsamsten Köpfe der -Zeit plagte und bannte, und bekam einen wohltätig anspornenden Einblick in -die geistige Internationale. Ihre Wünsche, Ahnungen, Arbeiten und Ideale -waren mir anziehend und verständlich, ohne daß ein starker eigener Trieb -mich genötigt hätte, für oder wider mitzustreiten. Bei den meisten fand ich -alle Energie des Gedankens und der Leidenschaft auf Zustände und -Einrichtungen der Gesellschaft, des Staates, der Wissenschaften, der -Künste, der Lehrmethoden gerichtet, die wenigsten aber schienen mir das -Bedürfnis zu kennen, ohne äußeren Zweck an sich selber zu bauen und ihr -persönliches Verhältnis zur Zeit und Ewigkeit zu klären. Auch in mir selber -lag dieser Trieb noch zumeist im Halbschlummer. - -Freundschaften schloß ich keine mehr, da ich Richard ausschließlich und mit -Eifersucht liebte. Auch den Frauen, mit denen er viel und vertraut umging, -suchte ich ihn zu entziehen. Die kleinsten mit ihm getroffenen -Verabredungen hielt ich peinlich genau und war empfindlich, wenn er mich -warten ließ. Einmal bat er mich, ihn zu einer bestimmten Stunde zum Rudern -abzuholen. Ich kam, fand ihn aber nicht zuhause und wartete drei Stunden -vergebens auf sein Kommen. Tags darauf warf ich ihm seine Nachlässigkeit -heftig vor. - -»Warum bist du denn nicht einfach allein rudern gegangen?« lachte er -verwundert. »Ich hatte die Sache ganz vergessen; das ist doch schließlich -kein Unglück.« - -»Ich bin gewohnt mein Wort pünktlich zu halten,« antwortete ich heftig. -»Aber freilich bin ich auch daran gewöhnt, daß du dir wenig daraus machst, -mich irgendwo auf dich warten zu wissen. Wenn man so viele Freunde hat wie -du!« - -Er sah mich mit maßlosem Erstaunen an. - -»Ja, so ernst nimmst du jede Bagatelle?« - -»Meine Freundschaft ist mir keine Bagatelle.« - - »Dies Wort drang ihm in die Natur, - So daß er schleunigst Bessrung schwur,« - -zitierte Richard feierlich, faßte mich um den Kopf, rieb nach -orientalischem Liebesbrauch seine Nasenspitze an der meinen und liebkoste -mich, bis ich ärgerlich lachend mich ihm entzog; die Freundschaft aber war -wieder heil. - -In meiner Mansarde lagen in entlehnten, oft kostbaren Bänden die modernen -Philosophen, Dichter und Kritiker, literarische Revuen aus Deutschland und -Frankreich, neue Theaterstücke, Pariser Feuilletons und Wiener -Modeästheten. Ernster und liebevoller als mit diesen rasch gelesenen Sachen -beschäftigte ich mich mit meinen altitalienischen Novellisten und mit -historischen Studien. Mein Wunsch war, baldmöglichst die Philologie -beiseite zu legen und einzig Geschichte zu studieren. Neben Werken über -Gesamtgeschichte und historische Methode las ich namentlich Quellen und -Monographieen über die Zeit des Spätmittelalters in Italien und Frankreich. -Dabei lernte ich zum erstenmal meinen Liebling unter den Menschen, Franz -von Assisi, den seligsten und göttlichsten aller Heiligen, genauer kennen. -Und so ward mein Traum, in dem ich die Fülle des Lebens und Geistes vor mir -eröffnet gesehen hatte, täglich wahr und erwärmte mir das Herz mit Ehrgeiz, -Freude und Jugendeitelkeit. Im Hörsaal nahm mich die ernste, etwas herbe -und gelegentlich etwas langweilige Wissenschaft in Anspruch. Zuhause kehrte -ich bei den heimelig frommen oder schauerlichen Geschichten des -Mittelalters oder bei den behaglichen alten Novellisten ein, deren schöne -und wohlige Welt mich wie ein schattiger, dämmernder Märchenwinkel -umschloß, oder ich fühlte die wilde Woge moderner Ideale und Leidenschaften -über mich weg rollen. Dazwischen hörte ich Musik, lachte mit Richard, nahm -an den Zusammenkünften seiner Freunde Teil, verkehrte mit Franzosen, -Deutschen, Russen, hörte sonderbare moderne Bücher vorlesen, trat da und -dort in die Ateliers der Maler oder wohnte Abendgesellschaften bei, in -denen eine Menge aufgeregter und unklarer junger Geister erschien und mich -wie ein phantastischer Karneval umgab. - -Eines Sonntags besuchte Richard mit mir eine kleine Ausstellung neuer -Gemälde. Mein Freund blieb vor einem Bilde stehen, das eine Alp mit ein -paar Ziegen vorstellte. Es war fleißig und nett gemalt, aber ein wenig -altmodisch und eigentlich ohne rechten künstlerischen Kern. Man sieht in -jedem beliebigen Salon genug solche hübsche, wenig bedeutende Bildchen. -Immerhin erfreute es mich als eine ziemlich treue Darstellung der -heimatlichen Almen. Ich fragte Richard, was ihn denn an dem Bildchen -anziehe. - -»Das hier,« sagte er und deutete auf den Malernamen in der Ecke. Ich konnte -die rotbraunen Buchstaben nicht entziffern. »Das Bild,« sagte Richard, »ist -keine große Leistung. Es gibt schönere. Aber es gibt keine schönere Malerin -als die, die das gemacht hat. Sie heißt Erminia Aglietti und wenn du -willst, können wir morgen zu ihr gehen und ihr sagen, sie sei eine große -Malerin.« - -»Kennst du sie?« - -»Jawohl. Wenn ihre Bilder so schön wären wie sie selber, dann wäre sie -schon lange reich und würde keine mehr malen. Sie tut es nämlich ohne Lust -und nur, weil sie zufällig nichts anderes gelernt hat, wovon sie leben -könnte.« - -Richard vergaß die Sache wieder und kam erst ein paar Wochen später darauf -zurück. - -»Ich bin gestern der Aglietti begegnet. Wir wollten sie ja eigentlich -neulich schon besuchen. Also komm! Du hast doch einen reinen Kragen? Sie -sieht nämlich darauf.« - -Der Kragen war rein und wir gingen zusammen zur Aglietti, ich mit einigem -inneren Widerstreben, denn der freie, etwas burschikose Verkehr Richards -und seiner Kameraden mit Malweibern und Studentinnen hatte mir nie -gefallen. Die Männer waren dabei ziemlich rücksichtslos, bald grob, bald -ironisch; die Mädchen aber waren praktisch, klug und gerissen und nirgends -war etwas von dem verklärenden Duft zu merken, in welchem ich die Frauen -gerne sah und verehrte. - -Etwas befangen trat ich in das Atelier. Mit der Luft der Malerwerkstätten -war ich zwar wohl vertraut, doch betrat ich jetzt zum erstenmal ein -Frauenatelier. Es sah recht nüchtern und sehr ordentlich aus. Drei oder -vier fertige Bilder hingen in Rahmen, eines stand noch kaum ganz untermalt -auf der Staffelei. Den Rest der Wände bedeckten sehr saubere, appetitlich -aussehende Bleistiftskizzen und ein halbleerer Bücherschrank. Die Malerin -nahm unsre Begrüßung kühl entgegen. Sie legte den Pinsel weg und lehnte -sich im Malschurz gegen den Schrank und es sah aus, als verlöre sie nicht -gerne viel Zeit an uns. - -Richard machte ihr ungeheuerliche Komplimente über das ausgestellte Bild. -Sie lachte ihn aus und verbat es sich. - -»Aber Fräulein, ich konnte ja im Sinn haben das Bild zu kaufen! Übrigens -sind die Kühe darauf von einer Wahrheit --« - -»Es sind ja Ziegen,« sagte sie ruhig. - -»Ziegen? Natürlich Ziegen! Von einem Studium, wollte ich sagen, das mich -verblüfft hat. Es sind Ziegen, wie sie leben, so recht ziegenmäßig. Fragen -Sie meinen Freund Camenzind, der selbst ein Sohn der Berge ist; er wird mir -Recht geben.« - -Hier fühlte ich, während ich verlegen und belustigt dem Geschwätz zuhörte, -mich vom Blick der Malerin überflogen und gemustert. Sie sah mich lange und -unbefangen an. - -»Sie sind Oberländer?« - -»Ja, Fräulein.« - -»Man sieht es. Nun, und was halten Sie von meinen Ziegen?« - -»O, sie sind gewiß sehr gut. Wenigstens hab' ich sie nicht für Kühe -gehalten wie Richard.« - -»Sehr gütig. Sie sind Musiker?« - -»Nein, Student.« - -Weiter sprach sie kein Wort mit mir und ich fand nun Ruhe, sie zu -betrachten. Die Gestalt war durch den langen Schurz verdeckt und entstellt, -und das Gesicht erschien mir nicht schön. Der Schnitt war scharf und knapp, -die Augen ein wenig streng, das Haar reich, schwarz und weich; was mich -störte und fast abstieß, war die Farbe des Gesichts. Sie erinnerte mich -schlechterdings an Gorgonzola und ich wäre nicht erstaunt gewesen, grüne -Ritzen darin zu finden. Ich hatte noch nie diese welsche Blässe gesehen und -jetzt, im ungünstigen morgendlichen Atelierlicht, sah sie erschreckend -steinern aus -- nicht wie Marmor, sondern wie ein verwitternder, sehr -gebleichter Stein. Ich war auch nicht gewohnt, ein Frauengesicht auf seine -Formen zu prüfen, sondern pflegte in solchen noch in etwas knabenhafter -Weise mehr nach Schmelz, nach Rosigem, nach Liebreiz zu suchen. - -Auch Richard war vom heutigen Besuch verstimmt. Desto mehr war ich erstaunt -oder eigentlich erschrocken, als er mir nach einiger Zeit mitteilte, die -Aglietti wäre froh mich zeichnen zu dürfen. Es handle sich nur um ein paar -Skizzen, das Gesicht brauche sie nicht, aber meine breite Figur habe etwas -Typisches. - -Ehe weiter hiervon die Rede war, kam ein anderes kleines Ereignis, das mein -ganzes Leben geändert und für Jahre meine Zukunft bestimmt hat. Eines -Morgens, da ich erwachte, war ich Schriftsteller geworden. - -Auf das Drängen Richards hatte ich, rein als Stilübungen, gelegentlich -Typen aus unsrem Kreis, kleine Erlebnisse, Gespräche und anderes -skizzenhaft und möglichst treu dargestellt, auch einige Essays über -Literarisches und Historisches geschrieben. - -Eines Morgens nun, ich lag noch im Bette, trat Richard bei mir ein und -legte fünfunddreißig Franken auf meine Bettdecke. »Das gehört dir,« sagte -er im Geschäftston. Endlich, als ich im Fragen alle Vermutungen erschöpft -hatte, zog er ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte mir darin eine -meiner kleinen Novellen abgedruckt. Er hatte mehrere meiner Manuskripte -abgeschrieben, einem ihm befreundeten Redakteur gebracht und in aller -Stille für mich verkauft. Das erste, was gedruckt war, samt dem Honorar -dafür hielt ich nun in Händen. - -Mir war nie so sonderbar zu mut. Eigentlich ärgerte ich mich über Richards -Vorsehungspielen, aber der süße erste Schreiberstolz und das schöne Geld -und der Gedanke an einen etwaigen kleinen Literatenruhm war doch stärker -und überwog schließlich. - -In einem Café brachte mich mein Freund mit dem Redakteur zusammen. Er bat, -die ihm von Richard gezeigten anderen Arbeiten behalten zu dürfen und lud -mich ein, ihm je und je neue zu schicken. Es sei ein eigener Ton in meinen -Sachen, besonders in den historischen, deren er gerne mehr bekomme und die -er mir ordentlich bezahlen wolle. Nun sah ich erst die Wichtigkeit der -Sache. Ich würde nicht nur täglich ordentlich essen und meine kleinen -Schulden bezahlen, sondern auch das Zwangsstudium wegwerfen und vielleicht -in Bälde, auf meinem Lieblingsfelde arbeitend, ganz vom eigenen Erwerbe -leben können. - -Einstweilen bekam ich von jenem Redakteur einen Stoß neuer Bücher zum -Rezensieren ins Haus geschickt. Ich fraß mich durch und hatte wochenlang -damit zu tun; da aber die Honorare erst zu Ende des Quartals fällig waren -und ich in Aussicht auf dieselben besser als sonst gelebt hatte, sah ich -mich eines Tages der letzten Rappen ledig und konnte wieder einmal eine -Hungerkur antreten. Ein paar Tage hielt ich bei Brot und Kaffee in meiner -Bude aus, dann trieb mich der Hunger in eine Speisehalle. Ich nahm drei von -den Rezensionsbänden mit, um sie als Pfand für die Zeche dortzulassen. Beim -Antiquar hatte ich sie schon vergeblich anzubringen versucht. Das Essen war -vorzüglich, beim schwarzen Kaffee aber ward mir etwas ängstlich ums Herz. -Zaghaft gestand ich der Kellnerin, ich hätte kein Geld, wolle aber die -Bücher als Pfand dalassen. Sie nahm eines davon, einen Band Gedichte, in -die Hand, blätterte neugierig darin herum und fragte, ob sie das lesen -dürfe. Sie lese so gern, könne aber nie zu Büchern kommen. Ich fühlte, daß -ich gerettet sei und schlug ihr vor, die drei Bändchen an Zahlungsstatt für -das Essen zu behalten. Sie ging darauf ein und hat mir nach und nach für -siebzehn Franken Bücher auf diese Weise abgenommen. Für kleinere -Gedichtbände beanspruchte ich etwa einen Käse mit Brot, für Romane dasselbe -mit Wein, einzelne Novellen galten nur eine Tasse Kaffee mit Brot. Soweit -ich mich erinnere, waren es meist geringe Sachen in krampfhaft neumodischem -Stil und das gutmütige Mädchen mag von der modernen deutschen Literatur -einen sonderbaren Eindruck erhalten haben. Ich erinnere mich mit Vergnügen -an jene Vormittage, da ich im Schweiß meines Angesichts schnell noch einen -Band im Galopp zu Ende las und ein paar Zeilen darüber schrieb, um ihn zur -Mittagszeit fertig zu haben und etwas Eßbares dafür erhalten zu können. Vor -Richard suchte ich meine Geldnöte sorgfältig zu verbergen, da ich mich -unnötiger Weise ihrer schämte und seine Hilfe nur ungern und stets nur für -ganz kurze Fristen annehmen mochte. - -Für einen Dichter hielt ich mich nicht. Was ich gelegentlich schrieb, war -Feuilleton, nicht Dichtung. Im stillen trug ich aber die geheimgehaltene -Hoffnung, es werde mir eines Tages gegeben werden eine Dichtung zu -schaffen, ein großes, kühnes Lied der Sehnsucht und des Lebens. - -Der fröhlich klare Spiegel meiner Seele wurde zuweilen von einer Art von -Schwermut verschattet, doch einstweilen nicht ernstlich gestört. Sie kam -zuweilen für einen Tag oder eine Nacht, als eine träumende, einsiedlerische -Trauer, verschwand wieder spurlos und kehrte nach Wochen oder Monaten -zurück. Ich ward an sie allmählich wie an eine vertraute Freundin gewöhnt -und empfand sie nicht quälend, sondern nur als ein unruhiges Müdesein, das -seine eigene Süßigkeit hatte. Wenn sie mich nachts befiel, lag ich statt zu -schlafen stundenlang im Fenster, sah den schwarzen See, die auf den -bleichen Himmel gezeichneten Silhouetten der Berge und darüber die schönen -Sterne. Dann ergriff mich oft ein ängstlich süßes, starkes Gefühl, als sähe -all diese nächtige Schönheit mich mit einem gerechten Vorwurf an. Als -sehnten sich Sterne, Berge und See nach Einem, der ihre Schönheit und das -Leiden ihres stummen Daseins verstünde und ausspräche, und als wäre ich -dieser Eine und als wäre dies mein wahrer Beruf, der stummen Natur in -Dichtungen Ausdruck zu gewähren. Auf welche Weise das möglich wäre darüber -dachte ich niemals nach, sondern fühlte nur die schöne, ernste Nacht -ungeduldig in stummem Verlangen auf mich warten. Auch schrieb ich nie etwas -in solcher Stimmung. Doch spürte ich gegen diese dunkeln Stimmen ein Gefühl -der Verantwortung und trat gewöhnlich nach solchen Nächten mehrtägige -einsame Fußwanderungen an. Es schien mir, ich könnte damit der Erde, die -sich in stummem Flehen mir anbot, ein wenig Liebe erweisen, über welche -Vorstellung ich dann selbst wieder lachte. Diese Wanderungen wurden eine -Grundlage meines späteren Lebens; einen großen Teil der seitherigen Jahre -habe ich als Wanderer verbracht, auf wochen- und monatelangen Touren durch -mehrere Länder. Ich gewöhnte mich daran, mit wenig Geld und einem Stück -Brot in der Tasche weit zu marschieren, tagelang einsam unterwegs zu sein -und häufig im Freien zu nächtigen. - -Die Malerin hatte ich über der Schriftstellerei ganz vergessen. Da kam ein -Zettel von ihr: »Ein paar Freunde und Freundinnen werden am Donnerstag zum -Tee bei mir sein. Bitte kommen Sie auch und bringen Sie Ihren Freund mit.« - -Wir gingen hin und fanden eine kleine Künstlerkolonie beisammen. Es waren -fast lauter Unberühmte, Vergessene, Erfolglose, was für mich etwas -Rührendes hatte, obwohl alle ganz zufrieden und fidel schienen. Man bekam -Tee, Butterbrot, Schinken und Salat. Da ich keine Bekannten dort fand und -ohnehin nicht gesprächig war, gab ich meinem Hunger nach und aß etwa eine -halbe Stunde lang still und ausdauernd, während die andern nur erst Tee -nippten und schwatzten. Als diese nun, einer um den andern, auch ein wenig -zugreifen wollten, zeigte es sich, daß ich fast den ganzen Schinkenvorrat -allein verzehrt hatte. Ich war des trüglichen Glaubens gewesen, es stehe -mindestens noch eine zweite Platte in Reserve. Da man nun leise lachte und -ich einige ironische Blicke einheimste, wurde ich wütend und verwünschte -die Italienerin samt ihrem Schinken. Ich stand auf und entschuldigte mich -kurz bei ihr, erklärte ein andermal mein Abendessen selber mitbringen zu -wollen, und griff nach meinem Hütlein. - -Da nahm die Aglietti mir den Hut aus der Hand, sah mich erstaunt und ruhig -an und bat mich ernstlich, dazubleiben. Auf ihr Gesicht fiel das Licht -einer Stehlampe, durch den Florschirm gemäßigt, und da sah ich mitten in -meinem Ärger mit plötzlich begreifendem Auge die wunderbare, reife -Schönheit dieser Frau. Ich erschien mir auf einmal sehr unartig und dumm -und nahm wie ein gemaßregelter Schuljunge in einer abseitigen Ecke Platz. -Dort blieb ich sitzen und blätterte in einem Album vom Comersee. Die andern -tranken Tee, gingen hin und her, lachten und redeten durcheinander, und -irgendwo im Hintergrund hörte man Geigen und ein Cello stimmen. Ein Vorhang -wurde zurückgeschlagen und man sah vier junge Leute vor improvisierten -Pulten sitzen, bereit ein Streichquartett aufzuführen. In diesem -Augenblicke trat die Malerin zu mir, stellte eine Tasse Tee vor mir aufs -Tischchen, nickte mir gütig zu und nahm neben mir Platz. Das Quartett -begann und dauerte lang, aber ich hörte nichts davon, sondern staunte mit -runden Augen die schlanke, feine, schöngekleidete Dame an, an deren -Schönheit ich gezweifelt und deren Vorräte ich aufgegessen hatte. Mit -Freude und Angst erinnerte ich mich daran, daß sie mich hatte zeichnen -wollen. Dann dachte ich an Rösi Girtanner, an die Besteigung der -Alpenrosenwand, an die Geschichte der Schneekönigin, die mir jetzt alle nur -wie eine Vorbereitung auf diesen heutigen Augenblick erschienen. - -Als die Musik zu Ende war, ging die Malerin nicht, wie ich gefürchtet -hatte, wieder weg, sondern blieb ruhig sitzen und fing mit mir zu plaudern -an. Sie gratulierte mir zu einer Novelle, die sie in der Zeitung gesehen -hatte. Sie scherzte über Richard, um den sich ein paar junge Mädchen -drängten und dessen sorgloses Gelächter zuweilen alle anderen Stimmen -überklang. Dann bat sie wieder, mich zeichnen zu dürfen. Da hatte ich einen -Einfall. Unvermittelt führte ich das Gespräch italienisch fort und erntete -dafür nicht nur einen fröhlich überraschten Blick ihrer lebhaften -Südländeraugen, sondern hatte den köstlichen Genuß sie ihre Sprache reden -zu hören, die Sprache, die ihrem Mund und ihren Augen und ihrer Gestalt -entsprach, die wohllaute, elegante, raschfließende lingua Toscana mit einem -entzückenden leichten Anflug von Tessinerwelsch. Ich selbst sprach weder -schön noch fließend, doch störte es mich nicht. Andern Tags sollte ich -kommen, um von ihr gezeichnet zu werden. - -»A rivederla,« sagte ich beim Abschied und verbeugte mich so tief ich -konnte. - -»A rivederci domani,« lächelte sie und nickte. - -Von ihrem Hause weg schritt ich immerzu weiter, bis die Straße einen -Hügelkamm erreichte und plötzlich das dunkle Land schön und nächtig vor mit -ruhte. Ein einzelnes Boot mit roter Laterne strich über den See und warf -ein paar flackernde Scharlachstreifen auf das schwarze Wasser, aus welchem -sonst nur da und dort ein vereinzelter schmaler Wellenkamm mit dünnem, -silberfahlem Umriß hervortrat. In einem nahen Garten war Mandolinenspiel -und Gelächter. Der Himmel war fast zur Hälfte verhangen und über die Hügel -lief ein starker, warmer Wind. - -Und wie der Wind die Äste der Obstbäume und die schwarzen Kronen der -Kastanien liebkoste, bestürmte und beugte, daß sie stöhnten und lachten und -zitterten, so spielte mit mir die Leidenschaft. Auf dem Kamm des Hügels -kniete ich, legte mich auf die Erde, sprang auf und stöhnte, stampfte den -Boden, warf den Hut von mir, wühlte mit dem Gesicht im Gras, rüttelte an -den Baumstämmen, weinte, lachte, schluchzte, tobte, schämte mich, war selig -und todbeklommen. Nach einer Stunde war alles in mir abgespannt und in -einer trüben Schwüle erstickt. Ich dachte nichts, beschloß nichts, fühlte -nichts; traumwandelnd stieg ich den Hügel hinab, schweifte durch die halbe -Stadt, sah in einer abgelegenen Straße noch eine späte kleine Schenke -offen, trat willenlos ein, trank zwei Liter Waadtländer und kam gegen -Morgen schauderhaft betrunken nach Hause. - -Am folgenden Nachmittag war Fräulein Aglietti ganz erschrocken, als ich zu -ihr kam. - -»Was ist mit Ihnen? Sind Sie krank? Sie sehen ja ganz zerstört aus.« - -»Nichts von Belang,« sagte ich. »Mir scheint, ich war heute Nacht sehr -betrunken, das ist alles. Bitte beginnen Sie nur!« - -Ich ward auf einen Stuhl gesetzt und gebeten, mich ruhig zu halten. Das tat -ich auch, denn ich schlummerte in Bälde ein und habe jenen ganzen -Nachmittag im Atelier verschlafen. Es kam vermutlich vom Terpentingeruch -der Malerwerkstätte, daß ich träumte, unser Nachen zuhaus werde -frischgestrichen. Ich lag im Kies daneben und sah meinen Vater mit Topf und -Pinsel hantieren; auch die Mutter war da und als ich sie fragte, ob sie -denn nicht gestorben sei, sagte sie leise: »Nein, denn wenn ich nicht -dawäre, würdest du am Ende der gleiche Lump werden wie dein Papa.« - -Als ich erwachte, fiel ich vom Stuhl und fand mich mit Erstaunen in die -Werkstatt der Erminia Aglietti versetzt. Sie selbst sah ich nicht, hörte -sie aber im Nebenstüblein mit Tassen und Besteck klappern und schloß -daraus, daß es Abendessenszeit sein müsse. - -»Sind Sie wach?« rief sie herüber. - -»Jawohl. Hab' ich lang geschlafen?« - -»Vier Stunden. Schämen Sie sich nicht?« - -»O doch. Aber ich hatte einen so schönen Traum.« - -»Erzählen Sie!« - -»Ja, wenn Sie herauskommen und mir verzeihen.« - -Sie kam heraus, doch wollte sie mit der Verzeihung noch warten, bis ich -meinen Traum erzählt hätte. Also erzählte ich, und über dem Traumerzählen -geriet ich tief in die vergessene Kinderzeit hinein, und als ich schwieg -und es schon völlig dunkel geworden war, hatte ich ihr und mir selber meine -ganze Kindheitsgeschichte erzählt. Sie gab mir die Hand, strich mir den -zerknitterten Rock zurecht, lud mich ein morgen wieder zum Zeichnen zu -kommen und ich fühlte, daß sie auch meine heutige Unart begriffen und -verziehen habe. - -In den nächsten Tagen saß ich ihr Stunde um Stunde. Es wurde dabei fast gar -nichts gesprochen, ich saß oder stand ruhig und wie verzaubert da, hörte -den weichen Strich der Zeichenkohle, sog den leichten Ölfarbegeruch ein und -hatte keine andere Empfindung als daß ich in der Nähe der von mir geliebten -Frau war und ihren Blick beständig auf mir ruhen wußte. Das weiße -Atelierlicht floß an den Wänden hin, ein paar schläfrige Fliegen sumsten an -den Scheiben und nebenan im Stübchen sang die Spiritusflamme, denn ich -bekam nach jeder Sitzung eine Tasse Kaffee serviert. - -Zuhause dachte ich oft über Erminia nach. Es berührte oder verminderte -meine Leidenschaft gar nicht, daß ich ihre Kunst nicht verehren konnte. Sie -selbst war so schön, gütig, klar und sicher; was gingen mich ihre Bilder -an? Ich fand vielmehr in ihrer fleißigen Arbeit etwas Heroisches. Die Frau -im Kampf ums Leben, eine stille, duldende und tapfere Heldin. Übrigens gibt -es nichts Erfolgloseres als das Nachdenken über jemand, den man liebt. -Solche Gedankengänge sind wie gewisse Volks- und Soldatenlieder, worin -tausenderlei Dinge vorkommen, der Refrain aber hartnäckig wiederkehrt, auch -wo er durchaus nicht paßt. - -So ist denn auch das Bild der schönen Italienerin, das ich im Gedächtnis -trage, zwar nicht unklar, aber doch ohne die vielen kleinen Linien und -Züge, die man an Fremden oft viel besser sieht als an Nahestehenden. Ich -weiß nicht mehr, welche Frisur sie trug, wie sie sich kleidete u. s. w., -nicht einmal ob sie eigentlich groß oder klein von Gestalt war. Wenn ich an -sie denke, sehe ich einen dunkelhaarigen, edel geformten Frauenkopf, ein -paar scharfblickende, nicht sehr große Augen in einem bleichen, lebendigen -Gesicht und einen vollendet schön geschwungenen, schmalen Mund von herber -Reife. Wenn ich an sie denke und an jene ganze verliebte Zeit, dann -erinnere ich mich stets nur jenes Abends auf dem Hügel, wo der warme Wind -seeüber wogte und wo ich weinte, jubelte und berserkerte. Und eines anderen -Abends, von dem ich nun erzählen will. - -Mir war klar geworden, daß ich der Malerin irgendwie Geständnisse machen -und um sie werben müsse. Wäre sie mir fern gestanden, so hätte ich sie -ruhig weiterhin verehrt und verschwiegene Schmerzen um sie gelitten. Aber -sie fast täglich zu sehen, mit ihr zu reden, ihr die Hand zu geben und ihr -Haus zu betreten, stets mit dem Stachel im Herzen, hielt ich nicht lange -aus. - -Es ward ein kleines Sommerfest von Künstlern und ihren Freunden -veranstaltet. Es war am See, in einem hübschen Garten, ein reifer, -weichlich lauer Hochsommerabend. Wir tranken Wein und Eiswasser, hörten der -Musik zu und betrachteten die roten Papierlampen, die in langen Guirlanden -zwischen den Bäumen hingen. Es wurde geplaudert, gespottet, gelacht und -schließlich gesungen. Irgend ein lausiger Malerjüngling spielte den -Romantischen, trug ein kühnes Barett, lag rücklings am Geländer -hingestreckt und tändelte mit einer langhalsigen Guitarre. Die paar -bedeutenderen Künstler fehlten entweder oder saßen ungesehen im Kreis der -Älteren beiseite. Von den Frauenzimmern waren ein paar jüngere in lichten -Sommerkleidern erschienen, die andern trieben sich in den gewohnten -saloppen Kostümen herum. Namentlich fiel mir eine ältere, häßliche -Studentin widerlich auf, sie trug einen Männerstrohhut auf den -verschnittenen Haaren, rauchte Cigarren, trank tüchtig Wein und sprach laut -und viel. Richard war wie gewöhnlich bei den jungen Mädchen. Ich war trotz -aller Erregung kühl, trank wenig und wartete auf die Aglietti, die mir -versprochen hatte sich heute von mir rudern zu lassen. Sie kam denn auch, -schenkte mir ein paar Blumen und stieg mit mir in den kleinen Nachen. - -Der See war glatt wie Öl und nächtig farblos. Ich trieb den leichten Nachen -rasch in die stille Seebreite weit hinaus, und sah immerfort mir gegenüber -die schlanke Frau bequem und zufrieden im Steuersitz lehnen. Der hohe -Himmel war noch blau und trieb langsam einen matten Stern um den andern -hervor, am Ufer war da und dort Musik und Gartenlustbarkeit. Mit leisem -Gurgeln nahm das träge Wasser die Ruder auf, andere Boote schwammen da und -dort dunkel und kaum mehr sichtbar auf der stillen Fläche, ich achtete aber -wenig darauf, sondern hing mit unverwandten Blicken an der Steurerin und -trug meine geplante Liebeserklärung wie einen schweren Eisenring um's bange -Herz. Das Schöne und Poetische der ganzen abendlichen Szenerie, das Sitzen -im Kahn, die Sterne, der laue ruhige See und alles das beängstigte mich, -denn es kam mir vor wie eine schöne Theaterdekoration, in deren Mitte ich -eine sentimentale Szene agieren müsse. In meiner Angst und beklemmt durch -die tiefe Stille, denn wir schwiegen beide, ruderte ich mit Macht drauf -los. - -»Wie stark Sie sind!« sagte die Malerin nachdenklich. - -»Meinen Sie dick?« fragte ich. - -»Nein, ich meine die Muskeln,« lachte sie. - -»Ja, stark bin ich schon.« - -Dies war kein geeigneter Anfang. Traurig und ärgerlich ruderte ich weiter. -Nach einer Weile bat ich sie, mir etwas aus ihrem Leben zu erzählen. - -»Was möchten Sie denn hören?« - -»Alles,« sagte ich. »Am liebsten eine Liebesgeschichte. Dann erzähle ich -Ihnen nachher auch eine von mir, meine einzige. Sie ist sehr kurz und schön -und wird Sie amüsieren.« - -»Was Sie sagen! Erzählen Sie doch!« - -»Nein, erst Sie! Sie wissen ohnehin schon viel mehr von mir als ich von -Ihnen. Ich möchte wissen, ob Sie jemals richtig verliebt waren oder ob Sie, -wie ich fürchte, dafür viel zu klug und hochmütig sind.« - -Erminia besann sich eine Weile. - -»Das ist wieder eine von Ihren romantischen Ideen,« sagte sie, »sich hier -in der Nacht auf dem schwarzen Wasser von einer Frau Geschichten erzählen -zu lassen. Ich kann das aber leider nicht. Ihr Dichter seid gewöhnt, für -alles hübsche Worte zu haben und denen, die weniger von ihren Empfindungen -reden, gleich gar kein Herz zuzutrauen. In mir haben Sie sich getäuscht, -denn ich glaube nicht, daß man heftiger und stärker lieben kann als ich es -tue. Ich liebe einen Mann, der an eine andere Frau gebunden ist, und er -liebt mich nicht weniger; doch wissen wir beide nicht, ob es je möglich -sein wird, daß wir zusammenkommen. Wir schreiben uns und wir treffen uns -auch zuweilen . . . .« - -»Darf ich Sie fragen, ob diese Liebe Sie glücklich macht, oder elend, oder -beides?« - -»Ach, die Liebe ist nicht da um uns glücklich zu machen. Ich glaube sie ist -da, um uns zu zeigen, wie stark wir im Leiden und Tragen sein können.« - -Das verstand ich und konnte nicht hindern, daß mir etwas wie ein leises -Stöhnen statt der Antwort vom Munde kam. - -Sie hörte es. - -»Ah,« sagte sie, »kennen Sie das auch schon? Sie sind noch so jung! Wollen -Sie mir nun auch beichten? Aber nur wenn Sie wirklich wollen --.« - -»Ein andermal vielleicht, Fräulein Aglietti. Mir ist heute ohnehin windig -zu mut, und es tut mir leid, daß ich vielleicht auch Ihnen die Stimmung -getrübt habe. Wollen wir umkehren?« - -»Wie Sie wollen. Wie weit sind wir eigentlich?« - -Ich gab keine Antwort mehr, sondern stemmte die Ruder rauschend gegen das -Wasser, wendete und zog an, als wäre die Bise im Anzug. Das Boot strich -eilig über die Fläche und mitten in dem Wirbel von Jammer und Scham, der in -mir kochte, fühlte ich wie mir der Schweiß in großen Tropfen übers Gesicht -lief, und fror zugleich. Wenn ich vollends daran dachte, wie nahe ich daran -gewesen war den knieenden Bittsteller und mütterlich-freundlich -abgewiesenen Liebhaber zu spielen, lief mir ein Schaudern durchs Mark. Das -wenigstens war mir erspart geblieben, mit dem übrigen Jammer galt es nun -sich abzufinden. Ich ruderte wie besessen heimwärts. - -Das schöne Fräulein war einigermaßen befremdet, als ich am Ufer kurzen -Abschied nahm und sie allein ließ. - -Der See war so glatt, die Musik so fröhlich und die Papierlaternen so -festlich rot wie zuvor, mir aber schien das alles jetzt dumm und -lächerlich. Namentlich die Musik. Den Sammetrock, der noch immer seine -Guitarre prahlerisch am breiten Seidenbande trug, hätte ich am liebsten zu -Brei geschlagen. Und Feuerwerk stand auch noch bevor. Es war so kindisch! - -Ich entlehnte von Richard ein paar Franken, setzte den Hut ins Genick und -begann zu marschieren, vor die Stadt hinaus und weiter, eine Stunde um die -andere, bis mich schläferte. Ich legte mich in eine Wiese, wachte aber nach -einer Stunde taunaß, steif und fröstelnd wieder auf und ging ins nächste -Dorf. Es war früh am Morgen. Kleeschnitter zogen durch die staubige Gasse, -verschlafene Knechte glotzten aus den Stalltüren, bäuerliche -Sommerarbeitsamkeit gab sich allerorten kund. Du hättest Bauer bleiben -sollen, sagte ich mir, strich beschämt durchs Dorf und lief ermüdet weiter, -bis die erste Sonnenwärme mir eine Rast erlaubte. Am Rand eines jungen -Buchenstandes warf ich mich ins dürre Raingras und schlief in der warmen -Sonne bis tief in den Spätnachmittag hinein. Als ich erwachte, den Kopf -voll Wiesenduft und die Glieder so wohlig schwer wie sie nur nach langem -Liegen auf Gottes lieber Erde sind, da kam mir das Fest und die Bootfahrt -und alles das fern, traurig und halbverklungen vor wie ein vor Monaten -gelesener Roman. - -Ich blieb drei Tage fort, ließ mir die Sonne auf den Pelz brennen und -überlegte mir, ob ich nicht in einem Strich heimwärts wandern und meinem -Vater beim Öhmden helfen sollte. - -Freilich war damit der Schmerz noch lange nicht abgetan. Nach meiner -Rückkehr in die Stadt floh ich anfangs den Anblick der Malerin wie die -Pest, doch ging das nicht lange an, und so oft sie mich später ansah und -anredete, stieg mir das Elend in die Kehle. - - - - -IV. - - -Was meinem Vater seinerzeit nicht gelungen war, das gelang nun diesem -Liebeselend. Es erzog mich zum Zecher. - -Für mein Leben und Wesen war das wichtiger als irgend etwas von dem, was -ich bisher erzählte. Der starke, süße Gott ward mir ein treuer Freund und -ist es heute noch. Wer ist so mächtig wie er? Wer ist so schön, so -phantastisch, schwärmerisch, fröhlich und schwermütig? Er ist ein Held und -Zauberer. Er ist ein Verführer und Bruder des Eros. Er vermag Unmögliches; -arme Menschenherzen füllt er mit schönen und wunderlichen Dichtungen. Er -hat mich Einsiedler und Bauern zum König, Dichter und Weisen gemacht. Leer -gewordene Lebenskähne belastet er mit neuen Schicksalen und treibt -Gestrandete in die eilige Strömung des großen Lebens zurück. - -So ist der Wein. Doch ist es mit ihm wie mit allen köstlichen Gaben und -Künsten. Er will geliebt, gesucht, verstanden und mit Mühen gewonnen sein. -Das können nicht Viele, und er bringt tausend und tausend um. Er macht sie -alt, er tötet sie oder löscht die Flamme des Geistes in ihnen aus. Seine -Lieblinge aber lädt er zu Festen ein und baut ihnen Regenbogenbrücken zu -seligen Inseln. Er legt, wenn sie müde sind, Kissen unter ihr Haupt und -umfaßt sie, wenn sie der Traurigkeit zur Beute fallen, mit leiser und -gütiger Umarmung wie ein Freund und wie eine tröstende Mutter. Er -verwandelt die Wirrnis des Lebens in große Mythen und spielt auf mächtiger -Harfe das Lied der Schöpfung. - -Und wieder ist er ein Kind, hat lange seidige Locken und schmale Schultern -und feine Glieder. Er lehnt sich dir ans Herz und reckt das schmale Gesicht -zu deinem empor und sieht dich erstaunt und traumhaft aus lieben großen -Augen an, in deren Tiefe Paradieserinnerung und unverlorene -Gotteskindschaft feucht und glänzend wogt wie eine neugeborene Quelle im -Wald. - -Und der süße Gott gleicht auch einem Strom, der tief und rauschend eine -Frühlingsnacht durchwandert. Und gleicht einem Meere, welches Sonne und -Sturm auf kühler Woge wiegt. - -Wenn er mit seinen Lieblingen redet, dann überrauscht sie schauernd und -flutend die stürmende See der Geheimnisse, der Erinnerung, der Dichtung, -der Ahnungen. Die bekannte Welt wird klein und geht verloren und in banger -Freude wirft sich die Seele in die straßenlose Weite des Unbekannten, wo -alles fremd und alles vertraut ist und wo die Sprache der Musik, der -Dichter und des Traumes gesprochen wird. - -Nun, ich muß erst erzählen. - -Es geschah, daß ich stundenlang selbstvergessen heiter sein konnte, -studierte, schrieb und Richards Musik anhörte. Aber kein Tag ging ganz ohne -Leid vorbei. Manchmal überfiel es mich erst nachts im Bette, daß ich -stöhnte und mich bäumte und spät in Tränen entschlief. Oder erwachte es, -wenn ich der Aglietti begegnet war. Meistens aber kam es am Spätnachmittag, -wenn die schönen, lauen, müdemachenden Sommerabende begannen. Dann ging ich -an den See, nahm ein Boot, ruderte mich heiß und müde und fand es dann -unmöglich, nach hause zu gehen. Also in eine Kneipe oder in einen -Wirtsgarten. Da probierte ich verschiedene Weine, trank und brütete und war -manchmal am andern Tage halbkrank Dutzendemal überfiel mich dabei ein so -schauderhaftes Elend und Ekelgefühl, daß ich beschloß nie mehr zu trinken. -Und dann ging ich wieder und trank. Allmählich unterschied ich die Weine -und ihre Wirkung und genoß sie mit einer Art von Bewußtsein, im ganzen -freilich noch naiv und roh genug. Schließlich fand ich am dunkelroten -Veltliner einen Halt. Er schmeckte mir beim ersten Glas herb und erregend, -dann verschleierte er mir die Gedanken bis zu einer stillen, stetigen -Träumerei, und dann begann er zu zaubern, zu schaffen, selber zu dichten. -Dann sah ich alle Landschaften, die mir je gefallen hatten, in köstlichen -Beleuchtungen mich umgeben und ich selbst wanderte darin, sang, träumte und -fühlte ein erhöhtes, warmes Leben in mir kreisen. Und es endete mit einer -überaus angenehmen Traurigkeit, als hörte ich Volkslieder geigen und als -wüßte ich irgendwo ein großes Glück, dem ich vorbeigewandert wäre und das -ich versäumt hätte. - -Es kam von selbst so, daß ich allmählich selten mehr allein kneipte, -sondern allerlei Gesellschaft fand. Sobald ich von Menschen umgeben war, -wirkte der Wein anders auf mich. Dann wurde ich gesprächig, aber nicht -erregt, sondern fühlte ein kühles sonderbares Fieber. Eine mir selbst -bisher kaum bekannte Seite meines Wesens blühte über Nacht empor, doch -gehörte sie weniger zu den Garten- und Zierblumen, als in die Gattung der -Disteln und Nesseln. Zugleich nämlich mit der Beredtsamkeit kam ein -scharfer, kühler Geist über mich, machte mich sicher, überlegen, kritisch -und witzig. Waren Leute da, deren Gegenwart mich störte, so wurden sie bald -fein und listig, bald grob und hartnäckig so lange aufgezogen und geärgert, -bis sie gingen. Die Menschen überhaupt waren mir ja von Kind auf weder -sonderlich lieb noch notwendig gewesen, nun begann ich sie kritisch und -ironisch zu betrachten. Mit Vorliebe erfand und erzählte ich kleine -Geschichten, in welchen die Verhältnisse der Menschen untereinander lieblos -und mit scheinbarer Sachlichkeit satirisch dargestellt und bitter verhöhnt -wurden. Woher dieser verächtliche Ton mir kam, wußte ich selber nicht, er -brach wie eine reifende Schwäre aus meinem Wesen hervor, die ich lange -Jahre nicht wieder los ward. - -Saß ich dazwischen einmal einen Abend allein, dann träumte ich wieder von -Bergen, Sternen und trauriger Musik. - -In diesen Wochen schrieb ich eine Folge von Betrachtungen über -Gesellschaft, Kultur und Kunst unserer Zeit, ein kleines giftiges Büchlein, -dessen Wiege meine Wirtshausgespräche waren. Aus meinen ziemlich fleißig -weiterbetriebenen historischen Studien kam mancherlei geschichtliches -Material hinzu, welches meinen Satiren eine Art von solidem Hintergrunde -gab. - -Auf Grund dieser Arbeit erhielt ich bei einer größeren Zeitung den Rang -eines ständigen Mitarbeiters, wovon ich nahezu leben konnte. Gleich darauf -erschienen jene Skizzen auch als selbständiges Büchlein und hatten einigen -Erfolg. Nun warf ich die Philologie vollends über Bord. Ich war nun schon -in höheren Semestern, Beziehungen zu deutschen Zeitschriften knüpften sich -an und hoben mich aus der bisherigen Verborgenheit und Armseligkeit in den -Kreis der Anerkannten empor. Ich verdiente mein Brot, verzichtete auf das -lästige Stipendium und trieb mit vollen Segeln dem verächtlichen Leben -eines kleinen Berufsliteraten entgegen. - -Und trotz des Erfolgs und meiner Eitelkeit, und trotz der Satiren und trotz -meiner Liebesleiden lag über mir in Fröhlichkeit und Schwermut der warme -Glanz der Jugend. Trotz aller Ironie und einer kleinen, harmlosen -Blasiertheit sah ich in Träumen doch stets ein Ziel, ein Glück, eine -Vollendung vor mir. Was es sein sollte, wußte ich nicht. Ich fühlte nur, -das Leben müsse mir irgend einmal ein besonders lachendes Glück vor die -Füße spülen, einen Ruhm, eine Liebe vielleicht, eine Befriedigung meiner -Sehnsucht und eine Erhöhung meines Wesens. Ich war noch der Page, der von -Edeldamen und Ritterschlag und großen Ehren träumt. - -Ich glaubte im Beginn einer emporstrebenden Bahn zu stehen. Ich wußte -nicht, daß alles bis jetzt Erlebte nur Zufälle waren und daß meinem Wesen -und Leben noch der tiefe, eigene Grundton fehle. Ich wußte noch nicht, daß -ich an einer Sehnsucht litt, welcher nicht Liebe noch Ruhm Grenze und -Erfüllung sind. - -Und so genoß ich meinen kleinen, etwas herben Ruhm mit aller Jugendlust. Es -tat mir wohl, bei gutem Wein unter klugen und geistigen Menschen zu sitzen -und, wenn ich zu reden begann, ihre Gesichter begierig und aufmerksam mir -zugewendet zu sehen. - -Zuweilen fiel mir auf, eine wie große Sehnsucht in allen diesen Seelen von -heute nach Erlösung schrie und was für wunderliche Wege sie sie führte. An -Gott zu glauben, galt für dumm und fast für unanständig, sonst aber wurde -an vielerlei Lehren und Namen geglaubt, an Schopenhauer, an Buddha, an -Zarathustra und viele andere. Es gab junge, namenlose Dichter, welche in -stilvollen Wohnungen feierliche Andachten vor Statuen und Gemälden -begingen. Sie hätten sich geschämt sich vor Gott zu beugen, aber sie lagen -auf Knieen vor dem Zeus von Otrikoli. Es gab Asketen, die sich mit -Enthaltsamkeit quälten und deren Toilette zum Himmel schrie. Ihr Gott hieß -Tolstoi oder Buddha. Es gab Künstler, die sich durch wohlerwogene und -abgestimmte Tapeten, Musik, Speisen, Weine, Parfüme oder Cigarren zu -aparten Stimmungen anregten. Sie sprachen geläufig und mit erkünstelter -Selbstverständlichkeit von musikalischen Linien, Farbenakkorden und -ähnlichem und waren überall auf der Lauer nach der »persönlichen Note,« -welche meist in irgend einer kleinen, harmlosen Selbsttäuschung oder -Verrücktheit bestand. Im Grunde war mir die ganze krampfhafte Komödie -amüsant und lächerlich, doch fühlte ich oft mit sonderbarem Schauder, wie -viel ernste Sehnsucht und echte Seelenkraft darin flammte und verloderte. - -Von all den phantastisch einherschreitenden neumodischen Dichtern, -Künstlern und Philosophen, die ich damals mit Erstaunen und Ergötzen kennen -lernte, weiß ich keinen, aus dem etwas Notables geworden wäre. Es war unter -ihnen ein mir gleichaltriger Norddeutscher, ein gefälliges Figürchen und -ein zarter, lieber Mensch, delikat und sensibel in allem, was irgend -künstlerische Dinge betraf. Er galt für einen der zukünftigen großen -Dichter und ich hörte ein paar mal Gedichte von ihm vorlesen, die meiner -Erinnerung noch immer als etwas ungemein Duftiges, seelenvoll Schönes -vorschweben. Vielleicht war er der einzige von uns allen, aus dem ein -wirklicher Dichter hätte werden können. Zufällig erfuhr ich später einmal -seine kurze Geschichte. Durch einen literarischen Mißerfolg scheu geworden, -entzog sich der Überempfindliche aller Öffentlichkeit und fiel einem Lumpen -von Mäcen in die Hände, der ihn, statt ihn anzuspornen und zur Vernunft zu -bringen, schnell vollends zu Grunde richtete. Auf den Villen des reichen -Herrn trieb er mit dessen nervösen Damen ein fades Aesthetengeflunker, -stieg in seiner Einbildung zum verkannten Heros und brachte sich, -jämmerlich mißleitet, durch lauter Chopinmusik und präraphaelitische -Ekstasen systematisch um den Verstand. - -An dies halbflügge Volk seltsam gekleideter und frisierter Dichter und -schöner Seelen kann ich mich nur mit Grauen und Mitleid erinnern, da ich -erst nachträglich das Gefährliche dieses Umganges einsah. Nun, mich -bewahrte mein Oberländer Bauerntum davor, an dem Tummel teilzunehmen. - -Edler und beglückender aber als der Ruhm und der Wein und die Liebe und die -Weisheit war meine Freundschaft. Sie war's schließlich allein, die meiner -angebotenen Schwerlebigkeit aufhalf und meine Jugendjahre unverdorben -frisch und morgenrot erhielt. Ich weiß auch heute in der Welt nichts -Köstlicheres als eine ehrliche und tüchtige Freundschaft zwischen Männern -und wenn mich einmal an nachdenklichen Tagen etwas wie ein Jugendheimweh -befällt, so ist es allein um meine Studentenfreundschaft. - -Seit meiner Verliebtheit in Erminia hatte ich Richard ein wenig -vernachlässigt. Es geschah im Anfang unbewußt, nach einigen Wochen aber -schlug mir das Gewissen. Ich beichtete ihm, er entdeckte mir daß er das -ganze Unglück mit Bedauern habe kommen und wachsen sehen, und ich schloß -mich ihm aufs neue herzlich und eifersüchtig an. Was ich damals etwa an -heiteren und freien kleinen Lebenskünsten mir erwarb, kam alles von ihm. Er -war schön und heiter an Leib und Seele und das Leben schien für ihn keine -Schatten zu haben. Die Leidenschaften und Irrungen der Zeit kannte er als -kluger und beweglicher Mensch wohl, aber sie glitten ohne Schaden an ihm -ab. Sein Gang und seine Sprache und sein ganzes Wesen war geschmeidig, -wohllaut und liebenswert. O wie er lachen konnte! - -Für meine Weinstudien hatte er wenig Verständnis. Er ging gelegentlich mit, -hatte jedoch nach zwei Gläsern genug und betrachtete meinen wesentlich -größeren Konsum mit naivem Erstaunen. Aber wenn er sah, daß ich litt und -hilflos meiner Schwermut unterlag, musizierte er mir, las mir vor oder -führte mich spazieren. Auf unsern kleinen Ausflügen waren wir oft -ausgelassen wie zwei kleine Knaben. Einmal lagen wir auf warmer Mittagsrast -in einem waldigen Tal, warfen uns mit Tannenzapfen und sangen Verse aus der -frommen Helene auf gefühlvolle Melodieen. Der rasche klare Bach plätscherte -uns so lange kühl verlockend ins Ohr, bis wir uns entkleideten und uns ins -kalte Wasser legten. Da kam er auf die Idee Komödie zu spielen. Er setzte -sich auf einen moosigen Felsen und war die Lorelei, und ich segelte unten -als Schiffer im kleinen Schiffe vorüber. Dabei sah er so jungferlich -schamhaft aus und schnitt solche Grimassen, daß ich, der ich das wilde Weh -hätte markieren sollen, mich vor Lachen kaum halten konnte. Plötzlich -wurden Stimmen laut, eine Touristengesellschaft erschien auf dem Fußweg und -wir mußten uns in unsrer Blöße eiligst unter dem ausgewaschenen, -überhängenden Ufer verbergen. Als die ahnungslose Gesellschaft an uns -vorüberschritt, stieß Richard allerlei seltsame Töne aus, grunzte, -quietschte und fauchte. Die Leute stutzten, schauten um sich, stierten ins -Wasser und waren nahe daran uns zu entdecken. Da tauchte mein Freund mit -halbem Leibe aus seinem Schlupfwinkel auf, blickte die indignierte -Gesellschaft an und sprach mit tiefer Stimme und priesterlicher Geberde: -»Ziehet hin in Frieden!« Sogleich verschwand er wieder, zwickte mich in den -Arm und sagte: »Auch das war eine Charade.« - -»Was für eine?« fragte ich. - -»Pan erschreckt einige Hirten,« lachte er. »Es waren aber leider auch -Frauenzimmer dabei.« - -Von meinen geschichtlichen Studien nahm er wenig Notiz. Meine fast -verliebte Vorliebe für den heiligen Franz von Assisi aber teilte er bald, -obschon er gelegentlich auch über ihn Witze machen konnte, die mich -entrüsteten. Wir sahen den seligen Dulder freundlich begeistert und heiter -wie ein liebes großes Kind durch die umbrische Landschaft wandern, seines -Gottes froh und voll demütiger Liebe zu allen Menschen. Wir lasen zusammen -seinen Unsterblichen Sonnengesang und kannten ihn fast auswendig. Einst, da -wir im Dampfboot über den See von einer Spazierfahrt zurückkehrten und der -abendliche Wind das goldige Wasser bewegte, fragte er leise: »Du, wie sagt -hier der Heilige?« Und ich zitierte: - -Laudato si, mi Signore, per frate vento e per aere e nubilo et sereno et -onne tempo! - -Wenn wir Streit bekamen und uns Schnödigkeiten sagten, warf er mir, immer -halb im Scherz, nach Art der Schuljungen eine solche Menge von drolligen -Übernamen an den Kopf, daß ich bald lachen mußte und dem Ärgernis der -Stachel genommen war. Verhältnismäßig ernst war mein lieber Freund nur, -wenn er seine Lieblingsmusiker hörte oder spielte. Auch dann konnte er sich -unterbrechen, um irgend einen Spaß zu machen. Dennoch war seine Liebe zur -Kunst voll reiner, herzlicher Hingabe und sein Gefühl für das Echte und -Bedeutende schien mir untrüglich. - -Wunderbar verstand er die feine, zarte Kunst des Tröstens, des -teilnehmenden Dabeiseins oder des Erheiterns, wenn einer seiner Freunde in -Nöten war. Er konnte mir, wenn er mich übellaunig fand, ganze Mengen -kleiner anekdotischer Geschichten von grotesker Nettigkeit erzählen und -hatte dann etwas Beruhigendes und Erheiterndes im Ton, dem ich selten -widerstand. - -Vor mir hatte er ein wenig Respekt, weil ich ernster war als er; noch mehr -imponierte ihm meine Körperkraft. Vor andern renommierte er damit und war -stolz einen Freund zu haben, der ihn einhändig hätte erdrücken können. Er -gab viel auf körperliche Fähigkeiten und Gewandtheit, er lehrte mich -Tennis, ruderte und schwamm mit mir, nahm mich zum Reiten mit und ruhte -nicht, bis ich fast eben so gut Billard spielte wie er selbst. Es war sein -Lieblingsspiel und er betrieb es nicht nur künstlerisch und meisterhaft, -sondern pflegte am Billard auch immer besonders lebhaft, witzig und -fröhlich zu sein. Häufig gab er den drei Bällen die Namen von Leuten unsrer -Bekanntschaft und konstruierte bei jedem Stoß aus Stellung, Annäherung und -Entfernung der Bälle ganze Romane voll von Witzen, Anzüglichkeiten und -karikierenden Vergleichen. Dabei spielte er ruhig, leicht und überaus -elegant und es war eine Lust ihn dabei zu betrachten. - -Meine Schriftstellerei schätzte er nicht höher als ich selbst. Einmal sagte -er mir: »Sieh, ich hielt dich immer für einen Dichter und halte dich noch -dafür, aber nicht deiner Feuilletons wegen, sondern weil ich fühle daß du -etwas Schönes und Tiefes in dir leben hast, das früher oder später einmal -hervorbrechen wird. Und das wird dann eine wirkliche Dichtung sein.« - -Indessen glitten uns die Semester wie kleine Münze durch die Finger und die -Zeit kam unverhofft, da Richard an die Rückkehr nach seiner Heimat denken -mußte. Mit einer etwas künstlichen Ausgelassenheit genossen wir die -schwindenden Wochen und kamen am Ende überein, daß vor dem bitteren -Abschied noch irgend eine glänzende und festliche Unternehmung diese -schönen Jahre heiter und verheißungsvoll beschließen sollte. Ich schlug -eine Ferientour in die Berner Alpen vor, doch war es freilich noch -Vorfrühling und für die Berge eigentlich viel zu früh. Während ich mir den -Kopf nach anderen Vorschlägen zerbrach, schrieb Richard seinem Vater und -bereitete mir in der Stille eine große und freudige Überraschung vor. Eines -Tages kam er mit einem stattlichen Wechsel angerückt und lud mich ein, ihn -als Führer nach Oberitalien zu begleiten. - -Mir schlug bang und frohlockend das Herz. Ein seit Knabenzeiten gehegter, -tausendmal durchgeträumter, sehnlicher Lieblingswunsch sollte sich mir -erfüllen. Wie im Fieber besorgte ich meine kleinen Vorbereitungen, brachte -meinem Freund noch ein paar Worte Italienisch bei und fürchtete bis zum -letzten Tag, es möchte doch nichts daraus werden. - -Unser Gepäck war vorausgeschickt, wir saßen im Wagen, die grünen Felder und -Hügel flirrten vorüber, der Urnersee und der Gotthard kam, dann die -Bergnester und Bäche und Geröllhalden und Schneegipfel des Tessin, und dann -die ersten schwärzlichen Steinhäuser in ebenen Weinbergen und die -erwartungsvolle Fahrt an den Seen hin und durch die fruchtbare Lombardei -dem lärmend lebhaften, sonderbar anziehenden und abstoßenden Mailand -entgegen. - -Richard hatte sich vom Milaneser Dom nie eine Vorstellung gemacht, sondern -von ihm nur als von einem berühmten großen Bauwerk gewußt. Es war -ergötzlich, seine entrüstete Enttäuschung zu sehen. Als er den ersten -Schreck überwunden und seinen Humor wiedergefunden hatte, schlug er selber -vor, das Dach zu besteigen und sich in dem tollen Wirrsal von Steinfiguren -dort oben umherzutreiben. Wir stellten mit einiger Befriedigung fest, daß -es um die Hunderte von unseligen Heiligenstatuen auf den Fialen nicht so -sehr schade sei, denn sie erwiesen sich zumeist, wenigstens sämtliche -neuern, als Fabrikarbeit gewöhnlicher Art. Wir lagen fast zwei Stunden auf -den breiten, schrägen Marmorplatten, die ein sonniger Apriltag leise -durchglüht hatte. Behaglich gestand mir Richard: »Weißt du, im Grunde hab' -ich nichts dagegen, noch mehr solche Enttäuschungen zu erleben wie mit dem -verrückten Dom da. Auf der ganzen Reise hatte ich eine kleine Angst vor -alle den Großartigkeiten, die wir sehen und die uns erdrücken würden. Und -nun fängt die Sache so freundlich und menschlich-lächerlich an!« Dann -reizte ihn das wirre steinerne Figurenvolk, in dessen Mitte wir lagerten, -zu allerlei barocken Phantasieen. - -»Vermutlich,« sagte er, »wird dort auf dem Chorturm, als der höchsten -Spitze, wohl auch der höchste und vornehmste Heilige stehen. Da es nun -keineswegs ein Vergnügen sein muß, ewig als steinerner Seiltänzer auf -diesen spitzen Türmchen zu balancieren, ist es billig, daß von Zeit zu Zeit -der oberste Heilige erlöst und in den Himmel entrückt wird. Nun denke dir, -was das jedesmal für ein Spektakel absetzt! Denn natürlich rücken nun -sämtliche übrige Heilige genau nach der Rangordnung je um einen Platz vor -und jeder muß mit einem großen Satz auf die Fiale des Vorgängers hüpfen, -jeder in großer Eile und jeder jaloux auf alle, die noch vor ihm kommen.« - -So oft ich seither durch Mailand kam, fiel jener Nachmittag mir wieder ein -und ich sah mit wehmütigem Lachen die hunderte von Marmorheiligen ihre -kühnen Sprünge tun. - -In Genua ward ich um eine große Liebe reicher. Es war ein heller, windiger -Tag, kurz nach der Mittagsstunde. Ich hatte die Arme auf eine breite -Mauerbrüstung gestützt, hinter mir lag das farbige Genua, und unter mir -schwoll und lebte die große blaue Flut. Das Meer. Mit dunklem Tosen und -unverstandenem Verlangen warf sich mir das Ewige und Unwandelbare entgegen -und ich fühlte, daß etwas in mir sich mit dieser blauen, schäumigen Flut -für Leben und Tod befreundete. - -Ebenso mächtig ergriff mich der weite Meerhorizont. Wieder sah ich wie in -Kinderzeiten die duftblaue Ferne wie ein geöffnetes Tor auf mich warten. -Und wieder faßte mich das Gefühl, ich sei nicht zum stetig heimischen Leben -unter Menschen und in Städten und Wohnungen, sondern zum Schweifen durch -fremde Gebiete und zu Irrfahrten auf Meeren geboren. Mit dunklem Trieb -stieg das alte, traurigmachende Verlangen in mir empor, mich an Gottes -Brust zu werfen und mein kleines Leben mit dem Unendlichen und Zeitlosen zu -verbrüdern. - -Bei Rapallo rang ich schwimmend zum erstenmal mit der Flut, schmeckte das -herbe Salzwasser und fühlte die Gewalt der Wogen. Ringsum blaue, klare -Wellen, braungelbe Strandfelsen, tiefer stiller Himmel und das ewige, große -Rauschen. Stets von neuem ergriff mich der Anblick der ferne gleitenden -Schiffe, schwarzer Masten und blanker Segel oder die kleine Rauchfahne -eines entfernt dahinfahrenden Dampfers. Nächst meinen Lieblingen, den -rastlosen Wolken, weiß ich kein schöneres und ernsteres Bild der Sehnsucht -und des Wanderns als solch ein Schiff, das in großer Ferne fährt, kleiner -wird und in den geöffneten Horizont hinein verschwindet. - -Und wir kamen nach Florenz. Die Stadt lag da wie ich sie aus hundert -Bildern und tausend Träumen kannte -- licht, geräumig, gastlich, vom -grünen, überbrückten Strom durchzogen und von klaren Hügeln umgürtet. Der -kecke Turm des palazzo vecchio stach kühn in den lichten Himmel, in seiner -Höhe lag weiß und warmsonnig das schöne Fiesole und alle Hügel standen weiß -und rosenrot im Flor der Obstblüte. Das beweglich freudige, harmlose -toskanische Leben ging mir wie ein Wunder auf und ich war bald heimischer -als ich je zu Hause gewesen war. Die Tage wurden in Kirchen, auf Plätzen, -in Gassen, Loggien und Märkten verbummelt, die Abende in Hügelgärten -verträumt, wo schon die Limonen reiften, oder in kleinen naiven -Chiantischenken vertrunken und verplaudert. Dazwischen die beglückend -reichen Stunden in den Bildersälen und im Bargello, in Klöstern, -Bibliotheken und Sakristeien, die Nachmittage in Fiesole, San Miniato, -Settignano, Prato. - -Nach einer schon zu Hause getroffenen Verabredung ließ ich nun Richard für -eine Woche allein und genoß die edelste und köstlichste Wanderung meiner -Jugendzeit, durch das reiche, grüne umbrische Hügelland. Ich ging die -Straßen des heiligen Franz und fühlte ihn in manchen Stunden neben mir -wandern, das Gemüt voll unergründlicher Liebe, jeden Vogel und jede Quelle -und jeden Hagrosenstrauch mit Dankbarkeit und Freude begrüßend. Ich -pflückte und verzehrte Limonen an sonnig glänzenden Hängen, nächtigte in -kleinen Dörfern, sang und dichtete in mich hinein und feierte die Ostern in -Assisi, in der Kirche meines Heiligen. - -Mir ist immer, als seien diese acht Wandertage in Umbrien die Krone und das -schöne Abendrot meiner Jugendzeit gewesen. Jeden Tag sprangen Quellen in -mir auf und ich sah in die lichte, festliche Frühlingslandschaft wie in -Gottes gütige Augen. - -In Umbrien war ich Franz, dem »Spielmann Gottes«, verehrend nachgegangen; -in Florenz genoß ich die beständige Vorstellung vom Leben des Quattrocento. -Ich hatte ja schon zu Hause Satiren auf die Formen unsres heutigen Lebens -geschrieben. In Florenz aber fühlte ich zum erstenmal die ganze schäbige -Lächerlichkeit der modernen Kultur. Dort überfiel mich zuerst die Ahnung, -daß ich in unsrer Gesellschaft ewig ein Fremdling sein würde, und dort -erwachte zuerst der Wunsch in mir, mein Leben außerhalb dieser Gesellschaft -und womöglich im Süden weiter zu führen. Hier konnte ich mit den Menschen -verkehren, hier erfreute mich auf Schritt und Tritt eine freimütige -Natürlichkeit des Lebens, über welcher adelnd und verfeinernd die Tradition -einer klassischen Kultur und Geschichte lag. - -Glänzend und beglückend rannen uns die schönen Wochen hin; auch Richard -hatte ich nie so schwärmerisch entzückt gesehen. Übermütig und freudig -leerten wir die Becher der Schönheit und des Genusses. Wir erwanderten -abseitige, heiß gelegene Hügeldörfer, befreundeten uns mit Gastwirten, -Mönchen, Landmädchen und kleinen zufriedenen Dorfpfarrern, belauschten -naive Ständchen, fütterten bräunliche, hübsche Kinder mit Brot und Obst und -sahen von sonnigen Berghöhen Toskana im Glanz des Frühlings und fern das -schimmernde ligurische Meer liegen. Und wir hatten beide das kräftige -Gefühl, unseres Glückes würdig einem reichen, neuen Leben entgegen zu -gehen. Arbeit, Kampf, Genuß und Ruhm lagen so nah und glänzend und sicher -vor uns, daß wir ohne Hast uns der glücklichen Tagen freuten. Auch die nahe -Trennung schien leicht und vorübergehend, denn wir wußten fester als je, -daß wir einer dem andern notwendig und einer des andern für's Leben sicher -waren. - - * * * * * - -Das war die Geschichte meiner Jugend. Es scheint mir, wenn ich es -überdenke, als sei sie kurz wie eine Sommernacht gewesen. Ein wenig Musik, -ein wenig Geist, ein wenig Liebe, ein wenig Eitelkeit -- aber es war schön, -reich und farbig wie ein eleusisches Fest. - -Und erlosch schnell und armselig wie ein Licht im Wind. - -In Zürich nahm Richard Abschied. Zweimal stieg er wieder aus dem -Eisenbahnwagen, um mich zu küssen, und nickte mir noch, so lange es ging, -vom Fenster aus zärtlich zu. - -Zwei Wochen später ertrank er beim Baden in einem lächerlich kleinen -süddeutschen Flüßchen. Ich sah ihn nicht mehr, ich war nicht dabei als er -begraben wurde, ich hörte alles erst ein paar Tage später, als er schon im -Sarge und in der Erde lag. Da lag ich in meinem Stüblein auf den Boden -hingestreckt, fluchte Gott und dem Leben in gemeinen und scheußlichen -Lästerworten, weinte und tobte. Ich hatte bis dahin nie bedacht, daß mein -einziger sicherer Besitz in diesen Jahren meine Freundschaft gewesen war. -Das war nun vorüber. - -Es litt mich nicht länger in der Stadt, wo täglich eine Menge von -Erinnerungen sich an mich hängte und mir die Lust raubte. Was nun käme, war -mir einerlei; ich war im Kern der Seele krank und hatte ein Grauen vor -allem Lebendigen. Einstweilen schien die Aussicht gering, daß mein -zerstörtes Wesen sich wieder aufrichte und mit neu gespannten Segeln dem -herberen Glück der Mannesjahre entgegen treibe. Gott hatte gewollt, daß ich -das Beste meines Wesens einer reinen und fröhlichen Freundschaft hingäbe. -Wie zwei rasche Nachen waren wir miteinander vorangestürmt, und Richards -Nachen war der bunte, leichte, glückliche, geliebte, an dem mein Auge hing -und dem ich vertraute, er würde mich zu schönen Zielen mitreißen. Nun war -er mit kurzem Schrei versunken und ich trieb steuerlos auf plötzlich -verdunkelten Wassern umher. - -Es wäre an mir gewesen, die harte Probe zu bestehen, mich nach den Sternen -zu richten und auf neuer Fahrt um den Kranz des Lebens zu kämpfen und zu -irren. Ich hatte an die Freundschaft, an die Frauenliebe, an die Jugend -geglaubt. Nun sie eine um die andere mich verlassen hatten, warum glaubte -ich nicht an Gott und gab mich in seine stärkere Hand? Aber ich war -zeitlebens zag und trotzig wie ein Kind und wartete immer auf das -eigentliche Leben, daß es im Sturme über mich käme, mich verständig und -reich machte und auf großen Flügeln einem reifen Glück entgegen trüge. - -Das weise und sparsame Leben aber schwieg und ließ mich treiben. Es -schickte mir weder Stürme noch Sterne, sondern wartete, bis ich wieder -klein und geduldig und mein Trotz gebrochen wäre. Es ließ mich meine -Komödie des Stolzes und Besserwissens spielen, sah daran vorbei und -wartete, bis das verlaufene Kind die Mutter wieder finden würde. - - - - -V. - - -Es kommt nun diejenige Zeit meines Lebens, welche scheinbar bewegter und -bunter war als das bisherige und allenfalls einen kleinen Moderoman abgäbe. -Ich müßte erzählen, wie ich von einer deutschen Zeitung zum Redakteur -berufen wurde. Wie ich meiner Feder und meinem bösen Maul zu viel Freiheit -gönnte und dafür schikaniert und geschulmeistert wurde. Wie ich darauf den -Ruf eines Säufers errang und schließlich, nach giftigen Händeln, das Amt -niederlegte und mich als Korrespondenten nach Paris schicken ließ. Wie ich -in diesem verfluchten Nest zigeunerte, verbummelte und auf verschiedenen -Gebieten einen starken Tobak rauchte. - -Es ist nicht Feigheit, wenn ich den etwaigen Schweinigeln unter meinen -Lesern hier eine Nase drehe und diese kurze Zeit übergehe. Ich bekenne, daß -ich einen Irrweg um den andern ging, allerlei Schmutz gesehen habe und -darin gesteckt bin. Der Sinn für die Romantik der Bohème ist mir seither -abhanden gekommen und ihr müßt mir erlauben, daß ich mich an das Reinliche -und Gute halte, das doch auch in meinem Leben war, und jene verlorene Zeit -verloren und abgetan sein lasse. - -Namentlich Paris war schauderhaft: Nichts als Kunst, Politik, Literatur und -Dirnengewäsch, nichts als Künstler, Literaten, Politiker und gemeine -Weiber. Die Künstler waren so eitel und aufdringlich wie die Politiker, die -Literaten noch eitler und aufdringlicher, und am eitelsten und -aufdringlichsten waren die Weiber. - -Eines Abends saß ich allein im Bois und überlegte mir, ob ich nur Paris -oder lieber gleich das Leben überhaupt verlassen sollte. Darüber ging ich, -seit langer Zeit zum erstenmal, in Gedanken mein Leben durch und -berechnete, daß ich nicht viel daran zu verlieren habe. - -Aber da sah ich plötzlich in scharfer Erinnerung einen längst vergangenen -und vergessenen Tag -- einen frühen Sommermorgen, daheim in den Bergen, und -sah mich an einem Bette knieen und darauf lag meine Mutter und litt den -Tod. - -Ich erschrak und schämte mich, daß ich so lange jenes Morgens nicht mehr -hatte denken können. Die dummen Mordgedanken waren vorbei. Denn ich glaube, -daß kein ernster und nicht völlig entgleister Mensch fähig ist, sich das -Leben zu nehmen, wenn er je einmal das Erlöschen eines gesunden und guten -Lebens angesehen hat. Ich sah meine Mutter wieder sterben. Ich sah wieder -auf ihrem Gesicht die stille, ernste Arbeit des Todes, der es adelte. Er -sah herb aus, der Tod, aber so mächtig und auch gütig wie ein behutsamer -Vater, der ein irregegangenes Kind heimholt. - -Ich wußte plötzlich wieder, daß der Tod unser kluger und guter Bruder ist, -der die rechte Stunde weiß und dessen wir mit Zuversicht gewärtig sein -dürfen. Und ich begann auch zu verstehen, daß das Leid und die -Enttäuschungen und die Schwermut nicht da sind, um uns verdrossen und -wertlos und würdelos zu machen, sondern um uns zu reifen und zu verklären. - -Acht Tage später waren meine Kisten nach Basel abgeschickt und ich wanderte -zu Fuß durch ein schönes Stück Südfrankreich und fühlte von Tag zu Tag die -unseligen Pariser Zeiten, deren Erinnerung mich wie ein Gestank verfolgte, -verblassen und zu Nebel werden. Ich wohnte einer cour d'amour bei. Ich -übernachtete in Schlössern, in Mühlen, in Scheunen, und trank mit den -dunkeln, gesprächigen Burschen ihren warmen, sonnigen Wein. - -Abgerissen, mager, braungebrannt und im Innern verändert kam ich nach zwei -Monaten in Basel an. Es war meine erste so große Wanderung, die erste von -vielen. Zwischen Locarno und Verona, zwischen Basel und Brieg, zwischen -Florenz und Perugia sind wenig Orte, durch die ich nicht zwei und dreimal -mit staubigen Stiefeln gepilgert bin -- hinter Träumen her, von denen noch -keiner sich erfüllt hat. - - * * * * * - -In Basel mietete ich eine Vorstadtbude, packte meine Habe aus und begann zu -arbeiten; es freute mich in einer stillen Stadt zu leben, wo kein Mensch -mich kannte. Die Beziehungen zu einigen Zeitungen und Revuen waren noch im -Gang und ich hatte zu arbeiten und zu leben. Die ersten Wochen waren gut -und ruhig, dann kam allmählich die alte Traurigkeit wieder, blieb tagelang, -wochenlang, und verging auch bei der Arbeit nicht. Wer nicht an sich selber -gespürt hat, was Schwermut ist, versteht das nicht. Wie soll ich es -beschreiben? Ich hatte das Gefühl einer schauerlichen Einsamkeit. Zwischen -mir und den Menschen und dem Leben der Stadt, der Plätze, Häuser und -Straßen war fortwährend eine breite Kluft. Es geschah ein großes Unglück, -es standen wichtige Dinge in den Zeitungen -- mich ging es nichts an. Es -wurden Feste gefeiert, Tote begraben, Märkte abgehalten, Konzerte gegeben --- wozu? wofür? Ich lief hinaus, ich trieb mich in Wäldern, auf Hügeln und -Landstraßen herum, und um mich her schwiegen Wiesen, Bäume, Äcker in -klagloser Trauer, sahen mich stumm und flehentlich an und hatten das -Verlangen mir etwas zu sagen, mir entgegen zu kommen, mich zu begrüßen. -Aber sie lagen da und konnten nichts sagen, und ich begriff ihr Leiden und -litt es mit, denn ich konnte sie nicht erlösen. - -Ich ging zu einem Arzt, brachte ihm ausführliche Aufzeichnungen, versuchte -ihm mein Leiden zu beschreiben. Er las, fragte, untersuchte mich. - -»Sie sind beneidenswert gesund,« lobte er dann, »körperlich fehlt Ihnen -nichts. Suchen Sie sich durch Lektüre oder Musik zu erheitern.« - -»Ich lese von Berufs wegen tagtäglich eine Menge neue Sachen.« - -»Jedenfalls sollten Sie sich auch einige Bewegung im Freien gönnen.« - -»Ich laufe täglich drei bis vier Stunden, in Ferienzeiten mindestens das -doppelte.« - -»Dann müssen Sie sich zwingen, unter Menschen zu gehen. Sie sind ja in -Gefahr ernstlich menschenscheu zu werden.« - -»Was liegt daran?« - -»Es liegt viel daran. Je größer zur Zeit Ihre Unlust am Umgang ist, desto -mehr müssen Sie sich zwingen Menschen zu sehen. Ihr Zustand ist noch kein -Kranksein und scheint mir nicht bedenklich; wenn Sie aber nicht aufhören so -passiv zu bummeln, könnten Sie schließlich doch einmal die Balance -verlieren.« - -Der Arzt war ein verständiger und wohlwollender Mann. Ich tat ihm leid. Er -empfahl mich einem Gelehrten, in dessen Hause viel Verkehr und ein gewisses -geistiges und literarisches Leben war. Ich ging hin. Man kannte meinen -Namen, war liebenswürdig, fast herzlich, und ich kam öfters wieder. - -Einmal kam ich an einem kalten Spätherbstabend hin. Ich fand einen jungen -Historiker und ein sehr schlankes, dunkles Mädchen; sonst keine Gäste. Das -Mädchen besorgte die Teemaschine, sprach viel und war spitzig gegen den -Historiker. Nachher spielte sie ein wenig Klavier. Dann sagte sie mir, sie -habe meine Satiren gelesen, aber gar nicht goutiert. Sie kam mir gescheit, -aber ein wenig allzu gescheit vor, und ich ging bald nach Hause. - -Inzwischen hatte man allmählich herausgebracht, ich säße viel in Kneipen -herum und sei eigentlich ein heimlicher Säufer. Es wunderte mich kaum, denn -der Klatsch blühte gerade in der akademischen Gesellschaft unter Männern -und Frauen aufs üppigste. Meinem Verkehr schadete die beschämende -Entdeckung gar nicht, machte mich vielmehr begehrt, denn man war gerade für -die Temperenz begeistert, Herren und Damen gehörten den Komitees der -Mäßigkeitsvereine an und freuten sich jedes Sünders, der ihnen in die Hände -fiel. Eines Tages erfolgte der erste höfliche Angriff. Es ward mir die -Schmach des Wirtshauslebens, der Fluch des Alkoholismus und all das vom -sanitären, ethischen und sozialen Standpunkt zu betrachten nahe gelegt und -ich wurde eingeladen einer Vereinsfeierlichkeit beizuwohnen. Ich war maßlos -erstaunt, denn von allen solchen Vereinen und Bestrebungen hatte ich bisher -kaum eine Ahnung gehabt. Die Vereinssitzung, mit Musik und religiösem -Anstrich, war peinlich komisch und ich verhehlte diesen Eindruck nicht. -Wochenlang wurde mir mit aufdringlicher Liebenswürdigkeit zugesetzt, die -Sache wurde mir äußerst langweilig und eines Abends, da man mir wieder -dasselbe Lied vorsang und sehnlich auf meine Bekehrung hoffte, ward ich -desperat und bat mir energisch aus, man möge mich nun mit dem Geplärre -verschonen. Das junge Mädchen war wieder da. Sie hörte mir aufmerksam zu -und sagte dann ganz herzlich: »Bravo!« Ich war aber zu verstimmt, um darauf -zu achten. - -Mit desto größerem Vergnügen sah ich ein kleines drolliges Mißgeschick mit -an, das bei einer gewaltigen Abstinentenfestlichkeit passierte. Der große -Verein samt zahllosen Gästen tafelte und tagte in seinem Hause, Reden -wurden gehalten, Freundschaften geschlossen und Chöre gesungen und der -Fortschritt der guten Sache mit großem Hosianna gefeiert. Einem als -Fahnenträger angestellten Dienstmann dauerten die alkoholfreien Reden zu -lange, er drückte sich in eine nahe Schenke, und als der feierliche Fest- -und Demonstrationszug durch die Straßen seinen Anfang nahm, genossen -schadenfrohe Sünder das ergötzliche Schauspiel, an der Spitze der -begeisterten Scharen einen fröhlich betrunkenen Anführer und in seinen -Armen die Fahne des blauen Kreuzes gleich einem schiffbrüchigen Mastbaum -schwanken zu sehen. - -Der besoffene Dienstmann wurde entfernt; nicht entfernt aber wurde das -Gewimmel menschlichster Eitelkeiten, Eifersüchteleien und Intriguen, das -sich innerhalb der einzelnen Konkurrenzvereine und Komissionen erhoben -hatte und zu immer freudigerer Blüte gedieh. Die Bewegung spaltete sich, -ein paar Ehrgeizige wollten allen Ruhm für sich haben und schimpften über -jeden nicht in ihrem Namen bekehrten Säufer; edle und selbstlose -Mitarbeiter, an denen es nicht fehlte, wurden schnöde mißbraucht und in -Bälde hatten Näherstehende Gelegenheit zu sehen, wie auch hier unter -idealer Etikette allerlei unsaubere Menschlichkeiten zum Himmel stanken. -Alle diese Komödien erfuhr ich so nebenher durch dritte Leute, hatte mein -stilles Wohlgefallen daran und dachte mir auf mancher nächtlichen Heimkehr -von Trinkereien: Seht, wir Wilde sind doch bessere Menschen. - -In meiner kleinen, hoch und frei gelegenen Stube über dem Rhein studierte -und grübelte ich viel. Ich war trostlos, daß das Leben so an mir ablief, -daß kein starker Strom mich mitriß, keine heftige Leidenschaft oder -Teilnahme mich erhitzte und dem dumpfen Traum entzog. Zwar arbeitete ich, -neben dem täglich Notwendigen, an den Vorbereitungen zu einem Werk, welches -das Leben der ersten Minoriten darstellen sollte; doch war dies kein -Schaffen, nur ein stetes bescheidenes Sammeln und genügte dem Trieb meiner -Sehnsucht nicht. Ich begann, indem ich mich an Zürich, Berlin und Paris -erinnerte, mir die wesentlichen Wünsche, Leidenschaften und Ideale der -Zeitgenossen klar zu machen. Einer arbeitete daran, die bisherigen Möbel, -Tapeten und Kostüme abzuschaffen und die Menschen an freiere, schönere -Umgebungen zu gewöhnen. Ein anderer war bemüht, den Häckelschen Monismus in -populären Schriften und Vorträgen zu verbreiten. Andere hielten es für -erstrebenswert, den ewigen Weltfrieden herbeizuführen. Und wieder einer -kämpfte für die darbenden unteren Stände, oder sammelte und redete dafür, -daß Theater und Museen für's Volk gebaut und geöffnet würden. Und hier in -Basel wurde der Alkohol bekämpft. - -In all diesen Bestrebungen war Leben, Trieb und Bewegung; aber keine davon -war mir wichtig und notwendig und es hätte mich und mein Leben nicht -berührt, wenn alle jene Ziele heute erreicht worden wären. Hoffnungslos -sank ich in den Stuhl zurück, schob Bücher und Blätter von mir und sann, -und sann. Dann hörte ich vor den Fenstern den Rhein ziehen und den Wind -sausen und lauschte ergriffen auf diese Sprache einer großen, überall auf -der Lauer liegenden Schwermut und Sehnsucht. Ich sah die blassen -Nachtwolken in großen Stößen wie erschreckte Vögel durch den Himmel -flattern, hörte den Rhein wandern und dachte an meiner Mutter Tod, an den -heiligen Franz, an meine Heimat in den Schneebergen und an den ertrunkenen -Richard. Ich sah mich an den Felswänden klettern, um Alpenrosen für die -Rösi Girtanner zu brechen, ich sah mich in Zürich von Büchern und Musik und -Gesprächen erregt, sah mich mit der Aglietti auf dem nächtlichen Wasser -fahren, sah mich über Richards Tod verzweifeln, reisen und wiederkommen, -genesen und wieder elend werden. Wozu? Wofür? O Gott, war alles das denn -nur ein Spiel, ein Zufall, ein gemaltes Bild gewesen? Hatte ich nicht -gerungen und Qualen der Begierde gelitten nach Geist, nach Freundschaft, -nach Schönheit, Wahrheit und Liebe? Quoll nicht noch immer in mir die -schwüle Woge der Sehnsucht und der Liebe? Und alles für nichts, mir zur -Qual, niemand zur Lust! - -Dann war ich reif für die Kneipe. Ich blies die Lampe aus, tastete mich die -steile alte Wendeltreppe hinab und erschien in einer Veltlinerhalle oder -Waadtländer Weinstube. Dort empfing man mich als guten Gast mit Respekt, -während ich gewöhnlich trutzig und gelegentlich sackgrob war. Ich las den -Simplizissimus, der mich jedesmal ärgerte, trank meinen Wein und wartete, -bis er mich trösten würde. Und der süße Gott berührte mich mit seiner -weiblich weichen Hand, machte meine Glieder wohlig müde und führte meine -verirrte Seele in das Land der schönen Träume zu Gast. - -Gelegentlich wunderte ich mich selber darüber, daß ich die Leute so borstig -behandelte und eine Art von Spaß daran hatte sie anzuschnauzen. In -Gasthäusern, die ich öfter besuchte, fürchteten und verwünschten mich die -Kellnerinnen als einen Grobian und Nörgler, der ewig zu reklamieren hatte. -Geriet ich in ein Gespräch mit anderen Gästen, so war ich höhnisch und -grob, freilich waren auch die Leute danach. Trotzdem fanden sich ein paar -wenige Wirtshausbrüder, sämtlich schon alternde und unheilbare Sünder, mit -denen ich zuweilen einen Abend versaß und ein leidliches Verhältnis fand. -Es war namentlich ein ältlicher Rauhbein unter ihnen, seines Zeichens -Dessinateur, ein Weiberfeind, Schweinigel und geaichter Zecher erster -Klasse. Wenn ich ihn abends in irgend einer Schenke allein antraf, setzte -es jedesmal ein scharfes Zechen ab. Erst wurde geplaudert, gewitzelt und -nebenher ein Fläschchen Roter gebechert, dann trat allmählich das Trinken -in den Vordergrund, das Gespräch schlief ein und wir hockten einander -schweigsam gegenüber, sogen jeder an seiner Brissago und leerten jeder für -sich seine Flaschen. Dabei war einer dem andern ebenbürtig, wir ließen -stets gleichzeitig die Flaschen wieder füllen und beobachteten einer den -andern halb mit Achtung und halb mit Schadenfreude. Zur Zeit des Neuen, im -Spätherbst, zogen wir einst gemeinsam durch einige Markgräfler Weindörfer -und im Hirschen zu Kirchen erzählte mir der alte Knopf seine -Lebensgeschichte. Ich glaube, sie war interessant und absonderlich, doch -vergaß ich sie leider vollständig. Geblieben ist mir nur seine Schilderung -einer Trinkerei, schon aus seinen späteren Jahren. Es war irgendwo auf dem -Lande bei einer dörflichen Festlichkeit. Als Gast am Honoratiorentisch -verleitete er sowohl den Pfarrer wie den Schultheiß vorzeitig zu tüchtigen -Räuschen. Der Pfarrer hatte aber noch eine Rede zu halten. Nachdem man ihn -mit Mühe aufs Podium geschleppt, tat er dort ungeheuerliche Sprüche und -mußte abgeführt werden, worauf der Schultheiß in die Lücke sprang. Er -begann gewaltig aus dem Stegreif zu reden, wurde jedoch durch die heftige -Bewegung plötzlich unwohl und endete seine Ansprache auf eine ungewöhnliche -und unfeine Weise. - -Später hätte ich diese und andere Geschichten mir gerne nochmals erzählen -lassen. Es hatte aber bei einem Schützenfestabend unversöhnliche Händel -zwischen uns gegeben, wir hatten einander die Bärte gerupft und waren im -Zorn auseinander gegangen. Von da an kam es einige mal vor, daß wir als -Feinde gleichzeitig in einer Wirtsstube saßen, jeder natürlich an einem -anderen Tisch; aber aus alter Gewohnheit beobachteten wir einander -schweigend, tranken im gleichen Tempo und blieben sitzen, bis wir längst -die letzten Gäste waren und schließlich ersucht wurden abzuziehen. Zu einer -Versöhnung ist es nie gekommen. - -Fruchtlos und ermüdend war das ewige Nachdenken über die Ursachen meiner -Trauer und Lebensunfähigkeit. Ich hatte durchaus nicht das Gefühl, fertig -und verbraucht zu sein, sondern war voll von dunklen Trieben und glaubte -daran, daß es zur rechten Stunde mir noch gelingen würde, etwas Tiefes und -Gutes zu schaffen und dem spröden Leben wenigstens eine Handvoll Glück zu -entreißen. Aber würde die rechte Stunde jemals kommen? Mit Bitterkeit -dachte ich an jene modernen, nervösen Herren, die sich durch tausend -künstliche Anregungen zur künstlerischen Arbeit stachelten, während in mir -starke Kräfte unverbraucht lagen und liegen blieben. Und ich grübelte -wieder, was für ein Hemmnis oder Dämon mir in meinem strotzend starken -Leibe die Seele stocken und immer schwerer werden lasse. Dabei hatte ich -auch noch den sonderbaren Gedanken, mich für einen aparten, irgendwie zu -kurz gekommenen Menschen zu halten, dessen Leiden niemand kenne, verstehe -oder teile. Es ist das Teuflische an der Schwermut, daß sie einen nicht nur -krank, sondern auch eingebildet und kurzsichtig, ja fast hochmütig macht. -Man kommt sich vor wie der geschmacklose Heinesche Atlas, der allein alle -Schmerzen und Rätsel der Welt auf den Schultern liegen hat, als ob nicht -tausend andere dieselben Leiden duldeten und im selben Labyrinth -herumirrten. Auch daß die Mehrzahl meiner Eigenschaften und Eigenheiten -nicht so sehr mir gehörte als Familiengut oder Übel der Camenzinde war, kam -mir in meiner Isolierung und Heimatferne ganz abhanden. - -Alle paar Wochen ging ich einmal wieder in das gastliche Gelehrtenhaus. -Allmählich kannte ich ziemlich alle dort verkehrenden Leute. Es waren meist -jüngere Akademiker, viele Deutsche darunter, von allen Fakultäten, außerdem -ein paar Maler, einige Musiker, sowie ein paar Bürgersleute mit ihren -Frauen und Mädchen. Ich sah oft mit Erstaunen diese Leute an, die mich als -seltenen Gast begrüßten und von denen ich wußte, daß sie sich untereinander -wöchentlich so und so viele mal sahen. Was sprachen und trieben sie nur -immer miteinander? Die meisten hatten dieselbe stereotype Form des homo -socialis und sie schienen mir alle ein wenig mit einander verwandt, kraft -eines geselligen und nivellierenden Geistes, den ich allein nicht besaß. Es -waren manche feine und bedeutende Menschen dabei, welchen die ewige -Geselligkeit offenbar nichts oder nicht viel von ihrer Frische und -persönlichen Kraft raubte. Mit einzelnen von ihnen konnte ich lang und mit -Interesse sprechen. Aber von einem zum andern gehen, bei jedem eine Minute -stehen bleiben, den Weibern auf gut Glück Artigkeiten sagen, meine -Aufmerksamkeit auf eine Tasse Tee, zwei Gespräche und ein Klavierstück zu -gleicher Zeit richten, dabei angeregt und vergnügt aussehen, das konnte ich -nicht. Schrecklich war es mir, von Literatur oder Kunst reden zu müssen. -Ich sah, daß auf diesen Gebieten sehr wenig gedacht, sehr viel gelogen und -jedenfalls unsäglich viel geschwatzt wurde. Ich log also mit, hatte aber -keine Freude daran und fand das viele nutzlose Gewäsche langweilig und -entwürdigend. Viel lieber hörte ich etwa eine Frau von ihren Kindern -sprechen oder erzählte selbst von Reisen, von kleinen Tageserlebnissen und -anderen realen Dingen. Dabei konnte ich gelegentlich vertraulich und fast -vergnügt werden. Meistens suchte ich aber am Schluß solcher Abende noch ein -Weinhaus auf und schwemmte die Trockenheit im Halse und die faule -Langeweile mit Veltliner weg. - -Bei einer von diesen Gesellschaften sah ich das schwarze junge Mädchen -wieder. Es war eine Menge Leute da, sie musizierten und verführten ihr -gewohntes Getöse, und ich saß mit einer Bildermappe in einem abseitigen -Lampenwinkel. Es waren Ansichten von Toskana, nicht die gewöhnlichen, -tausendmal gesehenen Effektbildchen, sondern intimere, privatim skizzierte -Veduten, meist Geschenke von Reisegenossen und Freunden des Hausherrn. Eben -hatte ich die Zeichnung eines steinernen, schmalfenstrigen Häuschens in dem -einsamen Tal von San Clemente gefunden, das ich erkannte, denn ich hatte -dort manche Spaziergänge gemacht. Das Tal liegt ganz nah bei Fiesole, aber -die Menge der Reisenden besucht es nie, weil keine Altertümer dort sind. Es -ist ein Tal von herber und merkwürdiger Schönheit, trocken und kaum -bewohnt, zwischen hohe, kahle und strenge Berge geklemmt, weltferne, -melancholisch und unbetreten. - -Das Mädchen trat heran und sah mir über die Schulter. - -»Warum sitzen Sie immer so allein, Herr Camenzind?« - -Es ärgerte mich. Sie fühlt sich von den Herren vernachlässigt, dachte ich, -und nun kommt sie zu mir. - -»Nun, bekomme ich keine Antwort?« - -»Verzeihung, Fräulein; aber was soll ich denn antworten? Ich sitze allein, -weil es mir Spaß macht!« - -»Dann störe ich Sie also?« - -»Sie sind komisch.« - -»Danke; ist aber ganz gegenseitig.« - -Und sie setzte sich. Ich hielt beharrlich mein Blatt in den Fingern. - -»Sie sind doch vom Oberland,« sagte sie. »Ich möchte Sie gern einmal von -dort erzählen hören. Mein Bruder sagt, in Ihrem Dorf gebe es bloß einen -Familiennamen, lauter Camenzinds. Ist das wahr?« - -»Beinah,« knurrte ich. »Es gibt aber auch einen Bäcker, der Füßli heißt. -Und einen Gastwirt namens Nydegger.« - -»Und sonst nichts als Camenzind! Und die sind alle miteinander verwandt'?« - -»Mehr oder weniger.« - -Ich reichte ihr die Zeichnung hin. Sie hielt das Blatt fest und ich -bemerkte, daß sie es verstand so etwas richtig anzufassen. Das sagte ich -ihr. - -»Sie loben mich,« lachte sie, »aber wie ein Schullehrer.« - -»Wollen Sie das Blatt nicht auch ansehen?« fragte ich grob. »Sonst kann ich -es zurücklegen.« - -»Was stellt es denn vor?« - -»San Clemente.« - -»Wo?« - -»Bei Fiesole.« - -»Sie sind dort gewesen?« - -»Ja, mehrmals.« - -»Wie sieht das Tal aus? Das hier ist ja nur ein Ausschnitt.« - -Ich dachte nach. Die ernste, herbschöne Landschaft trat vor meinen Blick -und ich schloß die Augen halb, um sie festzuhalten. Es dauerte eine Weile, -ehe ich zu sprechen begann und es tat mir wohl, daß sie still blieb und -wartete. Sie begriff, daß ich nachdachte. - -Und ich schilderte San Clemente, wie es schweigend, dürr und großartig im -Brand des Sommernachmittags liegt. Nebenan in Fiesole treibt man Industrie, -flicht Strohhüte und Körbe, verkauft Souvenirs und Orangen, betrügt die -Reisenden oder bettelt sie an. Weiter unten liegt Florenz und umfaßt eine -Flut alten und neuen Lebens. Aber beide sieht man von Clemente aus nicht. -Dort haben keine Maler gearbeitet, dort ist kein Römerbau gewesen, die -Geschichte vergaß das arme Tal. Aber dort kämpft die Sonne und der Regen -mit der Erde, dort erhalten sich schiefe Pinien mühsam am Leben und die -paar Cypressen fühlen mit hageren Wipfeln in die Luft, ob nicht der -feindliche Sturm nahe sei, der ihnen das karge Leben verkürzt, an dem sie -mit dürstenden Wurzeln hängen. Es fährt zuweilen ein Ochsenwagen von den -nahe liegenden großen Meierhöfen vorbei oder eine Bauernfamilie pilgert -Fiesole entgegen, aber sie sind nur zufällige Gäste und die roten Röcke der -Bauernweiber, die sonst so flott und lustig aussehen, stören hier und man -vermißt sie gern. - -Und ich erzählte, wie ich als junger Mensch mit einem Freunde dort -wanderte, zu Füßen der Cypressen lag und mich an ihre hageren Stämme -lehnte; und wie der traurig schöne Einsamkeitszauber des seltsamen Tales -mich an die heimatlichen Schluchten erinnerte. - -Wir schwiegen eine Weile. - -»Sie sind ein Dichter,« sagte das Mädchen. - -Ich schnitt eine Grimasse. - -»Ich meine es anders,« fuhr sie fort. »Nicht weil Sie Novellen und -dergleichen schreiben. Sondern weil Sie die Natur verstehen und lieb haben. -Was ist es anderen Leuten, wenn ein Baum rauscht oder ein Berg in der Sonne -glüht? Aber für Sie ist ein Leben darin, das Sie mitleben können.« - -Ich antwortete, daß niemand »die Natur verstehe« und daß man mit allem -Suchen und Begreifenwollen nur Rätsel findet und traurig wird. Ein in der -Sonne stehender Baum, ein verwitternder Stein, ein Tier, ein Berg -- sie -haben ein Leben, sie haben eine Geschichte, sie leben, leiden, trotzen, -genießen, sterben, aber wir begreifen es nicht. - -Indeß ich sprach und mich ihres geduldig stillen Aufmerkens freute, begann -ich sie zu betrachten. Ihr Blick war auf mein Gesicht gerichtet und wich -dem meinen nicht aus. Ihr Gesicht war ganz ruhig, hingegeben und von der -Aufmerksamkeit ein wenig gespannt. Wie wenn ein Kind mir zuhörte. Nein, -sondern wie wenn ein Erwachsener im Zuhören sich vergißt und, ohne es zu -wissen, Kinderaugen bekommt. Und während des Betrachtens entdeckte ich -allmählich mit naiver Finderfreude, daß sie sehr schön war. - -Als ich nicht mehr sprach, blieb auch das Mädchen still. Dann schreckte sie -auf und blinzelte ins Lampenlicht. - -»Wie heißen Sie eigentlich, Fräulein?« fragte ich und dachte nicht viel -dabei. - -»Elisabeth.« - -Sie ging weg und wurde bald darauf genötigt Klavier zu spielen. Sie spielte -gut. Aber da ich hinzutrat sah ich, daß sie nicht mehr so schön war. - -Als ich die behaglich altmodische Treppe hinabstieg, um nach Hause zu -gehen, hörte ich ein paar Worte vom Gespräch zweier Maler, welche in der -Hausflur ihre Mäntel anlegten. - -»Na ja, er hat sich den ganzen Abend mit der hübschen Lisbeth beschäftigt,« -sagte einer und lachte. - -»Stille Wasser!« meinte der andere. »Er hat sich nicht das Schlechteste -ausgesucht.« - -Also die Affen sprachen schon darüber. Es fiel mir plötzlich ein, daß ich, -fast wider Willen, diesem fremden jungen Mädchen intime Erinnerungen und -ein ganzes Stück meines inneren Lebens preisgegeben hatte. Wie kam ich -dazu? Und nun schon die bösen Mäuler! -- Bande! - -Ich ging weg und betrat monatelang das Haus nicht mehr. Zufällig war eben -einer von jenen zwei Malern der Erste, der mich auf der Straße darüber zur -Rede stellte. - -»Warum gehen Sie denn nicht mehr hin?« - -»Weil ich das verdammte Klatschen nicht leiden kann,« sagte ich. - -»Ja, unsere Damen!« lachte der Kerl. - -»Nein,« antwortete ich, »ich meine die Männer, und speziell die Herren -Maler.« - -Elisabeth sah ich in diesen Monaten nur ganz wenige Mal auf der Straße, -einmal in einem Kaufladen und einmal in der Kunsthalle. Gewöhnlich war sie -hübsch, doch nicht schön. Die Bewegungen ihrer überschlanken Gestalt hatten -etwas Apartes, das sie meistens schmückte und auszeichnete, manchmal aber -auch etwas übertrieben und unecht aussehen konnte. Schön, überaus schön war -sie damals in der Kunsthalle. Sie sah mich nicht. Ich saß ausruhend -beiseite und blätterte im Katalog. Sie stand in meiner Nähe vor einem -großen Segantini und war ganz in das Bild versunken. Es stellte ein paar -auf mageren Matten arbeitende Bauernmädchen dar, hinten die zackig jähen -Berge, etwa an die Stockhorngruppe erinnernd, und darüber in einem kühlen, -lichten Himmel eine unsäglich genial gemalte, elfenbeinfarbene Wolke. Sie -frappierte auf den ersten Blick durch ihre seltsam geknäuelte, -ineinandergedrehte Masse; man sah, sie war eben erst vom Winde geballt und -geknetet und schickte sich nun an zu steigen und langsam fortzufliegen. -Offenbar verstand Elisabeth diese Wolke, denn sie war ganz dem Anschauen -hingegeben. Und wieder war ihre sonst verborgene Seele in ihr Gesicht -getreten, lachte leise aus den vergrößerten Augen, machte den zu schmalen -Mund kindlich weich und hatte die überkluge herbe Stirnfalte zwischen den -Brauen geebnet. Die Schönheit und Wahrhaftigkeit eines großen Kunstwerkes -zwang ihre Seele, selbst schön und wahrhaftig und unverhüllt sich -darzustellen. - -Ich saß still daneben, betrachtete die schöne Segantiniwolke und das schöne -von ihr entzückte Mädchen. Dann fürchtete ich, sie möchte sich umwenden, -mich sehen und anreden und ihre Schönheit wieder verlieren, und ich verließ -den Saal schnell und leise. - -Um jene Zeit begann meine Freude an der stummen Natur und mein Verhältnis -zu ihr sich zu verändern. Immer wieder streifte ich durch die wundervolle -Umgebung der Stadt, am liebsten in den Jura hinein. Ich sah immer wieder -die Wälder und Berge, Matten, Obstbäume und Gebüsche stehen und auf irgend -etwas warten. Vielleicht auf mich, jedenfalls aber auf Liebe. - -Und so begann ich diese Dinge zu lieben. Es kam ein starkes, dürstendes -Verlangen in mir ihrer stillen Schönheit entgegen. Auch in mir drängte ein -tiefes Leben und Sehnen dunkel empor und suchte nach Bewußtsein, nach -Verstandenwerden, nach Liebe. - -Viele sagen, sie »lieben die Natur«. Das heißt, sie sind nicht abgeneigt je -und je ihre dargebotenen Reize sich gefallen zu lassen. Sie gehen hinaus -und freuen sich über die Schönheit der Erde, zertreten die Wiesen und -reißen schließlich eine Menge Blumen und Zweige ab, um sie bald wieder -wegzuwerfen oder daheim verwelken zu sehen. So lieben sie die Natur. Sie -erinnern sich dieser Liebe am Sonntag, wenn schönes Wetter ist, und sind -dann gerührt über ihr gutes Herz. Sie hätten es ja nicht nötig, denn »der -Mensch ist die Krone der Natur«. Ach ja, die Krone! - -Also ich blickte immer begieriger in den Abgrund der Dinge. Ich hörte den -Wind vieltönig in den Kronen der Bäume klingen, hörte Bäche durch -Schluchten brausen und leise stille Ströme durch die Ebene ziehen, und ich -wußte, daß diese Töne Gottes Sprache waren und daß es ein Wiederfinden des -Paradieses wäre, diese dunkle, urschöne Sprache zu verstehen. Die Bücher -wissen davon wenig, nur in der Bibel steht das wunderbare Wort vom -»unaussprechlichen Seufzen« der Kreatur. Doch ahnte ich, daß zu allen -Zeiten Menschen, gleich mir von diesem Unverstandenen ergriffen, ihr -Tagewerk verlassen und die Stille aufgesucht hatten, um dem Liede der -Schöpfung zu lauschen, das Ziehen der Wolken zu betrachten und in rastloser -Sehnsucht dem Ewigen anbetende Arme entgegenzustrecken, Einsiedler, Büßer -und Heilige. - -Bist du nie in Pisa gewesen, im Camposanto? Dort sind die Wände mit -blaßgewordenen Bildern vergangener Jahrhunderte geschmückt, und eines davon -zeigt das Leben der Einsiedler in der thebaischen Wüste. Das naive Bild -strömt noch heute mit seinen verblaßten Farben den Zauber eines so seligen -Friedens aus, daß du ein plötzliches Leid empfindest und daß es dich -verlangt, deine Sünden und deine Unreinheit irgendwo in heiliger Weltferne -von dir zu weinen und nicht wiederzukommen. Unzählige Künstler haben so -versucht, ihr Heimweh in seligen Bildern auszusagen, und irgend ein kleines -liebes Kinderbildchen von Ludwig Richter singt dir dasselbe Lied wie die -Fresken von Pisa. Warum hat Tizian, der Freund des Gegenwärtigen und -Körperlichen, seinen klaren und gegenständlichen Bildern manchmal jenen -Hintergrund vom süßesten Ferneblau gegeben? Es ist nur ein Strich -tiefblauer, warmer Farbe, man sieht nicht ob er ferne Gebirge oder nur den -unbegrenzten Raum bedeuten will. Tizian, der Realist, wußte es selbst -nicht. Er tat es nicht, wie die Kunsthistoriker wissen wollen, aus Gründen -der Farbenharmonik, sondern es war sein Tribut an das Unstillbare, das -verborgen auch in der Seele dieses Frohen und Glücklichen lebte. So, schien -mir, war die Kunst zu allen Zeiten bemüht gewesen, dem stummen Verlangen -des Göttlichen in uns eine Sprache zu schenken. - -Reifer, schöner und doch viel kindlicher sprach der heilige Franz das aus. -Ihn verstand ich erst damals völlig. Indem er die ganze Erde, die Pflanzen, -Gestirne, Tiere, Winde und Wasser in seine Liebe zu Gott inbegriff, -übereilte er das Mittelalter und selbst Dante und fand die Sprache des -zeitlos Menschlichen. Er nennt alle Mächte und Erscheinungen der Natur -seine lieben Brüder und Schwestern. Als er in seinen spätern Jahren von den -Ärzten dazu verurteilt ward, sich die Stirn mit glühendem Eisen brennen zu -lassen, begrüßte er mitten in der Angst des gefolterten Schwerkranken in -diesem schrecklichen Eisen »seinen lieben Bruder, das Feuer.« - -Indem ich nun anfing die Natur persönlich zu lieben, ihr zu lauschen wie -einem Kameraden und Reisegefährten, der eine fremde Sprache redet, ward -meine Schwermut zwar nicht geheilt, aber veredelt und gereinigt. Mein Ohr -und Auge schärfte sich, ich lernte feine Tönungen und Unterschiede erfassen -und sehnte mich, den Herzschlag alles Lebens immer näher und klarer zu -hören und vielleicht einmal zu verstehen und vielleicht einmal der Gabe -teilhaftig zu werden, ihm in Dichterworten Ausdruck zu gönnen, damit auch -andere ihm näher kämen und mit besserem Verständnis die Quellen aller -Erfrischung, Reinigung und Kindlichkeit besuchten. Einstweilen war das ein -Wunsch, ein Traum -- --, ich wußte nicht ob er sich je erfüllen könne und -hielt mich ans nächste, indem ich allem Sichtbaren Liebe entgegenbrachte -und mich gewöhnte, kein Ding mehr gleichgültig oder verächtlich zu -betrachten. - -Ich kann nicht sagen, wie erneuend und tröstend dies auf mein verdunkeltes -Leben wirkte! Es ist nichts Adligeres und nichts Beglückenderes in der Welt -als eine wortelose, stetige, leidenschaftslose Liebe und ich wünsche nichts -herzlicher als daß von denen, die meine Worte lesen, einige oder auch nur -zwei oder einer diese reine und selige Kunst durch meinen Antrieb zu lernen -beginnen möchte. Manche haben sie von Natur und üben sie ihr Leben lang -unbewußt, das sind Gottes Lieblinge, die Guten und Kinder unter den -Menschen. Manche haben sie in schweren Leiden gelernt -- habt ihr nie unter -Krüppeln und Elenden solche mit überlegenen, stillen, glänzenden Augen -gesehen? Wenn ihr nicht auf mich und meine armen Worte hören möget, so -gehet zu ihnen, in denen eine begierdelose Liebe das Leiden überwand und -verklärte. - -Dieser Vollendung, die ich an manchen armen Duldern verehrt habe, stehe ich -noch heute kläglich fern. Aber diese Jahre hindurch entbehrte ich nur -selten des tröstenden Glaubens, den rechten Weg zu ihr zu wissen. - -Daß ich ihn auch immer gegangen wäre, darf ich nicht sagen, vielmehr blieb -ich unterwegs auf allen Bänken sitzen und sparte auch manchen bösen Umweg -nicht. Zwei selbstsüchtige und mächtige Neigungen stritten in mir wider die -echte Liebe. Ich war Trinker und ich war menschenscheu. Zwar beschnitt ich -mein Quantum Wein erheblich, aber alle paar Wochen überredete mich der -schmeichlerische Gott, daß ich mich ihm in die Arme warf. Daß ich etwa auf -der Straße liegen blieb oder ähnliche Nachtstücke verübte, ist allerdings -kaum jemals vorgekommen, denn der Wein liebt mich, und lockt mich nur bis -dahin, wo seine Geister mit meinem eigenen in freundschaftlichem -Zwiegespräch verkehren. Immerhin verfolgte mich lange Zeit nach jeder -Trinkerei das böse Gewissen. Aber schließlich konnte ich meine Liebe doch -nicht gerade dem Wein entziehen, zu dem ich eine starke Neigung vom Vater -ererbt hatte. Jahrelang hatte ich diese Erbschaft sorgsam und pietätvoll -gehegt und mir gründlich zu eigen gemacht, also half ich mir nun und schloß -zwischen Trieb und Gewissen einen halb ernsten, halb scherzhaften Vertrag. -Ich nahm in den Lobgesang des Heiligen von Assisi »meinen lieben Bruder, -den Wein« mit auf. - - - - -VI. - - -Viel schlimmer war mein anderes Laster. Ich hatte wenig Freude an den -Menschen, lebte als Einsiedler und war gegen menschliche Dinge stets mit -Spott und Verachtung zur Hand. - -Im Beginn meines neuen Lebens dachte ich daran noch gar nicht. Ich fand es -richtig, die Menschen einander zu überlassen und meine Zärtlichkeit, -Hingabe und Teilnahme allein dem stummen Leben der Natur zu schenken. Auch -erfüllte diese mich im Anfang ganz. - -Nachts, wenn ich zu Bett gehen wollte, fiel mir etwa plötzlich ein Hügel, -ein Waldrand, ein einzelner Lieblingsbaum ein, den ich lange nicht mehr -besucht hatte. Nun stand er in der Nacht im Wind, träumte, schlummerte -vielleicht, stöhnte und regte die Zweige. Wie mochte er aussehen? Und ich -verließ das Haus, suchte ihn auf und sah seine undeutliche Gestalt im -Finstern stehen, betrachtete ihn mit erstaunter Zärtlichkeit und trug sein -dämmerndes Bild in mir davon. - -Ihr lacht darüber. Vielleicht war diese Liebe verirrt, doch nicht -vergeudet. Aber wie sollte ich von hier den Weg finden, der zur -Menschenliebe führte? - -Nun, wo ein Anfang gemacht ist, kommt immer das Beste von selber nach. -Immer näher und möglicher schwebte mir die Idee meiner großen Dichtung vor. -Und wenn mein Liebhaben mich dahin bringen würde, einmal als Dichter die -Sprache der Wälder und Ströme zu reden, für wen geschähe das dann? Nicht -nur für meine Lieblinge, sondern doch vor allem für die Menschen, denen ich -ein Führer und ein Lehrer der Liebe sein wollte. Und gegen diese Menschen -war ich rauh, spöttisch und lieblos. Ich empfand den Zwiespalt und die -Nötigung, das herbe Fremdsein zu bekämpfen und auch den Menschen -Brüderlichkeit zu zeigen. Und das war schwer, denn Vereinsamung und -Schicksale hatten mich gerade auf diesem Punkt hart und böse gemacht. Es -genügte nicht, daß ich daheim und im Wirtshaus mich mühte weniger herb zu -sein und daß ich etwa unterwegs einem Begegnenden freundlich zunickte. -Übrigens sah ich schon hierbei, wie gründlich ich mir das Verhältnis zu den -Leuten versalzen hatte, denn man kam meinen Freundlichkeitsversuchen -mißtrauisch und kühl entgegen oder nahm sie für Hohn auf. Das Schlimmste -war, daß ich das Haus jenes Gelehrten, das einzige meiner Bekanntschaft, -fast ein Jahr lang gemieden hatte, und ich sah ein, daß ich vor allem dort -wieder anklopfen und mir irgend einen Weg in die hiesige Art von -Geselligkeit suchen müsse. - -Nun, hier half mir meine eigene verhöhnte Menschlichkeit erklecklich. Kaum -hatte ich wieder an jenes Haus gedacht, so sah ich auch im Geist Elisabeth, -schön wie sie vor Segantinis Wolke gewesen war, und merkte plötzlich, wie -sehr sie an meiner Sehnsucht und Schwermut teil hatte. Und es geschah, daß -ich zum erstenmal ernstlich daran dachte, ein Weib zu freien. Bisher war -ich von meiner völligen Unfähigkeit zur Ehe so überzeugt gewesen, daß ich -mich darein mit bissiger Ironie ergeben hatte. Ich war Dichter, Wanderer, -Trinker, Einspänner! Jetzt glaubte ich mein Schicksal zu erkennen, das mir -in der Möglichkeit einer Liebesehe die Brücke zur Menschenwelt schlagen -wollte. Alles sah so verlockend und sicher aus! Daß Elisabeth mir Teilnahme -schenkte, hatte ich gespürt und gesehen; auch daß sie ein empfängliches und -edles Wesen besaß. Ich dachte daran, wie bei der Plauderei über San -Clemente und dann vor dem Segantini ihre Schönheit lebendig geworden war. -Ich aber hatte seit Jahren aus Kunst und Natur einen reichen inneren Besitz -gesammelt; sie würde von mir das überall schlummernde Schöne sehen lernen -und ich würde sie so mit Schönem und Wahrem umgeben, daß ihr Gesicht und -ihre Seele alle Trübungen vergäße und sich zur Blüte ihrer Fähigkeiten -entfalten könnte. Seltsamer Weise empfand ich das Komische meiner -plötzlichen Verwandlung gar nicht. Ich Einsamer und Sonderling war über -Nacht ein verliebter Fant geworden, der von Eheglück und von der -Einrichtung eines eigenen Hauswesens träumt. - -Eiligst suchte ich denn das gastliche Haus auf und ward mit freundlichen -Vorwürfen empfangen. Ich ging mehrmals hin und nach einigen Besuchen traf -ich Elisabeth dort wieder. O, sie war schön! Sie sah aus wie ich sie mir -als meine Geliebte vorgestellt hatte: schön und glücklich. Und ich genoß -eine Stunde lang die frohe Schönheit ihrer Gegenwart. Sie begrüßte mich -gütig, sogar herzlich und mit einer vertrauten Freundschaftlichkeit, die -mich glücklich machte. - - * * * * * - -Erinnert ihr euch noch des Abends auf dem See, im Boot, des Abends mit den -roten Papierlampen, mit der Musik, mit meiner im Keim erstickten -Liebeserklärung? Es war die traurige und lächerliche Geschichte eines -verliebten Knaben. - -Lächerlicher -- und trauriger ist die Geschichte des verliebten Mannes -Peter Camenzind. - -Ich erfuhr so beiläufig, Elisabeth sei seit kurzem Braut. Ich gratulierte -ihr, ich machte die Bekanntschaft ihres Verlobten, der sie abzuholen kam, -und ich gratulierte auch ihm. Den ganzen Abend lag ein wohlwollendes -Gönnerlächeln auf meinem Gesicht, mir selber lästig, wie eine Maske. -Nachher lief ich weder in den Wald noch ins Wirtshaus, sondern saß auf -meinem Bett, sah der Lampe zu, bis sie stank und erlosch, erstaunt und -verdonnert, bis endlich mein Bewußtsein wieder erwachte. Da breiteten noch -einmal der Schmerz und Verzweiflung ihre schwarzen Flügel über mich, daß -ich klein und schwach und zerbrochen lag und daß ich schluchzte wie ein -Knabe. - -Darauf packte ich meinen Rucksack, ging morgens zur Bahn und reiste nach -Haus. Ich hatte Sehnsucht wieder am Sennalpstock zu klettern, an meine -Kinderzeit zu denken und nachzusehen, ob mein Vater noch lebe. - -Wir waren uns fremd geworden. Der Vater sah völlig grau, ein wenig gebückt -und ein wenig unscheinbar aus. Er behandelte mich sanft und mit Scheu, -fragte nach nichts, wollte mir sein Bett abtreten und schien durch meinen -Besuch nicht weniger in Verlegenheit gebracht als überrascht zu sein. Er -hatte das Häuschen noch, die Matten und das Vieh aber verkauft, bezog einen -kleinen Zins und tat hier und dort ein wenig leichte Arbeit. - -Als er mich allein ließ, trat ich an die Stelle, wo früher meiner Mutter -Bett gestanden hatte, und das Vergangene lief wie ein breiter, ruhiger -Strom an mir vorbei. Ich war kein Jüngling mehr und dachte daran, wie -schnell die Jahre weitergehen würden, dann wäre auch ich ein gebücktes und -graues Männlein und legte mich zum bittern Sterben hin. In der fast -unveränderten, ärmlichen alten Stube, wo ich klein gewesen war, wo ich -Latein gelernt und den Tod der Mutter gesehen hatte, hatten diese Gedanken -eine ruhebringende Natürlichkeit. Mit Dank erinnerte ich mich an allen -Reichtum meiner Jugend, dabei fiel der Vers des Lorenzo Medici mir ein, den -ich in Florenz gelernt hatte: - - Quant' è bella giovinezza, - Ma si fugge tuttavia. - Chi vuol esser lieto, sia: - Di doman non c'è certezza. - -und zugleich wunderte ich mich, Erinnerungen aus Italien und aus der -Geschichte und aus dem weiten Reich des Geistes in diese alte heimatliche -Stube zu tragen. - -Darauf gab ich meinem Vater etwas Geld. Am Abend gingen wir ins Wirtshaus -und dort war alles wie damals, nur daß jetzt ich den Wein bezahlte und daß -der Vater, als er vom Sternwein und Champagner sprach, sich auf mich -berief, und daß ich jetzt mehr als der Alte vertragen konnte. Ich fragte -nach dem greisen Bäuerlein, dem ich damals den Wein über seinen Kahlkopf -gegossen hatte. Er war ein Witzbold und Kniffgenie gewesen, aber nun war er -längst tot und über seine Schnurren begann Gras zu wachsen. Ich trank -Waadtländer, hörte den Gesprächen zu, erzählte ein wenig, und da ich mit -dem Vater durch den Mondschein nach Hause ging und er im Rausche weiter -redete und gestikulierte, war mir so sonderbar verzaubert zu Mute wie noch -nie. Fortwährend umgaben mich die Bilder der früheren Zeit, Onkel Konrad, -Rösi Girtanner, die Mutter, Richard und die Aglietti und ich sah sie an wie -ein schönes Bilderbuch, bei dem man sich wundert, wie schön und -wohlbeschaffen alle Dinge darin aussehen, die in der Wirklichkeit nicht -halb so köstlich sind. Wie war das alles an mir vorbeigerauscht, vergangen, -fast vergessen und stand nun doch klar und reinlich in mir ausgezeichnet: -ein halbes Leben, ohne meinen Willen vom Gedächtnis aufbewahrt. - -Erst als wir nach Hause kamen und als mein Vater spät verstummte und -entschlief, dachte ich wieder an Elisabeth. Noch gestern hatte sie mich -begrüßt, hatte ich sie bewundert und hatte ihrem Bräutigam Glück gewünscht. -Es schien mir eine lange Zeit seither vergangen zu sein. Aber der Schmerz -erwachte, vermischte sich mit der Flut der aufgestörten Erinnerungen und -rüttelte an meinem selbstsüchtigen und schlecht verwahrten Herzen wie der -Föhn an einer zitternden und baufälligen Almhütte. Ich hielt es nicht im -Hause aus. Ich stieg durchs niedere Fenster, ging durchs Gärtchen an den -See, machte den verwahrlosten Weidling los und ruderte leise in die blasse -Seenacht. Feierlich schwiegen umher die silbrig umdünsteten Berge, der fast -völlige Mond hing in der bläulichen Nacht und ward beinahe von der Spitze -des Schwarzenstocks erreicht. Es war so still, daß ich den fernen -Sennalpstock-Wasserfall leise brausen hören konnte. Die Geister der Heimat -und die Geister meiner Jugendzeit berührten mich mit ihren bleichen -Flügeln, erfüllten meinen kleinen Nachen und deuteten flehentlich mit -ausgestreckten Händen und schmerzlichen, unverständlichen Geberden. - -Was hatte nun mein Leben bedeutet und wozu waren so viele Freuden und -Schmerzen über mich hinweggegangen? Warum hatte ich Durst nach dem Wahren -und Schönen gehabt, da ich heute noch ein Dürstender war? Warum hatte ich -in Trotz und Tränen um jene begehrenswerten Frauen Liebe und Schmerzen -gelitten -- ich, der ich heute wieder das Haupt in Scham und Tränen um eine -traurige Liebe neigte? Und warum hatte der unbegreifliche Gott mir das -brennende Heimweh nach Liebe ins Herz getan, da er mir doch das Leben eines -Einsamen und wenig Geliebten bestimmt hatte? - -Das Wasser gurgelte dumpf am Bug und tröpfelte silbern von den Rudern, die -Berge standen ringsum nahe und schweigend, über die Nebel der Schluchten -wandelte das kühle Mondlicht. Und die Geister meiner Jugendzeit standen -schweigsam um mich her und blickten mich aus tiefen Augen still und fragend -an. Mir war, ich sähe unter ihnen auch die schöne Elisabeth, und sie hätte -mich geliebt und sie wäre mein geworden, wenn ich zur rechten Zeit gekommen -wäre. - -Auch war mir als wäre es am besten, ich sänke still in den bleichen See und -es würde mir von niemand nachgefragt. Aber dennoch ruderte ich schneller, -als ich merkte, daß der schlechte alte Nachen Wasser zog. Mich fror -plötzlich und ich eilte, nach Haus und zu Bett zu kommen. Dort lag ich müd -und wach und sann über mein Leben nach und suchte zu finden, was mir fehle -und was mir nötig wäre, um glücklicher und echter zu leben und näher an das -Herz des Daseins zu kommen. - -Wohl wußte ich, daß aller Güte und Freude Kern die Liebe sei und daß ich -beginnen müsse, trotz meines frischen Schmerzes um Elisabeth die Menschen -ernstlich liebzuhaben. Aber wie? Und wen? - -Da fiel mir mein alter Vater ein und ich merkte zum erstenmal, daß ich ihn -nie in der rechten Weise lieb gehabt hatte. Als Knabe hatte ich ihm das -Leben sauer gemacht, dann war ich fortgegangen, hatte ihn auch nach der -Mutter Tod allein gelassen, mich oft seiner geärgert und ihn schließlich -fast ganz vergessen. Ich mußte mir vorstellen, er läge auf dem Totenbett -und ich stünde allein und verwaist daneben und sähe seine Seele entrinnen, -die mir fremd geblieben war und um deren Liebe ich mich nie bemüht hatte. - -So begann ich denn die schwere und süße Kunst, statt an einer schönen und -bewunderten Geliebten, an einem greisen, ruppigen Trinker zu lernen. Ich -gab ihm keine groben Antworten mehr, beschäftigte mich nach Möglichkeit mit -ihm, las ihm Kalendergeschichten vor und erzählte ihm von den Weinen, die -in Frankreich und Italien wachsen und getrunken werden. Sein bischen Arbeit -konnte ich ihm nicht abnehmen, da er ohne das verwahrlost wäre. Auch gelang -es mir nicht ihn daran zu gewöhnen, daß er seinen Abendschoppen mit mir zu -Hause statt in der Kneipe trank. Ein paar Abende versuchten wir es. Ich -holte Wein und Cigarren, und gab mir Mühe dem alten Mann die Zeit zu -vertreiben. Am vierten oder fünften Abend war er still und trotzig und -klagte endlich, als ich ihn fragte was ihm fehle: »Ich glaube, du willst -deinen Vater nimmer ins Wirtshaus lassen.« - -»Keine Rede,« sagte ich, »du bist der Vater und ich der Bub und wie's -gehalten werden soll, ist deine Sache.« - -Er blinzelte mich prüfend an, dann nahm er vergnügt seine Mütze und wir -marschierten selbander zum Wirtshaus. - -Es war deutlich zu sehen, daß meinem Vater ein längeres Zusammenbleiben -zuwider gewesen wäre, obwohl er nichts darüber sagte. Auch trieb es mich, -irgendwo in der Fremde die Beruhigung meines zwiespältigen Zustandes -abzuwarten. »Was meinst du, wenn ich dieser Tage wieder abreiste?« fragte -ich den Alten. Er kratzte sich den Schädel, zuckte die schmalgewordenen -Achseln und lächelte schlau und abwartend: »Je, wie du willst!« Ehe ich -reiste, suchte ich einige Nachbarn sowie die Klosterleute auf und bat sie, -ein Auge auf ihn zu haben. Auch benützte ich noch einen schönen Tag zur -Besteigung des Sennalpstocks. Von seiner halbrunden, breiten Kuppe -überschaute ich Gebirg und grüne Tale, blanke Wasser und den Dunst -entfernter Städte. All dies hatte mich als Knaben mit mächtigem Verlangen -erfüllt, ich war ausgezogen mir die schöne weite Welt zu erobern, und nun -lag sie wieder vor mir ausgebreitet, so schön und so fremd wie je, und ich -war bereit aufs neue hinüberzugehen und noch einmal das Land des Glückes zu -suchen. - -Meinen Studien zuliebe hatte ich längst beschlossen, einmal für längere -Zeit nach Assisi zu gehen. Ich fuhr nun zunächst nach Basel zurück, -besorgte das Nötigste, packte meine paar Sachen ein und schickte sie nach -Perugia voraus. Ich selber fuhr nur bis Florenz und pilgerte von dort -langsam und behaglich zu Fuße südwärts. Dort unten braucht man zum -freundschaftlichen Verkehr mit dem Volke keinerlei Künste zu verstehen; das -Leben dieser Leute liegt stets an der Oberfläche und ist so simpel, frei -und naiv, daß man von Städtchen zu Städtchen sich mit einer Menge von -Leuten harmlos befreundet. Ich fühlte mich wieder geborgen und heimisch und -beschloß, auch später in Basel die wärmende Nähe menschlichen Lebens nicht -wieder in der Gesellschaft, sondern unter dem schlichten Volke zu suchen. - -In Perugia und Assisi bekam meine historische Arbeit wieder Interesse und -Leben. Da auch das tägliche Dasein dort eine Lust war, begann mein -schadhaft gewordenes Wesen bald wieder zu gesunden und neue Notbrücken zum -Leben zu schlagen. Meine Hauswirtin in Assisi, eine redselige und fromme -Gemüsehändlerin, schloß auf Grund einiger Gespräche über den Santo eine -innige Freundschaft mit mir und brachte mich in den Geruch eines strammen -Katholiken. So unverdient diese Ehre war, brachte sie mir doch den Vorteil, -mit den Leuten intimer umgehen zu können, da ich frei vom Verdacht des -Heidentums war, der sonst jedem Fremden anhaftet. Die Frau hieß Annunziata -Nardini, war vierunddreißig Jahr alt und Witwe, von kolossalem Körperumfang -und sehr guten Manieren. Sonntags sah sie in einem geblümten, fröhlich -farbigen Kleid wie der leibhaftige Festtag aus, dann trug sie außer den -Ohrringen auch noch eine goldene Kette auf der Brust, an welcher eine Reihe -von Medaillen aus Goldblech läutete und leuchtete. Auch schleppte sie dann -ein silberbeschlagenes, schweres Brevier mit sich herum, dessen Gebrauch -ihr jedenfalls schwer gefallen wäre, und einen schönen schwarzweißen -Rosenkranz mit Silberkettchen, den sie desto gewandter handhaben konnte. -Wenn sie dann zwischen zwei Kirchgängen in der Loggetta saß und den -bewundernden Nachbarinnen die Sünden abwesender Freundinnen aufzählte, lag -auf ihrem runden, frommen Gesicht der rührende Ausdruck einer mit Gott -versöhnten Seele. - -Ich hieß, da mein Name den Leuten unmöglich auszusprechen war, einfach -Signor Pietro. An den schönen, goldigen Abenden saßen wir beisammen in der -winzigen Loggetta, Nachbarn, Kinder und Katzen dabei, oder im Laden -zwischen den Früchten, Gemüsekörben, Samenschachteln und aufgehängten -Rauchwürsten, erzählten einander unsre Erlebnisse, besprachen die -Ernteaussichten, rauchten eine Cigarre oder sogen jeder an einem -Melonenschnitz. Ich berichtete vom heiligen Franz, von der Geschichte der -Portiunkula und der Kirche des Santo, von der heiligen Klara und von den -ersten Brüdern. Ernsthaft hörte man zu, stellte tausend kleine Fragen, -lobte den Heiligen und ging zur Erzählung und Erörterung neuerer und -sensationeller Ereignisse über, unter welchen Räubergeschichten und -politische Fehden besonders beliebt waren. Zwischen uns spielten und -balgten sich die Katzen, Kinder und Hündlein. Aus eigener Lust und um -meinen guten Ruf aufrecht zu erhalten, durchstöberte ich die Legende nach -erbaulichen und rührenden Geschichten und freute mich, neben wenigen andern -Bücher auch Arnolds »Leben der Altväter und anderer gottseliger Personen« -mitgebracht zu haben, dessen treuherzige Anekdoten ich mit kleinen -Variationen in ein vulgäres Italienisch übertrug. Vorübergehende blieben -ein Weilchen stehen, hörten zu, plauderten mit, und oft wechselte so die -Gesellschaft an einem Abend drei, vier mal, nur Frau Nardini und ich waren -seßhaft und fehlten nie. Ich hatte meinen Rotwein im Fiasko neben mit -stehen und imponierte dem armen und mäßig lebenden Völklein durch meinen -stattlichen Weinverbrauch. Allmählich wurden auch die scheuen Mädchen der -Nachbarschaft zutraulicher und beteiligten sich am Gespräch von der -Türschwelle aus, ließen sich Bildchen schenken und begannen an meine -Heiligkeit zu glauben, da ich weder zudringliche Scherze machte noch -überhaupt mich um ihre Vertraulichkeit zu bemühen schien. Unter ihnen waren -einige großäugige, träumerische Schönheiten, welche aus Bildern des -Perugino zu stammen schienen. Ich hatte sie alle gern und freute mich ihrer -gutmütig schalkhaften Gegenwart, doch war ich nie in eine von ihnen -verliebt, denn die hübschen unter ihnen glichen einander so sehr, daß ihre -Schönheit mir stets nur als Rasse und nie als persönlicher Vorzug erschien. -Öfter stellte sich auch Mattheo Spinelli ein, ein junges Bürschchen, Sohn -des Bäckermeisters, ein geriebener und witziger Kerl. Er konnte eine Menge -Tiere nachahmen, wußte über jeden Skandal Bescheid und stak zum Bersten -voll von frechen und schlauen Unternehmungen. Wenn ich Legenden erzählte, -hörte er mit einer Frömmigkeit und Demut ohne gleichen zu, machte sich -nachher aber über die heiligen Väter in naiv vorgebrachten boshaften -Fragen, Vergleichen und Vermutungen lustig, zum Entsetzen der Obstfrau und -unverhohlenen Entzücken der meisten Zuhörer. - -Häufig saß ich auch allein bei Frau Nardini, hörte ihre erbaulichen Reden -an und hatte meine unheilige Freude an ihren zahlreichen Menschlichkeiten. -Ihr entging kein Fehler und Laster an ihren Nächsten, sie wies ihnen im -voraus peinlich abschätzend ihre Plätze im Fegefeuer an. Mich aber hatte -sie ins Herz geschlossen und vertraute mir die kleinsten Erlebnisse und -Beobachtungen offen und umständlich an. Sie fragte mich nach jedem kleinen -Einkauf, wieviel ich bezahlt habe, und wachte darüber, daß ich nicht -übervorteilt würde. Sie ließ sich die Lebensläufe der Heiligen erzählen und -machte mich dafür mit den Geheimnissen des Obstkaufs, des Gemüsehandels und -der Küche bekannt. Eines Abends saßen wir in der gebrechlichen Halle. Ich -hatte zum rasenden Entzücken der Kinder und Mädchen ein Schweizerlied -gesungen und einen Jodler losgelassen. Sie wanden sich vor Lust, imitierten -den Klang der fremden Sprache und zeigten mir, wie komisch mein Kehlkopf -beim Jodeln auf und nieder gestiegen sei. Da begann jemand von der Liebe zu -sprechen. Die Mädchen kicherten, Frau Nardini verdrehte die Augen und -seufzte sentimental, und schließlich ward ich bestürmt, meine eigenen -Liebesgeschichten zu erzählen. Ich schwieg über Elisabeth, erzählte aber -meine Kahnfahrt mit der Aglietti und meine verunglückte Liebeserklärung. Es -war mir sonderbar, diese Geschichte, von der ich außer Richard niemandem je -ein Wort anvertraut hatte, nun meiner neugierigen umbrischen Gesellschaft -zu erzählen, angesichts der südlich schmalen steinernen Gassen und der -Hügel, über welchen der rotgoldene Abend duftete. Ich erzählte ohne viel -Reflexion, nach Art der alten Novellen, und doch war mein Herz dabei und -ich hatte heimlich Furcht, die Zuhörer würden lachen und mich necken. - -Aber als ich zu Ende war, hingen aller Augen teilnehmend traurig an mir. - -»Ein so schöner Mann!« rief eines der Mädchen lebhaft aus. »Ein so schöner -Mann, und er hat eine unglückliche Liebe!« - -Frau Nardini aber fuhr mir mit ihrer weichen, runden Hand vorsichtig übers -Haar und sagte: »Poverino!« - -Ein anderes Mädchen schenkte mir eine große Birne und da ich sie bat, den -ersten Biß darein zu tun, tat sie es und sah mich dabei ernsthaft an. Als -ich aber auch die anderen beißen lassen wollte, litt sie es nicht. »Nein, -essen Sie selbst! Ich habe sie Ihnen geschenkt, weil Sie uns Ihr Unglück -erzählt haben.« - -»Aber Sie werden nun gewiß eine andere lieben,« sagte ein brauner -Weinbauer. - -»Nein,« sagte ich. - -»O, Sie lieben immer noch diese böse Erminia?« - -»Ich liebe jetzt den heiligen Franz und er hat mich gelehrt, alle Menschen -liebzuhaben, euch und die Leute von Perugia und auch alle diese Kinder -hier, und sogar den Geliebten der Erminia.« - -Eine gewisse Verwicklung und Gefahr kam in dies idyllische Dasein, als ich -entdeckte, daß die gute Signora Nardini von dem sehnlichen Wunsch beseelt -war, ich möchte endgültig dableiben und sie heiraten. Die kleine Affäre -bildete mich zum listigen Diplomaten aus, denn es war keineswegs leicht, -diese Träume zu zerstören, ohne die Harmonie zu verderben und die -behagliche Freundschaft zu verscherzen. Auch mußte ich an die Rückreise -denken. Wäre nicht der Traum meiner zukünftigen Dichtung und die drohende -Ebbe meiner Kasse gewesen, so wäre ich dortgeblieben. Ich hätte vielleicht -auch, gerade der Ebbe wegen, die Nardini geheiratet. Doch nein, was mich -abhielt, war mein noch nicht vernarbter Schmerz um Elisabeth und das -Verlangen sie wiederzusehen. - -Die runde Witwe fügte sich wider Erwarten leidlich ins Unabänderliche und -ließ mich ihre Enttäuschung nicht entgelten. Als ich abreiste, fiel mir -vielleicht der Abschied viel schwerer als ihr. Ich verließ viel mehr als -ich je in der Heimat verlassen hatte, und nie war mir bei einer Abreise die -Hand so herzlich und von so vielen lieben Menschen gedrückt worden. Die -Leute gaben mir Früchte, Wein, süßen Schnaps, Brot und eine Wurst mit in -den Wagen und ich hatte das ungewohnte Gefühl von Freunden zu scheiden, -denen es nicht einerlei war, ob ich ging oder blieb. Frau Annunziata -Nardini aber gab mir beim Scheiden einen Kuß auf beide Wangen und hatte -Tränen in den Augen. - -Früher hatte ich geglaubt, es müsse ein besonderer Genuß sein geliebt zu -werden, ohne selbst zu lieben. Ich hatte jetzt erfahren, wie peinlich eine -solche sich darbietende Liebe ist, die man nicht erwidern kann. Und doch -war ich ein wenig stolz darauf, daß eine fremde Frau mich liebte und zum -Manne wünschte. - -Schon diese kleine Eitelkeit bedeutete ein Stück Genesung für mich. Frau -Nardini tat mir leid und doch wünschte ich die Sache nicht ungeschehen. -Auch sah ich allmählich immer mehr ein, daß das Glück mit der Erfüllung -äußerer Wünsche wenig zu tun habe und daß die Leiden verliebter Jünglinge, -so peinlich sie seien, aller Tragik entbehren. Es tat ja weh, daß ich -Elisabeth nicht haben konnte. Aber mein Leben, meine Freiheit, Arbeit und -Denkweise blieb mir unverkürzt, und aus der Ferne liebhaben konnte ich sie -ja nach wie vor, so viel ich wollte. Diese Gedankengänge und noch mehr die -naive Heiterkeit meines Daseins in den umbrischen Monaten waren mir überaus -heilsam gewesen. Von jeher hatte ich ein Auge für alles Lächerliche und -Schnurrige gehabt und mir nur die Freude daran selber durch Ironie -verdorben. Nun ging mir allmählich der Blick für den Humor des Lebens auf -und es schien mir immer möglicher und leichter, mich mit meinen Sternen zu -versöhnen und mir von der Tafel des Lebens noch den einen oder anderen -schönen Bissen zu gönnen. - -Freilich, wenn man von Italien heimreist, ist es immer so. Man pfeift auf -Prinzipien und Vorurteile, lächelt nachsichtig, trägt die Hände in den -Hosentaschen und kommt sich als durchtriebener Lebenskünstler vor. Man ist -eine Weile im wohlig warmen Volksleben des Südens mitgeschwommen und denkt -nun, das müsse zu Hause so weitergehen. Auch mir war es bei jeder Rückkehr -aus Italien so gegangen und damals am meisten. Als ich nach Basel kam und -dort das alte steife Leben unverjüngt und unveränderlich antraf, stieg ich -von der Höhe meiner Heiterkeit eine Stufe um die andere kleinlaut und -ärgerlich herab. Aber etwas von dem Erworbenen keimte doch weiter und -seither trieb mein Schifflein durch klare und trübe Wasser nie mehr ohne -wenigstens einen kleinen farbigen Wimpel frech und zutraulich flattern zu -lassen. - -Auch sonst hatten sich meine Anschauungen langsam verändert. Ich fühlte -mich ohne großes Bedauern den Jugendjahren entwachsen und den Zeiten -entgegenreifen, da man das eigene Leben als eine kurze Wegstrecke -betrachten lernt und sich selbst als Wanderer, dessen Gänge und -schließliches Verschwinden die Welt nicht groß erregen und beschäftigen. -Man behält ein Lebensziel, einen Lieblingstraum im Auge, aber man kommt -sich nimmer unentbehrlich vor und gönnt sich unterwegs des öfteren Muße, um -ohne Gewissensbisse eine Tagesstrecke zu versäumen, sich ins Gras zu legen, -einen Vers zu pfeifen und der lieben Gegenwart ohne Hintergedanken froh zu -werden. Bisher war ich, ohne daß ich jemals zu Zarathustra gebetet hatte, -doch eigentlich ein Herrenmensch gewesen und hatte es weder an -Selbstverehrung noch an der Mißachtung geringerer Leute fehlen lassen. Nun -sah ich allmählich immer besser, daß es keine festen Grenzen gibt und daß -im Kreise der Kleinen, Bedrückten und Armen das Dasein nicht nur ebenso -mannigfalt, sondern zumeist auch wärmer, wahrhaftiger und vorbildlicher ist -als das der Begünstigten und Glänzenden. - -Übrigens kam ich gerade rechtzeitig nach Basel zurück, um an der ersten -Abendgesellschaft im Hause der inzwischen verheirateten Elisabeth -teilzunehmen. Ich war vergnügt, noch frisch und braun von der Reise, und -brachte eine Menge lustiger kleiner Erinnerungen mit. Die schöne Frau -beliebte mich durch eine feine Vertraulichkeit auszuzeichnen und ich freute -mich den ganzen Abend meines Glückes, das mir seinerzeit die Blamage einer -verspäteten Werbung erspart hatte. Denn trotz meiner italienischen -Erfahrung hatte ich immer noch ein leises Mißtrauen gegen die Frauen, als -müßten sie an den hoffnungslosen Qualen der in sie verliebten Männer ihre -grausame Freude haben. Zur lebhaftesten Veranschaulichung eines solchen -entehrenden und peinlichen Zustandes diente mir eine kleine Erzählung aus -dem Kinderschulleben, die ich einst aus dem Mund eines fünfjährigen Knaben -vernommen hatte. In der Kinderschule, die er besuchte, herrschte folgender -merkwürdige und symbolische Brauch. Hatte ein Knabe sich einer allzu -starken Unart schuldig gemacht und es sollten ihm dafür die Höslein -gespannt werden, so wurden sechs kleine Mädchen beordert, den -Widerstrebenden in der zu jener Züchtigung erforderlichen peinlichen Lage -auf der Bank festzuhalten. Da dies Festhaltendürfen als Hochgenuß und große -Ehre galt, wurden nur jeweils die sechs artigsten Mädchen, die zeitweiligen -Tugendausbünde, der grausamen Wonne teilhaftig. Die spaßige -Kindergeschichte gab mir zu denken und hat sich sogar ein paar mal in meine -Träume geschlichen, so daß ich wenigstens aus Traumerfahrung weiß, wie -elend einem in solcher Lage ums Herz ist. - - - - -VII. - - -Vor meiner Schriftstellerei hatte ich nach wie vor selber keinen Respekt. -Ich konnte von meiner Arbeit leben, kleine Ersparnisse zurücklegen und -gelegentlich auch meinem Vater etwas Geld senden. Er trug es freudig ins -Wirtshaus, sang dort mein Lob in allen Tonarten und dachte sogar daran, mir -einen Gegendienst zu leisten. Ich hatte ihm nämlich einmal gesagt, daß ich -mein Brot zumeist durch Zeitungsartikel verdiene. Er hielt mich für einen -Redakteur oder Berichterstatter wie die ländlichen Bezirksblätter sie -haben, und nun diktierte er dreimal väterliche Briefe an mich, in welchen -er mir Ereignisse mitteilte, die ihm wichtig schienen und von denen er -glaubte, sie würden mir Stoff geben und Geld einbringen. Einmal war es ein -Scheunenbrand, dann der Absturz zweier Bergtouristen und das dritte mal das -Ergebnis einer Schulzenwahl. Diese Mitteilungen waren schon in einen -grotesk tönenden Zeitungsstil gebracht und machten mir wirkliche Freude, -denn es waren doch Zeichen einer freundlichen Verbindung zwischen ihm und -mir und seit Jahren die ersten Briefe, die ich aus der Heimat erhielt. Sie -erquickten mich auch als ungewollte Verhöhnung meiner Schreiberei; denn ich -besprach Monat für Monat manches Buch, dessen Erscheinen hinter jenen -ländlichen Ereignissen an Wichtigkeit und Folgen weit zurückstand. - -Es erschienen damals gerade zwei Bücher von Verfassern, die ich als -extravagante lyrische Jünglinge seinerzeit in Zürich gekannt hatte. Der -eine lebte nun in Berlin und wußte viel Schmutziges aus Cafés und Bordellen -der Großstadt zu schildern. Der zweite hatte sich in der Umgebung von -München eine luxuriöse Einsiedelei erbaut und taumelte zwischen -neurasthenischen Selbstbetrachtungen und spiritistischen Anregungen -verächtlich und hoffnungslos hin und her. Ich mußte die Bücher besprechen -und machte mich natürlich über beide harmlos lustig. Vom Neurastheniker kam -nur ein verachtungsvoller Brief in wahrhaft fürstlichem Stil. Der Berliner -aber machte in einer Zeitschrift Skandal, fand sich in seinem ernsten -Wollen verkannt, stützte sich auf Zola und machte aus meiner -verständnislosen Kritik nicht nur mir, sondern dem eingebildeten und -prosaischen Geist der Schweizer überhaupt einen Vorwurf. Der Mann hatte -damals in Zürich vielleicht die einzige einigermaßen gesunde und würdige -Zeit seines Literatenlebens gehabt. - -Nun war ich nie ein sonderlicher Patriot gewesen, aber das war mir doch -etwas zu stark berlinert, und ich erwiderte dem Unzufriedenen mit einer -langen Epistel, in der ich mit meiner Geringschätzung der aufgeblasenen -Großstadtmoderne nicht gerade hinterm Berge hielt. - -Diese Zänkerei tat mir wohl und nötigte mich, wieder einmal über meine -Auffassung des modernen Kulturlebens nachzudenken. Die Arbeit war mühsam -und langwierig und förderte wenig erquickliche Resultate zu Tag. Mein -Büchlein verliert nichts, wenn ich darüber schweige. - -Zugleich aber zwangen mich diese Betrachtungen, über mich selbst und mein -lang geplantes Lebenswerk eindringlicher nachzudenken. - -Ich hatte, wie man weiß, den Wunsch, in einer größeren Dichtung den -heutigen Menschen das großzügige, stumme Leben der Natur nahe zu bringen -und lieb zu machen. Ich wollte sie lehren, auf den Herzschlag der Erde zu -hören, am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen -Geschicke nicht zu vergessen, daß wir nicht Götter und von uns selbst -geschaffen, sondern Kinder und Teile der Erde und des kosmischen Ganzen -sind. Ich wollte daran erinnern, daß gleich den Liedern der Dichter und -gleich den Träumen unsrer Nächte auch Ströme, Meere, ziehende Wolken und -Stürme Symbole und Träger der Sehnsucht sind, welche zwischen Himmel und -Erde ihre Flügel ausspannt und deren Ziel die zweifellose Gewißheit vom -Bürgerrecht und von der Unsterblichkeit alles Lebenden ist. Der innerste -Kern jedes Wesens ist dieser Rechte sicher, ist Gottes Kind und ruht ohne -Angst im Schoß der Ewigkeit. Alles Schlechte, Kranke, Verdorbene aber, das -wir in uns tragen, widerspricht und glaubt an den Tod. - -Ich wollte aber auch die Menschen lehren, in der brüderlichen Liebe zur -Natur Quellen der Freude und Ströme des Lebens zu finden; ich wollte die -Kunst des Schauens, des Wanderns und Genießens, die Lust am Gegenwärtigen -predigen. Gebirge, Meere und grüne Inseln wollte ich in einer verlockend -mächtigen Sprache zu euch reden lassen und wollte euch zwingen zu sehen, -was für ein maßlos vielfältiges, treibendes Leben außerhalb eurer Häuser -und Städte täglich blüht und überquillt. Ich wollte erreichen, daß ihr euch -schämet von ausländischen Kriegen, von Mode, Klatsch, Literatur und Künsten -mehr zu wissen als vom Frühling, der vor euren Städten sein unbändiges -Treiben entfaltet und als vom Strom, der unter euren Brücken hinfließt und -von den Wäldern und herrlichen Wiesen, durch welche eure Eisenbahn rennt. -Ich wollte euch erzählen, welche goldene Kette unvergeßlicher Genüsse ich -Einsamer und Schwerlebiger in dieser Welt gefunden hatte und wollte, daß -ihr, die ihr vielleicht glücklicher und froher seid als ich, mit noch -größeren Freuden diese Welt entdecket. - -Und ich wollte vor allem das schöne Geheimnis der Liebe in eure Herzen -legen. Ich hoffte euch zu lehren, allem Lebendigen rechte Brüder zu sein -und so voll Liebe zu werden, daß ihr auch das Leid und auch den Tod nicht -mehr fürchten, sondern als ernste Geschwister ernst und geschwisterlich -empfangen würdet, wenn sie zu euch kämen. - -Das alles hoffte ich nicht in Hymnen und hohen Liedern, sondern schlicht, -wahrhaftig und gegenständlich darzustellen, ernsthaft und scherzhaft, wie -ein heimgekehrter Reisender seinen Kameraden von draußen erzählt. - -Ich wollte -- ich wünschte -- ich hoffte --, das klingt nun freilich -komisch. Auf den Tag, an welchem dies viele Wollen einen Plan und Umriß -bekäme, wartete ich noch immer. Aber ich hatte wenigstens viel gesammelt. -Nicht nur im Kopf, sondern auch in einer Menge von schmalen Büchlein, die -ich auf Reisen und Märschen in der Tasche trug und von denen alle paar -Wochen eines voll wurde. Da hatte ich knapp und kurz Notizen über alles -Sichtbare in der Welt aufgeschrieben, ohne Reflexionen und ohne -Verbindungen. Es waren Skizzenhefte wie die eines Zeichners und sie -enthielten in kurzen Worten lauter reale Dinge: Bilder aus Gassen und -Landstraßen, Silhouetten von Gebirgen und Städten, erlauschte Gespräche von -Bauern, Handwerksburschen, Marktweibern, ferner Wetterregeln, Notizen über -Beleuchtungen, Winde, Regen, Gestein, Pflanzen, Tiere, Vogelflug, -Wellenbildungen, Meerfarbenspiel und Wolkenformen. Gelegentlich hatte ich -auch kurze Geschichten daraus bearbeitet und veröffentlicht, als Natur- und -Wanderstudien, doch alles ohne Beziehungen zum Menschlichen. Mir war die -Geschichte eines Baumes, ein Tierleben oder die Reise einer Wolke auch ohne -menschliche Staffage interessant genug gewesen. - -Daß eine größere Dichtung, in welcher überhaupt keine Menschengestalten -auftreten, ein Unding sei, war mir schon öfters durch den Kopf gegangen, -doch hing ich jahrelang an diesem Ideal und hegte die dunkle Hoffnung, es -möchte vielleicht einmal eine große Inspiration dies Unmögliche überwinden. -Nun sah ich endgültig ein, daß ich meine schönen Landschaften mit Menschen -bevölkern müsse und daß diese gar nicht natürlich und treu genug -dargestellt werden könnten. Da war unendlich viel nachzuholen, und ich hole -heute noch daran nach. Bis dahin waren die Menschen insgesamt ein Ganzes -und im Grunde Fremdes für mich gewesen. Neuerdings lernte ich, wie lohnend -es ist, statt einer abstrakten Menschheit Einzelne zu kennen und zu -studieren, und meine Notizbüchlein und mein Gedächtnis füllte sich mit ganz -neuen Bildern. - -Der Anfang dieser Studien war ganz erfreulich. Ich trat aus meiner naiven -Gleichgültigkeit heraus und gewann Interesse an mancherlei Leuten. Ich sah, -wie viel Selbstverständliches mir fremd geblieben war, aber ich sah auch, -wie das viele Wandern und Schauen mir die Augen geöffnet und geschärft -habe. Und da von jeher eine Vorliebe mich zu ihnen gezogen hatte, gab ich -mich besonders gerne und häufig mit Kindern ab. - -Immerhin war das Beobachten der Wolken und Wellen erfreulicher gewesen als -das Menschenstudieren. Mit Erstaunen nahm ich wahr, daß der Mensch von der -übrigen Natur sich vor allem durch eine schlüpfrige Gallert von Lüge -unterscheidet, die ihn umgibt und schützt. In Kürze beobachtete ich an -allen meinen Bekannten dieselbe Erscheinung -- das Ergebnis des Umstandes, -daß jeder eine Person, eine klare Figur vorzustellen genötigt wird, während -doch keiner sein eigenstes Wesen kennt. Mit sonderbaren Gefühlen stellte -ich an mir selber dasselbe fest und gab es nun auf, den Personen auf den -Kern dringen zu wollen. Bei den meisten war die Gallert viel wichtiger. Ich -fand sie überall auch schon an den Kindern, welche stets, bewußt oder -unbewußt, lieber eine Rolle mimen als sich ganz unverhüllt und instinktiv -kundgeben. - -Nach einiger Zeit kam es mir vor, ich mache keine Fortschritte mehr und -verliere mich an spielerische Einzelheiten. Zunächst suchte ich den Fehler -bei mir selbst, doch konnte ich mir bald nicht mehr verhehlen, daß ich -enttäuscht war und daß meine Umgebung mir die Menschen nicht gab, die ich -suchte. Ich brauchte nicht Interessantheiten, sondern Typen. Das bot mir -weder das Volk der Akademiker noch der Kreis der Gesellschaftsmenschen. Mit -Sehnsucht dachte ich an Italien, und mit Sehnsucht an die einzigen Freunde -und Begleiter meiner vielen Fußreisen, die Handwerksburschen. Mit solchen -war ich viel gewandert und hatte unter ihnen viele prachtvolle Burschen -gefunden. - -Es war vergeblich, die Herberge zur Heimat und einige wilde Pennen -aufzusuchen. Die Menge der unständigen Durchwanderer diente mir nicht. So -stand ich denn wieder eine Weile ratlos, hielt mich an die Kinder und -studierte viel in Kneipen herum, wo natürlich auch nichts zu holen war. Es -kamen ein paar traurige Wochen, da ich mir mißtraute, meine Hoffnungen und -Wünsche lächerlich übertrieben fand, mich viel im Freien umhertrieb und -wieder halbe Nächte beim Wein verbrütete. - -Auf meinen Tischen hatten sich damals wieder ein paar Stöße von Büchern -angesammelt, die ich gern behalten hätte, statt sie dem Antiquar zu geben; -doch war kein Raum in meinen Schränken mehr. Um endlich abzuhelfen, suchte -ich eine kleine Schreinerei auf und bat den Meister, zum Ausmessen eines -Bücherschafts in meine Wohnung zu kommen. - -Er kam, ein kleiner langsamer Mann mit bedächtigen Manieren, er maß den -Raum aus, kniete am Boden, streckte den Meterstab zur Decke, stank ein -wenig nach Leim und notierte eine Zahl um die andere behutsam mit -zollgroßen Ziffern in sein Notizbuch. Zufällig geschah es, daß er bei -seinem Hantieren an einen mit Büchern beladenen Sessel stieß. Ein paar -Bände fielen herunter und er bückte sich, sie aufzuheben. Unter den Büchern -war ein kleines Handlexikon der Handwerksburschensprache. Man findet den -kleinen Kartonband fast in allen deutschen Handwerksburschenherbergen, ein -gut gemachtes und ergötzliches Büchlein. - -Der Schreiner, als er das ihm wohlbekannte Bändchen sah, blickte kurios zu -mir herüber, halb belustigt und halb mißtrauisch. - -»Was gibt's?« frage ich. - -»Mit Verlaub, ich sehe da ein Buch, das ich auch kenne. Haben Sie das -wirklich studiert?« - -»Studiert hab' ich die Kundensprache auf der Landstraße,« erwiderte ich, -»aber man schlägt schon gern einmal einen Ausdruck nach.« - -»Wahrhaftig!« rief er. »Ja sind Sie denn selber einmal auf der Walze -gewesen?« - -»Nicht ganz so wie Sie meinen. Aber gewandert bin ich genug und habe in -mancher Penne übernachtet.« - -Er hatte unterdeß die Bücher wieder aufgeschichtet und wollte gehen. - -»Wo haben Sie sich denn seinerzeit herumgeschlagen?« fragte ich ihn. - -»Von hier bis Koblenz, und später noch auf Genf hinunter. Es war nicht -meine schlechteste Zeit.« - -»Haben Sie auch ein paarmal gebrummt?« - -»Bloß einmal, in Durlach!« - -»Sie müssen mir noch erzählen, wenn Sie wollen. Sehen wir uns einmal bei -einem Schoppen?« - -»Nicht gern, Herr. Aber wenn Sie einmal nach Feierabend zu mir hereinkommen -und fragen: wie gehts? wie stehts? ist mirs schon recht. Wenn Sie nicht -bloß Schindluder mit mir treiben wollen.« - -Einige Tage später, es war bei Elisabeth offener Abend, blieb ich auf der -Straße stehen und besann mich, ob ich nicht lieber zu meinem Schreiner -gehen sollte. Und ich kehrte um, ließ den Gehrock zu Haus und besuchte den -Schreiner. Die Werkstatt war schon geschlossen und dunkel, ich stolperte -durch eine finstere Hausflur und einen engen Hof, kletterte im Hinterhaus -die Treppe auf und ab und fand schließlich an einer Türe einen -geschriebenen Schild mit des Meisters Namen. Eintretend gelangte ich direkt -in eine sehr kleine Küche, wo ein mageres Weib das Abendessen rüstete und -zugleich über drei Kinder zu wachen hatte, welche den engen Raum mit Leben -und erheblichem Getöse erfüllten. Befremdet führte mich die Frau in die -nächste Stube, wo der Schreiner mit der Zeitung am dämmerigen Fenster saß. -Er knurrte bedenklich, da er mich im Finstern für einen zudringlichen -Kunden hielt, dann erkannte er mich und gab mir die Hand. - -Da er überrascht und verlegen war, wandte ich mich den Kindern zu; sie -flohen vor mir in die Küche zurück und ich folgte nach. Da ich dort die -Hausfrau eine Reisspeise bereiten sah, erwachten in mir die Erinnerungen an -die Küche meiner umbrischen Padrona und ich beteiligte mich an der -Kocherei. Bei uns wird meistens der schöne Reis gewissenlos zu einer Art -Kleister verkocht, welcher nach gar nichts schmeckt und widerlich klebrig -zu essen ist. Auch hier war das Unglück schon im Gang und ich konnte eben -noch die Speise retten, indem ich nach Topf und Schaumlöffel langte und -mich eiligst der Zubereitung selber annahm. Die Frau fügte sich und war -erstaunt, der Reis gelang leidlich, wir trugen ihn auf, zündeten die Lampe -an und auch ich erhielt meinen Teller. - -Die Schreinersfrau verwickelte mich an diesem Abend in so eingehende -Gespräche über Küchenfragen, daß der Mann fast gar nicht zu Worte kam und -wir die Erzählung seiner Wanderabenteuer auf ein andermal verschieben -mußten. Übrigens spürten die Leutlein bald, daß ich nur äußerlich ein Herr, -eigentlich aber ein Bauernsohn und Kind des armen Volkes war, und so wurden -wir schon am ersten Abend befreundet und vertraulich miteinander. Denn wie -sie in mir den Gleichbürtigen erkannten, so witterte auch ich in dem -ärmlichen Hauswesen die Heimatlust der kleinen Leute. Die Menschen hatten -hier keine Zeit zu Feinheiten, zu Posen, zu Komödien, ihnen war das herbe -arme Leben auch ohne das Mäntelein der Bildung und höheren Interessen lieb -und viel zu gut, um es mit schönen Reden zu tapezieren. - -Immer öfter kam ich wieder und vergaß bei dem Schreiner nicht nur den -lumpigen Gesellschaftskram, sondern auch meine Traurigkeit und Nöte. Mir -war, ich fände hier ein Stück Kindheit für mich aufbewahrt und setze hier -das Leben fort, welches seinerzeit die Patres abgebrochen hatten, als sie -mich auf Schulen schickten. - -Über eine rissige und schweißgelbe Landkarte veralteten Stils gebückt -verfolgte der Schreiner mit mir seine und meine Fahrten und wir freuten uns -über jedes Stadttor und jede Gasse, die wir beide kannten, wir frischten -Handwerksburschenwitze auf und sangen sogar einmal mehrere von den -ewigjungen Straubingerliedern. Wir sprachen von den Sorgen des Handwerks, -vom Haushalt, von den Kindern, von städtischen Dingen und ganz allmählich -geschah es, daß der Meister und ich sachte die Rollen vertauschten und ich -der Dankbare, er der Gebende und Lehrende war. Ich fühlte aufatmend, daß -mich hier statt der Salontöne Realitäten umgaben. - -Unter seinen Kindern fiel ein fünfjähriges Mädchen durch seine zarte -Besonderheit auf. Sie hieß Agnes, doch rief man ihr Agi, war blond, blaß -und von schmächtigen Gliedern, hatte schüchterne, weite Augen und eine -sanfte Scheu im Wesen. Eines Sonntags, als ich die Familie zu einem -Spaziergang abholen wollte, war Agi krank. Die Mutter blieb bei ihr, wir -andere pilgerten langsam zur Stadt hinaus. Hinter Sankt Margreten setzten -wir uns auf eine Bank, die Kinder liefen Steinen, Blumen und Käfern nach -und wir Männer überschauten die sommerlichen Wiesen, den Binninger Friedhof -und den schönen bläulichen Zug des Jura. Der Schreiner war müde, bedrückt -und still und schien Sorgen zu haben. - -»Wo fehlt's, Meister?« fragte ich, als die Kinder weit genug weg waren. Er -sah mir verloren und traurig ins Gesicht. - -»Sehen Sie's denn nicht?« fing er an. »Die Agi will mir sterben. Ich weiß -es schon lang und hab mich gewundert, daß sie nur so alt geworden ist, sie -hat ja immer den Tod in den Augen gehabt. Aber jetzt müssen wir daran -glauben.« - -Ich fing zu trösten an, doch hörte ich bald von selber auf. - -»Sehen Sie,« lachte er traurig, »Sie glauben ja auch nicht dran, daß das -Kind durchkommt. Ich bin kein Stündler, wissen Sie, und geh auch nur alle -Jubeljahr einmal in die Kirche, aber das spür ich wohl, daß jetzt der -Herrgott ein Wörtlein mit mir reden will. 's ist ja nur ein Kind, und -gesund ist sie nie gewesen, aber weiß Gott, sie war mir lieber als die -andern zusammen.« - -Mit Gejodel und tausend kleinen Fragen kamen die Kinder dahergerannt, -umdrängten mich, ließen sich die Namen der Blumen und Gräser von mir sagen -und wollten schließlich Geschichten erzählt haben. Da erzählte ich ihnen -von den Blumen, Bäumen und Büschen, daß sie gleich den Kindern jedes eine -Seele und jedes seinen Engel haben. Auch der Vater hörte zu, lächelte und -gab je und je seine leise Bekräftigung. Wir sahen die Berge blauer werden, -hörten Abendgeläute und gingen heim. Auf den Wiesen lag ein rötlicher -Abendhauch, die fernen Münstertürme ragten klein und dünn in die warme -Luft, am Himmel ging das Sommerblau in schöne grünliche und goldige Farben -über, die Bäume hatten lange Schatten. Die Kleinen waren müd und still -geworden. Sie dachten an die Engel der Mohnblüten, Nelken und -Glockenblumen, indeß wir Alten an die kleine Agi dachten, deren Seele schon -bereit war Flügel zu empfangen und uns kleine bange Schar zu verlassen. - -In den zwei nächsten Wochen ging es gut. Das Mädchen schien zu genesen, -konnte für Stunden das Bett verlassen und sah in ihren kühlen Kissen -hübscher und vergnügter aus als je. Dann kamen ein paar fieberige Nächte -und nun sahen wir, ohne mehr davon zu reden, daß das Kind nur noch für -Wochen oder Tage unser Gast sein würde. Nur einmal kam ihr Vater darauf zu -sprechen. Es war in der Werkstatt. Ich sah ihn im Brettervorrat stöbern und -wußte von selber, daß er daran ging die Stücke für einen Kindersarg -zusammenzusuchen. - -»Es muß doch nächstens geschehen,« sagte er, »und da mach ich es lieber -nach Feierabend für mich allein.« - -Ich saß auf einer Hobelbank, während er an der anderen arbeitete. Als die -Bretter sauber behobelt waren, zeigte er sie mir mit einer Art von Stolz. -Es war ein schönes, gesund gewachsenes, fehlerloses Tannenholz. - -»Ich will auch keinen Nagel hineinschlagen, sondern die Teile schon -ineinanderpassen, daß es ein gutes und dauerhaftes Stück gibt. Aber für -heute ist's genug, wir wollen zur Frau hinauf gehen.« - -Die Tage vergingen, heiße, wundervolle Hochsommertage, und ich saß jeden -Tag eine Stunde oder zwei bei der kleinen Agi, erzählte ihr von den schönen -Wiesen und Wäldern, hielt ihr leichtes schmales Kinderhändlein in meiner -breiten Hand und sog mit ganzer Seele die liebe, lichte Anmut ein, die bis -zum letzten Tage um sie her war. - -Alsdann standen wir ängstlich und traurig dabei und sahen, wie der kleine -magere Körper noch einmal Kräfte sammelte, um mit dem starken Tode zu -kämpfen, der sie schnell und leicht bezwang. Die Mutter war still und -stark; der Vater lag über der Bettstatt und nahm hundertmal Abschied, -streichelte das Blondhaar und liebkoste seinen toten Liebling. - -Es kam die schlichte, kurze Feier der Beerdigung, und die beklommenen -Abende, da die Kinder nebenan in ihren Betten weinten. Es kamen die schönen -Gänge auf den Friedhof, wo wir das frische Grab bepflanzten und ohne zu -sprechen beieinander auf der Bank in den kühlen Anlagen saßen und an die -Agi dachten und mit anderen Augen als sonst die Erde betrachteten, in der -unser Liebling lag, und die Bäume und den Rasen, die darüber wuchsen, und -die Vögel, deren Spiel ungehemmt und fröhlich durch den stillen Friedhof -klang. - -Daneben ging der strenge Werktag seinen Lauf, die Kinder sangen wieder, -balgten sich, lachten und wollten Geschichten hören, und wir alle gewöhnten -uns unvermerkt daran, unsre Agi nimmer zu sehen und einen schönen, kleinen -Engel im Himmel zu haben. - -Über alle dem hatte ich die Gesellschaften des Professors gar nicht mehr -und das Haus Elisabeths nur wenige mal besucht, und dann war mir im lauen -Strom der Gespräche sonderbar ratlos und beklommen zu Mut gewesen. Jetzt -suchte ich beide Häuser auf und fand an beiden geschlossene Türen, da alles -längst auf dem Lande war. Erst jetzt bemerkte ich mit Erstaunen, daß ich -die heiße Jahreszeit und das Ferienmachen über der Freundschaft mit dem -Schreinershaus und über der Krankheit des Kindes ganz vergessen hatte. -Früher wäre es mir ganz unmöglich gewesen, den Juli und August in der Stadt -zu bleiben. - -Ich nahm für kurze Zeit Abschied und unternahm eine Fußreise durch den -Schwarzwald, die Bergstraße und den Odenwald. Unterwegs war es mir ein -ungewohntes Vergnügen, den Basler Schreinerskindern aus schönen Orten -Ansichtskarten zu senden und überall mir vorzustellen, wie ich ihnen und -ihrem Vater später von der Reise erzählen würde. - -In Frankfurt beschloß ich, mir noch ein paar Reisetage zu gönnen. In -Aschaffenburg, Nürnberg, München und Ulm genoß ich mit neuer Lust die Werke -der alten Kunst und schließlich machte ich noch ganz harmlos einen Halt in -Zürich. Bisher, in all den Jahren, hatte ich diese Stadt wie ein Grab -gemieden, nun schlenderte ich durch die bekannten Straßen, suchte die alten -Kneipen und Gärten wieder auf und konnte ohne Schmerz der vergangenen -schönen Jahre denken. Die Malerin Aglietti hatte geheiratet und man sagte -mir ihre Adresse. Gegen Abend ging ich hin, las an der Haustür ihres Mannes -Namen, sah an den Fenstern hinauf und zögerte einzutreten. Da begannen die -alten Zeiten mir lebendig zu werden und meine Jugendliebe erwachte halb aus -ihrem Schlaf mit leisem Schmerz. Ich kehrte um und habe mir das schöne Bild -der geliebten welschen Frau durch kein unnützes Wiedersehen verdorben. -Weiterschlendernd besuchte ich den Seegarten, wo die Künstler damals ihr -Sommernachtfest begangen hatten, schaute auch an dem Häuschen hinauf, in -dessen Mansarde ich drei kurze, gute Jahre gehaust hatte, und über alle den -Erinnerungen trat mir unversehens der Name Elisabeth auf die Lippen. Die -neue Liebe war doch stärker als ihre älteren Schwestern. Sie war auch -stiller, bescheidener und dankbarer. - -Um mir die gute Stimmung zu bewahren, nahm ich ein Boot und ruderte -behaglich langsam in den warmen, lichten See. Es wollte Abend werden und am -Himmel hing eine einzige schöne, schneeweiße Wolke. Ich hatte sie -fortwährend im Auge und nickte ihr zu, an die Wolkenliebe meiner Kinderzeit -denkend, und an Elisabeth, und auch an jene gemalte Wolke Segantinis, vor -welcher ich Elisabeth einmal so schön und hingegeben hatte stehen sehen. -Die durch kein Wort und unreines Begehren getrübte Liebe zu ihr hatte ich -nie so beglückend und reinigend empfunden wie jetzt, da ich beim Anblick -der Wolke ruhig und dankbar alles Gute meines Lebens übersah und statt der -frühern Wirren und Leidenschaften nur die alte Sehnsucht der Knabenzeit in -mir fühlte -- auch sie reifer und stiller geworden. - -Von jeher war ich gewohnt, zum ruhigen Takt der Ruderschläge irgend etwas -zu summen oder zu singen. Ich sang auch jetzt leise vor mich hin und merkte -erst im Singen, daß es Verse waren. Sie blieben mir im Gedächtnis und ich -schrieb sie zuhause auf, als Andenken an den schönen Züricher Seeabend. - - Wie eine weiße Wolke - Am hohen Himmel steht, - So licht und schön und ferne - Bist du, Elisabeth. - - Die Wolke geht und wandert, - Kaum hast du ihrer Acht, - Und doch durch deine Träume - Geht sie bei dunkler Nacht. - - Geht und erglänzt so selig, - Daß fortan ohne Rast - Du nach der weißen Wolke - Ein süßes Heimweh hast. - -In Basel fand ich einen Brief aus Assisi für mich daliegen. Er war von Frau -Annunziata Nardini, und voll erfreulicher Nachrichten. Sie hatte nun doch -einen zweiten Mann gefunden! Übrigens tue ich besser, ihn unverändert -mitzuteilen. - -Hochgeehrter und sehr lieber Herr Peter! - -Erlauben Sie Ihrer treuen Freundin die Freiheit, Ihnen einen Brief zu -schreiben. Es hat Gott gefallen mir ein großes Glück zu bescheren, und ich -möchte Sie auf den zwölften Oktober zu meiner Hochzeit einladen. Er heißt -Menotti und hat zwar wenig Geld, doch liebt er mich sehr und hat schon -früher mit Früchten gehandelt. Er ist hübsch, aber nicht so groß und schön -wie Sie, Herr Peter. Er wird auf der Piazza Obst verkaufen, während ich im -Laden bleibe. Auch die schöne Marietta vom Nachbar wird heiraten, jedoch -nur einen Maurer aus der Fremde. - -Ich habe jeden Tag an Sie gedacht und vielen Leuten von Ihnen erzählt. Ich -habe Sie sehr lieb und auch den Heiligen, welchem ich vier Kerzen zu Ihrem -Andenken gestiftet habe. Auch Menotti wird sehr froh sein, wenn Sie zur -Hochzeit kommen. Wenn er unfreundlich gegen Sie sein sollte, werde ich es -ihm verbieten. Leider hat sich gezeigt, daß der kleine Mattheo Spinelli -wirklich, wie ich stets gesagt habe, ein Bösewicht ist. Er hat mir oft -Citronen gestohlen. Jetzt ist er hinweggebracht worden, weil er seinem -Vater, dem Bäcker, zwölf Lire stahl und weil er den Hund des Bettlers -Giangiacomo vergiftet hat. - -Ich wünsche Ihnen den Segen Gottes und des Heiligen. Ich habe große -Sehnsucht nach Ihnen. - -Ihre untertänige und treue Freundin -Annunziata Nardini - -Nachschrift. - -Unsere Ernte war mäßig. Die Trauben standen sehr schlecht, auch Birnen gab -es nicht genug, aber die Limonen waren sehr reichlich, nur mußten wir sie -zu billig verkaufen. In Spello geschah ein schreckliches Unglück. Ein -junger Mensch hat seinen Bruder mit einer Harke erschlagen, man weiß nicht -weshalb, aber gewiß ist er eifersüchtig auf ihn gewesen, obwohl es sein -eigener Bruder war. - - * * * * * - -Leider konnte ich der verlockenden Einladung nicht folgen. Ich schrieb -meinen Glückwunsch und stellte meinen Besuch aufs nächste Frühjahr in -Aussicht. Dann ging ich mit dem Brief und mit einem mitgebrachten -Nürnberger Geschenk für die Kinder zu meinem Schreinermeister. - -Dort fand ich eine unerwartete große Veränderung. Abseits vom Tisch, gegen -das Fenster hin, hockte eine groteske, schiefe Menschengestalt in einem -Stuhl, der wie ein Kindersessel mit einer Brustwehr versehen war. Es war -Boppi, der Bruder der Meistersfrau, ein armer halb gelähmter Verwachsener, -für welchen nach dem kürzlich erfolgten Tod seiner alten Mutter nirgends -sich ein Plätzchen gefunden hatte. Widerstrebend hatte ihn der Schreiner -einstweilen zu sich genommen und die beständige Gegenwart des kranken -Krüppels lag wie ein Schrecken auf dem gestörten Hauswesen. Man hatte sich -noch nicht an ihn gewöhnt; den Kindern graute vor ihm, die Mutter war -mitleidig, verlegen und gedrückt, der Vater offenbar verstimmt. - -Boppi hatte auf einem häßlichen Doppelhöcker ohne Hals einen großen, -starkzügigen Kopf mit breiter Stirn, starker Nase und schönem leidendem -Munde sitzen, die Augen waren klar, aber still und etwas verängstigt, und -die merkwürdig kleinen und hübschen Hände lagen fortwährend weiß und ruhig -auf der schmalen Brustwehr. Auch ich war befangen und verstimmt über den -armen Eindringling, und zugleich war es mir peinlich, den Schreiner die -kurze Geschichte des Kranken erzählen zu hören, während dieser daneben saß -und auf seine Hände schaute, ohne von jemand angeredet zu werden. Krüppel -war er von Geburt, doch hatte er die Volksschule durchgemacht und konnte -jahrelang durch Strohflechten sich ein wenig nützlich machen, bis ihn -wiederholte Gichtanfälle teilweise lähmten. Seit Jahren lag er nun entweder -zu Bett oder saß in seinem sonderbaren Stuhl zwischen Kissen geklemmt. Die -Frau wollte wissen, er habe früher viel und schön für sich gesungen, doch -hatte sie ihn jahrelang nicht mehr gehört und hier im Hause hatte er noch -nie gesungen. Und während all dies erzählt und besprochen wurde, saß er da -und blickte vor sich hin. Mir ward nicht wohl dabei und ich ging bald -wieder weg und blieb die nächsten Tage dem Hause fern. - -Mein Leben lang war ich stark und gesund gewesen, hatte nie eine ernste -Krankheit gehabt und die Leidenden, namentlich Krüppel, mit Mitleid, aber -auch ein wenig verächtlich betrachtet; nun paßte es mir durchaus nicht, -mein behaglich heiteres Leben in der Handwerkerfamilie durch die -unerquickliche Last dieser elenden Existenz gestört zu finden. Ich verschob -darum einen zweiten Besuch von Tag zu Tag und sann vergeblich nach, wie ich -uns den lahmen Boppi vom Halse schaffen könnte. Es mußte sich irgend eine -Möglichkeit finden, ihn mit geringen Kosten in einem Spital oder Pfründhaus -unterzubringen. Mehrmals wollte ich den Schreiner aufsuchen, um mit ihm -darüber zu beraten, doch scheute ich mich, ungefragt davon anzufangen, und -vor der Begegnung mit dem Kranken hatte ich ein kindisches Grauen. Es war -mir widerlich, ihn immer zu sehen, ihm die Hand geben zu müssen. - -So ließ ich einen Sonntag verstreichen. Am zweiten Sonntag war ich schon im -Begriff, mit einem Frühzug in den Jura auszufliegen, schämte mich dann aber -doch meiner Feigheit, blieb da und ging nach Tisch zu dem Schreiner. - -Mit Widerstreben gab ich Boppi die Hand. Der Schreiner war ärgerlich und -schlug einen Spaziergang vor; er war, wie er mir mitteilte, des ewigen -Elends überdrüssig und ich freute mich, ihn meinen Vorschlägen zugänglich -zu wissen. Die Frau wollte dableiben, da bat sie der Krüppel, sie möchte -mitgehen, da er gut allein bleiben könne. Wenn er nur ein Buch und ein Glas -Wasser neben sich habe, könne man ihn einschließen und unbesorgt -zurücklassen. - -Und wir, die wir uns doch sämtlich für ganz leidliche und gutherzige Leute -hielten, schlossen ihn ein und gingen spazieren! Und wir waren vergnügt, -hatten unsern Spaß mit den Kindern, freuten uns der schönen goldigen -Herbstsonne, und keiner von uns schämte sich und keinem schlug das Herz, -daß wir den Lahmen allein im Hause hatten liegen lassen! Wir waren vielmehr -froh, seiner für eine Weile ledig zu sein, atmeten erleichtert die klare, -sonnenwarme Luft und boten den Anblick einer dankbaren und biederen -Familie, die Gottes Sonntag mit Verstand und Dank genießt. - -Erst als wir am Grenzacher Hörnli zu einem Glas Wein eingekehrt waren und -im Wirtsgarten um den Tisch saßen, kam der Vater auf Boppi zu sprechen. Er -klagte über den lästigen Gast, seufzte über die Beengung und Verteuerung -seines Haushalts und schloß lachend mit der Bemerkung: »Na, hier draußen -kann man wenigstens noch eine Stunde vergnügt sein, ohne daß er einen -stört!« - -Bei diesem unbedachten Wort sah ich plötzlich den armen Lahmen vor mir, -flehend und leidend, ihn, den wir nicht liebten, den wir loszuwerden -trachteten und der jetzt von uns verlassen und eingeschlossen einsam und -traurig in der dämmernden Stube saß. Es fiel mir ein, daß es nun bald zu -dunkeln beginnen müsse und daß er nicht im stande sein würde, Licht zu -machen oder dem Fenster näher zu rücken. Also würde er das Buch weglegen -und im Halbdunkel allein sitzen müssen, ohne Gespräch oder Zeitvertreib, -indes wir hier Wein tranken, lachten und uns vergnügten. Und es fiel mir -ein, wie ich den Nachbarn in Assisi vom heiligen Franz erzählt hatte und -wie ich geflunkert hatte, er hätte mich gelehrt alle Menschen liebzuhaben. -Wozu hatte ich das Leben des Heiligen studiert und seinen herrlichen Gesang -der Liebe auswendig gelernt und seine Spuren auf den umbrischen Hügeln -gesucht, wenn nun ein armer und hülfloser Mensch dalag und leiden mußte, -während ich davon wußte und ihn trösten konnte? - -Die Hand eines mächtigen Unsichtbaren legte sich auf mein Herz, drückte es -nieder und füllte es mit so viel Scham und Schmerz, daß ich zitterte und -unterlag. Ich wußte, daß Gott jetzt mit mir ein Wort reden wollte. - -»Du Dichter!« sagte er, »du Schüler des Umbriers, du Prophet, der die -Menschen Liebe lehren und beglücken will! Du Träumer, der in Winden und -Wassern meine Stimme hören möchte!« - -»Du liebst ein Haus,« sagte er, »wo man freundlich zu dir ist, wo du -angenehme Stunden hast! Und am selben Tag, da ich dies Haus meiner Einkehr -würdige, läufst du davon und sinnst darauf mich zu vertreiben! Du Heiliger! -Du Prophet! Du Dichter!« - -Mir war genau so zu Mute, als würde ich vor einen reinen, untrüglichen -Spiegel gestellt und ich erblickte mich darin als einen Lügner, als einen -Maulhelden, als einen Feigling und Wortbrüchigen. Das tut weh, das ist -bitter, peinigend und schrecklich; aber was in diesem Augenblick in mir -zerbrach und Qualen litt und sich verwundet bäumte, das war des Zerbrechens -und Untergehens wert. - -Gewaltsam und eilig nahm ich Abschied, ließ den Wein im Glase stehen und -das angebrochene Brot auf dem Tische liegen und ging in die Stadt zurück. -In meiner Erregung wurde ich von unausstehlicher Angst gepeinigt, es möchte -ein Unglück geschehen sein. Es konnte Feuer ausbrechen, der hilflose Boppi -konnte aus dem Stuhl gefallen sein und leidend oder tot am Boden liegen. -Ich sah ihn daliegen, ich glaubte dabei zu stehen und den stillen Vorwurf -im Blick des Krüppels sehen zu müssen. - -Atemlos erreichte ich die Stadt und das Haus, stürmte die Treppe hinan und -erst jetzt fiel mir ein, daß ich ja vor verschlossener Türe stehe und -keinen Schlüssel besaß. Doch legte sich sogleich meine Angst. Denn ehe ich -noch die Tür der Küche erreicht hatte, hörte ich drinnen Gesang. Es war ein -sonderbarer Augenblick. Mit Herzklopfen und ganz außer Atem stand ich auf -dem dunklen Absatz der Treppe und horchte, indem ich langsam wieder ruhig -ward, auf das Singen des eingeschlossenen Krüppels. Er sang leise, weich -und ein wenig klagend ein volkstümliches Liebeslied, vom »Blüemli wiß und -rot.« Ich wußte, daß er lang nicht mehr gesungen hatte, nun rührte es mich -ihn zu belauschen, wie er die stille Stunde benützte um in seiner Weise ein -wenig froh zu sein. - -Es ist nun einmal so: Das Leben liebt es neben ernste Ereignisse und tiefe -Gemütsbewegungen das Komische zu stellen. So empfand ich denn auch sogleich -das Lächerliche und Beschämende meiner Lage. In meiner plötzlichen Angst -war ich eine Stunde weit über Feld herbeigerannt, um nun ohne Schlüssel vor -der Küchenpforte zu stehen. Entweder mußte ich wieder abziehen oder dem -Lahmen meine guten Absichten durch zwei geschlossene Türen hindurch -zuschreien. Auf der Treppe stand ich mit meinem Vorsatz, den Armen zu -trösten, ihm Teilnahme zu zeigen und die Stunden zu verkürzen, und er saß -ahnungslos drinnen, sang und wäre ohne Zweifel nur erschrocken, wenn ich -mich durch Schreien oder Klopfen bemerklich gemacht hätte. - -Es blieb mir nichts übrig als wieder fortzugehen. Ich bummelte eine Stunde -durch die sonntäglich belebten Gassen, dann fand ich die Familie -heimgekehrt. Es kostete mich diesmal keine Überwindung, Boppi die Hand zu -drücken. Ich setzte mich neben ihn, knüpfte ein Gespräch an und fragte, was -er gelesen habe. Es lag nahe, ihm Lektüre anzubieten, und er war dankbar -dafür. Als ich ihm Jeremias Gotthelf empfahl, zeigte es sich, daß er dessen -Schriften fast alle kannte. Doch war ihm Gottfried Keller noch fremd und -ich versprach ihm dessen Bücher zu leihen. - -Am nächsten Tag, als ich die Bücher brachte, fand ich Gelegenheit mit ihm -allein zu sein, da die Frau eben ausgehen wollte und der Mann in der -Werkstätte war. Da bekannte ich ihm, wie sehr ich mich schäme ihn gestern -allein gelassen zu haben und daß ich froh wäre, manchmal bei ihm sitzen und -sein Freund sein zu dürfen. - -Der kleine Krüppel wendete seinen großen Kopf ein wenig zu mir herüber, sah -mich an und sagte »Danke schön.« Das war alles. Aber dies Wenden des Kopfes -hatte ihm Mühe gemacht und war so viel wert als zehn Umarmungen eines -Gesunden, und sein Blick war so hell und kindlich schön, daß mir vor -Beschämung das Blut ins Gesicht stieg. - -Nun war noch das Schwerere übrig, mit dem Schreiner zu reden. Es schien mir -am besten, ihm meine gestrige Angst und Scham geradeheraus zu beichten. -Leider verstand er mich nicht, doch ließ er mit sich darüber reden. Er nahm -es an, den Kranken als gemeinsamen Gast mit mir zu behalten, so daß wir die -geringen Kosten seiner Erhaltung teilten und mir die Erlaubnis blieb, nach -Belieben bei Boppi ein und aus zu gehen und ihn wie einen eigenen Bruder -anzusehen. - -Der Herbst blieb ungewöhnlich lange schön und warm. Darum war das erste, -was ich für Boppi tat, ihm einen Fahrstuhl zu besorgen und ihn täglich, -meist in Begleitung der Kinder, ins Freie zu führen. - - - - -VIII. - - -Es war immer mein Schicksal, daß ich vom Leben und von meinen Freunden viel -mehr empfing als ich geben konnte. Mit Richard, mit Elisabeth, mit Frau -Nardini und mit dem Schreiner war es mir so gegangen, und nun erlebte ich -es, daß ich in reifen Jahren und bei hinlänglicher Selbstschätzung der -erstaunte und dankbare Schüler eines elenden Krummen werden sollte. Wenn es -wirklich einmal dahin kommt, daß ich meine längst begonnene Dichtung -vollende und weggebe, so wird wenig Gutes darin stehen, das ich nicht von -Boppi gelernt hätte. Es begann eine gute, erfreuliche Zeit für mich, an der -ich zeitlebens reichlich zu zehren haben werde. Es ward mir gegönnt, klar -und tief in eine prachtvolle Menschenseele zu schauen, über welche -Krankheit, Einsamkeit, Armut und Mißhandlung nur wie leichte lose Wolken -hinweggeflogen waren. - -Alle die kleinen Laster, mit denen wir uns das schöne, kurze Leben -versalzen und verderben, der Zorn, die Ungeduld, das Mißtrauen, die Lüge -- -all diese leidigen schmierigen Schwären, die uns entstellen, hatte ein -langes und gründliches Leiden in diesem Menschen unter Schmerzen -ausgebrannt. Er war kein Weiser und kein Engel, aber er war ein Mensch voll -Verständnis und Hingabe, der über großen und schrecklichen Leiden und -Entbehrungen gelernt hatte, sich ohne Scham schwach zu fühlen und in Gottes -Hand zu geben. - -Einmal fragte ich ihn, wie es ihm gelänge sich immer mit seinem -schmerzenden und kraftlosen Leibe abzufinden. - -»Das ist sehr einfach,« lachte er freundlich. »Es ist eben ein ewiger Krieg -zwischen mir und der Krankheit. Bald gewinne ich eine Schlacht, bald -verliere ich eine, so balgen wir uns weiter, und zuweilen halten wir uns -auch beide still, schließen einen Waffenstillstand, passen einander auf und -liegen auf der Lauer, bis einer von uns wieder frech wird und der Krieg -aufs neue losgeht.« - -Bis dahin hatte ich stets geglaubt, ein sicheres Auge zu haben und ein -guter Beobachter zu sein. Boppi wurde aber auch darin mein bewunderter -Lehrmeister. Da er an der Natur und namentlich an Tieren eine große Freude -hatte, führte ich ihn häufig in den zoologischen Garten. Dort hatten wir -ganz köstliche Stunden. Boppi kannte nach kurzer Zeit jedes einzelne Tier -und da wir stets Brot und Zucker mitbrachten, kannten manche Tiere auch uns -und wir schlossen allerlei Freundschaften. Eine besondere Vorliebe hatten -wir für den Tapir, dessen einzige Tugend eine seiner Gattung sonst nicht -eigene Reinlichkeit ist. Im übrigen fanden wir ihn eingebildet, wenig -intelligent, unfreundlich, undankbar und höchst gefräßig. Andere Tiere, -namentlich der Elefant, die Rehe und Gemsen, sogar der ruppige Bison, -zeigten für den empfangenen Zucker stets eine gewisse Dankbarkeit, indem -sie uns entweder vertraulich anblickten oder es gerne duldeten, sich von -mir streicheln zu lassen. Beim Tapir war keine Spur davon. Sobald wir in -seine Nähe kamen, erschien er prompt am Gitter, fraß langsam und gründlich -was er von uns erhielt und zog sich, wenn er sah daß nichts mehr für ihn -abfiel, ohne Sang und Klang wieder zurück. Wir fanden darin ein Zeichen von -Stolz und Charakter und da er das ihm Zugedachte weder erbettelte noch -dafür dankte, sondern wie einen selbstverständlichen Tribut leutseligst -entgegennahm, nannten wir ihn den Zolleinnehmer. Zuweilen erhob sich, da -Boppi die Tiere meist nicht selber füttern konnte, ein Streit darüber, ob -der Tapir nun genug habe oder ob ihm noch ein weiteres Stückchen zukäme. -Wir erwogen das mit einer Sachlichkeit und eingehenden Prüfung, als wäre es -eine Staatsaktion. Einst waren wir schon am Tapir vorüber, als Boppi -meinte, wir hätten ihm doch noch ein Stück Zucker mehr geben sollen. Also -kehrten wir wieder um, der inzwischen aufs Strohlager zurückgekehrte Tapir -aber blinzelte hochmütig herüber und kam nicht ans Gitter. »Entschuldigen -Sie gütigst, Herr Einnehmer,« rief Boppi ihm zu, »aber ich glaubte wir -hätten uns um einen Zucker geirrt.« Und weiter gings zum Elefanten, der -schon voll Erwartung hin und her watschelte und uns seinen warmen, -beweglichen Rüssel entgegen streckte. Ihn konnte Boppi selbst füttern, und -er sah mit kindlicher Wonne zu, wie der Riese den geschmeidigen Rüssel zu -ihm herüber bog, das Brot aus seiner flachen Hand aufnahm und uns aus den -fidelen, winzigen Äuglein schlau und wohlwollend anblinzelte. - -Mit einem Wärter kam ich überein, daß ich Boppi in seinem Fahrstuhl im -Garten stehen lassen durfte, wenn ich nicht Zeit hatte bei ihm zu bleiben, -so daß er auch an solchen Tagen in der Sonne sein und die Tiere sehen -konnte. Nachher erzählte er mir von allem, was er gesehen hatte. Besonders -imponierte es ihm zu sehen, wie höflich der Löwe seine Gattin behandelte. -Sobald sie sich niederlegte um zu ruhen, gab er seinem rastlosen -Hinundhergehen eine solche Richtung, daß er sie dabei weder berührte noch -störte noch über sie hinweg schritt. Am meisten Unterhaltung fand Boppi -beim Fischotter. Er wurde nicht müde, die biegsamen Schwimm- und Turnkünste -des beweglichen Tieres zu betrachten und seine helle Freude daran zu haben, -während er selbst unbeweglich in seinem Stuhle lag und zu jeder Bewegung -des Kopfs und der Arme Mühe aufwenden mußte. - -Es war einer der schönsten Tage jenes Herbstes, als ich Boppi meine beiden -Liebesgeschichten erzählte. Wir waren miteinander so vertraut geworden, daß -ich ihm auch diese weder erfreulichen noch rühmlichen Erlebnisse nicht mehr -verschweigen konnte. Er hörte freundlich und ernsthaft zu, ohne etwas zu -sagen. Später aber gestand er mir sein Verlangen, Elisabeth, die weiße -Wolke, einmal zu sehen und bat mich gewiß daran zu denken, falls wir ihr -einmal auf der Straße begegneten. - -Da das sich nie ereignen wollte und die Tage kühl zu werden begannen, ging -ich zu Elisabeth und bat sie, dem armen Buckligen diese Freude zu machen. -Sie war gütig und tat mir den Willen und am bestimmten Tage ließ sie sich -von mir abholen und in den Tiergarten begleiten, wo Boppi im Fahrstuhl -wartete. Als die schöne, wohlgekleidete und feine Dame dem Krüppel die Hand -gab und sich ein wenig zu ihm hinabbückte, und als der arme Boppi aus dem -vor Freude glänzenden Gesicht die großen, guten Augen dankbar und fast -zärtlich zu ihr aufschlug, hätte ich nicht entscheiden mögen, wer von den -beiden in diesem Augenblick schöner war und meinem Herzen näher stand. Die -Dame sprach ein paar freundliche Worte, der Krüppel wandte den glänzenden -Blick nicht von ihr, und ich stand daneben und wunderte mich, die beiden -Menschen, die ich am liebsten hatte und welche das Leben durch eine weite -Kluft von einander trennte, einen Augenblick Hand in Hand vor mir zu sehen. -Boppi sprach den ganzen Nachmittag von nichts mehr als von Elisabeth, -rühmte ihre Schönheit, ihre Vornehmheit, ihre Güte, ihre Kleider, gelbe -Handschuhe und grüne Schuhe, ihren Gang und Blick, ihre Stimme und ihren -schönen Hut, während es mir schmerzlich und komisch erschien zugesehen zu -haben, wie meine Geliebte meinem Herzensfreund ein Almosen gab. - -Inzwischen hatte Boppi den »grünen Heinrich« und die Seldwyler gelesen und -war in der Welt dieser einzigen Bücher so heimisch geworden, daß wir am -Schmoller Pankraz, am Albertus Zwiehan und an den gerechten Kammmachern -gemeinsame liebe Freunde besaßen. Eine Weile schwankte ich, ob ich ihm auch -etwas von C. F. Meyers Büchern geben solle, doch schien es mir -wahrscheinlich, daß er die fast lateinische Prägnanz seiner allzu gepreßten -Sprache nicht schätzen würde, auch trug ich Bedenken, den Abgrund der -Geschichte vor diesem heiter stillen Auge zu öffnen. Statt dessen erzählte -ich ihm vom heiligen Franz und gab ihm Mörikes Erzählungen zu lesen. -Merkwürdig war mir sein Geständnis, daß er die Geschichte von der schönen -Lau großenteils nicht hätte genießen können, wenn er nicht so oft am Bassin -des Fischotters gestanden wäre und sich dabei allerlei fabelhaften -Wasserphantasieen hingegeben hätte. - -Lustig war es, wie wir so allmählich in die Duzbrüderschaft hinein -gerieten. Ich hatte sie ihm nie angeboten, er hätte sie auch nicht -angenommen; so aber kam es ganz von selber, daß wir einander immer häufiger -duzten, und als wir es eines Tages merkten, mußten wir lachen und ließen es -nun für immer dabei. - -Als der anbrechende Vorwinter unsre Ausfahrten unmöglich machte und ich nun -wieder Abende lang in der Wohnstube von Boppis Schwager saß, merkte ich -nachträglich, daß mir meine neue Freundschaft doch nicht so ganz ohne Opfer -in den Schoß gefallen war. Der Schreiner nämlich war fortwährend mürrisch, -unfreundlich und wortkarg. Auf die Dauer verdroß ihn nicht nur die lästige -Gegenwart des unnützen Mitessers, sondern ebenso sehr mein Verhältnis zu -Boppi. Es kam vor, daß ich einen ganzen Abend vergnüglich mit dem Lahmen -schwatzte, indes der Hausherr ärgerlich mit der Zeitung daneben saß. Auch -mit der sonst ungemein geduldigen Frau kam er auseinander, da sie diesmal -fest auf ihrem Willen bestand und durchaus nicht dulden wollte, daß Boppi -anderwärts untergebracht werde. Mehrmals versuchte ich ihn versöhnlicher zu -stimmen oder ihm neue Vorschläge zu machen, doch war nichts mit ihm -anzufangen. Er begann sogar bissig zu werden, meine Freundschaft mit dem -Krüppel zu verhöhnen und diesem selbst das Leben sauer zu machen. Freilich -war der Kranke samt mir, der ich täglich viel bei ihm saß, dem ohnehin -engen Haushalt eine lästige Bürde, aber ich hoffte noch immer, der -Schreiner möchte sich uns anschließen und den Kranken lieb gewinnen. Mir -war es schließlich unmöglich, irgend etwas zu tun oder zu lassen, womit ich -nicht entweder den Schreiner verletzt oder Boppi benachteiligt hätte. Da -ich alle raschen und zwingenden Entschlüsse hasse -- schon in der Züricher -Zeit hatte Richard mich Petrus Cunctator getauft, -- wartete ich wochenlang -zu und litt beständig an der Furcht, die Freundschaft des einen oder -vielleicht beider zu verlieren. - -Die wachsende Unbehaglichkeit dieser unklaren Verhältnisse trieb mich -wieder häufiger in die Kneipen. Eines Abends, nachdem die leidige -Geschichte mich wieder besonders geärgert hatte, verfügte ich mich in eine -kleine Waadtländer Weinschenke und rückte dem Übel mit mehreren Litern zu -Leibe. Zum erstenmal seit zwei Jahren hatte ich wieder einmal Mühe, -aufrecht nach Hause zu gehen. Tags darauf war ich, wie stets nach einer -starken Zeche, bei wohlig kühler Laune, faßte Mut und suchte den Schreiner -auf, um die Komödie endlich zum Abschluß zu bringen. Ich schlug ihm vor, er -möge mir Boppi ganz überlassen, und er zeigte sich nicht abgeneigt, sagte -auch nach mehrtägiger Bedenkzeit wirklich zu. - -Bald darauf bezog ich mit meinem armen Buckligen eine neugemietete Wohnung. -Ich kam mir vor als hätte ich geheiratet, da ich nun statt der gewohnten -Junggesellenbude einen ordentlichen kleinen Haushalt zu Zweien beginnen -sollte. Aber es ging, wenn ich auch im Anfang manche unglückliche -Wirtschaftsexperimente anstellte. Zum Ordnungmachen und Waschen kam ein -Laufmädchen, das Essen ließen wir uns ins Haus tragen, und bald war uns -beiden ganz warm und wohl bei diesem Zusammenleben. Die Nötigung, auf meine -sorglosen kleinen und größern Wanderungen künftig zu verzichten, -erschreckte mich einstweilen nicht. Beim Arbeiten empfand ich sogar das -stille Nahesein des Freundes beruhigend und förderlich. Die kleinen -Krankendienste waren mir neu und im Anfang wenig erquicklich, namentlich -das Aus- und Ankleiden: aber mein Freund war so geduldig und dankbar, daß -ich mich schämte und mir Mühe gab, ihn sorgfältig zu bedienen. - - * * * * * - -Zu meinem Professor war ich wenig mehr gekommen, öfters zu Elisabeth, deren -Haus mich trotz allem mit stetigem Zauber anzog. Dort saß ich dann, trank -Tee oder ein Glas Wein, sah sie die Wirtin spielen und hatte zuweilen -sentimentale Anwandlungen dabei, obwohl ich gegen alle etwaigen -Wertherischen Gefühle in mir mit beständigem Spott zu Felde lag. Der -weichliche, jugendliche Liebesegoismus war allerdings endgültig von mir -gewichen. So war ein zierlicher, vertraulicher Kriegszustand zwischen uns -das richtige Verhältnis, und wir kamen wirklich selten zusammen, ohne uns -freundschaftlichst zu zanken. Der bewegliche und nach Frauenart etwas -verzogene Verstand der klugen Frau traf mit meinem zugleich verliebten und -ruppigen Wesen nicht übel zusammen und da wir im Grunde beide einander -hochachteten, konnten wir desto energischer über jede lausige Kleinigkeit -in Kampf geraten. Mir war es namentlich komisch, das Junggesellentum gegen -sie zu verteidigen -- gegen die Frau, die ich noch vor kurzem ums Leben -gern geheiratet hätte. Ich durfte sie sogar mit ihrem Mann necken, der ein -guter Bursche und stolz auf seine geistreiche Frau war. - -In der Stille brannte die alte Liebe in mir fort, nur war es nicht mehr das -frühere anspruchsvolle Feuerwerk, sondern eine gute und dauerhafte Glut, -die das Herz jung hält und an der sich ein hoffnungsloser Hagestolz -gelegentlich an Winterabenden die Finger wärmen darf. Seit vollends Boppi -mir nahe stand und mich mit dem wundervollen Wissen um ein beständiges, -ehrliches Geliebtsein umgab, konnte ich meine Liebe ohne Gefahr als ein -Stück Jugend und Poesie in mir leben lassen. - -Übrigens gab mir Elisabeth je und je durch ihre recht frauenhaften Malicen -Gelegenheit, mich abzukühlen und mich meines Junggesellentums herzlich zu -freuen. - -Seit der arme Boppi meine Wohnung teilte, vernachlässigte ich auch -Elisabeths Haus mehr und mehr. Mit Boppi las ich Bücher, blätterte -Reisealbums und Tagebücher durch, spielte Domino; wir schafften zu unsrer -Erheiterung einen Pudel an, beobachteten den Winterbeginn vom Fenster aus -und führten täglich eine Menge kluger und dummer Gespräche. Der Kranke -hatte sich eine überlegene Weltanschauung erworben, eine von gütigem Humor -erwärmte sachliche Betrachtung des Lebens, von der ich täglich zu lernen -hatte. Als starke Schneefälle eintraten und der Winter vor den Fenstern -seine reinliche Schönheit entfaltete, spannen wir uns mit knabenhafter -Wollust beim Ofen in ein heimeliges Stubenidyll ein. Die Kunst der -Menschenkenntnis, nach der ich mir so lang umsonst die Sohlen abgelaufen -hatte, lernte ich bei dieser Gelegenheit so nebenher mit. Boppi stak -nämlich, als stiller und scharfer Zuschauer, voll von Bildern aus dem Leben -seiner früheren Umgebungen und konnte, wenn er einmal angesetzt hatte, -wundervoll erzählen. Der Krüppel hatte in seinem Leben kaum mehr als drei -Dutzend Menschen kennen gelernt und war nie im großen Strome -mitgeschwommen, trotzdem kannte er das Leben viel besser als ich, denn er -war gewohnt auch das Kleinste zu sehen und in jedem Menschen eine Quelle -von Erlebnissen, Freude und Erkenntnis zu finden. - -Unser Lieblingsvergnügen war nach wie vor die Freude an der Tierwelt. Über -die Tiere des zoologischen Gartens, die wir nicht mehr besuchen konnten, -erfanden wir nun Geschichten und Fabeln aller Art. Die meisten davon -erzählten wir nicht, sondern trugen sie aus dem Stegreif als Dialoge vor. -Zum Beispiel eine Liebeserklärung zwischen zwei Papageien, -Familienzerwürfnisse unter den Bisons, Abendunterhaltungen der -Wildschweine. - -»Wie gehts Ihnen denn, Herr Marder?« - -»Danke schön, Herr Fuchs, so leidlich. Sie wissen ja, als ich gefangen -ward, verlor ich meine liebe Gattin. Sie hieß Pinselschwanz, wie ich schon -die Ehre hatte Ihnen zu sagen. Eine Perle, versichere ich Ihnen, eine --.« - -»Ach lassen Sie doch die alten Geschichten, Herr Nachbar, Sie haben mir das -von der Perle, wenn ich nicht irre, schon öfters erzählt. Lieber Gott, man -lebt schließlich nur einmal und darf sich das bißchen Vergnügen nicht noch -verderben.« - -»Bitte sehr, Herr Fuchs, wenn Sie meine Gemahlin gekannt hätten, würden Sie -mich besser verstehen.« - -»Aber gewiß, gewiß. Also sie hieß Pinselschwanz, nicht wahr? Ein schöner -Name, so was zum Streicheln! Aber was ich eigentlich sagen wollte -- Sie -haben doch bemerkt, wie sehr die leidige Sperlingsplage wieder zunimmt? Ich -habe da so einen kleinen Plan?« - -»Wegen der Sperlinge?« - -»Wegen der Sperlinge. Sehen Sie, ich dachte mir das so: Wir legen etwas -Brot vors Gitter, legen uns ruhig hin und warten die Kerls ab. Es müßte des -Teufels sein, wenn wir nicht so ein Vieh erwischen könnten. Was meinen -Sie?« - -»Vortrefflich, Herr Nachbar!« - -»Also haben Sie die Güte etwas Brot hinzulegen. -- So, schön! Aber -vielleicht schieben Sie es etwas mehr nach rechts herüber, dann kommt es -uns beiden zu gut. Ich bin nämlich im Augenblick leider ohne alle Mittel. -So ist's gut. Also aufgepaßt! Wir legen uns jetzt nieder, schließen die -Augen -- pst, da kommt schon einer geflogen!« (Pause.) - -»Nun, Herr Fuchs, noch nichts?« - -»Wie ungeduldig Sie sind! Als ob Sie zum erstenmal auf der Jagd wären! Ein -Jäger muß warten können, warten und wieder warten. Also noch einmal!« - -»Ja wo ist denn das Brot hingekommen?« - -»Pardon?« - -»Das Brot ist ja gar nimmer da.« - -»Nicht möglich! Das Brot? Wahrhaftig -- verschwunden! Da soll doch das -Donnerwetter! Natürlich wieder der verdammte Wind.« - -»Na, ich habe so meine Gedanken. Mir war doch vorher, ich hörte Sie was -essen.« - -»Was? Ich etwas gegessen? Was denn?« - -»Das Brot vermutlich.« - -»Sie sind beleidigend deutlich in Ihren Vermutungen, Herr Marder. Man muß -ja von Nachbarsleuten ein Wort vertragen können, aber das ist zu viel. Das -ist zu viel, sage ich. Haben Sie mich verstanden? -- Nun soll ich das Brot -gegessen haben! Was glauben Sie eigentlich? Erst soll ich die fade -Geschichte von Ihrer Perle zum tausendstenmal anhören, dann habe ich eine -gute Idee, wir legen das Brot hinaus --« - -»Das war ich! Ich habe das Brot hergegeben.« - -»-- wir legen das Brot hinaus, ich lege mich hin und passe auf, alles geht -gut, da kommen Sie mit Ihrem Geschwätz dazwischen -- die Spatzen natürlich -auf und davon, die Jagd verhunzt, und nun soll ich auch noch das Brot -gefressen haben! Na Sie können warten, bis ich wieder mit Ihnen verkehre.« - -Dabei gingen Nachmittage und Abende leicht und schnell vorüber. Ich war -bester Laune, arbeitete gern und rasch und wunderte mich, daß ich früher so -träg und verdrossen und schwerlebig gewesen war. Die besten Zeiten mit -Richard waren nicht schöner gewesen als diese stillen, heiteren Tage, da -draußen die Flocken tanzten und am Ofen wir zwei samt dem Pudel es uns wohl -sein ließen. - -Und da mußte mein lieber Boppi seine erste und letzte Dummheit begehen! Ich -in meiner Zufriedenheit war natürlich blind und sah nicht, daß er mehr litt -als sonst. Aber er, aus lauter Bescheidenheit und Liebe, tat vergnügter als -je, klagte nicht, verbot mir nicht einmal das Rauchen, und dann lag er -nachts und litt und hustete und stöhnte leis. Ganz zufällig, als ich einmal -in der Stube neben ihm in die Nacht hinein schrieb und er mich längst zu -Bett glaubte, hörte ich, wie er stöhnte. Der arme Kerl war ganz erschrocken -und verdonnert, als ich plötzlich mit der Lampe in seine Schlafkammer trat. -Ich stellte das Licht beiseite, setzte mich zu ihm aufs Bett und stellte -ein Verhör an. Lange versuchte er auszukneifen, dann kam es endlich doch -heraus. - -»Es ist ja nicht so schlimm,« sagte er schüchtern. »Nur bei manchen -Bewegungen das krampfhafte Gefühl im Herzen, und manchmal auch beim Atmen.« - -Er entschuldigte sich geradezu, als wäre sein Kränkerwerden ein Verbrechen! - -Morgens ging ich zu einem Arzt. Es war ein schöner, frostklarer Tag, -unterwegs ließ meine Beklemmung und Sorge nach, ich dachte sogar an -Weihnachten und besann mich, mit was ich Boppi eine Freude machen könnte. -Der Arzt war noch zu Hause und kam auf mein dringendes Bitten mit. Wir -fuhren in seinem bequemen Wagen, wir stiegen die Treppe hinauf, wir kamen -in die Kammer zu Boppi, es begann ein Betasten und Klopfen und Horchen, und -während der Arzt nur ein wenig ernsthafter und seine Stimme ein bißchen -gütiger wurde, ging in mir alle Fröhlichkeit unter. - -Gicht, Herzschwäche, ernster Fall -- ich hörte zu und schrieb mir auch -alles auf und war über mich selber erstaunt, daß ich mich gar nicht wehrte, -als der Arzt die Überführung ins Spital gebot. - -Nachmittags kam der Krankenwagen und als ich vom Spital zurückkam, war mir -in der Wohnung schrecklich zu mut, wo der Pudel sich an mich drängte und -der große Stuhl des Kranken beiseite gestellt und nebenan die leergewordene -Kammer war. - -So ist es mit dem Liebhaben. Es bringt Schmerzen, und ich habe deren in der -folgenden Zeit viel erlitten. Aber es liegt so wenig daran, ob man -Schmerzen leidet oder keine! Wenn nur ein starkes Mitleben da ist und wenn -man nur das enge, lebendige Band verspürt, mit dem alles Lebende an uns -hängt, und wenn nur die Liebe nicht kühl wird! Ich gäbe alle heiteren Tage, -die ich je gehabt, samt allen Verliebtheiten und samt meinen Dichterplänen, -wenn ich dafür noch einmal so ins Allerheiligste hineinsehen dürfte, wie in -jener Zeit. Es tut den Augen und dem Herzen bitter weh, und auch der schöne -Stolz und Eigendünkel bekommt seine bösen Stiche ab, aber nachher ist man -so still, so bescheiden, so viel reifer und im Innersten lebendiger! - -Schon mit der kleinen, blonden Agi war damals ein Stück von meinem alten -Wesen gestorben. Jetzt sah ich meinen Buckligen, dem ich meine ganze Liebe -geschenkt und mit dem ich mein ganzes Leben geteilt hatte, leiden und -langsam, langsam sterben, und litt an jedem Tage mit und hatte meinen -Anteil an allem Schrecklichen und Heiligen des Sterbens. Ich war noch ein -Anfänger in der ars amandi und sollte gleich mit einem ernsten Kapitel der -ars moriendi beginnen. Von dieser Zeit schweige ich nicht, wie ich von -Paris geschwiegen habe. Von ihr will ich laut reden wie eine Frau von ihrer -Brautzeit und wie ein alter Mann von seinen Knabenjahren. - -Ich sah einen Menschen sterben, dessen Leben nur Leiden und Liebe gewesen -war. Ich hörte ihn scherzen wie ein Kind, während er die Arbeit des Todes -in sich spürte. Ich sah, wie aus schweren Schmerzen heraus sein Blick mich -suchte, nicht um bei mir zu betteln, sondern um mich aufzurichten und um -mir zu zeigen, daß diese Krämpfe und Leiden das Beste in ihm unversehrt -gelassen hatten. Dann waren seine Augen groß und man sah sein verwelkendes -Gesicht nicht mehr, nur den Glanz seiner großen Augen. - -»Kann ich dir etwas tun, Boppi?« - -»Erzähl mit was. Vielleicht vom Tapir.« - -Ich erzählte vom Tapir, er schloß die Augen und ich hatte meine Mühe, zu -sprechen wie sonst, denn das Weinen stand mir fortwährend nahe. Und wenn -ich glaubte, er höre mich nicht mehr oder schlafe, dann verstummte ich -sogleich. Da machte er wieder die Augen auf. - -»-- Und dann?« - -Und ich erzählte weiter, vom Tapir, vom Pudel, von meinem Vater, vom -kleinen bösen Mattheo Spinelli, von Elisabeth. - -»Ja, sie hat einen dummen Kerl geheiratet. So geht's, Peter!« - -Oft fing er plötzlich an vom Sterben zu sprechen. - -»Es ist kein Spaß, Peter. Die allerschwerste Arbeit ist nicht so schwer wie -Sterben. Aber man macht's doch durch.« - -Oder: »Wenn die Quälerei überstanden ist, kann ich schon lachen. Bei mir -lohnt sich das Sterben doch, ich werde einen Schnitzbuckel, einen kurzen -Fuß und eine lahme Hüfte los. Bei dir wird's einmal schad sein, mit deinen -breiten Schultern und schönen gesunden Beinen.« - -Und einmal, in den letzten Tagen, wachte er aus einem kurzen Schlummer auf -und sagte ganz laut: - -»Es gibt gar keinen solchen Himmel, wie der Pfarrer meint. Der Himmel ist -viel schöner. Viel schöner.« - -Die Schreinersfrau kam oft und zeigte sich in kluger Weise teilnehmend und -hülfsbereit. Der Schreiner blieb zu meinem großen Bedauern ganz aus. - -»Was meinst du,« fragte ich Boppi gelegentlich, »wird im Himmel auch ein -Tapir sein?« - -»O ja,« sagte er und nickte noch dazu. »Es sind alle Arten Tiere dort, auch -Gemsen.« - -Die Weihnachtszeit kam und wir hatten eine kleine Feier an seinem Bett. Es -trat starker Frost ein, es taute wieder, und Neuschnee fiel auf das -Glatteis, aber ich merkte nichts von allem. Ich hörte, Elisabeth habe einen -Knaben geboren, und ich vergaß es wieder. Es kam ein drolliger Brief von -Frau Nardini; ich las ihn flüchtig durch und legte ihn beiseite. Meine -Arbeiten erledigte ich im Galopp mit dem steten Bewußtsein, jede Stunde mir -und dem Kranken zu stehlen. Dann lief ich gehetzt und ungeduldig ins -Krankenhaus, und dort war eine heitere Stille und ich saß halbe Tage an -Boppis Bett, von einem traumhaft tiefen Frieden umgeben. - -Er hatte kurz vor dem Ende noch einige bessere Tage. Da war es merkwürdig, -wie die kaum verflossene Zeit in seiner Erinnerung erloschen schien und er -ganz in den früheren Jahren lebte. Zwei Tage lang sprach er von nichts als -von seiner Mutter. Er konnte ja nicht lang reden, aber man sah auch in den -stundenlangen Pausen, daß er an sie dachte. - -»Ich habe dir viel zu wenig von ihr erzählt,« klagte er, »du mußt nichts -von dem vergessen, was sie betrifft, sonst gibt es bald niemand mehr, der -von ihr weiß und ihr dankbar ist. Es wäre gut, Peter, wenn alle Leute so -eine Mutter hätten. Sie hat mich nicht ins Armenhaus getan, als ich nimmer -arbeiten konnte.« - -Er lag und atmete mühselig. Eine Stunde verging, da fing er wieder an: - -»Sie hat mich am liebsten gehabt von allen ihren Kindern und hat mich bei -sich behalten, bis sie gestorben ist. Die Brüder sind ausgewandert und die -Schwester hat den Schreiner geheiratet, aber ich bin zu Haus gesessen und -so arm sie war, hat sie mich's nie entgelten lassen. Du darfst meine Mutter -nicht vergessen, Peter. Sie war ganz klein, vielleicht noch kleiner als -ich. Wenn sie mir die Hand gab, war es gerade so, wie wenn sich ein winzig -kleiner Vogel draufgesetzt hätte. Es langt ein Kindersarg für sie, hat der -Nachbar Rütimann gesagt, wie sie gestorben ist.« - -Auch für ihn hätte schier ein Kindersarg hingereicht. Er lag so -verschwunden und klein in seinem sauberen Spitalbett, und seine Hände sahen -nun wie kranke Frauenhände aus, lang, schmal, weiß und ein wenig gekrümmt. -Als er aufhörte, von seiner Mutter zu träumen, kam ich an die Reihe. Er -sprach von mir, als säße ich nicht dabei. - -»Er ist ein Pechvogel, nun freilich, aber es hat ihm nichts geschadet. -Seine Mutter ist zu früh gestorben.« - -»Kennst du mich noch, Boppi?« fragte ich. - -»Jawohl, Herr Camenzind,« sagte er scherzhaft und lachte ganz leise. - -»Wenn ich nur singen könnte,« meinte er gleich darauf. - -Am letzten Tage fragte er noch: »Du, kostet es viel hier im Spital? Es -könnte zu teuer werden.« - -Doch erwartete er keine Antwort. Eine feine Röte stieg ihm in das weiße -Gesicht, er schloß die Augen und sah eine Weile aus wie ein überaus -glücklicher Mensch. - -»Es geht zu Ende,« sagte die Schwester. - -Aber er öffnete die Augen noch einmal, sah mich schelmisch an und bewegte -die Brauen so, als wollte er mir zunicken. Ich stand auf, legte die Hand -unter seine linke Schulter und hob ihn sachte ein klein wenig, was ihm -jedesmal wohltat. So auf meiner Hand liegend verzog er noch einmal in -kurzem Schmerz die Lippen, dann drehte er den Kopf ein wenig und -schauderte, als fröre ihn plötzlich. Das war die Erlösung. - -»Ist's gut, Boppi?« fragte ich noch. Er war aber schon seiner Leiden ledig -und erkaltete mir in der Hand. Es war am siebenten Januar, eine Stunde nach -Mittag. Gegen Abend machten wir alles fertig und der kleine, verwachsene -Körper lag friedlich und sauber ohne weitere Entstellungen da bis es Zeit -war ihn wegzubringen und zu begraben. Während dieser zwei Tage war ich -beständig darüber verwundert, daß ich weder besonders traurig noch ratlos -war und nicht einmal weinen mußte. Ich hatte die Trennung und den Abschied -so gründlich während der Krankheit durchempfunden, daß nun wenig mehr davon -überblieb und die schwankende Schale meines Schmerzes langsam und -erleichtert wieder in die Höhe stieg. - -Trotzdem schien es mir jetzt an der Zeit, die Stadt in aller Stille zu -verlassen und mich irgendwo, womöglich im Süden, auszuruhen und das nur -erst grob angelegte Gefäde meiner Dichtung einmal ernstlich auf den -Webstuhl zu spannen. Ein wenig Geld hatte ich übrig, also hing ich meine -literarischen Verpflichtungen an den Nagel und richtete mich ein, beim -ersten Frühlingsbeginn zu packen und abzureisen. Zunächst nach Assisi, wo -die Gemüsehändlerin meinen Besuch erwartete, dann zu tüchtiger Arbeit in -ein möglichst stilles Bergnest. Mir schien ich habe nun ein hinreichendes -Stück Leben und Tod gesehen, um etwa andern Leuten zumuten zu dürfen, mich -darüber ein wenig räsonnieren zu hören. In wohliger Ungeduld wartete ich -auf den März und hatte vorempfindend schon das Ohr voll italienischer -Kraftworte und in der Nase einen kitzelnd würzigen Duft von Risotto, -Orangen und Chiantiwein. - -Der Plan war tadellos und befriedigte mich, je länger ich ihn überlegte, -desto mehr. Indessen tat ich wohl daran, mich des Chianti im voraus zu -freuen, denn es kam alles ganz anders. - -Ein beweglicher, phantastisch stilisierter Brief des Gastwirts Nydegger -verkündigte mir im Februar, es liege sehr viel Schnee und im Dorfe sei bei -Vieh und Menschen nicht alles in Ordnung, namentlich stehe es mit meinem -Herrn Vater bedenklich und alles in allem wäre es gut, wenn ich Geld -schicken oder selber kommen würde. Da das Geldschicken mir nicht paßte und -der Alte mir wirklich Sorge machte, mußte ich eben reisen. An einem -unwirschen Tage kam ich an, vor Schneefall und Wind waren weder Berge noch -Häuser sichtbar und es kam mir zu gut, daß ich den Weg auch blindlings -kannte. Der alte Camenzind lag wider meine Vermutung nicht zu Bett, sondern -saß dürftig und kleinlaut in der Ofenecke und war von einer Nachbarin -belagert, die ihm Milch gebracht hatte und ihm soeben über seinen schlimmen -Lebenswandel gründlich und ausdauernd den Text las, worin auch mein -Eintritt sie nicht störte. - -»Lueg', der Peter isch cho,« sagte der graue Sünder und zwinkerte mir mit -dem linken Auge zu. - -Aber sie fuhr unbeirrt in ihrer Predigt fort. Ich setzte mich auf einen -Stuhl, wartete das Versiegen ihrer Nächstenliebe ab und fand in ihrer Rede -einige Kapitel, die auch mir nicht schadeten. Nebenher schaute ich zu, wie -mir der Schnee von Mantel und Stiefeln schmolz und rings um meinen Stuhl -zuerst einen feuchten Flecken und dann einen stillen Weiher bildete. Erst -als die Frau ein Ende gefunden hatte, konnte das offizielle Wiedersehen -stattfinden, an welchem sie ganz freundlich teilnahm. - -Der Vater hatte sehr an Kräften abgenommen. Mir fiel mein früherer kurzer -Versuch, ihn zu pflegen, wieder ein. Das Abreisen damals hatte also nichts -geholfen und ich konnte nun, da es freilich nötiger war, doch noch die -Suppe ausfressen. - -Schließlich kann man von einem knorrigen alten Bauern, der auch in seinen -besseren Zeiten kein Tugendspiegel war, nicht verlangen, daß er in den -Tagen der Greisenkrankheiten milde werde und dem Schauspiel der Sohnesliebe -mit Rührung beiwohne. Das tat mein Vater denn auch durchaus nicht, sondern -war je kränker desto widerwärtiger und zahlte mir alles, womit ich ihn -früher je gequält hatte, wenn nicht mit Zinsen so doch glatt und -wohlgemessen heim. Mit Worten allerdings war er sparsam und vorsichtig -gegen mich, aber er verfügte über eine Menge von drastischen Mitteln, ohne -Worte unzufrieden, bitter und ruppig zu sein. Mich wunderte zuweilen, ob -wohl auch aus mir einmal im Alter ein so fataler und heikler Kauz werden -möchte. Mit dem Trinken war es für ihn so gut wie vorbei und das Glas guten -Südweins, das ich ihm täglich zweimal einschenkte, genoß er nur mit böser -Miene, weil ich die Flasche stets sogleich wieder in den leeren Keller -zurückbrachte, dessen Schlüssel ich ihm nie überließ. - -Erst gegen Ende Februars kamen jene hellen Wochen, die den -Hochgebirgswinter so herrlich machen. Die hohen, beschneiten Bergschroffen -standen klar gegen den kornblumenblauen Himmel und sahen in der -durchsichtigen Luft unwahrscheinlich nahe aus. Matten und Halden lagen -schneebedeckt -- mit dem Schnee des Bergwinters, den man so weiß und -kristallen und herbduftend in den Talländern niemals findet. Auf kleinen -Erdschwellungen feiert in der Mittagszeit das Sonnenlicht glänzende Feste, -in Mulden und an Abhängen liegen satte blaue Schatten und die Luft ist nach -wochenlangem Schneefall so ganz gereinigt, daß in der Sonne jeder Atemzug -ein Genuß ist. An den kleineren Halden fröhnt die Jugend der Gimmelfahrt -und in der Stunde nach Mittag sieht man alte Leutchen auf den Gassen stehen -und sich an der Sonne gütlich tun, während nachts die Dachsparren im Froste -krachen. Inmitten der weißen Schneefelder liegt still und blau der niemals -gefrierende See, schöner als er je im Sommer sein kann. Jeden Tag vor dem -Mittagessen half ich dem Vater vor die Tür und schaute zu, wie er seine -braunen und knotig verbogenen Finger in die schöne Sonnenwärme streckte. -Nach einer Weile begann er alsdann zu husten und über die Kühle zu klagen. -Das war einer seiner harmlosen Kniffe, um einen Schnaps von mir zu -erlangen; denn weder der Husten noch die Kühle waren ernst zu nehmen. Also -bekam er ein Gläschen Enzian oder einen kleinen Absinth, hörte in -kunstreicher Abstufung zu husten auf und freute sich hinterrücks, mich -überlistet zu haben. Nach Tisch ließ ich ihn allein, band die Gamaschen um -und lief ein paar Stunden bergan, soweit es gehen wollte, und legte den -Heimweg, auf einem mitgenommenen Fruchtsack sitzend, als Rutschpartie über -die schrägen Schneefelder zurück. - -Als die Zeit herankam, in der ich etwa nach Assisi hatte reisen wollen, lag -noch metertiefer Schnee. Erst im April begann das Frühjahr sich zu regen -und es kam eine bösartig rasche Schneeschmelze über unser Dorf wie seit -Jahren keine mehr gewesen war. Tag und Nacht hörte man den Föhn heulen, das -Krachen entfernter Lauen und das erbitterte Brausen der Sturzbäche, welche -große Felsstücke und zersplitterte Bäume mitbrachten und auf unsre armen, -schmalen Grundstücke und Obstwiesen warfen. Das Föhnfieber ließ mich nicht -schlafen, Nacht für Nacht hörte ich ergriffen und angstvoll den Sturm -klagen, die Lauen donnern und den wütenden See an die Ufer branden. In -dieser fiebernden Zeit der schrecklichen Frühlingskämpfe überfiel mich noch -einmal die überwundene Liebeskrankheit so ungestüm, daß ich mich nachts -erhob, mich ins Türfenster legte und unter bitteren Schmerzen Liebesworte -an Elisabeth in das Getöse hinaus rief. Seit der lauen Züricher Nacht, in -der ich auf dem Hügel über dem Hause der welschen Malerin vor Liebe gerast -hatte, war die Leidenschaft nie mehr so schrecklich und unwiderstehlich -über mich Herr geworden. Es war mir oft so, als stünde die schöne Frau ganz -nahe vor mir und lächle mich an und wiche doch bei jedem Schritt, den ich -ihr näher träte, zurück. Meine Gedanken, mochten sie herkommen von wo sie -wollten, kehrten unabänderlich zu diesem Bilde zurück und ich konnte gleich -einem Verwundeten es nicht lassen, immer wieder an der jückenden Schwäre zu -kratzen. Ich schämte mich vor mir selber, was ebenso quälend wie nutzlos -war, verwünschte den Föhn und hatte heimlich neben allen Qualen doch ein -verschwiegenes, warmes Lustgefühl, ganz wie in Knabenzeiten, wenn ich an -die hübsche Rösi dachte und die laue, dunkle Woge mich überlief. - -Ich begriff, daß gegen diese Krankheit kein Kraut gewachsen war, und -versuchte wenigstens ein bißchen zu arbeiten. Ich begann den Aufbau meines -Werkes in Angriff zu nehmen, entwarf einige Studien und sah bald ein, daß -dafür jetzt nicht die Zeit sei. Indessen liefen von überall her die bösen -Föhnberichte ein und im Dorfe selbst nahm die Not überhand. Die Bachdämme -waren halb zerstört, manche Häuser, Scheunen und Ställe hatten starken -Schaden gelitten, von der Außengemeinde trafen mehrere Obdachlose ein, -überall war Klage und Not und nirgends Geld. In diesen Tagen war's, daß zu -meinem Glück der Schulze mich auf sein Ratsstübchen holen ließ und mich -fragte, ob ich willens sei, einem Ausschuß zur Abhülfe der allgemeinen Not -beizutreten. Man traue mir zu, die Sache der Gemeinde beim Kanton zu -vertreten und namentlich durch die Zeitungen das Land zur Teilnahme und -Beisteuer zu bewegen. Mir kam es gelegen, gerade jetzt meine nutzlosen -eigenen Leiden über einer ernsteren und würdigeren Sache vergessen zu -können, und ich ging verzweifelt ins Zeug. In Basel gewann ich durch Briefe -rasch einige Sammler. Der Kanton hatte, wie wir voraus wußten, kein Geld -und konnte nur ein paar Hülfsarbeiter senden. Nun wandte ich mich an die -Zeitungen mit Aufrufen und Berichten; Briefe, Beiträge und Anfragen liefen -ein und ich hatte neben der Schreiberei noch die Gemeinderatshändel mit den -harten Bauernschädeln durchzufechten. - -Die paar Wochen strenger, unentrinnbarer Arbeit taten mir gut. Als die -Sache allmählich in eine geregelte Bahn gebracht und ich dabei minder -notwendig geworden war, grünten ringsum die Matten und blaute der See -harmlos und sonnig zu den vom Schnee befreiten Halden hinauf. Mein Vater -hatte erträgliche Tage und meine Liebesnöte waren gleich den schmutzigen -Lawinenresten verschwunden und zerlaufen. In diesen Zeiten hatte früher -mein Vater seinen Nachen gefirnißt, die Mutter hatte vom Garten her -zugesehen und ich hatte mein Auge auf des Alten Hantierung, auf die Wolken -seiner Pfeife und auf die gelben Schmetterlinge gehabt. Diesmal war kein -Nachen zum Anstreichen mehr da, die Mutter war lange tot und der Vater -bockte verdrossen in dem verwahrlosten Hause herum. An die alten Zeiten -erinnerte mich auch Onkel Konrad. Häufig nahm ich ihn, vom Vater ungesehen, -zu einem Gläschen Wein mit und hörte zu, wie er erzählte und seiner vielen -Projekte mit gutmütigem Lachen und doch nicht ohne Stolz gedachte. Neue -machte er zur Zeit nicht mehr und das Alter hatte ihn auch sonst stark -gezeichnet, trotzdem war in seinen Mienen und zumal in seinem Lachen etwas -Knaben- oder Jünglinghaftes, das mir wohltat. Er war oft mein Trost und -Zeitvertreib, wenn ich es zuhaus beim Alten nimmer aushielt. Nahm ich ihn -zum Wein mit, so trottete er hastig neben mir her und bestrebte sich -ängstlich, seine krummgewordenen, mageren Beine im gleichen Schritt mit -meinen zu halten. - -»Mußt Segel nehmen, Onkel Konrad,« munterte ich ihn auf, und über dem Segel -kamen wir dann jedesmal auf unsern alten Nachen zu sprechen, welcher nimmer -da war und den er wie einen lieben Toten beklagte. Da auch mir das alte -Stück lieb gewesen war und nun fehlte, gedachten wir seiner und aller mit -ihm passierten Geschichten bis ins kleinste. - -Der See war so blau wie ehemals, die Sonne nicht minder feiertäglich und -warm, und ich alter Bursche schaute oft den gelben Faltern zu und hatte ein -Gefühl, als wäre seit damals im Grunde wenig anders geworden und als könnte -ich ebensowohl mich wieder in die Matten legen und Bubenträume aushecken. -Daß dem nicht so war und daß ich ein gutes Teil meiner Jahre auf -Nimmerwiedersehen schon verbraucht hatte, konnte ich jeden Tag beim Waschen -sehen, wenn aus der rostigen Blechschüssel mein Kopf mit der starken Nase -und dem säuerlichen Mund mich anglänzte. Noch besser sorgte Camenzind -senior dafür, daß ich nicht am Wandel der Zeiten irre ward, und wenn ich -ganz in die Gegenwart gerückt sein wollte, brauchte ich nur die klamme -Tischlade in meiner Stube zu öffnen, worin mein künftiges Werk lag und -schlief, aus einem Paket verjährter Skizzen und aus sechs oder sieben -Entwürfen auf Quartbogen bestehend. Ich öffnete die Lade aber selten. - -Neben der Pflege des Alten gab mir das Instandhalten unsres verlotterten -Hauswesens reichlich zu tun. In den Dielen klafften Abgründe, Ofen und Herd -waren defekt, rauchten und stänkerten, die Türen schlossen nicht und die -Leitertreppe auf den Boden, den ehemaligen Schauplatz der väterlichen -Züchtigungen, war lebensgefährlich. Ehe hieran etwas getan werden konnte, -mußte das Beil geschliffen, die Säge geflickt, ein Hammer entlehnt und -Nägel zusammengesucht werden, dann galt es, aus dem faulenden Rest des -ehemaligen Holzvorrates brauchbare Stücke herzurichten. Beim Reparieren der -Werkzeuge und des alten Schleifsteins ging mir Onkel Konrad ein wenig an -die Hand, doch war er zu alt und krumm geworden um viel zu nützen. Also -zerschliß ich mir meine weichen Schreiberhände am widerspenstigen Holz, -trat den wackligen Schleifstein, kletterte auf dem allenthalben undicht -gewordenen Dach umher, nagelte, hämmerte, schindelte und schnitzte, wobei -mein etwas ins Feiste gediehener Adam manchen Tropfen Schweiß vergoß. -Zuweilen hielt ich denn auch, namentlich bei der leidigen Dachflickerei, -mitten im Hammerschlag inne, setzte mich zurecht, sog die halberloschene -Cigarre wieder an, schaute in die tiefe Himmelsbläue und genoß meine -Trägheit im frohen Bewußtsein, daß jetzt der Vater mich nimmer antreiben -und schelten konnte. Kamen dann Nachbarsleute vorübergewandelt, Weiber, -alte Männer und Schulkinder, so knüpfte ich zur Beschönigung meines -Nichtstuns freundnachbarliche Gespräche mit ihnen an und kam allmählich in -den Geruch eines Mannes, mit dem sich ein vernünftiges Wort reden lasse. - -»Macht's warm heut, Lisbeth?« - -»Allweg, Peter. Was schaffst?« - -»'s Dach flicken.« - -»Kann nit schaden, 's hat's allweg schon länger nötig gehabt.« - -»Wohl, wohl.« - -»Was macht denn der Alte? Er wird leicht seine siebenzig alt sein.« - -»Achtzig, Lisbeth, achtzig. Was meinst, wenn wir einmal so alt sind? 's ist -kein Spaß.« - -»Wohl Peter, aber jetzt muß ich weiter, der Mann will's Essen haben. Mach's -gut unterdes!« - -»Adie, Lisbeth.« - -Und während sie mit dem Napf im Tüchlein weiter pilgerte, blies ich Wolken -in die Luft, sah ihr nach und besann mich, wie es nur käme, daß alle Leute -so fleißig ihren Geschäften nachgingen, indes ich schon zwei volle Tage an -der gleichen Latte herumnagelte. Schließlich aber war das Dach doch -geflickt. Der Vater interessierte sich ausnahmsweise dafür und da ich ihn -unmöglich aufs Dach schleppen konnte, mußte ich ihm ausführlich beschreiben -und über jede halbe Latte Rechenschaft ablegen, wobei es mir auf einige -Prahlereien nicht ankam. - -»'s ist gut,« gab er zu, »'s ist gut, aber ich hätt' nicht geglaubt, daß du -dies Jahr noch fertig wirst.« - - * * * * * - -Wenn ich nun meine Fahrten und Lebensversuche beschaue und überdenke, freut -und ärgert es mich, die alte Erfahrung auch an mir erlebt zu haben, daß die -Fische ins Wasser und die Bauern aufs Land gehören und daß aus einem -Nimikoner Camenzind trotz aller Künste kein Stadt- und Weltmensch zu machen -ist. Ich gewöhne mich daran, das in der Ordnung zu finden und bin froh, daß -meine ungeschickte Jagd um das Glück der Welt mich wider Willen in den -alten Winkel zwischen See und Bergen zurückgeführt hat, wo ich hingehöre -und wo meine Tugenden und Laster, namentlich aber die Laster, etwas -ordinäres und hergebrachtes sind. Da draußen hatte ich die Heimat vergessen -und war nahe daran gewesen, mir selbst als eine seltene und merkwürdige -Pflanze vorzukommen; nun sehe ich wieder, daß es nur der Nimikoner Geist -war, der in mir spukte und sich dem Brauch der übrigen Welt nicht fügen -konnte. Hier fällt es niemand ein, einen Sonderling in mir zu sehen, und -wenn ich meinen alten Papa oder den Onkel Konrad betrachte, komme ich mir -wie ein ordentlich geratener Sohn und Neffe vor. Meine paar Zickzackflüge -im Reich des Geistes und der sogenannten Bildung lassen sich füglich der -berühmten Segelfahrt des Oheims vergleichen, nur daß sie an Geld und Mühe -und schönen Jahren mich teurer zu stehen kamen. Auch äußerlich bin ich, -seit mein Vetter Kuoni mir den Bart stutzt und seit ich wieder Gürtelhosen -trage und in Hemdärmeln herumlaufe, wieder ganz ein Hiesiger geworden und -werde, wenn ich einmal grau und alt bin, unvermerkt meines Vaters Platz und -seine kleine Rolle im Dorfleben übernehmen. Die Leute wissen bloß, ich sei -Jahre lang in der Fremde gewesen und ich hüte mich wohl, ihnen zu sagen, -was für ein lausiges Metier ich dort betrieben und in wieviel Pfützen ich -gesteckt habe; sonst hätte ich bald meinen Spott und Übernamen weg. So oft -ich von Deutschland, Italien oder Paris erzähle, blase ich mich ein bißchen -auf und komme selbst bei den ehrlichsten Stellen zuweilen in einige Zweifel -an meiner eigenen Wahrhaftigkeit. - -Und was ist denn nun bei so viel Irrfahrten und verbrauchten Jahren -herausgekommen? Die Frau, die ich liebte und immer noch liebe, erzieht in -Basel ihre zwei hübschen Kinder. Die andere, die mich lieb hatte, hat sich -getröstet und handelt weiterhin mit Obst, Gemüse und Sämereien. Der Vater, -wegen dessen ich ins Nest heimgekehrt bin, ist weder gestorben noch -genesen, sondern sitzt mir gegenüber auf seinem Faulbettlein, sieht mich an -und beneidet mich um den Besitz des Kellerschlüssels. - -Aber das ist ja nicht alles. Ich habe, außer der Mutter und dem ertrunkenen -Jugendfreund, die blonde Agi und meinen kleinen, krummen Boppi als Engel im -Himmel wohnen. Und ich habe erlebt, daß im Dorf die Häuser wieder geflickt -und beide Steindämme wieder aufgerichtet sind. Wenn ich wollte, säße ich -auch im Gemeinderat. Es sind aber dort der Camenzinde schon genug. - -Nun hat sich mir neuestens eine andere Aussicht eröffnet. Der Gastwirt -Nydegger, in dessen Stube mein Vater und ich so manchen Liter Veltliner, -Walliser oder Waadtländer getrunken haben, fängt an steil bergab zu gehen -und hat keine Freude mehr an seinem Geschäft. Er klagte mir dieser Tage -sein Elend. Das schlimmste dabei ist, daß wenn kein Einheimischer sich dazu -findet, eine auswärtige Brauerei das Anwesen kauft und dann ist es -verdorben und wir haben in Nimikon keinen behaglichen Wirtstisch mehr. Es -wird irgend ein fremder Pächter hineingesetzt werden, der natürlich lieber -Bier als Wein verzapft und unter welchem der gute Nydeggersche Keller -verpfuscht und vergiftet wird. Seit ich das weiß, läßt es mir keine Ruhe; -in Basel liegt mir noch ein wenig Geld auf der Bank und der alte Nydegger -fände an mir nicht den schlechtesten Nachfolger. Der Haken dran ist nur, -daß ich zu Vaters Lebzeiten nicht mehr Gastwirt werden möchte. Denn einmal -könnte ich den alten Mann dann nimmer vom Spunden fernhalten und außerdem -würde er seinen Triumph darüber haben, daß ich mit allem Latein und -Studieren es zum Nimikoner Weinwirt und nicht weiter gebracht habe. Das -geht nicht an, und so beginne ich auf das Ableben des Alten allmählich ein -wenig zu warten, nicht mit Ungeduld, sondern nur der guten Sache zulieb. - -Onkel Konrad ist seit kurzem wieder in einen aufgeregten Tatendurst -hineingeraten, nach langen still verdöselten Jahren, und das gefällt mir -nicht. Er hat beständig den Zeigefinger im Mund und eine Denkrunzel auf der -Stirn, tut hastige kleine Schritte in seiner Stube herum und schaut bei -hellem Wetter viel über's Wasser. »Ich mein' alleweil, er will wieder -Schiffli bauen,« sagt seine alte Cenzine, und er sieht wirklich so lebendig -und kühn aus wie seit Jahren nicht und hat so einen schlauen, überlegenen -Zug im Gesicht, als wisse er jetzt genau wie er es diesmal anfangen müsse. -Ich glaube aber, es ist nichts damit und es ist nur seine müdgewordene -Seele, welche jetzt nach Flügeln verlangt, um bald daheim zu sein. Mußt -Segel nehmen, alter Onkel! Wenn es aber so weit mit ihm sein wird, dann -sollen die Herren Nimikoner etwas Unerhörtes erleben. Denn ich habe bei mir -beschlossen, an seinem Grabe hinter dem Pater her einige Worte zu reden, -was hierorts noch nie passiert ist. Ich werde des Oheims als eines Seligen -und Lieblings Gottes gedenken, und diesem erbaulichen Teil wird eine mäßige -Handvoll Salz und Pfeffer für die geliebten Leidtragenden folgen, die sie -mir nicht so bald vergessen und verzeihen sollen. Hoffentlich erlebt es -auch mein Vater noch. - -Und in der Lade liegen die Anfänge meiner großen Dichtung. »Mein -Lebenswerk«, könnte ich sagen. Es klingt aber zu pathetisch und ich sage es -lieber nicht, denn ich muß bekennen, daß Fortgang und Vollendung desselben -auf schwachen Beinen stehen. Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, daß ich -von neuem beginne, fortfahre und vollende; dann hat meine Jugendsehnsucht -Recht gehabt und ich bin doch ein Dichter gewesen. - -Das wäre mir soviel oder mehr als der Gemeinderat und als die Steindämme -wert. Das Vergangene und doch Unverlorene meines Lebens aber, samt allen -den lieben Menschenbildern, von der schlanken Rösi Girtanner bis auf den -armen Boppi, wöge es mir nicht auf. - -Ende - - - - -Werke -von -Hermann Hesse - - -Unterm Rad - -Roman. 18. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50 - -Hier ist etwas Freies, Unkünstliches, Naturgewachsenes. Immer, wenn ich ein -Buch von Hesse lese, habe ich die Empfindung, daß sich über mir der blaue -Himmel wölbt, daß Bäume ringsum grünen und frische Luft weht. - -(Die Zeit, Wien) - -Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geläuterter noch als -der »Camenzind«, von einer tüchtigen Männlichkeit durchweht, eine Wohltat -für den, der ihn liest, treuherzig, überzeugend, von lebhaftem, heißem -Natursinn kündend, frei von ästhetischer Kränkelei -- ein klares -Schwabenbuch, ein durch und durch deutscher Roman. - -(Münchener Neueste Nachrichten) - -Es ist die einfache Geschichte von einem Jungen, der stolz und mit der -Anwartschaft auf Ruhm und Glück ins Leben eintritt und unters Rad kommt und -überfahren wird; ein Buch voll Schwermut und heimlicher, leiser Klage und -auch ein Buch voll Anklage. Schwer und gewichtig in seiner Einfachheit, die -um so tiefer wirkt, als sie das Resultat einer unnachahmlichen sprachlichen -Meisterschaft und stilistischen Adels ist. - -(Münchener Zeitung) - -Man wird vielleicht fragen, ob der neue Roman einen Fortschritt gegenüber -dem »Peter Camenzind« bedeutet. Die Frage geht verloren, bei beiden Büchern -steht Hesse auf einem Gipfel, den mit ihm von jüngeren deutschen -Romanschriftstellern nur noch Thomas Mann, Emil Strauß und die wunderbarste -der Frauen, Ricarda Huch, bewohnen. - -(Neue Badische Landeszeitung, Mannheim) - - -Diesseits - -Erzählungen. 16. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50 - -Wie lange habe ich mich darauf gefreut, dieses Buch anzuzeigen! Eine -erlesene Schar der Novellen Hesses, die verstreut in Zeitschriften lagen, -in einem Bande gesammelt in Händen zu halten, zu eigen zu haben wie -Hausschwalben, die ihr Nest an unserem Dache sich bauen. Es ist ein -stilles, vornehmes und unsäglich schönes Buch geworden, das man ehrfürchtig -in die Hand nimmt, ehrfürchtig aus der Hand legt, stillergriffen, -nachdenklich, voll einer Liebe zu dem Menschen, der ein so starkes, reines -Herz hat und es so lauter schenkt. Hermann Hesse bedeutet einen Gipfelpunkt -deutscher Erzählerkunst. - -(Münchener Zeitung) - -Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen, -schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltäglichkeit weit -entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden Natur -lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses neuen -Novellenband »Diesseits« lesen. - -(Neue Zürcher Zeitung) - - -Nachbarn - -Erzählungen. 12. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50 - -Was uns das neueste Buch Hermann Hesses besonders liebwert macht, ist die -ruhig verträumte Art seines Verfassers, zu sehen und zu schildern . . . Die -lichtwonnige, diogenetische Eigenart des Dichters, der wahr und warm, allen -kokettierenden Beiwerkes entratend, Menschen aus kleinen Verhältnissen, -doch darum nicht kleine Menschen, einfach verklärt. Ungeheuchelte -Herzlichkeit, ohne den leisesten Anflug krankhafter Sentimentalität, werden -den »Nachbarn« Eingang weniger in die Köpfe der geschworenen -Literaturmenschen, als in die Herzen aller Schönheitsfrohen sichern. - -(Berner Tagwacht) - -Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fünf -Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch zusammengeschweißt -erscheinen sie . . . Ruhig, über allen Dingen schwebend, ohne Leidenschaft -und vollkommen abgeklärt werden uns diese Geschichten erzählt. Aber in -einer Sprache, die ihresgleichen sucht und die den Stolz in uns aufleben -läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei Dank, daß es eine deutsche Sprache -gibt. Und Dichter, die sie adeln. - -(Württemberger Zeitung, Stuttgart) - -Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Peter Camenzind, by Hermann Hesse - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PETER CAMENZIND *** - -***** This file should be named 41051-8.txt or 41051-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/1/0/5/41051/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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