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diff --git a/41051-0.txt b/41051-0.txt new file mode 100644 index 0000000..b4bc356 --- /dev/null +++ b/41051-0.txt @@ -0,0 +1,4995 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41051 *** + +Peter Camenzind +von +Hermann Hesse + + +Achtundfünfzigste Auflage + + + + +S. Fischer, Verlag, Berlin +1911 + + +Alle Rechte vorbehalten + + +Meinem Freund Ludwig Finckh + + + + +Peter Camenzind + + + + +I. + + +Im Anfang war der Mythus. Wie der große Gott in den Seelen der Inder, +Griechen und Germanen dichtete und nach Ausdruck rang, so dichtet er in +jedes Kindes Seele täglich wieder. + +Wie der See und die Berge und die Bäche meiner Heimat hießen, wußte ich +noch nicht. Aber ich sah die blaugrüne glatte Seebreite, mit kleinen +Lichtern durchwirkt, in der Sonne liegen und im dichten Kranz um sie die +jähen Berge, und in ihren höchsten Ritzen die blanken Schneescharten und +kleinen, winzigen Wasserfälle, und an ihrem Fuß die schrägen, lichten +Matten, mit Obstbäumen, Hütten und grauen Alpkühen besetzt. Und da meine +arme, kleine Seele so leer und still und wartend lag, schrieben die Geister +des Sees und der Berge ihre schönen kühnen Taten auf sie. Die starren Wände +und Flühen sprachen trotzig und ehrfürchtig von Zeiten, deren Söhne sie +sind und deren Wundmale sie tragen. Sie sprachen von damals, da die Erde +barst und sich bog und aus ihrem gequälten Leibe in stöhnender Werdenot +Gipfel und Grate hervortrieb. Felsberge drängten sich brüllend und krachend +empor, bis sie ziellos vergipfelnd knickten, Zwillingsberge rangen in +verzweifelter Not um Raum, bis einer siegte und stieg und den Bruder +beiseite warf und zerbrach. Noch immer hingen von jenen Zeiten her da und +dort hoch in den Schlüften abgebrochene Gipfel, weggedrängte und gespaltene +Felsen, und in jeder Schneeschmelze führte der Wassersturz hausgroße Blöcke +nieder, zersplitterte sie wie Glas oder rannte sie mit mächtigem Schlage +tief in weiche Matten ein. + +Sie sagten immer dasselbe, diese Felsberge. Und es war leicht sie zu +verstehen, wenn man ihre jähen Wände sah, Schicht um Schicht geknickt, +verbogen, geborsten, jede voll von klaffenden Wunden. »Wir haben +Schauerliches gelitten,« sagten sie, »und wir leiden noch.« Aber sie sagten +es stolz, streng und verbissen, wie alte unverwüstliche Kriegsleute. + +Jawohl, Kriegsleute. Ich sah sie kämpfen, mit Wasser und Sturm, in den +schauerlichen Vorfrühlingsnächten, wenn der erbitterte Föhn um ihre alten +Häupter brüllte und wenn die Bachstürze frische, rohe Stücke aus ihren +Flanken rissen. Sie standen mit trotzig gestemmten Wurzeln in diesen +Nächten, finster, atemlos und verbissen, streckten dem Sturm die +zerspaltenen Wetterwände und Hörner entgegen und spannten alle Kraft in +trotzig geduckter Sammlung zusammen. Und bei jeder Wunde ließen sie das +grausige Rollen der Wut und Angst vernehmen, und durch alle fernsten +Rüfenen klang gebrochen und zornig ihr schreckliches Stöhnen wieder. + +Und ich sah Matten und Hänge und erdige Felsritzen mit Gräsern, Blumen, +Farnen und Moosen bedeckt, denen die alte Volkssprache merkwürdige, +ahnungsvolle Namen gegeben hatte. Sie lebten, Kinder und Enkel der Berge, +farbig und harmlos an ihren Stätten. Ich befühlte sie, betrachtete sie, +roch ihren Duft und lernte ihre Namen. Ernster und tiefer berührte mich der +Anblick der Bäume. Ich sah jeden von ihnen sein abgesondertes Leben führen, +seine besondere Form und Krone bilden und seinen eigenartigen Schatten +werfen. Sie schienen mir, als Einsiedler und Kämpfer, den Bergen näher +verwandt, denn jeder von ihnen, zumal die höher am Berge stehenden, hatte +seinen stillen, zähen Kampf um Bestand und Wachstum, mit Wind, Wetter und +Gestein. Jeder hatte seine Last zu tragen und sich festzuklammern, und +davon trug jeder seine eigene Gestalt und besondere Wunden. Es gab Föhren, +denen der Sturm nur auf einer einzigen Seite Äste zu haben erlaubte, und +solche, deren rote Stämme sich wie Schlangen um überhängende Felsen gebogen +hatten, sodaß Baum und Fels eins das andere an sich drückte und erhielt. +Sie sahen mich wie kriegerische Männer an und erweckten Scheu und Ehrfurcht +in meinem Herzen. + +Unsere Männer und Frauen aber glichen ihnen, waren hart, streng gefaltet +und wenig redend, die besten am wenigsten. Daher lernte ich die Menschen +gleich Bäumen oder Felsen anschauen, mir Gedanken über sie zu machen und +sie nicht weniger zu ehren und nicht mehr zu lieben als die stillen Föhren. + +Unser Dörflein Nimikon liegt auf einer dreieckigen, zwischen zwei +Bergvorsprünge geklemmten schrägen Fläche am See. Ein Weg führt nach dem +nahen Kloster, ein zweiter nach einem viereinhalb Stunden entfernten +Nachbarort, die übrigen am See gelegenen Dörfer erreicht man zu Wasser. +Unsere Häuser sind im alten Holzstil erbaut und haben kein bestimmtes +Alter, es kommen fast niemals Neubauten vor und die alten Häuslein werden +je nach Bedürfnis stückweise repariert, dies Jahr die Diele, ein andermal +ein Stück am Dach, und mancher halbe Balken und manche Latte, die früher +einmal etwa zur Stubenwand gehört haben, findet man jetzt als Sparren im +Dach und wenn sie auch dazu nimmer dienen und doch noch zu gut zum +Verbrennen sind, so kommen sie das nächste mal beim Flicken des Stalls oder +Heubodens oder als Querlatte an der Haustüre zur Verwendung. Ähnlich ist es +mit den darin Wohnenden selber; jeder spielt so lang er kann seine Rolle +mit, tritt dann zögernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht +schließlich ins Dunkel unter, ohne daß viel Aufsehens davon gemacht würde. +Wer nach jahrelanger Fremde zu uns heimkehrt, findet nichts verändert, als +daß ein paar alte Dächer erneuert und ein paar neuere alt geworden sind; +die Greise von ehemals sind zwar dahin, aber es sind andere Greise da, +welche die gleichen Hütten bewohnen, die gleichen Namen tragen, dasselbe +dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und Gebahren sich von den +indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden. + +Unsrer Gemeinde mangelte eine häufigere Zufuhr frischen Blutes und Lebens +von außen her. Die Bewohner, ein leidlich rüstiges Geschlecht, sind fast +alle untereinander aufs engste verschwägert und reichlich drei Viertel +tragen den Namen Camenzind. Er füllt die Seiten des Kirchenbuchs und steht +auf den Kirchhofkreuzen, prangt an den Häusern in Ölfarbe oder in derber +Schnitzarbeit und ist auf den Wagen des Fuhrhalters, auf den Stalleimern +und auf den Seebooten zu lesen. Auch über meines Vaters Haustür stand +gemalt: »Dieses Haus haben gebauen Jost und Franziska Camenzind,« doch ging +das nicht meinen Vater, sondern dessen Ahn, meinen Urgroßvater an; und wenn +ich auch vermutlich einmal sterben werde ohne Kinder dazulassen, so weiß +ich doch, daß wieder ein Camenzind das alte Nest besiedeln wird, wenn +anders es bis dorthin noch steht und ein Dach über hat. + +Ungeachtet der scheinbaren Eintönigkeit gab es dennoch in unsrer +Bürgerschaft Böse und Gute, Vornehme und Geringe, Mächtige und Niedrige und +neben manchen Klugen eine ergötzliche kleine Sammlung von Narren, die +Kretins gar nicht mitgerechnet. Es war wie überall ein kleines Abbild der +großen Welt und da Große und Kleine, Schlaumeier und Narren unlöslich +untereinander verwandt und vervettert waren, traten sich strenger Hochmut +und bornierter Leichtsinn oft genug unter demselben Dach auf die Zehen, so +daß unser Leben für die Tiefe und Komik des Menschlichen hinreichenden Raum +bot. Nur lag ein ewiger Schleier von verheimlichter oder unbewußter +Bedrücktheit darüber. Das Abhängigsein von den Naturmächten und die +Kümmerlichkeit eines arbeitsvollen Daseins hatten im Verlauf der Zeiten +unsrem ohnehin alternden Geschlecht eine Neigung zum Tiefsinn eingegeben, +der zu den scharfen, schroffen Gesichtern zwar nicht übel paßte, sonst aber +keinerlei Früchte zeitigte, wenigstens keine erfreulichen. Eben darum war +man froh an den paar Narren, welche zwar noch still und ernsthaft genug +waren, aber doch einige Farbe und einige Gelegenheit zu Gelächter und Spott +hereinbrachten. Wenn einer von ihnen durch einen neuen Streich von sich +reden machte, ging ein frohes Wetterleuchten über die faltigen, braunen +Gesichter der Söhne Nimikons und zur Lust am Spaße selber kam noch als +feine pharisäische Würze der Genuß der eigenen Überlegenheit, welche vor +Vergnügen schnalzte im Gefühl, vor solchen Irrungen oder Fehltritten sicher +zu sein. Zu jenen Vielen, die in der Mitte zwischen Gerechten und Sündern +standen und von beiden gern das Annehmliche mitgenossen hätten, gehörte +auch mein Vater. Es wurde kein Narrenstreich reif, der ihn nicht mit +seliger Unruhe erfüllt hätte, und er schwankte alsdann zwischen der +teilnehmenden Bewunderung für den Anstifter und dem feisten Bewußtsein der +eigenen Makellosigkeit possierlich hin und wider. + +Zu den Narren selbst gehörte mein Oheim Konrad, ohne daß er deshalb etwa +meinem Vater und anderen Helden an Verstand etwas nachgegeben hätte. +Vielmehr war er ein Schlaukopf und ward von einem ruhelosen Erfindungsgeist +umgetrieben, um den die andern ihn ruhig hätten beneiden dürfen. Aber +freilich glückte ihm nichts. Daß er, statt darüber den Kopf hängen zu +lassen und tatlos tiefsinnig zu werden, immer wieder Neues begann und dabei +ein merkwürdig lebhaftes Gefühl für das Tragikomische seiner eigenen +Unternehmungen hatte, war gewiß ein Vorzug, wurde ihm aber als lächerliche +Sonderbarkeit angeschrieben, kraft welcher man ihn zu den unbesoldeten +Hanswürsten der Gemeinde zählte. Meines Vaters Verhältnis zu ihm war ein +dauerndes hin und her zwischen Bewunderung und Verachtung. Jedes neue +Projekt seines Schwagers versetzte ihn in eine gewaltige Neugierde und +Aufregung, die er vergebens hinter lauernd ironischen Fragen und +Anspielungen zu verstecken trachtete. Wenn dann der Oheim seines Erfolges +sicher zu sein glaubte und den Großartigen zu spielen begann, ließ er sich +jedesmal hinreißen und schloß sich dem Genialen in spekulierender +Brüderlichkeit an, bis der unvermeidliche Mißerfolg da war, über den der +Oheim die Achseln zuckte, während der Vater im Zorn ihn mit Hohn und +Beleidigung übergoß und monatelang keines Blickes und Wortes mehr würdigte. + +Konrad war es, dem unser Dorf den ersten Anblick eines Segelboots +verdankte, und meines Vaters Nachen hat dazu herhalten müssen. Das Segel- +und Seilwerk war vom Oheim nach Kalenderholzschnitten sauber ausgeführt und +daß unser Schifflein für ein Segelboot zu schmal gebaut war, ist am Ende +nicht Konrads Schuld gewesen. Die Vorbereitungen dauerten wochenlang, mein +Vater wurde vor Spannung, Hoffnung und Angst schier zu Quecksilber und auch +das übrige Dorf sprach von nichts soviel wie von Konrad Camenzinds neuestem +Vorhaben. Es war ein denkwürdiger Tag für uns, als das Boot an einem +windigen Spätsommermorgen zum erstenmal in See gehen sollte. Mein Vater, in +scheuer Ahnung einer möglichen Katastrophe, hielt sich fern und hatte auch +mir zu meiner großen Betrübnis das Mitfahren verboten. Der Sohn des Bäckers +Füßli begleitete den Segelkünstler allein. Aber das ganze Dorf stand auf +unserem Kiesplatz und in den Gärtchen und wohnte dem unerhörten Spektakel +bei. Seeabwärts blies ein flotter Ostwind. Zu Anfang mußte der Beck rudern, +bis das Boot in die Bise geriet, sein Segel blähte und stolz davonjagte. +Wir sahen es bewundernd um den nächsten Bergvorsprung entschwinden und +richteten uns darauf ein, den schlauen Oheim bei seiner Heimkehr als Sieger +zu begrüßen und uns unserer höhnischen Aftergedanken zu schämen. Als jedoch +in der Nacht das Boot zurückkehrte, hatte es kein Segel mehr, die Schiffer +waren mehr tot als lebendig und der Bäckerssohn hustete und meinte: »Ihr +seid um ein Hauptvergnügen gekommen, leichtlich hätte es auf den Sonntag +zwei Leichenschmäuse geben können.« Mein Vater mußte zwei neue Planken in +den Nachen basteln, und seither hat sich nie wieder ein Segel in der blauen +Fläche gespiegelt. Dem Konrad rief man noch lange, so oft er irgend etwas +eilig hatte, nach: »Mußt Segel nehmen, Konrad!« Mein Vater fraß den Ärger +in sich hinein und lange Zeit, so oft der arme Schwager ihm begegnete, sah +er beiseite und spuckte in großen Bogen aus, zum Zeichen unaussprechlicher +Verachtung. Das dauerte so lang, bis Konrad eines Tags mit seinem +feuersicheren Backofenprojekt bei ihm vorsprach, welches dem Erfinder +unendlichen Spott auf den Hals brachte und meinen Vater auf vier bare Taler +zu stehen kam. Wehe dem, der ihn an diese Viertalergeschichte zu erinnern +wagte! Lange später, als einmal wieder Not im Hause war, sagte die Mutter +einmal so beiläufig, es wäre doch gut wenn jetzt das sündlich verdubelte +Geld noch da wäre. Der Vater wurde dunkelrot bis an den Hals, aber er +bezwang sich und sagte nur: »Ich wollt', ich hätt' es an einem einzigen +Sonntag versoffen.« + +Am Ende jedes Winters kam der Föhn mit seinem tieftönigen Gebrause, das der +Älpler mit Zittern und Entsetzen hört und nach welchem er in der Fremde mit +verzehrendem Heimweh dürstet. + +Wenn der Föhn nahe ist, spüren ihn viele Stunden voraus Männer und Weiber, +Berge, Wild und Vieh. Sein Kommen, welchem fast immer kühle Gegenwinde +vorausgehen, verkündigt ein warmes, tiefes Sausen. Der blaugrüne See wird +in ein paar Augenblicken tinteschwarz und setzt plötzlich hastige, weiße +Schaumkronen auf. Und bald darauf donnert er, der noch vor Minuten unhörbar +friedlich lag, mit erbitterter Brandung wie ein Meer ans Ufer. Zugleich +rückt die ganze Landschaft ängstlich nah zusammen. Auf Gipfeln, die sonst +in entrückter Ferne brüteten, kann man jetzt die Felsen zählen und von +Dörfern, die sonst nur als braune Flecken im Weiten lagen, unterscheidet +man jetzt Dächer, Giebel und Fenster. Alles rückt zusammen, Berge, Matten +und Häuser, wie eine furchtsame Herde. Und dann beginnt das grollende +Sausen, das Zittern im Boden. Aufgepeitschte Seewellen werden streckenweit +wie Rauch durch die Luft dahingetrieben, und fortwährend, zumal in den +Nächten, hört man den verzweifelten Kampf des Sturmes mit den Bergen. Eine +kleine Zeit später redet sich dann die Nachricht von verschütteten Bächen, +zerschlagenen Häusern, zerbrochenen Kähnen und vermißten Vätern und Brüdern +durch die Dörfer. + +In Kinderzeiten fürchtete ich den Föhn und haßte ihn sogar. Mit dem +Erwachen der Knabenwildheit aber bekam ich ihn lieb, den Empörer, den +Ewigjungen, den frechen Streiter und Bringer des Frühlings. Es war so +herrlich, wie er voll Leben, Überschwang und Hoffnung seinen wilden Kampf +begann, stürmend, lachend und stöhnend, wie er heulend durch die Schluchten +hetzte, den Schnee von den Bergen fraß und die zähen alten Föhren mit +rauhen Händen bog und zum Seufzen brachte. Später vertiefte ich meine Liebe +und begrüßte nun im Föhn den süßen, schönen, allzureichen Süden, welchem +immer wieder Ströme von Lust, Wärme und Schönheit entquellen, um sich an +den Bergen zu zersprengen und endlich im flachen, kühlen Norden ermüdet zu +verbluten. Es gibt nichts Seltsameres und Köstlicheres als das süße +Föhnfieber, das in der Föhnzeit die Menschen der Bergländer und namentlich +die Frauen überfällt, den Schlaf raubt und alle Sinne streichelnd reizt. +Das ist der Süden, der sich dem spröden, ärmeren Norden immer wieder +stürmisch und lodernd an die Brust wirft und den verschneiten Alpendörfern +verkündigt, daß jetzt an den nahen, purpurnen Seen Welschlands schon wieder +Primeln, Narzissen und Mandelzweige blühen. + +Alsdann, wenn der Föhn verblasen hat und die letzten schmutzigen Lawinen +zerlaufen sind, dann kommt das Schönste. Dann recken sich berghinan auf +allen Seiten die beblümten gelblichen Matten, rein und selig stehen die +Schneegipfel und Gletscher in ihren Höhen und der See wird blau und warm +und spiegelt Sonne und Wolkenzüge wieder. + +Alles dieses kann schon eine Kindheit und zur Not auch ein Leben erfüllen. +Denn alles dieses redet laut und ungebrochen die Sprache Gottes, wie sie +nie über eines Menschen Lippen kam. Wer sie so in seiner Kindheit vernommen +hat, dem tönt sie sein Leben lang nach, süß und stark und furchtbar, und +ihrem Bann entflieht er nie. Wenn einer in den Bergen heimisch ist, der +kann jahrelang Philosophie oder historia naturalis studieren und mit dem +alten Herrgott aufräumen, -- wenn er den Föhn wieder einmal spürt oder hört +eine Laue durch's Holz brechen, so zittert ihm das Herz in der Brust und er +denkt an Gott und ans Sterben. + +An meines Vaters Häuschen grenzte ein umzäunter, winziger Garten. Es gedieh +dort ein herber Salat, Rüben und Kohl, außerdem hatte die Mutter eine +rührend schmale, dürftige Rabatte für Blumen angelegt, in welcher zwei +Monatrosenstöcke, ein Georginenbusch und eine Handvoll Reseden hoffnungslos +und kümmerlich verschmachteten. An den Garten stieß ein noch kleinerer, +kiesiger Platz, welcher bis zum See reichte. Dort standen zwei beschädigte +Fässer, einige Bretter und Pfähle, und unten im Wasser lag unser Weidling +angebunden, welcher damals noch alle paar Jahre neu geflickt und geteert +wurde. Die Tage, an denen dies geschah, sind mir fest im Gedächtnis +geblieben. Es waren warme Nachmittage im Vorsommer, über dem Gärtchen +taumelten die schwefelgelben Citronenfalter in der Sonne, der See war +ölglatt, blau und still und leise schillernd, die Berggipfel dünn +umdünstet, und auf dem kleinen Kiesplatz roch es gewaltig nach Pech und +Ölfarbe. Auch nachher duftete der Nachen noch den ganzen Sommer hindurch +nach Teer. So oft ich, viele Jahre später, irgendwo am Meere den +eigentümlich aus Wassergeruch und Teerbrodem gemischten Duft in die Nase +bekam, trat mir sogleich unser Seeplätzlein vor's Auge, und ich sah wieder +den Vater in Hemdärmeln mit dem Pinsel hantieren, sah die bläulichen +Wölkchen aus seiner Pfeife in die stillen Sommerlüfte steigen und die +blitzgelben Falter ihre unsicheren, scheuen Flüge tun. An solchen Tagen +zeigte mein Vater eine ungewöhnlich behagliche Laune, pfiff Triller, was er +vortrefflich konnte, und gab vielleicht sogar einen einzelnen kurzen Jodler +von sich, diesen jedoch nur halblaut. Die Mutter kochte alsdann etwas Gutes +auf den Abend und ich denke mir jetzt, sie tat es in der stillen Hoffnung, +Camenzind möchte diesen Abend nicht ins Wirtshaus gehen. Er ging aber doch. + +Daß die Eltern die Entwicklung meines jungen Gemütes sonderlich gefördert +oder gestört hätten, kann ich nicht sagen. Die Mutter hatte immer beide +Hände voll Arbeit und mein Vater hatte sich gewiß mit nichts auf der Welt +so wenig beschäftigt als mit Erziehungsfragen. Er hatte genug zu tun, seine +paar Obstbäume kümmerlich im Stand zu halten, das Kartoffeläckerlein zu +bestellen und nach dem Heu zu sehen. Ungefähr alle paar Wochen aber nahm er +mich abends, ehe er ausging, bei der Hand und verschwand stillschweigend +mit mir auf den über dem Stall gelegenen Heuboden. Dort vollzog sich +alsdann ein seltsamer Straf- und Sühneakt: ich bekam eine Tracht Prügel, +ohne daß der Vater oder ich selbst genauer gewußt hätte wofür. Es waren +stille Opfer am Altar der Nemesis und sie wurden ohne Schelten seinerseits +oder Geschrei meinerseits dargebracht, als schuldiger Tribut an eine +geheimnisvolle Macht. Immer wenn ich in späteren Jahren einmal vom »blinden +Schicksal« reden hörte, fielen diese mysteriösen Szenen mir wieder ein und +schienen mir eine überaus plastische Darstellung jenes Begriffs zu sein. +Ohne es zu wissen, befolgte mein guter Vater dabei die schlichte Pädagogik, +die das Leben selbst an uns zu üben pflegt, indem es uns hie und da aus +heiteren Lüften ein Donnerwetter sendet, wobei es uns überlassen bleibt +nachzusinnen, durch was für Missetaten wir eigentlich die oberen Mächte +herausgefordert haben. Leider stellte dies Nachsinnen bei mir sich nie oder +nur selten ein, vielmehr nahm ich jene ratenweise Züchtigung ohne die +wünschenswerte Selbstprüfung gelassen oder auch trotzig hin und freute mich +an solchen Abenden stets, nun wieder meinen Zoll entrichtet und ein paar +Wochen Strafpause vor mir zu haben. Viel selbständiger trat ich den +Versuchen meines Alten, mich zur Arbeit anzuleiten, entgegen. Die +unbegreifliche und verschwenderische Natur hatte in mir zwei widerstrebende +Gaben vereinigt: eine ungewöhnliche Körperkraft und eine leider nicht +geringere Arbeitsscheu. Der Vater gab sich alle Mühe einen brauchbaren Sohn +und Mithelfer aus mir zu machen, ich aber drückte mich mit allen Chikanen +um die mir auferlegten Arbeiten und noch als Gymnasiast hatte ich für +keinen der antiken Heroen so viel Mitgefühl wie für Herakles, da er zu +jenen berühmten, lästigen Arbeiten gezwungen ward. Einstweilen kannte ich +nichts Schöneres als mich auf Felsen und Matten oder am Wasser +müßiggängerisch herumzutreiben. + +Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erzählten mir und erzogen +mich und waren mir lange Zeit lieber und bekannter als irgend Menschen und +Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die ich dem glänzenden See und +den traurigen Föhren und sonnigen Felsen vorzog, waren die Wolken. + +Zeigt mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr +lieb hat als ich! Oder zeigt mit das Ding in der Welt, das schöner ist als +Wolken sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe, +sie sind Zorn und Todesmacht. Sie sind zart, weich und friedlich wie die +Seelen von Neugeborenen, sie sind schön, reich und spendend wie gute Engel, +sie sind dunkel, unentrinnbar und schonungslos wie die Sendboten des Todes. +Sie schweben silbern in dünner Schicht, sie segeln lachend weiß mit +goldenem Rand, sie stehen rastend in gelben, roten und bläulichen Farben. +Sie schleichen finster und langsam wie Mörder, sie jagen sausend kopfüber +wie rasende Reiter, sie hängen traurig und träumend in bleichen Höhen wie +schwermütige Einsiedler. Sie haben die Formen von seligen Inseln und die +Formen von segnenden Engeln, sie gleichen drohenden Händen, flatternden +Segeln, wandernden Kranichen. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der +armen Erde als schöne Gleichnisse aller Menschensehnsucht, beiden angehörig +-- Träume der Erde, in welchen sie ihre befleckte Seele an den reinen +Himmel schmiegt. Sie sind das ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens, +Verlangens und Heimbegehrens. Und so wie sie zwischen Erde und Himmel zag +und sehnend und trotzig hängen, so hängen zag und sehnend und trotzig die +Seelen der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit. + +O, die Wolken, die schönen, schwebenden, rastlosen! Ich war ein unwissendes +Kind und liebte sie, schaute sie an und wußte nicht, daß auch ich als eine +Wolke durch's Leben gehen würde -- wandernd, überall fremd, schwebend +zwischen Zeit und Ewigkeit. Von Kinderzeiten her sind sie mir liebe +Freundinnen und Schwestern gewesen. Ich kann nicht über die Gasse gehen, so +nicken wir einander zu, grüßen uns und verweilen einen Augenblick Aug' in +Auge. Auch vergaß ich nicht, was ich damals von ihnen lernte: ihre Formen, +ihre Farben, ihre Züge, ihre Spiele, Reigen, Tänze und Rasten, und ihre +seltsam irdisch-himmlischen Geschichten. + +Namentlich die Geschichte der Schneeprinzessin. Ihr Schauplatz ist das +mittlere Gebirg, im Vorwinter, bei warmem Unterwind. Die Schneeprinzessin +erscheint mit kleinem Gefolge, aus gewaltiger Höhe kommend, und sucht sich +einen Rastort in weiten Bergmulden oder auf einer breiten Kuppe aus. +Neidisch sieht die falsche Bise die Arglose sich lagern, leckt heimlich +gierend am Berg empor und überfällt sie plötzlich wütend und tosend. Sie +wirft der schönen Prinzessin zerfetzte schwarze Wolkenlappen entgegen, +höhnt sie, krakehlt sie an, möchte sie verjagen. Eine Weile ist die +Prinzessin unruhig, wartet, duldet, und manchmal steigt sie kopfschüttelnd, +leise und höhnisch wieder in ihre Höhe zurück. Manchmal aber sammelt sie +plötzlich ihre geängsteten Freundinnen um sich her, enthüllt ihr blendend +fürstliches Angesicht und weist den Kobold mit kühler Hand zurück. Er +zaudert, heult, flieht. Und sie lagert sich still, hüllt ihren Sitz weitum +in blassen Nebel, und wenn der Nebel sich verzogen hat, liegen Mulden und +Kuppel klar und glänzend mit reinem, weichem Neuschnee bedeckt. + +In dieser Geschichte war so etwas Nobles, etwas von Seele und Triumph der +Schönheit, das mich entzückte und mein kleines Herz wie ein frohes +Geheimnis bewegte. + +Bald kam auch die Zeit, daß ich mich den Wolken nähern, zwischen sie treten +und manche aus ihrer Schaar von oben betrachten durfte. Ich war zehn Jahr +alt, als ich den ersten Gipfel erstieg, den Sennalpstock, an dessen Fuß +unser Dörflein Nimikon liegt. Da sah ich denn zum erstenmal die Schrecken +und die Schönheiten der Berge. Tiefgerissene Schluchten, voll von Eis und +Schneewasser, grüngläserne Gletscher, scheußliche Muränen, und über allem +wie ein Glocke hoch und rund der Himmel. Wenn einer zehn Jahre lang +zwischen Berg und See geklemmt gelebt hat und rings von nahen Höhen eng +umdrängt war, dann vergißt er den Tag nicht, an dem zum erstenmal ein +großer, breiter Himmel über ihm und vor ihm ein unbegrenzter Horizont lag. +Schon beim Aufstieg war ich erstaunt, die mir von unten her wohlbekannten +Schroffen und Felswände so überwältigend groß zu finden. Und nun sah ich, +vom Augenblick ganz bezwungen, mit Angst und Jubel plötzlich die ungeheure +Weite auf mich herein dringen. So fabelhaft groß war also die Welt! Unser +ganzes Dorf, tief unten verloren liegend, war nur noch ein kleiner heller +Fleck. Gipfel, die man vom Tale aus für eng benachbart hielt, lagen viele +Stunden weit auseinander. + +Da fing ich an zu ahnen, daß ich nur erst ein schmales Blinzeln, noch kein +gediegenes Schauen von der Welt gehabt hatte und daß da draußen Berge +stehen und fallen und große Dinge geschehen konnten, von denen auch nicht +die leiseste Kunde je in unser abgetrenntes Bergloch kam. Zugleich aber +zitterte etwas in mir gleich dem Zeiger des Kompasses mit unbewußtem +Streben mächtig jener großen Ferne entgegen. Und nun verstand ich auch die +Schönheit und Schwermut der Wolken erst ganz, da ich sah, in was für +endlose Fernen sie wanderten. + +Meine beiden erwachsenen Begleiter lobten mein gutes Steigen, rasteten ein +wenig auf der eiskalten Kuppe und lachten über meine fassungslose Freude. +Ich aber, nachdem ich mit dem ersten großen Staunen fertig war, brüllte vor +Lust und Erregung laut wie ein Stier in die klaren Lüfte hinaus. Das war +mein erstes, unartikuliertes Lied an die Schönheit. Ich war auf einen +dröhnenden Widerhall gefaßt, aber mein Geschrei verklang in die ruhigen +Höhen spurlos wie ein schwacher Vogelpfiff. Da war ich sehr beschämt und +hielt mich still. + +Dieser Tag hatte irgend ein Eis in meinem Leben gebrochen. Denn nun kam ein +Ereignis um das andere. Zunächst nahm man mich des öfteren auf Bergfahrten +mit, auch auf schwierigere, und ich drang mit sonderbar beklommener Wollust +in die großen Geheimnisse der Höhen ein. Darauf ward ich zum Gaishirten +ernannt. An einer von den Halden, wohin ich gewöhnlich meine Tiere trieb, +gab es einen windgeschützten Winkel, von kobaltblauem Enzian und hellrotem +Steinbrech überwuchert, das war mir der liebste Platz in der Welt. Das Dorf +war von dort aus unsichtbar und auch vom See war nur über Felsen weg ein +schmaler, blanker Streifen zu erblicken, dafür brannten die Blumen in +lachend frischen Farben, der blaue Himmel lag wie ein Zeltdach auf den +spitzigen Schneegipfeln und neben dem feinen Geläut der Ziegenglocken tönte +ununterbrochen der nicht weit entfernte Wasserfall. Dort lag ich in der +Wärme, staunte den weißen Wölklein nach und jodelte halblaut vor mich hin, +bis die Gaisen meine Trägheit bemerkten und sich allerlei verbotene +Streiche und Lustbarkeiten leisten wollten. Es gab dabei gleich in den +ersten Wochen einen herben Riß in meine Phäakenherrlichkeit, als ich mit +einer verlaufenen Gais zusammen in eine Klamm abstürzte. Die Gais war tot +und mir tat der Schädel weh, außerdem ward ich jämmerlich geprügelt, lief +meinen Alten davon und ward unter Beschwörungen und Wehklagen wieder +eingebracht. + +Leichtlich hätten diese Abenteuer meine ersten und letzten sein können. +Dann wäre dies Büchlein ungeschrieben und manche andere Mühe und Torheit +ungeschehen geblieben. Ich hätte vermutlich irgend eine Base geheiratet +oder läge vielleicht auch irgendwo beiseit ins Gletscherwasser gefroren. Es +wäre auch nicht übel. Aber alles kam anders und es steht mir nicht zu das +Geschehene mit Ungeschehenem zu vergleichen. + +Mein Vater tat jeweils ein wenig kleinen Dienst im Welsdörfer Kloster. Nun +war er einstmals krank und befahl mir ihn dort abzusagen. Das tat ich +indessen nicht, sondern entlehnte beim Nachbar Papier und Feder und schrieb +einen manierlichen Brief an die Klosterbrüder, gab den der Botenfrau mit +und ging auf eigene Faust in den Berg. + +Nächste Woche komme ich eines Tags nach hause, da sitzt ein Pater und +wartet auf denjenigen, der den schönen Brief geschrieben hat. Mir ward +etwas bänglich, aber er lobte mich und suchte meinen Alten zu bereden, daß +er mich bei ihm lernen lasse. Der Oheim Konrad war dazumal gerade wieder in +Gunst und wurde befragt. Natürlich war er sofort dafür entflammt, daß ich +lernen und später studieren und ein Gelehrter und Herr werden müsse. Der +Vater ließ sich überzeugen, und so gehörte nun auch meine Zukunft zu den +gefährlichen Oheimsprojekten, gleich dem feuersicheren Backofen, dem +Segelschiff und den vielen ähnlichen Phantastereien. + +Es ging sogleich an ein gewaltiges Lernen, zumal in Lateinisch, biblischer +Geschichte, Botanik und Geographie. Mir machte das alles vielen Spaß und +ich dachte nicht daran, daß das welsche Zeug mich vielleicht Heimat und +schöne Jahre kosten könne. Das Lateinische allein tats auch nicht. Mein +Vater hätte mich zum Bauer gemacht, wenn ich auch die ganzen viri illustres +vorwärts und rückwärts auswendig gekonnt hätte. Aber der kluge Mann hatte +mir auf den Grund meines Wesens gesehen, wo als Schwerpunkt und +Kardinaluntugend meine unbesiegbare Trägheit hauste. Ich entrann, wo es nur +gehen wollte, der Arbeit und lief statt dessen den Bergen oder dem See nach +oder lag seitwärts versteckt an der Halde, las, träumte und faulenzte. In +dieser Erkenntnis gab er mich schließlich weg. + +Dies ist eine Gelegenheit, ein kurzes Wort über meine Eltern zu sagen. Die +Mutter war ehedem schön gewesen, davon war aber nur der feste, grade Wuchs +und die anmutigen, dunklen Augen übrig geblieben. Sie war groß, überaus +kräftig, fleißig und still. Obwohl sie reichlich so klug wie der Vater und +an Körperkraft ihm überlegen war, herrschte sie doch nicht im Hause, +sondern ließ das Regiment ihrem Manne. Er war mittelgroß, hatte dünne und +fast zarte Glieder und einen hartnäckigen, schlauen Kopf mit einem Gesicht, +das von heller Farbe und ganz voll von kleinen, ungemein beweglichen Falten +war. Dazu kam eine kurze, senkrechte Stirnfalte. Sie verdunkelte sich, so +oft er die Brauen bewegte, und gab ihm ein grämlich leidendes Aussehen; es +schien dann, als versuche er sich auf etwas sehr Wichtiges zu besinnen und +sei selber ohne Hoffnung je darauf zu kommen. Man hätte eine gewisse +Melancholie an ihm wahrnehmen können, aber niemand achtete darauf, denn die +Bewohner unsrer Gegend sind fast alle von einer stetigen, leichten Trübe +des Gemüts befangen, dessen Ursache die langen Winter, die Gefahren, das +mühselige Sichdurchschlagen und die Abgeschlossenheit vom Weltleben sind. + +Von beiden Eltern habe ich wichtige Stücke meines Wesens übernommen. Von +der Mutter eine bescheidene Lebensklugheit, ein Stück Gottvertrauen und ein +stilles, wenig redendes Wesen. Vom Vater hingegen eine Ängstlichkeit vor +festen Entschließungen, die Unfähigkeit mit Geld zu wirtschaften und die +Kunst viel und mit Überlegung zu trinken. Letzteres zeigte sich aber an mir +in jenem zarten Alter noch nicht. Äußerlich hab ich vom Vater die Augen und +den Mund, von der Mutter den schweren, dauerhaften Gang und Körperbau und +die zähe Muskelkraft. Vom Vater und von unserer Rasse überhaupt bekam ich +ins Leben zwar einen bauernschlauen Verstand, aber auch das trübe Wesen und +den Hang zu grundloser Schwermut mit. Da mir bestimmt war mich lange +außerhalb der Heimat bei Fremden herumzuschlagen, wäre es schon besser +gewesen, statt dessen einige Beweglichkeit und etlichen frohen Leichtsinn +mitzubringen. + +So ausgestattet und mit einem neuen Kleide versorgt trat ich die Reise ins +Leben an. Die elterlichen Gaben haben sich bewährt, denn ich ging und stand +in der Welt seither auf eigenen Füßen. Dennoch muß irgend etwas gefehlt +haben, das auch die Wissenschaft und das Weltleben mir nimmer einbrachte. +Denn ich kann heute noch wie je einen Berg zwingen, zehn Stunden +marschieren oder rudern und nötigenfalls einen Mann freihändig erschlagen, +zum Lebenskünstler aber fehlt mir heute noch so viel wie damals. Der frühe +einseitige Umgang mit der Erde und ihren Pflanzen und Tieren hatte wenig +soziale Fähigkeiten in mir aufkommen lassen und noch jetzt sind meine +Träume ein merkwürdiger Beweis dafür, wie sehr ich leider einem rein +animalischen Leben zuneige. Ich träume nämlich sehr oft, ich liege am +Meeresstrand als Tier, zumeist als Seehund, und empfinde dabei ein so +gewaltiges Wohlbehagen, daß ich beim Erwachen den Wiederbesitz meiner +Menschenwürde keineswegs freudig oder mit Stolz, sondern lediglich mit +Bedauern wahrnehme. + +Ich ward in üblicher Weise mit Freiplatz und Freitisch an einem Gymnasium +erzogen und war zum Philologen bestimmt. Niemand weiß, warum. Es gibt kein +unnützeres und langweiligeres Fach und keines, das mir ferner lag. + +Die Schülerjahre gingen mir rasch dahin. Zwischen Balgereien und Schule +kamen Stunden voll Heimweh, Stunden voll frecher Zukunftsträume, Stunden +voll ehrfürchtiger Anbetung der Wissenschaft. Zwischenein trat auch hier +meine angeborene Trägheit hervor, trug mir allerlei Ärger und Strafen ein +und wich dann irgend einem neuen Enthusiasmus. + +»Peter Camenzind,« sprach mein Griechischlehrer, »du bist ein Trotzkopf und +Einspänner und wirst dir noch einmal den harten Schädel einrennen.« Ich +betrachtete den feisten Brillenträger, hörte seine Rede an und fand ihn +komisch. + +»Peter Camenzind,« sprach der Mathematiklehrer, »du bist ein Genie im +Faullenzen und ich bedaure, daß es kein niedrigeres Zeugnis gibt als Null. +Ich schätze deine heutige Leistung auf minus zweieinhalb.« Ich sah ihn an, +bedauerte ihn da er schielte, und fand ihn sehr langweilig. + +»Peter Camenzind,« sagte einmal der Geschichtsprofessor, »du bist kein +guter Schüler, aber du wirst trotzdem einmal ein guter Historiker werden. +Du bist faul, aber du weißt Großes und Kleines zu unterscheiden.« + +Auch das war mir nicht extra wichtig. Dennoch hatte ich vor den Lehrern +Respekt, denn ich dachte sie seien im Besitze der Wissenschaft, und vor der +Wissenschaft empfand ich eine dunkle, gewaltige Ehrfurcht. Und obschon über +meine Faulheit alle Lehrer einig waren, kam ich doch vorwärts und hatte +meinen Platz über der Mitte. Daß die Schule und die Schulwissenschaft ein +unzulängliches Stückwerk war, merkte ich wohl; aber ich wartete auf später. +Hinter diesen Vorbereitungen und Schulfuchsereien vermutete ich das reine +Geistige, eine zweifellose, sichere Wissenschaft des Wahren. Dort würde ich +erfahren, was die dunkle Wirrnis der Geschichte, die Kämpfe der Völker und +die bange Frage in jeder einzelnen Seele bedeute. + +Noch stärker und lebendiger war eine andere Sehnsucht in mir. Ich wollte +gern einen Freund haben. + +Da war ein braunhaariger, ernsthafter Knabe, zwei Jahre älter als ich, +namens Kaspar Hauri. Er hatte eine sichere und stille Art zu gehen und +dazusein, trug den Kopf männlich fest und ernst und sprach nicht viel mit +seinen Kameraden. An ihm blickte ich monatelang mit großer Verehrung empor, +hielt mich auf der Straße hinter ihm her und hoffte sehnlich von ihm +bemerkt zu werden. Ich war auf jeden Spießbürger eifersüchtig, den er +grüßte, und auf jedes Haus, in das ich ihn eintreten oder aus dem ich ihn +kommen sah. Aber ich war zwei Klassen hinter ihm zurück und er fühlte sich +vermutlich der seinigen schon überlegen. Es ist nie ein Wort zwischen uns +gewechselt worden. Statt seiner schloß sich ohne mein Zutun ein kleiner, +kränklicher Knabe an mich an. Er war jünger als ich, schüchtern und +unbegabt, hatte aber schöne, leidende Augen und Gesichtszüge. Weil er +schwächlich und ein wenig verwachsen war, stand er in seiner Klasse viel +Unbilden aus und suchte an mir, der ich stark und angesehen war, einen +Beschützer. Bald ward er so krank, daß er die Schule nicht mehr besuchen +konnte. Er fehlte mir nicht und ich vergaß ihn rasch. + +Nun war in unserer Klasse ein ausgelassener Blondkopf, ein Tausendkünstler, +Musiker, Mime und Hanswurst. Ich gewann seine Freundschaft nicht ohne Mühe +und der flotte kleine Altersgenosse benahm sich stets ein klein wenig +gönnerhaft gegen mich. Immerhin hatte ich nun einen Freund. Ich suchte ihn +in seinem Stüblein auf, las ein paar Bücher mit ihm, machte ihm die +griechischen Aufgaben und ließ mir dafür im Rechnen helfen. Auch gingen wir +manchmal miteinander spazieren und müssen dann wie Bär und Wiesel +ausgesehen haben. Er war immer der Sprecher, der Lustige, Witzige, nie +Verlegene, und ich hörte zu, lachte und war froh einen so burschikosen +Freund zu haben. + +Eines Nachmittags aber kam ich unversehens dazu, wie der kleine Charlatan +im Schulhausgang einigen Kameraden eine von seinen beliebten komischen +Aufführungen zum Besten gab. Soeben hatte er einen Lehrer nachgemacht, nun +rief er: »Ratet wer das ist!« und begann laut ein paar Homerverse zu lesen. +Dabei kopierte er mich sehr getreu, meine verlegene Haltung, mein +ängstliches Lesen, meine oberländisch rauhe Aussprache, und auch meine +ständige Geberde der Aufmerksamkeit, das Blinzeln und das Schließen des +linken Auges. Es sah sich sehr komisch an und war so witzig und lieblos als +möglich gemacht. + +Als er das Buch schloß und den verdienten Beifall einstrich, trat ich von +hinten an ihn her und nahm Rache. Worte fand ich nicht, aber ich brachte +meine ganze Entrüstung, Scham und Wut in einer einzigen, riesigen Ohrfeige +prägnant zum Ausdruck. Gleich darauf begann die Lektion und der Lehrer +bemerkte das Wimmern und die rotgeschwollene Backe meines ehemaligen +Freundes, welcher obendrein sein Liebling war. + +»Wer hat dich so zugerichtet?« + +»Der Camenzind.« + +»Camenzind vortreten! Ist das wahr?« + +»Jawohl.« + +»Warum hast du ihn geschlagen?« + +Keine Antwort. + +»Hast du keinen Grund dazu gehabt?« + +»Nein.« + +Also wurde ich energisch bestraft und schwelgte stoisch in der Wonne des +unschuldig Gemarterten. Da ich aber kein Stoiker noch Heiliger, sondern ein +Schulbub war, streckte ich nach erlittener Strafe meinem Feind die Zunge +heraus so lang sie war. Entsetzt fuhr der Lehrer auf mich los. + +»Schämst du dich nicht? Was soll das heißen?« + +»Das soll heißen, daß der dort ein gemeiner Kerl ist und daß ich ihn +verachte. Und ein Feigling ist er auch noch.« + +So endete meine Freundschaft mit dem Mimen. Er fand keinen Nachfolger und +ich habe die Jahre der reifenden Knabenzeit ohne Freund verbringen müssen. +Aber ob auch meine Anschauung des Lebens und der Menschen seither sich +einige mal verändert hat, jener Ohrfeige erinnere ich mich nie ohne tiefe +Befriedigung. Hoffentlich hat auch der Blonde sie nicht vergessen. + +Mit siebzehn Jahren verliebte ich mich in eine Advokatentochter. Sie war +schön und ich bin stolz darauf, daß ich mein Leben lang immer nur in sehr +schöne Frauenbilder verliebt war. Was ich um sie und um andere litt, +erzähle ich ein andermal. Sie hieß Rösi Girtanner und ist heute noch der +Liebe ganz anderer Männer, als ich bin, würdig. + +Damals brauste mir die ungebrauchte Jugendkraft in allen Gliedern. Ich ließ +mich mit meinen Kameraden in tolle Raufhändel ein, fühlte mich stolz als +besten Ringer, Ballschläger, Wettläufer und Ruderer, und war nebenher +beständig schwermütig. Das hing kaum mit der Liebesgeschichte zusammen. Es +war einfach die süße Schwermut des Vorfrühlings, die mich stärker als +andere anfaßte, so daß ich Freude an traurigen Vorstellungen, an +Todesgedanken und an pessimistischen Ideen hatte. Natürlich fand sich auch +der Kamerad, der mir Heines Buch der Lieder in einer billigen Ausgabe zu +lesen gab. Es war eigentlich kein Lesen mehr, -- ich goß in die leeren +Verse mein volles Herz, ich litt mit, dichtete mit und geriet in ein +lyrisches Schwärmen hinein, das mir vermutlich zu Gesichte stand wie dem +Ferkel die Chemisette. Bis dahin hatte ich von aller »schönen Literatur« +keine Ahnung gehabt. Nun folgte Lenau, Schiller, dann Goethe und +Shakespeare, und plötzlich war mir der blasse Schemen Literatur zu einer +großen Gottheit geworden. + +Mit süßem Schauder fühlte ich aus diesen Büchern mir die würzig kühle Luft +eines Lebens entgegen strömen, das nie auf Erden gewesen und doch +wahrhaftig war und nun in meinem ergriffenen Herzen seine Wellen schlagen +und seine Schicksale erleben wollte. In meinem Lesewinkel auf der +Dachbodenkammer, wohin nur das Stundenschlagen vom nahen Turmgestühl und +das trockene Klappern der daneben nistenden Störche drang, gingen die +Menschen Goethes und Shakespeares bei mir ein und aus. Das Göttliche und +Lächerliche alles Menschenwesens ging mir auf: das Rätsel unseres +zwiespältigen, unbändigen Herzens, die tiefe Wesenheit der Weltgeschichte +und das mächtige Wunder des Geistes, der unsre kurzen Tage verklärt und +durch die Kraft des Erkennens unser kleines Dasein in den Kreis des +Notwendigen und Ewigen erhebt. Wenn ich den Kopf durch die schmale +Fensterluke steckte, sah ich die Sonne auf Dächer und schmale Gassen +scheinen, hörte verwundert die kleinen Geräusche der Arbeit und +Alltäglichkeit verworren heraufrauschen und fühlte das Einsame und +Geheimnisvolle meines von großen Geistern erfüllten Dachwinkels wie ein +sonderbar schönes Märchen mich umgeben. Und allmählich, je mehr ich las und +je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf Dächer, Gassen und +Alltag ergriff, tauchte des öfteren zaghaft und beklemmend das Gefühl in +mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete +Welt warte auf mich, daß ich einen Teil ihrer Schätze höbe, den Schleier +des Zufälligen und Gemeinen davon löse und das Entdeckte durch Dichterkraft +dem Untergang entreiße und verewige. + +Schamhaft fing ich an ein wenig zu dichten und es füllten sich allmählich +einige Hefte mit Versen, Entwürfen und kleinen Erzählungen an. Sie sind +untergegangen und waren vermutlich wenig wert, bereiteten mir aber +Herzklopfen und heimliche Wonne genug. Nur langsam folgte diesen Versuchen +Kritik und Selbstprüfung nach, und erst im letzten Schuljahr trat die +notwendige erste, große Enttäuschung ein. Ich hatte schon begonnen mit +meinen Erstlingsgedichten aufzuräumen und meine Schreiberei überhaupt mit +Mißtrauen zu betrachten, als mir durch Zufall ein paar Bände Gottfried +Keller in die Hände fielen, die ich sogleich zweimal und dreimal +hintereinander las. Da sah ich in plötzlicher Erkenntnis, wie fern meine +unreifen Träumereien der echten, herben, wahrhaftigen Kunst gewesen waren, +verbrannte meine Gedichte und Novellen und blickte nüchtern und traurig mit +peinlichen Katzenjammergefühlen in die Welt. + + + + +II. + + +Um von der Liebe zu reden, -- darin bin ich zeitlebens ein Knabe geblieben. +Für mich ist die Liebe zu Frauen immer ein reinigendes Anbeten gewesen, +eine steile Flamme meiner Trübe entlodert, Beterhände zu blauen Himmeln +emporgestreckt. Von der Mutter her und auch aus eigenem, undeutlichem +Gefühl verehrte ich die Frauen insgesamt als ein fremdes, schönes und +rätselhaftes Geschlecht, das uns durch eine angeborene Schönheit und +Einheitlichkeit des Wesens überlegen ist und das wir heilig halten müssen, +weil es gleich Sternen und blauen Berghöhen uns ferne ist und Gott näher zu +sein scheint. Da das rauhe Leben seinen reichlichen Senf dazu gab, hat die +Frauenliebe mir soviel Bitteres als Süßes eingebracht; zwar blieben die +Frauen auf dem hohen Sockel stehen, mir aber verwandelte sich die +feierliche Rolle des anbetenden Priesters allzuleicht in die +peinlich-komische des genarrten Narren. + +Rösi Girtanner begegnete mir fast jeden Tag, wenn ich zu Tische ging. Eine +Jungfer von siebzehn Jahren, fest und biegsam gewachsen. Aus dem schmalen, +bräunlich frischen Gesicht sprach die stille beseelte Schönheit, welche +ihre Mutter zur Stunde noch besaß und welche vor ihr Ahne und Urahne gehabt +hatte. Aus diesem alten, vornehmen und gesegneten Haus war von Geschlecht +zu Geschlecht eine große, schmucke Reihe von Frauen ausgegangen, jede still +und vornehm, jede frisch, adlig und von fehlerloser Schönheit. Es gibt von +einem unbekannten Meister ein Mädchenbildnis aus der Familie der Fugger, im +sechzehnten Jahrhundert gemalt und eines der köstlichsten Bilder, die meine +Augen gesehen haben. So ähnlich waren die Girtannerschen Frauen und so war +auch Rösi. + +Das alles wußte ich damals freilich nicht. Ich sah sie nur in ihrer +stillen, heiteren Würde schreiten und fühlte das Adelige ihres schlichten +Wesens. Dann saß ich Abends nachsinnend in der Dämmerung, bis es mir +gelang, ihre Erscheinung mir klar und gegenwärtig vorzustellen, und dann +lief ein süßes heimliches Grausen über meine knabenhafte Seele. In Bälde +kam es aber, daß diese Augenblicke der Lust sich trübten und mir bittere +Schmerzen machten. Ich empfand plötzlich, wie fremd sie mir sei, mich nicht +kenne noch mir nachfrage, und daß mein schönes Traumbild ein Diebstahl an +ihrem seligen Wesen sei. Und eben wenn ich das so scharf und peinigend +fühlte, sah ich ihr Bild immer für Augenblicke so wahr und atmend lebendig +vor Augen, daß eine dunkle, warme Woge mein Herz überflutete und mir bis in +die fernsten Pulse seltsam wehe tat. + +Bei Tage geschah es mitten in einer Lehrstunde oder mitten in einem +heftigen Raufen, daß die Woge wiederkam. Dann schloß ich die Augen, ließ +die Hände sinken und fühlte mich in einen lauen Abgrund gleiten, bis mich +der Aufruf des Lehrers oder der Faustschlag eines Kameraden erweckte. Ich +entzog mich, lief ins Freie und staunte mit wunderlicher Träumerei in die +Welt. Nun sah ich plötzlich, wie schön und farbig alles war, wie Licht und +Atem durch alle Dinge floß, wie klargrün der Fluß und wie rot die Dächer +und wie blau die Berge waren. Diese mich umgebende Schönheit zerstreute +mich aber nicht, sondern ich genoß sie still und traurig. Je schöner alles +war, desto fremder schien es mir, der ich keinen Teil daran hatte und +außerhalb stand. Darüber fanden meine dumpfen Gedanken den Weg zu Rösi +zurück: Wenn ich in dieser Stunde stürbe, sie würde es nicht wissen, nicht +danach fragen, nicht darüber betrübt sein! + +Dennoch verlangte mich nicht danach von ihr bemerkt zu werden. Ich hätte +gern etwas Unerhörtes für sie getan oder ihr geschenkt, ohne daß sie gewußt +hätte von wem es kam. + +Und ich tat auch vieles für sie. Es kam eben eine kurze Ferienzeit und ich +ward nach Hause geschickt. Dort leistete ich täglich allerlei Kraftstücke, +alles in meiner Meinung Rösi zu Ehren. Einen schwierigen Gipfel erstieg ich +von der steilsten Seite. Auf dem See machte ich übertriebene Fahrten im +Weidling, große Entfernungen in knapper Zeit. Nach einer solchen Fahrt, da +ich ausgebrannt und verhungert zurück kam, fiel mir ein, bis zum Abend ohne +Speise und Trank zu bleiben. Alles für Rösi Girtanner. Ich trug ihren Namen +und Lobpreis auf entlegene Grate und in nie besuchte Klüfte. + +Zugleich büßte dabei meine in der Schulstube verhockte Jugend ihre Lust. +Die Schultern gingen mir mächtig auseinander, Gesicht und Nacken ward braun +und überall dehnten sich und schwollen die Muskeln. + +Am vorletzten Ferientag brachte ich meiner Liebe ein mühseliges +Blumenopfer. Zwar wußte ich an mehreren verlockenden Hängen auf schmalen +Erdbändern Edelweiß stehen, aber diese duft- und farblose, krankhafte +Silberblüte war mit stets seelenlos und wenig schön erschienen. Dafür +kannte ich ein paar vereinsamte Alpenrosenbüsche, in die Furche einer +kühnen Fluh verweht, spätblühend und verlockend schwer zu erreichen. Nun, +es mußte gehen. Und da denn der Jugend und Liebe nichts unmöglich ist, +gelangte ich mit zerschundenen Händen und krampfigen Schenkeln schließlich +zum Ziel. Juchezen konnte ich in meiner bangen Lage nicht, aber das Herz +jodelte und lärmte mir vor Lust, als ich vorsichtig die zähen Zweige +durchschnitt und die Beute in den Händen hielt. Zurück mußte ich, die +Blumen im Mund, rücklings klettern und Gott allein weiß, wie ich frecher +Knabe heil den Fuß der Wand erreichte. Am ganzen Berg war die Blüte der +Alpenrosen lang vorüber, ich hatte die letzten Zweige des Jahres knospend +und zarterblühend in der Hand. + +Andern Tags hielt ich die Blumen während der ganzen fünfstündigen Reise in +den Händen. Anfangs schlug das Herz mir mächtig der Stadt der schönen Rösi +entgegen; je ferner aber das Hochgebirge ward, desto stärker zog die +eingeborene Liebe mich zurück. Ich erinnere mich so gut an jene +Eisenbahnfahrt! Der Sennalpstock war schon lange unsichtbar, nun sanken +aber auch die zackigen Vorberge einer um den andern hinab und jeder löste +sich mit feinem Wehgefühl von meinem Herzen. Nun waren alle heimischen +Berge versunken und eine breite, niedere, hellgrüne Landschaft drängte sich +hervor. Das hatte mich bei meiner ersten Reise gar nicht berührt. Diesmal +aber ergriff mich Unruhe, Angst und Trauer, als wäre ich verurteilt weiter +in immer flachere Länder hinein zu fahren und die Berge und das Bürgerrecht +der Heimat unwiderbringlich zu verlieren. Zugleich sah ich immer das +schöne, schmale Gesicht der Rösi vor mir stehen, so fein und fremd und kühl +und meiner unbekümmert, daß mir Erbitterung und Schmerz den Atem verhielt. +Vor den Fenstern glitten hintereinander die frohen, sauberen Ortschaften +mit schlanken Türmen und weißen Giebeln vorüber und Menschen stiegen aus +und ein, redeten, grüßten, lachten, rauchten und machten Witze, -- lauter +fröhliche Unterländer, gewandte, freimütige und polierte Leute, und ich +schwerer Bursch vom Oberland saß stumm und traurig und verbissen damitten. +Ich fühlte, daß ich nicht mehr heimisch war. Ich empfand, daß ich den +Bergen für immer entrissen war und doch nie werden würde wie ein +Unterländer, nie so froh, so gewandt, so glatt und sicher. So einer wie +diese würde sich immer über mich lustig machen, so einer würde die +Girtanner einmal heiraten und so einer würde mir immer im Weg und um einen +Schritt voraus sein. + +Solche Gedanken brachte ich mit zur Stadt. Dort stieg ich nach der ersten +Begrüßung auf den Dachboden, öffnete meine Kiste und entnahm ihr einen +großen Bogen Papier. Es war nicht vom feinsten und als ich meine Alpenrosen +darein gewickelt und das Paket mit einem extra von Hause mitgebrachten +Bindfaden verschnürt hatte, sah es gar nicht wie eine Liebesgabe aus. +Ernsthaft trug ich es in die Straße, wo der Advokat Girtanner wohnte, und +im ersten günstigen Augenblick trat ich durchs offene Tor, sah mich in der +abendlich halblichten Hausflur ein wenig um und legte mein unförmliches +Bündel auf der breiten, herrschaftlichen Treppe ab. + +Niemand sah mich und ich erfuhr nie, ob Rösi meinen Gruß zu sehen bekommen +habe. Aber ich war an Flühen geklettert und hatte mein Leben gewagt, um +einen Zweig Rosen auf die Treppe ihres Hauses zu legen, und darin lag etwas +Süßes, Traurigfrohes, Poetisches, das mir wohltat und das ich noch heut +empfinde. Nur in gottlosen Stunden scheint es mir zuweilen, als sei jenes +Rosenabenteuer so gut wie alle meine späteren Liebesgeschichten eine +Donquichotterie gewesen. + +Diese meine erste Liebe fand nie einen Abschluß, sondern verklang fragend +und unerlöst in meine Jugendjahre und lief neben meinen späteren +Verliebtheiten wie eine stille ältere Schwester mit. Immer noch kann ich +mir nichts nobleres, reineres und schöneres vorstellen als jene junge, +wohlgeborene und stillblickende Patrizierin. Und als ich manche Jahre +später auf einer historischen Ausstellung in München jenes namenlose, +rätselhaft liebliche Bildnis der Fuggertochter sah, erschien mir, es stehe +meine ganze schwärmerische, traurige Jugend vor mir und schaue mich aus +unergründlichen Augen tief und verloren an. + +Indessen häutete ich mich langsam und bedächtig und ward allmählich +vollends zum Jüngling. Meine damals angefertigte Photographie zeigt einen +knochigen, hochgewachsenen Bauernbuben in schlechten Schülerkleidern, mit +etwas matten Augen und unfertigen, lümmelhaften Gliedmaßen. Nur der Kopf +hat etwas Frühfertiges und Festes. Mit einer Art von Erstaunen sah ich mich +die Manieren der Knabenzeit ablegen und erwartete mit dunkler Vorfreude die +Studentenzeit. + +Ich sollte in Zürich studieren und für den Fall besonderer Leistungen +hatten meine Gönner die Möglichkeit einer Studienreise erwähnt. All das +erschien mir wie ein schönes, klassisches Bild: Eine ernst freundliche +Laube mit den Büsten Homers und Platos, ich darin sitzend über Folianten +gebückt, und auf allen Seiten ein weiter, klarer Blick auf Stadt, See, +Berge und schöne Fernen. Mein Wesen war nüchterner und doch schwungvoller +geworden und ich freute mich des zukünftigen Glückes mit der festen +Zuversicht seiner würdig befunden zu werden. + +Im letzten Schuljahr fesselte mich das Studium des Italienischen und die +erste Bekanntschaft mit den alten Novellisten, deren gründlicheres +Kennenlernen ich mir als erste Liebhaberarbeit für die Zürcher Semester +vorbehielt. Dann kam der Tag, da ich meinen Lehrern und dem Hausvater Adieu +sagte, meine kleine Kiste packte und vernagelte und mit wohliger Wehmut +abschiednehmend um das Haus der Rösi strich. + +Die Ferienzeit, die nun folgte, gab mir einen bitteren Vorschmack vom Leben +und zerriß mir die schönen Traumflügel schnell und rauh. Zunächst fand ich +die Mutter krank. Sie lag zu Bett, redete fast gar nichts und machte auch +von meinem Kommen kein Aufhebens. Wehleidig war ich nicht, aber es +schmerzte mich doch, meiner Freude und meinem jungen Stolz gar kein Echo zu +finden. Alsdann erklärte mir mein Vater, daß er zwar nichts dagegen habe, +wenn ich nun studieren wolle, daß er aber nicht vermöge mir Geld dazu zu +geben. Wenn das kleine Stipendium nicht reiche, müsse ich eben sehen mir +das Nötige zu verdienen. In meinem Alter habe er schon längst eigenes Brot +gegessen u. s. w. + +Auch mit Wandern, Rudern und Bergsteigen war es diesmal nicht viel, denn +ich mußte in Haus und Feld mitarbeiten und an den freien halben Tagen hatte +ich zu nichts Lust, nicht einmal zum Lesen. Es empörte und ermüdete mich zu +sehen, wie das gemeine tägliche Leben breitmäulig sein Recht forderte und +alles fraß, was ich von Überfluß und Übermut mitgebracht hatte. Übrigens +war mein Vater, als er die Geldfrage einmal vom Herzen hatte, nach seiner +Art zwar rauh und kurz, aber nicht unfreundlich gegen mich, doch hatte ich +keine Freude daran. Auch daß meine Schulbildung und meine Bücher ihm einen +stillen, halbverächtlichen Respekt einflößten, störte mich und tat mir +leid. Und dann dachte ich auch oft an Rösi und hatte wieder das böse, +rechthaberische Gefühl meines bauernhaften Unvermögens, je in der »Welt« +einen sicheren und beweglichen Mann abzugeben. Ich besann mich sogar +tagelang, ob es nicht besser sei dazubleiben und mein Latein und meine +Hoffnungen im zähen, trüben Zwang des armseligen heimischen Lebens zu +vergessen. Gequält und verdrossen ging ich umher und fand auch am Bett der +kranken Mutter nicht Trost noch Ruhe. Das Bild jener Traumlaube mit der +Homerbüste erschien höhnisch wieder und ich zerstörte es und goß allen +Grimm und alle Feindseligkeit meines zerplagten Wesens darüber. Die Wochen +wurden unausstehlich lang, als sollte ich an diese hoffnungslose Zeit des +Ärgers und Zwiespalts meine ganze Jugend verlieren. + +War ich erstaunt und empört gewesen, das Leben meine glückliche Träumerei +so rasch und gründlich zerstören zu sehen, so kam ich nun in die Lage zu +erstaunen, wie plötzlich und mächtig auch der jetzigen Quälerei ein +Überwinder erwuchs. Das Leben hatte mir seine graue Werktagsseite gezeigt, +nun trat es plötzlich mit seinen ewigen Tiefen vor mein befangenes Auge und +belud meine Jugend mit einer schlichten, mächtigen Erfahrung. + +Früh am Morgen eines heißen Sommertags litt ich im Bette Durst und stand +auf, um in die Küche zu gehen, wo stets eine Kufe frischen Wassers stand. +Dabei mußte ich durchs Schlafzimmer der Eltern gehen, wo mir das sonderbare +Stöhnen der Mutter auffiel. Ich trat an ihr Bett, doch sah sie mich nicht +und gab keine Antwort, sondern stöhnte trocken und angstvoll vor sich hin, +zuckte mit den Lidern und war bläulich blaß im Gesicht. Dies erschreckte +mich nicht sonderlich, obwohl mir etwas ängstlich wurde. Aber dann sah ich +ihre beiden Hände auf den Laken liegen, still und wie schlafende +Geschwister. An diesen Händen sah ich, daß meine Mutter im Sterben lag, +denn sie waren schon so seltsam todmüde und willenlos, wie sie kein +Lebender hat. Ich vergaß meinen Durst, kniete neben dem Lager nieder, legte +der Kranken die Hand auf die Stirn und suchte ihren Blick. Da er mich traf, +war er gut und ohne Qual, aber nahe am Erlöschen. Es fiel mir nicht ein, +daß ich den Vater wecken müsse, der nebenan mit hartem Atmen schlief. So +kniete ich denn nahezu zwei Stunden und sah meine Mutter den Tod erleiden. +Sie litt ihn stille, ernst und tapfer, wie es ihrer Art zukam, und hat mir +ein gutes Vorbild gegeben. + +Das Stüblein war stille und füllte sich langsam mit der Helle des +heraufsteigenden Morgens; Haus und Dorf lag schlafend und ich hatte Muße, +in Gedanken die Seele eines Sterbenden zu begleiten, über Haus und Dorf und +See und Schneegipfel hinweg in die kühle Freiheit eines reinen +Frühmorgenhimmels hinein. Schmerz fühlte ich wenig, denn ich war voll +Staunen und Ehrfurcht zusehen zu dürfen, wie ein großes Rätsel sich löste +und wie der Ring eines Lebens sich mit leisem Erzittern schloß. Auch war +die klaglose Tapferkeit der Scheidenden so erhaben, daß von ihrer herben +Glorie ein kühlend klarer Strahl auch in meine Seele fiel. Daß der Vater +daneben schlief, daß kein Priester da war, daß weder Sakrament noch Gebet +die heimkehrende Seele heiligend begleitete, empfand ich nicht. Ich spürte +nur einen schauernden Hauch der Ewigkeit durch die dämmernde Stube fluten +und sich mit meinem Wesen vermischen. + +Im letzten Augenblick, die Augen waren schon erloschen, küßte ich zum +ersten mal in meinem Leben meiner Mutter kühlen, welken Mund. Dann überlief +die fremde Kühle der Berührung mich mit plötzlichem Grausen, ich setzte +mich auf den Rand des Bettes und fühlte, daß mir langsam und zögernd eine +große Träne um die andere über Wangen, Kinn und Hände lief. + +Bald darauf erwachte der Vater, sah mich dasitzen und rief mich +schlaftrunken an, was es gäbe. Ich wollte ihm Antwort geben, konnte aber +nichts sagen, sondern ging aus der Stube, kam wie im Traum in meine Kammer +und zog langsam und unbewußt meine Kleider an. Bald erschien der Alte bei +mir. + +»Die Mutter ist tot,« sagte er. »Hast du's gewußt?« + +Ich nickte. + +»Warum hast du mich schlafen lassen? Und kein Priester ist dagewesen! Dich +soll doch --« er tat einen schweren Fluch. + +Da tat irgend etwas in meinem Kopf mir weh, wie wenn eine Ader gesprungen +wäre. Ich trat auf ihn zu und nahm ihn fest bei beiden Händen -- er war an +Stärke ein Knabe gegen mich, und sah ihm ins Gesicht. Sagen konnte ich +nichts, aber er ward still und beklommen und als wir darauf beide zur +Mutter hinüber gingen, ergriff auch ihn die Gewalt des Todes und machte +sein Gesicht fremd und feierlich. Dann bückte er sich über die Tote und +begann ganz leise und kindlich zu klagen, fast wie ein Vogel, in hohen +schwachen Tönen. Ich ging weg und brachte den Nachbarn die Nachricht. Sie +hörten mich an, stellten keine Fragen, sondern gaben mir die Hand und boten +unsrem verwaisten Haushalt ihre Hilfe an. Einer lief den Weg ins Kloster, +um einen Pater zu holen, und da ich heimkehrte, war schon eine Nachbarin in +unsrem Stall und versorgte die Kuh. + +Der Hochwürdige kam, und fast alle Frauen des Orts kamen, alles geschah +pünktlich und richtig wie von selber, sogar der Sarg ward ohne unser Zutun +besorgt und ich konnte zum erstenmal deutlich sehen, wie gut es in schweren +Lagen ist, heimisch zu sein und einer kleinen, sicheren Gemeinschaft +anzugehören. Am andern Tage hätte ich mir das vielleicht noch tiefer +überlegen sollen + +Als nämlich der Sarg gesegnet und versenkt und die wunderliche Schar +wehmütig altmodischer, borstiger Cylinderhüte verschwunden war, auch der +meines Alten, jeder in seine Schachtel und seinen Schrank, da wandelte +meinen armen Vater eine Schwäche an. Er begann plötzlich sich selbst zu +bemitleiden und hielt mir in sonderbaren, großenteils biblischen +Redewendungen sein Elend vor, daß er nun, da sein Weib begraben sei, auch +noch seinen Sohn verlieren und in die Fremde fahren sehen müsse. Es nahm +kein Ende, ich hörte erschrocken zu und war beinahe bereit, ihm das +Dableiben zu versprechen. + +In diesem Augenblick, ich hatte schon zur Antwort angesetzt, geschah mir +etwas Merkwürdiges. Es erschien mir plötzlich, in einer einzigen Sekunde, +alles das, was ich von klein auf gedacht und erwünscht und sehnlich erhofft +hatte, zusammengedrängt vor einem plötzlich aufgetanen innerlichen Auge. +Ich sah große, schöne Arbeiten auf mich warten, zu lesende Bücher und zu +schreibende Bücher. Ich hörte den Föhn gehen und sah ferne, selige Seeen +und Ufer in südlichen Farben erglänzend liegen. Ich sah Menschen mit +klugen, geistigen Gesichtern wandeln und schöne, feine Frauen, sah Straßen +laufen und Pässe über Alpen führen und Eisenbahnen durch Länder hasten, +alles zugleich und jedes doch für sich und deutlich, und hinter allem die +unbegrenzte Ferne eines klaren Horizontes, von treibenden Flugwolken +durchschnitten. Lernen, schaffen, schauen, wandern -- die ganze Fülle des +Lebens glänzte in flüchtigem Silberblick vor meinem Auge auf, und wieder +wie in Knabenzeiten zitterte etwas in mir mit unbewußt mächtigem Zwang der +großen Weite der Welt entgegen. + +Ich schwieg und ließ den Vater reden, schüttelte nur den Kopf und wartete, +bis sein Ungestüm ermüdete. Das geschah erst am Abend. Nun erklärte ich ihm +meinen festen Entschluß zu studieren und meine künftige Heimat im Reich des +Geistes zu suchen, von ihm aber keine Unterstützungen zu begehren. Er drang +denn auch nicht weiter in mich und sah mich nur wehleidig und +kopfschüttelnd an. Denn auch er begriff, daß ich von jetzt an eigene Wege +gehen und seinem Leben schnell vollends fremd werden würde. Als ich heute +beim Schreiben mich des Tages erinnerte, sah ich meinen Vater wieder so wie +er an jenem Abend im Stuhl beim Fenster saß. Sein scharfer, kluger +Bauernkopf steht unbeweglich auf dem dünnen Hals, das kurze Haar beginnt zu +grauen und in den harten, strengen Zügen kämpft mit der zähen Männlichkeit +das Leid und das hereinbrechende Alter. + +Von ihm und von meinem damaligen Aufenthalt unter seinem Dach bleibt mir +noch ein kleines, nicht unwichtiges Ereignis zu erzählen. In der letzten +Woche vor meiner Abreise setzte eines Abends mein Vater seine Mütze auf und +nahm den Türgriff in die Hand. »Wo gehst du hin?« fragte ich. »Geht's dich +was an?« sagte er. »Könntest mir's auch sagen, wenn's nichts Unrechtes +ist,« meinte ich. Da lachte er und rief: »Kannst auch mitkommen, bist ja +keiner von den Kleinsten mehr.« So ging ich denn mit. Ins Wirtshaus. Ein +paar Bauern saßen da vor einem Krug Hallauer, zwei fremde Fuhrleute tranken +Absinth, ein Tisch voll junger Burschen spielte Jaß und spektakelte +mächtig. + +Ich war gewohnt zuweilen ein Glas Wein zu trinken, doch war es nun zum +ersten Mal daß ich ohne Not ein Schankhaus betrat. Daß mein Vater ein +gediegener Zecher sei, wußte ich vom Hörensagen. Er trank viel und gut und +dadurch blieb sein Hauswesen, ohne daß er es sonst ernstlich vernachlässigt +hätte, immer in einer hoffnungslosen Kümmerlichkeit stecken. Es fiel mir +auf, wie viel Achtung ihm von Wirt und Gästen gezeigt wurde. Er ließ einen +Liter Waadtländer bringen, hieß mich einschenken und belehrte mich darüber, +wie das zu machen sei. Man müsse niedrig einschenken, dann den Strahl mäßig +verlängern und zum Schluß die Flasche wieder so tief als möglich senken. +Darauf begann er von verschiedenen Weinen zu erzählen, die er kannte und +die er bei seltenen Gelegenheiten, wenn er etwa einmal zur Stadt oder ins +Welsche hinüber kam, zu genießen pflegte. Er sprach mit ernster Achtung vom +tiefroten Veltliner, von welchem er drei Arten unterschied. Hierauf kam er +mit leiserer, eindringender Stimme auf gewisse Waadtländer Flaschenweine zu +sprechen. Fast flüsternd und mit der Miene eines Märchenerzählers +berichtete er zuletzt vom Wein von Neuchâtel. Von diesem gäbe es Jahrgänge, +deren Schaum beim Einschenken im Glase einen Stern bilde. Und er zeichnete +den Stern mit angefeuchtetem Zeigefinger auf den Tisch. Dann versank er in +ungeheuerliche Mutmaßungen über das Wesen und den Geschmack des +Champagners, den er nie getrunken hatte und von welchem er glaubte, daß +eine Flasche davon zwei Mann stocksternhagelbetrunken mache. + +Verstummend und nachdenklich zündete er sich eine Pfeife an. Dabei bemerkte +er, daß ich nichts zu rauchen habe, und gab mir zehn Rappen für Cigarren. +Und dann saßen wir einander gegenüber, bliesen uns den Rauch ins Gesicht +und tranken langsam schlürfend den ersten Liter leer. Der gelbe, pikante +Waadtländer schmeckte mir vorzüglich. Allmählich wagten die Bauern am +Nebentisch sich mit ins Gespräch und schließlich siedelte einer nach dem +andern räuspernd und vorsichtig zu uns über. Bald kam auch ich in den +Mittelpunkt und es zeigte sich, daß mein Ruf als Bergsteiger noch nicht +vergessen war. Allerlei verwegene Aufstiege und tolle Abstürze, in +mythische Nebel gehüllt, wurden erzählt, bestritten und verteidigt. +Mittlerweile waren wir schon fast mit dem zweiten Liter fertig und mir +sauste das Blut in den Augen. Ganz gegen meine Natur begann ich laut zu +prahlen und erzählte auch die freche Kletterei an der oberen +Sennalpstockwand, wo ich die Alpenrosen für Rösi Girtanner geholt hatte. +Man glaubte mir nicht, ich beteuerte, man lachte, ich ward zornig. Ich +forderte jeden der mir nicht glaubte, zum Ringen heraus und ließ merken, +daß ich zur Not sie alle miteinander zu zwingen denke. Da ging ein altes, +krummes Bäuerlein in die Kredenz, brachte einen großen Steingutkrug und +legte ihn der Länge nach auf den Tisch. + +»Ich will dir was sagen,« lachte er. »Wenn du so stark bist, so hau den +Krug mit der Faust zusammen. Dann zahlen wir dir so viel Wein, als er faßt. +Wenn du es nicht kannst, zahlst aber du den Wein.« + +Mein Vater stimmte sogleich zu. Also stand ich auf, wickelte mein +Taschentuch um die Hand und schlug. Die zwei ersten Schläge taten keine +Wirkung. Beim dritten ging der Krug in Stücke. »Zahlen!« rief mein Vater +und glänzte vor Wonne, der Alte schien einverstanden. »Gut,« sagte er, »ich +zahl' Wein, soviel in den Krug geht. Wird aber nimmer viel sein.« Freilich +faßte der Scherben keinen Schoppen mehr und ich hatte zum Schmerz im Arm +noch den Spott. Auch mein Vater lachte mich jetzt aus. + +»Nun, so hast du gewonnen,« schrie ich, schenkte den Scherben aus unsrer +Flasche voll und goß ihn dem Alten über den Kopf. Nun waren wir wieder die +Sieger und hatten den Beifall der Gäste. + +Derlei starke Scherze wurden noch mehr getrieben. Dann schleppte mein Vater +mich nach Hause und wir polterten aufgeregt und unwirsch durch die Stube, +in welcher vor noch nicht drei Wochen der Sarg der Mutter gestanden hatte. +Ich schlief wie ein Toter und war am Morgen ganz verwüstet und zerbrochen. +Der Vater spottete, war munter und heiter und freute sich sichtlich seiner +Überlegenheit. Ich aber schwor im stillen, nie mehr zu zechen, und wartete +sehnlichst auf den Tag der Abreise. + +Der Tag kam und ich reiste ab, den Schwur aber habe ich nicht gehalten. Der +gelbe Waadtländer, der tiefrote Veltliner, der Neuenburger Sternwein und +viele andere Weine sind mir seither bekannt und gute Freunde geworden. + + + + +III. + + +Aus der nüchternen und drückenden Luft der Heimat herausgekommen, tat ich +große Flügelschläge der Wonne und Freiheit. Wenn ich sonst im Leben je und +je zu kurz gekommen bin, so habe ich doch die absonderliche, schwärmerische +Lust der Jugendzeit reich und rein genossen. Gleich einem jungen Krieger, +der am blühenden Waldrand rastet, lebte ich in seliger Unruhe zwischen +Kampf und Getändel; und wie ein ahnungsvoller Seher stand ich an dunkeln +Abgründen, dem Brausen großer Ströme und Stürme lauschend und die Seele +gerüstet den Zusammenklang der Dinge und die Harmonie alles Lebens zu +vernehmen. Tief und beglückt trank ich aus den vollen Bechern der Jugend, +litt in der Stille süße Leiden um schöne, scheu verehrte Frauen und kostete +das edelste Jugendglück einer männlich frohen, reinen Freundschaft bis zum +Grunde. + +In einem neuen Bukskinanzug und mit einer kleinen Kiste voll Bücher und +sonstiger Habe kam ich angefahren, bereit mir ein Stück Welt zu erobern und +so bald als möglich den Rauhbeinen daheim zu beweisen, daß ich aus einem +anderen Holze als die übrigen Camenzinde geschnitten sei. Drei wundervolle +Jahre wohnte ich in derselben weithinblickenden, windigen Mansarde, lernte, +dichtete, sehnte mich und fühlte alle Schönheit der Erde mich mit warmer +Nähe umgeben. Nicht jeden Tag hatte ich etwas Warmes zu essen, aber jeden +Tag und jede Nacht und jede Stunde sang und lachte und weinte mir das Herz, +einer starken Freude voll, und hielt das liebe Leben heiß und sehnlich an +sich gedrückt. + +Zürich war die erste große Stadt, die ich grüner Peter zu sehen bekam, und +ein paar Wochen lang machte ich beständig große Augen. Das städtische Leben +aufrichtig zu bewundern oder zu beneiden, fiel mir zwar nicht ein -- darin +war ich eben ein Bauer; aber ich hatte Freude an dem Vielerlei der Straßen, +Häuser und Menschen. Ich beschaute die von Wagen belebten Gassen, die +Schifflände, Plätze, Gärten, Prunkbauten und Kirchen; ich sah fleißige +Leute in Scharen zur Arbeit laufen, sah Studenten bummeln, Vornehme +ausfahren, Gecken sich brüsten, Fremde umherschlendern. Die modisch +eleganten, hoffärtigen Weiber der Reichen kamen mir wie Pfauen im +Hühnerhofe vor, hübsch, stolz und ein wenig lächerlich. Schüchtern war ich +eigentlich nicht, nur steif und trotzig, und ich zweifelte nicht, daß ich +ganz der Kerl dazu sei, dies rege Leben der Städte gründlich kennen zu +lernen und später selber einmal meinen sicheren Platz darin zu finden. + +Die Jugend traf mich an in der Gestalt eines schönen, jungen Menschen, der +in derselben Stadt studierte und im ersten Stockwerk meines Hauses zwei +hübsche Zimmer gemietet hatte. Jeden Tag hörte ich ihn unten Klavier +spielen und spürte dabei zum erstenmal etwas vom Zauber der Musik, der +weiblichsten und süßesten Kunst. Dann sah ich den hübschen Jungen das Haus +verlassen, ein Buch oder Notenheft in der Linken, in der Rechten die +Cigarette, deren Rauch hinter seinem biegsam schlanken Gang verwirbelte. +Mich zog eine scheue Liebe zu ihm hin, doch blieb ich abgesondert und +fürchtete mich mit einem Menschen Umgang zu haben, neben dessen leichtem, +freiem und wohlhabendem Wesen meine Armut und mein Mangel an Lebensart mich +nur demütigen würde. Da kam er selber zu mir. Eines Abends klopfte es an +meiner Tür und ich erschrak ein wenig; denn ich hatte noch nie Besuch bei +mir gesehen. Der schöne Student trat ein, gab mir die Hand, nannte seinen +Namen und tat so frei und fröhlich, als wären wir alte Bekannte. + +»Ich wollte fragen ob Sie nicht Lust hätten ein wenig mit mir zu +musizieren,« sagte er freundlich. Aber ich hatte in meinem Leben nie ein +Instrument berührt. Ich sagte ihm das und fügte hinzu, daß ich außer Jodeln +keinerlei Künste verstehe, doch habe mir sein Klavierspiel oft schön und +verlockend heraufgeklungen. + +»Wie man sich täuschen kann!« rief er lustig. »Ihrem Äußeren nach hätte ich +geschworen, Sie seien Musiker. Merkwürdig! Aber Sie können jodeln? O bitte, +jodeln Sie doch einmal! Ich höre es ums Leben gern.« + +Ich war ganz bestürzt und erklärte ihm, daß ich so auf Verlangen und in der +Stube drin durchaus nicht jodeln könne. Das müsse auf einem Berge oder +mindestens im Freien und ganz aus eigener Lust geschehen. + +»Dann jodeln Sie also auf einem Berge! Vielleicht morgen? Ich bitte Sie +sehr darum. Wir könnten etwa gegen Abend miteinander ausfliegen. Wir +bummeln und plaudern ein wenig, droben jodeln Sie dann, und nachher essen +wir in irgend einem Dorf zu Nacht. Sie haben doch Zeit?« + +O ja, Zeit genug. Ich sagte eilig zu. Und dann bat ich ihn, mir etwas +vorzuspielen, und stieg mit ihm in seine schöne, große Wohnung hinunter. +Ein paar modern eingerahmte Bilder, das Klavier, eine gewisse zierliche +Unordnung und ein feiner Cigarettenduft erzeugten in dem hübschen Raum eine +Art von freier und behaglicher Eleganz und wohnlicher Stimmung, die mir +ganz neu war. Richard setzte sich ans Klavier und spielte ein paar Takte. + +»Sie kennen das, nicht wahr?« nickte er herüber und sah prachtvoll aus, wie +er so vom Spielen weg den hübschen Kopf herüberbog und mich glänzend ansah. + +»Nein,« sagte ich, »ich kenne nichts.« + +»Es ist Wagner,« rief er zurück, »aus den Meistersingern,« und spielte +weiter. Es klang leicht und kräftig, sehnsüchtig und heiter, und umfloß +mich wie ein laues, erregendes Bad. Zugleich betrachtete ich mit heimlicher +Lust den schlanken Nacken und Rücken des Spielers und seine weißen +Musikerhände, und dabei überlief mich dasselbe scheue und bewundernde +Gefühl von Zärtlichkeit und Achtung, mit dem ich früher jenen +dunkelhaarigen Schüler betrachtet hatte, zusammen mit der schüchternen +Ahnung, dieser schöne vornehme Mensch würde vielleicht wirklich mein Freund +werden und meine alten, nicht vergessenen Wünsche nach einer solchen +Freundschaft wahr machen. + +Tags darauf holte ich ihn ab. Langsam und plaudernd erstiegen wir einen +mäßigen Hügel, überschauten Stadt, See und Gärten und genossen die satte +Schönheit des Vorabends. + +»Und nun jodeln Sie!« rief Richard. »Wenn Sie sich immer noch genieren, so +drehen Sie mir den Rücken zu. Aber bitte, laut!« + +Er konnte zufrieden sein. Ich jodelte wütend und frohlockend in die rosige +Abendweite hinein, in allen Tonarten und Brechungen. Als ich aufhörte, +wollte er etwas sagen, hielt aber sogleich wieder inne und deutete horchend +gegen die Berge. Von einer fernen Höhe her kam Antwort, leise, langgezogen +und schwellend, der Gruß eines Hirten oder Wanderers, und wir hörten still +und freudig zu. Während dieses gemeinsamen Stehens und Lauschens überrann +mich mit köstlichem Schauer die Empfindung, zum erstenmal neben einem +Freunde zu stehen und so zu zweien in schöne, rosig verwölkte Lebensweiten +zu blicken. Der abendliche See begann sein weiches Farbenspiel und kurz vor +Sonnenuntergang sah ich aus zerfließendem Gedünste ein paar trotzige, frech +gezackte Alpengipfel hervortreten. + +»Dort ist meine Heimat,« sagte ich. »Die mittlere Schroffe ist die rote +Fluh, rechts das Geishorn, links und weiter entfernt der runde +Sennalpstock. Ich war zehn Jahr und drei Wochen alt, als ich zum erstenmal +auf dieser breiten Kuppe stand.« + +Ich strengte die Augen an, um etwa noch einen der südlicheren Gipfel zu +erspähen. Nach einer Weile sagte Richard etwas, das ich nicht verstand. + +»Was sagten Sie?« fragte ich. + +»Ich sage, daß ich nun weiß, welche Kunst Sie treiben.« + +»Welche denn?« + +»Sie sind Dichter.« + +Da wurde ich rot und ärgerlich und war zugleich erstaunt, wie er das +erraten habe. + +»Nein,« rief ich, »ein Dichter bin ich nicht. Ich habe zwar auf der Schule +Verse gemacht, aber nun schon lang keine mehr.« + +»Darf ich die einmal sehen?« + +»Sie sind verbrannt. Aber Sie dürften sie doch nicht sehen, auch wenn ich +sie noch hätte.« + +»Es waren gewiß sehr moderne Sachen, mit viel Nietzsche drin?« + +»Was ist das?« + +»Nietzsche? Ja großer Gott, kennen Sie den nicht?« + +»Nein. Woher soll ich ihn kennen?« + +Nun war er entzückt, daß ich Nietzsche nicht kannte. Ich aber wurde +ärgerlich und fragte, über wieviel Gletscher er schon gegangen sei. Als er +sagte über keinen, tat ich darüber ebenso spöttisch erstaunt wie er vorher +über mich. Da legte er mir die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst: »Sie +sind empfindlich. Aber Sie wissen ja selber gar nicht, was für ein +beneidenswert unverdorbener Mensch Sie sind und wie wenig solche es gibt. +Sehen Sie, in einem Jahr oder zwei werden Sie Nietzsche und all den Kram ja +auch kennen, viel besser als ich, da Sie gründlicher und gescheiter sind. +Aber gerade so, wie Sie jetzt sind, hab ich Sie gern. Sie kennen Nietzsche +nicht und Wagner nicht, aber Sie sind viel auf Schneebergen gewesen und +haben so ein tüchtiges Oberländergesicht. Und ganz gewiß sind Sie auch ein +Dichter. Ich kann das am Blick und an der Stirn sehen.« + +Auch das, daß er so freimütig und ungeniert mich betrachtete und seine +Meinung herausplauderte, erstaunte mich und kam mir ungewöhnlich vor. + +Noch viel erstaunter und glücklicher war ich aber, als er acht Tage später +in einem vielbesuchten Biergarten Brüderschaft mit mir schloß, vor allen +Leuten aufsprang, mich küßte und umfaßte und mit mir wie verrückt um den +Tisch herum tanzte. + +»Was werden die Leute denken!« warnte ich ihn schüchtern. + +»Sie werden denken: die zwei sind außerordentlich glücklich oder ganz +außerordentlich besoffen; die meisten aber werden gar nichts denken.« + +Überhaupt schien Richard mir oft, obwohl er älter, klüger, besser erzogen +und in allem beschlagener und raffinierter war als ich, doch im Vergleich +mit mir das reine Kind zu sein. Auf der Straße machte er halbwüchsigen +Schulmädchen feierlich-spöttisch den Hof, die ernsthaftesten Klavierstücke +unterbrach er unerwartet mit völlig kindischen Witzen, und als wir einmal +Spaßes halber in eine Kirche gegangen waren, sagte er plötzlich mitten +während der Predigt nachdenklich und wichtig zu mir: »Du, findest du nicht, +der Pfarrer sieht aus wie ein Kaninchengreis?« Der Vergleich traf zu, ich +fand aber, er hätte mir das auch nachher mitteilen können, und sagte ihm +das. + +»Wenn es doch richtig war!« schmollte er. »Bis nachher hätte ich es +wahrscheinlich wieder vergessen.« + +Daß seine Witze keineswegs immer geistreich waren, häufig sogar nur auf das +Citieren eines Buschverses hinausliefen, störte weder mich noch andere, +denn was wir an ihm liebten und bewunderten, war nicht Witz und Geist, +sondern die unbezwingliche Heiterkeit seines lichten, kindlichen Wesens, +welche jeden Augenblick hervorbrach und ihn mit einer leichten, fröhlichen +Atmosphäre umgab. Sie konnte sich in einer Geberde, in einem leisen Lachen, +in einem fidelen Blicke äußern, aber lange sich verbergen konnte sie nicht. +Ich bin überzeugt, daß er auch im Schlaf zuweilen lachen oder eine Geste +der Heiterkeit machen mußte. + +Richard brachte mich häufig mit andern jungen Leuten zusammen, Studenten, +Musikanten, Malern, Literaten, allerlei Ausländern, denn was an +interessanten, kunstliebenden und aparten Personen in der Stadt herumlief, +geriet in seinen Umgang. Es waren manche ernste und heftig ringende Geister +dabei, Philosophen, Ästhetiker und Sozialisten, und von vielen konnte ich +ein gutes Stück lernen. Kenntnisse aus den verschiedensten Gebieten flogen +mir stückweise an, ich ergänzte und las viel nebenher, und so gewann ich +allmählich eine gewisse Vorstellung von dem, was die regsamsten Köpfe der +Zeit plagte und bannte, und bekam einen wohltätig anspornenden Einblick in +die geistige Internationale. Ihre Wünsche, Ahnungen, Arbeiten und Ideale +waren mir anziehend und verständlich, ohne daß ein starker eigener Trieb +mich genötigt hätte, für oder wider mitzustreiten. Bei den meisten fand ich +alle Energie des Gedankens und der Leidenschaft auf Zustände und +Einrichtungen der Gesellschaft, des Staates, der Wissenschaften, der +Künste, der Lehrmethoden gerichtet, die wenigsten aber schienen mir das +Bedürfnis zu kennen, ohne äußeren Zweck an sich selber zu bauen und ihr +persönliches Verhältnis zur Zeit und Ewigkeit zu klären. Auch in mir selber +lag dieser Trieb noch zumeist im Halbschlummer. + +Freundschaften schloß ich keine mehr, da ich Richard ausschließlich und mit +Eifersucht liebte. Auch den Frauen, mit denen er viel und vertraut umging, +suchte ich ihn zu entziehen. Die kleinsten mit ihm getroffenen +Verabredungen hielt ich peinlich genau und war empfindlich, wenn er mich +warten ließ. Einmal bat er mich, ihn zu einer bestimmten Stunde zum Rudern +abzuholen. Ich kam, fand ihn aber nicht zuhause und wartete drei Stunden +vergebens auf sein Kommen. Tags darauf warf ich ihm seine Nachlässigkeit +heftig vor. + +»Warum bist du denn nicht einfach allein rudern gegangen?« lachte er +verwundert. »Ich hatte die Sache ganz vergessen; das ist doch schließlich +kein Unglück.« + +»Ich bin gewohnt mein Wort pünktlich zu halten,« antwortete ich heftig. +»Aber freilich bin ich auch daran gewöhnt, daß du dir wenig daraus machst, +mich irgendwo auf dich warten zu wissen. Wenn man so viele Freunde hat wie +du!« + +Er sah mich mit maßlosem Erstaunen an. + +»Ja, so ernst nimmst du jede Bagatelle?« + +»Meine Freundschaft ist mir keine Bagatelle.« + + »Dies Wort drang ihm in die Natur, + So daß er schleunigst Bessrung schwur,« + +zitierte Richard feierlich, faßte mich um den Kopf, rieb nach +orientalischem Liebesbrauch seine Nasenspitze an der meinen und liebkoste +mich, bis ich ärgerlich lachend mich ihm entzog; die Freundschaft aber war +wieder heil. + +In meiner Mansarde lagen in entlehnten, oft kostbaren Bänden die modernen +Philosophen, Dichter und Kritiker, literarische Revuen aus Deutschland und +Frankreich, neue Theaterstücke, Pariser Feuilletons und Wiener +Modeästheten. Ernster und liebevoller als mit diesen rasch gelesenen Sachen +beschäftigte ich mich mit meinen altitalienischen Novellisten und mit +historischen Studien. Mein Wunsch war, baldmöglichst die Philologie +beiseite zu legen und einzig Geschichte zu studieren. Neben Werken über +Gesamtgeschichte und historische Methode las ich namentlich Quellen und +Monographieen über die Zeit des Spätmittelalters in Italien und Frankreich. +Dabei lernte ich zum erstenmal meinen Liebling unter den Menschen, Franz +von Assisi, den seligsten und göttlichsten aller Heiligen, genauer kennen. +Und so ward mein Traum, in dem ich die Fülle des Lebens und Geistes vor mir +eröffnet gesehen hatte, täglich wahr und erwärmte mir das Herz mit Ehrgeiz, +Freude und Jugendeitelkeit. Im Hörsaal nahm mich die ernste, etwas herbe +und gelegentlich etwas langweilige Wissenschaft in Anspruch. Zuhause kehrte +ich bei den heimelig frommen oder schauerlichen Geschichten des +Mittelalters oder bei den behaglichen alten Novellisten ein, deren schöne +und wohlige Welt mich wie ein schattiger, dämmernder Märchenwinkel +umschloß, oder ich fühlte die wilde Woge moderner Ideale und Leidenschaften +über mich weg rollen. Dazwischen hörte ich Musik, lachte mit Richard, nahm +an den Zusammenkünften seiner Freunde Teil, verkehrte mit Franzosen, +Deutschen, Russen, hörte sonderbare moderne Bücher vorlesen, trat da und +dort in die Ateliers der Maler oder wohnte Abendgesellschaften bei, in +denen eine Menge aufgeregter und unklarer junger Geister erschien und mich +wie ein phantastischer Karneval umgab. + +Eines Sonntags besuchte Richard mit mir eine kleine Ausstellung neuer +Gemälde. Mein Freund blieb vor einem Bilde stehen, das eine Alp mit ein +paar Ziegen vorstellte. Es war fleißig und nett gemalt, aber ein wenig +altmodisch und eigentlich ohne rechten künstlerischen Kern. Man sieht in +jedem beliebigen Salon genug solche hübsche, wenig bedeutende Bildchen. +Immerhin erfreute es mich als eine ziemlich treue Darstellung der +heimatlichen Almen. Ich fragte Richard, was ihn denn an dem Bildchen +anziehe. + +»Das hier,« sagte er und deutete auf den Malernamen in der Ecke. Ich konnte +die rotbraunen Buchstaben nicht entziffern. »Das Bild,« sagte Richard, »ist +keine große Leistung. Es gibt schönere. Aber es gibt keine schönere Malerin +als die, die das gemacht hat. Sie heißt Erminia Aglietti und wenn du +willst, können wir morgen zu ihr gehen und ihr sagen, sie sei eine große +Malerin.« + +»Kennst du sie?« + +»Jawohl. Wenn ihre Bilder so schön wären wie sie selber, dann wäre sie +schon lange reich und würde keine mehr malen. Sie tut es nämlich ohne Lust +und nur, weil sie zufällig nichts anderes gelernt hat, wovon sie leben +könnte.« + +Richard vergaß die Sache wieder und kam erst ein paar Wochen später darauf +zurück. + +»Ich bin gestern der Aglietti begegnet. Wir wollten sie ja eigentlich +neulich schon besuchen. Also komm! Du hast doch einen reinen Kragen? Sie +sieht nämlich darauf.« + +Der Kragen war rein und wir gingen zusammen zur Aglietti, ich mit einigem +inneren Widerstreben, denn der freie, etwas burschikose Verkehr Richards +und seiner Kameraden mit Malweibern und Studentinnen hatte mir nie +gefallen. Die Männer waren dabei ziemlich rücksichtslos, bald grob, bald +ironisch; die Mädchen aber waren praktisch, klug und gerissen und nirgends +war etwas von dem verklärenden Duft zu merken, in welchem ich die Frauen +gerne sah und verehrte. + +Etwas befangen trat ich in das Atelier. Mit der Luft der Malerwerkstätten +war ich zwar wohl vertraut, doch betrat ich jetzt zum erstenmal ein +Frauenatelier. Es sah recht nüchtern und sehr ordentlich aus. Drei oder +vier fertige Bilder hingen in Rahmen, eines stand noch kaum ganz untermalt +auf der Staffelei. Den Rest der Wände bedeckten sehr saubere, appetitlich +aussehende Bleistiftskizzen und ein halbleerer Bücherschrank. Die Malerin +nahm unsre Begrüßung kühl entgegen. Sie legte den Pinsel weg und lehnte +sich im Malschurz gegen den Schrank und es sah aus, als verlöre sie nicht +gerne viel Zeit an uns. + +Richard machte ihr ungeheuerliche Komplimente über das ausgestellte Bild. +Sie lachte ihn aus und verbat es sich. + +»Aber Fräulein, ich konnte ja im Sinn haben das Bild zu kaufen! Übrigens +sind die Kühe darauf von einer Wahrheit --« + +»Es sind ja Ziegen,« sagte sie ruhig. + +»Ziegen? Natürlich Ziegen! Von einem Studium, wollte ich sagen, das mich +verblüfft hat. Es sind Ziegen, wie sie leben, so recht ziegenmäßig. Fragen +Sie meinen Freund Camenzind, der selbst ein Sohn der Berge ist; er wird mir +Recht geben.« + +Hier fühlte ich, während ich verlegen und belustigt dem Geschwätz zuhörte, +mich vom Blick der Malerin überflogen und gemustert. Sie sah mich lange und +unbefangen an. + +»Sie sind Oberländer?« + +»Ja, Fräulein.« + +»Man sieht es. Nun, und was halten Sie von meinen Ziegen?« + +»O, sie sind gewiß sehr gut. Wenigstens hab' ich sie nicht für Kühe +gehalten wie Richard.« + +»Sehr gütig. Sie sind Musiker?« + +»Nein, Student.« + +Weiter sprach sie kein Wort mit mir und ich fand nun Ruhe, sie zu +betrachten. Die Gestalt war durch den langen Schurz verdeckt und entstellt, +und das Gesicht erschien mir nicht schön. Der Schnitt war scharf und knapp, +die Augen ein wenig streng, das Haar reich, schwarz und weich; was mich +störte und fast abstieß, war die Farbe des Gesichts. Sie erinnerte mich +schlechterdings an Gorgonzola und ich wäre nicht erstaunt gewesen, grüne +Ritzen darin zu finden. Ich hatte noch nie diese welsche Blässe gesehen und +jetzt, im ungünstigen morgendlichen Atelierlicht, sah sie erschreckend +steinern aus -- nicht wie Marmor, sondern wie ein verwitternder, sehr +gebleichter Stein. Ich war auch nicht gewohnt, ein Frauengesicht auf seine +Formen zu prüfen, sondern pflegte in solchen noch in etwas knabenhafter +Weise mehr nach Schmelz, nach Rosigem, nach Liebreiz zu suchen. + +Auch Richard war vom heutigen Besuch verstimmt. Desto mehr war ich erstaunt +oder eigentlich erschrocken, als er mir nach einiger Zeit mitteilte, die +Aglietti wäre froh mich zeichnen zu dürfen. Es handle sich nur um ein paar +Skizzen, das Gesicht brauche sie nicht, aber meine breite Figur habe etwas +Typisches. + +Ehe weiter hiervon die Rede war, kam ein anderes kleines Ereignis, das mein +ganzes Leben geändert und für Jahre meine Zukunft bestimmt hat. Eines +Morgens, da ich erwachte, war ich Schriftsteller geworden. + +Auf das Drängen Richards hatte ich, rein als Stilübungen, gelegentlich +Typen aus unsrem Kreis, kleine Erlebnisse, Gespräche und anderes +skizzenhaft und möglichst treu dargestellt, auch einige Essays über +Literarisches und Historisches geschrieben. + +Eines Morgens nun, ich lag noch im Bette, trat Richard bei mir ein und +legte fünfunddreißig Franken auf meine Bettdecke. »Das gehört dir,« sagte +er im Geschäftston. Endlich, als ich im Fragen alle Vermutungen erschöpft +hatte, zog er ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte mir darin eine +meiner kleinen Novellen abgedruckt. Er hatte mehrere meiner Manuskripte +abgeschrieben, einem ihm befreundeten Redakteur gebracht und in aller +Stille für mich verkauft. Das erste, was gedruckt war, samt dem Honorar +dafür hielt ich nun in Händen. + +Mir war nie so sonderbar zu mut. Eigentlich ärgerte ich mich über Richards +Vorsehungspielen, aber der süße erste Schreiberstolz und das schöne Geld +und der Gedanke an einen etwaigen kleinen Literatenruhm war doch stärker +und überwog schließlich. + +In einem Café brachte mich mein Freund mit dem Redakteur zusammen. Er bat, +die ihm von Richard gezeigten anderen Arbeiten behalten zu dürfen und lud +mich ein, ihm je und je neue zu schicken. Es sei ein eigener Ton in meinen +Sachen, besonders in den historischen, deren er gerne mehr bekomme und die +er mir ordentlich bezahlen wolle. Nun sah ich erst die Wichtigkeit der +Sache. Ich würde nicht nur täglich ordentlich essen und meine kleinen +Schulden bezahlen, sondern auch das Zwangsstudium wegwerfen und vielleicht +in Bälde, auf meinem Lieblingsfelde arbeitend, ganz vom eigenen Erwerbe +leben können. + +Einstweilen bekam ich von jenem Redakteur einen Stoß neuer Bücher zum +Rezensieren ins Haus geschickt. Ich fraß mich durch und hatte wochenlang +damit zu tun; da aber die Honorare erst zu Ende des Quartals fällig waren +und ich in Aussicht auf dieselben besser als sonst gelebt hatte, sah ich +mich eines Tages der letzten Rappen ledig und konnte wieder einmal eine +Hungerkur antreten. Ein paar Tage hielt ich bei Brot und Kaffee in meiner +Bude aus, dann trieb mich der Hunger in eine Speisehalle. Ich nahm drei von +den Rezensionsbänden mit, um sie als Pfand für die Zeche dortzulassen. Beim +Antiquar hatte ich sie schon vergeblich anzubringen versucht. Das Essen war +vorzüglich, beim schwarzen Kaffee aber ward mir etwas ängstlich ums Herz. +Zaghaft gestand ich der Kellnerin, ich hätte kein Geld, wolle aber die +Bücher als Pfand dalassen. Sie nahm eines davon, einen Band Gedichte, in +die Hand, blätterte neugierig darin herum und fragte, ob sie das lesen +dürfe. Sie lese so gern, könne aber nie zu Büchern kommen. Ich fühlte, daß +ich gerettet sei und schlug ihr vor, die drei Bändchen an Zahlungsstatt für +das Essen zu behalten. Sie ging darauf ein und hat mir nach und nach für +siebzehn Franken Bücher auf diese Weise abgenommen. Für kleinere +Gedichtbände beanspruchte ich etwa einen Käse mit Brot, für Romane dasselbe +mit Wein, einzelne Novellen galten nur eine Tasse Kaffee mit Brot. Soweit +ich mich erinnere, waren es meist geringe Sachen in krampfhaft neumodischem +Stil und das gutmütige Mädchen mag von der modernen deutschen Literatur +einen sonderbaren Eindruck erhalten haben. Ich erinnere mich mit Vergnügen +an jene Vormittage, da ich im Schweiß meines Angesichts schnell noch einen +Band im Galopp zu Ende las und ein paar Zeilen darüber schrieb, um ihn zur +Mittagszeit fertig zu haben und etwas Eßbares dafür erhalten zu können. Vor +Richard suchte ich meine Geldnöte sorgfältig zu verbergen, da ich mich +unnötiger Weise ihrer schämte und seine Hilfe nur ungern und stets nur für +ganz kurze Fristen annehmen mochte. + +Für einen Dichter hielt ich mich nicht. Was ich gelegentlich schrieb, war +Feuilleton, nicht Dichtung. Im stillen trug ich aber die geheimgehaltene +Hoffnung, es werde mir eines Tages gegeben werden eine Dichtung zu +schaffen, ein großes, kühnes Lied der Sehnsucht und des Lebens. + +Der fröhlich klare Spiegel meiner Seele wurde zuweilen von einer Art von +Schwermut verschattet, doch einstweilen nicht ernstlich gestört. Sie kam +zuweilen für einen Tag oder eine Nacht, als eine träumende, einsiedlerische +Trauer, verschwand wieder spurlos und kehrte nach Wochen oder Monaten +zurück. Ich ward an sie allmählich wie an eine vertraute Freundin gewöhnt +und empfand sie nicht quälend, sondern nur als ein unruhiges Müdesein, das +seine eigene Süßigkeit hatte. Wenn sie mich nachts befiel, lag ich statt zu +schlafen stundenlang im Fenster, sah den schwarzen See, die auf den +bleichen Himmel gezeichneten Silhouetten der Berge und darüber die schönen +Sterne. Dann ergriff mich oft ein ängstlich süßes, starkes Gefühl, als sähe +all diese nächtige Schönheit mich mit einem gerechten Vorwurf an. Als +sehnten sich Sterne, Berge und See nach Einem, der ihre Schönheit und das +Leiden ihres stummen Daseins verstünde und ausspräche, und als wäre ich +dieser Eine und als wäre dies mein wahrer Beruf, der stummen Natur in +Dichtungen Ausdruck zu gewähren. Auf welche Weise das möglich wäre darüber +dachte ich niemals nach, sondern fühlte nur die schöne, ernste Nacht +ungeduldig in stummem Verlangen auf mich warten. Auch schrieb ich nie etwas +in solcher Stimmung. Doch spürte ich gegen diese dunkeln Stimmen ein Gefühl +der Verantwortung und trat gewöhnlich nach solchen Nächten mehrtägige +einsame Fußwanderungen an. Es schien mir, ich könnte damit der Erde, die +sich in stummem Flehen mir anbot, ein wenig Liebe erweisen, über welche +Vorstellung ich dann selbst wieder lachte. Diese Wanderungen wurden eine +Grundlage meines späteren Lebens; einen großen Teil der seitherigen Jahre +habe ich als Wanderer verbracht, auf wochen- und monatelangen Touren durch +mehrere Länder. Ich gewöhnte mich daran, mit wenig Geld und einem Stück +Brot in der Tasche weit zu marschieren, tagelang einsam unterwegs zu sein +und häufig im Freien zu nächtigen. + +Die Malerin hatte ich über der Schriftstellerei ganz vergessen. Da kam ein +Zettel von ihr: »Ein paar Freunde und Freundinnen werden am Donnerstag zum +Tee bei mir sein. Bitte kommen Sie auch und bringen Sie Ihren Freund mit.« + +Wir gingen hin und fanden eine kleine Künstlerkolonie beisammen. Es waren +fast lauter Unberühmte, Vergessene, Erfolglose, was für mich etwas +Rührendes hatte, obwohl alle ganz zufrieden und fidel schienen. Man bekam +Tee, Butterbrot, Schinken und Salat. Da ich keine Bekannten dort fand und +ohnehin nicht gesprächig war, gab ich meinem Hunger nach und aß etwa eine +halbe Stunde lang still und ausdauernd, während die andern nur erst Tee +nippten und schwatzten. Als diese nun, einer um den andern, auch ein wenig +zugreifen wollten, zeigte es sich, daß ich fast den ganzen Schinkenvorrat +allein verzehrt hatte. Ich war des trüglichen Glaubens gewesen, es stehe +mindestens noch eine zweite Platte in Reserve. Da man nun leise lachte und +ich einige ironische Blicke einheimste, wurde ich wütend und verwünschte +die Italienerin samt ihrem Schinken. Ich stand auf und entschuldigte mich +kurz bei ihr, erklärte ein andermal mein Abendessen selber mitbringen zu +wollen, und griff nach meinem Hütlein. + +Da nahm die Aglietti mir den Hut aus der Hand, sah mich erstaunt und ruhig +an und bat mich ernstlich, dazubleiben. Auf ihr Gesicht fiel das Licht +einer Stehlampe, durch den Florschirm gemäßigt, und da sah ich mitten in +meinem Ärger mit plötzlich begreifendem Auge die wunderbare, reife +Schönheit dieser Frau. Ich erschien mir auf einmal sehr unartig und dumm +und nahm wie ein gemaßregelter Schuljunge in einer abseitigen Ecke Platz. +Dort blieb ich sitzen und blätterte in einem Album vom Comersee. Die andern +tranken Tee, gingen hin und her, lachten und redeten durcheinander, und +irgendwo im Hintergrund hörte man Geigen und ein Cello stimmen. Ein Vorhang +wurde zurückgeschlagen und man sah vier junge Leute vor improvisierten +Pulten sitzen, bereit ein Streichquartett aufzuführen. In diesem +Augenblicke trat die Malerin zu mir, stellte eine Tasse Tee vor mir aufs +Tischchen, nickte mir gütig zu und nahm neben mir Platz. Das Quartett +begann und dauerte lang, aber ich hörte nichts davon, sondern staunte mit +runden Augen die schlanke, feine, schöngekleidete Dame an, an deren +Schönheit ich gezweifelt und deren Vorräte ich aufgegessen hatte. Mit +Freude und Angst erinnerte ich mich daran, daß sie mich hatte zeichnen +wollen. Dann dachte ich an Rösi Girtanner, an die Besteigung der +Alpenrosenwand, an die Geschichte der Schneekönigin, die mir jetzt alle nur +wie eine Vorbereitung auf diesen heutigen Augenblick erschienen. + +Als die Musik zu Ende war, ging die Malerin nicht, wie ich gefürchtet +hatte, wieder weg, sondern blieb ruhig sitzen und fing mit mir zu plaudern +an. Sie gratulierte mir zu einer Novelle, die sie in der Zeitung gesehen +hatte. Sie scherzte über Richard, um den sich ein paar junge Mädchen +drängten und dessen sorgloses Gelächter zuweilen alle anderen Stimmen +überklang. Dann bat sie wieder, mich zeichnen zu dürfen. Da hatte ich einen +Einfall. Unvermittelt führte ich das Gespräch italienisch fort und erntete +dafür nicht nur einen fröhlich überraschten Blick ihrer lebhaften +Südländeraugen, sondern hatte den köstlichen Genuß sie ihre Sprache reden +zu hören, die Sprache, die ihrem Mund und ihren Augen und ihrer Gestalt +entsprach, die wohllaute, elegante, raschfließende lingua Toscana mit einem +entzückenden leichten Anflug von Tessinerwelsch. Ich selbst sprach weder +schön noch fließend, doch störte es mich nicht. Andern Tags sollte ich +kommen, um von ihr gezeichnet zu werden. + +»A rivederla,« sagte ich beim Abschied und verbeugte mich so tief ich +konnte. + +»A rivederci domani,« lächelte sie und nickte. + +Von ihrem Hause weg schritt ich immerzu weiter, bis die Straße einen +Hügelkamm erreichte und plötzlich das dunkle Land schön und nächtig vor mit +ruhte. Ein einzelnes Boot mit roter Laterne strich über den See und warf +ein paar flackernde Scharlachstreifen auf das schwarze Wasser, aus welchem +sonst nur da und dort ein vereinzelter schmaler Wellenkamm mit dünnem, +silberfahlem Umriß hervortrat. In einem nahen Garten war Mandolinenspiel +und Gelächter. Der Himmel war fast zur Hälfte verhangen und über die Hügel +lief ein starker, warmer Wind. + +Und wie der Wind die Äste der Obstbäume und die schwarzen Kronen der +Kastanien liebkoste, bestürmte und beugte, daß sie stöhnten und lachten und +zitterten, so spielte mit mir die Leidenschaft. Auf dem Kamm des Hügels +kniete ich, legte mich auf die Erde, sprang auf und stöhnte, stampfte den +Boden, warf den Hut von mir, wühlte mit dem Gesicht im Gras, rüttelte an +den Baumstämmen, weinte, lachte, schluchzte, tobte, schämte mich, war selig +und todbeklommen. Nach einer Stunde war alles in mir abgespannt und in +einer trüben Schwüle erstickt. Ich dachte nichts, beschloß nichts, fühlte +nichts; traumwandelnd stieg ich den Hügel hinab, schweifte durch die halbe +Stadt, sah in einer abgelegenen Straße noch eine späte kleine Schenke +offen, trat willenlos ein, trank zwei Liter Waadtländer und kam gegen +Morgen schauderhaft betrunken nach Hause. + +Am folgenden Nachmittag war Fräulein Aglietti ganz erschrocken, als ich zu +ihr kam. + +»Was ist mit Ihnen? Sind Sie krank? Sie sehen ja ganz zerstört aus.« + +»Nichts von Belang,« sagte ich. »Mir scheint, ich war heute Nacht sehr +betrunken, das ist alles. Bitte beginnen Sie nur!« + +Ich ward auf einen Stuhl gesetzt und gebeten, mich ruhig zu halten. Das tat +ich auch, denn ich schlummerte in Bälde ein und habe jenen ganzen +Nachmittag im Atelier verschlafen. Es kam vermutlich vom Terpentingeruch +der Malerwerkstätte, daß ich träumte, unser Nachen zuhaus werde +frischgestrichen. Ich lag im Kies daneben und sah meinen Vater mit Topf und +Pinsel hantieren; auch die Mutter war da und als ich sie fragte, ob sie +denn nicht gestorben sei, sagte sie leise: »Nein, denn wenn ich nicht +dawäre, würdest du am Ende der gleiche Lump werden wie dein Papa.« + +Als ich erwachte, fiel ich vom Stuhl und fand mich mit Erstaunen in die +Werkstatt der Erminia Aglietti versetzt. Sie selbst sah ich nicht, hörte +sie aber im Nebenstüblein mit Tassen und Besteck klappern und schloß +daraus, daß es Abendessenszeit sein müsse. + +»Sind Sie wach?« rief sie herüber. + +»Jawohl. Hab' ich lang geschlafen?« + +»Vier Stunden. Schämen Sie sich nicht?« + +»O doch. Aber ich hatte einen so schönen Traum.« + +»Erzählen Sie!« + +»Ja, wenn Sie herauskommen und mir verzeihen.« + +Sie kam heraus, doch wollte sie mit der Verzeihung noch warten, bis ich +meinen Traum erzählt hätte. Also erzählte ich, und über dem Traumerzählen +geriet ich tief in die vergessene Kinderzeit hinein, und als ich schwieg +und es schon völlig dunkel geworden war, hatte ich ihr und mir selber meine +ganze Kindheitsgeschichte erzählt. Sie gab mir die Hand, strich mir den +zerknitterten Rock zurecht, lud mich ein morgen wieder zum Zeichnen zu +kommen und ich fühlte, daß sie auch meine heutige Unart begriffen und +verziehen habe. + +In den nächsten Tagen saß ich ihr Stunde um Stunde. Es wurde dabei fast gar +nichts gesprochen, ich saß oder stand ruhig und wie verzaubert da, hörte +den weichen Strich der Zeichenkohle, sog den leichten Ölfarbegeruch ein und +hatte keine andere Empfindung als daß ich in der Nähe der von mir geliebten +Frau war und ihren Blick beständig auf mir ruhen wußte. Das weiße +Atelierlicht floß an den Wänden hin, ein paar schläfrige Fliegen sumsten an +den Scheiben und nebenan im Stübchen sang die Spiritusflamme, denn ich +bekam nach jeder Sitzung eine Tasse Kaffee serviert. + +Zuhause dachte ich oft über Erminia nach. Es berührte oder verminderte +meine Leidenschaft gar nicht, daß ich ihre Kunst nicht verehren konnte. Sie +selbst war so schön, gütig, klar und sicher; was gingen mich ihre Bilder +an? Ich fand vielmehr in ihrer fleißigen Arbeit etwas Heroisches. Die Frau +im Kampf ums Leben, eine stille, duldende und tapfere Heldin. Übrigens gibt +es nichts Erfolgloseres als das Nachdenken über jemand, den man liebt. +Solche Gedankengänge sind wie gewisse Volks- und Soldatenlieder, worin +tausenderlei Dinge vorkommen, der Refrain aber hartnäckig wiederkehrt, auch +wo er durchaus nicht paßt. + +So ist denn auch das Bild der schönen Italienerin, das ich im Gedächtnis +trage, zwar nicht unklar, aber doch ohne die vielen kleinen Linien und +Züge, die man an Fremden oft viel besser sieht als an Nahestehenden. Ich +weiß nicht mehr, welche Frisur sie trug, wie sie sich kleidete u. s. w., +nicht einmal ob sie eigentlich groß oder klein von Gestalt war. Wenn ich an +sie denke, sehe ich einen dunkelhaarigen, edel geformten Frauenkopf, ein +paar scharfblickende, nicht sehr große Augen in einem bleichen, lebendigen +Gesicht und einen vollendet schön geschwungenen, schmalen Mund von herber +Reife. Wenn ich an sie denke und an jene ganze verliebte Zeit, dann +erinnere ich mich stets nur jenes Abends auf dem Hügel, wo der warme Wind +seeüber wogte und wo ich weinte, jubelte und berserkerte. Und eines anderen +Abends, von dem ich nun erzählen will. + +Mir war klar geworden, daß ich der Malerin irgendwie Geständnisse machen +und um sie werben müsse. Wäre sie mir fern gestanden, so hätte ich sie +ruhig weiterhin verehrt und verschwiegene Schmerzen um sie gelitten. Aber +sie fast täglich zu sehen, mit ihr zu reden, ihr die Hand zu geben und ihr +Haus zu betreten, stets mit dem Stachel im Herzen, hielt ich nicht lange +aus. + +Es ward ein kleines Sommerfest von Künstlern und ihren Freunden +veranstaltet. Es war am See, in einem hübschen Garten, ein reifer, +weichlich lauer Hochsommerabend. Wir tranken Wein und Eiswasser, hörten der +Musik zu und betrachteten die roten Papierlampen, die in langen Guirlanden +zwischen den Bäumen hingen. Es wurde geplaudert, gespottet, gelacht und +schließlich gesungen. Irgend ein lausiger Malerjüngling spielte den +Romantischen, trug ein kühnes Barett, lag rücklings am Geländer +hingestreckt und tändelte mit einer langhalsigen Guitarre. Die paar +bedeutenderen Künstler fehlten entweder oder saßen ungesehen im Kreis der +Älteren beiseite. Von den Frauenzimmern waren ein paar jüngere in lichten +Sommerkleidern erschienen, die andern trieben sich in den gewohnten +saloppen Kostümen herum. Namentlich fiel mir eine ältere, häßliche +Studentin widerlich auf, sie trug einen Männerstrohhut auf den +verschnittenen Haaren, rauchte Cigarren, trank tüchtig Wein und sprach laut +und viel. Richard war wie gewöhnlich bei den jungen Mädchen. Ich war trotz +aller Erregung kühl, trank wenig und wartete auf die Aglietti, die mir +versprochen hatte sich heute von mir rudern zu lassen. Sie kam denn auch, +schenkte mir ein paar Blumen und stieg mit mir in den kleinen Nachen. + +Der See war glatt wie Öl und nächtig farblos. Ich trieb den leichten Nachen +rasch in die stille Seebreite weit hinaus, und sah immerfort mir gegenüber +die schlanke Frau bequem und zufrieden im Steuersitz lehnen. Der hohe +Himmel war noch blau und trieb langsam einen matten Stern um den andern +hervor, am Ufer war da und dort Musik und Gartenlustbarkeit. Mit leisem +Gurgeln nahm das träge Wasser die Ruder auf, andere Boote schwammen da und +dort dunkel und kaum mehr sichtbar auf der stillen Fläche, ich achtete aber +wenig darauf, sondern hing mit unverwandten Blicken an der Steurerin und +trug meine geplante Liebeserklärung wie einen schweren Eisenring um's bange +Herz. Das Schöne und Poetische der ganzen abendlichen Szenerie, das Sitzen +im Kahn, die Sterne, der laue ruhige See und alles das beängstigte mich, +denn es kam mir vor wie eine schöne Theaterdekoration, in deren Mitte ich +eine sentimentale Szene agieren müsse. In meiner Angst und beklemmt durch +die tiefe Stille, denn wir schwiegen beide, ruderte ich mit Macht drauf +los. + +»Wie stark Sie sind!« sagte die Malerin nachdenklich. + +»Meinen Sie dick?« fragte ich. + +»Nein, ich meine die Muskeln,« lachte sie. + +»Ja, stark bin ich schon.« + +Dies war kein geeigneter Anfang. Traurig und ärgerlich ruderte ich weiter. +Nach einer Weile bat ich sie, mir etwas aus ihrem Leben zu erzählen. + +»Was möchten Sie denn hören?« + +»Alles,« sagte ich. »Am liebsten eine Liebesgeschichte. Dann erzähle ich +Ihnen nachher auch eine von mir, meine einzige. Sie ist sehr kurz und schön +und wird Sie amüsieren.« + +»Was Sie sagen! Erzählen Sie doch!« + +»Nein, erst Sie! Sie wissen ohnehin schon viel mehr von mir als ich von +Ihnen. Ich möchte wissen, ob Sie jemals richtig verliebt waren oder ob Sie, +wie ich fürchte, dafür viel zu klug und hochmütig sind.« + +Erminia besann sich eine Weile. + +»Das ist wieder eine von Ihren romantischen Ideen,« sagte sie, »sich hier +in der Nacht auf dem schwarzen Wasser von einer Frau Geschichten erzählen +zu lassen. Ich kann das aber leider nicht. Ihr Dichter seid gewöhnt, für +alles hübsche Worte zu haben und denen, die weniger von ihren Empfindungen +reden, gleich gar kein Herz zuzutrauen. In mir haben Sie sich getäuscht, +denn ich glaube nicht, daß man heftiger und stärker lieben kann als ich es +tue. Ich liebe einen Mann, der an eine andere Frau gebunden ist, und er +liebt mich nicht weniger; doch wissen wir beide nicht, ob es je möglich +sein wird, daß wir zusammenkommen. Wir schreiben uns und wir treffen uns +auch zuweilen . . . .« + +»Darf ich Sie fragen, ob diese Liebe Sie glücklich macht, oder elend, oder +beides?« + +»Ach, die Liebe ist nicht da um uns glücklich zu machen. Ich glaube sie ist +da, um uns zu zeigen, wie stark wir im Leiden und Tragen sein können.« + +Das verstand ich und konnte nicht hindern, daß mir etwas wie ein leises +Stöhnen statt der Antwort vom Munde kam. + +Sie hörte es. + +»Ah,« sagte sie, »kennen Sie das auch schon? Sie sind noch so jung! Wollen +Sie mir nun auch beichten? Aber nur wenn Sie wirklich wollen --.« + +»Ein andermal vielleicht, Fräulein Aglietti. Mir ist heute ohnehin windig +zu mut, und es tut mir leid, daß ich vielleicht auch Ihnen die Stimmung +getrübt habe. Wollen wir umkehren?« + +»Wie Sie wollen. Wie weit sind wir eigentlich?« + +Ich gab keine Antwort mehr, sondern stemmte die Ruder rauschend gegen das +Wasser, wendete und zog an, als wäre die Bise im Anzug. Das Boot strich +eilig über die Fläche und mitten in dem Wirbel von Jammer und Scham, der in +mir kochte, fühlte ich wie mir der Schweiß in großen Tropfen übers Gesicht +lief, und fror zugleich. Wenn ich vollends daran dachte, wie nahe ich daran +gewesen war den knieenden Bittsteller und mütterlich-freundlich +abgewiesenen Liebhaber zu spielen, lief mir ein Schaudern durchs Mark. Das +wenigstens war mir erspart geblieben, mit dem übrigen Jammer galt es nun +sich abzufinden. Ich ruderte wie besessen heimwärts. + +Das schöne Fräulein war einigermaßen befremdet, als ich am Ufer kurzen +Abschied nahm und sie allein ließ. + +Der See war so glatt, die Musik so fröhlich und die Papierlaternen so +festlich rot wie zuvor, mir aber schien das alles jetzt dumm und +lächerlich. Namentlich die Musik. Den Sammetrock, der noch immer seine +Guitarre prahlerisch am breiten Seidenbande trug, hätte ich am liebsten zu +Brei geschlagen. Und Feuerwerk stand auch noch bevor. Es war so kindisch! + +Ich entlehnte von Richard ein paar Franken, setzte den Hut ins Genick und +begann zu marschieren, vor die Stadt hinaus und weiter, eine Stunde um die +andere, bis mich schläferte. Ich legte mich in eine Wiese, wachte aber nach +einer Stunde taunaß, steif und fröstelnd wieder auf und ging ins nächste +Dorf. Es war früh am Morgen. Kleeschnitter zogen durch die staubige Gasse, +verschlafene Knechte glotzten aus den Stalltüren, bäuerliche +Sommerarbeitsamkeit gab sich allerorten kund. Du hättest Bauer bleiben +sollen, sagte ich mir, strich beschämt durchs Dorf und lief ermüdet weiter, +bis die erste Sonnenwärme mir eine Rast erlaubte. Am Rand eines jungen +Buchenstandes warf ich mich ins dürre Raingras und schlief in der warmen +Sonne bis tief in den Spätnachmittag hinein. Als ich erwachte, den Kopf +voll Wiesenduft und die Glieder so wohlig schwer wie sie nur nach langem +Liegen auf Gottes lieber Erde sind, da kam mir das Fest und die Bootfahrt +und alles das fern, traurig und halbverklungen vor wie ein vor Monaten +gelesener Roman. + +Ich blieb drei Tage fort, ließ mir die Sonne auf den Pelz brennen und +überlegte mir, ob ich nicht in einem Strich heimwärts wandern und meinem +Vater beim Öhmden helfen sollte. + +Freilich war damit der Schmerz noch lange nicht abgetan. Nach meiner +Rückkehr in die Stadt floh ich anfangs den Anblick der Malerin wie die +Pest, doch ging das nicht lange an, und so oft sie mich später ansah und +anredete, stieg mir das Elend in die Kehle. + + + + +IV. + + +Was meinem Vater seinerzeit nicht gelungen war, das gelang nun diesem +Liebeselend. Es erzog mich zum Zecher. + +Für mein Leben und Wesen war das wichtiger als irgend etwas von dem, was +ich bisher erzählte. Der starke, süße Gott ward mir ein treuer Freund und +ist es heute noch. Wer ist so mächtig wie er? Wer ist so schön, so +phantastisch, schwärmerisch, fröhlich und schwermütig? Er ist ein Held und +Zauberer. Er ist ein Verführer und Bruder des Eros. Er vermag Unmögliches; +arme Menschenherzen füllt er mit schönen und wunderlichen Dichtungen. Er +hat mich Einsiedler und Bauern zum König, Dichter und Weisen gemacht. Leer +gewordene Lebenskähne belastet er mit neuen Schicksalen und treibt +Gestrandete in die eilige Strömung des großen Lebens zurück. + +So ist der Wein. Doch ist es mit ihm wie mit allen köstlichen Gaben und +Künsten. Er will geliebt, gesucht, verstanden und mit Mühen gewonnen sein. +Das können nicht Viele, und er bringt tausend und tausend um. Er macht sie +alt, er tötet sie oder löscht die Flamme des Geistes in ihnen aus. Seine +Lieblinge aber lädt er zu Festen ein und baut ihnen Regenbogenbrücken zu +seligen Inseln. Er legt, wenn sie müde sind, Kissen unter ihr Haupt und +umfaßt sie, wenn sie der Traurigkeit zur Beute fallen, mit leiser und +gütiger Umarmung wie ein Freund und wie eine tröstende Mutter. Er +verwandelt die Wirrnis des Lebens in große Mythen und spielt auf mächtiger +Harfe das Lied der Schöpfung. + +Und wieder ist er ein Kind, hat lange seidige Locken und schmale Schultern +und feine Glieder. Er lehnt sich dir ans Herz und reckt das schmale Gesicht +zu deinem empor und sieht dich erstaunt und traumhaft aus lieben großen +Augen an, in deren Tiefe Paradieserinnerung und unverlorene +Gotteskindschaft feucht und glänzend wogt wie eine neugeborene Quelle im +Wald. + +Und der süße Gott gleicht auch einem Strom, der tief und rauschend eine +Frühlingsnacht durchwandert. Und gleicht einem Meere, welches Sonne und +Sturm auf kühler Woge wiegt. + +Wenn er mit seinen Lieblingen redet, dann überrauscht sie schauernd und +flutend die stürmende See der Geheimnisse, der Erinnerung, der Dichtung, +der Ahnungen. Die bekannte Welt wird klein und geht verloren und in banger +Freude wirft sich die Seele in die straßenlose Weite des Unbekannten, wo +alles fremd und alles vertraut ist und wo die Sprache der Musik, der +Dichter und des Traumes gesprochen wird. + +Nun, ich muß erst erzählen. + +Es geschah, daß ich stundenlang selbstvergessen heiter sein konnte, +studierte, schrieb und Richards Musik anhörte. Aber kein Tag ging ganz ohne +Leid vorbei. Manchmal überfiel es mich erst nachts im Bette, daß ich +stöhnte und mich bäumte und spät in Tränen entschlief. Oder erwachte es, +wenn ich der Aglietti begegnet war. Meistens aber kam es am Spätnachmittag, +wenn die schönen, lauen, müdemachenden Sommerabende begannen. Dann ging ich +an den See, nahm ein Boot, ruderte mich heiß und müde und fand es dann +unmöglich, nach hause zu gehen. Also in eine Kneipe oder in einen +Wirtsgarten. Da probierte ich verschiedene Weine, trank und brütete und war +manchmal am andern Tage halbkrank Dutzendemal überfiel mich dabei ein so +schauderhaftes Elend und Ekelgefühl, daß ich beschloß nie mehr zu trinken. +Und dann ging ich wieder und trank. Allmählich unterschied ich die Weine +und ihre Wirkung und genoß sie mit einer Art von Bewußtsein, im ganzen +freilich noch naiv und roh genug. Schließlich fand ich am dunkelroten +Veltliner einen Halt. Er schmeckte mir beim ersten Glas herb und erregend, +dann verschleierte er mir die Gedanken bis zu einer stillen, stetigen +Träumerei, und dann begann er zu zaubern, zu schaffen, selber zu dichten. +Dann sah ich alle Landschaften, die mir je gefallen hatten, in köstlichen +Beleuchtungen mich umgeben und ich selbst wanderte darin, sang, träumte und +fühlte ein erhöhtes, warmes Leben in mir kreisen. Und es endete mit einer +überaus angenehmen Traurigkeit, als hörte ich Volkslieder geigen und als +wüßte ich irgendwo ein großes Glück, dem ich vorbeigewandert wäre und das +ich versäumt hätte. + +Es kam von selbst so, daß ich allmählich selten mehr allein kneipte, +sondern allerlei Gesellschaft fand. Sobald ich von Menschen umgeben war, +wirkte der Wein anders auf mich. Dann wurde ich gesprächig, aber nicht +erregt, sondern fühlte ein kühles sonderbares Fieber. Eine mir selbst +bisher kaum bekannte Seite meines Wesens blühte über Nacht empor, doch +gehörte sie weniger zu den Garten- und Zierblumen, als in die Gattung der +Disteln und Nesseln. Zugleich nämlich mit der Beredtsamkeit kam ein +scharfer, kühler Geist über mich, machte mich sicher, überlegen, kritisch +und witzig. Waren Leute da, deren Gegenwart mich störte, so wurden sie bald +fein und listig, bald grob und hartnäckig so lange aufgezogen und geärgert, +bis sie gingen. Die Menschen überhaupt waren mir ja von Kind auf weder +sonderlich lieb noch notwendig gewesen, nun begann ich sie kritisch und +ironisch zu betrachten. Mit Vorliebe erfand und erzählte ich kleine +Geschichten, in welchen die Verhältnisse der Menschen untereinander lieblos +und mit scheinbarer Sachlichkeit satirisch dargestellt und bitter verhöhnt +wurden. Woher dieser verächtliche Ton mir kam, wußte ich selber nicht, er +brach wie eine reifende Schwäre aus meinem Wesen hervor, die ich lange +Jahre nicht wieder los ward. + +Saß ich dazwischen einmal einen Abend allein, dann träumte ich wieder von +Bergen, Sternen und trauriger Musik. + +In diesen Wochen schrieb ich eine Folge von Betrachtungen über +Gesellschaft, Kultur und Kunst unserer Zeit, ein kleines giftiges Büchlein, +dessen Wiege meine Wirtshausgespräche waren. Aus meinen ziemlich fleißig +weiterbetriebenen historischen Studien kam mancherlei geschichtliches +Material hinzu, welches meinen Satiren eine Art von solidem Hintergrunde +gab. + +Auf Grund dieser Arbeit erhielt ich bei einer größeren Zeitung den Rang +eines ständigen Mitarbeiters, wovon ich nahezu leben konnte. Gleich darauf +erschienen jene Skizzen auch als selbständiges Büchlein und hatten einigen +Erfolg. Nun warf ich die Philologie vollends über Bord. Ich war nun schon +in höheren Semestern, Beziehungen zu deutschen Zeitschriften knüpften sich +an und hoben mich aus der bisherigen Verborgenheit und Armseligkeit in den +Kreis der Anerkannten empor. Ich verdiente mein Brot, verzichtete auf das +lästige Stipendium und trieb mit vollen Segeln dem verächtlichen Leben +eines kleinen Berufsliteraten entgegen. + +Und trotz des Erfolgs und meiner Eitelkeit, und trotz der Satiren und trotz +meiner Liebesleiden lag über mir in Fröhlichkeit und Schwermut der warme +Glanz der Jugend. Trotz aller Ironie und einer kleinen, harmlosen +Blasiertheit sah ich in Träumen doch stets ein Ziel, ein Glück, eine +Vollendung vor mir. Was es sein sollte, wußte ich nicht. Ich fühlte nur, +das Leben müsse mir irgend einmal ein besonders lachendes Glück vor die +Füße spülen, einen Ruhm, eine Liebe vielleicht, eine Befriedigung meiner +Sehnsucht und eine Erhöhung meines Wesens. Ich war noch der Page, der von +Edeldamen und Ritterschlag und großen Ehren träumt. + +Ich glaubte im Beginn einer emporstrebenden Bahn zu stehen. Ich wußte +nicht, daß alles bis jetzt Erlebte nur Zufälle waren und daß meinem Wesen +und Leben noch der tiefe, eigene Grundton fehle. Ich wußte noch nicht, daß +ich an einer Sehnsucht litt, welcher nicht Liebe noch Ruhm Grenze und +Erfüllung sind. + +Und so genoß ich meinen kleinen, etwas herben Ruhm mit aller Jugendlust. Es +tat mir wohl, bei gutem Wein unter klugen und geistigen Menschen zu sitzen +und, wenn ich zu reden begann, ihre Gesichter begierig und aufmerksam mir +zugewendet zu sehen. + +Zuweilen fiel mir auf, eine wie große Sehnsucht in allen diesen Seelen von +heute nach Erlösung schrie und was für wunderliche Wege sie sie führte. An +Gott zu glauben, galt für dumm und fast für unanständig, sonst aber wurde +an vielerlei Lehren und Namen geglaubt, an Schopenhauer, an Buddha, an +Zarathustra und viele andere. Es gab junge, namenlose Dichter, welche in +stilvollen Wohnungen feierliche Andachten vor Statuen und Gemälden +begingen. Sie hätten sich geschämt sich vor Gott zu beugen, aber sie lagen +auf Knieen vor dem Zeus von Otrikoli. Es gab Asketen, die sich mit +Enthaltsamkeit quälten und deren Toilette zum Himmel schrie. Ihr Gott hieß +Tolstoi oder Buddha. Es gab Künstler, die sich durch wohlerwogene und +abgestimmte Tapeten, Musik, Speisen, Weine, Parfüme oder Cigarren zu +aparten Stimmungen anregten. Sie sprachen geläufig und mit erkünstelter +Selbstverständlichkeit von musikalischen Linien, Farbenakkorden und +ähnlichem und waren überall auf der Lauer nach der »persönlichen Note,« +welche meist in irgend einer kleinen, harmlosen Selbsttäuschung oder +Verrücktheit bestand. Im Grunde war mir die ganze krampfhafte Komödie +amüsant und lächerlich, doch fühlte ich oft mit sonderbarem Schauder, wie +viel ernste Sehnsucht und echte Seelenkraft darin flammte und verloderte. + +Von all den phantastisch einherschreitenden neumodischen Dichtern, +Künstlern und Philosophen, die ich damals mit Erstaunen und Ergötzen kennen +lernte, weiß ich keinen, aus dem etwas Notables geworden wäre. Es war unter +ihnen ein mir gleichaltriger Norddeutscher, ein gefälliges Figürchen und +ein zarter, lieber Mensch, delikat und sensibel in allem, was irgend +künstlerische Dinge betraf. Er galt für einen der zukünftigen großen +Dichter und ich hörte ein paar mal Gedichte von ihm vorlesen, die meiner +Erinnerung noch immer als etwas ungemein Duftiges, seelenvoll Schönes +vorschweben. Vielleicht war er der einzige von uns allen, aus dem ein +wirklicher Dichter hätte werden können. Zufällig erfuhr ich später einmal +seine kurze Geschichte. Durch einen literarischen Mißerfolg scheu geworden, +entzog sich der Überempfindliche aller Öffentlichkeit und fiel einem Lumpen +von Mäcen in die Hände, der ihn, statt ihn anzuspornen und zur Vernunft zu +bringen, schnell vollends zu Grunde richtete. Auf den Villen des reichen +Herrn trieb er mit dessen nervösen Damen ein fades Aesthetengeflunker, +stieg in seiner Einbildung zum verkannten Heros und brachte sich, +jämmerlich mißleitet, durch lauter Chopinmusik und präraphaelitische +Ekstasen systematisch um den Verstand. + +An dies halbflügge Volk seltsam gekleideter und frisierter Dichter und +schöner Seelen kann ich mich nur mit Grauen und Mitleid erinnern, da ich +erst nachträglich das Gefährliche dieses Umganges einsah. Nun, mich +bewahrte mein Oberländer Bauerntum davor, an dem Tummel teilzunehmen. + +Edler und beglückender aber als der Ruhm und der Wein und die Liebe und die +Weisheit war meine Freundschaft. Sie war's schließlich allein, die meiner +angebotenen Schwerlebigkeit aufhalf und meine Jugendjahre unverdorben +frisch und morgenrot erhielt. Ich weiß auch heute in der Welt nichts +Köstlicheres als eine ehrliche und tüchtige Freundschaft zwischen Männern +und wenn mich einmal an nachdenklichen Tagen etwas wie ein Jugendheimweh +befällt, so ist es allein um meine Studentenfreundschaft. + +Seit meiner Verliebtheit in Erminia hatte ich Richard ein wenig +vernachlässigt. Es geschah im Anfang unbewußt, nach einigen Wochen aber +schlug mir das Gewissen. Ich beichtete ihm, er entdeckte mir daß er das +ganze Unglück mit Bedauern habe kommen und wachsen sehen, und ich schloß +mich ihm aufs neue herzlich und eifersüchtig an. Was ich damals etwa an +heiteren und freien kleinen Lebenskünsten mir erwarb, kam alles von ihm. Er +war schön und heiter an Leib und Seele und das Leben schien für ihn keine +Schatten zu haben. Die Leidenschaften und Irrungen der Zeit kannte er als +kluger und beweglicher Mensch wohl, aber sie glitten ohne Schaden an ihm +ab. Sein Gang und seine Sprache und sein ganzes Wesen war geschmeidig, +wohllaut und liebenswert. O wie er lachen konnte! + +Für meine Weinstudien hatte er wenig Verständnis. Er ging gelegentlich mit, +hatte jedoch nach zwei Gläsern genug und betrachtete meinen wesentlich +größeren Konsum mit naivem Erstaunen. Aber wenn er sah, daß ich litt und +hilflos meiner Schwermut unterlag, musizierte er mir, las mir vor oder +führte mich spazieren. Auf unsern kleinen Ausflügen waren wir oft +ausgelassen wie zwei kleine Knaben. Einmal lagen wir auf warmer Mittagsrast +in einem waldigen Tal, warfen uns mit Tannenzapfen und sangen Verse aus der +frommen Helene auf gefühlvolle Melodieen. Der rasche klare Bach plätscherte +uns so lange kühl verlockend ins Ohr, bis wir uns entkleideten und uns ins +kalte Wasser legten. Da kam er auf die Idee Komödie zu spielen. Er setzte +sich auf einen moosigen Felsen und war die Lorelei, und ich segelte unten +als Schiffer im kleinen Schiffe vorüber. Dabei sah er so jungferlich +schamhaft aus und schnitt solche Grimassen, daß ich, der ich das wilde Weh +hätte markieren sollen, mich vor Lachen kaum halten konnte. Plötzlich +wurden Stimmen laut, eine Touristengesellschaft erschien auf dem Fußweg und +wir mußten uns in unsrer Blöße eiligst unter dem ausgewaschenen, +überhängenden Ufer verbergen. Als die ahnungslose Gesellschaft an uns +vorüberschritt, stieß Richard allerlei seltsame Töne aus, grunzte, +quietschte und fauchte. Die Leute stutzten, schauten um sich, stierten ins +Wasser und waren nahe daran uns zu entdecken. Da tauchte mein Freund mit +halbem Leibe aus seinem Schlupfwinkel auf, blickte die indignierte +Gesellschaft an und sprach mit tiefer Stimme und priesterlicher Geberde: +»Ziehet hin in Frieden!« Sogleich verschwand er wieder, zwickte mich in den +Arm und sagte: »Auch das war eine Charade.« + +»Was für eine?« fragte ich. + +»Pan erschreckt einige Hirten,« lachte er. »Es waren aber leider auch +Frauenzimmer dabei.« + +Von meinen geschichtlichen Studien nahm er wenig Notiz. Meine fast +verliebte Vorliebe für den heiligen Franz von Assisi aber teilte er bald, +obschon er gelegentlich auch über ihn Witze machen konnte, die mich +entrüsteten. Wir sahen den seligen Dulder freundlich begeistert und heiter +wie ein liebes großes Kind durch die umbrische Landschaft wandern, seines +Gottes froh und voll demütiger Liebe zu allen Menschen. Wir lasen zusammen +seinen Unsterblichen Sonnengesang und kannten ihn fast auswendig. Einst, da +wir im Dampfboot über den See von einer Spazierfahrt zurückkehrten und der +abendliche Wind das goldige Wasser bewegte, fragte er leise: »Du, wie sagt +hier der Heilige?« Und ich zitierte: + +Laudato si, mi Signore, per frate vento e per aere e nubilo et sereno et +onne tempo! + +Wenn wir Streit bekamen und uns Schnödigkeiten sagten, warf er mir, immer +halb im Scherz, nach Art der Schuljungen eine solche Menge von drolligen +Übernamen an den Kopf, daß ich bald lachen mußte und dem Ärgernis der +Stachel genommen war. Verhältnismäßig ernst war mein lieber Freund nur, +wenn er seine Lieblingsmusiker hörte oder spielte. Auch dann konnte er sich +unterbrechen, um irgend einen Spaß zu machen. Dennoch war seine Liebe zur +Kunst voll reiner, herzlicher Hingabe und sein Gefühl für das Echte und +Bedeutende schien mir untrüglich. + +Wunderbar verstand er die feine, zarte Kunst des Tröstens, des +teilnehmenden Dabeiseins oder des Erheiterns, wenn einer seiner Freunde in +Nöten war. Er konnte mir, wenn er mich übellaunig fand, ganze Mengen +kleiner anekdotischer Geschichten von grotesker Nettigkeit erzählen und +hatte dann etwas Beruhigendes und Erheiterndes im Ton, dem ich selten +widerstand. + +Vor mir hatte er ein wenig Respekt, weil ich ernster war als er; noch mehr +imponierte ihm meine Körperkraft. Vor andern renommierte er damit und war +stolz einen Freund zu haben, der ihn einhändig hätte erdrücken können. Er +gab viel auf körperliche Fähigkeiten und Gewandtheit, er lehrte mich +Tennis, ruderte und schwamm mit mir, nahm mich zum Reiten mit und ruhte +nicht, bis ich fast eben so gut Billard spielte wie er selbst. Es war sein +Lieblingsspiel und er betrieb es nicht nur künstlerisch und meisterhaft, +sondern pflegte am Billard auch immer besonders lebhaft, witzig und +fröhlich zu sein. Häufig gab er den drei Bällen die Namen von Leuten unsrer +Bekanntschaft und konstruierte bei jedem Stoß aus Stellung, Annäherung und +Entfernung der Bälle ganze Romane voll von Witzen, Anzüglichkeiten und +karikierenden Vergleichen. Dabei spielte er ruhig, leicht und überaus +elegant und es war eine Lust ihn dabei zu betrachten. + +Meine Schriftstellerei schätzte er nicht höher als ich selbst. Einmal sagte +er mir: »Sieh, ich hielt dich immer für einen Dichter und halte dich noch +dafür, aber nicht deiner Feuilletons wegen, sondern weil ich fühle daß du +etwas Schönes und Tiefes in dir leben hast, das früher oder später einmal +hervorbrechen wird. Und das wird dann eine wirkliche Dichtung sein.« + +Indessen glitten uns die Semester wie kleine Münze durch die Finger und die +Zeit kam unverhofft, da Richard an die Rückkehr nach seiner Heimat denken +mußte. Mit einer etwas künstlichen Ausgelassenheit genossen wir die +schwindenden Wochen und kamen am Ende überein, daß vor dem bitteren +Abschied noch irgend eine glänzende und festliche Unternehmung diese +schönen Jahre heiter und verheißungsvoll beschließen sollte. Ich schlug +eine Ferientour in die Berner Alpen vor, doch war es freilich noch +Vorfrühling und für die Berge eigentlich viel zu früh. Während ich mir den +Kopf nach anderen Vorschlägen zerbrach, schrieb Richard seinem Vater und +bereitete mir in der Stille eine große und freudige Überraschung vor. Eines +Tages kam er mit einem stattlichen Wechsel angerückt und lud mich ein, ihn +als Führer nach Oberitalien zu begleiten. + +Mir schlug bang und frohlockend das Herz. Ein seit Knabenzeiten gehegter, +tausendmal durchgeträumter, sehnlicher Lieblingswunsch sollte sich mir +erfüllen. Wie im Fieber besorgte ich meine kleinen Vorbereitungen, brachte +meinem Freund noch ein paar Worte Italienisch bei und fürchtete bis zum +letzten Tag, es möchte doch nichts daraus werden. + +Unser Gepäck war vorausgeschickt, wir saßen im Wagen, die grünen Felder und +Hügel flirrten vorüber, der Urnersee und der Gotthard kam, dann die +Bergnester und Bäche und Geröllhalden und Schneegipfel des Tessin, und dann +die ersten schwärzlichen Steinhäuser in ebenen Weinbergen und die +erwartungsvolle Fahrt an den Seen hin und durch die fruchtbare Lombardei +dem lärmend lebhaften, sonderbar anziehenden und abstoßenden Mailand +entgegen. + +Richard hatte sich vom Milaneser Dom nie eine Vorstellung gemacht, sondern +von ihm nur als von einem berühmten großen Bauwerk gewußt. Es war +ergötzlich, seine entrüstete Enttäuschung zu sehen. Als er den ersten +Schreck überwunden und seinen Humor wiedergefunden hatte, schlug er selber +vor, das Dach zu besteigen und sich in dem tollen Wirrsal von Steinfiguren +dort oben umherzutreiben. Wir stellten mit einiger Befriedigung fest, daß +es um die Hunderte von unseligen Heiligenstatuen auf den Fialen nicht so +sehr schade sei, denn sie erwiesen sich zumeist, wenigstens sämtliche +neuern, als Fabrikarbeit gewöhnlicher Art. Wir lagen fast zwei Stunden auf +den breiten, schrägen Marmorplatten, die ein sonniger Apriltag leise +durchglüht hatte. Behaglich gestand mir Richard: »Weißt du, im Grunde hab' +ich nichts dagegen, noch mehr solche Enttäuschungen zu erleben wie mit dem +verrückten Dom da. Auf der ganzen Reise hatte ich eine kleine Angst vor +alle den Großartigkeiten, die wir sehen und die uns erdrücken würden. Und +nun fängt die Sache so freundlich und menschlich-lächerlich an!« Dann +reizte ihn das wirre steinerne Figurenvolk, in dessen Mitte wir lagerten, +zu allerlei barocken Phantasieen. + +»Vermutlich,« sagte er, »wird dort auf dem Chorturm, als der höchsten +Spitze, wohl auch der höchste und vornehmste Heilige stehen. Da es nun +keineswegs ein Vergnügen sein muß, ewig als steinerner Seiltänzer auf +diesen spitzen Türmchen zu balancieren, ist es billig, daß von Zeit zu Zeit +der oberste Heilige erlöst und in den Himmel entrückt wird. Nun denke dir, +was das jedesmal für ein Spektakel absetzt! Denn natürlich rücken nun +sämtliche übrige Heilige genau nach der Rangordnung je um einen Platz vor +und jeder muß mit einem großen Satz auf die Fiale des Vorgängers hüpfen, +jeder in großer Eile und jeder jaloux auf alle, die noch vor ihm kommen.« + +So oft ich seither durch Mailand kam, fiel jener Nachmittag mir wieder ein +und ich sah mit wehmütigem Lachen die hunderte von Marmorheiligen ihre +kühnen Sprünge tun. + +In Genua ward ich um eine große Liebe reicher. Es war ein heller, windiger +Tag, kurz nach der Mittagsstunde. Ich hatte die Arme auf eine breite +Mauerbrüstung gestützt, hinter mir lag das farbige Genua, und unter mir +schwoll und lebte die große blaue Flut. Das Meer. Mit dunklem Tosen und +unverstandenem Verlangen warf sich mir das Ewige und Unwandelbare entgegen +und ich fühlte, daß etwas in mir sich mit dieser blauen, schäumigen Flut +für Leben und Tod befreundete. + +Ebenso mächtig ergriff mich der weite Meerhorizont. Wieder sah ich wie in +Kinderzeiten die duftblaue Ferne wie ein geöffnetes Tor auf mich warten. +Und wieder faßte mich das Gefühl, ich sei nicht zum stetig heimischen Leben +unter Menschen und in Städten und Wohnungen, sondern zum Schweifen durch +fremde Gebiete und zu Irrfahrten auf Meeren geboren. Mit dunklem Trieb +stieg das alte, traurigmachende Verlangen in mir empor, mich an Gottes +Brust zu werfen und mein kleines Leben mit dem Unendlichen und Zeitlosen zu +verbrüdern. + +Bei Rapallo rang ich schwimmend zum erstenmal mit der Flut, schmeckte das +herbe Salzwasser und fühlte die Gewalt der Wogen. Ringsum blaue, klare +Wellen, braungelbe Strandfelsen, tiefer stiller Himmel und das ewige, große +Rauschen. Stets von neuem ergriff mich der Anblick der ferne gleitenden +Schiffe, schwarzer Masten und blanker Segel oder die kleine Rauchfahne +eines entfernt dahinfahrenden Dampfers. Nächst meinen Lieblingen, den +rastlosen Wolken, weiß ich kein schöneres und ernsteres Bild der Sehnsucht +und des Wanderns als solch ein Schiff, das in großer Ferne fährt, kleiner +wird und in den geöffneten Horizont hinein verschwindet. + +Und wir kamen nach Florenz. Die Stadt lag da wie ich sie aus hundert +Bildern und tausend Träumen kannte -- licht, geräumig, gastlich, vom +grünen, überbrückten Strom durchzogen und von klaren Hügeln umgürtet. Der +kecke Turm des palazzo vecchio stach kühn in den lichten Himmel, in seiner +Höhe lag weiß und warmsonnig das schöne Fiesole und alle Hügel standen weiß +und rosenrot im Flor der Obstblüte. Das beweglich freudige, harmlose +toskanische Leben ging mir wie ein Wunder auf und ich war bald heimischer +als ich je zu Hause gewesen war. Die Tage wurden in Kirchen, auf Plätzen, +in Gassen, Loggien und Märkten verbummelt, die Abende in Hügelgärten +verträumt, wo schon die Limonen reiften, oder in kleinen naiven +Chiantischenken vertrunken und verplaudert. Dazwischen die beglückend +reichen Stunden in den Bildersälen und im Bargello, in Klöstern, +Bibliotheken und Sakristeien, die Nachmittage in Fiesole, San Miniato, +Settignano, Prato. + +Nach einer schon zu Hause getroffenen Verabredung ließ ich nun Richard für +eine Woche allein und genoß die edelste und köstlichste Wanderung meiner +Jugendzeit, durch das reiche, grüne umbrische Hügelland. Ich ging die +Straßen des heiligen Franz und fühlte ihn in manchen Stunden neben mir +wandern, das Gemüt voll unergründlicher Liebe, jeden Vogel und jede Quelle +und jeden Hagrosenstrauch mit Dankbarkeit und Freude begrüßend. Ich +pflückte und verzehrte Limonen an sonnig glänzenden Hängen, nächtigte in +kleinen Dörfern, sang und dichtete in mich hinein und feierte die Ostern in +Assisi, in der Kirche meines Heiligen. + +Mir ist immer, als seien diese acht Wandertage in Umbrien die Krone und das +schöne Abendrot meiner Jugendzeit gewesen. Jeden Tag sprangen Quellen in +mir auf und ich sah in die lichte, festliche Frühlingslandschaft wie in +Gottes gütige Augen. + +In Umbrien war ich Franz, dem »Spielmann Gottes«, verehrend nachgegangen; +in Florenz genoß ich die beständige Vorstellung vom Leben des Quattrocento. +Ich hatte ja schon zu Hause Satiren auf die Formen unsres heutigen Lebens +geschrieben. In Florenz aber fühlte ich zum erstenmal die ganze schäbige +Lächerlichkeit der modernen Kultur. Dort überfiel mich zuerst die Ahnung, +daß ich in unsrer Gesellschaft ewig ein Fremdling sein würde, und dort +erwachte zuerst der Wunsch in mir, mein Leben außerhalb dieser Gesellschaft +und womöglich im Süden weiter zu führen. Hier konnte ich mit den Menschen +verkehren, hier erfreute mich auf Schritt und Tritt eine freimütige +Natürlichkeit des Lebens, über welcher adelnd und verfeinernd die Tradition +einer klassischen Kultur und Geschichte lag. + +Glänzend und beglückend rannen uns die schönen Wochen hin; auch Richard +hatte ich nie so schwärmerisch entzückt gesehen. Übermütig und freudig +leerten wir die Becher der Schönheit und des Genusses. Wir erwanderten +abseitige, heiß gelegene Hügeldörfer, befreundeten uns mit Gastwirten, +Mönchen, Landmädchen und kleinen zufriedenen Dorfpfarrern, belauschten +naive Ständchen, fütterten bräunliche, hübsche Kinder mit Brot und Obst und +sahen von sonnigen Berghöhen Toskana im Glanz des Frühlings und fern das +schimmernde ligurische Meer liegen. Und wir hatten beide das kräftige +Gefühl, unseres Glückes würdig einem reichen, neuen Leben entgegen zu +gehen. Arbeit, Kampf, Genuß und Ruhm lagen so nah und glänzend und sicher +vor uns, daß wir ohne Hast uns der glücklichen Tagen freuten. Auch die nahe +Trennung schien leicht und vorübergehend, denn wir wußten fester als je, +daß wir einer dem andern notwendig und einer des andern für's Leben sicher +waren. + + * * * * * + +Das war die Geschichte meiner Jugend. Es scheint mir, wenn ich es +überdenke, als sei sie kurz wie eine Sommernacht gewesen. Ein wenig Musik, +ein wenig Geist, ein wenig Liebe, ein wenig Eitelkeit -- aber es war schön, +reich und farbig wie ein eleusisches Fest. + +Und erlosch schnell und armselig wie ein Licht im Wind. + +In Zürich nahm Richard Abschied. Zweimal stieg er wieder aus dem +Eisenbahnwagen, um mich zu küssen, und nickte mir noch, so lange es ging, +vom Fenster aus zärtlich zu. + +Zwei Wochen später ertrank er beim Baden in einem lächerlich kleinen +süddeutschen Flüßchen. Ich sah ihn nicht mehr, ich war nicht dabei als er +begraben wurde, ich hörte alles erst ein paar Tage später, als er schon im +Sarge und in der Erde lag. Da lag ich in meinem Stüblein auf den Boden +hingestreckt, fluchte Gott und dem Leben in gemeinen und scheußlichen +Lästerworten, weinte und tobte. Ich hatte bis dahin nie bedacht, daß mein +einziger sicherer Besitz in diesen Jahren meine Freundschaft gewesen war. +Das war nun vorüber. + +Es litt mich nicht länger in der Stadt, wo täglich eine Menge von +Erinnerungen sich an mich hängte und mir die Lust raubte. Was nun käme, war +mir einerlei; ich war im Kern der Seele krank und hatte ein Grauen vor +allem Lebendigen. Einstweilen schien die Aussicht gering, daß mein +zerstörtes Wesen sich wieder aufrichte und mit neu gespannten Segeln dem +herberen Glück der Mannesjahre entgegen treibe. Gott hatte gewollt, daß ich +das Beste meines Wesens einer reinen und fröhlichen Freundschaft hingäbe. +Wie zwei rasche Nachen waren wir miteinander vorangestürmt, und Richards +Nachen war der bunte, leichte, glückliche, geliebte, an dem mein Auge hing +und dem ich vertraute, er würde mich zu schönen Zielen mitreißen. Nun war +er mit kurzem Schrei versunken und ich trieb steuerlos auf plötzlich +verdunkelten Wassern umher. + +Es wäre an mir gewesen, die harte Probe zu bestehen, mich nach den Sternen +zu richten und auf neuer Fahrt um den Kranz des Lebens zu kämpfen und zu +irren. Ich hatte an die Freundschaft, an die Frauenliebe, an die Jugend +geglaubt. Nun sie eine um die andere mich verlassen hatten, warum glaubte +ich nicht an Gott und gab mich in seine stärkere Hand? Aber ich war +zeitlebens zag und trotzig wie ein Kind und wartete immer auf das +eigentliche Leben, daß es im Sturme über mich käme, mich verständig und +reich machte und auf großen Flügeln einem reifen Glück entgegen trüge. + +Das weise und sparsame Leben aber schwieg und ließ mich treiben. Es +schickte mir weder Stürme noch Sterne, sondern wartete, bis ich wieder +klein und geduldig und mein Trotz gebrochen wäre. Es ließ mich meine +Komödie des Stolzes und Besserwissens spielen, sah daran vorbei und +wartete, bis das verlaufene Kind die Mutter wieder finden würde. + + + + +V. + + +Es kommt nun diejenige Zeit meines Lebens, welche scheinbar bewegter und +bunter war als das bisherige und allenfalls einen kleinen Moderoman abgäbe. +Ich müßte erzählen, wie ich von einer deutschen Zeitung zum Redakteur +berufen wurde. Wie ich meiner Feder und meinem bösen Maul zu viel Freiheit +gönnte und dafür schikaniert und geschulmeistert wurde. Wie ich darauf den +Ruf eines Säufers errang und schließlich, nach giftigen Händeln, das Amt +niederlegte und mich als Korrespondenten nach Paris schicken ließ. Wie ich +in diesem verfluchten Nest zigeunerte, verbummelte und auf verschiedenen +Gebieten einen starken Tobak rauchte. + +Es ist nicht Feigheit, wenn ich den etwaigen Schweinigeln unter meinen +Lesern hier eine Nase drehe und diese kurze Zeit übergehe. Ich bekenne, daß +ich einen Irrweg um den andern ging, allerlei Schmutz gesehen habe und +darin gesteckt bin. Der Sinn für die Romantik der Bohème ist mir seither +abhanden gekommen und ihr müßt mir erlauben, daß ich mich an das Reinliche +und Gute halte, das doch auch in meinem Leben war, und jene verlorene Zeit +verloren und abgetan sein lasse. + +Namentlich Paris war schauderhaft: Nichts als Kunst, Politik, Literatur und +Dirnengewäsch, nichts als Künstler, Literaten, Politiker und gemeine +Weiber. Die Künstler waren so eitel und aufdringlich wie die Politiker, die +Literaten noch eitler und aufdringlicher, und am eitelsten und +aufdringlichsten waren die Weiber. + +Eines Abends saß ich allein im Bois und überlegte mir, ob ich nur Paris +oder lieber gleich das Leben überhaupt verlassen sollte. Darüber ging ich, +seit langer Zeit zum erstenmal, in Gedanken mein Leben durch und +berechnete, daß ich nicht viel daran zu verlieren habe. + +Aber da sah ich plötzlich in scharfer Erinnerung einen längst vergangenen +und vergessenen Tag -- einen frühen Sommermorgen, daheim in den Bergen, und +sah mich an einem Bette knieen und darauf lag meine Mutter und litt den +Tod. + +Ich erschrak und schämte mich, daß ich so lange jenes Morgens nicht mehr +hatte denken können. Die dummen Mordgedanken waren vorbei. Denn ich glaube, +daß kein ernster und nicht völlig entgleister Mensch fähig ist, sich das +Leben zu nehmen, wenn er je einmal das Erlöschen eines gesunden und guten +Lebens angesehen hat. Ich sah meine Mutter wieder sterben. Ich sah wieder +auf ihrem Gesicht die stille, ernste Arbeit des Todes, der es adelte. Er +sah herb aus, der Tod, aber so mächtig und auch gütig wie ein behutsamer +Vater, der ein irregegangenes Kind heimholt. + +Ich wußte plötzlich wieder, daß der Tod unser kluger und guter Bruder ist, +der die rechte Stunde weiß und dessen wir mit Zuversicht gewärtig sein +dürfen. Und ich begann auch zu verstehen, daß das Leid und die +Enttäuschungen und die Schwermut nicht da sind, um uns verdrossen und +wertlos und würdelos zu machen, sondern um uns zu reifen und zu verklären. + +Acht Tage später waren meine Kisten nach Basel abgeschickt und ich wanderte +zu Fuß durch ein schönes Stück Südfrankreich und fühlte von Tag zu Tag die +unseligen Pariser Zeiten, deren Erinnerung mich wie ein Gestank verfolgte, +verblassen und zu Nebel werden. Ich wohnte einer cour d'amour bei. Ich +übernachtete in Schlössern, in Mühlen, in Scheunen, und trank mit den +dunkeln, gesprächigen Burschen ihren warmen, sonnigen Wein. + +Abgerissen, mager, braungebrannt und im Innern verändert kam ich nach zwei +Monaten in Basel an. Es war meine erste so große Wanderung, die erste von +vielen. Zwischen Locarno und Verona, zwischen Basel und Brieg, zwischen +Florenz und Perugia sind wenig Orte, durch die ich nicht zwei und dreimal +mit staubigen Stiefeln gepilgert bin -- hinter Träumen her, von denen noch +keiner sich erfüllt hat. + + * * * * * + +In Basel mietete ich eine Vorstadtbude, packte meine Habe aus und begann zu +arbeiten; es freute mich in einer stillen Stadt zu leben, wo kein Mensch +mich kannte. Die Beziehungen zu einigen Zeitungen und Revuen waren noch im +Gang und ich hatte zu arbeiten und zu leben. Die ersten Wochen waren gut +und ruhig, dann kam allmählich die alte Traurigkeit wieder, blieb tagelang, +wochenlang, und verging auch bei der Arbeit nicht. Wer nicht an sich selber +gespürt hat, was Schwermut ist, versteht das nicht. Wie soll ich es +beschreiben? Ich hatte das Gefühl einer schauerlichen Einsamkeit. Zwischen +mir und den Menschen und dem Leben der Stadt, der Plätze, Häuser und +Straßen war fortwährend eine breite Kluft. Es geschah ein großes Unglück, +es standen wichtige Dinge in den Zeitungen -- mich ging es nichts an. Es +wurden Feste gefeiert, Tote begraben, Märkte abgehalten, Konzerte gegeben +-- wozu? wofür? Ich lief hinaus, ich trieb mich in Wäldern, auf Hügeln und +Landstraßen herum, und um mich her schwiegen Wiesen, Bäume, Äcker in +klagloser Trauer, sahen mich stumm und flehentlich an und hatten das +Verlangen mir etwas zu sagen, mir entgegen zu kommen, mich zu begrüßen. +Aber sie lagen da und konnten nichts sagen, und ich begriff ihr Leiden und +litt es mit, denn ich konnte sie nicht erlösen. + +Ich ging zu einem Arzt, brachte ihm ausführliche Aufzeichnungen, versuchte +ihm mein Leiden zu beschreiben. Er las, fragte, untersuchte mich. + +»Sie sind beneidenswert gesund,« lobte er dann, »körperlich fehlt Ihnen +nichts. Suchen Sie sich durch Lektüre oder Musik zu erheitern.« + +»Ich lese von Berufs wegen tagtäglich eine Menge neue Sachen.« + +»Jedenfalls sollten Sie sich auch einige Bewegung im Freien gönnen.« + +»Ich laufe täglich drei bis vier Stunden, in Ferienzeiten mindestens das +doppelte.« + +»Dann müssen Sie sich zwingen, unter Menschen zu gehen. Sie sind ja in +Gefahr ernstlich menschenscheu zu werden.« + +»Was liegt daran?« + +»Es liegt viel daran. Je größer zur Zeit Ihre Unlust am Umgang ist, desto +mehr müssen Sie sich zwingen Menschen zu sehen. Ihr Zustand ist noch kein +Kranksein und scheint mir nicht bedenklich; wenn Sie aber nicht aufhören so +passiv zu bummeln, könnten Sie schließlich doch einmal die Balance +verlieren.« + +Der Arzt war ein verständiger und wohlwollender Mann. Ich tat ihm leid. Er +empfahl mich einem Gelehrten, in dessen Hause viel Verkehr und ein gewisses +geistiges und literarisches Leben war. Ich ging hin. Man kannte meinen +Namen, war liebenswürdig, fast herzlich, und ich kam öfters wieder. + +Einmal kam ich an einem kalten Spätherbstabend hin. Ich fand einen jungen +Historiker und ein sehr schlankes, dunkles Mädchen; sonst keine Gäste. Das +Mädchen besorgte die Teemaschine, sprach viel und war spitzig gegen den +Historiker. Nachher spielte sie ein wenig Klavier. Dann sagte sie mir, sie +habe meine Satiren gelesen, aber gar nicht goutiert. Sie kam mir gescheit, +aber ein wenig allzu gescheit vor, und ich ging bald nach Hause. + +Inzwischen hatte man allmählich herausgebracht, ich säße viel in Kneipen +herum und sei eigentlich ein heimlicher Säufer. Es wunderte mich kaum, denn +der Klatsch blühte gerade in der akademischen Gesellschaft unter Männern +und Frauen aufs üppigste. Meinem Verkehr schadete die beschämende +Entdeckung gar nicht, machte mich vielmehr begehrt, denn man war gerade für +die Temperenz begeistert, Herren und Damen gehörten den Komitees der +Mäßigkeitsvereine an und freuten sich jedes Sünders, der ihnen in die Hände +fiel. Eines Tages erfolgte der erste höfliche Angriff. Es ward mir die +Schmach des Wirtshauslebens, der Fluch des Alkoholismus und all das vom +sanitären, ethischen und sozialen Standpunkt zu betrachten nahe gelegt und +ich wurde eingeladen einer Vereinsfeierlichkeit beizuwohnen. Ich war maßlos +erstaunt, denn von allen solchen Vereinen und Bestrebungen hatte ich bisher +kaum eine Ahnung gehabt. Die Vereinssitzung, mit Musik und religiösem +Anstrich, war peinlich komisch und ich verhehlte diesen Eindruck nicht. +Wochenlang wurde mir mit aufdringlicher Liebenswürdigkeit zugesetzt, die +Sache wurde mir äußerst langweilig und eines Abends, da man mir wieder +dasselbe Lied vorsang und sehnlich auf meine Bekehrung hoffte, ward ich +desperat und bat mir energisch aus, man möge mich nun mit dem Geplärre +verschonen. Das junge Mädchen war wieder da. Sie hörte mir aufmerksam zu +und sagte dann ganz herzlich: »Bravo!« Ich war aber zu verstimmt, um darauf +zu achten. + +Mit desto größerem Vergnügen sah ich ein kleines drolliges Mißgeschick mit +an, das bei einer gewaltigen Abstinentenfestlichkeit passierte. Der große +Verein samt zahllosen Gästen tafelte und tagte in seinem Hause, Reden +wurden gehalten, Freundschaften geschlossen und Chöre gesungen und der +Fortschritt der guten Sache mit großem Hosianna gefeiert. Einem als +Fahnenträger angestellten Dienstmann dauerten die alkoholfreien Reden zu +lange, er drückte sich in eine nahe Schenke, und als der feierliche Fest- +und Demonstrationszug durch die Straßen seinen Anfang nahm, genossen +schadenfrohe Sünder das ergötzliche Schauspiel, an der Spitze der +begeisterten Scharen einen fröhlich betrunkenen Anführer und in seinen +Armen die Fahne des blauen Kreuzes gleich einem schiffbrüchigen Mastbaum +schwanken zu sehen. + +Der besoffene Dienstmann wurde entfernt; nicht entfernt aber wurde das +Gewimmel menschlichster Eitelkeiten, Eifersüchteleien und Intriguen, das +sich innerhalb der einzelnen Konkurrenzvereine und Komissionen erhoben +hatte und zu immer freudigerer Blüte gedieh. Die Bewegung spaltete sich, +ein paar Ehrgeizige wollten allen Ruhm für sich haben und schimpften über +jeden nicht in ihrem Namen bekehrten Säufer; edle und selbstlose +Mitarbeiter, an denen es nicht fehlte, wurden schnöde mißbraucht und in +Bälde hatten Näherstehende Gelegenheit zu sehen, wie auch hier unter +idealer Etikette allerlei unsaubere Menschlichkeiten zum Himmel stanken. +Alle diese Komödien erfuhr ich so nebenher durch dritte Leute, hatte mein +stilles Wohlgefallen daran und dachte mir auf mancher nächtlichen Heimkehr +von Trinkereien: Seht, wir Wilde sind doch bessere Menschen. + +In meiner kleinen, hoch und frei gelegenen Stube über dem Rhein studierte +und grübelte ich viel. Ich war trostlos, daß das Leben so an mir ablief, +daß kein starker Strom mich mitriß, keine heftige Leidenschaft oder +Teilnahme mich erhitzte und dem dumpfen Traum entzog. Zwar arbeitete ich, +neben dem täglich Notwendigen, an den Vorbereitungen zu einem Werk, welches +das Leben der ersten Minoriten darstellen sollte; doch war dies kein +Schaffen, nur ein stetes bescheidenes Sammeln und genügte dem Trieb meiner +Sehnsucht nicht. Ich begann, indem ich mich an Zürich, Berlin und Paris +erinnerte, mir die wesentlichen Wünsche, Leidenschaften und Ideale der +Zeitgenossen klar zu machen. Einer arbeitete daran, die bisherigen Möbel, +Tapeten und Kostüme abzuschaffen und die Menschen an freiere, schönere +Umgebungen zu gewöhnen. Ein anderer war bemüht, den Häckelschen Monismus in +populären Schriften und Vorträgen zu verbreiten. Andere hielten es für +erstrebenswert, den ewigen Weltfrieden herbeizuführen. Und wieder einer +kämpfte für die darbenden unteren Stände, oder sammelte und redete dafür, +daß Theater und Museen für's Volk gebaut und geöffnet würden. Und hier in +Basel wurde der Alkohol bekämpft. + +In all diesen Bestrebungen war Leben, Trieb und Bewegung; aber keine davon +war mir wichtig und notwendig und es hätte mich und mein Leben nicht +berührt, wenn alle jene Ziele heute erreicht worden wären. Hoffnungslos +sank ich in den Stuhl zurück, schob Bücher und Blätter von mir und sann, +und sann. Dann hörte ich vor den Fenstern den Rhein ziehen und den Wind +sausen und lauschte ergriffen auf diese Sprache einer großen, überall auf +der Lauer liegenden Schwermut und Sehnsucht. Ich sah die blassen +Nachtwolken in großen Stößen wie erschreckte Vögel durch den Himmel +flattern, hörte den Rhein wandern und dachte an meiner Mutter Tod, an den +heiligen Franz, an meine Heimat in den Schneebergen und an den ertrunkenen +Richard. Ich sah mich an den Felswänden klettern, um Alpenrosen für die +Rösi Girtanner zu brechen, ich sah mich in Zürich von Büchern und Musik und +Gesprächen erregt, sah mich mit der Aglietti auf dem nächtlichen Wasser +fahren, sah mich über Richards Tod verzweifeln, reisen und wiederkommen, +genesen und wieder elend werden. Wozu? Wofür? O Gott, war alles das denn +nur ein Spiel, ein Zufall, ein gemaltes Bild gewesen? Hatte ich nicht +gerungen und Qualen der Begierde gelitten nach Geist, nach Freundschaft, +nach Schönheit, Wahrheit und Liebe? Quoll nicht noch immer in mir die +schwüle Woge der Sehnsucht und der Liebe? Und alles für nichts, mir zur +Qual, niemand zur Lust! + +Dann war ich reif für die Kneipe. Ich blies die Lampe aus, tastete mich die +steile alte Wendeltreppe hinab und erschien in einer Veltlinerhalle oder +Waadtländer Weinstube. Dort empfing man mich als guten Gast mit Respekt, +während ich gewöhnlich trutzig und gelegentlich sackgrob war. Ich las den +Simplizissimus, der mich jedesmal ärgerte, trank meinen Wein und wartete, +bis er mich trösten würde. Und der süße Gott berührte mich mit seiner +weiblich weichen Hand, machte meine Glieder wohlig müde und führte meine +verirrte Seele in das Land der schönen Träume zu Gast. + +Gelegentlich wunderte ich mich selber darüber, daß ich die Leute so borstig +behandelte und eine Art von Spaß daran hatte sie anzuschnauzen. In +Gasthäusern, die ich öfter besuchte, fürchteten und verwünschten mich die +Kellnerinnen als einen Grobian und Nörgler, der ewig zu reklamieren hatte. +Geriet ich in ein Gespräch mit anderen Gästen, so war ich höhnisch und +grob, freilich waren auch die Leute danach. Trotzdem fanden sich ein paar +wenige Wirtshausbrüder, sämtlich schon alternde und unheilbare Sünder, mit +denen ich zuweilen einen Abend versaß und ein leidliches Verhältnis fand. +Es war namentlich ein ältlicher Rauhbein unter ihnen, seines Zeichens +Dessinateur, ein Weiberfeind, Schweinigel und geaichter Zecher erster +Klasse. Wenn ich ihn abends in irgend einer Schenke allein antraf, setzte +es jedesmal ein scharfes Zechen ab. Erst wurde geplaudert, gewitzelt und +nebenher ein Fläschchen Roter gebechert, dann trat allmählich das Trinken +in den Vordergrund, das Gespräch schlief ein und wir hockten einander +schweigsam gegenüber, sogen jeder an seiner Brissago und leerten jeder für +sich seine Flaschen. Dabei war einer dem andern ebenbürtig, wir ließen +stets gleichzeitig die Flaschen wieder füllen und beobachteten einer den +andern halb mit Achtung und halb mit Schadenfreude. Zur Zeit des Neuen, im +Spätherbst, zogen wir einst gemeinsam durch einige Markgräfler Weindörfer +und im Hirschen zu Kirchen erzählte mir der alte Knopf seine +Lebensgeschichte. Ich glaube, sie war interessant und absonderlich, doch +vergaß ich sie leider vollständig. Geblieben ist mir nur seine Schilderung +einer Trinkerei, schon aus seinen späteren Jahren. Es war irgendwo auf dem +Lande bei einer dörflichen Festlichkeit. Als Gast am Honoratiorentisch +verleitete er sowohl den Pfarrer wie den Schultheiß vorzeitig zu tüchtigen +Räuschen. Der Pfarrer hatte aber noch eine Rede zu halten. Nachdem man ihn +mit Mühe aufs Podium geschleppt, tat er dort ungeheuerliche Sprüche und +mußte abgeführt werden, worauf der Schultheiß in die Lücke sprang. Er +begann gewaltig aus dem Stegreif zu reden, wurde jedoch durch die heftige +Bewegung plötzlich unwohl und endete seine Ansprache auf eine ungewöhnliche +und unfeine Weise. + +Später hätte ich diese und andere Geschichten mir gerne nochmals erzählen +lassen. Es hatte aber bei einem Schützenfestabend unversöhnliche Händel +zwischen uns gegeben, wir hatten einander die Bärte gerupft und waren im +Zorn auseinander gegangen. Von da an kam es einige mal vor, daß wir als +Feinde gleichzeitig in einer Wirtsstube saßen, jeder natürlich an einem +anderen Tisch; aber aus alter Gewohnheit beobachteten wir einander +schweigend, tranken im gleichen Tempo und blieben sitzen, bis wir längst +die letzten Gäste waren und schließlich ersucht wurden abzuziehen. Zu einer +Versöhnung ist es nie gekommen. + +Fruchtlos und ermüdend war das ewige Nachdenken über die Ursachen meiner +Trauer und Lebensunfähigkeit. Ich hatte durchaus nicht das Gefühl, fertig +und verbraucht zu sein, sondern war voll von dunklen Trieben und glaubte +daran, daß es zur rechten Stunde mir noch gelingen würde, etwas Tiefes und +Gutes zu schaffen und dem spröden Leben wenigstens eine Handvoll Glück zu +entreißen. Aber würde die rechte Stunde jemals kommen? Mit Bitterkeit +dachte ich an jene modernen, nervösen Herren, die sich durch tausend +künstliche Anregungen zur künstlerischen Arbeit stachelten, während in mir +starke Kräfte unverbraucht lagen und liegen blieben. Und ich grübelte +wieder, was für ein Hemmnis oder Dämon mir in meinem strotzend starken +Leibe die Seele stocken und immer schwerer werden lasse. Dabei hatte ich +auch noch den sonderbaren Gedanken, mich für einen aparten, irgendwie zu +kurz gekommenen Menschen zu halten, dessen Leiden niemand kenne, verstehe +oder teile. Es ist das Teuflische an der Schwermut, daß sie einen nicht nur +krank, sondern auch eingebildet und kurzsichtig, ja fast hochmütig macht. +Man kommt sich vor wie der geschmacklose Heinesche Atlas, der allein alle +Schmerzen und Rätsel der Welt auf den Schultern liegen hat, als ob nicht +tausend andere dieselben Leiden duldeten und im selben Labyrinth +herumirrten. Auch daß die Mehrzahl meiner Eigenschaften und Eigenheiten +nicht so sehr mir gehörte als Familiengut oder Übel der Camenzinde war, kam +mir in meiner Isolierung und Heimatferne ganz abhanden. + +Alle paar Wochen ging ich einmal wieder in das gastliche Gelehrtenhaus. +Allmählich kannte ich ziemlich alle dort verkehrenden Leute. Es waren meist +jüngere Akademiker, viele Deutsche darunter, von allen Fakultäten, außerdem +ein paar Maler, einige Musiker, sowie ein paar Bürgersleute mit ihren +Frauen und Mädchen. Ich sah oft mit Erstaunen diese Leute an, die mich als +seltenen Gast begrüßten und von denen ich wußte, daß sie sich untereinander +wöchentlich so und so viele mal sahen. Was sprachen und trieben sie nur +immer miteinander? Die meisten hatten dieselbe stereotype Form des homo +socialis und sie schienen mir alle ein wenig mit einander verwandt, kraft +eines geselligen und nivellierenden Geistes, den ich allein nicht besaß. Es +waren manche feine und bedeutende Menschen dabei, welchen die ewige +Geselligkeit offenbar nichts oder nicht viel von ihrer Frische und +persönlichen Kraft raubte. Mit einzelnen von ihnen konnte ich lang und mit +Interesse sprechen. Aber von einem zum andern gehen, bei jedem eine Minute +stehen bleiben, den Weibern auf gut Glück Artigkeiten sagen, meine +Aufmerksamkeit auf eine Tasse Tee, zwei Gespräche und ein Klavierstück zu +gleicher Zeit richten, dabei angeregt und vergnügt aussehen, das konnte ich +nicht. Schrecklich war es mir, von Literatur oder Kunst reden zu müssen. +Ich sah, daß auf diesen Gebieten sehr wenig gedacht, sehr viel gelogen und +jedenfalls unsäglich viel geschwatzt wurde. Ich log also mit, hatte aber +keine Freude daran und fand das viele nutzlose Gewäsche langweilig und +entwürdigend. Viel lieber hörte ich etwa eine Frau von ihren Kindern +sprechen oder erzählte selbst von Reisen, von kleinen Tageserlebnissen und +anderen realen Dingen. Dabei konnte ich gelegentlich vertraulich und fast +vergnügt werden. Meistens suchte ich aber am Schluß solcher Abende noch ein +Weinhaus auf und schwemmte die Trockenheit im Halse und die faule +Langeweile mit Veltliner weg. + +Bei einer von diesen Gesellschaften sah ich das schwarze junge Mädchen +wieder. Es war eine Menge Leute da, sie musizierten und verführten ihr +gewohntes Getöse, und ich saß mit einer Bildermappe in einem abseitigen +Lampenwinkel. Es waren Ansichten von Toskana, nicht die gewöhnlichen, +tausendmal gesehenen Effektbildchen, sondern intimere, privatim skizzierte +Veduten, meist Geschenke von Reisegenossen und Freunden des Hausherrn. Eben +hatte ich die Zeichnung eines steinernen, schmalfenstrigen Häuschens in dem +einsamen Tal von San Clemente gefunden, das ich erkannte, denn ich hatte +dort manche Spaziergänge gemacht. Das Tal liegt ganz nah bei Fiesole, aber +die Menge der Reisenden besucht es nie, weil keine Altertümer dort sind. Es +ist ein Tal von herber und merkwürdiger Schönheit, trocken und kaum +bewohnt, zwischen hohe, kahle und strenge Berge geklemmt, weltferne, +melancholisch und unbetreten. + +Das Mädchen trat heran und sah mir über die Schulter. + +»Warum sitzen Sie immer so allein, Herr Camenzind?« + +Es ärgerte mich. Sie fühlt sich von den Herren vernachlässigt, dachte ich, +und nun kommt sie zu mir. + +»Nun, bekomme ich keine Antwort?« + +»Verzeihung, Fräulein; aber was soll ich denn antworten? Ich sitze allein, +weil es mir Spaß macht!« + +»Dann störe ich Sie also?« + +»Sie sind komisch.« + +»Danke; ist aber ganz gegenseitig.« + +Und sie setzte sich. Ich hielt beharrlich mein Blatt in den Fingern. + +»Sie sind doch vom Oberland,« sagte sie. »Ich möchte Sie gern einmal von +dort erzählen hören. Mein Bruder sagt, in Ihrem Dorf gebe es bloß einen +Familiennamen, lauter Camenzinds. Ist das wahr?« + +»Beinah,« knurrte ich. »Es gibt aber auch einen Bäcker, der Füßli heißt. +Und einen Gastwirt namens Nydegger.« + +»Und sonst nichts als Camenzind! Und die sind alle miteinander verwandt'?« + +»Mehr oder weniger.« + +Ich reichte ihr die Zeichnung hin. Sie hielt das Blatt fest und ich +bemerkte, daß sie es verstand so etwas richtig anzufassen. Das sagte ich +ihr. + +»Sie loben mich,« lachte sie, »aber wie ein Schullehrer.« + +»Wollen Sie das Blatt nicht auch ansehen?« fragte ich grob. »Sonst kann ich +es zurücklegen.« + +»Was stellt es denn vor?« + +»San Clemente.« + +»Wo?« + +»Bei Fiesole.« + +»Sie sind dort gewesen?« + +»Ja, mehrmals.« + +»Wie sieht das Tal aus? Das hier ist ja nur ein Ausschnitt.« + +Ich dachte nach. Die ernste, herbschöne Landschaft trat vor meinen Blick +und ich schloß die Augen halb, um sie festzuhalten. Es dauerte eine Weile, +ehe ich zu sprechen begann und es tat mir wohl, daß sie still blieb und +wartete. Sie begriff, daß ich nachdachte. + +Und ich schilderte San Clemente, wie es schweigend, dürr und großartig im +Brand des Sommernachmittags liegt. Nebenan in Fiesole treibt man Industrie, +flicht Strohhüte und Körbe, verkauft Souvenirs und Orangen, betrügt die +Reisenden oder bettelt sie an. Weiter unten liegt Florenz und umfaßt eine +Flut alten und neuen Lebens. Aber beide sieht man von Clemente aus nicht. +Dort haben keine Maler gearbeitet, dort ist kein Römerbau gewesen, die +Geschichte vergaß das arme Tal. Aber dort kämpft die Sonne und der Regen +mit der Erde, dort erhalten sich schiefe Pinien mühsam am Leben und die +paar Cypressen fühlen mit hageren Wipfeln in die Luft, ob nicht der +feindliche Sturm nahe sei, der ihnen das karge Leben verkürzt, an dem sie +mit dürstenden Wurzeln hängen. Es fährt zuweilen ein Ochsenwagen von den +nahe liegenden großen Meierhöfen vorbei oder eine Bauernfamilie pilgert +Fiesole entgegen, aber sie sind nur zufällige Gäste und die roten Röcke der +Bauernweiber, die sonst so flott und lustig aussehen, stören hier und man +vermißt sie gern. + +Und ich erzählte, wie ich als junger Mensch mit einem Freunde dort +wanderte, zu Füßen der Cypressen lag und mich an ihre hageren Stämme +lehnte; und wie der traurig schöne Einsamkeitszauber des seltsamen Tales +mich an die heimatlichen Schluchten erinnerte. + +Wir schwiegen eine Weile. + +»Sie sind ein Dichter,« sagte das Mädchen. + +Ich schnitt eine Grimasse. + +»Ich meine es anders,« fuhr sie fort. »Nicht weil Sie Novellen und +dergleichen schreiben. Sondern weil Sie die Natur verstehen und lieb haben. +Was ist es anderen Leuten, wenn ein Baum rauscht oder ein Berg in der Sonne +glüht? Aber für Sie ist ein Leben darin, das Sie mitleben können.« + +Ich antwortete, daß niemand »die Natur verstehe« und daß man mit allem +Suchen und Begreifenwollen nur Rätsel findet und traurig wird. Ein in der +Sonne stehender Baum, ein verwitternder Stein, ein Tier, ein Berg -- sie +haben ein Leben, sie haben eine Geschichte, sie leben, leiden, trotzen, +genießen, sterben, aber wir begreifen es nicht. + +Indeß ich sprach und mich ihres geduldig stillen Aufmerkens freute, begann +ich sie zu betrachten. Ihr Blick war auf mein Gesicht gerichtet und wich +dem meinen nicht aus. Ihr Gesicht war ganz ruhig, hingegeben und von der +Aufmerksamkeit ein wenig gespannt. Wie wenn ein Kind mir zuhörte. Nein, +sondern wie wenn ein Erwachsener im Zuhören sich vergißt und, ohne es zu +wissen, Kinderaugen bekommt. Und während des Betrachtens entdeckte ich +allmählich mit naiver Finderfreude, daß sie sehr schön war. + +Als ich nicht mehr sprach, blieb auch das Mädchen still. Dann schreckte sie +auf und blinzelte ins Lampenlicht. + +»Wie heißen Sie eigentlich, Fräulein?« fragte ich und dachte nicht viel +dabei. + +»Elisabeth.« + +Sie ging weg und wurde bald darauf genötigt Klavier zu spielen. Sie spielte +gut. Aber da ich hinzutrat sah ich, daß sie nicht mehr so schön war. + +Als ich die behaglich altmodische Treppe hinabstieg, um nach Hause zu +gehen, hörte ich ein paar Worte vom Gespräch zweier Maler, welche in der +Hausflur ihre Mäntel anlegten. + +»Na ja, er hat sich den ganzen Abend mit der hübschen Lisbeth beschäftigt,« +sagte einer und lachte. + +»Stille Wasser!« meinte der andere. »Er hat sich nicht das Schlechteste +ausgesucht.« + +Also die Affen sprachen schon darüber. Es fiel mir plötzlich ein, daß ich, +fast wider Willen, diesem fremden jungen Mädchen intime Erinnerungen und +ein ganzes Stück meines inneren Lebens preisgegeben hatte. Wie kam ich +dazu? Und nun schon die bösen Mäuler! -- Bande! + +Ich ging weg und betrat monatelang das Haus nicht mehr. Zufällig war eben +einer von jenen zwei Malern der Erste, der mich auf der Straße darüber zur +Rede stellte. + +»Warum gehen Sie denn nicht mehr hin?« + +»Weil ich das verdammte Klatschen nicht leiden kann,« sagte ich. + +»Ja, unsere Damen!« lachte der Kerl. + +»Nein,« antwortete ich, »ich meine die Männer, und speziell die Herren +Maler.« + +Elisabeth sah ich in diesen Monaten nur ganz wenige Mal auf der Straße, +einmal in einem Kaufladen und einmal in der Kunsthalle. Gewöhnlich war sie +hübsch, doch nicht schön. Die Bewegungen ihrer überschlanken Gestalt hatten +etwas Apartes, das sie meistens schmückte und auszeichnete, manchmal aber +auch etwas übertrieben und unecht aussehen konnte. Schön, überaus schön war +sie damals in der Kunsthalle. Sie sah mich nicht. Ich saß ausruhend +beiseite und blätterte im Katalog. Sie stand in meiner Nähe vor einem +großen Segantini und war ganz in das Bild versunken. Es stellte ein paar +auf mageren Matten arbeitende Bauernmädchen dar, hinten die zackig jähen +Berge, etwa an die Stockhorngruppe erinnernd, und darüber in einem kühlen, +lichten Himmel eine unsäglich genial gemalte, elfenbeinfarbene Wolke. Sie +frappierte auf den ersten Blick durch ihre seltsam geknäuelte, +ineinandergedrehte Masse; man sah, sie war eben erst vom Winde geballt und +geknetet und schickte sich nun an zu steigen und langsam fortzufliegen. +Offenbar verstand Elisabeth diese Wolke, denn sie war ganz dem Anschauen +hingegeben. Und wieder war ihre sonst verborgene Seele in ihr Gesicht +getreten, lachte leise aus den vergrößerten Augen, machte den zu schmalen +Mund kindlich weich und hatte die überkluge herbe Stirnfalte zwischen den +Brauen geebnet. Die Schönheit und Wahrhaftigkeit eines großen Kunstwerkes +zwang ihre Seele, selbst schön und wahrhaftig und unverhüllt sich +darzustellen. + +Ich saß still daneben, betrachtete die schöne Segantiniwolke und das schöne +von ihr entzückte Mädchen. Dann fürchtete ich, sie möchte sich umwenden, +mich sehen und anreden und ihre Schönheit wieder verlieren, und ich verließ +den Saal schnell und leise. + +Um jene Zeit begann meine Freude an der stummen Natur und mein Verhältnis +zu ihr sich zu verändern. Immer wieder streifte ich durch die wundervolle +Umgebung der Stadt, am liebsten in den Jura hinein. Ich sah immer wieder +die Wälder und Berge, Matten, Obstbäume und Gebüsche stehen und auf irgend +etwas warten. Vielleicht auf mich, jedenfalls aber auf Liebe. + +Und so begann ich diese Dinge zu lieben. Es kam ein starkes, dürstendes +Verlangen in mir ihrer stillen Schönheit entgegen. Auch in mir drängte ein +tiefes Leben und Sehnen dunkel empor und suchte nach Bewußtsein, nach +Verstandenwerden, nach Liebe. + +Viele sagen, sie »lieben die Natur«. Das heißt, sie sind nicht abgeneigt je +und je ihre dargebotenen Reize sich gefallen zu lassen. Sie gehen hinaus +und freuen sich über die Schönheit der Erde, zertreten die Wiesen und +reißen schließlich eine Menge Blumen und Zweige ab, um sie bald wieder +wegzuwerfen oder daheim verwelken zu sehen. So lieben sie die Natur. Sie +erinnern sich dieser Liebe am Sonntag, wenn schönes Wetter ist, und sind +dann gerührt über ihr gutes Herz. Sie hätten es ja nicht nötig, denn »der +Mensch ist die Krone der Natur«. Ach ja, die Krone! + +Also ich blickte immer begieriger in den Abgrund der Dinge. Ich hörte den +Wind vieltönig in den Kronen der Bäume klingen, hörte Bäche durch +Schluchten brausen und leise stille Ströme durch die Ebene ziehen, und ich +wußte, daß diese Töne Gottes Sprache waren und daß es ein Wiederfinden des +Paradieses wäre, diese dunkle, urschöne Sprache zu verstehen. Die Bücher +wissen davon wenig, nur in der Bibel steht das wunderbare Wort vom +»unaussprechlichen Seufzen« der Kreatur. Doch ahnte ich, daß zu allen +Zeiten Menschen, gleich mir von diesem Unverstandenen ergriffen, ihr +Tagewerk verlassen und die Stille aufgesucht hatten, um dem Liede der +Schöpfung zu lauschen, das Ziehen der Wolken zu betrachten und in rastloser +Sehnsucht dem Ewigen anbetende Arme entgegenzustrecken, Einsiedler, Büßer +und Heilige. + +Bist du nie in Pisa gewesen, im Camposanto? Dort sind die Wände mit +blaßgewordenen Bildern vergangener Jahrhunderte geschmückt, und eines davon +zeigt das Leben der Einsiedler in der thebaischen Wüste. Das naive Bild +strömt noch heute mit seinen verblaßten Farben den Zauber eines so seligen +Friedens aus, daß du ein plötzliches Leid empfindest und daß es dich +verlangt, deine Sünden und deine Unreinheit irgendwo in heiliger Weltferne +von dir zu weinen und nicht wiederzukommen. Unzählige Künstler haben so +versucht, ihr Heimweh in seligen Bildern auszusagen, und irgend ein kleines +liebes Kinderbildchen von Ludwig Richter singt dir dasselbe Lied wie die +Fresken von Pisa. Warum hat Tizian, der Freund des Gegenwärtigen und +Körperlichen, seinen klaren und gegenständlichen Bildern manchmal jenen +Hintergrund vom süßesten Ferneblau gegeben? Es ist nur ein Strich +tiefblauer, warmer Farbe, man sieht nicht ob er ferne Gebirge oder nur den +unbegrenzten Raum bedeuten will. Tizian, der Realist, wußte es selbst +nicht. Er tat es nicht, wie die Kunsthistoriker wissen wollen, aus Gründen +der Farbenharmonik, sondern es war sein Tribut an das Unstillbare, das +verborgen auch in der Seele dieses Frohen und Glücklichen lebte. So, schien +mir, war die Kunst zu allen Zeiten bemüht gewesen, dem stummen Verlangen +des Göttlichen in uns eine Sprache zu schenken. + +Reifer, schöner und doch viel kindlicher sprach der heilige Franz das aus. +Ihn verstand ich erst damals völlig. Indem er die ganze Erde, die Pflanzen, +Gestirne, Tiere, Winde und Wasser in seine Liebe zu Gott inbegriff, +übereilte er das Mittelalter und selbst Dante und fand die Sprache des +zeitlos Menschlichen. Er nennt alle Mächte und Erscheinungen der Natur +seine lieben Brüder und Schwestern. Als er in seinen spätern Jahren von den +Ärzten dazu verurteilt ward, sich die Stirn mit glühendem Eisen brennen zu +lassen, begrüßte er mitten in der Angst des gefolterten Schwerkranken in +diesem schrecklichen Eisen »seinen lieben Bruder, das Feuer.« + +Indem ich nun anfing die Natur persönlich zu lieben, ihr zu lauschen wie +einem Kameraden und Reisegefährten, der eine fremde Sprache redet, ward +meine Schwermut zwar nicht geheilt, aber veredelt und gereinigt. Mein Ohr +und Auge schärfte sich, ich lernte feine Tönungen und Unterschiede erfassen +und sehnte mich, den Herzschlag alles Lebens immer näher und klarer zu +hören und vielleicht einmal zu verstehen und vielleicht einmal der Gabe +teilhaftig zu werden, ihm in Dichterworten Ausdruck zu gönnen, damit auch +andere ihm näher kämen und mit besserem Verständnis die Quellen aller +Erfrischung, Reinigung und Kindlichkeit besuchten. Einstweilen war das ein +Wunsch, ein Traum -- --, ich wußte nicht ob er sich je erfüllen könne und +hielt mich ans nächste, indem ich allem Sichtbaren Liebe entgegenbrachte +und mich gewöhnte, kein Ding mehr gleichgültig oder verächtlich zu +betrachten. + +Ich kann nicht sagen, wie erneuend und tröstend dies auf mein verdunkeltes +Leben wirkte! Es ist nichts Adligeres und nichts Beglückenderes in der Welt +als eine wortelose, stetige, leidenschaftslose Liebe und ich wünsche nichts +herzlicher als daß von denen, die meine Worte lesen, einige oder auch nur +zwei oder einer diese reine und selige Kunst durch meinen Antrieb zu lernen +beginnen möchte. Manche haben sie von Natur und üben sie ihr Leben lang +unbewußt, das sind Gottes Lieblinge, die Guten und Kinder unter den +Menschen. Manche haben sie in schweren Leiden gelernt -- habt ihr nie unter +Krüppeln und Elenden solche mit überlegenen, stillen, glänzenden Augen +gesehen? Wenn ihr nicht auf mich und meine armen Worte hören möget, so +gehet zu ihnen, in denen eine begierdelose Liebe das Leiden überwand und +verklärte. + +Dieser Vollendung, die ich an manchen armen Duldern verehrt habe, stehe ich +noch heute kläglich fern. Aber diese Jahre hindurch entbehrte ich nur +selten des tröstenden Glaubens, den rechten Weg zu ihr zu wissen. + +Daß ich ihn auch immer gegangen wäre, darf ich nicht sagen, vielmehr blieb +ich unterwegs auf allen Bänken sitzen und sparte auch manchen bösen Umweg +nicht. Zwei selbstsüchtige und mächtige Neigungen stritten in mir wider die +echte Liebe. Ich war Trinker und ich war menschenscheu. Zwar beschnitt ich +mein Quantum Wein erheblich, aber alle paar Wochen überredete mich der +schmeichlerische Gott, daß ich mich ihm in die Arme warf. Daß ich etwa auf +der Straße liegen blieb oder ähnliche Nachtstücke verübte, ist allerdings +kaum jemals vorgekommen, denn der Wein liebt mich, und lockt mich nur bis +dahin, wo seine Geister mit meinem eigenen in freundschaftlichem +Zwiegespräch verkehren. Immerhin verfolgte mich lange Zeit nach jeder +Trinkerei das böse Gewissen. Aber schließlich konnte ich meine Liebe doch +nicht gerade dem Wein entziehen, zu dem ich eine starke Neigung vom Vater +ererbt hatte. Jahrelang hatte ich diese Erbschaft sorgsam und pietätvoll +gehegt und mir gründlich zu eigen gemacht, also half ich mir nun und schloß +zwischen Trieb und Gewissen einen halb ernsten, halb scherzhaften Vertrag. +Ich nahm in den Lobgesang des Heiligen von Assisi »meinen lieben Bruder, +den Wein« mit auf. + + + + +VI. + + +Viel schlimmer war mein anderes Laster. Ich hatte wenig Freude an den +Menschen, lebte als Einsiedler und war gegen menschliche Dinge stets mit +Spott und Verachtung zur Hand. + +Im Beginn meines neuen Lebens dachte ich daran noch gar nicht. Ich fand es +richtig, die Menschen einander zu überlassen und meine Zärtlichkeit, +Hingabe und Teilnahme allein dem stummen Leben der Natur zu schenken. Auch +erfüllte diese mich im Anfang ganz. + +Nachts, wenn ich zu Bett gehen wollte, fiel mir etwa plötzlich ein Hügel, +ein Waldrand, ein einzelner Lieblingsbaum ein, den ich lange nicht mehr +besucht hatte. Nun stand er in der Nacht im Wind, träumte, schlummerte +vielleicht, stöhnte und regte die Zweige. Wie mochte er aussehen? Und ich +verließ das Haus, suchte ihn auf und sah seine undeutliche Gestalt im +Finstern stehen, betrachtete ihn mit erstaunter Zärtlichkeit und trug sein +dämmerndes Bild in mir davon. + +Ihr lacht darüber. Vielleicht war diese Liebe verirrt, doch nicht +vergeudet. Aber wie sollte ich von hier den Weg finden, der zur +Menschenliebe führte? + +Nun, wo ein Anfang gemacht ist, kommt immer das Beste von selber nach. +Immer näher und möglicher schwebte mir die Idee meiner großen Dichtung vor. +Und wenn mein Liebhaben mich dahin bringen würde, einmal als Dichter die +Sprache der Wälder und Ströme zu reden, für wen geschähe das dann? Nicht +nur für meine Lieblinge, sondern doch vor allem für die Menschen, denen ich +ein Führer und ein Lehrer der Liebe sein wollte. Und gegen diese Menschen +war ich rauh, spöttisch und lieblos. Ich empfand den Zwiespalt und die +Nötigung, das herbe Fremdsein zu bekämpfen und auch den Menschen +Brüderlichkeit zu zeigen. Und das war schwer, denn Vereinsamung und +Schicksale hatten mich gerade auf diesem Punkt hart und böse gemacht. Es +genügte nicht, daß ich daheim und im Wirtshaus mich mühte weniger herb zu +sein und daß ich etwa unterwegs einem Begegnenden freundlich zunickte. +Übrigens sah ich schon hierbei, wie gründlich ich mir das Verhältnis zu den +Leuten versalzen hatte, denn man kam meinen Freundlichkeitsversuchen +mißtrauisch und kühl entgegen oder nahm sie für Hohn auf. Das Schlimmste +war, daß ich das Haus jenes Gelehrten, das einzige meiner Bekanntschaft, +fast ein Jahr lang gemieden hatte, und ich sah ein, daß ich vor allem dort +wieder anklopfen und mir irgend einen Weg in die hiesige Art von +Geselligkeit suchen müsse. + +Nun, hier half mir meine eigene verhöhnte Menschlichkeit erklecklich. Kaum +hatte ich wieder an jenes Haus gedacht, so sah ich auch im Geist Elisabeth, +schön wie sie vor Segantinis Wolke gewesen war, und merkte plötzlich, wie +sehr sie an meiner Sehnsucht und Schwermut teil hatte. Und es geschah, daß +ich zum erstenmal ernstlich daran dachte, ein Weib zu freien. Bisher war +ich von meiner völligen Unfähigkeit zur Ehe so überzeugt gewesen, daß ich +mich darein mit bissiger Ironie ergeben hatte. Ich war Dichter, Wanderer, +Trinker, Einspänner! Jetzt glaubte ich mein Schicksal zu erkennen, das mir +in der Möglichkeit einer Liebesehe die Brücke zur Menschenwelt schlagen +wollte. Alles sah so verlockend und sicher aus! Daß Elisabeth mir Teilnahme +schenkte, hatte ich gespürt und gesehen; auch daß sie ein empfängliches und +edles Wesen besaß. Ich dachte daran, wie bei der Plauderei über San +Clemente und dann vor dem Segantini ihre Schönheit lebendig geworden war. +Ich aber hatte seit Jahren aus Kunst und Natur einen reichen inneren Besitz +gesammelt; sie würde von mir das überall schlummernde Schöne sehen lernen +und ich würde sie so mit Schönem und Wahrem umgeben, daß ihr Gesicht und +ihre Seele alle Trübungen vergäße und sich zur Blüte ihrer Fähigkeiten +entfalten könnte. Seltsamer Weise empfand ich das Komische meiner +plötzlichen Verwandlung gar nicht. Ich Einsamer und Sonderling war über +Nacht ein verliebter Fant geworden, der von Eheglück und von der +Einrichtung eines eigenen Hauswesens träumt. + +Eiligst suchte ich denn das gastliche Haus auf und ward mit freundlichen +Vorwürfen empfangen. Ich ging mehrmals hin und nach einigen Besuchen traf +ich Elisabeth dort wieder. O, sie war schön! Sie sah aus wie ich sie mir +als meine Geliebte vorgestellt hatte: schön und glücklich. Und ich genoß +eine Stunde lang die frohe Schönheit ihrer Gegenwart. Sie begrüßte mich +gütig, sogar herzlich und mit einer vertrauten Freundschaftlichkeit, die +mich glücklich machte. + + * * * * * + +Erinnert ihr euch noch des Abends auf dem See, im Boot, des Abends mit den +roten Papierlampen, mit der Musik, mit meiner im Keim erstickten +Liebeserklärung? Es war die traurige und lächerliche Geschichte eines +verliebten Knaben. + +Lächerlicher -- und trauriger ist die Geschichte des verliebten Mannes +Peter Camenzind. + +Ich erfuhr so beiläufig, Elisabeth sei seit kurzem Braut. Ich gratulierte +ihr, ich machte die Bekanntschaft ihres Verlobten, der sie abzuholen kam, +und ich gratulierte auch ihm. Den ganzen Abend lag ein wohlwollendes +Gönnerlächeln auf meinem Gesicht, mir selber lästig, wie eine Maske. +Nachher lief ich weder in den Wald noch ins Wirtshaus, sondern saß auf +meinem Bett, sah der Lampe zu, bis sie stank und erlosch, erstaunt und +verdonnert, bis endlich mein Bewußtsein wieder erwachte. Da breiteten noch +einmal der Schmerz und Verzweiflung ihre schwarzen Flügel über mich, daß +ich klein und schwach und zerbrochen lag und daß ich schluchzte wie ein +Knabe. + +Darauf packte ich meinen Rucksack, ging morgens zur Bahn und reiste nach +Haus. Ich hatte Sehnsucht wieder am Sennalpstock zu klettern, an meine +Kinderzeit zu denken und nachzusehen, ob mein Vater noch lebe. + +Wir waren uns fremd geworden. Der Vater sah völlig grau, ein wenig gebückt +und ein wenig unscheinbar aus. Er behandelte mich sanft und mit Scheu, +fragte nach nichts, wollte mir sein Bett abtreten und schien durch meinen +Besuch nicht weniger in Verlegenheit gebracht als überrascht zu sein. Er +hatte das Häuschen noch, die Matten und das Vieh aber verkauft, bezog einen +kleinen Zins und tat hier und dort ein wenig leichte Arbeit. + +Als er mich allein ließ, trat ich an die Stelle, wo früher meiner Mutter +Bett gestanden hatte, und das Vergangene lief wie ein breiter, ruhiger +Strom an mir vorbei. Ich war kein Jüngling mehr und dachte daran, wie +schnell die Jahre weitergehen würden, dann wäre auch ich ein gebücktes und +graues Männlein und legte mich zum bittern Sterben hin. In der fast +unveränderten, ärmlichen alten Stube, wo ich klein gewesen war, wo ich +Latein gelernt und den Tod der Mutter gesehen hatte, hatten diese Gedanken +eine ruhebringende Natürlichkeit. Mit Dank erinnerte ich mich an allen +Reichtum meiner Jugend, dabei fiel der Vers des Lorenzo Medici mir ein, den +ich in Florenz gelernt hatte: + + Quant' è bella giovinezza, + Ma si fugge tuttavia. + Chi vuol esser lieto, sia: + Di doman non c'è certezza. + +und zugleich wunderte ich mich, Erinnerungen aus Italien und aus der +Geschichte und aus dem weiten Reich des Geistes in diese alte heimatliche +Stube zu tragen. + +Darauf gab ich meinem Vater etwas Geld. Am Abend gingen wir ins Wirtshaus +und dort war alles wie damals, nur daß jetzt ich den Wein bezahlte und daß +der Vater, als er vom Sternwein und Champagner sprach, sich auf mich +berief, und daß ich jetzt mehr als der Alte vertragen konnte. Ich fragte +nach dem greisen Bäuerlein, dem ich damals den Wein über seinen Kahlkopf +gegossen hatte. Er war ein Witzbold und Kniffgenie gewesen, aber nun war er +längst tot und über seine Schnurren begann Gras zu wachsen. Ich trank +Waadtländer, hörte den Gesprächen zu, erzählte ein wenig, und da ich mit +dem Vater durch den Mondschein nach Hause ging und er im Rausche weiter +redete und gestikulierte, war mir so sonderbar verzaubert zu Mute wie noch +nie. Fortwährend umgaben mich die Bilder der früheren Zeit, Onkel Konrad, +Rösi Girtanner, die Mutter, Richard und die Aglietti und ich sah sie an wie +ein schönes Bilderbuch, bei dem man sich wundert, wie schön und +wohlbeschaffen alle Dinge darin aussehen, die in der Wirklichkeit nicht +halb so köstlich sind. Wie war das alles an mir vorbeigerauscht, vergangen, +fast vergessen und stand nun doch klar und reinlich in mir ausgezeichnet: +ein halbes Leben, ohne meinen Willen vom Gedächtnis aufbewahrt. + +Erst als wir nach Hause kamen und als mein Vater spät verstummte und +entschlief, dachte ich wieder an Elisabeth. Noch gestern hatte sie mich +begrüßt, hatte ich sie bewundert und hatte ihrem Bräutigam Glück gewünscht. +Es schien mir eine lange Zeit seither vergangen zu sein. Aber der Schmerz +erwachte, vermischte sich mit der Flut der aufgestörten Erinnerungen und +rüttelte an meinem selbstsüchtigen und schlecht verwahrten Herzen wie der +Föhn an einer zitternden und baufälligen Almhütte. Ich hielt es nicht im +Hause aus. Ich stieg durchs niedere Fenster, ging durchs Gärtchen an den +See, machte den verwahrlosten Weidling los und ruderte leise in die blasse +Seenacht. Feierlich schwiegen umher die silbrig umdünsteten Berge, der fast +völlige Mond hing in der bläulichen Nacht und ward beinahe von der Spitze +des Schwarzenstocks erreicht. Es war so still, daß ich den fernen +Sennalpstock-Wasserfall leise brausen hören konnte. Die Geister der Heimat +und die Geister meiner Jugendzeit berührten mich mit ihren bleichen +Flügeln, erfüllten meinen kleinen Nachen und deuteten flehentlich mit +ausgestreckten Händen und schmerzlichen, unverständlichen Geberden. + +Was hatte nun mein Leben bedeutet und wozu waren so viele Freuden und +Schmerzen über mich hinweggegangen? Warum hatte ich Durst nach dem Wahren +und Schönen gehabt, da ich heute noch ein Dürstender war? Warum hatte ich +in Trotz und Tränen um jene begehrenswerten Frauen Liebe und Schmerzen +gelitten -- ich, der ich heute wieder das Haupt in Scham und Tränen um eine +traurige Liebe neigte? Und warum hatte der unbegreifliche Gott mir das +brennende Heimweh nach Liebe ins Herz getan, da er mir doch das Leben eines +Einsamen und wenig Geliebten bestimmt hatte? + +Das Wasser gurgelte dumpf am Bug und tröpfelte silbern von den Rudern, die +Berge standen ringsum nahe und schweigend, über die Nebel der Schluchten +wandelte das kühle Mondlicht. Und die Geister meiner Jugendzeit standen +schweigsam um mich her und blickten mich aus tiefen Augen still und fragend +an. Mir war, ich sähe unter ihnen auch die schöne Elisabeth, und sie hätte +mich geliebt und sie wäre mein geworden, wenn ich zur rechten Zeit gekommen +wäre. + +Auch war mir als wäre es am besten, ich sänke still in den bleichen See und +es würde mir von niemand nachgefragt. Aber dennoch ruderte ich schneller, +als ich merkte, daß der schlechte alte Nachen Wasser zog. Mich fror +plötzlich und ich eilte, nach Haus und zu Bett zu kommen. Dort lag ich müd +und wach und sann über mein Leben nach und suchte zu finden, was mir fehle +und was mir nötig wäre, um glücklicher und echter zu leben und näher an das +Herz des Daseins zu kommen. + +Wohl wußte ich, daß aller Güte und Freude Kern die Liebe sei und daß ich +beginnen müsse, trotz meines frischen Schmerzes um Elisabeth die Menschen +ernstlich liebzuhaben. Aber wie? Und wen? + +Da fiel mir mein alter Vater ein und ich merkte zum erstenmal, daß ich ihn +nie in der rechten Weise lieb gehabt hatte. Als Knabe hatte ich ihm das +Leben sauer gemacht, dann war ich fortgegangen, hatte ihn auch nach der +Mutter Tod allein gelassen, mich oft seiner geärgert und ihn schließlich +fast ganz vergessen. Ich mußte mir vorstellen, er läge auf dem Totenbett +und ich stünde allein und verwaist daneben und sähe seine Seele entrinnen, +die mir fremd geblieben war und um deren Liebe ich mich nie bemüht hatte. + +So begann ich denn die schwere und süße Kunst, statt an einer schönen und +bewunderten Geliebten, an einem greisen, ruppigen Trinker zu lernen. Ich +gab ihm keine groben Antworten mehr, beschäftigte mich nach Möglichkeit mit +ihm, las ihm Kalendergeschichten vor und erzählte ihm von den Weinen, die +in Frankreich und Italien wachsen und getrunken werden. Sein bischen Arbeit +konnte ich ihm nicht abnehmen, da er ohne das verwahrlost wäre. Auch gelang +es mir nicht ihn daran zu gewöhnen, daß er seinen Abendschoppen mit mir zu +Hause statt in der Kneipe trank. Ein paar Abende versuchten wir es. Ich +holte Wein und Cigarren, und gab mir Mühe dem alten Mann die Zeit zu +vertreiben. Am vierten oder fünften Abend war er still und trotzig und +klagte endlich, als ich ihn fragte was ihm fehle: »Ich glaube, du willst +deinen Vater nimmer ins Wirtshaus lassen.« + +»Keine Rede,« sagte ich, »du bist der Vater und ich der Bub und wie's +gehalten werden soll, ist deine Sache.« + +Er blinzelte mich prüfend an, dann nahm er vergnügt seine Mütze und wir +marschierten selbander zum Wirtshaus. + +Es war deutlich zu sehen, daß meinem Vater ein längeres Zusammenbleiben +zuwider gewesen wäre, obwohl er nichts darüber sagte. Auch trieb es mich, +irgendwo in der Fremde die Beruhigung meines zwiespältigen Zustandes +abzuwarten. »Was meinst du, wenn ich dieser Tage wieder abreiste?« fragte +ich den Alten. Er kratzte sich den Schädel, zuckte die schmalgewordenen +Achseln und lächelte schlau und abwartend: »Je, wie du willst!« Ehe ich +reiste, suchte ich einige Nachbarn sowie die Klosterleute auf und bat sie, +ein Auge auf ihn zu haben. Auch benützte ich noch einen schönen Tag zur +Besteigung des Sennalpstocks. Von seiner halbrunden, breiten Kuppe +überschaute ich Gebirg und grüne Tale, blanke Wasser und den Dunst +entfernter Städte. All dies hatte mich als Knaben mit mächtigem Verlangen +erfüllt, ich war ausgezogen mir die schöne weite Welt zu erobern, und nun +lag sie wieder vor mir ausgebreitet, so schön und so fremd wie je, und ich +war bereit aufs neue hinüberzugehen und noch einmal das Land des Glückes zu +suchen. + +Meinen Studien zuliebe hatte ich längst beschlossen, einmal für längere +Zeit nach Assisi zu gehen. Ich fuhr nun zunächst nach Basel zurück, +besorgte das Nötigste, packte meine paar Sachen ein und schickte sie nach +Perugia voraus. Ich selber fuhr nur bis Florenz und pilgerte von dort +langsam und behaglich zu Fuße südwärts. Dort unten braucht man zum +freundschaftlichen Verkehr mit dem Volke keinerlei Künste zu verstehen; das +Leben dieser Leute liegt stets an der Oberfläche und ist so simpel, frei +und naiv, daß man von Städtchen zu Städtchen sich mit einer Menge von +Leuten harmlos befreundet. Ich fühlte mich wieder geborgen und heimisch und +beschloß, auch später in Basel die wärmende Nähe menschlichen Lebens nicht +wieder in der Gesellschaft, sondern unter dem schlichten Volke zu suchen. + +In Perugia und Assisi bekam meine historische Arbeit wieder Interesse und +Leben. Da auch das tägliche Dasein dort eine Lust war, begann mein +schadhaft gewordenes Wesen bald wieder zu gesunden und neue Notbrücken zum +Leben zu schlagen. Meine Hauswirtin in Assisi, eine redselige und fromme +Gemüsehändlerin, schloß auf Grund einiger Gespräche über den Santo eine +innige Freundschaft mit mir und brachte mich in den Geruch eines strammen +Katholiken. So unverdient diese Ehre war, brachte sie mir doch den Vorteil, +mit den Leuten intimer umgehen zu können, da ich frei vom Verdacht des +Heidentums war, der sonst jedem Fremden anhaftet. Die Frau hieß Annunziata +Nardini, war vierunddreißig Jahr alt und Witwe, von kolossalem Körperumfang +und sehr guten Manieren. Sonntags sah sie in einem geblümten, fröhlich +farbigen Kleid wie der leibhaftige Festtag aus, dann trug sie außer den +Ohrringen auch noch eine goldene Kette auf der Brust, an welcher eine Reihe +von Medaillen aus Goldblech läutete und leuchtete. Auch schleppte sie dann +ein silberbeschlagenes, schweres Brevier mit sich herum, dessen Gebrauch +ihr jedenfalls schwer gefallen wäre, und einen schönen schwarzweißen +Rosenkranz mit Silberkettchen, den sie desto gewandter handhaben konnte. +Wenn sie dann zwischen zwei Kirchgängen in der Loggetta saß und den +bewundernden Nachbarinnen die Sünden abwesender Freundinnen aufzählte, lag +auf ihrem runden, frommen Gesicht der rührende Ausdruck einer mit Gott +versöhnten Seele. + +Ich hieß, da mein Name den Leuten unmöglich auszusprechen war, einfach +Signor Pietro. An den schönen, goldigen Abenden saßen wir beisammen in der +winzigen Loggetta, Nachbarn, Kinder und Katzen dabei, oder im Laden +zwischen den Früchten, Gemüsekörben, Samenschachteln und aufgehängten +Rauchwürsten, erzählten einander unsre Erlebnisse, besprachen die +Ernteaussichten, rauchten eine Cigarre oder sogen jeder an einem +Melonenschnitz. Ich berichtete vom heiligen Franz, von der Geschichte der +Portiunkula und der Kirche des Santo, von der heiligen Klara und von den +ersten Brüdern. Ernsthaft hörte man zu, stellte tausend kleine Fragen, +lobte den Heiligen und ging zur Erzählung und Erörterung neuerer und +sensationeller Ereignisse über, unter welchen Räubergeschichten und +politische Fehden besonders beliebt waren. Zwischen uns spielten und +balgten sich die Katzen, Kinder und Hündlein. Aus eigener Lust und um +meinen guten Ruf aufrecht zu erhalten, durchstöberte ich die Legende nach +erbaulichen und rührenden Geschichten und freute mich, neben wenigen andern +Bücher auch Arnolds »Leben der Altväter und anderer gottseliger Personen« +mitgebracht zu haben, dessen treuherzige Anekdoten ich mit kleinen +Variationen in ein vulgäres Italienisch übertrug. Vorübergehende blieben +ein Weilchen stehen, hörten zu, plauderten mit, und oft wechselte so die +Gesellschaft an einem Abend drei, vier mal, nur Frau Nardini und ich waren +seßhaft und fehlten nie. Ich hatte meinen Rotwein im Fiasko neben mit +stehen und imponierte dem armen und mäßig lebenden Völklein durch meinen +stattlichen Weinverbrauch. Allmählich wurden auch die scheuen Mädchen der +Nachbarschaft zutraulicher und beteiligten sich am Gespräch von der +Türschwelle aus, ließen sich Bildchen schenken und begannen an meine +Heiligkeit zu glauben, da ich weder zudringliche Scherze machte noch +überhaupt mich um ihre Vertraulichkeit zu bemühen schien. Unter ihnen waren +einige großäugige, träumerische Schönheiten, welche aus Bildern des +Perugino zu stammen schienen. Ich hatte sie alle gern und freute mich ihrer +gutmütig schalkhaften Gegenwart, doch war ich nie in eine von ihnen +verliebt, denn die hübschen unter ihnen glichen einander so sehr, daß ihre +Schönheit mir stets nur als Rasse und nie als persönlicher Vorzug erschien. +Öfter stellte sich auch Mattheo Spinelli ein, ein junges Bürschchen, Sohn +des Bäckermeisters, ein geriebener und witziger Kerl. Er konnte eine Menge +Tiere nachahmen, wußte über jeden Skandal Bescheid und stak zum Bersten +voll von frechen und schlauen Unternehmungen. Wenn ich Legenden erzählte, +hörte er mit einer Frömmigkeit und Demut ohne gleichen zu, machte sich +nachher aber über die heiligen Väter in naiv vorgebrachten boshaften +Fragen, Vergleichen und Vermutungen lustig, zum Entsetzen der Obstfrau und +unverhohlenen Entzücken der meisten Zuhörer. + +Häufig saß ich auch allein bei Frau Nardini, hörte ihre erbaulichen Reden +an und hatte meine unheilige Freude an ihren zahlreichen Menschlichkeiten. +Ihr entging kein Fehler und Laster an ihren Nächsten, sie wies ihnen im +voraus peinlich abschätzend ihre Plätze im Fegefeuer an. Mich aber hatte +sie ins Herz geschlossen und vertraute mir die kleinsten Erlebnisse und +Beobachtungen offen und umständlich an. Sie fragte mich nach jedem kleinen +Einkauf, wieviel ich bezahlt habe, und wachte darüber, daß ich nicht +übervorteilt würde. Sie ließ sich die Lebensläufe der Heiligen erzählen und +machte mich dafür mit den Geheimnissen des Obstkaufs, des Gemüsehandels und +der Küche bekannt. Eines Abends saßen wir in der gebrechlichen Halle. Ich +hatte zum rasenden Entzücken der Kinder und Mädchen ein Schweizerlied +gesungen und einen Jodler losgelassen. Sie wanden sich vor Lust, imitierten +den Klang der fremden Sprache und zeigten mir, wie komisch mein Kehlkopf +beim Jodeln auf und nieder gestiegen sei. Da begann jemand von der Liebe zu +sprechen. Die Mädchen kicherten, Frau Nardini verdrehte die Augen und +seufzte sentimental, und schließlich ward ich bestürmt, meine eigenen +Liebesgeschichten zu erzählen. Ich schwieg über Elisabeth, erzählte aber +meine Kahnfahrt mit der Aglietti und meine verunglückte Liebeserklärung. Es +war mir sonderbar, diese Geschichte, von der ich außer Richard niemandem je +ein Wort anvertraut hatte, nun meiner neugierigen umbrischen Gesellschaft +zu erzählen, angesichts der südlich schmalen steinernen Gassen und der +Hügel, über welchen der rotgoldene Abend duftete. Ich erzählte ohne viel +Reflexion, nach Art der alten Novellen, und doch war mein Herz dabei und +ich hatte heimlich Furcht, die Zuhörer würden lachen und mich necken. + +Aber als ich zu Ende war, hingen aller Augen teilnehmend traurig an mir. + +»Ein so schöner Mann!« rief eines der Mädchen lebhaft aus. »Ein so schöner +Mann, und er hat eine unglückliche Liebe!« + +Frau Nardini aber fuhr mir mit ihrer weichen, runden Hand vorsichtig übers +Haar und sagte: »Poverino!« + +Ein anderes Mädchen schenkte mir eine große Birne und da ich sie bat, den +ersten Biß darein zu tun, tat sie es und sah mich dabei ernsthaft an. Als +ich aber auch die anderen beißen lassen wollte, litt sie es nicht. »Nein, +essen Sie selbst! Ich habe sie Ihnen geschenkt, weil Sie uns Ihr Unglück +erzählt haben.« + +»Aber Sie werden nun gewiß eine andere lieben,« sagte ein brauner +Weinbauer. + +»Nein,« sagte ich. + +»O, Sie lieben immer noch diese böse Erminia?« + +»Ich liebe jetzt den heiligen Franz und er hat mich gelehrt, alle Menschen +liebzuhaben, euch und die Leute von Perugia und auch alle diese Kinder +hier, und sogar den Geliebten der Erminia.« + +Eine gewisse Verwicklung und Gefahr kam in dies idyllische Dasein, als ich +entdeckte, daß die gute Signora Nardini von dem sehnlichen Wunsch beseelt +war, ich möchte endgültig dableiben und sie heiraten. Die kleine Affäre +bildete mich zum listigen Diplomaten aus, denn es war keineswegs leicht, +diese Träume zu zerstören, ohne die Harmonie zu verderben und die +behagliche Freundschaft zu verscherzen. Auch mußte ich an die Rückreise +denken. Wäre nicht der Traum meiner zukünftigen Dichtung und die drohende +Ebbe meiner Kasse gewesen, so wäre ich dortgeblieben. Ich hätte vielleicht +auch, gerade der Ebbe wegen, die Nardini geheiratet. Doch nein, was mich +abhielt, war mein noch nicht vernarbter Schmerz um Elisabeth und das +Verlangen sie wiederzusehen. + +Die runde Witwe fügte sich wider Erwarten leidlich ins Unabänderliche und +ließ mich ihre Enttäuschung nicht entgelten. Als ich abreiste, fiel mir +vielleicht der Abschied viel schwerer als ihr. Ich verließ viel mehr als +ich je in der Heimat verlassen hatte, und nie war mir bei einer Abreise die +Hand so herzlich und von so vielen lieben Menschen gedrückt worden. Die +Leute gaben mir Früchte, Wein, süßen Schnaps, Brot und eine Wurst mit in +den Wagen und ich hatte das ungewohnte Gefühl von Freunden zu scheiden, +denen es nicht einerlei war, ob ich ging oder blieb. Frau Annunziata +Nardini aber gab mir beim Scheiden einen Kuß auf beide Wangen und hatte +Tränen in den Augen. + +Früher hatte ich geglaubt, es müsse ein besonderer Genuß sein geliebt zu +werden, ohne selbst zu lieben. Ich hatte jetzt erfahren, wie peinlich eine +solche sich darbietende Liebe ist, die man nicht erwidern kann. Und doch +war ich ein wenig stolz darauf, daß eine fremde Frau mich liebte und zum +Manne wünschte. + +Schon diese kleine Eitelkeit bedeutete ein Stück Genesung für mich. Frau +Nardini tat mir leid und doch wünschte ich die Sache nicht ungeschehen. +Auch sah ich allmählich immer mehr ein, daß das Glück mit der Erfüllung +äußerer Wünsche wenig zu tun habe und daß die Leiden verliebter Jünglinge, +so peinlich sie seien, aller Tragik entbehren. Es tat ja weh, daß ich +Elisabeth nicht haben konnte. Aber mein Leben, meine Freiheit, Arbeit und +Denkweise blieb mir unverkürzt, und aus der Ferne liebhaben konnte ich sie +ja nach wie vor, so viel ich wollte. Diese Gedankengänge und noch mehr die +naive Heiterkeit meines Daseins in den umbrischen Monaten waren mir überaus +heilsam gewesen. Von jeher hatte ich ein Auge für alles Lächerliche und +Schnurrige gehabt und mir nur die Freude daran selber durch Ironie +verdorben. Nun ging mir allmählich der Blick für den Humor des Lebens auf +und es schien mir immer möglicher und leichter, mich mit meinen Sternen zu +versöhnen und mir von der Tafel des Lebens noch den einen oder anderen +schönen Bissen zu gönnen. + +Freilich, wenn man von Italien heimreist, ist es immer so. Man pfeift auf +Prinzipien und Vorurteile, lächelt nachsichtig, trägt die Hände in den +Hosentaschen und kommt sich als durchtriebener Lebenskünstler vor. Man ist +eine Weile im wohlig warmen Volksleben des Südens mitgeschwommen und denkt +nun, das müsse zu Hause so weitergehen. Auch mir war es bei jeder Rückkehr +aus Italien so gegangen und damals am meisten. Als ich nach Basel kam und +dort das alte steife Leben unverjüngt und unveränderlich antraf, stieg ich +von der Höhe meiner Heiterkeit eine Stufe um die andere kleinlaut und +ärgerlich herab. Aber etwas von dem Erworbenen keimte doch weiter und +seither trieb mein Schifflein durch klare und trübe Wasser nie mehr ohne +wenigstens einen kleinen farbigen Wimpel frech und zutraulich flattern zu +lassen. + +Auch sonst hatten sich meine Anschauungen langsam verändert. Ich fühlte +mich ohne großes Bedauern den Jugendjahren entwachsen und den Zeiten +entgegenreifen, da man das eigene Leben als eine kurze Wegstrecke +betrachten lernt und sich selbst als Wanderer, dessen Gänge und +schließliches Verschwinden die Welt nicht groß erregen und beschäftigen. +Man behält ein Lebensziel, einen Lieblingstraum im Auge, aber man kommt +sich nimmer unentbehrlich vor und gönnt sich unterwegs des öfteren Muße, um +ohne Gewissensbisse eine Tagesstrecke zu versäumen, sich ins Gras zu legen, +einen Vers zu pfeifen und der lieben Gegenwart ohne Hintergedanken froh zu +werden. Bisher war ich, ohne daß ich jemals zu Zarathustra gebetet hatte, +doch eigentlich ein Herrenmensch gewesen und hatte es weder an +Selbstverehrung noch an der Mißachtung geringerer Leute fehlen lassen. Nun +sah ich allmählich immer besser, daß es keine festen Grenzen gibt und daß +im Kreise der Kleinen, Bedrückten und Armen das Dasein nicht nur ebenso +mannigfalt, sondern zumeist auch wärmer, wahrhaftiger und vorbildlicher ist +als das der Begünstigten und Glänzenden. + +Übrigens kam ich gerade rechtzeitig nach Basel zurück, um an der ersten +Abendgesellschaft im Hause der inzwischen verheirateten Elisabeth +teilzunehmen. Ich war vergnügt, noch frisch und braun von der Reise, und +brachte eine Menge lustiger kleiner Erinnerungen mit. Die schöne Frau +beliebte mich durch eine feine Vertraulichkeit auszuzeichnen und ich freute +mich den ganzen Abend meines Glückes, das mir seinerzeit die Blamage einer +verspäteten Werbung erspart hatte. Denn trotz meiner italienischen +Erfahrung hatte ich immer noch ein leises Mißtrauen gegen die Frauen, als +müßten sie an den hoffnungslosen Qualen der in sie verliebten Männer ihre +grausame Freude haben. Zur lebhaftesten Veranschaulichung eines solchen +entehrenden und peinlichen Zustandes diente mir eine kleine Erzählung aus +dem Kinderschulleben, die ich einst aus dem Mund eines fünfjährigen Knaben +vernommen hatte. In der Kinderschule, die er besuchte, herrschte folgender +merkwürdige und symbolische Brauch. Hatte ein Knabe sich einer allzu +starken Unart schuldig gemacht und es sollten ihm dafür die Höslein +gespannt werden, so wurden sechs kleine Mädchen beordert, den +Widerstrebenden in der zu jener Züchtigung erforderlichen peinlichen Lage +auf der Bank festzuhalten. Da dies Festhaltendürfen als Hochgenuß und große +Ehre galt, wurden nur jeweils die sechs artigsten Mädchen, die zeitweiligen +Tugendausbünde, der grausamen Wonne teilhaftig. Die spaßige +Kindergeschichte gab mir zu denken und hat sich sogar ein paar mal in meine +Träume geschlichen, so daß ich wenigstens aus Traumerfahrung weiß, wie +elend einem in solcher Lage ums Herz ist. + + + + +VII. + + +Vor meiner Schriftstellerei hatte ich nach wie vor selber keinen Respekt. +Ich konnte von meiner Arbeit leben, kleine Ersparnisse zurücklegen und +gelegentlich auch meinem Vater etwas Geld senden. Er trug es freudig ins +Wirtshaus, sang dort mein Lob in allen Tonarten und dachte sogar daran, mir +einen Gegendienst zu leisten. Ich hatte ihm nämlich einmal gesagt, daß ich +mein Brot zumeist durch Zeitungsartikel verdiene. Er hielt mich für einen +Redakteur oder Berichterstatter wie die ländlichen Bezirksblätter sie +haben, und nun diktierte er dreimal väterliche Briefe an mich, in welchen +er mir Ereignisse mitteilte, die ihm wichtig schienen und von denen er +glaubte, sie würden mir Stoff geben und Geld einbringen. Einmal war es ein +Scheunenbrand, dann der Absturz zweier Bergtouristen und das dritte mal das +Ergebnis einer Schulzenwahl. Diese Mitteilungen waren schon in einen +grotesk tönenden Zeitungsstil gebracht und machten mir wirkliche Freude, +denn es waren doch Zeichen einer freundlichen Verbindung zwischen ihm und +mir und seit Jahren die ersten Briefe, die ich aus der Heimat erhielt. Sie +erquickten mich auch als ungewollte Verhöhnung meiner Schreiberei; denn ich +besprach Monat für Monat manches Buch, dessen Erscheinen hinter jenen +ländlichen Ereignissen an Wichtigkeit und Folgen weit zurückstand. + +Es erschienen damals gerade zwei Bücher von Verfassern, die ich als +extravagante lyrische Jünglinge seinerzeit in Zürich gekannt hatte. Der +eine lebte nun in Berlin und wußte viel Schmutziges aus Cafés und Bordellen +der Großstadt zu schildern. Der zweite hatte sich in der Umgebung von +München eine luxuriöse Einsiedelei erbaut und taumelte zwischen +neurasthenischen Selbstbetrachtungen und spiritistischen Anregungen +verächtlich und hoffnungslos hin und her. Ich mußte die Bücher besprechen +und machte mich natürlich über beide harmlos lustig. Vom Neurastheniker kam +nur ein verachtungsvoller Brief in wahrhaft fürstlichem Stil. Der Berliner +aber machte in einer Zeitschrift Skandal, fand sich in seinem ernsten +Wollen verkannt, stützte sich auf Zola und machte aus meiner +verständnislosen Kritik nicht nur mir, sondern dem eingebildeten und +prosaischen Geist der Schweizer überhaupt einen Vorwurf. Der Mann hatte +damals in Zürich vielleicht die einzige einigermaßen gesunde und würdige +Zeit seines Literatenlebens gehabt. + +Nun war ich nie ein sonderlicher Patriot gewesen, aber das war mir doch +etwas zu stark berlinert, und ich erwiderte dem Unzufriedenen mit einer +langen Epistel, in der ich mit meiner Geringschätzung der aufgeblasenen +Großstadtmoderne nicht gerade hinterm Berge hielt. + +Diese Zänkerei tat mir wohl und nötigte mich, wieder einmal über meine +Auffassung des modernen Kulturlebens nachzudenken. Die Arbeit war mühsam +und langwierig und förderte wenig erquickliche Resultate zu Tag. Mein +Büchlein verliert nichts, wenn ich darüber schweige. + +Zugleich aber zwangen mich diese Betrachtungen, über mich selbst und mein +lang geplantes Lebenswerk eindringlicher nachzudenken. + +Ich hatte, wie man weiß, den Wunsch, in einer größeren Dichtung den +heutigen Menschen das großzügige, stumme Leben der Natur nahe zu bringen +und lieb zu machen. Ich wollte sie lehren, auf den Herzschlag der Erde zu +hören, am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen +Geschicke nicht zu vergessen, daß wir nicht Götter und von uns selbst +geschaffen, sondern Kinder und Teile der Erde und des kosmischen Ganzen +sind. Ich wollte daran erinnern, daß gleich den Liedern der Dichter und +gleich den Träumen unsrer Nächte auch Ströme, Meere, ziehende Wolken und +Stürme Symbole und Träger der Sehnsucht sind, welche zwischen Himmel und +Erde ihre Flügel ausspannt und deren Ziel die zweifellose Gewißheit vom +Bürgerrecht und von der Unsterblichkeit alles Lebenden ist. Der innerste +Kern jedes Wesens ist dieser Rechte sicher, ist Gottes Kind und ruht ohne +Angst im Schoß der Ewigkeit. Alles Schlechte, Kranke, Verdorbene aber, das +wir in uns tragen, widerspricht und glaubt an den Tod. + +Ich wollte aber auch die Menschen lehren, in der brüderlichen Liebe zur +Natur Quellen der Freude und Ströme des Lebens zu finden; ich wollte die +Kunst des Schauens, des Wanderns und Genießens, die Lust am Gegenwärtigen +predigen. Gebirge, Meere und grüne Inseln wollte ich in einer verlockend +mächtigen Sprache zu euch reden lassen und wollte euch zwingen zu sehen, +was für ein maßlos vielfältiges, treibendes Leben außerhalb eurer Häuser +und Städte täglich blüht und überquillt. Ich wollte erreichen, daß ihr euch +schämet von ausländischen Kriegen, von Mode, Klatsch, Literatur und Künsten +mehr zu wissen als vom Frühling, der vor euren Städten sein unbändiges +Treiben entfaltet und als vom Strom, der unter euren Brücken hinfließt und +von den Wäldern und herrlichen Wiesen, durch welche eure Eisenbahn rennt. +Ich wollte euch erzählen, welche goldene Kette unvergeßlicher Genüsse ich +Einsamer und Schwerlebiger in dieser Welt gefunden hatte und wollte, daß +ihr, die ihr vielleicht glücklicher und froher seid als ich, mit noch +größeren Freuden diese Welt entdecket. + +Und ich wollte vor allem das schöne Geheimnis der Liebe in eure Herzen +legen. Ich hoffte euch zu lehren, allem Lebendigen rechte Brüder zu sein +und so voll Liebe zu werden, daß ihr auch das Leid und auch den Tod nicht +mehr fürchten, sondern als ernste Geschwister ernst und geschwisterlich +empfangen würdet, wenn sie zu euch kämen. + +Das alles hoffte ich nicht in Hymnen und hohen Liedern, sondern schlicht, +wahrhaftig und gegenständlich darzustellen, ernsthaft und scherzhaft, wie +ein heimgekehrter Reisender seinen Kameraden von draußen erzählt. + +Ich wollte -- ich wünschte -- ich hoffte --, das klingt nun freilich +komisch. Auf den Tag, an welchem dies viele Wollen einen Plan und Umriß +bekäme, wartete ich noch immer. Aber ich hatte wenigstens viel gesammelt. +Nicht nur im Kopf, sondern auch in einer Menge von schmalen Büchlein, die +ich auf Reisen und Märschen in der Tasche trug und von denen alle paar +Wochen eines voll wurde. Da hatte ich knapp und kurz Notizen über alles +Sichtbare in der Welt aufgeschrieben, ohne Reflexionen und ohne +Verbindungen. Es waren Skizzenhefte wie die eines Zeichners und sie +enthielten in kurzen Worten lauter reale Dinge: Bilder aus Gassen und +Landstraßen, Silhouetten von Gebirgen und Städten, erlauschte Gespräche von +Bauern, Handwerksburschen, Marktweibern, ferner Wetterregeln, Notizen über +Beleuchtungen, Winde, Regen, Gestein, Pflanzen, Tiere, Vogelflug, +Wellenbildungen, Meerfarbenspiel und Wolkenformen. Gelegentlich hatte ich +auch kurze Geschichten daraus bearbeitet und veröffentlicht, als Natur- und +Wanderstudien, doch alles ohne Beziehungen zum Menschlichen. Mir war die +Geschichte eines Baumes, ein Tierleben oder die Reise einer Wolke auch ohne +menschliche Staffage interessant genug gewesen. + +Daß eine größere Dichtung, in welcher überhaupt keine Menschengestalten +auftreten, ein Unding sei, war mir schon öfters durch den Kopf gegangen, +doch hing ich jahrelang an diesem Ideal und hegte die dunkle Hoffnung, es +möchte vielleicht einmal eine große Inspiration dies Unmögliche überwinden. +Nun sah ich endgültig ein, daß ich meine schönen Landschaften mit Menschen +bevölkern müsse und daß diese gar nicht natürlich und treu genug +dargestellt werden könnten. Da war unendlich viel nachzuholen, und ich hole +heute noch daran nach. Bis dahin waren die Menschen insgesamt ein Ganzes +und im Grunde Fremdes für mich gewesen. Neuerdings lernte ich, wie lohnend +es ist, statt einer abstrakten Menschheit Einzelne zu kennen und zu +studieren, und meine Notizbüchlein und mein Gedächtnis füllte sich mit ganz +neuen Bildern. + +Der Anfang dieser Studien war ganz erfreulich. Ich trat aus meiner naiven +Gleichgültigkeit heraus und gewann Interesse an mancherlei Leuten. Ich sah, +wie viel Selbstverständliches mir fremd geblieben war, aber ich sah auch, +wie das viele Wandern und Schauen mir die Augen geöffnet und geschärft +habe. Und da von jeher eine Vorliebe mich zu ihnen gezogen hatte, gab ich +mich besonders gerne und häufig mit Kindern ab. + +Immerhin war das Beobachten der Wolken und Wellen erfreulicher gewesen als +das Menschenstudieren. Mit Erstaunen nahm ich wahr, daß der Mensch von der +übrigen Natur sich vor allem durch eine schlüpfrige Gallert von Lüge +unterscheidet, die ihn umgibt und schützt. In Kürze beobachtete ich an +allen meinen Bekannten dieselbe Erscheinung -- das Ergebnis des Umstandes, +daß jeder eine Person, eine klare Figur vorzustellen genötigt wird, während +doch keiner sein eigenstes Wesen kennt. Mit sonderbaren Gefühlen stellte +ich an mir selber dasselbe fest und gab es nun auf, den Personen auf den +Kern dringen zu wollen. Bei den meisten war die Gallert viel wichtiger. Ich +fand sie überall auch schon an den Kindern, welche stets, bewußt oder +unbewußt, lieber eine Rolle mimen als sich ganz unverhüllt und instinktiv +kundgeben. + +Nach einiger Zeit kam es mir vor, ich mache keine Fortschritte mehr und +verliere mich an spielerische Einzelheiten. Zunächst suchte ich den Fehler +bei mir selbst, doch konnte ich mir bald nicht mehr verhehlen, daß ich +enttäuscht war und daß meine Umgebung mir die Menschen nicht gab, die ich +suchte. Ich brauchte nicht Interessantheiten, sondern Typen. Das bot mir +weder das Volk der Akademiker noch der Kreis der Gesellschaftsmenschen. Mit +Sehnsucht dachte ich an Italien, und mit Sehnsucht an die einzigen Freunde +und Begleiter meiner vielen Fußreisen, die Handwerksburschen. Mit solchen +war ich viel gewandert und hatte unter ihnen viele prachtvolle Burschen +gefunden. + +Es war vergeblich, die Herberge zur Heimat und einige wilde Pennen +aufzusuchen. Die Menge der unständigen Durchwanderer diente mir nicht. So +stand ich denn wieder eine Weile ratlos, hielt mich an die Kinder und +studierte viel in Kneipen herum, wo natürlich auch nichts zu holen war. Es +kamen ein paar traurige Wochen, da ich mir mißtraute, meine Hoffnungen und +Wünsche lächerlich übertrieben fand, mich viel im Freien umhertrieb und +wieder halbe Nächte beim Wein verbrütete. + +Auf meinen Tischen hatten sich damals wieder ein paar Stöße von Büchern +angesammelt, die ich gern behalten hätte, statt sie dem Antiquar zu geben; +doch war kein Raum in meinen Schränken mehr. Um endlich abzuhelfen, suchte +ich eine kleine Schreinerei auf und bat den Meister, zum Ausmessen eines +Bücherschafts in meine Wohnung zu kommen. + +Er kam, ein kleiner langsamer Mann mit bedächtigen Manieren, er maß den +Raum aus, kniete am Boden, streckte den Meterstab zur Decke, stank ein +wenig nach Leim und notierte eine Zahl um die andere behutsam mit +zollgroßen Ziffern in sein Notizbuch. Zufällig geschah es, daß er bei +seinem Hantieren an einen mit Büchern beladenen Sessel stieß. Ein paar +Bände fielen herunter und er bückte sich, sie aufzuheben. Unter den Büchern +war ein kleines Handlexikon der Handwerksburschensprache. Man findet den +kleinen Kartonband fast in allen deutschen Handwerksburschenherbergen, ein +gut gemachtes und ergötzliches Büchlein. + +Der Schreiner, als er das ihm wohlbekannte Bändchen sah, blickte kurios zu +mir herüber, halb belustigt und halb mißtrauisch. + +»Was gibt's?« frage ich. + +»Mit Verlaub, ich sehe da ein Buch, das ich auch kenne. Haben Sie das +wirklich studiert?« + +»Studiert hab' ich die Kundensprache auf der Landstraße,« erwiderte ich, +»aber man schlägt schon gern einmal einen Ausdruck nach.« + +»Wahrhaftig!« rief er. »Ja sind Sie denn selber einmal auf der Walze +gewesen?« + +»Nicht ganz so wie Sie meinen. Aber gewandert bin ich genug und habe in +mancher Penne übernachtet.« + +Er hatte unterdeß die Bücher wieder aufgeschichtet und wollte gehen. + +»Wo haben Sie sich denn seinerzeit herumgeschlagen?« fragte ich ihn. + +»Von hier bis Koblenz, und später noch auf Genf hinunter. Es war nicht +meine schlechteste Zeit.« + +»Haben Sie auch ein paarmal gebrummt?« + +»Bloß einmal, in Durlach!« + +»Sie müssen mir noch erzählen, wenn Sie wollen. Sehen wir uns einmal bei +einem Schoppen?« + +»Nicht gern, Herr. Aber wenn Sie einmal nach Feierabend zu mir hereinkommen +und fragen: wie gehts? wie stehts? ist mirs schon recht. Wenn Sie nicht +bloß Schindluder mit mir treiben wollen.« + +Einige Tage später, es war bei Elisabeth offener Abend, blieb ich auf der +Straße stehen und besann mich, ob ich nicht lieber zu meinem Schreiner +gehen sollte. Und ich kehrte um, ließ den Gehrock zu Haus und besuchte den +Schreiner. Die Werkstatt war schon geschlossen und dunkel, ich stolperte +durch eine finstere Hausflur und einen engen Hof, kletterte im Hinterhaus +die Treppe auf und ab und fand schließlich an einer Türe einen +geschriebenen Schild mit des Meisters Namen. Eintretend gelangte ich direkt +in eine sehr kleine Küche, wo ein mageres Weib das Abendessen rüstete und +zugleich über drei Kinder zu wachen hatte, welche den engen Raum mit Leben +und erheblichem Getöse erfüllten. Befremdet führte mich die Frau in die +nächste Stube, wo der Schreiner mit der Zeitung am dämmerigen Fenster saß. +Er knurrte bedenklich, da er mich im Finstern für einen zudringlichen +Kunden hielt, dann erkannte er mich und gab mir die Hand. + +Da er überrascht und verlegen war, wandte ich mich den Kindern zu; sie +flohen vor mir in die Küche zurück und ich folgte nach. Da ich dort die +Hausfrau eine Reisspeise bereiten sah, erwachten in mir die Erinnerungen an +die Küche meiner umbrischen Padrona und ich beteiligte mich an der +Kocherei. Bei uns wird meistens der schöne Reis gewissenlos zu einer Art +Kleister verkocht, welcher nach gar nichts schmeckt und widerlich klebrig +zu essen ist. Auch hier war das Unglück schon im Gang und ich konnte eben +noch die Speise retten, indem ich nach Topf und Schaumlöffel langte und +mich eiligst der Zubereitung selber annahm. Die Frau fügte sich und war +erstaunt, der Reis gelang leidlich, wir trugen ihn auf, zündeten die Lampe +an und auch ich erhielt meinen Teller. + +Die Schreinersfrau verwickelte mich an diesem Abend in so eingehende +Gespräche über Küchenfragen, daß der Mann fast gar nicht zu Worte kam und +wir die Erzählung seiner Wanderabenteuer auf ein andermal verschieben +mußten. Übrigens spürten die Leutlein bald, daß ich nur äußerlich ein Herr, +eigentlich aber ein Bauernsohn und Kind des armen Volkes war, und so wurden +wir schon am ersten Abend befreundet und vertraulich miteinander. Denn wie +sie in mir den Gleichbürtigen erkannten, so witterte auch ich in dem +ärmlichen Hauswesen die Heimatlust der kleinen Leute. Die Menschen hatten +hier keine Zeit zu Feinheiten, zu Posen, zu Komödien, ihnen war das herbe +arme Leben auch ohne das Mäntelein der Bildung und höheren Interessen lieb +und viel zu gut, um es mit schönen Reden zu tapezieren. + +Immer öfter kam ich wieder und vergaß bei dem Schreiner nicht nur den +lumpigen Gesellschaftskram, sondern auch meine Traurigkeit und Nöte. Mir +war, ich fände hier ein Stück Kindheit für mich aufbewahrt und setze hier +das Leben fort, welches seinerzeit die Patres abgebrochen hatten, als sie +mich auf Schulen schickten. + +Über eine rissige und schweißgelbe Landkarte veralteten Stils gebückt +verfolgte der Schreiner mit mir seine und meine Fahrten und wir freuten uns +über jedes Stadttor und jede Gasse, die wir beide kannten, wir frischten +Handwerksburschenwitze auf und sangen sogar einmal mehrere von den +ewigjungen Straubingerliedern. Wir sprachen von den Sorgen des Handwerks, +vom Haushalt, von den Kindern, von städtischen Dingen und ganz allmählich +geschah es, daß der Meister und ich sachte die Rollen vertauschten und ich +der Dankbare, er der Gebende und Lehrende war. Ich fühlte aufatmend, daß +mich hier statt der Salontöne Realitäten umgaben. + +Unter seinen Kindern fiel ein fünfjähriges Mädchen durch seine zarte +Besonderheit auf. Sie hieß Agnes, doch rief man ihr Agi, war blond, blaß +und von schmächtigen Gliedern, hatte schüchterne, weite Augen und eine +sanfte Scheu im Wesen. Eines Sonntags, als ich die Familie zu einem +Spaziergang abholen wollte, war Agi krank. Die Mutter blieb bei ihr, wir +andere pilgerten langsam zur Stadt hinaus. Hinter Sankt Margreten setzten +wir uns auf eine Bank, die Kinder liefen Steinen, Blumen und Käfern nach +und wir Männer überschauten die sommerlichen Wiesen, den Binninger Friedhof +und den schönen bläulichen Zug des Jura. Der Schreiner war müde, bedrückt +und still und schien Sorgen zu haben. + +»Wo fehlt's, Meister?« fragte ich, als die Kinder weit genug weg waren. Er +sah mir verloren und traurig ins Gesicht. + +»Sehen Sie's denn nicht?« fing er an. »Die Agi will mir sterben. Ich weiß +es schon lang und hab mich gewundert, daß sie nur so alt geworden ist, sie +hat ja immer den Tod in den Augen gehabt. Aber jetzt müssen wir daran +glauben.« + +Ich fing zu trösten an, doch hörte ich bald von selber auf. + +»Sehen Sie,« lachte er traurig, »Sie glauben ja auch nicht dran, daß das +Kind durchkommt. Ich bin kein Stündler, wissen Sie, und geh auch nur alle +Jubeljahr einmal in die Kirche, aber das spür ich wohl, daß jetzt der +Herrgott ein Wörtlein mit mir reden will. 's ist ja nur ein Kind, und +gesund ist sie nie gewesen, aber weiß Gott, sie war mir lieber als die +andern zusammen.« + +Mit Gejodel und tausend kleinen Fragen kamen die Kinder dahergerannt, +umdrängten mich, ließen sich die Namen der Blumen und Gräser von mir sagen +und wollten schließlich Geschichten erzählt haben. Da erzählte ich ihnen +von den Blumen, Bäumen und Büschen, daß sie gleich den Kindern jedes eine +Seele und jedes seinen Engel haben. Auch der Vater hörte zu, lächelte und +gab je und je seine leise Bekräftigung. Wir sahen die Berge blauer werden, +hörten Abendgeläute und gingen heim. Auf den Wiesen lag ein rötlicher +Abendhauch, die fernen Münstertürme ragten klein und dünn in die warme +Luft, am Himmel ging das Sommerblau in schöne grünliche und goldige Farben +über, die Bäume hatten lange Schatten. Die Kleinen waren müd und still +geworden. Sie dachten an die Engel der Mohnblüten, Nelken und +Glockenblumen, indeß wir Alten an die kleine Agi dachten, deren Seele schon +bereit war Flügel zu empfangen und uns kleine bange Schar zu verlassen. + +In den zwei nächsten Wochen ging es gut. Das Mädchen schien zu genesen, +konnte für Stunden das Bett verlassen und sah in ihren kühlen Kissen +hübscher und vergnügter aus als je. Dann kamen ein paar fieberige Nächte +und nun sahen wir, ohne mehr davon zu reden, daß das Kind nur noch für +Wochen oder Tage unser Gast sein würde. Nur einmal kam ihr Vater darauf zu +sprechen. Es war in der Werkstatt. Ich sah ihn im Brettervorrat stöbern und +wußte von selber, daß er daran ging die Stücke für einen Kindersarg +zusammenzusuchen. + +»Es muß doch nächstens geschehen,« sagte er, »und da mach ich es lieber +nach Feierabend für mich allein.« + +Ich saß auf einer Hobelbank, während er an der anderen arbeitete. Als die +Bretter sauber behobelt waren, zeigte er sie mir mit einer Art von Stolz. +Es war ein schönes, gesund gewachsenes, fehlerloses Tannenholz. + +»Ich will auch keinen Nagel hineinschlagen, sondern die Teile schon +ineinanderpassen, daß es ein gutes und dauerhaftes Stück gibt. Aber für +heute ist's genug, wir wollen zur Frau hinauf gehen.« + +Die Tage vergingen, heiße, wundervolle Hochsommertage, und ich saß jeden +Tag eine Stunde oder zwei bei der kleinen Agi, erzählte ihr von den schönen +Wiesen und Wäldern, hielt ihr leichtes schmales Kinderhändlein in meiner +breiten Hand und sog mit ganzer Seele die liebe, lichte Anmut ein, die bis +zum letzten Tage um sie her war. + +Alsdann standen wir ängstlich und traurig dabei und sahen, wie der kleine +magere Körper noch einmal Kräfte sammelte, um mit dem starken Tode zu +kämpfen, der sie schnell und leicht bezwang. Die Mutter war still und +stark; der Vater lag über der Bettstatt und nahm hundertmal Abschied, +streichelte das Blondhaar und liebkoste seinen toten Liebling. + +Es kam die schlichte, kurze Feier der Beerdigung, und die beklommenen +Abende, da die Kinder nebenan in ihren Betten weinten. Es kamen die schönen +Gänge auf den Friedhof, wo wir das frische Grab bepflanzten und ohne zu +sprechen beieinander auf der Bank in den kühlen Anlagen saßen und an die +Agi dachten und mit anderen Augen als sonst die Erde betrachteten, in der +unser Liebling lag, und die Bäume und den Rasen, die darüber wuchsen, und +die Vögel, deren Spiel ungehemmt und fröhlich durch den stillen Friedhof +klang. + +Daneben ging der strenge Werktag seinen Lauf, die Kinder sangen wieder, +balgten sich, lachten und wollten Geschichten hören, und wir alle gewöhnten +uns unvermerkt daran, unsre Agi nimmer zu sehen und einen schönen, kleinen +Engel im Himmel zu haben. + +Über alle dem hatte ich die Gesellschaften des Professors gar nicht mehr +und das Haus Elisabeths nur wenige mal besucht, und dann war mir im lauen +Strom der Gespräche sonderbar ratlos und beklommen zu Mut gewesen. Jetzt +suchte ich beide Häuser auf und fand an beiden geschlossene Türen, da alles +längst auf dem Lande war. Erst jetzt bemerkte ich mit Erstaunen, daß ich +die heiße Jahreszeit und das Ferienmachen über der Freundschaft mit dem +Schreinershaus und über der Krankheit des Kindes ganz vergessen hatte. +Früher wäre es mir ganz unmöglich gewesen, den Juli und August in der Stadt +zu bleiben. + +Ich nahm für kurze Zeit Abschied und unternahm eine Fußreise durch den +Schwarzwald, die Bergstraße und den Odenwald. Unterwegs war es mir ein +ungewohntes Vergnügen, den Basler Schreinerskindern aus schönen Orten +Ansichtskarten zu senden und überall mir vorzustellen, wie ich ihnen und +ihrem Vater später von der Reise erzählen würde. + +In Frankfurt beschloß ich, mir noch ein paar Reisetage zu gönnen. In +Aschaffenburg, Nürnberg, München und Ulm genoß ich mit neuer Lust die Werke +der alten Kunst und schließlich machte ich noch ganz harmlos einen Halt in +Zürich. Bisher, in all den Jahren, hatte ich diese Stadt wie ein Grab +gemieden, nun schlenderte ich durch die bekannten Straßen, suchte die alten +Kneipen und Gärten wieder auf und konnte ohne Schmerz der vergangenen +schönen Jahre denken. Die Malerin Aglietti hatte geheiratet und man sagte +mir ihre Adresse. Gegen Abend ging ich hin, las an der Haustür ihres Mannes +Namen, sah an den Fenstern hinauf und zögerte einzutreten. Da begannen die +alten Zeiten mir lebendig zu werden und meine Jugendliebe erwachte halb aus +ihrem Schlaf mit leisem Schmerz. Ich kehrte um und habe mir das schöne Bild +der geliebten welschen Frau durch kein unnützes Wiedersehen verdorben. +Weiterschlendernd besuchte ich den Seegarten, wo die Künstler damals ihr +Sommernachtfest begangen hatten, schaute auch an dem Häuschen hinauf, in +dessen Mansarde ich drei kurze, gute Jahre gehaust hatte, und über alle den +Erinnerungen trat mir unversehens der Name Elisabeth auf die Lippen. Die +neue Liebe war doch stärker als ihre älteren Schwestern. Sie war auch +stiller, bescheidener und dankbarer. + +Um mir die gute Stimmung zu bewahren, nahm ich ein Boot und ruderte +behaglich langsam in den warmen, lichten See. Es wollte Abend werden und am +Himmel hing eine einzige schöne, schneeweiße Wolke. Ich hatte sie +fortwährend im Auge und nickte ihr zu, an die Wolkenliebe meiner Kinderzeit +denkend, und an Elisabeth, und auch an jene gemalte Wolke Segantinis, vor +welcher ich Elisabeth einmal so schön und hingegeben hatte stehen sehen. +Die durch kein Wort und unreines Begehren getrübte Liebe zu ihr hatte ich +nie so beglückend und reinigend empfunden wie jetzt, da ich beim Anblick +der Wolke ruhig und dankbar alles Gute meines Lebens übersah und statt der +frühern Wirren und Leidenschaften nur die alte Sehnsucht der Knabenzeit in +mir fühlte -- auch sie reifer und stiller geworden. + +Von jeher war ich gewohnt, zum ruhigen Takt der Ruderschläge irgend etwas +zu summen oder zu singen. Ich sang auch jetzt leise vor mich hin und merkte +erst im Singen, daß es Verse waren. Sie blieben mir im Gedächtnis und ich +schrieb sie zuhause auf, als Andenken an den schönen Züricher Seeabend. + + Wie eine weiße Wolke + Am hohen Himmel steht, + So licht und schön und ferne + Bist du, Elisabeth. + + Die Wolke geht und wandert, + Kaum hast du ihrer Acht, + Und doch durch deine Träume + Geht sie bei dunkler Nacht. + + Geht und erglänzt so selig, + Daß fortan ohne Rast + Du nach der weißen Wolke + Ein süßes Heimweh hast. + +In Basel fand ich einen Brief aus Assisi für mich daliegen. Er war von Frau +Annunziata Nardini, und voll erfreulicher Nachrichten. Sie hatte nun doch +einen zweiten Mann gefunden! Übrigens tue ich besser, ihn unverändert +mitzuteilen. + +Hochgeehrter und sehr lieber Herr Peter! + +Erlauben Sie Ihrer treuen Freundin die Freiheit, Ihnen einen Brief zu +schreiben. Es hat Gott gefallen mir ein großes Glück zu bescheren, und ich +möchte Sie auf den zwölften Oktober zu meiner Hochzeit einladen. Er heißt +Menotti und hat zwar wenig Geld, doch liebt er mich sehr und hat schon +früher mit Früchten gehandelt. Er ist hübsch, aber nicht so groß und schön +wie Sie, Herr Peter. Er wird auf der Piazza Obst verkaufen, während ich im +Laden bleibe. Auch die schöne Marietta vom Nachbar wird heiraten, jedoch +nur einen Maurer aus der Fremde. + +Ich habe jeden Tag an Sie gedacht und vielen Leuten von Ihnen erzählt. Ich +habe Sie sehr lieb und auch den Heiligen, welchem ich vier Kerzen zu Ihrem +Andenken gestiftet habe. Auch Menotti wird sehr froh sein, wenn Sie zur +Hochzeit kommen. Wenn er unfreundlich gegen Sie sein sollte, werde ich es +ihm verbieten. Leider hat sich gezeigt, daß der kleine Mattheo Spinelli +wirklich, wie ich stets gesagt habe, ein Bösewicht ist. Er hat mir oft +Citronen gestohlen. Jetzt ist er hinweggebracht worden, weil er seinem +Vater, dem Bäcker, zwölf Lire stahl und weil er den Hund des Bettlers +Giangiacomo vergiftet hat. + +Ich wünsche Ihnen den Segen Gottes und des Heiligen. Ich habe große +Sehnsucht nach Ihnen. + +Ihre untertänige und treue Freundin +Annunziata Nardini + +Nachschrift. + +Unsere Ernte war mäßig. Die Trauben standen sehr schlecht, auch Birnen gab +es nicht genug, aber die Limonen waren sehr reichlich, nur mußten wir sie +zu billig verkaufen. In Spello geschah ein schreckliches Unglück. Ein +junger Mensch hat seinen Bruder mit einer Harke erschlagen, man weiß nicht +weshalb, aber gewiß ist er eifersüchtig auf ihn gewesen, obwohl es sein +eigener Bruder war. + + * * * * * + +Leider konnte ich der verlockenden Einladung nicht folgen. Ich schrieb +meinen Glückwunsch und stellte meinen Besuch aufs nächste Frühjahr in +Aussicht. Dann ging ich mit dem Brief und mit einem mitgebrachten +Nürnberger Geschenk für die Kinder zu meinem Schreinermeister. + +Dort fand ich eine unerwartete große Veränderung. Abseits vom Tisch, gegen +das Fenster hin, hockte eine groteske, schiefe Menschengestalt in einem +Stuhl, der wie ein Kindersessel mit einer Brustwehr versehen war. Es war +Boppi, der Bruder der Meistersfrau, ein armer halb gelähmter Verwachsener, +für welchen nach dem kürzlich erfolgten Tod seiner alten Mutter nirgends +sich ein Plätzchen gefunden hatte. Widerstrebend hatte ihn der Schreiner +einstweilen zu sich genommen und die beständige Gegenwart des kranken +Krüppels lag wie ein Schrecken auf dem gestörten Hauswesen. Man hatte sich +noch nicht an ihn gewöhnt; den Kindern graute vor ihm, die Mutter war +mitleidig, verlegen und gedrückt, der Vater offenbar verstimmt. + +Boppi hatte auf einem häßlichen Doppelhöcker ohne Hals einen großen, +starkzügigen Kopf mit breiter Stirn, starker Nase und schönem leidendem +Munde sitzen, die Augen waren klar, aber still und etwas verängstigt, und +die merkwürdig kleinen und hübschen Hände lagen fortwährend weiß und ruhig +auf der schmalen Brustwehr. Auch ich war befangen und verstimmt über den +armen Eindringling, und zugleich war es mir peinlich, den Schreiner die +kurze Geschichte des Kranken erzählen zu hören, während dieser daneben saß +und auf seine Hände schaute, ohne von jemand angeredet zu werden. Krüppel +war er von Geburt, doch hatte er die Volksschule durchgemacht und konnte +jahrelang durch Strohflechten sich ein wenig nützlich machen, bis ihn +wiederholte Gichtanfälle teilweise lähmten. Seit Jahren lag er nun entweder +zu Bett oder saß in seinem sonderbaren Stuhl zwischen Kissen geklemmt. Die +Frau wollte wissen, er habe früher viel und schön für sich gesungen, doch +hatte sie ihn jahrelang nicht mehr gehört und hier im Hause hatte er noch +nie gesungen. Und während all dies erzählt und besprochen wurde, saß er da +und blickte vor sich hin. Mir ward nicht wohl dabei und ich ging bald +wieder weg und blieb die nächsten Tage dem Hause fern. + +Mein Leben lang war ich stark und gesund gewesen, hatte nie eine ernste +Krankheit gehabt und die Leidenden, namentlich Krüppel, mit Mitleid, aber +auch ein wenig verächtlich betrachtet; nun paßte es mir durchaus nicht, +mein behaglich heiteres Leben in der Handwerkerfamilie durch die +unerquickliche Last dieser elenden Existenz gestört zu finden. Ich verschob +darum einen zweiten Besuch von Tag zu Tag und sann vergeblich nach, wie ich +uns den lahmen Boppi vom Halse schaffen könnte. Es mußte sich irgend eine +Möglichkeit finden, ihn mit geringen Kosten in einem Spital oder Pfründhaus +unterzubringen. Mehrmals wollte ich den Schreiner aufsuchen, um mit ihm +darüber zu beraten, doch scheute ich mich, ungefragt davon anzufangen, und +vor der Begegnung mit dem Kranken hatte ich ein kindisches Grauen. Es war +mir widerlich, ihn immer zu sehen, ihm die Hand geben zu müssen. + +So ließ ich einen Sonntag verstreichen. Am zweiten Sonntag war ich schon im +Begriff, mit einem Frühzug in den Jura auszufliegen, schämte mich dann aber +doch meiner Feigheit, blieb da und ging nach Tisch zu dem Schreiner. + +Mit Widerstreben gab ich Boppi die Hand. Der Schreiner war ärgerlich und +schlug einen Spaziergang vor; er war, wie er mir mitteilte, des ewigen +Elends überdrüssig und ich freute mich, ihn meinen Vorschlägen zugänglich +zu wissen. Die Frau wollte dableiben, da bat sie der Krüppel, sie möchte +mitgehen, da er gut allein bleiben könne. Wenn er nur ein Buch und ein Glas +Wasser neben sich habe, könne man ihn einschließen und unbesorgt +zurücklassen. + +Und wir, die wir uns doch sämtlich für ganz leidliche und gutherzige Leute +hielten, schlossen ihn ein und gingen spazieren! Und wir waren vergnügt, +hatten unsern Spaß mit den Kindern, freuten uns der schönen goldigen +Herbstsonne, und keiner von uns schämte sich und keinem schlug das Herz, +daß wir den Lahmen allein im Hause hatten liegen lassen! Wir waren vielmehr +froh, seiner für eine Weile ledig zu sein, atmeten erleichtert die klare, +sonnenwarme Luft und boten den Anblick einer dankbaren und biederen +Familie, die Gottes Sonntag mit Verstand und Dank genießt. + +Erst als wir am Grenzacher Hörnli zu einem Glas Wein eingekehrt waren und +im Wirtsgarten um den Tisch saßen, kam der Vater auf Boppi zu sprechen. Er +klagte über den lästigen Gast, seufzte über die Beengung und Verteuerung +seines Haushalts und schloß lachend mit der Bemerkung: »Na, hier draußen +kann man wenigstens noch eine Stunde vergnügt sein, ohne daß er einen +stört!« + +Bei diesem unbedachten Wort sah ich plötzlich den armen Lahmen vor mir, +flehend und leidend, ihn, den wir nicht liebten, den wir loszuwerden +trachteten und der jetzt von uns verlassen und eingeschlossen einsam und +traurig in der dämmernden Stube saß. Es fiel mir ein, daß es nun bald zu +dunkeln beginnen müsse und daß er nicht im stande sein würde, Licht zu +machen oder dem Fenster näher zu rücken. Also würde er das Buch weglegen +und im Halbdunkel allein sitzen müssen, ohne Gespräch oder Zeitvertreib, +indes wir hier Wein tranken, lachten und uns vergnügten. Und es fiel mir +ein, wie ich den Nachbarn in Assisi vom heiligen Franz erzählt hatte und +wie ich geflunkert hatte, er hätte mich gelehrt alle Menschen liebzuhaben. +Wozu hatte ich das Leben des Heiligen studiert und seinen herrlichen Gesang +der Liebe auswendig gelernt und seine Spuren auf den umbrischen Hügeln +gesucht, wenn nun ein armer und hülfloser Mensch dalag und leiden mußte, +während ich davon wußte und ihn trösten konnte? + +Die Hand eines mächtigen Unsichtbaren legte sich auf mein Herz, drückte es +nieder und füllte es mit so viel Scham und Schmerz, daß ich zitterte und +unterlag. Ich wußte, daß Gott jetzt mit mir ein Wort reden wollte. + +»Du Dichter!« sagte er, »du Schüler des Umbriers, du Prophet, der die +Menschen Liebe lehren und beglücken will! Du Träumer, der in Winden und +Wassern meine Stimme hören möchte!« + +»Du liebst ein Haus,« sagte er, »wo man freundlich zu dir ist, wo du +angenehme Stunden hast! Und am selben Tag, da ich dies Haus meiner Einkehr +würdige, läufst du davon und sinnst darauf mich zu vertreiben! Du Heiliger! +Du Prophet! Du Dichter!« + +Mir war genau so zu Mute, als würde ich vor einen reinen, untrüglichen +Spiegel gestellt und ich erblickte mich darin als einen Lügner, als einen +Maulhelden, als einen Feigling und Wortbrüchigen. Das tut weh, das ist +bitter, peinigend und schrecklich; aber was in diesem Augenblick in mir +zerbrach und Qualen litt und sich verwundet bäumte, das war des Zerbrechens +und Untergehens wert. + +Gewaltsam und eilig nahm ich Abschied, ließ den Wein im Glase stehen und +das angebrochene Brot auf dem Tische liegen und ging in die Stadt zurück. +In meiner Erregung wurde ich von unausstehlicher Angst gepeinigt, es möchte +ein Unglück geschehen sein. Es konnte Feuer ausbrechen, der hilflose Boppi +konnte aus dem Stuhl gefallen sein und leidend oder tot am Boden liegen. +Ich sah ihn daliegen, ich glaubte dabei zu stehen und den stillen Vorwurf +im Blick des Krüppels sehen zu müssen. + +Atemlos erreichte ich die Stadt und das Haus, stürmte die Treppe hinan und +erst jetzt fiel mir ein, daß ich ja vor verschlossener Türe stehe und +keinen Schlüssel besaß. Doch legte sich sogleich meine Angst. Denn ehe ich +noch die Tür der Küche erreicht hatte, hörte ich drinnen Gesang. Es war ein +sonderbarer Augenblick. Mit Herzklopfen und ganz außer Atem stand ich auf +dem dunklen Absatz der Treppe und horchte, indem ich langsam wieder ruhig +ward, auf das Singen des eingeschlossenen Krüppels. Er sang leise, weich +und ein wenig klagend ein volkstümliches Liebeslied, vom »Blüemli wiß und +rot.« Ich wußte, daß er lang nicht mehr gesungen hatte, nun rührte es mich +ihn zu belauschen, wie er die stille Stunde benützte um in seiner Weise ein +wenig froh zu sein. + +Es ist nun einmal so: Das Leben liebt es neben ernste Ereignisse und tiefe +Gemütsbewegungen das Komische zu stellen. So empfand ich denn auch sogleich +das Lächerliche und Beschämende meiner Lage. In meiner plötzlichen Angst +war ich eine Stunde weit über Feld herbeigerannt, um nun ohne Schlüssel vor +der Küchenpforte zu stehen. Entweder mußte ich wieder abziehen oder dem +Lahmen meine guten Absichten durch zwei geschlossene Türen hindurch +zuschreien. Auf der Treppe stand ich mit meinem Vorsatz, den Armen zu +trösten, ihm Teilnahme zu zeigen und die Stunden zu verkürzen, und er saß +ahnungslos drinnen, sang und wäre ohne Zweifel nur erschrocken, wenn ich +mich durch Schreien oder Klopfen bemerklich gemacht hätte. + +Es blieb mir nichts übrig als wieder fortzugehen. Ich bummelte eine Stunde +durch die sonntäglich belebten Gassen, dann fand ich die Familie +heimgekehrt. Es kostete mich diesmal keine Überwindung, Boppi die Hand zu +drücken. Ich setzte mich neben ihn, knüpfte ein Gespräch an und fragte, was +er gelesen habe. Es lag nahe, ihm Lektüre anzubieten, und er war dankbar +dafür. Als ich ihm Jeremias Gotthelf empfahl, zeigte es sich, daß er dessen +Schriften fast alle kannte. Doch war ihm Gottfried Keller noch fremd und +ich versprach ihm dessen Bücher zu leihen. + +Am nächsten Tag, als ich die Bücher brachte, fand ich Gelegenheit mit ihm +allein zu sein, da die Frau eben ausgehen wollte und der Mann in der +Werkstätte war. Da bekannte ich ihm, wie sehr ich mich schäme ihn gestern +allein gelassen zu haben und daß ich froh wäre, manchmal bei ihm sitzen und +sein Freund sein zu dürfen. + +Der kleine Krüppel wendete seinen großen Kopf ein wenig zu mir herüber, sah +mich an und sagte »Danke schön.« Das war alles. Aber dies Wenden des Kopfes +hatte ihm Mühe gemacht und war so viel wert als zehn Umarmungen eines +Gesunden, und sein Blick war so hell und kindlich schön, daß mir vor +Beschämung das Blut ins Gesicht stieg. + +Nun war noch das Schwerere übrig, mit dem Schreiner zu reden. Es schien mir +am besten, ihm meine gestrige Angst und Scham geradeheraus zu beichten. +Leider verstand er mich nicht, doch ließ er mit sich darüber reden. Er nahm +es an, den Kranken als gemeinsamen Gast mit mir zu behalten, so daß wir die +geringen Kosten seiner Erhaltung teilten und mir die Erlaubnis blieb, nach +Belieben bei Boppi ein und aus zu gehen und ihn wie einen eigenen Bruder +anzusehen. + +Der Herbst blieb ungewöhnlich lange schön und warm. Darum war das erste, +was ich für Boppi tat, ihm einen Fahrstuhl zu besorgen und ihn täglich, +meist in Begleitung der Kinder, ins Freie zu führen. + + + + +VIII. + + +Es war immer mein Schicksal, daß ich vom Leben und von meinen Freunden viel +mehr empfing als ich geben konnte. Mit Richard, mit Elisabeth, mit Frau +Nardini und mit dem Schreiner war es mir so gegangen, und nun erlebte ich +es, daß ich in reifen Jahren und bei hinlänglicher Selbstschätzung der +erstaunte und dankbare Schüler eines elenden Krummen werden sollte. Wenn es +wirklich einmal dahin kommt, daß ich meine längst begonnene Dichtung +vollende und weggebe, so wird wenig Gutes darin stehen, das ich nicht von +Boppi gelernt hätte. Es begann eine gute, erfreuliche Zeit für mich, an der +ich zeitlebens reichlich zu zehren haben werde. Es ward mir gegönnt, klar +und tief in eine prachtvolle Menschenseele zu schauen, über welche +Krankheit, Einsamkeit, Armut und Mißhandlung nur wie leichte lose Wolken +hinweggeflogen waren. + +Alle die kleinen Laster, mit denen wir uns das schöne, kurze Leben +versalzen und verderben, der Zorn, die Ungeduld, das Mißtrauen, die Lüge -- +all diese leidigen schmierigen Schwären, die uns entstellen, hatte ein +langes und gründliches Leiden in diesem Menschen unter Schmerzen +ausgebrannt. Er war kein Weiser und kein Engel, aber er war ein Mensch voll +Verständnis und Hingabe, der über großen und schrecklichen Leiden und +Entbehrungen gelernt hatte, sich ohne Scham schwach zu fühlen und in Gottes +Hand zu geben. + +Einmal fragte ich ihn, wie es ihm gelänge sich immer mit seinem +schmerzenden und kraftlosen Leibe abzufinden. + +»Das ist sehr einfach,« lachte er freundlich. »Es ist eben ein ewiger Krieg +zwischen mir und der Krankheit. Bald gewinne ich eine Schlacht, bald +verliere ich eine, so balgen wir uns weiter, und zuweilen halten wir uns +auch beide still, schließen einen Waffenstillstand, passen einander auf und +liegen auf der Lauer, bis einer von uns wieder frech wird und der Krieg +aufs neue losgeht.« + +Bis dahin hatte ich stets geglaubt, ein sicheres Auge zu haben und ein +guter Beobachter zu sein. Boppi wurde aber auch darin mein bewunderter +Lehrmeister. Da er an der Natur und namentlich an Tieren eine große Freude +hatte, führte ich ihn häufig in den zoologischen Garten. Dort hatten wir +ganz köstliche Stunden. Boppi kannte nach kurzer Zeit jedes einzelne Tier +und da wir stets Brot und Zucker mitbrachten, kannten manche Tiere auch uns +und wir schlossen allerlei Freundschaften. Eine besondere Vorliebe hatten +wir für den Tapir, dessen einzige Tugend eine seiner Gattung sonst nicht +eigene Reinlichkeit ist. Im übrigen fanden wir ihn eingebildet, wenig +intelligent, unfreundlich, undankbar und höchst gefräßig. Andere Tiere, +namentlich der Elefant, die Rehe und Gemsen, sogar der ruppige Bison, +zeigten für den empfangenen Zucker stets eine gewisse Dankbarkeit, indem +sie uns entweder vertraulich anblickten oder es gerne duldeten, sich von +mir streicheln zu lassen. Beim Tapir war keine Spur davon. Sobald wir in +seine Nähe kamen, erschien er prompt am Gitter, fraß langsam und gründlich +was er von uns erhielt und zog sich, wenn er sah daß nichts mehr für ihn +abfiel, ohne Sang und Klang wieder zurück. Wir fanden darin ein Zeichen von +Stolz und Charakter und da er das ihm Zugedachte weder erbettelte noch +dafür dankte, sondern wie einen selbstverständlichen Tribut leutseligst +entgegennahm, nannten wir ihn den Zolleinnehmer. Zuweilen erhob sich, da +Boppi die Tiere meist nicht selber füttern konnte, ein Streit darüber, ob +der Tapir nun genug habe oder ob ihm noch ein weiteres Stückchen zukäme. +Wir erwogen das mit einer Sachlichkeit und eingehenden Prüfung, als wäre es +eine Staatsaktion. Einst waren wir schon am Tapir vorüber, als Boppi +meinte, wir hätten ihm doch noch ein Stück Zucker mehr geben sollen. Also +kehrten wir wieder um, der inzwischen aufs Strohlager zurückgekehrte Tapir +aber blinzelte hochmütig herüber und kam nicht ans Gitter. »Entschuldigen +Sie gütigst, Herr Einnehmer,« rief Boppi ihm zu, »aber ich glaubte wir +hätten uns um einen Zucker geirrt.« Und weiter gings zum Elefanten, der +schon voll Erwartung hin und her watschelte und uns seinen warmen, +beweglichen Rüssel entgegen streckte. Ihn konnte Boppi selbst füttern, und +er sah mit kindlicher Wonne zu, wie der Riese den geschmeidigen Rüssel zu +ihm herüber bog, das Brot aus seiner flachen Hand aufnahm und uns aus den +fidelen, winzigen Äuglein schlau und wohlwollend anblinzelte. + +Mit einem Wärter kam ich überein, daß ich Boppi in seinem Fahrstuhl im +Garten stehen lassen durfte, wenn ich nicht Zeit hatte bei ihm zu bleiben, +so daß er auch an solchen Tagen in der Sonne sein und die Tiere sehen +konnte. Nachher erzählte er mir von allem, was er gesehen hatte. Besonders +imponierte es ihm zu sehen, wie höflich der Löwe seine Gattin behandelte. +Sobald sie sich niederlegte um zu ruhen, gab er seinem rastlosen +Hinundhergehen eine solche Richtung, daß er sie dabei weder berührte noch +störte noch über sie hinweg schritt. Am meisten Unterhaltung fand Boppi +beim Fischotter. Er wurde nicht müde, die biegsamen Schwimm- und Turnkünste +des beweglichen Tieres zu betrachten und seine helle Freude daran zu haben, +während er selbst unbeweglich in seinem Stuhle lag und zu jeder Bewegung +des Kopfs und der Arme Mühe aufwenden mußte. + +Es war einer der schönsten Tage jenes Herbstes, als ich Boppi meine beiden +Liebesgeschichten erzählte. Wir waren miteinander so vertraut geworden, daß +ich ihm auch diese weder erfreulichen noch rühmlichen Erlebnisse nicht mehr +verschweigen konnte. Er hörte freundlich und ernsthaft zu, ohne etwas zu +sagen. Später aber gestand er mir sein Verlangen, Elisabeth, die weiße +Wolke, einmal zu sehen und bat mich gewiß daran zu denken, falls wir ihr +einmal auf der Straße begegneten. + +Da das sich nie ereignen wollte und die Tage kühl zu werden begannen, ging +ich zu Elisabeth und bat sie, dem armen Buckligen diese Freude zu machen. +Sie war gütig und tat mir den Willen und am bestimmten Tage ließ sie sich +von mir abholen und in den Tiergarten begleiten, wo Boppi im Fahrstuhl +wartete. Als die schöne, wohlgekleidete und feine Dame dem Krüppel die Hand +gab und sich ein wenig zu ihm hinabbückte, und als der arme Boppi aus dem +vor Freude glänzenden Gesicht die großen, guten Augen dankbar und fast +zärtlich zu ihr aufschlug, hätte ich nicht entscheiden mögen, wer von den +beiden in diesem Augenblick schöner war und meinem Herzen näher stand. Die +Dame sprach ein paar freundliche Worte, der Krüppel wandte den glänzenden +Blick nicht von ihr, und ich stand daneben und wunderte mich, die beiden +Menschen, die ich am liebsten hatte und welche das Leben durch eine weite +Kluft von einander trennte, einen Augenblick Hand in Hand vor mir zu sehen. +Boppi sprach den ganzen Nachmittag von nichts mehr als von Elisabeth, +rühmte ihre Schönheit, ihre Vornehmheit, ihre Güte, ihre Kleider, gelbe +Handschuhe und grüne Schuhe, ihren Gang und Blick, ihre Stimme und ihren +schönen Hut, während es mir schmerzlich und komisch erschien zugesehen zu +haben, wie meine Geliebte meinem Herzensfreund ein Almosen gab. + +Inzwischen hatte Boppi den »grünen Heinrich« und die Seldwyler gelesen und +war in der Welt dieser einzigen Bücher so heimisch geworden, daß wir am +Schmoller Pankraz, am Albertus Zwiehan und an den gerechten Kammmachern +gemeinsame liebe Freunde besaßen. Eine Weile schwankte ich, ob ich ihm auch +etwas von C. F. Meyers Büchern geben solle, doch schien es mir +wahrscheinlich, daß er die fast lateinische Prägnanz seiner allzu gepreßten +Sprache nicht schätzen würde, auch trug ich Bedenken, den Abgrund der +Geschichte vor diesem heiter stillen Auge zu öffnen. Statt dessen erzählte +ich ihm vom heiligen Franz und gab ihm Mörikes Erzählungen zu lesen. +Merkwürdig war mir sein Geständnis, daß er die Geschichte von der schönen +Lau großenteils nicht hätte genießen können, wenn er nicht so oft am Bassin +des Fischotters gestanden wäre und sich dabei allerlei fabelhaften +Wasserphantasieen hingegeben hätte. + +Lustig war es, wie wir so allmählich in die Duzbrüderschaft hinein +gerieten. Ich hatte sie ihm nie angeboten, er hätte sie auch nicht +angenommen; so aber kam es ganz von selber, daß wir einander immer häufiger +duzten, und als wir es eines Tages merkten, mußten wir lachen und ließen es +nun für immer dabei. + +Als der anbrechende Vorwinter unsre Ausfahrten unmöglich machte und ich nun +wieder Abende lang in der Wohnstube von Boppis Schwager saß, merkte ich +nachträglich, daß mir meine neue Freundschaft doch nicht so ganz ohne Opfer +in den Schoß gefallen war. Der Schreiner nämlich war fortwährend mürrisch, +unfreundlich und wortkarg. Auf die Dauer verdroß ihn nicht nur die lästige +Gegenwart des unnützen Mitessers, sondern ebenso sehr mein Verhältnis zu +Boppi. Es kam vor, daß ich einen ganzen Abend vergnüglich mit dem Lahmen +schwatzte, indes der Hausherr ärgerlich mit der Zeitung daneben saß. Auch +mit der sonst ungemein geduldigen Frau kam er auseinander, da sie diesmal +fest auf ihrem Willen bestand und durchaus nicht dulden wollte, daß Boppi +anderwärts untergebracht werde. Mehrmals versuchte ich ihn versöhnlicher zu +stimmen oder ihm neue Vorschläge zu machen, doch war nichts mit ihm +anzufangen. Er begann sogar bissig zu werden, meine Freundschaft mit dem +Krüppel zu verhöhnen und diesem selbst das Leben sauer zu machen. Freilich +war der Kranke samt mir, der ich täglich viel bei ihm saß, dem ohnehin +engen Haushalt eine lästige Bürde, aber ich hoffte noch immer, der +Schreiner möchte sich uns anschließen und den Kranken lieb gewinnen. Mir +war es schließlich unmöglich, irgend etwas zu tun oder zu lassen, womit ich +nicht entweder den Schreiner verletzt oder Boppi benachteiligt hätte. Da +ich alle raschen und zwingenden Entschlüsse hasse -- schon in der Züricher +Zeit hatte Richard mich Petrus Cunctator getauft, -- wartete ich wochenlang +zu und litt beständig an der Furcht, die Freundschaft des einen oder +vielleicht beider zu verlieren. + +Die wachsende Unbehaglichkeit dieser unklaren Verhältnisse trieb mich +wieder häufiger in die Kneipen. Eines Abends, nachdem die leidige +Geschichte mich wieder besonders geärgert hatte, verfügte ich mich in eine +kleine Waadtländer Weinschenke und rückte dem Übel mit mehreren Litern zu +Leibe. Zum erstenmal seit zwei Jahren hatte ich wieder einmal Mühe, +aufrecht nach Hause zu gehen. Tags darauf war ich, wie stets nach einer +starken Zeche, bei wohlig kühler Laune, faßte Mut und suchte den Schreiner +auf, um die Komödie endlich zum Abschluß zu bringen. Ich schlug ihm vor, er +möge mir Boppi ganz überlassen, und er zeigte sich nicht abgeneigt, sagte +auch nach mehrtägiger Bedenkzeit wirklich zu. + +Bald darauf bezog ich mit meinem armen Buckligen eine neugemietete Wohnung. +Ich kam mir vor als hätte ich geheiratet, da ich nun statt der gewohnten +Junggesellenbude einen ordentlichen kleinen Haushalt zu Zweien beginnen +sollte. Aber es ging, wenn ich auch im Anfang manche unglückliche +Wirtschaftsexperimente anstellte. Zum Ordnungmachen und Waschen kam ein +Laufmädchen, das Essen ließen wir uns ins Haus tragen, und bald war uns +beiden ganz warm und wohl bei diesem Zusammenleben. Die Nötigung, auf meine +sorglosen kleinen und größern Wanderungen künftig zu verzichten, +erschreckte mich einstweilen nicht. Beim Arbeiten empfand ich sogar das +stille Nahesein des Freundes beruhigend und förderlich. Die kleinen +Krankendienste waren mir neu und im Anfang wenig erquicklich, namentlich +das Aus- und Ankleiden: aber mein Freund war so geduldig und dankbar, daß +ich mich schämte und mir Mühe gab, ihn sorgfältig zu bedienen. + + * * * * * + +Zu meinem Professor war ich wenig mehr gekommen, öfters zu Elisabeth, deren +Haus mich trotz allem mit stetigem Zauber anzog. Dort saß ich dann, trank +Tee oder ein Glas Wein, sah sie die Wirtin spielen und hatte zuweilen +sentimentale Anwandlungen dabei, obwohl ich gegen alle etwaigen +Wertherischen Gefühle in mir mit beständigem Spott zu Felde lag. Der +weichliche, jugendliche Liebesegoismus war allerdings endgültig von mir +gewichen. So war ein zierlicher, vertraulicher Kriegszustand zwischen uns +das richtige Verhältnis, und wir kamen wirklich selten zusammen, ohne uns +freundschaftlichst zu zanken. Der bewegliche und nach Frauenart etwas +verzogene Verstand der klugen Frau traf mit meinem zugleich verliebten und +ruppigen Wesen nicht übel zusammen und da wir im Grunde beide einander +hochachteten, konnten wir desto energischer über jede lausige Kleinigkeit +in Kampf geraten. Mir war es namentlich komisch, das Junggesellentum gegen +sie zu verteidigen -- gegen die Frau, die ich noch vor kurzem ums Leben +gern geheiratet hätte. Ich durfte sie sogar mit ihrem Mann necken, der ein +guter Bursche und stolz auf seine geistreiche Frau war. + +In der Stille brannte die alte Liebe in mir fort, nur war es nicht mehr das +frühere anspruchsvolle Feuerwerk, sondern eine gute und dauerhafte Glut, +die das Herz jung hält und an der sich ein hoffnungsloser Hagestolz +gelegentlich an Winterabenden die Finger wärmen darf. Seit vollends Boppi +mir nahe stand und mich mit dem wundervollen Wissen um ein beständiges, +ehrliches Geliebtsein umgab, konnte ich meine Liebe ohne Gefahr als ein +Stück Jugend und Poesie in mir leben lassen. + +Übrigens gab mir Elisabeth je und je durch ihre recht frauenhaften Malicen +Gelegenheit, mich abzukühlen und mich meines Junggesellentums herzlich zu +freuen. + +Seit der arme Boppi meine Wohnung teilte, vernachlässigte ich auch +Elisabeths Haus mehr und mehr. Mit Boppi las ich Bücher, blätterte +Reisealbums und Tagebücher durch, spielte Domino; wir schafften zu unsrer +Erheiterung einen Pudel an, beobachteten den Winterbeginn vom Fenster aus +und führten täglich eine Menge kluger und dummer Gespräche. Der Kranke +hatte sich eine überlegene Weltanschauung erworben, eine von gütigem Humor +erwärmte sachliche Betrachtung des Lebens, von der ich täglich zu lernen +hatte. Als starke Schneefälle eintraten und der Winter vor den Fenstern +seine reinliche Schönheit entfaltete, spannen wir uns mit knabenhafter +Wollust beim Ofen in ein heimeliges Stubenidyll ein. Die Kunst der +Menschenkenntnis, nach der ich mir so lang umsonst die Sohlen abgelaufen +hatte, lernte ich bei dieser Gelegenheit so nebenher mit. Boppi stak +nämlich, als stiller und scharfer Zuschauer, voll von Bildern aus dem Leben +seiner früheren Umgebungen und konnte, wenn er einmal angesetzt hatte, +wundervoll erzählen. Der Krüppel hatte in seinem Leben kaum mehr als drei +Dutzend Menschen kennen gelernt und war nie im großen Strome +mitgeschwommen, trotzdem kannte er das Leben viel besser als ich, denn er +war gewohnt auch das Kleinste zu sehen und in jedem Menschen eine Quelle +von Erlebnissen, Freude und Erkenntnis zu finden. + +Unser Lieblingsvergnügen war nach wie vor die Freude an der Tierwelt. Über +die Tiere des zoologischen Gartens, die wir nicht mehr besuchen konnten, +erfanden wir nun Geschichten und Fabeln aller Art. Die meisten davon +erzählten wir nicht, sondern trugen sie aus dem Stegreif als Dialoge vor. +Zum Beispiel eine Liebeserklärung zwischen zwei Papageien, +Familienzerwürfnisse unter den Bisons, Abendunterhaltungen der +Wildschweine. + +»Wie gehts Ihnen denn, Herr Marder?« + +»Danke schön, Herr Fuchs, so leidlich. Sie wissen ja, als ich gefangen +ward, verlor ich meine liebe Gattin. Sie hieß Pinselschwanz, wie ich schon +die Ehre hatte Ihnen zu sagen. Eine Perle, versichere ich Ihnen, eine --.« + +»Ach lassen Sie doch die alten Geschichten, Herr Nachbar, Sie haben mir das +von der Perle, wenn ich nicht irre, schon öfters erzählt. Lieber Gott, man +lebt schließlich nur einmal und darf sich das bißchen Vergnügen nicht noch +verderben.« + +»Bitte sehr, Herr Fuchs, wenn Sie meine Gemahlin gekannt hätten, würden Sie +mich besser verstehen.« + +»Aber gewiß, gewiß. Also sie hieß Pinselschwanz, nicht wahr? Ein schöner +Name, so was zum Streicheln! Aber was ich eigentlich sagen wollte -- Sie +haben doch bemerkt, wie sehr die leidige Sperlingsplage wieder zunimmt? Ich +habe da so einen kleinen Plan?« + +»Wegen der Sperlinge?« + +»Wegen der Sperlinge. Sehen Sie, ich dachte mir das so: Wir legen etwas +Brot vors Gitter, legen uns ruhig hin und warten die Kerls ab. Es müßte des +Teufels sein, wenn wir nicht so ein Vieh erwischen könnten. Was meinen +Sie?« + +»Vortrefflich, Herr Nachbar!« + +»Also haben Sie die Güte etwas Brot hinzulegen. -- So, schön! Aber +vielleicht schieben Sie es etwas mehr nach rechts herüber, dann kommt es +uns beiden zu gut. Ich bin nämlich im Augenblick leider ohne alle Mittel. +So ist's gut. Also aufgepaßt! Wir legen uns jetzt nieder, schließen die +Augen -- pst, da kommt schon einer geflogen!« (Pause.) + +»Nun, Herr Fuchs, noch nichts?« + +»Wie ungeduldig Sie sind! Als ob Sie zum erstenmal auf der Jagd wären! Ein +Jäger muß warten können, warten und wieder warten. Also noch einmal!« + +»Ja wo ist denn das Brot hingekommen?« + +»Pardon?« + +»Das Brot ist ja gar nimmer da.« + +»Nicht möglich! Das Brot? Wahrhaftig -- verschwunden! Da soll doch das +Donnerwetter! Natürlich wieder der verdammte Wind.« + +»Na, ich habe so meine Gedanken. Mir war doch vorher, ich hörte Sie was +essen.« + +»Was? Ich etwas gegessen? Was denn?« + +»Das Brot vermutlich.« + +»Sie sind beleidigend deutlich in Ihren Vermutungen, Herr Marder. Man muß +ja von Nachbarsleuten ein Wort vertragen können, aber das ist zu viel. Das +ist zu viel, sage ich. Haben Sie mich verstanden? -- Nun soll ich das Brot +gegessen haben! Was glauben Sie eigentlich? Erst soll ich die fade +Geschichte von Ihrer Perle zum tausendstenmal anhören, dann habe ich eine +gute Idee, wir legen das Brot hinaus --« + +»Das war ich! Ich habe das Brot hergegeben.« + +»-- wir legen das Brot hinaus, ich lege mich hin und passe auf, alles geht +gut, da kommen Sie mit Ihrem Geschwätz dazwischen -- die Spatzen natürlich +auf und davon, die Jagd verhunzt, und nun soll ich auch noch das Brot +gefressen haben! Na Sie können warten, bis ich wieder mit Ihnen verkehre.« + +Dabei gingen Nachmittage und Abende leicht und schnell vorüber. Ich war +bester Laune, arbeitete gern und rasch und wunderte mich, daß ich früher so +träg und verdrossen und schwerlebig gewesen war. Die besten Zeiten mit +Richard waren nicht schöner gewesen als diese stillen, heiteren Tage, da +draußen die Flocken tanzten und am Ofen wir zwei samt dem Pudel es uns wohl +sein ließen. + +Und da mußte mein lieber Boppi seine erste und letzte Dummheit begehen! Ich +in meiner Zufriedenheit war natürlich blind und sah nicht, daß er mehr litt +als sonst. Aber er, aus lauter Bescheidenheit und Liebe, tat vergnügter als +je, klagte nicht, verbot mir nicht einmal das Rauchen, und dann lag er +nachts und litt und hustete und stöhnte leis. Ganz zufällig, als ich einmal +in der Stube neben ihm in die Nacht hinein schrieb und er mich längst zu +Bett glaubte, hörte ich, wie er stöhnte. Der arme Kerl war ganz erschrocken +und verdonnert, als ich plötzlich mit der Lampe in seine Schlafkammer trat. +Ich stellte das Licht beiseite, setzte mich zu ihm aufs Bett und stellte +ein Verhör an. Lange versuchte er auszukneifen, dann kam es endlich doch +heraus. + +»Es ist ja nicht so schlimm,« sagte er schüchtern. »Nur bei manchen +Bewegungen das krampfhafte Gefühl im Herzen, und manchmal auch beim Atmen.« + +Er entschuldigte sich geradezu, als wäre sein Kränkerwerden ein Verbrechen! + +Morgens ging ich zu einem Arzt. Es war ein schöner, frostklarer Tag, +unterwegs ließ meine Beklemmung und Sorge nach, ich dachte sogar an +Weihnachten und besann mich, mit was ich Boppi eine Freude machen könnte. +Der Arzt war noch zu Hause und kam auf mein dringendes Bitten mit. Wir +fuhren in seinem bequemen Wagen, wir stiegen die Treppe hinauf, wir kamen +in die Kammer zu Boppi, es begann ein Betasten und Klopfen und Horchen, und +während der Arzt nur ein wenig ernsthafter und seine Stimme ein bißchen +gütiger wurde, ging in mir alle Fröhlichkeit unter. + +Gicht, Herzschwäche, ernster Fall -- ich hörte zu und schrieb mir auch +alles auf und war über mich selber erstaunt, daß ich mich gar nicht wehrte, +als der Arzt die Überführung ins Spital gebot. + +Nachmittags kam der Krankenwagen und als ich vom Spital zurückkam, war mir +in der Wohnung schrecklich zu mut, wo der Pudel sich an mich drängte und +der große Stuhl des Kranken beiseite gestellt und nebenan die leergewordene +Kammer war. + +So ist es mit dem Liebhaben. Es bringt Schmerzen, und ich habe deren in der +folgenden Zeit viel erlitten. Aber es liegt so wenig daran, ob man +Schmerzen leidet oder keine! Wenn nur ein starkes Mitleben da ist und wenn +man nur das enge, lebendige Band verspürt, mit dem alles Lebende an uns +hängt, und wenn nur die Liebe nicht kühl wird! Ich gäbe alle heiteren Tage, +die ich je gehabt, samt allen Verliebtheiten und samt meinen Dichterplänen, +wenn ich dafür noch einmal so ins Allerheiligste hineinsehen dürfte, wie in +jener Zeit. Es tut den Augen und dem Herzen bitter weh, und auch der schöne +Stolz und Eigendünkel bekommt seine bösen Stiche ab, aber nachher ist man +so still, so bescheiden, so viel reifer und im Innersten lebendiger! + +Schon mit der kleinen, blonden Agi war damals ein Stück von meinem alten +Wesen gestorben. Jetzt sah ich meinen Buckligen, dem ich meine ganze Liebe +geschenkt und mit dem ich mein ganzes Leben geteilt hatte, leiden und +langsam, langsam sterben, und litt an jedem Tage mit und hatte meinen +Anteil an allem Schrecklichen und Heiligen des Sterbens. Ich war noch ein +Anfänger in der ars amandi und sollte gleich mit einem ernsten Kapitel der +ars moriendi beginnen. Von dieser Zeit schweige ich nicht, wie ich von +Paris geschwiegen habe. Von ihr will ich laut reden wie eine Frau von ihrer +Brautzeit und wie ein alter Mann von seinen Knabenjahren. + +Ich sah einen Menschen sterben, dessen Leben nur Leiden und Liebe gewesen +war. Ich hörte ihn scherzen wie ein Kind, während er die Arbeit des Todes +in sich spürte. Ich sah, wie aus schweren Schmerzen heraus sein Blick mich +suchte, nicht um bei mir zu betteln, sondern um mich aufzurichten und um +mir zu zeigen, daß diese Krämpfe und Leiden das Beste in ihm unversehrt +gelassen hatten. Dann waren seine Augen groß und man sah sein verwelkendes +Gesicht nicht mehr, nur den Glanz seiner großen Augen. + +»Kann ich dir etwas tun, Boppi?« + +»Erzähl mit was. Vielleicht vom Tapir.« + +Ich erzählte vom Tapir, er schloß die Augen und ich hatte meine Mühe, zu +sprechen wie sonst, denn das Weinen stand mir fortwährend nahe. Und wenn +ich glaubte, er höre mich nicht mehr oder schlafe, dann verstummte ich +sogleich. Da machte er wieder die Augen auf. + +»-- Und dann?« + +Und ich erzählte weiter, vom Tapir, vom Pudel, von meinem Vater, vom +kleinen bösen Mattheo Spinelli, von Elisabeth. + +»Ja, sie hat einen dummen Kerl geheiratet. So geht's, Peter!« + +Oft fing er plötzlich an vom Sterben zu sprechen. + +»Es ist kein Spaß, Peter. Die allerschwerste Arbeit ist nicht so schwer wie +Sterben. Aber man macht's doch durch.« + +Oder: »Wenn die Quälerei überstanden ist, kann ich schon lachen. Bei mir +lohnt sich das Sterben doch, ich werde einen Schnitzbuckel, einen kurzen +Fuß und eine lahme Hüfte los. Bei dir wird's einmal schad sein, mit deinen +breiten Schultern und schönen gesunden Beinen.« + +Und einmal, in den letzten Tagen, wachte er aus einem kurzen Schlummer auf +und sagte ganz laut: + +»Es gibt gar keinen solchen Himmel, wie der Pfarrer meint. Der Himmel ist +viel schöner. Viel schöner.« + +Die Schreinersfrau kam oft und zeigte sich in kluger Weise teilnehmend und +hülfsbereit. Der Schreiner blieb zu meinem großen Bedauern ganz aus. + +»Was meinst du,« fragte ich Boppi gelegentlich, »wird im Himmel auch ein +Tapir sein?« + +»O ja,« sagte er und nickte noch dazu. »Es sind alle Arten Tiere dort, auch +Gemsen.« + +Die Weihnachtszeit kam und wir hatten eine kleine Feier an seinem Bett. Es +trat starker Frost ein, es taute wieder, und Neuschnee fiel auf das +Glatteis, aber ich merkte nichts von allem. Ich hörte, Elisabeth habe einen +Knaben geboren, und ich vergaß es wieder. Es kam ein drolliger Brief von +Frau Nardini; ich las ihn flüchtig durch und legte ihn beiseite. Meine +Arbeiten erledigte ich im Galopp mit dem steten Bewußtsein, jede Stunde mir +und dem Kranken zu stehlen. Dann lief ich gehetzt und ungeduldig ins +Krankenhaus, und dort war eine heitere Stille und ich saß halbe Tage an +Boppis Bett, von einem traumhaft tiefen Frieden umgeben. + +Er hatte kurz vor dem Ende noch einige bessere Tage. Da war es merkwürdig, +wie die kaum verflossene Zeit in seiner Erinnerung erloschen schien und er +ganz in den früheren Jahren lebte. Zwei Tage lang sprach er von nichts als +von seiner Mutter. Er konnte ja nicht lang reden, aber man sah auch in den +stundenlangen Pausen, daß er an sie dachte. + +»Ich habe dir viel zu wenig von ihr erzählt,« klagte er, »du mußt nichts +von dem vergessen, was sie betrifft, sonst gibt es bald niemand mehr, der +von ihr weiß und ihr dankbar ist. Es wäre gut, Peter, wenn alle Leute so +eine Mutter hätten. Sie hat mich nicht ins Armenhaus getan, als ich nimmer +arbeiten konnte.« + +Er lag und atmete mühselig. Eine Stunde verging, da fing er wieder an: + +»Sie hat mich am liebsten gehabt von allen ihren Kindern und hat mich bei +sich behalten, bis sie gestorben ist. Die Brüder sind ausgewandert und die +Schwester hat den Schreiner geheiratet, aber ich bin zu Haus gesessen und +so arm sie war, hat sie mich's nie entgelten lassen. Du darfst meine Mutter +nicht vergessen, Peter. Sie war ganz klein, vielleicht noch kleiner als +ich. Wenn sie mir die Hand gab, war es gerade so, wie wenn sich ein winzig +kleiner Vogel draufgesetzt hätte. Es langt ein Kindersarg für sie, hat der +Nachbar Rütimann gesagt, wie sie gestorben ist.« + +Auch für ihn hätte schier ein Kindersarg hingereicht. Er lag so +verschwunden und klein in seinem sauberen Spitalbett, und seine Hände sahen +nun wie kranke Frauenhände aus, lang, schmal, weiß und ein wenig gekrümmt. +Als er aufhörte, von seiner Mutter zu träumen, kam ich an die Reihe. Er +sprach von mir, als säße ich nicht dabei. + +»Er ist ein Pechvogel, nun freilich, aber es hat ihm nichts geschadet. +Seine Mutter ist zu früh gestorben.« + +»Kennst du mich noch, Boppi?« fragte ich. + +»Jawohl, Herr Camenzind,« sagte er scherzhaft und lachte ganz leise. + +»Wenn ich nur singen könnte,« meinte er gleich darauf. + +Am letzten Tage fragte er noch: »Du, kostet es viel hier im Spital? Es +könnte zu teuer werden.« + +Doch erwartete er keine Antwort. Eine feine Röte stieg ihm in das weiße +Gesicht, er schloß die Augen und sah eine Weile aus wie ein überaus +glücklicher Mensch. + +»Es geht zu Ende,« sagte die Schwester. + +Aber er öffnete die Augen noch einmal, sah mich schelmisch an und bewegte +die Brauen so, als wollte er mir zunicken. Ich stand auf, legte die Hand +unter seine linke Schulter und hob ihn sachte ein klein wenig, was ihm +jedesmal wohltat. So auf meiner Hand liegend verzog er noch einmal in +kurzem Schmerz die Lippen, dann drehte er den Kopf ein wenig und +schauderte, als fröre ihn plötzlich. Das war die Erlösung. + +»Ist's gut, Boppi?« fragte ich noch. Er war aber schon seiner Leiden ledig +und erkaltete mir in der Hand. Es war am siebenten Januar, eine Stunde nach +Mittag. Gegen Abend machten wir alles fertig und der kleine, verwachsene +Körper lag friedlich und sauber ohne weitere Entstellungen da bis es Zeit +war ihn wegzubringen und zu begraben. Während dieser zwei Tage war ich +beständig darüber verwundert, daß ich weder besonders traurig noch ratlos +war und nicht einmal weinen mußte. Ich hatte die Trennung und den Abschied +so gründlich während der Krankheit durchempfunden, daß nun wenig mehr davon +überblieb und die schwankende Schale meines Schmerzes langsam und +erleichtert wieder in die Höhe stieg. + +Trotzdem schien es mir jetzt an der Zeit, die Stadt in aller Stille zu +verlassen und mich irgendwo, womöglich im Süden, auszuruhen und das nur +erst grob angelegte Gefäde meiner Dichtung einmal ernstlich auf den +Webstuhl zu spannen. Ein wenig Geld hatte ich übrig, also hing ich meine +literarischen Verpflichtungen an den Nagel und richtete mich ein, beim +ersten Frühlingsbeginn zu packen und abzureisen. Zunächst nach Assisi, wo +die Gemüsehändlerin meinen Besuch erwartete, dann zu tüchtiger Arbeit in +ein möglichst stilles Bergnest. Mir schien ich habe nun ein hinreichendes +Stück Leben und Tod gesehen, um etwa andern Leuten zumuten zu dürfen, mich +darüber ein wenig räsonnieren zu hören. In wohliger Ungeduld wartete ich +auf den März und hatte vorempfindend schon das Ohr voll italienischer +Kraftworte und in der Nase einen kitzelnd würzigen Duft von Risotto, +Orangen und Chiantiwein. + +Der Plan war tadellos und befriedigte mich, je länger ich ihn überlegte, +desto mehr. Indessen tat ich wohl daran, mich des Chianti im voraus zu +freuen, denn es kam alles ganz anders. + +Ein beweglicher, phantastisch stilisierter Brief des Gastwirts Nydegger +verkündigte mir im Februar, es liege sehr viel Schnee und im Dorfe sei bei +Vieh und Menschen nicht alles in Ordnung, namentlich stehe es mit meinem +Herrn Vater bedenklich und alles in allem wäre es gut, wenn ich Geld +schicken oder selber kommen würde. Da das Geldschicken mir nicht paßte und +der Alte mir wirklich Sorge machte, mußte ich eben reisen. An einem +unwirschen Tage kam ich an, vor Schneefall und Wind waren weder Berge noch +Häuser sichtbar und es kam mir zu gut, daß ich den Weg auch blindlings +kannte. Der alte Camenzind lag wider meine Vermutung nicht zu Bett, sondern +saß dürftig und kleinlaut in der Ofenecke und war von einer Nachbarin +belagert, die ihm Milch gebracht hatte und ihm soeben über seinen schlimmen +Lebenswandel gründlich und ausdauernd den Text las, worin auch mein +Eintritt sie nicht störte. + +»Lueg', der Peter isch cho,« sagte der graue Sünder und zwinkerte mir mit +dem linken Auge zu. + +Aber sie fuhr unbeirrt in ihrer Predigt fort. Ich setzte mich auf einen +Stuhl, wartete das Versiegen ihrer Nächstenliebe ab und fand in ihrer Rede +einige Kapitel, die auch mir nicht schadeten. Nebenher schaute ich zu, wie +mir der Schnee von Mantel und Stiefeln schmolz und rings um meinen Stuhl +zuerst einen feuchten Flecken und dann einen stillen Weiher bildete. Erst +als die Frau ein Ende gefunden hatte, konnte das offizielle Wiedersehen +stattfinden, an welchem sie ganz freundlich teilnahm. + +Der Vater hatte sehr an Kräften abgenommen. Mir fiel mein früherer kurzer +Versuch, ihn zu pflegen, wieder ein. Das Abreisen damals hatte also nichts +geholfen und ich konnte nun, da es freilich nötiger war, doch noch die +Suppe ausfressen. + +Schließlich kann man von einem knorrigen alten Bauern, der auch in seinen +besseren Zeiten kein Tugendspiegel war, nicht verlangen, daß er in den +Tagen der Greisenkrankheiten milde werde und dem Schauspiel der Sohnesliebe +mit Rührung beiwohne. Das tat mein Vater denn auch durchaus nicht, sondern +war je kränker desto widerwärtiger und zahlte mir alles, womit ich ihn +früher je gequält hatte, wenn nicht mit Zinsen so doch glatt und +wohlgemessen heim. Mit Worten allerdings war er sparsam und vorsichtig +gegen mich, aber er verfügte über eine Menge von drastischen Mitteln, ohne +Worte unzufrieden, bitter und ruppig zu sein. Mich wunderte zuweilen, ob +wohl auch aus mir einmal im Alter ein so fataler und heikler Kauz werden +möchte. Mit dem Trinken war es für ihn so gut wie vorbei und das Glas guten +Südweins, das ich ihm täglich zweimal einschenkte, genoß er nur mit böser +Miene, weil ich die Flasche stets sogleich wieder in den leeren Keller +zurückbrachte, dessen Schlüssel ich ihm nie überließ. + +Erst gegen Ende Februars kamen jene hellen Wochen, die den +Hochgebirgswinter so herrlich machen. Die hohen, beschneiten Bergschroffen +standen klar gegen den kornblumenblauen Himmel und sahen in der +durchsichtigen Luft unwahrscheinlich nahe aus. Matten und Halden lagen +schneebedeckt -- mit dem Schnee des Bergwinters, den man so weiß und +kristallen und herbduftend in den Talländern niemals findet. Auf kleinen +Erdschwellungen feiert in der Mittagszeit das Sonnenlicht glänzende Feste, +in Mulden und an Abhängen liegen satte blaue Schatten und die Luft ist nach +wochenlangem Schneefall so ganz gereinigt, daß in der Sonne jeder Atemzug +ein Genuß ist. An den kleineren Halden fröhnt die Jugend der Gimmelfahrt +und in der Stunde nach Mittag sieht man alte Leutchen auf den Gassen stehen +und sich an der Sonne gütlich tun, während nachts die Dachsparren im Froste +krachen. Inmitten der weißen Schneefelder liegt still und blau der niemals +gefrierende See, schöner als er je im Sommer sein kann. Jeden Tag vor dem +Mittagessen half ich dem Vater vor die Tür und schaute zu, wie er seine +braunen und knotig verbogenen Finger in die schöne Sonnenwärme streckte. +Nach einer Weile begann er alsdann zu husten und über die Kühle zu klagen. +Das war einer seiner harmlosen Kniffe, um einen Schnaps von mir zu +erlangen; denn weder der Husten noch die Kühle waren ernst zu nehmen. Also +bekam er ein Gläschen Enzian oder einen kleinen Absinth, hörte in +kunstreicher Abstufung zu husten auf und freute sich hinterrücks, mich +überlistet zu haben. Nach Tisch ließ ich ihn allein, band die Gamaschen um +und lief ein paar Stunden bergan, soweit es gehen wollte, und legte den +Heimweg, auf einem mitgenommenen Fruchtsack sitzend, als Rutschpartie über +die schrägen Schneefelder zurück. + +Als die Zeit herankam, in der ich etwa nach Assisi hatte reisen wollen, lag +noch metertiefer Schnee. Erst im April begann das Frühjahr sich zu regen +und es kam eine bösartig rasche Schneeschmelze über unser Dorf wie seit +Jahren keine mehr gewesen war. Tag und Nacht hörte man den Föhn heulen, das +Krachen entfernter Lauen und das erbitterte Brausen der Sturzbäche, welche +große Felsstücke und zersplitterte Bäume mitbrachten und auf unsre armen, +schmalen Grundstücke und Obstwiesen warfen. Das Föhnfieber ließ mich nicht +schlafen, Nacht für Nacht hörte ich ergriffen und angstvoll den Sturm +klagen, die Lauen donnern und den wütenden See an die Ufer branden. In +dieser fiebernden Zeit der schrecklichen Frühlingskämpfe überfiel mich noch +einmal die überwundene Liebeskrankheit so ungestüm, daß ich mich nachts +erhob, mich ins Türfenster legte und unter bitteren Schmerzen Liebesworte +an Elisabeth in das Getöse hinaus rief. Seit der lauen Züricher Nacht, in +der ich auf dem Hügel über dem Hause der welschen Malerin vor Liebe gerast +hatte, war die Leidenschaft nie mehr so schrecklich und unwiderstehlich +über mich Herr geworden. Es war mir oft so, als stünde die schöne Frau ganz +nahe vor mir und lächle mich an und wiche doch bei jedem Schritt, den ich +ihr näher träte, zurück. Meine Gedanken, mochten sie herkommen von wo sie +wollten, kehrten unabänderlich zu diesem Bilde zurück und ich konnte gleich +einem Verwundeten es nicht lassen, immer wieder an der jückenden Schwäre zu +kratzen. Ich schämte mich vor mir selber, was ebenso quälend wie nutzlos +war, verwünschte den Föhn und hatte heimlich neben allen Qualen doch ein +verschwiegenes, warmes Lustgefühl, ganz wie in Knabenzeiten, wenn ich an +die hübsche Rösi dachte und die laue, dunkle Woge mich überlief. + +Ich begriff, daß gegen diese Krankheit kein Kraut gewachsen war, und +versuchte wenigstens ein bißchen zu arbeiten. Ich begann den Aufbau meines +Werkes in Angriff zu nehmen, entwarf einige Studien und sah bald ein, daß +dafür jetzt nicht die Zeit sei. Indessen liefen von überall her die bösen +Föhnberichte ein und im Dorfe selbst nahm die Not überhand. Die Bachdämme +waren halb zerstört, manche Häuser, Scheunen und Ställe hatten starken +Schaden gelitten, von der Außengemeinde trafen mehrere Obdachlose ein, +überall war Klage und Not und nirgends Geld. In diesen Tagen war's, daß zu +meinem Glück der Schulze mich auf sein Ratsstübchen holen ließ und mich +fragte, ob ich willens sei, einem Ausschuß zur Abhülfe der allgemeinen Not +beizutreten. Man traue mir zu, die Sache der Gemeinde beim Kanton zu +vertreten und namentlich durch die Zeitungen das Land zur Teilnahme und +Beisteuer zu bewegen. Mir kam es gelegen, gerade jetzt meine nutzlosen +eigenen Leiden über einer ernsteren und würdigeren Sache vergessen zu +können, und ich ging verzweifelt ins Zeug. In Basel gewann ich durch Briefe +rasch einige Sammler. Der Kanton hatte, wie wir voraus wußten, kein Geld +und konnte nur ein paar Hülfsarbeiter senden. Nun wandte ich mich an die +Zeitungen mit Aufrufen und Berichten; Briefe, Beiträge und Anfragen liefen +ein und ich hatte neben der Schreiberei noch die Gemeinderatshändel mit den +harten Bauernschädeln durchzufechten. + +Die paar Wochen strenger, unentrinnbarer Arbeit taten mir gut. Als die +Sache allmählich in eine geregelte Bahn gebracht und ich dabei minder +notwendig geworden war, grünten ringsum die Matten und blaute der See +harmlos und sonnig zu den vom Schnee befreiten Halden hinauf. Mein Vater +hatte erträgliche Tage und meine Liebesnöte waren gleich den schmutzigen +Lawinenresten verschwunden und zerlaufen. In diesen Zeiten hatte früher +mein Vater seinen Nachen gefirnißt, die Mutter hatte vom Garten her +zugesehen und ich hatte mein Auge auf des Alten Hantierung, auf die Wolken +seiner Pfeife und auf die gelben Schmetterlinge gehabt. Diesmal war kein +Nachen zum Anstreichen mehr da, die Mutter war lange tot und der Vater +bockte verdrossen in dem verwahrlosten Hause herum. An die alten Zeiten +erinnerte mich auch Onkel Konrad. Häufig nahm ich ihn, vom Vater ungesehen, +zu einem Gläschen Wein mit und hörte zu, wie er erzählte und seiner vielen +Projekte mit gutmütigem Lachen und doch nicht ohne Stolz gedachte. Neue +machte er zur Zeit nicht mehr und das Alter hatte ihn auch sonst stark +gezeichnet, trotzdem war in seinen Mienen und zumal in seinem Lachen etwas +Knaben- oder Jünglinghaftes, das mir wohltat. Er war oft mein Trost und +Zeitvertreib, wenn ich es zuhaus beim Alten nimmer aushielt. Nahm ich ihn +zum Wein mit, so trottete er hastig neben mir her und bestrebte sich +ängstlich, seine krummgewordenen, mageren Beine im gleichen Schritt mit +meinen zu halten. + +»Mußt Segel nehmen, Onkel Konrad,« munterte ich ihn auf, und über dem Segel +kamen wir dann jedesmal auf unsern alten Nachen zu sprechen, welcher nimmer +da war und den er wie einen lieben Toten beklagte. Da auch mir das alte +Stück lieb gewesen war und nun fehlte, gedachten wir seiner und aller mit +ihm passierten Geschichten bis ins kleinste. + +Der See war so blau wie ehemals, die Sonne nicht minder feiertäglich und +warm, und ich alter Bursche schaute oft den gelben Faltern zu und hatte ein +Gefühl, als wäre seit damals im Grunde wenig anders geworden und als könnte +ich ebensowohl mich wieder in die Matten legen und Bubenträume aushecken. +Daß dem nicht so war und daß ich ein gutes Teil meiner Jahre auf +Nimmerwiedersehen schon verbraucht hatte, konnte ich jeden Tag beim Waschen +sehen, wenn aus der rostigen Blechschüssel mein Kopf mit der starken Nase +und dem säuerlichen Mund mich anglänzte. Noch besser sorgte Camenzind +senior dafür, daß ich nicht am Wandel der Zeiten irre ward, und wenn ich +ganz in die Gegenwart gerückt sein wollte, brauchte ich nur die klamme +Tischlade in meiner Stube zu öffnen, worin mein künftiges Werk lag und +schlief, aus einem Paket verjährter Skizzen und aus sechs oder sieben +Entwürfen auf Quartbogen bestehend. Ich öffnete die Lade aber selten. + +Neben der Pflege des Alten gab mir das Instandhalten unsres verlotterten +Hauswesens reichlich zu tun. In den Dielen klafften Abgründe, Ofen und Herd +waren defekt, rauchten und stänkerten, die Türen schlossen nicht und die +Leitertreppe auf den Boden, den ehemaligen Schauplatz der väterlichen +Züchtigungen, war lebensgefährlich. Ehe hieran etwas getan werden konnte, +mußte das Beil geschliffen, die Säge geflickt, ein Hammer entlehnt und +Nägel zusammengesucht werden, dann galt es, aus dem faulenden Rest des +ehemaligen Holzvorrates brauchbare Stücke herzurichten. Beim Reparieren der +Werkzeuge und des alten Schleifsteins ging mir Onkel Konrad ein wenig an +die Hand, doch war er zu alt und krumm geworden um viel zu nützen. Also +zerschliß ich mir meine weichen Schreiberhände am widerspenstigen Holz, +trat den wackligen Schleifstein, kletterte auf dem allenthalben undicht +gewordenen Dach umher, nagelte, hämmerte, schindelte und schnitzte, wobei +mein etwas ins Feiste gediehener Adam manchen Tropfen Schweiß vergoß. +Zuweilen hielt ich denn auch, namentlich bei der leidigen Dachflickerei, +mitten im Hammerschlag inne, setzte mich zurecht, sog die halberloschene +Cigarre wieder an, schaute in die tiefe Himmelsbläue und genoß meine +Trägheit im frohen Bewußtsein, daß jetzt der Vater mich nimmer antreiben +und schelten konnte. Kamen dann Nachbarsleute vorübergewandelt, Weiber, +alte Männer und Schulkinder, so knüpfte ich zur Beschönigung meines +Nichtstuns freundnachbarliche Gespräche mit ihnen an und kam allmählich in +den Geruch eines Mannes, mit dem sich ein vernünftiges Wort reden lasse. + +»Macht's warm heut, Lisbeth?« + +»Allweg, Peter. Was schaffst?« + +»'s Dach flicken.« + +»Kann nit schaden, 's hat's allweg schon länger nötig gehabt.« + +»Wohl, wohl.« + +»Was macht denn der Alte? Er wird leicht seine siebenzig alt sein.« + +»Achtzig, Lisbeth, achtzig. Was meinst, wenn wir einmal so alt sind? 's ist +kein Spaß.« + +»Wohl Peter, aber jetzt muß ich weiter, der Mann will's Essen haben. Mach's +gut unterdes!« + +»Adie, Lisbeth.« + +Und während sie mit dem Napf im Tüchlein weiter pilgerte, blies ich Wolken +in die Luft, sah ihr nach und besann mich, wie es nur käme, daß alle Leute +so fleißig ihren Geschäften nachgingen, indes ich schon zwei volle Tage an +der gleichen Latte herumnagelte. Schließlich aber war das Dach doch +geflickt. Der Vater interessierte sich ausnahmsweise dafür und da ich ihn +unmöglich aufs Dach schleppen konnte, mußte ich ihm ausführlich beschreiben +und über jede halbe Latte Rechenschaft ablegen, wobei es mir auf einige +Prahlereien nicht ankam. + +»'s ist gut,« gab er zu, »'s ist gut, aber ich hätt' nicht geglaubt, daß du +dies Jahr noch fertig wirst.« + + * * * * * + +Wenn ich nun meine Fahrten und Lebensversuche beschaue und überdenke, freut +und ärgert es mich, die alte Erfahrung auch an mir erlebt zu haben, daß die +Fische ins Wasser und die Bauern aufs Land gehören und daß aus einem +Nimikoner Camenzind trotz aller Künste kein Stadt- und Weltmensch zu machen +ist. Ich gewöhne mich daran, das in der Ordnung zu finden und bin froh, daß +meine ungeschickte Jagd um das Glück der Welt mich wider Willen in den +alten Winkel zwischen See und Bergen zurückgeführt hat, wo ich hingehöre +und wo meine Tugenden und Laster, namentlich aber die Laster, etwas +ordinäres und hergebrachtes sind. Da draußen hatte ich die Heimat vergessen +und war nahe daran gewesen, mir selbst als eine seltene und merkwürdige +Pflanze vorzukommen; nun sehe ich wieder, daß es nur der Nimikoner Geist +war, der in mir spukte und sich dem Brauch der übrigen Welt nicht fügen +konnte. Hier fällt es niemand ein, einen Sonderling in mir zu sehen, und +wenn ich meinen alten Papa oder den Onkel Konrad betrachte, komme ich mir +wie ein ordentlich geratener Sohn und Neffe vor. Meine paar Zickzackflüge +im Reich des Geistes und der sogenannten Bildung lassen sich füglich der +berühmten Segelfahrt des Oheims vergleichen, nur daß sie an Geld und Mühe +und schönen Jahren mich teurer zu stehen kamen. Auch äußerlich bin ich, +seit mein Vetter Kuoni mir den Bart stutzt und seit ich wieder Gürtelhosen +trage und in Hemdärmeln herumlaufe, wieder ganz ein Hiesiger geworden und +werde, wenn ich einmal grau und alt bin, unvermerkt meines Vaters Platz und +seine kleine Rolle im Dorfleben übernehmen. Die Leute wissen bloß, ich sei +Jahre lang in der Fremde gewesen und ich hüte mich wohl, ihnen zu sagen, +was für ein lausiges Metier ich dort betrieben und in wieviel Pfützen ich +gesteckt habe; sonst hätte ich bald meinen Spott und Übernamen weg. So oft +ich von Deutschland, Italien oder Paris erzähle, blase ich mich ein bißchen +auf und komme selbst bei den ehrlichsten Stellen zuweilen in einige Zweifel +an meiner eigenen Wahrhaftigkeit. + +Und was ist denn nun bei so viel Irrfahrten und verbrauchten Jahren +herausgekommen? Die Frau, die ich liebte und immer noch liebe, erzieht in +Basel ihre zwei hübschen Kinder. Die andere, die mich lieb hatte, hat sich +getröstet und handelt weiterhin mit Obst, Gemüse und Sämereien. Der Vater, +wegen dessen ich ins Nest heimgekehrt bin, ist weder gestorben noch +genesen, sondern sitzt mir gegenüber auf seinem Faulbettlein, sieht mich an +und beneidet mich um den Besitz des Kellerschlüssels. + +Aber das ist ja nicht alles. Ich habe, außer der Mutter und dem ertrunkenen +Jugendfreund, die blonde Agi und meinen kleinen, krummen Boppi als Engel im +Himmel wohnen. Und ich habe erlebt, daß im Dorf die Häuser wieder geflickt +und beide Steindämme wieder aufgerichtet sind. Wenn ich wollte, säße ich +auch im Gemeinderat. Es sind aber dort der Camenzinde schon genug. + +Nun hat sich mir neuestens eine andere Aussicht eröffnet. Der Gastwirt +Nydegger, in dessen Stube mein Vater und ich so manchen Liter Veltliner, +Walliser oder Waadtländer getrunken haben, fängt an steil bergab zu gehen +und hat keine Freude mehr an seinem Geschäft. Er klagte mir dieser Tage +sein Elend. Das schlimmste dabei ist, daß wenn kein Einheimischer sich dazu +findet, eine auswärtige Brauerei das Anwesen kauft und dann ist es +verdorben und wir haben in Nimikon keinen behaglichen Wirtstisch mehr. Es +wird irgend ein fremder Pächter hineingesetzt werden, der natürlich lieber +Bier als Wein verzapft und unter welchem der gute Nydeggersche Keller +verpfuscht und vergiftet wird. Seit ich das weiß, läßt es mir keine Ruhe; +in Basel liegt mir noch ein wenig Geld auf der Bank und der alte Nydegger +fände an mir nicht den schlechtesten Nachfolger. Der Haken dran ist nur, +daß ich zu Vaters Lebzeiten nicht mehr Gastwirt werden möchte. Denn einmal +könnte ich den alten Mann dann nimmer vom Spunden fernhalten und außerdem +würde er seinen Triumph darüber haben, daß ich mit allem Latein und +Studieren es zum Nimikoner Weinwirt und nicht weiter gebracht habe. Das +geht nicht an, und so beginne ich auf das Ableben des Alten allmählich ein +wenig zu warten, nicht mit Ungeduld, sondern nur der guten Sache zulieb. + +Onkel Konrad ist seit kurzem wieder in einen aufgeregten Tatendurst +hineingeraten, nach langen still verdöselten Jahren, und das gefällt mir +nicht. Er hat beständig den Zeigefinger im Mund und eine Denkrunzel auf der +Stirn, tut hastige kleine Schritte in seiner Stube herum und schaut bei +hellem Wetter viel über's Wasser. »Ich mein' alleweil, er will wieder +Schiffli bauen,« sagt seine alte Cenzine, und er sieht wirklich so lebendig +und kühn aus wie seit Jahren nicht und hat so einen schlauen, überlegenen +Zug im Gesicht, als wisse er jetzt genau wie er es diesmal anfangen müsse. +Ich glaube aber, es ist nichts damit und es ist nur seine müdgewordene +Seele, welche jetzt nach Flügeln verlangt, um bald daheim zu sein. Mußt +Segel nehmen, alter Onkel! Wenn es aber so weit mit ihm sein wird, dann +sollen die Herren Nimikoner etwas Unerhörtes erleben. Denn ich habe bei mir +beschlossen, an seinem Grabe hinter dem Pater her einige Worte zu reden, +was hierorts noch nie passiert ist. Ich werde des Oheims als eines Seligen +und Lieblings Gottes gedenken, und diesem erbaulichen Teil wird eine mäßige +Handvoll Salz und Pfeffer für die geliebten Leidtragenden folgen, die sie +mir nicht so bald vergessen und verzeihen sollen. Hoffentlich erlebt es +auch mein Vater noch. + +Und in der Lade liegen die Anfänge meiner großen Dichtung. »Mein +Lebenswerk«, könnte ich sagen. Es klingt aber zu pathetisch und ich sage es +lieber nicht, denn ich muß bekennen, daß Fortgang und Vollendung desselben +auf schwachen Beinen stehen. Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, daß ich +von neuem beginne, fortfahre und vollende; dann hat meine Jugendsehnsucht +Recht gehabt und ich bin doch ein Dichter gewesen. + +Das wäre mir soviel oder mehr als der Gemeinderat und als die Steindämme +wert. Das Vergangene und doch Unverlorene meines Lebens aber, samt allen +den lieben Menschenbildern, von der schlanken Rösi Girtanner bis auf den +armen Boppi, wöge es mir nicht auf. + +Ende + + + + +Werke +von +Hermann Hesse + + +Unterm Rad + +Roman. 18. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50 + +Hier ist etwas Freies, Unkünstliches, Naturgewachsenes. Immer, wenn ich ein +Buch von Hesse lese, habe ich die Empfindung, daß sich über mir der blaue +Himmel wölbt, daß Bäume ringsum grünen und frische Luft weht. + +(Die Zeit, Wien) + +Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geläuterter noch als +der »Camenzind«, von einer tüchtigen Männlichkeit durchweht, eine Wohltat +für den, der ihn liest, treuherzig, überzeugend, von lebhaftem, heißem +Natursinn kündend, frei von ästhetischer Kränkelei -- ein klares +Schwabenbuch, ein durch und durch deutscher Roman. + +(Münchener Neueste Nachrichten) + +Es ist die einfache Geschichte von einem Jungen, der stolz und mit der +Anwartschaft auf Ruhm und Glück ins Leben eintritt und unters Rad kommt und +überfahren wird; ein Buch voll Schwermut und heimlicher, leiser Klage und +auch ein Buch voll Anklage. Schwer und gewichtig in seiner Einfachheit, die +um so tiefer wirkt, als sie das Resultat einer unnachahmlichen sprachlichen +Meisterschaft und stilistischen Adels ist. + +(Münchener Zeitung) + +Man wird vielleicht fragen, ob der neue Roman einen Fortschritt gegenüber +dem »Peter Camenzind« bedeutet. Die Frage geht verloren, bei beiden Büchern +steht Hesse auf einem Gipfel, den mit ihm von jüngeren deutschen +Romanschriftstellern nur noch Thomas Mann, Emil Strauß und die wunderbarste +der Frauen, Ricarda Huch, bewohnen. + +(Neue Badische Landeszeitung, Mannheim) + + +Diesseits + +Erzählungen. 16. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50 + +Wie lange habe ich mich darauf gefreut, dieses Buch anzuzeigen! Eine +erlesene Schar der Novellen Hesses, die verstreut in Zeitschriften lagen, +in einem Bande gesammelt in Händen zu halten, zu eigen zu haben wie +Hausschwalben, die ihr Nest an unserem Dache sich bauen. Es ist ein +stilles, vornehmes und unsäglich schönes Buch geworden, das man ehrfürchtig +in die Hand nimmt, ehrfürchtig aus der Hand legt, stillergriffen, +nachdenklich, voll einer Liebe zu dem Menschen, der ein so starkes, reines +Herz hat und es so lauter schenkt. Hermann Hesse bedeutet einen Gipfelpunkt +deutscher Erzählerkunst. + +(Münchener Zeitung) + +Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen, +schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltäglichkeit weit +entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden Natur +lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses neuen +Novellenband »Diesseits« lesen. + +(Neue Zürcher Zeitung) + + +Nachbarn + +Erzählungen. 12. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50 + +Was uns das neueste Buch Hermann Hesses besonders liebwert macht, ist die +ruhig verträumte Art seines Verfassers, zu sehen und zu schildern . . . Die +lichtwonnige, diogenetische Eigenart des Dichters, der wahr und warm, allen +kokettierenden Beiwerkes entratend, Menschen aus kleinen Verhältnissen, +doch darum nicht kleine Menschen, einfach verklärt. Ungeheuchelte +Herzlichkeit, ohne den leisesten Anflug krankhafter Sentimentalität, werden +den »Nachbarn« Eingang weniger in die Köpfe der geschworenen +Literaturmenschen, als in die Herzen aller Schönheitsfrohen sichern. + +(Berner Tagwacht) + +Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fünf +Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch zusammengeschweißt +erscheinen sie . . . Ruhig, über allen Dingen schwebend, ohne Leidenschaft +und vollkommen abgeklärt werden uns diese Geschichten erzählt. Aber in +einer Sprache, die ihresgleichen sucht und die den Stolz in uns aufleben +läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei Dank, daß es eine deutsche Sprache +gibt. Und Dichter, die sie adeln. + +(Württemberger Zeitung, Stuttgart) + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Peter Camenzind, by Hermann Hesse + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41051 *** |
