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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41051 ***
+
+Peter Camenzind
+von
+Hermann Hesse
+
+
+Achtundfünfzigste Auflage
+
+
+
+
+S. Fischer, Verlag, Berlin
+1911
+
+
+Alle Rechte vorbehalten
+
+
+Meinem Freund Ludwig Finckh
+
+
+
+
+Peter Camenzind
+
+
+
+
+I.
+
+
+Im Anfang war der Mythus. Wie der große Gott in den Seelen der Inder,
+Griechen und Germanen dichtete und nach Ausdruck rang, so dichtet er in
+jedes Kindes Seele täglich wieder.
+
+Wie der See und die Berge und die Bäche meiner Heimat hießen, wußte ich
+noch nicht. Aber ich sah die blaugrüne glatte Seebreite, mit kleinen
+Lichtern durchwirkt, in der Sonne liegen und im dichten Kranz um sie die
+jähen Berge, und in ihren höchsten Ritzen die blanken Schneescharten und
+kleinen, winzigen Wasserfälle, und an ihrem Fuß die schrägen, lichten
+Matten, mit Obstbäumen, Hütten und grauen Alpkühen besetzt. Und da meine
+arme, kleine Seele so leer und still und wartend lag, schrieben die Geister
+des Sees und der Berge ihre schönen kühnen Taten auf sie. Die starren Wände
+und Flühen sprachen trotzig und ehrfürchtig von Zeiten, deren Söhne sie
+sind und deren Wundmale sie tragen. Sie sprachen von damals, da die Erde
+barst und sich bog und aus ihrem gequälten Leibe in stöhnender Werdenot
+Gipfel und Grate hervortrieb. Felsberge drängten sich brüllend und krachend
+empor, bis sie ziellos vergipfelnd knickten, Zwillingsberge rangen in
+verzweifelter Not um Raum, bis einer siegte und stieg und den Bruder
+beiseite warf und zerbrach. Noch immer hingen von jenen Zeiten her da und
+dort hoch in den Schlüften abgebrochene Gipfel, weggedrängte und gespaltene
+Felsen, und in jeder Schneeschmelze führte der Wassersturz hausgroße Blöcke
+nieder, zersplitterte sie wie Glas oder rannte sie mit mächtigem Schlage
+tief in weiche Matten ein.
+
+Sie sagten immer dasselbe, diese Felsberge. Und es war leicht sie zu
+verstehen, wenn man ihre jähen Wände sah, Schicht um Schicht geknickt,
+verbogen, geborsten, jede voll von klaffenden Wunden. »Wir haben
+Schauerliches gelitten,« sagten sie, »und wir leiden noch.« Aber sie sagten
+es stolz, streng und verbissen, wie alte unverwüstliche Kriegsleute.
+
+Jawohl, Kriegsleute. Ich sah sie kämpfen, mit Wasser und Sturm, in den
+schauerlichen Vorfrühlingsnächten, wenn der erbitterte Föhn um ihre alten
+Häupter brüllte und wenn die Bachstürze frische, rohe Stücke aus ihren
+Flanken rissen. Sie standen mit trotzig gestemmten Wurzeln in diesen
+Nächten, finster, atemlos und verbissen, streckten dem Sturm die
+zerspaltenen Wetterwände und Hörner entgegen und spannten alle Kraft in
+trotzig geduckter Sammlung zusammen. Und bei jeder Wunde ließen sie das
+grausige Rollen der Wut und Angst vernehmen, und durch alle fernsten
+Rüfenen klang gebrochen und zornig ihr schreckliches Stöhnen wieder.
+
+Und ich sah Matten und Hänge und erdige Felsritzen mit Gräsern, Blumen,
+Farnen und Moosen bedeckt, denen die alte Volkssprache merkwürdige,
+ahnungsvolle Namen gegeben hatte. Sie lebten, Kinder und Enkel der Berge,
+farbig und harmlos an ihren Stätten. Ich befühlte sie, betrachtete sie,
+roch ihren Duft und lernte ihre Namen. Ernster und tiefer berührte mich der
+Anblick der Bäume. Ich sah jeden von ihnen sein abgesondertes Leben führen,
+seine besondere Form und Krone bilden und seinen eigenartigen Schatten
+werfen. Sie schienen mir, als Einsiedler und Kämpfer, den Bergen näher
+verwandt, denn jeder von ihnen, zumal die höher am Berge stehenden, hatte
+seinen stillen, zähen Kampf um Bestand und Wachstum, mit Wind, Wetter und
+Gestein. Jeder hatte seine Last zu tragen und sich festzuklammern, und
+davon trug jeder seine eigene Gestalt und besondere Wunden. Es gab Föhren,
+denen der Sturm nur auf einer einzigen Seite Äste zu haben erlaubte, und
+solche, deren rote Stämme sich wie Schlangen um überhängende Felsen gebogen
+hatten, sodaß Baum und Fels eins das andere an sich drückte und erhielt.
+Sie sahen mich wie kriegerische Männer an und erweckten Scheu und Ehrfurcht
+in meinem Herzen.
+
+Unsere Männer und Frauen aber glichen ihnen, waren hart, streng gefaltet
+und wenig redend, die besten am wenigsten. Daher lernte ich die Menschen
+gleich Bäumen oder Felsen anschauen, mir Gedanken über sie zu machen und
+sie nicht weniger zu ehren und nicht mehr zu lieben als die stillen Föhren.
+
+Unser Dörflein Nimikon liegt auf einer dreieckigen, zwischen zwei
+Bergvorsprünge geklemmten schrägen Fläche am See. Ein Weg führt nach dem
+nahen Kloster, ein zweiter nach einem viereinhalb Stunden entfernten
+Nachbarort, die übrigen am See gelegenen Dörfer erreicht man zu Wasser.
+Unsere Häuser sind im alten Holzstil erbaut und haben kein bestimmtes
+Alter, es kommen fast niemals Neubauten vor und die alten Häuslein werden
+je nach Bedürfnis stückweise repariert, dies Jahr die Diele, ein andermal
+ein Stück am Dach, und mancher halbe Balken und manche Latte, die früher
+einmal etwa zur Stubenwand gehört haben, findet man jetzt als Sparren im
+Dach und wenn sie auch dazu nimmer dienen und doch noch zu gut zum
+Verbrennen sind, so kommen sie das nächste mal beim Flicken des Stalls oder
+Heubodens oder als Querlatte an der Haustüre zur Verwendung. Ähnlich ist es
+mit den darin Wohnenden selber; jeder spielt so lang er kann seine Rolle
+mit, tritt dann zögernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht
+schließlich ins Dunkel unter, ohne daß viel Aufsehens davon gemacht würde.
+Wer nach jahrelanger Fremde zu uns heimkehrt, findet nichts verändert, als
+daß ein paar alte Dächer erneuert und ein paar neuere alt geworden sind;
+die Greise von ehemals sind zwar dahin, aber es sind andere Greise da,
+welche die gleichen Hütten bewohnen, die gleichen Namen tragen, dasselbe
+dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und Gebahren sich von den
+indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden.
+
+Unsrer Gemeinde mangelte eine häufigere Zufuhr frischen Blutes und Lebens
+von außen her. Die Bewohner, ein leidlich rüstiges Geschlecht, sind fast
+alle untereinander aufs engste verschwägert und reichlich drei Viertel
+tragen den Namen Camenzind. Er füllt die Seiten des Kirchenbuchs und steht
+auf den Kirchhofkreuzen, prangt an den Häusern in Ölfarbe oder in derber
+Schnitzarbeit und ist auf den Wagen des Fuhrhalters, auf den Stalleimern
+und auf den Seebooten zu lesen. Auch über meines Vaters Haustür stand
+gemalt: »Dieses Haus haben gebauen Jost und Franziska Camenzind,« doch ging
+das nicht meinen Vater, sondern dessen Ahn, meinen Urgroßvater an; und wenn
+ich auch vermutlich einmal sterben werde ohne Kinder dazulassen, so weiß
+ich doch, daß wieder ein Camenzind das alte Nest besiedeln wird, wenn
+anders es bis dorthin noch steht und ein Dach über hat.
+
+Ungeachtet der scheinbaren Eintönigkeit gab es dennoch in unsrer
+Bürgerschaft Böse und Gute, Vornehme und Geringe, Mächtige und Niedrige und
+neben manchen Klugen eine ergötzliche kleine Sammlung von Narren, die
+Kretins gar nicht mitgerechnet. Es war wie überall ein kleines Abbild der
+großen Welt und da Große und Kleine, Schlaumeier und Narren unlöslich
+untereinander verwandt und vervettert waren, traten sich strenger Hochmut
+und bornierter Leichtsinn oft genug unter demselben Dach auf die Zehen, so
+daß unser Leben für die Tiefe und Komik des Menschlichen hinreichenden Raum
+bot. Nur lag ein ewiger Schleier von verheimlichter oder unbewußter
+Bedrücktheit darüber. Das Abhängigsein von den Naturmächten und die
+Kümmerlichkeit eines arbeitsvollen Daseins hatten im Verlauf der Zeiten
+unsrem ohnehin alternden Geschlecht eine Neigung zum Tiefsinn eingegeben,
+der zu den scharfen, schroffen Gesichtern zwar nicht übel paßte, sonst aber
+keinerlei Früchte zeitigte, wenigstens keine erfreulichen. Eben darum war
+man froh an den paar Narren, welche zwar noch still und ernsthaft genug
+waren, aber doch einige Farbe und einige Gelegenheit zu Gelächter und Spott
+hereinbrachten. Wenn einer von ihnen durch einen neuen Streich von sich
+reden machte, ging ein frohes Wetterleuchten über die faltigen, braunen
+Gesichter der Söhne Nimikons und zur Lust am Spaße selber kam noch als
+feine pharisäische Würze der Genuß der eigenen Überlegenheit, welche vor
+Vergnügen schnalzte im Gefühl, vor solchen Irrungen oder Fehltritten sicher
+zu sein. Zu jenen Vielen, die in der Mitte zwischen Gerechten und Sündern
+standen und von beiden gern das Annehmliche mitgenossen hätten, gehörte
+auch mein Vater. Es wurde kein Narrenstreich reif, der ihn nicht mit
+seliger Unruhe erfüllt hätte, und er schwankte alsdann zwischen der
+teilnehmenden Bewunderung für den Anstifter und dem feisten Bewußtsein der
+eigenen Makellosigkeit possierlich hin und wider.
+
+Zu den Narren selbst gehörte mein Oheim Konrad, ohne daß er deshalb etwa
+meinem Vater und anderen Helden an Verstand etwas nachgegeben hätte.
+Vielmehr war er ein Schlaukopf und ward von einem ruhelosen Erfindungsgeist
+umgetrieben, um den die andern ihn ruhig hätten beneiden dürfen. Aber
+freilich glückte ihm nichts. Daß er, statt darüber den Kopf hängen zu
+lassen und tatlos tiefsinnig zu werden, immer wieder Neues begann und dabei
+ein merkwürdig lebhaftes Gefühl für das Tragikomische seiner eigenen
+Unternehmungen hatte, war gewiß ein Vorzug, wurde ihm aber als lächerliche
+Sonderbarkeit angeschrieben, kraft welcher man ihn zu den unbesoldeten
+Hanswürsten der Gemeinde zählte. Meines Vaters Verhältnis zu ihm war ein
+dauerndes hin und her zwischen Bewunderung und Verachtung. Jedes neue
+Projekt seines Schwagers versetzte ihn in eine gewaltige Neugierde und
+Aufregung, die er vergebens hinter lauernd ironischen Fragen und
+Anspielungen zu verstecken trachtete. Wenn dann der Oheim seines Erfolges
+sicher zu sein glaubte und den Großartigen zu spielen begann, ließ er sich
+jedesmal hinreißen und schloß sich dem Genialen in spekulierender
+Brüderlichkeit an, bis der unvermeidliche Mißerfolg da war, über den der
+Oheim die Achseln zuckte, während der Vater im Zorn ihn mit Hohn und
+Beleidigung übergoß und monatelang keines Blickes und Wortes mehr würdigte.
+
+Konrad war es, dem unser Dorf den ersten Anblick eines Segelboots
+verdankte, und meines Vaters Nachen hat dazu herhalten müssen. Das Segel-
+und Seilwerk war vom Oheim nach Kalenderholzschnitten sauber ausgeführt und
+daß unser Schifflein für ein Segelboot zu schmal gebaut war, ist am Ende
+nicht Konrads Schuld gewesen. Die Vorbereitungen dauerten wochenlang, mein
+Vater wurde vor Spannung, Hoffnung und Angst schier zu Quecksilber und auch
+das übrige Dorf sprach von nichts soviel wie von Konrad Camenzinds neuestem
+Vorhaben. Es war ein denkwürdiger Tag für uns, als das Boot an einem
+windigen Spätsommermorgen zum erstenmal in See gehen sollte. Mein Vater, in
+scheuer Ahnung einer möglichen Katastrophe, hielt sich fern und hatte auch
+mir zu meiner großen Betrübnis das Mitfahren verboten. Der Sohn des Bäckers
+Füßli begleitete den Segelkünstler allein. Aber das ganze Dorf stand auf
+unserem Kiesplatz und in den Gärtchen und wohnte dem unerhörten Spektakel
+bei. Seeabwärts blies ein flotter Ostwind. Zu Anfang mußte der Beck rudern,
+bis das Boot in die Bise geriet, sein Segel blähte und stolz davonjagte.
+Wir sahen es bewundernd um den nächsten Bergvorsprung entschwinden und
+richteten uns darauf ein, den schlauen Oheim bei seiner Heimkehr als Sieger
+zu begrüßen und uns unserer höhnischen Aftergedanken zu schämen. Als jedoch
+in der Nacht das Boot zurückkehrte, hatte es kein Segel mehr, die Schiffer
+waren mehr tot als lebendig und der Bäckerssohn hustete und meinte: »Ihr
+seid um ein Hauptvergnügen gekommen, leichtlich hätte es auf den Sonntag
+zwei Leichenschmäuse geben können.« Mein Vater mußte zwei neue Planken in
+den Nachen basteln, und seither hat sich nie wieder ein Segel in der blauen
+Fläche gespiegelt. Dem Konrad rief man noch lange, so oft er irgend etwas
+eilig hatte, nach: »Mußt Segel nehmen, Konrad!« Mein Vater fraß den Ärger
+in sich hinein und lange Zeit, so oft der arme Schwager ihm begegnete, sah
+er beiseite und spuckte in großen Bogen aus, zum Zeichen unaussprechlicher
+Verachtung. Das dauerte so lang, bis Konrad eines Tags mit seinem
+feuersicheren Backofenprojekt bei ihm vorsprach, welches dem Erfinder
+unendlichen Spott auf den Hals brachte und meinen Vater auf vier bare Taler
+zu stehen kam. Wehe dem, der ihn an diese Viertalergeschichte zu erinnern
+wagte! Lange später, als einmal wieder Not im Hause war, sagte die Mutter
+einmal so beiläufig, es wäre doch gut wenn jetzt das sündlich verdubelte
+Geld noch da wäre. Der Vater wurde dunkelrot bis an den Hals, aber er
+bezwang sich und sagte nur: »Ich wollt', ich hätt' es an einem einzigen
+Sonntag versoffen.«
+
+Am Ende jedes Winters kam der Föhn mit seinem tieftönigen Gebrause, das der
+Älpler mit Zittern und Entsetzen hört und nach welchem er in der Fremde mit
+verzehrendem Heimweh dürstet.
+
+Wenn der Föhn nahe ist, spüren ihn viele Stunden voraus Männer und Weiber,
+Berge, Wild und Vieh. Sein Kommen, welchem fast immer kühle Gegenwinde
+vorausgehen, verkündigt ein warmes, tiefes Sausen. Der blaugrüne See wird
+in ein paar Augenblicken tinteschwarz und setzt plötzlich hastige, weiße
+Schaumkronen auf. Und bald darauf donnert er, der noch vor Minuten unhörbar
+friedlich lag, mit erbitterter Brandung wie ein Meer ans Ufer. Zugleich
+rückt die ganze Landschaft ängstlich nah zusammen. Auf Gipfeln, die sonst
+in entrückter Ferne brüteten, kann man jetzt die Felsen zählen und von
+Dörfern, die sonst nur als braune Flecken im Weiten lagen, unterscheidet
+man jetzt Dächer, Giebel und Fenster. Alles rückt zusammen, Berge, Matten
+und Häuser, wie eine furchtsame Herde. Und dann beginnt das grollende
+Sausen, das Zittern im Boden. Aufgepeitschte Seewellen werden streckenweit
+wie Rauch durch die Luft dahingetrieben, und fortwährend, zumal in den
+Nächten, hört man den verzweifelten Kampf des Sturmes mit den Bergen. Eine
+kleine Zeit später redet sich dann die Nachricht von verschütteten Bächen,
+zerschlagenen Häusern, zerbrochenen Kähnen und vermißten Vätern und Brüdern
+durch die Dörfer.
+
+In Kinderzeiten fürchtete ich den Föhn und haßte ihn sogar. Mit dem
+Erwachen der Knabenwildheit aber bekam ich ihn lieb, den Empörer, den
+Ewigjungen, den frechen Streiter und Bringer des Frühlings. Es war so
+herrlich, wie er voll Leben, Überschwang und Hoffnung seinen wilden Kampf
+begann, stürmend, lachend und stöhnend, wie er heulend durch die Schluchten
+hetzte, den Schnee von den Bergen fraß und die zähen alten Föhren mit
+rauhen Händen bog und zum Seufzen brachte. Später vertiefte ich meine Liebe
+und begrüßte nun im Föhn den süßen, schönen, allzureichen Süden, welchem
+immer wieder Ströme von Lust, Wärme und Schönheit entquellen, um sich an
+den Bergen zu zersprengen und endlich im flachen, kühlen Norden ermüdet zu
+verbluten. Es gibt nichts Seltsameres und Köstlicheres als das süße
+Föhnfieber, das in der Föhnzeit die Menschen der Bergländer und namentlich
+die Frauen überfällt, den Schlaf raubt und alle Sinne streichelnd reizt.
+Das ist der Süden, der sich dem spröden, ärmeren Norden immer wieder
+stürmisch und lodernd an die Brust wirft und den verschneiten Alpendörfern
+verkündigt, daß jetzt an den nahen, purpurnen Seen Welschlands schon wieder
+Primeln, Narzissen und Mandelzweige blühen.
+
+Alsdann, wenn der Föhn verblasen hat und die letzten schmutzigen Lawinen
+zerlaufen sind, dann kommt das Schönste. Dann recken sich berghinan auf
+allen Seiten die beblümten gelblichen Matten, rein und selig stehen die
+Schneegipfel und Gletscher in ihren Höhen und der See wird blau und warm
+und spiegelt Sonne und Wolkenzüge wieder.
+
+Alles dieses kann schon eine Kindheit und zur Not auch ein Leben erfüllen.
+Denn alles dieses redet laut und ungebrochen die Sprache Gottes, wie sie
+nie über eines Menschen Lippen kam. Wer sie so in seiner Kindheit vernommen
+hat, dem tönt sie sein Leben lang nach, süß und stark und furchtbar, und
+ihrem Bann entflieht er nie. Wenn einer in den Bergen heimisch ist, der
+kann jahrelang Philosophie oder historia naturalis studieren und mit dem
+alten Herrgott aufräumen, -- wenn er den Föhn wieder einmal spürt oder hört
+eine Laue durch's Holz brechen, so zittert ihm das Herz in der Brust und er
+denkt an Gott und ans Sterben.
+
+An meines Vaters Häuschen grenzte ein umzäunter, winziger Garten. Es gedieh
+dort ein herber Salat, Rüben und Kohl, außerdem hatte die Mutter eine
+rührend schmale, dürftige Rabatte für Blumen angelegt, in welcher zwei
+Monatrosenstöcke, ein Georginenbusch und eine Handvoll Reseden hoffnungslos
+und kümmerlich verschmachteten. An den Garten stieß ein noch kleinerer,
+kiesiger Platz, welcher bis zum See reichte. Dort standen zwei beschädigte
+Fässer, einige Bretter und Pfähle, und unten im Wasser lag unser Weidling
+angebunden, welcher damals noch alle paar Jahre neu geflickt und geteert
+wurde. Die Tage, an denen dies geschah, sind mir fest im Gedächtnis
+geblieben. Es waren warme Nachmittage im Vorsommer, über dem Gärtchen
+taumelten die schwefelgelben Citronenfalter in der Sonne, der See war
+ölglatt, blau und still und leise schillernd, die Berggipfel dünn
+umdünstet, und auf dem kleinen Kiesplatz roch es gewaltig nach Pech und
+Ölfarbe. Auch nachher duftete der Nachen noch den ganzen Sommer hindurch
+nach Teer. So oft ich, viele Jahre später, irgendwo am Meere den
+eigentümlich aus Wassergeruch und Teerbrodem gemischten Duft in die Nase
+bekam, trat mir sogleich unser Seeplätzlein vor's Auge, und ich sah wieder
+den Vater in Hemdärmeln mit dem Pinsel hantieren, sah die bläulichen
+Wölkchen aus seiner Pfeife in die stillen Sommerlüfte steigen und die
+blitzgelben Falter ihre unsicheren, scheuen Flüge tun. An solchen Tagen
+zeigte mein Vater eine ungewöhnlich behagliche Laune, pfiff Triller, was er
+vortrefflich konnte, und gab vielleicht sogar einen einzelnen kurzen Jodler
+von sich, diesen jedoch nur halblaut. Die Mutter kochte alsdann etwas Gutes
+auf den Abend und ich denke mir jetzt, sie tat es in der stillen Hoffnung,
+Camenzind möchte diesen Abend nicht ins Wirtshaus gehen. Er ging aber doch.
+
+Daß die Eltern die Entwicklung meines jungen Gemütes sonderlich gefördert
+oder gestört hätten, kann ich nicht sagen. Die Mutter hatte immer beide
+Hände voll Arbeit und mein Vater hatte sich gewiß mit nichts auf der Welt
+so wenig beschäftigt als mit Erziehungsfragen. Er hatte genug zu tun, seine
+paar Obstbäume kümmerlich im Stand zu halten, das Kartoffeläckerlein zu
+bestellen und nach dem Heu zu sehen. Ungefähr alle paar Wochen aber nahm er
+mich abends, ehe er ausging, bei der Hand und verschwand stillschweigend
+mit mir auf den über dem Stall gelegenen Heuboden. Dort vollzog sich
+alsdann ein seltsamer Straf- und Sühneakt: ich bekam eine Tracht Prügel,
+ohne daß der Vater oder ich selbst genauer gewußt hätte wofür. Es waren
+stille Opfer am Altar der Nemesis und sie wurden ohne Schelten seinerseits
+oder Geschrei meinerseits dargebracht, als schuldiger Tribut an eine
+geheimnisvolle Macht. Immer wenn ich in späteren Jahren einmal vom »blinden
+Schicksal« reden hörte, fielen diese mysteriösen Szenen mir wieder ein und
+schienen mir eine überaus plastische Darstellung jenes Begriffs zu sein.
+Ohne es zu wissen, befolgte mein guter Vater dabei die schlichte Pädagogik,
+die das Leben selbst an uns zu üben pflegt, indem es uns hie und da aus
+heiteren Lüften ein Donnerwetter sendet, wobei es uns überlassen bleibt
+nachzusinnen, durch was für Missetaten wir eigentlich die oberen Mächte
+herausgefordert haben. Leider stellte dies Nachsinnen bei mir sich nie oder
+nur selten ein, vielmehr nahm ich jene ratenweise Züchtigung ohne die
+wünschenswerte Selbstprüfung gelassen oder auch trotzig hin und freute mich
+an solchen Abenden stets, nun wieder meinen Zoll entrichtet und ein paar
+Wochen Strafpause vor mir zu haben. Viel selbständiger trat ich den
+Versuchen meines Alten, mich zur Arbeit anzuleiten, entgegen. Die
+unbegreifliche und verschwenderische Natur hatte in mir zwei widerstrebende
+Gaben vereinigt: eine ungewöhnliche Körperkraft und eine leider nicht
+geringere Arbeitsscheu. Der Vater gab sich alle Mühe einen brauchbaren Sohn
+und Mithelfer aus mir zu machen, ich aber drückte mich mit allen Chikanen
+um die mir auferlegten Arbeiten und noch als Gymnasiast hatte ich für
+keinen der antiken Heroen so viel Mitgefühl wie für Herakles, da er zu
+jenen berühmten, lästigen Arbeiten gezwungen ward. Einstweilen kannte ich
+nichts Schöneres als mich auf Felsen und Matten oder am Wasser
+müßiggängerisch herumzutreiben.
+
+Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erzählten mir und erzogen
+mich und waren mir lange Zeit lieber und bekannter als irgend Menschen und
+Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die ich dem glänzenden See und
+den traurigen Föhren und sonnigen Felsen vorzog, waren die Wolken.
+
+Zeigt mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr
+lieb hat als ich! Oder zeigt mit das Ding in der Welt, das schöner ist als
+Wolken sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe,
+sie sind Zorn und Todesmacht. Sie sind zart, weich und friedlich wie die
+Seelen von Neugeborenen, sie sind schön, reich und spendend wie gute Engel,
+sie sind dunkel, unentrinnbar und schonungslos wie die Sendboten des Todes.
+Sie schweben silbern in dünner Schicht, sie segeln lachend weiß mit
+goldenem Rand, sie stehen rastend in gelben, roten und bläulichen Farben.
+Sie schleichen finster und langsam wie Mörder, sie jagen sausend kopfüber
+wie rasende Reiter, sie hängen traurig und träumend in bleichen Höhen wie
+schwermütige Einsiedler. Sie haben die Formen von seligen Inseln und die
+Formen von segnenden Engeln, sie gleichen drohenden Händen, flatternden
+Segeln, wandernden Kranichen. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der
+armen Erde als schöne Gleichnisse aller Menschensehnsucht, beiden angehörig
+-- Träume der Erde, in welchen sie ihre befleckte Seele an den reinen
+Himmel schmiegt. Sie sind das ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens,
+Verlangens und Heimbegehrens. Und so wie sie zwischen Erde und Himmel zag
+und sehnend und trotzig hängen, so hängen zag und sehnend und trotzig die
+Seelen der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit.
+
+O, die Wolken, die schönen, schwebenden, rastlosen! Ich war ein unwissendes
+Kind und liebte sie, schaute sie an und wußte nicht, daß auch ich als eine
+Wolke durch's Leben gehen würde -- wandernd, überall fremd, schwebend
+zwischen Zeit und Ewigkeit. Von Kinderzeiten her sind sie mir liebe
+Freundinnen und Schwestern gewesen. Ich kann nicht über die Gasse gehen, so
+nicken wir einander zu, grüßen uns und verweilen einen Augenblick Aug' in
+Auge. Auch vergaß ich nicht, was ich damals von ihnen lernte: ihre Formen,
+ihre Farben, ihre Züge, ihre Spiele, Reigen, Tänze und Rasten, und ihre
+seltsam irdisch-himmlischen Geschichten.
+
+Namentlich die Geschichte der Schneeprinzessin. Ihr Schauplatz ist das
+mittlere Gebirg, im Vorwinter, bei warmem Unterwind. Die Schneeprinzessin
+erscheint mit kleinem Gefolge, aus gewaltiger Höhe kommend, und sucht sich
+einen Rastort in weiten Bergmulden oder auf einer breiten Kuppe aus.
+Neidisch sieht die falsche Bise die Arglose sich lagern, leckt heimlich
+gierend am Berg empor und überfällt sie plötzlich wütend und tosend. Sie
+wirft der schönen Prinzessin zerfetzte schwarze Wolkenlappen entgegen,
+höhnt sie, krakehlt sie an, möchte sie verjagen. Eine Weile ist die
+Prinzessin unruhig, wartet, duldet, und manchmal steigt sie kopfschüttelnd,
+leise und höhnisch wieder in ihre Höhe zurück. Manchmal aber sammelt sie
+plötzlich ihre geängsteten Freundinnen um sich her, enthüllt ihr blendend
+fürstliches Angesicht und weist den Kobold mit kühler Hand zurück. Er
+zaudert, heult, flieht. Und sie lagert sich still, hüllt ihren Sitz weitum
+in blassen Nebel, und wenn der Nebel sich verzogen hat, liegen Mulden und
+Kuppel klar und glänzend mit reinem, weichem Neuschnee bedeckt.
+
+In dieser Geschichte war so etwas Nobles, etwas von Seele und Triumph der
+Schönheit, das mich entzückte und mein kleines Herz wie ein frohes
+Geheimnis bewegte.
+
+Bald kam auch die Zeit, daß ich mich den Wolken nähern, zwischen sie treten
+und manche aus ihrer Schaar von oben betrachten durfte. Ich war zehn Jahr
+alt, als ich den ersten Gipfel erstieg, den Sennalpstock, an dessen Fuß
+unser Dörflein Nimikon liegt. Da sah ich denn zum erstenmal die Schrecken
+und die Schönheiten der Berge. Tiefgerissene Schluchten, voll von Eis und
+Schneewasser, grüngläserne Gletscher, scheußliche Muränen, und über allem
+wie ein Glocke hoch und rund der Himmel. Wenn einer zehn Jahre lang
+zwischen Berg und See geklemmt gelebt hat und rings von nahen Höhen eng
+umdrängt war, dann vergißt er den Tag nicht, an dem zum erstenmal ein
+großer, breiter Himmel über ihm und vor ihm ein unbegrenzter Horizont lag.
+Schon beim Aufstieg war ich erstaunt, die mir von unten her wohlbekannten
+Schroffen und Felswände so überwältigend groß zu finden. Und nun sah ich,
+vom Augenblick ganz bezwungen, mit Angst und Jubel plötzlich die ungeheure
+Weite auf mich herein dringen. So fabelhaft groß war also die Welt! Unser
+ganzes Dorf, tief unten verloren liegend, war nur noch ein kleiner heller
+Fleck. Gipfel, die man vom Tale aus für eng benachbart hielt, lagen viele
+Stunden weit auseinander.
+
+Da fing ich an zu ahnen, daß ich nur erst ein schmales Blinzeln, noch kein
+gediegenes Schauen von der Welt gehabt hatte und daß da draußen Berge
+stehen und fallen und große Dinge geschehen konnten, von denen auch nicht
+die leiseste Kunde je in unser abgetrenntes Bergloch kam. Zugleich aber
+zitterte etwas in mir gleich dem Zeiger des Kompasses mit unbewußtem
+Streben mächtig jener großen Ferne entgegen. Und nun verstand ich auch die
+Schönheit und Schwermut der Wolken erst ganz, da ich sah, in was für
+endlose Fernen sie wanderten.
+
+Meine beiden erwachsenen Begleiter lobten mein gutes Steigen, rasteten ein
+wenig auf der eiskalten Kuppe und lachten über meine fassungslose Freude.
+Ich aber, nachdem ich mit dem ersten großen Staunen fertig war, brüllte vor
+Lust und Erregung laut wie ein Stier in die klaren Lüfte hinaus. Das war
+mein erstes, unartikuliertes Lied an die Schönheit. Ich war auf einen
+dröhnenden Widerhall gefaßt, aber mein Geschrei verklang in die ruhigen
+Höhen spurlos wie ein schwacher Vogelpfiff. Da war ich sehr beschämt und
+hielt mich still.
+
+Dieser Tag hatte irgend ein Eis in meinem Leben gebrochen. Denn nun kam ein
+Ereignis um das andere. Zunächst nahm man mich des öfteren auf Bergfahrten
+mit, auch auf schwierigere, und ich drang mit sonderbar beklommener Wollust
+in die großen Geheimnisse der Höhen ein. Darauf ward ich zum Gaishirten
+ernannt. An einer von den Halden, wohin ich gewöhnlich meine Tiere trieb,
+gab es einen windgeschützten Winkel, von kobaltblauem Enzian und hellrotem
+Steinbrech überwuchert, das war mir der liebste Platz in der Welt. Das Dorf
+war von dort aus unsichtbar und auch vom See war nur über Felsen weg ein
+schmaler, blanker Streifen zu erblicken, dafür brannten die Blumen in
+lachend frischen Farben, der blaue Himmel lag wie ein Zeltdach auf den
+spitzigen Schneegipfeln und neben dem feinen Geläut der Ziegenglocken tönte
+ununterbrochen der nicht weit entfernte Wasserfall. Dort lag ich in der
+Wärme, staunte den weißen Wölklein nach und jodelte halblaut vor mich hin,
+bis die Gaisen meine Trägheit bemerkten und sich allerlei verbotene
+Streiche und Lustbarkeiten leisten wollten. Es gab dabei gleich in den
+ersten Wochen einen herben Riß in meine Phäakenherrlichkeit, als ich mit
+einer verlaufenen Gais zusammen in eine Klamm abstürzte. Die Gais war tot
+und mir tat der Schädel weh, außerdem ward ich jämmerlich geprügelt, lief
+meinen Alten davon und ward unter Beschwörungen und Wehklagen wieder
+eingebracht.
+
+Leichtlich hätten diese Abenteuer meine ersten und letzten sein können.
+Dann wäre dies Büchlein ungeschrieben und manche andere Mühe und Torheit
+ungeschehen geblieben. Ich hätte vermutlich irgend eine Base geheiratet
+oder läge vielleicht auch irgendwo beiseit ins Gletscherwasser gefroren. Es
+wäre auch nicht übel. Aber alles kam anders und es steht mir nicht zu das
+Geschehene mit Ungeschehenem zu vergleichen.
+
+Mein Vater tat jeweils ein wenig kleinen Dienst im Welsdörfer Kloster. Nun
+war er einstmals krank und befahl mir ihn dort abzusagen. Das tat ich
+indessen nicht, sondern entlehnte beim Nachbar Papier und Feder und schrieb
+einen manierlichen Brief an die Klosterbrüder, gab den der Botenfrau mit
+und ging auf eigene Faust in den Berg.
+
+Nächste Woche komme ich eines Tags nach hause, da sitzt ein Pater und
+wartet auf denjenigen, der den schönen Brief geschrieben hat. Mir ward
+etwas bänglich, aber er lobte mich und suchte meinen Alten zu bereden, daß
+er mich bei ihm lernen lasse. Der Oheim Konrad war dazumal gerade wieder in
+Gunst und wurde befragt. Natürlich war er sofort dafür entflammt, daß ich
+lernen und später studieren und ein Gelehrter und Herr werden müsse. Der
+Vater ließ sich überzeugen, und so gehörte nun auch meine Zukunft zu den
+gefährlichen Oheimsprojekten, gleich dem feuersicheren Backofen, dem
+Segelschiff und den vielen ähnlichen Phantastereien.
+
+Es ging sogleich an ein gewaltiges Lernen, zumal in Lateinisch, biblischer
+Geschichte, Botanik und Geographie. Mir machte das alles vielen Spaß und
+ich dachte nicht daran, daß das welsche Zeug mich vielleicht Heimat und
+schöne Jahre kosten könne. Das Lateinische allein tats auch nicht. Mein
+Vater hätte mich zum Bauer gemacht, wenn ich auch die ganzen viri illustres
+vorwärts und rückwärts auswendig gekonnt hätte. Aber der kluge Mann hatte
+mir auf den Grund meines Wesens gesehen, wo als Schwerpunkt und
+Kardinaluntugend meine unbesiegbare Trägheit hauste. Ich entrann, wo es nur
+gehen wollte, der Arbeit und lief statt dessen den Bergen oder dem See nach
+oder lag seitwärts versteckt an der Halde, las, träumte und faulenzte. In
+dieser Erkenntnis gab er mich schließlich weg.
+
+Dies ist eine Gelegenheit, ein kurzes Wort über meine Eltern zu sagen. Die
+Mutter war ehedem schön gewesen, davon war aber nur der feste, grade Wuchs
+und die anmutigen, dunklen Augen übrig geblieben. Sie war groß, überaus
+kräftig, fleißig und still. Obwohl sie reichlich so klug wie der Vater und
+an Körperkraft ihm überlegen war, herrschte sie doch nicht im Hause,
+sondern ließ das Regiment ihrem Manne. Er war mittelgroß, hatte dünne und
+fast zarte Glieder und einen hartnäckigen, schlauen Kopf mit einem Gesicht,
+das von heller Farbe und ganz voll von kleinen, ungemein beweglichen Falten
+war. Dazu kam eine kurze, senkrechte Stirnfalte. Sie verdunkelte sich, so
+oft er die Brauen bewegte, und gab ihm ein grämlich leidendes Aussehen; es
+schien dann, als versuche er sich auf etwas sehr Wichtiges zu besinnen und
+sei selber ohne Hoffnung je darauf zu kommen. Man hätte eine gewisse
+Melancholie an ihm wahrnehmen können, aber niemand achtete darauf, denn die
+Bewohner unsrer Gegend sind fast alle von einer stetigen, leichten Trübe
+des Gemüts befangen, dessen Ursache die langen Winter, die Gefahren, das
+mühselige Sichdurchschlagen und die Abgeschlossenheit vom Weltleben sind.
+
+Von beiden Eltern habe ich wichtige Stücke meines Wesens übernommen. Von
+der Mutter eine bescheidene Lebensklugheit, ein Stück Gottvertrauen und ein
+stilles, wenig redendes Wesen. Vom Vater hingegen eine Ängstlichkeit vor
+festen Entschließungen, die Unfähigkeit mit Geld zu wirtschaften und die
+Kunst viel und mit Überlegung zu trinken. Letzteres zeigte sich aber an mir
+in jenem zarten Alter noch nicht. Äußerlich hab ich vom Vater die Augen und
+den Mund, von der Mutter den schweren, dauerhaften Gang und Körperbau und
+die zähe Muskelkraft. Vom Vater und von unserer Rasse überhaupt bekam ich
+ins Leben zwar einen bauernschlauen Verstand, aber auch das trübe Wesen und
+den Hang zu grundloser Schwermut mit. Da mir bestimmt war mich lange
+außerhalb der Heimat bei Fremden herumzuschlagen, wäre es schon besser
+gewesen, statt dessen einige Beweglichkeit und etlichen frohen Leichtsinn
+mitzubringen.
+
+So ausgestattet und mit einem neuen Kleide versorgt trat ich die Reise ins
+Leben an. Die elterlichen Gaben haben sich bewährt, denn ich ging und stand
+in der Welt seither auf eigenen Füßen. Dennoch muß irgend etwas gefehlt
+haben, das auch die Wissenschaft und das Weltleben mir nimmer einbrachte.
+Denn ich kann heute noch wie je einen Berg zwingen, zehn Stunden
+marschieren oder rudern und nötigenfalls einen Mann freihändig erschlagen,
+zum Lebenskünstler aber fehlt mir heute noch so viel wie damals. Der frühe
+einseitige Umgang mit der Erde und ihren Pflanzen und Tieren hatte wenig
+soziale Fähigkeiten in mir aufkommen lassen und noch jetzt sind meine
+Träume ein merkwürdiger Beweis dafür, wie sehr ich leider einem rein
+animalischen Leben zuneige. Ich träume nämlich sehr oft, ich liege am
+Meeresstrand als Tier, zumeist als Seehund, und empfinde dabei ein so
+gewaltiges Wohlbehagen, daß ich beim Erwachen den Wiederbesitz meiner
+Menschenwürde keineswegs freudig oder mit Stolz, sondern lediglich mit
+Bedauern wahrnehme.
+
+Ich ward in üblicher Weise mit Freiplatz und Freitisch an einem Gymnasium
+erzogen und war zum Philologen bestimmt. Niemand weiß, warum. Es gibt kein
+unnützeres und langweiligeres Fach und keines, das mir ferner lag.
+
+Die Schülerjahre gingen mir rasch dahin. Zwischen Balgereien und Schule
+kamen Stunden voll Heimweh, Stunden voll frecher Zukunftsträume, Stunden
+voll ehrfürchtiger Anbetung der Wissenschaft. Zwischenein trat auch hier
+meine angeborene Trägheit hervor, trug mir allerlei Ärger und Strafen ein
+und wich dann irgend einem neuen Enthusiasmus.
+
+»Peter Camenzind,« sprach mein Griechischlehrer, »du bist ein Trotzkopf und
+Einspänner und wirst dir noch einmal den harten Schädel einrennen.« Ich
+betrachtete den feisten Brillenträger, hörte seine Rede an und fand ihn
+komisch.
+
+»Peter Camenzind,« sprach der Mathematiklehrer, »du bist ein Genie im
+Faullenzen und ich bedaure, daß es kein niedrigeres Zeugnis gibt als Null.
+Ich schätze deine heutige Leistung auf minus zweieinhalb.« Ich sah ihn an,
+bedauerte ihn da er schielte, und fand ihn sehr langweilig.
+
+»Peter Camenzind,« sagte einmal der Geschichtsprofessor, »du bist kein
+guter Schüler, aber du wirst trotzdem einmal ein guter Historiker werden.
+Du bist faul, aber du weißt Großes und Kleines zu unterscheiden.«
+
+Auch das war mir nicht extra wichtig. Dennoch hatte ich vor den Lehrern
+Respekt, denn ich dachte sie seien im Besitze der Wissenschaft, und vor der
+Wissenschaft empfand ich eine dunkle, gewaltige Ehrfurcht. Und obschon über
+meine Faulheit alle Lehrer einig waren, kam ich doch vorwärts und hatte
+meinen Platz über der Mitte. Daß die Schule und die Schulwissenschaft ein
+unzulängliches Stückwerk war, merkte ich wohl; aber ich wartete auf später.
+Hinter diesen Vorbereitungen und Schulfuchsereien vermutete ich das reine
+Geistige, eine zweifellose, sichere Wissenschaft des Wahren. Dort würde ich
+erfahren, was die dunkle Wirrnis der Geschichte, die Kämpfe der Völker und
+die bange Frage in jeder einzelnen Seele bedeute.
+
+Noch stärker und lebendiger war eine andere Sehnsucht in mir. Ich wollte
+gern einen Freund haben.
+
+Da war ein braunhaariger, ernsthafter Knabe, zwei Jahre älter als ich,
+namens Kaspar Hauri. Er hatte eine sichere und stille Art zu gehen und
+dazusein, trug den Kopf männlich fest und ernst und sprach nicht viel mit
+seinen Kameraden. An ihm blickte ich monatelang mit großer Verehrung empor,
+hielt mich auf der Straße hinter ihm her und hoffte sehnlich von ihm
+bemerkt zu werden. Ich war auf jeden Spießbürger eifersüchtig, den er
+grüßte, und auf jedes Haus, in das ich ihn eintreten oder aus dem ich ihn
+kommen sah. Aber ich war zwei Klassen hinter ihm zurück und er fühlte sich
+vermutlich der seinigen schon überlegen. Es ist nie ein Wort zwischen uns
+gewechselt worden. Statt seiner schloß sich ohne mein Zutun ein kleiner,
+kränklicher Knabe an mich an. Er war jünger als ich, schüchtern und
+unbegabt, hatte aber schöne, leidende Augen und Gesichtszüge. Weil er
+schwächlich und ein wenig verwachsen war, stand er in seiner Klasse viel
+Unbilden aus und suchte an mir, der ich stark und angesehen war, einen
+Beschützer. Bald ward er so krank, daß er die Schule nicht mehr besuchen
+konnte. Er fehlte mir nicht und ich vergaß ihn rasch.
+
+Nun war in unserer Klasse ein ausgelassener Blondkopf, ein Tausendkünstler,
+Musiker, Mime und Hanswurst. Ich gewann seine Freundschaft nicht ohne Mühe
+und der flotte kleine Altersgenosse benahm sich stets ein klein wenig
+gönnerhaft gegen mich. Immerhin hatte ich nun einen Freund. Ich suchte ihn
+in seinem Stüblein auf, las ein paar Bücher mit ihm, machte ihm die
+griechischen Aufgaben und ließ mir dafür im Rechnen helfen. Auch gingen wir
+manchmal miteinander spazieren und müssen dann wie Bär und Wiesel
+ausgesehen haben. Er war immer der Sprecher, der Lustige, Witzige, nie
+Verlegene, und ich hörte zu, lachte und war froh einen so burschikosen
+Freund zu haben.
+
+Eines Nachmittags aber kam ich unversehens dazu, wie der kleine Charlatan
+im Schulhausgang einigen Kameraden eine von seinen beliebten komischen
+Aufführungen zum Besten gab. Soeben hatte er einen Lehrer nachgemacht, nun
+rief er: »Ratet wer das ist!« und begann laut ein paar Homerverse zu lesen.
+Dabei kopierte er mich sehr getreu, meine verlegene Haltung, mein
+ängstliches Lesen, meine oberländisch rauhe Aussprache, und auch meine
+ständige Geberde der Aufmerksamkeit, das Blinzeln und das Schließen des
+linken Auges. Es sah sich sehr komisch an und war so witzig und lieblos als
+möglich gemacht.
+
+Als er das Buch schloß und den verdienten Beifall einstrich, trat ich von
+hinten an ihn her und nahm Rache. Worte fand ich nicht, aber ich brachte
+meine ganze Entrüstung, Scham und Wut in einer einzigen, riesigen Ohrfeige
+prägnant zum Ausdruck. Gleich darauf begann die Lektion und der Lehrer
+bemerkte das Wimmern und die rotgeschwollene Backe meines ehemaligen
+Freundes, welcher obendrein sein Liebling war.
+
+»Wer hat dich so zugerichtet?«
+
+»Der Camenzind.«
+
+»Camenzind vortreten! Ist das wahr?«
+
+»Jawohl.«
+
+»Warum hast du ihn geschlagen?«
+
+Keine Antwort.
+
+»Hast du keinen Grund dazu gehabt?«
+
+»Nein.«
+
+Also wurde ich energisch bestraft und schwelgte stoisch in der Wonne des
+unschuldig Gemarterten. Da ich aber kein Stoiker noch Heiliger, sondern ein
+Schulbub war, streckte ich nach erlittener Strafe meinem Feind die Zunge
+heraus so lang sie war. Entsetzt fuhr der Lehrer auf mich los.
+
+»Schämst du dich nicht? Was soll das heißen?«
+
+»Das soll heißen, daß der dort ein gemeiner Kerl ist und daß ich ihn
+verachte. Und ein Feigling ist er auch noch.«
+
+So endete meine Freundschaft mit dem Mimen. Er fand keinen Nachfolger und
+ich habe die Jahre der reifenden Knabenzeit ohne Freund verbringen müssen.
+Aber ob auch meine Anschauung des Lebens und der Menschen seither sich
+einige mal verändert hat, jener Ohrfeige erinnere ich mich nie ohne tiefe
+Befriedigung. Hoffentlich hat auch der Blonde sie nicht vergessen.
+
+Mit siebzehn Jahren verliebte ich mich in eine Advokatentochter. Sie war
+schön und ich bin stolz darauf, daß ich mein Leben lang immer nur in sehr
+schöne Frauenbilder verliebt war. Was ich um sie und um andere litt,
+erzähle ich ein andermal. Sie hieß Rösi Girtanner und ist heute noch der
+Liebe ganz anderer Männer, als ich bin, würdig.
+
+Damals brauste mir die ungebrauchte Jugendkraft in allen Gliedern. Ich ließ
+mich mit meinen Kameraden in tolle Raufhändel ein, fühlte mich stolz als
+besten Ringer, Ballschläger, Wettläufer und Ruderer, und war nebenher
+beständig schwermütig. Das hing kaum mit der Liebesgeschichte zusammen. Es
+war einfach die süße Schwermut des Vorfrühlings, die mich stärker als
+andere anfaßte, so daß ich Freude an traurigen Vorstellungen, an
+Todesgedanken und an pessimistischen Ideen hatte. Natürlich fand sich auch
+der Kamerad, der mir Heines Buch der Lieder in einer billigen Ausgabe zu
+lesen gab. Es war eigentlich kein Lesen mehr, -- ich goß in die leeren
+Verse mein volles Herz, ich litt mit, dichtete mit und geriet in ein
+lyrisches Schwärmen hinein, das mir vermutlich zu Gesichte stand wie dem
+Ferkel die Chemisette. Bis dahin hatte ich von aller »schönen Literatur«
+keine Ahnung gehabt. Nun folgte Lenau, Schiller, dann Goethe und
+Shakespeare, und plötzlich war mir der blasse Schemen Literatur zu einer
+großen Gottheit geworden.
+
+Mit süßem Schauder fühlte ich aus diesen Büchern mir die würzig kühle Luft
+eines Lebens entgegen strömen, das nie auf Erden gewesen und doch
+wahrhaftig war und nun in meinem ergriffenen Herzen seine Wellen schlagen
+und seine Schicksale erleben wollte. In meinem Lesewinkel auf der
+Dachbodenkammer, wohin nur das Stundenschlagen vom nahen Turmgestühl und
+das trockene Klappern der daneben nistenden Störche drang, gingen die
+Menschen Goethes und Shakespeares bei mir ein und aus. Das Göttliche und
+Lächerliche alles Menschenwesens ging mir auf: das Rätsel unseres
+zwiespältigen, unbändigen Herzens, die tiefe Wesenheit der Weltgeschichte
+und das mächtige Wunder des Geistes, der unsre kurzen Tage verklärt und
+durch die Kraft des Erkennens unser kleines Dasein in den Kreis des
+Notwendigen und Ewigen erhebt. Wenn ich den Kopf durch die schmale
+Fensterluke steckte, sah ich die Sonne auf Dächer und schmale Gassen
+scheinen, hörte verwundert die kleinen Geräusche der Arbeit und
+Alltäglichkeit verworren heraufrauschen und fühlte das Einsame und
+Geheimnisvolle meines von großen Geistern erfüllten Dachwinkels wie ein
+sonderbar schönes Märchen mich umgeben. Und allmählich, je mehr ich las und
+je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf Dächer, Gassen und
+Alltag ergriff, tauchte des öfteren zaghaft und beklemmend das Gefühl in
+mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete
+Welt warte auf mich, daß ich einen Teil ihrer Schätze höbe, den Schleier
+des Zufälligen und Gemeinen davon löse und das Entdeckte durch Dichterkraft
+dem Untergang entreiße und verewige.
+
+Schamhaft fing ich an ein wenig zu dichten und es füllten sich allmählich
+einige Hefte mit Versen, Entwürfen und kleinen Erzählungen an. Sie sind
+untergegangen und waren vermutlich wenig wert, bereiteten mir aber
+Herzklopfen und heimliche Wonne genug. Nur langsam folgte diesen Versuchen
+Kritik und Selbstprüfung nach, und erst im letzten Schuljahr trat die
+notwendige erste, große Enttäuschung ein. Ich hatte schon begonnen mit
+meinen Erstlingsgedichten aufzuräumen und meine Schreiberei überhaupt mit
+Mißtrauen zu betrachten, als mir durch Zufall ein paar Bände Gottfried
+Keller in die Hände fielen, die ich sogleich zweimal und dreimal
+hintereinander las. Da sah ich in plötzlicher Erkenntnis, wie fern meine
+unreifen Träumereien der echten, herben, wahrhaftigen Kunst gewesen waren,
+verbrannte meine Gedichte und Novellen und blickte nüchtern und traurig mit
+peinlichen Katzenjammergefühlen in die Welt.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Um von der Liebe zu reden, -- darin bin ich zeitlebens ein Knabe geblieben.
+Für mich ist die Liebe zu Frauen immer ein reinigendes Anbeten gewesen,
+eine steile Flamme meiner Trübe entlodert, Beterhände zu blauen Himmeln
+emporgestreckt. Von der Mutter her und auch aus eigenem, undeutlichem
+Gefühl verehrte ich die Frauen insgesamt als ein fremdes, schönes und
+rätselhaftes Geschlecht, das uns durch eine angeborene Schönheit und
+Einheitlichkeit des Wesens überlegen ist und das wir heilig halten müssen,
+weil es gleich Sternen und blauen Berghöhen uns ferne ist und Gott näher zu
+sein scheint. Da das rauhe Leben seinen reichlichen Senf dazu gab, hat die
+Frauenliebe mir soviel Bitteres als Süßes eingebracht; zwar blieben die
+Frauen auf dem hohen Sockel stehen, mir aber verwandelte sich die
+feierliche Rolle des anbetenden Priesters allzuleicht in die
+peinlich-komische des genarrten Narren.
+
+Rösi Girtanner begegnete mir fast jeden Tag, wenn ich zu Tische ging. Eine
+Jungfer von siebzehn Jahren, fest und biegsam gewachsen. Aus dem schmalen,
+bräunlich frischen Gesicht sprach die stille beseelte Schönheit, welche
+ihre Mutter zur Stunde noch besaß und welche vor ihr Ahne und Urahne gehabt
+hatte. Aus diesem alten, vornehmen und gesegneten Haus war von Geschlecht
+zu Geschlecht eine große, schmucke Reihe von Frauen ausgegangen, jede still
+und vornehm, jede frisch, adlig und von fehlerloser Schönheit. Es gibt von
+einem unbekannten Meister ein Mädchenbildnis aus der Familie der Fugger, im
+sechzehnten Jahrhundert gemalt und eines der köstlichsten Bilder, die meine
+Augen gesehen haben. So ähnlich waren die Girtannerschen Frauen und so war
+auch Rösi.
+
+Das alles wußte ich damals freilich nicht. Ich sah sie nur in ihrer
+stillen, heiteren Würde schreiten und fühlte das Adelige ihres schlichten
+Wesens. Dann saß ich Abends nachsinnend in der Dämmerung, bis es mir
+gelang, ihre Erscheinung mir klar und gegenwärtig vorzustellen, und dann
+lief ein süßes heimliches Grausen über meine knabenhafte Seele. In Bälde
+kam es aber, daß diese Augenblicke der Lust sich trübten und mir bittere
+Schmerzen machten. Ich empfand plötzlich, wie fremd sie mir sei, mich nicht
+kenne noch mir nachfrage, und daß mein schönes Traumbild ein Diebstahl an
+ihrem seligen Wesen sei. Und eben wenn ich das so scharf und peinigend
+fühlte, sah ich ihr Bild immer für Augenblicke so wahr und atmend lebendig
+vor Augen, daß eine dunkle, warme Woge mein Herz überflutete und mir bis in
+die fernsten Pulse seltsam wehe tat.
+
+Bei Tage geschah es mitten in einer Lehrstunde oder mitten in einem
+heftigen Raufen, daß die Woge wiederkam. Dann schloß ich die Augen, ließ
+die Hände sinken und fühlte mich in einen lauen Abgrund gleiten, bis mich
+der Aufruf des Lehrers oder der Faustschlag eines Kameraden erweckte. Ich
+entzog mich, lief ins Freie und staunte mit wunderlicher Träumerei in die
+Welt. Nun sah ich plötzlich, wie schön und farbig alles war, wie Licht und
+Atem durch alle Dinge floß, wie klargrün der Fluß und wie rot die Dächer
+und wie blau die Berge waren. Diese mich umgebende Schönheit zerstreute
+mich aber nicht, sondern ich genoß sie still und traurig. Je schöner alles
+war, desto fremder schien es mir, der ich keinen Teil daran hatte und
+außerhalb stand. Darüber fanden meine dumpfen Gedanken den Weg zu Rösi
+zurück: Wenn ich in dieser Stunde stürbe, sie würde es nicht wissen, nicht
+danach fragen, nicht darüber betrübt sein!
+
+Dennoch verlangte mich nicht danach von ihr bemerkt zu werden. Ich hätte
+gern etwas Unerhörtes für sie getan oder ihr geschenkt, ohne daß sie gewußt
+hätte von wem es kam.
+
+Und ich tat auch vieles für sie. Es kam eben eine kurze Ferienzeit und ich
+ward nach Hause geschickt. Dort leistete ich täglich allerlei Kraftstücke,
+alles in meiner Meinung Rösi zu Ehren. Einen schwierigen Gipfel erstieg ich
+von der steilsten Seite. Auf dem See machte ich übertriebene Fahrten im
+Weidling, große Entfernungen in knapper Zeit. Nach einer solchen Fahrt, da
+ich ausgebrannt und verhungert zurück kam, fiel mir ein, bis zum Abend ohne
+Speise und Trank zu bleiben. Alles für Rösi Girtanner. Ich trug ihren Namen
+und Lobpreis auf entlegene Grate und in nie besuchte Klüfte.
+
+Zugleich büßte dabei meine in der Schulstube verhockte Jugend ihre Lust.
+Die Schultern gingen mir mächtig auseinander, Gesicht und Nacken ward braun
+und überall dehnten sich und schwollen die Muskeln.
+
+Am vorletzten Ferientag brachte ich meiner Liebe ein mühseliges
+Blumenopfer. Zwar wußte ich an mehreren verlockenden Hängen auf schmalen
+Erdbändern Edelweiß stehen, aber diese duft- und farblose, krankhafte
+Silberblüte war mit stets seelenlos und wenig schön erschienen. Dafür
+kannte ich ein paar vereinsamte Alpenrosenbüsche, in die Furche einer
+kühnen Fluh verweht, spätblühend und verlockend schwer zu erreichen. Nun,
+es mußte gehen. Und da denn der Jugend und Liebe nichts unmöglich ist,
+gelangte ich mit zerschundenen Händen und krampfigen Schenkeln schließlich
+zum Ziel. Juchezen konnte ich in meiner bangen Lage nicht, aber das Herz
+jodelte und lärmte mir vor Lust, als ich vorsichtig die zähen Zweige
+durchschnitt und die Beute in den Händen hielt. Zurück mußte ich, die
+Blumen im Mund, rücklings klettern und Gott allein weiß, wie ich frecher
+Knabe heil den Fuß der Wand erreichte. Am ganzen Berg war die Blüte der
+Alpenrosen lang vorüber, ich hatte die letzten Zweige des Jahres knospend
+und zarterblühend in der Hand.
+
+Andern Tags hielt ich die Blumen während der ganzen fünfstündigen Reise in
+den Händen. Anfangs schlug das Herz mir mächtig der Stadt der schönen Rösi
+entgegen; je ferner aber das Hochgebirge ward, desto stärker zog die
+eingeborene Liebe mich zurück. Ich erinnere mich so gut an jene
+Eisenbahnfahrt! Der Sennalpstock war schon lange unsichtbar, nun sanken
+aber auch die zackigen Vorberge einer um den andern hinab und jeder löste
+sich mit feinem Wehgefühl von meinem Herzen. Nun waren alle heimischen
+Berge versunken und eine breite, niedere, hellgrüne Landschaft drängte sich
+hervor. Das hatte mich bei meiner ersten Reise gar nicht berührt. Diesmal
+aber ergriff mich Unruhe, Angst und Trauer, als wäre ich verurteilt weiter
+in immer flachere Länder hinein zu fahren und die Berge und das Bürgerrecht
+der Heimat unwiderbringlich zu verlieren. Zugleich sah ich immer das
+schöne, schmale Gesicht der Rösi vor mir stehen, so fein und fremd und kühl
+und meiner unbekümmert, daß mir Erbitterung und Schmerz den Atem verhielt.
+Vor den Fenstern glitten hintereinander die frohen, sauberen Ortschaften
+mit schlanken Türmen und weißen Giebeln vorüber und Menschen stiegen aus
+und ein, redeten, grüßten, lachten, rauchten und machten Witze, -- lauter
+fröhliche Unterländer, gewandte, freimütige und polierte Leute, und ich
+schwerer Bursch vom Oberland saß stumm und traurig und verbissen damitten.
+Ich fühlte, daß ich nicht mehr heimisch war. Ich empfand, daß ich den
+Bergen für immer entrissen war und doch nie werden würde wie ein
+Unterländer, nie so froh, so gewandt, so glatt und sicher. So einer wie
+diese würde sich immer über mich lustig machen, so einer würde die
+Girtanner einmal heiraten und so einer würde mir immer im Weg und um einen
+Schritt voraus sein.
+
+Solche Gedanken brachte ich mit zur Stadt. Dort stieg ich nach der ersten
+Begrüßung auf den Dachboden, öffnete meine Kiste und entnahm ihr einen
+großen Bogen Papier. Es war nicht vom feinsten und als ich meine Alpenrosen
+darein gewickelt und das Paket mit einem extra von Hause mitgebrachten
+Bindfaden verschnürt hatte, sah es gar nicht wie eine Liebesgabe aus.
+Ernsthaft trug ich es in die Straße, wo der Advokat Girtanner wohnte, und
+im ersten günstigen Augenblick trat ich durchs offene Tor, sah mich in der
+abendlich halblichten Hausflur ein wenig um und legte mein unförmliches
+Bündel auf der breiten, herrschaftlichen Treppe ab.
+
+Niemand sah mich und ich erfuhr nie, ob Rösi meinen Gruß zu sehen bekommen
+habe. Aber ich war an Flühen geklettert und hatte mein Leben gewagt, um
+einen Zweig Rosen auf die Treppe ihres Hauses zu legen, und darin lag etwas
+Süßes, Traurigfrohes, Poetisches, das mir wohltat und das ich noch heut
+empfinde. Nur in gottlosen Stunden scheint es mir zuweilen, als sei jenes
+Rosenabenteuer so gut wie alle meine späteren Liebesgeschichten eine
+Donquichotterie gewesen.
+
+Diese meine erste Liebe fand nie einen Abschluß, sondern verklang fragend
+und unerlöst in meine Jugendjahre und lief neben meinen späteren
+Verliebtheiten wie eine stille ältere Schwester mit. Immer noch kann ich
+mir nichts nobleres, reineres und schöneres vorstellen als jene junge,
+wohlgeborene und stillblickende Patrizierin. Und als ich manche Jahre
+später auf einer historischen Ausstellung in München jenes namenlose,
+rätselhaft liebliche Bildnis der Fuggertochter sah, erschien mir, es stehe
+meine ganze schwärmerische, traurige Jugend vor mir und schaue mich aus
+unergründlichen Augen tief und verloren an.
+
+Indessen häutete ich mich langsam und bedächtig und ward allmählich
+vollends zum Jüngling. Meine damals angefertigte Photographie zeigt einen
+knochigen, hochgewachsenen Bauernbuben in schlechten Schülerkleidern, mit
+etwas matten Augen und unfertigen, lümmelhaften Gliedmaßen. Nur der Kopf
+hat etwas Frühfertiges und Festes. Mit einer Art von Erstaunen sah ich mich
+die Manieren der Knabenzeit ablegen und erwartete mit dunkler Vorfreude die
+Studentenzeit.
+
+Ich sollte in Zürich studieren und für den Fall besonderer Leistungen
+hatten meine Gönner die Möglichkeit einer Studienreise erwähnt. All das
+erschien mir wie ein schönes, klassisches Bild: Eine ernst freundliche
+Laube mit den Büsten Homers und Platos, ich darin sitzend über Folianten
+gebückt, und auf allen Seiten ein weiter, klarer Blick auf Stadt, See,
+Berge und schöne Fernen. Mein Wesen war nüchterner und doch schwungvoller
+geworden und ich freute mich des zukünftigen Glückes mit der festen
+Zuversicht seiner würdig befunden zu werden.
+
+Im letzten Schuljahr fesselte mich das Studium des Italienischen und die
+erste Bekanntschaft mit den alten Novellisten, deren gründlicheres
+Kennenlernen ich mir als erste Liebhaberarbeit für die Zürcher Semester
+vorbehielt. Dann kam der Tag, da ich meinen Lehrern und dem Hausvater Adieu
+sagte, meine kleine Kiste packte und vernagelte und mit wohliger Wehmut
+abschiednehmend um das Haus der Rösi strich.
+
+Die Ferienzeit, die nun folgte, gab mir einen bitteren Vorschmack vom Leben
+und zerriß mir die schönen Traumflügel schnell und rauh. Zunächst fand ich
+die Mutter krank. Sie lag zu Bett, redete fast gar nichts und machte auch
+von meinem Kommen kein Aufhebens. Wehleidig war ich nicht, aber es
+schmerzte mich doch, meiner Freude und meinem jungen Stolz gar kein Echo zu
+finden. Alsdann erklärte mir mein Vater, daß er zwar nichts dagegen habe,
+wenn ich nun studieren wolle, daß er aber nicht vermöge mir Geld dazu zu
+geben. Wenn das kleine Stipendium nicht reiche, müsse ich eben sehen mir
+das Nötige zu verdienen. In meinem Alter habe er schon längst eigenes Brot
+gegessen u. s. w.
+
+Auch mit Wandern, Rudern und Bergsteigen war es diesmal nicht viel, denn
+ich mußte in Haus und Feld mitarbeiten und an den freien halben Tagen hatte
+ich zu nichts Lust, nicht einmal zum Lesen. Es empörte und ermüdete mich zu
+sehen, wie das gemeine tägliche Leben breitmäulig sein Recht forderte und
+alles fraß, was ich von Überfluß und Übermut mitgebracht hatte. Übrigens
+war mein Vater, als er die Geldfrage einmal vom Herzen hatte, nach seiner
+Art zwar rauh und kurz, aber nicht unfreundlich gegen mich, doch hatte ich
+keine Freude daran. Auch daß meine Schulbildung und meine Bücher ihm einen
+stillen, halbverächtlichen Respekt einflößten, störte mich und tat mir
+leid. Und dann dachte ich auch oft an Rösi und hatte wieder das böse,
+rechthaberische Gefühl meines bauernhaften Unvermögens, je in der »Welt«
+einen sicheren und beweglichen Mann abzugeben. Ich besann mich sogar
+tagelang, ob es nicht besser sei dazubleiben und mein Latein und meine
+Hoffnungen im zähen, trüben Zwang des armseligen heimischen Lebens zu
+vergessen. Gequält und verdrossen ging ich umher und fand auch am Bett der
+kranken Mutter nicht Trost noch Ruhe. Das Bild jener Traumlaube mit der
+Homerbüste erschien höhnisch wieder und ich zerstörte es und goß allen
+Grimm und alle Feindseligkeit meines zerplagten Wesens darüber. Die Wochen
+wurden unausstehlich lang, als sollte ich an diese hoffnungslose Zeit des
+Ärgers und Zwiespalts meine ganze Jugend verlieren.
+
+War ich erstaunt und empört gewesen, das Leben meine glückliche Träumerei
+so rasch und gründlich zerstören zu sehen, so kam ich nun in die Lage zu
+erstaunen, wie plötzlich und mächtig auch der jetzigen Quälerei ein
+Überwinder erwuchs. Das Leben hatte mir seine graue Werktagsseite gezeigt,
+nun trat es plötzlich mit seinen ewigen Tiefen vor mein befangenes Auge und
+belud meine Jugend mit einer schlichten, mächtigen Erfahrung.
+
+Früh am Morgen eines heißen Sommertags litt ich im Bette Durst und stand
+auf, um in die Küche zu gehen, wo stets eine Kufe frischen Wassers stand.
+Dabei mußte ich durchs Schlafzimmer der Eltern gehen, wo mir das sonderbare
+Stöhnen der Mutter auffiel. Ich trat an ihr Bett, doch sah sie mich nicht
+und gab keine Antwort, sondern stöhnte trocken und angstvoll vor sich hin,
+zuckte mit den Lidern und war bläulich blaß im Gesicht. Dies erschreckte
+mich nicht sonderlich, obwohl mir etwas ängstlich wurde. Aber dann sah ich
+ihre beiden Hände auf den Laken liegen, still und wie schlafende
+Geschwister. An diesen Händen sah ich, daß meine Mutter im Sterben lag,
+denn sie waren schon so seltsam todmüde und willenlos, wie sie kein
+Lebender hat. Ich vergaß meinen Durst, kniete neben dem Lager nieder, legte
+der Kranken die Hand auf die Stirn und suchte ihren Blick. Da er mich traf,
+war er gut und ohne Qual, aber nahe am Erlöschen. Es fiel mir nicht ein,
+daß ich den Vater wecken müsse, der nebenan mit hartem Atmen schlief. So
+kniete ich denn nahezu zwei Stunden und sah meine Mutter den Tod erleiden.
+Sie litt ihn stille, ernst und tapfer, wie es ihrer Art zukam, und hat mir
+ein gutes Vorbild gegeben.
+
+Das Stüblein war stille und füllte sich langsam mit der Helle des
+heraufsteigenden Morgens; Haus und Dorf lag schlafend und ich hatte Muße,
+in Gedanken die Seele eines Sterbenden zu begleiten, über Haus und Dorf und
+See und Schneegipfel hinweg in die kühle Freiheit eines reinen
+Frühmorgenhimmels hinein. Schmerz fühlte ich wenig, denn ich war voll
+Staunen und Ehrfurcht zusehen zu dürfen, wie ein großes Rätsel sich löste
+und wie der Ring eines Lebens sich mit leisem Erzittern schloß. Auch war
+die klaglose Tapferkeit der Scheidenden so erhaben, daß von ihrer herben
+Glorie ein kühlend klarer Strahl auch in meine Seele fiel. Daß der Vater
+daneben schlief, daß kein Priester da war, daß weder Sakrament noch Gebet
+die heimkehrende Seele heiligend begleitete, empfand ich nicht. Ich spürte
+nur einen schauernden Hauch der Ewigkeit durch die dämmernde Stube fluten
+und sich mit meinem Wesen vermischen.
+
+Im letzten Augenblick, die Augen waren schon erloschen, küßte ich zum
+ersten mal in meinem Leben meiner Mutter kühlen, welken Mund. Dann überlief
+die fremde Kühle der Berührung mich mit plötzlichem Grausen, ich setzte
+mich auf den Rand des Bettes und fühlte, daß mir langsam und zögernd eine
+große Träne um die andere über Wangen, Kinn und Hände lief.
+
+Bald darauf erwachte der Vater, sah mich dasitzen und rief mich
+schlaftrunken an, was es gäbe. Ich wollte ihm Antwort geben, konnte aber
+nichts sagen, sondern ging aus der Stube, kam wie im Traum in meine Kammer
+und zog langsam und unbewußt meine Kleider an. Bald erschien der Alte bei
+mir.
+
+»Die Mutter ist tot,« sagte er. »Hast du's gewußt?«
+
+Ich nickte.
+
+»Warum hast du mich schlafen lassen? Und kein Priester ist dagewesen! Dich
+soll doch --« er tat einen schweren Fluch.
+
+Da tat irgend etwas in meinem Kopf mir weh, wie wenn eine Ader gesprungen
+wäre. Ich trat auf ihn zu und nahm ihn fest bei beiden Händen -- er war an
+Stärke ein Knabe gegen mich, und sah ihm ins Gesicht. Sagen konnte ich
+nichts, aber er ward still und beklommen und als wir darauf beide zur
+Mutter hinüber gingen, ergriff auch ihn die Gewalt des Todes und machte
+sein Gesicht fremd und feierlich. Dann bückte er sich über die Tote und
+begann ganz leise und kindlich zu klagen, fast wie ein Vogel, in hohen
+schwachen Tönen. Ich ging weg und brachte den Nachbarn die Nachricht. Sie
+hörten mich an, stellten keine Fragen, sondern gaben mir die Hand und boten
+unsrem verwaisten Haushalt ihre Hilfe an. Einer lief den Weg ins Kloster,
+um einen Pater zu holen, und da ich heimkehrte, war schon eine Nachbarin in
+unsrem Stall und versorgte die Kuh.
+
+Der Hochwürdige kam, und fast alle Frauen des Orts kamen, alles geschah
+pünktlich und richtig wie von selber, sogar der Sarg ward ohne unser Zutun
+besorgt und ich konnte zum erstenmal deutlich sehen, wie gut es in schweren
+Lagen ist, heimisch zu sein und einer kleinen, sicheren Gemeinschaft
+anzugehören. Am andern Tage hätte ich mir das vielleicht noch tiefer
+überlegen sollen
+
+Als nämlich der Sarg gesegnet und versenkt und die wunderliche Schar
+wehmütig altmodischer, borstiger Cylinderhüte verschwunden war, auch der
+meines Alten, jeder in seine Schachtel und seinen Schrank, da wandelte
+meinen armen Vater eine Schwäche an. Er begann plötzlich sich selbst zu
+bemitleiden und hielt mir in sonderbaren, großenteils biblischen
+Redewendungen sein Elend vor, daß er nun, da sein Weib begraben sei, auch
+noch seinen Sohn verlieren und in die Fremde fahren sehen müsse. Es nahm
+kein Ende, ich hörte erschrocken zu und war beinahe bereit, ihm das
+Dableiben zu versprechen.
+
+In diesem Augenblick, ich hatte schon zur Antwort angesetzt, geschah mir
+etwas Merkwürdiges. Es erschien mir plötzlich, in einer einzigen Sekunde,
+alles das, was ich von klein auf gedacht und erwünscht und sehnlich erhofft
+hatte, zusammengedrängt vor einem plötzlich aufgetanen innerlichen Auge.
+Ich sah große, schöne Arbeiten auf mich warten, zu lesende Bücher und zu
+schreibende Bücher. Ich hörte den Föhn gehen und sah ferne, selige Seeen
+und Ufer in südlichen Farben erglänzend liegen. Ich sah Menschen mit
+klugen, geistigen Gesichtern wandeln und schöne, feine Frauen, sah Straßen
+laufen und Pässe über Alpen führen und Eisenbahnen durch Länder hasten,
+alles zugleich und jedes doch für sich und deutlich, und hinter allem die
+unbegrenzte Ferne eines klaren Horizontes, von treibenden Flugwolken
+durchschnitten. Lernen, schaffen, schauen, wandern -- die ganze Fülle des
+Lebens glänzte in flüchtigem Silberblick vor meinem Auge auf, und wieder
+wie in Knabenzeiten zitterte etwas in mir mit unbewußt mächtigem Zwang der
+großen Weite der Welt entgegen.
+
+Ich schwieg und ließ den Vater reden, schüttelte nur den Kopf und wartete,
+bis sein Ungestüm ermüdete. Das geschah erst am Abend. Nun erklärte ich ihm
+meinen festen Entschluß zu studieren und meine künftige Heimat im Reich des
+Geistes zu suchen, von ihm aber keine Unterstützungen zu begehren. Er drang
+denn auch nicht weiter in mich und sah mich nur wehleidig und
+kopfschüttelnd an. Denn auch er begriff, daß ich von jetzt an eigene Wege
+gehen und seinem Leben schnell vollends fremd werden würde. Als ich heute
+beim Schreiben mich des Tages erinnerte, sah ich meinen Vater wieder so wie
+er an jenem Abend im Stuhl beim Fenster saß. Sein scharfer, kluger
+Bauernkopf steht unbeweglich auf dem dünnen Hals, das kurze Haar beginnt zu
+grauen und in den harten, strengen Zügen kämpft mit der zähen Männlichkeit
+das Leid und das hereinbrechende Alter.
+
+Von ihm und von meinem damaligen Aufenthalt unter seinem Dach bleibt mir
+noch ein kleines, nicht unwichtiges Ereignis zu erzählen. In der letzten
+Woche vor meiner Abreise setzte eines Abends mein Vater seine Mütze auf und
+nahm den Türgriff in die Hand. »Wo gehst du hin?« fragte ich. »Geht's dich
+was an?« sagte er. »Könntest mir's auch sagen, wenn's nichts Unrechtes
+ist,« meinte ich. Da lachte er und rief: »Kannst auch mitkommen, bist ja
+keiner von den Kleinsten mehr.« So ging ich denn mit. Ins Wirtshaus. Ein
+paar Bauern saßen da vor einem Krug Hallauer, zwei fremde Fuhrleute tranken
+Absinth, ein Tisch voll junger Burschen spielte Jaß und spektakelte
+mächtig.
+
+Ich war gewohnt zuweilen ein Glas Wein zu trinken, doch war es nun zum
+ersten Mal daß ich ohne Not ein Schankhaus betrat. Daß mein Vater ein
+gediegener Zecher sei, wußte ich vom Hörensagen. Er trank viel und gut und
+dadurch blieb sein Hauswesen, ohne daß er es sonst ernstlich vernachlässigt
+hätte, immer in einer hoffnungslosen Kümmerlichkeit stecken. Es fiel mir
+auf, wie viel Achtung ihm von Wirt und Gästen gezeigt wurde. Er ließ einen
+Liter Waadtländer bringen, hieß mich einschenken und belehrte mich darüber,
+wie das zu machen sei. Man müsse niedrig einschenken, dann den Strahl mäßig
+verlängern und zum Schluß die Flasche wieder so tief als möglich senken.
+Darauf begann er von verschiedenen Weinen zu erzählen, die er kannte und
+die er bei seltenen Gelegenheiten, wenn er etwa einmal zur Stadt oder ins
+Welsche hinüber kam, zu genießen pflegte. Er sprach mit ernster Achtung vom
+tiefroten Veltliner, von welchem er drei Arten unterschied. Hierauf kam er
+mit leiserer, eindringender Stimme auf gewisse Waadtländer Flaschenweine zu
+sprechen. Fast flüsternd und mit der Miene eines Märchenerzählers
+berichtete er zuletzt vom Wein von Neuchâtel. Von diesem gäbe es Jahrgänge,
+deren Schaum beim Einschenken im Glase einen Stern bilde. Und er zeichnete
+den Stern mit angefeuchtetem Zeigefinger auf den Tisch. Dann versank er in
+ungeheuerliche Mutmaßungen über das Wesen und den Geschmack des
+Champagners, den er nie getrunken hatte und von welchem er glaubte, daß
+eine Flasche davon zwei Mann stocksternhagelbetrunken mache.
+
+Verstummend und nachdenklich zündete er sich eine Pfeife an. Dabei bemerkte
+er, daß ich nichts zu rauchen habe, und gab mir zehn Rappen für Cigarren.
+Und dann saßen wir einander gegenüber, bliesen uns den Rauch ins Gesicht
+und tranken langsam schlürfend den ersten Liter leer. Der gelbe, pikante
+Waadtländer schmeckte mir vorzüglich. Allmählich wagten die Bauern am
+Nebentisch sich mit ins Gespräch und schließlich siedelte einer nach dem
+andern räuspernd und vorsichtig zu uns über. Bald kam auch ich in den
+Mittelpunkt und es zeigte sich, daß mein Ruf als Bergsteiger noch nicht
+vergessen war. Allerlei verwegene Aufstiege und tolle Abstürze, in
+mythische Nebel gehüllt, wurden erzählt, bestritten und verteidigt.
+Mittlerweile waren wir schon fast mit dem zweiten Liter fertig und mir
+sauste das Blut in den Augen. Ganz gegen meine Natur begann ich laut zu
+prahlen und erzählte auch die freche Kletterei an der oberen
+Sennalpstockwand, wo ich die Alpenrosen für Rösi Girtanner geholt hatte.
+Man glaubte mir nicht, ich beteuerte, man lachte, ich ward zornig. Ich
+forderte jeden der mir nicht glaubte, zum Ringen heraus und ließ merken,
+daß ich zur Not sie alle miteinander zu zwingen denke. Da ging ein altes,
+krummes Bäuerlein in die Kredenz, brachte einen großen Steingutkrug und
+legte ihn der Länge nach auf den Tisch.
+
+»Ich will dir was sagen,« lachte er. »Wenn du so stark bist, so hau den
+Krug mit der Faust zusammen. Dann zahlen wir dir so viel Wein, als er faßt.
+Wenn du es nicht kannst, zahlst aber du den Wein.«
+
+Mein Vater stimmte sogleich zu. Also stand ich auf, wickelte mein
+Taschentuch um die Hand und schlug. Die zwei ersten Schläge taten keine
+Wirkung. Beim dritten ging der Krug in Stücke. »Zahlen!« rief mein Vater
+und glänzte vor Wonne, der Alte schien einverstanden. »Gut,« sagte er, »ich
+zahl' Wein, soviel in den Krug geht. Wird aber nimmer viel sein.« Freilich
+faßte der Scherben keinen Schoppen mehr und ich hatte zum Schmerz im Arm
+noch den Spott. Auch mein Vater lachte mich jetzt aus.
+
+»Nun, so hast du gewonnen,« schrie ich, schenkte den Scherben aus unsrer
+Flasche voll und goß ihn dem Alten über den Kopf. Nun waren wir wieder die
+Sieger und hatten den Beifall der Gäste.
+
+Derlei starke Scherze wurden noch mehr getrieben. Dann schleppte mein Vater
+mich nach Hause und wir polterten aufgeregt und unwirsch durch die Stube,
+in welcher vor noch nicht drei Wochen der Sarg der Mutter gestanden hatte.
+Ich schlief wie ein Toter und war am Morgen ganz verwüstet und zerbrochen.
+Der Vater spottete, war munter und heiter und freute sich sichtlich seiner
+Überlegenheit. Ich aber schwor im stillen, nie mehr zu zechen, und wartete
+sehnlichst auf den Tag der Abreise.
+
+Der Tag kam und ich reiste ab, den Schwur aber habe ich nicht gehalten. Der
+gelbe Waadtländer, der tiefrote Veltliner, der Neuenburger Sternwein und
+viele andere Weine sind mir seither bekannt und gute Freunde geworden.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Aus der nüchternen und drückenden Luft der Heimat herausgekommen, tat ich
+große Flügelschläge der Wonne und Freiheit. Wenn ich sonst im Leben je und
+je zu kurz gekommen bin, so habe ich doch die absonderliche, schwärmerische
+Lust der Jugendzeit reich und rein genossen. Gleich einem jungen Krieger,
+der am blühenden Waldrand rastet, lebte ich in seliger Unruhe zwischen
+Kampf und Getändel; und wie ein ahnungsvoller Seher stand ich an dunkeln
+Abgründen, dem Brausen großer Ströme und Stürme lauschend und die Seele
+gerüstet den Zusammenklang der Dinge und die Harmonie alles Lebens zu
+vernehmen. Tief und beglückt trank ich aus den vollen Bechern der Jugend,
+litt in der Stille süße Leiden um schöne, scheu verehrte Frauen und kostete
+das edelste Jugendglück einer männlich frohen, reinen Freundschaft bis zum
+Grunde.
+
+In einem neuen Bukskinanzug und mit einer kleinen Kiste voll Bücher und
+sonstiger Habe kam ich angefahren, bereit mir ein Stück Welt zu erobern und
+so bald als möglich den Rauhbeinen daheim zu beweisen, daß ich aus einem
+anderen Holze als die übrigen Camenzinde geschnitten sei. Drei wundervolle
+Jahre wohnte ich in derselben weithinblickenden, windigen Mansarde, lernte,
+dichtete, sehnte mich und fühlte alle Schönheit der Erde mich mit warmer
+Nähe umgeben. Nicht jeden Tag hatte ich etwas Warmes zu essen, aber jeden
+Tag und jede Nacht und jede Stunde sang und lachte und weinte mir das Herz,
+einer starken Freude voll, und hielt das liebe Leben heiß und sehnlich an
+sich gedrückt.
+
+Zürich war die erste große Stadt, die ich grüner Peter zu sehen bekam, und
+ein paar Wochen lang machte ich beständig große Augen. Das städtische Leben
+aufrichtig zu bewundern oder zu beneiden, fiel mir zwar nicht ein -- darin
+war ich eben ein Bauer; aber ich hatte Freude an dem Vielerlei der Straßen,
+Häuser und Menschen. Ich beschaute die von Wagen belebten Gassen, die
+Schifflände, Plätze, Gärten, Prunkbauten und Kirchen; ich sah fleißige
+Leute in Scharen zur Arbeit laufen, sah Studenten bummeln, Vornehme
+ausfahren, Gecken sich brüsten, Fremde umherschlendern. Die modisch
+eleganten, hoffärtigen Weiber der Reichen kamen mir wie Pfauen im
+Hühnerhofe vor, hübsch, stolz und ein wenig lächerlich. Schüchtern war ich
+eigentlich nicht, nur steif und trotzig, und ich zweifelte nicht, daß ich
+ganz der Kerl dazu sei, dies rege Leben der Städte gründlich kennen zu
+lernen und später selber einmal meinen sicheren Platz darin zu finden.
+
+Die Jugend traf mich an in der Gestalt eines schönen, jungen Menschen, der
+in derselben Stadt studierte und im ersten Stockwerk meines Hauses zwei
+hübsche Zimmer gemietet hatte. Jeden Tag hörte ich ihn unten Klavier
+spielen und spürte dabei zum erstenmal etwas vom Zauber der Musik, der
+weiblichsten und süßesten Kunst. Dann sah ich den hübschen Jungen das Haus
+verlassen, ein Buch oder Notenheft in der Linken, in der Rechten die
+Cigarette, deren Rauch hinter seinem biegsam schlanken Gang verwirbelte.
+Mich zog eine scheue Liebe zu ihm hin, doch blieb ich abgesondert und
+fürchtete mich mit einem Menschen Umgang zu haben, neben dessen leichtem,
+freiem und wohlhabendem Wesen meine Armut und mein Mangel an Lebensart mich
+nur demütigen würde. Da kam er selber zu mir. Eines Abends klopfte es an
+meiner Tür und ich erschrak ein wenig; denn ich hatte noch nie Besuch bei
+mir gesehen. Der schöne Student trat ein, gab mir die Hand, nannte seinen
+Namen und tat so frei und fröhlich, als wären wir alte Bekannte.
+
+»Ich wollte fragen ob Sie nicht Lust hätten ein wenig mit mir zu
+musizieren,« sagte er freundlich. Aber ich hatte in meinem Leben nie ein
+Instrument berührt. Ich sagte ihm das und fügte hinzu, daß ich außer Jodeln
+keinerlei Künste verstehe, doch habe mir sein Klavierspiel oft schön und
+verlockend heraufgeklungen.
+
+»Wie man sich täuschen kann!« rief er lustig. »Ihrem Äußeren nach hätte ich
+geschworen, Sie seien Musiker. Merkwürdig! Aber Sie können jodeln? O bitte,
+jodeln Sie doch einmal! Ich höre es ums Leben gern.«
+
+Ich war ganz bestürzt und erklärte ihm, daß ich so auf Verlangen und in der
+Stube drin durchaus nicht jodeln könne. Das müsse auf einem Berge oder
+mindestens im Freien und ganz aus eigener Lust geschehen.
+
+»Dann jodeln Sie also auf einem Berge! Vielleicht morgen? Ich bitte Sie
+sehr darum. Wir könnten etwa gegen Abend miteinander ausfliegen. Wir
+bummeln und plaudern ein wenig, droben jodeln Sie dann, und nachher essen
+wir in irgend einem Dorf zu Nacht. Sie haben doch Zeit?«
+
+O ja, Zeit genug. Ich sagte eilig zu. Und dann bat ich ihn, mir etwas
+vorzuspielen, und stieg mit ihm in seine schöne, große Wohnung hinunter.
+Ein paar modern eingerahmte Bilder, das Klavier, eine gewisse zierliche
+Unordnung und ein feiner Cigarettenduft erzeugten in dem hübschen Raum eine
+Art von freier und behaglicher Eleganz und wohnlicher Stimmung, die mir
+ganz neu war. Richard setzte sich ans Klavier und spielte ein paar Takte.
+
+»Sie kennen das, nicht wahr?« nickte er herüber und sah prachtvoll aus, wie
+er so vom Spielen weg den hübschen Kopf herüberbog und mich glänzend ansah.
+
+»Nein,« sagte ich, »ich kenne nichts.«
+
+»Es ist Wagner,« rief er zurück, »aus den Meistersingern,« und spielte
+weiter. Es klang leicht und kräftig, sehnsüchtig und heiter, und umfloß
+mich wie ein laues, erregendes Bad. Zugleich betrachtete ich mit heimlicher
+Lust den schlanken Nacken und Rücken des Spielers und seine weißen
+Musikerhände, und dabei überlief mich dasselbe scheue und bewundernde
+Gefühl von Zärtlichkeit und Achtung, mit dem ich früher jenen
+dunkelhaarigen Schüler betrachtet hatte, zusammen mit der schüchternen
+Ahnung, dieser schöne vornehme Mensch würde vielleicht wirklich mein Freund
+werden und meine alten, nicht vergessenen Wünsche nach einer solchen
+Freundschaft wahr machen.
+
+Tags darauf holte ich ihn ab. Langsam und plaudernd erstiegen wir einen
+mäßigen Hügel, überschauten Stadt, See und Gärten und genossen die satte
+Schönheit des Vorabends.
+
+»Und nun jodeln Sie!« rief Richard. »Wenn Sie sich immer noch genieren, so
+drehen Sie mir den Rücken zu. Aber bitte, laut!«
+
+Er konnte zufrieden sein. Ich jodelte wütend und frohlockend in die rosige
+Abendweite hinein, in allen Tonarten und Brechungen. Als ich aufhörte,
+wollte er etwas sagen, hielt aber sogleich wieder inne und deutete horchend
+gegen die Berge. Von einer fernen Höhe her kam Antwort, leise, langgezogen
+und schwellend, der Gruß eines Hirten oder Wanderers, und wir hörten still
+und freudig zu. Während dieses gemeinsamen Stehens und Lauschens überrann
+mich mit köstlichem Schauer die Empfindung, zum erstenmal neben einem
+Freunde zu stehen und so zu zweien in schöne, rosig verwölkte Lebensweiten
+zu blicken. Der abendliche See begann sein weiches Farbenspiel und kurz vor
+Sonnenuntergang sah ich aus zerfließendem Gedünste ein paar trotzige, frech
+gezackte Alpengipfel hervortreten.
+
+»Dort ist meine Heimat,« sagte ich. »Die mittlere Schroffe ist die rote
+Fluh, rechts das Geishorn, links und weiter entfernt der runde
+Sennalpstock. Ich war zehn Jahr und drei Wochen alt, als ich zum erstenmal
+auf dieser breiten Kuppe stand.«
+
+Ich strengte die Augen an, um etwa noch einen der südlicheren Gipfel zu
+erspähen. Nach einer Weile sagte Richard etwas, das ich nicht verstand.
+
+»Was sagten Sie?« fragte ich.
+
+»Ich sage, daß ich nun weiß, welche Kunst Sie treiben.«
+
+»Welche denn?«
+
+»Sie sind Dichter.«
+
+Da wurde ich rot und ärgerlich und war zugleich erstaunt, wie er das
+erraten habe.
+
+»Nein,« rief ich, »ein Dichter bin ich nicht. Ich habe zwar auf der Schule
+Verse gemacht, aber nun schon lang keine mehr.«
+
+»Darf ich die einmal sehen?«
+
+»Sie sind verbrannt. Aber Sie dürften sie doch nicht sehen, auch wenn ich
+sie noch hätte.«
+
+»Es waren gewiß sehr moderne Sachen, mit viel Nietzsche drin?«
+
+»Was ist das?«
+
+»Nietzsche? Ja großer Gott, kennen Sie den nicht?«
+
+»Nein. Woher soll ich ihn kennen?«
+
+Nun war er entzückt, daß ich Nietzsche nicht kannte. Ich aber wurde
+ärgerlich und fragte, über wieviel Gletscher er schon gegangen sei. Als er
+sagte über keinen, tat ich darüber ebenso spöttisch erstaunt wie er vorher
+über mich. Da legte er mir die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst: »Sie
+sind empfindlich. Aber Sie wissen ja selber gar nicht, was für ein
+beneidenswert unverdorbener Mensch Sie sind und wie wenig solche es gibt.
+Sehen Sie, in einem Jahr oder zwei werden Sie Nietzsche und all den Kram ja
+auch kennen, viel besser als ich, da Sie gründlicher und gescheiter sind.
+Aber gerade so, wie Sie jetzt sind, hab ich Sie gern. Sie kennen Nietzsche
+nicht und Wagner nicht, aber Sie sind viel auf Schneebergen gewesen und
+haben so ein tüchtiges Oberländergesicht. Und ganz gewiß sind Sie auch ein
+Dichter. Ich kann das am Blick und an der Stirn sehen.«
+
+Auch das, daß er so freimütig und ungeniert mich betrachtete und seine
+Meinung herausplauderte, erstaunte mich und kam mir ungewöhnlich vor.
+
+Noch viel erstaunter und glücklicher war ich aber, als er acht Tage später
+in einem vielbesuchten Biergarten Brüderschaft mit mir schloß, vor allen
+Leuten aufsprang, mich küßte und umfaßte und mit mir wie verrückt um den
+Tisch herum tanzte.
+
+»Was werden die Leute denken!« warnte ich ihn schüchtern.
+
+»Sie werden denken: die zwei sind außerordentlich glücklich oder ganz
+außerordentlich besoffen; die meisten aber werden gar nichts denken.«
+
+Überhaupt schien Richard mir oft, obwohl er älter, klüger, besser erzogen
+und in allem beschlagener und raffinierter war als ich, doch im Vergleich
+mit mir das reine Kind zu sein. Auf der Straße machte er halbwüchsigen
+Schulmädchen feierlich-spöttisch den Hof, die ernsthaftesten Klavierstücke
+unterbrach er unerwartet mit völlig kindischen Witzen, und als wir einmal
+Spaßes halber in eine Kirche gegangen waren, sagte er plötzlich mitten
+während der Predigt nachdenklich und wichtig zu mir: »Du, findest du nicht,
+der Pfarrer sieht aus wie ein Kaninchengreis?« Der Vergleich traf zu, ich
+fand aber, er hätte mir das auch nachher mitteilen können, und sagte ihm
+das.
+
+»Wenn es doch richtig war!« schmollte er. »Bis nachher hätte ich es
+wahrscheinlich wieder vergessen.«
+
+Daß seine Witze keineswegs immer geistreich waren, häufig sogar nur auf das
+Citieren eines Buschverses hinausliefen, störte weder mich noch andere,
+denn was wir an ihm liebten und bewunderten, war nicht Witz und Geist,
+sondern die unbezwingliche Heiterkeit seines lichten, kindlichen Wesens,
+welche jeden Augenblick hervorbrach und ihn mit einer leichten, fröhlichen
+Atmosphäre umgab. Sie konnte sich in einer Geberde, in einem leisen Lachen,
+in einem fidelen Blicke äußern, aber lange sich verbergen konnte sie nicht.
+Ich bin überzeugt, daß er auch im Schlaf zuweilen lachen oder eine Geste
+der Heiterkeit machen mußte.
+
+Richard brachte mich häufig mit andern jungen Leuten zusammen, Studenten,
+Musikanten, Malern, Literaten, allerlei Ausländern, denn was an
+interessanten, kunstliebenden und aparten Personen in der Stadt herumlief,
+geriet in seinen Umgang. Es waren manche ernste und heftig ringende Geister
+dabei, Philosophen, Ästhetiker und Sozialisten, und von vielen konnte ich
+ein gutes Stück lernen. Kenntnisse aus den verschiedensten Gebieten flogen
+mir stückweise an, ich ergänzte und las viel nebenher, und so gewann ich
+allmählich eine gewisse Vorstellung von dem, was die regsamsten Köpfe der
+Zeit plagte und bannte, und bekam einen wohltätig anspornenden Einblick in
+die geistige Internationale. Ihre Wünsche, Ahnungen, Arbeiten und Ideale
+waren mir anziehend und verständlich, ohne daß ein starker eigener Trieb
+mich genötigt hätte, für oder wider mitzustreiten. Bei den meisten fand ich
+alle Energie des Gedankens und der Leidenschaft auf Zustände und
+Einrichtungen der Gesellschaft, des Staates, der Wissenschaften, der
+Künste, der Lehrmethoden gerichtet, die wenigsten aber schienen mir das
+Bedürfnis zu kennen, ohne äußeren Zweck an sich selber zu bauen und ihr
+persönliches Verhältnis zur Zeit und Ewigkeit zu klären. Auch in mir selber
+lag dieser Trieb noch zumeist im Halbschlummer.
+
+Freundschaften schloß ich keine mehr, da ich Richard ausschließlich und mit
+Eifersucht liebte. Auch den Frauen, mit denen er viel und vertraut umging,
+suchte ich ihn zu entziehen. Die kleinsten mit ihm getroffenen
+Verabredungen hielt ich peinlich genau und war empfindlich, wenn er mich
+warten ließ. Einmal bat er mich, ihn zu einer bestimmten Stunde zum Rudern
+abzuholen. Ich kam, fand ihn aber nicht zuhause und wartete drei Stunden
+vergebens auf sein Kommen. Tags darauf warf ich ihm seine Nachlässigkeit
+heftig vor.
+
+»Warum bist du denn nicht einfach allein rudern gegangen?« lachte er
+verwundert. »Ich hatte die Sache ganz vergessen; das ist doch schließlich
+kein Unglück.«
+
+»Ich bin gewohnt mein Wort pünktlich zu halten,« antwortete ich heftig.
+»Aber freilich bin ich auch daran gewöhnt, daß du dir wenig daraus machst,
+mich irgendwo auf dich warten zu wissen. Wenn man so viele Freunde hat wie
+du!«
+
+Er sah mich mit maßlosem Erstaunen an.
+
+»Ja, so ernst nimmst du jede Bagatelle?«
+
+»Meine Freundschaft ist mir keine Bagatelle.«
+
+ »Dies Wort drang ihm in die Natur,
+ So daß er schleunigst Bessrung schwur,«
+
+zitierte Richard feierlich, faßte mich um den Kopf, rieb nach
+orientalischem Liebesbrauch seine Nasenspitze an der meinen und liebkoste
+mich, bis ich ärgerlich lachend mich ihm entzog; die Freundschaft aber war
+wieder heil.
+
+In meiner Mansarde lagen in entlehnten, oft kostbaren Bänden die modernen
+Philosophen, Dichter und Kritiker, literarische Revuen aus Deutschland und
+Frankreich, neue Theaterstücke, Pariser Feuilletons und Wiener
+Modeästheten. Ernster und liebevoller als mit diesen rasch gelesenen Sachen
+beschäftigte ich mich mit meinen altitalienischen Novellisten und mit
+historischen Studien. Mein Wunsch war, baldmöglichst die Philologie
+beiseite zu legen und einzig Geschichte zu studieren. Neben Werken über
+Gesamtgeschichte und historische Methode las ich namentlich Quellen und
+Monographieen über die Zeit des Spätmittelalters in Italien und Frankreich.
+Dabei lernte ich zum erstenmal meinen Liebling unter den Menschen, Franz
+von Assisi, den seligsten und göttlichsten aller Heiligen, genauer kennen.
+Und so ward mein Traum, in dem ich die Fülle des Lebens und Geistes vor mir
+eröffnet gesehen hatte, täglich wahr und erwärmte mir das Herz mit Ehrgeiz,
+Freude und Jugendeitelkeit. Im Hörsaal nahm mich die ernste, etwas herbe
+und gelegentlich etwas langweilige Wissenschaft in Anspruch. Zuhause kehrte
+ich bei den heimelig frommen oder schauerlichen Geschichten des
+Mittelalters oder bei den behaglichen alten Novellisten ein, deren schöne
+und wohlige Welt mich wie ein schattiger, dämmernder Märchenwinkel
+umschloß, oder ich fühlte die wilde Woge moderner Ideale und Leidenschaften
+über mich weg rollen. Dazwischen hörte ich Musik, lachte mit Richard, nahm
+an den Zusammenkünften seiner Freunde Teil, verkehrte mit Franzosen,
+Deutschen, Russen, hörte sonderbare moderne Bücher vorlesen, trat da und
+dort in die Ateliers der Maler oder wohnte Abendgesellschaften bei, in
+denen eine Menge aufgeregter und unklarer junger Geister erschien und mich
+wie ein phantastischer Karneval umgab.
+
+Eines Sonntags besuchte Richard mit mir eine kleine Ausstellung neuer
+Gemälde. Mein Freund blieb vor einem Bilde stehen, das eine Alp mit ein
+paar Ziegen vorstellte. Es war fleißig und nett gemalt, aber ein wenig
+altmodisch und eigentlich ohne rechten künstlerischen Kern. Man sieht in
+jedem beliebigen Salon genug solche hübsche, wenig bedeutende Bildchen.
+Immerhin erfreute es mich als eine ziemlich treue Darstellung der
+heimatlichen Almen. Ich fragte Richard, was ihn denn an dem Bildchen
+anziehe.
+
+»Das hier,« sagte er und deutete auf den Malernamen in der Ecke. Ich konnte
+die rotbraunen Buchstaben nicht entziffern. »Das Bild,« sagte Richard, »ist
+keine große Leistung. Es gibt schönere. Aber es gibt keine schönere Malerin
+als die, die das gemacht hat. Sie heißt Erminia Aglietti und wenn du
+willst, können wir morgen zu ihr gehen und ihr sagen, sie sei eine große
+Malerin.«
+
+»Kennst du sie?«
+
+»Jawohl. Wenn ihre Bilder so schön wären wie sie selber, dann wäre sie
+schon lange reich und würde keine mehr malen. Sie tut es nämlich ohne Lust
+und nur, weil sie zufällig nichts anderes gelernt hat, wovon sie leben
+könnte.«
+
+Richard vergaß die Sache wieder und kam erst ein paar Wochen später darauf
+zurück.
+
+»Ich bin gestern der Aglietti begegnet. Wir wollten sie ja eigentlich
+neulich schon besuchen. Also komm! Du hast doch einen reinen Kragen? Sie
+sieht nämlich darauf.«
+
+Der Kragen war rein und wir gingen zusammen zur Aglietti, ich mit einigem
+inneren Widerstreben, denn der freie, etwas burschikose Verkehr Richards
+und seiner Kameraden mit Malweibern und Studentinnen hatte mir nie
+gefallen. Die Männer waren dabei ziemlich rücksichtslos, bald grob, bald
+ironisch; die Mädchen aber waren praktisch, klug und gerissen und nirgends
+war etwas von dem verklärenden Duft zu merken, in welchem ich die Frauen
+gerne sah und verehrte.
+
+Etwas befangen trat ich in das Atelier. Mit der Luft der Malerwerkstätten
+war ich zwar wohl vertraut, doch betrat ich jetzt zum erstenmal ein
+Frauenatelier. Es sah recht nüchtern und sehr ordentlich aus. Drei oder
+vier fertige Bilder hingen in Rahmen, eines stand noch kaum ganz untermalt
+auf der Staffelei. Den Rest der Wände bedeckten sehr saubere, appetitlich
+aussehende Bleistiftskizzen und ein halbleerer Bücherschrank. Die Malerin
+nahm unsre Begrüßung kühl entgegen. Sie legte den Pinsel weg und lehnte
+sich im Malschurz gegen den Schrank und es sah aus, als verlöre sie nicht
+gerne viel Zeit an uns.
+
+Richard machte ihr ungeheuerliche Komplimente über das ausgestellte Bild.
+Sie lachte ihn aus und verbat es sich.
+
+»Aber Fräulein, ich konnte ja im Sinn haben das Bild zu kaufen! Übrigens
+sind die Kühe darauf von einer Wahrheit --«
+
+»Es sind ja Ziegen,« sagte sie ruhig.
+
+»Ziegen? Natürlich Ziegen! Von einem Studium, wollte ich sagen, das mich
+verblüfft hat. Es sind Ziegen, wie sie leben, so recht ziegenmäßig. Fragen
+Sie meinen Freund Camenzind, der selbst ein Sohn der Berge ist; er wird mir
+Recht geben.«
+
+Hier fühlte ich, während ich verlegen und belustigt dem Geschwätz zuhörte,
+mich vom Blick der Malerin überflogen und gemustert. Sie sah mich lange und
+unbefangen an.
+
+»Sie sind Oberländer?«
+
+»Ja, Fräulein.«
+
+»Man sieht es. Nun, und was halten Sie von meinen Ziegen?«
+
+»O, sie sind gewiß sehr gut. Wenigstens hab' ich sie nicht für Kühe
+gehalten wie Richard.«
+
+»Sehr gütig. Sie sind Musiker?«
+
+»Nein, Student.«
+
+Weiter sprach sie kein Wort mit mir und ich fand nun Ruhe, sie zu
+betrachten. Die Gestalt war durch den langen Schurz verdeckt und entstellt,
+und das Gesicht erschien mir nicht schön. Der Schnitt war scharf und knapp,
+die Augen ein wenig streng, das Haar reich, schwarz und weich; was mich
+störte und fast abstieß, war die Farbe des Gesichts. Sie erinnerte mich
+schlechterdings an Gorgonzola und ich wäre nicht erstaunt gewesen, grüne
+Ritzen darin zu finden. Ich hatte noch nie diese welsche Blässe gesehen und
+jetzt, im ungünstigen morgendlichen Atelierlicht, sah sie erschreckend
+steinern aus -- nicht wie Marmor, sondern wie ein verwitternder, sehr
+gebleichter Stein. Ich war auch nicht gewohnt, ein Frauengesicht auf seine
+Formen zu prüfen, sondern pflegte in solchen noch in etwas knabenhafter
+Weise mehr nach Schmelz, nach Rosigem, nach Liebreiz zu suchen.
+
+Auch Richard war vom heutigen Besuch verstimmt. Desto mehr war ich erstaunt
+oder eigentlich erschrocken, als er mir nach einiger Zeit mitteilte, die
+Aglietti wäre froh mich zeichnen zu dürfen. Es handle sich nur um ein paar
+Skizzen, das Gesicht brauche sie nicht, aber meine breite Figur habe etwas
+Typisches.
+
+Ehe weiter hiervon die Rede war, kam ein anderes kleines Ereignis, das mein
+ganzes Leben geändert und für Jahre meine Zukunft bestimmt hat. Eines
+Morgens, da ich erwachte, war ich Schriftsteller geworden.
+
+Auf das Drängen Richards hatte ich, rein als Stilübungen, gelegentlich
+Typen aus unsrem Kreis, kleine Erlebnisse, Gespräche und anderes
+skizzenhaft und möglichst treu dargestellt, auch einige Essays über
+Literarisches und Historisches geschrieben.
+
+Eines Morgens nun, ich lag noch im Bette, trat Richard bei mir ein und
+legte fünfunddreißig Franken auf meine Bettdecke. »Das gehört dir,« sagte
+er im Geschäftston. Endlich, als ich im Fragen alle Vermutungen erschöpft
+hatte, zog er ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte mir darin eine
+meiner kleinen Novellen abgedruckt. Er hatte mehrere meiner Manuskripte
+abgeschrieben, einem ihm befreundeten Redakteur gebracht und in aller
+Stille für mich verkauft. Das erste, was gedruckt war, samt dem Honorar
+dafür hielt ich nun in Händen.
+
+Mir war nie so sonderbar zu mut. Eigentlich ärgerte ich mich über Richards
+Vorsehungspielen, aber der süße erste Schreiberstolz und das schöne Geld
+und der Gedanke an einen etwaigen kleinen Literatenruhm war doch stärker
+und überwog schließlich.
+
+In einem Café brachte mich mein Freund mit dem Redakteur zusammen. Er bat,
+die ihm von Richard gezeigten anderen Arbeiten behalten zu dürfen und lud
+mich ein, ihm je und je neue zu schicken. Es sei ein eigener Ton in meinen
+Sachen, besonders in den historischen, deren er gerne mehr bekomme und die
+er mir ordentlich bezahlen wolle. Nun sah ich erst die Wichtigkeit der
+Sache. Ich würde nicht nur täglich ordentlich essen und meine kleinen
+Schulden bezahlen, sondern auch das Zwangsstudium wegwerfen und vielleicht
+in Bälde, auf meinem Lieblingsfelde arbeitend, ganz vom eigenen Erwerbe
+leben können.
+
+Einstweilen bekam ich von jenem Redakteur einen Stoß neuer Bücher zum
+Rezensieren ins Haus geschickt. Ich fraß mich durch und hatte wochenlang
+damit zu tun; da aber die Honorare erst zu Ende des Quartals fällig waren
+und ich in Aussicht auf dieselben besser als sonst gelebt hatte, sah ich
+mich eines Tages der letzten Rappen ledig und konnte wieder einmal eine
+Hungerkur antreten. Ein paar Tage hielt ich bei Brot und Kaffee in meiner
+Bude aus, dann trieb mich der Hunger in eine Speisehalle. Ich nahm drei von
+den Rezensionsbänden mit, um sie als Pfand für die Zeche dortzulassen. Beim
+Antiquar hatte ich sie schon vergeblich anzubringen versucht. Das Essen war
+vorzüglich, beim schwarzen Kaffee aber ward mir etwas ängstlich ums Herz.
+Zaghaft gestand ich der Kellnerin, ich hätte kein Geld, wolle aber die
+Bücher als Pfand dalassen. Sie nahm eines davon, einen Band Gedichte, in
+die Hand, blätterte neugierig darin herum und fragte, ob sie das lesen
+dürfe. Sie lese so gern, könne aber nie zu Büchern kommen. Ich fühlte, daß
+ich gerettet sei und schlug ihr vor, die drei Bändchen an Zahlungsstatt für
+das Essen zu behalten. Sie ging darauf ein und hat mir nach und nach für
+siebzehn Franken Bücher auf diese Weise abgenommen. Für kleinere
+Gedichtbände beanspruchte ich etwa einen Käse mit Brot, für Romane dasselbe
+mit Wein, einzelne Novellen galten nur eine Tasse Kaffee mit Brot. Soweit
+ich mich erinnere, waren es meist geringe Sachen in krampfhaft neumodischem
+Stil und das gutmütige Mädchen mag von der modernen deutschen Literatur
+einen sonderbaren Eindruck erhalten haben. Ich erinnere mich mit Vergnügen
+an jene Vormittage, da ich im Schweiß meines Angesichts schnell noch einen
+Band im Galopp zu Ende las und ein paar Zeilen darüber schrieb, um ihn zur
+Mittagszeit fertig zu haben und etwas Eßbares dafür erhalten zu können. Vor
+Richard suchte ich meine Geldnöte sorgfältig zu verbergen, da ich mich
+unnötiger Weise ihrer schämte und seine Hilfe nur ungern und stets nur für
+ganz kurze Fristen annehmen mochte.
+
+Für einen Dichter hielt ich mich nicht. Was ich gelegentlich schrieb, war
+Feuilleton, nicht Dichtung. Im stillen trug ich aber die geheimgehaltene
+Hoffnung, es werde mir eines Tages gegeben werden eine Dichtung zu
+schaffen, ein großes, kühnes Lied der Sehnsucht und des Lebens.
+
+Der fröhlich klare Spiegel meiner Seele wurde zuweilen von einer Art von
+Schwermut verschattet, doch einstweilen nicht ernstlich gestört. Sie kam
+zuweilen für einen Tag oder eine Nacht, als eine träumende, einsiedlerische
+Trauer, verschwand wieder spurlos und kehrte nach Wochen oder Monaten
+zurück. Ich ward an sie allmählich wie an eine vertraute Freundin gewöhnt
+und empfand sie nicht quälend, sondern nur als ein unruhiges Müdesein, das
+seine eigene Süßigkeit hatte. Wenn sie mich nachts befiel, lag ich statt zu
+schlafen stundenlang im Fenster, sah den schwarzen See, die auf den
+bleichen Himmel gezeichneten Silhouetten der Berge und darüber die schönen
+Sterne. Dann ergriff mich oft ein ängstlich süßes, starkes Gefühl, als sähe
+all diese nächtige Schönheit mich mit einem gerechten Vorwurf an. Als
+sehnten sich Sterne, Berge und See nach Einem, der ihre Schönheit und das
+Leiden ihres stummen Daseins verstünde und ausspräche, und als wäre ich
+dieser Eine und als wäre dies mein wahrer Beruf, der stummen Natur in
+Dichtungen Ausdruck zu gewähren. Auf welche Weise das möglich wäre darüber
+dachte ich niemals nach, sondern fühlte nur die schöne, ernste Nacht
+ungeduldig in stummem Verlangen auf mich warten. Auch schrieb ich nie etwas
+in solcher Stimmung. Doch spürte ich gegen diese dunkeln Stimmen ein Gefühl
+der Verantwortung und trat gewöhnlich nach solchen Nächten mehrtägige
+einsame Fußwanderungen an. Es schien mir, ich könnte damit der Erde, die
+sich in stummem Flehen mir anbot, ein wenig Liebe erweisen, über welche
+Vorstellung ich dann selbst wieder lachte. Diese Wanderungen wurden eine
+Grundlage meines späteren Lebens; einen großen Teil der seitherigen Jahre
+habe ich als Wanderer verbracht, auf wochen- und monatelangen Touren durch
+mehrere Länder. Ich gewöhnte mich daran, mit wenig Geld und einem Stück
+Brot in der Tasche weit zu marschieren, tagelang einsam unterwegs zu sein
+und häufig im Freien zu nächtigen.
+
+Die Malerin hatte ich über der Schriftstellerei ganz vergessen. Da kam ein
+Zettel von ihr: »Ein paar Freunde und Freundinnen werden am Donnerstag zum
+Tee bei mir sein. Bitte kommen Sie auch und bringen Sie Ihren Freund mit.«
+
+Wir gingen hin und fanden eine kleine Künstlerkolonie beisammen. Es waren
+fast lauter Unberühmte, Vergessene, Erfolglose, was für mich etwas
+Rührendes hatte, obwohl alle ganz zufrieden und fidel schienen. Man bekam
+Tee, Butterbrot, Schinken und Salat. Da ich keine Bekannten dort fand und
+ohnehin nicht gesprächig war, gab ich meinem Hunger nach und aß etwa eine
+halbe Stunde lang still und ausdauernd, während die andern nur erst Tee
+nippten und schwatzten. Als diese nun, einer um den andern, auch ein wenig
+zugreifen wollten, zeigte es sich, daß ich fast den ganzen Schinkenvorrat
+allein verzehrt hatte. Ich war des trüglichen Glaubens gewesen, es stehe
+mindestens noch eine zweite Platte in Reserve. Da man nun leise lachte und
+ich einige ironische Blicke einheimste, wurde ich wütend und verwünschte
+die Italienerin samt ihrem Schinken. Ich stand auf und entschuldigte mich
+kurz bei ihr, erklärte ein andermal mein Abendessen selber mitbringen zu
+wollen, und griff nach meinem Hütlein.
+
+Da nahm die Aglietti mir den Hut aus der Hand, sah mich erstaunt und ruhig
+an und bat mich ernstlich, dazubleiben. Auf ihr Gesicht fiel das Licht
+einer Stehlampe, durch den Florschirm gemäßigt, und da sah ich mitten in
+meinem Ärger mit plötzlich begreifendem Auge die wunderbare, reife
+Schönheit dieser Frau. Ich erschien mir auf einmal sehr unartig und dumm
+und nahm wie ein gemaßregelter Schuljunge in einer abseitigen Ecke Platz.
+Dort blieb ich sitzen und blätterte in einem Album vom Comersee. Die andern
+tranken Tee, gingen hin und her, lachten und redeten durcheinander, und
+irgendwo im Hintergrund hörte man Geigen und ein Cello stimmen. Ein Vorhang
+wurde zurückgeschlagen und man sah vier junge Leute vor improvisierten
+Pulten sitzen, bereit ein Streichquartett aufzuführen. In diesem
+Augenblicke trat die Malerin zu mir, stellte eine Tasse Tee vor mir aufs
+Tischchen, nickte mir gütig zu und nahm neben mir Platz. Das Quartett
+begann und dauerte lang, aber ich hörte nichts davon, sondern staunte mit
+runden Augen die schlanke, feine, schöngekleidete Dame an, an deren
+Schönheit ich gezweifelt und deren Vorräte ich aufgegessen hatte. Mit
+Freude und Angst erinnerte ich mich daran, daß sie mich hatte zeichnen
+wollen. Dann dachte ich an Rösi Girtanner, an die Besteigung der
+Alpenrosenwand, an die Geschichte der Schneekönigin, die mir jetzt alle nur
+wie eine Vorbereitung auf diesen heutigen Augenblick erschienen.
+
+Als die Musik zu Ende war, ging die Malerin nicht, wie ich gefürchtet
+hatte, wieder weg, sondern blieb ruhig sitzen und fing mit mir zu plaudern
+an. Sie gratulierte mir zu einer Novelle, die sie in der Zeitung gesehen
+hatte. Sie scherzte über Richard, um den sich ein paar junge Mädchen
+drängten und dessen sorgloses Gelächter zuweilen alle anderen Stimmen
+überklang. Dann bat sie wieder, mich zeichnen zu dürfen. Da hatte ich einen
+Einfall. Unvermittelt führte ich das Gespräch italienisch fort und erntete
+dafür nicht nur einen fröhlich überraschten Blick ihrer lebhaften
+Südländeraugen, sondern hatte den köstlichen Genuß sie ihre Sprache reden
+zu hören, die Sprache, die ihrem Mund und ihren Augen und ihrer Gestalt
+entsprach, die wohllaute, elegante, raschfließende lingua Toscana mit einem
+entzückenden leichten Anflug von Tessinerwelsch. Ich selbst sprach weder
+schön noch fließend, doch störte es mich nicht. Andern Tags sollte ich
+kommen, um von ihr gezeichnet zu werden.
+
+»A rivederla,« sagte ich beim Abschied und verbeugte mich so tief ich
+konnte.
+
+»A rivederci domani,« lächelte sie und nickte.
+
+Von ihrem Hause weg schritt ich immerzu weiter, bis die Straße einen
+Hügelkamm erreichte und plötzlich das dunkle Land schön und nächtig vor mit
+ruhte. Ein einzelnes Boot mit roter Laterne strich über den See und warf
+ein paar flackernde Scharlachstreifen auf das schwarze Wasser, aus welchem
+sonst nur da und dort ein vereinzelter schmaler Wellenkamm mit dünnem,
+silberfahlem Umriß hervortrat. In einem nahen Garten war Mandolinenspiel
+und Gelächter. Der Himmel war fast zur Hälfte verhangen und über die Hügel
+lief ein starker, warmer Wind.
+
+Und wie der Wind die Äste der Obstbäume und die schwarzen Kronen der
+Kastanien liebkoste, bestürmte und beugte, daß sie stöhnten und lachten und
+zitterten, so spielte mit mir die Leidenschaft. Auf dem Kamm des Hügels
+kniete ich, legte mich auf die Erde, sprang auf und stöhnte, stampfte den
+Boden, warf den Hut von mir, wühlte mit dem Gesicht im Gras, rüttelte an
+den Baumstämmen, weinte, lachte, schluchzte, tobte, schämte mich, war selig
+und todbeklommen. Nach einer Stunde war alles in mir abgespannt und in
+einer trüben Schwüle erstickt. Ich dachte nichts, beschloß nichts, fühlte
+nichts; traumwandelnd stieg ich den Hügel hinab, schweifte durch die halbe
+Stadt, sah in einer abgelegenen Straße noch eine späte kleine Schenke
+offen, trat willenlos ein, trank zwei Liter Waadtländer und kam gegen
+Morgen schauderhaft betrunken nach Hause.
+
+Am folgenden Nachmittag war Fräulein Aglietti ganz erschrocken, als ich zu
+ihr kam.
+
+»Was ist mit Ihnen? Sind Sie krank? Sie sehen ja ganz zerstört aus.«
+
+»Nichts von Belang,« sagte ich. »Mir scheint, ich war heute Nacht sehr
+betrunken, das ist alles. Bitte beginnen Sie nur!«
+
+Ich ward auf einen Stuhl gesetzt und gebeten, mich ruhig zu halten. Das tat
+ich auch, denn ich schlummerte in Bälde ein und habe jenen ganzen
+Nachmittag im Atelier verschlafen. Es kam vermutlich vom Terpentingeruch
+der Malerwerkstätte, daß ich träumte, unser Nachen zuhaus werde
+frischgestrichen. Ich lag im Kies daneben und sah meinen Vater mit Topf und
+Pinsel hantieren; auch die Mutter war da und als ich sie fragte, ob sie
+denn nicht gestorben sei, sagte sie leise: »Nein, denn wenn ich nicht
+dawäre, würdest du am Ende der gleiche Lump werden wie dein Papa.«
+
+Als ich erwachte, fiel ich vom Stuhl und fand mich mit Erstaunen in die
+Werkstatt der Erminia Aglietti versetzt. Sie selbst sah ich nicht, hörte
+sie aber im Nebenstüblein mit Tassen und Besteck klappern und schloß
+daraus, daß es Abendessenszeit sein müsse.
+
+»Sind Sie wach?« rief sie herüber.
+
+»Jawohl. Hab' ich lang geschlafen?«
+
+»Vier Stunden. Schämen Sie sich nicht?«
+
+»O doch. Aber ich hatte einen so schönen Traum.«
+
+»Erzählen Sie!«
+
+»Ja, wenn Sie herauskommen und mir verzeihen.«
+
+Sie kam heraus, doch wollte sie mit der Verzeihung noch warten, bis ich
+meinen Traum erzählt hätte. Also erzählte ich, und über dem Traumerzählen
+geriet ich tief in die vergessene Kinderzeit hinein, und als ich schwieg
+und es schon völlig dunkel geworden war, hatte ich ihr und mir selber meine
+ganze Kindheitsgeschichte erzählt. Sie gab mir die Hand, strich mir den
+zerknitterten Rock zurecht, lud mich ein morgen wieder zum Zeichnen zu
+kommen und ich fühlte, daß sie auch meine heutige Unart begriffen und
+verziehen habe.
+
+In den nächsten Tagen saß ich ihr Stunde um Stunde. Es wurde dabei fast gar
+nichts gesprochen, ich saß oder stand ruhig und wie verzaubert da, hörte
+den weichen Strich der Zeichenkohle, sog den leichten Ölfarbegeruch ein und
+hatte keine andere Empfindung als daß ich in der Nähe der von mir geliebten
+Frau war und ihren Blick beständig auf mir ruhen wußte. Das weiße
+Atelierlicht floß an den Wänden hin, ein paar schläfrige Fliegen sumsten an
+den Scheiben und nebenan im Stübchen sang die Spiritusflamme, denn ich
+bekam nach jeder Sitzung eine Tasse Kaffee serviert.
+
+Zuhause dachte ich oft über Erminia nach. Es berührte oder verminderte
+meine Leidenschaft gar nicht, daß ich ihre Kunst nicht verehren konnte. Sie
+selbst war so schön, gütig, klar und sicher; was gingen mich ihre Bilder
+an? Ich fand vielmehr in ihrer fleißigen Arbeit etwas Heroisches. Die Frau
+im Kampf ums Leben, eine stille, duldende und tapfere Heldin. Übrigens gibt
+es nichts Erfolgloseres als das Nachdenken über jemand, den man liebt.
+Solche Gedankengänge sind wie gewisse Volks- und Soldatenlieder, worin
+tausenderlei Dinge vorkommen, der Refrain aber hartnäckig wiederkehrt, auch
+wo er durchaus nicht paßt.
+
+So ist denn auch das Bild der schönen Italienerin, das ich im Gedächtnis
+trage, zwar nicht unklar, aber doch ohne die vielen kleinen Linien und
+Züge, die man an Fremden oft viel besser sieht als an Nahestehenden. Ich
+weiß nicht mehr, welche Frisur sie trug, wie sie sich kleidete u. s. w.,
+nicht einmal ob sie eigentlich groß oder klein von Gestalt war. Wenn ich an
+sie denke, sehe ich einen dunkelhaarigen, edel geformten Frauenkopf, ein
+paar scharfblickende, nicht sehr große Augen in einem bleichen, lebendigen
+Gesicht und einen vollendet schön geschwungenen, schmalen Mund von herber
+Reife. Wenn ich an sie denke und an jene ganze verliebte Zeit, dann
+erinnere ich mich stets nur jenes Abends auf dem Hügel, wo der warme Wind
+seeüber wogte und wo ich weinte, jubelte und berserkerte. Und eines anderen
+Abends, von dem ich nun erzählen will.
+
+Mir war klar geworden, daß ich der Malerin irgendwie Geständnisse machen
+und um sie werben müsse. Wäre sie mir fern gestanden, so hätte ich sie
+ruhig weiterhin verehrt und verschwiegene Schmerzen um sie gelitten. Aber
+sie fast täglich zu sehen, mit ihr zu reden, ihr die Hand zu geben und ihr
+Haus zu betreten, stets mit dem Stachel im Herzen, hielt ich nicht lange
+aus.
+
+Es ward ein kleines Sommerfest von Künstlern und ihren Freunden
+veranstaltet. Es war am See, in einem hübschen Garten, ein reifer,
+weichlich lauer Hochsommerabend. Wir tranken Wein und Eiswasser, hörten der
+Musik zu und betrachteten die roten Papierlampen, die in langen Guirlanden
+zwischen den Bäumen hingen. Es wurde geplaudert, gespottet, gelacht und
+schließlich gesungen. Irgend ein lausiger Malerjüngling spielte den
+Romantischen, trug ein kühnes Barett, lag rücklings am Geländer
+hingestreckt und tändelte mit einer langhalsigen Guitarre. Die paar
+bedeutenderen Künstler fehlten entweder oder saßen ungesehen im Kreis der
+Älteren beiseite. Von den Frauenzimmern waren ein paar jüngere in lichten
+Sommerkleidern erschienen, die andern trieben sich in den gewohnten
+saloppen Kostümen herum. Namentlich fiel mir eine ältere, häßliche
+Studentin widerlich auf, sie trug einen Männerstrohhut auf den
+verschnittenen Haaren, rauchte Cigarren, trank tüchtig Wein und sprach laut
+und viel. Richard war wie gewöhnlich bei den jungen Mädchen. Ich war trotz
+aller Erregung kühl, trank wenig und wartete auf die Aglietti, die mir
+versprochen hatte sich heute von mir rudern zu lassen. Sie kam denn auch,
+schenkte mir ein paar Blumen und stieg mit mir in den kleinen Nachen.
+
+Der See war glatt wie Öl und nächtig farblos. Ich trieb den leichten Nachen
+rasch in die stille Seebreite weit hinaus, und sah immerfort mir gegenüber
+die schlanke Frau bequem und zufrieden im Steuersitz lehnen. Der hohe
+Himmel war noch blau und trieb langsam einen matten Stern um den andern
+hervor, am Ufer war da und dort Musik und Gartenlustbarkeit. Mit leisem
+Gurgeln nahm das träge Wasser die Ruder auf, andere Boote schwammen da und
+dort dunkel und kaum mehr sichtbar auf der stillen Fläche, ich achtete aber
+wenig darauf, sondern hing mit unverwandten Blicken an der Steurerin und
+trug meine geplante Liebeserklärung wie einen schweren Eisenring um's bange
+Herz. Das Schöne und Poetische der ganzen abendlichen Szenerie, das Sitzen
+im Kahn, die Sterne, der laue ruhige See und alles das beängstigte mich,
+denn es kam mir vor wie eine schöne Theaterdekoration, in deren Mitte ich
+eine sentimentale Szene agieren müsse. In meiner Angst und beklemmt durch
+die tiefe Stille, denn wir schwiegen beide, ruderte ich mit Macht drauf
+los.
+
+»Wie stark Sie sind!« sagte die Malerin nachdenklich.
+
+»Meinen Sie dick?« fragte ich.
+
+»Nein, ich meine die Muskeln,« lachte sie.
+
+»Ja, stark bin ich schon.«
+
+Dies war kein geeigneter Anfang. Traurig und ärgerlich ruderte ich weiter.
+Nach einer Weile bat ich sie, mir etwas aus ihrem Leben zu erzählen.
+
+»Was möchten Sie denn hören?«
+
+»Alles,« sagte ich. »Am liebsten eine Liebesgeschichte. Dann erzähle ich
+Ihnen nachher auch eine von mir, meine einzige. Sie ist sehr kurz und schön
+und wird Sie amüsieren.«
+
+»Was Sie sagen! Erzählen Sie doch!«
+
+»Nein, erst Sie! Sie wissen ohnehin schon viel mehr von mir als ich von
+Ihnen. Ich möchte wissen, ob Sie jemals richtig verliebt waren oder ob Sie,
+wie ich fürchte, dafür viel zu klug und hochmütig sind.«
+
+Erminia besann sich eine Weile.
+
+»Das ist wieder eine von Ihren romantischen Ideen,« sagte sie, »sich hier
+in der Nacht auf dem schwarzen Wasser von einer Frau Geschichten erzählen
+zu lassen. Ich kann das aber leider nicht. Ihr Dichter seid gewöhnt, für
+alles hübsche Worte zu haben und denen, die weniger von ihren Empfindungen
+reden, gleich gar kein Herz zuzutrauen. In mir haben Sie sich getäuscht,
+denn ich glaube nicht, daß man heftiger und stärker lieben kann als ich es
+tue. Ich liebe einen Mann, der an eine andere Frau gebunden ist, und er
+liebt mich nicht weniger; doch wissen wir beide nicht, ob es je möglich
+sein wird, daß wir zusammenkommen. Wir schreiben uns und wir treffen uns
+auch zuweilen . . . .«
+
+»Darf ich Sie fragen, ob diese Liebe Sie glücklich macht, oder elend, oder
+beides?«
+
+»Ach, die Liebe ist nicht da um uns glücklich zu machen. Ich glaube sie ist
+da, um uns zu zeigen, wie stark wir im Leiden und Tragen sein können.«
+
+Das verstand ich und konnte nicht hindern, daß mir etwas wie ein leises
+Stöhnen statt der Antwort vom Munde kam.
+
+Sie hörte es.
+
+»Ah,« sagte sie, »kennen Sie das auch schon? Sie sind noch so jung! Wollen
+Sie mir nun auch beichten? Aber nur wenn Sie wirklich wollen --.«
+
+»Ein andermal vielleicht, Fräulein Aglietti. Mir ist heute ohnehin windig
+zu mut, und es tut mir leid, daß ich vielleicht auch Ihnen die Stimmung
+getrübt habe. Wollen wir umkehren?«
+
+»Wie Sie wollen. Wie weit sind wir eigentlich?«
+
+Ich gab keine Antwort mehr, sondern stemmte die Ruder rauschend gegen das
+Wasser, wendete und zog an, als wäre die Bise im Anzug. Das Boot strich
+eilig über die Fläche und mitten in dem Wirbel von Jammer und Scham, der in
+mir kochte, fühlte ich wie mir der Schweiß in großen Tropfen übers Gesicht
+lief, und fror zugleich. Wenn ich vollends daran dachte, wie nahe ich daran
+gewesen war den knieenden Bittsteller und mütterlich-freundlich
+abgewiesenen Liebhaber zu spielen, lief mir ein Schaudern durchs Mark. Das
+wenigstens war mir erspart geblieben, mit dem übrigen Jammer galt es nun
+sich abzufinden. Ich ruderte wie besessen heimwärts.
+
+Das schöne Fräulein war einigermaßen befremdet, als ich am Ufer kurzen
+Abschied nahm und sie allein ließ.
+
+Der See war so glatt, die Musik so fröhlich und die Papierlaternen so
+festlich rot wie zuvor, mir aber schien das alles jetzt dumm und
+lächerlich. Namentlich die Musik. Den Sammetrock, der noch immer seine
+Guitarre prahlerisch am breiten Seidenbande trug, hätte ich am liebsten zu
+Brei geschlagen. Und Feuerwerk stand auch noch bevor. Es war so kindisch!
+
+Ich entlehnte von Richard ein paar Franken, setzte den Hut ins Genick und
+begann zu marschieren, vor die Stadt hinaus und weiter, eine Stunde um die
+andere, bis mich schläferte. Ich legte mich in eine Wiese, wachte aber nach
+einer Stunde taunaß, steif und fröstelnd wieder auf und ging ins nächste
+Dorf. Es war früh am Morgen. Kleeschnitter zogen durch die staubige Gasse,
+verschlafene Knechte glotzten aus den Stalltüren, bäuerliche
+Sommerarbeitsamkeit gab sich allerorten kund. Du hättest Bauer bleiben
+sollen, sagte ich mir, strich beschämt durchs Dorf und lief ermüdet weiter,
+bis die erste Sonnenwärme mir eine Rast erlaubte. Am Rand eines jungen
+Buchenstandes warf ich mich ins dürre Raingras und schlief in der warmen
+Sonne bis tief in den Spätnachmittag hinein. Als ich erwachte, den Kopf
+voll Wiesenduft und die Glieder so wohlig schwer wie sie nur nach langem
+Liegen auf Gottes lieber Erde sind, da kam mir das Fest und die Bootfahrt
+und alles das fern, traurig und halbverklungen vor wie ein vor Monaten
+gelesener Roman.
+
+Ich blieb drei Tage fort, ließ mir die Sonne auf den Pelz brennen und
+überlegte mir, ob ich nicht in einem Strich heimwärts wandern und meinem
+Vater beim Öhmden helfen sollte.
+
+Freilich war damit der Schmerz noch lange nicht abgetan. Nach meiner
+Rückkehr in die Stadt floh ich anfangs den Anblick der Malerin wie die
+Pest, doch ging das nicht lange an, und so oft sie mich später ansah und
+anredete, stieg mir das Elend in die Kehle.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Was meinem Vater seinerzeit nicht gelungen war, das gelang nun diesem
+Liebeselend. Es erzog mich zum Zecher.
+
+Für mein Leben und Wesen war das wichtiger als irgend etwas von dem, was
+ich bisher erzählte. Der starke, süße Gott ward mir ein treuer Freund und
+ist es heute noch. Wer ist so mächtig wie er? Wer ist so schön, so
+phantastisch, schwärmerisch, fröhlich und schwermütig? Er ist ein Held und
+Zauberer. Er ist ein Verführer und Bruder des Eros. Er vermag Unmögliches;
+arme Menschenherzen füllt er mit schönen und wunderlichen Dichtungen. Er
+hat mich Einsiedler und Bauern zum König, Dichter und Weisen gemacht. Leer
+gewordene Lebenskähne belastet er mit neuen Schicksalen und treibt
+Gestrandete in die eilige Strömung des großen Lebens zurück.
+
+So ist der Wein. Doch ist es mit ihm wie mit allen köstlichen Gaben und
+Künsten. Er will geliebt, gesucht, verstanden und mit Mühen gewonnen sein.
+Das können nicht Viele, und er bringt tausend und tausend um. Er macht sie
+alt, er tötet sie oder löscht die Flamme des Geistes in ihnen aus. Seine
+Lieblinge aber lädt er zu Festen ein und baut ihnen Regenbogenbrücken zu
+seligen Inseln. Er legt, wenn sie müde sind, Kissen unter ihr Haupt und
+umfaßt sie, wenn sie der Traurigkeit zur Beute fallen, mit leiser und
+gütiger Umarmung wie ein Freund und wie eine tröstende Mutter. Er
+verwandelt die Wirrnis des Lebens in große Mythen und spielt auf mächtiger
+Harfe das Lied der Schöpfung.
+
+Und wieder ist er ein Kind, hat lange seidige Locken und schmale Schultern
+und feine Glieder. Er lehnt sich dir ans Herz und reckt das schmale Gesicht
+zu deinem empor und sieht dich erstaunt und traumhaft aus lieben großen
+Augen an, in deren Tiefe Paradieserinnerung und unverlorene
+Gotteskindschaft feucht und glänzend wogt wie eine neugeborene Quelle im
+Wald.
+
+Und der süße Gott gleicht auch einem Strom, der tief und rauschend eine
+Frühlingsnacht durchwandert. Und gleicht einem Meere, welches Sonne und
+Sturm auf kühler Woge wiegt.
+
+Wenn er mit seinen Lieblingen redet, dann überrauscht sie schauernd und
+flutend die stürmende See der Geheimnisse, der Erinnerung, der Dichtung,
+der Ahnungen. Die bekannte Welt wird klein und geht verloren und in banger
+Freude wirft sich die Seele in die straßenlose Weite des Unbekannten, wo
+alles fremd und alles vertraut ist und wo die Sprache der Musik, der
+Dichter und des Traumes gesprochen wird.
+
+Nun, ich muß erst erzählen.
+
+Es geschah, daß ich stundenlang selbstvergessen heiter sein konnte,
+studierte, schrieb und Richards Musik anhörte. Aber kein Tag ging ganz ohne
+Leid vorbei. Manchmal überfiel es mich erst nachts im Bette, daß ich
+stöhnte und mich bäumte und spät in Tränen entschlief. Oder erwachte es,
+wenn ich der Aglietti begegnet war. Meistens aber kam es am Spätnachmittag,
+wenn die schönen, lauen, müdemachenden Sommerabende begannen. Dann ging ich
+an den See, nahm ein Boot, ruderte mich heiß und müde und fand es dann
+unmöglich, nach hause zu gehen. Also in eine Kneipe oder in einen
+Wirtsgarten. Da probierte ich verschiedene Weine, trank und brütete und war
+manchmal am andern Tage halbkrank Dutzendemal überfiel mich dabei ein so
+schauderhaftes Elend und Ekelgefühl, daß ich beschloß nie mehr zu trinken.
+Und dann ging ich wieder und trank. Allmählich unterschied ich die Weine
+und ihre Wirkung und genoß sie mit einer Art von Bewußtsein, im ganzen
+freilich noch naiv und roh genug. Schließlich fand ich am dunkelroten
+Veltliner einen Halt. Er schmeckte mir beim ersten Glas herb und erregend,
+dann verschleierte er mir die Gedanken bis zu einer stillen, stetigen
+Träumerei, und dann begann er zu zaubern, zu schaffen, selber zu dichten.
+Dann sah ich alle Landschaften, die mir je gefallen hatten, in köstlichen
+Beleuchtungen mich umgeben und ich selbst wanderte darin, sang, träumte und
+fühlte ein erhöhtes, warmes Leben in mir kreisen. Und es endete mit einer
+überaus angenehmen Traurigkeit, als hörte ich Volkslieder geigen und als
+wüßte ich irgendwo ein großes Glück, dem ich vorbeigewandert wäre und das
+ich versäumt hätte.
+
+Es kam von selbst so, daß ich allmählich selten mehr allein kneipte,
+sondern allerlei Gesellschaft fand. Sobald ich von Menschen umgeben war,
+wirkte der Wein anders auf mich. Dann wurde ich gesprächig, aber nicht
+erregt, sondern fühlte ein kühles sonderbares Fieber. Eine mir selbst
+bisher kaum bekannte Seite meines Wesens blühte über Nacht empor, doch
+gehörte sie weniger zu den Garten- und Zierblumen, als in die Gattung der
+Disteln und Nesseln. Zugleich nämlich mit der Beredtsamkeit kam ein
+scharfer, kühler Geist über mich, machte mich sicher, überlegen, kritisch
+und witzig. Waren Leute da, deren Gegenwart mich störte, so wurden sie bald
+fein und listig, bald grob und hartnäckig so lange aufgezogen und geärgert,
+bis sie gingen. Die Menschen überhaupt waren mir ja von Kind auf weder
+sonderlich lieb noch notwendig gewesen, nun begann ich sie kritisch und
+ironisch zu betrachten. Mit Vorliebe erfand und erzählte ich kleine
+Geschichten, in welchen die Verhältnisse der Menschen untereinander lieblos
+und mit scheinbarer Sachlichkeit satirisch dargestellt und bitter verhöhnt
+wurden. Woher dieser verächtliche Ton mir kam, wußte ich selber nicht, er
+brach wie eine reifende Schwäre aus meinem Wesen hervor, die ich lange
+Jahre nicht wieder los ward.
+
+Saß ich dazwischen einmal einen Abend allein, dann träumte ich wieder von
+Bergen, Sternen und trauriger Musik.
+
+In diesen Wochen schrieb ich eine Folge von Betrachtungen über
+Gesellschaft, Kultur und Kunst unserer Zeit, ein kleines giftiges Büchlein,
+dessen Wiege meine Wirtshausgespräche waren. Aus meinen ziemlich fleißig
+weiterbetriebenen historischen Studien kam mancherlei geschichtliches
+Material hinzu, welches meinen Satiren eine Art von solidem Hintergrunde
+gab.
+
+Auf Grund dieser Arbeit erhielt ich bei einer größeren Zeitung den Rang
+eines ständigen Mitarbeiters, wovon ich nahezu leben konnte. Gleich darauf
+erschienen jene Skizzen auch als selbständiges Büchlein und hatten einigen
+Erfolg. Nun warf ich die Philologie vollends über Bord. Ich war nun schon
+in höheren Semestern, Beziehungen zu deutschen Zeitschriften knüpften sich
+an und hoben mich aus der bisherigen Verborgenheit und Armseligkeit in den
+Kreis der Anerkannten empor. Ich verdiente mein Brot, verzichtete auf das
+lästige Stipendium und trieb mit vollen Segeln dem verächtlichen Leben
+eines kleinen Berufsliteraten entgegen.
+
+Und trotz des Erfolgs und meiner Eitelkeit, und trotz der Satiren und trotz
+meiner Liebesleiden lag über mir in Fröhlichkeit und Schwermut der warme
+Glanz der Jugend. Trotz aller Ironie und einer kleinen, harmlosen
+Blasiertheit sah ich in Träumen doch stets ein Ziel, ein Glück, eine
+Vollendung vor mir. Was es sein sollte, wußte ich nicht. Ich fühlte nur,
+das Leben müsse mir irgend einmal ein besonders lachendes Glück vor die
+Füße spülen, einen Ruhm, eine Liebe vielleicht, eine Befriedigung meiner
+Sehnsucht und eine Erhöhung meines Wesens. Ich war noch der Page, der von
+Edeldamen und Ritterschlag und großen Ehren träumt.
+
+Ich glaubte im Beginn einer emporstrebenden Bahn zu stehen. Ich wußte
+nicht, daß alles bis jetzt Erlebte nur Zufälle waren und daß meinem Wesen
+und Leben noch der tiefe, eigene Grundton fehle. Ich wußte noch nicht, daß
+ich an einer Sehnsucht litt, welcher nicht Liebe noch Ruhm Grenze und
+Erfüllung sind.
+
+Und so genoß ich meinen kleinen, etwas herben Ruhm mit aller Jugendlust. Es
+tat mir wohl, bei gutem Wein unter klugen und geistigen Menschen zu sitzen
+und, wenn ich zu reden begann, ihre Gesichter begierig und aufmerksam mir
+zugewendet zu sehen.
+
+Zuweilen fiel mir auf, eine wie große Sehnsucht in allen diesen Seelen von
+heute nach Erlösung schrie und was für wunderliche Wege sie sie führte. An
+Gott zu glauben, galt für dumm und fast für unanständig, sonst aber wurde
+an vielerlei Lehren und Namen geglaubt, an Schopenhauer, an Buddha, an
+Zarathustra und viele andere. Es gab junge, namenlose Dichter, welche in
+stilvollen Wohnungen feierliche Andachten vor Statuen und Gemälden
+begingen. Sie hätten sich geschämt sich vor Gott zu beugen, aber sie lagen
+auf Knieen vor dem Zeus von Otrikoli. Es gab Asketen, die sich mit
+Enthaltsamkeit quälten und deren Toilette zum Himmel schrie. Ihr Gott hieß
+Tolstoi oder Buddha. Es gab Künstler, die sich durch wohlerwogene und
+abgestimmte Tapeten, Musik, Speisen, Weine, Parfüme oder Cigarren zu
+aparten Stimmungen anregten. Sie sprachen geläufig und mit erkünstelter
+Selbstverständlichkeit von musikalischen Linien, Farbenakkorden und
+ähnlichem und waren überall auf der Lauer nach der »persönlichen Note,«
+welche meist in irgend einer kleinen, harmlosen Selbsttäuschung oder
+Verrücktheit bestand. Im Grunde war mir die ganze krampfhafte Komödie
+amüsant und lächerlich, doch fühlte ich oft mit sonderbarem Schauder, wie
+viel ernste Sehnsucht und echte Seelenkraft darin flammte und verloderte.
+
+Von all den phantastisch einherschreitenden neumodischen Dichtern,
+Künstlern und Philosophen, die ich damals mit Erstaunen und Ergötzen kennen
+lernte, weiß ich keinen, aus dem etwas Notables geworden wäre. Es war unter
+ihnen ein mir gleichaltriger Norddeutscher, ein gefälliges Figürchen und
+ein zarter, lieber Mensch, delikat und sensibel in allem, was irgend
+künstlerische Dinge betraf. Er galt für einen der zukünftigen großen
+Dichter und ich hörte ein paar mal Gedichte von ihm vorlesen, die meiner
+Erinnerung noch immer als etwas ungemein Duftiges, seelenvoll Schönes
+vorschweben. Vielleicht war er der einzige von uns allen, aus dem ein
+wirklicher Dichter hätte werden können. Zufällig erfuhr ich später einmal
+seine kurze Geschichte. Durch einen literarischen Mißerfolg scheu geworden,
+entzog sich der Überempfindliche aller Öffentlichkeit und fiel einem Lumpen
+von Mäcen in die Hände, der ihn, statt ihn anzuspornen und zur Vernunft zu
+bringen, schnell vollends zu Grunde richtete. Auf den Villen des reichen
+Herrn trieb er mit dessen nervösen Damen ein fades Aesthetengeflunker,
+stieg in seiner Einbildung zum verkannten Heros und brachte sich,
+jämmerlich mißleitet, durch lauter Chopinmusik und präraphaelitische
+Ekstasen systematisch um den Verstand.
+
+An dies halbflügge Volk seltsam gekleideter und frisierter Dichter und
+schöner Seelen kann ich mich nur mit Grauen und Mitleid erinnern, da ich
+erst nachträglich das Gefährliche dieses Umganges einsah. Nun, mich
+bewahrte mein Oberländer Bauerntum davor, an dem Tummel teilzunehmen.
+
+Edler und beglückender aber als der Ruhm und der Wein und die Liebe und die
+Weisheit war meine Freundschaft. Sie war's schließlich allein, die meiner
+angebotenen Schwerlebigkeit aufhalf und meine Jugendjahre unverdorben
+frisch und morgenrot erhielt. Ich weiß auch heute in der Welt nichts
+Köstlicheres als eine ehrliche und tüchtige Freundschaft zwischen Männern
+und wenn mich einmal an nachdenklichen Tagen etwas wie ein Jugendheimweh
+befällt, so ist es allein um meine Studentenfreundschaft.
+
+Seit meiner Verliebtheit in Erminia hatte ich Richard ein wenig
+vernachlässigt. Es geschah im Anfang unbewußt, nach einigen Wochen aber
+schlug mir das Gewissen. Ich beichtete ihm, er entdeckte mir daß er das
+ganze Unglück mit Bedauern habe kommen und wachsen sehen, und ich schloß
+mich ihm aufs neue herzlich und eifersüchtig an. Was ich damals etwa an
+heiteren und freien kleinen Lebenskünsten mir erwarb, kam alles von ihm. Er
+war schön und heiter an Leib und Seele und das Leben schien für ihn keine
+Schatten zu haben. Die Leidenschaften und Irrungen der Zeit kannte er als
+kluger und beweglicher Mensch wohl, aber sie glitten ohne Schaden an ihm
+ab. Sein Gang und seine Sprache und sein ganzes Wesen war geschmeidig,
+wohllaut und liebenswert. O wie er lachen konnte!
+
+Für meine Weinstudien hatte er wenig Verständnis. Er ging gelegentlich mit,
+hatte jedoch nach zwei Gläsern genug und betrachtete meinen wesentlich
+größeren Konsum mit naivem Erstaunen. Aber wenn er sah, daß ich litt und
+hilflos meiner Schwermut unterlag, musizierte er mir, las mir vor oder
+führte mich spazieren. Auf unsern kleinen Ausflügen waren wir oft
+ausgelassen wie zwei kleine Knaben. Einmal lagen wir auf warmer Mittagsrast
+in einem waldigen Tal, warfen uns mit Tannenzapfen und sangen Verse aus der
+frommen Helene auf gefühlvolle Melodieen. Der rasche klare Bach plätscherte
+uns so lange kühl verlockend ins Ohr, bis wir uns entkleideten und uns ins
+kalte Wasser legten. Da kam er auf die Idee Komödie zu spielen. Er setzte
+sich auf einen moosigen Felsen und war die Lorelei, und ich segelte unten
+als Schiffer im kleinen Schiffe vorüber. Dabei sah er so jungferlich
+schamhaft aus und schnitt solche Grimassen, daß ich, der ich das wilde Weh
+hätte markieren sollen, mich vor Lachen kaum halten konnte. Plötzlich
+wurden Stimmen laut, eine Touristengesellschaft erschien auf dem Fußweg und
+wir mußten uns in unsrer Blöße eiligst unter dem ausgewaschenen,
+überhängenden Ufer verbergen. Als die ahnungslose Gesellschaft an uns
+vorüberschritt, stieß Richard allerlei seltsame Töne aus, grunzte,
+quietschte und fauchte. Die Leute stutzten, schauten um sich, stierten ins
+Wasser und waren nahe daran uns zu entdecken. Da tauchte mein Freund mit
+halbem Leibe aus seinem Schlupfwinkel auf, blickte die indignierte
+Gesellschaft an und sprach mit tiefer Stimme und priesterlicher Geberde:
+»Ziehet hin in Frieden!« Sogleich verschwand er wieder, zwickte mich in den
+Arm und sagte: »Auch das war eine Charade.«
+
+»Was für eine?« fragte ich.
+
+»Pan erschreckt einige Hirten,« lachte er. »Es waren aber leider auch
+Frauenzimmer dabei.«
+
+Von meinen geschichtlichen Studien nahm er wenig Notiz. Meine fast
+verliebte Vorliebe für den heiligen Franz von Assisi aber teilte er bald,
+obschon er gelegentlich auch über ihn Witze machen konnte, die mich
+entrüsteten. Wir sahen den seligen Dulder freundlich begeistert und heiter
+wie ein liebes großes Kind durch die umbrische Landschaft wandern, seines
+Gottes froh und voll demütiger Liebe zu allen Menschen. Wir lasen zusammen
+seinen Unsterblichen Sonnengesang und kannten ihn fast auswendig. Einst, da
+wir im Dampfboot über den See von einer Spazierfahrt zurückkehrten und der
+abendliche Wind das goldige Wasser bewegte, fragte er leise: »Du, wie sagt
+hier der Heilige?« Und ich zitierte:
+
+Laudato si, mi Signore, per frate vento e per aere e nubilo et sereno et
+onne tempo!
+
+Wenn wir Streit bekamen und uns Schnödigkeiten sagten, warf er mir, immer
+halb im Scherz, nach Art der Schuljungen eine solche Menge von drolligen
+Übernamen an den Kopf, daß ich bald lachen mußte und dem Ärgernis der
+Stachel genommen war. Verhältnismäßig ernst war mein lieber Freund nur,
+wenn er seine Lieblingsmusiker hörte oder spielte. Auch dann konnte er sich
+unterbrechen, um irgend einen Spaß zu machen. Dennoch war seine Liebe zur
+Kunst voll reiner, herzlicher Hingabe und sein Gefühl für das Echte und
+Bedeutende schien mir untrüglich.
+
+Wunderbar verstand er die feine, zarte Kunst des Tröstens, des
+teilnehmenden Dabeiseins oder des Erheiterns, wenn einer seiner Freunde in
+Nöten war. Er konnte mir, wenn er mich übellaunig fand, ganze Mengen
+kleiner anekdotischer Geschichten von grotesker Nettigkeit erzählen und
+hatte dann etwas Beruhigendes und Erheiterndes im Ton, dem ich selten
+widerstand.
+
+Vor mir hatte er ein wenig Respekt, weil ich ernster war als er; noch mehr
+imponierte ihm meine Körperkraft. Vor andern renommierte er damit und war
+stolz einen Freund zu haben, der ihn einhändig hätte erdrücken können. Er
+gab viel auf körperliche Fähigkeiten und Gewandtheit, er lehrte mich
+Tennis, ruderte und schwamm mit mir, nahm mich zum Reiten mit und ruhte
+nicht, bis ich fast eben so gut Billard spielte wie er selbst. Es war sein
+Lieblingsspiel und er betrieb es nicht nur künstlerisch und meisterhaft,
+sondern pflegte am Billard auch immer besonders lebhaft, witzig und
+fröhlich zu sein. Häufig gab er den drei Bällen die Namen von Leuten unsrer
+Bekanntschaft und konstruierte bei jedem Stoß aus Stellung, Annäherung und
+Entfernung der Bälle ganze Romane voll von Witzen, Anzüglichkeiten und
+karikierenden Vergleichen. Dabei spielte er ruhig, leicht und überaus
+elegant und es war eine Lust ihn dabei zu betrachten.
+
+Meine Schriftstellerei schätzte er nicht höher als ich selbst. Einmal sagte
+er mir: »Sieh, ich hielt dich immer für einen Dichter und halte dich noch
+dafür, aber nicht deiner Feuilletons wegen, sondern weil ich fühle daß du
+etwas Schönes und Tiefes in dir leben hast, das früher oder später einmal
+hervorbrechen wird. Und das wird dann eine wirkliche Dichtung sein.«
+
+Indessen glitten uns die Semester wie kleine Münze durch die Finger und die
+Zeit kam unverhofft, da Richard an die Rückkehr nach seiner Heimat denken
+mußte. Mit einer etwas künstlichen Ausgelassenheit genossen wir die
+schwindenden Wochen und kamen am Ende überein, daß vor dem bitteren
+Abschied noch irgend eine glänzende und festliche Unternehmung diese
+schönen Jahre heiter und verheißungsvoll beschließen sollte. Ich schlug
+eine Ferientour in die Berner Alpen vor, doch war es freilich noch
+Vorfrühling und für die Berge eigentlich viel zu früh. Während ich mir den
+Kopf nach anderen Vorschlägen zerbrach, schrieb Richard seinem Vater und
+bereitete mir in der Stille eine große und freudige Überraschung vor. Eines
+Tages kam er mit einem stattlichen Wechsel angerückt und lud mich ein, ihn
+als Führer nach Oberitalien zu begleiten.
+
+Mir schlug bang und frohlockend das Herz. Ein seit Knabenzeiten gehegter,
+tausendmal durchgeträumter, sehnlicher Lieblingswunsch sollte sich mir
+erfüllen. Wie im Fieber besorgte ich meine kleinen Vorbereitungen, brachte
+meinem Freund noch ein paar Worte Italienisch bei und fürchtete bis zum
+letzten Tag, es möchte doch nichts daraus werden.
+
+Unser Gepäck war vorausgeschickt, wir saßen im Wagen, die grünen Felder und
+Hügel flirrten vorüber, der Urnersee und der Gotthard kam, dann die
+Bergnester und Bäche und Geröllhalden und Schneegipfel des Tessin, und dann
+die ersten schwärzlichen Steinhäuser in ebenen Weinbergen und die
+erwartungsvolle Fahrt an den Seen hin und durch die fruchtbare Lombardei
+dem lärmend lebhaften, sonderbar anziehenden und abstoßenden Mailand
+entgegen.
+
+Richard hatte sich vom Milaneser Dom nie eine Vorstellung gemacht, sondern
+von ihm nur als von einem berühmten großen Bauwerk gewußt. Es war
+ergötzlich, seine entrüstete Enttäuschung zu sehen. Als er den ersten
+Schreck überwunden und seinen Humor wiedergefunden hatte, schlug er selber
+vor, das Dach zu besteigen und sich in dem tollen Wirrsal von Steinfiguren
+dort oben umherzutreiben. Wir stellten mit einiger Befriedigung fest, daß
+es um die Hunderte von unseligen Heiligenstatuen auf den Fialen nicht so
+sehr schade sei, denn sie erwiesen sich zumeist, wenigstens sämtliche
+neuern, als Fabrikarbeit gewöhnlicher Art. Wir lagen fast zwei Stunden auf
+den breiten, schrägen Marmorplatten, die ein sonniger Apriltag leise
+durchglüht hatte. Behaglich gestand mir Richard: »Weißt du, im Grunde hab'
+ich nichts dagegen, noch mehr solche Enttäuschungen zu erleben wie mit dem
+verrückten Dom da. Auf der ganzen Reise hatte ich eine kleine Angst vor
+alle den Großartigkeiten, die wir sehen und die uns erdrücken würden. Und
+nun fängt die Sache so freundlich und menschlich-lächerlich an!« Dann
+reizte ihn das wirre steinerne Figurenvolk, in dessen Mitte wir lagerten,
+zu allerlei barocken Phantasieen.
+
+»Vermutlich,« sagte er, »wird dort auf dem Chorturm, als der höchsten
+Spitze, wohl auch der höchste und vornehmste Heilige stehen. Da es nun
+keineswegs ein Vergnügen sein muß, ewig als steinerner Seiltänzer auf
+diesen spitzen Türmchen zu balancieren, ist es billig, daß von Zeit zu Zeit
+der oberste Heilige erlöst und in den Himmel entrückt wird. Nun denke dir,
+was das jedesmal für ein Spektakel absetzt! Denn natürlich rücken nun
+sämtliche übrige Heilige genau nach der Rangordnung je um einen Platz vor
+und jeder muß mit einem großen Satz auf die Fiale des Vorgängers hüpfen,
+jeder in großer Eile und jeder jaloux auf alle, die noch vor ihm kommen.«
+
+So oft ich seither durch Mailand kam, fiel jener Nachmittag mir wieder ein
+und ich sah mit wehmütigem Lachen die hunderte von Marmorheiligen ihre
+kühnen Sprünge tun.
+
+In Genua ward ich um eine große Liebe reicher. Es war ein heller, windiger
+Tag, kurz nach der Mittagsstunde. Ich hatte die Arme auf eine breite
+Mauerbrüstung gestützt, hinter mir lag das farbige Genua, und unter mir
+schwoll und lebte die große blaue Flut. Das Meer. Mit dunklem Tosen und
+unverstandenem Verlangen warf sich mir das Ewige und Unwandelbare entgegen
+und ich fühlte, daß etwas in mir sich mit dieser blauen, schäumigen Flut
+für Leben und Tod befreundete.
+
+Ebenso mächtig ergriff mich der weite Meerhorizont. Wieder sah ich wie in
+Kinderzeiten die duftblaue Ferne wie ein geöffnetes Tor auf mich warten.
+Und wieder faßte mich das Gefühl, ich sei nicht zum stetig heimischen Leben
+unter Menschen und in Städten und Wohnungen, sondern zum Schweifen durch
+fremde Gebiete und zu Irrfahrten auf Meeren geboren. Mit dunklem Trieb
+stieg das alte, traurigmachende Verlangen in mir empor, mich an Gottes
+Brust zu werfen und mein kleines Leben mit dem Unendlichen und Zeitlosen zu
+verbrüdern.
+
+Bei Rapallo rang ich schwimmend zum erstenmal mit der Flut, schmeckte das
+herbe Salzwasser und fühlte die Gewalt der Wogen. Ringsum blaue, klare
+Wellen, braungelbe Strandfelsen, tiefer stiller Himmel und das ewige, große
+Rauschen. Stets von neuem ergriff mich der Anblick der ferne gleitenden
+Schiffe, schwarzer Masten und blanker Segel oder die kleine Rauchfahne
+eines entfernt dahinfahrenden Dampfers. Nächst meinen Lieblingen, den
+rastlosen Wolken, weiß ich kein schöneres und ernsteres Bild der Sehnsucht
+und des Wanderns als solch ein Schiff, das in großer Ferne fährt, kleiner
+wird und in den geöffneten Horizont hinein verschwindet.
+
+Und wir kamen nach Florenz. Die Stadt lag da wie ich sie aus hundert
+Bildern und tausend Träumen kannte -- licht, geräumig, gastlich, vom
+grünen, überbrückten Strom durchzogen und von klaren Hügeln umgürtet. Der
+kecke Turm des palazzo vecchio stach kühn in den lichten Himmel, in seiner
+Höhe lag weiß und warmsonnig das schöne Fiesole und alle Hügel standen weiß
+und rosenrot im Flor der Obstblüte. Das beweglich freudige, harmlose
+toskanische Leben ging mir wie ein Wunder auf und ich war bald heimischer
+als ich je zu Hause gewesen war. Die Tage wurden in Kirchen, auf Plätzen,
+in Gassen, Loggien und Märkten verbummelt, die Abende in Hügelgärten
+verträumt, wo schon die Limonen reiften, oder in kleinen naiven
+Chiantischenken vertrunken und verplaudert. Dazwischen die beglückend
+reichen Stunden in den Bildersälen und im Bargello, in Klöstern,
+Bibliotheken und Sakristeien, die Nachmittage in Fiesole, San Miniato,
+Settignano, Prato.
+
+Nach einer schon zu Hause getroffenen Verabredung ließ ich nun Richard für
+eine Woche allein und genoß die edelste und köstlichste Wanderung meiner
+Jugendzeit, durch das reiche, grüne umbrische Hügelland. Ich ging die
+Straßen des heiligen Franz und fühlte ihn in manchen Stunden neben mir
+wandern, das Gemüt voll unergründlicher Liebe, jeden Vogel und jede Quelle
+und jeden Hagrosenstrauch mit Dankbarkeit und Freude begrüßend. Ich
+pflückte und verzehrte Limonen an sonnig glänzenden Hängen, nächtigte in
+kleinen Dörfern, sang und dichtete in mich hinein und feierte die Ostern in
+Assisi, in der Kirche meines Heiligen.
+
+Mir ist immer, als seien diese acht Wandertage in Umbrien die Krone und das
+schöne Abendrot meiner Jugendzeit gewesen. Jeden Tag sprangen Quellen in
+mir auf und ich sah in die lichte, festliche Frühlingslandschaft wie in
+Gottes gütige Augen.
+
+In Umbrien war ich Franz, dem »Spielmann Gottes«, verehrend nachgegangen;
+in Florenz genoß ich die beständige Vorstellung vom Leben des Quattrocento.
+Ich hatte ja schon zu Hause Satiren auf die Formen unsres heutigen Lebens
+geschrieben. In Florenz aber fühlte ich zum erstenmal die ganze schäbige
+Lächerlichkeit der modernen Kultur. Dort überfiel mich zuerst die Ahnung,
+daß ich in unsrer Gesellschaft ewig ein Fremdling sein würde, und dort
+erwachte zuerst der Wunsch in mir, mein Leben außerhalb dieser Gesellschaft
+und womöglich im Süden weiter zu führen. Hier konnte ich mit den Menschen
+verkehren, hier erfreute mich auf Schritt und Tritt eine freimütige
+Natürlichkeit des Lebens, über welcher adelnd und verfeinernd die Tradition
+einer klassischen Kultur und Geschichte lag.
+
+Glänzend und beglückend rannen uns die schönen Wochen hin; auch Richard
+hatte ich nie so schwärmerisch entzückt gesehen. Übermütig und freudig
+leerten wir die Becher der Schönheit und des Genusses. Wir erwanderten
+abseitige, heiß gelegene Hügeldörfer, befreundeten uns mit Gastwirten,
+Mönchen, Landmädchen und kleinen zufriedenen Dorfpfarrern, belauschten
+naive Ständchen, fütterten bräunliche, hübsche Kinder mit Brot und Obst und
+sahen von sonnigen Berghöhen Toskana im Glanz des Frühlings und fern das
+schimmernde ligurische Meer liegen. Und wir hatten beide das kräftige
+Gefühl, unseres Glückes würdig einem reichen, neuen Leben entgegen zu
+gehen. Arbeit, Kampf, Genuß und Ruhm lagen so nah und glänzend und sicher
+vor uns, daß wir ohne Hast uns der glücklichen Tagen freuten. Auch die nahe
+Trennung schien leicht und vorübergehend, denn wir wußten fester als je,
+daß wir einer dem andern notwendig und einer des andern für's Leben sicher
+waren.
+
+ * * * * *
+
+Das war die Geschichte meiner Jugend. Es scheint mir, wenn ich es
+überdenke, als sei sie kurz wie eine Sommernacht gewesen. Ein wenig Musik,
+ein wenig Geist, ein wenig Liebe, ein wenig Eitelkeit -- aber es war schön,
+reich und farbig wie ein eleusisches Fest.
+
+Und erlosch schnell und armselig wie ein Licht im Wind.
+
+In Zürich nahm Richard Abschied. Zweimal stieg er wieder aus dem
+Eisenbahnwagen, um mich zu küssen, und nickte mir noch, so lange es ging,
+vom Fenster aus zärtlich zu.
+
+Zwei Wochen später ertrank er beim Baden in einem lächerlich kleinen
+süddeutschen Flüßchen. Ich sah ihn nicht mehr, ich war nicht dabei als er
+begraben wurde, ich hörte alles erst ein paar Tage später, als er schon im
+Sarge und in der Erde lag. Da lag ich in meinem Stüblein auf den Boden
+hingestreckt, fluchte Gott und dem Leben in gemeinen und scheußlichen
+Lästerworten, weinte und tobte. Ich hatte bis dahin nie bedacht, daß mein
+einziger sicherer Besitz in diesen Jahren meine Freundschaft gewesen war.
+Das war nun vorüber.
+
+Es litt mich nicht länger in der Stadt, wo täglich eine Menge von
+Erinnerungen sich an mich hängte und mir die Lust raubte. Was nun käme, war
+mir einerlei; ich war im Kern der Seele krank und hatte ein Grauen vor
+allem Lebendigen. Einstweilen schien die Aussicht gering, daß mein
+zerstörtes Wesen sich wieder aufrichte und mit neu gespannten Segeln dem
+herberen Glück der Mannesjahre entgegen treibe. Gott hatte gewollt, daß ich
+das Beste meines Wesens einer reinen und fröhlichen Freundschaft hingäbe.
+Wie zwei rasche Nachen waren wir miteinander vorangestürmt, und Richards
+Nachen war der bunte, leichte, glückliche, geliebte, an dem mein Auge hing
+und dem ich vertraute, er würde mich zu schönen Zielen mitreißen. Nun war
+er mit kurzem Schrei versunken und ich trieb steuerlos auf plötzlich
+verdunkelten Wassern umher.
+
+Es wäre an mir gewesen, die harte Probe zu bestehen, mich nach den Sternen
+zu richten und auf neuer Fahrt um den Kranz des Lebens zu kämpfen und zu
+irren. Ich hatte an die Freundschaft, an die Frauenliebe, an die Jugend
+geglaubt. Nun sie eine um die andere mich verlassen hatten, warum glaubte
+ich nicht an Gott und gab mich in seine stärkere Hand? Aber ich war
+zeitlebens zag und trotzig wie ein Kind und wartete immer auf das
+eigentliche Leben, daß es im Sturme über mich käme, mich verständig und
+reich machte und auf großen Flügeln einem reifen Glück entgegen trüge.
+
+Das weise und sparsame Leben aber schwieg und ließ mich treiben. Es
+schickte mir weder Stürme noch Sterne, sondern wartete, bis ich wieder
+klein und geduldig und mein Trotz gebrochen wäre. Es ließ mich meine
+Komödie des Stolzes und Besserwissens spielen, sah daran vorbei und
+wartete, bis das verlaufene Kind die Mutter wieder finden würde.
+
+
+
+
+V.
+
+
+Es kommt nun diejenige Zeit meines Lebens, welche scheinbar bewegter und
+bunter war als das bisherige und allenfalls einen kleinen Moderoman abgäbe.
+Ich müßte erzählen, wie ich von einer deutschen Zeitung zum Redakteur
+berufen wurde. Wie ich meiner Feder und meinem bösen Maul zu viel Freiheit
+gönnte und dafür schikaniert und geschulmeistert wurde. Wie ich darauf den
+Ruf eines Säufers errang und schließlich, nach giftigen Händeln, das Amt
+niederlegte und mich als Korrespondenten nach Paris schicken ließ. Wie ich
+in diesem verfluchten Nest zigeunerte, verbummelte und auf verschiedenen
+Gebieten einen starken Tobak rauchte.
+
+Es ist nicht Feigheit, wenn ich den etwaigen Schweinigeln unter meinen
+Lesern hier eine Nase drehe und diese kurze Zeit übergehe. Ich bekenne, daß
+ich einen Irrweg um den andern ging, allerlei Schmutz gesehen habe und
+darin gesteckt bin. Der Sinn für die Romantik der Bohème ist mir seither
+abhanden gekommen und ihr müßt mir erlauben, daß ich mich an das Reinliche
+und Gute halte, das doch auch in meinem Leben war, und jene verlorene Zeit
+verloren und abgetan sein lasse.
+
+Namentlich Paris war schauderhaft: Nichts als Kunst, Politik, Literatur und
+Dirnengewäsch, nichts als Künstler, Literaten, Politiker und gemeine
+Weiber. Die Künstler waren so eitel und aufdringlich wie die Politiker, die
+Literaten noch eitler und aufdringlicher, und am eitelsten und
+aufdringlichsten waren die Weiber.
+
+Eines Abends saß ich allein im Bois und überlegte mir, ob ich nur Paris
+oder lieber gleich das Leben überhaupt verlassen sollte. Darüber ging ich,
+seit langer Zeit zum erstenmal, in Gedanken mein Leben durch und
+berechnete, daß ich nicht viel daran zu verlieren habe.
+
+Aber da sah ich plötzlich in scharfer Erinnerung einen längst vergangenen
+und vergessenen Tag -- einen frühen Sommermorgen, daheim in den Bergen, und
+sah mich an einem Bette knieen und darauf lag meine Mutter und litt den
+Tod.
+
+Ich erschrak und schämte mich, daß ich so lange jenes Morgens nicht mehr
+hatte denken können. Die dummen Mordgedanken waren vorbei. Denn ich glaube,
+daß kein ernster und nicht völlig entgleister Mensch fähig ist, sich das
+Leben zu nehmen, wenn er je einmal das Erlöschen eines gesunden und guten
+Lebens angesehen hat. Ich sah meine Mutter wieder sterben. Ich sah wieder
+auf ihrem Gesicht die stille, ernste Arbeit des Todes, der es adelte. Er
+sah herb aus, der Tod, aber so mächtig und auch gütig wie ein behutsamer
+Vater, der ein irregegangenes Kind heimholt.
+
+Ich wußte plötzlich wieder, daß der Tod unser kluger und guter Bruder ist,
+der die rechte Stunde weiß und dessen wir mit Zuversicht gewärtig sein
+dürfen. Und ich begann auch zu verstehen, daß das Leid und die
+Enttäuschungen und die Schwermut nicht da sind, um uns verdrossen und
+wertlos und würdelos zu machen, sondern um uns zu reifen und zu verklären.
+
+Acht Tage später waren meine Kisten nach Basel abgeschickt und ich wanderte
+zu Fuß durch ein schönes Stück Südfrankreich und fühlte von Tag zu Tag die
+unseligen Pariser Zeiten, deren Erinnerung mich wie ein Gestank verfolgte,
+verblassen und zu Nebel werden. Ich wohnte einer cour d'amour bei. Ich
+übernachtete in Schlössern, in Mühlen, in Scheunen, und trank mit den
+dunkeln, gesprächigen Burschen ihren warmen, sonnigen Wein.
+
+Abgerissen, mager, braungebrannt und im Innern verändert kam ich nach zwei
+Monaten in Basel an. Es war meine erste so große Wanderung, die erste von
+vielen. Zwischen Locarno und Verona, zwischen Basel und Brieg, zwischen
+Florenz und Perugia sind wenig Orte, durch die ich nicht zwei und dreimal
+mit staubigen Stiefeln gepilgert bin -- hinter Träumen her, von denen noch
+keiner sich erfüllt hat.
+
+ * * * * *
+
+In Basel mietete ich eine Vorstadtbude, packte meine Habe aus und begann zu
+arbeiten; es freute mich in einer stillen Stadt zu leben, wo kein Mensch
+mich kannte. Die Beziehungen zu einigen Zeitungen und Revuen waren noch im
+Gang und ich hatte zu arbeiten und zu leben. Die ersten Wochen waren gut
+und ruhig, dann kam allmählich die alte Traurigkeit wieder, blieb tagelang,
+wochenlang, und verging auch bei der Arbeit nicht. Wer nicht an sich selber
+gespürt hat, was Schwermut ist, versteht das nicht. Wie soll ich es
+beschreiben? Ich hatte das Gefühl einer schauerlichen Einsamkeit. Zwischen
+mir und den Menschen und dem Leben der Stadt, der Plätze, Häuser und
+Straßen war fortwährend eine breite Kluft. Es geschah ein großes Unglück,
+es standen wichtige Dinge in den Zeitungen -- mich ging es nichts an. Es
+wurden Feste gefeiert, Tote begraben, Märkte abgehalten, Konzerte gegeben
+-- wozu? wofür? Ich lief hinaus, ich trieb mich in Wäldern, auf Hügeln und
+Landstraßen herum, und um mich her schwiegen Wiesen, Bäume, Äcker in
+klagloser Trauer, sahen mich stumm und flehentlich an und hatten das
+Verlangen mir etwas zu sagen, mir entgegen zu kommen, mich zu begrüßen.
+Aber sie lagen da und konnten nichts sagen, und ich begriff ihr Leiden und
+litt es mit, denn ich konnte sie nicht erlösen.
+
+Ich ging zu einem Arzt, brachte ihm ausführliche Aufzeichnungen, versuchte
+ihm mein Leiden zu beschreiben. Er las, fragte, untersuchte mich.
+
+»Sie sind beneidenswert gesund,« lobte er dann, »körperlich fehlt Ihnen
+nichts. Suchen Sie sich durch Lektüre oder Musik zu erheitern.«
+
+»Ich lese von Berufs wegen tagtäglich eine Menge neue Sachen.«
+
+»Jedenfalls sollten Sie sich auch einige Bewegung im Freien gönnen.«
+
+»Ich laufe täglich drei bis vier Stunden, in Ferienzeiten mindestens das
+doppelte.«
+
+»Dann müssen Sie sich zwingen, unter Menschen zu gehen. Sie sind ja in
+Gefahr ernstlich menschenscheu zu werden.«
+
+»Was liegt daran?«
+
+»Es liegt viel daran. Je größer zur Zeit Ihre Unlust am Umgang ist, desto
+mehr müssen Sie sich zwingen Menschen zu sehen. Ihr Zustand ist noch kein
+Kranksein und scheint mir nicht bedenklich; wenn Sie aber nicht aufhören so
+passiv zu bummeln, könnten Sie schließlich doch einmal die Balance
+verlieren.«
+
+Der Arzt war ein verständiger und wohlwollender Mann. Ich tat ihm leid. Er
+empfahl mich einem Gelehrten, in dessen Hause viel Verkehr und ein gewisses
+geistiges und literarisches Leben war. Ich ging hin. Man kannte meinen
+Namen, war liebenswürdig, fast herzlich, und ich kam öfters wieder.
+
+Einmal kam ich an einem kalten Spätherbstabend hin. Ich fand einen jungen
+Historiker und ein sehr schlankes, dunkles Mädchen; sonst keine Gäste. Das
+Mädchen besorgte die Teemaschine, sprach viel und war spitzig gegen den
+Historiker. Nachher spielte sie ein wenig Klavier. Dann sagte sie mir, sie
+habe meine Satiren gelesen, aber gar nicht goutiert. Sie kam mir gescheit,
+aber ein wenig allzu gescheit vor, und ich ging bald nach Hause.
+
+Inzwischen hatte man allmählich herausgebracht, ich säße viel in Kneipen
+herum und sei eigentlich ein heimlicher Säufer. Es wunderte mich kaum, denn
+der Klatsch blühte gerade in der akademischen Gesellschaft unter Männern
+und Frauen aufs üppigste. Meinem Verkehr schadete die beschämende
+Entdeckung gar nicht, machte mich vielmehr begehrt, denn man war gerade für
+die Temperenz begeistert, Herren und Damen gehörten den Komitees der
+Mäßigkeitsvereine an und freuten sich jedes Sünders, der ihnen in die Hände
+fiel. Eines Tages erfolgte der erste höfliche Angriff. Es ward mir die
+Schmach des Wirtshauslebens, der Fluch des Alkoholismus und all das vom
+sanitären, ethischen und sozialen Standpunkt zu betrachten nahe gelegt und
+ich wurde eingeladen einer Vereinsfeierlichkeit beizuwohnen. Ich war maßlos
+erstaunt, denn von allen solchen Vereinen und Bestrebungen hatte ich bisher
+kaum eine Ahnung gehabt. Die Vereinssitzung, mit Musik und religiösem
+Anstrich, war peinlich komisch und ich verhehlte diesen Eindruck nicht.
+Wochenlang wurde mir mit aufdringlicher Liebenswürdigkeit zugesetzt, die
+Sache wurde mir äußerst langweilig und eines Abends, da man mir wieder
+dasselbe Lied vorsang und sehnlich auf meine Bekehrung hoffte, ward ich
+desperat und bat mir energisch aus, man möge mich nun mit dem Geplärre
+verschonen. Das junge Mädchen war wieder da. Sie hörte mir aufmerksam zu
+und sagte dann ganz herzlich: »Bravo!« Ich war aber zu verstimmt, um darauf
+zu achten.
+
+Mit desto größerem Vergnügen sah ich ein kleines drolliges Mißgeschick mit
+an, das bei einer gewaltigen Abstinentenfestlichkeit passierte. Der große
+Verein samt zahllosen Gästen tafelte und tagte in seinem Hause, Reden
+wurden gehalten, Freundschaften geschlossen und Chöre gesungen und der
+Fortschritt der guten Sache mit großem Hosianna gefeiert. Einem als
+Fahnenträger angestellten Dienstmann dauerten die alkoholfreien Reden zu
+lange, er drückte sich in eine nahe Schenke, und als der feierliche Fest-
+und Demonstrationszug durch die Straßen seinen Anfang nahm, genossen
+schadenfrohe Sünder das ergötzliche Schauspiel, an der Spitze der
+begeisterten Scharen einen fröhlich betrunkenen Anführer und in seinen
+Armen die Fahne des blauen Kreuzes gleich einem schiffbrüchigen Mastbaum
+schwanken zu sehen.
+
+Der besoffene Dienstmann wurde entfernt; nicht entfernt aber wurde das
+Gewimmel menschlichster Eitelkeiten, Eifersüchteleien und Intriguen, das
+sich innerhalb der einzelnen Konkurrenzvereine und Komissionen erhoben
+hatte und zu immer freudigerer Blüte gedieh. Die Bewegung spaltete sich,
+ein paar Ehrgeizige wollten allen Ruhm für sich haben und schimpften über
+jeden nicht in ihrem Namen bekehrten Säufer; edle und selbstlose
+Mitarbeiter, an denen es nicht fehlte, wurden schnöde mißbraucht und in
+Bälde hatten Näherstehende Gelegenheit zu sehen, wie auch hier unter
+idealer Etikette allerlei unsaubere Menschlichkeiten zum Himmel stanken.
+Alle diese Komödien erfuhr ich so nebenher durch dritte Leute, hatte mein
+stilles Wohlgefallen daran und dachte mir auf mancher nächtlichen Heimkehr
+von Trinkereien: Seht, wir Wilde sind doch bessere Menschen.
+
+In meiner kleinen, hoch und frei gelegenen Stube über dem Rhein studierte
+und grübelte ich viel. Ich war trostlos, daß das Leben so an mir ablief,
+daß kein starker Strom mich mitriß, keine heftige Leidenschaft oder
+Teilnahme mich erhitzte und dem dumpfen Traum entzog. Zwar arbeitete ich,
+neben dem täglich Notwendigen, an den Vorbereitungen zu einem Werk, welches
+das Leben der ersten Minoriten darstellen sollte; doch war dies kein
+Schaffen, nur ein stetes bescheidenes Sammeln und genügte dem Trieb meiner
+Sehnsucht nicht. Ich begann, indem ich mich an Zürich, Berlin und Paris
+erinnerte, mir die wesentlichen Wünsche, Leidenschaften und Ideale der
+Zeitgenossen klar zu machen. Einer arbeitete daran, die bisherigen Möbel,
+Tapeten und Kostüme abzuschaffen und die Menschen an freiere, schönere
+Umgebungen zu gewöhnen. Ein anderer war bemüht, den Häckelschen Monismus in
+populären Schriften und Vorträgen zu verbreiten. Andere hielten es für
+erstrebenswert, den ewigen Weltfrieden herbeizuführen. Und wieder einer
+kämpfte für die darbenden unteren Stände, oder sammelte und redete dafür,
+daß Theater und Museen für's Volk gebaut und geöffnet würden. Und hier in
+Basel wurde der Alkohol bekämpft.
+
+In all diesen Bestrebungen war Leben, Trieb und Bewegung; aber keine davon
+war mir wichtig und notwendig und es hätte mich und mein Leben nicht
+berührt, wenn alle jene Ziele heute erreicht worden wären. Hoffnungslos
+sank ich in den Stuhl zurück, schob Bücher und Blätter von mir und sann,
+und sann. Dann hörte ich vor den Fenstern den Rhein ziehen und den Wind
+sausen und lauschte ergriffen auf diese Sprache einer großen, überall auf
+der Lauer liegenden Schwermut und Sehnsucht. Ich sah die blassen
+Nachtwolken in großen Stößen wie erschreckte Vögel durch den Himmel
+flattern, hörte den Rhein wandern und dachte an meiner Mutter Tod, an den
+heiligen Franz, an meine Heimat in den Schneebergen und an den ertrunkenen
+Richard. Ich sah mich an den Felswänden klettern, um Alpenrosen für die
+Rösi Girtanner zu brechen, ich sah mich in Zürich von Büchern und Musik und
+Gesprächen erregt, sah mich mit der Aglietti auf dem nächtlichen Wasser
+fahren, sah mich über Richards Tod verzweifeln, reisen und wiederkommen,
+genesen und wieder elend werden. Wozu? Wofür? O Gott, war alles das denn
+nur ein Spiel, ein Zufall, ein gemaltes Bild gewesen? Hatte ich nicht
+gerungen und Qualen der Begierde gelitten nach Geist, nach Freundschaft,
+nach Schönheit, Wahrheit und Liebe? Quoll nicht noch immer in mir die
+schwüle Woge der Sehnsucht und der Liebe? Und alles für nichts, mir zur
+Qual, niemand zur Lust!
+
+Dann war ich reif für die Kneipe. Ich blies die Lampe aus, tastete mich die
+steile alte Wendeltreppe hinab und erschien in einer Veltlinerhalle oder
+Waadtländer Weinstube. Dort empfing man mich als guten Gast mit Respekt,
+während ich gewöhnlich trutzig und gelegentlich sackgrob war. Ich las den
+Simplizissimus, der mich jedesmal ärgerte, trank meinen Wein und wartete,
+bis er mich trösten würde. Und der süße Gott berührte mich mit seiner
+weiblich weichen Hand, machte meine Glieder wohlig müde und führte meine
+verirrte Seele in das Land der schönen Träume zu Gast.
+
+Gelegentlich wunderte ich mich selber darüber, daß ich die Leute so borstig
+behandelte und eine Art von Spaß daran hatte sie anzuschnauzen. In
+Gasthäusern, die ich öfter besuchte, fürchteten und verwünschten mich die
+Kellnerinnen als einen Grobian und Nörgler, der ewig zu reklamieren hatte.
+Geriet ich in ein Gespräch mit anderen Gästen, so war ich höhnisch und
+grob, freilich waren auch die Leute danach. Trotzdem fanden sich ein paar
+wenige Wirtshausbrüder, sämtlich schon alternde und unheilbare Sünder, mit
+denen ich zuweilen einen Abend versaß und ein leidliches Verhältnis fand.
+Es war namentlich ein ältlicher Rauhbein unter ihnen, seines Zeichens
+Dessinateur, ein Weiberfeind, Schweinigel und geaichter Zecher erster
+Klasse. Wenn ich ihn abends in irgend einer Schenke allein antraf, setzte
+es jedesmal ein scharfes Zechen ab. Erst wurde geplaudert, gewitzelt und
+nebenher ein Fläschchen Roter gebechert, dann trat allmählich das Trinken
+in den Vordergrund, das Gespräch schlief ein und wir hockten einander
+schweigsam gegenüber, sogen jeder an seiner Brissago und leerten jeder für
+sich seine Flaschen. Dabei war einer dem andern ebenbürtig, wir ließen
+stets gleichzeitig die Flaschen wieder füllen und beobachteten einer den
+andern halb mit Achtung und halb mit Schadenfreude. Zur Zeit des Neuen, im
+Spätherbst, zogen wir einst gemeinsam durch einige Markgräfler Weindörfer
+und im Hirschen zu Kirchen erzählte mir der alte Knopf seine
+Lebensgeschichte. Ich glaube, sie war interessant und absonderlich, doch
+vergaß ich sie leider vollständig. Geblieben ist mir nur seine Schilderung
+einer Trinkerei, schon aus seinen späteren Jahren. Es war irgendwo auf dem
+Lande bei einer dörflichen Festlichkeit. Als Gast am Honoratiorentisch
+verleitete er sowohl den Pfarrer wie den Schultheiß vorzeitig zu tüchtigen
+Räuschen. Der Pfarrer hatte aber noch eine Rede zu halten. Nachdem man ihn
+mit Mühe aufs Podium geschleppt, tat er dort ungeheuerliche Sprüche und
+mußte abgeführt werden, worauf der Schultheiß in die Lücke sprang. Er
+begann gewaltig aus dem Stegreif zu reden, wurde jedoch durch die heftige
+Bewegung plötzlich unwohl und endete seine Ansprache auf eine ungewöhnliche
+und unfeine Weise.
+
+Später hätte ich diese und andere Geschichten mir gerne nochmals erzählen
+lassen. Es hatte aber bei einem Schützenfestabend unversöhnliche Händel
+zwischen uns gegeben, wir hatten einander die Bärte gerupft und waren im
+Zorn auseinander gegangen. Von da an kam es einige mal vor, daß wir als
+Feinde gleichzeitig in einer Wirtsstube saßen, jeder natürlich an einem
+anderen Tisch; aber aus alter Gewohnheit beobachteten wir einander
+schweigend, tranken im gleichen Tempo und blieben sitzen, bis wir längst
+die letzten Gäste waren und schließlich ersucht wurden abzuziehen. Zu einer
+Versöhnung ist es nie gekommen.
+
+Fruchtlos und ermüdend war das ewige Nachdenken über die Ursachen meiner
+Trauer und Lebensunfähigkeit. Ich hatte durchaus nicht das Gefühl, fertig
+und verbraucht zu sein, sondern war voll von dunklen Trieben und glaubte
+daran, daß es zur rechten Stunde mir noch gelingen würde, etwas Tiefes und
+Gutes zu schaffen und dem spröden Leben wenigstens eine Handvoll Glück zu
+entreißen. Aber würde die rechte Stunde jemals kommen? Mit Bitterkeit
+dachte ich an jene modernen, nervösen Herren, die sich durch tausend
+künstliche Anregungen zur künstlerischen Arbeit stachelten, während in mir
+starke Kräfte unverbraucht lagen und liegen blieben. Und ich grübelte
+wieder, was für ein Hemmnis oder Dämon mir in meinem strotzend starken
+Leibe die Seele stocken und immer schwerer werden lasse. Dabei hatte ich
+auch noch den sonderbaren Gedanken, mich für einen aparten, irgendwie zu
+kurz gekommenen Menschen zu halten, dessen Leiden niemand kenne, verstehe
+oder teile. Es ist das Teuflische an der Schwermut, daß sie einen nicht nur
+krank, sondern auch eingebildet und kurzsichtig, ja fast hochmütig macht.
+Man kommt sich vor wie der geschmacklose Heinesche Atlas, der allein alle
+Schmerzen und Rätsel der Welt auf den Schultern liegen hat, als ob nicht
+tausend andere dieselben Leiden duldeten und im selben Labyrinth
+herumirrten. Auch daß die Mehrzahl meiner Eigenschaften und Eigenheiten
+nicht so sehr mir gehörte als Familiengut oder Übel der Camenzinde war, kam
+mir in meiner Isolierung und Heimatferne ganz abhanden.
+
+Alle paar Wochen ging ich einmal wieder in das gastliche Gelehrtenhaus.
+Allmählich kannte ich ziemlich alle dort verkehrenden Leute. Es waren meist
+jüngere Akademiker, viele Deutsche darunter, von allen Fakultäten, außerdem
+ein paar Maler, einige Musiker, sowie ein paar Bürgersleute mit ihren
+Frauen und Mädchen. Ich sah oft mit Erstaunen diese Leute an, die mich als
+seltenen Gast begrüßten und von denen ich wußte, daß sie sich untereinander
+wöchentlich so und so viele mal sahen. Was sprachen und trieben sie nur
+immer miteinander? Die meisten hatten dieselbe stereotype Form des homo
+socialis und sie schienen mir alle ein wenig mit einander verwandt, kraft
+eines geselligen und nivellierenden Geistes, den ich allein nicht besaß. Es
+waren manche feine und bedeutende Menschen dabei, welchen die ewige
+Geselligkeit offenbar nichts oder nicht viel von ihrer Frische und
+persönlichen Kraft raubte. Mit einzelnen von ihnen konnte ich lang und mit
+Interesse sprechen. Aber von einem zum andern gehen, bei jedem eine Minute
+stehen bleiben, den Weibern auf gut Glück Artigkeiten sagen, meine
+Aufmerksamkeit auf eine Tasse Tee, zwei Gespräche und ein Klavierstück zu
+gleicher Zeit richten, dabei angeregt und vergnügt aussehen, das konnte ich
+nicht. Schrecklich war es mir, von Literatur oder Kunst reden zu müssen.
+Ich sah, daß auf diesen Gebieten sehr wenig gedacht, sehr viel gelogen und
+jedenfalls unsäglich viel geschwatzt wurde. Ich log also mit, hatte aber
+keine Freude daran und fand das viele nutzlose Gewäsche langweilig und
+entwürdigend. Viel lieber hörte ich etwa eine Frau von ihren Kindern
+sprechen oder erzählte selbst von Reisen, von kleinen Tageserlebnissen und
+anderen realen Dingen. Dabei konnte ich gelegentlich vertraulich und fast
+vergnügt werden. Meistens suchte ich aber am Schluß solcher Abende noch ein
+Weinhaus auf und schwemmte die Trockenheit im Halse und die faule
+Langeweile mit Veltliner weg.
+
+Bei einer von diesen Gesellschaften sah ich das schwarze junge Mädchen
+wieder. Es war eine Menge Leute da, sie musizierten und verführten ihr
+gewohntes Getöse, und ich saß mit einer Bildermappe in einem abseitigen
+Lampenwinkel. Es waren Ansichten von Toskana, nicht die gewöhnlichen,
+tausendmal gesehenen Effektbildchen, sondern intimere, privatim skizzierte
+Veduten, meist Geschenke von Reisegenossen und Freunden des Hausherrn. Eben
+hatte ich die Zeichnung eines steinernen, schmalfenstrigen Häuschens in dem
+einsamen Tal von San Clemente gefunden, das ich erkannte, denn ich hatte
+dort manche Spaziergänge gemacht. Das Tal liegt ganz nah bei Fiesole, aber
+die Menge der Reisenden besucht es nie, weil keine Altertümer dort sind. Es
+ist ein Tal von herber und merkwürdiger Schönheit, trocken und kaum
+bewohnt, zwischen hohe, kahle und strenge Berge geklemmt, weltferne,
+melancholisch und unbetreten.
+
+Das Mädchen trat heran und sah mir über die Schulter.
+
+»Warum sitzen Sie immer so allein, Herr Camenzind?«
+
+Es ärgerte mich. Sie fühlt sich von den Herren vernachlässigt, dachte ich,
+und nun kommt sie zu mir.
+
+»Nun, bekomme ich keine Antwort?«
+
+»Verzeihung, Fräulein; aber was soll ich denn antworten? Ich sitze allein,
+weil es mir Spaß macht!«
+
+»Dann störe ich Sie also?«
+
+»Sie sind komisch.«
+
+»Danke; ist aber ganz gegenseitig.«
+
+Und sie setzte sich. Ich hielt beharrlich mein Blatt in den Fingern.
+
+»Sie sind doch vom Oberland,« sagte sie. »Ich möchte Sie gern einmal von
+dort erzählen hören. Mein Bruder sagt, in Ihrem Dorf gebe es bloß einen
+Familiennamen, lauter Camenzinds. Ist das wahr?«
+
+»Beinah,« knurrte ich. »Es gibt aber auch einen Bäcker, der Füßli heißt.
+Und einen Gastwirt namens Nydegger.«
+
+»Und sonst nichts als Camenzind! Und die sind alle miteinander verwandt'?«
+
+»Mehr oder weniger.«
+
+Ich reichte ihr die Zeichnung hin. Sie hielt das Blatt fest und ich
+bemerkte, daß sie es verstand so etwas richtig anzufassen. Das sagte ich
+ihr.
+
+»Sie loben mich,« lachte sie, »aber wie ein Schullehrer.«
+
+»Wollen Sie das Blatt nicht auch ansehen?« fragte ich grob. »Sonst kann ich
+es zurücklegen.«
+
+»Was stellt es denn vor?«
+
+»San Clemente.«
+
+»Wo?«
+
+»Bei Fiesole.«
+
+»Sie sind dort gewesen?«
+
+»Ja, mehrmals.«
+
+»Wie sieht das Tal aus? Das hier ist ja nur ein Ausschnitt.«
+
+Ich dachte nach. Die ernste, herbschöne Landschaft trat vor meinen Blick
+und ich schloß die Augen halb, um sie festzuhalten. Es dauerte eine Weile,
+ehe ich zu sprechen begann und es tat mir wohl, daß sie still blieb und
+wartete. Sie begriff, daß ich nachdachte.
+
+Und ich schilderte San Clemente, wie es schweigend, dürr und großartig im
+Brand des Sommernachmittags liegt. Nebenan in Fiesole treibt man Industrie,
+flicht Strohhüte und Körbe, verkauft Souvenirs und Orangen, betrügt die
+Reisenden oder bettelt sie an. Weiter unten liegt Florenz und umfaßt eine
+Flut alten und neuen Lebens. Aber beide sieht man von Clemente aus nicht.
+Dort haben keine Maler gearbeitet, dort ist kein Römerbau gewesen, die
+Geschichte vergaß das arme Tal. Aber dort kämpft die Sonne und der Regen
+mit der Erde, dort erhalten sich schiefe Pinien mühsam am Leben und die
+paar Cypressen fühlen mit hageren Wipfeln in die Luft, ob nicht der
+feindliche Sturm nahe sei, der ihnen das karge Leben verkürzt, an dem sie
+mit dürstenden Wurzeln hängen. Es fährt zuweilen ein Ochsenwagen von den
+nahe liegenden großen Meierhöfen vorbei oder eine Bauernfamilie pilgert
+Fiesole entgegen, aber sie sind nur zufällige Gäste und die roten Röcke der
+Bauernweiber, die sonst so flott und lustig aussehen, stören hier und man
+vermißt sie gern.
+
+Und ich erzählte, wie ich als junger Mensch mit einem Freunde dort
+wanderte, zu Füßen der Cypressen lag und mich an ihre hageren Stämme
+lehnte; und wie der traurig schöne Einsamkeitszauber des seltsamen Tales
+mich an die heimatlichen Schluchten erinnerte.
+
+Wir schwiegen eine Weile.
+
+»Sie sind ein Dichter,« sagte das Mädchen.
+
+Ich schnitt eine Grimasse.
+
+»Ich meine es anders,« fuhr sie fort. »Nicht weil Sie Novellen und
+dergleichen schreiben. Sondern weil Sie die Natur verstehen und lieb haben.
+Was ist es anderen Leuten, wenn ein Baum rauscht oder ein Berg in der Sonne
+glüht? Aber für Sie ist ein Leben darin, das Sie mitleben können.«
+
+Ich antwortete, daß niemand »die Natur verstehe« und daß man mit allem
+Suchen und Begreifenwollen nur Rätsel findet und traurig wird. Ein in der
+Sonne stehender Baum, ein verwitternder Stein, ein Tier, ein Berg -- sie
+haben ein Leben, sie haben eine Geschichte, sie leben, leiden, trotzen,
+genießen, sterben, aber wir begreifen es nicht.
+
+Indeß ich sprach und mich ihres geduldig stillen Aufmerkens freute, begann
+ich sie zu betrachten. Ihr Blick war auf mein Gesicht gerichtet und wich
+dem meinen nicht aus. Ihr Gesicht war ganz ruhig, hingegeben und von der
+Aufmerksamkeit ein wenig gespannt. Wie wenn ein Kind mir zuhörte. Nein,
+sondern wie wenn ein Erwachsener im Zuhören sich vergißt und, ohne es zu
+wissen, Kinderaugen bekommt. Und während des Betrachtens entdeckte ich
+allmählich mit naiver Finderfreude, daß sie sehr schön war.
+
+Als ich nicht mehr sprach, blieb auch das Mädchen still. Dann schreckte sie
+auf und blinzelte ins Lampenlicht.
+
+»Wie heißen Sie eigentlich, Fräulein?« fragte ich und dachte nicht viel
+dabei.
+
+»Elisabeth.«
+
+Sie ging weg und wurde bald darauf genötigt Klavier zu spielen. Sie spielte
+gut. Aber da ich hinzutrat sah ich, daß sie nicht mehr so schön war.
+
+Als ich die behaglich altmodische Treppe hinabstieg, um nach Hause zu
+gehen, hörte ich ein paar Worte vom Gespräch zweier Maler, welche in der
+Hausflur ihre Mäntel anlegten.
+
+»Na ja, er hat sich den ganzen Abend mit der hübschen Lisbeth beschäftigt,«
+sagte einer und lachte.
+
+»Stille Wasser!« meinte der andere. »Er hat sich nicht das Schlechteste
+ausgesucht.«
+
+Also die Affen sprachen schon darüber. Es fiel mir plötzlich ein, daß ich,
+fast wider Willen, diesem fremden jungen Mädchen intime Erinnerungen und
+ein ganzes Stück meines inneren Lebens preisgegeben hatte. Wie kam ich
+dazu? Und nun schon die bösen Mäuler! -- Bande!
+
+Ich ging weg und betrat monatelang das Haus nicht mehr. Zufällig war eben
+einer von jenen zwei Malern der Erste, der mich auf der Straße darüber zur
+Rede stellte.
+
+»Warum gehen Sie denn nicht mehr hin?«
+
+»Weil ich das verdammte Klatschen nicht leiden kann,« sagte ich.
+
+»Ja, unsere Damen!« lachte der Kerl.
+
+»Nein,« antwortete ich, »ich meine die Männer, und speziell die Herren
+Maler.«
+
+Elisabeth sah ich in diesen Monaten nur ganz wenige Mal auf der Straße,
+einmal in einem Kaufladen und einmal in der Kunsthalle. Gewöhnlich war sie
+hübsch, doch nicht schön. Die Bewegungen ihrer überschlanken Gestalt hatten
+etwas Apartes, das sie meistens schmückte und auszeichnete, manchmal aber
+auch etwas übertrieben und unecht aussehen konnte. Schön, überaus schön war
+sie damals in der Kunsthalle. Sie sah mich nicht. Ich saß ausruhend
+beiseite und blätterte im Katalog. Sie stand in meiner Nähe vor einem
+großen Segantini und war ganz in das Bild versunken. Es stellte ein paar
+auf mageren Matten arbeitende Bauernmädchen dar, hinten die zackig jähen
+Berge, etwa an die Stockhorngruppe erinnernd, und darüber in einem kühlen,
+lichten Himmel eine unsäglich genial gemalte, elfenbeinfarbene Wolke. Sie
+frappierte auf den ersten Blick durch ihre seltsam geknäuelte,
+ineinandergedrehte Masse; man sah, sie war eben erst vom Winde geballt und
+geknetet und schickte sich nun an zu steigen und langsam fortzufliegen.
+Offenbar verstand Elisabeth diese Wolke, denn sie war ganz dem Anschauen
+hingegeben. Und wieder war ihre sonst verborgene Seele in ihr Gesicht
+getreten, lachte leise aus den vergrößerten Augen, machte den zu schmalen
+Mund kindlich weich und hatte die überkluge herbe Stirnfalte zwischen den
+Brauen geebnet. Die Schönheit und Wahrhaftigkeit eines großen Kunstwerkes
+zwang ihre Seele, selbst schön und wahrhaftig und unverhüllt sich
+darzustellen.
+
+Ich saß still daneben, betrachtete die schöne Segantiniwolke und das schöne
+von ihr entzückte Mädchen. Dann fürchtete ich, sie möchte sich umwenden,
+mich sehen und anreden und ihre Schönheit wieder verlieren, und ich verließ
+den Saal schnell und leise.
+
+Um jene Zeit begann meine Freude an der stummen Natur und mein Verhältnis
+zu ihr sich zu verändern. Immer wieder streifte ich durch die wundervolle
+Umgebung der Stadt, am liebsten in den Jura hinein. Ich sah immer wieder
+die Wälder und Berge, Matten, Obstbäume und Gebüsche stehen und auf irgend
+etwas warten. Vielleicht auf mich, jedenfalls aber auf Liebe.
+
+Und so begann ich diese Dinge zu lieben. Es kam ein starkes, dürstendes
+Verlangen in mir ihrer stillen Schönheit entgegen. Auch in mir drängte ein
+tiefes Leben und Sehnen dunkel empor und suchte nach Bewußtsein, nach
+Verstandenwerden, nach Liebe.
+
+Viele sagen, sie »lieben die Natur«. Das heißt, sie sind nicht abgeneigt je
+und je ihre dargebotenen Reize sich gefallen zu lassen. Sie gehen hinaus
+und freuen sich über die Schönheit der Erde, zertreten die Wiesen und
+reißen schließlich eine Menge Blumen und Zweige ab, um sie bald wieder
+wegzuwerfen oder daheim verwelken zu sehen. So lieben sie die Natur. Sie
+erinnern sich dieser Liebe am Sonntag, wenn schönes Wetter ist, und sind
+dann gerührt über ihr gutes Herz. Sie hätten es ja nicht nötig, denn »der
+Mensch ist die Krone der Natur«. Ach ja, die Krone!
+
+Also ich blickte immer begieriger in den Abgrund der Dinge. Ich hörte den
+Wind vieltönig in den Kronen der Bäume klingen, hörte Bäche durch
+Schluchten brausen und leise stille Ströme durch die Ebene ziehen, und ich
+wußte, daß diese Töne Gottes Sprache waren und daß es ein Wiederfinden des
+Paradieses wäre, diese dunkle, urschöne Sprache zu verstehen. Die Bücher
+wissen davon wenig, nur in der Bibel steht das wunderbare Wort vom
+»unaussprechlichen Seufzen« der Kreatur. Doch ahnte ich, daß zu allen
+Zeiten Menschen, gleich mir von diesem Unverstandenen ergriffen, ihr
+Tagewerk verlassen und die Stille aufgesucht hatten, um dem Liede der
+Schöpfung zu lauschen, das Ziehen der Wolken zu betrachten und in rastloser
+Sehnsucht dem Ewigen anbetende Arme entgegenzustrecken, Einsiedler, Büßer
+und Heilige.
+
+Bist du nie in Pisa gewesen, im Camposanto? Dort sind die Wände mit
+blaßgewordenen Bildern vergangener Jahrhunderte geschmückt, und eines davon
+zeigt das Leben der Einsiedler in der thebaischen Wüste. Das naive Bild
+strömt noch heute mit seinen verblaßten Farben den Zauber eines so seligen
+Friedens aus, daß du ein plötzliches Leid empfindest und daß es dich
+verlangt, deine Sünden und deine Unreinheit irgendwo in heiliger Weltferne
+von dir zu weinen und nicht wiederzukommen. Unzählige Künstler haben so
+versucht, ihr Heimweh in seligen Bildern auszusagen, und irgend ein kleines
+liebes Kinderbildchen von Ludwig Richter singt dir dasselbe Lied wie die
+Fresken von Pisa. Warum hat Tizian, der Freund des Gegenwärtigen und
+Körperlichen, seinen klaren und gegenständlichen Bildern manchmal jenen
+Hintergrund vom süßesten Ferneblau gegeben? Es ist nur ein Strich
+tiefblauer, warmer Farbe, man sieht nicht ob er ferne Gebirge oder nur den
+unbegrenzten Raum bedeuten will. Tizian, der Realist, wußte es selbst
+nicht. Er tat es nicht, wie die Kunsthistoriker wissen wollen, aus Gründen
+der Farbenharmonik, sondern es war sein Tribut an das Unstillbare, das
+verborgen auch in der Seele dieses Frohen und Glücklichen lebte. So, schien
+mir, war die Kunst zu allen Zeiten bemüht gewesen, dem stummen Verlangen
+des Göttlichen in uns eine Sprache zu schenken.
+
+Reifer, schöner und doch viel kindlicher sprach der heilige Franz das aus.
+Ihn verstand ich erst damals völlig. Indem er die ganze Erde, die Pflanzen,
+Gestirne, Tiere, Winde und Wasser in seine Liebe zu Gott inbegriff,
+übereilte er das Mittelalter und selbst Dante und fand die Sprache des
+zeitlos Menschlichen. Er nennt alle Mächte und Erscheinungen der Natur
+seine lieben Brüder und Schwestern. Als er in seinen spätern Jahren von den
+Ärzten dazu verurteilt ward, sich die Stirn mit glühendem Eisen brennen zu
+lassen, begrüßte er mitten in der Angst des gefolterten Schwerkranken in
+diesem schrecklichen Eisen »seinen lieben Bruder, das Feuer.«
+
+Indem ich nun anfing die Natur persönlich zu lieben, ihr zu lauschen wie
+einem Kameraden und Reisegefährten, der eine fremde Sprache redet, ward
+meine Schwermut zwar nicht geheilt, aber veredelt und gereinigt. Mein Ohr
+und Auge schärfte sich, ich lernte feine Tönungen und Unterschiede erfassen
+und sehnte mich, den Herzschlag alles Lebens immer näher und klarer zu
+hören und vielleicht einmal zu verstehen und vielleicht einmal der Gabe
+teilhaftig zu werden, ihm in Dichterworten Ausdruck zu gönnen, damit auch
+andere ihm näher kämen und mit besserem Verständnis die Quellen aller
+Erfrischung, Reinigung und Kindlichkeit besuchten. Einstweilen war das ein
+Wunsch, ein Traum -- --, ich wußte nicht ob er sich je erfüllen könne und
+hielt mich ans nächste, indem ich allem Sichtbaren Liebe entgegenbrachte
+und mich gewöhnte, kein Ding mehr gleichgültig oder verächtlich zu
+betrachten.
+
+Ich kann nicht sagen, wie erneuend und tröstend dies auf mein verdunkeltes
+Leben wirkte! Es ist nichts Adligeres und nichts Beglückenderes in der Welt
+als eine wortelose, stetige, leidenschaftslose Liebe und ich wünsche nichts
+herzlicher als daß von denen, die meine Worte lesen, einige oder auch nur
+zwei oder einer diese reine und selige Kunst durch meinen Antrieb zu lernen
+beginnen möchte. Manche haben sie von Natur und üben sie ihr Leben lang
+unbewußt, das sind Gottes Lieblinge, die Guten und Kinder unter den
+Menschen. Manche haben sie in schweren Leiden gelernt -- habt ihr nie unter
+Krüppeln und Elenden solche mit überlegenen, stillen, glänzenden Augen
+gesehen? Wenn ihr nicht auf mich und meine armen Worte hören möget, so
+gehet zu ihnen, in denen eine begierdelose Liebe das Leiden überwand und
+verklärte.
+
+Dieser Vollendung, die ich an manchen armen Duldern verehrt habe, stehe ich
+noch heute kläglich fern. Aber diese Jahre hindurch entbehrte ich nur
+selten des tröstenden Glaubens, den rechten Weg zu ihr zu wissen.
+
+Daß ich ihn auch immer gegangen wäre, darf ich nicht sagen, vielmehr blieb
+ich unterwegs auf allen Bänken sitzen und sparte auch manchen bösen Umweg
+nicht. Zwei selbstsüchtige und mächtige Neigungen stritten in mir wider die
+echte Liebe. Ich war Trinker und ich war menschenscheu. Zwar beschnitt ich
+mein Quantum Wein erheblich, aber alle paar Wochen überredete mich der
+schmeichlerische Gott, daß ich mich ihm in die Arme warf. Daß ich etwa auf
+der Straße liegen blieb oder ähnliche Nachtstücke verübte, ist allerdings
+kaum jemals vorgekommen, denn der Wein liebt mich, und lockt mich nur bis
+dahin, wo seine Geister mit meinem eigenen in freundschaftlichem
+Zwiegespräch verkehren. Immerhin verfolgte mich lange Zeit nach jeder
+Trinkerei das böse Gewissen. Aber schließlich konnte ich meine Liebe doch
+nicht gerade dem Wein entziehen, zu dem ich eine starke Neigung vom Vater
+ererbt hatte. Jahrelang hatte ich diese Erbschaft sorgsam und pietätvoll
+gehegt und mir gründlich zu eigen gemacht, also half ich mir nun und schloß
+zwischen Trieb und Gewissen einen halb ernsten, halb scherzhaften Vertrag.
+Ich nahm in den Lobgesang des Heiligen von Assisi »meinen lieben Bruder,
+den Wein« mit auf.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Viel schlimmer war mein anderes Laster. Ich hatte wenig Freude an den
+Menschen, lebte als Einsiedler und war gegen menschliche Dinge stets mit
+Spott und Verachtung zur Hand.
+
+Im Beginn meines neuen Lebens dachte ich daran noch gar nicht. Ich fand es
+richtig, die Menschen einander zu überlassen und meine Zärtlichkeit,
+Hingabe und Teilnahme allein dem stummen Leben der Natur zu schenken. Auch
+erfüllte diese mich im Anfang ganz.
+
+Nachts, wenn ich zu Bett gehen wollte, fiel mir etwa plötzlich ein Hügel,
+ein Waldrand, ein einzelner Lieblingsbaum ein, den ich lange nicht mehr
+besucht hatte. Nun stand er in der Nacht im Wind, träumte, schlummerte
+vielleicht, stöhnte und regte die Zweige. Wie mochte er aussehen? Und ich
+verließ das Haus, suchte ihn auf und sah seine undeutliche Gestalt im
+Finstern stehen, betrachtete ihn mit erstaunter Zärtlichkeit und trug sein
+dämmerndes Bild in mir davon.
+
+Ihr lacht darüber. Vielleicht war diese Liebe verirrt, doch nicht
+vergeudet. Aber wie sollte ich von hier den Weg finden, der zur
+Menschenliebe führte?
+
+Nun, wo ein Anfang gemacht ist, kommt immer das Beste von selber nach.
+Immer näher und möglicher schwebte mir die Idee meiner großen Dichtung vor.
+Und wenn mein Liebhaben mich dahin bringen würde, einmal als Dichter die
+Sprache der Wälder und Ströme zu reden, für wen geschähe das dann? Nicht
+nur für meine Lieblinge, sondern doch vor allem für die Menschen, denen ich
+ein Führer und ein Lehrer der Liebe sein wollte. Und gegen diese Menschen
+war ich rauh, spöttisch und lieblos. Ich empfand den Zwiespalt und die
+Nötigung, das herbe Fremdsein zu bekämpfen und auch den Menschen
+Brüderlichkeit zu zeigen. Und das war schwer, denn Vereinsamung und
+Schicksale hatten mich gerade auf diesem Punkt hart und böse gemacht. Es
+genügte nicht, daß ich daheim und im Wirtshaus mich mühte weniger herb zu
+sein und daß ich etwa unterwegs einem Begegnenden freundlich zunickte.
+Übrigens sah ich schon hierbei, wie gründlich ich mir das Verhältnis zu den
+Leuten versalzen hatte, denn man kam meinen Freundlichkeitsversuchen
+mißtrauisch und kühl entgegen oder nahm sie für Hohn auf. Das Schlimmste
+war, daß ich das Haus jenes Gelehrten, das einzige meiner Bekanntschaft,
+fast ein Jahr lang gemieden hatte, und ich sah ein, daß ich vor allem dort
+wieder anklopfen und mir irgend einen Weg in die hiesige Art von
+Geselligkeit suchen müsse.
+
+Nun, hier half mir meine eigene verhöhnte Menschlichkeit erklecklich. Kaum
+hatte ich wieder an jenes Haus gedacht, so sah ich auch im Geist Elisabeth,
+schön wie sie vor Segantinis Wolke gewesen war, und merkte plötzlich, wie
+sehr sie an meiner Sehnsucht und Schwermut teil hatte. Und es geschah, daß
+ich zum erstenmal ernstlich daran dachte, ein Weib zu freien. Bisher war
+ich von meiner völligen Unfähigkeit zur Ehe so überzeugt gewesen, daß ich
+mich darein mit bissiger Ironie ergeben hatte. Ich war Dichter, Wanderer,
+Trinker, Einspänner! Jetzt glaubte ich mein Schicksal zu erkennen, das mir
+in der Möglichkeit einer Liebesehe die Brücke zur Menschenwelt schlagen
+wollte. Alles sah so verlockend und sicher aus! Daß Elisabeth mir Teilnahme
+schenkte, hatte ich gespürt und gesehen; auch daß sie ein empfängliches und
+edles Wesen besaß. Ich dachte daran, wie bei der Plauderei über San
+Clemente und dann vor dem Segantini ihre Schönheit lebendig geworden war.
+Ich aber hatte seit Jahren aus Kunst und Natur einen reichen inneren Besitz
+gesammelt; sie würde von mir das überall schlummernde Schöne sehen lernen
+und ich würde sie so mit Schönem und Wahrem umgeben, daß ihr Gesicht und
+ihre Seele alle Trübungen vergäße und sich zur Blüte ihrer Fähigkeiten
+entfalten könnte. Seltsamer Weise empfand ich das Komische meiner
+plötzlichen Verwandlung gar nicht. Ich Einsamer und Sonderling war über
+Nacht ein verliebter Fant geworden, der von Eheglück und von der
+Einrichtung eines eigenen Hauswesens träumt.
+
+Eiligst suchte ich denn das gastliche Haus auf und ward mit freundlichen
+Vorwürfen empfangen. Ich ging mehrmals hin und nach einigen Besuchen traf
+ich Elisabeth dort wieder. O, sie war schön! Sie sah aus wie ich sie mir
+als meine Geliebte vorgestellt hatte: schön und glücklich. Und ich genoß
+eine Stunde lang die frohe Schönheit ihrer Gegenwart. Sie begrüßte mich
+gütig, sogar herzlich und mit einer vertrauten Freundschaftlichkeit, die
+mich glücklich machte.
+
+ * * * * *
+
+Erinnert ihr euch noch des Abends auf dem See, im Boot, des Abends mit den
+roten Papierlampen, mit der Musik, mit meiner im Keim erstickten
+Liebeserklärung? Es war die traurige und lächerliche Geschichte eines
+verliebten Knaben.
+
+Lächerlicher -- und trauriger ist die Geschichte des verliebten Mannes
+Peter Camenzind.
+
+Ich erfuhr so beiläufig, Elisabeth sei seit kurzem Braut. Ich gratulierte
+ihr, ich machte die Bekanntschaft ihres Verlobten, der sie abzuholen kam,
+und ich gratulierte auch ihm. Den ganzen Abend lag ein wohlwollendes
+Gönnerlächeln auf meinem Gesicht, mir selber lästig, wie eine Maske.
+Nachher lief ich weder in den Wald noch ins Wirtshaus, sondern saß auf
+meinem Bett, sah der Lampe zu, bis sie stank und erlosch, erstaunt und
+verdonnert, bis endlich mein Bewußtsein wieder erwachte. Da breiteten noch
+einmal der Schmerz und Verzweiflung ihre schwarzen Flügel über mich, daß
+ich klein und schwach und zerbrochen lag und daß ich schluchzte wie ein
+Knabe.
+
+Darauf packte ich meinen Rucksack, ging morgens zur Bahn und reiste nach
+Haus. Ich hatte Sehnsucht wieder am Sennalpstock zu klettern, an meine
+Kinderzeit zu denken und nachzusehen, ob mein Vater noch lebe.
+
+Wir waren uns fremd geworden. Der Vater sah völlig grau, ein wenig gebückt
+und ein wenig unscheinbar aus. Er behandelte mich sanft und mit Scheu,
+fragte nach nichts, wollte mir sein Bett abtreten und schien durch meinen
+Besuch nicht weniger in Verlegenheit gebracht als überrascht zu sein. Er
+hatte das Häuschen noch, die Matten und das Vieh aber verkauft, bezog einen
+kleinen Zins und tat hier und dort ein wenig leichte Arbeit.
+
+Als er mich allein ließ, trat ich an die Stelle, wo früher meiner Mutter
+Bett gestanden hatte, und das Vergangene lief wie ein breiter, ruhiger
+Strom an mir vorbei. Ich war kein Jüngling mehr und dachte daran, wie
+schnell die Jahre weitergehen würden, dann wäre auch ich ein gebücktes und
+graues Männlein und legte mich zum bittern Sterben hin. In der fast
+unveränderten, ärmlichen alten Stube, wo ich klein gewesen war, wo ich
+Latein gelernt und den Tod der Mutter gesehen hatte, hatten diese Gedanken
+eine ruhebringende Natürlichkeit. Mit Dank erinnerte ich mich an allen
+Reichtum meiner Jugend, dabei fiel der Vers des Lorenzo Medici mir ein, den
+ich in Florenz gelernt hatte:
+
+ Quant' è bella giovinezza,
+ Ma si fugge tuttavia.
+ Chi vuol esser lieto, sia:
+ Di doman non c'è certezza.
+
+und zugleich wunderte ich mich, Erinnerungen aus Italien und aus der
+Geschichte und aus dem weiten Reich des Geistes in diese alte heimatliche
+Stube zu tragen.
+
+Darauf gab ich meinem Vater etwas Geld. Am Abend gingen wir ins Wirtshaus
+und dort war alles wie damals, nur daß jetzt ich den Wein bezahlte und daß
+der Vater, als er vom Sternwein und Champagner sprach, sich auf mich
+berief, und daß ich jetzt mehr als der Alte vertragen konnte. Ich fragte
+nach dem greisen Bäuerlein, dem ich damals den Wein über seinen Kahlkopf
+gegossen hatte. Er war ein Witzbold und Kniffgenie gewesen, aber nun war er
+längst tot und über seine Schnurren begann Gras zu wachsen. Ich trank
+Waadtländer, hörte den Gesprächen zu, erzählte ein wenig, und da ich mit
+dem Vater durch den Mondschein nach Hause ging und er im Rausche weiter
+redete und gestikulierte, war mir so sonderbar verzaubert zu Mute wie noch
+nie. Fortwährend umgaben mich die Bilder der früheren Zeit, Onkel Konrad,
+Rösi Girtanner, die Mutter, Richard und die Aglietti und ich sah sie an wie
+ein schönes Bilderbuch, bei dem man sich wundert, wie schön und
+wohlbeschaffen alle Dinge darin aussehen, die in der Wirklichkeit nicht
+halb so köstlich sind. Wie war das alles an mir vorbeigerauscht, vergangen,
+fast vergessen und stand nun doch klar und reinlich in mir ausgezeichnet:
+ein halbes Leben, ohne meinen Willen vom Gedächtnis aufbewahrt.
+
+Erst als wir nach Hause kamen und als mein Vater spät verstummte und
+entschlief, dachte ich wieder an Elisabeth. Noch gestern hatte sie mich
+begrüßt, hatte ich sie bewundert und hatte ihrem Bräutigam Glück gewünscht.
+Es schien mir eine lange Zeit seither vergangen zu sein. Aber der Schmerz
+erwachte, vermischte sich mit der Flut der aufgestörten Erinnerungen und
+rüttelte an meinem selbstsüchtigen und schlecht verwahrten Herzen wie der
+Föhn an einer zitternden und baufälligen Almhütte. Ich hielt es nicht im
+Hause aus. Ich stieg durchs niedere Fenster, ging durchs Gärtchen an den
+See, machte den verwahrlosten Weidling los und ruderte leise in die blasse
+Seenacht. Feierlich schwiegen umher die silbrig umdünsteten Berge, der fast
+völlige Mond hing in der bläulichen Nacht und ward beinahe von der Spitze
+des Schwarzenstocks erreicht. Es war so still, daß ich den fernen
+Sennalpstock-Wasserfall leise brausen hören konnte. Die Geister der Heimat
+und die Geister meiner Jugendzeit berührten mich mit ihren bleichen
+Flügeln, erfüllten meinen kleinen Nachen und deuteten flehentlich mit
+ausgestreckten Händen und schmerzlichen, unverständlichen Geberden.
+
+Was hatte nun mein Leben bedeutet und wozu waren so viele Freuden und
+Schmerzen über mich hinweggegangen? Warum hatte ich Durst nach dem Wahren
+und Schönen gehabt, da ich heute noch ein Dürstender war? Warum hatte ich
+in Trotz und Tränen um jene begehrenswerten Frauen Liebe und Schmerzen
+gelitten -- ich, der ich heute wieder das Haupt in Scham und Tränen um eine
+traurige Liebe neigte? Und warum hatte der unbegreifliche Gott mir das
+brennende Heimweh nach Liebe ins Herz getan, da er mir doch das Leben eines
+Einsamen und wenig Geliebten bestimmt hatte?
+
+Das Wasser gurgelte dumpf am Bug und tröpfelte silbern von den Rudern, die
+Berge standen ringsum nahe und schweigend, über die Nebel der Schluchten
+wandelte das kühle Mondlicht. Und die Geister meiner Jugendzeit standen
+schweigsam um mich her und blickten mich aus tiefen Augen still und fragend
+an. Mir war, ich sähe unter ihnen auch die schöne Elisabeth, und sie hätte
+mich geliebt und sie wäre mein geworden, wenn ich zur rechten Zeit gekommen
+wäre.
+
+Auch war mir als wäre es am besten, ich sänke still in den bleichen See und
+es würde mir von niemand nachgefragt. Aber dennoch ruderte ich schneller,
+als ich merkte, daß der schlechte alte Nachen Wasser zog. Mich fror
+plötzlich und ich eilte, nach Haus und zu Bett zu kommen. Dort lag ich müd
+und wach und sann über mein Leben nach und suchte zu finden, was mir fehle
+und was mir nötig wäre, um glücklicher und echter zu leben und näher an das
+Herz des Daseins zu kommen.
+
+Wohl wußte ich, daß aller Güte und Freude Kern die Liebe sei und daß ich
+beginnen müsse, trotz meines frischen Schmerzes um Elisabeth die Menschen
+ernstlich liebzuhaben. Aber wie? Und wen?
+
+Da fiel mir mein alter Vater ein und ich merkte zum erstenmal, daß ich ihn
+nie in der rechten Weise lieb gehabt hatte. Als Knabe hatte ich ihm das
+Leben sauer gemacht, dann war ich fortgegangen, hatte ihn auch nach der
+Mutter Tod allein gelassen, mich oft seiner geärgert und ihn schließlich
+fast ganz vergessen. Ich mußte mir vorstellen, er läge auf dem Totenbett
+und ich stünde allein und verwaist daneben und sähe seine Seele entrinnen,
+die mir fremd geblieben war und um deren Liebe ich mich nie bemüht hatte.
+
+So begann ich denn die schwere und süße Kunst, statt an einer schönen und
+bewunderten Geliebten, an einem greisen, ruppigen Trinker zu lernen. Ich
+gab ihm keine groben Antworten mehr, beschäftigte mich nach Möglichkeit mit
+ihm, las ihm Kalendergeschichten vor und erzählte ihm von den Weinen, die
+in Frankreich und Italien wachsen und getrunken werden. Sein bischen Arbeit
+konnte ich ihm nicht abnehmen, da er ohne das verwahrlost wäre. Auch gelang
+es mir nicht ihn daran zu gewöhnen, daß er seinen Abendschoppen mit mir zu
+Hause statt in der Kneipe trank. Ein paar Abende versuchten wir es. Ich
+holte Wein und Cigarren, und gab mir Mühe dem alten Mann die Zeit zu
+vertreiben. Am vierten oder fünften Abend war er still und trotzig und
+klagte endlich, als ich ihn fragte was ihm fehle: »Ich glaube, du willst
+deinen Vater nimmer ins Wirtshaus lassen.«
+
+»Keine Rede,« sagte ich, »du bist der Vater und ich der Bub und wie's
+gehalten werden soll, ist deine Sache.«
+
+Er blinzelte mich prüfend an, dann nahm er vergnügt seine Mütze und wir
+marschierten selbander zum Wirtshaus.
+
+Es war deutlich zu sehen, daß meinem Vater ein längeres Zusammenbleiben
+zuwider gewesen wäre, obwohl er nichts darüber sagte. Auch trieb es mich,
+irgendwo in der Fremde die Beruhigung meines zwiespältigen Zustandes
+abzuwarten. »Was meinst du, wenn ich dieser Tage wieder abreiste?« fragte
+ich den Alten. Er kratzte sich den Schädel, zuckte die schmalgewordenen
+Achseln und lächelte schlau und abwartend: »Je, wie du willst!« Ehe ich
+reiste, suchte ich einige Nachbarn sowie die Klosterleute auf und bat sie,
+ein Auge auf ihn zu haben. Auch benützte ich noch einen schönen Tag zur
+Besteigung des Sennalpstocks. Von seiner halbrunden, breiten Kuppe
+überschaute ich Gebirg und grüne Tale, blanke Wasser und den Dunst
+entfernter Städte. All dies hatte mich als Knaben mit mächtigem Verlangen
+erfüllt, ich war ausgezogen mir die schöne weite Welt zu erobern, und nun
+lag sie wieder vor mir ausgebreitet, so schön und so fremd wie je, und ich
+war bereit aufs neue hinüberzugehen und noch einmal das Land des Glückes zu
+suchen.
+
+Meinen Studien zuliebe hatte ich längst beschlossen, einmal für längere
+Zeit nach Assisi zu gehen. Ich fuhr nun zunächst nach Basel zurück,
+besorgte das Nötigste, packte meine paar Sachen ein und schickte sie nach
+Perugia voraus. Ich selber fuhr nur bis Florenz und pilgerte von dort
+langsam und behaglich zu Fuße südwärts. Dort unten braucht man zum
+freundschaftlichen Verkehr mit dem Volke keinerlei Künste zu verstehen; das
+Leben dieser Leute liegt stets an der Oberfläche und ist so simpel, frei
+und naiv, daß man von Städtchen zu Städtchen sich mit einer Menge von
+Leuten harmlos befreundet. Ich fühlte mich wieder geborgen und heimisch und
+beschloß, auch später in Basel die wärmende Nähe menschlichen Lebens nicht
+wieder in der Gesellschaft, sondern unter dem schlichten Volke zu suchen.
+
+In Perugia und Assisi bekam meine historische Arbeit wieder Interesse und
+Leben. Da auch das tägliche Dasein dort eine Lust war, begann mein
+schadhaft gewordenes Wesen bald wieder zu gesunden und neue Notbrücken zum
+Leben zu schlagen. Meine Hauswirtin in Assisi, eine redselige und fromme
+Gemüsehändlerin, schloß auf Grund einiger Gespräche über den Santo eine
+innige Freundschaft mit mir und brachte mich in den Geruch eines strammen
+Katholiken. So unverdient diese Ehre war, brachte sie mir doch den Vorteil,
+mit den Leuten intimer umgehen zu können, da ich frei vom Verdacht des
+Heidentums war, der sonst jedem Fremden anhaftet. Die Frau hieß Annunziata
+Nardini, war vierunddreißig Jahr alt und Witwe, von kolossalem Körperumfang
+und sehr guten Manieren. Sonntags sah sie in einem geblümten, fröhlich
+farbigen Kleid wie der leibhaftige Festtag aus, dann trug sie außer den
+Ohrringen auch noch eine goldene Kette auf der Brust, an welcher eine Reihe
+von Medaillen aus Goldblech läutete und leuchtete. Auch schleppte sie dann
+ein silberbeschlagenes, schweres Brevier mit sich herum, dessen Gebrauch
+ihr jedenfalls schwer gefallen wäre, und einen schönen schwarzweißen
+Rosenkranz mit Silberkettchen, den sie desto gewandter handhaben konnte.
+Wenn sie dann zwischen zwei Kirchgängen in der Loggetta saß und den
+bewundernden Nachbarinnen die Sünden abwesender Freundinnen aufzählte, lag
+auf ihrem runden, frommen Gesicht der rührende Ausdruck einer mit Gott
+versöhnten Seele.
+
+Ich hieß, da mein Name den Leuten unmöglich auszusprechen war, einfach
+Signor Pietro. An den schönen, goldigen Abenden saßen wir beisammen in der
+winzigen Loggetta, Nachbarn, Kinder und Katzen dabei, oder im Laden
+zwischen den Früchten, Gemüsekörben, Samenschachteln und aufgehängten
+Rauchwürsten, erzählten einander unsre Erlebnisse, besprachen die
+Ernteaussichten, rauchten eine Cigarre oder sogen jeder an einem
+Melonenschnitz. Ich berichtete vom heiligen Franz, von der Geschichte der
+Portiunkula und der Kirche des Santo, von der heiligen Klara und von den
+ersten Brüdern. Ernsthaft hörte man zu, stellte tausend kleine Fragen,
+lobte den Heiligen und ging zur Erzählung und Erörterung neuerer und
+sensationeller Ereignisse über, unter welchen Räubergeschichten und
+politische Fehden besonders beliebt waren. Zwischen uns spielten und
+balgten sich die Katzen, Kinder und Hündlein. Aus eigener Lust und um
+meinen guten Ruf aufrecht zu erhalten, durchstöberte ich die Legende nach
+erbaulichen und rührenden Geschichten und freute mich, neben wenigen andern
+Bücher auch Arnolds »Leben der Altväter und anderer gottseliger Personen«
+mitgebracht zu haben, dessen treuherzige Anekdoten ich mit kleinen
+Variationen in ein vulgäres Italienisch übertrug. Vorübergehende blieben
+ein Weilchen stehen, hörten zu, plauderten mit, und oft wechselte so die
+Gesellschaft an einem Abend drei, vier mal, nur Frau Nardini und ich waren
+seßhaft und fehlten nie. Ich hatte meinen Rotwein im Fiasko neben mit
+stehen und imponierte dem armen und mäßig lebenden Völklein durch meinen
+stattlichen Weinverbrauch. Allmählich wurden auch die scheuen Mädchen der
+Nachbarschaft zutraulicher und beteiligten sich am Gespräch von der
+Türschwelle aus, ließen sich Bildchen schenken und begannen an meine
+Heiligkeit zu glauben, da ich weder zudringliche Scherze machte noch
+überhaupt mich um ihre Vertraulichkeit zu bemühen schien. Unter ihnen waren
+einige großäugige, träumerische Schönheiten, welche aus Bildern des
+Perugino zu stammen schienen. Ich hatte sie alle gern und freute mich ihrer
+gutmütig schalkhaften Gegenwart, doch war ich nie in eine von ihnen
+verliebt, denn die hübschen unter ihnen glichen einander so sehr, daß ihre
+Schönheit mir stets nur als Rasse und nie als persönlicher Vorzug erschien.
+Öfter stellte sich auch Mattheo Spinelli ein, ein junges Bürschchen, Sohn
+des Bäckermeisters, ein geriebener und witziger Kerl. Er konnte eine Menge
+Tiere nachahmen, wußte über jeden Skandal Bescheid und stak zum Bersten
+voll von frechen und schlauen Unternehmungen. Wenn ich Legenden erzählte,
+hörte er mit einer Frömmigkeit und Demut ohne gleichen zu, machte sich
+nachher aber über die heiligen Väter in naiv vorgebrachten boshaften
+Fragen, Vergleichen und Vermutungen lustig, zum Entsetzen der Obstfrau und
+unverhohlenen Entzücken der meisten Zuhörer.
+
+Häufig saß ich auch allein bei Frau Nardini, hörte ihre erbaulichen Reden
+an und hatte meine unheilige Freude an ihren zahlreichen Menschlichkeiten.
+Ihr entging kein Fehler und Laster an ihren Nächsten, sie wies ihnen im
+voraus peinlich abschätzend ihre Plätze im Fegefeuer an. Mich aber hatte
+sie ins Herz geschlossen und vertraute mir die kleinsten Erlebnisse und
+Beobachtungen offen und umständlich an. Sie fragte mich nach jedem kleinen
+Einkauf, wieviel ich bezahlt habe, und wachte darüber, daß ich nicht
+übervorteilt würde. Sie ließ sich die Lebensläufe der Heiligen erzählen und
+machte mich dafür mit den Geheimnissen des Obstkaufs, des Gemüsehandels und
+der Küche bekannt. Eines Abends saßen wir in der gebrechlichen Halle. Ich
+hatte zum rasenden Entzücken der Kinder und Mädchen ein Schweizerlied
+gesungen und einen Jodler losgelassen. Sie wanden sich vor Lust, imitierten
+den Klang der fremden Sprache und zeigten mir, wie komisch mein Kehlkopf
+beim Jodeln auf und nieder gestiegen sei. Da begann jemand von der Liebe zu
+sprechen. Die Mädchen kicherten, Frau Nardini verdrehte die Augen und
+seufzte sentimental, und schließlich ward ich bestürmt, meine eigenen
+Liebesgeschichten zu erzählen. Ich schwieg über Elisabeth, erzählte aber
+meine Kahnfahrt mit der Aglietti und meine verunglückte Liebeserklärung. Es
+war mir sonderbar, diese Geschichte, von der ich außer Richard niemandem je
+ein Wort anvertraut hatte, nun meiner neugierigen umbrischen Gesellschaft
+zu erzählen, angesichts der südlich schmalen steinernen Gassen und der
+Hügel, über welchen der rotgoldene Abend duftete. Ich erzählte ohne viel
+Reflexion, nach Art der alten Novellen, und doch war mein Herz dabei und
+ich hatte heimlich Furcht, die Zuhörer würden lachen und mich necken.
+
+Aber als ich zu Ende war, hingen aller Augen teilnehmend traurig an mir.
+
+»Ein so schöner Mann!« rief eines der Mädchen lebhaft aus. »Ein so schöner
+Mann, und er hat eine unglückliche Liebe!«
+
+Frau Nardini aber fuhr mir mit ihrer weichen, runden Hand vorsichtig übers
+Haar und sagte: »Poverino!«
+
+Ein anderes Mädchen schenkte mir eine große Birne und da ich sie bat, den
+ersten Biß darein zu tun, tat sie es und sah mich dabei ernsthaft an. Als
+ich aber auch die anderen beißen lassen wollte, litt sie es nicht. »Nein,
+essen Sie selbst! Ich habe sie Ihnen geschenkt, weil Sie uns Ihr Unglück
+erzählt haben.«
+
+»Aber Sie werden nun gewiß eine andere lieben,« sagte ein brauner
+Weinbauer.
+
+»Nein,« sagte ich.
+
+»O, Sie lieben immer noch diese böse Erminia?«
+
+»Ich liebe jetzt den heiligen Franz und er hat mich gelehrt, alle Menschen
+liebzuhaben, euch und die Leute von Perugia und auch alle diese Kinder
+hier, und sogar den Geliebten der Erminia.«
+
+Eine gewisse Verwicklung und Gefahr kam in dies idyllische Dasein, als ich
+entdeckte, daß die gute Signora Nardini von dem sehnlichen Wunsch beseelt
+war, ich möchte endgültig dableiben und sie heiraten. Die kleine Affäre
+bildete mich zum listigen Diplomaten aus, denn es war keineswegs leicht,
+diese Träume zu zerstören, ohne die Harmonie zu verderben und die
+behagliche Freundschaft zu verscherzen. Auch mußte ich an die Rückreise
+denken. Wäre nicht der Traum meiner zukünftigen Dichtung und die drohende
+Ebbe meiner Kasse gewesen, so wäre ich dortgeblieben. Ich hätte vielleicht
+auch, gerade der Ebbe wegen, die Nardini geheiratet. Doch nein, was mich
+abhielt, war mein noch nicht vernarbter Schmerz um Elisabeth und das
+Verlangen sie wiederzusehen.
+
+Die runde Witwe fügte sich wider Erwarten leidlich ins Unabänderliche und
+ließ mich ihre Enttäuschung nicht entgelten. Als ich abreiste, fiel mir
+vielleicht der Abschied viel schwerer als ihr. Ich verließ viel mehr als
+ich je in der Heimat verlassen hatte, und nie war mir bei einer Abreise die
+Hand so herzlich und von so vielen lieben Menschen gedrückt worden. Die
+Leute gaben mir Früchte, Wein, süßen Schnaps, Brot und eine Wurst mit in
+den Wagen und ich hatte das ungewohnte Gefühl von Freunden zu scheiden,
+denen es nicht einerlei war, ob ich ging oder blieb. Frau Annunziata
+Nardini aber gab mir beim Scheiden einen Kuß auf beide Wangen und hatte
+Tränen in den Augen.
+
+Früher hatte ich geglaubt, es müsse ein besonderer Genuß sein geliebt zu
+werden, ohne selbst zu lieben. Ich hatte jetzt erfahren, wie peinlich eine
+solche sich darbietende Liebe ist, die man nicht erwidern kann. Und doch
+war ich ein wenig stolz darauf, daß eine fremde Frau mich liebte und zum
+Manne wünschte.
+
+Schon diese kleine Eitelkeit bedeutete ein Stück Genesung für mich. Frau
+Nardini tat mir leid und doch wünschte ich die Sache nicht ungeschehen.
+Auch sah ich allmählich immer mehr ein, daß das Glück mit der Erfüllung
+äußerer Wünsche wenig zu tun habe und daß die Leiden verliebter Jünglinge,
+so peinlich sie seien, aller Tragik entbehren. Es tat ja weh, daß ich
+Elisabeth nicht haben konnte. Aber mein Leben, meine Freiheit, Arbeit und
+Denkweise blieb mir unverkürzt, und aus der Ferne liebhaben konnte ich sie
+ja nach wie vor, so viel ich wollte. Diese Gedankengänge und noch mehr die
+naive Heiterkeit meines Daseins in den umbrischen Monaten waren mir überaus
+heilsam gewesen. Von jeher hatte ich ein Auge für alles Lächerliche und
+Schnurrige gehabt und mir nur die Freude daran selber durch Ironie
+verdorben. Nun ging mir allmählich der Blick für den Humor des Lebens auf
+und es schien mir immer möglicher und leichter, mich mit meinen Sternen zu
+versöhnen und mir von der Tafel des Lebens noch den einen oder anderen
+schönen Bissen zu gönnen.
+
+Freilich, wenn man von Italien heimreist, ist es immer so. Man pfeift auf
+Prinzipien und Vorurteile, lächelt nachsichtig, trägt die Hände in den
+Hosentaschen und kommt sich als durchtriebener Lebenskünstler vor. Man ist
+eine Weile im wohlig warmen Volksleben des Südens mitgeschwommen und denkt
+nun, das müsse zu Hause so weitergehen. Auch mir war es bei jeder Rückkehr
+aus Italien so gegangen und damals am meisten. Als ich nach Basel kam und
+dort das alte steife Leben unverjüngt und unveränderlich antraf, stieg ich
+von der Höhe meiner Heiterkeit eine Stufe um die andere kleinlaut und
+ärgerlich herab. Aber etwas von dem Erworbenen keimte doch weiter und
+seither trieb mein Schifflein durch klare und trübe Wasser nie mehr ohne
+wenigstens einen kleinen farbigen Wimpel frech und zutraulich flattern zu
+lassen.
+
+Auch sonst hatten sich meine Anschauungen langsam verändert. Ich fühlte
+mich ohne großes Bedauern den Jugendjahren entwachsen und den Zeiten
+entgegenreifen, da man das eigene Leben als eine kurze Wegstrecke
+betrachten lernt und sich selbst als Wanderer, dessen Gänge und
+schließliches Verschwinden die Welt nicht groß erregen und beschäftigen.
+Man behält ein Lebensziel, einen Lieblingstraum im Auge, aber man kommt
+sich nimmer unentbehrlich vor und gönnt sich unterwegs des öfteren Muße, um
+ohne Gewissensbisse eine Tagesstrecke zu versäumen, sich ins Gras zu legen,
+einen Vers zu pfeifen und der lieben Gegenwart ohne Hintergedanken froh zu
+werden. Bisher war ich, ohne daß ich jemals zu Zarathustra gebetet hatte,
+doch eigentlich ein Herrenmensch gewesen und hatte es weder an
+Selbstverehrung noch an der Mißachtung geringerer Leute fehlen lassen. Nun
+sah ich allmählich immer besser, daß es keine festen Grenzen gibt und daß
+im Kreise der Kleinen, Bedrückten und Armen das Dasein nicht nur ebenso
+mannigfalt, sondern zumeist auch wärmer, wahrhaftiger und vorbildlicher ist
+als das der Begünstigten und Glänzenden.
+
+Übrigens kam ich gerade rechtzeitig nach Basel zurück, um an der ersten
+Abendgesellschaft im Hause der inzwischen verheirateten Elisabeth
+teilzunehmen. Ich war vergnügt, noch frisch und braun von der Reise, und
+brachte eine Menge lustiger kleiner Erinnerungen mit. Die schöne Frau
+beliebte mich durch eine feine Vertraulichkeit auszuzeichnen und ich freute
+mich den ganzen Abend meines Glückes, das mir seinerzeit die Blamage einer
+verspäteten Werbung erspart hatte. Denn trotz meiner italienischen
+Erfahrung hatte ich immer noch ein leises Mißtrauen gegen die Frauen, als
+müßten sie an den hoffnungslosen Qualen der in sie verliebten Männer ihre
+grausame Freude haben. Zur lebhaftesten Veranschaulichung eines solchen
+entehrenden und peinlichen Zustandes diente mir eine kleine Erzählung aus
+dem Kinderschulleben, die ich einst aus dem Mund eines fünfjährigen Knaben
+vernommen hatte. In der Kinderschule, die er besuchte, herrschte folgender
+merkwürdige und symbolische Brauch. Hatte ein Knabe sich einer allzu
+starken Unart schuldig gemacht und es sollten ihm dafür die Höslein
+gespannt werden, so wurden sechs kleine Mädchen beordert, den
+Widerstrebenden in der zu jener Züchtigung erforderlichen peinlichen Lage
+auf der Bank festzuhalten. Da dies Festhaltendürfen als Hochgenuß und große
+Ehre galt, wurden nur jeweils die sechs artigsten Mädchen, die zeitweiligen
+Tugendausbünde, der grausamen Wonne teilhaftig. Die spaßige
+Kindergeschichte gab mir zu denken und hat sich sogar ein paar mal in meine
+Träume geschlichen, so daß ich wenigstens aus Traumerfahrung weiß, wie
+elend einem in solcher Lage ums Herz ist.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Vor meiner Schriftstellerei hatte ich nach wie vor selber keinen Respekt.
+Ich konnte von meiner Arbeit leben, kleine Ersparnisse zurücklegen und
+gelegentlich auch meinem Vater etwas Geld senden. Er trug es freudig ins
+Wirtshaus, sang dort mein Lob in allen Tonarten und dachte sogar daran, mir
+einen Gegendienst zu leisten. Ich hatte ihm nämlich einmal gesagt, daß ich
+mein Brot zumeist durch Zeitungsartikel verdiene. Er hielt mich für einen
+Redakteur oder Berichterstatter wie die ländlichen Bezirksblätter sie
+haben, und nun diktierte er dreimal väterliche Briefe an mich, in welchen
+er mir Ereignisse mitteilte, die ihm wichtig schienen und von denen er
+glaubte, sie würden mir Stoff geben und Geld einbringen. Einmal war es ein
+Scheunenbrand, dann der Absturz zweier Bergtouristen und das dritte mal das
+Ergebnis einer Schulzenwahl. Diese Mitteilungen waren schon in einen
+grotesk tönenden Zeitungsstil gebracht und machten mir wirkliche Freude,
+denn es waren doch Zeichen einer freundlichen Verbindung zwischen ihm und
+mir und seit Jahren die ersten Briefe, die ich aus der Heimat erhielt. Sie
+erquickten mich auch als ungewollte Verhöhnung meiner Schreiberei; denn ich
+besprach Monat für Monat manches Buch, dessen Erscheinen hinter jenen
+ländlichen Ereignissen an Wichtigkeit und Folgen weit zurückstand.
+
+Es erschienen damals gerade zwei Bücher von Verfassern, die ich als
+extravagante lyrische Jünglinge seinerzeit in Zürich gekannt hatte. Der
+eine lebte nun in Berlin und wußte viel Schmutziges aus Cafés und Bordellen
+der Großstadt zu schildern. Der zweite hatte sich in der Umgebung von
+München eine luxuriöse Einsiedelei erbaut und taumelte zwischen
+neurasthenischen Selbstbetrachtungen und spiritistischen Anregungen
+verächtlich und hoffnungslos hin und her. Ich mußte die Bücher besprechen
+und machte mich natürlich über beide harmlos lustig. Vom Neurastheniker kam
+nur ein verachtungsvoller Brief in wahrhaft fürstlichem Stil. Der Berliner
+aber machte in einer Zeitschrift Skandal, fand sich in seinem ernsten
+Wollen verkannt, stützte sich auf Zola und machte aus meiner
+verständnislosen Kritik nicht nur mir, sondern dem eingebildeten und
+prosaischen Geist der Schweizer überhaupt einen Vorwurf. Der Mann hatte
+damals in Zürich vielleicht die einzige einigermaßen gesunde und würdige
+Zeit seines Literatenlebens gehabt.
+
+Nun war ich nie ein sonderlicher Patriot gewesen, aber das war mir doch
+etwas zu stark berlinert, und ich erwiderte dem Unzufriedenen mit einer
+langen Epistel, in der ich mit meiner Geringschätzung der aufgeblasenen
+Großstadtmoderne nicht gerade hinterm Berge hielt.
+
+Diese Zänkerei tat mir wohl und nötigte mich, wieder einmal über meine
+Auffassung des modernen Kulturlebens nachzudenken. Die Arbeit war mühsam
+und langwierig und förderte wenig erquickliche Resultate zu Tag. Mein
+Büchlein verliert nichts, wenn ich darüber schweige.
+
+Zugleich aber zwangen mich diese Betrachtungen, über mich selbst und mein
+lang geplantes Lebenswerk eindringlicher nachzudenken.
+
+Ich hatte, wie man weiß, den Wunsch, in einer größeren Dichtung den
+heutigen Menschen das großzügige, stumme Leben der Natur nahe zu bringen
+und lieb zu machen. Ich wollte sie lehren, auf den Herzschlag der Erde zu
+hören, am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen
+Geschicke nicht zu vergessen, daß wir nicht Götter und von uns selbst
+geschaffen, sondern Kinder und Teile der Erde und des kosmischen Ganzen
+sind. Ich wollte daran erinnern, daß gleich den Liedern der Dichter und
+gleich den Träumen unsrer Nächte auch Ströme, Meere, ziehende Wolken und
+Stürme Symbole und Träger der Sehnsucht sind, welche zwischen Himmel und
+Erde ihre Flügel ausspannt und deren Ziel die zweifellose Gewißheit vom
+Bürgerrecht und von der Unsterblichkeit alles Lebenden ist. Der innerste
+Kern jedes Wesens ist dieser Rechte sicher, ist Gottes Kind und ruht ohne
+Angst im Schoß der Ewigkeit. Alles Schlechte, Kranke, Verdorbene aber, das
+wir in uns tragen, widerspricht und glaubt an den Tod.
+
+Ich wollte aber auch die Menschen lehren, in der brüderlichen Liebe zur
+Natur Quellen der Freude und Ströme des Lebens zu finden; ich wollte die
+Kunst des Schauens, des Wanderns und Genießens, die Lust am Gegenwärtigen
+predigen. Gebirge, Meere und grüne Inseln wollte ich in einer verlockend
+mächtigen Sprache zu euch reden lassen und wollte euch zwingen zu sehen,
+was für ein maßlos vielfältiges, treibendes Leben außerhalb eurer Häuser
+und Städte täglich blüht und überquillt. Ich wollte erreichen, daß ihr euch
+schämet von ausländischen Kriegen, von Mode, Klatsch, Literatur und Künsten
+mehr zu wissen als vom Frühling, der vor euren Städten sein unbändiges
+Treiben entfaltet und als vom Strom, der unter euren Brücken hinfließt und
+von den Wäldern und herrlichen Wiesen, durch welche eure Eisenbahn rennt.
+Ich wollte euch erzählen, welche goldene Kette unvergeßlicher Genüsse ich
+Einsamer und Schwerlebiger in dieser Welt gefunden hatte und wollte, daß
+ihr, die ihr vielleicht glücklicher und froher seid als ich, mit noch
+größeren Freuden diese Welt entdecket.
+
+Und ich wollte vor allem das schöne Geheimnis der Liebe in eure Herzen
+legen. Ich hoffte euch zu lehren, allem Lebendigen rechte Brüder zu sein
+und so voll Liebe zu werden, daß ihr auch das Leid und auch den Tod nicht
+mehr fürchten, sondern als ernste Geschwister ernst und geschwisterlich
+empfangen würdet, wenn sie zu euch kämen.
+
+Das alles hoffte ich nicht in Hymnen und hohen Liedern, sondern schlicht,
+wahrhaftig und gegenständlich darzustellen, ernsthaft und scherzhaft, wie
+ein heimgekehrter Reisender seinen Kameraden von draußen erzählt.
+
+Ich wollte -- ich wünschte -- ich hoffte --, das klingt nun freilich
+komisch. Auf den Tag, an welchem dies viele Wollen einen Plan und Umriß
+bekäme, wartete ich noch immer. Aber ich hatte wenigstens viel gesammelt.
+Nicht nur im Kopf, sondern auch in einer Menge von schmalen Büchlein, die
+ich auf Reisen und Märschen in der Tasche trug und von denen alle paar
+Wochen eines voll wurde. Da hatte ich knapp und kurz Notizen über alles
+Sichtbare in der Welt aufgeschrieben, ohne Reflexionen und ohne
+Verbindungen. Es waren Skizzenhefte wie die eines Zeichners und sie
+enthielten in kurzen Worten lauter reale Dinge: Bilder aus Gassen und
+Landstraßen, Silhouetten von Gebirgen und Städten, erlauschte Gespräche von
+Bauern, Handwerksburschen, Marktweibern, ferner Wetterregeln, Notizen über
+Beleuchtungen, Winde, Regen, Gestein, Pflanzen, Tiere, Vogelflug,
+Wellenbildungen, Meerfarbenspiel und Wolkenformen. Gelegentlich hatte ich
+auch kurze Geschichten daraus bearbeitet und veröffentlicht, als Natur- und
+Wanderstudien, doch alles ohne Beziehungen zum Menschlichen. Mir war die
+Geschichte eines Baumes, ein Tierleben oder die Reise einer Wolke auch ohne
+menschliche Staffage interessant genug gewesen.
+
+Daß eine größere Dichtung, in welcher überhaupt keine Menschengestalten
+auftreten, ein Unding sei, war mir schon öfters durch den Kopf gegangen,
+doch hing ich jahrelang an diesem Ideal und hegte die dunkle Hoffnung, es
+möchte vielleicht einmal eine große Inspiration dies Unmögliche überwinden.
+Nun sah ich endgültig ein, daß ich meine schönen Landschaften mit Menschen
+bevölkern müsse und daß diese gar nicht natürlich und treu genug
+dargestellt werden könnten. Da war unendlich viel nachzuholen, und ich hole
+heute noch daran nach. Bis dahin waren die Menschen insgesamt ein Ganzes
+und im Grunde Fremdes für mich gewesen. Neuerdings lernte ich, wie lohnend
+es ist, statt einer abstrakten Menschheit Einzelne zu kennen und zu
+studieren, und meine Notizbüchlein und mein Gedächtnis füllte sich mit ganz
+neuen Bildern.
+
+Der Anfang dieser Studien war ganz erfreulich. Ich trat aus meiner naiven
+Gleichgültigkeit heraus und gewann Interesse an mancherlei Leuten. Ich sah,
+wie viel Selbstverständliches mir fremd geblieben war, aber ich sah auch,
+wie das viele Wandern und Schauen mir die Augen geöffnet und geschärft
+habe. Und da von jeher eine Vorliebe mich zu ihnen gezogen hatte, gab ich
+mich besonders gerne und häufig mit Kindern ab.
+
+Immerhin war das Beobachten der Wolken und Wellen erfreulicher gewesen als
+das Menschenstudieren. Mit Erstaunen nahm ich wahr, daß der Mensch von der
+übrigen Natur sich vor allem durch eine schlüpfrige Gallert von Lüge
+unterscheidet, die ihn umgibt und schützt. In Kürze beobachtete ich an
+allen meinen Bekannten dieselbe Erscheinung -- das Ergebnis des Umstandes,
+daß jeder eine Person, eine klare Figur vorzustellen genötigt wird, während
+doch keiner sein eigenstes Wesen kennt. Mit sonderbaren Gefühlen stellte
+ich an mir selber dasselbe fest und gab es nun auf, den Personen auf den
+Kern dringen zu wollen. Bei den meisten war die Gallert viel wichtiger. Ich
+fand sie überall auch schon an den Kindern, welche stets, bewußt oder
+unbewußt, lieber eine Rolle mimen als sich ganz unverhüllt und instinktiv
+kundgeben.
+
+Nach einiger Zeit kam es mir vor, ich mache keine Fortschritte mehr und
+verliere mich an spielerische Einzelheiten. Zunächst suchte ich den Fehler
+bei mir selbst, doch konnte ich mir bald nicht mehr verhehlen, daß ich
+enttäuscht war und daß meine Umgebung mir die Menschen nicht gab, die ich
+suchte. Ich brauchte nicht Interessantheiten, sondern Typen. Das bot mir
+weder das Volk der Akademiker noch der Kreis der Gesellschaftsmenschen. Mit
+Sehnsucht dachte ich an Italien, und mit Sehnsucht an die einzigen Freunde
+und Begleiter meiner vielen Fußreisen, die Handwerksburschen. Mit solchen
+war ich viel gewandert und hatte unter ihnen viele prachtvolle Burschen
+gefunden.
+
+Es war vergeblich, die Herberge zur Heimat und einige wilde Pennen
+aufzusuchen. Die Menge der unständigen Durchwanderer diente mir nicht. So
+stand ich denn wieder eine Weile ratlos, hielt mich an die Kinder und
+studierte viel in Kneipen herum, wo natürlich auch nichts zu holen war. Es
+kamen ein paar traurige Wochen, da ich mir mißtraute, meine Hoffnungen und
+Wünsche lächerlich übertrieben fand, mich viel im Freien umhertrieb und
+wieder halbe Nächte beim Wein verbrütete.
+
+Auf meinen Tischen hatten sich damals wieder ein paar Stöße von Büchern
+angesammelt, die ich gern behalten hätte, statt sie dem Antiquar zu geben;
+doch war kein Raum in meinen Schränken mehr. Um endlich abzuhelfen, suchte
+ich eine kleine Schreinerei auf und bat den Meister, zum Ausmessen eines
+Bücherschafts in meine Wohnung zu kommen.
+
+Er kam, ein kleiner langsamer Mann mit bedächtigen Manieren, er maß den
+Raum aus, kniete am Boden, streckte den Meterstab zur Decke, stank ein
+wenig nach Leim und notierte eine Zahl um die andere behutsam mit
+zollgroßen Ziffern in sein Notizbuch. Zufällig geschah es, daß er bei
+seinem Hantieren an einen mit Büchern beladenen Sessel stieß. Ein paar
+Bände fielen herunter und er bückte sich, sie aufzuheben. Unter den Büchern
+war ein kleines Handlexikon der Handwerksburschensprache. Man findet den
+kleinen Kartonband fast in allen deutschen Handwerksburschenherbergen, ein
+gut gemachtes und ergötzliches Büchlein.
+
+Der Schreiner, als er das ihm wohlbekannte Bändchen sah, blickte kurios zu
+mir herüber, halb belustigt und halb mißtrauisch.
+
+»Was gibt's?« frage ich.
+
+»Mit Verlaub, ich sehe da ein Buch, das ich auch kenne. Haben Sie das
+wirklich studiert?«
+
+»Studiert hab' ich die Kundensprache auf der Landstraße,« erwiderte ich,
+»aber man schlägt schon gern einmal einen Ausdruck nach.«
+
+»Wahrhaftig!« rief er. »Ja sind Sie denn selber einmal auf der Walze
+gewesen?«
+
+»Nicht ganz so wie Sie meinen. Aber gewandert bin ich genug und habe in
+mancher Penne übernachtet.«
+
+Er hatte unterdeß die Bücher wieder aufgeschichtet und wollte gehen.
+
+»Wo haben Sie sich denn seinerzeit herumgeschlagen?« fragte ich ihn.
+
+»Von hier bis Koblenz, und später noch auf Genf hinunter. Es war nicht
+meine schlechteste Zeit.«
+
+»Haben Sie auch ein paarmal gebrummt?«
+
+»Bloß einmal, in Durlach!«
+
+»Sie müssen mir noch erzählen, wenn Sie wollen. Sehen wir uns einmal bei
+einem Schoppen?«
+
+»Nicht gern, Herr. Aber wenn Sie einmal nach Feierabend zu mir hereinkommen
+und fragen: wie gehts? wie stehts? ist mirs schon recht. Wenn Sie nicht
+bloß Schindluder mit mir treiben wollen.«
+
+Einige Tage später, es war bei Elisabeth offener Abend, blieb ich auf der
+Straße stehen und besann mich, ob ich nicht lieber zu meinem Schreiner
+gehen sollte. Und ich kehrte um, ließ den Gehrock zu Haus und besuchte den
+Schreiner. Die Werkstatt war schon geschlossen und dunkel, ich stolperte
+durch eine finstere Hausflur und einen engen Hof, kletterte im Hinterhaus
+die Treppe auf und ab und fand schließlich an einer Türe einen
+geschriebenen Schild mit des Meisters Namen. Eintretend gelangte ich direkt
+in eine sehr kleine Küche, wo ein mageres Weib das Abendessen rüstete und
+zugleich über drei Kinder zu wachen hatte, welche den engen Raum mit Leben
+und erheblichem Getöse erfüllten. Befremdet führte mich die Frau in die
+nächste Stube, wo der Schreiner mit der Zeitung am dämmerigen Fenster saß.
+Er knurrte bedenklich, da er mich im Finstern für einen zudringlichen
+Kunden hielt, dann erkannte er mich und gab mir die Hand.
+
+Da er überrascht und verlegen war, wandte ich mich den Kindern zu; sie
+flohen vor mir in die Küche zurück und ich folgte nach. Da ich dort die
+Hausfrau eine Reisspeise bereiten sah, erwachten in mir die Erinnerungen an
+die Küche meiner umbrischen Padrona und ich beteiligte mich an der
+Kocherei. Bei uns wird meistens der schöne Reis gewissenlos zu einer Art
+Kleister verkocht, welcher nach gar nichts schmeckt und widerlich klebrig
+zu essen ist. Auch hier war das Unglück schon im Gang und ich konnte eben
+noch die Speise retten, indem ich nach Topf und Schaumlöffel langte und
+mich eiligst der Zubereitung selber annahm. Die Frau fügte sich und war
+erstaunt, der Reis gelang leidlich, wir trugen ihn auf, zündeten die Lampe
+an und auch ich erhielt meinen Teller.
+
+Die Schreinersfrau verwickelte mich an diesem Abend in so eingehende
+Gespräche über Küchenfragen, daß der Mann fast gar nicht zu Worte kam und
+wir die Erzählung seiner Wanderabenteuer auf ein andermal verschieben
+mußten. Übrigens spürten die Leutlein bald, daß ich nur äußerlich ein Herr,
+eigentlich aber ein Bauernsohn und Kind des armen Volkes war, und so wurden
+wir schon am ersten Abend befreundet und vertraulich miteinander. Denn wie
+sie in mir den Gleichbürtigen erkannten, so witterte auch ich in dem
+ärmlichen Hauswesen die Heimatlust der kleinen Leute. Die Menschen hatten
+hier keine Zeit zu Feinheiten, zu Posen, zu Komödien, ihnen war das herbe
+arme Leben auch ohne das Mäntelein der Bildung und höheren Interessen lieb
+und viel zu gut, um es mit schönen Reden zu tapezieren.
+
+Immer öfter kam ich wieder und vergaß bei dem Schreiner nicht nur den
+lumpigen Gesellschaftskram, sondern auch meine Traurigkeit und Nöte. Mir
+war, ich fände hier ein Stück Kindheit für mich aufbewahrt und setze hier
+das Leben fort, welches seinerzeit die Patres abgebrochen hatten, als sie
+mich auf Schulen schickten.
+
+Über eine rissige und schweißgelbe Landkarte veralteten Stils gebückt
+verfolgte der Schreiner mit mir seine und meine Fahrten und wir freuten uns
+über jedes Stadttor und jede Gasse, die wir beide kannten, wir frischten
+Handwerksburschenwitze auf und sangen sogar einmal mehrere von den
+ewigjungen Straubingerliedern. Wir sprachen von den Sorgen des Handwerks,
+vom Haushalt, von den Kindern, von städtischen Dingen und ganz allmählich
+geschah es, daß der Meister und ich sachte die Rollen vertauschten und ich
+der Dankbare, er der Gebende und Lehrende war. Ich fühlte aufatmend, daß
+mich hier statt der Salontöne Realitäten umgaben.
+
+Unter seinen Kindern fiel ein fünfjähriges Mädchen durch seine zarte
+Besonderheit auf. Sie hieß Agnes, doch rief man ihr Agi, war blond, blaß
+und von schmächtigen Gliedern, hatte schüchterne, weite Augen und eine
+sanfte Scheu im Wesen. Eines Sonntags, als ich die Familie zu einem
+Spaziergang abholen wollte, war Agi krank. Die Mutter blieb bei ihr, wir
+andere pilgerten langsam zur Stadt hinaus. Hinter Sankt Margreten setzten
+wir uns auf eine Bank, die Kinder liefen Steinen, Blumen und Käfern nach
+und wir Männer überschauten die sommerlichen Wiesen, den Binninger Friedhof
+und den schönen bläulichen Zug des Jura. Der Schreiner war müde, bedrückt
+und still und schien Sorgen zu haben.
+
+»Wo fehlt's, Meister?« fragte ich, als die Kinder weit genug weg waren. Er
+sah mir verloren und traurig ins Gesicht.
+
+»Sehen Sie's denn nicht?« fing er an. »Die Agi will mir sterben. Ich weiß
+es schon lang und hab mich gewundert, daß sie nur so alt geworden ist, sie
+hat ja immer den Tod in den Augen gehabt. Aber jetzt müssen wir daran
+glauben.«
+
+Ich fing zu trösten an, doch hörte ich bald von selber auf.
+
+»Sehen Sie,« lachte er traurig, »Sie glauben ja auch nicht dran, daß das
+Kind durchkommt. Ich bin kein Stündler, wissen Sie, und geh auch nur alle
+Jubeljahr einmal in die Kirche, aber das spür ich wohl, daß jetzt der
+Herrgott ein Wörtlein mit mir reden will. 's ist ja nur ein Kind, und
+gesund ist sie nie gewesen, aber weiß Gott, sie war mir lieber als die
+andern zusammen.«
+
+Mit Gejodel und tausend kleinen Fragen kamen die Kinder dahergerannt,
+umdrängten mich, ließen sich die Namen der Blumen und Gräser von mir sagen
+und wollten schließlich Geschichten erzählt haben. Da erzählte ich ihnen
+von den Blumen, Bäumen und Büschen, daß sie gleich den Kindern jedes eine
+Seele und jedes seinen Engel haben. Auch der Vater hörte zu, lächelte und
+gab je und je seine leise Bekräftigung. Wir sahen die Berge blauer werden,
+hörten Abendgeläute und gingen heim. Auf den Wiesen lag ein rötlicher
+Abendhauch, die fernen Münstertürme ragten klein und dünn in die warme
+Luft, am Himmel ging das Sommerblau in schöne grünliche und goldige Farben
+über, die Bäume hatten lange Schatten. Die Kleinen waren müd und still
+geworden. Sie dachten an die Engel der Mohnblüten, Nelken und
+Glockenblumen, indeß wir Alten an die kleine Agi dachten, deren Seele schon
+bereit war Flügel zu empfangen und uns kleine bange Schar zu verlassen.
+
+In den zwei nächsten Wochen ging es gut. Das Mädchen schien zu genesen,
+konnte für Stunden das Bett verlassen und sah in ihren kühlen Kissen
+hübscher und vergnügter aus als je. Dann kamen ein paar fieberige Nächte
+und nun sahen wir, ohne mehr davon zu reden, daß das Kind nur noch für
+Wochen oder Tage unser Gast sein würde. Nur einmal kam ihr Vater darauf zu
+sprechen. Es war in der Werkstatt. Ich sah ihn im Brettervorrat stöbern und
+wußte von selber, daß er daran ging die Stücke für einen Kindersarg
+zusammenzusuchen.
+
+»Es muß doch nächstens geschehen,« sagte er, »und da mach ich es lieber
+nach Feierabend für mich allein.«
+
+Ich saß auf einer Hobelbank, während er an der anderen arbeitete. Als die
+Bretter sauber behobelt waren, zeigte er sie mir mit einer Art von Stolz.
+Es war ein schönes, gesund gewachsenes, fehlerloses Tannenholz.
+
+»Ich will auch keinen Nagel hineinschlagen, sondern die Teile schon
+ineinanderpassen, daß es ein gutes und dauerhaftes Stück gibt. Aber für
+heute ist's genug, wir wollen zur Frau hinauf gehen.«
+
+Die Tage vergingen, heiße, wundervolle Hochsommertage, und ich saß jeden
+Tag eine Stunde oder zwei bei der kleinen Agi, erzählte ihr von den schönen
+Wiesen und Wäldern, hielt ihr leichtes schmales Kinderhändlein in meiner
+breiten Hand und sog mit ganzer Seele die liebe, lichte Anmut ein, die bis
+zum letzten Tage um sie her war.
+
+Alsdann standen wir ängstlich und traurig dabei und sahen, wie der kleine
+magere Körper noch einmal Kräfte sammelte, um mit dem starken Tode zu
+kämpfen, der sie schnell und leicht bezwang. Die Mutter war still und
+stark; der Vater lag über der Bettstatt und nahm hundertmal Abschied,
+streichelte das Blondhaar und liebkoste seinen toten Liebling.
+
+Es kam die schlichte, kurze Feier der Beerdigung, und die beklommenen
+Abende, da die Kinder nebenan in ihren Betten weinten. Es kamen die schönen
+Gänge auf den Friedhof, wo wir das frische Grab bepflanzten und ohne zu
+sprechen beieinander auf der Bank in den kühlen Anlagen saßen und an die
+Agi dachten und mit anderen Augen als sonst die Erde betrachteten, in der
+unser Liebling lag, und die Bäume und den Rasen, die darüber wuchsen, und
+die Vögel, deren Spiel ungehemmt und fröhlich durch den stillen Friedhof
+klang.
+
+Daneben ging der strenge Werktag seinen Lauf, die Kinder sangen wieder,
+balgten sich, lachten und wollten Geschichten hören, und wir alle gewöhnten
+uns unvermerkt daran, unsre Agi nimmer zu sehen und einen schönen, kleinen
+Engel im Himmel zu haben.
+
+Über alle dem hatte ich die Gesellschaften des Professors gar nicht mehr
+und das Haus Elisabeths nur wenige mal besucht, und dann war mir im lauen
+Strom der Gespräche sonderbar ratlos und beklommen zu Mut gewesen. Jetzt
+suchte ich beide Häuser auf und fand an beiden geschlossene Türen, da alles
+längst auf dem Lande war. Erst jetzt bemerkte ich mit Erstaunen, daß ich
+die heiße Jahreszeit und das Ferienmachen über der Freundschaft mit dem
+Schreinershaus und über der Krankheit des Kindes ganz vergessen hatte.
+Früher wäre es mir ganz unmöglich gewesen, den Juli und August in der Stadt
+zu bleiben.
+
+Ich nahm für kurze Zeit Abschied und unternahm eine Fußreise durch den
+Schwarzwald, die Bergstraße und den Odenwald. Unterwegs war es mir ein
+ungewohntes Vergnügen, den Basler Schreinerskindern aus schönen Orten
+Ansichtskarten zu senden und überall mir vorzustellen, wie ich ihnen und
+ihrem Vater später von der Reise erzählen würde.
+
+In Frankfurt beschloß ich, mir noch ein paar Reisetage zu gönnen. In
+Aschaffenburg, Nürnberg, München und Ulm genoß ich mit neuer Lust die Werke
+der alten Kunst und schließlich machte ich noch ganz harmlos einen Halt in
+Zürich. Bisher, in all den Jahren, hatte ich diese Stadt wie ein Grab
+gemieden, nun schlenderte ich durch die bekannten Straßen, suchte die alten
+Kneipen und Gärten wieder auf und konnte ohne Schmerz der vergangenen
+schönen Jahre denken. Die Malerin Aglietti hatte geheiratet und man sagte
+mir ihre Adresse. Gegen Abend ging ich hin, las an der Haustür ihres Mannes
+Namen, sah an den Fenstern hinauf und zögerte einzutreten. Da begannen die
+alten Zeiten mir lebendig zu werden und meine Jugendliebe erwachte halb aus
+ihrem Schlaf mit leisem Schmerz. Ich kehrte um und habe mir das schöne Bild
+der geliebten welschen Frau durch kein unnützes Wiedersehen verdorben.
+Weiterschlendernd besuchte ich den Seegarten, wo die Künstler damals ihr
+Sommernachtfest begangen hatten, schaute auch an dem Häuschen hinauf, in
+dessen Mansarde ich drei kurze, gute Jahre gehaust hatte, und über alle den
+Erinnerungen trat mir unversehens der Name Elisabeth auf die Lippen. Die
+neue Liebe war doch stärker als ihre älteren Schwestern. Sie war auch
+stiller, bescheidener und dankbarer.
+
+Um mir die gute Stimmung zu bewahren, nahm ich ein Boot und ruderte
+behaglich langsam in den warmen, lichten See. Es wollte Abend werden und am
+Himmel hing eine einzige schöne, schneeweiße Wolke. Ich hatte sie
+fortwährend im Auge und nickte ihr zu, an die Wolkenliebe meiner Kinderzeit
+denkend, und an Elisabeth, und auch an jene gemalte Wolke Segantinis, vor
+welcher ich Elisabeth einmal so schön und hingegeben hatte stehen sehen.
+Die durch kein Wort und unreines Begehren getrübte Liebe zu ihr hatte ich
+nie so beglückend und reinigend empfunden wie jetzt, da ich beim Anblick
+der Wolke ruhig und dankbar alles Gute meines Lebens übersah und statt der
+frühern Wirren und Leidenschaften nur die alte Sehnsucht der Knabenzeit in
+mir fühlte -- auch sie reifer und stiller geworden.
+
+Von jeher war ich gewohnt, zum ruhigen Takt der Ruderschläge irgend etwas
+zu summen oder zu singen. Ich sang auch jetzt leise vor mich hin und merkte
+erst im Singen, daß es Verse waren. Sie blieben mir im Gedächtnis und ich
+schrieb sie zuhause auf, als Andenken an den schönen Züricher Seeabend.
+
+ Wie eine weiße Wolke
+ Am hohen Himmel steht,
+ So licht und schön und ferne
+ Bist du, Elisabeth.
+
+ Die Wolke geht und wandert,
+ Kaum hast du ihrer Acht,
+ Und doch durch deine Träume
+ Geht sie bei dunkler Nacht.
+
+ Geht und erglänzt so selig,
+ Daß fortan ohne Rast
+ Du nach der weißen Wolke
+ Ein süßes Heimweh hast.
+
+In Basel fand ich einen Brief aus Assisi für mich daliegen. Er war von Frau
+Annunziata Nardini, und voll erfreulicher Nachrichten. Sie hatte nun doch
+einen zweiten Mann gefunden! Übrigens tue ich besser, ihn unverändert
+mitzuteilen.
+
+Hochgeehrter und sehr lieber Herr Peter!
+
+Erlauben Sie Ihrer treuen Freundin die Freiheit, Ihnen einen Brief zu
+schreiben. Es hat Gott gefallen mir ein großes Glück zu bescheren, und ich
+möchte Sie auf den zwölften Oktober zu meiner Hochzeit einladen. Er heißt
+Menotti und hat zwar wenig Geld, doch liebt er mich sehr und hat schon
+früher mit Früchten gehandelt. Er ist hübsch, aber nicht so groß und schön
+wie Sie, Herr Peter. Er wird auf der Piazza Obst verkaufen, während ich im
+Laden bleibe. Auch die schöne Marietta vom Nachbar wird heiraten, jedoch
+nur einen Maurer aus der Fremde.
+
+Ich habe jeden Tag an Sie gedacht und vielen Leuten von Ihnen erzählt. Ich
+habe Sie sehr lieb und auch den Heiligen, welchem ich vier Kerzen zu Ihrem
+Andenken gestiftet habe. Auch Menotti wird sehr froh sein, wenn Sie zur
+Hochzeit kommen. Wenn er unfreundlich gegen Sie sein sollte, werde ich es
+ihm verbieten. Leider hat sich gezeigt, daß der kleine Mattheo Spinelli
+wirklich, wie ich stets gesagt habe, ein Bösewicht ist. Er hat mir oft
+Citronen gestohlen. Jetzt ist er hinweggebracht worden, weil er seinem
+Vater, dem Bäcker, zwölf Lire stahl und weil er den Hund des Bettlers
+Giangiacomo vergiftet hat.
+
+Ich wünsche Ihnen den Segen Gottes und des Heiligen. Ich habe große
+Sehnsucht nach Ihnen.
+
+Ihre untertänige und treue Freundin
+Annunziata Nardini
+
+Nachschrift.
+
+Unsere Ernte war mäßig. Die Trauben standen sehr schlecht, auch Birnen gab
+es nicht genug, aber die Limonen waren sehr reichlich, nur mußten wir sie
+zu billig verkaufen. In Spello geschah ein schreckliches Unglück. Ein
+junger Mensch hat seinen Bruder mit einer Harke erschlagen, man weiß nicht
+weshalb, aber gewiß ist er eifersüchtig auf ihn gewesen, obwohl es sein
+eigener Bruder war.
+
+ * * * * *
+
+Leider konnte ich der verlockenden Einladung nicht folgen. Ich schrieb
+meinen Glückwunsch und stellte meinen Besuch aufs nächste Frühjahr in
+Aussicht. Dann ging ich mit dem Brief und mit einem mitgebrachten
+Nürnberger Geschenk für die Kinder zu meinem Schreinermeister.
+
+Dort fand ich eine unerwartete große Veränderung. Abseits vom Tisch, gegen
+das Fenster hin, hockte eine groteske, schiefe Menschengestalt in einem
+Stuhl, der wie ein Kindersessel mit einer Brustwehr versehen war. Es war
+Boppi, der Bruder der Meistersfrau, ein armer halb gelähmter Verwachsener,
+für welchen nach dem kürzlich erfolgten Tod seiner alten Mutter nirgends
+sich ein Plätzchen gefunden hatte. Widerstrebend hatte ihn der Schreiner
+einstweilen zu sich genommen und die beständige Gegenwart des kranken
+Krüppels lag wie ein Schrecken auf dem gestörten Hauswesen. Man hatte sich
+noch nicht an ihn gewöhnt; den Kindern graute vor ihm, die Mutter war
+mitleidig, verlegen und gedrückt, der Vater offenbar verstimmt.
+
+Boppi hatte auf einem häßlichen Doppelhöcker ohne Hals einen großen,
+starkzügigen Kopf mit breiter Stirn, starker Nase und schönem leidendem
+Munde sitzen, die Augen waren klar, aber still und etwas verängstigt, und
+die merkwürdig kleinen und hübschen Hände lagen fortwährend weiß und ruhig
+auf der schmalen Brustwehr. Auch ich war befangen und verstimmt über den
+armen Eindringling, und zugleich war es mir peinlich, den Schreiner die
+kurze Geschichte des Kranken erzählen zu hören, während dieser daneben saß
+und auf seine Hände schaute, ohne von jemand angeredet zu werden. Krüppel
+war er von Geburt, doch hatte er die Volksschule durchgemacht und konnte
+jahrelang durch Strohflechten sich ein wenig nützlich machen, bis ihn
+wiederholte Gichtanfälle teilweise lähmten. Seit Jahren lag er nun entweder
+zu Bett oder saß in seinem sonderbaren Stuhl zwischen Kissen geklemmt. Die
+Frau wollte wissen, er habe früher viel und schön für sich gesungen, doch
+hatte sie ihn jahrelang nicht mehr gehört und hier im Hause hatte er noch
+nie gesungen. Und während all dies erzählt und besprochen wurde, saß er da
+und blickte vor sich hin. Mir ward nicht wohl dabei und ich ging bald
+wieder weg und blieb die nächsten Tage dem Hause fern.
+
+Mein Leben lang war ich stark und gesund gewesen, hatte nie eine ernste
+Krankheit gehabt und die Leidenden, namentlich Krüppel, mit Mitleid, aber
+auch ein wenig verächtlich betrachtet; nun paßte es mir durchaus nicht,
+mein behaglich heiteres Leben in der Handwerkerfamilie durch die
+unerquickliche Last dieser elenden Existenz gestört zu finden. Ich verschob
+darum einen zweiten Besuch von Tag zu Tag und sann vergeblich nach, wie ich
+uns den lahmen Boppi vom Halse schaffen könnte. Es mußte sich irgend eine
+Möglichkeit finden, ihn mit geringen Kosten in einem Spital oder Pfründhaus
+unterzubringen. Mehrmals wollte ich den Schreiner aufsuchen, um mit ihm
+darüber zu beraten, doch scheute ich mich, ungefragt davon anzufangen, und
+vor der Begegnung mit dem Kranken hatte ich ein kindisches Grauen. Es war
+mir widerlich, ihn immer zu sehen, ihm die Hand geben zu müssen.
+
+So ließ ich einen Sonntag verstreichen. Am zweiten Sonntag war ich schon im
+Begriff, mit einem Frühzug in den Jura auszufliegen, schämte mich dann aber
+doch meiner Feigheit, blieb da und ging nach Tisch zu dem Schreiner.
+
+Mit Widerstreben gab ich Boppi die Hand. Der Schreiner war ärgerlich und
+schlug einen Spaziergang vor; er war, wie er mir mitteilte, des ewigen
+Elends überdrüssig und ich freute mich, ihn meinen Vorschlägen zugänglich
+zu wissen. Die Frau wollte dableiben, da bat sie der Krüppel, sie möchte
+mitgehen, da er gut allein bleiben könne. Wenn er nur ein Buch und ein Glas
+Wasser neben sich habe, könne man ihn einschließen und unbesorgt
+zurücklassen.
+
+Und wir, die wir uns doch sämtlich für ganz leidliche und gutherzige Leute
+hielten, schlossen ihn ein und gingen spazieren! Und wir waren vergnügt,
+hatten unsern Spaß mit den Kindern, freuten uns der schönen goldigen
+Herbstsonne, und keiner von uns schämte sich und keinem schlug das Herz,
+daß wir den Lahmen allein im Hause hatten liegen lassen! Wir waren vielmehr
+froh, seiner für eine Weile ledig zu sein, atmeten erleichtert die klare,
+sonnenwarme Luft und boten den Anblick einer dankbaren und biederen
+Familie, die Gottes Sonntag mit Verstand und Dank genießt.
+
+Erst als wir am Grenzacher Hörnli zu einem Glas Wein eingekehrt waren und
+im Wirtsgarten um den Tisch saßen, kam der Vater auf Boppi zu sprechen. Er
+klagte über den lästigen Gast, seufzte über die Beengung und Verteuerung
+seines Haushalts und schloß lachend mit der Bemerkung: »Na, hier draußen
+kann man wenigstens noch eine Stunde vergnügt sein, ohne daß er einen
+stört!«
+
+Bei diesem unbedachten Wort sah ich plötzlich den armen Lahmen vor mir,
+flehend und leidend, ihn, den wir nicht liebten, den wir loszuwerden
+trachteten und der jetzt von uns verlassen und eingeschlossen einsam und
+traurig in der dämmernden Stube saß. Es fiel mir ein, daß es nun bald zu
+dunkeln beginnen müsse und daß er nicht im stande sein würde, Licht zu
+machen oder dem Fenster näher zu rücken. Also würde er das Buch weglegen
+und im Halbdunkel allein sitzen müssen, ohne Gespräch oder Zeitvertreib,
+indes wir hier Wein tranken, lachten und uns vergnügten. Und es fiel mir
+ein, wie ich den Nachbarn in Assisi vom heiligen Franz erzählt hatte und
+wie ich geflunkert hatte, er hätte mich gelehrt alle Menschen liebzuhaben.
+Wozu hatte ich das Leben des Heiligen studiert und seinen herrlichen Gesang
+der Liebe auswendig gelernt und seine Spuren auf den umbrischen Hügeln
+gesucht, wenn nun ein armer und hülfloser Mensch dalag und leiden mußte,
+während ich davon wußte und ihn trösten konnte?
+
+Die Hand eines mächtigen Unsichtbaren legte sich auf mein Herz, drückte es
+nieder und füllte es mit so viel Scham und Schmerz, daß ich zitterte und
+unterlag. Ich wußte, daß Gott jetzt mit mir ein Wort reden wollte.
+
+»Du Dichter!« sagte er, »du Schüler des Umbriers, du Prophet, der die
+Menschen Liebe lehren und beglücken will! Du Träumer, der in Winden und
+Wassern meine Stimme hören möchte!«
+
+»Du liebst ein Haus,« sagte er, »wo man freundlich zu dir ist, wo du
+angenehme Stunden hast! Und am selben Tag, da ich dies Haus meiner Einkehr
+würdige, läufst du davon und sinnst darauf mich zu vertreiben! Du Heiliger!
+Du Prophet! Du Dichter!«
+
+Mir war genau so zu Mute, als würde ich vor einen reinen, untrüglichen
+Spiegel gestellt und ich erblickte mich darin als einen Lügner, als einen
+Maulhelden, als einen Feigling und Wortbrüchigen. Das tut weh, das ist
+bitter, peinigend und schrecklich; aber was in diesem Augenblick in mir
+zerbrach und Qualen litt und sich verwundet bäumte, das war des Zerbrechens
+und Untergehens wert.
+
+Gewaltsam und eilig nahm ich Abschied, ließ den Wein im Glase stehen und
+das angebrochene Brot auf dem Tische liegen und ging in die Stadt zurück.
+In meiner Erregung wurde ich von unausstehlicher Angst gepeinigt, es möchte
+ein Unglück geschehen sein. Es konnte Feuer ausbrechen, der hilflose Boppi
+konnte aus dem Stuhl gefallen sein und leidend oder tot am Boden liegen.
+Ich sah ihn daliegen, ich glaubte dabei zu stehen und den stillen Vorwurf
+im Blick des Krüppels sehen zu müssen.
+
+Atemlos erreichte ich die Stadt und das Haus, stürmte die Treppe hinan und
+erst jetzt fiel mir ein, daß ich ja vor verschlossener Türe stehe und
+keinen Schlüssel besaß. Doch legte sich sogleich meine Angst. Denn ehe ich
+noch die Tür der Küche erreicht hatte, hörte ich drinnen Gesang. Es war ein
+sonderbarer Augenblick. Mit Herzklopfen und ganz außer Atem stand ich auf
+dem dunklen Absatz der Treppe und horchte, indem ich langsam wieder ruhig
+ward, auf das Singen des eingeschlossenen Krüppels. Er sang leise, weich
+und ein wenig klagend ein volkstümliches Liebeslied, vom »Blüemli wiß und
+rot.« Ich wußte, daß er lang nicht mehr gesungen hatte, nun rührte es mich
+ihn zu belauschen, wie er die stille Stunde benützte um in seiner Weise ein
+wenig froh zu sein.
+
+Es ist nun einmal so: Das Leben liebt es neben ernste Ereignisse und tiefe
+Gemütsbewegungen das Komische zu stellen. So empfand ich denn auch sogleich
+das Lächerliche und Beschämende meiner Lage. In meiner plötzlichen Angst
+war ich eine Stunde weit über Feld herbeigerannt, um nun ohne Schlüssel vor
+der Küchenpforte zu stehen. Entweder mußte ich wieder abziehen oder dem
+Lahmen meine guten Absichten durch zwei geschlossene Türen hindurch
+zuschreien. Auf der Treppe stand ich mit meinem Vorsatz, den Armen zu
+trösten, ihm Teilnahme zu zeigen und die Stunden zu verkürzen, und er saß
+ahnungslos drinnen, sang und wäre ohne Zweifel nur erschrocken, wenn ich
+mich durch Schreien oder Klopfen bemerklich gemacht hätte.
+
+Es blieb mir nichts übrig als wieder fortzugehen. Ich bummelte eine Stunde
+durch die sonntäglich belebten Gassen, dann fand ich die Familie
+heimgekehrt. Es kostete mich diesmal keine Überwindung, Boppi die Hand zu
+drücken. Ich setzte mich neben ihn, knüpfte ein Gespräch an und fragte, was
+er gelesen habe. Es lag nahe, ihm Lektüre anzubieten, und er war dankbar
+dafür. Als ich ihm Jeremias Gotthelf empfahl, zeigte es sich, daß er dessen
+Schriften fast alle kannte. Doch war ihm Gottfried Keller noch fremd und
+ich versprach ihm dessen Bücher zu leihen.
+
+Am nächsten Tag, als ich die Bücher brachte, fand ich Gelegenheit mit ihm
+allein zu sein, da die Frau eben ausgehen wollte und der Mann in der
+Werkstätte war. Da bekannte ich ihm, wie sehr ich mich schäme ihn gestern
+allein gelassen zu haben und daß ich froh wäre, manchmal bei ihm sitzen und
+sein Freund sein zu dürfen.
+
+Der kleine Krüppel wendete seinen großen Kopf ein wenig zu mir herüber, sah
+mich an und sagte »Danke schön.« Das war alles. Aber dies Wenden des Kopfes
+hatte ihm Mühe gemacht und war so viel wert als zehn Umarmungen eines
+Gesunden, und sein Blick war so hell und kindlich schön, daß mir vor
+Beschämung das Blut ins Gesicht stieg.
+
+Nun war noch das Schwerere übrig, mit dem Schreiner zu reden. Es schien mir
+am besten, ihm meine gestrige Angst und Scham geradeheraus zu beichten.
+Leider verstand er mich nicht, doch ließ er mit sich darüber reden. Er nahm
+es an, den Kranken als gemeinsamen Gast mit mir zu behalten, so daß wir die
+geringen Kosten seiner Erhaltung teilten und mir die Erlaubnis blieb, nach
+Belieben bei Boppi ein und aus zu gehen und ihn wie einen eigenen Bruder
+anzusehen.
+
+Der Herbst blieb ungewöhnlich lange schön und warm. Darum war das erste,
+was ich für Boppi tat, ihm einen Fahrstuhl zu besorgen und ihn täglich,
+meist in Begleitung der Kinder, ins Freie zu führen.
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+Es war immer mein Schicksal, daß ich vom Leben und von meinen Freunden viel
+mehr empfing als ich geben konnte. Mit Richard, mit Elisabeth, mit Frau
+Nardini und mit dem Schreiner war es mir so gegangen, und nun erlebte ich
+es, daß ich in reifen Jahren und bei hinlänglicher Selbstschätzung der
+erstaunte und dankbare Schüler eines elenden Krummen werden sollte. Wenn es
+wirklich einmal dahin kommt, daß ich meine längst begonnene Dichtung
+vollende und weggebe, so wird wenig Gutes darin stehen, das ich nicht von
+Boppi gelernt hätte. Es begann eine gute, erfreuliche Zeit für mich, an der
+ich zeitlebens reichlich zu zehren haben werde. Es ward mir gegönnt, klar
+und tief in eine prachtvolle Menschenseele zu schauen, über welche
+Krankheit, Einsamkeit, Armut und Mißhandlung nur wie leichte lose Wolken
+hinweggeflogen waren.
+
+Alle die kleinen Laster, mit denen wir uns das schöne, kurze Leben
+versalzen und verderben, der Zorn, die Ungeduld, das Mißtrauen, die Lüge --
+all diese leidigen schmierigen Schwären, die uns entstellen, hatte ein
+langes und gründliches Leiden in diesem Menschen unter Schmerzen
+ausgebrannt. Er war kein Weiser und kein Engel, aber er war ein Mensch voll
+Verständnis und Hingabe, der über großen und schrecklichen Leiden und
+Entbehrungen gelernt hatte, sich ohne Scham schwach zu fühlen und in Gottes
+Hand zu geben.
+
+Einmal fragte ich ihn, wie es ihm gelänge sich immer mit seinem
+schmerzenden und kraftlosen Leibe abzufinden.
+
+»Das ist sehr einfach,« lachte er freundlich. »Es ist eben ein ewiger Krieg
+zwischen mir und der Krankheit. Bald gewinne ich eine Schlacht, bald
+verliere ich eine, so balgen wir uns weiter, und zuweilen halten wir uns
+auch beide still, schließen einen Waffenstillstand, passen einander auf und
+liegen auf der Lauer, bis einer von uns wieder frech wird und der Krieg
+aufs neue losgeht.«
+
+Bis dahin hatte ich stets geglaubt, ein sicheres Auge zu haben und ein
+guter Beobachter zu sein. Boppi wurde aber auch darin mein bewunderter
+Lehrmeister. Da er an der Natur und namentlich an Tieren eine große Freude
+hatte, führte ich ihn häufig in den zoologischen Garten. Dort hatten wir
+ganz köstliche Stunden. Boppi kannte nach kurzer Zeit jedes einzelne Tier
+und da wir stets Brot und Zucker mitbrachten, kannten manche Tiere auch uns
+und wir schlossen allerlei Freundschaften. Eine besondere Vorliebe hatten
+wir für den Tapir, dessen einzige Tugend eine seiner Gattung sonst nicht
+eigene Reinlichkeit ist. Im übrigen fanden wir ihn eingebildet, wenig
+intelligent, unfreundlich, undankbar und höchst gefräßig. Andere Tiere,
+namentlich der Elefant, die Rehe und Gemsen, sogar der ruppige Bison,
+zeigten für den empfangenen Zucker stets eine gewisse Dankbarkeit, indem
+sie uns entweder vertraulich anblickten oder es gerne duldeten, sich von
+mir streicheln zu lassen. Beim Tapir war keine Spur davon. Sobald wir in
+seine Nähe kamen, erschien er prompt am Gitter, fraß langsam und gründlich
+was er von uns erhielt und zog sich, wenn er sah daß nichts mehr für ihn
+abfiel, ohne Sang und Klang wieder zurück. Wir fanden darin ein Zeichen von
+Stolz und Charakter und da er das ihm Zugedachte weder erbettelte noch
+dafür dankte, sondern wie einen selbstverständlichen Tribut leutseligst
+entgegennahm, nannten wir ihn den Zolleinnehmer. Zuweilen erhob sich, da
+Boppi die Tiere meist nicht selber füttern konnte, ein Streit darüber, ob
+der Tapir nun genug habe oder ob ihm noch ein weiteres Stückchen zukäme.
+Wir erwogen das mit einer Sachlichkeit und eingehenden Prüfung, als wäre es
+eine Staatsaktion. Einst waren wir schon am Tapir vorüber, als Boppi
+meinte, wir hätten ihm doch noch ein Stück Zucker mehr geben sollen. Also
+kehrten wir wieder um, der inzwischen aufs Strohlager zurückgekehrte Tapir
+aber blinzelte hochmütig herüber und kam nicht ans Gitter. »Entschuldigen
+Sie gütigst, Herr Einnehmer,« rief Boppi ihm zu, »aber ich glaubte wir
+hätten uns um einen Zucker geirrt.« Und weiter gings zum Elefanten, der
+schon voll Erwartung hin und her watschelte und uns seinen warmen,
+beweglichen Rüssel entgegen streckte. Ihn konnte Boppi selbst füttern, und
+er sah mit kindlicher Wonne zu, wie der Riese den geschmeidigen Rüssel zu
+ihm herüber bog, das Brot aus seiner flachen Hand aufnahm und uns aus den
+fidelen, winzigen Äuglein schlau und wohlwollend anblinzelte.
+
+Mit einem Wärter kam ich überein, daß ich Boppi in seinem Fahrstuhl im
+Garten stehen lassen durfte, wenn ich nicht Zeit hatte bei ihm zu bleiben,
+so daß er auch an solchen Tagen in der Sonne sein und die Tiere sehen
+konnte. Nachher erzählte er mir von allem, was er gesehen hatte. Besonders
+imponierte es ihm zu sehen, wie höflich der Löwe seine Gattin behandelte.
+Sobald sie sich niederlegte um zu ruhen, gab er seinem rastlosen
+Hinundhergehen eine solche Richtung, daß er sie dabei weder berührte noch
+störte noch über sie hinweg schritt. Am meisten Unterhaltung fand Boppi
+beim Fischotter. Er wurde nicht müde, die biegsamen Schwimm- und Turnkünste
+des beweglichen Tieres zu betrachten und seine helle Freude daran zu haben,
+während er selbst unbeweglich in seinem Stuhle lag und zu jeder Bewegung
+des Kopfs und der Arme Mühe aufwenden mußte.
+
+Es war einer der schönsten Tage jenes Herbstes, als ich Boppi meine beiden
+Liebesgeschichten erzählte. Wir waren miteinander so vertraut geworden, daß
+ich ihm auch diese weder erfreulichen noch rühmlichen Erlebnisse nicht mehr
+verschweigen konnte. Er hörte freundlich und ernsthaft zu, ohne etwas zu
+sagen. Später aber gestand er mir sein Verlangen, Elisabeth, die weiße
+Wolke, einmal zu sehen und bat mich gewiß daran zu denken, falls wir ihr
+einmal auf der Straße begegneten.
+
+Da das sich nie ereignen wollte und die Tage kühl zu werden begannen, ging
+ich zu Elisabeth und bat sie, dem armen Buckligen diese Freude zu machen.
+Sie war gütig und tat mir den Willen und am bestimmten Tage ließ sie sich
+von mir abholen und in den Tiergarten begleiten, wo Boppi im Fahrstuhl
+wartete. Als die schöne, wohlgekleidete und feine Dame dem Krüppel die Hand
+gab und sich ein wenig zu ihm hinabbückte, und als der arme Boppi aus dem
+vor Freude glänzenden Gesicht die großen, guten Augen dankbar und fast
+zärtlich zu ihr aufschlug, hätte ich nicht entscheiden mögen, wer von den
+beiden in diesem Augenblick schöner war und meinem Herzen näher stand. Die
+Dame sprach ein paar freundliche Worte, der Krüppel wandte den glänzenden
+Blick nicht von ihr, und ich stand daneben und wunderte mich, die beiden
+Menschen, die ich am liebsten hatte und welche das Leben durch eine weite
+Kluft von einander trennte, einen Augenblick Hand in Hand vor mir zu sehen.
+Boppi sprach den ganzen Nachmittag von nichts mehr als von Elisabeth,
+rühmte ihre Schönheit, ihre Vornehmheit, ihre Güte, ihre Kleider, gelbe
+Handschuhe und grüne Schuhe, ihren Gang und Blick, ihre Stimme und ihren
+schönen Hut, während es mir schmerzlich und komisch erschien zugesehen zu
+haben, wie meine Geliebte meinem Herzensfreund ein Almosen gab.
+
+Inzwischen hatte Boppi den »grünen Heinrich« und die Seldwyler gelesen und
+war in der Welt dieser einzigen Bücher so heimisch geworden, daß wir am
+Schmoller Pankraz, am Albertus Zwiehan und an den gerechten Kammmachern
+gemeinsame liebe Freunde besaßen. Eine Weile schwankte ich, ob ich ihm auch
+etwas von C. F. Meyers Büchern geben solle, doch schien es mir
+wahrscheinlich, daß er die fast lateinische Prägnanz seiner allzu gepreßten
+Sprache nicht schätzen würde, auch trug ich Bedenken, den Abgrund der
+Geschichte vor diesem heiter stillen Auge zu öffnen. Statt dessen erzählte
+ich ihm vom heiligen Franz und gab ihm Mörikes Erzählungen zu lesen.
+Merkwürdig war mir sein Geständnis, daß er die Geschichte von der schönen
+Lau großenteils nicht hätte genießen können, wenn er nicht so oft am Bassin
+des Fischotters gestanden wäre und sich dabei allerlei fabelhaften
+Wasserphantasieen hingegeben hätte.
+
+Lustig war es, wie wir so allmählich in die Duzbrüderschaft hinein
+gerieten. Ich hatte sie ihm nie angeboten, er hätte sie auch nicht
+angenommen; so aber kam es ganz von selber, daß wir einander immer häufiger
+duzten, und als wir es eines Tages merkten, mußten wir lachen und ließen es
+nun für immer dabei.
+
+Als der anbrechende Vorwinter unsre Ausfahrten unmöglich machte und ich nun
+wieder Abende lang in der Wohnstube von Boppis Schwager saß, merkte ich
+nachträglich, daß mir meine neue Freundschaft doch nicht so ganz ohne Opfer
+in den Schoß gefallen war. Der Schreiner nämlich war fortwährend mürrisch,
+unfreundlich und wortkarg. Auf die Dauer verdroß ihn nicht nur die lästige
+Gegenwart des unnützen Mitessers, sondern ebenso sehr mein Verhältnis zu
+Boppi. Es kam vor, daß ich einen ganzen Abend vergnüglich mit dem Lahmen
+schwatzte, indes der Hausherr ärgerlich mit der Zeitung daneben saß. Auch
+mit der sonst ungemein geduldigen Frau kam er auseinander, da sie diesmal
+fest auf ihrem Willen bestand und durchaus nicht dulden wollte, daß Boppi
+anderwärts untergebracht werde. Mehrmals versuchte ich ihn versöhnlicher zu
+stimmen oder ihm neue Vorschläge zu machen, doch war nichts mit ihm
+anzufangen. Er begann sogar bissig zu werden, meine Freundschaft mit dem
+Krüppel zu verhöhnen und diesem selbst das Leben sauer zu machen. Freilich
+war der Kranke samt mir, der ich täglich viel bei ihm saß, dem ohnehin
+engen Haushalt eine lästige Bürde, aber ich hoffte noch immer, der
+Schreiner möchte sich uns anschließen und den Kranken lieb gewinnen. Mir
+war es schließlich unmöglich, irgend etwas zu tun oder zu lassen, womit ich
+nicht entweder den Schreiner verletzt oder Boppi benachteiligt hätte. Da
+ich alle raschen und zwingenden Entschlüsse hasse -- schon in der Züricher
+Zeit hatte Richard mich Petrus Cunctator getauft, -- wartete ich wochenlang
+zu und litt beständig an der Furcht, die Freundschaft des einen oder
+vielleicht beider zu verlieren.
+
+Die wachsende Unbehaglichkeit dieser unklaren Verhältnisse trieb mich
+wieder häufiger in die Kneipen. Eines Abends, nachdem die leidige
+Geschichte mich wieder besonders geärgert hatte, verfügte ich mich in eine
+kleine Waadtländer Weinschenke und rückte dem Übel mit mehreren Litern zu
+Leibe. Zum erstenmal seit zwei Jahren hatte ich wieder einmal Mühe,
+aufrecht nach Hause zu gehen. Tags darauf war ich, wie stets nach einer
+starken Zeche, bei wohlig kühler Laune, faßte Mut und suchte den Schreiner
+auf, um die Komödie endlich zum Abschluß zu bringen. Ich schlug ihm vor, er
+möge mir Boppi ganz überlassen, und er zeigte sich nicht abgeneigt, sagte
+auch nach mehrtägiger Bedenkzeit wirklich zu.
+
+Bald darauf bezog ich mit meinem armen Buckligen eine neugemietete Wohnung.
+Ich kam mir vor als hätte ich geheiratet, da ich nun statt der gewohnten
+Junggesellenbude einen ordentlichen kleinen Haushalt zu Zweien beginnen
+sollte. Aber es ging, wenn ich auch im Anfang manche unglückliche
+Wirtschaftsexperimente anstellte. Zum Ordnungmachen und Waschen kam ein
+Laufmädchen, das Essen ließen wir uns ins Haus tragen, und bald war uns
+beiden ganz warm und wohl bei diesem Zusammenleben. Die Nötigung, auf meine
+sorglosen kleinen und größern Wanderungen künftig zu verzichten,
+erschreckte mich einstweilen nicht. Beim Arbeiten empfand ich sogar das
+stille Nahesein des Freundes beruhigend und förderlich. Die kleinen
+Krankendienste waren mir neu und im Anfang wenig erquicklich, namentlich
+das Aus- und Ankleiden: aber mein Freund war so geduldig und dankbar, daß
+ich mich schämte und mir Mühe gab, ihn sorgfältig zu bedienen.
+
+ * * * * *
+
+Zu meinem Professor war ich wenig mehr gekommen, öfters zu Elisabeth, deren
+Haus mich trotz allem mit stetigem Zauber anzog. Dort saß ich dann, trank
+Tee oder ein Glas Wein, sah sie die Wirtin spielen und hatte zuweilen
+sentimentale Anwandlungen dabei, obwohl ich gegen alle etwaigen
+Wertherischen Gefühle in mir mit beständigem Spott zu Felde lag. Der
+weichliche, jugendliche Liebesegoismus war allerdings endgültig von mir
+gewichen. So war ein zierlicher, vertraulicher Kriegszustand zwischen uns
+das richtige Verhältnis, und wir kamen wirklich selten zusammen, ohne uns
+freundschaftlichst zu zanken. Der bewegliche und nach Frauenart etwas
+verzogene Verstand der klugen Frau traf mit meinem zugleich verliebten und
+ruppigen Wesen nicht übel zusammen und da wir im Grunde beide einander
+hochachteten, konnten wir desto energischer über jede lausige Kleinigkeit
+in Kampf geraten. Mir war es namentlich komisch, das Junggesellentum gegen
+sie zu verteidigen -- gegen die Frau, die ich noch vor kurzem ums Leben
+gern geheiratet hätte. Ich durfte sie sogar mit ihrem Mann necken, der ein
+guter Bursche und stolz auf seine geistreiche Frau war.
+
+In der Stille brannte die alte Liebe in mir fort, nur war es nicht mehr das
+frühere anspruchsvolle Feuerwerk, sondern eine gute und dauerhafte Glut,
+die das Herz jung hält und an der sich ein hoffnungsloser Hagestolz
+gelegentlich an Winterabenden die Finger wärmen darf. Seit vollends Boppi
+mir nahe stand und mich mit dem wundervollen Wissen um ein beständiges,
+ehrliches Geliebtsein umgab, konnte ich meine Liebe ohne Gefahr als ein
+Stück Jugend und Poesie in mir leben lassen.
+
+Übrigens gab mir Elisabeth je und je durch ihre recht frauenhaften Malicen
+Gelegenheit, mich abzukühlen und mich meines Junggesellentums herzlich zu
+freuen.
+
+Seit der arme Boppi meine Wohnung teilte, vernachlässigte ich auch
+Elisabeths Haus mehr und mehr. Mit Boppi las ich Bücher, blätterte
+Reisealbums und Tagebücher durch, spielte Domino; wir schafften zu unsrer
+Erheiterung einen Pudel an, beobachteten den Winterbeginn vom Fenster aus
+und führten täglich eine Menge kluger und dummer Gespräche. Der Kranke
+hatte sich eine überlegene Weltanschauung erworben, eine von gütigem Humor
+erwärmte sachliche Betrachtung des Lebens, von der ich täglich zu lernen
+hatte. Als starke Schneefälle eintraten und der Winter vor den Fenstern
+seine reinliche Schönheit entfaltete, spannen wir uns mit knabenhafter
+Wollust beim Ofen in ein heimeliges Stubenidyll ein. Die Kunst der
+Menschenkenntnis, nach der ich mir so lang umsonst die Sohlen abgelaufen
+hatte, lernte ich bei dieser Gelegenheit so nebenher mit. Boppi stak
+nämlich, als stiller und scharfer Zuschauer, voll von Bildern aus dem Leben
+seiner früheren Umgebungen und konnte, wenn er einmal angesetzt hatte,
+wundervoll erzählen. Der Krüppel hatte in seinem Leben kaum mehr als drei
+Dutzend Menschen kennen gelernt und war nie im großen Strome
+mitgeschwommen, trotzdem kannte er das Leben viel besser als ich, denn er
+war gewohnt auch das Kleinste zu sehen und in jedem Menschen eine Quelle
+von Erlebnissen, Freude und Erkenntnis zu finden.
+
+Unser Lieblingsvergnügen war nach wie vor die Freude an der Tierwelt. Über
+die Tiere des zoologischen Gartens, die wir nicht mehr besuchen konnten,
+erfanden wir nun Geschichten und Fabeln aller Art. Die meisten davon
+erzählten wir nicht, sondern trugen sie aus dem Stegreif als Dialoge vor.
+Zum Beispiel eine Liebeserklärung zwischen zwei Papageien,
+Familienzerwürfnisse unter den Bisons, Abendunterhaltungen der
+Wildschweine.
+
+»Wie gehts Ihnen denn, Herr Marder?«
+
+»Danke schön, Herr Fuchs, so leidlich. Sie wissen ja, als ich gefangen
+ward, verlor ich meine liebe Gattin. Sie hieß Pinselschwanz, wie ich schon
+die Ehre hatte Ihnen zu sagen. Eine Perle, versichere ich Ihnen, eine --.«
+
+»Ach lassen Sie doch die alten Geschichten, Herr Nachbar, Sie haben mir das
+von der Perle, wenn ich nicht irre, schon öfters erzählt. Lieber Gott, man
+lebt schließlich nur einmal und darf sich das bißchen Vergnügen nicht noch
+verderben.«
+
+»Bitte sehr, Herr Fuchs, wenn Sie meine Gemahlin gekannt hätten, würden Sie
+mich besser verstehen.«
+
+»Aber gewiß, gewiß. Also sie hieß Pinselschwanz, nicht wahr? Ein schöner
+Name, so was zum Streicheln! Aber was ich eigentlich sagen wollte -- Sie
+haben doch bemerkt, wie sehr die leidige Sperlingsplage wieder zunimmt? Ich
+habe da so einen kleinen Plan?«
+
+»Wegen der Sperlinge?«
+
+»Wegen der Sperlinge. Sehen Sie, ich dachte mir das so: Wir legen etwas
+Brot vors Gitter, legen uns ruhig hin und warten die Kerls ab. Es müßte des
+Teufels sein, wenn wir nicht so ein Vieh erwischen könnten. Was meinen
+Sie?«
+
+»Vortrefflich, Herr Nachbar!«
+
+»Also haben Sie die Güte etwas Brot hinzulegen. -- So, schön! Aber
+vielleicht schieben Sie es etwas mehr nach rechts herüber, dann kommt es
+uns beiden zu gut. Ich bin nämlich im Augenblick leider ohne alle Mittel.
+So ist's gut. Also aufgepaßt! Wir legen uns jetzt nieder, schließen die
+Augen -- pst, da kommt schon einer geflogen!« (Pause.)
+
+»Nun, Herr Fuchs, noch nichts?«
+
+»Wie ungeduldig Sie sind! Als ob Sie zum erstenmal auf der Jagd wären! Ein
+Jäger muß warten können, warten und wieder warten. Also noch einmal!«
+
+»Ja wo ist denn das Brot hingekommen?«
+
+»Pardon?«
+
+»Das Brot ist ja gar nimmer da.«
+
+»Nicht möglich! Das Brot? Wahrhaftig -- verschwunden! Da soll doch das
+Donnerwetter! Natürlich wieder der verdammte Wind.«
+
+»Na, ich habe so meine Gedanken. Mir war doch vorher, ich hörte Sie was
+essen.«
+
+»Was? Ich etwas gegessen? Was denn?«
+
+»Das Brot vermutlich.«
+
+»Sie sind beleidigend deutlich in Ihren Vermutungen, Herr Marder. Man muß
+ja von Nachbarsleuten ein Wort vertragen können, aber das ist zu viel. Das
+ist zu viel, sage ich. Haben Sie mich verstanden? -- Nun soll ich das Brot
+gegessen haben! Was glauben Sie eigentlich? Erst soll ich die fade
+Geschichte von Ihrer Perle zum tausendstenmal anhören, dann habe ich eine
+gute Idee, wir legen das Brot hinaus --«
+
+»Das war ich! Ich habe das Brot hergegeben.«
+
+»-- wir legen das Brot hinaus, ich lege mich hin und passe auf, alles geht
+gut, da kommen Sie mit Ihrem Geschwätz dazwischen -- die Spatzen natürlich
+auf und davon, die Jagd verhunzt, und nun soll ich auch noch das Brot
+gefressen haben! Na Sie können warten, bis ich wieder mit Ihnen verkehre.«
+
+Dabei gingen Nachmittage und Abende leicht und schnell vorüber. Ich war
+bester Laune, arbeitete gern und rasch und wunderte mich, daß ich früher so
+träg und verdrossen und schwerlebig gewesen war. Die besten Zeiten mit
+Richard waren nicht schöner gewesen als diese stillen, heiteren Tage, da
+draußen die Flocken tanzten und am Ofen wir zwei samt dem Pudel es uns wohl
+sein ließen.
+
+Und da mußte mein lieber Boppi seine erste und letzte Dummheit begehen! Ich
+in meiner Zufriedenheit war natürlich blind und sah nicht, daß er mehr litt
+als sonst. Aber er, aus lauter Bescheidenheit und Liebe, tat vergnügter als
+je, klagte nicht, verbot mir nicht einmal das Rauchen, und dann lag er
+nachts und litt und hustete und stöhnte leis. Ganz zufällig, als ich einmal
+in der Stube neben ihm in die Nacht hinein schrieb und er mich längst zu
+Bett glaubte, hörte ich, wie er stöhnte. Der arme Kerl war ganz erschrocken
+und verdonnert, als ich plötzlich mit der Lampe in seine Schlafkammer trat.
+Ich stellte das Licht beiseite, setzte mich zu ihm aufs Bett und stellte
+ein Verhör an. Lange versuchte er auszukneifen, dann kam es endlich doch
+heraus.
+
+»Es ist ja nicht so schlimm,« sagte er schüchtern. »Nur bei manchen
+Bewegungen das krampfhafte Gefühl im Herzen, und manchmal auch beim Atmen.«
+
+Er entschuldigte sich geradezu, als wäre sein Kränkerwerden ein Verbrechen!
+
+Morgens ging ich zu einem Arzt. Es war ein schöner, frostklarer Tag,
+unterwegs ließ meine Beklemmung und Sorge nach, ich dachte sogar an
+Weihnachten und besann mich, mit was ich Boppi eine Freude machen könnte.
+Der Arzt war noch zu Hause und kam auf mein dringendes Bitten mit. Wir
+fuhren in seinem bequemen Wagen, wir stiegen die Treppe hinauf, wir kamen
+in die Kammer zu Boppi, es begann ein Betasten und Klopfen und Horchen, und
+während der Arzt nur ein wenig ernsthafter und seine Stimme ein bißchen
+gütiger wurde, ging in mir alle Fröhlichkeit unter.
+
+Gicht, Herzschwäche, ernster Fall -- ich hörte zu und schrieb mir auch
+alles auf und war über mich selber erstaunt, daß ich mich gar nicht wehrte,
+als der Arzt die Überführung ins Spital gebot.
+
+Nachmittags kam der Krankenwagen und als ich vom Spital zurückkam, war mir
+in der Wohnung schrecklich zu mut, wo der Pudel sich an mich drängte und
+der große Stuhl des Kranken beiseite gestellt und nebenan die leergewordene
+Kammer war.
+
+So ist es mit dem Liebhaben. Es bringt Schmerzen, und ich habe deren in der
+folgenden Zeit viel erlitten. Aber es liegt so wenig daran, ob man
+Schmerzen leidet oder keine! Wenn nur ein starkes Mitleben da ist und wenn
+man nur das enge, lebendige Band verspürt, mit dem alles Lebende an uns
+hängt, und wenn nur die Liebe nicht kühl wird! Ich gäbe alle heiteren Tage,
+die ich je gehabt, samt allen Verliebtheiten und samt meinen Dichterplänen,
+wenn ich dafür noch einmal so ins Allerheiligste hineinsehen dürfte, wie in
+jener Zeit. Es tut den Augen und dem Herzen bitter weh, und auch der schöne
+Stolz und Eigendünkel bekommt seine bösen Stiche ab, aber nachher ist man
+so still, so bescheiden, so viel reifer und im Innersten lebendiger!
+
+Schon mit der kleinen, blonden Agi war damals ein Stück von meinem alten
+Wesen gestorben. Jetzt sah ich meinen Buckligen, dem ich meine ganze Liebe
+geschenkt und mit dem ich mein ganzes Leben geteilt hatte, leiden und
+langsam, langsam sterben, und litt an jedem Tage mit und hatte meinen
+Anteil an allem Schrecklichen und Heiligen des Sterbens. Ich war noch ein
+Anfänger in der ars amandi und sollte gleich mit einem ernsten Kapitel der
+ars moriendi beginnen. Von dieser Zeit schweige ich nicht, wie ich von
+Paris geschwiegen habe. Von ihr will ich laut reden wie eine Frau von ihrer
+Brautzeit und wie ein alter Mann von seinen Knabenjahren.
+
+Ich sah einen Menschen sterben, dessen Leben nur Leiden und Liebe gewesen
+war. Ich hörte ihn scherzen wie ein Kind, während er die Arbeit des Todes
+in sich spürte. Ich sah, wie aus schweren Schmerzen heraus sein Blick mich
+suchte, nicht um bei mir zu betteln, sondern um mich aufzurichten und um
+mir zu zeigen, daß diese Krämpfe und Leiden das Beste in ihm unversehrt
+gelassen hatten. Dann waren seine Augen groß und man sah sein verwelkendes
+Gesicht nicht mehr, nur den Glanz seiner großen Augen.
+
+»Kann ich dir etwas tun, Boppi?«
+
+»Erzähl mit was. Vielleicht vom Tapir.«
+
+Ich erzählte vom Tapir, er schloß die Augen und ich hatte meine Mühe, zu
+sprechen wie sonst, denn das Weinen stand mir fortwährend nahe. Und wenn
+ich glaubte, er höre mich nicht mehr oder schlafe, dann verstummte ich
+sogleich. Da machte er wieder die Augen auf.
+
+»-- Und dann?«
+
+Und ich erzählte weiter, vom Tapir, vom Pudel, von meinem Vater, vom
+kleinen bösen Mattheo Spinelli, von Elisabeth.
+
+»Ja, sie hat einen dummen Kerl geheiratet. So geht's, Peter!«
+
+Oft fing er plötzlich an vom Sterben zu sprechen.
+
+»Es ist kein Spaß, Peter. Die allerschwerste Arbeit ist nicht so schwer wie
+Sterben. Aber man macht's doch durch.«
+
+Oder: »Wenn die Quälerei überstanden ist, kann ich schon lachen. Bei mir
+lohnt sich das Sterben doch, ich werde einen Schnitzbuckel, einen kurzen
+Fuß und eine lahme Hüfte los. Bei dir wird's einmal schad sein, mit deinen
+breiten Schultern und schönen gesunden Beinen.«
+
+Und einmal, in den letzten Tagen, wachte er aus einem kurzen Schlummer auf
+und sagte ganz laut:
+
+»Es gibt gar keinen solchen Himmel, wie der Pfarrer meint. Der Himmel ist
+viel schöner. Viel schöner.«
+
+Die Schreinersfrau kam oft und zeigte sich in kluger Weise teilnehmend und
+hülfsbereit. Der Schreiner blieb zu meinem großen Bedauern ganz aus.
+
+»Was meinst du,« fragte ich Boppi gelegentlich, »wird im Himmel auch ein
+Tapir sein?«
+
+»O ja,« sagte er und nickte noch dazu. »Es sind alle Arten Tiere dort, auch
+Gemsen.«
+
+Die Weihnachtszeit kam und wir hatten eine kleine Feier an seinem Bett. Es
+trat starker Frost ein, es taute wieder, und Neuschnee fiel auf das
+Glatteis, aber ich merkte nichts von allem. Ich hörte, Elisabeth habe einen
+Knaben geboren, und ich vergaß es wieder. Es kam ein drolliger Brief von
+Frau Nardini; ich las ihn flüchtig durch und legte ihn beiseite. Meine
+Arbeiten erledigte ich im Galopp mit dem steten Bewußtsein, jede Stunde mir
+und dem Kranken zu stehlen. Dann lief ich gehetzt und ungeduldig ins
+Krankenhaus, und dort war eine heitere Stille und ich saß halbe Tage an
+Boppis Bett, von einem traumhaft tiefen Frieden umgeben.
+
+Er hatte kurz vor dem Ende noch einige bessere Tage. Da war es merkwürdig,
+wie die kaum verflossene Zeit in seiner Erinnerung erloschen schien und er
+ganz in den früheren Jahren lebte. Zwei Tage lang sprach er von nichts als
+von seiner Mutter. Er konnte ja nicht lang reden, aber man sah auch in den
+stundenlangen Pausen, daß er an sie dachte.
+
+»Ich habe dir viel zu wenig von ihr erzählt,« klagte er, »du mußt nichts
+von dem vergessen, was sie betrifft, sonst gibt es bald niemand mehr, der
+von ihr weiß und ihr dankbar ist. Es wäre gut, Peter, wenn alle Leute so
+eine Mutter hätten. Sie hat mich nicht ins Armenhaus getan, als ich nimmer
+arbeiten konnte.«
+
+Er lag und atmete mühselig. Eine Stunde verging, da fing er wieder an:
+
+»Sie hat mich am liebsten gehabt von allen ihren Kindern und hat mich bei
+sich behalten, bis sie gestorben ist. Die Brüder sind ausgewandert und die
+Schwester hat den Schreiner geheiratet, aber ich bin zu Haus gesessen und
+so arm sie war, hat sie mich's nie entgelten lassen. Du darfst meine Mutter
+nicht vergessen, Peter. Sie war ganz klein, vielleicht noch kleiner als
+ich. Wenn sie mir die Hand gab, war es gerade so, wie wenn sich ein winzig
+kleiner Vogel draufgesetzt hätte. Es langt ein Kindersarg für sie, hat der
+Nachbar Rütimann gesagt, wie sie gestorben ist.«
+
+Auch für ihn hätte schier ein Kindersarg hingereicht. Er lag so
+verschwunden und klein in seinem sauberen Spitalbett, und seine Hände sahen
+nun wie kranke Frauenhände aus, lang, schmal, weiß und ein wenig gekrümmt.
+Als er aufhörte, von seiner Mutter zu träumen, kam ich an die Reihe. Er
+sprach von mir, als säße ich nicht dabei.
+
+»Er ist ein Pechvogel, nun freilich, aber es hat ihm nichts geschadet.
+Seine Mutter ist zu früh gestorben.«
+
+»Kennst du mich noch, Boppi?« fragte ich.
+
+»Jawohl, Herr Camenzind,« sagte er scherzhaft und lachte ganz leise.
+
+»Wenn ich nur singen könnte,« meinte er gleich darauf.
+
+Am letzten Tage fragte er noch: »Du, kostet es viel hier im Spital? Es
+könnte zu teuer werden.«
+
+Doch erwartete er keine Antwort. Eine feine Röte stieg ihm in das weiße
+Gesicht, er schloß die Augen und sah eine Weile aus wie ein überaus
+glücklicher Mensch.
+
+»Es geht zu Ende,« sagte die Schwester.
+
+Aber er öffnete die Augen noch einmal, sah mich schelmisch an und bewegte
+die Brauen so, als wollte er mir zunicken. Ich stand auf, legte die Hand
+unter seine linke Schulter und hob ihn sachte ein klein wenig, was ihm
+jedesmal wohltat. So auf meiner Hand liegend verzog er noch einmal in
+kurzem Schmerz die Lippen, dann drehte er den Kopf ein wenig und
+schauderte, als fröre ihn plötzlich. Das war die Erlösung.
+
+»Ist's gut, Boppi?« fragte ich noch. Er war aber schon seiner Leiden ledig
+und erkaltete mir in der Hand. Es war am siebenten Januar, eine Stunde nach
+Mittag. Gegen Abend machten wir alles fertig und der kleine, verwachsene
+Körper lag friedlich und sauber ohne weitere Entstellungen da bis es Zeit
+war ihn wegzubringen und zu begraben. Während dieser zwei Tage war ich
+beständig darüber verwundert, daß ich weder besonders traurig noch ratlos
+war und nicht einmal weinen mußte. Ich hatte die Trennung und den Abschied
+so gründlich während der Krankheit durchempfunden, daß nun wenig mehr davon
+überblieb und die schwankende Schale meines Schmerzes langsam und
+erleichtert wieder in die Höhe stieg.
+
+Trotzdem schien es mir jetzt an der Zeit, die Stadt in aller Stille zu
+verlassen und mich irgendwo, womöglich im Süden, auszuruhen und das nur
+erst grob angelegte Gefäde meiner Dichtung einmal ernstlich auf den
+Webstuhl zu spannen. Ein wenig Geld hatte ich übrig, also hing ich meine
+literarischen Verpflichtungen an den Nagel und richtete mich ein, beim
+ersten Frühlingsbeginn zu packen und abzureisen. Zunächst nach Assisi, wo
+die Gemüsehändlerin meinen Besuch erwartete, dann zu tüchtiger Arbeit in
+ein möglichst stilles Bergnest. Mir schien ich habe nun ein hinreichendes
+Stück Leben und Tod gesehen, um etwa andern Leuten zumuten zu dürfen, mich
+darüber ein wenig räsonnieren zu hören. In wohliger Ungeduld wartete ich
+auf den März und hatte vorempfindend schon das Ohr voll italienischer
+Kraftworte und in der Nase einen kitzelnd würzigen Duft von Risotto,
+Orangen und Chiantiwein.
+
+Der Plan war tadellos und befriedigte mich, je länger ich ihn überlegte,
+desto mehr. Indessen tat ich wohl daran, mich des Chianti im voraus zu
+freuen, denn es kam alles ganz anders.
+
+Ein beweglicher, phantastisch stilisierter Brief des Gastwirts Nydegger
+verkündigte mir im Februar, es liege sehr viel Schnee und im Dorfe sei bei
+Vieh und Menschen nicht alles in Ordnung, namentlich stehe es mit meinem
+Herrn Vater bedenklich und alles in allem wäre es gut, wenn ich Geld
+schicken oder selber kommen würde. Da das Geldschicken mir nicht paßte und
+der Alte mir wirklich Sorge machte, mußte ich eben reisen. An einem
+unwirschen Tage kam ich an, vor Schneefall und Wind waren weder Berge noch
+Häuser sichtbar und es kam mir zu gut, daß ich den Weg auch blindlings
+kannte. Der alte Camenzind lag wider meine Vermutung nicht zu Bett, sondern
+saß dürftig und kleinlaut in der Ofenecke und war von einer Nachbarin
+belagert, die ihm Milch gebracht hatte und ihm soeben über seinen schlimmen
+Lebenswandel gründlich und ausdauernd den Text las, worin auch mein
+Eintritt sie nicht störte.
+
+»Lueg', der Peter isch cho,« sagte der graue Sünder und zwinkerte mir mit
+dem linken Auge zu.
+
+Aber sie fuhr unbeirrt in ihrer Predigt fort. Ich setzte mich auf einen
+Stuhl, wartete das Versiegen ihrer Nächstenliebe ab und fand in ihrer Rede
+einige Kapitel, die auch mir nicht schadeten. Nebenher schaute ich zu, wie
+mir der Schnee von Mantel und Stiefeln schmolz und rings um meinen Stuhl
+zuerst einen feuchten Flecken und dann einen stillen Weiher bildete. Erst
+als die Frau ein Ende gefunden hatte, konnte das offizielle Wiedersehen
+stattfinden, an welchem sie ganz freundlich teilnahm.
+
+Der Vater hatte sehr an Kräften abgenommen. Mir fiel mein früherer kurzer
+Versuch, ihn zu pflegen, wieder ein. Das Abreisen damals hatte also nichts
+geholfen und ich konnte nun, da es freilich nötiger war, doch noch die
+Suppe ausfressen.
+
+Schließlich kann man von einem knorrigen alten Bauern, der auch in seinen
+besseren Zeiten kein Tugendspiegel war, nicht verlangen, daß er in den
+Tagen der Greisenkrankheiten milde werde und dem Schauspiel der Sohnesliebe
+mit Rührung beiwohne. Das tat mein Vater denn auch durchaus nicht, sondern
+war je kränker desto widerwärtiger und zahlte mir alles, womit ich ihn
+früher je gequält hatte, wenn nicht mit Zinsen so doch glatt und
+wohlgemessen heim. Mit Worten allerdings war er sparsam und vorsichtig
+gegen mich, aber er verfügte über eine Menge von drastischen Mitteln, ohne
+Worte unzufrieden, bitter und ruppig zu sein. Mich wunderte zuweilen, ob
+wohl auch aus mir einmal im Alter ein so fataler und heikler Kauz werden
+möchte. Mit dem Trinken war es für ihn so gut wie vorbei und das Glas guten
+Südweins, das ich ihm täglich zweimal einschenkte, genoß er nur mit böser
+Miene, weil ich die Flasche stets sogleich wieder in den leeren Keller
+zurückbrachte, dessen Schlüssel ich ihm nie überließ.
+
+Erst gegen Ende Februars kamen jene hellen Wochen, die den
+Hochgebirgswinter so herrlich machen. Die hohen, beschneiten Bergschroffen
+standen klar gegen den kornblumenblauen Himmel und sahen in der
+durchsichtigen Luft unwahrscheinlich nahe aus. Matten und Halden lagen
+schneebedeckt -- mit dem Schnee des Bergwinters, den man so weiß und
+kristallen und herbduftend in den Talländern niemals findet. Auf kleinen
+Erdschwellungen feiert in der Mittagszeit das Sonnenlicht glänzende Feste,
+in Mulden und an Abhängen liegen satte blaue Schatten und die Luft ist nach
+wochenlangem Schneefall so ganz gereinigt, daß in der Sonne jeder Atemzug
+ein Genuß ist. An den kleineren Halden fröhnt die Jugend der Gimmelfahrt
+und in der Stunde nach Mittag sieht man alte Leutchen auf den Gassen stehen
+und sich an der Sonne gütlich tun, während nachts die Dachsparren im Froste
+krachen. Inmitten der weißen Schneefelder liegt still und blau der niemals
+gefrierende See, schöner als er je im Sommer sein kann. Jeden Tag vor dem
+Mittagessen half ich dem Vater vor die Tür und schaute zu, wie er seine
+braunen und knotig verbogenen Finger in die schöne Sonnenwärme streckte.
+Nach einer Weile begann er alsdann zu husten und über die Kühle zu klagen.
+Das war einer seiner harmlosen Kniffe, um einen Schnaps von mir zu
+erlangen; denn weder der Husten noch die Kühle waren ernst zu nehmen. Also
+bekam er ein Gläschen Enzian oder einen kleinen Absinth, hörte in
+kunstreicher Abstufung zu husten auf und freute sich hinterrücks, mich
+überlistet zu haben. Nach Tisch ließ ich ihn allein, band die Gamaschen um
+und lief ein paar Stunden bergan, soweit es gehen wollte, und legte den
+Heimweg, auf einem mitgenommenen Fruchtsack sitzend, als Rutschpartie über
+die schrägen Schneefelder zurück.
+
+Als die Zeit herankam, in der ich etwa nach Assisi hatte reisen wollen, lag
+noch metertiefer Schnee. Erst im April begann das Frühjahr sich zu regen
+und es kam eine bösartig rasche Schneeschmelze über unser Dorf wie seit
+Jahren keine mehr gewesen war. Tag und Nacht hörte man den Föhn heulen, das
+Krachen entfernter Lauen und das erbitterte Brausen der Sturzbäche, welche
+große Felsstücke und zersplitterte Bäume mitbrachten und auf unsre armen,
+schmalen Grundstücke und Obstwiesen warfen. Das Föhnfieber ließ mich nicht
+schlafen, Nacht für Nacht hörte ich ergriffen und angstvoll den Sturm
+klagen, die Lauen donnern und den wütenden See an die Ufer branden. In
+dieser fiebernden Zeit der schrecklichen Frühlingskämpfe überfiel mich noch
+einmal die überwundene Liebeskrankheit so ungestüm, daß ich mich nachts
+erhob, mich ins Türfenster legte und unter bitteren Schmerzen Liebesworte
+an Elisabeth in das Getöse hinaus rief. Seit der lauen Züricher Nacht, in
+der ich auf dem Hügel über dem Hause der welschen Malerin vor Liebe gerast
+hatte, war die Leidenschaft nie mehr so schrecklich und unwiderstehlich
+über mich Herr geworden. Es war mir oft so, als stünde die schöne Frau ganz
+nahe vor mir und lächle mich an und wiche doch bei jedem Schritt, den ich
+ihr näher träte, zurück. Meine Gedanken, mochten sie herkommen von wo sie
+wollten, kehrten unabänderlich zu diesem Bilde zurück und ich konnte gleich
+einem Verwundeten es nicht lassen, immer wieder an der jückenden Schwäre zu
+kratzen. Ich schämte mich vor mir selber, was ebenso quälend wie nutzlos
+war, verwünschte den Föhn und hatte heimlich neben allen Qualen doch ein
+verschwiegenes, warmes Lustgefühl, ganz wie in Knabenzeiten, wenn ich an
+die hübsche Rösi dachte und die laue, dunkle Woge mich überlief.
+
+Ich begriff, daß gegen diese Krankheit kein Kraut gewachsen war, und
+versuchte wenigstens ein bißchen zu arbeiten. Ich begann den Aufbau meines
+Werkes in Angriff zu nehmen, entwarf einige Studien und sah bald ein, daß
+dafür jetzt nicht die Zeit sei. Indessen liefen von überall her die bösen
+Föhnberichte ein und im Dorfe selbst nahm die Not überhand. Die Bachdämme
+waren halb zerstört, manche Häuser, Scheunen und Ställe hatten starken
+Schaden gelitten, von der Außengemeinde trafen mehrere Obdachlose ein,
+überall war Klage und Not und nirgends Geld. In diesen Tagen war's, daß zu
+meinem Glück der Schulze mich auf sein Ratsstübchen holen ließ und mich
+fragte, ob ich willens sei, einem Ausschuß zur Abhülfe der allgemeinen Not
+beizutreten. Man traue mir zu, die Sache der Gemeinde beim Kanton zu
+vertreten und namentlich durch die Zeitungen das Land zur Teilnahme und
+Beisteuer zu bewegen. Mir kam es gelegen, gerade jetzt meine nutzlosen
+eigenen Leiden über einer ernsteren und würdigeren Sache vergessen zu
+können, und ich ging verzweifelt ins Zeug. In Basel gewann ich durch Briefe
+rasch einige Sammler. Der Kanton hatte, wie wir voraus wußten, kein Geld
+und konnte nur ein paar Hülfsarbeiter senden. Nun wandte ich mich an die
+Zeitungen mit Aufrufen und Berichten; Briefe, Beiträge und Anfragen liefen
+ein und ich hatte neben der Schreiberei noch die Gemeinderatshändel mit den
+harten Bauernschädeln durchzufechten.
+
+Die paar Wochen strenger, unentrinnbarer Arbeit taten mir gut. Als die
+Sache allmählich in eine geregelte Bahn gebracht und ich dabei minder
+notwendig geworden war, grünten ringsum die Matten und blaute der See
+harmlos und sonnig zu den vom Schnee befreiten Halden hinauf. Mein Vater
+hatte erträgliche Tage und meine Liebesnöte waren gleich den schmutzigen
+Lawinenresten verschwunden und zerlaufen. In diesen Zeiten hatte früher
+mein Vater seinen Nachen gefirnißt, die Mutter hatte vom Garten her
+zugesehen und ich hatte mein Auge auf des Alten Hantierung, auf die Wolken
+seiner Pfeife und auf die gelben Schmetterlinge gehabt. Diesmal war kein
+Nachen zum Anstreichen mehr da, die Mutter war lange tot und der Vater
+bockte verdrossen in dem verwahrlosten Hause herum. An die alten Zeiten
+erinnerte mich auch Onkel Konrad. Häufig nahm ich ihn, vom Vater ungesehen,
+zu einem Gläschen Wein mit und hörte zu, wie er erzählte und seiner vielen
+Projekte mit gutmütigem Lachen und doch nicht ohne Stolz gedachte. Neue
+machte er zur Zeit nicht mehr und das Alter hatte ihn auch sonst stark
+gezeichnet, trotzdem war in seinen Mienen und zumal in seinem Lachen etwas
+Knaben- oder Jünglinghaftes, das mir wohltat. Er war oft mein Trost und
+Zeitvertreib, wenn ich es zuhaus beim Alten nimmer aushielt. Nahm ich ihn
+zum Wein mit, so trottete er hastig neben mir her und bestrebte sich
+ängstlich, seine krummgewordenen, mageren Beine im gleichen Schritt mit
+meinen zu halten.
+
+»Mußt Segel nehmen, Onkel Konrad,« munterte ich ihn auf, und über dem Segel
+kamen wir dann jedesmal auf unsern alten Nachen zu sprechen, welcher nimmer
+da war und den er wie einen lieben Toten beklagte. Da auch mir das alte
+Stück lieb gewesen war und nun fehlte, gedachten wir seiner und aller mit
+ihm passierten Geschichten bis ins kleinste.
+
+Der See war so blau wie ehemals, die Sonne nicht minder feiertäglich und
+warm, und ich alter Bursche schaute oft den gelben Faltern zu und hatte ein
+Gefühl, als wäre seit damals im Grunde wenig anders geworden und als könnte
+ich ebensowohl mich wieder in die Matten legen und Bubenträume aushecken.
+Daß dem nicht so war und daß ich ein gutes Teil meiner Jahre auf
+Nimmerwiedersehen schon verbraucht hatte, konnte ich jeden Tag beim Waschen
+sehen, wenn aus der rostigen Blechschüssel mein Kopf mit der starken Nase
+und dem säuerlichen Mund mich anglänzte. Noch besser sorgte Camenzind
+senior dafür, daß ich nicht am Wandel der Zeiten irre ward, und wenn ich
+ganz in die Gegenwart gerückt sein wollte, brauchte ich nur die klamme
+Tischlade in meiner Stube zu öffnen, worin mein künftiges Werk lag und
+schlief, aus einem Paket verjährter Skizzen und aus sechs oder sieben
+Entwürfen auf Quartbogen bestehend. Ich öffnete die Lade aber selten.
+
+Neben der Pflege des Alten gab mir das Instandhalten unsres verlotterten
+Hauswesens reichlich zu tun. In den Dielen klafften Abgründe, Ofen und Herd
+waren defekt, rauchten und stänkerten, die Türen schlossen nicht und die
+Leitertreppe auf den Boden, den ehemaligen Schauplatz der väterlichen
+Züchtigungen, war lebensgefährlich. Ehe hieran etwas getan werden konnte,
+mußte das Beil geschliffen, die Säge geflickt, ein Hammer entlehnt und
+Nägel zusammengesucht werden, dann galt es, aus dem faulenden Rest des
+ehemaligen Holzvorrates brauchbare Stücke herzurichten. Beim Reparieren der
+Werkzeuge und des alten Schleifsteins ging mir Onkel Konrad ein wenig an
+die Hand, doch war er zu alt und krumm geworden um viel zu nützen. Also
+zerschliß ich mir meine weichen Schreiberhände am widerspenstigen Holz,
+trat den wackligen Schleifstein, kletterte auf dem allenthalben undicht
+gewordenen Dach umher, nagelte, hämmerte, schindelte und schnitzte, wobei
+mein etwas ins Feiste gediehener Adam manchen Tropfen Schweiß vergoß.
+Zuweilen hielt ich denn auch, namentlich bei der leidigen Dachflickerei,
+mitten im Hammerschlag inne, setzte mich zurecht, sog die halberloschene
+Cigarre wieder an, schaute in die tiefe Himmelsbläue und genoß meine
+Trägheit im frohen Bewußtsein, daß jetzt der Vater mich nimmer antreiben
+und schelten konnte. Kamen dann Nachbarsleute vorübergewandelt, Weiber,
+alte Männer und Schulkinder, so knüpfte ich zur Beschönigung meines
+Nichtstuns freundnachbarliche Gespräche mit ihnen an und kam allmählich in
+den Geruch eines Mannes, mit dem sich ein vernünftiges Wort reden lasse.
+
+»Macht's warm heut, Lisbeth?«
+
+»Allweg, Peter. Was schaffst?«
+
+»'s Dach flicken.«
+
+»Kann nit schaden, 's hat's allweg schon länger nötig gehabt.«
+
+»Wohl, wohl.«
+
+»Was macht denn der Alte? Er wird leicht seine siebenzig alt sein.«
+
+»Achtzig, Lisbeth, achtzig. Was meinst, wenn wir einmal so alt sind? 's ist
+kein Spaß.«
+
+»Wohl Peter, aber jetzt muß ich weiter, der Mann will's Essen haben. Mach's
+gut unterdes!«
+
+»Adie, Lisbeth.«
+
+Und während sie mit dem Napf im Tüchlein weiter pilgerte, blies ich Wolken
+in die Luft, sah ihr nach und besann mich, wie es nur käme, daß alle Leute
+so fleißig ihren Geschäften nachgingen, indes ich schon zwei volle Tage an
+der gleichen Latte herumnagelte. Schließlich aber war das Dach doch
+geflickt. Der Vater interessierte sich ausnahmsweise dafür und da ich ihn
+unmöglich aufs Dach schleppen konnte, mußte ich ihm ausführlich beschreiben
+und über jede halbe Latte Rechenschaft ablegen, wobei es mir auf einige
+Prahlereien nicht ankam.
+
+»'s ist gut,« gab er zu, »'s ist gut, aber ich hätt' nicht geglaubt, daß du
+dies Jahr noch fertig wirst.«
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich nun meine Fahrten und Lebensversuche beschaue und überdenke, freut
+und ärgert es mich, die alte Erfahrung auch an mir erlebt zu haben, daß die
+Fische ins Wasser und die Bauern aufs Land gehören und daß aus einem
+Nimikoner Camenzind trotz aller Künste kein Stadt- und Weltmensch zu machen
+ist. Ich gewöhne mich daran, das in der Ordnung zu finden und bin froh, daß
+meine ungeschickte Jagd um das Glück der Welt mich wider Willen in den
+alten Winkel zwischen See und Bergen zurückgeführt hat, wo ich hingehöre
+und wo meine Tugenden und Laster, namentlich aber die Laster, etwas
+ordinäres und hergebrachtes sind. Da draußen hatte ich die Heimat vergessen
+und war nahe daran gewesen, mir selbst als eine seltene und merkwürdige
+Pflanze vorzukommen; nun sehe ich wieder, daß es nur der Nimikoner Geist
+war, der in mir spukte und sich dem Brauch der übrigen Welt nicht fügen
+konnte. Hier fällt es niemand ein, einen Sonderling in mir zu sehen, und
+wenn ich meinen alten Papa oder den Onkel Konrad betrachte, komme ich mir
+wie ein ordentlich geratener Sohn und Neffe vor. Meine paar Zickzackflüge
+im Reich des Geistes und der sogenannten Bildung lassen sich füglich der
+berühmten Segelfahrt des Oheims vergleichen, nur daß sie an Geld und Mühe
+und schönen Jahren mich teurer zu stehen kamen. Auch äußerlich bin ich,
+seit mein Vetter Kuoni mir den Bart stutzt und seit ich wieder Gürtelhosen
+trage und in Hemdärmeln herumlaufe, wieder ganz ein Hiesiger geworden und
+werde, wenn ich einmal grau und alt bin, unvermerkt meines Vaters Platz und
+seine kleine Rolle im Dorfleben übernehmen. Die Leute wissen bloß, ich sei
+Jahre lang in der Fremde gewesen und ich hüte mich wohl, ihnen zu sagen,
+was für ein lausiges Metier ich dort betrieben und in wieviel Pfützen ich
+gesteckt habe; sonst hätte ich bald meinen Spott und Übernamen weg. So oft
+ich von Deutschland, Italien oder Paris erzähle, blase ich mich ein bißchen
+auf und komme selbst bei den ehrlichsten Stellen zuweilen in einige Zweifel
+an meiner eigenen Wahrhaftigkeit.
+
+Und was ist denn nun bei so viel Irrfahrten und verbrauchten Jahren
+herausgekommen? Die Frau, die ich liebte und immer noch liebe, erzieht in
+Basel ihre zwei hübschen Kinder. Die andere, die mich lieb hatte, hat sich
+getröstet und handelt weiterhin mit Obst, Gemüse und Sämereien. Der Vater,
+wegen dessen ich ins Nest heimgekehrt bin, ist weder gestorben noch
+genesen, sondern sitzt mir gegenüber auf seinem Faulbettlein, sieht mich an
+und beneidet mich um den Besitz des Kellerschlüssels.
+
+Aber das ist ja nicht alles. Ich habe, außer der Mutter und dem ertrunkenen
+Jugendfreund, die blonde Agi und meinen kleinen, krummen Boppi als Engel im
+Himmel wohnen. Und ich habe erlebt, daß im Dorf die Häuser wieder geflickt
+und beide Steindämme wieder aufgerichtet sind. Wenn ich wollte, säße ich
+auch im Gemeinderat. Es sind aber dort der Camenzinde schon genug.
+
+Nun hat sich mir neuestens eine andere Aussicht eröffnet. Der Gastwirt
+Nydegger, in dessen Stube mein Vater und ich so manchen Liter Veltliner,
+Walliser oder Waadtländer getrunken haben, fängt an steil bergab zu gehen
+und hat keine Freude mehr an seinem Geschäft. Er klagte mir dieser Tage
+sein Elend. Das schlimmste dabei ist, daß wenn kein Einheimischer sich dazu
+findet, eine auswärtige Brauerei das Anwesen kauft und dann ist es
+verdorben und wir haben in Nimikon keinen behaglichen Wirtstisch mehr. Es
+wird irgend ein fremder Pächter hineingesetzt werden, der natürlich lieber
+Bier als Wein verzapft und unter welchem der gute Nydeggersche Keller
+verpfuscht und vergiftet wird. Seit ich das weiß, läßt es mir keine Ruhe;
+in Basel liegt mir noch ein wenig Geld auf der Bank und der alte Nydegger
+fände an mir nicht den schlechtesten Nachfolger. Der Haken dran ist nur,
+daß ich zu Vaters Lebzeiten nicht mehr Gastwirt werden möchte. Denn einmal
+könnte ich den alten Mann dann nimmer vom Spunden fernhalten und außerdem
+würde er seinen Triumph darüber haben, daß ich mit allem Latein und
+Studieren es zum Nimikoner Weinwirt und nicht weiter gebracht habe. Das
+geht nicht an, und so beginne ich auf das Ableben des Alten allmählich ein
+wenig zu warten, nicht mit Ungeduld, sondern nur der guten Sache zulieb.
+
+Onkel Konrad ist seit kurzem wieder in einen aufgeregten Tatendurst
+hineingeraten, nach langen still verdöselten Jahren, und das gefällt mir
+nicht. Er hat beständig den Zeigefinger im Mund und eine Denkrunzel auf der
+Stirn, tut hastige kleine Schritte in seiner Stube herum und schaut bei
+hellem Wetter viel über's Wasser. »Ich mein' alleweil, er will wieder
+Schiffli bauen,« sagt seine alte Cenzine, und er sieht wirklich so lebendig
+und kühn aus wie seit Jahren nicht und hat so einen schlauen, überlegenen
+Zug im Gesicht, als wisse er jetzt genau wie er es diesmal anfangen müsse.
+Ich glaube aber, es ist nichts damit und es ist nur seine müdgewordene
+Seele, welche jetzt nach Flügeln verlangt, um bald daheim zu sein. Mußt
+Segel nehmen, alter Onkel! Wenn es aber so weit mit ihm sein wird, dann
+sollen die Herren Nimikoner etwas Unerhörtes erleben. Denn ich habe bei mir
+beschlossen, an seinem Grabe hinter dem Pater her einige Worte zu reden,
+was hierorts noch nie passiert ist. Ich werde des Oheims als eines Seligen
+und Lieblings Gottes gedenken, und diesem erbaulichen Teil wird eine mäßige
+Handvoll Salz und Pfeffer für die geliebten Leidtragenden folgen, die sie
+mir nicht so bald vergessen und verzeihen sollen. Hoffentlich erlebt es
+auch mein Vater noch.
+
+Und in der Lade liegen die Anfänge meiner großen Dichtung. »Mein
+Lebenswerk«, könnte ich sagen. Es klingt aber zu pathetisch und ich sage es
+lieber nicht, denn ich muß bekennen, daß Fortgang und Vollendung desselben
+auf schwachen Beinen stehen. Vielleicht kommt noch einmal die Zeit, daß ich
+von neuem beginne, fortfahre und vollende; dann hat meine Jugendsehnsucht
+Recht gehabt und ich bin doch ein Dichter gewesen.
+
+Das wäre mir soviel oder mehr als der Gemeinderat und als die Steindämme
+wert. Das Vergangene und doch Unverlorene meines Lebens aber, samt allen
+den lieben Menschenbildern, von der schlanken Rösi Girtanner bis auf den
+armen Boppi, wöge es mir nicht auf.
+
+Ende
+
+
+
+
+Werke
+von
+Hermann Hesse
+
+
+Unterm Rad
+
+Roman. 18. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50
+
+Hier ist etwas Freies, Unkünstliches, Naturgewachsenes. Immer, wenn ich ein
+Buch von Hesse lese, habe ich die Empfindung, daß sich über mir der blaue
+Himmel wölbt, daß Bäume ringsum grünen und frische Luft weht.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geläuterter noch als
+der »Camenzind«, von einer tüchtigen Männlichkeit durchweht, eine Wohltat
+für den, der ihn liest, treuherzig, überzeugend, von lebhaftem, heißem
+Natursinn kündend, frei von ästhetischer Kränkelei -- ein klares
+Schwabenbuch, ein durch und durch deutscher Roman.
+
+(Münchener Neueste Nachrichten)
+
+Es ist die einfache Geschichte von einem Jungen, der stolz und mit der
+Anwartschaft auf Ruhm und Glück ins Leben eintritt und unters Rad kommt und
+überfahren wird; ein Buch voll Schwermut und heimlicher, leiser Klage und
+auch ein Buch voll Anklage. Schwer und gewichtig in seiner Einfachheit, die
+um so tiefer wirkt, als sie das Resultat einer unnachahmlichen sprachlichen
+Meisterschaft und stilistischen Adels ist.
+
+(Münchener Zeitung)
+
+Man wird vielleicht fragen, ob der neue Roman einen Fortschritt gegenüber
+dem »Peter Camenzind« bedeutet. Die Frage geht verloren, bei beiden Büchern
+steht Hesse auf einem Gipfel, den mit ihm von jüngeren deutschen
+Romanschriftstellern nur noch Thomas Mann, Emil Strauß und die wunderbarste
+der Frauen, Ricarda Huch, bewohnen.
+
+(Neue Badische Landeszeitung, Mannheim)
+
+
+Diesseits
+
+Erzählungen. 16. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50
+
+Wie lange habe ich mich darauf gefreut, dieses Buch anzuzeigen! Eine
+erlesene Schar der Novellen Hesses, die verstreut in Zeitschriften lagen,
+in einem Bande gesammelt in Händen zu halten, zu eigen zu haben wie
+Hausschwalben, die ihr Nest an unserem Dache sich bauen. Es ist ein
+stilles, vornehmes und unsäglich schönes Buch geworden, das man ehrfürchtig
+in die Hand nimmt, ehrfürchtig aus der Hand legt, stillergriffen,
+nachdenklich, voll einer Liebe zu dem Menschen, der ein so starkes, reines
+Herz hat und es so lauter schenkt. Hermann Hesse bedeutet einen Gipfelpunkt
+deutscher Erzählerkunst.
+
+(Münchener Zeitung)
+
+Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen,
+schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltäglichkeit weit
+entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden Natur
+lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses neuen
+Novellenband »Diesseits« lesen.
+
+(Neue Zürcher Zeitung)
+
+
+Nachbarn
+
+Erzählungen. 12. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50
+
+Was uns das neueste Buch Hermann Hesses besonders liebwert macht, ist die
+ruhig verträumte Art seines Verfassers, zu sehen und zu schildern . . . Die
+lichtwonnige, diogenetische Eigenart des Dichters, der wahr und warm, allen
+kokettierenden Beiwerkes entratend, Menschen aus kleinen Verhältnissen,
+doch darum nicht kleine Menschen, einfach verklärt. Ungeheuchelte
+Herzlichkeit, ohne den leisesten Anflug krankhafter Sentimentalität, werden
+den »Nachbarn« Eingang weniger in die Köpfe der geschworenen
+Literaturmenschen, als in die Herzen aller Schönheitsfrohen sichern.
+
+(Berner Tagwacht)
+
+Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fünf
+Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch zusammengeschweißt
+erscheinen sie . . . Ruhig, über allen Dingen schwebend, ohne Leidenschaft
+und vollkommen abgeklärt werden uns diese Geschichten erzählt. Aber in
+einer Sprache, die ihresgleichen sucht und die den Stolz in uns aufleben
+läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei Dank, daß es eine deutsche Sprache
+gibt. Und Dichter, die sie adeln.
+
+(Württemberger Zeitung, Stuttgart)
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
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+
+Anmerkungen zur Transkription
+
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+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
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+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Peter Camenzind, by Hermann Hesse
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41051 ***