diff options
Diffstat (limited to '40985-0.txt')
| -rw-r--r-- | 40985-0.txt | 4847 |
1 files changed, 4847 insertions, 0 deletions
diff --git a/40985-0.txt b/40985-0.txt new file mode 100644 index 0000000..eaae5ef --- /dev/null +++ b/40985-0.txt @@ -0,0 +1,4847 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40985 *** + +Leopold Schefer + + + + +Die Deportirten + + + + +Die Deportirten. + + +_Rectorei Rowlandhill_, +den 1. Januar 1822. + +Lieben, lieben Freunde! + +Da ich vielleicht Euch vielen Kummer gemacht habe, wie ich hoffe, hoffe ich +nun, da die Sache so gar einen glorreichen Ausgang genommen, Euch gewiß +viele Freude zu machen! Man kann Abends noch vor Schlafengehn auf dem +Stiefelknechte das Bein brechen; und Ich bin um die Welt gereiset, und mir +hat kein Zahn wehgethan, kein Haar ist mit gekrümmt worden! Die guten +Menschen die, welche alle da rund umherwohnen, lieben, leben und sterben, +Gott segne sie! Ich habe nur lauter gute Menschen gefunden! Nicht einmal +eine Nachtmütze hab' ich verloren -- ich hatte leider meine beste und +einzige zu Hause gelassen -- nur meine schwarzseidenen Strümpfe hat mir +eine Art von geistlichen Herren gestohlen. Ach nein, nein, nicht gestohlen! +ich habe sie ihm im Herzen viel zwanzigmal geschenkt, als ich sie an meiner +Wiederherstellung des Zwickels erkannte; der arme Mann bedurfte ihrer zu +seiner Amtskleidung, und sie mögen ihm seine magern Beine, die ihm der Herr +stärken wolle, warm halten, wo er geht und steht. Ich bin so freudenvoll, +daß ich es Euch gar nicht sagen kann! Ich habe ein Großes überstanden. Wenn +nur meine Mutter noch lebte, oder mein Vater, oder nur der Großvater! Gott +segne ihn! Wie würde es ihm die Seele laben, wenn er meine Geschichte unter +seinen Sixpence-Büchlein mit im Lande umher tragen könnte! Gewinn würde er +freilich wenig davon haben, er schenkte gewiß mir zur Liebe alle Exemplare +weg und sagte: leset nur Leute! das hat mein Sohn gethan! -- Er war einmal +so; wie manchem armen Kinde hat er ein schönes Lied, ein Paar Ohrringe +geschenkt, die es ansah, die Hände auf dem Rücken, mit sehnsüchtigen Augen, +und sich bescheidendem Lächeln, wie uns armen Leuten eigen ist. Wenn ich +nun auch von mir mit rede, sollte ich hier eigentlich das Imperfectum +setzen: eigen _war!_ Aber Gott erhalte mir die Bescheidenheit, sie steht +einem Reichen viel schöner, als einem Armen; denn das soll mir Niemand +sagen, daß dieselben Sachen immer dieselben sind. Es kommt gar viel darauf +an, wer Etwas hat: ob der Jude die Perle im Schubsacke trägt, oder die +Königin in der Krone; ob _Belisarius_ Bettelbrot ißt, oder ein geborner +Bettler, wollt' ich sagen: ein gebornes Bettlerkind, nein doch! und +kurzweg: ein Bettlerkind oder Bettler. Ich muß mich nämlich jetzt meiner +Würde nach, an richtiges Schreiben, oder besser: richtiges Denken gewöhnen, +und die Reise hat mir wirklich die Gedanken aufgeräumt. Freunde, wenn ich +Euch sagen soll, ich habe viele Gedanken gar nicht mehr; ich habe Bilder, +Wahrheiten dafür; ach, und nun thun mir oft wieder die vielen falschen, +aber so schönen alten Einbildungen leid! Ich kann gar nicht mehr so +sehnsüchtig in das Morgenroth schauen. Wenn die Schwalben kommen, wird mir +die Brust wärmer, als wenn sie fortziehn. Wenn sie sonst auf dem großen +Rasenplatze vor dem Schlosse meines Principals, oder nun -- mit Respect zu +sagen: meines Schwiegervaters, zur Reise sich übten, schlich ich immer fort +und dachte: Du bist ja nur ein Schulmeister, ein armer +Lancasterschulmeister, der Gott danken muß, wenn er sich nur Zeit Lebens so +fort plagen kann. -- Das war eigentlich wohl recht unchristlich, recht +undankbar gedacht! -- Wenn Sir Horazio eine wilde reisende Gans, oder einen +reisenden Gänserich mit der Kugel gleichsam aus der Luft zu unsern Füßen +herab gezaubert hatte -- mir konnt' es ordentlich leid thun! Schon die +armen Rothkehlchen, Drosseln, ja die rothkäppigen Gimpel, welchen die +Kinder um einige Penny die Reise so grausam unterbrochen, sie fröhlich aus +den Dohnen gelöst, einen Faden durch die Schnabellöcher gezogen, sie still +nach den Hütten der Menschen trugen. Ich habe auch nie etwas Reisendes +gegessen, wenn ich auf dem Schlosse zur Tafel war: kaum einen Häring; eher +träge Austern, eingewachsenes Wurzelwerk und höchstens auf und nieder +gewehte Früchte -- nur nicht Orangen! ich sah sie nur immer gern an, labte +mich an ihrem Dufte, und machte dabei die Augen zu. Lady Theano sagte: ich +hätte gar einmal dabei geweint. Jetzt kann ich ihr das schon vergeben! Ich +glaube, mein Großvater, Gott soll ihn auch dafür segnen, hat mir die +Reiselust als Kind auf seinen Knieen einerzählt. Und mußt' ich den Kindern +nicht die fernen Länder beschreiben, nicht mit dem Zeigefinger reisen über +Meere, Berge und Welttheile? Das war wohl ein Schweres! Wie oft hielt ich +inne, und seufzte recht innerlich, daß mir manchmal ein Westenknopf +aufplatzte; aber lange schweigen durft' ich nicht, sonst hätten die Kinder +bald gedacht, ich wisse nicht weiter! Und so mußt' ich schon den Finger +nachheben, der wie behext auf Rom stand, und wie Blei auf St. Helena lag! +Und in den Drei Jahren meiner Amtsführung kam der Finger schon _dreimal_ +wieder auf denselben Fleck! und ich stand so jung und mit so gesunden +Reisebeinen immer auf dem alten Flecke. Das war wohl ein Jammer! Wenn ich +nun gar erst dachte: wie viele liebe Menschen reisen, aus Noth, wie unsere +Herren; um Wein, wie unsere Offiziere; um Brot, wie Virtuosen, Sängerinnen +und Komödianten; aus Höflichkeit, wie Gesandte, oder aus Zwang, wie +Couriere und Fouriere; ja um den Tod, wie Soldaten, denen Allen das Reisen +eine Plage und Klage ist; oder wie Kaufleute und Matrosen, die lieber ihr +Geld, das sie erwerben werden, gleich auf der Stelle ausgezahlt nähmen am +Ufer, ohne zu sehen, zu hören, zu bewundern, was sonst war, was heute ist, +und lange nach uns sein wird, hier und da und überall, denn das heißt wohl +reisen -- wenn ich dagegen mit Ohren hörte, wie unnütz andere Reisende ihr +schönes Geld verzettelt, um blind und stumm und dumm zu bleiben wie +Theekessel und Koffer -- o wie jammerte mich der edlen Guineen! der edlen +Zeit! Ich konnte das Posthorn gar nicht mehr hören, es machte mich zornig +und traurig; ich weinte unter der Bettdecke darüber. Aber jetzt lach' ich +dazu. Der Herr hat dem armen Lambton geholfen, wunderbar freilich genug! +Aber, er hat doch geholfen. Gloria in excelsis Deo! + +So viel, lieben, lieben Freunde, mußt' ich Euch durchaus vorhersagen, damit +Ihr nicht gar zu traurig werdet, wenn Ihr unter dem Lesen immer denken +könnt: er wird doch glücklich! Gott segn' Euch gleichfalls! Was ich werde +an Euch thun können, das werde ich redlich thun. Was nun folgt, ist eine +bloße Abschrift meines Reisebuchs, das ich, weil es so zerlesen war, jetzt +habe drucken lassen. -- Das Kupfer bin ich, nach Clarke gestochen -- Es +bleibt aber dennoch ein bloßes Manuscript für meine Freunde. Das bedenkt! +und beurtheilt es daher ja nicht wie ein Pamphlet, oder Gott behüte, gar +wie ein Buch! Denn die werden jetzt oft ganz entsetzlich behandelt, wie ich +nun Zeit zu lesen habe. Aber ich denke, ein bloßes Manuscript geht frei +durch alle Welt, wenn auch nicht auf der Post. -- + +Und besucht mich Alle einmal; nicht nur _Einmal_ etwa; recht oft, alle +Jahre; alle Jahre recht oft! Ihr findet Euer prächtiges Bett, ich muß es +selber sagen, und die comfortabelste Tafel; und bleibt so lange Ihr wollt, +bis Ihr Euch Alle sammelt, und dann je länger je lieber. Der Herr hat mich +gesegnet. Ich lade Euch nicht aus Eitelkeit; aber freuen könnt' Ihr Euch +doch mit mir, auch über meine Freude! Und wenn Ihr von mir geht, soll Euch +das alte ehrwürdige Reisegeschenk nicht fehlen, sei es nun von mir, oder +meiner Frau. Aber nehmen müßt' Ihr es! Ich habe schon hin und her gedacht, +und angeschafft, was Jedem von Euch am liebsten ist. Nun kommt nur, kommt! + +_Es. Lambton_, +Rector. + + * * * * * + +Am Bord der _Themis_, den 1. April 1819. + +Ich muß alle meine Gedanken zusammen fassen, daß ich bei gutem Muthe +bleibe! Darum will ich schreiben; das hilft mehr, als sich abgrübeln. Sir +Horazio, mein Principal, sagte immer, wenn er von Rom erzählte, daß die +Bildhauer dort des Nachts im Finstern ein Stück Wachs in den Händen +kneteten, während sie über ihren Entwurf nachdächten; und wenn sie lange +und tief gedacht, hätten die Finger das Männchen oder Weibchen fertig, das +ihnen so viel Kopfzerbrechen gemacht, und daraus würde dann das Modell in +Thon und zuletzt die Marmorstatüe. Hab' ich meinen Kindern nicht immer so +die Geschichte verdeutlicht, daß ich sie auf den Punkt stellte, wo sie das +Factum nothwendig fanden, z. B. selbst den allerärgerlichsten Fall für sie, +warum Hannibal nach der Schlacht bei Cannä nicht rectâ sc. viâ, nach Rom +marschirt? Und ich habe immer gefunden, daß man sich in jeder Lage leidlich +wohlbefindet, wenn man sich deutlich den Weg nachdenkt, den man gekommen; +wenn man das unausbleiblich, nothwendig, ja ganz natürlich findet, was +Einen betroffen hat, und die Vergangenheit bis in den Augenblick fortführt, +in dem man lebt, und in dem man weiter leben soll, man weiß nicht wie. Und +ich weiß jetzt auch nicht wie. Darum geschrieben! Auch wer sich verirrt +hat, ist einen sonnenhellen grünen schönen Weg gegangen, nur ist er nicht +dahin gekommen, wohin er wollte. Aber bin ich denn nicht, wohin ich lange +gewollt: im Schiffe! zu Schiffe auf der herrlichsten Reise! Auf einer +Themis, deren schon Aeschylus gedenkt! O du mein Gott und Herr! -- Aber +Lambton, freue dich noch nicht, höre dich erst. Bin ich heut' im Schiffe, +so werd' ich es auch morgen sein. Also freue dich morgen! heute schreib'. +Ach, wie wollt ich mein Reisebuch anlegen -- und nun hab' ich nicht einmal +ein Buch! Ich schreibe auf einzelne Blätter, geschenktes Papier, mit +wäßriger Tinte, und mit welchem Stummel von Feder mit Zähnen! -- so eine +corrigirt' ich keinem Knaben mehr, so arm er war. Ach, so ein Fest so +unvorbereitet anzutreten und zu feiern! Die Freude kommt doch nie wo, und +wann man denkt! Aber du wirst das Alles natürlich finden, meine Seele, mein +lieber Lambton. Denke nur, wie du in's Schiff gekommen! -- Die Sache war +so: -- + +-- Doch Crabbe ruft mich; droben ist ein großes Linienschiff in vollen +Segeln zu sehen! -- + + * * * * * + +_Ibidem_, den 6. April 1819. + +Die Sache war so. Unsere liebe Marion, die arme Waise in Schloß +Rowlandhill, war auf einmal reich geworden, so reich, daß ich ordentlich +vor ihr erschrack. Sie hatte 100 Pfund geerbt! Aber in Brigthon! Sie bat +mich mit solchen schelmischen Blicken, solchen herzbewegenden Anspielungen, +daß Ich reisen möchte, das Geld für sie zu erheben, und sicher zu +überbringen. Sie nannte mich den ehrlichsten, hübschesten jungen Mann, den +sie kenne! Konnt' ich ihr es abschlagen? Auch Sir Horazio, der Baronet, +wünschte es. Er hatte das arme Kind in's Haus genommen, seit ihm sein +Töchterchen auf dem Christkindelmarkte in London geraubt worden war. Er und +Lady Theano hatten ihres Kindes Platz nicht leer am Tische sehen können, +und wenn ein Mädchen, angezogen wie sie, mit schwarzem Haar wie sie, im +Park umher lief, konnten sie doch von weitem denken, es sei ihre Tochter. +Sie riefen Sie auch deßwegen Elisa, und sie hörte auf den Namen. Nur wir +Andern, die wir von Elisa nichts wußten, nannten die nun Erwachsene nur +immer Marion. Die gute Herrschaft hatte so viel an ihr gethan; was _ich_ +Ihr that, that ich den Pflegeeltern. Konnt' ich es ihnen abschlagen? +Kannten sie nicht meine Reiselust, und meinen leeren Geldbeutel? Ich +glaube, sie wollten mir Alle durch die Reise nur einen Gefallen thun, und +Lady Theano drängte mich ordentlich dazu. Aber warum verschweig' ich's? -- +Dacht' ich nicht immer noch, das viele Geld auch mir zu holen in mein +kleines Haus? Ein Spiegel im Wohnzimmer hätte nicht geschadet; er hätte es +scheinbar noch einmal so groß gemacht; ein Schreibepult statt eines offenen +Tisches, wäre mir viel brauchbarer gewesen; die alten, von der Sonne +ausgezogenen Vorhänge wären mit Vortheil mit farbigen neuen vertauscht +worden; den Teppich vor dem Kamin hätte jeder Andre, als ich, schon längst +etwa zu einer Vogelscheuche im Gärtchen verwandt. Das Bett gedacht' ich +noch einmal so breit machen zu lassen, vielleicht wäre gar eine Wiege +nöthig geworden -- ach, aber das Alles, wenn statt meiner alten Magd, der +tauben Anna, die ich fast selbst anfangen mußte zu bedienen, wenn ich ein +Christ sein wollte, Marion mir die kleinen Sorgen der kleinen Wirthschaft +abgenommen, und mich zum Manne gemacht hätte! Und das Geld _machte_ mich +zum Manne. Aber, aber wenn ich so dachte, stand mir der rothe Riese, des +Pachters Sohn, der lange Daniel immer vor Augen! oder ritt mir vorüber auf +seinem National-Tiger, wie er ihn nennt, der so mager ist, daß man ein +Licht dahinter stellen kann, wie Anna sagte! als wenn man hinter das +dickeste Pferd kein Licht stellen könnte, nur daß man es dann nicht +durchleuchten sieht. Freilich, wer den Menschen hübsch nennt, thut ihm das +bitterste Unrecht. Er mißbraucht die Erlaubniß, garstig zu sein, wie Lady +Theano immer auf französisch sagte. Wenn er steht, ist er beinahe gleich +mit der großen Wanduhr in der Halle der Rectorei, und sein Gesicht so klein +wie das Zifferblatt. Aber wenn er sich setzt, ist er halb wie verschwunden +oder eingeschmolzen; er kann die Ellenbogen auf die Schenkel stützen, und +aufrecht sitzen bleiben, so lang sind seine Arme. Doch Gott behüte, daß ich +ihn verspotten sollte! er ist ja Gottes Ebenbild! Schäme dich, Lambton; die +Eifersucht spottet nur aus dir. Denn wie die Weiber sind! Zwei Jahr bemüht' +ich mich, so viel meine Schuljugend mir erlaubte, zugleich mit ihm um +Marion; aber sie war und blieb unentschieden, bis ihm eine Frau +Lieutenantin gerathen: sich eine Fähndrichsstelle zu kaufen, und in Uniform +und Säbel vor seiner Geliebten zu erscheinen. So kam er denn aufgezogen, +nur die Fahne fehlte noch. Wo blieb da Lambton, der schwarze Schulmeister +mit dem Buche unter dem Arm! Das war wohl ein Jammer! Ich hätte mir damals +aus Verlegenheit bald das Tabakschnupfen angewöhnt, wenn mein Gehalt die +Ausgabe getragen hätte; auch sagten die andern Mädchen in Rowlandhill, ich +sei noch zu jung zum Schnupftabak. Aber wie gesagt, das Wort der Lady, die +mir wohl will, war bisher mein Schirm und Schutz, sonst war ich bestimmt +verloren. Eine Gefälligkeit im rechten Augenblick entscheidet oft bei den +Weibern, das hatt' ich gehört; Brigthon, Portsmouth hätt' ich gern gesehen, +und wer Woolwich und Chatham nicht gesehen, der hat England nicht gesehen, +sagen selbst die Engländer; nach London kam ich sonst in meinem Leben nicht +-- so beschloß ich die Osterfeiertage zu reisen. Und so reist' ich denn in +Gottes Namen mit meiner Vollmacht. Wer schnell reist, reiset wohlfeil. Wie +viel Mahlzeiten hab' ich dadurch erspart! Was helfen die freundlichen +Wirthe, wenn man viel verzehrt; und die tiefen Bücklinge der Aufwärter für +das große Trinkgeld, wo man doch in seinem Leben nicht wieder hinkommt! Es +ist aber wohl nicht recht gedacht; ein Mensch sollte eigentlich keinem +Menschen Schande machen! Doch die Reise ging ja nicht aus meinem Beutel; +ich hatte freie Station, und dann muß ein ehrlicher Mann lieber darben, als +schwelgen, und ein saures Gesicht -- nicht ansehn. Es ist ein albernes +Wort: »der Weg ist zwar nicht breit, aber lang«; -- der Weg ist aber eben +so albern. Wie schön wäre ein meilenbreiter Weg, oder ein Mensch, der wie +eine Colonne in Fronte reisen könnte, wie bei einem Hasentreiben jede +Merkwürdigkeit aufstöbern die ganze Breite! Denn wie viel Städte blieben +zur Seite stehn, links und rechts! Und die Thurmspitzen winkten mir +gleichsam herüber »hie bin ich« -- »und hier bin _ich!_ -- hier ich! was +ziehst du denn dort?« -- So einen bloßen Strich durch die Welt zu machen, +das ist wohl auch ein Jammer. Kurz, ich kam recht verdrüßlich, unzufrieden, +und ganz durchnäßt auf dem Dache der Kutsche, wo ich selber in Nebel und +Regen aus Schaulust geblieben, in Brigthon an. Was hatt' ich mir unter +Reisen vorgestellt? Und was war es? Eine Sehnsucht, ein Aufruhr aller +Sinne, ein Flug, ein Traum, kurz: ein Jammer. Mir war so, als wenn mir +jemand aus einem kostbaren persischen Teppich einen Faden herausgezogen und +geschenkt hätte. + +Die Schwierigkeiten waren bald beseitigt, das Geld -- eine einzige Banknote +-- bald eingestrichen oder leicht -- was man sagt: erhoben, und auf der +Brust wohl verwahrt. Nun war ich mein! Auf Reisen muß man unermüdlich sein, +keine Bequemlichkeit einreißen lassen. Was Einem, wenn man in der Nähe ist, +Einen Schilling zu sehen kostet, das gilt Einem, wenn man zu Hause ist, das +Geld für eine ganze Reise. Wer Frühaufstehn, Unruhe Tag und Nacht, +Unbequemlichkeit, Entbehrungen aller Art scheut, der bleibe zu Hause. Warum +ist er gereiset! und die Freude muß und wird die Mühe vergelten. Ich hatte +Menschen über ihr Phlegma in der Fremde zu spät klagen gehört, und mir auf +das Titelblatt meiner Reisebemerkungen den Vers eingetragen: + + Sage, warum du hieher vom Vaterlande gewandelt? + +Von London war der Schenkel des Dreiecks meiner Reise selbst noch ein wenig +kürzer, als der von Brighton nach Hause; die Basis wollt' ich aus meinem +Beutel bestreiten. Meine Mutter hatte mir immer gerathen, einen +Ehrenthaler, einen Freudenthaler und einen Leidenthaler zu sparen; dazu +hatt' ich drei Beutelchen. Diese nun hatt' ich alle mit. Die Ehrenthaler +hatt' ich schon zugesetzt für Geschenke an meinen Stellvertreter, meine +alte taube Anna, und die besten Schüler. Die Freudenthaler wollt' ich in +Portsmuth und Woolwich darauf gehen lassen, einmal ein Stück in die See +hinaus zu stechen; und die Leidenthaler sollten mir die Freude bezahlen, +London zu sehen, und Marion Etwas zu kaufen. + +Den chienesischen Pavillon in Brighton besah ich mir am füglichsten des +Abends im Mondenscheine. Ich war im Geiste in China. Die Chinesen, konnt' +ich denken, schliefen; ich konnte denken: der Kaiser denkt eben nach, +welche Götter, wie Minister, er das nächste Jahr will herrschen lassen. Ich +bildete mir ein, Er könne mich bei dem hellen Mondenscheine aus dem nahen +Fenster erblicken, und als einen _verbotenen_ Fremden, mit dem beliebten, +jedoch nicht Zucker-haltigen Bambus-Rohr von etwanigem Podagra befreien zu +lassen die Kaiserliche Gnade haben wollen -- ich spürte wirklich, ich weiß +nicht was, in den Fußsohlen -- das Herz fing mir an zu pochen, ich machte, +daß ich fortkam, und stieß auf eine Schildwache, die gerade abgelöst ward, +und sich auf Englisch anrief. Ist denn China Englisch? frug ich mich selbst +halblaut. »Noch nicht!« antwortete sie, und lachte. Ich schämte mich; der +Mann sieht mich Zeit Lebens nicht wieder -- aber ich schämte mich doch, und +beschloß, mich nicht mehr meiner Einbildung so völlig zu überlassen. Der +Mann konnte wohl gar etwas Anderes von mir denken! + +Portsmouth aber war mein Unglück! Was mußt' ich eher sehn, als den Hafen, +die Schiffe, die, wie Aristophanes Vögel, das mittelweltische unbegrenzte +Reich selbst gegen die Götter beschützen. Ich hatte den ganzen Tag vor +Schaulust nichts gegessen. Gegen Abend trat ich in eine Taverne, worin +fröhliche Matrosen und Makler an Tischen umher saßen und standen. An den +Wänden hingen Anzeigen von Schiffsgelegenheiten nach Bengalen, Macao, Nord- +und Südamerika; nach Zanthe, Neapel, Alexandrien, Smyrna, kurz, grad' +überall hin, und für ein paar einfältige Pfund, wer sie hatte! Ich durfte +sie nur im Office auf den Tisch legen, in's Schiff gehn, die Reise war nur +wie ein Schritt! Denn das Meer ist hüben und drüben, der Wind rückt es +gleichsam zusammen, führt die Schiffe fort, trägt die Küste her, und +breitet das Meer dann wieder aus, wenn man hinüber ist. + +»Drüben in Hamburg; drüben in Tanger; drüben in Boston!« unterbrachen und +erzählten sich die Matrosen. Mir war wie dem Juden in der Münze! Hundert +Pfund hatt' ich! Ueberall kam ich damit hin! Heim mußt' ich doch kommen! -- +Aber das Geld war nicht mein! Ach, des Menschen Dichten und Trachten ist +böse von Jugend auf, warf ich mir vor; ich habe ja nicht reisen wollen! +Aber die Thränen waren mit näher; ich mußte mich setzen. Ich stemmte die +Arme auf den Tisch, und verdeckte mir die Augen vor der nach Westen +gesunkenen Sonne, die mich blendete. Denn sie schien prachtvoll aus der +goldenen Ferne zum Hafen herein, und beleuchtete zauberhaft: Mohren, +Chinesen, Amerikaner und Juden hier an einem Orte, daß mir die Welt ganz +wunderbar vorkam. + +Nicht lange, so stieß mich Jemand gelind an, zuzurücken. Ich sahe ihn an, +er sahe mich an. Es war Crabbe. -- Crabbe! rief ich vor Freuden. + +»Ei, Herr Lambton, grüßt' er mich, woher? und wohin? Was macht meine +Schwester zu Hause bei Euch in ihrem kleinen Krame? Wird sie so reich wie +dick? Ich bin immer noch Steuermann und kann eigentlich nicht höher +steigen.« + +-- Wie so? fragt' ich auf alle die Fragen. -- + +Es giebt nämlich gewisse Leitern für jeden Stand, sagt' er, ich möchte +sagen: Stockwerkstreppen, über die Keiner hinaus kann; sie sind oben wie in +die Luft gelehnt. Ein Anderer, in einem höhern Stockwerk geboren, kriecht +gleich als Kind von da aus, wo Unsereiner alt, lahm und marode aufhört! und +wenn ein Hoher fällt, fällt er uns Niedern immer noch erst auf die Köpfe, +wie die Fische, die man in's Meer wirft, nicht auf den Grund fallen. Nun es +geht Euch auch nicht besser wie mir; ein größeres Schiff, eine größere +Schule, das können wir etwa erwarten, aber immer nur Schiff und Schule Zeit +Lebens. Nun setzt Euch, Herr Lambton, zu einem Glase echten; Ihr seid hier +in der Fremde. + +Dabei -- also bei dem oft eingeschenkten Glase Echten -- trug ich ihm +meinen Wunsch vor, ein Stück auf der offenbaren See zu fahren, und ein +wohlgebautes Schiff zu sehn. + +Nun da kommt Ihr mit in mein's, sprach Crabbe. Schöner ist noch keins +gebaut in Altengland! Es ist zwar ein Franklinischer +Klapperschlangenkasten, den wir nach van Diemensland, nach Hobarttown +bringen, aber schadet nichts, mein Schiff ist wie Eins, ja Keins! -- + +Ich stutzte wie billig. Er aber sprach lachend: Wir fahren nur Deportirte +über, weiter nichts; und unser Schiff hat keine Fallthür, wie sonst die +französischen, die das Exportiren der Exportanden ersparten! + +Ich wollte wieder fragen, da unterbrach uns ein Kleinhändler, ein alter +Mann mit grauen Haaren, fast wie mein Großvater; sie nannten ihn Oldham. Er +handelte mit allerhand beinahe nur zum Schein, und nahm auch ein Geschenk, +das ihm Dieser und Jener gab. Da, Vater! sprach ich, und gab ihm einen +Leidenthaler. Ich bereute es aber sogleich, als wenn ich nur meines +Großvaters wegen einem Armen geben könnte; ich ließ mir den Thaler nicht +wiedergeben, nein, ich schenkte Ihm selber nun noch Einen. Aber das waren +in einer Minute Zwei -- und beide thaten mir leid um Woolwich und London! +Der Alte aber sagte: »Ihr wißt nicht, wie viel ihr mir heut Gutes thut!« So +doppelt gepreßt von Scham und Mitleid, gab ich ihm auch noch den dritten +und letzten Leidenthaler. + +Nun kommt aber in's Boot, Lambton! sprach Crabbe, sonst schenkt Ihr Alles +weg. Es ist auch weg, erwiedert' ich; nur mein Heimreisegeld liegt im +Gasthof zum Fallstaff. Ihr braucht auch heut keins, sagt' er im Gehen zum +Boot; unsere Themis liegt ein halb Stündchen weit schon vor; aber das ist +Euch ja eben recht! Morgen kommt der Capitain, und da kommt auch gewiß der +Wind; das muß treffen; denn die Herren kommen eben erst immer, wann der +Wind kommt. Da sollen sich nun die Matrosen wundern, wie das zugeht! Ich +denke aber, wir werden im April immer noch einige Aequinoctien haben. -- + +Das heißt wohl bei Euch: Frühlingsstürme? fragt' ich. + +Freilich! antwortete Crabbe; das geschieht so zu Zeiten, aber vorzüglich, +wenn die Sonne im Thierkreise steht, Manche sagen, in der Wage. Nun, wie +die Herren wollen! Ich bin nur Steuermann. -- + +Ich beschuldigte heimlich Crabben, er möchte nicht mehr vom Thierkreise +wissen, als die Bauern, die den Kreisthierarzt den Thierkreisarzt nennen. +Die vier Matrosen warteten auf ihren Meister Crabbe. Wir stiegen in's Boot +und setzten uns. Die Matrosen nahmen Abschied von den Umstehenden, und +sagten ihr Lebewohl, das »du guter Junge« (good boy) auch zu steinalten +Männern, und »guter Junge« auch zu den Mädchen. Sie schieden, wie man sich +zu Lande »gut' Nacht« sagt, und ruderten tapfer, jeder eine Beule im +Backen, wie von Zahnschmerzen, sie war aber von Tabak. Viele Boote +begegneten uns mit Vornehmen und Gemeinen, Herren und Damen, Weibern und +Mädchen und Kindern, die von den Ihrigen, den lieben Deportirten mit +Thränen Abschied genommen: denn sie weinten noch. Ich bedauerte, daß meine +Reise schon halb war, als wir die Leiter hinaufstiegen an Bord des +Schiffes. + +Meister Crabbe übergab mich dem Stewart, mich überall herum zu führen, und +alles Erlaubte mich sehen zu lassen. Mit dem Boote, sagt' er, würd' ich +an's Land gehen, mit welchem der Capitain an Bord käme. Er empfahl ihm +diesen Punkt besonders, im Fall Er nicht daran denken könnte in dem Wirrwar +beim Absegeln. So war Alles besorgt. Ich überließ mich wohl zwei Stunden +lang meiner Andacht, bewunderte Alles im und am Schiff, wie es zu bewundern +war; ja ich getraute mich zu behaupten: daß selbst die Arche Noah's so +schön mit Mahagoni-Meubeln, Spiegeln und stählernem Kamin nicht kann +ausgeputzt gewesen sein; denn wann lebte Noah, und wann leben wir! Und ich +kann als geistliche Person ohne Blasphemie sagen -- da die Welt nicht mehr +durch Wasser umkommen soll -- daß eine Sündflut jetzt nur lächerlich wäre; +wenn man sie vorher wüßte, nota bene! Der Herr hat damals schon die +Engländer mit ihren Tausend Schiffen im Geiste gesehen, nota melius! darum +hat er für die Zukunft nur von Feuer gesprochen. Nota optima! -- Zuletzt +blieb ich in des Steuermanns Cabin sitzen, und las in dem, auf dem ganzen +Weltmeer berühmten »Schiffmeisters Assistenten,« von dem auf dem Lande +unbekannten David Steel. Der Stewart brachte Punsch, hieß mich trinken, und +ließ mich lesen. + +Daß ich dabei eingeschlafen war, bemerkt' ich richtig beim Aufwachen! Ich +schlug das Buch zu, stellte es an seinen Ort, und stieg auf das Verdeck. +Auf der Treppe begegnete mir der Stewart, ganz anders, aber nicht besser, +angezogen, mit einer Schüssel kleiner Krebse, mit Eiern, großen Theetassen +und -- Frühstücksgeräth. -- Er ward ganz feuerroth, als er mich sah, und +drängte sich mit niedergeschlagenen Augen auf der Treppe an mir vorüber. Wo +ist Meister Crabbe? fragt' ich ihn. Er blieb mir die Antwort schuldig. Ich +schenkte sie ihm, und stieg aufs Verdeck. Hoho! sprach ich, die Sonne sitzt +ja noch hoch! Es hat gute Weile! Aber sie müssen das Schiff gewendet haben; +vorhin stand sie rechts, und jetzt links. Ich wendete mich um, nach der +Insel Wight zu sehn, die mir die hängenden Gärten der Semiramis aus ihrem +Staube hervorrief -- ich rieb mir die Augen -- ich war entweder von dem +Punsche ein Myops geworden, oder Wight war untergegangen! Aber lieber, als +so vieler Menschen Unglück, war mir doch meins! Doch -- die ganze Küste war +verschwunden! Es war doch Tag! es war kein Nebel -- ich sahe rund umher -- +rund umher nichts wie Himmel und Wasser -- das war die offenbare See +offenbar! Aber wie war das möglich? Das Schiff stand ja und wankte nicht; +nur ein leises Plätschern und Glucken glaubt' ich zu vernehmen. Ich blickte +auf dem Verdeck umher -- da stand ein Mann mit einem Fernrohr am Hauptmast +und sah schweigend in die Ferne; auf dem Hintertheile am Steuerrade saß +Freund Crabbe, ernst und im Amtsgesicht, placidus ore, wie Neptunus, der +verschollene Gott. Ich starrte in die Segel! sie blühten voll und zogen, +wie Pferde; die Wimpel spielten im Winde -- es war richtig! Ich saß wie der +Bär, der nach Honig gestiegen, hinausgeschnellt auf der Wagschale, +hinausgeführt in die Welt, ja hinausdeportirt aus der Welt! Die Sinne +vergingen mir -- Crabbe! Crabbe! ruft' ich, und setzte mich in Ohnmacht. +Denn das sah' ich noch, wenn ich in Ohnmacht gefallen wäre, -- scilicet: +die enge steile Treppe hinab, -- konnt' ich mir Hals und Beine brechen! So +saß ich, halb vor Schreck, halb vor Freude, wie meine Lampe voll Wasser und +Oel; aber das Oel schwamm oben! -- -- + +Was soll Crabbe! fragte mich eine unwillige Stimme. + +-- »Ach, jetzt soll er nichts, er kann ja nichts« -- -- brach ich ab. + +»Er ist ein braver Steuermann,« hörte ich wieder; hinsehn mocht' ich nicht: +denn es war ganz eine Capitainsstimme; sie erscholl mir, wie das Echo +meiner eignen von der Mauer der Kirche, wenn ich Schule hielt und zur Zeit +der Lindenblüthen die Fenster hatte aufmachen lassen. Diese angenehme +Erinnerung erquickte mich in so weit, daß ich seufzen konnte. + +»Ist Euch unwohl?« hört' ich wieder. -- + +Sehr, sehr, in der That! bekannt' ich; wie soll mir anders sein? Wenn Ihr +mich nur entschuldigt! -- + +Zu Schiffe ist's, wie auf der See, lacht' er -- geht und füttert Fische, +oder legt Euch platt auf den Bauch. Die schönen Damen dort trinken Kaffee, +die denken Alles mit Kaffee zu kuriren! Aber das Mal irren sie sich; ich +wette! ich habe schon gewonnen! -- geht nur auch. Ich stand auf; blaß +mocht' ich gerade genug aussehn, das Schwanken kam mir leicht an, so gesund +ich war, und so legt' ich mich im Schatten des Bordes auf den platten +Rücken nieder, faltete meine Hände über der Brust, wie ein Leichenstein, d. +h. der Pfarrer darauf, und sah in den reinen, blauen, unergründlichen +Himmel. Ach, er sah mir doch zu feierlich, ja weinerlich aus, als daß er +mit mir scherzen, mich in den April schicken wolle; oder lag das +Weinerliche nur in meinen, Augen, wie die Thränen? + +Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Gelächter erschallen, Einige fragen, +und sie dann mit darein lachen, wie ein vervielfältigendes Echo, dem eine +Gesellschaft unaufhörlich zulacht. Es kam ein Halbkreis von Herren und +Damen um mich getreten, das hört' ich nur an den Tritten und Trittchen; +denn die Augen hatt' ich fest geschlossen; ich kam mir vor, wie ein Aal auf +dem Aalfange, oder ein Fuchs im Fuchseisen, den die Kinder necken. Crabbe, +der Steuermann, hatte mich ja schwanken sehn! Er hatte gewiß mit dem +Capitain von mir gesprochen! Denn dieser lachte mit den andern, ja er +lachte so herzhaft, daß er weinte. Darauf sprach er mit der Amtsstimme: +»Nun ist es genug!« und Alles schwieg augenblicklich und entfernte sich. +Das ist ein braver Schulmeister! dacht ich, der Himmel segne ihn. Er setzte +sich zwei Schritt von mir auf einen Hühnerkorb und sagte zu mir: Bleibt nur +liegen, Herr Lambton! so heißt ihr doch? -- Lambton Zeit Lebens! antwortete +ich. -- Crabbe kennt Euch, Lambton; er ist bitterböse auf den Stewart. Wenn +Euch der Zufall nicht leid thut, ist er mir lieb. Ihr habt keine Kisten und +Kasten bei Euch? -- + +Das weiß Gott! seufzt' ich. -- + +Wohl! so nehme ich Euch für einen halben Passagier an. -- + +Wenn Ihr nur mich nicht halbirt, so viertheilt mich meinetwegen! seufzt' +ich mit rückkehrender Ruhe. -- + +Ihr habt kein Geld? -- + +Ich? -- keinen falschen Schilling, Herr, antwortete ich mit Wahrheit; die +hundert Pfund waren ja nicht mein; die durft' ich nicht verrathen! -- + +Also in der That, Ihr habt kein Geld? Ihr! Ich meine Euch! sprach er und +sah mich auf gut Englisch an, und murmelte schlaulächelnd so etwas von +anzuordnender Aussuchung. -- + +Gott sei mir gnädig! rief ich. Das mußte er nun gewiß verstanden haben für: +So wahr mit Gott gnädig sei! oder sah er meine wahre +Ehrlichen-Mannes-Angst, denn er schien beruhigt und sprach: Wohl! dem +Könige kann ich nichts verschenken; daß Ihr aber bezahlt, wann Ihr könnt, +das müßte selbst Shylok zufrieden sein. Van Diemensland wird Euch gefallen, +Ihr macht eine schöne Reise! Nachher wollen wir schriftlich Richtigkeit +machen. -- + +Aber wann werde ich bezahlen? -- + +Wann Ihr könnt! Ihr seht, der Himmel hilft Euch in die Welt, er wird Euch +auch in der Welt helfen. -- + +Wenn nur nicht _aus_ der Welt! Herr Capitain; Seefahren ist gefährlich! +seufzt' ich nicht ohne Ahnung; denn mir fielen die Worte meiner sterbenden +Mutter ein, die zu mir sagte: »mein Sohn, wenn Du nur noch ein Jahr +überstanden hast, dann -- dann -- dann!« -- Dann starb sie! -- + +»Seefahren ist nie gefährlich,« entgegnete mir der Capitain, nur Landen +manchmal! Lambton -- doch still davon, das ist kein Schiffsgespräch, und +verboten: Geht essen, damit Ihr Muth bekommt, und seid munter und guter +Dinge! Denkt, Ihr habt Schulferien, oder Euere Schule ist abgebrannt. -- + +Behüte Gott die Schule! sprang ich auf. Ein Hahn hackte ihm aus dem Korbe +in die Waden, so ging er fort. + +Ich bedankte mich, wie billig, hinter ihm drein, mit ihm -- natürlicher +Weise -- unsichtbaren Complimenten wenigstens für seine Güte; dann stand +ich noch lange in Himmelsangst, die sich nach und nach auswölkte, wie ich +mich, nicht ganz unkluger Weise, in mein Schicksal und in die Themis ergab. +Und so schlich ich -- doch etwas schnell -- in das Cabin des Steuermanns, +sah den gedeckten und besetzten Tisch und ließ mir das angerathene +Frühstück aus verzweifelter Verzweifelung schmecken. Darauf kam der +abgelöste Crabbe, der mir die Hand gab und sagte: Was ein Kind thun kann, +das noch nicht reden, noch keine Hand rühren kann! Wäre dem Capitain York +nicht noch gestern ein kleines Yörklein geboren worden; ich weiß nicht was +er mit Euch gemacht hätte! Vergebt dafür auch dem _Stewart_! Ich mußte an's +Steuer -- und _ihm_ trug der Capitain auf, als er richtig mit dem Winde +kam, gleich die Sachen aufzuheben, die er mit an Bord brachte. Der eine +Anker war bald aufgezogen, nun schwimmen wir! und kein Wind darf versäumt +werden, sonst fehlen die Postpferde, wann man ausspannt. Ihr versteht das +nicht, wie der Wind auf der ganzen Welt zusammenhängt, wie er aller Orts +Alles spedirt. Warum habt Ihr Euch auch nicht selbst gemeldet! Doch es ist +nun einmal so, und »So« ist gut. + +Ich dachte aber: »So« ist freilich gut; doch anders wäre besser. Ich schlug +ihm vor, den Capitain zu bitten, mich wieder auszusetzen, in Brest, in +Boulogne, in Cadix doch wenigstens! aber es fiel mir selbst ein, daß das +für mich noch schlimmer wäre, als im Schiffe bleiben. Auch schlug es mir +Crabbe rund ab, und sagte: Ein Mensch gilt nichts zu Schiffe, todt oder +lebendig. + +Das war genug gesagt! und hatt' ich Flügel, so hätt' ich sie hängen lassen. +Und doch wollt' es gar in mir singen und einen Jubel anstellen. Denn wie +viel Vorbereitungen hatte mir diese Ueberraschung, wie man ein wenig +Einheitzen nennt, erspart! Paß, Empfehlungsbrief, Geldsorge nota bene, +Einpackerei, einen Vicarius in meinem Amte, Reiseapotheke, Bücher, +Excerpte, Landcharten -- kurz allen den Tand, ohne den ich nicht glaubte +eine Reise nur antreten zu können, geschweige durchzusetzen und +auszuführen; ich hätte mich erst alt und blind studirt; und _jung_ muß man +reisen, und scharf sehen muß man können »Ich bin ich selbst allein« sagt +Richard, und ich sag' es getrost; denn die Welt ist reich genug, wenn man +auch noch so arm ist, nur Augen, Herz und Gedächtniß hat, oder eine alte +Feder. Aber ach, was mußte aus meiner schönen Lancaster-Schule werden! +Waren die Kinder nicht eine Heerde ohne Hirten? Mußte sich alles Gute, das +ich sie gelehrt, nicht im Leibe umkehren, nicht in Falsches verwandeln, da +der Mann ein Falscher gewesen, der es gelehrt? Denn was der Lehrer ist, das +bedeutet die Lehre. Von einem Bösen ist nicht gut lernen; und so mußt' ich +erscheinen! War ich in Marions Augen mit dem Gelde nicht durchgelaufen, in +alle Welt gegangen, weil sie den langen Daniel mir vorgezogen? Oder glaubte +sie -- wie die Weiber sind -- ich habe mir wohl gar ein Leides gethan? Die +Angst verdiente sie! Sie thut mit leid, aber ihretwegen, nicht meinetwegen. +Nun ich hin bin, ist sie mir hin; denn wenn man scheidet, dann erst soll +man ja wissen, wen man zu Hause lieb hat; und, die Kinder und die alte Anna +ausgenommen, kann ich mich auf Niemand besinnen! Aber der Baronet, der +keinem Menschen etwas Gutes zutraut, der allen noch so braven Handlungen +lauter Eigenliebe unterlegt, muß ich, ich ihm nicht seine frevelnde Ansicht +bestätigen? Aber der arme Mann soll von seinem einzigen Freunde schwer +betrogen worden sein; auch hat er keine Kinder, und solche Menschen wissen +niemals recht, was ihnen fehlt. Doch Lady Theano -- -- o Gott, was hilft es +mir nun Zeit meines kurzen Lebens ehrlich gewesen zu sein, wenn ich nun ein +Landläufer, ein Dieb geworden bin? Ja ja, ich verdiene nach Bontanybai +exportirt zu werden! Aber endlich komm' ich einmal wieder! und wenn auch +mein Amt schon besetzt ist, wenn Marion lange den langen Daniel geheirathet +hat, so will ich doch wieder meinen Ehrenplatz in den Herzen einnehmen, und +die Kinder sollen nicht länger als den ersten Tag mit Fingern auf mich +weisen! -- Ich verfaßte daher einen Aufsatz, Inhalts: daß ich nur »durch +ein Versehn« nach van Diemensland »gereiset« sei, und bat den Steuermann +Mstr. Crabbe, den Capitain York und den Stewart das Zeugniß zu +unterschreiben, was sie willig thaten. + +Es war mir ordentlich ein Stein vom Herzen, als säh' ich ihn mir als eine +Ehrensäule aufrichten, als ich das Blatt zusammen faltete. Nur der Gedanke +peinigte mich noch, daß der Fähndrich Daniel nun Marion, ohne Geld, nicht +heirathen werde! Es soll sogar Menschen geben, die eine Frau bloß um ihres +Geldes willen nehmen, besonders Lieutenants. Aber die Weiber wissen, daß +sie mit dem Gelde Eine Person ausmachen, und sind guter Dinge, wenn sie nur +welches haben; und wo ihr Schatz ist, da ist auch ihr Herz. Vielleicht aber +ersetzt ihr Lady Theano die verlorene Ausstattung! Denn sie selber ist +unglücklich, und empfindet also Unglück. Sie ist so gut wie schön, und hat +ein weiches Herz. Hat sie doch 10,000 Pfund, sammt anlaufenden Interessen, +für den Wiederbringer ihres einzigen Kindes niedergelegt, und bringt +gleichsam die Bill alle Weihnachten vor das Publikum, wie Wilberforce die +seine in's Parlament -- Doch konnt' ich mich den ganzen Tag nicht freuen, +und auch die Nacht that ich kein Auge zu; ich schlief auf dem Fußboden, mit +Kaputzen zugedeckt: denn alle Betten waren besetzt. + +Wie der Herr aber auch für einen Schulmeister sorgt, davon bekam ich am +andern Morgen einen Beweis; denn das Essen und Trinken auf Borg schmeckt +ehrlichen Leuten bitter. Capitain York hatte meine, nun ja, saubere +Handschrift in dem Zeugniß gesehn; er hat seinen jüngsten Bruder William +bei sich, und Stephan, den Sohn seiner Schwester, einer steinreichen +Plantagenbesitzerin. Diese sollt' ich unterrichten. Um richtig eingreifen +zu können, examinirte ich die Knaben in seiner Gegenwart. Ich fiel auf die +Zahlenlehre, und fragte William: Wie viel sind 3 Aepfel und 4 Birnen? -- +Das ist schon summirt! sagte er. Ich freute mich. Dabei wollt' ich wissen, +ob er in der Pflanzenkunde einen Anfang gemacht, und fuhr fort: Ich dächte +nicht! ich glaube es sind doch Sieben -- aber was? -- Aepfel! sprach er; +die Birne ist eigentlich ein Apfel: malum-pyrum. -- Was ist sie denn aber +uneigentlich? fragte ich weiter, um ihn auf das nichts bedeutende Wort +»eigentlich« aufmerksam zu machen, und so mich in das Stilisticum zu +spielen. -- Uneigentlich? wiederholt' er -- je nun: eine Birne! -- Ich +freute mich reichlich, und gab ihm die Hand; der Capitain lobte mich ganz +unverschuldeter Maßen. Nun nahm ich meinen Stephan vor, größer zwar als +William, aber dick und stumpf und aufgeblasen. Mein Stephan! fragt' ich, in +welches Reich der Natur, als Mensch, gehörst denn Du? -- Ins Steinreich, +erwiedert' er stolz. Der Capitain lachte laut, und sprach: das kommt daher, +daß ihm seine Mutter immer gesagt hat: er sei steinreich! Aber es ist gut, +daß ich mich daran erinnere. Für die 6 Monat Unterricht auf der Reise soll +er Euch gut bezahlen, Herr Lambton, und zwar so viel, daß Ihr auch die +Rückreise an ihm verdient. Die Meister sind rar auf der See, und was rar +ist, ist theuer. -- Wer war froher als ich! »Ihr sollt vom Evangelium +leben« beruhigte meine Bedenklichkeit; nur dem Ochsen, der nicht drischt, +soll man das Maul verbinden; aber mein Gott, ich wollte ja dreschen! -- Nun +war mir geholfen! Wenn ich einmal wiederkomme, bin ich ein berühmter +Schulmeister, Victoria! Denn wer nur etwas Gescheidtes gesehn hat, den hält +man selbst für gescheidt. + +Auch ein Bett bekam ich durch ein Paar lange Beine des einen Herrn; denn in +dem kaum zwei Ellen langen Kasten, der wie für ein Faulthier, einen +Siebenschläfer, höchstens für einen jungen Waschbär, eingerichtet war, -- +in dem Bett, so zu sagen, waren dem Herrn die Füße ganz verstarrt und +eingeschlafen, daß er sie lange Zeit gar nicht wieder aufwecken konnte. Er +war ganz erbost, und wußte nicht mehr, oder wahrscheinlich vorher schon +nicht: _wo_ er zu lang sei, ob unten? wie ihm jetzt vorkam, oder oben? wie +ihm aus den Beulen schon vorgekommen, die er sich in den niedrigen Räumen +an Thürstöcken schon an die Stirn gestoßen. Wer kann seiner Länge eine Elle +_abnehmen!_ sagen _die Großen_, sprach er; und der Zwerg muß sagen: wer +kann _seiner Elle_ eine Länge zusetzen. -- + +»Ich habe meine Beine abgeschnallt!« rief ein invalider Offizier in die +Scene. -- + +Sie Glücklicher! rief der Leidende. Ich bot ihm aus Mitleid einen Tausch +an. Mit Freuden acceptirt. Er bettete sich also auf den Fußboden, und ich +an seiner Statt. So sorgt der Herr durch Alles aufs der Welt, es habe +Namen, wie es wolle. Ich aber pries in besagtem Kasten mein Schicksal, wenn +die Wellen kaum einer Hand breit vor meinem Ohre vorüber gluckten, wenn ich +an die armen Haifische und Hammer dachte, die in dem ewig-dunklen kalten +Meeresgrund ihr Haupt hinlegen müssen auf Felsen wie auf Amboße, die +nirgends hin und nirgends her fahren in ihrem Irrsal -- da ist doch ein +Schulmeister eine ganz andre Person! Das Schiff, das edle Thier, man möchte +es »Herr« nennen, wie ein Reitknecht sein Pferd, das Schiff war auch für +mich erfunden! Der Magnet, die Sternkunde, das Fleischeinsalzen, die edle +Leinwandweberei, kurz Alles, Alles, seit Thubalkain; und Cook kam mir nur +vor, wie der Rabe Noah's, der mir Land, van Diemensland gesucht! Tausend +Menschen _zusammen_ vollbringen fast tausend Mal mehr, als tausend +_Einzelne_. Ein Mensch hätte noch nicht den Thurm zu Babel fertig, und wenn +er 6000 Jahr vor Erschaffung der Welt angefangen hätte, Ziegel zu +streichen, trotz dem, daß keine Sprachverwirrung bei ihm möglich war! Wie +dumm wäre nur Ein Mensch, so groß und dick mit ungeheurem Kopfe, aus allem +dem Stoff aller Gebornen zusammen seit Eva's Zeit; wie dumm wär' er noch, +wie Stephan oder der Stephansthurm; doch einmal von weitem sehn, wie eine +Wasserhose groß, möcht' ich ihn wohl, oder wie den einen Mann im Monde. -- +Und daß die Menschen sterben, das ist erst das Wahre! da erben die +Nachkommen immer Verstand, Kunst und Wissen, wenn es wahr ist; denn der Tod +macht Alles offenbar, das ist unbezweifelt. -- Das waren so meine Gedanken. +Ich wunderte mich ordentlich, wie sich mein Kopf aufthat; aber auf Reisen +muß man klug werden, man mag wollen oder nicht. Selbst Stephan, der nicht +will! Ich will ihn schon lancastern! + + * * * * * + +_Ibidem_, den 1. Mai 1819. + +Mein Gott, wie ist doch Alles anders, wenn man es _sieht_, als wenn man es +sich _einbildet_. Mitten auf dem Meere ist man bloß, wie auf einem großen +blanken silbernen Teller, es kommt Einem kleiner vor, wie ein See. Und wie +abgesondert lebt man! Morgens keine Schule, keine Zeitungen aus London mit +Nachrichten aus der ganzen Welt; Sonntags keine Kirche; Abends kein Clubb! +Früh baut die Sonne ihren Silbersteg, Abends zieht sie ihn wieder ein, wie +eine Schiffbrücke, wie die Schnecke ihre Hörner. Und daß man die Sterne in +dem immerbewegten Meere sähe, kein Gedanke! Eine Wolke, ein fernes Schiff +mit den Augen verfolgen, das ist Alles. Und doch wie schön! wie innig und +heimlich! rein abgeschieden von allen Menschen, aller Kunde ihrer Sorgen +und Plagen zu reisen, und wie bequem! -- Man steht auf, und unter dem +Anziehn ist man zwei Meilen gereist; man frühstückt und -- reiset; man ißt +zu Mittag, geht spazieren, sitzt, ja man geht zu Bett und schläft, und +reiset und reiset! Und _wie_ besonders? der Weg ist nicht Eisenbahn noch +Eis, sondern Wasser; die Wegweiser brennen am Himmel; die Rosse sind +unsichtbar, und doch geht es sausend fort! + +Mein Casus hat gemacht, daß ich nur lauter freundliche lächelnde Gesichter +sehe, wie Alles die Kinder anlacht. Früh und Abends gehn wir spazieren um +die Mastbäume, in geschlossenem Kreise, ohne Rang, wie an der Tafelrunde; +und doch ist ein großer Unterschied. Aber was doch die Deportirten für +hübsche Leute sind, ganz wie _andre_ Menschen anzusehn, wohl angezogen und +gesprächig! Wenn ich es nicht sähe, ich glaubte gar nicht, daß sie +ausgesetzt würden, aller Güter der Gesellschaft verlustig. Manche können +ihr Handwerk nur noch nicht gleich vergessen. Ich hörte eines Abends ein +Gespräch: »Man wollte uns nicht einsperren,« sagte der Eine; wir sollten +frei sein, aber man giebt uns eine schöne Probe! Das Schiff ist das +elendeste sicherste Gefängniß: keine Thür, kein eisernes Gitter, keine +Kette an Hand oder Fuß, es wehrt es Einem Niemand, sich hinaus zu bemühen, +und doch kann man nicht fort! Da lob' ich mir ein Stockhaus, das bleibt auf +einem Flecke -- man hat Freunde, man hat Gehülfen da draußen! Der Sturm +hole den Wind, der uns hinführt, wo wir nicht hin wollen! -- + +Ja, ich möchte auch lieber Zeit Lebens so herumschwimmen, als dort +arbeiten! so elend es zu Schiffe ist, das unendliche ewige Bowling-blew +ohne Bäume umher, sagte der Andre, von dem Steinkohlendampf noch, ganz +abgesehn, oder abgerochen. -- + +Sieh nur, wie dunkel es ist! sagte der Dritte; Schade um die rabenschwarze +Nacht! Hui, wer eine Meile von London jetzt auf dem Klepper säße und die +Post rasseln hörte -- Jammerschade! -- + +Andere spielen hier noch um Kreidestriche falsch, und betrügen einander um +Nasenstüber. Kurz es ist ein Seidenleben unter den Menschen, und ich sehe +deutlich, daß nur ein weites Exil vor Vertrath und Rache sichert. Vor Allem +gefällt mir der junge Maler. Er sieht aus, wie der Engel der Verkündigung, +und ich glaube, jede Jungfrau würde ihn gern verkündigen hören. Denn er +sieht aus, wie die leibhafte Liebe oder Schönheit, ja wie beide +verschmolzen. Wenn Alle laut sind, und Er kommt, werden sie still, die +Frauen blaß, die Männer roth; er schnürt ihnen gleichsam das Herz und +siegelt die Lippen zu. Schöne Menschen sollte man zu Lehrern und Priestern +wählen; ja sogar, was man sagt: _pressen_, und das aus allen Ständen ohne +Gnade, wenn der Vornehmste nur die zum Schulmeister erforderlichen +Kenntnisse und Tugenden besäße; schon bei den Persern mußte der König der +Schönste sein! -- Er lehrt still durch seine bloße Gegenwart, und da er +fast gar nicht spricht, bleibt er bei seinem Respect. Klug! -- Unter Tigern +ist der Wolf das Lamm, und das Lamm, so zu sagen, ein Engel! und doch ist +er ein gefallener Engel! Es ist mir ein Räthsel, was kann Er verbrochen +haben? er heißt Clarke. + + * * * * * + +_Capstadt_, den 30sten Juni 1819. + +Capitain York hatte mir einen feinen warmen Oberrock und eine Bibermütze +mit Ohren geschenkt, muß Ich sagen, Er aber sagte nicht einmal, gegeben, +sondern ich fand beides nur eines Morgens für Reinschrift einiger Papiere. +Die Morgen und Abende, ja die Tage bis in die Gegend von Trafalgar waren +ziemlich kalt, und Rock und Mütze waren mir hier lieber, als in England 100 +Schafe und 50 Biberfelle. Doch wie geschahe mir darin! Eine junge nette +Witwe war gar noch nicht zu uns an den Tisch gekommen, sondern hatte, aus +Unbehagen, in ihrem Zimmer, so zu sagen, gelebt, das 3 Ellen lang und 2 +Ellen breit ist, und ihr wöchentlich 3 Guineen kostet; vielleicht wollte +sie doch ordentlich den theuren Miethzins absitzen. Ich weiß nicht, was ich +an mir habe, das ihr gefiel. Sie kam alle Tage in andrer, immer reizenderer +Kleidung. Einige Irländer hatten mich einem jungen Manne ihrer +Bekanntschaft zum Verwechseln ähnlich gefunden, und es kam nachher heraus, +daß er ein bildschöner junger Mann sei. Ich ward über und über roth und +bitterbös -- und die Mistriß, deren Tischnachbar ich war, trat mir sanft +auf den Fuß. Ich sahe die Dame groß an, welches wohl unhöflich und +unpassend sein mußte, denn sie erröthete ganz. Der feine Clarke aber, den +der Capitain seiner Vorzüge wegen mit an den Tisch genommen, lächelte sie +an, zog die Augenlieder leise über die Augen und erhob sie gleich wieder, +so etwa wie die Augen Ja! sagen müßten, wenn sie redeten. Ich fragte +nachher Freund Crabben, wer die Lady sei, und erzählte ihm, was geschehen. +-- + +Die Reise kann Euer Glück sein! Lambton, sprach er, mich betrachtend; sie +ist steinreich, aus Martinique, und die Martiniquerinnen sind leicht und +lustig, und heirathen so geschwind, wie bei uns eine Frau Thee kocht. -- +Sie heißt Mistriß Distreß. -- Aber kennt sie Euch denn? -- + +Ich verstand Crabbe's Frage erst einige Tage später, als mich Einer »Herr +Schulmeister« nannte, grade als die Mistriß mir Etwas sagen wollte. Sie +behielt aber die Rede bei sich! nur erst nach einiger Zeit sprach sie in +Gedanken vor sich hin »Schade, Schade!« und drehte sich auf dem Absatz +herum. Ich hatte es gleich weg, und dachte: so geht es, wenn man auf +gewisse Art eine Respectsperson ist! Vielleicht hab' ich ihr auch zu +geistlich gesprochen. Einer Frau wegen ändere ich meine Rede nicht! Es ist +mit aber lieb so. »So« ist gut, spricht Crabbe. Denn, wenn ich nur Guineen +hätte, so könnte ich eben so gut »ein Zwanzig-Ender« werden, nicht ein +Hirsch, sondern ein Rector, der zwanzig Pfarreien zugleich hat und -- +niemals predigt. Das getraue ich mich ohne Ruhmredigkeit. + +Ich werde bitter, ich muß abbrechen; aber man bleibt ein Mensch, auch wenn +man ein Schulmeister ist. Die Weiber haben den Rang, nachher erst das +_Geld_ lieb. Wenn ich aber auch in allen andern menschlichen Dingen nichts +weiß, nichts habe, nichts gelte, so bin ich doch in meiner Schule zu Hause. +Ach, wenn ich nur zu Hause wäre! Meinen schwarzen Rock will ich aber als +Ehrenkleid tragen, die vornehmen Herren-Kleider machen mir nur Schande und +Aerger. Was giebt Respect? das Wissen! Was giebt Andern Ehrfurcht? die +Unwissenheit! Denn wenn ich einen Knaben frage: »Wer bringt den +Caravanenthee?« und er weiß es nicht, und Ich sehe ihn an wie allwissend, +und gehe ein Paar Mal schweigend auf und nieder -- dann hab' ich Respect! +Wenn die vornehmen Herren und Damen nur dürften gefragt werden, sie sollten +schon Respect bekommen! So tröstete ich mich; aber an die Mistriß Distreß +will ich denken, und nie einer vornehmen Frau trauen. + +Nun hatt' ich ein langes Aergerniß, so lang wie die Küste von Afrika. Von +so einem Ungeheuer von Lande, das allen Schiffs-, Macht- und Geldinhabern +zum tausendjährigen Spectakel daliegt, soll man den Kindern immer so viel +erzählen, und Unsereiner selbst möchte und möchte gern. Aber wenn man sich +nicht in das alte Aegypten zu spielen weiß, das gar nicht einmal mehr in +Afrika liegt -- selbst Stephan fragte neulich ganz superklug, wo +Groß-Griechenland liege -- im tempore praesenti so Etwas zu fragen! -- so +ist man so bald damit fertig, wie mit dem Russischen Reiche, welches sich +so um die Erde schmiegt, daß die Sonne niemals drin aufgeht, oder wie Andre +lieber sagen, drin untergeht. Würde man nun die Lancastersche Methode auch +auf das Reisen anwenden, würde man scilicet ein Regiment Reisende +hinschicken, die sich schützten, ernährten, untersuchten, nur etwa den +Niger hinauf: so müßte das auch bei Uns zu Tage kommen, was dort am hellen +Tage liegt. Aber Lancaster wird jetzt noch nicht recht begriffen. Doch Gott +segne ihn, ich bin sein Schulmeister und bleib' es, auch _ohne_ Schule! +Gott wird mir helfen! + +Ich hatte den Pico nicht gesehn, es war Nacht, als wir Teneriffa +vorbeisegelten; ich hatte St. Helena nicht gesehn, weil der General, der +Generale scilicet, dort bewacht wurde -- jetzt am Johannistage, wo wir im +Gasthause zum Cap der guten Hoffnung ankamen, regnete es die ganze Zeit für +uns frisches Wasser aus der ersten Hand, daß ich nicht einmal den Tafelberg +erkennen konnte. So reiset man! Nicht einen Hottentotten, nicht eine Kuh +hab' ich mit Augen gesehn, noch mit Ohren gehört. Schiffe lagen viele im +Hafen, aber alle segelten um diese Zeit nach Morgen. Eines, nach +Altengland, war gestern abgegangen, als ich mich erkundigte. So saumselig +ist man! An einem andern, das gleich im Eingange des Hafens lag, war ich im +Boote vorüber geeilt. Das Gute soll immer weit sein! Man fährt in eine +Stadt und glaubt, der Freund, den man sucht, wohne tief in den Gassen, am +Platz; man fährt hin, und dann wohnt er am Thore, wo man hereingekommen! +Zwar besucht' ich noch Eins; aber es war so beladen, und so besetzt, daß +der Capitain lachend sagte, wenn ich im _Mastkorbe_ beim Teufelsdreck mir +es gefallen lassen wollte, könn' ich von der Gelegenheit Gebrauch machen. +Ich hätte mich noch auf den Schnupftabak verlassen, und den Vortheil +erlangt, daß mir alles nachher Zeit Lebens wie Blauveilchen roch; aber das +Schiff ging noch zuvor nach den vereinigten Staaten, nach Neu-York. So +blieb ich denn in Gottes Namen bei meinem alten York. + + * * * * * + +_Hobarttown auf van Diemensland_, +Michaelis 1819. + +Vom Cap aus ging die ewige Leier wieder an; und nach und nach erlaubten +sich die freien Passagiere für ihr Geld ungeduldig zu werden, welches ich +Freigut mich nicht unterstehen durfte. Endlich, endlich, brachte uns die +Verzweiflungsinsel fast zur Verzweiflung. Man kann den Schifffahrern nicht +verdenken, solche sonderbare Namen im Ocean auszustreun. Wenn man sie auf +der Charte bei den Inseln sieht, die alle schön grün, oder roth illuminirt +sind, glaubt man, die Leute haben ihnen nur so leichtsinnig Taufnamen +gegeben, wie der Bauer seinen Kühen und Ochsen; aber nur hinaus! da +versteht man die redenden Namen. Denn wer die Desolationsinsel benannt hat, +dem kann man zurufen: rem acu! Auch die Ankunft berechnen durften wir nur +im Stillen; denn wenn es Capitain York oder nur Crabbe hörte, daß wir +sagten: bleibt der Wind so stehn, bleibt er so frisch, so sind wir in 45 +Tagen an der Bassestraße, so schalten sie gleich mit dem eignen +abergläubischen Gesicht: »rechnet nicht! macht uns den Wind nicht +rebellisch! Zu Schiffe heißt es: mit Einem Brot hundert Meilen, und mit +hundert Broten Eine Meile.« -- Wir rechneten aber heimlich den andern Tag +doch, 44! und so fort 43, 42, 41, 40! nun nur noch 10 nach Löwensland; in +20 Tagen erblicken wir den Möwenstein; in 6 Tagen Tasmannscap! Ich muß +sagen, der alten Römer Art, die Tage zu rechnen, hat viel Hoffnungsreiches. +Sie legten den Monat ganz und voll wie ein hausbackenes Brot auf den Tisch, +und schnitten alle Tage ein Stück herunter. Wir machen uns die Last alle +Tage schwerer, wie die Lebensjahre; 70! So! Kinderspott! Gnadegott! -- +Indeß hatte man uns nicht ohne Ursache das Rechnen verboten. Die Kenner des +Wolkenhimmels und des Meeres hatten einen Sturm vorausgesehn, ja rascher +herbeigesehnt, um ihn gnädiger zu bekommen, der aber zu ihrem Erschrecken +lange auf sich warten ließ, und nur uns überraschte, die wir seine +Anzeichen nicht verstanden. + +Der Himmel war eines Morgens dicht und schwer überzogen; die Wolken +schienen sich, gar nicht weit von uns auf das Meer zu senken, und an Gehalt +und Farbe sich ähnlich, konnte man Meer und Himmel am Horizont nicht +unterscheiden. Ein unwiderstehlicher Südwest-Sturm trieb uns links von +unserm Wege, an der Königsinsel im Fluge vorbei, auf die Huntersinseln los, +in die furchtbare Bassestraße! Der Wind mußte Nordost gestanden haben, denn +wir mußten hügelhohe Wellen, die uns noch entgegen strömten, quer +durchschneiden! Im Schiffe ward alles Bewegliche von den gewaltigen Stößen +durch einander geworfen; die Kanonen polterten wie Gespenster; wenn Zwei +mit einander sprechen wollten, mußten sie sich anfassen, mit den Armen +gegen einander stemmen und sich anschreien, wie zwei taube alte Weiber, die +sich etwas Wichtiges heimlich zu sagen haben. Dem Schiffe knackten die +Ribben im Leibe, die Masten knarrten und seufzeten ängstlich. Der Wind, der +bisher wie ein Racepferd im Stalle, nur für ein Lamm oder einen Esel +anzusehn gewesen, nur in Athem (in training) erhalten worden war, lief +jetzt gleichsam Wette; es war nicht mehr dasselbe Thier, nein, ein +geflügelter Drache, ein schrecklicher Dämon! Doch war ich, so zu sagen, +froh: ich hatte nun erst das Meer gesehn; wenn es nur so abging! Denn wenn +man Etwas dann sieht, wenn es Alles ist, was es sein kann, dann erst hat +man es wirklich gesehen, vom Blüthenbaum an bis zum empörten Volke. Sonst +täuscht man sich. Wie verächtlich hätt' ich zu Hause von Wind und Meer +gesprochen! -- Aber es ging nicht so ab. Ich sollte noch mehr sehn, was +Wasser und Wind Alles sein können, scilicet, nicht nur Fische und Wolken, +sondern sogar ein Himmelsthier mit einem Beine, wie es selbst St. Johannes +in seiner Offenbarung nicht vermerkt hat! Wir waren den Tag über, wenn er +diesen leuchtenden Namen verdiente, den Knoten nach über 100 Meilen gejagt. +Crabbe, der trotzig und still am Steuer saß, hatte das Schiff durch die +furchtbaren, oft thurmhohen Felsen gleichsam durchgelogen. Daß die Sonne +unterging, bemerkte man bloß an einem mattgelben Scheine, der durch den +Wolkendom drang, als wäre er, die See und Alles aus einem trüben +Rauchtopas, worin wir steckten, wie das Insect im Bernstein. Die Wolken +regneten, selbst in dem Winde, grade herunter, als wenn es ihr Letztes +wäre. Der Sturm hatte sich außer Athem geheult, und hielt inne. Nach +einiger Zeit kam die Wache aus dem Mastkorbe, und sagte dem Capitain einige +Worte in's Ohr. Sie mußte unten bleiben. Er stand eine Weile; dann erst +blickte er verstohlen unter dem Hute links und rechts nach der schroffen +unzugänglichen Küste, die ihm zu mißfallen schien; zuletzt sah er nur, wie +von ungefähr, zum oberen Himmel. Ich sah auch hinauf. Es war nichts zu +bemerken, als ein schwarzes Ding, wie ein werdendes Fröschchen, mit einem +Schweife, der nach unten hing, und sich dehnte, wie der schwarze Leib sich +aufblies, und nach unten züngelte und lechzete. Jetzt aber brachen die +Wolken gleichsam, wie ein Kirchengewölbe, ein, und der Sturmwind stürzte +von oben herab, wie ein Kind in sein Schüsselchen bläst. Er hielt uns fest +auf einer Stelle und drückte uns fast in den Grund. Der Capitain ging +Befehle ertheilen. + +Ich fragte Crabben auf sein Gewissen, was vorgehe? + +Ernst und wild murmelt' er zwischen den Zähnen: der Himmel macht Hosen! -- + +Was für Hosen? fragt ich. -- + +Wasserhosen! Hier ist die Wasserhosenfabrik! die Gewitterniederlage! das +Parlament der Winde, wo sie öfter die Sprache wechseln, als die Minister. +Still! still! fuhr er fort, wir können einem Schneider das Handwerk nicht +legen, der solche Pantalons macht; aber ein rechtschaffener Kerl muß das +Aeußerste versuchen, eh' er sich ergiebt. Darum, Lambton, geht, Ihr seid +eine fromme Seele; da habt Ihr meinen alten Hut, und nagelt ihn mit drei +Nägeln an den Hauptmast, im Namen #, #, #, -- Ihr wißt schon. Hilft das +nichts, so hilft nichts! -- + +Ich eilte und nagelte tüchtig den Hut an; ja ich glaube, ich hätte eine +Maus gegessen, wenn das hätte helfen sollen! Wer keinen Rath weiß, befolgt +jeden, und der Hut wenigstens war behütet. + +Es war plötzlich Nacht geworden, und zwar so eine, wo Eule wider Eule +fliegt, sich anklammert und recht besehen muß, um die Frau Gevatter zu +erkennen. Bald darauf ließ sich von Weitem ein Lärm hören, als wenn sich +eine Heerde Elephanten badet, den Grund aufwühlt, mit dem Rüssel Wasser +einschlürft, und fröhlich und schrecklich toset. Die Wasserhose hatte also +die Meeresfläche erreicht und pumpte mit solcher Gewalt in die Wolken, daß +man das Kochen und Wirbeln der See, das Schnarchen der ungeheuren Nase +vernahm. Was doch in der Welt vorgeht! Was das für Dinge sind! ängstet' ich +mich, und erstaunte noch mehr. Da in solcher Nacht an keine Flucht zu +denken war, hatte der brave Capitain Krieg gegen diesen Polyphem +beschlossen, im Fall er das Schiff allein zu entern drohte. Er ließ in +Zwischenräumen mächtige Raketen steigen, die, plötzlich in die Höhe +wachsend und feurige Blätter verlierend, droben gleichsam aufblühten und +ihre Blume, die Leuchtkugel, an einem Fallschirm, langsam herabschweben +ließen, so daß sich der Dom des Himmels weit und breit erhellte wie beim +Vollmonde: Der Himmel sah während der Zeit aus, wie eine unermeßliche +gothische Kirche; denn umher ragten die thurmhohen, schlanken, +geschnörkelten Felsen scheinbar eben bis in die Wolken. Welche von den +Säulen, die ihn zu tragen schienen, aber der Himmelselephanten-Rüssel sei, +war nicht zu unterscheiden, obgleich die andern nicht weniger zu fürchten +waren; nur mit dem kleinen Unterschied, daß _sie_ nicht auf uns los kamen, +sondern _wir auf sie_. Nur das Getose verrieth das lebendige Ungethüm, das +nun auf uns zuwandelte. So glaubten wir denn, die andern Säulen würden sich +nun auch in Bewegung setzen, und uns befiel die einzige Furcht der Celten: +daß der Himmel einfalle! Eine neue Leuchtkugel entdeckte uns den Feind nahe +und riesengroß vor uns. Aber die Kanonenkugeln fuhren ihm durch den Leib, +ohne daß er zuckte, wie der Elephant, von Flintenkugeln gestochen, kaum mit +den dicken Füßen stampft. So bekam ich denn gleichsam noch ein Riesenbein +von dem Gotte Tangalon zu sehn, der einst über alle diese Inseln und +Gewässer geherrscht, und eigentlich noch hier unbekehrbar und unabschaffbar +herrschte, und so stark war, Eilande wie Eier aus der Tiefe zu angeln, so +wie jetzt sein Bein noch: Schiffe empor zu heben! -- Der Capitain +verordnete in dieser Krisis eine Salve aus allen Kanonen des Schiffes +zugleich, um durch den Hall wo möglich die Wolken zu erschüttern, oder das +Unthier zu erschrecken, daß es wie eine nach Raube vom Baume gestützte, und +noch oben hangende Boaschlange, wieder zurück in das Gezelt des Himmels +schlüpfe. -- Sein Mittel hatte angeschlagen, oder hatte das Podagra-Bein +des großen Christophs, wie die Matrosen diesen Pfeiler oder Absenker der +Wolken nannten, schon ausgetanzt. Denn der wie von Geistern erbaute +Leuchtthurm, den der Capitain aus zwei an einander gebundenen Raketen auf +einige Minuten in die Luft gezaubert, ließ nichts mehr davon sehn. Der +Donner war auch entsetzlich! Bis jetzt hatte ich ehrlich bei Crabben +ausgehalten, aber der nun nahende Wirbelwind, die Katarakte von Sand, +untermischten Steinen und sommerlauem Wasser vertrieb nun Alles von dem +Verdeck. Selbst der brave Crabbe befestigte schleunig Steuer und Rad, und +sich selber an das Sicherheits-Seil; ich gab ihm meine Mütze, und er sagte +mir nur: »Ihr habt gut genagelt, Lambton! der Hut hat geholfen!« Wir Andern +flüchteten in den Raum, und verriegelten die Fallthür über der Treppe. +Unten schrien und jammerten uns die Weiber entgegen, die vor Angst halb von +Sinnen und halb todt waren, wie die Weiber sind; und unser Trost »es ist +überstanden« schlug noch nicht bei ihnen an. Der Capitain entmüßigte sich, +ihnen zu sagen: Weiber sind nur zum Spazierenfahren! nicht zum Reisen; wenn +ihr nicht auf der Stelle aufhört zu heulen, so müssen wir noch vor Euch +in's Wasser springen! -- Sein William aber, der sich ihm an den Arm hing, +begütigte ihn; auch auf Stephan nahm er Rücksicht, der jetzt wirklich in's +Steinreich zu gehören schien. Denn die Dummen fürchten und glauben am +meisten. Ich setzte mich vor Ermattung; Clarke kniete vor mich hin und +legte sein in die Hände verborgenes Gesicht auf meine Kniee. Und weil ich +doch Mitleid zu haben schien, drückte sich auch die Martiniquerin an mich, +und hielt in der Angst meine Hände fest. Bin ich jetzt gut genug, Frau +Mistriß Distreß? dacht' ich. Alles war vor dem Capitain verstummt. Ich habe +nur einmal in meinem Leben ein solches Schweigen gehört, scilicet, wo die +ganze Kirche sich nicht getraute zu sprechen, nur zu seufzen und sich mit +den Augen zu fragen, was sie thun solle, nämlich, als einst der Rector in +Rowlandhill vom Schrecken am Morgen über die Einziehung seines Sohnes, auf +der Kanzel während der Predigt krank geworden, nicht herunter gehen wollte, +und sich auch nicht gleich erholen konnte. Wie wir so stumm im Kreise um +den Capitain saßen, der allein im Zimmer umher tragirte, kam mir die Scene +so vor, wie in dem kleinen Theater im Schlosse der alten verrückten +Herzogin von B. -- Ihr Theseus, ihr Mann, hatte sie verlassen, und sie +allein führte alle Sonnabend einen ganzen Sommer hindurch das Melodrama: +»Ariadne auf Naxos« bei verschlossenen Thüren auf. Die Einwohner im Dorfe +waren ihr natürlich zu schlecht, ihre unwürdigen Zuschauer zu sein; +deßwegen hatte sie ein schon abgesehenes Wachsfiguren-Cabinet theuer +erkauft, und die hohen Personen als Zuschauer in die sechs Logen vertheilt. +Da saß Suwarow Rimninsky im Hemde; Kaiser Paul, Marat, Charlotte Corday, +Ankarström, Ludwig der Sechszehnte, Sokrates, Papst Ganganelli, Mirabeau, +Voltaire, Friedrich der Große, und Kaiser Joseph, Gott segne ihn. Mein +Vater, der Kammerdiener bei der Herzogin war, hatte mir einen Platz in +einer Loge hinter dem Kopfzeuge der Königin Marie Antoinette verschafft, wo +ich als Kind unbemerkt statt des umgelegten Dauphins erstaunen konnte, wenn +die dicke, dicke Hottentottin Ariadne zuletzt immer vom Felsen plumpte, +ohne sich Hals und Beine zu brechen, selbst nicht in dem federbettenen oder +bettfedernen Meere. Mein Vater regnete, donnerte und blitzte dazu +furchtbar! Von dem Anblicke der Herzogin stammt mein Abscheu gegen den +Selbstmord, und es wäre gut, wenn solche Damen solche Vorstellungen publice +gäben zum allgemeinen Abscheu vor -- dem Selbstmord! Ich lachte beinahe, +indem ich das Alles durchdachte; und es that mir wohl, zu denken, daß es +jetzt auch mein _Vater_ sei, der so donnre und regne. Uns Allen aber ein +solches, weiches, trocknes Meer zu wünschen, wie die alte verlassene +Herzogin sich bereitet, vergaß ich durch einen entsetzlichen Stoß des +Schiffes, welcher so darin krachte, wie es im Kopfe kracht, wenn man sich +einen Zahn ausreißen läßt. Wenig Minuten darauf erscholl ein tosendes +Getümmel in den Untergemächern. Es entstand durch die Deportirten, welchen +es nicht zu verdenken war, daß sie nicht in der zu dem Leck +hereindringenden Flut ertrinken wollten. Man konnte sie nicht beschuldigen, +die Wachen überwältigt zu haben: denn diese wiesen ihnen selbst mit +Dreistufen-Schritten den Weg auf's Verdeck, ja einige Hasen krochen schon +in das Thauwerk. Wer ein allgemeines Unglück nicht abwehren kann, der muß +es sich auch gefallen lassen, daß alle Ordnung, aller Gehorsam aufhört. Man +hörte kaum den Capitain, als er Untersuchung und Ausbesserung des Schadens +befahl! Denn unterdessen schwoll das Wasser sichtbar von Zoll zu Zoll. Man +gehorchte ihm erst, als er die Boote auszusetzen befahl; denn damit befahl +er etwas, das Jeder selbst wünschte und verlangte, ja gefordert hätte. -- +Da lernt' ich, was ein _Befehl_ ist. -- Auf dem Verdeck befand er das +Schiff unbrauchbar, die Segel zerrissen, verwickelt, selbst die Mastbäume +durch die Gewalt des Wirbelwindes verdreht. Das Verdeck lag voll Meersand, +wimmelte von Meerspinnen und Ungeziefer aller Art, tief aus dem untersten +Grunde des Meeres in die Wolken gezogen, und herniedergeschüttet. Ein +gewisser See-Elephant darunter war nicht weniger erschrocken, als wir. Die +Damen entsetzten sich und wußten nun nicht mehr, wohin. Das Cabinetsstück +aber schnaufte, erhob sich und suchte das Meer. Die nächste Angst waren wir +los! Darauf ward Alles, was besonders schwer war, was sich davon nur +erreichen ließ, über Bord geworfen. Nach einer Stunde hatte das Wasser im +Schiffe dennoch wieder denselben Stand. Die Pumpen hatten keinen Augenblick +still gestanden. Wir waren ihrer genug zum Ablösen; aber Alles fruchtete +nichts. Die finstre Nacht, die Nähe des Ufers, vielleicht irgend einer +Insel, der Zustand des Schiffes, und dazu noch das Bestürmen der Weiber, +die Liebe zu William und Stephan bewogen den Capitain, diesen Schiffsgott, +das sinkende Schiff zu verlassen, und das große Boot zu besteigen. Die +_wenigen_ Soldaten besetzten es zuerst; es ward mit den besten Sachen, +Geld, Papieren und Lebensmitteln in eiliger Verwirrung beladen, und da es +nicht die Hälfte der Mann- und Frauschaft aufnehmen konnte, mußten +natürlich die 100 Deportirten zurückbleiben. Es ward also der Unterschied +zwischen uns gemacht, den jener Zeitungschreiber -- beging, welcher das +Ertrinken von 6 Personen und 7 Bauern ankündigte. Einer der Deportirten, +ein Richter, äußerte laut, daß ein Gesetz den Römern verboten, sein Weib +oder Kind mit zu Schiffe zu nehmen, »Den Römern« entgegnete der Capitain. +»Ich rette, was zu retten ist, Krongut zuerst, dann Galgengut. Habt Geduld! +Weiß Einer noch ein Mittel, uns Alle zu retten, der schlag' es vor. Ich +erlaub' es ihm. Denn bis ich Seewasser trinke, bin Ich Capitain.« Alle +schwiegen ohne Rath. Mir stellte er frei, das Boot mit zu besteigen; aber +die hochgehenden Wellen, das Sausen der Nacht, das fast überladene Boot, +vor Allen aber das herzrührende Bitten Clarke's bestimmten mich, lieber im +Schiffe zu bleiben. Und der Capitain versprach ja das Boot am Tage +wiederzusenden, wenn es uns fände, um Alle, Alle zu retten. So ruderten sie +ab. Und während sie Leuchtkugeln von Zeit zu Zeit steigen ließen, +verschwanden sie mit dem Boot in der Nacht und der Ferne, und Crabbe's +adoptirter Hund heulte vergessen und bellte ihm nach, als wir es längst +nicht mehr sahen. + +So waren wir uns denn allein überlassen! Von der Gefahr schien Allen nur +ungewisse Rettung, von der Angst aber den Meisten gewisse, durch Betäubung +vermittelst Porter, Ale, Wein, Rum und Arak, worüber sie herfielen! ja +sogar Punsch machten die Furchtsamsten, und preßten Citronen mit zitternden +Händen. Darauf entstand ein Lärmen, Jubeln und Singen, das über alles +Vermuthen war! Wer uns gehört hätte, mußte glauben: Wir hätten die von dem +erschrecklich verwogenen Capitain Parry sehnlichst gesuchte, aller Welt +unnütze Durchfahrt entdeckt! Den Vernünftigen blieb, wie überall in der +Welt, so auch hier in unserer Lage, die Sorge, Arbeit und Angst um die +Unvernünftigen. Darum giebt es auch jetzt überall so viele -- Sorge. Wir +erhielten die Pumpen im Gange, und steuerten, als in der Gefahr immer das +Vortheilhafteste, dem Winde nach, der sich auf einmal gewandt hatte, und +uns an der Küste nun südwärts trieb. Unter den übrigen Betrunkenen, die +ihre Flasche hielten, hielt ich auch meine Flasche, aber wohl verschlossen, +und darin die Banknote von 100 Pfund mit der eiligst aufgesetzten Adresse: + +»An Miß Marion in Schloß Rowlandhill in Altengland, +von dem ertrunkenen Lambton.« + +Postscript: + +»Jeder _unehrliche_ Finder wird gebeten, diesen Fund von 100 Pfund ja +abzugeben! den ehrlichen braucht man nicht zu bitten.« + +»ut in litteris.« + +Wenn das Schiff scheiterte oder versank, warf ich sie in's Meer. Es kommen +ja so viele Flaschen an den rechten Mann, warum nicht auch einmal Eine an +die rechte Frau. + +Als Tag und Nacht sich schieden, stieß unser Schiff wiederum so heftig auf, +daß Jeder, nachdem er wieder aufgestanden war (denn wer saß oder stand, +fiel um), nach dem Ersten dem Besten griff, um sich darauf aus dem Meere zu +retten. Dabei hatte Clarke den wollenen Waschbesen der Themis erwischt. Ich +wollte die Flasche schon werfen. Aber das Schiff ging seinen Weg! es war +nicht geborsten. Im Gegentheil mußte das Leck, uns unbegreiflicher Weise, +verstopft worden sein: denn die Pumpen wirkten von nun an sichtbar, und wir +gewannen nach und nach höheren Bord. Der Sturm hatte sich in einen frischen +Wind gemäßigt, die schöne grüne Küste zur Linken war nicht fern, und das +öde van Diemensland bot uns den Vortheil, uns nicht zu verirren! Denn der +erste Ort, den wir erreichten, mußte Hobarttown am Derwent sein! Wir +suchten so gut, als möglich, einige Segel wieder brauchbar zu machen, und +der Maler Clarke war der Erste, der nähte, und die andern Weiber dabei +anwies. Er war höchst dankbar, daß ich im Schiffe geblieben, und machte +mich jetzt mit seinem Vetter, Herrn Tydal, auch einem Maler, bekannt und +pries mich ihm als des Schiffs-Meisters Assistenten, den er immer neben dem +Steuermann Crabbe am Rade gesehen. Ich dachte zwar bescheiden an das »vom +ältern Ochsen lernt der jüngere ackern,« aber Ich und ein alter Seemann, +Herr Wardrop, zuletzt ein Juryst mit dem Ypsilon, waren doch die einzigen +Steuer- und Compaß-Kundigen. Nur des Nachts wollte der Geschworne seiner +Ruhe pflegen, und ließ Themis Themis sein; denn er sagte: ich bin so +grausam in der Welt behandelt worden, daß ich ihr nur Böses schuldig wäre, +wenn wir Rechnung machten, und mein Leben kümmert mich nicht, ich werde +erst froh, wo es aus ist -- + +Am fünften Abend erblickten wir die Mündung eines Flusses, und er mußte der +Derwent sein. Der Rauch stieg aus Hobarttown auf! Mit großem Ungeschick +warfen wir den schweren Anker aus; aber er wurzelte doch, und eben so gut, +als wenn ein lahmer Gärtner einen Ahorn setzt. Mich wunderte es ordentlich; +aber Alles in der Welt, und die Welt selber ist und wird schon so +eingerichtet, daß sie, wie das Sprichwort sagt: mit weniger Weisheit +regiert wird. Und erst als wir sicher waren, fiel mir die Heimreise wieder +auf's Herz, Rowlandhill, die Schule, und meine verlassene Taube, die Anna! +Ich glaube, ich weinte gar. + +Bis spät in die Nacht hielten die Deportirten Rath, ob sie nicht eine +Colonie auf eigene Hand anlegen wollten. Mit leerer Hand? fragte Clarke's +Vetter, Herr Tydal. -- Oder mit Gemeinschaft aller Güter, wie die am +Wabash? setzte der Sprecher fort. Und Tydal widerlegte ihn wieder: Wo +Keiner nur etwas Gutes um und an sich hat, da ist auch keine Gemeinschaft +der Güter! Nichts läßt sich schwerlich theilen und gemein haben. -- Aber +wir sind doch frei! fügte ein Dritter; der Capitain hat uns mit sammt dem +Schiffe aufgeben müssen, und ob er gleich sich selbst und die Seinen uns +zum Frommen als Ballast auswarf, so hat uns doch nur ein Wunder erhalten. +-- Richtig! schnarrte einer mit heiserer Stimme, mein Hals steht noch +schief vom Hängen; aber ich ward wieder lebendig, und keine Seele, +geschweige der Henker durfte mir wieder an den Hals. Aber du bist doch +hier, Limmerik, warf ihm ein Bekannter ein. -- Leider! schnarrte Limmerik, +aber für etwas Anderes! Auf Halssachen ließ ich mich nicht mehr ein, +sondern speculirte nur auf solche, worüber ich mit drei oder vier Jahr +»auswärts« weg kam. Versuchen wollen wir doch, sprach Herr Tydal, Clarken +die Hand reichend, ehrliche Leute zu scheinen, und so Gott will, zu +bleiben! -- Darauf wird doch keine Strafe stehen! schnarrte Limmerik. Alle +lachten, und billigten den von Tydal vorgelegten Plan: sich für Colonisten +auszugeben, die nur das Unglück gehabt, Geld, Pässe und Capitain zu +verlieren. -- Wenn der nur auch wirklich verloren wär'! bemerkte Limmerik. +Das Bedenken aber wurde im Punsche vertrunken, über alle Lebensmittel das +Testament gemacht, und wir beerbten uns selbst bei lebendigem Leibe, und +zehrten Alles rein auf wie vor dem jüngsten Tage. + +Wir erwachten Alle erst, als die Sonne schon lange unsichtbar arbeitend am +Himmel stand, und Stimmen von Außen uns zuriefen, aus einem Boot, das gewiß +schon dreimal um unser Wrack gerudert war. Ich hatte die Schläge mit den +Ruderschaufeln daran zuerst vernommen, und als ich mich ankleiden wollte, +vor ehrlichen Leuten sehen lassen sollte, bemerkt' ich den Zustand meiner +Kleider, die durch Arbeit, Regen und Gewalt der Anstrengung verdorben, +geplatzt, zerrissen, kurz recht jämmerlich waren. Clarke hatte ein +wohlverwahrtes Pack mit einer neuen vollständigen Canonier-Offiziersuniform +gefunden, mir längst schon hingelegt, und ich konnte nicht lange Bedenken +tragen, sie anzuziehen. So nobel-militairisch gekleidet stieg ich auf das +Verdeck. -- Es war die Hafenwache von Hobarttown, die angeklopft. Nach und +nach füllte es sich mit Deportirten. Nach einigen Begrüßungen und +Verhandlungen, nahm sie so viele in's Boot, als es faßte und fuhr ab, mit +dem Versprechen mehrere Boote zu schicken. Ich stieg indeß in den Mastkorb, +der wie ein Storchnest auf dem Hauptmast stehen geblieben war. Der Maler +Clarke war mit seinem Vetter Herrn Tydal schon droben, sie sahen sich um +und in das herrliche Land hinein. Mir klopfte das Herz! Wohin sollt' ich +die Blicke wenden, was zuerst begrüßen, nachher bewundern, worauf +verweilen? Ich sahe nichts vor lauter Entzücken, ich fühlte nur die blaue +Blendung des Himmels in den Augen, Frühlingswärme um mich her! Ich hörte +ein Rauschen von den Bergen, ein Wehen in den Wäldern, ein Schwirren und +Girren um die Felsen. Oben flatterten eilende Wölkchen, und auch drunten im +Wasserspiegel; und der Fluß kam so ruhig mitten hindurch und störte das +stille Gemälde nicht. Jetzt war Herbst in Altengland! Die Bäume hatten ihre +Früchte getragen, das Feld seine Aehren; dort hing nun Reif um die Berge, +Nebel in den Gründen; Spinnen hatten ihr unabsehliches Gewebe über die +Fluten und Anger gesponnen, und Thau hing daran und flimmerte, und was +kommen sollte, war -- der Schnee auf den weißlichen Wolken, und die langen +Abende und der kürzeste Tag! Hier kam ich gleichsam in eines andern +Meisters Werkstatt, der eben Frühling machte, und doch war es derselbe +Meister! Die Theemyrte grünte, die Sprossentanne blühte, junger Mais, +selbst junger Lein, war schon so hoch, daß die Lüfte ihn bewegen konnten. +Mit leichter Täuschung wähnt' ich, hier sei es ewiger Frühling, unter den +Cocospalmen, den Brotfruchtbäumen das Paradies! Und wie friedlich ruhten +die Hütten der Menschen! Wie wuchsen die Kohlbäume, Papierbäume, Cedern und +Pisang, da, wo der Mensch sie gepflanzt! Wie bewegte der Wind die +Windmühlflügel, wo der Mensch sie ihm, wie einem himmlischen Kinde, zum +Spiel hingestellt; wie führt' er den Rauch von den Hütten, wie Kreisel +treibend hinauf in den ewigen Himmel, wo der Rauch zum Wölkchen ward, und +fortschiffte mit Wölkchen, still wie ein Lamm, das neu gekauft zu der +Heerde läuft. Die Sonne bleichte Leinwand, wo sie die Mädchen hingebreitet +und eben begossen, und der Hauch der Luft wehte mir ein Wort, eine Strophe +aus ihren Gesängen zu, die mir vorkamen, wie das Athmen der Erde selbst, +voll Wohlklang! Weiter hinaus aber weideten Heerden, und die Lämmer fraßen +sich satt an Blumen, die Ziegen an Blüthengesträuch, und die Rinder +wandelten langsam nach und verloren sich in den Thälern. Dort zogen +Schützen in die waldbewachsenen Berge, und über diesen erhoben fernere +Gebirge ihre beschneiten Scheitel, wie Greise über junges Volk hinwegragen. +Glückseliges Land! rief ich aus. Ja wohl, glückseliges Land! sprach Herr +Tydal; hier sind die Kinder Israel nicht in der Wüste umhergerannt, und +doch wird Moses und David unter Euch wandeln! Hier haben die Juden Jesum +nicht gekreuzigt, und doch wird sein Evangelium zu Euch kommen! Hier ist +Cäsar nicht ermordet worden, und doch werdet Ihr frei sein! Hier hat kein +Mönch einen Kreuzzug gepredigt, und doch werdet Ihr Bäume, Künste und +Gelehrsamkeit des Morgenlandes haben! So alles Frevels, aller Verbrechen, +alles Blutvergießens überhoben, werdet Ihr die Ernte von Europa gesammelt, +gedroschen, geworfelt und rein genießen! -- Glückseliges Land, rief ich +darein, sei gesegnet, wenn ein Schulmeister auch segnen, oder Segen +erbitten kann. -- Und ernster fuhr Herr Tydal fort: ich habe dich gesehen, +Ulimaroa, das Land, wohin Alles sich hinüber retten wird, was bei uns +gedrängt fliehen wird; wo auskeimen wird, was bei uns verweset. Nun ist mir +schon wohl, und freudig kehr' ich einst wieder selbst zu der vorher +ausschweifenden, nun dafür zu Tode curirten alten Betschwester Europa, und +sterbe noch im Vaterlande, und bleibe dort in die Erde gesenkt bei den +Meinen! -- + +Clarke schwieg und hatte nur seine Freude an dem schönen begeisterten Mann, +den er seinen lieben Vetter nannte, umarmte und zärtlich küßte. Auch ich +war so begeistert, daß ich glaube, ich hätte hier müssen mein erstes +Gedicht machen. Mir war in meinem Leben zuvor nie so leicht, so frei, so +wonnig zu Muthe, und auch nicht so schwer, so beklommen; die Gedanken +drängten sich mir gewaltsam auf, und nahmen mich ein -- aber sie +überwältigten mich. So ist der Mensch! Heut hab' ich Mühe, sie nur +nachzudenken; und wenn ich auch einige wiedererhascht, so fehlt mir schon +das Gefühl, das sie begleitete; doch bin ich noch davon gestärkt. So wächst +ein Baum von dem zurückgelassenen eingedrungenen Wasser aus sanften +befruchtenden Gewitterwolken, die mit ihren Schauern, ihren Rosenblitzen +längst entwandelt. + +Nun kam das Boot, auch _uns_ abzuholen. Wir wunderten uns nicht wenig, daß +keine neugierige, müßige, lumpige Menge am Ufer stand, uns zu betrachten; +nicht ein Kind! Ganz Hobarttown war still, wie eine Kirche. Auch das mußte +mir gefallen. Als ich ausstieg, präsentirte eine Wache an einem schönen +öffentlichen Gebäude vor mir das Gewehr, und ich legte die Hand verkehrt an +den Hut -- in meinem Leben mein erster Betrug! Ich war gewiß roth geworden, +das Gesicht war mir warm. Meine Gefährten fand ich in einer Art +Börsenhalle, umhergehend, und nicht recht wissend, was sie thun oder reden +sollten. Ich hatte ihren Steuermann vorgestellt, und Ein Dienst, oder Ein +Amt macht ja Collegen! Indeß die meisten einige Erfrischungen, ohne Zweifel +auf Credit, zu sich nahmen, trat ein Herr aus Hobarttown unter uns, den ich +nur von den Füßen aufwärts bis an die Herzgrube anzusehen wagte; aber auch +so schon vermuthet' ich, daß er ein heitrer rothbackiger Mann sein mußte, +denn auf einem dicken Bauch steht ein fröhliches Haupt. Er hatte sich an +einige Frauen gewendet und erfahren, daß wir mit dem Schiff Themis, +Capitain York, gekommen wären. Er nahm einige Prisen Tabak hinter einander, +während er einen bekümmerten Blick umher that, und sagte: Ja, den erwarten +wir! Clarke klagte ihm mehr unser Unglück, als er es erzählte. Also der +Capitain und die Mannschaft fehlen! wiegte der dicke Herr mit dem Kopfe -- +und die Deportirten! setzte ein sonst ehrwürdiger Herr hinzu, der uns Alle +für rechtschaffene Auswanderer gehalten wissen wollte, indem er der Frage +nach jenen, welche dem dicken Herrn auf der Zunge schwebte, vorzubauen +gedachte. -- Capitain York ist zwar ein höchst braver Mann, und verbirgt +seine Menschenliebe gern unter seinem barschen Wesen; aber daß er die +Deportirten eher geborgen, als Sie, verehrte Herren, scheint mir zu +unhöflich von ihm, sagte er lächelnd; darf ich um ihre Pässe bitten? -- +Unsere Pässe! schnarrte Limmerik. -- »Die meine ich, ja!« -- + +Wir sind Ausgewanderte! sprach Herr Tydal. Die Lasten und Laster sind in +Europa zu groß; Kinder kann man nur mit Zagen der Zukunft überlassen; +zuletzt will man auch noch England die Schlinge über den Kopf werfen; die +Nebelkappe tragen wir schon. Kein Pächter besteht mehr; die Dampfmaschinen +richten die Armen, die nur Arme haben, zu Grunde -- so wollen wir frei von +all' dem Unsinn, der sich wieder emporhebt, wie der alte Löwe, den der Esel +doch noch nicht recht getroffen hatte, unbekümmert um Alles, was dort noch +geschehen kann, wenn Gott nicht Gott ist, hier eine Colonie gründen. -- + +Ihre Klagen sind allgemein, sprach unser ungebetener Gast; jedes Schiff +bringt neue mit; aber hier verhallen sie, und sprechen nicht an. Freilich +scheinen die Dampfmaschinen nur wohlthätig in einem Staate, der mit ihnen +groß wächst, wo Land genug ist, wie in Amerika und hier. Jedoch sind wir in +Hobarttown schon so weit in Cultur und Sitten, daß unter die vormaligen +Verbrecher sogar nicht einmal Auswanderer aufgenommen werden, die nicht +treffliche Zeugnisse ihrer vortrefflichen Aufführung im +allervortrefflichsten England aufzuweisen haben. Haben Sie also wenigstens +Pässe, so weisen Sie mir nur diese gefälligst auf -- ich bin nicht +zudringlich, noch unverschämt -- ich bin hier Polizeidirector. -- + +Polizeidirector! schnarrte Limmerik -- wenn ich Dich nicht gleich erkennte, +Roßborn, Dich, den -- Du weißt schon -- Du wirst es gleich wissen, wer Du +bist, wenn ich Dir sage, Roßborn, ich bin Limmerik mit dem schiefen Halse; +Du weißt schon, wovon er schief ist! Ein Glaube ist des andern werth! Soll +ich Dir allein glauben, Du seist Polizeidirector, so sei so gütig, uns +Allen zu glauben: Wir sind Ausgewanderte! -- + +Der Polizeidirector, der nur ein wenig röther geworden, und werden konnte, +als er war, sagte jetzt unbeleidigt und lächelnd: Wenn Du hier bist, +Limmerik, weiß ich, wer die Herren und Damen alle sind! Auch seh ich keine +Kinder, und die sind oft das Einzige, was Colonisten bringen; der Capitain +wird schon die Rechten geborgen haben! Doch seid Alle willkommen, Ihr +Linken, wer Ihr auch seid, auch Du Limmerik! War ich wie Du, so werde nun +wie Ich; der steife Hals und die heisere Sprache werden sich unter unserem +reinen Himmel schon verlieren! -- + +Nimmermehr! schnarrte Limmerik. O bald! widersprach ihm Herr Roßborn, recht +tröstlich und freundlich; zuerst vergißt man England, ist frei von aller +Verleitung durch Umstände und Menschen, in die man dort wie gebannt ist; +dann wird man ruhig, darauf umsichtig, geschäftig, dadurch reich, wenn man +will, und zuletzt dick, wenn man muß. -- + +Limmerik schüttelte sonderbar mit dem schiefen Halse den Kopf. Sprich, +Limmerik, fuhr Herr Roßborn fort, warum bekehren sich in Altengland die +alten Sünder, selbst die jungen, wenn sie -- sterben? Weil sie glauben, in +den Himmel zu wandeln, wo Alles ehrliche Leute sind, wo Lug und Trug +durchschaut wird, wo man zuerst Jedem das Beste zutraut, und Er sich selbst +dann alles Gute. Hier ist so eine Art Himmel! Limmerik, hier nutzt es +nichts, böse zu sein, und was das Vortrefflichste ist, man hat es nicht +nöthig! Wer nur genug zu essen und trinken, alles Nöthige zum Leben hat, +der sündigt nicht grob. Jesus _heilte_ zuerst die Lahmen und +Gichtbrüchigen, machte die Kranken gesund, und speisete die Hungrigen, +_dann_ -- lehrt' Er sie. Das ist der Gang der Besserung. + +Herr Roßborn sprach mit Willen so laut, daß wir Alle seine Worte hören +konnten und sollten. Aber was führt Dich hieher? fragt' er Limmerik näher. +-- Die Angst, die ich im Grabe ausgestanden, erwiederte dieser, als sie -- +nämlich die Ochsen unter den Menschen -- mich als einen _armen_ gehangenen +Teufel ohne genauere Untersuchung und große Umstände, lebendig beerdigt +hatten, weil kein Hahn nach mir krähen würde; und als doch auf meinem Grabe +Einer nach mir krähte -- die Höllenangst verpflichtete mich (die 15 Guineen +für Mann oder Frau nicht gerechnet), ein Auferstehungs-Engel zu werden! und +da Zwei von meinen Erlösten wieder lebendig geworden, und mir eine Pension +gaben, da schon Morde durch meine Erlösungen von den Todten zu Tage +gekommen, bin ich belohnt genug! Ich werde auch wieder damit fortfahren, +wenn ich nach Altengland gekehrt bin! Ich weiß die Patentsärge schon patent +zu machen! Sage nun, Herr Roßborn, ob ich nicht unschuldig hieher gesandt +worden bin, wo wahrscheinlich bessere Todtenschau ist, als bei den Juden. +-- + +Du sollst hier dabei angestellt werden, versicherte ihn Roßborn. + +Nun? wandt' er sich gegen die Andern. Einige dreiste Männer behaupteten +noch keck gegen den Polizei-Director, daß der Capitain, wie es gewöhnlich +sei, alle ihre Legitimationen zu sich genommen habe und habe sie da, wo Er +sei. So schafft den Capitain, entgegnet' er ernst! wenn ich nicht schlimmer +von Euch denken soll. -- Er schnupfte dazwischen. -- Doch _danach_ sehen +Sie mir nicht aus, meine Herren, sprach er gelassen, ja verbindlich; die +Herren Deportirten kommen immer besser; immer gebildetere, geschicktere +Leute! Auch den Damen mache ich mein Compliment! Die Fäulniß, das Miasma +muß dort sehr groß sein, daß man schon Kernobst auslesen muß, welches noch +so frisch und schön aussieht! Mancher von Ihnen, hat kaum einen angelegenen +_Fleck_, meine Herrn Deportirten. -- + +Desto weniger wollten sich nun Einige gefallen lassen, Deportirte zu +heißen, und protestirten feierlichst. Da trat mein lebenssatter Gehülfe am +Steuerrade, Herr Wardrop der Geschworne, hervor und sprach: Ja, wir sind +Alle Deportirte! Schonen Sie uns nicht, milder Herr Roßborn! Muß ich denn +überall Gnade finden! -- Er hielt jammernd inne; ich war erschrocken, daß +er mich mit vermengte! Dann fuhr er fort: Fragen Sie die Uebrigen nach den +Ursachen ihrer -- Reise; die meiner Verweisung ist, daß ich Geschworener +war, und über 10 Menschen nur mein noch fehlendes »Schuldig!« nach einem +Gesetz ausgesprochen hatte, welches den Tag nach ihrer Hinrichtung +abgeschafft ward! Seit der Zeit hatte ich ein billiges Mißtrauen in mein +Amt, in meine Befugniß, die so wandelbar war, und wünschte mir den _Tod_. +Aber das Gesetz hatte keine Ursache wider mich, bis ich denn Jemanden +tödtete -- um gerichtet zu werden. Aber das Gesetz läßt, und ließ mir in +diesem Falle diese Wohlthat nicht angedeihen, ob ich mir gleich einen +vornehmen reichen, aber verderblichen Mann ausersehen, um mir und dem Volke +zugleich einen Dienst zu erweisen. So bin ich leider nun hier! Aber ich +habe auch hier schon einen Kirchhof mit Gräbern gesehen, und diese lassen +mich mit Grunde hoffen, daß die Menschen auch hier nicht unsterblich sind! +-- + +Armer Alter! bedauerte ihn Herr Roßborn; und in die Vorstellung des +Geschworenen eingehend, sprach er zu seiner Beruhigung: Freilich sind viele +Gesetze nur versteinerte Meinungen alter, vorlängst versteinerter oder +gleich steinharter Menschen; und nach Meinungen sollte man nicht verdammen, +und auch Meinungen nicht; denn sie ändern sich. Kein einziges Verbrechen in +der Welt, seit sie steht, ist zweimal begangen worden; jedes war anders: +denn die Menschen waren immer Andre, die sie begingen; also die Gesinnung, +und was den Hauptunterschied macht: die Veranlassungen, die Umstände! Es +sind also noch nicht Gesetze genug; jeder Fall verlangt also ein neues -- +oder Alle verlangen: geschworene Richter! Sie haben also einer ehrwürdigen +Anstalt gedient -- dabei nahm er seinen Hut etwas ab. -- Aber, warf der +arme Mann ein: der Richter ist vergebens weise, mild, menschlich, und ein +Christ, wenn er nach alten, nach grausamen Gesetzen richten muß! -- Dafür +ist die Gnade des Königs, das einzige wahre Gesetz, das Gesetz der Liebe -- +sprach Herr Roßborn, und hier um uns sind hundert lebendige Beweise davon! +-- Dabei nahm er wieder seinen Hut einen Augenblick ab, und da er Zeit +gewinnen zu wollen schien, und sich manchmal wie nach der Wache umsah, +fragt' er einen Blinden, warum er denn hieher gekommen? -- + +Fragt meinen Vater, Herr! antwortete er. -- + +Der bin Ich! sagte ein untersetzter starker Mann; ich, Meister Cornbull, +der Fleischhauer. Mein John wollte sich das Stehlen nicht abgewöhnen +lassen, so oft ich ihn auch nur durch schweres Geld gerettet. Und da ich +Thor glaubte, die Augen verführten nur zum Bösen und fehlten nur, so macht' +ich -- den Fehler gut! Dafür bin Ich nun hier! Bin ich nicht unschuldig? +half ich nicht zur Ordnung? hatt ich nicht noch fünf Kinder, die mein Geld +besser brauchten? Aber mein durch mich blinder John _hörte_ noch den Klang +des Geldes, und fühlte das Gewicht, und stahl wieder, das Rabenkind! und +darum ist Er hier. Aber hätt ich ihm auch die Ohren abgeschnitten, und die +Hände salvirt, so hätt' er noch Pech an die leeren Aermel gestrichen, die +Zunge zum Diebe gemacht, oder einen Hund abgerichtet, wie wir einen mit +haben, als Deportirten, indeß sein Herr Diebsmeister zu Hause sich gütlich +thut und uns auslacht! Kurz, er ist mein Sohn nicht mehr! und ich hoffe, +daß auch Sie ihn nicht bessern, sonst sollten mir seine pfiffigen Augen +erst leid thun! -- + +Zwei andere verwogene, noch rüstige Männer traten indeß Herrn Roßborn an, +und forderten gute Behandlung. Ich heiße Hogg, und mein Camerad Woost, +sprach Hogg. Wir im Alter erst geizigen, armen Schelme hatten uns wegen +Theilung unserer Beute bei einem Fange auf der Straße vor Gericht verklagt, +und der Richter ließ uns Beide gefangen setzen! Ist das erhört? Waren wir +verklagt wegen Diebstahls? Hatte man Zeugen? Darf man in Altengland nicht +mehr treiben, was man will? Ueber meine Person und Thaten bin Ich Herr. +Thue ich gegen das Gesetz, das kann nur heißen: sehen mich die Augen des +Gesetzes die 24,000, der 12,000 Auflaurer in London; ergreifen mich seine +Arme, die Häscher; verdammt mich seine Zunge, der Richter: dann verfall' +ich seinem Arm, dem Henker. Aber kein lebender Mensch hat Macht über mich; +nur der Buchstabe, der todte Buchstabe, sag ich! Himmelschreiend ist's, daß +wir verwiesen sind, so gut, wie das halbe Dutzend, welches der Sheriff +angewiesen hatte, mitzustehlen, um eine Bande zu ertappen; aber da es mit +ertappt wurde, war der Sheriff todt, und nur aus Gnaden ist es lebendig; da +steht's! -- + +Herr Roßborn schnupfte wieder, und fragte dann die Beiden: Auf wie lange +seid Ihr verwiesen? Woost antwortete: auf 40 Jahr zusammen; einzeln Ich 20, +und 20 Hogg. Wie alt seid Ihr? fragte Roßborn weiter? -- 130 Jahr zusammen, +antwortete Woost, einzeln 67 Hogg, und 63 ich Woost. Also ungefähr 10 Jahr +nach Eurem Tode können erst Eure Verwandten Eure freien Gebeine sich holen, +versetzte Herr Roßborn; hütet Euch vor Ketten; denn wer in Ketten nur eine +Prise Tabak stiehlt, wird gehangen. Dabei ließ er sie gefällig aus seiner +Dose schnupfen. So werdet ihr alles Andere bekommen, was ein Mensch bedarf, +sagt' er. + +Indeß waren einige sehr wohlgekleidete Herren hereingetreten, welche +Roßborn höflichst begrüßte. -- Nun? fragte der Eine, werden Sie dieß Mal +Bedacht auf uns nehmen können? -- + +Zu dienen! antwortet' er, sehen Sie sich um! Wessen Sie sich annehmen, für +den mögen wir nur bei Zeiten ein Stück des schönsten Landes abmessen! -- + +Nach einem Gange durch die Halle kam der ernste, hagere Herr wieder in +unsere Nähe, und indem er die Blicke auf mich und Clarke mit Wohlgefallen +heftete, wobei er jedoch, wie falsche Menschen thun müssen, mit den Augen +blinzelte, schien er Roßborn nach uns zu fragen. Clarke's Vetter, Tydal, +der es bemerkt, und bisher geschwiegen, trat zu Roßborn, und sagte +bescheiden: ich empfehle Ihnen diesen jungen Mann zu guter Behandlung, er +heißt Clarke und ist ein Maler. Seine Armuth und seine Kunstliebe und ein +in Strandstreet ausgehangener illuminirter Kupferstich von dem reizenden +Hobarttown, haben ihn zu der Habhaftwerdung von so wenig Farben und +Malergeräth hingerissen, als ihm besonders dazu nothwendig waren, seine +Deportation hierher zur Folge zu haben; sonst ist er unschuldig! + +Clarke erröthete hoch. Und Sie, redete Roßborn mich lächelnd an, Sie haben +gewiß auch nichts begangen? -- + +Ich? in der That aber gewiß nichts! erwiedert' ich verlegen. -- + +Also wieder ein unschuldiges Kind! wie heißt es denn? -- + +Lambton! stammelt' ich kleinlaut, meinen Namen unter so drückendem Verdacht +zu nennen. Ich erzählte ihm darauf meine Geschichte, und Clarke wollte sie +bestätigen. -- + +In der Ukraine, wie ich glaube, bemerkte ihm Roßborn, bedarf es Sieben +Bauern, um gegen oder für einen Edelmann zu zeugen; hier ist noch mehr wie +Ukraine! -- Darauf wollt' ich mein entscheidendes Zeugniß, vom Capitain, +Steuermann und Stewart unterschrieben, hervorlangen, und suchte es +dringlich, aber -- vergebens! Das war wohl ein Jammer, und machte mich noch +verlegener und verdächtiger! Der Capitain muß es haben, er wollte es noch +untersiegeln! -- entschuldigt ich mich ängstlich. + +So warten wir auf den Capitain! morgen geht eine Golette ihn aufzusuchen; +sprach Roßborn geduldig und ohne Bitterkeit. Wenn Sie +Lancaster-Schulmeister sind, und nicht Canonieroffizier, Herr Lambton, +kommen Sie uns wie vocirt! Wir wollen nicht hinter Georgtown, uns nördlich +gegenüber, zurückbleiben, das schon seine Lancaster-, ja seine +Sonntagsschule hat. Und wie noch keiner aus dem gefahrlosen Völkchen der +Schneider hieher verwiesen worden ist, so fand ich auch noch nie einen +einzigen Lancasterschüler, und deren Zahl muß doch Legion sein! Selbst +nicht einmal vor Gericht erschienen ist noch je auch nur Einer. Sie sind +also willkommen, Herr Lambton, und gehen indeß mit Herrn Clarke in das Haus +des eben so angesehenen, als reichen Herrn Samuel. -- Während er uns in +seine Schreibtafel aufzeichnete, fragt' er noch, wie alt ich sei. Ich sagt' +ihm: Sie erlauben, daß ich eigentlich erst 5 Jahr alt bin. -- Das hieße +richtiger 5 Jahr jung! Aber wie versteh' ich das? sind Sie ein Riesenkind? +-- Das nicht, erwiedert' ich; aber ich bin an dem raren 29sten Februar +geboren, und Anno 1800 ist der Schalttag ausgefallen, so hab' ich am +letzten 29sten Februar 1816 erst meinen fünften Geburtstag gefeiert. -- Sie +sind also gegen 24 gemeine Jahr alt, nach gemeiner Menschen Rechnung! Ich +wünsche Ihnen auch die Zahl der Lebensjahre gemeiner Menschen! Sie sind +gewiß ein Glückskind! lächelte Roßborn. Alles Andere wird Ihnen Herr Samuel +sagen und erklären, Arbeit und Gehorsam! + +Er empfahl sich diesem, und wandte sich nun zur Versorgung der Andern. +Tydal nahm mit Umarmung und Thränen von seinem Vetter Clarke Abschied. »Auf +Wiedersehn alle Sonntage!« versprachen sie sich. Darauf übernahm Herr +Samuel mich und Clarke. + +Da wir uns Beide, indem wir ihm folgten, noch oft mit bekümmerten Blicken +nach den Zurückgebliebenen umsahn, was aus ihnen werden würde, tröstete uns +Herr Samuel von selbst darüber und sprach: Seid ruhig, lieben jungen +Freunde! Wer hier nicht in tadellose Familien als Hausgenosse und Arbeiter +gegen einen mäßigen Lohn untergebracht werden kann, bekommt sogleich +Mittel, das Geschäft, welches er versteht, anzufangen, bis er es auf eigene +Rechnung vermag, und sein eigenes Hauswesen gründet. Arbeiten lernen, +Menschen werden -- ist ihre Strafe; durch Beleidigung Anderer sich nichts +Böses thun, ihr Pensum. Wer so klug ist, das zu lernen, wozu doch wenig +Kopf und Herz gehört, wird mit Ländereien belohnt, die er sich anbaut. Um +ihm dabei an die Hand zu gehn, bekommt er Neuverwiesene zur Hülfe, die sich +wieder bei ihm Haus, Ländereien und Gehülfen erwerben. Und das so fort. Die +Uebrigen arbeiten für die Colonie. Aber man sollte aufhören, Uns immerfort +neue -- Colonisten zu schicken. Man schicke sie _dem Lande_. Jeder bessert +sich selbst am besten. Die neuen Brauseköpfe stören uns nur zu oft. Wir +sind friedliche glückliche Bürger, unsere Herzen sind ausgeheilt und fest, +ja wir deportiren schon selbst in die Inseln, und allemal steigt uns die +Röthe in's Gesicht, wenn wir ein neues Kronenschiff beilegen sehn. Aber das +gehört noch mit zu unserer Strafe! Denn damit Ihr Euren neuen Hausherrn +kennt, sag' ich Euch unverhalten, daß Ich auch ein Deportirter war. _War_, +wohlgemerkt! Einer von denen, die zuerst hier ankamen, und das Alles erst +mit einrichten halfen, was ihr fertig seht. Ihr werdet es unvergleichlich +besser haben! + +Fast am Ende der Stadt gewahrt' ich einen schönen Brunnen am Wege, und sah +hinein, indeß Herr Samuel vorausging. Was erblickt' ich! Tief und geräumig +ausgemauert und reinlich, enthielt er eine niedrige Pumpe in seinem Grunde; +aus dem vorüberfließenden Bache fiel ein abgeleiteter Strahl in denselben +hinab. In dem davon unten gesammelten Wasser stand ein junger Mann schon +bis an die Lenden umspült; es schwoll allmälig höher und höher, und ich +sahe vor Augen, er mußte zuletzt ertrinken, wenn er nicht pumpte! Er stand +mit übergeschlagenen Armen. Besorgt um ihn, rief ich ihm zu. Er sah empor, +und ich traute meinen Augen kaum, als ich unsers alten ehrwürdigen Rectors +Sohn, den falschen Spieler auf Jamesstreet in London, an dem Gesicht +erkannte, das von der hinabfallenden Helle des Himmels erleuchtet erschien. +Verlegen begrüßt' ich ihn ehrerbietigst, und machte einen Diener nach dem +andern hinab, und entschuldigte mich, ihn hier drinnen gesehen zu haben. Er +aber griff zum Schwengel der Pumpe, und pumpte gelassen und träg, wie ein +vornehmer Herr arbeitet, nur aus Noth, nicht zu ertrinken, mit den Händen, +die vorhin nur Karten gehalten. Herr Samuel, der mich vermißt hatte, kam +zurück, und da er mich neugierig sah, sagt' er: Das ist der Appelmannsborn! +Herr Lambton, worin die vornehmen Sünder an Arbeit gewöhnt werden. Und nach +einigen Monden Uebung werden die Hände gangbar und geschmeidig; jede andere +Arbeit wird ihnen auf diese leicht, und darum werden sie dann auch willig +dazu, und ihr Lebensglück ist gegründet! -- Im Gehen erklärt' er uns +weiter: Ich verschrieb gleich im ersten Jahre Sämereien aus Holland, und +statt des Samens ist der Zettel aufgegangen, in welchem sich jener befand, +und trägt nun gute Früchte! Das Blatt war Seite 302 und 3 aus Philipps _von +Zesen_ Beschreibung der Stadt Amsterdam, wo 1595 unter den vier +Bürgermeistern Reinier Kant, Balzar Appelmann, Bartel Krumhaut und Jakob +Buhlensen das Clarissenkloster in ein Arbeitshaus verwandelt, und Isebrand +Benne, Isebrand Harmann, und Heinrich Bauch zu Zuchtmeistern bestellt +wurden, die alle verstellte Besessene, Taube, Blinde und Lahme von der +Straße durch den segensreichen Appelmannsborn zur Arbeit brachten. Da war +auch »das Zimmer der Unsichtbaren,« als ungerathener Kinder und böser +Weiber, welche der Mann zum Schein in das Bad schickte, die aber +unterdessen hier gebessert wurden, ohne Schande davon zu haben. Ein solches +Zimmer der Unsichtbaren ist nun zwar ganz van Diemensland, aber den +Appelmannsborn können wir nicht entbehren, und mit gutem Gewissen ihn +recommandiren! + +Herr Samuel führte uns am linken Ufer des Flusses hinauf, während er uns +die schönen Meiereien zeigte und ihre Besitzer nannte. Als wir unter +Bewunderung der reizenden Lage bis dahin gekommen, wo der Derwent eine +Wendung nach Morgen macht, wodurch gegenüber ein malerisches Vorgebirge +entsteht, von den frischesten höchsten Platanen bewachsen, wendeten wir uns +links in ein mäßig breites Thal, welches sich sanft nach Abend erhob, wie +ein rückwärts hingelehntes Gemälde. Hier lag seine Meierei in einem großen +Park. Ein klarer Kieselbach rauschte in mehrern kleinen Wasserfällen, die +in der Sonne blitzten, uns entgegen, als wir den sanften Weg hinanstiegen. +Unter blühenden Apfelbäumen standen kleine niedliche Tischchen, Bänkchen +und Stühlchen, um welche viele kleine Mädchen und Knaben versammelt waren, +eine kleine Schule voll, die unmöglich alle Herrn Samuel gehören konnten, +und also Kinder aus der Stadt sein mußten, die hier spielten. Gleichwohl +hatten sie sich allerhand herrliche Blumen und prachtvolle Blüthen +abpflücken dürfen! Die Mädchen putzten sich mit den Granatblüthen, ließen +einander -- diese von ihrer Winterfeige, die andre von ihrer Orange essen. +Die Knaben verfolgten sich mit blühenden Nectarinenzweigen; die größern +liefen fliegenden Eichhörnchen nach; die kleinern kollerten abgefallene +Cocosnüsse den Abhang hinunter, oder hämmerten daran. Jetzt kamen sie um +Herrn Samuel und langten an ihm herauf, und hingen sich an ihn. Das ließ er +zu ihrer Gnüge geschehen. Durch blühende Sträucher und üppige Baumgruppen, +mit unzähligen Singvögeln und Papageien besetzt, kamen wir an eine Brücke, +wo sich das Thal in zwei schmälere Gründe theilte, welche sich in der +Entfernung immer weiter aus einander zogen. Aus jedem derselben rauschte +ein Bach her, welcher sich hier mit dem andern in seiner Natursprache +murmelnd begrüßte und, wenigstens doch vor seines klaren Laufes Ende mit +ihm vereinigt, eilte, die Wasserfälle zu bilden, die uns geblinkt hatten. +Jetzt betraten wir den mit einem sogenannten unsichtbaren Zaune umgebenen +Ziergarten des Parks. Er nahm den Abhang der zwischen beiden Bächen hoch in +der Mitte liegenden breiten Ebene ein, auf deren vorderem Raume ein einfach +geschmücktes geräumiges Wohnhaus uns entgegen schimmerte. Als wir droben +auf dem kostbaren Rasenstück vor demselben angelangt waren, wendeten wir +uns erst, um die Aussicht zu bewundern. Denn wirklich war sie wundervoll. +Uns gegenüber das Vorgebirge mit seinen Platanen; rechts und links zu +unseren Seiten das fruchtbarste, sorgsamst bestellte Feld; vor uns im Thale +der majestätische Fluß, in demselben hie und da kühn und hoch +emporsteigende Felsen, wie Pfeiler einer uralten Riesenbrücke, oben mit +überhangendem Gebüsch gekrönt, von girrenden Tauben bewohnt, und weißen +Wasservögeln umschwärmt. Rechts weiter hinaus der Meerbusen von sanften +Hügeln umlagert, voll immergrünender Bäume; in seinem Schooße die sicher +ruhenden Schiffe von schwarzen Schwänen und Enten umsteuert; uns zu Füßen +die wohlgebauete Stadt, jedes freundliche Haus in seinem Garten, in seinen +Blumen! Und nun erst die röthlichen Ufer des Derwent hinauf; hier +Cocospalmen, weiter hin einzelne Mahagonibäume, die, wie neugierige Kinder, +sich bis an die steilen Abhänge gewagt, sich mit ihren Wurzeln +anklammerten, um hinunter zu sehen; andere, die auf blumigen Hügeln, wie +Wanderer vor Verwunderung, stehen geblieben zu sein, oder dem Fluße immer +weiter entgegen zu gehen schienen, bis wo er in Nordwest aus Marmorfelsen +hervorglänzt. + +Und doch bot sich die schönste Aussicht uns erst _hinter_ dem Hause dar. In +bequemer Nähe lag der reinliche geräumige Meierhof in Frucht- und +Küchengärten; noch weiter hinaus die Schäferei, und hinter derselben die +fette grüne unabsehliche Trift in immer blasserem Schimmer bis hin an die +sonnigen Berge, von Thälern und Schluchten durchbrochen, durch deren Lücken +die fernern Gebirge hereinsahen nach der nie gesehenen, reizenden +Pflanzstadt. -- + +So sieht ein englisches Kind von 15 Jahren aus! bemerkte Herr Samuel, immer +noch mit Vaterlandesstolz, als wir in die schöne Rundansicht versenkt +schwiegen. Hier kann ein Engländer England vergessen! rief ich aus. Wenn er +muß, und dann noch nicht, erwiederte Herr Samuel mit leisem Tone. -- +Wenigstens Rowlandhill mitten im Lande, schränkt' ich ein. -- Rowlandhill! +wiederholt' er. Ihr seid von Rowlandhill? Lambton! frug er mit einem +düsteren Blicke, der keine Antwort begehrte. Er setzte sich auf eine +Marmorbank und zeichnete mit dem Stocke ein T in den Sand, machte ein +Ausrufungszeichen dahinter, und verzog Alles wieder. Wen er aber mit dem H +gemeint, welches er aus Punkten in die Erde gestochen, den schien er +gleichsam durch tiefes Einbohren mit der Spitze des Stockes erstechen zu +wollen. Als er darauf in sich versunken lange sitzen blieb, gingen wir, +schüchtern gemacht, indeß auf das Haus zu. Aus der Thür trat uns eine +reinliche, braungekleidete Alte entgegen, welche mit scharfen Blicken ohne +Gruß an uns vorüber eilte, da eben Herr Samuel rief: »Frau Russel!« Dieß +war also ihr Name, der mehr sagt, als wenn ich sie beschreiben wollte, und +sagen, sie war eine halbe Kalmuckin, rauh, ja roth, hatte dunkelrothe +Backen u. s. w. Nachdem sie mit Herrn Samuel einige Zeit vor ihm stehend +gesprochen hatte, kam sie wieder zu uns und hieß uns willkommen, indem sie +einen Schlüssel aus dem ihr anhangenden Bunde suchte. Wir freuten uns +erstaunend, sie zu sehen, scilicet mit Worten; aber im Herzen war die +Freude noch zu ertragen. Doch muß ich ihr nachrühmen, daß sie so viel +Sittsamkeit besaß, die etwas steile Treppe nicht vor uns hinaufzusteigen; +sondern sie commandirte uns im Rücken wie ein braver Offizier: vorwärts! -- +links! -- über den Saal! -- rechts in das kleine Giebelstübchen mit einem +Bett, -- welches sie mir und Clarken anwies. Clarke wollte einige +Einwendungen gegen das Schlafen in Einem Stübchen und in Einem breiten +Himmelbett machen mit bevorstehenden heißen Nächten, Enge des Bettes; aber +sie entschied: Miß Lisanna könne erst in 14 Tagen mit den neuen Betten +fertig werden, welche sie nähe und stopfe, da ihr die Sorge für den Garten +obliege; und sie selbst habe Haus, Küche und Rauchkammer zu versehen! + +Clarke war roth und verdrüßlich, worauf sie keine Rücksicht nahm. Sie sagte +uns kurz und deutlich, wozu wir im Hauswesen bestimmt seien, nämlich zur +Landwirthschaft! Clarke solle die einjährigen Lämmer hüten, ich aber, +Lambton der Schulmeister, die Rinder! -- Das edle Wort bubulcus, der +Hirtenname Mopsus, das »Tityrus -- sub tegmine fagi« und das »o Corydon, +Corydon!« dienten mir jetzt gleichsam als eine trockene Magenstärkung oder +als Geist gegen den Schwindel; ja ich sahe die geliebte Gestalt »des +göttlichen Sauhirten Eumäus« zu der offenen Thür hereintreten, und mir die +braune magere Hand reichen. + +Clarke war nun zufriedener; er wischte den Spiegel ab, stellte sein +Malergeräth auf dem Tische darunter auf, besichtigte dann das Kamin und +prüfte die blanken Zangen. Ich aber trat, während Frau Russel die Decke vom +Bette nahm, manches Nöthige herbeitrug, manches Unnöthige aus dem Stübchen +hinauspracticirte, an das geöffnete Fenster, und sah in den freundlichen +blauen Himmel, und meine Seele sprach eine in ihrer Kindheit auswendig +gelernte Stelle, wahrscheinlich im Vorbewußtsein, daß sie derselben einst +bedürfen werde: + + Geduld, die seligste der Tugenden, + Ist nicht umsonst! Du kaufst sie nur durch _Dulden_; + Auch nicht auf _einmal_ wie ein andres Gut; + Allmälig wird sie Dein durch Stillesein + Und Tragen, Lieben, Hoffen und Verzeihen. + Der gute Mensch nur kann geduldig sein, + Geduldig werdend, wird er gut zugleich. + Drum, willst Du das, so lern' ein wenig tragen + Und lieben, hoffen und verzeihn; dann immer + Und immer mehr, und immer lieber, bis + Du dieß am liebsten, dieß allein nur thust; + Und also gut geworden, Dir zugleich + Geduld, die seligste der Tugenden, + Erworben: tausend Schätz' um Einen Schatz. + +In der Ferne erblickt' ich eine große Heerde Schweine, und die waren mein +Augen- und Seelentrost! Denn wenn ich bedachte, daß mich Herr Samuel sogar +zum Sauhirten hätte ordiniren können, so dankt' ich billig Gott, welche +unanständige Erinnerung er mir erspart hatte, wenn da droben auf unsern +Anstand auf Erden gesehn wird, wie zu bezweifeln steht. Denn derselbe +Dichter sagt ja schon die Worte, welche mir wieder einfielen: + + Dem Menschen sei ein jegliches Geschäft + So leicht als gleich! Denn jedes gönnet ihm + Ein Mensch zu sein! Das ist die Sache. Wer + Gelebt hat, der hat viel gethan, der war viel, + Viel in der Halle dieser schönen Welt! + Drum denket würdig von dem Menschenleben, + Und würdig denkt von Euch, ihr Lebenden! + Ein heil'ges Wesen ist, wer diesen Aether + Einathmet! Unter diesen goldnen Sternen + Ist Niemand groß noch klein, nur göttlich Alles! + Und Niemand ist gering, wer dieß erkennt; + Der Erde ew'gen Schätzen gegenüber + Ist Niemand reich; dem Himmel gegenüber + Ist Niemand arm! und Keiner ist verachtet, + Den selbst Allvater für sein Kind erkennt, + Wer ihn darf Vater nennen, und das hört er + Von Allen gern. + +Ich hatte heut mein Morgengebet nicht verrichtet, und ich bat den Himmel, +jetzt diese apokryphen Worte dafür anzunehmen, nachträglich. So bedurfte +ich nun kaum des Trostes, den mir die alte Russel einsprach: ich würde +nicht so viel Noth mit dem wohlgewöhnten verständigen Viehe haben, als +vielleicht mit mancher lieben Schuljugend! Es sei das schönste Vieh van +Diemenslandes, und die Häute davon gingen bis Port Jakson, Ostindien, auf +das Cap, ja bis Altengland. Selbst Se. Majestät könne vielleicht Stiefel +davon tragen! vielleicht auch nicht! -- + +Alles das konnte mir so einerlei sein, wie den Häuten selber. -- Sie eilte +darauf, Clarke mit seinen Lämmern, und mich mit meinen gehörnten Zöglingen +bekannt zu machen, die ihren neuen Präceptor anbrummten und berochen. -- +Das rothe Tuch Eurer Uniform macht sie nur scheu, belehrte mich Frau +Russel; morgen sollt' ihr einen ihnen bekannten Anzug, die Namensliste und +Stammbäume des nobeln Viehes erhalten, damit Ihr Euch schätzen lernt. -- +Ich erwartete das. Clarken gefielen seine Lämmer, die sie durch die Beine +herausließ und ihm vorzählte. Wir freuten uns auf die schönen Tage, die +heitern Berge, und die stille Zeit des Hirtenlebens. + +Ueber all' dem Umsehn und Einrichten war die Mahlzeit herangekommen. In dem +Unterzimmer war ein großer Tisch für Alle im Hause gerüstet, woran gewiß +Herr Samuel präsidirte, für welchen der mit rothem Sammet und goldenen +Zwecken beschlagene Sessel hingestellt ward. Aber er selbst erschien diesen +Abend nicht. Dagegen begrüßten uns neugierig und schalkhaft ein Paar andere +von dem Hausgesinde, wovon Einer, der Kleine, eine wahre Diamond-Edition +von Spitzbuben schien! Noch trat Jemand zum Gebet mit an den Tisch, den +Frau Russel unter dem Anruf »Herr Doctor Toland« einlud, heut Abend den +Wirth zu machen. Sie beteten darauf das in Altengland gebräuchliche Gebet: +von den jungen Raben, denen der Herr ihre Speise giebt zu seiner Zeit; und +der kleine Dieb betete bei den abwechselnd einfallenden Stimmen, diese +Worte grade allein. Mehrere schlanke, kernige, schöne Mädchen, sichtlich +von dem schönen Malayischen Menschenstamme -- »Race« getrau' ich mich von +den lieblichen, edlen Geschöpfen nicht zu sagen -- kamen noch während des +Gebetes herzu, und trockneten sich die Hände. Zuletzt aber kam die +wiederholt gerufene Miß Lisanna, leise wie eine Erscheinung, und darum uns +so plötzlich, so überraschend! Hocherröthet, nach schüchterner Verbeugung +setzte sie sich auch an den Tisch, mir und Clarken gegenüber -- an ihre +Stelle. Wie die Weiber sind, hätte sie uns gern angesehen, welches aber +Clarke's offenes lächelndes Gesicht ihr unmöglich machte, so oft sie es +unternehmen wollte. Meine Augen fanden an Clarke den einzigen Haft und +Trost. Als ich jedoch am Ende der Mahlzeit von dem Herrn Doctor Toland +eingeladen ward, auf Sir -- ich hörte recht -- Sir Samuels! Gesundheit zu +trinken, getraut' ich mich Miß Lisanna anzusehen, die von meinen Blicken, +wie ergriffen auf einem Verbrechen, überrascht zusammenschauderte, und eine +Minute lang mit vergehenden Augen da saß, still und blaß wie ein schönes +Marmorbild aus Sir Horazio's Bibliothek. Clarke trat mir auf den Fuß -- wie +Mistriß Distreß im Schiffe, und trank mir zu. Dabei fiel mir der +Schulmeister schwer auf das Herz! Ich hörte wieder das »Schade, Schade!« +Dennoch segnet' ich meine glänzende Interims-Uniform, die mir doch +wenigstens einen seligen Augenblick, die aufkeimende Neigung, das Sprengen +der Knospe ihres Herzens, bei einem so schönen jungen Mädchen zu schauen +vergönnt, wie Miß Lisanna! Denn aus Ovidius wußte ich, daß eine gewisse +allmächtige Leidenschaft mit Erschrecken und Zittern, mit Furcht und Beben +beginnt. Auch aß sie keinen Mundbissen. Auch ich war satt, und wußte doch +nicht von was. Ich vergab daher endlich auch ganz und gar der Marion, die +selbst den rothen Daniel dem schwarzen Lambton vorgezogen, und wünschte ihr +fröhliche Sechswochen. Nur die 100 Pfund! die 100 Pfund brannten mir auf +dem Herzen! Besonders seit Roßborn meine Vollmacht, sie zu heben, kannte, +und Ich die 100 Pfund redlich gezeigt, aber grade zum Schaden meiner +Redlichkeit! -- Miß Lisanna ging zeitig vom Tische, sagte leise gute Nacht, +und sah sich selbst in der Thür nicht einmal um, so sehnsüchtig ich nach +ihrem Blicke war! Denn -- ach, sie ging! sie sahe nicht auf, mich nicht an! +sie wird mich nie wieder ansehen! Heut ist mein letzter Ehrentag -- morgen +trag' ich den Tityrus-Rock! stöhnt' ich, und ballte die Faust in der +Tasche. Wehmüthig ging ich mit Clarke zu Bett, der mich frug, was ich so +verzweifelt aussehe! Er legte nur Rock und Stiefel ab, schlüpfte in das +Bett, legte sich hart an die Wand und schlief seufzend ein. Vielleicht +seufzt' er gar auch nach Lisanna! Ein Maler versteht sich auf Schönheit, +und schön ist er selber. Darum fühlt' ich die schrecklichste Eifersucht und +Todesangst im Voraus, als er im Schlafe näher und nahe an mich rückte, +seinen Arm um meinen Nacken schlang, und mich, noch lange gedankenvoll +Wachenden, drückte; ja er wollte mit seinem Lockenkopfe auf meiner Brust +ruhen! Jetzt ward ich ernstlich böse -- aber die Hand ließ ich doch dem +armen Schelm in seiner. Er liebt ja Lisanna! -- Also Lisanna! das arme +Kind! du armer Lambton! unterbrach ich unwillkürlich mehrere Male mein +Nachtgebet, bis Sir Horazio's Marmorbilder, Lisanna, Theano, die alte +Russel, die Wasserhose, der Gott Tangalon, Roßborn, Sir Samuel, Lämmer und +Rinder mich in holder Verwirrung umgaukelten, und in den Schlaf brummten, +blökten, blickten, erschreckten, und entzückten -- jedes nach seiner Art. +-- + + * * * * * + +Sonnabend Abend. + +Man soll nicht aus der Schule schwatzen, denn wie die Weiber sind; aber aus +der Schule, die ich von dem andern Morgen an, den ganzen Tag über alle Tage +mit dem lieben Viehe hielt, will ich gern kein Wort verrathen. Doch ging es +im Ganzen besser, leichter und lustiger, als ich mir vorgestellt, und die +bekannte Methode, mir Ordner, auch unter den Ochsen zu wählen, bewährte +sich auch hier. Wenn nur die vermaledeiten Bremsen nicht waren! Denn es war +zum Verzweifeln, wenn die Ordner an der Spitze, und dann die ganze Schule +stückweise davon galopirte, durch allerhand Sorten Getreide, wie Hannibals +Ochsen. Ich wartete es geduldig ab, ohne mich mehr, wie das erste Mal, in +Galop zu setzen, wo ich gleichsam mitbieselte, mit aufgehobenem Stocke. +Denn der deportirte Pudel, Herr Phylax, nahm sich darauf meiner an, wie ich +mich seiner durch Crabben verlassenen Person angenommen, und sammelte +wieder die keuchenden Schüler. Wenn nun die gewaltigen Thiere, wie so viel +Joves, auf solche Ermüdung lange nicht fraßen, sondern sich hinlegten, so +waren die Bremsen meine Götter, die mir diese Ruhe »machten.« Doctor Toland +gab mir endlich ein Kraut, es den Thieren anzuhängen. Er ist ein +Menschenfreund! + +Clarke sahe meine Angst jedes Mal von weitem, mitten unter seinen +geduldigen Lämmern, und ich verstand an seiner Bewegung recht gut, daß er +sich todt lachen wollte. Ich bedauerte ihn, und dachte; Schafe hüten ist +keine Kunst, aber Rindvieh. -- Lisanna brachte uns das Mittagsessen in's +Feld, und sie tröstete mich freundlich, ob sie gleich nur mit Mühe das +Lachen verbiß; die Thränen aber standen ihr in den Augen. Betrübt und +ernst, wie ich wohl Ursache hatte zu sein, sah ich vor mich nieder und +hätte auch lieber geweint. Dann wußte sie es zu machen, daß sie beim +Hinreichen des Korbes meine Hand berührte, oder ich die ihre mit faßte -- +darauf enteilte sie. Sie ist ein Engel, der Engel Tobiä! sprach ich zu mir, +während ich mich in die Blumen zum Essen setzte und ihr nachsah, und sah -- +wie sie neben Clarke sich setzte! und lange mit ihm sprach! Das war auch +ein Jammer. Doch wenn ich unterdeß im Grunde des Körbchens noch Orangen, +Feigen und frühe Nectarinen fand, die sie mir versteckt: so wußte ich +nicht, was ich denken sollte. So lieb mir sonst Clarke war, so verhaßt und +täglich verhaßter ward er mir nun. Traf uns Lisanna zuweilen beisammen, +setzte sie sich zu uns, so sprach sie mit Ihm, sahe Ihn an, während der +Wind ihr das schwarze Haar über die Wange wehte, oder ein Wolkenschatten +über uns hinflog, und sie wieder hervorglänzte, als verkläre sie sich und +schwebe. Das Alles mußt' ich mit ansehn! Und sie bemerkte, ohne +herzublicken, daß ich sie ansah; und doch sahe sie mich nicht an, und +sprach nur desto holdseliger mit ihm, und lächelte so hold, so lieb! Wenn +Clarke nicht dabei gewesen, wäre ich ihr vielleicht um den Hals gefallen -- +vielleicht auch nicht, wie die Russel sagt. Und doch verdroß es mich von +Ihm, wenn er so unbescheiden war, ihre Hand im Gespräch zu ergreifen, ja +ihr die Locken aufzurollen, wenn sie zwischen uns saß, aber immer näher an +seiner Seite. Erbittert stand ich dann auf, und schlug nun erst das Rind, +das zu Schaden fraß, wozu ich vorher nicht Zeit gehabt; so pflichtvergessen +konnt' ich sein! Dann aber blieb auch Lisanna nicht bei Clarke, und das war +mein ganzer Trost. Kurz an meiner Eifersucht merkt' ich, daß ich -- daß ich +-- armer Lambton! Ich hätte das nie gedacht, ach -- weil ich es nie +gefühlt, ja nicht geträumt -- das Wort, das umgekehrt Roma heißt! Mehr kann +ich nicht sagen, ich schäme mich vor mir selber. Auch sucht' ich mir nichts +merken zu lassen. Aber Clarke hatte zu schlaue Augen, und lachte mich aus, +wenn wir allein waren. Er versicherte mich, von Ihm hab' ich nichts zu +fürchten, und dabei sah' er so ehrlich aus, daß ich ihm gern geglaubt +hätte, wenn es ihm nur nicht wiederum auch lieb geschienen, daß ich +eifersüchtig auf ihn war. Warum? war mir undeutlich. Er ist einmal ein +eigner Mensch. Grade so wie er aussieht, liegt ein schöner marmorner +Jüngling auf einem gesteppten Pfühl in Sir Horazio's Bibliothek. Ich +dächte, er nannt' ihn einen Aphroditenhermes. So war's doch; und so ist +Clarke. Und hatte sich ihm Lisanna nicht halb vertraut? Denn er wußte und +sagte mir: daß sie nicht Sir Samuels Tochter sei, daß sie der Frau Russel +als ihrer Pflegemutter am nächsten angehe. Denn weder Findelhaus, noch +Waisenhaus gebe es in Hobarttown. Was bedürfe aber eine Waise dringender, +als Eltern, oder doch einer Mutter, so arm sie sei, und Pflege, Lehre und +Liebe, so gering sie sei. So gäbe man Waisen an gute kinderlose Eltern, um +Zweien so gut, wie möglich, zu helfen. Und mit schwerer Hand freilich, aber +doch thu' ihr Frau Russel alles Gute. Dagegen bleibe Sir Samuel so launisch +gegen sie, daß sie ihn durch die größte Stille, den emsigsten Fleiß bis +tief in die Nacht, doch nimmer zufrieden stelle. Es sei ihr drückend, daß +er ihr Alles wie nur aus Erbarmen gewähre, ja zuwerfe -- doch hasse er sie +nicht! Er beweise ihr wiederum so viele, viele Güte, Zärtlichkeit, ja etwas +Wehmüthigeres, als Liebe, ach, nur nicht lange! Er halte ihr Lehrer -- und +schicke sie wieder fort! Er lasse sie sticken und zeichnen -- und verderbe +ihre Zeichnungen und Stickereien! Oft schenk' er ihr schöne Kleider, und +sehe sie gern darin; dann müsse sie sich einfach, ja schlechter tragen als +die malayischen Mädchen Talo und Ofa, und sehe sich bloß in die Küche +verwiesen, und dürfe selbst nicht am Tische erscheinen, woran doch sogar +der kleine arge Hobday esse, und Talo und Ofa, und nun Herr Clarke -- und +Herr Lambton! -- -- Das Alles that mir zu hören noch mehr wohl, wie weh! +Denn wie sich zur Liebe für dieß schöne gute Wesen noch Mitleid gesellte, +dann schmolz mich gleichsam ein wehmüthiges Gefühl; und hatte ich sie +bisher schon geliebt, jetzt hätte ich sie fast angebetet. Aber Sir Horazio +sagte, wenn er von den schönen Madonnenbildern in Italien sprach: »Ein Weib +werde mehr, wenn sie nur ein Bild erscheine! Denn das Vollkommene sei sich +allein immer gleich, und darum auch in vollkommener Ruhe. Darum erlangten +die Todten auch schon etwas Heiliges und Göttliches über uns, die wir mit +zitterndem Herzen vor ihnen stünden, sie beweinen -- und ahnen: daß +vollkommene Ruhe vollkommene Seligkeit sei. Und der Todte sei ein +göttliches Bild, und ein Bild ein göttliches Todtes. Wenn nun ein Weib uns +anders nahe, als in der Gestalt, in welcher wir sie zuerst geliebt; wenn +sie nun auch gehe, esse, schlummere, rede, nur ein anderes Kleid anlege, +dann werde sie gleichsam so vielmal verdoppelt, als wir sie anders in +anderen Tagen gesehen, und es fehle ihr die eine, die selige Gestalt; +Deßwegen bete man jene Bilder wohl an, weil sie nur Bilder sind.« -- Sonst +glaubt' ich Ihm das fast; jetzt -- jeden Tag weniger, da ich an Lisanna +sehe, oder an meiner Seele, daß die Liebe ein immer Neues, Schaffendes, +Belebendes ist -- und die Liebe ist ja das Vollkommene! und doch ist mir -- +mir Lisanna's erstes Bild das liebste von allen, welche ich von ihr in +meiner Seele, wie in meiner wahren ruhigen Wohnung aufstelle, oder wie in +einem Rahmen an den Orten wieder erblicke, wo sie mir in andrer Gestalt +erschienen. Und so habe ich schon eine Madonna mit dem Sympathievogel, eine +mit dem Schnabelthier, eine mit dem Lamme, und eine mit Lambton; also vier +Gemälde, so gut wie Sir Horazio, die ich mit seinen nicht vertausche; und +vielleicht kommen noch mehrere hinzu -- vielleicht auch nicht! + + * * * * * + +Sonntag Abend. + +Unsere Englischen Geistlichen haben den Vers verkehrt verstanden: unser +Herr Gott arbeitete sechs Tage an der Welt und ruhte Einen; sie arbeiten +_Einen_ und ruhen _sechs_. Nur den armen Schulmeistern hat man den Text +richtig ausgelegt. Immer freut' ich mich daher auf den _Sonntag_; und wenn +ich ihn wieder herangelehrt und gekämpft, und noch müde vom Joche ihn früh +für einen gewöhnlichen Tag hielt, bis ich den Küster hereintreten sah, den +kind-hohen Kirchenschlüssel auf den Arm gehangen -- dann ward mir gleich so +wohl, so feierlich zu Muth! Himmel und Erde sahen mir auf einmal so +geistlich, so geschmückt aus, und wenn es auch draußen neblig war, daß ich +die Lindenstämme vor meinen Fenstern nicht sah. Heut' ist mir wieder so +wohl! Es ist Sonntag in der ganzen Welt, auch für Clarke und Lambton, und +jeden geplagten Schulmeister, wie für die Ochsen und Schafe; und der Mensch +läßt seinen frommen Sinn auch der Natur angedeihen, selbst dem fühllosen +Pflug' und dem bräunlichen Acker. So ist denn das Christenthum wahrlich +auch denen gegeben, die es nicht verstehn! nur genießen -- der ganzen Welt. +Also Sonntag! + +Neue Verlegenheit! In meinem Bubulcus-Gewande konnt' ich doch heute nicht +hinunter zu Sir Samuel gehen, und in meiner Uniform -- schämt' ich mich. So +saß ich allein auf dem Bett in allerhand Gedanken; denn Clarke war schon, +dacht' ich, bei Lisanna -- als Frau Russel herauf kam, mich zu holen. Denn +es sei Pflicht, daß jeder Deportirte zur Kirche der Deportirten gehe, Herrn +Patrik zu hören; übrigens sei der Sonntag unser. So erschien ich denn in +Galla. Alle saßen bereit in Sonntagskleidern. Lisanna stand auf und holte +das Frühstück. Wie ihr das Leibband nachflatterte! wie lieblich ihr der +englische Hut stand! wie freundlich Sir Samuel war, als er sagte: Sonntag +mag Euer Rock passiren, Herr Lambton, dann hab' ich Respect vor Euch; +wochentags verlang' ich ihn vor _mir_. Das schien auszudrücken, daß, wie +die heidnischen Römer bloß an den Saturnalien schon ihre Diener bedienten, +Er als ein Christ alle Sonntage mich so gut hielt, wie sich, als wenn alle +Menschen gleich wären! Gott segne ihn! Nur ob Lisanna nach meinem oder +Clarke's Bilde im Spiegel sah, das möcht' ich wissen! Aber sie lehrte mich +dadurch, sie unbemerkt anzusehen. Dann gingen wir Alle zur Stadt, und die +malayischen Mädchen bewahrten das Haus. Denn sie beten noch den Donner an, +aber Ofa nur dann, wenn es einschlägt; daher sagt Sir Samuel: sie haben +keine Religion! Ich soll eine Sonntags-Schule anlegen, und Talo +unterrichten, auch Lisanna soll zuhören! Wie wird Sie meine Seele erheben! +-- + +Im Vorübergehn zeigte uns Frau Russel die Kirche, in die Ich und Clarke zu +gehen hätten! Lisanna seufzte schwer -- vielleicht über mich -- wendete +sich ab, und sah zu den Wolken. Doch mir ist diese gute List zu wohl +bekannt: hinauf zu sehn, wenn man weinen möchte und nicht darf, und die +Thränen Einem in's Auge treten! sie verziehn sich dann, oder man kann sie +der Blendung zuschreiben, oder niesen. Ach, wenn sie nur wüßte, nur +glaubte, daß ich _unschuldig_ bin! Brächte nur die Golette den Capitain +York! das wünscht' ich sehnlich. + +In der Kirche fanden wir alle unsere Gefährten, die uns heimlich und +freundlich grüßten. Ihre Gesichter schienen verwandelt, diese heitrer, jene +ernster, aber alle gefaßter, ruhiger -- sonntäglicher! Auch ihre sauberen +Kleider erfreuten mich. Ich konnte mir gar nicht mehr einbilden, daß ich +der einzige Unschuldige unter ihnen sei! Der englische Geistliche betete +uns dann die Collecten, Psalmen, Bibelabschnitte, die Litaneien, die +mosaischen Gebote und das Vaterunser mit Ausdruck zwar, doch mit +unerhobener Stimme vor; denn er schien alle seine Kraft für die Predigt zu +sparen, und dazu braucht' er sie wirklich. + +Denn diese »Verdammten-Predigt« -- (condemned Sermon) -- die Uns zum Leben +und nicht zum Tode bereitete, die ich mir darauf von Herrn Patrik in der +Handschrift ausbat, und jetzt mir hier, hoffentlich zum Andenken, in mein +Reisebuch einschreibe, lautete mit allen, von der Vernunft gezogenen +himmlischen Glocken also: + +»Meine Herren Deportirten! und Brüder in Christo! Vielleicht Handwerker, +Pächter, Gentlemen, Esquires und was weiß ich . . . . . . aber gewiß: +Spitzbuben, Mörder, Auferstehungs-Engel oder Teufel, falsche Spieler, +Banknoten-Pfuscher, Brandstifter und Kinderräuber -- -- -- -- Ihr wundert +Euch, daß ich Euch bei Eueren Namen nenne? Doch Ihr seid nur hier, weil Ihr +Euch früher nicht selbst so genannt, noch ein Anderer! Darum muß ich Euch +nun mit schwerem Herzen so nennen! Hier ist das Land, wo man die Menschen +kennt, und Jeder sich selbst. Denn die Liste seiner Sünden kommt als seine +Ahnentafel, sein offener Pathenbrief mit ihm in diese neue Welt. O daß er +Euch so bei Eurer Geburt in die alte Welt wäre mitgegeben worden, Jedem so +mitgegeben würde, dann könnten Eltern und Erzieher sich danach richten, +dann kamet Ihr nicht hierher vor meine Kanzel! O Gott! o traurige Wallfahrt +der Menschheit aus dem Paradies in das Himmelreich! + +Nun laßt mich offen zu Euch reden! Und Ihr, höret mich offen an! + +_Erstens_, verschreibe ich Euch das allervortrefflichste Mittel gegen das +Heimweh. Es wächset im Walde und heißt -- der Galgen, der Euch in der +Heimath erwartet, wenn Ihr vor der Euch bestimmten Zeit zurück -- flieht. +Ihr könnt auch hier in die Berge fliehn zu den Wilden, wenn Ihr, die Ihr so +lange gegessen habt, auch einmal wissen wollt, wie dem ist, der gegessen +wird. Also bleibt in der Lehre und Zucht! entlauft nicht von der Bleiche, +als halbe Mohren, als Seelen-Mulatten! -- + +_Zweitens_, erinn're ich Euch und frage: haben Euch Euere Todfeinde je so +viel Herzeleid und Schmach angethan, als Euere Laster? diese falschen +Freunde und süßen Schmeichler des Bösen, die für Eine angstvolle Lust nicht +unter Ein Hundert Schmerzen bereiten. _Sie_ setzten Euch gefangen, sie +brachten Euch Verwünschung und Verachtung, Enterbung und Verweisung; Sie +machten, daß Ihr zum Weinen jämmerlich hier vor mit dasteht! Erkennt sie +nun, und jagt sie aus Herzen und Haus! -- + +_Drittens_, vergleiche ich Euch mit jener Palme in Japan, die keine Nässe +verträgt, sondern davon verdorrt. Nichts Anderes hilft sie herzustellen, +als sie auszureißen, sie dürren zu lassen, und dann in eine im Sande +bereitete Grube zu setzen. Da, im Trockenen grünen ihre Zweige wieder +saftig, und kräftig trägt sie auf's neue die süße Frucht. Wieder vergleiche +ich Euch mit dem Trauerbaum in Indien, der nur blüht, wenn die Sonne +untergegangen, und vor dem Tage die Blüthen abwirft. Ich vergleiche Euch +mit den Giftpflanzen, die meistens in sumpfigen Gegenden wachsen. Wenn man +sie in reinen guten Boden versetzt und anbaut, verlieren sie ihr Gift. Der +weise König Salomo sagt: sie schlafen nicht, sie haben denn Böses gethan; +sie ruhen nicht, sie haben denn Schaden gethan -- so sage ich Euch denn, +die Ihr Beides: Uebels und Schaden gethan: so schlaft denn! so ruht denn! +-- + +_Viertens_, dinge ich Euch, Ihr Tyburn entfloh'nes Gesindel, _gewesene_ +Räuber! _gewesene_ Mörder! Für Euch ist kein froheres, kein trostreicheres +Wort, als das sonst so furchtbare, die ganze Natur zerstörende Wort: +_gewesen!_ Nach Allem was der Mensch gethan, gelitten, geliebt und gehaßt +hat, bleibt er ein Mensch! Und was könnt Ihr mehr sein wollen, als: +Menschen? Aber wollt auch Menschen sein! Nicht was Ihr _bis hieher_ +gewesen: Füchse, Luchse, Marder, Maulwürfe, Schlangen und Ottern. Streift +alle die Häute ab, und verwandelt Euch in Menschen! Bildet Euch etwa nicht +ein, daß es _lebenslängliche_ Mörder, Ehebrecher und Diebe giebt, wie es +Thiere giebt, die zeitlebens Hyänen, Böcke und Raben bleiben bis auf den +letzten Pelz und die letzte Mauser. Bilder Euch also nicht ein, daß Ihr +bleiben müßt, was Ihr vielleicht nur Eine Stunde waret! Denn welcher Mensch +weiß am Morgen, was ihm des Tages über begegnen wird? Was er denken, +empfinden, beschließen, welcher Mensch, welche Lust ihn reizen, welche +Leidenschaft seine Seele empören wird! Ach, -- ich hoffe, ich wünsche es -- +Alle haben die Nacht zuvor in Frieden geschlafen, ihr Morgengebet +verrichtet und auch die Worte gesprochen: Führe uns nicht in Versuchung! +Aber die Leidenschaft ist wie der Wind, von dem Niemand weiß, woher er +kommt und wohin er fährt, und Jeder hört doch sein Brausen. Doch sein +Vorüberziehn richtet oft Grauses an, wirft um, was nicht mehr aufgebaut +wird, wie ein Todter nicht wieder erweckt wird. Und so ist auch der böse +Mensch _kein Fehler_ -- er fehlt nur! ein Mensch fehlt! ein Mensch hat +gefehlt. Die Menschen sind Raqueten, die gefüllt und trocken ruhig an dem +Gerüst des Lebens hängen, bis ein Funke sie entzündet. Die Menschen sind +Kanonen, die nur donnern und morden, wenn sie losgebrannt werden; sonst +stehen alle umher und schlafen wie die Menschen -- ach, und wer es sich +nicht eingebildet, von wem man es nie gedacht hat, den führt man am Abend +in Ketten herein, als leichten oder groben Verbrecher. -- Ihr seid +losgebrannt -- entladen! Ihr seid hereingeführt. Wer wird nicht aufgeweckt +aus seinem schläfrigen Lebensgange, wenn er einen Fehltritt that? etwa +einen tiefen -- von der Höhe der Menschheit plötzlich herab? Wem schlägt +das Herz nicht, der geraubt und gemordet hat, wenn er auch nie mehr von dem +schlafenden Engel in uns, von dem Gewissen gewußt hätte als seinen Namen! +Wem droht dann nicht sichtbar ein Finger vom Himmel? Wer hört den Vater +nicht, wenn er sich an dem Kinde vergriff? Wer erkennet den Gott nicht, +wenn er des Teufels war? Glaubt mir, meine Brüder in Christo, immer noch +von der Gesellschaft Jesu, Spitzbuben, Räuber und Mörder, Ihr habt hinfort +mehr Anspruch und Hoffnung auf ein ruhiges, ja seliges Leben, als alle die +Millionen _Schlafwandler_, die noch gut heißen, weil sie schlafen. Ja, sie +sind darum vielleicht werther und bedürftiger als Ihr, meine Predigt zu +hören. Denn ich verbürge nicht hier mit meiner Sanduhr, daß in 8 Tagen auf +der ganzen Erde nicht Hundert -- eingeführt sind, die heut, jetzt noch sehr +liebe Männer scheinen, und vielleicht sind. Ihr stahlet -- dieweil Ihr +schliefet! Ihr habt aber das ewige heilige Gesetz, Ihr habt den Gott in +Euch erfahren, Ihr fühlt ihn noch und immer, der da heißt: Licht, Rath, +Kraft, ewig Vater, Friedefürst! Das Herz des Menschen ist voll Irrthümer. +Der Tag, wo Ihr keinen einseht, ist ein verlorner. Denn wenn Christus +selber sagte: »was nennst Du mich gut? Gott allein ist gut,« so kann unser +Bestreben nur sein: _besser_ zu werden, aber immer besser, ohne Ende, ohne +Ermüdung, ohne müßige Zufriedenheit mit uns selbst; und in diese verfielen +wir, wenn wir leidige Menschen je glaubten _gut_ zu sein. Und wie sehr, wie +rasch könnt Ihr Euch bessern! und wie viel Irrthümer habt Ihr abzulegen! +Ich wünsche Euch Glück dazu! Der Wille besser zu werden, der ja ein guter +Wille ist, wenn nicht mehr, vertilgt durch sich selbst alle Sünde, und Eine +gute That aus vollester Seele ist allen guten Werken gleich. Denn _das +Gute_ umher in aller Welt schafft Gott. So ding' ich Euch denn und geht Ihr +spät zur Arbeit in den Weinberg -- Ihr sollt auch noch eueren Groschen +bekommen. + +_Fünftens_, tröste ich Euch: Was Ihr auch gethan habt -- Gott hat es +ausgeglichen! Wenn den Menschen die Leidenschaft -- der Teufel -- ergreift, +dann ergreift ihn ihrerseits der Gottheit Hand, damit er Andere und sich +nicht ganz verderbe, im Gegentheil ihnen nütze. Der Mensch ist und wird so +lange unmündig, als er seiner Vernunft nicht mächtig ist; und der +Ober-Vormund Aller wird, bis sie wieder hell ihn erleuchtet, auch der +seine. Die durch Euch Verarmten hat er wieder reich gemacht, wenn sie nicht +besser arm blieben! Denen Ihr die Tochter oder den Sohn geraubt, die hat er +wieder mit Kindern gesegnet, wenn Ihr jene nicht raubtet _zu ihrer Strafe_, +um Eltern und Kindern so auf besonderem Wege das ihnen von Gott zugedachte +Gute zu thun. Die Ihr getödtet, sie schlummern ruhig in seiner Erde, und +ihre Geister leben in seinem Geist. Und doch hat Er Euch dadurch +aufgeweckt. Eine _Seele_ auferwecken ist ein größeres Wunder, als einen +todten Leib erwecken -- sagt Augustinus recht sonderbar nun hier, nun heute +durch mich und aus mir. Gebt in den Sarg der vergangenen Tage alle eure +Werke mit! Seien sie todt und begraben. Ihr aber _erwacht! erwacht! +erwacht!_ und wandelt in einem neuen Leben! + +_Sechstens_, frage ich Euch, arme Sünder, wo ist ein Mann dem Gesetze +verfallen, der eine Million Pfunde oder Menschen commandirt? Wann ist eine +Prinzessin an den Pranger gestellt worden? Wo ist ein Königssohn gehangen +worden? -- außer in China. Ihr seht also, welche durchgängig tadellosen, +welche vortrefflichen Leute die reichen Leute sind! wie leicht ihnen der +_Anstand_ wird; wie keck der Arme ist, weil er Nichts hat. Vor dem +_Gesetze_ sind Alle gleich, das ist die große Lüge in den Welt-Menschen, +die die Welt-Menschen schon allein verdirbt. Geben die Georgen, unsere +Könige, einem zudringlichen Bettler eine Maulschelle, das ist nur Rang- und +Machtvollkommenheit; aber giebt ein beleidigter armer Schuster dem Bischof +Eine dergleichen -- welcher Gottesschänder! Aber ich sage Euch: Der +Mächtige und Wohlerzogene, der Unrecht thut, ist doppelte Streiche werth; +werth, doch bei dem Werthe verbleibt es. Der gemeine Mann, der arme Mann +sollte, um pari zu wiegen, wenigstens tausendmal besser sein als der +Reiche. Denn Netto und Sporco-Gewicht ist erstaunend verschieden. O Brutto! +O Tara! Ihr Netto-gewogenen, Ihr seid darum alle wahrscheinlich arm, und +dumm, weil Ihr bös, und bös weil Ihr dumm war't: Drei Fehler, wovon schon +Einer den Menschen in der Gesellschaft zu Grunde richtet, aber alle Drei +ihn gewiß aus Altengland nach Vandiemensland bringen. Darum werdet reich! +Ich sage reich: an Verstand, klug im Sinn, gut von Gemüth -- um keines +Gesetzes, also auch keines Richters mehr zu bedürfen, als dessen -- der im +Verborgenen richtet; und Ihr -- werdet die Wahrheit erkennen; und _die +Wahrheit_ wird Euch frei machen. Also sonst Nichts, aber sie gewiß! + +_Siebentens_, fordere ich nicht von Euch, daß Ihr Einen Fehler ablegen +sollt. Denn die ganze Welt konnte es bis heute noch nicht. Und welche +Veränderungen auf der Erde würd' es hervorbringen, wenn alle Menschen nur +Einen Fehler ganz ablegen wollten! zum Beispiel: nur den groben Mord, das +Tödten! -- Aus wäre Krieg und Streit, das Himmelreich begönne auf Erden, +als da, wo es eben bloß nöthig ist, und nicht im Himmel. Was halfen bis +jetzt alle spätere Propheten seit Moses, was selbst allein und für sich +ohne _Thäter_ des Wortes, die göttlichste Lehre. -- Das Menschengeschlecht +steht noch, Auge um Auge, Zahn um Zahn fordernd, am Berge Sinai, es ist in +der Hauptsache: in der Menschen-_Liebe_ kaum einen Schritt aus seiner alten +Wüste geschritten, trotz der unendlichen Mühe von hundert Orden (etwa von +Malta) und tausend Klöstern, trotz redlicher Päpste und löblicher Clerisey, +trotz Wiklef, Knox und Warden bis heute auf mich herab, der ich im +Kehrwinkel der Welt hier stehe vor Mördern predigend! Untersteht Euch zu +leugnen, was ich sage! Seid nur ruhig! Denn darum verlange ich nicht, daß +auch Ihr Einen Fehler ganz ableget -- sie werden _alle zugleich_ nur +seltener, nur schwächer -- legt Alle nur erst _ein wenig_ ab -- ich meine: +bezwingt sie, dämpft sie, leitet sie ab! Laßt den Mord -- eine Ohrfeige +werden -- dann die Ohrfeige wieder ein sanftes Streicheln der Wange; den +Ehebruch: ein Anlächeln, dann das Anlächeln ein Auslachen; den Raub: ein +bloßes Handausstrecken, dann das Handausstrecken -- ein Handeinstecken; den +Verrath ein Lallen mit der Zunge, dann das Lallen: ein Schweigen. (Und das +Alles als das halbe Werk, bis die Zunge _Gutes_ spricht, die Hand _giebt_, +der Fuß zur Rettung eilt.) So wie Oben gesagt, so thut die Welt, so thun +die Bessern selbst und heißen die Guten, bis sie _besser_ werden. Denn ohne +Sünde ist Keiner! und auch nicht Einer! + +_Achtens_, warne ich Euch: seid nicht so anmaßend zu glauben: Ihr leidet um +Eurer eigenen Fehler willen! Dazu seid Ihr die Leute nicht! Ihre eigenen +Fehler büßen nur die größten Männer aller Zeiten, und genießen ihres +eigenen Guten. Das Menschengeschlecht ist so verwickelt, so in einander +verwachsen, aus tausend Absätzen zu einem einzigen Rohre hinaufgeschosset, +daß Eines für des Andern Verschulden leidet, das lebende Geschlecht für das +vergangene, ja die vergangenen alle; die Kinder leiden für die Mängel und +Versehen der Eltern, das Volk um -- das Land, der König für das Volk. Ihr +seid die verkörperten schlechten Seelen Euerer Eltern, die Spiel- und +Weinsucht des Vaters, der Putz und die fette Küche der Mutter; Ihr seid die +Dummheit Euerer Lehrer, die ferne und kalte Schule; Ihr seid die +Saumseligkeit, die Hartherzigkeit, die Lieblosigkeit Euerer Nebenmenschen. +Ihr seid der Beweis noch vielfach-irrenden mangelhaften Geschlechtes, die +Opfer eiserner und _doch nicht_ bindender Gesetze. Ihr seid der +Fensterladen eines Zahnarztes in England, den er mit allerhand bösen Zähnen +geschmückt, zum Beweise: was für ein braver Ausreißer er sei, was er für +Schmerzen gestillt und erregt. Ihr könntet euch freuen und stolz sein, wenn +Ihr die Opfer für das Glück eueres Volkes wär't, wenn um so viel schlechter +Ihr seid, alle jene Zurückgebliebenen nun besser wären, so wie der Wein, +der seine Hefen ausgestoßen. Aber -- aber! ich höre von Schiffen die noch +kommen sollen! Ich hörte Viele sich glücklich preisen, die -- meine Rede +hörten! Und wieder auch, daß sie kommen, ist der schönste Beweis für das +freieste Land! den besten König! Darum segnet Ihn, und segnet Altengland, +denn -- + +_Neuntens_, lehre ich Euch: Es hat Jemand ein Wort gesagt, das dem Jemand +Ehre und Schande macht, so einfach und albern, so schlecht und gerecht, so +erhaben ist es; der Jemand, der mit dem ersten Buchstaben -- Robespierre +heißt, sagte, als das seinem -- Menschenköpfe liebenden Gemüth mit +Himmelsgewalt abgepreßte Wort: »Das erste Recht des Menschen ist das Recht +zu existiren.« Und nur der Gegenhändler der Schöpfung, Satan, kann das +bestreiten -- wollen. Da aber _der_, welcher nun gütigst existiren darf, +ein von Gott mit Geist begabtes, nie ruhendes rastlos vor und +fortschreitendes Wesen ist, so ist ihm Glück, Bildung, Tugend und +Himmelreich mit der bloßen Existenz zugleich gütigst zugestanden. Mit +Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich -- das bekanntlich und +lautausgesprochenermaßen nur in uns liegt, also in uns lebenden Menschen, +also nicht künftig erst wo da draußen in der Luft voll Goldstaub, der +Sterne heißt -- mit Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich, ist dem +Menschen, also allen Menschen, allem Volke auf dem Lande, in den Städten +und Pallästen, summarisch: allem Pallast-, Stadt und Landvolke, der Weg und +jedes Mittel zu Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich zugestanden! Und da +schon das bloße Himmelreich aus Friede, Freiheit und Gerechtigkeit besteht, +so ist Allen alle Weisheit, alle Lehre, alle Kenntniß zugestanden -- nicht +bloß schändlicher Weise: dreißig Tropfen davon auf Zucker, mit dem alten +Worte: Gott wird helfen! Und zu aller Weisheit und aller Lehre gehören +allem Volke mit dem bloßen göttlichen Rechte der bloßen Existenz: alle +Lehrer frei, alle Rede frei, alles Lernen frei, alle Schrift frei, in dem +Hause Gottes, wie ja in jedem Hause der Menschen. Nun hört mich: Wer nun +Einen oder Mehrere -- Menschen -- an der Existenz gefährdet, verliert der +den Anspruch auf _Bildung_, oder bekommt er Einen _mehr?_ Hat er sich +derselben als unbedürftig und unfähig gezeigt, oder hat er die unerläßliche +Nothwendigkeit: ihrer theilhaft gemacht zu werden, grade durch seine +schlechte That laut schreiend und unzweifelhaft an den Tag gelegt? Von der +Masse des Volks, die so fort faselt, faselt man: sie sei auf dem Wege zum +Guten, oder zum Bessern. Er, hat seine Unbildung, sein Herz, seinen Sinn +verrathen! Seine Tyrannei! Er, er sei wer er sei -- -- Er muß also gebildet +werden, fähig das Leben zu leben, und Andern zu helfen, diesen Schatz zu +heben. Dazu nun darf der Mensch der menschlichen Gesellschaft, die ihn +allein nur bilden kann, nie beraubt werden, am wenigsten aber -- seines +Kopfes, als welchen er eben am nöthigsten braucht. Christus hat zwar den +Teufeln erlaubt: Säue in's Meer zu stürzen, aber den Menschen nicht: +Menschen vielleicht in _die Hölle_ (und -- »Viel besser ist nun ein Mensch +denn ein Schaf;« Matth. XII 12.), denn es wäre ein ganz unverzeihliches +»dahero retour!« _dem Himmel_ in Armesünder-Kleidern Kandidaten zu schicken +-- die der Erde zu schlecht sind, weil man glaubt: Gott _müsse_ verzeihen, +die sündigen Menschen brauchen es nicht; ja es wäre ein Mißbrauch der +Unsterblichkeit, weil sie nur ewiges Leben ist, zu welcher auch _dieses +Leben_ gehört. Denn Lucä II. 35. steht ein gar bedenkliches Wort von denen: +»Welche aber _würdig_ sein werden, jene Welt zu erlangen, und die +Auferstehung von den Todten!« Demnach kann und wird es also Viele geben -- +die da nicht würdig sein werden. Und man kennt sie schon hier. Der +_Abgethane_ aber, wie man so bequem die so bequem gemachte Sache ausdrückt, +ist verloren für seinen Zweck auf der Erde, für sich und die Menschheit. +Wie der Baum fällt, bleibt er liegen. Wenn _man_ nun des _Beispiels_ wegen +abthut, unbetrachtet: daß _man_ Niemandem die Nase abschneiden soll, um den +Andern eine Maske zu machen -- und jede Verstümmelung wird, -- außer das +Kopfabschneiden -- mit dem Tode bestraft -- ist _das_ nicht im Gegentheil +grade das _beste_ Beispiel, welches man dem Volke geben kann: daß +verwiesene Verbrecher gute Menschen werden, die ihren göttlichen Zweck noch +erreichen! Was bedarf ein Gefallener eher als des Aufhebens, des Tröstens, +nicht des in die Erde-Tretens! Was bedarf ein Böser mehr, als guter +Menschen, daß er bei ihnen bleibe, bleibe wie sie, und nicht wieder falle. +Man _zähmt_ das Thier, und _lehrt_ den Menschen! -- dann wehrt er dem Bösen +selber. So wird edel und wahrhaft auch für _die Sicherheit_ gesorgt -- denn +eben nicht die, welche Böses verübet, sind am meisten zu fürchten, sondern +die Freiwandelnden, noch Unerkannten; und so gäbe es keine äußere gnügende +Sicherheit, selbst wenn um jedes Haus eine wolkenhohe Mauer gezogen würde, +und jeder Mann und selbst die Wiegenkinder schußfeste Harnische als +Kleidung trügen. Aber -- ein gutes Herz bewacht sich selbst, den Nächsten +und ein ganzes Reich, ein guter Gott die ganze Welt. Also den Störer der +Menschheit bilden, ihn seinen Zweck erkennen lehren, Gut und Böse +unterscheiden, den Trieb zum Guten zur Blüthe bringen und dazu ihn der +gewohnten Gesellschaft die nöthige Zeit lang entziehen, ihm mit den +Mitteln, deren sein verstocktes, verworrenes, verdunkeltes und reuiges Herz +fähig und bedürftig ist, ernst und stetig beistehen als Einem an dem Herzen +oder dem Geiste _Kranken_ -- und der Lasterhafte ist der leidendste Kranke +-- ihm Arzt und Pfleger verordnen; wenn er geneset, wenn er schwach noch +schwankt, einen Führer zu geben, _das_ hielt der Königliche Stifter von +Bontanybay, von Georgtown und Hobarttown für seine königliche Pflicht. Denn +wenn ein furchtsamer Hase trommeln lernt, der Canarienvogel eine Kanone +abfeuern und ein Floh eine Kutsche ziehn -- wenn ein Mensch sich _die_ Mühe +giebt, die Geschicklichkeit das zu lehren und die dazu erforderliche Geduld +hat, dann soll ein Volk sich schämen, das mit seiner Männer Weisheit es +nicht dahin bringt, daß ein Mordbrenner über die Brandstätte mit +Kindergebeinen _weint_, und weint das Haus wieder aufzubauen, und weint, +»daß diese Gebeine wieder lebendig werden!« Aber freilich ist kein Ruhm und +kein Verdienst dabei, als -- eine Seele zu erretten. Und bessern schwere +Ketten und dumpfe Mauern, schlechte Kost und harte Schläge, Zuchtmeister +und Spießgesellen und Ränkemeister? oder -- die Lehre und das Beispiel, der +Umgang mit festen guten Menschen mit einem Worte: das Leben? Und so lernt +Ihr hier leben! Euer Leben ordnen Männer, die gleichsam die +_Seelenverwandlung_ deutlich machen, die selbst wie aus Bären in Menschen +gefahren sind, und die nun weder mehr zerreißen, rauben noch tödten wollen, +sondern mit der Glut der Erkentniß warnen, bewahren, lehren und bessern. +Niemand ist zuverlässiger als ein gebesserter Mensch. Er hat gelernt, ja +erfahren, und er wird es nie vergessen: daß das Böse bös ist, und das Gute +gut, was jedes Kind begreifen sollte, und was einzusehen den Meisten doch +so viel Leiden und Reue kostet. Darum ist Euer Kerker: das Wohnhaus des +Gerechtwordenen, Euere Spießgesellen sind: gute Kinder und ein frommes Weib +-- Eure Ketten: Bande der Liebe! Euer Zucht- und Arbeitshaus: die schöne +Natur, die Euch zuflüstert Worte des Vaters, und Nachts das Kreuz aus +Sternen über Eueren Häuptern glänzen läßt, und Euch umfängt, trägt, segnet +als ihre liebsten Kinder! Wenn Ihr das empfindet, ach, dann vergeht nicht +in Reue -- sie will Euch selbst mit ihrer Liebe nicht tödten, nein, +erwärmen, beleben, wieder an's Herz des Vaters ziehen. + +Aber ich hab' Euch kein Wort von Euerer _Strafe_ gesagt? Unsere Strafe +sollte bis heut noch _Rache_ heißen, denn Strafe als _Strafe_ ist Rache; +wahre Strafe ist aus der mildesten Liebe fließende Warnung, Führung zum +Rechten und Guten, wenn auch auf rauhen Wegen, durch bittere Mittel. So +strafet selber die Gottheit, und der Gestrafte wird bei ihm der Gesegnete +vorzugsweise. Drüben auf den Sandwich-Inseln opfern sie ihren Götzen +Menschen. Wir: alten fratzenhaften Gesetzen. Sind die Worte: »Beispiel, +Strafe, Sicherheit,« etwas Anderes als Götzen, mexikanische, unchristliche +Götzen! Gestehen wir nur, es ist selbst in Altengland noch ein gut Theil +jüdischer Rache, aus den Zeiten der Wüste, darin erscholl: Auge um Auge! +Zahn um Zahn! Keine Vergebung! Keine Menschlichkeit, keine Göttlichkeit! +Und wie Mühl-Rosse konnten die Rechtsgelehrten aus _ihrer_ Mühle: dem +_Rechte_ keinen Ausgang finden, weil barbarische Römer, Republik-Männer +ohne Herz und christliche Liebe -- die sie noch nicht haben konnten bis +Christus erschienen, auf _ihnen schädliche_ Verbrechen den Tod gesetzt; +weil Jemand schlecht geboren: ihn zu hängen, weil er schlecht erzogen: ihn +zu rädern, weil er verführt, verwöhnt, verloren: ihn zu köpfen. Da erschien +fortan und auf immer die Quelle _aller_ menschlichen Gesetze. Wen hat, oder +wen hätte Christus kreuzigen lassen, wenn Er am Palmensonntage König der +Juden geworden? Selbst keinen Juden! Keinen Pharisäer -- er _lehrte_ sie, +denn Er war Christus und _ist noch Christus, der Herr aller Herren auf +Erden_. Und Wer sich zu Ihm bekennt -- _ein Jeglicher_ soll _gesinnt_ sein, +wie Jesus Christus auch war! Also doch wohl vor allen andern: Papst und +Jesuiten, Könige und Räthe, _Gesetzgeber_ und _Richter_. Unfehlbar! +unerläßlich! Furchtbar, wenn nicht unfehlbar! Unerläßlich, wenn nicht +unerläßlich! Wann wird Petrus aufhören, Christum zu verleugnen? oder wer +statt _Petrus_ es thut! Wann werden Christen anfangen: Christi Gesetze zu +Gesetzen zu machen, da doch das schauderhafte Parlament in Frankreich durch +einen eigenen Beschluß Gott erlaubte: Gott zu sein! und dieser Gott sprach: +Dieser ist mein lieber Sohn, Den sollt Ihr hören! und dieser sein Sohn +sprach: Was heißet Ihr mich aber Herr! Herr! und _thut nicht_ was Ich Euch +sage? -- Jetzt aber kniet Alle nieder, und betet ein inbrünstiges +Vaterunser für Alle, welche -- sie wußten nicht was sie thaten -- Menschen +hängen, köpfen, rädern, spießen, mit glühenden Zangen zwicken, mit Pferden +zerreißen _ließen_, oder selber zerrissen, es war nun zur Ehre Gottes, oder +zur Rache für Menschen. Kniet und betet! ich bete still mit Euch! -- -- -- +-- Und nun hört das Göttlichste, was auch Christus gesagt hat, als das +Furchtbarste in dieser Welt; hört, was Er sprach: »Wenn aber des +Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle heilige Engel mit +ihm; dann wird Er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit. Und werden vor +ihm alle Völker versammelt werden -- (auch Jene, welche die armen sündigen +Menschen enthaupten, verbrennen und mit Pferden zerreißen ließen). Und Er +wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirt die Schafe von den +Böcken scheidet. Und Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, und die +Böcke zur Linken. Da wird denn der _König_ sagen zu denen zu seiner +Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das +Euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. _Denn ich bin hungrig gewesen_, +und _Ihr_ habt _mich_ gespeiset. _Ich_ bin durstig gewesen, und _Ihr_ habt +_mich_ getränket. _Ich_ bin ein Gast gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ +beherbergt. _Ich_ bin nacket gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ bekleidet. +_Ich_ bin krank gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ besuchet. _Ich bin gefangen +gewesen, und Ihr seid zu mir kommen_. Dann werden ihm die _Gerechten_ (oder +_Gerichten_) antworten, und sagen: Herr, wann haben wir _Dich_ hungrig +gesehen, und haben _Dich_ gespeiset? Oder durstig, und haben _Dich_ +getränket? Wann haben wir _Dich_ einen Gast gesehen und beherberget? oder +nacket, und haben _Dich_ bekleidet? _Wann haben wir Dich krank oder +gefangen gesehen, und sind zu Dir kommen?_ Und der König wird antworten und +sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch: _Was Ihr gethan habt Einem unter +diesen meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr Mir gethan._ -- Und nun +seht, auch Jene, die geköpft oder köpfen lassen, verbrennen, rädern, mit +glühenden Zangen zwicken, mit Pferden zerreißen. -- -- Wem, ich frage, und +Gott sagt es: Wem haben Sie _das_ gethan? mir schaudert die Wahrheit zu +legen! aber mit Schaudern sag' ich die Wahrheit: sie haben es Gott gethan, +denn _Mir_ habt Ihr es gethan, spricht Christus. Ihr aber verstummt vor +Entsetzen, und betet noch ein inbrünstiges Vaterunser! -- -- -- -- Und nun +steht auf von Eueren Knieen! denn -- + +_Zehntens_, begrüße ich Euch: So seid denn aufgenommen durch die Gnade des +Königs in diese große, freie Lancaster-Schule! Er läßt seine christliche +Gnade über das alte heidnische Gesetz walten, an denen, die _das Gesetz_ +nicht, sondern die Menschheit beleidigt haben; in ihrem Namen hat Er Euch +vergeben, und ließ Euch nicht an einem -- wohlfeilen -- Stricke in eine +andere Welt fahren, nein, im Schiffe in das neue Leben, wohl versehen, wohl +bewirthet, wohl empfangen und eingerichtet, in ein schönes Land wie +Elysium, einen einsam gelegenen blühenden Genesungsgarten. Daß er Millionen +kostet, bedauert Er nicht, da _das kranke Kind_ dem guten Vater Ersparniß +zum Verbrechen macht, da Ihr die _Verwundeten_ im Kriege des Lebens seid, +in dem das Menschengeschlecht wie ein unermeßliches Heer in ewigen Kämpfen +dahin zieht, die eben so viele unsterbliche Siege sind. Daran erfreuet Euch +hier, einsam genesend und lernend, aus der Ferne. Die Erde ist das echte +Vorbild auch _dieser_ Lancaster-Schule, wo ja Einer den Andern erzieht, +lehret, pfleget, warnet, heilet, ernähren hilft, und wieder von ihnen +beschützt, genährt und geliebt wird. -- Die Erfindung lag so nahe! Aber sie +war zu einfach und groß, und das Nächste ist oft das Fernste, weil reine +helle Augen dazu gehören, es zu schauen, und eine vorurtheilsfreie Seele, +von keiner Gewohnheit, von keiner Furcht, nur von Liebe eingenommen. +Benutzt diese Schule wohl! Duldet, ehret, warnet, lehret, liebet einander. +Gleicht nicht dem übrigen Menschenvolke, wo Einer den Andern vor einer ihm +oder den Nebenmenschen schädlichen That _nicht_ warnt, ihm zu einer guten +_nicht_ hilft, ihn durch Handel und Wandel, durch Streit und Rache in +Krankheit, Armuth und Elend, in Haß und Verachtung rennen läßt, wenn er ihm +vielleicht nicht die Grube selber gräbt! Welche aber das wissentlich thun +oder auch nur geschehen lassen, denn die Sünde der _Gleichgültigkeit gegen +Böses_ und _Gutes_, und die daraus quillende Unterlassungssünde ist die +unverzeihliche Sünde gegen den heiligen Geist -- _die_ wird der +Gewissensrichter dereinst aus dem Himmel in die Hölle exportiren lassen, +wie Diejenigen von Euch _Deportirten_, die unverbesserlich sich stellen +oder _scheinen_ -- das sag' ich der Menschheit und Gott ihrem Künstler zu +Ehren -- _Exportirte_ werden, Verlassene, Ausgesetzte ohne Weib und Kind, +ohne Rath und That, auf wüstem Eiland! Aber weil _Gott_ will, daß Allen +Sündern geholfen werde, darum -- + +_Eilftens_, stelle ich Euch Euer Ziel: Sittlich, und bürgerlich frei und +selbstständig sollt Ihr werden -- statt furchtbar: fruchtbar, statt ehrlos: +ehrbar, statt nichtswürdig: vielwerth! Mein Gott! Ihr sollt ja Nichts, als +Euch den Hudeleien der Menschen entziehen durch gehaltenes Leben; den +Plackereien der Richter, Constablen und selbst der Gesetze, durch +Schuldlosigkeit; den bösen Gläubigern und unbarmherzigen Mahnern durch +Schuldlosigkeit; allen Zwischenhändlern zwischen Menschen und Satan, die +das Himmelreich aufhalten sich niederzusenken, wie die glühende Wüste die +fruchtbare Wolke über sich weg jagt, durch stillen Wandel nach menschlichem +Ziel. Und verlangt keinen Lohn dafür: daß Ihr gut seid; der Strebende wäre +unvernünftig und vorlaut, der richtig Wandelnde unbescheiden, ja frech, +nicht klar über sein Glück im Herzen und durch sein Herz! O Himmel! der +Himmel hört es und sieht es: Der schönste Lohn des Lebens ist das Leben, +das reine menschliche Leben, und ferner sich liebend und glücklich zu +fühlen. Das macht die Menschen geringe, wie _man_ sie vielleicht haben +will, legt sie an irdische Ketten, und prägt ihre unsterbliche Seele mit +dem Bilde des Kaisers, nicht Gottes, daß sie wegen ihrer Pflicht gelobt und +belohnet -- abgelohnet -- werden, und mit Dingen, die kein Lohn, sondern +oft nur Fröhnung der Eitelkeit und Verführung des Sinnes vom Leben sind, zu +stolzer Erhebung über den Bauer im Kittel, der statt des Ordens darauf, ein +redliches Herz darunter trägt und mit herzlicher Gnüge arm und ungeachtet +ist. Aber -- ein Feld es zu bauen, ein Haus zum wohnen, ist nur der Ort und +das Mittel zu leben und zu wirken, und das gönnet Se. Majestät Jedem von +Euch, der es aus reinem Drange zu echtem Leben, bedürftig, der mündig ist, +und frei vom Gesetz. Die es aber noch nicht fähig sind, diese leben bei +Andern, welche sie getreu zu leben lehren. Das ist eine _Strafe_, die den +Menschen besser macht, das ist ein Lohn, der dem Menschengeschlecht +ertheilt wird in Euch. Denn was _schaden_ denn eigentlich alle Vergehen und +Verbrechen, warum sind sie so nachtheilig, daß man glaubte, sie sogar mit +dem Tode, dem ganz außer Thätigkeit Setzen des Fehlenden bestrafen zu +müssen? (denn dem zu schwer Bereuenden _die Last des Lebens_ abzunehmen, +ihm aus Liebe, aus Hülfe für seine zerrüttete Seele den Tod und den Himmel +zu geben, ist wohl in keines Henkers Herz gekommen;) -- Das schaden +Vergehen: der Verbrecher raubt _sich_ und Andern _die Zeit_ und die Mittel +zum wahren Leben, zum arbeiten, froh und gut zu sein. Denn die Zeit ist das +unschätzbareste Material dessen wir bedürfen, und nichts anderes als Zeit, +wenn wir es recht verstehen, bedarf die ganze Welt! und auch Ihr nur: Euch +zu bessern, ich: Euch zu lehren. Wenn aber Andere meiner Amtsgenossen ein +halbes Stündchen am Sonntag lehren, und die übrige Woche die Menschen wenig +erbauen, und wie unsichtbar sind, so will ich alle Werkeltage über von +Morgen bis Abend bei Euch sein, daß Christi Wort Euer täglich Brot wird, +und am Sonntage wollen wir unser Herz und unsern Sinn _erbauen_, als den +Tempel Gottes und der seid Ihr! + +_Zwölftens_ bete ich: Der Herr segne Euch und behüte Euch! Er sei Euch +gnädig, und gebe Euch Frieden!« -- + + * * * * * + +Das war eine Casualpredigt, ganz ad homines! Zu Anfang einschneidend, +wühlend wie nach der Kugel in der Wunde, nach dem Pfahl im Fleisch; dann +schmerzlindernd, tröstend, erhebend, zuletzt Balsam aus Mekka, Wein aus +Bethlehem. Es war große Bewegung unter den Deportirten! Der Geschworne, +Herr Wardrop, gab Zeichen großer Herzensangst von sich. Der +Fleischhauermeister Cornbull griff mit der Hand in die Tasche; sein blinder +John rollte die Augensterne, und wollte gern den Prediger sehen! Limmerik +nannte ihn einen Mammuths-Pfarrherrn! Herr Tydal blickte gerührt auf meinen +Hund Phylax, der auch nicht fehlen wollen. Alle waren bewegt, nur die +Weiber waren -- geputzt; wie die Weiber sind. + +In der Kirche hatte Clarke seinen Vetter, den Maler Tydal herausgefunden, +und sie gingen dann beide Hand in Hand hinaus in die Gefilde, um die +schönsten Aussichten für ihre Landschaften aufzusuchen. Sie wollten sich +nach acht langen Tagen wieder genießen, und ihre Leiden klagen, sagte Herr +Tydal mir lächelnd, worüber Clarke die Augen niederschlug. Ich konnte +dawider nichts haben, und blieb allein mir selbst überlassen; aber es that +mir weh. O, was ist ein Freund in der Fremde für ein Schatz! Mittheilung +des Neuen, Erinnerung des Alten, Vergleichung der Heimath und der Fremde, +und jeder Genuß wird durch ihn erst recht lebendig. Einen Freund in der +Ferne neben uns -- und wir sind nicht entfernt, nur wie entzaubert auf +einen Tag! Und wieder in der Heimath haben wir an ihm die Fremde! Er hat +ihren Duft eingesogen, wie die Veilchensteine auf den Gebirgen; er glänzt +von ihrer Sonne, wie der Bononische Stein. Er hat gesehen, was wir gesehen; +und wenn wir ihn daheim betrachten, können wir wähnen, er sehe das Alles +noch, und wir stünden nur abgewendet, mit dem Rücken gegen die sonnige +Landschaft. Aber mit einer Geliebten reisen, dächt' ich, müßte dasselbe, +und noch ganz etwas Seligeres sein, vorzüglich, wenn sie dann in der +Heimath unser Weib ist. -- Armer Lambton! es giebt so viel reine Seligkeit +in der Welt zu genießen, die so heimlich, und doch so gewiß vorhanden ist +-- wem sie gewährt wird. Aber die Gesegneten beschreiben sie nicht einmal +uns andern armen Menschen -- sie genießen sie nur. Ich denke immer: noch +kein Glücklicher hat ein _Buch_ geschrieben, höchstens einen Brief. Darum +machen die Bücher auch nicht glücklich, sie zerstreuen bloß die +Gleichgültigen oder Unglücklichen; nur das _Leben_ beseligt. Wer nur recht +leben könnte! Oder wem nur das beste Glück des Lebens gewährt würde -- wenn +Ich es nennen sollte, ich nennt' es nach meiner Art: Lisanna! Hätt' ich +dann nicht Alles, was Ich mir wünsche? und ich weiß ja die Stelle +auswendig: + + Der, wer des Lebens beste Güter hat, + Begehre nicht die kleinen auch zugleich! + Im Großen und im Ganzen segnet' ihn + Ein Gott; und macht die Sonn' ihm hellen Tag, + Was soll ihm all' der kleinen Kerzen Schein! + +Des Armen bestes Gut ist Wünschen und Hoffen. Hab' ich doch nun mein eignes +Bett: von Lisanna berührt, und kann unbemerkt und ungestört träumen und +weinen -- wenn Clarke die Nacht seufzt, ja stöhnt. So lange Er seufzt, bin +Ich glücklich! Wenn er nur auch weinen wollte! dann könnt' ich lachen -- +aber ich würde nicht! + + * * * * * + +Weihnachts heiliger Abend 1820. + +In Altengland ist heut' Christbescherung, und die Christkinder -- -- wer +sie wohl eigentlich sein sollen! wohl gar -- -- oder doch Engel -- sie +schweben mit ihren großen goldenen Flügeln und Kronen in dem sternehellen, +blinkenden Winterabend, wie von den Sternen hernieder, um die Hütten der +Menschen, und treten mit ihrem himmlischen Gruß hinein zu den Kindern, mit +ihrem Körbchen mit Geschenken voll eigenen Duftes; und die Kinder weinen +vor heiliger Scheu, und verstecken sich hinter der Mutter. Auch die arme +Lady Theano wird vor dem Christbaum sitzen und weinen und Marion wird ihr +Alles bescheren -- nur ihr Kind nicht, das arme schöne Kind! Daniel ließ +sich niemals nehmen, den Knecht Ruprecht zu machen, so gern ich es neben +Marion gewesen -- gewesen! Nun hat er freien Platz. Nun freut Euch nur in +Rowlandhill mit Schneebällen -- hier _blühen_ die Schneebälle, hier stehen +die Gefilde in voller Pracht; ja, das Jahr schickt sich gemach zur Ernte. +Auch diese Vergleichung mit Sommer und Winter, dieß süße Wissen, daß beide +zugleich sind, dieß Hinüberempfinden und Herziehen im Geist, ist eine von +den so heimlichen, und doch so gewiß vorhandenen Freuden in der Welt. Ich +muß mich auch an solche halten. Andere habe ich keine erlebt. Doch stille +Wunder giebt es hier viel. Wenn ich hier wieder durch Blumen und blühende +Pflanzen ziehe, die mir bis an den Gürtel reichen, wähn' ich wieder: ich +bin ein Kind, wie einst, als sie mir um die Brust leuchteten! Aber sie +waren mir nur so groß, weil Ich so klein war. Denn, wenn ich neben meiner +Mutter einzigen Ziege stand, war sie höher als ich; selbst die Lilie war +größer als ich, ich mußte sie beugen, um in den Kelch zu sehen, und zu +riechen. Es ist ganz richtig, daß jeder glaubt, eine Welt verloren zu +haben, wenn er kein Kind mehr ist; ich glaubt' es auch, und konnte sie nie +vergessen. Das zog mich auch so zu den Kindern, daß ich lieber nicht mochte +Vicar werden. Und einen Schulmeisterposten sollte man im Grunde theurer +verkaufen, als eine Stelle im Parlamente; denn sie erhält uns das Paradies +um uns. -- Hier nun mitten in den hohen Blumen auf den unabsehlichen Wiesen +fand ich, Kinderloser, jene erste, liebliche Welt nun wieder; ich bin +wieder im Jugendlande, im Paradiese. Froh in ihm wandelnd, habe ich ein +Herbarium vivum angelegt, und nicht aus dem Grunde, aus welchem mir Doctor +Toland freundlich dazu gerathen, scilicet in England ein groß Stück Geld +dafür zu lösen! Ich lege die Blumen und Pflanzen nur sauber in die Bogen, +schreibe die Zeit dazu: wann, und die Gegend, wo sie blühen, ob hoch oder +niedrig, feucht oder trocken, und sammele ihren Samen unter Nummer einer +jeden. Den Namen weiß ich kaum von Einer; ich glaube, sie haben auch +keinen, wie Findelkinder; wer sie findet, _benennt_ sie. Aber das +untersteh' ich mich nicht, weil ich es nicht verstehe. Es muß aber nicht +gut sein, die Namen schöner Blumen zu wissen; denn wenn ich welche bringe, +und Dr. Toland Eine oder die Andere sieht, sagt er nur: Aha, das ist diese +oder jene -- -- perennis, diese oder jene palustris; dann hat er Alles +gesagt, und läßt die Blume Blume sein! Mir aber stehen noch die Augen auf +ihr fest, und gehen mir über. Behüte doch Gott jede Blume vor einem Namen! +Ich glaube, es wäre auch besser, wenn die Menschen keine hätten, besonders +keine Titel, z. B. Schulmeister. Die Leute sprechen dann nur wie Doctor +Toland: Ah, das ist der und der -- und kehren Einem den Rücken, wie Mistriß +Distreß, ohne zu denken, daß man ein Mensch ist, _zuerst_ und _zuletzt!_ +Und die Rücken gefallen mir einmal nicht, weder an Frau noch Mann; sie +sehen alle aus, wie Bracteaten auf einer Seite geprägt. + +Clarke hat Sir Samuel gemalt, und so getroffen! Die hohe gefurchte Stirn, +die zusammengezogenen Augenbraunen, das düstere und doch feurige Auge, den +Mund so bitter lächelnd. Das Bild ist darum fast ganz Sir Samuel, weil es +auch nicht spricht. Ich dächte, man könnte nur einen Todten im Bilde ganz +ähnlich finden, weil er uns in der Erinnerung lebt, und das Bild auch nur +Eine Miene, Einen Augenblick darstellt. Das ist das Elend der Bilder! Man +sollte tausend von jeder Landschaft, von jedem Menschen haben, nur ein Jahr +betrachtet, wenn sie noch hinreichten! Auch die alte Russel hat er +verdoppelt, und nennt sie einen schönen Kopf! Wenn man sie lieber könnte +ein gutes _Herz_ nennen, wär' es für uns Alle besser; und doch versteht +sich die alte Hexe auch auf Malerei, und giebt ihm Rath; und als ich mich +mußte malen lassen, gab sie mir die Stellung, und ich mußte sie beständig +ansehen, während sie strickte. Ich konnte den schönen Kopf nicht an ihr, +oder auf ihr finden, besonders da Lisanna hinter ihr stand, wie die Rose +auf dem Dornstrauch. Doctor Toland hat die Bilder in der Stadt gezeigt, und +Clarke's Glück ist gemacht. Alles will sich malen lassen, und den Seinigen +nach England senden. Die Hoffnung bezahlt der Mensch am theuersten, und so +verdient er viel. Sir Samuel hat ihn auch von den Lämmern genommen, und ich +weide allein meine Unverbesserlichen. Clarke hat Lisanna's Bild, das er +noch vollenden zu müssen vorgiebt, auf unser Zimmer genommen. Es hängt über +seinem Bett! Dadurch seh' Ich es freilich besser -- ach, und seh' auch, daß +es sein ist, und Sie vielleicht bald dazu. Denn Sir Samuel befördert nicht +ihr Beisammensein, das sei ferne -- er kümmert sich so gut wie gar nicht um +das Glück oder Unglück des armen Kindes; und die Russel -- verkaufte sie +sogar, wenn van Diemensland von französischen Schiffen besucht würde! Am +Ende muß ich Lisanna's Schicksal segnen, wenn sie nur noch Clarke's _Weib_ +wird! O Himmel, Lambton! Letzthin besah' ich Clarke's Blätter in seiner +Mappe während seiner Abwesenheit, und fand zwei Gedichte hineingeschoben. +Wer malen kann, kann am Ende auch dichten, oder vielleicht gar schon vor +dem Malen. Ich trau' es ihm zu: denn welche schöne Hand schreibt er, so +gleich und leicht, als wenn er nie einen Apfel aufgehoben hätte. Ich +schrieb sie mir ab. Das Erste »Gemeinsamer Stoff« überschrieben, lautet -- +ja wirklich, es lautet mir immer in den Ohren: + + Wenn ich die Rosen seh' im Mondenschein + So dämmernd blühn wie Er, und ihr Gedüft + Mich würzig anhaucht, so wie seines -- wenn + Die Stillgeliebte mir so sanft daherkommt, + So Licht-beglänzt, wie Nachtgewölk am Himmel, + Mir ihre Stimme bang und reizend klagt, + Wie Nachtigallen im Gebüsch; wenn Ihr + Im schwarzen Haare nun Johanniswürmchen, + Die Ich Ihr in die Locken eingestreut, + So golden schimmern, wie die goldnen Sterne, + Wenn Ihr die Thränen auf den Wangen schimmern, + Die sie um mich geweint, wie Thau auf Lilien -- + Dann scheinet mit Entzücktem Alles, Alles, + Die Rosen und der Mond, die Nachtigallen, + Die Feuerwürmchen und die Sterne, ja + Die schlummernde Geliebte, und ich selbst + Mir nur aus Einem Stoff gewebt, und Alles + Scheint mir so selig, wie ich selber bin! + Ich küsse dann die Rosenknospen, statt + Der Lippen meiner hold Entschlummerten! + Küß' Ihre sanftgeschloßnen Augenlieder, + Wie das Gewölk, das leicht den Mond bedeckt! + Und wenn Sie mich an ihren Busen drückt, + Geschieht mir, als umarmte mich Beglückten + Die heil'ge Nacht! die schöne Frühlingserde! + +Es trifft Alles zu: Lisanna's schwarze Locken, die großen +Blumenglocken-artigen Augenglieder, die Lippen wie Rosenknospen, und auch +die Johanniswürmchen fliegen jetzt! Aber das folgende Gedicht zeigt schon +von früherer Vertraulichkeit: denn der Nordschein blühte ja gleich die +ersten Wochen, als wir hergekommen. Ach, wehe Dir, Lisanna, wenn es nur +nicht auch von genauerer, vielleicht sogar verbotener zeugte. Aber, daß +sich die Verliebten solche Gedichte geben! Ich schämte mir die Augen aus. +Aber Clarke malt auch Manches als von hier, was ich doch nirgends _hier_ +gesehen habe. Doch ach, Lisanna spinnt ja, sie hat ein kleines Stübchen! +Der feine Flachs, der Berg, die alten Weiden -- o es trifft Alles! Ich will +es mir zum Jammer herschreiben, das Gedicht, wenn es eins ist, -- +vielleicht auch nicht! + + Wir mochten endlich eingeschlummert sein -- + Doch Traum und Schlaf sind göttlicher Natur, + Und kennen selig nicht das Maß der Zeit! -- + Da stieß mich leise die Geliebte an, + Und zeigte mir der Morgenröthe Glanz, + Die wallend in das freundliche Gemach + Wie eine Rosenflut vom Himmel floß; + Und blinkend schien das reinliche Gefäß + Vom Simms der Wand und schattete sich ab; + Und glimmend, und doch nicht entlodernd, schwamm + Im kühlen Feuerglanz der feine Flachs + Geröthet, und die Spindel eingetaucht, + Womit die Liebliche des Abends spann, + Und jedes Eckchen glomm von Licht erfüllt, + Daß selbst die Spinne an zu weben fing, + Ihr Tagewerk beginnend, und der Hahn + Erregte laut die ganze Nachbarschaft + Und alle krähten rings den Morgen an. + Da trieb Sie mich mit bangen Küssen fort, + Und ich, der ich nicht bleiben konnte, ging, + Noch oft zurückgewandt zum kleinen Haus. + Der Sonne wartend, steh ich auf dem Berg' + Nun einsam hier, und sehe ganz erstaunt + Das Morgenroth erbleichen und gemach + Und allgemach erlöschen, aber nicht + Und immer nicht die Sonne mit dem Blitz' + Erscheinen! ja dagegen treten leis' + Die größeren Gestirne wieder vor, + Und selbst der kleinen Silberflimmer blinkt + Aus lichter Bläue; rauschend flammt der Wald, + Denn feurig geht der Vollmond gar nun auf! + Die Lerche, die schon an zu singen fing, + Steigt wieder stumm, getäuscht und wie beschämt + Vom Himmel nieder in die junge Saat! + Bang ächzend schwirrt die Eule wieder um, + Die alte Weide leuchtet wie ein Geist, + Und nach der Sterne Stand ist's Mitternacht! + + Ist's nicht genug, daß Menschen Liebende + So oft beleidigen? -- Nun fängst du selbst, + O Himmel, sie zu täuschen an, und schickst + Als Irrlicht gar das schöne Nordlicht mir? + +Das war ein Schweres! Ja »Nordlicht« ist es auch überschrieben. Aber ich +stehe mit meinem Kopfe für Lisanna, daß sie ein Engel ist, an Reinheit und +Liebe. Ach, ich hab' es da selbst gesagt: an Liebe! Auch die Engel lieben, +und sollen ja lieben! Wenn man nur nicht auch die Engel lieben müßte! -- +Doch dabei will ich ein redlicher Schulmeister bleiben, und ihr in der +Sonntagsschule das sechste Gebot so treulich erklären, als wenn sie mein +Weib werden sollte. Und wenn mir Gott Kinder und Halberwachsene genug +zuschickt, nimmt mir Sir Samuel auch das liebe Vieh und die Kälber ab, wie +Clarken die Lämmer, was wohl darum geschah, weil er sie immer nur +hingejagt, wo schöne Aussicht war, bis auf die höchsten Berge, wo Tydal +saß. Aber auch auf Clarke möcht' ich trauen! Ich seh' und hör' ihn selber +so gern! Er ist lange in London gewesen, und weiß tausend Dinge Lisannen +und den malayischen Mädchen zu erzählen, und ich nicht einmal viel von +Rowlandhill, wo ich nur erst zwei Jahre Schulmeister war. Was erfährt _der_ +in der Schule? Die Kinder wollen von _ihm_ erfahren, und das Wenige, was +ich von Lady Theano und Sir Horazio etwa weiß, hatte mir die Russel in +einigen Abenden schon abgefragt. Ja Clarke gefällt auch den Männern durch +sein feines Aussehn, welches sie ihm doch nicht beneiden! Er ist so +gewandt, so angenehm, und mischt, mit ungewöhnlicher Höflichkeit von Mann +gegen Mann, oft sogar kleine Schmeicheleien für sie mit ein. Freundlich +gegen den Geringsten, hülfreich selbst den Weibern in der Küche, und Miß +Lisannen beim Sticken einer Geburstagsweste für Sir Samuel, wozu er ihr +Blumen gezeichnet, ist er der Liebling im Hause. So rohe Scherze wir +anfangs von den Hausgenossen, vor allen aber von dem frechen kleinen +buckligen Hobday über die Mädchen, und selber Lisannen, anhören mußten, und +so sehr ich mich bestrebte, in ihrer unvermeidlichen Gesellschaft nichts +aufkommen zu lassen, was mich als Schulmeister oft zwang, brummend +fortzugehen: so muß ich doch Clarke die Ehre geben, daß Er durch seine +glückliche Unterhaltungsgabe, durch die Gegenstände seines Gesprächs, durch +Abbrechen desselben und Hinwerfen eines neuen, endlich -- wenn auch nicht +das schöne Gefühl der Schamhaftigkeit in Hobday und Consorten erweckt, doch +eine gewisse Scheu in seiner Gegenwart ihnen aufgelegt hat, deren +Gewohnheit sie bändigt, auch wenn er nicht da ist. Das freut mich um +Lisanna's willen, die ganz unglücklich wäre, wenn Sir Samuel und Frau +Russel nicht beständig wegen ihr uneins wäre, so daß Eines von ihnen sie +immer niederdrückt, wenn das Andre sie aufrichtet. Was ich mich nicht +getraue, aus falscher Schamhaftigkeit, thut Clarke: er tritt auf ihre +Seite! Dafür segnet ihn der Herr sichtbar. Er ist ordentlich dick und fett +geworden, als sollt' er hier Mayor werden. Ich würde es dem gesunden Klima +zuschreiben, wenn Ich nicht hagerer und blässer würde! Aber auch Er sieht +dabei blässer und bekümmerter aus. Auf einem dicken Bauch steht also _nicht +immer_ ein fröhliches Haupt. Er läßt sich auch verlauten, er wolle sich in +der Stadt wo einrichten. Frau Russel, der er gefällt -- und wer der Mutter +gefällt, den soll gewöhnlich die Tochter heirathen -- hat ihm, horribile +dictu, Lisannen angetragen! Und er macht Ausflüchte! Sie ist ihm +wahrscheinlich zu arm. Mir sollte sie das versuchen! Ach, und doch wie +unglücklich würd' es mich machen, wenn mich Lisanna liebte -- dann ginge +erst meine Noth an. -- Sprachbemerkung: »Anna« darf in Compositis niemals +voran stehen, denn wie schön klingt Marianna! und wie häßlich Annamarie! +wie hübsch, wenn Rose vorn steht, und Anna hinten: Rosanna! und wie garstig +Annarose! Wie lieblich Lisanna, und wie abscheulich . . . . . ! und so ruft +doch die Russel Lisannen, wenn sie ihre Laune gegen sie hat, und sie ist +doch immer so schön, so geduldig, mit Einem Wort: Lisanna! + + * * * * * + +Osterfeiertage 1820. + +Was ich heut' einzutragen habe, das geht zu weit! und kann doch noch weiter +gehen! Es waren Handelsschiffe angekommen, um Producte von van Diemensland +zu laden. Da hatten wir denn viele Tage Schlachtvieh und Schafe +herbeizutreiben und zu schätzen, Wolle zu wiegen, Häute zu zählen, Schinken +und geräucherte Zungen aus der großen Rauchkammer zu holen und einzupacken, +und Mehl zu messen. Darauf war Sir Samuel, der sich immer Geschäfte macht, +um nur nicht an sich zu denken, auf den Seekalbfang in die Bassestraße +geschifft; auch Tydal war mit seinem Schutzherrn fort, und Doctor Toland +regierte das Haus. Clarke hatte eine bestellte Landschaft: die Gegend um +einen Meierhof, und ich begleitete ihn Sonntags nach Mittage dahin, als +grade wieder solche Beleuchtung war, wie er brauchte. Das Haus stand noch +unbewohnt, rings umher war mit leichter Mühe und ohne Kosten der fruchtbare +Boden urbar gemacht, indem man nur das wuchernde Gras und die köstlichen +Blumen abgebrannt! Das macht mir den Ort schon verdrüßlich. Er malte auf +einem großen, aber eben nicht hohen bemoosten Steine. Ich sah in die +Gegend. Ganz von weitem erblickt' ich Lisanna und Doctor Toland, welche +kamen -- Herrn Clarke zu besuchen. Ich hatte nun freilich keine Augen für +sein fertig werdendes Bild. + +Nach ziemlich langem, verdrüßlichem Schweigen sprach er zu mir: »Freilich, +wenn man die beste, gelungenste Landschaft, die der Geist der Erde, wie +Tydal sagt, durch die Maler gleichsam ein zarteres kleineres Mal +nachgeschaffen hat, mit diesen natürlichen Landschaften hier vergleicht, so +kann man nur unsern Herrgott für einen Meister halten! Menschliches Wesen +ist Schülerwerk; und doch versteht man nur diese schöne Welt als ein großes +Kunstwerk, vollendet ausgeführt bis auf die feinste Ader im kleinsten +Blatte, und das schimmernde Sandkorn, wenn man versucht, durch Kunst das so +nachzumachen. Die Kunst schließt den Künstlern den Geist auf, und die +Natur; Kunstwerke aber dann wieder den Menschen. Damit muß ein Vernünftiger +zufrieden sein, wenn auch keins seiner Werke nur die entfernteste +Aehnlichkeit mit den lebendigen leuchtenden Werken der Natur hat -- in +denen man spazieren gehen kann -- keins seiner Marmorbilder dem +Meisterstück der Natur, dem schönen Menschen, gleicht -- das mit uns reden, +uns lieben kann -- nicht das wärmste frischeste Gemälde seinem Urbilde. +Dazu sind sie auch nicht; sie stellen nur _vor_, was man in sich tragen +muß, um sie nur zu erkennen. Denn auf dem Bekannten beruhen sie, gleichsam +in den Himmel aus einem Prisma hinausgestellt, wie der Regenbogen beruht +auf Wolken und Sonne.« -- + +Dabei that er etwas stolz. Ich fragte ihn nur in aller Unschuld: Hat denn +nur der die Gabe, die Natur zu verstehn, der sie wieder darstellen kann, +der Künstler? Sind nur die Künstler die Glücklichen? Aber ich kunstloser +Mensch verstehe doch Gedichte, auch zur Noth ein Gemälde, und wer +Kunstwerke versteht, sollte doch die Natur weit leichter verstehen, Clarke! +-- Das kommt mir vor, sprach er, wie einen Goldfasan mit Federn eher essen +zu können, als einen gebratenen, Lambton! -- + +In der Rede sieht man kein Komma, und sie klang mir gar zu besonders! Doch +sagt' ich ihm nun, wie ich denke: Ich halte den Menschen für unglücklich, +der keinen Sinn, keine Fähigkeit hat, Gottes Werke selbst aufzufassen, und +so arm ist, ihren Anblick, ihre Fassung zu betteln beim Künstler. Liebe als +das Mittelbare ist mir das Unmittelbare, das allen Menschen unendlich +schöner, reicher, neuer und umsonst Gegebene, nur um den Gang, nur um ein +Weilchen Harren! Und erst die stillen Wunder der Pflanzenwelt, nur die +Staubfäden, den Staub, den Schimmer und Glanz! Wie Wenige sehen, was Allen +da ist! Von Felsen stürzen, schäumen, oder hoch ragen, ja Feuer speien muß, +was sie locken und rühren soll. Eine einzige Blume ist ein Weltwunder -- +aber sie ist vielmal, ist immer wieder da, sie kostet kein Geld, der Mensch +hat sie nicht gemacht, sie ist nicht -- gemalt! -- + +Man will also doch auch gemalte Natur, spitzte mich Clarke, und von diesem +Wahne leben wir Maler! Es muß etwas dahinter sein, sonst verhungerten wir! +-- + +Aber ich hoffe von den Menschen, versetzt' ich ihm, wenn Jederman: +Hausflur, Saal und alle Zimmer bis auf den Boden wird voll Gemälde haben, +daß er sich dann wieder hinaus in's Freie begeben wird, um das ihm selten +Gewordene zu sehen. Ich -- ich bleibe gleich lieber draußen! -- + +»Freilich, wer mit der Natur selbst verkehrt, wer ihre Morgenröthen, ihre +Abendscheine, die Frühlingserde, die bunte Herbstlandschaft oft bestaunt, +als Gotteswerk, wie Ihr, guter Gottesmann Lambton, und dabei ein armer +Schelm ist, für den mal' ich keine Gemälde.« -- + +Ihrentwegen, sprach ich über die Anspielung auf meinen Beutel ärgerlich, +miß' Ich wenigstens niemals den Sonnenaufgang, oder das unheimliche +Helldunkel der Sonnenfinsterniß, die selige Ahnung bei Mondverschattung -- +oder das feurige »_Nordlicht!_« Ich verließe gern die kleine Hütte des +Nachts um -- -- -- »Das Nordlicht!« wiederholte Clarke, und erröthete, als +wenn es ihn eben anglüh; ach, das Nordlicht! seufzt' er, und senkte sein +Kinn auf die Brust. -- + +Getroffen! dacht' ich, und fuhr fort: Nicht um alle gemalten St. Johannes- +und Christus-Kinder, wollte ich missen, Ein lebendes kleines schönes Kind +zu betrachten, besonders, wenn es mein eigenes wäre. -- + +Mein eigenes! wiederholte Clarke unruhig, und hörte auf zu malen. + +Nun mußt' ich das Schreckliche wagen und sagen: Nicht um alle Magdalenen, +Marien, Annen und Lisen wollt' ich nicht mehr _Lisanna_ sehen! -- + +-- »Auch Sie hab' ich getäuscht, was wird Sie sagen? und erst Sir Samuel, +Roßborn und -- Patrik!« sprach Clarke, nur eben noch verständlich vor sich +hin. -- + +Das war die bitterste Stunde meines Lebens! Es gab mir einen Stich in's +Herz, und der helle blaue Himmel ward mir dunkel und schwarz. Unfähig, mich +sitzend zu erhalten, sank ich mit dem Gesicht in das grüne Moos auf dem +Felsen und athmete kaum. + +Das war wohl ein Jammer! -- Nach einiger Zeit hörte ich eine Stimme rufen: +Clarke! Herr Clarke! -- und nach einer Pause erst wieder: Lambton! Herr +Lambton! o lieber Lambton! Es war Lisanna unten am Steine. Ich regte mich +nicht, und nun erst brachen die Thränen mir aus, daß ich schluchzte. +Endlich kam sie herauf und stand vor mir und klagte: Mein Gott, bester, +einziger Lambton, was ist geschehen? Wie seht Ihr aus, blaß und außer Euch. +Ihr weint! + +Sie kniete zu mir, und beugte sich über, daß ihre Locken meine Stirn +berührten. O! seufzt' ich, und wollte sie wegdrängen von mir -- aber sie +hing mit ihrem Engelsgesicht über meinem, ihre großgeöffneten Augen +schwammen in Thränen, ihr Gesicht war lilienblaß, und ihre Züge sprühten +doch gleichsam Angst, Hast und Zärtlichkeit, indeß ihre Lippen bebten! Und +so voll unendlichen Mitleids mit ihr, sagt' ich nur leise: »Gehe zu +Clarke!« -- + +Von dem komm' ich ja! erwiederte sie -- der liegt unten am Felsen und regt +sich nicht. Ermuntere Dich -- ! -- lieber Lambton, komm', hilf ihm, o +komme, wenn Du -- -- mich lieb hast -- ! -- + +So eilte sie vor mir hinunter. Als ich ihr nachkam, kniete sie schon bei +Clarke, und hielt seine rechte Hand in ihren; seine linke hielt noch den +Malerstock. Gewiß war er, von Gefühlen überwältigt, rücklings übergesunken, +und an dem langen grünen Grase hinunter geglitten. Mich jammerte sein und +Lisanna's! Es that ihm ja leid! -- + +Wo ist Doctor Toland? fragt' ich sie, mich besinnend. -- + +Er ist nach Hanse gegangen. -- + +Hol' ihn! mein Mädchen! -- + +Sie eilte fort, wie mit Flügeln. + +So blieb ich allein mit Clarke, und wußte nicht, was ich anfangen sollte, +ihm Hülfe zu leisten. Aus Mitleid und Angst umarmt' ich ihn, drückte ihn, +und küßte ihn auf die Stirn, auf die Lippen; mit ward so eigen! Ich band +ihm das Halstuch ab -- er schlug die Augen auf, und wollte mich abwehren. +Ich schöpfte nun Trost und riß ihm die Weste auf, ihm Luft zu schaffen. Da +fiel er wieder in Ohnmacht. Aber _Er_ nicht -- so viel sah' ich -- o Gott! +ich schäme mich noch, und halte mir die Augen zu -- _Sie_ fiel in Ohnmacht, +Sie, Miß Clarke -- Clarke war ein _Weib!_ Das Blut schoß mir in's Gesicht +vor Erstaunen. Dann stand ich auf, rieb mir die Hände wie thöricht -- ich +wusch sie mir gleichsam, um so zu sagen, in Unschuld, und vor +unaussprechlicher Freude fing mein Lambton an -- was er, in seinem Leben +nicht gethan hat -- zu tanzen. »Ho! ho! ho! Jetzt ist mit geholfen!« rief +er aus, jetzt bin ich glücklich! Gestern war das Jahr um, von dem meine +Mutter sagte »wenn Du das überstanden hast -- dann -- dann -- dann!« -- +Nun! nun! nun! rief er aus, ist es überstanden. Victoria! -- + +Dann aber schämte er sich, Clarken so zu vergessen -- ach, und das Erste, +das Unerläßlichste war -- er mußte ihm die Weste wieder zuknöpfen. Sie +konnte erwachen und sehen, daß sie verrathen sei! ach Gott, daß er knöpfte! +Lisanna konnte jeden Augenblick kommen, und sehen, was er, und daß er +gesehen habe! Jeder, der jemals in eine so unglückliche Lage gerathen ist, +wird seine Angst begreifen. -- Aber -- und so ein Aber giebt es nicht mehr +in der Welt -- aber wollte er Sie nicht beschämen, nicht auf immer vor +Clarke beschämt stehen, mußt' er sich entschließen. Er nannte sich zu +täuschen, zu betäubst, zu beruhigen, sie seinen _Clarke! Clarke!_ Er band +sich _Clarke's_ Halstuch breit über die Augen, und wie er die Soldaten +gesehen hatte ihre Knöpfe auf dem Knopfholz putzen, schob er Clarke's +Malerstock in die Weste, und knöpfte sie hochgehoben eilend und mit +zitternden Händen zu. Das Sprichwort »was man selbst thut, ist gleich +gethan,« traf nicht bei Lambton ein. Denn er hörte schon Stimmen und Tritte +sich nahen. Das war das schwerste Werk in seinem Leben, die sauerste Weste, +die er zugeknöpft. + +Da kam der Doctor Toland, Lisanna voraus, ihm die Stelle zeigend, und +hinter ihnen, von Neugier gelockt, die malayischen Mädchen und Hobday. +Lambton sagte nur eilig noch Toland, daß sie -- -- daß Clarke die Augen +aufgeschlagen; -- und als sie sich um Sie bemühten, lief er in die Felder, +froh wie der König von Ulimaroa! + +-- Ich habe dieß Alles in tertiâ personnâ von Lambton erzählt -- ganz +natürlich ist mir das eingekommen, da ich es von mir per Ich! Ich! Ich! aus +bitterer Scham doch unmöglich konnte, unmöglich Mich zu dem närrischen +Menschen bekennen, der ich, oder er, da war; denn ich bin's ja nicht +_mehr_, und war es vorher nicht! »Ich« wird siebenzig Jahr alt -- der +Mensch sollte alle Tage anders heißen, oder kurz weg: Anders! Immeranders! +-- Und doch war das der Wendepunkt meines Lebens. + +Aber die Verlegenheit war damit nicht aus! Die Verwirrung ging nun erst +recht an! Daß ich erst spät, spät nach Hause kam, war natürlich. Daß ich +bloß an unserm Stübchen horchte, war natürlich. Daß Hobday mich anlachte +und sagte: »Der Maler Clarke ist in die Wochen gekommen, und hat den +Schulmeister Lambton um die Kinderruthe und die Schule gebracht« -- +natürlich! so entsetzlich ehrenrührig es auch war -- das heißt, Gott sei +Dank nur für mich armen Schulmeister sein sollte. Aber meine Unschuld war +-- natürlich; Kindergeschrei -- natürlich. Daß Lisanna die Hände rang, sich +einschloß und schluchzte, daß ich es unter ihrem Fenster hören konnte -- +gleichfalls natürlich -- wenn sie mich liebte! scilicet. Und daß die alte +Russel alle Hände vollauf zu thun, und nicht Beine genug zu laufen hatte, +war Alles natürlich! Aber unnatürlich, daß sie mir nachschrie »Ein schöner +Schulmeister! ein schöner Maler! Es ist nur noch ein tausendes Glück, daß +wir dahinter gekommen sind, ehe unsre Lisanna den Clarke geheirathet hat! +Was daraus Alles hätte entstehen können! Nun Gott sei ewig gedankt! Man +denkt, man ist in van Diemensland, in Hobarttown, wo altes Elend bloß +abgebüßt wird! Aber, du lieber Himmel, es ist hier wie in Rowlandhill, in +London, in England, in Europa, in der ganzen Welt!« + +Ich ließ sie hausen, lief in die Nacht und in das Freie hinaus und dachte: +Iliacos muros intra peccatur et extra! Aber Wer gesündigt hatte, und +vielleicht extra, sc. muros schon -- das wird schon zur Welt kommen, wie +das unschuldige, liebe Neugeborne. Und doch that ich die ganze Nacht kein +Auge zu, bloß um Lisanna, die Ich erst so ungerechter Weise mit Clarke +beeifersüchtigt hatte, -- besonders zuletzt auf dem elenden Steine -- so +gewiß es an sich möglich war! -- -- Aber o Gott, wenn sie nur auch wirklich +über mich weinte! seufzt' ich -- Dann ist mir geholfen, und Ihr zu helfen. +Ueber was weint sie denn aber sonst, und worüber kann sie weinen? Ueber -- +die Ausnahme von der Regel, die heut zu Tage bald die Regel ist? Ueber ein +neugebornes Kind? Mein Gott, das weint ja selber genug! Aber, aber wenn Sie +so schlecht ist, von mir, von Lambton, so schlecht zu denken -- ach, wie +ich doch schlecht genug gewesen war, von Ihr zu denken, einen Augenblick +einen bösen, den elendesten Augenblick meines Lebens -- wie sollte ich ihr +da am Morgen vor die Augen treten? Wie sollt' Ich ein Wort herausbringen, +mich zu entschuldigen, wenn es nicht Clarke that -- oder vielleicht der -- +Vetter Tydal! Da ging mir ein Licht auf, grade mit der Sonne, und so froh, +wie sie, daß ich endlich einschlief, wie die Menschen in England, bei denen +sie jetzt unterging. Man wird ganz confus in diesem Lande! Dort gehen sie +schlafen, hier wachen sie auf! Ich möchte wohl wissen, wer eigentlich Recht +hat? + +Nun in dem kummervollen Schlafe in der Morgenkälte hatte ich wunderliche +Träume auf meinem Steine; aber ich war auch wieder in England, in +Rowlandhill! Ich sahe einmal die alte Anna, und die Schulkinder, und freute +mich, daß mir die Glieder zitterten, und die Zähne klappten. Sir Horazio +besuchte mich in der Schule, und ich machte ihm lauter gehorsame Diener. +Das mußte mir wohl von dem öfteren Nicken und plötzlichen Vorfallen des +Kopfes im Schlafe, im Traum einkommen! denn mich erweckte mit einem +tüchtigen Stoße vor die Stirn unser großer Ziegenbock, der an mich gewöhnt, +jetzt früh zu mir gekommen, mich nicken gesehen, und geglaubt hatte, sein +Präceptor wolle sich heute einmal zu ihm herablassen, und sich mit ihm +stoßen; und auf meine wiederholten Aufforderungen: »Butz! Butz!« hatte er +es gewiß erst mit schwerem Herzen gewagt und gestoßen! und ganz freimüthig, +also tüchtig und derb-gehorsam als tüchtiger Ziegenbock. Er hatte mich auch +überwunden, und stand über mir wie ein vierbeiniger Triumphbogen, mit +seinem Bart, und leckte mir nun mitleidig das Gesicht, und funkelte mich +mit den Augen an. Ich war ganz naß vom Nachtthau und zitterte noch vom +Morgenfrost, und hatte Ohrenklingen, wie das Bild Memnonis beim Aufgang der +Sonne. Daß ich meine Linden, meine Kinder, meine Anna wiedergesehen, hatte +mich heiter gestimmt; daß mein untergebener Bock mich so subordinations- +und respect-widrig behandelt hatte, brachte mich zum Lachen! und wer in +irgend einer Lage lacht, der lacht; und der lacht, er mag wollen oder +nicht, versteckt zugleich über seine ganze Lage; denn der ganze Mensch +lacht, und auch weinen kann man nicht mit Einem Auge. Ich lachte und +ärgerte mich dann wirklich weit weniger. Dennoch ließ ich mich nicht sehen. +Denn man konnte ja -- da man mich einmal schuldig glaubte, mich nun noch +gar für schamlos und frech halten, wenn ich kam! und ach, auch wiederum für +hartherzig, daß ich nicht nach Mutter und Kind sahe; wie es bloß die +vornehmen Herren können, wenn sie ein armes Mädchen unglücklich gemacht +haben. Darum wäre ich bald hingegangen! Aber Lisanna, Lisanna! Ich war so +böse auf sie, daß ich sie auch bald Anneli -- -- gescholten hätte. Mich für +so schlau, so versteckt und so verstellt zu halten, daß ich unter dem +Deckmantel der Liebe zu ihr -- -- Aber war der Schein nicht wider mich, und +Clarke's Schönheit? Und in dem Liebes-Rechtshandel trat ein vierbeiniger +hölzerner Zeuge, der für zwei lebendige Zweibeinige gelten konnte -- das +frühere Eine Bett -- gegen mich auf; das Zusammensein, das Schwatzen mit +Clarke bis tief in die Nacht. Doch that er mir leid -- wie mußte ihm zu +Muthe sein! Und nur das Vertraun auf Doctor Toland den _Menschen_freund, +und auch _meinen_, beruhigte mich über seine Behandlung, wenn etwa das +Mädchen oder Weib -- ja ja _Weib_, das ist mir eine Herzstärkung von ihm zu +vermuthen -- nun büßen sollte, was Clarke der Maler durch seine Kleidung +verschuldet. Vielleicht auch nicht. + +Nur die schöne Talo war mir ein lächerlicher Trost. Hatte sie sich nicht in +Clarke verliebt? und hatte Clarke das sinnige arme Kind nicht manchmal +mitleidig sogar umfaßt und geküßt, um sie mit geistigem Zuckerbrot zu +nähren wie einen Canarienvogel mit dem wahren leiblichen vom Zuckerbäcker. +Das gefällt mir jetzt allerdings von ihm. Doch verrieth ich es auch damals +nicht, so sehr ich zürnte über allen Scherz in der Liebe, und warnte bloß +die kindgute Talo in Lisanna's Gegenwart, vielleicht etwas zu +schulmeisterhaft; zu sehr überzeugt, daß der Scherz in der Liebe der +bittersüßeste Ernst sei; denn alle großen Leidenschaften spielen mit dem +Leben, und Scherz, Herz und Schmerz reimt jedes Kind zu leicht! Denn Talo, +die treue Seele, fing -- damals -- an zu weinen! und auch Lisanna -- als +wenn ich Sie auch mit ihm verdächte. Und ich will mich von dem Doppelsinn +meiner Warnung nicht frei sprechen! Ich hätte Talo vielleicht -- +schändlicher Weise -- gar nicht oder doch nicht so gewarnt, wenn ich nicht +Lisannen warnen wollte! Ach, die Liebe ist wohl der Grund von allen guten +und bösen Gedanken und Werken in der Welt! Aber das Böse ist nur der +Schatten der Liebe! man _haßt_ den Einen nicht, man _liebt_ nur den Andern; +wie der arme Vater Brot _nimmt_, und seinen hungrigen Kindern _bringt!_ Mir +kommt es immer so vor, als wenn er es nur _brächte_; nur _bringen_, nicht +nehmen wolle. Ich kann auf keinen Menschen böse sein, höchstens thut mir +einer leid, recht leid, noch ohne daß er einmal ein Vetter von mir ist! Was +muß also nicht erst der fühlen, der ihr Vater ist? Wenn Er immer die Liebe +ist: Liebe! Ich getraue mich hierin Recht haben zu wollen. Mir thut es +bitterlich weh, daß ich mich auf dem Steine so abscheulich mit Clarke +gezankt hatte, oder, daß ich ihn doch hatte so angreifen _wollen_, und er +es sich so zu Gemüthe gezogen, daß er sich sogar entpuppt hatte; was +freilich wohl Alles auch ohne mich, vielleicht zu selbiger Stunde, +geschehen wäre. Ich hatte das Heimweh so arg, wie eine Krankheit; ich +durfte es haben, denn das Patrik'sche Patent-Mittel dagegen, wuchs ja für +mich in Altengland nicht -- vielleicht auch ja! + +Ich sahe in meiner Angst schon am Morgen von der Höhe im Felde in das Meer +hinaus, sahe Schiffe kommen, und erkannte zuletzt das meines Herrn Samuel! +Mir klopfte das Herz; ich trieb in den dunkelsten Wald. Spät nach Mittage +hört' ich Talo's Stimme mich rufen. Ich war in keiner geringen +Verlegenheit, als ich vor Sir Samuel erscheinen sollte! Aber zur +Abendmahlzeit! Was sollte das bedeuten? Talo sagte mir weiter kein Wort, +denn sie schämte sich vor mir, wie ich mich vor ihr, und eilte mir voraus. +Ich trieb meine Schüler nach der Hürde, langsam und zögernd. Dann schlich +ich nach dem Wohnhaus. In der Hofthür begegnete mir Lisanna. Wir standen +beide, stumm uns ansehend, vor einander; die Füße versagten mir den Dienst. +Ich lehnte mich mit dem Gesicht an die Wand und hielt mich fest mit flachen +Händen; sie schlich nur an mir vorüber. Als ich mich umsah, war sie +verschwunden. Ich bedauerte herzlich, und mit gefalteten Händen, daß man +die Unschuld, die Gedanken, die Liebe nicht sehen kann! Das wäre doch viel +besser, und ersparte tausend, ja alle Mißverständnisse, Spione, Foltern, +Inquisition und Justizmorde. Auch die Gesandten hätten es leichter. In +Summa: dadurch würde eine neue Welt, eine neue Sprache, ein neues +Menschengeschlecht, ja ich behaupte: Engelsgeschlecht! Dem Herrn, der so +viel Wunderbares eingerichtet, der das Johanniswürmchen erleuchtet, den +Diamant durchsichtig geschaffen, war die Kleinigkeit auch noch eine +Kleinigkeit! Wie gute Wege den Verkehr verkürzen, so würde, wenn jede Brust +ein illuminirter Telegraph wäre, jedes Geschäft viel kürzer, das Leben also +viel länger sein. Auch viel süßer und sicherer! denn Jeder kennete seinen +Mann, und seine Frau, Notabene. Und wie keine Frau, ja kein Mann mit +Flecken im Kleide gehen will, so müßten dann Alle mit reiner Seele +erscheinen. Das wäre wohl Manchem und Mancher ein Schweres, es gäbe dann +wohl so viele arme Seelen -- wie jetzt arme Schelme in Lumpen. Und wenn der +Mensch einmal durchsichtig wäre, dann sähe man auch, was jeder im Magen +hätte; und welcher Schulmeister ließe gern alle Tage dreimal seine +richtigen Kartoffeln darin bedauern? Ich schon nicht! »Das allzuschwere +Fleisch,« wie Hamlet sagt, ist also recht weise den armen Seelen zum Kleide +gegeben, wie die Kleider eine Wohlthat für die Häßlichen und Alten sind. +Man sieht doch ein Halstuch mit Spitzen; einen seidenen Rücken, feine +Casimirhosen und blanke Schuhe, statt magerer Beine &c.; wie man nun feine +gefällige Rede hört, statt List und Trug. -- »So« ist gut! sagt ja Crabbe. +-- + +Ich hatte kaum seiner gedacht, als mich der leibhafte Crabbe, wie der Wolf +in der Fabel, umarmte! Ich traute meinen Augen kaum. + +Ja, ja, sagt' er lachend, Wir sind die Seekälber, die Herr Samuel das Mal +mitgebracht hat! Das war ein wüstes Leben in der Wüste, wo wir mit dem Boot +in der Wasserhosennacht gestrandet! -- + +Phylax, der mir nachgekommen, sprang an Crabbe in die Höhe, und grüßte ihn +mit Gebell. Nun herein! rief Crabbe, hinein! Dabei drängt' er mich so in +das Zimmer, daß ich sehr uns schicklich und plötzlich vor der Gesellschaft +darinnen erschien, und der freundliche Stoß sie um meinen gehorsamen Diener +brachte. Capitain York bewillkommnete mich schon von weitem, Stephan und +William hingen an meinem Halse, und selbst Mistriß Distreß freute sich, daß +sie mich wieder sahe. Das konnt' ich ihr glauben. Wer sich freut, daß er +einen Andern wiedersieht, der lebt ja selber! Mich aber freut' es am +meisten, auch um meinetwillen, den Vetter Tydal zu sehen! Auch der gute +dicke Roßborn fiel leicht in die Augen, und die Stimme des braven Predigers +Patrik war nicht zu verhören. Heut, hier, lernte ich mir ihn nun ordentlich +auswendig: Ein sehr schöner, hoher, hagerer Mann mit schwarzem kurzem Haar, +schwarzen glühenden Augen und länglichem edlen feinen Napoleonfarbigem +Gesicht; ein Napoleon an Freimuth und Kraft und durchdringendem Verstand, +mein unvergeßlicher Patrik, redlich und offen, furchtlos und kindgut, wie +kaum ein Mensch jemals wo und mehr in der Welt. Jeder König hätte Muth +bedurft ihn zu hören, ja jeder Geistliche; den allergrößten Muth aber hätte +der Papst zu einem öffentlichen Colloquio mit ihm bedurft. Denn Er, +nämlich, versteht sich Patrik, leuchtete ganz vom Geiste der Wahrheit und +brannte freileuchtend, wie ein großes stilles Gestirn -- am nächtlichen +Himmel. Und mir war er -- Freund. Es ging gleich zu Tische. Auch Lisanna +war dabei; und jedes Wort, das Capitain York sprach, mich zu legitimiren, +war mir in Ihrer Gegenwart eine Guinee werth. Doch als man zuletzt Herrn +Tydal eine Gesundheit »auf die Bevölkerung von van Diemensland« zutrank, +als der Vetter zum Vater ward, da ertrug es das gute Kind nicht länger, und +ging vom Tische. Sie sprang auf Talo zu, schien ihr etwas zu sagen und +hielt sie dabei umarmt. Sir Samuel schien noch etwas ungehalten, aber er +hielt sich doch, und Frau Russel war am meisten _darüber_ unwillig, daß sie +sich mit all' ihrer Klugheit doch getäuscht hatte! + +Doctor Toland besänftigte Beide und sprach: Die Deportirten kommen ja nicht +ohne Fehler hierher, sondern grade sie _abzulegen_; und der kleine +lebendige Fehler der Miß _Clara_ ist so munter und holdselig, daß wir ihrer +Schamhaftigkeit schon vergeben müssen, wenn sie lieber länger das Ansehen +eines lobenswerthen Jünglings, als eines tadelnswerthen Mädchens haben +wollte! -- + +Auch ist sie ja Herrn Tydal nur aus Liebe hieher gefolgt, nahm Herr Roßborn +das Wort; und um das Glück ihrer Verbannung mit ihm zu erlangen, täuschte +sie nur mit schwerem Herzen! und langte nur mit ihren sehr niedlichen +Fingern in Strandstreet im Laden nach dem -- freilich nicht ihr gehörigen +-- unbedeutenden Malergeräth, das ihr aber ganz Hobarttown werth war! Auch +ist sie selbst so darüber erschrocken, und wie versteinert stehen +geblieben, daß die schwerste That -- sich selbst zu verrathen, ihr leicht +gemacht ward von ihrem reinen Gefühl. Herr Prediger Patrik wird sie dann +trauen, und ein Viertelstündchen nachher das Kind taufen, damit doch +einigermaßen die Ordnung hergestellt werde, was unsere Pflicht ist! -- + +Ich ward bald blaß bald roth, und herzte die Knaben links und rechts. Am +meisten beschämte mich Capitain York's Toast auf mein-Wohlergehn. Er dankte +mir, zur Rede aufgestanden, »daß ich das Schiff Sr. Majestät durch meine +Bemühung erhalten« -- ohne auf das Wunder Rücksicht zu nehmen, das uns +gerettet. -- Er sagte »ich hätte das Wort Gnade noch einmal über 100 +Menschen ausgesprochen.« -- Ist mir ganz unbewußt! -- »Und es müsse und +werde mir hier und dort wohlgehen.« In van Diemensland und in England! +dacht' ich bei mir; denn _Der_ in dem wahren _Dort_ weiß Alles das ja +besser. -- »Unterdeß wird sich Sir Samuel für uns Alle abfinden.« -- So +kann es Einem gehen, wenn man nicht ertrinken will! dacht' ich bei mir; und +wenn ich recht gehört, so weinte Lisanna in dem Jubel. Herr Roßborn +erklärte mich für frei, und dankte gleichfalls, bat aber nicht um +Verzeihung. »Ich habe meine Schuldigkeit gethan, sagt' Er, und Sie, Herr +Lambton, sind so ein pflichtdurchdrungener Mann, daß ich mir von Ihnen +meine Pflicht nicht darf vergeben lassen! Ich werde mit dem Gouverneur +Macquarie sprechen, der dieser Tage hier ankommen wird, und einen guten +Gehalt als Lancaster- und Sonntagsschulmeister, wenn Ihnen Beides nicht zu +viel ist, kann ich Ihnen im voraus versprechen -- wenn Sie bleiben wollen. +Aber Sie wollten doch nur gute Menschen aus Kindern bilden in ihrem +Rowlandhill -- und hier sind Kinder! und hier ist Rowlandhill!« -- Ich +konnte für so viel Glück und Gnade gar keine rechte Worte finden, und bat +nur Sir Samuel mit Thränen, mich in seinem Hause zu behalten! -- »Ist denn +mein Haus Ihr Glück? oder in meinem Hause?« sprach er, mich lächelnd von +der Seite anblickend, und dann sich im Zimmer umsehend. Lisanna verbarg +sich hinter Talo, welche für sie und für sich ein gleichsam doppelt +lächelndes Gesicht annahm, und nach Sir Samuel sah. »Daß ich gut gegen Sie +denke, sollen Sie erfahren, Herr Lambton;« fuhr er fort. »Ein Schulmeister +muß eigene Kinder haben, wenn er Anderer Kinder lieben soll. Die Liebe zu +Andern ist bloß eine Uebertragung unserer Liebe zu den Unsern: auf Andre. +Aber als diese Versetzung oder Phantasie ist sie noch alles, und alles von +Allen zu fordernde Mögliche, jedem nun klare wohlthät'ge Himmlische; und zu +Kindern gehört, meines Wissens, eine Frau nothwendig; und für diese Noth +hab' ich Rath und That. Moses hat bei Jethro Schafe gehütet, und ist Moses +worden. Jacob hat um Rahel 7 Jahr gedient, und gewiß allerlei Vieh gehütet, +und auch wohl mit dem Bieseln der Kühe seine tausendste Noth gehabt, wie +Sie! und die rothe Brausche auf Ihrer Stirn, die Ihnen heut' Morgen der +Bock gestoßen, wird sich auf einige Weinumschläge verziehen, noch ehe Sie +ein Bräutigam werden, wie man sagt. Uebrigens pflege ich Jeden, den ich in +mein Haus nehme, zuerst an Gehorsam und Arbeit zu gewöhnen, welche nicht +nur verstatten »ein Mensch zu _sein_,« sondern erst recht zu _werden_. Auch +Lisanna erzieh' ich nach alter Weise, welche die einzig wahre bleibt, um +sie glücklich zu machen! Denn die alten Königstöchter trugen Wasser vom +Brunnen, spannen und webten -- und liebten, daß sie vor Freuden vom Cameele +fielen, wenn sie ihren Bräutigam sahn, und waren glücklicher als die neuen. +War ich oft hart gegen das liebe Kind, so hatte das seine Ursachen, die an +Ihr und Mir nicht liegen, deren Wirkungen wir Beide nur dulden -- um der +argen Welt willen, um nicht zu sagen der »schönen Welt.« -- + +Darauf schwieg er mit finstrem Gesicht. Herr Prediger Patrik nahm in dieser +Frist das Wort und sprach: Ja, Gehorsam und Arbeit sind die beiden +Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft und des allgemeinen Glückes! +Wehe denen, die sie nie gekannt, nie gelernt haben und an sie nicht gewöhnt +sind! Jeder Mensch darf nur arbeiten, wozu er Neigung hat; und aus den +verschiedenen Neigungen, welche weise von der Vorsehung allen verschieden +zugetheilt sind, entsteht doch ein mit Allem wohlversorgtes, wohl in +Ordnung gehaltenes Ganze. Und jeder Mensch darf nur so viel arbeiten, als +die Bedingung gesund zu bleiben erfordert. Faulheit ist die Quelle aller +mit Recht so genannten Unthaten; und die Quelle der Faulheit ist die +Unkenntniß des wirklich Guten. Denn Jeder ist eifrig, ja unermüdlich nach +dem, was Er für reizend und strebenswerth hält. -- Und den Gehorsam, die +Gewöhnung einem fremden, ja nur dem eigenen Willen unterthan zu sein, o +mein Gott, wenn ich diese nur mit Engelszungen predigen könnte! Allen +Müttern und Vätern zuerst, die ihn das Volk der Kinder lehren sollen! Denn +im Leben verlangt ein Gott den unverbrüchlichsten, ruhigsten, immergleichen +Gehorsam gegen die Gesetze seiner Welt von jedem, der glücklich sein will. +Er läßt dagegen denken und handeln -- aber die Gesetze walten allmächtig +und eisern fort, und zermalmen den ohn' Erbarmen, der sich nicht fest an +sie anhält. Denn so nur besteht seine Welt, und gehen seine Sterne so +richtig. Welcher Sohn seinem Vater nicht gefolgt, der wird ein Ungehorsamer +bleiben gegen Gott und Menschen; und welche Tochter ihrer Mutter nicht +Arbeit abgelernt, die wird ihrem Manne und ihren Kindern verderblich sein. +Denn wo das Gute nicht ist, da ist das Böse! Wo Frühling ist, da hat der +Winter die Macht verloren, und das Menschengeschlecht darf nicht das Böse +ausrotten, nur das Gute pflanzen. Deßwegen muß die Schule eine ernste, +kirchenheilige Anstalt sein! Ein guter Lehrling wird ein guter Meister, ein +guter Schulknabe ein guter Bürger. Denn im Leben ändern sich nur die +Gegenstände, die uns beschäftigen -- das Gemüth, der Eifer, der Sinn, die +Thätigkeit sollen dieselben bleiben. Nur andere Zwecke, so ist die +Schulstube das Vaterland und die Welt für den Menschen. Wie das _Vaterhaus_ +Ihr Vaterhaus war, muß das _Haus_ (Parlament) Ihr Haus -- wie der _Vater_ +Ihr Vater war, der _König_ Ihr König sein, die Gesetze Ihre Gesetze, und +seine Diener im ganzen Reiche Ihre Diener, Alle Menschen umher ihre +Gehülfen, Lehrer oder Lehrlinge und Ordner, wie in der Lancasterschule. Wie +schon als Kind findet sich dann im Leben jeder berechtigt, zu helfen, zu +lehren, zu warnen und abzuwehren! Wenn Menschenliebe, das heißt also +menschliche Liebe, in ihnen lebt und strebt, dann bedarf es keiner Gesetze; +denn die Gesetze überflüssig machen, allmälig alle einschlafen lassen bis +auf das Eine, das Selige: die Liebe zu den Unsern und durch sie zu den +andern Bildern des Menschen -- das ist der Triumph des Volkes, und der +Beweis seiner Bildung. Der Liebe fähig, beladen von ihr ist die ganze Welt; +auf Erden haben sie alle Gebilde, alle -- niederträchtig oder unbedacht +sogenannten Thiere, von Maus bis Elephanten, von Wallfisch bis Biber. Aber +die Thiere haben keine Phantasie, und lieben aus eingeborener Kraft und +Macht nur sich und die Ihren, aber sie sind furchtbar allen Andern, eben +nur ohne die einzige wahre Mittlerin: die Phantasie. Fähig der Phantasie +ist auf Erden nur der Mensch, -- der Mann, das Weib, die Jungfrau, der +Jüngling, schon das Kind mit seiner eingeborenen Liebe, und durch sie +folgsam jedem Gesetz Gottes oder der Menschen, wenn es außer Ihr noch Eines +gäbe! Der Mensch voll Liebe und, wohlgemerkt, voll aufgethaner Phantasie -- +der Einbildungskraft, der heiligen Kraft sich in Andere einzubilden, und +somit Andere, alle Anderen so treu und lieb zu empfinden wie sich -- _der_ +Mensch wird kein Gesetz übertreten, Keinen beleidigen, sondern Jedem +helfen, wo und was er kann, und unendlich mehr thun, als man ihm +vorschreiben könnte. Und wo, wandte sich Herr Patrik an mich, wo werden +solche Menschen gebildet, durch Gottes in allen Menschen bereite gestaltete +Kraft? Schüler, die einst Führer der Andern zu sein verstehen, künftige +Armenpfleger, Vormünder der Waisen, Beistände der Wittwen? Wo, Herr +Lambton? -- Ich antwortete fragend: Wohl in der Lancasterschule! -- Wo, +fuhr er fort, hat man nur Eine Tafel mit dem Ordnungsgesetz, und nur Eine +mit dem Sittengesetz? Wo lehrt man Einen den Andern lehren, sein Leben +ordnen, und es Andern ordnen? Wo, mein Lambton? -- + +Wohl in der Lancasterschule! versetzt' ich. + +-- Ja, wohl, sehr wohl, am besten da! sprach Er. Und wo wird dem Könige, +dem Richter, dem Prediger ein gehorsames arbeitsames, wohlgesittetes und +belehrtes Volk zugebildet, und dadurch wieder dem Volke wohlgesittete, +wohlbelehrte, arbeitsame, getreue Richter, Prediger, und dadurch endlich +eine glückliche, selige Menschheit, ein Reich Gottes -- Lambton? + +In der Lancasterschule! bestand ich mein Examen. -- + +Und das wollen Sie bei Uns, nach allen Ihren Kräften, allem Ihrem Verstande +treu und fleißig thun, lieber Lambton? frug mich Herr Patrik gerührt, und +reichte mir seine Hand dar. + +-- Ich schlug ein, und unter einer rauschenden Gesundheit »Lancaster für +immer!« weinten wir Beide. + +Da ging die Thür auf, und blieb offen stehn, es schallte Gescharr und +Wirwarr herein. Was war zu sehn? -- Hobday hatte Crabben vorher schon +weggewinkt, und Crabbe wiederum Stephan und William. Und wahrlich nunmehro +ganz zur Unzeit brachten sie lärmend den von den Lichtern geblendeten +stutzigen Bock, als Sieger bekränzt, hereingeführt und nachgestoßen an +unseren Tisch, wo ihn jeder besah, am Barte bezupfte und mit Dessert +fütterte. An Mistriß Distreß stieg er, unter einem lächerlichen Hurrah! auf +die Hinterbeine, und ließ sich ihren Blumenstrauß schmecken. In dem Aufruhr +schlich ich in die Küche, wo Lisanna beschäftigt stand, ein Häutchen aus +einer Eierschale zu schälen. Schweigend sah ich der Schweigenden zu. Kein +Wort, kein Blick. Dann trat sie vor mich, strich mir die Haare aus der +Stirn, und ein wenig auf die Zehen gestellt, legte sie mir es auf, mit +einigem sanften Schlagen wohl mehr als nöthig war. »Das hätte eigentlich +gleich geschehen sollen!« sprach sie. Ich aber, um indeß nicht die Hände +steif am Leibe hinunter zu halten, und die schlank Ausgedehnte im +Gleichgewicht zu erhalten, daß sie mich nicht berühren müsse, nicht an +meine Brust antreffen -- legte meine Hände sanft in ihre Seiten, hielt den +Athem an, und schloß die Augen. Aber ich fühlte doch Ihren Hauch -- ach, +wenn Sir Samuel Sie mit dem Glücke gemeint hätte, was ich ganz leise leise +in meinem dunkeln seligen Kopfe meinte! Und ich weiß nicht, sie lächelte +doch horchend, als ich sie wieder ansah, stand noch ein Weilchen -- +erröthete, und schwebte dann von der Flamme des Herdes beglänzt hinaus. -- +Denn Doctor Toland kam -- und gab mir -- was gab er mir wieder -- mein +Tagebuch! Heben Sie es besser auf! sprach er zu mir. Doch werden Sie mir +vielleicht und dem Schicksal danken, daß ich es fand, und als das beste +Recept für Lisanna's Krankheit, es ihr verschrieben. Denn die Russel, +gestern Abend, um den leidenden Zustand des lieben Kindes ernstlich +besorgt, hatte mich zu ihr geschickt, und als ich leise zu ihr eingetreten, +verrieth sie sich selbst durch schwere Seufzer und Klagen über einen +gewissen Lambton! Ich schlich wieder aus dem dunklen Stübchen hinaus, holte +Licht und kam nun laut geschritten, und setzte mich zu Ihr, um etwas +vorzulesen. Sie ließ Alles geschehn. Ich las, sie ward still; sie setzte +sich auf in den Kleidern; sie sank wieder hin, und weinte wieder, aber +Freudenthränen, Reuethränen -- ich las nun von Ihr -- dann sprang sie auf, +sie! mir um den Hals -- ja sie küßte mich sogar still und fest, und +versiegelte mir Lippen mit Lippen, und lachte und jammerte und war zornig +auf mich und Euch. Sagt was Ihr wollt, aber jede Verwirrung ist eine +Krisis, je ärger, je kräftiger! kürzer! Die krumme Linie ist auch ein Weg! +der Gestirne Weg durch den Himmel! Alles verdankt Ihr Clarken! Verdankt es +ihm auch! Sie, die nunmehrige Clara Tydal, läßt Euch bitten, ihr Kind aus +der Taufe zu heben. Das Heft hatt' ich in Miß Clara's -- und Eurem Zimmer +gefunden, -- auch Sir Samuel hat heute schon darin geblättert und die +Russel mit der Brille ihm über die Achsel gesehen. Nun, werden Euch auch +Sir Samuel's, Roßborn's und Patrik's Tischreden verständlich sein! und wer +das Gedicht an das Nordlicht gemacht hat -- Ihr ließet Euch ja nicht sehn. +Nun frisch, angezogen, und Pathe _gesessen_ meinetwegen, wenn Ihr vor +Freude und Scham nicht _stehn_ könnt. Talo wird auch getauft! -- + +Ich glühte über und über! Er war wie verschwunden, während ich auf mein +Heft sah! + +In meinen Rock war bald gefahren, und mit erleichtertem Herzen ging ich die +Treppe wieder nach unserem Stübchen. Darin fand ich die ganze untere +Gesellschaft schon versammelt, den Bock ausgenommen. Miß oder in Wahrheit +und Ehren: Mistriß Clara, in dem weißen Sonntagskleide der Lisanna, sehr +blaß und lächelnd, hieß mich willkommen, wie einen bekannten Freund, oder +Bruder. Sie putzte an dem Kinde, welches Talo auf den Atmen hielt; und +diese schien nun, anstatt in Clarke, in das Kind verliebt! -- Wunderbar! -- +Tydal machte den Kindtaufen-Vater, stellte den Tisch in die Mitte, half ihn +mit dem weißen feinen Tuche behängen und die 4 Zipfel aufstecken, stellte +das silberne Becken darauf, und die gefüllte silberne Kanne darein, und +fühlte noch mit dem Finger nach der Wärme des Wassers. Lisanna nahm nun das +Kind von Talo's Armen, und die schöne, vor heiligem Zagen blasse Talo trat +nun mit dem sinnigen, friedevollen Gesicht als Taufkind vor den Tisch. Herr +Roßborn, Doctor Toland und Mistriß Distreß, stellten sich als Pathen um +sie, dieß Mal alle Drei der unmöglichen Mühe überhoben, das Taufkind zu +halten, und für dasselbe dem Teufel zu entsagen. Nach einer schönen Rede, +die ich leider nicht erhalten konnte, weil sie Herr Patrik aus dem Kopfe, +nein, aus dem _Herzen_ sprach, tauft' er die rührend Hingebeugte. Sie +weinte in Einem fort, nur nicht störend, wie ein kleines Kind; aus ihren +Augen tröpfelte der fromme Thau in das ausgegossene Wasser, und sie ward +mit ihren eigenen Thränen getauft. Dann trat sie zurück, sahe Alle mit +himmlischem Lächeln an; fiel mir als ihrem Lehrer in die Arme, und wollte +mir danken, aber sie schluchzte nur. -- + +Herr Patrik stand indeß mit gefalteten Händen, und erwartete das Brautpaar. +Bei der Trauung von Tydal und Clara hörte ich mit Erstaunen ihren wahren +Namen. Welch vornehmes Kind! welcher reichen Eltern! Ob aber der Malerkunst +wegen in Tydal verliebt, oder Tydal's wegen in die Malerkunst, das ließ mir +ihr unwidersprechliches Talent zu lieben und zu malen, nur zu errathen +übrig. + +Talo war deßwegen zuerst getauft worden, daß Sie -- zugleich mit Lisanna +und mir, nun bei Clara's Kinde Pathe stehen könne. Frau Russel bemerkte +halbleise gegen Sir Samuel: »der Taufstein trennt! Sie dürfen nicht +zusammen stehn!« -- Er zuckte die Achseln, aber, sich fügend, winkte er +Herrn Patrik auf die Seite, und sprach heimlich und lächelnd mit ihm; +dazwischen ließ er ihm etwas Goldfunkelndes -- gewiß zwei Ringe, in die +Hand fallen, und sie klangen leise! -- In Gottes Namen, sagte nun dieser +ganz laut, trau' ich sie erst. -- Wen konnt' er meinen? War Talo ein +_Mann_, wie Clarke ein _Weib!_ und wollt' er Talo und Lisanna trauen? -- +das wäre herzbrechend! -- Oder war gar _Lisanna_ ein Mann? -- das wäre +entsetzlich! wenn sich gleich Talo darein gefunden und ergeben, daß Clarke +_Clara_ war! -- Ich sahe sie an -- nein, sie war ein Weib! in vollem +Wuchse, voller Schöne, in der Halle der Jugend, mit einer Hand noch die +Jungfrauen, ja die Kinder haltend, mit der andern von den Weibern gefaßt +und gezogen, ihre Königin zu werden. -- Oder wollt' er mich und die Talo +traun? War _Sie_ das Glück in Sir Samuel's Hause? Ach, Talo hatte ja vorhin +ihm zugelacht und genickt! Mein Gott -- und Talo sahe mich jetzt auch +lächelnd an! Um Gotteswillen, was wird daraus werden? Muß ich mir denn +geradezu Alles gefallen lassen, weil ich -- Lambton bin! Doch so schön auch +Talo war, ich hätte am Altare, denn das bedeutete nun der Tisch abwechselnd +mit Taufstein, am Altare noch Nein! Nein! Nein! um Hülfe gerufen! Herr +Toland aber, der Menschenfreund! faßte meine linke Hand und -- Lisanna's +rechte -- ja die rechte! und führte uns, die wir uns ansahen, anglühten -- +zögern wollten, nein, nicht wollten, nur vor Entzücken scheuten, und doch +führen ließen vor den Tisch des Herrn. Frau Russel, deren Fortschleichen +ich gar nicht bemerkt, kam jetzt leise hinter Lisanna getreten, und setzte +ihr einen grünen Jungfraunkranz von den schon schlafenden Myrten leicht in +das Haar. Sie ahnete ihn mehr als sie ihn fühlen konnte, und erröthete +rosig im Antlitz, und rosig über, Nacken und Brust. Herr Patrik nahm das +sechste Gebot zu seinem Text, als Casualprediger, und bearbeitete ihn so, +wie ich es in meinem Leben nicht gehört. Und doch weiß ich die Worte nicht +mehr, ich fühle sie nur, ihre Glut durchrollt mich warm, wie ein Fluß, von +der Sonne erwärmt, die schöne Sommernacht noch lieblich dahinfließt, wenn +nur der safranfarbige Nachtschein in ihm glänzt. Trauen sehen, und getraut +_werden_, ist doch ein Unterschied! Das kleine Zimmer war mir nicht allein +eine Kirche, ach, der Himmel! Mutter und Vater erschienen mir im Geiste, +und der Großvater stand hinter ihnen mit einem Heft Lieder mit goldenem +Schnitt, wie Hochzeitgedichte unter dem Arm -- aber er stand da in seinem +abgetragenen, braun gewordenen grauen Rocke, seine alte Mütze in der Hand, +daß es recht gut war, daß er unsichtbar war! Sogar die alte Anna erblickt' +ich; sie hielt die blaue Schürze vor die Augen und weinte, und wandte den +Kopf seitwärts und horchte auf die Traurede. Auch Marion stand vor mir da, +und beurtheilte Lisanna, und Sir Horazio, und seine Theano mit dem Kopf auf +seine Schulter sich lehnend -- und über Alle sahe der rothe Daniel hinweg, +und kümmerte mich wenig. Nun war Ich so weit, wie viele Tausende vor mir. +Nun sollt' Ich die Erde füllen, so sprach Gott zu mir und meiner Lisanna, +das erste Wort, was er zu Menschen geredet. Meinetwegen hatt' Er von Adam +die Ribbe genommen, der gute Vater! Meinetwegen hatte Lisanna's Mutter +Schmerzen ertragen, Nächte durchwacht. Die gute Mutter! Gott segne sie! Wer +und wo sie sei! -- Aber Lisanna blieb -- Lisanna! Ihre Eltern _unbekannt_, +und ich mußte sie nehmen, und nahm sie voll Freude, wie eine köstliche +Blume voll Pracht des Wuchses, der Bildung und der Farben, nur unbenannt. +Sir Samuel weinte laut während der Trauung, und ich hörte ihn sogar +seufzen: »O wie glücklich könnt' ich sein!« Nach der Einsegnung schloß er +Lisanna in seine Arme, und mich Frau Russel in die ihren! Polizeidirector +Roßborn, Capitain York und Steuermann Crabbe unterschrieben sich unter +Patrik's Trauschein als Tranzeugen. Ich weiß nicht, was ich geredet, gehört +und gesehen habe, und was geschehen, bis Tydal's Kind -- das Gott sei ewig +Dank, nicht Lambton hieß! getauft wurde. Ich war so von Kräften, daß ich +wirklich nicht stehen konnte, und mußte Pathe sitzen, wie es mir Doctor +Toland vorausgesagt. Er hatte also auch alles Andre vorausgewußt, und +vielleicht, o gewiß, mir bereiten helfen! Der Menschenfreund! Gott segne +ihn, und Sir Samuel, und sogar auch die böse Russel! Sie bedarf Gottes +Segen am ersten, am meisten. So betet' ich im Herzen. Denn ich war ihr nun +Dank schuldig, so schönen Dank, wie Lisanna! + +Lisanna schwebte dann leise hinaus, hinab, hinüber in den Garten unter die +duftenden Brotfruchtbäume. Es war später Abend, oder frühe Nacht, und von +dem Tage im Vaterlande schimmerte nur ein Safranschein, wie der Rand eines +goldenen Tellers herauf. Aber ich war ihr nahe gefolgt, auch sah sie sich +heut' nach mir um! ja unter den Cocospalmen erwartete sie mich. »Nun muß +ich Dir um den Hals fallen!« sprach sie feurig. »Nun muß ich Dich an das +Herz drücken!« sprach ich. Das war unsre ganze Rede. Dann setzten wir uns +in die Blumen, und hielten uns umarmt: Sie lehnte das Köpfchen an meine +Brust; ich sahe hinaus über das murmelnde Meer, daraus silberner Duft +aufstieg, und in dem Dufte strahlte das schönste Sternbild, das ewige +Kreuz, golden hervor mit seinen ewigen Lampen, und stand wie ein Geist, +herauf getaucht, auf den Wassern, bis es unsichtbare Engel schienen in den +Himmel zu heben. Ueber uns in den Zweigen ließen junge Vögel im Nest ihre +zarte Stimme hören, und Mutter und Vater redeten ihnen zu, und zwitscherten +sie in den Schlaf. Sterne fielen von Zeit zu Zeit, und drunten im Flusse +sprangen die Fische plätschernd aus der schimmernden Flut; in die laue +Nacht. -- So saßen wir, wer weiß wie lange! denn der Mond ging nun auf, und +beleuchtete uns. Darum schlichen wir nach dem Hause. Ich nahm an der Thür +zu Lisanna's kleinem Zimmer gute Nacht mit einem Kuß, und immer wieder; und +sie küßte mir gute Nacht, und entließ mich doch nicht, noch nicht! Drinnen +aber hatte sich der Mond schon auf ihr Bett gelegt! Und heut' bedeutete mir +sein feuriger Schein des Nordlichts Glanz: + + Der wallend in das freundliche Gemach, + Wie eine Rosenflut vom Himmel floß, + Und blinkend schien das reinliche Gefäß + Vom Simms der Wand und schattete sich ab; + Und glimmend, und doch nicht verglimmend, schwamm + Im kühlen Feuerglanz der feine Flachs + Geröthet, und die Spindel eingetaucht, + Womit die Liebliche des Abends spann, + Und jedes Eckchen glomm von Licht erfüllt -- + -- Da hielt sie mich mit langen Küssen fest -- + Und ich, der ich nicht gehen mußte -- blieb! + +Am Morgen erschrak ich natürlich nicht wenig, daß ein schönes, glühendes +Mädchen, mit weißen, vollen Armen, in _meinem_ Bette lag! Entsetzt darüber, +wollt' ich hinausspringen -- noch einen Blick forschend über sie hin -- das +Herz pochte mir laut, und die Sonne, die ihr Licht über sie ausgoß, sagte +mir: es sei Lisanna! und mein Gewissen sagte mir: Lisanna sei mein Weib! +Und nun bestaunt' ich sie lange, und dankte Gott für sie, und betete laut; +im Bett aufsitzend. Davon erwachte sie, schlug ihre Augen auf, erröthete +holdselig, setzte sich auf und verbarg sich verschämt an meinem Halse! Nur +Eins fühlt' ich, was Patrik in unserer Trauung gesagt: »Muß denn der Mensch +Böses thun, um selig zu sein? Anderen rauben, um zu haben? Alle seine +Kräfte zerstreuen, oder sammeln, um reich zu werden? Sein Leben an Vieles, +oder an Eines setzen, um das Leben zu gewinnen! Nur auf dem Wege zum Himmel +wandelt der Mensch in Blumen, und der einfache, reine Weg ist der reichste, +der seligste! Wenn er auch nicht so reich, so selig wäre, daß das Herz in +voller Gnüge schwelgt« -- und fast zerspringt, wie mir! setzt Ich hinzu. +Das war wohl kein Jammer! + + * * * * * + +_Hobarttown_, Pfingsten 1820. + +Seit Ostern hätte ich nichts einzutragen gehabt als: Arbeit und Freude! +Freude und Arbeit! Arbeit und Freude! Ich hatte meine Schule und mein Weib, +meine Arbeit und meine Freude. Ich denke immer: der Ehestand ist der Stand, +wo man sich nicht etwa das Leben unangenehm machen, einander verbittern +soll! Nein: angenehm und süß! Eines dem Andern! Und so thaten wir einander. +Wer nur wenigstens die Seinigen immer so höflich, so liebreich behandelt, +wie _Fremde_, die einen Augenblick in das Haus treten -- wie freundlich +behandelt Der sie schon! Aber hat, was _mein_ ist, dem Ich angehöre, mit +dem ich immer leben soll, nicht _mehr_ verdient? ja Alles, mich selbst, +meine größte Sorgfalt, unwandelbare Freundlichkeit und Liebe? Ich weiß +nicht -- ich denke mir immer, wenn ich aus Gewohnheit, daß Lisanna -- der +Engel -- mein ist, einen Augenblick ihr nicht zulächle: daß sie ein Engel +sei, der vorher nie gesehen und fremd, mir vom Himmel in das Haus gesandt +ward -- und gleich ist es gut! Und so denk' ich auch von den Kindern: sie +sind Engel! die nicht erst längst auf der Erde sind, und bald wieder +fortwandeln; und rechne mir es zur Ehre, daß ich sie lehren kann von ihres +Vaters Reich! Manchmal denk' ich auch: es sind _meine_ Kinder, und nun +lehr' ich mich warm und satt, daß ich ganz das Essen vergesse, bis Lisanna +geduldig nur leise winkt! Ja ich glaube: daß der Herr 40 Tage gefastet hat, +daß man 7 Körbe voll Brot nach der Bergpredigt aufgehoben! Ein voller Geist +fühlt keinen leeren Magen. Das müssen die Obern in England auch wissen, da +sie die Prediger und Schullehrer so dürftig abspeisen! Aber man hat ja Frau +und -- -- -- -- Kind! siehe mir nicht in's Buch! das schreibe ich, daß Du +es lesen sollst, Lisanna! + + * * * * * + +_Schiff Argo_, am Johannistage 1820. + +Ach, was soll ich sagen? Ach, meine Schule hab' ich nur gegründet! Von +meinen Kindern hab' ich mit Thränen Abschied genommen, und sie von mir! Ich +schreibe schon im Schiffe auf der Fahrt in das Vaterland, und Lisanna +begleit' ich, und Toland begleitet uns. Sie sitzt und weint; aber ich kann +mir nicht helfen. Warum ist sie nicht Lisanna! Warum bin ich Lambton, und +bleib' es vielleicht, vielleicht auch nicht! Sir Samuel hat nicht +wohlgethan! + +Aber warum kriecht auch die alte Russel immer in die Rauchkammer? nach +Zungen, die Leckerzunge! Warum fällt auch die Thür hinter ihr zu? Warum +fällt uns keinem die Rauchkammer ein, wo sie weinen, dursten, husten und +niesen sitzt, zwei lange Tage lang. Denn wir suchten sie außer dem Hause +und überall, nur nicht, wo sie war, und hörten ihr Gedonnere nicht auf dem +Boden noch obendrein in dem Sturme, der so wüthete, daß Hobday sagte: die +Russel hat sich gehangen! was Sir Samuel gar nicht bezweifelte. Der +deportirte Phylax war ihr Retter, der, immer von ihr gefüttert, nun +hungrig, sie gesucht und gefunden, kam und uns _anboll_, zerrte und voran +lief. Und als wir sie endlich erlöst, von allem Jammer sterbensmatt, von +all' den aus Hunger gegeßnen geräucherten Würsten sterbenskrank, und vor +Durst ganz verlechzt, von dem unendlichen Husten ganz aufgedunsen, mit ganz +roth-gebeizten Augen, und die Thränen und den Rauch im ganzen Gesicht +herumgewischt, -- da war sie fast selbst geräuchert, und sah' aus wie eine +schwarze so genannte ägyptische Marie. Warum stellte sie Doctor Toland doch +wieder her! Er war ja kein Arzt, kein Carrhadis unter van Diemensländern, +welche ihn zur Dankbarkeit mit der Lanze erstechen, wenn der Kranke stirbt. +Wir Europäer bezahlen den Tod ja mit schwerem Gelde, sonst lernte auch +keiner mehr curiren. Und was bezahlt' ich nicht erst für der Russel ihren! +Warum gaben die hängenden Schinken ihr nicht ein schweigendes Beispiel? +Warum war ihre Zunge wenigstens nicht geräuchert, verzeihe mir Gott die +Sünde, daß sie Herrn Patrik beichten konnte; daß dieser Herrn Roßborn +verlangte, daß Beide schrieben, Zeugnisse aufnahmen, und selbst Sir Samuel +in die Enge trieben mit lauter Menschenliebe! Denn, obgleich Sie nun besser +ist, so ist mir doch schlimmer! Sie hat nur den Rauch des Fegefeuers +gekostet, mich hat sie wirklich hineingestoßen! + +Acht Tage nach ihrer Erlösung, aus der Marterkammer nämlich, besuchte mich +Sir Samuel des Abends, und lud mich zu einem Gange in's Freie ein. Wir +gingen schweigend und weit hinaus, und lange stumm wie unsere Stöcke. Es +war bald lächerlich -- nein, sehr bald zum weinen! -- Herr Lambton, sprach +er endlich, was ich Ihnen zu sagen habe, ist ein Glück für Sie und Lisanna! +-- + +Ich verlange kein größeres, noch Lisanna; unterbrach ich ihn nicht grade, +denn er hielt von selbst inne, und wußte nicht recht anzufangen, und +kämpfte mit sich selbst. -- + +Freilich! begann er wieder: wer ein Glück nicht begehrt, den macht es nicht +glücklich; es ist ihm fremd! Jeder kann nur in der Lage glücklich sein, die +ihm natürlich ist. Denn jeder Mensch, ja jegliches Wesen hat sein eigenes +Glück, das in dem allgemeinen beruht, was der Welt überhaupt, und seinem +Geschlechte in's Besondere zugetheilt ist. Nur durch Vertauschung unserer +angeborenen Zustände werden wir unglücklich! -- Der Esel im Pallaste, der +Lachs im Punsche befänden sich beide schlecht. Dem Biber ist in seinem +Häuschen wohl, der Spinne in ihrem Netz. Aber wer die meisten, die Edelsten +Bedürfnisse hat, die er befriedigen kann, ist der Glücklichste, und diese +hat vorzugsweise der _Mensch_. Ein sicherer, bequemerer Platz auf Euere Art +in's Größere zu wirken, reicher bewußt zu leben, kann Euch nicht schaden, +und ich bin gezwungen, Euch in denselben zu verpflanzen! -- + +Zu was ist das die Vorrede? Sir Samuel! fragte ich traurig. + +Zu großem Vermögen, und hohem Stand; sagt' er, nicht ungerührt. Wer immer +reich war, an dessen Glück verzweifl' ich; wer arm, glücklich war, _kann_ +auch reich glücklich bleiben! und das hoff' ich von Euch, und wünsch' ich. + +Aber was haben Sie mit uns vor, Sir Samuel! fragt' ich ganz erschrocken. So +viel haben ist genug, als man selbst bewalten kann! Alles dieß schon, jedes +Einzelne, sei es nun ein Kind, ein Lamm, ein Pflug, macht uns Sorge, es zu +erhalten, und beunruhigt uns schon genug, wenn es nicht in dem Stande und +Gange ist, wie wir es brauchen und wünschen. Diese Sorge aber wohnt dem +menschlichen Leben unabänderlich und nothwendig bei, und Jeder muß sie +ertragen. Haben wir aber nun _mehr_, als _wir selbst_ bewalten können, +selbst bedürfen, dann wird unsre Sorge so groß, so vielfach, als sie der +Mensch eigentlich nicht haben soll, _wenn_ wir uns _so_ darum kümmern, wie +es Dinge, die wir besitzen, doch immer erheischen! Kümmern wir uns aber +nicht um dieselben, sind sie unsern Gedanken nicht täglich da, bilden sie +nicht den Kreis, in welchem wir uns bewegen: so _besitzen_ wir sie wiederum +nicht, und sind so arm, wie die Uebrigen -- und die Hoffnung des täglichen +Brotes, der Erlösung von dem Uebel, hat jeder täglich, der das Vaterunser +betet. -- Verschonen sie uns also, verschonen Sie uns, Sir Samuel! + +Sie sprechen fast wörtlich aus Patrik's Predigten, bester Lambton! Aber +hören Sie! und wenn Sie Lisanna lieben, werden Sie um Ihres Glückes willen +Ihr eigenes Glück mit in den Kauf nehmen. + +Selbst um mein Unglück! sprach ich hastig. Es wird wohl so sein! -- + +Hören Sie ruhig zuerst mein Unglück! und wer ein größeres kennt, als ein +treuloses Weib, dem will ich nachstehen; sprach Sir Samuel. Doch nach und +nach gewöhnt sich der bessere Mensch, nur das für Glück oder Unglück +anzusehen, was Er Gutes oder Böses thut, nicht was ihm gethan wird. Ich +habe 15 Jahre nicht geweint, bis zu Ihrer Trauung; denn Lisanna konnte +_mein_ sein, meine Tochter sein von meinem Weihe. Aber als ich erst +unglücklich ward, war ich das Unglück nicht eben gewohnt; das ist das +Unglück des Unglücks; und leider wird man erst besser durch schlechter +sein, als gut ist. Das mag mich im Voraus entschuldigen! Jetzt bin ich im +Klaren, und wenn ich Allem nachdenke: so fehlt' ich zuerst gegen die alte +Regel, und glaubte nicht, daß eine Tochter so wird, wie die Mutter gewesen +ist. Das Schicksal begünstigte _mich_ wenigstens mit keiner Ausnahme. Mir +hatten Canova's glatte Weiber und die Venus von Medicis den Kopf verwirrt +-- mich reizte nur die schöne _Form_, ohne mit Augen zu sehen, daß man sie +auch dem Marmor aufdrücken kann. Die schönsten Blumen riechen nicht, die +schönsten Vögel singen abscheulich; Ihr Schmuck ist ihr Werth, und die +Schönheit ist gewiß das Anlockendste für den Liebenden. Aber das Weib muß +mild sein, schweigsam gleich der Natur, sich immer gleich, wohlthätig, +uneigennützig, ja großmüthig; sie muß den ewigen Sinn der Natur, so weit +ihn eine menschliche Seele fassen kann, aus sich kund geben, das heißt: +_lieben!_ -- Daß davon Gelehrsamkeit, -- nicht weiser Sinn; Schautragen von +Schönheit und Reizen, -- nicht Schönheit und Reize; Werthlegen auf +weltliche Güter, -- nicht ihr Besitz selbst, _ganz_ ausgeschlossen sei, ist +eine Bedingung, die unerläßlich ist, wenn der Mann nicht bloß Menschliches, +Weibisches, Gemeines in ihr erkennen, und -- Sie fliehen soll! nicht sehen +soll, daß sie Viele, oder nur Zwei liebe, also Ihn nicht, und überhaupt +nicht liebe. Denn die Liebe ist das Erfülltsein von Einem, die Liebe liebt +Eines, das Einzige, Schönste für sie. Deßwegen sind Schönheit, Rang und +Gold auch wiederum nicht im Stande, so die Jungfrau zu gewinnen, als die +süße Sprache des Herzens, voll Gefühl, Tapferkeit, kurz alles dessen, was +überhaupt den Mann sie ahnen läßt. Feigheit -- nicht Versöhnlichkeit, +Verschwendung -- nicht Armuth, kaltes oder gar schlechtes Herz -- nicht ein +begrabenes, und vollends Lächerlichkeit, die Travestie der Menschenwürde, +zersetzen gewiß, und oft plötzlich, die Liebe auch in den vorher +befangensten Jungfrauen. Wir sahen daher so viele, schöne, reiche und +vornehme Männer, die nie geliebt waren, weil ihnen Eines fehlte: das +Gemüth! der Sinn zur Natur, zu welcher das Weib auch dann, und dann erst +eben recht und weiblich hinstrebt, wenn sie dem Manne sich ergiebt. -- Mein +Vergehen, das mich hieher geführt, auf meinen und meines Weibes Fehler +gegründet, liegt in diesen Worten eingehüllt. Es half mir nichts, daß ich +mein schönes Weib liebte, unaussprechlich liebte! Sie wissen, Lambton, um +mich Ihnen verständlich zu machen: wenn Zwei Substantiva zusammenkommen, so +steht das Eine im Genitiv, oder: die Liebe hat auch das mit dem Magnet +gemein, daß sie positiv und negativ _zugleich_ in den Liebenden ist, wenn +auch die Pole wechseln. _Ganz gleich_ lieben sich nie zwei Liebende, oder +Eheleute, und wenn sich auch beide noch so sehr lieben! Ich liebte _mehr_ +-- und stand also im Genitiv! Daß wir kein Kind, zu unserem Erbe hatten, +war ein Antrieb für ihre ausgelernte, weltlichgesinnte Frau Mutter, dem +Verführer eine Brücke zu ihr zu bauen, und für Sie selbst -- sie zu halten. +So thöricht macht ein großes Besitzthum die Menschen: sich Erben für +dasselbe zu ersündigen, oder einzuschwärzen -- die doch dann _Ihre_ Erben +nicht sind! Und wenn auch alles Andere ungewiß ist, was die Weiber sind, so +sind sie doch kinderliebend gewiß; und was man liebt -- begehrt man. Indeß +wäre meine Theano so schnell nicht gefallen! + +»_Theano!_« rief ich, und schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. Doch +erzählte er eisern fort: Aber Sir Horazio, mein Freund auf Reisen, lud uns +nach Schloß Rowlandhill. + +»Rowlandhill! -- Horazio!« rief ich nun wieder. Nun war es richtig! Da +sanken mir die Arme wie gelähmt. Mir war, wie gewissen Abergläubigen, denen +ihre Götter und ihre Göttin in den Koth gefallen -- und Ich sollte sie +aufheben, rein waschen und allen wieder als ungefallene Götter aufstellen! +Doch er erzählte eisern fort: Ich jagte sein Wild im Walde, Er indeß das +meine im Hause. Er feierte Feste und Bälle . . . . und die Lust ruft die +Lüste, die Lüste die Laster. Alle sanften Vergnügen und Empfindungen +erweitern das Herz, alle rauschenden verengen, bedingen es. Der Mensch +steht dann dem bloß sinnlichen Geschöpf, dem Thier, näher als der Gottheit; +und ein leises Uebergewicht, so sinkt er zu ihm hinab. Die rauschenden +Feste und Lüste sind furchtbarer, als man glaubt, oder aus Drang dazu sich +gesteht; sie lösen das Herz auf; über alle süße und gewohnte Bande fühlt +sich der Mensch emporgetragen, sein Sinn taumelt und raset über die schon +bedingenden Schranken; er fühlt sich frei! Scham und Sitte stehen im +Hintergrunde, die Frechheit naht sich wohlbekannt, und gern verkannt; das +Ohr hört günstig den Verführer, der Mund lächelt wenigstens selbstzufrieden +über die gepriesenen Vorzüge, wenn er auch nichts erwiedert -- und das +geduldete Böse wird das verschuldete. Alle Sünden des _Herzens_ werden +durch auflösende Lust begründet, alle Verbrechen der _sanften_ +Leidenschaften begangen. Nur die ungeheuern Verbrechen des Verstandes +kommen nicht aus der Lust, als Verrath und Meuchelmord. Sie werden in der +Stille, im giftigen Winkel neben der Kreuzspinne ausgebrütet und +angeknüpft, aus vergällter -- Lust, und vergifteter -- Liebe. Und so war +auch das meine! Ich will mir nicht wieder das Herz zerreißen durch +Nachgefühl des Jammers bei meinen Entdeckungen. Vielleicht war ich zu +rasch, zu rachsüchtig, zu gewaltthätig, zu guter Kenner böser Weiber und +Männer, und trieb mein Weib durch meinen Verdacht, durch meine Veranlassung +erst zu dem Verführer, dann in das Verbrechen, erst als sie sich aufgegeben +sahe von mir. So schmeichelt es mir noch heute zu muthmaßen -- doch es wäre +zum Verzweifeln, wenn ich Unrecht gehabt, wenn Theano unschuldig, nur +Freundin _meines_ Freundes -- wenn Horazio ein ehrlicher Freund gewesen und +also Lisanna doch _meine_ Tochter wäre! Denn auch -- bei Weibern ist nichts +unmöglich. Aber -- an den Weibern muß man den _Verdacht_ strafen, den sie +erregen; so thut schon die Welt -- und ich wollte nicht klüger sein, als +sie. Weibliche Sünden sind unsichtbar, und Geister fängt man nicht. Darum +verlangt das kein Richter. Ich konnte Horazio nach unserm Gesetz am Beutel +strafen; aber was half es mir, ihm zu nehmen, was er genug hatte, Geld! +Weibertreue ist unschätzbar, und Untreue hat keinen Preis, wie eine +zerbrochene Perle. Eine untreugewordene Frau ist schon zu_vor_ nichts für +uns werth gewesen -- als unser zerflossene Wahn. Und welche Schande für ein +Weib sich mit Geld ersetzen zu lassen. Die frechste Strafe ist immer und +überall die Geldstrafe: der Reiche lacht dazu, -- was er eben wohl nur +soll, muß man wirklich glauben; den Armen beraubt sie. _Geld_ paßt nur als +Ersatz für das, was Geld Alles vorstellen kann, selbst Arbeit und Zeit. Für +alle Seelenleiden, alle Ehrenkränkungen, für verlorene Freiheit, verlorenes +Weib und Kind, kurz für alles, was der _Seele_ des Menschen verdient +_theuer_ zu sein, als ein unschätzbar Gut, dafür mit Geld zu bezahlen, es +bis auf den _Bajoch_ auszurechnen, und das empörendste der Werke +herauszugeben, dazu gehört das ausgebrannte Gemüth eines armen Italieners +-- wie heißt doch schon der Mann? Und doch verkaufte auch Ich mein Weib, +nach unserm Gesetz, dem Horazio, aber Ihr, der Verliebten, zum Schimpf nur +für Ein Pfund -- _Sterlinge_. _Ihn_ konnte ich nicht strafen, als dadurch, +ihm wieder an's _Herz_ zu greifen, wie er mir gethan, -- und an Einer +Stelle ist Jeder verwundbar, von Achill bis auf den gehörnten Siegfried. +Die Gelegenheit fand sich erst nach 5 Jahren. Denn dem Horazio ward seine +junge süße Tochter Elisa auf dem Christkindmarkt in London geraubt, während +er einen Freund begrüßte, und sie von der Hand gelassen. Unrecht Gut +gedeiht nicht! Die bestrafte Theano versprach die lockende, für ein Kind +wie Elisa noch immer erbärmliche Belohnung von 10,000 Pfund, nebst +Interessen -- jetzt 15,000 Pfund -- au porteur! Aber wer sie geraubt, +brachte sie nicht aus Furcht der Strafe; das Mädchen mußte von Andern +erkannt und verrathen werden -- nur von _Mir_ nicht! Denn in einem +begonnenen Gemälde meines Freundes, des berühmten Malers L . w . . . ce, +erkannte ich Elisa in dem Mädchen Maria, welches die Stufen zum Tempel +hinaufging, um dem Hohenpriester vorgestellt zu werden, der sie oben mit +ausgebreiteten Armen erwartete. In der Ecke, welche die Treppe mit der +Mauer bildet, saß ein altes Weib und verkaufte Maria's Mutter junge Tauben +zum Opfer. Das ganze Bild erinnerte fast zu sehr an Tizians »Präsentation +der Maria« in der Carità zu Venedig. Ich ließ das Werk vollenden, nur bat +und bewog ich meinen Freund, dem angelegten Hohenpriester meinen Kopf zu +geben, und Maria's Mutter das Gesicht der Theano, deren schönes +wohlgetroffenes Portrait ich von seiner eigenen Hand, noch in meinem +Schlosse gemalt, besaß. Ich wollte das Bild Lady Theano in die Hände +bringen, abwechselnd aus Mitleid und Wiedervergeltung. Ich sahe hinter +einem Vorhange verborgen die Scene, fast meine Eifersucht verwünschend, und +das Weib in der unbeschreiblichen Mutter vergessend, als Theano Elisa +erkannte. Sie rief nach ihr, wollte in ihrer Betäubung sogar den Fuß auf +die gemalte Treppe setzen, ihr Kind herabzuziehen, und glühte und starrte +in der Unmöglichkeit, es in dem Bilde, wie in dem Spiegel eines See's zu +erreichen, indeß das Kind, ihre jammervolle Klage überhörend, den nach ihm +ausgestreckten Armen schweigend entgegen ging! -- Ich hatte längst +Bekanntschaft mit der Russel gemacht, welche die Taubenhändlerin im +Gemälde, und die Modell-Zuführerin des Malers war, die er ihr ohne Weiteres +nannte. So ward denn dieser der Raub des Kindes zugeschrieben. Nicht mir -- +dem Erkäufer der Russel. Ich brachte Elisa in Sicherheit. Meine Russel +leugnete kalt und störrisch, obgleich die Mutter sich ihr im Gericht zu +Füßen warf, und sie um des letzten Gerichtes willen beschwur. Sie leugnete +-- nicht mehr: sie sprach gar nicht mehr, auch überwiesen, und ward zur +Deportation verurtheilt. Theano ward ohnmächtig hinweggetragen. Ich saß +unter den Zuschauern. Ein hartes Wort machte mich zum Ableiter ihres innern +Grimms und verdächtig; aber nur verdächtig. Doch kam nun meine bisher +verschwiegene -- Scene zur Sprache; und als ich dafür zum _Deportirten_ +ernannt (eine Stelle, die ich mit Freuden annahm, um meinen Raub zu +vollenden) -- in van Diemensland eingetroffen, mit der, einem auswandernden +Freunde anvertrauten Elisa -- Ihrer Lisanna, bester Lambton, vergalt ich +der Russel, wie ich konnte, und wie sie fähig war. So hatte denn Ich etwas +gethan, was kein Gesetz im Stande ist, nämlich eine unsittliche Handlung +bestraft durch eine unsittliche Handlung, und zugleich den Beweis für die +Welt, wenigstens meiner Seele gegeben, daß man Unrecht nur durch Unrecht +strafen, durch Strafwürdiges Strafwürdiges ausgleichen kann, was nur der +Gottheit zukäme, wenn sie nicht die Gottheit wäre. Seit der Zeit ist mir +Strafe als Strafe ein Unding, ein Verbrechen. Der Mensch, der strafen will, +unterfängt sich Unmögliches, oder Teuflisches. Sieben Mal siebenzig Mal +soll Jeder dem Andern täglich Alles, Alles vergeben! Vergebet also auch, +Lambton, der Russel und mir! + +Ich mußte mich vor Wehmuth wegwenden. Doch hatte ich die Hand schon +gleichsam vorräthig in der Tasche -- zur Vergebung. + +»Und er sprach: Ich will Euch noch mehr Stoff zur Vergebung sagen: Manchmal +wollt' ich das Kind verderben, verwahrlosen! an Geist und Körper zerrüttet +seinen Eltern wiederschicken, mit dem ärgsten Verbrecher durch Verbrechen +verbunden -- wenn der Engel nur das leiseste Versehen hätte begehen können! +Wenn ich es nur über ihre Schönheit, ja über die treuen jungen Züge ihrer +einst geliebten Mutter vermocht! Denn ich hatte doch _einen_ Ersatz: ich +hatte mein Weib wieder -- als Kind! als zartes Mädchen -- als rosige +Jungfrau! Wie ich Jene nie gesehen, wie selten ein Mann seine Frau schon +gesehen hat: in ihren Spielen, in ihrer Unschuld, ihrer Entwickelung zur +reizendsten Jungfrau -- so sah ich Sie! Und, Lambton, ich gönne Euch +dasselbe Glück: einst Elisen so zu sehen in ihrer -- Eurer Tochter. Es ist +gar so süß! Und so muß sich der Mensch das Leben zusammenstellen, wenn er +Alles haben will, was es nicht zu enthalten scheint, und doch so wunderbar, +so lieblich enthält! Auch ohne daß sich die Russel an Patrik verrathen und +dieser sie und mich an Roßborn, der nun auf Wiedersendung des Kindes an +seine Eltern dringt, hätte ich Euch eines Tages gewiß zu ihnen geführt; +denn meine Zeit hier ist zwar aus, aber nicht mein Ehrgefühl, und die Scham +vor den -- eingebildeten -- Guten und Glücklichen. Wie mein Auge den +Thränen, ist meine blasse Wange dem Blute verschlossen, um vor jedem +Menschen immer wieder zu erröthen; und man möchte mich für verstockt, für +aus- -- geschämt halten. Das hält die meisten Entlassenen hier, wie die +Gewohnheit den Genesenen im Bett. Hier: bin ich ein Fürst, der +Schlangenkönig! der ohne Gift ist, wie der Weisel ohne Stachel. Indeß wird +Doctor Toland mit Euch gehen. Elisa's Anerkennung kann nicht fehlen; es ist +Alles dazu eingeleitet. Nur an Elisa -- Eure Lisanna -- verrathet nicht, +wer, wie reich und vornehm ihre Eltern sind! es soll sie überraschen. Doch, +daß sie mich leichter vergißt, und selbst die alte Russel, die sie, wie das +Kind die häßliche Ziegen-Amme, die es gesäugt, unglaublich liebt; daß sie +mit Hoffnung nach England zieht sagt ihr, Ihr führet sie zu ihren +wiedergefundenen Eltern. Das erlaub' ich Euch; denn, wie sie fromm gesinnt +ist, nähme sie Tagelöhner mit Freuden dafür an. In England aber sagt nicht, +am wenigsten ihren Eltern, daß Ihr Elisa's _Gatte_ seid, so lieb Euch Elisa +ist! Auch _Sie_ soll nicht offenbaren: _daß sie Euere Gattin ist_, so lieb +ihr Lambton ist, bis _Toland_ es Euch Beiden gestattet. Nur das sind meine +Bedingungen, die Ihr mir mit Handschlag gelobt! Das Schiff geht Montag; die +Argo, worauf Ihr Euch das goldene Vließ in die Heimath führt. Gut' Nacht!« +-- + +Er ließ mich stehen. Er schied; und was schied alles mit ihm von mir! Was +war alles über mich gekommen! Was war alles schon um mich und für mich +vorhanden gewesen! Welche Riesenhand vorräthig -- _wie meine Hand in der +Tasche_ -- zur Vergebung. Was wollte _mir_ die große Geisterhand aus +_ihrer_ Tasche -- _der Welt_ -- reichen? _Doch nicht bloß die Hand!_ Wie +Ich sogar nicht! -- Mein erster Blick war zum Himmel; er war mir auf einmal +fremd, so fremd geworden! Die Sterne zogen hoch und glänzten hell. -- Ich +ging ihnen nichts mehr an, wie ein Sterbender! Die dämmernden Berge, die +säuselnden Cocos, die geschlossenen Blumen -- sie waren mir gleichsam vom +Herzen gefallen! Sie gehörten nun Andern, mir nicht mehr! -- die Hügel, die +Bäume, der Fluß und die Felsen _hatten mir die kurze Scene gebildet_, aus +der ich -- hinausging. Und Lisanna! -- Mir war so Angst, als sollt' ich vom +Felsen in's Meer springen, wie die verlassene wahnsinnige Herzogin! Mir +fiel aller Muth. Denn Sir _Samuel_ schien mir immer noch etwas, wie Rache, +im Schilde zu führen, ja gerade dadurch, daß er an Sir _Horazio_ und Lady +_Theano_ die Tochter zurückgab -- jetzt erst, und _verheirathet!_ und _mit +wem?_ wenn auch mit keinem Verbrecher, aber doch mit einem Schulmeister; +welcher sonst höchstens eine ruinirte, und ihn vollends ruinirende +Kammer-Jungfer, so zu sagen, zur Frau erhält, so zu sagen! Ach, ach! ja in +der Eltern Sinn und Glauben nicht einmal verheirathet -- wie Lisannen und +mir bei dem äußersten Verluste zu sagen verboten war! -- und doch, ach, +ach, war sie gewiß dort Mutter von einem, ach, ach, Kinde! -- Und sollt' +Ich der Giftbaum sein, welchen Sir Samuel in den Park des Horazio pflanzte? +Das Gespenst des Schlosses Rowlandhill? der Nagel zum Sarge für Lady +Theano? und der Schminktopf der zu Miß Elisa erhobenen Lisanna? Und wie +paßte zu allen ihren hohen Namen -- zu dem classischen: _Horazio!_ zu dem +Homerischen Namen der: _göttlichen Theano!_ -- wie zu dem +Virgilisch-Carthagischen Königinnamen: _Elisa!_ wie paßte da mein geringer +Name: _Esau Lambton!_ der mich an den Verlust meiner Erstgeburt jetzt +erinnerte, und mich sauer, wie Linsen anroch. Ich sahe Elisa im Geiste sich +schon vor mir auf dem Absatz umkehren, wenn _sie sich_ kannte, wie Mistriß +Distreß, da sie _mich_ kannte, und höchstens sprach sie nur auch: Schade! +Schade! ja sie ward mir die wahre Mistriß Distreß, meine »Frau Unglück.« -- +Kurz, mein Entschluß war gefaßt, mich von ihr zu scheiden, bei Ehren zu +bleiben -- und selber nach Bedlam zu gehen, ehe man mich dahin brachte. + +So stand ich vor meiner Schule; ich hörte Lisannen draußen im Hause frisch +gebackenes liebes Brot mit anklopfendem Finger prüfen, ob es wohl gerathen +sei -- o wie dauerte sie mich bei solchen Geschäften armer Leute, mit ihren +weißen Armen im Backfaß zu kneten, mit den vornehmen Händchen zu wirken! +statt Spitzen und Hauben! Und wie man sonst mit dem Finger nur an die +Stubenthür anklopft, klopft' ich schon an der Hausthür an. Sie glaubte, ich +wollte sie necken, und ihr antworten auf das Brotanklopfen, und sie klopfte +wieder, die arme Seele! und trug es hinein. Dann blieb ich an der +Stubenthür stehen, wie man bei vornehmen Leuten steht. Lisanna war mir auf +einmal eine Respectsperson geworden, und ich blinder Thor, ich sahe nun +wirklich erst, daß sie die, -- nur junge, kummerlose, schöne Lady Theano +war! Sie stand so hoch, so blendend über mir, daß ich nicht wagte, sie +anzuschauen, mich demüthig vor ihr verbeugte, und wehmüthig die Hand küßte, +aber die Augen nicht zumachte, damit die Thränen ihr ja nicht darauf +fielen. Ach, sie glaubte, ich scherze, verneigte sich, küßte Mir die Hand +und sprach: »Ihre Dienerin, mein Herr Schulmeister!« -- Das waren lauter +Dolchstiche! Nun ging es zum Abendbrot, das heißt: Brot des Abends. Gott, +wie schonte sie für sich die Butter, wie bestrich sie mir es fett; wie +geduldig, wie munter aß sie, mit welchem geringen Messer; wie bald war -- +die Tafel -- und das Brot aufgehoben! Nur die _Bananas_ in ihrer Hand +freute mich, die ganze! in England bekäme sie nur ein Schnittchen! Vor +ihrer Zärtlichkeit, ihren Küssen blieb kein Mittel, als mich vom heutigen +Abend an, auf das liebe neugebackene Brot, Gott verzeihe mir die Sünde! das +mir von ihrer Hand sonst immer so wohl, so süß, aber wirklich heut' etwas +bitter geschmeckt -- _mich krank zu stellen!_ Wenn ich nur vorher nicht +immer so ein rüstiger Mann Gottes gewesen! Sie wollte die Nacht noch im +Regen zu Doctor Toland. Ich heuchelte nach einander nun Chiragra und +Podagra, Gesichtsschmerz und Schmerzen an allen Gliedmaßen, daß sie nur von +fern um mich schleichen, mich nicht anrühren durfte! Ich that ihr so leid, +so leid! und sie mir, wenn sie nahe vor mir kniete, zu mir herauf sah, oder +die Haare auf meiner Schulter doch in ihre Hand nahm, und sie streichelte +und küßte statt meiner! Das war wohl ein Jammer! -- + +Doctor Toland hatte sie unterrichtet, sie gehe zu ihren Eltern; sie hatte +beschworen, nicht vor der Zeit zu verrathen, ich sei ihr Lambton. Aber sie +wollte nicht reisen, weil Ich krank war -- und: Ignoti est nulla cupido, +auch wenn _Cupido_ selbst, oder Vater und Mutter die Unbekannten sind. So +mußt' ich denn _an mir selbst ein Wunder thun_, was noch kein Wunderthäter +gethan noch vermocht, und mich gesund machen, was spottleicht war -- um Ihr +das ihr zuständige Glück zu verschaffen. Es that mir wieder wohl, ihr nahe +zu ruhen, und mich mit dem Hirten Anchises zu vergleichen, der das +himmlische Kind Aphrodite in seine sonnenbraunen tüchtigen Arme -- wie +meine -- geschlossen. Nun erst fühlt' ich die sammet-weiche Haut an +Schulter und Nacken Elisa's, ganz heimlich und leise, wenn sie schlief! Nun +erst sah ich das erhabene Gesicht, auf dem der Adel ihrer Familie lag; sahe +die zartgebildete Hand, vornehm und fein, und feiner bis auf die Nägel an +ihren Fingern, und das rosige Roth, wie der rosenfingrigen Aurora, wenn sie +eben draußen am Himmel die Nachtgewölke zu Taggewölken färbte und die +Spitzen der Berge berührte! Dann blickt' ich wehmüthig zum goldenen großen +Morgenstern, und war doch selig und selbst zufrieden darüber, _was_ ich, +und _daß_ ich es _besessen!_ um dieß niedrige Wort zu gebrauchen. Ach, +dacht' ich, es ist doch ganz ein anderes Ding um ein vornehmes Kind! Doch, +wenn ich nun gar an mein Anchisesloos dachte, dann kann sich kein Grieche +so vor dem großen Aeneas, dem Hasenfuß, gefürchtet haben, als ich _vor +einem kleinen!_ Der brachte mich um! -- + +Toland, der Menschenfreund, glich aus, was auszugleichen war, und tröstete +_Lisanna_ und mich. Sein Wort: »_Elisa_ wird keines Trostes mehr bedürfen!« +war mein Trost und Gram. Denn, daß ich doch etwas Uebles von ihr sage, muß +ich gestehen, daß sie sich nicht wenig darauf einbildete, des +Lancaster-Schulmeisters -- Lambton -- Ehefrau -- zu sein! Darin lag gar +viel Samen des Unglücks für mich, und Alles kam darauf an, wie sie in ihrem +Herzen den Ton auf die Worte legte, ob auf _Schulmeister?_ oder _Lambton!_ +ja, ach, ach, _Ehefrau!_ Denn von _Lancaster_ wußte sie so viel, wie die +großen Herrn von mir! Ich hoffte wirklich manchmal noch, daß Sie mein +bleiben werde, oder doch _wollen_ werde, wenn auch die Eltern nicht -- und +dann lächelte ich sie an, wie mein! nicht bloß wie eine Fremde, nach meiner +Ehestandsregel. Sie erinnerte sich meiner doch -- und + + Frei ist die Zunge genug, der man -- zu schweigen vergönnt! + +sagt Owen, dacht' ich! + +In den letzten Tagen vor unserer Abreise aus dem nie wiederzusehenden +schönen unvergeßlichen Lande -- meinem Paradiese -- lief ich auf jeden +Hügel, schaute in jeden Quell; ging die Wege, die ich sonst gegangen, und +rührte doch noch einmal die Bäume an, in deren Schatten ich gesessen, ja +selbst von meinen Rindern, meinem Bocke nahm ich Abschied. Das Leben +scheint uns eine Vorbereitung, ein geschäftiger Sonnabend. Mit dem Gefühle, +als werde man Alles immer wieder thun und schauen, als sei aller Reichthum +der unwandelbaren Natur Uns unwandelbar und immer gegenwärtig bei der Hand +-- schaut und thut und liest man dieß und das, als einen Versuch, im Scherz +-- und kaum ist es gethan, so ist es unwiderruflich und ein rechter Ernst: +_es war die Sache selbst!_ -- So war es auch hier mit meinem Aufenthalt, -- +so war er, so blieb er! Wenn nur auch mit meiner Ehe! -- wehe! -- Mit allem +Nothwendigen versah uns Sir Samuel reichlich, und die Russel schickte noch +ein Fäßchen, ein Päcktchen, ein Fläschchen, eine Kiste, ein Täschchen, +einen Topf, einen Korb nach dem andern für uns in's Schiff mit süßen +Pataten, herrlicher Schafbutter, Blumenkohl, Broccoli, Schinken, +geräucherten Fettgänsen, frischen Austern, Eiern, frühen Kirschen, grünen +Mandeln, Ananas, Bananas, Cananas -- das ganze Alphabet von Früchten durch, +bis auf die Yamswurzeln und den Apricosen-Zider, den sie mit dem Z. auf den +Zettel geschrieben, so gut wie das Co in »Cocosmilch« mit Cow, als wenn sie +von der Kuh käme; aber ganz frisch war sie! Wie schwer schied die Russel +von Lisanna! und Lisanna dankte ihr noch tausend Mal für alle Liebe, alles +Gute, und küßte ihr die kinderräuberischen Hände! Ich wußte das freilich +besser, aber ließ ihr auch die süße Wehmuth zu scheiden ungetrübt. Wie +glücklich macht die Unwissenheit, die so gut wie Dummheit ist, und die +Dummheit so gut wie Unwissenheit; darum dringen die großen -- Gelehrten so +darauf. Wissen macht ein schweres Herz; der Glaube macht selig! aber _was_ +steht dahinter! Ach, ach! + +Sir Samuel, Tydal, Roßborn und Patrik begleiteten uns in das Schiff; +Mistriß Clara führte die weinende, nur zur Erde sehende Lisanna. Der Maler +Clarke, ihn noch einmal so zu nennen, gab mit zum Andenken für mich und +Lisanna eine kleine Mappe mit Ansichten von Hobarttown und Sir Samuel's +Besitzungen, dem Park und den Weideplätzen. Der Schalk, der bucklige kleine +_Hobday_, brachte mir selber die getrocknete Haut von dem armen Ziegenbocke +mit nunmehr ihren, nicht seinen großen herrlichen Hörnern »weil er +_ausgemeckert, ausgestoßen_ hat« wie er sagte. Die gute _Ofa_ brachte mir +heimlich auch meinen _Rinderhirtenstab_, den ich küßte! Und was, was that +mein Lambton da, aus Ueberstürzung von seinem genossenen und verlorenen +Glück -- -- er küßte Ofa dazu! Die einzige, erste und letzte Ueberraschung, +die _meinem Lambton_ je geschehen! -- Aber er weinte dazu -- und unter +reinen andächtigen Thränen geschieht nichts Arges. -- Und war er nicht ganz +voll Thränen? Hatte nicht Homer, wie von der heißen und kalten Quelle, von +seinen Augen gesagt »er weinte mit einem Auge süße Thränen mit dem anderen +bittere.« Ja bittere! Denn wem sein Vaterland zum Unglücksort werden soll +durch dumme -- verzeihe mir Gott -- Menschen, wem sein Vaterland +schlechter, verwünschter sein soll als ein, wenigstens freies +Verbrecherland, der möchte wohl aus einem Auge sogar Göttergalle weinen, +aus dem andern vom zerrissenen Herzen heraufstürzendes Herzblut. + +Doch, was red' ich von mir! Ich verging fast ganz und gar in meine blasse +ernste _Lisanne_, die sich in eine fremde Gestalt, in _Elisa_ verwandeln +sollte, und leis verwandelte, aber ihres Lebens Kern und Gehalt in die neue +Gestalt mit hinüber nahm, ihre Liebe! Ihre Liebe zu mir. Wie ihr aber dabei +zu Muthe war, das träumt nur eine Chrysalide, sogar meine Liebe nicht aus. +Die herzige Talo war untröstlich von ihrer Gebieterin zu scheiden. Sie +mußte zurückgeführt werden. Doch litt sie es nur bis hinter die ersten +Gebüsche -- um doch nachzusehen! + +Am Ufer umgaben uns Matrosen aus Capitain Yorks Themis, die noch +ausgebessert ward. Manche von ihnen hatten sehr anziehende, aber nur +nothdürftig angezogene malayische Weiber mitgebracht, ihre schwarzen +Haarflechten mit rothem Ocker gepudert. Herr Patrik schalt die Matrosen: +Weiberräuber! »_Wollt Ihr Europäer nur Europäer für Menschen ansehen_, +denen Ihr Rechte schuldig seid, aber in allen andern vier Welttheilen macht +alle Welt was sie will? Man kann auch Leuten Unrecht thun, die kein Gesetz +haben, die uns nicht vor dem unseren belangen können. Aber das ist eben das +himmelschreiende Unrecht! Ist nicht Ulimaroa und alle Welt so gut doch wie +Neuseeland, wo für jeden Raub, jede schlechte Behandlung im _voraus +Caution_ gestellt werden muß? Doch man glaubt das nicht im Hause, wie es in +der Welt zugeht!« Die Weiber starrten ihn an, die Matrosen schlichen sich +fort. Das schlägt in mein Fach, sagte Roßborn, ich werde mit dem Gouverneur +sprechen. -- Wir waren indeß eingestiegen, der Anker war aufgezogen unter +dem taktmäßigen Geheul der Matrosen. Da kniete im Sande des Ufers noch ein +alter Mann, der seine Zeit der Verbannung ausgestanden. »Ich habe nichts +verdienen können, ich war fast immer krank!« rief er zum Capitain; »ich +kann England nicht bezahlen, und mein Weib, und meine Kinder möcht' ich +doch nur noch einmal sehen in dieser Welt.« -- Ich fühlte nach den 100 +Pfund der Marion, auch die Interessen, die ich mir erübrigt hatte, waren +dabei. Aber es rief in mir: nicht Unrecht thun und könnt' ich der ganzen +Welt die Heimkehr erkaufen! So straft' ich mein blutendes Herz. Lisanna +zählte ihr armes Beutelchen durch. Immer kniete der Mann das Schiff noch +an, wie der erste Mexikaner das erste Roß. Sir Samuel nahte ihm sanft und +schob ein kleines Blatt in seine Hand. Endlich sah der Alte es in seiner +Verzweiflung an, erkannte die Banknote, sprang auf, um nach dem Schiffe zu +stürzen, aber that mit einsinkenden Knieen immer kürzere Schritte, bis er +lang hinfiel, und doch nicht aufstand, und still war. Und so blieb er, als +man ihn umwandte; denn die Freude hatte ihn getödtet. Er hielt die Banknote +noch immer in seiner Hand. Patrik segnete ihn ein, daß wir Alle weinten von +seinen Worten, dann nahm er sanft und selber weinend das Blättchen von ihm, +gab es Sir Samuel zurück und sprach: »Der Himmel wird Euch danken; denn +_dahin_ habet Ihr ihm die Ueberfahrt bezahlt! Er ist im Vaterlande! Grämet +Euch nicht, daß Ihr so gewirkt. Wir Menschen wissen nicht, was wir ernten, +nur was wir säen; nicht _was_ wir thun, nur _wie_ wir thun.« -- Sir Samuel +nahm die Banknote, legte noch eine dazu, und übergab sie Herrn Roßborn, der +sie dem Capitain übergab für _Weib und Kinder_ des armen Seligen, der auf +dem Rücken liegend, so unbeschreiblich in den blauen Himmel hinauf +lächelte, als lachten ihn sein Weib und alle seine Kinder an, ja selbst der +göttliche Vater, wie die stille Sonne. + +Durch seinen Anblick schieden wir Alle ernster und gefaßter, und nur still +weinend; und indeß unsere Blicke an den hohen Platanen und Cocospalmen um +Sir Samuel's Wohnung hingen, wandte sich das Schiff aus dem Derwent um das +Vorgebirge nach Morgen, und Hobarttown verschwand allmälig immer weiter in +die Bai geschoben, wie Kinder langsam ihre bunte Stadt zusammenrollen. Dann +zerschmolz gleichsam die nächste Küste im Meere, der niedrige Gürtel +Heidelandes; dann die höhere Ebene mit ihren Eichenwipfeln bis an die +Hügel; dann auch die ewiggrünen Hügel, die Berge, der letzte schneeige +Gipfel. Dann sanken die Wolken am Horizont herab, und deckten das Land zu; +und wie wir von ihnen herauf höher und höher bis zu denen sahen, die über +uns hoch in der Bläue schwebten, erhoben sie unsre Gedanken zugleich in den +Himmel. Während uns so van Diemensland, das Land ohne Mißwachs, ohne +Ueberschwemmung, in ewigem Ueberfluß, wie das Paradies untersank, stand +Doctor Toland mit dem Capitain der Argo zurückgewandt und sprach: »Ein Land +für tausend Städte und hunderttausend Dörfer! und hat nur zwei bis drei! +Wenn man sieht, wie ich gesehen habe, daß aus Mördern und Räubern sich und +andern nützliche Menschen werden, ja sittliche, welche durch Warnung und +festen Sinn sogar ein besseres Geschlecht erziehen, als andere Eltern, die +theils nicht wollen, theils nicht können, und selber gemächlich, +gemächliche Menschen der Welt zum Glück oder Unglück überlassen, so dächt' +ich: es wäre doch Schade, wenn man sie gehangen hätte, oder Andre, die +thaten, wie sie, und wie ich. Der Mensch ist doch keine Maschine, die immer +dasselbe thun muß, bis sie zerbricht. Der Todtschläger keine Guillotine; +der falsches Banknotenmacher keine Kupferstichpresse; der Dieb kein Rabe, +wie Patrik sagt, sondern es sind gerade die ärmsten unglücklichsten +Menschen, die gleichsam in der sinkenden Wagschale der Fortuna stehen, +damit die Andern oben schweben.« -- »Am Ende wird man noch jeden, der einen +Frevel begangen hat, beklagen, trösten, beschenken und lieben sollen!« +entgegnete ihm der Capitain. -- »So ungefähr mein' ich's! versetzte Doctor +Toland, und so meint es unseres Königs Majestät. Wie viele sind zuvor nur +in 20 Jahren in England hingerichtet worden! wie viele in ganz Europa! -- +alle nach dem Gesetz, aber nicht durch das scharfe Gesetz, sondern durch +_scharfe Richter_. Gewiß eine halbe Million Unglücklicher mit Weib und +Kindern, welche, statt sich selbst ohne Nutzen und der Welt zum Gräuel -- +wenn sie ihn empfindet -- zu Grunde gegangen zu sein, jetzt schon die +hundert Städte van Diemenslandes mit einer Million ehrlicher Leute erfüllen +würden! O! was ist den Völkern heilsamer, als die unbeschränkte, über allem +Gesetze waltende Macht, die sie unbeschränkt _liebt!_ Gott segne die +Monarchen, die nicht am Historischen hängen, sondern an Gott, bloß an +Gott.« -- Die Thräne, die ihm dabei im Auge stand, war gewiß Cleopatra's +Perle werth, ja alle Perlen in allen Kronen. + +»Ich will nicht nach Europa!« bat Lisanna, sich fest an mich schmiegend, +und einen ängstlichen Blick nach Morgen richtend. + +Ist Toland nicht auch aus Europa, und Er ist ja ein Menschenfreund, und +dort sind ihrer noch viele, wenn sie auch nicht Toland heißen! tröstet' ich +sie. + +Und Lisanna sprach beschämt: und Du ja auch, Lambton und Sir Samuel, und +die gute Russel! Gott segne sie! Und Du ziehst ja mit und Doctor Toland. + +»Zieh nur hin, mein Kind,« sagte er; »dort ist Alles prächtig, Alles +spricht schön, dort sind Millionen Kirchen, die zum Ersticken voll sind +alle Sonntage, und man betet dort das Vaterunser zu Dutzenden in einer +Viertelstunde.« -- + +Lisanna freute sich holdselig, und lächelte vor sich hin. Und ich, der ich +mich schon vor englischer Rang- und Titelschaft genug zu fürchten hatte, +sprach in mir leise: o selige Unwissenheit! + + * * * * * + +Steinkohlenwerk _Aloa_, in Südschottland, +den 1. Advent 1820. + +Dießmal segelten wir nach Morgen, der Passatwinde wegen, in die Heimath. +Zuerst um Südcap auf Tawai-Poenamu mit seiner Bergkette und dem Pic Egmont, +frei, hoch und schön, wie -- Egmont. Dann um Cap Horn. In Rio Janeiro, wo +wir acht Tage lang gleichsam Mittag machten auf unserer Reise, war Elisa +krank, aber nicht seekrank, sagte mir Doctor Toland, nicht von Amphitrite, +sondern von Aphrodite. Ach, ach! Ich war beständig um sie, und sahe auch +hier wiederum nichts von allem Schönen -- als Sie! Ach, und alles Andere +konnt' ich vielleicht wiedersehen, immer sehen -- Sie hatt' ich ja nur, so +lange das Schiff uns trug! Ich wünschte, die Fahrt dauere ewig; ewig daure +die Hoffnung, nach dem Vaterlande zu steuern, und nimmer anzukommen; wie +man von bezauberten Schiffen erzählt, die endlos auf dem Ocean +umhersteuern, voll Freunde, die nie sterben. Sonst hatten wir keine +Beunruhigung als von den Ratten, für welche der Stewart, wie er sagte, eine +_Lectüre_ hinlegte, um daran zu lecken und einzuschlafen. + +Aber was mußt' ich von Doctor Toland hören, dem Menschenfreunde! Der +Capitain fragte ihn eines Tages, ob er in Hobarttown nichts von der +Geschichte gehört, die sich in London zugetragen? von einem Doctor, +Apotheker und wüthigen Hunde? Toland ließ sich erzählen, daß ein junges +Weib von einem läufischen Mops leicht geritzt worden sei, und daß sich +darauf selbst bedenkliche Folgen gezeigt. Der Doctor, ihr Mann, habe +vergebens die bekannten Mittel dagegen angewandt, und daher den Wirth +seines Hauses, einen Apotheker, um das Arcanum gebeten, weßwegen dieser +eben mit der Regierung um eine große Leibrente in Unterhandlung gestanden. +Der Apotheker habe es ihm zu geben verweigert, um es durch seine, dem +Doctor leicht erkennliche Substanz nicht zu verrathen. Der Doctor habe an +den Sheriff geschrieben, um den Apotheker zur Herausgabe des Mittels +zwingen zu lassen. Dieser aber habe geantwortet: »das Gesetz kann keine +sittliche Handlung gebieten, noch alle unsittlichen verbieten; Ihnen nach +ist nur _das_ Pflicht, was sie erzwingen können; unrecht und ungesetzlich +ist daher zweierlei. Der Apotheker kann nicht gezwungen werden; auch kein +Doctor.« -- Aber zwingen kann er! habe der Doctor gesagt, den Apotheker mit +dem Mops in Ein Zimmer gesperrt, in welchem er ihn zur Beobachtung +aufbewahrt. Von dem nun auch verletzt, habe der Herr Apotheker endlich das +Recept für sich und des Doctors Frau gemacht, es ihr selbst eingegeben, was +ihm gleich hätte einfallen können, und Apotheker und Frau leben heute noch. +Der Apotheker aber habe geklagt, und sei als »unschuldig« freigesprochen, +der Doctor aber nach Hobarttown deportirt worden. -- Haben Sie den Doctor +nicht etwa gesehen? fragt er. »Der Doctor bin Ich!« sprach Toland lächelnd. +Der Capitain und, wir Andern traten einen Schritt von ihm weg. Er aber +sagte mit Nachdruck: »Nur aus Pflichten, die sich auf menschliche, +körperliche und geistige Anlage gründen, kann das Haus ein Gesetz machen; +und das soll das Haus aber auch. Sittliche Freiheit besteht darin, das Gute +_nicht_ thun zu können, Tugend darin, es zu _wollen_, und bürgerliche +Freiheit darin, es thun zu _dürfen_. Aeußere und innere Gesetzgebung sind +daher Eine und dieselbe, obgleich die äußere, das Gesetz, nur die +bürgerlichen Pflichten des Menschen gegen seine Mitbürger in Betrachtung +zieht und wägt. Aber die Sittlichkeit, die einzig göttliche Kraft der +Religion, ist die Quelle _aller_ Pflichten, auch derer, die ich im +Gegensatz adlige trennen möchte; und jeder Gesetzgeber im Hause muß die +Gesetze aus _ihr_ herleiten, sie immer vor Augen und im Herzen haben, bei +Beurtheilung und Unterlegung von Handlungen unter das Gesetz. Denn +Sittlichkeit und Unsittlichkeit erscheint auch schon in äußeren Handlungen +unverkennbar. Zu diesen äußeren, hülfreichen, mit Einem Worte, guten +Handlungen muß auch das Haus zwingen können, auch schon als bloße +gemeinschaftliche Sicherheitsanstalt. Denn es ist einerlei, jemanden +ermorden, oder nicht das Leben retten. Der Hauptzweck des Hauses aber muß +sein, eine sittliche Ordnung einzuführen; das ist Gottes Wille, darum +Volkswille. Auch das Strafrecht nimmt sich ja schon die Freiheit, auf die +Triebfedern zu wirken. Wer aber den Menschen in die Seele greift, der +braucht ihnen nicht in den Arm zu greifen; wo die sittliche Ordnung +herrscht, kann die bloß rechtliche, auch Kirchen-rechtliche aufhören, hört +mit jedem Gebildeten auf, und hat bei Vielen schon aufgehört.« -- Der +Capitain warf ein: »das Haus trägt aber nicht die Schuld, daß wir lieben +Menschen noch nicht so gebildet sind, das Gute aus freiem Willen ohne +Gesetz zu thun« -- -- »das Böse nicht ohne Strafe! wollen Sie sagen;« +unterbrach ihn Doctor Toland. Der Capitain fuhr fort: »und wenn wir keine +das Gute gebietende Gesetze haben, so liegt es daran, daß sie sich +höchstens geben, lehren, verbreiten lassen; aber Sie wissen ja, es fehlt +das eilfte Gebot, die _Kraft_ und der _Zwang:_ du sollst die zehn Gebote +halten!« -- + +Ich, als von geistlichem Stande, der von dem Hause im Collegio Stipendien +genossen, nahm aus Dankbarkeit nun das Haus in Schutz, und sprach endlich +auch mit darein, also: das Gesetz, welches das Gute gebietet, ist da! es +ist Religion! und da es eben so viele Geistliche, Pfarrherrn, Schullehrer +und Vicare giebt, als Richter und Polizeimeister, für welche das Haus +sorgt, und die geistlichen Rechte für die höchsten hält, so ist das Haus +entschuldigt! + +-- »Ich entschuldige auch das Haus!« schloß Doctor Toland. »Nur daß es +trennt, was es zusammennähen sollte, ist der Fehler. Die Religionsgesetze +sollen die Staatsgesetze allein, und ganz allein sein, was man noch nicht +einmal versucht hat! Das Haus soll nicht unterscheiden: Religion und Recht, +sondern Wollen und Thun. Das Thun aber wenigstens muß gleich sittlich sein, +und nicht nach dem Recht, dem todten Buchstaben des Gesetzes, sondern nach +dem lebendigen Wort gerichtet werden, wie es aus ihm geboten ist. Wenn +Einer von uns beiden nach Botanybai wandern mußte, so war es -- der +Apotheker! Dixi!« -- Dabei kehrt' er sich um. Der Capitain raunte mir in's +Ohr: er glaubt gewiß das Hosenband verdient zu haben für seinen +Apothekerzwang! Der ist von der Pfahlwurzel der Radicalen! ein +Unverbesserlicher, der glaubt, er denke und lebe recht. + +-- So Gott will! seufzte ich aus tiefer Brust. Wie Gott will! -- + +Ich sah eben England! und konnte nichts als weinen, weil ich da meine +Lisanna verlieren mußte! Wir segelten an der Küste hinauf bis an den +Meerbusen von _Forth_, in den Hafen von _Aloa_. -- + +Im Gasthause schrieb Doctor Toland sogleich einen Brief an Sir Horazio, den +Baronet, nach Rowlandhill; und ich überschickte heimlich Marion sogleich +ihre 100 Pfund nebst Interessen 6 pro Ct. richtig, nur mit der Bitte, es +Niemandem zu sagen, bis ich entschuldigt wäre in Aller Augen. Denn, daß man +selbst eine Pflicht nachholt, giebt uns gerade den Schein einer +Pflichtverletzung. Ich war freilich ein besserer Bote nach dem Tode, als +nach Gelde, doch ein ehrlicher, der nur einen kleinen Abstecher von 18,000 +Seemeilen gemacht. -- Sir Horazio antwortete, daß er nach Aloa kommen +würde, und bestimmte den Tag. + +Je näher nun dieser rückte, je ängstlicher ward mir; ich hätte mich lieber +in die Erde verborgen! Und so that ich auch wirklich. Denn als Elisa, +Toland und ich, uns die ungeheuern Steinkohlengruben besahen, welche 2000 +Fuß tief sich unter dem Schwalle des Meeres hinausziehen, faßt' ich den +Entschluß, mich zur Ruhe zu setzen und Steinkohlen zu graben. Meine +Schulmeisterstelle war besetzt; an andern Orten fehlten mir die Gönner; ich +schämte mich vor allen Menschen, aber am meisten Sir Horazio und Lady +Theano vor Augen zu treten, deren einzige Tochter ich so herabgewürdigt +hatte. Aber hier unter der Erde und unter dem Meere zugleich, mein +Schachtlicht vor der Brust, wußte ich nichts von der Welt und ihrem +Geräusch und Treiben -- nicht, ob über mir Schiffe fahren im Sonnenlicht +oder im Mondenschein, ob der Donner rollt, Blitze ein Schiff zerschmettern, +ob es sinkt und versinkt über meinem Kopf -- mich kümmert es nicht, mich +trifft es nicht -- unwissend sing' ich mein Abendlied, und verdiene mir +morgen es wieder zu singen! Ach, wäre ich nur eher hierher gegangen, als +nach Hobarttown! Wie selig könnt' ich hier leben! -- Doch war es hier noch +am besten; ich ließ mich zu der Arbeit dingen und verschwand den Tag vor +Sir Horazio's Ankunft. Denn die letzte Nacht fragte Elisa mich noch, so +ganz im sorgenlosen Flusse des Gesprächs: »wie ich wohl würde einen Knaben +nennen?« und ich sagte, nichts ahnend, und wie einen Spruch betend: »Er +soll Aeneas heißen!« -- bis mir die Frage auffiel, centnerschwer. Nun war +kein Bleibens mehr! Ich schied selbst ohne Kuß von ihr -- ohne mehr sie +anzusehen. Das war ein Jammer! -- Nun Gott segne Sie, Sie! für sich und +mich, für Sir Samuel und die Russel! für Horazio und Theano, für die ganze +Welt! -- Das fleht' ich im Fortwanken und Weinen. Wo ich hinging, hatte ich +auch dem Doctor Toland verschwiegen. Nur bat ich ihn, mir Nachricht zu +geben von Lisanna, vom Ausgange der Schlacht des Weibes, wie Euripides +sagt, -- und ließ ihm meine Adresse. Denn eines Tages, als ich mit Lisanna +die Stadt, ihre Glas-, Tauwerk- und Segeltuchfabriken und die +Schneidemühlen besah, traf ich den alten Kleinhändler Oldham aus der +Taverne im Hafen zu Portsmuth, hier an seinem Wohnorte wieder an. Er +erkannte mich, führte uns in sein Haus, zeigte mich seiner Frau, und dankte +mir, daß ich ihren Augen hätte geholfen, den Staar stechen! Ich verneinte +das; er bejahte es und erklärte, daß ein geiziger Arzt es nicht habe +umsonst, noch auch nur ein Auge um weniger Geld als seine Taxe, thun +wollen; darum habe er die Häfen durchstrichen, wo die Matrosen gewöhnlich +das Geld wegwerfen, um es nur los zu werden. -- So waren meine Leidenthaler +Freudenthaler geworden! Nun wußte Lisanna, was ich damals selbst nicht +wußte. Diesem dankbaren alten Oldham entdeckt' ich nun auf sein Gewissen, +wo ich zu finden sei; und an diesen wies ich den Doctor Toland, den +Menschenfreund, wenn er mir einmal schreiben wolle. Dazu lacht' er nur, und +sagte: Wir müssen uns freilich trennen; wir werden Euch aber schon zu +finden wissen! Gebt die Adresse! Gedenkt an Euere Zeilen von der Geduld, +und kommt uns ja nicht nach! -- + +Das war doch gewiß keine Einladung, mit nach Rowlandhill zu gehen, noch Sir +Horazio abzuwarten! Er zwingt ja sonst die Leute zum Guten, also muß es +wohl etwas Böses sein, daß ich dort erscheine! Aber hat doch Elisa die +große, wundervolle Gruft gesehn, worin Ihr Lambton sich selber beigesetzt! +Doch ach, Ich lebe! und Sie unter dem Himmelsgewölbe ist für mich todt! Ich +kann mich gar nicht mehr satt an dem Morgenstern sehen, wenn ich meine +Nachtschicht abgefahren habe und hinaustrete unter das Firmament, und wenn +Er mich noch immer ansieht, wie damals an Lisanna's Seite! Mstr. Oldham +hatte ein Lied unter seinen Liedern »Der Morgenstern,« das ich einsteckte. +Das Lied spricht mir ordentlich aus dem Herzen, und das sollen die besten +Lieder sein, die allen Leuten gleichsam aus dem Herzen sprechen und singen. +Das Lied sing' ich dann in der Frühe: + + Die Sterne thaten überaus geschäftig, + Sie regten sich, und hatten ihr Begehn, + Sie blinkten gar so silbern, frühlingskräftig; + Doch ach, wer hatte Zeit hinauf zu sehn? + An Ihrer treuen Brust so treu geborgen + Verweilt' ich bei ihr, lang' und gern; + Drauf scheidend, brannte nur im Purpurmorgen + Der Morgenstern. + + Sind nun die Sterne wieder so geschäftig, + Da mein' ich, müßt' ich wieder zu ihr gehn! + Sie blinken ja so silbern, frühlingskräftig, + Doch ach, nun hab' ich Zeit hinauf zu sehn! + Die treue Brust, die mich so treu geborgen, + Der holde Geist ist ewig fern! + Und weinend findet mich am Purpurmorgen + Der Morgenstern. + + Und thut der Stern so überaus geschäftig, + Und regt er sich, und hat er sein Begehn, + Da mein' ich holdgetrogen, liebekräftig: + Ich war bei ihr! ich habe sie gesehn! -- + »Du hast sie jetzt gesehn!« so raunt's verborgen -- + Dann seh' ich Sie! und seh' so gern: + Sie ist's! das schöne Licht im Purpurmorgen: + Der Morgenstern! + + * * * * * + +Steinkohlenwerk _Aloa_, am heiligen Dreikönigstage 1821. + +Gestern brachte mir Mstr. Oldham einen Brief von Dr. Toland in den Schacht; +und ich las ihn entfernt von den andern Arbeitern in einer Seitenhalle bei +meinem einsamen Grubenlicht. Den Brief muß ich eintragen, und schreibe also +Folgendes noch einmal selber an mich. + + * * * * * + +Schloß _Rowlandhill_, Neujahrstag 1821. + +Guter Lambton! + +Ihr arbeitet in der Grube ohne Mond und Sterne, Ich unter dem hellen Himmel +im Sonnenschein, und auch die Sterne fehlen nicht, auch nicht günstige. +Mein Werk ist halb gethan. Doch vom Anfang ist anzufangen. Ihr wißt, Was +ich sage, ist immer aufrichtig; aber ich sage nicht immer Alles. Das hab' +ich mir an dem Krankenbett angewöhnt, wo die Anverwandten uns Doctoren +beständig um das Prognostikon plagen. Auch Lisanna war krank, recht krank, +als Ihr Euch uns entzogt. So stellte ich Ihr nun das Prognostikon: es werde +so gut für Sie und Euch. »Wenn es nur gut für Ihn,« seufzte sie, »bin ich +zufrieden, und will leiden, meiden und schweigen.« Das Recept, worin ich +für ihre Sehnsucht, als Basis, ihr Vater und Mutter verschrieben, schlug +vortrefflich an; das Adjuvans war ein Mann, und das Bindemittel der +Fenchelzucker der »guten Hoffnung.« Also noch in Forth, auf, einem +Spaziergange vor die Stadt, landeinwärts, begegnete ich Sir Horazio zu +Pferde. Er war stark geritten, hielt seinen Hut in der Linken, und rieb +sich mit dem gelbseidenen chinesischen Tuche die wenigen schwarzen Haare +zusammen, und trocknete sich den Schweiß von seiner hohen Stirn. Daran +schon erkannt' ich ihn, trat ihm in den Weg und sagte: »Ich bin Doctor +Toland.« -- Er hielt, und erkannte mich, da ich früher sein Hausarzt +gewesen war. Ich sagte ihm nun mündlich, daß Ich ihm seine Tochter, seine +Elisa, die verlorne, wiederbringe. Er blinzte mit den Augen. »Wie wird sich +meine Theano freuen -- wenn es wahr ist!« war seine Freude: dann war er +beinahe kalt, ernst, und ging sehr vorsichtig zu Werke, welches ein +Rechtschaffener jedem gern gestatten kann. Zu uns eintretend, grüßte er nur +leicht Lisanna, der ich Namen, Wohnort, Stand und Vermögen ihrer Eltern +bisher alles verschwiegen hatte. Ich verzieh ihm den leichten Gruß, und +Elisa dankte ihm nicht einmal, denn sie war eingeschlafen. Sie lehnte +rückwärts mit dem Köpfchen an der Tapetenwand, und saß ihrem Vater +gleichsam Probe. Während er erröthete, erblaßte, auf die Lippen biß, die +Augen fest zudrückte, und warm und kalt anzufühlen war, legt' ich ihm +Roßborn's Zeugniß und Aufnahme der Aussage der Russel vor. Er bezweifelte +die Wahrheit ihrer Worte, ja er mochte wohl glauben, es sei dieselbe Russel +nicht. Ich zeigte ihm das Bild unserer Russel, den schönen Kopf von Clarke +gemalt, und die Treue und Aehnlichkeit desselben gestempelten Bildes mit +der in der Rauchkammer krank gewordenen Russel, gleichfalls beglaubigt von +Roßborn und Patrik. Horazio stieß ihr mit der Faust in's Gesicht, welches +mit keinem Auge blinkte, keine Miene verzog, sondern ohne Furcht ihn ansah. +So etwas macht Eindruck. -- »Warum gestehst du jetzt erst, alter Satan!« +redete er sie an, »da Theano dich umsonst beschworen, da ich Dir vielleicht +Verzeihung ausgewirkt, Dir noch 10,000 Pfund gegeben hätte, wenn Du meiner +Theano ihr Kind wiedergabst!« -- Wer ein Gespräch gern erlöschen sehen +will, der darf nur nicht antworten; und so that die Russel. Dafür +entgegnete Ich ihm: Glauben Sie einem Doctor, Sir Horazio, daß vor dem Tode +mancher Menschen die Zunge Dinge verräth, welchen der Tod nur Strick und +Schwert erspart. Der Mensch braucht dann Vergebung -- und vergiebt. Er muß +alles geraubte, unrecht erworbene Gut zurücklassen -- und er giebt es von +selbst wieder, um Ersatz zu leisten. Er hofft die Seinigen wiederzusehen, +und erfreut beraubte Eltern mit den Ihrigen! Vieles, vieles, und grade das +Schwerste, das Ungeheuerste kommt freilich niemals an die Sonne! und kein +Mensch erfährt es! Das hab' ich auch gesehen in Krankheiten und +Todeskämpfen; aber ich habe auch gesehen, daß sich die Menschen mit +verborgener Sünde die Seele vergiften, daß gegen diese Aqua Toffana kein +Mittel ist, und daß leider Viele, Viele daran sterben. -- »Sie ist ja aber +nicht gestorben! les' ich;« warf mir Sir Horazio ein. -- In der Welt der +Täuschungen gilt der Wahn für die Wahrheit; man macht auch Testamente auf +den Todesfall -- Schenkungen unter den Lebendigen; begegnet' ich ihm. Dabei +hielt ich Sir Samuel's Bild in den Händen, dem er Elisa's Erziehung und sie +selbst jetzt hauptsächlich zu danken habe. -- Er that einen wunderlichen +Blick darauf, und vor Zorn und Mitleid, Haß und Neigung traten ihm die +Thränen in die Augen. Er deckte das daneben liegende Bild darauf, Lambton, +es war das Eure! und als er Euch nun sah, tief er aus: »Eine schöne +Gesellschaft Menschen! Das ist der reisesüchtige Thor, der, um seine Lust +zu befriedigen, ein Mädchen um ihre Erbschaft, und dadurch um einen Mann +gebracht, und sich um die Schule und meine Gunst; und nur auf Theano's +wunderliche Fürbitte habe ich ihn nicht lassen in die Zeitung setzen, wie +noch geschehen kann!« -- Ihr seht, mein unschuldiger Lambton, es möchte +also nur Ein Mittel geben, Euch wieder zu Eurer Stelle zu helfen; und Sir +Samuel, wohlweise, und die vornehme Welt kennend, hat es mir +vorgeschrieben. Das ist mir desto lieber; denn es schmeckt nicht ganz süß, +und dauert mich einzugeben. Aber das Mittel, das anschlägt, ist dem Doctor +unschätzbar, wenn er ein Menschenfreund ist, wie Ihr mich immer zu nennen +beliebt. -- »Viel Anstalten! viel Auslagen! klug ersonnen! aber die +niedergelegte Summe ist auch nicht klein;« murmelte Sir Horazio. Ich machte +die Thür auf, um ihn die Treppe hinunter zu werfen, und faßte ihn schon +beim Kragen. Der Lärm erweckte Lisanna, und ein Blick auf sie ließ mich +meine Hitze bereuen. Sie sprang auf, sie stand, sie kam auf uns zu und rief +ängstlich: »Was beginnt Ihr?« -- Sir Horazio sahe ihre Bewegung, ihren +Wuchs, ihre Stellung und hörte ihre Stimme, ja grade diese Worte mit +sichtbarem Erstaunen. Er nahm den Hut, schied übereilt, und sagte mir nur +auf der Treppe: »Morgen nach London, Toland!« -- + +Und so geschah's. Dort erhielt Lisanna schöne Kleider, die sie noch einmal +so schön machten. Auch als Doctor, und gerade als Doctor, der die Menschen +alle für Stative, für nur überfleischte Todtengerippe ansieht, muß ich +sagen: Der Putz ist wirklich kein leerer Schein! Der Häßliche mag sich +schmücken und anziehen wie er will, der Schöne ist doch geputzt am +schönsten, und schöner als er sonst selber! so wohlgeordnet jede Locke und +jede Falte wohlgelegt! Und ist das Weib nicht immer so, kann sie doch immer +wieder so schön sein -- wenn sie sich _wieder_ putzt. Ich sehe, der Putz +ist den Frauen unentbehrlich, wenn sie Alles sein wollen, was sie können; +und darum mag ihn keine entbehren, kein Mann ihn seiner Frau, kein Vater +ihn seiner Tochter entbehren lassen. Kurz, Lambton, die vornehmen jungen +Herren ritten und fuhren uns nach, selbst die Damen blieben stehen, und +einige aus den 40,000 Jungfrauen riefen auch wohl bezaubert das »schöner +Engel!« ihr zu. Denn, wenn auch Lady Theano das große Bild »die +Präsentation« in Schloß Rowlandhill besitzt, so sind doch hin und wieder in +London in reichen Häusern andere Gemälde desselben Meisters, zu welchem er +das schöne, schöne Kind Elisa als Vorbild, oder Natur, wie die Maler sagen, +benutzt, und sie als Engel hinein gemalt hat. Selbst mit der Krone, als das +Kind, das Macbeth wahrsagt, hab' ich sie sehen im Kessel stecken, über dem +Feuer und unter den Hexen in Dampf und Glut. Solche Bilder nun zu sehen, +fuhren wir in der Stadt hin und wieder. Horazio verglich dann Farbe des +Haares, Colorit, Oval des Gesichts, Braun der Augen, Gliederung der Hand, +und was weiß ich Alles mit ihr, doch ohne daß es Lisanna bemerkte, die +ihren Vater nicht erkannte, so wenig, als den Maler L . w . . . ce, und nur +mit gefalteten Händen und befremdeten Blicken vor den rührenden köstlichen +Gemälden stand; besonders vor einem, worauf sie als des verlornen Sohnes +kleine Schwester ihm unter der Treppe heimlich ihre Feige zusteckt, wie dem +Lambton manchmal Nektarinen; und vor dem andern, worauf sie als Engel im +Felde den Hirten große Freude verkündigt! -- In den Zwischentagen habe ich +Eure Kisten alle verkauft, die ich mir hatte aus Forth nach London +nachkommen lassen. Das kostbare Herbarium vivum, die Sämereien, die +gottgemalten und im Feuer der Natur vergoldeten Conchylien, die +Incrustationen von den Bergen, die Versteinerungen, Mineralien, Schiefer, +Asbest, gediegenes Eisen, Carneole, Basalte, Bergkrystall, Chrysolith, +Jaspis und Marmorarten -- Alles ist fort! Ich bin zufrieden 3010 Pfund +dafür bekommen zu haben, was Ihr in Eurer Unwissenheit Alles zusammen +gerafft und womit Ihr Euch oft die Taschen entzwei geschleppt habt. Ich +schicke Euch davon 10 Pfund zu Kleidern; mehr kann ich nicht entbehren; +denn ich habe eine Speculation. + +Den Ausschlag für Lisanna's Anerkennung gab endlich in der Christwoche ein +Abendbesuch in Piccadilly bei den ausgestellten Spielsachen. Dieselben +offenen Läden, dieselbe freundliche Alte, dieselben Spielsachen, diese +ewigen Stereotypen der Natur für die ewige Kindheit auf Erden, da +wunderlich und friedlich, schimmernd von Gold und Farben, lockend und +schweigend beisammen, funkelnd in dem Glanz der Kerzen! Davor standen, an +der Hand ihrer Mütter und Väter und Wärterinnen, die Kinder umher und +erstaunten! Welches zusammengedrängte Leben! welche großen Gestalten, ja +Riesen und riesenartig! denn sehen wir Großen in Wahrheit nicht Alles +klein, selbst in sehr mäßiger Ferne? Sind wir nicht eigentlich die wahren +Kinder? Indeß den noch mit der Täuschung der Ferne nicht bekannten im +Natur-Scheine seligen Kindern erscheint ein Püppchen: ein wirklicher +Mensch, ein Pferdchen: ein großes Pferd, ein Ziegenböckchen: ein hoher +Bock, ein winziges Bäumchen: ein mächtiger Baum, ein Lämmchen: ein Lamm. O +wie glücklich kann man die Kinder machen! glücklicher als sie je als -- +Menschen werden können. Ach, wer es kann, sollte es nicht versäumen, ihnen +_Freude_ zu machen, denn Freude ist des Lebens Kern, und sie klingt uns +ewig nach aus der vergessenen Kindheit und giebt uns Kraft! Die ganze bunte +Erde ist ihnen künftig keine Weihnachtsbude mehr! Aber jetzt, hier vor +ihnen -- Alles ist ihnen ja das, was sie sehen; es _bedeutet_ es ihnen +nicht bloß! es ist die Welt, ihre Welt, bequem, nahe, still, freundlich -- +und Alles ihr Eigenthum; Alles lebt, denn sie leihen ihm Leben in dem +seligen Kindertraume. -- Sollt' ich mich wundern, wenn auch das ärmste, +frierende Kind mit den Händchen langte nach den bewunderten Schätzen, +geliebt von ihm, wie dereinst die Welt! Hatt' ich nicht Lust zu weinen, +wenn die arme Mutter, die ihm nur das Entzücken des Anstaunens hatte +gewähren können, nun das weinende, schluchzende, zurück verlangende Kind +forttrug, um nicht den Andern die Freude zu stören! Aber ich hatte nicht +Zeit solchen zu kaufen, auch ist ihrer das Reich Gottes -- ich hatte genug +an Lisanna zu sehen, die selbst, wie ein Kind vor dem Himmel der Kinder +stand, an dem sie lieben gelernt, und es nun konnte, aber vergessen zu +haben schien. Sie war wie verwandelt und starrte und hörte, und scheute +sich, anzurühren. So stand sie in tiefen Gedanken, wie nachsinnend und dann +vom Traum erwachend, immer röther und röther, wie eine Rose im +Morgenschein. Jetzt war der Moment gekommen; Sir Horazio, der sie bisher an +der Hand gehalten, ließ sie los, und entfernte sich aufmerksam. Und mit +unbeschreiblicher Angst wandte sie sich um, und rief auf einmal laut: +»Vater! Vater!« und trennte die Menge. Sie stand im Dunkeln abwärts allein, +hielt die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich. Sir Horazio nahte +sich ihr gerührt und überzeugt, und schloß das bewegte Kind in seine Arme. +»Ja, Du bist es, Du bist Elisa, unsere Elisa,« stöhnt' er, vom langen +Verhalten der wachsenden Freude wie ermüdet. »Vater, Vater!« waren die +letzten Worte, die in meine Seele durch die Dunkelheit drangen. »Vater, +Vater!« die ersten, die mir wieder in die Seele dringen. »Sei willkommen, +sei tausend Mal willkommen, unser theueres einziges, lange, lang' +entbehrtes Kind! Wie wird sich Theano freuen!« rief er -- und versank in +sich selbst. »Der Thor, der Samuel!« sprach er, wie aus dem Traume. -- +Darauf war er wieder ernst, ja ernster als zuvor, und Lisanna, die an ihm +hing, schien ihn zu belästigen. + +Wie wir zu Hause im Zimmer auf- und abgingen, hatte Elisa schüchtern und +kleinlaut in ihrem neuen Stand und Verhältniß, als Erbin einer schönen +Baronie, sich in die Ecke, des Sofa's gedrückt und war gewiß voll +Hoffnungen und Erinnerungen eingeschlafen. Sie sprach bald im Traume +losgerissene, herausperlende Worte aus ihrer Seele, die wie ein klarer +Quell bis in den tiefsten Grund aufgeregt worden war. Ein sehnliches +»Lambton!« perlte herauf, und zerstob auf ihren halb geschlossenen Lippen, +so, daß es nur wie _Lamm_ klang. Dann rief sie hastig: »Mutter! -- Mutter!« +und innerlich weinte sie sehr, aber die Thränen flossen nur bis auf die +halbe Wange. Wir traten theilnehmend und innig gerührt vor das liebe Kind, +und sahen dem Schlafwandeln ihres Geistes in seiner stillen Werkstatt zu. +Die Seele ist ja der Traum des Gehirns. Wie wir bald sie, bald uns ansahen, +streckte sie die Arme aus, und rief, wie aus weiter Ferne: »Sir Samuel! -- +Sir Samuel!« -- Der bange Laut ihrer Stimme, der Name selbst empörten +Horazio. -- »Ja, rufe nur Samuel! Samuel!« sprach er leise, aber desto +schauerlicher; -- »du weißt nicht, _Wen_ du rufst! Das hat er angerichtet: +die Eifersucht bestraft sich selbst! O daß sie auch nur sich quälte! Doch +leider, ist's nicht so. Wir Alle haben gelitten; selbst die Armen, um die +wir uns nicht kümmerten in unserer eigenen Angst! Es giebt Menschen, die +aus Uebermaß ihres Glücks, vielleicht bei überwiegender Phantasie, die +immer zur Wehmuth neigt, eine herzerquickende Freude, ein ihnen eigenes +Entzücken darin finden, in Eifersucht zu schwelgen! In diesem süßen Gefühl +versäuert sie endlich und wird Gift. Die Wahrheit hält sie für Lüge, +Entschuldigung für Frechheit, nur ihren Schmerz und Wahn für wohlbegründet! +Sonst hätte Sir Samuel nicht Theano für Desdemona gehalten -- aber, o daß +er es hätte! dann hätt' er nicht rasend zum Kopfkissen des Othello +gegriffen! Da kauft' ich das göttliche Weib um jeden Preis ihm ab, Ihr +Leben zu sichern und seines -- meines verirrten Freundes! Aber die Scene +hatte Zeugen herbeigerufen, das »was beginnt Ihr?« war erschollen, und +obgleich Theano alles aufbot, ihn zu retten, und außer Besinnung vor den +lächelnden Richtern bekannte, daß Er sie doch habe das Vaterunser beten +lassen, was gerade gegen ihn zeugte, als sie bekannte, daß Elisa« -- -- + +Da bewegte sich unsre Elisa schmerzlich im Schlafe, rang sich mit der +Russel, jammerte laut, erwachte darüber, wie ein Kranker und -- störte uns. + +Doch weiter! Sir Horazio hatte beschlossen, Elisa seiner Theano zum +heiligen Christ zu bescheren; ja, sie sollte sich selbst als der Engel ihr +wieder bescheren. Dazu ließ er ihr ein schneeweißes Gewand, große goldene +Flügel, ein Sternendiadem aus Juwelen, einen Gürtel und eine künstliche +duftende Lilie machen. Ich selbst ward zum Knecht Ruprecht ausstaffirt, um +auch dabei zu sein. Devisen wurden gedruckt und in vergoldete Nüsse +gesteckt; Lisanna's Kinderkleidchen, welche ihr die Russel mitgegeben, +wurden noch einmal gewaschen, geplättet und gefaltet; ihr Amulet an der +Halskette ward in einem goldenen Apfel verborgen, der bei'm Anfassen des +Stieles sich aufthat. Ehe dieß Alles fertig war, stellte mir Sir Horazio +die Anweisung der Prämie für die Wiederbringung der Tochter aus -- au +porteur -- und ich erhob 15 bis 16,000 Pfund mit Einer Hand, ja mit zwei +Fingern. Bin ich nicht ein starker Mann? Spart Eure Bewunderung, Seufzer +und Thränen! Denn nun reiseten wir nach Rowlandhill, und trafen in der +Dämmerung des heiligen Christabends dort ein. Der Schnee flimmerte in +blitzenden Sternchen vor den Hügeln, Christbäume brannten in den Stuben, +und die Kinder jubelten um sie her. Wir sahen Licht im Schlosse. »Das ist +in Elisa's Zimmer!« sagte Sir Horazio. »Nur alle heilige Christabende wird +es geöffnet und betreten. Da steht in der Mitte derselbe Christbaum! Da +werden dieselben Wachskerzen ein Viertelstündchen angezündet, die endlich +niedergebrannt, dieß Jahr, heut! kaum noch ihr letztes Viertelstündchen +leuchten; da stehen die Spielsachen umher aufgeputzt, die das Kind +erwarteten, das ich bringen sollte und verlor. Da liegen die Puppen, wie +weinend um sie, auf dem Gesichte, und der Nußknacker macht sein erstauntes +Gesicht, und die Engel halten ihre Schrift über der Erscheinung des Kindes: +Gloria in Excelsis Deo! während die Hirten niederfallen und anbeten, der +Morgenstern über dem Hause stehen bleibt, die heiligen Drei Könige +erscheinen, worunter der Mohrenkönig ist, und selbst Oechslein und Eselein +an der Krippe sich wundern. Nun: Gloria in Excelsis Deo!« rief er aus. In +einiger Entfernung stiegen wir ab; ich trug meine Sachen, Sir Horazio +Lisanna's, die wie im Traume wandelte. So schlichen wir in das Schloß, auf +die Zimmer. Marion ward gerufen und bedeutet. Sie half Lisanna als Engel +kleiden, mir half Sir Horazio in den Knecht Ruprecht fahren. Marion brachte +Nachricht, Lady Theano sitze in Miß Elisa's Zimmer vor dem brennenden +Christbaum, und träume: ihr Kind zu erwarten! Sie könne es nicht mehr +ansehen! + +»Da kommen wir recht!« flüsterte Horazio. So gingen wir. Elisa zitterte, +daß sie fast die Bescherung aus den Händen verlor. So traten wir ein. Wir +konnten uns nicht der Thränen enthalten, als Elisa in ihrem funkelnden +Diadem, ihren goldenen, jetzt blitzenden Flügeln leise und schüchtern +näher, und nahe vor ihre Mutter trat, und das arme Weib mit der Lilie an +ihrer gesenkten Stirn berührte. Wir schauerten! Theano machte eine Bewegung +aufzustehen; aber sie versank in sich, mit geschlossenen Augen, häufige +Thränen vergießend. Der himmlische Gruß bebte Elisen von den Lippen! Sie +bescherte ihr darauf eine Nuß nach der andern, so wie sie die darin +enthaltene Devise gelesen, deren Inhalt die Mutter allmälig auf das +Entzücken vorbereiten sollte. + +»Nichts ist den Lebendigen verloren, als die Todten!« gab sie ihr zuerst in +der goldenen Nuß. Dann in der silbernen: + +»Eure Kinder sind auch Gottes Kinder!« und zuletzt in der grünen: + +»Die Todten stehen nicht auf, aber die Verlorenen kehren wieder!« + +Mein Gott! rief Theano, was willst Du? was sagst Du? Ach, ich habe +ausgelernt zu hoffen! -- + +Ausgelernt? o Theano! -- so kannst Du es ja! o hoffe! flüsterte Horazio ihr +lächelnd und weinend zu. -- + +Da überreichte ihr Elisa den goldenen Apfel; Theano nahm ihn an dem Stiel, +er sprang auf, und sie zog das Halsband ihres Kindes halb daraus in die +Höhe, und ließ Apfel und Halsband fallen, und die Aufgerichtete sank in den +Sessel. -- + +»Bist Du ein Engel, daß Du mir diese Gaben wiederbringen kannst?« fragte +sie Elisen mit halber Stimme. + +Elise nickte, und bewegte doch gleich ihr Köpfchen wie zu einem: Nein! -- +Darauf legte sie ihr die Kinderkleidchen nach einander hin, auf die Kniee. +Theano entfaltete sie, und hielt sie in die Höhe. »Meine Stickerei! meine +Blumen -- Elisa's Kleidchen« -- sprach sie fast athemlos; »ach, was bringst +Du mir Alles, Alles wieder; nur mein Kind, mein theures Kind nicht!« +schluchzte sie erschüttert -- darauf sahe sie Elisa groß an, und an dem +Lächeln ihres Antlitzes zündete sich ein leises Lächeln im Antlitz der +Mutter an, das in beiden schmolz, wuchs, sich verklärte bis zu himmlischer +Freundlichkeit. + +Da fragte die Mutter: »Wer bist Du?« und zog Blick, Haupt und Gestalt +langsam zurück. + +»Der Engel ist auch Dein Kind! Nimm sie wieder, Elisa! Gloria in Excelsis +Deo!« rief Horazio seiner Theano zu. + +Sie wollte die Hände ausbreiten, aber sie sanken, und regungslos blieb sie +ihm in den Armen; Elisa, die schon halb vor der Mutter hingekniet, war ganz +umgesunken -- die goldenen Flügel knisterten, die Lilie lag am Boden, und +Sie, wie ein Engel, wie eine Lilie, blaß und schön daneben. Die Lichter am +Christbaume flackerten auf und verschwanden; die Helle des Himmels schien +in das Zimmer; die Uhr schlug Neun und nach dem Schlage spielte sie ihr +Lied. + +Lambton, hab' ich je geweint, so war es da; und wenn die Worte meines +Briefes verwischt sind, so ist es von den großen warmen Thränen, die darauf +gefallen. Nun gehabt Euch wohl! + +_Dr. Toland._« + + * * * * * + +Das las ich bei meinem Grubenlicht, und was Toland's Thränen nicht schon +unleserlich gemacht hatten, das machten die meinen. Ich wußte in meiner +Freude um Elisa, meiner Angst um mich kein Mittel, mich wohl zu gehaben als +das: Ich langte meinen Trauschein aus der Tasche auf meiner Brust, +entfaltete ihn und las ihn feierlich. Die Namen Lisanna und Roßborn, York, +Crabbe und Patrik als Zeugen übten eine gewisse Kraft über mich aus, aber +auch keine; und doch las ich immer ihn wieder, ohne mehr daran zu denken, +bis mich die Andern anriefen mit hinaus zu kommen »in die Welt« wie sie +sagen. + +Ich wankte nur »in die Welt;« denn was sollt' ich darin? Sir Horazio's +Ungunst hatte mir der gute Doctor mit klaren Worten geschrieben! der lange +Daniel hatte Marion nicht geheirathet! -- was noch geschehen konnte. -- +Doctor Toland selbst hatte meine Sammlung verkauft, und mir 10 Pfund davon +geschickt. Nun Gott segne ihm das Andre! ich bin reichlich bezahlt. Die +15,000 Pfund hat er wohlverdient! Denn Er hat Lisanna zu Elisa gemacht, ihr +Vater und Mutter, Hab und Gut gegeben! Wenn er nur nichts mehr schriebe! es +macht mich nur preßhaft. + + * * * * * + +Schloß _Rowlandhill_, den letzten April 1821. + +-- Und doch erhielt ich am Sonntage Palmarum noch Folgendes von ihm. + +»Guter Lambton!« + +»Elisa läßt Euch heimlich und leise durch mich grüßen, und herzen und +küssen! Sie herzet und küsset indessen ihr Kind -- den kleinen Aeneas; denn +so mußte es in der Taufe genannt werden, ich weiß nicht, warum. Um nun in +dieser, für die Eltern und für Lisanna so kritischen Lage doch Etwas zu +sagen, hab ich gesagt: der Aeneas sei das Kind des Schulmeisters von +Hobarttown. Das ist ja die bitterste Wahrheit! Lisanna, die unschuldige +Seele begreift nicht, was das ihr auferlegte Verschweigen ihrer _Trauung_ +mit Euch _nun_ wirkt! Denn sie ist rein und selig im Herzen! Da Sir +Samuel's Absicht, die ich nur halb loben kann und muß, auf ihre Mutter und +ihren Vater eindringlich und herzangreifend -- durch den unbegreiflichen +und unbegreiflich lieben kleinen Aeneas zu wirken, nun ganz erreicht ist, +gestatte ich Euch, die Verwirrung im Hause zu lösen, wie Ihr wollt.« + +»Dr. _Toland_.« + +Wenige Zeilen, die aber zu vielen schweren Betrachtungen Anlaß gaben! Ich +mochte mir ihren Inhalt gar nicht klar aus einander ziehen; wie an einer +Baumwolle-Nuß daran gar nicht zupfen; ich brachte das schwellende Gespinnst +nicht wieder hinein. So ließ ich die Nuß ganz unbezupft. Wenn ich nur Sir +Horazio die Acte meiner Einwilligung zur Ehescheidung überreichte, so war +damit Alles gethan: Elisa befreit von Verdacht und Last, Aeneas zum Erben +von Rowlandhill eingesetzt! Und der arme Lambton hatte sich Sir Horazio und +Lady Theano doch einen Augenblick als Schwiegersohn vorgestellt! -- Ich +verlor eigentlich nur Lisanna -- nur! o Himmel! -- nicht _Elisa_, die ich +meines Wissens nicht geheirathet hatte. Ich bat um Verzeihung, so gut wie +möglich, und war so gut wie zuvor. Ach Gott, wenn Lisanna nur auch noch so +gut war, wie zuvor! Doch war sie ganz gewiß noch so gut, wie nur irgend +möglich. -- Und mußt' Ich auch das Kind nehmen, o wie nahm ich's so gern; +und ein Strohhütchen im Sommer, ein warmes Röckchen im Winter, vielleicht +doch einige Aepfel und Nüsse zum heiligen Christ, vielleicht sogar den +alten Nußknacker dazu -- hätten sie ja dem unschuldigen Kinde wohl auch +zugedacht. »Victoria! Lambton,« rief ich, »Du hast überwunden.« + +Für die Acte nun, für einen neuen recht sauberen Anzug von Kopf bis zu +Füßen, für Miethe eines Pferdes bis Rowlandhill, gingen meine 10 Pfund fast +gänzlich darauf. Und so ritt ich denn wirklich zum andern Ende von +Rowlandhill hinein; von Morgen! wie ich nach Abend zu daraus weggeritten, +grade so, wie ich den Kindern erzählt, daß es Dem so gehe, der rund um die +Erde reiset. Es war auch Ostersonnabend, wie damals. Dieselben Wolken +schienen noch am Himmel zu stehen, dieselben Lerchen über derselben Sat zu +schwirren, dieselben Knospen an den Zweigen zu glänzen! Wie damals, stieg +der Rauch, wie ein Brandopfer, in die Lüfte, derselbe gute Kuchengeruch +duftete aus den Häusern; die wohlbekannten Glocken schlugen mir gleichsam +an's Herz, und läuteten das Fest ein, und die Betglocke nahm gleichsam den +Leuten die Mütze vom Kopfe. Auch mir. Ich hielt an, und betete lang' und +still, und rief dann: »Soli Deo Gloria! für Alles, Alles, Freud' und Leid!« +Dabei fielen mir die Engel ein, welche die Schrift über dem Präsepio in +Elisa's Zimmer halten -- und Elisa -- und mein Kind! »O, ihr Engel!« betet' +ich nun wieder fort, »schwebet auch so über der schönen menschlichen Mutter +und dem lieben Menschenkinde, dem armen Lämmchen, dem kleinen Lambton! ach, +so heißt er leider ja doch! Aber lasset Ihr ihm seinen Namen nicht schaden, +er ist doch halbes Vollblut, und Euch verwandt durch Lisanna. Aber sehen +muß ich den kleinen van Diemensländer, ja Hobarttowner doch Einmal, zum +ersten und letzten Mal! und meine, meine Lisanna nur zum letzten Mal, und +sollte mir das Herz darüber brechen. Und ist das gebrochen -- was dann aus +mir wird, gilt mir, wie billig, Alles gleich. Gefällt es mir nicht auf der +Erde, so zieh' ich unter die Erde, und unter das Meer -- nach Aloa; da hab' +ich ja den Morgenstern! Oder zurück nach dem seligen van Diemensland, da +hab' ich ja mein Kreuz! Und hätt' ich noch einen Wunsch -- möchten sie die +alte Anna zur Kindfrau nehmen! Kein Mensch wird das Kind so lieb haben, so +warten und pflegen wie sie; auch des Nachts warm zudecken; sie schläft ja +wenig; und hört sie nichts, so spricht sie doch viel, das ist gerade für +Kinder; und singen kann sie, daß man Gott dankt, wenn man schläft! So +schläft auch der fromme Aeneas.« + +Im Gasthause, das neue Wirthsleute gemiethet hatten, die mich nicht +kannten, bestellt' ich eine gute Mahlzeit, um nach gethaner Pflicht, nach +zwanzig Wochen Pein endlich einmal froh zu essen. Ich ging indeß noch mit +schwerem Herzen sogleich nach den Schlosse. Ein Diener sagte mir, die +Herrschaften seien nicht gegenwärtig. So ging ich in den Park. Die Blumen +glänzten, die Kirschbäume blühten, und sahen aus, als ob sie aus dem Winter +weißbeschneit auf das grüne Gras, in die milde Luft verzaubert worden +wären; und die Bienen surrten in voller Arbeit, und zogen sich kleine gelbe +Honighosen an, wie zu den Feiertagen! Die Sonne war zum Abend gesunken; und +wie ich am See entlang ging, blendete mich ihr Bild aus dem Wasser; die +Hecken verbargen schon die Nachtigallen, und sie schlugen aus dem +glänzenden Lorbergebüsch, und selbst der Kukuk rief von den schimmernden +Lindenzweigen: ich bin wieder da! kukuk! kukuk! -- Ein Mädchen, die im +Grase mir leise entgegen kam, war nicht Lisanna; aber das Kind, welches sie +durch Tritte im Kies nicht erwecken wollte, mußte der kleine Aeneas sein. +Ich hielt sie an; ich war unglaublich keck und schlug den Schleier von dem +Kinde zurück -- es schlief! und schlief so sanft. Welches Entzücken -- und +welcher Gram! nicht einmal seine Augen sollt' ich sehen! Es sollte mich, +seinen Vater, nicht sehen! Ich nahm das rosige Blüthenblatt, das auf des +Kindes Stirn herabwehte, und hob es mir auf, als Reliquie, die mein Kind +berührt, als Zeugen dieser Stunde. -- Es mußte mir wohl sehr leid thun -- +denn die Wärterin fragte mich, was ich denn weine? Ach, seufzt' ich: +»gerade so ein Kind hab' ich verloren!« und verschleierte es, um es nicht +mehr zu sehen. -- Armer Mann! sagte sie leis', und schlich leise, leise +fort. -- _Das_ war nun überstanden! Auch ich schlich leise fort. Die +Fenster eines Zimmers im untern Stockwerk des Schlosses standen offen, und +wie ich mich unterfing, einen Blick im Vorübergehen hinein zu thun, trat +Elisa in das Fenster, nahe, kaum sechs Schritt mir gegenüber. Ich stand, +mich satt zu sehen und zitterte. Sie stand, sie sich -- sie erblaßte, sie +wankte zurück -- sie war verschwunden! Ob sie die Hände ausgestreckt, oder +nur erhoben? Ob sie die Lippen geöffnet, mir noch etwas zu sagen, und was? +dem dacht' ich nach, als ich endlich wieder denken konnte, und schon fern +war. Auch das war überstanden! So ging ich auf den nahen Kirchhof, wo meine +Mutter ruhte, und suchte und fand ihr Grab, mit jungem Gras begrünt. Ich +sagt' ihr, wie ein Träumender, daß ich glücklich wieder da sei! -- so sagt' +ich, aber empfand ich nicht. Ich gedachte ihres Wortes: wenn nur das Jahr +noch um ist -- dann -- dann -- dann! -- »Was die Sterbenden uns sagen, +trifft nicht immer ein!« geliebte Mutter, bemerkt' ich ihr -- »doch daran +bist Du nicht schuld! und Ich nicht schuld!« + +Aber Ich wohl? -- sagte eine Stimme hinter mir -- und Doctor Toland reichte +mit die Hand. Willkommen Lambton! Ich eilte Euch nach. Elisa ist außer +sich, und schickt mich her. Spielt hier nicht lange den Geist, sondern laßt +Euch sehen! Sir Samuel ist mit Capitain York gekommen. Er ist seit zwei +Stunden hier, auch die Russel und Talo. Diese nun hab' ich schon +gesprochen, sie sitzen mit Crabben bei seiner dicken Schwester in ihrem +Laden »zur vergrößerten Käsemilbe.« Sir Samuel ist ausgegangen. Was wollt +Ihr nun thun? fragt' er mich. + +Das! Doctor Toland antwortet' ich, und gab ihm die Acte. Er durchlief sie +mit den Augen, und sagte, schlau mich ansehend: das ist der kürzeste Weg; +doch übergebt Sir Horazio auch dieß Papier! Ich nahm es und steckt es +unbesehen mit dem ersten wieder ein. Da sah ich Sir Horazio und Lady Theano +von weitem kommen, Arm in Arm. Er hatte keinen Degen, keinen Stock, und +doch fürchtet' ich mich vor ihm. Dr. Toland eilte ihnen entgegen. Ich aber, +aus Erfahrung wissend, daß man vor vornehmen Herrschaften nirgends sicherer +ist, als im Gotteshause, ging in die Kirche, die, wie ich glaubte, eben zum +Abendläuten offen stand. Aber ein neues großes Altarblatt -- mit dessen +Einfügung man eben erst zu Stande gekommen, denn es lagen noch übrige +Stücke von dem breiten goldenen Rahmen auf dem Altar -- zog meine Augen an, +und ohne Mühe erkannte ich das Bild, welches mir Sir Samuel beschrieben, +worauf er selbst als Hoherpriester oben auf den Stufen des Tempels das zu +ihm hinansteigende Kind erwartet. Wahrscheinlich hatte es Lady Theano als +Weihgeschenk für ihre wiedergefundene Tochter, zum Andenken der Kirche +verehrt, und gerade zu morgen, zum ersten Ostertage. Aber der Mann, der, +seitwärts an die Mauer gelehnt, dasselbe Bild betrachtete, wie es durch das +gothische Fenster von der Abendsonne gewärmt und erleuchtet glänzte, war +selber Sir Samuel! -- Da hört' ich Tritte in der Halle; heut' hatte ich +mich geirrt, denn Sir Horazio und Lady Theano traten in die Kirche, und +kamen leise und langsam näher voll Betrachtung. Ein Gitterstuhl, vor dem +der Taufstein stand, verbarg mich. Ich drückte das Gesicht in meine Hände, +und lag so vorgebeugt, wie man das Vaterunser betet. Die Ohren klangen mir. +Wie sich Lady Theano und Sir Samuel getroffen, wie begrüßt, was darauf Sir +Horazio hinein gesprochen, das weiß ich nicht deutlich. Ich wagte später +nur einen Blick, und sahe Sir Samuel vor Lady Theano knien, die laut +weinte, und sich nicht fassen konnte. Nur die Worte vernahm ich jetzt von +Horazio: -- »und wenn es denn Menschen giebt, die nicht zufrieden mit dem, +freilich nur einfachen, prunklosen Gefühl, gut zu sein, darin ein rasendes +Vergnügen finden, zu sehen, _wie weit_ sie der Tugend Hohn sprechen können, +wie leicht das Weib -- das thörichte nur -- zu bethören ist, muß denn der +Freund den Freund zuerst betrügen? oder jemals! muß er, unklug selbst nach +_seinem_ Sinn, an dem sich vergehen, der ihm die Rache gewiß auf das Haupt +schleudert? Und so gewaltsam kannt' ich Dich, meinen Freund, und war dein +Freund, und bin dein Freund!« Er umarmte Sir Samuel heftig, drückt' ihn an +die Brust; und sie weinten sich aus, wie zwei solche Männer weinen. Dann +riß sich Sir Samuel los, und ging, seine Bewegung, seine Reue zu verbergen, +hinter den Altar. Sir Horazio und Lady Theano sprachen kein Wort mit +einander, als wären sie nun geschiedene Eheleute. Aber Sie ergriff zuerst +wieder seine Hand und hielt sie fest. Horazio stand noch unbewegt, gewiß +aus Freundschaft, voll beglückender Gedanken für Sir Samuel, bis er sein +Weib ansah, die ihn mit weinenden Augen anblickte. Und sie drückten sich +die Hände. + +Jetzt waltete Vergebung in dem Hause, wo nur Vergebung und Liebe gepredigt +wird -- jetzt naht' ich mich. -- »Lambton!« rief Sir Horazio mich +verwundert an. -- »Alle gute Geister!« rief Theano. Ich verneigte mich +tief; überreichte Ihm die Acte, und trat zurück, sehr glücklich. -- Aber +was sprach er? »Also Rector!« sprach er, »seid Ihr, Lambton! die ganze +Rectorei mit zehn Pfarreien baar bezahlt durch Toland, ist Euer Eigenthum! +Ich wünsche Euch Glück, Herr Lambton, ohn' es zu begreifen. Ihr wart sonst +immer ein braver Mann -- bis auf den Einen Punkt! -- Das schöne gothische +Schloß, wie es steht und liegt, mit allen Gemälden, Antiken, und der +Bibliothek,« wandte er sich zu Theano; »doch der alte Rector ist ein braver +Mann! er will seines Sohnes Schulden bezahlen, da er auf Lebenszeit +verwiesen, sein Erbe nicht sein kann.« -- Ich dachte an Appelmannsborn, +worin ich dem Herrn Sohne mein Compliment gemacht; ich erröthete über +Toland, der die 18,000 Pfund in Summa, also für mich verwendet hatte; über +Sir Samuel's Großmuth, der gewiß noch einmal so viel dazu gelegt, und über +meinen Mißgriff. Ich streckte die linke Hand aus, und empfing die +Verschreibungsacte der Rectorei, und gab ihm mit der Rechten nun die Acte, +die ich meinte; aber nicht mehr so kleinmüthig! Ich war ja Rector! O wie +schnell verwandelt sich des Menschen Herz! Sir Horazio überlas die Schrift, +und ward feuerroth; er gab sie Lady Theano. Sie las, und kam auf mich zu, +stand lange vor mir und bestaunte mich: »Was? Lambton! _Sie_ also sind mit +Elisa vermählt! vermählt? Das konnte sie verschweigen bei unserem Gram! so +still wir auch das Schicksal hinnahmen, denn wir hatten ja unser Kind +wieder! Ich war ja Großmutter! -- Aber Lambton! ich bitte Euch!« -- Doctor +Toland, der indeß gekommen und zu uns getreten war, zupfte mich am Kleide, +und sprach mir leise in's Ohr: »Aeneas macht Euch zum Anchises!« Das +Antlitz Theano's glühte vor himmlischer Freude über die Reinheit ihrer +Tochter! Gott segne sie! Doch stand sie wieder auf und biß auf die Lippen, +und sah mich an. Da fand ich in meiner Angst endlich die, zum zweiten Mal +um den Trauschein verfehlte, Ehescheidungsacte, und reichte sie Sir +Horazio. -- »Noch mehr?« rief er neugierig, und doch -- nicht unwillig. Er +überlas kaum den Anfang, als er schon sagte: »Das ist zu viel! doch geht +das _mich_ nicht an! Das hat Sir Samuel zu entscheiden! Da Er Euch aber +_seine_ Tochter gegeben, so wird Er sie Euch nicht zurücknehmen. Denn Elisa +ist seine Tochter, lieber Toland! Die Eifersucht sieht, was nicht ist, und +so sieht sie auch _nicht_, was wirklich _ist_. Aber wovon ihn nichts +überzeugen konnte von Außen, das glaubt er nun, seit er uns vor wenigen +Minuten -- endlich einmal angehört mit lange unglücklichem Herzen, das doch +des Adels und der Liebe bedarf, um zu leben. Und auch ich werde so +glücklich, als es nun _meine_ Theano wieder werden kann, nun wir _rein_ vor +ihm dastehen.« -- »Er glaubt wieder an Tugend, das heißt an Treue, also nur +an Liebe; und so ist er glücklich, und Ich und Du!« sagte Theano. Mein +Blick wollte sich an Doctor Toland stärken; aber er selbst sah mich eben so +überrascht an, wie ich ihn. Doch leichter gefaßt rief er Sir Samuel. Dieser +kam. Er mußte schon um Alles wissen, denn er sahe mich lange an, dann +Theano, die ihm zunickte. Darauf sprach er fest: »Es soll so bleiben! Ihr +habt keine arme Schule mehr, Ihr habt eine reiche Rectorei, wie ich höre. +Aber bleibt Lambton, der bescheidene, geduldige Lambton, der mein Kind so +liebt, daß er selbst seine Liebe bezwingen wollte, wenn Sie nur glücklich +ward -- wie Ihr glaubtet! Aber lieber Lambton! Gebt dem Weibe Alles, und +entzieht ihr die Liebe, so habt Ihr sie bettelarm gemacht! Ihr, braver +Lambton, wart kein Deportirter, sondern ein Deputirter der Vorsehung. Ich +würde mich noch mehr bedauern, wenn ich nicht gerade durch meinen Irrthum +mein eigenes Kind um mich gehabt! Ja, daß ich glaubte, sie sei nicht mein, +und der Engel könne doch mein sein, machte mir sie doppelt im Herzen lieb: +ich hatte Sie! und noch dazu die _Sehnsucht_ nach ihr, und in dieser auch +die Liebe eines Vaters. Ich führte sie mir, ihrem Vater zu, als ich +vermeinte, sie ihm zu _rauben!_ Ich raubte sie mir, als ich glaubte sie ihm +zuzusenden. Doch auch Lisanna beklag' ich nicht! Wenn eine Jungfrau so +erzogen sein soll, daß sie den Mann glücklich macht; wenn sie selber +glücklich ist, eine gute Mutter ihrer Kinder; wenn sie reine Freude +_gewährt_, und die einfachen dauernden Freuden _genießt_, welche in uralten +Tagen die Freuden seliger Menschengeschlechter waren: so preis' ich Elisa +glücklich! Und Lambton! -- was sagt mein Lambton dazu?« -- Der sagte +nichts, als lächelte und dachte an den Morgenstern und die Mutter im +Himmel. Aber Lady Theano, deren erlittenen Harm er nicht berührte, wandte +sich schonend aus Samuel's Anblick, stieg die Altarstufen hinauf und sah' +in Gedanken und Thränen auf das Altarblatt. Da ging Sir Samuel zu ihr, +ergriff ihre Hand und sprach: »es ist eine Wohlthat des Himmels, daß viele +und verschiedene Menschen oft durch das Glück eines Einzigen ausgesöhnt, +vereinigt und beglückt werden. Diese Einzige ist uns Allen Elisa! Was sagt +Ihr Alle dazu?« wandte er sich umher. -- »Sie geben Dir Alle Recht!« +erwiederte für uns Alle Horazio. -- »Eine zarte Weise zu verzeihen! und die +zarteste, die schönste!« sprach Doctor Toland, der Menschenfreund. -- »Und +was sagt mein Lambton?« wiederholte er. »Unser, unser Lambton!« +verbesserten sie ihn freudig. Da kam Elisa athemlos in die Kirche, und trat +unter uns. Sir Samuel aber streckte ihr die Hände von den Stufen entgegen, +sie flog ihm zu, er schloß sie in seine Arme, _sie_ schloß mich in die +ihren. »Morgen, meine Kinder,« rief uns jener zu, »zieht ihr in die +Rectorei. Sie hat für Doctor Toland, sein Weib, seine Kinder, und für mich +und Talo Raum. Auch die Russel soll dort wohnen! Sie gehört einmal zu +Lisanna's altem Glück.« »Auch Eure alte Anna wird ein Kämmerchen finden,« +tröstete mich Toland recht, der Menschenfreund. + +»Heut', meine Kinder,« sprach Lady Theano zu uns, dem neuverlobten Ehepaar, +»müßt Ihr es Euch schon noch in Elisa's Kinderstube gefallen lassen, wo der +Christbaum hängt, wo der Engel jedem sein Kind beschert!« + +Lisanna zog mich fort. »Zum Kinde! zum Kinde!« rief sie. -- Und dort +bescherte der Engel mir nun auch mein Kind! und sich selbst! und immer +wieder! Und ich las mit seligen Augen das: + +Gloria in Excelsis Deo! + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Erster Theil. Veit und +Comp., Berlin, 1845, pp. 187-368. + +Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben. + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Deportirten, by Leopold Schefer + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40985 *** |
