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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40854 ***
+
+ OSTWALD'S KLASSIKER
+ DER EXAKTEN WISSENSCHAFTEN.
+ Nr. 121.
+
+
+ VERSUCHE
+
+ ÜBER
+
+ PFLANZENHYBRIDEN.
+
+
+ Zwei Abhandlungen.
+ (1866 und 1870.)
+
+ Von
+
+ GREGOR MENDEL.
+
+
+ WILHELM ENGELMANN IN LEIPZIG
+
+
+
+
+ Ankündigung.
+
+
+Der großartige Aufschwung, den die Naturwissenschaften in unsrer Zeit
+erfahren haben, ist, wie allgemein anerkannt wird, nicht zum kleinsten
+Teile durch Ausbildung und Verbreitung der =Unterrichtsmittel=, der
+Experimentalvorlesungen, Laboratorienarbeiten u. a. bedingt. Während durch
+die vorhandenen Einrichtungen zwar die Kenntnis des gegenwärtigen Inhaltes
+der Wissenschaft auf das erfolgreichste vermittelt wird, haben hochstehende
+und weitblickende Männer wiederholt auf einen Mangel der gegenwärtigen
+wissenschaftlichen Ausbildung jüngerer Kräfte hinweisen müssen. =Es ist
+dies das Fehlen historischen Sinnes und der Mangel an Kenntnis jener großen
+Arbeiten, auf denen das Gebäude der Wissenschaft ruht=.
+
+Diesem Mangel soll durch die Herausgabe der
+
+
+ Klassiker der exakten Wissenschaften
+
+abgeholfen werden. In handlicher Form und zu billigem Preise sollen die
+grundlegenden Abhandlungen der gesamten exakten Wissenschaften den Kreisen
+der Lehrenden und Lernenden zugänglich gemacht werden. Es soll dadurch ein
+=Unterrichtsmittel= beschafft werden, das ein Eindringen in die
+Wissenschaft gleichzeitig belebt und vertieft. Es ist aber auch ein
+=Forschungsmittel= von großer Bedeutung. Denn in jenen grundlegenden
+Schriften ruhten nicht nur die Keime, die inzwischen sich entwickelt und
+Früchte getragen haben, sondern es ruhen in ihnen noch zahllose andre
+Keime, die noch der Entwicklung harren. Dem in der Wissenschaft Arbeitenden
+und Forschenden bilden jene Schriften eine unerschöpfliche Fundgrube von
+Anregungen und fördernden Gedanken.
+
+=Die Klassiker der exakten Wissenschaften= sollen die rationellen
+Naturwissenschaften, von der Mathematik bis zur Physiologie umfassen und
+werden Abhandlungen aus den Gebieten der =Mathematik=, =Astronomie=,
+=Physik=, =Chemie= (einschließlich =Kristallkunde=), =Botanik= und
+=Physiologie= enthalten.
+
+Die allgemeine Redaktion führt Professor Dr. =Arthur von Oettingen=
+(Leipzig); die einzelnen Ausgaben werden durch hervorragende Vertreter der
+betreffenden Wissenschaften besorgt. Die Leitung der einzelnen Abteilungen
+übernahmen: für Astronomie Prof. Dr. =Bruns= (Leipzig), für Mathematik
+Prof. Dr. =Wangerin= (Halle), für Kristallkunde Prof. Dr. =Groth=
+(München), für Pflanzenphysiologie Prof. Dr. W. =Pfeffer= (Leipzig), für
+Chemie Prof. Dr. R. =Abegg= (Breslau), für Physik Prof. Dr. A. v.
+=Oettingen= (Leipzig).
+
+Erschienen sind bis jetzt aus dem Gebiete der
+
+
+ Botanik:
+
+ Nr. 1. $H. Helmholtz,$ Erhalt. d. Kraft. (1847.) 6. Taus. (60 S.)
+ _M_ --.80.
+
+ » 15. $Théod. de Saussure,$ Chem. Untersuch. über d. Vegetation.
+ (1804.) 1. =Hälfte=. Mit 1 Taf. Übersetzt von A. =Wieler=.
+ (96 S.) _M_ 1.80.
+
+ » 16. ---- ---- 2. =Hälfte=. Übersetzt v. A. =Wieler=. (113 S.)
+ _M_ 1.80.
+
+ » 26. $Justus Liebig,$ Über die Konstitution der organ. Säuren.
+ (1838.) Herausgegeben von =Herm. Kopp=. (86 S.) _M_ 1.40.
+
+ » 28. $L. Pasteur,$ Über die Asymmetrie bei natürlich vorkommenden
+ organischen Verbindungen. (1860.) Übersetzt und herausgegeben
+ von M. u. A. =Ladenburg=. (36 S.) _M_ --.60.
+
+ » 39. $L. Pasteur,$ Die in der Atmosphäre vorhandenen organisierten
+ Körperchen, Prüfung der Lehre von der Urzeugung. (1862.) Übers.
+ v. A. =Wieler=. Mit 2 Tafeln. (98 S.) _M_ 1.80.
+
+ » 41. $D. Joseph Gottlieb Kölreuters$ vorläufige Nachricht von
+ einigen das Geschlecht der Pflanzen betreffenden Versuchen und
+ Beobachtungen, nebst Fortsetzungen 1, 2 u. 3. (1761-1766.)
+ Herausg. von W. =Pfeffer=. (266 S.) _M_ 4.--.
+
+ » 48. $Christian Konrad Sprengel,$ Das entdeckte Geheimnis der Natur
+ im Bau und in der Befruchtung der Blumen. (1793.) Herausg. von
+ =Paul Knuth=. In 4 Bändchen. I. =Bändchen=. (184 S.) _M_ 2.--.
+
+ » 49. ---- ---- II. =Bändchen=. (172 S.) _M_ 2.--.
+
+ » 50. ---- ---- III. =Bändchen=. (180 S.) _M_ 2.--.
+
+ » 51. ---- ---- IV. =Bändchen=. (7 S. u. 25 Tafeln.) _M_ 2.--.
+
+ » 57. $Fahrenheit, Réaumur, Celsius,$ Thermometrie. (1724, 1730 bis
+ 1733, 1742.) Herausgeg. von A. J. =von Oettingen=. Mit 17 Fig.
+ im Text. (140 S.) _M_ 2.40.
+
+ » 62. $Thomas Andrew Knight,$ Sechs pflanzenphysiologische Abhandlg.
+ (1803-1812.) Übers. u. herausg. v. H. =Ambronn=. (63 S.)
+ _M_ 1.--.
+
+ » 84. $Caspar Friedrich Wolffs$ Theoria generationis. (1759.)
+ I. =Teil=. (Entwicklung der Pflanzen.) Übersetzt und
+ herausgegeben von =Paul Samassa=. Mit 1 Tafel. (96 S.) _M_ 1.20.
+
+ » 85. ---- ---- (1759.) II. =Teil=. (Entwickl. der Tiere.
+ Allgemeines.) Übers. u. herausg. v. =Paul Samassa=. Mit 1 Taf.
+ (98 S.) _M_ 1.20.
+
+ » 92. $H. Kolbe,$ Über den natürlichen Zusammenhang der organischen
+ mit den unorganischen Verbindungen, die wissenschaftl. Grundlage
+ zu einer naturgemäßen Klassifikation der organisch. chemischen
+ Körper. (1859.) Herausg. von =Ernst von Meyer=. (42 S.)
+ _M_ --.70.
+
+ » 94. $E. Mitscherlich,$ Über das Verhältnis zwischen der chemischen
+ Zusammensetz. u. der Kristallform arseniksaurer u.
+ phosphorsaurer Salze. (1821.) Herausg. v. P. =Groth=. Mit 35
+ Textfiguren. (59 S.) _M_ 1.--.
+
+ » 95. $Ernst V. Brücke,$ Pflanzenphysiologische Abhandlungen.
+ I. Blüthen des Rebstockes. II. Bewegungen der Mimosa pudica.
+ III. Elementarorganismen. IV. Brennhaare von Urtica.
+ (1844-1862.) Herausgeg. von A. =Fischer=. Mit 9 Textfiguren.
+ (86 S.) _M_ 1.40.
+
+ » 105. $R. J. Camerarius,$ Über das Geschlecht der Pflanzen. (De sexu
+ plantarum epistola.) (1694.) Übersetzt u. herausg. von
+ M. =Möbius=. Mit dem Bildnis von R. J. =Camerarius=. (78 S.)
+ _M_ 1.50.
+
+ » 120. $Marcellus Malpighi,$ Die Anatomie der Pflanzen. I. und
+ II. Teil. (1675 u. 1679.) Bearb. v. M. =Möbius=. Mit 50 Abbild.
+ (163 S.) _M_ 3.--.
+
+ » 121. $Gregor Mendel,$ Versuche über Pflanzenhybriden. Zwei Abhandlg.
+ (1866 u. 1870.) Herausgeg. von =Erich von Tschermak=. 2. Aufl.
+ Mit einem Titelbild von G. Mendel. (68 S.) _M_ 2.80.
+
+ » 154. $Henri Dutrochet,$ Physiologische Untersuchungen über die
+ Beweglichkeit der Pflanzen. (1824.) Übersetzt und herausgegeben
+ von =Alexander Nathansohn=. Mit 29 Textfiguren. (148 S.)
+ _M_ 2.20.
+
+ » 159. $A. S. Marggraf,$ Chymische Versuche, einen wahren Zucker aus
+ verschiedenen Pflanzen, die in unseren Ländern wachsen, zu
+ ziehen. -- $F. C. Achard,$ Anleitung zum Anbau der zur
+ Zuckerfabrikation anwendbaren Runkelrüben und zur vorteilhaften
+ Gewinnung des Zuckers aus denselben. -- Die beiden
+ Grundschriften der Rübenzuckerfabrikation. Herausgeg. von
+ =Edmund O. von Lippmann=. (72 S.) _M_ 1.20.
+
+ » 176. $Th. Schwann,$ Mikroskopische Untersuchungen über die
+ Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachstume der Tiere und
+ Pflanzen. Herausgeg. von F. =Hünseler=. Mit dem Bilde von
+ Th. Schwann u. 4 Tafeln. (242 S.) _M_ 3.60.
+
+ $Wilhelm Engelmann.$
+
+
+
+
+[Illustration: Gregor Mendel in der Zeit seiner Tätigkeit als Forscher und
+Lehrer (um 1862).]
+
+
+
+
+ VERSUCHE
+
+ ÜBER
+
+ PFLANZENHYBRIDEN.
+
+
+ Zwei Abhandlungen.
+ (1866 und 1870.)
+
+ Von
+
+ GREGOR MENDEL.
+
+ * * * * *
+
+ Herausgegeben
+
+ von
+
+ $Erich von Tschermak.$
+
+ =Zweite Auflage=.
+
+ * * * * *
+
+ LEIPZIG
+ VERLAG VON WILHELM ENGELMANN
+ 1911
+
+
+
+
+ I.
+
+ Versuche über Pflanzenhybriden.
+
+ Von
+
+ Gregor Mendel.
+
+ (Vorgelegt in den Sitzungen vom 8. Februar und 8. März 1865.)
+
+ Gedruckt in den Verhandlungen des naturforschenden Vereines in Brünn. IV.
+ Band. Abhandlungen[A] 1865. Brünn, 1866. Im Verlage des Vereines.
+ S. 3-47.
+
+
+ Einleitende Bemerkungen.
+
+Künstliche Befruchtungen, welche an Zierpflanzen deshalb vorgenommen
+wurden, um neue Farbenvarianten zu erzielen, waren die Veranlassung zu den
+Versuchen, die hier besprochen werden sollen. Die auffallende
+Regelmässigkeit, mit welcher dieselben Hybridformen immer wiederkehrten, so
+oft die Befruchtung zwischen gleichen Arten geschah, gab die Anregung zu
+weiteren Experimenten, deren Aufgabe es war, die Entwicklung der Hybriden
+in ihren Nachkommen zu verfolgen.
+
+Dieser Aufgabe haben sorgfältige Beobachter, wie _Kölreuter_, _Gärtner_,
+_Herbert_, _Lecocq_, _Wichura_ u. A. einen Theil ihres Lebens mit
+unermüdlicher Ausdauer geopfert. Namentlich hat _Gärtner_ in seinem Werke
+»die Bastarderzeugung im Pflanzenreiche« sehr schätzbare Beobachtungen
+niedergelegt, und in neuester Zeit wurden von _Wichura_ gründliche
+Untersuchungen über die Bastarde der Weiden veröffentlicht. Wenn es noch
+nicht gelungen ist, ein allgemein gültiges Gesetz für die Bildung und
+Entwicklung der Hybriden aufzustellen[1], so kann das Niemanden Wunder
+nehmen, der den Umfang der Aufgabe kennt, und die Schwierigkeiten zu
+würdigen weiss, mit denen Versuche dieser Art zu kämpfen haben. Eine
+endgültige Entscheidung kann erst dann erfolgen, wenn =Detailversuche= aus
+den verschiedensten Pflanzenfamilien vorliegen. Wer die Arbeiten auf diesem
+Gebiete überblickt, wird zu der Ueberzeugung gelangen, dass unter den
+zahlreichen Versuchen keiner in dem Umfange und in der Weise durchgeführt
+ist, dass es möglich wäre, die Anzahl der verschiedenen Formen zu
+bestimmen, unter welchen die Nachkommen der Hybriden auftreten, dass man
+diese Formen mit Sicherheit in den einzelnen Generationen ordnen und die
+gegenseitigen numerischen Verhältnisse feststellen könnte. Es gehört
+allerdings einiger Muth dazu, sich einer so weit reichenden Arbeit zu
+unterziehen; indessen scheint es der einzig richtige Weg zu sein, auf dem
+endlich die Lösung einer Frage erreicht werden kann, welche für die
+Entwicklungsgeschichte der organischen Formen von nicht zu unterschätzender
+Bedeutung ist.
+
+Die vorliegende Abhandlung bespricht die Probe eines solchen
+Detailversuches. Derselbe wurde sachgemäss auf eine kleine Pflanzengruppe
+beschränkt und ist nun nach Verlauf von acht Jahren im Wesentlichen
+abgeschlossen. Ob der Plan, nach welchem die einzelnen Experimente geordnet
+und durchgeführt wurden, der gestellten Aufgabe entspricht, darüber möge
+eine wohlwollende Beurtheilung entscheiden.
+
+ [A] Die in Klammern beigefügten Nummern bezeichnen die Seitenzahlen des
+ Originals.
+
+
+ Auswahl der Versuchspflanzen.
+
+Der Werth und die Geltung eines jeden Experimentes wird durch die
+Tauglichkeit der dazu benützten Hilfsmittel, sowie durch die zweckmässige
+Anwendung derselben bedingt. Auch in dem vorliegenden Falle kann es nicht
+gleichgültig sein, welche Pflanzenarten als Träger der Versuche gewählt und
+in welcher Weise diese durchgeführt wurden.
+
+Die Auswahl der Pflanzengruppe, welche für Versuche dieser Art dienen soll,
+muss mit möglichster Vorsicht geschehen, wenn man nicht im Vorhinein allen
+Erfolg in Frage stellen will.
+
+Die Versuchspflanzen müssen nothwendig
+
+1. Constant differirende Merkmale besitzen.
+
+2. Die Hybriden derselben müssen während der Blüthezeit vor der Einwirkung
+jedes fremdartigen Pollens geschützt sein oder leicht geschützt werden
+können.
+
+3. Dürfen die Hybriden und ihre Nachkommen in den aufeinander folgenden
+Generationen keine merkliche Störung in der Fruchtbarkeit erleiden.
+
+Fälschungen durch fremden Pollen, wenn solche im Verlaufe des Versuches
+vorkämen und nicht erkannt würden, müssten zu ganz irrigen Ansichten
+führen. Verminderte Fruchtbarkeit, oder gänzliche Sterilität einzelner
+Formen, wie sie unter den Nachkommen vieler Hybriden auftreten, würden die
+Versuche sehr erschweren oder ganz vereiteln. Um die Beziehungen zu
+erkennen, in welchen die Hybridformen zu einander selbst und zu ihren
+Stammarten stehen, erscheint es als nothwendig, dass die Glieder der
+Entwicklungsreihe in jeder einzelnen Generation =vollzählig= der
+Beobachtung unterzogen werden.
+
+Eine besondere Aufmerksamkeit wurde gleich Anfangs den =Leguminosen= wegen
+ihres eigenthümlichen Blüthenbaues zugewendet. Versuche, welche mit
+mehreren Gliedern dieser Familie angestellt wurden, führten zu dem
+Resultate, dass das Genus =Pisum= den gestellten Anforderungen hinreichend
+entspreche. Einige ganz selbständige Formen aus diesem Geschlechte
+besitzen constante, leicht und sicher zu unterscheidende Merkmale, und
+geben bei gegenseitiger Kreuzung in ihren Hybriden vollkommen fruchtbare
+Nachkommen. Auch kann eine Störung durch fremde Pollen nicht leicht
+eintreten, da die Befruchtungsorgane vom Schiffchen enge umschlossen sind
+und die Antheren schon in der Knospe platzen, wodurch die Narbe noch vor
+dem Aufblühen mit Pollen überdeckt wird. Dieser Umstand ist von besonderer
+Wichtigkeit. Als weitere Vorzüge verdienen noch Erwähnung die leichte
+Cultur dieser Pflanze im freien Lande und in Töpfen, sowie die
+verhältnissmässig kurze Vegetationsdauer derselben. Die künstliche
+Befruchtung ist allerdings etwas umständlich, gelingt jedoch fast immer. Zu
+diesem Zwecke wird die noch nicht vollkommen entwickelte Knospe geöffnet,
+das Schiffchen entfernt und jeder Staubfaden mittelst einer Pincette
+behutsam herausgenommen, worauf dann die Narbe sogleich mit dem fremden
+Pollen belegt werden kann.[2]
+
+Aus mehreren Samenhandlungen wurden im Ganzen 34 mehr oder weniger
+verschiedene Erbsensorten bezogen und einer zweijährigen Probe unterworfen.
+Bei einer Sorte wurden unter einer grösseren Anzahl gleicher Pflanzen
+einige bedeutend abweichende Formen bemerkt. Diese variirten jedoch im
+nächsten Jahre nicht und stimmten mit einer anderen, aus derselben
+Samenhandlung bezogenen Art vollständig überein; ohne Zweifel waren die
+Samen bloss zufällig beigemengt. Alle anderen Sorten gaben durchaus gleiche
+und constante Nachkommen, in den beiden Probejahren wenigstens war eine
+wesentliche Abänderung nicht zu bemerken. Für die Befruchtung wurden 22
+davon ausgewählt und jährlich, während der ganzen Versuchsdauer angebaut.
+Sie bewährten sich ohne alle Ausnahme.
+
+Die systematische Einreihung derselben ist schwierig und unsicher. Wollte
+man die schärfste Bestimmung des Artbegriffes in Anwendung bringen, nach
+welcher zu einer Art nur jene Individuen gehören, die unter völlig gleichen
+Verhältnissen auch völlig gleiche Merkmale zeigen, so könnten nicht zwei
+davon zu einer Art gezählt werden. Nach der Meinung der Fachgelehrten
+indessen gehört die Mehrzahl der Species Pisum sativum an, während die
+übrigen bald als Unterarten von P. sativum, bald als selbständige Arten
+angesehen und beschrieben wurden, wie P. quadratum, P. saccharatum, P.
+umbellatum. Uebrigens bleibt die Rangordnung, welche man denselben im
+Systeme giebt, für die in Rede stehenden Versuche völlig gleichgültig. So
+wenig man eine scharfe Unterscheidungslinie zwischen Species und Varietäten
+zu ziehen vermag, ebenso wenig ist es bis jetzt gelungen, einen gründlichen
+Unterschied zwischen den Hybriden der Species und Varietäten
+aufzustellen.[3]
+
+
+ Eintheilung und Ordnung der Versuche.
+
+Werden zwei Pflanzen, welche in einem oder mehreren Merkmalen constant
+verschieden sind, durch Befruchtung verbunden, so gehen, wie zahlreiche
+Versuche beweisen, die gemeinsamen Merkmale unverändert auf die Hybriden
+und ihre Nachkommen über;[4] je zwei differirende hingegen vereinigen sich
+an der Hybride zu einem neuen Merkmale, welches gewöhnlich an den
+Nachkommen denselben Veränderungen unterworfen ist. Diese Veränderungen für
+je zwei differirende Merkmale zu beobachten und das Gesetz zu ermitteln,
+nach welchem dieselben in den aufeinander folgenden Generationen eintreten,
+war die Aufgabe des Versuches. Derselbe zerfällt daher in ebenso viele
+einzelne Experimente, als constant differirende Merkmale an den
+Versuchspflanzen vorkommen.
+
+Die verschiedenen, zur Befruchtung ausgewählten Erbsenformen zeigten
+Unterschiede in der Länge und Färbung des Stengels, in der Grösse und
+Gestalt der Blätter, in der Stellung, Farbe und Grösse der Blüthen, in der
+Länge der Blüthenstiele, in der Farbe, Gestalt und Grösse der Hülsen, in
+der Gestalt und Grösse der Samen, in der Färbung der Samenschale und des
+Albumens.[5] Ein Theil der angeführten Merkmale lässt jedoch eine sichere
+und scharfe Trennung nicht zu, indem der Unterschied auf einem oft
+schwierig zu bestimmenden »mehr oder weniger« beruht. Solche Merkmale waren
+für die Einzelversuche nicht verwendbar, diese konnten sich nur auf
+Charaktere beschränken, die an den Pflanzen deutlich und entschieden
+hervortreten. Der Erfolg musste endlich zeigen, ob sie in hybrider
+Vereinigung sämmtlich ein übereinstimmendes Verhalten beobachten, und ob
+daraus auch ein Urtheil über jene Merkmale möglich wird, welche eine
+untergeordnete typische Bedeutung haben.
+
+Die Merkmale, welche in die Versuche aufgenommen wurden, beziehen sich:
+
+1. auf den =Unterschied in der Gestalt der reifen Samen=. Diese sind
+entweder kugelrund oder rundlich, die Einsenkungen, wenn welche an der
+Oberfläche vorkommen, immer nur seicht, oder sie sind unregelmässig kantig,
+tief runzelig (P. quadratum);
+
+2. auf den =Unterschied in der Färbung des Samenalbumens= (Endosperm's).
+Das Albumen der reifen Samen ist entweder blassgelb, hellgelb oder orange
+gefärbt, oder es besitzt eine mehr oder weniger intensiv grüne Farbe.
+Dieser Farbenunterschied ist an den Samen deutlich zu erkennen, da ihre
+Schalen durchscheinend sind;[6]
+
+3. auf den =Unterschied in der Färbung der Samenschale=. Diese ist entweder
+weiss gefärbt, womit auch constant die weisse Blüthenfarbe verbunden ist,
+oder sie ist grau, graubraun, lederbraun mit oder ohne violetter
+Punctirung, dann erscheint die Farbe der Fahne violett, die der Flügel
+purpurn, und der Stengel an den Blattachseln röthlich gezeichnet. Die
+grauen Samenschalen werden im kochenden Wasser schwarzbraun;
+
+4. auf den =Unterschied in der Form der reifen Hülse=. Diese ist entweder
+einfach gewölbt, nie stellenweise verengt, oder sie ist zwischen den Samen
+tief eingeschnürt und mehr oder weniger runzelig (P. saccharatum);
+
+5. auf den =Unterschied in der Farbe der unreifen Hülse=. Sie ist entweder
+licht- bis dunkelgrün oder lebhaft gelb gefärbt, an welcher Färbung auch
+Stengel, Blattrippen und Kelch theilnehmen[B];
+
+6. auf den =Unterschied in der Stellung der Blüthen=. Sie sind entweder
+axenständig, d. i. längs der Axe vertheilt, oder sie sind endständig, am
+Ende der Axe gehäuft und fast in eine kurze Trugdolde gestellt; dabei ist
+der obere Theil des Stengels im Querschnitte mehr oder weniger erweitert
+(P. umbellatum);
+
+7. auf den =Unterschied in der Axenlänge=. Die Länge der Axe ist bei
+einzelnen Formen sehr verschieden, jedoch für jede insofern ein constantes
+Merkmal, als dieselbe bei gesunden Pflanzen, die in gleichem Boden gezogen
+werden, nur unbedeutenden Aenderungen unterliegt. Bei den Versuchen über
+dieses Merkmal wurde der sicheren Unterscheidung wegen stets die lange
+Axe von 6-7' mit der kurzen von ¾' bis 1½' verbunden.
+
+ [B] Eine Art besitzt eine schöne braunrothe Hülsenfarbe, welche gegen
+ die Zeit der Reife hin in Violett und Blau übergeht. Der Versuch
+ über dieses Merkmal wurde erst im verflossenen Jahre begonnen.
+
+In zwei von den angeführten differirenden Merkmalen wurden durch
+Befruchtung vereinigt. Für den
+
+ 1. Vers. wurden 60 Befrucht. an 15 Pflanzen vorgenommen
+ 2. » » 58 » » 10 » »
+ 3. » » 35 » » 10 » »
+ 4. » » 40 » » 10 » »
+ 5. » » 23 » » 5 » »
+ 6. » » 34 » » 10 » »
+ 7. » » 37 » » 10 » »
+
+Von einer grösseren Anzahl Pflanzen derselben Art wurden zur Befruchtung
+nur die kräftigsten ausgewählt. Schwache Exemplare geben immer unsichere
+Resultate, weil schon in der ersten Generation der Hybriden und noch mehr
+in der folgenden manche Abkömmlinge entweder gar nicht zur Blüthe gelangen,
+oder doch wenige und schlechte Samen bilden.
+
+Ferner wurde bei sämmtlichen Versuchen die wechselseitige Kreuzung
+durchgeführt, in der Weise nämlich, dass jene der beiden Arten, welche bei
+einer Anzahl Befruchtungen als Samenpflanze diente, bei der anderen als
+Pollenpflanze verwendet wurde.
+
+Die Pflanzen wurden auf Gartenbeeten, ein kleiner Theil in Töpfen gezogen,
+und mittelst Stäben, Baumzweigen und gespannten Schnüren in der natürlichen
+aufrechten Stellung erhalten. Für jeden Versuch wurde eine Anzahl
+Topfpflanzen während der Blüthezeit in ein Gewächshaus gestellt, sie
+sollten für den Hauptversuch im Garten als Controlle dienen bezüglich
+möglicher Störungen durch Insecten. Unter jenen, welche die Erbsenpflanze
+besuchen, könnte die Käferspecies Bruchus pisi dem Versuche gefährlich
+werden, falls sie in grösserer Menge erscheint.[7] Das Weibchen dieser Art
+legt bekanntlich seine Eier in die Blüthe und öffnet dabei das Schiffchen;
+an den Tarsen eines Exemplares, welches in einer Blüthe gefangen wurde,
+konnten unter der Lupe deutlich einige Pollenzellen bemerkt werden. Es muss
+hier noch eines Umstandes Erwähnung geschehen, der möglicher Weise die
+Einmengung fremden Pollens veranlassen könnte. Es kommt nämlich in
+einzelnen seltenen Fällen vor, dass gewisse Theile der übrigens ganz normal
+entwickelten Blüthe verkümmern, wodurch eine theilweise Entblössung der
+Befruchtungsorgane herbeigeführt wird. So wurde eine mangelhafte
+Entwicklung des Schiffchens beobachtet, wobei Griffel und Antheren zum
+Theile unbedeckt blieben. Auch geschieht es bisweilen, dass der Pollen
+nicht zur vollen Ausbildung gelangt. In diesem Falle findet während des
+Blühens eine allmähliche Verlängerung des Griffels statt, bis die Narbe an
+der Spitze des Schiffchens hervortritt. Diese merkwürdige Erscheinung wurde
+auch an Hybriden von Phaseolus und Lathyrus beobachtet.
+
+Die Gefahr einer Fälschung durch den fremden Pollen ist jedoch bei Pisum
+eine sehr geringe und vermag keineswegs das Resultat im Grossen und Ganzen
+zu stören. Unter mehr als 10 000 Pflanzen, welche genauer untersucht
+wurden, kam der Fall nur einige wenige Male vor, dass eine Einmengung nicht
+zu bezweifeln war. Da im Gewächshause niemals eine solche Störung
+beobachtet wurde, liegt wohl die Vermuthung nahe, dass Bruchus pisi und
+vielleicht auch die angeführten Abnormitäten im Blüthenbau die Schuld daran
+tragen.
+
+
+ Die Gestalt der Hybriden.[8]
+
+Schon die Versuche, welche in früheren Jahren an Zierpflanzen vorgenommen
+wurden, lieferten den Beweis, dass die Hybriden in der Regel nicht die
+genaue Mittelform zwischen den Stammarten darstellen. Bei einzelnen mehr in
+die Augen springenden Merkmalen, wie bei solchen, die sich auf die Gestalt
+und Grösse der Blätter, auf die Behaarung der einzelnen Theile u. s. w.
+beziehen, wird in der That die Mittelbildung fast immer ersichtlich;[9] in
+anderen Fällen hingegen besitzt das eine der beiden Stamm-Merkmale ein so
+grosses Uebergewicht, dass es schwierig oder ganz unmöglich ist, das andere
+an der Hybride aufzufinden.
+
+Ebenso verhält es sich mit den Hybriden bei Pisum. Jedes von den 7
+Hybridenmerkmalen gleicht dem einen der beiden Stamm-Merkmale entweder so
+vollkommen, dass das andere der Beobachtung entschwindet, oder ist
+demselben so ähnlich, dass eine sichere Unterscheidung nicht stattfinden
+kann. Dieser Umstand ist von grosser Wichtigkeit für die Bestimmung und
+Einreihung der Formen, unter welchen die Nachkommen der Hybriden
+erscheinen. In der weiteren Besprechung werden jene Merkmale, welche ganz
+oder fast unverändert in die Hybride-Verbindung übergehen, somit
+selbst die Hybridenmerkmale repräsentiren, als =dominirende= und jene,
+welche in der Verbindung latent werden, als =recessive= bezeichnet. Der
+Ausdruck »recessiv« wurde deshalb gewählt, weil die damit benannten
+Merkmale an den Hybriden zurücktreten oder ganz verschwinden, jedoch unter
+den Nachkommen derselben, wie später gezeigt wird, wieder unverändert zum
+Vorschein kommen.
+
+Es wurde ferner durch sämmtliche Versuche erwiesen, dass es völlig
+gleichgültig ist, ob das dominirende Merkmal der Samen- oder Pollenpflanze
+angehört;[10] die Hybridform bleibt in beiden Fällen genau dieselbe. Diese
+interessante Erscheinung wird auch von _Gärtner_ hervorgehoben, mit dem
+Bemerken, dass selbst der geübteste Kenner nicht im Stande ist, an einer
+Hybride zu unterscheiden, welche von den beiden verbundenen Arten die
+Samen- oder Pollenpflanze war.
+
+Von den differirenden Merkmalen, welche in die Versuche eingeführt wurden,
+sind nachfolgende dominirend:
+
+1. die runde oder rundliche Samenform mit oder ohne seichte Einsenkungen;
+
+2. die gelbe Färbung des Samenalbumens;
+
+3. die graue, graubraune oder lederbraune Farbe der Samenschale, in
+Verbindung mit violett-rother Blüthe und röthlicher Makel in den
+Blattachseln;
+
+4. die einfach gewölbte Form der Hülse;
+
+5. die grüne Färbung der unreifen Hülse, in Verbindung mit der gleichen
+Farbe des Stengels, der Blattrippen und des Kelches;
+
+6. die Vertheilung der Blüthen längs des Stengels;
+
+7. das Längenmaass der grösseren Axe.
+
+Was das letztere Merkmal anbelangt, muss bemerkt werden, dass die längere
+der beiden Stammaxen von der Hybride gewöhnlich noch übertroffen wird, was
+vielleicht nur der grossen Ueppigkeit zuzuschreiben ist, welche in allen
+Pflanzentheilen auftritt, wenn Axen von sehr verschiedener Länge verbunden
+sind. So z. B. gaben bei wiederholtem Versuche Axen von 1' und 6' Länge in
+hybrider Vereinigung ohne Ausnahmen Axen, deren Länge zwischen 6-7½'
+schwankte.[11] =Die Hybriden der Samenschale= sind öfters mehr punctirt,
+auch fliessen die Punkte bisweilen in kleinere bläulich-violette Flecke
+zusammen. Die Punctirung erscheint häufig auch dann, wenn sie selbst
+dem Stamm-Merkmale fehlt.[12]
+
+Die Hybridformen der =Samengestalt= und des =Albumens= entwickeln sich
+unmittelbar nach der künstlichen Befruchtung durch die blosse Einwirkung
+des fremden Pollens. Sie können daher schon im ersten Versuchsjahre
+beobachtet werden, während alle übrigen selbstverständlich erst im
+folgenden Jahre an jenen Pflanzen hervortreten, welche aus den befruchteten
+Samen gezogen werden.
+
+
+ Die erste Generation der Hybriden.[13]
+
+In dieser Generation treten =nebst den dominirenden Merkmalen auch die
+recessiven= in ihrer vollen Eigenthümlichkeit wieder auf, und zwar in dem
+entschieden ausgesprochenen Durchschnittsverhältnisse 3 : 1, so dass unter
+je vier Pflanzen aus dieser Generation drei den dominirenden und eine den
+recessiven Charakter erhalten. Es gilt das ohne Ausnahme für alle Merkmale,
+welche in die Versuche aufgenommen waren. Die kantig runzelige Gestalt der
+Samen, die grüne Färbung des Albumens, die weisse Farbe der Samenschale und
+der Blüthe, die Einschnürungen an den Hülsen, die gelbe Farbe der unreifen
+Hülse, des Stengels, Kelches und der Blattrippen, der trugdoldenförmige
+Blüthenstand und die zwergartige Axe kommen in dem angeführten numerischen
+Verhältnisse wieder zum Vorschein ohne irgend eine wesentliche Abänderung.
+=Uebergangsformen wurden bei keinem Versuche beobachtet=.
+
+Da die Hybriden, welche aus wechselseitiger Kreuzung hervorgingen, eine
+völlig gleiche[C] Gestalt besassen und auch in ihrer Weiterentwicklung
+keine bemerkenswerthe Abweichung ersichtlich wurde, konnten die
+beiderseitigen Resultate für jeden Versuch unter eine Rechnung gebracht
+werden. Die Verhältnisszahlen, welche für je zwei differirende Merkmale
+gewonnen wurden, sind folgende:
+
+1. =Versuch=. Gestalt der Samen. Von 253 Hybriden wurden im zweiten
+Versuchsjahre 7324 Samen erhalten. Darunter waren rund oder rundlich 5474,
+und kantig runzelig 1850 Samen. Daraus ergiebt sich das Verhältniss
+2,96 : 1.
+
+2. =Versuch=. Färbung des Albumens. 258 Pflanzen gaben 8023 Samen, 6022
+gelbe und 2001 grüne; daher stehen jene zu diesen im Verhältnisse 3,01 : 1.
+
+ [C] Nach eigenhändiger Korrektur =Mendels= in einem Separatabdruck des
+ Wiener botanischen Institutes =gleiche= an Stelle des Wortes
+ »völlige« gesetzt.
+
+Bei diesen beiden Versuchen erhält man gewöhnlich aus jeder Hülse
+beiderlei Samen. Bei gut ausgebildeten Hülsen, welche durchschnittlich 6-9
+Samen enthielten, kam es öfters vor, dass sämmtliche Samen rund (Versuch 1)
+oder sämmtliche gelb (Versuch 2) waren;[14] hingegen wurden mehr als 5
+kantige oder 5 grüne in einer Hülse niemals beobachtet. Es scheint keinen
+Unterschied zu machen, ob die Hülse sich früher oder später an der Hybride
+entwickelt, ob sie der Hauptaxe oder einer Nebenaxe angehört. An einigen
+wenigen Pflanzen kamen in den zuerst gebildeten Hülsen nur einzelne Samen
+zur Entwicklung, und diese besassen dann ausschliesslich das eine der
+beiden Merkmale; in den später gebildeten Hülsen blieb jedoch das
+Verhältniss normal. So wie in einzelnen Hülsen, ebenso variirt die
+Vertheilung der Merkmale auch bei einzelnen Pflanzen. Zur Veranschaulichung
+mögen die ersten 10 Glieder aus beiden Versuchsreihen dienen:
+
+ 1. =Versuch= 2. =Versuch=
+ Gestalt der Samen Färbung des Albumens
+ Pflanze rund kantig gelb grün
+ 1 45 12 25 11
+ 2 27 8 32 7
+ 3 24 7 14 5
+ 4 19 10 70 27
+ 5 32 11 24 13
+ 6 26 6 20 6
+ 7 88 24 32 13
+ 8 22 10 44 9
+ 9 28 6 50 14
+ 10 25 7 44 18
+
+Als Extreme in der Vertheilung der beiden Samenmerkmale an =einer= Pflanze
+wurden beobachtet bei dem 1. Versuche 43 runde und nur 2 kantige, ferner 14
+runde und 15 kantige Samen. Bei dem 2. Versuche 32 gelbe und nur 1 grüner
+Same, aber auch 20 gelbe und 19 grüne.
+
+Diese beiden Versuche sind wichtig für die Feststellung der mittleren
+Verhältnisszahlen, weil sie bei einer geringeren Anzahl von
+Versuchspflanzen sehr bedeutende Durchschnitte möglich machen. Bei der
+Abzählung der Samen wird jedoch, namentlich beim 2. Versuche, einige
+Aufmerksamkeit erfordert, da bei einzelnen Samen mancher Pflanzen die
+grüne Färbung des Albumens weniger entwickelt wird und anfänglich leicht
+übersehen werden kann.[15] Die Ursache des theilweisen Verschwindens der
+grünen Färbung steht mit dem Hybriden-Charakter der Pflanzen in keinem
+Zusammenhange, indem dasselbe an der Stammpflanze ebenfalls vorkommt; auch
+beschränkt sich diese Eigenthümlichkeit nur auf das Individuum und vererbt
+sich nicht auf die Nachkommen. An luxurirenden Pflanzen wurde diese
+Erscheinung öfter beobachtet. Samen, welche während ihrer Entwicklung von
+Insecten beschädigt wurden, variiren oft in Farbe und Gestalt, jedoch sind
+bei einiger Uebung im Sortiren Fehler leicht zu vermeiden. Es ist fast
+überflüssig zu erwähnen, dass die Hülsen so lange an der Pflanze bleiben
+müssen, bis sie vollkommen ausgereift und trocken geworden sind, weil erst
+dann die Gestalt und Färbung der Samen vollständig entwickelt ist.
+
+3. =Versuch=. Farbe der Samenschale. Unter 929 Pflanzen brachten 705
+violett-rothe Blüthen und graubraune Samenschalen; 224 hatten weisse
+Blüthen und weisse Samenschalen. Daraus ergiebt sich das Verhältniss
+3,15 : 1.
+
+4. =Versuch=. Gestalt der Hülsen. Von 1181 Pflanzen hatten 882 einfach
+gewölbte, 299 eingeschnürte Hülsen. Daher das Verhältniss 2,95 : 1.
+
+5. =Versuch=. Färbung der unreifen Hülse. Die Zahl der Versuchspflanzen
+betrug 580, wovon 428 grüne und 152 gelbe Hülsen besassen. Daher stehen
+jene zu diesen in dem Verhältnisse 2,82 : 1.
+
+6. =Versuch=. Stellung der Blüthen. Unter 858 Fällen waren die Blüthen 651
+Mal axenständig und 207 Mal endständig. Daraus das Verhältniss 3,14 : 1.
+
+7. =Versuch=. Länge der Axe. Von 1064 Pflanzen hatten 787 die lange, 277
+die kurze Axe. Daher das gegenseitige Verhältniss 2,84 : 1. Bei diesem
+Versuche wurden die zwergartigen Pflanzen behutsam ausgehoben und auf
+eigene Beete versetzt. Diese Vorsicht war nothwendig, weil sie sonst mitten
+unter ihren hochrankenden Geschwistern hätten verkümmern müssen. Sie sind
+schon in der ersten Jugendzeit an dem gedrungenen Wuchse und den
+dunkelgrünen dicken Blättern leicht zu unterscheiden.
+
+Werden die Resultate sämmtlicher Versuche zusammengefasst, so ergibt sich
+zwischen der Anzahl der Formen mit dem dominirenden und recessiven
+Merkmale das Durchschnittsverhältniss 2,98 : 1 oder 3 : 1.
+
+Das dominirende Merkmal kann hier eine =doppelte Bedeutung= haben, nämlich
+die des Stammcharakters oder des Hybriden-Merkmales. In welcher von beiden
+Bedeutungen dasselbe in jedem einzelnen Falle vorkommt, darüber kann nur
+die nächste Generation entscheiden. Als Stamm-Merkmal muss dasselbe
+unverändert auf sämmtliche Nachkommen übergehen, als hybrides Merkmal
+hingegen ein gleiches Verhalten wie in der ersten Generation beobachten.
+
+
+ Die zweite Generation der Hybriden.
+
+Jene Formen, welche in der ersten Generation den recessiven Charakter
+erhalten, variiren in der zweiten Generation in Bezug auf diesen Charakter
+nicht mehr, sie bleiben in ihren Nachkommen =constant=.
+
+Anders verhält es sich mit jenen, welche in der ersten Generation das
+dominirende Merkmal besitzen. Von diesen geben =zwei= Theile Nachkommen,
+welche in dem Verhältnisse 3 : 1 das dominirende und recessive Merkmal an
+sich tragen, somit genau dasselbe Verhalten zeigen, wie die Hybridformen;
+nur =ein= Theil bleibt mit dem dominirenden Merkmale constant.
+
+Die einzelnen Versuche lieferten nachfolgende Resultate:
+
+1. =Versuch=. Unter 565 Pflanzen, welche aus runden Samen der ersten
+Generation gezogen wurden, brachten 193 wieder nur runde Samen und blieben
+demnach in diesem Merkmale constant; 372 aber gaben runde und kantige Samen
+zugleich, in dem Verhältnisse 3 : 1. Die Anzahl der Hybriden verhielt sich
+daher zu der Zahl der Constanten wie 1,93 : 1.
+
+2. =Versuch=. Von 519 Pflanzen, welche aus Samen gezogen wurden, deren
+Albumen in der ersten Generation die gelbe Färbung hatte, gaben 166
+ausschliesslich gelbe, 353 aber gelbe und grüne Samen in dem Verhältnisse
+3 : 1. Es erfolgte daher eine Theilung in hybride und constante Formen nach
+dem Verhältnisse 2,13 : 1.
+
+Für jeden einzelnen von den nachfolgenden Versuchen wurden 100
+Pflanzen ausgewählt, welche in der ersten Generation das dominirende
+Merkmal besassen, und um die Bedeutung desselben zu prüfen, von jeder 10
+Samen angebaut.
+
+3. =Versuch=. Die Nachkommen von 36 Pflanzen brachten ausschliesslich
+graubraune Samenschalen; von 64 Pflanzen wurden theils graubraune theils
+weisse erhalten.
+
+4. =Versuch=. Die Nachkommen von 29 Pflanzen hatten nur einfach gewölbte
+Hülsen, von 71 hingegen theils gewölbte, theils eingeschnürte.
+
+5. =Versuch=. Die Nachkommen von 40 Pflanzen hatten bloss grüne Hülsen, die
+von 60 Pflanzen theils grüne, theils gelbe.
+
+6. =Versuch=. Die Nachkommen von 33 Pflanzen hatten bloss axenständige
+Blüthen, bei 67 hingegen waren sie theils axenständig, theils endständig.
+
+7. =Versuch=. Die Nachkommen von 28 Pflanzen erhielten die lange Axe, die
+von 72 Pflanzen theils die lange, theils die kurze.
+
+Bei jedem dieser Versuche wird eine bestimmte Anzahl Pflanzen mit dem
+dominirenden Merkmal constant. Für die Beurtheilung des Verhältnisses,
+in welchem die Ausscheidung der Formen mit dem constant bleibenden
+Merkmale erfolgt, sind die beiden ersten Versuche von besonderem
+Gewichte, weil bei diesen eine grössere Anzahl Pflanzen verglichen
+werden konnte. Die Verhältnisse 1,93 : 1 und 2,13 : 1 geben zusammen
+fast genau das Durchschnittsverhältniss 2 : 1. Der 6. Versuch hat ein
+ganz übereinstimmendes Resultat, bei den anderen schwankt das
+Verhältniss mehr oder weniger, wie es bei der geringen Anzahl von 100
+Versuchspflanzen nicht anders zu erwarten war. Der 5. Versuch, welcher
+die grösste Abweichung zeigte, wurde wiederholt, und dann, statt des
+Verhältnisses 60 : 40, das Verhältniss 65 : 35 erhalten. =Das
+Durchschnittsverhältniss 2 : 1 erscheint demnach als gesichert.= Es ist
+damit erwiesen, dass von jenen Formen, welche in der ersten Generation
+das dominirende Merkmal besitzen, zwei Theile den hybriden Charakter an
+sich tragen, ein Theil aber mit dem dominirenden Merkmale constant
+bleibt.
+
+Das Verhältniss 3 : 1, nach welchem die Vertheilung des dominirenden und
+recessiven Charakters in der ersten Generation erfolgt, löst sich
+demnach für alle Versuche in die Verhältnisse 2 : 1 : 1 auf, wenn man
+zugleich das dominirende Merkmal in seiner Bedeutung als hybrides
+Merkmal und als Stammcharakter unterscheidet. Da die Glieder der ersten
+Generation unmittelbar aus den Samen der Hybriden hervorgehen, =wird es
+nun ersichtlich, dass die Hybriden je zweier differirender Merkmale
+Samen bilden, von denen die eine Hälfte wieder die Hybridform
+entwickelt, während die andere Pflanzen giebt, welche constant bleiben
+und zu gleichen Theilen den dominirenden und recessiven Charakter
+erhalten=.
+
+
+ Die weiteren Generationen der Hybriden.
+
+Die Verhältnisse, nach welchen sich die Abkömmlinge der Hybriden in der
+ersten und zweiten Generation entwickeln und theilen, gelten wahrscheinlich
+für alle weiteren Geschlechter. Der 1. und 2. Versuch sind nun schon durch
+6 Generationen, der 3. und 7. durch 5, der 4., 5., 6. durch 4 Generationen
+durchgeführt, obwohl von der 3. Generation angefangen mit einer kleinen
+Anzahl Pflanzen, ohne dass irgend welche Abweichung bemerkbar wäre. Die
+Nachkommen der Hybriden theilten sich in jeder Generation nach den
+Verhältnissen 2 : 1 : 1 in hybride und constante Formen.
+
+Bezeichnet _A_ das eine der beiden constanten Merkmale, z. B. das
+dominirende, _a_ das recessive, und _Aa_ die Hybridform, in welcher beide
+vereinigt sind, so ergiebt der Ausdruck:
+
+ _A_ + 2 _Aa_ + _a_
+
+die Entwicklungsreihe für die Nachkommen der Hybriden je zweier
+differirender Merkmale.
+
+Die von _Gärtner_, _Kölreuter_ und Anderen gemachte Wahrnehmung, dass
+Hybriden die Neigung besitzen zu den Stammarten zurückzukehren, ist auch
+durch die besprochenen Versuche bestätigt. Es lässt sich zeigen, dass
+die Zahl der Hybriden, welche aus einer Befruchtung stammen, gegen die
+Anzahl der constant gewordenen Formen und ihrer Nachkommen von
+Generation zu Generation um ein Bedeutendes zurückbleibt, ohne dass sie
+jedoch ganz verschwinden könnten. Nimmt man durchschnittlich für alle
+Pflanzen in allen Generationen eine gleich grosse Fruchtbarkeit an,
+erwägt man ferner, dass jede Hybride Samen bildet, aus denen zur Hälfte
+wieder Hybriden hervorgehen, während die andere Hälfte mit beiden
+Merkmalen zu gleichen Theilen constant wird, so ergeben sich die
+Zahlenverhältnisse für die Nachkommen in jeder Generation aus folgender
+Zusammenstellung, wobei _A_ und _a_ wieder die beiden Stamm-Merkmale und
+_Aa_ die Hybridform bezeichnet. Der Kürze wegen möge die Annahme gelten,
+dass jede Pflanze in jeder Generation nur 4 Samen bildet.
+
+ in Verhältniss gestellt:
+ Generation _A_ _Aa_ _a_ _A_ : _Aa_: _a_
+ 1 1 2 1 1 : 2 : 1
+ 2 6 4 6 3 : 2 : 3
+ 3 28 8 28 7 : 2 : 7
+ 4 120 16 120 15 : 2 : 15
+ 5 496 32 496 31 : 2 : 31
+ _n_ 2^{_n_}-1 : 2 : 2^{_n_}-1
+
+In der 10. Generation z. B. ist 2^{_n_}-1 = 1023. Es giebt somit unter je
+2048 Pflanzen, welche aus dieser Generation hervorgehen, 1023 mit dem
+constanten dominirenden, 1023 mit dem recessiven Merkmale und nur 2
+Hybriden.
+
+
+ Die Nachkommen der Hybriden, in welchen mehrere
+ differirende Merkmale verbunden sind.
+
+Für die eben besprochenen Versuche wurden Pflanzen verwendet, welche nur
+in einem wesentlichen[16] Merkmale verschieden waren. Die nächste Aufgabe
+bestand darin, zu untersuchen, ob das gefundene Entwicklungsgesetz auch
+dann für je zwei differirende Merkmale gelte, wenn mehrere verschiedene
+Charaktere durch Befruchtung in der Hybride vereinigt sind.
+
+Was die Gestalt der Hybriden in diesem Falle anbelangt, zeigten die
+Versuche übereinstimmend, dass dieselbe stets jener der beiden
+Stammpflanzen näher steht, welche die grössere Anzahl von dominirenden
+Merkmalen besitzt. Hat z. B. die Samenpflanze eine kurze Axe,
+endständige weisse Blüthen und einfach gewölbte Hülsen; die
+Pollenpflanze hingegen eine lange Axe, axenständige violett-rothe
+Blüthen und eingeschnürte Hülsen, so erinnert die Hybride nur durch die
+Hülsenform an die Samenpflanze, in den übrigen Merkmalen stimmt sie mit
+der Pollenpflanze überein. Besitzt eine der beiden Stammarten nur
+dominirende Merkmale, dann ist die Hybride von derselben kaum oder gar
+nicht zu unterscheiden.
+
+Mit einer grösseren Anzahl Pflanzen wurden zwei Versuche durchgeführt. Bei
+dem ersten Versuche waren die Stammpflanzen in der Gestalt der Samen und in
+der Färbung des Albumens verschieden; bei dem zweiten in der Gestalt der
+Samen, in der Färbung des Albumens und in der Farbe der Samenschale.
+Versuche mit Samenmerkmalen führen am einfachsten und sichersten zum Ziele.
+
+Um eine leichtere Uebersicht zu gewinnen, werden bei diesen Versuchen die
+differirenden Merkmale der Samenpflanze mit _A_, _B_, _C_, jene der
+Pollenpflanze mit _a_, _b_, _c_ und die Hybridformen dieser Merkmale mit
+_Aa_, _Bb_, _Cc_ bezeichnet.
+
+ =Erster Versuch=: _AB_ Samenpflanze, _ab_ Pollenpflanze,
+ _A_ Gestalt rund, _a_ Gestalt kantig,
+ _B_ Albumen gelb, _b_ Albumen grün.
+
+Die befruchteten Samen erschienen rund und gelb, jenen der Samenpflanze
+ähnlich. Die daraus gezogenen Pflanzen gaben Samen von viererlei Art,
+welche oft gemeinschaftlich in einer Hülse lagen. Im Ganzen wurden von 15
+Pflanzen 556 Samen erhalten, von diesen waren:
+
+ 315 rund und gelb,
+ 101 kantig und gelb,
+ 108 rund und grün,
+ 32 kantig und grün.
+
+Alle wurden im nächsten Jahre angebaut. Von den runden gelben Samen gingen
+11 nicht auf und 3 Pflanzen kamen nicht zur Fruchtbildung. Unter den
+übrigen Pflanzen hatten:
+
+ 38 runde gelbe Samen _AB_
+ 65 runde gelbe und grüne Samen _ABb_
+ 60 runde gelbe und kantige gelbe Samen _AaB_
+ 138 runde gelbe und grüne, kantige gelbe und grüne Samen _AaBb_
+
+Von den kantigen gelben Samen kamen 96 Pflanzen zur Fruchtbildung, wovon
+
+ 28 nur kantige gelbe Samen hatten _aB_
+ 68 kantige, gelbe und grüne Samen _aBb_
+
+Von 108 runden grünen Samen brachten 102 Pflanzen Früchte, davon hatten:
+
+ 35 nur runde grüne Samen _Ab_
+ 67 runde und kantige grüne Samen _Aab_
+
+Die kantigen grünen Samen gaben 30 Pflanzen mit durchaus
+gleichen Samen; sie blieben constant _ab_
+
+Die Nachkommen der Hybriden erscheinen demnach unter 9 verschiedenen Formen
+und zum Theile in sehr ungleicher Anzahl. Man erhält, wenn dieselben
+zusammengestellt und geordnet werden:
+
+ 38 Pflanzen mit der Bezeichnung _AB_
+ 35 » » » » _Ab_
+ 28 » » » » _aB_
+ 30 » » » » _ab_
+ 65 » » » » _ABb_
+ 68 » » » » _aBb_
+ 60 » » » » _AaB_
+ 67 » » » » _Aab_
+ 138 » » » » _AaBb_
+
+Sämmtliche Formen lassen sich in drei wesentlich verschiedene Abtheilungen
+bringen. Die erste umfasst jene mit der Bezeichnung _AB_, _Ab_, _aB_, _ab_;
+sie besitzen nur constante Merkmale und ändern sich in den nächsten
+Generationen nicht mehr. Jede dieser Formen ist durchschnittlich 33 Mal
+vertreten. Die zweite Gruppe enthält die Formen _ABb_, _aBb_, _AaB_, _Aab_;
+diese sind in einem Merkmale constant, in dem anderen hybrid, und variiren
+in der nächsten Generation nur hinsichtlich des hybriden Merkmales. Jede
+davon erscheint im Durchschnitte 65 Mal. Die Form _AaBb_ kommt 138 Mal vor,
+ist in beiden Merkmalen hybrid, und verhält sich genau so, wie die Hybride,
+von der sie abstammt.
+
+Vergleicht man die Anzahl, in welcher die Formen dieser Abtheilungen
+vorkommen, so sind die Durchschnittsverhältnisse 1 : 2 : 4 nicht zu
+verkennen. Die Zahlen 33, 65, 138 geben ganz günstige Annäherungswerthe an
+die Verhältnisszahlen 33, 66, 132.
+
+Die Entwicklungsreihe besteht demnach aus 9 Gliedern. 4 davon kommen in
+derselben je einmal vor und sind in beiden Merkmalen constant; die Formen
+_AB_, _ab_ gleichen den Stammarten, die beiden anderen stellen die
+ausserdem noch möglichen constanten Combinationen zwischen den verbundenen
+Merkmalen _A_, _a_, _B_, _b_ vor. Vier Glieder kommen je 2 Mal vor und sind
+in einem Merkmale constant, in dem anderen hybrid. Ein Glied tritt 4 Mal
+auf und ist in beiden Merkmalen hybrid. Daher entwickeln sich die
+Nachkommen der Hybriden, wenn in denselben zweierlei differirende Merkmale
+verbunden sind, nach dem Ausdrucke:
+
+ _AB_ + _Ab_ + _aB_ + _ab_ + 2_ABb_ + 2_aBb_ + 2_AaB_ + 2_Aab_ + 4_AaBb_.
+
+Diese Entwicklungsreihe ist unbestritten eine Combinationsreihe, in welcher
+die beiden Entwicklungsreihen für die Merkmale _A_ und _a_, _B_ und _b_
+gliedweise verbunden sind. Man erhält die Glieder der Reihe vollzählig
+durch die Combinirung der Ausdrücke:
+
+ _A_ + 2_Aa_ + _a_
+ _B_ + 2_Bb_ + _b_
+
+ =Zweiter Versuch=: _ABC_ Samenpflanze, _abc_ Pollenpflanze,
+ _A_ Gestalt rund, _a_ Gestalt kantig,
+ _B_ Albumen gelb, _b_ Albumen grün,
+ _C_ Schale graubraun, _c_ Schale weiss.
+
+Dieser Versuch wurde in ganz ähnlicher Weise wie der vorangehende
+durchgeführt. Er nahm unter allen Versuchen die meiste Zeit und Mühe in
+Anspruch. Von 24 Hybriden wurden im Ganzen 687 Samen erhalten, welche
+sämmtlich punktirt, graubraun oder graugrün gefärbt, rund oder kantig
+waren. Davon kamen im folgenden Jahre 639 Pflanzen zur Fruchtbildung, und
+wie die weiteren Untersuchungen zeigten, befanden sich darunter:
+
+ 8 Pflanzen _ABC_ 22 Pflanzen _ABCc_ 45 Pflanzen _ABbCc_
+ 14 » _ABc_ 17 » _AbCc_ 36 » _aBbCc_
+ 9 » _AbC_ 25 » _aBCc_ 38 » _AaBCc_
+ 11 » _Abc_ 20 » _abCc_ 40 » _AabCc_
+ 8 » _aBC_ 15 » _ABbC_ 49 » _AaBbC_
+ 10 » _aBc_ 18 » _ABbc_ 48 » _AaBbc_
+ 10 » _abC_ 19 » _aBbC_
+ 7 » _abc_ 24 » _aBbc_
+ 14 » _AaBC_ 78 » _AaBbCc_
+ 18 » _AaBc_
+ 20 » _AabC_
+ 16 » _Aabc_
+
+Die Entwicklungsreihe umfasst 27 Glieder, davon sind 8 in allen
+Merkmalen constant, und jede kommt durchschnittlich 10 Mal vor; 12 sind
+in zwei Merkmalen constant, in dem dritten hybrid, jede erscheint im
+Durchschnitte 19 Mal; 6 sind in einem Merkmale constant, in den beiden
+anderen hybrid, jede davon tritt durchschnittlich 43 Mal auf;
+eine Form kommt 78 Mal vor und ist in sämmtlichen Merkmalen hybrid.
+Die Verhältnisse 10 : 19 : 43 : 78 kommen den Verhältnissen
+10 : 20 : 40 : 80 oder 1 : 2 : 4 : 8 so nahe, dass letztere ohne
+Zweifel die richtigen Werthe darstellen.
+
+Die Entwicklung der Hybriden, wenn ihre Stammarten in drei Merkmalen
+verschieden sind, erfolgt daher nach dem Ausdrucke:
+
+ _ABC_ + _ABc_ + _AbC_ + _Abc_ + _aBC_ + _aBc_ + _abC_ + _abc_
+ + 2_ABCc_ + 2_AbCc_ + 2_aBCc_ + 2_abCc_ + 2_ABbC_ + 2_ABbc_
+ + 2_aBbC_ + 2_aBbc_ + 2_AaBC_ + 2_AaBc_ + 2_AabC_ + 2_Aabc_
+ + 4_ABbCc_ + 4_aBbCc_ + 4_AaBCc_ + 4_AabCc_ + 4_AaBbC_
+ + 4_AaBbc_ + 8_AaBbCc_.
+
+Auch hier liegt eine Combinationsreihe vor, in welcher die
+Entwicklungsreihe für die Merkmale _A_ und _a_, _B_ und _b_, _C_ und _c_
+mit einander verbunden sind. Die Ausdrücke:
+
+ _A_ + 2_Aa_ + _a_
+ _B_ + 2_Bb_ + _b_
+ _C_ + 2_Cc_ + _c_
+
+geben sämmtliche Glieder der Reihe. Die constanten Verbindungen, welche in
+derselben vorkommen, entsprechen allen Combinationen, welche zwischen den
+Merkmalen _A_, _B_, _C_, _a_, _b_, _c_ möglich sind; zwei davon, _ABC_ und
+_abc_ gleichen den beiden Stammpflanzen.
+
+Ausserdem wurden noch mehrere Experimente mit einer geringeren Anzahl
+Versuchspflanzen durchgeführt, bei welchen die übrigen Merkmale zu zwei und
+drei hybrid verbunden waren; alle lieferten annähernd gleiche Resultate. Es
+unterliegt daher keinem Zweifel, dass für sämmtliche in die Versuche
+aufgenommenen Merkmale der Satz Gültigkeit habe: =die Nachkommen der
+Hybriden, in welchen mehrere wesentlich verschiedene Merkmale vereinigt
+sind, stellen die Glieder einer Combinationsreihe vor, in welchen die
+Entwicklungsreihen für je zwei differirende Merkmale verbunden sind. Damit
+ist zugleich erwiesen, dass das Verhalten je zweier differirender Merkmale
+in hybrider Verbindung unabhängig ist von den anderweitigen Unterschieden
+an den beiden Stammpflanzen=.
+
+Bezeichnet _n_ die Anzahl der charakteristischen Unterschiede an den beiden
+Stammpflanzen, so giebt 3^_n_ die Gliederzahl der Combinationsreihe, 4^_n_
+die Anzahl der Individuen, welche in die Reihe gehören, und 2^_n_ die
+Zahl der Verbindungen, welche constant bleiben. So enthält z. B. die Reihe,
+wenn die Stammarten in 4 Merkmalen verschieden sind, 3^4 = 81 Glieder, 4^4
+= 256 Individuen und 2^4 = 16 constante Formen; oder was dasselbe ist,
+unter je 256 Nachkommen der Hybriden giebt es 81 verschiedene Verbindungen,
+von denen 16 constant sind.
+
+Alle constanten Verbindungen, welche bei Pisum durch Combinirung der
+angeführten 7 charakteristischen Merkmale möglich sind, wurden durch
+wiederholte Kreuzung auch wirklich erhalten. Ihre Zahl ist durch 2^7 = 128
+gegeben. Damit ist zugleich der faktische Beweis geliefert, =dass constante
+Merkmale, welche an verschiedenen Formen einer Pflanzensippe vorkommen, auf
+dem Wege der wiederholten künstlichen Befruchtung in alle Verbindungen
+treten können, welche nach den Regeln der Combination möglich sind=.
+
+Ueber die Blüthezeit der Hybriden sind die Versuche noch nicht
+abgeschlossen. Soviel kann indessen schon angegeben werden, dass dieselbe
+fast genau in der Mitte[17] zwischen jener der Samen- und Pollenpflanze
+steht, und die Entwicklung der Hybriden bezüglich dieses Merkmales
+wahrscheinlich in der nämlichen Weise erfolgt, wie es für die übrigen
+Merkmale der Fall ist. Die Formen, welche für Versuche dieser Art gewählt
+werden, müssen in der mittleren Blüthezeit wenigstens um 20 Tage
+verschieden sein; ferner ist nothwendig, dass die Samen beim Anbaue alle
+gleich tief in die Erde versenkt werden, um ein gleichzeitiges Keimen zu
+erzielen, dass ferner während der ganzen Blüthezeit grössere Schwankungen
+in der Temperatur und die dadurch bewirkte theilweise Beschleunigung oder
+Verzögerung des Aufblühens in Rechnung gezogen werden. Man sieht, dass
+dieser Versuch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden hat und grosse
+Aufmerksamkeit erfordert.
+
+Versuchen wir die gewonnenen Resultate kurz zusammenzufassen, so finden
+wir, dass jene differirenden Merkmale, welche an den Versuchspflanzen
+eine leichte und sichere Unterscheidung zulassen, in hybrider
+Vereinigung ein =völlig übereinstimmendes Verhalten beobachten=. Die
+Nachkommen der Hybriden je zweier differirender Merkmale sind zur Hälfte
+wieder Hybriden, während die andere Hälfte zu gleichen Theilen mit dem
+Charakter der Samen-und Pollenpflanze constant wird. Sind mehrere
+differirende Merkmale durch Befruchtung in einer Hybride vereinigt, so
+bilden die Nachkommen derselben die Glieder einer Combinationsreihe, in
+welcher die Entwicklungsreihen für je zwei differirende Merkmale
+vereinigt sind.
+
+Die vollkommene Uebereinstimmung, welche sämmtliche, dem Versuche
+unterzogenen Charaktere zeigen, erlaubt wohl und rechtfertigt die Annahme,
+dass auch ein gleiches Verhalten den übrigen Merkmalen zukomme, welche
+weniger scharf an den Pflanzen hervortreten und deshalb in die
+Einzelversuche nicht aufgenommen werden konnten. Ein Experiment über
+Blüthenstiele von verschiedener Länge gab im Ganzen ein ziemlich
+befriedigendes Resultat, obgleich die Unterscheidung und Einreihung der
+Formen nicht mit jener Sicherheit erfolgen konnte, welche für correcte
+Versuche unerlässlich ist.
+
+
+ Die Befruchtungszellen der Hybriden.
+
+Die Resultate, zu welchen die vorausgeschickten Versuche führten,
+veranlassten weitere Experimente, deren Erfolg geeignet erscheint,
+Aufschlüsse über die Beschaffenheit der Keim- und Pollenzellen der Hybriden
+zu geben.[18] Einen wichtigen Anhaltspunkt bietet bei Pisum der Umstand,
+dass unter den Nachkommen der Hybriden constante Formen auftreten, und zwar
+in allen Combinirungen der verbundenen Merkmale. Soweit die Erfahrung
+reicht, finden wir es überall bestätigt, dass constante Nachkommen nur dann
+gebildet werden können, wenn die Keimzellen und der befruchtende Pollen
+gleichartig, somit beide mit der Anlage ausgerüstet sind, völlig gleiche
+Individuen zu beleben, wie das bei der normalen Befruchtung der reinen
+Arten der Fall ist. Wir müssen es daher als nothwendig erachten, dass auch
+bei Erzeugung der constanten Formen an der Hybridpflanze vollkommen gleiche
+Factoren zusammenwirken. Da die verschiedenen constanten Formen an =einer=
+Pflanze, ja in =einer= Blüthe derselben erzeugt werden, erscheint die
+Annahme folgerichtig, dass in den Fruchtknoten der Hybriden so vielerlei
+Keimzellen (Keimbläschen) und in den Antheren so vielerlei Pollenzellen
+gebildet werden, als =constante= Combinationsformen möglich sind, und dass
+diese Keim- und Pollenzellen ihrer inneren Beschaffenheit nach den
+einzelnen Formen entsprechen.
+
+In der That lässt sich auf theoretischem Wege zeigen, dass diese Annahme
+vollständig ausreichen würde, um die Entwicklung der Hybriden in den
+einzelnen Generationen zu erklären, wenn man zugleich voraussetzen
+dürfte, dass die verschiedenen Arten von Keim- und Pollenzellen an der
+Hybride durchschnittlich in gleicher Anzahl gebildet werden.
+
+Um diese Voraussetzungen auf experimentellem Wege einer Prüfung zu
+unterziehen, wurden folgende Versuche ausgewählt: Zwei Formen, welche in
+der Gestalt der Samen und in der Färbung des Albumens constant verschieden
+waren, wurden durch Befruchtung verbunden.
+
+Werden die differirenden Merkmale wieder mit _A_, _B_, _a_, _b_ bezeichnet,
+so war:
+
+ _AB_ Samenpflanze, _ab_ Pollenpflanze,
+ _A_ Gestalt rund, _a_ Gestalt kantig,
+ _B_ Albumen gelb, _b_ Albumen grün.
+
+Die künstlich befruchteten Samen wurden sammt mehreren Samen der beiden
+Stammpflanzen angebaut, und davon die kräftigsten Exemplare für die
+wechselseitige Kreuzung bestimmt. Befruchtet wurde:
+
+ 1. die Hybride mit dem Pollen von _AB_
+ 2. die Hybride » » » » _ab_
+ 3. _AB_ » » » » der Hybride
+ 4. _ab_ » » » » der Hybride
+
+Für jeden von diesen 4 Versuchen wurden an 3 Pflanzen sämmtliche Blüthen
+befruchtet. War die obige Annahme richtig, so mussten sich an den Hybriden
+Keim- und Pollenzellen von den Formen _AB_, _Ab_, _aB_, _ab_ entwickeln und
+es wurden verbunden:
+
+ 1. die Keimzellen _AB_, _Ab_, _aB_, _ab_ mit den Pollenzellen _AB_
+ 2. » » _AB_, _Ab_, _aB_, _ab_ » » » _ab_
+ 3. » » _AB_ » » »_AB_, _Ab_, _aB_, _ab_
+ 4. » » _ab_ » » »_AB_, _Ab_, _aB_, _ab_
+
+Aus jedem von diesen Versuchen konnten dann nur folgende Formen
+hervorgehen:[19]
+
+ 1. _AB_, _ABb_, _AaB_, _AaBb_
+ 2. _AaBb_, _Aab_, _aBb_, _ab_
+ 3. _AB_, _ABb_, _AaB_, _AaBb_
+ 4. _AaBb_, _Aab_, _aBb_, _ab_.
+
+Wurden ferner die einzelnen Formen der Keim- und Pollenzellen von der
+Hybride durchschnittlich in gleicher Anzahl gebildet, so mussten bei
+jedem Versuche die angeführten vier Verbindungen in numerischer
+Beziehung gleich stehen. Eine vollkommene Uebereinstimmung der
+Zahlenverhältnisse war indessen nicht zu erwarten, da bei jeder
+Befruchtung, auch bei der normalen, einzelne Keimzellen unentwickelt
+bleiben oder später verkümmern, und selbst manche von den gut
+ausgebildeten Samen nach dem Anbaue nicht zum Keimen gelangen. Auch
+beschränkt sich die gemachte Voraussetzung darauf, dass bei der Bildung
+der verschiedenartigen Keim- und Pollenzellen die gleiche Anzahl
+angestrebt werde, ohne dass diese an jeder einzelnen Hybride mit
+mathematischer Genauigkeit erreicht werden müsste.
+
+Der =erste= und =zweite= Versuch hatten vorzugsweise den Zweck, die
+Beschaffenheit der hybriden Keimzellen zu prüfen, sowie der =dritte= und
+=vierte= Versuch über die Pollenzellen zu entscheiden hatte. Wie aus der
+obigen Zusammenstellung hervorgeht, mussten der erste und dritte Versuch,
+ebenso der zweite und vierte ganz gleiche Verbindungen liefern, auch sollte
+der Erfolg schon im zweiten Jahre an der Gestalt und Färbung der künstlich
+befruchteten Samen theilweise ersichtlich sein. Bei dem ersten und dritten
+Versuche kommen die dominirenden Merkmale der Gestalt und Farbe _A_ und _B_
+in jeder Verbindung vor, und zwar zum Theile constant, zum Theile in
+hybrider Vereinigung mit den recessiven Charakteren _a_ und _b_, weshalb
+sie sämmtlichen Samen ihre Eigenthümlichkeit aufprägen müssen. Alle Samen
+sollten daher, wenn die Voraussetzung eine richtige war, rund und gelb
+erscheinen. Bei dem zweiten und dritten Versuche hingegen ist eine
+Verbindung hybrid in Gestalt und Farbe, daher sind die Samen rund und gelb;
+eine andere ist hybrid in der Gestalt und constant in dem recessiven
+Merkmale der Farbe, daher die Samen rund und grün; die dritte ist constant
+in dem recessiven Merkmale der Gestalt und hybrid in der Farbe, daher die
+Samen kantig und gelb; die vierte ist constant in beiden recessiven
+Merkmalen, daher die Samen kantig und grün. Bei diesen beiden Versuchen
+waren daher viererlei Samen zu erwarten, nämlich runde gelbe, runde grüne,
+kantige gelbe, kantige grüne.
+
+Die Ernte entsprach den gestellten Anforderungen vollkommen.
+
+Es wurden erhalten bei dem
+
+ 1. Versuche 98 ausschliesslich runde gelbe Samen;
+ 3. » 94 » » » »
+ 2. » 31 runde gelbe, 26 runde grüne, 27 kantige gelbe,
+ 26 kantige grüne Samen;
+ 4. » 24 runde gelbe, 25 runde grüne, 22 kantige gelbe,
+ 27 kantige grüne Samen.
+
+An einem günstigen Erfolge war nun kaum mehr zu zweifeln, die nächste
+Generation musste die endgültige Entscheidung bringen. Von den angebauten
+Samen kamen im folgenden Jahre bei dem ersten Versuche 90, bei dem dritten
+87 Pflanzen zur Fruchtbildung; von diesen brachten bei dem
+
+ Versuche
+ 1. 3.
+ 20 25 runde gelbe Samen _AB_
+ 23 19 runde gelbe und grüne Samen _ABb_
+ 25 22 runde und kantige gelbe Samen _AaB_
+ 22 21 runde und kantige, gelbe und grüne Samen _AaBb_
+
+ Bei dem zweiten und vierten Versuche gaben die
+ runden und gelben Samen Pflanzen mit runden
+ und kantigen, gelben und grünen Samen _AaBb_
+
+ von den runden grünen Samen wurden Pflanzen
+ erhalten mit runden und kantigen grünen Samen _Aab_
+
+ die kantigen gelben Samen gaben Pflanzen mit
+ kantigen gelben und grünen Samen _aBb_
+
+ aus den kantigen grünen Samen wurden Pflanzen
+ gezogen, die wieder nur kantige grüne Samen
+ brachten _ab_
+
+Obwohl auch bei diesen beiden Versuchen einige Samen nicht keimten, konnte
+dadurch in den schon im vorhergehenden Jahre gefundenen Zahlen nichts
+geändert werden, da jede Samenart Pflanzen gab, die in Bezug auf die Samen
+unter sich gleich und von den anderen verschieden waren. Es brachten daher:
+
+ 2. Versuch 4. Versuch
+ 31 24 Pflanzen Samen von der Form _AaBb_
+ 26 25 » » » » » _Aab_
+ 27 22 » » » » » _aBb_
+ 26 27 » » » » » _ab_
+
+Bei allen Versuchen erschienen daher sämmtliche Formen, welche die gemachte
+Voraussetzung verlangte, und zwar in nahezu gleicher Anzahl.
+
+Bei einer weiteren Probe wurden die Merkmale der =Blüthenfarbe= und
+=Axenlänge= in die Versuche aufgenommen und die Auswahl so getroffen,
+dass im dritten Versuchsjahre jedes Merkmal an der =Hälfte= sämmtlicher
+Pflanzen hervortreten musste, falls die obige Annahme ihre Richtigkeit
+hatte. _A_, _B_, _a_, _b_ dienen wieder zur Bezeichnung der
+verschiedenen Merkmale.
+
+ _A_ Blüthen violett-roth, _a_ Blüthen weiss,
+ _B_ Axe lang, _b_ Axe kurz.
+
+Die Form _Ab_ wurde befruchtet mit _ab_, woraus die Hybride _Aab_
+hervorging. Ferner wurde befruchtet _aB_ gleichfalls mit _ab_, daraus
+die Hybride _aBb_. Im zweiten Jahre wurde für die weitere Befruchtung
+die Hybride _Aab_ als Samenpflanze, die andere _aBb_ als Pollenpflanze
+verwendet.
+
+ Samenpflanze _Aab_, Pollenpflanze _aBb_,
+ mögliche Keimzellen _Ab_, _ab_, Pollenzellen _aB_, _ab_.
+
+Aus der Befruchtung zwischen den möglichen Keim- und Pollenzellen mussten
+vier Verbindungen hervorgehen, nämlich:
+
+ _AaBb_ + _aBb_ + _Aab_ + _ab_.
+
+Daraus wird ersichtlich, dass nach obiger Voraussetzung im dritten
+Versuchsjahre von sämmtlichen Pflanzen
+
+ die Hälfte violett-rothe Blüthen haben sollte (_Aa_) Glieder : 1,3
+ » weisse Blüthe (_a_) » : 2,4
+ » eine lange Axe (_Bb_) » : 1,2
+ » eine kurze Axe (_b_) » : 3,4.
+
+Aus 45 Befruchtungen des zweiten Jahres wurden 187 Samen erhalten, wovon im
+dritten Jahre 166 Pflanzen zur Blüthe gelangten. Darunter erschienen die
+einzelnen Glieder in folgender Anzahl:
+
+ Glied: Blüthenfarbe: Axe:
+ 1 violett-roth lang 47 Mal
+ 2 weiss lang 40 »
+ 3 violett-roth kurz 38 »
+ 4 weiss kurz 41 »
+
+Es kam daher
+
+ die violett-rothe Blüthenfarbe (_Aa_) an 85 Pflanzen vor
+ » weisse » (_a_) » 81 » »
+ » lange Axe (_Bb_) » 87 » »
+ » kurze » (_b_) » 79 » »
+
+Die aufgestellte Ansicht findet auch in diesem Versuche eine
+ausreichende Bestätigung.
+
+Für die Merkmale der =Hülsenform, Hülsenfarbe und Blüthenstellung= wurden
+ebenfalls Versuche im Kleinen angestellt und ganz gleich stimmende
+Resultate erhalten. Alle Verbindungen, welche durch die Vereinigung der
+verschiedenen Merkmale möglich wurden, erschienen pünktlich und in nahezu
+gleicher Anzahl.
+
+Es ist daher auf experimentellem Wege die Annahme gerechtfertigt, =dass die
+Erbsenhybriden Keim- und Pollenzellen bilden, welche ihrer Beschaffenheit
+nach in gleicher Anzahl allen constanten Formen entsprechen, welche aus der
+Combinirung der durch Befruchtung vereinigten Merkmale hervorgehen=.
+
+Die Verschiedenheit der Formen unter den Nachkommen der Hybriden, sowie
+die Zahlenverhältnisse, in welchen dieselben beobachtet werden, finden in
+dem eben erwiesenen Satze eine hinreichende Erklärung. Den einfachsten Fall
+bietet die Entwicklungsreihe für =je zwei differirende Merkmale=. Diese
+Reihe wird bekanntlich durch den Ausdruck: _A_ + 2_Aa_ + _a_ bezeichnet,
+wobei _A_ und _a_ die Formen mit den constant differirenden Merkmalen und
+_Aa_ die Hybridgestalt beider bedeuten. Sie enthält unter drei
+verschiedenen Gliedern vier Individuen. Bei der Bildung derselben werden
+Pollen- und Keimzellen von der Form _A_ und _a_ durchschnittlich zu
+gleichen Theilen in die Befruchtung treten, daher jede Form zweimal, da
+vier Individuen gebildet werden. Es nehmen demnach an der Befruchtung
+theil:
+
+ die Pollenzellen _A_ + _A_ + _a_ + _a_
+ die Keimzellen _A_ + _A_ + _a_ + _a_
+
+Es bleibt ganz dem Zufalle überlassen, welche von den beiden Pollenarten
+sich mit jeder einzelnen Keimzelle verbindet. Indessen wird es nach den
+Regeln der Wahrscheinlichkeit im Durchschnitte vieler Fälle immer
+geschehen, dass sich jede Pollenform _A_ und _a_ gleich oft mit jeder
+Keimzellform _A_ und _a_ vereinigt; es wird daher eine von den beiden
+Pollenzellen _A_ mit einer Keimzelle _A_, die andere mit einer Keimzelle
+_a_ bei der Befruchtung zusammentreffen, und ebenso eine Pollenzelle _a_
+mit einer Keimzelle _A_, die andere mit _a_ verbunden werden.
+
+ Pollenzellen _A_ _A_ _a_ _a_
+ | \ / |
+ | X |
+ | / \ |
+ Keimzellen _A_ _A_ _a_ _a_
+
+Das Ergebniss der Befruchtung lässt sich dadurch anschaulich machen, dass
+die Bezeichnungen für die verbundenen Keim- und Pollenzellen in Bruchform
+angesetzt werden, und zwar für die Pollenzellen über, für die Keimzellen
+unter dem Striche. Man erhält in dem vorliegenden Falle:
+
+ _A_/_A_ + _A_/_a_ + _a_/_A_ + _a_/_a_
+
+Bei dem ersten und vierten Gliede sind Keim- und Pollenzellen gleichartig,
+daher müssen die Producte ihrer Verbindung constant sein, nämlich _A_ und
+_a_; bei dem zweiten und dritten hingegen erfolgt abermals eine Vereinigung
+der beiden differirenden Stamm-Merkmale, daher auch die aus diesen
+Befruchtungen hervorgehenden Formen mit der Hybride, von welcher sie
+abstammen, ganz identisch sind. =Es findet demnach eine wiederholte
+Hybridisirung statt=. Daraus erklärt sich die auffallende Erscheinung, dass
+die Hybriden im Stande sind, nebst den beiden Stammformen auch Nachkommen
+zu erzeugen, die ihnen selbst gleich sind; _A_/_a_ und _a_/_A_ geben beide
+dieselbe Verbindung _Aa_, da es, wie schon früher angeführt wurde, für den
+Erfolg der Befruchtung keinen Unterschied macht, welches von den beiden
+Merkmalen der Pollen- oder Keimzelle angehört.[20] Es ist daher
+
+ _A_/_A_ + _A_/_a_ + _a_/_A_ + _a_/_a_ = _A_ + 2_Aa_ + _a_.
+
+So gestaltet sich der =mittlere= Verlauf bei der Selbstbefruchtung der
+Hybriden, wenn in denselben zwei differirende Merkmale vereinigt sind.
+In einzelnen Blüthen und an einzelnen Pflanzen kann jedoch das
+Verhältniss, in welchem die Formen der Reihe gebildet werden, nicht
+unbedeutende Störungen erleiden. Abgesehen davon, dass die Anzahl, in
+welcher beiderlei Keimzellen im Fruchtknoten vorkommen, nur im
+Durchschnitte als gleich angenommen werden kann, bleibt es ganz dem
+Zufalle überlassen, welche von den beiden Pollenarten an jeder einzelnen
+Keimzelle die Befruchtung vollzieht. Deshalb müssen die Einzelwerthe
+nothwendig Schwankungen unterliegen, und es sind selbst extreme Fälle
+möglich, wie sie früher bei den Versuchen über die Gestalt der Samen und
+die Färbung des Albumens angeführt wurden. Die wahren Verhältnisszahlen
+können nur durch das Mittel gegeben werden, welches aus der Summe
+möglichst vieler Einzelwerthe gezogen wird; je grösser ihre Anzahl,
+desto genauer wird das bloss Zufällige eliminirt.
+
+Die Entwicklungsreihe für Hybriden, in denen =zweierlei differirende
+Merkmale= verbunden sind, enthält unter 16 Individuen 9 verschiedene
+Formen, nämlich _AB_ + _Ab_ + _aB_ + _ab_ + 2_ABb_ + 2_aBb_ + 2_AaB_ +
+2_Aab_ + 4_AaBb_. Zwischen den verschiedenen Merkmalen der Stammpflanzen
+_A_, _a_ und _B_, _b_ sind 4 constante Combinationen möglich, daher erzeugt
+auch die Hybride die entsprechenden 4 Formen von Keim- und Pollenzellen:
+_AB_, _Ab_, _aB_, _ab_ und jede davon wird im Durchschnitte 4 Mal in
+Befruchtung treten, da in der Reihe 16 Individuen enthalten sind. Daher
+nehmen an der Befruchtung theil die
+
+ Pollenzellen: _AB_ + _AB_ + _AB_ + _AB_ + _Ab_ + _Ab_ + _Ab_
+ + _Ab_ + _aB_ + _aB_ + _aB_ + _aB_ + _ab_
+ + _ab_ + _ab_ + _ab_.
+
+ Keimzellen: _AB_ + _AB_ + _AB_ + _AB_ + _Ab_ + _Ab_ + _Ab_
+ + _Ab_ + _aB_ + _aB_ + _aB_ + _aB_ + _ab_
+ + _ab_ + _ab_ + _ab_.
+
+Im mittleren Verlaufe der Befruchtung verbindet sich jede Pollenform gleich
+oft mit jeder Keimzellform, daher jede von den 4 Pollenzellen _AB_ einmal
+mit einer von den Keimzellarten _AB_, _Ab_, _aB_, _ab_. Genau ebenso
+erfolgt die Vereinigung der übrigen Pollenzellen von den Formen _Ab_, _aB_,
+_ab_ mit allen anderen Keimzellen. Man erhält demnach:
+
+ _AB_/_AB_ + _AB_/_Ab_ + _AB_/_aB_ + _AB_/_ab_ + _Ab_/_AB_ + _Ab_/_Ab_
+ + _Ab_/_aB_ + _Ab_/_ab_ + _aB_/_AB_ + _aB_/_Ab_ + _aB_/_aB_ + _aB_/_ab_
+ + _ab_/_AB_ + _ab_/_Ab_ + _ab_/_aB_ + _ab_/_ab_,
+
+oder
+
+ _AB_ + _ABb_ + _AaB_ + _AaBb_ + _ABb_ + _Ab_ + _AaBb_
+ + _Aab_ + _AaB_ + _AaBb_ + _aB_ + _aBb_ + _AaBb_ + _Aab_
+ + _aBb_ + _ab_ = _AB_ + _Ab_ + _aB_ + _ab_ + 2_ABb_ + 2_aBb_
+ + 2_AaB_ + 2_Aab_ + 4_AaBb_.
+
+In ganz ähnlicher Weise erklärt sich die Entwicklungsreihe der Hybriden,
+wenn in denselben =dreierlei differirende Merkmale= verbunden sind. Die
+Hybride bildet acht verschiedene Formen von Keim- und Pollenzellen:
+_ABC_, _ABc_, _AbC_, _Abc_, _aBC_, _aBc_, _abC_, _abc_, und jede Pollenform
+vereinigt sich wieder durchschnittlich einmal mit jeder Keimzellform.
+
+Das Gesetz der Combinirung der differirenden Merkmale, nach welchem die
+Entwicklung der Hybriden erfolgt, findet demnach seine Begründung und
+Erklärung in dem erwiesenen Satze, dass die Hybriden Keim- und Pollenzellen
+erzeugen, welche in gleicher Anzahl allen constanten Formen entsprechen,
+die aus der Combinirung der durch Befruchtung vereinigten Merkmale
+hervorgehen.
+
+
+ Versuche über die Hybriden anderer Pflanzenarten.
+
+Es wird die Aufgabe weiterer Versuche sein, zu ermitteln, ob das für Pisum
+gefundene Entwicklungsgesetz auch bei den Hybriden anderer Pflanzen Geltung
+habe. Zu diesem Zwecke wurden in der letzten Zeit mehrere Versuche
+eingeleitet. Beendet sind zwei kleinere Experimente mit Phaseolusarten,
+welche hier Erwähnung finden mögen.
+
+Ein Versuch mit Phaseolus vulgaris und Phaseolus nanus L. gab ein ganz
+übereinstimmendes Resultat. Ph. nanus hatte nebst der zwergartigen Axe
+grüne einfach gewölbte Hülsen, Ph. vulgaris hingegen eine 10-12' hohe Axe
+und gelb gefärbte, zur Zeit der Reife eingeschnürte Hülsen. Die
+Zahlenverhältnisse, in welchen die verschiedenen Formen in den einzelnen
+Generationen vorkamen, waren dieselben wie bei Pisum. Auch die Entwicklung
+der constanten Verbindungen erfolgte nach dem Gesetze der einfachen
+Combinirung der Merkmale, genau so, wie es bei Pisum der Fall ist. Es
+wurden erhalten:
+
+ Constante Farbe der Form der
+ Verbindung: Axe: unreifen Hülse: reifen Hülse:
+ 1 lang grün gewölbt
+ 2 » » eingeschnürt
+ 3 » gelb gewölbt
+ 4 » » eingeschnürt
+ 5 kurz grün gewölbt
+ 6 » » eingeschnürt
+ 7 » gelb gewölbt
+ 8 » » eingeschnürt.
+
+Die grüne Hülsenfarbe, die gewölbte Form der Hülse und die hohe Axe
+waren, wie bei Pisum, dominirende Merkmale.
+
+Ein anderer Versuch mit zwei sehr verschiedenen Phaseolusarten hatte nur
+einen theilweisen Erfolg. Als =Samenpflanze= diente Ph. nanus L., eine ganz
+constante Art mit weissen Blüthen in kurzen Trauben und kleinen weissen
+Samen in geraden, gewölbten und glatten Hülsen; als =Pollenpflanze= Ph.
+multiflorus W. mit hohem windenden Stengel, purpurrothen Blüthen in sehr
+langen Trauben, rauhen sichelförmig gekrümmten Hülsen und grossen Samen,
+welche auf pfirsichblüthrothem Grunde schwarz gefleckt und geflammt sind.
+
+Die Hybride hatte mit der Pollenpflanze die grösste Aehnlichkeit, nur die
+Blüthen erschienen weniger intensiv gefärbt.[21] Ihre Fruchtbarkeit war
+eine sehr beschränkte, von 17 Pflanzen, die zusammen viele hundert Blüthen
+entwickelten, wurden im Ganzen nur 49 Samen geerntet. Diese waren von
+mittlerer Grösse und besassen eine ähnliche Zeichnung wie Ph. multiflorus;
+auch die Grundfarbe war nicht wesentlich verschieden. Im nächsten Jahre
+wurden davon 44 Pflanzen erhalten, von denen nur 31 zur Blüthe gelangten.
+Die Merkmale von Ph. nanus, welche in der Hybride sämmtlich latent wurden,
+kamen in verschiedenen Combinirungen wieder zum Vorscheine, das Verhältniss
+derselben zu den dominirenden musste jedoch bei der geringen Anzahl von
+Versuchspflanzen sehr schwankend bleiben; bei einzelnen Merkmalen, wie bei
+jenen der Axe und der Hülsenform, war dasselbe indessen wie bei Pisum fast
+genau 1 : 3.
+
+So gering auch der Erfolg dieses Versuches für die Feststellung der
+Zahlenverhältnisse sein mag, in welchen die verschiedenen Formen vorkamen,
+so bietet er doch anderseits den Fall einer =merkwürdigen Farbenwandlung=
+an den Blüthen und Samen der Hybriden dar. Bei Pisum treten bekanntlich die
+Merkmale der Blüthen- und Samenfarbe in der ersten und den weiteren
+Generationen unverändert hervor und die Nachkommen der Hybriden tragen
+ausschliesslich das eine oder das andere der beiden Stamm-Merkmale an sich.
+Anders verhält sich die Sache bei dem vorliegenden Versuche. Die weisse
+Blumen- und Samenfarbe von Ph. nanus erschien allerdings gleich in der
+ersten Generation an einem ziemlich fruchtbaren Exemplare, allein die
+übrigen 30 Pflanzen entwickelten Blüthenfarben, die verschiedene
+Abstufungen von Purpurroth bis Blassviolett darstellen.[22] Die Färbung der
+Samenschale war nicht minder verschieden, als die der Blüthe. Keine
+Pflanze konnte als vollkommen fruchtbar gelten, manche setzten gar keine
+Früchte an, bei anderen entwickelten sich dieselben erst aus den letzten
+Blüthen und kamen nicht mehr zur Reife, nur von 15 Pflanzen wurden gut
+ausgebildete Samen geerntet. Die meiste Neigung zur Unfruchtbarkeit zeigten
+die Formen mit vorherrschend rother Blüthe, indem von 16 Pflanzen nur 4
+reife Samen gaben. Drei davon hatten eine ähnliche Samenzeichnung wie Ph.
+multiflorus, jedoch eine mehr oder weniger blasse Grundfarbe, die vierte
+Pflanze brachte nur einen Samen von einfach brauner Färbung. Die Formen mit
+überwiegend violetter Blüthenfarbe hatten dunkelbraune, schwarzbraune und
+ganz schwarze Samen.
+
+Der Versuch wurde noch durch zwei Generationen unter gleich ungünstigen
+Verhältnissen fortgeführt, da selbst unter den Nachkommen ziemlich
+fruchtbarer Pflanzen wieder ein Theil wenig fruchtbar oder ganz steril
+wurde. Andere Blüthen- und Samenfarben, als die angeführten, kamen weiter
+nicht vor. Die Formen, welche in der ersten Generation eines oder mehrere
+von den recessiven Merkmalen erhielten, blieben in Bezug auf diese ohne
+Ausnahme constant. Auch von jenen Pflanzen, welche violette Blüthen und
+braune oder schwarze Samen besassen, änderten einzelne in den nächsten
+Generationen die Blumen- und Samenfarbe nicht mehr, die Mehrzahl jedoch
+erzeugte nebst ganz gleichen Nachkommen auch solche, welche weisse Blüthen
+und eben so gefärbte Samenschalen erhielten. Die rothblühenden Pflanzen
+blieben so wenig fruchtbar, dass sich über ihre Weiterentwicklung nichts
+mit Bestimmtheit sagen lässt.
+
+Ungeachtet der vielen Störungen, mit welchen die Beobachtung zu kämpfen
+hatte, geht doch so viel aus diesem Versuche hervor, dass die
+Entwicklung der Hybriden in Bezug auf jene Merkmale, welche die Gestalt
+der Pflanze betreffen, nach demselben Gesetze wie bei Pisum erfolgt.
+Rücksichtlich der Farbenmerkmale scheint es allerdings schwierig zu
+sein, eine genügende Uebereinstimmung aufzufinden: Abgesehen davon, dass
+aus der Verbindung einer weissen und purpurrothen Färbung eine ganze
+Reihe von Farben hervorgeht, von Purpur bis Blassviolett und Weiss, muss
+auch der Umstand auffallen, dass unter 31 blühenden Pflanzen nur eine
+den recessiven Charakter der weissen Färbung erhielt, während das bei
+Pisum durchschnittlich schon an jeder vierten Pflanze der Fall ist.
+
+Aber auch diese räthselhaften Erscheinungen würden sich wahrscheinlich
+nach dem für Pisum geltenden Gesetze erklären lassen, wenn man voraussetzen
+dürfte, dass die Blumen- und Samenfarbe des Ph. multiflorus aus zwei oder
+mehreren ganz selbstständigen Farben zusammengesetzt sei, die sich einzeln
+ebenso verhalten, wie jedes andere constante Merkmal an der Pflanze. Wäre
+die Blüthenfarbe _A_ zusammengesetzt aus den selbstständigen Merkmalen
+_A__{1} + _A__{2} + ....., welche den Gesammteindruck der purpurrothen
+Färbung hervorrufen, so müssten durch Befruchtung mit dem differirenden
+Merkmale der weissen Farbe _a_ die hybriden Verbindungen _A__{1}_a_ +
+_A__{2}_a_ + .... gebildet werden, und ähnlich würde es sich mit der
+correspondirenden Färbung der Samenschale verhalten. Nach der obigen
+Voraussetzung wäre jede von diesen hybriden Farbenverbindungen
+selbstständig und würde sich demnach ganz unabhängig von den übrigen
+entwickeln. Man sieht dann leicht ein, dass aus der Combinirung der
+einzelnen Entwicklungsreihen eine vollständige Farbenreihe hervorgehen
+müsste. Wäre z. B. _A_ = _A__{1} + _A__{2}, so entsprechen den Hybriden
+_A__{1}_a_ und _A__{2}_a_ die Entwicklungsreihen
+
+ _A__{1} + 2_A__{1}_a_ + _a_
+ _A__{2} + 2_A__{2}_a_ + _a_.
+
+Die Glieder dieser Reihen können in 9 verschiedene Verbindungen treten und
+jede davon stellt die Bezeichnung für eine andere Farbe vor:
+
+ 1_A__{1}_A__{2} 2_A__{1}_aA__{2} 1_A__{2}_a_
+ 2_A__{1}_A__{2}_a_ 4_A__{1}_aA__{2}_a_ 2_A__{2}_aa_
+ 1_A__{1}_a_ 2_A__{1}_aa_ 1_aa_.
+
+Die den einzelnen Verbindungen vorausgesetzten Zahlen geben zugleich an,
+wie viele Pflanzen mit der entsprechenden Färbung in die Reihe gehören. Da
+die Summe derselben 16 beträgt, so sind sämmtliche Farben im Durchschnitte
+auf je 16 Pflanzen vertheilt, jedoch, wie die Reihe selbst zeigt, in
+ungleichen Verhältnissen.
+
+Würde die Farbenentwicklung wirklich in dieser Weise erfolgen, so könnte
+auch der oben angeführte Fall eine Erklärung finden, dass nämlich die
+weisse Blüthen- und Hülsenfarbe unter 31 Pflanzen der ersten Generation
+nur einmal vorkam. Diese Färbung ist in der Reihe nur einmal enthalten,
+und könnte daher auch nur im Durchschnitte unter je 16, bei drei
+Farbenmerkmalen sogar nur unter 64 Pflanzen einmal entwickelt
+werden.[23]
+
+Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass die hier versuchte Erklärung
+auf einer blossen Vermuthung beruht, die weiter nichts für sich hat, als
+das sehr unvollständige Resultat des eben besprochenen Versuches. Es wäre
+übrigens eine lohnende Arbeit, die Farbenentwicklung der Hybriden durch
+ähnliche Versuche weiter zu verfolgen, da es wahrscheinlich ist, dass wir
+auf diesem Wege die ausserordentliche Mannigfaltigkeit in der =Färbung
+unserer Zierblumen= begreifen lernen.
+
+Bis jetzt ist mit Sicherheit kaum mehr bekannt, als dass die Blüthenfarbe
+bei den meisten Zierpflanzen ein äusserst veränderliches Merkmal ist. Man
+hat häufig die Meinung ausgesprochen, dass die Stabilität der Arten durch
+die Cultur in hohem Grade erschüttert oder ganz gebrochen werde, und ist
+sehr geneigt, die Entwicklung der Culturformen als eine regellose und
+zufällige hinzustellen; dabei wird gewöhnlich auf die Färbung der
+Zierpflanzen, als Muster aller Unbeständigkeit, hingewiesen. Es ist jedoch
+nicht einzusehen, warum das blosse Versetzen in den Gartengrund eine so
+durchgreifende und nachhaltige Revolution im Pflanzenorganismus zur Folge
+haben müsse. Niemand wird im Ernste behaupten wollen, dass die Entwicklung
+der Pflanze im freien Lande durch andere Gesetze geleitet wird, als im
+Gartenbeete. Hier wie dort müssen typische Abänderungen auftreten, wenn die
+Lebensbedingungen für eine Art geändert werden und diese die Fähigkeit
+besitzt, sich den neuen Verhältnissen anzupassen. Es wird gerne zugegeben,
+dass durch die Cultur die Entstehung neuer Varietäten begünstigt und durch
+die Hand des Menschen manche Abänderung erhalten wird, welche im freien
+Zustande unterliegen müsste, allein nichts berechtigt uns zu der Annahme,
+dass die Neigung zur Varietätenbildung so ausserordentlich gesteigert
+werde, dass die Arten bald alle Selbstständigkeit verlieren und ihre
+Nachkommen in einer endlosen Reihe höchst veränderlicher Formen aus
+einander gehen. Wäre die Aenderung in den Vegetationsbedingungen die
+alleinige Ursache der Variabilität, so dürfte man erwarten, dass jene
+Culturpflanzen, welche Jahrhunderte hindurch unter fast gleichen
+Verhältnissen angebaut wurden, wieder an Selbstständigkeit gewonnen hätten.
+Das ist bekanntlich nicht der Fall, da gerade unter diesen nicht bloss die
+verschiedensten, sondern auch die veränderlichsten Formen gefunden
+werden. Nur die Leguminosen wie Pisum, Phaseolus, Lens, deren
+Befruchtungsorgane durch das Schiffchen geschützt sind, machen davon eine
+bemerkenswerthe Ausnahme. Auch da sind während einer mehr als 1000jährigen
+Cultur unter den mannigfaltigsten Verhältnissen zahlreiche Varietäten
+entstanden, diese behaupten jedoch unter gleich bleibenden
+Lebensbedingungen eine Selbstständigkeit, wie sie wild wachsenden Arten
+zukommt.
+
+Es bleibt mehr als wahrscheinlich, dass für die Veränderlichkeit der
+Culturgewächse ein Factor thätig ist, dem bisher wenig Aufmerksamkeit
+zugewendet wurde. Verschiedene Erfahrungen drängen zu der Ansicht, dass
+unsere Culturpflanzen mit wenigen Ausnahmen =Glieder verschiedener
+Hybridreihen= sind, deren gesetzmässige Weiterentwicklung durch häufige
+Zwischenkreuzungen abgeändert und aufgehalten wird. Es ist der Umstand
+nicht zu übersehen, dass die cultivirten Gewächse meistens in grösserer
+Anzahl neben einander gezogen werden, wodurch für die wechselseitige
+Befruchtung zwischen den vorhandenen Varietäten und mit den Arten selbst
+die günstigste Gelegenheit geboten wird. Die Wahrscheinlichkeit dieser
+Ansicht wird durch die Thatsache unterstützt, dass unter dem grossen Heere
+veränderlicher Formen immer einzelne gefunden werden, welche in dem einen
+oder anderen Merkmale constant bleiben, wenn nur jeder fremde Einfluss
+sorgfältig abgehalten wird. Diese Formen entwickeln sich genau eben so, wie
+gewisse Glieder der zusammengesetzten Hybridreihen. Auch bei dem
+empfindlichsten aller Merkmale, bei jenem der Farbe, kann es der
+aufmerksamen Beobachtung nicht entgehen, dass an den einzelnen Formen die
+Neigung zur Veränderlichkeit in sehr verschiedenem Grade vorkommt. Unter
+Pflanzen, die aus =einer= spontanen Befruchtung stammen, giebt es oft
+solche, deren Nachkommen in Beschaffenheit und Anordnung der Farben weit
+auseinandergehen, während andere wenig abweichende Formen liefern, und
+unter einer grösseren Anzahl einzelne getroffen werden, welche ihre
+Blumenfarbe unverändert auf die Nachkommen übertragen. Die cultivirten
+Dianthusarten geben dafür einen lehrreichen Beleg. Ein weiss blühendes
+Exemplar von Dianthus Caryophyllus, welches selbst von einer weissblumigen
+Varietät abstammte, wurde während der Blüthezeit in einem Glashause
+abgesperrt; die zahlreich davon gewonnenen Samen gaben Pflanzen mit
+durchaus gleicher weisser Blüthenfarbe. Ein ähnliches Resultat wurde
+von einer rothen, etwas ins Violette schimmernden und einer weissen, roth
+gestreiften Abart erhalten. Viele andere hingegen, welche auf dieselbe
+Weise geschützt wurden, gaben mehr oder weniger verschieden gefärbte und
+gezeichnete Nachkommen.
+
+Wer die Färbungen, welche bei Zierpflanzen aus gleicher Befruchtung
+hervorgehen, überblickt, wird sich nicht leicht der Ueberzeugung
+verschliessen können, dass auch hier die Entwicklung nach einem bestimmten
+Gesetze erfolgt, welches möglicherweise seinen Ausdruck in der =Combinirung
+mehrerer selbstständiger Farbenmerkmale= findet.
+
+
+ Schlussbemerkungen.
+
+Es dürfte nicht ohne Interesse sein, die bei Pisum gemachten Beobachtungen
+mit den Resultaten zu vergleichen, zu welchen die beiden Autoritäten in
+diesem Fache, _Kölreuter_ und _Gärtner_, bei ihren Forschungen gelangt
+sind. Nach der übereinstimmenden Ansicht beider halten die Hybriden der
+äusseren Erscheinung nach entweder die Mittelform zwischen den Stammarten,
+oder sie sind dem Typus der einen oder der anderen näher gerückt, manchmal
+von denselben kaum zu unterscheiden. Aus den Samen derselben gehen
+gewöhnlich, wenn die Befruchtung durch den eigenen Pollen geschah,
+verschiedene von dem normalen Typus abweichende Formen hervor. In der Regel
+behält die Mehrzahl der Individuen aus einer Befruchtung die Form der
+Hybride bei, während andere wenige der Samenpflanze ähnlicher werden und
+ein oder das andere Individuum der Pollenpflanze nahe kommt. Das gilt
+jedoch nicht von allen Hybriden ohne Ausnahme. Bei einzelnen sind die
+Nachkommen theils der einen theils der anderen Stammpflanze näher gerückt,
+oder sie neigen sich sämmtlich mehr nach der einen oder der anderen Seite
+hin; bei einigen aber =bleiben sie der Hybride vollkommen gleich= und
+pflanzen sich unverändert fort. Die Hybriden der Varietäten verhalten sich
+wie die Specieshybriden, nur besitzen sie eine noch grössere
+Veränderlichkeit der Gestalten und eine mehr ausgesprochene Neigung, zu den
+Stammformen zurück zu kehren.[24]
+
+In Bezug auf die =Gestalt= der Hybriden und ihre in der Regel erfolgende
+=Entwicklung= ist eine Uebereinstimmung mit den bei Pisum gemachten
+Beobachtungen nicht zu verkennen. Anders verhält es sich mit den erwähnten
+Ausnahmsfällen. _Gärtner_ gesteht selbst, dass die genaue Bestimmung,
+ob eine Form mehr der einen oder der anderen von den beiden Stammarten
+ähnlich sei, öfter grosse Schwierigkeiten habe, indem dabei sehr viel auf
+die subjective Anschauung des Beobachters ankommt. Es konnte jedoch auch
+ein anderer Umstand dazu beitragen, dass die Resultate trotz der
+sorgfältigsten Beobachtung und Unterscheidung schwankend und unsicher
+wurden. Für die Versuche dienten grösstentheils Pflanzen, welche als gute
+Arten gelten und in einer grösseren Anzahl von Merkmalen verschieden sind.
+Nebst den scharf hervortretenden Charakteren müssen da, wo es sich im
+Allgemeinen um eine grössere oder geringere Aehnlichkeit handelt, auch jene
+Merkmale eingerechnet werden, welche oft schwer mit Worten zu fassen sind,
+aber dennoch hinreichen, wie jeder Pflanzenkenner weiss, um den Formen ein
+fremdartiges Aussehen zu geben. Wird angenommen, dass die Entwicklung der
+Hybriden nach dem für Pisum geltenden Gesetze erfolgte, so musste die Reihe
+bei jedem einzelnen Versuche sehr viele Formen umfassen, da die Gliederzahl
+bekanntlich mit der Anzahl der differirenden Merkmale nach den Potenzen von
+3 zunimmt. Bei einer verhältnissmässig kleinen Anzahl von Versuchspflanzen
+konnte dann das Resultat nur annähernd richtig sein und in
+einzelnen Fällen nicht unbedeutend abweichen. Wären z. B. die beiden
+Stammarten in 7 Merkmalen verschieden und würden aus den Samen ihrer
+Hybriden zur Beurtheilung des Verwandtschaftsgrades der Nachkommen 100 bis
+200 Pflanzen gezogen, so sehen wir leicht ein, wie unsicher das Urtheil
+ausfallen müsste, da für 7 differirende Merkmale die Entwicklungsreihe
+16,384 Individuen unter 2187 verschiedenen Formen enthält. Es könnte sich
+bald die eine, bald die andere Verwandtschaft mehr geltend machen, je
+nachdem der Zufall dem Beobachter diese oder jene Formen in grösserer
+Anzahl in die Hand spielt.
+
+Kommen ferner unter den differirenden Merkmalen zugleich =dominirende=
+vor, welche ganz oder fast unverändert auf die Hybride übergehen, dann
+muss an den Gliedern der Entwicklungsreihe immer jene der beiden
+Stammarten mehr hervortreten, welche die grössere Anzahl der
+dominirenden Merkmale besitzt. In dem früher bei Pisum für dreierlei
+differirende Merkmale angeführten Versuche gehörten die dominirenden
+Charaktere sämmtlich der Samenpflanze an. Obwohl die Glieder der Reihe
+sich ihrer inneren Beschaffenheit nach gleichmässig zu beiden
+Stammpflanzen hinneigen, erhielt doch bei diesem Versuche der Typus der
+Samenpflanze ein so bedeutendes Uebergewicht, dass unter je 64 Pflanzen
+der ersten Generation 54 derselben ganz gleich kamen, oder nur in einem
+Merkmale verschieden waren. Man sieht, wie gewagt es unter Umständen
+sein kann, bei Hybriden aus der äusseren Uebereinstimmung Schlüsse auf
+ihre innere Verwandtschaft zu ziehen.
+
+_Gärtner_ erwähnt, dass in jenen Fällen, wo die Entwicklung eine
+regelmässige war, unter den Nachkommen der Hybriden nicht die beiden
+Stammarten selbst erhalten wurden, sondern nur einzelne ihnen näher
+verwandte Individuen. Bei nicht sehr ausgedehnten Entwicklungsreihen konnte
+es in der That nicht anders eintreffen. Für 7 differirende Merkmale z. B.
+kommen unter mehr als 16,000 Nachkommen der Hybride die beiden Stammformen
+nur je einmal vor. Es ist demnach nicht leicht möglich, dass dieselben
+schon unter einer geringen Anzahl von Versuchspflanzen erhalten werden; mit
+einiger Wahrscheinlichkeit darf man jedoch auf das Erscheinen einzelner
+Formen rechnen, die demselben in der Reihe nahe stehen.
+
+Einer =wesentlichen Verschiedenheit= begegnen wir bei jenen Hybriden,
+welche in ihren Nachkommen constant bleiben und sich eben so wie die reinen
+Arten fortpflanzen. Nach _Gärtner_ gehören hieher die =ausgezeichnet
+fruchtbaren= Hybriden: Aquilegia atropurpurea-canadensis, Lavatera
+pseudolbia-thuringiaca, Geum urbano-rivale und einige Dianthushybriden;
+nach _Wichura_ die Hybriden der Weidenarten. Für die Entwicklungsgeschichte
+der Pflanzen ist dieser Umstand von besonderer Wichtigkeit, weil constante
+Hybriden die Bedeutung =neuer Arten= erlangen[25]. Die Richtigkeit des
+Sachverhaltes ist durch vorzügliche Beobachter verbürgt und kann nicht in
+Zweifel gezogen werden. _Gärtner_ hatte Gelegenheit, den Dianthus
+Armeria-deltoides bis in die 10. Generation zu verfolgen, da sich derselbe
+regelmässig im Garten von selbst fortpflanzte.
+
+Bei Pisum wurde es durch Versuche erwiesen, dass die Hybriden
+=verschiedenartige= Keim- und Pollenzellen bilden, und dass hierin der
+Grund für die Veränderlichkeit ihrer Nachkommen liegt. Auch bei anderen
+Hybriden, deren Nachkommen sich ähnlich verhalten, dürfen wir eine gleiche
+Ursache voraussetzen; für jene hingegen, welche constant bleiben, scheint
+die Annahme zulässig, dass ihre Befruchtungszellen gleichartig sind und mit
+der Hybriden-Grundzelle übereinstimmen. Nach der Ansicht berühmter
+Physiologen vereinigen sich bei den Phanerogamen zu dem Zwecke der
+Fortpflanzung je eine Keim- und Pollenzelle zu einer einzigen Zelle[D],
+welche sich durch Stoffaufnahme und Bildung neuer Zellen zu einem
+selbstständigen Organismus weiter zu entwickeln vermag. Diese Entwicklung
+erfolgt nach einem constanten Gesetze, welches in der materiellen
+Beschaffenheit und Anordnung der Elemente begründet ist, die in der Zelle
+zur lebensfähigen Vereinigung gelangten. Sind die Fortpflanzungszellen
+gleichartig und stimmen dieselben mit der Grundzelle der Mutterpflanze
+überein, dann wird die Entwicklung des neuen Individuums durch dasselbe
+Gesetz geleitet, welches für die Mutterpflanze gilt. Gelingt es, eine
+Keimzelle mit einer =ungleichartigen= Pollenzelle zu verbinden, so müssen
+wir annehmen, dass zwischen jenen Elementen beider Zellen, welche die
+gegenseitigen Unterschiede bedingen, irgend eine Ausgleichung stattfindet.
+Die daraus hervorgehende Vermittlungszelle wird zur Grundlage des
+Hybriden-Organismus, dessen Entwicklung nothwendig nach einem anderen
+Gesetze erfolgt, als bei jeder der beiden Stammarten. Wird die Ausgleichung
+als eine vollständige angenommen, in dem Sinne nämlich, dass der hybride
+Embryo aus gleichartigen Zellen gebildet wird, in welchen die Differenzen
+=gänzlich und bleibend vermittelt= sind, so würde sich als weitere
+Folgerung ergeben, dass die Hybride, wie jede andere selbstständige
+Pflanzenart, in ihren Nachkommen constant bleiben werde. Die
+Fortpflanzungszellen, welche in dem Fruchtknoten und den Antheren derselben
+gebildet werden, sind gleichartig und stimmen mit der zu Grunde liegenden
+Vermittlungszelle überein.
+
+ [D] Bei Pisum ist es wohl ausser Zweifel gestellt, dass zur Bildung des
+ neuen Embryo eine vollständige Vereinigung der Elemente beider
+ Befruchtungszellen stattfinden müsse. Wie wollte man es sonst
+ erklären, dass unter den Nachkommen der Hybriden beide Stammformen
+ in gleicher Anzahl und mit allen ihren Eigenthümlichkeiten wieder
+ hervortreten? Wäre der Einfluss des Keimsackes auf die Pollenzelle
+ nur ein äusserer, wäre demselben bloss die Rolle einer Amme
+ zugetheilt, dann könnte der Erfolg einer jeden künstlichen
+ Befruchtung kein anderer sein, als dass die entwickelte Hybride
+ ausschliesslich der Pollenpflanze gleich käme, oder ihr doch sehr
+ nahe stände. Das haben die bisherigen Versuche in keinerlei Weise
+ bestätigt. Ein gründlicher Beweis für die vollkommene Vereinigung
+ des Inhaltes beider Zellen liegt wohl in der allseitig bestätigten
+ Erfahrung, dass es für die Gestalt der Hybride gleichgültig ist,
+ welche von den Stammformen die Samen- oder Pollenpflanze war.
+
+Bezüglich jener Hybriden, deren Nachkommen =veränderlich= sind, dürfte
+man vielleicht annehmen, dass zwischen den differirenden Elementen der
+Keim- und Pollenzelle wohl insofern eine Vermittlung stattfindet, dass
+noch die Bildung einer Zelle als Grundlage der Hybride möglich wird,
+dass jedoch die Ausgleichung der widerstrebenden Elemente nur eine
+vorübergehende sei und nicht über das Leben der Hybridpflanze
+hinausreiche. Da in dem Habitus derselben während der ganzen
+Vegetationsdauer keine Aenderungen wahrnehmbar sind, müssten wir weiter
+folgern, dass es den differirenden Elementen erst bei der Entwicklung
+der Befruchtungszellen gelinge, aus der erzwungenen Verbindung
+herauszutreten. Bei der Bildung dieser Zellen betheiligen sich alle
+vorhandenen Elemente in völlig freier und gleichmässiger Anordnung,
+wobei nur die differirenden sich gegenseitig ausschliessen. Auf diese
+Weise würde die Entstehung so vielerlei Keim- und Pollenzellen
+ermöglicht, als die bildungsfähigen Elemente Combinationen zulassen.
+
+Die hier versuchte Zurückführung des wesentlichen Unterschiedes in der
+Entwicklung der Hybriden auf eine =dauernde oder vorübergehende Verbindung=
+der differirenden Zellelemente kann selbstverständlich nur den Werth einer
+Hypothese ansprechen, für welche bei dem Mangel an sicheren Daten noch ein
+weiterer Spielraum offen stände. Einige Berechtigung für die ausgesprochene
+Ansicht liegt in dem für Pisum geführten Beweise, dass das Verhalten je
+zweier differirender Merkmale in hybrider Vereinigung unabhängig ist von
+den anderweitigen Unterschieden zwischen den beiden Stammpflanzen, und
+ferner, dass die Hybride so vielerlei Keim- und Pollenzellen erzeugt, als
+constante Combinationsformen möglich sind. Die unterscheidenden Merkmale
+zweier Pflanzen können zuletzt doch nur auf Differenzen in der
+Beschaffenheit und Gruppirung der Elemente beruhen, welche in den
+Grundzellen derselben in lebendiger Wechselwirkung stehen.
+
+Die Geltung der für Pisum aufgestellten Sätze bedarf allerdings selbst
+noch der Bestätigung, und es wäre deshalb eine Wiederholung wenigstens
+der wichtigeren Versuche wünschenswerth, z. B. jener über die
+Beschaffenheit der hybriden Befruchtungszellen. Dem einzelnen Beobachter
+kann leicht ein Differentiale entgehen, welches, wenn es auch anfangs
+unbedeutend scheint, doch so anwachsen kann, dass es für das
+Gesammt-Resultat nicht vernachlässigt werden darf. Ob die veränderlichen
+Hybriden anderer Pflanzenarten ein ganz übereinstimmendes Verhalten
+beobachten, muss gleichfalls erst durch Versuche entschieden werden;
+indessen dürfte man vermuthen, dass in wichtigen Punkten eine
+principielle Verschiedenheit nicht vorkommen könne, da die =Einheit= im
+Entwicklungsplane des organischen Lebens ausser Frage steht.
+
+Zum Schlusse verdienen noch eine besondere Erwähnung die von _Kölreuter_,
+_Gärtner_ u. a. durchgeführten Versuche über die =Umwandlung einer Art in
+eine andere durch künstliche Befruchtung=. Diesen Experimenten wurde eine
+besondere Wichtigkeit beigelegt, _Gärtner_ rechnet dieselben zu den
+»allerschwierigsten in der Bastarderzeugung.«
+
+Sollte eine Art _A_ in eine andere _B_ verwandelt werden, so wurden beide
+durch Befruchtung verbunden und die erhaltenen Hybriden abermals mit dem
+Pollen von _B_ befruchtet; dann wurde aus den verschiedenen Abkömmlingen
+derselben jene Form ausgewählt, welche der Art _B_ am nächsten stand, und
+wiederholt mit dieser befruchtet, und so fort, bis man endlich eine Form
+erhielt, welche der _B_ gleichkam und in ihren Nachkommen constant blieb.
+Damit war die Art _A_ in die andere Art _B_ umgewandelt. _Gärtner_ allein
+hat 30 derartige Versuche mit Pflanzen aus den Geschlechtern: Aquilegia,
+Dianthus, Geum, Lavatera, Lychnis, Malva, Nicotiania und Oenothera
+durchgeführt. Die Umwandlungsdauer war nicht für alle Arten eine gleiche.
+Während bei einzelnen eine 3malige Befruchtung hinreichte, musste diese
+bei anderen 5-6mal wiederholt werden; auch für die nämlichen Arten wurden
+bei verschiedenen Versuchen Schwankungen beobachtet. _Gärtner_ schreibt
+diese Verschiedenheit dem Umstande zu, dass »die typische Kraft, womit eine
+Art bei der Zeugung zur Veränderung und Umbildung des mütterlichen Typus
+wirkt, bei den verschiedenen Gewächsen sehr verschieden ist, und dass
+folglich die Perioden, innerhalb welcher und die Anzahl der Generationen,
+durch welche die eine Art in die andere umgewandelt wird, auch verschieden
+sein müssen, und die Umwandlung bei manchen Arten durch mehr, bei anderen
+aber durch weniger Generationen vollbracht wird.« Ferner bemerkt derselbe
+Beobachter, »dass es auch bei dem Umwandlungsgeschäfte darauf ankommt,
+welcher Typus und welches Individuum zu der weiteren Umwandlung gewählt
+wird.«
+
+Dürfte man voraussetzen, dass bei diesen Versuchen die Entwicklung der
+Formen auf eine ähnliche Weise wie bei Pisum erfolgte, so würde der
+ganze Umwandlungsprocess eine ziemlich einfache Erklärung finden. Die
+Hybride bildet so vielerlei Keimzellen, als die in ihr vereinigten
+Merkmale constante Combinationen zulassen, und eine davon ist immer
+gleichartig mit den befruchtenden Pollenzellen. Demnach ist für alle
+derartigen Versuche die Möglichkeit vorhanden, dass schon aus der
+zweiten Befruchtung eine constante Form gewonnen wird, welche der
+Pollenpflanze gleich kommt. Ob dieselbe aber wirklich erhalten wird,
+hängt in jedem einzelnen Falle von der Zahl der Versuchspflanzen ab,
+sowie von der Anzahl der differirenden Merkmale, welche durch die
+Befruchtung vereinigt wurden. Nehmen wir z. B. an, die für den Versuch
+bestimmten Pflanzen wären in 3 Merkmalen verschieden und es sollte die
+Art _ABC_ in die andere _abc_ durch wiederholte Befruchtung mit dem
+Pollen derselben umgewandelt werden. Die aus der ersten Befruchtung
+hervorgehende Hybride bildet 8 verschiedene Arten von Keimzellen,
+nämlich:
+
+ _ABC_, _ABc_, _AbC_, _aBC_, _Abc_, _aBc_, _abC_, _abc_.
+
+Diese werden im zweiten Versuchsjahre abermals mit dem Pollen _abc_
+verbunden und man erhält die Reihe:
+
+ _AaBbCc_ + _AaBbc_ + _AabCc_ + _aBbCc_ + _Aabc_ + _aBbc_
+ + _abCc_ + _abc_.
+
+Da die Form _abc_ in der 8 gliederigen Reihe einmal vorkommt, so ist es
+wenig wahrscheinlich, dass sie unter den Versuchspflanzen fehlen könnte,
+wenn diese auch nur in einer geringen Anzahl gezogen würden, und die
+Umwandlung wäre schon nach zweimaliger Befruchtung vollendet. Sollte sie
+zufällig nicht erhalten werden, so müsste die Befruchtung an einer der
+nächstverwandten Verbindungen _Aabc_, _aBbc_, _abCc_ wiederholt werden. Es
+wird ersichtlich, dass sich ein derartiges Experiment desto länger
+hinausziehen müsse, =je kleiner die Anzahl der Versuchspflanzen und je
+grösser die Zahl der differirenden Merkmale= an den beiden Stammarten ist,
+dass ferner bei den nämlichen Arten leicht eine Verschiebung um eine,
+selbst um zwei Generationen vorkommen könne, wie es _Gärtner_ beobachtet
+hat. Die Umwandlung weit abstehender Arten kann immerhin erst im 5. oder 6.
+Versuchsjahre beendet sein, indem die Anzahl der verschiedenen Keimzellen,
+welche an der Hybride gebildet werden, mit den differirenden Merkmalen nach
+den Potenzen von 2 zunimmt.
+
+_Gärtner_ fand durch wiederholte Versuche, dass die =wechselseitige=
+Umwandlungsdauer für manche Arten verschieden ist, so dass öfter eine Art
+_A_ in eine andere _B_ um eine Generation früher verwandelt werden kann,
+als die Art _B_ in die andere _A_. Er leitet daraus zugleich den Beweis ab,
+dass die Ansicht _Kölreuter_'s doch nicht ganz stichhaltig sei, nach
+welcher »die beiden Naturen bei den Bastarden einander das vollkommenste
+Gleichgewicht halten.« Es scheint jedoch, dass _Kölreuter_ diesen Tadel
+nicht verdient, dass vielmehr _Gärtner_ dabei ein wichtiges Moment
+übersehen hat, auf welches er an einer anderen Stelle selbst aufmerksam
+macht, dass es nämlich »darauf ankommt, welches Individuum zur weiteren
+Umwandlung gewählt wird«. Versuche, welche in dieser Beziehung mit zwei
+Pisum-Arten angestellt wurden, weisen darauf hin, dass es für die Auswahl
+der tauglichsten Individuen zu dem Zwecke der weiteren Befruchtung einen
+grossen Unterschied machen könne, =welche= von zwei Arten in die andere
+umgewandelt wird. Die beiden Versuchspflanzen waren in 5 Merkmalen
+verschieden, zugleich besass die Art _A_ sämmtliche dominirende, die andere
+_B_ sämmtliche recessive Merkmale. Für die wechselseitige Umwandlung wurde
+_A_ mit dem Pollen von _B_ und umgekehrt _B_ mit jenem von _A_ befruchtet,
+dann dasselbe an den beiderlei Hybriden im nächsten Jahre wiederholt. Bei
+dem ersten Versuche _B_/_A_ waren im 3. Versuchsjahre für die Auswahl der
+Individuen zur weiteren Befruchtung 87 Pflanzen vorhanden, und zwar =in den
+möglichen 32 Formen=; für den zweiten Versuch _A_/_B_ wurden 73 Pflanzen
+erhalten, welche in ihrem Habitus durchgehends =mit der Pollenpflanze
+übereinstimmten=, jedoch ihrer inneren Beschaffenheit nach eben so
+verschieden sein mussten, wie die Formen des anderen Versuches. Eine
+berechnete Auswahl war daher bloss bei dem ersten Versuche möglich, bei dem
+zweiten mussten auf den blossen Zufall hin einige Pflanzen ausgeschieden
+werden. Von den letzteren wurde nur ein Theil der Blüthen mit dem Pollen
+von _A_ befruchtet, der andere hingegen der Selbstbefruchtung überlassen.
+Unter je 5 Pflanzen, welche für die beiden Versuche zur Befruchtung
+verwendet waren, stimmten, wie der nächstjährige Anbau zeigte, mit der
+Pollenpflanze überein:
+
+ Erster Zweiter
+ Versuch Versuch
+
+ 2 Pflanzen -- in allen Merkmalen
+ 3 » -- » 4 »
+ -- 2 Pflanzen » 3 »
+ -- 2 » » 2 »
+ -- 1 Pflanze » 1 Merkmal
+
+Für den ersten Versuch war damit die Umwandlung beendet, bei dem zweiten,
+der nicht weiter fortgesetzt wurde, hätte wahrscheinlich noch eine
+zweimalige Befruchtung stattfinden müssen.
+
+Wenn auch der Fall nicht häufig vorkommen dürfte, dass die dominirenden
+Merkmale ausschliesslich der einen oder der anderen Stammpflanze angehören,
+so wird es doch immer einen Unterschied machen, =welche= von beiden die
+grössere Anzahl besitzt. Kommt die Mehrzahl der dominirenden Merkmale der
+Pollenpflanze zu, dann wird die Auswahl der Formen für die weitere
+Befruchtung einen geringeren Grad von Sicherheit gewähren, als in dem
+umgekehrten Falle, was eine Verzögerung in der Umwandlungsdauer zur Folge
+haben muss, vorausgesetzt, dass man den Versuch erst dann als beendet
+ansieht, wenn eine Form erhalten wird, die nicht nur in ihrer Gestalt der
+Pollenpflanze gleich kommt, sondern auch wie diese in den Nachkommen
+constant bleibt.
+
+Durch den Erfolg der Umwandlungsversuche wurde _Gärtner_ bewogen, sich
+gegen die Meinung derjenigen Naturforscher zu kehren, welche die Stabilität
+der Pflanzenspecies bestreiten und eine stete Fortbildung der Gewächsarten
+annehmen. Er sieht in der vollendeten Umwandlung einer Art in die andere
+den unzweideutigen Beweis, dass der Species feste Grenzen gesteckt sind,
+über welche hinaus sie sich nicht zu ändern vermag. Wenn auch dieser
+Ansicht eine bedingungslose Geltung nicht zuerkannt werden kann, so findet
+sich doch anderseits in den von _Gärtner_ angestellten Versuchen eine
+beachtenswerthe Bestätigung der früher über die Veränderlichkeit der
+Culturpflanzen ausgesprochenen Vermuthung.
+
+Unter den Versuchsarten kommen cultivirte Gewächse vor, wie Aquilegia
+atropurpurea und canadensis, Dianthus Caryophyllus, chinensis und
+japonicus, Nicotiana rustica und paniculata, und auch diese hatten nach
+einer 4-5maligen hybriden Verbindung nichts von ihrer Selbstständigkeit
+verloren.
+
+
+
+
+ II.
+
+ Ueber einige aus künstlicher Befruchtung gewonnene Hieraciumbastarde.
+
+ Von
+
+ $Gregor Mendel$.
+
+ (Mitgetheilt in der Sitzung vom 9. Juni 1869.)
+
+ Gedruckt in den Verhandlungen des naturforschenden Vereines in
+ Brünn. VIII. Bd. Abhandlungen. 1869. Brünn, 1870. Verlag des
+ Vereins. S. 26-31.
+
+
+Wiewohl ich schon mehrfache Befruchtungsversuche zwischen verschiedenen
+Arten aus dem Genus Hieracium vorgenommen habe, ist es mir bis jetzt doch
+nur gelungen, folgende 6 Bastarde und diese bloss in einem bis drei
+Exemplaren zu erhalten:
+
+ H. Auricula + H. aurantiacum[E],
+ H. Auricula + H. Pilosella,
+ H. Auricula + H. pratense,
+ H. echioides[F] + H. aurantiacum,
+ H. praealtum + H. flagellare Rchb.,
+ H. praealtum + H. aurantiacum.
+
+ [E] Durch diese Bezeichnung wird angedeutet, dass der Bastard aus der
+ Befruchtung des H. Auricula mit dem Pollen des H. aurantiacum
+ erhalten wurde.
+
+ [F] Diese Versuchspflanze ist nicht genau das typische H. echioides. Sie
+ scheint der Uebergangsreihe zu H. praealtum anzugehören, steht
+ jedoch dem H. echioides näher, weshalb sie auch in den Formenkreis
+ des letzteren eingestellt wurde.
+
+Die Schwierigkeit, Bastarde in einer grösseren Anzahl zu gewinnen, liegt
+in dem Umstande, dass es bei der Kleinheit der Blüthen und dem
+eigenthümlichen Baue derselben nur selten gelingt, die Antheren aus der zu
+befruchtenden Blüthe zu entfernen, ohne dass der eigene Pollen auf die
+Narbe gelangt, oder der Griffel verletzt wird und abstirbt. Bekanntlich
+sind die Antheren in ein Röhrchen verwachsen, welches den Griffel enge
+umschliesst. Sobald die Blüthe sich öffnet, tritt die Narbe schon mit
+Pollen überdeckt aus dem Röhrchen hervor. Um die Selbstbefruchtung zu
+verhüten, muss deshalb das Antherenröhrchen noch vor dem Aufblühen entfernt
+und zu diesem Zwecke die Knospe mittelst einer feinen Nadel aufgeschlitzt
+werden. Wird diese Operation zu einer Zeit vorgenommen, wo der Pollen schon
+Befruchtungsfähigkeit erlangt hat, was 2-3 Tage vor dem Aufblühen der Fall
+ist, so gelingt es nur selten, die Selbstbefruchtung zu hindern, da es bei
+aller Aufmerksamkeit nicht leicht möglich ist, zu verhüten, dass bei dem
+Aufschlitzen des Röhrchens einzelne Pollenkörner ausgestreut und der Narbe
+mitgetheilt werden. Keinen besseren Erfolg gewährte bis jetzt die
+Entfernung der Antheren in einem früheren Entwicklungsstadium. Vor dem
+Eintritte der Pollenreife sind nämlich die noch sehr zarten Griffel und
+Narben gegen Druck und Verletzungen äusserst empfindlich, und wenn sie auch
+nicht beschädigt wurden, welken und trocknen sie doch gewöhnlich nach
+kurzer Zeit ab, sobald sie ihrer schützenden Hüllen beraubt sind. Dem
+letzteren Uebelstande hoffe ich dadurch abzuhelfen, dass die Pflanze nach
+der Operation durch 2 bis 3 Tage der feuchten Atmosphäre des Warmhauses
+ausgesetzt wird. Ein Versuch, der vor Kurzem mit H. Auricula in dieser
+Weise angestellt wurde, lieferte ein gutes Resultat.
+
+Um den Zweck anzudeuten, zu welchem die Befruchtungsversuche unternommen
+wurden, erlaube ich mir einige Bemerkungen über das Genus Hieracium
+vorauszuschicken. Dieses Genus besitzt einen so ausserordentlichen
+Reichthum an selbstständigen Formen, wie ihn kein anderes
+Pflanzengeschlecht aufweisen kann. Einzelne davon sind durch besondere
+Eigenthümlichkeiten ausgezeichnet und werden als Hauptformen oder Arten
+betrachtet, während alle übrigen sich als Mittelbildungen oder
+Uebergangsformen darstellen, durch welche die Hauptformen mit einander
+zusammenhängen. Die Schwierigkeit in der Gliederung und Abgrenzung dieser
+Formen hat die Aufmerksamkeit der Fachgelehrten immer in Anspruch genommen.
+Ueber keine andere Gattung ist so viel geschrieben, sind so viele und
+heftige Kämpfe geführt worden, ohne dass es bis jetzt zu einem Abschlusse
+gekommen wäre. Es ist voraus zu sehen, dass eine Verständigung nicht zu
+erzielen sein wird, so lange nicht der Werth und die Bedeutung der
+Zwischen- oder Uebergangsformen erkannt ist.
+
+Bezüglich der Frage, ob und in welchem Umfange die Bastardbildung an dem
+Formenreichthum des genannten Geschlechtes Antheil nimmt, begegnen wir
+unter den ersten Pflanzenkennern sehr abweichenden, sogar völlig
+widersprechenden Ansichten. Während einige derselben einen weit
+reichenden Einfluss zugestehen, wollen andere, z. B. _Fries_, bei Hieracien
+von Bastarden überhaupt nichts wissen. Noch andere nehmen eine vermittelnde
+Stellung ein und geben zu, dass Bastarde unter den wildwachsenden Arten
+nicht selten gebildet werden, behaupten jedoch, dass denselben eine
+wichtigere Bedeutung aus dem Grunde nicht beizumessen sei, weil sie immer
+nur von kurzem Bestande sind. Die Ursache davon liege theils in der
+geringen Fruchtbarkeit oder gänzlichen Sterilität derselben, theils aber in
+der durch Versuche erwiesenen Erfahrung, dass bei Bastarden die
+Selbstbefruchtung immer ausgeschlossen werde, wenn der Pollen der
+Stammarten auf die Narben derselben gelangt. Es sei demnach undenkbar, dass
+Hieracienbastarde sich in der Nähe ihrer Stammeltern zu vollkommen
+fruchtbaren und constanten Formen herausbilden und behaupten könnten.
+
+Die Frage über den Ursprung der zahlreichen constanten Zwischenformen hat
+in neuester Zeit nicht wenig an Interesse gewonnen, seitdem ein berühmter
+Hieracienkenner im Geiste der _Darwin_'schen Lehre die Ansicht vertritt,
+dass dieselben aus der Transmutation untergegangener oder noch bestehender
+Arten herzuleiten seien.
+
+Es liegt in der Sache, um die es sich hier handelt, dass eine genaue
+Kenntnis der Bastarde in Bezug auf ihre Gestalt und Fruchtbarkeit, sowie
+auf das Verhalten ihrer Nachkommen durch mehrere Generationen unerlässlich
+ist, wenn man es unternehmen will, den Einfluss zu beurtheilen, den
+möglicherweise die Bastardbildung auf die Mannigfaltigkeit der
+Zwischenformen bei Hieracium ausübt. Das Verhalten der Hieracium-Bastarde
+in dem angedeuteten Umfange muss nothwendig durch Versuche ermittelt
+werden, da wir eine abgeschlossene Theorie der Bastardbildung nicht
+besitzen, und es zu irrigen Anschauungen führen könnte, wenn man die aus
+der Beobachtung einiger anderer Bastarde abgeleiteten Regeln schon für
+Gesetze der Bastardbildung ansehen und ohne weitere Kritik auf Hieracium
+ausdehnen wollte. Gelingt es auf dem Wege des Experimentes eine genügende
+Einsicht in die Bastardbildung der Hieracien zu erlangen, dann wird mit
+Zuhilfenahme der Erfahrungen, welche über die Vegetationsverhältnisse der
+verschiedenen wild wachsenden Formen gesammelt wurden, ein competentes
+Urtheil in dieser Frage möglich werden.
+
+Damit ist zugleich der Zweck ausgesprochen, den die in Rede stehenden
+Versuche anstreben. Ich erlaube mir nun mit Berücksichtigung dieses Zweckes
+die bisherigen noch sehr geringen Ergebnisse kurz zusammenzufassen.[26]
+
+1. Bezüglich der Gestalt der Bastarde haben wir die auffallende
+Erscheinung zu registriren, dass die bis jetzt aus gleicher Befruchtung
+erhaltenen Formen nicht identisch sind. Die Bastarde H. praealtum + H.
+aurantiacum und H. Auricula + H. aurantiacum sind durch je zwei, H.
+Auricula + H. pratense ist durch drei Exemplare vertreten, während von den
+übrigen bisher nur je eines erhalten wurde. Wenn wir die einzelnen Merkmale
+dieser Bastarde mit den correspondierenden Charakteren der beiden
+Stammeltern vergleichen, so finden wir, dass dieselben theils
+Mittelbildungen darstellen, theils aber dem einen der beiden Stamm-Merkmale
+so nahe stehen, dass das andere weit zurücktritt oder fast der Beobachtung
+entschwindet. So z. B. sehen wir an der einen der beiden Formen von H.
+Auricula + H. aurantiacum rein gelbe Scheibenblüthen, nur die Ligeln der
+Randblümchen sind an der Aussenseite kaum merklich roth angehaucht: bei der
+anderen hingegen kommt die Blüthenfarbe jener des H. aurantiacum sehr nahe,
+nur gegen die Mitte der Scheibe hin geht das Orangeroth in ein sattes
+Goldgelb über. Dieser Unterschied ist beachtenswerth, da die Blüthenfarbe
+bei Hieracien die Geltung eines constanten Merkmales besitzt. Andere
+ähnliche Fälle finden sich an den Blättern, Blüthenständen u. s. w.
+
+Vergleicht man die Bastarde mit den Stammeltern nach der Gesammtheit ihrer
+Merkmale, dann stellen die beiden Formen des H. praealtum + H. aurantiacum
+nahezu Mittelformen dar, die jedoch in einzelnen Merkmalen nicht
+übereinstimmen. Dagegen sehen wir bei H. Auricula + H. aurantiacum und H.
+Auricula + H. pratense die Formen weit auseinandergehen, so zwar, dass eine
+davon sich der einen, die andere der zweiten Stammpflanze nahe stellt,
+während bei dem zuletzt genannten Bastarde noch eine dritte vorhanden ist,
+welche zwischen beiden fast die Mitte hält.
+
+Es drängt sich von selbst die Vermuthung auf, dass wir hier nur einzelne
+Glieder aus noch unbekannten Reihen vor uns haben, welche durch die
+unmittelbare Einwirkung des Pollens der einen Art auf die Keimzellen einer
+anderen gebildet werden.
+
+2. Die besprochenen Bastarde bilden, mit Ausnahme eines einzigen,
+keimfähige Samen. Als vollkommen fruchtbar ist zu bezeichnen: H. echioides
++ H. aurantiacum, als fruchtbar H. praealtum + H. flagellare, als
+theilweise fruchtbar H. praealtum + H. aurantiacum und H. Auricula + H.
+pratense, als wenig fruchtbar H. Auricula + H. Pilosella, als unfruchtbar
+H. Auricula + H. aurantiacum. Von den beiden Formen des zuletzt genannten
+Bastardes war die roth blühende ganz steril, von der gelb blühenden wurde
+ein einziger gut ausgebildeter Same erhalten. Ferner kann nicht unerwähnt
+bleiben, dass unter den Sämlingen des theilweise fruchtbaren Bastardes
+H. praealtum + H. aurantiacum eine Pflanze die vollkommene Fruchtbarkeit
+erlangt hat[27].
+
+3. Die aus Selbstbefruchtung hervorgegangenen Nachkommen der Bastarde
+haben bis jetzt nicht variirt, sie stimmen in ihren Merkmalen untereinander
+und mit der Bastardpflanze, von welcher sie abstammen, überein. Von H.
+praealtum + H. flagellare sind bis jetzt zwei Generationen, von H.
+echioides + H. aurantiacum, H. praealtum + H. aurantiacum, H. Auricula + H.
+Pilosella je eine Generation in 14 bis 112 Exemplaren zur Blüthe gelangt.
+
+4. Es ist die Thatsache zu constatiren, dass bei dem vollkommen fruchtbaren
+Bastarde H. echioides + H. aurantiacum der Pollen der Stammeltern nicht im
+Stande war, die Selbstbefruchtung zu hindern, obwohl derselbe den Narben,
+während sie beim Aufblühen der Antherenröhrchen hervortraten, in grosser
+Menge mitgetheilt wurde.
+
+Aus zwei auf diese Weise behandelten Blüthenköpfchen wurden durchaus mit
+der Bastardpflanze übereinstimmende Sämlinge erhalten. Ein ganz ähnlicher
+Versuch, der schon im heurigen Sommer an dem theilweise fruchtbaren
+Bastarde H. praealtum + H. aurantiacum vorgenommen wurde, hat zu dem
+Ergebnisse geführt, dass jene Blüthenköpfchen, an welchen die Narben mit
+dem Pollen der Stammeltern oder anderer Arten belegt wurden, eine merklich
+grössere Anzahl guter Samen entwickelten, als jene, welche der
+Selbstbefruchtung überlassen blieben. Die Erklärung dieser Erscheinung
+dürfte bei dem Umstande, dass ein grosser Theil der Pollenkörner des
+Bastardes unter dem Mikroskope eine mangelhafte Ausbildung zeigt, wohl nur
+darin zu suchen sein, dass bei dem natürlichen Verlaufe der
+Selbstbefruchtung ein Theil der conceptionsfähigen Eichen wegen schlechter
+Beschaffenheit des eigenen Pollens nicht befruchtet wird.
+
+Auch bei wild wachsenden, ganz fruchtbaren Arten kommt es nicht selten vor,
+dass in einzelnen Blüthenköpfchen die Pollenbildung fehlschlägt und in
+mancher Anthere auch nicht ein einziges gutes Körnchen entwickelt wird.
+Wenn in solchen Fällen dennoch Samen gebildet werden, so muss die
+Befruchtung durch fremde Pollen erfolgt sein. Dabei können leicht Bastarde
+entstehen, indem mancherlei Insekten, namentlich geschäftige Hymenopteren,
+die Hieracium-Blüthen mit grosser Vorliebe besuchen und sicherlich dafür
+Sorge tragen, dass der an ihrem haarigen Körper leicht anhängende Pollen
+benachbarter Pflanzen auf die Narben gelangt.
+
+Aus dem Wenigen, das ich hier mittheilen kann, wird ersichtlich, dass
+die Arbeit noch kaum über ihre ersten Anfänge hinausreicht. Ich musste
+wohl Bedenken tragen, an diesem Orte eben erst begonnene Versuche zu
+besprechen. Nur die Überzeugung, dass die Durchführung der projectirten
+Experimente noch eine Reihe von Jahren in Anspruch nehmen müsse, und die
+Ungewissheit, ob es mir vergönnt sein wird, dieselben zu Ende zu führen,
+konnten mich zu der heutigen Mittheilung bestimmen. Durch die Güte des
+Herrn Directors Dr. _Nägeli_ in München, welcher mir fehlende Arten,
+namentlich aus den Alpen freundlichst zugesendet hat, bin ich nun in den
+Stand gesetzt, eine grössere Anzahl von Formen in den Kreis der Versuche
+zu ziehen, und darf hoffen, schon im kommenden Jahre Einiges zur
+Ergänzung und Sicherstellung der heutigen Angaben nachholen zu
+können.[28]
+
+Wenn wir schliesslich die besprochenen, allerdings noch sehr unsicheren
+Resultate mit jenen vergleichen, welche aus Kreuzungen verschiedener
+Pisum-Formen erhalten wurden, und welche ich im Jahre 1865 hier
+mitzutheilen die Ehre hatte,[G] so begegnen wir einer sehr wesentlichen
+Verschiedenheit. Bei Pisum haben die Bastarde, welche unmittelbar aus der
+Kreuzung zweier Formen gewonnen werden, in allen Fällen den gleichen Typus,
+ihre Nachkommen dagegen sind veränderlich und variiren nach einem
+bestimmten Gesetze. Bei Hieracium scheint sich nach den bisherigen
+Versuchen das gerade Gegentheil davon herausstellen zu wollen. Schon bei
+Besprechung der Pisum-Versuche wurde darauf hingewiesen, dass es auch
+Bastarde gibt, deren Nachkommen nicht variiren, dass z. B. nach _Wichura_
+die Bastarde von Salix sich unverändert wie reine Arten fortpflanzen. Wir
+hätten demnach bei Hieracium einen analogen Fall. Ob man bei diesem
+Umstande die Vermuthung aussprechen dürfe, dass die Polymorphie der
+Gattungen Salix und Hieracium mit dem eigentlichen Verhalten ihrer Bastarde
+in Zusammenhang stehe, das ist bis jetzt noch eine Frage, die sich wohl
+anregen, nicht aber beantworten lässt.
+
+ [G] Verhandlungen des naturforschenden Vereines in Brünn, IV. Bd.
+ Abhandlungen p. 3.
+
+
+
+
+ Anmerkungen.
+
+
+Die beiden Abhandlungen, welche durch diese Neuausgabe in zweiter Auflage
+einem weiteren Leserkreise zugänglich gemacht werden sollen, haben zur Zeit
+ihrer mündlichen Mitteilung (1865 und 1869) und ihres Erscheinens im Druck
+(1866 und 1870) lange nicht jene Würdigung gefunden, die sie als
+grundlegende Beiträge zur Lehre von der Bastarderzeugung, ja zur
+Konstitutionslehre und Entwicklungsgeschichte der organischen Formen
+überhaupt verdienten. Allerdings waren bereits vor _Mendel_ von
+_Kölreuter_, _Gärtner_, _Herbert_, _Lecocq_, _Wichura_ u. a. vielseitige
+Untersuchungen über die Bastarderzeugung im Pflanzenreiche angestellt
+worden, doch hatte keiner dieser Forscher auch nur versucht, Gesetze für
+die Gestaltungsweise der Hybriden aufzustellen. _Mendel_ hat als Erster in
+dieser Absicht höchst mühevolle Detailversuche, hauptsächlich an Erbsen (in
+über 10 000 Exemplaren), Bohnen und Hieracien angestellt, und zwar »in dem
+Umfange und der Weise, dass es möglich war, die Anzahl der verschiedenen
+Formen, unter welchen die Nachkommen der Hybriden auftreten, zu bestimmen,
+dass man diese Formen mit Sicherheit in den einzelnen Generationen ordnen
+und die gegenseitigen numerischen Verhältnisse feststellen konnte.«
+(_Mendel_). Den Ausgangspunkt für die experimentelle Feststellung von
+Vererbungsregeln -- im Gegensatze zu der bisherigen Auffassung, dass in der
+Bastarderzeugung jede Gesetzmässigkeit und damit jede Möglichkeit einer
+Vorhersage fehle -- bildete nicht die Verfolgung der grösseren oder
+geringeren Gesammtähnlichkeit der Hybriden mit ihren Eltern, sondern die
+Zerlegung der Gesammterscheinung beider Eltern in Einzeleigenschaften, die
+paarweise Gegenüberstellung der Unterscheidungsmerkmale und ihre gesonderte
+Verfolgung bezüglich der Vererbung an den Bastarden. Man kann diese von
+_Mendel_ begründete Methode »die systematische Merkmalanalyse oder die
+biologische Elementaranalyse der äusseren Erscheinung« nennen. Ihr
+wichtigstes Ergebnis ist die Feststellung, dass sich die einzelnen Merkmale
+bei der Vererbung im allgemeinen ganz selbständig verhalten, das heisst
+sich von einander trennen, bzw. sich frei nach allen Chancen des Zufalles
+kombinieren können, kurz, dass jede pflanzliche Form aus selbständigen
+biologischen Einheiten besteht. Neben der rein erfahrungsmässigen,
+phänomenologischen Auffassung und Darstellung spielt jedoch schon bei
+_Mendel_ der Gedanke eine erhebliche Rolle, dass die Einzeleigenschaften
+als selbständige Elemente oder Komponenten der äusseren Erscheinung
+ursächlich auf gesonderte selbständige Zellelemente zurückzuführen seien
+(vgl. S. 42). Diese kausale Betrachtungsweise vertieft die Merkmalanalyse,
+die Lehre von der äusserlichen oder scheinbaren Vererbung, zur Analyse der
+Einzelursachen, zur Lehre von der innerlichen oder wesentlichen Vererbung.
+Diese Grundgedanken _Mendels_ haben eine Weiterentwicklung gefunden,
+zunächst durch die Theorie von der Kryptomerie (Lehre vom Gehalt an
+unsichtbaren, latenten jedoch reaktionsfähigen, manifestablen Anlagen --
+_E. v. Tschermak_), dann speziell durch die Faktorentheorie. Die letztere
+sei charakterisiert als die Lehre von der Bewirkung der Merkmale durch
+selbständige Teilursachen oder Faktoren, welche entweder durch
+Zusammentreffen (Synthese, sei es in Form von Kombination, Hemmung,
+Verdrängung oder Verdeckung) oder durch Trennung aus dem bisherigen
+Zusammenhang (Analyse, sei es in Form von Dissolution, Freigabe, Auftauchen
+aus Verdrängung oder Verdeckung) charakteristische, die äussere Erscheinung
+bestimmende Beziehungen zu einander verraten können; bei der Analyse der
+beiden Elternformen werden ausschliesslich Besitz und Mangel desselben
+Faktors einander gegenüber gestellt, -- abgesehen vom beiderseitigen Besitz
+oder Mangel von Faktoren (_Correns_, _Cuénot_, _Bateson_, _Punnett_,
+_Shull_ u. a.).
+
+Auch die Bedeutung der gewonnenen Regeln für die Bildung neuer Formen sowie
+für die praktische Züchtung hat _Mendel_ wohl geahnt.
+
+Die beiden gedrängten Mitteilungen, welche _Mendel_ über die ihn durch
+lange Jahre beschäftigenden Fragen in kleinem Kreise gemacht und an einem
+schwer zugänglichen Orte veröffentlicht hatte (nur 30 Sonderabdrücke hat
+der bescheidene Gelehrte bestellt und versendet), führten zwar zu einer
+interessanten Korrespondenz mit _C. v. Nägeli_, gerieten jedoch bald in
+fast völlige Vergessenheit. Nur der Sammeleifer von _W. O. Focke_ bewahrte
+in seinem bekannten Buche: »Die Pflanzenmischlinge« (Berlin 1881), einen
+Hinweis auf. Er lautet auf Seite 110: »_Mendels_ zahlreiche
+Kreuzungsversuche ergaben Resultate, die dem _Knight_'schen ganz ähnlich
+waren, doch glaubte _Mendel_, konstante Zahlenverhältnisse zwischen den
+Typen der Mischlinge zu finden.« So kam es, dass das Wesentliche der
+bereits von _Mendel_ festgestellten Ergebnisse gleichzeitig und unabhängig
+von drei Forschern, _C. Correns_ (Münster), _E. v. Tschermak_ (Wien), _Hugo
+de Vries_ (Amsterdam) neu gewonnen werden musste, und die drei Genannten
+erst beim nachträglichen Durchsuchen der Litteratur auf _Mendels_
+grundlegende Vorarbeiten stiessen. Mit dieser Wiederentdeckung (1900) wurde
+für die experimentelle Biologie eine neue, überaus fruchtbare
+Arbeitsrichtung erschlossen, die heute bereits allgemein als »Mendelismus«
+bezeichnet wird. Dieselbe hat in England besonders durch ihre
+Hauptvertreter _W. Bateson_ und seine Schule (speziell _R. C. Punnett_,
+Miss _E. R. Saunders_ und _R. H. Lock_), ferner _C. Hurst_ und _Biffen_, in
+Amerika durch _Castle_, _Davenport_, _Shull_, _Emerson_ und _Spillman_, in
+Deutschland durch _C. Correns_, _V. Häcker_ und _E. Baur_, in Oesterreich
+durch _E. v. Tschermak_, in der Schweiz durch _A. Lang_, in Schweden durch
+_Nilsson-Ehle_, in Japan durch _K. Toyama_ sehr erfolgreiche Pflege
+gefunden. Auch auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Züchtung hat der
+»Mendelismus« neubelebend und richtunggebend gewirkt.
+
+Aus den nicht sehr reichen biographischen Daten lässt sich folgendes Bild
+gewinnen.
+
+Johann _Mendel_ wurde am 20. Juli 1822 zu Heinzendorf, einem kleinen,
+zwischen Odrau und Leipnik gelegenen Dörfchen an der mährisch-schlesischen
+Grenze als Sohn einfacher Bauersleute geboren. Von seinem Vater für den
+landwirtschaftlichen Beruf als zukünftiger Uebernehmer des kleinen Besitzes
+bestimmt, wurde der aufgeweckte Hans schon in jungen Jahren mit der
+Landwirtschaft und einigen gärtnerischen Handgriffen, wie Pfropfen,
+vertraut gemacht. Dem Zureden des Dorfschullehrers sowie Mendels Mutter
+gelang es, den anfangs widerstrebenden Vater zu bewegen, den Bitten des
+Knaben nachzugeben und ihn studieren zu lassen. Zunächst wurde er in die
+Bürgerschule nach Leipnik geschickt. Das Gymnasium absolvierte er binnen
+sechs Jahren unter grossen finanziellen Schwierigkeiten in Troppau und
+machte dann in Olmütz die zwei sogenannten philosophischen Jahrgänge durch,
+welche der 7. und 8. Klasse unserer heutigen Gymnasien entsprachen. Der
+Direktor des Gymnasiums, ein Augustinerpriester, mag den jungen Mann auf
+den Gedanken gebracht haben, sich dem geistlichen Stande zu widmen. Von
+seinem Physiklehrer, der ihn seinen besten Schüler nannte, an den Prälaten
+des Altbrünner Augustinerstiftes empfohlen, wurde er im Jahre 1843 als
+Novize mit dem Namen Gregor eingekleidet. Nach zwei Jahren studierte er
+1845-1848 in Brünn Theologie und war dann kurze Zeit in der Seelsorge
+tätig, von der er aber bald wieder enthoben wurde. Zwei Jahre verbrachte er
+hierauf als supplierender Lehrer am Znaimer Gymnasium, wo er Physik und
+Mathematik vorzutragen hatte und kehrte 1851 nach Brünn zurück als Lehrer
+am Vorbereitungskurs der technischen Lehranstalt, aus der sich später die
+technische Hochschule entwickelte. Vom Kloster im Oktober 1851 nach Wien an
+die Universität entsendet, war er hier durch fünf Semester
+ausserordentlicher Hörer. Von seinen Lehrern seien die Botaniker _Fenzl_
+und _Unger_, die Physiker _Doppler_ und _Ettinghausen_, sowie der Chemiker
+_Redtenbacher_ genannt. Im Jahre 1854 wurde _Mendel_ Lehrer für
+Naturgeschichte und Physik an der K. K. Oberrealschule in Brünn. Hier
+wirkte er 14 Jahre lang als ausgezeichnete, von seinen Kollegen und
+Schülern geliebte und verehrte Lehrkraft bis zu seiner am 13. Mai 1868
+erfolgten Wahl zum Abte seines Stiftes. Als solcher opferte er seine durch
+Kränklichkeit gefährdete Arbeitskraft so gut wie völlig der Leitung des
+Klosters (1869-1884) und verzehrte sich förmlich in schweren Kämpfen
+um die finanzielle Sicherung von dessen Zukunft gegenüber den
+Besteuerungsmassregeln der damaligen Regierung. Im Jahre 1869 war
+_Mendel_ einer der Vize-Präsidenten des Naturforschenden Vereines in
+Brünn. Er starb am 6. Jänner 1884.
+
+_Mendels_ naturwissenschaftliche Arbeiten fallen in die Jahre 1856-1872.
+Seine an Umfang und Zahl sehr reichen botanischen Versuche stellte er im
+Garten seines Klosters an. Nur die Resultate seiner Bastardierungsversuche
+mit Pisum- und Phaseolus-Rassen, ferner mit Hieracium-Arten legte er in
+schier allzu weit gehender Kürze 1865, bzw. 1866 und 1869 bzw. 1870 in den
+Schriften des Naturforschenden Vereines in Brünn nieder. Diese
+Mitteilungen, welche selbst schon eine publizistische Fortsetzung und eine
+Erweiterung durch _Mendel_ sehr wünschenswerth hätten erscheinen lassen,
+umfassen jedoch nur einen bescheidenen Teil dessen, was er beobachtet und
+gearbeitet hat. So erwähnen die Sitzungsberichte des Naturforschenden
+Vereins in Brünn (1866, S. 52), dass _Mendel_ in frischem Zustande zwei von
+ihm gezogene Bastarde, nämlich Verbascum phoeniceum × weissblühendem
+Verbascum Blattaria und Campanula media × pyramidalis zeigte. _Mendel_
+spricht ferner in der I. Abhandlung auch von einigen Versuchen an Lathyrus
+(S. 9) und Dianthus Caryophyllus (S. 37). In seinen Briefen an _C. v.
+Nägeli_, durch deren Herausgabe _C. Correns_ unsere Kenntnis von der
+Forschernatur _Mendels_ und von dem Umfange seiner Arbeiten in sehr
+dankenswerther Weise gefördert hat, erwähnt _Mendel_ auch eigene
+Bastardierungsversuche zwischen verschiedenfarbigen Levkojensippen, welche
+ihn mindestens 6 Jahre beschäftigten, an Geum, Cirsium, Aquilegia, Linaria,
+Mirabilis, Melandrium, Zea, Verbascum, Antirrhinum, Ipomaea, Tropaeolum,
+Calceolaria. Nach seiner Wahl zum Prälaten fand _Mendel_ leider nur mehr in
+den ersten 4 Jahren noch Zeit, seine Beobachtungen systematisch
+fortzusetzen. Auch zu einer Verarbeitung des bereits gewonnenen Materials
+für weitere Veröffentlichungen ist er nicht mehr gekommen. Seine gewiss mit
+höchster Genauigkeit geführten Beobachtungsjournale scheinen leider
+verloren gegangen zu sein. Die Anregungen zu den Untersuchungen über
+Pflanzenhybriden gab ihm allem Anscheine nach die in den 50er und 60er
+Jahren besonders lebhafte Diskussion über die Entstehung der Arten und
+speziell die Auffassungen, zu welchen _C. v. Nägeli_ für die Formenkreise
+von Hieracium gekommen war. _v. Nägeli_ gab _Mendel_ direkte briefliche
+Anleitung zur Kultur und Kastration der Hieraciumformen, von denen er
+einzelne _Mendel_ zusandte, hat jedoch die wesentliche Bedeutung der
+Forschungen _Mendels_ nicht erfasst. _Mendel_ hinwiederum überliess _v.
+Nägeli_ Proben seiner Hybriden von Pisum, Hieracium, Cirsium, Geum und
+Linaria.
+
+Für die Gärtnerei hatte _Mendel_ ein besonderes Interesse. Im
+Klostergarten nahm er Pfropfungen an Obstbäumen vor, und eine von ihm
+gezüchtete Fuchsie wurde von den Gärtnern seiner Zeit sehr geschätzt und
+Mendelfuchsie benannt. Es ist nicht bekannt, wie diese gefüllte Fuchsie
+gezüchtet wurde. Auf einem Gruppenbilde ist _Mendel_, einen Zweig dieser
+Fuchsie in der Hand haltend, abgebildet. -- Als eifriger Imker stellte
+_Mendel_ auch Bastardierungsversuche mit Bienen an. Er zeigte
+im Vereine der Bienenzüchter sowie manchen seiner Besucher
+solche Bastardierungsprodukte vor, leider ohne darüber etwas zu
+veröffentlichen. Am ausführlichsten berichtet über diese Versuche Dr.
+_M. Schindler_ in seiner Gedenkrede.
+
+Neben der Botanik gehört _Mendel's_ Interesse hauptsächlich der
+Meteorologie. Die Resultate seiner mehrjährigen Beobachtungen, die von
+allen Fachmännern als mustergültig bezeichnet werden, veröffentlichte er
+vom Jahre 1862 ab in den obengenannten Verhandlungen und gab durch
+dieselben Veranlassung zur Ausdehnung des meteorologischen
+Beobachtungsnetzes über ganz Mähren und Schlesien. _Mendel_ beschäftigte
+sich auch viele Jahre hindurch mit Grundwassermessungen sowie mit
+Beobachtungen über Sonnenflecken; doch sind leider in Folge seines zuletzt
+sehr leidenden Zustandes die Resultate unveröffentlicht geblieben, auch
+fand sich Niemand, der die im Kloster befindlichen Beobachtungsbücher zur
+Fortsetzung jener Studien benützt hätte. Gelegentlich einer Zyklone im
+Jahre 1870, die das Kloster arg beschädigte, trug _Mendel_ im
+Naturforschenden Vereine seine teils selbst gemachten, teils durch
+Erkundigungen und Nachforschungen in der Umgebung von Brünn gewonnenen
+Beobachtungen über jenes Phänomen vor und veröffentlichte einen Auszug
+seines Vortrages in den Vereinsschriften.
+
+Die ausserordentliche Wertschätzung, welche der Mendelismus in den letzten
+10 Jahren in allen biologischen Disziplinen gefunden, und seine
+epochemachende Bedeutung für das Gesamtgebiet der Vererbungsfragen kam so
+recht deutlich zum Ausdruck bei der am 2. Oktober 1910 erfolgten Enthüllung
+des Gregor Mendeldenkmales in Brünn, zu welcher Feier sich eine selten
+zahlreiche Versammlung von aus- und inländischen Gelehrten eingefunden
+hatte.
+
+ * * * * *
+
+_Gregor Mendel_ hat folgende Arbeiten und zwar durchwegs in den
+Verhandlungen des Naturforschenden Vereines in Brünn veröffentlicht:
+
+Bemerkungen zu der graphisch-tabellarischen Uebersicht der
+meteorologischen Verhältnisse von Brünn. Bd. I. 1864. S. 246.
+
+Meteorologische Beobachtungen aus Mähren und Schlesien für die Jahre
+1864-1867. Bd. II-V; in den späteren Jahren mitbeteiligt.
+
+Versuche über Pflanzenhybriden. Bd. IV. 1866. S. 3-...
+
+Ueber einige aus künstlicher Befruchtung gewonnene Hieraciumbastarde.
+Bd. VIII. 1870. S. 26-31.
+
+ (Die beiden Arbeiten _Gregor Mendels_ wurden bereits im Jahre 1900
+ von _E. v. Tschermak_ zur Aufnahme in Ostwald's Klassiker der
+ exakten Wissenschaften empfohlen, doch zögerte man längere Zeit mit
+ der Annahme, so dass schließlich der von _C. Goebel_ besorgte
+ Abdruck der ersten Abhandlung _Mendels_ in der _Flora_ (Erg.-Bd.
+ 89. Jg. 1901), einige Wochen früher erschien. Eine englische
+ Uebersetzung publizierte _W. Bateson_ im Journ. of the R. Hort.
+ Society Bd. 1901, in _Mendels_ principles of heredity. A Defense.
+ Cambridge 1902 und _Mendels_ principles of heredity. Cambridge
+ 1909.)
+
+Die Windhose am 13. Oktober 1870. Bd. IX. S. 229. 1871.
+
+_Gregor Mendels_ Briefe an _Carl v. Nägeli_. Herausgegeben von _C.
+Correns_. Abh. der Kgl. Sächs. Ges. d. Wiss. Math.-phys. Kl. 29. Jg. III.
+Leipzig 1905. S. 189. -- Einige der Antwortschreiben _Carl v. Nägelis_
+wurden kürzlich in Brünn aufgefunden; ihre Ausgabe durch _Dr. H. Iltis_ ist
+zu erwarten.
+
+Biographische Daten über _Gregor Mendel_ finden sich an folgenden Orten:
+
+_A. Schindler_ (Stadtarzt in Zuckmantel, Schlesien) Gedenkrede auf
+Prälaten _Gr. J. Mendel_ anlässlich der Gedenktafel-Enthüllung in
+Heinzendorf, Schlesien, am 20. Juli 1902. (Selbstverlag.)
+
+_H. Iltis_. _Johann Gregor Mendel's_ Leben. Tagesbote aus Mähren und
+Schlesien, 21. Juli 1906. Nr. 337.
+
+-- _Gregor Mendel_. Naturw. Wochenschrift Nr. 47. 1910.
+
+Aus der ungemein reichen Litteratur über den Mendelismus seien zunächst die
+Wiederentdeckungs-Publikationen angeführt:
+
+_C. Correns_. _Gregor Mendel's_ Regel über das Verhalten der
+Nachkommenschaft der Rassenbastarde. Ber. d. d. bot. Ges. Bd. XVIII.
+1900. Heft 4.
+
+_Erich Tschermak_. Ueber künstliche Kreuzung bei Pisum sativum.
+Zeitschr. f. d. landw. Versuchswesen in Oesterreich. 5. Heft. 1900 und
+Ber. d. d. bot. Ges. Bd. XVIII. 1900. Heft 6.
+
+_Hugo de Vries_. Ueber das Spaltungsgesetz der Bastarde. Ber. d. d. bot.
+Ges. Bd. XVIII. 1900. Heft 3. Vgl. auch: Sur la loi de disjonction des
+hybrides. Comptes rendus de l'Acad. des sciences. Paris 26. März 1900.
+
+Von anderen Schriften seien hier nur einige allgemein orientierende
+Arbeiten genannt, welche speziell zur Einführung in das Studium des
+Mendelismus geeignet erscheinen:
+
+_W. Bateson_. _Mendel's_ Principles of heredity. Cambridge at the
+University Press 1909.
+
+_C. Correns_. Ueber Vererbungsgesetze. Vortrag. Sept. 1905. Berlin.
+Bornträger.
+
+_R. C. Punnett_. Mendelism. Cambridge, Macmillan and Bowes. Second
+Edition 1907. Deutsche Uebersetzung von _W. R. v. Proskowetz_.
+Herausgegeben von _H. Iltis_. Brünn. Carl Winiker. 1910.
+
+_Erich von Tschermak_. Zusammenfassende Orientierung über den
+gegenwärtigen Stand des Mendelismus im Handbuche der Züchtung der
+landwirtschaftlichen Kulturpflanzen (von _C. Fruwirth_). 4. Bd. S.
+63-106. 2. Aufl. Berlin. Paul Parey. 1910.
+
+ * * * * *
+
+[1] _Zu Seite 3._ Einzelne Züge der erst von _Gr. Mendel_ im
+Zusammenhang aufgedeckten und einer Erklärung zugeführten
+Gesetzmässigkeit hat schon _John Goß_ (On the variation in the colour of
+peas, occasioned by cross impregnation. Transact. of the Horticultural
+Society of London Vol. V. 1824. p. 234 bis 236) im Jahre 1822
+beobachtet. Derselbe ist als ein Vorläufer _Mendels_ zu bezeichnen. Er
+konstatirte bei Bastardirung der blaugrünen Erbsenrasse Prolific or
+Prussian blue und der gelbsamigen Dwarf Spanish Pea Alleinausprägung der
+gelben Samenfarbe der Vaterrasse an allen Bastardierungsprodukten,
+sodann Produktion gelber und grüner Samen als zweite Samengeneration,
+Konstantbleiben nur eines Teiles der gelben, Fortspalten der übrigen
+gelben, hingegen Konstanz aller grünen.
+
+[2] _Zu S. 5._ Recht zweckmässig erscheint es, das Schiffchen längs der
+Naht mit einer Lancette aufzuschneiden, durch Erweitern des
+Knospengrundes mittelst einer Pinzette die Staubbeutel vom Griffel zu
+entfernen, hierauf dieselben an den Staubfäden abzureissen und den
+Pollen mittelst Stahlschreibfedern auf die Narbe aufzutragen. Das
+Platzen der Antheren und hiermit im Zusammenhange die Selbstbestäubung
+der Narbe vor dem Oeffnen der Corolle erfolgt in den Blüthen der
+niedrigen Erbsenrassen früher als in jenen der höheren (_v. Tschermak_).
+
+[3] _Zu S. 6._ Auch heute muss die Frage nach einem Unterschied zwischen
+den Hybriden von Arten und von Varietäten, bzw. Rassen oder Sippen als
+unentschieden bezeichnet werden. Wenigstens hat der Versuch von _de
+Vries_ zu unterscheiden zwischen variativen Merkmalen mit bisexueller,
+d. h. mendelnder Vererbungsweise und mutativen oder spezifischen
+Merkmalen mit unisexueller d. h. nicht mendelnder Vererbungsweise mit
+anscheinendem Fehlen von Spaltung, und zwar entweder Mehrgestaltigkeit
+der ersten Generation und Konstanz der einzelnen Typen oder
+gleichförmige, jedoch dauernde Mittelstellung der Hybriden und ihrer
+Nachkommen (Beispiele: _Mendels_ Hieracienbastarde, zahlreiche von
+_Gärtner_ erzeugte Hybriden, Salixbastarde _Wichuras_, gewisse
+Oenotherabastarde von _de Vries_) vielfachen Widerspruch gefunden. Nicht
+wenige Forscher sind heute geneigt, eine typische Verschiedenheit der
+Vererbungsweise überhaupt in Abrede zu stellen.
+
+[4] _Zu S. 6._ Bezüglich der Ausnahmsfälle durch Verstärkung oder durch
+Auftreten neuer Merkmale siehe unten.
+
+[5] _Zu S. 7._ Heute würde man etwa Speicher- oder Cotylengewebe statt
+»Albumen« sagen, da bei Pisum ein eigentliches Endosperm fehlt. Während
+ein solches nach _Nawaschin_ und _Guignard_ von dem gleich der Eizelle
+gesondert befruchteten Embryosack geliefert wird, stellt jenes Gewebe
+eine Ersatzbildung seitens der Eizelle, bzw. des Embryos selbst dar.
+
+[6] _Zu S. 7._ Die Samenschale ist bei vielen Erbsenrassen nicht so
+dünn, dass die Farbe der Cotyledonen deutlich durchscheint; die
+dunkelbraunen und violett getupften Samenschalen von Pisum arvense sind
+geradezu undurchsichtig. Da Färbung der Samenschale und Farbe des
+Cotyledonengewebes getrennt beurteilt werden müssen, ist es häufig
+notwendig, die Samenschale mit einem Messer abzuheben.
+
+[7] _Zu S. 9._ Der Erbsenkäfer scheint tatsächlich, wenn er sehr
+zahlreich auftritt, so dass in einzelnen Blüthen oft zwei Käfer
+angetroffen werden, Fremdbestäubung bewirken zu können. In den Hülsen
+grünsamiger Erbsenrassen, deren ausgereifte Samen fast alle einen Käfer
+enthalten, finden sich ab und zu rein gelbe Samen, die ihre hybride
+Abkunft in der nächsten Generation durch Erzeugung mischsamiger Pflanzen
+beweisen. Von Hymenopteren scheinen bei uns die Erbsenblüten sehr selten
+besucht zu werden, weshalb verschiedene Rassen ohne Gefahr einer
+Bastardierung von den Samenzüchtern neben einander angebaut werden.
+Innerhalb von drei Jahren wurde von _v. Tschermak_ nur einmal Megachile
+apicalis [fem.] Spin. beobachtet, welche den komplizierten Mechanismus
+der Erbsenblüte ganz leicht in Bewegung zu setzen vermochte.
+
+[8] _Zu S. 9._ _Mendel_ bezeichnet die erste Generation der Mischlinge,
+welche durch künstliche Bastardierung erzeugt wurde, einfach als
+Hybriden. Vom praktisch-züchterischen Standpunkte kann die
+erste Generation als »Kreuzungsgeneration«, die zweite als
+»Spaltungsgeneration«, die dritte als »Prüfgeneration« bezeichnet
+werden. Die Merkmale: gelbe oder grüne Farbe, runde oder runzelige Form
+des Speichergewebes sind als »Cotyledonenmerkmale« der Hybriden
+unmittelbar an den Bastardierungsprodukten oder »Kreuzungssamen«
+abzulesen.
+
+[9] _Zu S. 10._ Fälle von Mittelstellung oder Merkmalmischung (Zeatypus
+der äusseren Vererbungsweise nach _Correns_) im Gegensatze zu der rein
+alternierenden Ausprägung der später betrachteten sieben Merkmalpaare
+bei Pisum (Pisumtypus der äusseren Vererbungsweise nach _Mendel_).
+
+[10] _Zu S. 10._ Neuere Untersuchungen (_v. Tschermak_, _Correns_) haben
+gezeigt, dass das Geschlecht des sog. Ueberträgers oder die
+Verbindungsweise zweier Formen bei gewissen Rassen doch nicht
+bedeutungslos ist, und zwar zeigt hierbei die Mutterform grösseren
+Einfluss.
+
+[11] _Zu S. 11._ Einen solchen Vorteil von Fremdbestäubung gleicher
+Varietät (isomorphe Xenogamie) vor Selbstbestäubung hat _Darwin_ bei 57
+von 83 untersuchten Arten festgestellt. Bei Pisum fand _v. Tschermak_
+einen solchen Höhenzuwachs auf Verbindung gewisser Rassen beschränkt.
+
+[12] _Zu S. 11._ Das Auftreten von violetter Punktierung der
+Samenschale bei Bastardierung von Pisum arvense ohne Punktierung der
+braunen Samenschale mit P. sativum erfolgt, wie _E. v. Tschermak_
+weiterhin feststellte, als dominierendes Novum, d. h. an allen Gliedern
+der 1. Generation und in der 2. Generation im Verhältnis von 9 : 3 (nicht
+punktiert braun) : 4 (nicht punktiert farblos). Eine interessante
+Bedingung der Auslösung ist es, dass dieselbe nur erfolgt, wenn die
+benützte Form von Pisum sativum der Violettfärbung des Nabels entbehrt.
+Nach der Faktorentheorie ist das gesetzmässige Auftreten von
+Bastardierungsneuheiten, eben so wohl auch ein reguläres Auftreten von
+»Verstärkung« elterlicher Merkmale zurückzuführen auf eine im Anschlusse
+an die Bastardierung erfolgende Neugruppierung von Faktoren. Speciell
+ist das Auftreten in dominierender Stellung (9 : 3 : 3 : 1 bzw.
+9 : 3 : 4) zu beziehen auf die als »neu« erscheinende Kombination des
+Vorhandenseins, bzw. Zusammenwirkens von zwei bisher getrennten Faktoren
+(_AB_ aus den Eltern _Ab_ und _aB_), das Auftreten als »mitrezessiv«
+(9 : 3 : 3 : $1$ bzw. 12 : 3 : $1$) auf die neue Kombination des Fehlens
+der zwei Faktoren (_ab_ aus den Eltern _Ab_ und _aB_). Hingegen lässt
+das Auftreten als »mitdominierendes« (9 : 3 : $3$ : 1 bzw. 9 : $3$ : 4)
+oder als »rezessives Novum« (9 : 3 : $3$ : 1 bzw. 12 : $3$ : 1) auf eine
+als »neu« erscheinende Isolierung je eines von zwei bisher vereinten
+Faktoren (_Ab_ oder _aB_ aus den Eltern _AB_ und _ab_) schliessen.
+
+[13] _Zu S. 11._ Die direkten Deszendenten aus Selbstbefruchtung der
+Hybriden nennt _Mendel_ die erste Generation der Hybriden; deutlicher
+wäre Tochtergeneration der Hybriden oder »zweite Generation der
+Mischlinge« (vgl. Anm. 8 zu S. 9).
+
+[14] _Zu S. 12._ _v. Tschermak_ erhielt in analogen Versuchen
+durchschnittlich 25% rein gelbsamige Hülsen und bestätigte _Mendel's_
+Angabe, dass keineswegs in der einzelnen Hülse oder an der einzelnen
+Pflanze, sondern nur als Durchschnitt aus einer grösseren Anzahl von
+Individuen das Verhältnis 3 : 1 festzustellen ist.
+
+[15] _Zu S. 13._ Immerhin kommen vereinzelt auch zweifellose Fälle von
+Merkmalmischung, d. h. Uebergangsformen zwischen gelber und grüner
+Farbe, runder und runzeliger Form vor, die sich in weiteren Generationen
+wie dominantmerkmalige Mischlinge verhalten.
+
+[16] _Zu S. 17._ Angesichts der Unwahrscheinlichkeit, dass im konkreten
+Falle zwei wirklich nur in =einem einzigen= Merkmale verschiedene Formen
+gegeben sind, erscheint es zweckmässig, _Mendel's_ Bezeichnung »nur in
+=einem wesentlichen= Merkmale verschieden« zu deuten als »nur in einem
+als =wesentlich= betrachteten, d. h. zunächst unter Abstraktion von
+anderen Unterscheidungsmerkmalen =allein= ins Auge gefassten Merkmale
+verschieden«.
+
+[17] _Zu S. 22._ Vgl. Anmerkung 9 und 15.
+
+[18] _Zu S. 23._ Statt »Keimzellen« oder »Keimbläschen« wäre nach der
+heutigen Bezeichnungsweise »Eizellen« zu setzen und bei
+Verallgemeinerung auf Pflanzen mit echtem Endosperm dessen Herkunft aus
+dem gesondert befruchteten Embryosack zu berücksichtigen. Vgl. Anmerkung
+5. -- _Mendel_ macht dabei die Annahme einer völligen Reinheit der
+Befruchtungszellen oder Gameten d. h. einer alternativen Aufteilung der
+konkurrierenden Anlagen (_A_-_a_, _B_-_b_, _C_-_c_) an die in gleicher
+Zahl gebildeten Geschlechtszellen. Demgegenüber würde und wird die
+Möglichkeit einer allgemeinen oder fallweisen »Unreinheit« der Gameten
+durch spurweise oder latente Beimengung der konkurrierenden Anlagen von
+einer ganzen Anzahl von Forschern erörtert. Allerdings ist nicht zu
+verkennen, dass zahlreiche Argumente zu Gunsten der letzteren Auffassung
+durch die Faktorentheorie hinfällig oder wenigstens fraglich geworden
+sind. Immerhin ist die Frage als nicht absolut entschieden zu
+bezeichnen; es erschiene jedenfalls nicht zweckmässig, die These der
+Gametenreinheit als Fundament des Mendelismus zu betrachten.
+
+[19] _Zu S. 25._ (Zur 2. Formelgruppe.) Die Keimzellen bzw. Eizellen
+und die Pollenzellen werden nach der modernen Nomenklatur als »Gameten«,
+ihre Verschmelzungsprodukte als »Zygoten« bezeichnet, und zwar die
+Produkte gleichveranlagter Gameten als »Homozygoten«, jene
+verschiedenveranlagter als »Heterozygoten« (_W. Bateson_). Die daraus
+sich entwickelnden Individuen werden als innerlich homogen oder
+homozygotisch bezeichnet, somit als durchwegs gleichartige
+Geschlechtszellen produzierend, bzw. als innerlich inhomogen oder
+heterozygotisch, somit Geschlechtszellen verschiedener Art liefernd. Je
+nach der ungleichen Veranlagungsweise in einer oder in mehreren Anlagen
+unterscheidet man einfach heterozygotisch, zweifach heterozygotisch,
+dreifach heterozygotisch usw. Im allgemeinen verrät sich der
+heterozygotische Zustand durch sinnfällige Spaltung in der Deszendenz d.
+h. durch Hervorbringung einer verschiedengestaltigen Nachkommenschaft.
+-- Die von _Mendel_ gewählte mathematische Bezeichnung wird seitens der
+Faktorentheorie in dem modifizierten Sinne verwendet, dass -- da
+ausschliesslich Besitz und Mangel eines Faktors, nicht zwei verschiedene
+positive Anlagen einander gegenübergestellt werden (Presence -- Absence
+Hypothese) -- mit grossen Buchstaben (_A_, _B_, _C_) der Besitz, mit
+kleinen (_a_, _b_, _c_) der Mangel bezeichnet wird. Demnach würde für
+das Beispiel _Mendel's_ (rund--kantig, gelb--grün) die moderne
+Formulierung lauten:
+
+ Form I (Samenpflanze): Form II (Pollenpflanze):
+
+ _A_ (Faktor für rund bzw. _a_ (betr. Faktor fehlend).
+ Stärkebildung vorhanden,
+ »epistatisch«).
+
+ _B_ (Faktor für kantig bzw. sog. _B_ (betr. Faktor vorhanden).
+ Zuckerbildung vorhanden,
+ jedoch in verdrängtem
+ »hypostatischen« Zustand).
+
+ _C_ (Faktor für Gelb vorhanden, _c_ (betr. Faktor fehlend).
+ »epistatisch«).
+
+ _D_ (Faktor für Grün vorhanden, _D_ (betr. Faktor vorhanden).
+ jedoch in verdrängtem
+ »hypostatischen« Zustand).
+
+Heterozygoten:
+
+_ABCDaBcD_, die Hybriden = I. Mischlingsgeneration liefernd.
+
+Von dieser produzierte Gameten (32):
+
+_ABCD_, _ABcD_, _aBCD_, _aBcD_ -- je 4 [fem.] und je 4 [masc.].
+
+Davon gebildete Zygoten (16), die II. Mischlingsgeneration liefernd:
+
+ _ABCDABCD_ | _aBCDaBCD_ | _ABcDABcD_ | _aBcDaBcD_
+ homozygotisch | homozygotisch | homozygotisch | homozygotisch
+ | | |
+ 2 _ABCDABcD_ | 2 _aBCDaBcD_ | 2 _ABcDaBcD_ |
+ einf. het. zyg. | einfach | einfach |
+ | heterozygotisch | heterozygotisch |
+ 2 _ABCDaBCD_ | | |
+ einf. het. zyg. | | |
+ | | |
+ 4 _ABCDaBcD_ | | |
+ zweif. het. zyg. | | |
+ | | |
+ Aussehen: | | |
+ gelb rund | gelb kantig | grün rund | grün kantig
+ 9 | 3 | 3 | 1
+
+[20] _Zu S. 30._ Vgl. Anmerkung 10.
+
+[21] _Zu S. 33._ Vgl. Anmerkung 9.
+
+[22] _Zu S. 33._ Vgl. Anmerkung 9.
+
+[23] _Zu S. 35._ Damit erscheint im Prinzipe die Zurückführung der sog.
+weiteren Spaltungsverhältnisse 15 : 1, 63 : 1, 255 : 1 auf eine
+Verschiedenheit in 2, 3, 4 Elementen oder Faktoren ausgesprochen, auf
+eine dihybride, trihybride, bzw. polyhybride Bastardierung -- im
+Gegensatze zu der durch die Spaltungsverhältnisse 3 : 1 oder 1 : 2 : 1
+charakterisierten einfaktorigen oder monohybriden Bastardierung (nach
+_Nilsson-Ehle_). Neben der Möglichkeit, dass von den im Text genannten
+Verbindungen »jede eine andere Farbe darstellt«, besteht die andere,
+dass die einzelnen Faktoren von wesentlich =gleich=artiger Wirkung sind,
+beispielsweise gleichartige Färbung von abgestufter Sättigung bewirken.
+Die faktorenführenden Individuen stellen dann eine Stufenreihe dar. Eine
+solche kann allerdings auch bei einfaktorigem Unterschied, also
+bei monohybrider Bastardierung mit dem charakteristischen
+Spaltungsverhältnis 3 : 1 vorkommen (von _Nilsson-Ehle_ auf eine
+Nebenwirkung anderer Faktoren bezogen).
+
+[24] _Zu S. 38._ Vgl. Anmerkung 3 und die Abhandlung II.
+
+[25] _Zu S. 40._ Hier sei daran erinnert, dass zuerst _A. v. Kerner_ die
+Theorie einer Vervielfältigung der Arten durch Erzeugung
+samenbeständiger Bastarde von unverminderter Fruchtbarkeit aufgestellt
+hat. Vgl. Pflanzenleben. Die Bedeutung der Bastardierung verschiedener
+Arten als einer der Faktoren für die Neubildung konstanter Formen
+erhellt aus den Arbeiten von _Focke_ über Rubus (1877), _Rosen_ über
+Erophila (1889), _Malinvaud_ über Mentha (1898), _v. Wettstein_
+bezüglich einzelner Fälle bei Euphrasia, Gentiana und Sempervivum (1896,
+1897, 1901) und von _Solms-Laubach_ über Tulpen (1899).
+
+[26] _Zu S. 50._ An der Bastardnatur der von _Mendel_ beobachteten,
+leider nicht detailliert beschriebenen Formen ist[H] -- trotz der
+Feststellung des Vorkommens von ungeschlechtlicher Fortpflanzung bei
+Hieracium durch _C. Ostenfeld_ und _C. Raunkiaer_ -- durchaus nicht zu
+zweifeln. Als Charakteristica seien nach _Mendel_ hervorgehoben: in
+erster Linie Mehrgestaltigkeit (Pleiotypie) der ersten Generation -- mit
+Ausnahme von 2 einförmigen Hieraciumbastarden --, teils Mittelstellung,
+teils Reinausprägung der konkurrierenden Elternmerkmale, jedoch
+selbständige Neukombinierung von Merkmalen. Nach der Faktorentheorie
+lässt echte Mehrgestaltigkeit, d. h. Bestehen der I. Generation aus
+differenten Typen mit charakteristischverschiedener Deszendenz auf einen
+heterozygotischen Charakter, bzw. auf Bastardierungsherkunft der einen
+oder gar beider Elternformen schliessen. Für Hieracium erscheint diese
+Deutung gestützt durch die sichtliche Neigung zur Bastardierung schon in
+der freien Natur. (Vgl. _H. Zahn_, Allg. bot. Zeitschr. v. A. Kneucker,
+Nov. 1904.) Daneben ist allerdings nach _Correns_, wenigstens für
+gewisse Fälle, an die Möglichkeit zu denken, dass _Mendel_ zwar
+äusserlich gleich erscheinende, jedoch innerlich oder kryptomer, bzw. in
+ihrem Faktorengehalte verschiedene Individuen, wie sie bei der normalen
+Aufspaltung in zahlreichen Fällen mehrfaktoriger Bastardierung bereits
+festgestellt sind, zur Pollengewinnung benützte. -- In zweiter Linie
+erscheinen _Mendel's_ Hieraciumbastarde charakterisiert durch
+Konstantbleiben der einzelnen Typen, also durch anscheinendes Fehlen von
+Spaltung. Dieses auffällige Verhalten könnte allerdings, z. T.
+wenigstens, durch ungeschlechtliche, bzw. apogame Fortpflanzung der
+einzelnen Typen der echten Bastarde erster Generation vorgetäuscht
+worden sein.
+
+ [H] Von _Mendel_ selbst sind 6 veröffentlicht, von _A. Peter_ (Ueber
+ spontane und künstliche Gartenbastarde der Piloselloiden etc. der
+ Gattung Hieracium Sect. Piloseloides. Englers botan. Jahrb. Bd. V.
+ J. 2, 3, 5 und Bd. VI. J. 2. 1884 -- Vgl. auch _C. v. Nägeli_ und
+ _A. Peter_, die Hieracien Mitteleuropas, Monographische Bearbeitung.
+ 1885) weitere 4, von _Mendel_ wirklich dargestellt 21, und zwar zum
+ Theil in sehr zahlreichen Exemplaren, vgl. _C. Correns_ a. a. O.
+ S. 248-252.
+
+[27] _Zu S. 51._ _A. v. Kerner_ hat -- was wohl zu weit geht -- eine
+besondere Beschränkung der Fruchtbarkeit für Bastarde überhaupt
+bestritten. Immerhin bleibt die Möglichkeit einer Steigerung der in
+gewissen Fällen zweifellos zu Anfang verminderten Fruchtbarkeit in
+späteren Generationen bestehen, worauf die obige Beobachtung _Mendel's_
+hinweist. Analoges haben _v. Wettstein_ an einem Bastard von Sempervivum
+alpinum × arachnoideum und _v. Tschermak_ am Bastarde Phaseolus vulgaris
+× multiflorus beobachtet.
+
+[28] _Zu S. 52._ Leider ist diese Absicht nicht zur Ausführung gekommen.
+
+ * * * * *
+
+ Druck Breitkopf & Härtel, Leipzig.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
+und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
+
+Die Originalseitenzahlen wurden in der Textversion weggelassen und in der
+HTML Version belassen.
+
+Auf Seite 63 und 66 wurde das Symbol für "weiblich" ersetzt durch [fem.]
+und auf Seite 66 das Symbol für "männlich" durch [masc.]
+
+Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=), kursiver Text mit
+Unterstrichen (_Text_) und fett gedruckter Text mit Dollarzeichen
+($Text$) markiert.
+
+Das Zeichen ^ wurde benutzt um hochgestellte Zeichen zu markieren.
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+ S. III: Abhandlungen. I. Bluten -> Blüthen
+ S. 3: endgültige Endscheidung -> Entscheidung
+ S. 4: Vorgelegt in den -> (Vorgelegt in den
+ S. 5: als nothwendig, daß -> dass
+ S. 7: saccharatum). -> saccharatum);
+ S. 10: Verbindung mit violettrother -> violett-rother
+ S. 13: brachten 705 violettrothe -> violett-rothe
+ S. 31: an der Befruchtung Theil -> theil
+ S. 51: Die aus Selbstbefruchtung -> 3. Die aus Selbstbefruchtung
+ S. 62: erfolgt in den Blüten -> Blüthen
+ S. 63: in einzelnen Blüten -> Blüthen
+ S. 66: epistatisch«.) -> epistatisch«).
+ S. 66: epistastisch -> epistatisch
+ S. 66: Möglichkeit, dass von dem -> den
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Versuche über Pflanzenhybriden, by Gregor Mendel
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40854 ***