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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Der Fall Otto Weininger - Eine psychiatrische Studie - -Author: Ferdinand Probst - -Release Date: August 28, 2012 [EBook #40601] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL OTTO WEININGER *** - - - - -Produced by Jana Srna, Iris Schröder-Gehring and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - GRENZFRAGEN DES NERVEN- UND SEELENLEBENS. - - EINZEL-DARSTELLUNGEN - FÜR - GEBILDETE ALLER STÄNDE. - - - IM VEREINE MIT HERVORRAGENDEN FACHMÄNNERN DES IN- UND AUSLANDES - HERAUSGEGEBEN VON - - _Dr. L. LOEWENFELD_ UND _Dr. H. KURELLA_ - IN MÜNCHEN. IN BRESLAU. - - - XXXI. - - - - - DER - FALL OTTO WEININGER. - - EINE PSYCHIATRISCHE STUDIE - VON - DR. FERDINAND PROBST, - ASSISTENZARZT AN DER KREISIRRENANSTALT MÜNCHEN. - - - WIESBADEN. - VERLAG VON J. F. BERGMANN. - 1904. - - - - - Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. - - - Nunmehr ist vollständig erschienen: - - - Osmotischer Druck - und - Ionenlehre - in den - medizinischen Wissenschaften. - - Zugleich _Lehrbuch physikalisch-chemischer Methoden_. - - - Von - Dr. chem. et med. _H. J. Hamburger,_ - Professor der Physiologie an der Reichsuniversität Groningen. - - ~Erster Band~: Physikalisch-Chemisches über osmotischen Druck und - elektrolytische Dissociation. -- Bedeutung des osmotischen Drucks - und der elektrolytischen Dissociation für die Physiologie und - Pathologie des Blutes. - Mk. 16.--. - - ~Zweiter Band~: Zirkulierendes Blut, Lymphbildung. -- Ödem und - Hydrops-Resorption. -- Harn und sonstige Sekrete. Elektro-chemische - Aciditätsbestimmung. Reaktions-Verlauf. - Mk. 16.--. - - ~Dritter Band~: Isolierte Zellen. Collide und Fermente. Muskel- und - Nervenphysiologie. Ophthalmologie. Geschmack. Embryologie. - Pharmakologie. Balneologie. Bakteriologie. Histologie. - Mk. 18.--. - -Die Bedeutung der physikalischen Chemie für die medizinischen -Wissenschaften ist in den letzten Jahren gelegentlich von Rezensionen in -diesem Blatte öfters hervorgehoben worden. Professor ~Hamburger~ steht in -der vordersten Reihe von denjenigen Forschern, welche durch umfassende -und kritische Anwendung der physikalisch-chemischen Methoden und Lehren -der medizinischen Wissenschaft neue Wege gebahnt haben. Die Erwartung, -dass ein solcher Forscher für ein zusammenfassendes Lehrbuch der -geeignetste Mann sei, wird durch das vorliegende schöne Werk erfüllt. Die -neueren physikalisch-chemischen Lehren sind darin mit grosser Klarheit -und in sehr erschöpfender Weise dargestellt. Mit ganz besonderer Sorgfalt -sind die mannigfaltigen, zum Teil schwierigen Methoden beschrieben, so -dass jeder, der in die Lage kommt, praktisch mit denselben arbeiten zu -müssen, alles was nötig ist, vorfindet. Trotz der Klarheit und -Leichtfasslichkeit sind aber, was hervorgehoben zu werden verdient, -überall eingehend und kritisch, erstens die nicht zu entbehrende strenge -Exaktheit, zweitens die etwas tiefer eindringenden theoretischen Fragen -berücksichtigt. Soweit die beiden wichtigen Lehren von dem osmotischen -Druck und den Ionen in Frage kommen, ist ~Hamburgers~ Buch für den -Mediziner, welcher sich gründliche Kenntnisse verschaffen will, wohl zur -Zeit das beste Werk. - -Der zweite Hauptteil des vorliegenden Bandes behandelt die Bedeutung des -osmotischen Drucks und der elektrolytischen Dissoziation für die -Physiologie und Pathologie des Blutes, ein Kapitel von Beziehungen, -welches recht eigentlich durch ~Hamburger~ zu einem anschaulichen und -selbständigen Lehrgebäude gestaltet worden ist. Eine schier erdrückende -Fülle von Tatsachen sind hier niedergelegt und die zahlreichen Ausblicke -auf wichtige praktische Fragen lehren, dass kein müssiger Ballast von -Gelehrsamkeit aufgestapelt wurde. Theorie, Tatsachen und Methoden sind -gleichmässig berücksichtigt. Die zahlreichen Tabellen, welche dem Buche -beigegeben sind, machen dasselbe zu einem unschätzbaren Nachschlagewerk. - -Professor #L. Asher# (Bern) #i. Korrespondenzblatt f. Schweizer Ärzte#. - - - - - GRENZFRAGEN - DES - NERVEN- UND SEELENLEBENS. - - EINZEL-DARSTELLUNGEN - FÜR - GEBILDETE ALLER STÄNDE. - - - IM VEREINE MIT HERVORRAGENDEN FACHMÄNNERN - DES IN- UND AUSLANDES - HERAUSGEGEBEN VON - - _Dr. L. LOEWENFELD_ UND _Dr. H. KURELLA_ - IN MÜNCHEN IN BRESLAU. - - - EINUNDDREISSIGSTES HEFT: - - DER - FALL OTTO WEININGER. - - EINE PSYCHIATRISCHE STUDIE - VON - DR. FERDINAND PROBST, - ASSISTENZARZT AN DER KREISIRRENANSTALT MÜNCHEN. - - - WIESBADEN. - VERLAG VON J. F. BERGMANN. - 1904. - - - - - #Nachdruck verboten.# - - #Übersetzungen, auch ins Ungarische, vorbehalten.# - - - - - Druck der Kgl. Universitätsdruckerei von ~H. Stürtz~ in Würzburg. - - - - »Was wird aus dem Gedanken, der unter den Druck der Krankheit - gebracht wird? Dies ist die Frage, die den Psychologen angeht, und - hier ist das Experiment möglich.« - - ~Nietzsche~, Vorwort zur II. Auflage der »Fröhlichen Wissenschaft«. - - - »Wer aber die Logik negiert, den hat sie bereits verlassen, der ist - auf dem Wege zum Irrsinn.« - - ~Weininger~, »Über die letzten Dinge«. - - - - -Einleitung[1]. - - -Am 4. Oktober 1903 erschoss sich zu Wien der dreiundzwanzigjährige ~Otto -Weininger~, Doktor der Philosophie. Von ihm stammen zwei Bücher: -»Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung«, das kurz vor -seinem Tode erschien und »Über die letzten Dinge«, das Ende 1903 von -seinem Freunde ~Moriz Rappaport~ als Nachlass herausgegeben wurde, beide -im ~Braumüller~schen Verlag zu Wien. - - [1] ~Anmerkung des Herausgebers.~ Die Publikationen des - verstorbenen Dr. O. ~Weininger~ erregten alsbald nach deren - Erscheinen meine Aufmerksamkeit, und ihr Inhalt liess mir keinen - Zweifel, dass dieselben unter dem Einflusse eines krankhaften - Geisteszustandes entstanden waren. Von welcher Art dieser war, - ergab sich jedoch nicht ohne Weiteres, und so beschloss ich, den - Fall O. ~Weininger~ eingehender zu studieren und das Ergebnis in - den »Grenzfragen« zu veröffentlichen. Dieser Entschluss veranlasste - mich zunächst, biographisches Material über den Verstorbenen zu - sammeln, und ich fand bei diesem Bemühen bei dem Vater O. - ~Weiningers~ das freundlichste und vertrauenvollste Entgegenkommen, - wofür ich ihm auch an dieser Stelle meinen Dank ausspreche. - - Anderweitige Obliegenheiten verhinderten mich jedoch an der - Fortführung der geplanten Arbeit. Als ich in der Folge aus der - Münchener medizinischen Wochenschrift ersah, dass mein Münchener - Kollege Dr. ~Probst~ für die Jahresversammlung der bayerischen - Irrenärzte in Ansbach einen Vortrag über O. ~Weininger~ angekündigt - hatte, setzte ich mich mit demselben in Verbindung und überliess - ihm das gesamte von mir gesammelte biographische Material, soweit - ich über dasselbe zu verfügen berechtigt war, zur Verwertung für - die vorliegende Arbeit. - - _L. Loewenfeld._ - -Besonders »Geschlecht und Charakter«, das eine Lösung der Frauenfrage in -höherem Sinne darstellen sollte, hat allgemeines Aufsehen hervorgerufen; -es hat eine Reihe von begeisterten Lobrednern gefunden; auch an lebhaftem -und energischem Widerspruche hat es nicht gefehlt. - -~Strindberg~ begrüsste z. B. das Buch mit den Worten: »Ein furchtbares -Buch, das aber wahrscheinlich das schwerste aller Probleme gelöst hat« -und ruft aus: »Ich buchstabierte, aber ~Weininger~ setzte -zusammen. Voilà un homme!« - -Diesem ersten Werke wird »unheimliche Geschlossenheit und funkelnder -Geist« nachgerühmt; die Resultate desselben wurden »betäubend, -niederschmetternd« genannt. Die »Letzten Dinge« bezeichnete ~Nordhausen~ -als das »köstliche Testament des dreiundzwanzigjährigen Grossen« und -behauptete »reicher an Anregungen, an Blitzlichtern und kostbaren -Goldfunden ist kein Buch unserer Tage.« - -In Wien selbst, der Zentrale der modernen Dekadenz, der Vaterstadt des -»Philosophen«, scheint ~Weininger~ sogar eine Art von religiöser Gemeinde -zu besitzen. Die Vorrede, die sein Freund ~Rappaport~ zu den »Letzten -Dingen« geschrieben hat, enthält folgende Stelle: »Es sei hier erwähnt, -dass zur Zeit seines Leichenbegängnisses eine nur in Wien sichtbare -partielle Mondfinsternis stattfand, die genau in dem Moment endigte, als -sein Leib in die Erde gesenkt wurde.« Nur beim Tode Christi und angeblich -auch beim Begräbnis des Philosophen ~Karneades~ haben sich ähnliche -Vorgänge in der Natur gezeigt, Äusserungen übernatürlicher Wesen, die auf -diese Weise die göttliche Anteilnahme dokumentieren. Die Geschichte mit -der weissen Wolke beim Begräbnis ~Kants~, die ~Rappaport~ dabei anführt, -ist nichts wie eine pietätvolle Auslegung eines sehr gewöhnlichen -Vorkommnisses; sie kann nur von einem Mystiker ernst genommen werden. -Immerhin wird ~Weininger~ auch mit ~Kant~ dadurch in Parallele gebracht. - -Es wird also dem nicht gut ergehen, der es wagen wird, diesem Heiland die -von seinen Jüngern verlangte Ehrfurcht zu versagen, wie es bereits -~Moebius~ erfahren hat, dem gegenüber sich ~Weiningers~ Freunde gar nicht -wegwerfend genug aussprechen können. Ich masse auch mir nicht an mit -meinen Auseinandersetzungen sowohl auf jene als auch auf die weitere -grosse Masse der Kritikunfähigen einen Einfluss auszuüben, auf jene -Menge, die ~Weiningers~ Gedanken anstaunt und zum mindesten mit einer -gewissen scheuen Hochachtung von dem grossen Manne redet. Auch haben die -wenig zahlreichen Vernünftigen sich bereits ihre Meinung gebildet. (Am -besten hat sich Dr. ~Hirth~ in der Jugend ausgesprochen; sehr gut ist -auch eine Kritik in der »Beilage zur allgemeinen Zeitung« (Nr. 292, 1903) -von Dr. ~Schneider~), der zu dem Urteil kam, »dass ein nicht ganz -normales Fühlen in sexueller und vielleicht auch in mancher sonstigen -Hinsicht im Verfasser zum mindesten mit hoher Wahrscheinlichkeit -angenommen werden darf.« Was ich im folgenden bieten will, soll lediglich -eine psychiatrische Studie sein; denn ich halte ~Weininger~ und seine -Bücher für eine hochinteressante Erscheinung, der in den Annalen der -Psychiatrie wohl ein dauernder Platz eingeräumt werden wird. Leider bin -ich nicht in der Lage, aus dem mir von dem Herrn Herausgeber in -liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellten anamnestischen Material -genügende Daten zur Beantwortung der Frage erblicher Belastung zu -entnehmen, so dass eine bedauerliche Lücke bleibt, die auszufüllen einer -späteren Zeit obliegen wird. Die anamnestischen Angaben stammen -grossenteils vom Vater ~Weiningers~, der sie in bereitwilligster und -zuvorkommendster Weise gab, ferner von Wiener Bekannten und aus der -Biographie ~Weiningers~ von ~Rappaport~. Letztere habe ich mit einer -gewissen Vorsicht benutzt, da sie selbst einen exquisit pathologischen -Charakter trägt; ich habe ihr das entnommen, was untrüglich mit den -eigenen Äusserungen und dem Bilde ~Weiningers~ zusammenstimmt und das ist -viel, viel mehr, als der Vater ~Weiningers~ glauben will. Dieser hält -seinen Sohn für ein »Phänomen«, ein Genie einzigster Art und bestreitet -die Angaben ~Rappaports~ aufs heftigste; er wird auch mit meinen -Deduktionen nicht einverstanden sein, da sie ihm Schmerz verursachen -müssen. Ich bedauere das tief, denn ich schätze ihn persönlich sehr. Er -wünschte eine psychiatrische Betrachtung, weil er überzeugt war, dass -kein Nervenarzt im stande sein werde, eine geistige Störung bei seinem -Sohne nachzuweisen. Da das Gegenteil der Erwartung folgt, so wird -natürlich das psychiatrische Urteil verächtlich behandelt und mir das -Recht abgesprochen werden, in so hohen und erhabenen Dingen überhaupt -mitzusprechen. »In tyrannos« sagt ~Jentsch~ in solchem Falle. So heisst -es von ~Moebius~ (~v. Appel~, Neue Bahnen 1904. IV. 214), es sei -psychologisch ja sehr begreiflich, dass der Leipziger Materialist -Vogtscher Färbung den Dualisten ~Weininger~ nicht verstehen könnte, und -er wird zum »ideellen latenten Sadisten« gestempelt. Da man mir, wollte -ich mit philosophischem Wissen kritisch auftreten, als Psychiater doch -sofort entgegenhalten würde, dass ich eo ipso nichts von philosophischem -Denken verstünde, so will ich in meinen Auseinandersetzungen versuchen, -möglichst »hausbacken«, möglichst klar und einfach zu sein; man kann -nämlich die Ideen, die speziell ~Weiningers~ Eigenes sind, viel klarer -sehen, wenn man das »philosophische Mäntelchen« weglässt, das er ihnen -umgehängt hat. Auch habe ich es für gut gehalten, möglichst viele Stellen -aus den Büchern ~Weiningers~ wörtlich wiederzugeben, wie ja auch die -Krankenjournale die besten sind, in denen sich die Aussprüche der Kranken -nach Stenogrammen wörtlich verzeichnet finden. - - -Die Anamnese. - -~Otto Weininger~ ist am 3. IV. 1880 als das zweite Kind eines -Kunsthandwerkers zu Wien geboren. Der Vater ist ein auffallend begabter, -gebildeter und vielseitiger Mann, der nach seiner Angabe sich mehr mit -seinen Kindern beschäftigte, als gewöhnlich vorzukommen pflegt. Er giebt -an, dass sich in ~Weiningers Ascendenz~ keine Fälle geistiger Störung -befunden hätten, soweit er zurückdenken könne. Das ist natürlich cum -grano salis zu nehmen. Nichts ist unzuverlässiger als eine -Hereditätsanamnese, selbst die im besten Glauben von Laienseite gemachte; -als Jude hat ~Weininger~ jedenfalls das eine voraus, dass er einem Stamme -angehört, der nach ~Charcot~ »das Vorrecht zu besitzen scheint, alles was -man sich von Neuropathien vorstellen kann, in höchster Ausbildung zu -zeigen.« - -Die lebenden Geschwister ~Weiningers~, es sind vier, sollen geistig und -körperlich gesund sein; zwei starben an Diphtherie resp. -Blinddarmentzündung. ~Weininger~ kam ohne Kunsthilfe nach normal -verlaufener Schwangerschaft zur Welt. Der Vater giebt an, die körperliche -Entwickelung sei eine vollständig normale gewesen; »man konnte ihn eher -zu den kräftigeren Kindern zählen. Mit vierzehn Monaten sprach er in -höchster Deutlichkeit sein Deutsch, wozu er allerdings im Hause gut -angehalten wurde. Er zeichnete sich bald durch geistige Frühreife aus, -aber nicht im Sinne der Altklugheit.« »Mit fünfzehn Monaten ging er -sicher allein fest auf den Beinen. In der Volksschule machte er sich den -Lehrern oft unangenehm durch einen seinem Alter weit vorauseilenden -Wissensdrang und sogar schon durch Bethätigung desselben auf Gebieten, -die ihm fernab hätten liegen sollen; auch übte er zuweilen Kritik an den -Äusserungen seiner Lehrer. Er erhielt gute Noten, meist sehr gut; nur in -der Sittennote war er selten der erste, weil er sich in den -Unterrichtsgegenständen der Disziplin nicht fügen und seinen eigenen Weg -gehen wollte.« In den Jahren 1890-1898 besuchte er das Gymnasium. Auch -hier war er stets einer der Besten, in Sprachen stets der Beste, ebenso -in Geschichte, Litteratur, Logik und Philosophie. »Und doch machte er -sich fast sämtlichen Lehrpersonen missliebig; es gab sogar zwei- bis -dreimal heftige Auftritte in der Schule. Er machte die Arbeiten stets wie -er, selten wie die Lehrer wollten, kümmerte sich manchmal nicht um den -Unterricht, sondern ignorierte ihn und beschäftigte sich mit seinen -Büchern, schrieb auch in der Klasse, was gar nicht im Zusammenhang mit -dem Gegenstand des Unterrichtes war.« Zum Verdrusse des Vaters bewies der -junge Gymnasiast ferner »eine gewisse Geringschätzung für die geistige -und wissenschaftliche Kapazität einiger seiner Professoren und das -brachte ihm schlechte Sittennoten ein, wiewohl er eigentlich -»Sittenloses« sich nie weder in der Schule noch später zu schulden kommen -liess. In Französisch, Englisch und Spanisch wusste er enorm viel.« Diese -drei Sprachen erlernte ~Weininger~ bei seinem Vater. Er überraschte -diesen durch die ungeheuere Leichtigkeit seiner Auffassung und durch sein -erstaunliches Gedächtnis, obwohl der Vater ausdrücklich von sich bemerkt, -dass er für ziemlich streng und anspruchsvoll gelte. Für -Naturwissenschaft und Mathematik hatte ~Weininger~ in seinen -Gymnasialjahren wenig Interesse, daher auch weniger gute Noten; erst in -den Universitätsjahren erwachte auch für diese Gegenstände grosse Neigung -in ihm. - -Im Oktober 1898, in einem Alter von 18-1/2 Jahren, bezog er die -Universität Wien; er war ausschliesslich in Wien immatrikuliert. - -Als Kind und Knabe soll ~Weininger~ keine Abweichungen in seinem -Verhalten von dem seiner Altersgenossen gezeigt haben. »Sein Verhalten -gegen die Mitschüler wich nicht sonderlich von der allgemeinen -Gepflogenheit ab. Mit zweien oder dreien pflegte er in der Klasse -intimeren Verkehr zum Gedankenaustausch und diese waren auch seine -Freunde. Er nahm als Knabe in ganz normaler Weise an den Spielen seiner -Kameraden teil. Nur mit seinen Büchern isolierte er sich gern. Aber er -verschmähte in der Schule und besonders im Untergymnasium nie die -Teilnahme am Spiel. Im Obergymnasium allerdings wurde das seltener. Bis -zu seinem 21. Lebensjahre betrug er sich gegen seinen Vater und seine -Geschwister nicht abweichend von anderen Kindern und jungen Menschen -seines Alters; doch machte er Unterschiede und fühlte sich mehr angezogen -von den strengen, verlässlichen Charakteren seiner Geschwister und -abgestossen von den schwächlichen Charakteren unter ihnen.« - -Den Verhältnissen seines Vaters, der, wenn auch gut situiert, doch nicht -über Reichtümer verfügte, trug der Sohn stets Rechnung; der Vater -erzählt, dass er mit Ausnahme seiner Ausgaben für Bücher sehr sparsam -gewesen sei. Dem Vater scheint er schwärmerisch zugethan gewesen zu sein. -»Ich vernichtete aus seinen letzten Schriften ein Blatt,« schreibt der -Vater, »das zu meiner Verherrlichung dienen sollte.« Nach -~Schopenhauer~schem Vorbild. Schade, dass es vernichtet ist. Grosse -Verehrung soll ~Weininger~ auch für seine älteste Schwester gehegt haben; -erst während der letzten zehn Monate seines Lebens sei eine Abkehr auch -von ihr eingetreten. Der Vater schiebt dieselbe auf äussere, fremde -Einflüsse; sie wird sich aber wohl folgerichtig erklären aus der -geistigen Verfassung ~Weiningers~, wie später gezeigt werden soll. - -Im Sommer 1900 äusserte ~Weininger~ seinem Vater gegenüber, dass er zum -Christentum übertreten wolle. Der Vater war damals absolut nicht damit -einverstanden. »Damals war von christlichem Sinn bei meinem Sohn keine -Rede und ich hielt dafür, dass er aus materiellen Interessen Konvertit -werden wollte,« sagt der Vater und fährt fort: »hätte ich damals Spuren -der herrlichen Wandlung (!) entdeckt, die er später durchmachte, ich wäre -dem Gedanken ganz versöhnlich gegenübergestanden, wie es thatsächlich der -Fall war, als ich im Sommer 1902 den Religionswechsel erfuhr, also -fünfzehn Monate vor seinem Tode, und nie liebten wir einander mehr als -diese fünfzehn Monate.« Am 21. VII. 02, dem Tage seiner Promotion, war -~Weininger~ nämlich zum Protestantismus übergetreten. Der Vater erfuhr -den Übertritt nachträglich. Im September 1901 bereits hatte ~Weininger~ -das elterliche Haus verlassen und in der Stadt ein Zimmer für sich -bezogen; er kam von da ab nur zwei- bis dreimal wöchentlich zu den -Mahlzeiten nach Hause. Die »herrliche Wandlung« hatte sich also nicht so -eigentlich unter den Augen des Vaters abgespielt und sind die Angaben -desselben über die letzten zwei Lebensjahre seines Sohnes zwar in gutem -Glauben gemacht, aber deutlich einer bestimmten Absicht unterworfen und -hypothetisch. Der Vater hält Dinge in den beiden letzten Jahren für -unmöglich, nur weil er in den vorhergegangenen keine ähnlichen -Wahrnehmungen gemacht hatte. - -Für geselligen Verkehr scheint der Student ~Weininger~ keinen Sinn gehabt -zu haben; der Vater berichtet darüber: »Etwa ein Jahr, vom 20.-21. Jahre, -verschmähte er auch nicht, einen Abend bei einem oder zwei Glas Bier im -Gasthaus mit Freunden zuzubringen, begleitete sogar drei- oder viermal -Mutter oder Schwester (weil ich für derlei Dinge nicht zu haben war) zu -Tanzkränzchen. Er schämte sich dessen später und als ich ihm einige Tage -vor seinem Tode eine stilistisch verbesserungsbedürftige Stelle in seinem -Werke bezeichnete, sagte er: »Du hast Recht, Vater; ich schrieb dies, als -ich tief stand,« mit direktem Hinweis auf jene Epoche. - -Über das sexuelle Leben seines Sohnes versucht der Vater ebenfalls nach -Möglichkeit Aufschluss zu geben; man muss sich aber hier vor Augen -halten, dass ~Weininger~ zwei Jahre fern vom Vater lebte und dass es -überhaupt wohl wenig Väter geben wird, die von ihren jungen Söhnen zu -Vertrauten des sexuellen Empfindens derselben gemacht werden. Der Vater -will keinerlei sexuelle Abnormität am Sohne wahrgenommen haben; er sagt: -»Ich schreibe, was er mir selbst diesbezüglich sagte und zu einer Zeit, -wo er schon von ausserordentlicher Wahrheitsliebe durchdrungen war (!).« -Er glaubt, dass sein Sohn erst sehr spät, etwa mit zwanzig Jahren, in -geschlechtlichen Verkehr mit Frauen getreten und dabei sehr mässig -geblieben sei; auch ist dem Vater nicht bekannt, dass der Sohn je in ein -Mädchen verliebt gewesen sei. »Er verkehrte gewiss mit sehr wenigen -weiblichen Wesen.« Als ihm der Vater einmal einwandte, wie er bei so -geringer Erfahrung zu so vernichtendem Urteil über die Frau habe gelangen -können, antwortete der Sohn, es sei ein grosser Irrtum, von der Erfahrung -die richtige Erkenntnis zu erwarten. Ich möchte nach dem Inhalt der Werke -und den Worten seines Freundes eher glauben, dass ~Weininger~ von Hause -aus stark erotisch veranlagt war. Davon später. - -~Weininger~ war »früher gegen Untergebene stets sanft, z. B. gegen -Dienstboten und Menschen von niederer Lebensstellung; gegen Autoritäten -aber zuweilen aufbrausend und zornig.« Hartherzigkeit und Geiz seien ihm -fremd gewesen. Sehr interessant ist die Angabe des Vaters, dass -~Weininger~ die letzten zwei Jahre seines Lebens »von einer rührenden -Demut gegen alle« gewesen sei. »Ich hiess ihn innerlich einen Heiligen; -doch war er gewiss sehr stolz auf seine Fähigkeiten, wie er überhaupt nie -gelten liess, dass grosse Menschen, die Grosses geleistet hätten, -bescheiden gewesen wären, höchstens nach aussen hin seien sie es -gewesen.« Mit dieser Wandlung zur Demut mag wohl die Angabe ~Rappaports~ -im Zusammenhang stehen, dass ~Weininger~ keinem Bettler eine Gabe -reichte, ohne den Hut zu ziehen und über keine Wiese ging, um keinen -Lebenskeim zu zerstören; der Vater bestreitet übrigens die Richtigkeit -dieser Angaben; vor den Lebenskeimen hat ja ~Weininger~ thatsächlich in -seinen Werken keinerlei Respekt gezeigt; aber es ist wohl möglich, dass -er einmal in irgend einem Gefühlsüberschwang Derartiges that. - -Über die Stimmungen seines Sohnes berichtet der Vater: »Bei aller Tiefe -seines Denkens war er bis zum vollendeten 21. Lebensjahre eher heiter als -trübselig und nur beim Studium und Musikgenuss von grossem Ernst. Erst -knapp ein Jahr vor seinem Tode verdüsterte sich sein Gemüt, aber auch -nicht gerade besorgniserregend, mit Ausnahme einer kurzen Zeit im -November 1902, also elf Monate vor seinem Tode, zu der ich allerdings -besorgt war; es ging aber vorüber und wurde wieder viel besser, so dass -ich gleichen Verlauf für jene zweite Krise erwartete.« Leider enthält -sich der Vater jeder Angabe über die Vorstellungen, die den Sohn während -seiner melancholischen Verstimmung beschäftigten. ~Rappaport~, wie ich -gleich hier einschieben will, giebt an, dass ~Weininger~ schon im Herbst -1902 vor der Ausarbeitung von »Geschlecht und Charakter« sich eine -Zeitlang mit Selbstmordgedanken getragen habe, und dass das Unglück -damals nur durch Zureden seiner Freunde verhindert worden sei. Diese -Angabe deckt sich so mit der des Vaters, dass wohl auch die anderen -bestrittenen Mitteilungen nicht aus der Luft gegriffen sind. - -Im Juni 1903 gab ~Weininger~ seine eigene Wohnung auf, brachte sechs -Wochen mit seiner Familie in Brunn bei Mödling zu und reiste Ende Juli -nach Italien, wo er bis Ende September blieb. Anscheinend war bei Beginn -der Reise schon wieder eine Depression im Anzuge; bei seiner Rückkehr am -29. IX. 03 nach Wien war er in düsterster Stimmung. Er verblieb zunächst -fünf Tage im Hause des Vaters, das er am Abend des 3. X. verliess, um -sich in Beethovens Sterbehaus ein Zimmer zu nehmen, in dem er dann seinem -Leben ein Ende machte. - -»In diesen fünf Tagen«, berichtet der Vater, »war seine Stimmung eine -ausserordentlich gedrückte, aber nicht sehr abweichend von der vor elf -Monaten an ihm beobachteten. Meine Frage, ob er körperlich litte, -verneinte er entschieden und ich halte es für lautere Wahrheit. Ich -fragte, ob er irgend eine Seelenpein durch äussere Vorgänge erdulde, -etwa durch eine Beziehung zu irgend einem weiblichen Wesen; er verneinte -und ich zweifle keinen Augenblick an der Wahrheit seiner Äusserung.« - -Von seinem Werke »Geschlecht und Charakter« habe ~Weininger~ dem Vater -gegenüber wenig gesprochen; hie und da habe er wohl dessen Ansicht über -die eine oder andere Lebensfrage eingeholt. Vollständig lernte der Vater -das Buch erst kennen, als es zur Drucklegung kam und der Sohn ihn bat, -ihm »hie und da stilistische Wendungen, die dem Vater missfielen, -kundzugeben zur Ausbesserung.« Der erste Teil des Buches hatte als -Promotionsschrift gedient; von etwa Ende November 1902 bis Anfang Juli -1903 wurde dann das eigentliche Buch ausgearbeitet. Nach Angabe des -Vaters hat ~Weininger~ an dem Werk etwa 18 Monate (den ersten Teil -wahrscheinlich inbegriffen) »aber mit geradezu furchtbarem Fleisse« -gearbeitet. Er habe ordentliche Mahlzeiten sicher nur zwei- bis dreimal -wöchentlich, wenn er eben zu hause ass, gehalten; sonst habe er nur das -Notwendigste zu sich genommen. Er habe oft die Einnahme des Nachtessens -vergessen; es sei am Morgen häufig unberührt vorgefunden worden. Über -Kritiken seines Werkes habe er sich gar nicht alteriert; »er belächelte -und missachtete sie. Nur die Beschuldigung von ~Moebius~ ärgerte ihn«. -~Moebius~ hatte nämlich in einer Besprechung des ~Weininger~schen Buches -(in »~Schmidts~ Jahrbüchern für die gesamte Medizin«. Augustheft 1903) -den jungen Autor tief gekränkt, indem er nachzuweisen suchte, dass alles -Tatsächliche bereits in seinem »physiologischen Schwachsinn des Weibes« -und anderen seiner Schriften enthalten sei und dass das ~Weininger~sche -Buch ihm wie eine groteske Verzerrung seiner eigenen Äusserungen -erscheine; sogar der Titel sei einer Titelreihe von ihm nachgemacht. Und -~Weininger~ hatte doch ausdrücklich gegen eine Verwechslung seiner -Ausführungen mit den »hausbackenen« von ~Moebius~ von vornherein -protestiert! Es kränkte ihn um so mehr, als selbstverständlich das 1901 -erschienene Werkchen von ~Moebius~ grossen Einfluss auf ihn gehabt hatte. -Unterm 17. VIII. 03 schrieb ~Weininger~ aus Syrakus an ~Moebius~ einen -»langen, etwas formlosen Brief« des Inhaltes, ~Moebius~ müsse entweder -beweisen, was er gesagt, oder öffentlich widerrufen; er gebe ihm drei -Wochen Bedenkzeit, dann werde er ihn wegen böswilliger Verleumdung -gerichtlich belangen. ~Moebius~ nahm den »hingeworfenen Handschuh«, wie -sich ~Weininger~ ausdrückte, in seiner Broschüre »Geschlecht und -Unbescheidenheit«[2] auf, die aber sein Gegner nicht mehr erlebte. - - [2] Halle. Bei ~Marhold~ 1904. Zuerst im Druck erschienen November - 1903, dann auf die Nachricht vom Tode ~Weiningers~ von ~Moebius~ - selbst unterdrückt und erst später doch herausgegeben in der - richtigen Erwägung, dass es nun erst recht nötig sei, das schlechte - Buch zu bekämpfen. Es ist sehr komisch, zu sehen, wie auf Grund - dieser Broschüre die »Freunde« über ~Moebius~ herziehen, während - doch aus dem Schriftchen unverkennbar hervorgeht, dass dieser sogar - ein gewisses Faible für ~Weininger~ hatte. - -In einem Nachtrage berichtet der Vater noch zwei sehr bezeichnende -Episoden. »Ein Wiener Literat und scharfer Denker schrieb ihm (dem Sohn) -von enthusiastischer Huldigung für das geniale Werk und da ich nicht -durch meinen Sohn, sondern durch Zufall davon erfuhr und es ihm vorhielt, -murmelte er vor sich hin: »Ich habe ein Buch für die Jahrtausende -geschrieben, werde aber noch nicht verstanden«. Das sagte er alles in -stiller Demut (!), trotz des ungeheuren Selbstgefühles, welches aus den -Worten spricht. Im Sommer, vor seiner Abreise nach Italien, sagte er mir -auch, es sei geradezu ausgeschlossen, dass ein Weib sein Buch je -verstünde.« Auf diese beiden Äusserungen können sich ja seine Freunde -berufen; sie sind treffliche Beweismittel. - -Körperlich habe ~Weininger~ nichts Auffallendes gezeigt; er sei immer -gesund gewesen, habe besonders einen vorzüglichen Schlaf und gute -Verdauung gehabt. Der Biograph ~Rappaport~ erzählt von epileptischen -Anfällen ~Weiningers~; er will selbst solche Anfälle bei ~Weininger~ mit -angesehen haben; ich komme bald darauf zurück. Der Vater stellt alles, -was mit Epilepsie zusammenhängen könnte, bei seinem Sohn in Abrede; er -legt auch ein hausärztliches Zeugnis vor, dass dem Arzt der Familie -nichts von solchen Anfällen bei ~Weininger~ bekannt sei. Er ist der -Ansicht, dass der Kreis von Freunden die Epilepsie konstruiert habe, weil -Epilepsie und Genie zusammengehörten; auch waren ja nach ~Weiningers~ -Ansicht alle Religionsstifter, sogar Luther, Epileptiker. Der Vater -schreibt: »Otto sagte z. B. zu mir und einigen Freunden, ich glaube gar, -ich werde ein Epileptiker. Auf meine erstaunte Frage kam heraus, er -bekäme des Nachts meist knapp vor dem Einschlafen einen Wurf, einen -Schmiss, eine Sache, die jeder auch nur ein bischen Nervöse unzähligemal -erfährt.« Nicht einmal die Symptome seien vorhanden gewesen, die -Epilepsie »vortäuschen«. - -Als die Ursache des Selbstmordes sieht der Vater vor allem falschen Stolz -an; ~Weininger~ habe nach Wiener Kaffeehausmanier Selbstmordgedanken -geäussert, von seinen Freunden Abschied genommen und dann den lediglich -unüberlegten, mehr renommistischen, induzierten Äusserungen die That -folgen lassen, weil er sich geschämt habe, sich wieder den Freunden zu -zeigen; der Mangel an Familiensinn, den ~Weininger~ gehabt habe, habe das -Seinige beigetragen. Damit geschieht aber thatsächlich dem Unglücklichen -meiner Ansicht nach Unrecht. - -Soweit die Angaben des Vaters; sie lassen deutlich erkennen, dass er über -die letzten beiden Jahre seines Sohnes nur wenig weiss. Hier sind die -Angaben ~Rappaports~ von grossem Werte. Der Vater bestreitet, wie -gesagt, ihre Richtigkeit, aber lediglich, weil er über mehr Kritik -verfügend das Krankhafte erkennt, das diese Schilderungen überall klar -zeigen, was nach der väterlichen Anschauung aber falsch sein muss, weil -der Sohn nur ein Genie, kein Geisteskranker gewesen sein kann. Deshalb -macht er auch dem Biographen den Vorwurf, dass dieser durch die -Veröffentlichung des Nachlasses und sein Vorwort den Leuten in die Hände -gearbeitet habe, die alles Geniale für irrsinnig erklärten. Der Vorwurf -ist ungerecht. Es soll sich doch um Feststellung der Wahrheit handeln; -und dazu sind gerade die Niederschriften ~Weiningers~ aus seiner letzten -Epoche, auch wenn es sich nur um »Keime für spätere Ausarbeitung« -handelte, äusserst wichtig, wie sich zeigen wird. ~Rappaport~ berichtet -über ~Weininger~: »Von sehr grosser, hagerer Statur, ohne besondere -Muskelkraft, besass er doch eine äusserst zähe Gesundheit. Seine Nerven -überwandten alle Anstrengungen, wenn er auch viel Nervöses in seinem -Wesen hatte, wenn er auch ein tiefes Verständnis für die Neurasthenie (!) -besass. Neurasthenisch war er nicht; auch zum Irrsinn war keine -ausgesprochene Disposition vorhanden. Nur (!) unter schweren Herzkrämpfen -und unter epileptischen Anfällen hatte er öfters zu leiden; die ersteren -stellten sich immer nach grossen psychischen Anstrengungen ein.« Aus -dieser recht konfusen Darlegung kann man leider sehr wenig Objektives -entnehmen. Über die Art der Anfälle (Zahl, Vorläufer, Verlauf derselben) -müsste sich ~Rappaport~ wohl noch etwas genauer äussern; auch verschweigt -er ganz, wann solche Anfälle zum ersten Male in Erscheinung traten; -dieselben müssten sich doch wohl erst entwickelt haben, nachdem -~Weininger~ das elterliche Haus verlassen? - -Mit Bewunderung spricht ~Rappaport~ von der kolossalen Arbeitskraft, den -umfassenden Kenntnissen und Interessen seines Freundes; in einer Fussnote -der ersten Seite schreibt er sogar mit komischer Wichtigkeit: »Er -(~Weininger~) hat auch einmal ein Gehirn seziert!« - -~Weininger~ war anfangs ein begeisterter Anhänger des Empiriokritizismus -von ~Avenarius~. »Den Gottesbegriff lehnte er mit Entschiedenheit ab. -Aber das änderte sich bald.« Der totale Umschwung sei durch ethische -Probleme herbeigeführt worden, die ~Weininger~ zum Anhänger ~Kants~ -machten und »im Laufe zweier Jahre die Metamorphose zum vollen Mystiker -vollzogen« (~Jodl~). - -Sehr interessant ist, was ~Rappaport~ über das Verhältnis ~Weiningers~ -zur Musik berichtet; das ist so charakteristisch, dass es gar nicht -erfunden, nicht einmal entstellt sein kann. ~Weininger~ fühlte bei jeder -einzelnen Melodie ein psychisches Phänomen, eine landschaftliche -Stimmung, welche eindeutig und bestimmt dieser Melodie zugeordnet schien, -so dass er von einem Motiv des Herzschlages, von einem Motiv der -Willensstärke, von einer Melodie der Kälte im leeren Raum sprechen -konnte. Diese Visionen waren aber keineswegs auf Gefühle und Stimmungen -beschränkt; sie erhoben sich sehr oft zum Anblick der höchsten und -allgemeinsten Probleme ..... so empfand ~Weininger~ »in diesem Motiv den -spielenden Monismus, in jenem die resignierte Trennung vom Absoluten, in -einem dritten die Erbsünde u. s. w.« Die A-Dur-Melodie der ~Grieg~schen -Peer Gynt-Suite nannte ~Weininger~ »die grösste Luftverdünnung, die -jemals erreicht worden ist.« - -Das fühle einmal Jemand nach. - -Für ~Wagner~ hatte ~Weininger~ ursprünglich keine Zuneigung; es war dies -noch in der Avenariusperiode, vor der Umwandlung; er äusserte sich sogar -noch ziemlich geringschätzig über ~Wagner~. »Aber in der grossen -Umwandlung, die er etwa zwei Jahre vor seinem Tode mitmachte, änderte -sich auch das gewaltig.« ~Richard Wagner~ wurde nun für ~Weininger~ der -Künstler überhaupt; warum, werde ich noch zeigen. »Am allermeisten -schätzte er textlich den Parzifal«. Die ungeheuerste Wirkung übte nach -~Rappaport~ das Liebeswonne-Motiv auf ihn aus (»Du Wecker des Lebens, -siegendes Licht«); ~Weininger~ nannte es »die Resorption des Horizontes«. - -Nach jener grossen Umwandlung seiner Persönlichkeit war ~Weininger~ -allmählich auch zur Natur in ein anderes Verhältnis getreten; »alles -Sinnliche wurde ihm zum Symbol eines Geistigen«, »alles Sichtbare als das -Symbol einer ethischen und psychischen Realität aufgefasst«. »Sein erstes -Symbol-Erlebnis war die Vision vom Licht als dem Ausdruck der -Sittlichkeit; er schloss daraus, dass die Tiefseefauna die Inkarnation -von verbrecherischen Prinzipien sein müsse, da sie den Aufenthalt so -ferne vom Licht gewählt habe ..... Mit einer merkwürdigen Sicherheit (!) -wurden da Pferd und Hund, Cypresse und Veilchen, Fluss und See, Sonne und -Sterne als Symbole der Ethik erkannt ..... Es ist die alte Lehre vom -Menschen als dem Mikrokosmos, die hier wieder einmal fruchtbar geworden -ist.« Der Biograph weiss auch von einem sehr starken Reisebedürfnis -~Weiningers~ zu berichten. - -Im persönlichen Umgang machte ~Weininger~, wie ich vernahm, vielen einen -unsympathischen Eindruck durch sein hastiges, nervöses Wesen und sein -über alle Massen grosses Selbstgefühl. ~Rappaport~ schreibt dazu: -»Gutmütig im gewöhnlichen Sinne, d. h. duldsam gegen alle jene gemeinen -Züge, die zum Lebensgenusse beitragen, ohne anderen Menschen direkt zu -schaden, war er nicht; damit dürfte es auch zusammenhängen, dass er -niemals >gemütlich< war.« - -Von seinem ungemütlichen Selbstgefühl geben folgende Briefstellen vom -August 1902 (an ~Arthur Gerber~) Zeugnis: »Ich habe jetzt die -Überzeugung, dass ich zum Musiker geboren bin. Noch am ehesten -wenigstens. Ich habe heute eine spezifisch musikalische Phantasie an mir -entdeckt, die ich mir nie zugetraut hätte und die mich mit tiefem -Respekt erfüllt .... Nach vierzehnstündiger Seefahrt .. bin seefest! wie -ich von mir auch nicht anders erwartet hatte. Ich glaube, durch nichts -kann die Würde des Menschen so leiden, als durch die Seekrankheit. -Bezeichnend genug ist, dass die Frauen alle seekrank werden.« - -Wenn man das Wesen ~Weiningers~ verstehen wolle, meint sein Interprete, -müsse man den Dualismus und seine Projektion auf die menschliche Psyche, -das Prinzip des Gegensatzes im Bewusstsein verstehen. Es werde kaum je -einen Menschen gegeben haben, bei dem der Dualismus in einem so -furchtbaren inneren Kampfe unablässig zum Ausdruck gekommen wäre wie bei -ihm. ~Weininger~ verstand unter Dualismus den ethischen Dualismus, dass -der Mensch zum Teil von Gott, zum Teil vom Staube stamme. Die »Lehre« -~Weiningers~ lässt sich nach ~Rappaport~ folgendermassen darstellen: -»Jeder Mensch enthält etwas vom Nichts, vom Chaos, vom Teufel, der für -~Weininger~ das personifizierte Nichts ist, und etwas vom All, vom -Kosmos, von der Gottheit ... Das Genie ist nicht eine Art von Irrsinn -oder Verbrechen, sondern deren vollkommene Überwindung, deren grösster -Gegensatz.« Da in ~Weininger~ diese Gegensätze äusserst intensiv -empfunden wurden, so musste er »einen Kampf bestehen, der an Intensität, -an unablässiger höchster Gefahr vielleicht nicht seinesgleichen hatte«!! -~Weininger~ habe einmal gesagt, wenn er siege, so werde das der grösste -Sieg sein, den jemals ein Mensch errungen. Diese Äusserung ist unbedingt -echt; sie deckt sich mit allem, was aus den schriftlichen Äusserungen -~Weiningers~ hervorgeht. - -Zur grossen Umwandlung gehörte auch geschlechtliche Enthaltsamkeit. Ein -Hauptteil der »Lehre« war nämlich, dass das Weib eine Verkörperung des -Nichts und der Koitus das Sündhafteste überhaupt sei. Während ~Weininger~ -von Hause aus »sehr erotisch und sehr sinnlich veranlagt war, lebte er -doch in der letzten Zeit vollkommen keusch«. - -Wie bereits erwähnt, hatte ~Weininger~ vor der Verwandlung den -Gottesbegriff negiert; später aber war er »fest überzeugt davon, dass die -Person und die Motive Jesu Christi noch niemand so verstanden habe wie -er. Der Gedanke der universellen Verantwortlichkeit: alles Böse der Welt -als eigene Schuld empfinden, ging ihm ausserordentlich nahe.« Nach -~Rappaport~ war ~Weininger~ als dualistisch empfindende Persönlichkeit -zugleich Verbrecher und Heiliger; ~Weininger~ selbst hat in seinen -Schriften der Überzeugung Ausdruck gegeben, dass der Religionsstifter, -der Heiligste, der Höhepunkt des Genies sei, weil er das grösste zu -überwinden habe. Als in ~Weininger~ das Böse die Übermacht zu erlangen -schien -- in den Tagen der Depression --, da beging er den Selbstmord, in -einem »Akt des höchsten Heroismus«, »um nicht dem Bösen zu verfallen, um -nicht einen anderen töten zu müssen«. Seine verzweifelte Stimmung trieb -ihn auf Reisen. Sehr charakteristisch sind die Briefe, die er an seine -Freunde schrieb und aus denen ich folgende Stellen anführen will (aus der -Zeit vom VIII.-IX. 1903): »Auf dem Ätna hat mir am meisten die imposante -Schamlosigkeit des Kraters zu denken gegeben; ein Krater erinnert an den -Hintern des Mandrill .. Zur Beschäftigung mit ~Beethoven~ rate ich Dir -nur sehr; er ist das absolute Gegenteil ~Shakespeares~ und ~Shakespeare~ -oder die ~Shakespeare~-Ähnlichkeit ist etwas, worüber jeder Grössere -hinauskommen muss und hinauskommt ... Die Ruinen des alten griechischen -Theaters (in Syrakus), jene Stätte, wo der Sonnenuntergang unter allen -Punkten, die ich kenne, am ehesten zu ertragen ist ... Sind die -Pferdebremse und der Floh und die Wanze auch von Gott geschaffen? Das -will und kann man nicht annehmen. Sie sind das Symbol von etwas wovon -Gott sich abgekehrt hat ... aber wenn das Stinktier und der Schwefel -nicht von Gott geschaffen sind, so entfällt auch das prinzipielle -Bedenken beim Vogel und beim Baume: auch diese sind nur Symbole von -Menschlichem, Allzumenschlichem ... Gott kann in keinem Einzeldinge -stecken; denn Gott ist das Gute; und Gott schafft nur sich selbst und -nichts anderes ... Alle Krankheit ist hässlich; darin liegt, dass sie -Schuld sein muss ... Es steht viel schlimmer, als ich selbst vor zwei -Tagen dachte, beinahe hoffnungslos ...« - -Der Vater ~Weiningers~ meint mit Recht, dass ein Einsichtiger auf Grund -dieser Briefe hätte ein »Alarmsignal« geben müssen. Als ~Weininger~ in -den letzten Septembertagen 1903 nach Wien zurückkehrte, war er wohl schon -zum Selbstmord entschlossen. In welchem Zustande sich der Ärmste befunden -haben mag, geht aus den kuriosen Worten seines Biographen hervor: »In der -letzten Zeit wirkten Durchblicke durch enge Öffnungen auf hellerleuchtete -Ferne am besten auf ihn.« Über die letzten Tage berichtet ~Rappaport~, -dass ~Weininger~ noch zwei ganze Nächte ununterbrochen an den »letzten -Aphorismen« geschrieben habe; seine Stimmung habe bereits die -herannahende Katastrophe verkündigt. »Völlige Dunkelheit brach über ihn -herein; ein abgründlicher Pessimismus, den er auch als Schuld empfand, -bemächtigte sich seiner.« »Alles was ich geschaffen habe, wird zugrunde -gehen müssen, weil es mit bösem Willen geschaffen wurde, vielleicht mit -Ausnahme davon, dass Gott oder das Gute in keinem Einzelgegenstand der -Natur enthalten ist ... Vielleicht ist alles verflucht, was je mit mir in -Berührung gekommen ist.« Ferner: »Meine Rückkehr nach Wien hätte eine -zweite Inkarnation sein sollen.« Am 3. X. 03 mietete ~Weininger~ dann, -wie schon erwähnt, ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus, verbrachte dort -die Nacht und tötete sich am Morgen des 4. X. 03 durch einen Schuss in -die Brust. ~Moebius'~ Worte, es werde ihm vielleicht noch einmal bei -seiner Gottähnlichkeit bange werden, hatten sich an ~Weininger~ in -tragischer Weise nur allzuschnell erfüllt. - -Weder der Vater noch der Freund haben bei ~Weininger~ jemals -Halluzinationen wahrgenommen. Aus den schriftlichen Äusserungen -~Weiningers~ geht aber hervor, dass er z. B. schwarze Hunde mit -Feuerscheinen sah. In »Über die letzten Dinge« heisst es Seite 122: »Der -Hund hat eine merkwürdige Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund -Problem geworden, sass ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem -Zimmer des Münchener Gasthofes und dachte an verschiedenes und über -verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz -eigentümlichen Weise bellen und hatte im gleichen Moment das Gefühl, dass -gerade im Augenblick jemand sterbe. Monate nachher hörte ich in der -furchtbarsten Nacht meines Lebens, da ich ohne krank zu sein, -buchstäblich mit dem Tode rang, gerade als ich zu unterliegen dachte, -einen Hund in ähnlicher Weise bellen wie damals in München; dieser Hund -bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen anders. Ich bemerkte, -dass ich in diesem Moment mit den Zähnen mich ins Leintuch festbiss eben -wie ein Sterbender ... Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich -mehrfach die Vision, die ~Goethe~, nach dem Faust zu schliessen, gehabt -haben muss: einigemal, wenn ich einen schwarzen Hund sah, schien mir ein -Feuerschein ihn zu begleiten. Die Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen -und Gedanken war so gross, dass ich mich an den Faust erinnerte, jene -Stellen hervorsuchte und nun zum erstenmal, vielleicht als erster -überhaupt, ganz verstand«. - -Zum Schlusse der Anamnese will ich noch die Angaben zweier Wiener -Gewährsmänner bringen, die absolut einwandsfrei und zuverlässig sind. -~Weininger~ promovierte mit dem ersten Teil von »Geschlecht und -Charakter«, der bei weitem kleineren und relativ nüchternen Hälfte des -Buches. In der Vorrede zu dem fertigen Werke bedankt sich ~Weininger~ bei -den Professoren ~Jodl~ und ~Müllner~ für das freundliche Interesse, das -sie an seinen Arbeiten genommen. Nun hatte aber ~Weininger~ beinahe ein -ganzes Jahr nach seiner Promotion an dem allein den Professoren -vorgelegenen ersten Teil weiter gearbeitet und keiner von beiden hatte -das Manuskript in seiner letzten Gestalt gesehen. Ein Wiener Neurologe -beschrieb die äussere Erscheinung ~Weiningers~ wie folgt: »Ein schlank -gewachsener Jüngling mit ernsthaften Gesichtszügen, einem etwas -verschleierten Blick, fast schön zu nennen; ich konnte mich auch des -Eindruckes, eine ans Geniale streifende Persönlichkeit vor mir zu haben, -nicht erwehren.« - - -Die Werke. - -Die beiden Bücher, die die absolut sichere und hauptsächliche Grundlage -der Beurteilung von ~Weiningers~ Geisteszustand bilden, sind »Geschlecht -und Charakter« und »Über die letzten Dinge«. Das erstere besteht aus zwei -Teilen, einem kleinen, einleitenden, der Anfang 1902 entstanden ist und -als Dissertationsschrift diente, und einem zweiten grossen Teil, der im -Herbst 1902 nach Ablauf der ersten Depression begonnen wurde. »Über die -letzten Dinge« enthält eine Reihe von Aufsätzen und Fragmenten, die nach -~Weiningers~ Tode nach dessen testamentarischer Anordnung von seinem -Freunde ~Moriz Rappaport~ herausgegeben worden sind. Ausser einigen -wenigen Stücken wurde der Inhalt des Buches während der italienischen -Reise ausgearbeitet. Ich will im folgenden den Inhalt besonders des -ersten Werkes systematisch besprechen und lasse, da er als eine Art -Exploration gelten soll, ~Weininger~ soviel als möglich in seinen eigenen -Worten seine Ideen vorbringen. - -Schon der Untertitel des Hauptwerkes, »eine prinzipielle Untersuchung« -verrät die hohe Selbsteinschätzung des jungen Autors. Wie er selbst über -das Werk dachte, beweist seine Selbstanzeige in der »Zukunft« vom -22. VIII. 1903: »Ich glaube in diesem Buch das psychologische Problem des -Geschlechtsgegensatzes gelöst und eine abschliessende Antwort auf die -sogenannte Frauenfrage gegeben zu haben: eine völlig phrasenfreie, bis -zum letzten Ende menschlichen Wissens (!) geführte Erforschung des Wesens -der Frau und die Erhöhung der Streitfrage auf ein Niveau, auf dem die -bisherigen Erörterungen sich nicht bewegt haben.« Von Bescheidenheit wird -da wohl niemand etwas verspüren. - -Der erste Teil, betitelt »Die sexuelle Mannigfaltigkeit«, umfasst nur -knapp 93 Seiten des ohne Anmerkungen 461 Seiten dicken Buches; es ist aus -der Dissertation zu einer biologisch-psychologischen Einleitung geworden -zum zweiten Teil, den »sexuellen Typen.« Dieser erste Teil ist eine -Studentenarbeit voll Härten und Extremen, zusammengetragen wie die -allermeisten Dissertationen, aber sehr fleissig gearbeitet und grosses -Wissen zeigend; der Einfluss der kurz vorher erschienenen Arbeiten von -~Moebius~ ist hier ganz unverkennbar. Ich will mich hier nicht vertiefen -in die allgemein bekannten Fragen, zu denen ~Weininger~ mit grosser -Belesenheit Ansichten gesammelt und gesichtet hat z. B. wo die -Geschlechtlichkeit im Körper stecke; nicht darauf kommt es an, was an -Wissen, Ansichten und Schlüssen anderer in dem Buche mitläuft und manche -blendet, sondern auf die Schlüsse, die ~Weininger~ selbst zieht; wenn die -Schlussfolgerungen, die einer aus seinem Denken zieht, pathologische -sind, so hilft einem alles gesammelte Wissen des Autors darüber nicht -hinweg. Was herauskommt, wenn man das Eigene ~Weiningers~ herausschält, -will ich nun zeigen. - -Es gibt nach ~Weininger~ eine Reihe bestimmter Eigenschaften, die rein -männlich sind; das sind alle die grossen, guten, mächtigen -Eigenschaften; sind diese vereinigt, so entsteht der ideale, allerdings -nur hypothetische Mann (absoluter M), der aus lauter + = Eigenschaften -besteht; leider giebt es diesen nicht, weil auch dem höchstpotenzierten -Manne immer etwas von Minuseigenschaften beigegeben ist; den -Pluseigenschaften steht nämlich eine Reihe gegenüber, die man mit -Minuseigenschaften bezeichnen könnte und deren reine Summe das absolute -Weib (W) wäre. Da es nach ~Weininger~ die beiden Idealpole nicht giebt, -so ist jeder Mensch aus männlichen und weiblichen Eigenschaften -zusammengesetzt, das Reich der sexuellen Zwischenstufen somit eigentlich -zur Norm erklärt. Je nach dem Überwiegen der M = oder W = Bestandteile -ist man, was man unter dem landläufigen Begriffe Mann und Weib versteht. -Jedes Individuum hat soviel W, als ihm M gebricht und sucht durch eine -Art geheimnisvoller Affinität nach mathematischen Grundsätzen das -Fehlende durch ein anderes Wesen zu ergänzen, so dass in der Vereinigung -die Summe von 1 M + 1 W entsteht. Die Entdeckung des grossen Gesetzes, -nach dem die Geschlechter sich anziehen, ist gefunden, verkündet -~Weininger~. Dass ~Schopenhauer~ schon dies alles kurz und vernünftig -ausgesprochen hat, that der Entdeckung keinen Eintrag; ~Schopenhauer~ hat -dieses grosse Gesetz nur »geahnt« und der Entdecker will diese Ahnung -~Schopenhauers~ erst zu Gesicht bekommen haben, als sein Buch fertig war. -Das ist natürlich, wenn nicht direkt erfunden, zum mindesten eine -Erinnerungstäuschung, wie ~Moebius~ ganz richtig annimmt; ~Weininger~ -hatte eben eine Menge zusammen gelesen und wusste im besten Fall nicht -mehr, ob Erinnerung oder eigener Gedanke vorliege. Ich werde noch auf -mehrere solche Dinge bei ~Weininger~ hinweisen können, wo der Ursprung -seiner Ideen sich klarlegen lässt trotz der Verzerrung, die den -ursprünglichen, fremden Gedanken angethan worden ist. - -~Der Hauptfehler des Weiningerschen Systems liegt darin, dass er etwas -als Thatsache annimmt, was er erst beweisen sollte, und dann von falschen -Prämissen ausgehend, zu den kühnsten Schlüssen kommt; ferner dass er, wie -Moebius sagt, »dadurch zu sachlichen Kenntnissen zu kommen sucht, dass er -ohne Rücksicht auf die Erfahrung verallgemeinert und das, was -bedingungsweise gilt, für bedingungslos erklärt.«~ Was der -wissenschaftlich Forschende in mühsamem Streben erst zu erreichen sucht, -bildet für ihn den Ausgangspunkt; was erst, wenn überhaupt möglich, zu -erhärten gewesen wäre, nimmt er beweislos oder nach einem kurzen -Scheinbeweis als etwas Feststehendes an und zwar nicht etwa infolge einer -Art Intuition oder Inspiration, sondern weil, wie wir sehen werden, die -Annahme von allem früher Angenommenen meilenweit sich entfernt und aus -derselben sich eine Fülle auf den ersten Blick verblüffender Folgerungen -ziehen lässt. Was ~Weininger~ in seinem Vorwort zur 1. Auflage mitteilt, -bestätigt diese aus dem Inhalt der Schrift sich ergebende Auffassung -vollkommen. Hier bemerkt er nämlich: »Es sollen nicht möglichst viele -einzelne Charakterzüge aneinander gereiht, nicht die Ergebnisse der -bisherigen wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt, -sondern die Zurückführung alles Gegensatzes von Mann und Weib auf ein -einziges Prinzip versucht werden. Hierdurch unterscheidet es sich von -allen anderen Büchern dieser Art ...« Schon hier ist, allerdings unklar, -angedeutet, dass eine aprioristische Annahme und zwar eine solche von -grösster Tragweite das Leitmotiv der ganzen Arbeit bildet. Es liegt ja -nahe, dass das einzige Prinzip, auf welches ~Weininger~ alle Gegensätze -von Mann und Weib zurückzuführen unternahm, bei ihm schon feststand, -bevor er an die Durchführung der Arbeit ging. Noch deutlicher wird dies -durch eine Bemerkung an einer späteren Stelle des Vorwortes, in welcher -er sich bemüht, als das Ziel seiner Arbeit etwas weit höheres als die -Charakterisierung der Geschlechtsunterschiede hinzustellen. »Sollte es -den philosophischen Leser peinlich berühren«, heisst es da, »dass die -Behandlung der letzten und höchsten Fragen hier gleichsam in den Dienst -eines Spezialproblems von nicht grosser Dignität gestellt scheint: so -teile ich mit ihm das Unangenehme dieser Empfindung. Doch darf ich sagen, -dass durchaus das Einzelproblem des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den -~Ausgangspunkt~ als das Ziel des tieferen Eindringens bildet.« Das ist -wenigstens klar; was »das Ziel des tieferen Eindringens« bildet, wird -sich bald zeigen. - -Doch nun wieder zum Inhalt von »Geschlecht und Charakter«. ~Weininger~ -fasst kindlich das ganze Gebiet der Sexualität wie einen Baukasten auf; -alles lässt sich auf einfachste Weise konstruieren; jede sexuelle Frage -lässt sich mit dem Zauberschlüssel der ~Weininger~schen Lehre lösen: -Homosexualität, Genie, Frauenfrage; so einfach wie nur möglich. »In dem -Gesetz der sexuellen Anziehung ist zugleich die langgesuchte Theorie der -konträren Sexualempfindung enthalten.« Hat nämlich ein Mann -geschlechtliche Neigung zu Angehörigen des eigenen Geschlechtes, so hat -er eben eine relativ hohe Summe von W in sich; er wird also beim Suchen -nach seinem Komplement zu M hingezogen; Homosexualität bei der Frau, Amor -lesbicus, ist natürlich »Ausfluss ihrer Männlichkeit«; da diese aber -»Bedingung ihres Höherstehens« ist, so kann man sich, aus der falschen -Voraussetzung, dass M und gut identisch seien, die Folgerung denken; da -kommt schon der erste grosse Unsinn: das homosexuelle Weib steht über dem -normalsexuellen: das ist natürlich eine logische Konsequenz. - -Periodisch scheint nach ~Weininger~ in gewissen Zeiträumen eine starke -Vermehrung jener Zwittergeschöpfe einzutreten, die sich dicht an den -Grenzen, wo M und W ineinander überfliessen, herumtreiben; auf diese -z. Z. wieder vorhandene Flut wird das Gigerltum und die -Frauenemancipation zurückgeführt; beide sind Parallelerscheinungen, -derselben Ursache entsprungen! Was das Emancipationsbedürfnis und die -Emancipationsfähigkeit einer Frau anbetrifft, so liegen dieselben »nur in -dem Anteil an M begründet, den sie hat .... Nur den vorgerückteren -sexuellen Zwischenstufen, die gerade noch den Weibern beigezählt werden, -entstammen jene Frauen der Vergangenheit und Gegenwart, die von -männlichen und weiblichen Vorkämpfern der Emancipationsbestrebungen zum -Beweis für grosse Leistungen der Frau immer mit Namen angeführt werden.« -Was also die emancipierten Frauen betrifft, »nur der Mann in ihnen ist -es, der sich emancipieren will.« Die Frauenfrage ist demnach höchst -einfach dahin gelöst, dass es überhaupt keine solche Frage giebt; das -thatsächliche Weib ist absolut unfähig zu jeder Emancipation; es ist -sogar die grösste Feindin derselben. - -Damit sind wir schon über den ersten Teil von »Geschlecht und Charakter« -hinaus und steuern nun ins wilde Meer der krassesten Behauptungen und des -wildesten Unsinns. Es werden zunächst die Unterschiede zwischen M und W -gründlich festgestellt; wie W dabei wegkommen muss, ist von vornherein -bereits erwiesen. - -»Das Weib ist fortwährend, der Mann nur intermittierend sexuell.« »Der -Mann hat gleichen psychischen Inhalt wie das Weib in artikulierter Form; -wo sie mehr oder weniger in Heniden denkt, dort denkt er bereits in -klaren, distinkten Vorstellungen, an die sich ausgesprochen und stets die -Absonderung von den Dingen gestattende Gefühle knüpfen. Bei W sind Denken -und Fühlen eins (= Henide), ungeschieden, für M sind sie -auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse in Henidenform, wenn bei -M längst Klärung erfolgt ist. Darum ist W sentimental und kennt das Weib -nur die Rührung, nicht die Erschütterung. Es lebt also der Mann bewusst, -das Weib unbewusst.« - -Hier dürfte eine kurze Bemerkung am Platze sein. Unter Henide versteht -~Weininger~ das Verschmolzensein von Denken und Fühlen in Eins, im -weiteren Sinne aber die unentwickelten, primitiven psychischen Data. Nach -~Weininger~ liegt es im Begriffe der Henide, dass sie sich nicht näher -beschreiben lässt; trotzdem giebt er von derselben eine Reihe von -Charakteren an. »Sie unterscheidet sich von dem artikulierten Inhalt -d. h. der entwickelten Vorstellung durch den geringeren Grad an -Bewusstheit, den Mangel an Reliefierung, durch das Verschmolzensein von -Folie und Hauptsache, durch den Mangel eines Blickpunktes im Blickfelde.« -Ich will hier nicht näher auf die Henidentheorie ~Weiningers~ eingehen, -auch mich nicht mit einer Prüfung der Frage aufhalten, wieweit die von -ihm behaupteten Unterschiede im Vorstellen von Mann und Frau den -thatsächlichen Verhältnissen entsprechen, sondern lediglich das -Jongleurkunststück hervorheben, das er am Schlusse seiner Erörterungen -über das männliche und weibliche Bewusstsein ausführt. Während der -scharfe Logiker zunächst dem Weibe mit dem Denken in Heniden nur ein -minder scharfes Denken zuerkennt, spricht er ihm gleich darauf das -Bewusstsein überhaupt ab. Wäre ~Weininger~ psychologisch ungebildet, so -könnte man diese Behauptung auf Mangel einer richtigen Vorstellung über -das Phänomen des Bewusstseins zurückführen. Er war aber genügend -psychologisch geschult, um zu wissen, was unter bewusst und unbewusst -wissenschaftlich zu verstehen ist, und so charakterisiert sich seine -Behauptung als ein Nonsens, vor dem er lediglich deshalb nicht -zurückscheute, weil er ihm als Anknüpfungspunkt für weitere ähnliche -ungeheuerliche Aufstellungen zu dienen geeignet erschien. - -Nachdem also ~Weininger~ bis zu der Erkenntnis der Unbewusstheit des -Weibes vorgedrungen, schiebt er ein grosses Kapitel über das Wesen des -Genies ein. Er setzt sich sogleich ins gehörige Licht als der endgültige -Löser auch dieser schwierigen Frage, indem er mit der ihm nun einmal -eigenen Bescheidenheit verkündet: »Alle bisherigen Erörterungen über das -Wesen des Genius sind entweder biologisch-klinischer Natur und erklären -mit lächerlicher Anmassung das bischen Wissen auf diesem Gebiete zur -Beantwortung der schwierigsten und tiefsten psychologischen Fragen für -hinreichend. Oder sie steigen von der Höhe eines metaphysischen -Standpunktes herab, um die Genialität in ihr System aufzunehmen.« -~Weininger~ giebt die Lösung, wie nach dem bisher Entwickelten zu -erwarten: »Es ist das geniale Bewusstsein am weitesten vom Henidenstadium -entfernt; es hat vielmehr die grösste, grellste Klarheit und Helle. -Genialität offenbart sich hier bereits als eine Art höhere Männlichkeit -und darum kann W nicht genial sein.« Selbstverständlich ist W auch nicht -in der Lage, das Genie auch nur im entferntesten zu verstehen. »Den -Frauen gilt der geistreiche als der geniale, Nietzsche als der Typus des -Genies. Und doch hat, was mit seinen Einfällen jongliert, alles -Franzosentum des Geistes mit wahrer geistiger Höhe nicht die entfernteste -Verwandtschaft.« Man sieht hier bereits klar, dass ~Weininger~ sich -selbst für das Genie par excellence hielt, als er jenes Kapitel schrieb, -nach dem logischen Schlusse, der sich auch aus seinen eigenen Worten -ergiebt, dass wohl nie ein Weib im stande sein werde, ihn zu verstehen. - -Des weiteren verfügt W »nur über eine Klasse von Erinnerungen: es sind -die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängenden.« -»Da das Weib ohne Kontinuität ist, kann es auch nicht pietätvoll sein; in -der That ist Pietät eine durchaus männliche Tugend«. »Damit nämlich, ob -ein Mensch überhaupt ein Verhältnis zu seiner Vergangenheit hat oder -nicht, hängt es ausserordentlich innig zusammen, ob er ein Bedürfnis nach -Unsterblichkeit fühlen, oder ob ihn der Gedanke des Todes gleichgültig -lassen wird.« Daraus folgt: »Den Frauen geht das Unsterblichkeitsbedürfnis -ab.« Nun geht es bereits über in mystische Gefilde. Man beachte die Art -des logischen Konstruierens in den folgenden Sätzen; sie ist durchaus -typisch für die ganze Art ~Weininger~schen Denkens; in dem Kapitel -»Begabung und Gedächtnis« heisst es: »Der Wert ist also das Zeitlose; -und umgekehrt: ein Ding hat desto mehr Wert, je weniger es -Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit sich ändert. -In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur soviel Wert ein, als es -zeitlos ist; nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet. Dies ist, wie -ich glaube, noch nicht die tiefste und allgemeinste Definition des Wertes -und keine völlige Erschöpfung, doch das erste spezielle Gesetz aller -Werttheorie.« Nun: »Die Thaten des Genius leben ewig; an ihnen wird durch -die Zeit nichts geändert.« Genie ist aber höchst potenzierte -Männlichkeit, also ist nachgewiesen, dass M zeitlos, ewig ist. Ganz -zwanglos ergiebt sich das; für W natürlich das Gegenteil. - -Im nächsten Kapitel »Gedächtnis, Logik, Ethik« steht dann unser -Taschenkünstler der Logik nicht an zu erklären: »Die Frau erbittert die -Zumutung, ihr Denken von der Logik ausnahmslos abhängig zu machen. Ihr -mangelt das intellektuelle Gewissen. Man könnte bei ihr von »logical -insanity« sprechen.« Beim Weibe kann man ferner »nicht von -antimoralischem, sondern nur von amoralischem Sein sprechen. Das Weib ist -amoralisch.« So ähnlich wie das Völkerchaos von H. St. ~Chamberlain~, wo -sich diese Gegenüberstellung findet. Im 11. Kapitel »Männliche und -weibliche Psychologie« geht ~Weininger~ mit »eherner Geschlossenheit«, -wie einer seiner Verehrer schrieb, an die äussersten Konsequenzen. »Worum -es sich handelt, ist in Kürze dies. Es wurde gefunden, dass das logische -und das ethische Phänomen, beide im Begriff der Wahrheit zum höchsten -Werte sich zusammenschliessend, zur Annahme eines intelligiblen Ich oder -einer Seele als eines Seienden von höchster hyperempirischer Realität -zwingen. Bei einem Wesen, dem wie W das logische und ethische Phänomen -mangeln, entfällt auch der Grund, jene Annahme zu machen. Das vollkommen -weibliche Wesen kennt weder den logischen noch den moralischen Imperativ -und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht, Pflicht gegen sich selbst, ist das -Wort, das ihm am fremdesten klingt. Es ist der Schluss vollkommen -berechtigt, dass ihm auch die übersinnliche Persönlichkeit fehlt. Das -absolute Weib hat kein Ich, keine Seele!« Nun könnte wohl jemand -einwenden, das absolute Weib sei ja nur eine logische Hypothese, während -die existierenden Frauen alle nicht absolute Weiber seien, sondern doch -zum mindesten ein dürftiges Körnchen M in sich herumtragen; ~Weininger~ -macht aber da selbst keinen exakten Unterschied und wirft diese Begriffe -immer wieder durcheinander, was u. a. auch aus einem späteren Passus über -die rechtliche Gleichstellung beider Geschlechter klar hervorgeht. Es -wird feierlich verkündet: »Die Frau kann nie zum Manne werden ... während -es anatomisch Männer giebt, die psychologisch Weiber sind, giebt es keine -Personen, die körperlich weiblich und doch psychisch Männer sind.« -Konsequent nach ~Weiningers~ Theorie gedacht, müsste man glauben, dass es -doch so sein müsste; aber hier kann er eben die Mathematik nicht -brauchen. - -Das Mitleid des Weibes wird ins Reich der Fabel verwiesen. Der Beweis, -dass das Mitleid keine weibliche Tugend sei, ist höchst einfach: »Im -alten Weib ist nie (!) auch nur ein Funke jener angeblichen Güte mehr und -so liefert das Greisenalter der Frau den indirekten Beweis, wie all ihr -Mitleid nur eine Form sexueller Verschmolzenheit war, selbst wenn es auf -ein gleichgeschlechtliches Wesen sich bezog.« Es kommt aber noch besser. -»Der absolute Beweis für die Schamlosigkeit der Frauen liegt darin, dass -Frauen untereinander sich immer ungescheut völlig entblössen, während -Männer voreinander stets ihre Nacktheit zu bedecken suchen ... Der -einzelne Mann hat kein Interesse für die Nacktheit des zweiten Mannes, -während jede Frau auch die andere Frau in Gedanken stets entkleidet und -dann hierdurch die allgemeine interindividuelle Schamlosigkeit des -Geschlechtes beweist.« Der zwanzigjährige »Grosse« muss eigentümlichen -Verkehr gehabt haben; diese Behauptungen werden ihm doch sicher nur die -allerkritiklosesten seiner Verehrer nachbeten können. Aber auch hier -zeigt sich auch wieder aufs durchsichtigste die Art, wie ~Weininger~ -denkt; um die allgemeine Schamlosigkeit der Frauen (NB.! nicht des -absoluten W also) folgern zu können, muss er die Behauptung als bewiesen -aufstellen, dass sich die Frauen ungeniert voreinander entblössen, die -Männer dagegen nicht. - -In einem grossen Kapitel »Mutterschaft und Prostitution« vernichtet dann -~Weininger~ auch noch das letzte, was ein »hausbackener« Mensch zur -Verteidigung der Frau anführen könnte: Mutterschaft und Mutterliebe, und -zwar, wie man zugeben muss, ganz konsequent logisch ausgehend von seinen -falschen Voraussetzungen, die er sich absolut willkürlich zurecht gelegt, -um zu dem mystischen Ziele zu gelangen, das sich nun allmählich enthüllt. -Die Frauen zerfallen nach ~Weininger~ in zwei Klassen: Dirnen und Mütter; -die Anlage hierzu sei von Geburt an organisch in jeder Frau vorhanden. -Ich lasse hier eine Blütenlese der in dem Kapitel, das ~Moebius~ ekelhaft -nennt, angesammelten Behauptungen und Schlüsse folgen: - -»In der That muss ich die allgemeine Ansicht, welche ich lange geteilt -habe, völlig verfehlt nennen, die Ansicht, dass das Weib monogam und der -Mann polygam sei. Das Umgekehrte ist der Fall.« Besser, es muss der Fall -sein, sonst würde es ja nicht zur Rechnung passen. »Für die Frau ist der -Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke der Sittlichkeit -gar nicht, nur die Motive der Sicherheit und des Rufes mitsprechen. Es -gibt kein Weib, das in Gedanken ihrem Manne nie untreu geworden wäre, -ohne dass es darum dieses auch schon sich vorwürfe. Denn das Weib geht -die Ehe zitternd und voll unbewusster Gier ein und bricht sie, da es kein -der Zeitlichkeit entrücktes Ich hat, so erwartungsvoll und gedankenlos, -wie es sie geschlossen hat.« »Das Verhältnis der Mutter zum Kinde ist in -alle Ewigkeit ein System von reflexartigen Verbindungen ..... eine nie -unterbrochene Leitung zwischen der Mutter und allem, was je durch eine -Nabelschnur mit ihr verbunden war: das ist das Wesen der Mutterschaft, -und ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe nicht -einstimmen, sondern muss gerade das an ihr verwerflich finden, was an ihr -so oft gepriesen wird, ihre Wahllosigkeit.« Das Höchste leistet er dann -mit den Worten: »Ihre Stellung ausserhalb des Gattungszweckes stellt die -Hetäre in gewisser Beziehung über die Mutter, soweit dort von ethisch -höherem Standort überhaupt die Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber -handelt.« (!) »Nur solche Männer fühlen sich von der Mutter angezogen, -die kein Bedürfnis nach geistiger Produktivität haben. Bedeutende -Menschen haben stets nur Prostituierte geliebt.« In einem späteren -Kapitel heisst es auch: »Unendlich viel in der Frauenbewegung ist nur ein -Hinüberwollen von der Mutterschaft zur Prostitution; sie ist als ganzes -mehr Dirnenemancipation als Frauenemancipation und sicherlich ihren -wirklichen Resultaten nach vor allem ein mutigeres Hervortreten des -kokottenhaften Elementes im Weibe.« Weiter: »Die Sensationen des Koitus -sind prinzipiell keine anderen Empfindungen, als wie sie das Weib sonst -kennt; sie zeigen dieselben nur in höchster Intensifikation; das ganze -Sein des Weibes offenbart sich im K., aufs höchste potenziert.« »Der lügt -oder hat nie gewusst, was Liebe ist, der behauptet, eine Frau noch zu -lieben, die er begehrt: so verschieden sind Liebe und Geschlechtstrieb. -Darum wird es auch fast immer als eine Heuchelei empfunden, wenn einer -von Liebe in der Ehe spricht.« »Ich möchte sogar sagen, es gibt nur -platonische Liebe. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das -Reich der Säue.« (!) Man wird nun bereits merken, worauf die Sache -hinausgeht. In dem »Erotik und Ästhetik« betitelten Kapitel wird zunächst -natürlich der Frau auch jedes Gefühl für Ästhetik abgesprochen. »Das Weib -besitzt keinen freien Willen und so kann ihm auch nicht die Fähigkeit -verliehen sein, Schönheit in den Raum zu projizieren. Damit ist aber auch -gesagt, dass die Frau nicht lieben kann.« - -Trotzdem ~Weininger~ der Frau den freien Willen, jene erste juristische -Voraussetzung, genommen hat, betont er drei Seiten später mit rührender -Naivität: »Die rechtliche Gleichstellung von Mann und Weib kann man sehr -wohl verlangen, ohne darum an die moralische und intellektuelle -Gleichheit zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher Zeit -jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht verdammt und -braucht doch der ungeheuerste kosmische Gegensatz und Wesensunterschied -nicht verkannt zu werden. Denn der tiefstehendste Mann steht noch -unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe.« Wo hier wohl die Logik -bleibt? Das ~Weininger~sche weibliche Wesen ist ja forensisch absolut -unzurechnungsfähig; eine freie Willensbestimmung ist ja total -ausgeschlossen; man müsste schleunigst über sämtliche Frauen Kuratel -verhängen. Man denke sich nur ein solches Weib nach ~Weininger~ als -Zeugin; wie soll man sie denn als gleichberechtigt nehmen, wenn sie, »die -abgrundtiefe Verlogenheit« repräsentierend, doch erst weit hinter dem -tiefstehendsten Manne kommt? Ein Weib mit starkem W-Gehalt würde einem -kompletten Idioten gleichkommen. Wenn ~Weininger~ konsequent gewesen -wäre, hätte er das weibliche Geschlecht ausnahmslos aus dem Gerichtssaale -verbannen müssen. - -Um hinter den eigentlichen Zweck des weiblichen Seins zu kommen, führt -~Weininger~ in einem Kapitel »das Wesen des Weibes und seine Stellung im -Universum« fort, müsse von einem Phänomen ausgegangen werden, das, so alt -und bekannt es sei, noch nirgends und niemals einer Beachtung oder gar -Würdigung wert befunden worden sei. Es sei das Phänomen der Kuppelei, -welches den eigentlichsten, den tiefsten Einblick in die Natur des Weibes -gestatte. »Das Bedürfnis selbst k....[3] zu werden, ist zwar das -heftigste Bedürfnis der Frau, aber es ist nur ein Spezialfall ihres -tiefsten, ihres einzigen vitalen Interesses, das nach dem K.... überhaupt -geht, des Wunsches, dass möglichst viel, von wem immer, wo immer, wann -immer k...... werde.« »Mit Verheirateten (Männern) wird darum so selten -Ehebruch begangen, weil diese der Idee, welche in der Kuppelei liegt, -bereits genügen.« »Es lässt sich absolut nichts anderes als die positive -allgemeine weibliche Eigenschaft prädizieren als die Kuppelei, das ist -die Thätigkeit im Dienste der Idee des K...... überhaupt.« Das System -entwickelt sich, wie man sieht. »Wenn Weiblichkeit Kuppelei ist (und das -hat der Philosoph ja eben bewiesen), so ist Weiblichkeit universelle -Sexualität. Der Geschlechtsverkehr ist der höchste Wert der Frau; ihn -sucht sie immer und überall zu verwirklichen.« Demnach erhält das Weib -Existenz und Bedeutung nur, indem der Mann sexuell wird. Damit ist die -Stellung des Weibes im Universum fixiert; sie ist lediglich Verkörperung -der allgemeinen Sexualität, die nach ~Weininger~ Unsittlichkeit ist. -»Einen wahrhaft bedeutenden Menschen, der im Geschlechtsverkehr mehr -sähe, als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt oder gar in ihm -das tiefste heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es niemals -geben«, ruft er aus. Dementsprechend kann er z. B. von ~Wilhelm Bölsche~ -gar nicht verachtungsvoll genug reden: »Die grosse Vereinigung von -natürlicher Zuchtwahl und natürlicher Unzuchtswahl, deren schmählicher -Apostel sich ~Wilhelm Bölsche~ nennt« schreibt ~Weininger~ einmal. Mit so -absoluter Sicherheit predigt er seine Lehre, dass er sich zu der -Behauptung versteigen kann: »Es ist klar, dass wenn auch nur ein -einziges, sehr weibliches Wesen innerlich asexuell wäre oder in einem -wahrhaften Verhältnis zur Idee des sittlichen Eigenwertes stünde, alles -was hier von der Frau gesagt wurde, seine allgemeine Gültigkeit als -psychisches Charakteristikum ihres Geschlechtes sofort unmittelbar -verlieren müsste.« »Das absolute Weib, dem Individualität und Wille -mangeln, das keinen Teil am Werte und an der Liebe hat, ist vom höheren -transscendenten, metaphysischen Sein ausgeschlossen. Die intelligible, -hyperempirische Existenz des Mannes ist erhaben über Stoff, Raum und -Zeit; in ihm ist Sterbliches genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat -die Möglichkeit zwischen beiden zu wählen: zwischen jenem Leben, das mit -dem Tode vergeht und jenem, für welches dieser erst eine Herstellung in -gänzlicher Reine bedeutet.« »Der Mann birgt in sich die Möglichkeit zum -absoluten Etwas (= Gott) und zum absoluten Nichts ... Das Weib sündigt -nicht; denn es ist selbst die Sünde als Möglichkeit im Manne. Der reine -Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten Etwas, das Weib, auch das -Weib im Manne, ist das Symbol des Nichts: Das ist die Bedeutung des -Weibes im Universum und so ergänzen sich Mann und Weib.« »Die Frauen -haben keine Existenz und keine Essenz; sie sind nicht, sie sind nichts. -Man ist Mann oder man ist Weib, je nachdem man wer ist oder nichts.« »Das -Weib ist nicht Mikrokosmos; es ist nicht nach dem Ebenbilde der Gottheit -entstanden. Ist es also noch Mensch? Oder ist es Tier? Oder Pflanze?« Es -kann mir natürlich nicht einfallen, mich des Langen über diesen Unsinn zu -ergehen; diese Sätze sprechen ja wohl für sich selbst. Ich kann es aber -dem Leser nicht ersparen, mit mir weiter durch diese Flut von Unsinn zu -waten; denn nur so entwickelt sich das ganze System ~Weiningers~ klar. -Ich bin selbst mehrmals daran gewesen, die Feder wegzulegen, weil mir -meine Zeit leid that; nur der Gedanke, vielleicht doch etwas zu nützen, -liess mich dann weiterfahren. ~Moebius~ sagt, beim 13. Kapitel habe »die -Übelkeit über seinen guten Willen gesiegt.« Man wird ihm dies nachfühlen -können; wers nicht kann, dem ist wohl nicht zu helfen. Nach dieser -kleinen Pause will ich weiter an die Arbeit gehen. - - [3] Da sich unsere Sammlung an breitere Schichten wendet, so haben - wir auf wörtliche Wiedergabe besonders schamloser Stellen - verzichtet. D. H. - -~Weininger~ proklamiert also: Das Weib besitzt keine Seele. »Vielleicht -hat der Mann bei der Menschwerdung durch einen metaphysischen, -ausserzeitlichen Akt das Göttliche, die Seele, für sich allein behalten?« -Nun kommt das dicke Ende. Das Weib, die Verkörperung des Bösen, ist eine -Folge des männlichen Wunsches nach dem K...., folglich eine Schuld des -Mannes; das Weib muss also erlöst werden. Alles, was ~Weininger~ bisher -gesagt, war nur die Einleitung zur Hauptsache, zur Erlöseridee des -Weibes. ~Weininger~ als der Erlöser! »Darum ist dieses Buch die grösste -Ehre, welche den Frauen je erwiesen worden ist.« Es ist allerdings recht -schwierig, das arme Weib nun zu erlösen, nachdem es so tief gestürzt -worden ist; man sollte sogar glauben, als Verkörperung des Nichts, -sei es nicht wandlungsfähig; das scheint aber nur so; ein -Taschenspielerkunststückchen und dann ein bischen Logik und die Sache ist -gemacht; man höre: »Das Weib ist nichts und darum, nur darum, kann es -alles werden; während der Mann stets nur werden kann, was er ist.« Und -nun zur Erlösung: - -»Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille des -Mannes. Als der Mann sexuell ward, schuf er das Weib. Dass das Weib da -ist, heisst also nichts anderes, als dass vom Manne die -Geschlechtlichkeit bejaht wurde .... Der Mann hat das Weib geschaffen und -schafft es immer neu, so lange er noch sexuell ist .... Indem er auf den -Geschlechtsverkehr nicht verzichtet, ruft er das Weib hervor. Das Weib -ist die Schuld des Mannes.« Daraus dann die logische Glanzleistung: »Wenn -Weib Schuld ist und Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, so nur, weil alle -Schuld von selbst sich zu vermehren trachtet.« Der Gipfel des Systems ist -nun erstiegen: »Der Mann kann das ethische Problem für seine Person nicht -lösen, wenn er in der Frau die Idee der Menschheit immer wieder negiert, -indem er sie als Genussmittel benützt ... Die Frau muss dem -Geschlechtsverkehr innerlich und wahrhaftig aus freien Stücken entsagen. -Das bedeutet nun allerdings: das Weib muss als solches untergehen, und es -ist keine Möglichkeit für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden -(!), ehe dies nicht geschieht .... Hiermit erst, auf dem höchsten -Gesichtspunkt des Frauen- als des Menschheitsproblems ist die Forderung -der Enthaltsamkeit für beide Geschlechter gänzlich begründet.« Das ist -des Pudels Kern. Sollte jemand wagen, die Befürchtung auszusprechen, dass -ja bei allgemeiner totaler Abstinenz vom Geschlechtsverkehr die -Menschheit aufhören müsste, zu existieren, dem antwortet der Träger des -neuen Heils voll Verachtung: »In dieser merkwürdigen Befürchtung, welcher -der schrecklichste Gedanke der zu sein scheint, dass die Gattung -aussterben könnte, liegt nicht allein äusserster Unglaube an die -individuelle Unsterblichkeit und ein ewiges Leben der sittlichen -Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt irreligiös: man beweist mit -ihr zugleich seinen Kleinmut, seine Unfähigkeit ausser der Herde zu -leben ...« Wer seine (~Weiningers~) Lehre klar erfasst habe, »der würde -den leiblichen Tod nicht fürchten und nicht für den mangelnden Glauben -an das ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der Gewissheit des -Weiterbestehens der Gattung suchen.« - -Übrigens ist ~Weininger~ nicht so grausam, als es auf den ersten Blick -scheinen möchte; der gewöhnliche Mensch könnte meinen, mit dem Aufhören -der menschlichen Gattung sei eine unendliche Reihe von kommenden -Individuen vernichtet; das ist aber falsch; in Wirklichkeit wird durch -allgemeine sexuelle Abstinenz keine einzige Individualität vernichtet. In -den »letzten Dingen« offenbart nämlich ~Weininger~ die Existenz der Seele -vor der Geburt. Folgende Aussprüche werden genügen: »Man liebt seine -physischen Eltern; darin liegt wohl ein Hinweis darauf, dass man sie -erwählt hat.« »Die Geburt ist eine Feigheit: Verknüpfung mit anderen -Menschen, weil man nicht den Mut zu sich selbst hat. Darum sucht man -Schutz im Mutterleibe.« »Aus unserem Zustande vor der Geburt ist -vielleicht darum keine Erinnerung möglich, weil wir so tief gesunken sind -durch die Geburt: wir haben das Bewusstsein verloren und gänzlich -triebartig geboren zu werden verlangt, ohne vernünftigen Entschluss und -ohne Wissen und darum wissen wir gar nichts von dieser Vergangenheit.« -»Hätte der Mensch sich nicht verloren bei der Geburt, so müsste er sich -nicht suchen und wieder finden.« - -Damit wäre das System der ~Weininger~schen »Philosophie« dargestellt. Ein -Kapitel in dem Hauptwerke habe ich bis jetzt übergangen, das Kapitel über -das Judentum. ~Moebius~ sagt, dass es ebenso gut hätte wegbleiben können. -Für die Beurteilung des Falles halte ich aber dieses Kapitel für ganz -besonders wertvoll; ~Moebius~ kannte zur Zeit, als er über das Buch -schrieb, zu wenig Daten und vor allem die »letzten Dinge« und das Ende -des Verfassers nicht, sonst würde er wohl in dem Kapitel bedeutsame -Fingerzeige gesehen haben. Es ist nämlich eine vollkommene Beweisführung, -warum er, ~Weininger~, ein neuer Messias sei, in diesem Kapitel -enthalten. Auch kann man an diesem Kapitel so gut wie kaum sonst die -ursprüngliche Quelle nachweisen. H. St. ~Chamberlain~ widmet in seinen -»Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts« (~Bruckmann~, München 1900) dem -Wesen des Juden- und Christentums grosse Beachtung; die betreffenden -Kapitel (bes. Bd. I, 206-458) haben ungeheueren Einfluss auf ~Weininger~ -ausgeübt; nur hat sich ~Weininger~ die ausgezeichneten Ausführungen -~Chamberlains~ über das Judentum und über Christus für sein eigenes -System zurechtgemodelt und entstellt. ~Chamberlain~ sagt, dass Christus -der Überwinder des Judentumes sei, dass er Herr des alten Adams geworden -sei durch eine mächtige Umkehr des Willens. Es heisst dort z. B. I, 206: -»Jene Umkehr des Willens aber, jener Eintritt in das verborgene Reich -Gottes, jenes von neuem Geborenwerden, welches die Summe von Christi -Beispiel ausmacht, bedingt ohne weiteres eine völlige Umkehr der -Empfindungen.« Ferner: »Die Erscheinung Christi auf Erden hat die -Menschheit in zwei Klassen gespalten. Sie erst schuf den wahren Adel und -zwar echten Geburtsadel; denn nur, wer erwählt ist, kann Christ sein.« -Von grossem Einfluss auf ~Weininger~, als er noch nicht in die herrliche -Wandlung eingetreten war, dürften folgende Worte ~Chamberlains~ gewesen -sein, die vielleicht sogar direkt den Konvertierungsgedanken bei -~Weininger~ anregten: »Es wäre sinnlos, einen Israeliten echtester -Abstammung, dem es gelungen wäre, die Fesseln Esras und Nehemias -abzuwerfen, in dessen Kopf die Gesetze Moses und in dessen Herz die -Verachtung anderer keine Stätte mehr findet, einen Juden zu nennen« (I. -458). Denn nach Paulus sei nur das ein Jude, das inwendig verborgen sei. -~Chamberlain~ ist aber dafür auch so ziemlich der einzige aller Lebenden, -dem ~Weininger~ anscheinend unbedingte Hochachtung zollt, abgesehen von -~Ibsen~ und den Wiener Neurologen ~Freud~ und ~Breuer~. Wenigstens -liefert ~Weininger~ einmal eine schauerliche Abhandlung über die -Hysterie, wo er in analoger Weise wie beim Judentum die Ansichten -~Freuds~ in wirklich komischer Weise entstellt auftischt und denselben -nachsichtig auf einige Irrtümer aufmerksam macht. Doch nun zu -~Weiningers~ Kapitel des Judentums. »Man darf das Judentum nur für eine -Geistesrichtung, für eine psychische Konstitution halten, welche für alle -Menschen eine Möglichkeit bildet und im historischen Judentum bloss die -grandioseste Verwirklichung gefunden hat. Dass dem so ist, wird durch -nichts anderes bewiesen als durch den Antisemitismus ... Im aggressiven -Antisemiten wird man immer selbst gewisse jüdische Eigenschaften -wahrnehmen ... Wie man am anderen nur liebt, was man gerne ganz sein -möchte und doch nie ganz ist, so hasst man im anderen nur, was man nimmer -sein will und doch immer zum Teil noch ist. So erklärt es sich, dass die -allerschärfsten Antisemiten unter den Juden zu finden sind.« Diese -grundlegenden Sätze werden als Thatsachen aufgestellt; nimmt man sie als -bewiesen, so können die kühnsten Schlüsse erfolgen. Das alte Spiel, das -sehr an die Geschichte von den Kretensern und vom Lügen erinnert. - -~Weininger~ ist selbst der schärfste Antisemit. »Der echte Jude wie das -echte Weib leben beide nur in der Gattung, nicht als Individualitäten. -Hieraus erklärt sich, dass die Familie (als biologischer, nicht als -rechtlicher Komplex) bei keinem Volk auf der Welt eine so grosse Rolle -spielte wie bei den Juden; die Familie in diesem Sinne ist eben -weiblichen, mütterlichen Ursprungs[4] und hat mit dem Staate, mit der -Gesellschaftsbildung nichts zu thun. Die Zusammengehörigkeit der -Familienmitglieder nur als Folge des gemeinsamen Dunstkreises ist am -engsten bei den Juden. Jedem indogermanischen Mann, dem begabteren stets -mehr als dem mittelmässigen, aber auch dem gewöhnlichsten noch, ist dies -eigen, dass er sich mit seinem Vater nie völlig verträgt: weil ein jeder -einen, wenn auch noch so leisen, unbewussten oder bewussten Zorn auf -denjenigen Menschen empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben -genötigt ...« Weiter: der Jude steckt also nicht nur am tiefsten in der -Familie, sondern er ist auch »stets lüsterner, geiler, wenn auch -merkwürdigerweise im Zusammenhang mit seiner nicht eigentlichen -antimoralischen Natur, sexuell weniger potent als der arische Mann. Nur -Juden sind echte Heiratsvermittler.« Natürlich: Kuppelei = W = Nichts = -Jude, woraus die Analogie zum Weib hergestellt ist; »der absolute Jude -ist seelenlos.« »Aus ihrem Mangel an Tiefe wird auch klar, weshalb die -Juden keine ganz grossen Männer hervorbringen können, weshalb dem -Judentum wie dem Weibe die höchste Genialität versagt ist.« »Der Jude ist -der unfromme Mensch im weitesten Sinne.« »Das Judentum ist das Böseste -überhaupt[5].« Nun wird der Gegensatz intoniert: »Der Jude freilich, der -überwunden hätte, der Jude, der Christ geworden wäre, besässe allerdings -auch das volle Recht, vom Arier als Einzelner genommen und nicht nach -einer Rassenangehörigkeit mehr beurteilt zu werden, über die ihn sein -moralisches Streben längst hinausgehoben hätte.« Und weiter: »Jene -unbegreifliche Möglichkeit der vollständigen Wiedergeburt eines Menschen, -der alle Jahre und Tage seines früheren Lebens als böser Mensch gelebt -hat, dieses hohe Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen -verwirklicht, welche die grossen Religionen der Menschen gegründet haben. -Hierdurch scheiden sie sich vom eigentlichen Genie: In diesem überwiegt -von Geburt an die Anlage zum Guten. Alle Genialität ist nur höchste -Freiheit vom Naturgesetz. Wenn sich dies so verhält, dann ist der -Religionsstifter der genialste Mensch. Denn er hat am meisten -überwunden.« ~Weininger~, früher der böse Mensch, wird Überwinder und -lehrt eine neue Religion. Wers noch nicht glaubt, dem gehen vielleicht -bei den nächsten Äusserungen die Augen auf: »Christus ist der Mensch, der -die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet und so die -stärkste Position, das Christentum, als das dem Judentum Entgegengesetzte -schafft.« ~Weininger~ hat ebenfalls das Judentum überwunden und ausserdem -die noch stärkere Negation, das Weib. Dass die Juden eigentlich doch auch -Männer sind, bildet den Pferdefuss in der Deduktion; aber sie sind eben -eine Ausnahme von W nur dadurch, dass sie »gut begrifflich« veranlagt -seien. Natürlich vermag ~Weininger~, wie er sich ausdrückt, nicht mit -~Chamberlain~ zu glauben, dass die Geburt des Heilands in Palästina ein -blosser Zufall sein könne (NB. behauptet das aber ~Chamberlain~ gar -nicht cf. z. B. Grundlagen I, 249). »Christus war ein Jude«, erklärt -~Weininger~, »aber nur um das Judentum in sich am vollständigsten zu -überwinden; denn wer über den mächtigsten Zweifel gesiegt hat, der ist -der gläubigste, wer über die ödeste Negation sich erhoben, der positivste -Bejaher. Christus ist der grösste Mensch, weil er am grössten Gegner sich -gemessen hat. Vielleicht ist er der einzige Jude und wird es bleiben, dem -dieser Sieg über das Judentum gelungen: der erste Jude wäre der letzte, -der ganz und gar Christ geworden ist; vielleicht liegt aber auch heute -noch im Judentum die Möglichkeit, den Christ hervorzubringen; vielleicht -sogar muss auch der nächste Religionsstifter abermals durch das Judentum -hindurchgehen.« (!) Ausdrücklich weist ~Weininger~ dann darauf hin, dass -»unsere Zeit nicht nur die jüdischste, sondern auch die weibischste aller -Zeiten sei,« um dann zu erklären: »Dem neuen Judentum (!) entgegen drängt -ein neues Christentum zum Licht; die Menschheit harrt des neuen -Religionsstifters und der Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre -Eins.« Kommentar ist überflüssig. - - [4] Diese Stelle führe ich, vielleicht irrtümlich, auf - ~Chamberlain~ Grundlagen I, 133 zurück, wo von Familie als - ursprünglichem Matriarchat die Rede ist. - - [5] Letzte Dinge 180. - -Mit seiner Erlöseridee hängt es auch zusammen, dass seine Stellung zu -~Wagner~ sich so gründlich änderte; ~Weininger~ erblickte nämlich in -~Wagners~ Parzifal, den er auch deshalb »die tiefste Dichtung der -Weltlitteratur« nennt, Christus und seine eigene Person. - -Das bis jetzt zusammengestellte Material ist genügend zur Beantwortung -der Hauptfrage, ob ~Weininger~ geisteskrank und welcher Art diese -geistige Störung gewesen sei. Somit könnte die Exploration in einem -gewissen Sinne für abgeschlossen erklärt werden. Trotzdem würde die -Untersuchung nicht vollständig sein, wenn sie nicht noch einige andere -Gebiete streifte. Ich will daher noch durch Citate aus ~Weiningers~ -Schriften den Stand seiner sonstigen Kenntnisse und Anschauungen darlegen -und endlich zum Schlusse die Elaborate seiner letzten Lebenstage -vorführen, die wohl keinen Vernünftigen zweifeln lassen werden, dass sie -von keinem geistig Gesunden stammen. - -Wie in allen Dingen, so ist ~Weininger~ auch in Litteratur mit einem sehr -scharfen Urteil begabt. Neben dem Text von ~Wagners~ »Parzifal« steht ihm -am höchsten ~Ibsens~ »Peer Gynt«. Warum, kann man sich denken. »Es ist -ein Erlösungsdrama und zwar der grössten eines, um es nur gleich zu -sagen. Tiefer und allumfassender als irgend ein Drama ~Shakespeares~, -ohne an Schönheit hinter diesen zurückzubleiben, an sinnlichem Glanze -allen anderen Werken ~Ibsens~ überlegen, steht es an Bedeutung der -Konzeption ebenbürtig neben, an Gewalt der Durchführung weit über -~Goethes~ »Faust« und reicht beinahe hinan zu den Höhen des »Tristan« und -des »Parzifal« von ~Wagner~.« ~Hanslick~ sagt einmal (»Aus meinem Leben« -1894, II, 234), dass man in fünfzig Jahren die Schriften der Wagnerianer -als Monumente einer geistigen Epidemie anstaunen werde. So weit ich mich -erinnere, hat sich aber kaum einer zu solcher Höhe verstiegen wie -~Weininger~. Nach ihm ist »~Wagner~ der Mensch mit dem grössten -Naturempfinden, das je ein Mensch besessen hat. Gegen sein »Rheingold« -gehalten, verblassen selbst ~Goethes~ Lieder von allem Wasser in Nebel, -Wolken und Fluss ...« Die ~Wagner~sche Dichtung (NB. nicht die Musik) ist -»der Tiefe der Konzeption nach die grösste Dichtung der Welt. Es sind die -gewaltigsten Probleme, die je ein Künstler sich zum Vorwurf gewählt hat, -bedeutender noch als die Probleme des ~Aischylos~ und ~Dante~, ~Goethes~, -~Ibsens~ und ~Dostojewskis~, um von den Problemen ~Shakespeares~ zu -schweigen ... Das alles stellt ~Wagner~ hoch über ~Goethe~, dessen -letztes Wort doch nur das vom »Ewig-Weiblichen«, die Erlösung des Mannes -durch das Weib ist.« Man wird wohl merken, warum ~Goethe~ und -~Shakespeare~ so wenig bei ~Weininger~ gelten. An anderer Stelle -(»Geschlecht und Charakter« 408/409) findet sich noch folgendes über -~Wagner~: »~Richard Wagner~, der tiefste Antisemit, ist von einem Beisatz -von Judentum selbst in seiner Kunst nicht freizusprechen, so gewiss er -neben ~Michelangelo~ der grösste Künstler aller Zeiten ist, so -wahrscheinlich er geradezu den Künstler in der Menschheit überhaupt -repräsentiert. Ihm war das Judentum die grosse Hilfe, um zur klaren -Erkenntnis und Bejahung des anderen Poles in sich zu gelangen, zum -Siegfried und Parzifal sich durchzuringen und dem Germanentum den -höchsten Ausdruck zu geben, den es wohl je in der Geschichte gefunden -hat.« - -~Heine~ entbehrt natürlich fast jeder Grösse, aber nur weil er Jude ist. -~Keller~ und ~Storm~ werden ebenfalls »jeder Grösse entbehrende -Idylliker« genannt. Ganz unleidlich ist für ~Weininger~ der arme -~Schiller~; er gehört zu den Juden und wird in einem kleinen Aufsatz in -den »letzten Dingen« einfach vernichtet: »Was ist es doch, das an jenen -Gedichten so beleidigt? Es ist das Verletzende an ~Schiller~ überhaupt; -es ist seine Freude am Chor, an der Herde; sein ganz ungeniales -Glücksgefühl, gerade in der Zeit zu leben, in der er lebte ... Er ist -auch der eigentliche Schöpfer des Ästhetentums, das unter den modernen -Juden die meisten Anhänger zählt: es flüchtet vor aller Tiefe oder -heuchelt Tiefe, um den Schein retten zu können ... Einen Journalisten -dürfte ich ihn mit Grund nennen ... Was ihn aber endgültig zum -Journalisten stempelt, ist seine Rührseligkeit, die von einem tragischen -Geschehnis schwätzt, wenn ein Mensch auf der Gasse überfahren wird; und -es ist vor allem jene Bindung an den Tag und die Stunde, jene -Philistrosität, die sich am kosmischesten gestimmt dann fühlt, wenn ein -Jahrhundertwechsel vor sich geht. In ~Schiller~ hasst die journalistische -Moderne nur sich selbst.« Und ~Moebius~ hatte gewagt, ~Weininger~ den Rat -zu geben, Feuilletons zu schreiben! Man begreift der Freunde Ingrimm ob -so gänzlicher Verkennung. ~Spinoza~, als Jude, ist ebenfalls »riesig -überschätzt«. Die englischen Philosophen sind sämtlich Flachköpfe, -natürlich »weil aus England die seelenlose Psychologie gekommen ist«; »es -gehört zwar nicht eben viel dazu, der grösste englische Philosoph zu -sein; aber ~Hume~ hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten -Anspruch.« - -Sehr niedlich sind auch die Belehrungen, die wir über ~Nietzsche~ -empfangen. »~Nietzsche~ war lange Sucher; erst als Zarathustra that er -den Priestermantel um und da stiegen nun jene Reden vom Berge herunter, -die bezeugen, wie viel Sicherheit er durch die Verwandlung gewonnen hat.« -Man sieht, viel Kritik hat ~Weininger~ eben nicht besessen; hier läuft er -mit der von ihm so sehr gehassten Herde. Das Gesamturteil des jungen -Mannes über ~Nietzsche~ dürfte auch ein neues Licht auf dessen -Todesursache werfen: »~Nietzsche~ war nicht gross genug, um sich -selbständig aus eigener Kraft in Reinheit zu ~Kant~ durchzuringen, den er -nie gelesen hatte. Darum ist er nie bis zur Religion gelangt: als er das -Leben am leidenschaftlichsten bejahte, da verneinte das Leben ihn -- -jenes Leben nämlich, das sich nicht belügen lässt. Aus dem Mangel an -Religion erklärt sich ~Nietzsches~ Untergang. Ein Mensch kann an nichts -anderem zu Grunde gehen als an einem Mangel an Religion ...« - -Für die Modernen hat ~Weininger~ übrigens nichts übrig; so spricht er -z. B. von ihrer »Schuljungenopposition gegen alle Grössen der Historie.« -Alle Sprachkritiker, »von ~Baco~ bis auf ~Fritz Mauthner~« sind nach -seiner Ansicht »Flachköpfe«. - -Besonders lehrreich sind auch ~Weiningers~ Anschauungen über die -Naturwissenschaften und über die Medizin. Nach seiner Ansicht hat das -Judentum die Wissenschaft ruiniert; er predigt die Rückkehr zur -Naturheilkunde und enthüllt in seiner letzten Zeit die sonderbarsten -Theorien über Entstehung und Wesen von Krankheiten. »Machen, das ist das -Wort für den heutigen Fabrikbetrieb des Erkennens, in welchem die -Vorsteher der grossen Laboratorien und Seminarien die Funktionen -kapitalistischer Industriebarone vortrefflich ausfüllen. »Quellen« heisst -es in der Geschichtsforschung, »Versuchsreihen« in der exakten -Wissenschaft. Despotisch herrschen die Zahl, die Statistik, die -Fehlermethode, die genaue Gewichtsanalyse. Nicht ohne tiefe Berechtigung -hat diese Wissenschaft alle ihre Feststellungen als gleich wichtig -verkündet. Die Akademien der Wissenschaften sind die mächtige Gerusia des -Staates, die fürchterlichen Grossmütter der europäischen Kultur und sie -hüten und mehren das Erbe.« So kann der alte ~Schopenhauer~ reden; im -Munde des Jünglings nehmen sich die Worte sonderbar aus; aber man darf -eben nie vergessen, dass er von Erfahrung absieht und dass er bei seinem -turmhohen Standpunkt anders beurteilt werden muss. »Die Totengräber -~Darwins~ sind schon am Werke«, erklärt er mit Ruhe. »Die biologische -Betrachtungsweise, wie man sie heute versteht, ist nichts anderes als -eine utilitaristische; sie erweitert die utilitaristischen -Gesellschaftsprinzipien berühmter englischer Flachköpfe zu einer des -Pflanzen-und Tierreiches.« »Wie die Juden am eifrigsten den Darwinismus -und die lächerliche Theorie von der Affenabstammung des Menschen -aufgriffen, so wurden sie beinahe schöpferisch als Begründer jener -ökonomischen Auffassung des menschlichen Geschlechtes, welche den Geist -aus der Entwickelung des Menschengeschlechtes am vollständigsten -streicht. Früher die enragiertesten Anhänger ~Büchners~, sind sie jetzt -die begeistertsten Vorkämpfer ~Ostwalds~.« Erst durch die Juden ist »das -unkeusche Anpacken der Dinge in die Naturwissenschaft gekommen.« »Mit dem -Einfluss jüdischen Geistes hängt es auch zusammen, dass die Medizin, -welcher ja die Juden so scharenweise sich zuwenden, ihre heutige -Entwickelung genommen hat. Stets von den Wilden bis zur heutigen -Naturheilbewegung, von der sich die Juden bezeichnenderweise gänzlich -fern gehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religiöses, war der -Medizinmann ein Priester. Die bloss chemische Richtung in der Heilkunde, -das ist das Judentum.« Und doch ist »mit der Chemie nur den Exkrementen -des Lebenden beizukommen.« ~Weininger~ ipse sacerdos medicusque; wir -werden gleich sehen: - -»Die heutige Gesundheitspflege und Therapie ist eine unsittliche und -darum erfolglose; sie sucht von aussen nach innen, statt von innen nach -aussen zu wirken. Sie entspricht dem Tätowieren des Verbrechers: Dieser -verändert sein Äusseres von aussen her, statt durch eine Änderung der -Gesinnung. Jede Krankheit hat psychische Ursachen und jede muss vom -Menschen selbst, durch seinen Willen, geheilt werden; er muss sein -Inneres selbst zu erkennen suchen. Alle Krankheit, nicht nur die -Hysterie, ist nur unbewusst geworden, in den Körper gefahrenes -Psychische; so wie dieses in das Bewusstsein hinaufgehoben wird, ist die -Krankheit geheilt.« »Jede Krankheit ist Schuld und Strafe; alle Medizin -muss Psychiatrie und Seelsorge werden. Es ist irgend etwas Unmoralisches, -d. h. Unbewusstes, das zur Krankheit führt; und jede Krankheit ist -geheilt, sobald sie vom Kranken als innerlich erkannt und verstanden ist. -»Krankheiten sind vielleicht alle nur Vergiftungen; der Seele fehlt der -Mut, das Gift ins Bewusstsein zu heben und dort im Kampfe unschädlich zu -machen. Darum wirkt es im Körper weiter. Eine solche Vergiftung ist wohl -sicher die Gicht; sie dürfte stets auf unmoralische Sexualität -zurückgehen.« Diese ganze Lehre findet sich in den »Letzten Dingen«; -glatter Wahnsinn spricht aus den beiden folgenden Äusserungen, die -~Weininger~ in den letzten Tagen vor seinem Tode geschrieben: »Krankheit -ist ein Spezialfall von Neurasthenie. Krankheit ist Neurasthenie im -Körper.« »Den Übergang von Neurasthenie zur Krankheit muss Hautkrankheit -bilden.« Wichtig für Psychiater ist auch die Erkenntnis: »Aller Wahnsinn -entsteht nur aus der Unerträglichkeit des an alle Bewusstheit geknüpften -Schmerzes.« Auch dass die Engländer »sämtlich Masochisten« seien, dürfte -interessieren. »Dass ein Mensch irrsinnig wird, ist nur durch eigene -Schuld möglich.« Über die Hysterie stellt ~Weininger~ Behauptungen auf, -die umwälzend sein sollen. Ohne Erfahrung weiss er da alles besser. »Die -hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur des -Weibes ist die Hysterie; sie ist die organische Krisis der organischen -Verlogenheit des Weibes.« Dies die Quintessenz; wer den Blödsinn in -extenso geniessen will, kann ihn in »Geschlecht und Charakter« S. 357-375 -nachlesen. - -Aus den vielen Äusserungen, die ~Weininger~ über Epilepsie, besonders in -seiner letzten Periode, macht, möchte man annehmen, dass er sich für -einen Epileptiker gehalten habe. »Der epileptische Anfall ist an das -momentane Erlöschen der Fähigkeit zur Apperzeption geknüpft, und wenn es -heisst, dass Verbrechen oft im epileptischen Anfall begangen werden, so -sollte es wohl umgekehrt ausgedrückt werden: sie werden gegen den -epileptischen Anfall begangen, dessen drohende Nähe verspürt wird .... -Gegen die furchtbarste Hilflosigkeit, welche in der Epilepsie zum -Ausdruck kommt, flüchtet er in den Mord -- oft auch in die Frömmelei und -Bigotterie .... Ist die Epilepsie nicht die Einsamkeit des Verbrechers? -Fällt er nicht, weil er nichts mehr hat, an das er sich anhalten könnte?« -»Epilepsie ist völlige Hilflosigkeit, Fallsucht, weil der Verbrecher -Spielball der Gravitation geworden ist. Der Verbrecher tritt nicht auf -(sic). Gefühl des Epileptikers: Wie wenn das Licht erlischt und völlig -jeder äussere Halt fehlt. Ohrensausen beim Anfall: Vielleicht tritt, wenn -das Licht fehlt, Schall ein? »Der Epileptiker hat Visionen von roter -Farbe: Hölle, Feuer.« - -Wie schon früher erwähnt, erschien für ~Weininger~ in seiner letzten Zeit -alles Symbol, alles von geheimer Bedeutung durchdrungen. In den »letzten -Dingen« befinden sich unter »Tierpsychologie« und »letzten Aphorismen« -fast lauter diesbezügliche Gedanken. Aus ihnen leuchtet aber der helle -Wahnsinn; der Vater des Armen hält sie für »Keime zu einer späteren -Ausarbeitung« und hätte ihre Veröffentlichung am liebsten unterdrückt -gesehen. Einige Proben werden genügen: - -»Das Auge des Hundes ruft den Eindruck hervor, dass der Hund etwas -verloren habe ... Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die -Freiheit.« »Die Furcht vor dem Hunde ist ein Problem; warum giebt es -keine Furcht vor dem Pferde, vor der Taube? Es ist die Furcht vor dem -Verbrecher. Der Feuerschein, der dem schwarzen Hunde folgt (!), ist das -Feuer, die Vernichtung, die Strafe, das Schicksal des Bösen.« »Die -Hundswut ist eine merkwürdige Form; vielleicht der Epilepsie verwandt, -in welcher dem Menschen ebenfalls Schaum vor den Mund tritt.« Man bemerke -den dahinter steckenden Schluss. Der in Depression befindliche Kranke -schliesst, da er sich für epileptisch hält: Hund = Symbol des Bösen = -Epilepsie = ~Weininger~. »Lange nicht mit gleicher Sicherheit wie beim -Hund, aber doch als aufklärender Gedanke, kam mir der Einfall, dass das -Pferd den Irrsinn repräsentiere. Hierfür spricht das Alogische im -Benehmen des Pferdes, das Nervöse und Neurasthenische, das dem Irrsinn -verwandt ist ..... Der Hund bellt das Pferd an: weil der Böse das Gute -anbellt.« »Der Vogel ist die Sehnsucht der Schildkröte (des -verschlossenen Menschen, der die Umkehr vollzieht, aber noch immer nicht -fliegt).« »Entspricht nicht das pflanzenhafte Sein der Neurasthenie? Den -Mangel an Bewegungsfähigkeit im Neurastheniker würde das wohl erklären. -Der Neurastheniker ist anämisch: mangelnde Centralisation der Pflanze: -schliesslich hat die Pflanze keine Sinnesorgane (Mangel an Aufmerksamkeit -beim Neurastheniker).« Nicht minder bezeichnend sind die beiden folgenden -Keime: »Das Rot der Hölle ist das Gegenteil vom Blau des Himmels. Sehr -tief liegt, dass der Rauch das Auge schmerzt.« »Alle Tiere sind Symbole -verbrecherischer, alle Pflanzen Symbole neurasthenischer Phänomene in der -Psyche.« Das ist geradezu haarsträubend. Der Rauch als ein Symbol des -Bösen thut natürlich dem Auge, als einem Symbol des Guten, da es mit dem -Lichte zusammenhängt, weh!! »Die Malaria ist ein Sinnbild innerer -Versumpfung.« »Der Wirbel ist die Eitelkeit des Wassers und sein -Kreisegoismus.« »Der Sündenfall ist die Individualität und sein Symbol -die Sternschnuppe.« »Das Symbol des Jüdischen ist die Fliege. Dafür -spricht vielerlei: Zucker, Massenhaftigkeit, Summen, Zudringlichkeit, -Überallsein, scheinbare Treue der Augen.« Das Fliegensymbol dürfte wohl -auf eine Reminiscenz aus ~Schopenhauers~ »Gleichnissen, Parabeln und -Fabeln« zurückgehen, wo es heisst: »Zum Symbol der Unverschämtheit und -Dummdreistigkeit sollte man die Fliege nehmen. Denn während alle Tiere -den Menschen über alles scheuen ....., setzt sie sich ihm auf die Nase.« - -Als Finale: - -»Im Augenblick, da das Fliegenartige (Jüdische?) in mir unbewusst wird, -d. h. ich fliegenartige »Züge« habe, ich hierin unfrei bin, wird es zur -Erscheinung der Fliege, der gegenüber als einer Empfindung ich unfrei -bin: im selben Augenblick ist der Raum da. So zeigt sich das Problem der -Externalisation, der Projektion des Raumes als die andere Seite des -Problems der Tierpsychologie, der Natursymbolik. Der Verbrecher -halluciniert die giftige Mücke und stirbt an falscher Furcht durch -Herzschlag.« - -Hoffentlich stirbt kein Leser an dieser letzten Zumutung infolge -Entsetzens und Schreckens sowohl über den abgründlichen Blödsinn, der in -diesen Citaten aufgespeichert ist, als auch darüber, dass es Leute giebt, -die sie als »Goldfunde und Blitzlichter« bezeichnen. - - -Die Krankheit. - -Nach dem so ausführlich dargelegten Material wird wohl kaum jemand -zweifeln können, dass man es bei ~Weininger~ nicht mit einem -geistesgesunden philosophischen Phänomen zu thun habe, sondern dass es -sich bei ihm lediglich um eine eigenartige geistige Störung handle. Es -wäre sicher von hohem Interesse, den Persönlichkeiten nachzugehen, durch -deren Blutmischungen eine Gestalt wie die ~Weiningers~ entstehen konnte; -leider fehlt gerade hier das Material; selbstverständlich kommt es da -nicht so sehr auf geistige Störungen an, die man in der Ascendenz -bedeutender Menschen eigentlich relativ selten findet, als vielmehr auf -geistige Abnormitäten, prononzierte Individualitäten mit ausgeprägten -Talenten und Eigenheiten. Der Vater ~Weiningers~ ist jedenfalls ein -ungewöhnlich veranlagter Mann. ~Weininger~ selbst trägt unverkennbar von -Hause aus alle Zeichen eines sogenannten Entarteten, eines Dégénéré -(Magnans Dégénéré supérieur) und zwar mit einem starken Beigeschmack von -Hysterie. Man muss nur nicht glauben, dass das Wort Entarteter in dem -Sinne zu verstehen sei, wie der gewöhnliche Sprachgebrauch es nimmt; ein -Degenerierter im psychiatrischen Sinne ist lediglich ein von Geburt an -bedeutend von der Norm seiner Art abweichender Mensch, der Idiot wie -Genie sein kann; je grösser und abnormer die geistige Begabung, desto -grösser natürlich auch die Gefahren, die dieser Entartung entspringen und -von denen der Durchschnittspfahlbürger verschont bleibt. So gehört -~Schopenhauer~ »zur Klasse der Deséquilibrés, in der sich bekanntlich die -feinen Köpfe zusammenfinden« (~Moebius~). - -Als Kind zeigte ~Weininger~ schon seine abnorme Beanlagung; bereits mit -vierzehn Monaten »sprach er mit höchster Deutlichkeit sein Deutsch«. Als -junger Mensch zeigte er regstes Interesse für alles, eine sehr lebhafte -Auffassung, eine intensive Lernbegierde, einen Wissensdrang, der seinen -Lehrern oft Verlegenheit bereitete, und ein ganz ausserordentliches -Gedächtnis besonders für Sprachen. Von Anbeginn aber ist auch schon ein -ungemeines Selbstgefühl ausgeprägt, das ihn sehr frühe vielen Menschen -unangenehm machte. Auch war er ziemlich erotisch veranlagt und hat sich -allem Anschein nach sehr frühe schon über die einschlägigen Fragen -orientiert. Seinen Lehrern scheint er ein Greuel gewesen zu sein durch -sein vorlautes, eigenmächtiges Wesen, seine Insubordinationen, seinen -Dünkel; über seine Lehrer machte er sich im besten Falle lustig; es kam -zu mehreren heftigen Auftritten; dass er z. B. während der Lehrstunden -sich mit anderen Dingen beschäftigte, dass er gegebene Aufgaben machte, -wie es ihm beliebt, nicht wie vorgeschrieben, beweist deutlich, wie stark -er seine eigene Persönlichkeit empfand; den Begriff Pflicht empfand er -nicht; nur den der Pflicht gegen sich selbst, wie er sich später -ausdrückte. Er hatte daher auch keinen Familiensinn, wie sein eigener -Vater hervorhebt. Welch grosse Bedeutung sonst alltägliche Ereignisse für -ihn gewinnen konnten, beweist der Eindruck, den der notgedrungene Besuch -von ein paar Tanzkränzchen auf ihn machte. - -Einen kolossalen Einfluss übte die Lektüre auf ihn aus; er las enorm viel -und man kann ganz gut verfolgen, wie ihn ~Nietzsche~, ~Schopenhauer~, -~Tolstoi~, ~Dostojewski~, ~Ibsen~, ~Chamberlain~ jeder eine Zeit lang -förmlich erfüllte, bis ~Kant~ und ~Wagner~ kamen. Schon gegen Ende seiner -Gymnasialzeit schloss er sich mehr und mehr von gewöhnlicher Geselligkeit -ab und arbeitete mit grosser Energie. Während seiner etwa 2-3 Jahre -dauernden ersten Studentenzeit lebte er »in der schwülen Treibhausluft des -Wiener Lebens« (~Schneider~, Allg. Ztg. Beil. 1903, 292), in der Zentrale -der sublimsten Dekadenze, die schon so viele frühreife Litteraturheilande -hervorgebracht hat und von der die Rede geht, dass ihre echtesten Söhne -bereits mit pessimistischem Stirnrunzeln zur Welt kommen, mit zehn Jahren -zur Erkenntnis gelangen, dass ~Michelangelo~ eigentlich ein Troddel gewesen -sei, um Anfang der Zwanziger sich dann selbst mikrokosmisch als den -Mittelpunkt der Welt zu empfinden. Neben der Eigenart der Persönlichkeit -~Weiningers~, die seiner Psychose das so besondere individuelle Moment -verleiht, ist eben dieser Wiener Nährboden von gar nicht zu -unterschätzender Bedeutung. In Berührung mit allerlei Elementen dieser -Gesellschaft von Mattoiden (Lombroso) scheint dann bei ~Weininger~ auf der -Basis der psychopathischen Entartung eine Geistesstörung eingesetzt zu -haben, die ganz unzweifelhaft alle Charakteristika der Hysterie[6] trägt -und ausgezeichnet ist durch einen exquisit manisch-depressiven Charakter -d. h. sie verlief in Perioden abwechselnd von heiterer und gedrückter -Gemütsstimmung. ~Kraepelin~ sagt: »Da die Hysterie mit einer Umwandlung der -ganzen psychischen Persönlichkeit einhergeht, werden natürlich auch die -verschiedenartigsten, nicht eigentlich hysterischen Psychosen auf dieser -Grundlage durch Beimischung einzelner besonderer Züge eine eigenartige -Färbung annehmen können. Das gilt besonders für das manisch-depressive -Irresein, von dem wir ja wissen, dass es sich ebenfalls wesentlich aus -krankhafter Veranlagung heraus entwickelt.« Dies scheint mir vollkommen auf -den Fall ~Weiningers~ anwendbar zu sein, bei dem ja auch im Vordergrund die -vollkommene Umwandlung der Persönlichkeit steht. In seiner Psychose lassen -sich deutlich vier Stadien abgrenzen: ein längeres Einleitungsstadium von -mehr hypomanischem Charakter mit der Entstehung der dualistischen -Persönlichkeit, etwa von Sommer 1901 bis zur Promotion, Juli 1902; daran -anschliessend ein Depressionsstadium, das Mitte Herbst 1902 wieder in ein -allmählich fast manisches Stadium überging; endlich die zweite und -schwerste Depression, die mit der Katastrophe vom 4. Oktober 1903 endigte. -~Wie bei Hysterie überhaupt häufig zeigten Verstand und Gedächtnis niemals -Störungen.~ Dagegen ist geradezu typisch das überall ausgesprochene, -unleidliche Selbstgefühl, das ~Weininger~ zeigt (er hat nur in den -manischen Stadien eigentlich produziert); stets ist er der Mittelpunkt, -fühlt sein Ich am stärksten, urteilt über alles in der schärfsten Weise. -Sein Ehrgeiz ist brennend; er will um jeden Preis berühmt werden, Aufsehen -erregen, koste es, was es wolle. Früher ausgesprochen erotisch, steht nun -im Mittelpunkt der Erkrankung eine vollkommene Sexualabneigung, ein bis zum -Fanatismus sich steigernder Hass gegen alles Geschlechtliche; das ist -ebenfalls hysterisch. Sehr klar ausgeprägt ist das Symptom der sogenannten -Spaltung der Persönlichkeit; ~Weininger~ nannte es ethischen Dualismus. -Hysterisch, und nur hysterisch, sind auch jene geradezu einzigartigen -Sensationen, die er beim Anhören von Musik empfand. Schöner könnte das -moderne degenerative Moment in einer hysterischen Psychose sich nicht -offenbaren. - - [6] ~Moebius~ spricht schon: »Die Geschichte macht den Eindruck - einer hysterischen Kontrefaçon« (»Geschlecht und Unbescheidenheit« - p. 28). - -Die »herrliche Wandlung«, die zwei Jahre vor seinem Tode begann, war -nichts als der Beginn der hysterischen Störung. Typisch sind auch die -Faxen mit der rührenden Demut, die mit dem masslosesten Grössenwahn -vereinbar war. Der Hysterie, der Umwandlung seiner Persönlichkeit, -entsprang auch sein Übertritt zum Christentum. Neben den psychischen -Erscheinungen der Hysterie scheinen sich auch körperliche -Funktionsstörungen eingestellt zu haben; die von ~Rappaport~ angegebenen -Herzkrämpfe und epileptischen Anfälle sind nichts anderes als hysterische -Krampfanfälle; der Sohn hatte beim ersten Beginn der Erkrankung das -Elternhaus verlassen; so erklärt sich auch, dass der Vater von diesen -Anfällen nichts wusste, die erst mit dem Ausbruch der Hysterie in die -Erscheinung traten. Übrigens sind sie in dem Krankheitsbilde ganz zu -entbehren, ohne dass sich an der Auffassung der Psychose das Geringste -änderte. Dass es sich nicht um Epilepsie gehandelt hat, ist sicher -auszuschliessen, wenn auch der Hysterikus wahrscheinlich Sensationen -hatte, die er einer bestehenden Epilepsie zuschrieb. Nach der Promotion -und dem Übertritt zum Christentum, welche Handlungen er echt hysterisch -an einem Tage vollzog -- folgte auf die Anstrengungen für das Examen und -die höchste Erregung nach dem Gelingen die erste Depression, in der -bereits Selbstmordgedanken laut werden. Dann aber schloss sich die -grosse, manische Periode an, in der ~Weininger~ mit graphomanischem Eifer -in etwa acht Monaten ein grosses Buch und eine Reihe kleinerer Aufsätze -niederschrieb. In dieser Spanne entwickelte sich bei ihm auch ein -richtiges Wahnsystem von durchaus hysterischem Wesen, dessen Grundlage -seine Sexualabneigung war (nicht umgekehrt, wie ich vielleicht mit -Unrecht annehme; doch ist das nicht wesentlich); er arbeitete eine -Weltanschauung aus, deren Anläufe bereits in der ersten Erregungsperiode -rudimentär sichtbar sind; er entdeckt, dass alles um ihn herum nur Symbol -ist; die veränderte Empfindung der eigenen Persönlichkeit hat sich auch -auf die Aussenwelt übertragen, die sich ihm nun anders mitteilt als -vordem. Analog Christus, der die stärkste Negation, das Judentum, -überwunden, fühlt er sich berufen, selbst auch Überwinder des Judentums, -die zweite, noch viel grössere Negation in der Welt, das Weib, zu -überwinden; er fühlt sich als Erlöser, predigt das neue Reich Gottes -durch vollkommene geschlechtliche Enthaltsamkeit und lehrt die -Präexistenz der Seele vor der Geburt. Er hält sich für einen Heiligen, -ein Genie, einen Religionsstifter; das alles ist deutlich genug in seinen -Worten ausgedrückt; er spricht überall mit absoluter Sicherheit und -Erhabenheit, auch wenn es der grösste Unsinn ist, deutet alles in sein -System um, lässt echt hysterisch in seinem Buch jeden besonderen Gedanken -dick und fett drucken, bildet sich ein, für Jahrtausende geschrieben zu -haben u. s. w. - -Aber im Sommer 1903, nachdem das Buch geboren war, begann die Erregung -abzuklingen; immer lebhaftere Stimmungsschwankungen traten ein; zeitweise -erschienen direkte Hallucinationen, so die Hunde mit dem roten -Feuerschein, das dreimalige Bellen des Hundes in jener entsetzlichen -Nacht; höchst sonderbar ist auch das Gefühl vom Sterben eines Menschen, -das durch das Bellen eines Hundes angezeigt wurde[7]. Das lebhafte -Reisebedürfnis, das ihn im August (!) nach Sizilien trieb, zeigt -genügend, wie es in ihm aussah; wie krankhaft seine Verfassung war, -beweisen z. B. auch die unangenehmen Empfindungen, die ihm der Untergang -der Sonne bereitete, der für ihn eine mystisch-symbolische Bedeutung -schmerzlichster Art bekam. Das Erlösergefühl verschwand immer mehr und -machte dem Gefühl von Schuld, Sünde, Angst, Verbrechen Platz; zuletzt -empfand er alle Schuld der Welt als die eigene, meinte, alles was mit ihm -in Berührung gekommen sei, sei verflucht. Was er in diesen letzten Tagen -niederschrieb, macht fast den Eindruck, als ob ein deliranter Zustand -über ihn gekommen gewesen sei. In der Verzweiflung, über die furchtbaren -Gedanken, die ihn peinigten, beging er dann Selbstmord. Und dieser -Selbstmord in der ganzen Art seiner Ausführung bezeugt nur wieder die -Hysterie. Mit einem Knalleffekt ging er aus dem Leben; er schlich sich -nicht wie gewöhnliche Selbstmörder zur Seite, um allein zu sterben und -ohne Aufsehen, da ihnen der Tod nur Selbstzweck ist, sondern er wollte -noch im Tode die Augen der Welt auf sich ziehen; darum führte er die -Tragödie in Beethovens Sterbehaus auf; das konnte nur ein Hysterischer -thun. - - [7] Eigentlich ist das dreimalige Bellen das Auffallende; bei dem - so fein organisierten Geruchsinn der Hunde wäre es nicht unmöglich, - dass sie den Todeskampf z. B. ihres Herren witterten und diesem - Gefühl durch jämmerliches Geheul Ausdruck gäben. - -Wir haben also gesehen, dass es sich bei ~Weininger~ um eine angeborene -degenerative Veranlagung handelte und dass auf dieser Basis sich Mitte -oder Ende 1901 eine hysterische Geistesstörung mit manisch-depressivem -Charakter entwickelte, die vor allem ausgezeichnet war durch vollkommene -Umwandlung der Persönlichkeit, ungeheures Selbstgefühl, völlige -geschlechtliche Unempfindlichkeit, Krampfanfälle, abnorme Sensationen, -Gesichtshallucinationen, periodisch wechselnden Wahnideen der Grösse und -der Verschuldung. Was den Fall so interessant macht, ist die Reinheit der -Symptome und die eigenartige, entschieden hochbegabte Persönlichkeit des -Kranken; man darf nicht vergessen, dass er wenig über 23 Jahre alt war, -als er starb; es wird wohl wenige in seinem Alter geben, die über -gleiches Gedächtnis, gleichen Fleiss, gleiche Arbeitskraft, gleiches -Wissen verfügen wie ~Weininger~. Darum konnte sich auch ~Moebius~ trotz -alles Abscheus vor dem Buche doch des Bedauerns nicht erwehren. Traurig -ist nur, dass der Fall ~Weininger~ wieder bewiesen hat, dass alles, was -geschrieben wird, wenn es nur mit dem nötigen Applomb in die Welt gesetzt -wird, seine Bewunderer findet. Dazu bedarf es nichts als einiger -kräftiger Trommler, »den Ruhm des Schlechten zu intonieren und ihre -Stimme findet an der leeren Höhlung von tausend Dummköpfen ein -nachhallendes und sich fortpflanzendes Echo.« (~Schopenhauer~ über -~Hegel~, Satz vom zureichenden Grunde.) - -Damit kann ich meine Betrachtungen über ~Weininger~ schliessen. Ich bin -vollkommen überzeugt, dass ich bei allen, die ihn als Genie verehren, -lediglich Widerspruch und heftigen Vorwurf erfahren werde: denn indem sie -ihre Kritikunfähigkeit bereits zur Genüge dokumentiert haben durch die -Verherrlichung und Bewunderung, die sie den ~Weininger~schen Elaboraten -zu teil werden liessen, werden auch meine Auseinandersetzungen für sie in -den Wind gesprochen sein. Gegen diese Schar wird nur die Zeit aufkommen. -Aber das eine möchte ich nicht unterlassen, zu sagen: es gibt eine Reihe -von Leuten, die ~Weininger~ leidenschaftlich bekämpften, die geneigt -sind, in ihm einen modernen Herostratos (übrigens auch ein Hysterikus) zu -sehen; vielleicht haben meine Darlegungen wenigstens das Gute, dass der -Unglückliche keiner litterarischen Verurteilung mehr verfällt, sondern -dass seine Gegner statt mit Hass und Verachtung den Werken ~Weiningers~ -gegenüberzustehen, lediglich Bedauern empfinden mit seinem Schicksal, das -ein so glänzend veranlagtes Gehirn zum Wahnsinn getrieben. - -»Was also war es, das zu ihm drang, empor zu seiner sublimen Nebelhöhe, -und dem Blitzeschleuderer den Revolver in die Hand drückte? Was war -entsetzlich und süss genug, dass es den Ragenden zwang, seinetwegen zu -sündigen und die Sünde mit dem Tode zu sühnen? Ein Schuss, der eine -Tragödie ohnegleichen beendigte. Aber ein Schuss im Nebel.« So -~Nordhausen~ in seiner Kritik von »Geschlecht und Charakter«. Eher könnte -man von einem Buch im Nebel, einem Mann im Nebel reden. Ich hoffe, -gezeigt zu haben, was es war, das empordrang zur sublimen Nebelhöhe. -Statt eines Blitzeschleuderers ein Geisteskranker, dessen Psychose durch -einen Zug von Genialität ihr individuelles Moment erhielt, statt eines -Ragenden ein Unglücklicher, der sich in einem Anfall melancholischer -Verstimmung erschoss, statt eines philosophischen Phänomens zwei Bücher, -die in die ärztliche Bibliothek einer Irrenanstalt gehören. - -Sapienti sat! - - - - -Neuester Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. - -Soeben erschienen: - - - - - Die - Funktionsprüfung des Darmes mittelst der Probekost, - - ihre Anwendung in der ärztlichen Praxis - und ihre diagnostischen und therapeutischen Ergebnisse. - - Von - Professor Dr. _Adolf Schmidt_, - Oberarzt am Stadtkrankenhause Friedrichstadt in Dresden. - - #Mit einer Tafel. -- Preis Mk. 2.40.# - - - _Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis._ - - ~Vorwort.~ -- I. Die Funktionsprüfung des Darmes. -- II. Die - Probekost. -- III. Die Stuhluntersuchung. A. Makroskopische - Untersuchung. B. Mikroskopische Untersuchung. C. Die chemische - Untersuchung. D. Die bakteriologische Untersuchung der Fäzes. -- - IV. Die simeotische Bedeutung der pathologischen Fäzesbefunde. - 1. Der Schleim. 2. Unveränderte Gallenfarbstoffe (Bilirubin) und - Schwankungen des Hydrobilirubingehaltes. 3. Ungenügende - Fettverdauung. 4. Fleischreste. 5. Kohlenhydratreste (Gärungs-resp. - Brütschrankprobe). 6. Verhältnis der Gärung zur Fäulnis. -- - V. Rückblick auf weitere Aufgaben der Funktionsprüfung. -- - VI. Darmstörungen seitens des Magens, der Leber und des Pankreas. - A. Gastrogene Darmstörungen. B. Hepatogene Darmstörungen. - C. Pankreatogene Darmstörungen. -- VI. Selbständige Darmstörungen. - 1. Organische Erkrankungen. A. Geschwüre. B. Katarrhe. - C. Darmatropie. 2. Funktionelle Erkrankungen. A. Sekretorische - Störungen. B. Resorptionsstörungen. C. Motorische Störungen. - (Tormina intestinorum, Nervöse Diarrhöe, Habituelle - Obstipation.) ~Literaturverzeichnis.~ - - - - - Die Fettleibigkeit (Korpulenz) und ihre Behandlung - nach physiologischen Grundsätzen. - - - Von - Dr. _Wilhelm Ebstein_, - - Geheimer Medizinalrat, o. ö. Professor der Medizin und Direktor der - medizinischen Klinik und Poliklinik in Göttingen. - - _Achte, sehr vermehrte Auflage._ - - #Preis M. 3.60, geb. M. 4.60.# - - - - -Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. - - - - - Grenzfragen - des - Nerven- und Seelenlebens. - - - Im Vereine mit hervorragenden Fachmännern des In- und Auslandes - herausgegeben von - - _Dr. L. Löwenfeld_ und _Dr. H. Kurella_ - in München. in Breslau. - - - I. _Somnambulismus und Spiritismus._ Von Dr. med. ~Löwenfeld~ - in München. M. 1.-- - - II. _Funktionelle und organische Nervenkrankheiten._ Von Prof. - Dr. H. ~Obersteiner~ in Wien. M. 1.-- - - III. _Ueber Entartung._ Von Dr. P. J. ~Möbius~ in Leipzig. - M. 1.-- - - IV. _Die normalen Schwankungen der Seelentätigkeiten._ Von Dr. - J. ~Finzi~ in Florenz, übersetzt von Dr. E. ~Jentsch~ - in Breslau. M. 1.-- - - V. _Abnorme Charaktere._ Von Dr. J. L. A. ~Koch~ in Cannstatt. - M. 1.-- - - VI/VII. _Wahnideen im Völkerleben._ Von Dr. M. ~Friedmann~ - in Mannheim. M. 2.-- - - VIII. _Ueber den Traum._ Von Dr. S. ~Freud~ in Wien. M. 1.-- - - IX. _Das Selbstbewusstsein, Empfindung und Gefühl._ Von Prof. - Dr. Th. ~Lipps~ in München. M. 1.-- - - X. _Muskelfunktion und Bewusstsein._ Eine Studie zum - Mechanismus der Wahrnehmungen. Von Dr. E. ~Storch~ - in Breslau. M. 1.20 - - XI. _Die Grosshirnrinde als Organ der Seele._ Von Prof. Dr. - ~Adamkiewicz~ in Wien. M. 2.-- - - XII. _Wirtschaft und Mode._ Von W. ~Sombart~, Breslau. M. --.80 - - XIII. _Der Zusammenhang von Leib und Seele das Grundproblem der - Psychologie._ Von Prof. W. ~Schuppe~ in Greifswald. - M. 1.60 - - XIV. _Die Freiheit des Willens vom Standpunkte der - Psychopathologie._ Von Professor Dr. A. ~Hoche~ - in Strassburg. M. 1.-- - - XV. _Die Laune._ Eine ärztlich-psychologische Studie. Von - Dr. Ernst ~Jentsch~ in Breslau. M. 1.20 - - XVI. _Die Energie des lebenden Organismus und ihre - psycho-biologische Bedeutung._ Von Prof. Dr. W. - ~v. Bechterew~ in St. Petersburg. M. 3.-- - - XVII. _Ueber das Pathologische bei Nietzsche._ Von Dr. med. - P. J. ~Möbius~, Leipzig. M. 2.80 - - XVIII. _Ueber die sogen. Moral insanity._ Von Med.-Rat - Dr. ~Naecke~ in Hubertusburg. M. 1.60 - - XIX. _Sadismus und Masochismus._ Von Geh. Med.-Rat Prof. Dr. - A. ~Eulenburg~ in Berlin. M. 2.-- - - XX. _Sinnesgenüsse und Kunstgenuss._ Von Prof. ~Karl Lange~ - in Kopenhagen. Nach seinem Tode herausgegeben von Dr. - ~Hans Kurella~ in Breslau. M. 2.-- - - XXI. _Ueber die geniale Geistestätigkeit_ mit besonderer - Berücksichtigung des Genies für bildende Kunst. Von - Dr. L. ~Löwenfeld~ in München. M. 2.80 - - XXII. _Psychiatrie und Dichtkunst._ Von Dr. G. ~Wolff~ in Basel. - M. 1.-- - - XXIII. _»Bewusstsein -- Gefühl«._ Eine psycho-physiologische - Untersuchung. Von Prof. Dr. ~Oppenheimer~, Heidelberg. - M. 1.80 - - XXIV. _Beiträge zur Psychologie des Pessimismus._ Von Dr. A. - ~Kowalewski~ in Königsberg (O.-P.). M. 2.80 - - XXV. _Der Einfluss des Alkohols auf das Nerven- und - Seelenleben._ Von Dr. E. ~Hirt~ in München. M. 1.60 - - XXVI. _Berufswahl und Nervenleiden._ Von Prof. Dr. A. ~Hoffmann~ - in Düsseldorf. M. --.80 - - XXVII. _Individuelle Geistesentartung und Geistesstörung._ Von - Direktor Dr. Th. ~Tiling~. M. 1.60 - - XXVIII. _Hypnose und Kunst._ Von Dr. L. ~Löwenfeld~ in München. - M. --.80 - - XXIX. _Musik und Nerven._ Von Dr. ~Ernst Jentsch~ in Breslau. - M. 1.-- - - XXX. _Übung und Gedächtnis._ Von Dr. med. ~Semi Meyer~ - in Danzig. M. 1.30 - - -Druck der Kgl. Universitätsdruckerei von H. Stürtz in Würzburg. - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - - -Im Original gesperrt gesetzter Text ist als ~gesperrt~ gekennzeichnet. - -Im Original fett gesetzter Text ist als _fett_ gekennzeichnet. - -Im Original kursiv gesetzter Text ist als #kursiv# gekennzeichnet. - -Doppelte Anführungsstriche wurden durch » (unten) und « (oben) ersetzt. - -Einfache Anführungsstriche wurden durch > (unten) und < (oben) ersetzt. - -Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen: - - "Dissoziation" und "Dissociation" (Anzeigen vor dem Haupttext) - - "Moebius" (Text) und "Möbius" (Anzeigen nach dem Haupttext) - - "Hirth" (Seite 2) und "Hirt" (Anzeigen nach dem Haupttext) - - "giebt" (Seiten 4, 7, 16, 18, 19, 21, 33 und 34) und "gibt" - (Seite 15) - - "ungeheueren" (Seite 26) und "ungeheuren" (Seite 9) - - "Tatsachen" (in den Anzeigen vor dem Haupttext) und - "Thatsache/n" (Seiten 16 und 27) - - "Tatsächliche" (Seite 8) und "thatsächliche" (Seite 18) - - "Judentumes" (Seite 26) und "Judentums" (Seiten 27 und 38) - - "Halluzinationen" (Seite 14) und "Hallucinationen" (Seite 38) - - "Über" (im Text und in den Anzeigen vor dem Haupttext) und "Ueber" - (Anzeigen nach dem Haupttext) - - "Thätigkeit" (Seite 23) und "(Seelen)tätigkeiten" (Anzeigen - nach dem Haupttext) - -Der Text der zur Transkription herangezogenen Ausgabe wurde in -Hinblick auf Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung und -Rechtschreibung dem Original getreu übertragen. Folgende offensichtliche -Druckfehler wurden korrigiert: - - geändert wurde "in diesem Motiv den" in "»in diesem Motiv den" - (Seite 11) - - geändert wurde "(! Ausdrücklich weist" in "(!) Ausdrücklich weist" - (Seite 29) - - geändert wurde "Übergang von Nerasthenie" in "Übergang von - Neurasthenie" (Seite 32) - - geändert wurde "Kolehydratreste (Gärungs- resp. Brütschrankprobe)." - in "Kohlenhydratreste (Gärungs- resp. Brütschrankprobe)." (Erste - Seite der Anzeigen nach dem Haupttext) - - geändert wurde "ber die geniale Geistestätigkeit" in "Ueber - die geniale Geistestätigkeit" (Zweite Seite der Anzeigen - nach dem Haupttext) - - geändert wurde "zum Mechanismus der Wahrnehmunge." in "zum - Mechanismus der Wahrnehmungen." (Zweite Seite der Anzeigen - nach dem Haupttext) - - - - - -End of Project Gutenberg's Der Fall Otto Weininger, by Ferdinand Probst - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FALL OTTO WEININGER *** - -***** This file should be named 40601-8.txt or 40601-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/0/6/0/40601/ - -Produced by Jana Srna, Iris Schröder-Gehring and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at 809 -North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email -contact links and up to date contact information can be found at the -Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For forty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
