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Hamburger,_ + Professor der Physiologie an der Reichsuniversität Groningen. + + ~Erster Band~: Physikalisch-Chemisches über osmotischen Druck und + elektrolytische Dissociation. -- Bedeutung des osmotischen Drucks + und der elektrolytischen Dissociation für die Physiologie und + Pathologie des Blutes. + Mk. 16.--. + + ~Zweiter Band~: Zirkulierendes Blut, Lymphbildung. -- Ödem und + Hydrops-Resorption. -- Harn und sonstige Sekrete. Elektro-chemische + Aciditätsbestimmung. Reaktions-Verlauf. + Mk. 16.--. + + ~Dritter Band~: Isolierte Zellen. Collide und Fermente. Muskel- und + Nervenphysiologie. Ophthalmologie. Geschmack. Embryologie. + Pharmakologie. Balneologie. Bakteriologie. Histologie. + Mk. 18.--. + +Die Bedeutung der physikalischen Chemie für die medizinischen +Wissenschaften ist in den letzten Jahren gelegentlich von Rezensionen in +diesem Blatte öfters hervorgehoben worden. Professor ~Hamburger~ steht in +der vordersten Reihe von denjenigen Forschern, welche durch umfassende +und kritische Anwendung der physikalisch-chemischen Methoden und Lehren +der medizinischen Wissenschaft neue Wege gebahnt haben. Die Erwartung, +dass ein solcher Forscher für ein zusammenfassendes Lehrbuch der +geeignetste Mann sei, wird durch das vorliegende schöne Werk erfüllt. Die +neueren physikalisch-chemischen Lehren sind darin mit grosser Klarheit +und in sehr erschöpfender Weise dargestellt. Mit ganz besonderer Sorgfalt +sind die mannigfaltigen, zum Teil schwierigen Methoden beschrieben, so +dass jeder, der in die Lage kommt, praktisch mit denselben arbeiten zu +müssen, alles was nötig ist, vorfindet. Trotz der Klarheit und +Leichtfasslichkeit sind aber, was hervorgehoben zu werden verdient, +überall eingehend und kritisch, erstens die nicht zu entbehrende strenge +Exaktheit, zweitens die etwas tiefer eindringenden theoretischen Fragen +berücksichtigt. Soweit die beiden wichtigen Lehren von dem osmotischen +Druck und den Ionen in Frage kommen, ist ~Hamburgers~ Buch für den +Mediziner, welcher sich gründliche Kenntnisse verschaffen will, wohl zur +Zeit das beste Werk. + +Der zweite Hauptteil des vorliegenden Bandes behandelt die Bedeutung des +osmotischen Drucks und der elektrolytischen Dissoziation für die +Physiologie und Pathologie des Blutes, ein Kapitel von Beziehungen, +welches recht eigentlich durch ~Hamburger~ zu einem anschaulichen und +selbständigen Lehrgebäude gestaltet worden ist. Eine schier erdrückende +Fülle von Tatsachen sind hier niedergelegt und die zahlreichen Ausblicke +auf wichtige praktische Fragen lehren, dass kein müssiger Ballast von +Gelehrsamkeit aufgestapelt wurde. Theorie, Tatsachen und Methoden sind +gleichmässig berücksichtigt. Die zahlreichen Tabellen, welche dem Buche +beigegeben sind, machen dasselbe zu einem unschätzbaren Nachschlagewerk. + +Professor #L. Asher# (Bern) #i. Korrespondenzblatt f. Schweizer Ärzte#. + + + + + GRENZFRAGEN + DES + NERVEN- UND SEELENLEBENS. + + EINZEL-DARSTELLUNGEN + FÜR + GEBILDETE ALLER STÄNDE. + + + IM VEREINE MIT HERVORRAGENDEN FACHMÄNNERN + DES IN- UND AUSLANDES + HERAUSGEGEBEN VON + + _Dr. L. LOEWENFELD_ UND _Dr. H. KURELLA_ + IN MÜNCHEN IN BRESLAU. + + + EINUNDDREISSIGSTES HEFT: + + DER + FALL OTTO WEININGER. + + EINE PSYCHIATRISCHE STUDIE + VON + DR. FERDINAND PROBST, + ASSISTENZARZT AN DER KREISIRRENANSTALT MÜNCHEN. + + + WIESBADEN. + VERLAG VON J. F. BERGMANN. + 1904. + + + + + #Nachdruck verboten.# + + #Übersetzungen, auch ins Ungarische, vorbehalten.# + + + + + Druck der Kgl. Universitätsdruckerei von ~H. Stürtz~ in Würzburg. + + + + »Was wird aus dem Gedanken, der unter den Druck der Krankheit + gebracht wird? Dies ist die Frage, die den Psychologen angeht, und + hier ist das Experiment möglich.« + + ~Nietzsche~, Vorwort zur II. Auflage der »Fröhlichen Wissenschaft«. + + + »Wer aber die Logik negiert, den hat sie bereits verlassen, der ist + auf dem Wege zum Irrsinn.« + + ~Weininger~, »Über die letzten Dinge«. + + + + +Einleitung[1]. + + +Am 4. Oktober 1903 erschoss sich zu Wien der dreiundzwanzigjährige ~Otto +Weininger~, Doktor der Philosophie. Von ihm stammen zwei Bücher: +»Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung«, das kurz vor +seinem Tode erschien und »Über die letzten Dinge«, das Ende 1903 von +seinem Freunde ~Moriz Rappaport~ als Nachlass herausgegeben wurde, beide +im ~Braumüller~schen Verlag zu Wien. + + [1] ~Anmerkung des Herausgebers.~ Die Publikationen des + verstorbenen Dr. O. ~Weininger~ erregten alsbald nach deren + Erscheinen meine Aufmerksamkeit, und ihr Inhalt liess mir keinen + Zweifel, dass dieselben unter dem Einflusse eines krankhaften + Geisteszustandes entstanden waren. Von welcher Art dieser war, + ergab sich jedoch nicht ohne Weiteres, und so beschloss ich, den + Fall O. ~Weininger~ eingehender zu studieren und das Ergebnis in + den »Grenzfragen« zu veröffentlichen. Dieser Entschluss veranlasste + mich zunächst, biographisches Material über den Verstorbenen zu + sammeln, und ich fand bei diesem Bemühen bei dem Vater O. + ~Weiningers~ das freundlichste und vertrauenvollste Entgegenkommen, + wofür ich ihm auch an dieser Stelle meinen Dank ausspreche. + + Anderweitige Obliegenheiten verhinderten mich jedoch an der + Fortführung der geplanten Arbeit. Als ich in der Folge aus der + Münchener medizinischen Wochenschrift ersah, dass mein Münchener + Kollege Dr. ~Probst~ für die Jahresversammlung der bayerischen + Irrenärzte in Ansbach einen Vortrag über O. ~Weininger~ angekündigt + hatte, setzte ich mich mit demselben in Verbindung und überliess + ihm das gesamte von mir gesammelte biographische Material, soweit + ich über dasselbe zu verfügen berechtigt war, zur Verwertung für + die vorliegende Arbeit. + + _L. Loewenfeld._ + +Besonders »Geschlecht und Charakter«, das eine Lösung der Frauenfrage in +höherem Sinne darstellen sollte, hat allgemeines Aufsehen hervorgerufen; +es hat eine Reihe von begeisterten Lobrednern gefunden; auch an lebhaftem +und energischem Widerspruche hat es nicht gefehlt. + +~Strindberg~ begrüsste z. B. das Buch mit den Worten: »Ein furchtbares +Buch, das aber wahrscheinlich das schwerste aller Probleme gelöst hat« +und ruft aus: »Ich buchstabierte, aber ~Weininger~ setzte +zusammen. Voilà un homme!« + +Diesem ersten Werke wird »unheimliche Geschlossenheit und funkelnder +Geist« nachgerühmt; die Resultate desselben wurden »betäubend, +niederschmetternd« genannt. Die »Letzten Dinge« bezeichnete ~Nordhausen~ +als das »köstliche Testament des dreiundzwanzigjährigen Grossen« und +behauptete »reicher an Anregungen, an Blitzlichtern und kostbaren +Goldfunden ist kein Buch unserer Tage.« + +In Wien selbst, der Zentrale der modernen Dekadenz, der Vaterstadt des +»Philosophen«, scheint ~Weininger~ sogar eine Art von religiöser Gemeinde +zu besitzen. Die Vorrede, die sein Freund ~Rappaport~ zu den »Letzten +Dingen« geschrieben hat, enthält folgende Stelle: »Es sei hier erwähnt, +dass zur Zeit seines Leichenbegängnisses eine nur in Wien sichtbare +partielle Mondfinsternis stattfand, die genau in dem Moment endigte, als +sein Leib in die Erde gesenkt wurde.« Nur beim Tode Christi und angeblich +auch beim Begräbnis des Philosophen ~Karneades~ haben sich ähnliche +Vorgänge in der Natur gezeigt, Äusserungen übernatürlicher Wesen, die auf +diese Weise die göttliche Anteilnahme dokumentieren. Die Geschichte mit +der weissen Wolke beim Begräbnis ~Kants~, die ~Rappaport~ dabei anführt, +ist nichts wie eine pietätvolle Auslegung eines sehr gewöhnlichen +Vorkommnisses; sie kann nur von einem Mystiker ernst genommen werden. +Immerhin wird ~Weininger~ auch mit ~Kant~ dadurch in Parallele gebracht. + +Es wird also dem nicht gut ergehen, der es wagen wird, diesem Heiland die +von seinen Jüngern verlangte Ehrfurcht zu versagen, wie es bereits +~Moebius~ erfahren hat, dem gegenüber sich ~Weiningers~ Freunde gar nicht +wegwerfend genug aussprechen können. Ich masse auch mir nicht an mit +meinen Auseinandersetzungen sowohl auf jene als auch auf die weitere +grosse Masse der Kritikunfähigen einen Einfluss auszuüben, auf jene +Menge, die ~Weiningers~ Gedanken anstaunt und zum mindesten mit einer +gewissen scheuen Hochachtung von dem grossen Manne redet. Auch haben die +wenig zahlreichen Vernünftigen sich bereits ihre Meinung gebildet. (Am +besten hat sich Dr. ~Hirth~ in der Jugend ausgesprochen; sehr gut ist +auch eine Kritik in der »Beilage zur allgemeinen Zeitung« (Nr. 292, 1903) +von Dr. ~Schneider~), der zu dem Urteil kam, »dass ein nicht ganz +normales Fühlen in sexueller und vielleicht auch in mancher sonstigen +Hinsicht im Verfasser zum mindesten mit hoher Wahrscheinlichkeit +angenommen werden darf.« Was ich im folgenden bieten will, soll lediglich +eine psychiatrische Studie sein; denn ich halte ~Weininger~ und seine +Bücher für eine hochinteressante Erscheinung, der in den Annalen der +Psychiatrie wohl ein dauernder Platz eingeräumt werden wird. Leider bin +ich nicht in der Lage, aus dem mir von dem Herrn Herausgeber in +liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellten anamnestischen Material +genügende Daten zur Beantwortung der Frage erblicher Belastung zu +entnehmen, so dass eine bedauerliche Lücke bleibt, die auszufüllen einer +späteren Zeit obliegen wird. Die anamnestischen Angaben stammen +grossenteils vom Vater ~Weiningers~, der sie in bereitwilligster und +zuvorkommendster Weise gab, ferner von Wiener Bekannten und aus der +Biographie ~Weiningers~ von ~Rappaport~. Letztere habe ich mit einer +gewissen Vorsicht benutzt, da sie selbst einen exquisit pathologischen +Charakter trägt; ich habe ihr das entnommen, was untrüglich mit den +eigenen Äusserungen und dem Bilde ~Weiningers~ zusammenstimmt und das ist +viel, viel mehr, als der Vater ~Weiningers~ glauben will. Dieser hält +seinen Sohn für ein »Phänomen«, ein Genie einzigster Art und bestreitet +die Angaben ~Rappaports~ aufs heftigste; er wird auch mit meinen +Deduktionen nicht einverstanden sein, da sie ihm Schmerz verursachen +müssen. Ich bedauere das tief, denn ich schätze ihn persönlich sehr. Er +wünschte eine psychiatrische Betrachtung, weil er überzeugt war, dass +kein Nervenarzt im stande sein werde, eine geistige Störung bei seinem +Sohne nachzuweisen. Da das Gegenteil der Erwartung folgt, so wird +natürlich das psychiatrische Urteil verächtlich behandelt und mir das +Recht abgesprochen werden, in so hohen und erhabenen Dingen überhaupt +mitzusprechen. »In tyrannos« sagt ~Jentsch~ in solchem Falle. So heisst +es von ~Moebius~ (~v. Appel~, Neue Bahnen 1904. IV. 214), es sei +psychologisch ja sehr begreiflich, dass der Leipziger Materialist +Vogtscher Färbung den Dualisten ~Weininger~ nicht verstehen könnte, und +er wird zum »ideellen latenten Sadisten« gestempelt. Da man mir, wollte +ich mit philosophischem Wissen kritisch auftreten, als Psychiater doch +sofort entgegenhalten würde, dass ich eo ipso nichts von philosophischem +Denken verstünde, so will ich in meinen Auseinandersetzungen versuchen, +möglichst »hausbacken«, möglichst klar und einfach zu sein; man kann +nämlich die Ideen, die speziell ~Weiningers~ Eigenes sind, viel klarer +sehen, wenn man das »philosophische Mäntelchen« weglässt, das er ihnen +umgehängt hat. Auch habe ich es für gut gehalten, möglichst viele Stellen +aus den Büchern ~Weiningers~ wörtlich wiederzugeben, wie ja auch die +Krankenjournale die besten sind, in denen sich die Aussprüche der Kranken +nach Stenogrammen wörtlich verzeichnet finden. + + +Die Anamnese. + +~Otto Weininger~ ist am 3. IV. 1880 als das zweite Kind eines +Kunsthandwerkers zu Wien geboren. Der Vater ist ein auffallend begabter, +gebildeter und vielseitiger Mann, der nach seiner Angabe sich mehr mit +seinen Kindern beschäftigte, als gewöhnlich vorzukommen pflegt. Er giebt +an, dass sich in ~Weiningers Ascendenz~ keine Fälle geistiger Störung +befunden hätten, soweit er zurückdenken könne. Das ist natürlich cum +grano salis zu nehmen. Nichts ist unzuverlässiger als eine +Hereditätsanamnese, selbst die im besten Glauben von Laienseite gemachte; +als Jude hat ~Weininger~ jedenfalls das eine voraus, dass er einem Stamme +angehört, der nach ~Charcot~ »das Vorrecht zu besitzen scheint, alles was +man sich von Neuropathien vorstellen kann, in höchster Ausbildung zu +zeigen.« + +Die lebenden Geschwister ~Weiningers~, es sind vier, sollen geistig und +körperlich gesund sein; zwei starben an Diphtherie resp. +Blinddarmentzündung. ~Weininger~ kam ohne Kunsthilfe nach normal +verlaufener Schwangerschaft zur Welt. Der Vater giebt an, die körperliche +Entwickelung sei eine vollständig normale gewesen; »man konnte ihn eher +zu den kräftigeren Kindern zählen. Mit vierzehn Monaten sprach er in +höchster Deutlichkeit sein Deutsch, wozu er allerdings im Hause gut +angehalten wurde. Er zeichnete sich bald durch geistige Frühreife aus, +aber nicht im Sinne der Altklugheit.« »Mit fünfzehn Monaten ging er +sicher allein fest auf den Beinen. In der Volksschule machte er sich den +Lehrern oft unangenehm durch einen seinem Alter weit vorauseilenden +Wissensdrang und sogar schon durch Bethätigung desselben auf Gebieten, +die ihm fernab hätten liegen sollen; auch übte er zuweilen Kritik an den +Äusserungen seiner Lehrer. Er erhielt gute Noten, meist sehr gut; nur in +der Sittennote war er selten der erste, weil er sich in den +Unterrichtsgegenständen der Disziplin nicht fügen und seinen eigenen Weg +gehen wollte.« In den Jahren 1890-1898 besuchte er das Gymnasium. Auch +hier war er stets einer der Besten, in Sprachen stets der Beste, ebenso +in Geschichte, Litteratur, Logik und Philosophie. »Und doch machte er +sich fast sämtlichen Lehrpersonen missliebig; es gab sogar zwei- bis +dreimal heftige Auftritte in der Schule. Er machte die Arbeiten stets wie +er, selten wie die Lehrer wollten, kümmerte sich manchmal nicht um den +Unterricht, sondern ignorierte ihn und beschäftigte sich mit seinen +Büchern, schrieb auch in der Klasse, was gar nicht im Zusammenhang mit +dem Gegenstand des Unterrichtes war.« Zum Verdrusse des Vaters bewies der +junge Gymnasiast ferner »eine gewisse Geringschätzung für die geistige +und wissenschaftliche Kapazität einiger seiner Professoren und das +brachte ihm schlechte Sittennoten ein, wiewohl er eigentlich +»Sittenloses« sich nie weder in der Schule noch später zu schulden kommen +liess. In Französisch, Englisch und Spanisch wusste er enorm viel.« Diese +drei Sprachen erlernte ~Weininger~ bei seinem Vater. Er überraschte +diesen durch die ungeheuere Leichtigkeit seiner Auffassung und durch sein +erstaunliches Gedächtnis, obwohl der Vater ausdrücklich von sich bemerkt, +dass er für ziemlich streng und anspruchsvoll gelte. Für +Naturwissenschaft und Mathematik hatte ~Weininger~ in seinen +Gymnasialjahren wenig Interesse, daher auch weniger gute Noten; erst in +den Universitätsjahren erwachte auch für diese Gegenstände grosse Neigung +in ihm. + +Im Oktober 1898, in einem Alter von 18-1/2 Jahren, bezog er die +Universität Wien; er war ausschliesslich in Wien immatrikuliert. + +Als Kind und Knabe soll ~Weininger~ keine Abweichungen in seinem +Verhalten von dem seiner Altersgenossen gezeigt haben. »Sein Verhalten +gegen die Mitschüler wich nicht sonderlich von der allgemeinen +Gepflogenheit ab. Mit zweien oder dreien pflegte er in der Klasse +intimeren Verkehr zum Gedankenaustausch und diese waren auch seine +Freunde. Er nahm als Knabe in ganz normaler Weise an den Spielen seiner +Kameraden teil. Nur mit seinen Büchern isolierte er sich gern. Aber er +verschmähte in der Schule und besonders im Untergymnasium nie die +Teilnahme am Spiel. Im Obergymnasium allerdings wurde das seltener. Bis +zu seinem 21. Lebensjahre betrug er sich gegen seinen Vater und seine +Geschwister nicht abweichend von anderen Kindern und jungen Menschen +seines Alters; doch machte er Unterschiede und fühlte sich mehr angezogen +von den strengen, verlässlichen Charakteren seiner Geschwister und +abgestossen von den schwächlichen Charakteren unter ihnen.« + +Den Verhältnissen seines Vaters, der, wenn auch gut situiert, doch nicht +über Reichtümer verfügte, trug der Sohn stets Rechnung; der Vater +erzählt, dass er mit Ausnahme seiner Ausgaben für Bücher sehr sparsam +gewesen sei. Dem Vater scheint er schwärmerisch zugethan gewesen zu sein. +»Ich vernichtete aus seinen letzten Schriften ein Blatt,« schreibt der +Vater, »das zu meiner Verherrlichung dienen sollte.« Nach +~Schopenhauer~schem Vorbild. Schade, dass es vernichtet ist. Grosse +Verehrung soll ~Weininger~ auch für seine älteste Schwester gehegt haben; +erst während der letzten zehn Monate seines Lebens sei eine Abkehr auch +von ihr eingetreten. Der Vater schiebt dieselbe auf äussere, fremde +Einflüsse; sie wird sich aber wohl folgerichtig erklären aus der +geistigen Verfassung ~Weiningers~, wie später gezeigt werden soll. + +Im Sommer 1900 äusserte ~Weininger~ seinem Vater gegenüber, dass er zum +Christentum übertreten wolle. Der Vater war damals absolut nicht damit +einverstanden. »Damals war von christlichem Sinn bei meinem Sohn keine +Rede und ich hielt dafür, dass er aus materiellen Interessen Konvertit +werden wollte,« sagt der Vater und fährt fort: »hätte ich damals Spuren +der herrlichen Wandlung (!) entdeckt, die er später durchmachte, ich wäre +dem Gedanken ganz versöhnlich gegenübergestanden, wie es thatsächlich der +Fall war, als ich im Sommer 1902 den Religionswechsel erfuhr, also +fünfzehn Monate vor seinem Tode, und nie liebten wir einander mehr als +diese fünfzehn Monate.« Am 21. VII. 02, dem Tage seiner Promotion, war +~Weininger~ nämlich zum Protestantismus übergetreten. Der Vater erfuhr +den Übertritt nachträglich. Im September 1901 bereits hatte ~Weininger~ +das elterliche Haus verlassen und in der Stadt ein Zimmer für sich +bezogen; er kam von da ab nur zwei- bis dreimal wöchentlich zu den +Mahlzeiten nach Hause. Die »herrliche Wandlung« hatte sich also nicht so +eigentlich unter den Augen des Vaters abgespielt und sind die Angaben +desselben über die letzten zwei Lebensjahre seines Sohnes zwar in gutem +Glauben gemacht, aber deutlich einer bestimmten Absicht unterworfen und +hypothetisch. Der Vater hält Dinge in den beiden letzten Jahren für +unmöglich, nur weil er in den vorhergegangenen keine ähnlichen +Wahrnehmungen gemacht hatte. + +Für geselligen Verkehr scheint der Student ~Weininger~ keinen Sinn gehabt +zu haben; der Vater berichtet darüber: »Etwa ein Jahr, vom 20.-21. Jahre, +verschmähte er auch nicht, einen Abend bei einem oder zwei Glas Bier im +Gasthaus mit Freunden zuzubringen, begleitete sogar drei- oder viermal +Mutter oder Schwester (weil ich für derlei Dinge nicht zu haben war) zu +Tanzkränzchen. Er schämte sich dessen später und als ich ihm einige Tage +vor seinem Tode eine stilistisch verbesserungsbedürftige Stelle in seinem +Werke bezeichnete, sagte er: »Du hast Recht, Vater; ich schrieb dies, als +ich tief stand,« mit direktem Hinweis auf jene Epoche. + +Über das sexuelle Leben seines Sohnes versucht der Vater ebenfalls nach +Möglichkeit Aufschluss zu geben; man muss sich aber hier vor Augen +halten, dass ~Weininger~ zwei Jahre fern vom Vater lebte und dass es +überhaupt wohl wenig Väter geben wird, die von ihren jungen Söhnen zu +Vertrauten des sexuellen Empfindens derselben gemacht werden. Der Vater +will keinerlei sexuelle Abnormität am Sohne wahrgenommen haben; er sagt: +»Ich schreibe, was er mir selbst diesbezüglich sagte und zu einer Zeit, +wo er schon von ausserordentlicher Wahrheitsliebe durchdrungen war (!).« +Er glaubt, dass sein Sohn erst sehr spät, etwa mit zwanzig Jahren, in +geschlechtlichen Verkehr mit Frauen getreten und dabei sehr mässig +geblieben sei; auch ist dem Vater nicht bekannt, dass der Sohn je in ein +Mädchen verliebt gewesen sei. »Er verkehrte gewiss mit sehr wenigen +weiblichen Wesen.« Als ihm der Vater einmal einwandte, wie er bei so +geringer Erfahrung zu so vernichtendem Urteil über die Frau habe gelangen +können, antwortete der Sohn, es sei ein grosser Irrtum, von der Erfahrung +die richtige Erkenntnis zu erwarten. Ich möchte nach dem Inhalt der Werke +und den Worten seines Freundes eher glauben, dass ~Weininger~ von Hause +aus stark erotisch veranlagt war. Davon später. + +~Weininger~ war »früher gegen Untergebene stets sanft, z. B. gegen +Dienstboten und Menschen von niederer Lebensstellung; gegen Autoritäten +aber zuweilen aufbrausend und zornig.« Hartherzigkeit und Geiz seien ihm +fremd gewesen. Sehr interessant ist die Angabe des Vaters, dass +~Weininger~ die letzten zwei Jahre seines Lebens »von einer rührenden +Demut gegen alle« gewesen sei. »Ich hiess ihn innerlich einen Heiligen; +doch war er gewiss sehr stolz auf seine Fähigkeiten, wie er überhaupt nie +gelten liess, dass grosse Menschen, die Grosses geleistet hätten, +bescheiden gewesen wären, höchstens nach aussen hin seien sie es +gewesen.« Mit dieser Wandlung zur Demut mag wohl die Angabe ~Rappaports~ +im Zusammenhang stehen, dass ~Weininger~ keinem Bettler eine Gabe +reichte, ohne den Hut zu ziehen und über keine Wiese ging, um keinen +Lebenskeim zu zerstören; der Vater bestreitet übrigens die Richtigkeit +dieser Angaben; vor den Lebenskeimen hat ja ~Weininger~ thatsächlich in +seinen Werken keinerlei Respekt gezeigt; aber es ist wohl möglich, dass +er einmal in irgend einem Gefühlsüberschwang Derartiges that. + +Über die Stimmungen seines Sohnes berichtet der Vater: »Bei aller Tiefe +seines Denkens war er bis zum vollendeten 21. Lebensjahre eher heiter als +trübselig und nur beim Studium und Musikgenuss von grossem Ernst. Erst +knapp ein Jahr vor seinem Tode verdüsterte sich sein Gemüt, aber auch +nicht gerade besorgniserregend, mit Ausnahme einer kurzen Zeit im +November 1902, also elf Monate vor seinem Tode, zu der ich allerdings +besorgt war; es ging aber vorüber und wurde wieder viel besser, so dass +ich gleichen Verlauf für jene zweite Krise erwartete.« Leider enthält +sich der Vater jeder Angabe über die Vorstellungen, die den Sohn während +seiner melancholischen Verstimmung beschäftigten. ~Rappaport~, wie ich +gleich hier einschieben will, giebt an, dass ~Weininger~ schon im Herbst +1902 vor der Ausarbeitung von »Geschlecht und Charakter« sich eine +Zeitlang mit Selbstmordgedanken getragen habe, und dass das Unglück +damals nur durch Zureden seiner Freunde verhindert worden sei. Diese +Angabe deckt sich so mit der des Vaters, dass wohl auch die anderen +bestrittenen Mitteilungen nicht aus der Luft gegriffen sind. + +Im Juni 1903 gab ~Weininger~ seine eigene Wohnung auf, brachte sechs +Wochen mit seiner Familie in Brunn bei Mödling zu und reiste Ende Juli +nach Italien, wo er bis Ende September blieb. Anscheinend war bei Beginn +der Reise schon wieder eine Depression im Anzuge; bei seiner Rückkehr am +29. IX. 03 nach Wien war er in düsterster Stimmung. Er verblieb zunächst +fünf Tage im Hause des Vaters, das er am Abend des 3. X. verliess, um +sich in Beethovens Sterbehaus ein Zimmer zu nehmen, in dem er dann seinem +Leben ein Ende machte. + +»In diesen fünf Tagen«, berichtet der Vater, »war seine Stimmung eine +ausserordentlich gedrückte, aber nicht sehr abweichend von der vor elf +Monaten an ihm beobachteten. Meine Frage, ob er körperlich litte, +verneinte er entschieden und ich halte es für lautere Wahrheit. Ich +fragte, ob er irgend eine Seelenpein durch äussere Vorgänge erdulde, +etwa durch eine Beziehung zu irgend einem weiblichen Wesen; er verneinte +und ich zweifle keinen Augenblick an der Wahrheit seiner Äusserung.« + +Von seinem Werke »Geschlecht und Charakter« habe ~Weininger~ dem Vater +gegenüber wenig gesprochen; hie und da habe er wohl dessen Ansicht über +die eine oder andere Lebensfrage eingeholt. Vollständig lernte der Vater +das Buch erst kennen, als es zur Drucklegung kam und der Sohn ihn bat, +ihm »hie und da stilistische Wendungen, die dem Vater missfielen, +kundzugeben zur Ausbesserung.« Der erste Teil des Buches hatte als +Promotionsschrift gedient; von etwa Ende November 1902 bis Anfang Juli +1903 wurde dann das eigentliche Buch ausgearbeitet. Nach Angabe des +Vaters hat ~Weininger~ an dem Werk etwa 18 Monate (den ersten Teil +wahrscheinlich inbegriffen) »aber mit geradezu furchtbarem Fleisse« +gearbeitet. Er habe ordentliche Mahlzeiten sicher nur zwei- bis dreimal +wöchentlich, wenn er eben zu hause ass, gehalten; sonst habe er nur das +Notwendigste zu sich genommen. Er habe oft die Einnahme des Nachtessens +vergessen; es sei am Morgen häufig unberührt vorgefunden worden. Über +Kritiken seines Werkes habe er sich gar nicht alteriert; »er belächelte +und missachtete sie. Nur die Beschuldigung von ~Moebius~ ärgerte ihn«. +~Moebius~ hatte nämlich in einer Besprechung des ~Weininger~schen Buches +(in »~Schmidts~ Jahrbüchern für die gesamte Medizin«. Augustheft 1903) +den jungen Autor tief gekränkt, indem er nachzuweisen suchte, dass alles +Tatsächliche bereits in seinem »physiologischen Schwachsinn des Weibes« +und anderen seiner Schriften enthalten sei und dass das ~Weininger~sche +Buch ihm wie eine groteske Verzerrung seiner eigenen Äusserungen +erscheine; sogar der Titel sei einer Titelreihe von ihm nachgemacht. Und +~Weininger~ hatte doch ausdrücklich gegen eine Verwechslung seiner +Ausführungen mit den »hausbackenen« von ~Moebius~ von vornherein +protestiert! Es kränkte ihn um so mehr, als selbstverständlich das 1901 +erschienene Werkchen von ~Moebius~ grossen Einfluss auf ihn gehabt hatte. +Unterm 17. VIII. 03 schrieb ~Weininger~ aus Syrakus an ~Moebius~ einen +»langen, etwas formlosen Brief« des Inhaltes, ~Moebius~ müsse entweder +beweisen, was er gesagt, oder öffentlich widerrufen; er gebe ihm drei +Wochen Bedenkzeit, dann werde er ihn wegen böswilliger Verleumdung +gerichtlich belangen. ~Moebius~ nahm den »hingeworfenen Handschuh«, wie +sich ~Weininger~ ausdrückte, in seiner Broschüre »Geschlecht und +Unbescheidenheit«[2] auf, die aber sein Gegner nicht mehr erlebte. + + [2] Halle. Bei ~Marhold~ 1904. Zuerst im Druck erschienen November + 1903, dann auf die Nachricht vom Tode ~Weiningers~ von ~Moebius~ + selbst unterdrückt und erst später doch herausgegeben in der + richtigen Erwägung, dass es nun erst recht nötig sei, das schlechte + Buch zu bekämpfen. Es ist sehr komisch, zu sehen, wie auf Grund + dieser Broschüre die »Freunde« über ~Moebius~ herziehen, während + doch aus dem Schriftchen unverkennbar hervorgeht, dass dieser sogar + ein gewisses Faible für ~Weininger~ hatte. + +In einem Nachtrage berichtet der Vater noch zwei sehr bezeichnende +Episoden. »Ein Wiener Literat und scharfer Denker schrieb ihm (dem Sohn) +von enthusiastischer Huldigung für das geniale Werk und da ich nicht +durch meinen Sohn, sondern durch Zufall davon erfuhr und es ihm vorhielt, +murmelte er vor sich hin: »Ich habe ein Buch für die Jahrtausende +geschrieben, werde aber noch nicht verstanden«. Das sagte er alles in +stiller Demut (!), trotz des ungeheuren Selbstgefühles, welches aus den +Worten spricht. Im Sommer, vor seiner Abreise nach Italien, sagte er mir +auch, es sei geradezu ausgeschlossen, dass ein Weib sein Buch je +verstünde.« Auf diese beiden Äusserungen können sich ja seine Freunde +berufen; sie sind treffliche Beweismittel. + +Körperlich habe ~Weininger~ nichts Auffallendes gezeigt; er sei immer +gesund gewesen, habe besonders einen vorzüglichen Schlaf und gute +Verdauung gehabt. Der Biograph ~Rappaport~ erzählt von epileptischen +Anfällen ~Weiningers~; er will selbst solche Anfälle bei ~Weininger~ mit +angesehen haben; ich komme bald darauf zurück. Der Vater stellt alles, +was mit Epilepsie zusammenhängen könnte, bei seinem Sohn in Abrede; er +legt auch ein hausärztliches Zeugnis vor, dass dem Arzt der Familie +nichts von solchen Anfällen bei ~Weininger~ bekannt sei. Er ist der +Ansicht, dass der Kreis von Freunden die Epilepsie konstruiert habe, weil +Epilepsie und Genie zusammengehörten; auch waren ja nach ~Weiningers~ +Ansicht alle Religionsstifter, sogar Luther, Epileptiker. Der Vater +schreibt: »Otto sagte z. B. zu mir und einigen Freunden, ich glaube gar, +ich werde ein Epileptiker. Auf meine erstaunte Frage kam heraus, er +bekäme des Nachts meist knapp vor dem Einschlafen einen Wurf, einen +Schmiss, eine Sache, die jeder auch nur ein bischen Nervöse unzähligemal +erfährt.« Nicht einmal die Symptome seien vorhanden gewesen, die +Epilepsie »vortäuschen«. + +Als die Ursache des Selbstmordes sieht der Vater vor allem falschen Stolz +an; ~Weininger~ habe nach Wiener Kaffeehausmanier Selbstmordgedanken +geäussert, von seinen Freunden Abschied genommen und dann den lediglich +unüberlegten, mehr renommistischen, induzierten Äusserungen die That +folgen lassen, weil er sich geschämt habe, sich wieder den Freunden zu +zeigen; der Mangel an Familiensinn, den ~Weininger~ gehabt habe, habe das +Seinige beigetragen. Damit geschieht aber thatsächlich dem Unglücklichen +meiner Ansicht nach Unrecht. + +Soweit die Angaben des Vaters; sie lassen deutlich erkennen, dass er über +die letzten beiden Jahre seines Sohnes nur wenig weiss. Hier sind die +Angaben ~Rappaports~ von grossem Werte. Der Vater bestreitet, wie +gesagt, ihre Richtigkeit, aber lediglich, weil er über mehr Kritik +verfügend das Krankhafte erkennt, das diese Schilderungen überall klar +zeigen, was nach der väterlichen Anschauung aber falsch sein muss, weil +der Sohn nur ein Genie, kein Geisteskranker gewesen sein kann. Deshalb +macht er auch dem Biographen den Vorwurf, dass dieser durch die +Veröffentlichung des Nachlasses und sein Vorwort den Leuten in die Hände +gearbeitet habe, die alles Geniale für irrsinnig erklärten. Der Vorwurf +ist ungerecht. Es soll sich doch um Feststellung der Wahrheit handeln; +und dazu sind gerade die Niederschriften ~Weiningers~ aus seiner letzten +Epoche, auch wenn es sich nur um »Keime für spätere Ausarbeitung« +handelte, äusserst wichtig, wie sich zeigen wird. ~Rappaport~ berichtet +über ~Weininger~: »Von sehr grosser, hagerer Statur, ohne besondere +Muskelkraft, besass er doch eine äusserst zähe Gesundheit. Seine Nerven +überwandten alle Anstrengungen, wenn er auch viel Nervöses in seinem +Wesen hatte, wenn er auch ein tiefes Verständnis für die Neurasthenie (!) +besass. Neurasthenisch war er nicht; auch zum Irrsinn war keine +ausgesprochene Disposition vorhanden. Nur (!) unter schweren Herzkrämpfen +und unter epileptischen Anfällen hatte er öfters zu leiden; die ersteren +stellten sich immer nach grossen psychischen Anstrengungen ein.« Aus +dieser recht konfusen Darlegung kann man leider sehr wenig Objektives +entnehmen. Über die Art der Anfälle (Zahl, Vorläufer, Verlauf derselben) +müsste sich ~Rappaport~ wohl noch etwas genauer äussern; auch verschweigt +er ganz, wann solche Anfälle zum ersten Male in Erscheinung traten; +dieselben müssten sich doch wohl erst entwickelt haben, nachdem +~Weininger~ das elterliche Haus verlassen? + +Mit Bewunderung spricht ~Rappaport~ von der kolossalen Arbeitskraft, den +umfassenden Kenntnissen und Interessen seines Freundes; in einer Fussnote +der ersten Seite schreibt er sogar mit komischer Wichtigkeit: »Er +(~Weininger~) hat auch einmal ein Gehirn seziert!« + +~Weininger~ war anfangs ein begeisterter Anhänger des Empiriokritizismus +von ~Avenarius~. »Den Gottesbegriff lehnte er mit Entschiedenheit ab. +Aber das änderte sich bald.« Der totale Umschwung sei durch ethische +Probleme herbeigeführt worden, die ~Weininger~ zum Anhänger ~Kants~ +machten und »im Laufe zweier Jahre die Metamorphose zum vollen Mystiker +vollzogen« (~Jodl~). + +Sehr interessant ist, was ~Rappaport~ über das Verhältnis ~Weiningers~ +zur Musik berichtet; das ist so charakteristisch, dass es gar nicht +erfunden, nicht einmal entstellt sein kann. ~Weininger~ fühlte bei jeder +einzelnen Melodie ein psychisches Phänomen, eine landschaftliche +Stimmung, welche eindeutig und bestimmt dieser Melodie zugeordnet schien, +so dass er von einem Motiv des Herzschlages, von einem Motiv der +Willensstärke, von einer Melodie der Kälte im leeren Raum sprechen +konnte. Diese Visionen waren aber keineswegs auf Gefühle und Stimmungen +beschränkt; sie erhoben sich sehr oft zum Anblick der höchsten und +allgemeinsten Probleme ..... so empfand ~Weininger~ »in diesem Motiv den +spielenden Monismus, in jenem die resignierte Trennung vom Absoluten, in +einem dritten die Erbsünde u. s. w.« Die A-Dur-Melodie der ~Grieg~schen +Peer Gynt-Suite nannte ~Weininger~ »die grösste Luftverdünnung, die +jemals erreicht worden ist.« + +Das fühle einmal Jemand nach. + +Für ~Wagner~ hatte ~Weininger~ ursprünglich keine Zuneigung; es war dies +noch in der Avenariusperiode, vor der Umwandlung; er äusserte sich sogar +noch ziemlich geringschätzig über ~Wagner~. »Aber in der grossen +Umwandlung, die er etwa zwei Jahre vor seinem Tode mitmachte, änderte +sich auch das gewaltig.« ~Richard Wagner~ wurde nun für ~Weininger~ der +Künstler überhaupt; warum, werde ich noch zeigen. »Am allermeisten +schätzte er textlich den Parzifal«. Die ungeheuerste Wirkung übte nach +~Rappaport~ das Liebeswonne-Motiv auf ihn aus (»Du Wecker des Lebens, +siegendes Licht«); ~Weininger~ nannte es »die Resorption des Horizontes«. + +Nach jener grossen Umwandlung seiner Persönlichkeit war ~Weininger~ +allmählich auch zur Natur in ein anderes Verhältnis getreten; »alles +Sinnliche wurde ihm zum Symbol eines Geistigen«, »alles Sichtbare als das +Symbol einer ethischen und psychischen Realität aufgefasst«. »Sein erstes +Symbol-Erlebnis war die Vision vom Licht als dem Ausdruck der +Sittlichkeit; er schloss daraus, dass die Tiefseefauna die Inkarnation +von verbrecherischen Prinzipien sein müsse, da sie den Aufenthalt so +ferne vom Licht gewählt habe ..... Mit einer merkwürdigen Sicherheit (!) +wurden da Pferd und Hund, Cypresse und Veilchen, Fluss und See, Sonne und +Sterne als Symbole der Ethik erkannt ..... Es ist die alte Lehre vom +Menschen als dem Mikrokosmos, die hier wieder einmal fruchtbar geworden +ist.« Der Biograph weiss auch von einem sehr starken Reisebedürfnis +~Weiningers~ zu berichten. + +Im persönlichen Umgang machte ~Weininger~, wie ich vernahm, vielen einen +unsympathischen Eindruck durch sein hastiges, nervöses Wesen und sein +über alle Massen grosses Selbstgefühl. ~Rappaport~ schreibt dazu: +»Gutmütig im gewöhnlichen Sinne, d. h. duldsam gegen alle jene gemeinen +Züge, die zum Lebensgenusse beitragen, ohne anderen Menschen direkt zu +schaden, war er nicht; damit dürfte es auch zusammenhängen, dass er +niemals >gemütlich< war.« + +Von seinem ungemütlichen Selbstgefühl geben folgende Briefstellen vom +August 1902 (an ~Arthur Gerber~) Zeugnis: »Ich habe jetzt die +Überzeugung, dass ich zum Musiker geboren bin. Noch am ehesten +wenigstens. Ich habe heute eine spezifisch musikalische Phantasie an mir +entdeckt, die ich mir nie zugetraut hätte und die mich mit tiefem +Respekt erfüllt .... Nach vierzehnstündiger Seefahrt .. bin seefest! wie +ich von mir auch nicht anders erwartet hatte. Ich glaube, durch nichts +kann die Würde des Menschen so leiden, als durch die Seekrankheit. +Bezeichnend genug ist, dass die Frauen alle seekrank werden.« + +Wenn man das Wesen ~Weiningers~ verstehen wolle, meint sein Interprete, +müsse man den Dualismus und seine Projektion auf die menschliche Psyche, +das Prinzip des Gegensatzes im Bewusstsein verstehen. Es werde kaum je +einen Menschen gegeben haben, bei dem der Dualismus in einem so +furchtbaren inneren Kampfe unablässig zum Ausdruck gekommen wäre wie bei +ihm. ~Weininger~ verstand unter Dualismus den ethischen Dualismus, dass +der Mensch zum Teil von Gott, zum Teil vom Staube stamme. Die »Lehre« +~Weiningers~ lässt sich nach ~Rappaport~ folgendermassen darstellen: +»Jeder Mensch enthält etwas vom Nichts, vom Chaos, vom Teufel, der für +~Weininger~ das personifizierte Nichts ist, und etwas vom All, vom +Kosmos, von der Gottheit ... Das Genie ist nicht eine Art von Irrsinn +oder Verbrechen, sondern deren vollkommene Überwindung, deren grösster +Gegensatz.« Da in ~Weininger~ diese Gegensätze äusserst intensiv +empfunden wurden, so musste er »einen Kampf bestehen, der an Intensität, +an unablässiger höchster Gefahr vielleicht nicht seinesgleichen hatte«!! +~Weininger~ habe einmal gesagt, wenn er siege, so werde das der grösste +Sieg sein, den jemals ein Mensch errungen. Diese Äusserung ist unbedingt +echt; sie deckt sich mit allem, was aus den schriftlichen Äusserungen +~Weiningers~ hervorgeht. + +Zur grossen Umwandlung gehörte auch geschlechtliche Enthaltsamkeit. Ein +Hauptteil der »Lehre« war nämlich, dass das Weib eine Verkörperung des +Nichts und der Koitus das Sündhafteste überhaupt sei. Während ~Weininger~ +von Hause aus »sehr erotisch und sehr sinnlich veranlagt war, lebte er +doch in der letzten Zeit vollkommen keusch«. + +Wie bereits erwähnt, hatte ~Weininger~ vor der Verwandlung den +Gottesbegriff negiert; später aber war er »fest überzeugt davon, dass die +Person und die Motive Jesu Christi noch niemand so verstanden habe wie +er. Der Gedanke der universellen Verantwortlichkeit: alles Böse der Welt +als eigene Schuld empfinden, ging ihm ausserordentlich nahe.« Nach +~Rappaport~ war ~Weininger~ als dualistisch empfindende Persönlichkeit +zugleich Verbrecher und Heiliger; ~Weininger~ selbst hat in seinen +Schriften der Überzeugung Ausdruck gegeben, dass der Religionsstifter, +der Heiligste, der Höhepunkt des Genies sei, weil er das grösste zu +überwinden habe. Als in ~Weininger~ das Böse die Übermacht zu erlangen +schien -- in den Tagen der Depression --, da beging er den Selbstmord, in +einem »Akt des höchsten Heroismus«, »um nicht dem Bösen zu verfallen, um +nicht einen anderen töten zu müssen«. Seine verzweifelte Stimmung trieb +ihn auf Reisen. Sehr charakteristisch sind die Briefe, die er an seine +Freunde schrieb und aus denen ich folgende Stellen anführen will (aus der +Zeit vom VIII.-IX. 1903): »Auf dem Ätna hat mir am meisten die imposante +Schamlosigkeit des Kraters zu denken gegeben; ein Krater erinnert an den +Hintern des Mandrill .. Zur Beschäftigung mit ~Beethoven~ rate ich Dir +nur sehr; er ist das absolute Gegenteil ~Shakespeares~ und ~Shakespeare~ +oder die ~Shakespeare~-Ähnlichkeit ist etwas, worüber jeder Grössere +hinauskommen muss und hinauskommt ... Die Ruinen des alten griechischen +Theaters (in Syrakus), jene Stätte, wo der Sonnenuntergang unter allen +Punkten, die ich kenne, am ehesten zu ertragen ist ... Sind die +Pferdebremse und der Floh und die Wanze auch von Gott geschaffen? Das +will und kann man nicht annehmen. Sie sind das Symbol von etwas wovon +Gott sich abgekehrt hat ... aber wenn das Stinktier und der Schwefel +nicht von Gott geschaffen sind, so entfällt auch das prinzipielle +Bedenken beim Vogel und beim Baume: auch diese sind nur Symbole von +Menschlichem, Allzumenschlichem ... Gott kann in keinem Einzeldinge +stecken; denn Gott ist das Gute; und Gott schafft nur sich selbst und +nichts anderes ... Alle Krankheit ist hässlich; darin liegt, dass sie +Schuld sein muss ... Es steht viel schlimmer, als ich selbst vor zwei +Tagen dachte, beinahe hoffnungslos ...« + +Der Vater ~Weiningers~ meint mit Recht, dass ein Einsichtiger auf Grund +dieser Briefe hätte ein »Alarmsignal« geben müssen. Als ~Weininger~ in +den letzten Septembertagen 1903 nach Wien zurückkehrte, war er wohl schon +zum Selbstmord entschlossen. In welchem Zustande sich der Ärmste befunden +haben mag, geht aus den kuriosen Worten seines Biographen hervor: »In der +letzten Zeit wirkten Durchblicke durch enge Öffnungen auf hellerleuchtete +Ferne am besten auf ihn.« Über die letzten Tage berichtet ~Rappaport~, +dass ~Weininger~ noch zwei ganze Nächte ununterbrochen an den »letzten +Aphorismen« geschrieben habe; seine Stimmung habe bereits die +herannahende Katastrophe verkündigt. »Völlige Dunkelheit brach über ihn +herein; ein abgründlicher Pessimismus, den er auch als Schuld empfand, +bemächtigte sich seiner.« »Alles was ich geschaffen habe, wird zugrunde +gehen müssen, weil es mit bösem Willen geschaffen wurde, vielleicht mit +Ausnahme davon, dass Gott oder das Gute in keinem Einzelgegenstand der +Natur enthalten ist ... Vielleicht ist alles verflucht, was je mit mir in +Berührung gekommen ist.« Ferner: »Meine Rückkehr nach Wien hätte eine +zweite Inkarnation sein sollen.« Am 3. X. 03 mietete ~Weininger~ dann, +wie schon erwähnt, ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus, verbrachte dort +die Nacht und tötete sich am Morgen des 4. X. 03 durch einen Schuss in +die Brust. ~Moebius'~ Worte, es werde ihm vielleicht noch einmal bei +seiner Gottähnlichkeit bange werden, hatten sich an ~Weininger~ in +tragischer Weise nur allzuschnell erfüllt. + +Weder der Vater noch der Freund haben bei ~Weininger~ jemals +Halluzinationen wahrgenommen. Aus den schriftlichen Äusserungen +~Weiningers~ geht aber hervor, dass er z. B. schwarze Hunde mit +Feuerscheinen sah. In »Über die letzten Dinge« heisst es Seite 122: »Der +Hund hat eine merkwürdige Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund +Problem geworden, sass ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem +Zimmer des Münchener Gasthofes und dachte an verschiedenes und über +verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz +eigentümlichen Weise bellen und hatte im gleichen Moment das Gefühl, dass +gerade im Augenblick jemand sterbe. Monate nachher hörte ich in der +furchtbarsten Nacht meines Lebens, da ich ohne krank zu sein, +buchstäblich mit dem Tode rang, gerade als ich zu unterliegen dachte, +einen Hund in ähnlicher Weise bellen wie damals in München; dieser Hund +bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen anders. Ich bemerkte, +dass ich in diesem Moment mit den Zähnen mich ins Leintuch festbiss eben +wie ein Sterbender ... Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich +mehrfach die Vision, die ~Goethe~, nach dem Faust zu schliessen, gehabt +haben muss: einigemal, wenn ich einen schwarzen Hund sah, schien mir ein +Feuerschein ihn zu begleiten. Die Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen +und Gedanken war so gross, dass ich mich an den Faust erinnerte, jene +Stellen hervorsuchte und nun zum erstenmal, vielleicht als erster +überhaupt, ganz verstand«. + +Zum Schlusse der Anamnese will ich noch die Angaben zweier Wiener +Gewährsmänner bringen, die absolut einwandsfrei und zuverlässig sind. +~Weininger~ promovierte mit dem ersten Teil von »Geschlecht und +Charakter«, der bei weitem kleineren und relativ nüchternen Hälfte des +Buches. In der Vorrede zu dem fertigen Werke bedankt sich ~Weininger~ bei +den Professoren ~Jodl~ und ~Müllner~ für das freundliche Interesse, das +sie an seinen Arbeiten genommen. Nun hatte aber ~Weininger~ beinahe ein +ganzes Jahr nach seiner Promotion an dem allein den Professoren +vorgelegenen ersten Teil weiter gearbeitet und keiner von beiden hatte +das Manuskript in seiner letzten Gestalt gesehen. Ein Wiener Neurologe +beschrieb die äussere Erscheinung ~Weiningers~ wie folgt: »Ein schlank +gewachsener Jüngling mit ernsthaften Gesichtszügen, einem etwas +verschleierten Blick, fast schön zu nennen; ich konnte mich auch des +Eindruckes, eine ans Geniale streifende Persönlichkeit vor mir zu haben, +nicht erwehren.« + + +Die Werke. + +Die beiden Bücher, die die absolut sichere und hauptsächliche Grundlage +der Beurteilung von ~Weiningers~ Geisteszustand bilden, sind »Geschlecht +und Charakter« und »Über die letzten Dinge«. Das erstere besteht aus zwei +Teilen, einem kleinen, einleitenden, der Anfang 1902 entstanden ist und +als Dissertationsschrift diente, und einem zweiten grossen Teil, der im +Herbst 1902 nach Ablauf der ersten Depression begonnen wurde. »Über die +letzten Dinge« enthält eine Reihe von Aufsätzen und Fragmenten, die nach +~Weiningers~ Tode nach dessen testamentarischer Anordnung von seinem +Freunde ~Moriz Rappaport~ herausgegeben worden sind. Ausser einigen +wenigen Stücken wurde der Inhalt des Buches während der italienischen +Reise ausgearbeitet. Ich will im folgenden den Inhalt besonders des +ersten Werkes systematisch besprechen und lasse, da er als eine Art +Exploration gelten soll, ~Weininger~ soviel als möglich in seinen eigenen +Worten seine Ideen vorbringen. + +Schon der Untertitel des Hauptwerkes, »eine prinzipielle Untersuchung« +verrät die hohe Selbsteinschätzung des jungen Autors. Wie er selbst über +das Werk dachte, beweist seine Selbstanzeige in der »Zukunft« vom +22. VIII. 1903: »Ich glaube in diesem Buch das psychologische Problem des +Geschlechtsgegensatzes gelöst und eine abschliessende Antwort auf die +sogenannte Frauenfrage gegeben zu haben: eine völlig phrasenfreie, bis +zum letzten Ende menschlichen Wissens (!) geführte Erforschung des Wesens +der Frau und die Erhöhung der Streitfrage auf ein Niveau, auf dem die +bisherigen Erörterungen sich nicht bewegt haben.« Von Bescheidenheit wird +da wohl niemand etwas verspüren. + +Der erste Teil, betitelt »Die sexuelle Mannigfaltigkeit«, umfasst nur +knapp 93 Seiten des ohne Anmerkungen 461 Seiten dicken Buches; es ist aus +der Dissertation zu einer biologisch-psychologischen Einleitung geworden +zum zweiten Teil, den »sexuellen Typen.« Dieser erste Teil ist eine +Studentenarbeit voll Härten und Extremen, zusammengetragen wie die +allermeisten Dissertationen, aber sehr fleissig gearbeitet und grosses +Wissen zeigend; der Einfluss der kurz vorher erschienenen Arbeiten von +~Moebius~ ist hier ganz unverkennbar. Ich will mich hier nicht vertiefen +in die allgemein bekannten Fragen, zu denen ~Weininger~ mit grosser +Belesenheit Ansichten gesammelt und gesichtet hat z. B. wo die +Geschlechtlichkeit im Körper stecke; nicht darauf kommt es an, was an +Wissen, Ansichten und Schlüssen anderer in dem Buche mitläuft und manche +blendet, sondern auf die Schlüsse, die ~Weininger~ selbst zieht; wenn die +Schlussfolgerungen, die einer aus seinem Denken zieht, pathologische +sind, so hilft einem alles gesammelte Wissen des Autors darüber nicht +hinweg. Was herauskommt, wenn man das Eigene ~Weiningers~ herausschält, +will ich nun zeigen. + +Es gibt nach ~Weininger~ eine Reihe bestimmter Eigenschaften, die rein +männlich sind; das sind alle die grossen, guten, mächtigen +Eigenschaften; sind diese vereinigt, so entsteht der ideale, allerdings +nur hypothetische Mann (absoluter M), der aus lauter + = Eigenschaften +besteht; leider giebt es diesen nicht, weil auch dem höchstpotenzierten +Manne immer etwas von Minuseigenschaften beigegeben ist; den +Pluseigenschaften steht nämlich eine Reihe gegenüber, die man mit +Minuseigenschaften bezeichnen könnte und deren reine Summe das absolute +Weib (W) wäre. Da es nach ~Weininger~ die beiden Idealpole nicht giebt, +so ist jeder Mensch aus männlichen und weiblichen Eigenschaften +zusammengesetzt, das Reich der sexuellen Zwischenstufen somit eigentlich +zur Norm erklärt. Je nach dem Überwiegen der M = oder W = Bestandteile +ist man, was man unter dem landläufigen Begriffe Mann und Weib versteht. +Jedes Individuum hat soviel W, als ihm M gebricht und sucht durch eine +Art geheimnisvoller Affinität nach mathematischen Grundsätzen das +Fehlende durch ein anderes Wesen zu ergänzen, so dass in der Vereinigung +die Summe von 1 M + 1 W entsteht. Die Entdeckung des grossen Gesetzes, +nach dem die Geschlechter sich anziehen, ist gefunden, verkündet +~Weininger~. Dass ~Schopenhauer~ schon dies alles kurz und vernünftig +ausgesprochen hat, that der Entdeckung keinen Eintrag; ~Schopenhauer~ hat +dieses grosse Gesetz nur »geahnt« und der Entdecker will diese Ahnung +~Schopenhauers~ erst zu Gesicht bekommen haben, als sein Buch fertig war. +Das ist natürlich, wenn nicht direkt erfunden, zum mindesten eine +Erinnerungstäuschung, wie ~Moebius~ ganz richtig annimmt; ~Weininger~ +hatte eben eine Menge zusammen gelesen und wusste im besten Fall nicht +mehr, ob Erinnerung oder eigener Gedanke vorliege. Ich werde noch auf +mehrere solche Dinge bei ~Weininger~ hinweisen können, wo der Ursprung +seiner Ideen sich klarlegen lässt trotz der Verzerrung, die den +ursprünglichen, fremden Gedanken angethan worden ist. + +~Der Hauptfehler des Weiningerschen Systems liegt darin, dass er etwas +als Thatsache annimmt, was er erst beweisen sollte, und dann von falschen +Prämissen ausgehend, zu den kühnsten Schlüssen kommt; ferner dass er, wie +Moebius sagt, »dadurch zu sachlichen Kenntnissen zu kommen sucht, dass er +ohne Rücksicht auf die Erfahrung verallgemeinert und das, was +bedingungsweise gilt, für bedingungslos erklärt.«~ Was der +wissenschaftlich Forschende in mühsamem Streben erst zu erreichen sucht, +bildet für ihn den Ausgangspunkt; was erst, wenn überhaupt möglich, zu +erhärten gewesen wäre, nimmt er beweislos oder nach einem kurzen +Scheinbeweis als etwas Feststehendes an und zwar nicht etwa infolge einer +Art Intuition oder Inspiration, sondern weil, wie wir sehen werden, die +Annahme von allem früher Angenommenen meilenweit sich entfernt und aus +derselben sich eine Fülle auf den ersten Blick verblüffender Folgerungen +ziehen lässt. Was ~Weininger~ in seinem Vorwort zur 1. Auflage mitteilt, +bestätigt diese aus dem Inhalt der Schrift sich ergebende Auffassung +vollkommen. Hier bemerkt er nämlich: »Es sollen nicht möglichst viele +einzelne Charakterzüge aneinander gereiht, nicht die Ergebnisse der +bisherigen wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt, +sondern die Zurückführung alles Gegensatzes von Mann und Weib auf ein +einziges Prinzip versucht werden. Hierdurch unterscheidet es sich von +allen anderen Büchern dieser Art ...« Schon hier ist, allerdings unklar, +angedeutet, dass eine aprioristische Annahme und zwar eine solche von +grösster Tragweite das Leitmotiv der ganzen Arbeit bildet. Es liegt ja +nahe, dass das einzige Prinzip, auf welches ~Weininger~ alle Gegensätze +von Mann und Weib zurückzuführen unternahm, bei ihm schon feststand, +bevor er an die Durchführung der Arbeit ging. Noch deutlicher wird dies +durch eine Bemerkung an einer späteren Stelle des Vorwortes, in welcher +er sich bemüht, als das Ziel seiner Arbeit etwas weit höheres als die +Charakterisierung der Geschlechtsunterschiede hinzustellen. »Sollte es +den philosophischen Leser peinlich berühren«, heisst es da, »dass die +Behandlung der letzten und höchsten Fragen hier gleichsam in den Dienst +eines Spezialproblems von nicht grosser Dignität gestellt scheint: so +teile ich mit ihm das Unangenehme dieser Empfindung. Doch darf ich sagen, +dass durchaus das Einzelproblem des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den +~Ausgangspunkt~ als das Ziel des tieferen Eindringens bildet.« Das ist +wenigstens klar; was »das Ziel des tieferen Eindringens« bildet, wird +sich bald zeigen. + +Doch nun wieder zum Inhalt von »Geschlecht und Charakter«. ~Weininger~ +fasst kindlich das ganze Gebiet der Sexualität wie einen Baukasten auf; +alles lässt sich auf einfachste Weise konstruieren; jede sexuelle Frage +lässt sich mit dem Zauberschlüssel der ~Weininger~schen Lehre lösen: +Homosexualität, Genie, Frauenfrage; so einfach wie nur möglich. »In dem +Gesetz der sexuellen Anziehung ist zugleich die langgesuchte Theorie der +konträren Sexualempfindung enthalten.« Hat nämlich ein Mann +geschlechtliche Neigung zu Angehörigen des eigenen Geschlechtes, so hat +er eben eine relativ hohe Summe von W in sich; er wird also beim Suchen +nach seinem Komplement zu M hingezogen; Homosexualität bei der Frau, Amor +lesbicus, ist natürlich »Ausfluss ihrer Männlichkeit«; da diese aber +»Bedingung ihres Höherstehens« ist, so kann man sich, aus der falschen +Voraussetzung, dass M und gut identisch seien, die Folgerung denken; da +kommt schon der erste grosse Unsinn: das homosexuelle Weib steht über dem +normalsexuellen: das ist natürlich eine logische Konsequenz. + +Periodisch scheint nach ~Weininger~ in gewissen Zeiträumen eine starke +Vermehrung jener Zwittergeschöpfe einzutreten, die sich dicht an den +Grenzen, wo M und W ineinander überfliessen, herumtreiben; auf diese +z. Z. wieder vorhandene Flut wird das Gigerltum und die +Frauenemancipation zurückgeführt; beide sind Parallelerscheinungen, +derselben Ursache entsprungen! Was das Emancipationsbedürfnis und die +Emancipationsfähigkeit einer Frau anbetrifft, so liegen dieselben »nur in +dem Anteil an M begründet, den sie hat .... Nur den vorgerückteren +sexuellen Zwischenstufen, die gerade noch den Weibern beigezählt werden, +entstammen jene Frauen der Vergangenheit und Gegenwart, die von +männlichen und weiblichen Vorkämpfern der Emancipationsbestrebungen zum +Beweis für grosse Leistungen der Frau immer mit Namen angeführt werden.« +Was also die emancipierten Frauen betrifft, »nur der Mann in ihnen ist +es, der sich emancipieren will.« Die Frauenfrage ist demnach höchst +einfach dahin gelöst, dass es überhaupt keine solche Frage giebt; das +thatsächliche Weib ist absolut unfähig zu jeder Emancipation; es ist +sogar die grösste Feindin derselben. + +Damit sind wir schon über den ersten Teil von »Geschlecht und Charakter« +hinaus und steuern nun ins wilde Meer der krassesten Behauptungen und des +wildesten Unsinns. Es werden zunächst die Unterschiede zwischen M und W +gründlich festgestellt; wie W dabei wegkommen muss, ist von vornherein +bereits erwiesen. + +»Das Weib ist fortwährend, der Mann nur intermittierend sexuell.« »Der +Mann hat gleichen psychischen Inhalt wie das Weib in artikulierter Form; +wo sie mehr oder weniger in Heniden denkt, dort denkt er bereits in +klaren, distinkten Vorstellungen, an die sich ausgesprochen und stets die +Absonderung von den Dingen gestattende Gefühle knüpfen. Bei W sind Denken +und Fühlen eins (= Henide), ungeschieden, für M sind sie +auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse in Henidenform, wenn bei +M längst Klärung erfolgt ist. Darum ist W sentimental und kennt das Weib +nur die Rührung, nicht die Erschütterung. Es lebt also der Mann bewusst, +das Weib unbewusst.« + +Hier dürfte eine kurze Bemerkung am Platze sein. Unter Henide versteht +~Weininger~ das Verschmolzensein von Denken und Fühlen in Eins, im +weiteren Sinne aber die unentwickelten, primitiven psychischen Data. Nach +~Weininger~ liegt es im Begriffe der Henide, dass sie sich nicht näher +beschreiben lässt; trotzdem giebt er von derselben eine Reihe von +Charakteren an. »Sie unterscheidet sich von dem artikulierten Inhalt +d. h. der entwickelten Vorstellung durch den geringeren Grad an +Bewusstheit, den Mangel an Reliefierung, durch das Verschmolzensein von +Folie und Hauptsache, durch den Mangel eines Blickpunktes im Blickfelde.« +Ich will hier nicht näher auf die Henidentheorie ~Weiningers~ eingehen, +auch mich nicht mit einer Prüfung der Frage aufhalten, wieweit die von +ihm behaupteten Unterschiede im Vorstellen von Mann und Frau den +thatsächlichen Verhältnissen entsprechen, sondern lediglich das +Jongleurkunststück hervorheben, das er am Schlusse seiner Erörterungen +über das männliche und weibliche Bewusstsein ausführt. Während der +scharfe Logiker zunächst dem Weibe mit dem Denken in Heniden nur ein +minder scharfes Denken zuerkennt, spricht er ihm gleich darauf das +Bewusstsein überhaupt ab. Wäre ~Weininger~ psychologisch ungebildet, so +könnte man diese Behauptung auf Mangel einer richtigen Vorstellung über +das Phänomen des Bewusstseins zurückführen. Er war aber genügend +psychologisch geschult, um zu wissen, was unter bewusst und unbewusst +wissenschaftlich zu verstehen ist, und so charakterisiert sich seine +Behauptung als ein Nonsens, vor dem er lediglich deshalb nicht +zurückscheute, weil er ihm als Anknüpfungspunkt für weitere ähnliche +ungeheuerliche Aufstellungen zu dienen geeignet erschien. + +Nachdem also ~Weininger~ bis zu der Erkenntnis der Unbewusstheit des +Weibes vorgedrungen, schiebt er ein grosses Kapitel über das Wesen des +Genies ein. Er setzt sich sogleich ins gehörige Licht als der endgültige +Löser auch dieser schwierigen Frage, indem er mit der ihm nun einmal +eigenen Bescheidenheit verkündet: »Alle bisherigen Erörterungen über das +Wesen des Genius sind entweder biologisch-klinischer Natur und erklären +mit lächerlicher Anmassung das bischen Wissen auf diesem Gebiete zur +Beantwortung der schwierigsten und tiefsten psychologischen Fragen für +hinreichend. Oder sie steigen von der Höhe eines metaphysischen +Standpunktes herab, um die Genialität in ihr System aufzunehmen.« +~Weininger~ giebt die Lösung, wie nach dem bisher Entwickelten zu +erwarten: »Es ist das geniale Bewusstsein am weitesten vom Henidenstadium +entfernt; es hat vielmehr die grösste, grellste Klarheit und Helle. +Genialität offenbart sich hier bereits als eine Art höhere Männlichkeit +und darum kann W nicht genial sein.« Selbstverständlich ist W auch nicht +in der Lage, das Genie auch nur im entferntesten zu verstehen. »Den +Frauen gilt der geistreiche als der geniale, Nietzsche als der Typus des +Genies. Und doch hat, was mit seinen Einfällen jongliert, alles +Franzosentum des Geistes mit wahrer geistiger Höhe nicht die entfernteste +Verwandtschaft.« Man sieht hier bereits klar, dass ~Weininger~ sich +selbst für das Genie par excellence hielt, als er jenes Kapitel schrieb, +nach dem logischen Schlusse, der sich auch aus seinen eigenen Worten +ergiebt, dass wohl nie ein Weib im stande sein werde, ihn zu verstehen. + +Des weiteren verfügt W »nur über eine Klasse von Erinnerungen: es sind +die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängenden.« +»Da das Weib ohne Kontinuität ist, kann es auch nicht pietätvoll sein; in +der That ist Pietät eine durchaus männliche Tugend«. »Damit nämlich, ob +ein Mensch überhaupt ein Verhältnis zu seiner Vergangenheit hat oder +nicht, hängt es ausserordentlich innig zusammen, ob er ein Bedürfnis nach +Unsterblichkeit fühlen, oder ob ihn der Gedanke des Todes gleichgültig +lassen wird.« Daraus folgt: »Den Frauen geht das Unsterblichkeitsbedürfnis +ab.« Nun geht es bereits über in mystische Gefilde. Man beachte die Art +des logischen Konstruierens in den folgenden Sätzen; sie ist durchaus +typisch für die ganze Art ~Weininger~schen Denkens; in dem Kapitel +»Begabung und Gedächtnis« heisst es: »Der Wert ist also das Zeitlose; +und umgekehrt: ein Ding hat desto mehr Wert, je weniger es +Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit sich ändert. +In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur soviel Wert ein, als es +zeitlos ist; nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet. Dies ist, wie +ich glaube, noch nicht die tiefste und allgemeinste Definition des Wertes +und keine völlige Erschöpfung, doch das erste spezielle Gesetz aller +Werttheorie.« Nun: »Die Thaten des Genius leben ewig; an ihnen wird durch +die Zeit nichts geändert.« Genie ist aber höchst potenzierte +Männlichkeit, also ist nachgewiesen, dass M zeitlos, ewig ist. Ganz +zwanglos ergiebt sich das; für W natürlich das Gegenteil. + +Im nächsten Kapitel »Gedächtnis, Logik, Ethik« steht dann unser +Taschenkünstler der Logik nicht an zu erklären: »Die Frau erbittert die +Zumutung, ihr Denken von der Logik ausnahmslos abhängig zu machen. Ihr +mangelt das intellektuelle Gewissen. Man könnte bei ihr von »logical +insanity« sprechen.« Beim Weibe kann man ferner »nicht von +antimoralischem, sondern nur von amoralischem Sein sprechen. Das Weib ist +amoralisch.« So ähnlich wie das Völkerchaos von H. St. ~Chamberlain~, wo +sich diese Gegenüberstellung findet. Im 11. Kapitel »Männliche und +weibliche Psychologie« geht ~Weininger~ mit »eherner Geschlossenheit«, +wie einer seiner Verehrer schrieb, an die äussersten Konsequenzen. »Worum +es sich handelt, ist in Kürze dies. Es wurde gefunden, dass das logische +und das ethische Phänomen, beide im Begriff der Wahrheit zum höchsten +Werte sich zusammenschliessend, zur Annahme eines intelligiblen Ich oder +einer Seele als eines Seienden von höchster hyperempirischer Realität +zwingen. Bei einem Wesen, dem wie W das logische und ethische Phänomen +mangeln, entfällt auch der Grund, jene Annahme zu machen. Das vollkommen +weibliche Wesen kennt weder den logischen noch den moralischen Imperativ +und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht, Pflicht gegen sich selbst, ist das +Wort, das ihm am fremdesten klingt. Es ist der Schluss vollkommen +berechtigt, dass ihm auch die übersinnliche Persönlichkeit fehlt. Das +absolute Weib hat kein Ich, keine Seele!« Nun könnte wohl jemand +einwenden, das absolute Weib sei ja nur eine logische Hypothese, während +die existierenden Frauen alle nicht absolute Weiber seien, sondern doch +zum mindesten ein dürftiges Körnchen M in sich herumtragen; ~Weininger~ +macht aber da selbst keinen exakten Unterschied und wirft diese Begriffe +immer wieder durcheinander, was u. a. auch aus einem späteren Passus über +die rechtliche Gleichstellung beider Geschlechter klar hervorgeht. Es +wird feierlich verkündet: »Die Frau kann nie zum Manne werden ... während +es anatomisch Männer giebt, die psychologisch Weiber sind, giebt es keine +Personen, die körperlich weiblich und doch psychisch Männer sind.« +Konsequent nach ~Weiningers~ Theorie gedacht, müsste man glauben, dass es +doch so sein müsste; aber hier kann er eben die Mathematik nicht +brauchen. + +Das Mitleid des Weibes wird ins Reich der Fabel verwiesen. Der Beweis, +dass das Mitleid keine weibliche Tugend sei, ist höchst einfach: »Im +alten Weib ist nie (!) auch nur ein Funke jener angeblichen Güte mehr und +so liefert das Greisenalter der Frau den indirekten Beweis, wie all ihr +Mitleid nur eine Form sexueller Verschmolzenheit war, selbst wenn es auf +ein gleichgeschlechtliches Wesen sich bezog.« Es kommt aber noch besser. +»Der absolute Beweis für die Schamlosigkeit der Frauen liegt darin, dass +Frauen untereinander sich immer ungescheut völlig entblössen, während +Männer voreinander stets ihre Nacktheit zu bedecken suchen ... Der +einzelne Mann hat kein Interesse für die Nacktheit des zweiten Mannes, +während jede Frau auch die andere Frau in Gedanken stets entkleidet und +dann hierdurch die allgemeine interindividuelle Schamlosigkeit des +Geschlechtes beweist.« Der zwanzigjährige »Grosse« muss eigentümlichen +Verkehr gehabt haben; diese Behauptungen werden ihm doch sicher nur die +allerkritiklosesten seiner Verehrer nachbeten können. Aber auch hier +zeigt sich auch wieder aufs durchsichtigste die Art, wie ~Weininger~ +denkt; um die allgemeine Schamlosigkeit der Frauen (NB.! nicht des +absoluten W also) folgern zu können, muss er die Behauptung als bewiesen +aufstellen, dass sich die Frauen ungeniert voreinander entblössen, die +Männer dagegen nicht. + +In einem grossen Kapitel »Mutterschaft und Prostitution« vernichtet dann +~Weininger~ auch noch das letzte, was ein »hausbackener« Mensch zur +Verteidigung der Frau anführen könnte: Mutterschaft und Mutterliebe, und +zwar, wie man zugeben muss, ganz konsequent logisch ausgehend von seinen +falschen Voraussetzungen, die er sich absolut willkürlich zurecht gelegt, +um zu dem mystischen Ziele zu gelangen, das sich nun allmählich enthüllt. +Die Frauen zerfallen nach ~Weininger~ in zwei Klassen: Dirnen und Mütter; +die Anlage hierzu sei von Geburt an organisch in jeder Frau vorhanden. +Ich lasse hier eine Blütenlese der in dem Kapitel, das ~Moebius~ ekelhaft +nennt, angesammelten Behauptungen und Schlüsse folgen: + +»In der That muss ich die allgemeine Ansicht, welche ich lange geteilt +habe, völlig verfehlt nennen, die Ansicht, dass das Weib monogam und der +Mann polygam sei. Das Umgekehrte ist der Fall.« Besser, es muss der Fall +sein, sonst würde es ja nicht zur Rechnung passen. »Für die Frau ist der +Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke der Sittlichkeit +gar nicht, nur die Motive der Sicherheit und des Rufes mitsprechen. Es +gibt kein Weib, das in Gedanken ihrem Manne nie untreu geworden wäre, +ohne dass es darum dieses auch schon sich vorwürfe. Denn das Weib geht +die Ehe zitternd und voll unbewusster Gier ein und bricht sie, da es kein +der Zeitlichkeit entrücktes Ich hat, so erwartungsvoll und gedankenlos, +wie es sie geschlossen hat.« »Das Verhältnis der Mutter zum Kinde ist in +alle Ewigkeit ein System von reflexartigen Verbindungen ..... eine nie +unterbrochene Leitung zwischen der Mutter und allem, was je durch eine +Nabelschnur mit ihr verbunden war: das ist das Wesen der Mutterschaft, +und ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe nicht +einstimmen, sondern muss gerade das an ihr verwerflich finden, was an ihr +so oft gepriesen wird, ihre Wahllosigkeit.« Das Höchste leistet er dann +mit den Worten: »Ihre Stellung ausserhalb des Gattungszweckes stellt die +Hetäre in gewisser Beziehung über die Mutter, soweit dort von ethisch +höherem Standort überhaupt die Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber +handelt.« (!) »Nur solche Männer fühlen sich von der Mutter angezogen, +die kein Bedürfnis nach geistiger Produktivität haben. Bedeutende +Menschen haben stets nur Prostituierte geliebt.« In einem späteren +Kapitel heisst es auch: »Unendlich viel in der Frauenbewegung ist nur ein +Hinüberwollen von der Mutterschaft zur Prostitution; sie ist als ganzes +mehr Dirnenemancipation als Frauenemancipation und sicherlich ihren +wirklichen Resultaten nach vor allem ein mutigeres Hervortreten des +kokottenhaften Elementes im Weibe.« Weiter: »Die Sensationen des Koitus +sind prinzipiell keine anderen Empfindungen, als wie sie das Weib sonst +kennt; sie zeigen dieselben nur in höchster Intensifikation; das ganze +Sein des Weibes offenbart sich im K., aufs höchste potenziert.« »Der lügt +oder hat nie gewusst, was Liebe ist, der behauptet, eine Frau noch zu +lieben, die er begehrt: so verschieden sind Liebe und Geschlechtstrieb. +Darum wird es auch fast immer als eine Heuchelei empfunden, wenn einer +von Liebe in der Ehe spricht.« »Ich möchte sogar sagen, es gibt nur +platonische Liebe. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das +Reich der Säue.« (!) Man wird nun bereits merken, worauf die Sache +hinausgeht. In dem »Erotik und Ästhetik« betitelten Kapitel wird zunächst +natürlich der Frau auch jedes Gefühl für Ästhetik abgesprochen. »Das Weib +besitzt keinen freien Willen und so kann ihm auch nicht die Fähigkeit +verliehen sein, Schönheit in den Raum zu projizieren. Damit ist aber auch +gesagt, dass die Frau nicht lieben kann.« + +Trotzdem ~Weininger~ der Frau den freien Willen, jene erste juristische +Voraussetzung, genommen hat, betont er drei Seiten später mit rührender +Naivität: »Die rechtliche Gleichstellung von Mann und Weib kann man sehr +wohl verlangen, ohne darum an die moralische und intellektuelle +Gleichheit zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher Zeit +jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht verdammt und +braucht doch der ungeheuerste kosmische Gegensatz und Wesensunterschied +nicht verkannt zu werden. Denn der tiefstehendste Mann steht noch +unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe.« Wo hier wohl die Logik +bleibt? Das ~Weininger~sche weibliche Wesen ist ja forensisch absolut +unzurechnungsfähig; eine freie Willensbestimmung ist ja total +ausgeschlossen; man müsste schleunigst über sämtliche Frauen Kuratel +verhängen. Man denke sich nur ein solches Weib nach ~Weininger~ als +Zeugin; wie soll man sie denn als gleichberechtigt nehmen, wenn sie, »die +abgrundtiefe Verlogenheit« repräsentierend, doch erst weit hinter dem +tiefstehendsten Manne kommt? Ein Weib mit starkem W-Gehalt würde einem +kompletten Idioten gleichkommen. Wenn ~Weininger~ konsequent gewesen +wäre, hätte er das weibliche Geschlecht ausnahmslos aus dem Gerichtssaale +verbannen müssen. + +Um hinter den eigentlichen Zweck des weiblichen Seins zu kommen, führt +~Weininger~ in einem Kapitel »das Wesen des Weibes und seine Stellung im +Universum« fort, müsse von einem Phänomen ausgegangen werden, das, so alt +und bekannt es sei, noch nirgends und niemals einer Beachtung oder gar +Würdigung wert befunden worden sei. Es sei das Phänomen der Kuppelei, +welches den eigentlichsten, den tiefsten Einblick in die Natur des Weibes +gestatte. »Das Bedürfnis selbst k....[3] zu werden, ist zwar das +heftigste Bedürfnis der Frau, aber es ist nur ein Spezialfall ihres +tiefsten, ihres einzigen vitalen Interesses, das nach dem K.... überhaupt +geht, des Wunsches, dass möglichst viel, von wem immer, wo immer, wann +immer k...... werde.« »Mit Verheirateten (Männern) wird darum so selten +Ehebruch begangen, weil diese der Idee, welche in der Kuppelei liegt, +bereits genügen.« »Es lässt sich absolut nichts anderes als die positive +allgemeine weibliche Eigenschaft prädizieren als die Kuppelei, das ist +die Thätigkeit im Dienste der Idee des K...... überhaupt.« Das System +entwickelt sich, wie man sieht. »Wenn Weiblichkeit Kuppelei ist (und das +hat der Philosoph ja eben bewiesen), so ist Weiblichkeit universelle +Sexualität. Der Geschlechtsverkehr ist der höchste Wert der Frau; ihn +sucht sie immer und überall zu verwirklichen.« Demnach erhält das Weib +Existenz und Bedeutung nur, indem der Mann sexuell wird. Damit ist die +Stellung des Weibes im Universum fixiert; sie ist lediglich Verkörperung +der allgemeinen Sexualität, die nach ~Weininger~ Unsittlichkeit ist. +»Einen wahrhaft bedeutenden Menschen, der im Geschlechtsverkehr mehr +sähe, als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt oder gar in ihm +das tiefste heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es niemals +geben«, ruft er aus. Dementsprechend kann er z. B. von ~Wilhelm Bölsche~ +gar nicht verachtungsvoll genug reden: »Die grosse Vereinigung von +natürlicher Zuchtwahl und natürlicher Unzuchtswahl, deren schmählicher +Apostel sich ~Wilhelm Bölsche~ nennt« schreibt ~Weininger~ einmal. Mit so +absoluter Sicherheit predigt er seine Lehre, dass er sich zu der +Behauptung versteigen kann: »Es ist klar, dass wenn auch nur ein +einziges, sehr weibliches Wesen innerlich asexuell wäre oder in einem +wahrhaften Verhältnis zur Idee des sittlichen Eigenwertes stünde, alles +was hier von der Frau gesagt wurde, seine allgemeine Gültigkeit als +psychisches Charakteristikum ihres Geschlechtes sofort unmittelbar +verlieren müsste.« »Das absolute Weib, dem Individualität und Wille +mangeln, das keinen Teil am Werte und an der Liebe hat, ist vom höheren +transscendenten, metaphysischen Sein ausgeschlossen. Die intelligible, +hyperempirische Existenz des Mannes ist erhaben über Stoff, Raum und +Zeit; in ihm ist Sterbliches genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat +die Möglichkeit zwischen beiden zu wählen: zwischen jenem Leben, das mit +dem Tode vergeht und jenem, für welches dieser erst eine Herstellung in +gänzlicher Reine bedeutet.« »Der Mann birgt in sich die Möglichkeit zum +absoluten Etwas (= Gott) und zum absoluten Nichts ... Das Weib sündigt +nicht; denn es ist selbst die Sünde als Möglichkeit im Manne. Der reine +Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten Etwas, das Weib, auch das +Weib im Manne, ist das Symbol des Nichts: Das ist die Bedeutung des +Weibes im Universum und so ergänzen sich Mann und Weib.« »Die Frauen +haben keine Existenz und keine Essenz; sie sind nicht, sie sind nichts. +Man ist Mann oder man ist Weib, je nachdem man wer ist oder nichts.« »Das +Weib ist nicht Mikrokosmos; es ist nicht nach dem Ebenbilde der Gottheit +entstanden. Ist es also noch Mensch? Oder ist es Tier? Oder Pflanze?« Es +kann mir natürlich nicht einfallen, mich des Langen über diesen Unsinn zu +ergehen; diese Sätze sprechen ja wohl für sich selbst. Ich kann es aber +dem Leser nicht ersparen, mit mir weiter durch diese Flut von Unsinn zu +waten; denn nur so entwickelt sich das ganze System ~Weiningers~ klar. +Ich bin selbst mehrmals daran gewesen, die Feder wegzulegen, weil mir +meine Zeit leid that; nur der Gedanke, vielleicht doch etwas zu nützen, +liess mich dann weiterfahren. ~Moebius~ sagt, beim 13. Kapitel habe »die +Übelkeit über seinen guten Willen gesiegt.« Man wird ihm dies nachfühlen +können; wers nicht kann, dem ist wohl nicht zu helfen. Nach dieser +kleinen Pause will ich weiter an die Arbeit gehen. + + [3] Da sich unsere Sammlung an breitere Schichten wendet, so haben + wir auf wörtliche Wiedergabe besonders schamloser Stellen + verzichtet. D. H. + +~Weininger~ proklamiert also: Das Weib besitzt keine Seele. »Vielleicht +hat der Mann bei der Menschwerdung durch einen metaphysischen, +ausserzeitlichen Akt das Göttliche, die Seele, für sich allein behalten?« +Nun kommt das dicke Ende. Das Weib, die Verkörperung des Bösen, ist eine +Folge des männlichen Wunsches nach dem K...., folglich eine Schuld des +Mannes; das Weib muss also erlöst werden. Alles, was ~Weininger~ bisher +gesagt, war nur die Einleitung zur Hauptsache, zur Erlöseridee des +Weibes. ~Weininger~ als der Erlöser! »Darum ist dieses Buch die grösste +Ehre, welche den Frauen je erwiesen worden ist.« Es ist allerdings recht +schwierig, das arme Weib nun zu erlösen, nachdem es so tief gestürzt +worden ist; man sollte sogar glauben, als Verkörperung des Nichts, +sei es nicht wandlungsfähig; das scheint aber nur so; ein +Taschenspielerkunststückchen und dann ein bischen Logik und die Sache ist +gemacht; man höre: »Das Weib ist nichts und darum, nur darum, kann es +alles werden; während der Mann stets nur werden kann, was er ist.« Und +nun zur Erlösung: + +»Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille des +Mannes. Als der Mann sexuell ward, schuf er das Weib. Dass das Weib da +ist, heisst also nichts anderes, als dass vom Manne die +Geschlechtlichkeit bejaht wurde .... Der Mann hat das Weib geschaffen und +schafft es immer neu, so lange er noch sexuell ist .... Indem er auf den +Geschlechtsverkehr nicht verzichtet, ruft er das Weib hervor. Das Weib +ist die Schuld des Mannes.« Daraus dann die logische Glanzleistung: »Wenn +Weib Schuld ist und Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, so nur, weil alle +Schuld von selbst sich zu vermehren trachtet.« Der Gipfel des Systems ist +nun erstiegen: »Der Mann kann das ethische Problem für seine Person nicht +lösen, wenn er in der Frau die Idee der Menschheit immer wieder negiert, +indem er sie als Genussmittel benützt ... Die Frau muss dem +Geschlechtsverkehr innerlich und wahrhaftig aus freien Stücken entsagen. +Das bedeutet nun allerdings: das Weib muss als solches untergehen, und es +ist keine Möglichkeit für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden +(!), ehe dies nicht geschieht .... Hiermit erst, auf dem höchsten +Gesichtspunkt des Frauen- als des Menschheitsproblems ist die Forderung +der Enthaltsamkeit für beide Geschlechter gänzlich begründet.« Das ist +des Pudels Kern. Sollte jemand wagen, die Befürchtung auszusprechen, dass +ja bei allgemeiner totaler Abstinenz vom Geschlechtsverkehr die +Menschheit aufhören müsste, zu existieren, dem antwortet der Träger des +neuen Heils voll Verachtung: »In dieser merkwürdigen Befürchtung, welcher +der schrecklichste Gedanke der zu sein scheint, dass die Gattung +aussterben könnte, liegt nicht allein äusserster Unglaube an die +individuelle Unsterblichkeit und ein ewiges Leben der sittlichen +Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt irreligiös: man beweist mit +ihr zugleich seinen Kleinmut, seine Unfähigkeit ausser der Herde zu +leben ...« Wer seine (~Weiningers~) Lehre klar erfasst habe, »der würde +den leiblichen Tod nicht fürchten und nicht für den mangelnden Glauben +an das ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der Gewissheit des +Weiterbestehens der Gattung suchen.« + +Übrigens ist ~Weininger~ nicht so grausam, als es auf den ersten Blick +scheinen möchte; der gewöhnliche Mensch könnte meinen, mit dem Aufhören +der menschlichen Gattung sei eine unendliche Reihe von kommenden +Individuen vernichtet; das ist aber falsch; in Wirklichkeit wird durch +allgemeine sexuelle Abstinenz keine einzige Individualität vernichtet. In +den »letzten Dingen« offenbart nämlich ~Weininger~ die Existenz der Seele +vor der Geburt. Folgende Aussprüche werden genügen: »Man liebt seine +physischen Eltern; darin liegt wohl ein Hinweis darauf, dass man sie +erwählt hat.« »Die Geburt ist eine Feigheit: Verknüpfung mit anderen +Menschen, weil man nicht den Mut zu sich selbst hat. Darum sucht man +Schutz im Mutterleibe.« »Aus unserem Zustande vor der Geburt ist +vielleicht darum keine Erinnerung möglich, weil wir so tief gesunken sind +durch die Geburt: wir haben das Bewusstsein verloren und gänzlich +triebartig geboren zu werden verlangt, ohne vernünftigen Entschluss und +ohne Wissen und darum wissen wir gar nichts von dieser Vergangenheit.« +»Hätte der Mensch sich nicht verloren bei der Geburt, so müsste er sich +nicht suchen und wieder finden.« + +Damit wäre das System der ~Weininger~schen »Philosophie« dargestellt. Ein +Kapitel in dem Hauptwerke habe ich bis jetzt übergangen, das Kapitel über +das Judentum. ~Moebius~ sagt, dass es ebenso gut hätte wegbleiben können. +Für die Beurteilung des Falles halte ich aber dieses Kapitel für ganz +besonders wertvoll; ~Moebius~ kannte zur Zeit, als er über das Buch +schrieb, zu wenig Daten und vor allem die »letzten Dinge« und das Ende +des Verfassers nicht, sonst würde er wohl in dem Kapitel bedeutsame +Fingerzeige gesehen haben. Es ist nämlich eine vollkommene Beweisführung, +warum er, ~Weininger~, ein neuer Messias sei, in diesem Kapitel +enthalten. Auch kann man an diesem Kapitel so gut wie kaum sonst die +ursprüngliche Quelle nachweisen. H. St. ~Chamberlain~ widmet in seinen +»Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts« (~Bruckmann~, München 1900) dem +Wesen des Juden- und Christentums grosse Beachtung; die betreffenden +Kapitel (bes. Bd. I, 206-458) haben ungeheueren Einfluss auf ~Weininger~ +ausgeübt; nur hat sich ~Weininger~ die ausgezeichneten Ausführungen +~Chamberlains~ über das Judentum und über Christus für sein eigenes +System zurechtgemodelt und entstellt. ~Chamberlain~ sagt, dass Christus +der Überwinder des Judentumes sei, dass er Herr des alten Adams geworden +sei durch eine mächtige Umkehr des Willens. Es heisst dort z. B. I, 206: +»Jene Umkehr des Willens aber, jener Eintritt in das verborgene Reich +Gottes, jenes von neuem Geborenwerden, welches die Summe von Christi +Beispiel ausmacht, bedingt ohne weiteres eine völlige Umkehr der +Empfindungen.« Ferner: »Die Erscheinung Christi auf Erden hat die +Menschheit in zwei Klassen gespalten. Sie erst schuf den wahren Adel und +zwar echten Geburtsadel; denn nur, wer erwählt ist, kann Christ sein.« +Von grossem Einfluss auf ~Weininger~, als er noch nicht in die herrliche +Wandlung eingetreten war, dürften folgende Worte ~Chamberlains~ gewesen +sein, die vielleicht sogar direkt den Konvertierungsgedanken bei +~Weininger~ anregten: »Es wäre sinnlos, einen Israeliten echtester +Abstammung, dem es gelungen wäre, die Fesseln Esras und Nehemias +abzuwerfen, in dessen Kopf die Gesetze Moses und in dessen Herz die +Verachtung anderer keine Stätte mehr findet, einen Juden zu nennen« (I. +458). Denn nach Paulus sei nur das ein Jude, das inwendig verborgen sei. +~Chamberlain~ ist aber dafür auch so ziemlich der einzige aller Lebenden, +dem ~Weininger~ anscheinend unbedingte Hochachtung zollt, abgesehen von +~Ibsen~ und den Wiener Neurologen ~Freud~ und ~Breuer~. Wenigstens +liefert ~Weininger~ einmal eine schauerliche Abhandlung über die +Hysterie, wo er in analoger Weise wie beim Judentum die Ansichten +~Freuds~ in wirklich komischer Weise entstellt auftischt und denselben +nachsichtig auf einige Irrtümer aufmerksam macht. Doch nun zu +~Weiningers~ Kapitel des Judentums. »Man darf das Judentum nur für eine +Geistesrichtung, für eine psychische Konstitution halten, welche für alle +Menschen eine Möglichkeit bildet und im historischen Judentum bloss die +grandioseste Verwirklichung gefunden hat. Dass dem so ist, wird durch +nichts anderes bewiesen als durch den Antisemitismus ... Im aggressiven +Antisemiten wird man immer selbst gewisse jüdische Eigenschaften +wahrnehmen ... Wie man am anderen nur liebt, was man gerne ganz sein +möchte und doch nie ganz ist, so hasst man im anderen nur, was man nimmer +sein will und doch immer zum Teil noch ist. So erklärt es sich, dass die +allerschärfsten Antisemiten unter den Juden zu finden sind.« Diese +grundlegenden Sätze werden als Thatsachen aufgestellt; nimmt man sie als +bewiesen, so können die kühnsten Schlüsse erfolgen. Das alte Spiel, das +sehr an die Geschichte von den Kretensern und vom Lügen erinnert. + +~Weininger~ ist selbst der schärfste Antisemit. »Der echte Jude wie das +echte Weib leben beide nur in der Gattung, nicht als Individualitäten. +Hieraus erklärt sich, dass die Familie (als biologischer, nicht als +rechtlicher Komplex) bei keinem Volk auf der Welt eine so grosse Rolle +spielte wie bei den Juden; die Familie in diesem Sinne ist eben +weiblichen, mütterlichen Ursprungs[4] und hat mit dem Staate, mit der +Gesellschaftsbildung nichts zu thun. Die Zusammengehörigkeit der +Familienmitglieder nur als Folge des gemeinsamen Dunstkreises ist am +engsten bei den Juden. Jedem indogermanischen Mann, dem begabteren stets +mehr als dem mittelmässigen, aber auch dem gewöhnlichsten noch, ist dies +eigen, dass er sich mit seinem Vater nie völlig verträgt: weil ein jeder +einen, wenn auch noch so leisen, unbewussten oder bewussten Zorn auf +denjenigen Menschen empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben +genötigt ...« Weiter: der Jude steckt also nicht nur am tiefsten in der +Familie, sondern er ist auch »stets lüsterner, geiler, wenn auch +merkwürdigerweise im Zusammenhang mit seiner nicht eigentlichen +antimoralischen Natur, sexuell weniger potent als der arische Mann. Nur +Juden sind echte Heiratsvermittler.« Natürlich: Kuppelei = W = Nichts = +Jude, woraus die Analogie zum Weib hergestellt ist; »der absolute Jude +ist seelenlos.« »Aus ihrem Mangel an Tiefe wird auch klar, weshalb die +Juden keine ganz grossen Männer hervorbringen können, weshalb dem +Judentum wie dem Weibe die höchste Genialität versagt ist.« »Der Jude ist +der unfromme Mensch im weitesten Sinne.« »Das Judentum ist das Böseste +überhaupt[5].« Nun wird der Gegensatz intoniert: »Der Jude freilich, der +überwunden hätte, der Jude, der Christ geworden wäre, besässe allerdings +auch das volle Recht, vom Arier als Einzelner genommen und nicht nach +einer Rassenangehörigkeit mehr beurteilt zu werden, über die ihn sein +moralisches Streben längst hinausgehoben hätte.« Und weiter: »Jene +unbegreifliche Möglichkeit der vollständigen Wiedergeburt eines Menschen, +der alle Jahre und Tage seines früheren Lebens als böser Mensch gelebt +hat, dieses hohe Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen +verwirklicht, welche die grossen Religionen der Menschen gegründet haben. +Hierdurch scheiden sie sich vom eigentlichen Genie: In diesem überwiegt +von Geburt an die Anlage zum Guten. Alle Genialität ist nur höchste +Freiheit vom Naturgesetz. Wenn sich dies so verhält, dann ist der +Religionsstifter der genialste Mensch. Denn er hat am meisten +überwunden.« ~Weininger~, früher der böse Mensch, wird Überwinder und +lehrt eine neue Religion. Wers noch nicht glaubt, dem gehen vielleicht +bei den nächsten Äusserungen die Augen auf: »Christus ist der Mensch, der +die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet und so die +stärkste Position, das Christentum, als das dem Judentum Entgegengesetzte +schafft.« ~Weininger~ hat ebenfalls das Judentum überwunden und ausserdem +die noch stärkere Negation, das Weib. Dass die Juden eigentlich doch auch +Männer sind, bildet den Pferdefuss in der Deduktion; aber sie sind eben +eine Ausnahme von W nur dadurch, dass sie »gut begrifflich« veranlagt +seien. Natürlich vermag ~Weininger~, wie er sich ausdrückt, nicht mit +~Chamberlain~ zu glauben, dass die Geburt des Heilands in Palästina ein +blosser Zufall sein könne (NB. behauptet das aber ~Chamberlain~ gar +nicht cf. z. B. Grundlagen I, 249). »Christus war ein Jude«, erklärt +~Weininger~, »aber nur um das Judentum in sich am vollständigsten zu +überwinden; denn wer über den mächtigsten Zweifel gesiegt hat, der ist +der gläubigste, wer über die ödeste Negation sich erhoben, der positivste +Bejaher. Christus ist der grösste Mensch, weil er am grössten Gegner sich +gemessen hat. Vielleicht ist er der einzige Jude und wird es bleiben, dem +dieser Sieg über das Judentum gelungen: der erste Jude wäre der letzte, +der ganz und gar Christ geworden ist; vielleicht liegt aber auch heute +noch im Judentum die Möglichkeit, den Christ hervorzubringen; vielleicht +sogar muss auch der nächste Religionsstifter abermals durch das Judentum +hindurchgehen.« (!) Ausdrücklich weist ~Weininger~ dann darauf hin, dass +»unsere Zeit nicht nur die jüdischste, sondern auch die weibischste aller +Zeiten sei,« um dann zu erklären: »Dem neuen Judentum (!) entgegen drängt +ein neues Christentum zum Licht; die Menschheit harrt des neuen +Religionsstifters und der Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre +Eins.« Kommentar ist überflüssig. + + [4] Diese Stelle führe ich, vielleicht irrtümlich, auf + ~Chamberlain~ Grundlagen I, 133 zurück, wo von Familie als + ursprünglichem Matriarchat die Rede ist. + + [5] Letzte Dinge 180. + +Mit seiner Erlöseridee hängt es auch zusammen, dass seine Stellung zu +~Wagner~ sich so gründlich änderte; ~Weininger~ erblickte nämlich in +~Wagners~ Parzifal, den er auch deshalb »die tiefste Dichtung der +Weltlitteratur« nennt, Christus und seine eigene Person. + +Das bis jetzt zusammengestellte Material ist genügend zur Beantwortung +der Hauptfrage, ob ~Weininger~ geisteskrank und welcher Art diese +geistige Störung gewesen sei. Somit könnte die Exploration in einem +gewissen Sinne für abgeschlossen erklärt werden. Trotzdem würde die +Untersuchung nicht vollständig sein, wenn sie nicht noch einige andere +Gebiete streifte. Ich will daher noch durch Citate aus ~Weiningers~ +Schriften den Stand seiner sonstigen Kenntnisse und Anschauungen darlegen +und endlich zum Schlusse die Elaborate seiner letzten Lebenstage +vorführen, die wohl keinen Vernünftigen zweifeln lassen werden, dass sie +von keinem geistig Gesunden stammen. + +Wie in allen Dingen, so ist ~Weininger~ auch in Litteratur mit einem sehr +scharfen Urteil begabt. Neben dem Text von ~Wagners~ »Parzifal« steht ihm +am höchsten ~Ibsens~ »Peer Gynt«. Warum, kann man sich denken. »Es ist +ein Erlösungsdrama und zwar der grössten eines, um es nur gleich zu +sagen. Tiefer und allumfassender als irgend ein Drama ~Shakespeares~, +ohne an Schönheit hinter diesen zurückzubleiben, an sinnlichem Glanze +allen anderen Werken ~Ibsens~ überlegen, steht es an Bedeutung der +Konzeption ebenbürtig neben, an Gewalt der Durchführung weit über +~Goethes~ »Faust« und reicht beinahe hinan zu den Höhen des »Tristan« und +des »Parzifal« von ~Wagner~.« ~Hanslick~ sagt einmal (»Aus meinem Leben« +1894, II, 234), dass man in fünfzig Jahren die Schriften der Wagnerianer +als Monumente einer geistigen Epidemie anstaunen werde. So weit ich mich +erinnere, hat sich aber kaum einer zu solcher Höhe verstiegen wie +~Weininger~. Nach ihm ist »~Wagner~ der Mensch mit dem grössten +Naturempfinden, das je ein Mensch besessen hat. Gegen sein »Rheingold« +gehalten, verblassen selbst ~Goethes~ Lieder von allem Wasser in Nebel, +Wolken und Fluss ...« Die ~Wagner~sche Dichtung (NB. nicht die Musik) ist +»der Tiefe der Konzeption nach die grösste Dichtung der Welt. Es sind die +gewaltigsten Probleme, die je ein Künstler sich zum Vorwurf gewählt hat, +bedeutender noch als die Probleme des ~Aischylos~ und ~Dante~, ~Goethes~, +~Ibsens~ und ~Dostojewskis~, um von den Problemen ~Shakespeares~ zu +schweigen ... Das alles stellt ~Wagner~ hoch über ~Goethe~, dessen +letztes Wort doch nur das vom »Ewig-Weiblichen«, die Erlösung des Mannes +durch das Weib ist.« Man wird wohl merken, warum ~Goethe~ und +~Shakespeare~ so wenig bei ~Weininger~ gelten. An anderer Stelle +(»Geschlecht und Charakter« 408/409) findet sich noch folgendes über +~Wagner~: »~Richard Wagner~, der tiefste Antisemit, ist von einem Beisatz +von Judentum selbst in seiner Kunst nicht freizusprechen, so gewiss er +neben ~Michelangelo~ der grösste Künstler aller Zeiten ist, so +wahrscheinlich er geradezu den Künstler in der Menschheit überhaupt +repräsentiert. Ihm war das Judentum die grosse Hilfe, um zur klaren +Erkenntnis und Bejahung des anderen Poles in sich zu gelangen, zum +Siegfried und Parzifal sich durchzuringen und dem Germanentum den +höchsten Ausdruck zu geben, den es wohl je in der Geschichte gefunden +hat.« + +~Heine~ entbehrt natürlich fast jeder Grösse, aber nur weil er Jude ist. +~Keller~ und ~Storm~ werden ebenfalls »jeder Grösse entbehrende +Idylliker« genannt. Ganz unleidlich ist für ~Weininger~ der arme +~Schiller~; er gehört zu den Juden und wird in einem kleinen Aufsatz in +den »letzten Dingen« einfach vernichtet: »Was ist es doch, das an jenen +Gedichten so beleidigt? Es ist das Verletzende an ~Schiller~ überhaupt; +es ist seine Freude am Chor, an der Herde; sein ganz ungeniales +Glücksgefühl, gerade in der Zeit zu leben, in der er lebte ... Er ist +auch der eigentliche Schöpfer des Ästhetentums, das unter den modernen +Juden die meisten Anhänger zählt: es flüchtet vor aller Tiefe oder +heuchelt Tiefe, um den Schein retten zu können ... Einen Journalisten +dürfte ich ihn mit Grund nennen ... Was ihn aber endgültig zum +Journalisten stempelt, ist seine Rührseligkeit, die von einem tragischen +Geschehnis schwätzt, wenn ein Mensch auf der Gasse überfahren wird; und +es ist vor allem jene Bindung an den Tag und die Stunde, jene +Philistrosität, die sich am kosmischesten gestimmt dann fühlt, wenn ein +Jahrhundertwechsel vor sich geht. In ~Schiller~ hasst die journalistische +Moderne nur sich selbst.« Und ~Moebius~ hatte gewagt, ~Weininger~ den Rat +zu geben, Feuilletons zu schreiben! Man begreift der Freunde Ingrimm ob +so gänzlicher Verkennung. ~Spinoza~, als Jude, ist ebenfalls »riesig +überschätzt«. Die englischen Philosophen sind sämtlich Flachköpfe, +natürlich »weil aus England die seelenlose Psychologie gekommen ist«; »es +gehört zwar nicht eben viel dazu, der grösste englische Philosoph zu +sein; aber ~Hume~ hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten +Anspruch.« + +Sehr niedlich sind auch die Belehrungen, die wir über ~Nietzsche~ +empfangen. »~Nietzsche~ war lange Sucher; erst als Zarathustra that er +den Priestermantel um und da stiegen nun jene Reden vom Berge herunter, +die bezeugen, wie viel Sicherheit er durch die Verwandlung gewonnen hat.« +Man sieht, viel Kritik hat ~Weininger~ eben nicht besessen; hier läuft er +mit der von ihm so sehr gehassten Herde. Das Gesamturteil des jungen +Mannes über ~Nietzsche~ dürfte auch ein neues Licht auf dessen +Todesursache werfen: »~Nietzsche~ war nicht gross genug, um sich +selbständig aus eigener Kraft in Reinheit zu ~Kant~ durchzuringen, den er +nie gelesen hatte. Darum ist er nie bis zur Religion gelangt: als er das +Leben am leidenschaftlichsten bejahte, da verneinte das Leben ihn -- +jenes Leben nämlich, das sich nicht belügen lässt. Aus dem Mangel an +Religion erklärt sich ~Nietzsches~ Untergang. Ein Mensch kann an nichts +anderem zu Grunde gehen als an einem Mangel an Religion ...« + +Für die Modernen hat ~Weininger~ übrigens nichts übrig; so spricht er +z. B. von ihrer »Schuljungenopposition gegen alle Grössen der Historie.« +Alle Sprachkritiker, »von ~Baco~ bis auf ~Fritz Mauthner~« sind nach +seiner Ansicht »Flachköpfe«. + +Besonders lehrreich sind auch ~Weiningers~ Anschauungen über die +Naturwissenschaften und über die Medizin. Nach seiner Ansicht hat das +Judentum die Wissenschaft ruiniert; er predigt die Rückkehr zur +Naturheilkunde und enthüllt in seiner letzten Zeit die sonderbarsten +Theorien über Entstehung und Wesen von Krankheiten. »Machen, das ist das +Wort für den heutigen Fabrikbetrieb des Erkennens, in welchem die +Vorsteher der grossen Laboratorien und Seminarien die Funktionen +kapitalistischer Industriebarone vortrefflich ausfüllen. »Quellen« heisst +es in der Geschichtsforschung, »Versuchsreihen« in der exakten +Wissenschaft. Despotisch herrschen die Zahl, die Statistik, die +Fehlermethode, die genaue Gewichtsanalyse. Nicht ohne tiefe Berechtigung +hat diese Wissenschaft alle ihre Feststellungen als gleich wichtig +verkündet. Die Akademien der Wissenschaften sind die mächtige Gerusia des +Staates, die fürchterlichen Grossmütter der europäischen Kultur und sie +hüten und mehren das Erbe.« So kann der alte ~Schopenhauer~ reden; im +Munde des Jünglings nehmen sich die Worte sonderbar aus; aber man darf +eben nie vergessen, dass er von Erfahrung absieht und dass er bei seinem +turmhohen Standpunkt anders beurteilt werden muss. »Die Totengräber +~Darwins~ sind schon am Werke«, erklärt er mit Ruhe. »Die biologische +Betrachtungsweise, wie man sie heute versteht, ist nichts anderes als +eine utilitaristische; sie erweitert die utilitaristischen +Gesellschaftsprinzipien berühmter englischer Flachköpfe zu einer des +Pflanzen-und Tierreiches.« »Wie die Juden am eifrigsten den Darwinismus +und die lächerliche Theorie von der Affenabstammung des Menschen +aufgriffen, so wurden sie beinahe schöpferisch als Begründer jener +ökonomischen Auffassung des menschlichen Geschlechtes, welche den Geist +aus der Entwickelung des Menschengeschlechtes am vollständigsten +streicht. Früher die enragiertesten Anhänger ~Büchners~, sind sie jetzt +die begeistertsten Vorkämpfer ~Ostwalds~.« Erst durch die Juden ist »das +unkeusche Anpacken der Dinge in die Naturwissenschaft gekommen.« »Mit dem +Einfluss jüdischen Geistes hängt es auch zusammen, dass die Medizin, +welcher ja die Juden so scharenweise sich zuwenden, ihre heutige +Entwickelung genommen hat. Stets von den Wilden bis zur heutigen +Naturheilbewegung, von der sich die Juden bezeichnenderweise gänzlich +fern gehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religiöses, war der +Medizinmann ein Priester. Die bloss chemische Richtung in der Heilkunde, +das ist das Judentum.« Und doch ist »mit der Chemie nur den Exkrementen +des Lebenden beizukommen.« ~Weininger~ ipse sacerdos medicusque; wir +werden gleich sehen: + +»Die heutige Gesundheitspflege und Therapie ist eine unsittliche und +darum erfolglose; sie sucht von aussen nach innen, statt von innen nach +aussen zu wirken. Sie entspricht dem Tätowieren des Verbrechers: Dieser +verändert sein Äusseres von aussen her, statt durch eine Änderung der +Gesinnung. Jede Krankheit hat psychische Ursachen und jede muss vom +Menschen selbst, durch seinen Willen, geheilt werden; er muss sein +Inneres selbst zu erkennen suchen. Alle Krankheit, nicht nur die +Hysterie, ist nur unbewusst geworden, in den Körper gefahrenes +Psychische; so wie dieses in das Bewusstsein hinaufgehoben wird, ist die +Krankheit geheilt.« »Jede Krankheit ist Schuld und Strafe; alle Medizin +muss Psychiatrie und Seelsorge werden. Es ist irgend etwas Unmoralisches, +d. h. Unbewusstes, das zur Krankheit führt; und jede Krankheit ist +geheilt, sobald sie vom Kranken als innerlich erkannt und verstanden ist. +»Krankheiten sind vielleicht alle nur Vergiftungen; der Seele fehlt der +Mut, das Gift ins Bewusstsein zu heben und dort im Kampfe unschädlich zu +machen. Darum wirkt es im Körper weiter. Eine solche Vergiftung ist wohl +sicher die Gicht; sie dürfte stets auf unmoralische Sexualität +zurückgehen.« Diese ganze Lehre findet sich in den »Letzten Dingen«; +glatter Wahnsinn spricht aus den beiden folgenden Äusserungen, die +~Weininger~ in den letzten Tagen vor seinem Tode geschrieben: »Krankheit +ist ein Spezialfall von Neurasthenie. Krankheit ist Neurasthenie im +Körper.« »Den Übergang von Neurasthenie zur Krankheit muss Hautkrankheit +bilden.« Wichtig für Psychiater ist auch die Erkenntnis: »Aller Wahnsinn +entsteht nur aus der Unerträglichkeit des an alle Bewusstheit geknüpften +Schmerzes.« Auch dass die Engländer »sämtlich Masochisten« seien, dürfte +interessieren. »Dass ein Mensch irrsinnig wird, ist nur durch eigene +Schuld möglich.« Über die Hysterie stellt ~Weininger~ Behauptungen auf, +die umwälzend sein sollen. Ohne Erfahrung weiss er da alles besser. »Die +hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur des +Weibes ist die Hysterie; sie ist die organische Krisis der organischen +Verlogenheit des Weibes.« Dies die Quintessenz; wer den Blödsinn in +extenso geniessen will, kann ihn in »Geschlecht und Charakter« S. 357-375 +nachlesen. + +Aus den vielen Äusserungen, die ~Weininger~ über Epilepsie, besonders in +seiner letzten Periode, macht, möchte man annehmen, dass er sich für +einen Epileptiker gehalten habe. »Der epileptische Anfall ist an das +momentane Erlöschen der Fähigkeit zur Apperzeption geknüpft, und wenn es +heisst, dass Verbrechen oft im epileptischen Anfall begangen werden, so +sollte es wohl umgekehrt ausgedrückt werden: sie werden gegen den +epileptischen Anfall begangen, dessen drohende Nähe verspürt wird .... +Gegen die furchtbarste Hilflosigkeit, welche in der Epilepsie zum +Ausdruck kommt, flüchtet er in den Mord -- oft auch in die Frömmelei und +Bigotterie .... Ist die Epilepsie nicht die Einsamkeit des Verbrechers? +Fällt er nicht, weil er nichts mehr hat, an das er sich anhalten könnte?« +»Epilepsie ist völlige Hilflosigkeit, Fallsucht, weil der Verbrecher +Spielball der Gravitation geworden ist. Der Verbrecher tritt nicht auf +(sic). Gefühl des Epileptikers: Wie wenn das Licht erlischt und völlig +jeder äussere Halt fehlt. Ohrensausen beim Anfall: Vielleicht tritt, wenn +das Licht fehlt, Schall ein? »Der Epileptiker hat Visionen von roter +Farbe: Hölle, Feuer.« + +Wie schon früher erwähnt, erschien für ~Weininger~ in seiner letzten Zeit +alles Symbol, alles von geheimer Bedeutung durchdrungen. In den »letzten +Dingen« befinden sich unter »Tierpsychologie« und »letzten Aphorismen« +fast lauter diesbezügliche Gedanken. Aus ihnen leuchtet aber der helle +Wahnsinn; der Vater des Armen hält sie für »Keime zu einer späteren +Ausarbeitung« und hätte ihre Veröffentlichung am liebsten unterdrückt +gesehen. Einige Proben werden genügen: + +»Das Auge des Hundes ruft den Eindruck hervor, dass der Hund etwas +verloren habe ... Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die +Freiheit.« »Die Furcht vor dem Hunde ist ein Problem; warum giebt es +keine Furcht vor dem Pferde, vor der Taube? Es ist die Furcht vor dem +Verbrecher. Der Feuerschein, der dem schwarzen Hunde folgt (!), ist das +Feuer, die Vernichtung, die Strafe, das Schicksal des Bösen.« »Die +Hundswut ist eine merkwürdige Form; vielleicht der Epilepsie verwandt, +in welcher dem Menschen ebenfalls Schaum vor den Mund tritt.« Man bemerke +den dahinter steckenden Schluss. Der in Depression befindliche Kranke +schliesst, da er sich für epileptisch hält: Hund = Symbol des Bösen = +Epilepsie = ~Weininger~. »Lange nicht mit gleicher Sicherheit wie beim +Hund, aber doch als aufklärender Gedanke, kam mir der Einfall, dass das +Pferd den Irrsinn repräsentiere. Hierfür spricht das Alogische im +Benehmen des Pferdes, das Nervöse und Neurasthenische, das dem Irrsinn +verwandt ist ..... Der Hund bellt das Pferd an: weil der Böse das Gute +anbellt.« »Der Vogel ist die Sehnsucht der Schildkröte (des +verschlossenen Menschen, der die Umkehr vollzieht, aber noch immer nicht +fliegt).« »Entspricht nicht das pflanzenhafte Sein der Neurasthenie? Den +Mangel an Bewegungsfähigkeit im Neurastheniker würde das wohl erklären. +Der Neurastheniker ist anämisch: mangelnde Centralisation der Pflanze: +schliesslich hat die Pflanze keine Sinnesorgane (Mangel an Aufmerksamkeit +beim Neurastheniker).« Nicht minder bezeichnend sind die beiden folgenden +Keime: »Das Rot der Hölle ist das Gegenteil vom Blau des Himmels. Sehr +tief liegt, dass der Rauch das Auge schmerzt.« »Alle Tiere sind Symbole +verbrecherischer, alle Pflanzen Symbole neurasthenischer Phänomene in der +Psyche.« Das ist geradezu haarsträubend. Der Rauch als ein Symbol des +Bösen thut natürlich dem Auge, als einem Symbol des Guten, da es mit dem +Lichte zusammenhängt, weh!! »Die Malaria ist ein Sinnbild innerer +Versumpfung.« »Der Wirbel ist die Eitelkeit des Wassers und sein +Kreisegoismus.« »Der Sündenfall ist die Individualität und sein Symbol +die Sternschnuppe.« »Das Symbol des Jüdischen ist die Fliege. Dafür +spricht vielerlei: Zucker, Massenhaftigkeit, Summen, Zudringlichkeit, +Überallsein, scheinbare Treue der Augen.« Das Fliegensymbol dürfte wohl +auf eine Reminiscenz aus ~Schopenhauers~ »Gleichnissen, Parabeln und +Fabeln« zurückgehen, wo es heisst: »Zum Symbol der Unverschämtheit und +Dummdreistigkeit sollte man die Fliege nehmen. Denn während alle Tiere +den Menschen über alles scheuen ....., setzt sie sich ihm auf die Nase.« + +Als Finale: + +»Im Augenblick, da das Fliegenartige (Jüdische?) in mir unbewusst wird, +d. h. ich fliegenartige »Züge« habe, ich hierin unfrei bin, wird es zur +Erscheinung der Fliege, der gegenüber als einer Empfindung ich unfrei +bin: im selben Augenblick ist der Raum da. So zeigt sich das Problem der +Externalisation, der Projektion des Raumes als die andere Seite des +Problems der Tierpsychologie, der Natursymbolik. Der Verbrecher +halluciniert die giftige Mücke und stirbt an falscher Furcht durch +Herzschlag.« + +Hoffentlich stirbt kein Leser an dieser letzten Zumutung infolge +Entsetzens und Schreckens sowohl über den abgründlichen Blödsinn, der in +diesen Citaten aufgespeichert ist, als auch darüber, dass es Leute giebt, +die sie als »Goldfunde und Blitzlichter« bezeichnen. + + +Die Krankheit. + +Nach dem so ausführlich dargelegten Material wird wohl kaum jemand +zweifeln können, dass man es bei ~Weininger~ nicht mit einem +geistesgesunden philosophischen Phänomen zu thun habe, sondern dass es +sich bei ihm lediglich um eine eigenartige geistige Störung handle. Es +wäre sicher von hohem Interesse, den Persönlichkeiten nachzugehen, durch +deren Blutmischungen eine Gestalt wie die ~Weiningers~ entstehen konnte; +leider fehlt gerade hier das Material; selbstverständlich kommt es da +nicht so sehr auf geistige Störungen an, die man in der Ascendenz +bedeutender Menschen eigentlich relativ selten findet, als vielmehr auf +geistige Abnormitäten, prononzierte Individualitäten mit ausgeprägten +Talenten und Eigenheiten. Der Vater ~Weiningers~ ist jedenfalls ein +ungewöhnlich veranlagter Mann. ~Weininger~ selbst trägt unverkennbar von +Hause aus alle Zeichen eines sogenannten Entarteten, eines Dégénéré +(Magnans Dégénéré supérieur) und zwar mit einem starken Beigeschmack von +Hysterie. Man muss nur nicht glauben, dass das Wort Entarteter in dem +Sinne zu verstehen sei, wie der gewöhnliche Sprachgebrauch es nimmt; ein +Degenerierter im psychiatrischen Sinne ist lediglich ein von Geburt an +bedeutend von der Norm seiner Art abweichender Mensch, der Idiot wie +Genie sein kann; je grösser und abnormer die geistige Begabung, desto +grösser natürlich auch die Gefahren, die dieser Entartung entspringen und +von denen der Durchschnittspfahlbürger verschont bleibt. So gehört +~Schopenhauer~ »zur Klasse der Deséquilibrés, in der sich bekanntlich die +feinen Köpfe zusammenfinden« (~Moebius~). + +Als Kind zeigte ~Weininger~ schon seine abnorme Beanlagung; bereits mit +vierzehn Monaten »sprach er mit höchster Deutlichkeit sein Deutsch«. Als +junger Mensch zeigte er regstes Interesse für alles, eine sehr lebhafte +Auffassung, eine intensive Lernbegierde, einen Wissensdrang, der seinen +Lehrern oft Verlegenheit bereitete, und ein ganz ausserordentliches +Gedächtnis besonders für Sprachen. Von Anbeginn aber ist auch schon ein +ungemeines Selbstgefühl ausgeprägt, das ihn sehr frühe vielen Menschen +unangenehm machte. Auch war er ziemlich erotisch veranlagt und hat sich +allem Anschein nach sehr frühe schon über die einschlägigen Fragen +orientiert. Seinen Lehrern scheint er ein Greuel gewesen zu sein durch +sein vorlautes, eigenmächtiges Wesen, seine Insubordinationen, seinen +Dünkel; über seine Lehrer machte er sich im besten Falle lustig; es kam +zu mehreren heftigen Auftritten; dass er z. B. während der Lehrstunden +sich mit anderen Dingen beschäftigte, dass er gegebene Aufgaben machte, +wie es ihm beliebt, nicht wie vorgeschrieben, beweist deutlich, wie stark +er seine eigene Persönlichkeit empfand; den Begriff Pflicht empfand er +nicht; nur den der Pflicht gegen sich selbst, wie er sich später +ausdrückte. Er hatte daher auch keinen Familiensinn, wie sein eigener +Vater hervorhebt. Welch grosse Bedeutung sonst alltägliche Ereignisse für +ihn gewinnen konnten, beweist der Eindruck, den der notgedrungene Besuch +von ein paar Tanzkränzchen auf ihn machte. + +Einen kolossalen Einfluss übte die Lektüre auf ihn aus; er las enorm viel +und man kann ganz gut verfolgen, wie ihn ~Nietzsche~, ~Schopenhauer~, +~Tolstoi~, ~Dostojewski~, ~Ibsen~, ~Chamberlain~ jeder eine Zeit lang +förmlich erfüllte, bis ~Kant~ und ~Wagner~ kamen. Schon gegen Ende seiner +Gymnasialzeit schloss er sich mehr und mehr von gewöhnlicher Geselligkeit +ab und arbeitete mit grosser Energie. Während seiner etwa 2-3 Jahre +dauernden ersten Studentenzeit lebte er »in der schwülen Treibhausluft des +Wiener Lebens« (~Schneider~, Allg. Ztg. Beil. 1903, 292), in der Zentrale +der sublimsten Dekadenze, die schon so viele frühreife Litteraturheilande +hervorgebracht hat und von der die Rede geht, dass ihre echtesten Söhne +bereits mit pessimistischem Stirnrunzeln zur Welt kommen, mit zehn Jahren +zur Erkenntnis gelangen, dass ~Michelangelo~ eigentlich ein Troddel gewesen +sei, um Anfang der Zwanziger sich dann selbst mikrokosmisch als den +Mittelpunkt der Welt zu empfinden. Neben der Eigenart der Persönlichkeit +~Weiningers~, die seiner Psychose das so besondere individuelle Moment +verleiht, ist eben dieser Wiener Nährboden von gar nicht zu +unterschätzender Bedeutung. In Berührung mit allerlei Elementen dieser +Gesellschaft von Mattoiden (Lombroso) scheint dann bei ~Weininger~ auf der +Basis der psychopathischen Entartung eine Geistesstörung eingesetzt zu +haben, die ganz unzweifelhaft alle Charakteristika der Hysterie[6] trägt +und ausgezeichnet ist durch einen exquisit manisch-depressiven Charakter +d. h. sie verlief in Perioden abwechselnd von heiterer und gedrückter +Gemütsstimmung. ~Kraepelin~ sagt: »Da die Hysterie mit einer Umwandlung der +ganzen psychischen Persönlichkeit einhergeht, werden natürlich auch die +verschiedenartigsten, nicht eigentlich hysterischen Psychosen auf dieser +Grundlage durch Beimischung einzelner besonderer Züge eine eigenartige +Färbung annehmen können. Das gilt besonders für das manisch-depressive +Irresein, von dem wir ja wissen, dass es sich ebenfalls wesentlich aus +krankhafter Veranlagung heraus entwickelt.« Dies scheint mir vollkommen auf +den Fall ~Weiningers~ anwendbar zu sein, bei dem ja auch im Vordergrund die +vollkommene Umwandlung der Persönlichkeit steht. In seiner Psychose lassen +sich deutlich vier Stadien abgrenzen: ein längeres Einleitungsstadium von +mehr hypomanischem Charakter mit der Entstehung der dualistischen +Persönlichkeit, etwa von Sommer 1901 bis zur Promotion, Juli 1902; daran +anschliessend ein Depressionsstadium, das Mitte Herbst 1902 wieder in ein +allmählich fast manisches Stadium überging; endlich die zweite und +schwerste Depression, die mit der Katastrophe vom 4. Oktober 1903 endigte. +~Wie bei Hysterie überhaupt häufig zeigten Verstand und Gedächtnis niemals +Störungen.~ Dagegen ist geradezu typisch das überall ausgesprochene, +unleidliche Selbstgefühl, das ~Weininger~ zeigt (er hat nur in den +manischen Stadien eigentlich produziert); stets ist er der Mittelpunkt, +fühlt sein Ich am stärksten, urteilt über alles in der schärfsten Weise. +Sein Ehrgeiz ist brennend; er will um jeden Preis berühmt werden, Aufsehen +erregen, koste es, was es wolle. Früher ausgesprochen erotisch, steht nun +im Mittelpunkt der Erkrankung eine vollkommene Sexualabneigung, ein bis zum +Fanatismus sich steigernder Hass gegen alles Geschlechtliche; das ist +ebenfalls hysterisch. Sehr klar ausgeprägt ist das Symptom der sogenannten +Spaltung der Persönlichkeit; ~Weininger~ nannte es ethischen Dualismus. +Hysterisch, und nur hysterisch, sind auch jene geradezu einzigartigen +Sensationen, die er beim Anhören von Musik empfand. Schöner könnte das +moderne degenerative Moment in einer hysterischen Psychose sich nicht +offenbaren. + + [6] ~Moebius~ spricht schon: »Die Geschichte macht den Eindruck + einer hysterischen Kontrefaçon« (»Geschlecht und Unbescheidenheit« + p. 28). + +Die »herrliche Wandlung«, die zwei Jahre vor seinem Tode begann, war +nichts als der Beginn der hysterischen Störung. Typisch sind auch die +Faxen mit der rührenden Demut, die mit dem masslosesten Grössenwahn +vereinbar war. Der Hysterie, der Umwandlung seiner Persönlichkeit, +entsprang auch sein Übertritt zum Christentum. Neben den psychischen +Erscheinungen der Hysterie scheinen sich auch körperliche +Funktionsstörungen eingestellt zu haben; die von ~Rappaport~ angegebenen +Herzkrämpfe und epileptischen Anfälle sind nichts anderes als hysterische +Krampfanfälle; der Sohn hatte beim ersten Beginn der Erkrankung das +Elternhaus verlassen; so erklärt sich auch, dass der Vater von diesen +Anfällen nichts wusste, die erst mit dem Ausbruch der Hysterie in die +Erscheinung traten. Übrigens sind sie in dem Krankheitsbilde ganz zu +entbehren, ohne dass sich an der Auffassung der Psychose das Geringste +änderte. Dass es sich nicht um Epilepsie gehandelt hat, ist sicher +auszuschliessen, wenn auch der Hysterikus wahrscheinlich Sensationen +hatte, die er einer bestehenden Epilepsie zuschrieb. Nach der Promotion +und dem Übertritt zum Christentum, welche Handlungen er echt hysterisch +an einem Tage vollzog -- folgte auf die Anstrengungen für das Examen und +die höchste Erregung nach dem Gelingen die erste Depression, in der +bereits Selbstmordgedanken laut werden. Dann aber schloss sich die +grosse, manische Periode an, in der ~Weininger~ mit graphomanischem Eifer +in etwa acht Monaten ein grosses Buch und eine Reihe kleinerer Aufsätze +niederschrieb. In dieser Spanne entwickelte sich bei ihm auch ein +richtiges Wahnsystem von durchaus hysterischem Wesen, dessen Grundlage +seine Sexualabneigung war (nicht umgekehrt, wie ich vielleicht mit +Unrecht annehme; doch ist das nicht wesentlich); er arbeitete eine +Weltanschauung aus, deren Anläufe bereits in der ersten Erregungsperiode +rudimentär sichtbar sind; er entdeckt, dass alles um ihn herum nur Symbol +ist; die veränderte Empfindung der eigenen Persönlichkeit hat sich auch +auf die Aussenwelt übertragen, die sich ihm nun anders mitteilt als +vordem. Analog Christus, der die stärkste Negation, das Judentum, +überwunden, fühlt er sich berufen, selbst auch Überwinder des Judentums, +die zweite, noch viel grössere Negation in der Welt, das Weib, zu +überwinden; er fühlt sich als Erlöser, predigt das neue Reich Gottes +durch vollkommene geschlechtliche Enthaltsamkeit und lehrt die +Präexistenz der Seele vor der Geburt. Er hält sich für einen Heiligen, +ein Genie, einen Religionsstifter; das alles ist deutlich genug in seinen +Worten ausgedrückt; er spricht überall mit absoluter Sicherheit und +Erhabenheit, auch wenn es der grösste Unsinn ist, deutet alles in sein +System um, lässt echt hysterisch in seinem Buch jeden besonderen Gedanken +dick und fett drucken, bildet sich ein, für Jahrtausende geschrieben zu +haben u. s. w. + +Aber im Sommer 1903, nachdem das Buch geboren war, begann die Erregung +abzuklingen; immer lebhaftere Stimmungsschwankungen traten ein; zeitweise +erschienen direkte Hallucinationen, so die Hunde mit dem roten +Feuerschein, das dreimalige Bellen des Hundes in jener entsetzlichen +Nacht; höchst sonderbar ist auch das Gefühl vom Sterben eines Menschen, +das durch das Bellen eines Hundes angezeigt wurde[7]. Das lebhafte +Reisebedürfnis, das ihn im August (!) nach Sizilien trieb, zeigt +genügend, wie es in ihm aussah; wie krankhaft seine Verfassung war, +beweisen z. B. auch die unangenehmen Empfindungen, die ihm der Untergang +der Sonne bereitete, der für ihn eine mystisch-symbolische Bedeutung +schmerzlichster Art bekam. Das Erlösergefühl verschwand immer mehr und +machte dem Gefühl von Schuld, Sünde, Angst, Verbrechen Platz; zuletzt +empfand er alle Schuld der Welt als die eigene, meinte, alles was mit ihm +in Berührung gekommen sei, sei verflucht. Was er in diesen letzten Tagen +niederschrieb, macht fast den Eindruck, als ob ein deliranter Zustand +über ihn gekommen gewesen sei. In der Verzweiflung, über die furchtbaren +Gedanken, die ihn peinigten, beging er dann Selbstmord. Und dieser +Selbstmord in der ganzen Art seiner Ausführung bezeugt nur wieder die +Hysterie. Mit einem Knalleffekt ging er aus dem Leben; er schlich sich +nicht wie gewöhnliche Selbstmörder zur Seite, um allein zu sterben und +ohne Aufsehen, da ihnen der Tod nur Selbstzweck ist, sondern er wollte +noch im Tode die Augen der Welt auf sich ziehen; darum führte er die +Tragödie in Beethovens Sterbehaus auf; das konnte nur ein Hysterischer +thun. + + [7] Eigentlich ist das dreimalige Bellen das Auffallende; bei dem + so fein organisierten Geruchsinn der Hunde wäre es nicht unmöglich, + dass sie den Todeskampf z. B. ihres Herren witterten und diesem + Gefühl durch jämmerliches Geheul Ausdruck gäben. + +Wir haben also gesehen, dass es sich bei ~Weininger~ um eine angeborene +degenerative Veranlagung handelte und dass auf dieser Basis sich Mitte +oder Ende 1901 eine hysterische Geistesstörung mit manisch-depressivem +Charakter entwickelte, die vor allem ausgezeichnet war durch vollkommene +Umwandlung der Persönlichkeit, ungeheures Selbstgefühl, völlige +geschlechtliche Unempfindlichkeit, Krampfanfälle, abnorme Sensationen, +Gesichtshallucinationen, periodisch wechselnden Wahnideen der Grösse und +der Verschuldung. Was den Fall so interessant macht, ist die Reinheit der +Symptome und die eigenartige, entschieden hochbegabte Persönlichkeit des +Kranken; man darf nicht vergessen, dass er wenig über 23 Jahre alt war, +als er starb; es wird wohl wenige in seinem Alter geben, die über +gleiches Gedächtnis, gleichen Fleiss, gleiche Arbeitskraft, gleiches +Wissen verfügen wie ~Weininger~. Darum konnte sich auch ~Moebius~ trotz +alles Abscheus vor dem Buche doch des Bedauerns nicht erwehren. Traurig +ist nur, dass der Fall ~Weininger~ wieder bewiesen hat, dass alles, was +geschrieben wird, wenn es nur mit dem nötigen Applomb in die Welt gesetzt +wird, seine Bewunderer findet. Dazu bedarf es nichts als einiger +kräftiger Trommler, »den Ruhm des Schlechten zu intonieren und ihre +Stimme findet an der leeren Höhlung von tausend Dummköpfen ein +nachhallendes und sich fortpflanzendes Echo.« (~Schopenhauer~ über +~Hegel~, Satz vom zureichenden Grunde.) + +Damit kann ich meine Betrachtungen über ~Weininger~ schliessen. Ich bin +vollkommen überzeugt, dass ich bei allen, die ihn als Genie verehren, +lediglich Widerspruch und heftigen Vorwurf erfahren werde: denn indem sie +ihre Kritikunfähigkeit bereits zur Genüge dokumentiert haben durch die +Verherrlichung und Bewunderung, die sie den ~Weininger~schen Elaboraten +zu teil werden liessen, werden auch meine Auseinandersetzungen für sie in +den Wind gesprochen sein. Gegen diese Schar wird nur die Zeit aufkommen. +Aber das eine möchte ich nicht unterlassen, zu sagen: es gibt eine Reihe +von Leuten, die ~Weininger~ leidenschaftlich bekämpften, die geneigt +sind, in ihm einen modernen Herostratos (übrigens auch ein Hysterikus) zu +sehen; vielleicht haben meine Darlegungen wenigstens das Gute, dass der +Unglückliche keiner litterarischen Verurteilung mehr verfällt, sondern +dass seine Gegner statt mit Hass und Verachtung den Werken ~Weiningers~ +gegenüberzustehen, lediglich Bedauern empfinden mit seinem Schicksal, das +ein so glänzend veranlagtes Gehirn zum Wahnsinn getrieben. + +»Was also war es, das zu ihm drang, empor zu seiner sublimen Nebelhöhe, +und dem Blitzeschleuderer den Revolver in die Hand drückte? Was war +entsetzlich und süss genug, dass es den Ragenden zwang, seinetwegen zu +sündigen und die Sünde mit dem Tode zu sühnen? Ein Schuss, der eine +Tragödie ohnegleichen beendigte. Aber ein Schuss im Nebel.« So +~Nordhausen~ in seiner Kritik von »Geschlecht und Charakter«. Eher könnte +man von einem Buch im Nebel, einem Mann im Nebel reden. Ich hoffe, +gezeigt zu haben, was es war, das empordrang zur sublimen Nebelhöhe. +Statt eines Blitzeschleuderers ein Geisteskranker, dessen Psychose durch +einen Zug von Genialität ihr individuelles Moment erhielt, statt eines +Ragenden ein Unglücklicher, der sich in einem Anfall melancholischer +Verstimmung erschoss, statt eines philosophischen Phänomens zwei Bücher, +die in die ärztliche Bibliothek einer Irrenanstalt gehören. + +Sapienti sat! + + + + +Neuester Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden. + +Soeben erschienen: + + + + + Die + Funktionsprüfung des Darmes mittelst der Probekost, + + ihre Anwendung in der ärztlichen Praxis + und ihre diagnostischen und therapeutischen Ergebnisse. + + Von + Professor Dr. _Adolf Schmidt_, + Oberarzt am Stadtkrankenhause Friedrichstadt in Dresden. + + #Mit einer Tafel. -- Preis Mk. 2.40.# + + + _Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis._ + + ~Vorwort.~ -- I. Die Funktionsprüfung des Darmes. -- II. Die + Probekost. -- III. Die Stuhluntersuchung. A. Makroskopische + Untersuchung. B. Mikroskopische Untersuchung. C. Die chemische + Untersuchung. D. Die bakteriologische Untersuchung der Fäzes. -- + IV. Die simeotische Bedeutung der pathologischen Fäzesbefunde. + 1. Der Schleim. 2. Unveränderte Gallenfarbstoffe (Bilirubin) und + Schwankungen des Hydrobilirubingehaltes. 3. Ungenügende + Fettverdauung. 4. Fleischreste. 5. Kohlenhydratreste (Gärungs-resp. + Brütschrankprobe). 6. Verhältnis der Gärung zur Fäulnis. -- + V. Rückblick auf weitere Aufgaben der Funktionsprüfung. -- + VI. Darmstörungen seitens des Magens, der Leber und des Pankreas. + A. Gastrogene Darmstörungen. B. Hepatogene Darmstörungen. + C. Pankreatogene Darmstörungen. -- VI. Selbständige Darmstörungen. + 1. Organische Erkrankungen. A. Geschwüre. B. Katarrhe. + C. Darmatropie. 2. Funktionelle Erkrankungen. A. Sekretorische + Störungen. B. Resorptionsstörungen. C. Motorische Störungen. + (Tormina intestinorum, Nervöse Diarrhöe, Habituelle + Obstipation.) ~Literaturverzeichnis.~ + + + + + Die Fettleibigkeit (Korpulenz) und ihre Behandlung + nach physiologischen Grundsätzen. + + + Von + Dr. _Wilhelm Ebstein_, + + Geheimer Medizinalrat, o. ö. Professor der Medizin und Direktor der + medizinischen Klinik und Poliklinik in Göttingen. + + _Achte, sehr vermehrte Auflage._ + + #Preis M. 3.60, geb. M. 4.60.# + + + + +Verlag von J. F. 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M. 1.-- + + X. _Muskelfunktion und Bewusstsein._ Eine Studie zum + Mechanismus der Wahrnehmungen. Von Dr. E. ~Storch~ + in Breslau. M. 1.20 + + XI. _Die Grosshirnrinde als Organ der Seele._ Von Prof. Dr. + ~Adamkiewicz~ in Wien. M. 2.-- + + XII. _Wirtschaft und Mode._ Von W. ~Sombart~, Breslau. M. --.80 + + XIII. _Der Zusammenhang von Leib und Seele das Grundproblem der + Psychologie._ Von Prof. W. ~Schuppe~ in Greifswald. + M. 1.60 + + XIV. _Die Freiheit des Willens vom Standpunkte der + Psychopathologie._ Von Professor Dr. A. ~Hoche~ + in Strassburg. M. 1.-- + + XV. _Die Laune._ Eine ärztlich-psychologische Studie. Von + Dr. Ernst ~Jentsch~ in Breslau. M. 1.20 + + XVI. _Die Energie des lebenden Organismus und ihre + psycho-biologische Bedeutung._ Von Prof. Dr. W. + ~v. Bechterew~ in St. Petersburg. M. 3.-- + + XVII. _Ueber das Pathologische bei Nietzsche._ Von Dr. med. + P. J. ~Möbius~, Leipzig. M. 2.80 + + XVIII. _Ueber die sogen. Moral insanity._ Von Med.-Rat + Dr. ~Naecke~ in Hubertusburg. M. 1.60 + + XIX. _Sadismus und Masochismus._ Von Geh. Med.-Rat Prof. Dr. + A. ~Eulenburg~ in Berlin. M. 2.-- + + XX. _Sinnesgenüsse und Kunstgenuss._ Von Prof. ~Karl Lange~ + in Kopenhagen. Nach seinem Tode herausgegeben von Dr. + ~Hans Kurella~ in Breslau. M. 2.-- + + XXI. _Ueber die geniale Geistestätigkeit_ mit besonderer + Berücksichtigung des Genies für bildende Kunst. Von + Dr. L. ~Löwenfeld~ in München. M. 2.80 + + XXII. _Psychiatrie und Dichtkunst._ Von Dr. G. ~Wolff~ in Basel. + M. 1.-- + + XXIII. _»Bewusstsein -- Gefühl«._ Eine psycho-physiologische + Untersuchung. Von Prof. Dr. ~Oppenheimer~, Heidelberg. + M. 1.80 + + XXIV. _Beiträge zur Psychologie des Pessimismus._ Von Dr. A. + ~Kowalewski~ in Königsberg (O.-P.). M. 2.80 + + XXV. _Der Einfluss des Alkohols auf das Nerven- und + Seelenleben._ Von Dr. E. ~Hirt~ in München. M. 1.60 + + XXVI. _Berufswahl und Nervenleiden._ Von Prof. Dr. A. ~Hoffmann~ + in Düsseldorf. M. --.80 + + XXVII. _Individuelle Geistesentartung und Geistesstörung._ Von + Direktor Dr. Th. ~Tiling~. M. 1.60 + + XXVIII. _Hypnose und Kunst._ Von Dr. L. ~Löwenfeld~ in München. + M. --.80 + + XXIX. _Musik und Nerven._ Von Dr. ~Ernst Jentsch~ in Breslau. + M. 1.-- + + XXX. _Übung und Gedächtnis._ Von Dr. med. ~Semi Meyer~ + in Danzig. M. 1.30 + + +Druck der Kgl. Universitätsdruckerei von H. Stürtz in Würzburg. + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + + +Im Original gesperrt gesetzter Text ist als ~gesperrt~ gekennzeichnet. + +Im Original fett gesetzter Text ist als _fett_ gekennzeichnet. + +Im Original kursiv gesetzter Text ist als #kursiv# gekennzeichnet. + +Doppelte Anführungsstriche wurden durch » (unten) und « (oben) ersetzt. + +Einfache Anführungsstriche wurden durch > (unten) und < (oben) ersetzt. + +Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen: + + "Dissoziation" und "Dissociation" (Anzeigen vor dem Haupttext) + + "Moebius" (Text) und "Möbius" (Anzeigen nach dem Haupttext) + + "Hirth" (Seite 2) und "Hirt" (Anzeigen nach dem Haupttext) + + "giebt" (Seiten 4, 7, 16, 18, 19, 21, 33 und 34) und "gibt" + (Seite 15) + + "ungeheueren" (Seite 26) und "ungeheuren" (Seite 9) + + "Tatsachen" (in den Anzeigen vor dem Haupttext) und + "Thatsache/n" (Seiten 16 und 27) + + "Tatsächliche" (Seite 8) und "thatsächliche" (Seite 18) + + "Judentumes" (Seite 26) und "Judentums" (Seiten 27 und 38) + + "Halluzinationen" (Seite 14) und "Hallucinationen" (Seite 38) + + "Über" (im Text und in den Anzeigen vor dem Haupttext) und "Ueber" + (Anzeigen nach dem Haupttext) + + "Thätigkeit" (Seite 23) und "(Seelen)tätigkeiten" (Anzeigen + nach dem Haupttext) + +Der Text der zur Transkription herangezogenen Ausgabe wurde in +Hinblick auf Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung und +Rechtschreibung dem Original getreu übertragen. Folgende offensichtliche +Druckfehler wurden korrigiert: + + geändert wurde "in diesem Motiv den" in "»in diesem Motiv den" + (Seite 11) + + geändert wurde "(! Ausdrücklich weist" in "(!) Ausdrücklich weist" + (Seite 29) + + geändert wurde "Übergang von Nerasthenie" in "Übergang von + Neurasthenie" (Seite 32) + + geändert wurde "Kolehydratreste (Gärungs- resp. Brütschrankprobe)." + in "Kohlenhydratreste (Gärungs- resp. Brütschrankprobe)." (Erste + Seite der Anzeigen nach dem Haupttext) + + geändert wurde "ber die geniale Geistestätigkeit" in "Ueber + die geniale Geistestätigkeit" (Zweite Seite der Anzeigen + nach dem Haupttext) + + geändert wurde "zum Mechanismus der Wahrnehmunge." in "zum + Mechanismus der Wahrnehmungen." (Zweite Seite der Anzeigen + nach dem Haupttext) + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Fall Otto Weininger, by Ferdinand Probst + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40601 *** |
