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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40601 ***
+
+ GRENZFRAGEN DES NERVEN- UND SEELENLEBENS.
+
+ EINZEL-DARSTELLUNGEN
+ FÜR
+ GEBILDETE ALLER STÄNDE.
+
+
+ IM VEREINE MIT HERVORRAGENDEN FACHMÄNNERN DES IN- UND AUSLANDES
+ HERAUSGEGEBEN VON
+
+ _Dr. L. LOEWENFELD_ UND _Dr. H. KURELLA_
+ IN MÜNCHEN. IN BRESLAU.
+
+
+ XXXI.
+
+
+
+
+ DER
+ FALL OTTO WEININGER.
+
+ EINE PSYCHIATRISCHE STUDIE
+ VON
+ DR. FERDINAND PROBST,
+ ASSISTENZARZT AN DER KREISIRRENANSTALT MÜNCHEN.
+
+
+ WIESBADEN.
+ VERLAG VON J. F. BERGMANN.
+ 1904.
+
+
+
+
+ Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden.
+
+
+ Nunmehr ist vollständig erschienen:
+
+
+ Osmotischer Druck
+ und
+ Ionenlehre
+ in den
+ medizinischen Wissenschaften.
+
+ Zugleich _Lehrbuch physikalisch-chemischer Methoden_.
+
+
+ Von
+ Dr. chem. et med. _H. J. Hamburger,_
+ Professor der Physiologie an der Reichsuniversität Groningen.
+
+ ~Erster Band~: Physikalisch-Chemisches über osmotischen Druck und
+ elektrolytische Dissociation. -- Bedeutung des osmotischen Drucks
+ und der elektrolytischen Dissociation für die Physiologie und
+ Pathologie des Blutes.
+ Mk. 16.--.
+
+ ~Zweiter Band~: Zirkulierendes Blut, Lymphbildung. -- Ödem und
+ Hydrops-Resorption. -- Harn und sonstige Sekrete. Elektro-chemische
+ Aciditätsbestimmung. Reaktions-Verlauf.
+ Mk. 16.--.
+
+ ~Dritter Band~: Isolierte Zellen. Collide und Fermente. Muskel- und
+ Nervenphysiologie. Ophthalmologie. Geschmack. Embryologie.
+ Pharmakologie. Balneologie. Bakteriologie. Histologie.
+ Mk. 18.--.
+
+Die Bedeutung der physikalischen Chemie für die medizinischen
+Wissenschaften ist in den letzten Jahren gelegentlich von Rezensionen in
+diesem Blatte öfters hervorgehoben worden. Professor ~Hamburger~ steht in
+der vordersten Reihe von denjenigen Forschern, welche durch umfassende
+und kritische Anwendung der physikalisch-chemischen Methoden und Lehren
+der medizinischen Wissenschaft neue Wege gebahnt haben. Die Erwartung,
+dass ein solcher Forscher für ein zusammenfassendes Lehrbuch der
+geeignetste Mann sei, wird durch das vorliegende schöne Werk erfüllt. Die
+neueren physikalisch-chemischen Lehren sind darin mit grosser Klarheit
+und in sehr erschöpfender Weise dargestellt. Mit ganz besonderer Sorgfalt
+sind die mannigfaltigen, zum Teil schwierigen Methoden beschrieben, so
+dass jeder, der in die Lage kommt, praktisch mit denselben arbeiten zu
+müssen, alles was nötig ist, vorfindet. Trotz der Klarheit und
+Leichtfasslichkeit sind aber, was hervorgehoben zu werden verdient,
+überall eingehend und kritisch, erstens die nicht zu entbehrende strenge
+Exaktheit, zweitens die etwas tiefer eindringenden theoretischen Fragen
+berücksichtigt. Soweit die beiden wichtigen Lehren von dem osmotischen
+Druck und den Ionen in Frage kommen, ist ~Hamburgers~ Buch für den
+Mediziner, welcher sich gründliche Kenntnisse verschaffen will, wohl zur
+Zeit das beste Werk.
+
+Der zweite Hauptteil des vorliegenden Bandes behandelt die Bedeutung des
+osmotischen Drucks und der elektrolytischen Dissoziation für die
+Physiologie und Pathologie des Blutes, ein Kapitel von Beziehungen,
+welches recht eigentlich durch ~Hamburger~ zu einem anschaulichen und
+selbständigen Lehrgebäude gestaltet worden ist. Eine schier erdrückende
+Fülle von Tatsachen sind hier niedergelegt und die zahlreichen Ausblicke
+auf wichtige praktische Fragen lehren, dass kein müssiger Ballast von
+Gelehrsamkeit aufgestapelt wurde. Theorie, Tatsachen und Methoden sind
+gleichmässig berücksichtigt. Die zahlreichen Tabellen, welche dem Buche
+beigegeben sind, machen dasselbe zu einem unschätzbaren Nachschlagewerk.
+
+Professor #L. Asher# (Bern) #i. Korrespondenzblatt f. Schweizer Ärzte#.
+
+
+
+
+ GRENZFRAGEN
+ DES
+ NERVEN- UND SEELENLEBENS.
+
+ EINZEL-DARSTELLUNGEN
+ FÜR
+ GEBILDETE ALLER STÄNDE.
+
+
+ IM VEREINE MIT HERVORRAGENDEN FACHMÄNNERN
+ DES IN- UND AUSLANDES
+ HERAUSGEGEBEN VON
+
+ _Dr. L. LOEWENFELD_ UND _Dr. H. KURELLA_
+ IN MÜNCHEN IN BRESLAU.
+
+
+ EINUNDDREISSIGSTES HEFT:
+
+ DER
+ FALL OTTO WEININGER.
+
+ EINE PSYCHIATRISCHE STUDIE
+ VON
+ DR. FERDINAND PROBST,
+ ASSISTENZARZT AN DER KREISIRRENANSTALT MÜNCHEN.
+
+
+ WIESBADEN.
+ VERLAG VON J. F. BERGMANN.
+ 1904.
+
+
+
+
+ #Nachdruck verboten.#
+
+ #Übersetzungen, auch ins Ungarische, vorbehalten.#
+
+
+
+
+ Druck der Kgl. Universitätsdruckerei von ~H. Stürtz~ in Würzburg.
+
+
+
+ »Was wird aus dem Gedanken, der unter den Druck der Krankheit
+ gebracht wird? Dies ist die Frage, die den Psychologen angeht, und
+ hier ist das Experiment möglich.«
+
+ ~Nietzsche~, Vorwort zur II. Auflage der »Fröhlichen Wissenschaft«.
+
+
+ »Wer aber die Logik negiert, den hat sie bereits verlassen, der ist
+ auf dem Wege zum Irrsinn.«
+
+ ~Weininger~, »Über die letzten Dinge«.
+
+
+
+
+Einleitung[1].
+
+
+Am 4. Oktober 1903 erschoss sich zu Wien der dreiundzwanzigjährige ~Otto
+Weininger~, Doktor der Philosophie. Von ihm stammen zwei Bücher:
+»Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung«, das kurz vor
+seinem Tode erschien und »Über die letzten Dinge«, das Ende 1903 von
+seinem Freunde ~Moriz Rappaport~ als Nachlass herausgegeben wurde, beide
+im ~Braumüller~schen Verlag zu Wien.
+
+ [1] ~Anmerkung des Herausgebers.~ Die Publikationen des
+ verstorbenen Dr. O. ~Weininger~ erregten alsbald nach deren
+ Erscheinen meine Aufmerksamkeit, und ihr Inhalt liess mir keinen
+ Zweifel, dass dieselben unter dem Einflusse eines krankhaften
+ Geisteszustandes entstanden waren. Von welcher Art dieser war,
+ ergab sich jedoch nicht ohne Weiteres, und so beschloss ich, den
+ Fall O. ~Weininger~ eingehender zu studieren und das Ergebnis in
+ den »Grenzfragen« zu veröffentlichen. Dieser Entschluss veranlasste
+ mich zunächst, biographisches Material über den Verstorbenen zu
+ sammeln, und ich fand bei diesem Bemühen bei dem Vater O.
+ ~Weiningers~ das freundlichste und vertrauenvollste Entgegenkommen,
+ wofür ich ihm auch an dieser Stelle meinen Dank ausspreche.
+
+ Anderweitige Obliegenheiten verhinderten mich jedoch an der
+ Fortführung der geplanten Arbeit. Als ich in der Folge aus der
+ Münchener medizinischen Wochenschrift ersah, dass mein Münchener
+ Kollege Dr. ~Probst~ für die Jahresversammlung der bayerischen
+ Irrenärzte in Ansbach einen Vortrag über O. ~Weininger~ angekündigt
+ hatte, setzte ich mich mit demselben in Verbindung und überliess
+ ihm das gesamte von mir gesammelte biographische Material, soweit
+ ich über dasselbe zu verfügen berechtigt war, zur Verwertung für
+ die vorliegende Arbeit.
+
+ _L. Loewenfeld._
+
+Besonders »Geschlecht und Charakter«, das eine Lösung der Frauenfrage in
+höherem Sinne darstellen sollte, hat allgemeines Aufsehen hervorgerufen;
+es hat eine Reihe von begeisterten Lobrednern gefunden; auch an lebhaftem
+und energischem Widerspruche hat es nicht gefehlt.
+
+~Strindberg~ begrüsste z. B. das Buch mit den Worten: »Ein furchtbares
+Buch, das aber wahrscheinlich das schwerste aller Probleme gelöst hat«
+und ruft aus: »Ich buchstabierte, aber ~Weininger~ setzte
+zusammen. Voilà un homme!«
+
+Diesem ersten Werke wird »unheimliche Geschlossenheit und funkelnder
+Geist« nachgerühmt; die Resultate desselben wurden »betäubend,
+niederschmetternd« genannt. Die »Letzten Dinge« bezeichnete ~Nordhausen~
+als das »köstliche Testament des dreiundzwanzigjährigen Grossen« und
+behauptete »reicher an Anregungen, an Blitzlichtern und kostbaren
+Goldfunden ist kein Buch unserer Tage.«
+
+In Wien selbst, der Zentrale der modernen Dekadenz, der Vaterstadt des
+»Philosophen«, scheint ~Weininger~ sogar eine Art von religiöser Gemeinde
+zu besitzen. Die Vorrede, die sein Freund ~Rappaport~ zu den »Letzten
+Dingen« geschrieben hat, enthält folgende Stelle: »Es sei hier erwähnt,
+dass zur Zeit seines Leichenbegängnisses eine nur in Wien sichtbare
+partielle Mondfinsternis stattfand, die genau in dem Moment endigte, als
+sein Leib in die Erde gesenkt wurde.« Nur beim Tode Christi und angeblich
+auch beim Begräbnis des Philosophen ~Karneades~ haben sich ähnliche
+Vorgänge in der Natur gezeigt, Äusserungen übernatürlicher Wesen, die auf
+diese Weise die göttliche Anteilnahme dokumentieren. Die Geschichte mit
+der weissen Wolke beim Begräbnis ~Kants~, die ~Rappaport~ dabei anführt,
+ist nichts wie eine pietätvolle Auslegung eines sehr gewöhnlichen
+Vorkommnisses; sie kann nur von einem Mystiker ernst genommen werden.
+Immerhin wird ~Weininger~ auch mit ~Kant~ dadurch in Parallele gebracht.
+
+Es wird also dem nicht gut ergehen, der es wagen wird, diesem Heiland die
+von seinen Jüngern verlangte Ehrfurcht zu versagen, wie es bereits
+~Moebius~ erfahren hat, dem gegenüber sich ~Weiningers~ Freunde gar nicht
+wegwerfend genug aussprechen können. Ich masse auch mir nicht an mit
+meinen Auseinandersetzungen sowohl auf jene als auch auf die weitere
+grosse Masse der Kritikunfähigen einen Einfluss auszuüben, auf jene
+Menge, die ~Weiningers~ Gedanken anstaunt und zum mindesten mit einer
+gewissen scheuen Hochachtung von dem grossen Manne redet. Auch haben die
+wenig zahlreichen Vernünftigen sich bereits ihre Meinung gebildet. (Am
+besten hat sich Dr. ~Hirth~ in der Jugend ausgesprochen; sehr gut ist
+auch eine Kritik in der »Beilage zur allgemeinen Zeitung« (Nr. 292, 1903)
+von Dr. ~Schneider~), der zu dem Urteil kam, »dass ein nicht ganz
+normales Fühlen in sexueller und vielleicht auch in mancher sonstigen
+Hinsicht im Verfasser zum mindesten mit hoher Wahrscheinlichkeit
+angenommen werden darf.« Was ich im folgenden bieten will, soll lediglich
+eine psychiatrische Studie sein; denn ich halte ~Weininger~ und seine
+Bücher für eine hochinteressante Erscheinung, der in den Annalen der
+Psychiatrie wohl ein dauernder Platz eingeräumt werden wird. Leider bin
+ich nicht in der Lage, aus dem mir von dem Herrn Herausgeber in
+liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellten anamnestischen Material
+genügende Daten zur Beantwortung der Frage erblicher Belastung zu
+entnehmen, so dass eine bedauerliche Lücke bleibt, die auszufüllen einer
+späteren Zeit obliegen wird. Die anamnestischen Angaben stammen
+grossenteils vom Vater ~Weiningers~, der sie in bereitwilligster und
+zuvorkommendster Weise gab, ferner von Wiener Bekannten und aus der
+Biographie ~Weiningers~ von ~Rappaport~. Letztere habe ich mit einer
+gewissen Vorsicht benutzt, da sie selbst einen exquisit pathologischen
+Charakter trägt; ich habe ihr das entnommen, was untrüglich mit den
+eigenen Äusserungen und dem Bilde ~Weiningers~ zusammenstimmt und das ist
+viel, viel mehr, als der Vater ~Weiningers~ glauben will. Dieser hält
+seinen Sohn für ein »Phänomen«, ein Genie einzigster Art und bestreitet
+die Angaben ~Rappaports~ aufs heftigste; er wird auch mit meinen
+Deduktionen nicht einverstanden sein, da sie ihm Schmerz verursachen
+müssen. Ich bedauere das tief, denn ich schätze ihn persönlich sehr. Er
+wünschte eine psychiatrische Betrachtung, weil er überzeugt war, dass
+kein Nervenarzt im stande sein werde, eine geistige Störung bei seinem
+Sohne nachzuweisen. Da das Gegenteil der Erwartung folgt, so wird
+natürlich das psychiatrische Urteil verächtlich behandelt und mir das
+Recht abgesprochen werden, in so hohen und erhabenen Dingen überhaupt
+mitzusprechen. »In tyrannos« sagt ~Jentsch~ in solchem Falle. So heisst
+es von ~Moebius~ (~v. Appel~, Neue Bahnen 1904. IV. 214), es sei
+psychologisch ja sehr begreiflich, dass der Leipziger Materialist
+Vogtscher Färbung den Dualisten ~Weininger~ nicht verstehen könnte, und
+er wird zum »ideellen latenten Sadisten« gestempelt. Da man mir, wollte
+ich mit philosophischem Wissen kritisch auftreten, als Psychiater doch
+sofort entgegenhalten würde, dass ich eo ipso nichts von philosophischem
+Denken verstünde, so will ich in meinen Auseinandersetzungen versuchen,
+möglichst »hausbacken«, möglichst klar und einfach zu sein; man kann
+nämlich die Ideen, die speziell ~Weiningers~ Eigenes sind, viel klarer
+sehen, wenn man das »philosophische Mäntelchen« weglässt, das er ihnen
+umgehängt hat. Auch habe ich es für gut gehalten, möglichst viele Stellen
+aus den Büchern ~Weiningers~ wörtlich wiederzugeben, wie ja auch die
+Krankenjournale die besten sind, in denen sich die Aussprüche der Kranken
+nach Stenogrammen wörtlich verzeichnet finden.
+
+
+Die Anamnese.
+
+~Otto Weininger~ ist am 3. IV. 1880 als das zweite Kind eines
+Kunsthandwerkers zu Wien geboren. Der Vater ist ein auffallend begabter,
+gebildeter und vielseitiger Mann, der nach seiner Angabe sich mehr mit
+seinen Kindern beschäftigte, als gewöhnlich vorzukommen pflegt. Er giebt
+an, dass sich in ~Weiningers Ascendenz~ keine Fälle geistiger Störung
+befunden hätten, soweit er zurückdenken könne. Das ist natürlich cum
+grano salis zu nehmen. Nichts ist unzuverlässiger als eine
+Hereditätsanamnese, selbst die im besten Glauben von Laienseite gemachte;
+als Jude hat ~Weininger~ jedenfalls das eine voraus, dass er einem Stamme
+angehört, der nach ~Charcot~ »das Vorrecht zu besitzen scheint, alles was
+man sich von Neuropathien vorstellen kann, in höchster Ausbildung zu
+zeigen.«
+
+Die lebenden Geschwister ~Weiningers~, es sind vier, sollen geistig und
+körperlich gesund sein; zwei starben an Diphtherie resp.
+Blinddarmentzündung. ~Weininger~ kam ohne Kunsthilfe nach normal
+verlaufener Schwangerschaft zur Welt. Der Vater giebt an, die körperliche
+Entwickelung sei eine vollständig normale gewesen; »man konnte ihn eher
+zu den kräftigeren Kindern zählen. Mit vierzehn Monaten sprach er in
+höchster Deutlichkeit sein Deutsch, wozu er allerdings im Hause gut
+angehalten wurde. Er zeichnete sich bald durch geistige Frühreife aus,
+aber nicht im Sinne der Altklugheit.« »Mit fünfzehn Monaten ging er
+sicher allein fest auf den Beinen. In der Volksschule machte er sich den
+Lehrern oft unangenehm durch einen seinem Alter weit vorauseilenden
+Wissensdrang und sogar schon durch Bethätigung desselben auf Gebieten,
+die ihm fernab hätten liegen sollen; auch übte er zuweilen Kritik an den
+Äusserungen seiner Lehrer. Er erhielt gute Noten, meist sehr gut; nur in
+der Sittennote war er selten der erste, weil er sich in den
+Unterrichtsgegenständen der Disziplin nicht fügen und seinen eigenen Weg
+gehen wollte.« In den Jahren 1890-1898 besuchte er das Gymnasium. Auch
+hier war er stets einer der Besten, in Sprachen stets der Beste, ebenso
+in Geschichte, Litteratur, Logik und Philosophie. »Und doch machte er
+sich fast sämtlichen Lehrpersonen missliebig; es gab sogar zwei- bis
+dreimal heftige Auftritte in der Schule. Er machte die Arbeiten stets wie
+er, selten wie die Lehrer wollten, kümmerte sich manchmal nicht um den
+Unterricht, sondern ignorierte ihn und beschäftigte sich mit seinen
+Büchern, schrieb auch in der Klasse, was gar nicht im Zusammenhang mit
+dem Gegenstand des Unterrichtes war.« Zum Verdrusse des Vaters bewies der
+junge Gymnasiast ferner »eine gewisse Geringschätzung für die geistige
+und wissenschaftliche Kapazität einiger seiner Professoren und das
+brachte ihm schlechte Sittennoten ein, wiewohl er eigentlich
+»Sittenloses« sich nie weder in der Schule noch später zu schulden kommen
+liess. In Französisch, Englisch und Spanisch wusste er enorm viel.« Diese
+drei Sprachen erlernte ~Weininger~ bei seinem Vater. Er überraschte
+diesen durch die ungeheuere Leichtigkeit seiner Auffassung und durch sein
+erstaunliches Gedächtnis, obwohl der Vater ausdrücklich von sich bemerkt,
+dass er für ziemlich streng und anspruchsvoll gelte. Für
+Naturwissenschaft und Mathematik hatte ~Weininger~ in seinen
+Gymnasialjahren wenig Interesse, daher auch weniger gute Noten; erst in
+den Universitätsjahren erwachte auch für diese Gegenstände grosse Neigung
+in ihm.
+
+Im Oktober 1898, in einem Alter von 18-1/2 Jahren, bezog er die
+Universität Wien; er war ausschliesslich in Wien immatrikuliert.
+
+Als Kind und Knabe soll ~Weininger~ keine Abweichungen in seinem
+Verhalten von dem seiner Altersgenossen gezeigt haben. »Sein Verhalten
+gegen die Mitschüler wich nicht sonderlich von der allgemeinen
+Gepflogenheit ab. Mit zweien oder dreien pflegte er in der Klasse
+intimeren Verkehr zum Gedankenaustausch und diese waren auch seine
+Freunde. Er nahm als Knabe in ganz normaler Weise an den Spielen seiner
+Kameraden teil. Nur mit seinen Büchern isolierte er sich gern. Aber er
+verschmähte in der Schule und besonders im Untergymnasium nie die
+Teilnahme am Spiel. Im Obergymnasium allerdings wurde das seltener. Bis
+zu seinem 21. Lebensjahre betrug er sich gegen seinen Vater und seine
+Geschwister nicht abweichend von anderen Kindern und jungen Menschen
+seines Alters; doch machte er Unterschiede und fühlte sich mehr angezogen
+von den strengen, verlässlichen Charakteren seiner Geschwister und
+abgestossen von den schwächlichen Charakteren unter ihnen.«
+
+Den Verhältnissen seines Vaters, der, wenn auch gut situiert, doch nicht
+über Reichtümer verfügte, trug der Sohn stets Rechnung; der Vater
+erzählt, dass er mit Ausnahme seiner Ausgaben für Bücher sehr sparsam
+gewesen sei. Dem Vater scheint er schwärmerisch zugethan gewesen zu sein.
+»Ich vernichtete aus seinen letzten Schriften ein Blatt,« schreibt der
+Vater, »das zu meiner Verherrlichung dienen sollte.« Nach
+~Schopenhauer~schem Vorbild. Schade, dass es vernichtet ist. Grosse
+Verehrung soll ~Weininger~ auch für seine älteste Schwester gehegt haben;
+erst während der letzten zehn Monate seines Lebens sei eine Abkehr auch
+von ihr eingetreten. Der Vater schiebt dieselbe auf äussere, fremde
+Einflüsse; sie wird sich aber wohl folgerichtig erklären aus der
+geistigen Verfassung ~Weiningers~, wie später gezeigt werden soll.
+
+Im Sommer 1900 äusserte ~Weininger~ seinem Vater gegenüber, dass er zum
+Christentum übertreten wolle. Der Vater war damals absolut nicht damit
+einverstanden. »Damals war von christlichem Sinn bei meinem Sohn keine
+Rede und ich hielt dafür, dass er aus materiellen Interessen Konvertit
+werden wollte,« sagt der Vater und fährt fort: »hätte ich damals Spuren
+der herrlichen Wandlung (!) entdeckt, die er später durchmachte, ich wäre
+dem Gedanken ganz versöhnlich gegenübergestanden, wie es thatsächlich der
+Fall war, als ich im Sommer 1902 den Religionswechsel erfuhr, also
+fünfzehn Monate vor seinem Tode, und nie liebten wir einander mehr als
+diese fünfzehn Monate.« Am 21. VII. 02, dem Tage seiner Promotion, war
+~Weininger~ nämlich zum Protestantismus übergetreten. Der Vater erfuhr
+den Übertritt nachträglich. Im September 1901 bereits hatte ~Weininger~
+das elterliche Haus verlassen und in der Stadt ein Zimmer für sich
+bezogen; er kam von da ab nur zwei- bis dreimal wöchentlich zu den
+Mahlzeiten nach Hause. Die »herrliche Wandlung« hatte sich also nicht so
+eigentlich unter den Augen des Vaters abgespielt und sind die Angaben
+desselben über die letzten zwei Lebensjahre seines Sohnes zwar in gutem
+Glauben gemacht, aber deutlich einer bestimmten Absicht unterworfen und
+hypothetisch. Der Vater hält Dinge in den beiden letzten Jahren für
+unmöglich, nur weil er in den vorhergegangenen keine ähnlichen
+Wahrnehmungen gemacht hatte.
+
+Für geselligen Verkehr scheint der Student ~Weininger~ keinen Sinn gehabt
+zu haben; der Vater berichtet darüber: »Etwa ein Jahr, vom 20.-21. Jahre,
+verschmähte er auch nicht, einen Abend bei einem oder zwei Glas Bier im
+Gasthaus mit Freunden zuzubringen, begleitete sogar drei- oder viermal
+Mutter oder Schwester (weil ich für derlei Dinge nicht zu haben war) zu
+Tanzkränzchen. Er schämte sich dessen später und als ich ihm einige Tage
+vor seinem Tode eine stilistisch verbesserungsbedürftige Stelle in seinem
+Werke bezeichnete, sagte er: »Du hast Recht, Vater; ich schrieb dies, als
+ich tief stand,« mit direktem Hinweis auf jene Epoche.
+
+Über das sexuelle Leben seines Sohnes versucht der Vater ebenfalls nach
+Möglichkeit Aufschluss zu geben; man muss sich aber hier vor Augen
+halten, dass ~Weininger~ zwei Jahre fern vom Vater lebte und dass es
+überhaupt wohl wenig Väter geben wird, die von ihren jungen Söhnen zu
+Vertrauten des sexuellen Empfindens derselben gemacht werden. Der Vater
+will keinerlei sexuelle Abnormität am Sohne wahrgenommen haben; er sagt:
+»Ich schreibe, was er mir selbst diesbezüglich sagte und zu einer Zeit,
+wo er schon von ausserordentlicher Wahrheitsliebe durchdrungen war (!).«
+Er glaubt, dass sein Sohn erst sehr spät, etwa mit zwanzig Jahren, in
+geschlechtlichen Verkehr mit Frauen getreten und dabei sehr mässig
+geblieben sei; auch ist dem Vater nicht bekannt, dass der Sohn je in ein
+Mädchen verliebt gewesen sei. »Er verkehrte gewiss mit sehr wenigen
+weiblichen Wesen.« Als ihm der Vater einmal einwandte, wie er bei so
+geringer Erfahrung zu so vernichtendem Urteil über die Frau habe gelangen
+können, antwortete der Sohn, es sei ein grosser Irrtum, von der Erfahrung
+die richtige Erkenntnis zu erwarten. Ich möchte nach dem Inhalt der Werke
+und den Worten seines Freundes eher glauben, dass ~Weininger~ von Hause
+aus stark erotisch veranlagt war. Davon später.
+
+~Weininger~ war »früher gegen Untergebene stets sanft, z. B. gegen
+Dienstboten und Menschen von niederer Lebensstellung; gegen Autoritäten
+aber zuweilen aufbrausend und zornig.« Hartherzigkeit und Geiz seien ihm
+fremd gewesen. Sehr interessant ist die Angabe des Vaters, dass
+~Weininger~ die letzten zwei Jahre seines Lebens »von einer rührenden
+Demut gegen alle« gewesen sei. »Ich hiess ihn innerlich einen Heiligen;
+doch war er gewiss sehr stolz auf seine Fähigkeiten, wie er überhaupt nie
+gelten liess, dass grosse Menschen, die Grosses geleistet hätten,
+bescheiden gewesen wären, höchstens nach aussen hin seien sie es
+gewesen.« Mit dieser Wandlung zur Demut mag wohl die Angabe ~Rappaports~
+im Zusammenhang stehen, dass ~Weininger~ keinem Bettler eine Gabe
+reichte, ohne den Hut zu ziehen und über keine Wiese ging, um keinen
+Lebenskeim zu zerstören; der Vater bestreitet übrigens die Richtigkeit
+dieser Angaben; vor den Lebenskeimen hat ja ~Weininger~ thatsächlich in
+seinen Werken keinerlei Respekt gezeigt; aber es ist wohl möglich, dass
+er einmal in irgend einem Gefühlsüberschwang Derartiges that.
+
+Über die Stimmungen seines Sohnes berichtet der Vater: »Bei aller Tiefe
+seines Denkens war er bis zum vollendeten 21. Lebensjahre eher heiter als
+trübselig und nur beim Studium und Musikgenuss von grossem Ernst. Erst
+knapp ein Jahr vor seinem Tode verdüsterte sich sein Gemüt, aber auch
+nicht gerade besorgniserregend, mit Ausnahme einer kurzen Zeit im
+November 1902, also elf Monate vor seinem Tode, zu der ich allerdings
+besorgt war; es ging aber vorüber und wurde wieder viel besser, so dass
+ich gleichen Verlauf für jene zweite Krise erwartete.« Leider enthält
+sich der Vater jeder Angabe über die Vorstellungen, die den Sohn während
+seiner melancholischen Verstimmung beschäftigten. ~Rappaport~, wie ich
+gleich hier einschieben will, giebt an, dass ~Weininger~ schon im Herbst
+1902 vor der Ausarbeitung von »Geschlecht und Charakter« sich eine
+Zeitlang mit Selbstmordgedanken getragen habe, und dass das Unglück
+damals nur durch Zureden seiner Freunde verhindert worden sei. Diese
+Angabe deckt sich so mit der des Vaters, dass wohl auch die anderen
+bestrittenen Mitteilungen nicht aus der Luft gegriffen sind.
+
+Im Juni 1903 gab ~Weininger~ seine eigene Wohnung auf, brachte sechs
+Wochen mit seiner Familie in Brunn bei Mödling zu und reiste Ende Juli
+nach Italien, wo er bis Ende September blieb. Anscheinend war bei Beginn
+der Reise schon wieder eine Depression im Anzuge; bei seiner Rückkehr am
+29. IX. 03 nach Wien war er in düsterster Stimmung. Er verblieb zunächst
+fünf Tage im Hause des Vaters, das er am Abend des 3. X. verliess, um
+sich in Beethovens Sterbehaus ein Zimmer zu nehmen, in dem er dann seinem
+Leben ein Ende machte.
+
+»In diesen fünf Tagen«, berichtet der Vater, »war seine Stimmung eine
+ausserordentlich gedrückte, aber nicht sehr abweichend von der vor elf
+Monaten an ihm beobachteten. Meine Frage, ob er körperlich litte,
+verneinte er entschieden und ich halte es für lautere Wahrheit. Ich
+fragte, ob er irgend eine Seelenpein durch äussere Vorgänge erdulde,
+etwa durch eine Beziehung zu irgend einem weiblichen Wesen; er verneinte
+und ich zweifle keinen Augenblick an der Wahrheit seiner Äusserung.«
+
+Von seinem Werke »Geschlecht und Charakter« habe ~Weininger~ dem Vater
+gegenüber wenig gesprochen; hie und da habe er wohl dessen Ansicht über
+die eine oder andere Lebensfrage eingeholt. Vollständig lernte der Vater
+das Buch erst kennen, als es zur Drucklegung kam und der Sohn ihn bat,
+ihm »hie und da stilistische Wendungen, die dem Vater missfielen,
+kundzugeben zur Ausbesserung.« Der erste Teil des Buches hatte als
+Promotionsschrift gedient; von etwa Ende November 1902 bis Anfang Juli
+1903 wurde dann das eigentliche Buch ausgearbeitet. Nach Angabe des
+Vaters hat ~Weininger~ an dem Werk etwa 18 Monate (den ersten Teil
+wahrscheinlich inbegriffen) »aber mit geradezu furchtbarem Fleisse«
+gearbeitet. Er habe ordentliche Mahlzeiten sicher nur zwei- bis dreimal
+wöchentlich, wenn er eben zu hause ass, gehalten; sonst habe er nur das
+Notwendigste zu sich genommen. Er habe oft die Einnahme des Nachtessens
+vergessen; es sei am Morgen häufig unberührt vorgefunden worden. Über
+Kritiken seines Werkes habe er sich gar nicht alteriert; »er belächelte
+und missachtete sie. Nur die Beschuldigung von ~Moebius~ ärgerte ihn«.
+~Moebius~ hatte nämlich in einer Besprechung des ~Weininger~schen Buches
+(in »~Schmidts~ Jahrbüchern für die gesamte Medizin«. Augustheft 1903)
+den jungen Autor tief gekränkt, indem er nachzuweisen suchte, dass alles
+Tatsächliche bereits in seinem »physiologischen Schwachsinn des Weibes«
+und anderen seiner Schriften enthalten sei und dass das ~Weininger~sche
+Buch ihm wie eine groteske Verzerrung seiner eigenen Äusserungen
+erscheine; sogar der Titel sei einer Titelreihe von ihm nachgemacht. Und
+~Weininger~ hatte doch ausdrücklich gegen eine Verwechslung seiner
+Ausführungen mit den »hausbackenen« von ~Moebius~ von vornherein
+protestiert! Es kränkte ihn um so mehr, als selbstverständlich das 1901
+erschienene Werkchen von ~Moebius~ grossen Einfluss auf ihn gehabt hatte.
+Unterm 17. VIII. 03 schrieb ~Weininger~ aus Syrakus an ~Moebius~ einen
+»langen, etwas formlosen Brief« des Inhaltes, ~Moebius~ müsse entweder
+beweisen, was er gesagt, oder öffentlich widerrufen; er gebe ihm drei
+Wochen Bedenkzeit, dann werde er ihn wegen böswilliger Verleumdung
+gerichtlich belangen. ~Moebius~ nahm den »hingeworfenen Handschuh«, wie
+sich ~Weininger~ ausdrückte, in seiner Broschüre »Geschlecht und
+Unbescheidenheit«[2] auf, die aber sein Gegner nicht mehr erlebte.
+
+ [2] Halle. Bei ~Marhold~ 1904. Zuerst im Druck erschienen November
+ 1903, dann auf die Nachricht vom Tode ~Weiningers~ von ~Moebius~
+ selbst unterdrückt und erst später doch herausgegeben in der
+ richtigen Erwägung, dass es nun erst recht nötig sei, das schlechte
+ Buch zu bekämpfen. Es ist sehr komisch, zu sehen, wie auf Grund
+ dieser Broschüre die »Freunde« über ~Moebius~ herziehen, während
+ doch aus dem Schriftchen unverkennbar hervorgeht, dass dieser sogar
+ ein gewisses Faible für ~Weininger~ hatte.
+
+In einem Nachtrage berichtet der Vater noch zwei sehr bezeichnende
+Episoden. »Ein Wiener Literat und scharfer Denker schrieb ihm (dem Sohn)
+von enthusiastischer Huldigung für das geniale Werk und da ich nicht
+durch meinen Sohn, sondern durch Zufall davon erfuhr und es ihm vorhielt,
+murmelte er vor sich hin: »Ich habe ein Buch für die Jahrtausende
+geschrieben, werde aber noch nicht verstanden«. Das sagte er alles in
+stiller Demut (!), trotz des ungeheuren Selbstgefühles, welches aus den
+Worten spricht. Im Sommer, vor seiner Abreise nach Italien, sagte er mir
+auch, es sei geradezu ausgeschlossen, dass ein Weib sein Buch je
+verstünde.« Auf diese beiden Äusserungen können sich ja seine Freunde
+berufen; sie sind treffliche Beweismittel.
+
+Körperlich habe ~Weininger~ nichts Auffallendes gezeigt; er sei immer
+gesund gewesen, habe besonders einen vorzüglichen Schlaf und gute
+Verdauung gehabt. Der Biograph ~Rappaport~ erzählt von epileptischen
+Anfällen ~Weiningers~; er will selbst solche Anfälle bei ~Weininger~ mit
+angesehen haben; ich komme bald darauf zurück. Der Vater stellt alles,
+was mit Epilepsie zusammenhängen könnte, bei seinem Sohn in Abrede; er
+legt auch ein hausärztliches Zeugnis vor, dass dem Arzt der Familie
+nichts von solchen Anfällen bei ~Weininger~ bekannt sei. Er ist der
+Ansicht, dass der Kreis von Freunden die Epilepsie konstruiert habe, weil
+Epilepsie und Genie zusammengehörten; auch waren ja nach ~Weiningers~
+Ansicht alle Religionsstifter, sogar Luther, Epileptiker. Der Vater
+schreibt: »Otto sagte z. B. zu mir und einigen Freunden, ich glaube gar,
+ich werde ein Epileptiker. Auf meine erstaunte Frage kam heraus, er
+bekäme des Nachts meist knapp vor dem Einschlafen einen Wurf, einen
+Schmiss, eine Sache, die jeder auch nur ein bischen Nervöse unzähligemal
+erfährt.« Nicht einmal die Symptome seien vorhanden gewesen, die
+Epilepsie »vortäuschen«.
+
+Als die Ursache des Selbstmordes sieht der Vater vor allem falschen Stolz
+an; ~Weininger~ habe nach Wiener Kaffeehausmanier Selbstmordgedanken
+geäussert, von seinen Freunden Abschied genommen und dann den lediglich
+unüberlegten, mehr renommistischen, induzierten Äusserungen die That
+folgen lassen, weil er sich geschämt habe, sich wieder den Freunden zu
+zeigen; der Mangel an Familiensinn, den ~Weininger~ gehabt habe, habe das
+Seinige beigetragen. Damit geschieht aber thatsächlich dem Unglücklichen
+meiner Ansicht nach Unrecht.
+
+Soweit die Angaben des Vaters; sie lassen deutlich erkennen, dass er über
+die letzten beiden Jahre seines Sohnes nur wenig weiss. Hier sind die
+Angaben ~Rappaports~ von grossem Werte. Der Vater bestreitet, wie
+gesagt, ihre Richtigkeit, aber lediglich, weil er über mehr Kritik
+verfügend das Krankhafte erkennt, das diese Schilderungen überall klar
+zeigen, was nach der väterlichen Anschauung aber falsch sein muss, weil
+der Sohn nur ein Genie, kein Geisteskranker gewesen sein kann. Deshalb
+macht er auch dem Biographen den Vorwurf, dass dieser durch die
+Veröffentlichung des Nachlasses und sein Vorwort den Leuten in die Hände
+gearbeitet habe, die alles Geniale für irrsinnig erklärten. Der Vorwurf
+ist ungerecht. Es soll sich doch um Feststellung der Wahrheit handeln;
+und dazu sind gerade die Niederschriften ~Weiningers~ aus seiner letzten
+Epoche, auch wenn es sich nur um »Keime für spätere Ausarbeitung«
+handelte, äusserst wichtig, wie sich zeigen wird. ~Rappaport~ berichtet
+über ~Weininger~: »Von sehr grosser, hagerer Statur, ohne besondere
+Muskelkraft, besass er doch eine äusserst zähe Gesundheit. Seine Nerven
+überwandten alle Anstrengungen, wenn er auch viel Nervöses in seinem
+Wesen hatte, wenn er auch ein tiefes Verständnis für die Neurasthenie (!)
+besass. Neurasthenisch war er nicht; auch zum Irrsinn war keine
+ausgesprochene Disposition vorhanden. Nur (!) unter schweren Herzkrämpfen
+und unter epileptischen Anfällen hatte er öfters zu leiden; die ersteren
+stellten sich immer nach grossen psychischen Anstrengungen ein.« Aus
+dieser recht konfusen Darlegung kann man leider sehr wenig Objektives
+entnehmen. Über die Art der Anfälle (Zahl, Vorläufer, Verlauf derselben)
+müsste sich ~Rappaport~ wohl noch etwas genauer äussern; auch verschweigt
+er ganz, wann solche Anfälle zum ersten Male in Erscheinung traten;
+dieselben müssten sich doch wohl erst entwickelt haben, nachdem
+~Weininger~ das elterliche Haus verlassen?
+
+Mit Bewunderung spricht ~Rappaport~ von der kolossalen Arbeitskraft, den
+umfassenden Kenntnissen und Interessen seines Freundes; in einer Fussnote
+der ersten Seite schreibt er sogar mit komischer Wichtigkeit: »Er
+(~Weininger~) hat auch einmal ein Gehirn seziert!«
+
+~Weininger~ war anfangs ein begeisterter Anhänger des Empiriokritizismus
+von ~Avenarius~. »Den Gottesbegriff lehnte er mit Entschiedenheit ab.
+Aber das änderte sich bald.« Der totale Umschwung sei durch ethische
+Probleme herbeigeführt worden, die ~Weininger~ zum Anhänger ~Kants~
+machten und »im Laufe zweier Jahre die Metamorphose zum vollen Mystiker
+vollzogen« (~Jodl~).
+
+Sehr interessant ist, was ~Rappaport~ über das Verhältnis ~Weiningers~
+zur Musik berichtet; das ist so charakteristisch, dass es gar nicht
+erfunden, nicht einmal entstellt sein kann. ~Weininger~ fühlte bei jeder
+einzelnen Melodie ein psychisches Phänomen, eine landschaftliche
+Stimmung, welche eindeutig und bestimmt dieser Melodie zugeordnet schien,
+so dass er von einem Motiv des Herzschlages, von einem Motiv der
+Willensstärke, von einer Melodie der Kälte im leeren Raum sprechen
+konnte. Diese Visionen waren aber keineswegs auf Gefühle und Stimmungen
+beschränkt; sie erhoben sich sehr oft zum Anblick der höchsten und
+allgemeinsten Probleme ..... so empfand ~Weininger~ »in diesem Motiv den
+spielenden Monismus, in jenem die resignierte Trennung vom Absoluten, in
+einem dritten die Erbsünde u. s. w.« Die A-Dur-Melodie der ~Grieg~schen
+Peer Gynt-Suite nannte ~Weininger~ »die grösste Luftverdünnung, die
+jemals erreicht worden ist.«
+
+Das fühle einmal Jemand nach.
+
+Für ~Wagner~ hatte ~Weininger~ ursprünglich keine Zuneigung; es war dies
+noch in der Avenariusperiode, vor der Umwandlung; er äusserte sich sogar
+noch ziemlich geringschätzig über ~Wagner~. »Aber in der grossen
+Umwandlung, die er etwa zwei Jahre vor seinem Tode mitmachte, änderte
+sich auch das gewaltig.« ~Richard Wagner~ wurde nun für ~Weininger~ der
+Künstler überhaupt; warum, werde ich noch zeigen. »Am allermeisten
+schätzte er textlich den Parzifal«. Die ungeheuerste Wirkung übte nach
+~Rappaport~ das Liebeswonne-Motiv auf ihn aus (»Du Wecker des Lebens,
+siegendes Licht«); ~Weininger~ nannte es »die Resorption des Horizontes«.
+
+Nach jener grossen Umwandlung seiner Persönlichkeit war ~Weininger~
+allmählich auch zur Natur in ein anderes Verhältnis getreten; »alles
+Sinnliche wurde ihm zum Symbol eines Geistigen«, »alles Sichtbare als das
+Symbol einer ethischen und psychischen Realität aufgefasst«. »Sein erstes
+Symbol-Erlebnis war die Vision vom Licht als dem Ausdruck der
+Sittlichkeit; er schloss daraus, dass die Tiefseefauna die Inkarnation
+von verbrecherischen Prinzipien sein müsse, da sie den Aufenthalt so
+ferne vom Licht gewählt habe ..... Mit einer merkwürdigen Sicherheit (!)
+wurden da Pferd und Hund, Cypresse und Veilchen, Fluss und See, Sonne und
+Sterne als Symbole der Ethik erkannt ..... Es ist die alte Lehre vom
+Menschen als dem Mikrokosmos, die hier wieder einmal fruchtbar geworden
+ist.« Der Biograph weiss auch von einem sehr starken Reisebedürfnis
+~Weiningers~ zu berichten.
+
+Im persönlichen Umgang machte ~Weininger~, wie ich vernahm, vielen einen
+unsympathischen Eindruck durch sein hastiges, nervöses Wesen und sein
+über alle Massen grosses Selbstgefühl. ~Rappaport~ schreibt dazu:
+»Gutmütig im gewöhnlichen Sinne, d. h. duldsam gegen alle jene gemeinen
+Züge, die zum Lebensgenusse beitragen, ohne anderen Menschen direkt zu
+schaden, war er nicht; damit dürfte es auch zusammenhängen, dass er
+niemals >gemütlich< war.«
+
+Von seinem ungemütlichen Selbstgefühl geben folgende Briefstellen vom
+August 1902 (an ~Arthur Gerber~) Zeugnis: »Ich habe jetzt die
+Überzeugung, dass ich zum Musiker geboren bin. Noch am ehesten
+wenigstens. Ich habe heute eine spezifisch musikalische Phantasie an mir
+entdeckt, die ich mir nie zugetraut hätte und die mich mit tiefem
+Respekt erfüllt .... Nach vierzehnstündiger Seefahrt .. bin seefest! wie
+ich von mir auch nicht anders erwartet hatte. Ich glaube, durch nichts
+kann die Würde des Menschen so leiden, als durch die Seekrankheit.
+Bezeichnend genug ist, dass die Frauen alle seekrank werden.«
+
+Wenn man das Wesen ~Weiningers~ verstehen wolle, meint sein Interprete,
+müsse man den Dualismus und seine Projektion auf die menschliche Psyche,
+das Prinzip des Gegensatzes im Bewusstsein verstehen. Es werde kaum je
+einen Menschen gegeben haben, bei dem der Dualismus in einem so
+furchtbaren inneren Kampfe unablässig zum Ausdruck gekommen wäre wie bei
+ihm. ~Weininger~ verstand unter Dualismus den ethischen Dualismus, dass
+der Mensch zum Teil von Gott, zum Teil vom Staube stamme. Die »Lehre«
+~Weiningers~ lässt sich nach ~Rappaport~ folgendermassen darstellen:
+»Jeder Mensch enthält etwas vom Nichts, vom Chaos, vom Teufel, der für
+~Weininger~ das personifizierte Nichts ist, und etwas vom All, vom
+Kosmos, von der Gottheit ... Das Genie ist nicht eine Art von Irrsinn
+oder Verbrechen, sondern deren vollkommene Überwindung, deren grösster
+Gegensatz.« Da in ~Weininger~ diese Gegensätze äusserst intensiv
+empfunden wurden, so musste er »einen Kampf bestehen, der an Intensität,
+an unablässiger höchster Gefahr vielleicht nicht seinesgleichen hatte«!!
+~Weininger~ habe einmal gesagt, wenn er siege, so werde das der grösste
+Sieg sein, den jemals ein Mensch errungen. Diese Äusserung ist unbedingt
+echt; sie deckt sich mit allem, was aus den schriftlichen Äusserungen
+~Weiningers~ hervorgeht.
+
+Zur grossen Umwandlung gehörte auch geschlechtliche Enthaltsamkeit. Ein
+Hauptteil der »Lehre« war nämlich, dass das Weib eine Verkörperung des
+Nichts und der Koitus das Sündhafteste überhaupt sei. Während ~Weininger~
+von Hause aus »sehr erotisch und sehr sinnlich veranlagt war, lebte er
+doch in der letzten Zeit vollkommen keusch«.
+
+Wie bereits erwähnt, hatte ~Weininger~ vor der Verwandlung den
+Gottesbegriff negiert; später aber war er »fest überzeugt davon, dass die
+Person und die Motive Jesu Christi noch niemand so verstanden habe wie
+er. Der Gedanke der universellen Verantwortlichkeit: alles Böse der Welt
+als eigene Schuld empfinden, ging ihm ausserordentlich nahe.« Nach
+~Rappaport~ war ~Weininger~ als dualistisch empfindende Persönlichkeit
+zugleich Verbrecher und Heiliger; ~Weininger~ selbst hat in seinen
+Schriften der Überzeugung Ausdruck gegeben, dass der Religionsstifter,
+der Heiligste, der Höhepunkt des Genies sei, weil er das grösste zu
+überwinden habe. Als in ~Weininger~ das Böse die Übermacht zu erlangen
+schien -- in den Tagen der Depression --, da beging er den Selbstmord, in
+einem »Akt des höchsten Heroismus«, »um nicht dem Bösen zu verfallen, um
+nicht einen anderen töten zu müssen«. Seine verzweifelte Stimmung trieb
+ihn auf Reisen. Sehr charakteristisch sind die Briefe, die er an seine
+Freunde schrieb und aus denen ich folgende Stellen anführen will (aus der
+Zeit vom VIII.-IX. 1903): »Auf dem Ätna hat mir am meisten die imposante
+Schamlosigkeit des Kraters zu denken gegeben; ein Krater erinnert an den
+Hintern des Mandrill .. Zur Beschäftigung mit ~Beethoven~ rate ich Dir
+nur sehr; er ist das absolute Gegenteil ~Shakespeares~ und ~Shakespeare~
+oder die ~Shakespeare~-Ähnlichkeit ist etwas, worüber jeder Grössere
+hinauskommen muss und hinauskommt ... Die Ruinen des alten griechischen
+Theaters (in Syrakus), jene Stätte, wo der Sonnenuntergang unter allen
+Punkten, die ich kenne, am ehesten zu ertragen ist ... Sind die
+Pferdebremse und der Floh und die Wanze auch von Gott geschaffen? Das
+will und kann man nicht annehmen. Sie sind das Symbol von etwas wovon
+Gott sich abgekehrt hat ... aber wenn das Stinktier und der Schwefel
+nicht von Gott geschaffen sind, so entfällt auch das prinzipielle
+Bedenken beim Vogel und beim Baume: auch diese sind nur Symbole von
+Menschlichem, Allzumenschlichem ... Gott kann in keinem Einzeldinge
+stecken; denn Gott ist das Gute; und Gott schafft nur sich selbst und
+nichts anderes ... Alle Krankheit ist hässlich; darin liegt, dass sie
+Schuld sein muss ... Es steht viel schlimmer, als ich selbst vor zwei
+Tagen dachte, beinahe hoffnungslos ...«
+
+Der Vater ~Weiningers~ meint mit Recht, dass ein Einsichtiger auf Grund
+dieser Briefe hätte ein »Alarmsignal« geben müssen. Als ~Weininger~ in
+den letzten Septembertagen 1903 nach Wien zurückkehrte, war er wohl schon
+zum Selbstmord entschlossen. In welchem Zustande sich der Ärmste befunden
+haben mag, geht aus den kuriosen Worten seines Biographen hervor: »In der
+letzten Zeit wirkten Durchblicke durch enge Öffnungen auf hellerleuchtete
+Ferne am besten auf ihn.« Über die letzten Tage berichtet ~Rappaport~,
+dass ~Weininger~ noch zwei ganze Nächte ununterbrochen an den »letzten
+Aphorismen« geschrieben habe; seine Stimmung habe bereits die
+herannahende Katastrophe verkündigt. »Völlige Dunkelheit brach über ihn
+herein; ein abgründlicher Pessimismus, den er auch als Schuld empfand,
+bemächtigte sich seiner.« »Alles was ich geschaffen habe, wird zugrunde
+gehen müssen, weil es mit bösem Willen geschaffen wurde, vielleicht mit
+Ausnahme davon, dass Gott oder das Gute in keinem Einzelgegenstand der
+Natur enthalten ist ... Vielleicht ist alles verflucht, was je mit mir in
+Berührung gekommen ist.« Ferner: »Meine Rückkehr nach Wien hätte eine
+zweite Inkarnation sein sollen.« Am 3. X. 03 mietete ~Weininger~ dann,
+wie schon erwähnt, ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus, verbrachte dort
+die Nacht und tötete sich am Morgen des 4. X. 03 durch einen Schuss in
+die Brust. ~Moebius'~ Worte, es werde ihm vielleicht noch einmal bei
+seiner Gottähnlichkeit bange werden, hatten sich an ~Weininger~ in
+tragischer Weise nur allzuschnell erfüllt.
+
+Weder der Vater noch der Freund haben bei ~Weininger~ jemals
+Halluzinationen wahrgenommen. Aus den schriftlichen Äusserungen
+~Weiningers~ geht aber hervor, dass er z. B. schwarze Hunde mit
+Feuerscheinen sah. In »Über die letzten Dinge« heisst es Seite 122: »Der
+Hund hat eine merkwürdige Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund
+Problem geworden, sass ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem
+Zimmer des Münchener Gasthofes und dachte an verschiedenes und über
+verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz
+eigentümlichen Weise bellen und hatte im gleichen Moment das Gefühl, dass
+gerade im Augenblick jemand sterbe. Monate nachher hörte ich in der
+furchtbarsten Nacht meines Lebens, da ich ohne krank zu sein,
+buchstäblich mit dem Tode rang, gerade als ich zu unterliegen dachte,
+einen Hund in ähnlicher Weise bellen wie damals in München; dieser Hund
+bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen anders. Ich bemerkte,
+dass ich in diesem Moment mit den Zähnen mich ins Leintuch festbiss eben
+wie ein Sterbender ... Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich
+mehrfach die Vision, die ~Goethe~, nach dem Faust zu schliessen, gehabt
+haben muss: einigemal, wenn ich einen schwarzen Hund sah, schien mir ein
+Feuerschein ihn zu begleiten. Die Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen
+und Gedanken war so gross, dass ich mich an den Faust erinnerte, jene
+Stellen hervorsuchte und nun zum erstenmal, vielleicht als erster
+überhaupt, ganz verstand«.
+
+Zum Schlusse der Anamnese will ich noch die Angaben zweier Wiener
+Gewährsmänner bringen, die absolut einwandsfrei und zuverlässig sind.
+~Weininger~ promovierte mit dem ersten Teil von »Geschlecht und
+Charakter«, der bei weitem kleineren und relativ nüchternen Hälfte des
+Buches. In der Vorrede zu dem fertigen Werke bedankt sich ~Weininger~ bei
+den Professoren ~Jodl~ und ~Müllner~ für das freundliche Interesse, das
+sie an seinen Arbeiten genommen. Nun hatte aber ~Weininger~ beinahe ein
+ganzes Jahr nach seiner Promotion an dem allein den Professoren
+vorgelegenen ersten Teil weiter gearbeitet und keiner von beiden hatte
+das Manuskript in seiner letzten Gestalt gesehen. Ein Wiener Neurologe
+beschrieb die äussere Erscheinung ~Weiningers~ wie folgt: »Ein schlank
+gewachsener Jüngling mit ernsthaften Gesichtszügen, einem etwas
+verschleierten Blick, fast schön zu nennen; ich konnte mich auch des
+Eindruckes, eine ans Geniale streifende Persönlichkeit vor mir zu haben,
+nicht erwehren.«
+
+
+Die Werke.
+
+Die beiden Bücher, die die absolut sichere und hauptsächliche Grundlage
+der Beurteilung von ~Weiningers~ Geisteszustand bilden, sind »Geschlecht
+und Charakter« und »Über die letzten Dinge«. Das erstere besteht aus zwei
+Teilen, einem kleinen, einleitenden, der Anfang 1902 entstanden ist und
+als Dissertationsschrift diente, und einem zweiten grossen Teil, der im
+Herbst 1902 nach Ablauf der ersten Depression begonnen wurde. Ȇber die
+letzten Dinge« enthält eine Reihe von Aufsätzen und Fragmenten, die nach
+~Weiningers~ Tode nach dessen testamentarischer Anordnung von seinem
+Freunde ~Moriz Rappaport~ herausgegeben worden sind. Ausser einigen
+wenigen Stücken wurde der Inhalt des Buches während der italienischen
+Reise ausgearbeitet. Ich will im folgenden den Inhalt besonders des
+ersten Werkes systematisch besprechen und lasse, da er als eine Art
+Exploration gelten soll, ~Weininger~ soviel als möglich in seinen eigenen
+Worten seine Ideen vorbringen.
+
+Schon der Untertitel des Hauptwerkes, »eine prinzipielle Untersuchung«
+verrät die hohe Selbsteinschätzung des jungen Autors. Wie er selbst über
+das Werk dachte, beweist seine Selbstanzeige in der »Zukunft« vom
+22. VIII. 1903: »Ich glaube in diesem Buch das psychologische Problem des
+Geschlechtsgegensatzes gelöst und eine abschliessende Antwort auf die
+sogenannte Frauenfrage gegeben zu haben: eine völlig phrasenfreie, bis
+zum letzten Ende menschlichen Wissens (!) geführte Erforschung des Wesens
+der Frau und die Erhöhung der Streitfrage auf ein Niveau, auf dem die
+bisherigen Erörterungen sich nicht bewegt haben.« Von Bescheidenheit wird
+da wohl niemand etwas verspüren.
+
+Der erste Teil, betitelt »Die sexuelle Mannigfaltigkeit«, umfasst nur
+knapp 93 Seiten des ohne Anmerkungen 461 Seiten dicken Buches; es ist aus
+der Dissertation zu einer biologisch-psychologischen Einleitung geworden
+zum zweiten Teil, den »sexuellen Typen.« Dieser erste Teil ist eine
+Studentenarbeit voll Härten und Extremen, zusammengetragen wie die
+allermeisten Dissertationen, aber sehr fleissig gearbeitet und grosses
+Wissen zeigend; der Einfluss der kurz vorher erschienenen Arbeiten von
+~Moebius~ ist hier ganz unverkennbar. Ich will mich hier nicht vertiefen
+in die allgemein bekannten Fragen, zu denen ~Weininger~ mit grosser
+Belesenheit Ansichten gesammelt und gesichtet hat z. B. wo die
+Geschlechtlichkeit im Körper stecke; nicht darauf kommt es an, was an
+Wissen, Ansichten und Schlüssen anderer in dem Buche mitläuft und manche
+blendet, sondern auf die Schlüsse, die ~Weininger~ selbst zieht; wenn die
+Schlussfolgerungen, die einer aus seinem Denken zieht, pathologische
+sind, so hilft einem alles gesammelte Wissen des Autors darüber nicht
+hinweg. Was herauskommt, wenn man das Eigene ~Weiningers~ herausschält,
+will ich nun zeigen.
+
+Es gibt nach ~Weininger~ eine Reihe bestimmter Eigenschaften, die rein
+männlich sind; das sind alle die grossen, guten, mächtigen
+Eigenschaften; sind diese vereinigt, so entsteht der ideale, allerdings
+nur hypothetische Mann (absoluter M), der aus lauter + = Eigenschaften
+besteht; leider giebt es diesen nicht, weil auch dem höchstpotenzierten
+Manne immer etwas von Minuseigenschaften beigegeben ist; den
+Pluseigenschaften steht nämlich eine Reihe gegenüber, die man mit
+Minuseigenschaften bezeichnen könnte und deren reine Summe das absolute
+Weib (W) wäre. Da es nach ~Weininger~ die beiden Idealpole nicht giebt,
+so ist jeder Mensch aus männlichen und weiblichen Eigenschaften
+zusammengesetzt, das Reich der sexuellen Zwischenstufen somit eigentlich
+zur Norm erklärt. Je nach dem Überwiegen der M = oder W = Bestandteile
+ist man, was man unter dem landläufigen Begriffe Mann und Weib versteht.
+Jedes Individuum hat soviel W, als ihm M gebricht und sucht durch eine
+Art geheimnisvoller Affinität nach mathematischen Grundsätzen das
+Fehlende durch ein anderes Wesen zu ergänzen, so dass in der Vereinigung
+die Summe von 1 M + 1 W entsteht. Die Entdeckung des grossen Gesetzes,
+nach dem die Geschlechter sich anziehen, ist gefunden, verkündet
+~Weininger~. Dass ~Schopenhauer~ schon dies alles kurz und vernünftig
+ausgesprochen hat, that der Entdeckung keinen Eintrag; ~Schopenhauer~ hat
+dieses grosse Gesetz nur »geahnt« und der Entdecker will diese Ahnung
+~Schopenhauers~ erst zu Gesicht bekommen haben, als sein Buch fertig war.
+Das ist natürlich, wenn nicht direkt erfunden, zum mindesten eine
+Erinnerungstäuschung, wie ~Moebius~ ganz richtig annimmt; ~Weininger~
+hatte eben eine Menge zusammen gelesen und wusste im besten Fall nicht
+mehr, ob Erinnerung oder eigener Gedanke vorliege. Ich werde noch auf
+mehrere solche Dinge bei ~Weininger~ hinweisen können, wo der Ursprung
+seiner Ideen sich klarlegen lässt trotz der Verzerrung, die den
+ursprünglichen, fremden Gedanken angethan worden ist.
+
+~Der Hauptfehler des Weiningerschen Systems liegt darin, dass er etwas
+als Thatsache annimmt, was er erst beweisen sollte, und dann von falschen
+Prämissen ausgehend, zu den kühnsten Schlüssen kommt; ferner dass er, wie
+Moebius sagt, »dadurch zu sachlichen Kenntnissen zu kommen sucht, dass er
+ohne Rücksicht auf die Erfahrung verallgemeinert und das, was
+bedingungsweise gilt, für bedingungslos erklärt.«~ Was der
+wissenschaftlich Forschende in mühsamem Streben erst zu erreichen sucht,
+bildet für ihn den Ausgangspunkt; was erst, wenn überhaupt möglich, zu
+erhärten gewesen wäre, nimmt er beweislos oder nach einem kurzen
+Scheinbeweis als etwas Feststehendes an und zwar nicht etwa infolge einer
+Art Intuition oder Inspiration, sondern weil, wie wir sehen werden, die
+Annahme von allem früher Angenommenen meilenweit sich entfernt und aus
+derselben sich eine Fülle auf den ersten Blick verblüffender Folgerungen
+ziehen lässt. Was ~Weininger~ in seinem Vorwort zur 1. Auflage mitteilt,
+bestätigt diese aus dem Inhalt der Schrift sich ergebende Auffassung
+vollkommen. Hier bemerkt er nämlich: »Es sollen nicht möglichst viele
+einzelne Charakterzüge aneinander gereiht, nicht die Ergebnisse der
+bisherigen wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt,
+sondern die Zurückführung alles Gegensatzes von Mann und Weib auf ein
+einziges Prinzip versucht werden. Hierdurch unterscheidet es sich von
+allen anderen Büchern dieser Art ...« Schon hier ist, allerdings unklar,
+angedeutet, dass eine aprioristische Annahme und zwar eine solche von
+grösster Tragweite das Leitmotiv der ganzen Arbeit bildet. Es liegt ja
+nahe, dass das einzige Prinzip, auf welches ~Weininger~ alle Gegensätze
+von Mann und Weib zurückzuführen unternahm, bei ihm schon feststand,
+bevor er an die Durchführung der Arbeit ging. Noch deutlicher wird dies
+durch eine Bemerkung an einer späteren Stelle des Vorwortes, in welcher
+er sich bemüht, als das Ziel seiner Arbeit etwas weit höheres als die
+Charakterisierung der Geschlechtsunterschiede hinzustellen. »Sollte es
+den philosophischen Leser peinlich berühren«, heisst es da, »dass die
+Behandlung der letzten und höchsten Fragen hier gleichsam in den Dienst
+eines Spezialproblems von nicht grosser Dignität gestellt scheint: so
+teile ich mit ihm das Unangenehme dieser Empfindung. Doch darf ich sagen,
+dass durchaus das Einzelproblem des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den
+~Ausgangspunkt~ als das Ziel des tieferen Eindringens bildet.« Das ist
+wenigstens klar; was »das Ziel des tieferen Eindringens« bildet, wird
+sich bald zeigen.
+
+Doch nun wieder zum Inhalt von »Geschlecht und Charakter«. ~Weininger~
+fasst kindlich das ganze Gebiet der Sexualität wie einen Baukasten auf;
+alles lässt sich auf einfachste Weise konstruieren; jede sexuelle Frage
+lässt sich mit dem Zauberschlüssel der ~Weininger~schen Lehre lösen:
+Homosexualität, Genie, Frauenfrage; so einfach wie nur möglich. »In dem
+Gesetz der sexuellen Anziehung ist zugleich die langgesuchte Theorie der
+konträren Sexualempfindung enthalten.« Hat nämlich ein Mann
+geschlechtliche Neigung zu Angehörigen des eigenen Geschlechtes, so hat
+er eben eine relativ hohe Summe von W in sich; er wird also beim Suchen
+nach seinem Komplement zu M hingezogen; Homosexualität bei der Frau, Amor
+lesbicus, ist natürlich »Ausfluss ihrer Männlichkeit«; da diese aber
+»Bedingung ihres Höherstehens« ist, so kann man sich, aus der falschen
+Voraussetzung, dass M und gut identisch seien, die Folgerung denken; da
+kommt schon der erste grosse Unsinn: das homosexuelle Weib steht über dem
+normalsexuellen: das ist natürlich eine logische Konsequenz.
+
+Periodisch scheint nach ~Weininger~ in gewissen Zeiträumen eine starke
+Vermehrung jener Zwittergeschöpfe einzutreten, die sich dicht an den
+Grenzen, wo M und W ineinander überfliessen, herumtreiben; auf diese
+z. Z. wieder vorhandene Flut wird das Gigerltum und die
+Frauenemancipation zurückgeführt; beide sind Parallelerscheinungen,
+derselben Ursache entsprungen! Was das Emancipationsbedürfnis und die
+Emancipationsfähigkeit einer Frau anbetrifft, so liegen dieselben »nur in
+dem Anteil an M begründet, den sie hat .... Nur den vorgerückteren
+sexuellen Zwischenstufen, die gerade noch den Weibern beigezählt werden,
+entstammen jene Frauen der Vergangenheit und Gegenwart, die von
+männlichen und weiblichen Vorkämpfern der Emancipationsbestrebungen zum
+Beweis für grosse Leistungen der Frau immer mit Namen angeführt werden.«
+Was also die emancipierten Frauen betrifft, »nur der Mann in ihnen ist
+es, der sich emancipieren will.« Die Frauenfrage ist demnach höchst
+einfach dahin gelöst, dass es überhaupt keine solche Frage giebt; das
+thatsächliche Weib ist absolut unfähig zu jeder Emancipation; es ist
+sogar die grösste Feindin derselben.
+
+Damit sind wir schon über den ersten Teil von »Geschlecht und Charakter«
+hinaus und steuern nun ins wilde Meer der krassesten Behauptungen und des
+wildesten Unsinns. Es werden zunächst die Unterschiede zwischen M und W
+gründlich festgestellt; wie W dabei wegkommen muss, ist von vornherein
+bereits erwiesen.
+
+»Das Weib ist fortwährend, der Mann nur intermittierend sexuell.« »Der
+Mann hat gleichen psychischen Inhalt wie das Weib in artikulierter Form;
+wo sie mehr oder weniger in Heniden denkt, dort denkt er bereits in
+klaren, distinkten Vorstellungen, an die sich ausgesprochen und stets die
+Absonderung von den Dingen gestattende Gefühle knüpfen. Bei W sind Denken
+und Fühlen eins (= Henide), ungeschieden, für M sind sie
+auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse in Henidenform, wenn bei
+M längst Klärung erfolgt ist. Darum ist W sentimental und kennt das Weib
+nur die Rührung, nicht die Erschütterung. Es lebt also der Mann bewusst,
+das Weib unbewusst.«
+
+Hier dürfte eine kurze Bemerkung am Platze sein. Unter Henide versteht
+~Weininger~ das Verschmolzensein von Denken und Fühlen in Eins, im
+weiteren Sinne aber die unentwickelten, primitiven psychischen Data. Nach
+~Weininger~ liegt es im Begriffe der Henide, dass sie sich nicht näher
+beschreiben lässt; trotzdem giebt er von derselben eine Reihe von
+Charakteren an. »Sie unterscheidet sich von dem artikulierten Inhalt
+d. h. der entwickelten Vorstellung durch den geringeren Grad an
+Bewusstheit, den Mangel an Reliefierung, durch das Verschmolzensein von
+Folie und Hauptsache, durch den Mangel eines Blickpunktes im Blickfelde.«
+Ich will hier nicht näher auf die Henidentheorie ~Weiningers~ eingehen,
+auch mich nicht mit einer Prüfung der Frage aufhalten, wieweit die von
+ihm behaupteten Unterschiede im Vorstellen von Mann und Frau den
+thatsächlichen Verhältnissen entsprechen, sondern lediglich das
+Jongleurkunststück hervorheben, das er am Schlusse seiner Erörterungen
+über das männliche und weibliche Bewusstsein ausführt. Während der
+scharfe Logiker zunächst dem Weibe mit dem Denken in Heniden nur ein
+minder scharfes Denken zuerkennt, spricht er ihm gleich darauf das
+Bewusstsein überhaupt ab. Wäre ~Weininger~ psychologisch ungebildet, so
+könnte man diese Behauptung auf Mangel einer richtigen Vorstellung über
+das Phänomen des Bewusstseins zurückführen. Er war aber genügend
+psychologisch geschult, um zu wissen, was unter bewusst und unbewusst
+wissenschaftlich zu verstehen ist, und so charakterisiert sich seine
+Behauptung als ein Nonsens, vor dem er lediglich deshalb nicht
+zurückscheute, weil er ihm als Anknüpfungspunkt für weitere ähnliche
+ungeheuerliche Aufstellungen zu dienen geeignet erschien.
+
+Nachdem also ~Weininger~ bis zu der Erkenntnis der Unbewusstheit des
+Weibes vorgedrungen, schiebt er ein grosses Kapitel über das Wesen des
+Genies ein. Er setzt sich sogleich ins gehörige Licht als der endgültige
+Löser auch dieser schwierigen Frage, indem er mit der ihm nun einmal
+eigenen Bescheidenheit verkündet: »Alle bisherigen Erörterungen über das
+Wesen des Genius sind entweder biologisch-klinischer Natur und erklären
+mit lächerlicher Anmassung das bischen Wissen auf diesem Gebiete zur
+Beantwortung der schwierigsten und tiefsten psychologischen Fragen für
+hinreichend. Oder sie steigen von der Höhe eines metaphysischen
+Standpunktes herab, um die Genialität in ihr System aufzunehmen.«
+~Weininger~ giebt die Lösung, wie nach dem bisher Entwickelten zu
+erwarten: »Es ist das geniale Bewusstsein am weitesten vom Henidenstadium
+entfernt; es hat vielmehr die grösste, grellste Klarheit und Helle.
+Genialität offenbart sich hier bereits als eine Art höhere Männlichkeit
+und darum kann W nicht genial sein.« Selbstverständlich ist W auch nicht
+in der Lage, das Genie auch nur im entferntesten zu verstehen. »Den
+Frauen gilt der geistreiche als der geniale, Nietzsche als der Typus des
+Genies. Und doch hat, was mit seinen Einfällen jongliert, alles
+Franzosentum des Geistes mit wahrer geistiger Höhe nicht die entfernteste
+Verwandtschaft.« Man sieht hier bereits klar, dass ~Weininger~ sich
+selbst für das Genie par excellence hielt, als er jenes Kapitel schrieb,
+nach dem logischen Schlusse, der sich auch aus seinen eigenen Worten
+ergiebt, dass wohl nie ein Weib im stande sein werde, ihn zu verstehen.
+
+Des weiteren verfügt W »nur über eine Klasse von Erinnerungen: es sind
+die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängenden.«
+»Da das Weib ohne Kontinuität ist, kann es auch nicht pietätvoll sein; in
+der That ist Pietät eine durchaus männliche Tugend«. »Damit nämlich, ob
+ein Mensch überhaupt ein Verhältnis zu seiner Vergangenheit hat oder
+nicht, hängt es ausserordentlich innig zusammen, ob er ein Bedürfnis nach
+Unsterblichkeit fühlen, oder ob ihn der Gedanke des Todes gleichgültig
+lassen wird.« Daraus folgt: »Den Frauen geht das Unsterblichkeitsbedürfnis
+ab.« Nun geht es bereits über in mystische Gefilde. Man beachte die Art
+des logischen Konstruierens in den folgenden Sätzen; sie ist durchaus
+typisch für die ganze Art ~Weininger~schen Denkens; in dem Kapitel
+»Begabung und Gedächtnis« heisst es: »Der Wert ist also das Zeitlose;
+und umgekehrt: ein Ding hat desto mehr Wert, je weniger es
+Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit sich ändert.
+In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur soviel Wert ein, als es
+zeitlos ist; nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet. Dies ist, wie
+ich glaube, noch nicht die tiefste und allgemeinste Definition des Wertes
+und keine völlige Erschöpfung, doch das erste spezielle Gesetz aller
+Werttheorie.« Nun: »Die Thaten des Genius leben ewig; an ihnen wird durch
+die Zeit nichts geändert.« Genie ist aber höchst potenzierte
+Männlichkeit, also ist nachgewiesen, dass M zeitlos, ewig ist. Ganz
+zwanglos ergiebt sich das; für W natürlich das Gegenteil.
+
+Im nächsten Kapitel »Gedächtnis, Logik, Ethik« steht dann unser
+Taschenkünstler der Logik nicht an zu erklären: »Die Frau erbittert die
+Zumutung, ihr Denken von der Logik ausnahmslos abhängig zu machen. Ihr
+mangelt das intellektuelle Gewissen. Man könnte bei ihr von »logical
+insanity« sprechen.« Beim Weibe kann man ferner »nicht von
+antimoralischem, sondern nur von amoralischem Sein sprechen. Das Weib ist
+amoralisch.« So ähnlich wie das Völkerchaos von H. St. ~Chamberlain~, wo
+sich diese Gegenüberstellung findet. Im 11. Kapitel »Männliche und
+weibliche Psychologie« geht ~Weininger~ mit »eherner Geschlossenheit«,
+wie einer seiner Verehrer schrieb, an die äussersten Konsequenzen. »Worum
+es sich handelt, ist in Kürze dies. Es wurde gefunden, dass das logische
+und das ethische Phänomen, beide im Begriff der Wahrheit zum höchsten
+Werte sich zusammenschliessend, zur Annahme eines intelligiblen Ich oder
+einer Seele als eines Seienden von höchster hyperempirischer Realität
+zwingen. Bei einem Wesen, dem wie W das logische und ethische Phänomen
+mangeln, entfällt auch der Grund, jene Annahme zu machen. Das vollkommen
+weibliche Wesen kennt weder den logischen noch den moralischen Imperativ
+und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht, Pflicht gegen sich selbst, ist das
+Wort, das ihm am fremdesten klingt. Es ist der Schluss vollkommen
+berechtigt, dass ihm auch die übersinnliche Persönlichkeit fehlt. Das
+absolute Weib hat kein Ich, keine Seele!« Nun könnte wohl jemand
+einwenden, das absolute Weib sei ja nur eine logische Hypothese, während
+die existierenden Frauen alle nicht absolute Weiber seien, sondern doch
+zum mindesten ein dürftiges Körnchen M in sich herumtragen; ~Weininger~
+macht aber da selbst keinen exakten Unterschied und wirft diese Begriffe
+immer wieder durcheinander, was u. a. auch aus einem späteren Passus über
+die rechtliche Gleichstellung beider Geschlechter klar hervorgeht. Es
+wird feierlich verkündet: »Die Frau kann nie zum Manne werden ... während
+es anatomisch Männer giebt, die psychologisch Weiber sind, giebt es keine
+Personen, die körperlich weiblich und doch psychisch Männer sind.«
+Konsequent nach ~Weiningers~ Theorie gedacht, müsste man glauben, dass es
+doch so sein müsste; aber hier kann er eben die Mathematik nicht
+brauchen.
+
+Das Mitleid des Weibes wird ins Reich der Fabel verwiesen. Der Beweis,
+dass das Mitleid keine weibliche Tugend sei, ist höchst einfach: »Im
+alten Weib ist nie (!) auch nur ein Funke jener angeblichen Güte mehr und
+so liefert das Greisenalter der Frau den indirekten Beweis, wie all ihr
+Mitleid nur eine Form sexueller Verschmolzenheit war, selbst wenn es auf
+ein gleichgeschlechtliches Wesen sich bezog.« Es kommt aber noch besser.
+»Der absolute Beweis für die Schamlosigkeit der Frauen liegt darin, dass
+Frauen untereinander sich immer ungescheut völlig entblössen, während
+Männer voreinander stets ihre Nacktheit zu bedecken suchen ... Der
+einzelne Mann hat kein Interesse für die Nacktheit des zweiten Mannes,
+während jede Frau auch die andere Frau in Gedanken stets entkleidet und
+dann hierdurch die allgemeine interindividuelle Schamlosigkeit des
+Geschlechtes beweist.« Der zwanzigjährige »Grosse« muss eigentümlichen
+Verkehr gehabt haben; diese Behauptungen werden ihm doch sicher nur die
+allerkritiklosesten seiner Verehrer nachbeten können. Aber auch hier
+zeigt sich auch wieder aufs durchsichtigste die Art, wie ~Weininger~
+denkt; um die allgemeine Schamlosigkeit der Frauen (NB.! nicht des
+absoluten W also) folgern zu können, muss er die Behauptung als bewiesen
+aufstellen, dass sich die Frauen ungeniert voreinander entblössen, die
+Männer dagegen nicht.
+
+In einem grossen Kapitel »Mutterschaft und Prostitution« vernichtet dann
+~Weininger~ auch noch das letzte, was ein »hausbackener« Mensch zur
+Verteidigung der Frau anführen könnte: Mutterschaft und Mutterliebe, und
+zwar, wie man zugeben muss, ganz konsequent logisch ausgehend von seinen
+falschen Voraussetzungen, die er sich absolut willkürlich zurecht gelegt,
+um zu dem mystischen Ziele zu gelangen, das sich nun allmählich enthüllt.
+Die Frauen zerfallen nach ~Weininger~ in zwei Klassen: Dirnen und Mütter;
+die Anlage hierzu sei von Geburt an organisch in jeder Frau vorhanden.
+Ich lasse hier eine Blütenlese der in dem Kapitel, das ~Moebius~ ekelhaft
+nennt, angesammelten Behauptungen und Schlüsse folgen:
+
+»In der That muss ich die allgemeine Ansicht, welche ich lange geteilt
+habe, völlig verfehlt nennen, die Ansicht, dass das Weib monogam und der
+Mann polygam sei. Das Umgekehrte ist der Fall.« Besser, es muss der Fall
+sein, sonst würde es ja nicht zur Rechnung passen. »Für die Frau ist der
+Ehebruch ein kitzelndes Spiel, in welchem der Gedanke der Sittlichkeit
+gar nicht, nur die Motive der Sicherheit und des Rufes mitsprechen. Es
+gibt kein Weib, das in Gedanken ihrem Manne nie untreu geworden wäre,
+ohne dass es darum dieses auch schon sich vorwürfe. Denn das Weib geht
+die Ehe zitternd und voll unbewusster Gier ein und bricht sie, da es kein
+der Zeitlichkeit entrücktes Ich hat, so erwartungsvoll und gedankenlos,
+wie es sie geschlossen hat.« »Das Verhältnis der Mutter zum Kinde ist in
+alle Ewigkeit ein System von reflexartigen Verbindungen ..... eine nie
+unterbrochene Leitung zwischen der Mutter und allem, was je durch eine
+Nabelschnur mit ihr verbunden war: das ist das Wesen der Mutterschaft,
+und ich kann darum in die allgemeine Bewunderung der Mutterliebe nicht
+einstimmen, sondern muss gerade das an ihr verwerflich finden, was an ihr
+so oft gepriesen wird, ihre Wahllosigkeit.« Das Höchste leistet er dann
+mit den Worten: »Ihre Stellung ausserhalb des Gattungszweckes stellt die
+Hetäre in gewisser Beziehung über die Mutter, soweit dort von ethisch
+höherem Standort überhaupt die Rede sein kann, wo es sich um zwei Weiber
+handelt.« (!) »Nur solche Männer fühlen sich von der Mutter angezogen,
+die kein Bedürfnis nach geistiger Produktivität haben. Bedeutende
+Menschen haben stets nur Prostituierte geliebt.« In einem späteren
+Kapitel heisst es auch: »Unendlich viel in der Frauenbewegung ist nur ein
+Hinüberwollen von der Mutterschaft zur Prostitution; sie ist als ganzes
+mehr Dirnenemancipation als Frauenemancipation und sicherlich ihren
+wirklichen Resultaten nach vor allem ein mutigeres Hervortreten des
+kokottenhaften Elementes im Weibe.« Weiter: »Die Sensationen des Koitus
+sind prinzipiell keine anderen Empfindungen, als wie sie das Weib sonst
+kennt; sie zeigen dieselben nur in höchster Intensifikation; das ganze
+Sein des Weibes offenbart sich im K., aufs höchste potenziert.« »Der lügt
+oder hat nie gewusst, was Liebe ist, der behauptet, eine Frau noch zu
+lieben, die er begehrt: so verschieden sind Liebe und Geschlechtstrieb.
+Darum wird es auch fast immer als eine Heuchelei empfunden, wenn einer
+von Liebe in der Ehe spricht.« »Ich möchte sogar sagen, es gibt nur
+platonische Liebe. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das
+Reich der Säue.« (!) Man wird nun bereits merken, worauf die Sache
+hinausgeht. In dem »Erotik und Ästhetik« betitelten Kapitel wird zunächst
+natürlich der Frau auch jedes Gefühl für Ästhetik abgesprochen. »Das Weib
+besitzt keinen freien Willen und so kann ihm auch nicht die Fähigkeit
+verliehen sein, Schönheit in den Raum zu projizieren. Damit ist aber auch
+gesagt, dass die Frau nicht lieben kann.«
+
+Trotzdem ~Weininger~ der Frau den freien Willen, jene erste juristische
+Voraussetzung, genommen hat, betont er drei Seiten später mit rührender
+Naivität: »Die rechtliche Gleichstellung von Mann und Weib kann man sehr
+wohl verlangen, ohne darum an die moralische und intellektuelle
+Gleichheit zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher Zeit
+jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht verdammt und
+braucht doch der ungeheuerste kosmische Gegensatz und Wesensunterschied
+nicht verkannt zu werden. Denn der tiefstehendste Mann steht noch
+unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe.« Wo hier wohl die Logik
+bleibt? Das ~Weininger~sche weibliche Wesen ist ja forensisch absolut
+unzurechnungsfähig; eine freie Willensbestimmung ist ja total
+ausgeschlossen; man müsste schleunigst über sämtliche Frauen Kuratel
+verhängen. Man denke sich nur ein solches Weib nach ~Weininger~ als
+Zeugin; wie soll man sie denn als gleichberechtigt nehmen, wenn sie, »die
+abgrundtiefe Verlogenheit« repräsentierend, doch erst weit hinter dem
+tiefstehendsten Manne kommt? Ein Weib mit starkem W-Gehalt würde einem
+kompletten Idioten gleichkommen. Wenn ~Weininger~ konsequent gewesen
+wäre, hätte er das weibliche Geschlecht ausnahmslos aus dem Gerichtssaale
+verbannen müssen.
+
+Um hinter den eigentlichen Zweck des weiblichen Seins zu kommen, führt
+~Weininger~ in einem Kapitel »das Wesen des Weibes und seine Stellung im
+Universum« fort, müsse von einem Phänomen ausgegangen werden, das, so alt
+und bekannt es sei, noch nirgends und niemals einer Beachtung oder gar
+Würdigung wert befunden worden sei. Es sei das Phänomen der Kuppelei,
+welches den eigentlichsten, den tiefsten Einblick in die Natur des Weibes
+gestatte. »Das Bedürfnis selbst k....[3] zu werden, ist zwar das
+heftigste Bedürfnis der Frau, aber es ist nur ein Spezialfall ihres
+tiefsten, ihres einzigen vitalen Interesses, das nach dem K.... überhaupt
+geht, des Wunsches, dass möglichst viel, von wem immer, wo immer, wann
+immer k...... werde.« »Mit Verheirateten (Männern) wird darum so selten
+Ehebruch begangen, weil diese der Idee, welche in der Kuppelei liegt,
+bereits genügen.« »Es lässt sich absolut nichts anderes als die positive
+allgemeine weibliche Eigenschaft prädizieren als die Kuppelei, das ist
+die Thätigkeit im Dienste der Idee des K...... überhaupt.« Das System
+entwickelt sich, wie man sieht. »Wenn Weiblichkeit Kuppelei ist (und das
+hat der Philosoph ja eben bewiesen), so ist Weiblichkeit universelle
+Sexualität. Der Geschlechtsverkehr ist der höchste Wert der Frau; ihn
+sucht sie immer und überall zu verwirklichen.« Demnach erhält das Weib
+Existenz und Bedeutung nur, indem der Mann sexuell wird. Damit ist die
+Stellung des Weibes im Universum fixiert; sie ist lediglich Verkörperung
+der allgemeinen Sexualität, die nach ~Weininger~ Unsittlichkeit ist.
+»Einen wahrhaft bedeutenden Menschen, der im Geschlechtsverkehr mehr
+sähe, als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt oder gar in ihm
+das tiefste heiligste Mysterium vergötterte, wird es, kann es niemals
+geben«, ruft er aus. Dementsprechend kann er z. B. von ~Wilhelm Bölsche~
+gar nicht verachtungsvoll genug reden: »Die grosse Vereinigung von
+natürlicher Zuchtwahl und natürlicher Unzuchtswahl, deren schmählicher
+Apostel sich ~Wilhelm Bölsche~ nennt« schreibt ~Weininger~ einmal. Mit so
+absoluter Sicherheit predigt er seine Lehre, dass er sich zu der
+Behauptung versteigen kann: »Es ist klar, dass wenn auch nur ein
+einziges, sehr weibliches Wesen innerlich asexuell wäre oder in einem
+wahrhaften Verhältnis zur Idee des sittlichen Eigenwertes stünde, alles
+was hier von der Frau gesagt wurde, seine allgemeine Gültigkeit als
+psychisches Charakteristikum ihres Geschlechtes sofort unmittelbar
+verlieren müsste.« »Das absolute Weib, dem Individualität und Wille
+mangeln, das keinen Teil am Werte und an der Liebe hat, ist vom höheren
+transscendenten, metaphysischen Sein ausgeschlossen. Die intelligible,
+hyperempirische Existenz des Mannes ist erhaben über Stoff, Raum und
+Zeit; in ihm ist Sterbliches genug, aber auch Unsterbliches. Und er hat
+die Möglichkeit zwischen beiden zu wählen: zwischen jenem Leben, das mit
+dem Tode vergeht und jenem, für welches dieser erst eine Herstellung in
+gänzlicher Reine bedeutet.« »Der Mann birgt in sich die Möglichkeit zum
+absoluten Etwas (= Gott) und zum absoluten Nichts ... Das Weib sündigt
+nicht; denn es ist selbst die Sünde als Möglichkeit im Manne. Der reine
+Mann ist das Ebenbild Gottes, des absoluten Etwas, das Weib, auch das
+Weib im Manne, ist das Symbol des Nichts: Das ist die Bedeutung des
+Weibes im Universum und so ergänzen sich Mann und Weib.« »Die Frauen
+haben keine Existenz und keine Essenz; sie sind nicht, sie sind nichts.
+Man ist Mann oder man ist Weib, je nachdem man wer ist oder nichts.« »Das
+Weib ist nicht Mikrokosmos; es ist nicht nach dem Ebenbilde der Gottheit
+entstanden. Ist es also noch Mensch? Oder ist es Tier? Oder Pflanze?« Es
+kann mir natürlich nicht einfallen, mich des Langen über diesen Unsinn zu
+ergehen; diese Sätze sprechen ja wohl für sich selbst. Ich kann es aber
+dem Leser nicht ersparen, mit mir weiter durch diese Flut von Unsinn zu
+waten; denn nur so entwickelt sich das ganze System ~Weiningers~ klar.
+Ich bin selbst mehrmals daran gewesen, die Feder wegzulegen, weil mir
+meine Zeit leid that; nur der Gedanke, vielleicht doch etwas zu nützen,
+liess mich dann weiterfahren. ~Moebius~ sagt, beim 13. Kapitel habe »die
+Übelkeit über seinen guten Willen gesiegt.« Man wird ihm dies nachfühlen
+können; wers nicht kann, dem ist wohl nicht zu helfen. Nach dieser
+kleinen Pause will ich weiter an die Arbeit gehen.
+
+ [3] Da sich unsere Sammlung an breitere Schichten wendet, so haben
+ wir auf wörtliche Wiedergabe besonders schamloser Stellen
+ verzichtet. D. H.
+
+~Weininger~ proklamiert also: Das Weib besitzt keine Seele. »Vielleicht
+hat der Mann bei der Menschwerdung durch einen metaphysischen,
+ausserzeitlichen Akt das Göttliche, die Seele, für sich allein behalten?«
+Nun kommt das dicke Ende. Das Weib, die Verkörperung des Bösen, ist eine
+Folge des männlichen Wunsches nach dem K...., folglich eine Schuld des
+Mannes; das Weib muss also erlöst werden. Alles, was ~Weininger~ bisher
+gesagt, war nur die Einleitung zur Hauptsache, zur Erlöseridee des
+Weibes. ~Weininger~ als der Erlöser! »Darum ist dieses Buch die grösste
+Ehre, welche den Frauen je erwiesen worden ist.« Es ist allerdings recht
+schwierig, das arme Weib nun zu erlösen, nachdem es so tief gestürzt
+worden ist; man sollte sogar glauben, als Verkörperung des Nichts,
+sei es nicht wandlungsfähig; das scheint aber nur so; ein
+Taschenspielerkunststückchen und dann ein bischen Logik und die Sache ist
+gemacht; man höre: »Das Weib ist nichts und darum, nur darum, kann es
+alles werden; während der Mann stets nur werden kann, was er ist.« Und
+nun zur Erlösung:
+
+»Der Fluch, den wir auf dem Weibe lastend ahnten, ist der böse Wille des
+Mannes. Als der Mann sexuell ward, schuf er das Weib. Dass das Weib da
+ist, heisst also nichts anderes, als dass vom Manne die
+Geschlechtlichkeit bejaht wurde .... Der Mann hat das Weib geschaffen und
+schafft es immer neu, so lange er noch sexuell ist .... Indem er auf den
+Geschlechtsverkehr nicht verzichtet, ruft er das Weib hervor. Das Weib
+ist die Schuld des Mannes.« Daraus dann die logische Glanzleistung: »Wenn
+Weib Schuld ist und Weiblichkeit Kuppelei bedeutet, so nur, weil alle
+Schuld von selbst sich zu vermehren trachtet.« Der Gipfel des Systems ist
+nun erstiegen: »Der Mann kann das ethische Problem für seine Person nicht
+lösen, wenn er in der Frau die Idee der Menschheit immer wieder negiert,
+indem er sie als Genussmittel benützt ... Die Frau muss dem
+Geschlechtsverkehr innerlich und wahrhaftig aus freien Stücken entsagen.
+Das bedeutet nun allerdings: das Weib muss als solches untergehen, und es
+ist keine Möglichkeit für eine Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden
+(!), ehe dies nicht geschieht .... Hiermit erst, auf dem höchsten
+Gesichtspunkt des Frauen- als des Menschheitsproblems ist die Forderung
+der Enthaltsamkeit für beide Geschlechter gänzlich begründet.« Das ist
+des Pudels Kern. Sollte jemand wagen, die Befürchtung auszusprechen, dass
+ja bei allgemeiner totaler Abstinenz vom Geschlechtsverkehr die
+Menschheit aufhören müsste, zu existieren, dem antwortet der Träger des
+neuen Heils voll Verachtung: »In dieser merkwürdigen Befürchtung, welcher
+der schrecklichste Gedanke der zu sein scheint, dass die Gattung
+aussterben könnte, liegt nicht allein äusserster Unglaube an die
+individuelle Unsterblichkeit und ein ewiges Leben der sittlichen
+Individualität, sie ist nicht nur verzweifelt irreligiös: man beweist mit
+ihr zugleich seinen Kleinmut, seine Unfähigkeit ausser der Herde zu
+leben ...« Wer seine (~Weiningers~) Lehre klar erfasst habe, »der würde
+den leiblichen Tod nicht fürchten und nicht für den mangelnden Glauben
+an das ewige Leben das jämmerliche Surrogat in der Gewissheit des
+Weiterbestehens der Gattung suchen.«
+
+Übrigens ist ~Weininger~ nicht so grausam, als es auf den ersten Blick
+scheinen möchte; der gewöhnliche Mensch könnte meinen, mit dem Aufhören
+der menschlichen Gattung sei eine unendliche Reihe von kommenden
+Individuen vernichtet; das ist aber falsch; in Wirklichkeit wird durch
+allgemeine sexuelle Abstinenz keine einzige Individualität vernichtet. In
+den »letzten Dingen« offenbart nämlich ~Weininger~ die Existenz der Seele
+vor der Geburt. Folgende Aussprüche werden genügen: »Man liebt seine
+physischen Eltern; darin liegt wohl ein Hinweis darauf, dass man sie
+erwählt hat.« »Die Geburt ist eine Feigheit: Verknüpfung mit anderen
+Menschen, weil man nicht den Mut zu sich selbst hat. Darum sucht man
+Schutz im Mutterleibe.« »Aus unserem Zustande vor der Geburt ist
+vielleicht darum keine Erinnerung möglich, weil wir so tief gesunken sind
+durch die Geburt: wir haben das Bewusstsein verloren und gänzlich
+triebartig geboren zu werden verlangt, ohne vernünftigen Entschluss und
+ohne Wissen und darum wissen wir gar nichts von dieser Vergangenheit.«
+»Hätte der Mensch sich nicht verloren bei der Geburt, so müsste er sich
+nicht suchen und wieder finden.«
+
+Damit wäre das System der ~Weininger~schen »Philosophie« dargestellt. Ein
+Kapitel in dem Hauptwerke habe ich bis jetzt übergangen, das Kapitel über
+das Judentum. ~Moebius~ sagt, dass es ebenso gut hätte wegbleiben können.
+Für die Beurteilung des Falles halte ich aber dieses Kapitel für ganz
+besonders wertvoll; ~Moebius~ kannte zur Zeit, als er über das Buch
+schrieb, zu wenig Daten und vor allem die »letzten Dinge« und das Ende
+des Verfassers nicht, sonst würde er wohl in dem Kapitel bedeutsame
+Fingerzeige gesehen haben. Es ist nämlich eine vollkommene Beweisführung,
+warum er, ~Weininger~, ein neuer Messias sei, in diesem Kapitel
+enthalten. Auch kann man an diesem Kapitel so gut wie kaum sonst die
+ursprüngliche Quelle nachweisen. H. St. ~Chamberlain~ widmet in seinen
+»Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts« (~Bruckmann~, München 1900) dem
+Wesen des Juden- und Christentums grosse Beachtung; die betreffenden
+Kapitel (bes. Bd. I, 206-458) haben ungeheueren Einfluss auf ~Weininger~
+ausgeübt; nur hat sich ~Weininger~ die ausgezeichneten Ausführungen
+~Chamberlains~ über das Judentum und über Christus für sein eigenes
+System zurechtgemodelt und entstellt. ~Chamberlain~ sagt, dass Christus
+der Überwinder des Judentumes sei, dass er Herr des alten Adams geworden
+sei durch eine mächtige Umkehr des Willens. Es heisst dort z. B. I, 206:
+»Jene Umkehr des Willens aber, jener Eintritt in das verborgene Reich
+Gottes, jenes von neuem Geborenwerden, welches die Summe von Christi
+Beispiel ausmacht, bedingt ohne weiteres eine völlige Umkehr der
+Empfindungen.« Ferner: »Die Erscheinung Christi auf Erden hat die
+Menschheit in zwei Klassen gespalten. Sie erst schuf den wahren Adel und
+zwar echten Geburtsadel; denn nur, wer erwählt ist, kann Christ sein.«
+Von grossem Einfluss auf ~Weininger~, als er noch nicht in die herrliche
+Wandlung eingetreten war, dürften folgende Worte ~Chamberlains~ gewesen
+sein, die vielleicht sogar direkt den Konvertierungsgedanken bei
+~Weininger~ anregten: »Es wäre sinnlos, einen Israeliten echtester
+Abstammung, dem es gelungen wäre, die Fesseln Esras und Nehemias
+abzuwerfen, in dessen Kopf die Gesetze Moses und in dessen Herz die
+Verachtung anderer keine Stätte mehr findet, einen Juden zu nennen« (I.
+458). Denn nach Paulus sei nur das ein Jude, das inwendig verborgen sei.
+~Chamberlain~ ist aber dafür auch so ziemlich der einzige aller Lebenden,
+dem ~Weininger~ anscheinend unbedingte Hochachtung zollt, abgesehen von
+~Ibsen~ und den Wiener Neurologen ~Freud~ und ~Breuer~. Wenigstens
+liefert ~Weininger~ einmal eine schauerliche Abhandlung über die
+Hysterie, wo er in analoger Weise wie beim Judentum die Ansichten
+~Freuds~ in wirklich komischer Weise entstellt auftischt und denselben
+nachsichtig auf einige Irrtümer aufmerksam macht. Doch nun zu
+~Weiningers~ Kapitel des Judentums. »Man darf das Judentum nur für eine
+Geistesrichtung, für eine psychische Konstitution halten, welche für alle
+Menschen eine Möglichkeit bildet und im historischen Judentum bloss die
+grandioseste Verwirklichung gefunden hat. Dass dem so ist, wird durch
+nichts anderes bewiesen als durch den Antisemitismus ... Im aggressiven
+Antisemiten wird man immer selbst gewisse jüdische Eigenschaften
+wahrnehmen ... Wie man am anderen nur liebt, was man gerne ganz sein
+möchte und doch nie ganz ist, so hasst man im anderen nur, was man nimmer
+sein will und doch immer zum Teil noch ist. So erklärt es sich, dass die
+allerschärfsten Antisemiten unter den Juden zu finden sind.« Diese
+grundlegenden Sätze werden als Thatsachen aufgestellt; nimmt man sie als
+bewiesen, so können die kühnsten Schlüsse erfolgen. Das alte Spiel, das
+sehr an die Geschichte von den Kretensern und vom Lügen erinnert.
+
+~Weininger~ ist selbst der schärfste Antisemit. »Der echte Jude wie das
+echte Weib leben beide nur in der Gattung, nicht als Individualitäten.
+Hieraus erklärt sich, dass die Familie (als biologischer, nicht als
+rechtlicher Komplex) bei keinem Volk auf der Welt eine so grosse Rolle
+spielte wie bei den Juden; die Familie in diesem Sinne ist eben
+weiblichen, mütterlichen Ursprungs[4] und hat mit dem Staate, mit der
+Gesellschaftsbildung nichts zu thun. Die Zusammengehörigkeit der
+Familienmitglieder nur als Folge des gemeinsamen Dunstkreises ist am
+engsten bei den Juden. Jedem indogermanischen Mann, dem begabteren stets
+mehr als dem mittelmässigen, aber auch dem gewöhnlichsten noch, ist dies
+eigen, dass er sich mit seinem Vater nie völlig verträgt: weil ein jeder
+einen, wenn auch noch so leisen, unbewussten oder bewussten Zorn auf
+denjenigen Menschen empfindet, der ihn, ohne ihn zu fragen, zum Leben
+genötigt ...« Weiter: der Jude steckt also nicht nur am tiefsten in der
+Familie, sondern er ist auch »stets lüsterner, geiler, wenn auch
+merkwürdigerweise im Zusammenhang mit seiner nicht eigentlichen
+antimoralischen Natur, sexuell weniger potent als der arische Mann. Nur
+Juden sind echte Heiratsvermittler.« Natürlich: Kuppelei = W = Nichts =
+Jude, woraus die Analogie zum Weib hergestellt ist; »der absolute Jude
+ist seelenlos.« »Aus ihrem Mangel an Tiefe wird auch klar, weshalb die
+Juden keine ganz grossen Männer hervorbringen können, weshalb dem
+Judentum wie dem Weibe die höchste Genialität versagt ist.« »Der Jude ist
+der unfromme Mensch im weitesten Sinne.« »Das Judentum ist das Böseste
+überhaupt[5].« Nun wird der Gegensatz intoniert: »Der Jude freilich, der
+überwunden hätte, der Jude, der Christ geworden wäre, besässe allerdings
+auch das volle Recht, vom Arier als Einzelner genommen und nicht nach
+einer Rassenangehörigkeit mehr beurteilt zu werden, über die ihn sein
+moralisches Streben längst hinausgehoben hätte.« Und weiter: »Jene
+unbegreifliche Möglichkeit der vollständigen Wiedergeburt eines Menschen,
+der alle Jahre und Tage seines früheren Lebens als böser Mensch gelebt
+hat, dieses hohe Mysterium ist in jenen sechs oder sieben Menschen
+verwirklicht, welche die grossen Religionen der Menschen gegründet haben.
+Hierdurch scheiden sie sich vom eigentlichen Genie: In diesem überwiegt
+von Geburt an die Anlage zum Guten. Alle Genialität ist nur höchste
+Freiheit vom Naturgesetz. Wenn sich dies so verhält, dann ist der
+Religionsstifter der genialste Mensch. Denn er hat am meisten
+überwunden.« ~Weininger~, früher der böse Mensch, wird Überwinder und
+lehrt eine neue Religion. Wers noch nicht glaubt, dem gehen vielleicht
+bei den nächsten Äusserungen die Augen auf: »Christus ist der Mensch, der
+die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet und so die
+stärkste Position, das Christentum, als das dem Judentum Entgegengesetzte
+schafft.« ~Weininger~ hat ebenfalls das Judentum überwunden und ausserdem
+die noch stärkere Negation, das Weib. Dass die Juden eigentlich doch auch
+Männer sind, bildet den Pferdefuss in der Deduktion; aber sie sind eben
+eine Ausnahme von W nur dadurch, dass sie »gut begrifflich« veranlagt
+seien. Natürlich vermag ~Weininger~, wie er sich ausdrückt, nicht mit
+~Chamberlain~ zu glauben, dass die Geburt des Heilands in Palästina ein
+blosser Zufall sein könne (NB. behauptet das aber ~Chamberlain~ gar
+nicht cf. z. B. Grundlagen I, 249). »Christus war ein Jude«, erklärt
+~Weininger~, »aber nur um das Judentum in sich am vollständigsten zu
+überwinden; denn wer über den mächtigsten Zweifel gesiegt hat, der ist
+der gläubigste, wer über die ödeste Negation sich erhoben, der positivste
+Bejaher. Christus ist der grösste Mensch, weil er am grössten Gegner sich
+gemessen hat. Vielleicht ist er der einzige Jude und wird es bleiben, dem
+dieser Sieg über das Judentum gelungen: der erste Jude wäre der letzte,
+der ganz und gar Christ geworden ist; vielleicht liegt aber auch heute
+noch im Judentum die Möglichkeit, den Christ hervorzubringen; vielleicht
+sogar muss auch der nächste Religionsstifter abermals durch das Judentum
+hindurchgehen.« (!) Ausdrücklich weist ~Weininger~ dann darauf hin, dass
+»unsere Zeit nicht nur die jüdischste, sondern auch die weibischste aller
+Zeiten sei,« um dann zu erklären: »Dem neuen Judentum (!) entgegen drängt
+ein neues Christentum zum Licht; die Menschheit harrt des neuen
+Religionsstifters und der Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre
+Eins.« Kommentar ist überflüssig.
+
+ [4] Diese Stelle führe ich, vielleicht irrtümlich, auf
+ ~Chamberlain~ Grundlagen I, 133 zurück, wo von Familie als
+ ursprünglichem Matriarchat die Rede ist.
+
+ [5] Letzte Dinge 180.
+
+Mit seiner Erlöseridee hängt es auch zusammen, dass seine Stellung zu
+~Wagner~ sich so gründlich änderte; ~Weininger~ erblickte nämlich in
+~Wagners~ Parzifal, den er auch deshalb »die tiefste Dichtung der
+Weltlitteratur« nennt, Christus und seine eigene Person.
+
+Das bis jetzt zusammengestellte Material ist genügend zur Beantwortung
+der Hauptfrage, ob ~Weininger~ geisteskrank und welcher Art diese
+geistige Störung gewesen sei. Somit könnte die Exploration in einem
+gewissen Sinne für abgeschlossen erklärt werden. Trotzdem würde die
+Untersuchung nicht vollständig sein, wenn sie nicht noch einige andere
+Gebiete streifte. Ich will daher noch durch Citate aus ~Weiningers~
+Schriften den Stand seiner sonstigen Kenntnisse und Anschauungen darlegen
+und endlich zum Schlusse die Elaborate seiner letzten Lebenstage
+vorführen, die wohl keinen Vernünftigen zweifeln lassen werden, dass sie
+von keinem geistig Gesunden stammen.
+
+Wie in allen Dingen, so ist ~Weininger~ auch in Litteratur mit einem sehr
+scharfen Urteil begabt. Neben dem Text von ~Wagners~ »Parzifal« steht ihm
+am höchsten ~Ibsens~ »Peer Gynt«. Warum, kann man sich denken. »Es ist
+ein Erlösungsdrama und zwar der grössten eines, um es nur gleich zu
+sagen. Tiefer und allumfassender als irgend ein Drama ~Shakespeares~,
+ohne an Schönheit hinter diesen zurückzubleiben, an sinnlichem Glanze
+allen anderen Werken ~Ibsens~ überlegen, steht es an Bedeutung der
+Konzeption ebenbürtig neben, an Gewalt der Durchführung weit über
+~Goethes~ »Faust« und reicht beinahe hinan zu den Höhen des »Tristan« und
+des »Parzifal« von ~Wagner~.« ~Hanslick~ sagt einmal (»Aus meinem Leben«
+1894, II, 234), dass man in fünfzig Jahren die Schriften der Wagnerianer
+als Monumente einer geistigen Epidemie anstaunen werde. So weit ich mich
+erinnere, hat sich aber kaum einer zu solcher Höhe verstiegen wie
+~Weininger~. Nach ihm ist »~Wagner~ der Mensch mit dem grössten
+Naturempfinden, das je ein Mensch besessen hat. Gegen sein »Rheingold«
+gehalten, verblassen selbst ~Goethes~ Lieder von allem Wasser in Nebel,
+Wolken und Fluss ...« Die ~Wagner~sche Dichtung (NB. nicht die Musik) ist
+»der Tiefe der Konzeption nach die grösste Dichtung der Welt. Es sind die
+gewaltigsten Probleme, die je ein Künstler sich zum Vorwurf gewählt hat,
+bedeutender noch als die Probleme des ~Aischylos~ und ~Dante~, ~Goethes~,
+~Ibsens~ und ~Dostojewskis~, um von den Problemen ~Shakespeares~ zu
+schweigen ... Das alles stellt ~Wagner~ hoch über ~Goethe~, dessen
+letztes Wort doch nur das vom »Ewig-Weiblichen«, die Erlösung des Mannes
+durch das Weib ist.« Man wird wohl merken, warum ~Goethe~ und
+~Shakespeare~ so wenig bei ~Weininger~ gelten. An anderer Stelle
+(»Geschlecht und Charakter« 408/409) findet sich noch folgendes über
+~Wagner~: »~Richard Wagner~, der tiefste Antisemit, ist von einem Beisatz
+von Judentum selbst in seiner Kunst nicht freizusprechen, so gewiss er
+neben ~Michelangelo~ der grösste Künstler aller Zeiten ist, so
+wahrscheinlich er geradezu den Künstler in der Menschheit überhaupt
+repräsentiert. Ihm war das Judentum die grosse Hilfe, um zur klaren
+Erkenntnis und Bejahung des anderen Poles in sich zu gelangen, zum
+Siegfried und Parzifal sich durchzuringen und dem Germanentum den
+höchsten Ausdruck zu geben, den es wohl je in der Geschichte gefunden
+hat.«
+
+~Heine~ entbehrt natürlich fast jeder Grösse, aber nur weil er Jude ist.
+~Keller~ und ~Storm~ werden ebenfalls »jeder Grösse entbehrende
+Idylliker« genannt. Ganz unleidlich ist für ~Weininger~ der arme
+~Schiller~; er gehört zu den Juden und wird in einem kleinen Aufsatz in
+den »letzten Dingen« einfach vernichtet: »Was ist es doch, das an jenen
+Gedichten so beleidigt? Es ist das Verletzende an ~Schiller~ überhaupt;
+es ist seine Freude am Chor, an der Herde; sein ganz ungeniales
+Glücksgefühl, gerade in der Zeit zu leben, in der er lebte ... Er ist
+auch der eigentliche Schöpfer des Ästhetentums, das unter den modernen
+Juden die meisten Anhänger zählt: es flüchtet vor aller Tiefe oder
+heuchelt Tiefe, um den Schein retten zu können ... Einen Journalisten
+dürfte ich ihn mit Grund nennen ... Was ihn aber endgültig zum
+Journalisten stempelt, ist seine Rührseligkeit, die von einem tragischen
+Geschehnis schwätzt, wenn ein Mensch auf der Gasse überfahren wird; und
+es ist vor allem jene Bindung an den Tag und die Stunde, jene
+Philistrosität, die sich am kosmischesten gestimmt dann fühlt, wenn ein
+Jahrhundertwechsel vor sich geht. In ~Schiller~ hasst die journalistische
+Moderne nur sich selbst.« Und ~Moebius~ hatte gewagt, ~Weininger~ den Rat
+zu geben, Feuilletons zu schreiben! Man begreift der Freunde Ingrimm ob
+so gänzlicher Verkennung. ~Spinoza~, als Jude, ist ebenfalls »riesig
+überschätzt«. Die englischen Philosophen sind sämtlich Flachköpfe,
+natürlich »weil aus England die seelenlose Psychologie gekommen ist«; »es
+gehört zwar nicht eben viel dazu, der grösste englische Philosoph zu
+sein; aber ~Hume~ hat auch auf diese Bezeichnung nicht den ersten
+Anspruch.«
+
+Sehr niedlich sind auch die Belehrungen, die wir über ~Nietzsche~
+empfangen. »~Nietzsche~ war lange Sucher; erst als Zarathustra that er
+den Priestermantel um und da stiegen nun jene Reden vom Berge herunter,
+die bezeugen, wie viel Sicherheit er durch die Verwandlung gewonnen hat.«
+Man sieht, viel Kritik hat ~Weininger~ eben nicht besessen; hier läuft er
+mit der von ihm so sehr gehassten Herde. Das Gesamturteil des jungen
+Mannes über ~Nietzsche~ dürfte auch ein neues Licht auf dessen
+Todesursache werfen: »~Nietzsche~ war nicht gross genug, um sich
+selbständig aus eigener Kraft in Reinheit zu ~Kant~ durchzuringen, den er
+nie gelesen hatte. Darum ist er nie bis zur Religion gelangt: als er das
+Leben am leidenschaftlichsten bejahte, da verneinte das Leben ihn --
+jenes Leben nämlich, das sich nicht belügen lässt. Aus dem Mangel an
+Religion erklärt sich ~Nietzsches~ Untergang. Ein Mensch kann an nichts
+anderem zu Grunde gehen als an einem Mangel an Religion ...«
+
+Für die Modernen hat ~Weininger~ übrigens nichts übrig; so spricht er
+z. B. von ihrer »Schuljungenopposition gegen alle Grössen der Historie.«
+Alle Sprachkritiker, »von ~Baco~ bis auf ~Fritz Mauthner~« sind nach
+seiner Ansicht »Flachköpfe«.
+
+Besonders lehrreich sind auch ~Weiningers~ Anschauungen über die
+Naturwissenschaften und über die Medizin. Nach seiner Ansicht hat das
+Judentum die Wissenschaft ruiniert; er predigt die Rückkehr zur
+Naturheilkunde und enthüllt in seiner letzten Zeit die sonderbarsten
+Theorien über Entstehung und Wesen von Krankheiten. »Machen, das ist das
+Wort für den heutigen Fabrikbetrieb des Erkennens, in welchem die
+Vorsteher der grossen Laboratorien und Seminarien die Funktionen
+kapitalistischer Industriebarone vortrefflich ausfüllen. »Quellen« heisst
+es in der Geschichtsforschung, »Versuchsreihen« in der exakten
+Wissenschaft. Despotisch herrschen die Zahl, die Statistik, die
+Fehlermethode, die genaue Gewichtsanalyse. Nicht ohne tiefe Berechtigung
+hat diese Wissenschaft alle ihre Feststellungen als gleich wichtig
+verkündet. Die Akademien der Wissenschaften sind die mächtige Gerusia des
+Staates, die fürchterlichen Grossmütter der europäischen Kultur und sie
+hüten und mehren das Erbe.« So kann der alte ~Schopenhauer~ reden; im
+Munde des Jünglings nehmen sich die Worte sonderbar aus; aber man darf
+eben nie vergessen, dass er von Erfahrung absieht und dass er bei seinem
+turmhohen Standpunkt anders beurteilt werden muss. »Die Totengräber
+~Darwins~ sind schon am Werke«, erklärt er mit Ruhe. »Die biologische
+Betrachtungsweise, wie man sie heute versteht, ist nichts anderes als
+eine utilitaristische; sie erweitert die utilitaristischen
+Gesellschaftsprinzipien berühmter englischer Flachköpfe zu einer des
+Pflanzen-und Tierreiches.« »Wie die Juden am eifrigsten den Darwinismus
+und die lächerliche Theorie von der Affenabstammung des Menschen
+aufgriffen, so wurden sie beinahe schöpferisch als Begründer jener
+ökonomischen Auffassung des menschlichen Geschlechtes, welche den Geist
+aus der Entwickelung des Menschengeschlechtes am vollständigsten
+streicht. Früher die enragiertesten Anhänger ~Büchners~, sind sie jetzt
+die begeistertsten Vorkämpfer ~Ostwalds~.« Erst durch die Juden ist »das
+unkeusche Anpacken der Dinge in die Naturwissenschaft gekommen.« »Mit dem
+Einfluss jüdischen Geistes hängt es auch zusammen, dass die Medizin,
+welcher ja die Juden so scharenweise sich zuwenden, ihre heutige
+Entwickelung genommen hat. Stets von den Wilden bis zur heutigen
+Naturheilbewegung, von der sich die Juden bezeichnenderweise gänzlich
+fern gehalten haben, hatte alle Heilkunst etwas Religiöses, war der
+Medizinmann ein Priester. Die bloss chemische Richtung in der Heilkunde,
+das ist das Judentum.« Und doch ist »mit der Chemie nur den Exkrementen
+des Lebenden beizukommen.« ~Weininger~ ipse sacerdos medicusque; wir
+werden gleich sehen:
+
+»Die heutige Gesundheitspflege und Therapie ist eine unsittliche und
+darum erfolglose; sie sucht von aussen nach innen, statt von innen nach
+aussen zu wirken. Sie entspricht dem Tätowieren des Verbrechers: Dieser
+verändert sein Äusseres von aussen her, statt durch eine Änderung der
+Gesinnung. Jede Krankheit hat psychische Ursachen und jede muss vom
+Menschen selbst, durch seinen Willen, geheilt werden; er muss sein
+Inneres selbst zu erkennen suchen. Alle Krankheit, nicht nur die
+Hysterie, ist nur unbewusst geworden, in den Körper gefahrenes
+Psychische; so wie dieses in das Bewusstsein hinaufgehoben wird, ist die
+Krankheit geheilt.« »Jede Krankheit ist Schuld und Strafe; alle Medizin
+muss Psychiatrie und Seelsorge werden. Es ist irgend etwas Unmoralisches,
+d. h. Unbewusstes, das zur Krankheit führt; und jede Krankheit ist
+geheilt, sobald sie vom Kranken als innerlich erkannt und verstanden ist.
+»Krankheiten sind vielleicht alle nur Vergiftungen; der Seele fehlt der
+Mut, das Gift ins Bewusstsein zu heben und dort im Kampfe unschädlich zu
+machen. Darum wirkt es im Körper weiter. Eine solche Vergiftung ist wohl
+sicher die Gicht; sie dürfte stets auf unmoralische Sexualität
+zurückgehen.« Diese ganze Lehre findet sich in den »Letzten Dingen«;
+glatter Wahnsinn spricht aus den beiden folgenden Äusserungen, die
+~Weininger~ in den letzten Tagen vor seinem Tode geschrieben: »Krankheit
+ist ein Spezialfall von Neurasthenie. Krankheit ist Neurasthenie im
+Körper.« »Den Übergang von Neurasthenie zur Krankheit muss Hautkrankheit
+bilden.« Wichtig für Psychiater ist auch die Erkenntnis: »Aller Wahnsinn
+entsteht nur aus der Unerträglichkeit des an alle Bewusstheit geknüpften
+Schmerzes.« Auch dass die Engländer »sämtlich Masochisten« seien, dürfte
+interessieren. »Dass ein Mensch irrsinnig wird, ist nur durch eigene
+Schuld möglich.« Über die Hysterie stellt ~Weininger~ Behauptungen auf,
+die umwälzend sein sollen. Ohne Erfahrung weiss er da alles besser. »Die
+hygienische Züchtigung für die Verleugnung der eigentlichen Natur des
+Weibes ist die Hysterie; sie ist die organische Krisis der organischen
+Verlogenheit des Weibes.« Dies die Quintessenz; wer den Blödsinn in
+extenso geniessen will, kann ihn in »Geschlecht und Charakter« S. 357-375
+nachlesen.
+
+Aus den vielen Äusserungen, die ~Weininger~ über Epilepsie, besonders in
+seiner letzten Periode, macht, möchte man annehmen, dass er sich für
+einen Epileptiker gehalten habe. »Der epileptische Anfall ist an das
+momentane Erlöschen der Fähigkeit zur Apperzeption geknüpft, und wenn es
+heisst, dass Verbrechen oft im epileptischen Anfall begangen werden, so
+sollte es wohl umgekehrt ausgedrückt werden: sie werden gegen den
+epileptischen Anfall begangen, dessen drohende Nähe verspürt wird ....
+Gegen die furchtbarste Hilflosigkeit, welche in der Epilepsie zum
+Ausdruck kommt, flüchtet er in den Mord -- oft auch in die Frömmelei und
+Bigotterie .... Ist die Epilepsie nicht die Einsamkeit des Verbrechers?
+Fällt er nicht, weil er nichts mehr hat, an das er sich anhalten könnte?«
+»Epilepsie ist völlige Hilflosigkeit, Fallsucht, weil der Verbrecher
+Spielball der Gravitation geworden ist. Der Verbrecher tritt nicht auf
+(sic). Gefühl des Epileptikers: Wie wenn das Licht erlischt und völlig
+jeder äussere Halt fehlt. Ohrensausen beim Anfall: Vielleicht tritt, wenn
+das Licht fehlt, Schall ein? »Der Epileptiker hat Visionen von roter
+Farbe: Hölle, Feuer.«
+
+Wie schon früher erwähnt, erschien für ~Weininger~ in seiner letzten Zeit
+alles Symbol, alles von geheimer Bedeutung durchdrungen. In den »letzten
+Dingen« befinden sich unter »Tierpsychologie« und »letzten Aphorismen«
+fast lauter diesbezügliche Gedanken. Aus ihnen leuchtet aber der helle
+Wahnsinn; der Vater des Armen hält sie für »Keime zu einer späteren
+Ausarbeitung« und hätte ihre Veröffentlichung am liebsten unterdrückt
+gesehen. Einige Proben werden genügen:
+
+»Das Auge des Hundes ruft den Eindruck hervor, dass der Hund etwas
+verloren habe ... Was er verloren hat, ist das Ich, der Eigenwert, die
+Freiheit.« »Die Furcht vor dem Hunde ist ein Problem; warum giebt es
+keine Furcht vor dem Pferde, vor der Taube? Es ist die Furcht vor dem
+Verbrecher. Der Feuerschein, der dem schwarzen Hunde folgt (!), ist das
+Feuer, die Vernichtung, die Strafe, das Schicksal des Bösen.« »Die
+Hundswut ist eine merkwürdige Form; vielleicht der Epilepsie verwandt,
+in welcher dem Menschen ebenfalls Schaum vor den Mund tritt.« Man bemerke
+den dahinter steckenden Schluss. Der in Depression befindliche Kranke
+schliesst, da er sich für epileptisch hält: Hund = Symbol des Bösen =
+Epilepsie = ~Weininger~. »Lange nicht mit gleicher Sicherheit wie beim
+Hund, aber doch als aufklärender Gedanke, kam mir der Einfall, dass das
+Pferd den Irrsinn repräsentiere. Hierfür spricht das Alogische im
+Benehmen des Pferdes, das Nervöse und Neurasthenische, das dem Irrsinn
+verwandt ist ..... Der Hund bellt das Pferd an: weil der Böse das Gute
+anbellt.« »Der Vogel ist die Sehnsucht der Schildkröte (des
+verschlossenen Menschen, der die Umkehr vollzieht, aber noch immer nicht
+fliegt).« »Entspricht nicht das pflanzenhafte Sein der Neurasthenie? Den
+Mangel an Bewegungsfähigkeit im Neurastheniker würde das wohl erklären.
+Der Neurastheniker ist anämisch: mangelnde Centralisation der Pflanze:
+schliesslich hat die Pflanze keine Sinnesorgane (Mangel an Aufmerksamkeit
+beim Neurastheniker).« Nicht minder bezeichnend sind die beiden folgenden
+Keime: »Das Rot der Hölle ist das Gegenteil vom Blau des Himmels. Sehr
+tief liegt, dass der Rauch das Auge schmerzt.« »Alle Tiere sind Symbole
+verbrecherischer, alle Pflanzen Symbole neurasthenischer Phänomene in der
+Psyche.« Das ist geradezu haarsträubend. Der Rauch als ein Symbol des
+Bösen thut natürlich dem Auge, als einem Symbol des Guten, da es mit dem
+Lichte zusammenhängt, weh!! »Die Malaria ist ein Sinnbild innerer
+Versumpfung.« »Der Wirbel ist die Eitelkeit des Wassers und sein
+Kreisegoismus.« »Der Sündenfall ist die Individualität und sein Symbol
+die Sternschnuppe.« »Das Symbol des Jüdischen ist die Fliege. Dafür
+spricht vielerlei: Zucker, Massenhaftigkeit, Summen, Zudringlichkeit,
+Überallsein, scheinbare Treue der Augen.« Das Fliegensymbol dürfte wohl
+auf eine Reminiscenz aus ~Schopenhauers~ »Gleichnissen, Parabeln und
+Fabeln« zurückgehen, wo es heisst: »Zum Symbol der Unverschämtheit und
+Dummdreistigkeit sollte man die Fliege nehmen. Denn während alle Tiere
+den Menschen über alles scheuen ....., setzt sie sich ihm auf die Nase.«
+
+Als Finale:
+
+»Im Augenblick, da das Fliegenartige (Jüdische?) in mir unbewusst wird,
+d. h. ich fliegenartige »Züge« habe, ich hierin unfrei bin, wird es zur
+Erscheinung der Fliege, der gegenüber als einer Empfindung ich unfrei
+bin: im selben Augenblick ist der Raum da. So zeigt sich das Problem der
+Externalisation, der Projektion des Raumes als die andere Seite des
+Problems der Tierpsychologie, der Natursymbolik. Der Verbrecher
+halluciniert die giftige Mücke und stirbt an falscher Furcht durch
+Herzschlag.«
+
+Hoffentlich stirbt kein Leser an dieser letzten Zumutung infolge
+Entsetzens und Schreckens sowohl über den abgründlichen Blödsinn, der in
+diesen Citaten aufgespeichert ist, als auch darüber, dass es Leute giebt,
+die sie als »Goldfunde und Blitzlichter« bezeichnen.
+
+
+Die Krankheit.
+
+Nach dem so ausführlich dargelegten Material wird wohl kaum jemand
+zweifeln können, dass man es bei ~Weininger~ nicht mit einem
+geistesgesunden philosophischen Phänomen zu thun habe, sondern dass es
+sich bei ihm lediglich um eine eigenartige geistige Störung handle. Es
+wäre sicher von hohem Interesse, den Persönlichkeiten nachzugehen, durch
+deren Blutmischungen eine Gestalt wie die ~Weiningers~ entstehen konnte;
+leider fehlt gerade hier das Material; selbstverständlich kommt es da
+nicht so sehr auf geistige Störungen an, die man in der Ascendenz
+bedeutender Menschen eigentlich relativ selten findet, als vielmehr auf
+geistige Abnormitäten, prononzierte Individualitäten mit ausgeprägten
+Talenten und Eigenheiten. Der Vater ~Weiningers~ ist jedenfalls ein
+ungewöhnlich veranlagter Mann. ~Weininger~ selbst trägt unverkennbar von
+Hause aus alle Zeichen eines sogenannten Entarteten, eines Dégénéré
+(Magnans Dégénéré supérieur) und zwar mit einem starken Beigeschmack von
+Hysterie. Man muss nur nicht glauben, dass das Wort Entarteter in dem
+Sinne zu verstehen sei, wie der gewöhnliche Sprachgebrauch es nimmt; ein
+Degenerierter im psychiatrischen Sinne ist lediglich ein von Geburt an
+bedeutend von der Norm seiner Art abweichender Mensch, der Idiot wie
+Genie sein kann; je grösser und abnormer die geistige Begabung, desto
+grösser natürlich auch die Gefahren, die dieser Entartung entspringen und
+von denen der Durchschnittspfahlbürger verschont bleibt. So gehört
+~Schopenhauer~ »zur Klasse der Deséquilibrés, in der sich bekanntlich die
+feinen Köpfe zusammenfinden« (~Moebius~).
+
+Als Kind zeigte ~Weininger~ schon seine abnorme Beanlagung; bereits mit
+vierzehn Monaten »sprach er mit höchster Deutlichkeit sein Deutsch«. Als
+junger Mensch zeigte er regstes Interesse für alles, eine sehr lebhafte
+Auffassung, eine intensive Lernbegierde, einen Wissensdrang, der seinen
+Lehrern oft Verlegenheit bereitete, und ein ganz ausserordentliches
+Gedächtnis besonders für Sprachen. Von Anbeginn aber ist auch schon ein
+ungemeines Selbstgefühl ausgeprägt, das ihn sehr frühe vielen Menschen
+unangenehm machte. Auch war er ziemlich erotisch veranlagt und hat sich
+allem Anschein nach sehr frühe schon über die einschlägigen Fragen
+orientiert. Seinen Lehrern scheint er ein Greuel gewesen zu sein durch
+sein vorlautes, eigenmächtiges Wesen, seine Insubordinationen, seinen
+Dünkel; über seine Lehrer machte er sich im besten Falle lustig; es kam
+zu mehreren heftigen Auftritten; dass er z. B. während der Lehrstunden
+sich mit anderen Dingen beschäftigte, dass er gegebene Aufgaben machte,
+wie es ihm beliebt, nicht wie vorgeschrieben, beweist deutlich, wie stark
+er seine eigene Persönlichkeit empfand; den Begriff Pflicht empfand er
+nicht; nur den der Pflicht gegen sich selbst, wie er sich später
+ausdrückte. Er hatte daher auch keinen Familiensinn, wie sein eigener
+Vater hervorhebt. Welch grosse Bedeutung sonst alltägliche Ereignisse für
+ihn gewinnen konnten, beweist der Eindruck, den der notgedrungene Besuch
+von ein paar Tanzkränzchen auf ihn machte.
+
+Einen kolossalen Einfluss übte die Lektüre auf ihn aus; er las enorm viel
+und man kann ganz gut verfolgen, wie ihn ~Nietzsche~, ~Schopenhauer~,
+~Tolstoi~, ~Dostojewski~, ~Ibsen~, ~Chamberlain~ jeder eine Zeit lang
+förmlich erfüllte, bis ~Kant~ und ~Wagner~ kamen. Schon gegen Ende seiner
+Gymnasialzeit schloss er sich mehr und mehr von gewöhnlicher Geselligkeit
+ab und arbeitete mit grosser Energie. Während seiner etwa 2-3 Jahre
+dauernden ersten Studentenzeit lebte er »in der schwülen Treibhausluft des
+Wiener Lebens« (~Schneider~, Allg. Ztg. Beil. 1903, 292), in der Zentrale
+der sublimsten Dekadenze, die schon so viele frühreife Litteraturheilande
+hervorgebracht hat und von der die Rede geht, dass ihre echtesten Söhne
+bereits mit pessimistischem Stirnrunzeln zur Welt kommen, mit zehn Jahren
+zur Erkenntnis gelangen, dass ~Michelangelo~ eigentlich ein Troddel gewesen
+sei, um Anfang der Zwanziger sich dann selbst mikrokosmisch als den
+Mittelpunkt der Welt zu empfinden. Neben der Eigenart der Persönlichkeit
+~Weiningers~, die seiner Psychose das so besondere individuelle Moment
+verleiht, ist eben dieser Wiener Nährboden von gar nicht zu
+unterschätzender Bedeutung. In Berührung mit allerlei Elementen dieser
+Gesellschaft von Mattoiden (Lombroso) scheint dann bei ~Weininger~ auf der
+Basis der psychopathischen Entartung eine Geistesstörung eingesetzt zu
+haben, die ganz unzweifelhaft alle Charakteristika der Hysterie[6] trägt
+und ausgezeichnet ist durch einen exquisit manisch-depressiven Charakter
+d. h. sie verlief in Perioden abwechselnd von heiterer und gedrückter
+Gemütsstimmung. ~Kraepelin~ sagt: »Da die Hysterie mit einer Umwandlung der
+ganzen psychischen Persönlichkeit einhergeht, werden natürlich auch die
+verschiedenartigsten, nicht eigentlich hysterischen Psychosen auf dieser
+Grundlage durch Beimischung einzelner besonderer Züge eine eigenartige
+Färbung annehmen können. Das gilt besonders für das manisch-depressive
+Irresein, von dem wir ja wissen, dass es sich ebenfalls wesentlich aus
+krankhafter Veranlagung heraus entwickelt.« Dies scheint mir vollkommen auf
+den Fall ~Weiningers~ anwendbar zu sein, bei dem ja auch im Vordergrund die
+vollkommene Umwandlung der Persönlichkeit steht. In seiner Psychose lassen
+sich deutlich vier Stadien abgrenzen: ein längeres Einleitungsstadium von
+mehr hypomanischem Charakter mit der Entstehung der dualistischen
+Persönlichkeit, etwa von Sommer 1901 bis zur Promotion, Juli 1902; daran
+anschliessend ein Depressionsstadium, das Mitte Herbst 1902 wieder in ein
+allmählich fast manisches Stadium überging; endlich die zweite und
+schwerste Depression, die mit der Katastrophe vom 4. Oktober 1903 endigte.
+~Wie bei Hysterie überhaupt häufig zeigten Verstand und Gedächtnis niemals
+Störungen.~ Dagegen ist geradezu typisch das überall ausgesprochene,
+unleidliche Selbstgefühl, das ~Weininger~ zeigt (er hat nur in den
+manischen Stadien eigentlich produziert); stets ist er der Mittelpunkt,
+fühlt sein Ich am stärksten, urteilt über alles in der schärfsten Weise.
+Sein Ehrgeiz ist brennend; er will um jeden Preis berühmt werden, Aufsehen
+erregen, koste es, was es wolle. Früher ausgesprochen erotisch, steht nun
+im Mittelpunkt der Erkrankung eine vollkommene Sexualabneigung, ein bis zum
+Fanatismus sich steigernder Hass gegen alles Geschlechtliche; das ist
+ebenfalls hysterisch. Sehr klar ausgeprägt ist das Symptom der sogenannten
+Spaltung der Persönlichkeit; ~Weininger~ nannte es ethischen Dualismus.
+Hysterisch, und nur hysterisch, sind auch jene geradezu einzigartigen
+Sensationen, die er beim Anhören von Musik empfand. Schöner könnte das
+moderne degenerative Moment in einer hysterischen Psychose sich nicht
+offenbaren.
+
+ [6] ~Moebius~ spricht schon: »Die Geschichte macht den Eindruck
+ einer hysterischen Kontrefaçon« (»Geschlecht und Unbescheidenheit«
+ p. 28).
+
+Die »herrliche Wandlung«, die zwei Jahre vor seinem Tode begann, war
+nichts als der Beginn der hysterischen Störung. Typisch sind auch die
+Faxen mit der rührenden Demut, die mit dem masslosesten Grössenwahn
+vereinbar war. Der Hysterie, der Umwandlung seiner Persönlichkeit,
+entsprang auch sein Übertritt zum Christentum. Neben den psychischen
+Erscheinungen der Hysterie scheinen sich auch körperliche
+Funktionsstörungen eingestellt zu haben; die von ~Rappaport~ angegebenen
+Herzkrämpfe und epileptischen Anfälle sind nichts anderes als hysterische
+Krampfanfälle; der Sohn hatte beim ersten Beginn der Erkrankung das
+Elternhaus verlassen; so erklärt sich auch, dass der Vater von diesen
+Anfällen nichts wusste, die erst mit dem Ausbruch der Hysterie in die
+Erscheinung traten. Übrigens sind sie in dem Krankheitsbilde ganz zu
+entbehren, ohne dass sich an der Auffassung der Psychose das Geringste
+änderte. Dass es sich nicht um Epilepsie gehandelt hat, ist sicher
+auszuschliessen, wenn auch der Hysterikus wahrscheinlich Sensationen
+hatte, die er einer bestehenden Epilepsie zuschrieb. Nach der Promotion
+und dem Übertritt zum Christentum, welche Handlungen er echt hysterisch
+an einem Tage vollzog -- folgte auf die Anstrengungen für das Examen und
+die höchste Erregung nach dem Gelingen die erste Depression, in der
+bereits Selbstmordgedanken laut werden. Dann aber schloss sich die
+grosse, manische Periode an, in der ~Weininger~ mit graphomanischem Eifer
+in etwa acht Monaten ein grosses Buch und eine Reihe kleinerer Aufsätze
+niederschrieb. In dieser Spanne entwickelte sich bei ihm auch ein
+richtiges Wahnsystem von durchaus hysterischem Wesen, dessen Grundlage
+seine Sexualabneigung war (nicht umgekehrt, wie ich vielleicht mit
+Unrecht annehme; doch ist das nicht wesentlich); er arbeitete eine
+Weltanschauung aus, deren Anläufe bereits in der ersten Erregungsperiode
+rudimentär sichtbar sind; er entdeckt, dass alles um ihn herum nur Symbol
+ist; die veränderte Empfindung der eigenen Persönlichkeit hat sich auch
+auf die Aussenwelt übertragen, die sich ihm nun anders mitteilt als
+vordem. Analog Christus, der die stärkste Negation, das Judentum,
+überwunden, fühlt er sich berufen, selbst auch Überwinder des Judentums,
+die zweite, noch viel grössere Negation in der Welt, das Weib, zu
+überwinden; er fühlt sich als Erlöser, predigt das neue Reich Gottes
+durch vollkommene geschlechtliche Enthaltsamkeit und lehrt die
+Präexistenz der Seele vor der Geburt. Er hält sich für einen Heiligen,
+ein Genie, einen Religionsstifter; das alles ist deutlich genug in seinen
+Worten ausgedrückt; er spricht überall mit absoluter Sicherheit und
+Erhabenheit, auch wenn es der grösste Unsinn ist, deutet alles in sein
+System um, lässt echt hysterisch in seinem Buch jeden besonderen Gedanken
+dick und fett drucken, bildet sich ein, für Jahrtausende geschrieben zu
+haben u. s. w.
+
+Aber im Sommer 1903, nachdem das Buch geboren war, begann die Erregung
+abzuklingen; immer lebhaftere Stimmungsschwankungen traten ein; zeitweise
+erschienen direkte Hallucinationen, so die Hunde mit dem roten
+Feuerschein, das dreimalige Bellen des Hundes in jener entsetzlichen
+Nacht; höchst sonderbar ist auch das Gefühl vom Sterben eines Menschen,
+das durch das Bellen eines Hundes angezeigt wurde[7]. Das lebhafte
+Reisebedürfnis, das ihn im August (!) nach Sizilien trieb, zeigt
+genügend, wie es in ihm aussah; wie krankhaft seine Verfassung war,
+beweisen z. B. auch die unangenehmen Empfindungen, die ihm der Untergang
+der Sonne bereitete, der für ihn eine mystisch-symbolische Bedeutung
+schmerzlichster Art bekam. Das Erlösergefühl verschwand immer mehr und
+machte dem Gefühl von Schuld, Sünde, Angst, Verbrechen Platz; zuletzt
+empfand er alle Schuld der Welt als die eigene, meinte, alles was mit ihm
+in Berührung gekommen sei, sei verflucht. Was er in diesen letzten Tagen
+niederschrieb, macht fast den Eindruck, als ob ein deliranter Zustand
+über ihn gekommen gewesen sei. In der Verzweiflung, über die furchtbaren
+Gedanken, die ihn peinigten, beging er dann Selbstmord. Und dieser
+Selbstmord in der ganzen Art seiner Ausführung bezeugt nur wieder die
+Hysterie. Mit einem Knalleffekt ging er aus dem Leben; er schlich sich
+nicht wie gewöhnliche Selbstmörder zur Seite, um allein zu sterben und
+ohne Aufsehen, da ihnen der Tod nur Selbstzweck ist, sondern er wollte
+noch im Tode die Augen der Welt auf sich ziehen; darum führte er die
+Tragödie in Beethovens Sterbehaus auf; das konnte nur ein Hysterischer
+thun.
+
+ [7] Eigentlich ist das dreimalige Bellen das Auffallende; bei dem
+ so fein organisierten Geruchsinn der Hunde wäre es nicht unmöglich,
+ dass sie den Todeskampf z. B. ihres Herren witterten und diesem
+ Gefühl durch jämmerliches Geheul Ausdruck gäben.
+
+Wir haben also gesehen, dass es sich bei ~Weininger~ um eine angeborene
+degenerative Veranlagung handelte und dass auf dieser Basis sich Mitte
+oder Ende 1901 eine hysterische Geistesstörung mit manisch-depressivem
+Charakter entwickelte, die vor allem ausgezeichnet war durch vollkommene
+Umwandlung der Persönlichkeit, ungeheures Selbstgefühl, völlige
+geschlechtliche Unempfindlichkeit, Krampfanfälle, abnorme Sensationen,
+Gesichtshallucinationen, periodisch wechselnden Wahnideen der Grösse und
+der Verschuldung. Was den Fall so interessant macht, ist die Reinheit der
+Symptome und die eigenartige, entschieden hochbegabte Persönlichkeit des
+Kranken; man darf nicht vergessen, dass er wenig über 23 Jahre alt war,
+als er starb; es wird wohl wenige in seinem Alter geben, die über
+gleiches Gedächtnis, gleichen Fleiss, gleiche Arbeitskraft, gleiches
+Wissen verfügen wie ~Weininger~. Darum konnte sich auch ~Moebius~ trotz
+alles Abscheus vor dem Buche doch des Bedauerns nicht erwehren. Traurig
+ist nur, dass der Fall ~Weininger~ wieder bewiesen hat, dass alles, was
+geschrieben wird, wenn es nur mit dem nötigen Applomb in die Welt gesetzt
+wird, seine Bewunderer findet. Dazu bedarf es nichts als einiger
+kräftiger Trommler, »den Ruhm des Schlechten zu intonieren und ihre
+Stimme findet an der leeren Höhlung von tausend Dummköpfen ein
+nachhallendes und sich fortpflanzendes Echo.« (~Schopenhauer~ über
+~Hegel~, Satz vom zureichenden Grunde.)
+
+Damit kann ich meine Betrachtungen über ~Weininger~ schliessen. Ich bin
+vollkommen überzeugt, dass ich bei allen, die ihn als Genie verehren,
+lediglich Widerspruch und heftigen Vorwurf erfahren werde: denn indem sie
+ihre Kritikunfähigkeit bereits zur Genüge dokumentiert haben durch die
+Verherrlichung und Bewunderung, die sie den ~Weininger~schen Elaboraten
+zu teil werden liessen, werden auch meine Auseinandersetzungen für sie in
+den Wind gesprochen sein. Gegen diese Schar wird nur die Zeit aufkommen.
+Aber das eine möchte ich nicht unterlassen, zu sagen: es gibt eine Reihe
+von Leuten, die ~Weininger~ leidenschaftlich bekämpften, die geneigt
+sind, in ihm einen modernen Herostratos (übrigens auch ein Hysterikus) zu
+sehen; vielleicht haben meine Darlegungen wenigstens das Gute, dass der
+Unglückliche keiner litterarischen Verurteilung mehr verfällt, sondern
+dass seine Gegner statt mit Hass und Verachtung den Werken ~Weiningers~
+gegenüberzustehen, lediglich Bedauern empfinden mit seinem Schicksal, das
+ein so glänzend veranlagtes Gehirn zum Wahnsinn getrieben.
+
+»Was also war es, das zu ihm drang, empor zu seiner sublimen Nebelhöhe,
+und dem Blitzeschleuderer den Revolver in die Hand drückte? Was war
+entsetzlich und süss genug, dass es den Ragenden zwang, seinetwegen zu
+sündigen und die Sünde mit dem Tode zu sühnen? Ein Schuss, der eine
+Tragödie ohnegleichen beendigte. Aber ein Schuss im Nebel.« So
+~Nordhausen~ in seiner Kritik von »Geschlecht und Charakter«. Eher könnte
+man von einem Buch im Nebel, einem Mann im Nebel reden. Ich hoffe,
+gezeigt zu haben, was es war, das empordrang zur sublimen Nebelhöhe.
+Statt eines Blitzeschleuderers ein Geisteskranker, dessen Psychose durch
+einen Zug von Genialität ihr individuelles Moment erhielt, statt eines
+Ragenden ein Unglücklicher, der sich in einem Anfall melancholischer
+Verstimmung erschoss, statt eines philosophischen Phänomens zwei Bücher,
+die in die ärztliche Bibliothek einer Irrenanstalt gehören.
+
+Sapienti sat!
+
+
+
+
+Neuester Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden.
+
+Soeben erschienen:
+
+
+
+
+ Die
+ Funktionsprüfung des Darmes mittelst der Probekost,
+
+ ihre Anwendung in der ärztlichen Praxis
+ und ihre diagnostischen und therapeutischen Ergebnisse.
+
+ Von
+ Professor Dr. _Adolf Schmidt_,
+ Oberarzt am Stadtkrankenhause Friedrichstadt in Dresden.
+
+ #Mit einer Tafel. -- Preis Mk. 2.40.#
+
+
+ _Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis._
+
+ ~Vorwort.~ -- I. Die Funktionsprüfung des Darmes. -- II. Die
+ Probekost. -- III. Die Stuhluntersuchung. A. Makroskopische
+ Untersuchung. B. Mikroskopische Untersuchung. C. Die chemische
+ Untersuchung. D. Die bakteriologische Untersuchung der Fäzes. --
+ IV. Die simeotische Bedeutung der pathologischen Fäzesbefunde.
+ 1. Der Schleim. 2. Unveränderte Gallenfarbstoffe (Bilirubin) und
+ Schwankungen des Hydrobilirubingehaltes. 3. Ungenügende
+ Fettverdauung. 4. Fleischreste. 5. Kohlenhydratreste (Gärungs-resp.
+ Brütschrankprobe). 6. Verhältnis der Gärung zur Fäulnis. --
+ V. Rückblick auf weitere Aufgaben der Funktionsprüfung. --
+ VI. Darmstörungen seitens des Magens, der Leber und des Pankreas.
+ A. Gastrogene Darmstörungen. B. Hepatogene Darmstörungen.
+ C. Pankreatogene Darmstörungen. -- VI. Selbständige Darmstörungen.
+ 1. Organische Erkrankungen. A. Geschwüre. B. Katarrhe.
+ C. Darmatropie. 2. Funktionelle Erkrankungen. A. Sekretorische
+ Störungen. B. Resorptionsstörungen. C. Motorische Störungen.
+ (Tormina intestinorum, Nervöse Diarrhöe, Habituelle
+ Obstipation.) ~Literaturverzeichnis.~
+
+
+
+
+ Die Fettleibigkeit (Korpulenz) und ihre Behandlung
+ nach physiologischen Grundsätzen.
+
+
+ Von
+ Dr. _Wilhelm Ebstein_,
+
+ Geheimer Medizinalrat, o. ö. Professor der Medizin und Direktor der
+ medizinischen Klinik und Poliklinik in Göttingen.
+
+ _Achte, sehr vermehrte Auflage._
+
+ #Preis M. 3.60, geb. M. 4.60.#
+
+
+
+
+Verlag von J. F. Bergmann in Wiesbaden.
+
+
+
+
+ Grenzfragen
+ des
+ Nerven- und Seelenlebens.
+
+
+ Im Vereine mit hervorragenden Fachmännern des In- und Auslandes
+ herausgegeben von
+
+ _Dr. L. Löwenfeld_ und _Dr. H. Kurella_
+ in München. in Breslau.
+
+
+ I. _Somnambulismus und Spiritismus._ Von Dr. med. ~Löwenfeld~
+ in München. M. 1.--
+
+ II. _Funktionelle und organische Nervenkrankheiten._ Von Prof.
+ Dr. H. ~Obersteiner~ in Wien. M. 1.--
+
+ III. _Ueber Entartung._ Von Dr. P. J. ~Möbius~ in Leipzig.
+ M. 1.--
+
+ IV. _Die normalen Schwankungen der Seelentätigkeiten._ Von Dr.
+ J. ~Finzi~ in Florenz, übersetzt von Dr. E. ~Jentsch~
+ in Breslau. M. 1.--
+
+ V. _Abnorme Charaktere._ Von Dr. J. L. A. ~Koch~ in Cannstatt.
+ M. 1.--
+
+ VI/VII. _Wahnideen im Völkerleben._ Von Dr. M. ~Friedmann~
+ in Mannheim. M. 2.--
+
+ VIII. _Ueber den Traum._ Von Dr. S. ~Freud~ in Wien. M. 1.--
+
+ IX. _Das Selbstbewusstsein, Empfindung und Gefühl._ Von Prof.
+ Dr. Th. ~Lipps~ in München. M. 1.--
+
+ X. _Muskelfunktion und Bewusstsein._ Eine Studie zum
+ Mechanismus der Wahrnehmungen. Von Dr. E. ~Storch~
+ in Breslau. M. 1.20
+
+ XI. _Die Grosshirnrinde als Organ der Seele._ Von Prof. Dr.
+ ~Adamkiewicz~ in Wien. M. 2.--
+
+ XII. _Wirtschaft und Mode._ Von W. ~Sombart~, Breslau. M. --.80
+
+ XIII. _Der Zusammenhang von Leib und Seele das Grundproblem der
+ Psychologie._ Von Prof. W. ~Schuppe~ in Greifswald.
+ M. 1.60
+
+ XIV. _Die Freiheit des Willens vom Standpunkte der
+ Psychopathologie._ Von Professor Dr. A. ~Hoche~
+ in Strassburg. M. 1.--
+
+ XV. _Die Laune._ Eine ärztlich-psychologische Studie. Von
+ Dr. Ernst ~Jentsch~ in Breslau. M. 1.20
+
+ XVI. _Die Energie des lebenden Organismus und ihre
+ psycho-biologische Bedeutung._ Von Prof. Dr. W.
+ ~v. Bechterew~ in St. Petersburg. M. 3.--
+
+ XVII. _Ueber das Pathologische bei Nietzsche._ Von Dr. med.
+ P. J. ~Möbius~, Leipzig. M. 2.80
+
+ XVIII. _Ueber die sogen. Moral insanity._ Von Med.-Rat
+ Dr. ~Naecke~ in Hubertusburg. M. 1.60
+
+ XIX. _Sadismus und Masochismus._ Von Geh. Med.-Rat Prof. Dr.
+ A. ~Eulenburg~ in Berlin. M. 2.--
+
+ XX. _Sinnesgenüsse und Kunstgenuss._ Von Prof. ~Karl Lange~
+ in Kopenhagen. Nach seinem Tode herausgegeben von Dr.
+ ~Hans Kurella~ in Breslau. M. 2.--
+
+ XXI. _Ueber die geniale Geistestätigkeit_ mit besonderer
+ Berücksichtigung des Genies für bildende Kunst. Von
+ Dr. L. ~Löwenfeld~ in München. M. 2.80
+
+ XXII. _Psychiatrie und Dichtkunst._ Von Dr. G. ~Wolff~ in Basel.
+ M. 1.--
+
+ XXIII. _»Bewusstsein -- Gefühl«._ Eine psycho-physiologische
+ Untersuchung. Von Prof. Dr. ~Oppenheimer~, Heidelberg.
+ M. 1.80
+
+ XXIV. _Beiträge zur Psychologie des Pessimismus._ Von Dr. A.
+ ~Kowalewski~ in Königsberg (O.-P.). M. 2.80
+
+ XXV. _Der Einfluss des Alkohols auf das Nerven- und
+ Seelenleben._ Von Dr. E. ~Hirt~ in München. M. 1.60
+
+ XXVI. _Berufswahl und Nervenleiden._ Von Prof. Dr. A. ~Hoffmann~
+ in Düsseldorf. M. --.80
+
+ XXVII. _Individuelle Geistesentartung und Geistesstörung._ Von
+ Direktor Dr. Th. ~Tiling~. M. 1.60
+
+ XXVIII. _Hypnose und Kunst._ Von Dr. L. ~Löwenfeld~ in München.
+ M. --.80
+
+ XXIX. _Musik und Nerven._ Von Dr. ~Ernst Jentsch~ in Breslau.
+ M. 1.--
+
+ XXX. _Übung und Gedächtnis._ Von Dr. med. ~Semi Meyer~
+ in Danzig. M. 1.30
+
+
+Druck der Kgl. Universitätsdruckerei von H. Stürtz in Würzburg.
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+
+Im Original gesperrt gesetzter Text ist als ~gesperrt~ gekennzeichnet.
+
+Im Original fett gesetzter Text ist als _fett_ gekennzeichnet.
+
+Im Original kursiv gesetzter Text ist als #kursiv# gekennzeichnet.
+
+Doppelte Anführungsstriche wurden durch » (unten) und « (oben) ersetzt.
+
+Einfache Anführungsstriche wurden durch > (unten) und < (oben) ersetzt.
+
+Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen:
+
+ "Dissoziation" und "Dissociation" (Anzeigen vor dem Haupttext)
+
+ "Moebius" (Text) und "Möbius" (Anzeigen nach dem Haupttext)
+
+ "Hirth" (Seite 2) und "Hirt" (Anzeigen nach dem Haupttext)
+
+ "giebt" (Seiten 4, 7, 16, 18, 19, 21, 33 und 34) und "gibt"
+ (Seite 15)
+
+ "ungeheueren" (Seite 26) und "ungeheuren" (Seite 9)
+
+ "Tatsachen" (in den Anzeigen vor dem Haupttext) und
+ "Thatsache/n" (Seiten 16 und 27)
+
+ "Tatsächliche" (Seite 8) und "thatsächliche" (Seite 18)
+
+ "Judentumes" (Seite 26) und "Judentums" (Seiten 27 und 38)
+
+ "Halluzinationen" (Seite 14) und "Hallucinationen" (Seite 38)
+
+ "Über" (im Text und in den Anzeigen vor dem Haupttext) und "Ueber"
+ (Anzeigen nach dem Haupttext)
+
+ "Thätigkeit" (Seite 23) und "(Seelen)tätigkeiten" (Anzeigen
+ nach dem Haupttext)
+
+Der Text der zur Transkription herangezogenen Ausgabe wurde in
+Hinblick auf Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung und
+Rechtschreibung dem Original getreu übertragen. Folgende offensichtliche
+Druckfehler wurden korrigiert:
+
+ geändert wurde "in diesem Motiv den" in "»in diesem Motiv den"
+ (Seite 11)
+
+ geändert wurde "(! Ausdrücklich weist" in "(!) Ausdrücklich weist"
+ (Seite 29)
+
+ geändert wurde "Übergang von Nerasthenie" in "Übergang von
+ Neurasthenie" (Seite 32)
+
+ geändert wurde "Kolehydratreste (Gärungs- resp. Brütschrankprobe)."
+ in "Kohlenhydratreste (Gärungs- resp. Brütschrankprobe)." (Erste
+ Seite der Anzeigen nach dem Haupttext)
+
+ geändert wurde "ber die geniale Geistestätigkeit" in "Ueber
+ die geniale Geistestätigkeit" (Zweite Seite der Anzeigen
+ nach dem Haupttext)
+
+ geändert wurde "zum Mechanismus der Wahrnehmunge." in "zum
+ Mechanismus der Wahrnehmungen." (Zweite Seite der Anzeigen
+ nach dem Haupttext)
+
+
+
+
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+End of Project Gutenberg's Der Fall Otto Weininger, by Ferdinand Probst
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40601 ***